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Wirtschaftsprüfer - Steuerberater Steuerberater


G. Budt • Hermansen • Rittmeier KLIEWE und PARTNER
Zink • C. Budt

"Grundzüge des Erbrechts"

Referent
Prof. Dr.
Dirk Olzen
vom Lehrstuhl für Bürgerliches Recht
und Zivilprozessrecht an der
Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf
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Übersicht

Seite

I. Rechtliche Grundlagen.................................................................................. 4

II. Grundbegriffe und Grundprinzipien............................................................... 4

III. Die Berufung zum Erben............................................................................... 5

1. Gesetzliche Erbfolge............................................................................ 5
a) Das Erbrecht der Verwandten..................................................... 5
b) Das Ehegattenerbrecht/Erbrecht des Lebenspartners ................... 10
c) Erbrecht des nichtehelichen Kindes, §§ 1934 a – e a.F. ............... 12
d) Der Staat als Erbe....................................................................... 12

2. Die gewillkürte Erbfolge...................................................................... 12


a) Grundbegriff und Arten letztwilliger Verfügungen ...................... 12
b) Inhalt.......................................................................................... 13
c) Wirksamkeitsvoraussetzungen .................................................... 13
d) Das Testament............................................................................ 14
e) Das gemeinschaftliche Testament, §§ 2265 ff.............................. 15
f) Der Erbvertrag, §§ 2274 bis 2299............................................... 16

3. Die Auslegung letztwilliger Verfügungen............................................. 19


a) Die Auslegung von Testamenten................................................. 19
b) Zur Auslegung von Erbverträgen und
gemeinschaftlichen Testamenten ................................................. 20

4. Die Aufhebung letztwilliger Verfügungen ............................................ 20


a) Die Aufhebung des Testaments................................................... 20
b) Die Testamentsanfechtung, §§ 2078 ff. ....................................... 20
c) Die Aufhebung des gemeinschaftlichen Testaments, § 2271 ........ 21
d) Die Aufhebung des Erbvertrages................................................. 23

IV. Rechtsgeschäfte unter Lebenden auf den Todesfall........................................ 23

V. Der Ausschluss von der Erbfolge .................................................................. 25

1. Der Erbverzicht, §§ 2346 ff. ................................................................ 25


2. Erbunwürdigkeit, §§ 2339 ff. ............................................................... 25
3. Die Enterbung, § 1938......................................................................... 25

VI. Die Rechtsfolgen nach dem Erbfall................................................................ 26

1. Der Erbschaftsanspruch, §§ 2018 ff. .................................................... 26


2. Der Erbschein, §§ 2353 f. .................................................................... 26
3. Die Ausschlagung, §§ 1944 ff. ............................................................. 27
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VII. Sonderformen der Erbeinsetzung .................................................................. 28

1. Der Ersatzerbe..................................................................................... 28
2. Vor- und Nacherbschaft, §§ 2100 ff. .................................................... 29

VIII. Die Miterbengemeinschaft, §§ 2032 ff........................................................... 30

IX. Die Erbenhaftung 31

X. Beschränkungen und Beschwerungen des Erben ........................................... 33

1. Testamentsvollstreckung, §§ 2197 ff.................................................... 33


2. Das Vermächtnis, §§ 2147 bis 2191 ..................................................... 33
3. Die Auflage, § 1940............................................................................. 34

XI. Das Pflichtteilsrecht, §§ 2303 ff. ................................................................... 34


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I. Rechtliche Grundlagen

Das Erbrecht ist im 5. Buch des BGB in den §§ 1922 bis 2385 geregelt. Hinsichtlich des Ehe-
gattenerbrechtes in der Zugewinngemeinschaft gilt zusätzlich § 1371, für den Lebenspartner
sind §§ 6, 10 LPartG zu beachten. Zu erwähnen ist schließlich § 857 BGB, der den unmittelba-
ren Besitz des Erben unabhängig von der tatsächlichen Sachherrschaft fingiert. Dies führt da-
zu, dass grundsätzlich Erbschaftsgegenstände gegen den Willen des Erben nicht gutgläubig von
Dritten erworben werden können, § 935 I, es sei denn, der Veräußerer hat einen Erbschein, §§
2365, 2366.

Außerhalb des 5. Buches gibt es weitere Sondervorschriften, etwa im HGB: Nach § 22 HGB
geht die Firma auf den Erben über, gem. § 727 BGB wird die BGB-Gesellschaft durch den
Tod eines Gesellschafters aufgelöst. Solche Sondervorschriften werden nicht weiter behandelt.

II. Grundbegriffe und Grundprinzipien

Die Situation, dass jemand stirbt und Vermögen hinterlässt, nennt das BGB Erbfall, das Ver-
mögen Erbschaft, manchmal Nachlass. Die Personen, auf die es übergeht, sind die Erben, der-
jenige, der es hinterlässt, heißt Erblasser.

1. Erbe ist zunächst eine lebende, natürliche Person, § 1923 I. Gemäß § 1923 II genügt es, dass
der Erbe gezeugt ist. Vermächtnisnehmer oder Nacherbe (dazu später) können gemäß §§ 2162
II, 2101 I auch noch nicht gezeugte Personen sein. Es ist also möglich, dem noch nicht vor-
handenen Enkel ein Vermächtnis auszusetzen; um Erbe zu werden, muss er im Erbfall wenigs-
tens gezeugt sein.

Auch juristische Personen und Personenhandelsgesellschaften (nicht aber Tiere) sind erbfähig,
soweit sie im Erbfall noch bestehen. Noch nicht bestehende juristische Personen können Nach-
erben sein, § 2101 II.

2. Hingegen kommt als Erblasser nur eine natürliche Person in Frage; juristische Personen wer-
den liquidiert, oder ihr Vermögen geht auf einen anderen Träger über (Umwandlung).

3. Erbschaft (Nachlass) ist die Summe geldwerter Güter und Rechte, soweit sie nicht höchstper-
sönlich sind, wie z.B. die Leibrente gemäß § 759 oder der Nießbrauch gemäß § 1061. Man-
gelnde Vererblichkeit ist demnach für Vermögensrechte die (gesetzliche) Ausnahme. Höchst-
persönliche immaterielle Rechte (z.B. allgemeines Persönlichkeitsrecht, Ehre) sind unvererb-
lich. Die Unvererblichkeit des Schmerzensgeldanspruchs wurde geändert am 01.07.1990.

Zum Nachlass gehören unter Umständen auch Schulden, die entweder vom Erblasser begrün-
det wurden (Erblasserschulden, z.B. Darlehen), mit dem Erbfall entstehen (Erbfallschulden,
z.B. Pflichtteilsansprüche), oder durch den oder die Erben begründet werden (Nachlasskosten-
schulden, z.B. Erneuerung des Anstrichs am geerbten Haus; haftet der Erbe auch persönlich,
heißen sie Nachlasserbenschulden).
Diese Nachlassverbindlichkeiten sind von dem oder den Erben zu berichtigen (§§ 1967, 2058;
dazu später).
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4. Wichtiges Grundprinzip des Erbrechtes ist die Testierfreiheit. Sie ist die Fortsetzung der Ei-
gentümerfreiheit und bedeutet, dass der Erblasser über sein Vermögen für die Zeit nach seinem
Tod frei verfügen kann. Grenzen sind die Sittenwidrigkeit gemäß § 138 und das Pflichtteils-
recht gemäß §§ 2303 ff.

5. Ein weiterer Grundsatz ist die Gesamtrechtsnachfolge (Universalsukzession), § 1922 I. Der


oder die Erben treten ohne Übertragungsakt in die Rechtsposition des Erblassers ein (werden
z.B. Eigentümer oder Forderungsinhaber). Mehrere Erben bilden eine Gesamthandsgemein-
schaft, §§ 2033 f. Ihnen steht der gesamte Nachlass im Verhältnis ihrer Bruchteile zu. Es gibt
also keine Vererbung von Einzelgegenständen (Ausnahme: ehemaliges Reichsheimstättenge-
setz - aufgehoben 1993, Höfeordnung). Dies gilt auch, wenn der Erblasser den Erben einzelne
Gegenstände zugewiesen hat (§ 2087 II). Erfolgt allerdings eine Zuweisung nach Vermögens-
gruppen und erschöpft sie den Nachlass, so kann darin eine Erbeinsetzung nach Bruchteilen
(§ 2087 I) in Verbindung mit einer Teilungsordnung gemäß § 2048 liegen.

Beispiel: Hat ein Erblasser Frau und zwei Kinder, besteht sein Nachlass aus einem Haus
(300.000,-- €), Wertpapieren (100.000,-- €) und Fahrzeugen (100.000,-- €), so kann er
bestimmen, dass F das Haus, K1 die Wertpapiere und K2 die Fahrzeuge erhalten soll. Dies wä-
re eine Erbeinsetzung im Verhältnis 3/5 : 1/5 : 1/5 mit einer Anordnung, wie der Nachlass aus-
einanderzusetzen ist, § 2042. Vor der Teilung gehört aber der gesamte Nachlass der Erbenge-
meinschaft im Verhältnis der jeweiligen Bruchteile.

Schließlich besteht für das Erbrecht Form- und Typenzwang: Für erbrechtliche Verfügungen
können nur die gesetzlich vorgesehenen Typen (Testament und Erbvertrag) gewählt werden,
und es müssen die Formvorschriften eingehalten werden (dazu später). Dazu gehört auch, dass
der Erblasser immer persönlich handeln muss; Vertretung bei der Errichtung einer letztwilligen
Verfügung ist unzulässig, § 2064.

III. Die Berufung zum Erben

Ohne Anordnung bestimmt das Gesetz, wer Erbe wird (gesetzliche Erbfolge). Gesetzliche Er-
ben sind die Verwandten (§§ 1924 bis 1929), der Ehegatte (§ 1931) sowie der Staat (§ 1936).

Der Erblasser kann die gesetzliche Erbfolge durch Verfügung von Todes wegen ganz oder
teilweise ausschließen (gewillkürte Erbfolge). Die gewillkürte Erbfolge ist damit der gesetzli-
chen vorrangig. Dennoch kann selbst bei Vorliegen einer letztwilligen Verfügung die gesetzli-
che Erbfolge Bedeutung haben, etwa wenn nicht der gesamte Nachlass von der letztwilligen
Verfügung erfasst wird oder wenn es um die Berechnung der Pflichtteilsansprüche geht (dazu
noch später).

1. Gesetzliche Erbfolge

a) Das Erbrecht der Verwandten


Verwandtschaft wird in § 1589 definiert: In gerader Linie verwandt sind Personen, deren eine
von der anderen abstammt. Verwandtschaft in der Seitenlinie liegt vor, wenn Personen gemein-
sam von einer dritten Person abstammen (Geschwister).

aa) Das Erbrecht des BGB unterteilt die Verwandten in fünf Ordnungen (Parentelen, parentes =
Eltern). Die 1. Ordnung wird vom Erblasser abwärts gebildet, die Weiteren gehen zu seinen
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Voreltern und dann hinab in die Seitenlinie. Ein Überblick über die ersten vier Ordnungen, die
für die Mehrzahl aller Erbfälle ausreicht, liefert die nachfolgende Zeichnung (Abb. 1).
Abb. 1: 1. - 4. Ordnung, §§ 1924 bis 1928

U1 U2 U3 U4 U5 U6 U7 U8

G1 G2 G3 G4

O V M

B Sch
Ve K EL

S1 S2 T1 T2
Ne Ni

E1 E2

1. Ordnung

2. Ordnung

3. Ordnung

4. Ordnung

U = Urgroßeltern G = Großeltern V = Vater M = Mutter Sch = Schwester

B = Bruder Ve = Vetter K = Kusine S = Sohn T = Tochter

Ne = Neffe Ni = Nichte E = Enkel = männlich = weiblich

EL = Erblasser

Besonders wichtig ist § 1930: Die niedrigere Ordnung schließt die höhere Ordnung vollständig
von der Erbfolge aus. Dies bedeutet eine starke Privilegierung der Abkömmlinge. So schließt
z.B. ein Enkel alle Verwandte der 2. Ordnung (z.B. Geschwister) sowie alle weiteren Ordnun-
gen von der Erbfolge aus. Sofern Sie demnach eine gesetzliche Erbfolge beurteilen wollen,
prüfen Sie zunächst, welche Ordnung zum Zuge kommt. Um alle weiteren Ordnungen brau-
chen Sie sich dann jeweils nicht mehr zu kümmern.

bb) Der nächste Schritt betrifft das Problem, wie innerhalb der Ordnungen vererbt wird. Dazu
wiederum einige Grundsätze:

(1) Innerhalb der 1. Ordnung (Abkömmlinge) werden die Erben in Stämme eingeteilt. Ein Stamm
wird gebildet durch die Kinder des Erblassers. Enkel und Urenkel bilden Unterstämme. Gemäß
§ 1924 IV erben Stämme zu gleichen Teilen (vgl. Abb. 2, Erbberechtigung jeweils 1/3 für A, B
und C).
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Abb. 2: Stämme

E
Abkömmlinge Kinder/Enkel/Urenkel

Stamm A Stamm B Stamm C


(2) Innerhalb der 2. Ordnung (Eltern, Geschwister usw.) sowie der 3. Ordnung (Großeltern und
Seitenlinie) unterscheidet man Linien. Jeder Erblasser hat eine väterliche und mütterliche Li-
nie. Innerhalb der 2. und 3. Ordnung geht die Erbfolge zunächst in die aufsteigenden Linien
(Eltern, Großeltern) und dann hinab in die Seitenlinien. Mehrere Linien erben zu gleichen Tei-
len (§§ 1925 II, III; 1926 II, III). Sind Eltern oder Großeltern verstorben, gilt gemäß §§ 1925
III, 1926 V wieder das Stammesprinzip: Mehrere Geschwister oder auch mehrere Onkel oder
Tanten erben zu gleichen Teilen, § 1926 III. (siehe Abb. 3)

Abb. 3: Linien

M V

EG1 EG2

HS HB

X Y O P Q
Z

Linie M Linie V
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(3) In der 4. und in den weiteren Ordnungen gilt das Gradualsystem. Die Nähe der Verwandt-
schaft entscheidet über die Erbfolge. Man muss dann auszählen (z.B. bei einem Onkel zweiten
Grades väterlicherseits = 4. Ordnung und einer Cousine zweiten Grades mütterlicherseits =
ebenfalls 4. Ordnung), wie viele Geburten zwischen den möglichen Erben und dem Erblasser
liegen. Derjenige, den weniger Geburten mit dem Erblasser verbinden, erbt alles; bei gleicher
Anzahl wird gleichmäßig geteilt. Im Beispiel (Abb. 7) bekommt der Onkel (4 Geburten) alles,
die Cousine (5 Geburten) nichts.

