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Der deutsch-argentinische Pressestreit

Die Auseinandersetzung zwischen Argentinischem Tageblatt und der Deutschen La Plata Zeitung
Tageblatt
Von Georg Ismar
„Eigentlich sind es zwei Dör-
fer, das republikanische und das
nationalistische, (...) die beiden
Dörfer sind unübersteiglich ge-
trennt. (...) Wir haben nämlich ein
Theater, die anderen haben auch
eins, wir haben jeder eine Zeitung,
jeder eine Schule, Vereine, Vorträ-
ge – in einer Umwelt deutsche
Welt und deutsche Unwelt. (...)
Aber die Trennung ist so absolut,
daß man in einem Dorf vergessen
kann, daß das andere existiert.“
Mit diesen Worten beschrieb
der Exilant Balder Olden den Zu-
stand der deutschen Gemeinschaft
am Río de la Plata während der
Zeit des Nationalsozialismus. Zu
einem Spiegelbild der „zwei Dör-
fer“ wurde der Konflikt zwischen
den beiden größten deutschspra-
chigen Zeitungen in Argentinien:
dem Argentinischen Tageblatt
(AT) und der Deutschen La Plata
Zeitung (DLPZ).
Mit der Ernennung Adolf Hit-
lers zum Reichskanzler am 30. Ja-
nuar 1933 entwickelte sich der la- Argentinisches Tageblatt, 4. März 1933. Warnung vor Pogromen in Deutschland.
tent schwelende Konflikt zwi-
schen den beiden Zeitungen zu schen Zeitungen und eine derar- Als 1917 die Herausgeber der „Reichsdeutschen“ avancierte, der
einem regelrechten „Pressekrieg“. tig klare Positionierung zweier im Deutschen La Plata Zeitung, Emil Weimarer Republik negativ ge-
Während die Deutsche La Plata öffentlichen Leben des Gastlandes und Hermann Tjarks, aufgrund ei- genüberstand, stets die Konservie-
Zeitung hundertprozentig den of- und der deutschen Gemeinschaft ner aufgedeckten Subventionie- rung des deutschen Elements in
fiziellen Standpunkt des Reiches fest verankerten deutschsprachi- rung seitens des Deutschen Kai- Argentinien betonte und zu einer
und des Nationalsozialismus ver- gen Zeitungen ist nach bisheri- serreichs für die von ihnen heraus- deutschen Zeitung in Argentinien
trat, zögerte das Argentinische gem Forschungsstand ohne Bei- gegebene Zeitung La Unión aus wurde, entwickelte sich das AT
Tageblatt nicht einen Augenblick, spiel. dem Círculo de la prensa ausge- zum Organ der Republikaner, das
„zur Attacke gegen die neuen Her- schlossen wurden, trat der Heraus- eher die Belange der „Volksdeut-
ren des Reiches vorzugehen“ (Pe-
Erste Konfrontation geber des AT, Theodor Alemann, schen“ vertrat, sich für eine stär-
ter Bussemeyer am 29. April 1939 aus Solidarität ebenfalls aus dem kere Assimilierung der Deutsch-
im AT). Eine solche Konfrontati- Zur ersten direkten Konfronta- Círculo de la prensa aus. Das AT stämmigen am La Plata einsetzte
on zwischen zwei auslandsdeut- tion zwischen beiden Zeitungen bezahlte seine klare Positionie- und sich als argentinische Zeitung
war es bereits 1907 gekommen. rung während des Ersten Weltkrie- in deutscher Sprache verstand. Die
Die Deutsche La Plata Zeitung or- ges mit tätlichen Angriffen von Auseinandersetzungen zwischen
ganisierte einen letztlich erfolglo- argentinischen Demonstranten. dem monarchistisch gesinnten und
sen Anzeigenboykott gegen das Nachdem 1917 Telegramme des dem republikanischen Lager, aber
Tageblatt, weil es ihrer Meinung deutschen Gesandten Graf von auch zwischen den Zeitungen,
nach zu positiv über Wahlerfolge Luxburg (er bezeichnete darin den gewannen in der Folgezeit an
der Sozialdemokraten in Deutsch- argentinischen Außenminister Schärfe, das Toleranzniveau wur-
land berichtet hatte und ein Glück- Puyerredón als notorischen Esel) de geringer. Während das AT of-
wunschtelegramm der La Plata von den Alliierten dechiffriert fensiv bestimmte Entwicklungen
Zeitung an den Kaiser, das hagio- worden waren, kam es zu einem ansprach und die DLPZ direkt kri-
graphische Züge aufwies, von Angriff auf das Redaktionsgebäu- tisierte, agierte die Gegenseite
dem Tageblatt ins Lächerliche ge- de des Tageblatts. nicht offen, sondern organisierte
zogen worden war. im Hintergrund bestimmte Aktio-
Während des Ersten Weltkrie- Weimar oder Kaiserreich? nen, um den „Gegner“ entschei-
ges kam es zu einer in der Ge- dend zu treffen.
schichte der Deutschen in Argen- Nach dem Ersten Weltkrieg 1924 verschwanden neun gro-
tinien fast einmaligen Phase der und dem Übergang zur Weimarer ße Unternehmen mit ihren Anzei-
Zusammenarbeit, in der selbst das Republik spiegelten sich die Span- gen aus dem Tageblatt. Das AT sah
Argentinische Tageblatt und die nungen in der Heimat auch inner- in der Deutschen La Plata Zeitung
Deutsche La Plata Zeitung ihre halb der deutschen Gemeinschaft einen der Drahtzieher des Anzei-
von Konkurrenz und Missgunst in Argentinien wider. Während die genboykotts. In dem Leitartikel
Karikatur von Clément Moreau. geprägten Differenzen vergaßen. DLPZ zum Sprachrohr der am 6. März 1924 schrieb die Zei-
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land verschärften sich die Ausein- Tageblatt naturgemäss sehr gross.


