Sie sind auf Seite 1von 509

Copyrighted material

Copyrighted material
Hermann Broch
Kommentierte Werkausgabe
Herausgegeben von
Paul Michael Lützeier

Band 11

Copyrighted material
Hermann Broch
Politische Schriften

Suhrkamp

Copyrighted material
Zweite Auflage 1986
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1978
Bibliographischer Nachweis für die
einzelnen Texte am Schluß des Bandes
Alle Rechte Vorbehalten
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
Printed in Germany

Copyrighted material
Inhalt

Demokratie und Sozialismus


Konstitutionelle Diktatur als demokratisches Rätesystem
(1 9 1 9 )........................................................................... 11
Zur Diktatur der Humanität innerhalb einer totalen
Demokratie ( 1 9 3 9 ) ..................................................... 24
Theorie der Demokratie 1938-1939 (1 9 4 1 ).................. 72
>The City of Man<. Ein Manifest über Weltdemokratie
(1 9 4 0 ) ........................................................................... 81
Nationalökonomische Beiträge zur >City of Man< 1940
(1 9 4 1 ) ........................................................................... 91
Die Demokratie im Zeitalter der Versklavung (1949) . . 110

Friede und Menschenrecht


Völkerbund-Resolution ( 1 9 3 7 ) ..................................... 195
Völkerbundtheorie 1936-1937 (1941)............................ 233
Rundfunkansprache an das deutsche Volk (1945) . . . . 239
Bemerkungen zur Utopie einer international Bill of
Rights and of Responsibilities< (1946) 243
Die Zweiteilung der Welt ( 1 9 4 7 ) .................................. 278
Strategischer Imperialismus ( 1 9 4 7 ) ............................... 339
Trotzdem: Humane Politik. Verwirklichung einer Utopie
(1 9 5 0 )........................................................................... 364

Praxis und Utopie


Zur Aufgabe des Intellektuellen
Politische Tätigkeit der »American Guild for German
Cultural Freedom< (1 9 3 9 )............................................ 399
Ethische Pflicht (1940)..................................................... 411
Bemerkungen zum Projekt einer »International Univer-
sity<, ihrer Notwendigkeit und ihren Möglichkeiten
(1 9 4 4 )........................................................................... 414
Bemerkungen zu einem >Appeal< zugunsten des deut­
schen Volkes (1946)..................................................... 428
Die Intellektuellen und der Kampf um die Menschen­
rechte ( 1 9 5 0 ) ............................................................... 453
Der Intellektuelle im Ost-West-Konflikt (1950)............ 460

Copyrighted material
Anmerkungen des Herausgebers
Bibliographischer N achw eis...............................................497
Textkritische Hinweise........................................................ 499
Auswahlbibliographie zur Sekundärliteratur......................506
Verzeichnis der A bkürzungen............................................507
Personenregister..................................................................508
Editorische Notiz (mit Copyright-Angaben)......................513

Copyrighted material
Demokratie und Sozialismus

Copyrighted material
Konstitutionelle Diktatur
als demokratisches Rätesystem

Jeder Staat ist Machtauswirkung seiner Idee. Auch der soziali­


stische Staat - auch wenn er letzten Endes nicht Staat, sondern
»Gesellschaft« sein will —muß zur Aufrechterhaltung seiner
Organisation, in der sich seine Idee eben inkarniert, den
Machtfaktor, das heißt das Gesetz einstellen. Wer die Idee ak­
zeptiert, akzeptiert damit auch den Machtwillen der Idee. Para­
dox, oder nicht einmal paradox gesprochen: jeder gesunde
Staat ist diktatorisch.
Die russische Revolution hat diese Diktatur paradigmatisch
für den Sozialismus verwirklicht. Nichtsdestoweniger haben
sich gegenüber ihren Methoden gewichtige Einwände erhoben.
Nicht nur von seiten der direkt betroffenen Bevölkerungsklas­
sen, also vor allem der Bourgeoisie, dem Unternehmertum etc.,
deren subjektiven Protest man ohnehin gewärtigen muß, son­
dern auch vom objektiven Forum der Theorie aus. Die Sozial­
demokratie erinnerte, daß sie nicht nur Sozialismus, sondern
auch Demokratie, also Ausdruck des gesamten Volkswillens zu
sein anstrebe, und daß sie - dies wird in Kautskys Schriften zur
russischen Revolution1 eingehend erörtert - mit dem Verlust
des demokratischen Gedankens einen wesentlichen Bestandteil
ihres politischen Ideals einbüße.
Das wesentliche Moment, vielleicht ein Gefühlsmoment, wel­
ches diesen Teil der Sozialdemokratie zur Ablehnung der pro­
letarischen Diktatur drängt, liegt in dem Prinzip und in dem
Willen zur Gerechtigkeit. Denn Demokratie heißt den Ge­
samtwillen der Gemeinschaft mit Gerechtigkeit erkennen und
sich ihm unterwerfen. Die fortschreitende Demokratisierung
der Regierungsformen bis zur Klimax des Proportionalsystems
bildet ein stetes Fortschreiten der Gerechtigkeit gegenüber der
politischen Ungerechtigkeit eines jeden Absolutismus. Die
Sozialdemokratie rechnete es sich als intabulierten Ehrentitel
an, ihre fortschreitende Macht aus dem Prinzipe der Gerechtig­
keit ableiten zu können, und sie will es daher vor sich selbst
nicht verantworten, diese edle Tradition aufzugeben, um sozu­
sagen den schwarzen oder weißen oder gelben Absolutismus
durch einen roten zu ersetzen. An einem Punkte der Macht an­
11

Copyrighted material
gelangt, an welchem sie sich dieses Instrumentes der Gerech­
tigkeit ohne weiteres begeben könnte, stellt sie mit einer gewis­
sen Selbstentäußerung diesen Schritt in Frage, um - vertrauend
auf die weitere Überzeugungskraft ihrer Theorien - die Errei­
chung der sozialistischen Diktatur auf demokratischem Wege
abzuwarten.
Für die Aufrechterhaltung des demokratischen Gerechtig-
keitsprinzipes spricht aber noch ein weiterer gewichtiger Fak­
tor. Gerechtigkeit bedeutet immer Freiheit des Individuums,
und wenn auch jeder Staat Machtidee ist und daher einen Teil
der persönlichen Freiheit des Individuums quasi als grundle­
gende Staatssteuer für sich beansprucht, so will der soziali­
stische Staat-deswegen nennt er sich ja auch bloß Gesellschaft
- das Maximum an Freiheit seinen Bürgern gewährleisten: er
will eine Gesellschaft freier Menschen sein. Sein politisches
Ideal ist also die Identität der vollkommenen Demokratie mit
der vollkommenen Diktatur der neuen Staatsidee; erstrebt ei­
nen Zustand, in welchem die Idee des neuen Staates und seiner
Machtdiktatur von all seinen Bürgern auch gleichmäßig gewollt
werde, mit einem Wort: jene Freiheit der Pflicht, die in der
Kantischen Autonomie2 ihren ethischen Ausdruck gefunden
hat.
Die Diktatur der Räte wird daher von vielen bloß als ein - so­
zusagen pädagogischer - Übergang, als ein, manchmal
schmerzhafter, Kursus angesehen, den die noch nicht aufge­
klärten Staatsbürger mitzumachen hätten, um das reine Den­
ken, die reine Staatsidee schließlich zu erlernen und zu akzep­
tieren. Das ist falsch: denn die Diktatur der neuen
Gesellschaftsordnung ist kein Übergang; sie bleibt nicht nur als
solche das definitive Ziel der Revolution, sondern auch das Rä­
tesystem als solches wird - soweit menschliche Voraussicht
reicht - bestehen bleiben müssen.
Denn das Rätesystem konkretisiert jenes Politikum, das dem
Sozialismus als Partei jene innere Ernsthaftigkeit verliehen hat,
die ihn von der landläufigen politischen und rhetorischen
Windbeutelei abscheidet, die sich ihm in den demokratischen
Parlamenten als Gegenparteien scheinbar paritätisch gegen­
überstellen: der Sozialismus ist ein wirtschaftliches Prinzip, er
ist ein unrhetorischer, unpathetischer Realfaktor, und jener
Unernst, mit welchem der rhetorische Politiker über Phrasen
12

Copyrighted material
zur gesetzgeberischen Arbeit gelangt, ist ihm fremd. Insolange
und insoweit der Staat oder die Gesellschaft ein reales, konkre­
tes Gebilde ist, ist die materialistische Politik an ihrem Platze.
(Womit noch nicht gesagt ist, daß die materialistische Ge­
schichtsauffassung als Geschichtswissenschaft unanfechtbar
wäre.)
Das Rätesystem verwirklicht nun dieses erste Prinzip des Ma­
terialismus. Es geht nicht aus willkürlichen, geographischen
oder sonstweichen politischen Keimzellen hervor, sondern es
liegt in der Wirtschaftsordnung selbst verankert. Bilden das
Bauerngut und die industriellen Produktionsstätten die Ur- und
Keimzellen der Wirtschaft, so sollen sie auch die politischen
Keimzellen der Regierung sein.
Die Frage liegt nun darin, ob die Diktatur solcher Räte auch
tatsächlich der erstrebten Diktatur der neuen Staatsidee ent­
spricht. Die politische Denkweise der Arbeiter und damit der
Arbeiterräte gewährleistet selbstverständlich, daß sie im Sinne
des neuen Staatsgedankens zu arbeiten und diesen vorzuberei­
ten imstande sein werden; auch die Soldatenräte werden in die­
ser Richtung arbeiten. Aber schon mit den Bauernräten wird
- wie Dr. Otto Bauer3 erst kürzlich dargelegt hat4 - in Öster­
reich nicht zu rechnen sein. Aber selbst wenn sich auch noch die
Kleinbauern anschließen würden, so ist es dennoch nur ein Teil
der Gesamtbevölkerung, in deren Hände die Diktatur gelegt
wird, und zwar jener Teil, der, weil er persönliche Besitzinter­
essen dabei vertritt, sozusagen kapitalistisch gegenüber dem
Kapitalismus auftritt. Es kann sich daher in dieser Form tat­
sächlich nur um einen Übergang handeln - umsomehr als die
militärische Institution der Soldatenräte mit dem Verschwin­
den des Militarismus ja ebenfalls verschwinden wird müssen -,
um eine Übergangsform, die ehebaldigst ausgebaut werden
müßte. Denn es ist das Wesen eines Provisoriums, daß es den
Gesamtkomplex eines Problems nur von einer, der augenblick­
lich einfachsten Seite her angeht und daher nur auch Teillösun­
gen zustande bringt; es berücksichtigt sozusagen aus der Ge­
samtheit der Motive zur Problemlösung nur eine Minorität der
Motive, und von welchem Übel Provisorien, speziell wenn es
sich um aufbauende Arbeit handelt, sein können, haben die
Kriegsgesetze zur Genüge bewiesen.
Die Hauptgefahr eines solchen Provisoriums aber liegt - und
13

Copyrighted material
damit kehren wir zu dem sozialistischen Dilemma zwischen Rä­
tesystem und Demokratie zurück - in der konkreten Verge­
waltigung des Freiheitsgedankens. Das demokratische Gerech­
tigkeitsprinzip verlangt nicht nur für den staatlichen Zielzu­
stand, sondern auch für jene Entwicklungsstufe das Maximum
politischer, individueller Freiheit, in der sie eben auch die Ge­
währ der ruhigen, zielsicheren und fruchtbaren Entwicklung
sieht. Auch sie kennt wohl eine Diktatur, und zwar die der Ma­
jorität über die Minorität, aber diese Diktatur ist keine usurpa-
torische, sondern ist Frucht des demokratischen Wahlganges,
sie ist unpersönlich geworden und daher vom Wähler im voraus
als legal anerkannt. Wenn die Gewalt aber imperativ in die
Hände einzelner Volksteile - ganz gleichgültig ob diese die nu­
merische Majorität besitzen oder nicht - gelegt wird, so wird
sich der andere Volksteil - wieder völlig gleichgültig ob er zah­
lenmäßig über- oder unterlegen ist - mit vollem Rechte in sei­
ner Freiheit geschmälert, in seiner Würde als Mensch beleidigt
fühlen. Naivere Kommunisten werden eine solche Beleidigung
als die gerechte Strafe ansehen, mit der nunmehr der einzelne
Kapitalist für seine ausbeuterische Tätigkeit oder die seiner
Vorfahren belegt wird - aber ganz abgesehen davon, ob eine
derartige kindlich-mystische Theorie, die den besitzenden
Menschen im vorhinein als den persönlich Strafbaren betrach­
tet (hier muß doch wieder einmal das Sparkapital erwähnt wer­
den) zu Recht besteht oder nicht, so muß, eben ganz abgesehen
davon, daß diese sogenannte Strafe zum Großteil auch solche
trifft, die mit Kapitalismus nie etwas zu tun gehabt hatten, so
muß, eben aus dem Geist des Sozialismus heraus, immer wieder
darauf verwiesen werden, daß jede imperative Vergewaltigung
der Freiheit an sich, ausgeübt von Menschen gegen Menschen,
daß jede Beleidigung der Menschenwürde fluchwürdigstes
Verbrechen ist und bleibt.
Die notwendige Folge aber ist der Bürgerkrieg. Denn selbst
jener, welcher ansonsten rückhaltlos mit der Idee des neuen
Staates sympathisieren würde, sosehr er auch die ökonomische
Sozialisierung beispielsweise begrüßen möchte, wenn sie von
der sachlichen, gerechten, das heißt - worauf es hier ankommt
- unpersönlichen Staatsgewalt ausgeht, er wird sofort zum
schärfsten Protest gegen diese gedrängt sein, wenn er nicht den
seiner politischen Freiheit gebührenden Teil an der Staatsge­
14

Copyrighted material
walt besitzt und diese in die Hände eines bestimmten Volkspar-
tikels - und zwar überdies eines ökonomisch daran interessier­
ten - gelegt sieht. Der Bürger erträgt den steuersüchtigen
König, wenn sich dieser als »Beamter« des unpersönlichen
Staates geriert und diesen Nimbus aufrechthalten kann, aber er
verweigert ihm seine Windmühle5, das heißt seine Freiheit,
wenn der König persönlich darnach Gelüste trägt. Daß aus die­
ser psychologischen Konstellation der Bürgerkrieg und der
Terror unweigerlich hervorgehen, zeigt das russische Beispiel.
Nun wäre einzuwenden, daß es sich trotz alledem gar nicht um
ein Provisorium handle, daß vielmehr die ausschließliche Ge­
walt bei den Arbeiterräten bereits das Definitivum sei und sein
müsse, da nur diese Gewaltverleihung die Befreiung des Prole­
tariats darstelle und daß daher für diesen Preis Bürgerkrieg und
Terror wohl in Kauf zu nehmen seien. Wer so denkt, ist ein gu­
ter Revolutionär, aber er weiß nichts vom marxistischen Ziel
der Revolution; er will die Revolution um ihrer selbst willen.
Denn auch die Befreiung des Proletariats ist nur Mittel zum
Zwecke; an sich genommen ist sie ein leeres Wort, ja ein Ver­
brechen am Proletariat. Sogar die Sozialisierung der Produk­
tion kann nicht als letztes Ziel der neuen Staatsidee aufgefaßt
werden: die Freiheit des Menschen, die die Freiheit des Prole­
tariers ist, steht höher; sie verlangt, daß das Kulturgut, das jene
menschliche Produktion durch Jahrhunderte geschaffen hat,
ungeschmälert zum sozialisierten Gemeingut der Allgemein­
heit werde. Erst in dieser Sozialisierung des Kulturgutes ist die
Befreiung des Menschen zu sehen, erst durch sie Entpolitisie­
rung gegeben, die den Staat zur Gesellschaft verwandelt. Wie
denn auch erst an dieser Entpolitisierung des freien Menschen
es klar wird, warum das Ernsthafte in der Politik und damit das
Ernsthafte des sozialdemokratischen Gedankens, nämlich die
wirtschaftliche Basis, apolitisch sein mußte. Revolution als sol­
che aber ist immer politisch.
Der Bürgerkrieg aber - umsomehr als er das Erbe der radika­
len Methoden des Weltkrieges angetreten hat - vernichtet die­
sen Siegespreis radikal. Man muß nicht einmal gerade an die
unausweichlichen Nebenerscheinungen des Bürgerkrieges
denken: an die weitere Verrohung und Vertierung des Men­
schen, an die Vernichtung von Kunstschätzen, an die Aufhe­
bung jener äußeren Zivilisation, die den Stolz der Moderne bil­
15

Copyrighted material
det. Man möge sogar diese konservativen und äußerlichen
Werte als Luxuswerte niedrig einschätzen, wenn man auch
nicht vergessen sollte, daß sich unter jenen Luxuswerten, die
bisher in der Verwahrung der bevorrechteten Klassen standen,
auch solche befinden - man denke nur an die Möglichkeiten der
Krankenpflege -, deren das Proletariat einfach nicht wird ent-
raten dürfen. Aber selbst wenn man dies alles als gering erach­
tet: sogar das ökonomische Ziel der Revolution erscheint durch
den Klassenkrieg in Frage gestellt, da ja die eigentlichen Träger
des Wirtschaftslebens-sowohl die Leiterder Großproduktion,
der Finanzen und des Verkehrs, als auch eben die Bauern und
Kleingewerbetreibenden und schließlich die freien Berufe -
nicht dem Proletariat, zumindest nicht der Arbeiterschaft an­
gehören. Ein Kriegszustand mit diesen Gruppen bringt, wie es
eben in Rußland geschehen ist, das gesamte ökonomische Ge­
triebe in die Gefahr der Verelendung und stellt die Arbeiter­
schaft in einer Zeit, wo es ohnehin um Leben und Tod geht, vor
die ungeheure Aufgabe, ein Wirtschaftsleben, das sie organisa­
torisch halbwegs intakt übernehmen hätte können, neu auf­
bauen und ausbauen zu müssen.
Auch im Klassenkampf gibt es ein Brest-Litowsk6. Das Prole­
tariat hat gerade im gegenwärtigen Augenblicke, da es an die
Lösung seiner tiefsten Aufgaben herantritt, alles Interesse
daran, den Kampf, in dem es bereits Sieger ist, abzuschließen
und die unterlegenen Klassen sofort in die Gemeinschaft, in den
Bund aller freien und werktätigen Menschen aufzunehmen und
sie zur Kooperation zu erziehen. Das Mittel hierzu ist ihm im
Prinzip der demokratischen Gerechtigkeit, die auch im Besieg­
ten keine Bitterkeit hinterläßt, gegeben und vertraut.
Praktisch gesprochen: die Sozialdemokratie darf ihr eingebo­
renes demokratisches Prinzip nicht auf geben; auch nicht zu­
gunsten des Rätesystems. Ist dieses - wie Lenin zeigt7 - in sei­
ner Identität von Gesetzgebung und Verwaltung die einzig
adäquate Regierungsform der marxistisch-ökonomischen Ge­
sellschaft, so bedarf es des demokratischen Ausbaues, um aus
dem Provisorium, das es jetzt ist, zum Definitivum werden zu
können. Die einseitige Beschickung der Räte durch die Arbei­
terschaft, also durch die Minorität einer einzigen Wirtschafts­
gruppe, hat wohl für den Moment den Vorteil, daß die neue
Staatsidee durch diese verläßliche Vorhut gesichert werden
16

Copyrighted material
kann. Auch verspricht man uns, daß im endgültigen, kommuni­
stischen Staate sich die Demokratisierung der Räte ohnehin
und automatisch vollziehen werde. Denn es komme nur darauf
an, daß der Fabriksdirektor, der Landwirt, der Gewerbetrei­
bende, die geistigen Berufe auch wirklich zur kommunistischen
Gesinnung gelangen, damit auch sie im rein kommunistischen
Sinne als werktätige »Arbeiter« gelten und ihre Vertretung im
Rätesystem finden könnten. Doch dieser Wechsel auf die Zu­
kunft bringt - wie gezeigt - die schwersten Gefahren. Und sind
jene nicht auch schon jetzt werktätige Arbeiter? Leisten nicht
selbst auch die spezifischen Träger des Kapitalismus, der Fi­
nanzier und Kaufmann, deren Verschwinden ja einmal nur zu
begrüßen sein wird, leistet aber vor allem der industrielle Un­
ternehmer nicht eine, für die Gemeinschaft jetzt noch unum­
gänglich notwendige, werktätige Arbeit? Anläßlich des Soziali­
sierungsentwurfes in der Nationalversammlung sagte Friedrich
Adler8, daß das Proletariat nicht daran denken könne, jetzt
etwa die Unternehmer, Direktoren und Oberbeamten aus den
Fabriken zu verjagen9. Eben die Liquidation der alten Welt
macht es zur größten Wichtigkeit, ihre Arbeitsleistungen klag-
und reibungslos in die neue Wirtschaft zu überführen; dürfen
also die Träger dieser Arbeit politisch entrechtet werden, will
man nunmehr diese zur praktischen Arbeit in Bureau und Fa­
brik versklaven und ihre freien, politischen Bürgerrechte ver­
gewaltigen? Auch sie werden ihre politische Opposition durch
das alte Machtmittel des wirtschaftlichen Streiks und der Sabo­
tage manifestieren, und der Bürgerkrieg muß, wie gesagt, zur
unausweichlichen Folge werden!
Es gibt dagegen nur ein einziges Mittel: sofort allen Wirt­
schaftsgruppen die entsprechende Vertretung im Rätesystem
zu sichern. Diese Demokratisierung muß bereits in den politi­
schen Urzellen beginnen. Ist die industrielle Produktionsstätte
eine derselben, so darf sie sich nicht einseitig in einem Rat der
Lohnarbeiter konstituieren, sondern muß in ihrem Arbeiterrat
alle aufnehmen, die an der Arbeit werktätigen Anteil nehmen,
den Unternehmer, den Direktor, den Beamten in gleicher
Weise wie den Arbeiter. Und da die Fabriken nicht die einzigen
Zellen des Wirtschaftslebens darstellen, so sind auch alle übri­
gen Berufe und ihre (vorderhand noch existenten) sozialen
Schichtungen adäquat zu berücksichtigen. Die Vertretung die-
17

Copyrighted material
scr wirtschaftlichen Gesamtheit aber bildet sodann das demo­
kratische Rätesystem.
Eine kürzlich erschienene Schrift Paul Schreckers10, die leider
den verfehlten Titel »Für ein Ständehaus«11 trägt, beschäftigt
sich mit der Konstitution und Struktur einer solchen gesetzge­
berischen Körperschaft, welche als Vertretung der Gesamt­
wirtschaft zu fungieren hätte. Schrecker behandelt diese Kör­
perschaft mit gutem Grunde als eine »zweite Kammer«, welche
neben das, wenigstens bis auf weiteres, bestehende demokra­
tische Parlament zu treten hätte und dem vor allem die wirt­
schaftlichen Gesetze zur Ausarbeitung zu überantworten wä­
ren, während die eigentliche politische Gesetzgebung der
ersten Kammer Vorbehalten bliebe. Aber auch bei ihm ist es
klar, daß mit dem Vordringen des sozialistischen Staatsgedan­
kens die wirtschaftliche Gesetzgebung immer mehr in den Vor­
dergrund zu treten hat, und daß daher die zweite Kammer ne­
ben ihren jeweiligen praktischen Aufgaben die Entpolitisierung
des Staates als eines ihrer Hauptziele sich vorzunehmen hätte.
Fürs erste aber hätte diese zweite Kammer das wichtigste wirt­
schaftliche Mandat im neuen Staate zu übernehmen: die
Sozialisierungsarbeit.
Denn gerade die Sozialisierungsarbeit bedarf der werktätigen
Mithilfe aller beteiligten Kreise, darf nicht dem Proletariat al­
lein überlassen bleiben, wenn sie das sein will, was sie sein soll:
sachgemäße und fruchtbare Arbeit. Sowenig man den bisheri­
gen Unternehmer, Direktor und Beamten in der Fabrik ent­
behren kann, sowenig ist er hier zu entbehren, wo es gilt, die
Betriebe auf völlig neue Basis umzustellen. Man fürchte nicht,
daß die Mitarbeit des Unternehmers diesen Weg erschweren
werde, denn man darf die Liebe, die er zu seinem Werke hegt,
das meistenteils seine Lebensarbeit ist, nicht unterschätzen.
Auch er arbeitet ja meistens nicht »für sich selbst« - die Ein­
fachheit der Lebensführung vieler Kapitalisten ist bekannt -,
sondern für das »Werk«, manchmal für seine Erben. Und er
wird in gleicher Weise an seinem Werke interessiert bleiben,
wenn man ihm Gelegenheit gibt, seine neuen Erben kennenzu­
lernen und ihnen das Testament seiner Arbeit überantworten
zu können. Es sind dies wohl nur psychologische Erwägungen,
aber sie sind für denjenigen, der einmal im industriellen Wirt­
schaftsleben gestanden ist, beweiskräftig. Und im übrigen ist
18

Copyrighted material
dies auch das einzige, zweckentsprechende Mittel, um die
Sozialisierungsarbeit vor jener Überstürzung zu bewahren, die
- wie Rußland gezeigt hat - die Verelendung der Produktion
nach sich zieht, ihr aber hingegen jene »schrittweise« Entwick­
lung zu sichern, die die Sozialdemokratie immer propagiert
hatte. Daß bei dieser gesetzgeberischen Arbeit der einfache
Nutznießer des Kapitals, der Aktionär und Rentner ausge­
schaltet werden muß, daß im Rätesystem tatsächlich nur die
werktätigen Arbeiter und Fachmänner vertreten sein dürfen,
versteht sich von selbst.
Es wäre nun noch einzuwenden, daß das demokratische Räte­
system sich überhaupt nicht vom demokratischen Parlament
unterscheide: Otto Bauer12 lehnt das Rätesystem für Öster­
reich ab, weil die Bauernräte einfach christlichsozial, die Ar­
beiterräte sozialdemokratisch sein würden, und daß daher die­
selben Leute wie im Parlament zusammentreten würden. Dem
ist aber doch nicht so. Das Rätesystem soll eine Körperschaft
der Fachmänner, nicht die von Abgeordneten sein, und die Ge­
währ für diese Zusammensetzung ist schon in ihrer wirtschaftli­
chen Basis gegeben. Dem Sozialdemokraten, der auch im Par­
lament, in der Gewerkschaft den wirtschaftlichen Hintergrund
besitzt, wird in der Rätekammer nicht der rhetorische Politiker
einer »Partei«, sondern höchstens der Angehörige irgendeiner
anderen Wirtschaftsgruppe, etwa der des Unternehmertums,
entgegentreten. Und daß derartige Oppositionen - die hier
faktisch nur dem Gedeihen des »Werkes« gelten - von ganz an­
derer Fruchtbarkeit sind als die pathetischen der Parlamente,
zeigt sich auch jetzt schon in dem gedeihlichen Zusammenar­
beiten jener Kommissionen, in denen Unternehmer und Ar­
beiterschaft paritätisch ihren Platz gefunden haben. Auch hier
kann man sich den Argumenten Schreckers vollinhaltlich an­
schließen, welcher darauf hinweist, daß in dieser Rätekammer
zwischen dem Vertreter und seinen Urwählern ein steter (wirt­
schaftlicher) Kontakt bestehen muß, der es zu einem viel be­
weglicheren, individuelleren Instrument zu machen befähigt ist,
als es die Parlamente je sein können, die, völlig von der starren
Parteischematisierung beherrscht, immer nur das Ja und Nein
der den Urwählern längst entfremdeten Parteileitungen zeiti­
gen, und die ihre tatsächliche Arbeit bestenfalls nur so nebenbei
und im geheimen fast, nämlich in den Ausschüssen bewerkstel­
19

Copyrighted material
ligen können, bei denen der Träger des Wirtschaftslebens, der
Fachmann, überhaupt nicht eine offiziell entscheidende, son­
dern nur eine beratende Stimme besitzt.
Ein letzter Einwand, allerdings der gewichtigste: wir sagten,
daß die reine Staatsidee stets der Diktatur benötige. Ein demo­
kratisches Rätesystem in seiner individuellen Beweglichkeit ist
kein diktatorisches Element mehr. Es nähert sich vielmehr im
Gegenteil dem Ideal des Apolitikums, das man - allerdings mit
einiger Kurzsichtigkeit - mit politischer Gleichgültigkeit ver­
wechseln kann, so daß das Projekt eines »Ständehauses« im
Parlament als »vormärzlich« abgelehnt werden konnte, wobei
zwar als Entschuldigung dienen kann, daß dieses Projekt von
den Deutschnationalen13 eingebracht wurde. Von wo aber soll
das demokratische Rätesystem seine sozial-diktatorischen Di­
rektiven beziehen? Kann dieses Apolitikum eben nicht ebenso­
leicht zum Instrument der Reaktion werden?
Diese Bedenken werden auch von der Schreckerschen Schrift
erhoben. Sie glaubt, ihnen mit dem Hinweis auf die strukturelle
Zusammensetzung der Rätekammer begegnen zu können.
Denn aus dieser Zusammensetzung (für welche durchaus gang­
bare Vorschläge gemacht werden) sollen ja vor allem jene Trä­
ger des Kapitalismus ausgeschaltet werden, die wie der Rentner
und der Aktionär an der werktätigen Arbeit nicht teilhaben und
daher im eigentlichen Kapitalismus ihre Lebensbedingung se­
hen, während es dem wahrhaft Schaffenden im Grunde gleich­
gültig ist, ob er sein Brot vom Aktionär oder von der Gesamt­
heit erhält - das letztere wird ihm sogar vielfach lieber sein.
Außerdem ist die Zusammensetzung in einer Form vorgesehen
(und auch die Abstimmungsmodalitäten könnten dieser ange­
paßt werden), die an die Struktur der bestehenden paritätischen
Kommissionen erinnert und eine Majorisierung der Kammer
durch ihre reaktionär-verdächtigen Mitglieder zumindest un­
wahrscheinlich machen.
Das Wesentliche aber ist, daß diese Zusammensetzung von ei­
ner höheren und imperativen Instanz ausgeht: und das ist die
Nationalversammlung, respektive, wenn auf die Urwähler zu­
rückgegangen werden müßte, das Plebiszit. Die Nationalver­
sammlung, das demokratische Parlament, geht aus dem glei­
chen und geheimen Wahlrecht hervor und in ihr ist die
Majorität diktatorisch und darf es legal sein. Das demokra­
20

Copyrighted material
tische Parlament ist seiner Wesenheit nach politisch und soll
auch fürderhin die politische Gesetzgebung (bis sich diese als
überflüssig erweisen wird) für sich beanspruchen. Setzt es aber
eine zweite und wirtschaftliche Kammer als Apolitikum neben
sich, so darf es von dieser verlangen, daß es ihr die politische
Richtung als Gesamtheit vorschreiben darf, wie es ja auch sei­
nen eigenen wirtschaftlichen oder sonstigen Ausschüssen - die
Sozialisierungskommission ist das schlagendste Beispiel hierfür
- die genaue politische Wegrichtung vorzeichnet. Ist die Mehr­
heit des Parlamentes sozialistisch, so wird die gesetzgeberische
Arbeit der Rätekammer zur Gänze sozialistisch sein. Die Räte­
kammer steht zur parlamentarischen ersten Kammer im glei­
chen Verhältnis wie das Parlament zur Krone gestanden ist; die
Staatsidee des monarchisch-konstitutionellen Prinzipes mußte
unter allen Umständen diktatorisch in aller Gesetzgebung auf­
rechterhalten werden, im übrigen aber war das Parlament - we­
nigstens ideal gedacht - in seiner Gesetzgebung autonom-dik­
tatorisch. Es entsprach nur dem Wesen der Staatsidee, daß die
Krone und ihr Prinzip nicht in die parlamentarische Debatte
gezogen werden konnte - sie war eine vorgegebene Wegrich­
tung in der Gesetzgebung, gleichwie innerhalb der Rätekam­
mer der Sozialismus eine Wegrichtung der wirtschaftlichen Ge­
setzgebung ist, nicht aber mehr Gegenstand politischer Debatte
sein kann.
Damit aber erweist sich die Rätekammer doch als das, was sie
im Sinne der Staatsidee sein soll: die Diktatur der Idee. Ihre
einzige Voraussetzung hierzu jedoch ist in der legalen Majorität
innerhalb der demokratischen ersten Kammer oder, wenn man
will, in einem Plebiszit gelegen. Denn der Bestand der ersten
Kammer ist eigentlich mit dem Augenblick theoretisch er­
schöpft, da sie sich entschließt, die Rätekammer neben sich zu
setzen und ihr die politische Direktive der Majorität zu geben.
In einem Lande mit gesicherten Parteiverhältnissen wie etwa in
England wäre es ganz gut möglich, daß das demokratische Par­
lament nach erfolgter Wahl zu dieser einzigen legislativen Ar­
beit zusammenträte, um sich sodann sofort bis zu den nächsten
Neuwahlen zu beurlauben, die gesetzgeberische Arbeit aber
der nunmehr fix orientierten Rätekammer in der Zwischenzeit
zu überlassen. In Ländern starker politischer Beweglichkeit
wäre dies vorderhand wohl nicht möglich, und die parallele Ar­
21

Copyrighted material
beit der politischen und wirtschaftlichen Kammer wird, wie ihre
gegenseitige fortlaufende Kontrolle, wohl vonnöten sein. Aber
auch hier wird sich die politische Arbeit des Parlamentes mit
der Zeit immer mehr erschöpfen, und selbst jene kulturellen
Gesetze, die Grundlagen von Staat, Kirche, Ehe und Schule be­
treffend, die jetzt noch als politische Angelegenheiten ersten
Ranges betrachtet werden, werden immer weiter in den Bereich
der Rätekammer rücken, die auch hier, und zwar durch die
Vertretung der geistigen Berufe, eine immerhin objektivere
Behandlung der geistig-kulturellen Fragen erwarten läßt, als sie
im alten Parteiparlament von Menschen »minderer Intelligenz
und verkümmerten sittlichen Verantwortungsgefühls« erfah­
ren haben, die, wie Schrecker sagt, »nichts kannten und wußten
als ihre sinnlosen Parteischablonen, nichts liebten als ihr arm­
seliges Mandat, und denen die Zeitungsartikel über ihre Reden
der Weisheit letzten Schluß bedeuteten«.14
Die Zweiteilung der gesetzgeberischen Gewalt in ein demo­
kratisches Parlament und ein demokratisches Rätesystem ist für
den Augenblick das einzige Mittel, um die Forderung und das
tiefe Bedürfnis der Sozialdemokratie nach Aufrechterhaltung
der Demokratie bei gleichzeitiger zielstrebiger Diktatur der so­
zialistischen Idee zu befriedigen, und das den demokratischen
Gedanken innewohnende Gerechtigkeitsprinzip ist jetzt auch
das einzige, das die Vergewaltigung, den Terror und den Bür­
gerkrieg verhindern, das Proletariat aber vor der damit verbun­
denen physischen und psychischen, ökonomischen und kultu­
rellen weiteren Verelendung behüten kann. Daß das
demokratische Parlament dereinst zugunsten des demokrati­
schen Rätesystems völlig abdanken wird müssen, gleichwie die
Monarchie zugunsten der Parlamente abdankte, verhindert
nicht, daß sie wie diese nunmehr eine Zeitlang nebeneinander
bestehen werden müssen. Denn war das Ziel der Parlamente
völlige Demokratisierung der Welt, und machte erst diese die
Monarchie überflüssig, so ist das Ziel des Rätesystems völlige
Entpolitisierung der Menschheit und kann erst durchdringen,
bis diese die politischen Schlacken abgestreift hat. Wer Revolu­
tion um der Revolution willen treibt, wird das Politische in das
Rätesystem selber verpflanzen und wird in einer kindischen
Ungeduld und Begehrlichkeit jene Blutschuld auf sich laden,
deren tiefstes Verbrechen die Entwürdigung des Menschen ist.
22

Copyrighted material
Denn erst wenn der politische Staat völlig von der apolitischen
Idee durchdrungen sein wird, wird er zur Gesellschaft des freien
Menschen werden.

1 Vgl. Karl Kautsky, Terrorismus und Kommunismus. Ein Beitrag zur Naturge­
schichte der Revolution (Berlin 1919), S. 133ff.
2 Vgl. u. a. Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Erster Teil, I.
Buch, 1. Hauptstück, § 8, Lehrsatz IV.
3 Otto Bauer (1882-1938), Austro-Marxist, österr. Politiker, 1918 Staatsse­
kretär des Auswärtigen.
4 Vgl. Otto Bauer, Der Weg zum Sozialismus (Wien 1919), S. 4 ff.
5 Anspielung auf eine Anekdote um Friedrich II. (1712-1786).
6 Gemeint ist der Frieden von Brest-Litowsk (1918), in dem das bolschewi­
stische Rußland sich dem Diktat der deutschen Heeresleitung unterwerfen
mußte.
7 Vgl. W. I. Lenin, Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat
und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution (Berlin 1918); ferner: Die
nächsten Aufgaben der Sowjet-Macht (Berlin 1918).
8 Friedrich Adler (1879-1960), Austro-Marxist.
9 Vgl. Friedrich Adler, »Eine ernste Warnung«, in: Arbeiterzeitung, XXXI, 119
(1. 5. 1919), S. 2.
10 Paul Schrecker (1889-1963), Professor für Mathematik, später für Philo­
sophie; Mitarbeiter zahlreicher wissenschaftlicher und literarischer Zeit­
schriften, 1929-1933 Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaf­
ten, 1940 Emigration in die USA, wo er an verschiedenen Universitäten
Philosophie lehrte. Einen Namen machte sich Schrecker vor allem als Leib-
niz-Editor und -Forscher. Vgl. seine Studie Leibniz. Ses idees sur l’organisa-
tion des relations internationales (London 1937). Seit 1960 war Schrecker
Emeritus für Philosophie an der University of Pennsylvania in Philadelphia.
Er war ein Freund Brochs aus der frühen Wiener Zeit; in New York und
Princeton traf Broch während des Exils wieder mit ihm zusammen.
11 Paul Schrecker, Für ein Ständehaus. Ein Vorschlag zu friedlicher Aufhebung
der Klassengegensätze (Wien 1919).
12 Vgl. Fußnote 4.
13 Gemeint ist die »Großdeutsche Vereinigung« (letzter Ausläufer der
Deutschnationalen Bewegung der Donaumonarchie), zu der sich 1919 sechs­
undzwanzigdeutschnationale Abgeordnete der österr. Nationalversammlung
zusammenschlossen. 1920 nahm sie den Namen »Großdeutsche Volkspartei«
an und forderte vor allem den Anschluß Österreichs an das deutsche Reich.
14 P. Schrecker, Für ein Ständehaus, a.a.O., S. 30-31.

Copyrighted material
Zur Diktatur der Humanität
innerhalb einer totalen Demokratie

Vorbemerkung

Das vorliegende erste Kapitel des obbetitelten Buches versucht


in Gestalt einer »Bestandsaufnahme« die politischen Verhält­
nisse der beiden angelsächsischen Demokratien zu analysieren
und die Möglichkeiten der weiteren Ereignisabfolge an Hand
historischer Theorien und Analogien abzuschätzen. Die Unter­
suchung gelangt zur Feststellung einer sehr ernsten Gefährdung
des amerikanischen Staatswesens durch nationalsozialistisch­
diktatorische Strömungen; die Gefährdung der englischen De­
mokratie ist - soferne der Krieg nicht völlig andere Verhältnisse
schafft - geringer zu veranschlagen.
Das Buch beabsichtigt, einen Beitrag zur konstruktiven Poli­
tik zu liefern, d. h. die Staatstheorie der Demokratie durch
einige, wahrscheinlich bisher noch nicht beachtete Aspekte neu
zu beleuchten und solcherart die Möglichkeiten aufzuspüren,
unter denen sich die Demokratie als Exponent der Humanität
schlechthin gegen den Ansturm von links und rechts noch be­
haupten könnte.
Zu den Hauptthemen1 des Buches gehören:
- »Die technischen Mängel des demokratischen Parlamenta­
rismus«,
- »Die demokratische Unfähigkeit der Großstadt«,
- »Wirtschaftsumsturz und Massenpanikisierung«,
- »Das unbefriedigte religiöse Bedürfnis der modernen Mas­
sen«,
- »Das dämonische Element der Diktaturen«,
- »Traumerleben und Massenpsychologie«,
- »Bildwirkung als Massenführung«,
- »Möglichkeiten einer Humanitätsdiktatur«,
- »Theorie einer totalen Demokratie«,
- »Theorie eines Völkerbundes« etc.
Im letzten Abschnitt »Aussichten«2 des vorliegenden Einlei­
tungskapitels sind die praktischen Ergebnisse der Gesamtun­
tersuchung kurz vorskizziert.

24

Copyrighted material
Bericht an meine Freunde

In meinem Buche »Diktatur der Humanität innerhalb einer to­


talen Demokratie« (Einleitungskapitel beiliegend) glaube ich
nachweisen zu können, daß die diktatorischen Regierungsfor­
men, gleichgültig ob von rechts oder von links, echten Massen­
bedürfnissen entgegenkommen. Wie überall im historischen
Gebiete, sind auch hier die Gründe für das Phänomen äußerst
komplex; sie liegen ebensowohl in den mechanischen Mängeln
des demokratischen Parlamentarismus, wie in der seit der Jahr­
hundertwende eingetretenen maschinentechnischen und
ökonomischen Weltumwälzung, wie - und dies nicht zuletzt -
in der ständig fortschreitenden Auflockerung der religiösen
Einstellungen. Einige dieser Gründe können durch staatliche
Maßnahmen abgeschwächt werden, andere überhaupt nicht.
Das Fazit als solches bleibt und darf als eine außerordentlich
empfindliche, an Panik grenzende Labilität der Massenseele
agnosziert werden. Ein totaler Staat, besonders unter diktatori­
scher Führung, vermag dieser massenpsychischen Labilität
wieder jenen Halt zu verleihen, den sie so überaus benötigt.
Oder er erweckt wenigstens die Hoffnung auf solchen Halt, und
auch dies ist schon sehr viel.
An und für sich wäre gegen eine diktatorische Staatsführung
nichts einzuwenden, wenn sie die ewigen Prinzipien der Huma­
nität, der Gerechtigkeit und der menschlichen Freiheit respek­
tierte. Dazu ist sie aber wesensgemäß nicht imstande; die Dik­
taturen in ihrer heutigen Form sind dem radikal Bösen
zugekehrt. Ihre Folgen sind Krieg, Mord und eine bisher uner-
ahnte, ja, auch fernerhin unerahnbare Steigerung menschlichen
Leidens.
Die Demokratie darf also nicht einfach abdanken; sie trägt
Verantwortung für die Menschheit und für die Menschlichkeit,
und es ist ihr die Pflicht auferlegt, ihre Grundprinzipien auf­
recht zu halten und für sie zu kämpfen. Doch sie kann dies bloß
dann tun, wenn sie ihr liberalistisches laisser-aller aufgibt und
versucht, in ihrem eigenen Rahmen den von den Massen benö­
tigten Halt zu errichten.
Man kann von Staats wegen keine Religion installieren - das
etwas jämmerliche österreichische Beispiel3 hat dies erwie­
sen -, und man kann auch den Heilsbringer, nach dem die Mas-
25

Copyrighted material
sen verlangen, und der ihnen von den Diktaturen durch einen
Pseudo-Heilsbringer präsentiert wird, nicht von Staats wegen
bestellen. Hingegen ist das Problem des Totalstaates den De­
mokratien immerhin zugänglich, und sie sind nicht berechtigt,
davor die Augen zu schließen.
Unter einem Totalstaat darf ein solcher verstanden werden,
dessen regulative Grundprinzipien in die geschriebene oder
ungeschriebene Verfassung eingegangen und für jeden Bürger
unter Strafsanktion verbindlich geworden sind. In den Dikta­
turstaaten ist die Person und der unwidersprechbare Wille des
Führers mit dieser Funktion betraut; über die Analogien zur
Kirchenverfassung und zum Gnadenbegriff braucht hier nicht
gehandelt zu werden, ebensowenig über den Begriff des Abso­
luten, der ausgesprochen oder unausgesprochen derartigen
Gedankengängen einverwoben ist.
Die Demokratien waren bisher das strikte Gegenteil von
Staatstotalitäten. Ihre Grundprinzipien, die sie mit ihrer
Staatsform verwirklichen wollen, stehen im großen und ganzen
außerhalb ihrer Konstitution. Die amerikanische Verfassung
gründet sich auf die Prinzipien, die in der Unabhängigkeitser­
klärung und später im Bürgereid ihren Ausdruck gefunden ha­
ben, jedoch niemals expressis verbis in die Gesetzgebung ein­
gegangen sind. In den wenigen Ausnahmefällen, in denen dies
trotzdem geschehen ist, handelte es sich lediglich darum, den
Bürger gegen Übergriffe der Staatsgewalt zu schützen.
Es wäre verfehlt, zu glauben, daß in einer totalitären Demo­
kratie der Bürger etwa nicht gegen Staatsübergriffe geschützt
werden soll; die Schutzlosigkeit des Bürgers ist das traurige
Vorrecht der Diktaturtyranneien. Noch weniger freilich würde
es genügen, den Staat als solchen gegen die Übergriffe seiner
Bürger zu schützen, obwohl auch dies zu geschehen hat; doch
mit einem »Gesetz zum Schutz der Republik«4, wie es von der
Weimarer Republik und von Österreich geschaffen wurde, ist
nach den dort gemachten Erfahrungen kein Auslangen zu fin­
den. Die gewünschte Totalwirkung des Grundprinzipes der
Humanität beschränkt sich nicht auf das Verhältnis des Staates
zum Bürger und des Bürgers zum Staate, sondern muß sich in
einer Durchtränkung des gesamten Rechts-Organes vollziehen,
d. h. in einer organischen Gesetzesgewalt, welche das gesamte
juristisch erfaßbare und faßbare Verhalten der Bürger unter­
26

Copyrighted material
einander in ihrer Eigenschaft als konkrete Personen regelt.
Dies ist das Ziel einer jeden Gesetzgebung, da jede Gesetzge­
bung letztlich zu einer totalitären Ganzheit strebt, im besonde­
ren aber hat es das Gesetzesziel einer Staatstotalität zu sein, die
das Zusammenleben ihrer Bürger unter die Grundprinzipien
der Gerechtigkeit und der menschlichen Freiheit, unter das
Prinzip der physischen und psychischen Integrität der Person,
kurzum unter das Prinzip einer unbedingten Wahrung der
menschlichen Würde gestellt haben will.
Eine Demokratie, die auf diese Weise ihre Totalität anstrebt,
verlangt zum Aufbau ihres Rechts-Organes nach einer Reihe
von Gesetzen, denen es obliegt, die Einzelperson mit ihren
Rechten nicht nur - wie bisher - gegen den Staat, sondern auch
gegen Nebenmenschen unbedingt zu schützen. Humanität ist
ein soziales Gut und muß in einer kategorischen, allgemeingül­
tigen Sozialmoral verwurzelt werden. Im Mittelpunkt einer sol­
chen Gesetzesgruppe hätte demnach ein »Gesetz zum Schutze
der Menschenwürde« zu stehen, das etwa wie folgt zu formulie­
ren wäre:
»Wer durch Worte oder Taten danach trachtet, die Prinzipien der
Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Humanität aufzu­
heben, wer durch Worte oder Taten trachtet, einen Menschen, der sich
nicht gegen eine gesetzliche Bestimmung vergangen hat, oder eine
Gruppe solcher Menschen aus der ihnen vom Schöpfer verliehenen all­
gemeinen Menschengleichheit auszuschließen, wer danach trachtet, ih­
nen ihre unveräußerlichen Rechte auf Leben und Freiheit und Glück­
streben abzustreiten oder zu schmälern, ferner, wer durch Worte oder
Taten danach trachtet, einzelne Personen oder Gruppen von solchen,
welche sich nicht gegen die Gesetze des Staates vergangen haben, aus
den allgemeinen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten auszuschlie­
ßen und insbesondere derart zu diskriminieren, daß ihnen nicht der ge­
rechte Mitgenuß an den bürgerlichen Rechten und Ehren, nicht die
gleiche Anwartschaft an den öffentlichen Einrichtungen, nicht die
gleiche Freiheit ihres persönlichen Lebens, m. a. W., nicht die gleiche
physische und psychische Integrität wie den übrigen Bürgern zustehe,
schließlich, wer danach trachtet, Völker oder irgendeine andere Men­
schengruppe oder einzelne Personen derart zu diffamieren, daß sie zum
Gegenstand des Hasses werden, wer nach solchem trachtet, verstößt
gegen die Grundlage des Staates und soll straffällig gemacht werden.
Gegen diese Straffolgen schützt keine vom Staate sonstwie gewährlei­
stete Rechtsimmunität.«
Mit einem solchen Gesetz ist der Humanitätsfeind, der in dieser
27

Copyrighted material
Eigenschaft eben als Staatsfeind zu gelten hat, definiert. Ein
Staat, welcher ein derartiges Gesetz erläßt, steht im diametra­
len Gegensatz zu einem jeden, der die Hitlersche Judengesetz­
gebung angenommen hat und kann sich daher auch hiervon
eine entsprechende Wirkung erhoffen: erstens sieht eine derar­
tige Gesetzesgruppe jene sehr notwendige, technische Selbst­
beschränkung der Demokratie vor, die geeignet ist, ihre inner­
und außerparlamentarische Selbstzersprengung zu verhindern;
zweitens aber, über die negative Verhinderungswirkung hinaus,
läßt sich hievon eine positive Propagandawirkung für den Hu­
manitätsgedanken erwarten, die an Stärke der von den Nürn­
berger Erlässen5ausgegangenen zumindest gleichkommt, denn
die wahre Popularität einer Idee ist, wie das deutsche Propa­
gandaministerium sehr gut weiß, stets im Gerichtssaal veran­
kert; ein wirkungsvolles Gebot hat stets die Form eines »Du
sollst nicht« zu erhalten.
Eine Freiheit, die sich aus Freiheitsgründen selber aufheben
läßt, eine Humanität, die sich aus Humanitätsgründen selber
vernichten lassen will, ist ein Unding. Und eben deswegen ver­
langt eine Totaldemokratie, die den Volksmassen den von ih­
nen benötigten seelischen Halt zu geben wünscht, nicht nur
nach einer Abriegelung der staatsgefährdenden Gegenpropa­
ganda, sondern auch, durchaus nach dem Muster der Diktatu­
ren, nach dem Aufbau einer zentral geleiteten, mit allen Mitteln
der Presse, des Radios und des Films arbeitenden propagandi­
stischen Volksaufklärung. Denn die Masse weiß nichts von den
Gütern, in deren Besitz sie sich befindet, sie braucht sogar sehr
lange, um deren Verlust zu bemerken, und ihre Verführbarkeit
gilt stets einem mit Neuheitsreiz ausgestatteten Bilde, von dem
sie alles Heil erwartet, vor allem dann, wenn es mit dem Bilde
eines bekämpfbaren Feindes verbunden ist und hierdurch eine
Aggressionsbefriedigung versprochen wird.
Im Gegensatz zu den Diktaturen, welche mit all ihren Maß­
nahmen, nicht zuletzt mit ihrer Propaganda, sich an die trübsten
Masseninstinkte wenden, hat die Demokratie wesensgemäß die
ungleich schwerere Aufgabe auf sich genommen, die hellen und
rationalen Kräfte der Massenseele zu erwecken und zu mobili­
sieren. Der Aufgabenkreis der Demokratie ist ein ungeheuer
großer, und er wächst mit ihrer totalitären Intensivierung, da
der totalitäre Freiheitsentzug, mit dem die Diktaturen sich die
28

Copyrighted material
Arbeit so bequem erleichtern, für eine Demokratie bloß an den
ohnehin nicht mehr zu ihrem Gebiet gehörigen Grenzfällen der
Selbstzersprengung in Wirksamkeit treten darf. Wenn also die
Totaldemokratie zur Bewältigung ihrer Aufgaben, welche von
dem notwendigen Umbau ihres technisch-parlamentarischen
Apparates bis eben zur intensivsten Propaganda für ihre Hu­
manitätsgrundprinzipien reichen, das gesamte Rüstzeug des
Staates in Stellung zu bringen hat und das volle Verfügungs­
recht über den gesamten Waffenbestand sowohl in physischer,
wie in geistiger Beziehung für sich in Anspruch nehmen muß,
(da solches zu den ersten Erfordernissen eines Kriegszustandes
gehört), so kann dies gleichfalls nur mit den der Demokratie
adäquaten, sohin nur mit rationalen und rationalsten Mitteln
geschehen, und gerade weil es bei alldem um die so überaus un­
zugänglichen, der rationalen Behandlung bisher noch weitge­
hend verschlossenen Belange der Massenpsyche geht, wird es
notwendig werden, eine rational-wissenschaftliche Annähe­
rung an dieselben tunlichst bald anzubahnen: der augenblick­
lich sich ausbreitende Massenwahn ist zumindest ebenso ge­
fährlich wie der Krebs, und die Mortalität, die sich aus dieser
psychischen Seuche ergeben hat, übersteigt bereits heute die
des Krebses um ein Tausendfaches, wird sich aber ins Hundert­
tausendfache steigern, soferne dem Wüten der Krankheit nicht
Einhalt geboten wird; es liegt daher im dringendsten Interesse
aller entgegengesetzt gerichteten, humanitätsbejahenden
Kräfte, unverzüglich die Gründung eines »Institutes zur Erfor­
schung und Bekämpfung psychischer Seuchen« ins Auge zu
fassen und seine Errichtung von Staats wegen oder aus privaten
Mitteln oder in Kombination der beiden Initiativen anzustre­
ben.
Gewiß ließen sich die Wünsche noch weiter ausdehnen; sie
hätten zweifelsohne bis zur Neuerrichtung eines regenerierten
Völkerbundes zu reichen. Doch da der Rahmen des Realisier­
baren nicht durchbrochen werden soll, so müßte es fürs erste
genügen, daß sich in den Ländern der Demokratien ehestens
eine Vereinigung von Personen bildete, denen der Weiterbe­
stand der Humanität und der Kultur am Herzen liegt und [die]
daher gewillt sind, die Verwirklichung der angeführten Pro­
grammpunkte tatkräftig in die Wege zu leiten. Diese Vereini­
gung hätte also zu fordern:
29

Copyrighted material
1. Es mögen die Regierungen und Parlamente der demokrati­
schen Länder unverzüglich eine Gruppe von Gesetzen zum
Schutze ihres humanitätsorientierten, demokratischen Staats-
grundprinzipes erlassen, in deren Mitte ein »Gesetz zum
Schutze der Menschenwürde« zu stehen hätte.
2. Es mögen die demokratischen Staaten unverzüglich eine
zentrale Propaganda einrichten, welche mit allen Mitteln der
Presse, des Films, des Radios, usw. eine aufklärende Tätigkeit
zur intensiven Massenführung in der Richtung des humanitären
Staatsgrundprinzipes aufzunehmen hat.
3. Es möge unverzüglich zur Gründung eines »Institutes zur
Erforschung und Bekämpfung psychischer Seuchen« geschrit­
ten werden.
Der Zweck all dieser Maßnahmen, der Zweck der gedachten
Vereinigung ist »Die Diktatur der Humanität durch eine totale
Demokratie«.

Erstes Kapitel

Persönliche Beobachtungen
Ich war in der Lage, das Aufkommen des Nationalsozialismus
innerhalb Deutschlands während der Jahre 1928-33 zu beob­
achten; ich habe ferner die Entwicklung der psychischen Situ­
ation in Österreich bis 1938 mitgemacht und glaube, trotz der
Kürze der Zeit, die ich nunmehr in England und Amerika ver­
bracht habe, die Ansätze zu einer analogen Entwicklung kon­
statieren zu dürfen.
Es wäre lächerlich, wenn man bloß von der Wirkung der deut­
schen Propaganda spräche: gewiß besteht diese Propaganda, sie
besteht sogar in einem viel intensiveren Maße, als gemeiniglich
angenommen wird, doch sie wäre nicht wirksam, wenn sie nicht
auf einen aufnahmsbereiten Boden fiele, d. h. wenn die fasci-
stisch-diktatorischen Ideen nicht einen »gesunden« Kern besä­
ßen, d. h. einen solchen, welcher dem Zeitgeist entspricht.
Die deutsche Propaganda - die italienische ist auf die Levante
beschränkt —hat zwei Angriffspunkte: erstens die besitzend­
herrschende Klasse, die durch die Angst vor der Bolschewisie-
rung zu kaptivieren ist, zweitens aber die Mittelklasse und die
Untermittelklasse, welche an ihren negativen revolutionären
30

Copyrighted material
Instinkten gepackt wird, d. h. an ihrer Tendenz, sich von beste­
henden Moraltraditionen loszulösen und sich einer Moral des
»Warum-nicht« anzuschließen. Es wird also einerseits eine
konservative Übermoral, andererseits eine revolutionäre Un­
termoral propagiert, m. a. W. es wird jedem recht getan, wie es
zum Wesen eines jeden guten Inseratengeschäftes gehört.
Beide [Mittel] sind in gleicher Weise wirksam, ersteres weil es
sich an die unmittelbaren Träger des Machtapparates wendet,
letzteres weil es jene Volksschichten ergreift, welche die ei­
gentlichen Träger jeder Diktatur sind. Die propagierte Über­
moral ist bloß insoferne ehrlich, als sie Ausdruck der imperia­
listischen Reichspolitik ist, hingegen ist die an die breiten
Volksschichten herangetragene Untermoral wesentlich nackter
und stellt die eigentliche »Weltanschauung« der modernen
Diktaturen dar ; im Wesentlichen stellt sie sich als Bruch mit al­
len Prinzipien der Humanität und der Gerechtigkeit dar,
kurzum als Bruch mit der absoluten Ethik an sich, freilich da­
durchgemildert, daß die Lizenzierung der Frage »Warum nicht
morden?« »Warum nicht rauben?« nur in Ansehung einer Mi­
noritätengruppe, den Juden, statthaben soll, eine Einschrän­
kung, welche die weltanschauliche Gefahr der Moralaufhebung
für die herrschenden Klassen in einer durchaus angenehmen
Weise camoufliert.
Nach meinen - so weit es Deutschland und Österreich betrifft
- ziemlich intensiven Erfahrungen findet der Nationalsozialis­
mus mit diesen Grundrichtungen sein propagandistisches Aus­
langen. Die großen Massen sind dem kirchlichen Traditions­
zwang teils entronnen, teils entwachsen - es sei hiezu nebenbei
erwähnt, daß die Diktatur sich in zunehmendem Maße gegen
die Kirchlichkeit stellt, je mehr sie der herrschenden Klasse und
ihrer Moral entraten kann -, und gerade dieses Erlöschen der
religiösen Bindung gibt der Moral des »Warum nicht?« [die]
offene Türe, ja, in einigen Spezialproblemen, wie z. B. in der
Ehegesetzgebung, sogar eine gewisse innere Berechtigung. Be­
denkt man ferner, daß der Durchschnittsmensch sich von dem
Terror einer Diktatur keine Vorstellung zu machen vermag, er
also durchaus nicht weiß, welchen Preis er zu zahlen haben
wird, ja, dies auch meistenteils nicht einmal klar weiß, wenn er
bereits unter den Terror gestellt ist, so ist die Verlockung einer
Moralaufhebung geradezu unwiderstehlich zu nennen.
31

Copyrighted material
Die deutsche Propaganda nützt diese Sachverhalte in einer
bewunderungswürdig genialen Weise aus. Die Träger der Pro­
paganda arbeiten teils unbewußt - zumindest dort, wo es sich
um die Beeinflussung der höheren Gesellschaftsschichten han­
delt-, teils durchaus bewußt, und vielfach hiefür sogar bezahlt.
In England besteht zweifelsohne ein sehr engmaschiges Agen­
tennetz, während in Amerika jeder einzelne Deutsche und gar
erst die deutschen Vereine zu Agenten gemacht werden; die
deutschen Konsulate führen eine genaue Evidenzliste mit aus­
gearbeitetem Stammbaum über alle Ausländsdeutschen, und
diese erhalten vom Institut für Auslandsdeutschtum in Stuttgart
ihre einheitlichen Direktiven. Hiebei spielt das antisemitische
Propagandamaterial eben eine besonders ausschlaggebende
Rolle, weil ja an der Judenfrage die Instinkte des Moralekels
am leichtestenzu entfachen sind. Unter diesem Gesichtspunkt
kann die deutsche Judenausweisung nur mit ehrlichster Be­
wunderungbetrachtetwerden, denn abgesehen von dem finan­
ziellen Resultat der geglückten Beraubung, ist der Hinauswurf
des Beraubten eine propagandistische Großtat; jedes Emi­
grantenschiff muß den Haß gegen die ungebetenen Gäste in den
Emigrationsländern schüren, muß letztlich progermanisch wir­
ken, umsomehr als die fascistischen Gruppen in den betroffe­
nen Ländern sich dieses Agitationsmaterial nicht entgehen las­
sen, die Arbeitslosen auf die Einwanderer hetzen und damit im
Grunde deutsche Politik betreiben; niemand verzichtet gerne
darauf, einen Unglücklichen auch noch überdies schuldig zu
sprechen, und jedwede zu diesem Zwecke geäußerte Lüge, sei
sie noch so durchsichtig, noch so leicht widerlegbar, wird ohne
weiteres geglaubt. Die nämliche, sonderbar zweigleisige Pro­
pagandawirkung muß, in noch weitaus stärkeren Ausmaßen,
den Erfolgen der Diktaturstaaten zugemessen werden: die Nie­
derlagen des eigenen Landes, die Nachrichten über Barbaris­
men, die Nachrichten über Treulosigkeit, Wortbruch und ne­
benbei auch über Zahlungsunwilligkeit, wirken keineswegs, wie
man annehmen sollte, gegen die Diktatoren, sondern durchaus
für sie, denn für eine materialistische Gesellschaft ohne ethi­
sche Bindung hat auch ein toller Hund »Erfolge« und muß an­
erkannt werden, wenn er hiedurch sein Fressen findet; je tiefer
die sittliche Entrüstung einer Regierung wird und je größer die
Empörung, welche von den Journalen geäußert wird, desto in­
32

Copyrighted material
tensiver wirkt die deutsche Behauptung, daß Regierung wie
Presse von den Juden gekauft worden seien, desto weniger wer­
den die Nachrichten geglaubt, und aus diesem circulus vitiosus
gibt es kein Entrinnen. Es sind dies meine persönlichen Fest­
stellungen, und ich glaube, mich mit ihnen nicht zu täuschen:
es mag sein, daß dieser Tatbestand in England, obwohl er auch
dort klar genug zutage tritt (- ich habe während der Tage der
Kriegsgefahr6 mit Einrückenden gesprochen, welche es nicht
fassen konnten, daß sie sich »für die Juden« schlagen sollten -),
immerhin noch ein Gegengewicht in der traditionellen Schwer­
beweglichkeit des politischen Engländers besitzt, doch in Ame­
rika und speziell in dem judenüberschwemmten New York sind
die Verhältnisse weitaus krasser, nicht nur wegen des Völker­
gemisches und des deutschen Einschusses, sondern auch wegen
der rauh-beweglichen, rücksichtslosen Wirtschaftsform dieses
Landes; der Mensch ist überall gleich, und wenn auch der Ame­
rikaner der Mittelklasse sich seine Demokratie nicht nehmen
lassen will, so stellt er sich doch vor, daß ihm diese Demokratie
die Lizenz zu Raub und Plünderung und Vergewaltigung werde
erteilen müssen.
Gewiß gibt es sowohl in England wie in Amerika (vielleicht
aber auch in Deutschland) bloß eine verschwindend kleine Mi­
norität ausgesprochener Fascisten. Doch wahrscheinlich ist die
Gruppe überzeugter Antifascisten nicht viel größer; weder die
Parlamentsreden in beiden Ländern, noch die Stellungnahme
der Presse sind hiefür ausschlaggebend, und am allerwenigsten
darf man sich darauf verlassen, daß sich die überwiegende An­
zahl der Engländer und Amerikaner für Demokraten, z. T. so­
gar für demokratische Sozialisten halten, denn all dies haben
wir mit etwas anderer Färbung in jedem einzelnen der jetzigen
Diktaturstaaten erlebt, all dies ist viel zu vage und zu fluktuie­
rend, um ein richtiges Gesinnungsbild zu ergeben: wirklich an-
tifascistisch dürfte lediglich eine verhältnismäßig dünne Intel­
lektuellenschicht sein, sowie eine Vorhut der Arbeiterschaft,
die freilich auch unter intellektueller Führung steht, und sicher­
lich nicht ausreicht, um die labile Masse des Elendsproletariats
vor fascistischen Schlagworten zu bewahren. Die Fascisierung
Englands und Amerikas (von Frankreich ganz zu schweigen)
steht also durchaus im Bereich konkretester Möglichkeit.
Schließlich darf und muß man es auch als bezeichnendes Sym-
33

Copyrighted material
ptom werten, daß Chamberlains fascistische Sympathien über
eine recht solide Mehrheit im Parlament verfügen und die Op­
position sich mit oratorischen Exkursen begnügt, und wenn
auch in Amerika vorderhand derartiges nicht zu verzeichnen
ist, so vermute ich dennoch - und wahrscheinlich mit Recht -,
daß in den Kreisen des reinen Amerikanismus sehr starke poli­
tische Kräfte am Werke sind, um (- wenn auch nicht gerade mit
Unterstützung, so doch im Kontakt mit Deutschland -) eine
fascistische Neuordnung vorzubereiten, die explosiv in Er­
scheinung treten dürfte und gegen die der Chamberlainsche7
Evolutionsfascismus wahrlich ein Humanitätsideal sein könnte:
schubweis-explosives Wachstum gehört zum Wesen des soge­
nannten Zeitgeistes, gehört sogar zum Wesen einer so rauhen
und dynamischen Lebensform, wie es die amerikanische ist.
Niemals wäre der fünfjährige sukzessive Selbstmord der West­
mächte, der in München8seinen ebenso notwendigen wie über­
flüssigen Abschluß gefunden hat, möglich gewesen, wenn er
nicht eben Ausdruck [des] legendären Zeitgeistes gewesen
wäre.

Interpretation
Es ist das Umsichgreifen einer psychischen Seuche, was sich da
vor unseren Augen abspielt. Nun muß man allerdings mit der­
artigen Bezeichnungen äußerst vorsichtig umgehen; es ist ei­
nerseits viel zu simpel, andererseits viel zu gewagt, um einen
Weltzustand kurzerhand als krankhaft zu bezeichnen: der je­
weilige Zeitgeist war im Laufe der Weltgeschichte immer wie­
der »krank«, ja, es scheint dies sogar - zumindest in den Augen
der jeweiligen älteren Generation - ein Dauerzustand des Zeit­
geistes zu sein, und trotzdem hat sich die Welt durch all die
Krankheit hindurch zu einem Zustand höherer Humanität ent­
wickelt. Wie weit also die Seuchenbezeichnung für die heutigen
Erscheinungen zutrifft, wie weit dieselben unter die Kategorie
eindeutig echter psychischer Seuchen fallen, wie es z. B. der
Hexenwahn und der Flagellantismus gewesen sind, dies bedarf
einer gewissen Scheidung innerhalb der Phänomene. Voranzu­
stellen ist, daß psychische Seuchen stets auch mit einem An­
steckungswillen behaftet sind. Der Irrsinn steht nämlich in ei­
nem sehr merkwürdigen Verhältnis zur Ethik: solange der
Irrsinnige noch eine Spur Vollbewußtsein besitzt, schämt er sich
34

Copyrighted material
mit diesem seiner Narrheit, weiß er, daß er mit der Narrheit ge­
gen ein absolutes Sittengesetz verstößt, und dieses schlechte
Gewissen sucht er durch Propagierung seiner Narrheit zu be­
schwichtigen, meinend, daß die absolute Geltung dieser Narr­
heit ihn zum Gesunden machen werde: er sucht sozusagen eine
demokratische Majorität für seine Narrheit. Die Expansions­
bestrebungen der germanischen Weltanschauungen sind nicht
zuletzt auf dieses Irrsinnscharakteristikum zurückzuführen.
Diese Bewertung fallt aber in sich zusammen, wenn die prak­
tische Seite der Irrsinnspropagierung betrachtet wird. Die Dik­
taturen sind keineswegs vollirrsinnig, auch nicht in ethischer
Beziehung - umsomehr Grund für ihr schlechtes Gewissen!
sie wissen ganz genau, daß es unumstößliche ethische Werte wie
Gerechtigkeit, Pakttreue etc. gibt, und sie sind auch immerzu
bereit, dieselben für sich in Anspruch zu nehmen, zweifelsohne
sogar oftmals mit Berechtigung, wie etwa in dem Wunsch nach
Revision des Versailler Vertrages, etc. Und in den Dienst sol­
cher Gerechtigkeit wird die Irrsinnspropagierung zu einem
durchaus rationalen Mittel: Deutschland steht mit imperialisti­
schen Ansprüchen in der Welt, steht also Gegenspielern und
Feinden gegenüber, darf also nicht wünschen, daß die Kriegs­
gefahr auch durch weltanschauliche Gegensätze verschärft
werde. Darüber hinaus aber bedeutet die Hineintragung der
weltanschaulichen Konflikte ins gegnerische Lager eine unge­
heuere Schwächung des Gegners; ein zwischen Kommunismus
und Fascismus geteiltes Frankreich ist von Deutschland ohne
weiteres zu erledigen. Je mehr die Demokratien durch Kon­
flikte beladen werden, desto unbeweglicher wird der ohnehin
schwerfällige parlamentarische Apparat, desto größer wird der
Rüstungsvorsprung der dynamischen Diktaturstaaten. Das Ju­
denproblem als Agitationsmaterial, die Einpumpung dieses le­
bendigen Materials in die gegnerischen Länder bekommt, von
hier aus gesehen, noch einen zweiten, eminent praktischen
Sinn.
Da die Rückdemokratisierung der Diktaturen versäumt wor­
den ist, scheint unter diesen Umständen praktisch nichts ande­
res übrig zu bleiben, als eine Fascisierung der demokratischen
Länder - selbst um den Preis der Aufopferung der Emigranten
- unter möglichster Beschleunigung vorzunehmen. Ein von
Diktaturen umzingeltes demokratisches Frankreich ist gefähr­
35

Copyrighted material
det: für ein fascistisches Frankreich, für ein fascistisches Eng­
land, eingegliedert in den Kreis der anderen Diktaturen, be­
ginnt einfach wieder das nämliche imperialistische Kräftespiel,
wie es unter den Demokratien seit jeher bestanden hat und wie
es seit altersher der diplomatischen Tradition und Routine ent­
spricht. Zu dieser sehr windigen Hoffnung wurde die Macht­
stellung der einstigen Demokratien reduziert, zu einer Hoff­
nung, die ihnen unter Umständen sogar auch noch die
Sympathie und die Hilfe Amerikas verscherzen kann. München
hat diesen Weg ziemlich deutlich aufgedeckt, und die Ge­
schicklichkeit der Diktaturstaaten, die dieses Resultat gezeitigt
hat, ist umso größer, als sie hiedurch ihre Zwitterstellung in ei­
nen Doppeltrumpf verwandelt haben: an und für sich war die
Dreiteilung Europas in Bolschewismus, Fascismus, Demokra­
tismus für die praktische Politik nahezu untragbar, an und für
sich stehen die Diktaturen infolge ihrer Regierungsform und
ihrem ökonomischen Programm dem Bolschewismus weitaus
näher als den kapitalistischen Demokratien, doch unfähig, ne­
ben Rußland innerhalb eines reinen Kommunismus die ange­
strebte europäische Führerrolle zu übernehmen, zumindest
nicht, ehe Rußland entscheidend geschwächt worden ist, muß­
ten die Diktaturen, u. z. vor allem Deutschland, trachten, den
- eigentlich bloß oratorisch bestehenden - Antagonismus ge­
gen Rußland zu unterstreichen, um zuerst einmal die Führer­
rolle in einem voll-fascistisch gewordenen Europa zu überneh­
men. München bedeutet also nicht nur die im Hitlerschen
Konzept liegende (- es ist alles in Mein Kampf nachzulesen -)
Schwächung des Westens, sondern eingestandenermaßen auch
die Rückendeckung gegen Osten. Gelingt es, die westliche
Schwächung durch innere Schwierigkeiten in den betreffenden
Ländern derart gründlich vorzunehmen, daß ein Krieg gewagt
werden kann, so wird dieser den Marsch gegen Osten einleiten;
andernfalls wird dieser Marsch - und dies ist eine Lockspeise
für den Westen - mit der Unterstützung gleichberechtigter
Partner vorgenommen werden, wobei eben dann die Streitig­
keit über die Beuteverteilung noch aussteht. Zweifelsohne ist
aber in dieses Konzept auch Amerika eingeschlossen, gegen
welches mit Hilfe der lateinamerikanischen Staaten bereits die
nämliche Einkreisungspolitik, unterstützt durch innere Zerset­
zung, vorbereitet wird; die Fehler Englands, d. h. die Berufung
36

Copyrighted material
auf die unangreifbar isolierte Lage, die Berufung auf die uner­
schöpflichen Hilfsmittel des Territoriums, werden heute schon
von Amerika begangen, und sie werden sich genauso wie in
England schließlich rächen müssen.
Von Irrsinn kann also angesichts solch [eines] großen und
durch seine Einfachheit bestechenden Konzeptes keine Rede
sein. Was hier geschieht, ist genial durchgeführt, rein machia-
vellistische Machtpolitik, und in ihrem Rahmen legitimieren
sich alle Niederträchtigkeiten, alle Barbarismen, alle Verbre­
chen, deren sich Deutschland bisher schuldig gemacht hat. Gibt
man weiter zu, daß der Versailler Vertrag ein Verstoß gegen die
Weltgerechtigkeit gewesen ist, gibt man weiter zu, daß
Deutschland und Italien tatsächlich in der kapitalistischen
Weltverteilung zu kurz gekommen sind, daß also die Durchfüh­
rung des deutschen Programms eine Erhöhung des Gesamtge­
rechtigkeitszustandes in der Welt bedeuten könnte, so wäre die
Hinopferung des jüdischen, des spanischen, des baskischen, des
tschechischen Volkes, denen noch manche anderen kleineren
Nationalitäten folgen werden, eben der Preis, welcher für den
Gerechtigkeitszuschuß in der Welt zu bezahlen wäre. Und die
Hingeopferten hätten eben ihre Märtyrerrolle auf sich zu neh­
men. Ich habe - wenn auch nicht in so krasser Formulierung -
in puritanischen Kreisen, denen die Versailler Ungerechtigkeit
seit zwanzig Jahren ein Dorn im Auge gewesen war, tatsächlich
Ansätze zu einer derartigen Stimmung gefunden, Ansätze,
die bereits den Keim zur Selbstaufgabe Englands enthielten,
und es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Stimmung, die sich
allerdings des Endresultates nicht bewußt war und jetzt in Er­
schrecken über die Greuel an der Humanität umgeschlagen
ist, durch Jahre hindurch die englische Politik mitbestimmt
hat.
Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen: die Struktur
der Diktaturstaaten ist weitgehend bereits der Planwirtschaft
unterworfen und wird sich notgedrungen weiter zu immer
schärferen sozialistischen Formen entwickeln; ob man dies als
Vorstufen oder als Parallelerscheinungen zu den sowjetischen
Formen werten will, ist gleichgültig, via factum stellt sich aber
da wie dort die Diktatur als Übergangsepoche zu einem, freilich
höchst legendären, endgültigen Glückseligkeitszustand der
Menschheit dar, und beide erheben den Anspruch, jedwede
37

Copyrighted material
Wertvernichtung und jedwede Lebensvergewaltigung in Anse­
hung solcher Zukunft vornehmen zu dürfen.
Der überzeugte Kommunist darf also nicht einmal die Hin-
mordungder Kommunisten in Deutschland beklagen, so wenig
wie der überzeugte Stalinist die Opfer des russischen Regimes
zu beklagen hat: in beiden Fällen weisen die Phänomene auf ih­
ren geistigen Urquell, die Hegelsche Dialektik, zurück, in bei­
den Fällen muß in ihrem Sinne gesagt werden, daß das Seiende
immer vernünftig ist, in beiden Fällen darf nicht der Vorwurf
des Irrsinns erhoben werden, besonders dann nicht, wenn man
sich mit der Erbarmungslosigkeit historischen Geschehens ab­
gefunden hat und nüchtern erkennt, daß lediglich Gewalt im­
stande war, imstande ist, irgendeine Änderung im Weltzustand,
u. z. sowohl im großen wie [im] kleinen, sowohl zum guten wie
zum schlechten, herbeizuführen und durchzusetzen.
Nichtsdestoweniger kann sich niemand - und auch die Haupt­
akteure selber sind hievon nicht ausgenommen - dem Eindruck
völligen Irrsinns im heutigen Weltgeschehen entziehen. Wird
dieser Eindruck durch die Besessenheit hervorgerufen, mit
welcher die Diktaturen ihre Zwecke verfolgen? Gewiß ist Be­
sessenheit - schon der Name sagt dies - ein integrierender Be­
standteil jedweden Irrsinns, doch auch der geniale Mensch ist
von seiner Idee besessen, und Genialität in der Durchführung
ist den Diktaturen keineswegs abzusprechen. Irrsinnshandlun­
gen zeichnen sich durch die Unverständlichkeit ihrer Motive
aus, aber nicht nur, daß der geniale Mensch gleichfalls seinen
Zeitgenossen zumeist unverständlich ist, es liegt hier gar nicht
Unverständlichkeit vor, im Gegenteil, die Motive der Diktatu­
ren sind mehr als verständlich, und ihre Begründungen sind zu­
meist schlechterdings platt: weit eher wären ihre Gegenspieler
irrsinnig zu nennen, da sie —in der nämlichen imperialistischen
Geisteshaltung befangen - sich in Gefahr begeben haben, ihre
vor kurzem noch weitgehend gesicherten Positionen sich aus
der Hand nehmen zu lassen. Gerade aber die überaus große
Verständlichkeit, ja, Banalität der diktatorischen Ideologie
deckt deren Irrsinnswurzeln auf: Besessenheit, die sich auf Ba­
nalität bezieht, ist nicht - wie die des genialen Menschen - auf
die Werttotalität der Welt bezogen, sie begreift bloß einen mehr
oder minder engen, bereits vorhandenen Wertteil, eben jenen,
von dem sie besessen ist, und während der geniale Mensch mit
38

Copyrighted material
seinem Werk immer die logische Gesamtmasse der Welt wei­
terentwickelt (und dadurch unverständlich werden kann), sucht
der Irrsinnige dieselbe unter die Logizität seines Besessenheits­
ausschnittes zu bringen; es ist das sittliche Skalar der Genialität
und des Irrsinns, das damit zutage tritt. Im Gegensatz zur ge­
nialischen und weltgeöffneten Besessenheit ist die des Irrsinni­
gen stets abgesperrt und dadurch antisozial und antihuman,
weitgehend also auch infantil, dem Kinde gleichend, für das es
keine Wertwelt gibt und [das] sich in den Nebenmenschen nicht
einzuleben vermag, sie ist dem Destruktiven zugewandt, und je
mehr ihre Leitvorstellung dem Banalen, d. h. der Ideenwelt des
Gestern zugewandt ist, desto eher wird sie imstande sein, sich
destruktiv durchzusetzen und die archaisch-infantilen Tenden­
zen, die eben jedem Irrsinn innewohnen, zur Geltung zu brin­
gen. Aus der Fülle der Mischformen, in denen sich das Geniali­
sche und Irrsinnige verkreuzen, hebt sich dadurch eine als
besonders gefährlich heraus, sie ist die besondere Form des po­
litischen Irrsinns und sie heißt Dämonie: Besessenheit und Ba­
nalität gepaart ergeben Dämonie. Der dämonische Mensch ist
archaisch und er ist infantil, aber dank seiner Banalität ist er
realitätsangepaßt und dank seines genialischen Einschusses ist
er besonders fähig, alle praktischen Mittel zur Befriedigung sei­
ner Irrsinnstriebe in Bewegung zu setzen. Niemand wird leug­
nen, daß der Typus der modernen Diktatoren in diesem Sinne
dämonisch zu nennen ist. Und hierauf beruht der Eindruck des
Irrsinns, der von ihnen ausgeht.
Das Dämonische, sei es nun politisch oder sonstwie ausge­
prägt, ist antihuman und ist damit implizite gegen den christli­
chen Geist gerichtet, welcher das Abendland unter die Leitung
der humanisierten antiken Kultur gestellt hat: die Kirche - al­
leinseligmachend in ihrem Bewußtsein, daß bloß ein noumena-
ler, ein überirdischer, ein unangreifbarer Grundwert, ein Wert,
der zu keinem andern in paritätische Konkurrenz zu setzen ist,
stark und umfassend genug sein kann, um das System aller übri­
gen Werte aus sich folgern zu lassen und dauernd zu halten, daß
alle Sittlichkeit, alle Gerechtigkeit, alle Menschlichkeit nur
durch den Bezug auf diesen obersten Wert zu gewährleisten ist,
und daß mit seiner leisesten Erschütterung unweigerlich das
gesamte sittliche System ins Wanken geraten muß -, die Kirche,
welche um die stete Rückfälligkeit des Menschen weiß, hat stets
39

Copyrighted material
um die Gefährdung des Humanen durch das Dämonische ge­
wußt, und sie hat aus diesem Grunde alle weltlichen Regungen,
all das, was außerhalb ihres Bereiches geschah, mit äußerstem
Mißtrauen betrachtet, sie hat sich stets auf die Seite des Beste­
henden gestellt und in jeder weltlichen Neuerung stets die Ge­
fahr der Wieder-Dämonisierung und Enthumanisierung der
Welt gewittert. Die konservativen Parteien haben diese miß­
trauische Haltung, welche den jeweiligen Stand der Weltdinge
als einen gerade noch knapp haltbaren Glücksfall der Humani­
tät ansieht, konsequent beibehalten, und wenn auch das liberale
Denken sich ebendeshalb dem kirchlichen und außerkirchli­
chen Konservativismus strikt entgegengestellt hat, so war es
doch - bis tief in den Sozialismus hinein, der von der Gerechtig­
keitsidee her seinen eigentlich befeuernden Schwung erhalten
hat - ausschließlich von der christlichen Humanität getragen,
vielleicht sogar noch mehr als der Konservativismus, da gerade
der liberalistische Geist sich nicht vorstellen konnte, daß sein
Vertrauen zur Ratio, daß dieses Vertrauen, um dessentwillen
er die Demokratie erfunden hatte, jemals enttäuscht werden
[könnte], und just aus der Demokratie wieder das Dämonische
hervorbrechen werde, die Grundgerechtigkeit der Welt aufs
neue zu gefährden. Die heutigen Weltereignisse haben voll­
kommen sinngemäß bei den Liberalen weit mehr Verblüffung
hervorgerufen als im konservativen Kreis, und sie sind sehr ge­
neigt, diesem die Verantwortung für die Ereignisse zuzuschie­
ben, sei [es] als [dem] zaristischen Stammvater für die russische
Diktatur, sei es als imperialistischen Ausgangspunkt für die na­
tionalistischen Diktaturen des Westens. Nun gibt es natürlich
für das Motivenkonglomerat historischer Geschehnisse keine
eindeutigen Derivate, und selbst der von den Diktaturen her­
beigeführte Freiheitsverlust des Individuums ist keineswegs
eindeutig ableitbar: die vom Konservativismus gewünschten
und zurückgewünschten gebundenen Lebensformen wider­
sprechen dem liberalistischen Geist, und die von diesem, soweit
er zum Sozialismus sich umgeformt hat, befürworteten gebun­
denen Wirtschaftsformen laufen konservativer Eigentumsan­
schauung entgegen, und es kann daher dem totalitären Staat
nicht vorgeworfen werden, daß er um dieser Totalität willen
jene, wenn auch ihrer Herkunft nach disparaten, Bestrebungen
zusammenfaßt, welche ihm eine maximale Bindung des Indivi­
40

Copyrighted material
duums zugunsten der Staatsganzheit zu verbürgen scheinen.
Der totale Staat ist in diesem Sinne nur eine natürliche Weiter­
entwicklung des demokratischen Gebildes, da dieses in noch
viel auffallenderem Maße imstande gewesen ist, ganz ohne
Kompromiß die disparatesten Strebungen zu einer gewissen
Resultierenden zu vereinigen, und so etwa, je nach den jeweili­
gen Motivierungen, bei allen freiheitlichen oder gar christlichen
Tendenzen ohne weiteres einen blutigen Eroberungskrieg zu
führen vermag, oder aber bei imperialistisch-konservativen
Grundhaltungen sich zu einem tätigen Pazifismus bequemt; die
gleiche natürliche Weiterentwicklung ist hinsichtlich der Inten­
sität zu konstatieren, mit der diese Dinge vor sich gehen, denn
der Radikalismus der Anschauungen, ein Radikalismus, wel­
cher keine andere Meinung berücksichtigt haben will, ja, sogar
den Andersdenkenden kurzerhand physisch zu vernichten
wünscht, diese Radikalität und Ausschließlichkeit, ist ein
durchgängiges Symptom des modernen Lebens und wie überall
auch in den modernen Demokratien präformiert, muß also, in
organischer Weiterentwicklung solchen Radikalismus, von der
natürlichen Staatsbejahung zur Staatstotalität führen, diese
aber eben auch mit allen Zeichen uneingeschränkter Radikali­
tät ausstatten. M. a. W., der totalitäre Staat ist der notwendige
Schlußstein einer langen Entwicklungsreihe, er ist dadurch lo­
gischer und eben zeitgerechter als die noch bestehenden staatli­
chen Vorstufen, die im Gegensatz zu ihm Zwittergebilde sind,
und er ist ihnen eben hiedurch als Machtfaktor überlegen; das
Logische ist stets stärker als das rudimentär Logische. Worin
begründet sich aber dann der plötzliche Umbruch ins Dämoni­
sche, da alle Vorstufen undämonisch und sogar antidämonisch
gewesen waren? worin liegt das Irrsinnige des neuen Gesche­
hens, worin liegt seine spezifisch irrsinnige Unproduktivität, da
inhaltsgemäß die ganze Entwicklungsreihe hiezu produktiv ge­
wesen ist? Dieser Umschwung ins Gegenteil (zweifelsohne ein
spezifisch dialektischer Prozeß, durchaus im Hegelschen Sinne)
hat sich konkret von dem Augenblick an entwickelt, als die
menschliche Ratio, gemäß der ihr durch das Wertsystem, in der
sie eingeordnet war, verbürgten sittlichen Freiheit, daranging,
ihrem rationalen Eigengesetz folgend eben dieses Wertsystem
kritisch zu durchleuchten und die Zweifel bis zur suprana-
tural-göttlichen Wertspitze heranzutragen; es wurde solcherart
41

Copyrighted material
die Wertspitze, trotz sonstigem Fortbestand des Wertsystems,
sukzessive abgebaut, d. h. es blieb wohl das christliche Sittlich­
keitssystem noch jahrhundertelang bestehen, aber die Welt
verlor mehr und mehr den Glauben an die Wertspitze, sie
wurde mehr und mehr ungläubig, nichtachtend, daß hiedurch
der gesamte Wertverband gelöst und die Einzelwerte, so ak­
zeptabel sie auch jeder für sich sein mochten, hypertrophisch
zu wuchern begannen, kurzum, daß sie nicht mehr gemeinsam
auf die Werttotalität bezogen waren, sondern entfesselt in eine
Wertkonkurrenz gerieten, in welcher jeder von ihnen trachten
mußte, an die Systemspitze zu gelangen, um durch Unterjo­
chung der anderen sich selber zu behaupten. Dieses Spiel muß
notgedrungen dann ein Ende finden, wenn es einem dieser
Werte gelingt, tatsächlich an die Spitze zu gelangen: die Demo­
kratie ist sicherlich bloß ein sehr verkleinertes Abbild dieser
komplexen Wertvorgänge, doch sie zeigt, wie in ihrem Kräfte­
spiel sich totalitäre Strebungen nach und nach entwickeln kön­
nen, um dann schließlich innerhalb der Systemregeln bis zur
Aufgebung des Systems selber vorzustoßen. Ein solcher Au­
genblick ist nunmehr eingetreten, d. h. es hat sich aus dem Sy­
stem der humanitären Werte nunmehr der des diktatorisch-ab­
soluten Staats herausgebildet, es hat sich dieser an die Spitze
des Wertsystems gestellt, und er mußte sich, um sich daselbst be­
haupten zu können, sofort mit allen Attributen supranaturaler
göttlicher Machtvollkommenheit ausstatten: hervorgegangen
aus einem Sittlichkeitssystem, das der seelischen Freiheit des
Individuums eine tragende Rolle zuweist, muß die Diktatur
nunmehr dieses System selber aufheben, sie muß die seelische
Freiheit des Individuums vernichten, und zu diesem Behufe ihr
eigenes Sittensystem aufstellen, das weitgehend, zumindest
vom alten System aus gesehen, ein System der Unsittlichkeit ist,
weil darin die Aufhebung des Humanen schlechthin sich be­
gründet. Diese vollständige Umklappung des ethischen Bildes
hat den Freiheitsbegriff zu einem konservativen zurücktrans­
poniert, und mit ihm alle andern sittlichen Werte, welche das
Humane ausmachen; Menschenwürde, Pakttreue, Gerechtig­
keit, Wahrhaftigkeit haben in dem neuen System keinen Platz
mehr, und nirgends zeigt sich vielleicht diese Radikalumklap-
pung so deutlich wie in dem Verhältnis Italiens zum Antise­
mitismus, der vor drei Jahren dortselbst noch der Gegenstand
42

Copyrighted material
berechtigsten Hohns gewesen ist, während heute der italieni­
sche Führer keinen Anstoß nimmt, sich selbst zu desavouieren
und um des Systems willen, gegen besseres Wissen, die Be­
rechtigung des Antisemitismus durch sogenanne Wissenschaft­
ler beweisen zu lassen: Niedertracht zum System und die cäsa-
rische Vergöttlichung des Menschen an der Systemspitze
benötigt einen ebenso fleischlich-materialen Teufel als Gegen­
folie, damit das Dämonische sich an dessen Ausrottung legiti­
miere -, wenn auch die Beweggründe gewechselt haben, hat je­
der Durchbruch des Dämonischen zu Teufelsernennungen und
Teufelsausrottungen geführt, widerwillig von der Kirche gese­
hen, widerwillig von ihr geduldet, und waren es im 16. Jahrhun­
dert arme Weibsbilder, die auf den Scheiterhaufen mußten,
weil man in ihnen unerlaubte Muttermystik gewittert hat, so
widerfährt die Ernennung zum Teufel heute einem völlig vagen
Begriff, wie es der des Kapitalisten und Antirevolutionärs ist,
so wie dem Juden, hinter dem das Gespenst der rationalen Frei­
heit vermutet wird. Und damit ist tatsächlich die Grenze des
Irrsinns bereits überschritten, hier bricht das archaisch Chao­
tische des Wahnsinns auf, denn bei allem Machiavellismus ist
es einfach die Wahrheitsblindheit eines irren Infantilismus oder
infantilen Irrsinns, der sein Spiel auf irgendeinen Wunschwert
eingestellt und diesen verabsolutiert hat, es ist die Haltung des
Kindes, das noch nicht zur Menschenwürde erwachsen ist, und
es ist die Haltung des Irrsinnigen, der seine Menschenwürde
verloren hat, aber auch nicht fähig ist, sie beim Nebenmenschen
gelten zu lassen, ja nicht einmal zu sehen: die ungeheuere Welt­
gefahr des irren deutschen Geistes, der sein Material vom sla­
wischen Bolschewismus und lateinischen Fascismus bezogen
hat, um beide sodann zu verknechten, wird daran klar, die un­
geheure Gefahr dieser gigantischen Irrsinnsmaschine, welche
sich in Erlöserphantasien und Welteroberungsplänen ergeht
und diese auch, unbeschadet aller Selbstvernichtung, verwirkli­
chen wird. Denn so platt kindlich auch die Vorstellungen von
der historischen Gerechtigkeit sind, welche den bevorzugteren
Ländern ihren sogenannten »Besitz« entwenden will (- möge
auch der gesamte Wohlstand Europas durch eine japanische
Herrschaft in Indien untergraben werden -), so platt die hero­
ischen Ideale sind, mit denen die einstigen Raubzüge nun fort­
gesetzt werden sollen, es ist eben die Verhaftung am alten Ein­
43

Copyrighted material
zelwert und seine Umlügung zur Systemspitze, auf der er um
seiner selbst willen besteht, das Spezifikum des Dämonischen.
Es gehört zum Dämonischen, solchen Irrsinnszweck mit genial
gehandhabten Mitteln zu erreichen, und ebendeshalb steht die
Gefahr der Erreichung solchen Zieles unmittelbar vor der
Türe; die Plattheit des dämonischen Ausgangspunktes bewahr­
heitet sich an einer Platitüde, nämlich an der Wahrheit vom Irr­
sinn des unvermeidlich werdenden Krieges, der Irrsinn des To­
talkrieges, des Krieges um seiner selbst willen, der dem Total­
staat zugeordnet ist, mag sich dieser auch rühmen, bisher kraft
übermäßiger Rüstungen krieglos die Welteroberung eingeleitet
zu haben, wofür München das erste Beweisstück geliefert hat.

