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EXCHANGE
NOV10 1913

Die Stellung von Platons Politihos zu seiner

Foliteia und den Nomoi.

1NAUGURAL-DISSERTAT ION
zur

Erlangung der Doktorwürde


der

hohen philosophischen Fakultät


der

Großherzoglich Badischen
Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg

vorgelegt von

Basilius C. Stephanides.

Heidelberg.
Buch- und Kunstdruckerei Rößler & Herbert.
1913.
Berichterstatter: Geheimrat Prof. Dr. Windelband.
Literatur.

Myska, Platons Politikos im Verhältnis zur Politeia und den Nomoi.


Pr. Allenstein 1892.
Noble, Die Staatslehre Platons. Jena 1880.
Windelband, Platon. Stuttgart 1905.
Ritter, Platon. München 1910.
Ritter, Kommentar zum griechischen Text der Gesetze. 1896.
Ritter, Darstellung des Inhalts der Gesetze. Leipzig 1896.
Ritter, Darstellung des Inhalts der Politeia. Leipzig 1909.
Strümpell, Die Geschichte der griechischen Philosophie. Leipzig

1854—61.
Zeller, Die Philosophie der Griechen. II2 1. Leipzig 1889.
Windelband, Geschichte der alten Philosophie. München 1912.
Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen
1910.
Busolt, Die griechischen Staats- und Rechtsaltertümer. München
1892.
Pöhlmann, Grundriß der griechischen Geschichte. München 1909.

3417*1
Inhalt.

Seite

Einleitung n— 16
Charakteristik der Staatslehre Platons. Ihre zwei

Prinzipien: I. Das Volk verliert seine politische


Souveränität, welche auf bestimmte Personen über

geht. 2. Das Volk wird von der wirtschaftlichen


Unterdrückung durch die höheren Stände befreit, die

jetzt umgekehrt vom Volke wirtschaftlich abhängig

werden; das Volk bekommt anstatt der politischen


die wirtschaftliche Souveränität. Durch diese
zwei Prinzipien können wir uns alle von Platon beab

sichtigten politischen Einrichtungen erklären. Eine


Zurückführung dieser zwei Prinzipien auf eines. Die
Staatslehre Platons ist eine heftige Polemik gegen

die egoistische Politik. Nach der Ausschließung des


Volks von der Regierung sucht Platon neue Regenten.
Da diese nicht vorhanden sind, muß er sie schaffen.

Dazu maß er den Zweck des Staats feststellen.


L Der Zweck des Staates 17—20


Die sinnliche und ethische Glückseligkeit
aller Bürger als eines Ganzen.

II. Die Regenten 21—37


Die Regenten sollen zur Erreichung dieses Zweckes

geeignete Personen sein.


Seite

Die Regenten in der athenischen Demokratie und


namentlich zur Zeit Platons.
Sokrates verlangt von den Regenten Kenntnisse,

Platon bestimmt diese Kenntnisse nach seinen Vor


aussetzungen.

Die beiden Entwürfe der Politeia hinsichtlich der

Bildung der Regenten. Nur gemäß dem zweiten Ent


wurf wird für sie die philosophische Bildung, und
zwar nur zögernd, vorgeschlagen.

Auch im Politikos gibt es einen besonderen Stand

von Regenten mit eigner Erziehung, doch es besteht

der Unterschied, daß in der Politeia der Intellek


tualismus entscheidet, während im Politikos eine

moralisierende Richtung herrscht. Über den Satz:

„(Ui^dtje Soja fieta ßeßaicbaecoe".


Auch in den Nomoi gibt es einen besonderen

Stand von Regenten mit eigner Erziehung. Das in-


tellektualistische Moment wird wieder in den Vorder

grund gestellt.

Weder im Politikos noch in den Nomoi werden

die Regenten zu Philosophen erzogen.

III. Die Verfassung 38



44

Es ist die Verfassung gemeint, unter welcher die


neuen Regenten regieren sollen.
Die Kritik der historischen Verfassungen.
Die Entwicklung der verschiedenen Staaten sucht

die Politeia in politischen und wirtschaftlichen, die

Nomoi in naturwissenschaftlichen Gründen.

In der Politeia und im Politikos bleibt die Wahl


der Verfassung des neuen Staats, die Wahl zwischen

Aristokratie und Monarchie, frei.

Der Politikos schlägt keine bestimmte Alleinherr


schaft vor.
Seite

Die Kritik der historischen Verfassungen betrifft

eigentlich ihren Inhalt, nicht ihre Formen an sich;


zwei von ihnen läßt Flaton in seinem Staat zu.

Nur in den Nomoi schafft Flaton eine ganz neae

Verfassung, die Theokratie. Ihre echt griechische

Umwandlung.
Nach der Theorie aller drei Schriften bleibt das

Volk von der Regierung ausgeschlossen, und die

Regenten regieren absolutistisch.

IV. Der Stand der Phylaken in der Politeia


und das gemeinsame Leben der Archonten
und Phylaken 45—49
Der zweite Stand ist das Organ der absolutistischen

Macht der neuen Regenten.


Wir haben keinen Militärstaat, sondern eine

Stratokratie, denn die zwei oberen Stände bilden


den Staat nicht allein.

Die Regenten sind vom Volke wirtschaftlich ab


hängig. Aufhebung der Familie. Die Familie und

der Staat sind zwei sich entgegenstehende und sich

feindlich gesinnte Einrichtungen.

V. Die Gesellschaft 50—67


Die Nachrichten über ihre Zusammensetzung sind

mangelhaft und widersprechend in der Politeia.


Die Gesellschaft , in Athen. Die Entstehung der
neuen Stadt und ihre drei Stände. Wer bildet den

dritten Stand? Die zwei oberen Stände bilden den


Staat nicht allein (vgl. die Anmerkung S. 52).

Die Glückseligkeit des Ganzen verlangt daß sie

auch für den dritten Stand erstrebt wird.


Sie ist nur durch die Tugend möglich. Die sitt-
c liehe Erziehung der Demiurgen ist also unentbehrlich.
Seite
Dafür sorgt wirklich in jeder Zeile die Politeia, in
dem sie dem Staat zu guten Regenten verhilft. Bis
die neuen Regenten gebildet werden, bleiben die
Demiurgen, wie sie sind. Wenn Platon von ihnen
verächtlich spricht, denkt er an sie in diesem Zu

stand. Das Thema der Politeia ist nur die Re


formation des offiziellen Staats, der Regenten. Er
klärung der betreffenden Stellen. Die Archonten, die .

Phylaken und die Demiurgen bilden drei Stände, aber

nicht in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes;

die zwischen ihnen obwaltenden Unterschiede sind

ihre Pflichten. Es gibt keine privilegierten und nicht

privilegierten Bürger. Die Gesellschaft im Politikos


and in den Nomoi. Hier gibt Platon die Anwendung

seines zweiten Prinzipes preis.


Die drei Schriften über die gesellschaftlichen Ver

hältnisse im allgemeinen. In der Politeia gelten alle

Bürger als Vollbürger. Sie stürzt das gesellschaftliche

Gebäude um und schafft ein ganz neutr der Politikos

und die Nomoi reformieren bloß, die letztsten aber

streben nicht mehr nach demselben politischen


Wie ist dies im Politikos gedacht?

VI. Die Reformatoren


Die Beziehungen dieses Teiles zu dem früheren.

Der Einfluß des einen auf den anderen. Die Ver

wirklichung des neuen Staats ist nach der Theorie

der Politeia nur durch die .Philosophen überhaupt,

d. h. durch die Philosophie möglich. Im Politikos


durch den Staatsmann. Seine Wissenschaft. Gibt es

viele solche Staatsmänner oder nur einen? Wie


Platon von den vielen zu einem übergeht. Die Be

tonung des Monarchen; ein übermenschlicher Mensch.

Ist er bloß Reformator oder ein ständiger Regent?


— 9

Seite

Wie in der Politeia die Nachfolger der als Refor

matoren dienenden Philosophen auch Philosophen


sind, sind so im Politikos die Nachfolger des als

Reformator dienenden Staatsmannes auch wahre

Staatsmänner? Warum nicht.


Die Reformataren in den Nomoi. Die Verfassung,
auf Grund deren der neue Staat gegründet werden

soll, wird nur im Politikos bestimmt. Es ist aber


kein einfacher Absolutismus. Es regiert eine gött

liche Person, und wir haben schon hier vielleicht


eine Art von Theokratie.

VII. Zusammenfassung 90—95


Der Zweck des Politikos. Übereinstimmung des

Politikos mit einem Teil der Politeia. Ausgleichung


der Unterschiede zwischen den beiden Schriften. Für
die Politeia genügt zur Gründung des neuen Staats

die Philosophie, für den Politikos genügt die Philo

sophie allein nicht mehr, sondern es ist eine be

stimmte Person nötig, die allerdings philosophische


Bildung, aber dabei absolute Macht und namentlich
göttliche Herkunft hat. Für die Theokratie der Nomoi

ist dazu Gott selber notwendig. Das Vertrauen auf

die Macht der Philosophie zur Verbesserung der

politischen und sozialen Zustände sinkt immer mehr.


Einleitung.

Die drei Schriften Platons, Politeia, Politikos


und N o m o i, enthalten seine Staatslehre ganz aus

führlich und systematisch.


Sie ist kein nebensächlicher Bestandteil der Plato
nischen Philosophie; wie die theoretische Entwicklung
der politischen Ideen Platons und wie die Bemühungen
ihrer praktischen Ausführung einen großen Teil des
Lebens des Mannes erfüllt hat, so sind sie ein wich
tiger Bestandteil seiner ganzen Philosophie, sie sind
ein Teil, in welchem sie sich zur Vollkommenheit
gipfelt. Von allen Teilen der Platonischen Philosophie
kommen in ihr Fäden zusammen, wo sie sich ver
einigen. Die Ideenlehre selbst ohne die Staatslehre
wäre nur ein Blick in die Regionen des Unkörper
lichen, während sie jetzt gewissermaßen Fleisch und
Realität annimmt; denn im Staat verwirklicht sich
die höchste der Ideen, die Idee des Guten.

Welches ist der Kernpunkt der Platonischen


Staatslehre?

Platon hatte richtig erkannt, daß das wichtigste

politische Übel die unbeschränkte Freiheit und


Macht des Volkes ist, das in der athenischen Demo
kratie die Souveränität hatte; er hatte andererseits
erkannt, daß das hauptsächlichste soziale Übel die
wirtschaftliche Unterdrückung des Volkes durch die
Reichen ist. Beide Momente sehen wir ganz klar
dort hervorgehoben, wo Platon die Entartung des
idealen Staates erklären will (Polit. 544 A f.). Es
bleibt ihm nichts anderes übrig, als gerade diese Zu
stände, die er für verkehrt erachtet, zu beseitigen und
neue politische und soziale Verhältnisse zu schaffen.
Das wirtschaftlich unterdrückte Volk bekommt ökono
mische Freiheit, ja sogar eine ökonomische Souveränität.
Es hat alle Quellen der Produktion in seinen Händen,
es genießt ein Leben ohne Entbehrungen und Leiden,
und es gewährt den Regierenden bloß die unentbehr
lichen Mittel für ihr tägliches Leben. Die Wohltat
dieser wirtschaftlichen Erhöhung wird kompensiert
durch die Einbuße der politischen Souveränität. Die
Regierung geht aus seinen Händen über in die Hände
bestimmter Personen, die ihrerseits dem Volke ökono
misch untertänig werden. Dies sind die zwei Prinzipien,
durch deren Anwendung Platon die schlechten politi
schen und sozialen Zustände heilen will. Es ist wahr:
dieses Programm wird nur in der Politeia bis zu Ende
durchgeführt, bei den Regenten im Politikos und in
den Nomoi greifen die politischen und ökonomischen
Faktoren wieder ineinander. Das Volk aber hat in der
Platonischen Staatslehre seine politische Souveränität
auf immer verloren, und diese Prinzipien bleiben im
— 13

allgemeinen eine charakteristische Richtung der ganzen


Platonischen Politik.
Die oben erwähnte Stelle (Polit. 544 A gibt

f.)
uns einen Wink, wie diese beiden Prinzipien auf eines

zurückgeführt werden könnten. Der Mißbrauch des

Reichtums der Reichen und der Mißbrauch der Frei


heit des Volkes kommt vom Egoismus, welcher
diese beiden an sich guten Dinge entarten läßt. Die
ganze Platonische Staatslehre können wir also als eine
Polemik gegen die egoistische Politik charakterisieren.
Weder die Regenten noch die Untertanen dürfen
eigennützig sein. Von hier hat die Idee des Ganzen
ihren Ausgang genommen, die in der Politeia so stark
betont wird, h. die Idee des organischen Ganzen,
d.

dessen Teile sich nach eigener Art und nach eigenem


Wert vereinigen, um ein gemeinsames Ziel zu er
reichen. Diese Einheit ist nicht nur eine äußere,
sondern auch eine innere Einheit der Interessen und
des Wollens1). Die Unterschiede zwischen den ein
zelnen Ständen bilden keine gesellschaftlichen Klüfte,
sondern im Gegenteil es sind vielmehr Fugen, welche
sie zu einem harmonischen Ganzen zusammenschließen.
Alle einzelnen Platonischen Einrichtungen kann man
hieraus erklären. Der Staat wird gegen jede egoistische
Politik der Archonten gesichert, welch große Macht
sie auch immer in ihre Hände bekommen. Er wird
aber auch gegen jedes eigennützige Verfahren des

Dieses Moment betont Windelband. Platon


S.

154.
— 14

Volkes gesichert. — Diese Politik Platons gegen den


Egoismus, die so heftig und bitter ist, ist Tropfen für
Tropfen aus der damaligen Geschichte der athenischen
Politik geschöpft. Hinter dem großen Glanz der
athenischen Demokratie, welchen sie kurz vorher nach
allen Seiten ausstrahlte, unter allen strategischen, poli
tischen, gesellschaftlichen und geistigen Triumphen,
deren sich Athen erfreute, sieht Platon nur den
Egoismus. Die Geschichte des attischen Reiches und
die Politik der eisernen Faust, die mehr als einmal
angewandt wurde, ließ die brutalste Macht erkennen,
die nicht mehr nach einem Vorwand für ihr Ver
fahren gesucht Die Resultate einer solchen
hätte.
Politik lagen vor den Augen Platons; Athen war
nichts als eine politische Leiche. — Abkehr also von
einer solchen Politik! Dies war die Parole der Plato
nischen Staatslehre. In diesem Kampf gegen das Be
stehende schreckt Platon nicht davor zurück, alles
Große und Rühmliche, das die athenische Demokratie

geleistet hat, zu verdammen und zu verwerfen. Er


zögert nicht, die ganze hellenische Kultur zu be
kämpfen und die glänzendsten Namen der griechischen
Geschichte zu tadeln. Trotz der großen Neigung des
Griechentums, aus dem Stadtstaat herauszuwachsen,
bleibt Platon doch immer noch darin befangen, und
trotz aller Vergrößerung und Entwicklung der griechi
schen Städte besteht er auf der Größe der Städte in
älteren Zeiten. Die neue Stadt darf bestimmte Grenzen
nicht überschreiten. In diesem rückgängigen Drang
verdammt Platon alle Fortschritte des neueren Lebens-
Industrie, Schiffahrt, Großhandel, Künste finden keine
Gnade bei ihm. Er wünscht alle Seiten der athenischen.
Geschichte zu zerreißen und alles von neuem an

zufangen. Trotz aller dieser Fortschritte des politi


schen und gesellschaftlichen Lebens leugnet Platon
jede berechtigte Neigung des Menschen zu verbessern
und zu entwickeln und sieht in ihnen als tiefstes Motiv
nur reinen Egoismus. Wenn er eine solche Neigung
anerkennt, sieht er sie anderswo, im Gebiete der
ethischen Entwicklung.
Wir müssen aber hier bemerken, daß Platon den
natürlichen Selbsterhaltungstrieb von diesem tadelns
werten Egoismus unterscheidet. Er erkennt als be

rechtigt an, daß der Mensch für die Erfüllung seiner Be


dürfnisse sorgen muß, und hält diesen Selbsterhaltungs
trieb, diesen unentbehrlichen Egoismus, sogar für einen
Grund .der Entstehung des Staates. Er beschränkt
ihn aber auf die materielle Betätigung, auf sehr be
stimmte Grenzen und läßt ihn nicht in jenen ver
kehrten Egoismus entarten, welcher nach seiner
Meinung selbst die Grundlagen des politischen Ge
bäudes zerstört und den Staat verhindert, seinen haupt
sächlichsten Zweck, die sittliche Glückseligkeit, zu er

reichen.
Nach den zwei oben erwähnten Prinzipien ver
liert das Volk seine politische Macht; aber wer solt
es in diesem Fall ersetzen? Dies ist das Problem, um
welches Platon sich eigentlich kümmert, weil nach seiner
— i6 —

Auffassung- die soziale Reform hauptsächlich von den


Regenten abhängt. Wir können es hier schon sagen

und werden es später beweisen, daß die Politeia nur


diese Frage beantworten will. Der Politikos hat einen
ganz anderen Zweck, die Nomoi regeln aus anderen
Voraussetzungen, was die Politeia unterlassen hat, die
sozialen und Familienverhältnisse.
Nach der Ausschließung des Volkes von der Re
gierung sucht Platon neue Regenten. Er weiß, daß

er sie nicht ausgebildet finden kann, und er will sie


schaffen. Wenn die Regenten berufen sind, den

Staat zu leiten, kann nur das rechte Verständnis vom


Wesen des Staates dazu führen, daß man sich eine

richtige Idee von dem Wesen der Regenten bildet.


