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“Freie” “Organisierter Wille braucht keine Partei...

Von Jan Spreuk

“Organisierter Wille
braucht keine Partei...”
Die “Freie Kameradschaftsszene” in NRW

Ende März 1994: 70 bis 80 Neonazis aus ganz NRW sich dabei als Vorreiter: Sie hat sich zu diesem Zeitpunkt
treffen sich im Warsteiner Stadtteil Hirschberg. Thomas nach eigenen Angaben bereits umorganisiert und ist dabei,
Kubiak und Andree Zimmermann haben namens einer sich in einer Zellenstruktur neu zu formieren.
“Nationalen Jugend Sauerland” und der “Freiheitlichen
Deutschen Arbeiterpartei” (FAP) zum “Seminar” eingela- Ansprüche auf die Vaterschaft
den. Bundesweit ist die Neonazi-Szene verunsichert. Eine
ganze Reihe ihrer Organisationen sind in den letzten Jah- Etwas mehr als zehn Jahre später streiten sich führende
ren verboten worden: Ende 1992 die “Nationalistische Neonazis darüber, wer die Autorenschaft des Konzepts für
Front” (NF), die “Deutsche Alternative” (DA) und die sich in Anspruch nehmen darf. Thomas Wulff, Ex-Vorsit-
“Nationale Offensive” (NO), 1993 der “Deutsche Kame- zender der “Nationalen Liste” (NL) und seit September
radschaftsbund Wilhelmshaven” (DKB) in Niedersachsen, 2004 bei der NPD, sieht sich selbst als den Urheber: “Als
der “Nationale Block” (NB) in Bayern, die “Heimattreue ich vor nunmehr sieben Jahren das Konzept und den
Vereinigung Deutschland” (HVD) in Baden-Württemberg Begriff ,Freie Nationalisten’ erarbeitete und propagierte,
und der “Freundeskreis Freiheit für Deutschland” (FFD) da war dieses Konzept notwendig geworden, um den Ver-
in NRW. Nun droht auch noch das zwangsweise Ende der botsattacken der Innenminister etwas entgegensetzen zu
FAP. Wie lässt sich darauf reagieren? Norbert Weidner, können, was radikalen Kräften eine Arbeitsmöglichkeit
einer der Redner, präsentiert sein Modell: Im Falle eines gab”, schrieb er im vorigen Jahr im NPD-Parteiorgan
Verbots werde die FAP “autonome Strukturen” ohne Mit- “Deutsche Stimme”.
gliedschaften und feste Organisationsformen bilden, um Leute, die damals in Hirschberg dabei waren, haben es
staatliche Repression zu umgehen. Weidner ist zum dama- anders in Erinnerung. Die Urheberschaft am Label “Freie
ligen Zeitpunkt FAP-Vorsitzender in Bonn und Landesge- Nationalisten” billigen sie ihm zwar zu, erinnern aber dar-
schäftsführer der FAP. Eine Vielzahl einzelner “Kamerad- an, dass schon deutlich früher als von Wulff angegeben
schaften”, so kündigt er an, werde mit Hilfe moderner das Konzept in der Diskussion war. “Das Konzept selber
Kommunikationsmittel wie Mobiltelefonen und Mailbo- wurde u.a. von den Autonomen Nationalisten und einzel-
xen miteinander verbunden sein. Die Bonner FAP sieht nen Kameradschaften schon gelebt, als der gute Thomas