Die Gründe
Es handelt sich nicht um die aus der historischen Herkunft ab­
leitbaren Erklärungsgründe, also nicht um diese oder jene Ge­
schichtstheorie, gleichgültig, ob eine solche, wie etwa die
marxistische, eine noch so brauchbare Arbeitshypothese dar­
stellt, es handelt sich überhaupt nicht um eine derartige Dog-
matisierung, sondern um die Gründe, die in der unmittelbaren
Situation liegen, dies umsomehr, als jene Geschichtstheorien
selber Bestandteile der Situation sind. Die Frage lautet: warum
ist die heutige Menschheitssituation für den Wahnsinn auf­
nahmebereit?
Ich beginne mit der rein technischen Frage der Demokratie,
also mit dem Parlamentarismus, d. h. mit dem Problem der po­
litischen Wahrheitsfindung durch Majorität. Es wurde bereits
erwähnt, daß sich die parlamentarische Demokratie von einem
überaus optimistischen Glauben an die Ratio leiten läßt und mit
dem Wahnsinn höchstens als Einzelfall, niemals jedoch als
Massenerscheinung rechnet; für den reinen Demokraten ist es
derart unvorstellbar, daß eine genügend große Körperschaft
kurzerhand den Selbstmord des Staates beschließen könnte, es
ist ihm unvorstellbar, daß außer vereinzelten Wahnsinnigen ir­
gendein Mensch, geschweige denn die Majorität einer gesetz­
gebenden Körperschaft, sich freiwillig in Knechtschaft und
Würdelosigkeit begeben könnte, es ist ihm unvorstellbar, daß
außer vereinzelten Verbrechern irgendein Mensch, geschweige
denn die Majorität einer gesetzgebenden Körperschaft, auf den
Gedanken kommen könnte, die primitivsten Gesetze der Sitt­
44

Copyrighted material
lichkeit wie der Humanität abzuschaffen und Angehörige der
Minorität oder sonst irgendeine unschuldige Menschengruppe
kalten Blutes zu erschlagen, zu berauben, zu vergewaltigen: all
dies ist dem wahren Demokraten so unvorstellbar, all dies läuft
seinem Bilde von menschlicher Gerechtigkeit und menschli­
chem Glück so sehr entgegen, daß er nicht nur gemeint hatte,
die Fundamente der demokratischen Verfassungen seien mit
Axiomen von Ewigkeitswert in den Zeiten verankert, sondern
es sich auch niemals beifallen ließ, für jene unvorstellbaren
Sachverhalte vorzusorgen, niemals sich die juristisch-morali­
sche Frage vorlegte, ob sich die Volksminorität durch eine
Gangstermajorität regieren lassen müsse, ob sich die Volksmi­
norität durch eine Narrenmajorität zum Selbstmord zwingen
lassen müsse, niemals daran dachte, die Verfassung und damit
auch die Minorität gegen die unausweichlichen Verfassungs­
lücken zu schützen, immer im Vertrauen, daß die Ratio und die
ewigkeitsbestimmte Sittlichkeit eine Verfassung bloß verbes­
sern, niemals aber verschlechtern werde; die demokratischen
Verfassungsstifter haben derartige Wahnsinnsfälle für ebenso
wahrscheinlich gehalten wie ein Ausbleiben der Sonne am
Morgen oder wie ein plötzliches Aufglühen der Luft an irgend­
einer Raumstelle, und sie haben dabei vergessen, daß mensch­
liche Wahrscheinlichkeit nicht mit physikalischer verwechselt
werden darf, und daß in der menschlichen Psyche, wie dies eben
heute überdeutlich wird, es viele Tage gibt, an denen die Sonne
nicht aufgeht, und viele Räume, in denen die Luft plötzlich zu
glühen beginnt.
Vielerlei ist für diesen Tatbestand verantwortlich zu machen,
erstens wohl, daß die heute noch bestehenden europäisch-ame­
rikanischen Ur-Demokratien, also die Schweizer und die der
angelsächsischen Länder, aus einer Zeit noch bestehender Re­
ligiosität herstammen und sich für befugt hielten, Konstitu­
tionsstiftungen auf unabänderliche Gesetze Gottes über die na­
türliche Freiheitsbestimmung des Menschen und der Men­
schenseele zu gründen; ferner darf nicht vergessen werden, daß
diese Demokratien nicht nur verhältnismäßig kleine oder zu­
mindest dünnbesiedelte Territorien umfaßten, sondern auch
von einer Bevölkerungsschicht getragen wurden, welche den
Herrschafts- und Verwaltungsbereich jener Territorien voll
übersah und mit voller Verantwortung gewillt war, den Willen
45

Copyrighted material
Gottes und die Freiheit des Menschen auf dem ihr zugeteilten
Gebiet zu wahren und zu verteidigen. Nichts von alledem trifft
heute mehr zu.
Die modernen Demokratien decken kontinentale Territorien
und, was vielleicht noch ausschlaggebender ist, Großstädte von
einstmals unerahnbarer Ausdehnung; die Bevölkerung, welche
die Demokratie tragen soll, ist nicht mehr die einer kantonal
durchgegliederten und durchsichtigen sozialen Ordnung, son­
dern sie hat sich in stürmischer Weise vervielfacht und ist zu ei­
nem Menschenkonglomerat geworden, das zwar klassenmäßig
gesonderte Schichten kennt, trotzdem aber weitgehend fluktu­
ierend ist, sowohl in seiner konjunkturabhängigen Bauern- und
Farmerschaft, als auch in seinem industriellen Proletariat, und
das sich im Grunde um eine weitgehend uneinordnenbare, le­
diglich geldorientierte Großstadtmasse gruppiert. Von dieser
Masse wird nun verlangt, daß sie die Verantwortung für das von
ihr besiedelte Riesenterritorium, das für sie ein vager, durch
eine Fahne repräsentierter Begriff ist, übernehmen möge; und
wenn auch das zusätzliche Verlangen, nämlich das nach einer
politischen Überzeugung, d. h. nach einer Parteizugehörigkeit,
eher eine Erleichterung als eine Erschwerung jenes ersten Ver­
langens darstellt, so ist es doch fast ein Wunder zu nennen, ein
Wunder, das für eine außerordentliche Lebenskraft der Demo­
kratien spricht, daß dieselben unter solch veränderten Umstän­
den nicht schon längst zusammengebrochen sind: denn man
darf sich keiner Täuschung [darüber] hingeben, daß diese, ins
Gigantische angewachsene, demokratische Maschinerie sich
weitgehend im luftleeren Raum bewegt, daß die professionelle
parlamentarische Politik nur durch die sehr dünnen Wahlfäden
und die etwas stärkeren Korruptionsfäden mit dem Volke ver­
bunden ist, und daß insbesondere die demokratische Annahme
von dem Bestand politischer Überzeugungen durchaus eine
Fehlannahme ist, mehr noch, bereits ein Schritt zur Depravie-
rung des Menschen, denn von der Heiligkeit und Unantastbar­
keit politischer Überzeugungen zu sprechen, ist bereits Blas­
phemie, da es keine politische, sondern höchstens eine sittliche
Überzeugung gibt. Diese freilich ist heilig, und sie wäre die ein­
zige Basis für ein der Verfassungssittlichkeit entsprechendes
moralisches Weiterwirken der Politik. Doch ist diese sittliche
Überzeugung von den Wählermassen überhaupt zu erwarten?
46

Copyrighted material
Eine Bestandsaufnahme für die Sittlichkeit eines Volkes oder
einer Volksgruppe ist schier unmöglich; alle Aussagen, welche
hierüber zu machen sind - selbst statistische - beruhen auf einer
mehr oder minder zutreffenden Einfühlung, ohne die weder das
eine noch das andere zu vollziehen ist. Und gerade die geld­
orientierte Großstadtmasse, um die es hier hauptsächlich geht,
ist von einer kaum erfaßbaren Komplexität, besonders seitdem
die Grundlagen des Geldwesens sich verändert haben. Denn
das 19. Jahrhundert, dem die Großstadt und deren Bevölke­
rung ihre Entstehung verdanken, war vom Phänomen der Meß­
barkeit bestimmt, es hatte vom Meßbaren her seine spezifisch
rationale Ausprägung empfangen, seine geistig-wissenschaftli­
che Haltung war davon [geprägt], ebenso seine ökonomische,
und diesem Tatbestand entsprach es, daß es einen Begriff wei­
testgehender Meßfähigkeit, den allesausdrückenden Geldbe­
griff als fiktive Wertspitze benützte; das regulative Grundprin­
zip war hiebei das der Rentabilität, und unter ihrer Leitung
geschah die Industrialisierung der Welt, unter ihrer Leitung
entwickelten sich die Großstädte in der Richtung der maxima­
len Bodenrente, unter ihrer Leitung wurde die Börse zum
Weltzentrum: aber es war auch die letzte Epoche unangetaste­
ter christlicher Humanität, denn wenn auch alles Magische im
Menschengeschehen auf die Wertspitze des Geldbegriffes kon­
zentriert wurde, wenn auch die Partizipation am Gelderwerb
nicht nur Besitz, sondern darüber hinaus ein Stück Seelenheil
bedeutete, und wenn auch Geldbesitz und moralische Respek-
tabilität identisch wurden (besonders da das Problem der Ar­
beitslosigkeit noch unbekannt war), es wurde dieses Wertge­
bäude höchstens in ein paar Grenzfällen, sonst aber nirgends
durch die überkommene Sittlichkeit gestört, im Gegenteil, sie
war zur Einhaltung der Geschäftsverträge, zur Schuldenein­
treibung und zur Aufrechterhaltung einer sozialen Pseudohier­
archie derart vonnöten, daß sie trotz Auswechslung der Wert­
spitze geradezu als Tragstütze, freilich nicht als Mittelpunkt des
Systems betrachtet werden konnte. Es war die Epoche des zur
Selbständigkeit erwachten Gelderwerbes um des Gelderwerbes
willen, und der Demokratie oblag nicht mehr die Wahrung ei­
ner supranaturalen Sittlichkeit und Gerechtigkeit, vielmehr
wurde sie, wie der Sozialismus, dieses rationalste Kind des ra­
tionalen Jahrhunderts, richtig feststellte, um sich gleichzeitig in
47

Copyrighted material
dieses Spiel einzuordnen, ein Kampfplatz von Interessenver­
tretungen; von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen,
verlor der Mensch jegliches Interesse an der konstitutionellen
Politik, sie war zu einer Angelegenheit von Professionals ge­
worden, manchmal noch ein Ziel des Ehrgeizes, zumeist aber
verachtet, als läge in der Sorge um das Gemeinwohl eine Art
pfäffischer Scheinheiligkeit verborgen, die bestenfalls durch
politische Sinekuren zu entschuldigen wäre. Nichtsdestoweni­
ger gab die Ausrichtung auf den Gelderwerb, gab die Sicherheit
des Geldbesitzes, gab die im Geldbegriff installierte fiktive
Wertspitze der Sittlichkeit den großstädtischen Massen einen
gewissen Halt und bei aller moralischen Dürftigkeit noch jenen
Rest von Lebenssinn, den der Mensch braucht, wenn er nicht
wahnsinnig werden soll. Dies hat sich mit der Änderung der
ökonomischen Situation und mit der Erschütterung der Geld­
grundlagen tiefgreifend verschoben; das regulative Prinzip der
Rentabilität war verlorengegangen, und es zeigte sich, daß
selbst die Erschütterung einer fiktiven Wertspitze vom Men­
schen nicht vertragen wird.
Die heutige Großstadt ist von ihrem Gott verlassen; es rentiert
sich nicht mehr, Häuser zu bauen, es rentiert sich nicht mehr,
Geld zu sparen, es rentiert sich kaum mehr das einstige Sitten­
gesetz des Fleißes, aber auch nicht mehr das der Börsenspeku­
lation: was im Rahmen der Rentabilität sinnvoll gewesen war,
ist zu einer leer fürchterlichen, unbegreiflichen Bedrohung im
Sichtbaren wie im Unsichtbaren geworden; äußerlich hat sich
nichts gewandelt, das Stadtbild steht unverändert, Bürohäuser
und Fabriken schlucken allmorgendlich die ihnen zugeteilten
Lebewesen, um sie abends wieder auszuspeien, die Hetzjagd
um ein Stück Zeit geht auf den Straßen, in den Untergrundbah­
nen, in der Rastlosigkeit des Geldumsatzes ungebrochen wei­
ter, ja, immer noch geht der Pflug, allerdings ein motorisierter,
über die Felder, aber hinter allem hat sich eine schier geister­
hafte Unwirklichkeit aufgetan, die für den Menschen umso er­
schreckender ist, je handgreiflicher und gigantischer die Wirk­
lichkeit um ihn herum aufgebaut ist, eine Kulisse von
Wolkenkratzern und Verkehrsmitteln, kurzum einer Lebens­
technik, die ihres Sinnes beraubt worden ist, und wenn auch der
Mensch dies immer nur in Streiflichtern erkennt und kaum er­
kennt, er hat doch begonnen, die Wirrheit seiner Rastlosigkeit
48

Copyrighted material
zu durchschauen, und es ist ihm ein neues Lebensgefühl, ein
neues Wissen geworden, das Wissen um die Unbewältigbarkeit
einer ehemals bewältigbaren Welt. Fragt er sich nach der Ursa­
che solchen Zusammenbruches, so sieht er sich, selbst wenn er
nicht fragt, einer Fülle unüberwindlicher, stumm-dunkler Ge­
walten gegenüber, er sieht sich einer unaufhörlich wachsenden,
selbständig gewordenen Maschinentechnik gegenüber, welche
ihn mit jeder Stunde arbeitslos machen kann, er sieht sich einem
Weltgeschehen gegenüber, dessen blutig gewaltsamer Ablauf
von keinem Staat, geschweige denn von einem Einzelbürger zu
beeinflussen ist, sieht sich von einem Teufelsgott beherrscht,
welcher zwar einen Namen trägt und Konjunktur heißt, dem
sich aber keinerlei Weltgesetz abringen läßt, und inmitten einer
Welt pünktlichster Rationalisierung und Berechenbarkeit, in­
mitten einer Welt von Zentralheizung und Straßenbahn und
Radio und Flugzeugen fühlt er sich - mit Recht - unaufhörlich
den unerwartetsten Unberechenbarkeiten ausgeliefert. Die
apokalyptische Ahnung ist über den Menschen gekommen, sie
ist ihm aus dem Bilde der Großstadt aufgestiegen, und apoka­
lyptisch furchtbar ist ihm die Ingenieurwelt geworden, die er
sich errichtet hat.
Es könnte gesagt werden, daß die Verkoppelung von Wirt­
schaftskrise und Apokalypse unerlaubt sei, und daß eine Wie­
derkehr der prosperity raschestens das Leben wieder sinnvoll
machen werde. Es erklingt also nicht nur aufs neue der beruhi­
gende Ruf »bussiness as usual«, der Heilsruf der Bürgerlich­
keit, sondern es wird auch von den sozialistischen Kreisen vor
allem eine Ankurbelung der Wirtschaft verlangt - zweifelsohne
eine berechtigte Forderung, zweifelsohne eine, deren Erfüllung
ein Menschheitssegen wäre. Und zweifelsohne wünschen sich
die Großstadtmassen nichts dringlicher als eine Wiederkehr der
prosperity und eine Rückkehr ins alte Geleise. Doch während
jene, welche sich auf das »business as usual« verlassen möchten,
die Hoffnung vertreten, es werde sich auch diese tiefste Krise
automatisch wieder beheben, weil die Wirtschaft stets durch
Krisen hindurchgegangen ist, während sie - sicherlich nicht un­
begründeterweise - davor zurückschrecken, sinkenden Kon­
sum mit nochmals erhöhter Investition zu bekämpfen, so zeigt
eben die ganz außergewöhnliche Wendung des Investitionsan­
triebes, der unter wechselnden Formen auf der ganzen Welt
49

Copyrighted material
vorgenommen wird, daß die Depression sich nicht ohneweiters
an die alten Konjunkturkrisen angliedern läßt, sondern eben
Momente enthält, welche auf einen wesenhaften Umbruch der
Wirtschaft hindeuten: allerdings ist dies eine fast müßige Über­
legung; denn die politische und seelische Erschütterung der
Welt ist so weit fortgeschritten, daß sich eigentlich niemand
ernsthaft vorstellen kann, es werde das Riesenwerk der wirt­
schaftlichen Wiederankurbelung, das nun einmal da ist und we­
der rückgängig gemacht werden kann, noch rückgängig ge­
macht werden soll, selbst bei bestem Gelingen (- und dann erst
recht nicht -) einfach dazu dienen, den Geist des 19. Jahrhun­
derts, mag dieser sogar von den Massen selber zurückge­
wünscht werden, wieder aufleben zu lassen, und am allerwenig­
sten ist zu erwarten, daß ein einzelnes Land sich politisch und
wirtschaftlich als eine glückselige Insel rentabler Kapitalsanla­
gen und ungestört sittlichen Geistes zu isolieren vermöchte. Wo
es sich um Massenerscheinungen handelt, besonders dann,
wenn es darum geht, die Massen zu einer Willensäußerung zu
bewegen, gilt immer nur das hinc et nunc der augenblicklichen
Situation, und mag auch das Wunschbild des Gewesenen inner­
halb der Masse noch so groß sein, sie kann ihre Zukunftsent­
scheidung, auch wenn sie mit dieser das alte gemäßigte Vorstel­
lungsbild verwirklichen möchte, immer nur unter das radikale
Entweder-Oder des Ja und Nein stellen; Verzweiflung, Visio­
nen, Ahnungen sind nicht durch rationale Überlegungen zu
kommandieren, nicht einmal beim Einzelmenschen, ge­
schweige denn also innerhalb einer Masse, und die radikalen
Wunschbilder, die der Massenseele vorgaukeln, weil sie als Ve­
hikel für die kleinen vorstellbaren Wünsche benützbar sind,
übersteigen selber immer das Vorstellbare, sind vage Gebilde,
die heute Nazitum oder Bolschewismus heißen, im Grunde aber
ebenso unpräzise und phantastisch sind wie die Phantasien, die
sich ein Knabe über seinen künftigen Beruf macht. Solange das
System der moralischen Werte ungebrochen dastand, konnte
sich der Sozialismus darauf beschränken, von der Wirtschaft ei­
nen gerechteren Lohn für den Arbeiter abzufordern -, auch
heute will der Arbeiter selbstverständlich seinen besseren Lohn
haben, aber er sieht zugleich, daß er von dem üblichen Gewerk­
schaftssozialismus ein für allemal sozial als lohnempfangender
Arbeiter einklassiert wird, und dies sagt ihm nichts mehr, weil
50

Copyrighted material
das ganze moralisch-soziale System, in dem dies vollzogen wird,
sinnlos geworden ist, weil sich an die Stelle der fix eingestellten
moralischen Tradition nunmehr ein Bündel von vagen Vorstel­
lungen geschoben hat, die viel zu flottant sind, um überhaupt
mit einer triftigen Erklärung, wie z. B. Machttrieb, definiert zu
werden, und in denen der Wunsch nach höherem Lohn, mag er
noch so intensiv bestehen, eine bloß untergeordnete Rolle
spielt. Bei allem Fortbestand der Geldgier ist die Vorspiegelung
einer künftigen prosperity noch lange kein Anreiz, um die Mas­
sen zu wahren Verteidigern und Wahrem der Demokratie zu
machen, und selbst wenn diese prosperity eintreten würde oder
eintreten wird, kann nicht erwartet werden, daß die sittliche
Wertpyramide der Humanität durch Neuaufsetzung ihrer fikti­
ven Geldspitze sich wieder konsolidieren werde; ein entthron­
ter Gott ist noch niemals auf seinen Thron zurückgelangt, und
bei allem Fortbestand der Geldgier ist es ausgeschlossen, daß
der Geldbegriff nochmals zum Träger der magisch-mythischen
Vorstellungen des Menschen gemacht wird, oder daß der seeli­
sche Prozeß, den die Massen in den letzten Jahren durchlaufen
und durchlitten haben, wieder eine rückläufige Bewegung er­
halte: Massenahnungen sind Wirklichkeit, man darf in diesem
Zusammenhang mit Fug von einer demokratischen Treffsi­
cherheit der Massen sprechen, und Wirklichkeit ist der äußerst
angstvolle und eben fast apokalyptische Zustand, der ihnen
durch ihre Konfrontation mit dem Unbewältigbaren auferlegt
worden ist.
Es ist also nicht Verachtung der Massen - ob Verachtung oder
Nichtverachtung ist überhaupt eine falsch gestellte Frage -, und
es ist auch nicht Unglaube an die Demokratie, wenn wir die
Frage nach der Möglichkeit einer sittlichen Willensüberzeu­
gung, mit [der] sich die Wählerschaft zur Demokratie stellen
soll, kurzerhand verneinen. Im Gegenteil, es wird der Mas­
senpsyche vielleicht mehr zugetraut, als sie tatsächlich zu leisten
imstande ist, wenn wir Angstgefühle bis zur großen Wirklich­
keitsahnung erweitert wissen wollen, bis zu jenem apokalypti­
schen Wissen, das über die Bedrohung des unmittelbar Unfaß­
baren hinaus alle Schrecknisse, alle Greuel, alles Menschheits­
leid einer mordzerstörten Welt erfühlt. Aber selbst wenn diese
Angst nicht so weit reichte, selbst wenn sie bloß von der unmit­
telbaren Lebensbedrohung und der unmittelbaren Lebensangst
51

Copyrighted material
bedingt wäre, es bleibt das Gemeinwesen dem heutigen Men­
schen mehr schuldig als er ihm, denn er findet im Gemeinwesen
nicht mehr jene Beruhigung, die es ehemals lieferte, als es noch
Produkt und Ausdruck eines gesicherten Wertsystems gewesen
war und ebenhiedurch seine Angehörigen vor jedweder Uner-
klärlichkeit geschützt hat; gewiß hat der Sozialismus versucht,
den Massen eine - sogar weitgehend zutreffende - rationale
Erklärung für die sie bedrohenden Unerklärlichkeiten zu lie­
fern, er hat darüber hinaus sogar versucht, sich zur »Weltan­
schauung« zu dogmatisieren und das gesamte sittliche Wertsy­
stem in seine Terminologie unterzubringen und damit zu
erneuern, was bei einer Schicht von Halbintellektuellen auch
gelungen ist, indes, die eigentliche Massenwirkung ist nicht vom
marxistischen Lehrgebäude ausgegangen, überhaupt kaum
vom Rationalen, wohl aber von der Rückbezogenheit auf das
Bild der Revolution, auf die Erweckung der Vorstellung von
der Revolution; die Massenwirkung ist durch die beinahe my­
stische Berufung auf die Revolution ausgelöst worden, be­
zeichnenderweise nicht durch die Berufung auf die angelsächsi­
schen Demokratiegründungen, wohl aber auf das Bluttheater
der französischen Guillotine, m.a.W. nicht durch eine Wendung
an die Rationalität, sondern an die Vorstellungswelt des Men­
schen, also ungeachtet sittlicher Absichten unter weitgehender
Preisgabe der sittlichen Motivation. Und dies scheint einer der
wesentlichen Punkte zu sein: die Vorstellungswelt des Men­
schen in der Ur-Demokratie deckte sich weitgehend mit den
Belangen dieser Demokratie selber, die sein eigenes Leben
verkörperte und sicherte, die Vorstellungswelt der Großstadt­
demokratie des 19. Jahrhunderts war zwar nicht mehr unmit­
telbar von dem Gemeinwesen beliefert, sondern von der Geld-
bezogenheit der Werte, fand aber doch innerhalb des selber
gezogenen Gemeinwesens ihren gesicherten Platz; die Vorstel­
lungswelt des heutigen Menschen, d. h. die vorstellungsmäßi­
gen Ansätze zu seiner seelischen Lebenssicherung, entspringen
weder dem Gemeinwesen, noch der Geldsucht, sondern stam­
men, so grotesk es klingt, aus der Kinoindustrie und aus dem
Bilderteil der Zeitungen; denn die Seele des Menschen geht
stets den Weg des geringsten Widerstandes, sie sucht stets die
bekannte Welt, sie sucht stets das unmittelbar Wünschens­
werte, sie will von einer Übersetzung ihrer Wünsche in eine an­
52

Copyrighted material
dere, weniger unmittelbare Sprache, zu der auch die rationale
gehört, tunlichst nichts wissen, sie scheut jegliche Anstrengung,
und wenn es ihr, beraubt ihrer Wertwelt, zurückgeworfen in die
Wirrnis ihrer Vorstellung, nottut und nottun muß, die unbe­
kannten, ständig drohender werdenden Gewalten gemeistert zu
sehen, so wird sie dorthin blicken, wo ihr dies am unmittelbar­
sten vor Augen geführt wird, wo innerhalb einer bekannten
Welt zauberhaft das Unerklärliche beiseite geschafft und die
altgewohnten Wünsche befriedigt werden, er flüchtet mit seiner
Seele ins Dämonische und mit seinem Leib ins Kino, wo dem
Kinohelden zuverlässig die Bewältigung des Unbewältigbaren
im allerbekanntesten Wunschtraum gelingt -, denn unverges­
sen ist es der Seele, daß der Dämon ein Gott von gestern ist,
daß er einstmals das Unerforschliche verkörpert hat, das Uner-
forschliche des Meeres, das Unerforschliche des Waldes, das
Unerforschliche der Zeugung und des Todes, das Unerforschli­
che des Kriegssturmes, unvergessen ist es der Seele, daß sie
einstmals - sie tut es noch immer - zu jenem Ur-Gott um die
Aufhellung des Unerforschlichen gebetet hat, daß sie ihm Op­
fer gebracht hat, damit sein Wunsch mit dem ihren Zusammen­
falle, damit im Wunsch und in der Erfüllung des Wunsches stets
aufs neue Gott und Mensch identisch werden mögen, und wenn
auch der Kinoheld, der statt dessen zum [Gegenstand] der
Identifikation erhoben worden ist, das Dämonische an seine
Gegenspieler abgetreten hat, um es in ihnen umso sinnfälliger
zu besiegen, wenn er also auch als Vertreter eines neuen und
lichteren Glaubens fungiert, als Heilsbringer, der kraft seiner
Erkenntniskraft und seiner allumfassenden Ratio, die alten Be­
herrscher der Gewalten nun selber niedergezwungen hat, auf
ihren Sieg einen neuen Sieg setzend, wenn er also auch lichtge-
staltig und zum Zerrbild versüßt immer noch das Erlösungsbe­
dürfnis des Menschen befriedigt, so rollen doch die eigentlichen
Wünsche der Seele in der düstern Sphäre des Ur-Gottes ab, in
der Sphäre des Gestern und des Einst, in der Sphäre des Dämo­
nischen und der von allem Rationalen abgekehrten, dämoni­
schen Bewältigung des Unerforschlichen, in der vor-heilsbrin-
gerischen Sphäre. Die Guillotine des Films ist weitaus
unmittelbarer vorhanden als die Revolutionserinnerung eines
Sozialismus, welcher rational das Klassenbewußtsein des Pro­
letariats erwecken will, sie ist ein handgreifliches Opferinstru­
53

Copyrighted material
ment, errichtet für den Ur-Gott, durch dessen Geneigtheit sich
die Gefahrenwildnis des Lebens öffnen soll, sie ist es unabhän­
gig davon, ob der Film revolutionär oder antirevolutionär ge­
dacht ist, genau so, wie es durchaus gleichgültig ist, ob eine
Schlachtszene mit kriegerischer oder pazifistischer Tendenz
gezeigt wird, denn ob so oder so, es geht um die Identifikations­
richtung, und diese verlangt, soll der Film nicht abgelehnt wer­
den, daß der Ur-Gott von einst sich fähig zeige, entweder die
dunklen Gewalten harmlos zu machen oder aber sie zu besie­
gen, u. z. womöglich mit allen Mitteln der modernen Technik,
alle Gewalten des Unheimlichen in seiner Hand haltend und sie
gegeneinander ausspielend, um im Wohlstand des Happy-Ends
schließlich das Wunschbild von gestern zu konkretisieren: si­
cherlich ist dies nicht nur das Dämonische des Kinos, es ist si­
cherlich das Dämonische, das Panische der Kunst überhaupt,
doch niemals noch war das Dämonische derart industrialisiert,
niemals noch war es derart Massenware für Massenbedarf ge­
wesen; das dämonische Element der Identifikation ist zu einem
standardisierten Konservenartikel geworden, es steht im Leben
der Großstadt nur noch mit dem Sport in Konkurrenz, und auch
dieser hat in seinem Massenbetrieb und [seinen] Rekordisie-
rungen bereits Formen angenommen, die deutlich darauf hin-
weisen, daß die Massen auf der Suche nach einer neuen fiktiven
Wertspitze für ein nicht mehr existentes Wertsystem begriffen
sind, als könnte ein Rekord alles Unerklärliche übertäuben.
Fast könnte man meinen, daß die stumme Identifikation mit
dem Sieger schlechthin die eigentliche Denkform der moder­
nen Massenseele geworden ist, daß damit ihr Erkenntnisdrang
Genüge findet, mehr noch, daß sie darüber hinaus gar nicht er­
kennen will, daß dies ihr Glaube sei, ein neuer Glaube, der nur
eine Wertspitze, jedoch darunter kein sittliches Wertsystem
mehr kennt. Gewiß, das menschliche Leben ist stets ein Traum­
leben gewesen, selbst dann, wenn es im gesichertsten Wertsy­
stem eingebettet war, es ist Traum, weil auch jedes Wertsystem
ans Traumhafte grenzt, allein der Traum verwandelt sich zum
betäubten Herdenschlaf, je wertfreier der Mensch dahinleben
muß, je wertberaubter er wird, und durchaus traumhaft ist das
Leben, dessen Taghaftigkeit sich im Maschinellen und Zah­
lenmäßigen erschöpft, dessen Seinsgefühl aber ausschließlich
auf Identifikation eingestellt ist. Inmitten einer rationalen
54

Copyrighted material
Überwachheit der Dinge, neben einer rational-kritischen
Überwachheit einer von einer sehr dünnen Schicht getragenen
Wissenschaft und Geistigkeit, läuft das Leben des Großstadt­
menschen in Flucht und Traum dahin, vor der Wertentbunden-
heit flüchtend dem Traume zu, vor dem Alptraum flüchtend in
die Zahlenbetäubung: auf welchen Volksmassen soll also da die
Demokratie beruhen, da ihr Wort kaum noch wie ein halbver­
gessener Tagesrest in den Träumen herumwebt? Welches In­
teresse an der Demokratie kann man von einem Träumenden
erwarten, außer [das an] den zahlenmäßig-sportlichen Wahlre­
sultaten? Welche menschliche Würde, welche menschliche
Freiheit, welche menschliche Sittlichkeit hat der Träumende zu
verteidigen? Keine! keine, da er weder Sittlichkeit noch Würde
besitzt, und seine Traumesfreiheit keine Freiheit ist -, es gibt
keine Freiheit ohne Zeitablauf, in dem die Gestaltung der Welt
vorgenommen werden kann, ohne jenen unendlichen Zeitab­
lauf, in dem alle sittlichen Werte mit zukunftsgeschichtlichem
Willen auf das unendliche, niemals erreichbare Ziel ausgerich­
tet sind; und die Welt des Traumes ist ebenso ohne Zeit wie die
des ebenso stets sittlichkeitsberaubten, würdeberaubten
Wahnsinns, obwohl der Träumer wie der Wahnsinnige danach
trachten, die Zeit mit Geschehnissen anzureichern, auf daß sie
eben wieder Zeit werde, sie beide gleichsam in einer steten
Angst vor einer Freiheit, die sich im Zeitlosen verirrt hat und
mit der sie, wie mit der Zeit selber, nichts anzufangen wissen.
Daß die mannigfaltigen Typen des Wahnsinns unaufhörlich in
den Traum hineinragen, ja, daß ein einziger Traum die ver­
schiedensten hievon gleichzeitig enthält, darf vermutet werden,
ebenso daß die magisch-archaische Denktechnik der Personifi­
kation und Identifikation einen gemeinsamen Nenner für
Traum und Wahnsinn abgibt; man muß sich hiebei umsomehr
auf Vermutungen beschränken, als das Grenzgebiet von Traum
und Wahnsinn bereits im Individuellen wissenschaftlich schwer
zugänglich und kaum bearbeitet worden ist, hier aber noch
überdies vornehmlich Massenerscheinungen, Massenträu­
mende und Massenwahnsinn umfaßt: gewiß kann das unbewäl-
tigbar Bedrohliche auch im Individuum zu klinischer Gei­
steserkrankung führen, sehr oft zu solchen depressiver und
melancholischer Art, doch im allgemeinen hat die klinische Er­
fahrung gelehrt, daß hiezu eine auslösungsbereite pathologi-
55

Copyrighted material
sehe Prädisposition gehört, während der Normalmensch eine
merkwürdig zähe Widerstandskraft selbst unter schwerstem
psychischen Druck außergewöhnlichster Umstände sich be­
wahrt, nach wie vor arbeitsfähig bleibt, soferne man ihm nur
Arbeit verschafft, nach wie vor kriegsfeindlich ist, soferne man
ihm nur seinen Frieden läßt, nach wie vor die Ordnung liebt,
den pünktlichen Straßenverkehr, geregelt durch grüne und rote
Lichter, geregelt durch eine Polizei, welche das Eigentum
schützt, und nicht nur, daß seine Träume, zumindest nach dem
vorliegenden Beobachtungsmaterial, sich im gewohnten Nor­
malumkreis bewegen, es geht die Wirkung einer so schweren
Erschütterung wie die des Krieges, greift sie sogar wirklich in
die psychische Gesundheit ein, selten über den Bereich der
kleinen Normalwünsche hinaus, d. h. sie äußert sich in Renten­
neurosen und Rentenpsychosen; erst im Massenpsychischen
ändert sich dieses Bild, erst in der Masse wird die archaische
Gefühlswelt aufgetan, die voller Ordnungsekel, voller Welt­
ekel, voller Freiheitsekel, voller Kulturekel allem Rationalen
gegenübersteht, erst in der Masse wird der Krieg, mag er dem
einzelnen noch so hassenswürdig, noch so sinnlos, noch so
selbstmörderisch erscheinen, aufopferungsfreudig bejaht, erst
die Masse reagiert auf die Bedrohung mit der Anrufung des
einstigen Gottes, der Opfer verlangt und dem Opfer gebracht
werden müssen, erst in der Masse bricht der Dämonentraum
aus, angepeitscht von der apokalyptischen Vision, die ein Wis­
sen der Masse und nicht des einzelnen ist. Und verwirrt vom
Traume, verwirrt von der Angst, verwirrt vom Ekel, gebannt
von einer schlafwandlerischen Vorstellungswelt ohne Wertsitt­
lichkeit, torkelt die moderne Großstadtmasse in den Wahnsinn,
der an den selbstmörderischen, erbarmungslosen Geschehnis­
sen der Zeit, an ihrer Sintflut von Leid und Qual immer wieder
abzulesen ist. Im Schatten des Apokalyptischen wohnt die
Größe und die Zerknirschtheit des menschlichen Herzens, zu­
meist aber seine Armseligkeit.
Die Entwicklung des Wertzerfalles, die Entwicklung der Mas­
senpsyche zu ihrem gegenwärtigen Zustand ist wie jeder histo­
rische Ablauf logisch begründbar und wäre noch begründbarer,
wenn man sämtliche Verursachungen erfassen könnte. Die lo­
gisch notwendige Ableitung einer Krankheit stempelt diese
aber noch lange nicht zur Gesundheit, sie kann höchstens den
56

Copyrighted material
Heilungsprozeß erleichtern, und wenn man auch mit Wahn­
sinnsdiagnosen zurückhaltend sein muß, besonders vor neuen
Phänomenen mit starkem Unbekanntheitscharakter, so scheint
hier-m an braucht nur immer wieder auf die medikamentlosen
Epidemien im chinesischen Kriegsgebiet, auf die verhungern­
den spanischen Kinder, auf die Morde in den deutschen Lagern,
auf die Pogrome und Erschießungen hinzuweisen, die Aufzäh­
lung hat kein Ende - der Wahnsinnsfall ziemlich eindeutig ge­
geben zu sein. Hingegen entspricht es der historischen Notwen­
digkeit, daß jede wahre Führernatur sich in die Richtung des
Ablaufes stellt, daß er, im Sinne seines Genies, den jeweiligen
Zustand der Massenseele erlauscht, gleichgültig ob diese krank
oder gesund ist, und ihr rückhaltlos dient. Ist die Massenseele
irre, so hat der geborene Führer, der sie beherrschen will, vom
gleichen Irrsinn besessen zu sein, muß also ihren Irrsinn tun­
lichst steigern. Würde er statt dessen die Heilung versuchen, er
wäre mehr als ein Führer, er wäre ein Heilsbringer, freilich mit
der Gefahr, gekreuzigt zu werden. Die modernen Diktatoren
haben den Besessenheitsweg gewählt; sie haben mit großer Ge­
nialität den Freiheitsekel, den Demokratieekel, den Sittlich­
keitsekel der Massen erfaßt, zugleich aber deren tiefe Sehn­
sucht, ein neues Wertgebäude zu erhalten, eine neue
Werthierarchie, das eine sichtbare wertstiftende Spitze besitzt,
und sie haben dieses Wertgebäude mit dem totalen Staat, an
deren Spitze sie selber in cäsarisch vergöttlichter Omnipotenz
als Identifikationszentrum stehen, geschaffen und konsolidiert.
Doch darüber hinaus haben sie noch mehr erkannt: sie haben
erkannt, daß alle Widersprüche der menschlichen Seele sich
auch in der objektiven Welt verwirklichen lassen, daß Ordnung
und Zuchtlosigkeit, daß Friedensliebe und Aggression, daß
Sozialismus und Ausbeutung, daß Humanität und Verknech­
tung, daß Ratio und Triebhaftigkeit, daß Wahrheit und Lüge
ohneweiters zu einem einzigen dichten Geflecht zu vereinigen
sind, kurzum, daß die Welt genau die gleiche unsaubere Verfil­
zung von Gegensätzen ist, wie sie in der Seele des unerwachten
und gar des irrsinnig gewordenen Menschen vorliegt. Was in
dieser Verfilzung keinen Platz hat, ist die Würde des Menschen,
ist die Größe und Unantastbarkeit seiner ebenbildlichen Natur
und seiner verstandesbegnadeten Humanität; an ihre Stelle ist
die Befriedigung der archaisch-magischen Irrationalvorstel­
57

Copyrighted material
lungen und eines infantilen Siegeswillens getreten, welche ei­
nen vollwertigen Ersatz für den ohnehin nicht sehr fühlbaren
Freiheitsentzug darstellt. Lenin war der erste dieser genialen
Diktatoren, allerdings auch der letzte Nachfahre des rationali­
tätsbesessenen 19. Jahrhunderts, er hat als erster die Unfähig­
keit der demokratischen Riesenapparate vor der Bewältigung
großer dynamischer Aufgaben erkannt, und er hat als erster
durch Entfesselung von irrationalen Massentrieben am Begriff
einer perpetuierten Revolution es unternommen, die Massen­
wünsche in den Dienst einer ihr dienenden Diktatur zu stellen.
Der Abstand zwischen der russischen Bauernmasse und der
amerikanischen Großstadtmasse ist ein ungeheuerer: aber da­
zwischen liegen Deutschland und Italien und die westeuropä­
ischen Länder, und ihr Beispiel zeigt, daß es einen Weltgeist
gibt, daß die Massenpsyche überall die gleiche ist, ja, daß mit
je höherer und städtischerer Rationalisierung eines Volkes
umso schärfere Aufbrüche des Irrationalen und des magischen
Sadismus zu erwarten sind; je höher der Baum, desto tiefer
seine Wurzeln, und je größer die Freiheit war, deren der
Mensch teilhaftig gewesen ist, desto mehr affektive Güter wer­
den von seiner wahnsinnsbesessenen Seele gefordert, sobald
das sittliche Band völlig aufgehoben wird. Die Moral des
»Warum nicht?«, welche in den europäischen Diktaturen be­
reits die grauenhaftesten Ergebnisse gezeitigt hat, ist eine un­
aufhaltsame Lawine; sie wird immer weitere Gebiete umfassen
und zu immer scheußlicheren Formulierungen gelangen, sie
wird, wenn es einem Diktator einfällt, bis zur gesetzlichen
Menschenfresserei führen, ohne daß deshalb die Bahnen, die
Post, die Fabriken, der Handel zu funktionieren aufhören wer­
den, es wird die vom Christentum eingeleitete Humanisierung
der Welt endgültig aufgehoben werden. Wohlgemerkt, der ge­
samten Welt. Denn Amerika, das dank seiner Konstitution
heute noch die Humanität hochhält und in Kürze das einzige
noch humanitätsorientierte Land sein wird, ist zugleich das
Land der tiefgreifendsten Rationalisierungen, das Land der gi­
gantischsten Großstädte, das Land der zerklüftetsten Massen­
psyche, und wenn die Fascisierung Europas vollendet sein wird,
so wird es ebensowohl infolge seiner politischen Einkreisung,
als auch infolge der psychischen Aufnahmebereitschaft seiner
Massen als Beute der schon heute wirksamen Propaganda dem
58

Copyrighted material
lawinenartig weiterschreitenden Massenwahn zum Opfer fal­
len. Und es läßt sich schon heute prophezeien, daß der künftige
Diktator der Vereinigten Staaten nach Abtretung sämtlicher
Randgebiete seine Massen durch die Wiedereinführung der
Sklaverei für Neger und Juden beschwichtigen wird.

Die Abwehr: Die Diktatur der Humanität und der Freiheit


»We hold these truths to be self-evident, that all men are crea-
ted equal, that they are endowed by their Creator with certain
unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the
persuit of Happiness. That to secure these rights, Governments
are instituted among Men, deriving their just powers from the
consent of the governed.«9 Mit diesen Worten beginnt die Be­
gründung der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von
1776. Sie ist der Ausdruck des Grundprinzipes der Humanität,
sie ist die Anerkennung der ebenbildhaften Würde, die allem
Menschengeborenen von vornherein verliehen ist, und in An­
erkennung dieser unveräußerlichen und unverletzlichen Würde
des Menschen verlangt sie vom Staate und seiner Regierung,
daß er die leibliche und geistige Integrität der Person gegen alle
Beeinträchtigungen bewahre. Ausschließlich die Nichtbeach­
tung dieses Grundprinzipes der Humanität durch die Kolonial­
regierung galt für den Zeichner der Unabhängigkeitserklärung
als der vor Gott und den Menschen vertretbare, aber auch ge­
nügend ausreichende Grund, die Bande mit dem Mutterlande
zu zerschneiden: damit war ausgesprochen, daß es nicht darauf
ankommt, wer eine Regierung ausübt, sondern nach welchen
Prinzipien sie ausgeübt wird; es war damit die Absage gegen
jeglichen Imperialismus und gegen die Fehlmeinung ausge­
sprochen, ein Land könne ein anderes »besitzen«, es war die
Absage an jede Gewaltanwendung nach Innen wie nach Außen
mit Ausnahme jener Fälle, in welchen es gilt, die Würde und
die Freiheit des Menschlichen zu verteidigen. Die Konstitution
von 178910hatdie Formen breitgesicherter Demokratie als das
geeignetste Instrument erwählt, um das Grundprinzip der Hu­
manität ein für allemal für die Staatsführung zu verwirklichen
un^ festzulegen. Es soll niemals vergessen werden, daß das In­
strument nicht mit dem Willen, dem es zu folgen hat, verwech­
selt werden darf, denn das Wort Demokratie hat im Munde der
Gegenagitation den verächtlichen Beigeschmack von unfähi­
59

Copyrighted material
gen Parlamentsmaschinen erhalten, um zu vertuschen, daß der
Staat der Humanität hinter dem Worte Demokratie steht. Der
amerikanische Bürgereid hat dies nicht vergessen: »I believe in
the United States of America as a Government of the people,
by the people, for the people; whose just powers are derived
from the consent of the governed; a democracy in a republic;
a sovereign Nation of many sovereign States; a perfect union,
one and inseparable; established upon those principles of free-
dom, equality, justice, and humanity for which American pa-
triots sacrificed their lives and fortunes.«11
Das Bewußtsein der Massen ist ins Vergessen abgetrieben, die
Großstadtmasse träumt zu wilden Affektbefriedigungen hin,
und ins Vergessen ist ihr das einstige Grundprinzip des Huma­
nen, ist ihr die lebendige Demokratie getaucht; sie hat des
Menschen Würde vergessen, sie hat ihren eigenen Würdean­
spruch vergessen, da sie, geblendet von den kriegerischen und
räuberischen Erfolgen der Diktaturen, durchaus neiderfüllt auf
diese blickt, hoffend, daß ein eigener Diktator ihr gleichfalls
Siege einbringen werde, auf daß das Unerklärliche, das über sie
gekommen ist, mit der Befriedigung ihrer Grausamkeitslust
übertäubt und die Identifikation mit dem Helden vorgenom­
men werden könne. Diese Situation ist das Produkt einer
strenglogischen historischen Abfolge, welche nicht mehr rück­
gängiggemacht werden kann. Es wäre vielleicht möglich gewe­
sen, durch rechtzeitiges Eingreifen dem propagandistischen
und imperialistischen Ausbreitungsbedürfnis der Diktaturen
einen Riegel vorzuschieben und damit auch den sogenannt
geistigen Seuchenherd einzudämmen; daß die Demokratien
dies nicht getan haben, mag sogar als Mit-Symptom für die
Überlebtheit der parlamentarischen Maschinerie gewertet
werden, doch selbst wenn sie es getan hätten, es wäre damit
noch nichts Positives geleistet gewesen, denn nicht nur, daß sol­
ches Eingreifen bloß die westliche, nicht aber die russische Dik­
tatur getroffen hätte, es hätte wahrscheinlich ein solches Vor­
gehen wenig dazu beigetragen, die Grundstimmung der Massen
zu ändern und das Bewußtsein demokratischer Humanität wie­
der in ihnen lebendig zu machen. Seuchenbekämpfung durch
Quarantäne und Erschießungen sind zwar ein Ausfluchtsmittel,
indes eines der Verzweiflung, und sie sind nicht geeignet, eine
Krankheit auszurotten, dies umsoweniger, als es sich um eine
60

Copyrighted material
psychische Erkrankung handelt und der Wille zur Krankheit in
den Massen vorhanden ist. Es hat also auch gar keinen Zweck,
immer aufs neue die Schrecknisse dieser Krankheit zu schil­
dern, wie dies in Tausenden von Zeitungsartikeln und Druck­
werken geschieht; je dokumentarischer und richtiger das
Grauen geschildert wird, desto anziehender wird es für den
Krankheitswilligen. Wir brauchen mehr als Schreckbilder, und
wir brauchen mehr als Quarantäne.
Der dunkel-ahnende Wunsch der Massen geht nach Errich­
tung oder Wiedererrichtung eines verbindlichen Wertsystems,
in welchem sie das tiefe menschliche Bedürfnis nach seelischer
Lebenssicherheit aufs neue zu befriedigen vermögen. Es ist ein
religiöses Bedürfnis oder zumindest ein sehr wesentlicher Teil
eines solchen, und wie jedes religiöse Bedürfnis ist es von irra­
tionalen Unterströmungen durchzogen; der totalitäre Staat hat
diese irrationalen Unterströmungen aufgegriffen, er hat sie in
jene magisch-archaische Primitivform zusammengefaßt, in der
sich prä-religiöse Dämonologie immer bestimmt und immer
bestimmen wird, sie ist Ersatz-Religion, und der dämonische
Diktator ist ihr Ersatz-Heilsbringer. Nun läßt sich allerdings
echte Religion nicht von Staats wegen etablieren, so wenig wie
sich ein echter Heilsbringer von Staats wegen bestellen läßt. Ein
solches Vorhaben ist nicht Angelegenheit des Laien, ist nicht
Angelegenheit des Staates. In Österreich wurde der Versuch
gemacht, den Katholizismus und seine Neuerweckung hiefür zu
verwenden, oder richtiger zu mißbrauchen, und es war ein von
vorneherein zum Scheitern verurteilter Versuch, vermutlich
von allem Anfang [an] von der Kirche mit Skepsis betrachtet,
wenn auch geduldet; die mystische Unität von Katholizismus
und Staatsführung war innerhalb der Tradition eines alten Kai­
sertums noch möglich, während sie in der Hand von Halbdikta­
toren, mochten sie persönlich noch so gläubig gewesen sein,
bloß dazu gedient hatte, den Katholizismus bei den Massen
vollends zu diskreditieren und diese mit Sehnsucht nach der
handgreiflichen, affektbefriedigenden Ersatzheilslehre zur
deutschen Grenze hinblicken ließ, hinter der alles lag, was ih­
nen diesseits verweigert wurde, denn diesseits gab es bloß
Nachahmung, diesseits war wohl auch die Demokratie aufge­
hoben, aber es gab keinen Gegenwert für den Freiheitsentzug,
diesseits gab es wohl auch Rüstungen und übermäßige Rü­
61

Copyrighted material
stungslasten, aber keinen Eroberungs- und Siegeswillen hiezu,
diesseits gab es wohl auch Propaganda und Aufmärsche, aber
jene hatte den Charakter von Kanzelreden, und diese gingen im
Tempo von Kirchenprozessionen schwerbäuchig vor sich,
Österreich war in allem und jedem Ersatz des Ersatzes, obwohl
- und dies darf ernsthaft zu denken geben! - es kein Ersatzmehl
und kein Ersatzbrot gab, vielmehr die wirtschaftliche Lage un­
gleich besser als in Deutschland war, und eben diese Ersatzpo­
litik, welche zwar den Ruf »Heil Hitler!« verbot, statt dessen
aber eine Art unausgesprochenes, trotzdem recht vernehmli­
ches »Heil Gott!« einführte, läßt das tragische Geschick jenes
kleinen Landes als paradigmatischstes Musterbeispiel für ver­
fehlte Maßnahmen erscheinen. Was also kann ein humanitäts­
gewillter Staat zur Aufrechthaltung seines Grundprinzipes und
damit zur Aufrechthaltung seines eigenen Bestandes tun, da of­
fenkundig ihm all diese sicherlich gutgemeinten Wege versperrt
sind und versperrt bleiben müssen, ja, sogar eine bessere wirt­
schaftliche Position nichts gegen das unbewußte Affektvolu­
men der Masse nützt? Die Antwort lautet: nicht durch Nachah­
mung der dämonischen Methoden ist es möglich, dem
wertsuchenden Bedürfnis der Massen, wie es nun einmal un­
leugbar vorliegt, gebührende Rechnung zu tragen, sicherlich
also auch nicht durch eine Selbstaufhebung der demokratischen
und sozialen Errungenschaften, sicherlich aber auch nicht da­
durch, daß dieselben zum Selbstzweck erhoben werden und, in
Fortsetzung der alten Verwechslung von Konstitutionsinstru­
ment und Konstitutionswillen, eben diesen hinter der Demo­
kratie stehenden Willen zum Grundprinzip der Humanität ver­
gessen lassen, wohl aber dadurch, daß [es] in radikaler Abkehr
von solcher Verwechslung neuerdings und ausdrücklichst an die
Spitze aller staatlichen Maßnahmen gestellt werde, d. h. sämtli­
che Handlungen des Staates und seiner Gesetzgebung ständig
begleite und darüber hinaus Gesetze veranlasse, welche zum
Schutze dieses Grundprinzipes und damit auch zum Schutze der
Demokratie selber dienen, damit diese nicht, nach dem Muster
anderer Länder, infolge der Lücken ihrer Konstitution von in­
nen heraus zersprengt werden könne; in den Diktaturen wird
die Einheit von sittlichem und staatlichem System durch die
Einbeziehung des diktatorischen Willens in das Gesamtsystem
vollzogen, in Österreich wurde das nämliche mit humaner Ten­
62

Copyrighted material
denz versucht, indem Gott als gesetzliche Wertspitze eingestellt
wurde (-die Gerichtsurteile wurden »Im Namen Gottes« ver­
kündet! -); die Demokratie hat bescheidener zu sein, sie kann
und will kein neues Sittensystem etablieren und auch keine Re­
ligion fundieren, doch indem sie ihr eigenes altes, selber der
Religion entsprossenes Grundprinzip an die Spitze ihres Ge­
setzsystems stellt und ausdrücklich in dieses einbezieht, indem
sie also sich selber zum totalen System schließt, wenn man es
also so ausdrücken mag, zur totalen Demokratie, wird sie zum
Platzhalter des Sittengesetzes, dem sie selber entsprungen ist,
wird sie zum Bewegungsraum für jede Religion, welche das
Sittliche will. Die Demokratie wird zerfallen, wenn sie nicht zur
totalen Demokratie wird.
Fragt man nach der praktischen Durchführung, so scheint es
klar zu sein, daß in erster Linie ein Gesetz zum Schutze des
Grundprinzipes des Staates nottut, d. h. ein solches, welches die
Würde des Menschen ausdrücklich schützt; aus diesem Haupt­
gesetz ergäben sich die übrigen erforderlichen Gesetze zum
Schutze der demokratischen Einrichtungen; es wäre demnach
ein Delikt »Verbrechen gegen die Menschenwürde« zu konsti­
tuieren und unter Sanktion zu stellen, welches über die kleinen
Delikte der Ehrenbeleidigung, des Unfuges etc. weit hinaus­
reicht und insbesondere alle Handlungen gegen die Grundprin­
zipien des Staates, wie sie in der amerikanischen Unabhängig­
keitserklärung und dem amerikanischen Bürgereid Umrissen
sind, zu umfassen hätte: wer durch Worte oder Taten danach
trachtet, die Prinzipien der Freiheit, der Gleichheit, der Ge­
rechtigkeit und der Humanität aufzuheben, wer durch Worte
oder Taten trachtet, einen Menschen, der sich nicht gegen das
Gesetz vergangen hat, oder einer Gruppe solcher Menschen aus
jener Gleichheit auszuschließen, die ihnen vom Schöpfer ver­
liehen worden ist, wer danach trachtet, ihnen ihre unveräußer­
lichen Rechte auf Leben und Freiheit und Glücksstreben abzu­
streiten oder zu schmälern, ferner, wer durch Worte oder Taten
danach trachtet, einzelne Personen oder Gruppen von solchen,
welche sich nicht gegen die Gesetze des Staates vergangen ha­
ben, aus den allgemeinen staatsbürgerlichen Rechten und
Pflichten auszuschließen und insbesondere derart zu diskrimi­
nieren, daß ihnen nicht der gerechte Mitgenuß an den bürgerli­
chen Rechten und Ehren, die gleiche Anwartschaft an den öf­
63

Copyrighted material
fentlichen Einrichtungen, die gleiche Freiheit ihres persönli­
chen Lebens, kurzum die gleiche physische und psychische
Integrität wie den übrigen Bürgern zustehe, schließlich, wer da­
nach trachtet, Völker oder irgendwelche andere Menschen­
gruppen oder einzelne Personen derart zu diffamieren, daß sie
zum Gegenstand des Hasses werden, wer nach solchem trach­
tet, verstößt gegen die Grundlage des Staates und soll straffällig
gemacht werden.
Abgesehen davon, daß eine derartige Gesetzesgruppe zu den
notwendigsten Selbstbeschränkungen der parlamentstechni­
schen Demokratie gehört und - soweit sich nicht nach einer ge­
wissen Zeit neue technische Lücken zeigen - in der Lage ist, die
technische Selbstzersprengung der Demokratie nach zentral­
europäischem Muster zu verhüten und damit ähnlichen Plänen,
wie sie von nationalsozialistischer Seite offen zugegeben wer­
den, rechtzeitig zuvorzukommen, abgesehen von diesem nicht
zu unterschätzenden technischen Vorteil, ist anzunehmen, daß
die Stipulierung des »Verbrechens gegen die Menschenwürde«
weitaus das beste Mittel ist, um den Gedanken des Humanitäts­
staates wieder zum lebendigen Bewußtsein der Massen zu brin­
gen, m. a. W., um die Menschenwürde wieder populär zu ma­
chen. Denn der Gerichtssaal ist die populärste Einrichtung des
Staates, und eine staatliche Einrichtung, die keine strafgericht­
liche Resonanz besitzt, bleibt ohne Interesse; die Diffamierung
der Juden in Deutschland wäre nicht vollständig gewesen, wenn
sie nicht durch die Rassengesetze —vom sexuellen Reiz beson­
ders schmackhaft gemacht - deliktmäßig unterbaut worden
wären. Doch es handelt sich nicht nur um diese billige Propa­
gandawirkung; diese ist bloß Nebeneffekt, allerdings ein hier
sehr erwünschter, während es in Wirklichkeit um Prinzipielles
geht: kein totales Wertsystem kann im Irdischen bestehen,
wenn es nicht seinen irdischen Gegenpol hätte, den Widersa­
cher, der es stürzen will, und um dieser Teufelsgestalt willen
mußte der Antirevolutionär in Rußland, der Jude in Deutsch­
land erfunden und mit den schwärzesten, wenn auch nicht
nachweisbaren Absichten ausgestattet werden; die totale De­
mokratie, um bei diesem Namen zu bleiben, braucht den Wi­
dersacher nicht zu erfinden, weil sie keinen Widersacher an sich
kennt, sondern bloß Delikte bestraft, aber sie muß das Delikt
definieren, damit an Hand des definierten Deliktes auch der
64

Copyrighted material
Widersacher erkannt werde. Grundprinzipien sind Satzungen,
aber Gesetze haben Verbotsform, und erst am Gesetz wird die
Satzung erkannt; nimmermehr wäre die Heiligkeit des Men­
schenlebens dem Menschen zu Bewußtsein gekommen, wenn
es in der Form eines Grundprinzipes »Du sollst das Leben ach­
ten« geäußert worden wäre, erst »Du sollst nicht töten!«
machte die Satzung zum eingängigen Gesetz, und nimmermehr
wird das Grundprinzip der Humanität dem Menschen wahrhaft
inne werden, ehe es nicht in der Form eines »Du sollst nicht«
gesetzlich ausgesprochen wird. Das Gute bedarf des Bösen, um
zu sein.
Es muß wiederholt werden, daß die Masse nicht verachtet
werden darf. Die Diktaturen können sich nur in einer grundle­
genden Verachtung des Menschen begründen, die Demokra­
tien hingegen in einer unauslöschlichen Achtung vor dem Men­
schen. Für die Diktaturen ist also die Massenpropaganda, deren
Erfindung zweifelsohne ein Produkt ihrer dämonischen Genia­
lität ist, ein Mittel, um die Masse an ihren wahnsinnsbereiten,
inhumansten Trieben zu packen: wenn die totale Demokratie
mit Rücksicht auf den seelischen Massenzustand gleichfalls den
Propagandaweg nimmt - und sie muß ihn nehmen -, wenn sie
auch einem »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« jene
propagandistische Wirkung abgewinnen soll, die in einem sol­
chen Gesetz enthalten ist, so darf sie dies nur in dem Wissen tun,
daß [in] des Menschen Seele Gutes und Böses, Dunkles und
Helles unvermittelt nebeneinanderliegen, und daß eben mit
Hinblick auf die dämonische Einstellung der diktatorischen
Propaganda es den Demokratien zu obliegen hat, eine eben­
solche Propaganda für ihr eigenes Staatsgrundprinzip, eine
Propaganda der Humanität zu betreiben. Dies bleibt so lange
undurchführbar, so lange die Konstitution lückenhaft bleibt,
d. h. so lange sie erlaubt, daß gegen die wichtigsten Grundprinzi­
pien, denen sie ihre Entstehung verdankt, Propaganda getrie­
ben wird; eine Bestimmung, wie die über die Rede- und Presse­
freiheit wird sinnlos, wenn zugleich die Aufhebung der
Bestimmung damit inkludiert wird, d. h. wenn die Rede- und
Pressefreiheit benützt wird, um die Rede- und Pressefreiheit
aufzuheben -, es ist dies ein typischer Fall für die Notwendig­
keit, gewisse Grenzsachverhalte, die sich durch verfassungsmä­
ßige oder sonstwie gesetzliche Bestimmungen ergeben können,
65

Copyrighted material
und die vom Gesetzgeber nicht vorausgesehen werden konn­
ten, nachträglich durch Selbstbeschränkung des Gesetzes aus­
zuschalten. Besteht aber ein Gesetz zum Schutze der Grund­
prinzipien des Staates, also eben das Gesetz zum Schutze der
Humanität, dann ist die Irrsinnsantinomie einer Freiheit, die
sich aus Freiheitsgründen selber aufheben läßt, einer Humani­
tät, die sich aus Humanitätsgründen selber vernichten lassen
will, weitgehend beseitigt; kurzum: es darf jede Rede- und
Presse- und Propagandafreiheit bestehen mit Ausnahme eines
einzigen Falles, nämlich jenem, in welchem die humanitätsge­
tragene Freiheitsgrundlage des Staates selber angegriffen wird.
Und diese Maßnahme ist heute umso dringlicher, als die frei­
heitlichen Einrichtungen der Demokratie systematisch von
auswärtigen Mächten benützt werden, um die Staatsgrundlagen
zu erschüttern; in Zeiten einer annähernd gemeinsamen Welt­
sittlichkeit war in solchen Möglichkeiten keine Gefahr enthal­
ten, und es war auch noch in jenen Jahren keine Gefahr, in de­
nen die Demokratien physisch stark genug waren, um
auswärtige Einflüsterungen als nebensächlich behandeln zu
können, heute jedoch, da sie ihre Machtpositionen zu einem
großen Teil selber geräumt haben, sind sie sehr empfindliche
Gebilde geworden und können, ja, dürfen angesichts der seeli­
schen Stimmung ihrer Volksmassen es sich nicht mehr leisten,
zum Objekt auswärtiger Propaganda herabzusinken: sie müs­
sen zum Subjekt der Propaganda werden. Es ist paradox, daß
zu den wesentlichsten Bestandteilen der diktatorischen Regie­
rungsmaschinerie ein ausgezeichnet arbeitendes Propaganda­
ministerium gehört, während in den angegriffenen Demokra­
tien - und dabei ist Amerika das Ursprungsland der
Propagandatechnik! - sich nichts dergleichen befindet, viel­
mehr ein Zustand völliger Wehrlosigkeit herrscht. Die Demo­
kratien müssen endlich einsehen, daß sie, ob sie nun wollen
oder nicht, sich bereits im Kriegszustand12 befinden, daß ein
Kriegszustand besondere Maßnahmen erfordert, und daß sie
daher entweder zu kapitulieren haben, wozu ja freilich bei den
europäischen Demokratien genügend Neigung vorliegt, oder
aber, wollen sie solche Kriegszeit durchhalten, die Wendung
zur totalen Demokratie werden nehmen müssen, eine Wen­
dung, die es vonnöten macht, daß der Staat nicht nur über die
physischen, sondern auch über die geistigen Waffen das volle
66

Copyrighted material
Verfügungsrecht erhalte, unbeschadet des Freiheitsentzuges an
den ohnehin nicht mehr zum Gebiet der Demokratie gehörigen
Grenzfälle.
Bis hierher haben wir uns auf dem Boden der realen Tatsachen
bewegt, nun hiezu noch eine utopische Bemerkung: der Über­
schrecken des von den Diktaturen erfundenen Totalkrieges
mag den ungeheueren Segen in sich bergen, zu Friedensschlüs­
sen ohne Kriegsführung zu führen, von denen der erste in Mün­
chen stattgefunden hat und eine volle Niederlage der Demo­
kratien darstellte; abgesehen vom Rüstungsvorsprung bestand
das Übergewicht der Diktaturen in der Einheit von Weltan­
schauung und imperialistischem Kriegswillen, und dieses
Übergewicht wird selbst nach erfolgter Rüstungsaufholung
durch die Westmächte unbrechbar anhalten, wenn nicht diese
gleichfalls zu einer Einheit von Ideologie und Staatswillen, zu
einer Einheit von Weltanschauung und Verteidigungswillen
gelangen, d. h. wenn sie nicht, ohne Rücksicht auf Nebeninter­
essen, gewillt sein werden, die Prinzipien der Humanität, die
auf ihren Gebieten in Geltung stehen, geschlossen zu verteidi­
gen. Würde eine derartige Wendung eintreten, die eben die
Wendung zur totalen Demokratie wäre, dann darf mit einiger
Sicherheit vorausgesetzt werden, daß der nächste Friedens­
schluß gleichfalls ohne Kriegführung, aber mit einem Sieg der
Humanität, also mit der Rettung der Weltkultur Zustandekom­
men wird.
Den Demokratien, als rationalen Gebilden, widerstrebt es,
derartige irrationale Momente als Machtfaktoren einzusetzen,
es erscheint ihnen sogar die Staatspropaganda als eine gewisse
zirkusmäßige Unwürdigkeit, obwohl sie durch die Erscheinung
der Diktaturen, durch deren Auftreten und deren Entwicklung
über das geradezu ans Wunder grenzende Überraschungsmo­
ment psychischer Massenkräfte hätten belehrt werden können;
ihre rationale Struktur verlangt, das Hauptgewicht ihrer Maß­
nahmen auf die Belange des Meßbaren zu legen, auf das ratio­
nal und wissenschaftlich Erforschbare, nicht zuletzt also - und
damit berühren sie sich mit der sozialistischen Motivation - auf
die Belange des Wirtschaftlichen und der Volkswohlfahrt, also
immer wieder bereit, wie schon erwähnt, in die rationale Ideo­
logie des 19. Jahrhunderts zurückzukehren. Es wäre eine Bin­
senweisheit, eigens nachzuweisen, daß über die Belange des
67

Copyrighted material
Irrationalen nicht die des Rationalen und gar die des wirt­
schaftlichen Aufstieges vernachlässigt werden dürften, nicht
einmal die Diktaturen tun dies, doch gerade weil das Rationale
so durchaus zu Recht besteht, ist es notwendig, auch die heute
noch irrationalen Bestandteile des Lebens und der Politik ehe­
stens einer rationalen und wissenschaftlichen Behandlung zu­
zuführen. Aus diesem Grunde dürfte es von äußerster Wichtig­
keit sein, sei es von Staats wegen, sei es aus privaten Mitteln,
sei es in Kombination der beiden Initiativen, die Gründung ei­
nes »Institutes zur Erforschung und Bekämpfung psychischer
Seuchen« ins Auge zu fassen; der augenblicklich sich ausbrei­
tende Massenwahn ist zumindest ebenso gefährlich wie der
Krebs, und die Mortalität, die sich aus dieser psychischen Seu­
che bereits ergeben hat, übersteigt die des Krebses zumindest
um ein Zehntausendfaches, wird sich aber ins Hunderttausend­
fache steigern, wenn man die Seuche ungestört weiterwüten
läßt.
Die Richtigkeit dieser Ausführungen vorausgesetzt, wäre an­
zustreben, daß sich in den Ländern der Demokratien rasche-
stens eine Vereinigung von Personen bilde, denen der Weiter­
bestand der Humanität und der Kultur am Herzen liegt und
daher in Wort und Schrift auf die Verwirklichung der angeführ­
ten Programmpunkte hinwirke, also13
1. es mögen die Regierungen und Parlamente der demokrati­
schen Länder ehestens eine Gruppe von Gesetzen zum Schutz
ihrer humanitären Staatsgrundprinzipien erlassen, in deren
Mitte ein »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« zu stehen
hätte;
2. es mögen die demokratischen Staaten ehestens eine zentrale
Propaganda einrichten, welche mit allen Mitteln der Presse, des
Films, des Radios usw. die Führung der Massen in Angriff
nehme und diese in der Richtung des humanitären Staats-
grundprinzipes leite;
3. es möge raschestens zur Gründung eines »Institutes zur Er­
forschung und Bekämpfung psychischer Seuchen« geschritten
werden.
Der Zweck all dieser Maßnahmen, der Zweck der gedachten
Vereinigung ist »Die Diktatur der Humanität in der totalen
Demokratie«.14

68

Copyrighted material
1 Eine Reihe dieser Programmpunkte sind später von Broch in den vierziger
Jahren im Rahmen seiner »Massenwahntheorie« ausgearbeitet worden. Vgl.
dazu den 12. Band dieser Ausgabe.
2 Gemeint ist offenbar der Abschnitt »Die Abwehr«.
3 Broch meint den österreichischen Stände-Staat von 1934-1938
4 Nach den politischen Morden an Erzberger (1921) und Rathenau (1922)
wurden das Gesetz und der Staatsgerichtshof »zum Schutz der Republik« ge­
schaffen. Das Gesetz (Verordnung des Reichspräsidenten vom 21. 7. 1922)
lautete offiziell »Gesetz zur Verteidigung der republikanisch-demokratischen
Staatsform in Deutschland«. Es wurde zunächst auf fünf Jahre erlassen und
dann am 17. 5. 1927 um weitere zwei Jahre verlängert. In abgeschwächter
Form erging am 25. 3. 1930 das zweite Republikschutzgesetz, das am 19. 12.
1932 außer Kraft gesetzt wurde.
5 Broch bezieht sich auf die »Nürnberger Gesetze«, die während des Reichs­
parteitages der NSDAP in Nürnberg am 15.9. 1935 verkündet wurden und
die die »juristische« Ausgangsbasis für die Judenverfolgung bildeten.
6 Gemeint sind die Tage vor dem »Münchner Abkommen« Ende September
1938 als Broch noch in England war. Brochs Exilzeit in England bzw. Schott­
land dauerte vom 29. Juli bis 1. Oktober 1938.
7 Arthur Neville Chamberlain (1869-1940), englischer Premierminister zwi­
schen 1937 und 1940.
8 »Münchner Abkommen« vom 28. 9. 1938.
9 So beginnt der zweite Absatz der »Declaration of Independence« der USA
vom 4. Juli 1776.
10 »Constitution of the United States« vom 4. März 1789.
11 Wortlaut des Eides in den vierziger Jahren. Man legt ihn ab, wenn man als
Ausländer die US-Staatsbürgerschaft erwirbt. Der Text lautet heute etwas
anders, hat sich inhaltlich aber nicht geändert.
12 Broch spricht hier noch nicht vom Zweiten Weltkrieg, der erst einige Monate
nach Abfassung dieses Aufsatzes begann.
13 Vgl. den ähnlich lautenden Schluß des Abschnittes »Bericht an meine
Freunde« am Anfang dieses Aufsatzes. Der »Bericht an meine Freunde«
stellt eine überblicksmäßige Zusammenfassung des »Ersten Kapitels« dar.
14 Broch hat dem Aufsatz ein dreiseitiges Typoskript mit dem Titel »Anhang
(Die Judenfrage)« beigefügt, das Fragment geblieben ist. Es lautet:
»Es gehört, wie bereits ausgeführt, zur Genialität der Dämonie, irrationale
Affekte zu treffsicheren Instrumenten praktischer Zwecke zu machen; nir­
gends ist dies sichtbarer als an dem Judenhaß, der dunkel in Hitlers Besessen­
heit wühlt, von ihm aber in einer Weise, die nicht genug zu bewundern ist,
zu einem der wirkungsvollsten Instrumente der internationalen Machtpolitik
umgeformt worden ist: die teuflische Kaltblütigkeit, mit der diese Machtpoli­
tik von den übrigen Diktatoren, vor allem also von Italien, übernommen wor­
den ist, rückt das Schicksal des kleinen Volkes in die Gefahrenzone der Aus­
rottung schlechthin. An und für sich ist dieses Schicksal nicht tragischer als
das der chinesischen Bevölkerung unter den japanischen Bomben, es ist nicht
tragischer als das der Basken und Katalonier, die halbverhungert und halber­
froren haufenweise erschossen werden, es ist nicht tragischer als das Opfer
des russischen Terrors, es ist bloß unfaßbarer, weil es mit den grauenhaftesten
und perfidesten Mitteln einer erbarmungslosen Abschlachtung innerhalb ei­
nes weitgehend geordneten, technisch tadellos funktionierenden Staatswe-

69

Copyrighted material
sens vonstatten geht, und weil es von dem Führer, dem Anführer des Mordes,
mit dem zynischsten, billigsten Hohn gedeckt wird. Unverschuldetes Leid er­
zeugt Würde, verächtlich ist bloß der Peiniger; die Juden haben das ihnen be­
reitete Schicksal mit der gleichen Gefaßtheit wie die Spanier und die Basken
auf sich genommen, vielleicht mit der etwas besseren Vorbereitung einer
zweitausendjährigen Leidenstradition, von der sie eines ihrer tiefsten Sprich-
worte »Der Mensch möge davor bewahrt werden, all das zu müssen, was er
kann« gelernt haben, und jetzt [sind] sie eben wieder vor das Muß dieses Kön­
nens gestellt, sie sind vor die Aufgabe gestellt, zu erweisen, wieviel das
menschliche Herz in seiner Größe und Stärke zu ertragen vermag, sie sind vor
das Muß des Sterben-Könnens gestellt. Herr Hitler nennt das, was er ver­
bricht, Buße und Vergeltung, doch er weiß selber nicht, was gebüßt, was ver­
golten werden soll, er denunziert die Unschuldigen als Schädlinge, Aufrührer
und Kommunisten, hoffend, daß er die Gepeinigten dadurch zur Gegner­
schaft bringen könne, um die Berechtigung zu bekommen, sie als Gegner zu
erledigen, er nennt überhaupt alles, was nicht mit ihm einverstanden ist, jü­
disch und jüdischen Geist, und es mag ihm gelingen, auf diese Weise wirklich
die insektenmäßige Vertilgung dieses Menschenvolkes herbeizuführen: nim­
mermehr wird es ihm jedoch gelingen, die Besessenheit seines Gewissens zu
beruhigen, um dessentwillen er die Vernichtung auch des letzten Zeugens sei­
ner Untat herbeiwünscht, und mögen auch Mitwelt wie Nachwelt niemals
wissen, daß jedes dieser jüdischen Einzelschicksale, da es an den Märtyrertod
rührt, von der tiefen Größe leidender Unschuld beschattet ist, aus dem Hit-
lerschen Haß steigt gespenstisch der Wille zur Selbstvernichtung der Kultur
auf, aus der als erster Stein die große jüdische Kulturleistung herausgebro­
chen werden soll.
Noch besteht die Hoffnung, daß es nicht so weit kommen werde, und weil
diese Hoffnung besteht, kann die praktische Frage nach dem ferneren Lose
der Unglücklichen glücklicherweise noch nicht beiseite geschoben werden.
Und ist es möglich, diese fürchterlichste Krise des Judentums noch einmal zu
überwinden, so war die Hitlersche Eruption ein Segen, denn sie hat die Af-
fektzerwühltheit der Welt aufgedeckt und dadurch auch dem Juden einen
klareren Platz angewiesen.
Die Hitlersche Abgrenzung der jüdischen Volksmasse nach der großelterli­
chen Blutmischung kann im Großen und Ganzen vollkommen akzeptiert
werden: es ist vielleicht der einzige wirklichkeitsentsprechende Punkt in der
ganzen Rassentheorie, die sowohl in ihren Einteilungen, als auch in ihren Be­
wertungen an keiner Stelle standhält, hier aber tut, denn wenn es auch sicher­
lich keine Arier gibt, so gibt es doch sicherlich Juden, und wenn auch diese
die mannigfachsten Erbzuschüsse erhalten haben, insbesondere durch die
Aufnahme ganzer nicht-semitischer, wahrscheinlich sogenannt arischer
Volksgruppen in die jüdische Religionsgemeinschaft, so hat die jahrhunder­
telange Ghettoabschließung zweifelsohne eine Reihe physischer und psychi­
scher Eigentümlichkeiten entwickelt, die man als die eines Volkscharakters
ansprechen darf; ob man hiebei zwei herkunftsmäßig so verschiedene Grup­
pen, wie etwa die der Orient- und die der osteuropäischen Juden, in einen
Topf werfen kann, [ist fraglich]. Es ist hiebei nicht festzustellen, ob diese Cha­
rakteristika blutmäßiger Art sind oder auf Vererbung erworbener Eigen­
schaften, bedingt durch das Ghettoleben, beruhen: der physische Habitus des
Juden schwankt, er unterscheidet sich zwar unverkennbar vom nordgermani­

70

Copyrighted material
sehen, weniger bereits vom slawischen, am allerwenigsten jedoch vom lateini­
schen; und ähnliches läßt sich vom geistigen Habitus sagen: es ist dies überaus
auffallend, denn abgesehen von dem slawischen Einschlag, der ebensowohl
aus einer starken slawischen Übertrittsbewegung, wie aus jener geheimnis­
vollen Assimilierungskraft des Bodens herrühren kann, der z. B. im Laufe ei­
ner einzigen Generation beinahe alle amerikanischen Einwanderer konstitu­
tiv beeinflußt,«
(Das Fragment bricht hier ab.)

Copyrighted material
Theorie der Demokratie (1938-1939)1

Das Schicksal, von den Ereignissen immer wieder überholt zu


werden - ein Schicksal, das ich in diesen Zeiten allerdings mit
sehr vielen teilte und teile -, hatte also auch die Völkerbundar­
beit2 ereilt. Doch so schmerzlich dies in politischer Beziehung
war, theoretisch war es eigentlich belanglos. Denn die Völker­
bundarbeit wurde automatisch zur Grundlage weiterer staats­
philosophischer Untersuchungen, und diese richteten sich
ebenso automatisch auf das aktuellste Problem unseres staatli­
chen Lebens, nämlich auf das Problem der Demokratie und der
Möglichkeit ihres Weiterbestandes.
In der Völkerbundarbeit war der Begriff der »menschlichen
Würde« zum Mittelpunkt der Theorie gemacht worden; dage­
gen zeigte das Phänomen der Diktaturen, daß gerade durch
Vergewaltigung der menschlichen Würde sich eine maximale
politische Wirksamkeit nach innen und außen erreichen läßt.
Ferner zeigte sich, daß die diktatorialen Gebilde direkte Ab­
kömmlinge der Demokratien sind, d. h. daß diese sich weder
sachlich noch formal als fähig erwiesen haben, sich gegen diese
Vernichtung, die aus ihrem eigenen Schoße emporgewachsen
ist, irgendwie zu wehren: der Aufbau einer humanitätsgerich­
teten Staatstheorie wäre also wiederum nichts als bloße Utopie,
wenn sie nicht ein Staatswesen zum Ziele hätte, das von vorne-
herein gegen die Gefahr einer »legalen« Selbstvernichtung
weitgehend gefeit ist und darüber hinaus ein ebenso großes
Ausmaß an politischer Wirksamkeit und Beweglichkeit wie die
Totalitärstaaten oder sonstweiche Angreifer, deren es immer
geben wird, besitzt.

Zuerst einige formale Feststellungen.


Soziale Gemeinwesen, wie Staaten usw., unterscheiden sich
voneinander vornehmlich durch die normativen Haltungen, die
sie einnehmen. Zumeist lassen sich diese normativen Haltun­
gen an »regulativen Prinzipien« ablesen, die sozusagen wie
Operationsregeln für die Funktion des Gemeinwesens wirken.
Die regulativen Prinzipien der Vereinigten Staaten und der
Französischen Republik sind die naturrechtlich-liberalen Men­
schenrechte (unalienable rights, droits de l’homme); für die So­
72

Copyrighted material
wjetunion gilt die Marxsche Doktrin, für den Kirchenstaat das
katholische Glaubensdogma als regulatives Prinzip, während
man bei Diktaturen im allgemeinen nicht von einem wirklichen
regulativen Prinzip sprechen kann, es sei denn, daß man den
unbedingten vertrauensvollen Gehorsam gegenüber dem Wil­
len des Führers als solches bezeichnen will. Die regulativen
Prinzipien treten mit dem Anspruch auf Selbstevidenz auf, und
das gibt ihnen ihren Glaubenscharakter; allerdings sind sie in
ihrer Anwendung noch von anderen, und zwar in der Tradition,
im Volkscharakter usw. begründeten Nebenregeln begleitet,
deren Evidenz womöglich noch stärker ist, so daß sie kaum
mehr bemerkt wird oder ausgesprochen werden kann. Das
komplexe Gefüge der englischen Tradition, welche eine eigene
Aufstellung von regulativen Prinzipien für überflüssig erachtet,
beruht auf der Wirksamkeit dieser Evidenzen.
Die Verwirklichung der regulativen Prinzipien in der Staats­
realität ist in erster Linie ein formal-technisches Problem, wenn
es auch von der Natur der jeweiligen Prinzipien nicht ganz los­
zulösen ist. Immerhin läßt sich vorstellen, daß die Konstitution
der Vereinigten Staaten unter Beibehaltung ihrer Grundprinzi­
pien ganz anders hätte aufgebaut werden können, etwa als Ein­
kammersystem oder sonstwie; die Grundprinzipien sind für ein
Gemeinwesen, solange es als solches besteht, unabänderlich;
ihre Verwirklichungsform hingegen ist abänderbar, und deswe­
gen sollte Demokratie nicht, wie das immer wieder geschieht,
mit den Formen ihrer parlamentarischen Repräsentation ver­
wechselt werden.
Nichtsdestoweniger: gerade die Verwirklichungsform der re­
gulativen Prinzipien deckt den eigentlichen Formalunterschied
zwischen totalitären und nicht-totalitären Staaten auf.
Jede Gesetzgebung wird von den Tagesbedürfnissen veran­
laßt; ihre Aufgabe ist einerseits die Feststellung des Verhältnis­
ses zwischen Regierung und Staatsbürger (in beiden Richtun­
gen), andrerseits die Regelung des wechselseitigen sozialen und
ökonomischen Verhaltens der Staatsbürger im Alltagsleben.
Die regulativen Prinzipien haben in einigen Ländern, wie z. B.
eben in Amerika, den ersten Teil dieser Aufgabe unmittelbar
beeinflußt (in Amerika in der »Bill of Rights«3), während der
.zweite Teil der Aufgabe nicht in direktem, sondern nur in indi­
rektem Kontakt mit den regulativen Prinzipien steht: die sich
73

Copyrighted material
auf den bürgerlichen Alltag beziehende Gesetzgebung spricht
nämlich nirgends die regulativen Prinzipien als solche aus, ist
vielmehr bloß verhalten, sich nirgends offenen Widerspruch
gegen die regulativen Prinzipien zuschulden kommen zu lassen
(worüber in Amerika der Oberste Gerichtshof zu wachen hat);
etwas kraß ausgedrückt ließe sich sagen, daß im bürgerlichen
Alltagsleben die regulativen Prinzipien höchstens ein Objekt
oratorischer Anpreisung sind, aber kein eigentliches Rechtsgut
darstellen. Wer also nicht gegen die jeweils bestehenden Ge­
setze verstößt, findet zwischen diesen genügend viele Lücken,
um die regulativen Prinzipien ungestraft mit Wort und Tat zu
verletzen, also - wie es eben in Europa geschehen ist - die bür­
gerliche Freiheit mit Hilfe dieser Freiheit zu vernichten.
In Amerika z. B. war die Angst vor der Tyrannis so groß, daß
man die regulativen Prinzipien bloß dort positiv in der Gesetz­
gebung verwendet hat, wo die Freiheit der Staatsbürger gegen­
über der Regierung geschützt werden sollte (»Bill of Rights«);
hingegen waren die regulativen Prinzipien für das bürgerliche
Alltagsleben einfach selbstevident, ja sie waren die eigentliche
Form des bürgerlichen Alltagslebens, und daher die Demokra­
tie selber, und daher hat niemand daran gedacht, daß es ja not­
wendig sein könnte, den Staat vor den Bürgern oder die Bürger
vor den Bürgern schützen zu müssen, mit anderen Worten, man
hat sich damit begnügen dürfen, die regulativen Prinzipien als
sozusagen bloß negative Rechts- und Gesetzesquelle zu ver­
wenden.
Das Gegenteil findet im totalitären Staate statt. In Rußland ist
die marxistische Theorie ständige Rechtsquelle für beide Ge­
biete, und genauso wie hier »unproletarisches Verhalten« unter
Ahndung gestellt ist, genauso verhält es sich in Deutschland mit
jedem »nicht-nationalsozialistischen« Verhalten. Kurzum: im
Gegensatz zur nichttotalitären Gesetzgebung fügt der totalitäre
Staat seine regulativen Prinzipien als geschütztes Rechtsgut un­
mittelbar in das Alltagsleben seiner Bürger ein, und zwar [so],
daß jeder Schritt des einzelnen, jede Relation, jedes Rechtsge­
schäft, m. a. W. das gesamte Leben hievon durchtränkt wird.
Damit ist die »legale« Vernichtung der regulativen Prinzipien,
wie sie insbesondere in den Demokratien möglich geworden ist,
rigoros aufgehoben.
Rußland hat zur Durchführung dieser Maßnahmen (Rechts­
74

Copyrighted material
quelle der regulativen Prinzipien) das Einparteiensystem er­
funden, das sich nunmehr auch in den übrigen Totalitärstaaten
bewährt. Es ist zweifelsohne das einfachste Mittel, umsomehr
als es von einer eigenen Prätorianergarde getragen wird (Funk­
tion der Staatspolizei), doch ist es durchaus nicht ausgeschlos­
sen, daß bei anderen regulativen Prinzipien auch andere Mittel
zu deren Durchsetzung gefunden werden könnten. Auch dies
ist eine bloß technische Frage.

Sollen die regulativen Prinzipien der Demokratie, wie sie z. B.


in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung niedergelegt
sind, auf die nämliche Weise erzwungen und geschützt werden?
Es ließe sich einwenden, daß regulative Prinzipien eben derart
selbstevident sein müßten, daß sie solcher Zwangsmaßnahmen
nicht benötigten, ja daß man sie im gegenteiligen Falle lieber
völlig aufgeben und durch andere ersetzen möge. Damit eröff­
net sich neuerdings die Frage nach der Wertabsolutheit, denn
absolut gültige Wertprinzipien sind nicht durch andere zu er­
setzen.
Ehe man sich jedoch auf erkenntnistheoretische Grundlagen­
erörterungen einläßt, hat man den irdischen Aspekt zu be­
trachten, und da läßt sich ganz einfach sagen, daß die Humani­
tätsprinzipien der Demokratie zwar wahrscheinlich nicht ihre
objektive Gültigkeit, sicherlich jedoch ein Stück ihrer Selbst­
evidenz im Laufe des 19. Jahrhunderts eingebüßt haben. In den
kantonalen Gemeinwesen, aus denen die Demokratie entstan­
den ist, waren alle Verhältnisse, mögen sie auch manchmal ge­
fährdet gewesen sein, für jeden Einwohner klar überschaubar;
er wußte um seine eigenen und ökonomischen Bedürfnisse,
nicht minder um die seines Gemeinwesens, und er befand sich
hiedurch in einer ethischen Sicherheit, die es ihm erlaubte, auch
seine moralisch-seelischen Bedürfnisse zu klarem Ausdruck zu
bringen. Nichts stimmt hievon mehr für den Großstadtmen­
schen des technischen Zeitalters; das lebendige Verhältnis zur
Gemeinschaft, in der er lebt, ist ihm weitgehend verlorenge­
gangen, denn die gigantische Staatsmaschine, von der diese
Gemeinschaft repräsentiert wird, funktioniert wie ein unheim­
lich selbständiges, fremdes Lebewesen, das kaum seinen soge­
nannten Lenkern gehorcht, und die technik-starrenden, tech-
nik-erstarrten Millionenstädte, in die das Leben eingefangen
75

Copyrighted material
ist, sind von technischen und ökonomischen, immer aber ge­
fahrdrohenden Unbegreiflichkeiten erfüllt. Dem Großstadt­
menschen sind die Humanitätsprinzipien abhanden gekom­
men; allzuviel Inhumanität, allzuviel Ungefestigtheit umgibt
ihn; er ist in ethische Unsicherheit geraten.
In engem Zusammenhang damit steht das technische Problem
der parlamentarischen Demokratie: ein Wähler, der nicht im­
stande ist, die Interessen seines Gemeinwesens zu überschauen,
hat keinen echten politischen Willen, aber noch viel weniger
läßt sich ein solcher von einem Menschen erwarten, der sich in
ethischer Unsicherheit befindet; die Demokratie als staatstech­
nische Einrichtung hat sich bisher als unfähig erwiesen, das
Problem des politischen Willens innerhalb der neuen sozialen
Körper, insbesondere also innerhalb der Großstadt befriedi­
gend zu lösen.

