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Geschichte Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel Düsseldorf

Von Gerd Peter Mayer

Parteidisziplin und
antifaschistischer Kampf
Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel Düsseldorf

Im Folgenden soll eine kritische Analyse des Wider- Überwindung des kapitalistischen Systems anstrebte,
standes gegen den Nationalsozialismus am Beispiel Düs- begriff sich die SPD – zu Recht – als Begründerin und
seldorf versucht werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem Verteidigerin der Republik und ihrer demokratischen Ver-
proletarischen Widerstand, da er unbestritten den deutlich- fassung.
sten Anteil und zeitweise das Potenzial besaß, das NS-
Herrschaftssystem nachhaltig zu erschüttern. Es wird hier Sozialdemokraten
also nicht nur um die Politik der Organisationen der Arbei-
terbewegung gehen, sondern nicht zuletzt um durch den Angesichts der legalen Machtübertragung an Hitler am
NS selbst hervorgebrachte Widerstandspotenziale und die 30. Januar 1933 wurde von der SPD erst einmal eine
Frage inwieweit sich beide jeweils aufeinander bezogen. abwartende Haltung eingenommen, und die Partei arbeite-
Schon vor 1933 hatte die politische Situation in Düssel- te zunächst auf die für den 5. März 1933 anberaumten
dorf Besonderheiten aufzuweisen, die Auswirkungen auf Reichstagswahlen hin. Zwar waren noch alle Parteien
den Widerstand haben sollten: Im April 1917 war der zugelassen, aber die NSDAP verbreitete Wahlpropaganda
überwiegende Teil der Sozialdemokraten zur USPD mit Hilfe des Staatsapparates, während die anderen Partei-
gewechselt, die dann 1920/22 größtenteils zur KPD über- en massiv behindert wurden.
gingen. Infolgedessen entwickelte sich die Stadt in der Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurde zum
Weimarer Republik zu einer kommunistischen Hochburg, Anlass genommen, vor allem Kommunisten, doch bald
und von 1930 bis 1932 war die KPD hier die stärkste Par- auch Sozialdemokraten und Gewerkschafter zu inhaftie-
tei. Bemerkenswert ist, dass die KPD etwa doppelt so ren.
stark war wie die SPD, während die Verhältnisse Am 3. März 1933 wurde die sozialdemokratische “Düs-
im Reich ansonsten umgekehrt lagen. seldorfer Volkszeitung” verboten. Dennoch konnten SPD
Daneben wirkte sich auch die unterschiedli- und KPD bei der Reichstagswahl am 5. März und auch bei
che politische Ausrichtung, die beide Parteien den eine Woche später stattfindenden Kommunalwahlen
insbesondere seit Ende der 1920er Jahre in eine ihren Stimmenanteil halten. Die NSDAP ging aber, dank
scharfe Frontstellung zueinander brachte, auf erhöhter Wählermobilisierung, als klare Siegerin hervor.
den Charakter ihres antifaschistischen Wider- Wenig später wurde der 1. Mai – der traditionelle Kampf-
standes aus: Während die KPD eine revolutionäre tag der Arbeiterbewegung – zum bezahlten Feiertag

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Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel Düsseldorf Geschichte

erklärt, und der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund Vier Wochen später setzten nach dem Reichs-
(ADGB) rief dazu auf, an den Mai-Feierlichkeiten teilzu- tagsbrand Massenverhaftungen von KPD-Funk-
nehmen. Schon am Tag darauf wurden die Gewerkschaf- tionären und prominenten Mitgliedern
ten zerschlagen, Funktionäre verhaftet und die Volkshäu- ein. Die Parteibüros wurden ge-
ser durch die SA besetzt. schlossen – die Presse verboten.
Infolgedessen war es in der SPD-Führung im Mai 1933 Die meisten Spitzenfunktionäre
zu heftigen Kontroversen zwischen einem Flügel gekom- des Bezirks konnten zunächst abtauchen.
