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Auf der Suche nach dem Heil Schwerpunkt

Von Jan Raabe

Auf der Suche nach dem Heil


Neuheidentum und Faschismus – Eine Einführung ins Thema

Im ”Referat hob der Vortragende die Bedeutung der Interpretation des Heidentums Antworten auf Fragen nach
Externsteine für unsere Ahnen heraus und machte deut- dem Aufbau und der Beschaffenheit der Welt.
lich, daß die Externsteine mehr als ‚ein paar Felsen‘ sind”, Es sind viele Aspekte, die das Neuheidentum für die
heißt es in einem Bericht des NPD-Kreisverbandes Min- verschiedenen Spektren der extremen Rechten interessant
den-Lübbecke, der gemeinsam mit der Ortsgruppe Min- macht. Ein gemeinsamer ist, das eigene Handeln sich
den der “Kameradschaft Weserbergland” am 6. und 7. selbst gegenüber legitimieren und erklären zu müssen.
September in Minden eine Schulung u.a. zum Thema ”Die Erst recht, um über viele Jahre politisch aktiv bleiben zu
Externsteine” durchführte. ”Ich stehe auf den Externstei- können, bei allen Problemen, die das mit sich bringen
nen und laß die Gedanken weiterziehen. (...) Hier bin ich kann. Ein Weltbild muss da sein, das Werte vermittelt.
geboren, am Fuß des Teutoburger Wald. Es ist ein Teil von Und hierbei spielt das Neuheidentum als religiöses Ersatz-
mir dieses schöne Land”, singt die RechtsRock-Band system zum Christentum eine wichtige Rolle. Der behaup-
“Sleipnir” aus Gütersloh. Und fordert: ”Odin statt Jesus!” tete ”arteigene”, neuheidnische Glaube dient als letztend-
Wer sich mit der extremen Rechten beschäftigt, wird am liche Begründung für ein faschistisches Weltbild und gibt
Thema Neuheidentum nicht vorbeikommen. Bezüge hier- dem Agieren erst einen (höheren) Sinn, ist für viele Kader
zu finden sich nahezu in der gesamten rechten Szene. der Szene Grundlage ihrer “Mission”.
Weil es von dem, was den germanischen Clans tatsäch-
Ideologischer Überbau lich als Religion gedient hat, kaum wirkliche Zeugnisse
gibt, kann diese Leerstelle von Faschisten ideal als Projek-
Die ehemalige Leitfigur des bundesdeutschen Neonazis- tionsfläche für die Verlängerung der eigenen rassistischen
mus, Michael Kühnen, sein Nachfolger Christian Phantasien ins Religiöse genutzt werden. Eben darum
Worch, der Nazi-Anwalt Jürgen Rieger, der heute in den wird im Schwerpunkt dieser Ausgabe auch der Begriff
Niederlanden lebende “Freie Kameradschafts”-Kader ‚Neuheidentum’ statt der des ‚Heidentums’ verwendet,
Christian Malcoci, alle haben sie etwas gemeinsam mit denn es handelt sich um ein Religionssystem, das von
dem ”neurechten” Theoretiker Alain de Benoist, dem ver- Faschisten und ihren völkisch motivieren Vorläufern des
storbenen RechtsRocker Ian Stuart Donaldson und dem 19. Jahrhunderts konstruiert wurde und nicht, wie etwa die
NS-Black-Metaller Varg Vikernes. Nicht nur, dass sie Faschisten behaupten, um eine ältere Religion als die
alle Teil der facettenreichen extremen Rechten sind, sie christliche oder jüdische. Es verwundert nicht, dass The-
alle sehen sich auch in Opposition zum Christentum, glau- men das neuheidnische Religionssystem dominieren, die
ben statt dessen an heidnisch-germanische Götter. die extreme, völkische Rechte seit dem 19. Jahrhundert
Für den einfachen Neonazi-Skin dürfte es reichen, dass umtreiben: ausgeprägter Antisemitismus, Rassismus, eine
er sich eine rassistische Ahnenreihe Germane - SS-Mann - romantisch verklärte Naturnähe, die Legitimation des
Skinhead phantasiert, in die er sich stellen kann. Für die ”ewigen Kampfes” und die Leugnung jedes Ansatzes von
Leitfiguren des militanten Neonazismus ist das Neuhei- politischer, rechtlicher und sozialer Gleichheit aller Men-
dentum mehr. Es dient ihnen als Teil ihres ideologischen schen.
Überbaus, als letztendliche Begründung ihres Handelns.
Vertreter der ”Neuen Rechten” konstruieren mit ihrer