Obwohl die seelische und ethische Unsicherheit der modernen


Massenbevölkerung zum Großteil von ökonomischen Gefähr­
dungen bedingt ist - zumindest ist im ökonomischen fast immer
der auslösende Anlaß zu suchen -, so ist der Gesamtaspekt
trotzdem ein vornehmlich psychologischer, und nichts ist hiefür
bezeichnender, als daß man mit bloß ökonomischen Maßnah­
men (auch wenn sie wirkungsvoll sind) den Massen nicht die
verlorengegangene Sicherheit zurückzugeben vermag: die
Massen befinden sich in einem Zustand, der noch nicht ausge­
sprochene Panik ist, den man aber füglich mit Vor-Panik be­
zeichnen darf, da bereits alle Panikelemente, so die Herabmin­
derung der rationalen Urteilskraft, die völlige Gleichgültig­
keit gegenüber allen Lebenswerten, die Bereitwilligkeit, sich
jedem starken Führerwillen unterzuordnen, etc. deutlichst a n ­
weisbar darin enthalten sind; es ist ein Zustand, der allen Revo­
lutionen, den geglückten wie den niedergeschlagenen, voraus­
geht.
Für den Zusammenbruch der europäischen Demokratien war
es daher weniger ausschlaggebend, daß sie die ökonomischen
Übel bloß mangelhaft zu beseitigen vermochten; weit aus­
schlaggebender war ihre Unfähigkeit, den psychologischen
Aspekt des Sachverhaltes zu erkennen; selber rationale Ge­
bilde, wandten sie sich an eine nicht mehr vorhandene Ratio
und Urteilsfähigkeit, wandten sie sich an den nicht mehr vor­
76

Copyrighted material
handenen Willen der Massen, und mußten daher ohne Respons
von diesen bleiben.
Die Diktaturen hingegen haben den eminent psychologischen
Inhalt der Frage erkannt; sie haben erkannt, daß die rationalen
und materialen Lösungen hinter den seelischen zurückstehen
dürfen, daß sie mit Versprechungen (selbst mit unerfüllbaren)
überbrückt werden können, daß aber vor allem die ethische
Unsicherheit der Massen, sollen diese zur Gefolgschaft ge­
bracht werden, beseitigt werden müsse, und sie haben daher mit
einer erstaunlichen psychologischen Einfühlungsgabe vor allem
ihren eigenen regulativen Prinzipien zur unbedingt totalitären
Geltung verholten, indem sie sich nicht auf rationale Wahrheit
stützten, sondern mit jedem Mittel, zu dem selbstverständlich
auch das des Terrors gehörte, die panikisierten Massen zu Af­
fekthaltungen und damit wieder in Aktion brachten: das Resul­
tat war ein Maximum an politischer Wirksamkeit nach innen
wie nach außen.
Daß die Totalitärbestrebungen als erste Versuche zur Behe­
bung der Wertzersplitterung aufgefaßt werden können und daß
sie deshalb von den (eben durch die Wertzersplitterung) pani­
kisierten Massen als Rettung empfunden und begrüßt werden,
gehört schon ein wenig zur Geschichtsmystik und braucht daher
nicht weiter ausgeführt zu werden.

Wenn Demokratie4 weiter- oder wiederbestehen soll - und sie


wird es tun -, so wird dies nicht kraft ihrer parlamentarischen
Einrichtungen, sondern kraft ihrer regulativen Grundprinzi­
pien geschehen. Die parlamentarische Form (und damit die
Konstitution) kann durch geeignetere und modernere Instru­
mente ersetzt werden, d. h. vor allem durch solche, welche den
politischen Willen der Bevölkerung nicht nur besser zu erfassen
vermögen, als es das heutige Wahlsystem vermag, sondern auch
imstande sind, diesen heute fast völlig verlorengegangenen
Willen neu zu erwecken und ihn den Erfordernissen des mo­
dernen Lebens anzupassen; eine solche Reform wird sich wahr­
scheinlich auch als notwendig erweisen, um das seltsame Miß­
trauen, mit dem der Wähler die von ihm gewählte Regierung
sowie die gesetzgebenden Körperschaften zu bedenken pflegt,
endlich wieder zu zerstreuen: doch all dies, d. h. Wiedererwek-
kung des politischen Willens und Wiedererweckung des politi-
77

Copyrighted material
sehen Vertrauens, ist bloß dann möglich, wenn sich jede konsti­
tutionelle Reform strikt in den Dienst der regulativen
Grundprinzipien der demokratischen Humanität stellt; diese
Grundprinzipien können wohl ausgestaltet werden, müssen
aber als solche unverändert bestehenbleiben, geschweige also,
daß sie durch andere ersetzt werden dürfen.
Es kann werttheoretisch gezeigt werden, daß Demokratie,
eben infolge ihrer regulativen Grundprinzipien, den »offenen
Systemen« zuzuzählen ist und daher auch deren spezifische
»Wertgültigkeit« besitzt. Andere Prinzipien, wie etwa das feu­
dale oder aber auch das Marxsche, tendieren zu »geschlosse­
nen« politischen Systemen, da ihre Wertnormung nicht nach
funktionalen, sondern nach materialen Gesichtspunkten er­
folgt. Hingegen ist Totalitarismus kein unbedingt gültiges Sym­
ptom für Systemgeschlossenheit; Marxismus z. B. kann eben­
sowohl parlamentarisch wie totalitär repräsentiert werden, und
das nämliche gilt sogar für den Rassismus, denn die Staatsform
als solche ist immer nur technisches Instrument zur Konkreti­
sierung der Grundprinzipien, von denen das Gemeinwesen ge­
lenkt werden soll und die ihm seinen ihm eigentümlichen
»Geist« verleihen. Und umgekehrt könnte demnach auch ein
»offenes« politisches System, wie es die Demokratie ist, »tota­
litär« repräsentiert werden, besonders dann, wenn sich hie­
durch staatstechnisch vorteilhaftere und modernere Lösungen
für die Konkretisierung ihrer Prinzipien finden ließen.
Man wird daher nicht umhinkönnen —und vielleicht gehört
sogar ein gewisser Mut hiezu -, die Frage einer »totalen Demo­
kratie« anzuschneiden. Die Demokratie ist durch die ökono­
misch-soziale und die ethische Unsicherheit ihrer Volksmassen
gefährdet; von dieser Basis aus wurden die europäischen De­
mokratien zerstört, und zwar unter formaler Benützung der
bürgerlichen Freiheit, der es konstitutionell gestattet ist, sich
selbst zu zerstören, und zwar durch fortgesetzte - straflose, weil
unstrafbare - Verletzung der demokratischen Grundprinzipien
im öffentlichen wie privaten Alltagsleben. Das europäische
Beispiel zeigt ferner, daß es nichts nützt, gegen diese verschie­
denen Übel einzelweise einzuschreiten, sondern daß für sie eine
Gesamtlösung hätte gefunden werden müssen: diese Lösung
wäre wahrscheinlich die »totale Demokratie« gewesen, d. h.
eine Demokratie, welche ihre Grundprinzipien nicht nur als
78

Copyrighted material
Gegenstand oratorischer Anpreisung verwendet, sondern sie
zum lebendigen Rechtsgut des Alltagslebens und aller zwi­
schenbürgerlichen Relationen macht. Auf die amerikanische
Legislatur angewandt, würde dies bedeuten, daß diese Verlet­
zung der in der Unabhängigkeitserklärung und Konstitution
zum Ausdruck gebrachten demokratischen Grundprinzipien
strafbar gemacht werden würde, und zwar wo immer und wie
immer eine solche Verletzung erfolgte, also besonders auch,
wenn dies in der Relation der Staatsbürger untereinander er­
folgte ; beispielsweise würde ein »Gesetz zum Schutze der Men­
schenwürde«, wie es bereits in den Untersuchungen zur Reno­
vierung des Völkerbundes gefordert wurde, durchaus in den
Rahmen dieser gesetzlichen (und im übrigen noch weitgehend
konstitutionsgerechten) Maßnahmen fallen. Gewiß, es wird
noch viele andere Wege zur Wiederkonsolidierung der Demo­
kratie als den ihrer Totalisierung geben - obwohl es vielleicht
gerade dieser sein wird, den die Kriegsverhältnisse diktieren
werden-, aber welcher immer auch beschritten werden möge,
es wird die Demokratie das nämliche psychologische Verständ­
nis in der Behandlung der Volksmassen aufbringen müssen, wie
es die jetzt totalitären Staaten mit so großem Vorteil getan ha­
ben: in der Seele des Menschen liegt das Gute und das Böse
knapp nebeneinander, und genauso wie sie aus ihrer Panik zu
Sadismus und Aggression geführt werden kann, ebensowohl
kann sie zur Humanität geführt werden. Das Wesentliche bleibt
die Wiedergewinnung der psychischen und physischen Sicher­
heit, und darum wird die Demokratie, bei aller Wichtigkeit ih­
rer staatsrechtlichen Festigung, sich nach wie vor dringlichst mit
diesen Konkretproblemen zu befassen haben, d. h. nicht nur,
wie bisher, mit den Problemen der Sozialwirtschaft, sondern
nun auch mit denen der Sozial- und Massenpsychologie.

1 In Brochs »Autobiographie als Arbeitsprogramm« folgt dieser Abschnitt dem


Kapitel »Vergil (1937-1940)«, (Bd. 4, S. 464).
2 Vgl. den Abschnitt »Völkerbundtheorie (1936-1937)« in diesem Band.
3 In den USA trat »The Bill of Rights« am 3. November 1791 in Kraft.
4 Brochs Leseliste aus den vierziger Jahren mit Büchern, die Aspekte der Demo­
kratie abhandelten, befindet sich in der Princeton University Library (Nachlaß
Erich von Kahler). Die auf der Leseliste enthaltenen Titel mit den Kurzkom-

79

Copyrighted material
mentaren Brochs sei hier wiedergegeben: »Roberts, Richard. T h e U n fin ish ed
P ro g ra m m e o f D e m o c ra c y (London: The Swarthmore Press, 1919), 326 S.
Richtige Ansichten, historisch begründet, linksgerichtet, mit religiösem Hin­
tergrund. - Kraus, Herbert. G e rm a n y in T ra n sitio n (Chicago: The University
of Chicago Press, 1924), 236 S. Politische Analyse Deutschlands nach Versail­
les. - Lindsay, Alexander Dunlop. T h e E ssentials o f D e m o cra c y (Philadelphia:
University of Pennsylvania Press, 1929), 82 S. Historisch-philosophische Stu­
die. Ausgangspunkt Cromwell. Anti-irrational. »Democracy implies faith, but
a reasoned faith.« (S. 82). - Holcombe, Arthur Norman. G o v e r n m e n t in a
P lanned D e m o cra c y (New York: W. W. Norton, 1935), 173 S. Technische
Analyse der Demokratie. Sehr gediegen, vorsichtig, nicht konstruktiv. —Tead,
Ordway. The C ase f o r D e m o cra c y a n d its M e a n in g f o r M o d e rn L ife . W ith a
R ea d in g L is t o n D e m o cra c y b y B e n so n Y. L a n d is (New York: Association
Press, 1938), 120 S. »Businessminded«. Sehr gute Reading List! - Tead, Ord­
way. N ew A d v e n tu r e s in D em o cra cy. P ractical A p p lic a tio n s o f the D em o cra tic
Idea (New York, London: Whittlesey House, 1939), 229 S. Ausgangspunkt
»Science of Administration«, innerhalb liberal kapitalistischer Ordnung, wel­
che im großen und ganzen aufrechterhalten werden soll. (»Fabriken« als de­
mokratische Zellen, industriell-demokratische Führerschaft, etc.) - Cole,
George Douglas. E u ro p e , R u ssia a n d the F uture (London: V. Gollancz, 1941),
186 S. Sozialistisch-gemäßigte Betrachtungen zu den Friedensproblemen. -
Lerner, Max. Id ea s f o r the Ice A g e . S tu d ies in a R e v o lu tio n a ry E ra (New York:
The Viking Press, 1941), 432 S. Gesammelte Aufsätze. - Weinstein, Jerome:
»Pay for Your Own Inflation«, in: T h e N a tio n , 157/8 (21. August 1943), S.
202-204. Schlägt flexible Warenumsatzsteuer vor, welche die steigenden
Preise direkt dem Staat zufließen läßt.«

Copyrighted material
The City of Man
Ein M anifest über W elt-D em okratie

Dritter Vorschlag: Eine neue Nationalökonomie1

Die Notwendigkeit, den Hoffnungen des Menschen eine neue


Perspektive zu eröffnen, radikal verschieden von jener des big
business und von jener des Marxschen wie auch von jener des
im sowjetischen Staat verkörperten Kommunismus, ist nur zu
oft schon betont worden, doch scheint ein solcher Kurs bisher
noch nirgends in wirklich erkennbarer Form vorgezeichnet.
Wirtschaftsexperten wie Thorstein Veblen2 oder Gesetzgeber
und prophetische Soziologen wie Henry George3 wurden meist
ignoriert von einer öffentlichen Meinung, die entweder ver­
kommen ist zum Lippendienst eines traditionellen Liberalis­
mus, welcher weit davon entfernt scheint, die neuzeitlichen
Normen der Erzeugung und des Konsums zu berücksichtigen,
oder aber sich in einem leidenschaftlichen Bekehrungseifer und
in blinder Verneinung gegen die vermeintlich unablässigen
»Ränke« von in Europa beheimateten revolutionären Bewe­
gungen versperrt. Der Zeitpunkt scheint daher überreif für eine
objektive Untersuchung des Wesensgrundes unseres jetzigen
sozialen Verfalls, eine Untersuchung, die von befähigten For­
schern der Wirtschaftsgeschichte und -theorie durchgeführt zu
werden hat, welche frei von Vorurteilen und Fanatismus ihre
Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Formulierung von sol­
chen Projekten realistischer Prägung zu lenken haben werden,
die nach der jetzigen allgemeinen Verwüstung für ein Zeitalter
des Wiederaufbaues gesicherte Stabilität und ein möglichst
breites Kollektivwohl gewährleisten können.
Es ist dies zweifelsohne ein Gebiet, in dem es vornehmlich auf
eine möglichst große fachliche Verläßlichkeit der Daten und
auf deren scharfe Kontrolle ankommt, denn das Wirtschaftsle­
ben ist durch sein Eigengewicht im Boden der sofortigen prak­
tischen Überprüfbarkeit aller spekulativen Überlegungen ver­
wachsen. Weniger noch als in jedem andern Gebiet ist es daher
hier zulässig, von einer allgemeinen Annahme auf spezifische
Auswirkungen zu schließen, und es ist durchaus denkbar, daß
manche der konkreteren, in diesem Aufruf höher angelegten
81

Copyrighted material
Reformvorschläge nach gründlicherer Untersuchung einer ent­
sprechenden Anpassung oder Revidierung bedürfen mögen.
Nichtsdestoweniger können die Hauptrichtlinien wie folgt an­
gedeutet werden:
Projekte für ein politisches oder ethisches Eingreifen in den
Wirtschaftsablauf müssen unweigerlich utopisch bleiben, so­
lange sie nicht im Einklang mit den Interessen von Gruppen
stehen, die mächtig genug sind, deren theoretische Grundlagen
durchzusetzen. Insoweit ist also der materialistische Gesichts­
punkt von unabweisbarer Gültigkeit. Aber über diese ur­
sprüngliche Übereinstimmung hinaus gelangen diese Grundla­
gen und deren leitende Prinzipien zu einer wesentlich größeren
Stärke als jene von bloßen Aushängeschildern materieller In­
teressen, im Augenblick da die ihnen innewohnende Eigendy­
namik selbsttätig zu wirken beginnt. So hätte der Marxismus
wohl kaum die Massen derart ergreifen können, wenn dessen
wirtschaftliche Motivierungen nicht gleichzeitig auch vom Ein­
satzwillen für Gerechtigkeit getragen worden wären. Gleicher­
weise wären die Kriege Washingtons und Lincolns sicherlich
schon in ihren Anfängen in Niederlagen zusammengebrochen,
wenn es Washington beispielsweise in erster Linie nur um die
Abschaffung der Teesteuer zu tun gewesen wäre, oder wenn
Lincoln seine Schlachten bloß als Condottiere der neuengli­
schen Industrien geführt hätte. Das aber heißt nichts anderes,
als daß wirtschaftliche Reformen auf der doppelten Grundlage
einer praktischen Notwendigkeit und einer moralischen oder
religiösen Zielsetzung fußen müssen. Wahre Realpolitik ist an­
gewandte Ethik.
Ein Rückfall in das Sklaventum - und zwar ein Sklaventum
moderner Fassung, von einer Kompromißlosigkeit und Aus­
schließlichkeit, wie es die Geschichte noch niemals gekannt hat
- kennzeichnet unsere Zeittendenz. Die Wurzeln dieses Übels
sind sowohl ethischer wie ökonomischer Art, und daher müssen
die Mittel zu dessen Behebung dies ebenso sein. Vom wirt­
schaftlichen Standpunkt aus gesehen, wird der Arbeiter vom
totalitären Staat für ein Minimum an Unterhalt und Sicherheit
erkauft, wogegen er den Verlust von allem anderen, vor allem
jenen seiner Freiheit erleidet. Berufswahl, das Recht auf
Wechsel des Arbeitsplatzes, das Recht auf unvoreingenom­
mene Rechtsprechung, sie alle sind abgeschafft, und allein der
82

Copyrighted material
Arbeitgeber ist es, der über die Zuweisung der Arbeit entschei­
det, der die Arbeitsdauer bestimmt, dem die »Rechtsprechung«
obliegt und der befugt ist, Strafen zu verhängen. Dieser Arbeit­
geber aber ist letztlich niemand anderer als der Staat selber.
Zwar gewährt dieser Totalitärstaat - in seiner fascistischen und
nazistischen Form, und vielleicht auch schon wieder im totalitä­
ren Kommunismus, wenngleich durch getarnte Methoden - ge­
wissen privilegierten Gruppen nicht unbeträchtliche Gewinn­
chancen, sozusagen als Bindeglied zwischen Vergangenheit und
Zukunft, oder aber als Trennungszeichen zwischen der neuen
Autokratie und der Masse des Volkes. Aber derartige Zuge­
ständnisse sind jederzeit widerrufbar, und Privatbesitz ist nichts
als nackter Trug ebenso wie freie Wirtschaft nichts mehr als
eine bloße Erinnerung darstellt. Weder in den oberen, noch in
den unteren Gesellschaftsschichten gibt es noch Raum für den
»gesichtslosen Unbekannten«, denn Staat und Polizei führen
genau Buch über jeden und jedermann. Diese Wirtschaft der
Knechtschaft und der Vergeudung, die zwingend in Rüstungs­
industrie und im Krieg als Beutezug gipfelt, führt durchaus
fälschlicherweise den Namen »Planwirtschaft«.
Dahingegen muß jene Planwirtschaft, die wahrhaft einer de­
mokratischen Ideologie entspricht, völlig anders beschaffen
sein: hier hat das Idealziel darin zu bestehen, daß Nahrung und
Unterkunft jedermann so freizügig zur Verfügung stehe, wie
dies für Wasser, für die Benützung des Straßennetzes und für
eine Reihe anderer öffentlicher Dienste in manchen Ländern
fortgeschrittener Zivilisation schon der Fall ist. Realistischer
formuliert besteht das Problem darin, jedermann einen Min­
destunterhalt zuzusichern ohne dafür einen durch Schnellge­
richte erzwungenen Frondienst abzufordern, gleichzeitig aber
die Sozialdienste so zu bemessen, daß die Sicherheit wohlver­
dienter Versorgtheit nicht in nörgelnde Müßiggängerei einer
parasitären Wohlfahrt entarte. Wenn es daher zur Errichtung
einer entsprechend neubelebten Demokratie auf dem verfas­
sungsmäßigen Gebiet notwendig scheint, die »Bill of Rights«
(also das Staatsgrundgesetz) an eine »Bill of Duties« (also ein
Grundgesetz ziviler Pflichten) einschränkend zu binden, so
muß gleichzeitig und erweiternd das Grundgesetz über poli­
tische Rechte auch dementsprechend durch ein solches über
wirtschaftliche Rechte (»Bill of Economic Rights«) ergänzt
83

Copyrighted material
werden. Zielstrebungen dieser Art sind entlang einer flexiblen
Linie von Kompromissen zu verfolgen, dies umsomehr als das
Kompromiß - und es muß sich dabei durchaus nicht um ein sol­
ches übler Natur handeln - dem eigentlichen Wesen der Demo­
kratie naturgemäß entspricht. Wenig Sinn hätte es dabei, ledig­
lich den Kapitalismus leidenschaftlich - wenngleich nur
rhetorisch - als den einzig Schuldtragenden zu bezichtigen, in­
dem man etwa den altmodischen Schlachtruf »Eigentum ist
Diebstahl« neu aufgreift, denn der Kapitalismus, als Ergebnis
einer langen, mühsamen und verantwortungsvollen geschicht­
lichen Entwicklung, läßt sich nicht einfach durch Schlagworte
und Plakate auslöschen. Und ebensowenig Sinn hat es, den
Sozialismus mit einer Art Kirchenbann belegen zu wollen, denn
der Sozialismus - oder welchen Namen auch immer man einer
Staatsform geben mag, die einen kollektivistischen oder demo­
kratisch-sozialen Charakter trägt - ist zu einem bleibenden
Merkmal unserer Zeit geworden, gleichgültig ob uns dies ge­
nehm sei oder nicht.
In der Tat, es sind dies die beiden janusartig sich gegenseitig
bedingenden Aspekte der Demokratie. Denn einesteils sieht
die Demokratie, im Rahmen ihres sie beseelenden Freiheits-
prinzipes, im Kapitalismus eine sozusagen natürliche, wenn
auch nicht vorbehaltlos notwendige Wirtschaftsform, während
sie andernteils im Rahmen des ihr gleicherweise immanenten
Gerechtigkeitsprinzips sich eher einem Kollektivismus zuneigt,
der ihr zwar weniger naturgegeben, jedoch ethisch unerläßlich
scheint. Ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Prinzipien
konnte solange aufrechterhalten werden, als sich Profitwirt­
schaft mit den Erfordernissen einer auf Verbrauch abgestellten
Wirtschaft deckte, doch wurde dieses Gleichgewicht in dem
Augenblick aufgehoben, da diese beiden Wirtschaftssysteme
sich nicht mehr ergänzten. Dies war teilweise die Folge des mo­
ralischen Zerfalls, der sowohl in den beiden Sphären der Pro­
duktion und des Konsums, als auch in jenen beiden der Arbei­
terschaft und des Arbeitgebertums eingesetzt hatte, hauptsäch­
lich aber und in einer Wirkungskette von streng wirtschaftli­
chen Faktoren, war es die blinde Folge der gleichzeitigen
Unreife und Auswucherung des Maschinenzeitalters, das oft
unnützerweise eine an und für sich verwerfliche Massenpro­
duktion an Stelle eigenständiger Handwerksarbeit gesetzt
84

Copyrighted material
hatte. Die Leistung des Arbeiters wurde derart zu einem ent-
geistigten Frondienst herabgewürdigt, und der Arbeitseinsatz
des die Maschine bedienenden Menschen wurde dem automa­
tisierenden Rhythmus der Maschine untergeordnet. Dies, zu­
sammen mit zwangsbegleitenden Umständen und vor allem
unter der Einwirkung der plötzlichen Verlagerung der Welt­
produktion und der Weltmärkte, hat gleichzeitig sinkende Ge­
winne und eine steigende Arbeitslosigkeit mit sich gebracht, so
daß das Kapital wie auch die Arbeiterschaft sich mit einem
Male der Panik eines drohenden Gesamtzusammenbruchs aus­
gesetzt sahen. Krise folgte auf Krise in immer kürzer werden­
den Pausen, bis diese schließlich in einer einzigen Krise, diese
aber von Weltweite und chronischer Dauer, einmündeten.
Und doch können und müssen die Erschütterungen dieser
größten aller technologischen Revolutionen - ebenso wie jene
der früheren Zeitalter der Metallurgie und der Eröffnung des
Welthandels, deren schreckhafte zeitgenössische Auswirkun­
gen uns in deren düsteren Mythen überliefert sind - als der noch
verschattete Tagesanbruch einer neuen und besseren Epoche
angesehen werden. Denn wenn auch die Maschine, des Men­
schen Geschöpf, eine ihr eigene Übermacht entwickelt zu ha­
ben scheint, so ist doch im menschlichen Geiste die ahnende
Überzeugung verwurzelt, daß es ihm gelingen kann und wird,
diesen Homunkulus aufs Neue zu zähmen. Ein weiterer Fort­
schritt in der technischen Erfindungsgabe und eine Neufassung
der menschlichen Zielsetzungen müßte es möglich machen
können, die intensive Wirtschaft, die heute in der ganzen Welt
am Versagen ist, weitgehend durch eine Extensivwirtschaft zu
ersetzen. Sicher scheint es vorderhand nicht möglich, die
Früchte der heutigen Technik voll zu ernten, ohne die großen
Städte erstmals neu aufzubauen, aber schon jetzt eröffnen sich
allenthalben Möglichkeiten, Heimindustrien und individuali­
siertes Handwerk in kleinem und kleinstem Ausmaße durch
autonom mobilisierte Kräfte neu anzuregen und zu unterstüt­
zen. Die allerorts auftretenden zentrifugalen Strömungen her­
aus aus den großen städtischen Ballungen sind zweifelsohne als
ein Vorzeichen zukünftiger Tendenzen zu werten, während
eine im Zeichen der Verbrauchsbedürfnisse statt in jenem des
rein finanziellen Profits stehende Produktion allenthalben
schon mannigfache Beispiele in öffentlichen Unternehmen und
85

Copyrighted material
in den sozialen Diensten und der Forschung gewidmeten Insti­
tutionen aufzuweisen hat, sie allesamt auf eine Gesellschafts­
ordnung der Zukunft hinweisend, die nicht mehr ausschließlich
auf geldliche Werte ausgerichtet sein wird. Derartige Vorzei­
chen und Tendenzen müssen voll ausgenützt und weiter ange­
regt werden; so haben beispielsweise Bewegungen zur Bildung
von Konsumgenossenschaften im Skandinavien der Vor-
Nazi-Zeit und im vor-fascistischen Italien alle Merkmale einer
weltweiten Anwendungsmöglichkeit getragen und drängen sich
daher auf, heute als Brücken zwischen einer Produktions- und
Konsumwirtschaft neu belebt und allgemein nachgeahmt zu
werden. Was immer für spezifische Projekte aber auch von
Wirtschaftlern und Soziologen in Antwort auf die konkreten
Bedürfnisse einer in Umwälzung befindlichen Welt geplant
werden mögen, sie müssen alle von einem einigenden Grund­
gedanken getragen sein: die fascistisch totalitäre Staatsform,
den Krankheitskeimen einer siechenden Demokratie entspros­
sen, hat die beiden dem demokratischen Geiste innewohnen­
den widersprüchlichen Tendenzen - das zum Kapitalismus
drängende Freiheitsprinzip und das den Kollektivismus erfor­
dernde Gerechtigkeitsprinzip —zu einem einzigen Ring zusam­
mengeschmiedet, zum Würgering des Nationalsozialismus. Es
ist dieser verhängnisvolle Kreis, gebildet vom Kapitalismus und
vom Kommunismus als feindliche Brüder oder als verbündete
Komplizen, der gebrochen werden muß, damit die beiden se­
gensbringenden Komponenten der Demokratie - freie Wirt­
schaft und wirtschaftliche Gerechtigkeit - in eine einzige, eini­
gende und sich gegenseitig ergänzende Wesenheit für ein
Zeitalter schöpferischer Blüte zusammengefaßt werden mögen,
ein Zeitalter, in welchem weder die Rechte des Individuums in
Anarchie ausarten, noch seine Pflichten in Sklaventum erstik-
ken werden.
Dabei ist weitgehend auf jene durchaus geniale Anpassungs­
fähigkeit zurückzugreifen, die die Englisch sprechenden Natio­
nen immer wieder in der auswählend neuerungsbereiten Be­
wältigung sozialer Probleme bewiesen haben, eine natürliche
und bisher nicht erlahmende Begabung, inmitten der stürmi­
schen Wogen des historischen Ablaufs trotz allem feste Funda­
mente für die Zukunft zu errichten. Von allen Versuchen, der
Demokratie eine neue wirtschaftliche Formulierung zu geben,
86

Copyrighted material
war zweifellos der »New Deal« der bedeutsamste. Seine Fehl­
schläge, wie z. B. die NIRA4, sind in der Hauptsache einem
vornehmlich empirischen Vorgehen zuzuschreiben, das nur un­
zureichend durch eine entsprechende ideologische Basis ge­
lenkt war. Seine Leistungen hingegen, unter anderem die
Schöpfung der TVA5, der NYA6 und anderer mehr, haben so­
wohl die Nörgelei der Linken, die sie als Schachzüge eines nach
wie vor unbesiegten Kapitalismus verdächtigt, als auch die An­
griffe der Rechten, die sie als dünn verkappten Kommunismus
anprangert, überlebt. Wichtiger aber als deren spezifische Ver­
dienste und Schwächen ist der immanente Wert eines Sozialex­
perimentes, das innerhalb des gelockerten Gewebes der freien
Wirtschaft den Keim für eine geplante Wirtschaftspolitik ein­
zuführen wußte, ein Experiment also, das derart, ungeachtet
seines Schicksals in der absehbaren Zukunft, ein richtungge­
bender Wegweiser für eine Epoche revolutionären Wachstums
bleiben wird. Denn es ist Evolution und nicht Revolution, die
Hoffnung und Ziel der schöpferischen Demokratie darzustellen
hat.7
(Aus dem Englischen übersetzt von
H. F. Broch de Rothermann.)

1 Broch gehörte seit 1939 einer Gruppe von amerikanischen und emigrierten
europäischen Intellektuellen an, die sich um eine Intensivierung des demokra­
tischen Lebens bemühte und sich für die Propagierung der demokratischen
Staatsform einsetzte. Diesem Kreis gehörten an: Herbert Agar, Frank Ayde-
lotte, Guiseppe Antonio Borgese, Hermann Broch, Van Wyck Brooks, Ada
L. Comstock, William Yandell Elliott, Dorothy Canfield Fisher, Christian
Gauss, Oscar Jäszi, Alvin Johnson, Hans Kohn, Thomas Mann, Lewis Mum-
ford, William Allan Neilson, Reinhold Niebuhr und Gaetano Salvemini. Sie
zeichneten als Autoren des Buches T h e C ity o f M a n . A D eclaration on W orld
D e m o c ra c y (New York: Viking Press, 1940). Das Buch besteht im ersten Teil
aus der »Declaration« (S. 11-73). Sie wurde von allen Autoren gemeinsam er­
arbeitet und am 31. Oktober 1940 endgültig formuliert. Beim zweiten Teil
handelt es sich um den »Proposal« (S. 76-96), der wiederum in vier Abschnitte
unterteilt ist. Der erste behandelt den politischen, der zweite den religiös-welt­
anschaulichen, der dritte den volkswirtschaftlichen und der vierte den juristi­
schen Aspekt einer Welt-Demokratie. Broch übernahm die Ausarbeitung des
dritten »Proposal«, der hier in der deutschen Übersetzung wiedergegeben ist.
Das Buch endet mit einer »Note« (S. 97-113), die die Entstehungsgeschichte
der Studie referiert.

87

Copyrighted material
Der hier abgedruckte »Proposal 3« beginnt mit einem Einleitungsabschnitt,
der die Verbindung zum vorausgehenden Kapitel herstellen soll, in dem es um
religiöse Fragen ging. Dieser Übergangsabschnitt ist wohl vom Redaktions­
komitee der Herausgeber eingefügt worden und stammt offensichtlich nicht
von Broch. Der Vollständigkeit halber sei er hier abgedruckt: »The third issue
points to the need of a profound economic reform outlining in detail the law
of the common wealth, the era of distributive justice. For there cannot be any
birth or rebirth of freedom under God unless it be a God of justice, manifest
in breath and bread, beyond and above the vicious era which saw monopolistic
capitalism and materialistic communism concurrently lift to the dignity of su-
preme virtues the three Capital sins of greed, pride, and envy. Therefore the
Declaration of Independence shall be upheld not only in so far as it States each
man’s inalienable rights to life and liberty and the pursuit of happiness, but in
the final oath as well, which consecrates to a common duty beyond each indivi-
dual’s rights »our lives, our furtunes« and pledges to this duty »our sacred ho-
nor«. (S. 85-86).
2 Thorstein Veblen (1857-1929), amerikanischer Nationalökonom und Sozio­
loge. Vgl. T he T h e o ry o fth e L eisu re Class. A n E c o n o m ic S tu d y in the E v o lu tio n
o f In stitu tio n s (1899). Veblen erwartete, daß die neue Technologie der Indu­
strie neue Sozialverhältnisse schaffe und begründete eine kulturgeschichtliche
Entwicklungstheorie, die besonders durch ihre sozialkritische Analyse der
Oberklasse Verbreitung fand. Veblen war Mitbegründer der »New School«.
3 Henry George (1839-1897), amerikanischer Volkswirtschaftler. Vgl. P rogress
a n d P overty. A n In q u iry into the C ause o f In d u stria l D ep ressio n s a n d o f Increase
o f W ant with Increase o f W ealth. T h e R e m e d y (1879). George sah die Hauptur­
sache der sozialen Not im Privateigentum an Grund und Boden. Er forderte
die Aufhebung des privaten Bodeneigentums oder die Konfiskation der
Grundrente durch eine Steuer.
4 National Industrial Recovery Act vom 16. 6. 1933, Teil des New-Deal-Pro-
gramms.
5 Tennessee Valley Authority vom 18. 5. 1933, Teil des New-Deal-Programms:
Entwicklungsprojekt für das sieben Staaten umfassende Stromgebiet des Ten­
nessee.
6 National Youth Administration vom 26. 6. 1935, Teil des New-Deal-Pro­
gramms, begründet zur Arbeitsbeschaffung.
7 Der hier abgedruckte »Proposal« aus der C ity o f M a n wurde von Broch nach
der gemeinsamen Diskussion mit den übrigen Team-Mitgliedern verfaßt.
Brochs Originalbeitrag, der als Diskussionsgrundlage des »Proposals« benutzt
wurde, und den Broch im Oktober 1940 an Guiseppe Antonio Borgese - dem
Spiritus rector des >City-of-Man<-Unternehmens - schickte, liegt im DLA vor.
Es handelt sich um ein titelloses, zweiseitiges, einzeilig geschriebenes Typo­
skript. Es wird hier vollständig abgedruckt:
»Auf ökonomischem Gebiet neigt Demokratie infolge ihres Freiheitsprinzipes
zum Kapitalismus, infolge ihres Gerechtigkeitsprinzipes zum Sozialismus. Sie
konnte solange klaglos funktionieren, solange zwischen den beiden Prinzipien
Gleichgewicht herrschte, d. h. solange dasselbe nicht von der ökonomischen
Seite her gestört wurde. Die Störung erfolgte, als der Kapitalismus durch die
Umschichtung der Weltproduktion sowie durch die technische Entwicklung
gezwungen wurde, von extensiver auf intensive Wirtschaft überzugehen; Pro­
fitschwund trat ein, die erzeugten Güter konnten nicht mehr zu Selbstkosten,

88

Copyrighted material
geschweige denn mit Profit verkauft werden, der Arbeitgeber sah sich vor den
Ruin, der Arbeitnehmer vor Beschäftigungslosigkeit gestellt, die »Krisen«
häuften sich, sie wurden zum Dauerzustand, und die Demokratie, viel zu kom­
pliziert hiezu und selber zu wirtschaftsabhängig, vermochte ihrer nicht Herr zu
werden. Aus dem Boden dieser allgemeinen und bis zur Panik gesteigerten
Unsicherheit erblühten die Diktaturen.
Kapitalismus und Sozialismus bedingen sich gegenseitig; sie sind miteinander
gewachsen und erstarkt, und sie sind heute miteinander geschwächt, zu Unsi­
cherheit gesunken, ja beinahe hilflos geworden, ökonomisch gesehen, ist es
hiebei nahezu gleichgültig, welcher der beiden Partner jeweils die Oberhand
gewinnt. Denn ob auf der einen Seite die Heilung aller Weltschäden von einer
revolutionären Sozialisierung der Wirtschaft erwartet wird, oder auf der an­
dern verlangt wird, daß dieselbe ungeachtet aller zutage getretenen Mängel in
ihrer jetzigen kapitalistischen Form unangetastet bleiben möge, damit sie - und
wenn es nicht anders geht, so unter Akzeptierung fascistischer Hilfe - zu einer
sozusagen »natürlichen« Selbstheilung gelange, der Endeffekt ist für beide
Richtungen, obwohl für beide zumeist unerwünscht, der nämliche: sie führen
beide zur Diktatur und zu einer Wirtschaftsform, der man zwar den Charakter
der Planung nicht absprechen kann, und die man trotzdem kaum Planwirtschaft
nennen darf.
Die fascistische Ökonomie hält das Profit-Prinzip aufrecht, die kommunisti­
sche schaltet es aus; beiden gemeinsam ist die »geplante Produktion«. Doch
was bedeutet diese? Ist sie tatsächlich »geplanter Wohlstand«? Nein, das Ge­
genteil ist der Fall, sie sind beide ausgesprochene »Notwirtschaften« oder rich­
tiger »Zuteilungs-Wirtschaften«, d. h. solche, deren geplante Güterverteilung
zwar die unbedingtesten Lebenserfordernisse deckt, darüber hinaus jedoch
unter dem Zeichen der »Verarmung« steht, teils einer Verarmung durch Min­
derproduktion wie heute noch in Rußland, teils einer solchen durch »Falsch­
produktion«, wie sie sich überall ergeben muß, wo nicht Wohlstand, sondern
Kriegsmaterial erzeugt wird. Es ist der Schluß erlaubt, daß diese Gesamtver­
elendung geradezu eine unumgängliche Voraussetzung für diese Art von »Pla­
nung« darstellt und daß beim heutigen Stand der ökonomischen Verteilungs­
technik überhaupt keine andere möglich ist.
Die soziale Folge solcher Notwirtschaft muß Sklaverei sein und ist Sklaverei.
Sowohl Fascismus wie Kommunismus, in auffallender Übereinstimmung, stre­
ben zu Arbeitsverhältnissen, welche alle Zeichen einer Massenversklavung
tragen, nämlich Aufhebung der Freizügigkeit, Aufhebung der freien Arbeits­
wahl und schließlich Unterstellung unter das Strafrecht des Arbeitgebers, der
nunmehr (wenn auch im fascistischen System unter Einschaltung von Zwi­
schengliedern) im totalitären Staat verkörpert wird. Entgegen jeder soziali­
stischen Theorie ist ein neues Proletariat im Bilden begriffen, ein Unter-Prole­
tariat von Staatssklaven, die für die Preisgabe ihrer Menschenrechte und
Menschenwürde nichts erhalten als ein gewisses, sehr geringes Minimum an
Existenzsicherheit.
Will die Demokratie weiter bestehen, will sie auch weiterhin des Menschen
Würde und des Menschen Rechte schützen, kurzum will sie auch weiterhin
ethische Politik betreiben, so muß sie auf ökonomischem Gebiet den unheil­
vollen Zirkel Kapitalismus-Kommunismus durchbrechen; sie darf nie und nir­
gends den Weg der Versklavung gehen, und sie muß daher auch ökonomisch
den »dritten Weg« suchen. Freilich, mit ethischen Prinzipien, Überzeugungen

89

Copyrighted material
und Aufrufen allein wäre noch nichts getan, denn politische Eingriffe ins Wirt­
schaftsleben müssen, soferne sie nicht bloße Utopie sein wollen, selber »wirt­
schaftsmöglich« sein, d. h. sie müssen mit den ökonomischen Interessen einer
Gruppe zusammenfallen, welche ihrerseits genügend Macht besitzt, um diese
Prinzipien durchzusetzen. Gewiß, die Eigenkraft der unveräußerlichen und
ewigen Grundprinzipien menschlicher Ethik brechen immer wieder durch,
wenn das Getriebe des Alltags und des Eigennutzes zu unerträglichen Situatio­
nen geführt hat, Gerechtigkeit und Humanität haben sich noch immer als Mo-
ventien des eigentlichen Geschichtsfortschrittes erwiesen, und die Aufhebung
der Sklaverei in den verschiedenen Ländern, nicht zuletzt in Amerika, ist wohl
das schlagendste Beispiel hiefür, doch solch revolutionäres Wirken wäre nie­
mals möglich gewesen, hätte es sich nicht jeweils auf echten und neuen Reali­
tätserkenntnissen gründen können; am Anfang eines jeden ethischen Fort­
schrittes steht eine neue Realitätswahrheit. Und eben deshalb muß die
Demokratie nach einer neuen Realitätserkenntnis innerhalb der Wirtschaft
verlangen, auf daß auch hier wieder der »Anwendungsraum« für ethische Prin­
zipien geschaffen werde.
Der ethische Ausgleich zwischen Pflicht und Freiheit ist die erste und wesent­
lichste Aufgabe einer auf Treu und Glauben begründeten Demokratie, sie ist
auch ihre wirtschaftliche Aufgabe, u.z. als Einschränkung der wirtschaftlichen
Handlungsfreiheit zugunsten der des Ganzen, denn gerecht verteilte Existenz­
sicherheit - dieses stärkste Lockungsmittel der Diktaturen - gehört zu den
ethischen Wirtschaftspflichten, und jede Sicherheit erfordert einen gewissen
Freiheitsverlust als Kaufpreis; doch damit die Sklavereilösung der Diktaturen
samt ihrer Zerschlagung und Verelendung der Wirtschaft vermieden werde,
und mehr noch, damit die jahrhundertelange, jetzt unterbrochene Wirtschafts­
stetigkeit wieder aufgenommen werden könne, ist eine umfassende Krisen­
theorie vonnöten, welche über die bisherigen kapitalistischen und marxisti­
schen Anschauungen hinausführt, um solcherart zur Theorie einer tunlichst
krisenbefreiten Wirtschaft zu werden, welche nicht nur Existenzsicherheit,
sondern sogar Wohlstand für alle zu verbürgen imstande wäre. Die Schwächen
des Kapitalismus zeigen den theoretischen, die Schwächen der kapitalistischen
Gruppen aber den praktischen Ansatzpunkt zur positiven Überwindung des
mangelhaft gewordenen Systems.
Die Aufgabe der Demokratie innerhalb der zu erstrebenden krisenbefreiten
Wirtschaft lautet: Aufstellung und Durchführung einer »Economic Bill of
Rights« für den Menschen.«

Copyrighted material
Nationalökonomische Beiträge
zur C i t y o f M a n (1940)1

Ich hoffe, meine staatstheoretischen Ansichten dereinst als


»Staatsphilosophie auf werttheoretischer Grundlage« zusam­
menfassen zu können, halte jedoch sowohl aus subjektiven wie
aus objektiven Gründen noch nicht den Zeitpunkt hiefür ge­
kommen. Inzwischen war es mir Befriedigung, mit diesen An­
sichten an der »City of Man« teilnehmen zu dürfen, also einer
Gruppe, die es sich zum Ziele gesetzt hat, eben die Bedingun­
gen für eine Neufestigung des demokratischen Gedankens zu
erforschen und von allen Aspekten her zu beleuchten. Soweit
es sich hiebei um die außerphilosophisch konkreten Aspekte
handelte, bestand mein erster Beitrag zur Konferenz vornehm­
lich in der Umreißung der ökonomischen Problematik, deren
Behandlung als ein Hauptpunkt des gemeinsamen Arbeitspro­
gramms in Aussicht genommen ist.
Politische Ökonomie verlangt heute in erster Linie nach einer
Auseinandersetzung mit dem Sozialismus; der Sozialismus ist
eine Realität, er ist es als geistige Macht innerhalb des Proleta­
riats, er ist es als das durch Rußland verkörperte weltpolitische
Gewicht, und er ist es schließlich, wenn auch in vager Form, als
die neue Ordnung, die als englisches Kriegsziel von Millionen
erhofft wird. Es darf ferner nicht vergessen werden, daß Demo­
kratie, und zwar gerade in ihren regulativen Grundprinzipien,
die allesamt vom Gerechtigkeitsbegriff getragen sind, starke
sozialistische Elemente enthält, und daß gerade eine »totale
Demokratie« mit ihrer Aufgabe, eben diesen Grundprinzipien
zur Vollgeltung zu verhelfen, in eine durchaus klassenkämpfe­
rische Situation geraten würde: man braucht sich bloß vorzu­
stellen, was in Amerika geschehen würde, wollte man mit der
allen Bürgern gewährleisteten pursuit of happiness2tatsächlich
Ernst machen; man hat durchaus den Eindruck, als ob die »to­
tale Demokratie« bloß mit Hilfe einer Diktatur des Proleta­
riats, also unter Aufhebung der Demokratie durchzusetzen
wäre. Das Problem des Sozialismus wird also der Demokratie
sowohl von außen wie von innen aufgedrängt.
Warum beugt sich die Demokratie nicht diesen starken Tatsa­
chen? Warum akzeptiert sie den Sozialismus nicht mit offenen
91

Copyrighted material
Armen? Ist sie wirklich so sehr kapitalistisch verblendet, daß sie
weder den sehr weitgehenden theoretischen Richtigkeitsgehalt
der Marxschen Volkswirtschaftslehre noch den ihr innewoh­
nenden moralischen Gerechtigkeitsanspruch anzuerkennen
vermag? Nun, diese primitive Identifikation von Demokratie
und Kapitalismus ist einfach falsch; es läßt sich ebenso primitiv
darauf antworten, daß der Kapitalist, wenn es darauf ankommt,
den Fascismus zu Hilfe ruft, der echte Demokrat dies aber nie­
mals tun wird, selbst auf die Gefahr hin, hiedurch ins soziali-
stisch-fascistische Kreuzfeuer zu geraten. Und dieses Kreuz­
feuer ist wörtlich zu nehmen, denn sowohl bei einem
fascistischen wie bei einem radikal sozialistischen Sieg wird das
Exekutionspeloton für die Verteidiger der Demokratie bereit­
stehen.
Nein, der echte Demokrat kämpft nicht für einen bestimmten
Typus der Ökonomie, er kämpft einfach für die Humanitäts­
prinzipien der Demokratie, und er bekämpft mit äußerster In­
tensität die Gefahr der Menschheitsversklavung und eines Ter­
rors, der bereits allenthalben im Kommunismus wie im
Fascismus zur Wirklichkeit geworden ist. Er kämpft wahrhaft
für die bedrohte Freiheit und Würde des Menschen. Denn er
fühlt - zumeist unbewußt, selten bewußt -, daß Freiheit bloß
im offenen System der Demokratie, niemals jedoch in einem
geschlossenen nach der Art des Marxismus oder des Fascismus
dauernd realisiert werden kann.
Für den Sozialisten, insbesondere in seiner kommunistischen
Ausprägung (und ebenso für den Fascisten) ist aber just diese
demokratische Freiheit eben nichts als pure Heuchelei, ein Lu­
xusgut für den Besitzenden, ein nutzloses Dekorationsstück für
den Besitzlosen, da dieser in Wahrheit unter sozialer und
ökonomischer Unfreiheit leidet, ja, nicht einmal daran leidet,
sondern bloß den Hunger seines Magens spürt: der Kohlengrä­
ber wird seine sogenannten bürgerlichen Freiheiten sehr gern
für ein tägliches Butterbrot verkaufen, besonders gern, wenn
ihm zugesichert wird, daß in Hinkunft auch die bisher Bevor­
zugten gleich ihm versklavt werden würden. Denn der Mensch
braucht ökonomische Sicherheit und er braucht Affektbefrie­
digung, aber er braucht keine Freiheit; über Freiheit wird ein­
stens einmal gesprochen werden können, wenn die klassenlose
[Gesellschaft] eingerichtet und jeder Magen gefüllt sein wird.
92

Copyrighted material
Der materialistische Geschichtsdeterminismus mit seinem An­
spruch auf unfehlbare Absolutgeltung erlaubt keinerlei Senti­
mentalitäten; die innere Logik der ökonomischen Abläufe be­
stimmt alles Geschehen, und der Mensch in seiner Passivität, in
seiner Gleichgültigkeit und Kurzsichtigkeit (die ihn zum
stumpfen Herden[tier] werden läßt), beweist stets aufs neue,
daß er lediglich Objekt, niemals Subjekt des historischen Ge­
schehens ist. Das proletarische Denken und damit auch die
proletarische Politik betrachten sich selber als Teil des ökono­
mischen Weltgeschehens, und da sie dieses in seiner ganzen
Brutalität sehen, sind sie gleichfalls ungeschminkt brutal: aus­
schließlich mit nackten Realitätstatsachen wird gerechnet, und
aus dieser Konkretheit, nicht aus Menschenverachtung (wie
z. B. in der Ideologie des Fascismus) resultiert der uneinge­
schränkte Machiavellismus, der den radikalen Sozialismus so­
wohl im politischen wie im geistigen Bereich auszeichnet. Die­
ser harte Machiavellismus wird folgerichtigerweise auch nicht
davor zurückscheuen, heute die Demokratie als antikapitalisti­
schen oder zumindest akapitalistischen Bundesgenossen anzu­
erkennen (wie dies zur Zeit des front populaire der Fall gewe­
sen ist), auf daß gemeinsam die demokratische Freiheit
verteidigt werde, um bereits morgen, ändern sich die Macht­
verhältnisse, den Bundesgenossen als kapitalistisch verseucht
zu denunzieren und die Volksmassen, für die ein noch so ab­
ruptes Umschwenken des Propagandaapparates kaum be­
merkbar ist, zum Kampf gegen die verrottete bürgerliche Frei­
heit aufzufordern. Ein unbedingter Angriffswille steckt in
dieser Realpolitik, wie sie da vom Radikalsozialismus, aber
auch vom Fascismus getrieben wird, ein Angriffswille, der sich
unbarmherzig gegen jegliche Schwäche, gegen jegliche Zwei­
deutigkeit, gegen jegliche Unentschlossenheit richtet - und die
Demokratie besitzt von alldem gerade genug - und von v o rn ­
herein jegliche Verständigung mit dem Gegner, auch wenn es
nur ein vermeintlicher ist, als unkonkretes leeres Gerede ver­
achtungsvoll verschmäht, geschweige denn, daß solche Ver­
ständigung im Rahmen »demokratischer Gesinnung«, die
gleichfalls ein weitgehend leeres Wort ist, gesucht werden
könnte. Die Freiheit verblaßt davor zu einem unkonkreten Ge­
bilde, umrankt von den oratorischen Unternehmungen eines
monologisierenden Liberalismus. Und mag es noch so sehr der
93

Copyrighted material
innersten Überzeugung des echten Demokraten entsprechen,
daß jede Schmälerung der menschlichen Freiheit und der
menschlichen Würde als ein Schritt zum Menschheitsunheil
aufzufassen ist, daß also auch die spärlichen Anteile an der bür­
gerlichen Freiheit, die dem Pennsylvania-Bergmann oder dem
Negro der Südstaaten zugemessen sind, als entwicklungsfähige
Keime erhalten und gepflegt werden müssen, so wird dies unter
dem unbarmherzig konkreten Aspekt zu bloßer Freiheitsmystik
degradiert, zu Luftblasen eines »bourgeoisen Denkens«, das be­
wußt oder unbewußt die Geschäfte des Kapitalismus besorgt.
Wo aber bleibt bei alldem die ökonomische Auseinanderset­
zung? Nicht ein einziges ökonomisches Argument wurde vor­
gebracht, und dies ist kein willkürliches Arrangement, sondern
entspricht einer wirklichen Sachlage: man betrachte irgendeine
Periode der sozialistischen Literatur, etwa die der letzten De­
zennien, und man wird, vielleicht mit einigem Erstaunen, fest­
stellen können, daß beinah die gesamte hier geleistete Arbeit
sich auf die politischen Auswirkungen der Ökonomie bezieht
und daß fast nichts für ihr eigentliches sachliches Gebiet übrig­
bleibt. Und so konkret, ja, brutal konkret sich die politischen
Überlegungen immer wieder erweisen, es erwecken die rein
ökonomischen Auseinandersetzungen, soweit sie sich nicht kri­
tisch mit den kapitalistischen Schäden beschäftigen, immer
wieder den Eindruck einer ausgesprochenen Vagheit, unbe­
schadet der Richtigkeit des Marxschen Ausgangspunktes. Dies
sind Feststellungen, die für den Sozialismus zweifelsohne unter
die Rubrik »bourgeoises Denken« fallen, aber man muß, wenn
es not tut, eben auch manchmal den Mut aufbringen, den Vor­
wurf eines »bourgeoisen Denkens« auf sich zu nehmen.
Betrachtet man nämlich die ökonomische Seite der anfangs
gestellten Frage nach den Gründen, durch welche sich die De­
mokratie abhalten läßt, den Sozialismus - für den sie im Grunde
doch so viel Neigung haben sollte - von vorneherein zu akzep­
tieren, so muß die Frage präzisiert und erweitert werden: Was
eigentlich soll sie akzeptieren? Hier darf die Demokratie die
Forderung nach schärferer Konkretheit erheben, denn das
Wort Sozialismus ist an sich leer, und selbst wenn man sich -
berechtigterweise - darüber einigen wollte, daß damit »profit­
lose Planwirtschaft« gemeint werden soll, so ist auch diese inso-
lange ein leeres Wort, insolange sie nicht durch konkrete, zah­
94

Copyrighted material
lenmäßig gestützte, detaillierte Wirtschaftspläne exemplifiziert
wird. Wo sind diese Pläne? Warum z. B. hat noch keine der
amerikanischen sozialistischen Parteien einen solchen ausgear­
beitet und dem Kongreß vorgelegt? Hätte der kommunistische
Präsidentschaftskandidat auf die Existenz eines solchen Planes
hingewiesen, hätte er gezeigt, wie ein solcher Plan wachsenden
Wohlstand und wachsende Freiheit für jeden Staatsbürger zu­
verlässig gewährleistet, er hätte hiedurch einen Stimmenzu­
wachs erzielt, wie er durch keine noch so begründete Empörung
über die politischen Sünden Wall Streets je zu erzielen war oder
je zu erzielen sein wird. Warum ist dergleichen noch niemals
geschehen, weder in Amerika noch in sonst irgendeinem demo­
kratischen Land? Die Antwort, die der Sozialismus darauf er­
teilt, ist verhältnismäßig einfach, sogar übereinfach: zwecklos
wäre es, mit einem solchen Plan an die kapitalistische Demo­
kratie heranzutreten, es gibt mit dem kapitalistischen Denken
keinerlei Verständigung, am allerwenigsten im Sinne einer
durchgreifenden Reform des Wirtschaftssystems, und müßig
wäre jede Bemühung in dieser Richtung; über den Gesamt­
wirtschaftsplan kann erst nach Zerschlagung der Bourgeoisie
und nach Übernahme der von ihr gehaltenen Machtpositionen
gesprochen werden. Man möge sich hiezu erinnern, daß über
die Wiedereinführung der Freiheit auch erst in einem sehr spä­
ten Zeitpunkt, nämlich erst nach Errichtung der klassenlosen
Gesellschaft, wird gesprochen werden können. Ein seltsames
Irgendwie und Irgendwann steigt da aus der sonst so realitäts­
nahen, konkretheitsbesessenen Haltung des Sozialismus auf,
ein mystischer Glaube an die Schöpferkraft der »Revolution«,
nach deren Durchführung sich alle Probleme gewissermaßen
automatisch lösen werden, und am seltsamsten ist es, daß es
hiebei gar nicht um ökonomische, sondern um psychologische
Hypothesen geht: sowohl die Annahme über das prärevolutio­
näre Verhalten der Bourgeoisie wie die über das postrevolutio­
näre des Proletariats sind psychologisch begründet, sind Psy­
chologie des wirtschaftenden und politischen Menschen, aber
nicht mehr. Wo immer er nur kann, entwischt der Sozialismus
dem rein ökonomischen Gebiet und den (man darf wohl sagen)
ihm hier drohenden konkret-sachlichen Auseinandersetzun­
gen.
Es ist ein so überaus auffallender Sachverhalt, daß man sich
95

Copyrighted material
eine weitere Frage vorlegen muß: ist die Aufstellung solch eines
umfassenden Wirtschaftsplanes überhaupt möglich? Und man
darf die Frage mit gutem Gewissen schlankwegs verneinen: es
erscheint ausgeschlossen, die Produktionskapazität einer hoch-
entwickelten Wirtschaft, wie es etwa die amerikanische ist,
wirklich in ihren Details (die sich ja unausgesetzt gegeneinan­
der verschieben lassen) einwandfrei festzustellen, und noch
weit ausgeschlossener erscheint es, hiezu einen Bedarfsplan der
Gesamtbevölkerung theoretisch aufzustellen und nun die Pro­
duktionskapazität nach diesem Bedarf einzurichten und aufzu­
teilen; selbst wenn Hunderte von Wirtschaftsexperten jahre­
lang mit der Sisyphusarbeit beschäftigt wären, sie kämen zu
keinem Ende, und der Sozialismus hat daher ganz recht, daß er
sich an diese Grundaufgabe seines Seins (in Erkenntnis ihrer
Unlösbarkeit) überhaupt nicht herangewagt hat. Trotzdem
kann und soll Planwirtschaft betrieben werden, trotzdem wird
sie - in Rußland, in Deutschland - einigermaßen erfolgreich
betrieben, und aus beidem ergibt sich die Aufforderung, die
Grenzen zu suchen, innerhalb welcher Planwirtschaft möglich
ist: nun, sie ist innerhalb von Rumpfwirtschaften möglich, d.h.
in solchen, bei denen die Hauptkapazität - wie in Rußland -
überhaupt fehlt oder aber künstlich, etwa als Kriegsproduktion
- wie in Deutschland -, dem Wirtschaftskonsumenten unzu­
gänglich wird; eine Rumpfproduktion, welche die notwendig­
sten Lebenserfordernisse der Massen gerade noch mit Müh und
Not deckt, muß planwirtschaftlich betrieben werden, weil die
Revoltegefahr sonst unmittelbar vor der Türe steht, und sie
kann planwirtschaftlich betrieben werden, weil der dringendste
Lebensbedarf, den sie zu decken hat, sich auf »einfache« Güter
bezieht und sich daher leicht überschauen läßt. Nun würde es
natürlich prinzipiell denkbar sein, die Planwirtschaft auf diesen
ihr zugänglichen Kern zu beschränken und den Überschuß in
alter Form frei weiter zu bewirtschaften, aber nicht nur daß
Versuche in dieser Richtung bisher technische Schwierigkeiten
ergeben haben (die sich freilich mit der Zeit wahrscheinlich be­
heben ließen), es will der radikale Sozialismus von solchen
Mischformen, in denen notgedrungen eine Kapitalistenklasse
bestehen bleibt, nichts wissen, und so drängt er - sicherlich oft­
mals unbewußt —zur Herstellung von Rumpfwirtschaften, sei
es durch Unterstützung kriegsgerichteter Handlungen, sei es
96

Copyrighted material
durch Entfachung revolutionärer Zerstörungen, auf daß in dem
verbleibenden Wirtschaftsrest nunmehr einheitlich das neue
System etabliert werden könne. Die große Hoffnung hiebei ist,
daß dann aus dem hiedurch geschaffenen Primitivkern sich
wieder eine Volkswirtschaft entwickeln werde, genau wie sich
das kapitalistische System »natürlich« zu einem halbwegs be­
friedigenden Gleichgewicht zwischen Produktion und Ver­
brauch sukzessive entwickelt hat, nur daß es diesmal die Ent­
wicklung eines Gesamtplanes werden soll, der zwar von
vorneherein theoretisch nicht aufstellbar ist, der aber im natür­
lichen Wachstum sicherlich allen Wirtschaftsmitgliedern, ja, al­
len Menschen des Erdkreises die ihnen zukommende ökono­
mische Sicherheit verschaffen wird. Es ist - sieht man von all
dem Leid und all den Zerstörungen ab, die notwendig vorher­
gehen sollen - eine große und bestechende Hoffnung, indes,
auch sie ist weniger auf ökonomischen als auf psychologischen
Grundlagen aufgebaut, denn sic setzt voraus, daß nach Schal­
tung des planwirtschaftlichen Kernes nun desgleichen die Seele
sich sozialistisch stabilisieren werde und daß keinerlei Verlok-
kung des wiederkehrenden Reichtums, keinerlei Genuß- und
Luxusmöglichkeit den sozialistisch disziplinierten Menschen
der Zukunft vielleicht doch noch einmal bewegen könnte, die
angeblich letztmögliche Wirtschaftsform und deren Klassenlo-
sigkeit wiederum aufzugeben; eine definitive Seelenstabilität
wird da für diese künftigen Wesen imaginiert, eine Stabilität,
welche es verbieten soll, je wieder zu den alten Wirtschafts- und
Sozialformen zurückzukehren oder zu anderen, vielleicht bes­
seren, vielleicht schlechteren fortzuschreiten, obwohl es in der
Zukunft bekanntlich stets Dinge gibt, von denen der jeweils
Lebende sich keinen Begriff zu machen vermag.

Eine etwas paradoxe Vermutung steigt aus alldem auf, nämlich,


daß der Sozialismus (wie eben wahrscheinlich jede politische
Theorie) letztlich überhaupt keine ökonomische, sondern eine
psychologische Theorie darstelle: alle seine Aussagen beziehen
sich auf seelische Verhaltensweisen des Menschen, und das ein­
zige ökonomische Element darin besteht in der Einschränkung
auf den wirtschaftenden Menschen, der ausbeutend oder aus­
gebeutet unter bestimmte, zumeist hypothetische Verhältnisse
gestellt gedacht wird. Vieles spricht für die Richtigkeit dieser
97

Copyrighted material
- allerdings frevelhaft bourgeoisen - Vermutung, vor allem
wohl, daß es durch sie verständlich werden würde, warum bei
aller Dogmentreue und all der prophetischen Sicherheit, von
der die proletarische Realpolitik getragen wird, es in dieser so
viele Irgendwann und Irgendwie gibt, deren Realitätsgeltung
kaum viel größer ist als die der liberalistisch-oratorisch ange­
priesenen bürgerlichen Freiheit, denn diese hat wenigstens den
moralischen Vorteil - und es ist dies die moralische Realität der
Demokratie -, bis zu einem gewissen Grade, wenn auch noch
immer spärlich genug, verwirklicht worden zu sein. Man darf
mit Fug behaupten, daß die Konkretheitsbasis dieser Art Real­
politik überaus schmal ist, daß sie eigentlich über das hic et nunc
nicht hinausreicht, und würde auch eine kommende Weltver­
elendung zeigen, daß diese schmale Basis der sozialistischen
Theorie ausreichend gewesen ist, würde sie also deren Prophe­
zeiungen auch Erfüllung bringen, es ist dies bisher noch nicht
geschehen, und so hat die Demokratie unabweislich die Pflicht,
erst recht auf ihre eigene Konkretheit, die ihre Angreifer ihr so
gerne absprechen möchten, zu pochen und ihr eigenes konkre­
tes Denken zur Überprüfung eben jener Konkretheitsbasen zu
verwenden; hier handelt es sich um die Überprüfung der
ökonomischen Basis, d. h. um ihre Befreiung von der politi­
schen und psychologischen Verbrämung, mit der sie eben be­
sonders im Sozialismus überdeckt worden ist.

Völlig nüchtern und real betrachtet ist die Marxsche Theorie


auf ein einziges Ziel gerichtet: die Menschheit vom Fluche der
Wirtschaftskrisen zu befreien, mit dem sie durch die kapitalisti­
schen Mängel beladen ist, und da der Kapitalismus offenbar
nicht imstande ist, diesem Übel zu steuern, so muß an seine
Stelle ein neues System, eben das der sozialisierten Planwirt­
schaft gesetzt werden, ein System der ökonomischen Gerech­
tigkeit, in dem keine Profitgier mehr den Einklang von Produk­
tion und Bedarf stört, so daß steigender Wohlstand für alle
verbürgt wird. Und wenn auch manche der Marxschen Annah­
men sich im Verlaufe der Entwicklung als unrichtig erwiesen
haben (so die der steigenden Profitrate innerhalb der Kapitals­
konzentration), unbestritten muß der Weitblick bleiben, mit
dem die Krisenentwicklung des industrialisierten und ständig
sich weiter industrialisierenden Kapitalismus vorausgesehen
98

Copyrighted material
worden ist: die Krisen haben sich im Verlaufe des 19. Jahrhun­
derts immer mehr gehäuft, sie sind immer schärfer geworden,
sie haben den ersten Weltkrieg mit verursacht (ohne daß dieser
ihnen eine Lösung gebracht hätte) und haben in der Nach­
kriegsperiode jene übermächtige Stärke erreicht, deren Folge
die apokalyptische Weltsituation ist. Daß der Marxismus als
Politikum selber zu den Moventien dieser Weltsituation gehört,
hat mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit seiner Krisentheorie
nichts zu tun.
Die Krisenbehaftung des Kapitalismus, wie sie von Marx kon­
statiert worden ist, kann heute nicht mehr angezweifelt werden.
Und deshalb kann die Demokratie, will sie als solche weiterbe­
stehen, es sich nicht gestatten, sich mit Kapitalismus zu identifi­
zieren oder sich mit ihm identifizieren zu lassen. Andererseits
ist sie nicht in der Lage, die Revolutionslösung des Sozialismus
zu akzeptieren, erstens weil sie ein offenes und daher evolutio-
nistisches System zu sein wünscht, und zweitens weil sie die Re­
duzierung auf eine Rumpfwirtschaft, aus der sich erst in weite­
rer Zukunft (oder wenn das Unglück es will, gar nicht) eine
neue, allerdings sozialisierte Vollwirklichkeit entwickeln soll,
nicht gutheißen kann. Die Demokratie ist daher angewiesen,
ihre eigenen Wege zur Krisenbekämpfung zu finden, und sie
wird umsomehr hiezu verhalten sein, je mehr sie durch die
Weltverhältnisse zur Verwandlung in eine »totale Demokratie«
gezwungen werden wird: ohne weitgehende Krisenausschal­
tung gibt es keine pursuit of happiness für jedermann.
Die Krisentheorien des liberal-bürgerlichen Zeitalters, die an
Richtigkeitsgehalt sicherlich mit der Marxschen Anschauung
wetteifern können, geben im allgemeinen keine Anweisung zur
Krisenbekämpfung; gleich dem Sozialismus betrachten sie die
Krisen als naturgegeben notwendige Krankheit des Kapitalis­
mus, gegen die eigentlich auch mit keiner Medizin - es sei denn,
daß kleine Erleichterungsmittel, wie etwa eine feiner abge­
stimmte Zinsfußgebarung der Notenbanken, als Medizin anzu­
sprechen wären - ernstlich anzukämpfen ist, doch im Gegensatz
zum Sozialismus diagnostizieren sie die Krankheiten nicht als
tödlich, sondern erwarten, daß der unentwegt gesunde Orga­
nismus der Wirtschaft stets aufs neue über sie hinwegkommen
werde. Erst die Wirtschaftskatastrophen der letzten Jahrzehnte
haben die Legende von dieser unerschütterlich ewigen Lebens­
99

Copyrighted material
kraft einigermaßen ins Schwanken gebracht - obschon die ma­
gische Beschwörung »let business alone« wahrscheinlich auch
noch an der Leichenbahre des gesamten Weltbusiness ertönen
dürfte und erst unter Katastrophendruck begann die Theorie
sich mit praktischen Lösungsmöglichkeiten für künftige Kri­
senverhütung zu befassen: ihre Autoren waren und sind zu­
meist sozialistische Wissenschaftler3, die sich angesichts der
Brüchigkeit des Marxschen Revolutionsdogmas mehr oder
minder entschieden von diesem abgewandt und sich einem so­
zialistischen Evolutionismus zugewandt haben, um solcherart
eine sukzessive Überführung des Kapitalismus in die Planwirt­
schaft zu bewirken. Zweifelsohne wird durch diese Hintanstel­
lung des Revolutionsgedankens und des ihm innewohnenden
psychologischen (revolutionierenden) Elementes auch eine Art
ökonomischer Purifizierung der sozialistischen Theorie [her­
beigeführt], allerdings auf Kosten ihrer praktisch-politischen
Wirkungsmöglichkeiten; es mag eine Theorie noch so richtig
sein, sie bleibt - und die alten liberalistischen Krisentheorien
sind das beste Beispiel hiefür - politisch wirkungslos, wenn die
psychische Zündkraft fehlt, d. h. wenn nicht eine Kraft vorhan­
den ist, welche (wie eben etwa die Revolutionsidee) wesensmä­
ßig die Fähigkeit besitzt, die menschlichen Hoffnungen, und
zwar ebensowohl die berechtigten wie die unberechtigten,
ebensowohl die erfüllbaren wie die unerfüllbaren, zu erwecken
und unaufhörlich weiter zu nähren, um kraft solcher Fähigkeit
selber zur »Interessenvertretung« für politisch entsprechend
starke Sozialgruppen zu werden. Nur in Ausnahmefällen ist ei­
ner rein ökonomischen Theorie solch zündende Wirkung be-
schieden; dies war z. B. 1932 der Fall, als der Höhepunkt der
Wirtschaftskrise den »New Deal« zum einzigen Retter in der
Not machte und sogar weite Kreise der Businesswelt zur Unter­
stützung der neuen Maßnahmen veranlaßte.
Allerdings, wenn man an die absolute Geltung der ökonomi­
schen Bedingtheit für alles Geschehen glaubt und dies auch auf
das psychische Geschehen ausdehnt, so muß man sich fragen,
ob die außerordentliche psychische Zündkraft des Kommunis­
mus und Fascismus, die so stark ist, daß sie sogar den Wunsch
nach Selbstversklavung zu erwecken vermag, nicht gleichfalls
auf ökonomischen Tatsachen beruht: ist die auffallende Über­
einstimmung der kommunistischen und der fascistischen Ar­
100

Copyrighted material
beitsverhältnisse nicht auf eine allgemein zu geringe Tragfähig­
keit der Wirtschaft zurückzuführen, so daß nur durch eine
allgemeine Wirtschaftsversklavung der Massen wieder das
Gleichgewicht herzustellen ist? In diesem Falle würde es sich
nicht nur um eine politische, sondern um eine ökonomisch be­
gründete Versklavung handeln, doch diese - fürchterliche -
Annahme kann bloß widerlegt werden, wenn eine Lösung auf­
findbar ist, welche zeigt, daß es ökonomisch auch ohne Ver­
sklavung abgeht.

Sohin:
erstens, ist es möglich, daß die wissenschaftliche Durchfor­
schung des Krisenphänomens und seiner Historie nunmehr ei­
nen neuen (von der kommunistischen oder fascistischen [Lö­
sung] abweichenden) Weg zur Krisenbefreiung zeige?
zweitens, dies vorausgesetzt, ist es möglich, innerhalb der De­
mokratie politisch genügend starke Sozialgruppen zur Durch­
führung zu gewinnen?
Das Schicksal der Demokratie ist weitgehend an diese beiden
Fragen gebunden; es geht um deren Bejahbarkeit.
Die erste Frage, also die der Krisenerforschung, ist unter allen
Umständen (unabhängig von jeder »demokratischen Ver­
wendbarkeit«) aus rein intern wissenschaftlichen Gründen
heute mehr denn je eine Hauptaufgabe der ökonomischen Er­
kenntnis. Denn das Forschungsmaterial ist in den letzten De­
zennien ungeheuer angewachsen, und fast ließe sich sagen, daß
es-soweit man in einem historischen Bereich von Abgeschlos­
senheit sprechen darf - heute abgeschlossen vorliegt. Unter der
Fülle der Phänomene, die der rückschauende Blick heute in der
Geschichte des hochindustrialisierten Kapitalismus zu unter­
scheiden vermag, ist es insbesondere ein Doppelphänomen,
dessen krisenerzeugende Momente zunehmend schärfer zutage
treten: der extensiv betriebene Kapitalismus war im Laufe des
19. Jahrhunderts genötigt gewesen, sich immer mehr und ein­
deutiger der Marktbewirtschaftung zuzuwenden, und diese
Nötigung war in erster Linie von der stürmischen Entwicklung
der Technik verursacht worden; nicht nur daß die Technik, ab­
gesehen von der neuen Güterfülle, die sie hervorgebracht hat,
eine völlige Umstellung der Erzeugungsmethoden bedeutete,
sie hat auch eine völlige Umlagerung der Produktions- und
101

Copyrighted material
Konsumtionsmärkte vorgenommen, und dieser Prozeß geht
unaufhaltsam weiter, mehr noch, muß unaufhörlich weiterge­
hen, da ja eben die hiedurch verursachte intensive Marktbe­
wirtschaftung nun ihrerseits rückwirkend die Technik zu neuen
Leistungen anspornen muß. Von den Nebenwirkungen dieses
Prozesses, wie Exportstockungen oder schubweise Überpro­
duktionen, die früher als Hauptgründe der Wirtschaftskrisen
gegolten hatten, soll hier ganz geschwiegen werden, denn weit­
aus wichtiger will es erscheinen, daß jenes Doppelphänomen
der intensiven Marktbewirtschaftung und der hypertrophierten
Technik von allem Anfang an den Keim des Rentabilitätsverlu­
stes in sich getragen hat: es sei bloß auf die Abkürzung der
Amortisationszeiten hingewiesen, die sich aus dem Zwange zur
Einführung stets neuer Rationalisierungsmethoden in den In­
dustrieanlagen ergeben, und dies bezieht sich nicht nur auf die
Industrie als solche, sondern auch auf das ganze Gebiet der
»Produktionsverwaltung«, zu der u. a. auch die gesamten mo­
dernen Stadtanlagen mit ihrer unübersehbaren Vielfalt ökono­
misch-technischer Einrichtungen gehören. Hier überall ist das
Rentabilitätsprinzip - das zentrale Prinzip des Kapitalismus -
ins Schwanken geraten, hat die Anlagen mehr oder minder
»wertlos« gemacht (zumindest börsenmäßig), veranlaßt das
mobile Kapital, sich aus der Produktion zurückzuziehen und
zur unverzinsten Hortung zu werden, kurzum zeitigt all die
schweren Unsicherheitssymptome, die das Wesen der Krisen
ausmachen; die Produktion, die einesteils dem Konsum mit
stets billigeren Gütern dienen muß, andernteils vom Konsum
den eigenen Lebensunterhalt zu beziehen hat, ist mit der Krise
in die Phase der »Profiterzwingung« getreten (und dies macht
sie nebenbei zum Mitverursacher des Fascismus).
Es könnte den Anschein haben, als ob mit zunehmender Fa-
denscheinigkeit des Rentabilitätsprinzips es für das herr­
schende Wirtschaftssystem kein anderes Schicksal als das von
Marx vorausgesagte mehr gäbe: die letzten noch lebendigen
Teile dieses unheilvollen, unheilstiftenden Systems müssen
nunmehr vernichtet und durch das sozialistisch-planwirtschaft­
liche ersetzt werden. Dies ist freilich wiederum politisch und
nicht rein ökonomisch gedacht; denn wollte man rein ökono­
misch denken, so muß man sich sagen, daß das planwirtschaftli­
che Moment - über dessen Durchführbarkeit bereits an anderer
102

Copyrighted material
Stelle hier gesprochen wurde - ganz zu Unrecht in die Diskus­
sion getragen wird: es gibt nämlich in der Wirtschaft keine
»heiligen Prinzipien« (bloß in der Ethik gibt es solche), auch im
sogenannten Kapitalismus gibt es sie nicht, am allerwenigsten
kann das Prinzip der Amortisation und Verzinsung als heilig
gelten, und wenn sich die Wirtschaft nicht nach ihnen richten
kann, so muß sie sich eben nach anderen richten; der Verzin­
sungsverlust des Finanzkapitals, heute als Krankheit der Wirt­
schaft gewertet, kann auch als Vorbote einer neuen Wirt­
schaftsphase begrüßt werden, in der es, wie einstmals im
Mittelalter, überhaupt keine Finanzverzinslichkeit mehr geben
wird. Manche Theoretiker verlangen bereits heute nach ent­
sprechenden Maßnahmen, und würden oder werden diese ein­
mal durchgeführt werden, so wird dies eine so völlige Umwand­
lung des Geldcharakters sowohl in funktionaler wie in
psychischer Beziehung bedeuten, daß der Verzinsungsanspruch
des Geldes bald zu den unverständlichsten Begriffen der Ver­
gangenheit gehören dürfte; hiezu gesellt sich als zweiter finan­
zieller Veränderungsprozeß, ebenfalls in seinen Ansätzen be­
reits erkennbar, der Schwund des psychisch so wichtigen
Sicherheitskoeffizienten im Geldbesitz, ein Schwund, der nicht
zuletzt durch das Aufkommen neuer Sicherheitsfaktoren be­
dingt [ist]: auf der einen Seite sind die Gemeinschaftseinrich­
tungen, die dem öffentlichen Wohle und der Obsorge für das
Individuum gewidmet sind, zu einem früher ungeahnten Um­
fang angewachsen und dehnen sich unausgesetzt weiter aus,
und auf der andern Seite ist das Versicherungswesen zu einer
Institution geworden, die immer weitere Teile des sozialen Le­
bens, ja, sogar der sozialen Verwaltung erfaßt. Hält man all
diese Momente zusammen, so zeichnet sich hinter ihnen ein
Zukunftsbild ab, sicherlich nur ein hypothetisches Bild mit un­
deutlichen Konturen, dennoch erahnbar als das einer »entkapi-
talisierten Privatwirtschaft«: es wäre dies eine Wirtschaftsform,
welche in ihrem Hauptvolumen nach wie vor auf freier Privat­
initiative beruht und daher hiefür auch das Profitprinzip auf­
rechterhält; daß daneben wesentliche Wirtschaftsteile profitlos
von öffentlichen Körperschaften oder vom Staate bearbeitet
werden, kann nicht als Charakteristikum einer Entkapitalisie-
rung gelten, da ja das nämliche inmitten des Kapitalismus ge­
schieht; hingegen ist der Bruch mit dem Verzinsungsprinzip zu
103

Copyrighted material
diesen Charakteristiken zu zählen, denn die damit verbundene
Einschränkung der Hortungs- und Verwendungsmöglichkeiten
der erzielten Profite rollt das ganze Problem der amortisierba­
ren Investitionen und Erneuerungen auf, und für viele, die ge­
wohnt sind, daß die Kreditwürdigkeit einer Investition nur von
einer Bank und ja von keiner andern Stelle geprüft werden darf,
wird das Gespenst der staatlichen Wirtschaftsregulierung und
der aufgehobenen Wirtschaftsfreiheit daraus aufsteigen. Doch
wie immer die Entwicklung vor sich gehen und welche Formen
sie auch immer annehmen wird, ihr Ziel bleibt das der zuneh­
menden Krisenbefreiung, und dies kann nicht durch bloß fiska­
lische Maßnahmen geschehen, etwa durch geeignete Profit-
und Zinsversteuerungen, sondern erfordert eine konstruktive
Lösung, und diese kann bloß gefunden werden, wenn die im
jetzigen Wirtschaftszustand bereits enthaltenen Keime zur Kri­
senbefreiung systematisch zur Vollentfaltung gebracht werden.
Der »New Deal« z. B. weist in ähnliche Richtung, und was ihm
notwendigerweise zugestoßen, das wird notwendig desgleichen
allem zustoßen, was in dieser Richtung liegt: es wird von rechts
als Kommunismus, von links als Kapitalismus denunziert wer­
den; und man darf wohl den Schluß daraus ziehen, daß es sich
hiebei um Bemühungen handelt, die sich vom kapitalistischen
wie vom kommunistischen Bereich gleich weit entfernt halten,
d.h. einen rein ökonomischen und damit wahrhaft demokrati­
schen Weg zur Krisenbefreiung ohne vorhergehende Wirt­
schaftszerstörung und ohne Menschenversklavung zu finden.
Ob man das vieltausendjährige privatwirtschaftliche System
mit all den vielfachen Formen und Moralen, durch die es hin­
durchgegangen ist, einheitlich Kapitalismus nennen darf und
soll, ist eigentlich gleichgültig angesichts so viel Wandlungs­
und Anpassungsfähigkeit, die sich bisher jedenfalls besser, fast
möchte man sagen »natürlicher« bewährt hat als alle planwirt­
schaftlichen Experimente und daher eigentlich recht viel Aus­
sichten hat, sich auch in der Zukunft weiter bewähren zu kön­
nen, Schritt um Schritt sich weiterverwandelnd, vielleicht jetzt
einer entkapitalisierten Privatwirtschaft zustrebend, sicherlich
aber auch diese einmal hinter sich zurücklassend: darauf aber
kommt es an; denn wenn auch die Wirtschaft kein eigentliches
Wertsystem darstellt, es ist die Wirtschaftserkenntnis, von der
sie begleitet und gestützt wird, ein Teil des großen offenen
104

Copyrighted material
Wertsystems und für dieses gibt es bloß ewigwährenden Fort­
schritt, aber keinen Endzustand. Nur geschlossene Systeme
maßen sich - wahnhaft - an, einen endgültigen Erfüllungszu­
stand auf Erden schaffen zu können.
Demokratie ist kraft ihrer ethischen und erkenntnismäßigen
Werte ein vollgültig offenes Wertsystem im politischen Bereich,
und darauf ist es wohl zurückzuführen, daß echt demokratische
Tradition, wo immer sie besteht, sich gegen geschlossene poli­
tische Systeme, wie sie vom Kommunismus und Fascismus re­
präsentiert werden, hartnäckig zur Wehr setzt. Die Idee einer
entkapitalisierten Privatwirtschaft ist heute bloß eine hypothe­
tische Annahme, doch sicher ist, daß Demokratie sich bloß mit
einem Wirtschaftssystem befreunden kann, das ohne diktatori­
sche Voraussetzungen, also ohne Rechts- oder Linksdiktatur zu
bestehen vermag. Indes, damit befinden wir uns bereits inmit­
ten des Geltungskreises unserer zweiten Hauptfrage, nämlich
der nach der politischen Wirkungsmöglichkeit einer rein
ökonomischen Bewegung, der es mangels eigener politischer
Machtziele auch eigener psychisch-politischer Zündkraft er­
mangelt. M. a. W., es genügt nicht, daß eine ökonomische Be­
wegung den demokratischen Traditionen entspricht, es genügt
nicht, daß sie sich gegen Fascismus und Kommunismus kehrt
und sich gegen deren drohende Wirtschaftseingriffe behaupten
will, es genügt nicht, weil nur sehr wenige Demokraten auch nur
einen Finger für sie rühren würden, wenn ihr eigenes ökonomi­
sches Interesse nicht Förderung von ihr erhoffen könnte, und
sie wird daher bloß dann politisch sich selbst verwirklichen
können, wenn sie - dieses Gesetz der materialistischen Ge­
schichtsauffassung bleibt auch für sie aufrecht - mit einem
Großteil der ökonomischen Interessen des Landes, womöglich
mit deren Hauptvolumen so deutlich zu identifizieren ist, daß
die hinter diesen Interessen stehenden Sozialgruppen vollzählig
zu ihrer politischen Unterstützung aufzurufen sind. Wo also
sind die Interessen, welche diese spezifisch demokratische
Wirtschaftsbewegung wahren will? Welche Sozialgruppen will
sie zur Unterstützung auf rufen? Gegen welche glaubt sie sich
wenden zu müssen? Und hier muß nun doch der Versuch unter­
nommen werden, zwischen Kapitalismus (mit dem Demokratie
fälschlich auf Gedeih und Verderb identifziert wird) und Pri-
vatwirtschaftstum (an das Demokratie, wenigstens bisher, tat­
105

Copyrighted material
sächlich gebunden zu sein scheint) zu unterscheiden: gefühls­
mäßig macht wohl ein jeder diese Unterscheidung, und man
könnte wohl behaupten, daß z. B. die überwiegende Masse der
schaffenden Menschen Amerikas recht wenig an dem herr­
schenden Wirtschaftssystem, in dem sie ihre Geschäfte betrei­
ben, auszusetzen haben, es sei denn daß sie die sogenannten
»Auswüchse« des big business gern beseitigt sehen möchten,
sicherlich ohne sich dabei klarzuwerden, daß sie mit ihrer Zu­
stimmung eben die Privatwirtschaft, mit ihrer Ablehnung je­
doch den Kapitalismus meinen. Allein nicht nur der »kleine
Mann«, der sich der »guten alten Zeiten« erinnert und deren
Rückkunft unter Abschaffung des lästigen big business erhofft,
wird von der unbehaglich schwelenden Zwiespältigkeit der
Wirtschaft betroffen, nein, es liegt hier ein Wiederstreit vor, der
durch das gesamte System geht und auch noch dort, wo es sozu­
sagen am kapitalistischsten ist, zum Ausdruck kommt: es kann
kein Zweifel darüber herrschen, daß innerhalb der kapitalisti­
schen Gesellschaft, und zwar eben sogar in der Klasse der soge­
nannten Ausbeuter, grundlegende Gegensätze in der Art der
Weltanschauung, in der Art der Geschäftsführung, in der Art
der Stellungnahme zum Kapitalismus nachzuweisen sind; es ist
dies jener Gegensatz, welcher beispielsweise in den Differen­
zen zwischen Mittel- und Schwerindustrie, zwischen Kleinfar­
mer und industrialisiertem Großagrarbetrieb, zwischen dem
selbständigen Unternehmer und dem eigentlichen Finanzkapi­
tal besteht, und es kann demnach auch kein Zweifel darüber
herrschen, daß im Zuge einer wirklich geordneten Krisenbe­
kämpfung sich Neugruppierungen innerhalb der kapitalisti­
schen Klasse vollziehen müssen. Solange die Krisen vorüberge­
hende Erscheinungen gewesen sind, war es möglich (wie dies
noch bei Marx geschehen ist), die Kapitalistenklasse als ein­
heitliches Ganzes aufzufassen; die große Krise im Jahre 1932
hat hingegen mit aller Deutlichkeit die Ansätze zu einer begin­
nenden Spaltung gezeigt, und zwar läßt sich mit einer gewissen
Simplifikation sagen, daß sich hiebei zwei Hauptgruppen un­
terscheiden lassen, nämlich einerseits jene, welche an der Auf­
rechterhaltung der alten kapitalistischen Form unter der Füh­
rung des Finanzkapitals interessiert sind, während auf der
andern Seite sich klar jene Gruppen abscheiden, denen ledig­
lich die Aufrechterhaltung der privatwirtschaftlichen Arbeit,
106

Copyrighted material
jedoch gerade unter Ausschaltung der Domination durch das
Finanzkapital, am Herzen liegt. Wäre der »New Deal« (von
seinen Initialmängeln abgesehen) seit 1932 nicht unaufhörlich
durch außenpolitische Katastrophen in seiner Ausgestaltung
gestört worden, es hätte sich wahrscheinlich im Zuge seiner
Krisenbekämpfung immer deutlicher gezeigt, daß das Produk­
tionskapital zunehmend »antikapitalistisch« geworden wäre,
um seine privatwirtschaftliche Selbständigkeit dauernd zu be­
wahren; die Ereignisse haben diese Neugruppierung verhin­
dert, aber sie haben damit auch in der Art der Krisenbekämp­
fung eingegriffen, denn die Einheit von Produktions- und
Finanzkapital ist gegen ihre innere Krisenentwicklung machtlos
und wird daher zwangsläufig zu den Gewaltlösungen des Fa-
scismus getrieben, obwohl deren Trügerischkeit sowohl in poli­
tischer wie in ökonomischer Beziehung - das nationalsoziali­
stische System beispielsweise enthält Elemente, die man
ohneweiters in eine »entkapitalisierte Privatwirtschaft« ein­
gliedern könnte - bereits mehr als wohlbekannt geworden sind.
Doch Trug und Wahrheit sind in einer kriegsverdunkelten
Welt, in der nur noch die Scheinblüten der Kriegswirtschaft
leuchten, wohl nicht mehr auseinanderzuhalten; blasser denn je
ist heute die Hoffnung auf eine demokratische Lösung des
Wirtschaftsproblems, stärker denn je sind die Verwirkli­
chungsmöglichkeiten für eine Rechts- oder Linksdiktatur, für
eine zumindest jahrzehntelange Versklavung des menschlichen
Geistes und der menschlichen Arbeit inmitten einer allgemei­
nen Weltverelendung, und bliebe uns unter solchem Aspekte
noch etwas zu wünschen übrig, so wäre es nur, daß es nicht die
fascistische, sondern die sozialistische Form werden würde,
denn diese ist, allem machiavellistischen Überbau zum Trotz,
der Funke der allgemein humanen Gerechtigkeit eingesenkt,
und der ist unverlöschlich.
Nichtsdestoweniger: heute besteht noch die Demokratie, und
die freie Forschung besteht unter ihrem Schutze, sie beide of­
fene Systeme, sich gegenseitig bedingend und beide auf die ob­
jektive Wahrheit ausgerichtet; nichts darf sie also hindern, bis
zum letzten Atemzug weiter ihrem Ziel zuzustreben, denn die
Wahrheitserkenntnis hat um ihrer selbst zu erfolgen, auch wenn
es in der äußeren Welt keinerlei Lebensmöglichkeit mehr für
ein offenes System und keinerlei Realisierbarkeit für die Wahr­
107

Copyrighted material
heit mehr gäbe, weil im gegebenen Augenblick die Wahrheit
durch ein geschlossenes System »reguliert« worden ist: für die
Erkenntnispflicht kann dies keine Rolle spielen und tut es um­
soweniger, als jedes geschlossene System über kurz oder lang
den Punkt seiner logischen Sättigung erreicht und mit diesem
Augenblick auseinanderfällt, oder richtiger, vom eigenen
Wahn zersprengt wird.
Die Demokratie besteht heute noch. Und die Hoffnung auf
einen Zusammenbruch der Totalitärstaaten, die Hoffnung auf
die Selbstzersprengung ihrer geschlossenen Systeme unter
Kriegsdruck ist noch nicht erloschen. Kommt es aber dann zum
Aufbau einer neuen Welt, dann wird - mehr denn jemals bevor
- die objektive wissenschaftliche Wahrheit gehört werden müs­
sen; insbesondere wird dies für die ökonomische Erkenntnis
gelten, denn es wird nicht zuletzt auch um den Aufbau einer
neuen Wirtschaftsordnung gehen.
Einer Vereinigung, wie es die »City of Man« ist, können also
in diesem erhofften künftigen Wiederaufbau sehr wichtige
Aufgaben zufallen, nicht zuletzt eben auch im volkswirtschaft­
lichen Gebiete. Alles was hier vorgetragen worden ist, wurde
unter dem Zeichen der Hypothese gesagt, ist eher Frage als
Feststellung, und ich maße mir auch nicht an - trotz mancher
Vorarbeit4 -, diese Fragen lösen zu können. Aber ich kann mir
vorstellen, daß eine kollektive Zusammenarbeit von Fachleu­
ten sehr weittragende Ergebnisse zu den hier angerissenen Pro­
blemen der Krisentheorie, des Sozialismus, der Planwirtschaft
und ihres Verhältnisses zum »New Deal« wird zeitigen können.
Gelänge eine solche Klärung des Krisenproblems, so wäre es
eben die demokratische Klärung, d. h. [diejenige], welche aus
der Suche nach wissenschaftlich objektiver Wahrheit resultiert,
und sie wäre der demokratische Weg zur Rettung der paniki-
sierten Massen aus jener Wirtschaftsunsicherheit, vor der sie
jetzt Schutz bei den Diktaturen suchen. Zwischen der kommu­
nistischen und der fascistischen Lösung wäre es der ersehnte
»dritte Weg«, der Weg ohne Versklavung, der amerikanische
Weg, und sein Ziel wäre der Wideraufbau einer zerrütteten
Welt.

108

Copyrighted material
1 Dieser Abschnitt der »Autobiographie als Arbeitsprogramm« schließt sich
dem Kapitel »Theorie der Demokratie (1938-1939)« an.
2 Vgl. Fußnote 9 des Aufsatzes »Zur Diktatur der Humanität innerhalb einer to­
talen Demokratie«.
3 Gemeint sind u. a. Thorstein Veblen und Henry George.
4 Broch las 1940 volkswirtschaftliche Studien von William Yandell Elliott, John
Maynard Keynes und John Strachey.

