Sie sind auf Seite 1von 321

Statik des

Tunnel- und Stollenbaues


auf der Grundlage geomechanischer Erkenntnisse

Von

Dr.-Ing. E. h. Dr.-Ing. Hermann Kastner


Innsbruck

Mit 175 Abbildungen

Springer-Ver lag
BerlinjGöttingenjHeidelberg
1962
Alle Rechte, insbesondere das der übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten
Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet,
dieses Buch oder Teile daraus auf photomechanischem Wege
(Photokopie, lIfikrokopie) zu vervielfältigen
ISBN 978-3-662-00067-0 ISBN 978-3-662-00066-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-00066-3
© by Springer-Verlag ORG., Berlin/Göttingen/Reidelberg 1962
Softcover reprint ofthe hardcover 1st edition 1962

Die Wiedergabe VOll Gebrauchsnamen, Randelsnamen. Warenbezeichnungen usw.


in diesem Buche berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der An-
nahme, daß solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und lIIarkenschutz-Gesetz-
gebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften
Vorwort
Die Aufgabe, der das vorliegende Buch gewidmet ist, besteht in der Behandlung
der statischen Probleme, welche der Tunnel- und Stollenbau und darüber hinaus
der gesamte untertägige Hohlraumbau stellen. In diesem Rahmen wieder ist das
Zusammenwirken von Bauwerk und Gebirge und damit die Belastung des zeitwei-
ligen und dauernden Hohlraumausbaues, die sich aus dem gemeinsamen Verhalten
ergibt, entscheidend. Dieses Zusammenwirken bildet die Grundlage für die Form-
gebung und Bemessung des Bauwerkes. Weil aber Formgebung und Bemessung
im engeren Sinne, d. h. Anordnung und Dimensionierung des Ausbaues in Ab-
hängigkeit von den Festigkeitseigenschaften der verwendeten Baustoffe, Gegen-
stand der allgemeinen Baustatik bilden und daher keine spezifischen Aufgaben dar-
stellen, wird darüber nur gesprochen, wenn es die Eigenart des Tunnel- und Stollen-
baues erfordert. Die Frage der Belastung des Ausbaues, also des Gebirgsdruckes
hingegen, die ungleich schwieriger ist, wird in den Vordergrund aller anzustellen-
den Betrachtungen gerückt.
Bei der Gründung von Bauwerken im Lockergebirge hat in früheren Zeiten
die statische Behandlung mit der Wahl der zulässigen Beanspruchung des Bodens
sein Ende gefunden. Hierin ist in den letzten Jahrzehnten ein Wandel eingetreten,
und die Erkenntnis, daß der Boden funktionell zum Bauwerk gehört, hat in seiner
Weiterentwicklung, gefördert durch eine intensive Grundlagenforschung, zu
einem wichtigen Zweig der technischen Wissenschaften, zur Bodenmechanik ge-
führt. Ähnlich, aber vielleicht in noch höherem Maße, muß im Tunnel- und Stollen-
bau die tragende Mitwirkung des Gebirges und die statische Zusammengehörigkeit
von Gebirge und Bauwerk berücksichtigt werden. Bei dieser Beurteilung stehen
zunächst die Erkenntnisse der Geologie zur Verfügung, die in den Ausführungen
des Buches gebührende Beachtung finden. Die Aufnahme wichtiger geologischer
Begriffe und Anschauungen durfte nicht unterbleiben. Sie wurden aber, dem Sinne
und der Absicht des Buches entsprechend, dem Gedankengut der Mechanik unter-
geordnet, wodurch bestimmt keine Nachteile hinsichtlich der Exaktheit der Dar-
stellung eintraten. Es war auch angezeigt, die nicht immer klare Begriffsfestlegung
und Bezeichnungsweise der Geologie, soweit es sich um ihre Grenzfragen zur Bau-
technik handelt, günstiger zu gestalten. Wo die Geologie Bauzwecken dienen soll,
muß sie sich den Gesetzmäßigkeiten der Baumechanik unterordnen und sich deren
Begriffsbestimmungen anschließen; damit wird sie zur Geomechanik.
Die Geomechanik ist ein im Werden begriffener Wissenschaftszweig, und es
sind Anzeichen dafür vorhanden, daß sie sich, obwohl dem umfassenden Bereich
der Geophysik angehörend, davon absondern dürfte. Die gleiche Erscheinung ist
ja bei der Mechanik selbst eingetreten. Auch sie war ursprünglich ein Bestandteil
der Physik, hat aber, den Erfordernissen der technischen Praxis folgend, in den
Händen von Ingenieuren eine Entwicklung erfahren, von deren Bedeutung und
Ausmaß sich ein Außenstehender kaum eine Vorstellung zu bilden vermag.
Bei der Verfolgung der statischen Aufgaben des Tunnel- und Stollenbaues würde
man bald an eine unübersteigbare Grenze gelangen, wenn man nicht auf den natur-
gegebenen Grundlagen, nämlich den mechanischen Eigenschaften des Gebirges,
aufbauen könnte. Damit befaßt sich Kap. I des Buches, worin die wichtigsten
Erkenntnisse auf diesem Gebiet geschildert werden. Aber auch die beiden folgen-
den Kap. II und III, wo der primäre und sekundäre Spannungszustand des Ge-
birges behandelt werden, gehören ihrem Wesen nach noch zu den Grundlagen,
IV Vorwort

wenngleich sie schon viele Ausblicke auf die Probleme des untertägigen Hohlraum-
baues und vor allem des Gebirgsdruckes gestatten. Die Frage der Belastung eines
Tunnel- oder Stollenausbaues, also des Gebirgsdruckes im weitesten Sinn des
Wortes, stellt ein besonderes Anliegen der Tiefbautechnik und des Bergbaues dar.
Es ist erstaunlich, wie weit die Meinungen hierüber auseinandergingen, und es
war daher angezeigt, die Entwicklung der Gebirgsdruckfrage wenigstens in groben
Zügen in Kap. IV zu schildern, die zutreffenden Erkenntnisse früherer Zeiten zu
verwerten und Fehlbeurteilungen, auch dann, wenn sie heute noch Anhänger be-
sitzen, als solche zu kennzeichnen, um auf diesem Wege zu einer richtigen Deu-
tung zu gelangen. Kritische Betrachtungen ließen sich dabei nicht vermeiden;
sie sollen aber, wie übrigens auch in allen anderen Buchteilen, nur der Sache dienen.
In weiterer Verfolgung der Zielsetzung des Buches werden dann die Bemes-
sungsaufgaben im Lockergebirge in Kap. V und bei Auftreten von echtem Ge-
birgsdruck in Kap. VI behandelt, wobei, wie bereits erwähnt wurde, die Bestim-
mung der Belastung des Ausbaues im Vordergrund der Untersuchungen steht.
Die theoretischen Erwägungen, die in diesen Buchteilen naturgemäß besonderes
Gewicht besitzen, wurden aber in ihrer mathematischen Formulierung so einfach
und übersichtlich als möglich gestaltet, wie denn überhaupt verfeinerte mathe-
matische Untersuchungen, die sich mit den rauhen Bedingungen des Tunnel- und
Stollenbaues nicht vereinbaren lassen, unterblieben sind; anderseits aber wurde
die Auswirkung von theoretischen Erkenntnissen auf die Praxis des Tunnel- und
Stollenbaues erwähnt, wo immer dies zweckmäßig war oder empfehlenswert
schien.
Besondere Buchteile, nämlich Kap. VII und VIII, sind der Statik des Druck-
stollen- und Druckschachtbaues gewidmet worden, weil die Triebwasserleitung
bei der Verwertung der Wasserkräfte, insbesondere bei den Hochdruckwasser-
kraftanlagen, eine außerordentlich wichtige Rolle spielt. Die Behandlung der
beim Druckstollen- und Druckschachtbau auftretenden statischen Probleme
ist daher, der wirtschaftlichen Bedeutung dieser Bauwerke entsprechend, mit der
notwendigen Sorgfalt erfolgt; auch hierbei ist dem Zusammenhang zwischen
den theoretischen Erkenntnissen und ihrer praktischen Auswirkung besonderes
Augenmerk zugewendet worden. Etwas ähnliches gilt für die statische Beurtei-
lung von Großhohlräumen im Fels, den Kavernen, worüber in einem eigenen
Buchteil, dem Kap. IX, kurz berichtet wird.
Abschließend sind die neuen Methoden des Tunnel- und Stollenbaues hin-
sichtlich ihrer statischen Wirkung behandelt worden, wobei eine kurze Beschrei-
bung dieser Bauweisen unerläßlich war (Kap. X).
Wenn ich das vorliegende Buch der Fachwelt übergebe, so geschieht es mit dem
Wunsche, daß die vorgetragenen Untersuchungen behilflich sein mögen, in die
theoretischen Probleme des Tunnel- und Stollenbaues Einblick zu gewinnen und
ihre Weiterentwicklung zu fördern. Die Bedeutung der Erfahrung im Tunnel- und
Stollen bau soll aber durch die Befassung mit theoretischen Fragen keine Min-
derung, sondern vielmehr eine Stützung erfahren.
Es ist mir eine angenehme Verpflichtung, der Bauunternehmung Innerebner &
Mayer in Innsbruck und insbesondere ihrem im zehnten Lebensdezennium stehen-
den Seniorchef Herrn Oberbaurat h. c. Dr.-Ing. E. h. KAHL INNEREBNER für die
Förderung meiner Arbeit zu danken. Ich freue mich auch, dem Springer-Verlag,
Berlin, meine besondere Verbundenheit für die vortreffliche Ausgestaltung des
Werkes und die angenehme Form der Zusammenarbeit zum Ausdruck zu bringen.

Innsbruck, im Oktober 1961


H. Kastner
Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges


Seite
1. Über die Grundlagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
2. Einteilung der Gesteine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
3. Einachsige Druck- und Zugfestigkeit der Gesteine und des Gebirges 4
4. Der mehrachsige Spannungszustand . . . . . . . . . . . . . . 8
5. Elastizität und Plastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
6. Der Elastizitätsmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
7. Statische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges 14
a) Druckstollenversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
b) Druckplattenversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
8. Theorie der statischen Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Ge-
birges . . . . . . . . 22
a) Druckstollenversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
b) Druckplattenversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
9. Dynamische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges 27
a) Die seismische Methode . . . . . . . . . . . . . 27
b) Die Anwendung von mtraschall. . . . . . . . . . . . . . 28
10. Brucherscheinungen im Gebirge . . . . . . . . . . . . . . . 29
11. Begründung der Verschiedenheit von Trennbruch und Gleitbruch 31
12. Plastische Vorgänge und Brucherscheinungen in der Tektonik 35
13. Die MOHRsche Theorie der Fließ- und Bruchgrenze . . . . . . . 36
14. Der Großscherversuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
15. Rückwirkung der Beobachtungen über den Unterschied zwischen Trennbruch und
Gleitbruch auf die Theorie der Bruchgefahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
16. Der innere Gleitwiderstand im kohäsionslosen Lockergebirge . . . . . . . . . . 42
17. Wassergehalt, Zustandsformen und Zustandsgrenzen des bindigen Lockergebirges 43
18. Zusammendrückbarkeit des bindigen Lockergebirges bei seitlich verhinderter Aus-
dehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

Kapitel II
Der primäre Spannungszustand des Gebirges
19. Durch die überlagerung hervorgerufene Spannungen . . . . . . . . . 45
20. Beeinflussung der durch die überlagerung hervorgerufenen Spannungen. 46
21. Tektonische Kräfte und Spannungen 47
a) Tektonische Restspannungen 49
b) Lebendige tektonische Kräfte 51
22. Der Wanderdruck . . . . . . 52
23. Die Seitendruckziffer im Fels . . . . . . . 53
24. Grenze zwischen dem elastischen und latent-plastischen Bereich der Erdkruste 55
25. Einfluß der Anisotropie des Gebirges auf den primären Spannungszustand 56
26. Der primäre Spannungszustand im kohäsionslosen Lockergebirge 58
27. Der RANKINEsche Spannungszustand im kohäsionslosen Lockergebirge 60
28. Der primäre Spannungszustand im bindigen Lockergebirge . . . . . 60

Kapitel III

Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges


29. Kennzeichnung der durchzuführenden Untersuchungen . . . 61
30. Elastizitätstheorie des dickwandigen Rohres . . . . . . . 62
31. Der sekundäre Spannungszustand im Fels . . . . . . . . 66
32. Elastische Verformungen beim Ausbruch in standfestem Fels 69
33. Zugspannungsbereiche beim Ausbruch im Fels. . . . . . . 72
VI Inhaltsverzeichnis
Seite
34. Plastische Zonen bei großem Wert der Seitendruckziffer . . . . . . . . . . . . 74
35. Beispiele für die Ausbildung der plastischen Zone bei primär allseitig gleichem Druck. 78
36. Der Gleitflächenverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . -80
37. Begrenzung der plastischen Bereiche bei überwiegen des lotrechen primären Druckes 82
38. Der sekundäre Spannungszustand im Gebirge bei primär latenter Plastizität 88
39. Verspannungserscheinungen im Lockergebirge . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
40. Theoretische Behandlung der Verspannungserscheinungen über einem nachgiebigen
Streifen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
41. Die Seitendruckziffer A über einem nachgiebigen Stollenfirst . . . . . . . . . 94
42. Der Druck auf einen nachgiebigen Stollenfirst bei geringer Überlagerungshöhe . 96
43. Das Schwellen von bindigem Lockergebirge im Tunnel . . . . . . . . . . . 98
44. Der Halbmesser des Tragkörpers in einem Tonzylinder mit zentrischer Bohrung 99
45. Die Verengung der Bohrung eines Tonzylinders . . . . 101
46. Der zeitliche Ablauf des Schwellvorganges. . . . . . . 103
47. Beispiel für das Schwellen eines gelochten Tonzylinders . 105

Kapitel IV
Der Gebirgsdruck
48. Der Begriff des Gebirgsdruckes und seine Arten 107
a) Der Auflockerungsdruck 108
b) Der echte Gebirgsdruck 112
c) Der Schwelldruck . . . 113
49. Bergschläge . . . . . . . 113
50. Mäßiger, von den Ulmen ausgehender echter Gebirgsdruck 115
51. Starker, von den Ulmen ausgehender echter Gebirgsdruck . 117
52. Starker, von allen Seiten wirkender echter Gebirgsdruck . 119
53. Anfängliche Entwicklung der Deutung des Gebirgsdruckes . 122
54. Widerhall der HEIMschen Theorie der latenten Plastizität . 124
55. Der spannungslose Körper . . . . . . . . . . . . . . 126
56. Die Schutzhülle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .... .. 128
57. Deutung des echten Gebirgsdruckes mit Hilfe der Theorie der plastischen Zonen 131
58. Erklärung der Bergschläge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
59. Beurteilung der Schutzhüllenbildung nach der Theorie der plastischen Zonen 136
60. Erklärung des Schwelldruckes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

Kapitel V
Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge
61. Verspannung und Silowirkung . . . . . . . . . 138
62. Ältere Berechnungsweisen . . . . . . . . . . 140
63. Neuere Versuchsergebnisse . . . . . . . . . . 143
64. Belastung eines oberflächennahen Lehnentunnels 147
65. Verspannung bei geringer Überlagerungshöhe 149
66. Auflockerungsdruck in gebrechem Gebirge . . . . . . . . 151
67. Kennzeichnung der Bemessungsaufgabe bei unnachgiebigem Ausbau 155
68. Bemessung des dauernden Ausbaues bei geringer "Oberlagerungshöhe 156
69. Bemessung des dauernden Ausbaues bei großer Überlagerungshöhe . 157
70. Theorie der plastischen Zonen im Lockergebirge . . 160
71. Bemessung nach der Theorie der plastischen Zonen 162
72. Formgebung und Ermittlung der Spannungen 166
73. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . 167

Kapitel VI
Bemessung bei echtem Gebirgsdruck
74. Allgemeine Gesichtspunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
75. Formgebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
76. Bemessung der Tunnel- oder Stollenauskleidung bei primär elastischem Zustand des
Gebirges und großem Wert der Seitendruckziffer . 173
a) Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
b) Berechnungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
Inhaltsverzeichnis VII
Seite
c) Diskussion der gewonnenen Beziehungen . . . . . . . . . 178
d) Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
77. Über die Grenze der Ausführbarkeit von tiefliegenden Tunneln ... .. 180
78. Bemessung bei primär elastischem Zustand des Gebirges und kleiner Seitendruck-
ziffer . . . . . . . . . . . ...... 182
a) Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
b) Berechnungsweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
c) Beispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
79. Bemessung der Hohlraumauskleidung bei primär plastischem Zustand des Gebirges. 185
a) Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . 185
b) Folgerungen für die Bemessung der Auskleidung 186
c) Praktische Auswirkung . . . . . . . . . . . 187
80. Über den Schwelldruck. . . . . . . . . . . . . 188
81. Erfahrungswerte für den zu erwartenden Gebirgsdruck 190

Kapitel VII

Druckstollen
82. Allgemeines über die Triebwasserleitung von Hochdruckwasserkraftwerken 194
83. Querschnittsform und Auskleidungsart von Druckstollen . 195
84. Theorie des Druckstollens mit einfacher Betonauskleidung 199
85. Druckstollen mit bewehrter Innenschale . . . . . . . . 205
86. Spannbeton im Druckstollenbau . . . . . . . . . . . . 207
87. Vorspannung der Betonauskleidung mit Abstützung auf das Gebirge 212
88. Einflüsse, die auf eine Verminderung der Vorspannung hinwirken 216
89. Abnahme der bald erfolgenden Vorspannung bei später Betriebsaufnahme 218
90. Abnahme der spät erfolgenden Vorspannung nnd Inbetriebnahme des Druck-
stollens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
91. Messungen an einem vorgespannten Druckstollen 223
92. Injektionen . . . . . . 226
99. Schäden an Druckstollen . . . . . . . . . . 228

Kapitel VIII

Druckschiichte
94. Allgemeines über Druckschächte 232
95. Die Entlastungsziffer . . . . . . . . . . . . 233
96. Ermittlung der Entlastungsziffer . . . . . . . 236
97. Diskussion der Beziehungen für die Entlastungsziffer 239
98. Abminderung der Entlastung mit der Betriebsaufnahme 241
99. Einflüsse, die nach der Betriebsaufnahme eine Herabminderung der Entlastung be-
wirken. . . . . . . . . . . . . . . . .. 244
100. Bemessung eines Druckschachtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
101. Grundsätzliches über die Entlastungsziffer . . . . . . . . . . . . . 253
102. Nebenwirkungen in der Beanspruchung von Druckschachtauskleidungen 254
103. Das Einbeulen von Druckschacht- und Druckstollenpanzerungen . 260
104. Beispiele für Schäden an Druckschächten . . . . . . . . . . . 264
105. Grundsätzliches über die bauliche Ausbildung von Druckschächten 269
106. Herstellung des Bettungsbetons nach dem Prepakt-Verfahren. . . 270

Kapitel IX

Kavernen
107. Allgemeine Beurteilung . . . . . 273
108. Statische Behandlung des Gewölbes 273
109. Beurteilung der mmen 280
110. Zusammenfassende Bemerkungen. 284
VIII Inhaltsverzeichnis

Kapitel X

Neue Bauweisen
Seite
111. Arten der Felsankerung . . . . . . . . . . . . 285
112. Anwendungsgebiet der Felsankerung. . . . . . . 287
a) Felsankerung bei Auftreten von Auflockerungsdruck 287
b) Felsankerung bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck 289
113. Wesen und Entwicklung des Spritzbetonverfahrens . . 290
114. Technologie des Spritzbetons. . . . . . . . . . . . 292
115. Dünne Spritzbetonauskleidung zur Sicherung gegen örtliche Auflockerungserschei-
nungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
116. Mittelstarker Spritzbetonausbau bei stark gebrechem Gebirge oder leichtem echtem
Gebirgsdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
117. Schwerer Spritzbetonausbau in Verbindung mit Stahlstreckenbogen bei Auftreten
von starkem Gebirgsdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
118. Grenzen der Ausführungsmöglichkeit des zeitweiligen Spritzbetonausbaues 301
119. Vollmechanisierter Stollenausbruch 303

Schrifttum. . . 306
Sachverzeichnis 312
Kapitel I

Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

1. Vb er die Grundlagen
So wie die Grundbautechnik durch die in den letzten Jahrzehnten gewonnenen
neuen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Bodenmechanik entscheidend beeinflußt
wurde, bahnt sich auch im Tunnel- und Stollenbau durch die Erforschung der
physikalischen, insbesondere aber der mechanischen Eigenschaften des Gebirges
gefördert, eine neue Entwicklung an. Bis vor nicht allzulanger Zeit waren im
Tunnel- und Stollenbau hauptsächlich die aus der Bauerfahrung gewonnenen Er-
kenntnisse maßgebend gewesen. Daß sie allein nicht genügten, zeigen die Anschau-
ungen über den Gebirgsdruck, die trotz vieler intuitiv richtig gedeuteter Beobach-
tungen keine einheitliche und endgültige Beurteilung dieser wichtigsten Frage des
Tunnel- und Stollenbaueszu begründen vermochten. Ähnlich lagen die Dinge hin-
sichtlich der Formgebung, Bemessung und Ausführung des Ausbaues. Die theo-
retischen Auffassungen darüber gingen, sofern man solche überhaupt gelten ließ,
weit auseinander und waren als Grundlage für eine weitere Entwicklung wenig
geeignet. Die neueren Untersuchungen w~llen hierin eine Wendung herbeiführen,
durch Erforschung der Eigenschaften des Gebirges ein zutreffendes Urteil in der
Frage des Gebirgsdruckes gewinnen und eine widerspruchsfreie Grundlage für die
Formgebung und Bemessung des Ausbaues schaffen. Es bedarf keines besonderen
Hinweises, daß hierbei die Fortschritte auf dem Gebiet der Bodenmechanik mit
herangezogen und verwertet werden, soweit dies mit Rücksicht auf die Beschaffen-
heit des Gebirges möglich ist.
Die folgenden Darlegungen über die mechanischen Eigenschaften des Gebirges
sollen jedoch nicht sosehr theoretischen Bedürfnissen dienen, als vielmehr ihre
praktische Anwendung im untertägigen Hohlraumbau fördern.
Man wird im Laufe der Untersuchungen immer wieder feststellen können, daß
vielfach die Begriffe, die man den Bezeichnungsweisen unterlegt, nicht einheitlich
definiert werden, wodurch widersprechende Auffassungen entstehen. Ein vor-
treffliches Beispiel dafür bieten die Begriffe des Elastizitätsmoduls und des Ver-
formungsmoduls ; Zahlenangaben darüber sind aus diesen Gründen oft irreführend
oder von geringem Wert und vielfach nicht vergleichbar. Es ist daher wichtig,
die Begriffsbestimmung und Terminologie einheitlich zu gestalten. Dies wird auf
der exakten Grundlage der technischen Mechanik versucht. Dabei können aber die
getroffenen Festlegungen nicht die Vollendung einer Norm erreichen, weil die
Anschauungen in den Fragen des untertägigen Hohlraumbaues vielzusehr in
Bewegung begriffen sind. Es ist aber bestimmt auch kein Nachteil, der Entwick-
lung einiges freies Spiel zu lassen und ihr nicht die Zwangsjacke einer allzustrengen
Normung anzulegen.
Die Erfassung der tragenden Mitwirkung des Gebirges ist die entscheidende
Aufgabe des Tunnel- und Stollenbaues schlechthin. Einerseits muß ja oft genug
die Tragfähigkeit des Gebirges in bestimmten Zonen, die in der Umgebung des
Ausbruches liegen, bis an die mögliche Grenze ausgenützt werden. Anderseits be-
steht für das Bauwerk, also für den zu schaffenden Ausbau des untertägigen
Hohlraumes die Aufgabe, die Tragfähigkeit des Gebirges mit heranzuziehen.
Diese Forderung ist aber, wie die neueren Untersuchungen zeigen, nicht immer
1 Kastner, Statik
2 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

mit dem für Tragwerke üblichen Maß von Sicherheit erfüllbar. Es ist aber wichtig,
daß man sich darüber klar wird, wie groß der Sicherheitsgrad ist und wo die
Grenzen der technischen Möglichkeiten liegen.
Der grundlegende Gedanke, der den gesamten untertägigen Hohlraumbau
beherrschen sollte, besteht darin, das Bauwerk und das Gebirge als funktionell
und statisch zusammengehörend anzusehen und jede statische Untersuchung muß
diesem Umstand Rechnung tragen. Die Voraussetzungen dafür, nämlich die Kennt-
nis der mechanischen Eigenschaften des Gebirges, sind zwar heute noch nicht in
dem wünschenswerten Ausmaß vorhanden, aber die Hilfswissenschaft der
Geomechanik verspricht in mancher Hinsicht eine Besserung der Grundlagen der
Tunnelbaustatik und es ist zu hoffen, daß sich dieser Zweig der Geophysik als hin-
reichend kräftig erweist, um selbständig Bestand zu haben.
Trotz der mangelhaften Grundlagen kann auch beim gegenwärtigen Stand der
Dinge die theoretische Untersuchung in manchen Fragen Klarheit bringen. Durch
sie wird in vielen Fällen die Beurteilung von praktischen Aufgaben erst möglich.
Sie zwingt vor allen Dingen dazu, ein Problem gedanklich durchzuarbeiten und
alle in Betracht kommenden Einflüsse und ihre Tragweite zu untersuchen.
Die Theorie ist in der Technik nicht Selbstzweck, sondern bloß Hilfsmittel,
aber ein solches von eminent praktischer Bedeutung; es wäre jedoch nicht un-
gefährlich, ihr mehr zuzumuten als sie leisten kann und eine größere Verantwortung
aufzubürden als sie zu übernehmen vermag. Die meisten Probleme, die von der
Praxis aufgegeben werden, sind aber leider so verwickelt, daß eine vollständige
theoretische Lösung nicht möglich ist; der formalen mathematischen Behand-
lung sind Grenzen gesetzt, und sie führt nur in wenigen Fällen zu einfachen und
übersichtlichen Ergebnissen.
Es handelt sich also um die Grundlagenforschung einerseits und um die darauf
aufbauende Theorie anderseits, wobei theoretische Untersuchungen der Grund-
lagenforschung wiederum vielfach erst die erforderliche Richtung weisen. Aller-
dings soll die Theorie der Erforschung ihrer Grundlagen nicht zu weit vorauseilen,
weil sie dann den Kontakt mit der Wirklichkeit verlieren kann. Diese letztere Er-
scheinung ist, wie oben angedeutet wurde, bei den theoretischen Anschauungen
im Tunnel- und Stollenbau in einem gewissen Maße eingetreten und es besteht
daher die Notwendigkeit hinsichtlich der Erforschung der mechanischen Eigen-
schaften des Gebirges manches nachzuholen, um einen besseren Einblick in die
naturgegebenen Voraussetzungen zu gewinnen.

2. Einteilung der Gesteine


Die obersten Schichten der Erdkruste, die dem Tunnel- und Stollenbau zu-
gänglioh sind, bieten in ihrer Erscheinungsform eine außerordentliche Mannig-
faltigkeit. Jeder Versuch, eine Einteilung der Gesteine durchzuführen, wird den
Leitgedanken, unter dem dies geschieht, erkennen lassen. Die Mannigfaltigkeit
ist aber nur zum Teil petrographischer Art, denn obwohl man weit mehr als
2000 Mineralarten kennt, sind an der Bildung der Gesteine nur etwa 9 Mineral~
typen entscheidend beteiligt; es sind dies Quarz, die Feldspate, Glimmer, Horn-
blende, Augit, Olivin, Tonmineralien, Kalkspat und Dolomit [88]. Die Verschieden-
artigkeit wird vielmehr vorwiegend durch die Gefügebeschaffenheit bedingt und
gerade diese hat auf die Festigkeitseigenschaften der Gesteine und des Gebirges
entscheidenden Einfluß; es handelt sich hierbei um Schwachstellen des Gefüges
aller Art wie Schichtfugen, Schieferungsflächen, Klüfte, Mylonitzonen usf.
Die Einteilung der Gesteine nach geologischen Gesichtspunkten ist gegenüber
einer solchen, die den Erfordernissen der Baustatik Rechnung tragen soll, im Vor-
teil. Die Geologie ist ihrem Wesen nach eine beschreibende Wissenschaft, deren
Ziel die Gewinnung eines Befundes und die Erforschung der entwicklungsgeschicht-
2. Einteilung der Gesteine 3

lichen Zusammenhänge ist, weshalb sie sich bei der Ordnung der von ihr erarbei-
teten Tatsachen keinerlei äußerem Zwang und keiner Beschränkung zu fügen
braucht. Es ist ihr auch ohne Schwierigkeiten möglich, eine einmal getroffene
Einteilung zu erweitern oder zu differenzieren. Die Geologie hat solche Eintei-
lungen der Gesteine seit langem vorweggenommen und sie vielfach bis in die
kleinste Einzelheit durchgeführt, aber für die technische Verwendung sind andere
Gesichtspunkte maßgebend. Die Statik verfügt nur über eine beschränkte Zahl
von Möglichkeiten, um die auf den Hohlraumausbau wirkenden Kräfte und die
tragende Mitwirkung des Gebirges zu erfassen und damit eine Lösung der Auf-
gaben des Tunnel- und Stollenbaues herbeizuführen. Sie muß sich daher bei einer
Einteilung auf einige hinsichtlich ihrer mechanischen Eigenschaften eindeutig
beschreibbare Gebirgstypen beschränken und diesen die Vielfalt der übergangs-
formen so gut es geht anpassen. Die theoretische Behandlung im Sinne der Bau-
statik erfordert daher das Herausgreifen charakteristischer Gebirgstypen, deren
Eigenschaften möglichst genau erfaßbar sind und deren mechanisches Ver-
halten mathematisch verfolgt werden kann. Manchmal treten aber Fälle auf,
die eine solche Zuordnung zu Idealtypen nicht gestatten; sie entziehen sich
dann einer theoretischen Behandlung und müssen der Erfahrung vorbehalten
bleiben.
Vom Standpunkt der statischen Behandlung werden zunächst zwei Haupt-
gruppen von Gesteinen ins Auge gefaßt: Der Fels und das Lockergestein. Der Fels
wird durch das Vorhandensein echter, auf atomaren Bindungskräften beruhender
Kohäsion gekennzeichnet, während das Lockergebirge aus Elementen besteht,
zwischen denen Kohäsionskräfte dieser Art überhaupt nicht oder nur in ganz
untergeordnetem Maße wirksam sind; sofern im letzteren Falle Bindungskräfte
bestehen, werden sie hauptsächlich vom Wasser hervorgerufen (scheinbare Kohä-
sion verursacht durch den Kapillardruck) [144a]. Der geologische Begriff "kla-
stische Sedimente" ist viel weiter gefaßt, weil er auch für Sandsteine, Konglo-
merate, Breccien URf. mit chemischer Bindung gilt.
a) Eine Unterteilung der Felsgesteine kann nach verschiedenen Gesichtspunkten
erfolgen.
RABcEWIcz [108a] schlägt eine Unterscheidung von testen und pseudotesten
Gesteinen vor, wobei die Festigkeit und das plastische Verhalten als kenn-
zeichnende Merkmale herangezogen werden. Die pseudofesten Gesteine sollen
im Gegensatz zu den Festgesteinen eine geringe einachsige Druckfestigkeit und
ein ausgeprägtes plastisches Verhalten zeigen, d. h. sie sollen in weitgehendem
Maße zu einer bruchlosen bleibenden Verformung befähigt sein. Der genannte
Autor zählt zu den pseudofesten Gesteinen u. a. Sandsteine mit tonigem Binde-
mittel, Tonschiefer, Schiefertone, viele Mergel, Phyllite, Chloritschiefer, Glimmer-
schiefer usf. Bei den pseudofesten Gesteinen ist die atomare Bindung nicht so stark,
wie beim festen Fels, außerdem sind vor allem bei den geschieferten Gesteinen die
Bindungskräfte nicht isotrop, d. h. in irgendeinem Punkt des Gesteins nicht nach
allen Richtungen gleich stark. Die Festigkeitsanisotropie wird in vielen Fällen
durch die Schichtgitterstruktur der Ton- und Glimmermineralien bedingt. Die
Ursache dieser Erscheinung ist das Verhalten des Elementes Silizium, das mit
seinem Gewichtsanteil von rd. 25% an der Zusammensetzung der Erdkruste nach
Sauerstoff an zweiter Stelle steht. Das unveränderliche Skelett der Mineralsilikate
bildet die Zusammensetzung mit Sauerstoff zu den Siliziumtetraedern Si0 4 , die
miteinander über die Sauerstoffatome verknüpft sind. Bei Anordnung dieser
Gruppen in einer langen Kette entstehen beispielsweise die Riesenmoleküle des
Asbestes. Eine zweidimensionale Anordnung - ähnlich jener der Kohlenstoff-
atome im Graphit - verursacht die Schichtgitterstrukturen der Glimmerminera-
lien, wobei die Bindungskräfte senkrecht zur Schichtebene schwach sind. Dieser
Umstand bedingt die gute Spaltbarkeit der Glimmermineralien ; als Gemengeteile

1*
4 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

der Schiefergesteine sind sie bei geregelter Anordnung die Ursache einer weit-
gehenden Festigkeitsanisotropie.
KEIL [71] hält eine Unterscheidung in feste und veränderlichfeste Gesteine für
entscheidend. Es gibt kein Gestein, das nicht im Laufe von geologischen Zeit-
räumen unter mechanischen und chemischen Einflüssen an Festigkeit einbüßen
würde. Doch schreitet dieser Zerstörungsprozeß bei den festen Felsgesteinen
außerordentlich langsam fort, so daß er im Zeitraum eines Menschenalters, wenn
man von der oberflächlichen Verwitterung absieht, kaum merkbar ist. Die ver-
änderlichfesten Gesteine hingegen sind zersetzungsempfindlich und verlieren oft
rasch von ihrer Festigkeit, wenn der Gleichgewichtszustand, der durch die Druck-,
Temperatur- und Wasserführungsverhältnisse gegeben ist, infolge des Eingriffes
des Tunnel-und Stollenbaues eine Änderung erfährt.
Die beiden angeführten Unterteilungen nach RABCEWICZ und KEIL dürften
aber aus statischen Erwägungen nicht sosehr entscheidend sein, wie jene in festen
und gebrechen Fels, wobei letztere Felsarten infolge ihrer Gefügeschädigung mehr
oder weniger stark zu Nachbrüchen neigen.
Das gebreche Gestein tritt in einer ganzen Reihe von Erscheinungsformen auf,
die vom nachbrüchigen Fels bis zu den vollständig zermahlenen und chemisch ver-
änderten Myloniten reichen.
Die Einteilung in festen und gebrechen Fels ist allgemein verbreitet; gegen
eine weitere Differenzierung mit der Absicht, den Grad der Nachbrüchigkeit oder
der Gesteinszerrüttung bei gebrechem Gebirge hervorzuheben, ist nichts ein-
zuwenden. Die Erweiterung der Einteilung durch die Begriffe druckhaftes und sehr
druckhaftes Gebirge mag aus praktischen, für die Bauabwicklung maßgebenden
Gründen zweckmäßig sein, aus statischen Erwägungen ist sie jedoch unzutreffend.
Die Druckhaftigkeit ist ja nicht allein eine Eigenschaft des Gebirges, sondern sie
wird auch durch den im Gebirge herrschenden Spannungszustand bedingt. Das
gleiche Gebirge kann bei geringer überlagerung standfest, bei großer Tiefenlage
unter der Erdoberfläche druckhaft sein.
b) Die Hauptgruppe der Lockergesteine soll wieder unterteilt werden einerseits
in die kohäsionslosen Lockergesteine, bei denen keinerlei Bindung zwischen den
Elementen besteht und anderseits in die durch ihre plastischen Eigenschaften
gekennzeichneten bindigen Lockergesteine, deren Körner infolge ihrer Kleinheit
eine durch den Kapillardruck hervorgerufene scheinbare Kohäsion aufweisen.
Zur ersteren Gruppe gehören manche klastische Sedimente wie Sand, Kies, Ge-
rölle, Hangschutt und Blockwerk; zur letzteren Ton, Lehm, manche Mergel usw.
Diese vier Gruppen: Fester Fels, gebrecher Fels, kohäsionsloses Lockergestein
und bindiges Lockergestein stellen vier Idealtypen dar, die in den weiteren Unter-
suchungen getrennt behandelt werden, weil dies auf Grund ihrer eindeutig be-
schreib baren Eigenschaften möglich ist.

3. Einachsige Druck- und Zugfestigkeit der Gesteine


und des Gebirges
Die in der üblichen Weise an Probekörpern ermittelte einachsige Druckfestig-
keit der Gesteine umfaßt sehr große Bereiche und erreicht außerordentlich hohe
Werte [138d] (s. Tab. 1 u. 2).
Um die einachsige Druckfestigkeit zu bestimmen, muß man dem Probekörper
die Möglichkeit geben, die entsprechende Verformung, d. h. eine Verkürzung in
der Druckrichtung und eine Dehnung in der Querrichtung unbehindert aus-
zuführen. Bei den üblichen würfelförmigen Probekörpern, die zwischen Druck-
platten abgepreßt werden, weicht der wirkliche Spannungszustand von dem ein-
achsigen wesentlich ab [32].
3. Einachsige Druck- und Zugfestigkeit der Gesteine und des Gebirges 5

Man kann diesem übelstand zum Teil dadurch beikommen, daß man den
würfelförmigen Probekörper bei gleichem Querschnitt durch einen prismatischen
oder zylindrischen ersetzt, dessen Höhe ein Mehrfaches der Querschnittsdimen-
sion ist. Dann wird der Probekörper durch eine viel geringere Belastung zerstört,
als bei Druckversuchen mit Probewürfeln. Die Würfelfestigkeit ist daher infolge
der Versuchs bedingungen bedeutend größer als die .wirkliche einachsige Druck-
festigkeit des Gesteins. Nachdem man von Gesteinen meist Bohrkerne untersucht,
kann im Gegensatz zum Beton auch von Zylinderfestigkeit gesprochen werden.
Beim Beton werden meist prismatische Körper erprobt und die Prismenfestig-
keit beträgt im allgemeinen 80% der Würfeldruckfestigkeit [121]. Bei Gesteinen
wird die Zylinderfestigkeit etwa 1/ 2der Würfelfestigkeit betragen, kann aber auch
bis auf 1/3und unter Umständen sogar auf 1/4 herabsinken [159].
Ein anderer Weg, um die Schubspannungen zwischen den Druckplatten und
dem Probekörper auszuschalten, besteht darin, durch Schmierung die Reibung
auf ein Mindestmaß herabzusetzen. Bei den solcherart durchgeführten Versuchen
zeigt sich, daß beim Bruch der Probewürfel Bruchflächen auftreten, die parallel
zur Druckrichtung verlaufen und den Würfel in parallelepipedische Teilkörper
aufspalten. Die Brüche sind Trennbrüche. FÖPPL [33] vermutet, daß diese Er-
scheinung, die an Zementproben ständig zu beobachten ist, durch die Spreng-
wirkung des in den Poren der Proben enthaltenen Wassers verursacht wird.
Nachdem die gleiche Erscheinung aber auch an Gesteinswürfeln festzustellen ist,
die keine Wassereinschlüsse aufweisen [32], muß ihre Ursache anderer Art sein.
Es ist zu vermuten, daß hierfür die Poren der Probekörper oder vorhandene
Schwachstellen hauptsächlich verantwortlich sind. Wie spätere Untersuchungen
zeigen werden, treten bei einachsiger Druckbeanspruchung an den Rändern von
im Gestein vorhandenen Hohlräumen Spannungssteigerungen auf. Die Rand-
spannungen sind von der Form des Hohlraumes abhängig, aber bei lotrecht
wirkender Druckspannung stellen sich am oberen und unteren Rand der Hohl-
räume Zugspannungen von beträchtlicher Größe ein. Sie sind zwar auf kleine
Bereiche beschränkt, wenn aber an irgendeiner Stelle die Zugfestigkeit des Betons
oder Gesteins überschritten wird, so entsteht, von einer Pore oder Schwachstelle
ausgehend, ein Anriß, der sich in der Druckrichtung zur nächsten Pore fortpflanzt
und schließlich zu einer Trennbruchfläche führt. Der einmal eingetretene Anriß
schafft in seiner Umgebung eine Entlastung, so daß sich die nächste Bruchfläche
erst in einiger Entfernung von der ersten ausbildet. Die Folge dieser Erscheinung
ist die oben geschilderte Aufspaltung des Probewürfels in plattenförmige Bruch-
stücke. Die Tatsache, daß die Bruchflächen immer parallel zu einer Seitenfläche
des Probewürfels entstehen, ist formbedingt ; der parallel zu zwei Würfelflächen
verlaufende Bruchquerschnitt ist ja in diesem Fall der kleinste Querschnitt.
Die Bestimmung der einachsigen Zugfestigkeit der Gesteine hat mit noch grö-
ßeren Schwierigkeiten zu kämpfen, als die der einachsigen Druckfestigkeit, weil
die Herbeiführung eines solchen Spannungszustandes nur schwer erreichbar ist.
Zugfestigkeitswerte, die man in Tabellen findet, sind daher ganz unbestimmt
und lassen keine sicheren Rückschlüsse auf die wirkliche Festigkeit zu. FÖPPL
[32] betont, daß beim Druckversuch mit würfelförmigen Probekörpern die Fehler-
quellen den Erfolg haben, eine größere Druckfestigkeit des zu prüfenden Stoffes
vorzutäuschen, während sie beim Zugversuch umgekehrt die Zugfestigkeit zu
klein erscheinen lassen. Die Angabe eines Wertes der einachsigen Zugfestigkeit
der Gesteine bzw. die Benützung eines solchen Wertes als Grundlage für eine
auch im Zugspannungsbereich gültige Bruchhypothese ist daher fragwürdig.
Auch hat es nur geringen Wert, bei Gesteinen das Verhältnis von Zugfestigkeit
zu Druckfestigkeit durch eine bestimmte Zahl festlegen zu wollen.
Nachdem sich die im festen Fels beobachteten Gebirgsdruckerscheinungen,
wie sie besonders beim Bau des Simplontunnels auftraten, keinesfalls aus den
6 L Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

durch Würfeldruckproben ermittelten Festigkeitswerten der Gesteine erklären


ließen, sah sich der Schweizer Alpengeologe HEIM veranlaßt, den Begriff der
Gebirgstestigkeit einzuführen [52c, 159]. Das Gebirge weist mamligfache Störungen,
Schwachstellen und Inhomogenitäten auf; dementsprechend ist auch seine Festig-
keit geringer, als die Gesteinstestigkeit. HEIM setzte die Gebirgsfestigkeit gleich
einem Viertel der Gesteinsfestigkeit. Es besteht aber kein Zweifel darüber, daß
eine solche Angabe problematisch ist und keineswegs auf Allgemeingültigkeit
Anspruch ~rheben darf. Der Begriff der Gebirgsfestigkeit wird von mancher
Seite bestritten, aber als Aussage dafür, daß die einachsige Druckfestigkeit des
Gebirges fast immer wesentlich kleiner sein wird, als jene eines mit Sorgfalt her-
gestellten, aus guten Gesteinspartien stammenden Probekörpers, bei dessen Aus-
wahl man Fehler oder Schäden nach Möglichkeit vermeidet, ist er wohl kaum
anzuzweifeln [159].
Die Ermittlung der Gebirgsdruckfestigkeit ist keine einfache Aufgabe. Groß-
druckversuche zu ihrer unmittelbaren Bestimmung werden sich nur bei geringen
Festigkeitswerten durchführen lassen; dann aber wird die störungsfreie Heraus-
arbeitung eines großen Probekörpers, der die Eigenschaften des Gebirges, ins-
besondere seine Struktur, repräsentiert, schwer möglich sein. Aber selbst dann,
wenn dieser Weg gangbar wäre, würde man nur Einzelwerte erhalten, die überdies
an eine Belastungsrichtung gebunden sind. Weil aber jeder Weg beschritten
werden muß um Aufschlüsse über die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit zu ge-
winnen, wird auch auf den Großscherversuch aufmerksam gemacht, der über
diesen Festigkeitswert Anhaltspunkte zu liefern gestattet. Hierüber wird im
Abschn. 14 berichtet.
Vielleicht verdient auch folgender Hinweis Beachtung. Es besteht die Mög-
lichkeit, aus dem Elastizitätsmodul des Gebirges Rückschlüsse auf seine ein-
achsige Druckfestigkeit zu ziehen, ähnlich wie dies beim Beton mit ziemlich guter
Genauigkeit gelingt. Wenn beispielsweise der empirische Ausdruck
E=Oy;J; (1)
gewählt wird [121], worin E den Elastizitätsmodul, 0 einen Festwert und O'p die
Prismen- oder Zylinderfestigkeit bedeutet, so wird 0 für Beton im Bereich der
federnden Formänderungen als zwischen den nicht sehr weit gespannten Grenzen
von 18.000 und 28.000 liegend, im Mittel mit 23.000 angegeben. Für Gesteine sind,
soweit Fels vorliegt, Werte festgestellt worden, die sich zwischen 3.000 und
23.000 bewegen. Die Grenzen sind also aus verständlichen Gründen weiter gezogen,
wie beim Beton, haben aber für Lockergestein keine Gültigkeit. Die Schwierig-
keit der Bestimmung der rechnungsmäßigen einachsigen Gebirgsdruckfestigkeit
aus dem Elastizitätsmodul besteht daher bei Einschlagung dieses Weges in der
Wahl des Beiwertes 0, weil ja der Elastizitätsmodul, wie später gezeigt werden
wird (Abschn. 7, 8 u. 9), mit ziemlicher Sicherheit experimentell feststellbar ist.
Sie kann manchmal in der Weise überwunden werden, daß man für das jeweils
vorliegende Gestein an Probekörpern die Zylinderfestigkeit und den Elastizitäts-
modul in der üblichen Weise feststellt und daraus den Beiwert 0 errechnet. Für
das Gebirge läßt sich der Elastizitätsmodul experimentell bestimmen. Wenn man
a
nunmehr den für das Gestein errechneten Beiwert auch für das Gebirge als gel-
tend annimmt, so erhält man einen rechnungsmäßigen Wert der einachsigen Druck-
festigkeit.
Zur überprüfung dieser Feststellungen wird aus einer Anzahl von Angaben
über die Druckfestigkeit von Gesteinen und über deren Elastizitätsmodul, wobei
die Werte jeweils einer Zusammenstellung von STINI [138d] entnommen wurden,
a
der Koeffizient gemäß GI. (1) ermittelt.
Die Werte von a bewegen sich zwischen 10.500 und 19.100; sie liegen innerhalb
des oben angegebenen Bereiches von 3.000-23.000. Man darf aber nicht über-
3. Einachsige Druck- und Zugfestigkeit der Gesteine und des Gebirges 7

Tabelle 1. Zusammenhang zwischen der Druckfestigkeit und dem Elastizität8modul


von Ge8teinen, 80weit Fel8 vorliegt

Druckfestigkeit Elastizitätsmodul
in kgcm-' in kgcm-'
Gestein C=~
von bis von bis Va;;
im Mittel im Mittel

Basalt, Melaphyr, 2000-4000 900.000-1,200.000 19.100


dicht gefügt 3000 1,050.000

Quarzporphyr , 1800-3000 500.000-700.000 12.200


Porphyrit, 2400 600.000
Andesit

Schiefer, 1500-3000 400.000-600.000 10.500


Kieselschiefer 2250 500.000
--
Diorit, 1600-3000 800.000-1,000.000 18.700
Gabbro 2300 900.000

Diabas, Quarzite, 1700-2500 700.000-800.000 16.400


Quarzschiefer . 2100 750.000

Granit 1200-2400 500.000-600.000 13.000


1800 550.000

Kalkstein, dicht 800-2000 400.000-700.000 14.800


und fest 1400 550.000

Kalkstein,
minder fest
400-900 I 300.000-600.000 17.600
I 650
I 450.000

sehen, daß GI. (1) nur eine rohe Beziehung darstellt. Dabei ist überdies zu berück-
sichtigen, daß in der benützten Quelle nicht angegeben ist, ob es sich um die
Würfeldruckfestigkeit oder um die Zylinderfestigkeit der Gesteine handelt. Es
ist aber nicht ausgeschlossen, daß es auf dem geschilderten Weg gelingt, zu einer,
wenn auch nur näherungsweisen Ermittlung der Gebirgsdruckfestigkeit zu ge-
langen.
Zum Vergleich seien noch einige Werte angegeben, welche von Versuchen
stammen, die GRAF an der Materialprüfungsanstalt der Technischen Hochschule
Stuttgart ausgeführt hat [42].