(4) Vorläufiges Ergebnis:


Innerhalb der 1. Ordnung wird zu gleichen Teilen auf die Stämme verteilt, in der 2. und 3.
Ordnung fließt das Erbe gleichrangig zunächst aufwärts in die väterliche und mütterliche Linie
und dann wieder abwärts in die Seitenlinien. In allen späteren Ordnungen entscheidet der Grad
der Verwandtschaft.

(5) Zwei weitere wichtige Grundsätze treten hinzu:

(a) Repräsentationsprinzip: Der mit dem Erblasser innerhalb eines Stammes oder einer Linie am
nächsten verwandte Angehörige schließt alle anderen im Stamm oder in der Linie von der Erb-
folge völlig aus, repräsentiert also den Stamm, vgl. §§ 1924 II, 1925 III, 1926 III. Das heißt:
Kinder schließen Enkel, Enkel Urenkel aus. Leben die Eltern, kommen Geschwister nicht zum
Zuge, leben die Großeltern, werden Onkel und Tanten nicht berücksichtigt.

(b) Eintrittsrecht: Ist ein Repräsentant vorverstorben, tritt an seine Stelle der nächste Angehörige,
§ 1924 III. Ist also der (einzige) Sohn verstorben, tritt an seine Stelle der Enkel, mehrere wie-
derum zu gleichen Teilen. Erst in der 4. Ordnung ist dieser Grundsatz eingeschränkt,
vgl. § 1928 II.
Dazu einige Beispiele:

(aa) Erbfolge in der 1. Ordnung


E ist verwitwet, seine Tochter vor ihm bei einem Autounfall verstorben. Von seinen zwei Söh-
nen ist einer kinderlos, der andere hat zwei Kinder und einen Enkelsohn. E hinterlässt kein Tes-
tament. Wer erbt?

Abb. 4:

S1 1/3 S2 1/3 T (vorverstorben)

X Y U 1/3

Z V
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A: Es gilt gesetzliches Erbrecht für die 1. Ordnung, § 1924. Die drei Stämme erben zu gleichen
Teilen (1/3). Das Repräsentationsprinzip (§ 1924 II) führt dazu, dass S1 Kinder und Enkel aus-
schließt, das Eintrittsrecht dazu, dass das 1/3 der T an U fällt, der seinerseits V ausschließt.
S1, S2 und U erben also je 1/3.

(bb) Erbfolge in der 2. Ordnung


E stirbt kinderlos. Es lebt noch seine Mutter, eine Schwester A und der Bruder B. Vater und
Mutter haben jeweils aus erster Ehe einen Sohn P und eine Tochter Q. Wie wird verteilt?

Abb. 5:

EM1 M 1/2 V EF1

Q A 1/6 E B 1/6 P 1/6

X Y Z

A: Hier geht es allein um § 1925. Da Eltern zu gleichen Teilen erben, bekommt zunächst M 1/2
und schließt ihre Abkömmlinge A, B und Q von der Erbfolge aus, § 1925 III. Das väterliche
Erbe (1/2) fließt zu gleichen Teilen in die Seitenlinie A, B und P. A und B schließen X, Y, Z
von der Erbfolge aus, so dass A, B und P jeweils 1/6 erhalten.

(cc) Erbfolge in der 3. Ordnung


Als E stirbt, leben noch beide Großväter sowie die beiden Onkel O1 und O2 sowie die Tante
T, die ihrerseits eine Tochter K hat. Wie wird jetzt der Nachlass verteilt?

Abb. 6:

G1 G2 1/4 G3 G4 1/4

O1 1/8 O2 1/8 M V T 1/4

E K
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A. Dafür gilt § 1926. Das Erbe fließt in die mütterliche und in die väterliche Linie. Die Großeltern
bekommen an sich jeder 1/4. Das eine Viertel der verstorbenen Großmutter geht an die Ab-
kömmlinge, so dass auf der väterlichen Seite O1 und O2 sich ein Viertel teilen und mütterli-
cherseits die T unter Ausschluss des K 1/4 erhält.

Merke: Das Erbe bleibt solange in der Linie, wie dort Großeltern oder Abkömmlinge davon
vorhanden sind. Erst wenn dies nicht der Fall ist, erbt die andere Linie, § 1926 IV.

(dd) Erbfolge in der 4. Ordnung


Hier soll nur noch auf das Schaubild verwiesen werden (vgl. § 1928). In der 4. Ordnung
schließen lebende Urgroßeltern alle Abkömmlinge, gleich welcher Linie, aus. U1, U5 und U7
eben also zu je 1/3.

Wären sie tot, müssten die Geburten zwischen Erblasser und lebenden Verwandten ausgezählt
werden. Die D und Q sind Verwandte 5. Grades und bekämen jeweils 1/2, P als Verwandter 6.
Grades nichts.

Abb. 7:

U1 1/3 U2 U3 U4 U5 1/3 U6 U7 1/3 U8

A G1 G2 G3 G4 B

C D M V Q

P E

b) Das Ehegattenerbrecht/Erbrecht des Lebenspartners


Das Ehegattenerbrecht ist einmal in § 1931 (erbrechtlich) geregelt, zum anderen abhängig vom
Güterstand. Eine Regelung für das Erbrecht des Lebenspartners findet sich in §§ 6, 10 LPartG.

Das Erbrecht des Ehegatten und des Lebenspartners hängt von der Existenz sonstiger gesetzli-
cher Erben ab, § 1931 I. Der Ehegatte/Lebenspartner schließt aber z.T. die 3., die 4. und alle
weiteren Ordnungen vollständig von der Erbfolge aus, § 1931 II.

aa) 1. Ordnung
Als E stirbt, lebt seine Ehefrau und er hat zwei Kinder mit ihr. Erbrechtlich bekommt EG 1/4,
die anderen 3/4 werden unter S und T nach § 1924 verteilt (Güterstand später). Im Fall der Le-
benspartnerschaft beträgt das gesetzliche Erbrecht neben Verwandten der 1. Ordnung ebenfalls
¼ gem. § 10 I 1 Fall 1 LPartG.
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Abb. 8:

E EG 1/4

S 3/8 T 3/8
bb) 2. Ordnung
Nun lebt außer der Ehefrau nur der Vater V und ein Bruder A des Erblassers. F bekommt
neben Erben 2. Ordnung 1/2, A das 1/4 seiner Mutter und V das andere Viertel. Neben Ver-
wandten der 2. Ordnung ist auch der Lebenspartner zur Hälfte gesetzlicher Erbe, § 10 I 1 Fall
2.

Abb. 9:

V 1/4 M

A 1/4 E EG 1/2

S T
cc) 3. Ordnung
Jetzt lebt noch der Großvater väterlicherseits und dessen Tochter, die Tante des Erblassers.
Die Ehefrau erhält zunächst 1/2. Das 1/4 der mütterlichen Linie geht nach § 1926 III 2 auf die
väterliche Linie über und damit eigentlich an G1 und B, die für G2 eintritt. Da beide von der
väterlichen Seite auch jeweils 1/8 bekämen, hieße das an sich, dass sie nun jeder 1/4 erhalten.
Hier schließt aber die Ehefrau gemäß § 1931 I 2 die B von der Erbfolge aus. Die Ehefrau be-
kommt also 3/4, G2 1/4 und B nichts.
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Abb. 10:

G1 1/4 G2 G3 G4

B V M

A E EG 1/2 + 1/4

S T

dd) Zusätzlich zu dieser erbrechtlichen Berechtigung bekommt der Ehegatte - unabhängig vom
Güterstand - gemäß § 1932 als sogenannten Voraus den Hausrat (vgl. für den Lebenspartner
§ 10 I 2-4 LPartG) und gemäß § 1969 einen Unterhaltsanspruch für 30 Tage (Dreißigster).

ee) Die Besonderheiten der Güterstände:

(1) Für die Gütertrennung gilt als Besonderheit lediglich § 1931 IV. Hatte der Erblasser ein oder
zwei Kind/er, erbt der Ehegatte den gleichen Anteil wie diese. Sonst bleibt es bei den erbrecht-
lichen Grundsätzen des § 1931 I.

(2) Bei der Gütergemeinschaft werden die unterschiedlichen Vermögensmassen, auf die hier nicht
eingegangen werden kann, nach den allgemeinen Vorschriften vererbt, vgl. §§ 1482, 1931 I.

(3) Bei der Zugewinngemeinschaft erhält der Ehegatte pauschal 1/4 zusätzlich zu dem jeweiligen
Anteil aus § 1931 I, vgl. dazu §§ 1931 III, 1371 I.

(4) Wichtig ist schließlich noch § 1933. Das Ehegattenerbrecht ist davon abhängig, dass die Ehe-
leute zum Zeitpunkt des Erbfalls nicht geschieden waren und auch kein Scheidungsrechts-
streit zwischen ihnen rechtshängig war (vgl. im Einzelnen die Voraussetzungen der Norm).

(5) Unter Lebenspartnern wird das gesetzliche Erbrecht gem. § 6 II 4 LPartG iVm § 1371 I eben-
falls pauschal um ¼ erhöht. Ein Ausschluss des Erbrechts ergibt sich aus § 10 III 1 LPartG.

c) Erbrecht des nichtehelichen Kindes, §§ 1934 a-e (a.F.)

Im Verhältnis zur Mutter galten und gelten für nichteheliche Kinder überhaupt keine Beson-
derheiten.

Die Sondervorschriften, die das Verhältnis zwischen dem nichtehelichen Kind und seinem Va-
ter bzw. dessen Verwandten betrafen, §§ 1934 a-e, sind mit Wirkung vom 1.7.1998 abge-
schafft worden.
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d) Der Staat als Erbe

Sind weder gesetzliche Erben vorhanden noch besteht eine letztwillige Verfügung oder haben
die Erben etwa die Erbschaft ausgeschlossen, wird der Staat gesetzlicher Noterbe, damit der
Nachlass abgewickelt werden kann. Davon zu unterscheiden ist, dass der Staat - wie jede ande-
re juristische Person auch - aufgrund einer letztwilligen Verfügung erben kann. Der Staat darf
die (gesetzliche) Erbschaft nicht ausschlagen, kann aber seine Haftung - wie jeder andere Erbe
- nach den §§ 1975 ff. auf den Bestand des Nachlasses beschränken (dazu später).

2) Die gewillkürte Erbfolge

a) Grundbegriff und Arten letztwilliger Verfügungen

Verfügung von Todes wegen ist der Oberbegriff für Testamente als einseitige Verfügungen
(letztwillige Verfügungen, vgl. § 1937) und Erbverträge als zweiseitigen Rechtsgeschäften. Al-
le Verfügungen von Todes wegen erzeugen zu Lebzeiten des Erblassers keinerlei Rechtswir-
kungen, wie andererseits der Erblasser zu Lebzeiten durch etwa bestehende Erbberechtigungen
nicht in seinen Verfügungen beschränkt ist.
Verfügungen von Todes wegen sind also Anordnungen des Erblassers für die Zeit nach seinem
Tode. Sie sind von der Urkunde, in der sie verkörpert sind, zu unterscheiden. Verbrennt z.B.
zufällig ein Testament, so wird die letztwillige Verfügung dadurch nicht unwirksam, sondern
nur schwerer zu beweisen. Das Gesetz bezeichnet außerdem nicht nur die gesamte Verfügung
von Todes wegen als letztwillige Verfügung, sondern auch jede einzelne darin enthaltene An-
ordnung, die ein jeweils unterschiedliches rechtliches Schicksal haben kann.