Copyrighted material
Die Demokratie
im Zeitalter der Versklavung

Erster Teil [Naturrecht und Versklavung]

Sowohl aus triebhaften wie aus praktischen Gründen braucht


das Tier das Nebentier, der Mensch den Nebenmenschen. Doch
darüber hinaus besitzt der Mensch —und das hängt vor allem
mit seiner dem Tier unerreichbaren Vernunftbegabung und
Bewußtseinshöhe, einschließlich der seines Todesbewußtseins,
zusammen - anarchische Tendenzen: die sogenannten Frei­
heitstendenzen des Menschen sind (zu einem sehr großen Teil)
ganz anderer Art als die des Tieres, das einem ihm auferlegten
Zwang, z. B. dem des Käfigs, zu entgehen trachtet, um in seine
eigene (triebhaft vorgezeichnete) Naturordnung zurückkehren
zu können; der Mensch widersetzt sich grundsätzlich jeglichem
Zwang, will nichts dulden, was seinen individuellen Willen ein­
schränkt, wünscht alle nur irgendwie möglichen Befriedigungen
aus seiner Ungebundenheit zu gewinnen, sucht dieser alles zu
unterwerfen (vor allem also den Nebenmenschen) und ist dem­
nach das »anarchische Tier«.

Unfähig jedoch, ohne den Nebenmenschen auszukommen, ist


es dem Menschen nie gegönnt, seine anarchischen Tendenzen
voll auszuleben; er ist zu Assoziierungen gezwungen, die ent­
weder vorwiegend triebhafte Basis haben (wie etwa die Ehe)
oder aber vorwiegend vernunfthaft konstruierte Zweckinstitu­
tionen sind (wie etwa der Staat), immer aber beide Moventien
gemischt enthalten. Mögen Institutionen noch so vernünftig
und zweckbetont sein, sie sind von Menschen errichtet, werden
von Menschen betrieben und sind demgemäß auch niemals von
deren anarchischen Tendenzen frei: jede Institution wünscht
(gleich dem Individuum) uneingeschränkt Machtentfaltung so­
wohl gegenüber ihren Angehörigen als auch - und gerade daran
zeigt sich ihr anarchischer Charakter - gegenüber sämtlichen
Nebeninstitutionen, selbst wenn mit ihnen Assoziierungen hö­
herer Ordnung, also »Kombinationsinstitutionen« (von denen
der Staat eine ist) eingegangen werden können.

110

Copyrighted material
Das Streben nach anarchischer Unbeschränktheit entfesselt ei­
nen unaufhörlichen Kampf einerseits zwischen den verschiede­
nen Institutionen und Institutionsgruppen untereinander, an­
dererseits zwischen ihnen und dem Individuum. Die Mechanik
dieses fortwährenden Kampfes deckt sich mit jenem sozial-dy­
namischen Geschehen, das gemeiniglich mit »Politik« (ob nun
Innen- oder Außenpolitik) bezeichnet wird; m. a. W., Politik
ist ständiger und ständig labiler Ausgleich anarchischer Ten­
denzen. Das ist eine wesentliche Erweiterung jener Definition,
welche Politik als Ausgleich von »Interessen« auffaßt. Gewiß
verlangen auch »Interessen« nach »unbeschränkter« Geltung,
ähnlich also darin den anarchischen Strebungen, ja können ge­
radezu als ein Teil von ihnen angesprochen werden, aber sie
sind - wie gerade an den Institutionen beobachtbar - bloß
deren »vernunftgebundener« Teil: bezöge sich Politik bloß
hierauf, sie wäre nicht das anarchische Geschehen, das sie
ist.

Die Zustände, welche durch den Ausgleich anarchischer Ten­


denzen entstehen, werden »soziale Ordnungen« genannt. In
jeder Ordnung steckt ein Stück Versklavung, und diese wird
von jenen Institutionen und Individuen ausgeübt, denen ver­
möge ihrer gerade vorhandenen Machtüberlegenheit (sei es in­
folge Bewaffnung, Überzahl, Bundesgenossenschaften oder
sonstweichen Gründen) die jeweilige Siegerrolle im Unbe­
schränktheitskampf zufällt, also jenen, die jeweils die gering­
sten Abstriche von ihren Unbeschränktheitsansprüchen zu ma­
chen brauchen. Versklavt werden jedoch im letzten ausschließ­
lich die Einzelindividuen. Nicht nur also, daß jede Institution
die ihr angehörenden Individuen zu versklaven trachtet, sie sind
es auch, welche getroffen werden, wenn ihre Institution von ei­
ner andern, z. B. im Kriegsfall die staatliche von einem Sieger­
staat, versklavt wird.

Versklavung liefert das Individuum unter radikaler Brechung


seiner eigenen anarchischen Tendenzen uneingeschränkt an die
des Sklavenhalters aus. Genauer ausgedrückt (und unter Refe­
renz auf die modernen Sozialverhältnisse) bedeutet dies:
(a) der Sklave ist an den Machtbereich des Sklavenhalters ge­
bunden (Aufhebung der Freizügigkeit),
111

Copyrighted material
(b) der Sklave ist an die ihm vom Sklavenhalter befohlenen Tä­
tigkeiten gebunden (Aufhebung der Berufs- und Beschäfti­
gungswahl),
(c) der Sklave ist in seiner Ernährung, Behausung und sonstigen
Lebenshaltung und -erhaltung ausschließlich vom Willen des
Sklavenhalters abhängig (Aufhebung des Anspruches auf ge­
rechten Lohn),
(d) der Sklave ist der Judikatur des Sklavenhalters unterworfen
(Aufhebung des Anspruches auf unparteiische Rechtspre­
chung).
Das Grundbeispiel für moderne Versklavung ist das Konzen­
trationslager.
Das Konzentrationslager (mitsamt allen übrigen Greueln der
gegenwärtigen Politik) ist ein Produkt des ethischen Relativis­
mus, der durch das Dahinschwinden der alten religiösen
Haltungen eingetreten ist. Der Sklavenhalter sieht nicht
ein, daß seine anarchischen Triebe »schlecht« sein sollen, und
selbst seine Opfer werden eher dumpf leiden, als sich der in
ihnen beleidigten »Freiheit« und »Menschenwürde« zu er­
innern.
Nichtsdestoweniger ist gerade die moderne, am Konzentra­
tionslager so grauenhaft sichtbar gewordene Versklavung ge­
eignet, den Begriffen der »Freiheit«, der »Menschenwürde«,
»Anständigkeit« usw. einen neuen und vielleicht sogar wissen­
schaftlich zu sichernden Inhalt und Anspruch zu verleihen.
Denn im Gegensatz zur ehemaligen Privatversklavung, die in
ihren anarchischen Tendenzen teils aus ökonomischen, teils aus
ethisch-religiösen Gründen noch vielfach gebändigt war, drückt
das Konzentrationslager seine Insassen unverhohlen auf eine
nicht nur untermenschliche, sondern untertierische Stufe
herab, untertierisch, weil das Tier im Unbewußten verbleibt
und daher seinen Käfig höchstens als irgendwie unbehaglich,
nämlich als »Anormalität« empfindet, während der Mensch im
Konzentrationslager vollbewußt und todesbewußt sich der
ständigen Mordbedrohung ausgeliefert sieht. Der biologische
Freiheitstrieb, der das gefangene Tier erfüllt, ist dem Menschen
im Konzentrationslager doppelt und dreifach zuzugestehen. Es
muß also gar nicht auf ethische Überlegungen hinsichtlich
»gut« oder »schlecht« eingegangen werden, um zu erkennen,
daß des Menschen Freiheitswillen im Konzentrationslager nicht
112

Copyrighted material
nur als »natürlich«, sondern auch als »berechtigt« zu gelten hat,
und daß hier ein »natürliches Recht« des Menschen gebrochen
worden ist.
Kurzum, das Konzentrationslager bietet die Handhabe zu ei­
ner säkularisierten Neufundierung des Naturrechtes, und zwar
ausgehend von dem anscheinend banalen, dennoch so überaus
fundierungswürdigen und fundierungspflichtigen Satz: »Der
Mensch darf den Menschen nicht versklaven.« All die übrigen
Begriffe, wie eben »Freiheit«, »Menschenwürde« usw., lassen
sich aus diesem Zentralsatz des Menschenrechtes ableiten.

Das Naturrecht adelt die anarchischen Tendenzen des Indivi­


duums. An den vom Naturrecht verbürgten Menschenrechten
legitimieren sich Revolutionen, selbst wenn ihre Ziele - wie im
19. Jahrhundert das englische gegenüber dem französischen
Beispiel dartut - nachhaltiger und gesicherter in konsequenter
Evolution zu erreichen gewesen wären: die materiellen Ge­
winne einer Revolution bleiben zumeist hinter den auf sie ge­
setzten Hoffnungen zurück, einesteils weil jeder Bürgerkrieg
materielle Werte zerstört (von den ideellen ganz zu schweigen),
andernteils weil die Neuverteilung des Nationaleinkommens
keineswegs jene mechanische ist, die dem Reichen wegnimmt
und dem Armen gibt, sondern eine Produktionsumstellung
nach sich zieht, die alle unmittelbaren Vorteile für den einzel­
nen zuschanden werden läßt, während die politischen Vorteile
zumeist infolge der Revolutionsdiktatur völlig in nichts aufge­
hen; nichtsdestoweniger ist das durch die Revolution verwirk­
lichte Stück Naturrecht von unverlöschlichem Glanz und ist
dauernde, wenn auch vielfach romantische neue Revolutions­
verlockung.
Die Wirkungsmacht der Marxschen Lehre beruht zum wenig­
sten auf dem sozialökonomischen Inhalt ihrer Theorien, der
anfechtbar ist, vielmehr wird diese vom naturrechtlichen Inhalt
getragen, da hier zum ersten Male der Versuch gemacht wird,
das Naturrecht und die von ihm für jedermann geforderte Ge­
rechtigkeit und Freiheit wissenschaftlich - und Wissenschaft­
lichkeit ist der Wunderglaube des modernen Menschen - zu
unterbauen und als kausal bedingtes, also unvermeidlich er­
wartbares Zukunftsbild den Massen vorzustellen.

113

Copyrighted material
Alle Revolutionen zielen auf Ergreifung des staatlichen Macht­
apparates. Daß der naturrechtliche Gewinn nach erfolgter
Machtergreifung sich zumeist als so überaus gering erwiesen
hat, ja sogar - wie in der napoleonischen Usurpation - völlig
annihiliert werden konnte, wird vom Leninismus-Marxismus
als Radikalitätsmangel erklärt, der mit Notwendigkeit immer
wieder die kapitalistische Konterrevolution hervorrufen muß.
Bei genügender Radikalität hingegen hat, seinem Versprechen
gemäß, die klassenlose Gesellschaft etabliert zu werden, und
diese wird den Staat überflüssig machen. In Rußland allerdings,
wo die Revolution genügend radikal war, ist bloß der - mehr
oder weniger - klassenlose Staat etabliert worden, angeblich als
ein Kriegsprovisorium, das nach vollzogener Weltrevolution
fallengelassen werden wird.
Sowohl die Theorie von der kapitalistischen Konterrevolution
wie die vom Kriegsprovisorium trifft nur in beschränktem Maße
zu. In Wahrheit ist da wie dort der Staat als Institution der Sie­
ger. Die anarchischen Tendenzen der Revolution richten sich
gegen die Versklavungstendenzen jedweder Institution, vor al­
lem also gegen die des Staates, aber sobald er in Besitz genom­
men ist, zeigt sich, daß er - wie jede Institution - ein schier un­
brechbares Eigenleben besitzt, und daß seine Versklavungs­
tendenzen nicht minder unbrechbar sind.
Das Rückgrat dieses Eigenlebens ist die Tradition. Die mei­
sten Institutionen sind Gebilde, welche - wie z. B. die Kirchen
- außer den ihnen angehörenden Menschen kein konkretes
Substrat besitzen, also nur dadurch bestehen, daß die von ihrer
Tradition vorgeschriebenen Haltungen eben von diesen Men­
schen akzeptiert werden, und obwohl der Staat infolge seiner
geographischen Statur ein konkreteres Aussehen hat, er ist
darum in seinem Bestand nicht minder traditionsabhängig, ja
er ist es erst recht, weil gerade seine geographische Gestaltung
ihm eine bestimmte außenpolitische und militärische Tradition
auferlegt hat, die sich kaum durch einen Wechsel der Regie­
rungsform ändern läßt. Die Außenpolitik des revolutionären
Frankreichs konnte kaum von der Ludwigs XIV. abweichen,
und ebenso mußten die Sowjets die der Zaren fortsetzen, wenn
Rußland nicht in Brüche gehen sollte. Und eine derart festge­
legte Außenpolitik ist fix in einer Weise, daß keine Revolution
dagegen aufzukommen vermag.
114

Copyrighted material
Jede Tradition hat ihre Träger, und jede Institution hat zu die­
sem Zweck ihre Bürokratie, die Kirche ihre Priester, das Heer
seine Berufsoffiziere, der Staat seine Beamten. Die Bürokratie
ist institutionspatriotisch, d. h. sie will bloß ihre Institutionen
samt deren Traditionen intakt erhalten, und daneben ist es ihr
ziemlich gleichgültig, welche Klasse die politische Macht ge­
winnt. Talleyrand hat unter vier grundverschiedenen Regie­
rungstypen sein außenpolitisches Amt ausgeübt. Die Bürokra­
tie ist apolitisch, und das ist ihr Vorzug, aber sie ist um ihrer
Institution willen so versklavungssüchtig, daß der Vorzug sich
wieder aufhebt. Sogar die jeweils herrschende Klasse, mag sie
auch zu einem großen Teil das Personal der Bürokratie beistel­
len, wird von ihr, wie sich immer wieder zeigt, in Abhängigkeit
gebracht, und besonders ist es diese Abhängigkeit, welche im
letzten den Sieg des Staates über die Revolution bedeutet, den
perpetuellen Sieg des Kastenstaates über den Klassenstaat.

Zweiter Teil (Politische Versklavung)

Der Traditionsursprung der als Staaten bezeichneten Institu­


tionen ist bloß negativ zu fassen, da er - obwohl das Vorhan­
densein eines Staatsgebietes eine notwendige positive Voraus­
setzung bildet — vom Begriff der »Verteidigung« gegen
Staatsgefährdungen abhängig ist. Aus der Notwendigkeit der
Staatsverteidigung ergeben sich historisch drei eng miteinander
verschwisterte Traditionsströme,
(a) der des Primitivimperialismus, der das Staatsgebiet so weit
auszudehnen wünscht, bis es an den idealen strategischen
Grenzen statisch »unangreifbar« wird,
(b) der des Militarismus, dem nicht nur die Offensive zur Errei­
chung der idealen Grenzen und ihrer statischen Unangreifbar­
keit aufgetragen ist, sondern der auch die strategischen Unzu­
länglichkeiten der jeweils erreichten »provisorischen« Grenzen
durch eine ideale dynamische Verteidigung wettmachen soll,
(c) der des Polizismus, der die innere Staatsgrenze bewacht,
d. h. jeden einzelnen Bürger, da die »innere Person« eines jeden
dem Staat unzugänglich ist und ihm infolgedessen soviel wie
»feindliches Ausland« gilt.
Alle drei Traditionsströme, getragen von den zugehörigen
Bürokraten, zeigen Züge des anarchischen Unbeschränktheits­
115

Copyrighted material
dranges, mit dem sie sich selbst zum Eigenzweck setzen wollen.
Aus dem Primitivimperialismus verbunden mit Militarismus
entsteht der »anarchische Imperialismus«, der letztlich zur
Welteroberung drängt, und aus dem Polizismus entsteht der
Totalitärstaat, ohne den sich Welteroberung kaum ausführen
läßt, und der umgekehrt bei Welteroberungsplänen am besten
gedeiht. Und jede der Tendenzen, erst recht aber sie alle zu­
sammen, zielen auf Totalversklavung des Bürgers.
Wo »Verteidigung« infolge idealer Grenzen überflüssig oder
infolge irreparabler Grenzen unmöglich wird, da kann sich der
Bürger gegen die ihn bedrohende Staatsversklavung wehren,
d. h. Militarismus und Polizismus auf ein Minimum herabdrük-
ken. Zur ersten Kategorie gehören u. a. England im 19. Jahrhun­
dert, zum zweiten »Kontraktstaaten« wie z. B. die Niederlande,
aber auch solche, welche nach einem verlorenen Krieg unvertei-
digbar werden; sie allesamt werden außerpolitische Anhänger
des Kräftegleichgewichtes, jene als dessen Subjekte, diese als
dessen Objekte, die einen wie die andern wissend, daß im Rah­
men des Status quo ihre Grenzen und ihr innerstaatlicher Libera­
lismus am besten geschützt sind. Ebendarum jedoch bedeutet für
sie die Verringerung des Militarismus nicht notwendigerweise
auch Ausschaltung des Imperialismus, vielmehr kann gerade
von hier aus, wie England und Holland zeigen, seine Weiter­
entwicklung gefördert werden.

Der europäische Imperialismus im engsten Sinne hat vom Rö­


mischen Imperium seinen Ausgang genommen. Das Prinzip der
idealen strategischen Grenze stammt von Rom, und alle seine
Nachfolgestaaten haben in Verfolgung dieses Prinzips das rö­
mische Staatsgebiet (allerdings mit jeweiliger Verlagerung des
Regierungszentrums) wiederherzustellen versucht. Im Westen
ist Karls des Großen Heiliges Römisches Reich Deutscher Na­
tion dem Ideal am nächsten gekommen, und zwar geschah dies
unter Karl V., ist aber am Widerstand Frankreichs, das - nach
Befreiung von der englischen Bedrohung —dem habsburgi­
schen Vormachtsanspruch den eigenen entgegenzusetzen ver­
mochte, mit der Schlacht von Lepanto1 endgültig gescheitert.
Napoleon, Fortführer der von den Bourbonen initiierten, von
Richelieu und Mazarin festgelegten französischen Außenpoli­
tik, gelang es zwar wirklich, das weströmische Gebiet auf dem
116

Copyrighted material
Kontinent unter seine einheitliche Herrschaft zu bringen, aber
der Fehlschlag des russischen Feldzuges, der die zaristischen
Aspirationen auf Byzanz hatte brechen sollen, um hiedurch den
Weg zu einer Wiedervereinigung Ost- und Westroms zu ebnen,
wurde zum Siege Englands, das nunmehr ungehindert (und so­
gar als Völkerbefreier) sein System des europäischen Kräfte­
gleichgewichtes einrichten und durch das ganze 19. Jahrhun­
dert hindurch nicht nur aufrechterhalten, sondern auch,
nämlich durch Begünstigung des als Gegengewicht zu Rußland
(und seinen asiatischen Aspirationen) gedachten Bismarck-
Reiches, noch verstärken konnte. Der Gegenschlag erfolgte, als
das Reich nun selber mit Hegemoniebestrebungen auftrat und
dagegen Rußland zweimal zu Hilfe gerufen werden mußte,
so daß nun - bloß vier Jahre lang währte Hitlers Beherrschung
des napoleonischen Gesamtgebietes - die Sowjets als die alleini­
gen Erben des gesamtrömischen Gedankens übriggeblieben
sind.

Das ehemalige römische Reichsgebiet, West- und Südeuropa


mitsamt dem gesamten Mittelmeerbecken, wurde bereits durch
Napoleons Rußlandzug überschritten, umsomehr von Hitler,
dessen Regierungszentrum außerhalb jenes Gebietes lag, und
für die Sowjets ist dieses erst recht nur ein Annex zu ihren um­
fassenden Ansprüchen: als halb europäisch, halb asiatische
Macht verlangen sie den gesamten eurasischen Kontinent als
Herrschafts- oder zumindest Interessensphäre.
Strategisch ist dieser Anspruch durchaus begründet. Soferne
man im Zeitalter der Atombombe überhaupt noch von strate­
gischen Grenzen sprechen kann, so sind diese ausschließlich
durch die Ozeane gegeben, die allein eine gewisse, wenn auch
noch immer unzulängliche Separierung der Flugbasen gewähr­
leisten. Soll also Rußland nicht zu verhüten trachten, daß solche
längs der in Jalta vereinbarten Demarkationslinie Hamburg-
Mukden angelegt werden? Diese Linie (mitsamt ihren Balkan-
und sonstigen Ausbuchtungen) ist die bei weitem ausgedehnte­
ste, die sich auf des Erdballs Festland überhaupt ziehen läßt,
und weil sie auf große Strecken hin - so in Nordchina - für die
Westmächte unverteidigbar ist, kann sie und muß sie daher von
der Roten Armee überschritten werden. Würde Rußland sein
strategisches Ziel in Asien und Europa tatsächlich erreichen, so
117

Copyrighted material
würde es bloß in Afrika, südlich der Sahara, kontinental mit der
Einflußsphäre der Westmächte Zusammenstößen, und diese
Grenze wäre nicht nur um mehr als zwei Drittel kürzer als die
Jalta-Linie, sondern verliefe auch durch ein Gebiet, das über­
wiegend so unwegsam ist, daß man von einer nahezu vollkom­
menen ozeanischen Trennung der beiden Gegner sprechen
könnte.
Von einem rein mechanistisch-militärischen Aspekt aus be­
trachtet, wäre eine derartige vollkommene Trennung auch für
die Westmächte akzeptabel, wenn die ihnen verbleibende
Weltsphäre den Aufbau eines dem russischen adäquaten
Machtblocks erlaubt. Doch dies wäre dann keineswegs mehr
der Fall. Denn nicht nur, daß die Überschreitung der Elbe und
des Rheins die Auslieferung der gesamten industriellen Kapa­
zität Europas - wohlgemerkt einschließlich Englands - an
Rußland bedeuten würde, es hätte Rußland, dem jetzt schon
etwa 400 Millionen Chinesen zugefallen sind, nach der Einver­
leibung Südasiens zwei Drittel der gesamten Menschheit unter
seiner Kontrolle. Und dazu könnte sich recht leicht aus natio­
nalistischen Antiyankee-Gründen der südamerikanische Kon­
tinent gesellen, besonders wenn Rußland sich in Dakar festge­
setzt haben sollte. Nordamerika hat also bei all seiner Macht
und all seinem Reichtum mit völliger Isolierung - und wirt­
schaftlich bedeutet das völlige Ausschaltung von allen Welt­
märkten - zu rechnen, hat also Ursache genug, sich dem russi­
schen Vormarsch zu widersetzen.
Die Jalta-Linie ist in Europa noch einigermaßen intakt, doch
in Asien sind die Westmächte bereits auf die zweite Verteidi­
gungslinie, den Schutz Südasiens, zurückgedrängt. Daß Ruß­
land seinen ungeheuren strategischen Vorteil nicht weiter aus­
nützen sollte, ist nicht zu erwarten; bloß seine Kriegsfurcht,
die nicht geringer als die westliche ist, kann es davon ab­
halten.

Als Rußland unmittelbar nach der Niederwerfung Deutsch­


lands daranging - sozusagen ohne Einlegung einer Anstands­
pause -, den von ihm errungenen strategischen Vorteil auszu­
nützen, waren sich seine Staatsmänner klar, daß der weitere
Vormarsch autark vorbereitet und alimentiert zu werden hatte.
M. a. W., Rußland mußte nicht nur seine Kriegsstruktur beibe­
118

Copyrighted material
halten, sondern mußte darüber hinaus auch noch zu jener Aut­
arkie zurückkehren, in der es sich zwanzig Jahre hindurch - un­
zulänglich genug - auf den Krieg mit Deutschland hatte
vorbereiten müssen. Angesichts der industriellen Rückständig­
keit des Landes läßt sich eine solche Anstrengung nur unter
schärfstem totalitärem Druck bewerkstelligen.
Westliche Kommunisten meinen und hoffen, daß der russische
Totalitarismus nicht vom Wirtschaftssystem, sondern von der
Kriegsgefahr bedingt sei, und daß nach deren Verschwinden die
notwendige Liberalisierung im Sinne Marx’ eintreten werde.
Nun hätte ja Rußland seinen strategischen Vormarsch, der von
außen besehen nichts anderes als »anarchischer Imperialismus«
ist, nicht fortsetzen müssen, sondern statt dessen lieber unter
gleichzeitiger Liberalisierung sich wirtschaftlich konsolidieren
können, doch dagegen läßt sich sagen, daß bloß die Weltrevo­
lution den endgültigen Frieden bringen werde, und daß eben­
darum der strategische Vorteil der kommunistischen Vormacht
bis aufs äußerste, ohne Rücksicht auf die gegenwärtigen Opfer
des russischen Volkes, hatte ausgenützt werden müssen, umso­
mehr als jeder Verzicht auf jenen Vorteil die kapitalistischen
Staaten zum Gegenstoß ermuntert hätte. All das hat seine Rich­
tigkeiten. Aber ebenso richtig ist es, daß ein Totalitärregime sich
seiner Verschwisterung mit Militarismus und Polizismus niemals
zu entledigen vermag, daß es allüberall »Feinde« wittert und auf
intoleranteste »Verteidigung« eingerichtet ist, und daß daher
Moskau bloß bedingungslose Unterwerfung unter seine Dok­
trinen, jedoch nicht die geringste Abweichung hievon, ge­
schweige die des englischen Liberalsozialismus, duldet.

Obwohl der Soldat, besonders seit Einführung der allgemeinen


Wehrpflicht, infolge der ihm auferlegten Disziplin einen spezi­
fischen Staatssklaventypus darstellt, waren die amerikanischen
und englischen Armeen imstande, überall, wo sie ihr Material­
übergewicht einsetzen konnten - also vor allem auf dem euro­
päischen, weniger auf dem asiatischen Kriegsschauplatz -, mit
einem Minimum an Soldatenversklavung auszukommen, d. h.
die äußerste Schonung für das Einzelleben und die Einzelwohl­
fahrt zu einem Grundprinzip der militärischen Planung zu ma­
chen. Parallel hiezu wurden im Flinterland, selbst in dem so un­
mittelbar gefährdeten England, dem Kriegspolizismus keine
119

Copyrighted material
Übergriffe erlaubt. Das war eine umso bemerkenswertere de­
mokratische Leistung, als es sich, gerade in England, um einen
Totalkrieg handelte. Allerdings war sie bloß erzielbar, weil sie
von dem unermeßlichen Produktionsreichtum Amerikas getra­
gen wurde, und es ist daher durchaus fraglich, ob sie im näch­
sten Krieg sich wird nochmals erzielen lassen. Nicht nur, daß
eine jahrelang sich hinziehende Kriegsspannung und Kriegs­
vorbereitung (nicht zuletzt wegen ihrer keineswegs unberech­
tigten Spionenfurcht) eine ständige Verschärfung des Polizis-
mus hervorruft, es wird der Atomkrieg auch einen weitaus
höheren Totalitätsgrad als alles bisher Bekannte aufweisen, da
das gesamte Hinterland und besonders die kriegswichtigen In­
dustrieorte schier schutzlos den gräßlichsten Gefahren ausge­
setzt sein werden. Das sind Zustände, denen kein Reichtum,
auch nicht der amerikanische, gewachsen ist, noch viel weniger
aber irgendeine Demokratie: schon die Vorbereitungszeit för­
dert eine Art »demokratischen Fascismus«, und je länger sie
dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß er sich
stabilisiert und schier unmerklich zum reinen Fascismus aus­
artet. Insolange Rußland den Krieg, den es nicht wünscht, für
vermeidbar hält, wird es - eben durch Verlängerung der
Kriegsspannung sowie durch eine ganze Reihe von Nebenmit­
teln, wie Enthüllungen usw. - überall das Aufkommen des Fa­
scismus fördern, den es für die Vorstufe der kommunistischen
Diktatur hält; bricht der Krieg trotzdem aus, so ist es für Ruß­
land ziemlich gleichgültig, ob es Demokratien oder Fascismen
gegenübersteht.

Dritter Teil (ökonomische Versklavung)

Marxismus und Reinkapitalismus sind sich über die Präponde-


ranz der wirtschaftlichen Momente vollkommen einig. Sie sind
beide überzeugt, daß des Menschen gesamte Lebensgestaltung
im letzten von seinen wirtschaftlichen Interessen abhängig sei,
und beide sind sie von einem durchaus mythologisierenden
Wirtschaftsoptimismus erfüllt: der Kapitalismus glaubt an ei­
nen konstanten Wirtschaftsfortschritt, d. h. an eine konstante
Hebung des allgemeinen Lebensstandards, vorausgesetzt daß
man »die Kräfte« der Wirtschaft nur sich selber überläßt und
120

Copyrighted material
ihnen keine »künstlichen« Fesseln auferlegt, und ebenso glaubt
er, daß dieser geradezu naturgesetzliche Wirtschaftsfortschritt
- und er verweist hiezu auf die moderne Demokratie als das ka­
pitalistische Musterkind - die einzige Bürgschaft für die Men­
schenfreiheit sei; der Marxismus hingegen sieht zwar eine durch
den Zusammenbruch des Kapitalismus verursachte Periode des
Wirtschaftsverfalls vor sich, erwartet aber hernach den dialek­
tisch notwendigen Umschlag, d. h. die durch nichts mehr stör­
bare Dauerprosperität für die ganze Menschheit im Rahmen
der kollektiven Planwirtschaft, in der es keine Eigengesetzlich­
keit der Wirtschaft mehr gibt, so daß der Mensch, wirtschafts­
befreit, erst dann seine wirkliche Freiheit erringen wird. Fürs
erste freilich scheint es, als ob beide den Keim zur schwersten
Menschheitsversklavung in sich trügen.

In der Entwicklung des modernen Kapitalismus sind zwei -


freilich sich vielfach überlappende - Phasen zu unterscheiden:
der Extensiv- und der Intensivkapitalismus.
Der Primitivkapitalismus wurde (vielfach in Verbindung mit
Merkantilismus) extensiv betrieben. Produktionsmäßig - die
Geldgeschäfte liefen nebenher - war dieser Kapitalismus durch
die »Faktorei« bestimmt, eine vielfach nur auf die Vergebung
von Heimarbeit basierte Großbetriebsstätte, in der die späteren
Formen der Fabrik und des Großhandelshauses noch miteinan­
der verquickt waren, und seine Verkaufsmethode zielte - abge­
sehen von Heereslieferungen und ähnlichem - im wahrsten
Wortsinn auf »Markteroberungen«, d. h. auf Aufsuchung der
Bauernmärkte, um daselbst im Bauern ein Warenbedürfnis zu
erwecken, das dessen vordem rein autarker Wirtschaft unbe­
kannt gewesen war. Die ganze industrielle Exporttheorie mit­
samt ihren kolonialistischen Erweiterungen stammt vom pri­
mitiven Bauernmarkt, der übrigens für die zentral- und
insbesondere osteuropäische Produktion bis ins 20. Jahrhun­
dert hinein seine Bedeutung beibehalten hat. Kurzum, Exten­
sivkapitalismus ist Marktexpansion; er beruht auf unsaturier­
tem Warenhunger, und seine Kalkulation ist auf die
Faustformel »höchster Verkaufspreis bei billigsten Erzeu­
gungskosten und geringster Investition« abgestellt. Sein Ideal
ist daher doppelte Ausbeutung, einerseits die einer tunlichst
monopolistischen, konkurrenzlosen »Beherrschung« des
121

Copyrighted material
Marktes, andererseits die einer unumschränkten über den
»Lohnsklaven«.
Je mehr die Gesamtwelt sich industrialisiert, desto schwieriger
wird es dem Extensivkapitalismus, sein Marktgebiet auszudeh­
nen, und desto mehr werden seine Formen durch die des Inten­
sivkapitalismus ergänzt, d. h. durch Formen, die nicht mehr
ausschließlich vom Produzentenbedürfnis, sondern auch zu ei­
nem großen Teil von dem des Konsumenten diktiert werden.
Im Gegensatz zu dem erst vornehmlich ruralen und später ko­
lonialen Extensivkapitalismus ist der intensive hauptsächlich
urban; er ist von den Käufermassen der großen Städte bedingt,
und er benötigt eine fortschreitende Urbanisation des Landes,
da er auf Marktaufstachelung (durch Reklame usw.) beruht,
und eine solche bloß in der Großstadt voll rentabel ist. Gewiß
sucht auch der Intensivkapitalismus monopolistische Positio­
nen, aber da er selbst in einer solchen die Käufer vermittels bil­
liger Preise anlocken muß, ist ihm Konkurrenz erträglicher als
dem Extensivkapitalismus: ob mit oder ohne Konkurrenz, er
muß stets neue Produkte hervorbringen und anpreisen, muß
demgemäß unaufhörlich neue Investierungen machen, beson­
ders solche, deren rasche Amortisation durch Produktionsver­
billigung gewährleistet wird, und er wird daher weit mehr
Gewicht auf lukrative Maschinenarbeit als auf Lohndruck
legen, umsomehr als er weiß, daß eine gut bezahlte Arbeits­
kraft die Kaufkraft des Marktes erhöht. Der Intensivkapitalis­
mus rückt also beidseitig, sowohl in seiner Markt- wie in seiner
Lohnpolitik, zunehmend vom Prinzip der »Ausbeutung«
ab.
Könnte die gesamte Wirtschaft nach dem Prinzip des Inten­
sivkapitalismus betrieben werden, so wäre ein gewisser Teil der
unmittelbaren Wirtschaftsversklavung ausgeschaltet. Dem
aber ist nicht so. Denn in der Urproduktion und damit auch in
der gesamten Bergbau- und Schwerindustrie usw. kann nicht
intensiv gewirtschaftet werden. Die Landwirtschaft kann zwar
durch Herabsetzung der Produktionskosten und Preise ihren
Absatz einigermaßen erweitern, aber doch nur bis zu einer be­
stimmten Normalgrenze, und keinerlei Marktanstachelung
kann darüber hinausführen. Noch viel mehr gilt das für die
Schwerindustrie; die Quote des Stahlpreises in dem Preis eines
fertigen Autos ist zu gering, um durch Ermäßigung den Auto­
122

Copyrighted material
absatz unmittelbar zu beeinflussen, und in andern Fertigwaren,
wie z. B. Textilgütern, ist sie bloß als Maschinenamortisation
enthalten, verschwindet also so gut wie vollständig. Hier also
nützt keine Intensivierung, vielmehr muß hier weiter nach den
Regeln des Extensivkapitalismus gearbeitet werden, und das
bedeutet eben Kolonialismus, Monopolismus und Lohndruck,
politisch aber die Neigung zur fascistischen Versklavung. Die
»liberalen« Mittel- und Fertigindustrien bilden hiefür kein ge­
nügendes Gegengewicht, nicht zuletzt weil sie wegen ihres
schärferen Investitionstempos und infolgedessen wegen ihres
relativ sehr großen Geldbedarfes weitgehend von den Banken
abhängig sind, also von Stellen, bei denen der Einfluß der
Schwerindustrie eine bedeutende Rolle spielt. Die englische
Nationalisierung der Banken und der Schwerindustrie be­
zweckt nicht zuletzt die Befreiung der liberalen Mittel- und
Fertigindustrie aus der sie umfangenden politischen Umklam­
merung. Daß das Risiko der Unrentabilität, von dem die Ur-
industrien bei nicht-extensiver Führung stets bedroht sind, auf
die Gesamtnation fällt, ist freilich eine andere Frage.

Der Hinweis auf die Vollnationalisierung der gesamten russi­


schen Industrie beantwortet diese Frage sicherlich nicht. In
Rußland braucht es nämlich keine unrentablen Industrien zu
geben.
Das zaristische Rußland stand in den ersten Anfängen seiner
Industrialisierung, und trotz der enormen Ausdehnung seiner
Petersburger, Moskauer und Lodzer Industriezentren blieb die
Produktion weit hinter den Bedürfnissen zurück; die Geschäfte
wurden daher, gleichgültig ob Schwer- oder Leichtindustrie,
wie in jedem unterindustrialisierten Land durchwegs nach ex­
tensiven Prinzipien, d. h. mit Maximalgewinnen betrieben. Ob
nun die Sowjets diese Gewinne, sei es in Form von Preisermä­
ßigungen oder in der von Lohnerhöhungen, dem allgemeinen
Besten zugänglich machen, oder ob sie sie zur Aufrechterhal­
tung der Wirtschaftsbürokratie benötigen (was durchaus nicht
ausgeschlossen ist), es hat die Nationalisierung nichts an der
Extensivstruktur geändert, umsoweniger als die Weiterindu­
strialisierung des Landes vornehmlich der Waffen- und kaum
der Gebrauchsgütererzeugung zu dienen hatte: kurzum, jedes
Produkt kann zu jedem beliebigen Preis abgesetzt werden.
123

Copyrighted material
Wenn irgendwo, so hat im sowjetischen Rußland der Extensiv­
kapitalismus sein Doppelideal, nämlich Vollbeherrschung der
Arbeiterschaft wie des Marktes, zur Gänze erreicht. Fast ist es
wie eine Bestätigung für die mythische Eigengesetzlichkeit der
Wirtschaft, ja es läßt sich sogar Voraussagen, daß die durch die
Rüstungsnotwendigkeiten in Gang gebrachte Hypertrophie­
rung der russischen Schwerindustrie einstmals, d. h. unter Frie­
densverhältnissen und nach Saturierung der Weltmärkte (be­
sonders bei deren fortschreitender Eigenindustrialisierung),
Absatz- und Rentabilitätskrisen wird hervorrufen müssen, die
den kapitalistischen aufs Haar ähneln und daher - getragen von
der Bürokratie der Schwerindustrie - sich gleichfalls zu ständi­
gem Rüstungsanreiz entwickeln können, während die Mittel­
und Fertigwarenindustrie, auch hier schließlich zu einer Art In­
tensivwirtschaft bemüßigt, das liberale und pazifistische Ge­
gengewicht hiezu abgeben würde. Im übrigen ist es durchaus
nicht unwahrscheinlich, daß die Voraussicht solch künftiger
Entwicklung die Moskauer Expansionspolitik mit beeinflußt,
denn mit Kolonialmärkten - und Rußland wird sich nicht
scheuen, sie unter dem Titel der Kollektivplanung zu Zwangs­
märkten zu machen - läßt sich die jetzige Expansivwirtschaft
noch beträchtlich verlängern.
Doch ob so oder so, es kann mit einiger Bestimmtheit behaup­
tet werden, daß der in der Wirtschaft steckende Versklavungs­
faktor ziemlich invariant bleibt, unabhängig vom privaten oder
nationalen Besitz an den Produktionsmitteln. Die kommunisti­
sche Superversklavung ist politisch, nicht kollektivwirtschaft­
lich bestimmt.

Obwohl die russische Expansion vor allem strategisch bestimmt


ist, enthält sie also auch kolonialwirtschaftliche Motive, die sich
freilich nicht ohneweiters mit den bisherigen westeuropäischen
vergleichen lassen.
Der westeuropäische Kolonialismus war in seiner ersten, noch
vorkapitalistischen Phase einfach auf Goldhunger basiert, war
auf Raubzüge basiert, die daneben - wie etwa in der Eroberung
Mexikos - das Gepräge von Bekehrungskreuzzügen annah-
men. In seiner zweiten, nun schon extensivkapitalistischen
Phase wurde der Kolonialismus zu einer Ausnützung des
»Wirtschaftsgefälles«, das sich in Afrika als Tausch von Glas­
124

Copyrighted material
perlen gegen Elfenbein (oder Sklaven), in Amerika als der von
Messern gegen Biberfelle, in Indien aber als der von Schieß­
waffen gegen hochwertige Textilien usw. charakterisieren läßt.
Aus diesem Handelskolonialismus entwickelte sich der Plan­
tagismus als dritte Phase der systematischen Auswertung der
kolonialen Naturschätze durch europäische Siedler, und
schließlich, unter deren Auspizien und patronisiert von der
Schwerindustrie des Mutterlandes, die vierte und letzte Kolo­
nialphase, nämlich die der Vollindustrialisierung. Bereits in der
dritten Phase verringert sich das Wirtschaftsgefälle zwischen
Mutterland und Kolonie; die Siedler beginnen sich gegen die
Hochpreise der extensivwirtschaftlichen Importe aufzulehnen,
besonders wenn sie - wie zur Zeit der amerikanischen Revolu­
tion - die Möglichkeit vor sich sehen, die koloniale Erweiterung
sowie den dazugehörigen Extensivkapitalismus aus Eigenem zu
betreiben, und dieser Zug zur wirtschaftlichen und politischen
Verselbständigung wird in der vierten Phase geradezu unver­
meidbar. Aber noch mehr: da in der vierten Phase die Schwer­
industrie (ihrem Extensivismus gemäß) in den Kolonien Mit­
telindustrie und Fertigwarenfabriken einrichtet (so die
ägyptische und indische Textilindustrie), setzt sie den heimi­
schen Fabriken eine geradezu tödliche Konkurrenz auf den
Hals. Dies alles, verbunden mit den verschiedenen Kolonialne­
benformen der Mandate, Konzessionen usw. und dem noch
verschiedeneren Kolonisationstempo - der Kongo befindet sich
in der zweiten, Südafrika in der vierten Phase -, drückt dem
Kolonialimperialismus seinen spezifisch anarchischen Stempel
auf.
Für Rußland hat es alle Vorteile, diese Anarchie zu vertiefen.
Für die amerikanische Schwerindustrie (ohne Rücksicht auf
ihre Schwesterunternehmungen der Mittelindustrie und Fer­
tigwarenfabrikation) ist es von vitaler Bedeutung, die Indu­
strialisierung in einem wiederbefriedeten China durchzufüh­
ren. Rußland tritt da keineswegs als Konkurrent auf,
wenigstens nicht vorderhand, da es ja jede Tonne Eisen für ei­
gene Zwecke braucht, doch die kommunistische Beherrschung
Chinas bringt ihm jedenfalls Gewinn, da sie entweder Amerika
an Importen verhindern und damit seine Wirtschaftslage dros­
seln wird, oder aber, wenn die Importe trotzdem fortgesetzt
werden, diese indirekt zumindest teilweise dem Warenhunger
125

Copyrighted material
Rußlands wird zuführen können. Ganz anderen Wirtschafts­
zwecken dagegen hat die russische Expansion in Europa zu die­
nen. Soferne man hier von Kolonisation sprechen kann, handelt
es sich um eine vorkapitalistische der ersten Phase. Hier geht
es wie bei Cortez um Bekehrung und um Gier, zwar nicht um
eine nach Gold, wohl aber nach Maschinen und Gütern, umso­
mehr als durch die Ausplünderung der Lebensstandard West­
europas sich dem russischen angliche und dies einerseits die
kommunistische Bekehrung erleichtern, andererseits dem rus­
sischen Volk das propagandagefährliche Neidobjekt entziehen
würde.

Man könnte sich der Hoffnung hingeben, daß in dem Augen­


blick, der dem Kommunismus die Gunst und die Nötigung
bringen wird, auf Intensivwirtschaft überzugehen, man nicht
nur mit seiner Liberalisierung, sondern auch mit einer Ein­
schränkung seiner Expansionssucht wird rechnen können.
Denn - so könnte argumentiert werden - auch im Kapitalismus
ist die Intensivwirtschaft der Mittel- und Fertigwarenindustrie
nicht nur ein liberalisierendes, sondern auch pazifistisches, ja
infolge ihrer spezifischen Interessen sogar ein antiimperialisti­
sches, antikolonialistisches Element, und bei der Unabhängig­
keit der Wirtschaft von den in ihr herrschenden Besitzverhält­
nissen wäre es durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Dinge im
Kommunismus nicht anders verlaufen werden. Ist aber die
Umstellung auf Intensität (insbesondere z. B. bei Luxuspro­
dukten) innerhalb des Kommunismus überhaupt möglich? In
Ansehung der großen, Fertigwaren produzierenden amerika­
nischen Konzerne sollte das schließlich auch mit staatlich ge­
führten Konzernen möglich sein, nur kann keinerlei Wirt­
schaftsplanung angeben, ob je oder wann sich der Zeitpunkt
hiefür in Rußland einstellen wird. Hier sprechen neben den
wirtschaftlichen die politischen Erwägungen das gewichtigere
Wort, und da in Rußland der Staat selber (und nicht nur die
Banken) das Bindeglied zwischen Schwer- und Leichtindustrie
ist, und letztere in ihren Interessen weit weniger als jene mit
dem eines diktatorialen Staates übereinstimmt, so werden die
Hoffnungen auf politische Konsequenzen der Wirtschaftsin­
tensivierung überaus dünn.
Darüber hinaus aber ist das ideologische Moment zu berück-
126

Copyrighted material
sichtigen. Es geht um die Wirtschaftsversklavung, und die be­
steht nicht nur in der extensivwirtschaftlichen Ausbeutung des
Arbeiters durch niedere Löhne und des Marktes durch hohe
Preise. Es gibt auch eine Wirtschaftsversklavung bei hohen
Löhnen und niedern Preisen, kurzum eine Versklavung in und
durch prosperity, und es läßt sich behaupten, daß gerade die In­
tensivwirtschaft hiefür Pate gestanden hat und daß sie ebenhie-
durch politisch so lahm ist, wie sie ist. Denn wenn alle Energien
des Menschen auf die Güterproduktion gerichtet sind, wenn er
keinen andern Lebenssinn als diesen kennt, so wird er eben in
einer Art von der Wirtschaft beherrscht, daß er, bei aller politi­
schen Freiheit, sich selbst allen Charakteristiken des Sklaven­
tums unterwirft. Nicht zuletzt darum ist der Unterschied zwi­
schen den beiden großen politischen Parteien der Vereinigten
Staaten so überaus gering. Und diese Versklavung ist umso
haltbarer, als sie keinen konkreten Sklavenhalter kennt; sie ist
die bedingungslose Unterordnung unter ein Abstraktum, das
manchmal »die Firma« oder »das Unternehmen« heißt, zu des­
sen Wohl der Mensch seine letzte Kraft herzugeben hat, in
Wahrheit aber stets ein unsichtbarer Götze ist, der den Gene­
raldirektor ebensogut wie den letzten Arbeiter unerbittlich und
absolut beherrscht. All das ist erst durch die Intensivwirtschaft
entstanden: der Fabrikherr der Extensivwirtschaft war immer­
hin noch ein konkretes menschliches Wesen, mit dem man sich
verständigen oder gegen das man sich auflehnen konnte; jetzt
jedoch ist er selber Sklave, ist selber dem absoluten Abstraktum
untertan, und diese allgemeine Unterwerfung unter ein
Abstraktum - es gibt keinen ärgeren Sklavenhalter als den
Sklaven - ist zur Gesamteinstellung der modernen Massen ge­
worden.
Der dem Kapitalismus und dem Marxismus gemeinsame
Glaube an das Wirtschaftliche ist also nicht zuletzt eine Frucht
der Intensivwirtschaft, und daß sich aus ihr, kapitalistisch oder
kommunistisch, die goldene Ära der menschlichen Freiheit
entwickeln könne, entpuppt sich bereits heute als Irrglaube. Ein
intensivwirtschaftlicher Kommunismus - soferne es ihn über­
haupt geben wird - wird sich gegenüber den anarchistischen
Forderungen der Institutionen, der staatlichen wie der wirt­
schaftlichen, genauso willig und lahm verhalten, wie es heute
der Intensivkapitalismus tut. Und noch viel weniger läßt sich
127

Copyrighted material
eine Abnahme der marxistischen Dogmengläubigkeit erwar­
ten.

Vierter Teil (Ideologische Versklavung)

Die westlichen Massen verhalten sich zwar wirtschaftsgläubig


und sind darüber hinaus weitgehend wirtschaftsversklavt, mehr
noch, sie bejahen geradezu diese Haltung als das Mittel, mit
dem sich immer mehr Frigidaires und Autos gewinnen lassen,
aber diese restlose Hingabe an die Wirtschaft, diese rastlose
Sucht nach einem Immediatglück, das sich für den amerikani­
schen Geist als das der Vergeudung charakterisiert, hat durch­
aus das Gepräge eines faute de mieux: es ist ein Ideal, aber of­
fenbar das eines schlechten Gewissens und wird demnach bloß
unbewußt angestrebt; die ins Bewußtsein dringenden Ideale
werden von andern Instanzen geliefert, von den Kirchen, von
politischen Parteien usw., und sie sind zumeist Klischees, die
zwar immerhin, merkwürdig genug, das Denken, nicht jedoch
das Handeln bestimmen, - die Massen leben ohne gesichertes
Wertsystem.
Die russischen Massen, seit Jahrhunderten in schärfster und
nicht nur wirtschaftlicher Versklavung gehalten, sie sicherlich
nicht bejahend, aber sich ihr als Gottesfügung unterwerfend
und hiefür gerechten Jenseitslohn erwartend, wurden mit ei­
nem Male belehrt, daß sie sich bereits im Zustand der Freiheit
befänden und daß deren kleine, vielleicht noch spürbare Män­
gel nur mehr eine kurze Weile ertragen werden müßten, damit
der Lohn, kein jenseitiger, nein, ein diesseitiger, das Paradies
auf Erden, wenn schon nicht den Kindern, so doch spätestens
den Enkelkindern zuteil werde: sie besaßen ein gesichertes
Wertsystem, das mit einem Schlage durch ein neues von ähnli­
chem Plausibilitätsanspruch ersetzt werden sollte; es ist durch­
aus nicht ausgeschlossen, daß der hiedurch entstandene Wert­
bruch früher oder später in einer Wiedervereinigung von
Kirche und Staat, wofür ja schon die ersten Anzeichen vorlie­
gen, zu schließen sein wird, denn Kommunismus und Urchri­
stentum sind - hier steht Tolstoj als Beispiel - zur Genüge ver­
wandt, und die orthodoxe Kirche wird ihre urchristlichen
Inhalte besonders gerne unterstreichen, wenn sie hiedurch, zu­
sammen mit dem Vormarsch der Sowjets, den seit Jahrhunder­
128

Copyrighted material
ten angestrebten Sieg über das verhaßte Rom sich versprechen
kann. (Kein Zweifel, daß das mit einer der Gründe ist, die Rom
veranlaßt haben, den russischen Kommunismus als Erzfeind
der katholischen Christenheit zu erklären).

Die Erfolgsaussichten des Kommunismus in der westlichen


Welt sind bedeutend, und sie sind auf der hier herrschenden -
einem Wertvakuum zustrebenden - Wertzersplitterung be­
gründet. Mit dem Dahinschwinden der religiösen Haltung als
Zentralwert ist der westliche Mensch direktionslos geworden:
handelt er absolut religiös, so verstößt er gegen die Gebote des
Staates, der ihn zum Töten zwingen will; handelt er absolut wis­
senschaftlich, so verstößt er gegen die Gebote der Humanität,
welche von jeder neuen physikalischen Entdeckung tiefer be­
droht wird; handelt er absolut militärisch, so verstößt er gegen
die Gebote der Wirtschaft, für die jede Erhöhung der unpro­
duktiven Militärlasten letztlich ruinös wird; und handelt er ab­
solut wirtschaftlich, so verstößt er gegen alles andere, gefährdet
Religion wie Staat wie Landesverteidigung wie Wissenschaft
wie alle hergebrachten kulturellen Güter. Jedes dieser einzel­
nen Wertsysteme will sich den Gesamtmenschen absolut
dienstbar machen, jedes sucht sich auf seine Kosten zu hyper-
trophieren und zu einem Totalitärsystem zu entwickeln, in dem
der Mensch bürokratisch versklavt ist, und für welches von ih­
nen immer er sich entscheidet - zumeist ist es eben das wirt­
schaftliche, weil die Magenbedürfnisse das immerhin noch
plausibelste Argument sind -, er kann sich den andern nicht
gänzlich entziehen und gerät hiedurch in eine Art schizophre­
nen Zustand, jedenfalls in einen Zustand hochgesteigerter Un­
sicherheit. Es gehört zum Wesen der Fascismen und zu ihrem
Erfolg, diesen Sachverhalt durchschaut zu haben: man hat sich
oft gewundert, daß sie - als ob es die amerikanischen Parteien
anders machten —vor der Machtergreifung den verschiedensten
Interessenkreisen volle Wunscherfüllungen versprachen; sie
taten sogar mehr, denn sie beließen mit vollem Bewußtsein den
Einzelmenschen in den Bindungen, von denen er sich zerrissen
fühlt und die er doch nicht aufzugeben vermag, aber sie ver­
sprachen ihm dafür diese Bindungsübermacht zu bändigen und
unter einen Hut zu bringen, nämlich den des Staates. Das war
Mussolinis Entdeckung und Erfindung, und sie schlug, obschon
129

Copyrighted material
nicht ganz ernsthaft, sogar bei einem so wenig schizophrenen
Volk wie dem italienischen ein, erst recht also beim deutschen,
dessen ganze Geschichte danach angetan war, schizoide Züge
zu begünstigen.
Der kommunistische Totalitarismus geht um ein sehr ent­
scheidendes Stück weiter als der fascistische, und ebendarum
darf er nicht mit diesem verwechselt werden. Der Kommunis­
mus beläßt dem Menschen keine seiner sonstigen Bindungen,
er befreit ihn von allen und konzentriert ihn dort, wo er ohnehin
sich schon neigungsgemäß befindet, also im Wirtschaftlichen,
und da er überdies wissenschaftlich konstruiert ist und der
westliche Mensch nur das »wissenschaftlich Beweisbare«
glaubt, ist die marxistische Heilslehre - mitsamt ihrem Ver­
sprechen auf ein wirtschaftlich bedingtes irdisches Gottesreich
- strukturell durchaus geeignet, dem westlichen Menschen
wieder die Sicherheit eines einheitlichen Wertsystems zu ge­
ben.
Das Marxsche System transzendiert über die von ihm sonst
eingehaltene wissenschaftliche Sphäre hinaus, oder genauer,
es läßt seinen philosophisch-hegelischen Hintergrund durch­
schimmern, wenn - zumeist in der Revolutionstheorie - die
Idee der Wirtschaftsgerechtigkeit vorangestellt wird, und es
sinkt unter die Wissenschaftssphäre, d. h. es wird praktische
Politik und weiter nichts, wenn - besonders im Leninismus —
»die« Kapitalisten mit Weib und Kind zur jeweiligen Sünden­
bockgeneration erklärt werden, die physisch ausgerottet ge­
hört. Auf dem Überwissenschaftlichen wie auf dem Unterwis­
senschaftlichen gründet sich die unmittelbare Propagierungs­
möglichkeit des Kommunismus: dies wird zuerst gehört.
Gerechtigkeit ist ein transzendentaler Begriff, und wenn es
auch der Hunger ist, der den Proletarier die Forderung nach
Gerechtigkeit erheben läßt, er wird sie auch dann erheben,
wenn ihre Erfüllung ihm nur sehr wenig Nahrung verschafft.
Dagegen wird er umso lieber für sie kämpfen, wenn er in ihrem
Namenseine sadistischen Triebe befriedigen darf: der Ruf nach
Gerechtigkeit ist ein immanenter Bestandteil alles Menschli­
chen, und das sadistische Bedürfnis ist es gleichfalls, nämlich als
Bedürfnis zum Herabsinken ins Untermenschliche; aber beides
ist nicht auf den Proletarier beschränkt.
Ein etwas sonderbares und doch recht gewichtiges Gefühls­
130

Copyrighted material
moment steht der Bejahung der kommunistischen Wirtschafts­
gerechtigkeit im Westen und vor allem in Amerika entgegen:
die wirtschaftliche Heroenverehrung, für die - ohne daß er sie
absichtlich gezüchtet hätte - in erster Linie der Intensivkapi­
talismus verantwortlich ist. Es ist durchaus bezeichnend, daß
überall in der Welt, wo Intensivwirtschaftsformen mit ihren un­
geheuren Wettbewerbsspannungen einsetzten, diese (einfach
weil der Mensch nicht mehr spannungslos zu leben vermag)
auch auf die Mußestunden übertragen werden; sozusagen gei­
stig hat dieser Sachverhalt zu der gewaltigen Spannungsindu­
strie geführt, deren zahmer Vorläufer der Detektivroman ge­
wesen ist und die als Kino, Radio und Television sich immer
noch weiter ausbreitet, während auf physischem Gebiet der
moderne Sportbetrieb mit seinen spezifischen Rekordspan­
nungen hier seinen Ausgang genommen hat. Und solcherart aus
der Wirtschaft entsprungen, wird dieser alle Lebensgebiete,
nicht zuletzt auch die Politik, durchdringende »Sportsgeist« zu­
rück auf die Wirtschaft angewandt und wird hier gleichfalls zur
Rekord- und Erfolgsanbetung. Die success story wird zur Na­
tionallegende, und die Großverdiener der amerikanischen Ex­
tensivperiode sind zu mythischen Gestalten geworden. Nur von
hier aus ist die befremdliche Gefühlsbeziehung zu verstehen,
die zwischen amerikanischer Demokratie und Kapitalismus
tatsächlich herrscht und durchaus danach angetan ist, die ihr
mangelnde theoretisch-wissenschaftliche Systematik zu erset­
zen. Allerdings, wenn der Kommunismus selber zur success
story werden sollte - und das zu werden, ist durchaus seine Ab­
sicht -, dann hat er auch alle Aussicht, jene Gefühlsbeziehun­
gen zu durchbrechen.

Man hat also zu unterscheiden zwischen jenen Völkern, welche


infolge ihrer Wertzersplitterung kommunismusreif sind (wenn
auch, wie in Amerika, unter gewissen psychologischen Ein­
schränkungen), und jenen, welche (wie das russische Volk sel­
ber) mit dem Kommunismus bloß ein stabiles Wertsystem
durch ein anderes ersetzen. Der Entschluß zum »Dienen«, der
den westlichen Menschen in zunehmendem Maße erfaßt und
ihn nach dem »richtigen« Totalitätsanspruch fahnden läßt, dem
er sich vollkommen ergeben kann, so Chesterton2 und Eliot3
dem Katholizismus oder Lawrence4 einem anonymen, schier
131

Copyrighted material
nihilistischen Soldatismus (- Yeats’5 Gedicht vom irischen
Flieger -) oder den greisen Knut Hamsun6 sogar dem Nazis­
mus, ist ein Verzweiflungsentschluß, und er ist keineswegs, wie
man vielleicht denken könnte, auf die Intellektuellen be­
schränkt, vielmehr bilden diese nur die Exponenten echter Be­
wegungen, von denen eben die des Kommunismus die den
Massen erfaßbarste ist. Anders freilich verhält es sich bei den
östlichen Völkern, deren Wertsystem zwar durch die Berüh­
rung mit dem kolonisierenden Westen vergewaltigt wurde, die
sich ebendarum aber erst recht zu behaupten trachten: sie sehen
im Kommunismus vor allem bloß den russischen Bundesgenos­
sen, mit dessen (politischer) Hilfe sie nunmehr endlich hoffen
dürfen, ihrer Opposition den Sieg zu verschaffen. Daß die So­
wjets mit Völkerschaften, die in ihren Machtbereich geraten
sind und nicht vollständig parieren, aufs rücksichtsloseste um­
springen und sie zu Hunderttausenden »umsiedeln«, also ver­
nichten, diese Vorgänge hinter dem Eisernen Vorhang, an de­
nen die Gefährlichkeit der Bundesgenossenschaft sichtbar
werden könnte, bleiben entweder wirklich verborgen oder sie
werden kaum zur Kenntnis genommen, nicht nur weil jeder -
selbst die Juden glaubten den Nazis, die ihnen ein friedliches
Leben als »Gastvolk« versprachen-drohende Gefahren zu ba­
gatellisieren trachtet, sondern auch weil jeder gerne ein unbe­
kanntes Übel in Kauf nimmt, wenn er nur das bekannte, hier
das der Kolonialbedrückung, sich vom Halse schafft. Also fällt
die offizielle Nationalitäten- und Minoritätenpolitik, die von
den Sowjets allüberall, nicht zuletzt bei allen internationalen
Zusammenkünften mit viel Nachdruck und Geschick vertreten
wird und im Prinzip tatsächlich vorbildlich ist, weit mehr ins
Gewicht als ihre geheime Praxis.
Das soll nicht heißen, daß der Kommunismus nicht mit den
einzelnen nationalen und national-religiösen Wertsystemen
Asiens Fusionen nach Art seines jetzigen Bündnisses mit der
orthodoxen Kirche eingehen würde, falls dies seine Etablierung
erleichtern sollte. Fürs erste freilich werden in Moskau die
kommunistischen Propagandisten für die einzelnen asiatischen
Länder rein nationalistisch, d. h. freigeistig geschult, denn ein
Land, dessen Götter, d. h., dessen eigene Werte gebrochen
werden, hat geringere Widerstandskraft. Es ist ja nicht einmal
ausgemacht, ob die Fusion mit der orthodoxen Kirche über die
132

Copyrighted material
Wiedereinrichtung des Patriarchats Konstantinopel hinaus Be­
stand haben wird; wenn die politische Leitung dann findet, daß
die mystischen Zusatzkräfte der Kirche damit ihren Dienst ge­
leistet haben und der Partei nichts mehr nützen, ja sie sogar ge­
fährden könnten, so wäre eine neuerliche blutige Kirchenver­
folgung ein Ausweg, der den Sowjets bloß selbstverständlich
wäre. Bis dahin jedoch ist trotz aller Elastizität der Sowjetpoli­
tik kaum anzunehmen, daß ein ähnliches Verhältnis zur römi­
schen Kirche in Betracht käme, und hinterher erst recht nicht,
da ja hiedurch der dem Kommunismus so überaus günstige Zu­
stand der westlichen Wertzersplitterung bloß beeinträchtigt
werden würde.

Was haben die westlichen Mächte diesem ungeheuren ideolo­


gischen Apparat entgegenzusetzen? Im Grunde nichts als die
Atombombe und auch die nicht mehr für lange. Und dabei war
sicherlich ein ausnützungsbereites ideologisches Kapital vor­
handen gewesen, und zwar in der Kriegspolitik Roosevelts, die
diesen mehr und mehr zu einem Wahrzeichen demokratischen
Willens für die Völker des Erdkreises gemacht hatte. Gewiß
war die Situation nach Einstellung der Feindseligkeiten kom­
plizierter, als er - wahrscheinlich - es sich vorgestellt hatte, und
es ist durchaus fraglich, ob er, bei all seiner Geschicklichkeit,
solcher Kompliziertheit Herr geworden wäre. Er hatte - wahr­
scheinlich - mit viel zu großem Vertrauen in die Russen sich
vorgestellt, sie würden die Jalta-Linie tatsächlich einhalten und
loyale Partner in den United Nations werden, während sie
schon längst vorher allüberall und nicht zuletzt in den Kolonial­
ländern (so besonders in Indien) ihre Agenten für sich arbeiten
hatten. Nichtsdestoweniger, selbst in diesen Ländern waren die
Augen der Völker damals noch auf Amerika als den großen
Befreier gerichtet, erwarteten sie von Amerika die Erfüllung
der Atlantic Charter, und wäre damit wirklich Ernst gemacht
worden, so wäre Rußland von vorneherein der Wind aus den
Segeln genommen worden. Statt dessen fielen die beiden Bom­
ben auf Japan: ein Humanitätsverbrechen, das zum initialen
Nachkriegssieg Rußlands wurde.
Wäre die Atombombe als internationales Schreck- und
Schaustück demonstriert worden, sie hätte nicht nur den glei­
chen desaströsen Effekt für den japanischen Kriegswillen ge­
133

Copyrighted material
habt, sondern sie wäre auch zu einem ideologischen Positivum
geworden, das Propagandamittel der ebenso starken wie hu­
manen Demokratie, in deren Schutz sich die Völker gerne be­
geben hätten. Statt dessen hat die Bombe Amerika die asia­
tische Feindschaft eingetragen. Kann das noch durch
irgendeine - übrigens bisher noch nicht vorhandene - Ideologie
wettgemacht werden? Daß in Amerika viel von Weltföderation
und Weltregierung gesprochen wird, ist für niemanden ein
schlagkräftiges Argument, denn jedermann weiß, daß der Kon­
flikt mit Rußland eben um die Weltregierung geht: für die Rus­
sen sind all diese One-world-Bewegungen, die sie als offiziell
geförderte Propagandaorganisation betrachten, nichts anderes
als das Einbekenntnis der amerikanischen Weltherrschafts­
aspiration, und da ihre eigenen Regierungsmethoden auf Kon­
stitutionsbruch und Konstitutionsumgehungen aufgebaut sind
- an und für sich ist gegen die russische Konstitution nichts ein­
zuwenden -, so sind ihnen all die schönen Weltkonstitutions­
entwürfe (mit einigem Recht) leeres und aufreizendes Ge­
schwätz; für die andern Nationen jedoch und vor allem für die
asiatischen, selbst für die, welche noch nicht unter russischem
Einfluß stehen, hat die Fassade eines Friedenspalastes, hinter
der sie die Errichtung einer Kaserne vermuten, wenig Verlok-
kendes, umsoweniger als sie die United Nations - diesen dürfti­
gen Rest der Rooseveltschen Wünsche - vor Augen haben.
Und doch ist die United-Nations-Ideologie die einzige, die ge­
genwärtig noch eine Art praktikable Bedeutung hat. »One
world« ist noch keine Ideologie, sondern bestenfalls wishful
thinking.

Wer aber meint, daß sich nach dem Ableben Stalins alles zum
Guten wenden werde, macht sich eines analogen wishful thin­
king schuldig. Denn man kann zwar die kommunistische Nach­
folgerfrage mit den prätorianischen Cäsarenausrufungen ver­
gleichen, nicht minder aber mit den Papstwahlen, die bei aller
Unfehlbarkeit des neuen Statthalters Christi den Kurs der Ku-
rialpolitik höchstens um Nuancen ändern. Die päpstliche Poli­
tik ist im Detail flexibel, in ihren Grundlinien jedoch hart und
starr: ihrer Humanisierungsaufgabe bewußt, ist sie gegen den
Laiengeist mißtrauisch, ja intolerant, weil sie in ihm - und Hit­
ler hat das gerechtfertigt - den jederzeit möglichen Rückfall in
134

Copyrighted material
heidnische Barbarei und Dehumanisation argwöhnt, und eben
dies macht sie auch gegen alle weltlichen Vorgänge, Regie­
rungsformen und -Veränderungen verachtungserfüllt-gleich-
gültig, fast erbarmungslos, so daß es ihr sogar gestattet ist, mit
exkommunikationsreifen, heidnischen Gegnern wie Hitler zu
paktieren, wenn sie sich dadurch erhoffen kann, den Baube­
stand der Kirche —besonders seitdem er in der Reformation ei­
nen so bedrohlichen Riß erlitten hatte - intakt zu erhalten und
durch anderweitige Seelengewinnung zu festigen. Und nicht
viel anders sieht es mit der Sowjetpolitik aus: von wem immer
sie geleitet sein wird, die übrige Welt befindet sich für sie in ei­
nem verächtlichen Laienzustand, mit dem man zur Not und un­
ter Zwang wohl paktieren kann, ohne daß jedoch von den eige­
nen ideologischen Grundlagen das Geringste preisgegeben
werden darf; an den dogmatisch ein für allemal festgelegten
Richtlinien der politischen Handlungsweise darf und wird für
lange Zeit hinaus nichts geändert werden.

Der Mangel an einer spezifisch demokratischen, westlichen


Ideologie ist nicht zuletzt an dem allenthalben wachsenden po­
litischen Einfluß der römischen Kirche zu erkennen: sie allein
besitzt eine logisch festgefügte, in ihrer Art sogar wissenschaft­
liche Ideologie, deren orthodoxe Starrheit sich mit der marxi­
stischen nicht nur messen kann, sondern sie sogar noch über­
trifft, und sie ist bereit, mit diesem Rüstzeug jedem und sogar
der von ihr wahrlich nicht geliebten Demokratie beizustehen,
soferne hiedurch die Verteidigung gegen den Bolschewismus
(einschließlich der orthodoxen Kirche und ihrer Rom-Feind­
lichkeit) gestärkt und zu einer Welteinheitsfront entwickelt
werden kann. In Frankreich und Italien gewinnen die katholi­
schen Parteien an Boden, in Österreich und Deutschland haben
sie ihren früheren zum Großteil bereits zurückgewonnen (sehr
gefördert durch die Halbheiten der nichtkommunistischen, so­
zialistischen Parteien), und da es eben dieser Block ist, mit dem
die amerikanische Politik ihren Widerstand gegen den russi­
schen Vormarsch zu organisieren hat, müssen auch seine Au­
ßenteile, die spanischen Fascismen der Alten und Neuen Welt
mitgenommen werden, dort den Flugbasen in den Pyrenäen zu­
liebe, hier zur Aufrechterhaltung des Panamerikanismus, bei­
des jedoch unter aktiver Mitwirkung der bedeutenden katholi-
135

Copyrighted material
sehen Kräfte innerhalb der Vereinigten Staaten selber. Daß es
Rußland solcherart gelungen ist, die protestantischen Demo­
kratien in eine ihnen durchaus inadäquate, ihre Ideologie aufs
äußerste belastende Bundesgenossenschaft hineinzutreiben, ist
ein diplomatischer Sieg, dessen Früchte noch zur Reife gelan­
gen werden.
Die Korruption der öffentlichen Meinung in den demokrati­
schen Ländern gehört zu diesen Früchten. Gewiß, England hat
offensiven Imperialismus betrieben und hat ihn - politics stop
on the water edge - niemals mit den innenpolitisch geltenden
demokratischen Prinzipien in Einklang zu bringen vermocht,
eine Haltung, die sich nicht so rasch abstellen läßt, am wenig­
sten für ein Land, das sich in der Defensive befindet, doch noch
schwieriger wird das Problem für einen nicht-imperialistischen,
ja sogar bis jetzt isolationistisch gewesenen Staat, der nun
plötzlich eine seinen eigenen ideologischen Grundlagen entge­
gengesetzte Außenpolitik führen soll: hier greift die öffentliche
Meinung viel intensiver als in England ein und kann unter Um­
ständen geradezu lähmend auf die Außenpolitik wirken, so-
ferne sie nicht selber von letzterer gelähmt wird; die Schwarz-
Weiß-Manier des politischen Denkens ist in Amerika mehr
denn anderswo zu Hause, und die Gewöhnung der Öffentlich­
keit an einen Businesspartner vom Schlage Francos kann zur
moralischen Gewöhnung führen, nicht nur um der schwarz­
weißen Wohlgeordnetheit willen, sondern noch weit mehr weil
die Verlockung des Totalitären allüberall im modernen Leben
lauert. Und eben das wird von der Kurialpolitik in ihrem Be­
mühen um eine antibolschewistische Einheitsfront ausgenützt.
Nicht etwa daß der christkatholische Glaube heute mit Fascis-
mus identisch sei; aber die Kirche tut nichts gegen die Totalitär­
bedürfnisse des Menschen, und die ideologische Annäherung
der Demokratien an den Fascismus ist ihr sympathischer als
eine noch so milde Demokratisierung der katholischen Fascis-
men, obwohl sie eine solche recht gut zugunsten der Einheits­
front in die Wege leiten könnte, und obwohl sie den Fascismus
durchaus nicht als ihr Eigenkind - bloß die katholische Gottes-
gnaden-Monarchie ist es - betrachtet, ja manches in ihm, so
seine Hitler-Reste wie den Rassenantisemitismus usw., grund­
sätzlich verwirft. Warum nimmt sie ihn dann doch in Kauf? Vor
allem wohl zur Förderung eines Nebeneffektes, nämlich der
136

Copyrighted material
Schwächung des hinter den Demokratien stehenden angelsäch­
sischen Protestantismus.

Das alles gilt aber nur für Europa. Abgesehen von Jerusalem
und den Philippinen hat die römische Kirche in Asien für die
Westmächte alle Bedeutung verloren. Die katholische Seelen­
gewinnung in China, eine der großen Hoffnungen Roms, ist
durch den Zusammenbruch der christlichen Generale auch der
amerikanischen Politik eine entschwundene Hoffnung gewor­
den. Soferne in Asien überhaupt noch etwas von der katholi­
schen Mission übrigbleibt, so wird das weit eher ein Band zum
Patriarchat Moskau als zum Westen hin werden. Der Westen
ist ideologisch isoliert.
Und jeder weitere Schritt zur Fascisierung oder Totalisierung
des Westens wird diese Isolierung verschärfen. Von der euro­
päischen Demokratie haben die asiatischen Völker bloß Kolo­
nialismus erfahren, und die Erwartungen, die sie auf die ameri­
kanische Demokratie während des Krieges gesetzt hatten,
wurden nur allzubald zerstört; eine Fascisierung des Westens
bedeutet also für sie bloß Weiterführung oder Wiederaufnahme
der alten Kolonialpolitik. Selbst das befreite Indien ist von sol­
chen Befürchtungen nicht frei, umsoweniger als es ein Haupt­
ziel der kommunistischen Agitation geworden ist: das Schlag­
wort von der echten »Volksdemokratie«, zu der sich der
russische Totalitarismus umgetauft hat, wird bei allen vom We­
sten unterdrückten Völkern stets seinen Dienst tun.
Utopie? Der russische Totalitarismus ist sicherlich keine Uto­
pie, der spanische Fascismus ist keine, ebensowenig sind es die
südamerikanischen Diktaturen, ja nicht einmal ein gaullisti­
sches Frankreich, das dann auch in Italien eine ähnliche Regie­
rung stark rechtskatholischer Färbung nach sich ziehen dürfte,
kann heute mehr als Utopie bezeichnet werden. Wahrhaft de­
mokratisch im alten Sinne fungieren heute neben England nur
noch Holland-Belgien und die skandinavischen Staaten, wäh­
rend in Amerika, das den ganzen Block Zusammenhalten soll,
sowohl aus diplomatisch-außenpolitischen wie aus ökono­
misch-innerpolitischen Gründen der Kampf um die Fascisie­
rung bereits längst eröffnet worden ist. Nein, es ist nicht Utopie
zu behaupten, daß aus der gegenwärtigen Situation ein Weltto­
talitarismus entspringen kann und vermutlich entspringen wird,
137

Copyrighted material
dessen verschiedene, einander feindliche Nuancen sich zwar um
den marxistischen und den fascistischen Pol gruppieren werden,
um einander zu bekriegen, für den Historiker des Jahres 3000
aber ideologisch ebensowenig oder ebensoviel voneinander ab­
weichen dürften wie die Parteien der Grünen und Blauen in
Byzanz.
Und jener Historiker des Jahres 3000 wird vollkommen im
Recht sein; er wird ja auch kaum mehr irgendwelche Differen­
zen zwischen den Wirtschaftsformen der beiden Staatengrup­
pen entdecken können. Es mag sein, daß die Menschen des
Jahres 3000 bereits zur Einsicht gelangt sein werden, daß die
Wirtschaft mitsamt ihrer Güterverteilung keine Angelegenheit
von »Überzeugungen« ist, sondern wie die Technik einfach ein
System von Optimalproblemen darstellt, die ihre - vielleicht
nicht immer eindeutigen-Lösungsmöglichkeiten »objektiv« in
sich tragen, so daß die Wirtschaftsformen weit mehr von der je­
weils vorhandenen Gütermenge und ihrer Verwendungsbreite
abhängen als vom Verwendungswillen des wirtschaftlichen
Subjekts, kurzum daß der Mensch seit jeher - wenn auch mit
Weh und Ach - in der jeweils besten aller ökonomischen Wel­
ten gelebt hat, und daß unter solchem Aspekt auch die Diffe­
renzen zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht viel ande­
res als terminologische Schattierungen sind. Daß weder der
kapitalistische noch der sozialistische Wirtschaftsfatalismus
sich zu dieser letzten Konsequenz durchgerungen hat, ist nicht
unerklärlich: täten sie es, sie würden ihren Überzeugungscha­
rakter und damit ihre Selbstgewichtigkeit wie ihr Kampfver­
gnügen verlieren. Wird aber der Historiker des Jahres 3000 den
Welttotalitarismus von 1950 gleichfalls als eine derart fatali­
stische, man möchte wohl sagen jämmerlich fatalistische Funk­
tion auffassen müssen?
Gewiß, bis zu einem gewissen Grade ist alles in der Mensch­
heitsgeschichte determiniert. Aber selbst die materialistische
Geschichtsbetrachtung versucht das Moralische, das für sie in
der Revolutionsentscheidung liegt, dem ökonomischen Fatalis­
mus zu entlösen und dem freien Willen anheimzustellen, d. h.
aufzutragen: dahinter steht das tiefe, allgemeinmenschliche,
metaphysische Wissen um das Moralische, das dem freien Wil­
len aufgetragen werden kann (da sich einem determinierten
nichts auftragen läßt) und das den Menschen zum Sünder
138

Copyrighted material
macht, wenn es nicht befolgt wird. Und genau so verhält es sich
mit dem totalitären Staats- und Lebensgedanken: mag er auch
dem Menschen durch den Zerfall seines Wertsystems und durch
seine Unsicherheit (von der die ökonomische ein Teil ist) auf­
gedrängt worden sein, mag er ihm also auch unausweichlich,
unentrinnbar zwingend erscheinen, es ist die Superversklavung,
zu der das Totalitäre ausartet, es ist der Terror, zu dem es sich
entwickelt hat und offenbar immer weiter entwickelt, eine mo­
ralische Sünde, deren Begehung und Nichtbegehung vom freien
Willen abhängt. M. a. W.: das Hitlerische im Totalitären ist
daran, ein Bestandteil der Weltideologie zu werden, soweit es
dies nicht schon, wie im Sowjetismus und Fascismus, geworden
ist.

Fünfter Teil (Totalitarismus)

Das Gespenst des Totalitarismus gleicht einer ungeheuren, die


bewohnte Erde einhüllenden Nebeldecke: über weite Flächen
hin sitzt sie bereits fest am Boden, mit den heute noch nebel­
freien mag es in Kürze ebenso ergehen. Wo der Nebel festsitzt,
da herrscht Ordnung, die Nebel-Ordnung der Laterne, die
Ordnung der kurzen Sicht, den Menschen vom Nebenmen­
schen isolierend, die unmenschliche, fast anarchische Ordnung
der Dinghaftigkeit. Aber ist es nicht besser, in die Ordnung der
Dinghaftigkeit eingespannt zu sein, als die eigene Anarchie se­
hen zu müssen? Gespensterhaft erzeugt der Mensch seine Ne­
bel.

Eine Ordnung, die mit jedem Tag wechseln kann, ist keine.
Wenn der Mensch seine Sozialrelationen zur Ordnung bringt,
wünscht er die heutige morgen wiederzufinden; Ordnungssi­
cherheit gibt es bloß bei zeitlicher Dauer, und hiezu bedarf es
eines zeitüberdauernden Ordnungsapparates, eines »Tradi­
tionsapparates«, in dem die geordneten menschlichen Hand­
lungen sich vollziehen und von dem sie (gesetzlich) geregelt
werden; als solche Apparate - die ebensowohl Kegelklubs wie
Staaten sein können - hat der Mensch seine handlungsbestim­
menden Institutionen geschaffen. Wo eine lebendige Ord­
nungstradition vorhanden ist, da darf damit gerechnet werden,
daß für all die möglichen Wechselfälle der Zukunft der (gesetz­
139

Copyrighted material
gebende) Traditionsapparat der Institutionen die initiale Ord­
nung- so in den antiken Staaten oder im englischen - auch ohne
ausdrücklich gesetzte Normungen wahren wird; wo jedoch eine
solche Tradition fehlt, da muß sie durch einen Normungsakt,
durch eine »Konstitution« inauguriert werden.
Allerdings ist auch der normsetzende Konstitutionsakt nicht
völlig traditionsfrei; er muß sich auf unbedingte, auf axioma-
tische »Plausibilitäten« stützen. In einer absoluten Monarchie
z. B. reduziert sich der Konstitutionsakt auf die Inthronisierung
der Dynastie, da von hier aus gefolgert wird, daß sowohl der in­
thronisierte Herrscher wie seine Nachkommen Gesetzgebun­
gen vornehmen werden, welche einer gottgewollten Ordnung
entsprechen; indes, die Untertanen hätten solche Folgerung nie
und nimmer akzeptieren können, wenn ihnen das »Gottesgna-
dentum« des Herrschers und seiner Deszendenz nicht eine
Voraussetzung absoluter Plausibilität gewesen wäre. Und diese
sonderbar plausible Mystik ist auch in die anscheinend so ratio­
nalen Konstitutionen der Demokratien eingegangen. Daß die
Menschen allesamt als gleich und frei geboren sind, ist eine zwar
plausible, dennoch mystische Annahme, zu deren Stützung man
sich noch wahrlich am besten auf die göttliche Ebenbildhaftig­
keit des Menschen und somit auf ein Gottesrecht berief, wäh­
rend das an seine Stelle getretene Naturrecht (ganz zu schwei­
gen von der Farce mit der »Göttin der Vernunft« in der
Französischen Revolution) ein eher dürftiger Abklatsch davon
ist, wenn es nicht gelingt, es auf eine völlig neue Basis zu stellen.
Nicht viel weniger mystisch ist der Glaube an das »Volk« und
an die Volksmajorität, die nunmehr (und sei es nur mit der
Mehrheit einer einzigen Stimme) der Träger des Gottesgna-
dentums und seiner unumstößlichen Weisheit geworden ist.
Für die amerikanische Republik sind diese mystischen Plausi­
bilitäten zum Hauptteil in der Unabhängigkeitserklärung nie­
dergelegt, für die europäischen Staaten sind sie zumeist Konsti­
tutionspräambeln, doch da wie dort ist ihnen die Funktion von
zeitüberdauernden, also unanfechtbar normativen Richtlinien
zugedacht.

Die Demokratien der Neuzeit sind durchwegs aus der revolu­


tionären Niederwerfung monarchischer Tyrannei hervorge­
gangen, und darum waren die Menschenrechte ihnen von einer
140

Copyrighted material
Plausibilität, der gegenüber die gottesrechtliche (und später die
der Begründung im Naturrecht) fast wie ein überflüssiges An­
hängsel erschien. Daß diese normativen Richtlinien als Rechts­
gut je von irgendwem anders als von einem verbrecherischen
Tyrannen angezweifelt oder angetastet werden könnten, war
schlechterdings unvorstellbar, und so hieß es bloß - dies der
Zweck der amerikanischen »Bill of Rights« -, sie vor den An­
schlägen einer etwa neuaufflammenden Regierungstyrannis zu
schützen.
Die Demokratien wurden hiedurch zu einem Ausnahmefall,
ja geradewegs zu einem Fall staatsrechtlichen Leichtsinns. Seit­
dem sich Juristen mit Staatsformen beschäftigen, sind die nor­
mativen Richtlinien des Staates wohl immer als schutzpflichti­
ges Gut angesehen worden. Ob der Sokrates-Prozeß bereits
unter die Kategorie dieser juristischen Schutzmaßnahmen fällt,
sei dahingestellt, doch sicherlich fällt das Problem der römi­
schen Kaiserbüsten darunter, deren Verehrung, auch wenn sie
bloß eine formale war, zu den Grundlagen des römischen Im­
periums gehörte. Nun ließe sich zwar einwenden, daß diese
Kaiservergottung selbst schon für den Römer und erst recht für
ein Fremdvolk vom Schlage der Juden so überaus unplausibel
war, daß sie eben erzwungen werden mußte, indes der Zwang
wurde auch dort keineswegs geringer, wo die Staatsgrundlagen,
wie im Mittelalter, höchste Plausibilität besaßen: der mittelal­
terliche Staat wollte und sollte die symbolisch-irdische Spiege­
lung des vom Nachfolger Petri regierten geistig-geistlichen
Universalstaates sein, und er beruhte daher gleich diesem auf
unbedingtem Gottesglauben und unbedingter Katholizität, aus
der allein sich die weltliche Macht des Gottesgnadentums her­
leitete; das stand in Plausibilität unerschütterlich fest, und
trotzdem war es keineswegs nur Sorge um das Seelenheil des
einzelnen, wenn Kirche und Staat miteinander in Ketzerverfol­
gung wetteiferten, vielmehr ging es dabei weitgehend um die
Intaktheit der normativen Richtlinien, nach denen gleicher­
weise der geistliche wie der weltliche Staat aufgebaut war.
Was als des sogenannt »dunklen« Mittelalters Intoleranz be­
zeichnet wird - Dunkelheit ist da übrigens eine sehr einseitige
Beurteilung -, beruht vornehmlich auf jenem Schutz der nor­
mativen Richtlinien, während umgekehrt deren Ungeschützt-
heit die »Toleranz« der Demokratien ausmacht und sie zu Aus­
141

Copyrighted material
nahmefällen stempelt: sie sind gerne geneigt, diese Einzigkeit
als Endgültigkeit zu nehmen und in solchem Stolz sogar zu ver­
gessen, daß ihre eigenen Richtlinien (auch wenn sie ins Natur­
rechtliche umgetauft werden) nicht minder mystisch als die
darin weitaus folgerichtigeren und logischeren des Mittelalters
sind. Und besonders gerne vergessen sie, daß aus ihrer Struktur,
also offenbar nicht ohne deren Schuld, sich die Richtlinien der
Totalitarismen und Fascismen entwickelt haben.
Die ursprüngliche demokratische Toleranz des Marxismus
wurde durch seine leninistische Umwandlung aufgehoben. Die
normativen Richtlinien des Sowjetstaates sind zwar noch man­
chen Schwankungen und Präzisierungen ausgesetzt, haben aber
jedenfalls ihre Grundlage in der Hegelschen Dialektik, d. h. in
der Mechanik des ins Materiale konvertierten »Weltgeistes«,
dessen deistische Ursprünge infolge dieser Unkehrung ver­
schwunden sind; jedenfalls ist diese Fundierung haltbarer als
die rein demokratische, die sich auf Gott berufen müßte und
sich doch nicht dazu entschließen kann. Ausgestattet mit dieser
Grundlage und ihrer spezifischen Scholastik, hat der Sowjet­
staat die mittelalterliche Tradition des Richtlinienschutzes wie­
der voll aufgenommen: wer nach der Meinung der Partei, also
der Instanz, der die Obsorge für die Einhaltung der Richtlinien
anvertraut ist, gegen diese auch nur im geringsten verstößt (und
sei es auch auf den politikfremdesten Gebieten), der ist ein
Ketzer, der keiner Toleranz würdig ist, da er die Gesamtheit
gefährdet; er gehört ausgerottet.

Ein Totalitärstaat ist demnach ein solcher, dessen normative


Richtlinien unter strafrechtlichem Schutz stehen.
Für den mittelalterlichen Totalitärstaat war das Gottesgna-
dentum logische Notwendigkeit, weil das göttliche Recht, auch
wenn es in der einmaligen Offenbarung begründet war, einer
ständigen Weiterentwicklung im Irdischen bedurfte, und die
hiezu gehörigen Entscheidungen bloß von einem getroffen
werden konnten, den Gott selber aus der Masse der Sterblichen
herausgehoben und zu solchem Amt berufen hat, auf daß er da­
selbst zum Mundstück des Heiligen Geistes werde: als logische
Konstruktion ist es die nämliche, welche die Existenz Christi als
heilsbringerische Funktion erfordert, und angesichts dieser ein
für allemal statuierten Mittlerschaft durfte alles Weitere durch
142

Copyrighted material
Delegation erfolgen, d. h. die Mittlerschaft ging durch Petrus
auf die Reihe der Päpste über, und durch die kirchliche Salbung
wurde der Herrscher zu seiner weltlichen Berufung sanktio­
niert. Der Delegierte ist aber kein Heilsbringer mehr. Es wird
zwar angenommen, daß er kraft der Delegation immer im Rah­
men der göttlichen Richtlinien handeln und entscheiden werde
- gerade darauf stützt sich das (allerdings sehr späte) päpstliche
Unfehlbarkeitsdogma7-, doch darüber hinaus bleibt der Dele­
gierte ein dem Irrtum verfallener irdischer Mensch; das gilt ins­
besondere für den Laienstand und demzufolge für den weltli­
chen Herrscher. M. a. W., trotz Salbung vermag der Herrscher
von den ihm vorgeschriebenen Richtlinien abzuweichen, und
wenn das geschieht, so verwandelt sich die göttliche Ordnung
in menschliche Willkür, verwandelt sich die Institution des ab­
soluten Königtums in Tyrannis, die sich eben an solcher Ver­
kehrung der normativen Richtlinien definiert. Der mittelalter­
liche Staatsaufbau und mit ihm die Kirche rechnete stets mit der
Möglichkeit von Tyrannis; für die Kirche war der Tyrann ein
Sünder, der seine Sünden im Jenseits abzubüßen hatte, aber er
blieb trotzdem der Gottgesalbte, freilich ein Beklagenswürdi­
ger, weil er gesendet worden ist, um durch seine Untaten die
Menschen zu strafen und sich dabei selber strafwürdig zu ma­
chen, so daß nur in ganz extremen Fällen mit Exkommunika­
tion gegen ihn vorgegangen werden konnte.
Indem der Sowjetstaat die mittelalterliche Tradition wieder
aufnahm, mußte er auch das Risiko der Tyrannis wieder auf­
nehmen. Die normativen Richtlinien des Sowjetismus sind ein
abstraktes Dogmengebilde wissenschaftlicher Prägung (dessen
theologische Absolutheitsursprünge kaum mehr sichtbar sind),
und ihr Schutz wurde einem Kollektivum übergeben, nämlich
der »Partei«. Nominell steht die Partei an der Stelle des mittel­
alterlichen Herrschers; sie ist eine Kollektivperson, gebildet aus
einer Bevölkerungsminorität, und in gewissem Sinn ist sie
gleichfalls gottesgesalbt, denn wenn sie auch eine »Kaste« ist,
die angeblich für jeden Befähigten aufnahmebereit ist, so ist sie
doch auch infolge des Marxschen Proletariatsglaubens weitge­
hend Geburtskaste, die sich überdies - selbst nach Proletarisie­
rung der Gesamtbevölkerung - geradezu notgedrungen immer
mehr bürokratisiert und in sich selbst abkapselt, also Minorität
bleiben will. Damit ist mit dem (freilich nicht minder mysti-
143

Copyrighted material
sehen) demokratischen Majoritätsprinzip radikal gebrochen.
Die Partei ist absolut; sie soll sich wie der absolute Herrscher
an die ihr vorgeschriebenen Richtlinien halten, aber sie kann
auch »sündigen« und wird nicht zur Verantwortung gezogen.
Ihre »Diktatur« steht stets am Rande der Tyrannis, ja ist im
Grunde nichts anderes als deren moderne Form.