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noch in der NL war, oder kurz nach deren Verbot. - Des- Stimme” mit aufbauen, der dritte bringt es – trotz beschei-
weiteren wurde es u.a. 1994 vom Norbert Weidner propa- dener intellektueller und rhetorischer Voraussetzungen -
giert, nämlich die lose Zusammenarbeit von Kamerad- bis zum NPD-Chef in NRW.
schaften und Einzelaktivisten OHNE Organisationsstruk- Dabei betonten schon die frühen Vordenker des später
turen, also 3 Jahre bevor Thomas ,es erarbeitet’ hat, laut “Freie Nationalisten” genannten Konzepts, dass es gar
eigener Aussage”, schreibt im “Freien Forum” ein Autor, nicht so strukturlos zugehen dürfe. Nur: Erkennbar sein
hinter dessen Pseudonym man den aus dem Sauerland sollten die Strukturen nicht. In “Nation & Europa” melde-
stammenden, später in Dortmund und dann in den Nieder- te sich 1994 ein Autor unter dem Pseudonym “Jürgen
landen lebenden und zurzeit inhaftierten Neonazi Micha- Riehl” zu Wort, hinter dem der Hamburger Rechtsanwalt
el Krick vermuten darf. Jürgen Rieger vermutet wurde. Die “nationale Gemein-
Wiederum ein wenig anders erinnert sich Christian schaft”, schrieb er, dürfe nicht als Partei, Verein oder “son-
Worch an die Entstehungsgeschichte: “Das ,copyright’ stige Körperschaft im rechtlichen Rahmen” organisiert
(wenn es ein solches geben würde) am KONZEPT der sein. Sie müsse vielmehr “den Charakter einer ,Bewe-
Freien Nationalisten nehme ich für mich in Anspruch... gung’ haben, mit strenger, verbindlicher Organisierung
Tatsächlich entwickelte ich das Konzept Ende 1992 infol- nach Innen, jedoch ohne formale, von außen her nachvoll-
ge der damaligen Verbotswelle.” Dieses Konzept, bei ziehbare Strukturen”, wie “Riehl” betonte.
Worch noch unter den Arbeitstiteln “rechte Autonome” Die Verbotspraxis der Innenminister im Bund und in
oder “autonome Rechte” geführt, sei es gewesen, das den Ländern war selbstverständlich nicht in der Lage,
1996/97 – Worch saß zu diesem Zeitpunkt in Haft - dann Neonazismus zu “beseitigen”. Vielmehr war sie eine
unter der Überschrift “Freie Nationalisten” realisiert wor- Reaktion vornehmlich auf kritische Nachfragen aus dem
den sei. Worch: “Für die Wortschöpfung also kann Wulff Ausland und ein Tätigkeitsnachweis der Sicherheitsbehör-
das Urheberrecht in Anspruch nehmen. Daß er das Kon- den. Gleichwohl: Wirksam war sie insoweit, dass sie Neo-
zept 1997 entwickelt hätte, ist eine glatte Lüge.” nazis das Leben erschwerte, sie zumindest phasenweise
zurückwarf, weil sie gezwungen waren, sich mit dem
“Verbindliche Organisierung... ohne von außen Neuaufbau von Organisationen zu befassen, statt politi-
her nachvollziehbare Strukturen” sche Arbeit leisten zu können. “Das Konzept, immer wie-
der neue Parteien und Gruppierungen zu gründen, ging
Neonazi zu sein ganz ohne Parteiausweis und -abzei- nicht mehr auf”, wird im “Zentralorgan”, dem Zentralor-
chen, ohne einen Vorsitzenden und den Schriftführer, ohne gan der “Freien”, später ein “reichsweit bekannter,
Satzung und Vereinsblatt: Für die meisten bundesdeut- langjähriger Mitkämpfer” im Interview sagen.
schen Neonazis ist das ein absolutes Novum. Satzungen Doch selbst wenn die alten Kleinparteien von Verboten
und Vorstandsvorgaben bieten nun einmal einen Halt, erst unbehelligt geblieben wären – wirklich vorangebracht hät-
recht autoritären Persönlichkeiten. Und so mancher wird ten diese Parteien die extreme Rechte nicht, wie die Klü-
beim Wechsel von der politisierenden Vereinsmeierei und geren unter den Neonazis erkannten. “Die alten Strukturen
den ganz klaren, sofort erkennbaren Strukturen in den waren und sind zum Teil schuld daran, dass es in Deutsch-
scheinbar ungeregelten Bereich der “Autonomie” auf der land noch immer nicht zu einer großen einigenden Bewe-
Strecke bleiben oder es vorziehen, in der NPD oder bei gung gekommen ist”, räumte der “reichsweit bekannte,
den “Jungen Nationaldemokraten” (JN) weiterzumachen. langjährige Mitkämpfer” ein. Und schließlich bot das neue
Aus der NF beispielsweise zieht es Steffen Hupka, Jens Modell Chancen über die Erwartung hinaus, von Verboten
Pühse und den Lüdenscheider Stephan Haase zur NPD. fortan verschont zu bleiben. “Viele junge Menschen”,
Der eine wird sich später mit der Parteispitze wieder über- meinte der anonyme “Mitkämpfer”, seien “der Überzeu-
werfen, der zweite den Versandhandel der “Deutschen gung, daß sie nicht in den hierarchischen Strukturen einer
Partei arbeiten wollen”. Den Kameradschaften vor Ort, so
die Einschätzung in der Szene, könnte es leichter gelingen,
Jugendliche für den Neonationalsozialismus zu gewinnen,
die sich von Regularien und Ritualen der Parteien eher
abgeschreckt fühlen.

Entstehung “freier Strukturen” in NRW

“Es gibt keine Kasse, keine ,Führer’, keine Satzung,


kein Finanzstatut... Es gibt nur den Namen und eine ganze
Menge politisch interessierter Einzelpersonen.” Andree
Zimmermann verriet das Erfolgsrezept der Neonazis in
Südwestfalen, die meist unter dem Label “Sauerländer
Aktionsfront” (SAF) agierten und vom NRW-Verfas-

Quo vadis, Christian Worch?