Zu den Arten letztwilliger Verfügungen vgl. folgende Übersicht:

Verfügungen von Todes wegen, §§ 1937 ff.

einseitige: vertragliche:
Testament Erbvertrag, §§ 2274 ff.

Einzeltestament, Gemeinschaftl. (Ehe-


§§ 2229 ff. gatten-)Testament, §§ 2265 ff.

b) Inhalt

Regelmäßig wird in einer letztwilligen Verfügung eine Abweichung von der gesetzlichen Erb-
folge angeordnet, entweder Erbeinsetzung oder Enterbung, § 1937 f. Möglich ist ferner ein
Vermächtnis gemäß §§ 2147 ff. als schuldrechtlicher Anspruch gegen den Erben auf Zuwen-
dung eines Einzelgegenstandes oder eines Rechtes, § 1939, sowie eine Auflage, die den Be-
schwerten verpflichtet, eine bestimmte Leistung zu erbringen, ohne dass ein anderer hierauf ei-
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nen Anspruch hat (z.B. Grabpflege), vgl. §§ 1940, 2192 ff. Ferner kann eine Teilungsanord-
nung getroffen werden (§§ 2048 f.) sowie eine Pflichtteilsentziehung (nur unter den Voraus-
setzungen der §§ 2336, 2338) und schließlich die Testamentsvollstreckung (§§ 2197 ff.) ange-
ordnet werden. Möglich ist auch, dass in einer letztwilligen Verfügung eine frühere letztwillige
Verfügung aufgehoben oder verändert wird, §§ 2253 ff., dazu später.

c) Wirksamkeitsvoraussetzungen

aa) Für alle letztwilligen Verfügungen gilt, dass sie nicht sittenwidrig i.S.d. § 138 I sein dürfen.

Ursprünglich hatte der BGH (BGHZ 20, 71) alle letztwilligen Verfügungen als sittenwidrig an-
gesehen, die zum Zwecke der Belohnung von Geschlechtsverkehr oder zum Zwecke der Fort-
setzung geschlechtlicher Beziehungen errichtet worden waren. Für diese Motivation nahm er
eine Vermutung an, so dass derjenige (der/die Geliebte) beweisen musste, dass andere, ach-
tenswerte Motive der letztwilligen Verfügung zugrunde lagen. Diese Beweislastregelung hat
der BGH unter dem Eindruck der Kritik zurückgenommen (BGHZ 53, 369). Heute gilt: Bei
letztwilligen Verfügungen innerhalb einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft müssen stets be-
sondere Umstände hinzutreten, um die Sittenwidrigkeit zu begründen. Grundsätzlich sind diese
Verfügungen also wirksam. Hat ein Ehepartner ein Verhältnis und setzt er den/die Geliebte/n
als Erben ein, so ist die Verfügung heute nur noch sittenwidrig, wenn der zurückgesetzte Ehe-
gatte beweisen kann, dass sie ausschließlich zur Fortsetzung der Beziehung errichtet wurde. Im
Verhältnis zum Ehepartner und zu anderen Verwandten kommt es ferner darauf an, ob deren
Zurücksetzung (auch unter dem Aspekt der Erbauseinandersetzung mit dem/der Geliebten) be-
sonders kränkend ist. Regelmäßig verstoßen also derartige Verfügungen von Todes wegen
heute nicht mehr gegen § 138. Aktuelles Beispiel für die Diskussion über die Sittenwidrigkeit
ist das Behindertentestament. Nach Ansicht des BGH ist die Enterbung des Behinderten nicht
sittenwidrig, BGHZ 123, 368.

bb) Für alle letztwilligen Verfügungen muss Testierfähigkeit (Sonderform der Geschäftsfähigkeit)
gegeben sein. Sie ist jedoch für die einzelnen letztwilligen Verfügungen unterschiedlich.

(1) Geistes- und Bewusstseinsgestörte sind testierunfähig, § 2229 IV.

(2) Testierfähigkeit besteht im Übrigen ab 16 Jahren ohne Zustimmung des gesetzlichen Vertre-
ters, § 2229 I, II. Allerdings kann ein Minderjähriger gemäß § 2247 IV kein eigenhändiges
Testament errichten (dazu gleich) und ein öffentliches (notarielles) nur mündlich oder durch
Übergabe einer offenen Schrift, §§ 2232, 2233 I.

(3) Stellvertretung ist bei allen letztwilligen Verfügungen ausgeschlossen, §§ 2064, 2274.

(4) Kein Dritter darf über Gültigkeit, Person des Erben oder Gegenstand der Zuwendung bestim-
men (§ 2065). Möglich ist aber (BGHZ 15, 199, 203), dass der Erblasser Angaben zur Be-
stimmung des Erben macht, die für jeden objektiven Dritten zweifelsfrei eine Bestimmung des
Erben zulassen.

Beispiel:
"Nach meinem Tod soll das Kind der S mein Unternehmen erhalten, das im Zeitpunkt des Erb-
falls ein betriebswirtschaftliches Studium abgeschlossen hat. Haben mehrere Kinder der S ein
solches Studium abgeschlossen, sollen sie gleichberechtigte Partner sein. Schließt keines der
Kinder ein Studium ab, tritt gesetzliche Erbfolge ein."
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d) Das Testament

Man unterscheidet außerordentliche und ordentliche Testamente.

aa) Die außerordentlichen (Not-) Testamente sind in den §§ 2249 - 2251 beschrieben; sie haben
nahezu keine praktische Bedeutung.

bb) Die ordentlichen Testamente unterteilt man in öffentliche (notarielle) und eigenhändige.

(1) Das öffentliche Testament ist in § 2231 Nr. 1 geregelt. Es kann zur Niederschrift des Notars
oder durch Überreichung einer offenen oder verschlossenen Schrift errichtet werden. Der Ver-
fasser muss also die Verfügung nicht selbst formulieren. Der Notar berät den Erblasser
(§ 17 BeurkG mit der Schadensersatzfolge des § 19 BNotO), fertigt eine Niederschrift an,
§ 8 BeurkG, liest sie vor und lässt sie unterschreiben und genehmigen, § 13 BeurkG. Danach
gibt er sie in amtliche Verwahrung (§ 34 BeurkG - zur Testierfähigkeit siehe oben).

(2) Das eigenhändige Testament muss gemäß § 2247 I eigenhändig geschrieben und unterschrie-
ben (§ 2247 I) sein. Zu den Voraussetzungen der Unterschrift (Identifizierung) vgl. § 2247 II.
Orts- und Zeitangabe sollen erfolgen, § 2247 II, sind aber keine Wirksamkeitserfordernisse,
sondern lediglich Beweisprobleme. Eigenhändige Testamente können beim Nachlassgericht in
amtliche Verwahrung gegeben werden, vgl. § 2258 a.

Die Unterschrift muss den Text abschließen, nachträgliche Änderungen müssen ebenso unter-
schrieben werden wie Zusätze (BGH NJW 1974, 1083). Im Einzelnen ist hier vieles streitig.
Nach BGH (aaO) genügt es auch, wenn die Unterschrift erkennbar den gesamten Text abde-
cken sollte.

Beispiel: Der Erblasser hatte einen Doppelbogen innen links beschrieben und unterschrieben
und danach innen rechts Zusätze gefertigt. Der BGH hat dies als ebenso wirksam erachtet wie
die Unterschrift auf einem verschlossenen Umschlag, in dem sich das Testament befindet.

Muster für ein eigenhändiges Testament:

Meine Erben sollen meine Ehefrau Erika Müller und meine Tochter Anna Herget, geb. Mül-
ler, je zur Hälfte sein.

Bochum, den 07. März 1989

Volker Müller

e) Das gemeinschaftliche Testament, §§ 2265 ff.; § 10 IV LPartG

aa) Es kann nur von Ehegatten und Lebenspartnern, § 10 IV LPartG, errichtet werden, und zwar
in allen oben dargestellten Formen. Es genügt gemäß § 2267 für das eigenhändige Testament,
wenn ein Ehegatte schreibt und beide unterschreiben. Streitig ist, ob andererseits eine gemein-
same Urkunde erforderlich ist (so das Reichsgericht), oder ob zwei Urkunden geschrieben
werden dürfen, sofern nur der Wille zum gemeinschaftlichen Testament besteht (so BGHZ 9,
113). Nach Auffassung des BGH müssen die Testamente demnach auch nicht gleichzeitig ge-
schrieben worden sein, aber auf einem gemeinsamen Entschluss beruhen.
16

Beispiel: M hat sein Testament geschrieben und F eingesetzt. F findet es, ist gerührt, schreibt
ein Testament mit umgekehrtem Inhalt zugunsten des M und heftet beides zusammen.

Hier läge mangels gemeinsamen Willens kein wirksames Ehegattentestament vor.

bb) Inhaltlich kann ein Ehegattentestament alles enthalten, was Gegenstand einer einseitigen Ver-
fügung von Todes wegen ist. Hinsichtlich der Abhängigkeit der Verfügungen, die Konsequen-
zen für die Aufhebung und die Bindungswirkung hat (dazu gleich), unterscheidet man folgende
Arten:

(1) Wechselbezügliche Verfügung: Der eine Ehegatte setzt den anderen ein, weil er selbst von ihm
als Erbe eingesetzt wird (§ 2270).

(2) Gegenseitige Testamente: Die Eheleute setzen sich gegenseitig zu Erben ein, oder der eine
Ehegatte mit Rücksicht auf den anderen eine dritte Person, ohne dass diese Abhängigkeit be-
steht.

Beispiel: F ist reich und M arm. Sie verfasst ein Ehegattentestament, das für F keinerlei Vortei-
le bringt. Dennoch unterschreibt sie aus Liebe.

(3) Testiergemeinschaft: Zwischen den beiden Verfügungen besteht überhaupt keine Wechselbe-
ziehung, sondern Grund ist nur die erleichterte Form.

Beispiel: M setzt seinen nichtehelichen Sohn und F ihre Tochter aus erster Ehe als Erben ein.

(cc) Sonderfall: Berliner Testament, § 2269

Hier setzen sich die Ehegatten gegenseitig und einen Dritten (meist Kind) zum Erben des Über-
lebenden ein.

Wir, die Eheleute Herbert und Lotte Bauer, setzen uns gegenseitig zu Erben ein. Erben des
Längstüberlebenden sollen unsere Kinder Uwe und Katja zu gleichen Teilen sein.

Bochum, den 12. Januar 1970

Herbert Bauer
Lotte Bauer

Hierbei gibt es erbrechtlich zwei Konstruktionen:

(1) Trennungsprinzip: Der überlebende Ehegatte wird Vor-, der Dritte Nacherbe, § 2100 (dazu
später). Der überlebende Ehegatte hat dann rechtlich zwei getrennte Vermögensmassen: Ei-
genvermögen und Nachlass des verstorbenen Partners. Über Letztgenannten darf er nicht frei
verfügen.

(2) Einheitsprinzip: Der überlebende Ehegatte wird Voll- und der Dritte Schlusserbe. Der Nachlass
fällt dann uneingeschränkt an den Überlebenden und der Dritte bekommt von dem einheitli-
chen Vermögen das, was beim Tode des zweiten Ehegatten noch da ist. Im Zweifel gilt gemäß
§ 2269 I diese Regelung.
17

Beispiel: M und F schreiben "Wir setzen uns gegenseitig als Erben ein; Erbe des Längstleben-
den wird unser Sohn S. Er soll unser Haus bekommen, für das wir uns so geplagt haben."

Als F nach dem Tode des M den D kennenlernt, will sie das Haus verkaufen, um das Geld in
sein Unternehmen zu investieren. Geht das?

A: Das hängt davon ab, ob die Auslegungen zu oben (1) oder (2) führen. Eine Verfügung über das
Haus sollte jedoch ausgeschlossen sein. F ist also nur Vorerbin und dadurch gemäß § 2113 in
der Verfügung über das Haus beschränkt.

(3) Vielfach in der Praxis Verwendung finden sogenannte Wiederverheiratungsklauseln, z.B.:

"Heiratet der Überlebende, dann soll das Vermögen an unseren Sohn S fallen".

Sie werden allgemein als zulässig angesehen und bewirken, dass der Nachlass mit der Ehe-
schließung an den Drittbegünstigten fällt.

f) Der Erbvertrag, §§ 2274 bis 2299

aa) Der Erbvertrag ist letztwillige Verfügung, aber auch Vertrag. Seine Wirkungen betreffen die
Zeit nach dem Tode des Erblassers, zu Lebzeiten erzeugt er keine Rechte und Pflichten.

bb) Inhalt des Erbvertrages kann nach § 1941 I Erbeinsetzung, Vermächtnis und Auflage sein.
Andere Verfügungen können vertragsmäßig nicht getroffen werden, sind aber als einseitige
Verfügungen möglich, §§ 2278 II, 2299. Dies hat wiederum Folgen für die Bindungswirkung
und die Aufhebung (dazu gleich). Der Erbvertrag ist also u.U. eine Verbindung vertraglicher
und einseitiger Verfügungen. Mindestens eine Verfügung muss aber vertragsmäßig sein. Au-
ßerdem ist es möglich, dass eine Partei Erblasser ist, die andere aber nur Annehmende ist, aber
auch, dass beide Erblasser sind. In diesem Falle können die Verfügungen (wie beim Ehegatten-
testament) wiederum wechselbezüglich sein oder nicht. Schließlich können (und werden) in ei-
nem Erbvertrag auch rechtsgeschäftliche lebzeitige Vereinbarungen getroffen, etwa Versor-
gungsleistungen für den Erblasser. Ihre Nichterfüllung hat dann u.U. Auswirkungen auf den
Bestand des Erbvertrages (dazu gleich).

cc) Voraussetzungen des Erbvertrages:

(1) Der Erblasser (nur er) muss unbeschränkt geschäftsfähig sein, § 2275 I (für Ehegatten lies
§ 2275 II).