andersetzungen zwischen beiden Seine gröblichen Verletzungen der
Zeitungen. Der Großteil der einfachsten Erfordernisse natio-
Deutschsprachigen trat mental naler Würde haben auch dazu ge-
ohne Zwischenschritt vom Kaiser- führt, dass sämtliche deutsche Fir-
reich zum Dritten Reich über. men und fast alle nationalgesinn-
Zwischen AT und DLPZ entbrann- ten deutschen Aerzte dem Blatt
te ein Kampf um die Meinungs- ihre Anzeigen entzogen haben.“
führerschaft. Dabei kritisierte das Besonders enttäuscht zeigte
AT mit scharfen Worten die Akti- sich das Argentinische Tageblatt,
vitäten der Nationalsozialisten in das gerade der sozialistische Ver-
Argentinien und die Berichterstat- ein Vorwärts weiter Anzeigen in
tung der DLPZ. Die mehrheitlich der Deutschen La Plata Zeitung
konservativen Kreise, die nationa- schaltete:
listische Ideen präferierten, aber „Die Spiessbürger, die das Na-
der Idee des Nationalsozialismus zipapier lesen, glauben vielleicht
skeptisch gegenüber standen, wa- sogar noch an das Märchen der
ren von der rigorosen Linie des kommunistischen Brandstiftung
Tageblatts abgeschreckt. Das Pa- im Reichstag, und die Arbeiter, die
radoxe an der Situation: Mit sei- es noch halten, lassen sich an den
ner Berichterstattung begab sich Fingern einer Hand aufzählen.
das Sprachrohr der liberal-demo- Um so seltsamer und unwürdiger
kratischen Kreise auf eine gefähr- ist es, dass es immer noch deut-
liche Gratwanderung. Durch die sche Vereine gibt – einer von ih-
klare Positionierung und die dra- nen wurde von Opfern der Bis-
stische Wortwahl sorgte es für ei- marckschen Sozialistenverfolgung
nen unerwünschten Effekt. Natio- gegründet und blickt auf eine glor-
nalistisch und konservativ gesinn- reiche Tradition zurück – die in
te Deutsche unterstützten die Ent- der Zeitung, die täglich deutsche
wicklung in der Heimat und nä- Arbeiter beschimpft, noch Anzei-
herten sich an die nationalsoziali- gen und Vereinsnachrichten ver-
stischen Kreise an, um gemeinsam öffentlichen.“
die Angriffe des Tageblatts und Bis 1939 schaltete der Vorwärts
anderer argentinischer Zeitungen in der DLPZ Anzeigen. Der Grund
gegen die Entwicklungen in lag wohl darin, dass es für viele
Deutschland, vor allem nach dem Arbeiter in deutschen Firmen zu
Reichstagsbrand, abzuwehren. gefährlich war, das AT zu lesen.
Man schloss sich zusammen und Über die Anzeigen wurde ver-
Argentinisches Tageblatt, 12. März 1933. Erste Karikatur im bildete mit der Deutschen La Pla- sucht, diese Zielgruppe über die
Rahmen der umfänglichen Sonntagsnummern, die ab März 1933 ta Zeitung als Sprachrohr eine Aktivitäten des Vereins zu infor-
zur Tradition wurden. Fotomontage von John Heartfields, die Wagenburg gegen die Anfeindun- mieren.
Adolf Hitler in wilhelminischer Aufmachung zeigt. gen von vielen Seiten. Welchen Stellenwert die Natio-
tung unter dem Titel „Moller- mehrfacher Hinsicht der Ursprung nalsozialisten der Deutschen La
Komplott und La Plata Zeitung“: für die Auseinandersetzungen Der Ton wird schärfer
Ton Plata Zeitung als Verteidigerin ih-
„Unsere Verteidigung gegen zwischen beiden Zeitungen ab rer Interessen am La Plata beima-
den hinterhältigen Angriff des hie- 1933 begründet. Hatten beide Zei- Deutlich wird diese Beobach- ßen, wurde im Frühjahr 1933 bei
sigen Anführers der deutschen po- tungen zuvor nur die Rolle von tung an einem Lagebericht nach einer Deutschlandreise des Direk-
litischen Desperados bildet nicht Sprachrohren ihrer Klientel einge- dem Machtwechsel in Deutsch- tors Emil Tjarks deutlich. Tjarks
allein das Tagesgespräch der nommen und sich politisch immer land, den der Deutsche Gesandte wurde von Adolf Hitler und Jo-
deutschsprechenden Kreise in der weiter voneinander entfernt, kam in Buenos Aires, Heinrich von seph Goebbels persönlich empfan-
Landeshauptstadt, sondern eben- es nun zu ersten direkten scharfen Kaufmann-Asser, am 25. April gen. Zu seinen Ehren richtete das
so in den Provinzen und weit über Auseinandersetzungen. Beide Zei- 1933 an das Auswärtige Amt in Auswärtige Amt mehrere Banketts
die Landesgrenzen hinaus. Die tungen misstrauten einander und Berlin sandte: aus, und dem Völkischen Beob-
Deutsche La Plata Zeitung konnten deshalb im weiteren Ver- „Unter dem Druck der anti- achter gab er ein längeres Inter-
schweigt sich dazu aus, was frei- lauf in publizistischer Hinsicht deutschen Greuelpropaganda, die view. Darin offenbarte er seine
lich wohl das klügste ist, was sie nicht für eine Einigung der deut- in den Tagen nach dem Reichs- antisemitische Grundeinstellung:
tun kann, denn sie weiss ganz ge- schen Gemeinschaft eintreten. tagsbrand vom 5. März [sic] hier „Der Jude ist triebhaft, staats-
nau, dass sie das, was in ihrer Deutschnationale, Monarchisten, einsetzte und deren besonderen feindlich und auch bei uns findet
Macht stand, dazu beigetragen Korpsstudenten, Ex-Offiziere und Wortführer das deutsch geschrie- man ihn stets unter den radikalen
hat, um den Putschisten den Nak- andere Gruppen zeigten nun offen bene Argentinische Tageblatt bil- Parteien, die den Staat bekämp-
ken zu steifen. (...) Systematisch ihre Antipathie gegenüber dem dete, fanden sich jedoch die na- fen. Die kommunistische Bewe-
hat sie ihre Leser gegen unsere Tageblatt und auch den mit ihm tionalgesinnten Deutschen in dem gung, die auch bei uns Fuß gefaßt
Zeitung aufgehetzt, obwohl sie sympathisierenden Gruppen. Das Wunsche zusammen, durch ge- hat, wird auch bei uns von den
den Namen wohlweislich nicht Wort „Kampf“ gehörte seit dem schlossenes Auftreten den bereits Juden geführt oder mit Bildern
nannte, war doch das Ziel ihrer Boykott 1924 zum Standardreper- wirksam werdenden schädlichen aus jüdischen Quellen gefördert
Hetze allzu durchsichtig, als das toire in der Selbstdarstellung des Wirkungen dieser Propaganda oder unterstützt. Der Jude wird
es nicht erkannt worden wäre AT. entgegenzutreten. (...) Die Erre- sich nie mit anderen Völkern so
(...).“ Mit der Machtergreifung der gung in der deutschen Kolonie ist assimilieren, daß er das Volksin-
In diesem Konflikt liegt in Nationalsozialisten in Deutsch- vor allem gegen das Argentinische teresse über das Interesse des Ju-
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dentums stellt. (...) Bei uns in Ar- der Telegramme eine „Greuelmel-
gentinien gibt es eine Rassenfra- dung“ der UP über die Lage im
ge wie bei ihnen nicht, es wäre Dritten Reich nicht auffiel und sie
dies auch bei der großen Blutver- von der DLPZ publiziert wurde,
mischung nicht denkbar. Nur der druckte das AT diese in seinen
Jude hat sich rassenrein erhalten Spalten ab. Die DLPZ hingegen
und ihn bekämpfen wir und müs- ignorierte das AT weitgehend,
sen ihn bekämpfen, weil er, wie ge- weil es seine Haltung als „un-
sagt, stets staatsfeindlich ist.“ deutsch“ und jüdisch“ definierte.