 Lotta Nr.14 | Herbst 2003


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Schwerpunkt Auf der Suche nach dem Heil

”Heidnische Naturreligion” gion. Verkauft wird dies als natürliches, ”organisches”


kontra ”christliche Kunstreligion”: Die Ideolo- Gesellschaftsbild. Wie auch jedes Organ im Körper einen
gie der Verschiedenheit festgelegten Platz habe, so ginge es auch in der menschli-
chen Gesellschaft zu. Ob angeboren, schicksalsbedingt
”Eine Naturreligion gründet sich auf Jahrtausende alte oder karmisch vorgegeben, ist hierbei nebensächlich. Zen-
mündliche Überlieferungen, Erfahrungen und Traditionen. tral ist, dass die vermeintlich natürlichen Hierarchien nicht
(...) Der Kult stammt direkt von den Göttern einer längst hinterfragt werden. Auch die angeblich durch ihre Gebär-
vergangenen Zeit.” So formulierte es der Neuheide Geza fähigkeit und ihren Zyklus der Natur näher stehende Frau
Nemenyi. Mit der Behauptung der Ewigkeit entrückt wird mit dieser Argumentation nur auf ihre Rolle an Heim
Nemenyi die Religion der Kritisierbarkeit, da direkt von und Herd festgeschrieben. Auf diesem Wege werden Herr-
den Göttern gegeben. ”Jedes Volk dieser Erde hat seine schafts- und Machtverhältnisse zugewiesen und zemen-
eigene Mythologie und Naturreligionsform”, formuliert er tiert. Zur Begründung muss die Natur herhalten. Der neu-
weiter und fordert zu deren Erhalt und Wiederbelebung heidnische Faschist wähnt sich im Einklang mit der Natur,
auf. Folgt man dieser Behauptung, ist man schon auf das die Natur wird als positives Vorbild für die menschliche
Konstrukt biologisch begründeter Völker hereingefallen, Gesellschaft genommen. ”Fressen und gefressen werden”,
schließlich steckt nichts anderes als das bekannte faschi- also das Recht des Stärkeren dominiert. Weder gäbe es ein
stische Konstrukt von ”Blut und Boden” dahinter. Ein Recht auf Leben, noch Rücksicht auf die Bedürfnisse
Volk und dessen Tradition könne nur überleben, wenn es anderer oder gar Solidarität jenseits der eigenen Art bzw.
sein ”rassisches Erbe”, sein Blut ”rein erhalte”. Blut steht Sippe in der Natur. Was hier als naturnah daherkommt und
in diesem Bild für ”Rasse”, die Komponente ”Boden” sich mit den Gesetzen des Kosmos in Einklang wähnt,
behauptet, dass ein ”germanisch-nordischer Lebensraum” sind kaum verhüllte Frontalangriffe auf jedes emanzipato-
die dort über Generationen siedelnden Sippen geprägt rische Denken und damit auch darauf, gesellschaftliche
habe. Diese Prägung fände ihren Ausdruck in einer Zustände zu erklären und damit veränderbar zu machen.
bestimmten Kultur, zu der auch eine bestimmte Religio-
sität gehöre. Endpunkt dieser Ideologie ist die rassisch, Teilhabe am Göttlichen -
kulturell-religiös definierte Volksgemeinschaft, die sich oder die Selbstvergöttlichung der Führer
durch alles “Fremde” bedroht sieht. In der einschlägigen
neuheidnischen Literatur wird besonders der vordere Ori- Aus Feuer und Eis wurden der neuheidnischen Religion
ent (und hier insbesondere Israel) als der Gegensatz zur zufolge Welt und Götter in einem Guss geschaffen. Aus
