Sie sind auf Seite 1von 3

Schwerpunkt | Der Rechtsstaat und die Rechte

Von Sarah Drücker und Jan Raabe

Der Rechtsstaat
und die Rechte
Eine Einleitung

“Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden” - so lautet ein


gerne genutztes Zitat von Rosa Luxemburg aus “Die russische Revolu-
tion” (1918). Gilt dies aber auch in dem heutigen Rechtsstaat? Und vor
allem: Gilt diese Freiheit auch für (Neo-)Nazis? Oder, um es mit der Band
“Die Ärzte” zu sagen: “Scheint die Sonne auch für Nazis?” In diesem
Schwerpunkt gehen wir der Frage nach, wie das Recht zu den Rechten
steht.

Dieser Eröffnungsbeitrag gibt eine orientieren haben. Das “Recht” ist


allgemeine Einführung in das Thema. also Oberbegriff.
Zuerst wird der Frage nachgegangen, Nun gibt es in der Gesellschaft ver-
was Recht ist und durch welche ge- schiedene Rechtsansichten. Gesetz
sellschaftlichen Prozesse es gebildet werden sie dadurch noch lange nicht.
wird. Daran schließt sich die Frage Es bedarf vielmehr eines gesellschaft-
an, wie AntifaschistInnen zum lichen Konsenses – oder zumindest
Rechtsstaat stehen. Ist aus ihrer Sicht eines Konsenses der Mehrheit im
ein starker Staat wünschenswert, der Bundestag. Hat sich die Mehrheit die-
gegen die extreme Rechte vorgeht? In ses Gesetzgebungsorganes auf einen
diesem Zusammenhang ist zu klären, Gesetzeskonsens geeinigt, kann ein
wer in der Lage sein kann, die extre- neues Gesetz zustande kommen.
me Rechte in ihren Aktivitäten wirk- Der Entwicklung eines neuen Ge-
sam einzuschränken. Ist es die Antifa, setzes gehen meistens längere Dis-
Polizei und Justiz oder sind es nur alle kussionen voraus. Dabei finden Ex-
drei gemeinsam – ein notwendiger pertenanhörungen statt. Bei der
Pakt der Antifaschisten mit dem Verschärfung des Volksverhetzungs-
Staat, um größtmögliche Erfolge zu paragraphen (Paragraph 130 Absatz 4
verbuchen? Schließlich ist auch aus Strafgesetzbuch) wurden beispiels-
der Perspektive der extremen Rechten weise Rechtsprofessoren und ein
zu fragen, wie ihr Verhältnis zum Vorsitzender Richter am Bundesge-
Staat ist. richtshof angehört. Außerdem gab
das “Komitee für Grundrechte und
Recht und Gesetz Demokratie e.V.” eine – nicht ange-
forderte – Stellungnahme, unterzeich-
In Artikel 20 Absatz 3 Grundgesetz net unter anderem von Prof. Dr.
heißt es, dass die vollziehende Gewalt Wolf-Dieter Narr, ab.
und die Rechtsprechung an Gesetz Auch außerparlamentarische Kräfte
und Recht gebunden sind. Diese For- können sich also im Gesetzgebungs-
mulierung deutet darauf hin, dass prozess beschränkt Gehör verschaf-
Gesetz und Recht nicht unbedingt fen. Inwieweit den Gesetzgebungs-
das Gleiche sind. Vielmehr legt es die prozess aber tatsächlich beeinflusst,
Reihenfolge der Aufzählung nahe, ist fraglich. Deutlich wird aber, dass
dass der Begriff “Gesetz” spezieller ist sich das Recht und damit auch die
und sich die vollziehende Gewalt und Gesetze entwickeln und verändern
die Rechtsprechung zuerst daran zu können. Gesetze sind Ausdruck der