(2) Der Erblasser muss höchstpersönlich handeln, § 2274. Stellvertretung ist für ihn ausgeschlos-
sen.

(3) Sind beide Parteien Erblasser, gelten (1) und (2) für beide.

(4) Der Erbvertrag muss bei gleichzeitiger Anwesenheit vor dem Notar geschlossen werden,
§ 2276 I 1.
18

Muster eines Erbvertrages:

"Verhandelt zu Köln am 30. Dezember 1989


Vor mir, dem unterzeichneten Notar
Dr. Wilhelm Winter
in Wuppertal

erschienen heute:

1) der Schreiner Ernst Freitag, Wuppertal, Billrothstr. 14, von Person bekannt,

2) die Hausfrau Margot Freitag, geb. Meier, aus Wuppertal, Weststraße 284,
ausgewiesen durch Personalausweis der Bundesrepublik Deutschland C 145872,
ausgestellt am 03.01.1952 von der Stadtverwaltung Wuppertal.

Der Notar überzeugte sich von der Geschäftsfähigkeit der Erschienenen.


Diese baten um Beurkundung eines Erbvertrages.
Sie erklärten:

I. Ich, der Erschienene zu 1), setze hiermit die Erschienene zu 2) sowie deren
Kinder, nämlich Thomas, geb. 02.02.1960, und Rosi, geb. am 11.06.1965, ver-
tragsweise zu meinen Erben zu gleichen Teilen ein.

II. Weiter bestimme ich, der Erschienene zu 1), als nicht vertragsmäßige Verfü-
gungen:

a) Mein Freund, Herr Willi Brüntup, soll als Vermächtnis meine Trompete erhal-
ten;

b) meine frühere Haushälterin, Frau Gerda Meier, soll ein Vermächtnis von
6.000,00 € bekommen.

III. Ich, der Erschienene zu 1), setze Herrn Rechtsanwalt Dr. Norbert Berger,
Wuppertal, als Testamentsvollstrecker ein.

IV. Ich, die Erschienene zu 2), nehme die unter I enthaltenen Erklärungen des Er-
schienenen zu 1) an. Ich verpflichte mich dafür, den Erschienenen zu 1) bis an
sein Lebensende zu pflegen.

Diese Verpflichtungserklärung nehme ich, der Erschienene zu 1), hiermit an.

V. Wir bitten, diesen Erbvertrag in amtliche Verwahrung zu bringen. Die Kosten


dieses Vertrages trägt der Erschienene zu 1).

Der Wert beträgt 220.000,00 €.

Das Protokoll ist den Erschienenen vorgelesen, von ihnen genehmigt und wie folgt
unterschrieben worden.
19

Ernst Freitag
Margot Freitag, geborene Meier
Dr. Wilhelm Winter

dd) Rechtsfolgen des Erbvertrages:

Der vertragsmäßig Bedachte ist gemäß § 2289 I gegen andere (frühere oder spätere) Verfü-
gungen von Todes wegen des Erblassers geschützt. Gemäß § 2286 kann der Erblasser aber zu
Lebzeiten mit seinem Vermögen tun, was er will. Lediglich Geschenke an Dritte, die vom Erb-
lasser gemacht wurden, um den Erbvertragspartner zu schädigen, können vom Beschenkten
herausverlangt werden, § 2287.

Nach einer langen und kontroversen Entwicklung in Rechtsprechung und Literatur wird vom
BGH (NJW 1980, 2308) für § 2287 keine Schädigungsabsicht verlangt, sondern der Anspruch
besteht immer dann, wenn der erbvertraglich gebundene Schenker kein lebzeitiges erkennbares
Eigeninteresse an der Schenkung hatte, sondern ein Teil der Erbmasse ohne angemessene Ge-
genleistung einem Dritten zukommen lassen will. Diese Betrachtungsweise gilt auch im Rah-
men wechselbezüglicher Ehegattentestamente (siehe oben), für die § 2287 entsprechend gilt
(BGH NJW 1984, 121).

Beispiel (nach BGHZ 59, 343): Steuerberater E war kinderloser Junggeselle, hatte aber einen
Neffen N, den er in einem Erbvertrag zu seinem Alleinerben bestimmte. Wesentliches Vermö-
gen war ein Hausgrundstück. In der Folgezeit kam es zwischen den beiden zu Auseinanderset-
zungen. Deshalb übertrug E das Grundstück seinem Freund F, der im Büro des E angestellt
war, verbunden mit dessen Verpflichtung, bis zum Tode des E weiterhin bei ihm (gegen übliche
Bezahlung) mitzuarbeiten. N erfuhr davon nach dem Tode des E und verlangte das Grundstück
von F heraus. Zu Recht?

A: Ein Verstoß gegen § 2289 I liegt nicht vor, da E dem F das Grundstück durch lebzeitiges
Rechtsgeschäft übertragen hat. Nach der älteren Rechtsprechung wurden derartige Rechtsge-
schäfte zum Teil als sittenwidrig angesehen, entsprechend auch dann, wenn die Verfügung an
einen Geliebten gerichtet und mit der Ehefrau ein Erbvertrag geschlossen worden war (BGH
NJW 1973, 1645). Nach heutiger Rechtsprechung beurteilt sich die Frage nach § 2287 (siehe
oben). Da E sich die Mitarbeit seines Freundes F sichern wollte, hatte er ein begründetes Ei-
geninteresse an dem Rechtsgeschäft mit F und N hat deshalb keine Ansprüche gegen diesen.

3. Die Auslegung letztwilliger Verfügungen

a) Die Auslegung von Testamenten

aa) Sie bereitet vor allem beim eigenhändigen Testament Schwierigkeiten, weil Erbrecht kompli-
ziert und Laien selten geläufig ist. Für einseitige Verfügungen von Todes wegen gilt: Da der
Empfänger keine lebzeitige Rechtsposition erhält, ist er nicht schutzwürdig, und Testamente
sind deshalb in erster Linie so auszulegen, dass dem Willen des Erblassers Rechnung getragen
wird. Nach der Rechtsprechung des BGH sind dafür alle Umstände heranzuziehen, die sich in
irgendeiner Form in der Urkunde niedergeschlagen haben (Andeutungstheorie, vgl. BGHZ 80,
242; 86, 41).
20

Beispiel: Erblasser E hatte eine gutgehende Versicherungsagentur und die Söhne S1 und S2.
Er fuhr einen Audi 200, in den S2 verliebt war, ferner noch einen VW-Polo. Er schrieb in sei-
nem Testament u.a.: "S1 soll das Geschäft mit allen Aktiven und Passiven haben, S2 den Wa-
gen". Kurz vor seinem Tode hatte E noch seinem Freund F erzählt, wie sehr sich S2 über das
Auto freuen werde. Nun stellt sich heraus, dass der Audi in den Büchern als Geschäftswagen
geführt wurde. S1 will S2 daraufhin nur den Polo überlassen. Zu Recht?

A: E hat hier eine nach dem Text objektiv missverständliche Teilungsanordnung abgefasst. Für
seinen wirklichen Willen, der durch Umstände außerhalb des Testaments zu verweisen ist
(Zeugnis F), gibt es aber Anhaltspunkte im Testament in der Form, dass S2 überhaupt einen
Pkw erhalten soll. Somit ergibt die Auslegung, dass er im Rahmen der Auseinandersetzungen
doch den Audi verlangen kann.

bb) Die vorgenannte Auslegung nennt man erläuternde Auslegung, weil eine missverständliche
Formulierung gewählt wurde. Es gibt aber auch das Problem der ergänzenden Auslegung, weil
das Testament lückenhaft ist. Dies kann der Fall sein, weil der Erblasser eine notwendige Rege-
lung übersehen hat, weil sich die Verhältnisse nachträglich geändert haben oder auch weil der
Erblasser von falschen Vorstellungen ausging.

Beispiel (nach BGHZ 80, 242): E schreibt einen Testamentsentwurf und setzt Nichte N darin
ein Vermächtnis in Höhe von 100.000,00 € aus, das er bei der Abschrift des sehr langen Tes-
taments in der Endfassung vergisst. Der BGH hat hier die Unwirksamkeit des Vermächtnisses
angenommen, weil es in der Urkunde keine Andeutung gefunden habe und deshalb nicht dem
Formerfordernis (Schriftform, § 2247 I) entspreche.

cc) Führt die Auslegung nicht zu einem eindeutigen Ergebnis, sondern mehreren denkbaren Vari-
anten, so ist gemäß § 2084 diejenige zu wählen, die zur Wirksamkeit der letztwilligen Verfü-
gung führt.

Beispiel: E hinterlässt sein Vermögen dem städtischen Krankenhaus. Diese Verfügung ist an
sich unwirksam, da öffentlich-rechtlich geführte Krankenhäuser keine juristischen Personen
sind, sondern unselbständige Anstalten. Sie sind deshalb nicht erbfähig. Hier ist aber das Tes-
tament so auszulegen, dass E die Stadt als Körperschaft des öffentlichen Rechtes zum Erben
gemacht hat, verbunden mit der Auflage (§ 1940), das Geld für das Krankenhaus zu verwen-
den.

b) Zur Auslegung von Erbverträgen und gemeinschaftlichen Testamenten.

Soweit solche letztwilligen Verfügungen wechselbezüglich sind (siehe oben), müssen nach be-
strittener Auffassung die Belange des Partners in die Auslegung einbezogen werden. Es kommt
also nicht mehr ausschließlich darauf an, den Willen des Erblassers zu verwirklichen.

4. Die Aufhebung letztwilliger Verfügungen

Für die Aufhebung letztwilliger Verfügungen ist wiederum zwischen den einzelnen Arten: Tes-
tament, Ehegattentestament und Erbvertrag zu differenzieren.
21

a) Die Aufhebung des Testaments

aa) Testamente sind frei widerruflich, § 2253 I. Es bedarf lediglich der Testierfähigkeit (siehe
oben).

bb) Der Widerruf kann erfolgen:

(1) durch ein neues Testament, gleich welcher Form (§§ 2254, 2258), welches das alte widerruft
oder auch lediglich inhaltlich dazu in Widerspruch steht;

(2) durch Vernichtung oder Änderung der Urkunde, § 2255;

(3) durch Rücknahme aus amtlicher Verwahrung, § 2256;

(4) auch ein Widerrufstestament kann jederzeit widerrufen werden, § 2257.

b) Die Testamentsanfechtung, §§ 2078 ff.

aa) Ein Testament kann aus folgenden Gründen angefochten werden.

(1) Wegen Erklärungsirrtum: Der Erblasser hat sich verschrieben oder verrechnet, etwa ein Ver-
mächtnis in Höhe von 100.000,00 € ausgesetzt, obwohl er (beweisbar) 10.000,00 € schreiben
wollte.

(2) Wegen Inhaltsirrtum: Der Erblasser hat sich über die rechtliche Bedeutung seiner Erklärung
geirrt (vorrangig ist aber immer die Auslegung, siehe oben!): Er war z.B. der Auffassung,
wenn er gesetzliche Erbfolge anordne, seien auch seine Eltern bedacht, obwohl er Kinder hat
(siehe oben § 1930)

(3) Irrtum im Beweggrund: Der Erblasser hat z.B. seinen Sohn enterbt, nachdem ihm seine Toch-
ter fälschlich eingeredet hatte, er sei von ihm bestohlen worden.

(4) Drohung

(5) Übergehung eines Pflichtteilsberechtigten, lies dazu § 2079.

(6) Bei allen Anfechtungsgründen muss Kausalität hinzutreten, d. h. gefragt werden, ob der Erb-
lasser in Kenntnis der wirklichen Umstände oder ohne die Drohung die letztwillige Verfügung
in gleicher Weise verfasst hätte.

bb) Anfechtungsberechtigt ist jeder, dem der Wegfall der letztwilligen Verfügung unmittelbar zu-
gute käme, § 2080. Der Erblasser selbst ist nicht anfechtungsberechtigt, da er jederzeit frei wi-
derrufen kann, § 2253.

cc) Die Anfechtung muss innerhalb eines Jahres seit Kenntnis des Anfechtungsgrundes (frühester
Fristbeginn: Erbfall) gegenüber demjenigen erklärt werden, der aus der Verfügung einen Vor-
teil erlangt hat, in den Fällen des § 2081 gegenüber dem Nachlassgericht.
22

dd) Wirkung der Anfechtung: Die angefochtene Verfügung, nicht das gesamte Testament, entfällt
rückwirkend, der Rest bleibt - soweit möglich - erhalten, § 2085.