Tabelle 2. ZU8ammenhang zwi8chen der Pri8menfestigkeit und dem Ela8tizität8modul


von Ge8teinen

Gestein
Prismenfestigkeit Elastizitäts-Modul E C=~
kgcm- a kgcm-' YGd
Basalt (Westerwald) 3082 1,034.000 18.650
Granit (Schwarzwald) 1277 235.000 6.590
Muschelkalk (Waiblingen) 1320 776.000 21.400
Muschelkalk
(Kocheldorf a. Neckar) 712.000
Quarzit
(Tschagguns, Vorarlberg) 4404 748.000 20.000
Gneis, parallaI zur Schieferung
(Vermunt, Vorarlberg) 1392 362.000 9.700
Buntsandstein (FreudenthaI) 639 104.000 4.130
Hochofenstückschlacke 1809 941.000 22.100
8 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

Auch diese Werte von C fügen sich den Grenzen von 3000 und 23.000 ein;
ihre Streuung ist aber größer als in der Zusammenstellung der Tab. 1.
Es mag angebracht sein, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß die Be-
ziehung zwischen der Druckfestigkeit und dem Elastizitsmodul des Betons zu
einer konservativen Methode für die Bestimmung der ersteren ausgenützt wird.
Hierbei wird der Rückstoß des Betonprüfhammers gemessen. Die von diesem
Gerät erzielten Ergebnisse sind befriedigend und für eine rohe Kontrolle
ausreichend. Seine Anwendung zur Bestimmung der Gesteinsfestigkeit dürfte
aber wegen der großen Streuung des C-Wertes keine verläßlichen Ergebnisse
liefern.

4. Der mehrachsige Spannungszustand


Im Gebirge bildet primär der dreiachsige Spannungszustand die Regel. Als
seine Ursache ist die Gravitation, d. h. das Gewicht der überlagernden Gebirgs-
massen in erster Linie zu berücksichtigen. Daher wirkt im ungestörten Gebirge
die größte Hauptspannung meist lot-
recht, während die beiden kleineren
,WOr----.----~~~r----,----,
Hauptspannungen gleich groß und
kg/cm~
waagrecht gerichtet sind. Dieses ein-
'I 000 1------7'l>,L fache Spannungsbild kann aber durch
verschiedene Einflüsse, insbesondere
durch tektonische Spannungen gestört
sem.
~ über das Verhalten von Gesteinen
I
I::, ZOOO
unter mehrachsigen Spannungszustän-
~ ~O" '1l11>
den liegen zahlreiche experimentelle
Untersuchungen vor.
1000 ~UF FÖPPL [32] belastete würfelförmige
~ ~ Probekörper von 1-3 cm Kanten-
to- länge aus Sandstein und anderen Ge-
D Z 'I 8 IJ % 10 steinen in einem mit Öl gefüllten, dick-
E_
wandigen Stahlgefäß mit einem Flüs-
Abb. 1. Verformungslinien von Marmorzylindern unter sigkeitsdruck, der bis 3.000 atü ge-
Axialdrucka und seitlicher hydrostatischer Pressung Pa;
bei jedem Versuch wurde die seitliche Pressung kon- steigert werden konnte. Das Ergebnis
stant gehalten; sie ist der jeweiligen Verformungs_ war, daß der allseitig gleiche Druck als
linie beigeschrieben; nach KARMAN [97]
Bruchursache nicht in Betracht zu
kommen scheint, es wäre denn, daß der
Probekörper Hohlräume oder ein starkes Abweichen vom isotropen Verhalten
aufweist. Sandsteinwürfel bekamen beispielsweise Risse in der Richtung der natür-
lichen Schichtung des Gesteins, so daß sie in kleine Platten zerfielen. Aber das
waren Ausnahmen; bei den meisten Gesteinswürfeln waren keine Beschädigungen
zu erkennen.
KARMAN [69] und BÖKER [11] belasteten zylindrische Probekörper von Mar-
mor und Sandstein entweder mit axialem Druck oder in einem Druckgefäß aus
Stahl mit Axialdruck verbunden mit hoher seitlicher Flüssigkeitspressung. Unter
einer konstant gehaltenen seitlichen hydrostatischen Pressung Pa konnten bei den
Versuchen von KARMAN die Marmorprobekörper durch zunehmenden Axialdruck
(] in den plastischen Zustand gebracht werden. Dies zeigt die Abb. 1, in der die
axialen Verformungen in Hundertteilen als Abszissen aufgetragen wurden, wäh-
rend die Spannungsdifferenzen a - Pa als Ordinaten erscheinen. Für jede Ver-
formungslinie bildet die konstante laterale Pressung den Parameter. Aus der
Abb.1 ist zu ersehen, wie der Marmor vom spröden Verhalten für Pa = 0 mit
zunehmendem Seitendruck in den bildsamen Zustand übergeht.
4. Der mehrachsige Spannungszustand 9

Während KARMAN für jeden Versuch die Seitenpressung konstant hielt und
den Axialdruck steigerte ("Druckversuch"), führte BÖKER eine ähnliche Versuchs-
reihe durch, bei der er die Axialspannung konstant hielt und die Seiten pressungen
steigerte, bis die Versuchskörper begannen sich plastisch zu verformen ("Zug-
versuch").
Die Versuche von KARMAN und BÖKER wurden später von GRIGGS [43] an
der Harvard Universität mit Marmor und Kalkstein wiederholt. Dabei konnte
aber die Druckflüssigkeit (Kerosen, ein Gemenge von Kohlenwasserstoffen, dessen
Hauptbestandteil Dekan C1oH 22 ist) in die Poren der Gesteinsproben eindringen,
wodurch die Versuchsergebnisse
nach Ansicht NADAIS [97] an Gr-------,-------r------,-------,
Bedeutung verloren.
Über die Versuche von BÖKER
wird im Zusammenhang mit den
Überlegungen betreffend die Ver- 6~------+-------4-

schiedenheit von Trennbruch und


Gleitbruch später noch einmal
etwas eingehender berichtet
(Absehn. 11).
Um das Verhalten der Ge-
steine unter der Einwirkung eines
dreiachsigen Spannungszustandes
zu schildern, werden als weitere
Beispiele jene Spannungs-Deh-
nungsdiagramme herangezogen,
die bei dreiachsigen Druckver-
8uchen mit Marmor erhalten wur-
den und aus dem bekannten
EMPA-Bericht Nr. 28 [115] stam-
men. Dabei wurden zylindrische
Probekörper einem allseitigen
Druck Pa unterworfen und zu- o
sätzlich durch einen Axialdruck (J
belastet. Die zusätzlichen Axial-
spannungen wurden als Ordinaten
aufgetragen, während die spezi-
o 10 16 % Z!J
spez. lIerkii{'Zllfig
fischen Dehnungen (Verkürzun-
Abb. 2. Verformungslinien von Marmorzylindern bei Druckver-
gen) als' Abszissen erscheinen suchen unter allseitigem Druck; nach EMPA-Bericht 28[115J
(Abb. 2). Die Form der Span-
nungs-Dehnungslinien ist entscheidend abhängig von der allseits gleich großen
Druckspannung, die als Parameter für jede einzelne Spannungs-Dehnungs-
linie gilt. Nachdem die Probekörper bedeutende Stauchungen und Vergrößerungen
des Mittelquerschnittes erlitten, müssen die Spannungen auf den jeweils vor-
handenen Mittelquerschnitt bezogen werden. Die Versuche bestätigen die be-
kannte Tatsache, daß die Festigkeitseigenschaftcn des Marmors wesentlich vom
Spannungszustand abhängen. Während beim einachsigen Druckversuch (Pa = 0)
nur eine geringe plastische Verformung eintritt, steigt mit wachsendem Umschlie-
ßungsdruck nicht bloß die Druckfestigkeit stark an, sondern es wächst auch die
Fähigkeit zu plastischer Verformung beträchtlich.
Diese Eigenschaft ist aber nicht nur auf den Marmor beschränkt, sondern von
allgemeiner Art. Gesteine, die bei geringem Umschließungsdruck spröde sind,
nehmen mit dessen Anwachsen plastische Eigenschaften an. Sprödigkeit und
Plastizität sind daher keine Materialeigenschaften an sich, sondern sie werden
vom Spannungszustand entscheidend beeinflußt.
10 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

5. Elastizität und Plastizität


Wenn ein Gestein belastet wird, erfährt es eine Formänderung. Solange die
Belastung unterhalb der Elastizitätsgrenze bleibt, nimmt der Gesteinskörper nach
der Entlastung, von der angenommen wird, daß sie bald auf die Belastung folgt,
wieder seine ursprüngliche Form an. Die Formänderung lmd die Rückbildung der
ursprünglichen Form vollziehen sich rasch. Die Elastizität ist eine universelle
Eigenschaft der kristallinen und amorphen Körper, also insbesondere auch der Ge-
steine bzw. des Gebirges. Bei einer größeren Belastung, die über die Elastizitäts-
grenze reicht, treten Verformungen auf, die nur mehr teilweise rückbildungs-
fähig sind; der Gesteinskörper erfährt außer der elastischen eine plastische Ver-
formung. .
Die gesamte Verformung der Gesteine setzt sich bei Berücksichtigung der mög-
lichen Phasen aus verschiedenen Teilen zusammen, die sich wie folgt kennzeichnen
lassen:
a) Die elastische Verformung wird nach der Entfernung der kurzzeitig wirken-
den Belastung sofort zurückgebildet. Aus ihr kann der statische Elastizitätsmodul
des Gesteins ermittelt werden.
b) Sofern die Belastung längere Zeit belassen wird, tritt zur elastischen Ver-
formung die elastische Nachwirkung hinzu, die am Anfang stärker ist, aber im
Laufe der Zeit abnimmt. Entscheidend für diese Eigenschaft, die schon 1835 von
dem Physiker W. WEBER entdeckt wurde, ist, daß die nachwirkende
elastische Verformung bei konstant bleibender Belastung, wie der Name sagt,
sowohl zu ihrer Entstehung als auch zur Rückbildung Zeit braucht. Die elastischen
Formänderungen erreichen also erst nach einiger Zeit ihr endgültiges Ausmaß.
Wenn man andererseits im Laufe der Belastung eines Körpers von einem be-
stimmten Zeitpunkt an dafür sorgt, daß die erreichte Formänderung lIDverändert
bleibt, so nimmt die zur Erhaltung dieses Zustandes erforderliche Belastung ab,
bzw. sofern umgekehrt im Laufe eines Entlastungsvorganges bei irgendeiner Last-
stufe die Formänderung konstant gehalten wird, so nimmt die dazu nötige Be-
lastung wieder zu.
c) Es zeigt sich aber überdies, daß Spannungen, die lIDterhalb der Elastizitäts-
grenze bleiben, eine dauernde Formänderung herbeizuführen vermögen, wenn
diese SpannlIDgen nur lange genug wirksam sind. Diese Erscheinung, die be-
sonders beim Beton gut erforscht ist, wird als Kriechen bezeichnet lIDd auf eine
ErmüdlIDg des Materials, die Relaxation zurückgeführt. Der Körper sucht sich
dem Zwang der Belastung dadurch zu entziehen, daß er vor ihm langsam zurück-
weicht. Seinem Wesen nach ist das Kriechen ein plastischer Vorgang, der sich
auch bei einer unterhalb der Elastizitätsgrenze liegenden, aber dauernd wirk-
samen SpannlIDg abspielt.
d) Die eigentliche plastische Verformung tritt über die elastische Verformung
hinausgehend, bei einer Belastung ein, welche über der Elastizitätsgrenze des
Gesteins liegt. Nach der Entfernung der Belastung bleibt die plastische Verfor-
mung bestehen.
Die grundsätzlich verschiedenen ErscheinlIDgen der elastischen NachwirklIDg,
des Kriechens und der plastischen Verformung lassen sich experimentell nicht
leicht trennen. Deshalb sind auch die Auffassungen über die Abgrenzung dieser
Begriffe nicht einheitlich. Auch die eigentliche plastische Verformung nimmt bei
gleichbleibender Belastung oft im Laufe der Zeit zu, eine Erscheinung, die gleich-
falls als Kriechen bezeichnet wird.
Ein Einblick in das geschilderte Verhalten wird durch die Abb. 3 vermittelt.
Dort werden als Abszissen die Zeiten t aufgetragen und als Ordinaten im oberen
Diagramm die Spannungen und im lIDteren die Verformungen. Wenn ein Körper
durch die größte Hauptdruckspannung am belastet wird, die unterhalb der Elasti-
5. Elastizität und Plastizität 11

zitätsgrenze liegt, wobei über die beiden kleineren Hauptspannungen O'n und 0'1
nichts ausgesagt wird, weil es sich um die Gewinnung eines allgemeingültigen
qualitativen Einblickes handelt, so stellt sich in der Richtung von· O'm sofort die
elastische Verformung Ceo ein. Bei Konstanthaltung der Spannungen erfolgt im
Laufe der Zeit eine weitere Verformung, die sich gemäß Abb. 3 in einen reversiblen
Anteil Cen als elastische Nachwirkung
äußert und in einem bleibenden Ck,
der als Kriechen bezeichnet wird.
Wenn zur Zeit t = t l eine vollstän-
t
~~ I
dige Entlastung vorgenommen wird, : l l1. l. l. LJlrT T l l =I I ~I I -,-;-1~
o t-t, t -
verschwindet Ceo sofort, während die
Rückbildung von cen langsam vor
sich geht und eine geraume Zeit be-
ansprucht; die Kriechverformung Ck
bleibt jedoch bestehen [97, 70h].
Wenn durch die Beanspruchung
die Elastizitätsgrenze überschritten
Abb.3. Zeitlicher Ablauf der Verformungeu bei konstau-
wird, dann tritt zur elastischen Ver- ter, unter der Elastizitätsgrenze bleibender Belastung und
formung Ce eine plastische cpo hinzu, nachfolgender Entlastung
die im Laufe der Zeit eine Vergröße-
rung zu cp erfährt.
Ein ähnlicher Vorgang erfolgt bei
der Entlastung des Gebirges nach
Durchführung des Ausbruches, weil
am Ausbruchsrand die senkrecht zur
Ausbruchsfiäche wirksamen Span-
nungen verschwinden.
Bei Druckversuchen mit Ge- Bi! = Wendepunkt
steinen zeigt die Verformungslinie der Achse der
Hysteresissch/eifi:
den in der Abb. 4 dargestellten Ver-
lauf, wobei als Abszissen die Ver-
formungen C und als Ordinaten die
Spannungen 0' aufgetragen wurden. a
Wenn man eine Gesteinsprobe bis
zu einer dem Punkt Al entsprechen-
den Spannung belastet, dann zum
Punkt 0 1 entlastet und anschließend
daran eine neuerliche Belastung bis
zur gleichen Höhe durchführt, so er-
gibt sich im Spannungs-Dehnungsdia- b c
gramm eine Schleife, eine Erscheinung, o
die man als elastische Hysteresis be-
Abb. 4a-c. Das theoretische elastoplastische Verhalten
zeichnet. Wenn man nun eine Be- der Gesteine beim Druckversuch
lastung bis zum Punkt A 2 und dar-
auf eine Entlastung durchführt, die um den kleinen Betrag L!O' über dem
Punkt O2 bleibt und eine Wiederbelastung, die um den elementaren Schritt L!O'
kleiner ist, als die für den Punkt A 2 geltende Spannung und diesen Vorgang
wiederholt, so ergibt sich eine Spirale; die Schleifen werden immer enger und
auch etwas steiler aufgerichtet. Die Verbindung der Spitzen A2A~A'; ... und
O2 o~ O~' ... ergibt eine schwach S-förmige Kurve, deren oberer Teil der Erst-
belastungskurve in der Nähe des Ursprunges des Koordinatensystems OA o
entspricht.
In der Abb. 4a ist die vollkommene Hysteresisschleife dargestellt. Beim tat-
sächlichen Druckversuch stellt sich infolge plastischer Verformungen oft eine
12 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

verkümmerte Schleife gemäß Abb. 4 b ein oder aber die Schleife entartet zu einer
Spitze (Abb. 4c).
Die bei den statischen Untersuchungen über die tragende Mitwirkung des
Gebirges auftretenden Aufgaben können wegen seines elastoplastisehen Verhaltens
in zwei wesent.liche Gruppen unterteilt werden, in Elastizitäts- und Stabilitäts-
probleme.
Die Elastizitätsproblerne lassen sich damit kennzeichnen, daß bei dem in Frage
stehenden Vorgang die Verformungen des Gebirges elastisch, d. h. rückbildungs-
fähig bleiben, bzw. verbleiben müssen. Diese Bedingung ist fast immer dann er-
füllt, wenn ein Ausbruchshohlraum ohne jeglichen Ausbau dauernd bestandsicher
ist. Ihr muß aber besonders im Druckstollen- und Druckschachtbau entsprochen
werden, wo die Rückbildungsfähigkeit der Formänderungen, die unter dem Ein-
fluß des betrieblichen Wasserdruckes entstehen, entscheidend für den Bestand
des Bauwerkes ist, in der gleichen Weise, wie dies etwa bei der Gründung einer
Gewölbestaumauer gilt. Allerdings macht das im allgemeinen elastoplastische
Verhalten des Gebirges eine besondere Behandlung der zu lösenden Aufgaben
erforderlich.
Die 8tabilitätsprobleme hingegen befassen sich mit den Gleichgewichtsbedin-
gungen unmittelbar vor dem Versagen des Gebirges durch plastisches Fließen oder
durch Bruch. Sie spielen eine erst in neuester Zeit erkannte Rolle bei der Deutung
des echten Gebirgsdruckes und seiner Beherrschung dureh den Hohlraumausbau.
Die von solchen Gesichtspunkten ausgehende Behandlung der Gebirgsdruckfrage
gestattet es, die bisherigen Erfahrungen widerspruchslos zu deuten und neue Er-
kenntnisse auf diesem entscheidendem Gebiet des Tunnel- und StollenbauP'l zu
gewinnen.

6. Der Elastizitätsmodul
Auf Grund der Darlegungen des vorhergehenden Absehn. 5 kann man das
Verhalten des Gebirges durch die Druckkürzungslinie bei der Erstbelastung in
der Form

beschreiben. In dieser Beziehung bedeuten B ges


die gesamte Verkürzung, Be den elastischen und
B p den plastischen Anteil davon, a die Druck-

spannung und E den Elastizitätsmodul. BACH


und SCHÜLE ziehen nur den Hauptast OAD
(Abb. 5) als für das Material kennzeichnend in
Betracht; er ist gekrümmt und kann beispiels-
weise durch eine Potenzformel dargestellt
werden:
_
Bges - E(J + Cl an . (3)
E

Hierin bedeuten Cl und n Festwerte. Be = a: E


Abb. 5. Die theoretische Spannnngs·Ver-
stellt den elastischen und Bp = Cl an den blei-
formungslinie beim einachsigeu Druckver- benden Teil der Formänderung dar.
such ; Definition des Elastizität- und Verfor-
mungsmoduls Für Beton gibt Ros [84] den Verlauf
des Spannungs-Verkürzungsdiagramms bei-
spielsweise in der Form einer Hyperbel an. Sie lautet:
6. Der Elastizitätsmodul 13

worin Gpd die Prismendruckfestigkeit, etwa 80% der Würfeldruckfestigkeit ist


und'jl einen Beiwert angibt, der von der Betongüte abhängt und zwischen 1,10
und 1,20 liegt.
Das Gebirge gehorcht dem HooKEschen Gesetz nur innerhalb enger Grenzen,
die bei den im Tunnel- und Stollenbau auftretenden Beanspruchungen häufig
überschritten werden. Die Elastizitätsgrenze, d. h. jene Druckbeanspruchung,
bei der bleibende Verformungen beginnen, ist nur ein kleiner Teil der Druckfestig-
keit (Zylinderfestigkeit). Dieses Verhältnis ist beispielsweise für Beton etwa gleich
1 :3. Das ist möglicherweise kein Zufall, sondern hängt vielleicht mit der Span-
nungshäufung am Rand von Hohlräumen zusammen, die im Beton wegen des un-
vermeidlichen Wasserüberschusses immer vorhanden sind. Solche Spannungs-
häufungen führen zu plastischen Zonen (s. Abschn. 37), in denen innere Gleitungen
auftreten, die das Wesen von plastischen Verformungen bilden.
a) Es ist gebräuchlich, für die gesamte Verformung den sogenannten Ver-
jormungsmodul einzuführen, der als Richtungswinkel der Tangente an die Span-
nungs-Verformungslinie bei Erstbelastung definiert wird [84]
da
E V1 = de = tanß· (4)

Der Verformungsmodul ist mit der Belastung veränderlich und wird in der Abb. 5
durch die Tangente des Winkels ß dargestellt.
Diese Begriffsbestimmung des Verformungsmoduls wird nicht konsequent
eingehalten; manchmal findet man auch das Verhältnis der Spannung G zur Ge-
samtdehnung 8 ges = 8 e +
8 p also die Tangente des Winkels y als Verformungs-
modul definiert.
a
E V2 = - = tany. (5)
e ges

Die Bezeichnungsweise "scheinbarer Elastizitätsmodul", die man manchmal


für E "2 findet, wird unterlassen, weil sie keine exakte Aussage darstellt.
b) Bei den Aufgaben, die dem Tunnel- und Stollenbau gestellt werden, ist es
zweckmäßig und zutreffend, den Elastizitätsmodul aus dem umkehrbaren, durch
die Hysteresisschleifen dargestellten Teil der Formänderung herzuleiten und ihn
als Tangente des Winkels zu definieren, den die Achse der Schleife in ihrem Wende-
punkt mit der Abszissenachse einschließt (Abb. 5). Nachdem die Hysteresisschleifen
für verschiedene Laststufen mit guter Annäherung parallel zueinander verlaufen
und ihre Achsen im oberen Teil außerdem parallel zum elastischen Teil des Span-
nungs-Dehnungsdiagrammes bei Erstbelastung liegen, kann der so gewählte
Elastizitätsmodul als Materialkonstante angesehen werden. Die Achsen der Hyste-
resisschleifen sind zwar gekrümmt, aber dieser Umstand darf wohl unberücksichtigt
bleiben; es genügt, den Elastizitätsmodul aus der Verbindungslinie der Punkte A
und C zu bestimmen. Auch dann, wenn die Schleifen nicht die theoretische Form
besitzen, wird es keine Schwierigkeit bereiten, den Elastizitätsmodul mit hin-
reichender Genauigkeit zu ermitteln; dazu werden gewöhnlich die Endpunkte
der Entlastungskurve herangezogen. Diese Festlegung ist in übereinstimmung
mit den Lehren der Erdbaumechanik, wo der Elastizitätsmodul gleichfalls aus dem
umkehrbaren, durch die Hysteresisschleifen dargestellten Teil der Formände-
rungen abgeleitet wird [144a].
Der durch den Wendepunkt in der Achse der Hysteresisschleife festgelegte
Elastizitätsmodul sollte mit jenem identisch sein, der durch die Tangente im Ur-
sprung der Erstbelastungskurve bestimmt wird. Der letztere Wert sei mit E o be-
zeichnet. Eine experimentelle Bestätigung dieser theoretischen Festlegung stößt
aber auf Schwierigkeiten, weil sich insbesondere bei der Bestimmung des Wertes
E o = tan IX große Differenzen ergeben können. Deshalb dürfte der aus der Hyste-
14 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

resisschleife abgeleiteten ersten Definition größeres Gewicht zukommen, auch


dann, wenn statt der Wendetangente die durch Anfangs- und Endpunkt der
Entlastungslinie gegebene Gerade herangezogen wird.
Wie später erwähnt werden wird, kann der Elastizitätsmodul des Gebirges
auch auf seismischem Wege oder mit Hilfe von Ultraschall ermittelt werden,
wobei der gewonnene Wert die Bezeichnung dynamischer Elastizitätsmodul E dlln
erhält. Seine Bestimmung erfolgt bei sehr geringen Spannungswerten, weshalb
er theoretisch mit E o übereinstimmen sollte. Aber auch diese Gleichheit wird auf
experimentellem Wege nur schwer zu bestätigen sein.
Für die praktische Anwendung ist die Trennung der Verformung in einen
elastischen und einen plastischen Teil von Wichtigkeit. Die bleibende Verformung
kann ihrer absoluten Größe nach aus der auftretenden größten Gebrauchslast
ermittelt und etwa so wie die Stützensenkung eines statisch unbestimmt gelagerten
Tragwerkes oder wie die Nachgiebigkeit des Widerlagers einer Wölbbrücke be-
handelt werden. Ein solcher Vorgang wird in der Theorie der Druckstollen oder
Druckschächte angewendet, wo die bleibende Verformung des Gebirges als Hohl-
raumspalt zwischen diesem und der Auskleidung eingeführt wird. Hierbei und in
ähnlich gelagerten Fällen besteht überdies die Möglichkeit, die bleibende Ver-
formung des Gebirges zur elastischen in Beziehung zu setzen (s. Abschn. 84).

7. Statische Methoden zur Bestimmung


des Elastizitätsmoduls des Gebirges

Die Feststellung der elastischen Eigenschaften des GebirgEls ist zu einer ent-
scheidenden Aufgabe der Statik des Felshohlraumbaues geworden.
Der Laboratoriumsversuch an Gesteinsproben kann in den meisten Fällen
keinen für das Gebirge geltenden Wert des Elastizitätsmoduls liefern. Die Werte,
die auf diesem Wege für den Elastizitätsmodul von Gesteinen gefunden wurden,
sind sehr groß (s. Tab. 1 u.2 im Abschn. 3) und es hat den Anschein, daß unter
ihrem Eindruck die Schätzungen des Elastizitätsmoduls des Gebirges, die wegen
des Fehlens von Messungen vorgenommen wurden, oft zu optimistisch ausgefallen
sind. Die Versuchsergebnisse, die nachfolgend behandelt werden, weisen in diese
Richtung.

a) Druckstollenversuche
Nach den Schäden, die im Jahre 1920 am Druckstollen des Ritomkraftwerkes
in der Schweiz aufgetreten waren [153], ging man daran, den Elastizitätsmodul
und die elastischen Eigenschaften des Gebirges zu bestimmen. Die ersten Versuche
dieser Art - sie sollen als Druckstollenversuche bezeichnet werden - wurden von
der Schweizer Druckstollenkommission im Jahre 1925 im Druckstollen des Kraft-
werkes Amsteg in der Weise ausgeführt, daß man eine Stollenstrecke abmauerte
und die Versuchsstrecke unter Wasserdruck setzte. Bei verschiedenen Wasser-
drücken wurden die Verformungen gemessen [153]. In ähnlicher Weise wurden
späterhin Messungen im Druckstollen des Kraftwerkes Lucendro [36b], ferner im
Druckstollen des Juliawerkes Tiefencastel und im gepanzerten Druckschacht der
Kraftwerke Zervreila [79] ausgeführt. Solche Versuche sind mit einem bedeuten-
den Zeit- und Kostenaufwand verbunden; der dabei gewonnene Einblick ist aber
nur von begrenztem Wert, weil bloß ein kleiner Abschnitt des Gebirges erfaßt
wird. Anderseits ist aber diese Methode von örtlichen Zufälligkeiten der Fels-
beschaffenheit innerhalb der Meßstrecke unabhängig, weil die unter Druck ge-
setzte Felsoberfiäche, deren Verformungen festgestellt werden, ein beträchtliches
Ausmaß besitzt. Das Istituto sperimentale modelli e strutture (ISMES), Bergamo,
7. Statische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges 15

bedient sich bei solchen Messungen einer Ausrüstung, die in der Abb. 6 dargestellt
ist [lOOb]. Der Versuchsstollenerhält einen Kreisquerschnitt von 1,70 m Durchmes-
ser und eine freie Länge zwischen den Abschlußpfropfen von 5,0 m. Die Betonaus-
kleidungwird zur Vermeidung vonWasserverlusten mit einem Gummisackgeschützt.
Die eingebauten Meßinstrumente gestatten die Feststellung der radialen und diame-
tralen Formänderungen auf elektroakustischem Wege. Bei einem Meßbereich von
5 mm lassen sich Verschiebungen des Innenrandes der Betonauskleidung von
0,002 mm = 2ft feststellen.

Aluminium-Hiisfbogen für die 6esfelnS/Jnfersfütrung

Abb. 63 U. b. Versuchsstollen zur Prüfung der Felsverformbarkeit nach der Methode des Istituto sperimentale
modelli e strutture (ISMES). Bergamo [100b]

Zu den Druckstollenversuchseinrichtungen gehört auch das vonLAzAREvIC


[81d] geplante und von der Tiroler Wasserkraftwerke A. G., Innsbruck, weiter ent-
wickelte Radialdruckgerät (Abb.7). Es kann nur in einem Versuchsstollen mit
einem kreisförmigen Ausbruchsquerschnitt von 2,50 m lichtem Durchmesser ange-
wendet werden. Dieser Stollen erhält auf eine Länge von 2,0 m eine etwa 15 cm dicke
Spritzbetonauskleidung, deren Oberfläche im Querschnitt polygonal ausgebildet
wird. Die Belastung erfolgt durch 16 am Umfang verteilte Druckkissen von 1,90 m
Länge und 0,38 m Breite, die nach innen mittels Holzbohlen gegen kräftige, aus
hochfestem Stahl hergestellte Druckringe abgestützt sind. Der Druck in den
Kissen kann bis auf 90 atü gesteigert werden. Die radialen Verformungen der
Kissen sind mit 1-'-2mm begrenzt, weil die Schweißnähte sonst bei oftmaligem
Lastwechsel undicht werden.
Die Messungen der radialen Verschiebungen des Gebirges erfolgen in Bezug
auf ein unabhängig vom Druckgerät fixiertes Zentralrohr.
16 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

MelJquerschniff:

euerSChnitt Ei11Zelheif "A"

Abb. 7. Die verbesserte Radialpresse der Tiroler Wasserkraftwerke AG., Innsbruck [SIdl

b) Druckplattenversuche
Ein Versuch, den Elastizitätsmodul des Gebirges mittels eines zwischen die
Stollenwandungen gespannten Druckstempels zu bestimmen (Druckplattenversuch ),
in ähnlicher Weise wie dies in der Bodenmechanik beim Lastplattenversuch
geschieht, wurde von den Tauernkraftwerken in Kaprun über Anregung von FRÖH-
LICH im Jahre 1948 im Kalkglimmerschiefer durchgeführt. In gleicher Weisfl hat
JELINEK im Dolomit des Sylvenstein, Bayern, Versuche angestellt.
Ein beachtenswertes Dehnungsmeßgerät dieser Art hat die Societa Adriatica die
Elettricita (SADE), Venedig, entwickelt und 1956 bei ihren umfangreichen Stollen-
bauten am mittleren Tagliamento (Somplago) eingesetzt (Abb. 8 u. 9). Der
Preßzylinder ist bei diesem Gerät um die Längsachse deR Stollens drehbar an-
geordnet, enthält zwei Kolben, an deren Enden die in Kugelgelenken gelagerten
Preßköpfe angebracht sind. Die kreisförmigen Druckplatten von D = 80 cm
Durchmesser werden auf sorgfältig betonierte Pressenwiderlagel' im Gebirge auf.
7. Statische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges 17

gesetzt. Je zwei Widerlager liegen diametral gegenüber und werden gleichzeitig


belastet, wobei die Dehnung des Stollendurchmessers bestimmt wird.
Bei der Versuchsdurchführung wurden zunächst die Preßköpfe mit einem
Vorpreßdruck von 2,5 kgcm- 2 festgelegt, dann erfolgte die Dehnungsmessung

Abb.8. Druckplattengerät der Societa Adriatica di Elettricita, Venedig [54b]

Abb. 9. Preßkopf des Druckplatteugerätes der Societa Adriatica di Elettricita, Venedig [54b)

selbst, die bei dem angeführten Stollen in 4 Druckstufen von 10, 20, 30 und
40 kgcm- 2 durchgeführt wurde. Nach jeder Druckstufe wurde der Preßdruck
wieder auf den Ausgangswert von 2,5 kgcm- 2 zurückgeführt. Die solcherart
durchgeführten Entlastungen gestatten die Neigung der Hysteresisschleifen
und damit den Elastizitätsmodul des Gebirges in der früher definierten Form
als Durchschnittswert für die einander gegenüber liegenden Meßstelien zu be-

2 Kastuer, Statik
18 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

stimmen (Abb. 10), worauf am Ende dieses Abschnittes eingegangen werden wird.
Nachdem die Messungen in der waagrechten und lotrechten Achse des Stollen-
querschnittes und in jeder beliebigen Schräglage durchgeführt werden können,
ist es nicht nur möglich einen Durchschnittswert des Elastizitätsmoduls für den
ganzen Querschnitt zu ermitteln, sondern es werden auch Abweichungen vom
isotropen Verhalten mit Sicherheit aufgedeckt.
Die Hysteresisschleifen zeigten dabei nicht streng die in Abb. 4a und 5 dar-
gestellte theoretische Form, denn bei der Wiederbelastung bis zur jeweiligen Druck-
stufe traten geringfügige plastische Verformungen auf.
Die Druckplattenversuche konnten in der ganzen Erstreckung der Stollen in
Abständen von 5-200 m durchgeführt werden, wodurch ein umfassendes Bild der

SO
l;gjcm Z ~Y
",'10 I 7/
~ 30 ......
11't),ZO
- -,
....... 7. /1
//
~ -.' .v --- r
rf:. 10 ___ r/ ~ j

v , r ';-
3 'I S 6 7 8 9 m " ß ß N g
~2
~~"
Ourchmesserdelinun{JefI

SO
kg/cm a~
lfO

-
-I? i..'
1]30 .-' ~
{; ~ /:
'ii3 ZO / I--::;
:;s ..J..- I,.o-::::~ ~" / '
Ji. 10 l - r- 1-" . /
~ e::--
V ,,-
f"" .,.....:: , ~ V ;;:;...
o 3 S [) 7 8 9 10 11 1Z 13 11{ 1S 16mm 17
Ourchmesserdehnungen
Abb. 10. Durchmesserdehnungen gemessen mit dem Druckplattengerät der Societa Adriatica di Elettricita,
Yenedig im Druckstollen Somplago am mittleren Tagliamento. Die Messung der Diagonale 1 zeigt einen hohen
Wert des Elastizitäts- und Verformungsmoduls, die Messung der Diagonale 2 einen niedrigen, eine Erscheinung,
die zweifellos mit der Schichtung des Gebirges im Zusammenhang steht [54b]

Gebirgseigenschaften gewonnen wurde. Gleichzeitig mit den Messungen, die bei


entsprechender Vorbereitung der Meßstellen einschl. aller Einrichtungsarbeiten
für jede Versuchsstellung nur 3-5 Std. in Anspruch nahmen, wurden die geolo-
gischen Verhältnisse festgestellt und in einem Längsschnitt des Stollens ein-
getragen. Auf Grund dieser Ergebnisse wurden die Ausmauerungstypen des
Stollens festgelegt. Infolge der geschilderten eingehenden Vorbereitung konnten
beim Ausbau erhebliche Kosten gespart werden.
In grundsätzlich gleicher Weise wurde beim untertägigen Kraftwerk Oraison
ein Druckplattenversuch durchgeführt [142a]. Das Gerät war von einfachster
Bauart und leicht zu transportieren. Die starre Druckplatte war kreisrund und
hatte einen Durchmesser von 280 mm. Die Versuchsdurchführung geschah in
aufeinanderfolgenden Zyklen bis zu einem verglichenen Druck von 60 kgcm- 2 •
Die Einsenkung wurde auf mechanischem Wege gemessen.
Ein Druckplattengerät ähnlich jenem, welches die Societa Adriatica di Elettri-
cita gebaut hat, steht bei der Bauunternehmung Innerebner & Mayer, Innsbruck,
in Verwendung. Es ist gleisfahrbar und gestattet wegen der räumlichen Drehbar-
keit des Druckstempels Messungen in jeder Richtung. Der Druckstempel selbst,
der mit zwei Kolben ausgerüstet ist, wurde von der Firma Mangiarotti, Codroipo,
Udine, geliefert. Abb. 11 bringt eine Übersichtszeichnung des Gerätes. Die beiden
kreisrunden Druckplatten haben einen Durchmesser von 500 mm, der durch
7. Statische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges 19

Zusatz platten vergrößert werden kann und sind leicht drehbar in Kugelgelenken
gelagert. Zur Messung der Einsenkungen werden zwei Verschiebungsmesser (Kom-
paratoren, Deflektometer) verwendet, die einen Meßbereich von 50 mm aufweisen
und eine Meßgenauigkeit von 0,01 mm besitzen. Das Gerät ist sowohl für rasche

:---- - - - - - - - - - mnx J875 - min ,5,5 ----------~

Dreiweghllhn

Überdruckventil Umschlllter

Molvrpumpe 1150lü Hllndpumpe ZOOCltÜ.


f/ir Dlluerversuche für Kurlversuche

Abb. 11a u. b. übersichtszeichnungen des Druckplattenmeßgerätes der Bauunternehmung Innerebner & Mayer
Innsbruck; a) Einrichtung für den rasch durchzuführenden Versuch; b) Einrichtung für den Dauerversuch
(aus dem Archiv dieser Unternehmung)

Messungen mit einer Hal1dpumpe als auch für Dauermessungen mit einer auto-
matischen elektrischen Pumpe ausgerüstet. Abb. 12 zeigt das Gerät mit waag-
rechter Lage des Druckstempels.
Die Ergebnisse der Messungen sollen an einem Versuchsfall erörtert werden,
wo das Gerät in einem Sondierstollen zur Aufschließung eines Fundamentes ein-
gesetzt worden war. Das anstehende Gebirge, aus Quarzphyllit bestehend, war
vielfach gestört und wies zahlreiche nach verschiedenen Riehtungen verlaufende
Klüfte und mit mylonitischem Material gefüllte Spalten auf. Die Schieferung besaß

2'"
20 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

eine wechselhafte Orientierung. Der Meßquerschnitt ist in Abb. 13a dargestellt.


Die Messungen erfolgten im lotrechten und waagrechten Sinn. Die Druck-Ein-
senkungsdiagramme sind für die 4 Meßstellen nämlich First, Sohle und die beiden
Ulmen in der Abb. 13b u. c festgehalten worden. Die Versuche wurden mit einer
Vorbelastung der Druckflächen von 2,5 kgcm- 2 begonnen, um ein sattes Anliegen
der Druckplatten an den vorweg durchZementmörtelverputz geglätteten Gebirgs-
oberflächen zu gewährleisten. Daraufhin wurde die Belastung in Stufen von 5, 10,
20,30 und 40 kgcm- 2 aufgebracht und nach jeder Druckstufe mit Ausnahme der
letzten eine Entlastung auf 2,5 kgcm- 2 durchgeführt, worauf die Wiederbelastung
für die nächste Druckstufe erfolgte. Die Messungen wurden nicht bloß nach Er-
reichung der jeweiligen Druckstufe und nach der Entlastung, sondern auch in einer
Reihe von Zwischenstufen durchgeführt, wobei sich die nicht ganz regelmäßige

A bb. 12. Druckplattenmeßgerät mit waagrechter Stellung des Druckstempels (aus dem Archiv der Bau-
unternehmung Innerebner & Mayer, Innsbruck)

Form des Kurvenverlaufes ergab. Die Ablesung der Einsenkungen geschah jeweils
nach der Beruhigung der Verschiebungsmesser, die bereits einige Minuten nach
Aufbringung des Druckes erfolgte, so daß also die rasch eintretenden Verformungen
gemessen wurden.
Der Elastizitätsmodul des Gebirges wurde mit Hilfe der später im Abschn. 8
angeführten GI. (26) ermittelt; zu seiner Bestimmung wurden der Anfangs- und
Endpunkt der jeweiligen Entlastungskurve verbunden. Die Neigung der Ver-
bindungsgeraden ist ein Maß für den Elastizitätsmodul. Die nachstehende Tab. 3
zeigt die im Meßquerschnitt (Abb. 13a) ermittelten Werte dafür.