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sungsschutz Mitte der 1990er Jahre wohl zu Recht für die heiliges Symbol, für das wir kämpfen, wird erst wieder auf
bedeutendste neonazistische Gruppierung in NRW neben unseren Fahnen prangen, wenn wir dieses System ver-
den JN gehalten wurde. nichtet haben.”
Was Neonazis aus anderen Regionen erst als Folge der Auch wenn sie spät dran waren, lernten die Nordrhein-
Organisationsverbote und quasi als Notlösung praktizier- Westfalen schnell; “Kameradschaften” entstanden. Sie tru-
ten, hatten die Neonazis aus dem Sauer- und Siegerland gen verschiedene Namen, wechselten diese des Öfteren
schon von Beginn der 90er Jahre an, also praktisch von auch, nannten sich mal Kameradschaft, ergänzt um eine
Anfang an, vorgemacht. Dazu gehörte vor allem der Ver- Angabe zur Region oder um den Namen einer örtlichen
zicht auf erkennbare Strukturen. Dazu gehörte aber auch NS-Größe, mal “Freie Nationalisten”, mal “Widerstand”
der Wechsel des Namens, mit dem in einigen Fällen auch oder “Nationaler Widerstand”. Mit der Ausnahme des
eine “Autonomie” der Neonazistruktur betont werden soll- “Kampfbundes Deutscher Sozialisten” (KDS) waren die
te. So agierten die SAF-Kader z.B. auch unter den Neonazis, die nicht unter dem Dach der NPD unterge-
Bezeichnungen “Nationalistische Autonome Basis Sieger- schlüpft waren, vordergründig bloß noch lokal oder regio-
land, Sauerland, Wittgenstein, Nordhessen” oder “Auto- nal organisiert.
nomer nationalistischer Koordinierungskreis Siegerland / Sie scharten sich um erfahrene Kader. In Ostwestfalen
Sauerland / Wittgenstein / Nordhessen”. führte Bernd Stehmann Regie, der einst der “Gesin-
Trotz aller zur Schau gestellten “Autonomie” leistete nungsgemeinschaft der Neuen Front” (GdNF) angehörte.
man aber einen wirksamen Beitrag zur kommunikativen Die Ex-FAPler Ralph Tegethoff und Siegfried “SS-Sig-
Vernetzung der Szene, ob nun mit dem – bundesweit zwei- gi” Borchardt organisierten die Szene im Raum
ten – “Nationalen Infotelefon”, dem 1992/93 in Winter- Bonn/Rhein-Sieg bzw. im Osten des Ruhrgebiets, Andree
berg-Züschen betriebenen “NIT Sauerland”, mit den Zimmermann im Sauer- und Siegerland. Und der Einfluss
Bemühungen Zimmermanns, unter dem Pseudonym “Lut- von Christian Malcoci, auch er kam aus der FAP, ging
scher” das “Thule”-Mailboxsystem zur Koordination weit über seinen Heimatkreis Neuss hinaus. Sie waren und
untereinander zu nutzen, oder mit den SAF-Publikationen sind Respekts- und Integrationspersonen mit der Schlüs-
wie beispielsweise der “Freien Stimme”. selrolle, den Laden auch ohne Satzung und gewähltem
Und auch der Schutz vor staatlichen Repressalien funk- Vorsitzenden zusammenzuhalten. Man kennt sich seit Jah-
tionierte zumindest teilweise: Zwar fanden sich Kader und ren, wenn nicht Jahrzehnten. Insbesondere die Leute, die
Anhänger ab und an vor Gericht wieder – ob wegen Kör- aus der FAP kamen, schoben sich in den Vordergrund. Das
perverletzung oder Sachbeschädigung, Volksverhetzung Berliner “Antifaschistische Infoblatt” notierte Anfang
oder Landfriedensbruch. Der zentrale Vorwurf von Polizei 2001: “Wie stark die Führungsstrukturen vor allem im
und Staatsanwaltschaft, eine kriminelle Vereinigung gebil- Ruhrgebiet von alten FAP-Kadern geprägt sind, zeigte der
det zu haben, war freilich nach mehr als zweijährigen Versuch der Dortmunder Polizei, einen Aufmarsch der
Ermittlungen vom Tisch, weil es den Staatsschützern nicht ,Freien Kameradschaften’ am 21. Oktober 2000 mit der
gelang, der SAF eine feste Struktur nachzuweisen. Begründung zu verbieten, es werde gegen das Verbot der
Abgesehen von solchen Ausnahmen wie der SAF FAP verstoßen, weil Demonstrationsleitung und Ordner
erreichte das Konzept “Freie Nationalisten” Nordrhein- überwiegend dieser Organisation angehört hätten.”
Westfalen in seiner ganzen Fläche erst mit Verspätung.
Noch im März 1998 musste der Hamburger Thomas Wulff NRW-Regionen
zu einer Werbeveranstaltung anreisen. Vor rund 100 Akti-
visten aus NRW pries er das Kameradschaftskonzept an, Dabei ergaben sich mit der Bildung immer neuer
mit dem man in Norddeutschland doch so gute Erfahrun- “Kameradschaften” und mit dem Verlust mancher aktiven
gen gemacht habe. Und auch das neue Symbol der “Bewe- “Kameraden” Verschiebungen in der Bedeutung. Die alte
gung” versuchte er den Rheinländern und Westfalen nahe SAF verlor rapide an Relevanz, nachdem ihre “Köpfe”
zu bringen: die schwarze Fahne. Schwarz, so Wulff, als Andree Zimmermann und Thomas Kubiak im November
“Symbol der Not in unserem Reich”. Auf das eigentliche 1997 bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.
Symbol, das Hakenkreuz, musste man ja schließlich ver- Die heute in Bochum lebende Olsbergerin Daniela Wege-
zichten. Vorläufig, wie Wulff hoffte: “Unser gemeinsames ner übernahm die Regie der geschwächten Sauerländer
Szene, die eng mit der Siegerländer “Kameradschaft
2/130” um Martin Scheele
verbandelt ist.
Gar nicht mehr in
Erscheinung tritt seit zirka
drei Jahren die aus der FAP
und DA entstandene “Ka-
meradschaft Duisburg” um
den KDS-Mitbegründer
Führer der “Freien” und Michael Thiel. Für Konti-
NPD-Mitglieder: Ralph “Kameradschaftsführerin” und Kader der “Freien” und nuität sorgt im westlichen
Tegethoff, Thorsten Heise und NPD-Landtagskandidatin Danie- NPD-Landtagskandidat
Thomas “Steiner” Wulff (v.l.n.r.) la Wegener (li.) Christian Malcoci