Was der Staat will, müssen die Regenten auch wollen.
Platon beschreibt dies Verhältnis zwischen Staat und
Regenten vortrefflich in Polit. 412 D. Bevor wir also
die neuen Regenten schaffen, müssen wir uns den
Zweck des Staates vergegenwärtigen.
Der Zweck des Staates.
Der Mensch ist seiner materiellen Bedürfnisse
wegen gezwungen die Mitarbeit der anderen Mit
menschen zu suchen; „«caairog yiiüv tvyftccvei OVx avTccQxr]g

«A/a Ttol).&v evder]g" (Polit. 369 B f.). Daher entsteht


der Staat. Sein Zweck ist also materiell ; über höhere
geistige und sittliche Bedürfnisse ist an dieser Stelle
•der Politeia gar keine Rede.
Es ist bekannt, Platon hat als Zweck seines idealen
Staates die Glückseligkeit aller Bürger bestimmt.
Das kommt vor in Polit. 420 B. Es handelt sich hier
um die Glückseligkeit, welche die materiellen Güter
dem Menschen verursachen, um die sinnliche Glück
seligkeit. Das Wort Glückseligkeit bekommt
höhere Bedeutung und mit diesem der Staat höheren
Zweck Polit. 519 E, wo von der ethischen
im
Glückseligkeit die Rede ist. Von der Seite der
sinnlichen und der ethischen Glückseligkeit betrachtet,
strebt Platons Staat nicht nach der Glückseligkeit des
Individuums, sondern des ganzen Staates, um dessen
willen allerdings nicht die ganze, wohl aber ein Teil
der individuellen Glückseligkeit preisgegeben wird.
Stephanides. 2
— i8 —

Gegenseitige Hilfe zur Erreichung dieser Glückselig


keit findet nur im Staat statt.

Daß es sich im Staat nicht nur um die ethische^


sondern auch um die sinnliche Glückseligkeit handelt,
zeigt sich auch in der ganzen Entwicklung der Politeia.
Eine charakteristische Stelle ist 421 E. Die Armut
muß vom Staat ausgeschlossen sein. Es ist eine andere
Frage, ob das Individuum ohne alle sinnlichen Güter
glücklich sein kann. Der Staat aber muß nicht nur
nach der sittlichen Erziehung der Individuen streben,
sondern darf ihr sinnliches Leben auch nicht im Elend
verkümmern lassen. Was also in 369 B gesagt ist,
es seien materielle Bedürfnisse, aus denen der Staat
entstehe, ist kein Widerspruch zu der idealistischen
Auffassung des Platonischen Staates, sondern nur die
eine Seite der Sache. Die sinnliche Glückseligkeit
geht voraus. Eine Stadt von hungernden Menschen
kann nicht glücklich sein. Daß aber Platon auf die
ethische Glückseligkeit das größte Gewicht legte, ist

klar1). Die ethische Glückseligkeit der Bürger ist


der hauptsächliche und letzte Zweck des Staats. Im
Politikos (269 C wird ein paradiesisches Leben des
f.)

Menschen unter der Regierung Gottes besprochen.


Jene Epoche ist vorbei; jetzt ist die Welt auf sich
selbst angewiesen und die Leute sind gezwungen
schlimme Zeiten durchzumachen. Nur das Eingreifen
Gottes (273 D) wird eine Erlösung bringen und die

Vgl. Nomoi 697 A


i.
J)
Welt wieder in ihren früheren Zustand versetzen.
Wir können annehmen, daß der Zweck der jetzigen
Welt und folglich des Staats die Wiederkehr jener
paradiesischen Epoche ist1). Im Politikos 271 E f.
werden die sinnlichen Güter erwähnt, welche die Leute
damals genießen konnten, aber diese Glückseligkeit
hält Platon nur für vollkommen, wenn die Menschen
Philosophie treiben (272 C).
Vom Zweck des Staats ist die Rede in Nomoi

631 Bf. Der richtige Staat muß Güter doppelter


Art erzeug-en; die einen sind menschliche: Gesund
heit, Schönheit, Macht, Reichtum; die andern göttliche:
Einsicht, Besonnenheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit.
Beide Arten zusammen machen die wirkliche Glück
seligkeit aus; die göttlicheren sind aber die höheren,
von welchen die anderen meistens abhängen. Die
Bedeutung der Tugend für die Glückseligkeit des
Menschen wird in 688 A, 705 D, 742 E, 743 C be
tont. Daß der Staat nach der Glückseligkeit aller
Bürger streben muß, nicht nur nach der Glückselig
keit eines Teiles von ihnen, eine Ansicht, welche in
der Politeia so sehr betont wird, kommt vor im

Politikos 309 C, 311 C, aber sehr unbestimmt und un


klar, und Nomoi 715 B.

Nach der Politeia, nach dem Politikos und nach


den Nomoi also ist der Zweck des Staates derselbe;

J) Myska, Über das V. VI. Polit. Politik und Nomoi (Progr.


Allenstein 1892) S. I.
2*
— 2O —

die sinnliche, hauptsächlich aber die ethische Glück


seligkeit aller Bürger ohne Ausnahme. Die Nomoi
aber erstreben die Erreichung dieses Zieles nicht in
demselben Grade wie die Politeia und der Politikos.
Wortlich wird gesagt (739 B f.), daß die Nomoi uns
nicht den Staat ersten Ranges darstellen, sondern
den zweiten Ranges, welchem gegenüber die histo
rischen Staaten als solche dritten Ranges stehen.
Politeia und Politikos auf der einen Seite, Nomoi auf
der anderen konstituieren ein verschiedenes Ideal an;
diese Ideale aber sind nicht qualitativ, sondern bloß
graduell verschieden; dem Wesen nach sind beide
dieselben.
II.

Die Regenten.
Auf die Erreichung dieses politischen Ideals
sollen die Regenten hinarbeiten. Aus dem Zweck
des Staates folgert Platon verschiedene Eigenschaften,
die die neuen Regenten haben müssen. Die Er
reichung der sinnlichen und sittlichen Glückseligkeit
aller Bürger verlangt, daß die Regenten ihren Beruf
ernstlich ausfüllen im Bewußtsein ihrer Verantwortung
und der Schwierigkeiten, die bei ihrer Tätigkeit vor
kommen sollten. Es ist nicht jedem Menschen eigen,
andere glücklich zu machen. Es ist die schwerste
und allerdings die schönste Kunst. Wie hat Platon
diese Frage gelöst?
Damit wir Platons Bestimmungen über die Re
genten verstehen, müssen wir kurz die Lage skizzieren,
in der sie sich in der Zeit der Demokratie und be
sonders in seiner Zeit befanden.
Wir unterscheiden zweierlei Regenten. Erstens
Beamten des Staates und zweitens die Führer
des Staats, die eigentlichen Regenten. Hier
handelt es sich nur um die letzteren. In der Demo
kratie ist der Führer des Staats das Volk, das in der
22 —

Volksversammlung seine Souveränität ausübt. Diese


Einrichtung bedeutet nichts anderes, als daß das Volk
Herr seines Schicksals ist, und zudem, daß es in der

Lage ist, besser als irgendein anderer zu regieren,

wie die Erfahrung bis dahin gelehrt hatte. Wenn


dies es ist, was man prinzipiell unter der Demokratie
versteht, waren doch bestimmte Staatsmänner Führer
der athenischen Demokratie, welche das Volk hierhin
und dorthin führten. Diese waren die eigentlichen
Führer des Staates.
Wer waren diese Staatsmänner? Meistens Leute aus
adeligen Familien, welche die ganze Bildung genossen
hatten, die damals ein Adeliger genießen konnte, und da
mit für die oberste Regierung vorbereitet wurden. Die
Demokratie brachte allerdings ihre vornehmsten Söhne
in die Staatsleitung. Wenn aber dies für gewöhnlich
der Fall war, so schloß die Verfassung nicht aus,
daß irgendein anderer die Leitung übernahm, dem
sich die Gunst des Volks zuneigte. Leute, welche
jeder politischen Vorbereitung entbehrten, übernahmen
die oberste Staatsleitung, das ganze Volk folgte ihnen,
namentlich in Zeiten, wo die Zukunft des Vaterlandes
trüb erschien. Wenn die guten und erprobten Leiter
ungeschickt schienen, gehorchte das Volk gerne
jedem, der ihm Rettung versprach. Um das ver
sprechen zu können und das Volk davon zu über

reden, brauchte man die Rede, vielmehr die Kunst


der Rede, und das ist der Grund, weswegen mitten
in den politischen Kämpfen der Volksversammlung
— 23

die Beredsamkeit für den größten Vorzug des


Staatsmannes gehalten wurde.
Sokrates hatte schon die Gefährlichkeit dieses
Weges eingesehen, auf welchen sich die athenische
Politik gewandt hatte. Nach ihm ist das Regieren
eine Kunst, und bestimmte Kenntnisse sind dazu un
entbehrlich. Dies schien ihm so natürlich und logisch,
so wichtig für die Erhaltung des Staats, daß er ein
Prediger dieses Prinzips wurde, indem er sich nicht
um seine Folgen kümmerte. Daß dieses Prinzip den
Oligarchen und Aristokraten zugute kam, ist klar.
Welches aber die bestimmten Kenntnisse sind, die
Sokrates von den Regenten verlangte und wie man
sie erwerben kann, wird von ihm nicht bestimmt.
Dies zu tun übernimmt Platon. Es ist begreiflich,
daß Platon in der Bestimmung dieser Kenntnisse alle
Gedanken und Auffassungen seines Lehrers übertrifft.
Was Sokrates als Prinzip aufgestellt hat, hat Platon
aus seinen Voraussetzungen und auf eine ganz andere
Weise entwickelt und ausgebildet. Hier herrscht auch
dieselbe Analogie wie zwischen der Sokratischen
Philosophie überhaupt und der des Platon.
Das Regieren ist auch nach Platon eine Kunst,
und nur geeignete Personen sollen es ausführen.
Diese Tauglichkeit stellte Platon sich derart vor, daß
er in der Politeia als das einzige Mittel dazu die
Bildung eines besonderen Standes von Regenten an
gibt. Platon war Aristokrat von Geburt und man

behauptet, sein ganzer idealer Staat sei aristokratisch


— 24

gefärbt. Aber so sehr verschieden war die Aristo


kratie Platons von der damaligen Aristokratie, so

wenig begünstigte die eine die Interessen der anderen,


daß wir zu dem Resultat gelangen, daß zu der Bil
dung der politischen Ideen Platons die damals in den
aristokratischen Kreisen herrschenden Meinungen sehr
wenig beigetragen haben. Man kann sie bloß aus den
philosophischen Voraussetzungen Platons erklären.
Über die Regenten sind in der Politeia zwei ver
schiedene Berichte enthalten. Nach der Polit. III
412 C f . sind die Regenten ausgewählte Personen
aus dem zweiten Stand des Staats, welche die
Phylaken, d. h. das Heer bilden. Sie sind die älteren
und die besten von ihnen und sie dienen als Vor
gesetzte erstens der Phylaken selbst, dann der ganzen
Stadt überhaupt. Ob dieselben Personen gleichzeitig
die militärischen und politischen Herrscher sind, werden
wir an anderer Stelle sehen. Auf alle Fälle aber
werden die Regenten aus dem Heer genommen, und
sie haben mit den Phylaken die Eigenschaften des

•9-vfioeid£^ und TtQqov gemeinsam. Die besonderen


Eigenschaften der Regenten sind folgende: Sie müssen

ihr Werk gut verstehen und genügend befähigt sein
es auszuführen, sie müssen für das Wohl des Staats

große Sorge tragen. Man interessiert sich für eine


Sache, welche man liebt, und liebt diejenigen, mit
welchen man gemeinsame Vorteile hat. Die Archonten
müssen also das eigene Wohl mit dem des Staats

identifizieren (412 C f.).


tr
-3

Nach diesem ersten Bericht ist die Bildung der


Archonten dieselbe wie die der Phylaken und sie be
schränkt sich fast, wie wir weiter sehen werden, auf
die damalige gewöhnliche Bildung der Bürger. Die
nationale Dichtung bildet immer noch den hauptsäch
lichen Gegenstand des Studiums, nur wird Sorge da
für getragen, daß sie von allen für die Jugend un
passenden Stellen gereinigt und befreit wird.
Ganz anders ist die Sache, wenn man Polit. VI
503 B ins Auge faßt. Dort wird die selbst nach
Platon sonderbare Meinung ausgesprochen, daß die

Archonten des neuen Staates zu Philosophen er


zogen werden müssen. ,,Nvv de TOVTO J.IEV rerolfida-9-ta
OTI Torg &xQißeaTaTOVtj (pvla-/.ag (piloaöcpovg del
Hier in dieser Stelle kommt zum ersten
mal die Idee vor, daß die ständigen Regenten des

neuen Staates Philosophen sein müssen, und sie wird


sehr schüchtern vorgeschlagen. Die bekannte Stelle
573 D, welche von Königen und Philosophen spricht,
betrifft bloß die Reformatoren, welche den idealen

Staat gründen sollen, nicht aber seine ständigen Re


genten. Wie kam Platon aber auf diese sonderbare
Idee? Wenn der philosophische Geist zur Gründung
des idealen Staats geeignet ist, ist er nicht für die
weitere Regierung dieses neuen Staats geeigneter?
Alle geistigen Vorzüge aber, welche für einen
Philosophen unentbehrlich sind, vereinigen sich sehr
schwer in derselben Person und diese Vorzüge ge
rade verwandeln sich manchmal in die entgegen
— 26 —

gesetzten Nachteile. Um diese Extreme zu vermeiden,


muß dem früher erwähnten Unterricht der Archonten
das Studium höchster Fächer angegliedert werden

(5°3 Q- Die Idee des Guten ist der höchste Gegen


stand des Lernens, ohne sie wird nichts Gutes
hervorgebracht. Die Archonten müssen sie lernen

{503 A f.), die Seele des Menschen hat von Natur aus
eine Kraft, das höchste Gut zu fassen und es genügt
nur, daß die Seele von einer anderen Richtung aus
auf das Schauen nach dem Guten gerichtet wird

(518 C). Das erste Fach für die philosophische Bildung


der Regenten ist die Arithmetik. Aus den konfusen
und widersprechenden Empfindungen fangen wir zu
erst an, durch die Bestimmung der Zahl der Gegenstände
zu klaren und nicht widersprechenden Vorstellungen
zu gelangen. Also durch die arithmetischen Begriffe
dringen wir in das Wesen des Seienden ein, in das
Gute selbst. Dasselbe gilt von der Geometrie,
Stereometrie, Astronomie, Akustik. Das letzte
von diesen Fächern ist die Dialektik, welche die

Wahrheit und das Gute selbst herausfindet (522 E f.).


In 536 C, D wird eine neue Ansicht Platons ein
geführt, die zu Philosophen geeigneten Personen
müßten nicht im Alter, sondern in der Jugend von
den anderen Phylaken getrennt werden und den
besonderen philosophischen Unterricht bekommen,
während in 412 C der Stand der Archonten eine ge
meinsame Erziehung und Bildung mit den Phylaken
genießt und jene erst im Alter ausgeschieden werden.
Wir haben also zwei ganz verschiedene Programme
über die Bildung der Archonten vor uns. Beide
stammen allerdings von Platon selbst und sie zeigen
zwei verschiedene Stadien der Entwicklung seiner
politischen Ideen. Der Unterschied ist der: in dem
zweiten Plane ist die Ideenlehre hineingebracht, welche
dem ersten ganz fehlt.
Die mathematische und dialektische Bildung syste
matisch vom 20. Jahre angefangen, dauert 15 Jahre,
und dann müssen die zukünftigen Regenten 15 Jahre
im Staat verschiedene Dienste tun, damit sie die un
entbehrlichen praktischen Kenntnisse erwerben. Von
dem 50. Jahre an kehren sie zu den metaphysischen
Studien zurück und gebrauchen ihre theoretischen
und praktischen Kenntnisse zur Regelung ihres Lebens
und dessen ihrer Mitbürger. Sie übernehmen nach
einander die oberste Regierung der politischen An
gelegenheiten ihres Vaterlandes und sie sorgen auch
dafür, daß gleichwertige Nachfolger ausgebildet und
hinterlassen werden.
So bestimmt Platon in der Politeia das Wissen,
das er für den neuen Regenten für notwendig hält,
und dazu die Art und Weise, wie ihnen dies mitgeteilt

wird. Diese Kenntnisse sind nicht die Rhetorik, mit


deren Künsten die athenischen Politiker das Volk
bisher führten, sondern die Philosophie, d. h. die

ganze damalige Wissenschaft, welche das Wesen der


Dinge lehrte und zur Kenntnis des höchsten Gutes
führte, das der Mensch im Staat verwirklichen soll.
Wenn dies als Aufgabe des Staates hingestellt -wird,
ist die Philosophie allerdings das geeignetste Mittel,
welches zur Verwirklichung dieses Zweckes führt. Es.

wird aber den Leuten nicht freigestellt, diese Kennt


nisse zu lernen oder nicht, sondern es wird ein Zwang

auf sie ausgeübt. Nicht nur das Studium der zu

künftigen Regenten, sondern auch ihr Leben bis in


die Einzelheiten wird von vornherein bestimmt. Die
höchste Bildung, die philosophische, ist für die Re
genten obligatorisch.
Von gut gebildeten Archonten ist die Rede im
Politikos 311 A, diese übernehmen die Regierung des
neuen Staats. Hierbei müssen auch diejenigen aus-

gewählt werden, welche von Natur aus bestimmte


Gaben haben. Diese Prüfung fängst schon in der
Kindheit und noch in der Zeit der Kinderspiele an