Nach außen hin absolut und diktatorisch, will die kommunisti­


sche Partei innerhalb ihres Gefüges - als Rest der alten Marx-
schen demokratischen Anschauungen - das Majoritätsprinzip
gelten lassen; m. a. W., der mystische Glaube an die Majoritäts­
weisheit wird auch hier mobilisiert, nämlich mit der Absicht,
ihm die Reinerhaltung der (Marxschen) normativen Richtlinien
anzuvertrauen, auf daß die Diktatur niemals in Willkür und Ty­
rannis ausarte. In seinem leninistischen Grundplan ist also der
Sowjetismus eine Diktatur mit demokratischem Überbau,
theoretisch eine fast ideale Lösung. Warum mußte sie im Prak­
tischen so erbärmlich versagen? Warum mußte sie zu einer
Diktatur mit diktatorialem Überbau werden? Gewiß, Macht
korrumpiert, und eine Parteimacht, die zur Etablierung ihrer
Herrschaft einen See von Blut durchschritten hat, ist doppelt
korrumpierbar, denn nicht nur - und das ist der konkrete Kern
dieser ansonsten viel zu allgemeinen Erklärung -, daß eine Mi­
noritätsgruppe, welche durch Gewalt zur Herrschaft gelangt ist
und durch Gewalt sich zu behaupten hat, hiefür keine demo­
kratische, sondern bloß eine militärisch-hierarchische Intern­
organisation brauchen kann, sie wird eben diese auch benützen,
um ihre innern Meinungsverschiedenheiten mit Hilfe von Ge­
walt auszutragen, wobei diejenigen, welche den Machtapparat
bereits befehligen, weitaus im Vorteil sind. Außerdem jedoch
- und das ist noch ausschlaggebender - ist die Parteileitung mit
der Staatsleitung identisch und ist daher geradezu gezwungen,
die an sich autonomen, realitätsbedingten Staatsinteressen ge­
genüber den mehr oder minder ideologischen Parteiinteressen
(so im Kampf Stalins gegen Trotzkij) in die Waagschale zu wer­
fen. Die Tyrannis, in die der moderne Totalitärstaat solcherart
übergeht, ist infolge ihrer Abstraktheit unvergleichlich katego­
rischer und inhumaner als jedwede andere, welche die Weltge­
schichte, sei es in der römischen Kaiserzeit, sei es im Mittelalter,
hervorgebracht hat.
144

Copyrighted material
Nichtsdestoweniger muß an der demokratischen Fassade der
Partei als Ausdruck einer legendären Volksmajorität strikte
festgehalten werden. Denn ohne diese wenigstens fiktive My­
stik des Volkswillens gäbe es keinen Ersatz für das Gottesgna-
dentum der herrschenden Clique und ihres Führers. Gleich dem
Gesalbten des Herrn handelt er in höherm Auftrag, und die
Gewalt, mit der er seine Herrschaft befestigt, ist für ihn wie ein
Gottesgericht, aus dem er siegreich hervorgegangen ist. Alles
andere und insbesondere die Ideologie samt ihren normativen
Richtlinien, zu deren Hüter er sich emporgeschwungen hat, be­
trachtet er als ein fast überflüssiges Beiwerk. Und eben dies ist
die Einstellung, die von den eigentlichen Fascismen aufgegrif­
fen wird: durch Gewalt und Volksakklamation emporgekom­
men, haben sie überhaupt keine andere Ideologie mehr, son­
dern begnügen sich - sozusagen in völliger Nacktheit - mit
diesem einzigen pseudomystischen Akt, umsomehr als sie ihn
beliebig oft wiederholen lassen können; ihre normativen Richt­
linien bestehen ausschließlich in den willkürlichen Entschei­
dungen des Führers, und der ihm zu zollende Gehorsam ist das
Staatsgrundgesetz an sich, ja das einzige invariable Gesetz, aus
dem alle andern erfließen, so daß jede Übertretung eine mittel­
bare Mißachtung des Führerbefehls ergibt und daher unter To­
desstrafe gestellt werden kann. Ebenhiedurch ist hier auch die
Verschwisterung von Partei und Staat viel inniger als im So­
wjetismus; es geht einfach um die Staatsmacht an sich, und die
Totalitärorganisation des Staates ist nicht wie dort ein Mittel
zum Zweck, sondern ist primärer Zweck. In den praktischen
Resultaten läuft das zwar auf das nämliche hinaus, doch theore­
tisch ist der Fascismus gewissermaßen die »reinere« Form; er
ist die Tyrannis an sich.

Die mystischen Gründe, um derentwillen Fascismen und Dik­


taturen sich auf die Volksakklamation berufen und sich als die
wahren »Volksdemokratien« ausgeben müssen, haben eine
eminent praktische Bedeutung. Denn das Denken, Fühlen,
Handeln der Masse ist im Mystischen, ja sogar im Magischen
verankert. Sie glaubt an Omnipotenzen, und sie glaubt umso­
mehr daran, je mehr sie sich mit ihnen zu identifizieren vermag.
Der Mann in der Masse handelt gegen seine rationalen Überle­
gungen irrational, und mag er als Einzelperson einen Hitler
145

Copyrighted material
oder Stalin ablehnen, er ist, sobald er sich in der Masse befindet,
stets bereit, jedem sein Vertrauen zu schenken, dem diese zuju­
belt.
Das innere Sein und Denken der Einzelperson liegt außerhalb
des Staates, und sie ist daher für ihn und erst recht für seine
vollkommenste Form, den Totalitärstaat, »Ausland«, und zwar
potentielles »feindliches Ausland« ; er hat daher das begreifli­
che Bestreben, das Individuum auszulöschen und es in der
Masse aufgehen zu lassen. Dem Prozeß solcher »Vermassung«
dienen zwei Hauptmittel: Propaganda und Terror, sowie die
Ausrichtung der Gesamtbevölkerung gegen einen gemeinsa­
men »Feind«, der hiezu u. U. eigens erfunden werden muß,
aber auch ohneweiters erfunden werden kann.
Das Propagandainstrument des mittelalterlichen Totalitär­
staates war die Kirchenkanzel. Aber die Kirche durfte nicht
»Vermassung« anstreben, sie hatte - und dieser ursprünglichen
christlichen Humanitätsaufgabe blieb sie trotz ihrer vielen
Schwankungen treu - für die Einzelseele zu sorgen; ihr Ziel lag
nicht in der Bildung von Massen, sondern in der zur »Ge­
meinde«, also in einer Gruppenbildung, welche die Einzelper­
sönlichkeit intakt läßt. Hierauf ist es wohl, wenigstens teilweise,
zurückzuführen, daß keine der mittelalterlichen Tyrannisfor­
men zu jener noch immer unvorstellbaren Barbarei gediehen
sind, deren sich die modernen Diktaturen schuldig gemacht ha­
ben und schuldig machen. Das hindert nicht, daß im Mittelalter
gleichfalls aufs kräftigste sowohl von der weltlichen wie von der
geistlichen Macht - die Kirche war eben auch Institution und
darin weltlich —mit Terror gearbeitet worden ist, umsomehr als
das Heidnische noch keineswegs erloschen war und daher in
Gestalt des Teufels den stets bekämpfbaren und überdies lo­
gisch notwendigen Gottesfeind abgab. Nichtsdestoweniger, der
eigentliche Terror, also Inquisition, Ketzerverbrennungen,
Hexenverfolgungen waren in der Hauptsache nachmittelalter­
liche Erscheinungen und fielen in eine Zeit, in der die Stellung
der Kirche als alleiniger Zentralwert bereits zu wanken begann.
Ob Propaganda oder Terror, ihrer beider moderne Fassung
unterscheidet sich von der mittelalterlichen durch den Mangel
normativer Richtlinien: sie dienen beide der nackten Willkür
und ihrer Sprunghaftigkeit; da die Diktaturen im letzten nichts
als sich selbst vertreten und eben hiefür prinzipien- und stand­
146

Copyrighted material
punktlos sein müssen, also eine rüdeste Realpolitik treiben, die
sich mit den täglichen Erfordernissen immerzu ändert, ist das
Widerspruchsvolle geradezu ihr Lebenselement und hat auch
ihre Propaganda danach eingerichtet, d. h. wendet sie unge-
scheut und mit stets gleicher Uberzeugungsstärke auf die wi­
derspruchsvollsten Entscheidungen und Handlungen an, und
da es in solch kontradiktorischem Wirbel kein Gut und kein
Schlecht gibt, also keiner ein wirklicher Ketzer sein kann, wird
der Terror einfach wahllos und unverhohlen um seiner selbst
willen ausgeübt. Trotzdem wirkt diese Art der Propaganda, und
zwar nicht anders wie ihre harmlose Vorgängerin, nämlich die
(von der Intensivwirtschaft benötigte) kommerzielle Reklame,
die auch von niemandem geglaubt wird und doch die Verkaufs­
ziffern hinauftreibt. Und gerade der wahllose Terror wirkt
grauenhafter als jener alte, der sich noch gegen »Schuldige« ge­
richtet hatte, denn schuldig wird nun jeder, der vom Terror ge­
troffen worden ist; ob der Feind »Kapitalist« oder »Jude«
heißt, wird dabei zunehmend belangloser, vielmehr geht es um
die Feind-Kategorie an sich, die nicht aussterben darf und da­
her vom Terror immer weiter mit neuen Opfern frisch aufgefüllt
wird, weil gerade damit die Diktatur - die sich in diesem Zu­
sammenhang auch »Revolution in Permanenz« nennt - ihre
Daseinsberechtigung propagandistisch zu beweisen trachtet
und schließlich auch hiefür Glauben findet: das Ruhebedürfnis
des Menschen grenzt immer an Gleichgültigkeit, und wenn er
unter ständigem Propaganda- und Terrordruck lebt, geht sie in
eine Abgestumpftheit über, die ihn am Ende alles glauben läßt,
was man ihm vorschreibt.

Jeder Staat wird im Kriegsfall totalitär, und die Totalitärstaaten


sollten daher von vornherein die besten Kriegsmaschinen sein;
in den beiden Weltkriegen wurden sie aber trotzdem von den
ad-hoc-Totalitarismen der Demokratien geschlagen.
Man kann aber die kriegerische Überlegenheit der Demokra­
tien nicht zur allgemeinen Regel machen. Im Vergleich zwi­
schen Napoleons m. Frankreich und dem Bismarckschen Preu­
ßenstaat scheint sich die Waage des Liberalismus immerhin
noch jenem zuzuneigen, und doch wurde es von diesem besiegt.
Und daß für die maßlosen Schrecken eines dritten Weltkrieges
eine totalitäre Staatsstruktur gewisse Vorteile besitzt, kann
147

Copyrighted material
kaum bezweifelt werden; für Kriegstriremen braucht man Ga­
leerensklaven.
Denn vor allem muß berücksichtigt werden, daß der moderne
Krieg, ja vielleicht nur er die unbedingte Anwendung techno­
kratischer Prinzipien erfordert. Idealistische Technokraten -
und es gibt deren sowohl solche kapitalistischer wie sozialisti­
scher Richtung - behaupten zwar, daß ihre Lehre die Heilsbot­
schaft für die friedliche und glückliche Entwicklung der
Menschheit in sich trage, aber es verhält sich damit genauso wie
mit dem Kapitalismus und dem Sozialismus selber: man kann
ebensowohl mit einer kapitalistischen wie mit einer soziali­
stischen Wirtschaft in den Totalitarismus hineingeraten - und
gerade der heutige Weltzustand spricht für beides -, aber man
kann auch mit beiden Wirtschaftsformen zu einem Maximum
menschlicher Freiheit gelangen, soferne ein allgemein humaner
Wille, eine allgemein humane Moral - die freilich heute fehlt
- hiefür vorhanden ist. M. a. W., Technokratie mag sehr wohl
zur Einrichtung einer humaneren Welt verwendet werden, aber
sie zwingt nicht dazu, vielmehr ließe sich behaupten, daß sie
eine zumindest ebenso große Affinität zum Totalitarismus be­
sitzt: denn Technokratie ist unbedingte Sachgebundenheit; sie
bemüht sich, die Logik der Dinge zu erforschen, um aus dieser
die richtige soziale Verhaltensweise zu gewinnen - beispiels­
weise die Entscheidung für kapitalistische oder sozialistische
Bewirtschaftung der einzelnen Produktionszweige -, aber in
gewissem Sinn tut der Totalitarismus das nämliche, indem er
den Staat als technisches Gebilde in die Betrachtung ein­
schließt. Kurzum, sowohl die Maschinentechnik wie die Insti­
tutionstechnik, diese das Objekt des totalitären Denkens, jene
das der eigentlichen Technokratie, sie sind beide Menschen­
werk, und wenn man das Menschenwerk vom Menschen loslöst,
um umgekehrt dessen »richtiges« Verhalten daraus abzuleiten,
so entsteht ein Zirkel, aus dem das Menschliche als solches ge­
radezu automatisch ausscheidet.
Es spricht vieles dafür, daß ein strikt technokratisch geleitetes
Gemeinwesen zu anderwärts unerreichbaren materiellen Lei­
stungen gelangen wird, doch mit zumindest ebenso großer Si­
cherheit ist zu erwarten, daß dieses Rekordgemeinwesen ein
totalitäres sein wird.

148

Copyrighted material
Sechster Teil (Anarchie)

Sowohl Totalitarismus wie Demokratie setzen die Gleichheit


des Menschen voraus, diese in radikaler Auflehnung des Indi­
viduums gegen die Institution und daher mit dem Ziel allgemei­
ner Freiheit, jener in radikaler Unterwerfung unter die Institu­
tion und daher mit dem Ziel allgemeiner Unfreiheit. In beiden
droht die Anarchie, im ersten Fall die Anarchie der Staatsinsti­
tution, welche nicht nur die Freiheit, sondern auch die Gleich­
heit aufhebt, weil eine omnipotente Führerschicht und Büro­
kratie notwendig wird, dahingegen im zweiten Fall einerseits
die Anarchie des Individuums, andererseits die jener nicht­
staatlichen, sozusagen »privaten« Unterinstitutionen, vor allem
z. B. der wirtschaftlichen, zu deren Errichtung das »freie« Indi­
viduum sich berechtigt fühlt, und die nun ihrerseits an Stelle des
totalitären Staates die Versklavung vornehmen.
Da die Demokratie nicht volle Anarchie werden darf, also ab­
gesehen von ihren Unter- und Zwischeninstitutionen auch die
Institution des Staates beibehalten muß, beibehalten will, ist sie
im Vergleich mit dem viel radikaler und einfacher konstruierten
Totalitärstaat ein Zwittergebilde: dem ständig wachsenden Be­
dürfnis der Menschen nach einem neuen ruhespendenden Zen­
tralwert, dem zuliebe sie auch ihre anarchischen Individualbe­
strebungen aufzugeben bereit sind, wird durch den Totalitaris­
mus eine simple und eindeutige Befriedigung geboten,
allerdings um den nicht geringen Preis völliger Versklavung; die
Demokratie möchte unter Weglassung der Versklavung - de­
ren Bekämpfung ihr Daseinsgrund ist - das nämliche bieten,
und das macht ihre Zwiespältigkeit aus. Wird sie, belastet mit
solcher Antinomie, sich da gegen den Totalitarismus behaupten
können?

Der Totalitarismus hat - zumindest theoretisch - im Sowjetis­


mus eine ideale Staatskonstruktion gefunden: Diktatur mit de­
mokratischem Überbau. Auch die demokratische Staatsform
hatte einstmals ihre ideale Struktur: Demokratie mit diktatori­
schem Überbau, wobei dieser durch die Christengläubigkeit
und deren feststehende Moral geliefert wurde. Heute ist die
Demokratie ein Gebäude ohne Dach, aber es mag ihr ein Trost
und vielleicht sogar eine Chance sein, daß dem Marxschen To­
149

Copyrighted material
talitärstaat infolge seiner Verwandlung in nackte Diktatur et­
was Ähnliches geschehen ist; auch er hat kein Dach mehr oder
bestenfalls nur ein sehr flaches.
Betrachtet man den theoretischen Sowjetaufbau genau, so
kann man nicht umhin, seine wohlausgewogene Subtilität zu
bewundern: die Masse des politisch noch nicht reifen Volkes
steht unter dem edukatorischen Diktat der Partei (in die es al­
lerdings in zunehmendem Maße hineinwachsen soll), und diese
agiert ihrerseits auf scheinbar demokratischer Basis, wobei
freilich die normativen Richtlinien ihres Handelns durch die
Wissenschaftlichkeit der Marxschen Lehre ein für allemal fest­
gelegt sind; daß hinter dieser auch noch eine mystische Abso­
lutheit steht, nämlich der ins Materiale gewendete Hegelsche
Weltgeist, und daß auch das Vertrauen zu der innerhalb der
Partei wirkenden Majoritätsvernunft (abgesehen von Wahr­
scheinlichkeitsüberlegungen) mystische Wurzeln hat, ist in dem
Gesamtaufbau so peripher geworden, daß eine eigentliche Be­
rufung auf ein göttliches oder Naturrecht kaum mehr nötig er­
scheint, obwohl es im Prinzip der »sozialen Gerechtigkeit«
noch immer durchschimmert und seine guten Dienste, insbe­
sondere für Propagandazwecke, tut.
Der theoretische Kommunist hält nach wie vor an dieser
Struktur fest und meint, daß sie trotz ihrem gegenwärtigen Ver­
fall spätestens nach erfolgter Weltrevolution wieder zur Akti­
vierung gelangen könnte. Doch wie immer dem auch sei oder
sein wird, es ist eine Struktur, die in ihrer Vielschichtigkeit die
ganzen Mängel der simplen Zweigeschossigkeit Demokratie-
Naturrecht zutage treten läßt: entweder muß die Demokratie
zu ihrer klaren Verwurzelung im göttlichen Recht zurückkeh­
ren - aber staatliche Maßnahmen sind das schlechteste Mittel
zur Wiedererweckung von Glaubenshaltungen und ihrer Plau­
sibilität -, oder sie muß trachten, gleich dem Sowjetismus sich
der Fiktion des Naturrechtes, das ein bloßer Ersatz ist, zu entle­
digen, und versuchen, ihre normativen Richtlinien auf andere
- wissenschaftlichere —Weise zu begründen: der demokratische
Praktiker möge dies für überflüssig halten, aber die Kurzlebig­
keit all der Diktaturen, die ohne theoretische Stütze lediglich
der Tagespolitik dienen, darf als Gegenbeweis angeführt wer­
den.

150

Copyrighted material
Immerhin, die Demokratie behauptet, bereits in einem Zustand
zu sein, der vom Sowjetismus erst angestrebt wird: sie erachtet
ihre Mitglieder für politisch allesamt gleichmäßig reif (höch­
stens annehmend, daß etwaige Reifeabstufungen sich automa­
tisch ausgleichen) und kann daher auf »die« Partei verzichten,
welche als interndemokratische Führerschicht über das übrige
Volk gesetzt ist und ihm diktiert. Nichts wäre also unange­
brachter als eine Übertragung der Sowjetstruktur auf demo­
kratische Verhältnisse, und sollte etwa dagegen eingewendet
werden, daß in diesen ein Organ fehlt, das - wie eben »die Par­
tei« - über die Reinheit der normativen Richtlinien zu wachen
hat, so scheint das eine Aufgabe zu sein, mit der in einer richtig
funktionierenden Demokratie ohneweiters die normalen ge­
setzgebenden Körperschaften sowie der oberste Gerichtshof
betraut werden können. Was wahrhaft fehlt, ist die exakte For­
mulierung dieser Aufgabe.
Denn je mehr die Demokratie sich säkularisiert, desto mehr
hat es den Anschein, als würde sie vor einer Auseinanderset­
zung mit ihren Absolutheitsgrundlagen zurückscheuen, mehr
noch, als würden diese geradezu geflissentlich mit ihren Effek­
ten verwechselt werden: weil die Demokratie kraft ihres initia­
len, gegen die Versklavung des Menschen gerichteten Impetus
Meinungs- und Redefreiheit hervorgebracht hat, ist die Ansicht
entstanden, daß sie nichts anderes als Meinungs- und Redefrei­
heit sei, auch wenn damit Mißbrauch getrieben und die Wie­
derversklavung des Menschen gefordert wird, ja daß das Zu­
standekommen eines derartigen absurden Majoritätsbeschlus­
ses, der die Selbstaufhebung der Demokratie bedeuten würde,
von ihr widerstandslos hingenommen werden müsse. M. a. W.,
die Mystik des Glaubens an die absolute Vernunft der Majorität
hat den Sieg über die Mystik der normativen Richtlinien und
deren absolute Invarianz davongetragen, und das Resultat ist
hemmungsloser Relativismus, ein Relativismus, in dem sich so­
gar die Grenzen zwischen Normal und Abnormal, zwischen
Gesundheit und Krankheit verwischen: »normal« ist das, was
die Majorität will (und sei es auch nur mit der Mehrheit einer
Stimme), und wenn man einstmals geglaubt hatte, es könnte
niemals eine Majorität so pathologisch abnorm sein, daß sie für
einen Verzicht auf die Menschenrechte und eine Selbstaufhe­
bung der Demokratie stimmen werde, so hat das deutsche Bei­
151

Copyrighted material
spiel gezeigt, wie leicht sich hiefür eine Majorität finden läßt.
Und dies eben ist das Wesentliche, wenn die demokratische
Gesetzgebungsmaschinerie den Schutz der normativen Richtli­
nien, deren Weiterbestand mit dem der Demokratie eins ist,
übernehmen soll, auf daß sie dem stets drohenden Majoritäts­
relativismus entzogen werden: gibt es für die Demokratie ein
System so unangreifbar gültiger ethischer Sätze (von denen die
Verabscheuungswürdigkeit der Menschenversklavung einer
wäre), daß diese selbst gegen einen Majoritätsbeschluß vertei­
digt werden müssen? Und welcher Art soll diese Verteidigung
sein? Läuft das nicht doch auf Minoritätsdiktatur nach Art der
sowjetischen (wenn auch mit anderm Inhalt) hinaus? Und als
letztes: können die normativen Richtlinien der Demokratie
gleich den totalitären strafrechtlich geschützt werden?
Das ist cum grano salis der Problemstand der modernen De­
mokratie, zumindest soweit Großdemokratien in Frage kom­
men. Bestünde nämlich die Welt aus lauter Kleinstaaten, so
gäbe es - wenigstens fürs erste - auch keine Totalitarismen.
Aber an eine Rückparzellierung der Welt zu denken, wäre
sinnloses Phantasieren.

Das göttliche Recht, auf das sich die modernen Demokratien


bei ihrer Gründung berufen konnten, läßt sich dogmatisch aus
der Bibel ableiten. Sein Ersatz, das Naturrecht, entbehrt solch
dogmatischer Ableitung, und sein Vorhandensein läßt sich bloß
aus dem des positiven Rechtes rückschließen; d. h., es könnte
vertreten werden, daß alle positiven Rechtssatzungen das Na­
turrecht sukzessive konkretisieren. Wie aber steht es dann mit
Gesetzen, die wie die sowjetischen die Erschießung von
Menschewiki8, Sozialrevolutionären, kurzum von allen politi­
schen Gegnern verordnen? Wie steht es mit denen der Nazige­
setzgebung? Sind das alles Konkretisierungen des gleichen Na­
turrechtes? Oder gibt es etwa deren mehrere? Wenn man vom
positiven Recht ausgeht, gerät man unweigerlich in jenen Rela­
tivismus, zu dem die moderne Demokratie nur allzusehr hin­
neigt.
Doch läßt sich aus solchem Relativismus nicht am Ende doch
noch eine Tugend machen? Selbst wenn man im neokantschen
Sinn die Existenz eines transzendenten »Rechtes an sich« be­
fürwortet, es würde auch dieses nicht unbedingt gegen den Re­
152

Copyrighted material
lativismus im positiven Recht sprechen: das Recht an sich ist
leere Form und gestattet gleich der Logik zwar keine Wider­
sprüche in einem gegebenen System, wohl aber die mannig­
fachsten Systeminhalte, so daß sogar das Nazirecht als Derivat
jenes »Rechtes an sich« gelten dürfte. Und der Inhaltsrelativis­
mus erscheint umso gebotener, als kein Rechtssystem starr
bleibt, vielmehr jedes im Zuge seiner Entwicklung ganz funda­
mentale Veränderungen erfährt: von den Hexenverbrennun­
gen bis zur Strafausschließung auf Grund von Irrsinn ist ein ge­
waltiger Weg von Rechtstransformationen zurückgelegt
worden. Die Verbrennung von Hexen war aber zu ihrer Zeit
ebenso »natürlich« wie es heute die Unbestrafbarkeit von Irr­
sinnstaten ist; von einer Invariabilität des Naturrechtes kann
also keine Rede sein, vielmehr muß es, soferne überhaupt mit
ihm operiert werden kann, in relativistischer Beleuchtung be­
trachtet werden, d. h. als eine Art gefühlsmäßiges Rechtsemp­
finden, das eine Art Vorstadium des positiven Rechtes ist, sich
aber von ihm bloß im Helligkeitsgrad unterscheidet und, gleich
ihm Menschenwerk, sich mit ihm nach Zeit, Ort und sozialen
Umständen verändert.
Aus diesem Relativismus kann die Menschheit immerhin eini­
ges lernen, vor allem, daß sie mit Absolutheitsüberzeugungen
und Absolutheitsforderungen, die sich auf »inhaltliche« Sach­
verhalte beziehen, äußerst vorsichtig umzugehen hat: als Le­
nin9verkündete, daß es nur eine einzige Moral, nämlich die des
Klassenkampfes gäbe, und daß ihrethalben jede andere, also
Pakttreue oder Mitleid oder sonst irgendeine Haltung simpler
menschlicher Anständigkeit, gebrochen werden dürfte, ja ge­
brochen werden müßte, hat er eine wissenschaftliche Theorie,
die Marxsche, zu einem Absolutheitsrang erhoben, der keiner
Theorie, und nicht einmal [einer] besser fundierten, geschweige
denn irgendeiner sozialökonomischen, zukommt. Lenin war ein
großer und ebendarum sogar auch ein gütiger Mensch, der trotz
seiner ungeheuren Tatenergie niemals gewagt hätte, millionen­
fachen Mord - nackten, gemeinen Mord - zu entfesseln, wenn
er sich nicht durch seine »Überzeugung«, durch seinen Glauben
an die Absolutheitsgeltung der Marxschen Lehre hiezu ver­
pflichtet gefühlt hätte; es war der gigantische Fehlschluß eines
gigantischen Menschen, und er hatte ihn - so darf behauptet
werden - mit Selbstzerrüttung zu bezahlen. Was nach ihm kam
153

Copyrighted material
-Trotzkij, freilich weitaus geringeren Formates als er, schied
aus war machiavellistisches Gesindel, das auch ohne Abso­
lutheitsglauben gemordet hätte, und erst recht trifft das auf die
außermarxistischen Diktatoren vom Schlage Hitlers zu, wenn
man auch diesem den Glauben an die Absolutheitsgeltung sei­
ner Rassentheorie zugestehen muß.
Kann aber bei solch allgemeinem Relativismus sich die De­
mokratie auf eine »bessere« Absolutheit stützen?

Wer einen Code des Naturrechtes aufschreiben wollte, muß


entweder die Bibel kopieren oder sich eine Sammlung von De­
sideraten aufstellen, welche die Form positiver Rechtssatzun­
gen10 haben müßten - eine andere Form als die von positiven
Gesetzen gäbe es da nicht - und über deren Natürlichkeit sich
wahrscheinlich streiten ließe, einfach weil alles Positive nur
durch die Bedürfnisse der Praxis natürlich wird. Oder etwas pa­
radox ausgedrückt: weil das legendäre Naturrecht, wenn über­
haupt, bloß in Gestalt von positivem Recht zu imaginieren ist,
läßt sich keine positive Aussage über seinen Umfang und seine
möglichen Inhalte machen.
Dagegen ist ihm von negativer Seite her beizukommen. Denn
jedes verletzte Recht verlangt nach »Strafe«, und da das posi­
tive Recht Strafen kodifiziert, so darf es auch mit diesem Teil
des Rechtsvorganges als Konkretisierung des Naturrechtes
aufgefaßt werden. (Eine Stütze dieser Ansicht wäre im Revolu­
tionsvorgang zu finden, durch welchen ein noch nicht positiv
gewordenes Stück Naturrecht sozusagen aus sich selbst heraus,
nämlich mit Hilfe der in ihrem Rechtsempfinden beleidigten
Massen, seine Konkretisierung besorgt und zugleich auch die
zumeist über jede Gebühr hinaus blutige »Strafe« über seine
Beleidiger verhängt.) Von hier aus kann geschlossen werden,
daß zum Natur-»Recht« eine - zwar nicht minder legendäre -
Natur-»Strafe« gehört, und daß es an deren im positiven Recht
aufscheinenden Struktur sich bis zu einem gewissen Grad
(wenn auch nur negativ) bestimmen lassen wird. Was nämlich
durch die »Strafe« dem Menschen aberkannt wird, das kann
nur dasjenige sein, was ihm das Naturrecht (nunmehr ins Posi­
tive gewendet) als sein »Ur-Recht« zuerkennt.
Und in der Tat, so scheint es sich wirklich zu verhalten. Be­
trachtet man nämlich das Schema aller (logisch möglichen)
154

Copyrighted material
»Strafen«, so zeigen sie sich durchwegs als zwangsweise »Ich-
Verkleinerungen«. Über sein Ich weiß der Mensch, allerdings
nur gefühlsmäßig, recht gut Bescheid, da er es, berechtigter­
weise, mit seinem Leben schlechthin identifiziert. Das Ich ist ein
physisch-psychisches Aggregat, und alle Wunschbilder des
Menschen zielen auf eine ständige Erweiterung oder zumindest
Intakthaltung dieses Aggregats. Gewiß, physische Erweiterung
ist trotz aller Gigantenphantasien ausschließlich dem Kinde
während seines Wachstums (das Organglück der Jugend) Vor­
behalten, doch die Bewegungs- und Leistungsfähigkeit des
Körpers bleibt auch später immerhin noch ein Wachstumssym­
bol, und vor allem sind alle Umweltteile, welche ins »Eigen­
tum« des Individuums übergehen, als solche Symbole zu neh­
men: ob der Mensch sich materielle Außenweltbestandteile, sei
es in Gestalt von Nahrung, Kleidung, Besitztümern usw., an­
eignet oder ob er den Nebenmenschen sich durch Liebe oder
Zwang in Dienstbarkeit bringt, oder ob er die Außenwelt -
noch symbolischer und sublimierter - durch geistige Annexion,
d. h. durch Erkenntnis bewältigt, oder ob er sich all das nur er­
träumt und hiezu Rauschgifte verwendet, immer ist es reale
oder fiktive Ich-Erweiterung, und ebendiese, zusammen mit
den sie begleitenden ekstatischen Gefühlen, wird vom Men­
schen als »Wert«, als sein Lebenswert bezeichnet. Alle »Stra­
fen« richten sich gegen Ich-Erweiterungen; sie schränken sie
ein oder heben sie auf oder gehen mit ausgesprochenen Ich-
Verkleinerungen vor, schneiden also Werterlebnisse sowie die
dazugehörigen Ekstasegefühle ab und erzeugen im Menschen
die Panikgefühle, von denen jede Ich-Verkleinerung unab-
weislich begleitet wird. Die radikalste Ich-Verkleinerung ist die
Todesstrafe, und für den Primitivmenschen ist sie auch die ein­
zig denkbare, umsomehr als Ausstoßung aus dem Stamm (um
die es dabei geht) geradezu automatisch den Individualtod nach
sich zieht. Alles was in der späteren Strafentwicklung sich voll­
zogen hat, angefangen von den Leibesstrafen bis zur humani­
sierten Einkerkerung und zu den Geldstrafen, ist nicht nur
Symbol der Ich-Verkleinerung, sondern ebendarum auch sym­
bolische Todesstrafe. Strafe ist demnach Hintanhaltung von Ich-
Erweiterung: das »Recht« des Straflosen ist das Recht auf unge­
störte Ich-Erweiterung, und nur von hier aus - anders ist auch die
»pursuit of happiness« der amerikanischen Unabhängigkeits­
155

Copyrighted material
erklärung nicht auszulegen - ist der positive Inhalt des Natur­
rechts zu verstehen.

Der Begriff der Freiheit ist ein Akzessorium des Rechtes zur
Ich-Erweiterung, ist also inhaltlich bestimmt, während der
Gleichheitsbegriff ein formaler Begriff ist, der aus dem des
Rechtes als solchem hervorgeht: das »Recht an sich«, ein­
schließlich des Naturrechts und des positiven Rechts, kennt
Ich-Einschränkungen bloß als Strafe, hat aber keine Handha­
ben, um innerhalb der Gruppe der »Straflosen« irgendwelche
Distinktionen zu machen, etwa so, daß einem ein größeres, dem
andern ein geringeres Maß an Ich-Erweiterung zukommt; hier­
aus erfließt u. a. auch der Satz: Vor dem Gesetz gibt es keinen
Unterschied der Person.
Der Relativismus beginnt mit dem Begriff des »Verbrechens«.
Daß ohne geschehenes Verbrechen der Mensch nicht aus dem
Stand der Straflosigkeit in den der Strafwürdigkeit versetzt
werden darf, geht aus dem Formalbegriff des Rechtes hervor
und ist infolgedessen selber eine lediglich formale Feststellung,
- wo aber ist das inhaltliche Kriterium des Verbrechens? Und
damit wird wieder das Gebiet der (eben relativistischen) nor­
mativen Richtlinien betreten. Wenn noch im 17. Jahrhundert
Hexen zur Strafe des Feuertodes verurteilt werden konnten, so
war dies möglich, weil die These von der Fleischwerdung der
Sünde im Teufel und durch den Teufel eben noch volle Moral­
plausibilität besaß. Und wenn Lenin jeden politischen Gegner,
so revolutionär er auch eingestellt sein mag, als einen Agenten
der Bourgeoisie bezeichnete1\ der mit ihr zusammen der Strafe
der Ausrottung zu verfallen hat, so ist das zwar eine Ungeheu­
erlichkeit, aber sie stimmt mit den normativen Richtlinien, die
er vermittels Absolutierung der Marxschen Thesen dem bol­
schewistischen Staat gegeben hatte, logisch unanfechtbar über­
ein, genauso wie die Hexenverbrennungen logisch mit der Teu­
felstheorie übereinstimmen. Die Teufelstheorie ist von einer
höchsten Moralebene ausgegangen, und der Marxismus von ei­
ner, der sehr bedeutender wissenschaftlicher Rang zukommt,
und doch sind sie beide zu Auswirkungen gelangt, zu deren Er­
reichung ebensogut von der rassentheoretischen Tiefebene
hätte ausgegangen werden können: sie gelangten dorthin, wo
Verbrechensbestrafung gemeiner Mord wird. Denn alles In­
156

Copyrighted material
haltliche besitzt bloß relativen Wahrheitswert, und wenn es zum
Absolutum erhoben und bis in seine letzte Konsequenz verfolgt
wird, muß es, um sich zu behaupten, zu Wahnsinn und Mord
führen.
Humanität muß sich des Relativismus aller inhaltlichen Fest­
stellungen bewußt bleiben. Und gerade darin liegt für die De­
mokratie die Schwierigkeit bei der Fassung ihrer normativen
Richtlinien. Denn das Verbot zur Behinderung der individuel­
len Ich-Erweiterung (gleichbedeutend mit dem Verbot zur Be­
hinderung der persönlichen Freiheit und der pursuit of happi-
ness) sagt nichts über sozial erlaubte und sozial unerlaubte
Ich-Erweiterungen aus; sehr viele individuelle Ich-Erweite-
rungen beeinträchtigen die des Nebenmenschen, - wo also en­
det deren Antastbarkeit, wo beginnt ihre Unantastbarkeit?
Gewiß, die jahrtausendealten Sozialtraditionen der Mensch­
heit, nicht zuletzt in den Kodifikationen der großen Weltreli­
gionen, also für das Abendland in denen der Bibel und in den
Humanisierungsbestrebungen der Christlichkeit, haben eine
für nahezu die ganze bewohnte Erde gültige Rechtsmoral ge­
schaffen, kraft welcher sich Mord, Diebstahl, Paktbruch usw.
allüberall als Verbrechen qualifizieren, und trotzdem konnte in
den amerikanischen Lynchregionen12 [sich] eine - durchaus
hitlerisch begründete - Mischung von Rassenmord und Hexen­
verbrennung als fiktive »Verbrechensbestrafung« etablieren,
deren Duldung auch heute noch für die Einzelstaaten »demo­
kratisches Recht« ist, so daß sie sich bemüßigt fühlen, es gegen
die Bundesregierung zu verteidigen. Das ist freilich ein Ex­
tremfall des demokratischen Relativismus, - und doch, gibt es
tatsächlich (außer der Bibel) keine Handhabe, um auch inner­
halb der Demokratie einem inhaltlichen Tatbestand, wie eben
dem Mord, absoluten Verbrechenscharakter beimessen zu
können?
Wo es um Inhalte geht, ist aus formalen Bestimmungen, mö­
gen sie auch die einzig wahrhaft einwandfreien sein, nichts zu
gewinnen; Inhalte müssen auf Inhalte referiert werden. Nun
haben aber die von Staats wegen über den Verbrecher verhäng­
ten »Strafen« nicht nur die Formalfunktion der Einschränkung
oder Aufhebung seiner Ich-Erweiterung, sondern sie haben
auch sehr materielle Inhalte, nämlich Deklassierung und eine
sehr weitgehende Entrechtung bis zur erfolgten Strafabbüßung,
157

Copyrighted material
zwangsweisen Geldentzug, Drosselung der Freizügigkeit durch
Einkerkerung mitunter fürs ganze Leben und schließlich bei
Kapitalverbrechen Hinrichtung. Wesentlich hiebei ist, daß alle
diese Strafinhalte auch die Charakteristika von Versklavung
sind, und wenn auch der Staat mit seinen Sträflingen nicht will­
kürlich verfahren darf, sondern regulativ gebunden bleibt, er
agiert ihnen gegenüber doch auf Strafdauer als Sklavenhalter.
Und das ist der Punkt, von dem aus der Rückschluß gezogen
werden darf: wenn das legendäre Naturrecht dem Nicht-Ver­
brecher voll zuerkennt, was es dem Verbrecher aberkennt, so
hat die Demokratie, die ihrer Intention und infolgedessen ih­
rem Inhalt nach Auflehnung des Menschen gegen jegliche Art
von Versklavung ist und überdies solche Auflehnung natur­
rechtlich zu begründen wünscht, dafür zu sorgen, daß in ihrem
Machtbereich keinerlei Handlungen begangen werden, die in
ihrer Tendenz irgendeines der Versklavungscharakteristika
aufweisen: das gilt sowohl für die Handlungen des Bürgers im
Verhältnis zum Nebenbürger als auch für die Handlungen der
von den Bürgern gebildeten Institutionen und insbesondere für
den Staat selber, und zwar ebensowohl in seinen gesetzlichen
wie administrativen Funktionen. Ein Staat, der diesen Kriterien
nicht genügt und z. B. einer Gruppe seiner Bürger Lynchjustiz
gestattet, ohne eine solche als gemeinen Mord zu ahnden, kann
trotz sonstiger demokratischer Einrichtungen nicht Demokra­
tie genannt werden.

Die Demokratie wurde hier von allem Anfang an als Aufleh­


nung gegen Versklavung vorgestellt, und am Ende wurden ihr
jegliche Versklavungstendenzen verboten. Doch das ist nur ein
scheinbarer Zirkelschluß. Denn es ging darum, einesteils den
Relativismus in allem Inhaltlichen aufzuweisen, andererseits
aber zu zeigen, an welchem Punkt solcher Relativismus endet,
nicht zuletzt weil die Demokratie infolge ihrer spezifischen
Konstruktion immer die Neigung hat, sich relativistisch aufzu­
lösen. Die Säkularisierung des göttlichen Rechtes, auf das die
abendländische Demokratie bei ihrer Gründung sich stützte,
führt nicht zu der in der Luft schwebenden naturrechtlichen
Hilfskonstruktion, sondern zur Ich-Funktion, die in ihrer er­
kenntnistheoretisch-logischen und nicht nur psychologischen
Fassung das einzige Absolutum neben Gott für den Menschen
158

Copyrighted material
ist, so daß von hier und wohl nur von hier aus, also im Gegensatz
zum Marxismus weit mehr im psychologisch-erkenntnistheore­
tischen als im ökonomischen Gebiet verwurzelt, die Theorie der
Demokratie und ihrer normativen Richtlinien jene wissen­
schaftliche Begründung erfährt, die dem rationalisierten Plau­
sibilitätsbedürfnis dieser säkularisierten Epoche entspricht.

Siebenter Teil (Demokratie)

Die Sehnsucht nach einem Zentralwert treibt den Menschen


zur Flucht ins Totalitäre, doch darum ist sein individuelles Stre­
ben nach schlechterdings anarchischer Freiheit, seine Aufleh­
nung gegen die Institutionen und ihre Autorität keineswegs er­
loschen, vielmehr bleibt er sich seines Rechtes auf Nichtver­
sklavung stets bewußt: er will beides haben, Freiheit und
Geborgenheit zugleich, und insbesondere sind es die Massen,
die ohne Zaudern das Widersprechendste auf einmal verlan­
gen.
Aber sind nicht im Gegenteil die Massen allzeit auf ein Ent­
weder-Oder eingestellt? Die Schwarz-Weiß-Methode jeder
Politik und vor allem der heutigen, die unaufhörlich auf Mas­
senwirkung bedacht sein muß, würde hiefür sprechen. Und
doch ist dem nicht so. Denn eben diese Schwarz-Weiß-Me­
thode greift ganz instinktiv, ja selbst wenn sie die richtige Frei­
heit meint, nach einer stets parat liegenden »Ersatzfreiheit«,
nämlich nach der des »Sieges«, mit dem ein hiezu bis zur Un­
kenntlichkeit »angeschwärzter« Feind vernichtet werden muß,
vernichtet werden darf. Das ist eine dem politischen Leben fast
unentbehrliche Infamie, die sich je nach Bedarf gegen einen
äußern oder gegen einen innern Feind richtet, der ebensogut
durch »die« Aristokraten wie »die« Juden repräsentiert werden
kann, und es war Marx’ politische Genialität, daß er ihn »wis­
senschaftlich« als »den« Kapitalisten, »den« Bourgeois (der gar
kein Kapitalist mehr zu sein braucht) lokalisiert hat.
Mit nicht geringerem wissenschaftlichem Anspruch, d. h. ei­
nem, der sich nicht nur auf psychologische Tatbestände, son­
dern sogar auch gleich Marx auf den dialektischen Fortschritt
der Geschichte berufen darf, läßt sich aber behaupten, daß die
anscheinend so antinomische Moralzwiespältigkeit der Massen,
ihr konstantes Beides-zugleich-haben-WoIlen, gar nicht so an­
159

Copyrighted material
tinomisch ist, und daß in Wahrheit darin das unbewußte Wissen
um die schließlich unvermeidbare Synthese von Thesis und An­
tithesis sich anmeldet, so daß der so infame Trick der Kreierung
von »Feinden« als eine für den Augenblick zwar praktische,
letztlich jedoch überflüssige und ebendarum unheilsträchtige
Beschwindelung der Massen sich erweist. Im 18. Jahrhundert
waren noch fast für jedermann Republikanismus und Monar­
chismus zwei antinomische Begriffe, und doch war das engli­
sche Volk, schier ohne es selber zu bemerken, bereits daran, sie
zur konstitutionellen Monarchie zusammenzuschweißen, in der
konservative Gefühls- und Moralhaltungen, wie eben Anhäng­
lichkeit an Tradition und altbewährte Einrichtungen, sich aufs
glücklichste und nachhaltigste mit der neuen Freiheitsmoral
kombinierten. Unendlich viele Wellen von Thesen und Anti­
thesen durchziehen den Geschichtsablauf, und gewiß führen sie
nicht samt und sonders zu synthetischen Kompromissen - am
allerwenigsten lassen sich solche zwischen Wahrheit und Lüge
schließen -, doch wo es um die Anpassung der Tradition an
neue Notwendigkeiten geht, nicht zuletzt also im Kerngebiet
der Tradition, also dem der Moralhaltungen, da hat sich wohl
immer am Ende die Traditionsanreicherung durch die Synthese
und ihre Fruchtbarkeit ergeben.
Wellenberg und Wellental sind wieder einmal vertauscht. Das
Freiheitsbedürfnis des Menschen, verkörpert in den wenigen
noch verbliebenen Demokratien, ist zum konservativen Ele­
ment geworden, während das Streben nach Sicherheit mit sei­
nen Totalitärneigungen den Anspruch erhebt, als neue Welt­
moral anerkannt zu werden. Die Demokratien wären berufen
(gerade weil der Kompromiß zu ihrer Mechanik gehört), das
Neue zu assimilieren und damit sowohl die fascistischen wie die
kommunistischen Anschläge, von denen sie im Innern bedroht
werden, unschädlich zu machen, d. h. die Tendenz der Antiver­
sklavung vor solch eminenter, mit jedem Tag wachsender Ge­
fährdung zu retten. Täten sie das nicht, so wäre das ein Zeichen
für die von den Totalitarismen behauptete und doch kaum
glaubhafte Seniiität des Individualismus und seiner demokrati­
schen Moral.
Freilich, mit einer einfachen Negierung der totalitären Stre­
bungen ist es nicht getan. So selbstverständlich es ist, daß der
Staat und gar der Rechtsstaat, als dessen Konkretisierung kat’
160

Copyrighted material
exochen die Demokratie sich dünkt, die moralischen Haltungen
seiner Bürger bloß im Wege des Gesetzes und der gesetzlichen
Strafen zu regeln vermag, es können bloß konkrete Gesetze
eine lebendige Wirkung haben, also solche, die sich auf die
konkreten Beziehungen zwischen dem Menschen und dem Ne­
benmenschen anwenden lassen und zugleich seine unbewußten
moralischen und rechtlichen Vorstellungen zum Aufklingen
bringen. Mit abstrakten Lehrgesetzen (etwa nach Art des »Ge­
setzes zum Schutz der Republik«13, mit dem Deutschland die
Nazigefahr hatte abwenden wollen) hat noch nie ein Staat die
Haltung seiner Bürger beeinflußt.

Es geht also um eine »Totalisierung« der Demokratie, und weil


das Totalitäre im strafgesetzlichen Schutz der normativen Leit­
linien besteht, wäre dieser auf die demokratischen Leitlinien
anzuwenden. M. a. W., der Bürger wäre zu verpflichten, die
»Menschenrechte« des Nebenbürgers als so absolut zu be­
trachten, wie sie sind, und sie nie und nirgends, also auch nicht
im Alltagsleben, anzutasten. Mit allem Fug nämlich läßt sich
behaupten, daß ein Generalverbrechen wie das der Nazis aus­
schließlich von der Kleinpropaganda im Alltagsleben seinen
Ausgang genommen hat: geschützt von der demokratischen
Meinungs- und Redefreiheit, gelang es ihnen, die Staatsgrund­
lagen und deren normative Prinzipien zu untergraben, vor al­
lem indem sie diese mit dem weltverderbenden Tun »des« Ju­
den, der zum Weltfeind ernannt wurde, in Wechselwirkung
setzten: alle Übel der Welt könnten geheilt werden, wenn nur
mit der liberalistischen Menschengleichheit endlich aufgeräumt
und insbesondere den Juden die Menschenwürde abgesprochen
werden würde. Hätte es eine gesetzliche Handhabe gegeben, es
hätten diese Umtriebe, hinter denen die Idee der Menschheits­
versklavung schlechthin stand, im Keim erstickt werden kön­
nen. Man wende nicht ein, daß man damit bloß Märtyrer ge­
schaffen hätte: die Anwendung eines wohlfundierten konkre­
ten Gesetzes schafft keine Märtyrer, sonst wäre jeder ertappte
Wechselfälscher ein solcher; bloß mit abstrakten, deklamatori­
schen Gesetzen wie denen »zum Schutz der Republik« werden
Märtyrer erzeugt.
Die bisherigen Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte
- geboren aus der Furcht vor den Tyranneigelüsten, zu denen
161

Copyrighted material
jeder Machthaber verführt werden könnte - haben sich als »Bill
of Rights«, »Declaration des Droits de THomme«14 usw. aus­
schließlich gegen die Regierungen gerichtet, und sie haben in­
sofern günstig gewirkt, als sie die in deren Schatten arbeiten­
den, ja oftmals sie befehligenden und überdies zumeist
diktaturzugeneigten Dauerbürokratien (wie z. B. die der fran­
zösischen Ministerien) immerhin gezügelt haben. Die Regie­
rungen als solche jedoch hätten, entgegen den ursprünglichen
Befürchtungen, solcher Zügelung kaum bedurft; demokratisch
gewählt, haben sie, bisheriger Erfahrung gemäß, fast niemals
versucht, den ihnen vorgeschriebenen Rahmen zu sprengen,
natürlich mit Ausnahme derjenigen, welche wie Hitler von
vornherein solche Absicht gehegt und von langer Hand vorbe­
reitet hatten, also auch von vornherein willens waren, die ihnen
auferlegte Verpflichtung zur Respektierung der Menschen­
rechte zu brechen und ihrem von den Wählermassen gutge­
heißenen Programm entsprechend an das offen angekündigte
Versklavungswerk zu gehen.
Wird die Verletzung der Menschenrechte zu einem gemeinen
Verbrechen erklärt - und es ist nicht einzusehen, warum sie et­
was anderes sein sollte, da sie im letzten eingestandenermaßen
Mordabsicht ist —,dann können die konstitutionellen Deklara­
tionen nach Art der »Bill of Rights« ruhig ihre heutige mehr
dekorative als praktikable Form beibehalten: der eigentliche
Schutz der Menschenrechte wird dann den ordentlichen Ge­
richten überantwortet sein, ja schon bei denen erster Instanz
beginnen.

Nichtversklavung ist des Menschen oberstes Recht, und das


machte seine Menschenwürde aus. Aber wo Rechte geschützt
werden sollen, müssen Verpflichtungen gesetzt werden. Die
Zusprechung von Rechten ist leeres Papier; sie werden erst
konkret, wenn der Mensch hiefür den gebührenden Preis be­
zahlt, und ohne die Umreißung und Vorschreibung entspre­
chender Pflichten lassen Menschenwürde und Nichtverskla­
vung sich weder definieren noch etablieren. M. a. W.,
Rechtsobjekte werden durch die Verbote definiert, die sie ge­
gen Antastung schützen; mit dem Recht auf »pursuit of happi-
ness« und noch viel weniger mit dem auf »Ich-Erweiterung«
läßt sich juristisch nichts anfangen, und wenn diese Begriffe auf
162

Copyrighted material
»Nichtversklavung« reduziert werden, so ist damit eben auch
ausgedrückt, daß sie am Versklavungsverbot zu konstituieren
sind, genauso wie des Menschen Recht auf sein Leben - seit den
Zehn Geboten-sich am Mordverbot konstituiert. Kurzum, die
Demokratie benötigt zur Aufrechterhaltung ihres Bestandes
nicht nur eine »Bill of Rights«, sondern auch eine »Bill of Du-
ties«, d. h. eine Gruppe von »Gesetzen zum Schutze der Men­
schenwürde«, mit denen zu verhüten ist, daß irgendeine Person
im Staatsbereich irgendeine andere in Sklaverei zu versetzen
sucht oder dies tatsächlich tut.
In Ansehung der amerikanischen Verhältnisse wären hiezu
folgende strafwürdige Tatbestände zu skizzieren.

(1) Schutz der »Bill of Rights«


Wer durch Wort oder Schrift eine diktatoriale oder fascistische
Staatsform propagiert, d. h. eine, in der die durch die »Bill of
Rights« dem Menschen verbürgten Grundrechte offen oder
versteckt aufgehoben werden, dem soll der Genuß dieser
Rechte sowie das aktive und passive Wahlrecht bis zu der Dauer
von... Jahren entzogen werden.
Im Wiederholungsfall hat neben den Verlust der staatsbür­
gerlichen Rechte eine Kerkerstrafe bis zu... Jahren zu treten.

(2) Schutz gegen legislatorische Diskrimination


Wer durch Wort oder Schrift propagiert, daß bestimmte natio­
nale, rassische, religiöse oder soziale Gruppen (z. B. Iren, Ne­
ger, »Gelbe«, Juden, aber auch »die« Kapitalisten, »die« Pro­
letarier) oder einzelne Menschen, bloß weil sie einer solchen
Gruppe angehören, von irgendwelchen staatsbürgerlichen
Rechten oder auch Pflichten ausgeschlossen werden sollen,
macht sich eines Verbrechens schuldig, das mit Kerker bis zu...
Jahren zu bestrafen ist.

(3) Schutz gegen ökonomische Diskrimination


Wer durch Wort oder Schrift zum Boykott einer Erwerbsunter­
nehmung auffordert, weil sie sich im Besitz eines Angehörigen
der unter (2) genannten Gruppen befindet oder von einem sol­
chen betrieben wird oder weil Angehörige solcher Gruppen
darin angestellt sind, macht sich eines Vergehens schuldig, das
mit Kerker bis zu... Monaten zu bestrafen ist. Mit jedem Wie­
163

Copyrighted material
derholungsfall hat sich der erste Strafsatz respektive zu verdop­
peln, zu verdreifachen usw.

(4) Schutz gegen bürgerliche Diskrimination


Wer durch Wort oder Schrift die Angehörigkeit zu einer der sub
(2) genannten Gruppen als eine diffamierende Tatsache dar­
stellt bzw. als Schimpfwort gebraucht(z. B. »Nigger«), macht
sich eines Vergehens schuldig, das mit Kerker bis zu... Mona­
ten zu bestrafen ist, wobei mit jedem Wiederholungsfall sich der
Strafsatz wie sub (3) erhöhen soll.
Das nämliche gilt für pseudowissenschaftliche Schriften, wel­
che über einzelne Gruppen abfällige Feststellungen machen
(z. B. »dieNegersind vonminderer Intelligenz«),ohne konkrete
allgemeingültige Beweise beizubringen.
Das nämliche Vergehen bürgerlicher Diskrimination ist zu
statuieren, wenn eine Vereinigung irgendwelcher Art die An­
gehörigen irgendeiner der sub (2) genannten Gruppen von der
Aufnahme ausschließt, obwohl die Aufnahmebewerber sonst
alle nötigen Qualifikationen für die Mitgliedschaft beibringen;
insbesondere soll das für alle beruflichen Vereinigungen usw.
gelten. Dagegen sind soziale Vereinigungen gestattet, welche
auf eine bestimmte Gruppe beschränkt sind und sämtliche an­
dern (nicht aber nur einzelne) Gruppen und deren Angehörige
von der Aufnahme ausschließen.

(5) Schutz gegen Haßpropaganda


Wer durch Wort oder Schrift zur Verachtung einer der sub (2)
genannten Gruppen oder zum Haß gegen sie oder ihre einzel­
nen Angehörigen auffordert, macht sich eines Verbrechens
schuldig, das in den schwersten Fällen wie Aufforderung zum
Mord zu werten ist. Der Strafsatz hat also mindestens... bis...
Jahre zu betragen.
Wenn die sub (4) genannten pseudowissenschaftlichen Schrif­
ten eine ähnliche Haßpropaganda enthalten, so ist der Verfas­
ser und/oder der verantwortliche Redakteur nach dem Verbre­
chensstrafsatz zu bestrafen.

Da damit die Verstöße gegen die Menschenrechte zu einem Teil


in die Kategorie des gemeinen Verbrechens gebracht sind, hebt
sich für diesen Teil die Immunität von Regierungsfunktionären
164

Copyrighted material
und Kongreßmitgliedern automatisch auf, sicherlich keine po­
puläre Konsequenz, dennoch eine wichtige, vor allem weil die
Einbringung eines jeden parlamentarischen Antrages, mit dem
die demokratischen Freiheiten und die Menschenwürde ange­
griffen werden sollen, eine Selbstaufhebung der Demokratie
darstellt, dann aber auch, weil die Parlamentstribüne - die Na­
zis sind hiefür das traurigste Beispiel - nicht zu derart zynischen
und verbrecherischen Propagandazwecken mißbraucht werden
darf.

Es gibt wohl keine eindrucksvollere Gegenüberstellung als das


»Gesetzzum Schutz der Menschenwürde« und das Nürnberger
»Gesetz gegen Rassenschande«15, das gewissermaßen die »Bill
of Duties« des Rassenstaates gewesen ist: auf der Seite der De­
mokratie die unbedingte Hochschätzung des menschlichen In­
dividuums, dem es zur Hauptverpflichtung gemacht wird, die
Freiheit und die Würde des Nebenmenschen (nicht seine ei­
gene!) zu achten, auf der Seite des Totalitärstaates der Eingriff
in die privateste Sphäre des Individuums und seine Erniedri­
gung zu einem - allerdings noch biologischen - Teilchen der to­
talitären Staatsmaschine. Und wenn auch die andern Totalitär­
staaten sich nicht dem Rassenwahnsinn ergeben haben, ihre
Achtung vor der individuellen Person und deren Würde und
Privatexistenz ist darum auch nicht größer.
Für alle Totalitarismen gilt nämlich, daß ihnen das Individuum
nicht viel mehr als eine juristische Person bedeutet, ja daß sie
ihre Anschauung vom Menschen geradezu nach diesem alten
juristischen Begriff gebildet haben. Und bezeichnenderweise
sind die Demokratien, vor allem unter kapitalistischem Einfluß,
ins gegenteilige Extrem verfallen: sie sind geneigt, der juristi­
schen Person alle jene Rechte und Freiheiten zu gewähren, die
allein dem Menschen als solchem und seiner Würde zukom­
men, da er und nur er —und sicherlich keine einzige juristische
Person welcher Form immer - kraft seiner Auflehnung gegen
die Versklavungstendenzen der Institutionen die Demokratie
geschaffen hat und infolgedessen nach wie vor deren einzige
Basis darstellt. Es ist eine höchst unerlaubte Begriffsverwechs­
lung, die wie jede durchaus geeignet ist, kraft Verabsolutierung
sich gegen ihren Erzeuger zu wenden, hier also gegen die De­
mokratie selber, denn die juristische Person steht der Institu­
165

Copyrighted material
tion sehr nahe (ist manchmal sogar eine solche), und wenn sie
mit Menschenrechten und Menschenfreiheit ausgestattet wird,
so ist das eine Art Selbstbeschwindelung des demokratischen
Antiinstitutionalismus und umsomehr ein Unfug, als sich - mit
der Transformierung von Riesenunternehmungen zu staats­
bürgerlichen R iesen-von hier aus einer der Wege zum (kapi­
talistischen) Fascismus eröffnet. Es zeugt für die Gesundheit
der amerikanischen Demokratie, daß sie verhältnismäßig bald,
schon unter Theodore Roosevelt, sich dieser Gefahren bewußt
wurde.
Kurzum, die lebende Person ist in ihren staatsrechtlichen
Freiheiten unantastbar; die juristische Person besitzt keine die­
ser Freiheiten, und wenn sie darum auch nicht vogelfrei ist, es
kann ihre Existenz nicht nur durch Strafen bei Gesetzesüber­
tretungen, sondern auch durch andere gesetzliche Bestimmun­
gen eingeschränkt und sogar aufgehoben werden: bloß die
Strafbarkeit hat die juristische Person mit der lebenden Person
gemein; immerhin, gerade dies ist mit einer der Gründe, die zu
der verhängnisvollen Gleichsetzung der beiden Personbegriffe
geführt haben, denn bei der stets bereiten Neigung zur Anthro-
pomorphierung wurde daraus - wenn auch nur unbewußt - ge­
schlossen, daß die juristische Person gleichfalls ein Ich besäße,
dessen Erweiterung (groteskerweise also ihre pursuit of happi-
ness)bloß im Straffall eingedämmt werden dürfe. Noch folgen­
schwerer freilich ist es, daß umgekehrt auf Grund dieser vom
Straffall bedingten Gleichsetzung die Demokratie sich für be­
rechtigt, ja verpflichtet hält, in Ansehung des Verbrechers die
Personauffassung des Totalitarismus zu adoptieren, d. h. ihn (in
seiner Voll-Sklavenhaftigkeit) juristisch als bloße Sache einzu­
schätzen, deren Radikalvernichtung (ohne Rücksicht auf ir­
gendwelche Menschenhaftigkeit) ohneweiters zulässig ist: das
ist nichts als ein rationaler Kniff, mit dem die magischen
Grundlagen der Todesstrafe bemäntelt werden sollen, ein un­
würdiger Kniff, weil er auf einer (in echter Magie und ihrer
strengen Logizität niemals vorkommenden) Begriffsverwechs­
lung aufgebaut ist, ein funebrer Irrationalkniff der Rationalität
und überdies voll schlechten Gewissens, weil die Demokratie
genau weiß, daß die Unantastbarkeit der Menschenwürde, daß
die daraus erfließende Forderung nach Separierung der leben­
den von der juristischen Person die radikale Aufhebung der
166

Copyrighted material
Todesstrafe in sich schließt. Nur wo der Staat legitim diktato­
risch wird, wie z.B. im Kriege, darf er auch das Totalitärakzes-
sorium kat’exochen, die Todesstrafe, wieder aufnehmen.
Die Separierung der lebenden von der juristischen Person so­
wie die Aufhebung der Todesstrafe bilden offensichtlich not­
wendige Ergänzungen zur »Bill of Rights«, fallen also auch mit
ihr unter den Schutz der »Bill of Duties«, ohne in dieser eigens
erwähnt zu werden. Die sich aus dem Sachverhalt ergebenden
zusätzlichen Verhaltensmaßregeln für juristische Personen wä­
ren Gegenstand der gewöhnlichen Gesetzgebung.

Jeder neue Gesichtspunkt in der Gesetzgebung kann zu ökono­


mischen Konsequenzen führen, und der Wechsel in den An­
schauungen über die juristische Person ist sogar vom Ökono­
mischen her, nämlich von der Notwendigkeit zur Regelung des
Monopolismus initiiert worden.
Zur Menschenwürde und Nichtversklavung gehört ein men­
schenwürdiges Dasein. Überall wo sozialistische Parteien (alten
Schlages) zum politischen Faktor geworden sind, also vor allem
in Zentraleuropa, Australien und Neuseeland, haben sie ihren
Kampf um eine gerechtere Güterverteilung mit der Sozialfür­
sorge begonnen, indem sie vor allem - u. a. auch zu ihrer Selbst­
propagierung-den Staat und die von ihm umschlossenen Ge­
meinwesen, wie Kommunen usw., zu einer tunlichst ausgebrei­
teten Obsorge für Massenwohlfahrt, nicht zuletzt für die
»Wirtschaftsunfähigen« und »Wirtschaftsausgeschalteten«,
verpflichten. Von hierher rührt der Schmähbegriff des »Für­
sorgestaates« . In Amerika liegen die Dinge anders. Hier stehen
nicht kapitalistische und sozialistische Parteien gegeneinander,
vielmehr ist eine durch und durch kapitalistisch gesinnte Ge­
samtgesellschaft vorhanden, zu deren grundsätzlichen Moral­
haltungen die Verpflichtung zum Profit gehört, von der sich je­
doch eine nicht minder kapitalistisch gesinnte Einzelgruppe,
nämlich die des politischen Berufes, abgespalten hat und, bei
aller Abhängigkeit von ihr, einen ständigen Machtkampf mit ihr
führt: das ist eine der Eigentümlichkeiten der amerikanischen
Demokratie, und sie hat im Vergleich mit der sogenannten
»Überzeugungspolitik«, mit der sie den Jargon der verlogenen
Schlagworte zu teilen sich nicht scheut, immerhin den Vorteil
einer manchmal wahrhaft demokratischen, wenn auch manch­
167

Copyrighted material
mal zynischen Aufrichtigkeit für sich; der Lobbysmus und die
Parteimaschinerien sind Instrumente dieses Machtkampfes,
daneben aber auch das »Recht zum Geben«, - soll die soziale
Fürsorge aus freiwilligen Beiträgen der Gesellschaft (welche
damit die Massen mit der bestehenden ökonomischen Struktur
versöhnt) oder aber (um der am Ruder befindlichen Partei die
nächste Wiederwahl bei den Massen zu sichern) aus der Staats­
kasse und durch Steuereintreibungen bestritten werden? Da es
ein innerkapitalistischer Konkurrenzstreit ist, zieht der Befür-
sorgte seinen Nutzen daraus; sowohl das staatliche wie das pri­
vate Sozialvolumen, d. h. die Zahl der Sozialagenturen, der
Krankenanstalten usw., ist in ständigem Ansteigen begriffen,
und rechnet man noch das Unterrichtswesen hinzu, an dem,
insbesondere in seinen höhern Graden, die Gesellschaft ver­
mittels Universitäts-, Bibliotheks- und andern wissenschaftli­
chen Stiftungen hervorragend beteiligt ist, so zeigt das Gesamt­
system, sozusagen ein Halbfürsorgestaat, eine Praktikabilität,
die wahrscheinlich durch keinen Ganzfürsorgestaat sich über­
bieten läßt.
Der Nur-Marxist mag das Ganze als Beweis für die Abhängig­
keit moralischer Haltungen von ökonomischen Strukturen
nehmen. Der Nur-Demokrat liberalistischer Schule mag sagen,
daß zwar ein Hitler die Wirtschaftsausgeschalteten und Wirt­
schaftsunfähigen abschlachten kann, daß dies jedoch keines­
wegs auch Wirtschaftsgewinn bedeute, ja daß diese spezifische
Gattung unproduktiver Konsumenten einen nicht minderen
Produktionsanreiz als die Luxusbedürfnisse der leisure dass
bilde, und daß gerade darum ein so reiches Land wie Amerika
- von einem armen ist es nicht zu verlangen, weil keine Wirt­
schaft mehr herzugeben vermag als sie produziert - auch ohne
Marxsche Nötigung und ohne Berufung auf die Erfordernisse
der Menschenwürde, also einfach aus Gründen der ökonomi­
schen und sozialen Prosperität, die nationale Sozialfürsorge,
gleichgültig ob aus privaten oder staatlichen Quellen gespeist,
auf einen möglichst hohen Stand bringen müsse; das war einer
der Gedankengänge des New Deal, und damit hat er, sicherlich
kein Anwalt des Fürsorgestaates, seine Erfolge erzielt.
Beide, der Marxist wie der Demokrat, haben in diesem Fall
recht: mit Moralprinzipien —und die Forderung nach Men­
schenwürde kann mit Stolz behaupten, daß sie ein Moralprinzip
168

Copyrighted material
ist-werden keine Wirtschaftsformen und [wird] demnach auch
kein Fürsorgestaat geschaffen. Es geschieht immer dasjenige,
was die technische oder, wenn man will, die technokratische
Notwendigkeit des Ökonomischen und Sozialen im letzten will.
Und auch das Moralische könnte nicht bestehen, wenn es nicht
Notwendigkeit wäre, zum Teil sogar eine im Marxschen Sinne
ökonomisch-soziale Notwendigkeit, dennoch mit einer absolu­
ten Komponente darüber hinausreichend: die Vertretung der
Menschenwürde ist heute eine praktische Notwendigkeit für
die Demokratie, damit sie weiterbestehen könne; doch der
Geltungsgrund, mit dem sie ihren Weiterbestand vertreten
kann, darf, muß, ist im Absoluten gelegen, wenn man will, im
irdisch Absoluten, dennoch im Absoluten und ebendarum mit
der Hoffnung auf Massenwirkung. Fragt man aber, wie sich
diese absolute Moralgeltung mit den technokratischen Sozial-
und Ökonomienotwendigkeiten verträgt, so wird sich wohl im­
mer erweisen, daß diese, so zwingend sie in ihrer Eigengesetz­
lichkeit sind, in moralischer oder in unmoralischer Weise sich
handhaben lassen: ob kapitalistisch oder sozialistisch gewirt-
schaftet werden muß, entzieht sich dem moralischen Befehl,
nicht jedoch die Art der Ausführung, die dem moralischen Be­
fehl unterliegt; ein fascistischer Kapitalismus ist ebenso unmo­
ralisch wie eine kommunistische Diktatur, und gegen beide hat
eine auf die Menschenwürde bedachte Demokratie, ob kapita­
listisch oder sozialistisch oder in Mischformen, die ungeheure
Chance der Moralität.

Man mag hieraus folgern, daß sich die Demokratie im Grunde


»wirtschaftsneutral« verhält: sie ist es; ihre einzige Forderung
an die Wirtschaft ist trotzdem schwerwiegend, nämlich daß der
Mensch niemals als Wirtschaftssache, kurzum als Sklave be­
handelt werden darf. Ja, mehr noch, in gewissem Sinn ist die
Demokratie auch politischen Formen gegenüber neutral; sie
kann die mannigfachsten Formen akzeptieren, Einkammer-
und Zweikammersysteme, Ständekammern mit und ohne Vi­
rilstimmen, Staatspräsidenten und Könige, und sie mag in der
Zukunft noch ganz andere Formabwandlungen akzeptieren,
aber sie wird ihnen auch immer die gleiche schwerwiegende
Forderung gegenüberstellen, nämlich daß keine von ihnen den
Menschen zum Staatssklaven reduzieren darf. Das ist der Reia-
169

Copyrighted material
tivismus der Demokratie, gepaart mit ihrem Absolutheitsan­
spruch.
Und eben aus diesem Absolutheitsanspruch mag die Demo­
kratie ihre künftige Propagandastärke ziehen, mehr noch, sie
mag ihr sogar auch den Relativismus dienstbar machen, durch
dessen bisherige Alleingeltung sie in eine propagandistische
Selbstlähmung geraten war und insbesondere nichts der Totali­
tärpropaganda entgegenzustellen hatte. Anders jedoch steht es
mit dem Absolutheitsanspruch der Nichtversklavung: denn
dieser gründet sich auf das »irdische Absolutum«, auf den Ter­
ror, auf das unablässige tierhafte Grauen, dem der Mensch
durch die Diktaturen ausgesetzt ist, und nicht zuletzt auf die
unvorstellbare Dehumanisation durch einen neuerlichen Krieg.
Gewiß, all das ist »Feind«, aber nur ein sehr abstrakter Feind,
kein so konkreter wie es »die« Juden, »die« Kapitalisten, »die«
Neger sind. Zudem ist der Terror, um den es da geht, ein un­
sichtbarer; er wird irgendwo im Ausland, in Rußland, in Spa­
nien, in China ausgeübt, und nicht nur, daß der Mensch Hor­
rorschilderungen liebt, weil er sich ja mit dem Quäler und nicht
mit dem Gequälten identifiziert (- bloß ausnahmsweise setzt
volle Identifikation ein, z. B. beim Intellektuellen, dem die von
den Sowjets ausgeübte Drosselung der wissenschaftlichen und
künstlerischen Produktionsfreiheit zur Kenntnis gebracht
wird -), es muß sich Inlandspropaganda auch gegen einen inlän­
dischen »Feind« richten, da sie sonst allzuleicht zur Kriegshetze
wird. Zudem darf Demokratie, besonders wenn sie eine »Bill
of Duties« hat, nicht selber gegen deren Artikel 5 verstoßen
und en bloc zu Haß gegen irgendeine Gruppe von Personen
auffordern. Dagegen darf sie, ja muß sie Abscheu vor der un­
moralischen Tat, also vor dem gerichtlich gebrandmarkten
Verbrechen erregen. Daß dies unbestimmt gefühlt wird, zeigen
die reichlich ungeschickten Hexenprozesse, die jetzt unter der
Flagge der »Unamerican Activities«16 veranstaltet werden und
dank ihrer Aufmachung und den Persönlichkeiten ihrer Veran­
stalter bisher so ziemlich das Gegenteil der von ihnen ange­
strebten Wirkung auf die Öffentlichkeit ausgeübt haben; es gibt
keine direkten Inkriminationen, vielmehr müssen sie auf Ne­
bengeleise wie Spionage umgeleitet werden, und jedermann
spürt, daß diese unbehaglichen Schauprozesse17 Fremdkörper
im demokratischen Aufbau sind. Strafprozesse, denen eine
170

Copyrighted material
präzise gesetzliche Basis fehlt, sind Selbstmordaktionen der
Demokratie und nützen bloß ihren Gegnern. Ebendiesem übel
aber kann die »Bill of Duties« abhelfen: abgesehen von ihrem
Artikel 1, in dem es um die demokratische Staatsform als solche
geht, sind auch die kleineren von ihr bezeichneten Vergehen
durchaus danach angetan, die dehumanisierende Wirkung, die
von jeder, auch der kleinsten Verletzung der Menschenwürde
ausgeht, sichtbar zu machen. Es gibt kein besseres Propaganda­
mittel als das ordentliche Gerichtsverfahren, und gerade in Ba­
gatellfällen ist es durchaus geeignet, den Mann von der Straße
über die Tragweite seiner moralischen Haltungen aufzuklären
- eine Verurteilung für die Schmähung »Nigger« ist da keines­
wegs weniger gewichtig als eine nach Artikel 1 der »Bill of Du­
ties« -, allerdings nur insolange als das Gericht nicht selber, wie
in den Diktaturen, zum Terrorinstrument herabgewürdigt wird.
Ein klagloses Funktionieren der Gerichte vorausgesetzt, ist der
gegen die Menschenwürde verstoßende Verbrecher der Public
Enemy No. 1, der »Feind« schlechthin der Demokratie.
Je intoleranter die Demokratie in jedem einzelnen Fall des
»Schutzes der Menschenwürde« auftritt, d. h. je totalitärer sie
die »Bill of Rights« verteidigt, desto toleranter, relativistischer
und liberaler kann, darf, muß sie sich gegenüber den von dieser
gewährleisteten Bürgerfreiheiten verhalten. Hier begründet
sich die moralische Haltung jener »Fairness«, die besonders als
Bestandteil der angelsächsischen Demokratie die Meinung des
Nebenmenschen unbedingt achtet, jene Haltung der schlichten
»Anständigkeit«, die als Pakttreue und Verläßlichkeit jedem
eingeht, und die doch nicht möglich wäre, wenn nicht alle Bür­
ger der Gemeinschaft im letzten einer gemeinsamen morali­
schen Grundhaltung absolut verpflichtet wären. Nur in dieser
Kombination von maximaler Gebundenheit in der Grundhal­
tung und maximaler Freiheit in allen sonstigen staatsbürgerli­
chen Belangen vermag der Mensch sich mit der Staatsinstitu­
tion abzufinden, und nur hiedurch vermag er in ihr und durch
sie die von ihm benötigte seelische Sicherheit zu finden: ist die
totalitarisierte Demokratie imstande, ihm das zu vermitteln, so
ist darin auch ihr stärkster Propagandawert gegeben.

Es geht um die Wiedergewinnung der seelischen Sicherheit, die


der Mensch in dieser wertzerrissenen Epoche verloren hat, und
171

Copyrighted material
um derentwillen er sich in das Unheil des Staatstotalitarismus
zu stürzen bereit ist. Und es geht ebendeswegen um Assimilie-
rung totalitärer Prinzipien durch das Humane, oder genauer,
um eine säkularisierte Wiederassimilierung, denn einstens war
ja das nämliche bereits durch das Christentum bis zu einem ge­
wissen Grade erreicht gewesen. Man dürfte daher auch mit
einigem Fug eine solcherart totalitarisierte Demokratie einen
humanisierten Totalitarismus nennen, ohne sich damit einer
Schmähung schuldig zu machen: im Gegenteil, eine wahrhaft
totale Humanitätshaltung ist das Höchste, was von einem irdi­
schen Gemeinwesen erwartet werden kann.
Unzweifelhaft liegt darin eine besondere Kraftprobe für die
Demokratie. Aber befindet sie sich nicht schon inmitten einer
solchen? Ist der innere und äußere Ansturm der Totalitarismen,
dem sie ausgesetzt ist, nicht schon in vollem Schwung? Daß in
einem solchen Halbkriegszustand sich auch schon eine Halb­
diktatur zu entwickeln beginnt, ist nur selbstverständlich, indes,
diese Halbdiktatur kann sich, bricht der Krieg tatsächlich aus,
ohneweiters in einen Vollfascismus verwandeln, wenn nicht
Vorkehrungen für einen wahrhaft demokratischen Totalitaris­
mus getroffen werden. Eingefleischte Altliberale werden darin
ein Vorauspaktieren mit dem Feind und seinem Ideengut se­
hen, ja sogar ein nutzloses Paktieren, weil eine Demokratie,
welche nicht die Kraft aufbrächte, in ihrer jetzigen Form zu sie­
gen, einen bereits so schwachen Humangehalt hätte, daß sie
auch der Kraftprobe der Totalitarisierung nicht mehr gewach­
sen wäre. Es ist etwa so, als ob man einen, der einen wohlbe­
waffneten Feind möglicherweise nicht mit den bloßen Händen
zu erwürgen vermag, nicht bewaffnen dürfte, weil ihm vielleicht
auch die Stärke zum Tragen der Rüstung fehlen könnte. Gerade
um diese Rüstung aber geht es im gegenwärtigen Augenblick,
umsomehr als es wahrscheinlich der letzte ist: nur um ein weni­
ges später, und es mag der Humanitätsgehalt wirklich so
schwach geworden sein, daß er die ihm so notwendige totalitäre
Bewaffnung nicht mehr auf sich nehmen könnte.
Der Mensch, von seinem doppelten Streben nach Freiheit und
Sicherheit beherrscht, steht zwischen zwei Anarchien, zwischen
der individuellen und der institutionellen, und wenn es ihm ge­
lingt - freilich zumeist nur für kurze Zeit -, die beiden in Ba­
lance zu halten, dann gibt es ein Stück ruhigen irdischen Glük-
172

Copyrighted material
kes für ihn: das ist das psychologische Grundgesetz allen
politischen Lebens. Die wunderbare und prekäre Kraft der De­
mokratie ist mit dieser ebenso wunderbaren und prekären Mit­
telstrecke identisch; es ist die Kraft der Mitte. Ist sie bloß eine
Funktion der beiden Extreme, die Funktion einer Durchzugs­
station? Für denjenigen, der lediglich relativistisch denkt, kann
sie bloß das sein, doch in Ansehung der Absolutheit, auf die sie
sich beziehen läßt, auch wenn es nur eine irdische Absolutheit
ist, nämlich die der absoluten Versklavung des Menschen zu ei­
nem Tier, besitzt die Mitte ihre Eigenkraft, und ihr Bestehen
vorausgesetzt - eine Voraussetzung, ohne die der Mensch kaum
zu leben imstande wäre, denn sie entspricht der Mitte seines ei­
genen Ich -, muß es, nein, wird es möglich sein, die Mittel­
strecke immer wieder zu verlängern, so daß die Ausschläge zu
den beiden unheilvollen Extremen hin sich zu immer kleineren
Oszillationen reduzieren. Man mag das Utopie nennen, aber da
sie sich auf offenbar invariante oder weitgehend invariante
Grundhaltungen der Menschennatur berufen kann, muß ihr ein
zumindest ebenso starker, wenn nicht stärkerer Realisations­
wert als der Marxschen Utopie zugemessen werden, umsomehr
als sich diese gleichfalls auf die psychologische Struktur des
Menschen, d. h. auf sein psychologisches Verhalten im be­
schränkten Feld der Ökonomie beruft; mehr noch, während die
klassenlose Gesellschaft ein Zukunftsbild ist, um derentwillen
der Menschheit im Augenblick die entsetzlichsten Opfer zuge­
mutet werden sollen, ja angeblich zugemutet werden dürfen,
verlangt das demokratische Ideal, obwohl im letzten gleichfalls
ein (von der klassenlosen Gesellschaft nicht einmal so weit ent­
ferntes) Zukunftsbild, daß unabhängig von dessen künftiger
Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit stets die unmittelbare
Wohlfahrt des Menschen vorangestellt werde: sosehr Ideale
angestrebt werden müssen, bei dem ihnen innewohnenden
vollkommen undurchsichtigen Unbekanntheitsfaktor rechtfer­
tigen sie nie und nimmer, daß ihrethalben der Menschheit die
entsetzlichsten Opfer auferlegt werden, und diese Grundregel
macht die demokratische Utopie realitätsnahe. Gegenüber der
Radikalität der beiden anarchischen Extreme vergißt die De­
mokratie - und das ist ihre Schwäche - nur allzuoft, daß sie
gleichfalls eine Radikalität zu vertreten hat, die Radikalität der
Mitte.
173

Copyrighted material
Achter Teil (Der Konflikt)

Soweit es den kapitalistisch-kommunistischen Gegensatz an­


geht, hat die Welt einen merkwürdig einheitlichen Aspekt: ob
unter kapitalistischer oder kommunistischer Herrschaft, der
Mensch ist Beute seiner Institutionen, und ob kapitalistisch
oder kommunistisch geleitet, die Wirtschaft gibt nicht mehr her
als sie hat, ja sie drängt gleichfalls ins Institutionelle und Auto­
nome, so daß selbst bei einer (übrigens noch immer fragwürdi­
gen) Verbesserung der Güterverteilung der Mensch ihr ver­
sklavt bleibt, und ob kapitalistisch oder kommunistisch gesinnt,
es sucht der Mensch beides ins Totale und Totalitäre zu stei­
gern, weil er sich einem Zentralwert unterordnen will, von dem
er sich seelische Sicherheit versprechen kann. Das ist eine
merkwürdige Parallelität, und man fragt sich, wo eigentlich der
angeblich unüberbrückbare Abgrund zwischen den beiden
Antagonisten sich auftut. Ist er nicht einfach eine jener Wahn­
vorstellungen, die aus den Schlagworten von Institutionen ent­
stehen? Oder genauer, reduziert sich der Gegensatz nicht tat­
sächlich auf das irrational-sinnlose Expansionsbedürfnis, das in
der mächtigsten aller Institutionen, in der des Staates, steckt?
Und so ist es auch: die Irrationalität des Rationalen, d. h. die
Irrationalität der rational gedachten Institutionen bildet die
hartnäckigste aller menschlichen Sinnlosigkeiten, denn sie setzt
der Vernunft rationale Gründe entgegen, - das ist die Tragik
des Völkerbundes, die Tragik der United Nations, die Tragik
jedweder Instanz, welche die Institutionen zügeln und »zur
Vernunft« bringen soll.
Der Stärkere braucht keine Vernunft. Oder richtiger, seine
Vernunft ist die der Ausnützung seiner augenblicklichen Vor­
teile. Das ist die gegenwärtige Situation Rußlands. Der russi­
sche Block ist festgefügt und bildet eine kompakte Masse; der
westliche ist ein zerstreutes Länderkonglomerat mit sehr losen
innern Bindungen, die durch die Unabhängigkeitsbewegungen
in den ehemaligen Kolonien eher noch loser als fester werden.
Und die ökonomisch-ideologische Struktur des russischen
Blocks besitzt ungeachtet aller Ähnlichkeiten mit dem Totali­
tarismus der westlichen Fascismen die Anziehungskraft des
Revolutionären, so daß allenthalben teils offen, teils versteckt
rußlandfreundliche kommunistische Parteien in schier unauf-
174

Copyrighted material
haltsamem Wachstum begriffen sind, während der Westen, ge­
rade hiedurch ideologisch zerklüftet, gerade hiedurch zum Fa-
scismus getrieben, ohne jedoch - zumindest in den altdemokra­
tischen Ländern - ihn voll akzeptieren zu können, ein
ideologisches Trümmerfeld bleibt. Kein Wunder, daß der We­
sten, eben als der Schwächere, nach der Vernunft ruft, daß er
die Durchsetzung solcher Vernunft von den United Nations er­
hofft, freilich dabei selber immer von den eigenen Staatstradi­
tionen (nicht zuletzt in den Kolonialproblemen) auf den Weg
irrationaler Unvernunft gebracht wird.

Je mehr Länder zum Sowjetblock übergehen, desto besser wer­


den seine Siegesaussichten, desto mehr wird Rußland zur Ge­
waltanwendung in der Erreichung seiner eurasischen und afri­
kanischen Ziele gedrängt, und desto näher rückt für die
Westmächte, vor allem also für Amerika, die Notwendigkeit ei­
nes Präventivkrieges, in dem der noch bestehende Bewaffnungs­
vorsprung sich ausnützen läßt. In der Bewaffnungs- und Mate­
rialübermacht liegt die einzige Stärke, die der Westen heute
noch besitzt, und es mag sein, daß mit ihr Rußland schließlich
niederzuwerfen sein wird. Doch selbst wenn dieser Sieg, wie
anzunehmen ist, vor allem auf den östlichen Schlachtfeldern er­
rungen werden mag, er bedeutet, soferne Frankreich und Ita­
lien überhaupt kämpfen, die schutzlose Preisgabe der europä­
ischen Kultur- und Industriezentren, und er bedeutet jedenfalls
die Zerstörung Englands. Dahingegen würde er keineswegs die
Zerstörung Rußlands bedeuten: man kann nicht damit rechnen,
daß die Wirkung der Atombombe, auch wenn sie alle russischen
Großstädte vernichtete, einen Aufstand gegen die Sowjets her-
vorrufen würde, im Gegenteil, es würden diese dann erst recht
zur nationalen Regierung werden, und Amerika müßte seine
Kräfte bis zum Äußersten anstrengen, um den nationalen Wi­
derstand in dem ungeheuren Gebiet endgültig zu brechen. Das
Resultat wäre die Verelendung Amerikas, die Verelendung der
Gesamtwelt in einem Ausmaß, demgegenüber das jetzige
Elend geradezu als Reichtum würde gelten müssen, und in einer
solchen Gesamtverelendung gibt es nur mehr eine einzige
Wirtschaftsform: die des Weltkommunismus, in dem auch das
geschlagene Rußland ein gewichtiges Wort mitzureden hätte.
Der Welttotalitarismus wäre unabwendbar, und zwar in einer
175

Copyrighted material
Welt, die ihre besten materiellen und kulturellen Güter verlo­
ren hätte.
Der Marshall-Plan18, von den Russen (wider besseres Wissen)
als Kriegshetze ausposaunt, versucht - in zwölfter Stunde - sol­
ches Unheil abzuwehren. Er versucht ein Kräftegleichgewicht
zwischen den beiden Weltblöcken herzustellen, auf daß auf
Grund solchen Gleichgewichts wirklich die Vernunft zu Worte
gelangen kann; würde das gelingen, so würde sich herausstei­
len, daß die beiden Blöcke friedlich nebeneinander zu bestehen
vermögen, ja daß der angeblich zwischen ihnen befindliche Ab­
grund verschwunden sein und statt dessen ein Zusammenarbei­
ten Platz greifen wird, ohne das es keine echte und dauernde
Weltprosperität gibt. Um zu solchem Gleichgewicht zu gelan­
gen, heißt es die strategischen Positionen in Süd- und Klein­
asien zu erobern oder wiederzuerobern, heißt es den Kampf­
willen Westeuropas zu stärken, heißt es Westeuropa zu
bewaffnen und seine fifth-column-Parteien auszuschalten,
heißt es - durch das ERP19 - daselbst eine befriedigende
ökonomische Lage zu schaffen. Kurzum, es geht um die militä­
rische, ökonomische und ideologische Konsolidierung des
Westblocks. Und das ist eine gigantische Aufgabe.

Die Grundstruktur des Blocks ist einerseits durch das schon seit
langem nicht mehr einheitlich organisierte, ehemalig britische
Commonwealth gegeben, zu dem die asiatischen Kolonien
Hollands in engerer, die französischen in loser Beziehung ste­
hen, andererseits durch den noch lange nicht zu einer einheitli­
chen Organisation gelangten panamerikanischen Bund, zu dem
nunmehr auch die pazifischen Inseln sowie die Kette von Japan
zu den Philippinen gehören.
Doch zwischen diesen beiden Hauptkonglomeraten befinden
sich die drei Gruppen der Mittelmeerländer, also Westeuropa
mit seinen nordafrikanischen Annexen, weiters die beiden ägä-
ischen Uferstaaten Griechenland und Türkei, und schließlich
das von Nordafrika bis Kleinasien reichende Gebiet der Arabi­
schen Liga mitsamt seiner israelischen Enklave, sie alle in mili­
tärisch-politisch wichtiger Situation, während bei den angren­
zenden mittelasiatischen Staaten zu solch strategischer
Wichtigkeit auch noch die der vorderhand noch kriegsunent­
behrlichen Ölproduktion hinzutritt. Dieser lockere Ländergür­
176

Copyrighted material
tel soll zu einigermaßen straffem Band verwoben werden, und
wenn auch, was südlich von ihm liegt, bis auf weiteres quantite
negligeable bleiben darf, so liegen dafür die skandinavischen
Länder in der unmittelbaren Gefahrenzone und müssen in die
Gesamtkombination einbezogen werden.
Die nordatlantischen Länder sind mehr oder minder parteide­
mokratisch (mit geringen kommunistischen Parlamentsminori­
täten), die südatlantischen sind (mit Ausnahme Mexikos) mehr
oder minder fascistisch (wozu sich jetzt auch Südafrika gesellt
hat), und in Frankreich wie in Italien kann sich die demokra­
tische Mitte gerade zur Not zwischen den beiden totalitären
Extremen halten. Griechenland wird gegen eine starke kom­
munistische Volksbewegung diktatorisch regiert, und die Tür­
kei ist ein zwar parlamentarischer, dennoch fascismusnaher
Autoritärstaat. Den arabischen Ländern fehlen eigentlich poli­
tische Volksbewegungen, doch ist ein von religiösen Motiven
durchsetzter Nationalismus sicherlich im Werden, ein Nationa­
lismus, der in Industrie- und Schiffahrtszentren wie etwa Alex­
andria unzweifelhaft kommunistische Färbung annehmen
kann, und Israel schwankt aus begreiflichen Opportunitäts­
gründen zwischen einer prorussischen und prowestlichen Ein­
stellung. Im Kolonialosten dagegen ist - mit Ausnahme Indiens
- der Nationalismus dank der Ausbeutung durch den europä­
ischen Plantagismus schlechterdings mit kommunistisch-russo-
philer Gesinnung identisch geworden.
Die wirtschaftliche Gruppierung deckt sich keineswegs mit
der politischen. Uneingeschränkter Kapitalismus herrscht nur
mehr, so sonderbar die Zusammenstellung ist, in Nordamerika,
den Niederlanden und in den fascistischen Staaten, während
ansonsten die Demokratie von Skandinavien bis Neuseeland
sich seit langem mit Stetigkeit auf gemäßigt sozialistischen
Bahnen bewegt, zwar in Frankreich und Italien immer wieder
recht schwankend, dagegen nun in England mit festen Zielen.
Ein Unikum im westlichen Sozialismus jedoch ist die israelische
Wirtschaft, da sie unter ausgesprochen kapitalistischer Patro­
nanz von allem Anfang an vorwiegend kollektivistisch - Kom­
munismus nicht als Selbstzweck, sondern als Dienst zur Ver­
wirklichung einer höheren moralischen Idee - betrieben
worden ist, ein Unikum für den Westen, ein Fremdkörper für
die arabische Welt. Daß diese sowie die ganze südasiatische
177

Copyrighted material
Autochthonie kaum als Kapitalismus bezeichnet werden darf,
versteht sich von selbst; sie enthält kapitalistische Inseln, ist
aber um diese herum einfach Privatwirtschaft, für die es, so we­
nig wie für den südsibirischen Nomadismus, auch bei Adoptie­
rung des politischen Kommunismus, noch lange keine Ände­
rung geben wird.
Welch einigendes Band kann um derart disparate Teile ge­
schlungen werden? Wo sind die Punkte, an denen die West­
mächte ansetzen können, um solche Aufgabe zu bewältigen?