Tabelle 3. Bei einem Druckplattenversuch in Quarzphyllit gefundene Werte für den


Elastizitätsmodul E g des Gebirges

Elastizitätsmodul (kgcm-') für die Laststufe (kgcm-')


Meßstelle
5 10 20 30 Mittelwert

A. talseitige UIrn II 6600 6600 7600 6600 6900


B. bergseitige UIrn 12400 12400 8100 12400 11300
C. First 55400 24800 20000 7900 27000
D. Sohle 7600 5700 I
5000 7700 6500
I I
I

Die Abbildung des Meßquerschnittes (Abb. 13a) läßt erkennen, daß die
durch Sprengarbeiten aufgelockerte Oberfiächenschicht des Gebirges möglichst
entfernt wurde. Bei der außerordentlich starken Störung des Gebirges und der
7. Statische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges 21

Form des Meßquerschnittes war nicht mit einer Ringwirkung zu rechnen,


so daß die für den unendlichen Halbraum ermittelten Werte des Elastizitäts-
moduls als brauchbar angesehen werden können. Sie sind sehr niedrig und weichen
überdies an den 4 Meßstelien nicht unerheblich voneinander ab. Das gleiche gilt
für die plastischen Verformungen, wobei auf die häufig zu beobachtende, nahezu

a /'1eßquerschniff

Schieferong --:;;;:-- K/üfte


8polknmif
I Bergseife
Tu/seite! ~

~SSW
~ ...,--. my/onifischer füllung
/-NNE ~ 8chieferong

/ ---7'--
I
--- K/uf'fver/ouf
vor dem 8Io//enousbrocl1

Drock- Einsenkungsdiugrumme fur Firsf und Sohle

10 Vl--ttflll
5 .,W 11' r-lJL
-..! --i---- ~
1// J
_______ llL 1
-< - _ _ _ _ _ _ - _______j"-

o 3 567 8 9 10 11 mm1Z
Einsenkungen
Abb. 13a-c. Ergebnis von Druckplattenversuchen in einem in Quarzphyllit gelegenen Sondierstollen
(aus dem Archiv der Bauunternehmung Innerebner & Mayer)

lineare Abhängigkeit von Druck und Einsenkung der Druckplatten hingewiesen


werden möge. Die ohne Anspruch auf Exaktheit gleichfalls nach GI. (26) erfolgte
Berechnung des Verformungsmoduls ergab für die talseitige Ulm 900 kgcm-2 ,
für die bergseitige Ulm 3500 kgcm-2, für den First 2200 kgcm-2 und für die Sohle
1600 kgcm-2 •
Das beschriebene Beispiel wurde aus einer Anzahl von Meßquerschnitten
herausgegriffen und entsprach einer durchschnittlichen Beschaffenheit des an-
stehenden Gebirges. Beim gleichen Sondierstollen wurden günstigere aber auch
viel schlechtere Ergebnisse gefunden. Solche Unterschiede aufzudecken, ist der
Druckplattenversuch besonders geeignet, insbesondere auch deshalb, weil der Ver-
22 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

such in einem Stollen querschnitt mit 4 Meßstellen in einem Tag, also mit geringem
Zeitaufwand ausgeführt werden kann.
Soweit die rasch durchgeführten Versuche. Dauerversuche, die im gleichen
Sondierstollen vorgenommen wurden, zeigten, daß das Kriechen des Gebirges
bei einer mittleren Pressung an den Druckplatten von 20 kgcm- 2 bereits in
einigen Wochen soweit abgeklungen war, daß die Genauigkeit der Verschiebungs-
messer keine weitere Einsenkung mehr festzustellen gestattete. Die Endkriechzahl
(s. Abschn. 89) ergab sich dabei zu 1jJoo = 1,49.
Auf die Bedeutung solcher Messungen beim Entwurf von Druckstollen- oder
Druckschachtquerschnitten wird besonders aufmerksam gemacht (Kap. VII und
VIII).
Schließlich sei noch auf die Möglichkeit hingewiesen, durch Großscherversuche,
wie sie im Abschn. 14 beschrieben werden, Anhaltspunkte für den Elastizitäts-
modul des Gebirges zu gewinnen. Der Großscherversuch liefert beim Entlastungs-
vorgang den Gleitmodul Gg • Aus der bekannten Beziehung

Eg = 2Gg m g + 1 (6)
mg

kann der Elastizitätsmodul berechnet werden, wenn man für die POIssoNsche
Zahl m g einen Schätzungswert annimmt. Im Abschn. 14 wird auch erwähnt, daß
man in der Nähe des Querschnittes, in dem der Großscherversuch angeordnet wurde,
einen Druckplattenversuch mit lotrechtem Druckstempel durchführen kann, der
dann unter gleichen oder nur wenig abweichenden geologischen Bedingungen zur
Ausführung käme. Dann würde sich der Elastizitätsmodul des Gebirges auf zwei
verschiedenen Wegen ergeben.

8. Theorie der statischen Methoden zur Bestimmung


des Elastizitätsmoduls des Gebirges
Im vorangegangenen Abschn. 7 wurde dargelegt, daß zur Bestimmung des
Elastizitätsmoduls des Gebirges auf statischem Wege vor allem der Druckstollen-
und der Druckplattenversuch zur Verfügung stehen.

a) Druckstollenversuche
Beim Druckstollenversuch, wozu auch die Einrichtung der Tiroler Wasser-
kraftwerke A. G., Innsbruck, gerechnet werden kann, erfolgt die Messung der
Verformungen auf verschiedenen Wegen, und zwar:
~) Man mißt die Umfangsdehnung an der Innenleibung des Auskleidungs-
betons und kann daraus die bezogene Dehnung sowohl des Umfanges als auch des
Halbmessers als Mittelwert errechnen.
ß) In einer Anzahl von Punkten des Meßquerschnittes können die radialen
Verschiebungen der Betonoberfläche im Meßquerschnitt unmittelbar festgestellt
werden.
y) Man mißt die radiale Verschiebung des Ausbruchsrandes, also in der Kontakt-
zone zwischen Beton und Gebirge unmittelbar in einer Anzahl von Punkten des
Meßquerschnittes.
Zunächst sollen nur die Fälle ~) und ß) theoretisch beurteilt werden. Dabei
ist zu beachten, daß eine Berücksichtigung der Anisotropie des Gebirges die
Lösung der Aufgabe so erschweren würde, daß sie nicht möglich wäre. Man ist
zur vereinfachenden Annahme der Homogenität und Isotropie gezwungen, ob-
wohl bekannt ist, daß Drehsymmetrie im Verhalten des Gebirges oft genug nicht
besteht und Messungen der radialen Verschiebungen in Versuchsstollen haben dies
8. Theorie der statischen Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls 23

häufig erwiesen. Die Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebirges nach der
Druckstollenmethode kann aber auf diesen Umstand nicht Rücksicht nehmen,
sondern sie muß von der mittleren Verlängerung des lichten Halbmessers der Beton-
auskleidung ausgehen und ergibt dementsprechend einen für den ganzen Umfang
des Ausbruches geltenden Durchschnittswert für den Elastizitätsmodul dEs
Gebirges.
Ferner ist beim Druckstollenversuch die Frage zu stellen, ob der Auskleidungs-
beton mit seiner Ringwirkung herangezogen werden kann, d. h., ob er zur Auf-
nahme von tangentialen Zugspannungen befähigt ist. Die Annahme einer Ring-
wirkung ist nur dann zulässig, wenn der Auskleidungsbeton in der Versuchs-
strecke fugenlos hergestellt wurde und die tangentialen Zugspannungen unter der
Zugfestigkeit des Betons bleiben. Sofern der Beton hingegen Längsfugen besitzt,
die zu bei den Seiten der Sohle meist auftreten, oder wenn er durch radiale Risse
geteilt wird, dann besteht keine Ringwirkung, und dieser Umstand muß bei der
theoretischen Behandlung des Problems berücksich-
tigt werden. Die Versuchseinrichtung des Istituto
sperimentale modelli e strutture (ISMES) (Abb. 6) sieht
eine Teilung der Betonauskleidung durch radial ange-
ordnete Fugen vor und schafft damit klare Verhältnisse
für die Versuchsstrecke.
Wenn die Messung der Verschiebung unmittelbar
in der Kontaktfläche zwischen dem Auskleidungsbeton
und dem Gebirge erfolgt, wie dies beispielsweise bei
der Versuchseinrichtung der Tiroler Wasserkraftwerke
A. G., Innsbruck, der Fall ist, dann wird die sonst
bestehende Unklarheit von vornherein vollkommen
Abb. 14. Zur Theorie des Druck-
ausgeschaltet. stollenversuches für die Bestim-
Eine gewisse Schwierigkeit bei der Versuchsdurch- mung des Elastizitätsmoduls des
Gebirges bei Bestehen einer Ring-
führung bereitet die Ausschaltung der Randstörungen wirkung im Auskleidungsbetoll
an den Enden der Meßstrecke. Bei Versuchs-
stollen gemäß Abb. 6 ist die Versuchsstrecke lang genug gewählt worden, so daß
die Randeinflüsse im Mittelquerschnitt vernachlässigt werden können. Bei den
von der Tiroler Wasserkraftwerke A. G. durchgeführten Versuchen konnte der
Randeinfluß durch einen entsprechenden Vorgang bei der Messung der Hauptsache
nach ausgeschaltet werden [81d].
Inwieweit das Vorhandensein einer Betonauskleidung das Versuchsergebnis
beeinflußt, soll nachfolgend dargelegt werden. Die Verschiebung des Innenrandes
der Betonauskleidung wird als Durchschnittswert für den ganzen Meßque.rschnitt
mit bbi bezeichnet, jene des Gebirges unter den gleichen Voraussetzungen mit bgi.
Zur Behandlung der Theorie des Druckstollenversuches muß der Grundsatz
der folgerichtigen Entwicklung verlassen und die Theorie des Druckstollens, die
im Abschn. 84 behandelt wird, vorweggenommen werden.
Mit den in der Abb. 14 ersichtlichen Bezeichnungen für die geometrischen Ab-
messungen und die statischen Größen des Meßquerschnittes ergibt sich die
radiale Verschiebung bb irgendeines Punktes der Betonauskleidung, deren Halb-
messer mit r bezeichnet wird, aus GI. (7) im Abschn. 84 wie folgt:

(7)

Hieraus folgt die radiale Verschiebung des Außenrandes der Betonauskleidung


bbaan der Kontaktzone mit dem Gebirge zu

bba = ~b a/~l (IDC b Pa - 2pi)' (8)


24 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

wobei die Hilfsgröße


an
;.JJ~IJ -
_ mb -
---
1 a2 +-
mb + 1
-- (9)
mb mlJ
eingeführt wurde.
In der gleichen Weise läßt sich die radiale Verschieblmg des Innenrandes der
Betonauskleidtmg ~bi errechnen; sie beträgt

.., _ 1 rj (2 2m )
(10)
Ubi - E- a-2--1 a Pa -
;J~bPi ,
b -
wobei die Hilfsgröße
(11)

eingeführt wurde. Die Verschiebtmgen ~lJa und ~bi sind aus den Festigkeitseigen-
schaften des Betons ermittelt worden.
Die Verschiebung des Innenrandes des Gebirges bgi beträgt
.., _ mg +1 (12)
Ugi - - --E-
m g
raPa'
g

In allen diesen Verschiebtmgsgrößen kommt die Kontaktpressung zwischen Aus-


kleidungsbeton tmd Gebirge Pa vor, die sich aus der Gleichsetztmg der Ver-
schiebungen bba und ~gi ergibt. Sie ist
_ 2Pi
Pa - . (13)
9J(b +E Eb
g
m g + 1 (a 2 -
mg
1)

Damit sind alle Grundlagen für die Ermittltmg des Elastizitätsmoduls E g gegeben,
wofür folgende Gleichung
(14)

maßgebend ist. Durch Einsetzen der ermittelten Werte für die Verschiebtmg,
wobei für Ubi auf der linken Seite der GI. (14) das Messungsergebnis einzusetzen ist,
ergibt sich
(15)

Nunmehr ist der für die Kontaktpresstmg Pa geftmdene Wert gemäß GI. (13) ein-
zuführen. Die weitere etwas umständliche Rechntmg kann übergangen werden;
sie liefert für den Elastizitätsmodul des Gebirges folgenden Wert

E - Eb mg +1 (a2- 1) ubi E b(a2 - 1) +


riPilJ't b (16)
g - mg riP;(4a2 - illlblJ't b) +
illlbubiEb(a2 -1)

Wenn man die Dicke der Betonauskleidtmg vernachlässigt, geht die GI. (16)
in die einfache Formel
(17)

über, die auch aus GI. (12) unmittelbar abgelesen werden kann. Um zu beurteilen,
welch6n Einfluß die Ringwirktmg ·des Auskleidungsbetons besitzt und wieweit
die GI. (16) als Näherungslöstmg in Betracht gezogen werden kann, wird ein
Beispiel gerechnet. Als Abmesstmgen des Bauwerkes werden die Werte ri = 100
cm, r a = 120 cm, a = 1,2 angenommen. Die Festigkeitseigenschaften des Betons
8. Theorie der statischen Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls 25

werden durch die Werte E b = 210000 kgcm- 2 und mb = 5 gekennzeichnet,


während für das Gebirge nur der Wert m g = 4 gewählt zu werden braucht. Die
bei einem Innendruck Pi = 5 kgcm-2 gemessene elastische Verschiebung des
Innenrandes der Auskleidung sei Ubi = 0,1 cm. Bei Berücksichtigung dieser
Werte ergibt sich aus GI. (16) für den Elastizitäts-
modul des Gebirges E g = 54900 kgcm- 2 • Wenn man
hingegen die einfache Formel GI. (17) verwendet,
folgt der wesentlich geringere Wert von

Eg = 7500kgcm- 2 •
Bei der Annahme, daß die Ringwirkung des
Auskleidungsbetons durch Radialrisse ausgeschaltet,
oder wenn von vornherein eine Fugenteilung vor-
gesehen ist, gestaltet sich die Rechnung einfacher
(Abb. 15). Die Kontaktpressung zwischen Beton und
Gebirge Pa ist statisch bestimmbar und beträgt Abb. 15. Zur Theorie des Druck-
stollenversuches für die Bestimmung
Pi des Elastizitätsmoduls des Gebirges
Pa =Pi -r
a
ri
= ---.
a
(18) bei einer durch Radtalrisse geteilten
Betonauskleidung

Die elastische Zusammenpressung des Betons ergibt sich zu


Pi
dbe = Ebrilna (19)

und die Verschiebung des Ausbruchsrandes des Gebirges ist wie früher
• _ mI/ +1 _ mg +1 (20)
u!li - - --E- raPa - - --E- riPi'
mg g mg g

Die Bilanz der Verschiebungsgrößen liefert die Gleichung

Ubi = E-P.i.r,lna+ ml/+


E 1 r,pi' (21)
b mI/ g
aus der sich für den Elastizitätsmodul des Gebirges folgender Wert ergibt:
E g_mg+1
-
1
• (22)
mg ubi _ ..!....ln a
ri Pi Eb
Aus einem Beispiel, dem die gleichen Annahmen zugrunde gelegt wurden wie
früher, ergibt sich aus GI. (22) der Elastizitätsmodul des Gebirges zu E g =
= 6280 kgcm-2 •
Alle angestellten Untersuchungen befaßten sich nur mit dem elastischen Ver-
halten des Gebirges. Die gemessenen Verschiebungen beinhalten aber in der Regel
auch plastische Anteile, die mit wachsendem Innendruck gleichfalls zunehmen.
Entlastungsvorgänge bei der Versuchsdurchführung, wie sie in der Abb. 13 dar-
gestellt wurden, erlauben es aber, für die jeweilige Laststufe eine vollkommene
Trennung der elastischen und plastischen Erscheinungen vorzunehmen und aus
der gesamten Verformung die elastischen herauszugreifen.

b) Druckplattenversuche
Nunmehr soll die Auswertung der Druckplatilenversuche behandelt werden.
Bei den im Erdbau gebräuchlichen Lastplattenversuchen mit kleinem Platten-
durchmesser kann angenommen werden, daß das Experiment über die Zusammen-
drückbarkeit des Bodens bis zu einer Tiefe Aufschluß gibt, die dem Durchmesser
26 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

der Druckplatte entspricht. Diese Tiefe ist verhältnismäßig gering. Bei größeren
Platten tritt eine größere Tiefenausstrahlung ein. Immerhin ist die Tiefenwirkung
nicht sehr groß, die untersuchte Schicht ist aber für das statische Verhalten des
Gebirges von entscheidender Bedeutung. Der Druckplattenversuch im Stollen
liefert zunächst die Durchmesserdehnung, die sich aus zwei Anteilen zusammen-
setzt, die nicht notwendig einander gleich sind. Durch Fixierung bzw. Ein-
messung des Drehpunktes des Preßzylinders ist es möglich, die einseitige Ein-
senkung s, also die Vergrößerung des Halbmessers, festzustellen. Daraus ergibt
sich zunächst die Bettun(Jszifjer B, das ist jene Pressung p (kgcm- 2 ), die eine Ein-
senkung s (cm) gleich der Einheit bewirkt. Die Dimension dcr Bettungsziffer
ist daher kgcm- 3 •
B = P:S. (23)

Die Bettungsziffer ist beispielsweise für das Lockergebirge im allgemeinen von


der Pressung abhängig und nimmt im höheren Bereich der Druck-Senkkurve ab.
Die im Stollen von Somplago am mittleren Tagliamento der Societa Adriatica di
Elettricita, Venedig, durchgeführten umfangreichen Messungen zeigten aber für
den dort anstehenden Kalkstein eine sehr gute Annäherung an einen geradlinigen
Verlauf der Druck-Senkungskurve bei Erstbelastung (Abb.10); das gleiche wurde
bei Versuchen im Phyllit festgestellt (Abb. 13b u. c). Daraus folgt, daß für die be-
schriebenen Versuche in dem angewendeten Meßbereich nicht bloß der elastische
sondern auch der plastische Anteil der Einsenkungen in linearer Abhängigkeit
mit den Pressungen zunimmt.
Es empfiehlt sich für praktische Zwecke die Einsenkung in einen plastischen
Anteil sp und in einen elastischen Se zu zerlegen. Die elastische Bettungsziffer
folgt aus der Abb. 13 c zu
Be = P:Se· (24a)

Wenn sich der geradlinige Verlauf der Drucksenkungskurve für die Erstbelastung
durch weitere Versuchsergebnisse auch für andere Felsarten bestätigen ließe,
dann könnte man von einer plastischen Bettungsziffer

Bp = p:sp (24b)
und von einer Gesamtbettungsziffer

B ges = P:Sges (25)

sprechen. Eine Ausdehnung der Versuche auf eine längere Zeitdauer schafft
überdies die Möglichkeit, das Kriechen des Gebirges zu verfolgen.
Setzt man das Gebirge als elastisch-isotropen Halbraum voraus, so erhält man
den Elastizitätsmodul aus der elastischen Bettungsziffer nach der folgenden
Gleichung

(26)

Wenn die Druckplattenversuche auch nur einen kleinen Gebirgsbereich er-


fassen, weil man mit Rücksicht auf die Stollenabmessungen die Größe der Druck-
platten nicht beliebig steigern kann, so bieten sie doch den großen Vorteil, daß
in dem jeweiligen Querschnitt Messungen nach jeder Richtung möglich sind. Da-
durch gewinnt man einen guten Einblick in die Anisotropieverhältnisse ; überdies
kann man für jede Meßstelle den Elastizitätsmodul des Gebirges nach GI. (26)
berechnen und damit Anhaltspunkte für die Gebirgsdruckfestigkeit schaffen
(s. Abschn. 3).
9. Dynamische Methoden zur Bestimmung des Elastizitätsmoduls des Gebfrges 27

Die Anwendung der für den unendlich ausgedehnten homogenen Halbraum


geltenden Beziehung GI. (26) ist für den Druckplattenversuch im Stollen streng
nicht gerechtfertigt. Diese Voraussetzung gilt nur in der Richtung der Stollenachse,
nicht aber in der des Stollenquerschnittes, wo eine Ringwirkung des Gebirges be-
stehen kann. Wenn man zugunsten der der GI. (26) zugrunde liegenden Vor-
aussetzung ins Treffen führt, daß das Gebirge wegen seiner Klüftung meist einer
solchen Ringwirkung nicht fähig ist, so gilt dieses Argument nur für eine geringe
überlagerungshöhe ; nimmt diese aber ein größeres Ausmaß an, dann schafft der
sekundäre Spannungszustand (Abschn. 31) eine Vorspannung des Gebirges. Diese
äußert sich in Form von tangentialen Druckspannungen im Bereich der Ulmen,
während in den First- und Sohlenbereichen nur geringe tangentiale Druckspan-
nungen, eventuell sogar Zugspannungen auftreten können. Wenn diese Vor-
spannung in Betracht zu ziehen wäre, dann müßten die Messungen im waagrech-
ten Sinne immer größere Verformungen und daher geringere Werte des Elastizi-
tätsmoduls ergeben, als jene im lotrechten Sinn. Eine solche Beeinflussung der
Messungsergebnisse konnte bisher nicht festgestellt werden. Dieses Ergebnis
findet seine Begründung darin, daß die Querschnittsform des Stollens meist vom
Kreis stark abweicht (s. Abb_ 13a), weshalb man die Ringwirkung des Gebirges
vernachlässigen kann.
Die Annahme des unendlich ausgedehnten Halbraumes, die in der Querschnitts-
richtung nicht streng, aber doch näherungsweise gültig ist, sollte einer Normung
des Druckplattenversuches nicht im Wege stehen. Diese Annahme beinhaltet eine
Nebenwirkung wie vergleichsweise das Vorhandensein von Reibung an den Druck-
platten bei der Bestimmung der Druckfestigkeit mit Würfelproben, wobei der
höhere Wert der Würfeldruckfestigkeit gegenüber der einachsigen Druckfestigkeit
durch den Sicherheitsgrad überdeckt wird.
Schließlich sei darauf hingewiesen, daß auch ÜBERTI zur Auswertung der
Druckplattenversuche die Beziehung für den unendlich ausgedehnten homogenen
isotropen Halbraum gelten läßt [lOOb].

9. Dynamische Methoden zur Bestimmung


des Elastizitätsmoduls des Gebirges
Auf dynamischem Wege kann der Elastizitätsmodul des Gebirges mit Hilfe
der seismischen Methode oder durch Ultraschallmessungen bestimmt werden.
Es dürfte empfehlenswert sein, diese Methoden, die ihrem Wesen nach kurz
erwähnt werden sollen, als Hilfsmittel für die Bestimmung der elastischen Eigen-
schaften des Gebirges in größerem Umfang zu verwenden als bisher.

a) Die seismische Methode


Die Fortpflanzung der durch Erschütterung oder Schwingungserregung im
Gebirge entstehenden Wellen ist eine ausgesprochen elastische Erscheinung.
Dabei werden Druckwellen und Scherwellen unterschieden. Die Druckwellen
werden durch eine Erschütterung erregt, die von einer Sprengladung hervor-
gerufen werden kann. Sie sind Longitudinalwellen; die Gesteinselemente schwin-
gen in der Fortpflanzungsrichtung der Welle, ebenso wie die Schallwellen. Die
Fortpflanzungsgeschwindigkeit läßt sich wie folgt ausdrücken:
_liEg ml/(ml/-l)
Vd - Vb; (mg + 1) (mg =2). (27)
Sie ist vom Elastizitätsmodul des Gebirges E g und seiner POISsoNschen Zahl m g
abhängig. Außerdem kommt in GI. (27) die Dichte des Gebirges bg = Yg:g vor,
wobei Yg das Raumgewicht des Gebirges und g die Erdbeschleunigung bedeutet.
28 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

Zur Bildung von Scherwellen kommt es durch eine Schwingungserregung. Die


Scherwellen sind Transversalwellen, die Elementarteilchen des Gesteins schwingen
senkrecht zur Fortpflanzungsrichtung . der Welle. Die Bestimmung der Fort-
pflanzungsgeschwindigkeit ist nicht so einiach wie bei den Druckwellen, weil
ja ein periodischer Impuls wirkt; aber diese Aufgabe ist gelöst. Die Geschwindig-
keit läßt sich durch die Gleichung

(28)

ausdrücken. In dieser Gleichung kommen die elastischen Eigenschaften des Ge-


birges durch den Gleitmodul Gg zum Ausdruck. Außerdem findet sich darin
wieder die Dichte des Gebirges 0ll. .
Nachdem die Größen E g , GII und m g durch die bekannte Beziehung

G - Egmg (29)
g - 2 (mg + 1)
verknüpft sind, läßt sich die Geschwindigkeit der Scherwellen auch in der Form

_liEIl m ll (30)
VB - V2bg mg + 1

ausdrücken. Die GI. (27) und (30) enthalten als Unbekannte E g und m g ; es ist also
möglich, den Elastizitätsmodul des Gebirges und seine PorssoNsche Zahl auf seis-
mischem Wege zu ermitteln. Damit ist auch der Gleitmodul Gg durch GI. (29)
bestimmt.
Wenn man Vd gemäß GI. (27) durch VB gemäß GI. (30) dividiert, so erhält man

vd=,/2 mg - 1 . (31)
v, V mg - 2

Die seismographischen Untersuchungen der Erdbeben gestatten die beiden


Geschwindigkeiten Vd und VB in den obersten Schichten der Erdkruste zu bestim-
men; es ergaben sich Werte von vd=7,17km/sek und v8 =4,01km/sek. Aus dem
Verhältnis der Geschwindigkeiten folgt mit Hilfe der GI. (31) ein durchschnittlicher
Wert der PorssoNschen Zahl rd. m g = 3,7 [60].
Die seismische Methode zur Bestimmung der elastischen Eigenschaften des
Gebirges hat aber für den Tunnel- und Stollenbau nur beschränkte Bedeutung.
Die Meßstrecken können ja meist bloß in der Längsrichtung angeordnet werden,
weshalb die ermittelten Werte nur in dieser Richtung gelten, während sie in der
Ebene des Querschnittes von größerer Wichtigkeit sind. Immerhin wird es möglich
sein auf seismischem Wege rasch und mit geringen Aufwendungen iniormative
Werte für das elastische Verhalten des Gebirges zu erhalten.

b) Die Anwendung von Ultraschall


In ähnlicher Weise wie die Seismik kann auch der Ultraschall zur Bestimmung
der Eigenschaften des Gebirges herangezogen werden. Die grundlegenden theo-
retischen Beziehungen sind, nachdem es sich um einen Schwingungsvorgang in
einem elastischen Medium handelt, dieselben, wie sie in den GI. (27)-(31) aus-
gedrückt wurden. Durch Stoßerregung werden ebenso wie in der Seismik Longi-
tudinalwellen und durch Schwingungserregung Transversalwellen erzeugt, so daß
sowohl der Elastizitätsmodul als auch die PorssoNsche Zahl durch Messung
bestimmt werden können. Der geringe Schalldruck beträgt aber nur wenige gcm- 2,
weshalb die Messungen nur auf kurze Strecken erfolgreich sind. Außerdem be-
einträchtigt die Gefügeanisotropie, gegeben durch Schichtung, Schieferung oder
10. Brucherscheinungen im Gebirge 29

Klüftung des Gebirges die Meßweite außerordentlich, weil an diesen Grenz-


schichten Schallreflexionen auftreten. Dies gilt insbesondere für die langsameren
Transversalwellen, die nur auf ganz kurzen Meßstrecken Ergebnisse liefern und
daher für die praktischen Messungen im Gebirge von geringer Bedeutung sind.
Vor kurzem wurden von der Motor-Columbus A. G., Baden, Schweiz, im Be-
reich des Kraftwerkes Hinterrhein umfangreiche Ultraschallmessungen durch-
geführt [156]. Es handelt sich um die Messungen in einem Sondierstollen, der die
Gesteinsverhältnisse für die untertägige Kraftwerkszentrale Ferrara aufschließen
sollte und in sonstigen Stollen der gleichen Kraftwerksgruppe. Für die Versuche
wurde ein Ultraschall-Impulsgerät der Firma Steinkamp, Bremen, verwendet, das
aus einem Sender- und einem Empfängeraggregat besteht und auf einer Frequenz
von 30 kHz arbeitet. Die Leistungsaufnahme des Senders beträgt 25 W und die
des Empfängers 60 W, der Verstärkungsgrad 200000. Der mögliche Meßbereich
läßt sich mit 0.1 und 10 m begrenzen. Beide Geräte sind so gebaut, daß sie in
Bohrlöcher von 30 mm CD eingeführt werden können, die in Abständen von
0,5 - 3,0 m hergestellt wurden. Die Transversalwellen erlaubten wie erwähnt,
nur einen kurzen Schallweg, der höchstens 40 cm betrug.
Besonders aufschlußreich waren die Untersuchungen der Motor Columbus
A. G. deshalb, weil parallel mit den Ultraschallmessungen auch seismische Be-
obachtungen und Abpreßversuche im Gebirge ausgeführt wurden, und weil gleich-
zeitig Untersuchungen an Gesteinsprobekörpern durch Deformation und mittels
Ultraschall erfolgten. Als ein Ergebnis dieser Untersuchungen werden die Festig-
keitswerte einer Gneisart, die sehr dicht gelagert und sehr quarzreich war und ein
Raumgewicht von 2,8 to m- 3 aufwies, angeführt.
Die Untersuchungen an Gesteinsprüfkörpern ergaben:
durch Verformung Estat = 370000 kg cm- 2
durch Ultraschall E dyn = 441000 kg cm- 2,
während die Messungen im Gebirge zu folgendem Ergebnis führten:
durch Abpressung eines Stollenabschnittes E stat = 300000 kg cm- 2
auf seismischem Wege E dyn = 420000 kg cm- 2
durch Ultraschallmessung E dyn = 440000 kg cm- 2•
Der statische Elastizitätsmodul des Gebirges stellte sich auf etwa 80% von
jenem des Gesteins; beide Werte sind aber wesentlich kleiner als die dynami-
schen Elastizitätsmoduli, wobei letztere auf verschiedenem Wege ermittelt, eine
recht gute Übereinstimmung zeigten. Der geringe Wert des statischen Elastizitäts-
moduls, der durch Abpressung ermittelt wurde, gegenüber jenem, der sich beim
Druckversuch ergab, ist auf die Gefügestörungen im Gebirge durch die Spreng-
arbeiten zurückzuführen. Die Durchschallung des Gebirges, verglichen mit jener
eines Probestückes, zeigte jedoch diesen Unterschied nicht, weil die Durch-
schallung des Gebirges in etwa 2 m Tiefe unter der Ausbruchsfläche, also hinter der
gelockerten Zone erfolgte. Daraus ergab sich aber ferner, daß für den betrachteten
Gneis kein allzu großer Unterschied zwischen den Festigkeitseigenschaften, er-
mittelt an einem Probekörper und jenen des Gebirges, bestehen dürfte.
Auf die Ergebnisse, welche die Durchschallung des Gebirges über die Dicke
der durch Sprengarbeiten entstandenen Auflockerungszone gebracht hat, wird
noch zurückzukommen sein (Absehn. 108).

10. Brucherscheinungen im Gebirge


Unter Bruch wird die Zerstörung des atomaren Gefüges eines festen Körpers
verstanden, denn es sind letzten Endes immer atomare Kräfte zu überwinden,
wenn es zur Lösung des Verbandes eines festen Körpers kommt. Die Beobach-
tungen der Bruchformen und der Bruchvorgänge haben dazu geführt, in der
30 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

Hauptsache zwei verschiedene und eindeutig zu kennzeichnende Bruchtypen zu


unterscheiden: den Trennbruch und den Gleitbruch. Dabei drängt sich die Frage
auf, ob damit verschiedene Arten der Gefügezerstörung festgestellt worden sind,
oder ob beide Formen unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt behandelt werden
und stetig ineinander übergehen können. Diese Frage ist deshalb bedeutungsvoll,
weil das im Tunnel oder Stollen aufgeschlossene Gebirge die mannigfaltigsten
Brucherscheinungen zeigt, die tektonische Ursachen haben. Anderseits werden
dureh den Tunnel- und Stollenbau unter gewissen Voraussetzungen Bruch-
erscheinungen im Gebirge verursacht, die im Zusammenhang mit der Gebirgs-
druckfrage bedeutsam sind.
Der Trennbruch wird nur durch Zugspannungen hervorgerufen. Es wäre daher
unrichtig, Brucherscheinungen im Gebirge als Trennbruch kennzeichnen zu
wollen, wenn die Möglichkeit des Auftretens von Zugspannungen nicht gegeben
ist. Beim Trennbruch steht die "makroskopische" Bruchfläche, die eben oder ge-
krümmt sein kann, in ihrem Verlauf senkrecht zu den die Lösung des Gefüges
herbeiführenden Zugspannungen. Plastische Verformungen vor dem Bruch sind
zwar möglich, sie treten aber bei den Gesteinen meist überhaupt nicht oder nur in
untergeordnetem Maße auf. Beispiele für Trennbrucherseheinungen im Gebirge
sind die Abkühlungsklüfte von Ergußgesteinen, wobei die Zugspannungen durch
Temperaturwirkung hervorgerufen werden, die Schwindrisse beim Austrocknen
von Sedimenten, die Rißbildungen in Faltenkämmen und an Verwerfungsrändern
u. a.
Der Gleitbruch wird durch Schubspannungen ausgelöst, wobei die Normal-
spannungen in der Bruchfläche sowohl Zug- als auch Druckspannungen sein
können, wenngleich der letztere Fall bei den Gesteinen vorwiegend in Erscheinung
tritt. Die "makroskopische" Bruchfläche wird Gleitfläche genannt, weil an ihr
eine gpgenseitige Verschiebung der Teile des Gesteins stattfindet. Die Gleitfläche
schließt mit der Richtung der extremen Hauptnormalspannung einen Winkel ein,
der bei einachsiger Druckbeanspruchung kleiner als 45° und bei einachsiger Zug-
beanspruchung größer als 45° ist; der letztere Fall kommt für- Gesteine bzw. für
das Gebirge allerdings kaum in Betracht. Sofern die vor dem Bruch eintretende
Verschiebung (innere Gleitung) nur gering oder kaum merkbar ist, liegt ein spröder
Gleitbruch vor. Wenn hingegen die Verschiebung stärker ausgeprägt ist, dann
zeigt sie sich als plastische Verformung an, sofern sie unter der Bruchgrenze
bleibt und führt letzten Endes zum Gleitbruch.
In den Gefügeelementen eines Gesteins werden beim Trennbruch meist
auch Gleitungen auftreten und jeder Gleitbruch wird anderseits interkristalline
Trennungen in Spaltflächen aufweisen. Dieser Umstand hat Ros und EWHINGER
veranlaßt, den Begriff" Verschiebungsbruch" einzuführen, womit eine Kombination
von kleinen Gleit- und Trennbrüchen gekennzeichnet wird.
Das gemeinsame Auftreten von Trennungen und Verschiebungen zeigt sich
in entsprechend vergrößertem Maßstab bei den großangelegten Brucherschei-
nungen des Gebirges.
Während ein begrenzter "technischer" Körper nach eingetretenem Gleitbruch
in der Regel in seinem Bestand gefährdet ist, können beim "geologischen" Körper
die Gleitbrucherscheinungen in einzelnen Teilbereichen beträchtliches Ausmaß
annehmen, wobei aber der Bestand in seiner Gesamtheit erhalten bleibt. Man darf
daher an das Gebirge nicht den Maßstab der in der Festigkeitsmaschine erprobten
Körper anlegen, weil man sonst zu unzutreffenden Anschauungen gelangen würde.
Diese Feststellung gibt die Anregung zu Betrachtungen über die mechanische Ähn-
lichkeit, d. h. zum Vergleich der Versuchsergebnisse an Gesteinsproben (Modellver-
suche) mit den Erscheinungen von der Größenordnung des Tunnelbaues oder des
tektonischen Geschehens. Mit dieser Frage hat sich HUBBERT beschäftigt, auf
dessen Ausführungen besonders hingewiesen wird [61].
11. Begründung der Verschiedenheit von Trennbruch und Gleitbruch 31

11. Begründung der Verschiedenheit von Trennbruch


und Gleitbruch
Obwohl der Trennbruch durch Zugspannungen, der Gleitbruch hingegen durch
Schubspannungen hervorgerufen wird, ist der Gedanke aufgetaucht, beide Bruch-
formen einem einheitlichen Gesichtspunkt unterzuordnen. Dies ist aber allem
Anschein nach nicht zutreffend; es liegen vielmehr bei beiden Bruchformen ver-
schiedene physikalische Vorgänge vor. Am klarsten kommt dies bei den Ein-
kristallen zum Ausdruck, das sind Körper, die nur aus einem Kristall bestehen und
daher ein homogenes Diskontinuum darstellen.
Das Wesen der Festigkeitseigenschaften besteht darin, daß zwischen den
Atomen anziehende und abstoßende Kräfte bestehen, deren Zusammenspiel
in Abhängigkeit vom Abstand der Elementarteile und daher von der elastischen
Verformung des Körpers die Aufnahme von Spannungen ermöglicht. In der
Abb. 16 ist in einfacher Form der Verlauf
der anziehenden und abstoßenden Kräfte ,
in Abhängigkeit von der Entfernung zweier t \ti
Elementarteilchen (Atome, Atomgruppen, Az
Ionen) dargestellt. Wenn dieser Verlauf ~ \
auch bloß für zwei Einzelteilehen herge- ~ \
leitet ist, so kann dies grundsätzlich bei ~ \~
Kristallen und festen Körpern nicht anders , ......
sein und muß auch für die fast ausnahmslos OC;>--~-=-9I1--'::~==-=-::-;:-'li'on-e-'flo"""b'-ston""--d'-_-
kristallinen Gesteine gelten. Aus der ~ ,
Abb. 16 ist die kennzeichnende Tatsache ~ /i'
zu ersehen, daß mit Zunahme der atomaren ... 1/
Abstände im Bereich OA die anziehenden ~ ~A
Kräfte, dargestellt durch die Kurve Cl' viel tI C,
,,1
kleiner bleiben als die durch die Kurve I
C 2 abgebildeten abstoßenden Kräfte, so Abb. 16. Atomare Wirkungen zur Erklärung des
sich durch überlagerung bei der Wirkungen Druckwiderstandes und der Elastizität
ein resultierender Kurvenverlauf R ergibt.
In diesem entspricht der Punkt A dem spannungslosen Zustand , weil dort Anziehung
AAl und Abstoßung AA z einander gleich sind. Bei Verringerung des atomaren
Abstandes wächst die abstoßende Kraft sehr stark, woraus die Fähigkeit der Körper
zur Leistung eines Druckwiderstandes folgt; trotz wachsender Annäherung ist aber
immer ein Gleichgewichtszustand möglich. Bei der Entfernung der Atome von-
einander gibt es hingegen eine Grenze für den Zugwiderstand ; wenn nämlich
die Zugbeanspruchung das Maß BB' überschreitet, ist kein Gleichgewichtszustand
möglich, die Kohäsionskräfte werden überwunden, und es kommt zum Trennbruch.
Beim Gleitbruch eines vorerst betrachteten Einkristalles liegt ein vom Trenn-
bruch vollkommen verschiedener Vorgang vor. Zunächst treten innere Gleitungen
entlang von Translationsflächen auf, wobei die Gleitflächen eine mit der Gleitung
einhergehende Drehung erfahren. Die Gleitflächen rotieren um eine senkrecht
zur angreifenden Kraft stehende Achse derart, daß sie sich bei Zugbeanspruchung
parallel zu deren Verlauf und bei Druckbeanspruchung senkrecht dazu aus-
zurichten suchen [70h].
Zur Erklärung dieser Erscheinung wird ein Einkristall betrachtet, der der
Einfachheit halber nur ein Translationsflächensystem aufweist, wie dies bei-
spielsweise bei Metallen mit hexagonal dichtester Packung zutrifft. In Abb. 17a
sind durch gittermäßig festgelegte, schräg zur Kraftrichtung verlaufende Trans-
lationsebenen getrennt, drei Lamellen dargestellt. Wenn unter der Wirkung der
Druckkraft P eine Gleitung eintritt., so sei angenommen, daß die mittlere Lamelle
32 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

2 an Ort und Stelle bleibt, während sich die Lamelle 1 nach links unten und die
Lamelle 3 nach rechts oben zu verschieben trachtet. Die ursprünglich gerade
Achse z -- z geht in eine gebrochene Linie z' - z' über. Damit wäre eine Ver-
schiebung der Endflächen des Einkristalles verbunden, die aber nach der Versuchs-
anordnung nicht möglich ist und durch Zwangskräfte verhindert wird; die Rei-
bungswiderstände T in den Druckplatten halten die Endflächen fest. Die Gleitung
ist daher nur möglich, wenn der schwächste Teil der Anordnung unter entsprechen-
der Formänderung nachgibt, und dies kann nur durch eine Drehung der Gleit-
flächen infolge des Zwangs-
momentes Th geschehen. In
Abb. 17 a ist durch eine strich-
lierte Begrenzung der Gleit-
vorgang bei freibeweglichen
Endflächen des Einkristalles
dargestellt und in Abb.17b
wird die Drehung der Lamellen
um den Winkel f(! veranschau-
licht. Die Drehung der Gleit-
flächen ist sonach an die Vor-
aussetzung gebunden, daß die
Kraft P durch eine Zwangs-
wirkung in ihrer J"age gehalten
a wird, wobei die Zwangskräf-
te bei Druckbeanspruchung
durch die Reibung in den
Druckplatten und bei Zugbe-
anspruchung durch Führungs-
kräfte an den Enden des Probe-
körpers verursacht werden. Im
zweiten Falle versucht das in
den Einkristall eingetragene
Zwangsmoment die Gleitflä-
chen in die Richtung der Zug-
kraft zu drehen.
Abb. 17a - c. Rotation der Gleitflächen bei Druckbeanspruchung Das plastische Verhalten
eines Einkristalls und eines im Gesteinsverband stehenden Kristall-
korns der polykristallinen Körper,
also insbesondere der Gesteine,
ist von der Plastizität der Kristalle bedingt. Entscheidend hierfür und für
den Gleitbruch ist, daß sich die elementaren Gleitflächen der einzelnen
Kristallkörner zu makroskopischen Gleitflächen aneinanderfügen, wobei die
Richtungen der elementaren Translationsflächen nicht genau tangential zu dieser
Gleitfläche zu liegen brauchen, sondern um sie herum spielen. Mit wachsender
Verformung tritt auch in den Körnern eines polykristallinen Körpers eine Drehung
der Gleitflächen ein, und dies scheint die hauptsächlichste Ursache der in der Tek-
tonik als Plättung bezeichneten Erscheinung, d. i. die Orientierung schuppen-
förmiger Kristalle senkrecht zur größten Hauptdruckspannung, zu sein. Das
Ergebnis stellen die Schiefergesteine dar. Eine sehr einfache Deutung des Schiefe-
rungsvorganges läßt sich gewinnen, wenn man auf die früher geschilderte Gleit-
flächendrehung der Einkristalle zurückgreift. In der Abb. 17 c ist stark vergrößert
ein Kristallkoru gezeichnet, während der polykristalline Verband durch die Be-
grenzung benachbarter Kristalle angedeutet ist. Translationsflächen teilen das
Korn in Lamellen, von denen drei eingezeichnet sind. Der in Betracht kommemle
Gesteinsbereich stehe unter dem Einfluße einer Hauptdruckspannung O'm, die
verhältnismäßig groß ist gegenüber den lateralen Druckspannungen O'n und O'r.
11. Begründung der Verschiedenheit von Trennbruch und Gleitbruch 33

Wenn eine interkristal1ine Gleitung eintritt, so ist sie mit Zwangswirkungen ver-
bunden, die bei den Lamellen 1 und 3 an den Stirnflächen A und B durch Nachbar-
kristalle herbeigeführt werden; außerdem sind Reibungswiderstände an den
Nachbarkristallen parallel zu den Gleitflächen vorhanden. Beide Widerstände
erzeugen ein Drehmoment, das die Gleitflächen senkrecht zur Druckrichtung (]ur
zu drehen sucht. Die Zwangswirkungen, die heim Einkristall auf die Versuchs-
anordnung zurückzuführen sind, werden beim polykristallinen Körper wegen des
Verbandes von den Nachbarkristallen ausgeübt und haben gleichfalls ein Moment
zur Folge, das die beobachtete Rotation bewirkt und als Hauptursache der Schie-
ferung anzusehen ist. Neben der Verdrehung werden zweifellos auch Verbiegungen
und Zertrümmerungen der Kristallkörner zu erwarten sein.
Um nicht den Eindruck zu erwecken, daß solche Überlegungen zu weit herbei-
geholt sind, wird den späteren Ausführungen vorgreifend, erwähnt, daß bei einem
Tunnel- oder Stollenausbl'uch der echte Gebirgsdruck plastische Verformungen

a b c d e
Abb. i8a-e. Versuche von BÖKER mit Marmorzylindern, die gleichzeitig durch einen seitlichen Flüssigkeits-
druck. eine Axialbelastung und ein Torsionsmoment beansprucht werden [97);
a) unbelastete Probe; b) Trennbruch durch einfache Torsionsbeanspruchung; c) Belastung zuerst mit
G r = G, = 580 kgcm-', dann axial mit G, = 2395 kgcm-' und schließlich bis zum Bruch tordiert. Die steile
unter 53° geneigte Schraubenlinie ist ein Trennbruch, die flache unter 8° geneigte Schraubenlinie ein Gleit-
bruch ; d) die Probe wurde zuerst mit den gleichen Spannungen G r = G, = G, belastet und dann tordiert; es
trat ein Trennbruch ein; e) die Probe wurde zuerst den Spannungen Ur = G, = 665 kgcm-' unterworfen,
dann durch eine Axialspannung Go = 2770 kgcm-' belastet und schließlich unter diesen Spannungen bis zum
Bruch tordiert. Die steile unter 62° geneigte Schraubenlinie ist ein Trennbruch. Der sich vorbereitende Gleit-
bruch ist durch einen unter etwa 18° geneigten Auriß an der linken Seite des Probekörpers und außerdem
durch eine deutliche Ausbauchung zu erkennen; an der Probe e) merkt man den sich vorbereitenden Gleit-
bruch durch Verschiebung der am Probekörper angebrachten Netzlinien

und Durchbewegungen des Gebirges, die mit inneren Gleitungen verbunden sind,
hervorruft. Als Folgeerscheinung ist eine Gefügeregelung in dem oben angedeu-
teten Sinne möglich, und in der Tat konnte in der Umgebung von Stollenaus-
brüchen bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck eine Schieferung festgestellt
werden, die vorher nicht vorhanden war. Es hat sich infolge des technischen Ein-
griffes eine Gesteinsmetamorphose vollzogen.
Die für Einkristalle aufgezeigte grundsätzliche Verschiedenheit von Trenn-
bruch und Gleitbrueh gilt, wie dargelegt wurde, auch für polykristalline und zu-
sammengesetzte Körper.
Die beiden Bruchformen sind in sehr vielen Fällen getrennt nebeneinander
festzustellen, ohne daß ein allmählicher Übergang zu beobachten wäre. Besonders
eindrucksvoll hinsichtlich der Unterscheidung von Trennbruch- und Gleitbruch
sind die von BÖKER ausgeführten Versuchsreihen mit Marmorzylindern, die
gleichzeitig einer Torsionsbeanspruchung, einer Axialbeanspruchung und einem

3 Kustner, Statik
34 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

Flüssigkeitsdruck auf die Mantelfläche des Zylinders unterworfen wurden. BÖKER


hat darüber in seiner Aachener Dissertation 1914 berichtet (Abb. 18). Es ist
bekannt, daß ein Zylinder aus sprödem Material, der auf Torsion allein
beansprucht wird, durch Trennbruch zerstört wird. Die Trennbruchfläche steht
senkrecht auf den Hauptzugspannungen und tritt an der Oberfläche des Zylinders
in Form einer Schraubenlinie, deren Steigungswinkel 45° beträgt, in Erscheinung.
Wenn der Zylinder gleichzeitig mit der Torsionsbeanspruchung einem allseits
gleichen Druck ausgesetzt wird, erfährt die Hauptzugspannung eine Verminderung,
die Hauptdruckspannung
hingegen eine Vermehrung.
Fiederspo/len
(Trennbruchrisse Bei dieser Beanspruchung
mif Ko/kspoll/erheill) gelingt es eine plastische
Verformung und schließlich
einen Gleitbruch herbeizu-
führen. An einigen Probe-
körpern konnten beide
Bruchtypen nebeneinander
beobachtet werden. In der
Abb. 18 ist dies beim Probe-
körper c eingetreten, wo die
steile Schraubenlinie dem
Trennbruch entspricht, wäh-
rend die schwach geneigte,
schraubenförmige Bruch-
fläche von einem Gleit bruch
Abb. 19. Fiederspalten im Kalk [17] herrührt. Beide Bruchfor-
men stehen scharf abge-
grenzt nebeneinander. Eine
ähnliche Erscheinung sieht
man am Probekörper e, an
dem außer dem Trenn-
bruchriß auch die plastische
Verformung durch Ausbau-
chung und damit der ich
vorbereitende Gleitbruch
gut erkennbar sind.
Ein gutes Beispiel für
die gesonderte Ausbildung
beider Bruchformen sind
ferner die Trennbruchklüf-
Abb. 20. Bruchform eines Betonprobewürfels (Doppelpyramide) uud te, die im Zusammenhang
eines Zementmörtelprismas (Spaltung durch einen Endkegel) [70h] mit Verwerfungen auftre-
ten. Die Gesteine sind in
der Nachbarschaft von Verwerfungen oft geschleppt. Der Spannungszustand
neben der Verwerfung ist ein Schubspannungszustand gemäß Abb. 19, aus der
auch der Verlauf der Hauptspannungen abzulesen ist. Trennbruchrisse bilden
sich senkrecht zur Richtung der Hauptzugspannung aus. Bei kleinen Sprung-
höhen der Verwerfung erstrecken sich diese Klüfte über die Störung hinweg
und bilden die sogenannten Fiederspalten. Diese Erscheinung ist, wenn man
um sie weiß, an der Marmorverkleidung von Gebäuden oft zu erkennen, be-
sonders dann, Wenn die Spalten verheilt und mit weißem Kalkspat gefüllt sind.
Wesentlich an ihr ist, daß der Trennbruch und der durch die Verwerfung gegebene
Gleitbruch ganz unabhängig nebeneinander stehen und daß kein Übergang der
einen Bruchart in die andere zu beobachten ist [99].
12. Plastische Vorgänge und Brucherscheinungen in der Tektonik 35

Ein weiteres Beispiel bilden die Brucherscheinungen an Zementmörtelprismen.