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Ruhrgebiet die den “Freien” zuzurechnende Postille “Der


Förderturm”, zu deren Redaktion einige der älteren
“Kameraden” zählen. Andere Ältere gehören der Gruppie-
rung “Die Moite Essen/Duisburg” an. Nach der Auflösung
der ehemaligen Duisburger JN-Gruppe entstanden zudem
weitere jüngere Gruppen, zu denen aktuell die “Autono-
men Nationalisten westliches Ruhrgebiet” zählen (siehe
unten). Im Umfeld der Duisburger Szene bewegen sich
auch die Neonazi-Szenen aus dem Kreis Wesel, die aller- Christian Worch und
Siegfried “SS-Siggi” Borchardt “AB-West-Führer” Axel Reitz
dings trotz ihres großen personellen Potenzials nur über
einen sehr geringen Organisierungsgrad verfügen.
Von der “Kameradschaft Düsseldorf” um Sven Skoda, Erscheinung zu treten. In Herne gründete sich vor zirka
die ab Mitte der neunziger Jahre immer aktiver wurde und zwei Jahren die “Kameradschaft Herne” um Stefan
nicht zuletzt wegen ihres “Nationalen Infotelefons Rhein- Braun.
land” eine wichtige Rolle bei der Vernetzung der “Freien” Drastisch an Bedeutung verloren hat die zu Beginn des
spielte, hört man seit zirka zwei Jahren nichts mehr, wenn- Jahrzehnts ziemlich rege Neonazi-Szene südlich des Ruhr-
gleich diverse ihrer Mitglieder nach wie vor aktiv sind.. gebiets, in Hagen, im Märkischen Kreis und im Ennepe-
Dagegen legte die Dortmunder Szene um die “Kame- Ruhr-Kreis. Anders etwas weiter westlicher, wo der Wup-
radschaft Dortmund” enorm zu und konnte im vorigen pertaler “Freundeskreis Nationale Politik” weiter aktiv ist,
Jahr sogar die vorübergehende, haftbedingte Abwesenheit der mindestens teilweise personenidentisch mit den
von “SS-Siggi” vor allem dank des Einsatzes seiner “Stell- “Autonomen Nationalisten Wuppertal/Mettmann” und der
vertreterinnen” Katja Jarminowski und Karin Lenzdorf zwischenzeitlich aufgetretenen regionalen KDS-Struktur
unbeschadet überstehen. Eng verbandelt sind die Dort- sein dürfte.
munder “Kameraden” mit Neonazis aus dem Raum Als besonders stabil und ausbaufähig haben sich über
Unna/Kamen. Hilfestellung leisteten die Dortmunder wie- die Jahre die Kameradschaftsszenen in denjenigen Regio-
derholt der sich neu bildenden “Kameradschaft Hamm”. nen erwiesen, in denen schon zu alten FAP- und NF-Zei-
Zu den beständigen Strukturen gehören auch die von ten handlungsfähige Strukturen existierten und in denen
Ralph Tegethoff geführten “Freien” im Raum Bonn- erfahrene Kader wirken. Diverse Neugründungen blieben
Rhein/Sieg. Ebenso die ostwestfälische Szene der “Frei- temporäre Erscheinungen, die wieder verschwanden,
en” um Bernd Stehmann. In dieser Region entstanden in wenn ein oder zwei Führungs-”Köpfe” die Stadt verließen.
den letzten Jahren auch immer wieder neue Gruppen, so Andere Neugründungen wie die “Kameradschaft Josef
