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Schwerpunkt “Werteorientiert” heim zur Nation

Von Joß Fritz und Jörg Kronauer

“Werteorientiert” heim zur Nation


Der “Bund der Selbständigen” und die Sekundärtugenden
hart malochender Kleinunternehmer

Vielleicht war sie seine letzte Preisrede, die Laudatio, Traditionsreicher Massenverband
die Martin Hohmann am 9. Oktober im Berliner Hotel
Estrel hielt. Geehrt wurde der stellvertretende brandenbur- Der Bundesverband der Selbständigen (BdS) ist ein
gische Ministerpräsident Jörg Schönbohm, ein “Preuße Massenverband mit alter Tradition. Er sieht sich selbst als
aus Überzeugung”, wie Hohmann feststellte; ihn ehrten Nachfolgeorganisation des 1892 in Köln ins Leben geru-
mit ihrem “Mittelstandspreis” die Bundesvereinigung mit- fenen Verbandes deutscher Gewerbevereine. Nach dem
telständischer Unternehmer (BVMU) und der nordrhein- Zweiten Weltkrieg wurde er 1951 als Deutscher Gewerbe-
westfälische Landesverband des Bundes der Selbständi- verband gegründet, heute firmiert er als Bundesverband
gen (BdS). “Es erfüllt mich mit Stolz, mit dem Mittel- der Selbständigen/Deutscher Gewerbeverband, hat seinen
standspreis ausgezeichnet zu werden”, bekannte der Gene- Sitz in Berlin und betreibt Lobbyarbeit für den selbststän-
ral und bedankte sich für Hohmanns Laudatio: “Sie hat gut digen Mittelstand. Dabei vertritt er nach eigenen Angaben
getan.” mehr als 80.000 Mitglieder und verfügt über ein Netz von
Schönbohm war nicht der erste prominente Unionspoli- über 3.000 Orts- und Kreisverbänden in verschiedenen
tiker, der sich über den “Mittelstandspreis” freuen durfte; Berufssparten (Handel, Handwerk, Freie Berufe, Dienst-
vor ihm hatten u.a. Lothar Späth, Kurt Biedenkopf, leistungen, kleinere und mittlere Industrie). Mit 14 Lan-
Edmund Stoiber und Friedrich Merz die Auszeichnung desverbänden ist er flächendeckend auch auf Länderebene
erhalten. An der politischen Ausrichtung des preisverlei- aktiv.
henden nordrhein-westfälischen BdS-Landesverbandes Die Phrase vom Kleinbürgertum, das unter dem Druck
hatten sie sich dabei ebenso wenig gestört wie an Hoh- der Krise besonders geneigt ist, sich rechten Ideologien zu
manns Mitgliedschaft in der Unionsfraktion im Bundes- verschreiben, ist abgelutscht und einseitig, aber dennoch
tag. Wieso auch: Schließlich verkörpert der BdS NRW ein nicht verkehrt. Der hart arbeitende Kleinunternehmer, der
politisches Spektrum, das sich selbst gerne als “werteori- sich unter dem Druck großindustrieller Konkurrenz selbst
entiert” bezeichnet und in fast allen großen Parteien anzu- den Zwang zu Fleiß und Disziplin auferlegt, mag deut-
treffen ist - in den Unionsparteien bei den Nationalkonser- schen Sekundärtugenden und autoritären Gesellschaftsent-
vativen, in der FDP bei den Nationalliberalen, in geringe- würfen nicht abgeneigt sein; der Abbau der Rechte von
rem Umfang auch auf dem rechten Flügel der Sozialde- Lohnabhängigen ist für ihn vielleicht wichtiger als für fet-
mokratie. te Konzerne. Wie auch immer - in einem der BdS-Landes-
verbände haben es Rechtsaußen-Kräfte geschafft, über
lange Jahre hinweg die Verbandsführung zu halten: im
Bund der Selbständigen NRW.