Beispiel: Die Erblasserin schreibt in ihrem Testament: Mein armer Neffe soll 50.000,00 € erhal-
ten, damit er sein Theologiestudium zu Ende führen kann. Den Rest soll mein treuer Mann M
bekommen, da er immer zur mir gehalten hat. N war zum Zeitpunkt des Erbfalles seit 2 Jahren
Versicherungsagent, M hatte ein jahrelanges Verhältnis mit der D und war Vater ihres nicht-
ehelichen Kindes. Die Schwester S der E fragt nach ihren Rechten.

A: S kann und muss sowohl Erbeinsetzung als auch Vermächtnis separat wegen Irrtums der E im
Beweggrund anfechten. Dann tritt gesetzliche Erbfolge ein. M bekommt als Ehemann gemäß
§§ 1931 I 1, 1371 I neben der S 3/4, die S selber 1/4; N erhält nichts.

c) Die Aufhebung des gemeinschaftlichen Testaments, § 2271

aa) Widerruf

(1) Bis zum Tode eines Ehegatten sind alle Verfügungen, auch wechselbezügliche, frei widerruf-
lich, §§ 2271 I, 2296. Der Widerruf muss allerdings zwingend höchstpersönlich und notariell
beurkundet erfolgen. Er hat bei wechselbezüglichen Verfügungen die Unwirksamkeit der ent-
sprechenden wechselbezüglichen Verfügungen des anderen Ehegatten zur Folge, § 2270 I.
23

Muster für Widerruf wechselbezüglicher Verfügungen:

"Verhandelt zu Wuppertal am 05. März 1985


Vor mir, dem unterzeichneten Notar
Dr. Wilhelm Winter
in Wuppertal
erschien heute der Schreiner Ernst Freitag aus Wuppertal,
Billrothstr. 14, von Person bekannt.

Der Erschienene erklärte:


Ich widerrufe hiermit meine Verfügungen im gemeinschaftlichen
Testament vom 06. Februar 1972.

Der Wert meines Vermögens beträgt 180.000,00 €.

Das Protokoll ist dem Erschienenen vorgelesen, von ihm genehmigt und
wie folgt unterschrieben worden.

Ernst Freitag
Dr. Wilhelm Winter, Notar

(2) Nach dem Tod eines Ehegatten endet die freie Widerruflichkeit wechselbezüglicher Verfügun-
gen. Ein Widerruf ist dann nur noch möglich, wenn der überlebende Ehegatte die Erbschaft
ausschlägt, § 2271 II.

(3) Schlägt der Überlebende nicht aus, so kann er letztwillig zum Nachteil eines Drittbegünstigten
(z.B. der Kinder) nicht mehr verfügen. Durch lebzeitige Rechtsgeschäfte allerdings kann er
verfügen, soweit nicht § 2287 (siehe oben) eingreift.

bb) Die Anfechtung


Es gibt keine Sonderregelungen für gemeinschaftliche Testamente.
Vielmehr ist zu unterscheiden:

(1) Zu Lebzeiten beider Ehegatten ist die Anfechtung ausgeschlossen.


Denn die Ehegatten können frei widerrufen und Dritte haben vor dem Erbfall kein Anfech-
tungsrecht.

(2) Nach dem Tode eines Ehegatten gilt Folgendes:

(a) Der überlebende Ehegatte kann die Verfügung seines Ehepartners anfechten, wenn er einen
Anfechtungsgrund hat (vgl. §§ 2080 I, 2081, 2087). Ebenso können jetzt Dritte anfechten
(Voraussetzungen wie oben beim Testament). Die eigenen wechselbezüglichen Verfügungen
entfallen damit, § 2270 I, der Rest ist ohnehin frei widerruflich.

(b) Eigene nicht wechselbezügliche Verfügungen sind für den überlebenden Ehegatten nicht an-
fechtbar, sondern wiederum frei widerruflich, § 2253.
24

(c) Eigene wechselbezügliche Verfügungen sind für ihn bindend und können deshalb auch von ihm
angefochten werden (entsprechend §§ 2281 bis 2285, Vorschriften über den Erbvertrag, dazu
gleich).

d) Die Aufhebung des Erbvertrages

aa) Widerruf und Rücktritt

(1) Einseitige Verfügungen (siehe oben) können gemäß § 2299 II 1 frei widerrufen werden.

(2) Daneben gibt es die gemeinsame, vertragliche Aufhebung in Form des Erbvertrages, §§ 2290
bis 2292, für alle Verfügungen.

(3) Eheleute können ausnahmsweise einen Erbvertrag durch gemeinschaftliches, auch eigenhändi-
ges Testament aufheben, § 2292.

(4) Daneben gibt es für den Erblasser den Rücktritt, §§ 2290 bis 2297.

(a) Als vertraglich vorbehaltenen Rücktritt;

(b) als gesetzlichen Rücktritt:

(aa) bei schweren Verfehlungen des Bedachten, § 2294;

(bb) wenn der Bedachte seinen Verpflichtungen zu wiederkehrenden Leistungen nicht erfüllt, z.B.
die versprochene Krankenpflege (vgl. dazu auch das Muster des Erbvertrages).

(5) Der Rücktritt erfolgt durch notariell beurkundete Erklärungen gegenüber dem Vertragspart-
ner, § 2296, und führt zur Aufhebung des gesamten Erbvertrages, § 2298.

(6) Nach dem Tode der anderen Vertragspartei kann der Erblasser den Erbvertrag durch Testa-
ment aufheben, wenn ein Rücktrittsgrund vorliegt, § 2297.

Insgesamt sind also die Aufhebungsmöglichkeiten beim Erbvertrag stark beschränkt.

bb) Die Anfechtung des Erbvertrages, §§ 2281 bis 2285

(1) Ein wichtiger Unterschied zum Testament besteht darin, dass der (jeder) Erblasser zu eigenen
Lebzeiten wegen der vertraglichen Bindung selbst anfechten kann, § 2281.

(2) Im Übrigen gelten jedoch die Regeln der Testamentsanfechtung, lies §§ 2281 I und 2285.

(3) Die Anfechtungserklärung muss höchstpersönlich, notariell beurkundet und innerhalb Jahres-
frist erfolgen, §§ 2282, 2283.

IV. Rechtsgeschäfte unter Lebenden auf den Todesfall

1. Bei den praktisch nicht seltenen Rechtsgeschäften, die in ihren Rechtswirkungen den Verfü-
gungen von Todes wegen ähneln, geht es dem Erblasser darum, dass die vollen Rechtswirkun-
gen erst nach seinem Tode eintreten sollen. Diese Rechtsgeschäfte erzeugen also einen Teil ih-
rer Wirkungen vor, einen Teil aber erst nach dem Tod des Erblassers. Um keine Umgehung
25

der zwingenden Formen des Erbrechtes zu erlauben (siehe oben) und die Pflichtteilsberechtig-
ten und Nachlassgläubiger zu schützen, ordnet § 2301 I an, dass ein Schenkungsversprechen,
das erst nach dem Tode des Schenkers erfüllt werden soll und durch das Überleben des Be-
schenkten bedingt ist, wie eine letztwillige Verfügung behandelt werden muss.

Beispiel: Der Betreffende hat formuliert: "Ich schenke meiner Frau meinen BMW 750. Bis zu
meinem Tode will ich ihn aber ausschließlich für mich haben und benutzen. Auf keinen Fall sol-
len unsere Kinder den Wagen bekommen."

Hier ist die Erfüllung des Schenkungsversprechens auf den Todesfall befristet und durch das
Überleben der Ehefrau bedingt, da die Kinder den Wagen nicht erhalten sollen. Wirksam wäre
also ein derartiges Schenkungsversprechen gemäß § 2301 I nur in der Form eines Testamentes
oder eines Erbvertrages. Der Erblasser müsste es also eigenhändig geschrieben haben. In der
Sache handelt es sich dann bei dieser Zuwendung um ein Vermächtnis, als das es erbrechtlich
auch behandelt wird.

2. Die Regeln über lebzeitige Rechtsgeschäfte (Schenkungsrecht, §§ 516 ff.) gelten dagegen,
wenn das Schenkungsversprechen zu Lebzeiten vollzogen wird, § 2301 II. Streitig ist, wie die-
ser Vollzug im Sinn der Norm auszulegen ist. Für den wichtigen Bereich der lebzeitigen Forde-
rungsabtretung hat der BGH (BGHZ 87, 19) die Auffassung vertreten, die Erteilung einer so-
genannten postmortalen, (von den Erben) unwiderruflichen Vollmacht sei kein Vollzug, da der
Erblasser zu Lebzeiten noch kein Vermögensopfer erbringe.

Beispiel: E hatte seinem Freund F für ein Schweizer Bankkonto folgende Vollmacht ausge-
stellt: „Nach meinem Tode ist Herr F unwiderruflich bevollmächtigt, über mein Konto Nr. ...
zu verfügen.“

Da die Erklärung maschinengeschrieben war, konnte sie nicht als (eigenhändiges, siehe oben)
Testament aufrechterhalten werden, sondern war unwirksam.

3. Ein verwandtes Problem zu den genannten Rechtsgeschäften sind die sogenannten Verträge
zugunsten Dritter auf den Todesfall, § 331. Standardfall sind der Lebensversicherungsvertrag
(vgl. § 330) und der Sparvertrag zugunsten eines Dritten. Hier liegen folgende Rechtsbezie-
hungen zugrunde:

Abb. 13:

Versprechensempfänger Deckungsverhältnis Versprechender


(Erblasser E) (Bank)

Valutaverhältnis Forderungsrecht
(§§ 328 I, 331)

Dritter (Frau X)
26

Im Einzelnen ist auch hier umstritten, ob ein Sparguthaben, das auf diese Weise nach dem To-
des des Schenkers übertragen werden soll, zunächst in die Erbmasse fällt oder unmittelbar an
den Dritten (hier Frau X) fällt. Nach Auffassung des BGH (NJW 1984, 480) darf der Drittbe-
günstigte das Geld im Verhältnis zu den Erben behalten, wenn die Bank es nach dem Tode des
Erblassers an ihn auszahlt. Der Vertrag zugunsten Dritter wird also vom BGH allein nach
§ 331, nicht nach § 2301 behandelt. Für Versicherungsverträge ergibt sich das unmittelbare
Recht des Begünstigten aus dem erwähnten § 330.

Man kann also nach Ansicht der Rechtsprechung über diese Konstruktion Vermögenswerte
dem Nachlass entziehen, und zwar auch zu Lasten der Pflichtteilsberechtigten.

V. Der Ausschluss von der Erbfolge

Bisher wurde (abgesehen vom Sonderproblem IV.) behandelt, wie jemand Erbe wird, sei es
gesetzlich oder durch letztwillige Verfügung. Nun sollen kurz die Regeln angesprochen wer-
den, die jemanden von der Erbfolge ausschließen, obwohl er an sich Erbe wäre.

1. Der Erbverzicht, §§ 2346 ff.

Er hat vor allem Bedeutung bei lebzeitiger Abfindung gesetzlicher Erben. Im Unterschied zur
Enterbung (dazu gleich) schließt er den Verzichtenden auch von Pflichtteilsansprüchen aus, §
2346 I 2, kann andererseits auch auf Pflichtteilsansprüche beschränkt sein, § 2346 II. Er be-
zieht sich also grundsätzlich auf ein gesetzliches oder ein bereits durch letztwillige Verfügung
begründetes Erbrecht. Der Erbverzicht bedarf der notariellen Beurkundung, § 2348. Hinsicht-
lich der Geschäftsfähigkeit gilt § 2347 (lesen). In der Wirkung ist der Erbverzicht so, als wenn
der Verzichtende vor dem Erbfall gestorben wäre. Gemäß § 2349 schließt der Erbverzicht
mangels anderer Vereinbarungen den gesamten Stamm des Verzichtenden von der Erbfolge
aus. Die Regeln über den Erbverzicht gelten für den Lebenspartner gem. § 10 VII LPartG ent-
sprechend.

Beispiel: E hat zwei Söhne und eine Tochter, der er zur Eröffnung einer Boutique 50.000,- €
Startkapital gibt, wofür T auf jede erbrechtliche Berechtigung verzichtet. Danach errichtet E
ein Testament, in dem er die Tochter der T, D, sowie seine beiden Söhne zu je ein 1/3 bedenkt.
Bei seinem Tode verlangen die Söhne je 1/2 des Nachlasses unter Hinweis auf den Erbverzicht.
Zu Recht?

A: Die Söhne haben den Nachlass zu je 1/2 erworben, wenn T (auch) mit Wirkung für ihre Tochter
auf ihr Erbrecht verzichtet hat. Der Verzicht ist formwirksam zustande gekommen und erfasst
an sich auch die Enkelin. Er schließt aber nur das gesetzliche und ein bereits entstandenes
Erbrecht aus einer letztwilligen Verfügung aus. Ein Verzicht auf Rechte aus künftigen Verfü-
gungen gibt es dagegen nicht. Deshalb bekommt D 1/3 des Nachlasses.