beispielsweise in Bad Salzuflen und in Höxter. Im ost- Terboven” oder die Kameradschaften in Herne oder Moers
westfälischen Grenzgebiet zu Niedersachsen war die führen derzeit in der NRW-Szene ein Außenseiterdasein,
“Kameradschaft Weserbergland” aktiv. weil ihre “Anführer” zu integrativer Arbeit nicht in der
Gleich mit mehreren Namen operiert der Kreis rund um Lage sind bzw. häufig - nicht nur wegen ihres Verbalradi-
Axel Reitz, Paul Breuer und Uwe Pendsinski in Köln. kalismus’ - mit einem Bein im Gefängnis stehen. Und
Mal firmieren diese als “Kameradschaft Walter Spangen- schließlich gibt es noch Ein- oder Zwei-Mann-Gruppie-
berg”, mal als “Kameradschaft Köln” und mal als “KDS rungen, die eventuell noch mit einer Internetpräsenz glän-
Rheinland”. Weiter westlich agiert die “Kameradschaft zen und die Unterstützerlisten von Demonstrationen
Aachener Land” um Rene Laube, die eng mit den NPD- schmücken, tatsächlich aber wenig Substanz aufweisen.
nahen “Freien” im Raum Mönchengladbach verbandelt
ist. Regionale und landesweite
Im zentralen Ruhrgebiet stößt man erstaunlicherweise Bündelungsversuche
nur auf wenige feste Gruppen. In Essen ist es die größten-
teils aus Jugendlichen bestehende “Kameradschaft Josef Versuche, die Zusammenarbeit landesweit untereinan-
Terboven”, die zeitweise auch als KDS Essen auftrat, die der zu formalisieren, wie es das “Aktionsbüro Nord-
durch diverse Demoanmeldungen und ihre Verbalradika- deutschland” vormachte, und diese Zusammenarbeit auch
lität auf sich aufmerksam machte. Im Raum Gelsenkir- mit einem eigenen Label zu versehen, waren in NRW bis-
chen, Bochum und Recklinghausen kommt es zwar immer her nur wenig erfolgreich. So gab es in der Frühphase der
mal wieder Neugründungen, die aber zumeist nur von kur- nordrhein-westfälischen “Freien Kameradschaften” ein
zer Lebensdauer sind. In Bochum erwähnenswert ist ledig- “Nationales Bündnis Westdeutschland” – als Kontakta-
lich der NPD-nahe “Widerstand Wattenscheid” um Claus dresse diente das Postfach der “Kameradschaft Duisburg”
Cremer. Andere Bochumer Aktivisten suchen die Anbin- um Michael Thiel. Dessen Nachfolge übernahm der
dung an die nahe “Kameradschaft Dortmund”. Ähnliches “Widerstand West” mit Sitz vermutlich in Düsseldorf.
ist im südöstlichen Teil des Kreises Recklinghausen zu Nachdem beide Vernetzungsversuche anfangs zumindest
beobachten, in dem einige verbliebene Aktivisten der ehe- halbjährliche überregionale “Kameradschaftstreffen”
maligen (FAP-)”Kameradschaft Recklinghausen” für organisierten, endeten sie letztlich als Papiertiger und ver-
Kontinuität sorgen, ohne jedoch als lokale Gruppierung in schwanden dann gänzlich von der Bildfläche. Auf regio-
naler Ebene gab es Bündelungsversuche beispielsweise im > Weiter auf Seite 19