(308 B f.). Diejenigen, welche zu einem tapferen, be


sonnenen und überhaupt einem tugendhaften Charakter
nicht fähig sind, sondern sich von Natur aus zur Gottlosig
keit und zum Übermut neigen, werden alle vom Staat
ausgeschlossen, indem sie zum Tode oder zur Ver
bannung verurteilt oder mit den größten Entehrungen
bestraft werden (308 E, 309 A). In beiden Fällen wird
sie der Staat los, weil der mit Entehrungen Bestrafte
für den Staat tot ist, und die Entehrung brachte ihm
auch den wirklichen, den sinnlichen Tod. Diejenigen,
welche von Natur aus solche guten Neigungen nicht
entbehren, sich aber trotzdem in großer Unwissenheit
und Niedrigkeit befinden und unfähig sind, zu ent
wickeln und auszubilden, was sie von der Natur be
kommen haben, werden in das dovli7.bv yivog ver
stoßen (309 A). Hier ist auch noch ein anderer Unter
schied zwischen Politeia und Politikos. In der Politeia
werden die natürlichen Anlagen des JCQ^OV und
•d-viioeidig nur von den Phylaken und Archonten
verlangt, im Politikos von allen Bürgern. Ob es im
Politikos einen besonderen Stand von Archonten gibt,
welcher eine besondere Bildung hat, wovon wir hier
sprechen, ist nicht klar. Wir sind gezwungen, kurz
den ganzen sozialen Zusammenhang des hier Be
handelten Staats zu prüfen, damit wir sehen, ob es
möglich ist, etwas Näheres über die Regenten zu er
fahren.
Daß die Einwohner der Stadt nach Politikos in
Freie und Sklaven eingeteilt sind, wissen wir aus
vielen Stellen, z. B. 289 C, wo die Rede von Sklaven
und Dienern Die Sklaven sind käuflich (289 D),
ist.
die Diener aber frei (289 E, vgl. 311 C). Wer sind
diese freien Diener? Als solche werden aufgezählt:
die Geldwechsler, Kaufleute, Schiffsherren,
die

die Kleinhändler, die Söldner, die Lohnarbeiter,


die Herolde, die Priester (290 A f.), die Heer
führer, die Richter, die Redner (304 A, E; 305 A, C)1).
Die Sklaven stehen unter diesen allen.
Diesen zwei Ständen gegenüber steht, wie wir

J) Die drei letzteren, wenn auch von den übrigen getrennt, sind

doch mitgezählt.
— 30

gesehen haben, eine Erziehung von zwei absolut ver


schiedenen Arten; eine solche, die Menschen von
natürlicher guter Anlage zu vollendet guten Charak
teren ausbildet und eine solche, welche die Leute in
ihrer Unwissenheit und Niedrigkeit läßt. Die letztere
allerdings ist gar keine Erziehung und die Menschen,
welche so sind, bilden einen Teil des dovhixbv yevog.
Es erhebt sich nun die Frage, mit welchen von
jenen erwähnten zwei Ständen (Sklaven — Freie
Diener) werden wir das dovlixbv yivog identifizieren.
Auf den ersten Blick werden wir es mit den Sklaven
identifizieren. Dann aber bilden die freien Diener den
einzigen Stand der Bürg-er, und von diesen müssen
wir Erziehung verlangen1), die übriggeblieben ist,
jene höhere Erziehung, durch welche die TtQqoi und

&vfioeidei$ zu Charakteren gebildet werden. Aus


diesen so ausgebildeten Bürgern werden die Archonten
genommen (311 A). Müssen also zu einer solchen
Erziehung und Bildung vollkommener sittlicher
Charaktere unter anderen Geldwechsler, Kauf-

J) Vgl. 309 A f. „Toi-ä ioatoite (welche nicht in das Sovhxtiv

yevos verstoßen sind) Toivvv . . . TovTcvv TUa fiev enl TTJV civS^eiav
fj.ä).),ov l^vvTEivöoas, oiov oTr]fiovoyvts vofiiono* atitwv elvai T&

oTenebv rfto;, Täs Se tTtl Tb xöauiov ttiovi te xal /u.a).axiä xal xaTä

Tt]V elxöva xftoxtbSei 8ittvtjuaTi zigvozatuEvas, EvavTia SE TEivoijSas

äf.i,rj}.ai?, neioäTcu TOiövSe Tifä Ttiöxov. $vvdelv xal Svfix&exeiv" . . .

Über diese Erziehung wird so im allgemeinen und unbestimmt ge

sprochen, daß man meinen kann, alle Bürger (freie Diener) werden

diese geniesen. Inwieweit das möglich ist, sehen wir gleich.


leute,Schiffsherren, Kleinhändler, Söldner,.
Lohnarbeiter herangezogen werden? Solche An
sprüche können wir allerdings nicht machen. Eina
andere Lösung der Frage ist, wenn wir das dovlixbv
yevog grade mit den freien Dienern identifizieren1).
In 309 A aber wird gesagt, daß die, die das dovlixbv-
yivog bilden, sich in großer Unwissenheit und Niedrig
keit befinden. Wenn man annimmt, daß dieser Zu
stand auf manchen der oben erwähnten freien Diener
paßt, so paßt er allerdings nicht auf alle und nament
lich nicht auf die Priester, die Redner, die Stra
tegen, die Richter, welche alle zu den freien Dienern
gehören. Bei der ersten Lösung verlangen wir von
dem Stande der Bürger zu viel, bei der zweiten zu
wenig; wir müssen also eine andere vermittelnde
Lösung versuchen. Eine solche ist folgende. Die
jenigen, welche von Natur aus gute Anlagen haben
und fähig sind, sich zu tapferen und besonnenen.
Charakteren auszubilden, bilden den Stand der

Archonten2). Diejenigen, welche sich trotz der natür


lichen Anlagen in großer Unwissenheit und Niedrig
keit befinden, werden zu den Sklaven abgestoßen.
Das dovlixbv yevog fällt damit mit dem Stand der
wirklichen Sklaven zusammen. Zwischen diese zwei

J) Noble, Staatsl. Pl. S. 8l. In diesem Fall bilden die durch

die Erziehung TIOÜOI und &vpoeiSels geformten Charaktere den Stand

der Archonten.

2) Das nehmen diejenigen auch an, welche die oben erwähnte

zweite Lösung vorschlagen, wie z. B. Nohle, a. a. O.


Stände aber werden die freien Diener gestellt (289 E),
d. h. alle berufsmäßigen Männer, welche nach ihren
verschiedenen Stufen die ganze Kluft zwischen den
Archonten und Sklaven ausfüllen, und von welchen
die letzte Stufe sich den Sklaven, die oberste Stufe
den Archonten nähert. Von der Erziehung dieses
Standes, welche keine einförmige ist, wird im Politikos
nicht gesprochen.
Nur von den Archonten also wird ein voll
kommener Charakter verlangt ; sie müssen tapfer
und dazu weich sein (308 D, F, 309 E, F). Wie es
möglich ist, diese entgegengesetzten Eigenschaften
zu verbinden, lehrt uns Platon gleich. Der Mensch
besteht aus Körper und Geist, und seine Bildung ver
langt daher zwei geeignete Mittel. Für die Seele
muß man ein göttliches Band gebrauchen, d. h. den
Unterricht, für den Körper, die durch die passenden
ehelichen Verbindungen herbeigeführte Verminderung
der Gegensätze der Charaktere (309 C f.).
Der Unterricht spielt im Politikos nicht dieselbe
Rolle wie in der Politeia. Dort werden die Regenten
unterrichtet, damit sie Philosophen werden, weil sie
Kenntnisse in der Verwaltung des Staats brauchen.

Von Gemütsbildung ist keine Rede, obwohl sie mit

gemeint ist. Uns interessiert dort das Wissen. Im


Politikos dagegen interessiert uns der Gemütszustand,
der tapfere und sanfte Charakter; der ist das Mittel
zu einer guten Regierung und der Unterricht bloß
ein Mittel zur Hervorbringung dieses Charakters. In
— 33

der Politeia brauchen wir weise Regenten; daß sie


gleichzeitig gut sind, ist dort eine Folge des Wissens.
Hier brauchen wir gute Regenten und dazu ist auch
das Wissen nötig.
Was für ein Wissen ist dies im Politikos? Es
wird mit folgenden Worten bezeichnet: „al»?#?;g dö£a
gieret ßeßaiwaewgvoTi dem Schönen, Gerechten, Guten
und ihren entgegengesetzten Eigenschaften." Das
zur Bildung von tapferen und dazu sanften Charakteren
die Philosophie nicht notwendig ist, ist klar. Es gibt
noch leichtere Mittel. Unwillkürlich wendet sich unser
Sinn zu der Bildung der Phylaken, von welchen auch
beide Vorzüge, Tapferkeit und Besonnenheit, verlangt
wird, von deren harmonischer Kombination dort aller
dings keine Rede ist, (sie ist aber selbsverständlich
und zu ihrer Erreichung wird keine Philosophie ver
langt), sondern nur die gewöhnliche damalige Bildung,
nur gereinigt von jedem unsittlichen Gedanken. Es
ist auch die Kenntnis des Schönen, des Gerechten und
des Guten. Daß im Politikos etwas Höheres gemeint ist,
zeigt nicht nur, daß in ihm die Kenntnis des Bösen
für notwendig gehalten wird, sondern auch der un
gewöhnliche und eigentlich unverständliche Satz
„aXr]&fj dö£,av (.IBTU ßeßaid>0ecagu. Das ist ein
Wiederhall der neuen wissenschaftlichen Terminologie,
welche damals die Köpfe und die Gemüter bewegte.
Sie bildet aber eine Zwischenstufe zwischen der ein
fachen 6ö§a und der wahrhaften Meinung. Sie ist
eine wahrhafte do^cc und dazu fleta ßeßaiwaewg.
Stephanides. 3
— 34

Daß es sich hier um keine Philosophie handelt, ist


wahrscheinlicher.

Die höchste Verwaltung des Staats bildet nach


den Nomoi der WKTeQivbg avlloyog. Er besteht
erstens aus den zehn ältesten Gesetzeswächtern,
zweitens aus allen, die die höchsten Preise im öffent
lichen und Privatleben bekommen haben, und drittens
aus denen, welche, um politische Bildung zu erwerben
gereistund glücklich aus der Fremde zurückgekommen
sind. Die letzteren sollen vorher eine bestimmte
Prüfung bestehen.
Jeder von diesen muß einen von
den Jüngeren mitnehmen. Er darf aber nicht jünger
sein als 30 Jahre. Unter denen, welche die höchsten
Preise bekommen haben, sind die ev&vvai und der
Aufseher des Unterrichts gemeint1).
Alle diese sollen auf der Akropolis (969 C)
wohnen, und ihnen wird die ganze Stadt übergeben

(969 B). Zeller2) meint, dieser vvxTeQivbg truAAoyoc;


hätte keine Macht, sondern er wäre ein beratendes
und ratgebendes Kollegium. Seine Beschlüsse führte
er nicht selbst aus, sondern die anderen Beamten.
Gleichzeitig aber diente dieses Kollegium als Schule
zur Vorbereitung neuer Regenten (952 A, 968 A).
Daß die Beschlüsse des vvxTEQivbg avlloyo^ die
anderen Beamten ausführten, er selbst aber mit keiner
Befugnis ausgestattet erscheint, schließt gar nicht aus,

J) Ritter, Kommentar S. 348.


2) Die Ph. der Gr. II. S. 968.
— 35

daß gerade dieses Kollegium die höchste und wirk


liche Verwaltung des Staats war, alle anderen aber
nur Werkzeuge in seinen Händen. Jeden Tag vor
Aufgang der Sonne kommt es zusammen und berät
sich über die allgemeinen Geschäfte. Damit es ihre
Angelegenheiten gut ausführt, muß es den Zweck des
Staats gut kennen und wissen, wie man ihn erreichen
kann. Es gibt viele Exemplare des Schönen und
Guten, die Regenten aber müssen das eine in diesen
vielen Arten des Guten kennen. Inwieweit damit die
Philosophie gemeint ist, werden wir gleich sehen.
In allen wichtigen Angelegenheiten müssen sie die
Wahrheit wissen, in der Lage sein, sie mit Worten
zu interpretieren, sie ins Werk zu setzen und andere
zu kritisieren. Sie müssen fromm sein und ihren
Glauben wissenschaftlich unterstützen (961 A f.).

Wie die Regenten diese Bildung erwerben können,


wird nicht gesagt. Gewährt sie ihnen nun die Wissen
schaft des bv, des aya&öv d. h. die Philosophie?
Selbst wenn die in 632 C angegebene Einteilung der
Regenten in obere und untere und die der Mittel der
Erziehung in cpQÖvr]aig und dlr]&rj$ <5o'|a mit dem
vvKTeQivbg crv'AAoyog nichts zu tun hat, selbst wenn
die in 735 A wieder angegebene Einteilung in oberen
und unteren Unterricht, wie Bruns annimmt
1),

eine
Interpolation ist, genügt schon das, was im Zwölften
Buch über den vvxteQivdg avlloyog gesagt wird,

Pl. Gesetz 18
- 36
-
daß wir die Regenten in obere und untere unter
scheiden, und während für die ersteren die k

unentbehrlich ist, genügt für die anderen die


do^a1).
Die Regenten aber überhaupt sind Bürger, welche
sich mit den anderen einem gemeinsamen Unterricht
unterzogen haben, deren oberstes Fach die Mathematik
ist.Wenn nun nur von den oberen Regenten (d. h.
von den oberen Mitgliedern des vv/.T£Qivbg avAloyog)
die e JT 10 ;T-rjf-if] verlangt wird, kann diese eTt i a t ijf.ti]
nicht die Mathematik sein, denn die Mathematik wird
allen Bürgern gelehrt. Das Mittel dieser oberen Bil
dung der Regenten wird nicht genannt, sondern wird
als bekannt vorausgesetzt, wir können es aus der
Politeia entnehmen. Dort gilt als der oberste Gegen
stand des Unterrichts die Dialektik. Dieser wird
also unseren obersten Regenten erteilt, aber nur bis
zu dem einen Grade, daß sie keine Philosophen
werden können. Philosophen zu werden, das wird ja
von ihnen nicht verlangt2). Zeller gibt eine treffliche
Bestimmung dieser philosophischen Bildung. „Die
Ideen werden hier nur nach der logischen Seite, so

weit sie mit den Sokratischen Begriffen zusammen


fallen, berührt ; an die metaphysische Bestimmung,
wodurch sie sich von ihnen unterscheidet, an ihr Für-
sich-sein, ihre objektive Realität, wird mit keinem

J) Vgl. Ritter, Kommentar S. 35 Anm.

2) Vgl. 689 C, D. Nicht die theoretische Weisheit allein, sondern


die praktische muß eigentlich von den Regenten verlangt werden.
— 37

Wort erinnert1)". Nicht die Platonische Dialektik,


sondern mehr die Sokratische ist eigentlich das Mittel
dieser höheren Bildung der Regenten

2).
Auf alle Fälle haben wir in den Nomoi auch
keine Philosophen als ständige Regenten des neuen
Staats. Sie sind also den Regenten des Politikos
ähnlicher, doch mit dem Unterschied, daß in den

Nomoi (dem Politikos entgegen) wieder das intellek-


tualistische Moment in den Vordergrund gestellt ist.
Die Mathematik und eine Art von Dialektik ist wieder
für die Bildung der Regenten nötig. Diese Kennt
nisse sind an sich für die gute Regierung notwendig;
es wird wieder das Wissen betont, wie in der Politeia.

Die Ph. der Gr. 811. Anm. i. Myska O. XI.

S.
a. a.
J)

Die Mathematik wird also in den Nomoi nicht ganz die Philo
2)

sophie ersetzen. Gegen Zeller, Die Ph. der Gr. 813. Myska a. O.

a
§

S. XIV. Doch ist zu bemerken, daß von der Dialektik in den Nomoi
nur an dieser einen Stelle und mit dieser einen Andeutung die Rede ist.
HI.

Die Verfassung.
Wir haben die Regenten, die die Regierung des
neuen Staats übernehmen sollen, nach der Auffassung
aller drei Werke kennen gelernt. Es bleibt aber
noch zu untersuchen, was für eine Verfassung Platon
in seinem Staat einführt, also wie diese neuen Regenten
regieren sollen.
Platon kritisiert i-n allen drei Schriften alle be
stehenden Verfassungen. Er erklärt in der Politeia
und in den Nomoi ihre historische Entstehung und
Entwicklung, und im Politikos charakterisiert er die
damaligen Staatsleiter mit höhnischen Worten (3036,0).
In der Politeia erklärt sich die Entartung des idealen
Staates und die Entstehung und Entwicklung der
schlechten Staaten (544 A aus wirtschaftlichen und
f.)

politischen Gründen. Beide allerdings vermischen sich


in ihrer genetischen Wirkung. Man kann aber inner
halb der überwiegenden Gründe zwei Reihen unter
scheiden; von der Demokratie bis zur Oligarchie über
wiegen die wirtschaftlichen Gründe, von der Oligarchie
bis zur Demokratie und Tyrannis die politischen, die

Neigung zur Freiheit. Reichtum und Freiheit sind


— 39

die zwei Hebel des politischen Lebens. In den Nomoi


wird die Entstehung und die Entwicklung der ver
schiedenen Staaten anders dargestellt (678 A f.). Von
dem patriarchalischen Königtum an, wo die Menschen
in dem Gebirge lebten, bis zu der monarchischen und
aristokratischen Verfassung, die sich mit dem Acker
bau am Abhange der Berge entwickelte, und bis zu
der Demokratie und den anderen Verfassungen, deren
Niederlassungen Platz in der Ebene und an der Küste
fanden, wo Städte gebaut und die Schiffahrt begonnen
wurden, sieht man mit der Entwicklung der verschiedenen
Verfassungen den Menschen selbst sich entwickeln.
Die Verfassung erscheint als ein Produkt der Evolution
und der Anpassung des Menschen an die Natur.

