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Das Spektrum der Anti-Antifaschisten

Vom Antifaschistischen AutorInnenkollektiv

Das Spektrum der Anti-Antifaschisten

Eine Einleitung

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Am Rande des Neonazi-Aufmarsches steht eine junge Frau. Niemand beachtet sie. Aufmerksam beobachtet sie die Szenerie, Neonazis, Polizei, Gegendemonstranten und Journalisten. Gelegentlich macht sie ein Foto. Nein, nicht von den Neonazis, schließlich gehört sie zu ihnen, sondern von eben jenen, von denen sie glaubt, dass sie politische Gegner sein könnten. Sie ist eine Fotografin der “Anti- Antifa”. Nicht selten sind es Frauen, die diese Aufgabe übernehmen, schließlich werden Frauen nach wie vor als weniger gefährlich und politisch aktiv wahrgenommen und entsprechend weniger beachtet als Männer – auch in antifaschistischen und anderen linken Kreisen. Als “Anti-Antifa” werden zumeist Neonazis bezeichnet, die Informationen über den antifaschistischen Gegner sammeln, um eine Grundlage zu haben, gegen diesen aktiv werden zu können – im schlimmsten Fall durch Terror. Damit ist aber nur ein Aspekt benannt. Ausgeblendet wird häufig der gesellschaftliche Kontext und die ideologische Vorarbeit des Anti-Antifaschismus, der gesellschaftlich bis in die so genannten staatstragenden Parteien reicht. Dieser unterscheidet sich zwar von dem der militanten “Anti-Antifa”, doch gesellschaftlich etablierter Anti-Anti- faschismus und jener der militanten Neonazi-Szene stüt- zen und ergänzen sich. Die Bandbreite reicht von Mitar- beitern wissenschaftlicher Institute über Interessenverbän- de, politische Vereinigungen und staatliche Institutionen bis hin zu militanten Neonazis.

Ein Rückblick

Terror gegen Menschen, die dem Faschismus entgegen- treten sind oder verdächtigt werden, dies zu tun, gibt es, seit es Faschisten gibt. Schon die italienischen Squadristen der frühen 1920er Jahre organisierten Strafexpeditionen in Dörfer und Städte, die sich ihnen widersetzten. Sie bedrohten und ermordeten Gegner oder demütigten sie mit dem Ziel, den Widerstand zu brechen. Die deutschen Nationalsozialisten standen ihnen in nichts nach, im Gegenteil. “Anti-Antifaschismus” war und ist ideologisch eng mit dem Antikommunismus verbunden, der die Möglichkeit bietet, Antifaschismus bis weit in die vermeintliche Mitte der Gesellschaft zu diskreditieren. Frei nach dem Motto:

“Wer Antifaschist ist, der ist auch Kommunist”. Die extre- me Rechte bedient/e sich dessen, um das Anliegen von AntifaschistInnen aus dem öffentlichen Diskurs zu drän- gen und mit eigenen Positionen bis weit in die Mitte der Gesellschaft wirken zu können. Die unter vermeintlich demokratischem Mäntelchen immer wieder aufgewärmte Totalitarismustheorie tut ihr Übriges. Zugespitzt zusam- mengefasst: “Links gleich Rechts, Antifa gleich Kommu- nist, Kommunist gleich Nazi, Antifa gleich Nazi”. Auch theoretisch ist (staats)terroristisches Vorgehen gegen Antifaschisten fester Bestandteil faschistischer Ideologie. Der “Kronjurist” des Nationalsozialismus und Stichwortgeber der “Neuen Rechten”, Carl Schmitt,

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erläuterte 1932 in seinem Buch “Der Begriff des Politi- schen”, dass zu den wichtigsten Fähigkeiten eines politi- schen Akteurs die Unterscheidung in Freund und Feind gehöre. Ebenso auch die Feststellung, wem als Souverän letztlich die Entscheidung über Leben und Tod zukomme. Zunächst der Kenntlichmachung und schließlich der Ver- nichtung wird so das Wort geredet.