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“Werteorientiert” heim zur Nation Schwerpunkt

Dies zeigt am einfachsten ein Blick in die Verbandszeit- Ost “Ständiger Gastautor” des BdS-Blattes. JF-Autor
schrift “Der Selbständige/DS-Magazin”, die zweimonat- Eberhard Hamer arbeitet für “Der Selbständige” gar als
lich von der Geschäftsstelle am Schwanenwall in Dort- Fachredakteur.
mund herausgegeben wird. “Gesellschaftspolitische Zeit- Hamer gilt im rechten Milieu als einer der führenden
schrift für mittelständische Unternehmer” heißt das Blatt Mittelstands-Experten. 1975 gründete der ehemalige
im Untertitel, und das verdeutlicht seine Besonderheit: Generalsekretär eines Elektrokonzerns in Hannover das
Neben fachlichen Informationen für die Interessengruppe, “Mittelstandsinstitut Niedersachsen”, seitdem leitet er es.
vermittelt in den Rubriken “Wirtschaft & Mittelstand” und Vor allem bei Nationalliberalen innerhalb und außerhalb
“Betrieb”, gibt es vorwiegend Gesellschaftspolitisches in der FDP ist seine Meinung gefragt. Hamer, auch Vor-
Rubriken wie “Klartext”, “Deutschland” oder “DS-Litera- standsmitglied beim rechten “Bund gegen Kirchensteuer-
tur”. missbrauch”, hat im Jahr 2000 Strafanzeige gegen den
damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Kock gestellt; durch
“Interessante Zusammenhänge” die Beteiligung der evangelischen Kirche am Entschädi-
gungsfons für NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsar-
Heft 2/2003 etwa bringt in “DS-Literatur” eine erstaun- beiter, so erklärte Hamer damals, fühle er sich “betrogen”.
liche Rezension. Es geht um Gerd Schultze-Rhonhofs Verantwortlicher Redakteur des “Selbständigen” ist der
Machwerk “1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte”. Als Hauptgeschäftsführer des BdS NRW, Joachim Schäfer.
“Mischung aus Unkenntnis, Voreingenommenheit und Schäfer ist daneben Kuratoriumsmitglied der Bundesver-
Ignoranz” beurteilt die konservative FAZ den Wälzer des einigung mittelständischer Unternehmer (BVMU), einer
Bundeswehr-Generalmajors a.D.; “es freut mich das die bundesweit tätigen Tochterorganisation des BdS NRW, die
Dinge endlich beim Namen genannt werden”, heißt es ebenfalls am Dortmunder Schwanenwall beheimatet ist
dagegen auf www.panzer-archiv.de. Ausgewogener gibt und offenbar die gesellschaftspolitischen Positionen des
sich “Der Selbständige”: “Das Ergebnis der Untersuchung BdS NRW auf Bundesebene vertreten soll, da sie der Bun-
ist, dass der Zweite Weltkrieg zwar von Hitler begonnen, desverband der Selbständigen wohl nicht mitträgt. Hans-
jedoch von Staatsmännern aus England, Frankreich und Peter Murmann, Landesvorsitzender des BdS NRW,
Amerika ‘angezettelt’ worden ist.” Das Buch habe, so gehört dem Kuratorium ebenfalls an, daneben honorige
heißt es lobend, “sehr interessante Zusammenhänge zuta- Prominenz: ein ehemaliger Präsident des EU-Rechnungs-
ge gefördert, die so bisher noch nicht beschrieben worden hofes, Bernhard Friedmann (CDU), und zwei Staatsse-
