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Dienstag, 7. September 2010

Nr. 207

Neuö Zürcör Zäitung

INTERNATIONAL 7

Zwei ungleiche Nachbarn im Fergana-Tal

Stabilität unter autoritärer Kontrolle in Usbekistan – chaotische «Demokratie» in Südkirgistan

Minsk Strassburgs im Visier

Verbot von Auslieferungen

Kirgistan Jahrelang geflohen, sind Usbeken um der nach entkommen. Repression in Aber ihrer diesen Heimat Sommer zu eine löste entgegensetzte die Gewaltwelle Fluchtwelle in Osch plötzlich aus. Usbekistan als Hort gilt der manchen Stabilität.

Till Mostowlansky, Andischan

Nach dem Überqueren der Grenze von Kirgistan nach Usbekistan atmen die turkmenischen und russischen Staats- bürger im Wagen auf. Der verwaiste Grenzübergang bei Osch, den nur Bür- ger von Drittstaaten passieren dürfen, dient als Tor zur 50 Kilometer entfern- ten usbekischen Stadt Andischan. Wäh- rend die südkirgisische Stadt Osch nach der Eskalation des Konflikts im vergan- genen Juni noch immer von alltäglicher Gewalt geprägt ist, bietet Andischan diesen Sommer Frieden und Pärke mit belebten Cafes´ . Selbstverständlich ist dies nicht, denn auch Andischan hat in der jüngeren Vergangenheit massive Gewalt erlebt.

Verdrängtes Massaker

Am 13. Mai 2005 hatte die usbekische Regierung eine Demonstration angeb- licher Islamisten vor dem lokalen Re- gierungsgebäude gewaltsam aufgelöst. Die Folge waren Hunderte von Todes- opfern, unter ihnen Frauen und Kinder, die politische Isolation Usbekistans auf internationaler Ebene sowie die Ab- schottung von Andischan durch die Regierung. Eine unabhängige Bericht- erstattung wird bis heute durch ein Grossaufgebot von Geheimdienstagen- ten in der Stadt verhindert. Die Bevöl- kerung von Andischan ist mit einem kollektiven Maulkorb belegt. Zu politi- schen Themen wird deshalb in der Öffentlichkeit hartnäckig geschwiegen. Wer Entscheidungen des usbekischen Präsidenten Islam Karimow oder die Geschehnisse in Osch in den Basaren der Stadt anspricht, bekommt nicht sel- ten den abwinkenden Satz «Der Staat weiss das besser» zu hören. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Staat und seine Institutionen von Andi- schans Einwohnern als durchwegs ne- gativ gesehen werden. Die politische Krise in Kirgistan, die mit dem Macht- wechsel am 7. April ihren Anfang ge- nommen hat, sowie die Eskalation in Osch tragen zur Überzeugung bei, dass Stabilität vor demokratischer Partizipa- tion stehe. Muhammad Ali (Name ge- ändert) beispielsweise, mit dem ein Interview in einer ruhigen Ecke des zentralen Basars zustande kommt, ist arbeitslos und hält sich und seine junge Familie mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Die Verantwortung für den Mangel an Arbeitsplätzen in Andischan sieht er nicht in erster Linie beim Präsi- denten, sondern bei den lokalen Unter- nehmern, die «zu habgierig geworden» seien. Dass der Staat gewillt sei, die Andischaner zu unterstützen, sei an den unzähligen lokalen Bauvorhaben zu er- kennen. «Die Regierung verschönert die Stadt und ermöglicht den Leuten gleichzeitig den Bau von Häusern mit- tels günstiger Kredite», meint Muham- mad Ali, der im Moment nach einer Möglichkeit zur Arbeitsmigration nach Russland sucht.

Milliardeninvestition

Tatsächlich wird in Andischan überall intensiv gebaut. An allen Hauptver- kehrsadern werden alte Häuser abgeris- sen und neue, mehrstöckige Gebäude gebaut. Wo früher ebenerdige Hovlilar, traditionelle usbekische Häuser aus Lehmziegeln, standen, sollen in Zu- kunft pastellfarbige Zementbauten die herausgeputzten Alleen zieren. Wie lo- kale und nationale Medien im Juli mel- deten, sollen in der Periode von 2011–2015 sagenhafte 1,7 Billionen us- bekische Sum, rund eine Milliarde Fran- ken, in der Region Andischan investiert werden. Neben der Aufwertung des

Region Andischan investiert werden. Neben der Aufwertung des In einem Coiffeursalon der usbekischen Stadt Andischan, nahe

In einem Coiffeursalon der usbekischen Stadt Andischan, nahe der Grenze zu Kirgistan.