men, der weiterhin legal arbeiten, und einem Flügel, der Verhaftet wurden vor allem mittlere Funktionä-
den NS-Staat bekämpfen wollte. Der Streit wurde erst re, die im Fall des Parteiverbots für die Reser-
durch das am 22. Juni 1933 erfolgte Parteiverbot beendet. veleitung vorgesehen waren. Verbindungen
In Prag wurde ein Exilvorstand gebildet, der illegale zwischen Parteibasis und Führung waren
Arbeit zu organisieren begann – und mit Unterstützung zunächst unterbrochen. Nicht selten setzten
nach Holland emigrierter Funktionäre wurden auch in untere Funktionäre aber die Beitragskassierung einfach
Düsseldorf illegale SPD-Gruppen aufgebaut. In erster fort und warteten auf Anweisungen. So wurden beispiels-
Linie wurde aber versucht, durch lose verbundene Diskus- weise im Stadtteil Eller im März 1933, trotz der Repressi-
sionszirkel Reste der Parteiorganisation zu bewahren und on, noch 90 % der Mitgliedsbeiträge kassiert.
den anfangs erhofften schnellen Untergang des Regimes Im April und Mai 1933 gelang es dann einer neuen Par-
abzuwarten. teileitung, 20 Stadtteilgruppen zu reorganisieren und zahl-
Einige Sozialdemokraten begannen dennoch damit, ille- reiche illegale Druckschriften in zum Teil beträchtlicher
gale Druckschriften zu verbreiten. Besonderes Aufsehen Auflage in Düsseldorf herzustellen und zu verbreiten. Bis
erregte die Verhaftung von Arbeitern der Duisburger Brot- Juni 1933 war die KPD zu einer unter den Bedingungen
fabrik “Germania”, die neben der Auslieferung von Back- der Illegalität effektiven Organisation ausgebaut. Nach-
waren auch Schriften der SPD verteilten. Zahlreiche ille- dem aber bei einem “Oberinstrukteur” mehrere Koffer mit
gale Gruppen wurden aufgerollt und über 600 Verhaftun- bürokratisch penibel aufbewahrten Briefen und Protokol-
gen vorgenommen. len illegaler Treffen gefunden wurden, gelang innerhalb
Anfang und Mitte 1935 wurden in Düsseldorf die letz- weniger Wochen die Festnahme fast der gesamten Düssel-
ten SPD-Gruppen zerschlagen, die im Exil hergestelltes dorfer Parteileitung und von über 90 Mitgliedern.
Material verbreiteten. Obwohl diese Publikationen, bis sie Während der Massenverhaftungen von Juni/Juli 1933
die Leser erreichten, meist den Ereignissen weit hinterher- wurden auch viele Stadtteilgruppen aufgerollt. Der Unter-
hinkten, wurden durch Sozialdemokraten keine örtlichen bezirk Düsseldorf-Gerresheim überstand die Verhaftungs-
Druckschriften hergestellt. Ab Mitte 1935 registrierte die welle indes fast unbeschadet und konnte die Arbeit noch
Gestapo schließlich keinerlei aktive SPD-Widerstands- ein weiteres Jahr fortsetzen. Es wurden zwar schnell
gruppen mehr in Düsseldorf. Ersatzleute gefunden, um entstandene Lücken zu füllen,
Auf einer Konferenz der SPD in Almelo/Holland wurde aber auch diese wurden oft bald verhaftet und machten
im Sommer 1936 erklärt, dass die Partei sich auf die Auf- eine Reorganisation nötig. Dennoch blieb die illegale KPD
rechterhaltung kleiner Zirkel beschränken solle, die von in Düsseldorf von Sommer 1933 bis Sommer 1934 relativ
der Exilleitung durch die Herausgabe ihrer Deutschland- stabil.
Berichte unterstützt würden. Diese waren von 1934 bis In einem Bericht des Politischen Sekretärs der KPD im
1940 regelmäßig erscheinende Zusammenfassungen von Bezirk Niederrhein wurde Mitte 1934 die illegale Arbeit
Meldungen örtlicher SPD-Korrespondenten mit zum Teil resümiert. Danach betrage die Mitgliederzahl noch etwa
exakten Analysen der Zustände im NS. 10 bis 12 % des Bestandes von 1931, wobei die Zahl der
durch Beiträge erfassten Mitglieder sogar steige. Die ille-
Kommunisten gale Zeitung “Freiheit” erscheine zwar unregelmäßig,
werde dann aber in Auflagen von 4.000 bis 5.000 Exem-
Während die Aktivitäten der illegalen SPD vor allem plaren verbreitet. Auch die Menge der verteilten Flugblät-
defensiv ausgerichtet waren, setzte die KPD sofort auf ter und Broschüren sei stabil geblieben.