Den Zorn über die Zeitung aus
Am Rande des Ruins dem Hause Alemann reagierte die
DLPZ über den Umweg befreun-
Wie Tjarks in dem Interview deter rechts-nationalistischer ar-
angab, musste bei der Besonder- gentinischer Zeitungen wie Clari-
heit Argentiniens als Einwande- nada oder El Crisol ab. Diese bil-
rungsland den ethnischen Emp- deten den Ausgangspunkt für
findlichkeiten Rechnung getragen zahlreiche Diffamierungen gegen
werden. Gelang dies nicht, nutzte das Tageblatt.
das Tageblatt jede Gelegenheit, Das AT fungierte in dieser Pha-
um jüdische Geschäftsleute von se als aufmerksamer Beobachter
der antisemitischen Einstellung der journalistischen Praxis seines
der DLPZ zu überzeugen und in Gegenspielers und lancierte in den
die eigene Berichterstattung mit „Randglossen“ fast täglich An-
einzubinden. Diese Taktik war er- griffe gegen die DLPZ. Die Spra-
folgreicher als die Überzeugungs- che wurde dabei immer rauher:
arbeit bei den nationalsozialistisch „Subventioniertes Nazipapier,
gesinnten Deutschen in Argenti- Goebbelsorgan, ersterbend rük-
nien. Durch den Verlust wichtiger kenmarkloser Bückling.“ Mit die-
jüdischer Anzeigenkunden geriet sen Zuschreibungen charakteri-
die DLPZ 1938 an den Rand des sierte das Argentinische Tageblatt
Ruins, weil sie stattdessen in gro- die Deutsche La Plata Zeitung.
ßer Aufmachung und gratis die Diese fand nicht minder scharfe
Aufrufe der NSDAP-Landesgrup- Formulierungen und titulierte die
pe Argentinien abdruckte. AT-Redakteure als „Pressereptili-
Um ihrer Berichterstattung den en“, die eine „Hetzpropaganda“
Eindruck von Meinungspluralität betreiben würden, „die sich selbst
zu verleihen, verwendete die mit Jauche besudelt“.
DLPZ den Agenturdienst der Uni- Die DLPZ verteidigte das Drit- Deutsche La Plata Zeitung, 3. April 1938. Ankündigungsplakat für
ted Press. Wenn der Zeitung bei te Reich gegen alle Anfeindungen die Feier des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich
der redaktionsinternen Durchsicht von außen, während das AT die am 10. April im Luna-Park von Buenos Aires.
Grausamkeit der Nationalsoziali- chen. Am 30. Juni 1934 sollte der
sten betonte und schon früh von Stolz deutscher Ingenieurkunst,
Judenverfolgungen und Konzen- der Zeppelin, Buenos Aires in
trationslagern berichtete. niedriger Höhe überfliegen. Eine
Um das Bild vom „neuen Landung war nicht möglich, da es
Deutschland“ auch der argentini- keinen Ankermast gab. Propagan-
schen Öffentlichkeit näher zu distisch hatte der Tag für die na-
bringen und Zweifel innerhalb der tionalsozialistisch gesinnten Deut-
deutschen Gemeinschaft auszu- schen und die Deutsche Gesandt-
räumen, berichtete die DLPZ in- schaft eine enorme Bedeutung.
tensiv über Deutschlandreisen Doch als der Zeppelin in Buenos
wichtiger argentinischer Persön- Aires eintraf, ereignete sich auf
lichkeiten. So besuchte im Som- der anderen Seite des Atlantiks et-
mer 1934 der Bischof Miguel de was, dass die Taktik der National-
Andrea verschiedene deutsche sozialisten in Argentinien und der
Städte, und im Dezember des glei- Deutschen La Plata Zeitung kon-
chen Jahres reisten 16 argentini- terkarierte: Im Rahmen einer als
sche Doktoranden in das Deutsche Röhm-putsch bekannt geworde-
Reich. Mit Hilfe dieser indirekten nen Aktion wurde praktisch die
Propaganda sollten gerade argen- gesamte Führung der SA durch die
tinische Eliten über wissenschaft- Nationalsozialisten ermordet. Die
liche und kulturelle Austauschpro- Hauptseiten der Zeitungen waren
gramme „deutschlandfreundlich“ am nächsten Tag „voll des ‚deut-
gestimmt werden, um sie zu Ex- schen Wunders’ und nicht gerade
ponenten deutscher Politik am La des technischen, das man soeben
Plata zu machen. Ende Juni 1934 genossen hatte“ (AT-Redakteur
Argentinisches Tageblatt, 23. April 1933. Karikatur von Clément bot sich auch den Argentiniern vor Peter Bussemeyer). In Buenos
Moreau anlässlich des Einfuhrverbotes für das Argentinische Ort die Möglichkeit, sich ein Bild Aires wurden den Verkäufern am
Tageblatt im Deutschen Reich.