In den Endabschnitten der Prismen tritt ein Gleitbruch ein, ähnlich wie bei Beton-
probewürfeln. Dies ist jener Bereich, in dem die Reibung in den Druckflächen eine
Rolle spielt. Im mittleren Teil des Prismas hingegen, wo der Randeinfluß nicht
mehr vorhanden ist, stellt sich ähnlich wie bei Probewürfeln, die mit Ausschaltung
der Reibung abgepreßt werden, ein Trennbruch ein. In dem in der Abb. 20 dar-
gestellten Prisma ist die Grenze zwischen dem allerdings nur einseitig aufgetretenen
Gleitbruch und dem Trennbruch deutlich ausgeprägt. PRANDTL und RINNE haben
ähnliche Beobachtungen schon vor einiger Zeit gemacht. NADAI r97] berichtet da-
von und bezeichnet diese Erscheinung als komplexen Gleit- und Trennbruch.

12. Plastische Vorgänge und Brucherscheinungen in der Tektonik


Die im Gebirge zu beobachtenden plastischen Erscheinungen und Bruchvor-
gänge bilden den Gegenstand der Tektonik. Die Bruchvorgänge sind, sofern es
sich um Trennbrüche handelt, die Trennbruchklüfte und sofern ein Gleitbruch
vorliegt, Gleitbruchklüfte, Verwerfungen und Bruchschieferung. Plastische Vor-
gänge sind Verbiegungen (Flexuren), insbesondere die Faltung und die Fließ-
schieferung.
Schon das Kriechen des Gebirges bei einer unter der Elastizitätsgrenze liegen-
den Dauerbeanspruchung hat seine Ursache in dem Bestreben des Gebirges, sich
dem Zwang der Belastung zu entziehen. In verstärktem Maße tritt dies bei der
eigentlichen plastischen Verformung ein, und der Bruch ist der letzte aber erfolg-
reiche Versuch die aufgebürdete Belastung abzuschütteln.
Bei den in den Rahmen der Tektonik fallenden plastischen Erscheinungen und
Bruchvorgängen spielt die Größenordnung des Geschehens eine entscheidende
Rolle. Die Faltung ist beispielsweise nur im großen gesehen als plastischer Vor-
gang anzusprechen. Im einzelnen treten dabei Brucherscheinungen aller Art auf,
z. B. Trennbrüche in den Faltenkämmen und Gleitbrüche in den Schenkeln.
Das plastische Fließen des Gebirges ist im Fels erst in beträchtlichen Tiefen
unter der Erdoberfläche zu erwarten, wo die Seitenspannungen und die Tempera-
tur eine bedeutende Rolle spielen. In der Nähe der Erdoberfläche herrscht jedoch
die Bruchtektonik vor.
Die Unterscheidung zwischen Trennbruch und Gleitbruch ist im Gebirge durch
die Beobachtung der Klüfte nicht immer einwandfrei möglich. Wenn eine merkbare
gegenseitige Verschiebung der durch Klüfte getrennten Gesteinsteile feststellbar ist,
die sieh durch Rillen- und Riefenbildung, durch das Auftreten von Harnischen oder
durch eineZermahlung des Gesteins (Mylonitisierung) anzeigt, dann ist zweifellos ein
Gleitbruch die Ursache der Kluftbildung. In diesen Fällen ist auch meist ein
zweites Bruchflächensystem vorhanden. Wenn solche Verschiebungsspuren nicht
zu beobachten sind, dann kann es sich sowohl um einen Trennbruch als auch um
einen Gleitbruch handeln. Die häufig zu beobachtenden Klüfte, an denen keine
Verschiebung feststellbar ist, erwecken den Anschein von Trennbrüchen, sind
aber als solche oft nicht erklärbar, weil die Annahme von Zugspannungen nicht ge-
rechtfertigt wäre. Diese Schwierigkeiten lassen sich beseitigen, wenn man der-
artige Klüfte als Ergebnis von Gleitbrüchen betrachtet, bei denen eine den elasti-
schen Bereich wenig oder gar nicht überschreitende Verschiebung der Kluft-
ränder stattgefunden hat, weshalb keine Gleitspuren zu erkennen sind (spröder
Gleitbruch). Solche Klüfte können als Gleitbrüche, die unter der Wirkung eines
dreiachsigen Spannungszustandes bei Überwiegen der größten Hauptdruckspan-
nung entstanden sind, gedeutet werden. Ein Analogon dazu stellen die später zu
besprechenden, im Tunnelbau nicht selten auftretenden Bergschläge dar; bei
ihnen handelt es sich um plötzlich erfolgende Gesteinsablösungen unter der Wir-

3*
36 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

kung starker, tangential zum Ausbruchsrand verlaufender Hauptdruckspan-


nungen. Obwohl sie in den meisten Fällen als Gleitbrucherscheinungen an-
gesprochen werden müssen, sind doch meist keine Gleitspuren erkennbar (s.
Abschn. 49 u. 58).

13. Die Mohrsehe Theorie der Fließ- und Bruchgrenze


Unter allen Theorien über die Bedingung, unter der feste Körper, insbesondere
also auch Gesteine und damit das Gebirge beginnen, eine bleibende Verformung
zu erfahren oder zu Bruch gehen, eignet sich die MOHRsehe Theorie für die prak-
tische Verwendung am besten und wird daher auch allen späteren Untersuchungen
zugrunde gelegt. Dem Wesen nach umfaßt die MOHRsehe Theorie den mit inneren
Gleitbewegungen einsetzenden Fließvorgang oder den Gleitbruch. Ob sie bei Ge-
steinen auch den Trennbruch einzubeziehen gestattet, darüber wird später im
Abschn. 15 berichtet wer-
(j
den. Vorläufig wird ange-
nommen, daß dies nicht der
Fall ist und daß alle blei-
benden Verformungen und
der Bruch sich in den Gleit-
flächen abspielen, in denen
E die Schubspannung T einen
bestimmten kritischenWert
a b angenommen hat, der von
Abb. 21a u. b. Zur MOHRsehen Grenzkurve der Normalspannung (1 ab-
hängig ist.
An der Oberfläche von Gesteinsproben, die über die Fließgrenze hinaus be-
ansprucht wurden, zeichnen sich zwei Systeme von Gleitflächen ab. In ganz ähn-
licher Weise bilden sich in der Umgebung eines Tunnel- oder Stollenausbruches bei
überschreitung eines bestimmten Grenzspannungszustandes Gleitflächen aus, und
es kommt zur Bildung von plastischen Zonen, die bei der Deutung des echten
Gebirgsdruckes eine maßgebende Rolle spielen (s. Abschn. 57). Wenn der Span-
nungszustand, der zur plastischen Verformung führte, homogen war, dann liegen
die Gleitflächen symmetrisch zu den Hauptspannungsrichtungen. In der Regel
wird der stumpfe Winkel zwischen den bei den Gleitflächensystemen durch die
algebraisch größte und der spitze Winkel durch die algebraisch kleinste Haupt-
spannung geteilt. Es ist ferner eine allgemein bekannte Tatsache, daß natürliche
Gesteine beim gewöhnlichen Würfeldruckversuch entlang von Gleitflächen brechen,
die gegen die Druckrichtung geneigt sind, so daß der Bruchkörper die Form einer
Doppelpyramide annimmt (Abb. 20a).
Wenn man den Spannungszustand, der den Fließvorgang einleitet oder den
Bruch herbeiführt, im Spannungsnetz (1, T einträgt, so muß durch den damit er-
haltenen Punkt P der Spannungskreis hindurchgehen, der eben zum Gleitbruch
führt (Abb.21 a). Durch den Punkt P lassen sich unendlich viele größte Spannungs-
kreise zeichnen. Die Bedingung, daß der Grenzzustand eben herbeigeführt wird,
muß durch einen dieser größten Spannungskreise erfüllt werden, d. h. zum Punkt
P gehört nur ein einziger eindeutig bestimmter Grenzspannungszustand. 'Venn
man nun ähnliche überlegungen für eine ganze Reihe anderer durch (1 und r ge-
gebener Spannungszustände anstellt, so ergibt sich eine Folge von Punkten, die
der Grenzkurve angehören. Nachdem zu jedem Punkt nur ein einziger größter
Spannungskreis gehört, muß dieser die Grenzkurve berühren, d. h. die MOHRsehe
Grenzkurve ist die Einhüllende jener größten Spannungskreise, für die der Fließ-
vorgang eingeleitet wird oder der Bruch entsteht.
13. Die MOHRsehe Theorie der Fließ- und Bruchgrenze 37

Weil nach MOHR nur der größte Spannungskreis in Betracht kommt, soll die
mittlere Hauptspannung ohne Einfluß auf den Grenzzustand sein. Diese Fest-
stellung ist nur näherungsweise gültig. Mit ihr wird aber gleichzeitig ausgespro-
chen, daß die zweiachsige Druckfestigkeit gleich der einachsigen sein sollte. Auch
diese Folgerung ist nicht der Wirklichkeit entsprechend, aber die konsequente
Anwendung der MOHRschen Theorie verlangt sie. Wenn beispielsweise an der
Wandung eines Stollens die Radialspannung verschwindet und nur die tangen-
tiale und die in der Längsrichtung des Stollens wirkende Spannung verbleiben, so
kann ohne Berücksichtigung der Längsspannung zur statischen Beurteilung des
Gebirges die einachsige Druckfestigkeit herangezogen werden. Ähnliches gilt für
die tiefer liegenden Gebirgsschichten. Auch dort soll in Verfolgung der MOHRSchen
Theorie die Längsspannung parallel zur Stollenachse unberücksichtigt bleiben,
womit das Spannungsproblem zu einem ebenen wird. Die theoretischen Unter-
suchungen werden dadurch außerordentlich erleichtert, wenn nicht überhaupt erst
ermöglicht.
Die Spannungs-Verformungslinien für den im allgemeinen räumlichen Span-
nungszustand haben den in der Abb. 21 b dargestellten Verlauf; es findet ein all-
mählicher übergang vom elastischen zum plastischen Verhalten statt. Um eine
theoretische Behandlung zu ermöglichen, wird jede dieser Kurven durch eine aus
zwei geradlinigen Ästen zusammengesetzte, geknickte Linie ersetzt; die eine Gerade
ist gegen die Abszissenachse unter dem Winkel lX geneigt, dessen Größe den Elasti-
zitätsmodul bestimmt.

Eg = tanlX. (32)

Die zweite, waagerechte Gerade läßt erkennen, daß die plastische Verformung
ohne Änderung des Spannungszustandes fortschreitet; sie charakterisiert das
ideal plastische Verhalten, bei dem der Verformungsmodul den Wert 0 besitzt.
Die beiden Geraden schneiden sich im Punkt 0, der als Grenzpunkt bezeichnet
werden soll, weil er die theoretisch festgelegte Stelle angibt, an der das elastische
Verhalten in das ideal plastische unvermittelt übergeht. Wenn man die Span-
nungskreise für alle Spannungszustände, die den Punkten 0 entsprechen, auf-
trägt, so sollen sie nach der MOHRschen Theorie eine Einhüllende besitzen. Dabei
wird vorläufig nur der für die größte und kleinste Hauptspannung geltende Span-
nungskreis in Betracht gezogen und die mittlere Hauptspannung unberücksichtigt
gelassen.
Nunmehr ergibt sich die Frage, welche Form die einhüllende Kurve besitzt.
Hierüber läßt sich nach den bisherigen Darlegungen keine Angabe machen, die
naturgesetzliche Bedeutung hätte. Die Versuche von KARMAN und BÖKER, die
im Abschn. 11 erwähnt wurden, hatten aber das Ergebnis, daß mit zunehmendem
hydrostatischem Seitendruck der Durchmesser des größten Spannungskreises
zwar gleichfalls zunahm, sich aber einem Maximalwert näherte. Für Gesteine
hat daher die Grenzkurve eine waagrechte Asymptote.
Für das kohäsionslose Lockergebirge ist die Grenzlinie durch die einfache
COULoMBsche Gleichung

T = a tan(lg (33)

gegeben, wobei (lg den Neigungswinkel der Grenzgeraden bildet. Auch bei bindigem
Lockergebirge ist die Annahme eines geradlinigen Verlaufes der Grenzkurve ex-
perimentell ausreichend bestätigt; der analytische Ausdruck dafür lautet

T = C + atan(lg, (34)

wobei c die Kohäsion (Haftfestigkeit) bedeutet.


3E Kastner
38 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

Für die Bedingungen, unter denen beim Fels die bleibende Verformung ein-
setzt bzw. der Bruch eintritt, sind eine Reihe verschiedener Anschauungen ver-
treten worden. MOHR selbst hat über die Form der Grenzkurve nichts ausgesagt.
Er behauptete nur ihre Existenz, ohne ihrer Form einen mathematischen Ausdruck
zu geben. Die Berührungspunkte zwischen dem jeweiligen Spannungskreis und der
Einhüllenden besitzen die Koordinaten a und -r. -r ist jene Schubspannung, die bei
der herrschenden Normalspannung a gerade zum Gleitbruch führt. Man kann also
,h
da = tan(!u (35)
setzen, wobei
(!u = /(a,-r) (36)

eine Funktion von a und -r ist. Diese Funktion ist unbekannt. Jedenfalls 'nimmt ihr
Wert mit wachsendem a und -r ab. Eine sehr einfache Form dieser Funktion wäre
bei Einführung einer Konstanten A
A
tan (!a. = -
T
. (37)

Setzt man diesen Wert in GI. (35) ein, so erhält man die Differentialgleichung der
Grenzkurve
-rd-r = Ada (38)

und nach deren Integration die Gleichung der Grenzkurve selbst in der Form

-r2 =2Aa+B (39)

als eine Parabel. Diese Form wurde von LEoN gewählt, und sie wird vielfach zur
Anwendung gebracht. Dabei kann es sich aber, wie die späteren Untersuchungen
zeigen werden, nur um eine theoretische Anschauung handeln, die zudem mancher-
lei Widersprüche aufweist.

14. Der Großscherversuch


Die großen Vorteile, welche die Anwendung der MOHRschen Theorie der Bruch-
gefahr bei der Lösung vieler Aufgaben des Tunnel- und Stollenbaues bietet, läßt
es angezeigt erscheinen, sich mit der experimentellen Bestimmung der für das
Gebirge geltenden Grenzlinie zu befassen.
Dreiaxiale Druckversuche, wie sie im Abschn. 4 erwähnt wurden I kommen
nur bei kleinen Versuchskörpern in Betracht und können daher für das Gestein,
aber nur selten für das Gebirge brauchbare Ergebnisse liefern. Hingegen stellt
der Großscherversuch hierfür eine geeignete Methode dar. Er wird in der Weise
ausgeführt, daß man in einem Tunnel oder Stollen an der Sohle einen prismatischen
Körper herausarbeitet, der an seiner Basis mit dem Gebirge verwachsen bleibt
(Abb. 22). Die Herstellung dieses Probekörpers muß mit großer Sorgfalt geschehen,
um jede Störung des Gesteinsverbandes, insbesondere in der Nähe der Basisfläche
des Versuchskörpers zu vermeiden. Der Versuchskörper wird trotz dieser Be-
mühung unregelmäßige Oberflächen aufweisen, weshalb es zweckmäßig ist, ihn
mit Beton zu ummanteln, wobei jedoch die Basisfläche entlang ihrem Umfang
freibleiben muß, d.,h. der Umhüllungsbeton darf nicht bis zur Basisfläche reichen.
Außerdem empfiehlt es sich, eine kräftige Betondeckplatte anzuordnen, die für
eine Verteilung der lotrechten Pressungen sorgt. Der so ausgestaltete Probekörper
wird mit hydraulischen Pressen oder Druckkissen einem stufenweise gesteigerten
lotrechten Druck unterworfen. Die Abscherung erfolgt mit seitlich angebrachten
14. Der Großscherversuch 39

hydraulischen Pressen in der vorgesehenen Richtung. Die Bedingung einer mög-


lichst zentrischen lotrechten Belastung erfordert bei der Anordnung des Gerätes
besondere Beachtung. Die waagrechte Scherkraft wird durch hydraulische Pressen
herbeigeführt, wobei die Krafteintragung, wie bei jedem Scherversuch, unvermeid-
lich mit einer Biegewirkung verbunden ist. Eine gleichmäßige Verteilung der
Schubspannungen in der Scherfiäche gelingt deshalb nicht vollkommen.

töngsschnilt ~uersclmiff

Wilfe~/ager aus ~;;;------':7~~~~~~


lJewehriem Spri,"ibefon
Sfelzen/ager _ - - - --j:L-- l:
~lEi4Io::::_--
Ifydrou/ische Presse
!foKimo/druclc qot

Oroufsiclrf o m.Z

jOruckblltifung

HefJuhr I , , I " " I


o 5 cm. 10

Abb. 22. Einrichtung zur Durchführ ung von Großscherversuchen (nach einem Entwurf der Universale. Hoch- und
Tiefhau A. G., Wien)

Großscherversuche der beschriebenen Art sind zuerst von LEUSSINK im Flinz


ausgeführt und später von BRETH [15] im Auftrage der Österreichisch-Bayrischen
Kraftwerke A. G. in Schärding wiederholt worden, wo ein eigener Versuchsstollen
im Schlier vorgetrieben wurde. Schließlich seien noch die Großscherversuche er-
wähnt, die FRÖHLICH im Auftrag des Österreichischen Bundesministeriums für
Handel und Wiederaufbau beim Bau der Europabrücke der Autobahnstrecke
Kufstein-Brenner ausgeführt hat. Die letztgenannten Versuche erfolgten in einem
Sondierstollen, der zur Klärung der Gründungsverhältnisse für einen der Brücken-
pfeiler vorgetrieben worden war. Alle erwähnten Versuche dienten dem Zweck,
für den Gleitsicherheitsnachweis einerseits von Stauwerken und anderseits
eines Brückenpfeilers Grundlagen zu gewinnen.
Diese Versuche sind aber für die Bestimmung der MOHRsehen Grenzlinie und
der einachsigen Druckfestigkeit des Gebirges nicht minder wichtig. Dazu kann der
nachfolgend beschriebene Vorgang eingehalten werden_ Bei der Steigerung der
40 1. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

Schubspannungen zeigt sich zunächst ein elastisches Verhalten, d. h. die hori-


zontalen Verschiebungen des Blockes nehmen bei gleichbleibender lotrechter
Pressung verhältnisgleich mit den Schubspannungen zu; später zeigen sich pla-
stische Verformungen, die aber lange in mäßigen Grenzen bleiben und erst bei
einer bestimmten Belastung auffallend stärker zu wachsen beginnen. Wenn man
nach Erreichung dieses Zustandes die waagrechte Belastung nicht mehr weiter
steigert, so ist eine Schubspannung festgelegt, die nahe der Bruchgrenze liegt, ohne
daß eine entscheidende Verletzung der Scherfläche eingetreten wäre. Man kann nun
diesen Vorgang für mehrere Stufen der lotrechten Belastung wiederholen und er-
hält eine Reihe von Grenzpunkten, gegeben durch die lotrechten Pressungen (J
und durch die Schubspannungen T, die es gestatten eine Grenzlinie zu zeichnen,
die etwas unterhalb der Bruchlinie liegt, aber ihr sehr nahe kommt (Abb.23).
Bei der letzten lotrechten Laststufe
6 kann man überdies einen Einblick
kgjc'~a
~/ gewinnen, wie hoch die tatsächliche
"J#
Bruchlinie über der ermittelten
,,"" Grenzkurve liegt, sofern man die
'" Scherkraft bis zum vollständigen
",,,,,,, 3
Gleitbruch steigert. Wenn man also
Q
z ,,'" die ermittelte Grenzkurve für sta-
,,/' tische Zwecke heranzieht, so bewegt
///
man sich auf der sicheren Seite .
.P1
," Schließlich gibt die Grenzkurve
die Möglichkeit die einachsige Ge-

~ 'I b
birgsdruckfestigkeit (Jgd zu bestim-
men, indem man den Spannungs-
kg/cm ö 7 kreis zeichnet, der einerseits durch
/otrecIJfe Pressung ()' den Ursprung des Koordinaten-
Abb. 23. Ergebnisse eines Großscherversuches in Quarzphyllit systems geht und anderseits die
Grenzkurve berührt (Abb. 23).
Es wäre erwägenswert, ob nicht auch eine andere Durchführung des Großscher-
versuches zum Ziel führt, wobei eine Trennung zwischen der Haftfestigkeit (Kohä-
sion) und der Reibung einzutreten hätte. Dies könnte in der Form geschehen,
daß zuerst mit geringer lotrechter Belastung der Gleitbruch herbeigeführt wird,
der wegen der geringen lotrechten Auflast durch die überwindung der Haftfestig-
keit eintreten würde. Im weiteren Verlauf könnten dann die den stufenweise
gesteigerten lotrechten Drücken entsprechenden Reibungswiderstände erfaßt und
der Haftfestigkeit hinzugefügt werden. Diese Versuche würden einen guten Wert
für die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit liefern.
Damit läßt sich der Großscherversuch als wertvolles Hilfsmittel zur Bestim-
mung der Festigkeitseigenschaften des Gebirges kennzeichnen. übrigens ist es
möglich, die dabei gewonnenen Erkenntnisse in der Weise zu überprüfen, daß man
in unmittelbarer Nähe, also unter geologisch gleichen Verhältnissen, einen Druck-
plattenversuch in vertikaler Richtung ausführt.

15. Rückwirkung der Beobachtungen über den Unterschied


zwischen Trennbruch und Gleitbruch auf die Theorie
der Bruchgefahr
Die aus der Naturbeobachtung gewonnenen Ergebnisse weisen, wie gezeigt
wurde, darauf hin, daß beim Trennbruch und Gleitbruch verschiedene Erschei-
nungen vorliegen; im tektonischen Geschehen ins besondere zeigen die beiden
Brucht.ypen keine Neigung eines stetigen überganges. Ein solcher stetiger Über-
15. Beobachtungen über. den Unterschied zwischen Trennbruch und Gleitbruch 41

gang ist theoretisch in der Weise herbeigeführt worden, da man die Grenzkurve
vom Druckbereich nach der Zugseite des Diagrammes verlängert hat, derart, daß
sie die Abszissenachse auf der Zugspannungsseite unter einem rechten Winkel
schneidet und in diesem Schnittpunkt den Spannungskreis für die einachsige Zug-
festigkeit berührt (Abb. 24c). Damit wäre theoretisch ein stetiger übergang vom
Gleitbruch in den Trennbruch ermöglicht worden. LEoN ist diesen Weg gegangen
und hat, wie erwähnt, für die Hüllkurve eine Parabel angenommen. Diese Auf-
fassung dürfte aber nur als ein mathematisches Hilfsmittel zu werten sein, denn
selbst dann, wenn sich die Parabel bei der Ausgleichung von Versuchsreihen be-
währen sollte, ist damit noch nicht der Beweis erbracht, daß eine durch diesen
Kurvenverlauf gegebene Gesetzmäßigkeit vorliegt.

kt:\.
,....ogz
I

Zug
0 1
i
a
oga.-----'
I

Druck
(j

JcS.
Q
Zug
:.
b
liga,----------:
Druck
IT
- O- e
OZ

Abb.24a-e. Zur Form der Grenzkurve nach der MOHRSehen Theorie der Bruchgefahr und zur Frage, ob
eine Hüllparabel im MOHRsehen Diagramm Trenn- und Gleitbruch gemeinsam umfassen kann

Es ist bekannt, daß MOHR die oberhalb und unterhalb der Normalspannungs-
achse (Abszissenachse) gelegenen Äste der Hüllkurve, die zur Abszissenachse sym-
metrisch liegen müssen, so gezeichnet hat, daß sie die Abszissenachse auf der Zug-
seite unter einem spitzen Winkel schneiden (Abb. 24b). Gegen diese Form sind
verschiedene Einwendungen erhoben worden. Der Schnittpunkt der Hüllkurven
und der Normalspannungsachse Q stellt - so wurde bemerkt - gleichzeitig
die Beanspruchung durch allseitig gleichen Zug dar. Diese Beanspruchungsart
muß zu einem Trennbruch mit unbestimmter Lage der Bruchfläche führen. Die
von MOHR gezeichneten Kurven würden aber auf eine Grenzlage zweier geneigter
-Bruchflächen schließen lassen. Ferner wurde zu bedenken gegeben, daß die derartig
gezeichneten Kurven bei einachsiger Zugbeanspruchung immer zu einem Gleit-
bruch führen würden, weshalb diese Annahme hinsichtlich der Form der Kurve
die spröden Körper, insbesondere die Gesteine, nicht umfassen könnte. Schließ-
lich möge noch darauf hingewiesen werden, daß ein weitgehend zerklüftetes Ge-
birge sicher Scherfestigkeit, aber keine Zugfestigkeit besitzt. Wenn keine Zug-
festigkeit besteht, dann müßte der Scheitel der Hüllkurve im Ursprung des Span-
nungsnetzes liegen; dann bestünde aber keine Möglichkeit eines Scherwiderstandes .
Aber auch die von LEoN eingeführte Parabel ergab Widersprüche, die für
Gesteine ebenso schwierig zu überbrücken sind, als jene der MOHRSchen Kurven
gemäß Abb. 24 b. Zunächst sei darauf hingewiesen, daß die Voraussetzung für die
Parabelform der Grenzlinie, daß nämlich die Gleitzahl tan[lg verkehrt proportional
der jeweiligen Schubspannung ist, kaum bewiesen werden kann. Ferner sei fest-
gehalten, daß sich die Grenzlinie nach KARMAN [97] bei sehr hohen Druckbeanspru-
42 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

chungen einer waagrechten Asymptote nähern soll, eine Anschauung, die heute
allgemein anerkannt wird und die mit der parabolischen Form der Grenzlinie nicht
zu vereinbaren ist. Die frühere Schilderung der BÖKERSchen Versuche zeigt
ferner deutlich, daß Trennbruch und Gleitbruch getrennt auftreten und keines-
falls ineinander übergehen. Bei Bestehen eines solchen überganges müßte die
Scheit.eltangente der Parabel eine Trennbruchfläche darstellen, in der die sonst
auftretenden zwei Gleitflächen zusammenfallen. Dieser Gedankengang läßt sich
an Hand der Abb. 24c überprüfen. Für den durch die Abb. 24d gegebenen Span-
nungszustand sei der Spannungskreis K 1 , der Spannungspunkt für die Druck-
spannung (Jd sei SI. Die Druckspannung wirkt auf eine waagrechte Fläche, wes-
halb der Pol für den Spannungszustand PI ist. Er bestimmt die beiden Gleitflächen
durch die Geraden G~ und G~'. Für den einachsigen Zugspannungszustand ge-
mäß Abb. 24e gilt der Spannungskreis K 2 • Der Spannungspunkt für die ver-
schwindende Druckspannung fällt mit dem Ursprung zusammen und der Pol P 2
liegt daher im Scheitelpunkt der Parabel. Es ergeben sich somit zwei zusammen-
fallende Gleitflächen G2 , die eine Trennbruchfläche bilden sollen. Aus dieser Dar-
legung geht wohl mit Klarheit hervor, daß es sich bei der Hüllparabel nur um eine
theoretische Annahme handeln kann.
Schließlich sei noch ein Analogiefall erwähnt, nämlich die von NAnAI an-
geführten Bruchversuche Me. ADA....'\:'[s mit spröden Metallen, die gezeigt haben,
daß sich beim dreiachsigen Zugversuch eine Zugfestigkeit ergibt, die etwa doppelt
so groß ist, wie jene beim einachsigen Zugversuch, ein Ergebnis, das mit der Auf-
fassung LEONS nicht in Einklang zu bringen ist [97].
Um die Schwierigkeiten auszuschalten, die sich aus der Annahme eines bei
Gesteinen nicht zu beobachtenden stetigen Überganges vom Gleitbruch in den
Trennbruch ergeben, wird für den Fels die Hüllkurve nur wenig über die 1;'-Achse
hinaus nach der Zugseite hin verlängert. Jedenfalls nicht so weit, bis sie den
Spannungskreis für die einachsige Zugfestigkeit berührt. Damit kommt zum
Ausdruck, daß in Anbetracht der unklaren Sachlage auf die Frage des Ver-
laufes der Hüllkurve im Zugspannungsbereich nicht näher eingegangen werden
soll. Ein experimenteller Beweis für irgend eine Form wird für Gesteine schwer
zu erbringen sein.

16. Der innere Gleitwiderstand im kohäsionslosen Lockergebirge


Die Festigkeitseigenschaft, die im kohäsionslosen Lockergebirge für, Zwecke
der Tunnelbaustatik besondere Bedeutung besitzt, ist der innere Gleitwiderstand.
Er ist aber keine einfache Erscheinung, wie etwa die Reibung, die an Berührungs-
flächen zweier fester Körper auftritt, die aneinandergleiten, sondern der Vorgang
ist komplexer Natur. Der Widerstand setzt sich aus zwei Anteilen zusammen.
Zunächst aus der Reibung, die zwischen den Körnern der Lockermassen bei deren
gegenseitigen Verschiebung geweckt wird und überdies aus einem Struktur-
widerstand, der in hohem Maße von der relativen Dichte der Masse und von der
Form der Körner, sowie von der Formänderung, in deren Verlauf der Widerstand
hervorgerufen wird, abhängt. Das Zusammenwirken der beiden geschilderten Um-
stände macht die Unterscheidung zwischen der inneren Reibung im engeren Sinne
und dem inneren Gleitwiderstand notwendig [144a]. Die innere Reibung wird bei
ciner räumlichen Formänderung der Masse (Stauchung oder Streckung) geweckt.
Der innere Gleitwiderstand tritt dann in Erscheinung, wenn die Trennung eines
in Bewegung geratenden Teiles der Masse von einem festen Teil, also eine Grenz-
gleitfläche in Betracht kommt. Mit Rücksicht auf den Strukturwiderstand ist
eine solche Trennung nach einer geometrischen Fläche nicht möglich, sondern es
bildet sich immer eine Gleitzone aus, deren Dicke hauptsächlich von der Größe
der Elemente des Lockergebirges abhängt.
17. Wassergehalt, Zustandsformen und Zustandsgrenzen 43

Die Ziffer der inneren Reibung wächst mit der Strukturänderung ; sie besitzt
einen Anfangswert tan eo und erreicht mit zunehmender Strukturänderung einen
Größtwert tan emax. Die Ziffer des inneren Gleitwiderstandes, die Gleitzahl tan e
liegt zwischen diesen beiden Werten. Nachdem es sich bei den im Tunnel- und
Stollenbau zu lösenden Aufgaben immer um Gleitflächen handelt, werden all-
gemein die Bezeichnungsweisen innerer Gleitwiderstand, Winkel des inneren Gleit-
widerstandes eg und Gleitzahl tan eg verwendet.

17 . Wassergehalt, Zustandsformen und Zustandsgrenzen


des bindigen Ilockergebirges
Die im Tunnel- und Stollenbau in Betracht kommenden bindigen Gebirgs-
arten (Ton- oder Lehmlager) sind wohl immer wassergesättigt und damit luftfrei.
Das Porenvolumen in der Raumeinheit des Gebirges wird Porenanteil genannt
und mit n bezeichnet. Die Festmasse erfüllt dann den Raum 1- n. Wenn man
das Porenvolumen n auf das Kornvolumen bezieht, so erhält man die PorenzitJer
n
e = 1 - n° (40)

Sie wird in der üblichen Weise ebenso wie die bezogenen Dehnungen mit e be-
zeichnet, weil eine Verwechslung beider Begriffe kaum zu befürchten ist. Statt
der 'Werte n und e wird bei bindigen Gebirgsarten, wo die molekulare Bindung
größer ist als das Korngewicht, der Wassergehalt eingeführt. Das Verhältnis des
Wassergewichtes zum Gewicht der Festmasse, der Wassergehalt, wird mit W be-
zeichnet. Zwischen dem Wassergehalt, dem Porenanteil und der Porenziffer besteht
für das wassergesättigte Gebirge die Beziehung
wY. = eyw, (41)
wobei Ys das Stoffgewicht der Bodenkörner und Yw jenes des Wassers bedeutet.
Für Yw = 1 folgt
e = wYs' (42)
Zur Kennzeichnung der Lagerungsdichte wird der Wassergehalt des Gebirges
benützt.
Als Zustandsgrenzen werden die Ausrollgrenze W a und die Fließgrenze wJ
benützt. Wenn der natürliche Wassergehalt des Gebirges mit W n bezeichnet wird,
soll als Kennzeichen für den Zustand (die Konsistenzform des bindigen Gebirges)
der Quotient
(43)

gewählt werden, wobei im Zähler die Differenz zwischen dem der Fließgrenze ent-
sprechenden Wassergehalt und dem natürlichen Wassergehalt steht, während im
Nenner der Unterschied des Wassergehaltes an der Fließgrenze und an der Aus-
rollgrenze erscheint. Dieser Quotient kw wird als Zustandszahl des Gebirges be-
zeichnet, und die Zustandsformen lassen sich wie folgt kennzeichnen [66].

Tabelle 4. Die Beziehung zwischen Zustands/arm und Zustandszahl

Zustandsform Zustandszahl k",

flüssig <:0
breiig 0,01- 0,25
weich 0,26- 0,50
weich, bildsam 0,51- 0,75
steif, bildsam 0,76- 1,00
halbfest größer 1,00
44 I. Die mechanischen Eigenschaften des Gebirges

18. Zusammendrückbarkeit des bindigen Lockergebirges


bei seitlich verhinderter Ausdehnung
Bei der Belastung einer an der seitlichen Ausdehnung verhinderten Probe
bindigen Gebirges, an deren Ober- und Unterfläche das Porenwasser abfließen
kann, führt jede Drucksteigerung zu einer Raumverminderung. Das Ausmaß
derselben ist gleich dem Volumen des abgeflossenen Porenwassers. Die Zeitdauer
des Verdichtungsvorganges ist von der Durchlässigkeit des Gebirges abhängig;
er vollzieht sich bei größerer Durchlässigkeit rascher als bei geringer. Die Ab-
hängigkeit der zeitlichen Endwerte der Volumverminderung vom Druck wird
durch das Druck-Porenzifferdiagramm dargestellt (Abb. 25). Nach TERZAGffi gilt
hierfür annähernd die Beziehung
1
8 = 80 - 0 In (p
v
+ P.)· (44)

Hierin bedeuten 8 die Porenziffer, 8 0 die Porenziffer beim Druck P + P. = 1, Pe


die Druckkonstante, welche zum Ausdruck bringt, daß sich der Ton nach er-
folgter Entlastung nicht bis ins Unendliche
ausdehnt, sondern bereits bei einer end-
lichen Porenziffer zu schwellen aufhört und
O~ den Kompressionsbeiwert. Der geschilderte
und durch die GI. (44) beschriebene Vorgang
wird· Erstverdichtung genannt (Kurvenast 1).
Bei der Entlastung nimmt die Porenziffer
wieder zu, und es stellt sich ein Schwellvorgang
(Kurvenast 2) ein. Bei voller Entlastung P = 0
ergibt sich der Maximalwert der Porenziffer,
die Schwellporenziffer, die von der Verdichtung
Pm abhängig ist. Ein höherer Verdichtungs-
druck Pm bewirkt eine niedrigere Schwell-
o 1 t 3 1f Pm S kg/cmB porenziffer .
p- Erfolgt nach Beendigung des Schwellvor-
Abb.25. Druck-Porenzilferdiagramm nach
ganges eine neuerliche Belastung, so ergibt sich
TERZAGffi [66] der Kurvenast 3 (Abb.25), der an der Stelle
von Pm einen Wendepunkt besitzt (geologischer
Knick). Die Schwellkurve läßt sich nach TERZAGffi durch die Gleichung

1
8 = 80 - 0 In (p
s
+ Pe) (45)

ausdrücken; hierin bedeutet Os den Schwellbeiwert. Durch die Größe P. wird dem
Umstand Rechnung getragen, daß sich toniges Gebirge bei vollständiger Ent-
lastung (p = 0) nicht bis ins Unendliche ausdehnt, sondern daß die Porenziffer 8
einen endlichen Grenzwert 8 s besitzt, der wie folgt lautet:

1
8s = - olnp•.
s
(46)

Die Kurve der Wiederverdichtung ist in einfacher Form nicht ausdrückbar.


Für P > Pm gilt wieder angenähert

1
8 = 80 - 0 In (p
v
+ Pe)' (47)
19. Durch die Überlagerung hervorgerufene Spannungen 45

Die Tangente an die Kurve 1 hat die Neigung


de 1 1
-- --a (48)
Cv P + Pe -
--_._~-

dp - v

und wird als Verdichtungsziffer bezeichnet. Für einen Druckbereich von PI bis
PI + ,1P wird a v zur Ermöglichung einfacher Berechnungen meist konstant an~
genommen, womit sich für die Bestimmung der Verdichtungsziffer die nach~
folgende, näherungsweise gültige Beziehung

(49)

ergibt. Von dieser Formel wird bei der Behandlung des Schwellens der Tone im
Tunnel Gebrauch gemacht werden (Absehn. 45,46 und 47).

Kapitel Ir

Der primäre Spannungszustand des Gebirges

19. Durch die Überlagerung hervorgerufene Spannungen


Die Erdkruste ist nur bis zu einer verhältnismäßig geringen Tiefe erschlossen.
Der Bergbau und damit die Möglichkeit, das Gebirge der menschlichen Beobach-
tung unmittelbar zugänglich zu machen, hat eine Tiefe von etwa 3000 munter
der Erdoberfläche erreicht; die Schwierigkeiten, die dort infolge von Bergschlägen
auftraten waren ganz außerordentlich [48] und es hat den Anschein, daß man
damit nahe an die erreichbare Grenze gelangt ist (s. Abschn. 77). Der Simplon-
Tunnel besitzt unter den Alpendurchstichen die größte Überlagerungshöhe von
rd. 2200 m, und auch dort äußerte sich der Gebirgsdruck in einer Form, daß seine
Bewältigung nahe der Grenze des Menschenmöglichen lag. An Tunnel oder
Stollen mit noch größerer Überlagerungshöhe wird man daher nur mit äußerster
Vorsicht herangehen dürfen, um nicht auf unüberwindliche Schwierigkeiten zu
stoßen [3a]. Der Montblanc-Tunnel wird in der Mitte eine größte Überlagerung
von mehr als 2400 m aufweisen.
Bei Erdölbohrungen ist ein Bohrloch im Staate Wyoming, USA, bis auf
6255 m tiefgebracht worden. Bei den Aufschlußbohrungen in den Ölfeldern von
Texas wurde im Jahre 1958 ein neuer Tiefenrekord von 7000 m erreicht; weil die
Bohrung noch nicht fündig geworden ist, soll sie auf 7800 m weitergetrieben
werden. In Kreisen der Bohrfachleute der amerikanischen Ölindustrie ist man der
Meinung mit Bohrungen bis auf 16000 m Tiefe vordringen und über die MOHORO-
VIele-Diskontinuität hinaus den Erdmantel erreichen zu können [17]. Die Druck-
verhältnisse sind aber bei lotrechten Bohrlöchern mit jenen eines waagerechten
Tunnels oder Stollens nicht zu vergleichen. Die Möglichkeit, mit Bohrlöchern
größere Tiefen zu erreichen als mit Tunneln oder Stollen, wird nicht nur durch
den geringeren Querschnitt des zu schaffenden Hohlraumes begünstigt, sondern
es spielt auch der Umstand eine Rolle, daß der annähernd waagrechte Tunnel-
oder Stollen unter der Wirkung des lotrechten, also senkrecht zur Längsachse des
Bauwerkes gerichteten, von der Überlagerung herrührenden Druckes steht,
während beim Bohrloch die geringeren waagrechten Spannungen eine dreh-
symmetrische Beanspruchung des Gebirges rings um das Bohrloch verursachen
(s. Ahschn. 31).
46 11. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

Für größere Tiefen, als sie durch Bohrungen erreicht werden können, stehen
zur Beurteilung der Gebirgsbeschaffenheit nur die aus seismischen Beobachtungen
zu ziehenden Schlüsse zur Verfügung; im übrigen ist man auf Hypothesen an-
gewiesen.
Als primärer Spannungszustand des Gebirges soll der vor dem technischen
Eingriff des Tunnel- oder Stollenbaues herrschende Spannungszustand verstanden
werden. Er wird von den Geologen je nach seiner Ursache Überlagerungsdruck,
Ruhedruck, vVanderdruck und echter Gebirgsdruck genannt, wobei die gleiche
Bezeichnungsweise auch für die Belastung des Hohlraumausbaues nach erfolgter
Durchörterung beibehalten bleibt; damit wird manche Unklarheit geschaffen.
Vom technischen Gesichtspunkt aus gesehen ist es zweckmäßig und folgerichtig
von einem Spannungszustand vor und nach der Durchörterung, also einem
primären und sekundären Spannungszustand zu sprechen und mit dem Begriff
Gebirgsdruck nur die Wirkung zu bezeichnen, die im unverkleideten oder auch
ausgebauten Hohlraum infolge des herrschenden sekundären Spannungszustandes
zu beobachten ist. Daher möge die Bezeichnungsweise echter Gebirgsdruck, oder
Gebirgsdruck schlechthin, im Sinne der Darlegungen von RABCEWICZ [108a] auf
jene Wirkungen beschränkt bleiben, die das Gebirge infolge der bei der Her-
stellung des Hohlraumes eintretenden Änderung des primären Spannungszu-
standes äußert und die zur Beanspruchung des Ausbaues führen. Um Mißver-
ständnisse zu vermeiden war es notwendig, diese Feststellungen, den späteren
Ausführungen vorgreifend, schon an dieser Stelle zu bringen.
Fester Fels ist in geringeren Tiefen unter der Erdoberfläche im allgemeinen
standfest und die Belastungen des Tunnel- und Stollenausbaues beschränken
sich auf Auflockerungswirkungen, die teils strukturell bedingt sind, also durch
Klüftung, Schichtung und Schieferung hervorgerufen werden, teils durch die
Sprengarbeiten entstehen. In größeren Tiefen unter der Erdoberfläche tritt echter
Gebirgsdruck auf.
In irgendeinem Punkt, der in der Tiefe h unter der Erdoberfläche liegt,
herrscht die lotrechte Hauptdruckspannung
Pv = ygh, (1)
wobei Yq das Raumgewicht des Gebirges und Ph die waagrechte Hauptspannung
ist. Pv und Ph werden durch die Gravitation, also durch eine Massenkratt hervor-
gerufen und nehmen deshalb mit der Tiefe unter der waagrecht angenommenen
Erdoberfläche zu. Diese Zunahme spielt bei geringer Überlagerungshöhe im Bereich
der untertägigen Bauwerke eine Rolle und muß diesfalls berücksichtigt werden.
Bei großer Überlagerungshöhe kann diese Zunahme, die im Verhältnis zu den
Spannungen Pv und Ph nicht von entscheidender Bedeutung ist, vernachlässigt
werden. Man ist sogar gezwungen dies zu tun, weil ihre Berücksichtigung viel zu
umständlich wäre. Die theoretische Behandlung tiefliegender untertägiger Bau-
werke wird daher unter der Voraussetzung durchgeführt, daß der primäre Span-
nungszustand in dem betrachteten Gebirgsbereich für jeden Punkt derselbe ist,
daß also ein gleichmäßiger oder homogener Spannungszustand herrscht. Die lot-
rechte Hauptspannung Pv kann je nach Zweckmäßigkeit für die Firsthöhe, die
waagrechte Bauwerksachse oder die Sohle gewählt werden.