Seite 4 | Lotta #22 | Frühjahr 2006


Der Rechtsstaat und die Rechte | Schwerpunkt

Machtverhältnisse und der gesell- Die Linke und der Rechtsstaat gen Verboten anderweitig organisiert.
schaftlichen Zustände in der BRD. Es Also doch eine konsequente Ableh-
wäre jedoch utopisch anzunehmen, Die Linke hat – euphemistisch aus- nung – nicht nur aus theoretischen
dass sich die bestehenden Macht- gedrückt – ein eher getrübtes Ver- Gründen – der Maßnahmen, die der
verhältnisse selbst durch eine – zu- hältnis zum Rechtsstaat. Dies liegt Rechtsstaat gegen Rechts ergreift?
mindest in naher Zukunft allerdings schon allein darin begründet, dass Innerhalb der Linken geht das
nicht zu erwartende – Änderung der links denkende Menschen nicht erst Spektrum der Antworten von der
gesellschaftlichen Mehrheitsverhält- im Nationalsozialismus verfolgt wor- Position des “Komitees für Grund-
nisse grundlegend ändern würden. den sind, sondern auch davor und rechte und Demokratie e.V.”, welches
Dazu schreitet die globale Ent- danach in der BRD Repression ausge- – statt Verboten – eine öffentliche
wicklung zu schnell voran, sodass sie setzt worden sind. Man denke allein Auseinandersetzung fordert bis hin
staatliche “Experimente” im Innern als an die Berufsverbote der 1970er zur der der “Vereinigung der Verfolg-
unwahrscheinlich erscheinen lässt. Jahre, die aber auch noch heute dann ten des Naziregimes / Bund der Anti-
Dies heißt aber nicht, dass nicht der und wann angewendet werden. Oder faschisten” (VVN/BdA), welche sich
Aufbau gesellschaftlicher Gegenmacht an die Terroristenhatz gegen die “Rote für ein Verbot der NPD ausgesprochen
– auch, aber nicht nur auf der Straße Armee Fraktion” (RAF) und die damit hat. In Erinnerung muss man sich an
– nicht zumindest kleine Fortschritte einhergehenden Verschärfungen im dieser Stelle auch rufen, dass das
bringen kann. Immerhin konnte sich Bereich der inneren Sicherheit. Viele KPD-Verbot vier Jahre nach dem
das “Komitee für Grundrechte und aktive AntifaschistInnen werden auch Verbot der “Sozialistischen Reichs-
Demokratie e.V”. in dem oben ge- schon die Ungerechtigkeiten gespürt partei” (SRP) im Jahre 1952 erfolgte –
nannten Gesetzgebungsprozess Ge- haben, die ihnen bei Demonstrationen die Linke ist also nicht gefeit vor Ge-
hör verschaffen. von Seiten der Staatsmacht widerfah- setzesverschärfungen, die sich – ver-
Ist erst einmal ein Gesetz verab- ren sind. Führt dieses “gestörte Ver- meintlich – nur gegen die extreme
schiedet worden, so sind die Spiel- hältnis” zum Rechtsstaat aber dazu, Rechte richten.
räume gerade im hier vor allem inter- dass man als LinkeR alle Maßnahmen Das “Komitee für Grundrechte und
essierenden Strafrecht für den ablehnt, die der Rechtsstaat gegen Demokratie e.V.” begründet seine
Rechtsanwender, also die Gerichte, Rechts ergreift? Konsequent wäre dies Ansicht folgendermaßen: “Weil Frei-