vom „neuen Deutschland“ zu ma- 1. Juli die Zeitungen aus der Hand
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kritisieren. Am 9. November 1937


gewährte mit La Prensa erstmals
eine der großen, bis dahin neutra-
len Zeitungen, dem AT-Herausge-
ber Ernesto Alemann breiten
Raum in ihren Spalten. Der kom-
missarische Organisationsleiter
der NSDAP in Argentinien, Karl
Arnold, stellte daraufhin entsetzt
fest:
„Das ganze Manöver wurde
zweifellos von den Alemanns in-
szeniert. Bisher benützte Alemann
fast nur die üblen Hetzblätter
„Critica“, „Noticias Graficas“
und die engl. Zeitung „Buenos
Aires Herald“ für seine Machen-
schaften. Da es ihm jetzt das er-
ste Mal gelungen ist, auch die als
„seriös“ angesehene „La Pren-
sa“ einzuspannen, befürchte ich,
dass er seine Manöver so oft als
möglich bei allen sich bietenden
Gelegenheiten wiederholen wird.
Es besteht die Möglichkeit, dass
es Alemann gelingt, gegen die na-
tionalsozialistisch gesinnte deut-
sche Kolonie und die Partei in Bu-
enos Aires ein Kesseltreiben in
der Presse zu inszenieren, die uns
in unserer weiteren Arbeit auf al-
len Gebieten (...) aufs Schwerste
hemmen kann.“
Gerade in dieser Situation, wo
die Einstellung der argentinischen
Öffentlichkeit von Indifferenz zu
einer kritischen Einstellung ge-
genüber dem Nationalsozialismus
Deutsche La Plata Zeitung, 11. April 1938. Feier des „Anschlusses“ Österreichs wechselte, geriet zudem die Deut-
an das Deutsche Reich im Luna-Park von Buenos Aires. sche La Plata Zeitung in ökono-
gerissen und es entstand der Ein- lassen wollen. Gleichzeitig be- finden. Exilierte Journalisten und mische Bedrängnis. Nur eine Fi-
druck, „es gebe auf der Welt nur müht es sich, die Wahrheit zu ver- Schriftsteller der Weimarer Zeit nanzspritze in Höhe von 25 000
noch ein Ereignis: das deutsche nebeln, indem es die amtlichen machten das AT zu einer vollwer- Reichsmark und eine eilig nach
Blutbad“ (Peter Bussemeyer, AT, Verleumdungen des ermordeten tigen und mit einer Auflage von Buenos Aires gesandte Papierlie-
29.4.1939 zum 50-jährigen Jubi- Generals von Schleicher als bare 28 000 viel gelesenen Tageszei- ferung sicherten die Existenz der
läum des AT). Das Argentinische Münze hinstellt und ihn zum Ver- tung. Zeitung.
Tageblatt sprach von „Hitlers Ver- räter im Solde Frankreichs stem- Die Presseabteilung des Aus-
rat“ und interpretierte die Ereig- pelt. Er kann sich ja gegen diese Argentinien wird sensibler wärtigen Amtes in Berlin beton-
nisse als Entlarvung der Grausam- Infamie nicht mehr wehren“ (AT, te, „(...) es wäre ein gefundenes
keit des Hitler-Regimes, die noch 5.7.1934). Ab Ende 1937 änderte sich zu- Fressen für unsere Gegner, beson-
nicht einmal vor eigenen Kame- Konnte das AT trotz aller Be- dem die öffentliche Einstellung in ders für das „Argentinische Tage-
raden halt mache. Die Verteidi- mühungen mit seiner Berichter- Argentinien gegenüber dem Na- blatt“, das schon seit 4 Jahren
gungstaktik der Deutschen La Pla- stattung bis Mitte der dreißiger tionalsozialismus. Hatte man bis behauptet, daß die La Plata Zei-
ta Zeitung erschien dem AT in die- Jahre innerhalb der deutschen dahin die Aktivitäten der NSDAP tung finanziell am Ruin sei und
sem Kontext äußerst unverständ- Gemeinschaft auf die nationalso- kaum wahrgenommen, gelang es seitens des Promi subventioniert
lich: zialistisch gesinnte Mehrheit dem AT nun, stärker die Gefahren würde, wenn diese stets für unse-
„Das bestechliche Blättchen, kaum Einfluß ausüben, geriet es in das öffentliche Bewusstsein zu re Belange so außerordentlich ein-
dem die Irrungen und Wirrungen durch die Ankunft tausender rücken. Eine Veranstaltung des getretene Zeitung nun ihren Be-
der ersten Tage des Hitler-Gör- Flüchtlinge aus dem Deutschen Deutschen Schulverbandes im trieb schließen müßte.“
ingschen Blutrausches die Spra- Reich in eine neue Rolle. Teatro Colón (das Konzert der Eine mögliche Reaktion des
che verschlagen hatte, findet die Durch seine liberal-demokrati- „1000 deutschen Kinder“) nahm Argentinischen Tageblatts auf ei-
gewohnten Töne der Entrüstung sche Einstellung wurde es zu ei- das AT in einem Artikel am nen Ruin der DLPZ wurde also in-
über „Greuel- und Lügenpropa- ner Art Rettungsanker für die nach 31.10.1937 zum Anlass, das man- strumentalisiert, um Druck auf die
ganda“ feindlicher Mächte und in Argentinien geflüchteten jüdi- gelhafte behördliche Vorgehen verantwortlichen Stellen, vor al-
ihrem Dienste stehender Nach- schen und politischen Emigranten gegen propagandistische Veran- lem auf das Propagandaministeri-
richtenagenturen wieder. Und aus Deutschland. Das Tageblatt staltungen und die fortgesetzte um auszuüben, das sich in einer
macht seinen davongelaufenen benutzte die Sprache der Heimat Duldung der Durchdringung der starken Konkurrenz zur Presseab-
Lesern die bittersten Vorwürfe, und half zugleich, sich vor Ort in deutschen Schulen mit der natio- teilung des Auswärtigen Amtes
dass sie sich nicht länger belügen dem ungewollten Exil zurecht zu nalsozialistischen Ideologie zu befand und mit dieser um die Füh-
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rungskompetenz bei der Aus- als Niemandsland klassi-


landspropaganda stritt. fiziert, das von Deutsch-
Wie wichtig die DLPZ in Zu- land annektiert werden
kunft für die Propagandaarbeit am könnte. Es gilt als relativ
La Plata aber auch den Zusam- unbestritten, dass es sich
menhalt des nationalsozialistisch bei dem Dokument um
gesinnten Teils der deutschen Ge- eine Fälschung handelte.