Stadtbildes soll diese für usbekische Verhältnisse enorme Summe auch für die Einführung energieeffizienter Tech- nologien sowie den Bau eines moder- nen Ausbildungszentrums für junge Fussballtalente aufgewendet werden. Auch in andern Landesteilen werden staatliche Investitionen getätigt, aber in Andischan wird das Modernisierungs- paket besonders stark geschätzt. Nach 2005 war die östlichste Region des usbe- kischen Fergana-Tals als von «Islamis- ten und Oppositionellen durchsetzt» bezeichnet und marginalisiert worden. Einen Wandel des Präsidenten-Images hat indes auch Karimows Umgang mit der Flüchtlingskrise im Juni begünstigt. Als sich im Zuge der gewalttätigen Aus- einandersetzungen in Osch Zehntau- sende von Usbeken mit kirgisischem Pass an der Grenze zum Nachbarland versammelten, öffneten die usbeki- schen Grenzbehörden nach anfängli- chem Zögern die Tore. In der Folge kam es nicht zur erwarteten humanitären Katastrophe für die Menschen rund um Andischan. Im Gegenteil erhielt die usbekische Führung für das Manage- ment des Flüchtlingsstroms gute Noten von internationalen Beobachtern.

Gewandeltes Image

Die Flüchtlinge waren in organisierten Lagern untergebracht, erhielten warme Mahlzeiten und konnten einige Wochen unter guten hygienischen Bedingungen auf der usbekischen Seite der Grenze verbringen. Dass Kontakte zu Verwand- ten in der Region grösstenteils unter- sagt waren und dass als Oppositionelle verdächtigte Flüchtlinge verhört wur- den und mitunter auch spurlos ver- schwanden, fiel in internationalen Me- dienberichten unter den Tisch. Auch dass mittlerweile alle Flüchtlinge mit kirgisischem Pass ungeachtet der un- sicheren Lage wieder nach Kirgistan zu- rückkehren mussten, gehört nicht mehr zu den Tagesthemen. Trotz diesen Um- ständen hat sich in den Augen vieler Be- wohner Andischans das Image ihrer Stadt gewandelt. Für Akram (Name geändert) ist An- dischan vom Symbol politischer Repres- sion zum Refugium für Verfolgte, aber auch zum Gefängnis geworden. Akram besitzt zwar die usbekische Staatsange- hörigkeit, lebte aber seit seiner Geburt in Osch und ist nun seit der erzwunge- nen Rückkehr der Flüchtlinge im Juni von seiner Familie getrennt. Da Frau und Kinder Usbeken mit kirgisischer Staatsangehörigkeit sind, kann die Fa- milie wegen der geschlossenen Grenze nicht zusammengeführt werden. Eine Reise ins nahe Osch, meint Akram, wäre gefährlich und teuer: «Wenn mich

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NZZ-INFOGRAFIK /c ke.
CHINA

die Polizei in Osch mit meinem usbeki- schen Pass auf der Strasse aufgreift, muss ich 1500 Dollar bezahlen und werde zudem verprügelt.» Wie Akram halten sich unzählige Osch-Usbeken in Andischan auf. Manche sind usbekische Staatsbürger, andere sind durch die «schwarzen Eingänge» der schwer kon- trollierbaren Grenze des Fergana-Tals nach Usbekistan gekommen. Reden mag kaum jemand. Auch Akram erklärt sich erst an einem ungestörten Bagger- see, weit ausserhalb der Stadt, zu einem Gespräch bereit. Vor Ausbruch des Konflikts in Osch war Akram ein wohlhabender Unter- nehmer mit mehreren Geschäften im Basar. Nun steht er vor dem Ruin. Haus und Geschäfte sind abgebrannt, das Auto wurde gestohlen. Frau und Kinder leben bei Verwandten, er selbst ist bei Bekannten in Andischan untergekom- men, die ihn mit dem Nötigsten versor- gen. Für Akram war der Auslöser der Gewalt in Osch eine Kluft zwischen Arm und Reich, die nur bedingt mit eth- nischer Zugehörigkeit zu tun hat, aber auch eine nationalistische Stimmung in Kirgistan, welche die Gewalt begüns- tigte. «Die Mehrheit der Reichen in Osch waren Usbeken», meint Akram, «weil wir uns zu organisieren wissen und Kirgisen selten probieren, was wir pro- biert haben. Das war purer Neid.» Im usbekischen Teil des Fergana-Tals kön- ne so etwas nicht passieren. Die kirgisi- sche Minderheit, aber auch Russen und Koreaner seien hier sicher, sagt er. Denn wer sich hier auf öffentliche Strei- tereien über ethnische Fragen einlasse, müsse mit einer harten Bestrafung durch den Staat rechnen.