sind.” Die Redaktion druckt kurz entschlossen eine ganz- kretäre a.D., Friedhelm Ost, der als Kuratoriumssprecher
seitige Werbeanzeige für den verdienstvollen Band. firmiert, und Norman van Scherpenberg, Anfang der
Die meisten Autoren des Blattes sind aus anderen 1970er Jahre stellvertretender Bundesgeschäftsführer des
Zusammenhängen bekannt. Einige davon aus den Unions- CDU-Wirtschaftsrates. Mit Georg-Berndt Oschatz ver-
parteien, so etwa der Vizepräsident des Europaparlamen- fügt das BVMU-Kuratorium auch über einen ehemaligen
tes, Ingo Friedrich (CSU), oder Staatssekretär a.D. niedersächsischen Kultusminister, dessen Ruf allerdings
Friedhelm Ost (CDU), der sogar als “Ständiger Gastau- etwas angekratzt ist, seit die Festrede bekannt wurde, die
tor” der Zeitschrift firmiert; regelmäßig druckt “Der er am 7. Oktober 2001 beim Ulrichsbergtreffen gehalten
Selbständige” auch Kolumnen von Hugo Müller-Vogg hatte, einem Veteranentreffen, das auch als größtes Treffen
aus der “Welt am Sonntag” ab. Interviewpartner sind früherer SS-Mitglieder gilt.
ebenfalls oft CDU/CSU-Politiker, so Jörg Schönbohm,
Steffen Heitmann, Peter Müller und Henry Nitzsche “Terror der Gutmenschen”
(CDU) oder Georg Nüßlein (CSU). Gelegentlich inter-
viewt das Blatt auch Sozialdemokraten vom rechten Flü- Dem BVMU-Kuratorium gehört auch der stellvertreten-
gel ihrer Partei (Friedhelm Farthmann, Hans Apel). de Vorsitzende des BdS NRW Martin Hohmann an. Er ist
ein Opfer dessen geworden, was BdS-NRW-Hauptge-
Mittelstands-Experten schäftsführer Schäfer im Untertitel seines jüngsten Buches
als “Terror der Gutmenschen” bezeichnet hat. “In
Daneben findet man in “Der Selbständige” zahlreiche Deutschland”, so heißt es in einem Werbetext für den im
Texte von Autoren, die auch für die “Junge Freiheit” (JF) Aton Verlag Unna erschienenen Band mit dem Titel “Stig-
schreiben. Von Klaus Hornung etwa, JF-Kolumnist, matisiert”, “ist die freie Meinungsäußerung zum ‘halsbre-
umtriebiger Rechtsintellektueller und zeitweise Präsident cherischen Risiko’ (Walser) geworden. Jeder Versuch, das
des rechtskonservativen Studienzentrums Weikersheim, erstarrte Meinungsklima aufzubrechen, wird erbarmungs-
über dessen Jubiläumstagung “Der Selbständige” kürzlich los verfolgt und bestraft. Über was gesprochen werden
berichtete. Oder von Michael Wiesberg, ebenfalls JF- darf, bestimmen die Ideologen der 68er. Erst ein von ihnen
Autor, früher Parlamentarischer Berater der baden-würt- sanktioniertes Thema ist ein gutes Thema. Ihre Meinungs-
tembergischen REP-Landtagsfraktion und noch in den führerschaft sichern sie durch die Stigmatisierung Anders-
Jahren 2000 und 2001 Mitarbeiter der REP-Bundesge- denkender.” Erschienen ist der Werbetext in dem führen-
schäftsstelle. JF-Autor Bruno Bandulet, ehemals Chef den neofaschistischen Ideologieblatt “Nation & Europa”.
vom Dienst der “Welt” und Ex-Aktivist des nationallibe- Schäfers Sorgen sind berechtigt. Natürlich nicht, weil
ralen “Bund freier Bürger”, ist gemeinsam mit Friedhelm die Linke eine wie auch immer geartete Meinungshoheit