20. Beeinflussung der durch die Überlagerung hervorgerufenen


Spannungen
Die Voraussetzung, daß Pv und Ph lotrecht bzw. waagrecht wirken und nur
von der Überlagerung abhängen, gilt mit gewissen Einschränkungen, die durch
die Form der Geländeoberfläche, die geologischen Verhältnisse und die Tektonik
bedingt sind.
21. Tektonische Kräfte und Spannungen 47

a) Die Geländeform beeinflußt den im Berginneren herrschenden primären


Spannungszustand [108a, 138d]. Die Druckverteilung zeigt in einer waagrechten
Fläche nicht einen der Geländeoberfläche ähnlichen Verlauf, sondern sie weicht
von dieser Form ab.
b) Wie die geologischen Verhältnisse die Verteilung der lotrechten Spannungen
beeinflussen, möge am Beispiel eines Tunnels erläutert werden, der eine Anti-
klinale senkrecht zur Faltenachse durchörtert (Abb. 26a) [159]. Im Bereich der
Faltenschenkel ist der Druck
wesentlich größer als im Kern, 0 b-
wohl dort die überlagerung am
größten ist. Ein Beweis dafür ist
der Tauerntunnel in Österreich,
! ,/ / "".... I
der eine mächtige, domförmig auf- I : I
gewölbte Gneiskuppel unterfährt.

~
I ~m I
Die Ge birgsdruckerscheinungen I I
(Bergschläge ) ließen nach, sobald
der Tunnel in den teilweise ent- a
lasteten Kern der Aufwölbung ge-
langte. Als weiteres Beispiel möge
ein Fall erwähnt werden, auf den
STINI hinweist (Abb. 26b) [138d].
I
Er betrachtet einen Gebirgsstock, I I I I
der durch Verwerfungen so unter- I I I I I I I
I I I I I I I
teilt ist, daß keilförmige Blöcke
entstanden sind. Die nach unten
II I
I
I
I
I
I
I
I
I
I
I
I

verjüngten Keile A werden dabei ~


von den benachbarten Blöcken B b
gestützt und entlastet. Die pri- Abb. 26a u. b. Beeinflussung des überlagerungs druckes durch
die tektonischen Verhältnisse; a) im Bereich einer Antiklinale;
mären Spannungen Pv und Ph im b) in einem durch Verwerfungen in Schollen geteilten Gebirge
[159,lOSa]
Bereich der nach unten schmäler
werdenden Keile werden daher
auch geringer sein, während die nach oben verjüngten Keile eine zusätzliche Be-
lastung erfahren. Erscheinungen solcher Art treten ungemein häufig auf; sie
werden als Verspannung bei den späteren Ausführungen wiederholt Erwähnung
finden.
Ferner kann der Fall vorkommen, daß ein Lehnentunnel in einen Hang zu
liegen kommt, der oberflächenparallele Schichtung oder Schieferung aufweist.
Der Schubwiderstand in den Schicht- oder Schieferungsflächen ist beträchtlich
herabgemindert und kann durch lehmige oder tonige Zwischenlagen fast gänzlich
ausgeschaltet werden. In diesem Falle kann die größte Hauptdruckspannung
eine dem Schichtenverlauf annähernd parallele Schrägstellung erfahren.
c) Die tektonischen Spannungen sind so bedeutungsvoll, daß es zweckmäßig
ist, ihnen eine eingehendere Behandlung zu widmen (Absehn. 21), die überdies im
Verlauf der späteren Darlegungen manche Ergänzungen erfahren wird.

21. Tektonische Kräfte und Spannungen


Kräfte, deren Ursachen in tieferen Schichten der Erde zu suchen sind, haben
in der Erdkruste Spannungen ausgelöst, die zu plastischen Bewegungen und zu
Brucherscheinungen führten. Diese Verformungen und Zerstörungen des Zu-
sammenhanges erstrecken sich vom Kleingefüge bis zu kontinentalen Dimensio-
nen. Die Tektonik beschäftigt sich mit der Feststellung des vorliegenden Zustan-
des und mit den Ursachen seiner Entstehung. Die Erdkruste ist aber nicht starr
48 H. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

geworden und zur Ruhe gekommen, sondern noch immer in Bewegung begriffen;
tektonische Vorgänge sind auch heute noch im Gange und unmittelbar zu be-
obachten. Zeugnisse dafür sind Erdbeben und epirogenetische Vorgänge, d. h.
langsam sich abspielende Krustenbewegungen, bei denen ausgedehnte Gebiete in
ihrer Gesamtheit eine Hebung oder Senkung erfahren, ohne daß dabei der Schichten-
verband gestört wird. Orogene (gebirgsbildende) Vorgänge hingegen, die sich -
mit geologischen Maßstäben gemessen - rascher und mit großer Intensität ab-
gespielt und zu weitgehender Veränderung der Lage und des Verbandes der
Schichten geführt haben, kommen für den Tunnelbau von wenigen Ausnahmen
abgesehen nur in ihren Ergebnissen, dem tektonischen Befund in Betracht. Ob
Restspannungen solcher tektonischer Ereignisse vorhanden sein können, wird
nachfolgend untersucht werden.
Die im Tunnelbau zu beobachtenden, auf engem Raum erfolgenden plasti-
schen Erscheinungen und Bruchvorgänge, die sich manchmal aus der Beanspru-
chung des Gebirges durch den Druck der Überlagerung allein nicht erklären
lassen, insbesondere dann, wenn sie bei geringer Überlagerungshöhe oder gar an
der Erdoberfläche auftreten, sind der Gegenstand der nachfolgenden Betrach-
tungen. Berichte über derartige Erscheinungen liegen in großer Zahl vor.
Schon HAUER [50] führt 1878 an, daß in verschiedenen Steinbrüchen Nord-
amerikas beobachtet wurde, wie größere Platten bei der Lösung aus dem Schicht-
verband plötzlich eine Ausdehnung erlitten, die nach den durchgeführten Messun-
gen etwa 1/1000 ihrer Länge betrug. Diese Ausdehnung zeigte sich in der Nord-
Süd-Richtung, nicht aber in der Ost-West-Richtung.
In einem Kalksteinbruch Lemont südlich Chicago wurde durch Abräumungs-
arbeiten die Sohle eines Bruches bloßgelegt; daraufhin wölbte sich der anstehende
Fels allmählich sanft auf und bildete eine Welle, deren von Ost nach West ver-
laufende Scheitellinie auf eine beträchtliche Länge zu verfolgen war. Auf der
Scheitellinie entstand unter explosionsartigem Geräusch ein Längsriß. Die
Aufwölbung und der Trennbruch hatten unverkennbar eine waagrechte Pressung
als Ursache. Schon an dieser Stelle sei bemerkt, daß ähnliche Aufwölbungen bei
Auftreten von echtem Gebirgsdruck an der Sohle und im First von Stollen zu
beobachten sind, worüber im Kap. IV betreffend Gebirgsdruckerscheinungen ge-
sprochen werden wird.
In der Ingenieurgeologie von REDLICH, TERZAGHI und KAMPE [110] wird
über ähnliche Erscheinungen berichtet, zu deren Erklärung der Druck der Über-
lagerung nicht ausreicht, so z. B. im Granit des Stormking-Tunnels der Catskill-
Wasserleitung, New York bei einer überlagerung von nicht mehr als 330 m.
RABCEWICZ schildert Beobachtungen an der Oberfläche der glacialen Rund-
buckellandschaft Nordnorwegens, wo sich parallel zur Oberfläche Schalen von
5-10 m Mächtigkeit loslösen und die Ursache von gewaltigen Bergstürzen
bilden. Die Loslösungen bedecken Gebiete von vielen Quadratkilometern. Häufig
findet man auch die Ablösung von dünnen Platten bis zu einigen Dezimetern
Dicke, die manchmal ausknicken. Nach Rabcewicz handelt es sich bei diesen
Erscheinungen um Entspannungsvorgänge.
TSCHERNIG kommt auf Grund seiner langjährigen Beobachtungen zu dem
Ergebnis, daß von 2000 Bergschlägen im Kärntner Erzbergbau nahezu 90% bei
Nord- und Nordostklüften vorkommen. Dies ist seiner Ansicht nach ein Beweis
dafür, daß die Ostalpen einer nach Norden oder Nordosten gerichteten Bewegungs-
tendenz folgen [149].
Als Ursache der geschilderten Erscheinungen wird oft die Möglichkeit von
tektonischen Restspannungen in Erwägung gezogen, und es soll festgestellt
werden, ob und in welchem Maß dies zutreffen kann. Ganz allgemein gesprochen,
kommen für diese Erscheinungen, bei denen außer dem überlagerungsdruck
noch andere und anders gerichtete Spannungen vorhanden sind, folgende Ur-
21. Tektonische Kräfte und Spannungen 49
sachen in Betracht: einerseits Restspannungen früherer tektonischer Vorgänge
oder anderseits noch lebendige Krustenbewegungen und gegenwärtig wirksame
tektonische Kräfte.
a) Tektonische Restspannungen
Die tektonischen Restspannungen gehören zur Gruppe der Eigenspannungen.
Zum Zwecke einer klaren Verständigung ist es notwendig, hierüber einiges zu
sagen. Der Begriff der Eigenspannungen läßt sich in der Weise festlegen, daß er
alle in einem Körper auftretenden Spannungen umfaßt, die unabhängig von den
an ihm angreifenden äußeren Kräften bestehen. In diesem Sinne gibt es also zwei
Arten von Spannungen: die Lastspannungen, die von den am Körper angreifenden
äußeren Kräften, den Lasten, hervorge-
rufen werden unddieEigenspannungen,
die in einem unbelasteten Körper be-
stehen, gleichgültig auf welche Ursache
sie zurückzuführen sind. Zu den Eigen-
spannungen gehören auch jene für die
nachfolgenden Betrachtungen bedeut- Abb.27. Entstehung waagrechter Kräfte in der Erd-
kruste aus Gründen der Isostasie
samen Spannungen, die in einem Kör-
per zurückbleiben, wenn eine vorher
aufgebrachte Belastung wieder entfernt wird; sie können aber nur dann auf-
treten, wenn vorher in Teilbereichen eine plastische Verformung des Körpers
erfolgt ist.
Für die getroffene Begriffsbestimmung gilt als wichtige Voraussetzung, daß
der Körper nach Umfang und Inhalt festgelegt werden kann; die äußeren Kräfte
greifen ja am Umfang des Körpers an. Durch Schnitte im Körper kann man aber
alle inneren Kräfte und daher auch alle Eigenspannungen in äußere Kräfte ver-
wandeln. Wenn man bei dieser Schnittführung den Grenzübergang zu einem un-
endlich kleinen Körperelement macht, folgt aus dieser überlegung, daß ein solches
Element keine Eigenspannungen aufweisen kann.
Nach der Entstehungsursache kann man die Eigenspannungen, die im Ge-
birge zu erwarten sind, in zwei Hauptgruppen einteilen, wobei allerdings eine
scharfe Abgrenzung nicht möglich ist.
a) Zunächst sind die Wärmespannungen zu nennen, die dann entstehen, wenn
ein Körper, insbesondere auch das Gebirge, an verschiedenen Stellen verschieden
stark erwärmt oder abgekühlt wird. Als Ursachen von Wärmespannungen seien
die Abkühlung magmatischer Gesteine oder die Erwärmung von Gesteinen, die
früher eine Eisbedeckung aufwiesen, erwähnt.
b) An zweiter Stelle sind die tektonischen Eigenspannungen anzuführen, die sich
aus der Entstehungsgeschichte des Gebirges erklären lassen. Sie bleiben im Gebirge
zurück, wenn eine vorher wirksam gewesene Belastung verschwindet. Voraus-
setzung für ihr Auftreten ist aber, daß durch die vorherige Belastung in einzelnen
Teilen des Gebirges eine überschreitung der Elastizitätsgrenze erfolgt ist. In
diesen Gebirgsteilen ist dann außer einer elastischen auch eine plastische Ver-
formung erfolgt. Wenn die Belastung verschwindet, dann sinkt aber die Form-
änderung nicht auf den plastischen Anteil ab, sondern es bleiben darüber hinaus
Nachdehnungen bestehen, die sich aus dem Zusammenhang des Gebirges ergeben.
Einzelne Gebirgsteile können sich ja nicht unabhängig von ihrer Umgebung ver-
formen und aus diesem Zwang folgt, daß die Nachdehnungen Eigenspannungen
zur Folge haben, die Nachspannungen oder Restspannungen genannt werden.
Um dies zu erläutern sei folgender Fall erwähnt: Die Erdkruste besteht aus Schol-
len, die durch Bruchflächen getrennt auf einer plastischen Unterlage ruhen. Aus
Gründen der Isostasie weiche in der parallel zur Erdoberfläche verlaufenden Fläche
OD die Unterlage zurück (Abb. 27), so daß in dieser Fläche die radial gerichtete
4 Kastner, Statik
50 11. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

Reaktion geringer wird als dem Gewicht der überlagerung entspricht. Dann ist
der Unterschied zwischen dem Gewicht und der Auflagerreaktion in CD als
äußere Kraft anzusehen. Unter ihrer Wirkung bildet sich über der Fläche CD ein
Entlastungsgewölbe, in dem tektonische Spannungen auftreten, die zum Teil
elastische, z. T. plastische Verformungen zur Folge haben. Wenn die Unterlage
nach einiger Zeit wieder voll wirksam wird, z. B. dadurch, daß die Verspannung
wegen Nachgiebigkeit der Widerlager des Gewölbes verschwindet, dann werden
die plastischen Verformungen nicht rückgebildet, und es treten Nachdehnungen
und somit auch tektonische Nachspannungen auf.
Die aufgezählten thermischen und tektonischen Ursachen für das Auftreten
von Eigenspannungen sind nicht die einzigen. Man denke nur an die durch das
Schwellen der Tone oder des Anhydrits hervorgerufenen Spannungen.
Die dargelegten Begriffe Eigenspannungen, Wärmespannungen, N achspan-
nungen bzw. Restspannungen sind in der Festigkeitslehre eindeutig definiert; es
empfiehlt sich daher, sie auch bei geologischen Betrachtungen zu verwenden und
nicht neue Bezeichnungen einzuführen, wodurch die Verständigung erschwert
wird.
Bei der Beurteilung aller Eigenspannungen darf nicht übersehen werden, daß
die Begrenzung eines Körpers in der Erdkruste gewisse Schwierigkeiten bereitet.
Man kann das Bestehen von Eigenspannungen nur dann feststellen, wenn bei
einer späteren Wiederbelastung eine Spannungssteigerung eintritt, die zu bleiben-
den Formänderungen oder zum Bruch führt, wobei diese Grenze früher erreicht
wird, als dann, wenn keine Eigenspannungen vorhanden wären. Das typische
Beispiel dafür ist in manchen Fällen das Auftreten von Bergschlägen.
Das Problem der Eigenspannungen ist sehr schwierig und selbst bei Körpern,
deren Festigkeitseigenschaften gut bekannt sind, nur in wenigen Sonderfällen
als gelöst anzusehen [32]. Man wird daher über die Größe der Eigenspannungen
nichts aussagen können. Dazu tritt aber noch der besondere Umstand, daß die
elastische Nachwirkung und das Kriechen des Gebirges zu berücksichtigen sind,
die im Laufe der Zeit einen Abbau der Eigenspannungen zur Folge haben. Theo-
retische Untersuchungen über die letzteren Vorgänge sind nur unter besonderen
Voraussetzungen möglich. Einiges darüber wird bei der Behandlung des Druck-
stollen- und Druckschachtproblems gebracht werden.
Die tektonischen Restspannungen sind demnach so zu erklären, daß die
Energie von früheren und zum Stillstand gekommenen Krustenbewegungen auf-
gespeichert wurde. Dazu muß gesagt werden, daß Energie mechanisch nur durch
elastische Verformungen gespeichert werden kann, während plastische Verfor-
mungen nach ihrem Abschluß vollzogen sind, wobei die aufgewendete Energie
in Form von Wärme abgeführt wurde und nicht mehr rückbildungsfähig ist.
Restspannungen sind in der Erdkruste zweifellos vorhanden gewesen, ob sie aber
im Laufe von geologischen Zeiträumen erhalten geblieben sind, muß als fraglich
bezeichnet werden. Ein wesentlicher Teil davon wird durch elastische Nachwir-
kung und Kriechvorgänge abgeklungen sein. Dem Auftreten von Restspannungen,
die von früheren tektonischen Vorgängen herrühren, dürfte also, wenn überhaupt,
keine große Bedeutung zukommen. CLAR äußert seine Meinung zu dieser Frage
wie folgt [21]:
"Lebendige Vorgänge sind auch möglich, wenn wir von Restspannungen im Gebirge sprechen
und dabei im allgemeinen nicht unterscheiden können, ob es sich um eine Aufbewahrung
elastischer Verformungen aus früheren Stadien handelt."
FREy-BÄR schreibt darüber [36c]:
"Zu den Spannungen aus dem Überlagerungsdruck gesellen sich manchmal noch Rest-
spannungen, welche von der Gebirgsauffaltung oder von anderen Vorgängen in der Erdkruste
herrühren. Diese Restspannungen haben aber nur untergeordnete oder ganz lokale Bedeutung.
Sie fehlen in weichen Gesteinen praktisch völlig, weil im Verlaufe der Zeit einzelne Spannungs-
spitzen durch die Kriechfähigkeit des Gesteins abgebaut werden."
21. Tektonische Kräfte und Spannungen 51

b) Lebendige tektonische Kräfte


Mit größerer Wahrscheinlichkeit als dem Vorhandensein von Restspannungen
muß daher mit heute noch wirksamen tektonischen Kräften, also mit lebendigen
tektonischen Vorgängen, gerechnet werden.
a) Dabei handelt es sich zunächst um Kräfte, die dann in Erscheinung treten,
wenn eine Änderung des Bewegungszustandes eintritt, wobei der Bewegungs-
zustand durch die Größe und Richtung der allerdings außerordentlich geringen
Bewegungsgeschwindigkeit bestimmt ist. Solche Bewegungen sind bei den alten
Massen der Kontinente nicht sehr wahrscheinlich, weil dort die Vorgänge der
Gebirgsbildung meist vollkommen erloschen sind. Immerhin sind auch in solchen
Gebirgsrümpfen neuerlich Krustenbewegungen möglich, so z. B. die Aufschilderung
der nordischen Länder, die heute noch im Gang ist, oder die junge Aufwölbung
von Ostkanada [17,88]. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist bekannt, daß an
der schwedischen Ostküste das Meer ständig zurückweicht. Es liegt eine Hebung
des Festlandes vor, die mit dem Abschmelzen des pleistozänen, diluvialen Rand-
eises einsetzte und sich im Abklingen befindet. Es liegt also eine geantiklinare,
nacheiszeitliche, epirogene Aufwölbung vor. Das Aufsteigen ist am stärksten im
nördlichen Bereich des Bottnischen Meerbusens und beträgt dort etwa 10 mm
im Jahr.
Im Bereich solcher Vorgänge muß der Tunnelbau mit tektonischen Spannungen
rechnen.
Neben alten Massen, welche in jüngerer Zeit wieder lebendig geworden sind,
ist auch die Möglichkeit von RestbAwegungen alter orogener Vorgänge in Be-
tracht zu ziehen, wie z. B. in der Himalajakette, deren Aufbau noch nicht ganz
abgeschlossen ist, oder in den Alpen, in denen die Hauptphasen der Gebirgs-
bildung zwar längst beendet sind, wo sich aber nachklingende Bewegungen
noch gelegentlich äußern. So deuten verschiedene Anzeichen darauf hin, daß die
Karawankenkette heute noch eine langsame Bewegung nach Norden aus-
führt. Bei Tunnelbauten in solchen Gebieten ist daher das Auftreten von tekto-
nischen Spannungen, welche entsprechend dieser Bewegung in Erscheinung treten
werden, im Bereich der Möglichkeit. Der Nachweis, der etwa nach Norden ge-
richteten Bewegung der Ostalpen ist aus dem geschilderten gehäuften Auftreten
von Bergschlägen im Kärntner Bergbau möglich gewesen.
b) Aber nicht bloß Bewegungen, sondern auch statische Wirkungen können in
Betracht kommen und die Ursache von tektonischen Spannungen bilden, wobei
ausdrücklich bemerkt sei, daß es sich nicht um tektonische Restspannungen,
sondern um die Auswirkung von heute in der Erdkruste noch wirksamen Kräften
handelt. In den orogenen Phasen der Erdgeschichte müssen tektonische Kräfte
größten Ausmaßes am Werk gewesen sein.
Der Querschnitt durch ein Faltengebirge zeigt Zertrümmerungen und plastische
Verformungen, die unter Raumverminderung vor sich gegangen sind, von einer
Größe, für die nur ungeheure tangentiale Druckspannungen als Ursache in Be-
tracht kommen können [99]. HEIM berechnete, daß die Breite der Alpen bis zur
Hälfte ihres ursprünglichen Ausmaßes verkürzt wurde; später revidierte er
diese Auffassung und behauptete eine Verkürzung auf ein Viertel und weniger. Die
Natur und die Ursache dieser ungeheuren Kräfte ist bis heute noch nicht voll-
kommen geklärt. Eine Möglichkeit hierzu sind die gewölbeartig wirkenden
Tangentialkräfte, die sich aus Schrumpfungen der Erde oder aus unausgeglichenen
isostatischen Verhältnissen herleiten lassen. Es besteht aber kein Zweifel darüber,
daß die Kräfte dieser Art tangential zur Erdoberfläche, also waagrecht gerichtet
sind. Reste solcher Kräfte können heute noch bestehen und zu tektonischen
Spannungen führen. Ein Beispiel dafür bot sich beim Bau des Wolfsbergtunnels
der Autobahnstrecke Salz burg- Villach, wo beim Sohlstollenvortrieb eine schräg

4*
52 H. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

zur Stollenachse verlaufende, schmale Störungszone durchörtert wurde, in der


bald schwere Druckerscheinungen auftraten. Sie äußerten sich besonders stark
in der Sohle und waren im First und an den Ulmen geringer. Die überlagerungs-
höhe betrug nur etwa 60 m. STINI führte das Vorherrschen des Sohlendruckes auf
tektonische Kräfte zurück und brachte sie in Zusammenhang mit einem Gebirgs-
schub, der von den Karawanken gegen die Zentralalpen wirkt.
Als Ergebnis der angestellten überlegungen folgt, daß als Ursache von Bruch-
erscheinungen im Gebirge, die sich gegenwärtig etwa beim Stollen- oder Tunnel-
ausbruch ereignen und aus der Gravitation der überlagernden Gebirgsmassen
nicht erklären lassen, kaum Restspannungen vorliegen dürften, die von früheren
tektonischen Vorgängen herrühren, sondern meist Spannungen, die durch heute
noch wirksame Krustenbewegungen oder tektonische Kräfte hervorgerufen
werden. Die feste Erdkruste ruht auf einer plastischen Unterlage. Trotz der großen
Unregelmäßigkeit ihrer Oberfläche befindet sich die Erdkruste nahezu im Gleich-
gewicht. Diese Tatsache wird durch den Begriff Isostasie beschrieben. Dabei
kommt es auf das Wort nahezu an. In der Erdkruste herrscht kein vollkommenes
Gleichgewicht. Wenngleich die Abweichung davon nicht groß ist, so hat sie doch
zur Folge, daß entweder epirogene Vorgänge oder Verspannungen auftreten, d. h.
die Unvollkommenheit der Isostasie gibt entweder Anlaß zu Bewegungen oder
das Gleichgewicht wird vorübergehend durch Verspannungen herbeigeführt;
diese letzteren erfolgen etwa senkrecht zur Richtung der Schwerkraft und führen
daher zu waagrecht wirkenden tektonischen Kräften.
Der primäre Spannungszustand des Gebirges mit allenfalls auftretenden
tektonischen Spannungen ist der Messung schwer zugänglich. Eine unmittelbare
Messung hat zur Voraussetzung, daß man zur Meßstelie gelangen kann. Damit
wird aber der primäre Spannungszustand gestört und örtlich in einen sekundären
Spannungszustand übergeführt. Die Versuche zur Ermittlung des primären
Spannungszustandes, die im letzten Jahrzehnt ausgeführt wurden, haben daher
zu keinen befriedigenden Ergebnissen geführt [142].

22. Der Wanderdruck


Im Anschluß an die Betrachtung der tektonischen Spannungen ist es ange-
zeigt, jene Erscheinungen zu besprechen, die STINI als Wanderdruck bezeichnet
hat. Man begegnet diesem immer im Rutschgelände, aber auch sehr häufig auf
steilen Gebirgshängen, die von minder festen Gesteinen aufgebaut sind, wo tal-
wärts gerichtete Bewegungen auftreten können, die als Talzuschub bezeichnet
werden. Die Bedeutung dieses Vorganges wird vielfach unterschätzt [1, 138a].
Einem Rutschgelände und Hängen, die tatsächlich in Bewegung begriffen
sind, wird man bei Tunnel- und Stollenbauten wohl immer ausweichen. Es gibt
aber im Gebirge Steilhänge, die sich in früheren Zeiten gegen das Tal verschoben
haben und gegenwärtig in Ruhe sind, deren Bewegung wieder aufleben kann,
besonders dann, wenn ein technischer Eingriff dies fördert. Bergauswärts fallende
Schichten oder gleich gerichtete stark ausgeprägte Klüfte begünstigen den Tal-
zuschub und erhöhen nicht bloß die Spannungen im Gebirge, sondern führen zu
einer Schrägstellung der primären Hauptdruckspannungen.
Zur Kennzeichnung einer solchen Sachlage wird vom Bau des Druckschachtes
des Gerloskraftwerkes in Tirol berichtet. Dieser Druckschacht, der die beträcht-
liche Fallhöhe von rd. 600 m überwindet, liegt zur Gänze in Phyllit. Bei der Be-
gutachtung des Hanges wurde vom betreuenden Geologen auf einen ausgedehnten
postglazialen Talzuschubbereich im Gelände des Druckschachtes hingewiesen,
wobei aber die Bewegungen offensichtlich bereits erloschen waren. Trotzdem ließ
es die Vorsicht geboten erscheinen, diesem Umstand durch Verlegung des Schach-
tes tief in das Berginnere Rechnung zu tragen. Beim späteren Bau eines Ent-
23. Die Seitendruckzilfer im Fels 53

wässerungsstollens im Druckschachthang nahe der Talsohle, wurde in einer


waagrechten Entfernung von 70 m von der Geländeoberfläche eine Spalte fest-
gestellt, die mit wohlgerundetem Sand und Kies gefüllt war. Es handelte sich
ohne Zweifel um den Rest einer alten Hangbedeckung, die von den zu Tal
schiebenden phyllitischen Felsmassen überfahren worden war.
Seitdem die Erscheinung des Talzuschubes von AMPFERER und STINI er-
kannt wurde, mehren sich die Berichte über Beobachtungen darüber [59].

23. Die Seitendruckziffer im Fels


Wenn tektonische Spannungen der eben geschilderten Art und sonstige
Störungen nicht vorhanden sind, dann stellt bei waagrechter Geländeoberfläche
der Druck der Überlagerung die lotrecht gerichtete größte Hauptspannung Pv
dar, und die beiden waagrechten Hauptspannungen Ph sind einander gleich. Für
die theoretische Behandlung der Aufgaben des Tunnel- und Stollenbaues ist die
SeitendruekzifIer .1. 0 = Ph: Pv von entscheidender Bedeutung. Ihr Wert läßt sich
für den elastischen Halbraum aus der Bedingung ermitteln, daß die seitliche
Dehnung vollständig verhindert ist; daher gilt

eh
g
+ Ph) =
= E.!:-. (Ph - J1v m
g
0. (2)

Aus GI. (2) folgt die SeitendruckzifIer zu


_ Ph _ 1
.1. 0 ------. (3)
Pv mg - 1

Die SeitendruckzifIer ist also gegeben, wenn man die POISsoNsche Zahl des
Gebirges kennt. Ihre Bestimmung ist aber, wie bereits beschrieben wurde, nur
schwer möglich; am ehesten besteht noch Aussicht, einen brauchbaren Wert
hierfür durch seismische Beobachtungen zu erhalten (s. Abschn. 9). Liegen solche
nicht vor, dann muß man sich mit einer Schätzung begnügen, wofür die nach-
stehenden Tabellenwerte einige Anhaltspunkte liefern.

Tabelle 5. Einige Werte der Poissonschen Zahl und der SeitendruckzitJer


nach STINI [138 d]

Gestein POISSONsche Zahl m g Seitendruckziffer "0


Granit (von Handeck) 7-10 0,17-0,11
Gneis (Tessin) 3,3-6,6 0,44-0,18
Diabas (Württemberg) 3,1 0,48
Marmor (Carrara) 3,7-4,3 0,37-0,30
Kalkstein (Arvel) 2,7 0,59
Kalkstein (Waadt) 2,9-3,1 0,53-0,48
Grauer Sandstein
(St. Margarethen) 2,8 0,56
Sandstein (Rossens) 6-10 0,20-0,11

Ferner sei daran erinnert, daß sich aus seismischen Messungen ein für die
Erdkruste geltender Mittelwert der POISsoNbchen Zahl von m g = 3,7 ergeben
hat (Abschn.9). Daraus folgt eine durchschnittliche SeitendruckzifIer von .1. 0
= 1 :2,7 = 0,37. REICH [111] hat diesen Wert von m g bestätigt und für die Erd-
kruste eine mittlere POISsoNsche Zahl von m g = 1: 0,28 = 3,57 errechnet,
woraus die SeitendruekzifIer zu .1. 0 = 1 : 2,57 = 0,39 folgt.
54 Ir. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

Die Beziehung GI. (3) zwischen der Seitendruckziffer Ao und der POISsoNschen
Zahl ist oft mißdeutet worden, weil man die Grenzen ihrer Gültigkeit nicht be-
achtet hat. Die PorssoNsche Zahl ist ein, die elastischen Eigenschaften beschrei-
bender, unveränderlicher Wert. Seine Konstanz steht mit jener des Elastizitäts-
moduls in unmittelbarem Zusammenhang; sie gilt aber naturgemäß nur für den
elastischen Bereich der Verformungen bzw. im elastoplastischen Bereich für den
elastischen Anteil davon. Es ist daher angezeigt, bei Auftreten von plastischen
Verformungen für deren Gesamtausmaß nicht mehr von einer POISsoNschen
Zahl für die seitlichen Verformungen zu sprechen. Keinesfalls aber soll man dann
aus der gesamten seitlichen Verformung einen Wert dafür herleiten wollen.
Auf den primären Spannungszustand im Gebirge übergehend, besagen diese
Überlegungen, daß der Zusammenhang zwischen der Seitendruckziffer und der
PorssoNschen Zahl gemäß GI. (3) nur im elastischen Bereich gültig ist.
Die größte Hauptdruckspannung ist im Gebirge im allgemeinen lotrecht ge-
richtet. Diese Regel kann aber häufig durch Rückwirkungen, die sich aus der
Geländeform ergeben und durch tektonische Spannungen gestört sein. Wenn
aber infolge von tektonischen Störungen auch im elastischen Bereich die Seiten-
druckziffer nicht dem aus der PorssoNschen Zahl hergeleiteten Wert entspricht,
so ist damit nichts gegen die Gesetzmäßigkeit gemäß GI. (3) gesagt. Wenn man
beispielsweise festgestellt hat, daß in einer Kraftwerkskaverne in den snowy
mountains die primären waagrechten Pressungen im Gebirge um 20% größer
waren als die lotrechten Druckspannungen [142a], so ist das nur ein Beweis für
das Bestehen von tektonischen Spannungen, nicht aber ein solcher gegen die
Gesetzmäßigkeit des elastischen Verhaltens. Physikalische Gesetzmäßigkeiten
können nicht dadurch ausgeschaltet werden, daß man ihre Störung durch fremde
Wirkungen gegen sie ins Treffen führt. Im übrigen wird durch die im Kap. IV
wiedergegebenen Beobachtungstatsachen über den echten Gebirgsdruck die
überragende Bedeutung des lotrechten Druckes der Überlagerung dadurch be-
stätigt, daß mäßige Gebirgsdruckerscheinungen und Bergschläge mit großer
Regelmäßigkeit an den Ulmen auftreten.
Infolge des Umstandes, daß die Zusammendrückbarkeit des Gebirges im
lotrechten Sinn durch die Verhinderung der Seitendehnung beeinträchtigt wird,
ergibt sich im elastischen Halbraum für das Verhältnis der Pressung Pv zur
Dehnung Cv ein höherer Wert des so definierten Elastizitätsmoduls. Es muß aber
festgehalten werden, daß dieses Verhältnis im Gegensatz zum Elastizitätsmodul
schlechthin (YouNGscher Modul) nur ein fiktiver Elastizitätsmodul E, ist, weil ja
der YouNGsche Modul für den einachsigen Spannungszustand bei vollständig
freier seitlicher Dehnmöglichkeit festgelegt ist. Nachdem hierüber nicht selten
widersprechende Auffassungen bestehen, soll diese bekannte Tatsache durch
Herleitung des Wertes des scheinbaren Elastizitätsmoduls erhärtet werden.
Die lotrechte Zusammendrückung Cv eines Einheitswürfels, der aus dem
elastischen Halbraum herausgeschnitten gedacht ist, hat in den waagrechten
Flächen die Spannung Pv und in den lotrechten Seitenflächen die waagrechten
1
Pressungen Ph = AOPv = - - 1 Pv zu tragen. Die lotrechte Zusammenpressung
beträgt daher m -
g

(4)

Hieraus folgt der scheinbare Elastizitätsmodul für den elastischen Halbraum bei
lotrechter Belastung zu

E - E mg{mg - 1) (5)
J - g (mg + 1) (mg - 2)'
24. Grenze zwischen dem elastischen und latent-plastischen Bereich der Erdkruste 55

24. Grenze zwischen dem elastischen und latent-plastischen Bereich


der Erdkruste
Die überlagerungshöhe hat auf den primären Spannungszustand des Gebirges
und damit wieder auf dessen Zustandsform einen entscheidenden Einfluß. Diese
Tatsache gibt den Anlaß zur Untersuchung, wie sich die Erdkruste in Tiefen, die
der Tunnelbau erreicht hat bzw. zu erreichen beabsichtigt, verhält. In der Nähe
der Erdoberfläche ist der Zustand des Gebirges elastisch, d. h. der innere Gleit-
widerstand ist größer, als die von der Überlagerung hervorgerufenen Schub-
spannungen. Die im vorher-
gehenden Abschnitt herge- c
leitete Beziehung für die
Seitendruckziffer "'0 ergibt im
Spannungsdiagramm
vom Ursprung ausgehende
eine C'
----
unter dem Winkel (Je geneigte
Gerade G, die im elastischen
Bereich der Erdrinde als L
Einhüllende aller Span-
nungskreise aufzufassen ist
(Abb.28). Der Winkel (Je läßt
sich aus der Gleichung
. 1 - ).0 Abb. 28. Die Grenze zwischen dem elastischen und latent-plastischen
sm (Je = 1 + ).0 (6) Bereich der Erdkruste

ermitteln.
In der nachstehenden Tab. 6 wird der Zusammenhang zwischen der POlS-
sONschen Zahl des Gebirges m g , der Seitendruckziffer "'0 und dem Winkel (Je =
+ .1:
1-),
arcsin 1. dargestellt.

Tabelle 6. Zusammenhang zwischen der Poissonschen Zahl des Gebirges m g , der Seitendruck
ziffer .10 und dem Winkel (!e

. 1 - ..,
mg "'~ _1_
m g - 1 sm Qe ~ 1 + ", Qe

3 0,500 0,333 19°


4 0,333 0,500 30°
5 0,250 0,600 37°
6 0,200 0,667 42°
7 0,167 0,714 46°
8 0,143 0,750 49°

Die Gerade G ist aber mit wachsender Tiefe unter der Erdoberfläche nicht
unbegrenzt anwendbar. Der elastische Zustand geht in den latent-plastischen
über, wie die nachfolgenden Überlegungen zeigen. Trägt man im Diagramm
Abb.28 die MOHRsehe Grenzlinie C ein, so ergibt sich ein Schnittpunkt S der
Geraden G und der Grenzlinie C. Der Kreis K g , welcher sowohl die Gerade G als
auch die MOHRsche Grenzlinie C berührt, kennzeichnet den Spannungszustand
und damit die überlagerungshöhe, wo der elastische Zustand des Gebirges in den
latent-plastischen übergeht. Der Spannungskreis K e in der Abb. 28 gilt beispiels-
weise für den elastischen Bereich, der Kreis K p für den plastischen Bereich. Der
übersichtlichkeit halber ist im Diagramm auch der der einachsigen Gebirgsdruck-
festigkeit aga entsprechende Spannungskreis K a eingezeichnet. Man erkennt
daraus, daß die Grenzspannung a gg zwischen elastischem und latent-plastischem
56 H. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

Bereich viel größer ist, als die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit (lgd' und daß
deshalb auch die Überlagerungshöhe, die für die Grenze zwischen dem elastischen
und dem latent-plastischen Bereich gilt, viel tiefer liegt als HEIM bekannt sein konnte.
Dies ist auch der Grund, weshalb seine dem Wesen nach richtige und geniale
Auffassung vom latent-plastischen Verhalten des Gebirges mißverstanden wurde
und eine zahlreiche Gegnerschaft auf den Plan rief.
Die Lage des Kreises K g und damit die Größe der Normalspannung ägg hängt
von der Form der Grenzkurve 0 und von der Neigung der Geraden G ab. Weil
aber die Grenzkurve 0 allem Anschein nach eine waagerechte Asymptote besitzt
[97], ist ein Schnittpunkt S und damit der Grenzkreis K g unter allen Umständen
vorhanden.
Die Grenzkurve 0 gilt im Sinne der Darlegungen des Abschn. 13 unter der
theoretischen Voraussetzung eines unvermittelten überganges der elastischen in
die plastischen Verformungen, wie sie in Abb.21 dargestellt wurde. Ein solch
schroffer Übergang ist aber nicht vorhanden, sondern die plastischen Erschei-
nungen beginnen bereits bei der überschreitung der Elastizitätsgrenze. Für den
Beginn der plastischen Verformungen hat man also im MOHRSchen Diagramm
eine Grenzlinie 0' anzunehmen, wie sie in Abb. 28 durch eine strichlierte Linie
angedeutet wurde. Sobald ein Spannungskreis diese Linie berührt, ist bereits
mit dem Eintreten von bleibenden Verformungen zu rechnen.
Die plastische Verformung entwickelt sich im Erdinneren gegen freie Ober-
flächen hin, sofern solche vorhanden sind, also gegen Spalten und sonstige Hohl-
räume im Gebirge. In einer Tiefenlage, die der Grenze des latent-plastischen Zu-
standes entspricht, werden daher alle Klüfte im Gebirge geschlossen sein und keine
Hohlräume mehr bestehen.
Unter Drücken einer Gesteinsschicht von 12 km und mehr Dicke muß sich das
Innere der Erde verhalten wie eine zähe Flüssigkeit [45]. Es wird sodann unmög_
lich, einen Unterschied zwischen festem und flüssigem Zustand zu machen.
Steinsalz quillt bereits unter einer 1 km mächtigen Gesteinsschicht in Spalten
empor [138d]. HOSKINS berechnet, daß leere Spalten bis zu 6520 m, mit Wasser
gefüllte Klüfte aber bis zu 10350 m offen stehen können. Die Genauigkeit, mit
der er dies getan hat, darf nicht stören.
Es kann also kein Zweifel darüber bestehen, daß sich von einer bestimmten
Tiefe unter der Erdoberfläche beginnend, das Gebirge in latent-plastischem Zu-
staQd befindet. Diese erstmals von HEIM vertretene Auffassung kann heute kaum
mehr bestritten werden.

25. Einfluß der Anisotropie des Gebirges auf den primären


Spannungszustand
Die Anisotropie des Gebirges ist meist durch Flächen mit geringem Scher-
widerstand (vorgebildete Gleitflächen) gegeben, die ungemein häufig zu beobachten
sind. Für ihr Entstehen können folgende Ursachen in Betracht gezogen werden.
a) Schieferungsflächen können als vorgegebene Gleitbahnen gelten. Dabei ist
noch zu beachten, daß besonders bei Phylliten an den Schieferungsflächen eine
Zersetzung der Glimmermineralien möglich ist, deren Ergebnis tonige Beläge
(Serizit) bilden, durch die dann die Gleitwilligkeit außerordentlich begünstigt
wird.
b) Tektonische Bewegungen auf Schichtfugen bzw. auf Schieferungsflächen
sind die Ursache von Harnischen, die besonders bei glimmerreichen Gesteinen
spiegelblank und vollkommen glatt sein können. Außerdem kann durch tektonische
Bewegungen das der Gleitfläche benachbarte Gestein zermahlen sein, wobei es
Eigenschaften angenommen hat, die von jenen eines Kluftlettens nicht wesentlich
abweichen.
25. Einfluß der Anisotropie des Gebirges auf den primären Spannungszustand 57

c) Durch Änderung der Sedimentationsbedingungen kann die Schichtung


durch Absetzungen unterbrochen worden sein, die bei der späteren Umbildung des
Sediments zu einem kristallinen Gestein Einlagerungen von erhöhter Gleitwilligkeit
bilden. In der Regel handelt es sich hierbei um tonige, glimmerreiche oder seri-
zitische Zwischenschichten.
d) Spalten im Gestein, die auf tektonische Ursachen zurückzuführen sind,
können mit tonigem und lehmigem Material gefüllt sein. Hinsichtlich der Poren-
ziffer und der Konsistenzform, die in solchen Zwischenmitteln in Abhängigkeit
vom Druck herrschen, sind alle Möglichkeiten offen. Das tonige Zwischenmittel
kann in einer weichplastischen oder sogar breiigen Zustandsform auftreten,
wobei die Scherfestigkeit und die Gleitzahl auf ein Minimum absinken.