Es ist ein Witz der Geschichte, daß Rußland, der Totalitärstaat


par excellence, einen revolutionären Nimbus besitzt, der es ihm
gestattet, sich allenthalben an das Freiheitsstreben oder zumin­
dest an die nationalen Freiheitsgefühle des Individuums zu
wenden, also echte Volksbewegungen zu inaugurieren, und daß
dagegen die nach wie vor der Freiheit verpflichteten, nach wie
vor antiinstitutionellen Westmächte sich nirgends ans Volk
wenden können, sondern die bestehenden Institutionen, die
Staaten, die Regierungen zu Bundesgenossen wählen müssen.
Für die politische und diplomatische Technik scheint dies al­
lerdings ein Vorteil zu sein. Denn Völker als solche sind keine
verläßlichen Vertragspartner; Institutionen, Regierungen und
andere Machthaber sind da weitaus verläßlicher, und sie sind
es umsomehr, je volksunabhängig-diktatorischer sie sind, vor­
ausgesetzt, daß man sie dabei, unter tunlichster Stärkung ihrer
Macht, in Abhängigkeit zu halten vermag. Das war, soweit nicht
einfach mit kriegerischen Raubzügen kolonisiert worden ist,
seit jeher das Kolonisationsprinzip schlechthin, wurde von den
englischen, französischen, holländischen Regierungen, unbe­
schadet ihres sonstigen Liberalismus, seit jeher angewandt, und
wahrscheinlich gibt es kein anderes. Und heute, da der Kolo­
nialismus am Ende ist, bietet sich groteskerweise offenbar erst
recht kein anderer Weg. Von hier aus ist zu erklären, daß die
Westdemokratien außenpolitisch eine so auffallende Vorliebe
für Diktaturen, deren Willigkeit sie sich versichern können, an
den Tag legen; der gesamte Westblock soll, ließe sich fast sagen,
im Zeichen des Kolonialprinzipes zusammengeschweißt wer­
den. Von Spanien bis zur indischen Grenze, über Nordafrika
und ganz Vorderasien zieht sich eine fast ununterbrochene
Kette von Voll-, Halb- und Vierteldiktaturen (abgesehen von
178

Copyrighted material
den Kaumregierungen der Nomadenstämme und ihren
Scheichs), und zu dieser Gruppe, die durch Zugeständnisse,
Drohung, gegenseitiges Ausspielen und Bestechung schlecht
und recht zusammengehalten wird, wurde im Nordmittelmeer
—mit Italien ist es nicht vollständig geglückt - auch noch Grie­
chenland zugesellt. Und gerade Griechenland zeigt, wie die
Kolonialmethode, auch wenn sie nun keine Kolonisationsziele
mehr verfolgt, ja sie nicht einmal mehr verfolgen will, sondern
nur mehr die Schaffung einer politischen Einheitsfront an­
strebt, letztlich zur Gewalt greifen muß; sie wird überall unver­
meidbar sein, wo ein strategischer Punkt - Berlin ist kein sol­
cher - unmittelbar gefährdet ist, im Augenblick also vor allem
in Südasien.
Teils infolge seiner immer noch bestehenden Führerschaft im
Commonwealth, teils infolge der hundertfünfzigjährigen, von
einem Schatz sachlicher, technischer und politisch-psychologi­
scher Erfahrungen getragenen Tradition seines Colonial Office
hat England trotz dahinschwindender Macht und trotz gefähr­
deter Lage die ihm gebührende Siegerstellung neben Amerika
beim Aufbau des Westblocks zu behaupten und zu sichern ge­
wußt. Die andern Siegerländer, oder genauer die befreiten Na­
tionen Frankreich, Belgien und Holland, haben so viel Eigen­
wünsche und Eigenempfindlichkeit, nicht zuletzt kolonialer
Natur, daß sie in mannigfacher Beziehung Belastungen bei der
Blockbildung sind, und so wünschenswert es ihrerhalb auch
wäre, Frankreichs finanzielle und innerpolitische Schwierigkei­
ten durch eine starke und zudem antisowjetische Regierung
stabilisieren zu lassen, es ist den antiangelsächsischen Zügen im
Gaullismus nicht ohneweiters zu trauen. Andererseits freilich
können diese kontinentaleuropäischen Nationalismen zur
wahrscheinlich notwendig werdenden gewaltsamen Wiederge­
winnung der strategischen Position in Südasien vorangeschickt
werden; England hat mit der Indien-Befreiung dem Common­
wealth einen Prestigegewinn bei den asiatischen Völkern ver­
schafft, kann sogar hoffen, daß ihnen Delhi zu einem Common­
wealth-Zentrum werden mag, hat aber dafür in Südafrika einen
vielleicht nur vorübergehenden, keinesfalls jedoch unbedeu­
tenden Prestigeverlust in Kauf genommen, kann also nicht den
Gewinn, dem ja auch die antiisraelischen Manöver dienen sol­
len, durch einen Kolonialkrieg wieder aufs Spiel setzen, son-
179

Copyrighted material
dem wird ihn den Franzosen in Indochina, den Holländern in
Indonesien umso lieber überlassen, als eine künftige von Delhi
ausgehende definitive Regelung eine noch weitere Prestige­
stärkung bedeuten würde. Und obwohl Amerika genau weiß,
daß Frankreich und Holland, die es gegen einen russischen Ein­
fall aufzurüsten hat, hier vielleicht überhaupt nicht zu kämpfen
gewillt sein mögen, fürs erste jedoch die neue militärische
Stärke benützen werden, um sich in den Kolonialfragen nicht
ausschalten zu lassen, wird es die Waffenlieferungen an sie nicht
einstellen, sondern die mit deren Hilfe installierten kolonialen
(und überdies den alten Plantagenkapitalismus aufs neue festi­
genden) Scheindemokratien ohneweiters anerkennen.
In der gegenwärtigen, im Grunde völlig vertragslosen und
bloß auf gegenseitiger Kriegsfurcht beruhenden Weltkonstel­
lation, die man schlechterdings als das Musterbeispiel von In­
stitutionsanarchie bezeichnen kann, muß jede Partei auf die ra­
scheste Herstellung von faits accomplis bedacht sein: das ist die
Tugend, welche die Westmächte aus ihrer Not machen. Und
Rußland, aus seiner Tugend eine Not machend, ist das Analo­
gon hiezu; d. h. es wendet sich zwar an die institutionsfeindli­
chen Instinkte des Individuums und der Massen, um damit die
Anarchie der Revolution und womöglich der Weltrevolution zu
entfesseln, doch auch hier liegt das eigentliche Ziel in der Ein­
setzung von neuen Institutionen, die das Individuum knebeln
und sogar nach bolschewikischer Manier knebeln, da eine von
den Sowjets eingesetzte Scheinregierung noch viel weniger Be­
wegungsfreiheit besitzt als eine von den Westmächten patroni-
sierte. Kurzum, auch Rußland befleißigt sich letztlich der Kolo­
nialmethode, zu der die Westmächte von vorneherein
gezwungen sind. Trotzdem ist es nicht das gleiche. Vom revolu­
tionären Nimbus läßt sich nämlich lange zehren, und eine ru­
mänische oder bulgarische Regierung darf sich ohneweiters
diktatoriale Maßnahmen leisten, die der griechischen als
schwere Volksbedrückung angerechnet werden und ebenhie-
durch schließlich der amerikanischen Politik zur Last fallen.

Gewiß, all das widerspricht den demokratischen Prinzipien.


Aber wo militärisch-strategische Erwägungen notwendig wer­
den, da endet das Demokratische, denn da waltet nur noch die
militärische Vernunft, umsomehr als ja der Mensch nur sehr
180

Copyrighted material
selten von »der« Vernunft, vielmehr zumeist nur von Partial-
vernunften, der militärischen, der kommerziellen usw., geleitet
wird.
In Wahrheit freilich gibt es keine derart allgemeine Vernunft.
Ob eine militärische oder kommerzielle Maßnahme als not­
wendig zu erachten ist, läßt sich im Rahmen der militärischen
oder kommerziellen Vernunft immerhin mit einiger Verläß­
lichkeit entscheiden, doch wollte man ganz allgemein behaup­
ten, daß der Westblock einen viel gediegeneren Zusammenhalt
haben würde, wenn allüberall die Völker nach freiem Ermessen
ihre Regierungsform bestimmten, so befindet man sich im Be­
reich vager und daher unpolitischer Hypothesen oder purer
Glaubensmeinungen. Was für ein befreites Indien vielleicht,
freilich nur vielleicht, zutreffen wird, nämlich seine Entwick­
lung zu einer Stütze des Commonwealth, das trifft sicherlich
nicht auf Griechenland zu, dessen Entwicklung von seinem hel­
denhaften, jedoch kommunistisch gefärbten antideutschen Wi­
derstand eine bestimmte Initialrichtung erhalten hat und daher
auch heute noch - nicht viel anders sieht es ja mit der französi­
schen Widerstandsbewegung aus - zum Anschluß an den So­
wjetblock drängt, und daß sich heute das spanische Volk mit
wenig Dankbarkeit an das amerikanischen Waffenembargo20,
hingegen mit Dank der russischen Hilfe erinnert, darf als gesi­
chert gelten, während in Österreich, wollte man hier den Din­
gen ihren wirklich »freien« Lauf lassen, sich die Überraschung
einer neuen hitleroiden Regierungsform ergeben könnte. Ge­
wiß sind es Sünden der Demokratie, die sich solcherart rächen,
die ehemaligen sowohl wie die gegenwärtigen, und zu diesen
Sünden gehört u. a. der Mangel eines dem kommunistischen
ebenbürtigen ideologischen Systems, von dem der angelsächsi­
sche Geist im Grunde nichts wissen will und das trotzdem ge­
rade für die diversen Widerstandsbewegungen so überaus
wichtig gewesen wäre; der mystische Glaube der Demokratie
an ihre universelle Heilkraft ist, obwohl er sich auf Kant21 beru­
fen kann, schlechterdings politischer Leichtsinn, ein unpsycho­
logisches Vertrauen zur allgemeinen Vernunft, dessen sich u. a.
auch Wilson im höchsten Maße schuldig gemacht hat, und bes­
ser noch als die Fortsetzung dieser vagen Liberalismus-Mystik,
die ohne Änderung neue Sünden auf die alten häufen würde,
scheint der strategische Machiavellismus zu sein, der sich mit
181

Copyrighted material
den Fascismen wie mit den ebenso verabscheuungswürdigen
Scheindemokratien abfindet, weil sonst, sozusagen zur reumü­
tigen Abbüßung der alten Fehler, einfach vor der Brutalität der
allerdings folgerichtigeren und infolgedessen weniger fehlerbe­
hafteten Sowjetpolitik die Segel gestrichen werden müßten.
Ein anderer Einwand der allgemeinen Vernunft ist der
ökonomische, und weil er eben allgemein ist, hat er wenig
Ökonomisches an sich. Von hier aus wird behauptet, daß allein
eine unbefriedigende Wirtschaftslage die Völker in die Arme
des Kommunismus treibe und daher der Zusammenhalt des
Westblocks ausschließlich von Amerikas wirtschaftlicher Bei­
hilfe und deren Verteilung abhänge. Richtig daran ist, daß
Mangel an lebenswichtigen Gütern eine sozialistische Vertei­
lung erfordert, und daß jede kraß ungerechte Güterverteilung
revolutionäre Tendenzen auslöst. In einigen Rohmaterialien,
so in Kohle und Eisen und manchen anderen Metallen, ist die
westeuropäische Wirtschaft (einschließlich Westdeutschlands)
selbstgenügsam, Faserstoffe müssen für alle Länder eingeführt
werden, Nahrungsmittel für alle mit Ausnahme Frankreichs,
Nordamerikas Bedarf an europäischen Industriegütern ist be­
reits heute auf wenige Spezialartikel beschränkt und nimmt im­
mer weiter ab, und sein eigener Industrieexport wird daher
nach Wiederankurbelung der europäischen Wirtschaft und de­
ren Exporttätigkeit sich mit dieser auf den vorderhand noch
unterindustrialisierten Märkten wie dem südamerikanischen zu
messen haben, und selbst wenn auf diesem Umweg die jetzt in
den Marshall-Plan investierten Dollars zurückkehren sollten,
wird dieser Plan, wenn nicht gänzlich neue Prosperitätsmo­
mente innerhalb des Westblocks hinzutreten, die inflatorische,
aus Steuergeldern zu bestreitende Aktion bleiben, zu der die
Vereinigten Staaten heute unter politischem Druck, fast
möchte man sagen unter politischer Erpressung, gezwungen
sind. Daß dieser Druck an einem politischen Gefährdungs­
punkt wie Frankreich, wo jedes Absacken der Wirtschaft ein
Erstarken der Extremparteien links und rechts bedeutet - doch
schließlich mußten auch die italienischen Wahlen »erkauft«
werden -, am nachhaltigsten ist, versteht sich von selbst, und
unter diesen Umständen muß dem Gläubigerland die Auf­
rechterhaltung einer kolonialen Einnahmequelle wie Indochina
- und ähnliches gilt für Holland - wichtiger sein als die poli­
182

Copyrighted material
tische und soziale Wohlfahrt der dortigen Eingeborenen, um­
somehr als die strategische Besetzung des Territoriums jeden­
falls notwendig ist. Sicherlich ist das ein kapitalistisches
Ausbeutungsmanöver, und zwar eines auf kurze Sicht, da ja
auch hier mit dem Dahinschwinden des »Wirtschaftsgefälles«
zwischen Mutterland und Kolonie desgleichen deren Rentabi­
lität versiegen wird, genauso wie das in Indien geschehen ist, das
die endlich erreichte Unabhängigkeit z. T. seinem Rentabili­
tätsschwund verdankt; indes, wie immer sich die Dinge einstens
gestalten werden, der heutige Zustand kann bloß als Proviso­
rium gelten, als ein Provisorium äußerster Anspannung, und
unter solcher Anspannung ist Amerika unzweifelhaft berech­
tigt, jede Gelegenheit zur Verkleinerung seiner ohnehin maßlos
gewordenen Belastung zu ergreifen. Es mag sein, daß der
Wunsch nach amerikanischen Zivilisationsgütern, der z. B. ge­
rade bei den asiatischen Völkern durch den Krieg erweckt wor­
den ist, später einmal einen Faktor zur Einleitung einer neuen
Weltprosperität bilden wird, doch fürs erste kann er nicht be­
friedigt werden, selbst auf die Gefahr hin, die hiedurch geför­
derten Rußland-Sympathien vermittels Gewaltanwendung, die
sich immerhin billiger stellt, unterdrücken zu müssen. Gott ist
zwar allmächtig, aber wenn er wem Geld geben soll, muß er -
und gar wenn er unter politischer Erpressung steht - es wem
andern wegnehmen.

Nichtsdestoweniger und ungeachtet des so überaus undemo­


kratischen Mittels einer offenbar unvermeidlichen Gewaltan­
wendung: gerade weil die finanzielle Hilfe, die Amerika den
Völkern zu geben vermag, von politischen Motiven diktiert ist,
muß mit ihr, trotz ihrem provisorischen Charakter und ihren
wirtschaftlichen Limitationen, der Versuch zur Festigung des
Westblocks unternommen werden. Daß mit der Grundtendenz
des Antikommunismus allein nicht das Auslangen zu finden ist,
hat das folgenschwere und schmerzliche chinesische22 Experi­
ment gezeigt; hier wurden Milliarden Dollars verwendet, um
eine Regierung zu alimentieren, die ihren Antikommunismus
vor allem in ihrem korrupten Privatkapitalismus dartat, so daß
im Volk jede Widerstandskraft gegen den Kommunismus, mit
dem es nur besser, keinesfalls schlechter werden konnte, zum
Erlöschen gebracht wurde, und es ist fraglich, ob es um die Ver­
183

Copyrighted material
hältnisse in Griechenland23 wesentlich anders bestellt ist. Es ist
von keinem und am allerwenigsten vom politischen Gesichts­
punkt aus zu begreifen, daß eine von einem angeblich ehrlich
demokratischen Staat finanziell abhängige oder gar von ihm
eingesetzte Regierung keine reinen Hände haben und ein In­
strument der Volksbedrückung und -ausbeutung sein soll:
wollte man dagegen auf die Unverantwortlichkeit patronisier-
ter Regierungen verweisen, so heißt das nur, daß die Verant­
wortlichkeit auf den Patronanzstaat zurückfällt; er übernimmt
ja auch diese tatsächlich, wenn er Militärregierungen einsetzt,
wobei nicht wenige von diesen die Gerechtigkeit geachtet und
die Menschenrechte in dem ihnen anvertrauten Staatsgebiet
gewahrt haben.
Und wiederum stehen hiebei die Menschenrechte im Vorder­
grund. Und wiederum muß daher auf die Struktur der totalitä­
ren Demokratie zurückgegangen werden, umsomehr, als sie
zwar in der Frage der Menschenwürde und des Schutzes ihrer
normativen Richtlinien zu äußerster Unnachgiebigkeit ver­
pflichtet ist, sich aber eben in allen andern Fragen, so in denen
der Staatsform, der Volksrepräsentanz, des Wahlrechtes usw.,
äußerste Toleranz leisten darf. Gewiß ist die totalitäre Demo­
kratie kein alle Leiden heilendes Wunderelixier. Bei Chinas
augenscheinlich vollkommen verrotteter Verwaltung z. B. hätte
man mit Menschenrechten allein nichts auszurichten vermocht,
ehe nicht - an Mahnungen von berufener Seite hat es nicht ge­
fehlt - eine Reorganisation an Haupt und Gliedern vorgenom­
men worden wäre; m. a. W., es hätte Amerika ohne Rücksicht
auf den erwartbaren (nach griechischem Muster von Kommu­
nisten genährten) nationalen Widerstand, dem jedes, auch das
gutwilligste Eingreifen einer fremden Macht ausgesetzt ist, die
Einsetzung einer auf die Menschenrechte basierten, völlig
neuen Regierung erzwingen müssen. Umgekehrt: wo derartiges
bereits geschehen ist, wie eben in Griechenland, oder gesche­
hen wird, wie in Indochina oder Indonesien, da kann nur dann
auf eine Wiedergewinnung der Bevölkerung (und nebenbei auf
Indiens Mithilfe hiezu) gehofft werden, wenn man diese Regie­
rung unbedingt unter die normativen Richtlinien der Humani­
tät, unter die der »Bill of Rights« und zu deren Schutz unter die
der »Bill of Duties« stellt. Und den gleichen Preis hätte die
Franco-Regierung für die von ihr angestrebte Aufnahme in die
184

Copyrighted material
United Nations24 und den Einschluß in das European Recovery
Program zu zahlen25. Freilich ist das für ein rein fascistisches
Regime nach Art des spanischen ein hoher Preis; er bedeutet
das Wiederinkrafttreten der bürgerlichen Freiheiten und das
der Unantastbarkeit der Person, und er ist trotzdem ein zahlba­
rer Preis, da die »Bill of Duties« die Handhabe zur Bekämpfung
der kommunistischen fifth columns bietet, deren gutes morali­
sches Recht zu radikalstem Anti-Francoismus leider außer
Frage steht, und die doch nicht nur für Spanien, sondern auch
für den ganzen Westblock im Augenblick schwerste Gefahr
sind.
All das läuft an der Utopiegrenze, allerdings ohne sie zu über­
schreiten; es bleibt im Gebiet des politisch Möglichen. Als
Noch-Möglichkeit ist es das Maximum dessen, was die demo­
kratische Vormacht Amerika dem demokratischen Gewissen
seiner Bürger und sohin auch den im Westblock zu vereinigen­
den Völkern bieten kann, aber es ist das Minimum dessen, was
die Völker von einem sich demokratisch nennenden Staatswe­
sen zu fordern haben. Und da es ein Minimum ist, so wäre es,
selbst wenn es zu verwirklichen wäre, nur ein sehr dünnes Band
zur Zusammenhaltung des Westblocks, ein umso dünneres, als
z. B. den Beduinenstämmen nicht eigens Menschenrechte, die
sie sich in jedem beliebigen Ausmaß nehmen, zugestanden
werden müssen. Trotzdem: besser ein dünnes Band als gar kei­
nes.
Und trotzdem: in dieses dünne Band ist der Ansatz zu einer
Ideologie einverwoben, die allein der marxistischen die Spitze
bieten kann, die Ideologie unbedingter Humanität.

Amerika als Weltfinancier ist, weil es sich um politisches Darle­


hen handelt, zu politischen, nicht jedoch zu wirtschaftlichen
Forderungen an seine Schuldner berechtigt. Das ist eine Um­
kehrung aller früheren Anschauungen, nicht zuletzt der ameri­
kanischen, die dem Gläubiger bloß die Erstellung wirtschaftli­
cher Bedingungen gestattet: eine Begriffsverwirrung, die an
dem Debacle der nach China gegangenen Anleihen mit schuld­
tragend war und jetzt zu dem noch lächerlicheren Verlangen
geführt hat, die Schuldner mögen sich uneingeschränkt zum
Kapitalismus bekennen. Gewiß wird im allgemeinen der Finan­
cier sein Geld bloß an solvente Debitoren mit geordneter Wirt-
185

Copyrighted material
Schaft verleihen, also kaum an eine Wirtschaft, welche wie die
chinesische zum Großteil auf Defraudationen beruhte, doch
wie diese Ordnung beschaffen ist, ob kapitalistisch, ob staats­
kapitalistisch oder sonstwie kollektivistisch, kann und darf ihm
gleichgültig sein, finanziell gleichgültig, weil der Schuldner bloß
eine juristische Person für ihn darstellt, politisch gleichgültig,
weil gerade die Demokratie prinzipiell »wirtschaftsneutral« ist
und überdies wissen sollte, daß bei Güterknappheit eine geord­
nete Wirtschaft sich ohne gewisse Kollektivplanungen einfach
nicht erzielen läßt. Wollte man heute England wegen der ame­
rikanischen Anleihen zur Rückgängigmachung seiner Soziali­
sierung zwingen, so würde das nicht nur eine Gefährdung der
Anleihen bedeuten, sondern darüber hinaus einen politischen
Eingriff in die Souveränitätsrechte, der in seiner Sinnlosigkeit
jedwedes Gläubigerrecht weitaus überschritte.
Anders steht es mit den Menschenrechten. Vor ihrer Absolut­
heit hätte - bisher allerdings bloß theoretisch und prinzipiell -
jegliche Souveränität dahinzuschwinden. Würde heute das
Gläubigerrecht aus Zweckmäßigkeitsgründen (die allein in der
Politik Geltung haben) den Menschenrechten zu Hilfe kom­
men, d. h. sie zur Zusammenschweißung des Westblocks be­
nützen, so würden sie wahrscheinlich zum ersten Mal praktisch
zu dem ihnen gebührenden überstaatlichen Platz gelangen. Daß
hiefür Amerika, vorerst einmal Amerika selber, die »Bill of
Duties« adoptieren müßte, daß dem die andern dem Westblock
angehörenden unabhängigen Staaten zu folgen hätten (nicht
zuletzt Frankreich und Holland, denen es obläge, ihre Kolo­
nialstaaten in gleichem Sinn einzurichten), das versteht sich von
selbst und ebenso, daß die der »Bill of Duties« gewidmeten ge­
setzlichen Bestimmungen in den einzelnen Ländern weitge­
hend gleichlautend zu sein hätten. Denn der überstaatliche
Charakter des Schutzes der Menschenwürde wäre von vorn­
herein verloren, wenn das Gerichtsverfahren, dem solcher
Schutz obliegt, nicht einen Instanzenzug hätte, der letztlich zu
einer überstaatlichen obersten Instanz führte.
M. a. W., neben die »International Bill of Rights«26, die von
den United Nations angenommen worden ist, würde für die
Staaten des Westblocks eine »International Bill of Duties« tre­
ten, die nicht nur wie jene die Regierungen verpflichtet, und
zwar unverbindlich verpflichtet, da ja bei Verstößen gegen die
186

Copyrighted material
Menschenrechte nicht einmal diese Regierungen (es sei denn
nach vorhergegangenem, sieghaft beendetem Krieg) verant­
wortlich gemacht werden können, sondern ein gemeines Ver­
brechen statuiert, das ebensowohl vom privaten Bürger wie
vom Regierungsmitglied begangen werden kann, und für das
der eine wie der andere vor Gericht zu stellen ist. Und da in ei­
nem Staat, dessen Bürger oder gar Regierungsmitglieder eine
Bewegung gegen die Menschenrechte, sei es mit kleinen, sei es
mit gewichtigen Taten zu inaugurieren beabsichtigen, auch zu­
meist die Gerichte nicht unaffiziert bleiben und daher korrupt
werden, tut es not, Prozesse dieser Art über die Staatshoheiten
hinaus bis zu dem hiefür zu installierenden »Internationalen
Gerichtshof« verfolgen zu können oder sogar - unter Anrufung
der ihm hiezu anzugliedernden »Internationalen Staatsanwalt­
schaft« - unmittelbar bei ihm anhängig zu machen. Und zur
Komplettierung der Kontrolle wären wohl Internationale
Staatsanwälte zu den höheren Gerichten der einzelnen Staaten
zu delegieren, besonders dorthin, wo zu befürchten wäre, daß
eine mehr oder minder primitive Bevölkerung durch die Ge­
richtsbehörden eingeschüchtert werden könnte.
Das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« umfaßt einen
verhältnismäßig kleinen Teil des öffentlichen Lebens und
braucht doch einen unverhältnismäßig großen Apparat, um aus
dem Bereich der Einzelsouveränitäten herausgehoben werden
zu können. Denn mit der Installierung des dazugehörigen In­
ternationalen Gerichtes ist es ja noch nicht getan; es gehören,
da es sich stets um individuelle Verbrecher handelt, Bestim­
mungen über ein Auslieferungsverfahren sowie über den inter­
nationalen Strafvollzug hiezu, und zu alldem wiederum gehören
die Zwangsmittel einer entsprechend bevollmächtigten Exeku­
tive, und sicherlich hieße es mit Kanonen nach Spatzen schie­
ßen, wenn zur Erzwingung eines einzigen Gesetzes eine eigene
internationale Polizeimacht aufgestellt werden müßte. Hier al­
lerdings vereinfacht sich das Problem: macht Amerika den
Schutz der Menschenrechte zu seiner eigenen Sache, d. h. ver­
knüpft es sie mit seinem Gläubigerrecht, dann wird ihm auch
automatisch die Pflicht zur Beistellung der Exekutive zufallen.

Mit dem Schutz der Menschenrechte soll der Versuch gemacht


werden, die Idee des Westblocks den von ihm umschlossenen
187

Copyrighted material
Völkern näherzubringen, d. h. das Bewußtsein der Humanität,
das Bewußtsein des individuellen Antitotalitarismus in ihnen zu
erwecken, die Abscheu vor einer Staatsaggression, die um ihrer
selbst willen geübt wird. Im Gegensatz zur russischen Technik,
welche zuerst die Völker revolutioniert, um sie sodann mit Hilfe
der Kolonialmethode in den eisernen Klammern der Staatsin­
stitutionen zu immobilisieren, soll also hier das Umgekehrte
geschehen: zwar zur sofortigen Anwendung der Kolonialme­
thode gezwungen, um ihren Block zusammenschweißen zu
können, müssen die Westmächte, wenn sie auch einen innern
Zusammenhalt der Länder wünschen, alles daransetzen, um die
Völker von ihrer revolutionär-humanen Seite zu packen. Der
Schutz der Menschenrechte ist permanente Revolution »von
oben«.
Freilich, jede Revolution »von oben« begegnet Mißtrauen,
wird als Trick der Institutionen, als Trick der Staatsgewalt auf­
gefaßt. Wäre es also nicht richtiger, »von unten« anzufangen?
Wäre es nicht richtiger, zur Erreichung des Humanitätszieles
eine richtige »Humanitätspartei« zu bilden, die gleich der
Kommunistischen Internationalen sich über alle Länder er­
streckt, so daß der Marxschen Weltrevolution eine »Weltrevo­
lution der Humanität« entgegenzustellen wäre? Derartige
Konzeptionen haben, auch wenn sie keineswegs bloß als Imita­
tionen, als Komintern-Imitationen aufgefaßt zu werden haben,
zumeist den Charakter intellektueller Phantasien und sind da­
her zumeist von Politik weit entfernt; gewiß kann eine Theorie
der Humanität, wie sie von der Psychologie und den Sozialwis­
senschaften heute schon lieferbar ist, die Aktionsgrundlage für
politisches Handeln und somit auch für eine »Partei« abgeben,
aber Humanität ist kriegsfeindlich, und da Revolution und
Krieg heute identische Begriffe geworden sind, wäre es not­
wendigerweise eine Evolutions- und keine Revolutionspartei,
d. h. eine, welche wohl dem demokratischen Ideal entspräche,
jedoch eine sehr geringe Anziehungskraft für die nach wie vor
revolutionsbegierigen Massen besäße.
Was wäre das Programm einer solchen Humanitätspartei? Es
ginge kaum über das hier bereits Gesagte hinaus, und seine
Hauptpunkte wären daher: erstens, das Prinzip der unmittelba­
ren Wohlfahrt, besagend, daß den Menschen und der Mensch­
heit nicht für einen chimärischen künftigen Glückszustand in­
188

Copyrighted material
humane oder gar - wie in Rußland - barbarische Opfer
auferlegt werden dürfen; zweitens, das Prinzip der Menschen­
rechte, besagend, daß jeder Bruch der Menschenrechte, von
wem immer er begangen wird, unbedingt abgestellt und geahn­
det werden muß, ja daß hiefür, allerdings auch nur hiefür, der
Mensch, da es um die unmittelbare Rettung gefährdeter Ne­
benmenschen geht, zu Opfern verhalten werden darf und muß;
drittens, das Prinzip der Scheidung zwischen lebender und juri­
stischer Person, besagend, daß der juristischen Person keine
Menschenrechte zustehen und umgekehrt der lebende Mensch
nicht als juristische Person zu betrachten ist, also unter keinen
Umständen vom Staat ausgelöscht werden darf ; und schließlich
(als Resultat der vorangegangenen Prinzipien) das antimachia-
vellistische Prinzip der unbedingten Pakttreue sowohl zwischen
den Einzelpersonen wie zwischen den Institutionen und den
Staaten. Gewiß mag man das ein dürftiges Programm nennen,
- aber ist etwa das kommunistische Parteiprogramm reichhalti­
ger?
Am wesentlichsten aber ist wohl, daß es das Programm der
demokratischen Tradition ist, und daß es auch zum Großteil in
den demokratischen Konstitutionen seinen Niederschlag ge­
funden hat. Und ebendarum darf es als Revolution »von oben«
(ohne eigentliche Revolution) zur Anwendung gebracht wer­
den, ehe es hiefür zu spät ist. Wollte man erst Humanitätspar­
teien bilden, so wäre es zu spät, umsomehr als dem eine Unzahl
von Schwierigkeiten und Verzögerungen begegnen würde:
nicht nur, daß die Parteien in den wahrhaft demokratischen
Ländern (mit Ausnahme ihrer kommunistischen Gruppen) oh­
nehin evolutionistisch eingestellt sind, und nicht nur, daß das
angelsächsische Zweiparteiensystem technisch für andere Par­
teibildungen ungeeignet ist, es wäre geradezu unsinnig, mit sol­
chen Parteiprojekten zu den Kolonialvölkern zu kommen, die
darin bloß einen Ausbeutertrick des weißen Mannes vermuten
würden; ehe sie nicht wirkliche Taten sehen - und der Schutz
der Menschenrechte sowie die Abschaffung der Todesstrafe
wären der erste Ansatz hiezu - , kann hier das Vertrauen zu
Amerika, das jetzt von einem den Sowjets zugewendeten abge­
löst worden ist, nicht wiedergewonnen werden.
Die Humanitätspartei wäre also fürs erste jedenfalls nichts als
eine bloße Geste, umsomehr, als sie nicht, wie die Komintern,
189

Copyrighted material
ein fifth-column-Instrument wäre. Ob sie später wahrhaft in­
ternational werden kann, ist eine Machtfrage, d. h. hängt von
der Aufhebung des weltzerteilenden Eisernen Vorhangs ab.

1 Seeschlacht am 7. 10. 1571. in der Don Juan d’Austria als Oberbefehlshaber


der von Spanien, Papst Pius v. und der Republik Venedig ausgerüsteten Flotte
die Seemacht der Türken schlug.
2 Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), konvertierte 1922 zum Katholizis­
mus; katholischer Gegenspieler Shaws. Vgl. u.a. St. T h o m a s A q u in a s (1933).
3 Thomas Stearns Eliot (1888-1965), trat 1928 zur anglikanischen Hochkirche
über. Im Auftrag der Kirche schrieb er das Mysterienspiel M u rd e r in the C a ­
thedral (1939).
4 Thomas Edward Lawrence (1888-1935) englischer Schriftsteller, nahm als
Oberst am Ersten Weltkrieg teil, führte die Araber gegen die Türken, trat
1922 als einfacher Soldat in die Armee ein und verschenkte vorher sein ganzes
Besitztum. Vgl. u. a. S even Pillars o f W isd o m (1926).
5 William Butler Yeats (1865-1939), stand 1896 einige Zeit mit der irischen
revolutionären Bewegung in Verbindung. Vgl. »An Irish Airman Foresees
His Death«, Gedicht des Bandes »The Wild Swans at Coole« (1919), in: The
C ollected P o e m s o f the W. B . Yeats (New York 1967), S. 133-134.
6 Knut Hamsun (1859-1952). Sein Mißverstehen des nationalsozialistischen
Blut- und Bodenmythos in Verbindung mit seinem Haß auf alles Anglo-
Amerikanische verführten ihn dazu, sich im 2. Weltkrieg zu Deutschland und
der Quisling-Bewegung in Norwegen zu bekennen, weshalb er 1945 nach der
Befreiung Norwegens in Arrest gehalten und des Landesverrats angeklagt,
wegen seines Alters aber nur zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde.
7 Die Infallibilität wurde 1870 auf dem Vatikanischen Konzil definiert.
8 Die Menschewiki war die gemäßigte Gruppe der russischen Sozialdemokra­
ten seit deren 2. Parteitag in London (1903). Bolschewiki nannte sich seitdem
der radikalere Flügel, der auf jenem Parteitag den Abstimmungssieg errang.
9 Vgl. W. I. Lenin, »Die Demokratie der Arbeiter und der Bourgeoise«, in: L e ­
nins W erke (S o ch in en ija , in Russisch), Band vii (Leningrad-Moskau, 1930),
S. 65 ff.
10 Brochs Verzeichnis seiner Wiener Bibliothek enthält folgende Titel von Bü­
chern, in denen Fragen des Natur- bzw. Vernunftrechts und des Positiven
Rechts erörtert werden: Arens, Heinrich. N a tu rrech t u n d P h ilo so p h ie des
R echts u n d des Staates. A u f d em G ru n d e des ethischen Z u sa m m e n h a n g s von
R echt u n d C u ltu r (Wien 1870); Brunner, Heinrich. F orschungen z u r G e ­
schichte des d eu tsch en u n d fra n zö sisc h e n R ech ts (Stuttgart 1894); Byk, S. A.
R ech tsp h ilo so p h ie. D e r letzte G ru n d des R ech ts u n d sein e p ra k tisch e n C onse-
q u en zen (Leipzig 1882); Cassirer, Ernst. N a tu r- u n d V ö lkerrech t im L ic h te
der G eschichte u n d d e r sy stem a tisch en P h ilo so p h ie (Berlin 1919); Hasner,
Leopold. P h ilo so p h ie des R ech ts u n d sein er G eschichte (Prag 1851); Kauf­
mann, Felix. D ie K riterien des R echts. E in e U n tersu ch u n g über die P rin zip ien
der juristischen M e th o d e n le h re (Tübingen 1924) und L o g ik u n d R e c h tsw is­
senschaft. G ru n d riß eines S ystem s d er reinen R ech tsleh re (Tübingen 1922);

190

Copyrighted material
Kirchmann, Julius Hermann von. D ie G ru n d b e g riffe des R echts u n d der M oral
als E in leitu n g in d a s S tu d iu m rech tsp h ilo so p h isch er W erke (Berlin 1873);
Köhler, Joseph. D a s R e c h t als K u ltu rersch ein u n g . E inleitung in die verglei­
ch en d e R ech tsw issen sch a ft (Würzburg 1889); Pollack, Walter. Perspektive
u n d S y m b o l in P h ilo so p h ie u n d R ech tsw issen sch a ft (Berlin 1912); Tren­
delenburg, Adolf. N a tu rrech t a u f d e m G ru n d e der E th ik (Leipzig 1868);
Zoepfl, Heinrich Mathias. G ru n d riß zu V orlesungen über R echtsphilosophie
(N a tu rrech t) (Berlin 1879).
11 Vgl. Fußnote 9. Dort werden die politischen Gegner - wie häufig bei Lenin
- als zu bekämpfende Feinde bezeichnet; das Wort »ausrotten« fällt aller­
dings nicht.
12 Anspielung auf politische Geheimbünde in Amerika wie den Ku Klux Klan.
13 Vgl. Fußnote 4 »Zur Diktatur der Humanität innerhalb einer totalen Demo­
kratie«.
14 Die »Declaration des droits de l’homme et du citoyen« wurde am 3. Septem­
ber 1791 in die französische Verfassung integriert. Der Konvent suchte durch
Wiederholung dieser Erklärung (29. Mai 1793) die revolutionäre Begeiste­
rung zu steigern.
15 Vgl. Fußnote 5 »Zur Diktatur der Humanität...«.
16 Vgl. Fußnote 2 zum Aufsatz »Die Zweiteilung der Welt«.
17 Die Ausschüsse des Senats und des Repräsentantenhauses der USA zur Un­
tersuchung von sogenannten »unamerican activities« betrieben ihre Schau­
prozesse gegen angebliche »Kommunisten« gegen Ende der vierziger und zu
Anfang der fünfziger Jahre. Von 1950 bis 1954 leitete dann der berüchtigte
Joseph Raymond McCarthy, Senator für Winsconsin, den betreffenden Se­
natsausschuß.
18 Das »European Recovery Program« (ERP), als Marshall-Plan benannt nach
dem seinerzeitigen US-Staatssekretär für Auswärtiges George Marshall
(Rede vom 5. Juni 1947), wurde von den USA begründet zur wirtschaftlichen
Unterstützung der europäischen Länder. Von 1948 bis 1952 wurde es durch­
geführt aufgrund der »Foreign Assistance Act« von 1948.
19 Vgl. Fußnote 18.
20 Anspielung auf das Verhalten der USA und der UdSSR während des Spani­
schen Bürgerkrieges (1936-1939).
21 Vgl. Immanuel Kant, Z u m ew igen F rieden. E in p h ilo so p h isch er E n tw u rf
(1795).
22 Wenige Monate nach Fertigstellung dieses Essays wurde am 1. 10. 1949 die
Volksrepublik China von Mao Tse Tung begründet.
23 Hinweis auf den von 1944 bis zum Winter 1949/1950 andauernden Bürger­
krieg in Griechenland.
24 1946 wurde in der UNO negativ über die Aufnahme Spaniens in die Weltor­
ganisation entschieden, seit 1950 wurde das Land zur Mitarbeit in einigen
Gremien zugelassen, seit 1955 ist Spanien Vollmitglied der UNO.
25 Spanien erhielt keine Hilfe durch den Marshall-Plan und wurde auch nicht
an der Gründung der OECD beteiligt.
26 Am 10. 12. 1948 wurde von der UNO die »Universal Declaration of Human
Rights« abgegeben.

Copyrighted material
Friede und Menschenrecht

Copyrighted material
V ö lk e r b u n d -R e s o lu tio n

Kommentar

Durchaus bewußt, daß Manifeste in dieser aufgewühlten Zeit,


mögen sie noch so wohlgesinnt sein, praktisch ein ziemlich
hoffnungsloses Beginnen darstellen, doch nicht minder der
Pflicht bewußt, gerade in einer solchen Zeit und gerade gegen
ihre Ungunst nichts von dem unversucht zu lassen, was einen
Schimmer von Hoffnung in sich birgt, einen geringen Beitrag
zur Abwendung des drohenden Kultur-Unheils liefern zu kön­
nen, richtet sich die vorliegende Resolution an die fußend an­
geführten großen Humanitätsorganisationen mit der Einla­
dung, sie mögen durch ihre Unterschrift den Völkerbund
auffordern, daß er sich auf den Boden dieser Resolution stelle
und damit eine Deklaration zum Schutze der allenthalben ver­
gewaltigten Menschenwürde erlasse.
Es ist ein Schritt, der nicht den Anspruch auf besondere Origi­
nalität erhebt; er will, so weit man von einem praktischen
Zwecke sprechen darf, propagandistisch wirken. Weder sind
humane Prinzipien an sich originell, noch sind originelle The­
mata geeignet, irgendeinen propagandistischen Einfluß aus­
zuüben. Auch die Deklarierung der Menschenrechte durch den
Konvent war in diesem Sinne nichts anderes als eine Banalität;
was sie über das Banale hinaus und zu ihrer säkularen Wirkung
erhoben hat, das war die vorausgegangene geistige Arbeit, die
so lebendig in sie eingeflossen war, daß ihre ethisch-philosophi­
schen Begründungen noch viele Jahre hindurch ungebrochen in
der Deklaration mitgeschwungen sind. Wenn Humanität und
Demokratie heute am Rande des Abgrundes stehen, beinahe
unfähig, die gegen sie gerichteten Angriffe abzuwehren, wenn
die alten Ideale der Menschlichkeit, ungeachtet ihres ewigen
Gehaltes, heute so viel an Schlagkraft eingebüßt haben, daß sie
nicht mehr imstande sind, die gegen sie gerichtete Propaganda
abzuschwächen oder gar zu besiegen, nicht imstande, Gegenar­
gumente von nämlicher Suggestibilität ins Treffen zu führen, so
weist dies darauf hin, daß ihr geistiger Hintergrund nichts mehr
hergeben will, m. a. W., daß das vielberufene geistige Primat zu
versiegen beginnt, und dies liegt nicht zuletzt an der - allerdings
195

Copyrighted material
geschichtsgesetzlich bedingten - schubweisen Entwicklung, die
noch alle historischen Ideenformulierungen betroffen hat: Je
größer und scheinbar unerschütterlicher deren Wirkungsfeld
geworden ist, desto mehr neigen sie zum Stillstand und zu einer
Erstarrung, die mit dialektisch-logischer Folgerichtigkeit
schließlich das Aufkeimen von mehr oder minder unklaren Ge­
genideen aus dem Irrationalen provozieren müssen, und desto
ausschließlicher erhalten sie erst von diesen den neuen Impuls
zur Weiterarbeit an ihrer eigenen geistigen Fundierung, die
freilich unerläßlich ist, um ihre Erstarrungskrise zu überwin­
den. An diesem Krisenpunkt ist heute die Welt angelangt. Denn
obwohl die Weltlage und die mit ihr in unlösbarem Zusammen­
hang stehende geistige Atmosphäre zweifelsohne wesentlich
komplizierter ist, als sie es zur Zeit der Menschenrechtsde­
klaration gewesen war, ist die demokratische und humane
Weltanschauung ethisch-philosophisch den Ideenformulierun­
gen des 18. Jahrhunderts verhaftet geblieben, und sie glaubte
genug getan zu haben, wenn sie deren Weiterentwicklung in
sozial-ökonomischer Beziehung berücksichtigte. Die Folge ist
das, was man die Krise der Demokratie nennt und nun zugleich
auch eine Krise des Völkerbundes geworden ist. Und eben weil
diese Krise ihrem Höhepunkt zueilt, eben weil es höchste Zeit
ist, ein Gegengewicht zu der humanitätsfeindlichen, pseudo­
mystischen Propaganda in die Waagschale zu werfen, und eben
weil der Völkerbund als einzige übernationale Institution und
unbeschadet der Größe seines Initialdenkens realpolitisch zu
einer täglich wachsenden Ohnmacht verurteilt erscheint, wen­
det sich die vorliegende Resolution an seine Adresse: es ist das
Bemühen, aus dem Völkerbundstatut selber jene Maßnahmen
zu entwickeln, welche geeignet sein könnten, die Prinzipien der
Humanität, der Gerechtigkeit und der unantastbaren Men­
schenwürde wieder in ihren Rang einzusetzen und sie mit der
für diese Absicht unbedingt erforderlichen ethisch-philosophi­
schen Neubegründung auszustatten, begleitet und getragen von
einer Überzeugung, für die es unwiderlegbar geworden ist, daß
einer mit dem Pathos unfundiert hohler Appelle übersättigten
und mißleiteten Welt nichts so nottut wie eine Berufung auf die
Ratio, die den alleinigen Seinsgrund allen Fortschrittes, aller
Wahrheit und allen wahrhaft guten Willens bedeutet. Selbst
wenn der Völkerbund durch die realpolitische Situation gehin­
196

Copyrighted material
dert wäre, sich das Manifest vollinhaltlich oder auch nur teil­
weise zu eigen zu machen, es genügte schon, daß eine allge­
meine Diskussion über die manifestierten Themen in Gang
gebracht werde: gelänge dies - und angesichts des moralischen
Gewichtes der zur Unterschrift designierten Organisationen
müßte es eigentlich gelingen -, so wäre es an sich schon ein pro­
pagandistischer Faktor von stärkster Intensität, jedenfalls von
einer, die größer wäre als die jeder Schlagwortpathetik, doch
darüber hinaus zeigt die darin enthaltene unmittelbare Erfas­
sung der Öffentlichkeit, daß der Völkerbund vor eine Vertie­
fung seiner Aufgaben gestellt ist, nämlich vor die Aufgabe, den
Geist seiner Friedensmission zum wesentlichsten Inhalt seiner
Tätigkeit zu machen, seine Humanitätsidee neu in seiner Struk­
tur zu verankern und eben hiedurch eine geistige Wirksamkeit
zu entfalten, die wahrscheinlich das einzige Mittel ist, um die
Welt wieder zur Paktfähigkeit zurückzuführen, das einzige
Mittel, um einer Friedensinstitution wieder die praktische
Wirksamkeit zu sichern; gelänge dies nicht, so würde der Völ­
kerbund und mit ihm seine Friedensmission kaum die ihn und
die Kultur bedrohende Krise überdauern, er würde sie nicht
bekämpfen können, geschweige denn daß es ihm möglich wäre,
die endgültige Katastrophe aufzuhalten.
Als Signatare sind vorderhand folgende Organisationen in
Aussicht genommen:
1. Carnegie Endowment for International Peace.1
2. Englische Völkerbundliga unter Einbeziehung der übrigen
Ligen.
3. Gesellschaft der Freunde.2
4. Institut für internationales Recht, Genf.
5. Internationales Friedensamt, Genf.3
6. Nobelpreiskomitee, Oslo.
7. Paneuropa Union, Wien.4
8. Penklub-Zentrale, London.
9. Rassemblement universel pour la Paix, Paris.
10. Rotes Kreuz, Genf.
11. Zentrale der Liga für Menschenrechte, Paris.5
Außerdem ist gedacht, die Träger des Friedensnobelpreises zur
persönlichen Unterschrift aufzufordern.

197

Copyrighted material
Resolution

Bei aller Anerkennung der Übermacht eines jeden materialen


Konfliktstoffes in der praktischen Politik, bei allem Wissen um
die Machtlosigkeit rein ethischer Gesichtspunkte in allen Fra­
gen der Gewaltsentscheidung und Gewaltsanwendung und
dennoch zutiefst überzeugt, daß Friede und Menschenwürde in
einem sehr innigen Zusammenhang stehen, und dennoch tief
entsetzt vor dem Anblick einer terrorerfüllten Zeit, die mit
Menschenleben und Menschenwürde und Menschenleid so un­
bedenklich wüstet, daß sie sowohl sich selber als auch den Men­
schen zu einem bloßen Provisorium erniedrigt, erachten die
Unterfertigten6 es für ihre unabweisliche Pflicht, im schlichten
Sinne einer ebenso banal-natürlichen wie utopisch-idealisti­
schen humanen Anständigkeit festzustellen, daß jegliche öf­
fentliche Verfügung, sei es nun innerstaatliches Gesetz oder
zwischenstaatliche Vereinbarung, ausschließlich der Würde
und dem Wohle der von solchen Maßnahmen betroffenen
Menschen sowie dem Schutze ihres realen Lebens in physi­
scher, geistiger und seelischer Beziehung zu dienen habe: und
weil sie tief überzeugt sind, daß das Utopische von Gestern das
Banale von heute ist, das Utopische von heute das Banale von
morgen sein wird, ja, daß sich darin der einzige Weg zur Ver­
wirklichung humaner Anständigkeit zeigt, der einzige Weg des
Kulturfortschrittes und damit auch der einer stetig straffer wer­
denden geistigen Friedensorganisation, so halten sie sich für
befugt, dem Völkerbund als dem höchsten europäischen Frie­
densforum die nachstehend angeführten und im Anhang erläu­
terten Vorschläge zur Wahrung der Menschenwürde zu unter­
breiten und das dringliche Ersuchen hinzuzufügen, er möge den
Inhalt dieser Vorschläge nach erfolgter Prüfung und Diskutie-
rung zum ergänzenden regulativen Prinzip seines eigenen Sta­
tuts erheben und in gleicher Weise den innerstaatlichen Ge­
setzgebungen seiner Mitglieder zur Annahme empfehlen.

A. Prinzipien

I.
Als überstaatliche Instanz und gemäß der ihm erstellten Frie­
densaufgabe, betrachtet sich der Völkerbund als einen Teil je-
198

Copyrighted material
ner Herrschaftsinstitutionen, die von den Völkern, letztlich
aber vom einzelpersönlichen Menschen eingerichtet worden
sind, damit die Absolutheit menschlichen Seins, die physische
und psychische Integrität des einzelpersönlichen Lebens, der
Bestand der Kultur und ihrer Werte gesichert, ausgebaut und
vor Schädigungen bewahrt werden.
Die nämliche Auffassung von den Pflichten jeglicher Herr­
schaftsinstitution gegenüber dem Einzelmenschen muß der
Völkerbund, soferne er eben Ausdruck einer einheitlichen völ­
kerverbindenden Gesinnung sein soll, desgleichen bei den ihm
angeschlossenen, paktwilligen und friedenswilligen Regierun­
gen voraussetzen; denn ohne ein gemeinsames pakttragendes
Ethos gibt es keinerlei friedensstiftende Mission.

II.
Der Völkerbund anerkennt demnach den einzelpersönlichen
Menschen als den Urträger jeglicher ethischer Haltung und da­
mit auch als den Träger jener Paktfähigkeit, von deren Vorhan­
densein seit eh und je der initiale Friedensauftrag ergangen ist
und stets aufs neue ergehen wird: denn die unbedingte Achtung
vor dieser urhaften, dem Menschen eingeborenen ethischen
Absolutheit ist die erste und natürlichste Pflicht, die der
Mensch gegen sich selbst und gegen den Nebenmenschen aus­
zuüben hat, doch die Verteidigung dieser Absolutheit ist mit
der nämlichen Unabänderlichkeit sein erstes und natürlichstes
Recht; beides zusammen macht des Menschen Würde aus, und
durch beides zusammen werden unabänderlich die Aufgaben,
Rechte und Pflichten, aber auch die Würde jeder Herrschafts­
institution bestimmt.
Der Völkerbund vertritt die Ansicht, daß es in Fragen, welche
die menschliche Würde berühren, keine innerstaatliche Auto­
nomie zu geben hat; denn hier handelt es sich um grundlegende
moralische Einstellungen, deren Gemeinsamkeit auch in der
innerstaatlichen Gesetzgebung zum Ausdruck kommen muß:
jede Zerreißung einer solchen Gemeinsamkeit bedeutet
Kriegsgefahr.

III.
Der Völkerbund ist wie jede andere Herrschaftsinstitution, sei
sie nun staatlicher oder sonstweicher Art, zur Hintanhaltung
199

Copyrighted material
und zur Bekämpfung von Unrecht eingesetzt, und wenn ihm
auch hiezu die üblichen materialen Machtmittel fehlen, so soll
die einmütige moralische Haltung der Mitgliedstaaten, diesen
Mangel wettmachend, ihn zur Erfüllung jener Herrschaftsauf­
gabe befähigen.
Der Völkerbund ist daher gewillt, seine unrechtsbekämpfende
Aufgabe nicht auf die der direkten Kriegsverhinderung zu be­
schränken, sondern darüber hinaus sie tunlichst weit auszudeh­
nen: als Unrecht, ja, als Verbrechen ist alles zu umreißen, was
gegen die absolute Würde des Menschen verstößt, also eine
Vergewaltigung der natürlichen humanen Rechte in sich
schließt; der Krieg als legalisierte und systematische Verletzung
menschlicher Integrität ist lediglich die Verdichtung sämtlicher
Verbrechen gegen die Menschenwürde.
Alles öffentliche Unrecht trägt den Keim unmittelbarer oder
künftiger Kriegsursachen in sich; der Völkerbund ist gewillt,
jedes Auftauchen derartiger Haltungen und Phänomene wach­
sam zu registrieren und, unbeschadet seines human-pazifisti­
schen Zieles, ja, um dieses Zieles willen, sie offensiv, wo immer
und wie immer sie auftreten, zu bekämpfen.

IV.
Der Völkerbund wendet sich insbesondere gegen Regierungs­
maßnahmen, welche Unrecht gesetzlich verankern und damit
zur dauernden Kriegsgefahr eternisieren wollen, und er regi­
striert insbesondere jene Fälle, in denen das legalisierte Un­
recht bis zu legalisierter Ungerechtigkeit gesteigert wird: Un­
gerechtigkeit verstößt unmittelbar gegen die grundlegende
natürliche Menschenpflicht, denn in jeder Ungerechtigkeit ist
Mißachtung und Verkleinerung menschlicher Würde enthal­
ten, und so wenig es möglich ist, Unendliches zu verkleinern,
so wenig können von der Absolutheit irgendwelche Abstriche
gemacht werden; weder für die absolute Würde, noch für das
absolute Ethos, noch für den Menschen als den Träger solcher
Absolutheit sind Abstufungen und verschiedene Klassengrade
zulässig.
Und ebenso ist die Konkretisierung der Gerechtigkeit, also
das Gesetz, auf unbedingte Achtung vor der einzelpersönlichen
Würde und ihrer unschmälbaren Absolutheit angewiesen, mit­
hin aber auch auf jene Valenzgleichheit gegründet, die dem
200

Copyrighted material
Menschen ebendeshalb vor dem Gesetze zusteht; eine Schmä­
lerung dieses urhaft menschlichen Anspruches auf Achtung und
paritätische Behandlung kann lediglich in Ausnahmefällen
platzgreifen, nämlich in solchen, in denen das Gesetz gezwun­
gen ist, zufolge bestimmter Delikte strafrechtlich ahndend auf­
zutreten: d. h. es müssen bestimmte, in ihrem Begriff möglichst
vorher definierte Handlungen stattgefunden haben, welche ge­
eignet sind, die Menschenwürde und die Menschenrechte zu
beeinträchtigen - die meisten der landläufigen, strafrechtlich
verfolgten Verbrechen fallen unter diese Kategorie -, und es
müssen bestimmte konkrete Personen als Täter stellig gemacht
werden können, damit diese und nur diese, so weit sie durch
ihre Tat zu Schädigern am Recht und an der Gerechtigkeit ge­
worden sind, im Rahmen der vorgesehenen Strafsanktionen ih­
rerseits an Integrität, Parität und Würde beeinträchtigt werden
dürfen.
Der Völkerbund steht mit seiner Sympathie und mit seiner
Unterstützung hinter allen Institutionen, die es sich in seinem
Sinne angelegen sein lassen, jedwede Ungerechtigkeit, zumal
jede haßerzeugte und haßerzeugende, zu bekämpfen und die
öffentlichen Maßnahmen in die Richtung wachsender Gerech­
tigkeit zu lenken.

V.
Der Völkerbund brandmarkt als Verrat am Frieden alle jene
Fälle legalisierter Ungerechtigkeit, in denen eine Regierung
sich wissentlich ihrer grundlegenden Menschen- und Herr­
schaftspflicht entzieht und durch Entwürdigung des Menschen
mittel- oder unmittelbar neue Haßwellen heraufbeschwört.
Derartige Verstöße können sowohl von passiver, wie von akti­
ver Struktur sein, und zwar erfolgen sie
1. als passive, wenn eine innerstaatliche Gesetzgebung es un­
terläßt, in die Liste der strafrechtlich zu ahndenden Verbrechen
auch jene aufzunehmen, die - wie z. B. der Sklavenhandel -
vom Völkerbunde bekämpft werden,
2. als aktive, wenn eine Regierung sich in den Dienst eines
»Siegesprinzipes« stellt,
a) außenpolitisch, indem sie überhaupt Kriege führt und im
Falle des Sieges daran geht, das besiegte Volk oder Teile des­
selben zu Bürgern zweiter Klasse zu degradieren, d. h. zu sol­
201

Copyrighted material
chen, denen zwar die gleichen oder gar größere Lasten als der
Siegergruppe auferlegt werden, doch ohne daß ihnen der ent­
sprechende gerechte Mitgenuß an den bürgerlichen Rechten
und Ehren, die gleiche Anwartschaft an den öffentlichen Ein­
richtungen, die gleiche Freiheit ihres persönlichen Lebens,
kurzum die gleiche physische und psychische Integrität zuge­
standen werden soll,
b) innenpolitisch, indem die Herrschaftsgruppe, sei es als In­
strument einer siegreichen Majorität, sei es in anderer Eigen­
schaft, einen ähnlichen Unterschied zwischen den Staatsbür­
gern installiert und eine größere oder kleinere Anzahl von
ihnen, ohne daß dieselben sich strafrechtlich vergangen hätten,
in ihrer Würde, in ihren Rechten, in ihrer Freiheit beeinträch­
tigt, m. e. W., ihnen den Charakter von Unterworfenen und von
Menschen zweiter Klasse aufzwingt.
Der Völkerbund hat in seinem Statut, ebensowohl durch die
Grundsatzungen der nationalen Selbstbestimmung und
Gleichberechtigung, als auch durch die des Minoritätenschut­
zes unzweideutig kundgetan, daß er jede Majorisierung und
Verknechtung von Menschen verwirft, weil in einem solchen
Vorgehen, selbst wenn es auf demokratischem Wege erfolgte,
die Zuschanzung von unzulässigen Sonderbegünstigungen für
eine Gruppe zum Nachteil einer anderen zu erblicken ist und
derartige Sondervorteile durch nichts, am allerwenigsten durch
die Berufung auf das Staatsinteresse zu Recht und Gerechtig­
keit werden können: der Staat ist zwar legitimiert, ja, sogar ver­
pflichtet, Betätigungen, die sich gegen seinen Bestand richten,
zu verbieten und, wenn nötig, schon im Keime zu ersticken, er
kann und darf die betreffenden Erlaubnis- und Verbotsgrenzen
weiter oder enger ziehen, doch das Kriterium der Verfolgungs­
lizenz hat einzig und allein in der gesetzwidrigen Handlung oder
in deren Vorbereitung, niemals in der Person als solcher zu lie­
gen; ein Staatsprinzip, welches daran zu rütteln wagte oder gar
infolge einer Majoritäts- oder Regierungsentscheidung sich
entschlösse, diese urtümlichsten Rechte seiner Bürger anzu­
greifen, ist im Innern paktbrüchig und daher auch nach außen
hin nicht paktfähig. Gerade die Friedensmission des Völker­
bundes verlangt, daß das Menschenwohl dem Staatswohl vor­
angestellt werde, denn nur hierin ist das pakttragende, frie­
denstragende gemeinsame Ethos der Welt zu fundieren.
202

Copyrighted material
VI.
Der Völkerbund verwirft auf das entschiedenste die bereits zur
staatlichen Gepflogenheit gewordenen Ausbürgerungsakte,
denn sie stellen theoretisch wie praktisch die Fortsetzung der
durch Bürgerdegradationen gegebenen staatlichen Pflichtver­
letzung dar-theoretisch, weil es beinahe gleichgültig ist, ob ein
Bürger im Inland durch Entzug seines Vollbürgertums zum Teil
schutzlos gemacht oder vogelfrei erklärt wird, oder ob ihm dies
im Auslande durch Entzug seines Passes zur Gänze geschieht
sowohl bei diesen Auslands-, als auch bei jenen Inlandsausbür­
gerungen, wie man sie bezeichnen darf, handelt es sich um
Strafsanktionen ohne vorhergegangene Straftat, also um sol­
che, die lediglich auf die Person zielen, und der Vorgang wird
umso unmoralischer, als der ausbürgernde Staat sich damit ein
handliches Mittel verschafft hat, um die Unbequemlichkeiten,
die ihm aus der Anwesenheit strafrechtlich nicht verfolgbarer,
dennoch unerwünschter Personen erwachsen, von sich abzu­
schütteln und auf moralischere, humanere Verwaltungskörper,
zu denen hier auch der Völkerbund mit seiner Institution der
Staatenlosenpässe gehört, einfach abzuwälzen, zugleich aber
auch dieselben mit der ökonomischen Obsorge für die ausge­
bürgerten Personen zu belasten.
Der Völkerbund, welcher in Erfassung des ganzen Umfanges
der Emigranten- und Staatenlosenfrage sowie ihrer sozialen,
ökonomischen, friedensstörenden Gefahren sie durch seine
bisherigen Vorkehrungen tunlichst gemildert hat, erachtet dies
noch keineswegs als definitive Lösung: eine solche kann nur auf
der Linie einer Beendigung des Emigrationszwanges und der
Ausbürgerungen, eines gerechten Ausgleiches der hiedurch
verursachten finanziellen Belastungen und schließlich in der
Wiederherstellung der Freizügigkeit des Menschen gefunden
werden, so daß Entlassungen aus dem Staatsverband wieder je­
nen unpathetischen Charakter annehmen, den sie ehedem hat­
ten, nämlich den von technischen Maßregeln, die lediglich von
der freien Staatenwahl des Bürgers und von der Aufnahmebe­
reitschaft des gewählten Staatsverbandes abhängig sind. Vor­
derhand ist allerdings nichts anderes zu erhoffen, als daß in den
Mitgliedstaaten des Völkerbundes die Besitzer der von ihm
ausgestellten Pässe nicht als lästige Ausländer und nicht als
Menschen zweiter Klasse behandelt werden, vielmehr ihnen
203

Copyrighted material
eine möglichste Erleichterung in der Erwerbung des Arbeits­
anrechtes, wenn schon nicht der Einbürgerung gewährt werde.

VII.
In Zusammenfassung der angeführten Prinzipien und gemäß
seiner Friedensmission deklariert sich der Völkerbund zum un­
bedingten Hüter und Schützer der menschlichen Würde und ih­
rer Unantastbarkeit; er deklariert ferner, daß alle von ihm ge­
troffenen und zu treffenden Maßnahmen unmittelbar dem
Wohle des realen einzelpersönlichen Menschen zu dienen ha­
ben, weil in der menschlichen Persönlichkeit und in der Ge-
wahrtheit ihrer physischen und psychischen Integrität, die ihre
Würde einschließt, der absolute Quell eines allgemeinverbind­
lichen friedensstiftenden Ethos und damit jeder kulturfördern­
den Herrschaftsaufgabe erkannt werden muß, und ebenso ent­
spricht es auch der Herrschaftsaufgabe des Völkerbundes, daß
er an seine Mitglieder die Forderung stellt, sie mögen die näm­
lichen Anschauungen, die nämliche unbedingte Achtung vor
der menschlichen Persönlichkeit und vor der Absolutheit
menschlicher Würde als regulatives Prinzip in ihren Verfassun­
gen verankern: Staaten, welche die Zustimmung zu diesen
Prinzipien verweigern, stören jede Friedensgemeinschaft; sie
können nicht als pakt- und friedensfähig gelten und sind nicht
imstande, das Mitgliedsrecht am Völkerbund zu erwerben.

B. Desiderata

Mögen auch, bei aller Erstrebenswürdigkeit eines Sofortpro­


grammes, sehr viel praktische Bedenken den dargelegten Prin­
zipien und ihrer unverzüglichen Umsetzung in die Tat gegen­
überstehen, ja, sogar so beachtliche, daß bestenfalls nur mit
einer sukzessiven Realisierung gerechnet werden kann, es ist
doch noch immer das Maß des praktisch angeblich Erreichba­
ren weit von dem Maße der menschlichen Kulturkraft übertrof­
fen worden, und darum halten die Unterfertigten es für wichtig,
das Augenmerk des hohen Völkerbundes auf die folgend auf­
gezählten Realisierungsmaßnahmen zu lenken, die ihnen, un­
abhängig vom verwirklichbaren Durchführungstempo, dring­
lich wünschenswert, mehr noch, durchaus notwendig erschei­
nen:
204

Copyrighted material
ad I. ( Propagierung des Völkerbundgeistes)
Erweckung und Wiedererweckung eines allgemeinverbindli­
chen, absolutheitsnahen Ethos, m. a. W., Erweckung zur Pakt­
fähigkeit kann nur im einzelpersönlichen Menschen erfolgen
und nur in ihm Widerhall finden, denn er ist der initiale Träger
des ethischen Willens sowie des Wunsches nach kulturbringen­
dem Frieden: an den Menschen schlechthin und an seine Seele
hat jede Friedens- und Herrschaftsinstanz, hat der Völkerbund
zu appellieren.
Gelingt es dem Völkerbund, diese Aufgabe zu erfüllen, näm­
lich unter Anrufung der menschlichen Einzelpersönlichkeit und
durch deren Vermittlung seine Prinzipien und Tendenzen an
das Bewußtsein der Völker heranzutragen und dort ständig
wach zu erhalten, so wäre damit das wesentlichste Gegenge­
wicht zu der allerwärts wirkenden geistigen Kriegsverhetzung
und Kriegspropaganda geschaffen: es handelt sich um die Mo­
bilisierung der geistigen Gegenkräfte und um die längst fällige
Gegenpropaganda, und hiezu hätte der Völkerbund eine eigene
Propagandaabteilung zu errichten.
Das Arbeitsgebiet einer solchen Propagandaabteilung ergäbe
eine natürliche Gliederung nach zwei Hauptgruppen, u. z.
erstens in die eines Büros für direkte Propaganda, das mit allen
Mitteln der Werbetechnik, d. h. mit Hilfe der Presse, des
Radios und des Films sich zu betätigen hätte, wobei es der
Phantasie unbenommen bleibe, an den späteren Bau eines
eigenen Völkerbundsenders zu denken,
zweitens in die eines Büros für Jugendprobleme, das entgegen
der jetzt üblichen Sieg- und Haßerziehung sich mit der
Aufgabe zu befassen hätte, den Kampf- und Haßwillen
der Jugend in die Richtung wider das Unrecht zu lenken,
die Heroisierung des Unrechtes abzustellen und den ju­
gendlichen Offensivgeist gegen die Menschheitsverbre­
chen aller Zeiten zu richten, kurzum den Haß wider den
Haß zu erzeugen und ihm sein einzig legitimes, sein ethi­
sches Ziel zu geben.
Soll eine solche Friedenspropaganda wirksam durchgeführt
werden, so setzt dies die Unterstützung vonseiten der Mitglied­
staaten voraus, d. h. deren Verpflichtung, innerhalb ihrer
Machtbereiche allen Empfehlungen und Verfügungen des Völ­
kerbundes entsprechenden Eingang und entsprechende Ver­
205

Copyrighted material
breitung zu sichern, Radio und Presse in diesen Dienst zu stel­
len und insbesondere in der Jugenderziehung den Völkerbund­
vorschriften unbedingt Folge zu leisten.

ad II. (Landesverrat)
Angesichts der überall wirkenden Tendenz, die physische und
psychische Integrität des Menschen zugunsten der Staatsexi­
stenzen einzuschränken, eine Tendenz, die sich am krassesten in
der steten Erweiterung des Deliktes »Landesverrat« und der
damit verbundenen Todesstrafe äußert, erscheint es dringend
geboten, daß von autoritativer überstaatlicher Seite, also vom
Völkerbund, resp. von einer juristischen Völkerbundkommis­
sion, eine Präzisierung jener Begriffe vorgenommen werde, um
deren weitere Extension möglichst zu verhindern: unter aller
Anerkennung des gebotenen Schutzes, den jeder Staat für seine
Landesverteidigung und insbesondere für die Wahrung seiner
militärischen Geheimnisse beanspruchen muß, soll grundsätz­
lich festgehalten werden, daß innerhalb der Mitgliedstaaten nie­
mand für ein Wirken angeklagt oderbestraftwerdendarf,dasim
Sinne des Völkerbundgeistes und des Völkerbundstatuts erfolgt,
das mit den Anschauungen des Völkerbundes im Einklang sich
befindet, sie befördern oder verbessern und so der Völkerver­
ständigung und dem Weltfrieden dienen will.

ad III. ( Verbrechen gegen die Menschenwürde)


Unter Voraussetzung einer Bejahung der vorstehenden regula­
tiven Prinzipien durch den Völkerbund und durch die Mitglied­
staaten, erscheint es notwendig, daß der Bund eine juristische
Gruppierung und Kodifikation jener Handlungen anbahne,
welche in allen Mitgliedstaaten uneingeschränkt als friedensge­
fährdende, kriegsfördernde »Verbrechen gegen die Menschen­
würde« einheitlich verfolgt und bestraft werden sollen. Insbe­
sondere wären z. B. solche Handlungen unter diese Delikte zu
reihen, die - wie etwa die Diffamierung von Völkern oder an­
derer Gruppen - der Haßpropaganda im Wege der Presse, des
Unterrichts oder sonstwie zu dienen beabsichtigen.
Jede überstaatliche Vereinheitlichung von Institutionen be­
rührt notwendigerweise auch zwischenstaatliche Beziehungen
und hier noch überdies die zwischen Einzelstaat und Völker­
bund, zumal ein Begriff wie der des Deliktes »Verbrechen an
206

Copyrighted material
der Menschenwürde« sich tief in den Komplex der Kriegsver­
hütung hineinverzweigt. Es tut sich also auch die Frage nach ei­
ner obersten Instanz in diesem ganzen Beziehungsnetz auf, eine
Frage, die zwar heute noch im Utopischen liegt, dennoch schon
im ureigensten Gebiet des Völkerbundes, nämlich in dem der
internationalen schiedsgerichtlichen Tätigkeit.

ad IV. {Rechtsangleichung)
Die internationale Schiedsgerichtbarkeit, verstrickt in dem
komplizierten Gewirr imperialistischer, ökonomischer und
sozialer Konflikte, hat weder auf dem engeren, noch auf dem
weiteren Einflußgebiet der Mächte sehr wesentliche Erfolge
aufzuweisen; desgleichen haben die vielen internationalen Ein­
richtungen und Abkommen, deren Fülle auf allen Tätigkeitsge­
bieten die Hoffnung und den Stolz der Vorkriegszeit gebildet
hat, sich erstaunlich wirkungslos gezeigt, und wenn auch die
Anzahl von ihnen, teils unter der Ägide des Völkerbundes,
nach dem Kriege wieder aufgelebt ist, so sind doch nicht wenige
von ihnen heute einfach vergessen. Trotzdem bilden Schieds­
gerichtsbarkeit und einheitliche internationale Institutionen
nach wie vor die Wege, auf denen fortgeschritten werden muß,
um zur sukzessiven Ausschaltung der Kriegsursachen zu gelan­
gen. Und ebendeshalb muß auch gefordert werden, daß der
Völkerbund sich mit seiner überstaatlich-juristischen Vorbe­
reitungsarbeit dem Projekt einer stufenweise vorzunehmenden
Gleichstellung der zivil- und strafrechtlichen Bestimmungen in
den Gesetzgebungen der Mitgliedstaaten zuwende und damit
einen ebenfalls bereits in der Vorkriegszeit angesponnenen Fa­
den wieder aufnehme. Denn ein künftiges einheitliches und
überstaatliches Gesetzbuch entspräche der Idee einer absolu­
ten Gerechtigkeit, entspräche der Stellung des Völkerbundes
und seiner Friedensmission.

ad V. {Soziologische Prinzipiengrundlegung)
Die zunehmende massenpsychologische Verhetzung der Welt,
das Operieren mit den billigsten Schlagworten, die außerdem
als weltbeglückende und wissenschaftlich unangreifbare Weis­
heiten verkündet werden, die Flucht in mystisch dunkle Moti­
vierungen, um mit ihnen politische Amoralitäten zu begründen,
die Spekulation auf ungeklärte Triebe kollektiver und anderer
207

Copyrighted material
Art, getragen von der zynisch eingestandenen Absicht, daraus
Nutzen für die Schaffung oder Stützung von Machtpositionen
zu schlagen, all dies macht es äußerst dringlich, daß derartige
Erscheinungen wissenschaftlich beobachtet, geordnet und er­
forscht würden, damit die Forschungsresultate, so weit sie als
objektiv gesichert gelten dürfen, in den Prinzipien der Staats­
führung entsprechend ausgewertet werden können.

Es erschiene demnach wünschenswert, daß der Völkerbund


sich entschlösse, sein Arbeitsprogramm auf die Vorbereitung
von Institutserrichtungen zum Studium der einschlägigen
sozialen Probleme und Phänomene auszudehnen. Und unter
den so gedachten wissenschaftlichen Anstalten hätte derzeit ein
Institut zur Rassenforschung wahrscheinlich den aktuellsten
Anspruch auf Verwirklichung: der Völkerbund wird daher ge­
beten, ein Komitee von Fachleuten einzuberufen und dasselbe
mit dem Projekt dieses Institutes zu befassen.

ad VI. ( Völkerbundvertretungen)
Die durch die massenpsychische Verhetzung täglich bedrohli­
cher werdende Lage der Minoritäten sowie der Staatenlosen,
kurzum aller jener Gruppen, für die der Völkerbund heute die
einzige Möglichkeit eines karg-juristischen, öffentlichen
Schutzes darstellt, läßt es mehr als wünschenswert erscheinen,
daß der Völkerbund ständige Vertreter mit Beobachtungs­
funktion und mit der Befugnis, Völkerbundpässe auszufertigen,
in allen Mitgliedstaaten unterhalte, in den übrigen Ländern
aber die Delegation eines Mitgliedstaates mit diesem Amte be­
traue.

ad VII. ( Völkerbundhoheit)
All diese vorgeschlagenen Verfügungen schließen den Wunsch
in sich ein, Vorstufen zur Erreichung eines vorderhand noch
utopischen Zieles zu werden, nämlich jenes einzig erstrebens­
werten, würdigeren Weltzustandes, in welchem ein wirklicher
Bund der Völker kraft der in ihm vereinigten Exekutivgewalt
und Herrschaftsbefugnis als ein wahrer primus inter pares, als
ein wahrer primus unter den Staaten, ausgestattet mit sämtli­
chen Hoheitsrechten einer Großmacht, berufen sein wird, die
Geschicke des zivilisierten Erdkreises zu lenken: denn worauf
208

Copyrighted material
immer sich die vorgebrachten Wünsche beziehen mögen, ob auf
Propagierung des Völkerbundgeistes oder auf Maßnahmen für
eine allgemeine Rechtsangleichung oder auf solche für die zu­
nehmende Gerechtigkeit, es bedeutet die Annahme eines
durchgängigen regulativen Prinzipes zum Schutze der Men­
schenwürde nichts anderes als die Anbahnung einer rationalen
Verfassungsgleichheit, es bedeutet den Wunsch nach einer zu­
nehmenden Logosnähe für alles staatliche Leben, und es be­
deutet, daß die Institution eines nicht nur ideell, sondern auch
realpolitisch gefestigten Völkerbundes einstmals zum morali­
schen Vaterland für einen jeden werde, der seine Heimat, sein
Land, sein Volk, der das menschliche Dasein, die Menschheits­
kultur und ihren Frieden liebt und deren Bestand gesichert ha­
ben will.

C. Anhang (Motivation und Erläuterung)

Die Unterfertigten stützen ihre dem hohen Völkerbunde vor­


gelegten Anregungen durch die nachfolgenden Erwägungen:

Von den absoluten Grundlagen jeder Paktfähigkeit


Sollen die Beziehungen zwischen Menschen und zwischen
Menschengruppen nicht bloß auf gegenseitige Furcht, auf
Angst vor Schadenzufügung und Gewinstentgang begründet
sein, so müssen sie von Vereinbarungen getragen werden, de­
ren Haltbarkeit von den zeitgebundenen Anlässen unabhängig
ist: geschieht dies, so gewinnen sie die Eigenschaft von Kultur­
werten. Denn jeder Kulturwert ist Gegenstand einer Wertver­
einbarung, die unausgesprochen oder ausgesprochen, tradi­
tionsbefohlen oder spontan sein kann, immer aber aus der
Kulturganzheit erfließt und von moralisch zwingender Bedeu­
tung ist; selbst eine Spielregel könnte kaum auf Einhaltung hof­
fen, wenn die beteiligten Parteien nicht durch ein gemeinsames,
hinter ihnen stehendes, letztlich also absolutes Ethos zur Ver­
tragstreue verpflichtet wären. Ohne die Wirkung einer derarti­
gen ethisch absoluten Instanz gäbe es keine freiwillige Über­
einstimmung, mithin noch viel weniger eine wahre Freiheit, es
gäbe keine Vertragsfähigkeit, keine Verfassungsfähigkeit, und
vor allem: keine Gerechtigkeit und keinen Frieden.
Außenweltlich nur in seiner kulturschaffenden Wirkung zu
209

Copyrighted material
erkennen und nur aus dieser zu erschließen, an sich jedoch un-
erfaßlich und unsichtbar, besitzt das Absolute seine weitaus
stärkste Erfahrungsgrundlage in der menschlichen Einzelseele
und ihrer ethischen Struktur: gewiß wirkt es hier nicht minder
geheim, gewiß ist das religiöse Erleben, das der Seele eigenste
Kultur ausmacht und alle Kultur in der Welt schafft, nicht min­
der verborgen, indes klar und deutlich, ja, jederzeit kontrollier­
bar ist die Pflicht zur Vernunft für den Menschen vorhanden,
unablässig ist seine Ratio unter diese Pflicht gestellt, so sehr
dem Logos und seiner lebendigen Fortentwicklung verhaftet,
daß der Mensch sie mit Fug als Ebenbildhaftigkeit empfinden
darf, seine Seele aber als das einzige Gefäß einer Absolutheit,
die sich spiegelnd in ihr erzeugt.
Es ist hier weder die Legitimation, noch der Ort gegeben, die
suprahumane Herkunft der logischen und ethischen Absolut­
heit zu erörtern, obschon es am einfachsten wäre, die religiösen
Sachverhalte heranzuziehen, in welchen die Grundzüge aller
seelischen und weltlichen Kultur eingezeichnet sind. Es soll ge­
nügen, die Existenz eines gesunden Menschenverstandes, die
Existenz eines geraden menschlichen Gewissens anzunehmen,
denn so prekär auch diese primitiv humane Annahme gewor­
den sein mag, sie trifft trotzdem eine Realität der noch vorhan­
denen Kultur, und wenn diese weiterbestehen soll, so wird sie
niemals des absoluten und dadurch sozial paktfähigen Kernes
im menschlichen Verhalten entraten können.

Von der kulturerzeugenden


und der kulturzerstörenden Logik
Gerechtigkeit, Friede, Freiheit, Vertragstreue, Geltung einer
absoluten Moral im öffentlichen Leben, kurzum alle Sicherun­
gen der persönlichen Integrität, wie sie im Rechte des Schwä­
cheren als schönste, humanste, absolutheitnächste Errungen­
schaft von der Kultur geoffenbart werden und diese ausmachen,
sind ebensowohl Wünsche des einzelpersönlichen Menschen
und seiner Ratio, als auch Ausfluß des vielleicht suprahuma­
nen, jedenfalls aber humanen Logos und seiner lebendigen
Entwicklung. Dem allen steht die Logik der Umweltsentwick­
lung gegenüber, die Entwicklung des exhumanen Realitätsbe­
reiches, zu dem auch die ungebändigte Natur gehört und der
gleich dieser bloß das Recht des Stärkeren kennt, jedoch den
210

Copyrighted material
individuellen Kultur- und Friedenswillen strikte verneint.
Daß die gewaltlose, dennoch so starke Stimme der Humanität
sich jemals gegen die Übermacht der Umweltsentwicklung
hatte durchsetzen können, stempelt den Bestand der Kultur zu
dem Wunder, das sie ist, und das Wunder ist umso erstaunli­
cher, als noch jede humane Strömung, die in Gestalt staatlicher
oder gesellschaftlicher oder sonstweicher Institutionen von der
Außenrealität aufgenommen worden ist, äußerst rasch den Zu­
sammenhang mit ihrer Basis, dem lebendigen Logos, verloren
und zu einem erstarrend-erstarrten Instrument einer mensch­
heitsfeindlichen Umwelt sich verwandelt hat: oft und oft hat es
sich im Laufe der Geschichte schon gezeigt, daß nur eine stän­
dige vom Menschen und vom Logos ausgehende Erneuerung
befähigt ist, den Kulturbestand gegen diese vernichtenden Ab­
wehr- und Aufsaugungskräfte zu schützen, und daß jede noch
so kurze und augenblickhafte Unterbrechung der darauf ge­
richteten Bemühungen genügt, um das barbarische Chaos der
Umwelt wieder hervorbrechen zu lassen.
Diese stete Umkehrung des Humanen ins Inhumane, des
Sinnvollen ins Sinnlose, des Lebenswillens in den Todeswillen
könnte sicherlich nicht stattfinden, wenn nicht im Menschen
selber Tendenzen wirksam wären, die den Wünschen seiner
Ratio, seiner Seele, seines Herzens zuwiderliefen: All seine ir­
rationalen Strebungen, sogar seine heroische Aufopferungsbe­
reitschaft, besonders aber all seine Atavismen, seine Mordlust,
seine Kriegslust, sein Kulturekel, sein Vertragsekel, sein Ord­
nungsekel, all diese Haßregungen reihen sich in die Erbar­
mungslosigkeit der Umweltsentwicklung ein, und da es Stre­
bungen sind, die sich der einzelne kaum einzugestehen wagt, so
werden sie umso hemmungsloser innerhalb des Kollektivs mas­
senpsychisch ausgelebt. Denn das Kollektiv, bar eigener ethi­
scher Zielsetzungen und gesichert in seiner Massenexistenz, ist
immerzu bereit, das Recht des Schwächeren als Angstrecht zu
verachten und bedenkenfrei jegliches Kulturgut aufs Spiel zu
setzen: nichts ist falscher als die Sentenz von der Friedensliebe
der Völker; bloß der einzelne will den Frieden, dem Kollektiv
aber ist er gleichgültig und oftmals sogar verhaßt.
Die Weltgeschichte stellt eine unendliche Kette von Einbrü­
chen innerer und äußerer Barbarei dar, und wenn sie trotzdem
aus allen Kultur- und Menschheitsstürzen stets aufs neue in die
211

Copyrighted material
Linie des Humanitätsfortschrittes zurückgeschwungen ist, aus
jeder der unablässig sich wiederholenden Erstarrungen heim­
findend zu lebendigem sozialen Sein, aus jeder Entwürdigung
zurück zur Würde, aus jeder Bedrückung zurück zur Freiheit,
aus jeder Verfassungsunfähigkeit zurück zur besseren Verfas­
sungsfähigkeit, als wirke darin eine geheimnisvoll unerschöpf­
liche und eben wundersame Lebenskraft, die sogar imstande ist,
für jede vernichtete Kultur schließlich doch immer wieder eine
andere in verjüngter Gestalt und auf höherer logischer Stufe
erblühen zu lassen, so darf darin zwar ein Schimmer von der
Unzerstörbarkeit absoluter Werte gesehen werden, eine
gleichsam ewigliche Keimesstärke in des Menschen Seele und
in der Welt, eine durch nichts verdrängbare Menschheitserin­
nerung, gleichsam eine Art Besinnung auf das Absolute und
seine unveräußerlichen Rechte, die - freilich oft genug um den
Preis revolutionärer Eruptionen ärgsten unheilsträchtigsten
Umweltscharakters - immer wieder das Bewußtsein der Völker
schmerzhaft aufbricht, allein gerade diese Vielfalt innerer und
äußerer Gefährdungen, gegen die sich die Kultur zu behaupten
gehabt hat, macht es mit nicht geringerer, ja, mit beängstigen­
der Deutlichkeit klar, daß das Wunder wertschaffender Selbst­
behauptung und Widerstandszähigkeit keineswegs unerschüt­
terlich ist, und daß seine Feuerprobe erst bevorsteht: denn hatte
das Auf und Ab des kulturellen Verlöschens und Wiederauf-
flackerns sich bisher in geographisch, zeitlich und zivilisatorisch
getrennten Räumen vollzogen, so drängt nunmehr die wach­
sende Zivilisationseinheit der Welt unabweislich zu einem all­
umfassenden Entweder—Oder, dessen Radikalität lediglich To­
talitätssiege kennt, entweder den der Ratio und eines
allgemeinen human-kulturellen Wiederanstieges, oder den des
Wahnwitzes und des Rückfalls in eine Barbarei, die sich den ge­
samten Erdkreis unterwerfen wird.

Vom Weltenwahnsinn
Wo die Herrschaft der ethischen Absolutheit endet und den
Menschen freigibt, so daß er zum Objekt der inneren und äuße­
ren Umweltslogik herabsinkt, an dieser Grenze beginnt - in be­
zeichnender Verquickung mit dem Verfall und der Verbiegung
aller moralischen Haltungen - die Herrschaft des Wahnsinnes,
u. z. eines Wahnsinnes von durchaus klinischer Bedeutung.
212

Copyrighted material
Die seit Jahrhunderten vorbereitete und im Weltkrieg erst­
malig konkret sichtbar gewordene Wertzerrüttung der
Menschheit weist alle Symptome eines Absolutheitsschwundes
auf: Ledig der Fesseln eines allgemeinverbindlichen Ethos, wie
es vornehmlich das religiöse gewesen ist, wurden die einzelnen
Wertgebiete, unbeschadet ihres Ranges, immer mehr auf sich
selbst verwiesen, auf ihre internen Ziele, auf ihre verschiedenen
internen Eigenstrukturen beruflicher, weltanschaulicher oder
sonstwie ideologischer Art, und verlustig des Kontaktes, in dem
sie einstmals unter der Leitung einer echten Absolutheit kul­
turgebunden gestanden hatten, mußten sie füreinander logisch
unbegreiflich und zur gegenseitigen, feindschaftserfüllten Um­
welt werden, mehr noch, sie mußten kraft solcher Vereinzelung
und Autonomie jedes für sich nach eigener Totalität streben,
also nach einer Pseudo-Absolutheit, die zu ihrer Selbstbehaup­
tung gezwungen ist, jeden unbotmäßigen Nebenwert rück­
sichtslos zu vernichten. Unbeschränkte Macht der eigenen au­
tonomen Interessensphäre, unbeschränkte Geltung der eige­
nen autonomen Logizität, unbeschränkte Anerkennung der
eigenen autonomen Moral, das sind die Ziele eines jeden der
selbständig gewordenen Wertgebiete, und in diesem bis zu zy­
nischester Radikalität übersteigerten Wertrelativismus ist für
die Stimme der Vernunft, für die Stimme des Logos - etwa als
die einer Humanitätsideologie innerhalb des Wertsystems der
Rüstungswirtschaft - schon längst kein Gehör und kein Platz
mehr vorhanden; eine schwere ethische Gleichgewichtsstörung
hat sich, vielleicht als Folgeerscheinung, vielleicht sogar als Ur­
sache zu der politischen, sozialen und ökonomischen Erschüt­
terung der Welt gesellt, und sie bestimmt deren Wahnsinnscha­
rakter. Denn verengt und getrübt, erstarrt in dieser Enge,
abhängig von umweltsbedingten Voraussetzungen, dem Trieb­
haften untertan, geleitet von außerrationalen Schlagworten, ist
jede Pseudoabsolutheit genötigt, alle Irrsinnselemente im
Menschen zu mobilisieren, das Atavistische und Barbarische in
ihm heraufzubeschwören, die einzelpersönliche Ratio aber zum
Schweigen zu bringen, und wenn dies mit der Hinwendung zur
Massenpsyche gelingt, wenn der Zusammenklang des Kollek­
tivwahnsinnes mit dem Wahnsinn des ihm adäquaten Machtha­
bers, in gegenseitiger Konkurrenzierung einander hervorbrin­
gend, einander aufstachelnd und überbietend, bis zu einem
213

Copyrighted material
Punkt völlig logosferner, selbstverhafteter Blindheit gediehen
ist, dann entsteht starr-grausam, folgerichtig bloß für sich, ab­
gelöst von allem andern jene ethische Autarkie, die eben kei­
neswegs auf die seelische Haltung allein beschränkt ist, jeden­
falls aber das Ethos des Narren und die ihn auszeichnende
würdelose Würde repräsentiert.
Der Weltkrieg, selber schon Frucht der pseudoabsoluten
Wahngebilde, furchtbare Frucht eines dennoch verhältnismä­
ßig noch harmlos gewesenen Vorbereitungsstadiums, scheidet
dieses von dem mit ihm einsetzenden Aktualirrsinn; die dro­
hende Gefahr hatte sich vorher deutlich genug gezeigt, die Um­
weltsentwicklung trug alle symptomatischen Elemente auf ihrer
Oberfläche, die Autonomie der Wertgebiete hatte bereits be­
standen, insbesondere der technische und der ökonomische
Bereich hatten sich bereits weitgehend selbständig gemacht, in­
des, die Masken waren noch nicht gefallen, und eigentlich war
das Vorrecht autonomer Moral, oder richtiger Unmoral, das
machiavellistische Recht auf Treuebruch und Wortbruch und
auf jede Gewalttat, bloß der imperialistischen Außenpolitik der
Staaten und ihrem heiligen Egoismus eingeräumt worden,
während auf sozialem und innenpolitischem Gebiet kaum
daran gedacht wurde, die Geltung des human-absoluten Ethos
anzutasten. Daraus ergab sich jene eigentümliche Mischung
von Paktfähigkeit und Paktunfähigkeit, die in der Vorkriegszeit
allenthalben anzutreffen war, doch auch die eigentümliche
Stellung des imperialistischen Krieges als eines isoliert-provi­
sorischen Phänomens inmitten eines sonst intakten Kulturle­
bens. Dieses Vorstadium ist im Irrsinnssturm der Umweltsent­
wicklung untergegangen. Und wenn auch in dem Kampf, der
zwischen den pseudo-absoluten Wertsystemen gräßlich und
unerbittlich entbrannt ist, vorderhand noch die Staatsexisten­
zen sich als die stärksten erweisen, weil sie eben die fundierte
imperialistische Tradition und überdies die realen Machtmittel
besitzen, also unter Rückgriff auf alte und Ersinnung neuer
Zwangsformen am ehesten zu jener Totalitätsstellung gelangen
können, die gleichermaßen zur Niederhaltung der Nebenwerte
wie zur politischen Außenwirkung nötig ist, es sind trotzdem die
zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Konfliktfronten der­
art verknäult, sind derart mit allen übrigen Interessen vermengt
und vor allem derart von ethischen und pseudoethischen Stre­
214

Copyrighted material
bungen durchsetzt und durchbrochen, daß die Kriegsgefahren
bei weitem nicht mehr - wie dies noch zur Zeit der Völker­
bundgründung der Fall war - mit den Möglichkeiten von
Staatszusammenstößen ausgeschöpft sind, sondern zur Un-
übersehbarkeit sich vermehrt haben und immer weiter sich ver­
mehren: der Krieg in Permanenz, der pseudoabsolute Wahn­
sinnskampf aller gegen alle steht vor der Türe.