meinschaft sein sollte, zeigte sich Verantwortlich war
bereits am 10. April 1938, als es Heinrich Jürges, der of-
zu gewalttätigen Ausschreitungen fenbar einen persönli-
am Rande der Feier des „An- chen Rachefeldzug ge-
schlusses“ Österreichs an das gen die NSDAP führte,
Deutsche Reich im Luna Park die ihn am 9.August
kam. Das AT sah sich bestätigt, 1933 wegen schwerer
dass die Argentinier „vom Nazi- „sittlicher und morali-
Geist nichts wissen wollen“. scher Verfehlungen“ aus
Das Klima in der argentini- der Partei ausgeschlos-
schen Öffentlichkeit war mittler- sen hatte. Es gilt heute
weile überwiegend antinationalso- als sicher, dass Jürges im
zialistisch geprägt. Zeitungen wie Auftrag des britischen
das Argentinische Tageblatt fan- Geheimdienstes handel-
den plötzlich in der gesamten te. Das AT nutzte den an-
Presselandschaft einen starken geblichen Beweis für
Widerhall ihrer Berichterstattung territoriale Absichten des
über eine etwaige „Fünfte Kolon- Dritten Reichs in Argen-
ne“ und angebliche nationalsozia- tinien, obwohl es bereits Deutsche La Plata Zeitung, 22. Mai 1940. Euphorische Berichterstattung
listische Infiltrationspläne in Ar- 1936 einer Jürges-Fäl- über das schnelle Vorrücken der deutschen Truppen im Westen.
Der größte Sieg der Weltgeschichte.
gentinien. Zum Höhepunkt der schung aufgesessen war.
Auseinandersetzung entwickelte Die mit dem AT zusammenarbei- Deutschland“ der argentinischen nährten. (...) Die antideutsche
sich in diesem Kontext die be- tende Organisation von Emigran- Öffentlichkeit ihre Rolle als Hetze trifft sie nicht, aber der Tag
kannte Patagonien-Affäre im ten, „Das Andere Deutschland“, „Auch-Deutsche“ vorspielen wür- ist wohl nicht mehr fern, da auch
April 1939. machte gegenüber der argentini- den und geflüchtete Vaterlands- den Argentiniern die Erkenntnis
Am Abend des 30. März 1939 schen Öffentlichkeit deutlich, dass vertreter seien, die nun in Argen- von der unheilbringenden Bedeu-
veröffentlichte Noticias Gráficas viele Deutsche in Argentinien tinien in Aktion treten müssten. tung des Judentums aufdämmert
ebenso wie das Argentinische Ta- nicht antinationalsozialistisch sei- Die Zeitung blieb die Begründung (...)“ (DLPZ, 19.4.1939).
geblatt und Última Edición am en. Dies wiederum provozierte die für ihre ungewöhnlich direkte, den Am 20. April 1939 antworte
Folgetag ein Faksimile eines an- DLPZ derart, dass die demokra- Adressaten klar benennende Be- das Tageblatt der DLPZ in seinen
geblich von der Deutschen Bot- tisch gesinnten Deutschssprachi- richterstattung nicht schuldig: Randglossen:
schaft in Buenos Aires an das gen in Argentinien scharf attak- „Es müssen jetzt klare Fronten „Das subventionierte Rekord-
Kolonialpolitische Amt der kiert wurden. Die DLPZ bezeich- geschaffen werden. Nur darum papier unfreiwilliger Komik hat
NSDAP in München abgesandten nete sie als „Pseudodeutsche“, die müssen wir uns mit Gestalten be- sich gestern selber überboten, und
Briefes. Darin wurde Patagonien als „Semigranten vom „anderen fassen, die wir aus tiefster Seele das will viel heissen. Es sprüht
verachten und daher Gift und Galle gegen „Das ande-
übersehen, ja über- re Deutschland“, weil diese Grup-
springen, wie man pe anständiger Deutscher vor der
Schmutzpfützen über- argentinischen Oeffentlichkeit von
springt, um nicht in Un- dem braunen Gesindel abgerückt
rat zu treten. Es handelt war. (...) Aber vielleicht hat der
sich um die geflüchteten entrüstete Schreiberling, bevor er
Volksverräter aller sich unter die Stehlampe setzte,
Schattierungen und um um sich im Stile seines geliebten
jene Juden, die sie füh- Pornographen-Organs zu ergies-
ren. Eine ihrer wichtig- sen, vorher dem Alkohol zu kräf-
sten Organisation nennt tig zugesprochen. Falls er nüch-
sich „Das Andere tern war, sollte er sich doch um
Deutschland“. Da es eine Freistelle in der dritten Klas-
niemals ein anderes se einer nicht gleichgeschalteten
Deutschland geben wird Schule bewerben, damit er endlich
als das nationalsoziali- mit der deutschen Sprache Frie-
stische deutsche Volks- den schliessen kann.“
reich, können sich diese
Leute also nur auf das In der Defensive
andere Deutschland von
1919 bis 1933 beziehen, Die Patagonien-Affäre endete
auf jenen Augiasstall, in nicht zuletzt auch aufgrund des
dem sie sich wohlfühlten starken medialen Drucks mit dem
La Plata Post, 5. April 1939. Die Zeitung wendet sich direkt an die argentini- und auf Kosten von 6 formalen Verbot der NSDAP-
sche Öffentlichkeit (Argentinos, Übles Lügengewebe), um die kolportierten
Annexionsabsichten der Nationalsozialisten in Patagonien zu widerlegen.
Millionen Arbeitslosen Landesgruppe am 15. Mai 1939.
meistens unredlich Aufgrund der vagen Formulie-
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Abreise sammelte das AT „Fahr-


geld für Pg. Thermann“. Das ge-
sammelte Geld wurde schließlich
dem „British Patriotic Fund“ über-
geben, „da ja allein die britische
Kriegsmarine für dessen Ankunft
in Europa Gewähr bietet“ (AT,
30.9.1941).