Aber weder in der Politeia noch im Politikos


werden die bestehenden Verfassungen als solche, d. h.
als Formen des politischen Lebens, kritisiert, sondern
nach dem Inhalt selbst, nach den in ihnen entwickelten
politischen und gesellschaftlichen Zuständen. Die
Formen an sich sind harmlos, und wenn Platon manche
von ihnen definitiv von seinem Staat ausschließt als
unverträglich mit den neuen Zuständen, nimmt er doch
fur seinen idealen Staat Formen der bestehenden
historischen Staaten auf. Nur in den Nomoi ist die
Sache anders; davon sprechen wir später.
In der Politeia wird die Verfassung des neuen

Staats im Gegensatz zu den historischen Staaten als


Aristokratie bezeichnet (544 E, 545 C). Aber diese
Aristokratie ist nicht die, die schon damals bei den
— 40 —

Griechen vorhanden war, sondern eine neue, die


Aristokratie des Wissens. Regenten sollen die
Philosophen sein, die die Wissenschaft des Guten be
herrschen. Im Gegensatz zu all diesem wird in 445 D
gesagt: „eig fiev ovrog, ov f^ielg dielrjlv&a/Aev TtoUreiaq
virj &v r(>öTto$, ETtovofLaa-9-eiiq d'&v xai di%fj. eyyevo(.tevov

fiev yccQ &vdQOS ivog ev rolg a^-/.ovai dicKpEQÖvttoq ßaaiKela


&v xlr]&eir], Ttleöviov de a^tffTOx^cm'a." Also die Wahl
der Verfassung steht frei zwischen dem Königtum
und der Aristokratie. Es kann einen oder viele
Regenten geben, aber sie müssen immer aus der Zahl
der Besten, aus der Zahl der Philosophen sein. So
viel also auch über Aristokratie gesagt wird, die Art
der Verfassung bleibt eigentlich unbestimmt. Über die
Anzahl der regierenden Personen spricht Platon nur in
445 D, aber gerade da läßt er ihre Zahl unbestimmt.

Wenn er also die Verfassung gewöhnlich Aristokratie


nennt, will er damit nicht die Zahl "der Personen be
stimmen, sondern die Qualität, wir hätten also eine
Aristokratie, wenn es auch nur ein Regent (der Beste)
wäre; umgekehrt nennt er auch die vielen Regenten
ßaailelg (543 A)1). Die Namen ßaaileia und aQiato-
KQctTia werden hier ohne Unterschied gebraucht.
Platon sorgt nicht für die Typen, sondern für das
Wesen der Dinge; es genügt, wenn im Staat das
Wissen obwaltet; ob dies durch einen oder durch
viele Regenten zustande kommt, ist ihm gleichgültig.

') Vgl. 576 E.


Daß er in 520 D, wo er die Frage der Verfassung
nicht erörtert, im allgemeinen und unbestimmt über
viele Regenten spricht, daß ihre jedesmalige praktische
Tätigkeit nur einen kleinen Teil ihrer Zeit beansprucht1),
beweist nicht, das unsere Ansicht nicht richtig ist.
Was die Verfassung betrifft, so stimmt der Politikos
mit der Politeia überein. Auch im Politikos bleibt
die Wahl zwischen einem oder vielen Regenten frei

(311 A). Es ist allerdings wahr, daß dort der Staats


mann als Monarch (301 C) erscheint, aber wie wir
zeigen werden, ist er nicht als der Regent für die
Dauer, sondern als Reformator vorgesehen. In den
Nomoi werden alle Formen der Verfassung verworfen,
und Platon hält den für den richtigen Staat, der eine
geordnete Vereinigung freier Bürger darstellt. In
diesem müssen die Gesetze gelten, welche Gott selbst
durch den Gesetzgeber gegeben hat. Die beste Be
nennung dieser Verfassung wäre diejenige, welche
zeigt, das eigentlich Gott durch die Gesetze regiert
(712 E, 713 A). Dürfen wir diese Verfassung nicht
Theokratie nennen? Damit wir soviel wie möglich
zu den Zuständen unter der Regierung des Chronos
zurückkehren, wo übermenschliche Regenten vorhanden
waren, müssen wir unser ganzes Leben nach den in
uns liegenden höheren und göttlicheren Formen ein
richten (7 13 B f.). Der wahre Staat und seine Gesetze
bezwecken nicht den Vorteil der Regierenden, sondern

J) Noble, Staatsl. PL S. 118.


— 42

den der Bürger. Es gibt nur ein wahres Gesetz, und


dies ist das göttliche und die Verteilung der Ämter
an die Bürger muß sich danach richten, in welchem
Maße sie dem göttlichen Gesetz gehorsam sind (7 14 Bf.).
Eine neue Verfassung schafft Platon also eigent
lich nur in den Nomoi. Gerade dort, wo die Regenten
sich so wenig von den schon vorhandenen unter
scheiden, wo Platon die Dinge selbst so wenig ver
ändert, dort bekämpft er die Typen der vorhandenen
Verfassungen so stark, dort schlägt er einen neuen
vor, die Theokratie. Dagegen in der Politeia schafft
er die bestehenden politischen Zustände ab, er will neue
schaffen ; dort ist aber, und nach der Politeia im Politikos,
nebensächlich, was für eine Verfassung bestehen
bleiben soll, Aristokratie oder Monarchie. Aber was
ist diese neue Verfassung in den Nomoi, diese Theo
kratie? Wir haben oben gesehen, daß ein Kollegium
von bestimmten Personen die Spitze des Staats bildet,

die selbst für die Wahl und die Bildung ihrer Nach
folger sorgen sollen. Dieses Kollegium muß nach den
herkömmlichen Gesetzen regieren, nach den Gesetzen,
in denen der göttliche Wille ausgesprochen ist. Die
Regenten sind Stellvertreter der Gesetze. Von wem
werden diese Personen gewählt? Sie werden vom
Gesetzgeber, vom Reformator genau bestimmt, sie

sind aber keine neuen Regenten, sondern sie werden


aus der Zahl der anderen Beamten genommen. Die
Beamten in den Nomoi werden von den Bürgern ge
wählt. Durch diese Institutionen kommen also demo
- 43

kratische Elemente in die neue Verfassung. Die


höchsten theokratischen Beamten, durch welche die
göttlichen Gesetze in Wirksamkeit treten, sind keine
Beamten, die durch Gottes Gnade bestimmt sind,
sondern sie sind vom Volke gewählt. Diese Theo-
kratie ist allerdings etwas echt Griechisches.
Trotz aller dieser demokratischen Elemente ist

(in dem Nomoi) auch die Einmischung des Volks in


die Regierung bloß indirekt. Die Personen, die die
oberste Leitung des Staats haben, bilden schon durch
die langjährige Führung der geringeren Ämter, sowie
durch die besondere Bildung einen vom Volke un
abhängigen Stand und übernehmen die oberste Re
gierung unabhängig von dem Willen des Volks.
Welche Personen als Regenten im neuen Staat zu
dienen haben, ist von den Gesetzgebern, wie wir ge
sehen haben, von vornherein bestimmt. Und wenn
man überhaupt eine indirekte Einmischung des Volks
bei der Wahl der Regenten annimmt, bleibt das Volk
an der Ausübung dieser obersten Regierung ganz
unbeteiligt. Es gibt nichts in den Nomoi, was irgend
einen Einfluß des Volks auf den Gang der politischen
Angelegenheiten zeigen kann. Das Volk bleibt von
der Regierung ausgeschlossen.
Im Politikos rinden wir keine genügenden An
gaben über die Beziehungen des Volks zur Re
gierung. Die ganze Darstellung läßt vermuten, daß

hier jede direkte oder indirekte Einmischung des Volks


in die Regierung beseitigt ist. Wir sagen vermuten,
— 44

denn der absolute Monarch, der im Politikos erscheint,


hat mit der Frage, von der wir hier reden, nichts zu
tun. Er ist nicht der Regent für einen längeren Zeit
raum, sondern der Reformator. In der Politeia ist
die Trennung der Regierung von dem Volke scharf
ausgesprochen. Das Volk hat mit der Politik nichts
zu tun, es muß sich mit seinen Geschäften abgeben.
In allen drei Schriften also regieren die Regenten
absolutisch; mit diesem Worte möchten wir nur aus
drücken, daß das Volk keinen Einfluß auf die politischen
Dinge hat, und daß die Regenten unbeschränkte
Macht haben. In allen dreien also besteht das all
gemeine Prinzip der Platonischen Politik, von dem
wir am Anfange gesprochen haben: für die Beseitigung
des politischen Übels ist es nötig, daß das demo

kratische Prinzip der Souveränität des Volks aufgegeben


wird. Sogar in den Notnoi hat das Volk die Souveränität
nicht mehr; es existiert ja keine Demokratie, sondern
eine Theokratie.
IV.

Der Stand der Phylaken in der Po-


liteia und das gemeinsame Leben
der Archonten und Phylaken.
Das Werkzeug der absolutistischen Macht der
Regenten in der Politeia ist ein Mittelstand zwischen
ihnen und dem Volke, der Stand der Phylaken,
welcher eigentlich nichts anderes ist als eine ständige
Armee, wie Beispiele einer solchen damals in den

griechischen Städten vorhanden waren. Platon er


wähnt in 373 Dl seiner Politeia den ersten Grund
zur Bildung des Heeres und damit die erste Ursache
zum Krieg zwischen den Staaten. Die übermäßige
und luxuriöse Entfaltung eines Staates hat zur Folge,
daß das Land nicht imstande ist, die Einwohner zu
ernähren, und daraus folgen habgierige Neigungen
gegen das benachbarte Land. So entsteht der An
griffs- und der Verteidigungskrieg und das Bedürfnis
zur Bildung eines Heeres. Die Ursachen des Kriegs
sind also nach Platon wirtschaftlich. Das Heer ist
folglich nach dieser Darstellung eigentlich ein Bestand
teil eines schlechten Staates und nur in gewissen Um
- 46 —

ständen wird seine Notwendigkeit dem guten Staat


auferlegt, wenn er gezwungen ist, die Angriffe der
bösen Staaten zurückzuweisen und die inneren Gefahren
zu dämpfen bis er seinen Zweck erreicht hat. Wenn
kein böser Staat in der Welt existierte, wäre das
Heer überhaupt überflüssig. Aus solchen Gründen
ist die Bildung des Standes der Phylaken notwendig.
Zur Bildung dieses Standes werden aus den Bürgern
bestimmte Personen je nach ihren körperlichen und
geistigen Eigenschaften gewählt, die für das Militär
geeignet sind (sanften und leidenschaftlichen Charak

ters). Die Mittel zu ihrer Erziehung sind Gymnastik


und Musik, unter welch letzterer die nationale Dich
tung die erste Rolle spielt. Platon schlägt trotz seiner
heftigen Angriffe gegen sie nicht vor, sie aus dem
neuen Staat auszuschließen, sondern sie von ihren
schlechten Elementen zu befreien und zu reinigen
(386 C, 387 B, 389 E, 390 A, B). Und was im Buch X
der Politeia über die nachahmende Kunst und speziell
über die Poesie gesagt ist, hat in letzter Instanz den
selben Sinn, vgl. 607 C. Die Gymnastik besteht
hauptsächlich aus militärischen Übungen (404 B). So
ausgebildet, sind die Phylaken in den Händen der
Regenten das geeignete Werkzeug, durch das sie in
der Stadt und außerhalb ihren Willen durchsetzen
können.
Aber die absolutistische Macht in dem neuen
Staate sollten die Regenten nach dem zweiten Prinzip
der Platonischen Staatslehre durch die wirtschaftliche
— 47

Abhängigkeit einbüßen. Aller Mittel zum Leben be


raubt, sollten sie alles vom Volke bekommen. Sie
haben nichts, und was sie haben ist nicht ihr eigen.
Die Regenten sind vom Volke wirtschaftlich abhängig.
An dieses Prinzip hält sich Platon nicht in seiner
ganzen Staatslehre. Es war eine originelle Idee von
ihm, aus dem Schema seines politischen Planes ent
sprungen, und sie sollte den Umsturz der gesellschaft
lichen Zustände herbeiführen, sie mußte aber auf viele
unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen. Den Re
genten untertänig zu sein und ihnen zu gehorchen,
war das Volk in der Geschichte der Menschheit schon
längst gewohnt, aber wie war es möglich, daß die

Regenten wirtschaftlich nichts als Sklaven1) des


Volkes wurden? Im Politikos und in den Nomoi be
gegnen wir diesem Prinzip nicht mehr ; es ist voll
ständig aufgegeben, in der Politeia aber wird es

streng ausgeführt.
Die Regenten, durch die besondere Bildung von
den Phylaken getrennt, führen mit ihnen ein gemein
sames Leben. Sie sind ja aus ihnen hervorgegangen.
Die Regenten wie die Phylaken sind Soldaten. Da
mit aber haben wir keinen Militärstaat, sondern
vielmehr eine Stratokratie. Daß die Regenten und
die Phylaken das Wesen des idealen Staates nicht
allein bilden, werden wir später beweisen.

J) Das Wort paßt allerdings nicht, wir formulieren aber paradox,


damit unsere Auffassung klar hervortritt.
Das Lager der Phylaken und der Archonten
muß so sein, daß die Feinde zurückgeschlagen und
die innern Gefahren abgewendet werden können. Aller
dings ist hier eine Akropolis gemeint und die regieren

1),
den Stände sind, äußerlich betrachtet, einer Besatzung
ähnlich, wie sie so oft von Athen und Sparta in fremde
Städte gelegt wurde und dort faktisch die Macht des

Ganzen in Händen hatte2). Ihre Behausungen sollen


Kriegern geziemt (415 D, E). Familien
so sein, wie es

leben und Vermögen müssen sie entbehren, desgleichen


jede persönliche Wohnung oder Speicher, zu denen

der Zutritt für andere verboten ist. Das für das Leben
Notwendige bekommen sie von den Bürgern für die
Dienste, welche sie ihnen leisten. Sie sollen gemein
same Mahlzeiten haben, und nur diesen von allen
Einwohnern ist es nicht erlaubt, Gold und Silber zu
haben; sie dürfen damit nicht einmal in Berührung
kommen (417 A). Die Regenten dürfen also nicht
nur nichts haben, sondern es muß jede Ursache
beseitigt werden, die sie bewegen könnte, Güter
anzusammeln. So ist die Familie abgeschafft und
in Individuen zerrissen. Dann kommt aber der
Staat, um diese Individuen um seine Idee und seine
Interessen desto fester zu scharen. Platon hat un
bewußt die große Wahrheit ausgesprochen, daß
diese zwei Einrichtungen, Staat und Familie, gegen

Vgl. Krit. 10
C
1

f.
J)

Noble, Staatsl. Pl.


S.

129.
2)
— 49
-
einander stehen und immer miteinander kämpfen, und
daß eins sich nur auf Kosten des anderen verstärken
kann. Aber Platon bringt die Aufhebung der Familie
nicht nur in Beziehung zu der wirtschaftlichen Reform.
Der Beruf der Phylaken und der Archonten war
ein solcher, daß die Familie ein Hindernis in seiner
Ausübung gewesen wäre. So bot sich zuletzt die Ge
legenheit, die geschlechtlichen Verbindungen und das
Erzeugen der Kinder unter die staatliche Aufsicht zu
bringen.

Stephanides.
v.

Die Gesellschaft.
Nachdem die Anwendung- der zwei Prinzipien
der Platonischen Staatslehre auf den Stand der Re
genten festgestellt- ist, müssen wir dasselbe hinsicht
lich des Volks unternehmen. Das Volk ist von der
Regierung ausgeschlossen. Statt dessen soll es der
wirtschaftliche Herrscher im neuen Staat werden.
Die Ausführung dieses Prinzips ist eigentlich nur in
der Politeia angebahnt, während es im Politikos und
in den Nomoi des heftigen Widerstandes wegen,,
welchem es, wie schon erwähnt, begegnete, aufge
geben ist. Im Politikos und in den Nomoi herrscht
das Volk nicht m-ehr wirtschaftlich. Auch die Regenten
sind wirtschaftlich unabhängig wie die anderen Bürger.
Aber was für ein Volk ist dem Platon (nach einer
es,

Ansicht, die er nicht lange hatte) eine so große wirt


schaftliche Macht gegeben hat, und welches sind seine
Beziehungen zu den Regenten? Wir haben gesagt,
daß die Politeia eigentlich nur das erste Problem löst,
das die Regenten betrifft, während sie in betreff des
Volks bloß zufällige und nicht selten widersprechende
Andeutungen gibt. Wir werden sehen, aus welchen
— 51

Gründen Platon dies getan hat, indem wir ein, wenn


auch unvollständiges Bild, von den gesellschaftlichen
Verhältnissen des idealen Staats zu geben versuchen.
Es ist zweckmäßig, eine Darstellung vorauszuschicken
von dem Zustand der damals bestehenden Gesellschaft,
damit wir die von Platon eingeführten Neuerungen
verstehen können.

Im alten Staat waren drei Stände vorhanden:


die freien Bürger, die Sklaven und die zwischen
beiden stehenden Metoeken. Die Sklaven wurden
als Hausgesinde, in Werkstätten und im allgemeinen
zu schwereren und gröberen Arbeiten verwendet.
Mit Handel und Industrie beschäftigten sich die Me
toeken. Die Bürger waren die eigentlichen Grund
besitzer; sie waren in der älteren Zeit in drei Stände
eingeteilt, in die Eupatriden, Geomoren und
Demiurgen, von denen die zwei letzteren den länd
lichen und kaufmännischen Adel gegenüber dem

eupatridischen Stadtadel bildeten1). Wir haben also


im alten Staat drei Stände, von denen der oberste
wieder in drei Gruppen zerfiel. Platon verändert in
der Politeia diese ganze politische Struktur. Er sieht von
den Sklaven ganz ab und schafft zunächst die Metoeken
ab. Fremde dürfen im neuen Staat nur unter besonderen

Umständen und auf eine bestimmte Zeit sich auf


halten. So bleiben bloß die eigentlichen Bürger übrig.
Alle Mitglieder des idealen Staats sind frei, ihre Ein-

Griechische Altertümer, Bnsolt S. 194, 127, 128.


teilung aber ist selbstverständlich nach Abschaffung
der zwei anderen Stände eine ganz andere wie her
kömmlich. Es ist charakteristisch für die ganze Struktur
des neuen Staats, wie Platon die Entstehung seines
Staats beschreibt.
Sinnlich sind die ersten Bedürfnisse, welche zur
Gründung einer Stadt Anlaß geben (369 B und die

f.)
Teilung der Arbeit ist das einzige Mittel zu ihrer
besseren Befriedigung. Dann muß die Produktion
größer sein, als der Verbrauch der Stadt ist, damit
sie durch Handel erwerbe, was sie zu produzieren
nicht imstande ist. Wir brauchen also Kaufleute
und Kleinhändler. Die Stadt wird also erstens aus
den berufsmäßigen Leuten zusammengesetzt, welche
Platon Demiurgen nennt1). Diesen wird dann der
Stand der Phylaken beigegeben zum Schutz der
Stadt gegen äußere und innere Feinde und endlich
der Stand der Archonten zur Verwaltung des Staats.
Von den zwei oberen Ständen und ihrem eigentüm-

Über den Stand der Demiurgen bemerkt Noble (Staatsl. Pl.