Von der Gerechtigkeit des Krieges


und von seinem Wahnwitz
So lange es gegolten hatte, einen höheren und absolutheitsnä­
heren Kulturbereich gegen den Einbruch der Barbarei eines
geographischen Außen zu schützen, wie solches dem römischen
Imperium an seinen Reichsgrenzen oder dem christlichen Mit­
telalter in der Abwehr der Ostnomaden aufgetragen war, so
lange durfte die Absolutheit der Idee oder zumindest die ihrer
Gerechtigkeit auch für die Durchführung eines derartigen krie­
gerischen Schutzes und sogar für die Ergreifung von Präventiv­
maßregeln in Anspruch genommen werden. Aus dieser Kriegs­
form gerechtfertigter Interessenwahrung hat sich, bekanntlich
bereits bei den Primitiven, eine zweite entwickelt, nämlich die
des Paktkrieges, des Krieges auf Vereinbarung, also eine Form,
die einesteils Vertragsfähigkeit voraussetzt, und die andernteils
ebendeshalb sich verpflichtet fühlt, den Krieg nach bestimmten
Regeln zu führen, auf daß er kraft solcher Regeltreue zum lega­
len, ja, ritterlichen Instrument der Politik werde und eine Ge­
rechtigkeit dartue, die wenigstens die Vorzüge unantastbarer
Formalität besitzt.
Abgesehen von den trüben, mord- und habgierigen, subhu­
manen Nebenströmungen, ohne die es selbst im gerechtesten
Kriege nicht abgeht, die sich aber mit je größerer Kulturgleich­
heit der Partner immer mehr zu Hauptströmungen entwickeln,
um letztlich nichts als den nackten Brudermord, die nackte
Kulturvernichtung zu zeitigen, ist der Paktkrieg überdies durch
die modernen Kampfmethoden, die schon rein technisch auf
Überraschungs- und Überfallswirkung eingestellt sind, so sehr
ad absurdum geführt worden, daß er geradezu als Dokument
für die Paktunfähigkeit der Welt genommen werden darf.
Wenn aber nun trotzdem nach wie vor die Fiktion seiner Gül­
tigkeit aufrechterhalten und darüber hinaus sogar auch noch die
215

Copyrighted material
alte Gerechtigkeit des Krieges hervorgeholt wird, um die Bar­
barei zu legitimieren, wenn also unter jener Devise, welche die
Wahrung heiligster Kulturgüter fordert, über kurz oder lang der
ganze Erdkreis mit einem Netz von Verteidigungskriegen bar
jeglichen Angreifers überzogen sein dürfte, so entblößt sich
darin eine Lüge, deren Obszönität dem Bösen schlechthin ver­
wandt ist: denn es geht bei alldem schon längst nicht mehr um
die wirkliche Verteidigung irgendwelcher Interessen, umsowe­
niger als im Chaos eines modernen Krieges wohl kein Interes­
senanspruch unverändert weiterbestehen könnte oder durch­
zusetzen wäre, es geht auch nicht um die nationale Ehre oder
um Völkersympathien und -antipathien, umsoweniger als de­
ren Erzeugung zum Requisit massenpsychischer Technik ge­
worden ist, ja, es geht bei alldem, mögen die Ereignisse von
noch so furchtbarer Realität sein, überhaupt nicht um Reales
oder um real Austragbares, vielmehr wird einzig und allein der
Krieg an sich ausgetragen, das Elend an sich, das Elend um des
Elends willen: denn es ist das Wertsystem des Krieges an sich,
das zur Autonomie und Totalität drängt, mehr noch, es ist die
Autonomie der selbständig gewordenen Kriegsmittel, und es ist
eben damit die krasseste Form der durchgängigen Wertautono-
misierung und Wertzersplitterung, so krass, so radikal, so unwi­
derstehlich, daß sie den zur Hilflosigkeit verdammten Men­
schen in ihren Bann geschlagen hat, verfangen in der
Logoswidrigkeit, verfangen in der Lüge, verfangen in einem
Wahnwitz, der mit einem Gewirr von Generals- und Banden­
kämpfen allenthalben schon konkrete Gestalt anzunehmen be­
ginnt und das Bevorstehende samt all seiner Gräßlichkeit erah­
nen läßt.
Eine Gerechtigkeit des Krieges gibt es nicht mehr, und wer
vom Krieg als einem notwendigen Mittel zur Fortsetzung der
Politik spricht, macht sich einer obszönen Infamie schuldig. Als
gerecht hingegen muß jede Maßnahme anerkannt werden, und
sogar jede Zwangsmaßnahme, die den Krieg, die den Kriegs­
geist, die das Unrecht bekämpft und ein absolutes Ethos vertei­
digt. Und dies ist die Gerechtigkeit der Auflehnung gegen das
Verbrechen schlechthin.

216

Copyrighted material
Vom Fatalismus
Nicht nur gleichgültig gegen den Nebenmenschen, sondern
auch gegen sich selbst, nicht nur unempfindlich gegen fremdes
Leid, sondern auch gegen die eigene Entwürdigung, ist das In­
dividuum, obwohl an sich durchaus imstande, den Welten­
wahnsinn zu erfassen und ihn als solchen zu bezeichnen, allzeit
bereit gewesen und heute nicht minder bereit, unter Verge­
waltigung der humanen, ihm unverlierbar eingesenkten Ratio
sich der irren Umweltsentwicklung und Umweltsideologie ein­
zufügen, insonderlich so lange Gut und Leben hiedurch nicht
bedroht werden, vielmehr im Gegenteil zu hoffen ist, daß aus
der Zugehörigkeit zur aufgestachelten Massenpsychose und
zum Volkswillen, kurzum zur sogenannten Lebensrealität mit
all ihren Genuß- und Erwerbsformen genügend viel Vorteile
erwachsen, um die Flucht in eine Gewissensapathie und in ei­
nen Fatalismus zu rechtfertigen, der in geschäftiger Untätigkeit
unbekümmert die Dinge der Welt so laufen läßt, wie sie eben
laufen. Kein Wunder also, daß eine solche umweltsideologische
Auffassung, die sich außerdem gerne auf die in allen Wirrnissen
noch immer glanzvoll bewiesene Lebenszähigkeit der Kultur
berufen zu können glaubt, schließlich in jenem heroisch-akti­
ven Dynamismus gipfelt, der in Blut und Mord höchst begrü­
ßenswerte Kulturfaktoren sehen will und daher deren Hin­
nahme, ja, Förderung als geeignete Mittel zur Erreichung eines
glücklicheren, ethischeren, absolutheitsnäheren Weltzustandes
empfiehlt.
Allerdings ist es fraglich, ob eine derart optimistische, beinahe
fröhliche, jedenfalls sehr realitäts- und zweckverhaftete Ein­
schätzung der Geschehnisse überhaupt noch Fatalismus ge­
nannt werden kann. Echter Fatalismus verlangt nach einer ge­
wissen Erkenntnistiefe, er verträgt sich schlecht mit allzu großer
Zweckverhaftung an die irdischen Angelegenheiten, er neigt in
ihrer Betrachtung wesensgemäß zu einer pessimistischen Stel­
lungnahme, und solcherart zwar gefeit vor gedankenloser Apa­
thie, mehr noch, sogar oft einer geradezu fanatischen und dog­
matischen Pflichterfüllung im Irdischen hingegeben, ist er mit
alldem doch von Strömungen bewegt, die ihn in die Nähe stoi-
zistischer Haltungen bringen und sämtliche Gefahren einer
verzweifelten Passivität in sich bergen: wer den apokalypti­
schen Weltzustand mit wahrhaft verzweifelter Erkenntnis be­
217

Copyrighted material
griffen hat, der ist zumeist auch schon gewillt, jeglichen Wider­
stand fahren zu lassen, nicht nur aus Müdigkeit, und nicht nur
weil Auflehnung ihm fruchtlos erscheint, und nicht nur weil er
darin ein metaphysisches und vielleicht strafendes Geschick se­
hen mag, sondern auch weil sein von Abscheu gegen jegliche
Gewalttat erfülltes Gewissen keiner Machtanwendung zustim­
men darf und keinem Kriege ein Maß von Gerechtigkeit zuge­
steht, das gestatten könnte, Unrecht mit Unrecht zu bekämp­
fen; er ist in eine ethische Zwangslage geraten, und eindeutig,
wenigstens für ihn eindeutig, schreibt sie ihm vor, was er zu tun
hat, nämlich in duldendem Märtyrertum widerstandslos die
Greuel über sich ergehen zu lassen.
Doch diese ganze fatalistische Skala, angefangen von der ge­
dankenlos optimistischen Bejahung bis zur wissend erleidenden
Verneinung hat etwas Gemeinsames: durchgängig wird gegen
primitivste Menschenpflicht verstoßen, durchgängig wird ver­
gessen, daß jeder Tag passiven oder aktiven Zuwartens mit
neuem realen Leid vergewaltigter Menschen und entwürdigter
Seelen bezahlt wird; es ist ein Verstoß gegen die schlichteste
humane Anständigkeit, und hieraus erfließt zweifelsohne das
fast mystische Schuldbewußtsein, von dessen Schatten wohl
jeglicher Fatalismus berührt wird, das Schuldbewußtsein vor
dem apokalyptischen Elend, mit dem die beleidigte Absolutheit
sich an einer unfähig gewordenen Menschheit rächt.

Von der Würde des Individuums und des Kollektivs


Die Vorstellung von einem Opfer um des Opfers willen ent­
spricht zwar einer bis zu extremster Radikalität gediehenen
Wertautonomisierung, die es tatsächlich schon zu einem ver­
selbständigten Opferungsethos gebracht hat, aber sie hat darob
trotzdem nichts an Groteskheit eingebüßt, und ebenso kann
Märtyrertum an sich nicht als ethische Tat gewertet werden:
Märtyrertum, auch freiwillig auf gesuchtes, ist lediglich als letzte
Phase einer Reihe von Kampfhandlungen zu verstehen, mit de­
nen ein echt oder vermeintlich übergeordnetes, absolutheitsnä­
heres Wertsystem an eine ihm feindliche Welt herangebracht
wird; Märtyrertum entspringt dem seelisch tiefsten Absolut­
heitsbewußtsein und -bedürfnis, steht in seinem Dienste und
verlangt, will es nicht sinnlos werden, einen unbedingten Glau­
ben an den Sieg des absoluten Ethos, für das es erlitten wird,
218

Copyrighted material
verlangt also nach jenem unerschütterlichen und eben absolu­
ten Optimismus, der allein die Kraft besitzt, Recht gegen Un­
recht zu verteidigen; Märtyrertum ist seinem innersten und in­
nigsten Grunde nach stets Verteidigung absolutesten Men­
schenrechtes, doch gleichzeitig damit auch Erfüllung der
ethischen Menschenpflicht schlechthin, während jedweder Fa­
talismus, sei er nun so oder so gefärbt, sowohl diesen Pflichten,
wie auch jenen Rechten sich als nicht gewachsen erweist.
Denn es gibt ein natürliches, unantastbares Recht des Men­
schen und nur dieses: das Recht auf unbedingte Achtung der
seinem Leben eingeborenen ethischen Absolutheit. Und es gibt
eine natürliche, unabweisbare Pflicht des Menschen und nur
diese: die Pflicht zur Verteidigung der absoluten Sittlichkeit. Es
ist ein Recht auf Pflichtausübung, und es ist die Pflicht zur Gel­
tendmachung solchen Rechtes, indes beides zusammen bildet
die absolute Würde des kulturschaffenden Menschen, bildet die
eingeborene Freiheit der Einzelpersönlichkeit und ihrer Wert­
setzungen.
Denn Würde ist Repräsentanz; in ihr repräsentiert der
Mensch kraft seiner moralischen Haltungen das ihm überge­
ordnete und von ihm geschaffene Wertsystem, letztlich also die
absolute Idee. Und wenn auch kein konkretes Wertsystem an
die Absolutheit heranreicht, so ist es doch beauftragt worden,
sich ihr unablässig zu nähern, und je näher es ihr wird, desto
mehr wird ihre Repräsentanz zur wahren Würde des Menschen,
desto mehr wird sie zu seiner Unterordnung unter eine selbst­
geschaffene, dennoch existente höhere Seinssphäre, desto mehr
wird sie zur Wesenheit des human Schöpferischen, das sie zu­
gleich darstellt, Freiheit und Selbstverantwortung in sich tra­
gend. Allerdings, je kleiner und konkreter dieses übergeord­
nete Gebilde ist, desto konkreter werden auch die Utensilien
und Etiketten, die Riten, Trachten und Orden, die zu seiner
Repräsentation benötigt werden, desto hohler und kläglicher
wird die aus ihm erfließende Würde: damit konkrete menschli­
che Institutionen und Sachverhalte, zu denen schließlich auch
die Kollektiva gehören, imstande [sein] werden, an der huma­
nen Würde teilzunehmen, Würde zu manifestieren und Würde
zu verleihen, ist es nötig, daß sie in ihrer Wirksamkeit den Cha­
rakter einer moralisch handelnden Person erhalten.
Denn Kollektiva, mögen sie nun naturgegebene oder zweck­
219

Copyrighted material
betonte Ansammlungen sein, bestehen aus sterblichen, einan­
der ablösenden Einzelmenschen, und ein derartiges, zeitbe­
dingtes und diffus-fluktuierendes Gebilde ist nur dann aus
seiner Eigenschaftslosigkeit herauszuheben und zu einer eigen­
schaftstragenden, zeitüberdauernden, also historischen Einheit
umzugestalten, wenn die Gesamtheit der Handlungen, die ihre
Lebensstruktur ausmachen, durch einen zukunftsweisenden
Festsetzungsakt zusammengefaßt und bestimmt wird, d. h.,
wenn eine Gesetzes- und Verfassungsstiftung von außeror­
dentlicher Plausibilität stattfindet, von so starker Plausibilität,
daß sie sowohl den Zeitgenossen, als auch den Nachfahren
zwingend eingeht, daß sie für dieselben eine zwingende Hand­
lungsvorschrift bildet, daß sie also, gleichgültig ob hoch- oder
tiefstehend, ob kulturschaffend, kulturindifferent oder kultur­
abgeneigt, ob athenisch oder spartanisch, jedenfalls eine Wert­
vereinbarung darstellt, eine Wertmoral, welche die menschli­
chen Handlungen in gute und böse, in erlaubte und verbotene
einteilt und daher für die einheitliche Haltung des Kollektivs,
für seine einheitliche ethische Willensbildung richtunggebend
ist. Solcherart an sich schon auf den Einzelmenschen und die
einzelmenschliche Handlung bezogen, ist der verfassungsstif­
tende Akt genötigt, zur Erreichung seiner vollen ethischen
Höhe sich mit all seiner Obsorge und all seiner Betreuung ein
für allemal an das einzelmenschliche Wohl und an das einzel­
seelisch-moralische Heil zu wenden - nirgends ist diese Linie
so deutlich vorhanden, wie im rein geistigen Grenzfall einer
theokratischen Verfassung, also der Kirche -, auf daß durch
Erweckung des in der einzelpersönlichen Würde ruhenden Lo­
gos stets aufs neue die Umwandlung des Menschenkonglome­
rats zur kulturtragenden humanen Gemeinschaft und Ge­
meinde angebahnt werde, auf daß kraft der Wechselwirkung
zwischen der Ratio des Gesetzes und der des handelnden Men­
schen jene Niederhaltung der irrational-atavistischen, barba-
risch-massenpsychischen Regungen innerhalb des Kollektivs
sich vollziehe, die für die Statuierung des sozialen Seins und der
sozialen Gemeinschaftswürde erforderlich ist. Der Verfas­
sungsstifter kann anonym bleiben, er kann ein Lykurg, er kann
ein Solon, aber er kann auch mehr sein, nämlich der Religions­
gründer schlechthin: Je absolutheitsnäher die verfassungsstif­
tende Tat ist, desto erhabener wird der, dem sie in Ausübung
220

Copyrighted material
seiner unbedingten natürlichen Menschenpflicht, in Ausübung
seiner unbedingten Achtung vor der Absolutheit jeglicher Ne­
benseele gelingt, desto mehr wird er zum Heilsbringer der
Menschheit, desto mehr wird seine Gestalt dem irdischen Fata­
lismus entlöst, desto zukunftweisender, kulturweisender, desto
optimistischer ist sein Tun; doch desto mehr auch wird ihm die
Würdegröße wahren Märtyrertums auferlegt, denn seine ganze
irdische Person wird von der vorwegnehmenden Verantwor­
tung in Anspruch genommen, die ihm infolge seiner überragen­
den Logosnähe zugefallen ist.

Von den Verfassungen


Die ganze Weite einer Religionsstiftung und die ganze Gedan­
kenarbeit der aus ihr entwickelten Theologie ist notwendig, um
den antinomischen Gehalt aufzuheben, der jeder Verfassung
innewohnt: denn Verfassungen müssen zur Sicherung ihres
Dauerbestandes, und im theokratischen Fall sogar ihres Ewig­
keitsbestandes, dasjenige tun, wozu der Mensch am allerwenig­
sten befähigt ist, nämlich zukünftige Verhältnisse vorauszuse­
hen und vorwegzunehmen, und da außerdem, nicht zuletzt
wegen der mehr oder minder suprahumanen Natur solchen
Vorganges, die verfassungsmäßige Machtübertragung, welche
das Kollektiv zugunsten seiner Regierung und deren Beamten
vollzieht, eben diese machtausübenden Ämter im Rahmen ih­
rer Wirkungskreise und der ihnen zugemessenen Befehlsgewalt
mit einem Stück Unfehlbarkeit ausstattet, also gleichfalls mit
etwas, das menschliche Begabung und menschliche Kraft weit
übersteigt, so muß im Zuge der Verfassungshandhabung un­
weigerlich der antinomische Tatbestand aufbrechen, es muß
der Widerstreit zwischen irdischer Unvollkommenheit und
zwangsläufig arrogierter suprahumaner Vollkommenheit, zwi­
schen verantwortungsbelasteter persönlicher Fehlbarkeit und
verantwortungsbefreiter amtlicher Unfehlbarkeit unweigerlich
flagrant werden und über kurz oder lang zu den schweren Ver­
fassungskrisen führen, von denen die Zivilisation immer wieder
befallen wird, zumal die vorhergehenden Lösungsversuche fast
niemals den antinomischen Bereich verlassen, sondern gera­
dezu ausnahmslos ihn ins Dogmatische transponieren, um
durch Terror und Gewalt, aber auch mit all dem verantwor­
tungslosen Fatalismus, der sich vor einem unlösbaren Sachver­
221

Copyrighted material
halt einstellt, ihn und seine Unzulänglichkeit, so lange es eben
geht, aufrechtzuerhalten. Es sind die Verantwortungskrisen der
Menschheit.
Das Wesentliche dürfte wohl darin liegen, daß dogmatisierte
Staatsformen, bar jener metaphysischen Demut, die etwa ech­
ten Theokratien zu eigen ist, sich selbst als konkret vollerreich­
tes Verfassungsideal betrachten, als eines, das über eine an und
für sich schon märchenhafte technische Makellosigkeit hinaus
kurzerhand den Logos auf Erden inkarniert, so daß damit
schlechterdings der logosnächste und würdehöchste Idealzu­
stand für das Kollektiv fingiert erscheint, eine Gesetzesvoll­
kommenheit und -reichhaltigkeit in sich bergend, die das ge­
samte Leben samt seiner jeweils gegenwärtigen und all seiner
künftigen Vielfalt eingefangen hat und in ihren Paragraphen
spiegelt: gleichgültig, ob es sich hiebei um theokratische Staats­
formen handelt, die im Irdischen degeneriert sind, oder um ir­
dische Verfassungen, die sich auf ihrem wertrelativistischen
Wege vergöttlicht und theokratisiert haben, immer ist das Re­
sultat eine Pseudoabsolutheit mit allen Merkmalen einer sol­
chen, feindlich jedwedem Nebenwert, feindlich sogar dem ei­
genen Anhänger, da ihre abstrakt gewordene Obsorge nicht
mehr dem realen Menschen, sondern nur sich selbst dient und
das moralische Ziel der Verfassung, unter Verrat an der ethi­
schen Wirklichkeit, in einen fern-unerreichbaren Zukunftszu­
stand projiziert wird; es ist die völlige Nullifizierung des einzel­
persönlichen Individuums im abstrakten Vakuum, die auf diese
Weise angestrebt wird, und Hand in Hand damit geht die Ten­
denz, die Regierungsgeschäfte zu einem möglichst unpersönli­
chen, also sehr passiven und sehr fatalistischen Betätigen des
Verfassungsautomaten zu machen, zu einer technisch-neutra­
len, unmenschlichen Funktion mit einem Minimum persönli­
cher Handlungsverantwortung, hingegen mit einem Maximum
amtlicher Unfehlbarkeit, u. z. einer durchaus rationalen Un­
fehlbarkeit, deren radikalste Geltung sämtlichen behördlichen
Äußerungen, angefangen von denen der Regierungsspitze bis
herab zu denen der untersten Beamtenkategorie, den Stempel
absolut ethischer Entscheidungen und direkter Logosenunzia-
tionen aufzudrücken hätte. Gewiß, nie und nimmer kann ein
Verfassungsmonstrum von solch dogmatischer Abstraktheit für
die Dauer innerhalb einer lebendigen Welt realisiert werden,
222

Copyrighted material
und wenn auch in Zeiten der Wertzersplitterung derartige dog­
matische Pseudoabsolutheiten einen günstigen Nährboden ha­
ben und mit all ihren lebensfeindlichen, kulturfeindlichen,
paktfeindlichen Begleiterscheinungen allenthalben aufschie­
ßen, so werden nicht minder die ihnen innewohnenden antino­
mischen Gegensätze begünstigt, und bis zur Selbstvernichtung
verschärft; gerade der radikale Weltrelativismus mit seiner
Fülle von Umweltsideologien zeigt, u. z. bereits auf der ober­
sten Oberfläche, nämlich der politischen, daß gerade durch ihn
eine dogmatisch festgelegte, ideologisch fixierte Staatsführung
aufs ärgste gefährdet wird, daß gerade der durch ihn entfesselte
allgemeine Kampf der Wertgebiete eine äußerste Beweglich­
keit, Schmiegsamkeit und Wendigkeit, von jeder Regierung er­
heischt, damit sie in diesem Kampf aller gegen alle sich behaup­
ten kann, eine Wendigkeit, die dem grundsätzlichen Verfas­
sungsbegriff strikte widerspricht, von seiner Moralität ganz zu
schweigen, und die bloß darauf bedacht sein muß, unter dem
Einsatz stärkster persönlicher Verantwortung das materiell
Notwendige, ja, das Verbrecherische machiavellistisch zu tun,
soferne der Augenblick es verlangt. Und gerade Zeiten der
Wertzersplitterung sind es, in denen sich der logische Umschlag
der abstrakten Staatsdogmatik in ihr Gegenextrem mit beson­
ders sichtbarer Raschheit und deutlichster Präzision vollzieht,
freilich nicht als Aufhebung der Unfehlbarkeit und des dogma-
tisierten Regierungsprinzipes, wohl aber als Aufhebung der
Methode, welche die der Verfassung ist; aus der abstrakten
Dogmatik wird eine konkrete, es ist die streng logische Weiter­
entwicklung des pseudoabsoluten Unheils. Denn das Gegenex­
trem, das sich mit rücksichtslosester, radikalster Brisanz und
mit weitaus engerer Wirklichkeitsverhaftung einstellt, ist das
Extrem einer total diktatorischen Staatsform, und obzwar ihre
Impulsivität letztlich jede Bindung an eine Verfassung verwirft
und den Diktator, sein irrational-empirisches Wesen, sein poli­
tisches Genie, zum ständigen Heilsbringer und Verfassungs­
schöpfer, zum unversiegbaren Quell der staatlichen Unfehlbar­
keit machen will, vermag selbst diese totale und höchst
verantwortungsfreudige Autokratie nicht eines breiteren An­
kergrundes für ihre Unfehlbarkeit zu entraten; es ist, als wäre
das Übermaß der aufgelasteten Verantwortung sonst nicht
tragbar: als Exponent des irrationalen Volkswillens, der an die
223

Copyrighted material
Stelle der rationalen Verfassung nunmehr tritt, als Exponent
dieses immer wieder befragten, immer wieder aufgestachelten,
massenpsychischen Seins, dessen Würde er zu repräsentieren
trachtet, findet der Diktator in mystischer Identifikation mit
dem Kollektiv jene irrationale Unfehlbarkeit, ohne die sein
seltsames Wechselverhältnis zur Masse, ohne die sein dynami­
scher Fatalismus nicht denkbar, nicht erklärbar, m. e. W. nicht
möglich wäre. Allerdings, so sehr und so offensichtlich zwischen
extremer Abstraktheit und extremer Massenbindung, zwischen
extrem rationaler und extrem irrationaler Unfehlbarkeit, zwi­
schen extrem passivem Automatismus und extrem aktiver Dy­
namik sich anscheinend Unüberbrückbares auftut, so sehr es
sich hier auch um polare Gegensätze handeln möge, in der we­
sentlichen Sinngebung des Lebens, in der Nullifizierung der
einzelmenschlichen Persönlichkeit, in der Verachtung ethischer
Wirklichkeiten, in der unbedingten Hochachtung ihres Dog­
mas, und sei es selbst um den Preis erbarmungsloser Inhumani­
tät, bleiben sie identisch und bleiben einander derart verwandt,
daß sie in einer ganzen Reihe von praktischen Belangen, z. B.
in denen des Militarismus, sich vielfach verkreuzen und einig
gehen dürfen; weder verschlägt es etwas, daß der abstrakte
Staatsgedanke sich als Konkretisierung eines heiligen Geistes
geriert, noch daß der diktatorische sich eine konkrete gottvä­
terliche Macht anmaßt, die Konkretisierung ist bei ihnen beiden
pseudoabsolut, sie glauben beide, das Empirische und damit
ihre eigene Institution vergöttlichen und mythisieren zu kön­
nen, mehr noch, sie beide halten sich auf Grund solcher Mythi-
sierung zu jeglicher Gewaltanwendung für befugt, sie sind beide
dem Empirischen fatal und fatalistisch verhaftet, und so ist ih­
nen beiden - zum Unterschied von der Position einer echten
Theokratie - die Umweltsentwicklung zu einer Art irdischen
Vorsehung geworden.
Die Skala der irdischen Staatsformen hat sich bisher als ziem­
lich feststehend und wenig reichhaltig erwiesen, und wohl noch
für sehr lange Fristen ist anzunehmen, daß die Gezeiten der
Geschichte diese Skala durchlaufen werden, ehe ihnen in der
Realisation eines Gottesreiches auf Erden abendliche Ruhe
vergönnt sein wird. Bis dahin ist bloß zu wünschen, daß die Ge­
zeitenwellen nicht bis zu den beiden extremen Polen ausschla-
gen mögen, daß das historische Pendelspiel sich möglichst stabil
224

Copyrighted material
in der Skalenmitte vollziehe, denn hier, in dieser Mittelzone, ist
die Gefahr der antinomischen Pseudoabsolutierungen und da­
mit auch die der Verfassungs- und Verantwortungskrisen noch
am nachhaltigsten gebannt, hier ist die breiteste Basis zur ge­
rechten Verteilung der Verantwortungen sowohl in morali­
scher, als auch in praktisch-politischer und ökonomischer Be­
ziehung gegeben, die stärkste Sicherung der menschlichen
Integrität und ihres kulturzugewandten Seins: Es ist die terror­
freieste und daher paktfähigste Zone des sozialen Lebens, und
wenn sie auch, eingedenk ihrer irdischen Unzulänglichkeit,
keineswegs das Absolute konkretisiert, ja, nicht einmal den
Ehrgeizzu diesem aussichtslosen Beginnen hat, es ist die Zone,
in welcher die Realität einer schlicht humanen Anständigkeit
und einer reinlichen Verfassungsmoral etabliert werden kann,
es ist die Zone, in welcher ein Maximum an Freiheit für das In­
dividuum verbürgt ist, in welcher diese Freiheit bloß durch die
Notwendigkeitendes rational-sozialen Ethos eingegrenzt wird,
es ist die Zone der ethischen Kulturwirklichkeit, und in ihr wird
dem Absoluten der ständig klarer werdende Spiegel errichtet,
das human-irdische, dennoch ewige Ebenbild der absoluten
Würde.

Von den Aufgaben der Herrschaft


Weder von abstrakten Ämtern, noch von konkreten Göttern,
und sicherlich nicht über leere Nullen wird Regieren ausgeübt,
sondern von Einzelmenschen über Einzelmenschen, und wenn
auch Machtausübung, vom Menschen ausgehend und auf den
Menschen gerichtet, stets an das Absolute rührt, so wird damit
nicht eine legendäre Absolutheit in der Außenwelt getroffen,
wohl aber die der humanen Wirklichkeit in des Menschen
Seele. Das Gespenst einer fatalistischen Verfassung oder Re­
gierung, widersinnig als Verfassungsgedanke, aus dem das Ver­
antwortungsprinzip nicht zu eliminieren ist, widersinnig in der
praktischen Politik, in der Fatalismus Zusammenbruch bedeu­
tet, dieses Gespenst wird an dem Vorhandensein der menschli­
chen Seele, des menschlichen Herzens zuschanden; auf diesen
sehr einfachen Tatbestand reduziert sich schließlich das an­
scheinend so antinomische Problem des Fatalismus und der
aufgespaltenen, dogmatischen, pseudoabsoluten Konkretisie­
rungen.
225

Copyrighted material
Denn gleichgültig, wie weit eine ideale Verfassung überhaupt
im Irdischen zu realisieren ist, durch all ihre realisierten Formen
hindurch, von der primitivsten bis zur kompliziertesten Staats­
und Gesellschaftsstruktur, steht sie unter dem edukatorischen
Kulturauftrag, der ihr die moralische Gestaltung des Kollektivs
anbefiehlt, und unweigerlich geht dieses Verantwortungserbe
von der Verfassung auf jeden über, der zur Leitung eines Kol­
lektivs berufen ist, und gerade weil jede Verfassung mit wach­
sender Logosnähe befähigter und befähigter wird, absolute
Würde darzustellen und an den Menschen weiterzugeben, ge­
rade weil sie immer mehr zur Repräsentanz der natürlichen
Rechte und Pflichten des Menschen sich entwickelt und enttvik-
keln muß, ebendeshalb ist es schlechterdings unmöglich, den
Regierenden aus diesem primären Pflicht- und Verantwor­
tungskreis auszuschalten und ihn - so erfreulich dies unter
manchen Umständen auch wäre - zum bloß technischen Beam­
ten herabsinken zu lassen oder gar über die grundlegende
Pflichtsphäre hinaus ihn in mystische Gefilde zu versetzen;
nichts und abernichts, keinerlei Herrschergewalt und keinerlei
Unfehlbarkeit enthebt ihn ihrer prinzipiell ethischen Verant­
wortungen, nichts entbindet ihn seiner natürlichsten schlichten
Menschenpflicht, nichts darf seine Achtung vor der Absolutheit
jeglicher Nebenseele schmälern, doch alles und aberalles weist
ihn zu der Aufgabe hin, sich mit seiner ganzen Bemühung und
mit seiner ganzen Obsorge dem einzelmenschlichen Wohl und
der einzelmenschlichen Würde zuzuwenden, auf daß mit der
unablässigen Anrufung der Einzelseele stets aufs neue die ab­
solute Sittlichkeit aus einer relativistischen Umweltsentwick­
lung entlöst und zu ihrem gemeinschaftsstiftenden Wirken frei­
gemacht werde, zur Freiheit jener Selbstverantwortung, aus der
die moralische Haltung des Kollektivs hervorgeht. Jede andere
Handlungsweise ist Beleidigung des absolut humanen Seins, ist
Beleidigung des Untertans durch den Herrscher, ist Verletzung
der psychischen und physischen Integrität der menschlichen
Einzelpersönlichkeit, und einerlei an welchem Punkte dieselbe
verletzt wird, einerlei, ob sie in ihrem freien Glaubensgewissen
oder in ihrem Pflichtrecht auf freie Selbstverantwortung und
auf freie Selbstverwaltung des individuellen Seins geschädigt
wird, oder ob dies durch Nullifizierung ihres Bestandes und ih­
rer Würde oder sonstwie geschieht, es mündet jedwede Tyran­
226

Copyrighted material
nis, selbst wenn sie, sei es als abstraktes Amt, sei es als kon­
kret-diktatorische Person, den Kollektivwillen verkörpert, und
selbst wenn sie den Forderungen des politischen Alltags noch
so vortrefflich genügt, letztlich in ihr eigenes Verderben, und
dieses ist zumeist auch das des Kollektivs: Wer die Freiheit des
Beherrschten mißachtet, verliert die Freiheit seiner Herrschaft,
wer die Mitverantwortung des Nebenmenschen abzulehnen
sich bemüßigt fühlt, gerät selbst ins Verantwortungslose, ins
Maßlose und Maßunfähige, gerät mit dem Verlust der äußeren
Kontrolle in innere Kontrollosigkeit, lediglich der Umwelt aus­
geliefert, die ebensowohl die Übermacht eines Dogmas wie die
der Ereignisse sein kann, und endet schließlich mitsamt seiner
Herrschaft in jener nicht mehr lenkbaren Erstarrung, deren
Unerträglichkeit, vom Humanen aus unzugänglich geworden,
die gewaltsame Lösung ihres antinomischen Gehaltes zur Regel
macht und kaum anders als unter dem blutigsten Schrecken der
Kulturvernichtung zu sprengen ist, aufseiten des Herrschenden
in der mythischen ultima ratio des Krieges, aufseiten der Be­
herrschten im revolutionären Durchbruch des Absoluten. Und
da wie dort wird Unerträgliches durch Unerträglicheres abge­
löst. Denn nicht Völker werden beherrscht, sondern Menschen,
und wer nicht zum Heile des Menschen regiert, der tut es zum
Unheil der Völker.
Niemals ist die Absolutheit der humanen Herrschaftsaufgabe
völlig auszutilgen gewesen, und niemals ist sie völlig auszutil­
gen: mag ein Regime noch so autokratisch sein und noch so sehr
im Massenpsychischen fußen, es wird, wie eh und je, Frieden,
Gerechtigkeit und soziale Paktfähigkeit zu seiner Devise erhe­
ben, wird für menschliche Freiheit und menschliche Würde ein­
zutreten behaupten, sicherlich sehr oft bloß von dem heuchleri­
schen, politisch praktischen Wunsche bewegt, jene Unbotmä­
ßigen, die im eigenen oder im fremden Land sich nicht unter
den massenpsychischen Bann begeben wollen, trotzdem zur
Gefolgschaft zu bringen, und sicherlich nicht minder oft von
dem sehr bösen Gewissen getrieben, welches von der Sinnlosig­
keit des unethischen Tuns weiß - vielerlei Widersprechendes
wohnt mit der gleichen Gutgläubigkeit und der gleichen
Schlechtwilligkeit in des Menschen Brust -, und das sich selbst
wieder mit der Wahrheit in Einklang zu bringen wünscht, damit
sie sich nicht einstens grausam räche, und sicherlich sind noch
227

Copyrighted material
manche andere Motive anzuführen, doch sicherlich keines, das
nicht im Hintergrund von einer tiefen Beunruhigung erfüllt
wäre und erfüllt sein muß, weil niemand, selbst der Verstockte­
ste nicht, sich der unverlierbar ehrfürchtigen und fast immer
furchtgetragenen Ahnung des menschlichen Seins schlechthin
entziehen kann, der Ahnung um das Absolute, das unbeschadet
jedweder Umweltsentwicklung und jedweder Gefährdung wie
ein unzerstörbarer gemeinsamer Nenner auf dem Boden alles
Humanen und aller menschlichen Institutionen und aller Rela­
tivismen ruht.

Von der Mission des Völkerbundes


Ermöglicht durch die zu jener Zeit noch rudimentär vorhanden
gewesene europäische Paktfähigkeit, doch entstanden unter
dem grauenerfüllten Eindruck der auf den französischen
Schlachtfeldern blutig sichtbar gewordenen Vision einer allge­
meinen Wertzersplitterung und -Vernichtung, hatte der Völ­
kerbund, eben in Entsprechung seiner Gründungsveranlassung
und Gründungsvoraussetzung, es sich zur Aufgabe gemacht,
dem Weitergreifen der Zersplitterung Einhalt zu gebieten und
die Weltpaktfähigkeit zu stärken. Dieses Gründungsziel,
schlechterdings identisch mit der Umgestaltung des Mensch­
heitskonglomerates zu einem Weltkollektiv moralischer Hal­
tung und Würde, war und ist von so umfassender Bedeutung,
daß nur eine Herrschaftsinstanz ähnlich großer Einflußweite
dasselbe sich hatte stecken können und vielleicht einmal errei­
chen wird: Ziel, Sinn und Lebensberechtigung des Völkerbun­
des sind damit umschlossen; ohne eine derartige Herrschafts­
befugnis, ohne unmittelbare Mitbeteiligung an der Führung der
Weltgeschicke, ohne eine Autorität, die den Regierungen der
pakt- und friedenswilligen Staaten zumindest gleichgeordnet
ist, wäre die Friedensmission des Völkerbundes dahin. Und fast
ist es, als müßte solche Auflösung sehr bald eintreten. Denn die
Umweltsentwicklung der letzten Jahre hat den Völkerbund
keineswegs verschont; die Tendenzen der Wertzersplitterung
und des Weltrelativismus sind in ihn eingedrungen, nicht min­
der die Neigung zum fatalistischen Geschehenlassen, und oh­
nehin geschwächt durch die verschiedenen, freilich unvermeid­
lich gewesenen Mängel seiner Initialkonstruktion, gleitet er
offensichtlich mit wachsender Beschleunigung in den Zustand
228

Copyrighted material
einer schönen Illusion, deren Palliativwirksamkeit, bereits sel­
ber beinahe paktunfähig geworden, von ständiger Sabotage be­
droht wird und kaum mehr als taugliches Instrument der prak­
tischen Tagespolitik zu betrachten ist, geschweige denn als ihre
oberste Friedensinstanz.
Kriege werden nicht durch gütlichen Zuspruch verhütet, und
ebensowenig sind Beschlüsse und Resolutionen imstande, ein
pakttragendes Ethos zu erzeugen; manches spräche also dafür,
daß die Dinge eine andere und bessere Wendung genommen
hätten, wenn der Völkerbund - im Sinne des Idealwunsches
seiner Freunde - zum Träger der militärischen Exekutivgewalt
Gesamteuropas gemacht worden wäre. Trotzdem darf die Aus­
stattung mit kriegerischen Machtmitteln nicht überschätzt wer­
den. Angesichts der sich häufenden, allenthalben ausbrechen­
den Generalsrebellionen wird es nämlich betrüblich klar, was
Wertautonomie auf militärischem Gebiet bedeutet, und daß zur
Handhabung eines Machtapparates primär Paktfähigkeit und
verläßliche Pakttreue gehören. Daß aber eine solche primäre
Statuierung des pakttragenden Geistes möglich ist, exemplifi­
ziert die Geschichte an einer ganzen Reihe politischer Parteien
und anderer Gesinnungsgruppen, die allesamt zu Beginn ihrer
Tätigkeit lediglich ihre Programmidee zur Verfügung gehabt
hatten und denen es durch bloße Propagierung und Verbrei­
tung dieser beschworenen Ideologie gelungen ist, sich eine aus­
reichende materielle Basis und eine genügende Gefolgschaft
zur Durchführung ihres Aufstieges und schließlich realen
Machtergreifung zu sichern. Nichts ist so unrichtig, als zu glau­
ben, daß die Idee, sei sie nun gut oder böse, minder- oder hoch­
wertig, praktisch nichts bedeute, und daß der geistige Impuls
der Geschichtsformung geringgeschätzt werden dürfe: Was
nottut, ist einzig und allein die Umwandlung der Idee zur wirk­
samen Leitvorstellung in der menschlichen Seele.
Der Völkerbund ist aus einer echten Herrschaftsidee heraus
geboren, und alle Elemente zur geschichtsformenden Funktion
sind in seiner Aufbaustruktur enthalten: mit den Prinzipien der
nationalen Selbstbestimmung und der Gleichberechtigung ist
jene Grundanerkennung der menschlichen Würde ausgespro­
chen, die als Urbedingung aller Sozialwirklichkeit, aller Pakt­
wirklichkeit, aller Friedenswirklichkeit zu gelten hat, und mit
der Stellungnahme zu den Fragen des internationalen Arbeits­
229

Copyrighted material
rechtes, des Emigrantenproblems, des Mädchenhandels, der
Rauschgiftbekämpfung, kurzum in allen Belangen, in denen es
um humane Gerechtigkeit und humanen Schutz geht, ist jene
Wendung zur unmittelbaren Obsorge für die physische und
psychische Integrität der Einzelperson vollzogen, ohne die kei­
nerlei moralische Herrschaft ausgeübt werden kann, am aller­
wenigsten eine überstaatlichen Charakters. Es sind also sämtli­
che Prämissen für eine aktive Wirksamkeit in der Idee des
Völkerbundes vorhanden; nichtsdestoweniger wäre es vermes­
sen, zu behaupten, daß er jemals eine Vorstellung und gar eine
Leitvorstellung im lebendigen Bewußtsein der Menschen ge­
bildet hätte, eine gewisse Schemenhaftigkeit war ihm stets zu
eigen, und dies nicht nur jetzt, da die Schatten eines Abstieges
ihn bedecken, sondern auch zur Zeit seiner Gründung und sei­
ner Blüte war dies nicht besser. Denn wessen der Völkerbund
von Anbeginn an, nebst manchem anderen, ermangelte, das
war die konstitutionelle Möglichkeit, seine Ideologie tatsäch­
lich an eben jenes lebendige Bewußtsein der Völker und Men­
schen heranzubringen; zwischen diesen und ihm standen und
stehen die Staatsgebilde samt ihren Regierungen, und mag so­
gar der gemeinsame Nenner absoluter Humanität aus keinem
Staatswillen wegzudenken sein, er wird insolange ungehoben
und von allen irrationalen massenpsychischen, haß-schürenden
und haß-pflegenden Strebungen überdeckt bleiben müssen, in­
solange dieser ganze Wust nicht von einer hiezu befugten Au­
torität zerrissen sein wird, d. h., insolange der Völkerbund nicht
dagegen ausdrücklich die Würde des Menschen anmeldet, jene
Menschenwürde, die den gesamten Staatsautonomien zutrotz
das unbedingte und unbestreitbare, eigenste Herrschaftsan­
recht der völkerbundlich gefaßten, überstaatlichen Instanz ist,
das Herrschaftsanrecht des Logos und der ethischen Absolut­
heit, das Herrschaftsanrecht des moralischen Weltkollektivs
und seiner in der humanen Selbstverantwortung begründeten
Freiheit.
So sehr der Kulturtod mit all seinen Schrecknissen auch nahe­
gerückt erscheint, zweitausend Jahre abendländischer humaner
Entwicklung sind kaum mit einem Schlage wegzuwischen, und
immer noch besteht die Hoffnung auf ein menschheitsbewußtes
Weltgewissen, das nicht zusammenbrechen kann, nicht zusam­
menbrechen darf, sondern sich bloß umformt: und es mag sein,
230

Copyrighted material
daß ein Stück solch umgeformten Weltgewissens bereits heute
zu gewahren ist, ja, als gäbe der Völkerbund selber von dieser
Umformung Kunde, denn bei aller Wertzersplitterung hat sich,
zunehmend mit der zunehmenden allgemeinen Wertrelativie­
rung, gleichsam als ein Absolutes im Relativierungsakt, eine
früher niemals geahnte Achtung vor bestimmten Kulturwerten,
u. z. vor den natürlich gewachsenen einzelnen Volkskulturen
eingestellt; es ist ein sozusagen relativistisches Welt- und Kul­
turgewissen, und seine konkrete Wirksamkeit hat sich demge­
mäß auch als höchst prekär erwiesen, zumindest bisher keine
sehr realen Resultate geliefert, wahrscheinlich weil darin, wie
in jedem Relativismus, viel zu viel gefährlich-antiuniversale
und sogar barbareifreundliche, kriegsfördernde Autochthon-
tendenzen und Egoismen mitschwingen. Dennoch ist es eine
neue Form, und in der neuen Form wohnt vielleicht der Ansatz
zu neuem Inhalt und neuer Entwicklung, der Ansatz zu einer
neuen Humanität, zu einer neuen Achtung vor der Gestalt des
Menschen, die unabweislich hinter der des Volkes sich erhebt,
sich zur Gestalt der Menschheit schlechthin entfaltend: es ist
nur eine Hoffnung, aber eine umso berechtigtere, als der Au­
genblick nicht mehr ferne sein dürfte, in welchem die Völker,
müde des Mordens, müde des selbsterzeugten Elends, wahrhaft
schreckensmüde sein werden, der Sehnsucht voll, einer stillen
und milden Erlaubnis gemäß wieder heimkehren zu können aus
den Sphären des Massenwahnes, des Blutvergießens, des
Grauens und der gegenseitigen Verknechtung, heim in den
Frieden ihres humanen Seins, heim in den Frieden erneut rei­
fender Kulturwirklichkeit. Der Menschheit hiezu behilflich zu
sein und sie dem automatenhaften Gespenstertum ihres Fata­
lismus zu entreißen, ihr und ihrer Seele, aber auch ihrem Be­
wußtsein wieder die ewigtröstliche Leitvorstellung kultureller
Humanität zu geben, das ist die Aufgabe des Völkerbundes: er
deklariere deshalb von der Höhe seines Friedensforums aus,
daß er die Würde des Menschen in seinen Schutz nehme.

1 Eine Vereinigung, die 1910 mit einem Kapital von zehn Millionen Dollar von
Andrew Carnegie begründet wurde. Der Hauptsitz der Stiftung ist in New
York, ein europäisches Zentrum befindet sich in Genf. Das Ziel ist das Studium

231

Copyrighted material
der Kriegsursachen und das Finden von praktischen Mitteln zur Kriegsverhin­
derung, ferner die Entwicklung einer internationalen Gesetzgebung und die
Verbesserung internationaler Beziehungen im allgemeinen.
2 Society of Friends (The Religious Society of Friends). Quäker-Bewegung, die
1652 von George Fox in England begründet wurde und deren pazifistische Be­
strebungen stets Hand in Hand ging mit einer aktiven Arbeit für den Frieden.
3 Den Aufgaben des Völkerbundes dienten mehrere besondere Organistionen
wie das Internationale Friedensamt in Genf oder das Institut für Internationa­
les Recht, das heute seinen Sitz in Brüssel hat.
4 Die Pan-Europa-Bewegung ging zurück auf den 1923 von Graf Coudenhove-
Kalergi in der Schrift P aneuropa geforderten Zusammenschluß der europä­
ischen Staaten. Sie kann als die erste europäische Einigungsbewegung des
zwanzigsten Jahrhunderts angesehen werden.
5 Die Liga für Menschenrechte wurde als »Ligue pour la Defense des Droits de
l’Homme et du Citoyen« 1898 in Paris zur Revision des Dreyfus-Prozesses ge­
gründet. Der heutige Sitz ist in London. Sie kämpft u. a. für die friedliche Rege­
lung internationaler Konflikte und verteidigt die Grundsätze der Demokratie.
Ihr Organ ist die Wochenschrift Cahiers de l ’H o m m e (seit 1919).
6 Vgl. die oben genannten Signatare. Broch stand 1937 in dieser Angelegenheit
in Korrespondenz mit Jacques Maritain, Albert Einstein, Stefan Zweig, der
Duchess of Atholl, Gräfin Listowel, Aldous Huxley, Thomas Mann u. a. Zur
Unterbreitung der Resolution beim Völkerbund kam es nicht mehr. Thomas
Mann erwog seinerzeit, die Resolution in M a ß u n d W ert zu veröffentlichen.
Bei der Vorbereitung dieser Studie las Broch u. a. Ernest Barker, The C itizen 's
Choice, Cambridge University Press, 1937.

Copyrighted material
Völkerbundtheorie (1936-1937)

So sehr diese dichterische Betätigung1 meinen innern Wün­


schen und Bedürfnissen entsprach, sie wurde neuerdings von
den Ereignissen überholt. Hitler hatte die Macht in Deutsch­
land ergriffen, die Nazipropaganda begann mit unwiderstehli­
cher Präzision in sämtlichen Grenzländern zu arbeiten, und da­
hinter stand die Aufrüstung sowie die täglich deutlicher
werdende Kriegsdrohung: es waren Mächte, gegen welche mit
Beeinflussung eines Lesepublikums nichts mehr auszurichten
war. Wer in diesem Augenblick noch etwas gegen Barbarei,
Blutwahnsinn und Krieg tun wollte, durfte keine Umwege mehr
gehen, sondern hatte sich zu bemühen, sich unmittelbar in den
Dienst jener Kräfte zu stellen, welche noch in der Lage waren,
sich dem kommenden Unheil zu widersetzen. Wer dies in jenen
Tagen nicht tat, der setzte die Sünde der geistigen Arbeiter und
Intellektuellen fort, die Sünde des ivory tower und seiner
Verantwortungslosigkeit; gerade das Deutschland des Jahres
1933 [zeigte], welche Folgen aus der politischen Gleichgültig­
keit des geistigen Arbeiters entstehen konnten: hätte
Deutschland mehr Männer von der politischen Leidenschaft
eines Max Weber2 gehabt, hätte der deutsche Intellektuelle
sich nicht jahrzehntelang vom politischen Geschehen ausge­
schaltet, es wäre um die deutsche Demokratie besser bestellt
gewesen.
Denn trotz des Vorwurfes der »Weltfremdheit«, mit dem die
geistige Arbeit bedacht wird und der schon manchen Intellek­
tuellen dazu veranlaßt hat, sich eingeschüchtert in den ivory
tower zurückzuziehen, hat diese Weltfremdheit doch immer
wieder ins historische Geschehen eingegriffen, und zwar stan­
den ihr hiezu stets zwei Wege, welche allerdings aufs engste
miteinander verknüpft sind, zur Verfügung: der erste Weg führt
durch die ethische Realität zu den Erfordernissen des Tages,
d. h. er gibt diesen Erfordernissen (wie es etwa die französi­
schen Enzyklopädisten getan haben) durch Aufdeckung der in
ihnen enthaltenen ethischen Wahrheit die ihnen notwendige
moralische Legitimation und moralische Wirkungsmöglichkeit;
der zweite Weg führt durch die Dingrealität und entwickelt auf
Grund neuer »Realitätserkenntnisse« (als welche z.B. die
233

Copyrighted material
Marxsche Nationalökonomie anzusprechen ist) neue morali­
sche Haltungen.
Ich bin durchaus überzeugt, daß der Fortschritt der Mensch­
heit wieder seine wichtigsten Impulse von diesen beiden Wir­
kungsmöglichkeiten des Geistes erfahren wird. Im Jahre 1935
mußte man sich vor allem fragen, wo die praktischen Erforder­
nisse zu finden seien und wie man daselbst die geistig-theore­
tische Arbeit würde einschalten können.

Durch ein seltsames Zusammentreffen günstiger Umstände


hätte in den Jahren 1934/35 der agonisierende Völkerbund zu
einem wirklichen Friedensinstrument (das er niemals gewesen
war) im Sinne der Wilsonschen Gründungsidee3 gemacht wer­
den können. M. a. W., es wäre damals [möglich] gewesen, den
Völkerbund zu einer wirklichen Union - nicht viel anders, als
wie eine solche heute CI. Streit4 vorschwebt - zu entwickeln,
und zwar infolge einer besondern Machtkonstellation, denn
ohne realpolitischen Hintergrund können keine ethischen Ziele
verfolgt werden. Der Schlüssel zur Situation lag damals bei Ita­
lien5, welches gerne ideologische Konzessionen gemacht hätte,
wenn seine berechtigten Ansprüche auf eine kollektive Man­
datspolitik in den Kolonien halbwegs befriedigt worden wären;
nur widerwillig und gleichfalls unter ideologischen Konzessio­
nen [hat es sich dann] dem deutschen Bündnis zugewandt. Der
Völkerbund oder richtiger die Diplomatie der Westmächte in
ihrem unheilvollen Schwanken zwischen »Gesinnungsethik«
und »Verantwortungsethik«6 hat diese Gelegenheit versäumt;
weder kam es zu den satzungsgemäßen kriegerischen Aktionen
gegen Italien (welche vielleicht die diktatoriale Bedrohung ein
für allemal gebrochen hätten), noch wurden die unbrauchbar
gewordenen Bund-Satzungen, deren ethischer Inhalt bei die­
sem Anlaß eben sogar hätte verschärft werden können, derart
umgewandelt, daß sie Italien das Verbleiben im Bunde ermög­
licht hätten.
Es war damals die Gelegenheit, dem Völkerbund und damit
der Welt jene »Paktfähigkeit« wieder zu verschaffen, die im
Zuge der »Wertzersplitterung« verlorengegangen war; auf
diese Paktfähigkeit kam es an, denn ohne sie gibt es keinen
Frieden. Doch Paktfähigkeit setzt ein Minimum an ethischer
Gemeinsamkeit als Verständigungsbasis voraus.
234

Copyrighted material
In meiner Untersuchung über die Möglichkeiten eines haltba­
ren Völkerbundes bin ich von diesem Problem einer ethischen
Minimalbasis ausgegangen. Meine Arbeit gliederte sich in drei
Teile, erstens in eine staatsphilosophische Grundlegung, zwei­
tens in den Aufbau der staatstechnischen Konsequenzen, wel­
che sich aus der prinzipiellen Grundlegung ergeben, und drit­
tens in die praktischen Desiderata, deren Durchführbarkeit sich
als möglich zeigte.

1. Im staatsphilosophischen Teil wurde nachgewiesen, daß al­


les Regieren - soferne es den Frieden zu wahren beabsichtigt
- auf der Achtung vor der »Würde des menschlichen Individu­
ums« begründet sein müsse und daß im Entschluß zu dieser
Achtung die allgemeine Basis für die neue Paktfähigkeit zu er­
kennen ist. Dieser Teil gipfelt in der Aufforderung an die frie­
denswilligen Staaten, welche sich zu dem neuen Völkerbund zu­
sammenschließen wollen, eine »Deklaration zum Schutze der
Menschenwürde« zu erlassen und diese ebensowohl in ihren ei­
genen Konstitutionen und Gesetzgebungen wie im Status des
neuen Völkerbundes unterzubringen.

2. Der zweite staatstechnische Teil als Konsequenz dieses Ur-


prinzips der Humanität läßt sich in eine Anzahl von Grundthe­
men aufgliedern:
a) werden allgemeine regulative Prinzipien (wie eben das
Grundprinzip der Menschenwürde) akzeptiert, so ist damit
auch die Verantwortung umrissen, welche jedes humanitätsge­
richtete Staatswesen, insbesondere also die Demokratie, den
zur Regierung und Gesetzgebung bestellten Vertretern aufla­
stet, nämlich die Verantwortung der »aktiven Unheilsverhü­
tung«, denn immer ist das Unheil im Gemeinwesen auf Verlet­
zung der Menschenwürde begründet, und alle andern Übel,
heißen sie nun Krieg, Verbrechen oder sonstwie, sind Folgen
dieses Grundübels;
b) unter dieser Voraussetzung wird es gleichgültig, von wem ein
Gebiet regiert wird - »kein Volk beherrscht ein anderes« -
sondern es kommt lediglich darauf an, wie regiert wird, d. h. daß
tatsächlich die akzeptierten Grundprinzipien der Humanität
allenthalben streng durchgeführt werden;
c) es gibt daher für die Mitgliedstaaten des neuen Völkerbundes
235

Copyrighted material
keine »reine Souveränität« mehr; jeder Staat steht in seiner in-
nern Gesetzgebung unter der Kontrolle aller andern, d. h. des
Bundes;
d) es gibt keine »verantwortungsbefreiten« Staatsmänner
mehr; jeder einzelne Staatsmann ist den akzeptierten Grund­
prinzipien verpflichtet und kann bei Zuwiderhandeln als »Ver­
brecher« an der Menschenwürde vom Bund strafverfolgt wer­
den;
e) die Mitgliedstaaten geben demnach gewisse Souveränitäts­
teile, zu denen nicht zuletzt auch das Rüstungsrecht gehört, an
den Bund ab.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß gewisse Ansätze zu derar­
tigen Einrichtungen bereits in den Statuten des alten Völker­
bundes (als Reste des Wilsonschen Entwurfes) enthalten gewe­
sen sind.

3. Schließlich ergeben sich praktische Desiderata, teils als


Ausgestaltung des alten Völkerbundprogrammes, teils über
dieses hinausreichend. Einige hievon seien angeführt:
a) Einfluß des Bundes auf die Jugenderziehung in den Mit­
gliedstaaten;
b) zentrale Völkerbund- und Friedenspropaganda, insbeson­
dere als Gegengewicht gegen die fifth-column-Tätigkeit der
Aggressorstaaten;
c) gegenseitige Rechtsangleichung für sämtliche Mitgliedstaa­
ten, nicht zuletzt auf dem Gebiete des Sozial- und Arbeitsrech­
tes;
d) weiterer Ausbau der sozialen Völkerbundinstitutionen, wie
denen des Arbeitsamtes, des Büros für geistige Zusammenar­
beit, sowie in den Belangen des Rauschgiftvertriebes, des Mäd­
chenhandels, der Sklavereiverhütung usw.;
e) Einrichtung eines Institutes zur Erforschung und Bekämp­
fung von Massenwahnerscheinungen.

Diese Desiderata lassen sich natürlich noch ziemlich weit ver­


mehren, nämlich so weit, als sie sich deduktiv aus den aufge­
stellten Grundprinzipien ableiten lassen und sich an diesen be­
gründen. Denn jede moralische Institution muß ein logisches
Organon darstellen, in welchem jeder Teil sich am Ganzen be­
gründen läßt.
236

Copyrighted material
Ich stehe auch noch heute zu dieser Arbeit, umsomehr als sie
mir als ein Beweis für die praktische Anwendbarkeit meiner
Werttheorie erscheint, und ich glaube vertreten zu können, daß
sie prinzipiell alles enthält, was man als »Friedensziel« für den
heutigen Krieg zu umreißen hätte, vielleicht sogar als pax ame-
ricana, denn da sie den Wilsonschen Gedanken weiterführt, be­
sitzt sie sicherlich einen innern Zusammenhang mit den Grund­
zügen der amerikanischen Konstitution, insbesondere also mit
der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Während der Jahre 1936/37 stand ich mit einer Reihe bedeu­
tender europäischer Persönlichkeiten7 in Korrespondenz, um
diese Arbeit zu einem kollektiven Dokument zu machen, wel­
ches in einem repräsentativen Schritt beim Völkerbund einzu­
bringen gewesen wäre. Die politische Entwicklung des Jahres
1937 zwang zur Aufgabe dieses Vorhabens; es war sinnlos ge­
worden.
Im Widerspruch zur Meinung mancher meiner Freunde habe
ich die Völkerbundarbeit nicht veröffentlicht. Derartige Arbei­
ten sind an den Augenblick ihrer Verwirklichbarkeit gebunden ;
nehmen sie hierauf nicht Rücksicht, so sinken sie zur Utopie ei­
nes wishful thinking herab. Und diese Weigerung gegen die
Veröffentlichung wurde überdies für mich persönlich zu einem
Glücksfall: wäre die Veröffentlichung erfolgt, so hätte ich das
Nazigefängnis, in dem ich mich einige Wochen befunden hatte,
kaum mehr verlassen.8

1 Vgl. den vorangehenden Abschnitt »Literarische Tätigkeit (1928-1936)« von


Brochs »Autobiographie als Arbeitsprogramm« in Band 9/2, S. 247-248 dieser
Ausgabe.
2 Vgl. Max Weber, G e sa m m e lte p o litisch e S ch riften (München 1923). Dieser
Band befand sich in Brochs Wiener Bibliothek.
3 Vgl. »The Fourteen Points. President Wilson’s Address to Congress, January
8, 1918«. Der 14. Punkt lautet: »A general association of nations must be for-
med under specific covenants for the purpose of affording mutual guarantees
of political independence and territorial integrity to great and small States alike.
[...]«.
4 Vgl. Clarence Kirshman Streit, U nion n o w . A p ro p o sa l fo r a fed era l union o f
the d em o cracies o f the N o rth A tla n tic (New York 1939).
5 Italien trat 1937 aus dem Völkerbund aus.

237

Copyrighted material
6 Vgl. Max Weber, P o litik als B e ru f (München 1919), S. 57f.
7 Vgl. Fußnote 6 der »Völkerbundresolution«.
8 Broch wurde aufgrund einer Denunziation am 13. März 1938 von der Gestapo
in Alt Aussee (Österreich) verhaftet, am gleichen Tag ins Gefängnis von Bad
Aussee eingeliefert und dort am 31. März 1938 entlassen.

Copyrighted material
Rundfunkansprache an das deutsche Volk1

Das deutsche Volk fühlt sich heute wie ein gehetztes Wild, das
von den Jägern umringt und gestellt worden ist, um den Gna­
denstoß zu empfangen.
Das deutsche Volk möge sich erinnern, daß es einstens, im
Jahre 1814, als ein anderer Völkerbedrücker, Napoleon, nie­
dergeworfen werden sollte, selber zu den Siegermächten gehört
hat, daß es damals in der Völkerschlacht von Leipzig und auf
der Ebene von Waterloo Schulter an Schulter mit seinen heuti­
gen Feinden gekämpft hat, nicht nur um seinen eigenen Boden
zu befreien, sondern auch um dem mißgeleiteten französischen
Volk Befreiung von unerträglicher Tyrannei zu bringen.
Frankreich hat nach dem Tag von Waterloo in die friedliche
Völkergemeinschaft zurückgefunden; es hat seitdem nie mehr
einen Angriffskrieg unternommen. Deutschland hat sich seit
den Befreiungskriegen immer mehr und mehr aus der Völker­
gemeinschaft herausgelöst. Es hatte in jenem Befreiungskrieg
zum ersten Mal seine nationale Stärke erprobt, und nun, in dem
darauffolgenden Aufschwung, begann es sich für unbezwinglich
zu halten. Es geriet in einen Wunschtraum hinein, der nach den
Siegen von 1866 und 1870 noch tiefer wurde, in den tollen
Wunschtraum von der Bestimmung der Deutschen zur Welt­
herrschaft: die Macht des deutschen Schwertes sollte diese
Weltherrschaft zugleich begründen und rechtfertigen, die
Macht des Schwertes sollte sie zur gerechten Sache machen.
Das deutsche Volk begann damit wieder an jenes heidnische
Gottesurteil zu glauben, das sich im Schwertkampf verkünden
soll.
»Ich führe Euch herrlichen Zeiten entgegen«2rief Wilhelm II.
dem deutschen Volke zu und führte es damit in den ersten
Weltkrieg. Damals, im August 1914, ist Hitler, wie er selber in
Mein Kampf3erzählt, ins Knie gesunken, um dem Schöpfer für
diese herrliche Zeit zu danken. Es wurde eine Zeit des Grauens
und des Elends. Wiederum schloß sich ganz Europa, ja die
ganze Welt zusammen, diesmal nicht gegen Frankreich, son­
dern gegen Deutschland.
Trotzdem folgte kein Erwachen aus den Weltherrschaftsträu­
men. Das Gottesurteil ist verfälscht worden, erklärten Luden­
239

Copyrighted material
dorff und Hitler. Die deutschen Armeen haben eigentlich ge­
siegt, aber sie sind gleich Siegfried von einem Dolchstoß4 in den
Rücken getroffen worden: das feige Hinterland, geführt von
Juden und Kommunisten, hat den Helden gefällt. Und obwohl
ein jeder im Hinterland, also sechzig Millionen Deutsche, hie­
durch der Feigheit und der Dummheit bezichtigt wurden, fand
die beschimpfende Lüge wachsenden Glauben, denn sie er­
laubte es, den Wunschtraum vom unbezwinglichen Deutsch­
land und seiner mystischen Berufung zur Weltherrschaft wei­
terzuträumen.
Gewiß, nicht alle Deutschen, die Hitler und den Seinen die
Macht in die Hand gaben, haben damit Krieg im Sinne gehabt,
aber fast alle haben an die Auserwähltheit und an das Herr­
schaftsrecht Deutschlands geglaubt, und sie haben nicht ge­
merkt, daß dies schon den Krieg bedeutete, den die Nazis von
allem Anfang an vorgehabt und bewußt vorbereitet hatten.
In unzähligen Reden und Zeitungsartikeln der Nazi wurde
nun das alte Thema vom Gottesurteil des Krieges und von der
historischen Gerechtigkeit, die am Schlachtfeld erkämpft wer­
den muß, wieder aufgenommen. Wilhelm II. hatte leere Ver­
sprechungen gemacht. Hitler hat gelogen, bewußt gelogen, ja,
er hat sich in Mein Kampf sogar ganz zynisch und öffentlich ge­
brüstet, daß man mit Lügen die Welt beherrschen kann.5 Den­
noch hat das deutsche Volk ihm geglaubt, es hat ihm die Dolch­
stoßlegende geglaubt, es hat die Augen verschlossen vor den
vielen Nazi-Verbrechen und Nazi-Greueln in den Gefängnis­
sen und Konzentrationslagern, es hat die Pogrome und Folte­
rungen geduldet, immer in der Hoffnung, daß das große Got­
tesurteil der Geschichte all die Schande wieder wegwaschen
werde. Und in solch freiwilliger Blindheit ist das deutsche Volk
an der Entfesselung dieses neuen Weltkrieges mitschuldig ge­
worden. Hitler aber und die Seinen, sie logen weiter. Das de­
mokratisch verseuchte England kann keinen Krieg gewinnen,
erklärten Hitler und Goebbels, das Rassengemisch Amerika
wird sofort auseinanderbrechen.6 Keine Bombe wird auf
Deutschland fallen, versprach Göring. Die russische Armee
besteht nicht mehr, verkündete Hitler. Dann wieder höhnte er,
die Strategie der Alliierten sei infolge ihrer vollkommenen
Idiotie gänzlich ungefährlich. Und während diese Lügen sich
schon selbst entlarvten und Niederlage auf Niederlage folgte,
240

Copyrighted material
hat das deutsche Volk diesen Leuten weiter geglaubt, hat die
deutsche Armee diesen Leuten weiter gehorcht, hat sich von
ihnen zu Henker- und Folterdiensten erniedrigen lassen, hat
alle die unnennbaren Verbrechen in den Mordfabriken von
Maidanek, Oswiecim, Buchenwald, Nordhausen, Ravensbrück
und wie sie alle heißen, gedeckt und unter ihre Obhut genom­
men. Blind wie ein Schlafwandler war das deutsche Volk.
Wird es auch jetzt die Augen nicht öffnen wollen? Wird es eine
neue Dolchstoßlegende erlauben, auf daß der Wunschtraum
vom ewig siegenden deutschen Schwert weiter gesponnen wer­
den könne? Kein Jude, kein Kommunist konnte diesmal den
Dolch gegen den deutschen Helden zücken, denn Hitler hat
nicht nur die Juden und Kommunisten, sondern auch gleich ihre
Frauen und Kinder, Millionen von ihnen, ermorden lassen.
Schlafwandlerisch blind hat das deutsche Volk sein Schicksal
Lügnern und Verbrechern ausgeliefert, schlafwandlerisch blind
hat es an ihren Verbrechen teilgenommen, schlafwandlerisch
blind und stumpf gegen fremdes Leid hat das deutsche Volk die
Verantwortlichkeit an dem Verbrechen des Krieges und an den
furchtbarsten Greueln der gesamten Menschengeschichte auf
sich geladen.
Das deutsche Volk hat an ein heidnisches, barbarisches Got­
tesurteil geglaubt, das es nicht gibt. Denn das Urteil, mit dem
das Schicksal gegen ein erblindetes Deutschland entschieden
hat, dasselbe Urteil, das dazumal gegen ein vermessenes
Frankreich unter Napoleon entschieden hatte, dieses Urteil
stammt aus einer Sphäre, die höher ist als die der bloßen Ge­
walt; es stammt aus der Sphäre der unwandelbaren Gerechtig­
keit. Deutschlands größter Sohn, Goethe, hat dies gewußt und
vorausgewußt, als er 1814 beim Sturz Napoleons den propheti­
schen Bannspruch dichtete:
Verflucht sei, wer nach falschem Rat,
Mit überfrechem Mut,
Das was der Korse-Franke tat,
Nun als ein Deutscher tut!
Er fühle spät, er fühle früh,
Es sei ein dauernd Recht;
Ihm geh’ es, trotz Gewalt und Müh’,
Ihm und den Seinen schlecht!7
241

Copyrighted material
1 Broch schickte diese Ansprache gleich nach Kriegsende im Frühjahr 1945 an
seine Freundin Ruth Norden, die in Berlin an der Rundfunkabteilung des ame­
rikanischen Office of War Information (später RIAS) tätig war. Gesendet wor­
den ist die Ansprache nicht.
2 In der Rede Wilhelms II. auf dem Brandenburgischen Provinzial-Landtag am
24. Februar 1892 hieß es: »[...] Brandenburger, zu Großem sind wir noch be­
stimmt, und herrlichen Tagen führe ich euch noch entgegen. [...]« Zitiert nach
Wilhelm Schröder, D as p e rsö n lich e R eg im en t. R e d e n u n d sonstige ö ffen tlich e
Ä u ß e ru n g e n W ilhelm II. (München 1907), S. 96.
3 Vgl. Adolf Hitler, M e in K a m p f, Bd. 1 (München 1925), S. 169.
4 Vgl. ibid, S. 197 ff und Erich Ludendorff, D ie R e v o lu tio n vo n O b en . D as
K riegsende u n d die V orgänge beim W a ffen stillsta n d (Lorch o. J.).
5 Vgl. A. Hitler, M e in K a m p f, a.a.O., S. 185 ff.
6 Vgl. Hermann Rauschning, G espräche m it H itler (New York 1940), S. 67ff.
7 J. W. von Goethe, »Epimenides Erwachen, letzte Strophe« (1814).

Copyrighted material
Bemerkungen zur Utopie einer
international Bill of Rights and of Responsibilities<

Einleitung

Das Problem: Souveränität vs. Humanität


Trotz tiefstgreifender Gegensätze innerhalb der zivilisierten
Welt, trotz dieser politischen und ökonomischen und morali­
schen Gegensätze, von denen die zwischen der westlichen und
der russischen Staatsstruktur die gewichtigsten sind, hat das in
San Francisco versammelte Nationen-Kollektiv1 sich zu einem
einheitlichen Friedensziel bekannt, das manche Züge eines
wiedererwachten humanen Weltgewissens trägt. Denn dieser
Versuch zur Errichtung einer Weltorganisation, die ein friedli­
ches Zusammenleben der Völker ermöglichen und die Vermei­
dung künftiger Kriege anstreben soll, ist auf den Richtlinien der
Rooseveltschen Four Freedoms2 basiert und ebendarum auch
auf der unbedingten Anerkennung von Menschenfreiheit und
Menschenwürde, um derentwillen die physische und psychische
Integrität des Menschen stets und uneingeschränkt als oberstes
Gut gewahrt zu werden hat.
In der »International Bill of Rights«3, die gemäß den Be­
schlüssen von San Francisco dieses Bekenntnis zu Ausdruck
und Anwendung bringen soll, offenbart sich daher ein Doppel­
aspekt: positiv genommen läßt er die verbindende Gemein­
samkeit, den gemeinsamen Humanitäts-Nenner unter all den
verschiedenen nationalen Verhaltensweisen und Strebungen
sehen; hingegen negativ genommen zeigt er die nicht minder
gemeinsame Absage an die Antihumanität jedweden Fascis-
mus.
Freilich darf dieses Gemeinsamkeits-Bekenntnis auch nicht
überwertet werden. Trotz der Garantie, die das Nationen-Kol­
lektiv für die »International Bill of Rights« auszusprechen ha­
ben wird, ist ihr Enforcement im Übertretungsfall kaum zu er­
warten, da die Festhaltung am alten Nichteinmischungsprinzip
dawider steht. Wenn ein Staat innerhalb seines Souveränitäts­
bereiches die Bestimmungen der »Bill of Rights« nicht einhal-
ten will, so wird er dies ungestraft tun können; erst wenn seine
Übertretungen zu Schädigungen anderer Staaten werden (so
243

Copyrighted material
z. B. durch die Flüchtlingsmassen, die er infolge seiner Mißach­
tung von Humanität und Menschenwürde, also etwa infolge
Rassen- und Gewissensintoleranz über die Grenzen jagt), oder
wenn er unverkennbar Kriegsvorbereitungen trifft oder gar
Aggressionen begeht, wird er Gegenaktionen des Nationen-
Kollektivs zu gewärtigen haben.
Die »International Bill of Rights« ist demnach dem Nichtein­
mischungsprinzip unterordnet worden, allerdings aus einem
sehr realistischen Grund: man sagte sich, daß bei den großen
innern Gegensätzen - wie eben denen zwischen den Weststaa­
ten und Rußland - gerade eine »Bill of Rights« die mannig­
fachsten Auslegungen zuläßt, und indem man diese, die ja be­
sonders empfindliche Punkte im Souveränitätsbewußtsein der
verschiedenen Staaten darstellen, als deren unantastbares Ei­
genrecht anerkannte, wollte man verhindern, daß das Natio-
nen-Kollektiv, etwa geführt von den Interessen einzelner,
mächtiger Mitglieder, solche (mehr oder minder weltanschauli­
chen) Auslegungsdifferenzen als Einschreitungsvorwand be­
nütze. Und selbst wenn das Einschreiten von der Humanität
geboten wäre, es bedeutet »Einmischung«, auch wenn sie als
Polizeiaktion gedacht ist, de facto doch schon Krieg, ja sogar
Weltkrieg, und da es um seine Vermeidung geht, schien die
Nichteinmischung auf Grund des Souveränitätsprinzipes im­
merhin noch vorziehbar. In den Jahren 1934/37 war es (unge­
achtet sonstiger politischer Gründe) diese Kriegsfurcht gewe­
sen, welche die Westmächte und den von ihnen geleiteten
Völkerbund vor wirksamen Sanktionen gegen die usurpierte
»Souveränität« der Fascismen in Abessinien und Spanien zu­
rückschrecken ließ; heute sind die Souveränitätsbedenken
Rußlands von ähnlichen Motiven gelenkt. Kein Zweifel, die
Kriegsfurcht, ob berechtigt oder nicht, überwiegt die Fascisten-
furcht.
An diesem unvermeidlichen Schwanken zwischen Humani­
tätspflicht und Souveränitätsanerkennung krankt jede Frie­
densvereinbarung, die unabhängige Staaten zwecks Etablie­
rung eines Dauerzustandes eingehen wollen. Es ist, als ob
zwischen den beiden Begriffen eine unlösbare Antinomie
herrschte und vermöge ihrer Unlösbarkeit unweigerlich jeder
Friedensorganisation den Stempel der Utopie aufdrückte. Sie
wird daher von flachen Skeptikern und Realpolitikern von vor­
244

Copyrighted material
neherein abgelehnt, während die nicht minder flachen Optimi­
sten die utopische Struktur als bare Realität betrachten. Aber
die Utopien von gestern sind die morgigen Realitäten, und
wenn es auch nicht ausgeschlossen ist, daß das Nichteinmi­
schungsprinzip die neue Friedensorganisation und ihre antifa-
scistischen Tendenzen genau so lähmen wird wie es den alten
Völkerbund, der an der fascistischen Aggression zerbrochen ist,
gelähmt hat, so muß doch, unbeschadet des angeblich antino-
misch-utopischen Charakters, nach den Konstruktionslücken
gefragt werden, welche solche Gefahr verursachen. Es handelt
sich um den möglichen Realitätsgehalt der »International Bill
of Rights«.
Demgemäß erhebt sich als erste Frage: ist es möglich, den Be­
stimmungen der »International Bill of Rights« eine allen Staa­
ten (in deren heutiger Struktur) akzeptable Formulierung mit
juristisch so scharfen Definitionen zu geben, daß künftige Aus­
legungsdifferenzen tunlichst vermieden werden können?
Und soferne es hierauf eine bejahende Antwort gibt, so
schließt sich eine zweite Frage an: läßt sich jene juristische For­
mulierung auch praktisch zu einer so starken Bindung innerhalb
der einzelnen Staats-Strukturen machen, daß sie daselbst zu ei­
ner Art »innerer« Sicherung wird, zu einer Art »Selbstgaran­
tie«, welche - ist sie möglich - Umgehungsfälle auf ein Mini­
mum zu reduzieren imstande wäre und damit auch die
Notwendigkeit von Außen-Interventionen aufs äußerste ein­
schränken würde?
Und endlich die dritte Frage: kann die Garantie des Natio-
nen-Kollektivs, die in jenen erhoffbar seltenen Ausnahmefäl­
len eben doch mobilisiert zu werden hätte, in einer Weise
vorgesehen werden, daß sie auf die legitimen Souveränitäts­
bedenken weitestgehend Rücksicht zu nehmen vermag und in­
folgedessen auch ein Minimum an Kriegsgefahr in sich
birgt?
Die folgenden Untersuchungen bewegen sich - insbesondere
so weit sie Vorschläge enthalten - mit aller Bewußtheit auf uto­
pischem Boden, umsomehr als sie seine Tragkraft für künftige
Realität zu erproben haben. Die Realwerdung einer Utopie er­
weist sich nämlich immer an ihren Ausweitungsmöglichkeiten,
d. h. an den weiteren Utopien, die sich auf ihr aufbauen lassen
und ebenhiedurch in die Realität hineinführen.
245

Copyrighted material
Unter diesem Gesichtswinkel darf behauptet werden, daß die
»International Bill of Rights« sich - allen Skeptikern zutrotz —
auf dem Weg zur Realitätswerdung befindet, daß sie aber ihren
utopischen Charakter erst abzustreifen vermag, wenn sie durch
eine strafgesetzlich gedeckte »Bill of Responsibilities«, u. z. vor
allem durch ein »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« er­
gänzt wird. Denn Humanität als Satzung und Nichteinmischung
als Satzung stehen insolange in antinomischem Gegensatz, als
sie nicht auf ein ihnen zuzugesellendes drittes Prinzip, durch das
sie beide zu regulieren sind, bezogen werden. Immer noch hat
die Menschheit ihre scheinbaren Antinomien durch Erfindung
oder Entdeckung eines verbindenden dritten Prinzipes gelöst,
und im vorliegenden Fall läßt sich vertreten, daß dieses dritte
Prinzip eben im Strafgesetz schlechthin, in der strafgesetzlichen
Institution zu erkennen ist.
Utopien sind keine Phantasmen; sie sind Wegweiser, welche
die »Realitätsrichtung« angeben, freilich - auch dies ein Argu­
ment für den Skeptiker - ohne Angabe der Weglänge und der
Wegschwierigkeiten. Das neue, das dritte Prinzip, das sich in
einer »Bill of Responsibilities« verkörpern soll, entstammt der
Hauptsache nach, wie aus dem zu seiner Deckung geforderten
strafgesetzlichen Schutz recht klar hervorgeht, jener psycholo­
gisch-pädagogischen Sphäre, deren Regeln fast überall, wo es
auf Massenbeeinflussung ankommt, das moderne Leben so­
wohl in seiner unblutigen wie in seiner blutigen Kriegführung
durchgängig bestimmen; daß in ihr desgleichen die neue poli­
tische Realitätssphäre zu sehen ist, also die, in der die »Interna­
tional Bill of Rights« möglicherweise ihren utopischen Charak­
ter abstreifen und zur Realität werden könnte, erscheint
demnach recht plausibel. Ebendarum aber darf angenommen
werden, daß sich darin eine echte Realitätsrichtung der politi­
schen Entwicklung zeigt, wenn auch ihr Tempo unangebbar
bleibt, ja unangebbar bleiben muß, nicht zuletzt weil wesensge­
mäß bloß revolutionäre (und in ihrer Nachahmung pseudore­
volutionäre) Politik gewillt ist, ihre Technik durch neue Prinzi­
pien und neue Richtlinien zu bereichern. Die bewußte
Anwendung psychologischer Grundsätze im politischen Be­
reich wurde zuerst in Rußland geübt, wurde nachher von den
Fascismen übernommen und meisterhaft ausgebaut, fand aber
nur sehr beschränkte Aufnahme in der westdemokratischen
246

Copyrighted material
Politik und überhaupt keine in den Bemühungen Genfs4 und
San Franciscos5, obschon die da wie dort höchst ernsthaft ange­
strebte und doch niemals zustandegebrachte Versöhnung zwi­
schen Humanitäts- und Nichteinmischungsprinzip deutlich ge­
nug hätte dartun können, daß das Problem einen psycholo­
gisch-pädagogischen Faktor enthält, dessen Vernachlässigung
die Lösbarkeit nicht nur zu beeinträchtigen, sondern sogar ganz
zu vereiteln vermag.
Freilich, nirgends gelangen Utopien so langsam zur Verwirk­
lichung wie auf internationalem Gebiet (und nirgends werden
daher so viele unverwirklichbare Utopien gebaut wie gerade
hier). Alle Staaten sind »utopie-mißtrauisch«; alle - die revo­
lutionären ebensowohl wie die antirevolutionären - sind hin­
sichtlich der sie einschließenden internationalen Struktur äu­
ßerst neuerungs-abgeneigt, und auch dies hängt mit ihrer
Souveränitätsempfindlichkeit zusammen. Soll sich hier eine
Utopie über den Rang einer bloßen Phantasie hinausheben, so
genügt es nicht, daß sie in der Realitätsrichtung liegt; vielmehr
muß ihre Verwirklichungsmöglichkeit in der Reichweite der al­
lernächsten Entwicklungsschritte liegen. Ebendarum ist z. B.
die Errichtung einer einheitlichen Weltdemokratie6, wie sie von
so vielen als das einzig erstrebenswerte Friedensziel erachtet
wird, heute als eine noch unverwirklichbare Phantasie zu wer­
ten. Aber der San Francisco-Plan einer »International Bill of
Rights« (er selber noch voll utopischer Inhalte) ist ein erster
Schritt zu jenem noch sehr fernen Ziel, und der Vorschlag eines
»Gesetzes zum Schutz der Menschenwürde« (als Kernstück ei­
ner »Bill of Responsibilities«) will ein zweiter Schritt in dieser
Realitätsrichtung sein, darf es vielleicht sein und darf gewagt
werden, weil sich in der unmittelbaren Realität von heute be­
reits Ansätze hiezu zeigen: von dem Verlangen nach einer in­
ternationalen Aburteilung der Kriegsverbrecher, das mit spon­
taner Selbstverständlichkeit im Bewußtsein der Völker
aufgekeimt ist, zu dem nach einem internationalen Strafgesetz,
in dem eine neue Weltmoral ihren kodifizierten Ausdruck fin­
den wird, ist kein allzulanger Weg. Denn wo es eine Realitäts­
richtung gibt - und immer gibt es eine - da äußert sie sich auch
in der Moralentwicklung, ja sie bewahrheitet sich geradezu an
ihr, und jene, die mit der Proklamierung der Four Freedoms
angehoben hat, weist zu einer Weltmoral wiedererwachter Hu­
247

Copyrighted material
manität hin; sie ist die erste Voraussetzung einer künftigen
Weltdemokratie.
Denn keine politische Welteinheitlichkeit ist ohne moralische
Gemeinsamkeit denkbar; wie utopisch immer deren Erstre-
bung auch scheinen mag, an ihr verwirklicht sich jede Utopie,
jede Weltutopie, und stets aufs neue - also auch hier - kommt
es auf ihre Fundierung an.

I.
Moralische Einheitlichkeit als Friedensvoraussetzung

Jeder Friedensschluß konstituiert eine Art Sozialgemeinschaft,


deren contrat social - der Friedensvertrag - von den Gemein­
schaftsmitgliedern dann und nur dann eingehalten wird, wenn
sie, sei es aus innerem, sei es aus äußerem Zwang, sich gewissen
regulativen Grundprinzipien moralischen Charakters unter­
worfen haben, zu denen u. a. Paktwilligkeit und Pakttreue ge­
hören.
Die historischen Sozialgemeinschaften sind zumeist durch
Besiegung schwächerer Gruppen, also durch Zwangsfriedens­
schlüsse entstanden. Diesen Weg wollte auch Hitler mit der Er-
siegung seiner Neuen Ordnung gehen. Folgerichtigerweise
mußte er auch trachten, in allen eroberten Gebieten sofort die
Nazi-Moral zum regulativen Grundprinzip zu erheben.
Im Gegensatz zum Apriori der Gewaltanwendung gibt es
einige wenige Beispiele für Gemeinschaftsgründungen, die un­
ter einem Apriori der moralischen Grundanschauungen vor
sich gegangen sind; die U.S.A. sind eines dieser seltenen Bei­
spiele. Die gemeinsamen moralischen Grundprinzipien wurden
als Amerikas Bekenntnis zur Freiheit und Würde des Menschen
mit den Einleitungssätzen der Unabhängigkeitserklärung ma­
nifestiert, und das technische Instrument zur Konkretisierung
der Grundprinzipien wurde mit der Konstitution und ihrer Ga­
rantie der bürgerlichen Freiheiten geschaffen.
Der Vergleich zwischen dem heute zum Friedenswerk verei­
nigten Nationen-Kollektiv und den dreizehn amerikanischen
Urstaaten braucht nicht weiter unterstrichen zu werden. Die
Aufgabe ist zur Weltenweite angewachsen, ist aber prinzipiell
die gleiche geblieben. Die Funktion der regulativen Grund­
prinzipien ist hiebei den Four Freedoms Roosevelts zugefallen:
248

Copyrighted material
in ihnen soll die gemeinsame Moral der friedenschließenden
Nationen zum Ausdruck gelangen.

II.
Die Four Freedoms

Woodrow Wilsons Friedenskonzept7 war auf sein Vertrauen in


den common man basiert. Er sah die dauernde Kriegsgefahr,
die im Weiterbestand vielfältiger Staaten liegt, mußte dabei de­
ren Anzahl überdies noch selber auf Grund des Selbstbestim­
mungsrechts erhöhen, dachte aber, daß es ihm trotzdem gelin­
gen werde, solche Gefahr zu bannen, indem er die Staatsleitung
allenthalben - nach dem Muster der amerikanischen Konstitu­
tion - der Friedens- und Freiheitsliebe des common man zu
überantworten suchte. Hiedurch hoffte er jene moralische und
rechtliche Einheitlichkeit herstellen zu können, ohne die es
keine Paktfähigkeit, keine Paktwilligkeit, keine Pakttreue gibt,
und diese große Länder-Einheitlichkeit hätte vom Völkerbund
bekrönt und besiegelt werden sollen. Die Sicherheit der Welt,
die Sicherheit des Menschen, sollte aus seiner Freiheit erflie-
ßen.
Versailles hat Wilsons Anschauungen für zu idealistisch be­
funden und hat - wenn auch im Rahmen des Völkerbundes -
die realistischere Friedenssicherung durch Machtausbalancie­
rung vorgezogen.
Roosevelt, stets auf Ausgleich von Gegensätzen bedacht,
trachtete die Gegner von Versailles zu integrieren, u.z. in seinen
Four Freedoms. Ihre beiden ersten, die Freedoms »of« (Free­
dom of Speech und Freedom of Religion8) decken sich mit dem
Wilsonschen Konzept und sollen daher wie dieses - überdies
aber jetzt auch als Manifest gegen jeglichen Fascismus - eine
Moraleinheitlichkeit herstellen, in der menschliche Freiheit
und Würde immerwährende Anerkennung und Bürgschaft zu
finden hätten. Die beiden andern jedoch, die Freedoms »from«
(Freedom from Fear und Freedom from Want) beziehen sich
eigentlich nicht auf Freiheit, sondern auf Sicherheit, nämlich
auf jene, die den Opponenten Wilsons als die einzig gültige er­
schien; die Vervollständigung durch die Freedom from Want ist
für den Wandel, der sich seit 1918 vollzogen hat, äußerst be­
zeichnend: die großen Volksmassen wünschen vor allem
249

Copyrighted material
ökonomische Sicherheit, und von den Four Freedoms ist ihnen
die »from want« sicherlich die wichtigste.
M. a. W., statt der einseitigen Abhängigkeit der Sicherheit von
der Freiheit wird diesmal im vorhinein deren beider gegensei­
tige Abhängigkeit stipuliert.

III.
Konkretisierung der Four Freedoms

Fast alle demokratischen Konstitutionen sind auf den Free­


doms »of«, also auf Gewissens-, Ausdrucks- und Religionsfrei­
heit gegründet. Diese Anerkennung der Menschenwürde und
ihrer Unantastbarkeit ist - den Wilsonschen Intentionen gemäß
- auch in die Charter des Völkerbundes eingegangen und findet
sich in den unter seinen Auspizien getroffenen Abmachungen,
insbesondere in denen über Minoritätenschutz, ebenso in den
»moralischen« Bestimmungen gegen Sklaven- und Mädchen­
handel, immerhin aber auch in denen gegen Rauschgiftvertrieb
(soweit er als Beeinträchtigung der Menschenwürde gilt), wei­
ters in manchen industriellen Abmachungen, wie denen über
Frauen- und Kinderarbeit sowie über Arbeitszeiten, und
schließlich in mancherlei Empfehlungen pädagogischer und
ähnlicher Art. Diese internationalen Übereinkommen sind
durchaus Konkretisierungen der Freedoms »of«; sie werden
jedenfalls von der neuen Friedensorganisation ausgebaut und
teilweise auch in der »International Bill of Rights« unterge­
bracht werden.
Die Konkretisierung der Freedoms »from« hingegen (und mit
ihnen auch weitgehend die der Atlantic Charter9) findet ihr
Instrument nach wie vor in den üblichen »politischen« Staats­
verträgen, die hinsichtlich materialer Substrate geschlossen
werden. Hierunter fallen u. a. alle Abmachungen über Gebiets­
abgrenzungen, Einflußsphären, Trusteeships, Rüstungsbe­
schränkungen, Rohstoffverteilungen, Valuta- und Finanz­
gemeinsamkeiten und schließlich auch einige der Bestimmun­
gen, die von den Freedoms »of« ihren Ausgang genommen
haben, trotzdem aber, wie z. B. die über industrielle Arbeitsbe­
dingungen, ein materiales Substrat besitzen.
Gleichgültig jedoch ob Freedoms »of« oder »from«, die Ga­
rantie der aus ihnen erfließenden Bestimmungen ist der Ge­
250

Copyrighted material
meinschaft der friedensstiftenden Nationen anheimgegeben;
diese haben für die Ausübung solcher Garantie entsprechende
Vorsorge zu treffen, in erster Linie durch Installierung eines
zweckmäßigen Schiedsgerichtverfahrens, dann aber durch Or­
ganisierung und Bereitstellung eines Machtapparates, der gra­
duell mit Hilfe diplomatischer Maßnahmen, ökonomischer
Sanktionen und internationaler Polizeiaktionen das Enforce-
ment der Schiedssprüche durchführt.