Auch in der Kriegsberichter-
stattung beider Zeitungen wurde
der Konflikt vehement gegenein-
ander ausgetragen. Beide Zeitun-
gen versuchten dabei auch Einfluß
auf die argentinische Haltung zu
nehmen. Die Ziele waren dabei
klar: Beibehaltung der argentini-
schen Neutralitätspolitik bei der
DLPZ und Forderungen nach ei-
ner argentinischen Kriegserklä-
rung an die Achsenmächte beim
AT.
Als Ende Mai 1940 der argen-
tinische Frachter „Uruguay“ von
deutschen U-Booten versenkt
wurde, sah man beim AT die Mög-
lichkeit für einen solchen Schritt
gekommen. Doch trotz massiver
Demonstrationen gab es keinen
Wechsel in der Außenpolitik der
Regierung Ortiz. Erstmals wurde
in diesen Tagen auch das Redak-
tionsgebäude der DLPZ attackiert.
Dies war für das AT nur eine logi-
sche Konsequenz:
Argentinisches Tageblatt, 20. September 1941. Reaktion auf die Ergebnisse des 3. Berichts „Während des [Ersten] Welt-
(Presse- und Propagandaarbeit der Nationalsozialisten in Argentinien) der Parlamentskommission krieges, als auf Grund der Lux-
zur Untersuchung antiargentinischer Tätigkeiten. burg-Telegramme die Empörung
rung des Regierungsdekrets exi- stisch eingestellter Deutsche zu ter!“ (DLPZ, 29.7.1940) Argentiniens gegen die Methoden
stierte die Organisation aber un- geben. In der DLPZ wurde dar- Die genaue Kenntnis des In- des wilhelminischen Reichs aufs
ter dem Namen Federación de los aufhin die Frage laut, „wie nenlebens der deutschen Gemein- höchste gestiegen war, machte
Círculos alemanes de Beneficen- schlecht muß es um die sonstigen schaft führte dazu, dass viele Ar- sich der Volkszorn in Angriffen
cia y Cultura weiter. Beweise gestellt gewesen sein, tikel und Informationen des AT als gegen deutsche Geschäfte Luft.
Die DLPZ musste in der Fol- daß die Gendarmerie sich sol- Basis für die Arbeit der vom Kon- Damals gab es bekanntlich „nur
gezeit weit bedächtiger reagieren, cher Krücken bedienen mußte?“ gress am 19. Juni 1941 eingesetz- noch Deutsche“. So geschah es
erstmals war nun deutlich gewor- (DLPZ, 29.7.1940). Dem AT ge- ten Untersuchungskommission, denn, dass auch das „Argentini-
den, dass die argentinische Regie- lang ein journalistischer Coup, der Comisión investigadora de sche Tageblatt“ angegriffen wur-
rung bereit war, Maßnahmen ge- als eine auf investigativer Re- actividades antiargentinas dienten. de, während das alldeutsche Hetz-
gen die NS-Aktivitäten zu ergrei- cherche basierende Artikelserie Kommissionsmitglied Enrique blatt verschont blieb. Die Argen-
fen. Statt von Judeninfiltration von Heinrich Groenewald über Dickmann betonte: tinier glaubten damals eben an die
sprach man nun von unerwünsch- die NS-Aktivitäten in Misiones „Ich anerkenne, dass diese Zei- deutsche Volksgemeinschaft. Heu-
ter Einwanderung, die Angriffe Eingang in die gesamte Landes- tung meine hauptsächlichste In- te ist das anders geworden. Auch
gegen den Deputierten und schar- presse fand und Groenewald ein formationsquelle war, als ich das in Argentinien weiss man zwi-
fen Kritiker der NS-Aktivitäten in viel gefragter Interviewpartner Problem der nazifaschistischen schen Deutschen und Nazioten zu
Argentinien, Enrique Dickmann, wurde. Die DLPZ nahm dies re- Infiltration in der Nationalen De- unterscheiden. – Gestern flog der
und der Verweis auf seine jüdi- lativ hilflos zur Kenntnis: putiertenkammer zur Sprache erste Stein in die Fensterscheiben
sche Abstammung wurden einge- „Nicht anders ist es, mit den brachte, die schliesslich zu der des hiesigen Goebbelsblattes“
stellt. Als es im Juli 1940 in Mi- „Erklärungen eines Journalisten“ parlamentarischen Untersuchung (AT, 31.5.1940).
siones erneut zu Gerüchten über bestellt, die von einer großen ar- Anlass gab“ (AT, 30.1.1943). In zwei Phasen des Zweiten
eine Fünfte Kolonne kam, agier- gentinischen Morgenzeitung als Das Betätigungsfeld der Natio- Weltkrieges wurde die völlige
te die Zeitung weitaus defensiver. unbedingt vertrauenswürdige In- nalsozialisten wurde sukzessive konträre Kriegsberichterstattung
Welchen Status sich das Tageblatt formation über die „Umtriebe“ in weiter eingeengt, bis die Nachfol- besonders deutlich: Dem deut-
als Aufklärer und Mahner erar- Misiones veröffentlicht werden. georganisation von der Militärre- schen Westfeldzug 1940 und der
beitet hatte, wird daran ersicht- Der sogenannte „Journalist“ ist gierung am 14. Juli 1943 endgül- Niederlage bei Stalingrad. So lau-
lich, dass die Abonnementlisten ein gewisser Heinrich Grönewald, tig aufgelöst wurde. Bereits Ende teten die Schlagzeilen der DLPZ
der Zeitung in Misiones offenbar dem die Reichsregierung bereits 1941 musste der erbitterte Feind am 15. und 16. Juni 1940: „Paris
dazu dienten, der Nationalpolizei im Jahre 1934 die deutsche des Tageblatts, der Deutsche Bot- besetzt!“; „Verdun gefallen.“ Das
Anhaltspunkte zur Unterschei- Staatsbürgerschaft hat entziehen schafter und SS-Mitglied Edmund AT machte an den gleichen Tagen
dung der Freunde des Dritten müssen. Fürwahr ein vertrauens- von Thermann, das Land verlas- mit folgenden Titeln auf: „Fron-
Reichs und antinationalsoziali- würdiger, objektiver Berichterstat- sen. Bis zu seiner endgültigen talangriff auf Maginot-Linie ver-
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lustreich abgeschlagen“; Deutschen in Argentinien weiter


„Roosevelt antwortet Reynaud. verstärkt und indirekt dafür ge-
Amerika verspricht Lieferung von sorgt werden, dass die DLPZ ge-
Kriegsmaterial.“ genüber ihren Lesern immer un-
glaubwürdiger erschien. In den
Letztes Bollwerk der Randglossen wurde der „Haupt-
Demokratie mann Donnermaul“ eingeführt,
um die verfälschten und deutsche
Das AT versuchte die eigene Erfolge suggerierenden Berichte
Leserschaft angesichts des uner- der DLPZ ad adsurdum zu führen.