2. Erbunwürdigkeit, §§ 2339 ff.

Bei schweren Vergehen gegen den Erblasser (vgl. im Einzelnen § 2339) kann der Erbe wegen
Erbunwürdigkeit von der Erbfolge vollständig ausgeschlossen sein. Diese Rechtsfolge tritt aber
nicht kraft Gesetzes ein, sondern die Umstände müssen durch Klage desjenigen, dem der Weg-
fall des Erbunwürdigen zugute kommen würde, nach dem Tode des Erblassers geltend ge-
27

macht werden, §§ 2340 bis 242. Mit Rechtskraft des Urteils gilt der Erbfall als nicht erfolgt, §
2344.

3. Die Enterbung, § 1938


Sie ist der praktische Regelfall der Nichtbeteiligung am Nachlass und erfolgt durch positive
oder negative letztwillige Verfügung. Die Frau ist etwa enterbt, wenn es heißt „Meine Frau soll
nichts erben.“ oder aber „Meine Freundin F soll alles haben.“. Diese Art der Enterbung (anders
als der Erbverzicht) erstreckt sich nicht auf Abkömmlinge. Sie führt für den Enterbten zum
Pflichtteilsanspruch (dazu später).

VI. Die Rechtsfolgen nach dem Erbfall

1. Der Erbschaftsanspruch, §§ 2018 ff.

a) Wenn jemand als Erbe berufen und nicht von der Erbfolge ausgeschlossen ist, kommt es beim
Tode des Erblassers zum Erbfall. Hat er dann den Nachlass nicht selbst in Händen, so ist er
zwar nach § 1922 I (Universalsukzession) Eigentümer und nach § 857 auch Besitzer und könn-
te seine einzelnen Ansprüche auf Herausgabe an jedem Gegenstand also geltend machen. Um
hier aber die Durchsetzung seiner Ansprüche zu erleichtern, gewährt § 2018 einen Gesamtan-
spruch auf den Nachlass.

b) Anspruchsteller ist also der Erbe, Anspruchsgegner der Erbschaftsbesitzer. Das ist derjenige,
der den Nachlass aufgrund eines vermeintlichen Erbschaftsrechtes für sich in Anspruch nimmt.

c) Gegenstand des Anspruchs ist der gesamte Nachlass, gemäß § 2019 I auch jedes Surrogat, also
alles, was der Erbschaftsbesitzer mit Mitteln des Nachlasses erworben hat.

Beispiel: Der vermeintliche Erbe E hat mit dem Geld des Erblassers einen Audi 80 für 30.000,-
€ erworben. Dieser fällt ohne Weiteres gemäß § 2019 I in das Eigentum des Erben.

d) Der Anspruch erstreckt sich nach § 2020 auch auf gezogene Nutzungen, etwa auf Mieteinnah-
men an dem Hause des Erblassers. Demgegenüber hat der Erbschaftsbesitzer gemäß § 2022 ei-
nen Verwendungsersatzanspruch, etwa wenn er den Anstrich erneuern ließ.

e) Kann der Erbschaftsbesitzer einen geschuldeten Gegenstand nicht herausgeben, so haftet er


nach dem Bereicherungsrecht, §§ 2021, 818. Dies bedeutet, dass er Wertersatz leisten muss,
soweit er noch bereichert ist.

Beispiel: Hat der vermeintliche Erbe 10.000,- € vom Gelde des Erblassers für eine Karibik-
Kreuzfahrt verwendet, die er sich sonst nicht hätte erlauben können, haftet er gemäß § 818 III
nicht, da er nicht mehr um das Geld bereichert ist. Hat er hingegen 1.000,- € für eine Inspekti-
on an seinem eigenen Porsche durchführen lassen, schuldet er dafür Ersatz, weil er eigene
Aufwendungen, die ihn sonst getroffen hätten, erspart hat.

Der Erbschaftsbesitzer kann den Einwand der Entreicherung aber nicht mehr geltend machen,
wenn er wusste, dass er nicht Erbe ist oder sogar schon verklagt war, §§ 2023, 2024.

2. Der Erbschein, §§ 2353 f.


28

a) Der Erbe muss sich u.U. legitimieren, z.B. um ein Grundstück auf sich umschreiben zu lassen
(§ 35 GBO) oder um an das Sparguthaben des Erblassers zu gelangen. Dazu dient der Erb-
schein. Er wird vom Amtsgericht (Nachlassgericht) ausgestellt, und zwar auf Antrag des Er-
ben. Das Gericht prüft in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht den Bestand des behaupteten
Erbrechts, §§ 2358 f. Der Erbschein enthält die Angaben über den Erbteil (z.B. Alleinerbe,
Miterbe zu 1/3) und die Erbenstellung (Vorerbe), §§ 2353, 2357, 2363, 2364. Der Erbschein
stellt aber keine rechtskräftige Entscheidung über das Erbrecht dar. Stellt sich später (z.B.
nach einer entsprechenden Feststellungsklage des wahren Erben) heraus, dass der Erbschein
falsch war, zieht das Nachlassgericht ihn von Amts wegen ein, § 2361 (vgl. auch § 2362).

b) Der Erbschein hat folgende Rechtswirkungen, §§ 2365 ff.

aa) Gemäß § 2365 wird vermutet, dass der im Erbschein Genannte in dem angegebenen Umfang
Erbe ist.

bb) Gemäß § 2366 ist der Erbschein mit öffentlichem Glauben ausgestattet. Dies bedeutet, dass
jemand, der vom Erbscheinsinhaber erwirbt oder auch an ihn leistet (vgl. § 2367), Eigentümer
oder von seiner Verpflichtung befreit wird, und zwar selbst dann, wenn der Erbschein falsch
war. Dies gilt nicht, wenn der Erwerber oder der Leistende die Unrichtigkeit des Erbscheins
kannte. Demgegenüber ist nicht erforderlich, dass der Erbschein vorgelegt wird oder der Dritte
auch nur von ihm wusste.

Beispiel: E erwirbt einen Erbschein, obwohl das entsprechende Testament unwirksam war. Er
veräußert die Stereoanlage des Erblassers für 1.000,- € an X. Als sich die wirklichen Verhält-
nisse herausstellen, verlangt der wahre Erbe die Stereoanlage von X heraus. Zu Recht?

A: Nein, gemäß §§ 2367, 2366 ist M durch seine Zahlungen an E von der Leistungspflicht befreit
worden.

3. Die Ausschlagung, §§ 1944 ff.

Bis jetzt wurde geklärt: Es gilt Von-Selbst-Erwerb (Universalsukzession) des Erben, wenn
folgende Voraussetzungen vorliegen:

- Berufungsgrund (gesetzliche Erbfolge oder letztwillige Verfügung);


- kein Erbverzicht;
- Erbfähigkeit.

a) Dieser dann erfolgende Anfall der Erbschaft, § 1942 I, kann später wieder wegfallen, wenn
etwa der Erbe für unwürdig erklärt wird, oder - vor allem -, wenn die letztwillige Verfügung
wirksam angefochten wurde. Es kann aber auch sein, dass der Erbe die Erbschaft gar nicht
will, etwa weil er weiß, dass der Nachlass überschuldet ist. Dann kann er unter folgenden Vor-
aussetzungen die Erbschaft ausschlagen:

aa) Ausschlagungsrecht, § 1942 II. Jeder Erbe, außer dem Fiskus, hat es.

bb) Ausschlagungsfrist, § 1944 I, II: 6 Wochen nach Kenntnis vom Erbfall und Berufungsgrund.

cc) Form, § 1945 I: Öffentlich beglaubigte Erklärung gegenüber dem Nachlassgericht.

dd) Geschäftsfähigkeit
29

ee) Keine vorherige Annahme der Erbschaft, § 1943.

Der Anfall der Erbschaft macht den Erben zum vorläufigen Erben, die Annahme zum endgülti-
gen. Die Annahme ist eine formlose Erklärung, die Erbschaft behalten zu wollen. Sie kann auch
aus einem Verhalten abgeleitet werden, z.B. wenn der Erbe Nachlassgegenstände veräußert.
Schließlich wird die Annahme gesetzlich fingiert mit Ablauf der 6-wöchigen Ausschlagungs-
frist.

ff) Wirkung der Ausschlagung: gemäß § 1953 I, II gilt der Erbfall als nicht erfolgt, die Erbfolge
wird beurteilt, als wenn der Ausschlagende nicht gelebt hätte.

b) Da Annahme und Ausschlagung wichtige Rechtsfolgen für den Erben haben, können sie wegen
Willensmängeln durch öffentlich beglaubigte Erklärung gegenüber dem Nachlassgericht wie-
derum innerhalb einer 6-Wochen-Frist angefochten werden, §§ 1945, 1954 ff, 1965.

Beispiel: Am 30.01.1989 stirbt E. N, sein Neffe und Alleinerbe, erfährt davon am 31.01.1989.
Er prüft den Nachlass und stellt fest, dass ihm nach Abzug aller Unkosten ca. 10.000,-- €
verbleiben könnten; darüber ist er froh. Am 2.04.1989 taucht jedoch G bei ihm auf und macht
ihm klar, dass er vom Erblasser noch 20.000,-- € aus einem Darlehen zu erhalten hat. N fragt,
was zu tun ist.

A: Für den Erben N ist die 6-wöchige Ausschlagungsfrist abgelaufen. Er könnte also allenfalls
seine Annahme anfechten, weil er sich über den Bestand des Nachlasses geirrt hat, § 119 II.
Die 6-wöchige Anfechtungsfrist nach Kenntnis des Irrtums ist noch nicht abgelaufen, die Er-
klärung muss er gegenüber dem Nachlassgericht abgeben. Damit fällt er als Erbe weg.

c) Bis zur Annahme oder Ausschlagung ist die Erbenstellung vorläufig. Anders als der Erb-
schaftsbesitzer (siehe oben) ist der vorläufige Erbe aber Berechtigter bezüglich des Nachlasses.
Schlägt er aus oder ficht er die Annahme an, schuldet er Herausgabe an den dann zum Zuge
kommenden Erben, §§ 1959 II, 677 ff.

VII. Sonderformen der Erbeinsetzung

Alles bisher Gesagte bezog sich auf die Einsetzung als „normalen“ Erben. An Sonderformen
kennt das BGB den Ersatzerben oder die bereits erwähnte Vor- und Nacherbschaft.

1. Der Ersatzerbe

Ein Ersatzerbe (§ 2096) wird eingesetzt, wenn der Erblasser nicht sicher ist, ob seine Erben
den Erbfall erleben. Der Ersatzerbe tritt also an die Stelle des Erben, sei es, dass der Erbe vor
dem Erbfall (durch Tod) oder nach dem Erbfall rückwirkend (z.B. durch Ausschlagung) weg-
fällt. Stets kommt es also nur zu einem Erbfall.

Beispiel: E schreibt „Ich setze meine Mutter M zur Alleinerbin ein. Wenn sie nicht lebt, soll
mein Sohn S alles haben.“ M stirbt drei Tage nach E; sie hatte ihrerseits ihre Freundin F als Al-
leinerbin eingesetzt. S und F streiten sich um den Nachlass. Wer hat Recht ?
30

A: S war als Ersatzerbe eingesetzt. Da aber M noch Erbin geworden ist, war seine Einsetzung
gegenstandslos. Die Erbschaft war bereits an M gefallen und ging deshalb von ihr zu F. S blei-
ben nur Pflichtteilsansprüche (dazu später).
31

2. Vor- und Nacherbschaft, §§ 2100 ff.

a) Hiermit möchte der Erblasser das Schicksal des Nachlasses für möglichst lange Zeit bestim-
men: Er setzt noch einen Erben ein, nachdem es bereits ein anderer gewesen ist (regelmäßig
tritt Nacherbschaft im Tode ein, oder [siehe oben] mit der Wiederverheiratung des überleben-
den Ehegatten oder auch mit einem anderen Ereignis), § 2106. Es kommt also zu zwei Erbfäl-
len. Der Nacherbe wird Erbe des Erblassers, nicht des Vorerben. Man kann auch mehrere
Nacherben einsetzen, die zeitliche Grenze der Nacherbschaft ist grundsätzlich dreißig Jahre,
§ 2109, kann sich aber auch erheblich verlängern, lies § 2109 I Nr. 1 und 2.