offensiven Widerstand. Es lässt sich allerdings feststellen, dass, obwohl in Düs-
Von der KPD wurden in Düsseldorf bereits wenige seldorf auch 1934 kommunistische Druckschriften herge-
Stunden nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler stellt wurden, die Auflagen bereits stark rückläufig waren.
mehrere Demonstrationen aus den Arbeitervierteln in die Im Jahr darauf wurden nur noch insgesamt sieben in der
Innenstadt in Bewegung gesetzt – erst dort gelang es der Stadt hergestellte Schriften verbreitet, während der größte
Polizei, sie aufzulösen. Die Größe der Demonstrationen Teil des verteilten Materials nun aus dem Ausland kam.
dokumentierte deutlich die Mobilisierungsfähigkeit der Von Ende 1934 bis Februar 1935 gelang es der Gestapo,
KPD. Ein Aufruf zum Generalstreik wurde hingegen nur durch den Einsatz von Spitzeln fast alle KPD-Stadteil-
in einer Abteilung der Phönixwerke befolgt, da zu diesem gruppen in Düsseldorf zu zerschlagen. Anfang 1935 wur-
Zeitpunkt lediglich ein Drittel der KPD-Mitglieder lohn- de auch nahezu der gesamte Unterbezirk Düsseldorf-Ger-
abhängig beschäftigt war. resheim mit seinen neun Stadtteilgruppen aufgerollt. Die
Verhaftungswelle ließ die Unterbezirksleitungen in Düs-
seldorf und Gerresheim weitgehend zusammenbrechen.

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Bereits im März war die gesamte KPD-Inlandsleitung ver- erforderlich, die Massenkaufkraft auf ein möglichst nied-
haftet worden, und bis Mitte 1935 wurden schließlich auch riges Niveau zu drücken, so dass die Reallöhne erst 1939
die drei Bezirksleitungen im Westen zerschlagen. Die wieder das Niveau vor der Weltwirtschaftskrise 1929
Bemühungen, die Partei wenigstens notdürftig im Unter- erreichten.
grund zu erhalten und Widerstand zu leisten, waren damit Wie sich diese Situation auf die Stimmung in den Beleg-
spätestens Mitte 1935 gescheitert. schaften auswirkte, wird am Beispiel der Wahlen zu den
Die Auslandsleitung der KPD ordnete wegen dieser von den Nazis eingerichteten “Vertrauensräten” recht
Massenverhaftungen die Herausnahme aller noch im deutlich, die freilich wenig mit den aufgelösten Betriebs-
Reich tätigen Funktionäre an. Der Kontakt zu den zer- räten gemein hatten. Sie waren keine Interessenvertretung
splitterten Resten der KPD in Düsseldorf sollte von der Belegschaft und der jeweilige “Betriebsführer” besaß
Holland aus gehalten werden. Es wurden nun nach außen automatisch die Leitung. Zur Abstimmung stand auch nur
hin völlig abgeschottete Gruppen aufgebaut. Diese Grup- eine Einheitsliste, die der “Betriebsführer” mit der Deut-
pen arbeiteten mit loser Verbindung zur Auslandsleitung schen Arbeitsfront abstimmte.
und beschränkten sich im Wesentlichen auf die Aufrech- In Düsseldorf wurden bei den Vertrauensratswahlen im
terhaltung ihres Zusammenhanges. Daneben wurde die so Frühjahr 1935 zum Teil verheerende Ergebnisse für die
genannte Taktik des Trojanischen Pferdes propagiert, Nationalsozialisten erzielt: So hatten sich insgesamt nur
wonach kommunistische Zellen durch ihren Einbau in NS- etwa 90% der Arbeiter an den Wahlen, trotz Wahlpflicht,
Organisationen getarnt und zugleich zersetzend tätig wer- beteiligt. Bei Henkel erzielte die Einheitsliste nur eine
den sollten. Die meisten Mitglieder folgten dieser Parole Zustimmung von 68,8%. Im Preß- und Walzwerk gewann
nicht und beschränkten sich auf ihre Diskussionszirkel, ein NSDAP-Ortsgruppenleiter gerade einmal 488 Ja-Stim-
die in Düsseldorf noch bis in die zweite Kriegshälfte hin- men, bei insgesamt 1.154 ungültigen Stimmzetteln. Bei
ein bestanden. Jagenberg wurden die Ersatzleute gewählt, was die Direk-
tion nicht anerkannte und daher einen “kommissarischen
Linke Kleinorganisationen Vertrauensrat” einsetzte. Die Vertrauensratswahlen für
1936 wurden auf unbestimmte Zeit verschoben und sollten
Gerade den linken Kleinorganisationen, wie etwa der nie mehr stattfinden.