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Freier als frei


Demonstration der “Freien” am 16. April in Essen
mit Fronttransparent der “Autonomen Nationalisten”

Sie nennen sich “Autonome Nationalisten Östliches Ruhrge- Demonstrationen gegen den Block mit gewaltsamen Mitteln
biet”, “Autonome Nationalisten Westliches Ruhrgebiet” oder vorzugehen oder beispielsweise diese Netzwerkseite nebst
“Autonome Nationalisten Wuppertal/Mettmann”. Aus den “Frei- Forum entweder zu hacken oder aber gegen die Moderatoren mit
en Kameradschaften” hat sich ein sozusagen noch “freierer” körperlicher Gewalt vorzugehen.” Wenige Tage zuvor hatten die
Ableger entwickelt: die “Autonomen Nationalisten” (AN). Als Macher jener Internetseite bereits eine “unnötige Klarstellung”
emsigste Vertreter und Wortführer treten unter anderem der veröffentlicht, in der sie klagen, nicht selten werde ihre Seite
Dortmunder Dennis Giemsch und der ehemalige JNler Steffen von den Gegnern der “Autonomen Nationalisten” als “Ursprung
Pohl aus Duisburg in Erscheinung. allen Übels benannt”.
Bei Neonazidemos bevorzugen sie die vorderen Reihen. Klei- Tatsächlich tummeln sich im Forum jener Seite die Anhänger
dung und Transparente verraten die Anleihen bei Linksautono- des “Autonomen”-Konzepts. Sie sind geradezu zwangsläufig
men. “Fight the system” heißt es ohne Scheu vor Anglizismen eine Provokation für viele altgediente Neonazi-Anführer. “Man
schon einmal in ihren Demonstrationsaufrufen. Statt Marschmu- will aus der ewigen schwarz-weiß-roten Deutschtümelei ausbre-
sik und Rennicke bevorzugen sie zuweilen Punk oder gar chen und einen neuen Weg beschreiten”, schreibt dort ein “Auto-
Hiphop. Und bei Aufmärschen fällt ihr “Black Block” immer nomer”. 1933er-Romantik und feste verkrustete Strukturen sei-
öfter auf. en nicht mehr zeitgemäß, bekommen die Altvorderen zu lesen.
Das Auftreten der Rechts-”Autonomen” ist noch aggressiver Für einen Teil der “Kameraden” sind selbst die “freien” Struktu-
als das “gewöhnlicher” Neonazis. Sie begründen dies mit einer ren Worch’scher, Wulff’scher oder Weidner’scher Prägung zu
Bedrohung durch Staat und Antifa. Man werde sich, schreiben starr geworden. Und auch die üblichen Demo-Rituale finden ihr
beispielsweise die “Autonomen Nationalisten Wuppertal/Mett- Gefallen nicht: “Oftmals ein haufen trauriger gesellen welche
mann” in einer Selbstdarstellung, mit hängenden schultern unter s/w/r fahnen dahinlatscht, zu ein-
“nicht von diesem Besatzersystem schläfernden klängen. Alle sehen aus wie ne Billardkugel oder
rumschubsen lassen”. Mit “rechts- wie eine 1933 HJ parodie. Klar lacht man da die leute aus und
konservativen Organisationen”, die zwar nicht zu unrecht.”
nach der Devise “Wenn dich einer Die Wuppertal/Mettmanner Rechts-”Autonomen” über ihr
auf die rechte Wange schlägt, dann Alternativkonzept: “Wir setzen uns dafür ein, alle relevanten
halte auch die andere Wange hin” Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für
handeln würden, will man nichts zu unsere Zwecke zu instrumentalisieren. Es spielt keine Rolle wel-
Im “autonomen” Outfit: tun haben: “Wer uns auf die rechte che Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder wel-
Demo-Stammgast Dennis Wange schlägt, der bekommt ansch- che Klamotten man anzieht.”
Giemsch aus Dortmund
ließend Rechts und Links eine!” Die Modernisierungsversuche der “Autonomen” haben frei-
Doch im Augenblick scheint die lich Grenzen. An der Ideologie wird nicht gerüttelt. “Wir selber
Gefahr für die Rechts-”Autonomen” sehen uns als Teil der nationalsozialistischen Bewegung in
eher aus den Reihen anderer Grup- Deutschland und bekennen uns zu Volk, Nation und Rasse”,
pen der extremen Rechten zu kom- beteuern die Macher der “Freier Widerstand”-Homepage. Noch
men. “Tatsache ist”, schrieb Christi- kürzer fasste es ein anderer Neonazi zusammen, der das Logo
an Worch im Forum der Internetprä- der “Autonomen” - ein Kreis mit zwei Fahnen innen und die
senz “Freier Widerstand”, “daß ein Aufschrift “Nationale Sozialisten” gegen die Kritik der Gegner
Kreis von angeblich oder tatsächlich des “Black Block” verteidigte: “Glaubt es einfach, hier steht
führenden Leuten aus Zusammen- nicht nur ,Nationale Sozialisten’ drauf, hier sind auch nationale
...und sein Duisburger Pendant hängen des freien Widerstandes Sozialisten drinne ;)”
Steffen Pohl (mit Mütze)
mindestens erwogen hat, bei