Anti-Antifaschismus nach 1945

Neonazistische Organisationen arbeiteten nach der militärischen Niederlage des Faschismus schon früh wie- der daran, Antifaschisten zu bekämpfen, so zum Beispiel der 1950 gegründete “Bund Deutscher Jugend” (BDJ), eine nach außen an der bündischen Jugend orientierten Organisation, die intern eine antikommunistische Kampf- gruppe aufbaute. Die als “Technischer Dienst” bezeichne- te Kampfgruppe bestand zu einem wesentlichen Teil aus ehemaligen Wehrmachts- und SS-Offizieren. Der “Techni- sche Dienst” legte eine umfangreiche Feindkartei an, in der sich sozialdemokratische und kommunistische Funk- tionäre wie beispielsweise Herbert Wehner befanden, die es, wenn nötig, zu ermorden gelte.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Das wohl älteste “Plädoyer für einen “Anti-Antifaschis- mus” veröffentlichte das extrem rechte Ideologieorgan “Nation Europa” 1972. Behauptet wurde hier, “nicht die kapitalistische Wirtschaft unterdrück[e] den Menschen, sondern die heute mit wenigen Ausnahmen in den Mas- senmedien tonangebende Ideologie des getarnten oder offenen Marxismus”. Und eigentlich würden die Massen selbstverständlich wissen, dass der Marxismus sie “auf das niedrigste Niveau herabdrückt”. Dass die Massen dies erdulden würden, sei nur damit zu erklären, dass sich der Marxismus als Antifaschismus tarne. Die Menschen “durchschauten nicht, daß die ursprünglichen, die echten Antifaschisten reine Bolschewisten sind von nun an ent- schlossen, allein zu bestimmen, wer ein ‘faschistisches Ungeheuer’ ist, was als ‘faschistisch’ zu betrachten und auszurotten sei”. Mit der Diffamierung von Antifaschisten als Unterdrücker geht stets eine Entlastung der Täter, also der extremen Rechten, einher. Wie aktuell die Thesen in “Nation Europa” von 1972 sind, konnte man im Rahmen der Debatte um den ehema- ligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann und seine antisemitischen Äußerungen verfolgen. Beklag- te schon “Nation Europa”, dass “durch Diffamierung und Rufmord der antikommunistischen Mehrheit die meisten Führungspersönlichkeiten entzogen” worden seien und gerade die CDU auch “aus diesem Grunde nicht genügend Köpfe und noch weniger Führungsköpfe” habe, so knüpf- ten rechte Kreise der CDU und der Publizistik in der Aus- einandersetzung um Hohmann genau an diese Positionen an. Auch hier wurde die Macht der vermeintlich linken Medien kritisiert und von einem Kesseltreiben gegen Hoh- mann gesprochen.

Akademische Säulen der “Anti-Antifa”

Waren in “Nation Europa” schon die künftigen Elemen- te einer anti-antifaschistischen Propaganda dargelegt wor- den, so war es der Bonner Professor Hans-Helmuth Knütter, der ab Anfang der 1990er Jahre mit Büchern wie “Kritik des Antifaschismus” anti-antifaschistische Ideolo- gie popularisierte und modernisierte. Das Buch wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung in hoher Aufla- ge kostenlos verteilt. Knütter löste den Anti-Antifaschismus vom reinen Anti- kommunismus und verortete ihn im Antitotalitarismus. Der von staatlichen Organisationen wie dem Polizeilichen Staatsschutz und dem Verfassungsschutz vertretenen Ideo- logie des Antitotalitarismus folgt die Erkenntnis, dass in der Praxis beide Extreme in gleicher Weise zu bekämpfen seien. Ein Zitat der führenden deutschen Totalitarismus- Experten Uwe Backes und Eckhard Jesse mag diese Grundannahme verdeutlichen: “Rechtsextremisten und Linksextremisten brauchen mithin einander. Letztlich sind sie gar nicht daran interessiert, dass die andere Variante des Extremismus, die sie zu bekämpfen vorgeben, gänz- lich von der Bildfläche verschwindet. Sie wollen vielmehr das hervorrufen, was sie so heftig attackieren. Denn je stärker der extremistische Antipode ist, umso mehr Reso- nanz versprechen sie sich für die eigene Richtung [ ] Insofern besteht also eine merkwürdige Dialektik im Auf- treten von Rechts- und Linksextremisten, die in gewisser Weise ‘Bundesgenossen’ und – wenn auch unfreiwillig – ‘Bündnispartner’ sind.” Die Argumentation, Antifaschis- mus bekämpfe Faschisten nicht, sondern fördere sie, ent- zieht – so absurd sie auch klingen mag – zum einen dem Antifaschismus seine Legitimation. Zum anderen ist hier auch wieder das Argument zu finden, Antifaschismus sei Antifaschisten nur Mittel zu einem anderen Zweck. Damit ist der alte Antikommunismus neu aufgelegt, ohne ihn beim Namen zu nennen. Ideologisch begründet ist diese Gedanken-Figur in der These von Ernst Nolte, dass der Nationalsozialismus nur eine Abwehr gegen den Kommu- nismus und das russische Gulag-System der Prototyp des nationalsozialistischen Konzentrationslagers gewesen sei. Eine solche auch geschichtsrevisionistische Argumentati- on findet sich auch bei Knütter: “Die Aufdeckung kom- munistischer Untaten legt es nahe, nationalsozialistische Taten zu relativieren und eben nicht als einmalig und unvergleichbar erscheinen zu lassen.” Knütter redete einer “Enttabuisierung des Faschismus”, wie er formuliert, das Wort. Sein weiterer politischer Weg bis in die neonazisti- sche Szene ist daher nur als konsequent und logisch zu bezeichnen.