meist sehr eng. Denn äußerste Ausle- allemal. War man aber auch gegen heit immer auch die Freiheit der
gungsgrenze für Strafgesetze bildet das Verbot der NPD? Legt man das Andersdenkenden ist, treten wir ve-
der Wortlaut der Gesetze. Wäre dies Zitat von der “Freiheit der Andersden- hement für das uneingeschränkte
nicht so, wäre der Willkür Tür und Tor kenden” zugrunde, dürften auch Recht auf Versammlungs- und Mei-
geöffnet. Jeder Bürger soll vor Be- Neonazis demonstrieren und ihre nungsfreiheit aller ein.” Unter den
gehung der Tat sicher wissen können, Meinung verbreiten. Extrem rechte Begriff “alle” fallen natürlich insbe-
wie er im Falle des Falles bestraft Parteien und Vereinigungen dürften sondere auch Neonazis. Weiter heißt
werden kann. Im Einzelfall aber lässt ebenfalls nicht verboten werden. Darf es in der Stellungnahme: “Die in
auch die Auslegung der Gesetze - man sich als Linker also nur klamm- Demonstrationen zum Ausdruck ge-
wenn auch nur kleine - Spielräume heimlich über Demonstrationsverbote brachten Interessen widersprechen
zu. Wird ein Verfahren eingestellt? für Neonazis oder Parteiverbotsver- häufig offizieller Politik. Von der eta-
Wird es durch die Staatsanwaltschaft fahren wie beispielsweise gegen die blierten Herrschaft abweichende Mei-
und den Richter mit Nachdruck ver- NPD freuen? nungen und Forderungen soll Gehör
folgt? Wird der obergerichtlichen Nicht nur aus theoretischen, son- verschafft werden. Gerade Minder-
Rechtsprechung gefolgt oder bei- dern auch aus praktischen Gründen heiten nehmen dieses Grundrecht in
spielsweise einer in der Rechtsliteratur könnte man sich gegen solche Anspruch. Sie sind auf dessen Schutz
vertretenen Ansicht mit der Folge, Verbote aussprechen. Dass es durch angewiesen.” Zu den Minderheiten
dass das Urteil möglicherweise von die Verbote neonazistischer Organisa- gehören aber nicht nur extreme
den Obergerichten aufgehoben wird? tionen nicht gelingt, die Protagonisten Rechte, sondern ebenfalls Linke, die
Spielräume sind also da, sofern sie dieser Szene in ihrem Handeln und auf die Versammlungsfreiheit des
von der vollziehenden Gewalt und der erst recht nicht in ihrem Denken zu Grundgesetzes ebenfalls angewiesen
Rechtsprechung konsequent gesucht stoppen, ist eindeutig. Man schaue sind und sie auch nutzen. Es stellt sich
werden. Natürlich bedarf es aber auch sich beispielsweise die Verbote Mitte die Frage, warum für Neonazis etwas
immer eines gesellschaftlichen, insbe- der 1990er Jahre der “Freiheitlichen anderes gelten sollte als für Linke.
sondere antifaschistischen Drucks, Deutschen Arbeiterpartei” (FAP), “Na- Die VVN/BdA begründet ihre An-
damit diese Spielräume gesucht und tionalistischen Front” (NF) und der sicht mit dem Grundgesetz der Bun-
genutzt werden. “Wikingjugend” (WJ) an. Deren Mit- desrepublik Deutschland. Artikel 139
glieder haben sich nach den jeweili- Grundgesetz beinhaltet die Weiter-