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“Nationalen Widerstand Ruhr”, zu dessen Veranstaltungen während die NPD noch soweit auf ihr Renommee achtete,
sich regelmäßig Angehörige der “Kameradschaften” und dass sie keine zusätzliche Munition für das Verbotsverfah-
NPD-Mitglieder aus dem Ruhrgebiet trafen. Nicht von ren liefern wollte.
Erfolg gekrönt war auch der Versuch einer Gruppe von
Neonazis, sich unter dem Namen “Volksgemeinschaft Aufmarschwelle
Autonomer Sozialisten” (VAS) mit Filialen in Siegen,
Hagen, Lüdenscheid und Oberhausen zusammenzusch- Besonders ab Herbst 2000 erlebte Nordrhein-Westfalen
ließen. Und auch die “Aktionsfront Westfalen”, die sich eine Welle von Demonstrationen der “Freien”, anfangs
Ende letzten Jahres als regionaler Zusammenschluss von häufig angeführt und juristisch durchgesetzt von Christian
“Kameradschaften” und “Aktivisten” aus Herne, dem Worch. Die Themen reichten von der “deutschen Kohle”
Münsterland und dem Niederrhein proklamierte, zeigt der- bis zum Irakkrieg, von der “Solidarität mit Palästina” bis
zeit keine nennenswerten Aktivitäten. zum Protest gegen Hartz IV. Dabei entwickelten sie im
Erfolgreicher sein könnte das “Aktionsbüro West- Lauf der Jahre eine besondere Dreistigkeit, was Demo-
deutschland”, das Mitte letzten Jahres erstmals an die Orte, -Anlässe und -Parolen anbelangt – befördert auch
Öffentlichkeit trat. Es soll, so die Beschreibung der Initia- durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts,
toren, “die Kräfte des freien Widerstandes auch in Rhein- das hohe Hürden für Veranstaltungsverbote aufgestellt
land – Westfalen bündeln und zu einer aktiven Kampfge- hatte. Während Anfang 2002 beispielsweise ein Auf-
meinschaft formen, in welcher nicht gegen, sondern mit- marsch der “Initiative der weißen Art” unter dem Motto
einander gearbeitet wird”. Allerdings gehört ihm nur ein “Ruhm und Ehre der Waffen-SS” an der Wewelsburg bei
kleiner Teil der regionalen Gruppierungen an. Als betei- Paderborn wegen des Mottos und des nicht minder provo-
ligte Gruppen werden die “Kameradschaften” Dortmund, kativen Ortes verboten blieb, konnten Neonazis zweiein-
Hamm und Köln, der KDS, die “Autonomen Nationalisten halb Jahre später unbehelligt mit den Parolen “Hopp hopp
westliches Ruhrgebiet”, der “Freundeskreis Nationaler hopp – Synagogenstopp”, “Stoppt den Synagogenbau –
Politik” (FNP) aus dem Raum Wuppertal und der “Lever- wir sind das Volk” oder “Wir sind dabei – Bochum syna-
kusener Aufbruch” genannt. gogenfrei” durch Bochum ziehen oder bei einer Kundge-
bung am 9. November 2004 in Leverkusen “Die schönsten
Identitäten Nächte überall – sind doch die Nächte aus Kristall” grölen.
Um solche Unverschämtheiten strafrechtlich unbescha-
Neonazistische Identität wird den Mitgliedern der det von sich geben zu dürfen, hatten deutsche Neonazis
“Kameradschaften” aber nicht über solche quasi überge- früher ins Ausland ausweichen müssen. Besonders mit
stülpten “Dachorganisationen” wie “Aktionsbüros” ver- extrem rechten Gruppierungen in den Niederlanden pfle-
mittelt. Identität vermittelt vielmehr der Stammtisch in der gen sie seit Jahren beste Kontakte. Früher hatte man zum
Kameradschaftskneipe, der Schulungsabend im Hinter- 9. November noch nach Holland reisen müssen, um des
zimmer, der gemeinsame Konzertbesuch, das Neonazi- Tages nazigerecht zu gedenken. Vor allem Neonazis aus
Blatt, die nächtliche Klebeaktion, die allwöchentliche dem Sauerland, aus Dortmund, Düsseldorf und Leverku-
Teilnahme an einem Aufmarsch. Wie eine so geschaffene sen hielten über die Jahre die Kontakte in das westliche
Identität am Ende aussehen könnte, skizziert eine kleine Nachbarland.
Broschüre mit dem Titel “Freier Nationalist – mein Selbst-
verständnis”, für die das “NIT Rheinland” warb: “Alles, Verbots-Furcht
was meinem Volk nutzt, ist recht. Darum unterwerfe ich
mich auch nicht den Zwängen einer bestimmten politi- Nach den Verboten der “Kameradschaft Tor Berlin”
schen Organisation, sondern bewahre mir die Freiheit, sowie der “Berliner Alternative Süd-Ost” wächst auch bei
über alle Parteigrenzen und Organisationszwänge hinweg Neonazis in NRW die Sorge, dass die Kameradschaften
überall dort aktiv zu werden, wo es dem Kampf um doch nicht ein so sicheres Organisationsmodell sind wie
Deutschland nutzt. Das ist der Befehl des Gewissens! Kein erhofft. Die “Kameradschaft Weserbergland” fürchtete,
Vorsitzender, kein Gremium und kein Parteiprogramm dass auch sie mit einem Verbot belegt werden könnte, und
können mir vorschreiben, was ich darf und was nicht... Ich teilte im März mit, sie werde “sämtliche Aktivitäten auf
verstehe freien Nationalismus als eine innere Haltung, die Kameradschaftsebene einstellen”. Von einer Schwächung
sich grundsätzlich unterscheidet von lebensfremden Par- des nationalen Widerstandes im Weserbergland könne
teikonventionen, muffiger Vereinsmeierei und rechtem aber keine Rede sein: “Als aktive, revolutionäre Kräfte
Spießbürgertum.” Eine Partei braucht es für so geformte haben wir auf den zunehmenden staatlichen Druck rea-
Neonationalsozialisten natürlich nicht. Im Gegenteil: Als giert und dem System und seinem Verfolgungsapparat
die NPD unter dem Eindruck eines drohenden Verbotes für somit ein entscheidendes Angriffsziel entzogen.” Fortan
einige Zeit auf den “Kampf um die Straße” verzichtete, verstehe sich die Kameradschaft Weserbergland “lediglich
gingen die “Freien” immer noch auf die Straße. Und auch als organisations- und strukturlose Plattform für verschie-
Radikalität und Militanz brauchten sie nicht zu verbergen, dene freie Gruppierungen und Einzelaktivisten, die sich
Aktiv am nationalen Widerstand in der Region beteili-
gen... Es werden künftig von unserer Kameradschaft aus
weder öffentliche noch interne Veranstaltungen stattfin-