J)

S. 12l), daß dieser eigentlich die Bürgerschaft bildet, und S. 138

„indessen ist das Wohl der letzteren der Zweck, um dessentwillen jene

(d. h. die Phylaken und die Archonten) überhaupt da ist". Daß die

in der Erstehung des Staats beibehaltene Reihenfolge diese Auffassung


rechtfertigt, ist wahr und zeigt, daß es nicht richtig ist anzunehmen,
daß der Staat bloß aus den zwei oberen Ständen besteht. In der

Politeia aber wird das Ganze und die Glückseligkeit des Ganzen so sehr

betont, daß wir uns nicht vor das Dilemma stellen sollten, worauf das

Wesen des neuen Staats sich gründe, auf die zwei oberen Stände oder

auf die Demiurgen.


-- 53
-

liehen Leben bleibt gesondert der dritte Stand, die


Demiurgen, die ersten, von denen die neue Stadt
gebildet ist und um derentwillen die Phylaken und
die Archonten da sind. Die Demiurgen bestehen
allerdings, nach dem Ausdruck Platons, aus Hand
werkern und Landbauern, aber unter den Hand
werkern sind die Dichter, Schauspieler, Musiker,
Baumeister, Ärzte und Richter inbegriffen, die
alle unter den Demiurgen wörtlich aufgezählt werden
E, 409 A B, C). Es ist wahr, daß alle
f.,

(408 401

diese in 373 B, D aus dem idealen Staat ausge


schlossen werden, aber wie zeigt, nur dann,

E
399
wenn sie bleiben, wie sie jetzt sind. Sie können aber
zugelassen werden, wenn sie sich so umgestalten, wie
Platon meint, daß sie sein sein sollen. In 401- B,

C
wird es verlangt, daß diese Künstler gut seien und
ethische Prinzipien bei ihrer Arbeit anwenden. Wie
die Ärzte und die Richter sein müssen, wird aus
führlich in 408 E, 409 A auseinander gesetzt. Alle
f.

diese werden sogar zur Erziehung der Phylaken und


der Archonten gebraucht. Dem Stand der Demiurgen
gehören also alle die an, die keine Phylaken und Ar
chonten sind; außer den niederen Berufen sind hier
auch alle schönen und edlen Künste untergebracht.
Aber diese Auffassung wird in der Politeia nicht
immer bestätigt. Sie spricht verächtlich von ihnen
und hält sie einer höheren und geistigen Beschäftigung
nicht für fähig. Die Beziehung des dritten Standes
zu den anderen charakterisiert 415 A Die Demiurgen
f.
— 54

sind Eisen und Kupfer im Vergleich zu den Phylaken


und Archonten, die Silber und Gold sind. Charakte
ristisch sind die Stellen 522 B „oft re yaQ rey,vai ßdvavaoi
Ttov äTtaaai edoi^av elvaiu und namentlich 495 D „VTIO
Tg xa«
T£%vüv drjniovQyiwv, üatteQ rcc awfiara -kelw-
OVTW Kai Tag tyv%ag §vye-/.laau^voi re Kai aTtore-
voi dia Tag ßavavaiccg Tvy%dvovaiu. Sind diese

Bürger, körperlich verkümmert und gebrochen an der


Seele, Glieder von Platons idealem Staat? Gehören
sie dem Ganzen an, um dessen Glückseligkeit willen
die Phylaken und Archonten einen Teil ihrer sinn
lichen und sittlichen Glückseligkeit geopfert haben?
Sind diese Menschen mit solchem Körper und solcher
Seele glücklich? Also das Resultat unsrer ganzen Arbeit
zur Reformation der Stadt wäre, daß nur wenige der
Bürger (428 E), die Phylaken und die Archonten, die
Glückseligkeit erreichten, die große Masse aber bliebe
an Körper und Seele gebrochen? Aber es wird wört
lich gesagt: der Zweck des Staats besteht nicht nur
darin, glückliche Phylaken und Archonten zu be
kommen (420 B, 421 B, C, 519 E).
Wenn der Zweck des Staats die Glückseligkeit
des Ganzen ist, so ist in diesem Zweck auch die Glück
seligkeit der Demiurgen beschlossen. Nach Platon
wird Glückseligkeit eigentlich nur durch die Tugend
erreicht. Es entsteht also die Frage, ob die Politeia
die sittliche Erziehung des dritten Standes erstrebt.
Wird davon etwas gesagt? — Nein, allerdings nicht! . . .

Aber das ist nur scheinbar. In der Tat ist von ihr
— 55

nicht in einem oder zwei Kapiteln die Rede, sondern


in der ganzen Schrift. Denn dies, die sittliche Er
ziehung,- ist der Zweck, um dessentwillen die Phylaken
und die Archonten ausgebildet werden. Die Erziehung
•der Bürger in der Tugend ist in jedem Alter das
Werk der Phylaken und der Archonten. Wenn wir
also den richtigen Staat zu gründen und die guten
Phylaken und Archonten auszubilden imstande sind,
wird allerdings die Glückseligkeit dieser selbst erreicht,
aber noch nicht die des Ganzen, und folglich ist das
Werk des Staats noch nicht vollendet, ja man kann
sagen, es fängt dann vielleicht erst an, das heißt, es
erhebt sich die Frage der sittlichen Erziehung der
anderen Bürger. Bis der ideale Staat sich verwirklicht,
bis der Stand der Phylaken und Archonten ausge
bildet ist und die Arbeit für die sittliche Erziehung
der anderen Bürger anfangen kann, bleiben die Demi-
urgen notwendig, wie sie im Zeitalter Platons waren,
wie er sie um sich sah. Jene sind „an Körper und
Seele gebrochen" und sie hat Platon im Auge, wenn
er über Demiurgen spricht1).
Hiermit wird die Frage beantwortet, warum Platon
sich in seiner Politeia nur mit der Erziehung der
Phylaken und Archonten beschäftigt, nicht mit der
Erziehung der Demiurgen. Der Stand der Phylaken
und Archonten bildet den regierenden Stand, den

J) Vgl. 590 C. Das Gewerbe und das Handwerk bringt Schande,


•weil sie die Künste aas Kitzel und Behaglichkeit erlernen.
- 56

offiziellen Staat. Damit ein Staat seinen Zweck er-



reicht, genügt es, eine gute Regierung, gute Archonten
zu haben. Hat der Staat sie erworben, so ist das
Werk des Reformators beendet1), denn diese Archonten
sollen erst gerade für die gute Erziehung und Bildung
der Bürger zu einem tugendhaften Leben sorgen.
Dies ist ihr Werk. In diesem Fall ist es also über
flüssig, daß Platon noch ausdrücklich über die Erziehung
und das Leben der Bürger sich verbreitet (425 D).
In Platons Politeia handelt es sich eigentlich nur um
die Reformation des offiziellen Staats, d. h. der Regenten.
Das ist das Thema der Politeia. In der Erörterung
dieses Themas werden die verschiedenen Beziehungen
berührt, in die der neue Staat nach verschiedenen
Richtungen hin geraten kann, jedoch nur das, was
den regierenden Stand, die Archonten und Phylaken
betrifft, denn die Frage des dritten Standes, der De-
miurgen, ist ganz unberührt gelassen. Damit ist eine
andere Erscheinung erklärt, die in der Politeia vor
kommt. Platon schwebt manchmal ein Staat vor,
nur aus Phylaken und Archonten zusammengesetzt,
als wenn die Demiurgen keine Mitglieder des guten
Staats, ja als wenn sie überhaupt gar nicht da wären.
Wenn man das zehnte und elfte Kapitel des fünften
Buches der Politeia liest, sieht man, daß die guten
gesellschaftlichen Beziehungen des Standes der Phy-

]) Welche Bedeutung Platon den guten Archonten beilegt, zeigt

sich in den Nomoi 751 B. Ohne diese ist jede Gesetzgebung über

flüssig, weil wirkungslos.


— 57

laken und Archonten, welche auf die Gütergemeinschaft


zurückzuführen sind, einen allgemeinen Zustand des
ganzen Staates bezeichnen. Diese Empfindung wird
in den Nomoi 739 C f. bestätigt, wo über den idealen
Staat gesprochen wird, als wenn er nur aus Phylaken
und Archonten gebildet wäre1). Noch klarer erscheint es
in der Politeia 422 D, wo über die ganze Stadt gesagt
ovdev "AQvaiip, ovS" &()yv()i<p /(K^e^or, ovd' f]ftlv
Unter der Voraussetzung, daß auch hier die

Phylaken und Archonten im Namen der ganzen


Stadt sprechen, gibt es keinen Sinn, denn die Feinde
hätten zufrieden sein können, die anderen Bürger zu
plündern, die, wie bekannt, sowohl Gold als Silber
hatten.
Der Ausgangspunkt, der uns zu dieser Auffassung
gebracht hat, war dieser: die Demiurgen bilden einen
Teil des Ganzen, dem die Phylaken und Archonten
angehören, und auch die Bestimmung der Demiurgen
ist, durch die Tugend die Glückseligkeit zu erlangen-2).
Solange dies als Basis des idealen Staats dargestellt,

nicht aber in der Platonischen Politeia angeführt wird,


lösen wir diese Frage kaum, wenn wir annehmen,
daß der dritte Stand seinem Schicksal überlassen

>) Vgl. Polit. S43 A..

2) Denn dies ist die Bestimmung des Ganzen. Allerdings die

Tugend und die Glückseligkeit der Demiurgen ist nicht gleich denen

der Phylaken und namentlich der Archonten A die Demiurgen,


f.)

(466
;

aber des idealen Staats darf man nicht bezeichnen als an Körper und

Seele gebrochen.
- 58

wird und daß Platon sich über ihn verächtlich aus


drückt. Diese Gleichgültigkeit dem dritten Stande
gegenüber würde Gleichgültigkeit dem Ganzen gegen
über bedeuten, welches Ganze von Platon doch so
stark betont wird. Das Ganze kann nicht ohne seine
Teile glücklich werden. Platon hat sich in seiner
Politeia gerade auf einen Teil beschränkt, der nach
seiner Meinung hinreichend ist, das Glück des Ganzen
zu gewährleisten. Er hat sich begnügt, den Sauerteig
in den Staat zu bringen, welcher den ganzen Teig
zur Gärung bringen soll. Das ist gerade die Größe
der Platonischen Politeia.
Nun können wir die oben erwähnte Stelle besser
verstehen; 415 A. f. „oaoi fttv uuwv iKavoi

%QVOOV tv Tfi yeveaei ^vvefii^ev avrolg, dib



elalv oaoi S'^TtlwvQOi, &QYVQOV aidrj()ov de KOI %alxbv

rolg TE yeioQyolg xcd TOI$ älloig dr]fnovQyolg." Sie


scheinen auf den ersten Blick drei in sich geschlossene
Stände, deren Glieder von Geburt die betreffenden
Rechte ihres Standes haben. Dies wird aber sofort
zurückgewiesen. Nicht die Abstammung, sondern
persönliche Vorzüge geben einem das Recht, einem
Stande anzugehören. Platon nimmt allerdings prinzipiell
an, daß diese Vorzüge auf die Nachkommen erblich
übertragen werden können. Inwieweit das aber statt
findet, muß jedesmal sorgfältig geprüft werden. Diese
Prüfung ist die Aufgabe der Regenten, und sogar
die wichtigste (415 B). Die Archonten, die Phy-
laken und die Demiurgen bilden wirklich drei
59

Stände1), aber nicht Stände im Sinne der gewöhn


lichen Auffassung. Es sind nicht drei soziale Stände;
die Unterschiede des Lebens und der Vorzüge, welche
bei diesen drei Ständen vorkommen, haften an ihnen
nicht als Privilegien oder als Zurücksetzung, sondern
sie sind unentbehrliche Voraussetzungen, damit jeder
Stand sein Werk erreiche, sie sind ihrerseits eine
Aufopferung der Glückseligkeit des Ganzen wegen,
sie sind Pflichten. Größere Vorzüge und mehr Auf
opferung werden von den Archonten verlangt ihrer
Aufgabe wegen, nämlich den Staat zu regieren, und
diese Vorzüge werden dem Golde verglichen.
Weniger Vorzüge und nicht soviel Aufopferung
werden von den Phylaken verlangt, deren Aufgabe
es ist, die Stadt zu hüten, und diese Vorzüge werden
dem Silber verglichen. Noch weniger wird von den
Demiurgen verlangt, die dem Eisen und Kupfer ver
glichen werden. Die zwei oberen Stände sind da,
um für die Bürger zu sorgen, deren Vorhandensein
wieder die unentbehrliche Bedingung des Lebens der
oberen Stände ist. Die Archonten und Phylaken
werden von den Demiurgen ernährt als Belohnung
der Wohltaten, die ihnen diese erwiesen (463 A, B).
Wörtlich werden in der Politeia die Archonten mit
den Hirten, die Phylaken mit den Hunden und
die Demiurgen mit den Schafen verglichen (416 A).

J) Die Archonten und Phylaken bilden, was die Lebensweise


betrifft, einen Stand. Sie unterscheiden sich nur nach der Art und

Weise des Unterrichts.


— 6o —

Die in 462 B A beschriebene Solidarität

E,
f.,
463 464
im Stande der Archonten und Phylaken soll auch ein
charakteristisches Merkmal der ganzen Stadt sein
Nicht nur die Archonten und die

E,
(519 520 A)1).
Phylaken sollen Brüder unter sich sein, sondern auch
die ganze Stadt. Das wird wörtlich in 415 A gesagt.
Wie die zukünftigen Archonten die sittliche Er
ziehung und also die ethische Glückseligkeit der anderen
Bürger vollbringen sollen, wissen wir nicht, vielleicht
ist es auch Platon selbst unbekannt2).
Die Größe des idealen Staats beschränkt sich auf
die Grenzen einer griechischen Stadt mit dem dazu
gehörigen Lande. Die Phylaken müssen also dafür
sorgen, daß die Stadt weder sehr klein noch sehr groß
ist. Die Hauptsache ist die Einigkeit der Bewohner.
Wenn dies erreicht ist, genügen selbst tausend Soldaten
zum Schutze der Stadt (423 A f.). Es ist klar, daß
Platon damit keine Grenzen der militärischen Macht
bestimmt3), sondern er nimmt die nach seiner Meinung
kleinste Zahl, um zu zeigen, daß sie für eine Stadt
genügt, deren Bürger einig sind.

Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen der Solidarität


J)

der Phylakeu und der Archonten, die einen Familiencharakter hat, und

der Solidarität zwischen diesen und den Demiurgen.

Vgl. 540 A, wo es eine Anspielung auf die Erziehung der


2)

anderen Bürger gibt. Vgl. Politikos 293 D, 308 D. Daß man aus

dem dritten Stand in die oberen übergehen kann, setzt das nicht auch
einen Unterricht und eine Erziehung der Demiurgen voraus? (Strümpell,
Pr. Philos.
d.

Gr. 387 f.).


I

Gegen Noble, Staatsl. Pl. 128.