Lotta #22 | Frühjahr 2006 | Seite 5


Schwerpunkt | Der Rechtsstaat und die Rechte

geltung der Entnazifizierungsvor- Kampf gegen die extreme Rechte Reitz es nicht bewusst auf eine
schriften, die Rechtsvorschriften zur geht? Verurteilung wegen Volksverhetzung
“Befreiung des deutschen Volkes vom Diese Position kann sicherlich aus angelegt hat (siehe LOTTA Nr. 21, S.
Nationalsozialismus und Militarismus”. vielerlei Gründen kritisiert werden. 38). So etwas kann man eher
Hiermit könnte eine neue Rechts- Was aber wäre die Alternative hierzu? Aktivisten der älteren Generation, wie
grundlage geschaffen werden, die Man müsste die extreme Rechte, so zum Beispiel Horst Mahler, zutrauen.
sich ausdrücklich gegen das Wieder- wie bisher, weiter agieren lassen, Gesetzesverstöße gehören eher zum
aufleben des Nationalsozialismus wenn ihr mit antifaschistischen und Repertoire der in der Szenehierarchie
wendet. anderen gesellschaftlichen Mitteln weiter unten angesiedelten Neonazis.
Welche Konzepte sollte also die ra- nicht beizukommen ist. Dies kann Schaut man sich an, wie der demo-
dikale Linke verfolgen? Entweder das aber ebenfalls nicht befriedigend kratische Staat zur extremen Rechten
Konzept des “Komitees für Grund- sein. steht, so stellt man fest, dass das in-
rechte und Demokratie e.V.” oder das strumentelle Verhältnis auch anders-
der VVN/BdA? Oder gibt es gar einen Die extreme Rechte herum funktioniert. Wie die Asyl-
dritten Weg? Wünschenswert wäre und der Rechtsstaat debatte Anfang der 1990er Jahre ge-
allemal eine Gesellschaft, in der – um zeigt hat, wurde die extreme Rechte
es sehr vereinfacht zu sagen – es nicht Im Gegensatz zu der Linken gehö- gerne als Erfüllungsgehilfe des –
des Staates bedarf, sondern in der es ren Ordnungs- und Autoritätshörig- wohlgemerkt – demokratischen Staa-
möglich ist, die extreme Rechte allein keit zu den Kernelementen der ex- tes genommen, um dessen Haltung
mit gesellschaftlichen Auseinander- trem rechten Ideologie. Dies hat sich dazu (“Das Boot ist voll”) medien-
setzungen in die Enge zu treiben. Die nicht nur in der NS-Zeit gezeigt, son- wirksam zu untermauern. Zwischen-
tatsächlichen gesellschaftlichen dern manifestiert sich heute ebenso zeitlich aber scheint die extreme
Gegebenheiten sind aber andere. Dies in der Forderung nach einem starken Rechte in Ungnade gefallen zu sein.
gilt es zu berücksichtigen, wenn man – allerdings nicht demokratischen – Zuviel Aufhebens gab es im Ausland
nach Alternativen fragt. Staat. Gerade aus diesem Grund ist um den Einzug des NPD in den säch-
Die LOTTA hat längere Zeit eine das Verhältnis der extremen Rechte sischen Landtag und die diversen
Anzeige der VVN/BdA NRW gegen die zum Staat aber auch ambivalent. Auf Neonaziaufmärsche an symbolträchti-
Neonaziband “Weisse Wölfe” und die der einen Seite wird nach einem gen Orten. Dies gilt es in dem Artikel
Dortmunder Neonaziband “Oidoxie” autoritären Staat gerufen - auf der “Gesetze statt Aufklärung?” näher zu
auf ihren Internetseiten dokumentiert. anderen jedoch demonstriert man beleuchten.
Wohl auch auf diese Anzeige hin gegen angebliche Polizei- und
wurde ein Verfahren gegen die Band- Staatswillkür. Resümee
mitglieder eröffnet. Mit antifaschisti- Ambivalent ist das Verhältnis zum
schen und anderen gesellschaftlichen Staat aber auch, weil zumindest die Ruft man nach einem starken Staat
Mitteln war der Band nicht leicht Führungskader der extremen Rechten und nach neuen Gesetzen gegen die
beizukommen. Man kann sich an die- versuchen, sich gesetzeskonform zu extreme Rechte, so ruft man damit,
ser Stelle natürlich fragen, ob es in verhalten – nicht wegen ihres Glau- wenn auch indirekt, gleichzeitig nach
solchen Fällen legitim ist, den Rechts- bens an den demokratischen Staat, neuen Gesetzen gegen die Linke.
staat zu seinem Helfer bzw. sich zum sondern einfach, weil sie so unge- Allerdings sollten die bestehenden
Helfer des Rechtsstaates zu machen. störter agieren können. Man beruft Gesetze konsequent genutzt werden,
Aber in einer Zeit der Defensive, in der sich gar auf die bürgerliche Demon- um den Spielraum der extremen
sich die Mehrheitsverhältnisse auch strations- und Meinungsfreiheit, um Rechten einzuschränken.
längerfristig nicht in eine progressive demonstrieren zu können. Dabei Von linker Seite aus gilt es, gesell-
Richtung ändern werden, ist es legi- würden insbesondere diese Grund- schaftliche Freiräume zu erkämpfen.
tim, die bestehenden staatlichen rechte in einem autoritären Staat zu- Große Veränderungen werden sich
Möglichkeiten auszunutzen, um der erst abgeschafft werden. Die zerstö- jedoch nicht kurzfristig zeigen. Es gilt,
extremen Rechten ihren Bewegungs- rerische Haltung gegen den Staat kontinuierlich zu arbeiten und einen
spielraum zu nehmen. Natürlich wäre wird lieber in Publikationen, aber möglichst großen gesellschaftlichen
es verfehlt, würde man dafür neue nicht auf öffentlichen Demon- Druck aufzubauen und die (geistige)
Gesetze fordern, die sich meistens strationen gezeigt – wenn doch, Auseinandersetzung zu suchen, wenn
ohnehin gegen alle “Extreme”, folg- dann nimmt man einen Gesetzes- es um und gegen die extreme Rechte
lich auch gegen Linke richten. Aber verstoß als unangenehme Neben- geht.
warum sollte man nicht die be- folge in Kauf. So wird man bei-
stehenden rechtsstaatlichen Möglich- spielsweise annehmen können, dass
keiten ausschöpfen, wenn es um den der Pulheimer Neonaziführer Axel

Seite 6 | Lotta #22 | Frühjahr 2006