wartet schnellen Vordringens der Zugleich erreichte man mit
deutschen Truppen zu ermutigen kleineren Maßnahmen eine weite-
und gab als Parole aus: „Wir sind re Schwächung der DLPZ. Wie-
alle Kombattanten!“. Außerdem derholt intervenierte die AT-Re-
wurde die eigene Rolle betont. daktion, dass die United Press ihre
Nachdem die Schweizer Zeitung Belieferung der DLPZ trotz des
„Die Nation“ am 28.März 1940 amerikanischen Kriegseintritts
noch festgestellt hatte, neben dem fortsetzte. Erst im Mai 1942 stell-
Tageblatt in Buenos Aires die ein- te UP die Belieferung ein. Das AT
zige deutschsprachige Zeitung mit betonte, dunkle Nacht senke sich
demokratischer Gesinnung zu nun über den „naziotischen Blät-
sein, wurde diese Ende Juni 1940 terwald in Südamerika“. Auf „vier
auf deutschen Druck hin geschlos- armseligen Seiten“ bringe die
sen. Das AT war nun die „einzige DLPZ nun nur noch einige
Tageszeitung in deutscher Spra- „Transocean-Phantasien“ (Argen-
che auf dem weiten Erdenrund, tinisches Wochenblatt, 9.5.1942.
das letzte Bollwerk unabhängiger Transocean war die Auslands-
Gesinnung, die tapfere Hüterin nachrichtenagentur des Dritten
des freien Worts“ (AT, 7.7.1940). Reichs).
Ganz anders hingegen stellte Als den ausländischen Zeitun-
sich die Berichterstattung zur gen von der Militärregierung im
deutschen Niederlage in Stalin- August 1943 der reduzierte Post-
grad dar. Das Blatt hatte sich nicht tarif entzogen werden sollte, pro-
nur auf den Kriegsschauplätzen testierte das AT erfolgreich und La Gaceta del Plata, 18. Oktober 1944. Dekret der argentinischen
gewandelt. Das AT versuchte profitierte davon, dass die neuen Regierung über die Schließung der Deutschen La Plata Zeitung
durch seine Berichterstattung das Machthaber als achsenfreundlich und der Zeitung Il Mattino d´Italia.
nationalsozialistische Lager im- diskrediert waren. Um gegen die- von der Nachrichtenagentur „S die Regierung in Buenos Aires
mer weiter zu demoralisieren und ses Vorturteil ein Zeichen zu set- wie Selbergemacht“ beliefert wür- durch sukzessive Zugeständnisse
kommentierte die realitätsferne zen, wurde letztenendes nur den de und den Lesern des „misslun- atmosphärische Verbesserungen
Berichterstattung der DLPZ mit achsenfreundlichen Zeitungen, genen Witzblattes“ ganz neue Per- zu erreichen. In diesem Kontext
Ironie. Denn noch am 31.1.1943 wie der Deutschen La Plata Zei- spektiven aufgezeigt würden: wurde am 17. Oktober 1944 ein
titelte die Zeitung: „Die eiserne tung, dieser günstige Tarif entzo- „Ja, die Agentur „Selberge- Dekret der Regierung erlassen, das
Wehr. Deutschland wird den Bol- gen. Dieser Nadelstich des AT macht“ besitzt anscheinend selbst die Schließung der Deutschen La
schewismus niederringen, um Eu- sorgte für eine weitere Schwä- in Moskau ihre Vertreter, denn nun Plata Zeitung und der Zeitung Il
ropa zu retten.“ Am 3.2.1943 hieß chung des Gegenspielers. Als wird in Moskau datiert, was vom Mattino d´Italia anordnete. Auf-
es: „Einbruchsversuche der So- nach dem Abbruch der diploma- Moskauer Rundfunk zu hören ist. grund der auch für das AT schwie-
wjettruppen sind unter schwersten tischen Beziehungen Argentiniens (...) Man spürt ganz klar des rigen Umstände konnte sich die
Opfern gescheitert. Erbeutete Do- zu den Achsenmächten am 26. „Führers“ Geist aus dieser Be- Zeitung erst am 22. Oktober direkt
kumente zeigen die Schwere der Januar 1944 auch Transocean in richterstattung, der davon gespro- zum Verschwinden seines hart
bolschewistischen Opfer.“ Relativ Argentinien verboten wurde, stand chen hatte, dass nur Deutschland bekämpften Gegners äußern:
erstaunt nahm der DLPZ-Leser am die DLPZ ohne Nachrichtenbelie- oder Russland siegen könnte. „Einsam ist es geworden um
4.2.1943 dann folgenden Aufma- ferung da. Als Kürzel bei den Dann eben Russland!“ (AT, uns. Das „Argentinische Tage-
cher zur Kenntnis: „Der Kampf Nachrichten tauchte nun „S“ oder 7.2.1944). blatt“ ist heute die einzige Tages-
um die Wolgafestung Stalingrad „Spezial“ auf. Hinter dieser Die Berichterstattung der zeitung, die in deutscher Sprache
beendet. Das ganze deutsche Volk „Nachrichtenagentur“ verbarg DLPZ war in der Folgezeit von der südlich von Mexiko erscheint. Ihr
trauert um seine dort gefallenen sich die DLPZ-Redaktion. Diese Angst vor dem eigenen Verbot be- Bestehen ist kein Zufall. Denn so
Helden.“ Eigenberichte basierten auf Rund- stimmt, die Kriegsereignisse rück- wie die von den verschiedenen Re-
Zu den Nationalsozialisten in funkberichten und den Informatio- ten auf die hinteren Seiten, die ar- gierungen unterdrückten deut-
Argentinien merkte das AT darauf- nen aus Zeitungen der Alliierten. gentinische Innenpolitik bildete schen Zeitungen dieses Schicksal
hin an, dass diese wohl heilfroh Sie offenbarten, dass die Redak- nun den Schwerpunkt. erlitten, weil sie sich zum Werk-
seien, am La Plata zu sein, weil tion selbst nicht so ideologiefest zeug der Nazipropaganda miss-
„drüben ja doch alles rot werden war, wie die in diesem Bereich Verbot der Nazi-Presse brauchen liessen und dafür Sub-
wird“. Die Zeitung attestierte den kontrollierte und geübte Nachrich- ventionen empfingen, nahmen wir
Lesern der DLPZ in geistiger Qua- tenagentur Transocean. Niemals Durch den starken amerikani- vom ersten Tage des braunen Ver-
rantäne zu stecken und versuchte hätte diese in den Meldungen der- schen Druck und vor dem Hinter- brecherregimes schärfste Stellung
die militärischen Entwicklungen art ungeschminkt das massive grund der beständig wiederholten dagegen ein. Nazioten und Fa-
möglichst negativ zu zeichnen. Vorrücken der Roten Armee zuge- Vorwürfe, Mitglieder der argenti- schisten predigten Dynamik und
Dadurch sollte der Pessimismus geben. Das Tageblatt amüsierte nischen Regierung seien deutsch- gefährliches Leben, zogen aber
der nationalsozialistisch gesinnten sich, dass sein Gegenspieler nun freundlich eingestellt, versuchte persönlich einträgliche Pfründe
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SCH – BLATT verkürzt wurde.