Gegensätze

Für Akram und andere Usbeken aus Osch, die gegenwärtig in Andischan festsitzen, ist die Region auf der usbeki- schen Seite der Grenze deshalb zu einem Gegenprojekt zum kirgisischen Teil des Fergana-Tals geworden. Wäh- rend in Kirgistan zwar offiziell Demo- kratie herrsche, könne die Regierung in

NICK HANNES / REPORTERS / LAIF

Bischkek ihre Bürger kaum beschützen. Dagegen findet Akram anerkennende Worte für den usbekischen Präsidenten und spielt damit auf die Infrastruktur- projekte in der Region an. Auch die Entscheidung der Regierung in Tasch- kent, nicht militärisch in den Konflikt in Osch einzugreifen, sieht Akram unter- dessen als weisen Entschluss an.

Verändertes Leben

Dass auch Usbekistan im Umgang mit ethnischen Fragen kein sonderlich gutes Beispiel abgibt, tritt angesichts der Ge- walt in Osch vorerst in den Hintergrund. Auch dass der Arm des usbekischen Ge- heimdienstes in der Vergangenheit selbst bis nach Osch gereicht hat, um Oppositionelle in regelmässigen Ab- ständen verschwinden zu lassen, spielt für Akram im Moment keine Rolle. «Alles ist weg, und unser Leben hat sich in kurzer Zeit sehr verändert», meint er und betont, dass er es gerne noch einmal in Osch versuchen würde. «Wenn uns irgendjemand eine Garantie gibt, dass nicht gleich wieder alles abbrennt, bau- en wir die Geschäfte und Häuser wieder auf.» Doch Garantien gibt in Kirgistan im Moment niemand, und die Emigra- tion scheint unausweichlich. Ins neue Andischan, nach Russland oder «gerne auch in die Schweiz – wenn man dort handeln kann».

Till Mostowlansky ist Zentralasienwissenschafter an der Universität Bern und bereist die Region regelmässig.

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rechtsgerichtshof den, Der Strassburger dass keine Oppositionelle Menschen- hat entschie- mehr ausgeliefert an das werden Regime dürfen. in Minsk

Karl-Otto Sattler, Strassburg

Angesichts drohender Repressalien ge- gen Oppositionelle in Weissrussland hat der Strassburger Menschenrechtsge- richtshof die Abschiebung politischer Flüchtlinge in das von Präsident Luka- schenko autokratisch regierte Land un- tersagt. Am Beispiel eines in Frankreich bisher für sich und seine Familie vergeb- lich um Asyl nachsuchenden weissrussi- schen Ingenieurs befanden die Europa- rats-Richter, nach einer Rückkehr in ihre Heimat seien Angehörige der weissrussischen Opposition der Gefahr von Misshandlungen ausgesetzt.

« Lage nicht berücksichtigt»

Der Gerichtshof wirft den französi- schen Behörden vor, bei ihrer Zurück- weisung des Asylantrags die bedenk- liche Lage in Weissrussland nicht ausrei- chend gewürdigt und kritische inter- nationale Berichte nicht berücksichtigt zu haben. Die höchste juristische Instanz auf dem Kontinent verweist dar- auf, dass der Europarat Minsk auch wegen fortdauernder Einschüchterung der Opposition die Mitgliedschaft und sogar einen Gaststatus verweigert. Im Urteil heisst es, dass Oppositionelle, die im Ausland Asyl begehrt haben, nach ihrer Rückkehr wegen dieser «Diskredi- tierung Weißrusslands» laut dortigen Gesetzen mit Gefängnisstrafen belegt werden könnten. Die Europarats-Rich- ter erwähnen den Fall eines Weissrus- sen, dessen oppositionelle Aktivitäten mit dem Engagement des Ingenieurs vergleichbar gewesen seien und der unter ungeklärten Umständen ver- schwunden sei.

Mehrmals misshandelt

Die französischen Behörden lehnen den Asylantrag des Weissrussen und seiner Frau, die drei Kinder haben und die nach einer Odyssee zwischen Frank- reich, Norwegen, Schweden und Däne- mark letztlich wieder in Frankreich ge- landet sind, mit der Begründung ab, der Ingenieur habe seine politischen Aktivi- täten und Verfolgungen in Weissruss- land nicht präzise genug erläutert. Der Menschenrechtsgerichtshof hingegen stuft dessen Darlegungen als glaubwür- dig ein. Nach den Schilderungen des Mannes wurde dieser wegen seines En- gagements für die weissrussische Volks- front und wegen seiner Teilnahme an Demonstrationen mehrmals verhaftet und misshandelt; einmal sei er in einem Wald von der Polizei bewusstlos ge- schlagen worden.

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