+0"

Abb. 29. Einfluß der durch Gesteinsschieferung gegebenen Anisotropie auf den primären Spannungszustand
des Gebirges

Sofern keine Scherfestigkeit angenommen werden kann, bleibt nur die Reibung
übrig, die sich aus der Unebenheit der vorgebildeten Gleitflächen ergibt.
Um den Einfluß der Anisotropie des Gebirges auf seinen primären Spannungs-
zustand zu untersuchen, wird ein geschiefertes Gebirge betrachtet. Seine Eigen-
schaften seien dadurch gekennzeichnet, daß parallel zu den Schieferungsflächen
keine Scherfestigkeit besteht, und daß in diesen Flächen der Winkel des inneren
Gleitwiderstandes kleiner ist als in allen anderen Flächen. Der lotrechte
Uberlagerungsdruck sei Pv = yuh und der waagerechte p" = Aoyuh. Hierbei sei
der Einfachheit halber angenommen, daß trotz der Schieferung Isotropie hin-
sichtlich der POIssoNschen Zahl besteht. In der Abb. 29 ist der dieser Beanspru-
chung zugehörige Spannungskreis eingezeichnet. Die als Gerade G angenommene
MOHRSche Grenzlinie gilt für alle Flächen, mit Ausnahme der Schieferungsflächen.
Sie ist durch die einachsige Druckfestigkeit des Gebirges und durch den Winkel
des inneren Gleitwiderstandes (lu bestimmt. In den Schieferungsflächen ist voraus-
setzungsgemäß keine Scherfestigkeit vorhanden, weshalb die dafür geltende
Grenzlinie G1 durch den Ursprung des Spannungsnetzes geht und unter dem
Winkel (lgl gegen die Spannungsachse geneigt ist. (lgl ist den getroffenen Annahmen
58 11. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

entsprechend kleiner als {!g. Der Pol des dargestellten Spannungszustandes ist der
Punkt P. Wenn die Schieferungsflächen unter dem Winkel ±ßmin oder ±ßmax
gegen die Waagrechte geneigt sind, befindet sich das Gebirge im plastischen
Grenzzustand. Für Neigungswinkel IßI< ßmin oder IßI > ßmax ist das ungestörte
Gebirge im elastischen Zustand. Die Winkel ±ßmin und ±ßmax geben die Grenze
jener Winkelbereiche für die Neigung der Schieferungsflächen an, für die im un-
gestörten Gebirge primär ein latent-plastischer Zustand herrscht. Der durch die
Punkte Ql und Q2 festgelegte Winkel ± ßopt gibt das den latent-plastischen Zu-
stand am stärksten begünstigende Einfallen der Schieferungsflächen an.
Um dieses Verhalten analytisch zu verfolgen, wird mit Hilfe von Abb. 29 der
Ansatz
Äoygh _ sin (ßmax,rrrln - egl)
y gh(1 - Äo) cos ßmax,mJn - sin egl
(7)

gebildet, dessen Auswertung zu dem Ergebnis

tanß . - 1 - Äo _ _ 1_ ± 1/(1 - ÄO)2 1 1 (8)


max, mm - Äo 2 tan egl V Ä~ 4 tan2 egl - Äo

führt. Der Winkelbereich ßmax - ßmin ist also im gegebenen Falle, wo die Scher-
festigkeit des Gebirges (Kohäsion) in den Schieferungsflächen vernachlässigt
wurde, nur vom Winkel des inneren Gleitwiderstandes in den Schieferungsflächen
{!U1 und von der Seitendruckziffer ;'0 abhängig.
An einem. Beispiel, wo für (]gl = 30° gewählt wurde, zeigt sich, daß für
wachsende Werte von ;'0 der Winkelbereich ßmax - ßmin schrumpft und für
;'0 = 0,49 verschwindet. Dies ist ein Zeichen dafür, daß nur für Werte der Seiten-
druckziffer ;'0 > 0,49 primär elastisches Verhalten des geschieferten Gebirges
möglich ist. Das Ergebnis dieser Untersuchungen wird bei der Behandlung des sekun-
dären Spannungszustandes im Gebirge und bei der Frage der Bemessung ver-
wertet werden.
Diese Darlegungen sind eine Bestätigung des bekannten Umstandes, daß der
primäre Spannungszustand des Gebirges in Berglehnen durch die Anisotropie
stark beeinflußt werden kann. Bei einseitig talwärts gerichtetem Fallen von
Schichtfolgen kann eine Abhängigkeit des überlagerungsdruckes von der Neigung
der Schichten bestehen. übersteigt der Neigungswinkel ß einen bestimmten Be-
trag (Abb.29), dann ist der überlagerungsdruck nicht lotrecht gerichtet und seiner
Größe nach nicht 'J'gh sondern schräg und beträgt 'J'gh:sinß.

26. Der primäre Spannungszustand im kohäsionslosen Lockergebirge


Die Untersuchungen über den primären Spannungszustand im kohäsions-
losen Lockergebirge machen es notwendig, den Halbraum, d. h. eine durch eine
ebene Oberfläche begrenzte, aber sonst nach allen Richtungen bis ins Unendliche
sich erstreckende homogene und isotrope Gebirgsmasse in Betracht zu ziehen.
Wenn man vorerst eine waagerechte Begrenzung der Oberfläche annimmt, so
herrscht in einem Punkt des Halbraumes, der in der Tiefe h unter der Gelände-
oberfläche liegt, eine lotrechte Spannung Pv = 'J' gh. Sie ist gleichzeitig eine Raupt-
spannung. Der Spannungszustand in diesem Punkt ist gegeben, wenn man die
Größe der beiden horizontalen Hauptspannungen PA kennt. Sie sollen zur lotrechten
Hauptspannung ins Verhältnis gesetzt und durch die Formel

(9)
ausgedrückt werden, wobei die Größe ;'0 die Seitendruckziffer (Ruhedruckziffer)
ist. Die Bezeichnung Ruhedruckziffer ist in der Bodenmechanik gebräuchlich.
26. Der primäre Spannungszustand im kohäsionslosen Lockergebirge 59

Sie soll daher auch für das Lockergebirge Anwendung finden, während für den
Fels die Bezeichnungsweise Seitendruckziffer beibehalten wird. Diese wichtige
Größe ist theoretisch nicht bestimmbar, sie muß auf experimentellem Wege er-
mittelt werden. Nur Grenzwerte können dafür angegeben werden, die allerdings
nicht sehr weit gespannt sind. Als Richtlinie mögen die nachstehend angeführten
Werte dienen:

für dicht gelagerten Sand AO = 0,40-0,45


für locker gelagerten Sand Ao = 0,45-0,50

Versuche, die im Zusammenhang mit dem Bau des Donnerbühl-Tunnels in


Bern ausgeführt wurden [103], haben für die Ruhedruckziffer in kohäsionslosem
Sand, dessen Gleitwinkel !2g = 35° betrug, Werte ergeben, die etwas höher
zwischen }'o = 0,50 und Ao = 0,53 lagen (s. Abschn. 63).
Um den geschilderten Spannungszustand näher zu beschreiben, bedient man
sich am zweckmäßigsten des MOHRschen Spannungskreises (Abb. 30). Wenn auf
der Abszissenachse die Hauptspannungen Pli und Pv aufgetragen werden, so be-
stimmen diese Punkte den Spannungskreis. Um die Grundlage für die Ermittlung
der Spannungen in jeder beliebigen Ebene zu gewinnen, zieht man durch einen
der beiden Spannungspunkte eine Gerade parallel zu der Ebene, in der die Span-
nung wirkt, also durch den Pv entsprechenden Spannungspunkt 8 2 eine Waag-
rechte oder durch den Pli entsprechenden Punkt 8 1 eine lotrechte Gerade. Die
Geraden schneiden bzw. berühren den Spannungskreis im seI ben Punkt, dem Pol P
des Spannungszustandes. Zieht man durch den Pol eine Parallele zu jener Ebene EI'
für die der Spannungszustand ermittelt werden soll und bringt sie mit dem
Spannungskreis zum Schnitt, so erhält man als Koordinaten des Schnitt-
punktes Ql die Normalspannung a1 und die Schubspannung Tl> die in der Ebene
EI herrschen.
Nachdem kohäsionsloses Lockergebirge vorliegt, können seine Festigkeits-
eigenschaften durch eine einzige Größe, den Winkel des inneren Gleitwiderstandes
(!g oder die Gleitzahl tan(!g gekennzeichnet werden. Die Beziehung, die zwischen
der Druckspannung a und dem Schubwiderstand T bei Überwindung des inneren
Gleitwiderstandes besteht, ist durch das CouLoMBsche Gesetz

T = atan(!g (10)

festgelegt; damit sind aber auch die Grenzwerte für die Ruhedruckziffer Ao ge-
geben. Im MOHRschen Diagramm wird die Beziehung GI. (10) durch eine Gerade
dargestellt, die unter dem Winkel (!g gegen die Abszissenachse geneigt ist. Wenn
man einen Spannungszustand (Pv, Ph) betrachtet, dessen Spannungskreis die
Grenzlinie weder schneidet noch berührt, so soll der dadurch gekennzeichnete
Zustand des Lockergebirges als elastisch bezeichnet werden. Mit dieser Bezeich-
nung soll aber keinesfalls eine Gesetzmäßigkeit zwischen Spannung und Dehnung
ins Auge gefaßt, sondern nur zum Ausdruck gebracht werden, daß eine infinitesi-
male Änderung der Spannungen nur eine unendlich kleine Verformung zur Folge
hat. Im Gegensatz dazu soll der plastische Zustand des Lockergebirges dadurch
gekennzeichriet sein, daß bei einer unendlich kleinen Vermehrung der lotrechten
Hauptspannung Pv oder Verminderung der waagrechten Hauptspannung Pli eine
bleibende Verformung eintritt. Dieser Fall ist im MOHRschen Diagramm dadurch
gekennzeichnet, daß der Spannungskreis die Grenzlinie berührt; wird also durch
den Spannungskreis K a dargestellt. Aus der Abb.30 geht hervor, daß es eine
zweite Art des plastischen Zustandes gibt, wo Pli größer ist als Pv. In diesem Falle
führt eine Vergrößerung von Ph oder eine Verkleinerung von Pv den plastischen
60 II. Der primäre Spannungszustand des Gebirges

Zustand des Lockergebirges herbei. Die durch die Spannungskreise K a und K p ge-
kennzeichneten Spannungszustände stellen den RANKINEschen Spannungs-
zustand dar.

rP7r. ",
I I
:. : p7J-T==--';
:--tlRaJ--..l
:. (1)-~--'

Abb. 30. Zur Kennzeichnung des RANKINEBchen Spannungszustandes im kohäsionslosen Lockergebirge. (Die
Abb. 30, gültig für den RANKINEschen Spannungszustand, wurde auch für jenen im.kohäBionslosen Lockergebirge,
gegeben durch P. und PA, herangezogen)

27. Der Rankinesche Spannungszustand


im kohlisionslosen Lockergebirge
Für den RANKINEschen Spannungszustand sind die Seitendruckziffern ÄRa
und ÄRp , erstere für den aktiven, letztere für den passiven Grenzzustand bei
Kenntnis des Winkels des inneren Gleitwiderstandes bestimmbar.

Ä
Ra
= 1 - sin!!g =
1 + sin!!g
tan2 (45 0 - !!o)
2,
(11)
Ä
Rp
= 1 + sin!!11
1 - sin!!g = tan 2 (45
0
+ !!;).
Diese Beziehungen lassen sich aus dem MOHRSchen Diagramm (Abb.30) in der
bekannten Weise herleiten. Die Größen ÄRa und ÄRP gelten für den Grenzzustand
des Gleichgewichtes im kohäsionslosen Lockergebirge und geben daher gleich-
zeitig die Grenzen für die Ruhedruckziffer Äo an, d. h. Äo muß größer sein als ÄRa
und kleiner als ÄRp '
Jede plastische Durchbewegung des Gebirges ist durch innere Gleitungen ge-
kennzeichnet, welche seine bleibende Formänderung herbeiführen. Die Gleit-
flächen sind im allgemeinen gekrümmt; nur für den RANKINEschen Sonderfall ver-
laufen sie eben. Die Gleitflächenrichtungen, gegeben durch die Geraden Ga und Gp ,
sind aus dem MOHRschen Spannungskreis unmittelbar ablesbar.

28. Der primäre Spannungszustand im bindigen Lockergebirge


Während im kohäsionslosen Lockergebirge die Struktur und die Lagerungs-
dichte von der Art, wie das klastische Sediment gebildet WUI'de, abhängig ist,
trifft dies für die kontinentalen Lehm- und Tonlager nicht zu. Infolge der Form
und der Biegsamkeit der schuppenförmigen Teilchen des Tones wird sein Poren-
volumen nicht genetisch, d. h. von den Sedimentationsbedingungen beeinflußt;
es wird vielmehr vornehmlich durch den Druck bestimmt, unter dem das Material
29. Kennzeichnung der durchzuführenden Untersuchungen 61

steht oder gestanden hat. Die oberste Schicht der Lehm- oder Tonböden besitzt
lufterfüllte Hohlräume und weist daher Krümelstruktur auf. In tiefen Schichten,
die für den Tunnel- und Stollenbau in Betracht kommen und wo größerer Druck
der überlagerung herrscht, sind die Poren der kontinentalen Ton- und Lehmmassen
luftfrei und mit Wasser gefüllt. Es ist also im allgemeinen anzunehmen, daß in
solchen Massen, die seit geologischen Zeiträumen unter unv,eränderlichem Druck
stehen, das Porenvolumen dem überlagerungsdruck entspricht, womit auch die
aus dem Druckporenziffer-Diagramm sich ergebende Porenziffer gegeben und
damit die Konsistenzform festgelegt ist.
Jede Druckänderung hat eine Änderung des Porenvolumens und damit eine
Strömung des Porenwassers zur Folge. Diese Strömung erfolgt mit Rücksicht
auf die außerordentlich geringe Durchlässigkeit der Ton- oder Lehmmassen sehr
langsam, insbesondere dann, wenn der freie Abzug des überschüssigen Wassers
behindert ist, so daß die Möglichkeit besteht, daß örtliche Bereiche trotz großer
Tiefenlage auch heute noch in einer plastischen Konsistenzform angetroffen
werden. Ganz besonders gilt dies dann, wenn ausgedehnte, mit Lehm- oder Ton-
massen gefüllte Felshohlräume angefahren werden, wo sie auch in größerer Tiefe
unter der Erdoberfläche nur unter geringem Druck, meist auch unter Wasser
stehen, so daß ihre Zustandsform weichplastisch oder gar zähflüssig sein kann.
Solche Vorkommen überraschen den Tunnel- oder Stollenbau dann mit Schlamm-
einbrüchen. Auch wenn die Tonmassen steifplastisch sind, erfordern sie
besondere Maßnahmen. Sie stören den Arbeitsfortschritt, weil sie beim Ausbruch
eine Umstellung der Bauweise und bei den Auskleidungsarbeiten eine konstruk-
tive Sonderbehandlung notwendig machen.

KapitelIII

Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

29. Kennzeichnung der durchzuführenden Untersuchungen


Die Erörterung des im Gebirge herrschenden sekundären Spannungszustandes
hat den nach der Herstellung des Tunnel- oder Stollenausbruches, also nach der
Schaffung des Hohlraumes entstehenden Spannungszustand zum Gegenstand.
Die Untersuchungen darüber befassen sich zunächst mit festem Fels und sind
daher elastizitätstheoretischer Natur; sie werden aber später durch Behandlung
der Plastizitätserscheinungen erweitert. Außerdem kommen die Verspannung
im kohäsionslosen Lockergebirge und das Schwellen von bindigem Lockergebirge
zur Sprache.
Bei den Untersuchungen wird im allgemeinen die stützende Wirkung eines
zeitweiligen oder dauernden Ausbaues nicht in Betracht gezogen. Im kohäsions-
losen Lockergebirge kann aber ein solcher Zustand auch vorübergehend nicht
bestehen bleiben; aus diesem Grunde werden die Erscheinungen untersucht, die
sich dann zeigen, wenn stützende Teile nachgeben, wenn also die Firstverzimme-
rung des Stollens absinkt oder wenn die Ulmenverzimmerung unter der Wirkung
der seitlichen Belastung gegen den Stollenhohlraum hin ausweicht.
Im Lockergebirge kann aber auch der Fall eintreten - und er ist glücklicher-
weise sehr häufig -, daß das Vorhandensein einer geringen echten oder schein-
baren Kohäsion ausreicht, um den Ausbruchshohlraum wenigstens vorüber-
gehend offen zu halten und so die Zeit zu gewinnen, die für die Anordnung einer
nachträglichen Verzimmerung oder eines sonstigen zeitweiligen Ausbaues not-
62 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

wendig ist; dann kann eine Getriebezimmerung vermieden bleiben. Ein Sonder-
fall liegt im bindigen Gebirge vor, wo der Hohlraum gleichfalls oft kurze Zeit
ohne Ausbau belassen werden kann; unter dieser Voraussetzung werden die zu
erwartenden Schwellerscheinungen behandelt.
Wenn der primäre Spannungszustand des Gebirges elastisch war, bestehen
für den sekundären,. also nach der Durchörterung im vorerst unverkleideten
Gebirge auftretenden Spannungszustand zwei Möglichkeiten. Entweder der Zu-
stand bleibt elastisch, dann gelten für die statische Beurteilung die Gesetze der
Elastizitätstheorie ; das Gebirge ist, abgesehen von Auflockerungserschei-
nungen, standfest. Wenn aber nach der Durchörterung die Druckfestigkeit des
Gebirges überschritten wird, dann treten sekundär plastische Erscheinungen auf.
Nur bei bindigem Gebirge ist dann ein bruchloser Fließvorgang bei jeder Be-
lastung möglich. Bei festem Fels bildet der plastische Vorgang im weiteren Sinn
des Wortes, der mit Brucherscheinungen verbunden ist, die Regel. Pseudofeste
Gesteine nehmen eine Zwischenstellung ein.
Die im Gebirge auftretenden plastischen Vorgänge, die meist mit Brucherschei-
nungen Hand in Hand gehen, lassen sich mit dem landläufigen Begriff der Plasti-
zität nicht vereinbaren. In der angewandten Mechanik bezeichnet man mit dem
Ausdruck plastisches Fließen die fortlaufende Verformung bei gleichbleibendem
Spannungszustand. Das plastische Fließen ist insbesondere bei höheren Be-
lastungen mit Strukturstörungen verbunden. Dies gilt für kleine Probekörper
ebenso wie für das Gebirge, wobei der Modellmaßstab zu berücksichtigen ist.
Das Auftreten von Brucherscheinungen soll daher kein Hindernis sein, von pla-
stischen Vorgängen zu sprechen. Ganz ähnliche Überlegungen gelten in der Boden-
mechanik. Wenn der Spannungskreis die MOHRsche Grenzlinie berührt, löst eine
geringe Steigerung der größten oder Verminderung der kleinsten Hauptspannung
eine fortlaufende Verformung aus, die man auch bei kohäsionslosem Lockergebirge
als plastisches Fließen bezeichnet [144 b], obwohl beispielsweise ein solches Ge-
birge keineswegs als plastisch im gewöhnlichen Sprachgebrauch anzusehen ist.
Es ist der Vorschlag gemacht worden, für das plastische Verhalten des Ge-
birges, das mit Bruchvorgängen verbunden ist, die Bezeichnung pseudoplastisch
anzuwenden, doch scheint dies bei der Behandlung der geomechanischen Probleme
des Tunnel- und Stollenbaues ebensowenig nötig zu sein, wie in der Bodenmecha-
nik.

30. Elastizitätstheorie des dickwandigen Rohres

Um die durchzuführenden Untersuchungen theoretisch zu stützen und um die


Grundlage für viele später zu behandelnde Aufgaben zu gewinnen, ist es zweck-
mäßig, eine kurze Darstellung der Elastizitätstheorie des dickwandigen Rohres zu
geben [32]. Dies ist nicht nur zur Erleichterung des Verständnisses der später zu
entwickelnden Beziehungen notwendig, sondern es soll damit auch gleichzeitig
eine einheitliche Bezeichnungsweise festgelegt werden, die in den folgenden Unter-
suchungen laufend zur Anwendung kommen wird.
Vorerst muß die Frage geklärt werden, ob man im Tunnel- oder Stollenbau
einen ebenen Spannungs- oder einen ebenen Formänderungszustand als gegeben
annehmen soll. Beim ebenen Spannungszustand wirken alle auftretenden Span-
nungen in den Querschnittsebenen des langgestreckten Bauwerkes und senkrecht
zu den Querschnittsebenen werden keine Spannungen übertragen. Dieser Span-
nungszustand ist im Gebirge nicht vorhanden, aber er kann annähernd auftreten,
wenn senkrecht zur Tunnel- oder Stollenachse verlaufende offene Spalten die
Kontinuität des Gebirge unterbrechen und damit eine Spannungsübertragung in
der Längsrichtung des Bauwerkes beeinträchtigen oder verhindern. Die Aus-
mauerung ist durch Ringe unterteilt, deren Fugen sich infolge des Schwindens des
30. Elastizitätstheorie des dickwandigen Rohres 63

Betons öffnen und damit im gleichen Sinn wirken. Beim ebenen Formänderung8-
zU8tand erfolgen alle Verschiebungen in einer senkrecht zur Tunnel- oder Stollen-
achse verlaufenden Querschnittsebene. Um dies zu erzwingen, sind senkrecht zu
den Querschnittsebenen Spannungen notwendig, und es liegt ein dreiachsiger
Spannungszustand vor. Ein solcher wurde im Gebirge auch bei der Ermittlung der
Seitendruckziffer anläßlich der Betrachtung des primären Spannungszustandes
angenommen (Absehn. 23). Ein ebener Formänderungszustand ist an die Bedin-
gung der Kontinuität sowohl des Gebirges als auch der Ausmauerung gebunden.
Offene Spalten des Gebirges und Ringfugen der Auskleidung unterbrechen sie.
In Wirklichkeit ist also
keiner der beiden Idealfälle,
weder der ebene Span-
nungszustand noch der
ebene Formänderungszu-
stand, gegeben. Die Span-
nungen, die senkrecht zu
den Querschnittse benen wir- c
ken' sind aber meist nicht
von Interesse, weshalb
die elastizitätstheoretische
Behandlung der Aufgaben
des Tunnel- und Stollen-
baues der Einfachheit hal-
ber unter der Vorausset-
zung eines ebenen Span- /
nungszustandes erfolgt. Et- I
I

was anders liegen die Dinge I /

bei der Anwendung der


MOHRsehen Theorie, welche
~r~~
im gegebenen Falle die Vor- Abb. 31a - d. Zur Elastizitätstheorie des dickwandigen Rohres
aussetzung beinhaltet, daß
für ein Element des Gebirges die größte und die kleinste Hauptspannung in
der Querschnittsebene wirken, während die dritte, parallel zur Tunnel- oder
Stollenachse bestehende Hauptspannung einen dazwischenliegenden Wert be-
sitzt, wobei die Grenzen des Intervalls mitinbegriffen sind. Der Einfluß dieser
dritten Hauptspannung kann vernachlässigt werden. Damit schafft die MOHRsehe
Theorie die Möglichkeit, auch bei Bestehen eines ebenen Formänderungszustandes
die Aufgaben des Tunnel- und Stollenbaues als ebenes Spannungsproblem zu
behandeln. Durch die logische Konsequenz in der Anwendung der MOHRsehen
Theorie werden somit Einblicke gewonnen, die zwar nur näherungsweise gelten,
anders aber keinesfalls in so einfacher und übersichtlicher Form zu erzielen wären.
Wegen der für das dickwandige Rohr vorauszusetzenden Drehsymmetrie der
Anordnung und Belastung (Abb. 31a), die auch von den Aufgaben des Tunnel-
und Stollenbaues vorgezeichnet wird, empfiehlt es sich bei der Herleitung der
geltenden Beziehungen Polarkoordinaten zu wählen. Die Form des Bauwerkes
weist eindeutig darauf hin, die Aufgabe als ebenes Problem zu behandeln.
Der innere Halbmesser des Rohres sei ri' der äußere ra. Die elastischen Eigen-
schaften des Rohrmaterials seien durch den Elastizitätsmodul E und durch die
POISsoNsche Zahl m gekennzeichnet. Auf die innere Mantelfläche des Rohrzylinders
wirke der Druck Pi, auf die äußere der Druck Pa.
An dieser Stelle wird allgemein festgelegt, daß Druckspannungen grundsätz-
lich ein positives und Zugspannungen ein negatives Vorzeichen erhalten. Diese
Festlegung ist nicht in Einklang mit der in der Elastizitätstheorie gebräuchlichen
Regelung. Weil aber bei den zu behandelnden Problemen Zugspannungen sehr
64 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

selten auftreten, ist die getroffene Maßnahme zweckmäßig. Sie ist im übrigen
immer dann gebräuchlich, wenn Zugspannungen einen Ausnahmefall bilden und
besonders ins Auge springen sollen, so z. B. bei der statischen Berechnung von
Betonstaumauern.
Um eine Beziehung zwischen den elastischen Spannungen und der Verschie-
bung an irgendeiner Stelle des Rohres herzustellen, wird eine kreisringförmige
Lamelle betrachtet, deren innerer Halbmesser r ist und deren Dicke dr beträgt.
Wegen der herrschenden Drehsymmetrie gelten die in radialer Richtung auf-
gestellten Beziehungen für jeden Punkt der Lamelle. Unter dem Einfluß der auf
die Mantelflächen des Rohres wirkenden Druckspannungen erfährt der Innen-
rand der Lamelle eine Verschiebung u und der Außenrand eine solche u +
du.
Die Dicke der Lamelle, die ursprünglich dr betrug, erfährt daher eine Änderung
vom Ausmaß du.
Die Dehnung in tangentialer Richtung ergibt sich entsprechend der Größe
des Umfanges der Lamelleninnenseite, während die radiale Dehnung aus der
Abb. 31 b unmittelbar ablesbar ist. Die elastischen Dehnungen betragen daher
du U
Er = dr' Et = r. (1)

Die Elastizitätsgleichungen für den ebenen Spannungszustand lauten:

Er = ~
E (u -~)
r m
(2)
Et = E1 ( (Jt -
ar ) .
m

Wenn man nun die Formänderungsgrößen gemäß GI. (1) in die GI. (2) einsetzt,
erhält man für die Spannungen die Ausdrücke

Ur =
Em
m2 _
(dU
I m
U)
dr + r
(3)

(Jt
Em
= m2 _ 1 dr
(dU + m rU) .
Nunmehr wird aus der Lamelle mit der Dicke dr ein Element herausgeschnitten,
das den Zentriwinkel drp aufweist. Die Gleichgewichtsbedingung für dieses Ele-
ment liefert eine Beziehung zwischen den Spannungen Ur und (Jt in der Weise,
daß die Resultierende aus den beiden Tangentialkräften (J, dr der Differenz aus
den radial wirkenden Kräften gleichgesetzt wird. Damit erhält man die Beziehung

u, = -----ar
8 (ar r)
. (4)

In diese GI. (4) werden nun die Spannungen gemäß GI. (3) eingesetzt, womit man
nach einigen Umformungen die 'Differentialgleichung für die radiale Verschie-
bung u erhält; sie lautet

(5)

Die Lösung dieser hODlOgenen linearen Differentialgleichung 2. Ordnung ergibt


sich, wie sich einfach verifizieren läßt, in der Form

u
o
= Br +-. (6)
r
30. Elastizitätstheorie des dickwandigen Rohres 65
Hieraus folgt

(7)
du _ B _!:!...
dr - rZ •

Die Werte gemäß GI. (7) werden nun in die GI. (3) eingesetzt, womit man die
Abhängigkeit der Spannungen vom Radius r erhält.

(Ir = mZEm
_ 1 [ (m + 1) B - (m - C]
1) 1=2
(8)
(II = mZEm
_ 1 [ (m + 1) B + (m - C] .
1) 12

Diese beiden GI. (8) sollen zunächst dazu benützt werden, die zwei Integrations-
konstanten Bund 0 zu ermitteln; hierfür dienen die Grenzbedingungen

r = ri,
(9)
(Ir = Pa'
womit sich folgende Werte der Integrationskonstanten ergeben
m -1 1
B = Em aZ _ 1 (Paa 2 - Pi)
(10)

Die in GI. (10) eingeführte Hilfsgröße a soll das Verhältnis des Außenradius ra
zum Innenradius ri zum Ausdruck bringen.

(11)

Mit Hilfe der Integrationskonstanten B und 0 lassen sich nunmehr alle Span-
nungen und Formänderungen ausdrücken. Für die radiale Verschiebung u irgend-
eines Punktes des dickwandigen Rohres, dessen Halbmesser r ist, erhält man
zunächst .
_ m - 1 1 2 1 m + 1 r;
U - ~ a2 _ 1 (Pa a 1 - Pi) r ~ a2 _ 1 (Pa - +r Pt) . (12)

Die Verschiebung des Außenrandes U a ergibt sich aus GI. (12), wenn man statt r
den Halbmesser des Außenrandes r a einsetzt zu

r
ua = 1
-E ~1 {[m (a 2
ma -
- 1) + (m + 1)] Pa - 2mpi} . (13)

In der gleichen Weise erhält man für r = ri die Verschiebung des Innenrandes

(14)

Es bleiben nur noch die Spannungen zu ermitteln. Um sie möglichst einfach aus-
drücken zu können, wird die Hilfsgröße

(15)

5 Kastner, Statik
66 ill. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

eingeführt, uud man erhält unter Benützuug der GI.· (8)

(16)

Für den Innenrand des dickwandigen Rohres gilt


(17)

uud die Randspannuugen ergeben sich zu

(18)
2aB aB +1
Cfu = Pa aB _ 1 - Pi aB - 1.

Für den Außenrand des Rohres hat man


(19)

zu setzen uud die Randspannuugen ergeben sich wie folgt

Cfra = Pa
(20)
aB 1 + 2
Cf, a = Pa aB _ 1 - P. aB _ 1 .

Liegt eine unendlich ausgedehnte kreisförmig gelochte Scheibe vor, die nur an der
Lochwanduug durch den Druck Pi belastet ist, so gilt
ra = 00, IX = ra : r = 00, a = r a : ri = 00, (21)

außerdem ist Pa = 0 zu setzen uud es folgt

Cfri = Pi
(22)

31. Der sekundäre Spannungszustand im Fels

Der im Fels nach der Durchörterung auftretende sekundäre Spannungszustand


läßt sich auch dann, wenn die Spannuugen unter der Elastizitätsgrenze bleiben,
nur in einigen Sonderfällen theoretisch genau erfassen. Eine wichtige Voraus-
setzung ist die Homogenität und die Isotropie des Gebirges; sie ist zwar streng nie
erfüllt, es zeigt sich aber, daß diese Bedingung in vielen Fällen als bestehend an-
genommen werden darf. Allerdings ist für geschichtetes oder geschiefertes Ge-
birge auf alle Fälle eine Abweichung davon gegeben. Die Ansicht, daß Inhomo-
genität und Anisotropie wegen der hohen Druckvorspannung des Gebirges be-
deutungslos seien [36c], ist nicht zutreffend, weil ja beim Ausbruch eines Stollens
oder Tunnels eine Entspannuug eintritt.
Verhältnismäßig einfach gestaltet sich die elastizitätstheoretische Unter-
suchung des Spannuugszustandes in einer uuendlich ausgedehnten, kreisrund ge-
lochten Scheibe, in der primär, also vor der Lochuug, ein homogener Spannungs-
31. Der sekundäre Spannungszustand im Fels 67

zustand geherrscht hat. Diese Voraussetzung gilt mit um so besserer Annäherung,


je tiefer der Stollen oder Tunnel unter der Geländeoberfläche liegt, weil ja dann
die Berücksichtigung des Spannungszuwachses im lotrechten Sinne, also der
Massenkraft, im betrachteten Bereich ver-
nachlässigt werden kann.
Für die Ermittlung der Spannungen
werden Polarkoordinaten verwendet tPV
(Abb. 32). Die Radialspannungen seien
mit (Jr' die Tangentialspannungen mit (J,
und die Schubspannungen mit 7: bezeich-
net. Die in der Richtung der lotrechten
t
Achse f(J =0 wirkende primäre Druck-
spannung sei mit Pv, die parallel zur Achse
f(J = 90 0 wirkende waagrechte Druck-
spannung mit Pli = AoP" bezeichnet, wo-
bei Ao die Seitendruckziffer darstellt. Der
.
H albmesser d es Ausb ruch squersch mttes Abb. 32. Bezeichnungsweise bei der Ermittlung des
sekundären Spannungszustandes des Gebirges in
sei mit ra, der Halbmesser irgendeines Polarkoordinaten
Punktes der Scheibe mit r bezeichnet, zu
dessen Festlegung außerdem der Winkel f(J notwendig ist. Zur Vereinfachung der
Beziehungen wird die Hilfsgröße IX = r a : r eingeführt. Die Spannungen lassen
sich dann wie folgt darstellen

7: = - ~v (1 + 2IX2 - 3IX4 ) (1 - Ao) sin2f(J.

Von besonderem Interesse für die Gebirgsdrucklehre und für die Statik des Tunnel-
und Stollenbaues ist die Abhängigkeit des sekundären Spannungszustandes von
der Seitendruckziffer Ao. Es werden daher einige Sonderfälle behandelt, d. h. für
die Seitendruckziffer werden einige spezielle Annahmen getroffen, weil die dafür
geltenden Spannungswerte bei den späteren Untersuchungen benötigt werden.
a) Für Ao = 0, also für den einachsigen primären Spannungszustand, erhält man

(24)

7: = - ~v (1 + 2IX 2 - 3IX4 ) sin 2f(J.

Die Werte gemäß GI. (24) stellen jene Lösung dar, die KIRSCH 1898 auf Grund von.
Versuchsrechnungen gefunden hat. Es gelang ihm nämlich, durch Probieren den.
Ausdruck für die AIRysche Spannungsfunktion in der folgenden Form zu finden.
p r r
-i
2
F = 4v
IX
[1 - 2IX 2 (1 - IX 2)21n ~
IX
cos 2f(J]. (25)

Der Spannungszustand gemäß GI. (24) führt an den Ulmen, also für rp = 90°
und 270 0 zu einer Steigerung der tangentialen Randspannungen auf den Wert

5*
68 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

(Jt = 3pv' Dieses Ergebnis kann durch Einsetzen von .x = 1 in die GI. (24) ge-
wonnen werden, wonach sich die Spannungen wie folgt ergeben

(Jr = 0
(Jt = 3pv (26)

• =0.
über dem First und unter der Sohle treten tangentiale Zugspannungen auf.
Die Zugspannungsbereiche sind in der Abb. 33 eingezeichnet. Für den First ist
cp = 0, und die dort herrschenden Spannungen
betragen
(Jr = 0

(Jt = - Pv (27)

• = O.

b) Für .10 = 1, also für primär allseitig glei-


chen Druck p = Pv = Pli ist der Spannungszu-
stand drehsymmetrisch und die Spannungen
haben die Werte

(Jr = P (1 - .x2 )
Abb. 33. Bereich elastischer tangentialer
Zugspannungen fiber dem First und unter
der Sohle eines Stollenausbruches mit
(Je = P (1 + .x 2) (28)
kreisförmigem Querschnitt bei ausreichen-
der Zugfestigkeit des Gebirges • = O.

Für den Ausbruchsrand, also für .x = 1 gilt insbesondere

(Jr = 0

.=
(29)

o.
c) Ein dritter Sonderfall soll aus der Bedingung hergeleitet werden, daß im
First keine Zugspannungen auftreten, daß also für cp = O°,r = ra und .x = 1
die Bedingung gilt

(30)

woraus der Wert der Seitendruckziffer, der dieser Voraussetzung entspricht, zu


= 1/3 folgt. Der Stollenfirst bleibt also zugspannungsfrei, wenn die POIsSONsche
.10
Zahl kleiner als m g = 4 ist. Dabei nehmen die Spannungen folgende Werte an

(Ir = ~v [2 (1 - .x2 ) + (1 - 4.x 2 + 3iX4 ) cos 2cp]


(JI = ~v [2 (1 + .x 2) - (1 + 3.x 4) cos 2cp] (31)
32. Elastische Verformungen beim Ausbruch in standfestem Fels 69

32. Elastische Verformungen beim Ausbruch in standfestem Fels


Beim Ausbruch eines Tunnels oder Stollens, also beim Übergang vom primären
zum sekundären Spannungszustand, spielen sich elastische Formänderungen ab,
die nachfolgend für den kreisförmigen
Ausbruchsquerschnitt untersucht werden
sollen. Sie haben zwar für die Bean-
spruchung der Ausmauerung meist keine
Bedeutung, weil sie rasch vollzogen sind
und die Auskleidung des Tunnels oder
Stollens daher erst nach der Entspannung
-
erfolgt. Auch die elastische Nachwirkung
und das Kriechen des Gebirges werden im
Zeitpunkt des endgültigen Ausbaues abge-
klungen und daher ohne wesentliche Rück-
wirkung auf die Ausmauerung sein. Eine
Ausnahme kann jedoch bei großen Fels-
hohlräumen, z. B. bei Kavernen eintreten,
weil die elastischen Verformungen an und
für sich groß sind und weil bei der meist
üblichen abschnittsweisen Herstellung des
Ausbaues der Entspannungsvorgang noch
nicht abgeschlossen sein muß.
Der primäre Spannungszustand des Ge-
birges sei wieder durch die lotrechten Pres-
sungen Pv und die waagerechten Pressungen
Ph = AOPv gekennzeichnet. Dic überla-
gerungshöhe sei im Vergleich zur Abmes-
sung des Ausbruches groß. Zunächst wird
die lotrechte Verschiebung des Firstes be-
rechnet. Das Problem wird ebenso wie
früher als ebenes behandelt. Die sekun- Abb. 34. Primäre und sekundäre elastische Haupt-
spannungen in der lotrechten Querschnittsachse
dären Spannungen betragen gemäß GI. (23) eines kreisquerschnittigen Tunnelausbruches zur
Bestimmung der elastischen Verschiebung des
unter Berücksichtigung von Cf! ~ 0 Scheitelpunktes im First

(32)

.0 = o.
Sie sind in der Abb.34 dargestellt. Die Verschiebung des Scheitelpunktes im
First w wird in der Weise berechnet, daß man sie aus der Summe der lotrechten
Dehnungen eines über dem First liegenden lotrechten elementaren Streifens von
der Breite dx zusammensetzt. Ein Element dieses Streifens von der radialen Aus-
dehnung dr erfährt eine Dehnung Li dr , weshalb die bezogene Dehnung

Lldr dw 1 (_ 1 _ )
dr = er = 1fT = E g Gro - m g Gto (33)

beträgt. E g bedeutet den Elastizitätsmodul und m g die POIssoNsche Zahl des Ge-
birges. Für die Verformungen, die nach der Herstellung des Ausbruches entstehen,
70 In. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges
sind die Unterschiede zwischen den primären und sekundären Spannungen maß-
gebend, die sich wie folgt ergeben

<1'0 = Pv - <1'0
(34)

Die Verschiebung des Ausbruchsrandes im Scheitel läßt sich dann wie folgt aus-
drücken

J f
00 00

w = LI dr = ~g [(Pv - <1.0) - ~g (Pli - <1to)] dr. (35)


r,. ra

Wenn man in diese Beziehung die Spannungen gemäß GI. 32 einsetzt, erhält man
00

w = 2~gf {2 - [(1 - cx 2 ) (1 + .1.0 ) + (1 - 4cx 2 + 3cx4 ) (1 - Ao)]} dr -


'-

- 2i;"m f {2Ao -
GO

g
[(1 + cx 2) (1 + .1. 0) - (1 - 3cx 4 ) (1 -Ao)]} dr. (36)
'd
Nach Durchführung der Integration und Einführung von .1. 0 gemäß GI. (3) im
Abschn.23
1
AO = ---
m g -
1

ergibt sich schließlich der Wert der lotrechten Verschiebung im Scheitelpunkt


des Firstes zu
w = Pvra 2mg2 - 3mll + 1. (37)
Eg m g (mg - 1)

Der in GI. (37) aufscheinende zweite Bruch ist nur von m g abhängig. Sein Wert
wird für verschiedene Werte von m g in der nachfolgenden Tab. 7 zusammen-
gestellt.

Tabelle 7. Beiwerte zur Berechnung der elastischen Ver8chiebung de8 Firstes eines
kreisquer8chnittigen Stollen8 nach erfolgtem Ausbruch

2m; - 3m. + 1
111, ,1,
mg (mg - 1)

2 1,000 +1,500
3 0,500 +1,667
4 0,333 +1,753
5 0,250 +1,800
6 0,200 +1,833
7 0,167 +1,864
8 0,143 +1,878

00 0,000 +2,000

Für einen Ausbruch, dessen Kreisquerschnitt emen Halbmesser von


ra = 3,00 m aufweist, soll das durchörterte Gebirge einen ElastiEitätsmodul
E g = 200000 kgcm-2 , eine POIssoNsche Zahl m g = 6 und ein Raumgewicht
32. Elastische Verformungen beim Ausbruch in standfestem Fels 71

'Yg = 2,7 tm- 3 besitzen. Bei einer Überlagerungshöhe von 300 m ergibt sich daraus
eine primäre lotrechte Druckspannungvon Pv = 2,7 . 30 = 81 kgcm- 2 • Unter den
getroffenen Annahmen folgt die Senkung des Stollenscheitels zu

w = + 81200000
. 300
• 1,833 = 2,2 cm,

wobei der Wert 1,833 für m g = 6 aus der Tab. 7 entnommen wurde.
Bei größeren Ausbruchsquerschnitten, etwa bei Kavernen, wird es sich emp-
fehlen, auch die Verschiebung der firnen u bei der Entspannung des Gebirges zu

()'

Abb. 35. Primäre und sekundäre elastische Hauptspannungen in der waagrechten Querschnittsachse eines kreis-
querschnittigen Ausbruches zur Bestimmung der elastischen Verschiebung der Ulmen

untersuchen (Abb.35). Diese ergibt sich in ähnlicher Weise, wie früher bei der
Verschiebung des Firstscheitelpunktes zu

J J
00 00

u = L1 dr = ~g [(Pli - O"n) - ~g (Pv - 0"11)] dr. (38)


'd rG

Die Spannungen O"n und 0"'1 lassen sich aus GI. (23) herleiten, wenn man q; = 90°
setzt. Sie ergeben sich zu

(39)

Tl = o.
Nach Einsetzen dieser Spannungswerte in die GI. (38) und nach Durchführung der
Integration erhält man schließlich
ml- 4m" +1 (40)
m g (mg - 1)
72 1lI. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Die ziffernmäßige Auswertung aes nur von mfl abhängigen Anteiles der Verschie-
bung u ergibt die in der nachfolgende Tabelle zusammengefaßten Werte:

Tabelle 8. Beiwerte zur Berechnung der ela8tißchen VerBChiebung der Ulmen eine8
krei8quer8chnittigen Stollens nach erfolgtem Ausbruch

m, I ~ I m; - 4m,+1
m, (mg -1)

2 1,000 +1,500
3 0,500 +0,333
4 0,333 -0,083
5 0,250 -0,300
6 0,200 -0,433
7 0,167 -0,524
8 0,143 -0,590

00 0,000 -1,000

Für mfl = 2 und Ao = 1, also für primär allseitig gleichen Druck Pt} = Pli im
ungestörten Gebirge sind die sekundär auftretenden Verschiebungen im First w
und an den Ulmen u, wie aus dem Vergleich der Tab. 7 und 8 hervorgeht gleich
groß, und sie erfolgen wegen ihres positiven Vorzeichens gegen den Ausbruchs-
hohlraum hin. Während aber, wie aus der Tab. 7 ersichtlich ist, die lotrechten Ver-
schiebungen des Scheitelpunktes w durchaus positiv bleiben, tritt bei den waag-
rechten Verschiebungen u der Ulmen ein Vorzeichenwechsel ein; er erfolgt für
m g = 3,732. Bei den praktisch in Betracht kommenden Werten von mfl > 3,732
tritt also eine elastische Verschiebung der Ulmen geg.en das Gebirge hin ein. Die
durch die Steigerung der Tangentialspannungen beim Ubergang vom primären zum
sekundären Gleichgewicht an den Ulmen hervorgerufenen Querdehnungen gegen
den Hohlraumausbruch hin reichen also nicht aus, um die Wirkung der zusätzlichen
Radialspannungen, die sich schon in geringer Entfernung vom Ausbruchsrand
einstellen, auszugleichen.
In der Abb. 35 sind die zusätzlichen Tangential- und Radialspannungen durch
Schraffierung gekennzeichnet.
Wenn man unter den gleichen Annahmen wie früher ein Beispiel rechnet, so
ergibt sich bei Benützung der Tab. 8 die Verschiebung der Ulmen zu
81 ·300
u = - 200000 ·0,433 = - 0·5 cm.

Die berechneten elastischen Verformungen liegen also ihrer Größenordnung nach


im cm-Bereich und sind daher unter gewissen Umständen zu beachten. Auf die
in diesem Abschnitt dargelegten Erkenntnisse wird später bei der Deutung des
echten Gebirgsdruckes, im besonderen der Bergschläge, noch näher zurück-
zukommen sein. Vielfach ist die Meinung zu finden, daß die elastische Verschiebung
der Ulmen nach erfolgtem Ausbruch unter allen Umständen gegen den Hohlraum
hin erfolgt. Die Rechnungen haben erwiesen, daß dies meist nicht der Fall ist,
sondern daß sich vielmehr ein kreisförmiger Ausbruchsquerschnitt elastisch derart
zu einer Ellipse verformt, daß der lotrechte Durchmesser eine Verkürzung, der
waagrechte hingegen eine Verlängerung erfährt.