Beispiel: E setzt seinen lO-jährigen Bruder B zum Vorerben und dessen (noch nicht vorhande-
nen) Sohn zum Nacherben ein. B wird mit 16 Jahren Vorerbe und mit 60 Jahren Vater; er stirbt
mit 80. Sein Sohn S, der Nacherbe, wird 75 Jahre alt. Hier hat E das Schicksal seines Nachlas-
ses (etwas zufällig) für 64 Jahre (Eintritt des ersten Erbfalles bis zum Tode des Vorerben B)
und dann für weitere 55 Jahre (Lebensdauer des S), also für 119 Jahre geregelt.

b) Die Rechtsstellung des Vorerben

Der Vorerbe ist Erbe und Schuldner der Nachlassverbindlichkeiten bis zum Eintritt des Nach-
erbfalles. Er kann über den Nachlass verfügen, soweit nicht die Beschränkungen der §§ 2113
bis 2115 entgegenstehen. Wichtig ist § 2113 I: Verfügungen über Grundstücke kann er nicht
treffen, und er kann gemäß § 2113 II auch den Nachlass nicht wegschenken. Der Erblasser
kann jedoch den Vorerben gemäß § 2136 von den meisten Beschränkungen befreien (befreiter
Vorerbe), allerdings nicht vom Schenkungsverbot des § 2113 II. Der Vorerbe muss den Nach-
lass ordnungsgemäß verwalten und an den Nacherben herausgeben. Ist er tot, trifft die Ver-
pflichtung seine Erben.

Beispiel: M und F haben in einem Berliner Testament (siehe oben) sich gegenseitig zum Erben
und den Sohn des M aus erster Ehe zum Nacherben nach M eingesetzt. F hat noch eine nicht-
eheliche Tochter. Stirbt jetzt M, wird F Vorerbin. Stirbt F, wird sie von ihrer Tochter T beerbt.
Diese muss den Nachlass des M aber an den Sohn S als Nacherben der F herausgeben.

Das Vermögen des Erblassers bleibt also während der Vorerbschaft separate Vermögensmasse.
Der Vorerbe schuldet Rechenschaft (§ 2130 II), Auskunft (§ 2127), er muss auf Verlangen ein
Nachlassverzeichnis für den Nacherben erstellen (§ 2121) und diesen den Zustand des Nachlas-
ses prüfen lassen (§ 2122). Andererseits darf er die Nutzungen (z. B. Mieteinnahmen) behalten
und bekommt einen Verwendungsersatzanspruch (§§ 2131, 2124). Mit einem Satz: Der nicht
befreite Vorerbe ist als eine Art Treuhänder, dem die Nutzungen bleiben, oder als Nießbrau-
cher zu betrachten.

c) Die Stellung des Nacherben

Er hat vor dem Nacherbfall eine verfügbare, vererbliche und pfändbare Anwartschaft auf den
Nachlass.

Letztes Beispiel: E hat seine Tochter T zur Vorerbin und seinen Sohn S zum Nacherben einge-
setzt. T veräußert ein Nachlassgrundstück zum günstigen Preis von 100.000,00 € an D und
schenkt Freund F Fernseher mit Video, weil sie von der Lindenstraße genug hat. Sind die
Rechtsgeschäfte wirksam, wenn D und F um die Rechtsposition der T wissen?
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Abwandlung: Wie wäre es, wenn T befreite Vorerbin war?

A I: Die Grundstücksübertragung verstößt gegen § 2113 I, die Schenkung (Ausnahmen sind soge-
nannte Anstandsschenkungen, z. B. Geburtstagsgeschenke) gegen § 2113 II.

A II: Die Befreiung bezieht sich nur auf das Grundstücksgeschäft, nicht auf die Schenkung.

VIII. Die Miterbengemeinschaft, §§ 2032 ff.

1. Bereits mehrfach wurde erwähnt, dass mehrere Personen gemeinsam Erben werden können.
Sie bilden eine Gesamthandgemeinschaft. Alle Berechtigungen und Verpflichtungen stehen ih-
nen gemeinsam zu. Der Nachlass bildet also ein Sondervermögen. Die Miterben haben keine
Anteile an den einzelnen Gegenständen, sondern nur am gesamten Nachlass. Über den Ge-
samthandsanteil kann jeder Miterbe notariell beurkundet verfügen, § 2033 I 2.

Beispiel: S und T sind Miterben nach ihrem Vater; zum Nachlass gehört ein Grundstück. Auf
Drängen des Gläubigers G bewilligt S diesem eine Hypothek an seinem Grundstücksanteil. T
ist einverstanden. Wird das Grundbuchamt eintragen?

A: Nein, da S keine Verfügungsbefugnis am einzelnen Nachlassgegenstand hat. Die Zustimmung


des Miterben ändert daran nichts. S und T müssen den Nachlass auseinandersetzen und sich
dann zu je 1/2 als Miteigentümer in das Grundbuch eintragen lassen. Dann könnte S über sei-
nen Bruchteil am Grundstück verfügen.

2. Wenn ein Miterbe seinen gesamten Anteil verkauft, gelten die Regeln über den Erbschaftskauf,
§§ 2371 ff. Die übrigen Miterben haben jedoch gemäß § 2034 ein Vorkaufsrecht.

3. Bis zur Teilung muss der Nachlass verwaltet werden.

a) Die Verwaltungsbefugnis steht grundsätzlich den Miterben gemeinsam zu, § 2038 I. Jeder Mit-
erbe muss mitwirken, für Notmaßnahmen (z. B. Beseitigung von Sturmschäden) ist jeder Mit-
erbe allein zuständig, § 2038 I 2. Die Verwaltungsbefugnis kann jedoch durch Mehrheits-
beschluß abweichend geregelt werden, §§ 2038 II 1, 745. Die Stimmen berechnen sich nach
den Erbanteilen.

b) Verfügungen über einzelne Nachlassgegenstände müssen ebenfalls gemeinsam vorgenommen


werden, § 2040 I, z. B. die Veräußerung eines Nachlassgrundstückes. Auch Nachlassansprü-
che sind von allen Miteigentümern gemeinsam geltend zu machen, § 2039 I. Möglich ist in al-
len genannten Fällen, dass die Miterbengemeinschaft ein Mitglied bevollmächtigt.

c) Gemäß § 2041 gilt auch für die Miterbengemeinschaft der Grundsatz der Surrogation. Ein
Ersatz für einen nicht mehr vorhandenen Nachlassgegenstand (z. B. Versicherungsleistungen)
oder einen Gegenstand, der mit Nachlassmitteln erworben wird, gehören ihrerseits unmittelbar
zum Nachlass.

d) Die Miterbengemeinschaft ist auf Auseinandersetzung gerichtet, §§ 2042 ff. Jeder Miterbe
kann sie jederzeit verlangen, soweit sie nicht durch letztwillige Verfügung (für maximal 30 Jah-
re, § 2044 II) ausgeschlossen ist, § 2044 I.
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Zunächst müssen die Nachlassverbindlichkeiten berichtigt werden, § 2046; danach wird der
Überschuss verteilt, § 2047. Die Miterben können sich einigen, unter Mithilfe des Nachlassge-
richtes einen Auseinandersetzungsvertrag schließen, §§ 86 ff. FGG, oder die Zustimmung sich
weigernder Erben im ordentlichen Prozess einklagen. Der Erblasser kann die Auseinanderset-
zung durch Teilungsanordnungen, § 2048, beeinflussen. Ebenso wie beim Auseinanderset-
zungsverbot sind diese jedoch wirkungslos, wenn sich alle Miterben darüber hinwegsetzen.

e) Bestimmte lebzeitige Zuwendungen müssen Miterben bei der Auseinandersetzung ausgleichen.

aa) Abkömmlinge müssen zu Lebzeiten erhaltene Ausstattungen (z. B. die oben erwähnten
50.000,00 € für die Eröffnung einer Boutique) ausgleichen, soweit der Erblasser nichts anderes
bestimmt hat, §§ 2050 I, 1624, und gesetzliche Erbfolge eingreift.

bb) Sonstige Zuwendungen sind auszugleichen, wenn der Erblasser dies angeordnet hat.

Beispiel: E hat eine Ehefrau und 3 Söhne hinterlassen, aber kein Testament. Der Nachlasswert
beträgt 80.000,00 €. S1 hatte zur Gründung einer Rechtsanwaltspraxis 16.000,00 €, S2 zur
Gründung eines Gebrauchtwagenhandels 30.000,00 € erhalten. Wie wird verteilt?

A: F erhält gemäß §§ 1931 I, 1371 I die Hälfte des Nachlasses = 40.000,00 €. Nur unter den Ab-
kömmlingen findet jetzt die Ausgleichung statt. Dem Restnachlass (40.000,00 €) muss man da-
zu die Ausstattungen hinzurechnen (46.000,00 €) und kommt zu einem fiktiven Nachlass von
86.000,00 €. Hiervon bekäme an sich jeder Sohn 1/3 = 28.666,66 €. S2 hat jedoch schon
30.000,00 € zu Lebzeiten des E bekommen, also mehr, als ihm zusteht. Er bekommt nichts,
muss aber auch nichts herausgeben, §§ 2056, 2055 I 1. Gemäß § 2055 I 2 wird jetzt zwischen
S1 und S3 verteilt, als wenn S2 nicht leben würde. Dafür ist dem Restnachlass (40.000,00 €)
wiederum die Ausstattung an S1 (16.000,00 €) hinzuzurechnen, so dass er für die beiden fiktiv
56.000,00 € beträgt, für jeden also 28.000,00 €. Hierauf muss sich nun S1 16.000,00 € anrech-
nen lassen und bekommt 12.000,00 €, S3 28.000,00 €.

cc) Gemäß § 2057 a sind schließlich auch Mitarbeit und Pflegedienste eines Miterben positiv aus-
zugleichen, sofern sie von einem Abkömmling erbracht wurden.

Beispiel: E wurde von T1 gepflegt, die gemeinsam mit T2 zu 1/2 geerbt hat. Beläuft sich der
Wert des Nachlasses auf 100.000,00 € und der Pflegedienste auf 20.000,00 €, so sind letztere
abzuziehen und der Rest zu 1/2 zu teilen. T1 bekommt also 60.000,00 € und T2 40.000,00 €.

IX. Die Erbenhaftung

Einige Grundsätze wurden bereits erwähnt Der Erbe tritt gemäß § 1922 I vollständig in die
Rechtsposition des Erblassers ein, "erbt" also auch seine Schulden. Fraglich ist, ob und inwie-
weit er mit seinem eigenen Vermögen haftet. Für alle Haftungsfragen ist zwischen Alleinerb-
schaft, Miterbschaft und Vor- und Nacherbschaft zu differenzieren:

1. Der Alleinerbe haftet grundsätzlich unbeschränkt, § 1967 I, d. h. auch mit seinem eigenen
Vermögen, kann aber die Haftung beschränken (dazu gleich). Er haftet für die:
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a) Erblasserschulden, § 1967 II, d. h. die Schulden, die der Erblasser begründet hat, z. B. aus
Darlehen, Verkehrsunfall, Kaufvertrag usw.;

b) Erbfallschulden, § 1967 I, die den Erben als solchen treffen, z. B. Vermächtnisse, Pflichtteils-
ansprüche, Beerdigungskosten, Erbschaftssteuer; Nachlasserbenschulden, die sich aus der
Verwaltung des Nachlasses ergeben, z.B. Betriebskosten für die Firma des Erblassers. Hier
haftet der Erbe immer auch persönlich, sofern er mit den Gläubigern keine Ausnahme verein-
bart hat.

2. Melden sich die Gläubiger nach dem Erbfall nicht, so kann der Erbe gemäß §§ 1970 ff. beim
Nachlassgericht ein Aufgebotsverfahren beantragen. Das Nachlassgericht fordert dann öffent-
lich (Zeitung, Bundesanzeiger) die Gläubiger auf, ihre Forderungen innerhalb einer bestimmten
Frist anzumelden. Danach ergeht ein Ausschlussurteil. Dann kann der Erbe allen ausgeschlos-
senen Gläubigern, d. h. denjenigen, die sich nicht gemeldet haben, die Leistung verweigern,
wenn vom Nachlass nichts mehr vorhanden ist, §§ 1973, 1974. Bis zum Abschluss des Verfah-
rens kann der Erbe die Leistung ohnehin verweigern, § 2015. Außerdem kann er während der
ersten 3 Monate nach dem Erbfall die Leistung verweigern, § 2014 (Dreimonatseinrede) .

3. Im Übrigen kann der Erbe seine Haftung durch Nachlassverwaltung und Nachlassinsolvenzver-
fahren beschränken:

a) Nachlassverwaltung wird auf Antrag des Erben oder eines Gläubigers vom Nachlassgericht
angeordnet, wenn der Nachlass nicht überschuldet und kein Nachlassinsolvenzverfahren ange-
ordnet ist, §§ 1982, 1988. Der Erbe haftet jetzt nicht mehr persönlich, § 1975, der Nachlass
wird vom Nachlassverwalter abgewickelt, § 1084. Er befriedigt aus dem Nachlass die Gläubi-
ger.

b) Das Nachlassinsolvenzverfahren dient der gleichmäßigen Befriedigung aller Gläubiger bei


überschuldetem Nachlass und führt auch zur Haftungsbeschränkung des Erben. Antragsbe-
rechtigt sind gemäß § 317 InsO Gläubiger, Testamentsvollstrecker, Erben und Nachlassverwal-
ter. Der Erbe muss anmelden, § 1980, wenn der Nachlass überschuldet ist. Der Nachlassinsol-
venzverwalter wickelt den Nachlass nach den allgemeinen Insolvenzregeln ab. Für die Befrie-
digung der Gläubiger gelten die Sonderregelungen der §§ 325, 327 InsO.

c) Kommt nicht einmal ein Nachlassinsolvenzverfahren in Frage, hat der Erbe die Dürftigkeitsein-
rede: Er stellt den Gläubigern den Nachlass zur Verfügung, § 1990.