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innehätte, sondern weil seine politischen früheren Möllemann-Intimus Hans-Joachim Kuhl. Kuhl
Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungs- berichtete von konkreten Planungen, wollte aber keine
träger sich immer wieder durch ein “frei- definitiven Auskünfte geben und weigerte sich auch, auf
es Wort” hervortun, das ihre Gesinnung Spekulationen von “Der Selbständige”-Redakteur Marc
selbst für deutsche Verhältnisse als Peine einzugehen, der über Möllemanns Todessprung phi-
Zumutung erscheinen lässt. Martin Hoh- losophierte (“Kontaktgift (...), wie es in Geheimdienst-
mann hat es vorgemacht, Henry Nitzsche kreisen zur Eliminierung von unerwünschten Personen
ist seinem Beispiel gefolgt. “Eher wird eingesetzt wird...”). Die Aussichten für eine neue Partei
einem Moslem die Hand abfaulen, als sind derzeit nicht gut, anders als in den 1990ern - und
dass er bei der Christlich-Demokrati- damals war der BdS NRW kräftig mit von der Partie.
schen Union sein Kreuz auf den Wahl- Vor allem die Versuche im nationalliberalen Spektrum,
zettel macht”, verkündete der CDU-Bun- entweder die FDP insgesamt nationalliberal auszurichten
destagsabgeordnete lauthals - in einem oder eine neue nationalliberale Partei zu etablieren, wur-
Interview mit der BdS-Zeitschrift “Der den damals vom BdS NRW mit großer Sympathie beglei-
Selbständige”. Dem Fraktionsausschluss tet. “Da uns als Unternehmer liberal besonders nahe steht,
konnte er allerdings trotz der öffentli- beachten wir die Entwicklung um Kappel/von Stahl mit
chen Skandalisierung seiner Auffassung besonderem Interesse”, hieß es im Sommer 1997 in “Der
entgehen. Selbständige”. “Jetzt Flagge zeigen”, hatte ein Jahr zuvor
Nitzsche gehört zu einer kleinen Gruppe Unionsabge- Heiner Kappel, damals einer der führenden Nationallibe-
ordneter, die dem rechten Flügel der Bundestagsfraktion ralen, in der BdS-NRW-Zeitschrift gefordert; Achim Roh-
angehören und vom BdS NRW gepuscht werden. Martin de, der damals als Vorsitzender der FDP-NRW-Landtags-
Hohmann ist jetzt ausgefallen, schon nach den letzten fraktion eine entsprechende Entwicklung befürwortete,
Bundestagswahlen sind zwei Hinterbänkler ausgeschie- stand seinerseits dem BdS NRW nahe. “Ich (hätte) es
den, über deren gegen die PDS gerichtete Bundestagsan- begrüßt, wenn sich die CSU bundesweit ausgedehnt hät-
fragen der CDU-”Anti-Antifaschist” und Redakteur des te”, bekannte der damalige baden-württembergische
“Selbständigen” Sebastian Prinz (vgl. LOTTA Nr. 14 Sei- Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder zur selben
te 36) in der BdS-NRW-Zeitschrift zufrieden berichtet hat- Zeit im “Der Selbständige”-Interview.
te: “Antwort der Bundesregierung: PDS arbeitet mit Für den BdS NRW ist diese Tendenz nicht neu. Als 1974
Extremisten zusammen”. Geblieben sind Erika Steinbach – ausgerechnet am 9. November - in Mülheim an der Ruhr
und Axel Fischer - nicht viel. Entsprechend interessiert der Versuch gestartet wurde, mit der Gründung einer DSU
sich der BdS NRW weiterhin für eine Parteigründung (Deutsche Soziale Union) die Politik der CSU bundesweit
rechts der Etablierten. zu etablieren, wurde der damalige BdS-Vorsitzende Hel-
mut Kasper zum stellvertretenden Vorsitzenden der neu-
Neue Rechtspartei? en Partei gewählt. Die löste sich schon im Frühjahr 1975
wieder auf. Der BdS NRW hingegen und seine Sympathie
“Möllemann ist tot, wird es dennoch eine ‘Möllemann- für eine neue Rechtspartei bestehen fort.
Partei’ geben?”, fragte im Herbst “Der Selbständige” den
Anzeige

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