S.
»)
\J lT
f\

Wie wir oben gesehen haben, gibt es im Politikos


drei Stände, die Archonten, die freien Diener und
die Sklaven (311 C). Alle diese sollen von Natur
aus die Anlagen eines tapferen und besonnenen
Charakters haben. Denn jeder, der diese nicht hat,
wird in irgendeiner Weise vom Staat ausgeschlossen
(308 E, 309 A). Von den Bürgern sollen die Geeigneten
eine bestimmte Erziehung und Bildung genießen zur
harmonischen Verbindung dieser zwei Eigenschaften
des Charakters, der Tapferkeit und Besonnenheit.
Die so Ausgebildeten sind die Archonten. Diejenigen,
welche zu irgendeiner Bildung ganz unbefähigt sind,
werden in den Stand der Sklaven gestoßen. Zwischen
diesen beiden gibt es den Stand der freien Diener,
die einen bestimmten Beruf haben; sie füllen stufen
weise den ganzen Raum zwischen den Archonten
und den Sklaven aus. Von ihnen wird weder die

spezielle Bildung der Archonten verlangt, noch ist


ihnen allerdings die Unwissenheit und Niedrigkeit
gestattet.
Der Stand der Archonten im Politikos entspricht
dem Stand der Archonten in der Politeia. Ob die
Archonten Politikos) zu Philosophen
(im erzogen
werden, hängt von der Erklärung der Stelle 309 C ab.
Wir haben oben angenommen, daß den Archonten
(im Politikos) keine ITtiax-tifirj beigebracht wird und
daß sie keine Philosophen werden.
Nach den Archonten kommen (im Politikos) die
freien Diener, die Leute, welche einen Beruf haben.
— 62 —

Daß diese mit den Phylaken der Politeia nicht ver


glichen werden können, ist klar. Das Heer wird aller
dings aus ihnen gebildet, aber sie bilden keinen be
sonderen Militärstand. Sie sind eine Mischung aus
den Phylaken und den Demiurgen der Politeia, es
fehlt ihnen aber besondere militärische Ausbildung
und das eigenartige Leben der Phylaken. Der dritte
Stand, die Sklaven, kommt in der Politeia nicht vor.
Die soziale Zusammensetzung des Staats ist im Poli-
tikos eine andere als in der Politeia.
Die soziale Zusammensetzung des Staates in den
Nomoi ist anders als in der Politeia und in dem Poli-
tikos. Die Künste werden den Sklaven und Fremden
überlassen (806 D, E), während im Politikos die
Freien damit beschäftigt sind (290 A f.), wie in der
Politeia auch die Demiurgen, wie sie auch gedacht
werden mögen, immer freie Bürger sind, Mitglieder
des idealen Staates. Die Regenten sind in den Nomoi
bestimmte geeignete Personen1). Im Politikos und

J) Man kann einwenden, daß die Regenten in den Nomoi keinen

besonderen Stand bilden. Aber in der Politeia bilden eigentlich auch

die Archonten mit den Phylaken einen Stand, und der Unterschied

liegt, wie in den Nomoi, nur in der Erziehung. Weil in den Nomoi

der Stand der Philosophenarchonten nicht mehr da ist, sind die Demi

urgen, welche in der Politeia noch freie Bürger sind, zu Sklaven ge

macht worden. Eine Erziehung ist für sie unmöglich. Die Nomoi
verstümmeln den idealen Staat der Politeia an beiden Enden. Daraus

kann man schließen, daß die Demiurgen in der Politeia eine wichtigere

Rolle spielen sollen als daß sie bloß arbeitende Maschinen sind. Vgl.
die gute soziale Stellung der Demiurgen im Politikos.
- 63
-
in den Nomoi fehlt der Stand der Phylaken ganz, es
wird aber der Stand der Sklaven hinzugefügt, der in
der Politeia ganz fehlt. In den Nomoi werden die
Demiurgen von der Erziehung ganz ausgeschlossen,
sie sind Sklaven und Fremde, während die freien
Bürger eine lange und sorgfältige Erziehung genießen.
Die Archonten sind Bürger, welche mit den anderen
eine gemeinsame Erziehung genossen haben, die sich
aber von ihnen dadurch unterscheiden, daß sie nach

träglich einen besonderen Unterricht, eine Art philo


sophische Bildung genießen, obwohl sie nie Philo
sophen werden sollen. Wir haben schon gesehen,
daß diese besondere Bildung der Archonten in den
Nomoi nicht dargestellt ist. Die Erziehung der Bürger
besteht in Gymnastik und Musik. Die Erziehung,
wie sie in den Nomoi dargestellt ist, ist im allge-
gemeinen wie die der Phylaken in der Politeia, nur
daß hier die Mathematik und die Astronomie hinzu
gefügt wird, welche dort nur die Archonten lernen.
Die Bildung der Bürger ist in den Nomoi umfang
reicher als in der Politeia.
Die Gütergemeinschaft ist abgeschafft; jeder muß
Grundbesitz und ein Haus haben (739 E, 740 A).
Diese Regel und die Anzahl und die Größe des Be
sitzes muß immer dieselbe bleiben. Je nach der
fahrenden Habe werden die Bürger in vier Ränge
eingeteilt. In der Politeia werden die zwei Extreme,
die Armut und der Reichtum, vermieden. Die Stadt
muß Reichtum und Luxus vermeiden, aber alles zum.
— 64

Leben Notwendige haben. Großer Reichtum ist nicht


erlaubt; denn die sehr reichen Leute können nicht
gut sein (Nom. 742 E). Während für die Politeia und
für die Nomoi diese Frage eine der wichtigsten ist,
bleibt sie für den Politikos ganz gleichgültig. In ihm
wird gesagt, daß es ganz einerlei ist, ob die Regenten
arm oder reich sind (293 A). Ein großer Unterschied
zwischen der Politeia und den Nomoi einerseits und
dem Politikos andererseits.

Die Bürger zahlen Steuer (949 C D Es

f.,
955 f.).
werden gemeinsame Mahlzeiten eingerichtet. An
diesen Anteil zu nehmen sind die Frauen gezwungen,
nicht nur vor, sondern auch nach der Eheschließung.
Mit der Arbeit sollen sich andere (Sklaven oder Fremde)
beschäftigen, welche den Grundbesitzern jedes Jahr
das für das Leben Notwendige abgeben (806 D, E).
Die Bürger beschäftigen sich mit körperlichen und
geistigen Arbeiten A 8316
f.,

(807 f.).

Die Stadt muß entfernt vom Meer liegen. Die


Nähe des Meeres ist die Ursache, daß sich die Schiff
fahrt entwickelt, durch die große Veränderungen in
der Stadt eintreten (705 A). Das Unveränderliche
der politischen und sozialen Sitten ist das Ideal des

Platonischen Staates. Das wird auch in der Politeia be


hauptet. Im Politikos dagegen besteht das Ideal des
Staats in der ständigen Veränderung und Entwicklung.
Dies ist ein großer Unterschied zwischen dem Politikos
einerseits und der Politeia und den Nomoi anderer
— 65

seits; vielleicht besteht hierin der größte Unterschied


zwischen ihnen.
Aus der P o l i t ei a können wir uns also keine
genaue Vorstellung bilden von der ganzen gesell
schaftlichen Zusammensetzung des neuen Staats, denn

es fehlt uns sein dritter Faktor, der dritte Stand. Sie


ist aber ungefähr folgende. Die Stadt wird gebildet
aus den gemeinen Bürgern, die alle frei sind und
jedem Berufe angehören. Sie genießen eine Bildung,
die den Zweck hat, sie nicht nur zu guten Hand
werkern und Künstlern zu machen, sondern auch zu
guten Bürgern und Menschen. Die Demiurgen des

idealen Staats sind nicht einfache Maschinen der Pro


duktion, sondern im vollen Bewußtsein ihrer Macht
und Bedeutung die wirtschaftlichen Herrscher im
Staat. Sie bleiben von der Regierung fern, sie sind

den Regenten untertänig und sie gehorchen ihnen,


aber dieser Gehorsam kann von dem Volke an sich
eigentlich nicht gefordert werden, sondern er ist der
Verlust seiner in der Demokratie längst erworbenen
Rechte, die es einem höheren Zwecke opfert. Daher
bedeutet es so wenig für die Demiurgen, daß sie keine

Vollbürger sind, wie es für die Regenten wenig be


deutet, wenn sie vom Volke wirtschaftlich abhängig
sind. Dies beides sind zwei korrelative Kräfte des
politischen Lebens. Die Demiurgen leben wahrschein
lich wie alle, nur beschränkt auf dem Gebiete des
Materiellen, damit die Scheidung der Bürger in Reiche
und Arme nicht vorkommen kann. Um die Armut
Stephanides. c
— 66 —

zu beschränken, beschränkt Platon den Reichtum und


verstopft rücksichtslos alle Quellen, welche ihn her
vorbringen können, die Industrie, den Handel, die
Schiffahrt. Das Heer und die Regenten leben ein
ganz eigenes Leben, indem sie sich aller weltlichen
Güter enthalten und alle Lebensmittel vom Volke
geliefert bekommen.
Durch die geringen und einfachen Anspielungen im
Politikos können wir keine klare Idee von der gesell
schaftlichen Zusammensetzung, die darin gemeint ist,
bekommen. Nach dem Politikos gehören die Bürger
allen Berufen an, indem sie Sklaven als Helfer haben. Die
Regenten werden durch eine bestimmte Bildung gute
Verwalter. Von der gesellschaftlichen Zusammensetzung
haben wir dagegen in den Nom o i ein vollständiges Bild.
Die Bürger genießen eine bestimmte Erziehung und
Bildung und sind hier Gutsbesitzer. Die Sklaven allein
haben einen Beruf, die Schiffahrt aber und der Handel
ist mit ganz besonderen Ausnahmen verboten. Wir haben
also hier einen Agrarstaat. Die Regenten mit eigener
Bildung sorgen für die Anwendung der herkömm
lichen Gesetze, welche zugleich göttliche Gesetze sind.
Das Leben aller Bürger (in den Nomoi wie im Poli

tikos) ist das übliche; es gibt keine besondere Be


stimmung. Im Politikos also und in den Nompi handelt
es sich nicht um einen Umsturz der Gesellschaft wie
in der Politeia, sondern um eine einfache Reform.
Daß ein solcher Umsturz des politischen und gesell
schaftlichen Gebäudes notwendig war, kam daher,
— Ö7
-
daß das politische Ideal in der Politeia so hoch stand;
in den Nomoi wird dieses, wie wir schon gesehen
haben, preisgegeben. Wie ist es denn im Politikos?
Wird in ihm das politische Ideal, das in der Politeia

vorhanden ist, auch preisgegeben? Auf diese Frage


finden wir später eine Antwort.
VI.

Die Reformatoren.
. Der Entwurf des neuen Staats ist in den drei
Schriften Platons vollendet. Er hätte hier beschlossen
sein können. Platon aber wirft ein neues Problem
auf, folgendes: Wie ist es mögflich, diesen neuen
Plan auszuführen? Die damaligen politischen und
sozialen Verhältnisse waren vielleicht derart, daß er
meinte, ohne diesen letzten und abschließenden Teil
wäre sein ganzes Werk unnützlich, ja unmöglich.
Dieser Teil fügt seinen politischen Theorien nichts
hinzu, er hat mit ihnen nichts zu tun und doch ist er
für sie sehr charakteristisch; manche seiner politischen
Ideen rücken erst jetzt ins richtige Licht.
Wir haben gesehen, daß in den drei Schriften
Platons eine Entwicklung seiner politischen Ideen
stattfindet; eine analoge Entwicklung findet in ihrem
anderen Teile auch statt. Wie der neue Staat ge
schaffen werden muß, wird in den drei Schriften
verschieden beantwortet. Und noch mehr; man
kann behaupten, daß dieser Teil gerade auf den
ersten Entwurf des neuen Staats einen gewissen
Einfluß gehabt hat. Daß z. B. in der Politeia als
_ 69
-
Regenten des idealen Staats Philosophen verlangt
werden, ist vielleicht ein Widerhall dieses zweiten
Teils, wo die Philosophen als Reformatoren vorge
schlagen worden sind. Wir haben gesehen, daß im
ersten Entwurf der Erziehung der Regenten die

philosophische Bildung ganz fehlt. Die Aufstellung


der Frage, wie der neue Staat verwirklicht werden
kann, ist in der Politeia ganz klar (471 E, 473 A).
Sie ist auch in den Nomoi klar, aber nicht im Poli-
tikos. Diejenigen, welche dort als Ausführer des
neuen Planes erscheinen, kann man nicht leicht von
den in diesem Plane als Regenten vorkommenden
Personen unterscheiden. Daher kommt es, daß hier
auch ein Einfluß des zweiten Teiles auf den ersten
stattgefunden hat. Man hat geglaubt, daß Platon im
Politikos eine monarchische Verfassung einführt. Wir
werden unten sehen, inwieweit das richtig ist. Unsere
Frage ist also nun die: wie ist der neue Staat
möglich?
Die Antwort wird in der Politeia (473 D) ge
geben: „edv f11] rj ol cpiloaocpoi ßaaileiaioaiv ev

fj ol ßaailelg re vvv leyöfievoi xai


ijaioai yvT/aiiag te Kai IKaviog %ai TOVTO eig

SvftTtear], dvvccfiig TtoUrm] nai cpiloaocpia, . . . OVK


te
earai -/iainä>v Ttavla.'1 Nur dann werden die Einrich
tungen betreffend die Phylaken und Archonten des
idealen Staats ausgeführt werden können, wenn in
den vorhandenen Staaten die Philosophen die Macht
in ihren Händen konzentrieren, oder wenn die Re
genten richtig- und genug philosophieren. Diese
Philosophen muß man sich also nicht denken als die
eigentlichen und permanenten Regenten des neuen
Staats. Die Regenten des neuen Staats sind im
Buch III angegeben und, sie sind die Archonten, die
aus dem Stand der Phylaken gewählt werden. Die
Philosophen sollen dafür Sorge tragen, daß jener Plan
des idealen Staats ausgeführt wird. Die Philosophen,
welche die ganze Macht bekommen sollen, werden
nicht erst erzogen und ausgebildet, sie sind schon
in der Stadt vorhanden und sie sollen als Re
formatoren und Reorganisatoren gebraucht
werden.
Aber sind die vorhandenen Philosophen dazu

fähig? Diese Frage wird gelöst durch die Be


stimmung der ertiaTijfi-rj und der dö^a (475B f.).
Der Philosoph strebt nach der ganzen Weisheit,
d. h. Wahrheit. Das Schöne und das Häßliche,
das Gerechte und das Ungerechte, das Gute und
das B Öse usw. sind eigentlich an sich je nur eins; in
der sinnlichen Welt kommen sie aber als Vielheit vor.
Die Kenntnis der vielen ist bloß <Jo'|a, die Kenntnis
des einen ist eTtiarrjfirj. Diejenigen, welche sich
mit der do'ga begnügen, sind die (pilödoj-oi, die
jenigen, welche sich mit dem ov und dem aya-9-öv
beschäftigen, sind die cpilöaocpoi. Welchen von
diesen beiden dürfen wir die absolute Macht über
tragen zur Reformation des Staats? Das ist unsere
Frage. Die Antwort ist folgende: „OJTÖTEQOI Scv dvvarol
cpalvwvTcci cpvKd^ai vöf,tovg re KOI eftiTrjdevfiaTa

TOVTOVS Ka&iaTÜvai «jpiUaxag" (484). Solche können


allerdings nur die Philosophen sein, welche das höchste
Gut kennen gelernt haben, alles richtig und zweck
mäßig leiten und den Staat zur Erreichung seines
höchsten Zweckes bringen können.
Aber indem wir die Philosophen zu Regenten
machen, haben wir die Absicht, nicht die vorhandenen
Zustände des Staats beizubehalten, sondern sie gerade
zu verändern und zu verbessern. Was aber Platon
unter „dvvccTol cpvld^ai vöfiovg TS Kai eTtirr]devpaTa
Ttolewv" meint, wird in 484 C erklärt „Kai ftr]dev evaQyet;
ev TJJ ifJv%fj e%ovreg TtaQddeiyfta, fir]de dvvdftevoi
g 10 &lrj&eaTaTov &7Coßt^JiovTe^ xaxetae &el

eg TE xat -9-ewfievoi wg olöv

di]
TE &xQißdaTaTa, OVTCÜ

-/.al ev-9-üde vöfiifia xaAw»' TC TteQi xai diKaiwv xai aya-9-iov

ri&ea&ai re. eav dfr] ri&ea-9-ai Kai ra Keifieva (fvlccTTovreg

ad>^eiv". Erstens: die Reformation der politischen


Zustände selbst ist eine Kopie des im Geiste des
Philosophen vorhandenen Modells vom Staate, also
ein Ausbau eines schon vorhandenen. Zweitens: sie
sind gezwungen beizubehalten, was im Staat richtig
ist und keiner Veränderung bedarf. Endlich kann
man hinzufügen, daß der Politiker nicht überschreiten
und nicht überschreiten lassen darf, was er als richtig
und wahr zum Gesetz erhoben hat. Also das Ideal
eines Regenten ist „tpvld^ai vöfiovg Kai eTtiTr]devftara
Ttölewv". In 484 D werden drei Vorzüge genannt,
welche die Philosophen zu befähigten Reformatoren
machen; diese sind das Wissen, die Erfahrung und
die Tugend1).
Diese Philosophen müssen die Stadt von den

schlechten Elementen reinigen oder sie schon rein


übernehmen (501 A). Das ist die erste und not
wendige Bedingung. Dann, wenn sie in die ideale
Welt des ov hineinblicken, deren Kenntnis sie haben,
werden sie sich bemühen, die notwendigen und mög
lichen Reformen in der Stadt einzuführen und die

menschlichen Sitten, soviel wie es möglich ist, gott


gefällig zu machen (501 C). Als Vorbild wird also

nicht Platons idealer Staat dienen, sondern direkt die


Welt der Ideen. Weil aber der Staat Platons ein
Abbild jener Welt ist, sind sich alle diese Staaten
miteinander gleich. Deshalb wird in 501 E gesagt
„OVTE TtöKei ovre TtoKiTUic, /caxwv naviM eorai, ovde f]

Ttohreia, rtv ftv9-0).oyovftev löyip, eQyq) r«Aog -^i/jerai" ohne

die Regierung der Philosophen. Durch das erklärt


sich auch die Stelle 497 C „OTI deijaoi TI &el evelvai
-
tv Tft TtoKe1 löyov e%ov TOV avrbv Tfjg Ttohreiag, ovTtEQ

xat av 6 vofio9-errig ey^ov vöfiov$ Irt^eig". Wie Platon


auf die Welt der Ideen hinblickend seinen Staat ge
formt hat, so müssen es die Philosophen auch machen,
wenn sie ihre Reformen einführen.

J) Diesen fügt Noble (Staatsl. Pl. S. 114) die inteiessenlosigkeit

hinzu. Aber diese ist keine positive Fähigkeit für die Regierung,

sondern vielmehr ein Merkmal der Fähigkeit. Auf Seite 120 nennt

Noble die Interesselosigkeit eine Vorkehrung gegen die schlechte Ver


wendung der absoluten Macht. Aber das ist schon die Tugend.
73

Es ist nötig, daß die Philosophen an die Regierung


kommen; aber dasselbe Ergebnis haben wir, wenn
die jetzt Regierenden richtig und genügend zu philo
sophieren anfangen. Das ist schon in 473 D gesagt
worden, in 502 A aber wird es genauer bestimmt.
Es ist möglich, daß die Sprößlinge der Könige und
Dynasten die natürlichen Anlagen zum Philosophieren
haben. Sie laufen allerdings die Gefahr, sich zu ver
derben, doch ist es ganz unwahrscheinlich, daß alle
ohne Ausnahme verloren gehen. Wenn ein einziger
gerettet wird, ist es genug. Wenn dieser eine gehör-,
same Stadt hat, ist er in der Lage, die Gesetze und
die Einrichtungen des idealen Staats zu verwirklichen,
deren Durchführung jetzt als unerreichbar erscheint

(502 B). Die Worte des Textes sind: „eig mavog

yevöfievog, Ttö).iv e%ü)v Ttei&on&r]v, Ttdvra eTtireleaai ra


vvv ccTtiaTovf^evcc . . . TI&&TOS rovg VÖJ.IOVQ xat ta eTtirr]-
devftara & dielr]lv^afiev.u Zu diesen bemerkt Noble1):
einen einzelnen gebraucht er (Platon) zur Begründung
des Staats. Platon aber will nicht betonen, daß nur
einer den neuen Staat einrichten muß, sondern wenn
viele fehlen, daß einer auch dazu genügt, wenn er
eine gehorsame Stadt hat. Auf alle Fälle ist der
Philosoph der Retter der Staaten. Dieser wird die
vorhandenen Zustände reformieren und jene Be
dingungen schaffen, durch welche der Staat seinen
Zweck erreichen kann. Kommt ein solcher Refor
mator und Organisator im Politikos vor?