33. Zugspannungsbereiche beim Ausbruch im Fels


Für manche Aufgaben der Statik des Tunnel- und Stollenbaues ist es von
Interesse, die Größe und die Form der über dem First und unter der Sohle mög-
licherweise auftretenden Zugspannungsbereiche zu untersuchen (s. Abschn. 31).
33. Zugspannungsbereiche beim Ausbruch im Fels 73

Sie entstehen, wie früher gezeigt wurde, nur dann, wenn "0< 1/3 oder m g > 4
ist. Die Erfahrung zeigt, daß Zugrisse im Gebirge parallel zur Tunnel- oder Stollen-
achse nicht auftreten bzw. nicht beobachtet wurden; daraus darf aber nicht der
Schluß gezogen werden, daß die Seitendruckziffer stets größer als 1/3ist. Die meist
vorhandene Klüftung des Gebirges und die durch die Sprengarbeiten verursachte
Auflockerung verbunden mit Brucherscheinungen verhindern vielmehr, daß das
Auftreten von Zugspannungen durch Rißbildung erkennbar ist.
Die elastischen Spannungen im Gebirge sind durch die GI. (23) gegeben. Für
die Begrenzung der Bereiche tangentialer Zugspannungen gilt die Bedingung

(Jt = 0, (41)

deren Auswertung die Gleichung für die Begrenzungslinie ergibt. Sie lautet

(1 + (X~) (1 + "0) - (1 + 3(X~) (1- "0) cos2cp = O. (42)

Diese Grenzlinie ist also nur von der Seitendruckziffer bzw. von der PorSSON- "0
schen Zahl des Gebirges m g abhängig. Für den Scheitel des Firstes, also für
cp = 0 gilt insbesondere
2;'0 0 (43)
3(1-;'0} = .
Die zu erwartende radiale Dicke der Zugspannungsbereiche d z in der lotrechten
Achse cp = 0 ist für die möglichen Werte von m g in der nachfolgenden Tab. 9
zusammengestellt, wobei als Ausbruchshalbmesser der Wcrt r a = 3 m gewählt
wurde.

Tabelle 9. Dicken d., der über dem Fir8t auftretenden Zug8pannungsbereiche

rG
mg A, ao= - cJe(kgcm-') d.(m)
r
I I
4
5
6
0,333
0,250
0,200
1,000
0,897
0,854
°
-20,2
-32,4
°
0,34
0,51
7 0,167 0,815 -40,5 0,68
8 0,143 0,789 -47,0 0,80
9 0,125 0,767 -50,5 0,91
10 I 0,111 0,750 -54,0 1,01

Die durchgeführte Berechnung gilt nur unter der Voraussetzung, daß die
Zugzone mitwirkt, daß also das Gebirge Zugspannungen aufzunehmen vermag.
Um ihre Bedeutung beurteilen zu können, wurden auch die Tangentialzugspan-
nungen im Scheitelpunkt, also für cp = 0 und (xo = 1 berechnet und gleichfalls
in Tab. 9 aufgenommen. Hierfür gilt die Beziehung

(Je = - ~~ [2(1 + "0) - 4(1 - "0)] =- Pv (3"0 - 1). (44)

Die Zugspannungen im Scheitel gemäß Tabelle 9 sind so groß, daß in vielen Fällen
die Zugzone nur teilweise mitwirken kann, woraus eine Verschiebung des Span-
nungsverlaufes folgt, die aber das Gesamtbild nicht entscheidend zu beeinflussen
vermag. Die durch das Entstehen von Zugrissen oder durch die geringe Öffnung
von Klüften unwirksam werdenden Teile der Zugspannungsbereiche besit~en ja
nur ein geringes Ausmaß, weil die Zugspannungen vom Ausbruchsrand weg rasch
abfallen (s. Abb. 33).
74 111. Der sekundäre SparulUngszustand des Gebirges

34. Plastische Zonen bei groBem Wert der Seitendruckziffer


Sofern die Seitendruckziffer "'0 sehr groß ist, kann näherungsweise die Voraus-
setzung getroffen werden, daß AO = 1 und Pli = Pli gilt. Unter dieser Voraus-
setzung werden die nachfolgenden Untersuchungen durchgeführt. Das plastische
Verhalten des Gebirges in der Umgebung eines kreisförmigen Tunnelausbruches
ist zuerst von TERZAGffi behandelt worden [144a]. Er hat zwei Fälle verfolgt. Im
ersten Fall hat er angenommen, daß das Gebirge aus vollkommen plastischem
Material besteht, dessen Verhalten durch die Schubspannungstheorie beschrieben
wird. Nach dieser Theorie ist die Bedingung für das Eintreten von plastischen
Verformungen durch die Gleichung

= const (45)

gegeben, wobei Gm die größte und GI die kleinste Hauptnormalspannung dar-


stellt (Abb. 36). Wenn dies gilt, dann ist die Grenzlinie nach MOHR eine zur Normal-
spannungsachse parallel verlaufende Gerade. Im zweiten Fall hat er ein toniges
Gebirge behandelt, das
-,; (Y unter dem Einfluß des Ka-
pillardruckes steht, das aber
keine echte Kohäsion be-
sitzt, wobei er ferner mit
J
)C

I
einer dem COULoMBschen
1 \ Gesetz entsprechenden ge-
°t-OI-i \ \ o raden Grenzlinie gerechnet
a 1-070-1 i I I\ I
f.--- (J'"tJ, --,..:I b
hat. Der Tunnelausbruch
1 9 1 at-tl;. \ I
kannin diesem zweiten Fall,
I ~-z-I--I sofern kein Einba uangeord-
I· l1t .1 I
net wird, nur durch den
\. ~ ·1
Kapillardruck stabilisiert
Abb. 36a u. b. Zur Herleitung der Plastizitätsbedingung bei vollkom-
mener Plastizität; a) das MOHll8che Diagramm; b) die SpannungS-
werden; bei dessen Aus-
Dehnungslinie schaltung würde sich der
Hohlraum schließen. Bei
den nachfolgenden Untersuchungen, die eine Erweiterung der eben dargelegten
Gedankengänge darstellen, wird vorausgesetzt, daß sich das Gebirge ursprünglich
im elastischen Gleichgewicht befand. Nachdem primär allseits gleicher Druck
herrschte, war dabei der innere Gleitwiderstand nicht in Anspruch genommen
worden, weil keine Schubspannungen vorhanden waren. Im MOHRSchen Span-
nungsdiagramm wird ein solcher Zustand durch einen Punkt auf der Spannungs-
achse dargestellt. Nach erfolgter Durchörterung verschwinden die Radialspan-
nungen amAusbruchsrand, während die Werte der dort herrschenden Tangential-
spannungen beträchtlich ansteigen. Diesem Anstieg ist aber durch die Druckfestig-
keit des Gebirges eine Grenze gesetzt. Wenn sie überschritten wird, bildet sich
rings um den Ausbruch eine plastische Zone aus, die dadurch gekennzeichnet ist,
daß in ihrem Bereich der innere Gleitwiderstand des Gebirges zur Gänze ausgenützt
ist; ob es bei plastischen Verformungen bleibt oder zu Brucherscheinungen kommt,
hängt von der Art des Gebirges ab. Für die nachfolgenden Untersuchungen möge
gelten, daß sich der Vorgang knapp unterhalb der Bruchgrenze (Punkt 0 in der
Abb. 36b) abspielt.
Vorerst sollen die Gleichgewichtsbedingungen aufgestellt werden, die für den
plastischen Bereich ebenso Gültigkeit haben, wie beim elastischen Verhalten des
Gebirges. Die gestellte Aufgabe läßt es angezeigt erscheinen, Polarkoordinaten
34. Plastische Zonen bei großem Wert der Seitendruckziffer 75
anzuwenden (s. Abb. 32). Die aus den Gleichgewichtsbedingungen ermittelten
Ausdrücke für die Spannungen lauten [41]
1 82 F 1 oF
(J, = ;:2 oq;2 + ra;:
(46)

T = _ ~
Br
(! 8F).
r Bq;

Hierin bedeutet F die AIRYSche Spannungsfunktion. Unter der getroffenen Vor-


aussetzung einer drehsymmetrischen Spannungsverteilung ändert sich bei kon-
stant bleibendem r keine Spannung mit p. Die Spannungsfunktion muß daher von
p unabhängig sein, die partiellen
Differentialquotienten nach p ent-
fallen und jene nach r können durch
gewöhnliche Differentialquotienten
ersetzt werden; aus dieser Erwä-
gung lassen sich die Ausdrücke für
die Spannungen in vereinfachter
Form darstellen wie folgt
dF
(J, = r1 dT

T = O.
Damit ist aber die Aufgabe noch Abb. 37. Zur Herleitung der Plastizitätsbedingung bei gerat!-
nicht gelöst, d. h. die Gleichge- linigem Verlauf der MOHRSchen Grenzlinie
wichts bedingungen allein reichen
nicht aus, um den Spannungszustand zu beschreiben. Die Einführung der Am,Yschen
Spannungsfunktion eröffnet den Weg, die Spannungen zu bestimmen, wenn eine
weitere Bedingung gegeben ist. Für den elastischen Bereich gilt als solche der
durch das HooKEsche Gesetz definierte Zusammenhang zwischen den Spannungen
und Verformungen. Für die beabsichtigten Untersuchungen im plastischen Bereich
ist die Bedingung maßgebend, daß der innere GIeitwiderstand zur Gänze ausge-
nützt wird, daß also, wenn man die MOHRSche Hypothese anwendet, die Span-
nungskreise die Grenzlinie berühren.
Als Voraussetzung für die weitere Behandlung der Aufgabe soll, wie bereit"
im Abschn. 13 dargelegt wurde, ein unmittelbarer übergang vom ideal-elastischen
zum ideal-plastischen Zustand des Gebirges als geltend angenommen werden.
Ferner soll, nachdem es sich ja vor allen Dingen darum handelt, einen Einblick
in das Wesen der Erscheinungen zu gewinnen, angenommen werden, daß die
MOHRsche Grenzlinie für das Eintreten der plastischen Verformungen eine gerade
Linie ist. Diese Gerade sei durch die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit (Jgd und den
Winkel des inneren GIeitwiderstandes I}g gegeben. (Jrp und (Jtp' die Radial- und
Tangentialspannungen im plastischen Bereich lassen sich unter diesen Annahmen
aus der MOHRSchen Hypothese ermitteln. Die aus der Abb. 37 ablesbare Plasti-
zitätsbedingung lautet

(48)
76 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Für die Bestimmung der Größe" gilt die Beziehung


• Ggd
SIn (!g = 2
"
+ Ggd ' (49)
woraus der Wert" folgt zu
_ Ggd 1 - sineg
" - - --,----=-!!.. (50)
2 sineg
Wenn man diesen Wert in die GI. (48) einsetzt, so erhält man

oder
a,p -
1
1
+ sineg
. a rp - agd -
_
O. (51)
- SIDe g

Bezeichnet man den nur vom Winkel des inneren Gleitwiderstandes (!g abhängigen
Koeffizienten von a rp mit
(52)

so gewinnt die Plastizitätsbedingung die sehr übersichtliche Form

a,p - 1; a rp - agd = O. (53)


Wenn man die aus den Gleichgewichtsbedingungen ermittelten Werte der Span-
nungen gemäß GI. (47) in die Plastizitätsbedingung GI. (53) einsetzt, so erhält
man die für die Ermittlung der Spannungsfunktion geltende Differentialgleichung
d2 F l dF
dr2 - 1; dr - r agd = O. (54)

Ihre Integration liefert das Ergebnis

(55)

Nachdem am Ausbruchsrand keine Radialspannung wirkt, gilt die Randbedingung

(56)

die in der ersten GI. (55) und in GI. (47) und (52) berücksichtigt, die Integrations-
konstante 0 1 ergibt
(57)

Die Integrationskonstante O2 kommt in der Plastizitätsbedingung nicht vor. Die


Spannungen im plastischen Bereich ergeben sich somit zu

arp
= ~
i; - 1
[(':")C
r a
-1 _ 1]
(58)
34. Plastische Zonen bei großem Wert der Seitendruckziffer 77

Die Spannungen im elastischen Bereich, der gegen den plastischen im Quer-


schnitt durch einen Kreis mit dem Halbmesser r o abgegrenzt ist, werden unter der
Voraussetzung ermittelt, daß außer den Spannungen des primären Zustandes die
zunächst noch unbekannte drehsymmetrische Radialspannung <Tro auftritt. Die
im elastischen Bereich unter der Wirkung des allseitig gleichen Druckes p auftre-
tenden Spannungen betragen gemäß GI. (28)

<Tm = (1 _ r;22)
P

<Tt81 = P (1 + r;:) (59)

T 81 = O.

Hierzu treten, wie erwähnt, die Spannungen infolge einer an der kreisförmigen
Begrenzung mit dem Halbmesser r o wirkenden vorläufig unbekannten radialen
Pressung <Tro
r 2
<Tre2 = <Tro --;-
r
r 2
<Tte2 = - <Tro --"2
r
(60)

Die Zusammensetzung der Spannungen gemäß GI. (59) und (60) ergibt

<Tre = <Tr81 + <Tre2 = P ;2 + <Tro r;zZ


(1 - rZ)
<Tte = <Ttel + = P ( 1 + r;22) -
<Tte2 <Tro
r
;2 2
(61)

Te = Tel + T e2 = o.
Aus der Bedingung, daß für die Grenze der plastischen Zone r =ro Gleichheit
der Spannungen bestehen muß, daß also

<Tro = <Trp = <Tre und <T,p = <Tte (62)


gilt, folgt
/~ 1 [(~)c-~ 1] = <Tro
(63)
t; ~ill [(~) CC~ 1 ] = 2 P - <Tro •

Wenn man die beiden GI. (63) addiert, verschwindet <Tro , und man erhält die
Beziehung
(64)

deren Auswertung zur Grenze der plastischen Zone r0 führt.


1
= il ]C_l
[_2_ P (C-1)+a D (65)
ro r a C+1 agil .

Damit sind alle Grundlagen gegeben, um die Ausdehnung der plastischen


Zone und die in ihr sowie in dem anschließenden elastischen Bereich herrschenden
Spannungen zu ermitteln.
78 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

35. Beispiele für die Ausbildung der plastischen Zone


bei primär allseitig gleichem Druck
Die im Abschn. 34 gewonnenen Beziehungen sollen nunmehr an einigen Bei-
spielen erläutert werden.
a) Die einachsige Druckfestigkeit des Gebirges betrage (1gd = 20 kgcm-2 •
Dies entspricht jenem Wert, den beispielsweise der im Alpenvorland in großer
Mächtigkeit auftretende Schlier besitzt. Der Winkel des inneren Gleitwider-
standes sei (!g = 30°. Der allseitig gleich angenommene überlagerungsdruck be-
sitze den Wert P = Po = Pli = 120 kgcm- 2 ; ihm entspricht bei einem Raum-
gewicht des Gebirges von 'Yg = 2,0 tm- 3 eine überlagerungshöhe von 600 m.
Mit Hilfe der GI. (65) wird die Grenze der plastischen Zone ermittelt, sie ergibt
sich zu r o = 2,55 r. Die Spannungen im plastischen und elastischen Bereich sind
mit den GI. (58) und (61) zu ermitteln. Wenn die plastische Zone nicht auftreten,
also r o = r a sein soll, dann folgt die tangentiale Randspannung aus GI. (29)
(1le = 2p. Sofern sie gleich der einachsigen Druckfestigkeit des Gebirges ist, ergibt
sich ein überlagerungsdruck von P = 10 kgcm- 2 entsprechend einer überlage-
rungshöhe von 50 m. Bei überschreitung dieser überlagerungshöhe ist also mit
dem Auftreten von Gebirgsdruckerscheinungen zu rechnen. In welcher Form sie
sich äußern werden, darüber wird im Kap. IV über Gebirgsdruckerscheinungen
berichtet.
b) Als fester Fels wird ein Kalkstein angenommen, der eine einachsige Gebirgs-
druckfestigkeit (1gd = 500 kgcm- 2 und eine Scherfestigkeit von T s = 60 kgcm- 2
besitzt. Der konstant angenommene Winkel des inneren Gleitwiderstandes beträgt
demzufolge (!g = 63°. Die überlagerungshöhe des Stollens, der einen kreisrunden
Ausbruchsquerschnitt vom Halbmesser r a = 2,0 m besitzen möge, beträgt 1200 m.
Der allseitig gleich groß angenommene überlagerungsdruck folgt daraus zu
P = 'Yg h = 312 kgcm- 2 , wobei das Raumgewicht des Gebirges mit 'Yg = 2,6 tm-3
angenommen wurde. Die aus GI. (65) ermittelte Grenze des plastischen Bereiches
stellt sich auf r o = 202,6 cm. Der plastische Bereich ist also sehr schmal und die
Tangentialdruckspannungen werden am Rand des Felsausbruches von einem
Wert, der nahe der einachsigen Druckfestigkeit des Gebirges von (1gd = 500 kgcm-2
liegt, rasch zu einem Maximalwert ansteigen, der 2p = 624 kgcm-2 beträgt.. Es
ist zu erwarten, daß sich in diesem Gebirge der echte Gebirgsdruck in Form von
Abschalungen oder Bergschlägen äußern wird.
c) Als pseudofestes Gebirge nach RABCEWICZ wird ein Mergel angenommen,
der eine einachsige Gebirgsdruckfestigkeit von (1gd = 120 kgcm-2 und eine Scher-
festigkeit von T 8 = 30 kgcm- 2 besitzt. Der Winkel des inneren Gleitwiderstandes
ergibt sich daraus zu (!g = 36,9°. Der allseitig gleich große überlagerungsdruck
ist P = Pv = Pli = 312 kgcm- 2 • Aus GI. (65) ergibt sich bei einem Ausbruchs-
halbmesser von r a = 2,00 m die äußere Begrenzung des plastischen Bereiches zu
r o = 3,04m; seine Dicke beträgt daher 1,04m (Abb.38).
Die Spannungen, insbesondere die Tangentialspannungen, weisen an der
Grenze des plastischen Bereiches r = r o eine Unstetigkeit auf, die in Wirklichkeit
nicht vorhanden sein wird. Entsprechend der tatsächlichen Form des Spannungs-
Dehnungsverlaufes (Abb. 36b) wird sich an der Unstetigkeitsstelle, besonders bei
den Tangentialspannungen eine Ausrundung ergeben, die eine geringfügige Ver-
schiebung des Spannungsverlaufes im elastischen Bereich gegen das Berginnere
hin zur Folge haben wird. Zwischen dem plastischen und dem elastischen Bereich
schaltet sich somit eine übergangszone ein, deren Einfluß auf den Spannungszu-
stand im elastischen Bereich jedoch von geringer Bedeutung ist.
d) Bei den Berechnungsbeispielen wurde nicht berücksichtigt, daß das Gebirge
durch die Ausbrucharbeiten eine Störung erfährt, die in der Umgebung des
Hohlraumes zu einer ungünstigen Beeinflussung der Festigkeitseigenschaften
35. Ausbildung der plastischen Zone bei primär allseitig gleichem Druck 79

führt. In dem nachfolgenden Beispiel wird gezeigt, wie sich die Berücksichtigung
einer durch die Sprengarbeiten entstandenen Auflockerungszone auswirkt
(Abb. 39). Dabei wurden die Annahmen des unter c) behandelten Beispieles bei-
behalten, aber es fand der Umstand Berücksichtigung, daß rings um den Aus-
bruchshohlraum eine LIra = 1,0 m dicke Auflockerungszone entstanden war, in
der das Gebirge keine einachsige Druckfestigkeit besitzt. Der Bestand dieser
Zone ist ohne Ausbau nur durch Verspannungserscheinungen milglich, als deren

BOO~
tkg/cmZ
700
b

7 9m.

p/usfischer Bereich
p = 31zkg/Cm Z
-------elusfischer Bereich
T'a. =z,oom
O"ga.. = 130 kg/cma
~ =30kg/cm Z

Abb. 38. Verlauf der sekundären Spannungen in der Umgebung eines kreisrunden Tunnelausbruches bei allseitig
gleichem primärem Druck

5 (J 7 9 10m
7'_

Auflockerungshof
~C"t---p/ushscher Bereich
p J1zkgjcm Z
= - - e/ashscher Bereich
T'a. =Z,OOm
O"ga. = 130 kg/cm Z
"rS = 30 kg/cmZ
Abb. 39. Verlauf der sekundären Spannungen in der Umgebung eines kreisrunden Tunnelausbruches bel primär
allseitig gleichem Druck und bei Berücksichtigung eines durch die Sprengarbeiten hervorgerufenen Auf·
lockerungshofes
80 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Folge die radiale Wld die tangentiale Druckspannung von ra bis ra LI ra an- +
steigen, bis letztere den Wert der einachsigen Gebirgsdruckfestigkeit O'gd er-
reicht.
Abschließend möge nochmals darauf hingewiesen werden, daß die Annahme
Ao = 1 nur einen Idealfall darstellt. Sie gibt aber die Möglichkeit einer strengen
plastizitätstheoretischen UntersuchWlg, die einen guten Einblick in die Gebirgs-
druckerscheinWlgen vermittelt und als GrWldlage für die BemessWlg der Tunnel-
auskleidung dienen kann. Sie bleibt aber nur dann anwendbar, wenn die Be-
dingWlg Ao = 1 näherungsweise erfüllt ist. Es wird Gelegenheit sein, auf solche
Fälle anläßlich der Besprechung des Gebirgsdruckes (Kap. IV) und der Bemessung
bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck (Absehn. 76) hinzuweisen.

36. Der Gleitfiächenverlauf


Der sehr einfache Fall der Berechnung der plastischen Zonen bei primär all-
seitig gleichem Druck, bei dem also Anordnung und Spannungszustand bei einem
kreisquerschnittigen Tunnel- oder Stollenausbruch drehsymmetrisch sind, ge-
stattet es auch, die Form
der Gleitflächen rechnerisch
zu ermitteln.
Die Spannungen im pla-
stischen Bereich O',p und O'tp
sind durch die GI. (58) ge-
geben. Sie sind Hauptspan-
nungen ; der ihnen ent-
sprechende Spannungskreis
berührt im MOHRsehen Dia-
gramm die Grenzlinie.Wenn
man das MOHRsehe Dia-
gramm derart dreht, daß
Abb. 40. Ermittlung der Gleitfläphentangenten in einem Punkt mit den die Spannungsachse parallel
Koordinaten " 'P im plastischen Bereich rings um einen kreisqner- zum Radius des in Betracht
schnittigen Stollenausbruch in einem Gebirge, das primär nnter allseitig
gleichem Druck stand gezogenen Punktes liegt,
dann ist der Endpunkt von
O't p der SpannWlgspunkt S und diametral gegenüber liegt der Pol P des SpannWlgs-
zustandes (Abb. 40). Diese Drehung erfolgt nur, um die DarstellWlg etwas einfacher
zu gestalten. Die Gleitflächen können ja bekanntlich bei jeder beliebigen Lage der
O'-Achseermittelt werden. Die Gleitflächen in dem in Betracht gezogenen Element
des Gebirges entsprechen in ihrem Verlauf den Geraden GI und G2 • Diese schließen
mit der SpannWlgsachse Wld damit auch mit dem Radius die Winkel + e und
- e ein, die sich wie folgt berechnen lassen
°tp - O,p. cos /2
tg e= 2 g
_ cos/2g
(66)
Otp-o'P(l . )-l-sin/2g'
--2-- -Sill/2g

Der Winkel e ist nur vom inneren Gleitwiderstand abhängig, also bei homogenem
und isotropem Gebirge konstant. Aus dieser Tatsache folgt unmittelbar, daß die
Gleitflächen logarithmische Spiralen sein müssen, deren asymptotischer Punkt
im Pol des Koordinatensystems, also im Mittelpunkt des kreisförmigen Quer-
schnittes des Ausbruches liegt, weshalb man ihre Gleichung wie folgt anschreiben
kann
r = aek'P. (67)
36. Der Gleitßächenverlauf 81

Nachdem
k = _1_ = 1 - sin eg (68)
tge cose g

gilt, ergibt sich für die Gleitflächen die Gleichung

i-sin e,,,,
r = ae cose. (69)

Der Verlauf der Gleitflächen soll an einem Beispiel gezeigt werden (Abb. 41).
Zu seiner Bestimmung ist außer dem Halbmesser des kreisquerschnittigen Aus-
bruches r a = 2,0 m nur die Kenntnis der Gleitzahl tan eg notwendig; der
Winkel des inneren Gleitwiderstandes betrage eg = 36°54'. Der Verlauf der
Gleitflächen wird durch GI. (69)
bestimmt; ihre Form ist durch 'i' Grenze der
die Konstante k bedingt, deren ~ plastischen Zone
Wert bei der getroffenen An- . --~-~

nahme k = 0,5 beträgt, womit I "


die Gleichung der logarith-
mischen Spiralen für das ge-
gebene Beispiel die Form

(70)

annimmt. Der in dieser Formel


auftretende Parameter a hat
auf die Gestalt der Gleitflächen
keinen Einfluß. Um die Spirale
an irgendeiner Stelle zu bestim-
men, wird zunächst mit cp = 0,
r = ra = 2,0 m, alsoimPunktA
beginnend, zu wachsenden Wer- (19 =3GoOlI'
ten von r der entsprechende Abb. 41. Gleitllächenverlauf in der plastischen Zone rings um
Winkel cp ermittelt, und man einen kreisquerschnittigen Ausbruch bei primär allseitig gleichem
Druck
erhält die vom Scheitel des Fir-
stes ausgehende Spirale AAl'
Jede andere Gleitfläche, also z. B. jene, die vom Punkt B des Ausbruchsrandes aus-
geht, kann nunmehr gezeichnet werden, indem man die vom Firstpunkt A ausgehende
Kurve um den Mittelpunkt des Ausbruchsquerschnittes so lange dreht, bis der Punkt
A nach B gelangt ist. Damit ist eine der beiden Gleitflächenscharen bestimmt. Die
zweite Gleitflächenschar ergibt sich, wie aus dem MOHRschen Diagramm hervorgeht,
für k = - cot e; der Gleitflächenverlauf hat dann bei gleicher Form der Kurven
den entgegengesetzten Sinn.
Die beiden Gleitflächenfamilien sind in der Abb. 41 dargestellt. Sie sind gleich-
wertig; kein System ist bei homogenem, isotropem Gebirge vor dem anderen
bevorzugt, ein Umstand, auf den später bei der Besprechung der Bergschläge noch
zurückzukommen sein wird. Wenn aber die Voraussetzung der Isotropie nicht
zutrifft, ist zu erwarten, daß die durch die Anisotropie begünstigten Gleitflächen
ansprechen; auch durch die Form des Ausbruches bedingt, kann eine Bevorzugung
von Gleitflächen eintreten.
Dabei ist besonders zu beachten, daß die Gleitflächen an der Grenze zwischen
dem plastischen und elastischen Bereich endigen. Die Grenze zwischen beiden
Bereichen stellt also nicht, wie dies beim Erddruck auf Stützmauern die Regel ist,
eine Gleitfläche dar.

6 Kastner, Statik
82 II!. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Gleitflächenendigungen, die an der Gebirgsoberfläche bzw. an der Grenze des


Ausbruches liegen, sollen als frei bezeichnet werden; hingegen seien die im Berg-
inneren befindlichen Endigungen als gesperrt gekennzeichnet.
Es möge noch darauf hingewiesen werden,. daß ähnliche Gleitflächenaus·
bildungen bei Metallen experimentell nachgewiesen werden konnten [97]. KRÜGER!
hat solche Fließfiguren in der Form von logarithmischen Spiralen im Endquer-
schnitt eines dickwandigen Rohres beobachtet, das einem Innendruck ausgesetzt
worden war. Die gleiche Erscheinung konnte an der polierten Oberfläche einer
kreisförmig gelochten Eisenplatte beobachtet werden, wenn man in die Lochung
des Versuchsstückes einen zylindrischen Dorn trieb. Der Umstand, daß diese
Gleitflächen durch einen an der Mantelfläche der Lochung angreifenden radialen
Innendruck herbeigeführt werden, während der Gebirgsdruck gegen den Hohl-
raum hin wirkt, macht keinen grundsätzlichen Unterschied.

37. Begrenzung der plastischen Bereiche bei Überwiegen


des lotrechten primären Druckes
Wenn die waagrechte Pressung vor der Durchörterung des Gebirges Pli wesent-
kleiner war als die lotrechte P~, dann führt der Weg, die Begrenzung des plasti-
schen Bereiches aus dem in ihm herrschenden Spannungszustand, der durch die
volle Ausnützung des inneren Gleitwiderstandes gekennzeichnet ist, zu ermitteln,
nicht zum Ziel. Eine brauchbare analytische Lösung ist auch unter der einfachsten
Voraussetzung vollkommener Plastizität bisher nicht gefunden worden, wie wir
denn überhaupt bis heute über keine Plastizitätstheorie verfügen, die sich der
Elastizitätstheorie auch nur annähernd gleichwertig an die Seite stellen kann.
Der drehsymmetrische Fall, wobei primär allseitig gleicher Druck herrschte, der
im vorherigen Abschnitt behandelt wurde, bildet eine der wenigen Ausnahmen.
Um aber durch eine Näherungslösung doch Einblick in die Verhältnisse zu ge-
winnen, wird für das Gebirge, das ja primär im elastischen Zustand sein soll,
auch nach der Durchörterung zunächst ein elastisches Verhalten angenommen.
Mit Hilfe der sich dabei ergebenden Spannungen wird jene Grenzlinie bestimmt,
für welche die Plastizitätsbedingung eben gilt. Innerhalb dieser Grenzlinie liegt
dann gegen den Tunnel hin der plastische Bereich. Einen ähnlichen Vorgang hat
erstmals A. M. WAHL [97] für die kreisförmig gelochte, unendlich ausgedehnte
Scheibe bei primär einachsigem Spannungszustand angewendet, wobei voll-
kommene Plastizität vorausgesetzt wurde. Auch FRÖHLICH [144b] hat sich des
gleichen Gedankenganges bedient, als er die plastischen Zonen in einem mit Sand
erfüllten Halbraum unter der Einwirkung einer streifenförmigen Belastung er-
mittelte. Ein ähnlicher Weg soll nachstehend für die kreisförmig gelochte, un-
endlich ausgedehnte Scheibe unter Anwendung der MOHRSchen Theorie einge-
schlagen werden. Er kann nur den Wert einer Näherungslösung beanspruchen,
weil ja die Spannungen im plastischen Bereich nach der Elastizitätstheorie er-
mittelt werden und daher nicht zutreffen. Diese Berechnungsweise wird aber
um so mehr der Wirklichkeit nahekommen, je kleiner die plastischen Zonen sind,
d. h. je mehr sich das Verhalten des Gebirges dem elastischen nähert, und dieses
Ziel soll ja durch den Ausbau angestrebt oder wenn möglich erreicht werden
(Abschn. 71,76 und 78).
Aus dem MOHRschen Diagramm (Abb. 36) läßt sich die Plastizitätsbedingung
unter der Voraussetzung vollkommener Plastizität herleiten wie folgt:

T2
max _
- 1
4" ((ft - (fr
)2+ T 2• (71)

1 Mitt. und Forschungsarb., Verein deutscher Ingenieure, 87 (1910).


37. Begrenzung der plastischen Bereiche 83

Bei vollkommener Plastizität gilt


(72)

wobei (Iod die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit bedeutet. Es ist zweckmäßig, sie


in ein Verhältnis zum lotrechten Druck der überlagerung yoh zu setzen

(lgd = kp" = kygh, (73)

womit aus GI. (71) folgend, die Plastizitätsbedingung die Form

(74)
annimmt.
Setzt man in die GI. (74) die elastischen Spannungen gemäß GI. (23) ein, so
erhält man für die näherungsweise zu ermittelnde Grenzlinie des plastischen
Bereiches die Beziehung

2
+ 2 cos 291 1+;'01-2cx. +3cx.' (1+;'0)2 cx.2
2
cos 291 1 -;'0 4(2 _ 3cx.2) - 1 -;'0 4(2 - 3cx.2) -

(1 + 2cx.2- 3cx.')2 k2 (75)


- 4 cx.2 (2 - 3cx.2) + (1 - Äo)24cx.2 (2 _ 3cx.2) = 0.

Hierbei wurde die Hilfsgröße


(76)

eingeführt. Die Grenzlinie wurde für ;'0 = 0, also für primär einachsige Druck-
beanspruchung, für ;'0 = 0,5 und für ;'0 = 1, im letzteren Falle für primär all-
seitig gleichen Druck unter der Annahme verschiedener Werte von k berechnet
und in der Abb.42 dargestellt. Den einzelnen Grenzkurven sind die jeweiligen
k-Werte beigefügt. Die plastischen Bereiche für k = 1, also für jenen Fall, wo die
Gebirgsdruckfestigkeit (Iod eben gleich dem lotrechten Druck der Überlagerung
y 9 h ist, sind durch Schraffur gekennzeichnet. In Bestätigung der früheren Er-
gebnisse geht aus Abb. 42 hervor, daß sich die plastischen Bereiche bei allseitig
gleicher Primärspannung ;'0 = 1 oder bei Werten der Seitendruckziffer ;'0' die nicht
stark von der Einheit abweichen, ringförmig um den Ausbruchsquerschnitt
legen. Bei kleinen Werten von ;'0' also bei geringem Seitendruck PlI erweitern sich
die von den Ulmen ausgehenden plastischen Zonen kreuzförmig.
Die Annahme vollkommener Plastizität des Gebirges stellt eine sehr weit-
gehende Vereinfachung dar. Um der Wirklichkeit näher zu kommen, wird als
Grenzlinie eine Gerade angenommen. Die aus der Abb. 37 unmittelbar ablesbare
Plastizitätsbedingung lautet
. Y(o,-0,)2+4T 2
sm I!g = - 0t + 0, + 2:>1: . (77)

Nach Einführung der sekundären elastischen Spannungen gemäß GI. (23) erhält
man die Bedingung für die Grenzen der plastischen Bereiche wie folgt:

2 1 + ;. (1 +' h2:>1:).sm2 (!g ]


+ ro [ 4(1 -10)
/1,0 -
cos 2 291 (1 - 2~2 + 3~4) - 2 (1 _~\) cos 291 -

(78)

6*
00
~

<::> <::>
8;::-oJ U U lA.o~l,ol r~
~' 1 -tu -45 1 !~ ~

... t~
c::s
-liEill p;;:: 45iYh -Iillj p"'-Ygh ~
t-'

1 i ~
'"

r-f
t
~
.g'1
'f

iI
~
"I:: n;6 ~
~ 11 I:j'
I ~I
&., ~
a b c
Abb. 42a-c. Begrenzung der plastischen Zonen in der Umgebung eines kreisrunden Tunnelquerschnittes unter der Annahme der Gültigkeit vollkommener
Plastizität; a) bei primär einachsiger Druckbeanspruchung des Gebirges ""0 = 0; b) für ""0 = 0,5; c) bei primär allseitig gleichem Druck ""0 = 1. Die den
Grenzkurven beigefügten Zahlen k bedeuten das Verhältnis der einachsigen Gebirgsdruckfestigkeit (Jgd zum lotrechten Druck der überlagerung PO' Die plasti-
schen Bereiche für k = 1 sind durch Schraffur gekennzeichnet
37. Begrenzung der plastischen Bereiche 85

wobei die Hilfsgröße


w = 0;2 sin2 eg +2 - 30;2 (79)

eingeführt wurde. Während bei der Berechnung gemäß GI. (75) nur die Scher-
festigkeit des Gebirges l' s im Parameter k erscheint, müssen die bei dem allgemeinen
Verfahren nach GI. (78) in jedem zu untersuchenden Falle die Festigkeits-
eigenschaften des Gebirges, gegeben durch den Winkel des inneren Gleitwider-
standes und durch die Scherfestigkeit oder die einachsige Druckfestigkeit, ge-
sondert berücksichtigt werden.

"Cs =Z5kgJcm z; 1l-1f~3kg/cm3, (Jg-JO"; n,-600TT\,i Pv-150kgfcmz


11..0 = 0; 0,11f1; o,Z, 0,3; 0,5; 0,75 11. 1,9
mg=i/ 1- 00; ~1i G,Oj 1f,3; 3,0; 1,3 11. z,o

Abb. 43. Begrenzuug der plastischen Bereiche in der Umgebung eines Tunnels mit kreisrundem Querschnitt uuter
der Annahme der Gültigkeit der MOHRschen Hüllgeraden für verschiedene Werte der Seitendruckziffer Ao• Um die
Übersichtlichkeit nicht zu stören, wurden Grenzlinien, die für Ao ~ 0, 0,141, 0,2 und 0,3 im :First und an der Sohle
knapp neben dem Ausbruchsquerschnitt verlaufen, weggelassen

Mit Hilfe der GI. (78) wurde für verschiedene Annahmen die Begrenzung der
plastischen Zonen berechnet und in der Abb.43 graphisch dargestellt. Dabei
wurden folgende Annahmen zugrunde gelegt: Der Winkel des inneren Gleit-
widerstandes betrage eg = 30°, die Scherfestigkeit des Gebirges T s = 25 kgcm- 2,
x = 43,3 kgcm- 2 , woraus sich eine einachsige Gebirgsdruckfestigkeit von (Jgd
= 86,5 kgcm- 2 ergibt. Die überlagerungshöhe betrage h = 600 m, aus der die primäre
lotrechte Druckspannung zu Pv = 150 kgcm- 2 folgt. Die Berechnung der
Grenzen der plastischen Zonen erfolgte für Werte der Seitendruckziffer von
Ao = 0, 0,141, 0,2, 0,3, 0,5, 0,75 und 1,00. Bei Ao = 0,141 erstrecken sich die
Begrenzungen der plastischen Zonen ins Unendliche. Um die übersicht-
lichkeit nicht zu stören, wurden lokale plastische Bereiche, die für Ao = 0,
0,141, 0,2 und 0,3 im First und an der Sohle knapp neben dem Ausbruchskreis
verlaufen, weggelassen. Nachdem die POIssoNsche Zahl des Gebirges im all-
86 III. Der sekundäre SpalUlUngszustand des Gebirges

gemeinen zwischen den Werten m g = 3 und 6 liegen wird, sind für den sekundären
Spannungs zustand des Gebirges jene Grenzlinien der plastischen Zonen ent-
scheidend, die zwischen den Werten Ao = 1: (mg - 1) = 0,5 und 0,2 liegen. Für
}'o = 0,5 legen sich die plastischen Zonen sichelförmig an die beiden Ulmen, für
Ao = 3,0 beginnen sie, sich kreuzförmig zu er-
weitern und nehmen schließlich für Ao = 0,2 die
""I charakteristische Form an, bei der die unter etwa
Ii I
45° Neigung entstehenden Zungen schon weit in
~!
das Gebirge eingreifen. Dabei möge aber be-
achtet werden, daß im Bereich der Ulmen am
Ausbruchsrand mit abnehmendem Wert von Ao
keine bedeutende Ausweitung eintritt. Diese
starke Konzentration der plastischen Zonen im
Bereich der Ulmen ist aber besonders wichtig
und für die weiteren Untersuchungen bedeutungs-
voll.
Die plastischen Bereiche sind von zwei Gleit-
flächensystemen durchzogen, die ebenso wie in
dem früher behandelten Fall der kreisringförmi-
gen plastischen Zone, an deren Begrenzung Endi-
gungen besitzen. Dabei gibt es, wie bereits früher
erwähnt wurde, zwei Arten von Gleitflächen,
Abb. 44. Gleitflächen im Gebirge bei Auf-
solche, deren zweite Endigung an der freien Aus-
treten von weit ausgreifenden, schrägen bruchsfläche liegt und solche, die zur Gänze im
plastischen Zonen Inneren des Gebirges verlaufen, also nicht bis zum
Ausbruchsrand gelangen. Erstere kommen als Be-
wegungsflächen besonders m Betracht. Aber auch die an der Ausbruchsfläche
endigenden Gleitflächen sind nicht gleichwertig, wie dies bei der ringförmigen
plastischen Zone der Fall ist. Es gibt solche mit starker Bewegungstendenz wie
etwa die Gleitfläche AB und solche
mit geringerer Bewegungstendenz wie
etwa die Gleitfläche CD (Abb. 44).
Die Form der Gleitflächen läßt sich,
abgesehen vom Fall des primär allseitig
gleichen Druckes, also der Drehsym-
metrie von Anordnung und Belastung
rechnerisch nicht ermitteln, stellt ja
doch auch die Begrenzung der pla-
stischen Zonen ein rein theoretisches
Ergebnis dar, das auf weitgehend ver-
einfachendenAnnahmen aufgebaut ist.
Es besteht aber die Möglichkeit, die
Begrenzung der plastischen Zonen auf
experimentellem Wege zu überprüfen
und auch hinsichtlich der Form der
Gleitflächen im VersuchswegeAnhalts-
Abb. 45. Plastische Zonen in der Umgebung eines tunnel- punkte zu gewinnen. Die Ausbildung
artig gelochten Probekörpers von Carraramarmor der plastischen Zonen geht aus den Ver-
suchen hervor, die LEoNundWILLHEIM
mit tunnelartig gelochten Marmorwürfeln ausgeführt haben [83]. Aus ihren Ver-
suchsreihen werden einige besonders eindrucksvolle Beispiele herausgegriffen.
Abb. 45 stellt das Ergebnis eines Versuches mit einem Probestück aus Carrara-
marmor dar, das 16 cm breit und hoch und 7 cm dick war und das eine tunnel-
artige Lochung von 2,2 cm Breite und 2,4 cm Höhe aufwies. Bei einer durch-
37. Begrenzung der plastischen Bereiche 87

schnittlichen Beanspruchung von 900 kgcm- 2 trat als erste Brucherscheinung ein
Zugriß durch die Sohle und etwas später bei 910 kgcm- 2 ein Zugriß durch den
gewölbten First der Lochung auf. Die Firstwölbung ist für den Spannungszustand
zweifellos günstiger als die ebene Sohle. Dann entwickelten sich in der Umgebung
der Ulmen Fließfiguren, die sich immer schöner ausprägten und nach oben und
unten fortpflanzten. Bei 940 kgcm- 2 lösten sich die Tunnelwände längs der Sohlen-
kanten ab, bei 1070 kgcm- 2 begann das Abblättern in ausgedehntem Maße; die Sohle
war bald mit Blättchen und Schuppen aus Marmorstaub vollkommen bedeckt.
Das Abfallen der Marmorteilchen erfolgte aber nur längs der lotrechten Ulmen,
während der gewölbte First bis auf die früher erwähnten Zugrisse unversehrt

Abb.46. l'lastische Zonen in der Umgebung einer Abb. 47. Plastische Zonen in der Umgebung eines
doppelten kreisförmigen Lochung eines Probekörpers doppelt gelochten Probekörpers aus Carraramarmor
aus CarraratnanIlor

blieb. Bei der höheren Beanspruchung von etwa 1130 kgcm- 2 entstanden im Sohlen-
bereich von den beiden Ecken ausgehend Sprünge, die etwa unter 45° gegen die
Lotrechte geneigt waren.
In Abb. 46 ist ein Probestück mit 2 kreisförmigen Bohrungen wiedergegeben.
Es war 16 cm breit und hoch und 7 cm dick. Die Bohrungen besaßen einen
Durchmesser von 1,2 cm und einen Achsenabstand von 3,4 cm. Bei geringen Be-
lastungen waren bereits Trennbruchrisse durch Gewölbe und Sohle festzustellen.
Bei 820 kgcm- 2 begannen Fließfiguren aufzutreten.
Abb.47 bringt ein weiteres Probestück aus Carraramarmor mit zwei tunnel-
artigen Lochungen. Wieder sind die plastischen Bereiche und die Gleitflächen deut-
lich zu erkennen. Dabei muß besonders auf die eigenartige, eingezogene Begren-
zung der plastischen Zonen an den Stellen A und B hingewiesen werden, die dem
theoretischen Verlauf, wie er für etwa }'o = 0,30 geltend, aus der Abb. 43 er-
sichtlich ist, überraschend gut entspricht.
Die Zugrisse im First und an der Sohle, die bei den Probekörpern auftraten,
wurden in Tunneln oder Stollen nicht beobachtet. Sie sind nach den Ausführungen
über den elastischen Spannungszustand zu erklären. Wenn auch infolge der Rei-
bung an den Druckflächen ein einachsiger Spannungszustand nicht verwirklicht
werden kann, so ist er doch in der Mitte des Probekörpers annähernd vorhanden.
Die Seitendruckziffer ist dort kleiner als in der Nähe der Druckplatten, es kommt
daher zu Zugspannungen über dem First und unter der Sohle, und als Folge davon
entstehen Trennbruchrisse (s. Abschn. 33).
88 Ir!. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Als weitere experimentelle Bestätigung des Auftretens von plastischen Zonen


dürfen photoelastische Versuche herangezogen werden. Die Isochromaten eines
gelochten Zugstabes zeigen beispielsweise einen ganz ähnlichen Verlauf, wie die
rechnerisch bestimmten Bilder für die Grenzen der plastischen Bereiche (Abb. 48).
Die Isochromaten sind ja experimentell gefundene Linien gleicher Hauptspan-
nungsdifferenz O"m - 0"1, und die Konstanz dieser Hauptspannungsdifferenz ist

a b
Abb. 48a u. b. Isochromatenbilder eines gelochten Zugstabes und einer gezogenen Gurtlasche [34]

die Bedingung für die Begrenzung der plastischen Bereiche im Falle vollkommener
Plastizität. Die Größe
Gm - GI
"l"max = -~2~- , (80)

die für die Spannungsoptik besondere Bedeutung besitzt, wird Hauptschubspan-


nung genannt.
Ein noch besserer Einblick in die Verhältnisse konnte dadurch gewonnen
werden, daß es gelang, auch die plastischen Bereiche auf photoelastischem Wege
festzustellen [56 a, 56 bJ.