“Kommunistischen Partei Opposition” (KPO) oder der in Über die Lage in den Betrieben meldeten die “Deutsch-
Düsseldorf traditionell starken, anarchosyndikalistischen land-Berichte” der SPD im April 1935, dass “Ansätze zu
“Freien Arbeiter Union Deutschlands” (FAUD) gelang es, neuen Formen des Klassenkampfes gegeben” seien. Diese
ihre Widerstandsarbeit deutlich länger aufrecht zu erhal- reichten von individuellen Formen, wie sie im Anstieg der
ten. Diese Gruppen waren viel stärker auf langjährige Krankenstände oder Disziplinlosigkeiten am Arbeitsplatz
Freundeskreise gestützt und so besser gegen Denunziation zum Ausdruck kamen, über kollektives Langsamarbeiten
und Infiltration abgeschottet als etwa die KPD, die zudem und Sabotage bis hin zu Streikaktionen. Die Übergänge
viel Kraft darauf verwandte, ihre Parteiorganisation zwischen einer Verweigerungshaltung, aus betrieblichem
zumindest in Ansätzen zu erhalten. Die Gruppe der KPD- Klassenkampf bestehender vorpolitischer Opposition und
O wurde aber dennoch im Herbst 1936 und die illegale politischem Widerstand waren dabei fließend.
Struktur der FAUD, die zeitweise eine eigene Druckerei Zwar versuchten sowohl SPD als auch KPD mit Aufru-
und recht effektive Fluchthilfenetze organisiert hatte, dann fen zum Langsamarbeiten in den Betriebe zu intervenie-
Anfang 1937 zerschlagen. ren, aber die Reste der illegalen KPD standen meist abseits
von der aufkeimenden sozialen Bewegung, die in ihrer
Arbeiteropposition potenziellen politischen Dimension nicht erkannt wurde.
So gelang es nicht, den wirtschaftlichen Klassenkampf auf
Unabhängig von den Organisationen der Arbeiterbewe- eine breite Grundlage zu stellen und ihn in einen politi-
gung entwickelte sich in den Betrieben ab 1936 eine neue schen Kampf gegen das Regime zu verwandeln.
Form selbst organisierter Widerständigkeit. Diese “Arbei- Die kollektiven Aktionen der Arbeiteropposition ent-
teropposition” entstand, weil die Exilleitungen von SPD standen in einem schwer fassbaren Feld zwischen Sponta-
und KPD nicht in der Lage waren weiterhin mit ihren Mit- neität und Planung. Sie bedurften zu ihrer Vorbereitung
gliedern zu kommunizieren und so politische Führung keiner festen Organisation, waren aber ohne Absprache
auszuüben, aber auch weil sich Mitglieder weigerten, auf Betriebs- oder Abteilungsebene undurchführbar. In
einer als gescheitert oder nicht legitimiert erachteten einem Bericht aus dem Rheinland beschrieben die
Führung zu folgen. “Deutschland-Berichte” der SPD die Formen der Organi-
Die sich parallel zur NS-Machtübernahme sierung folgendermaßen: “Es gibt eigentlich schon eine
abzeichnende weltweite Hochkonjunktur und Organisation, die im wirklichen Sinne des Wortes keine ist
insbesondere die in Deutschland in Gang gesetz- und die doch besteht, weil die Grenzen gegen die Außen-
te Rüstungskonjunktur, hatte ab 1936 zur Vollbe- stehenden gezogen sind.”
schäftigung geführt, wodurch auch die politische Auch in Düsseldorf kam es zu Arbeitsniederlegungen,
Zusammensetzung der Belegschaften wieder in wie beispielsweise bereits Ende November 1934 in einer
etwa der vor der Weltwirtschaftskrise entsprach. Abteilung der Gerresheimer Glashütte infolge von
Als Quelle der Rüstungsfinanzierung war es jedoch Gerüchten über einen geplanten Lohnabbau. Die weitaus

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meisten Streiks fanden von Ende 1935 bis 1937 statt. In standenen Edelweißpiraten entsprach. Dennoch beteilig-
Düsseldorf wurde den “Deutschland-Berichten” der SPD ten sie sich nach politischen Diskussionen an der Verbrei-
zufolge sogar noch im Herbst 1938 in einer nicht näher tung antifaschistischer Flugblätter und Klebezettel, malten
bezeichneten Werkzeugmaschinenfabrik nach einem Streit Parolen und versuchten, Gruppen in anderen Stadtteilen
um Bezahlung von Überstunden die Arbeit niedergelegt. und nahegelegenen Städten für den Widerstand zu gewin-
Die Belegschaft ließ sich weder durch prominente Nazis, nen. Anfang 1943 wurden die im Widerstand aktiven Edel-
noch durch die Gestapo einschüchtern, so dass eine teil- weißpiraten jedoch zusammen mit Kommunisten durch
weise Durchsetzung der Forderungen gelang. die Gestapo verhaftet.