Militante “Anti-Antifa”

Die militante Neonazi-Szene startete 1992 auf Initiative von Christian Worchs “Nationaler Liste” (NL) eine bun- desweite “Anti-Antifa”-Kampagne. Im August 1992 ver- öffentlichte das Propagandainstrument der NL, der “Index”, eine Schwerpunktausgabe zum Thema, in der verschiedene linke Projekte, Initiativen und Einzelperso-

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nen mitsamt Adressen aufgelistet wurden. Es ging darum, “möglichst viele personenbezogene Daten über die antifa- schistischen Gewalttäter sowie deren Unterstützer bis hin ins bürgerliche Lager zu sammeln und abrufbar zu doku- mentieren.” Bundesweit gründeten sich “Anti-Antifa- Gruppen” und mit der Broschüre “Der Einblick” wurde eine Hetzschrift erstellt, die 250 Namen und Adressen von Einzelpersonen und Gruppen veröffentlichte, denen “unruhige Nächte” angedroht wurden. In beiden Fällen entstammte der Großteil der Informationen öffentlich zugänglichen Quellen, genannt wurden vermeintliche Antifaschistinnen, jüdische Gemeinden, Bundestagsabge- ordnete oder linke Zentren. Auch die “NPD” unterstützte die Kampagne, so informierte 1994 der damalige Bundes- geschäftsführer der Jugendorganisation “Junge National- demokraten” (JN), Sascha Wagner, die Mitglieder über den Aufbau eines “Anti-Antifa”-Archivs in der Bundesge- schäftsstelle der JN im nordrhein-westfälischen Stolberg. Zunehmend begannen Neonazis, antifaschistische Demonstrationen zu fotografieren und Informationen über vermeintliche Linke und Gewerkschafter, aber auch miss- liebige Staatsanwälte und Polizeibeamte zu sammeln. In der Folge kam es zu Bedrohungen, Steckbriefen und ver- einzelt auch zu gewalttätigen Übergriffen. Auch in späte- ren Jahren wurden sogenannte “Feindlisten” veröffentlicht und Drohbriefe verschickt, so 2000 im Fall des Heftchens “Wehrwolf”. Hatte die Popularität in der Szene bundesweit beständig abgenommen, so ist in den letzten Jahren in einzelnen Regionen wieder ein Anstieg solcher Aktivitäten zu ver- zeichnen. Auch wird verstärkt über den gezielten Einsatz von Gewalt gegen den politi- schen Gegner diskutiert oder dieser bereits praktiziert.

Fazit

Angriffen auf Antifaschisten gehen in der Regel eine Diskre- ditierung und die Delegitimie- rung von Antifaschismus vor- aus. Die Gefährlichkeit der “Anti-Antifa” liegt also nicht allein bei ihren militanten Ver- tretern, den Neonazis, sondern auch im Zusammenspiel der unterschiedlichen Spektren. Staatliche Totalitarismusdok- trin, rechte Wissenschaftler, rechte Ideologieschmieden und militanter Neonazismus arbei- ten hier zwar nicht unbedingt zusammen, aber die ideologi- sche Delegitimierung des Anti- faschismus und seine praktische Bekämpfung sind zwei Seiten einer Medaille.

In der vorliegenden Ausgabe der LOTTA möchten wir verschiedene Aspekte des Themenfeldes “Anti-Antifa” beleuchten. Es wird sowohl auf die akademische “Anti- Antifa” eingegangen, als auch auf den militanten Arm mit Schwerpunktsetzung auf Nordrhein-Westfalen. Als Fall- beispiel aus einer ferneren Region dient der Artikel über die “Anti-Antifa” in Potsdam, die sich als besonders aktiv und dreist zeigt(e). Der Schwerpunkt wird abgeschlossen mit einem Interview mit aktiven AntifaschistInnen, in dem es insbesondere um eine Einschätzung geht und um Ideen, sich vor Aktivitäten der “Anti-Antifa” zu schützen.

Literaturhinweise

Javier Rojas Anti-Antifa. Ein Handbuch über eine aktive Tarnorganisation der Nazis Stuttgart 1999, ISBN 3-00-004043-9

Bildungswerk Anna Seghers e.V. Die Anti-Antifa und der Einblick. Drahtzieher und Hintergründe. Broschüre , Wiesbaden 1994

Angriffsziel Antifa. Faschisten machen mobil Sonderheft der Zeitschrift “Der Rechte Rand”, www.der-rechte-rand.de, Hannover, März 1994

Die Reihen fest geschlossen. Über die Anti-Antifa als innere Front in: “Antifaschistische NRW-Zeitung” Nr. 5, Wuppertal, Juni 1994

Prozess gegen die Anti-Antifa-Gruppe Volkswille in: “Antifaschistische NRW-Zeitung Nr. 8, Wuppertal, Mai 1995

Die Aktivitäten der “Anti-Antifa”. Von der Bundeszentrale für Politische Bildung bis zum “Nationalen Einsatzkommando” in: “Antifaschistisches Infoblatt” Nr. 20b, www.nadir.org/aib

Antirassistisches Bildungsforum Rheinland Totalitarismus-Theorie. Vom Aufstieg der antikommunistischen Ideologie zur offiziellen deutschen Staatstheorie in: LOTTA Nr. 16, Oberhausen, April 2004

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