IV.
Souveränität vs. Enforcement

Vertragliche Bindungen, die ein Staat eingeht, bilden keine


Einschränkung seiner Souveränitätsrechte; höchstens Nazi-
Regierungen werden eine solche in der Aufforderung zur Ein­
haltung ihrer Verträge sehen. Bei Verletzungen von Verträgen
politisch-materialen Substrats mag sich also das Nationen-Kol-
lektiv zwar durch allerlei andere Gründe, kaum aber durch
Souveränitätsbedenken abhalten lassen, gegen den vertrags­
brechenden Staat einzuschreiten, und das Enforcement kann
besonders dann erwartet werden, wenn die allgemeine Macht­
situation dem geschädigten Vertragspartner halbwegs günstig
ist. Die Freedoms »from« werden demnach manchmal, viel­
leicht sogar öfters, mit einem einigermaßen zureichenden, frei­
lich niemals unbedingten Schutz innerhalb der Friedensorgani­
sation rechnen können.
Anders verhält es sich mit Verpflichtungen, die ein Staat hin­
sichtlich der Freedoms »of« oder gar der Menschenwürde auf
sich nimmt. Die »International Bill of Rights« z. B. ist kein ma­
teriales Substrat in den vertraglichen Querverbindungen zwi­
schen Staat und Staat, sondern parallelisiert bloß deren interne
Rechtsverhältnisse. Nicht nur also, daß von Anfang an die Un­
terwerfung unter solche Parallelisierung wirklich einen Ver­
zicht auf ein Stück souveräner Staatsautorität bedeutet, es wird
außerdem durch die Nicht-Einhaltung einer derartigen Ver­
pflichtung keiner der Vertragspartner materiell und direkt ge­
schädigt. Beide Fakten aber, sowohl die Freiwilligkeit der Sou­
veränitätseinschränkung wie die Nicht-Schädigung der Partner,
liefern dem Nationen-Kollektiv ausgezeichnete Gründe für
Passivität, wenn der Fall eines Enforcements eintritt: die Ein­
251

Copyrighted material
haltung einer »International Bill of Rights« wird - durchaus im
Sinn des traditionell realpolitischen Nichteinmischungsprinzips
- dem guten Willen des Einzelstaates überlassen bleiben.
Allerdings sprechen hiefür auch noch tiefere, ja gewichtigere
Gründe. Es gibt nämlich unzählige Rechtsparallelismen, die so
selbstverständlich sind, daß niemand an deren internationale
Sicherung denkt: Mord und Diebstahl und Betrug nebst man­
chen andern Delikten sind in den Codices der ganzen gesitteten
Welt seit Jahrtausenden verboten; selbst die Zehn Gebote sind
Nachfahren noch ältern Ur-Rechtes, das augenscheinlich aus
des Menschen eigenster Natur als solcher entsprossen ist, möge
man nun diese »Natur« logisch oder biologisch oder ökono­
misch-materialistisch oder sonstwie auffassen. Die verschiede­
nen Rechtsparallelismen zeigen sich also als Ausflüsse einer in
ihrer »Natürlichkeit« wahrhaft einheitlichen Moral, und jeder
neue Parallelisierungsakt ist Weiterbau an solch allgemeiner
Menschheitsmoral. Ähnliches wird, zumindest unbewußt, mit
der »International Bill of Rights« beabsichtigt, obwohl sie nicht
mit den »natürlichen Verboten«, denen der Mensch sich zu fü­
gen hat, sondern mit seinen »natürlichen Forderungen«, näm­
lich seinen »Menschenrechten« anhebt: die »International Bill
of Rights« will ein neuer Beitrag zur menschlichen Moraltradi­
tion werden; sie will die Freedoms »of« in der allgemeinen und
»natürlichen« Moral-Selbstverständlichkeit verankert wissen
und hält daher ihr Enforcement für überflüssig, wenn nicht gar
für unmöglich.
Einerseits also wird das Enforcement der Freedoms »of« für
realpolitisch vernachlässigbar gehalten (insbesondere wenn
Souveränitätsbedenken in Frage stehen), andererseits wird es
als Verstoß gegen die erhabene Selbstverständlichkeit des Na­
turrechts empfunden; aus beiden ergibt sich eine äußerst ge­
fährliche Stellung: sie erlaubt jedem Staat ohneweiters, die
Freiheit und Menschenwürde seiner Bürger zu vergewaltigen,
wenn er bloß - sei es weil er an und für sich ein »benevolenter
Despot« ist, sei es weil er durch Einschüchterung oder aber
durch appeasement hiezu gebracht wird - seine materialen
Vertragsverpflichtungen nach außen hin erfüllt und damit auch
bis zu einem gewissen Grad die Freedoms »from« wahrt;
kurzum, es wird eine Rechtsseparierung zwischen den Free­
doms »from« und »of« vorgenommen, welche die letzteren mit
252

Copyrighted material
äußerster Gleichgültigkeit behandelt und infolgedessen, zu­
mindest unbewußt, auf Herstellung oder Aufrechthaltung der
moralischen Einheitlichkeit innerhalb der Staatenfamilie ver­
zichtet. Daß trotzdem Pakttreue weiter gepriesen werden soll,
ja sogar wirklich in Geltung bleiben könnte ist wishful thinking,
und als solches entpuppt sich das realpolitische Denken nur all­
zuoft. Deutlich genug hat das deutsche Beispiel gezeigt, daß bei
mangelnder Einschüchterung keinerlei Mittel, am allerwenig­
sten aber appeasement ausreicht, um einen Paktunwilligen zu
Pakteinhaltungen zu bringen, und daß ebenhiedurch nicht nur
die Freedoms »of«, sondern nun plötzlich auch die des »from«
unweigerlich dem »guten« Willen des Einzelstaates anheimge­
geben sind: die Nichteinmischung bei Vergewaltigung der
Freedoms »of« gefährdet mittelbar jegliche Pakttreue und so­
hin auch den Frieden. Gewiß, Einmischung bedeutet stets
Kriegsgefahr, doch Gleichgültigkeit ist das schlechteste Mittel
zu ihrer Vermeidung: Verbrechen müssen verhindert werden
ehe sie begangen worden sind.

V.
Die psychologische Situation

Die »gute« oder »schlechte« Gesinnung des Einzelstaates, sein


»guter« sowie sein »schlechter« Wille, von dem solcherart alles,
d. h. eben der Weltfriede abhängt, ist ein vorwiegend psycholo­
gisches Phänomen, ist es umsomehr als es nicht in dem Ab­
straktum »Staat«, sondern in den konkreten Menschenköpfen
zu lokalisieren ist. Die konkreten Menschen, sowohl die kon­
kreten Machthaber des Staates wie die konkreten Volksmas­
sen, die sich regieren lassen oder - bei demokratischen Einrich­
tungen - ihre Regierung eingesetzt haben, sind die Träger der
moralischen Grundanschauungen, und ob sich diese als »guter«
oder »schlechter« Wille, als Pakttreue oder Paktvergeßlichkeit
auswirken, das ist ein massenpsychisches Problem erster Ord­
nung.
Solch psychologische Problematik hat für die demokratische
Tradition eigentlich nie existiert, zumindest nicht für die ameri­
kanische nach Lincoln; sein unbedingtes Vertrauen in den
common man hat ihre Form geprägt, und von hier aus ist zu ver­
stehen, daß sie schließlich, so bei Wilson, zu einem fast mysti-
253

Copyrighted material
sehen Glauben geworden ist, zu einem Glauben an des common
man’s unwandelbaren Willen zur Freiheit und zur Menschen­
würde, an seine - jeder psychologischen Wandelbarkeit entho­
bene - stete Fähigkeit zur Bewahrung dieser demokratischen
Güter, in denen zugleich die Glaubensgrundlage zu erkennen
ist: denn sie sind die unabdingbaren, natürlichen Menschen­
rechte, die der Schöpfer für alle Ewigkeit festgesetzt hat, so daß
sie, sozusagen auf des Schöpfers eigenes Geheiß dem monar­
chischen Regime hatten abgerungen werden müssen, um Kraft
ihrer Ewigkeitsgeltung für alle künftigen Generationen festge­
legt zu werden, nämlich als Demokratiestiftung in der Konsti­
tution; gewiß, die Konstitution erlaubt trotzdem Abänderun­
gen, doch ihre regulativen Prinzipien bleiben, eben als
Naturrecht, ewiglich unwandelbar, und der formale Abände­
rungsprozeß ist (gerade in der amerikanischen Konstitution) so
kunstreich normiert, daß er zu seiner Durchführung eine echte
Volksmajorität erfordert, also wiederum an den common man
als höchste Instanz zu appellieren hat. Nichts jedoch schien bei
der Demokratiestiftung so widersinnig und ist vielen sogar auch
noch heute so sehr unvorstellbar als daß der common man sich
je mit Hilfe seiner demokratischen Freiheiten gegen die Frei­
heit wenden könnte und seine »Bill of Rights« benützen würde,
um diese selber sowie die durch sie garantierte Menschenwürde
aufzuheben; nur Verbrechern oder Irrsinnigen ließ sich ein sol­
cher Anschlag etwa noch Zutrauen, und für solch verschwin­
dende Volksminorität würden, falls einfache Ignorierung nicht
als Abwehrmittel genügt - so meinte man und meint es viel­
leicht noch heute - die Zucht- und Irrenhäuser schließlich aus­
reichenden Aufnahmeraum bieten.
Es mag sein, daß solch optimistische Ansicht über die »nor­
male« Haltung der Volksmajorität noch immer für Länder
standhält, die eine starke demokratische Tradition besitzen,
obwohl auch da mancherlei Skepsis zulässig wäre. Hingegen
zeigt das deutsche Schreckensbeispiel, wie bei Fehlen einer de­
mokratischen Tradition sehr wohl Verbrecher und Irrsinnige
eine Volksmajorität erringen können; gründlicher als anderswo
ist es in Deutschland gelungen, durch Mißbrauch einer anson­
sten vorbildlichen Verfassung die Freiheit des Bürgers aufzu­
heben, seine Menschenwürde mit Füßen zu treten, und die
»Normalen«, die sich dagegen wehrten, zu einer Minorität zu
254

Copyrighted material
reduzieren, die ohne Schwierigkeit, so weit man nicht vorzog sie
sofort auszurotten, in Gefängnissen und Konzentrationslagern
unterzubringen war.
Eine »International Bill of Rights« soll alle Länder des Erd­
kreises umfassen, also nicht nur jene wenigen, welche demo­
kratische Tradition ihr eigen nennen, ja sie soll sogar in den an­
dern diese Tradition inaugurieren. Ist aber da nicht zu
befürchten, daß ihr genau das Los widerfährt, das der deutschen
»Bill of Rights« widerfahren ist? Ob international oder natio­
nal, eine »Bill of Rights« kann durch den Staat, wenn er
»schlechten« Willens ist, vermittels unzähliger Maßnahmen, ja
einfach vermittels stillschweigender Nichtbeachtung zu einer
leeren Bestimmung gemacht werden. Es sind Umgehungen
möglich und zumeist sogar üblich, die fast anonym bleiben, da
sie nicht offiziell von der Staatsregierung verordnet sind, son­
dern gleichsam nebenbei von Regions- und Lokalbehörden be­
werkstelligt werden. In Deutschland ist solch behördlicher
Kleinfascismus sozusagen unter den Augen des immerhin noch
funktionierenden Reichstags und der immerhin noch demokra­
tischen Reichsregierung vor sich gegangen, und keine der libe­
ralen Parteien war imstande, diesen diffusen, rechtlich kaum
faßbaren Sachverhalt aufzuhellen und zu bekämpfen. In man­
chen Ländern, wie eben auch in den U.S.A., existieren private
Vereinigungen zum Schutz der bürgerlichen Freiheiten -, kön­
nen aber solche Vereinigungen all die Wachsamkeit aufbrin­
gen, deren eine »International Bill of Rights« bedürfte, um vor
Umgehungen und Schädigungen tatsächlich bewahrt zu wer­
den?! Zumeist wissen ja nicht einmal die unmittelbar Betroffe­
nen selber ob und wie weit die konstitutionellen Rechte und
Freiheiten bereits geschädigt [wurden] oder im Begriffe sind
geschädigt zu werden, und wo kein Ankläger ist, da gibt es auch
keinen Richter. Wie also soll das ohnehin aktionsunwillige Na-
tionen-Kollektiv gegen einen Staat, in dessen Souveränitätsbe­
reich dergleichen geschieht, Vorgehen oder gar Enforcement
anwenden?
Nichts also ist so möglich, als daß die allenthalben ausgestreu­
ten Keime der fascistischen Massenpsychose - die durch die
Niederwerfung Deutschlands noch keineswegs ausgemerzt
worden ist - nun unter dem Schutz einer »International Bill of
Rights« erst recht zu sprießen beginnen werden, kurzum daß
255

Copyrighted material
allenthalben verbrecherisch-gemeingefährliche Irre erstehen
können, die für die Menschheit keine geringere Gefahr als die
Hitlerische bedeuten würden, die Gefahr der Kriegsperpetu-
ierung mit immer furchtbareren Mitteln.
Hieraus ergibt sich: da vom Nationen-Kollektiv, seinem
Schiedsverfahren, seinem Machtapparat, kein ausreichender
Schutz für die »International Bill of Rights« zu erwarten ist, und
ihre Einhaltung ganz dem »guten« Willen des Einzelstaates,
oder richtiger dem seiner Bevölkerung anheimgestellt bleibt,
kommt alles darauf an, ob solch »guter« Wille erweckt und so
weit gestärkt zu werden vermag, daß er sich gegen den
»schlechten« der fascistischen Kräfte behaupte, um ebenhie-
durch deren Vernichtung einzuleiten. Es ist eine massenpsy­
chologische Aufgabe, u. z. eine der Massenpädagogik.

VI.
Die psychologische Aufgabe des Strafgesetzes

Sei es Verbrechen, sei es gemeingefährlicher Irrsinn genannt,


das »abnormale« Verhalten, das sich in dem einen wie in dem
andern offenbart, kann und muß vom Strafgesetz diktiert wer­
den. Erst wenn das Strafgesetz die Kriterien der Gemeinge­
fährlichkeit aufgestellt hat, ist im einzelnen Fall zu entscheiden,
ob es sich um strafwürdiges Verbrechen oder um behandlungs­
bedürftigen Irrsinn handelt.
Doch das Strafgesetz erfüllt nicht nur eine formal-definitori-
sche Aufgabe. Seine eigentliche Leistung liegt in der Verbre­
chensverhütung, und wenn auch diese, soweit sie rationale Ab­
schreckungskraft ist, in der rationalen Form des Gesetzes fußt,
sie wäre dennoch unwirksam, trüge nicht alles Gesetz in sich die
uralte Tabu-Erbschaft, die den Menschen zu Rechtsgehorsam
verzaubert. Das Strafgesetz ist sinnfälligster Ausdruck der
Moraltradition des Staates, und indem es an ihr infolge seiner
Eigenentwicklung aktiv weiterbaut, wird es Hauptinstrument
der Traditionskontinuität, wird es zum pädagogischen Instru­
ment, durch das Generation um Generation in gleichbleibender
Moral erzogen werden. Denn die Erziehung des Menschen ge­
schieht nur zum geringsten Teil durch die Worte, die er mit sei­
nem Ohr aufnimmt, um sie alsbald wieder zu vergessen, viel­
mehr geschieht sie durch und in des Menschen Alltagsleben,
256

Copyrighted material
durch die irrationale und sozusagen anonyme Fülle der Tradi­
tionsströmungen, die ihn mitsamt seiner Umgebung umschlie­
ßen, so daß ihm ebenhiedurch deren Verhaltungs- und Hand­
lungsvorschriften aufgenötigt werden, und in dieser Fülle kaum
faßbarer Gebräuche, Sitten und Gewohnheiten, die der Mensch
meistens ganz unbewußt motorisch befolgt und seine Alltags-
Erziehung ausmachen, bildet das Strafgesetz gewissermaßen
den rationalen Teil, da es seine Gebote mit äußerster Klarheit,
nämlich mit der »Erweckungskraft« rationaler Drohungen zu
Bewußtsein ruft.
Vonseiten der »International Bill of Rights« wird also, im Fall
ihrer Einführung, das Verlangen an das Strafgesetz gerichtet
werden müssen, sie gegen fascistische Anschläge zu schützen,
erstens durch eine eindeutige Definition des verbrecherischen
Tatbestandes, der in diesen Anschlägen liegt, und zweitens
durch Stipulierung der Straffolgen, die sich aus solchem Tatbe­
stand zu ergeben hätten.
Denn obwohl die Untaten, mit denen die Terroristen des Fa-
scismus und des Nazitums die Staatsmacht an sich gerissen ha­
ben, gegen viele, ja gegen die meisten Bestimmungen des Straf­
gesetzes (beginnend mit denen über gemeinen Mord) aufs
gründlichste verstoßen, so sind doch gerade jene, welche kraft
»abnormer« Ausnützung der demokratischen Freiheit sich
eben gegen diese Freiheit wenden, bisher strafgesetzlich nicht
erfaßbar gewesen und müssen daher erfaßbar gemacht werden.
Es geht - wie übrigens überall im Strafgesetz, doch hier ganz
besonders - um den »normalen« Gebrauch der staatsbürgerli­
chen Freiheit, auf daß sie nicht ohneweiters wieder mißbraucht
werden könne.

VII.
Die legale Situation

Als Deutschland und Österreich von der Massenpsychose des


Nazitums erfaßt wurden, versuchte man gegen deren spezi­
fische Gewalttaten ein eigenes Gesetz zu schaffen. Es hieß das
»Gesetz zum Schutz der Republik«10, und es blieb - niemand
erstaunte sich darob - vollkommen wirkungslos. Denn kann in
einer Monarchie »der Staat« als solcher noch geschützt werden,
nämlich durch die Gesetze gegen Majestätsbeleidigung und
257

Copyrighted material
ähnliche Delikte, weil der Herrscher als zwar mystisches, den­
noch konkretes Symbol der Gesamtheit steht, so ist »die Repu­
blik« ein aller Symbolmystik entkleidetes, reines Abstraktum;
niemand aber vermag verbrecherische Handlungen zu definie­
ren, die unmittelbar gegen ein Abstraktum (ohne Zwischen­
schaltung konkret geschädigter Personen) gerichtet sind: jeder
derartige Definitionsversuch läßt einen ins Leere greifen und
gar, wenn man auf Grund solcher Definition nach Verbrechern
greifen will.
Mit der Schwächlichkeit ihrer Abwehr gegen das Nazitum ha­
ben Deutschland und Österreich dargetan, wie unterhöhlt ihre
demokratische Struktur bereits gewesen war. Eine lebendige
Demokratie könnte (und dürfte) solch ein papierenes Schutz­
gesetz nie und nimmer hervorbringen. Demokratisches Den­
ken, demokratische Staatsauffassung, demokratische Gesetz­
gebung haben wesensgemäß nicht das geringste mit Abstrakta
zu schaffen. Wenn man in Deutschland und Österreich gemeint
hatte, »den Staat« (trotz seiner Abstraktheit) vermittels des
»Gesetzes zum Schutz der Republik« gegen aufsässige Bürger
verteidigen zu können, so offenbart sich darin der nämliche
Denkfehler wie jener, welcher meint, daß umgekehrt die »Bill
of Rights« den Bürger gegen »den Staat« schützen müsse: in
Wahrheit geschieht nichts dergleichen; in Wahrheit kann im­
mer nur Konkretes gegen Konkretes geschützt werden; und in
Wahrheit gibt die »Bill of Rights« nicht dem abstrakten
»Staat«, sondern den konkreten Organen seiner legislativen,
exekutiven und richterlichen Amtsbehörden gewisse Verhal­
tensvorschriften, um diese konkreten Personen vor Übergriffen
gegen des konkreten Bürgers Freiheit und Menschenwürde zu­
rückzuhalten. »Der Staat« ist nichts als eine abgekürzte Rede­
weise, und Abkürzungen führen leicht zu verhängnisvollen
Denkfehlern.
Demgemäß hat ein Gesetz, das die spezifischen Untaten des
Fascismus und Nazitums treffen und verhüten will, sich vor al­
lem mit ihren konkreten Schadensstiftungen und erst in zweiter
Linie mit ihren Absichten gegen den abstrakten »Staat« zu be­
schäftigen.
Und wirklich, ungeachtet all ihrer Schmähungen gegen die
Demokratie, es waren die konkreten Anschläge, mit denen die
Fascisten und Nazi sich zur Macht brachten, formal besehen
258

Copyrighted material
nicht einmal »umstürzlerisch« zu nennen - ihre »Revolution«
berühmte sich auch nicht wenig der einwandfreien »Legalität«,
mit der sie die staatsrechtliche Position der Demokratie über­
tölpelt hatte, - nein, sie griffen keineswegs »den Staat« als sol­
chen an, wohl aber bestimmte Mitbürger und Mitbürgergrup­
pen, und indem sie ihre Untaten in einer Form begingen, die
eine gesetzliche Erfassung entweder überhaupt unmöglich
machte oder aber wenigstens die Identifikation der einzelnen
Schuldigen verhinderte, gelang es ihnen nicht nur, den ange­
griffenen Personen die Ausübung des natürlichen Rechtes auf
Life, Liberty und Pursuit of Happiness abzuschneiden, sondern
auch die demokratische Institution als Ganzes zu schädigen;
denn ein Staat, der mangels zureichender Gesetzesbestimmun­
gen gezwungen ist, Verbrechensopfer unbeschützt zu lassen,
während die Verbrecher straffrei ausgehen, ja darüber hinaus
auch noch weiterhin durch eine demokratische »Bill of Rights«
geschützt bleiben, ein Staat, in dessen Struktur sich keinerlei
Handhabe zur Abstellung solchen Mißstandes findet, hat einen
uneinbringlichen Prestigeverlust erlitten.
Damit aber ist auch schon der Charakter des geforderten Ge­
setzes bestimmt: es wird nur dann ein sinnvolles, konkret
zweckgerichtetes (und ebendarum auch demokratisches) Ge­
setz sein, wenn es haargenau den nämlichen Zielen wie die »Bill
of Rights« selber dient, d. h. wenn es wie diese - anders lassen
Freiheit und Menschenwürde sich nicht schützen - ausschließ­
lich auf den Schutz der physischen und psychischen Integrität
des konkreten Bürgers angelegt ist.
Es geht also um einen gesetzlichen Schutz der Menschen­
würde selber, u. z. um einen, der konkrete Bürger nicht nur, wie
es in der »Bill of Rights« geschieht, vor Übergriffen der Staats­
behörden, sondern auch vor Anschlägen des Nebenbürgers
bewahrt. Gelingt dies, d. h. wird jeder Anschlag, von wem im­
mer er ausgehen mag, unter Strafe gestellt, so ist der Ansatz zu
einer wichtigen, ja unumgänglichen Ergänzung der »Bill of
Rights« geschaffen, nämlich die durch eine »Bill of Responsibi-
lities« oder »Bill of Duties«, der es also zu obliegen hätte, neben
das »Freiheits-Recht« des Menschen seine »Freiheits-Verant­
wortung« zu setzen und hiedurch den »normalen« Gebrauch
der Freiheit zu definieren, deren Mißbrauch aber hintanzuhal­
ten.
259

Copyrighted material
Im Schutz des Menschen vor dem Nebenmenschen ist die
wirksamste und vielleicht sogar die einzige Gewähr für die Er­
haltung der Demokratie zu sehen. Denn ist die Würde des kon­
kreten Menschen Schädigungen durch den Nebenmenschen
ausgesetzt, so wird mittelbar auch der Staat als demokratische
Institution geschädigt; umgekehrt jedoch wird diese mittelbar
geschützt, wenn des konkreten Menschen Würde unter wirksa­
men gesetzlichen Schutz gestellt wird. Nicht nur also, daß diese
Aufgabe eine der wichtigsten der demokratischen Rechtspflege
ist, sie kann geradezu als deren eigentlichste Wesenheit aufge­
faßt werden.

VIII.
Das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde«

(A) Das »Verbrechen gegen die Menschenwürde«


Ein Blick auf die fascistischen Aktionen zur Eroberung der
Staatsgewalt lehrt, daß sie, etwas simplifiziert ausgedrückt, im
allgemeinen zwei Tatbereiche umfassen, nämlich einerseits den
des Verbrechens selber, und andererseits den der behördlichen
Verbrechensdeckung; die beiden überschneiden sich zwar oft,
lassen sich aber etwa folgendermaßen auseinanderhalten:

(1) Bereich des Verbrechens.


Es gehört zum Wesen einer jeden fascistischen Bewegung, eine
bestimmte Gruppe von Bürgern als »Elite« auszusondern und
sie mit allen Rechten und Pflichten des Staatslebens - nicht zu­
letzt mit den »Four Freedoms« (mögen sie dann auch anders
heißen) - auszustatten, während sämtliche andern Gruppen,
vor allem natürlich die nationalen Minoritäten, hievon ausge­
schlossen und als »minderwertig« betrachtet werden. Die
Stempelung des »Minderwertigen« zum »Feind«, der Haß ge­
gen ihn und die ständige Vermehrung solchen Hasses, dies alles
wird bei der Werbung für die »Elite« nachdrücklichst als Lock­
mittel verwendet und dient überdies als deren stärkster und
dauerndster Kitt. Zugleich mit der Konstituierung solch »in-
nern Feindes« und seiner »Minderwertigkeit« wird auch der -
ebenso minderwertige - »äußere Feind« konstituiert, denn
»Elite« bedeutet konsequenterweise stets auch Menschheits-
Elite, d. h. Überlegenheit über alle andern Menschengruppen
260

Copyrighted material
der Welt. Jede fascistische Propaganda, ob öffentlich oder ge­
heim, ob rassenmäßig oder anderswie begründet, wird aus die­
sen Quellen gespeist, um sodann im Kleingeschwätz weiterge­
tragen zu werden, und das eine wie das andere hat durch
gesetzliche Sanktionen abgeschnitten zu werden.

(2) Bereich der behördlichen Verbrechensdeckung.


Der Immunitätsschutz, unter den die Demokratie ihre Parla­
ments- und Regierungsmitglieder sowie deren Äußerungen ge­
stellt haben, stammt - wie eben auch viele andere psychologi­
sche Schwächen der Demokratie - aus einer Zeit, in der es
unvorstellbar gewesen ist, daß ein vollsinniger Mensch die de­
mokratische Freiheit angreifen und gar hiezu die Prärogative
seines offiziellen Amtes ausnützen könnte. Nach den seither
gemachten Erfahrungen scheint es unerläßlich geworden zu
sein, einer der gefährlichsten fascistischen Propaganda-Arten,
nämlich der von der Parlamentstribüne aus, von vorneherein
das Handwerk zu legen: würden Staatsmänner und Volksver­
treter nicht schrankenlos reden und handeln können, und wür­
den ihnen entsprechende gesetzliche Schranken auferlegt wer­
den, so daß sie bei Übertretung derselben nicht nur Amts- und
Mandatsverlust zu gewärtigen hätten, vielmehr ihr Tun gege­
benenfalls vor Gericht verantworten müßten, es wäre die
Kriegsgefahr in der ganzen Welt beträchtlich herabgemindert.
Persönliche Voll-Verantwortung auf allen Lebensgebieten ist
eine vitale Forderung der Demokratie und verlangt radikalste
Erfüllung, da sonst eine Korruption eintritt, die alle Errungen­
schaften der Demokratie zuschanden macht, kurzum diese sel­
ber wieder aufhebt.
Damit ist im großen und ganzen der Aufgabenkreis Umrissen,
den ein »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« zu erfüllen
hätte; es versteht sich, daß er noch wesentlich weiter gezogen
werden könnte, besonders wenn eine allgemeine »Bill of Re-
sponsibilities« ins Auge gefaßt werden würde.

(B) Text des Gesetzes.


Die Skizzierung dieses Gesetzes ist nicht als exakt-formeller
Vorschlag gemeint; doch abgeleitet aus dem hier gesteckten
Aufgabenkreis, dürfte sie pour fixer les idees genügen, nämlich
etwa folgendermaßen:
261

Copyrighted material
Artikel (1)
Wer in Wort oder Schrift oder tätlich oder sonstwie die morali­
sche Gleichheit der Menschen (Bürger und Nicht-Bürger) an­
greift, also den Versuch unternimmt, eine nicht durch strafge­
richtliche, sondern bloß durch biologische oder religiöse oder
sonstwie gesinnungsmäßige Kriterien definierte Gruppe von
Personen, sei es kollektiv, sei es individuell verächtlich zu ma­
chen, oder vom Genuß der dem Staatsbürger zustehenden
Rechte (u. a. insbesondere von dem einer legalen pursuit of
happiness) auszuschließen, oder von der Ausübung der dem
Staatsbürger zukommenden Pflichten fernzuhalten, oder
sonstwie dem Haß der Mitbürger auszusetzen, oder diese zu
solchem Haß aufzufordern, der macht sich - gleichgültig ob ein
derartiger Versuch glückt oder nicht - des » Verbrechens gegen
die Menschenwürde« schuldig und soll mit Kerker nicht un­
ter... Jahren bestraft werden.
Artikel (2)
Keinerlei Amts-Immunität, gleichgültig ob infolge Zugehörig­
keit zu einer gesetzgebenden Körperschaft oder ob infolge
Ausübung einer staatsexekutiven oder richterlichen Funktion,
vermag die Rechtsfolgen aufzuhalten, welche aus der Übertre­
tung dieses Gesetzes entstehen.
Als Gerichtsstelle für Abhandlung der Verstöße gegen dieses
Gesetz käme, da es sich um qualifizierte Verbrechen handelt,
das Schwurgericht in Betracht.

(C) Prozedur
Das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« soll in erster Li­
nie ein rasch wirkendes, verläßliches Instrument in der Hand
demokratischer Staaten sein, auf daß sie jedes Aufkommen
fascistischer Propaganda sofort im Keime ersticken können.
Für Staaten mit lebendiger demokratischer Tradition dürfte das
Gesetz diesen Zweck voraussichtlich befriedigend zu erfüllen
imstande sein.
Verstöße gegen das Gesetz wären demgemäß vor allem bei den
innerstaatlichen Gerichten anzuklagen und hätten von diesen
abgeurteilt zu werden. Doch da auch mit Staaten gerechnet
werden muß, denen demokratische Tradition mangelt, das Ge­
setz aber trotzdem zur Geltung gebracht zu werden hat, damit
seine internationale Bedeutung als Friedenssicherung gewahrt
262

Copyrighted material
bleibe, sind einige zusätzliche Bestimmungen notwendig, näm­
lich:
(I) der Appellationsweg ist über den Obersten Gerichtshof des
betreffenden Staates hinaus bis zu einem internationalen Ge­
richt (das z. B. dem in Haag anzuschließen wäre) fortzusetzen,
und dieser Internationale Senat hat als letzte Instanz zu fungie­
ren;
(II) der Internationale Gerichtshof entscheidet nicht nur wie die
(meisten) innerstaatlichen Obersten Gerichte ausschließlich
über formale Verfahrensmängel, um bei Konstatierung von
solchen den Fall an das Erstgericht zurückzuverweisen, sondern
er ist auch berechtigt, ohne Rückverweisungen, also in seinem
eigenem Judikaturbereich das materiale Gesamtverfahren wie­
deraufzunehmen;
(III) sollte sich der Internationale Gerichtshof entschließen, das
Gesamtverfahren in seiner eigenen Judikatur abzuhandeln und
zum Urteil zu bringen, so ist ihm das Recht zuzugestehen, Un­
tersuchungen im Staat des Tatortes kommissionsweise vorzu­
nehmen und, falls es ihm erforderlich dünkt, eine Auslieferung
der Angeklagten zu begehren;
(IV) Anklagen hinsichtlich des »Verbrechens gegen die Men­
schenwürde« können auch unmittelbar beim oder vom Inter­
nationalen Gerichtshof erhoben werden, wobei es diesem frei­
stehen soll, den Fall entweder im eigenen, dem internationalen,
Judikaturbereich zu behandeln, oder ihn dem zuständigen na­
tionalen Gericht zu überweisen;
(V) sofern der Internationale Gerichtshof Urteile in seinem ei­
genen Judikaturbereich fällt, ist vor allem der Staat des Tatortes
zur Urteilsvollstreckung zu verhalten, doch muß für den Fall
seiner Weigerung eine internationale Vorsorge zur Urteilsvoll­
streckung getroffen werden, u. z. wohl mit Hilfe jener Staaten,
welche auch die internationale Polizeimacht zum Enforcement
und zur Wiederaufrichtung des gebrochenen Rechtes beistel­
len.
Die Bestimmungen lt. (III), (IV) und (V) werden vornehmlich
dann zur Anwendung gelangen, wenn ein Staat - etwa infolge
einer Untergrundbewegung - fascistisch bereits so arg ver­
seucht ist, daß Behörden und Gerichte nicht mehr zuverlässig
arbeiten, weiters wenn dieser Staat schließlich gar zum Kriegs­
aggressor geworden ist, so daß es nach seiner Niederwerfung
263

Copyrighted material
notwendig wird, die (fascistischen oder sonstweichen) Kriegs­
initiatoren und Kriegsverbrecher vor einem internationalen
Gericht zur Aburteilung zu bringen.

(D) International Bill of Responsibilities


Das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« trägt demnach
die Keime zu einem internationalen Strafgesetz in sich, u. a.
auch weil sein Geltungsbereich einen großen Teil jener Delikte
umfaßt, die gemeiniglich als Kriegsverbrechen bezeichnet wer­
den. Für Kriegsverbrechen aber isi internationale Aburteilung
eine von der Weltmoral und ihrem Rechtsempfinden akzeptierte
Tatsache geworden11, obwohl sie eigentlich ein Novum in der
modernen Rechtsgeschichte darstellt, und diese Tatsache gilt cs
zu einer Dauerinstitution im Dienst der Kriegsverhütung zu ent­
wickeln. Dies kann jedoch nicht durch ein einzelnes Gesetz,
mages auch mit einem so zentralen Problem wie dem der Men­
schenwürde befaßt sein, besorgt werden, sondern bedarf eines
ausgearbeiteten, weitgreifenden Gesetzbuches, eines interna­
tionalen Gesetzbuches, das dem neuen Welt-Rechtsempfinden
Rechnung trägt und es zugleich vorwärtsentwickelt. Dieser
künftige internationale Strafgesetz-Kodex ist mit der »Interna­
tional Bill of Responsibilities« gemeint, die einstens als gleich­
berechtigt vollgültige Ergänzung zur »International Bill of
Rights« zu fungieren bestimmt ist.

IX.
Möglichkeiten eines wirklichen Enforcement

Daß das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde« in letzter


Urteils-Instanz (nach verlängertem Appellationsweg) der Ju­
dikatur eines Internationalen Gerichtshofes unterstehen soll,
also einer Instanz, deren Urteilssprüche und Vorschriften (wie
etwa die eines Auslieferungsbegehrens) dem Enforcement
durch das Nationen-Kollektiv zu überantworten sein werden,
das entspricht in jeder Beziehung der internationalen Garantie,
die der »Bill of Rights« und demzufolge eben auch ihrer Ergän­
zung, nämlich der »International Bill of Responsibilities« zu­
kommt.
Während aber das Enforcement einer unergänzten »Interna­
tional Bill of Rights« mit aller Wahrscheinlichkeit an den Sou-
264

Copyrighted material
veränitäts-Bedenken, den Appeasement-Tendenzen und man­
chen andern Hemmungen des Nationen-Kollektivs zu scheitern
verurteilt ist, darf von der »Bill of Responsibilities« eine be­
trächtliche Erleichterung dieser Schwierigkeiten erwartet wer­
den. Denn:
a) Das Gesetz zum Schutz der Menschenwürde ist ein »nor­
males« Strafgesetz, das konkrete Delikte behandelt und kon­
krete Übeltäter zur Verantwortung zieht. Anklage und Abur­
teilung erfolgen im normalen Gerichtsgang und beginnen mit
der Anzeige bei der öffentlichen Anklagebehörde, im allge­
meinen bei der des zuständigen innerstaatlichen Gerichts-
sprengels, in Ausnahmefällen jedoch bei der des Internationa­
len Gerichtshofes, wobei da wie dort die Anzeige sowohl vom
Geschädigten selber wie von einer andern Person wie von der
Polizei erstattet werden kann. Das Nationen-Kollektiv als poli­
tische Instanz hat während dieser rein gerichtsmäßigen Be­
handlung des Falles überhaupt nicht in Erscheinung zu treten.
b) Ist einmal das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde«
in einem Land (z. B. zwecks Aufnahme ins Nationen-Kollektiv)
eingeführt worden, so kann der ordentliche Gerichtsgang nicht
einmal von »schlechtwilligen« Regierungen ohne weiteres sa­
botiert werden; selbst Hitler hat während seiner ersten Herr­
schaftsjahre an dem Prestige eines Rechtsstaates festgehalten.
Dies ist freilich ein heuchlerischer Zustand, aber solange er an­
dauert, wirkt trotzdem noch die verbrechensverhütende
»Selbstgarantie« des Gesetzes; würde seine präzise Konkret­
heit nicht eben doch die »schlechtwillige« Regierung einiger­
maßen binden, es wäre diese durch nichts davon abzuhalten, die
an sich vage »Bill of Rights« teils offen, teils in der üblichen
anonymen Weise hinterrücks zu vergewaltigen, so daß das Na­
tionen-Kollektiv entweder bereits mit seinem politischen En-
forcement einzuschreiten oder überhaupt den Gedanken an die
internationale Geltung der »Bill of Rights« aufzugeben hätte.
c) Die Situation wird erst dann kritisch, wenn die schlechtwil­
lige Regierung das ordentliche Gerichtsverfahren im eigenen
Land sabotierte und, darüber hinaus, die Weisungen und Ur­
teile des Internationalen Gerichtshofes, der in diesen Fällen
einzugreifen hätte, nicht achtete und nicht zur Ausführung
brächte. Dann allerdings ist der Augenblick für das politische
Einschreiten des Nationen-Kollektivs gekommen, aber wohl
265

Copyrighted material
auch der, in dem Souveränitäts-Bedenken und Appeasement-
Tendenzen beiseite gelassen werden können; denn eine solche
Mißachtung von Gesetz und Gericht ist nicht nur ein Abtun des
eigenen Rechtsstaat-Charakters, sondern auch eine eklatante
Kampfansage an das Nationen-Kollektiv (das wesensgemäß
sich aus Rechtsstaaten und nur aus solchen zusammensetzt), so
daß die Enforcement-Aktion, die da zu unternehmen ist, sich
in einem de facto bereits eingetretenen Kriegszustand ab­
spielt.
Gewiß, trotz aller Konkretheit, es kann nicht erwartet werden,
daß die Dinge in absoluter Eindeutigkeit vor sich gehen. Man
braucht sich nur der Mißstände zu erinnern, die sich bei
Schwurgerichten immer wieder ergeben, wenn Fälle von Aus­
schreitungen auf Rassenhaß-Grundlage oder andere Delikte
dieser Art abgehandelt werden sollen. Und daß schlechtwillige
Regierungen unzählige Mittel zur stillschweigenden Beeinflus­
sung der Geschworenenauslese wie zur Instruierung ihrer
Staatsanwälte stets an [der] Hand haben werden, das wird wohl
niemand bezweifeln; ja sie werden sogar mit einigem Geschick
und einigem Terror Appellationen an den Internationalen Ge­
richtshof recht leicht zu verhindern wissen, ohne daß diese Ma­
chinationen zur offenen Sabotage zu werden brauchen.
Trotzdem bleibt ein bedeutender Unterschied zwischen den
Enforcement-Möglichkeiten einer unergänzten und denen ei­
nerergänzten »International Bill of Rights«. Während eine un-
ergänzte »Bill of Rights« von jeder Regierung ganz offen fla-
griert werden kann, da das Nichteinmischungsprinzip jede
beliebige Auslegung der »Bill« zuläßt, also der ganze Rechts­
zustand des Staates verändert werden darf, geht es bei Hinzu­
tritt der »Bill of Responsibilities« nicht mehr um den allgemei­
nen Rechtszustand, sondern um distinkte Einzelfälle, in denen
die Menschenwürde bestimmter konkreter Personen durch an­
dere konkrete Personen verletzt worden ist, und diese, nicht
Regierungen, nicht »Staaten« als solche werden vom interna­
tionalen Recht verantwortlich gemacht, selbst wenn die
schlechtwillige Regierung die Verbrecher durch Machinationen
-d ie bereits ein gewisses Maß an Korruption und Geheimhal­
tung erfordern, also hiedurch auch schon eine gewisse Ein­
schränkung erfahren - zu schützen sucht. Gegen Regierungen
kann man bloß mit »politischen« Mitteln Vorgehen, doch gegen
266

Copyrighted material
Verbrecher wird mit Mitteln des Strafrechtes vorgegangen: das
Enforcement wird »entpolitisiert« und damit auch konkreti­
siert.
Gerade auf diese »Entpolitisierung« kommt es an. Ein poli­
tisches Vorgehen gegen eine schlechtwillige Regierung bedarf
der politischen Vorbereitung, und die ist in demokratischen
Ländern besonders schwierig. Z. B. wäre es 1936 für die West­
mächte, trotz ihrer mangelhaften Kriegsausrüstung - sie war
auch 1939 nicht besser -, aus Gründen der Machtgruppierung
wahrscheinlich vorteilhaft gewesen, mit Rußland die von Litwi-
now12 propagierte »Volksfront« zu bilden und gemeinsam, un­
ter »verfrühter« Riskierung des Weltkrieges, in Spanien und
damit gegen sämtliche Fascismen einzuschreiten, und doch
wäre es sehr fraglich gewesen, ob sich hiefür (ja auch nur für
die Aufhebung des Waffenembargos) in Amerika eine wirkli­
che Volksmajorität gefunden hätte. Die »Verfrühung« wäre
damals vorteilhaft gewesen, das nächste Mal braucht sie es nicht
zu sein, und eben dies macht die demokratische Haltung immer
wieder entscheidungs-langsam. Alle Appeasement-Tenden­
zen, alle Souveränitäts-Bedenken, auch die heutigen, sind z. T.
auf diese Verfrühungs-Angst zurückzuführen. Wenn aber die
Entscheidung aus dem vagen politischen Gebiet in das einer
wohldefinierten Rechtsnotwendigkeit transponiert wird, dann
kann sie auch in demokratischen Ländern rasch getroffen wer­
den. Aus der politischen Verantwortlichkeit wird eine präzise
Rechtsverantwortlichkeit.
An solcher Rechtsnotwendigkeit und Rechtsverantwortlich­
keit wird das Enforcement zum »gerechten Krieg«. Denn vom
Recht, nicht von der Politik wird die moralische Haltung der
Massen geformt; im Gesetz findet die Moral ihren Ausdruck,
und die Wiederherstellung gebrochenen Rechtes ist das stärk­
ste Argument, mit dem die politische Aktion die Unterstützung
der öffentlichen Meinung anzufordern vermag. Und gerade ein
Enforcement einer »Bill of Rights« bedarf dieser Unterstüt­
zung, ja würde ohne sie geradezu sinnlos werden: die Freedoms
»of«, Menschenfreiheit und Menschenwürde, um deren Schutz
es da geht, sind bloß sinnvoll, wenn sie vom Menschen selbst
gewollt werden.

267

Copyrighted material
X.
Vorbedingung des Selbstbestimmungsrechtes

Wilson hat die Etablierung und Anerkennung der Freedoms


»of« kurzerhand mit Demokratie identifiziert. Das war unzu­
lässig, die Freedoms »of« sind nicht Demokratie, doch sie sind
deren unentbehrliche moralische Vorbedingung, genauso un­
entbehrlich, wie es die amerikanische Unabhängigkeitserklä­
rung für die Schaffung der Konstitution gewesen ist. Freilich
sind die demokratischen Vorbedingungen keineswegs mit ih­
nen erschöpft, vielmehr haben sie mit fortschreitender Ent­
wicklung ständig erweitert zu werden; die Freedoms »from«
liegen in der Richtung solcher Erweiterung.
Die Vorbedingungen sind eindeutig; ihre Ausführung kann
mehrdeutig sein. Daß die Unabhängigkeitserklärung, wäre sie
nicht von Jefferson geschrieben worden, mit einem wesentlich
andern Text versehen worden wäre, ist kaum vorstellbar, ja
kaum möglich; dahingegen ist ihre Konkretisierung durch eine
andere Konstitution, etwa mit einem Einkammer- oder gar
Dreikammersystem ohne weiteres als möglich vorstellbar, und
ebendarum läßt sie auch - im Gegensatz zu den regulativen
Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung - künftige Zusätze
und Abänderungen zu. Es kommt also alles auf die Einhaltung
der regulativen Vorbedingungen an: sie werden eingehalten,
können eingehalten werden, wenn die Demokratie dafür sorgt,
daß das menschliche Individuum die ihm gewährten bürgerli­
chen Freiheiten nicht vermittels Mißbrauchs der Freiheit (also
auch nicht durch mißbräuchliche Konstitutionsabänderungen)
wieder zerstöre; die Ausübung der Freiheits-Rechte erfordert
die Übernahme von Freiheits-Pflichten, auf daß die moralische
Paktwilligkeit und Pakttreue der Gemeinschaft, kurz ihre mo­
ralische Conformity bewahrt bleibe.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, wie es in der Atlan­
tic Charter aufs neue bekräftigt worden ist, bildet das Analogon
zum Freiheits-Recht des Individuums. Doch über die Frei­
heits-Pflichten der Völker ist - umsomehr als da der alte Sou­
veränitätsbegriff im Wege steht - hiedurch noch nichts ausge­
sagt. Auch die Teheraner Konferenz13 hat, obwohl in ihr den
Völkern eine Nicht-Wiederkehr jeglicher Tyrannei verspro­
chen wurde, nicht gesagt, welcher Gebrauch des Selbstbestim-
268

Copyrighted material
mungsrechtes erlaubt und welcher Mißbrauch unerlaubt sein
soll; sie hat keinerlei Definition zwischen erlaubten nicht-fas-
cistischen und unerlaubten fascistischen Regierungsformen ge­
geben. Das ist nicht unverständlich, denn das Wilsonsche Kon­
zept, das solche Unterscheidungsdefinition hatte geben wollen,
hat versagt und hätte außerdem niemals die Unterschrift Ruß­
lands erlangt, dessen Staatsstruktur hiefür allzusehr von der
westlichen abweicht. Nichtsdestoweniger mußte Wilsons Idee
- u. z. nicht nur faute de mieux - nachträglich teilweise wieder
aufgegriffen werden, nämlich mit dem Vorschlag der »Interna­
tional Bill of Rights«, freilich um damit gerade im wesentlich­
sten Punkt, dem der Freiheits-Pflichten zu kurz zu fassen: die
mangelhafte Definition des Fascismus wird also selber zur fa­
scistischen Gefahr, und so ist umgekehrt die Ergänzung durch
die »International Bill of Responsibilities« mit ihrer strafge­
setzlichen Bestimmung der fascistischen Verbrechen und ihrer
Verfolgbarkeit auch zur Definition der fascistischen Regie­
rungsform, zu ihrer Erkennung und Vermeidung höchst not­
wendig.
Soferne aber der Fascismus wirklich vermittels der »Bill of
Responsibilities« (als notwendiger Ergänzung der »Bill of
Rights«) zu charakterisieren, d. h. negativ zu definieren ist, so
müßten sich andererseits, als positiver Aspekt, an ihr die Ge­
meinsamkeiten der nicht-fascistischen Regierungsformen fest­
stellen lassen; und in der Tat: nicht nur daß der in San Francisco
akzeptierte Plan der »International Bill of Rights« den gemein­
samen Humanitäts-Nenner zeigt, der all den divergierenden
Anschauungen, ja sogar denen der westlichen und der russi­
schen Staatsauffassung innewohnt, es zeigt sich darin auch das
Bemühen, von hier aus die Vorbedingung zu finden, die ein
aufnahmewerbender Staat für seine Zulassung zum Nationen-
Kollektiv zu erfüllen hat. Hiefür scheint aber die Verschärfung
der »Bill of Rights« durch das »Gesetz zum Schutz der Men­
schenwürde« und schließlich durch eine »Bill of Responsibili­
ties« einfach unerläßlich zu sein. Ob man dann die solcherart
konstituierte Vorbedingung als die aller Demokratie oder als
die des humanitäts-gerichteten Staates schlechthin oder als die
einer jeden auf Gerechtigkeit basierten sozialen Gemeinschaft
bezeichnen will, ist eine lediglich terminologische Angelegen­
heit. Auf jeden Fall ist es die erste Vorbedingung für die Staa­
269

Copyrighted material
tengemeinschaft, die den Weltfrieden gewährleisten soll, denn
auf eine andere Weise ist nicht zu bewerkstelligen, daß in jedem
Land, gleichgültig von wem und wie es regiert wird, die gleichen
regulativen Grundprinzipien herrschen, der Mensch aber ruhig
im Genuß der »Four Freedoms« zu leben vermag.

XI.
Der massenpädagogische Effekt

Die »Four Freedoms« stehen noch keineswegs allüberall in


Geltung und werden es auch fürderhin noch für geraume Zeit
nicht tun.
Denn die Völkergemeinschaft, in der sie wirken sollen, ist so­
wohl äußerlich wie innerlich erst im Entstehen begriffen; weder
sind alle Völker des Erdkreises von ihr umfaßt, noch bilden die
bereits umfaßten jene politisch-moralische Conformity, die
durch die Deklarierung der »Four Freedoms«, vor allem der
Freedoms »of« angestrebt worden ist.
Es kann auch gar nicht anders sein, und desgleichen ist die bis­
her geübte Zurückstellung der Freedoms »of« hinter die
»from«, zumindest unter diesem Aspekt, fast eine Notwendig­
keit. Es möge nämlich nicht vergessen werden (wie es eben zu­
meist geschieht), daß die United Nations, die sich im Kampf ge­
gen Deutschland und Japan zusammengefunden haben und nun
den berechtigten Anspruch auf einen Platz in der künftigen
Friedensorganisation erheben, zum überwiegenden Teil, etwa
mit Ausnahme der russischen und westlichen Elauptalliierten
sowie einiger europäischer Kleinstaaten, durchaus halb- und
dreiviertelfascistische Gebilde darstellen; das verpönte Argen­
tinien bildet da keineswegs einen so isolierten Fremdkörper,
wie manche gerne glauben. Die Ausrichtung dieses disparaten
Konglomerats auf einen gemeinsamen Humanitäts-Nenner,
auf die Freedoms »of« und den Schutz der Menschenwürde ist
also keine leichte Aufgabe: die Herstellung der politisch-mora­
lischen Conformity ist u. a. eine Aufgabe der Selbsterziehung
für das Nationenkollektiv, und sie ist aufs engste mit einer jetzt
sehr akut gewordenen verquickt, nämlich der einer Erziehung
Deutschlands und Japans, da ja auch diese Völker einstens wie­
der in die Staatengemeinschaft aufgenommen werden sollen14.
Ein durch die Schule des Fascismus hindurchgegangenes Volk
270

Copyrighted material
läßt sich aber kaum anders als vermittels des Strafgesetzes er­
ziehen, umsomehr als es sich um eine Immediat-Erziehung von
Erwachsenen handelt, die ihre zumeist tief eingefahrenen Hal­
tungen, wenn überhaupt, nur unter der Einwirkung strafandro-
hender Verbote zu ändern vermögen. Geschähe dies nicht, so
würde z. B. die nächste Generation - geradezu automatisch -
in einer Weise von ihren Vätern vergiftet werden, daß jede Ju­
genderziehung (die überdies ein eigenes Problem präsentiert)
von vornherein vereitelt werden würde. Doch noch wichtiger ist
jene Immediat-Erziehung, um die Völker der halb- und ganz-
fascistischen Länder, besonders die, welche seit vielen Jahr­
hunderten unter mehr oder minder diktatorialer Herrschaft ge­
lebt haben, für die durch die »International Bill of Rights«
gewährten Freiheiten reif zu machen: die Angehörigen der
United Nations werden dieser Freiheiten nun sofort teilhaftig
werden, doch es wäre - gleichfalls aus erzieherischen Gründen
-sicherlich nicht gut, Deutschland und Japan allzulange hievon
auszuschließen, und es kann mit aller Bestimmtheit, bei jenen
wie bei diesen, ein fascistischer Mißbrauch der Freiheit voraus­
gesagt werden, wenn nicht eine strafgesetzliche Hemmung, also
im Sinne des Gesetzes zum Schutz der Menschenwürde, dage­
gen gestellt wird.
Denn in den Fascismen werden alle Primitivhaltungen der
Menschenseele wieder ans Tageslicht gefördert - der Rückfall
des deutschen Volkes in Ur-Barbarei hat dies in erschreckend­
ster Weise bestätigt -, und bei einem solchen Geisteszustand
läßt sich durch Gewährung von Freiheiten allein keine Huma­
nisierung erzielen. Für die mystischen, ja theologisch-mysti­
schen Überlegungen, aus denen die »Bill of Rights« mit ihrer
Aufstellung der »natürlichen Menschenrechte« hervorgegan­
gen ist, hat ein in die Urzeiten seiner Entwicklung zurückge­
kehrter Geist nicht die geringste Aufnahmefähigkeit; der Pri­
mitive denkt nicht mystisch sondern magisch. Wenn ihm aber
das nämliche »Naturrecht« in Gestalt von Verboten geboten,
oder richtiger auferlegt wird, so kann es einen Zugang zu ihm
finden, weil es dann von der Magiewirkung des Tabu, das sich
gerade in der Strafandrohung äußert, getragen wird. Was die
»Bill of Rights« nicht zu leisten vermag, das kann die »Bill of
Responsibilities« in ihrem »Gesetz zum Schutz der Menschen­
würde« leisten.
271

Copyrighted material
Diese magische Tabuwirkung scheint um so größere Bedeu­
tung zu gewinnen, als nicht nur der Fascismus, sondern auch
Kriege als solche schier unausweichlich zu Primitivhaltungen
des Menschen zurückführen und ihn magie-zugänglich machen.
Nationalismus z. B. kann und wird immer wieder ins Magische
ausarten (ist dementsprechend auch stets eines der Hauptin­
strumente alles Fascismus), und siegreiche Völker neigen er­
fahrungsgemäß immerzu einem übertriebenen Nationalismus.
Hiezu kommt noch, daß dieser zweite Weltkrieg noch ganz be­
sondere nationalistische Reaktionen erweckt hat, da nach einer
so brutalen Unterdrückung, wie sie die europäischen Völker
durch Hitler erlitten haben, nun notwendigerweise die gestau­
ten Haßgefühle nach einem Auslaß verlangen. Kein Wunder
also, daß die Niederwerfung Deutschlands, die ein rein demo­
kratischer Sieg hätte werden sollen, vielerorts zu einem rein na­
tionalistischen geworden ist, und daß in ganz Europa Zeichen
von Minoritätenhaß, von Antisemitismus usw. aufflammen,
unzweifelhaft auch noch genährt von den fascistischen Elemen­
ten, die sich allenthalben, nicht zuletzt in den Siegerländern sel­
ber, erhalten haben und bloß ihre neue Gelegenheit abwarten.
Dies alles geht im dunkelsten Gefühlsbereich vor sich, und fast
ist es, als ob sich da eine neuerliche Enthumanisierungswelle
vorbereitete: mit einer »Bill of Rights« allein ist sicherlich nicht
dagegen aufzukommen.
Hitler wußte um die magische Tabuwirkung des Strafgesetzes,
und ebendarum hat er die Nürnberger Rassengesetze zum
Kernstück, ja zum Symbol der ganzen Nazi-Moral gemacht und
hat mit ihrer pomphaften Proklamation seine eigentliche Herr­
schaft eingeleitet. Das »Gesetz zum Schutz der Menschen­
würde« ist das genaue Gegenstück zu diesen Rassengesetzen,
und wenn mit diesen die Erziehung zur Barbarei und Enthuma­
nisierung angehoben hat, so kann jenes den Beginn der Wie-
der-Humanisierung und zugleich deren gültigstes Symbol be­
deuten, vielleicht das einzige Symbol, das die Massen im
Augenblick zu verstehen fähig sind.

Copyrighted material
XII.
Widerstände und Konsequenzen

Ausdrücklicher noch fast als andere Kriminalgesetze wendet


sich das Gesetz zum Schutz der Menschenwürde gegen die
Ausbrüche des dunkel-ungehemmten Trieblebens. Und da es
mit seiner Inkrimierung von Völker- und Rassenhaß eine Ge­
fühlssphäre trifft, die dem Menschen besonders mühelose
Triebbefriedigungen bietet, so hat es, soll es eingeführt werden,
unzweifelhaft auch mit besonders starken Widerständen zu
rechnen.
Die Argumentationen zu diesen Widerständen sind nicht neu;
man hat sie in Deutschland während des Dezenniums vor Hit­
lers Machtergreifung in überreichlichem Maß gehört. Daß es
überall reaktionäre oder auch nur konservative Kreise gibt, die
noch immer der Meinung sind, sie könnten den Fascismus als
ein bloßes Instrument für die Durchsetzung ihrer eigenen Ab­
sichten benützen, und die ihn daher nicht durch ein Gesetz zum
Schutz der Menschenwürde behindert sehen wollen, das ver­
steht sich nur von selbst. Sonderbarerweise aber werden sie von
der sogenannt fortschrittlichen Gegenseite nicht minder unter­
stützt. Ganz abgesehen von den Optimisten, die niemals eine
Gefahr sehen können und demgemäß auch vor der fascistischen
den bekannten Standpunkt des »it can’t happen here« bezie­
hen, und abgesehen von den fatalistischen Pessimisten, die
nichts als die - hier wahrlich nicht zu unterschätzenden -
Schwierigkeiten sehen und aus deren angeblicher Unüber-
windlichkeit gleichfalls die Erlaubnis zur Propagierung völliger
Untätigkeit folgern, gibt es jene sehr ehrenwerten Liberalen,
welche überzeugt sind, in der besten aller Demokratien zu le­
ben und all ihre Streitbarkeit für die Formalverteidigung der
Konstitutionsbestimmungen und der kodifizierten civil liberties
verwenden, also auch in einem Gesetz zum Schutz der Men­
schenwürde, obwohl es einen Schutz der Freiheit gegen deren
selbstschädigenden Mißbrauch anstrebt, bloß einen reaktionä­
ren Anschlag auf Rede-, Presse- und Gewissensfreiheit wittern
werden, den zu bekämpfen sie sich verpflichtet fühlen, umso­
mehr als sie - mit großem Abscheu - fürchten, daß den von dem
Gesetz getroffenen Personen die Rolle politischer Märtyrer zu­
fallen könnte.
273

Copyrighted material
Wenn man bedenkt, wie sehr diese Erwägungen, Abneigun­
gen, Vorsichtshaltungen und Einwendungen (trotz manchmal
guter Absicht) an dem deutschen Grauensresultat mitgewirkt
haben, und wie sie nun offenbar daran sind, sich in weltweitem
Ausmaß zu wiederholen, so daß auch das Grauensresultat eine
Vervielfachung erfahren würde, so mag man sich wohl fragen,
ob die »Four Freedoms« tatsächlich eine realitätsfähige und
nicht nur leer-phantastische Utopie darstellen, ob in ihnen tat­
sächlich eine echte Realitätsrichtung der Welt vorgezeichnet
ist, oder ob nicht im Gegenteil deren Entwicklung gerade den
umgekehrten Weg gehen wird.
Nun, »Entwicklung« ist eine sehr unspezifische Realitätsrich­
tung menschlichen Geschehens; im Kontinuum ihres großen
Hauptstroms bietet sie Raum für die verschiedenst spezifizier­
ten Realitätsrichtungen, für deren Parallelismen, eben auch für
deren gegenseitige Hemmungen und Ablenkungen. Es ist also
nur selbstverständlich, daß zu der durch die »Four Freedoms«
angezeigten »Humanitätsrichtung« auch Gegenkräfte vorhan­
den sind, und daß diese unbeschadet ihrer Disparatheit - sie
umfassen sowohl die fascistischen wie all die andern politischen
Gegenkräfte, die sich (selbst wenn sie als liberal auftreten) der
Humanitätsentwicklung entgegensetzen - unter dem Schlag­
wort »Antihumanität« zusammengenommen werden dürfen:
und trotzdem ist hier dieser Gegensatz bedeutungsschwerer als
anderswo.
Denn die Technisierung und Kollektivierung der Welt ist un­
zweifelhaft- daran läßt sich nichts ändern - zutiefst antihuman
und barbareifördernd, ist es umsomehr, als sie hiebei von allen
sadomasochistischen Trieben der Menschennatur, von ihrer
Sucht nach Vernichtung und Selbstvernichtung unterstützt
wird. Der Technisierungsprozeß ist unaufhaltsam, weil der
menschliche Erfindungsgeist sich nicht zügeln läßt, und nicht
nur, daß die Vernichtungsinstrumente, die hervorzubringen er
bereits im Begriffe ist, über jegliches menschenbezogene Aus­
maß hinaus zu dem von Naturkräften anwachsen und kaum
mehr »Waffen« zu nennen sind, nicht nur, daß sie in der Hand
von »schlechtwilligen« Gruppen oder Staaten - und Schlecht­
willigkeit ist mit solcher Handhabung schier unlösbar verbun­
den - jederzeit zur unausdenkbarst entsetzlichen Menschheits­
gefahr werden können, es wird in einer so sehr der Maschine
274

Copyrighted material
(wortwörtlich) unterworfenen Welt der Unterschied zwischen
Krieg und Frieden überhaupt aufgehoben, da die apokalyp­
tische Bedrohung unaufhörlich, ob Krieg, ob Frieden, in un­
brechbarer, gleichbleibender Intensität weiterbesteht und da­
mit die Menschen, deren Einzelleben nichts mehr gilt, nichts
mehr gelten kann, in eine Paniknähe bringt, die bloß in schärf­
ster Sklavendisziplin und dunkelster Sklavenstumpfheit zu
überkommen ist. Was die Fascisten bisher an Antihumanität
geleistet haben, ist ein zart-mildes Frühlingsbild angesichts sol­
chen Zukunftsausblickes.
Kann sich die Welt vor einem derartigen Schicksal noch be­
wahren? Kann überhaupt noch von einer Humanitätsrichtung
gesprochen werden, da die Technik selber in ihrer Unaufhalt-
samkeit die Realitätsrichtung in die Hand genommen hat? Der
Fascismus - getrieben von seinem Vernichtungswillen, der im
letzten Grund seinen eigentlichen Charakter ausmacht - ver­
neint es, aber auch das laisser-aller all der andern Kräfte, die
ihm zu Diensten sind, besagt das nämliche. Hat also der
Mensch, als ob er neben seinen Vernichtungstrieben keinen
Lebenstrieb kennte, sich fatalistisch der von der Technik ange­
zeigten Realitätsrichtung zu beugen?
Es gibt keine irrtumsfreie, eindeutige Anzeige von Realitäts­
richtungen, und es gibt keine, die den Menschen zum Fatalis­
mus aufzufordern vermöchte: kann eine Realitätsrichtung auf­
gezeigt werden, so heißt dies, daß es möglich ist, bestimmte
Realitätsaufgaben aufzustellen und vielleicht sogar zu lösen;
eine Realitätsrichtung manifestiert sich ausschließlich in der
Möglichkeit von Problemstellungen und -lösungen, die einem
gewissen Realitätstypus angehören. Unter diesem theoreti­
schen Gesichtswinkel ist die Humanitätsrichtung, wie sie von
den »Four Freedoms« angezeigt ist, durchaus nicht der techni­
schen Antihumanitätsrichtung unterlegen.
Gewiß, man muß sich damit abfinden, daß die technische Er­
findungskraft des Menschen sich nicht unter Kontrolle halten
läßt, und daß er immer neue, immer gräßlichere Mordapparate
ersinnen wird; aber über die Moral oder Unmoral, welche die
Maschinen zu benützen beabsichtigt, ist eine einigermaßen
aussichtsreiche, freilich immer nur partielle, niemals völlig be­
friedigende Kontrolle zu gewinnen. Dies ist die praktische Pro­
blemstellung, an der sich die Humanitätsrichtung manifestiert,
275

Copyrighted material
und wenn es gelingt, hiezu auch noch praktikable Lösungen
beizubringen, so ist solche Leistung nicht nur Ausfluß des
menschlichen Lebenstriebes, sondern zugleich auch Ausdruck
seiner wiederbeginnenden Selbsterweckung.
Ist also in San Francisco die dem wiedererwachenden Lebens­
willen dienende Humanitätsrichtung mit der »International Bill
of Rights« sichtbar geworden, so gilt es jetzt, den Menschen für
sie »reif« zu machen, und diese moralische Aufgabe - die zu
fördern auch das »Gesetz zum Schutz der Menschenwürde«
beabsichtigt - ist eben die einer Massenerziehung und gleich­
zeitig einer Selbsterziehung der Menschheit, die zur Humani­
tätsmoral zurückzufinden wünscht. Im Alltagsleben der Völker
aber wird sie zur neuen, zur moralischen Aufgabe der Politik.
Nur indem die Politik diese Aufgabe im Zuge ihrer praktischen
Zwecke verfolgt, ist sie imstande, sie dem modernen Menschen,
der keine andere Plausibilität als die praktische kennt, nahe zu
bringen, und da sie von den praktischen Zwecken (der Kriegs­
vermeidung) selber vorgeschrieben ist, wird sie nicht nur uto­
piefrei und erfüllungsfähig, sondern biegt auch, sozusagen aus
bloßer Nüchternheit, in jene ethische Linie ein, die all die gro­
ßen Kulturreligionen seit jeher festgehalten haben: in die Linie
der sukzessiven Humanisierung des Menschengeschlechtes
durch eine ständige, moralpädagogische und psychologische
und manchmal zwangsmäßige Stärkung der humanen Tenden­
zen in der Menschenseele, auf daß ihre Vernichtungs- und
Selbstvernichtungstendenzen nicht das Übergewicht erlangen
und weltenumspannendes Unheil erzeugen. Und vieles spricht
dafür, daß dies nochmals glücken könnte.
Es ist nicht unausweichlich notwendig, daß der Mensch seine
Gaben ausschließlich zur Menschheitsvernichtung verwende.

1 Am 26. 6. 1945 wurde die United Nations Organization (UNO) in San Fran­
cisco (USA) von 50 Nationen begründet.
2 Vgl. Franklin D. Roosevelts »Four Freedom«-Rede vom 6. Januar 1941.
3 Seit Anfang 1946 arbeitete die UN-Kommission für Menschenrechte unter
dem Vorsitz von Anne Eleanor Roosevelt an der Formulierung der »Interna­
tional Bill of Human Rights«. Am 10. 12. 1948 wurde von der UNO die
»Universal Declaration of Human Rights« abgegeben. Mitte 1946 schickte
Broch seine »Bemerkungen« (in englischer Übersetzung) an Anne Eleanor

276

Copyrighted material
Roosevelt. Um die Arbeit der UN-Kommission für Menschenrechte zu un­
terstützen und die Verabschiedung einer »International Bill of Human
Rights« zu beschleunigen, hatte der amerikanische Bischof G. Bromley Ox-
nam Ende 1946 ein »Committee on Human Rights of the Commission to
Study the Organization of Peace« mit Sitz in New York City begründet. Dem
Executive Committee dieser Organisation gehörten auch Brochs Freunde
Christian Gauss, Dekan an der Princeton University, und Alvin Johnson, Di­
rektor der New School for Social Research, an. Oxnam bat Broch um Unter­
stützung seiner Aktion, und auch an ihn schickte der Autor seine »Bemer­
kungen«.
4 Gemeint ist der Völkerbund.
5 Gemeint ist die UNO.
6 Vgl. Brochs Beitrag zur City o f M a n in diesem Band.
7 Vgl. Wilsons »Fourteen Points« vom 8. 1. 1918.
8 Wörtlich heißt es: »freedom of every person to worship God in his own way«.
9 Vgl. die zwischen Roosevelt und Churchill am 14. August 1941 abgeschlos­
sene »Atlantic Charter«.
10 Vgl. Fußnote 13 zu »Die Demokratie im Zeitalter der Versklavung«.
11 Anspielung auf die »Nürnberger Prozesse« (1945-1950), deren Gegenstände
nationalsozialistische Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren.
12 Maxim Maximowitsch Litwinow (1876-1951), sowjetischer Politiker, Mitar­
beiter Lenins; 1930-1939 Volkskommissar des Äußeren.
13 Konferenz von Teheran (28. 11. bis 1. 12. 1943). Hier trafen Roosevelt und
Churchill zum ersten Mal persönlich mit Stalin zusammen, um die militärische
Strategie zu koordinieren und die Grundzüge der Nachkriegspolitik abzu­
sprechen.
14 Japan trat 1956 der UNO bei. Die beiden deutschen Staaten wurden 1973
in die Weltorganisation aufgenommen.

Copyrighted material
Die Zweiteilung der Welt

Erster Teil
Gibt es noch Demokratie?
Kann es, soll es sie noch geben?

Auch wenn es keine Demokratie gäbe, sie stünde jedenfalls im


Gegensatz zu Totalitarismus. Historisch ist Demokratie, welche
Formen sie auch immer angenommen hat, aus der Auflehnung
gegen Tyrannis hervorgegangen, und ungeachtet all ihrer De­
generierungen, ungeachtet der Vagheit ihrer Begriffs- und
Ideenbildungen, es läßt sich Demokratie heute wie eh und je
in dieser negativen, antityrannischen Funktion bestimmen: so­
weit demokratisches Bewußtsein noch lebendig ist, zeigt es sich
als Auflehnung gegen Totalitarismus, als Non-Totalitarismus,
als Anti-Totalitarismus.
Die Untersuchung - wohlgemerkt eine analysierende Unter­
suchung, die vorderhand noch keinerlei Forderungen aufstellen
will - wird also zweckmäßig an diesem Punkt zu beginnen sein.

(i)
Demokratie gegen Totalitarismus,
ein Staatenkonflikt?

Der demokratische Staat ist stets ein Kompromißgebilde


Staaten dienen zum Schutz ihrer Bürgerschaft, genauer gesagt
jenes Bevölkerungsteiles, dem sie volles Bürgerrecht zuspre­
chen; für diese Schutzfunktion wurden sie errichtet, werden sie
errichtet, hiezu wurden sie mit ihrem Machtapparat ausgestat­
tet, hiezu wird dieser aufrechterhalten. Im Innern entledigt sich
der Staat seiner Aufgabe, indem er dem bürgerlichen Leben
Ruhe und Ordnung gewährleistet, also Polizeistaat ist, während
er nach außen Militärstaat zu sein hat, also einer, der zur Ab­
wehr feindlicher Angriffe gerüstet ist, ja sogar bereit sein muß,
präventiv, d.h. aggressiv zum Schutz des Staatsgebietes oder zu
seiner Vergrößerung vorzugehen, falls hiedurch seine strategi­
sche Position »verbessert« werden kann. Und da der Staat mit
dieser Aufgabe betraut ist - er wäre eben kein Staat, wenn er
nicht damit betraut wäre -, kennt er keinen andern »Willen«,
278

Copyrighted material
keine andere »Idee« als diese Aufgabe, und wenn er auch als
Maschine, als Machtmaschine selber keinen Willen und keine
Ideen besitzt, wenn auch all das ausschließlich in den Köpfen
wohnt, die aus Amt oder Neigung das Staatsinteresse und die
Staatsaufgabe betreuen, sie werden ebenhiedurch zu Gliedern
der spezifischen Funktion, die von jeder Maschine in ihrer Ei­
genlogik entwickelt wird, sie werden hier zu »Dienern des Staa­
tes«, und es wird ihnen der Staat mitsamt seiner Aufgabe zum
absoluten und einzigen Selbstzweck: durch sie und durch ihre
Verantwortung »will« der Staat seiner Grundaufgabe bestens,
also womöglich »absolut« gerecht werden, durch sie »will« er
all seine Bürger zu absolut gehorsamen Gliedern der Staats­
maschine machen; durch sie strebt der Staat, jeder Staat,
zur totalen Erfüllung seiner Idee, d. h. zu seinem Totalitaris­
mus.
Demokratie ist demnach in erster Linie Auflehnung des Indi­
viduums und seines individuellen Freiheitsbedürfnisses gegen
die Totalitärtendenz, die jeder Staatsmaschinerie notwendig
innewohnt. Soweit also Demokratie Ausdruck des menschli­
chen Freiheitsbedürfnisses ist, muß sie, fast anarchistisch, frei­
lich nicht anarchisch, den Staat überhaupt abzutun suchen;
auch die sozialistische Phantasie von der klassenlosen, staats­
überwindenden Gesellschaft hat hier ihren (demokratischen)
Ursprung. Doch da ein staatenloser Zustand - und selbst ein
Weltstaat wäre immer noch und vielleicht erst recht ein Staat
- zumindest vorderhand undenkbar ist, also Demokratie, schier
groteskerweise, sich immer nur in dem ihr feindlichen Element
des Staates konkretisieren kann, muß sie mit ihm ein Kompro­
miß eingehen. Der sogenannt demokratische Staat ist ein Kom­
promiß; die Errichtung eines volltotalitären Staates ist theore­
tisch möglich, nicht jedoch die eines volldemokratischen: vom
Staatsbegriff aus beurteilt bleibt Demokratie stets ein Zwitter­
gebilde.

Krieg ist Staatsfunktion, und es ist vor allem diese


Funktion, die dem Staat ein schier tödliches Übergewicht
gegenüber der Demokratie verleiht
Demokratie ist wesenhaft friedlich; sie ist es nicht nur, weil der
Einzelmensch (der sich in ihr gegen den Staat behauptet) fried­
lich ist, sondern noch viel mehr, weil sie im letzten dem Staat
279

Copyrighted material
(als Träger des Totalitarismus) überhaupt abgeneigt ist. Denn
Kriege werden zwischen Staaten geführt, und allein der Staat
will Krieg. Gewiß, es darf ein Staat, der gemäß seiner Grund­
pflicht für den Schutz und die Sicherheit seiner Bürger sorgen
will, diese nicht den Gefahren eines mutwilligen und risikenrei­
chen Krieges ausliefern, doch wenn er die Gewinnchancen für
günstig hält, sich also erhöhte Sicherheit und erhöhten Wohl­
stand für die Zukunft versprechen kann, wird er ohne Beden­
ken jeglichen Krieg wagen. Krieg und Frieden sind für den Staat
lediglich ein Maximal- und Minimalproblem, und dies gilt erst
recht für den totalitären Staat.
Der Krieg zwischen den totalitären Achsenstaaten (die unbe­
schadet ihrer nazistischen, fascistischen und feudalistischen
Nuancierungen allesamt Volltotalitarismen waren) und den
Westdemokratien war also - im Gegensatz zu einer weitver­
breiteten Meinung, die allerdings nicht von dem klareren Chur­
chill geteilt wurde - keineswegs eine Auseinandersetzung zwi­
schen zwei Ideologien; er war ein Staatenkrieg, ein Machtkrieg
im alten Sinn. Er mußte ausbrechen, weil die Welt - stets hat
es für sie Zeiten der kompromißhaften Balance und solche des
unbalancierten Radikalismus gegeben - nun unter der Leitung
des westlichen Menschen und seiner ebenso radikalen wie radi-
kalisierenden Technik in ein Stadium äußerster Kompromißlo-
sigkeit getreten ist, und weil derjenige, der in einer solchen Zeit
an Kompromissen festzuhalten sucht, in Zwitterhaftigkeit gerät
und infolgedessen sich selbst gefährdet: hier haben die Überle­
gungen und Entschlüsse der Totalitärstaaten angesetzt; denn
nicht ganz zu Unrecht betrachteten sie die Demokratien als
staatliche Zwittergebilde, also als geschwächte Staaten, und sie
hielten sich daher zum Zuschlägen berechtigt, ja sogar ver­
pflichtet. Der ideologische Gegensatz Totalitarismus-Demo­
kratie spielte dabei nur eine akzessorische Rolle.
Im Krieg wird jeder Staat volltotalitär, und nur weil den West­
demokratien die Umstellung auf Kriegstotalitarismus - eine
außerordentliche Leistung - so rasch und so gründlich gelungen
ist, vermochten sie, im Verein mit dem bereits vorher volltotali­
tär gewordenen Rußland, den Sieg zu erringen. Unter diesen
Umständen wäre es lächerlich, von einem demokratischen Sieg
zu sprechen, und die Nachkriegsperiode zeigt deutlich genug,
daß es kein solcher gewesen ist.
280

Copyrighted material
Nichtsdestoweniger kann der Antagonismus Totalitarismus-
Demokratie nicht weggeleugnet werden. Möge auch durch den
Krieg der westliche Demokratiegedanke noch prekärer als frü­
her geworden sein, ein Rest von ihm ist vorhanden und leben­
dig, und da er nun nur mehr eine einzige Folie, nämlich die des
russischen Totalitärkommunismus besitzt, hat der Gegensatz
an Eindeutigkeit gewonnen, freilich um hiedurch zugleich auch
wieder an ideologischem Gehalt zu verlieren: er wird durch den
der Staaten und ihrer Machtansprüche überdeckt.
Daß in dieser neuen Konstellation dem »staatlicheren«, dem
totalitären Rußland die aktivere, die aggressivere, fast könnte
man sagen die reaktionärere Rolle zugefallen ist, will nur na­
türlich erscheinen; Rußland verkörpert eben den Staatsbegriff
in reinerer Form als die Demokratien. Der neue Staatenstreit
geht um die alten imperialistischen Belange, geht - als ob die
Technik das ideologische und machtpolitische Bild der Welt
nicht gründlich verändert hätte - wie einst um Gebietserweite­
rungen, um Einflußzonen, um Häfen und strategische Punkte
und Rohstoffbasen, doch während die durch Demokratie ge­
milderten (oder geschwächten) Weststaaten sich im großen und
ganzen, freilich mit Ausnahme der amerikanischen Pazifik-
Ansprüche, auf die Erhaltung ihrer Vorkriegsbestände be­
schränken wollen, hat der Staat Rußland die Tradition der za­
ristischen Expansionspolitik mitsamt all ihren historischen
Zielen vollkommen wiederaufgenommen.
Denn ebenso wie der Staat schlechthin, der Staat als Macht­
maschine schlechthin gewisse ihm wesentliche Funktionen be­
sitzt, die (trotz oder wegen ihrer Abstraktheit) für jeden, der
an der Staatsverantwortung teilhat, unentrinnbar verbindlich
sind, ebenso entwickelt der einzelne konkrete Staat aus seinem
historischen Werdegang heraus die ihm eigentümliche Spezifi­
kation der allgemein-staatlichen Funktionalregeln, und ebenso
werden nun diese in ihrer spezifizierten Form für die Staatslei­
tung zur unentrinnbaren Richtlinie; es ist ein geradezu mysti­
scher Vorgang. So lassen sich nur sehr wenige rationale, am we­
nigsten wirtschaftliche Gründe angeben, um derentwillen die
Nachfolgestaaten Westroms, das Heilige Römische Reich
Deutscher Nation wie das napoleonische Frankreich, wie das
fascistische Italien, unentwegt von dem Gedanken beseelt wa­
ren, das alte römische Reichsgebiet wiederherzustellen; sie ha­
281

Copyrighted material
ben der Reihe nach diesen Versuch unternommen, und da jetzt
Rußland, der historische Erbe Ostroms, in eine Machtposition
gelangt ist, die ihm gestattet, nun seinerseits seine Ansprüche
anzumelden, wird es diese nicht mehr fallenlassen und wird
nicht eher ruhen, bis es sich und damit die Herrschaft eines rus-
sifizierten Byzanz - schon ist ja die Wiederversöhnung mit der
griechischen Kirche, in deren Namen das Patriarchat Kon­
stantinopel zu errichten ist, vorgenommen worden - im Mittel­
meerbecken, zumindest soweit es zu Ostrom gehört hat, durch­
gesetzt haben wird. Und fast sieht es aus, als könnte den Sowjets
glücken, was seit dem Jahr 476 A. D .1 noch keinem geglückt
ist.
Das wird, wenn es geschieht, nicht von heute auf morgen ge­
schehen. Rußland hat ein langsames Tempo, und sein Vorrük-
ken - auch dies liegt in seiner Tradition - vollzieht sich nicht
fernkolonial wie das englische, sondern es rückt sozusagen von
Haus zu Haus vor; aber eben diese schier antik anmutende,
langsame Nahkolonisation birgt den Keim zur russischen Dau­
erhaftigkeit: der Starke darf sich Zeit lassen.

Wenn Demokratie nicht bei Beendigung eines Krieges


die ihr gebührende Machtstellung erringt, hat sie einen nur
schwer wiedergutzumachenden Positionsverlust erlitten
Gewiß, die russischen Motive sind nicht ausschließlich imperia­
listischer Natur; Rußland hat auch ideologische Motive zu sei­
nem Verhalten, und selbst wenn sie, wie behauptet werden darf,
heute hauptsächlich als imperialistische Hilfsmittel verwendet
werden, sie sind außerhalb des Imperialismus entstanden. Aber
sie sind durchaus danach angetan, ihn sowohl in seinen defensi­
ven wie offensiven Tendenzen zu unterstützen, und zwar:
(a) Nach marxistischer Auffassung kann kein sozialistischer
Staat sich friedlicher Sicherheit erfreuen, solange er von kapi­
talistischen Staaten - und mögen diese sich noch so demokra­
tisch gebärden - umgeben ist. Er kann sich also bloß am Leben
erhalten, wenn er radikal seine militärische Staatsaufgabe er­
füllt, d. h. wenn er für ausreichend zu verteidigende strategische
Grenzen sorgt und hinter ihnen eine starke, bestausgerüstete
Armee stehen hat.
(b) Infolge der These von der kapitalistischen Angriffslust
muß der sozialistische Staat unverbrüchlich auf Vernichtung
282

Copyrighted material
des Weltkapitalismus bedacht bleiben. M. a. W., der russische
Staat als solcher hat - eben weil er staatlicher Machtapparat ist
und seine rein staatlichen Ziele zu verfolgen hat - die Politik
der aufgelösten Komintern (die tatsächlich hiedurch überflüssig
geworden ist) übernehmen müssen, und dies umsomehr, als die
von der Komintern anfangs angestrebte Weltrevolution im alt­
marxistischen Sinn, also die Revolution des Generalstreiks, der
Barrikaden und der Bandenkämpfe, heute im Zeitalter des
technisch schwerbewaffneten Staates illusorisch geworden ist;
wenn es keine ideologische Irredenta gibt, d.h. wenn sich die
Revolutionärgruppe nicht auf einen Nachbarstaat stützen kann,
von dem sie bewaffnet wird und der zum Eingreifen und Zu­
schlägen bereit ist, gibt es keine Revolution.
An die Stelle der Revolution ist also prinzipiell der Krieg ge­
treten, an die Stelle der Weltrevolution ein neuer Weltkrieg,
und der russische Imperialismus ist sich dessen bewußt.
Immerhin, zur Aufgabe des Staates gehört Vorsicht, und
Krieg ist eine vorsichtige Maximal- und Minimalaufgabe, ins­
besondere angesichts wehrfähiger Gegner. Der russische Staat
hat also diese Verantwortung mit seinen imperialistischen und
revolutionären Bestrebungen auf einen gemeinsamen Nenner
zu bringen. Die Lösung hiefür ist verhältnismäßig einfach; sie
besteht in der modernen Form jenes bereits von den Römern
geübten (und neuerdings von den Nazis virtuos ausgebildeten)
nervenspannenden Halbkrieges, der mit der Förderung oppo­
sitioneller Parteien in Nachbarländern beginnt, Autonomiebe­
wegungen dort unterstützt, Politiker besticht und Aufstände
bewaffnet, um solcherart zur Einsetzung gefügiger Puppenre­
gierungen zu gelangen.
Die russische Regierung fühlt sich derzeit umsomehr zu sol­
chem Kurs verhalten, als sie eine einzigartige Situation aus­
schöpfen kann und daher ausschöpfen muß: überall in der Welt
(freilich mit Ausnahme der verschiedenen russischen Besat­
zungszonen) haben die russischen Siege dem Kommunismus
einen ungeheuren Prestigegewinn eingebracht, und der darf
nicht unausgenützt bleiben. Insbesondere in den Koloniallän­
dern, deren Reichtum und deren Bevölkerungen seit jeher von
den Westmächten - unter Hintansetzung aller demokratischen
Prinzipien - exploitiert worden sind und offenbar weiter exploi-
tiert werden sollen, wird die unausweichlich gewordene natio­
283

Copyrighted material
nalistische Opposition, auch wenn sie nicht (oder noch nicht)
kommunistisch gefärbt ist, ihre Augen nach Rußland richten
und dort den natürlichen Verbündeten, ja den Erlöser sehen.
Die Westmächte haben selber diesen Prestigegewinn den
Russen in die Hände gespielt. Während des Krieges waren sie,
nicht Rußland die große Hoffnung all der vielen unterdrückten
Völker gewesen, und nicht Stalin, sondern Roosevelt hat ihnen
als der große Erlöser gegolten. Wo immer die alliierten Trup­
pen einzogen, da wurden sie als Freiheitsbringer begrüßt, als
Bringer der echten demokratischen Freiheit, nicht bloß als Be­
freier vom Hitler-Joch. Sie haben nichts dergleichen gebracht.
Ob Roosevelt imstande gewesen wäre, für die Erfüllung der
Erwartungen der Völker tatkräftig einzutreten, ist heute eine
müßige Frage, die nicht beantwortet werden kann. Es mag sein,
daß er, wie Churchill, die Befreiungstat als solche überschätzt
hat und infolgedessen, wie eben auch Churchill, nicht imstande
gewesen wäre, für die Befreiten, die nun noch überdies nach ei­
ner positiven Freiheit in Gestalt völliger Selbstbestimmung
verlangten, irgendwelches Verständnis aufzubringen. Doch da
er aus anderer Tradition als Churchill hervorgegangen war und
die Fähigkeit besaß, mit großer Raschheit Realverhältnisse zu
erfassen, hätte auch, wahrlich zum Heile der Völker, das Um­
gekehrte eintreten können, und dann wäre wohl das zur Wirk­
lichkeit geworden, was ihm (doch nicht so sehr Churchill) si­
cherlich vorgeschwebt hatte: eine echte Völkerverständigung,
kraft welcher die Westmächte und die in ihren Einflußzonen
wohnhaften Nationen sich zu einer echt freien, demokratischen
Gemeinschaft hätten zusammenfinden müssen, um eben in sol­
cher Freiheit, eben in solcher Gemeinschaft nicht nur das ideo­
logische Gegenstück, sondern auch das Gegengewicht, das ak­
tive Gegenstück zum russischen Totalitarismus zu bilden.
Alle politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen waren
für einen solchen Schritt unzweifelhaft gegeben. Aber es fehlte
die Ideologie, die demokratische Ideologie, die zu diesem
Schritt notwendig gewesen wäre, und ob Roosevelt eine solche
hätte schaffen können, bleibt trotz seines Genies für Improvi­
sationen sehr fraglich. Ihm, dem Praktiker der Politik, war es
offenbar vor allem wichtig, auf dem Grund der Befreiungstat
rasch den Rahmen für die künftige Weltdemokratie zu zim­
mern, und offenbar dachte er, daß nach Schaffung dieses orga­
284

Copyrighted material
nisatorischen Rahmens, also der United Nations, sich daraus
der demokratische Geist von selber entwickeln werde, gleich­
wie der demokratische Geist Amerikas erst mit und in der Kon­
stitution gewachsen ist. Doch wenn derartiges hätte eingeleitet
werden sollen, dann hätte dieser demokratische Geist Ameri­
kas gerade zum Kriegsende vorhanden und am Werke sein
müssen; statt dessen war ein Vakuum vorhanden, und damit
wird der Vergleich mit der amerikanischen Konstitution hinfäl­
lig, denn niemand wird behaupten, daß sie über einem demo­
kratischen Vakuum errichtet wurde: eben aber dies ist mit der
UNO geschehen, und weil es geschehen ist und ihr jene
menschlich-demokratische Grundgesinnung mangelt, ohne die
es keine kollektive Sicherheit gibt, ist sie zu einer lediglich
staatlichen Apparatur geworden. Die Westmächte haben im
historisch ausschlaggebenden Augenblick ihr demokratisches
Kapital vertan, und Rußlands Totalitarismus wurde der Nutz­
nießer solcher Verschleuderung.

Da die Demokratien ihren historischen Augenblick


versäumt haben, sind alle politischen und militärischen Vorteile
dem russischen Totalitarismus zugefallen
Die Westmächte waren sich des verhängnisvollen, von ihnen
begangenen Fehlers nicht oder in nur sehr mangelhafter Weise
bewußt, und so mußten sie die weitere Entwicklung als Enttäu­
schung, als bittere Schicksalsungerechtigkeit empfinden. Nach
der Jalta-Konferenz schien ihnen die große eurasische Demar­
kationslinie Hamburg-Mukden, mochte sie auch in Einzelhei­
ten noch gewisse Präzisierungen erfordert haben, eine Frie­
densgrenze zu werden, längs welcher gute Nachbarschaft
zwischen den beiden Weltblöcken, dem kommunistischen und
dem demokratischen, sich würde halten lassen können, und
heute schon zeigt sie sich so vielfach, so bedenklich durchbro­
chen, daß es schier unmöglich geworden ist, sie politisch oder
ökonomisch oder gar militärisch zu verteidigen.
Es hat eben derjenige, der in der Hauptsache, ob nun freiwillig
oder gezwungen, auf Verteidigung angewiesen ist, von vorne-
herein die weitaus schwächere Position. Und hinter jener brü­
chigen Demarkationslinie steht die Rote Armee in nach wie vor
voller Kriegsstärke, während die Westmächte, selbst wenn es
ihnen unter Überwindung des Antimilitarismus ihrer Bevölke­
285

Copyrighted material
rungen und Parlamente gelänge, ihre demobilisierten Kader
wieder halbwegs aufzufüllen, schon aus technischen Gründen
außerstande wären, diese ungeheure Linie zu besetzen. Gewiß,
sie haben dagegen den Vorsprung in der Atombombenerzeu­
gung, und den möchten sie sich auch gerne während solcher
Krisenzeit erhalten - doch welch praktischen Vorteil können
sie sich davon versprechen? Allzu genau wissen sie, daß sie als
demokratische Staaten, die sie schließlich noch immer sind, sich
eine Wiederholung des Verbrechens von Hiroshima nicht mehr
leisten dürfen, und daß bloß höchste Defensivnot die Wieder­
anwendung der kompromittierenden Verzweiflungswaffe eini­
germaßen legitimieren würde. Gerade hiezu aber lassen es die
Russen nicht kommen; sie werden, sooft es not tut, von ihrem
Manöver des Vorrückens abstehen und elastisch zurückwei­
chen, aber sie werden auch bei nächstgünstiger Gelegenheit
aufs neue und mit verdoppelter Macht vorstoßen, kurzum, sie
werden ihren nervenzerrüttenden Halbkrieg weiterführen, um
solcherart, mit sozusagen friedlichen Mitteln, Stellung um Stel­
lung zu erobern.
Indes, die in Jalta gezogene Demarkationslinie ist nicht nur
durchbrochen, sie ist von den Russen gewissermaßen auch
übersprungen worden. Solange der Krieg währte, war es ihnen
wichtig, ja lebenswichtig, daß der angelsächsische Machtblock
intakt bleibe; heute werden sie durch ihn, der dem ihren die
Waage hätte halten sollen, gestört und beunruhigt, und sie
wünschen daher seine Auflösung, nicht anders wie Hitler diese
Auflösung gewünscht hat. Im Zuge solch beinahe zwangsläufi­
ger Hitler-Nachfolge liegt z. B. das Verhalten gegenüber den
Lateinvölkern. Denn zu den Weltplänen der Nazis gehörte u. a.
die Errichtung eines (selbstverständlich deutsch orientierten
und dirigierten) Lateinblocks, der - gestützt auf die traditio­
nelle Unbeliebtheit der Briten und Yankees bei den Südvölkern
- von Rom und Madrid aus gegen England, und von Buenos
Aires und den übrigen südamerikanischen Zentren aus gegen
die Vereinigten Staaten zu operieren gehabt hätte. Daß dieser
Lateinblock, wenn auch in veränderter Kombination, heute
wieder aktiv geworden ist, wäre ohne eine sympathisierende
Haltung der Sowjets, ja ohne deren direkte oder indirekte
Hilfe, so in den entsprechenden Anweisungen an die kommu­
nistischen Parteien, kaum möglich gewesen, zumindest nicht
286

Copyrighted material
mit dem starken Erfolg, wie er heute bereits sichtbar geworden
ist: die von Hoover inaugurierte und von Roosevelt zwecks Na­
ziabwehr intensivierte panamerikanische Politik ist unverse­
hens in ein Liquidationsstadium geraten, das sich, wenn über­
haupt, trotz der Labilität