Durch Verstärkung der Repression und die seit 1937
zunehmende Beschränkung der Freizügigkeit der Arbeiter, KPD im Krieg
gelang es dem Regime aber schließlich, die Arbeiteroppo-
sition zurück zu drängen. Der Austausch der Belegschaf- Das erneute Aufleben des KPD-Widerstandes ging auf
ten seit Kriegsbeginn durch Einberufungen einerseits und einen Beschluss des Zentralkomitees in Moskau im
der Heranziehung von Zwangsarbeitern andererseits taten Dezember 1939 zurück, wonach die Auslandsleitungen
dann ihr Übriges, um die Kampfbedingungen in den aufzulösen und ihre Funktionäre zurück ins Reich zu
Betrieben nachhaltig zu verändern. schicken seien. Nach sorgfältiger Vorbereitung hatte die
Abschnittsleitung in Amsterdam ab Sommer 1941 ein
Edelweißpiraten Widerstandsnetz im Raum Düsseldorf-Wuppertal aufge-
baut. Seit Januar 1942 wurden wieder kommunistische
Neben den in der Arbeiteropposition entstandenen “neu- Streuzettel, Flugblätter und Plakate verbreitet und das
en Formen des Klassenkampfes” hatten sich um 1936/37 KPD-Organ “Freiheit” sowie der als überparteilich dekla-
auch neue Formen gegenkulturellen Ausdrucks unter rierte “Friedenskämpfer” monatlich in kleinen Auflagen
Jugendlichen herausgebildet. Diese Jugendlichen wollten verbreitet.
ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne sich den Da die Gruppe vor allem versuchte, Indizien für sponta-
Ritualen, der Disziplin und den Zwangsorga- ne Protestformen auszumachen, die durch das NS-Regime
nisationen des Regimes zu unterwerfen, selbst hervorgebracht wurden, erkannte sie – anders als die
wenn auch daraus zunächst meist eher eine übrigen KPD-Widerstandsgruppen – die große Bedeutung
partielle Ablehnung, als eine prinzipielle der Jugendopposition. Sie geriet dadurch aber in Konflikt
Gegnerschaft zum NS folgte. Diese als mit dem Moskauer Exil-ZK und vertrat zuletzt die Positi-
“Edelweißpiraten” bekannt geworde- on, dass eine gründliche Erneuerung der KPD aus der
nen Gruppen griffen bündische Sym- inneren Widerstandstätigkeit heraus erfolgen müsse. Im
bole und Handlungsmuster auf, ohne Mai 1942 stieß die Gestapo auf die ersten Spuren der ille-
aber dass eine ideelle oder personelle Kon- galen Organisation, und es gelang ihr schließlich, sie mit
tinuität bestanden hätte, gerieten aber infol- zwei Spitzeln zu infiltrieren. Das führte Anfang 1943 zur
gedessen schnell in Konflikt mit Hitler- Festnahme von über 70 Mitgliedern der “KPD im
Jugend und Gestapo. In Westdeutschland Westen”.