J) Staatsl. Pl. S. II 8.
— 74

Im voraus sagen wir, daß dies gerade die Person


des Staatsmannes im Politikos ist. Der Staatsmann
ist nicht der Regent des neuen Staats; seine Regenten
sind in 311 A angegeben. Es wird sogar gesagt,
daß der Staatsmann nicht Regent zu sein braucht
(259 A f.); selbst wenn er Privatmann ist, kann er
immer noch Staatsmann sein. Daraus schließt Nohle1),
daß der Staatsmann nur als ein Privatmann verstanden
sein muß. Das ist aber nicht richtig. Der Staats
mann kann auch regieren, es ist sogar manchmal
absolut notwendig, daß er die ganze Macht in seinen
Händen hat, wenn es nötig ist, daß er selbst seine
Ideen verwirklicht2). Deshalb müssen wir ihm den
Namen Ref or m atorundRe Organisator stattStaats-
pädagoge geben8). Der Staatsmann nimmt im Politikos
dieselbe Stelle ein, welche die Philosophen in der
Politeia inne haben.
Wie in der Politeia das wesentliche Merkmal
des Philosophen die eTTiaTijfirj ist, so ist im Politikos
auch eine eTtiaTijfirj. Der Philosoph muß die eTti-
rov ovrog beherrschen, der Staatsmann aber die
bTtiaTrjfirjj d. h. die Wissenschaft des

Herrschens und Regierens. Sind diese zwei Wissen


schaften nun dieselben oder verschieden? Auf den
ersten Blick scheinen sie verschieden zu sein; wenn

») Staats. Pl. S. 87 f., vgl. S. 89.

2) 301 C, wo der Staatsmann fiöva^^os genannt wird. Vgl.

293 C.

3) Den Namen Staatspädagoge schlägt Nohle vor (a. a. O. S. 82).


.
- -
75

man aber verschiedene Stellen anderer Dialoge mit


dem Politikos vergleicht, ist man geneigt anzunehmen,
daß beide Wissenschaften dieselben sind. Die TtoKiTiM]
£TtiaTijfir] des Staatsmannes setzt die Kenntnis des
Schönen, des Gerechten und des Guten voraus
(309 C). Sie ist also dieselbe Wissenschaft des Sv,
des aya-9-öv1). In der Politeia wird der Unterschied
zwischen dem ov und seinen vielen Exemplaren ber
stimmt und danach der Unterschied zwischen der
ETtiaTr]firj und der dö^a, d. h. das Wesen der Wissen
schaft selbst ins Licht gestellt, während im Politikos
eTtiatrjfirj als Ttoifj.avri-x.rj av-9-QWJtwv
die Tro/.tTX?)
bestimmt wird, von ihr werden dann die mit ihr ver
wandten und ähnlichen Künste und Wissenschaften
unterschieden. Wenn wir die Identität beider Wissen
schaften annehmen, dann bemerken wir, daß im
Politikos die Philosophie mehr in ihrer praktischen
Anwendung gemeint ist. Die Tro/trtx?) £7tiaTij/j.r] ist
die titv&QWTtovoui-xi] tiy^vi] (266 E), die av&QÜTtwv
xoivoTQOtyixij tTtKJTijfirj (297 D).
Der Regent ist ein Hirt, wie z. B. der Rinderhirt.
Vom Anfang an aber sieht man gleich einen wesent-

J) Noble, Staatsl. Pl. S. 76. In S. 86 wird von ihm gesagt,

„so unterscheidet sich demnach der Staatsmann vom Philosophen da

durch, daß jener das Wissen im staatlichen Leben anwendet, dieser es

allein in Frage und Antwort ausspricht." Das ist der Unterschied

zwischen einem einfachen Philosophen und einem Staatsmann. Der


Staatsmann aber ist den Philosophen in der Politeia gleich, welche

auch ihre Kenntnisse für den Staat gebrauchen sollen.


- 76
- .

liehen Unterschied. Der Hirt allein hat Anspruch


auf die Pflege seiner Tiere, und er allein kann alle
ihre Bedürfnisse befriedigen, beim Regieren aber
haben viele andere Ansprüche auf die Ehre und den
Namen eines Ernährers des Menschen. So z. B. die
Kaufleute, dieLand- und Speisewirte, die Turn
lehrer, die Ärzte und viele andere (267 E). Man
muß also das Charakteristische des Regenten und der
Ttot*iTixi] kmarrmrj festsetzen, auch was sie unter
scheidet von den anderen, welche Ansprüche darauf
haben, die Ernährung der Menschen zu leisten.
In der Weberkunst B kann man be

f.)
(279
sondere Künste unterscheiden, welche den Gegen
stand selbst schaffen, die man alirioi nennen kann,
und solche, welche die dazu notwendigen Werkzeuge
vorbereiten, die awairiot. Gerade so kann man
von der Ttoliriv.rj eTtiaTijfirj als awalrioi re^vai
alle unterscheiden und lostrennen, welche sich mit
dem Rohstoff, Werkzeugen, Gefäßen, Fuhr
werken, Umschlägen, Spielzeugen, Nahrungs
mitteln beschäftigen (287 Die Sklaven aber
C

f.).
und die anderen Diener als a'irioi haben Ansprüche
auf die Politik (289 C). Die Sklaven, welche käuflich
sind, werden von der Politik selbstverständlich aus
geschlossen. K. Ritter bemerkt hierzu: „diese (die
Sklaven) wären mit ihren Ansprüchen auf Besitz der
TjroAtTtxrj nicht so leicht abzuweisen, wie das im

folgenden den Sklaven widerfährt1)." Platon aber

Pl. Politikos, Beiträge z. seiner Erklärung. Ellwangen 896. 20.


S
1
J)
— 77

faßt nicht das ins Auge, was die Sklaven verlangten,


sondern ihren Stand an sich, wie er herkömmlich
war, nämlich ohne Besitzlosigkeit und Ausschluß von
der Politik. Jene Bestrebungen der Sklaven, welche
Ritter erwähnt, gehen gerade darauf aus, die Satzung
der Sklaverei abzuschaffen, und so waren nach der
Meinung der Sklaven selbst die Sklaven als solche
von dem Besitz und der Politik ausgeschlossen. Wenn
auch die Freien und die Besitzer, wie wir gleich
sehen werden, von dem Begriff des Staatsmannes
ausgeschlossen werden, welchen Anspruch könnten
die Sklaven auf ihn haben, wenn sie auch Besitz und
Freiheit hätten ?
Auch die Freien, welche sich aus freiem Willen
dem Dienst und dem Wollen der Bürger widmen,
nämlich alle die Leute des Berufes, dürfen nicht zu

den Archonten zählen (290 A, B). Sie sind auch


Diener und unterscheiden sich von den Sklaven nur
dadurch, daß sie aus freiem Willen dienen, während
der Archont nicht dient, sondern regiert. Die Kunst
des Regierens ist die TtoliTixrj ETCiarrnnq, d. h. die

jenige Wissenschaft, welche das Wesen des Staats


mannes ausmacht. Es bleibt übrig von der TtoAcrtx?;
die atQaTrjywf], dixaaTi-/.^ und die QrjTOQeia zu
unterscheiden, welche Platon hier ehrenvoll nennt und
als mit derPolitik verwandt bezeichnet (303 E, 303 A).
Jeder von diesen dreien hat ein eigenes Gebiet (305 E);
die QrjroQela um die Masse zu überreden, die aTQa-
xrj durch den Krieg die Feinde zurückzuschlagen,
die dixaaTixr] um Gesetze anzuwenden. Die Politik
aber weiß außer der Überredung, je nach Umständen,
-
auch die Gewalt zu gebrauchen, sie weiß, um die
Feinde zurückzuweisen, sich nicht nur des Krieges,
sondern auch der Freundschaft zu bedienen. Sie
wendet nicht bloß die Gesetze an, sondern sie macht
die Gesetze selbst. Weder die aTQcctr]yia, noch die
QrjTOQela, noch die dixaaTixr] ist Politik. Die Politik
ist höher als alle diese, und ihr gegenüber haben die
anderen eine dienende Stelle (305 B).
Diese TtoKitixi] £TtiaTijfir] muß der Staatsmann
beherrschen, er muß es verstehen, zu herrschen und
zu regieren. Es ist dies so wichtig für den Begriff
des Staatsmannes, daß er, wenn er diese Wissenschaft
kennt, ein Staatsmann ist, selbst wenn er dabei ein
Privatmann sein sollte (259 A). Wie aber wird er
sich der Stadt nützlich machen, und wie wird er die
Reformation und Reorganisation des Staats durch
führen? Er kann auch ein Privatmann bleiben; als

Ratgeber des Königs kann er alle seine Kenntnisse


für das Wohl des Landes gebrauchen. Er kann sich
aber aus seiner Ruhe und Muße reißen und sich als

Regent an die Spitze des Staats stellen. Wenn es


aber in der Stadt nicht nur einen, sondern viele gibt,
welche werden dann die Herrschaft bekommen und
unter welcher Verfassung wird folglich die Reformation
des Staats vor sich gehen? Diese Frage wird 300 D f.

beantwortet. Wir glauben, daß dies der Sinn des

Ganzen ist. Es gibt drei Verfassungen: Demokratie,


— *7f\
79

Oligarchie (Aristokratie) und Monarchie, es kommt

darauf an, ob das Volk, die Reichen einer oder


regiert. Es fragt sich, welche von diesen drei Ver
fassungen im neuen Staat gebraucht wird, denn die
Einführung einer neuen Verfassung wird nicht an

gestrebt. Das Volk und die Reichen als ein Ganzes,


als politische Parteien, können keine TroAtTtx^
eTtiaTijfirj besitzen (300 E). Ebenso wird in der
Politeia das Volk als unfähig für die Philosophie er
klärt (494 A). Wenn diese zwei Parteien ausge
schlossen werden, bleibt nur die Monarchie übrig.
Es ist möglich, daß es in der Stadt nicht nur einen,
sondern noch andere gibt, welche die TtoliTixi]
eTtiaTijfirj besitzen. Das wird wörtlich in 293 A
gesagt: „eTtofievov de olfiai tovttp TTJV (iev d

TteQl eva tiva xat dvo KOI Ttavr&Ttaaiv oliyog delv Zr

Dort namentlich, wo die Verfassung noch nicht be


stimmt wird, wird es für möglich gehalten, daß alle
diese an die Herrschaft kommen können; hier aber
wird die Sache genauer bestimmt. Alle diese, welche

die ftoKiTi-xrl eTtiaTijfir] besitzen, sind einfach Indi


viduen, Privatleute, insofern sie mit keiner der vor
handenen Parteien zusammenfallen. Daß alle zu

sammen zur Herrschaft berufen würden, ist unmöglich,


weil es keine Form der Verfassung erlaubt. Von
einer neuen Verfassung ist gar keine Rede. Nur
einer also von diesen wird, ohne Zweifel der Beste,

Dasselbe wurde für die Philosophen in Politeia gesagt (419 B).


—. 8o —

zum fiovaQ%og gemacht und so die Monarchie be


stimmt werden. Dies ist der Grund, weswegen von

301 D f. an die Frage des wahren Staatsmannes


ganz persönlich wird und nur von einem sachver
ständigen Regenten gesprochen wird, während früher,
wie wir gesehen haben, es nicht ausgeschlossen wird,
daß auch andere wahre Staatsmänner in einem Staat
existieren können. In der Politeia (502 B) kommt,
wie schon gesagt, auch eine Stelle vor, welche
wenigstens scheinbar von einem Philosophen spricht,
der den neuen Staat begründen soll. Wenn einmal
bestimmt ist, daß der Staatsmann ein einzelner sein
soll, wird die Eigenartigkeit dieser Person soviel be
tont, daß er als ein außergewöhnliches Phänomen,
als übermenschlicher Mensch1) betrachtet wird, als
von Geburt aus von den anderen Menschen unter
schieden, nicht nur nach der Seele, sondern auch
nach dem Körper, als eine Königin unter den Bienen

(301 B, E). Solche körperlichen Vorzüge werden, wie


wir gesehen haben, auch in der Politeia dem Philo
sophen zugestanden, aber in einem anderen Zusammen
hang und in einem anderen Sinne (494 B, C.).
Wie wird der Staatsmann sein Werk, d. h. die
Gründung des neuen Staats, zu Ende bringen? Wie
die Philosophen in der Politeia (501 A), so muß auch
hier im Politikos (308 C, D) der Staatsmann seine

*) Es ist bemerkenswert, daß die Person des Staatsmannes, während

sie hier so betont ist, in der ganzen früheren Erörterung viel mensch
licher erscheint. Vgl. 275 C.
Stadt von den schlechten Elementen reinigen. In der
Politeia bleibt diese Reinigung unbestimmt und nur
in 540 E wird gesagt, daß man in der Stadt nur die
jenigen wird wohnen lassen, welche jünger als zehn

Jahre sind. Die Älteren wird man auf das Land


schicken, damit die Kinder nicht in den Sitten der
Eltern auferzogen würden, sondern nach der rechten
Weise und den Gesetzen gemäß. Dieses Verfahren
zeigt, daß es nach der Meinung der Politeia in der
Stadt gar keine guten Elemente gibt oder, daß es
unmöglich ist, diese von den schlechten zu unter
scheiden. Der Politikos hat eine andere Auffassung;
er besteht nicht nur auf dem Unterscheiden guter
und schlechter Elemente, sondern er bestimmt genau
diejenigen, die er für die schlechten Elemente hält.
Alle diejenigen, welche von Natur aus Anlagen eines
tapferen und besonnenen Charakters entbehren,
werden, wie wir oben gesehen haben, vom Staate
ausgeschlossen (308 E).
Nach der Reinigung der Stadt soll der Staats
mann, wie die Philosophen in Politeia, nach der har
monischen Bildung tapferer und besonnener
Charaktere streben, d. h. die Verwirklichung des

neuen Staats, indem Erziehung und


er dabei die
die geeigneten eheligen Verbindungen benutzt.
Der Staatsmann darf zur Erreichung seines Zweckes
jedes Mittel gebrauchen, was seine Wissenschaft ihm
empfiehlt. Mord und Verbannung, Ansiedlung der
Bürger in fremden Ländern, Einlassen von Fremden
S l o J) h a n i d e s. 6
— 82 —

in die Stadt und ähnliche Mittel sind ihm erlaubt.


Der Staatsmann steht sogar über den Gesetzen, und
er kann sie nach Belieben aufrecht erhalten oder über
treten (293 A f.). Die Gesetze können nicht alle Um
stände einschließen, noch alle Verschiedenheiten der
Personen und der Zustände, in denen dieselben Ver
hältnisse vorkommen (294 A, B). Das Gesetz ist einem
frechen und ungebildeten Menschen ähnlich, welcher
rücksichtslos seinen Willen durchzuführen sucht, unbe
kümmert darum, ob er recht hat (294 C). Ohne
Zweifel aber kann eine Person nicht immer von Fall
zu Fall entscheiden und deshalb sind allgemeine An
weisungen, seien sie niedergeschrieben oder nicht, gut
und nützlich. Darin allein besteht die Notwendigkeit
der Gesetze. Der Staatsmann aber darf sie verändern
und sie durch neue ersetzen. In jeder Wissenschaft
und wahren Kunst ist das Unveränderliche des einmal

Gegebenen lächerlich. Dies gilt auch für die politische


Wissenschaft (295 E). Es gibt allerdings ein allge
meines Gesetz der Tugend, aber hier handelt es sich
um Einzelheiten, und wenn diese bestimmt werden
sollen, müßte für jede Person ein Recht ge
schrieben werden. Angenommen, daß dieses mög
lich wäre, so würde die Menge der Gesetze mehr ein
Hindernis für die gute Regierung des Staats dar
stellen (295 B).
Wir haben die Person des Staatsmannes bloß als
den Reformator, als den Begründer, nicht aber als
den ständigen Regenten des neuen Staates ins Auge
- 83
-
gefaßt. Stimmt diese Ansicht mit der Platons? Wenn
wir auf die Stelle 291 A f. zurückkommen, wo die
historischen Staaten, wie sie nicht sein sollen, geprüft
werden, werden wir sehen, daß der wahre Staat
diesen entgegengesetzt wird und dieser hat gerade
den wahren Staatsmann an seiner Spitze (293 C):
„&vayKalov xat Ttohtuwv,
di]
iog eor/ie, Tavrr]v diacpe-
d()&i]v eivai xctt ftövr]v Ttohreiav, iv rig &v

fi
Tovg aQ%ovrag &).rj&ä>g eTtiarijfiovag Kal ov do-

elvai1).u Also nicht als Reformator, sondern


als ständiger Regent erscheint der Staatsmann, indem
er gerade das Wesen des neuen Staats bildet. Nach
dieser Meinung sollen wir ohne Staatsmann keinen
idealen Staat haben. Auf all dies wenden wir dies
ein: im Politikos selbst (311 A) sind als die stetigen
Regenten des neuen Staats nicht der Staatsmann,
sondern andere bestimmt, welche als tapfere und
besonnene Regenten gelten. Der Staatsmann wird
dafür sorgen, daß diese im Staat erzeugt und ge
bildet werden. Dies ist allerdings ein scheinbarer
Widerspruch. Derselbe aber kommt auch in der
Politeia vor. Dort werden die aus den Phylaken ge
wählten Archonten als ständige Regenten bestimmt;
die Philosophen sind die Reformatoren, die den neuen
Staat gründen und die Archonten ausbilden sollen.