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“Freie” “Organisierter Wille braucht keine Partei...”

den. Auch werden keinerlei politische Aktionen mehr von In dieser Auseinandersetzung schien Wulff im Vorfeld
uns ausgehen. Für ihre Tätigkeiten innerhalb des nationa- der Europawahl im Sommer 2004 in NRW die deutliche
len Widerstandes tragen die verantwortlichen Aktivisten Mehrheit der regionalen Neonaziszenen auf seiner Seite
und Aktionsgruppen die alleinige Verantwortung”. zu haben. Bis hin zu der klaren Wahlempfehlung von Sieg-
fried Borchardt zugunsten der NPD.
Brüche bei den Der Trend hin zu einer engeren Zusammenarbeit mit der
nordrhein-westfälischen “Freien” NPD verstärkte sich noch einmal nach deren Wahlerfolg in
Sachsen und nachdem sich bei der Kommunalwahl in
So viel die NRW-Neonazis Worch auch zu verdanken NRW gezeigt hatte, dass dort, wo die NPD antrat, sie auch
haben – angefangen vom Konzept der “Kameradschaften” Erfolge in Form von Stadtrats- oder Kreistagsmandaten
bis hin zur Durchsetzung von Demonstrationen vor einzufahren in der Lage war. Zudem hatte die Partei mit
Gericht: Von den Kontroversen in “Freien”-Kreisen blie- Thomas Wulff, Thorsten Heise und Ralph Tegethoff drei
ben sie nicht verschont. Spätestens Ende 2002 waren die prominente Neuzugänge aus dem “Freien”-Spektrum zu
ganz offenen Brüche nicht mehr zu übersehen. Erster verzeichnen.
Anlass war die Diskussion, wie weit im Internet Anonym- NPD-NRW-Parteivize Claus Cremer signalisierte den
ität zu wahren sei, nachdem Worch Kontrahenten geoutet parteiunabhängigen “Kameraden”, dass sie mit offenen
hatte. Auch Neonazis aus Nordrhein-Westfalen stellten Armen willkommen seien: “Ich möchte auch behaupten,
sich gegen ihn. Unter den Unterzeichnern eines Aufrufs daß mir bzw. der Partei es in NRW gelungen ist, eine
“Anonymität schützt Arbeitsstrukturen und Personen” fan- ziemlich gesunde (wenn auch manchmal nur punktuelle)
den sich der damals noch aktive “Widerstandwest”, dessen Zusammenarbeit mit parteifreien Kräften zu schaffen. Das
Internetseite freilich in der Folge nicht mehr aktualisiert zeigt für mich: Es ist also möglich!” Ausdruck dessen war
wurde, das “NIT Rheinland”, Daniela Wegeners “freie auch die Kandidatur von zwei “Freien” auf der NPD-Liste
Kräfte aus dem Hochsauerlandkreis”, Bernd Stehmann zur Landtagswahl: Malcoci auf Platz acht und Wegener
und Christian Malcoci. auf Platz zehn.
Wichtiger aber noch ist die Frage des Verhältnisses der Malcoci, Wegener & Co. bilden freilich mit ihrem
“Freien” zur NPD. Offensichtlich wurden die Differenzen parteifreundlichen Kurs nur einen der Kristallisations-
im Vorfeld des 1. Mai 2004. Während Worch zur Demo punkte für Neonazis in NRW. Den anderen stellt das NPD-
nach Leipzig rief, organisierten das “Aktionsbüro Nord- skeptische “Aktionsbüro West” um Axel Reitz dar. Wel-
deutschland” rund um Thomas Wulff und die NPD ihren ches Konzept sich letztlich durchsetzt, dürfte auch davon
“Tag der deutschen Arbeit” in Berlin. Knapp 200 Organi- abhängig sein, wie das für die NPD enttäuschende Ergeb-
sationen führten die “Berliner” auf ihrer Homepage als nis der Landtagswahl in der Szene letztlich bewertet wird.
Unterstützer auf – zum großen Teil zwar Parteigliederun- Dabei wird es nicht nur um Prozentpunkte gehen, sondern
gen, aber auch viele “Freie”, aus NRW z.B. der “Watten- auch um die Fragen, wie sich die Zusammenarbeit unter-
scheider Widerstand”, die “Kameradschaft Weserberg- einander gestaltet hat, ob die NPD im größten Bundesland
land”, der “Nationale Widerstand Münsterland”, der durch den Wahlkampf intern einen neuen Schub erhielt
“Leverkusener Aufbruch”, die “Aktionsgruppe Duisburg”, oder ob das Ergebnis für die “Freien” so deprimierend aus-
das “NIT Rheinland”, “Freie Nationalisten Ostwestfalen- fällt, dass die Option NPD ihnen nicht mehr attraktiv
Lippe”, der “Widerstand Hochsauerland”, der “Warendor- erscheint.
fer Widerstand”, die “Freie Kameradschaft Herford”, das
“Förderturm”-Magazin, und die “Kameradschaft Aache-
ner Land”. Wulff, zu dieser Zeit noch nicht NPD-Mitglied,
sah die Berliner Demonstration auch als Beitrag zum
“Aufbau einer ,Volksfront von Rechts’”: “Die Wahlkämp-
fe der nächsten Monate sollten für alle Aktivisten – ob in
der NPD organisiert oder nicht – ein willkommener Anlass
sein, jetzt dafür zu sorgen, dass auch der parteipolitische
Arm unserer Bewegung wieder gestärkt wird.”
Worch hingegen fürchtete, dass seine “Kameraden” für
Wahlkämpfe der NPD missbraucht – und dann wieder fall-
en gelassen würden. So wie sie bereits fallen gelassen
worden seien, als die Partei unter dem Eindruck des dro-
henden und dann eingeleiteten Verbotsverfahrens die zeit-
weilige “Symbiose” mit den “Freien” nach dem Spätsom-
mer 2000 beendet habe. Die Partei suche sich “wieder mal
ein paar nützliche Idioten, mit denen man es eine Weile
machen kann, bis die Bedürfnislage der Partei sich ändert
und aus den nützlichen Idioten der schillersche Mohr wird,
der seine Schuldigkeit getan hat”.

20  Lotta Nr.20 | Sommer 2005