waren sie bereits in den 1930er Jahren so stark, dass in
Düsseldorf eine “Zentrale zur Bekämpfung der Bündi- Zwangsarbeiter-Widerstand
schen Jugend” eingerichtet wurde. Bis Kriegsende gelang
es den Nazis aber nicht mehr, diese sich außerhalb der Hit- Der Krieg brachte eine weitgehende Veränderung der
lerjugend stellenden, wilden Gruppen in den Griff zu politisch relevanten sozialen Strukturen. In immer stärke-
bekommen, die trotz Repression immer mehr anwuchsen. rem Ausmaß wurden Arbeiter als Soldaten eingezogen und
Welche Dimension diese jugendliche Subkultur besaß, durch ausländische Arbeiter ersetzt. So waren im Septem-
wird anhand einer im Dezember 1942 von der Gestapo ber 1944 schließlich fast 20% aller in Düsseldorf beschäf-
durchgeführten Razzia deutlich, bei der allein in Düssel- tigten Menschen Zwangsarbeiter, mit einem deutlichen
dorf zehn Gruppen mit insgesamt 283 Jugendlichen auf- Überhang in der Industrie. In der Regel wurden sie unter
gelöst wurden. katastrophalen hygienischen Bedingungen in umzäunten
Gerade die Repression veranlasste einen Teil der Edel- und bewachten Lagern untergebracht und mussten bei
weißpiraten, den Schritt von einer Protest- und Verweige- miserabler Ernährung 60 Stunden Schwer-
rungshaltung zum Widerstand zu machen: Etwa 1940/41 arbeit pro Woche leisten. Daher versuchten
kamen Mitglieder einer Gerresheimer Gruppe mit illega- sie häufig, ihre Arbeitsleistung zu reduzie-
len Funktionären der KPD in Kontakt, die gehört hatten, ren, den Arbeitsplatz zu wechseln oder
“daß in Düsseldorf und Umgebung eine Organisation ganz unterzutauchen. Spätestens seit
bestehe, die sich Edelweißpiraten nenne” und zunächst Herbst 1942 wurde die Flucht von Zwangs-
einmal der Frage nachgingen, was es damit auf sich habe. arbeitern zu einem regelrechten Massen-
Die KPD-Funktionäre versuchten schließlich, darauf hin- phänomen. Neben solchen Versuchen indi-
zuwirken, dass die Jugendlichen die HJ unterwandern und vidueller Verweigerung wurden aber auch
zersetzen sollten, was aber mehr ihren eigenen Konzepten zahlreiche kollektive Aktionen wie Sabota-
als den Vorstellungen der gerade in Opposition zur HJ ent- ge oder Arbeitsniederlegungen durchge-

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führt. So kam es während des Krieges mehrfach zu Anzei- erzeugten Widersprüchen zu entwickeln. Als eine der
gen ganzer Gruppen von Zwangsarbeitern wegen wenigen Gruppen in Düsseldorf gelang es der Antifako
“Arbeitsverweigerung” durch Düsseldorfer Betriebe. daher auch, sich mit Zwangsarbeitern zu vernetzen.
Bei der Gestapo war eine eigene Abteilung mit der Im Wesentlichen trat die Antifako in den letzten Kriegs-
Überwachung der Zwangsarbeiter befasst, die über die tagen hervor, als sie die Sprengung mehrerer Brücken ver-
“Abwehrbeauftragten” der Großbetriebe sowie in fast hinderte und Kontakt zu den US-Truppen auf der linken
allen größeren Lagern angeworbene Spitzel versuchte, die Rheinseite aufnahm – von wo Düsseldorf noch sechs
Situation unter Kontrolle zu halten. Insbesondere seit der Wochen bis Kriegsende beschossen wurde –, um sie zum
deutschen Niederlage von Stalingrad entstand eine gera- Einmarsch in die Stadt zu bewegen. Kurz vor dem Ein-
dezu panische Angst vor Ausländerunruhen, die sogar in rücken der US-Verbände verteilten sie dann Flugblätter,
konkrete Vorbereitungen für den Fall größerer Revolten die dazu aufriefen, weiße Fahnen rauszuhängen, um wei-
mündete. teres Blutvergießen zu vermeiden.
Tatsächlich entstanden in der zweiten Kriegshälfte meh-
rere Widerstandsgruppen unter Zwangsarbeitern. Allein Nach 1945
vom 1. Januar bis 30. September 1944 wurden durch die
Gestapo in Düsseldorf 169 Personen wegen “illegaler Unmittelbar nach dem Einmarsch der US-Truppen in
Betätigung unter Ostarbeitern und sowjetischen Kriegsge- Düsseldorf am 17. April 1945 wurde Hermann Smeets
fangenen” verhaftet. Dabei gelang es ihr unter anderem, in zum provisorischen Oberbürgermeister ernannt und beauf-
das von Düsseldorf aus überregional agierende “Komitee tragt, einen “Zehnerausschuss” aus Antifaschisten als
Kampf dem Faschismus” einzubrechen, das in seinem Beratergremium der Besatzungsbehörde zu bilden.