hiesigen Natur dargestellt. Die monotone Wüste habe dem diesem Schöpfungsmythos leiten Faschisten her, dass
Menschen keinen die Vielfältigkeit der Natur liebenden auch ihnen und damit auch ihrem menschenverachtenden
Glauben geschenkt, sondern einen monotheistischen Tun etwas Göttliches inne sei. Für Menschen, die sich und
Wüstenglauben, der nur die Gleichförmigkeit kenne. Nur ihr Handeln als Teil des Göttlichen verstehen, gelten keine
scheinbar wird hier der Vielfalt gehuldigt, denn es geht im moralischen Regeln, ihnen ist das Recht zum Versklaven,
Kern nicht um Vielfalt und Verschiedenheit, sondern um Ausbeuten und letztlich Töten mitgegeben. Verkleistert
die Abwehr des Gedankens universeller Gleichheit von wird diese Selbstvergöttlichung im Neuheidentum mit
Menschen. Die Werte der Französischen Revolution mit dem Begriff der ”Ganzheitlichkeit”.
ihrem Gleichheitsgedanken sollen hier angegriffen wer- Dieses ideologische Grundgerüst ist mit verschiedenen
den. Aber natürlich auch das Judentum und Christentum. kleineren Abweichungen für die gesamte neuheidnische
Die christliche Religion wird von den meisten Neuheiden Szene gültig. Auch wenn ”neurechte” Ideologen wie Alain
als eine Fortsetzung des Judentums begriffen, das Juden- de Benoist und Henning Eichberg diese Grundsätze neu
tum also als ursprünglich für das Christentum gesehen. In formulierten und dabei sprachlich darauf bedacht waren,
diesen Kreisen spricht man deshalb vom ”Judäochristen- dass breitere Kreise, beispielsweise die Esoterik-Szene
tum”. Antisemitische Vorurteile feiern hier fröhliche oder die Ökologie-Bewegung für diese Inhalte empfäng-
Urständ. Statt der Gleichheit der Menschen, die in diesen lich wurden, sind diese Theorien nicht neu, sie wurden von
Religionen vertreten sind, soll eine angeblich ”lebensech- völkischen Denkern um die Jahrhundertwende entwickelt.
te” Ideologie der Verschiedenheit etabliert werden. Ein Aber nicht nur in der faschistischen Ideologie spielt das
universelles Menschenrecht ist hier nicht mehr gegeben. Neuheidentum eine Rolle. In der BRD existieren eine
Unterdrückung und Ausbeutung wird damit zum legitimen Vielzahl verschiedenster germanentümelnder neuheidni-
Ausdruck. scher Organisationen, deren Relevanz weniger in ihrer
Größe, als vielmehr in ihrer Funktion für ihre faschisti-
Organisches Menschen- und schen Führer liegt. Neben primär neuheidnischen Organi-
Weltbild, verklärte Naturnähe sationen finden wir Versatzstücke des Neuheidentums
auch bei anderen faschistischen Organisationen. Durch die
Neuheidnische Ideologie zielt auf eine Volksgemein- Esoterik-Szene verbreitet sich germanentümelndes Neu-
schaft, in der jeder den ihm zugeordneten Platz einnimmt - heidentum in immer breitere gesellschaftliche Kreise.
oder auch gar keinen. Da ist der eine geborener Führer und
der andere eben Knecht. Kritisierbar ist dies nicht, da
naturgegeben, behauptet die neuheidnische ”Natur”-Reli-

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