Beispiel: E hat den A zum Alleinerben bestimmt. A stellt fest, dass der Nachlasswert zwischen
90.000,00 € und 120.000,00 € liegt, die Schulden ca. 100.000,00 € betragen. Was ist ihm zu
raten?

A: Er könnte gemäß §§ 1942 ff. ausschlagen, verliert dann aber einen eventuellen Überschuß.
Insolvenz muss er nicht beantragen, da die Überschuldung nicht feststeht, § 1980. Vernünftig
wäre hier eine Nachlassverwaltung: A haftet einerseits nicht persönlich, wenn die Schulden zu
hoch sind, erhält aber andererseits einen möglichen Überschuß.

4. Die Haftung der Miterben


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a) Miterben haften für die geschilderten Nachlassverbindlichkeiten als Gesamtschuldner gemäß


§§ 2058, 421. D. h. jeder Nachlassgläubiger kann sie allein und in voller Höhe in Anspruch
nehmen. Vor der Teilung kann jeder Miterbe die Haftung aus dem Eigenvermögen verweigern.
Die Gläubiger können neben den Miterben auch den gesamten Nachlass in Anspruch nehmen,
§ 2059.

Nach der Teilung bleiben gemäß § 2060 die Miterben Gesamtschuldner, können aber die Haf-
tung beschränken. Nachlassverwaltung wird auf Antrag aller Miterben durchgeführt, § 2062,
Nachlassinsolvenz kann jeder beantragen. Im Übrigen kann jeder Miterbe alle Einreden geltend
machen, die auch ein Alleinerbe erheben kann (siehe oben).

5. Die Haftung der Vor- und Nacherben

a) Der Vorerbe haftet bis zum Nacherbfall wie jeder Erbe, der Nacherbe in dieser Zeit überhaupt
nicht. Der Vorerbe kann jedoch die Haftung in der oben beschriebenen Weise beschränken.

b) Nach dem Nacherbfall haftet der Nacherbe wie jeder andere Erbe auch. Zu weiteren Einzelhei-
ten siehe § 2145.

X. Beschränkungen und Beschwerungen des Erben

1. Testamentsvollstreckung, §§ 2197 ff.

Die Testamentsvollstreckung wird angeordnet, wenn der Erblasser die Durchführung seiner
letztwilligen Verfügung einer vertrauenswürdigen und u. U. sachkundigen Person übertragen
will. Die Anordnung kann im Testament oder (als einseitige Verfügung, siehe oben) im Erbver-
trag erfolgen, aber auch einem Dritten oder dem Nachlassgericht überlassen werden, §§ 2198,
2200. Der Testamentsvollstrecker muss bei Amtsantritt voll geschäftsfähig sein, § 2201. Es
kann auch ein Miterbe sein, § 2202 I. Eine Verpflichtung zur Annahme des Amtes besteht
nicht. Die Testamentsvollstreckung endet mit der Nachlassabwicklung, § 2203, durch Tod,
Entlassung, Zeitablauf oder Kündigung, §§ 2225 - 2227. Der Testamentsvollstrecker nimmt
den Nachlass in Besitz und kann über ihn entgeltlich verfügen, § 2205. Im Rahmen der Ver-
waltung kann er auch Nachlassverbindlichkeiten begründen. Er führt Prozesse über den Nach-
lass im eigenen Namen mit dem Zusatz "als Testamentsvollstrecker".

2. Das Vermächtnis, §§ 2147 bis 2191

a) Das Vermächtnis wurde bereits mehrfach erwähnt; gemäß § 1939 handelt es sich um einen
Vermögensvorteil, der durch Testament oder Erbvertrag zugewendet werden kann, ohne den
Empfänger zum Erben zu machen. Der Vermächtnisnehmer (Bedachter) hat einen schuldrecht-
lichen Anspruch gegen den Beschwerten (meist den Erben). Der Vermächtnisnehmer muss zur
Zeit des Erbfalls (noch) leben, §§ 2160, 1923 I. Für im Erbfall noch nicht gezeugte Personen
kann gemäß § 2178 ein Vermächtnis ausgesetzt werden.

b) Das Vermächtnis kann ohne Einhaltung einer Frist ausgeschlagen werden, und zwar durch
unwiderrufliche Erklärung gegenüber dem Beschwerten, § 2180 II.

c) Man unterscheidet folgende Arten von Vermächtnissen:


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aa) Stückvermächtnis: "Willi soll meine Briefmarken bekommen", § 2169.

bb) Verschaffungsvermächtnis: "Willi soll das Nachbargrundstück erhalten". Im Zeitpunkt des


Erbfalles hat der Erblasser es noch nicht erworben. Hier muss der Erbe (soweit möglich) den
Gegenstand erwerben oder - notfalls - Wertersatz leisten, § 2170.

cc) Forderungsvermächtnis: "Willi soll das Darlehen, das ich an S gezahlt habe, bekommen". Hat-
te S beim Erbfall bereits zurückgezahlt, bekommt Willi einen Geldzahlungsanspruch gegen den
Erben, § 2173.

dd) Zweckvermächtnis: "Willi soll nach bestandener Steuerberaterprüfung 10.000,00 € bekom-


men", § 2156.

ee) Vorausvermächtnis: Es handelt sich um eine zusätzliche Zuwendung an einen Erben: "Meine
Frau und meine Kinder S 1 und S2 sollen zu gleichen Teilen erben. Daneben soll meine Frau F
meinen Mercedes 190 E bekommen", vgl. § 2150.

3. Die Auflage, § 1940

Im Unterschied zum Vermächtnis gibt sie kein Recht auf eine Leistung, sondern verpflichtet,
z.B. zur Verwendung eines Geldbetrages für einen wohltätigen Zweck. Beschwert sein kann
ein Vermächtnisnehmer oder ein Erbe. Zur Vollziehung der Auflage lies § 2194.

XI. Das Pflichtteilsrecht, §§ 2303 ff.

1. Wie bereits angesprochen, gibt das Pflichtteilsrecht bestimmten Personen anstelle des Erbrech-
tes einen Geldzahlungsanspruch in Höhe des halben Erbteils, soweit der Pflichtteil nicht ent-
zogen wurde, Erbunwürdigkeit oder Erbverzicht gegeben sind, § 2303.

2. Pflichtteilsberechtigt sind Abkömmlinge, Eltern, und Ehegatten und Lebenspartner, § 2303 I 1,


II 1, § 10 VI LPartG. Eltern und entferntere Abkömmlinge sind vom Pflichtteil ausgeschlossen,
soweit sie durch nähere Verwandte auch von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen sind, §§
1924 II, 1930, 2309. Auch das nichteheliche Kind ist pflichtteilsberechtigt.

3. Voraussetzungen des Anspruchs sind, dass der Pflichtteilsberechtigte durch Verfügung von
Todes wegen von der Erbfolge ausgeschlossen ist, §§ 2303, 2338 a. Hat jemand durch letzt-
willige Verfügung weniger bekommen, als sein Pflichtteil beträgt, hat er für die Differenz einen
Pflichtteilsrestanspruch, § 2305. Beschränkungen (etwa Nacherbschaft, Vermächtnis usw.)
entfallen dann, § 2306. Hat jemand zwar mehr als 1/2 des gesetzlichen Erbteils zugewendet
bekommen, aber ist er durch ein Vermächtnis beschwert, kann er ausschlagen und den unbe-
schwerten Pflichtteil verlangen, § 2306 I 2. Im Übrigen ist wichtig: Die Ausschlagung führt
grundsätzlich nicht zum Pflichtteil, außer für Ehegatten und Lebenspartner, vgl. § 1371 III, §
6 LPartG. Wird einem Pflichtteilsberechtigten nur ein Vermächtnis zugewendet, dann kann er
es unabhängig von der Höhe ausschlagen und den Pflichtteil verlangen, § 2307 I, oder auch die
Wertdifferenz bis zur Höhe des Pflichtteils, § 2307 I 2.
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4. Der Pflichtteilsanspruch ist eine Nachlassverbindlichkeit, für den der Erbe oder die Miterben-
gemeinschaft haftet. Ist er entstanden, kann er übertragen und vererbt werden.

5. Problematisch ist der Pflichtteilsanspruch in der Zugewinngemeinschaft bzw. für Lebenspartner


in der Ausgleichsgemeinschaft, § 6 II 4 LPartG,:

a) Ist ein Ehegatte durch letztwillige Verfügung von der Erbfolge ausgeschlossen, kann er nur
gemäß § 1931 in Verbindung mit § 2303 den kleinen Pflichtteil, d. h. 1/8, und den güterrechtli-
chen Zugewinnausgleich verlangen, § 1371 II (BGHZ 42, 182).

b) Erbt der Ehegatte aufgrund letztwilliger Verfügung weniger als sein Pflichtteil beträgt (oder
erhält ein entsprechendes Vermächtnis ausgesetzt), hat er den Pflichtteilsrestanspruch gemäß
§§ 2305, 2307. Dieser geht bei der Berechnung vom großen Pflichtteil aus (§§ 1931 I, 1371 I),
beträgt also 1/4. Merken Sie sich bitte: Jede Zuwendung an den Ehegatten durch letztwillige
Verfügung führt also zum großen Pflichtteil.

c) Schlägt der Ehegatte die Zuwendung aus, §§ 1942 I, 2176, bekommt er den güterrechtlichen
Zugewinnausgleichsanspruch und den kleinen Pflichtteil, § 1371 III.

6. Die Berechnung des Anspruchs ergibt sich aus § 2311. Nachlassverbindlichkeiten werden vor-
her abgezogen, allerdings gehen die Vermächtnisse dem Pflichtteil nach. Auch kann sich der
Pilichtteil mindern, wenn der Erblasser dem Pflichtteilsberechtigten bereits zu Lebzeiten etwas
mit der Bestimmung zugewendet hatte, dass es auf den Pflichtteil angerechnet werden solle,
§ 2315 I. Dann wird wie folgt gerechnet:

Beispiel: E hat seinem Sohn S1 16.000,00 € für die Anschaffung eines Fiat Uno gegeben mit
der Bestimmung, das Geld solle auf den Pflichtteil angerechnet werden. Beträgt nun der Wert
des Nachlasses 80.000,00 € und ist S1 zu 1/4 pflichtteilsberechtigt, ergibt sich folgender An-
spruch: 80.000,00 € plus 16.000,00 € x 1/4 minus 16.000,00 € gleich 8.000,00 €.

Besondere Anrechnungspflichten ergeben sich - wie bei der gesetzlichen Erbfolge - unter Ab-
kömmlingen, § 2316, der auf die §§ 2050, 2057 a verweist (siehe oben).

Beispiel: E setzt S1 zum Alleinerben ein, der Nachlasswert beträgt 120.000,00 €. S2 hat als
Ausstattung bereits 10.000,00 € erhalten und fragt jetzt, wie hoch sein Pflichtteilsanspruch ist.

A. S2 ist enterbter Abkömmling und damit pflichtteilsberechtigt in Höhe des halben gesetzlichen
Erbteils gemäß §§ 2303, 1924, also zu 1/4. Zum Nachlasswert muss die Ausstattung gemäß
§ 2311 hinzugerechnet werden, §§ 2050 I, 1624. Damit beträgt der fiktive Nachlasswert
130.000,00 €, von denen jeder Sohn 65.000,00 € verlangen könnte. Für S2 wird die Ausstat-
tung in Höhe von 10.000,00 € abgezogen, so dass er als gesetzlicher Erbe 55.000,00 € verlan-
gen könnte. Sein Pflichtteil beläuft sich demgemäß auf die Hälfte von diesem Betrag, d. h. auf
27.500,00 €.

7. Die Pflichtteilsergänzung, §§ 2325 ff.

Sie schützt den Pflichtteilsberechtigten vor einer Aushöhlung des Nachlasses durch lebzeitige
Schenkungen. Schenkungen innerhalb von 10 Jahren vor dem Erbfall (§ 2325 II) werden für
die Wertberechnung dem Nachlass zugerechnet, § 2325 I. Auf der Grundlage des fiktiven
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Nachlasswertes folgt dann die Pflichtteilsberechnung. Ist der Erbe aber selbst pflichtteilsbe-
rechtigt, so kann er die Erfüllung des Pflichtteils verweigern, wenn er durch seine Zahlung sei-
nerseits unter die Pflichtteilsgrenze gelangen würde. Anstelle des Anspruchs gegen den Erben
tritt dann für den Pflichtteilsberechtigten der Anspruch gegen den Beschenkten gemäß § 2329.
Das gleiche gilt, wenn der Pflichtteilsberechtigte nicht enterbt wurde, aber durch letztwillige
Schenkung der Nachlass in gleicher Weise geschmälert wurde, § 2336. Der Erbe soll damit
nicht schlechter gestellt werden als der Enterbte.