Aktionsprogramm die Vernetzung mit Zwangsarbeitern Die Antifako wuchs innerhalb kürzester Zeit auf mehre-
und deutschen Kommunisten vorsah, um schließlich Parti- re hundert Mitglieder an, und der “Zehnerausschuss” wur-
sanen-Einheiten zu bilden und den Aufstand vorzuberei- de zum Mittelpunkt zahlreicher Antifa-Gruppen und Bür-
ten. gerausschüsse. Die Antifa-Bewegung wirkte durch ihren
Eine Zusammenarbeit von Widerstandsgruppen deut- engen Bezug auf ein begrenztes, überschaubares Lebens-
scher und ausländischer Arbeiter kam indes praktisch umfeld basisdemokratisch und besaß einen überparteili-
nicht zustande, da sich einerseits das soziale Milieu des chen Charakter – auch wenn sie politisch deutlich links-
organisierten deutschen Widerstandes durch den Krieg in orientiert war. So forderte die Antifako in einem 20-Punk-
Auflösung befand und andererseits die soziale Lage von te-Programm neben der Entfernung des Nazigeistes aus
deutschen und ausländischen Arbeitern zu verschieden dem öffentlichen Leben, umfassende Meinungsfreiheit
war, um zum Ausgangspunkt für gemeinsames Handeln zu und Zulassung freier Organisationen (Parteien blieben
werden. bemerkenswerterweise unerwähnt). Daneben wurde die
Sozialisierung von Schwerindustrie, Banken und Groß-
Antifako grundbesitz gefordert und als Ziel die “Schaffung einer
freien deutschen demokratischen Volksrepublik” formu-
Eine Ausnahme bildete die im Sommer 1944 in Düssel- liert.
dorf entstandene “Antifaschistische Kampforganisation” Parallel zur Antifa-Bewegung war eine Betriebsrätebe-
(Antifako), die sich erfolgreich um Vernetzung mit dem wegung entstanden, die bald 50.000 Beschäftigte in über
Zwangsarbeiterwiderstand bemühte und bei Kriegsende 80 Betrieben repräsentierte und eng mit der Antifa zusam-
etwa 100 Ostarbeiter versteckt hielt. So schrieb Hermann menarbeitete.
Smeets vom Antifako rückblickend im Dezember 1945 Obwohl als Beratergremium der Besatzungsbehörde
über den Widerstand in den Klöcknerwerken, wo seit Mit- eingerichtet, wurde der “Zehnerausschuß” zunehmend
te 1944 zu Zwangsarbeitern verschiedener Nationalität zum Ausgangspunkt für Versuche, eigenständige Politik
Verbindungen aufgebaut worden waren: “von unten” durchzusetzen. Dadurch geriet er nicht nur in
“Durch den Verbindungsmann, [...] gab die Gruppe Konflikt zur alliierten Aufsicht, sondern auch parteipoliti-
Anweisung für Arbeitssabotage [und] arbeitete Forderun- scher Druck – nicht zuletzt durch die wiedergegründete
gen für den Betrieb aus. [...] Der Verbindungsmann brach- KPD – nahm zu. Im Oktober 1946 verfügte die Besat-
te unsere Flugblätter in den Betrieb. “ zungsverwaltung die Auflösung aller “Bürgerausschüsse”
Die Antifako bestand zunächst aus zehn Aktiven mit und damit auch der Antifa-Gruppen. Begründet wurde die
einem Umfeld von etwa achtzig Unterstützern. In Maßnahme damit, dass mit der Parteienbildung und den
gewisser Hinsicht bündelten sich in der Gruppe ersten Kommunalwahlen die Antifa “überflüssig” gewor-
die im proletarischen Widerstand gegen den den sei. In Düsseldorf hatte sich die Antifa-Bewegung
Nationalsozialismus gemachten Erfahrungen: damit aber noch verhältnismäßig lange halten können, da
Die Gruppe war nicht aus einer politischen die in zahlreichen anderen Städten ebenfalls aus Wider-
Organisation, sondern aus einem langjährigen standsgruppen hervorgegangene Antifa-Bewegung in der
Freundeskreis von Arbeitern und Handwer- Regel bereits 1945 aufgelöst worden war – und das in
kern entstanden, der – von sozialistischen und allen vier Besatzungszonen gleichermaßen.
kommunistischen Ideen inspiriert – versuchte,
Widerstand an den durch das Regime selbst

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