Erst nach dem Ende der Freien
Presse Ende Juli 1977 entschärf-
ten sich die Auseinandersetzungen
innerhalb der deutschen Gemein-
schaft. Durch Assimilierung,
Rückwanderung und eine stärke-
re Distanz zur Heimat konnten alte
Konflikte abgeschwächt werden.
Der heutige Herausgeber des AT,
Roberto T. Alemann, besuchte
Mitte der siebziger Jahre die Ver-
eine, die immer noch offen gegen
La Plata Post, 20. September 1934. Forderung nach schärferen Pressegesetzen, damit Diffamierun- die Zeitung opponierten und
gen gegenüber dem Dritten Reich von den argentinischen Behörden geahndet werden können. konnte sie davon überzeugen, dass
vor. Wir riskierten mit unserer und von der argentinischen Mari- anderen war es aber auch immer „auch wir ganz normale Menschen
Haltung alles.“ ne für die Talleres Tandanor über- erklärtes Ziel der Zeitung, eine für sind“. Und es sei doch besser, im
Das AT versuchte die „Nazio- nommen. alle Argentinier deutlich erkenn- AT zu inserieren, als wenn keiner
ten“ zum Umdenken zu bewegen Die These, dass die Presseland- bare Grenze zu ziehen, um nicht erfährt, wann sich der Verein das
und als neue Leser zu gewinnen. schaft einer Volksgruppe ihren in- mit den nationalsozialistisch ge- nächste Mal trifft, „jetzt, wo wir
Doch die Spaltung war zu pro- neren Zustand widerspiegelt, hat sinnten Deutschsprechenden die letzte deutschsprachige Zei-
fund, als das man signifikant neue im argentinischen Fall anhand des gleich gestellt zu werden. tung sind.“
Abonnenten gewann. „Pressekrieges“ eine eindrucks- Mit dem am 1.12.1945 gegrün- Die Jahre von 1933-1945 wa-
Der Herausgeber der DLPZ, volle Bestätigung erfahren. Wäh- deten Nachfolgeorgan der DLPZ, ren mehr als eine Episode in der
Emil Tjarks, wagte am 1. Dezem- rend die DLPZ innerhalb der deut- der Freien Presse, stand das AT 116-jährigen Geschichte der Zei-
ber 1944 trotz des Verbots seiner schen Gemeinschaft die größte ebenfalls in starker Konkurrenz, tung. Heute sind fast alle Redak-
Zeitung eine Neugründung. Er gab Zeitung geblieben war, hatte das allerdings kam es nicht zu ähnli- teure und Mitarbeiter ehemalige
nun ein Presseerzeugnis mit Na- AT es durch seine Kontakte zu chen Konflikten wie mit der Migranten, die damals in der Zei-
men „Die Zeitung“ heraus. Die Medien und Politikern geschafft, DLPZ. Das AT wurde von den tung einen Rettungsanker nach der
Linie der DLPZ wurde weitge- über die deutsche Gemeinschaft Lesern der Freien Presse als „an- entbehrungsreichen Flucht aus
hend beibehalten, allerdings we- hinaus einen starken Resonanzbo- tideutsches Judenblatt“ verachtet, dem Dritten Reich fanden. Von der
niger doktrinär und ideologisch den in der argentinischen Öffent- das man aber bisweilen kaufen Deutschen La Plata Zeitung gibt
durchsetzt. Mit der argentinischen lichkeit zu finden. Deshalb wur- musste, weil es einen hervorragen- es heute nur noch wenige Spuren.
Kriegserklärung an die Achsen- de das AT ein international beach- den Wirtschaftsteil hatte. Dafür Eine findet sich in Deutschland,
mächte am 27. März 1945 endete tetes Symbol für energischen Ein- rächten sich die FP-Leser auf be- an der Nordsee. Dort ist in Caro-
aber die kaum beachtete Existenz satz gegen den Nationalsozialis- sondere Weise: Die Zeitung wur- linensiel nach einem der Gründer,
der Zeitung. Die „Zeitungsdyna- mus. Durch die scharfe publizisti- de auf eine bestimmte Art und Gerhard Tjarks, eine Straße be-
stie“ der Familie Tjarks fand ein sche Abgrenzung zur Deutschen Weise gefaltet, und offen sichtbar nannt. Zugleich ist er Ehrenbür-
recht unspektakuläres Ende. Das La Plata Zeitung wurde die Spal- in Mantel- oder Rocktasche ge- ger dieser Stadt, in die er in den
große Verlagshaus in der Calle tung der deutschen Gemeinschaft steckt, wobei durch die Falttech- zwanziger Jahren des 20. Jahrhun-
Corrientes 672 wurde enteignet zwar zum einen verschärft, zum nik der Zeitungsname auf AR – derts zurückkehrte.