Wenn hier die Rede von vielen Staatsmännern ist, kommt es


J)

davon, daß die betreffende Stelle vor der Bestimmung der Einzelheit

und Eigenart der Person des Staatsmannes im Politikos vorkommt.

b*
— 84

Andererseits aber nimmt die Politeia als idealen Staat


einen solchen an, an dessen Spitze die Philosophen
stehen. Diesen Widerspruch aber hebt die Politeia selbst
auf, indem sie dafür sorgt, daß gerade diese Archonten
zu Philosophen entwickelt und gebildet werden, da
mit die ständigen Regenten des neuen Staats immer
Philosophen seien. Kommt etwas Ähnliches im Politikos
vor? Werden die in 311 A erwähnten ständigen
Regenten zu wahren Staatsmännern erzogen?
Die Antwort hängt von dem Sinne der Stelle

309 C ab; „TTJV TWV Kcclüv xal dixcciwv TteQi xal aya&üv
xat TWV Tovroig IvavTiwv ovroig ovaav aAj^ij dö^av ftera

ßeßaidiaewg", welche von der Erziehung spricht, die


der Staatsmann den neuen Regenten gibt. Welches
ist diese alr]&i]g dd§a ftera ße.ßaid>aewg\ Nach
Meno 97 C, Theatet 201 C f . ist es die eTtiaTijfirj
selbst. In diesem Falle werden die neuen Regenten
zu wahren Staatsmännern, zu Philosophen ausgebildet.
Nohle1) leugnet die Identifikation der &lrj&i]g <5o'§a

flera ßeßaiwaeaig und der ETtiaTijfirj und behauptet,


die Regenten werden durch eTtiaTijfirj nur so
die

viele Kenntnisse erwerben, als sie für die praktische

Regierung des Staats nötig haben. Die Stelle ist


allerdings zweideutig. Man kann sie nach beiden
Seiten auslegen. Wh- dürfen vielleicht sagen, daß sie
so sein muß und daß dies seinen Grund hat. Wir
haben oben gesehen, daß die

Staatsl. H. S. 83.
- 85

die Philosophie, der Staatsmann der Philosoph


ist. Der Beweis dafür war dort die Stelle 309 C, die
selbe Stelle, von der wir jetzt sprechen. Hier aber
handelt es sich eigentlich um die Erziehung der
Regenten und es scheint, daß nach dem Sinne Platons
die ständigen Regenten des neuen Staats nicht zu

Staatsmännern erzogen werden sollen. Der Staats


mann besitzt die Tt olii ixi] eTtiatijfir], d. h. die
Philosophie, die Wissenschaft des Schönen, Ge
rechten und Guten. Er erzieht die neuen Regenten
des neuen Staats und er bringt ihnen auch Kennt
nisse bei über das Schöne, Gerechte und Gute,
er gibt ihnen aber die TtoliTixi] eTtiaTijftrj nicht.
Diese Ähnlichkeit einerseits und die Verschiedenheit
andererseits zwischen dem, was der Staatsmann besitzt
und dem, was er den andern gibt, drückt Platon durch
die unbewußt zweideutigen Worte &lr]&i]g dö^a fieret
ßeßaiwaewg aus.
Die Person des Staatsmannes wird im Politikos
so viel betont, so viele besondere Vorzüge werden ihm
zugeschrieben und er wird als ein so seltenes Phänomen
dargestellt, daß wir solche weder immer in der Welt
vorfinden, noch sie durch künstliche Mittel erzeugen
und ausbilden können. Der Staatsmann erschafft sich
selbst, er wird von Gott in die Welt gesandt, zur
Rettung der Menschen. Wir müssen ihn nur suchen
und ihn zur Einrichtung des idealen Staats veranlassen.
Der Staat, der von ihm gestiftet worden ist, wird der
ideale Staat bleiben, selbst wenn der wahre Staats
— 86 —

mann nicht mehr regiert, sondern die von ihm aus


gebildeten tapferen und besonnenen Regenten.
Diese, denen bloß die dA?^?;g dö^a fiera ßeßai(!>aeiog
gelehrt worden ist, werden die Überlieferungen und
die richtige Art und Weise des Regierens fortsetzen,
und solange das geschieht, wird der Geist des wahren
Staatsmannes im Staat fortleben. Dieser Staat wird
immer noch der ideale Staat bleiben1). Dies gerade
bildet einen Unterschied zwischen Politikos und der
Politeia, da in der letzteren die Nachfolger der Philo
sophen, die den neuen Staat begründen, zu wahren

Philosophen erzogen werden. Der Grund dieses


Unterschiedes liegt darin, daß der Politikos die Person
des Staatsmannes so eigenartig und seltsam dargestellt
hat, daß von einer Anteilnahme der anderen an der

TtohriKi] eTtiaTr]ftrj, welche geradezu seine Individualität


bildet, keine Rede mehr sein kann.

In den Nomoi kommt der Gesetzgeber oder


die Gesetzgeber als Reformator und Reorganisator
des neuen Staats vor. Sie nehmen dieselbe Stellung
ein, welche die Philosophen in der Politeia und der
Staatsmann im Politikos haben. Die Gesetzgeber
müssen die allertüchtigsten Männer sein (708 D).
Genauer wird die Person des Gesetzgebers nicht be
stimmt; als wie wichtig sie auch dargestellt sein mag,
so hat sie doch nicht die Bedeutung der Philosophen

J) Also im Politikos wird das in der Politeia vorhandene Ideal


nicht, wie in den Nomoi, preisgegeben.
und des Staatsmannes. Die Person des Reformators
interessiert nicht mehr. Die Sachen sind hier mensch
licher und bescheidener dargestellt; der Reformator
äst nicht mehr die Panazee für jedes politische Übel,
wie dies für die Person der Philosophen und des
.Staatmannes vorausgesetzt wird. Er wird viele
Schwierigkeiten in seiner Arbeit finden; Krieg,
Armut, Krankheiten, Seuchen, überhaupt
schlechte Verhältnisse kann man nicht voraus
sehen, und das Werk des Gesetzgebers läuft in jedem
Augenblick Gefahr, zu scheitern. Die Zuversicht auf
die Macht der Gesetzgebung und der politischen Ein
richtungen ist für Platon verloren gegangen. Gott
und mit ihm das Schicksal und die zeitlichen Ver-
kältnisse regieren alle menschlichen Dinge (709 B).
Indessen hängt viel von einer guten Gesetzgebung
ab. Das Werk des Gesetzgebers ist leichter in der
Stadt, wo ein geeigneter Tyrann regiert (709 D, E,
710 A, B). Wenn es dem Gesetzgeber gelungen ist,
ihn zu seinem Werkzeug zu machen, wird tatsächlich
«r regieren, und ein wichtiger Teil seines Werkes
ist so vollendet. In einer Oligarchie oder einer De
mokratie ist die Sache schwerer.
Der Gesetzgeber wird bloß den alten Staat re
formieren und aus ihm den neuen organisieren, er
selbst aber wird nie Regent werden. Er wird bloß
•der Ratgeber der vorhandenen Regenten sein. In
der Politeia übernehmen die Philosophen die ganze
Regierung in ihre Hände, und im Politikos kommt
der Staatsmann auch als Monarch vor, obwohl die Mög
lichkeit ins Auge gefaßt wird, daß er als Ratgeber
der Regierenden erscheint. In dieser Beziehung liegt
der Politikos zwischen der Politeia und den Nomoi
und bildet die Brücke zwischen beiden.
Wie es das erste Werk der Philosophen und des
Staatsmannes ist, so ist die Reinigung der Stadt von
den schlechten Elementen auch das erste Werk des

Gesetzgebers. Die Mittel dafür sind die Verurteilung


zum Tode und die Verbannung. C f.). Diese
(735
Art der Reinigung ist der, die der Politikos vorsieht,
ähnlicher als der, die die Politeia vorsieht.
Nach welcher Verfassung wird denn der neue
Staat verwirklicht? In der Politeia und in den Nomoi
wird darauf keine Antwort gegeben. Wie die Philo
sophen als Reformatoren wirken sollen, bleibt unbe
stimmt. Die Gesetzgeber, welche auch als Refor
matoren erscheinen, beschränken sich aller Wahrschein
lichkeit nach auf ihr gesetzgeberisches Werk. Dagegen
wird die Verfassung, unter welcher der Reformator
wirken soll, im Politikos bestimmt. Er ist, wie wir
schon gesehen haben, der Monarch, der als Refor
mator erscheint, der den neuen Regenten zu erziehen
und zu bilden hat, und den neuen Staat verwirklichen
soll. Was für eine Verfassung der neue Staat nach
seiner Gründung hat, haben wir schon gesehen. Platon
läßt die Wahl zwischen Monarchie und Aristokratie.
Der Absolutismus aber, den der Reformator im Politikos
darzustellen scheint, ist nicht, wie man geglaubt hat,
— 89
-
ein gewöhnlicher Absolutismus, er ist mehr als ein-
Absolutismus; eine göttliche Person regiert, und wir
können vielleicht sagen, wir haben hier schon eine
Art von Theokratie, wie sie klar und deutlich nachher
in den Nomoi entfaltet und vollendet ist.
VII.

Zusammenfassung .

Nach dem bisher Gesagten würde man den Schluß


^ziehen, daß wir io der Politeia, dem Politikos und
•den Nomoi die Entwürfe dreier Staaten haben, welche
in manchen Punkten miteinander übereinstimmen, in
.anderen voneinander abweichen und wieder in anderen
in Widerspruch zueinander stehen. Platon hat an
geblich drei Staaten entworfen mit drei verschiedenen
^Namen. Diese Annahme ist nicht richtig-; sie gilt
.nur für die zwei Schriften, für die Politeia und für
die Nomoi, die zwei politische Programme sind. Der
;Politikos ist :fcein embryonaler Entwurf der Politeia,
wie Myska annimmt1), sondern er hat den zwei anderen
gegenüber eine ganz andere Stellung. Es ist wahr,
•daß wir in ihm alle wichtigsten politischen Ideen der
Politeia und der Nomoi vorgefunden haben, wir haben
•sie aber gefunden, weil wir sie gesucht haben und
-sie bilden den geringsten Teil der ganzen Schrift.
Sie
• beschränken sich auf zufällige Anspielungen und
allgemeine
• Andeutungen. Der wesentliche Teil des

l) A. a. O. am Ende.
Politikos, der größere, wie der Name selbst andeutet,
hat einen andern Zweck, die Bestimmung des Begriffes

des Staatsmannes.
Der Staatsmann, der im Politikos gemeint, ist die
Person, welche die historischen Staaten reformieren
und reorganisieren soll, ein Werk, das in der Politeia
die Philosophen, d. h. die Philosophie übernimmt.
Es ist bemerkenswert, daß fast das ganze Material
vom Politikos demjenigen in 473 D bis 503 C der
. Politeia entspricht, wo gerade Platon über die Philo
sophen spricht, und es ist erstaunlich, wie dieser Teil
der Politeia auch in Einzelheiten mit dem Politikos
übereinstimmt. Den Philosophen der Politeia schafft
die eTtiaTr^irj TOV OVTO$, den Staatsmann im Politikos
die TtoliTixi) eTtiaTijfirj beide Wissenschaften aber
sind dieselben. Das Volk in der Politeia und im
Politikos bleibt von dieser Wissenschaft ausgeschlossen
(Polit. 494 A, Politik. 300 E), nur wenige besitzen
diese Wissenschaft (Polit. 491 B, Politik. 293 A).
Denjenigen, welche sie besitzen, den Philosophen
wie den Staatsmännern, namentlich aber dem „be
stimmten" Staatsmann, werden auch körperliche Vor
züge zugeschrieben (Polit. 494 B, C, Politik. 301 D, E).
Der Philosoph wie der Staatsmann wird als Refor
mator zuerst die Stadt von den schlechten Ele
menten befreien, (Polit. 501 B, Politik. 308 C, D)
und beide werden Sorge tragen, tapfere und be
sonnene Charaktere heranzubilden. In der Politeia
sind die aus den Phylaken gewählten Archonten
die regelmäßigen Regenten des neuen Staats, die
Philosophen sind nur Reformatoren, es wird aber
verlang!, daß an der Spitze des Staats immer Philo
sophen stehen; nur dann haben wir den idealen Staat.
Deshalb werden die aus den Phylaken gewählten
Archonten zu Philosophen erzogen. Dasselbe ist im
Politikos der Fall. Regelmäßige Regenten, wie wir
gesehen haben, sind dort die in 311 A erwähnten
Tapferen und Besonnenen, der Staatsmann ist der
Reformator, es wird aber gesagt, daß der neue Staat .

ein solcher ist, der den Staatsmann an der Spitze hat.

Darin haben wir schon einen großen Unterschied


zwischen beiden Schriften. Im Politikos wird wegen-
der Eigenartigkeit des Staatsmannes nicht danach
getrachtet, die gewöhnlichen Regenten zu Staats- •

männern zu erziehen.
Abgesehen von dem oben erwähnten Unterschiede
in bezug auf die Auffassung von den ständigen Re
genten des neuen Staats walten in den drei Schriften
auch andere Gegensätze. In der Politeia wie den-

Nomoi ist eine Grundfrage sowohl die Ausschließung


des Reichtums als auch der Armut aus dem Staat r

im Politikos ist es selbst in Hinsicht der Archonten


ganz gleichgültig, ob sie reich oder arm sind (293 A)..
In der Politeia wie in den Nomoi steht das Ansehen
und die Gewalt der Gesetze sehr hoch, und überhaupt
gilt als Ideal des Staats die Unveränderlichkeit auf
jedem Gebiet, während im Politikos die heftigste
Polemik gegen die Gesetze geführt wird und als
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idealer Staat nur derjenige angesehen wird, in dem


-sich je nach den Umständen eine fortwährende Um
gestaltung und Veränderung vollzieht.
Zwei dieser Gegensätze, die wichtigsten, sind
schon oben erklärt. Die Eigenartigkeit und die Einzig
keit des Staatsmannes, wie sie im Politikos dargestellt
ist, schließt die Erziehung von ständigen Regenten
zu Staatsmännern .Die absolute Gewalt, mit der
aus.
•der von Gott gesandte Retter der Menschen bekleidet
ist, erhebt ihn über die Gesetze selbst, welche im
Vergleich zu ihm als menschliche Satzungen und
konventionell charakterisiert werden, während in der
Politeia und namentlich in den Nomoi der göttliche
Ursprung der Gesetze anerkannt wird. Dort war es
Platons Interesse, den menschlichen Staatsleitern Macht
und Ansehen beizulegen, im Politikos dagegen wollte
er alle Hindernisse der unbeschränkten Gewalt des
Staatsmannes abschaffen. Daß dies im Grunde ge
nommen dasselbe ist, ist klar; die Meinungen dieser
göttlichen Person sollen mit den göttlichen Elementen
in den Gesetzen von vornherein zusammenfallen; was
in ihnen menschlich ist, soll abgeschafft werden. Die
Umbildung dieses menschlichen und konventionellen
Teiles der Gesetze sieht Platon im Politikos als eine
ewige Entwicklung an, während in der Politeia und
in den Nomoi die ewigen bestehenden göttlichen
Wahrheiten als eine Unveränderlichkeit des Staates
erscheinen. Das ist kein Widerspruch, sondern ver
schiedene Ansichten derselben Sache. Im Politikos
— 94

wird kein Plan für einen neuen Staat entworfen; die


gesellschaftlichen Zustände werden in den Haupt
punkten nicht berührt; nur manche Andeutungen
haben wir dort gefunden. Wenn also in der Betonung
von der Bedeutung des wahren Staatsmannes gesagt
wird, daß alles andere, selbst der Reichtum und die
Armut gleichgültig sind, so kann diese Wendung
keinen Gegensatz des Politikos zu den zwei anderen
Schriften konstituieren, wo beides, Reichtum wie Armut,
ausgeschlossen wird. Im Politikos hat Platon eigent
lich nur das einzige Interesse, das Problem zu lösen:
wer der Gründer des neuen Staats sein soll.
Die Politeia schlägt überhaupt die Philosophen
als Regenten vor, d. h. die Philosophie. Platon ver
läßt also die träumerischen Regionen der Ideen, er
wird praktischer und positiver, wenn er im Politikos
eine bestimmte Person, den Staatsmann, ins Auge
faßt. Sein politisches Ideal bleibt immer dasselbe,
aber eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der Macht
der Philosophie fängt an, sich seiner zu bemächtigen.
]n seiner Unsicherheit beeilt sich Platon, gerade diese
Sache näher zu bestimmen und zu personifizieren.
Aus dieser Tendenz ist die Person des Staatsmannes
entsprungen, der nicht nur der Philosophie mächtig,
sondern auch mit unbeschränkter Gewalt bekleidet und
göttlicher Herkunft ist. Die Erfahrung hat den Philo
sophen das gelehrt, und vom Politikos bis zu den Nomoi
ist nur ein weiterer Schritt. In der Theokratie der
Nomoi nimmt Gott selbst die Leitung des Staats in seine
— 95

Hände. Im Politikos (273 D) wird schon die Idee-


flüchtig gestreift, daß nur ein Eingreifen Gottes das-

kosmische Übel entfernen könne. Eine solche Idee


wäre in der Politeia unmöglich. Dort ist die Philo
sophie noch allmächtig: sie ist im Politikos durch eine
göttliche Person ersetzt, die nachher in den Nomoi.
Gott selbst den Platz zu räumen hat.
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BERKELEY
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