38. Der sekundäre Spannungszustand im Gebirge


bei primär latenter Plastizität
Der Fall, daß sich das durchörterte Gebirge primär in latent-plastischem Zu-
stand befand, ist glücklicherweise nicht allzuhäufig. Er ist bei Tongesteinen mit
kleiner einachsiger Druckfestigkeit allerdings schon bei verhältnismäßig geringer
überlagerungshöhe möglich. Auch im pseudofesten Gebirge nach RABCEWICZ
wird er erreicht und bereitet dann beträchtliche Schwierigkeiten [108a]. Im stand-
festen Fels liegt die Grenze der primär latenten Plastizität in sehr großer Tiefe
unter der Erdoberfläche. Wenn ein Tunnel- oder Stollenbau in diesen Bereich
gelangt, in dem bei festem Fels primär ein latent-plastischer Zustand des Gebirges
39. Verspannungserscheinungen im Lockergebirge 89

herrscht, so wird er mit sehr großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben bzw.


kaum mehr möglich sein. Sofern sich nämlich das Gebirge bis zu einer gewissen
Höhe hp über dem Hohlraum bei einer gesamten Überlagerungshöhe von h in einem
latent-plastischen Zustand befindet, löst die Herstellung eines Hohlraumes, wenn
kein Einbau angeordnet wird, unvermeidlich Gebirgsbewegungen aus, die den
Hohlraum von allen Seiten zu schließen trachten. Auch ein Einbau wird dies nicht
immer zu verhindern vermögen. Der Unterschied gegenüber den früheren Fällen,
wo es sich nur um begrenzte plastische Zonen nahe dem Ausbruch handelt, ist
außerordentlich; dort erstrecken sich die plastischen Zonen nur über einen Teil
der Umgebung des Ausbruchsquerschnittes, und es bleiben Bereiche übrig, die zu
erhöhter elastischer Beanspruchung befähigt sind. Diese Überlegung bestätigt
die Anschauung der später zu besprechenden Schutzhülle (Abschn. 56). Bei primär
latent-plastischem Gebirge hingegen hat aber jede Störung des Gleichgewichtes
durch den Ausbruch eines Hohlraumes eine weitausholende Durchbewegung
des Gebirges zur Folge. Außerdem ist folgender Umstand zu beachten: Im Bereich
der plastischen Zonen ist die Festigkeit des Gebirges eben ausgenützt und der
Sicherheitsgrad beträgt y = 1. Bei primär-plastischem Gebirge kann der Fall
y = 1 unter gewissen Bedingungen gerade noch vorhanden sein; das ist z. B. der
Fall, wenn der Felshohlraum in der Nähe der Grenze des latent-plastischen Be-
reiches gemäß den Darlegungen im Abschn. 24 ausgeführt wird. Wenn der Fels-
hohlraum höher liegt, entstehen die plastischen Zonen, in denen der Sicher-
heitsgrad y = 1 herrscht; dann sind immer noch Reserven im elastischen Be-
reich vorhanden. Sofern aber der Ausbruch unter die Grenze des latent-plastischen
Bereiches rückt, ist ein Gleichgewicht nach der Durchörterung nicht möglich; es
sind überschüssige Kräfte vorhanden, die eine Schließung des ausgebrochenen
Hohlraumes herbeizuführen trachten. Der Sicherheitsgrad sinkt unter den Wert
von y = 1.

39. Verspannungserscheinungen im Lockergebirge


Ein im kohäsionslosen Lockergebirge geschaffener Hohlraum ist ohne Einbau
nicht bestandfähig. Wenn also in einem solchen Gebirge die Frage des nach der
Durchörterung auftretenden sekundären Spannungs zustandes behandelt werden
soll, so kann sie nur als theoretische Aufgabe betrachtet werden. Allerdings be-
steht die Möglichkeit, daß eine geringe Kohäsion, deren Vorhandensein rech-
nungsmäßig nicht in Betracht gezogen wird, den Bestand eines solchen Hohl-
raumes unter Umständen für kurze Zeit gewährleisten kann. Solche geringe Ko-
häsionskräfte erleichtern die Durchführung des Tunnel- und Stollenbaues ganz
außerordentlich. Dabei handelt es sich oft nur um jene scheinbare Kohäsion,
die bei feinkörnigem Lockergebirge durch die Kapillarwirkung von Feuchtigkeits-
spuren verursacht wird.
Bei der Untersuchung des sekundären Spannungszustandes im kohäsionslosen
Lockergebirge spielt die Nachgiebigkeit des zeitweiligen Ausbaues eine besondere
Rolle, weil dabei Verspannungen auftreten, Erscheinungen, die seit langem be-
kannt sind und als Silowirkung bezeichnet werden.
Wenn in kohäsionslosem Lockergebirge ein Stollen vorgetrieben wird, so be-
steht der Ausbau aus der waagrechten Firstverzimmerung und aus der meist
wenig von der Lotrechten abweichenden Ulmenverzimmerung. Sobald diese Unter-
stützungen zurückweichen, folgt das Gebirge dem nachgiebigen Ausbau. Die
dadurch ausgelösten inneren BewegWlgen wecken Reibungswiderstände, die den
in Bewegung geratenden, nachsinkenden Teil des Gebirges entlasten, während
sie für die ruhig bleibenden Gebirgsteile eine Erhöhung der Belastung herbei-
führen. Das ist das Wesen der in der Natur außerordentlich häufig auftretenden
Erscheinung, die als Verspannung bezeichnet wird.
90 IH. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Als Modellbeispiel dafür wird ein Sandbett betrachtet, das auf einer waag-
rechten, festen Unterlage aufruht und dessen seitliche Ausdehnung sehr groß ist.
In der Unterstützung befindet sich ein nachgiebiger Streifen von der Breite 2b.
Sobald man diesen Streifen, der der Firstverzimmerung eines Stollens entspricht,
absenkt, folgt der kohäsionslose Sand dieser Bewegung. Wenn die Absenkung des
Streifens groß genug geworden ist, erstreckt sich das Nachsinken des Sandes bis
an seine Oberfläche. Es entsteht eine mul-
o denförmige Vertiefung, deren mittlerer,
waagrechter Teil nahezu die gleiche Breite
aufweist, wie der nachgiebige Streifen,
während die seitlich davon liegenden
Oberflächenteile (Abb.49) geneigt sind.
Das Absinken des beweglichen Teiles der
Unterstützung beeinflußt daher einen Be-
reich des Sandes, dessen Breite an der
Oberfläche viel größer ist, als die des
ubsenkbure Streifens selbst. Im mittleren Teil des
BodenklrIppe beeinflußten Sandbereiches bewegen sich,
Abb. 49. Ausbildung der Bruch- und Gleitflächen in wie im Versuchswege nachgewiesen
kohäsionslosem Lockergebirge bei Absenkung einer wurde, die Sandkörner lotrecht nach ab-
beweglichen Bodenklappe von der Breite 2b und sehr
großer Ausdehnung in der Längsrichtung wärts. Dieser Bereich der lotrechten Be-
wegung wird als Bruchbereich bezeichnet,
B'B c o und seine seitliche Begrenzung bilden die
Bruchflächen. Aus der beschriebenen Ober-
flächengestaltung des Sandbettes ist zu er-
S1iitzwund sehen, daß außer den Bruchflächen auch
Gleitflächen vorhanden sein müssen.
Ganz ähnliche Verhältnisse sind beim
Erddruck auf eine stark erdwärts ein-
Abb. 50. Ausbildung der Bruch- und Gleitflächen bei fallende Stützwand beobachtet worden
der waagrechten Verschiebung einer überhängenden
Stützwand (Abb. 50). Auch in diesem Fall bildet sich
außer der Gleitfläche eine nahezu lot-
rechte Bruchfläche aus, wenn die Stützwand AB im waagrechten Sinn parallel
verschoben wird und die Verschiebung ein ausreichend großes Ausmaß erreicht
hat [144a].
Die den Bruchkörper begrenzenden Bruchflächen sind nur bei geringer Über-
lagerungshöhe annähernd lotrecht. Bei größerer überlagerung nähern sie sich ein-
ander und finden schließlich im Querschnitt die Form eines Spitzbogens.
Das Verhalten des kohäsionslosen Lockergebirges über einem nachgiebigen
Stollenmodell von der Breite 2b wurde in letzter Zeit von Loos und BRETH [86]
experimentell untersucht (Abb. 79 a u. b). Hierbei zeigte sich, daß die Bodensen-
kung über der Stollenmitte am größten ist, wie dies schon KOMMERELL behauptet
hat [80]. Zunächst entstanden beim Absenken des Stollens zwei nahezu ebene
Gleitflächen, die den in Bewegung geratenden Gebirgsteil von dem in Ruhe
bleibenden trennten. Die Gleitebenen wiesen hierbei gegen die Waagrechte eine
Neigung von 45° + (!g/2 auf. Wenn die Stollenabsenkung weiter zunahm, zeigten
sich die beiden Bruchflächen, die vom Gewölbewiderlager ausgehend, zuerst
lotrecht verliefen und dann einander zustrebten. Ein Zusammenschluß der Bruch-
flächen zu einem Spitzbogengewölbe wurde bis zu einer überschüttungshöhe von
4b nicht beobachtet. Dies tritt allem Anschein nach erst bei einer größeren über-
lagerungshöhe ein.
Ähnliche Ergebnisse zeigten Versuche von FrEBINGER, über die RABCEWICZ
berichtete [108a].
40. Verspannungserscheinungen über einem nachgiebigen Streifen 91

40. Theoretische Behandlung der Verspannungserscheinungen


über einem nachgiebigen Streifen
Die theoretische Behandlung der Verspannungserscheinungen über einem nach-
giebigen Streifen folgt dem Vorgang TERZAGHIS [144b). Die gleichen Berechnungen
wurden bereits 1895 von JANSSEN bei der Behandlung des Druckes auf die Wan-
dungen und den Boden von Getreidesilos ausgeführt [63). Zunächst wird angenom-
men, daß die Überlagerungshöhe gering ist und daß die Bruchflächen von den
Grenzen des Streifens ausgehend lotrecht verlaufen und bis zur Geländeoberfläche
reichen (Abb.49). Die außerhalb der Bruchflächen liegenden Gleitkeile bleiben
vorläufig außer Betracht. Der Scherwiderstand des Gebirges T 8 ist in Abhängig-
keit von der waagrechten Normalspannung Uh
durch die COULOMBsehe Gleichung bestimmt rr
(81 )

worin c die Kohäsion und I! g den Winkel des inneren


Gleitwiderstandes des Bodens bedeutet. Die An-
nahme einer Kohäsion c ist zwar in Widerspruch
mit der Voraussetzung eines kohäsionslosen Locker-
gebirges, sie wird aber deshalb eingeführt, weil
oft eine geringe Bindung der Körner des Gebirges
besteht, die dann berücksichtigt werden kann.
Der nachgiebige Streifen habe eine Breite 2b
und sei in der Längsrichtung sehr ausgedehnt; die
Untersuchung wird in dieser Richtung für die
Abb. 51. Zur Behandlung der Verspan-
Längeneinheit durchgeführt (Abb. 51). Der Boden nungserscheinungen über einem nach-
giebigen Bodenstreifen. etwa dem First
trage eine gleichmäßig verteilte Auflast q. Das eines verzimmertenStollens in kohäsions-
Verhältnis zwischen der waagrechten und der lot- losem Lockergebirge
rechten Pressung sei mit A = Uh : U v bezeichnet
und für den ganzen in Betracht gezogenen Bruchbereich konstant angenommen.
Diese Voraussetzung ist, wie sich später zeigen wird, für die Lösung der Aufgabe
bzw. für deren Ergebnis von ausschlaggebender Bedeutung.
Gemäß Abb. 51 wird eine im Bruchbereich gelegene elementare Scheibe des
überlagernden Gebirges von der Breit.e 2b betrachtet, die in einer Tiefe z unter der
Geländeoberfläche liegt und deren Ausdehnung senkrecht zur Bildfläche gleich
der Einheit gewählt wird. An dieser Scheibe greifen folgende Kräfte an:
die Auflast 2 bq
das Gewicht 2y g bdz
die Differenz der lotrechten Spannungen 2 b d U v
der Scher- und Reibungswiderstand 2 (c +
Uh tan I!g) dz.

Das Gleichgewicht im lotrechten Sinne ergibt die Bedingung

(82)

die sich in etwas vereinfachter Form wie folgt anschreiben läßt

(83)

Hierbei muß die Bedingung gelten

z = 0, Uv = q. (84)
92 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Die Lösung der GI. (83) ergibt die Abhängigkeit der lotrechten Spannung av von
der Tiefe z unter der Geländeoberfläche

a
v
by - c (
= _u___ 1- e
J. taneg
- A .".- tan
b
Qg)
+ q e- A .".- tan
b
Qq
• (85)

Die GI. (85) liefert folgende spezielle Formen

_. _ byu-c ( e-Ai-tanQg)
C > 0, q - O. av - J. t
aneg
1-

C = 0 , q> 0: av =
b
~ 1-
J.taneg
(
e
-J..".-tan Qg)
b + q e-J..".-tanQn
b (86)

by ( -A.".-tanllg)
C = 0 , q = 0: av = J.taneg
__ u_ 1 - e b •

Wenn man in der letzten dieser Gleichungen

z = nb (87)

setzt, wobei n also das Verhältnis der Überschüttungshöhe der betrachteten


Lamelle dz zur halben Breite des nachgiebigen Streifens bedeutet, so erhält man
bei c = 0 und q = 0

a = ~ (1 - e-AntanQg). (88)
v J. taneg

Für z = 00 wird n = 00 und die lotrechte Pressung nimmt den Wert

a -- byo-
v 00 - Atangg (89)
an.
In der Abb. 52 sind für die lotrecht aufgetragenen Überlagerungshöhen z in
waagrechter Richtung die Werte von a v gemäß GI. (88) dargestellt. Der Gleit-
winkel wurde mit (Jg = 30° angenommen. Hinsichtlich der Seitendruckziffer Je
gibt TERZAGill als Ergebnis von experimentellen Untersuchungen an, daß ihr
Wert über der Mitte des absinkenden Streifens bei Je = 1 liegt, in der Höhe von
2b über diesem absinkenden Streifen das größte Maß von Je = 1,5 erreicht und
dann wieder abnimmt. In dem Beispiel Abb. 52 wurde Je = 1 gewählt. Für die
halbe Breite des absinkenden Streifens wurden, um darzutun wie sehr die Be-
lastung des Streifens mit wachsender Breite zunimmt, die Werte b = 1,0 mund
b = 2,0 m berücksichtigt.
In einer Höhe von ungefähr 5b über der Mitte des Streifens scheint sein Ab-
sinken keinen wesentlichen Einfluß mehr auf den Spannungszustand im kohä-
sionslosen Lockergebirge zu haben. Man ist deshalb zur Annahme gezwungen, daß
der innere Gleitwiderstand des kohäsionslosen Lockergebirges bei größerer Höhe
des zwischen dem nachgiebigen Bodenstreifen und der Bodenoberfläche gelegenen
Prismas nur in den unteren Teilen seiner lotrechten Begrenzung AE1 und BF1
wirkt (Abb. 53). Dann aber hat der darüberliegende Teil des Prismas E1EF1F als
Auflast q gemäß GI. (85) zu gelten. Wenn man die Tiefe, bis zu der der innere
Gleitwiderstand des Gebirges beim Absinken des Bodenstreifens nicht in Anspruch
genommen wird, mit Zl = n 1 • b bezeichnet, beträgt die Auflast

(90)
40. Verspannungserscheinungen über einem nachgiebigen Streifen 93

Nach Einführung dieses Wertes in die zweite GI. (86) erhält man
_
't--
O'v - -
A
ygb (
aneg
1- e
-,\n,tan eg)
+ Yg b n 1 e
-'\n,taneg
,
bzw. etwas vereinfacht
y b [ - ,\ n, tan eg ]
O'v = .iI.t:neg 1- e (1 - n1A.taneg) . (91)

Setzt man Z2 = 00 und damit auch n 2 = 00, so erhält man


_ yu b
O'voo - '-t--' (92)
A aneg

Dieser Wert ist identisch mit jenem, der mit der GI. (89) gewonnen wurde; damit
kommt zum Ausdruck, daß O'voo unabhängig von Zl und damit auch von der Auf-
last q ist.
1---_" !!i.
7gb
E F Z

z
q
A

8
TFr
TU
m
TZ LW
Abb. 52. Die lotrechte Belastung des nachgiebigen
Firstes eines verzimmerten Stollens. der in
Abb.53. Die lotrechte Belastung des nachgiebigen Firstes
eines verzimmerten Stollens, der in kohäsionslosem Locker-
kohäsionslosem Lockergebirge vorgetrieben wur- gebirge vorgetrieben wurde, bei großer überlagerungshöhe
de. in Abhängigkeit von einer geringen über-
lagerungshöhe

Dieser Sachverhalt wird durch ein Beispiel erläutert (Abb. 53), wobei im
lotrechten Sinn n = z: b und im waagrechten die Werte O'v: (ygb) aufgetragen
wurden. Als Berechnungsgrundlage habe eg = 30° und A. = 1 zu gelten; ferner
wurde jener Überlagerungs bereich , in dem der innere Gleitwiderstand nicht zur
Wirkung kommt, mit n 1 = Zl: b = 4 gewählt. Zwischen der Geländeoberfläche
und einer Tiefe Zl = 4 b nimmt daher der lotrechte Druck verhältnisgleich mit
der Tiefe zu. In der Abb. 53 kommt dies durch die Gerade OA zum Ausdruck,
die bis zu einer dem Wert n 1 = 4 entsprechenden Tiefe reicht. Unterhalb davon
wird der Druck durch die GI. (91) bestimmt; er nähert sich mit wachsender Tiefe
asymptotisch dem Grenzwert O'voo.
In der Abb. 53 ist auch der Verlauf der lotrechten Pressungen für den Fall
eingezeichnet, daß die Verspannung in der ganzen Höhe der Überlagerung wirk-
sam ist, also n 1 = 0 gilt. Mit wachsender Überlagerungshöhe nähert sich dann,
wie früher erwiesen wurde, die lotrechte Spannung gleichfalls dem Wert O'voo.
Die Abb. 53 zeigt auch, daß dies bei einer Überlagerung von etwa Z = Sb gilt.
Der Umstand, daß in den oberen Schichten der Überlagerung keine Verspannung
eintritt, verliert seinen Einfluß bei einer Tiefe von Z = 8b.
94 II!. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

TERZAGffi berichtet, daß ähnliche Untersuchungen für verschiedene Werte


von eg und n 1 zur Schlußfolgerung führten, daß der Druck im Lockergebirge über
einem nachgiebigen Streifen in einer Höhe von mehr als 4b bis 6b über diesem
Streifen von der Überlagerung nicht mehr beeinflußt wird. Der schroffe Übergang
von dem Bereich des verhältnisgleich mit der Tiefe zunehmenden Überlagerungs-
druckes zu jenem, wo der innere Gleitwiderstand zur Gänze ausgenützt ist, also
vom elastischen in den plastischen Bereich erfolgt in Wirklichkeit nicht schroff,
sondern es findet ein allmählicher Übergang statt, als dessen Folge der Verla~
der lotrechten Druckspannungen die in der Abb. 53 strichliert dargestellte Form
annimmt. Diese theoretischen Ergebnisse sind ein Hinweis dafür, bei der Behand-
lung des Auflockerungsdruckes die Theorie der plastischen Zonen in Betracht zu
ziehen. Dazu wird im Abschn. 71 bei Bemessung eines Stollens im Lockergebirge
Gelegenheit sein.
41. Die Seitendruckzi:lfer I. über einem nachgiebigen Stollenfirst
Die wiedergegebene Berechnungsweise des Druckes auf den nachgiebigen
First eines verzimmerten Stollens wird von der Wahl der Seitendruckziffer
,1 = (111: (1" entscheidend beeinflußt. Die Werte, die TERzAGm auf Grund von ex-
perimentellen Untersuchungen angibt, wurden
bereits erwähnt (Abschn. 40). Für die Durchführung
der Berechnung wird meist angenommen, daß ,1 = 1
ist. Dabei bleibt aber die Frage offen, welche Ur-
sache dieser verhältnismäßig hohe Seitendruck hat.
Um eine Erklärung dafür zu finden, wird das
Ergebnis der Versuche von Loos und BRETH heran-
gezogen. Infolge der Nachgiebigkeit der Stollen-
zimmerung zerfällt nach ausreichendem Absinken
des Stollenfirstes das Gebirge in drei Teile (Abb.49).
Abb. 54. Zur COULOMBsehen Erddruck- Die beiden Bruchflächen begrenzen den Bruch-
theorie körper, in dessen Bereich sich die Bodenkörner
lotrecht nach abwärts bewegen. Zwischen den
Bruchflächen und den Gleitflächen gerät der Boden beiderseits des Bruchbereiches
in eine ähnliche Gleitbewegung wie etwa hinter einer nachgiebigen Stützmauer,
wobei die Nachgiebigkeit der Stützmauer im gegebenen Falle durch die Auf-
lockerung des zwischen den Bruchflächen liegenden Gebirges ersetzt wird. Der
dritte Bereich des Gebirges liegt außerhalb der beiden Gleitkeile und bleibt un-
gestört. Dort herrscht die Ruhedruckziffer ,10. Die beiden Gleitkeile bzw. die Gleit-
flächen entstehen bei der versuchsmäßigen Durchführung der Absenkung des
Einbaues zuerst; etwas später erst entwickeln sich die Bruchflächen.
Die geschilderte Erscheinung läßt sich vom Gesichtspunkt der Erddrucklehre
wie folgt beschreiben: Die Bruchflächen AC und BD können als Stützwände auf-
gefaßt werden, die sich nach abwärts bewegen, weshalb der Wandreibungswinkel
den Wert t5 = - eg annimmt. Unter dieser Voraussetzung haben die Gleit-
flächen in den Punkten A und B lotrechte Tangenten, wie sich aus dem MOHRSchen
Diagramm herleiten läßt. Die Gleitflächen sind also gekrümmt, sie verlaufen an
ihrem Fußpunk.t lotrecht, gehen aber sehr bald in die dem RANKINEschen Zu-
stand entsprechende Neigung von 45° + eg/2 über, d. h. die Krümmung erstreckt
sich nur auf schmale Bereiche in der Nähe der Bruchflächen, innerhalb deren die
Wandreibung wirksam bleibt. Die Reibung an den Bruchflächen hemmt die
Bewegung des Bruchkörpers, wirkt also an dessen Begrenzung nach aufwärts. Ihre
Reaktionskraft hat die entgegengesetzte Richtung. Trotz der gekrümmten Gleit-
flächen genügt es nach der COULoMBschen Theorie zu rechnen, denn die Gleit-
flächenkrümmung ist im gegebenen Fall nicht von ausschlaggebender Auswirkung
auf die Größe des Erddruckes [70d].
41. Die Seitendruckziffer A über einem nachgiebigen Stollenfirst 95

Die Ausdrücke für den Erddruck lauten nach der CouLoMBschen Theorie für
den Fall einer geneigten Stützwand und einer geneigten Geländeoberfläche wie
folgt (Abb. 54) :

P = ~ h2 Aa
() 2 Yg sina:cosD

P an -P
- a COS u~_1
- -2 Yg h - . -
2Aa (93)
sma:

P at -
- p ' ~_1
a S1nu - 2- Yg h2Aat ~
- . - anu.
Sill a:

In diesen Ausdrücken bedeutet Pa die unter dem Wandreibungswinkel ö geneigte


Erddruckkraft ; Pan ist die Normalkomponente und P at die Tangentialkomponente
davon. Die Größe Aa ist die Erddruckziffer, die folgenden Wert besitzt

A _ + (}g) cos 15
sin2 (a:
a -.
Silla:Slna:
. ( _~)
u
[1 + VSin. ((}u
(
Sill
+ ~.
15) sin ((}u - ß)]2'
<X -
( ß
u) Sill a: + )
(94)

wobei a: die Wandneigung, ß die Neigung der Geländeoberfläche und ö den Winkel
der Wandreibung (Abb.54) bedeutet. Im gegebenen Fall kann die Wand lot-
recht angenommen werden, womit <X = 90° gilt; die Neigung der Geländeober-
fläche ist ß = 0 und der Winkel der Wandreibung voraussetzungsgemäß
ö = - (}g. Mit diesen Annahmen läßt sich die Erddruckziffer in einfacher Form
ausdrücken wie folgt:
sin2 (90 0 +
(}u) cos (- (}g) _ 2
+
1 _
A a - 1 . sin (900 (}g) - cos (}g. (95)

Damit ergeben sich die Erddruckwerte zu

Pa =
1
"2 Yg
h2 COS(}g

P an = "21 Yg h2 cos2 (}g (96)

P al _
- -
1
"2 Yg
h2 .
COS(}gSlll(}g.

Für den beispielsweise angenommenen Winkel des inneren Gleitwiderstandes


von (}g = 30° und für den Reibungswinkel an der Bruchfläche von Ö = - (}g =
- 30° ergibt sich eine Seitendruckziffer von A = Aa = COS 2(}g = 0,75, weil ja
in diesem Fall die Normalkomponente des Erddruckes Pan waagrecht wirkt. Die
Seitendruckziffer erreicht also tatsächlich nach der COULoMBschen Theorie einen
hohen Wert, der weit größer ist, als die Seitendruckziffer beim RANKINEschen
Spannungszustand AR a'
Die Bruchflächen sind, wie aus den Versuchen folgt, gekrümmt und trachten
sich in einiger Höhe über dem Stollenfirst zu nähern. Der Winkel <x, der am Fuß
der Bruchfläche etwa 90° beträgt, erfährt über dem First eine Abnahme. Wenn
man diesen Umstand berücksichtigt, so ergibt sich eine noch größere Ziffer des
waagrechten Seitendruckes; für <X = 60° ermittelt man Aa beispielsweise zu

.il = sin (01 + (}g) cos (}g = sin 90 0 cos 30° = 1


a sin a: sin 60°
96 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

und der in diesem Falle waagrecht verlaufende Erddruck Pa folgt aus der ersten
GI. (93)
P -~ h2 _ _ 1 _ _ -~ h2~1_ _ ~ h2 ·133
a- 2 Yg sin 60° cos 30° - 2 Yg
2 0,867 - 2 Yu '
die Seitendruckziffer beträgt also A = 1,33. Damit ist der von TERZAGHI experi-
mentell bestimmte hohe Wert der Seitendruckziffer über einem nachgiebigen
Stollenfirst auch theoretisch gerechtfertigt.

42. Der Druck auf einen nachgiebigen Stollenfirst


bei geringer Vberlagerungshöhe
Die Feststellungen des vorangegangenen Abschnittes geben den Anlaß, die
Berechnung des Druckes auf den nachgiebigen First eines verzimmerten Stollens
in etwas anderer Form durchzuführen, wobei als Materialkonstante nur der Winkel
des inneren Gleitwiderstandes
f]g verwendet wird.
:--Z0--18rochfitiCl7e Der Stollenfirst besitze die
I I
geringe überlagerungshöhe h.
Seine Breite betrage2b (Abb.55).
t>l
Auf ihm lastet primär, also

~Lr __
vor jeglicher Auflockerung, ein
"<::1 '1:'3 --h-,rfr-lrl Pa;n Druck yuh. Wenn der nach-
......~=--+_~...L.-..= giebige First absinkt, entstehen
a
zwei bis an die Geländeober-
1:;:::::=;t fläche reichende nahezu lot-
rechte Bruchflächen. Im Bruch-
bereich treten Verspannungser-
scheinungen auf, die eine Ver-
ringerung der Belastung des Stol-
lenausbaues zur Folge haben.
Die Verspannung wird durch
Reibungswiderstände bedingt,
deren Größe vom Seitendruck
bzw. von der Seitendruckziffer
Aa abhängig ist. Im Sinne der
Darlegungen des vorangegan-
genen Abschnittes wird die-
Abb 55a u. b. Zur Berechnung des Druckes auf einen nachgiebigen se Seitendruckziffer nach der
Stollenftrst unter ausschließlicher Verwendung der Gleitzahl COULoMBschen Erddrucktheorie
ermittelt. Ihr Wert ist durch
GI. (94) gegeben. Der Seitendruck Pan selbst ergibt sich aus der zweiten
GI. (96) und es bleibt die Frage zu beantworten, wie er über die in Betracht kom-
mende Höhe verteilt ist. Nachdem das Gebirge an der Stollensohle in seiner
Durchbewegung gehindert wird, tritt dort eine Verspannung im horizontalen
Sinne ein, und es entspricht einer heute geltenden Auffassung, die Kraft Pan in
der Weise zu verteilen, daß die Spannungen zwischen der Geländeroberfläche und
der Stollensohle einen parabolischen Verlauf zeigen (Abb.55) [86]. Sofern die
Verzimmerung auch der Ulmen nachgiebig ist, womit man immer rechnen muß,
ist die waagrechte Verspannung über den Höhenbereich h + h. zwischen Ge-
ländeoberfläche und der Stollensohle wirksam und der Berechnung zugrunde zu
legen. Wenn man mit O"nmax die in der halben Verteilungshöhe herrschende Normal-
spannung bezeichnet, so gilt

O"nmax =} Yg (h + hs)2cOS2f]g2(h~h.) = ~ Yg (h + hs) cOS 2 f]g. (97)


42. Druck auf einen nachgiebigen Stollenfirst bei geringer überlagerungshöhe 97

Nunmehr sind die Normalspannungen für jede Höhenlage, gegeben durch die
Koordinaten z, zu bestimmen. Dazu wird ein Hilfskoordinatensystem C, 'fJ ein-
geführt, dessen Ursprung im Scheitel der Parabel liegt. Die Gleichung der Parabel
lautet dann
(98)

und die Transformationsgleichungen ergeben sich wie folgt

~ = O'nmax - X
h +ha (99)
'fJ = - - 2 - -z.

Damit ist die Parabelgleichung im Koordinatennetz x, z gegeben; sie lautet

(- +
h 2 h-a - z
)2 = 2p (O'nmax - x) . (100)

Für x = 0 wird z = 0 und der Parameter der Parabel folgt zu


(h+h,)2
p= • (101)
8 on"",,,

Damit ergibt sich die Parabelgleichung in ihrer endgültigen Form zu

(h + hB
-2- - z )2 -_ (h4 + h,)2 (O'nmax - O'n
) (102)
°nmax

und die Normalspannungen in jedem Horizont lassen sich wie folgt darstellen

O'n = (:~;::)2 [(11, + 11,,) z - Z2]. (103)

Damit werden schließlich die für den Verspannungseffekt maßgebenden Tangen.


tialspannungen gewonnen. Sie besitzen den WeFt
. z (h + h. - z)
0', = O'n tan e, = 3 "t, sm e, cos e, h + h8 • (104)

Nunmehr wird die Gleichgewichtsbedingung für ein Element von der Breite 2b,
von der Tiefe 1 und von der Dicke dz aufgestellt. Sie läßt sich aus der Abb. 55a
in folgender Form ablesen
· z (h + h, - z) d
2 b "tg d z = 2 b d Pt) + 6 "tgsmegCOSe, h + h, z (105)

und gewinnt nach einigen Vereinfachungen die Form

· z (h + h, - z) } d b d pt).
"t, { b - 3 sme,cose, h+h, Z= (106)

Die Integration dieser Differentialgleichung ergibt

"tg {bz - 3sinegcoseg [~- 3 (hz: ha)]} = bpt) + O. (107)

Für die Grenzbedingung z = 0, Pt) = 0 wird 0 = 0 und der endgültige Aus·


druck für die lotrechten Pressungen lautet schließlich
2 . }
Pf) ="tg { z - b1 [3Z
2 - (h +Z3]
ha) sm(!gCOS(!g . (108)

7 Kastner, Statik
98 IH. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Für den Stollenscheitel gilt z = h und der auf die Firstverzimmerung lastende
Druck läßt sich in der Form

Pv = Yg
h (1 - h h + 3h. .
4 b h + h. sm
2(lg) (109)

zum Ausdruck bringen. Er ist von dem Raumgewicht des Gebirges Yg, von der
Höhe der überlagerung h, von der Breite der Firstverzimmerung 2 b und vom
Winkel des inneren Gleitwiderstandes (lg abhängig. Für verschiedene Werte des
Verhältnisses der überlagerungshöhe h zur halben Breite des Stollenfirstes b wird
die Größe des Firstdruckes, bezogen auf den primären Druck der überlagerung,
in der nachstehenden Tabelle unter der Annahme eines Winkels des inneren Gleit-
widerstandes von (lg = 30°, 35° und 40° angeführt, wobei die Höhe des Stollens h.
gleich seiner Breite 2 b gewählt wurde.
Tabelle 10. Firstdrw;k bei geringer Überlagerungshöhe
P.: ruh für eg ~
h:b
30' 35' 40'

1 0,495 0,452 0,426


2 0,134 0,060 0,015
3 -0,169 -0,269 -0,329

Der Druck auf den Stollenfirst nimmt mit wachsender Überlagerung h sehr
rasch ab und erreicht bereits bei h: b = 3 negative Werte. Um festzustellen, ob
dieses Ergebnis etwa in der parabolischen Verteilung des Erddruckes seine Ur-
sache hat, wurde in Anlehnung an den Vorgang, den schon FORCHHEIMER [35]
eingeschlagen hat, mit einer linearen Erddruckverteilung nach COULOMB ge-
rechnet. Dabei ergab sich, daß bei einem etwas größeren Verhältnis h: b = 5
negative Werte für den Firstdruck auftreten, also keine wesentliche Änderung.
Ein derartiger sekundärer Spannungszustand ist aber nicht möglich. Die Ursache
dieses Ergebnisses ist scheinbar darin zu suchen, daß sich die Bruchflächen nur bei
ganz geringer Überlagerungshöheolotrecht ausbilden, während bei größerer Über-
lagerungshöhe, wie die Versuche gezeigt haben [86], gekrümmte Bruchflächen die
Regel bilden. Die Behandlung des Problems unter dieser Voraussetzung wird
vermutlich auf ähnliche Schwierigkeiten stoßen, wie die Erddrucktheorie bei der
strengen Erfassung gekrümmter Gleitflächen.

43. Das Schwellen von bindigem Lockergebirge im Tunnel


Die Untersuchung des sekundären Spannungszustandes im bindigen Locker-
gebirge gibt Veranlassung, die Frage des Schwellens des Tones zu verfolgen. Die
theoretische Behandlung dieser Aufgabe - es handelt sich um ein zweidimen-
sionales Konsolidierungsproblem - lieferte bisher kein für die praktische Ver-
wendung geeignetes, d. h. diskutierbares Ergebnis [144b]. Bis jetzt scheint auch
nur eine einzige für praktische Zwecke geeignete Näherungslösung vorzuliegen.
Sie stammt von TERZAGHI, und seinen Gedankengängen folgen, wenn auch mit
mancherlei Änderungen, die nachfolgenden Untersuchungen [144aJ.
Wenn im tonigen Gebirge, sei es in einem Ton- oder Lehmlager, in tonigem
Sandstein oder im Haselgebirge usf., ein Stollen ausgebrochen wird, so zeigt sich
häufig, daß das Gebirge schwillt und von allen Seiten gegen den Hohlraum drängt.
Man hat diese Erscheinung früher darauf zurückgeführt, daß der Ton hygrosko-
pisch ist und Wasser aus der feuchten Stollenluft aufnimmt. Um diese Anschau-
ung zu prüfen, hat TERZAGHI Probekörper aus verschiedenen Tonsorten und mit
verschiedenem Wassergehalt angefertigt und sie wochenlang in geschlossenen,
44. Halbmesser des Tragkörpers in einem Tonzylinder mit zentrischer Bohrung 99

mit dampfgesättigter Luft erfüllten Gefäßen bei Zimmertemperatur aufbewahrt.


Das Ergebnis dieser Untersuchungen war, daß die Probekörper in der bildsamen
und halbfesten Konsistenzform weder ihr Gewicht noch ihren Rauminhalt ver-
änderten; in der festen Konsistenzform erwiesen sich die Probekörper trotz
hygroskopischer Wasseraufnahme als raumbeständig. Eine hygroskopische
Wasseraufnahme ist deshalb nach Ansicht TERZAGHIS als Ursache des Schwellens
nicht in Betracht zu ziehen [144a]. Eine solche Feststellung dürfte aber als all-
gemeingültig nicht zutreffend sein, denn es gibt zweifellos Tonmineralien, die
durch Anlagerung von Wassermolekülen im Raumgitter eine Schwelltendenz
aufweisen [128].
Das Schwellen des Tones in der Umgebung eines Tunnelausbruches ist
zweifellos auf die Zunahme des Wassergehaltes des den Hohlraum umgebenden
Gebirges zurückzuführen, wobei aber das Wasser nicht aus der feuchten Stollen-
luft, sondern aus entfernten Gebirgsteilen stammt; die Strömung des Poren-
wassers erfolgt unter der Wirkung der geänderten Druckverhältnisse. Um sich dies
klar zu machen, wird die Wirkung einer Lochung auf den Spannungszustand eines
Tonzylinders vom Halbmesser R verfolgt. In der Richtung der Achse sei die Aus-
dehnung des Tonzylinders verhindert; die Untersuchung soll auf eine Scheibe von
der Dicke gleich der Einheit beschränkt bleiben. Auf die äußere Mantelfläche des
Tonzylinders wirke der Radialdruck p, wobei P gleichzeitig die Größe des im
Zeitpunkt t = 0 an der Mantelfläche der Bohrung wirksamen Kapillardruckes
Pko angibt. Falls der Druck P lange genug gewirkt hat, und falls überdies für den
freien Abzug des überschüssigen Porenwassers gesorgt war, ist der hydrostatische
überdruck, unter dem das Porenwasser des Tones steht, in jedem Punkt des Zy-
linders gleich Null, es besteht kein Druckgefälle. Nun bohrt man in den Zylinder
ein zentrisch angeordnetes kreisrundes Loch. Dann wirkt an der Mantelfläche der
Bohrung der Kapillardruck Pko, der als Reaktion von einem gleich großen hydro-
statischen Unterdruck im Porenwasser hervorgerufen wird. Dieser zunächst auf die
Nachbarschaft der Bohrung beschränkte Unterdruck bewirkt ein Zuströmen von
Wasser gegen die Mantelfläche der Bohrung, und ein Gleichge"wichtszustand tritt
erst dann ein, wenn der hydrostatische Unterdruck im gesamten Zylinder bereich
einen mittleren, vom radialen Achsabstand unabhängigen Wert Pkoo angenom-
men hat. Der Wassergehalt des Tones erfährt daher in der Umgebung der Bohrung
eine Vermehrung auf Kosten der entfernteren Tonmasse; der Ton schwillt in der
Umgebung der Bohrung, während er in entfernteren Zonen konsolidiert wird.
Der Bereich, in dem eine Druckentlastung eintritt, wird als Tragkörper bezeichnet.

44. Der Halbmesser des Tragkörpers in einem Tonzylinder


mit zentrischer Bohrung
Die Ermittlung der Größe des Tragkörpers mit Hilfe der Plastizitätstheorie
wird im Abschn. 76 erfolgen. Für die beabsichtigte Untersuchung des Schwell-
vorganges möge vorerst ein Näherungsverfahren angewendet werden, das auf
TERZAGHI zurückgeht.
Es wird ein Gebirge aus luftfreiem, plastischem Ton vorausgesetzt, das von
einem kreisquerschnittigen Ausbruch vom Halbmesser raO durchörtert wird. Da-
durch werden hydrodynamische Spannungen geweckt, deren Ausgleich erst nach
geraumer Zeit - dafür wird t = 00 gesetzt - erfolgt sein soll. Anordnung und
Spannungen sind drehsymmetrisch. Daher sind die Radialspannungen erroo und die
Tangentialspannungen ertoo Hauptspannungen. Für den Tragkörperbereich soll die
Ausnützung der Tragfähigkeit des Gebirges dadurch zum Ausdruck gebracht
werden, daß der Quotient der Hauptspannungen er/co: er rco = 1; = ÄRP konstant
ist und der Ziffer des Erdwiderstandes für den RANKINEschen Sonderfall ent-

7*
100 III. Der sekundäre Spaunungszustand des Gebirges

spricht. Es ist dies bekanntlich die oberste Grenze für den Wert ,1, womit die volle
Ausnützung der Tragfähigkeit des Gebirges zum Ausdruck gebracht wird.
Nun wird für eine Lamelle mit dem Halbmesser r und der Dicke dr die Gleich-
gewichtsbedingungin radialer Richtung aufgestellt (Abb. 56c). Auf die dem Aus-
bruchshohlraum zugekehrte Innenfläche der Lamelle wirkt die Spannung C1roo

t-o t t-oo

Begrenzung des TrfIgkifrpers


Abb. 56 a-c. Zur Verfolgung des Schwellvorganges in einem Tonzylinder mit zentrischer kreisquerschnittiger
Bohrung

und auf die Außenseite die größere Radialspannung C1 roo + dC1 roo • Die Tangential-
spannung der Lamelle ist auf Grund der getroffenen Annahmen gleich CC1 roo .
Dann folgt die Gleichgewichtsbedingung in radialer Richtung zu

(C1roo + d C1roo ) (r + dr) - C1 roo r = CC1 roo dr, (110)

bzw. die Differentialgleichung


d ar 00 dr
(111)
ar 00(C - 1) r

Ihre Lösung lautet

lnC1 roo = (C - 1) lnr + C. (112)

Der Wert der Integrationskonstanten C ergibt sich aus der Randbedingung für
den Halbmesser des Ausbruchsquerschnittes r aoo . Nachdem voraussetzungsgemäß
kein Einbau vorhanden sein soll, ist an der Ausbruchsleibung nur der Kapillar-
druck Pkoo vorhanden. Die Beziehung zur Ermittlung von C lautet daher

lnpkoo = (C - 1) lnr a +C (113)

und man erhält schließlich

~
ra
= (aPkoo
r oo)C-l, (114)

Vor der Durchörterung hat in der gesamten Tonmasse der allseits gleiche Druck P
geherrscht. Am Ausbruchsrand ist C1 roo = Proo; mit wachsendem r nimmt auch
C1 roo zu und die Grenze des Tragkörpers soll nach TERZAGHI dort liegen, wo C1roo den
primären allseitig gleichen Druck P erreicht. Diese Annahme ist, wie die späteren
Ausführungen zeigen werden, nicht streng richtig, weil die Radialspannung C1 roo
den Wert P im Bereich des Tragkörpers überhaupt nicht erreicht. Sie kann daher
nur näherungsweise Gültigkeit beanspruchen.
45. Die Verengung der Bohrung eines Tonzylinders 101

Wenn man in GI. (114) statt aroo den Druck P einführt, und gleichzeitig mit
r = r0 die Grenze des Tragkörpers bezeichnet, so erhält man diese Grenze
1

ro = r a (-
P )C -1 • (115)
Pkoo
Nach dieser Rechnung kann der Ausbruch nur durch den Kapillardruck Pkoo
offen gehalten werden. Wenn der Kapillardruck durch Kondenswasserabscheidung
oder durch das beim Schwellen nachdrängende und nicht in ausreichendem Maße
verdunstende Porenwasser ausgeschaltet wird, bleibt die Bohrung nicht offen.
Dabei muß allerdings berücksichtigt werden, daß es sich um ein Rechenergebnis
handelt, dessen Voraussetzungen nur näherungsweise zutreffen. Es wurde bereits
erwähnt, daß die Beziehung atoo = Caroo keine strenge Gültigkeit beanspruchen
darf. Die Voraussetzung für die angenommene lineare Abhängigkeit ist das
Fehlen jeglicher Kohäsion, womit gleichzeitig ausgedrückt wird, daß das Gebirge
keine einachsige Druckfestigkeit besitzt.
Die späteren Untersuchungen (Absehn. 76) über die Spannungen im plastischen
Bereich haben, wie vorweg angeführt wird, das nachstehende Ergebnis [GI. (4)
im Abschn. 76].

a rp
(r)C-l(Pa + Z; -1
=;:;; 0qd )
-
0qd
Z; - 1
(116)
atp = (~)C~l(Pa + Z; O~d 1) - Z; O~ 1.
Das Verhältnis der Tangentialspannung atp zur ~adialspannung arp hat also nicht
den konstanten Wert C; die Verhältnisgleichheit ist nur dann gegeben, wenn keine
einachsige Druckfestigkeit besteht.

45. Die Verengung der Bohrung eines Tonzylinders


Die GI. (115) wird als Ausgangspunkt der weiteren Betrachtungen gewählt,
welche zunächst in der Absicht angestellt werden, die Verengung der Bohrung des
Tonzylinders zu ermitteln. Das System (Abb. 56) sei ein gelochter Kreiszylinder
mit dem Halbmesser der äußeren Mantelfläche R und dem Halbmesser der Boh-
rung rao, der z;um Zeitpunkt t = 0 gilt. Zu einem beliebigen Zeitpunkt 0< t < 00
sei der Halbmesser der Bohrung rat und zur Zeit t = 00 sei er zum Betrag raoo
zusammengeschrumpft. Die Begrenzung des Tragkörpers sei wieder mit r o be-
zeichnet. In den peripheren Teilen des Zylinders, d. h. außerhalb des Tragkörpers,
herrscht zur Zeit t = 0 ein Druck P und im Zeitpunkt t = 00, also nach erfolgtem
Ausgleich der hydrodynamischen Spannungen ein Druck P +
Pkoo' Für r = r o
und t = 00 gilt demnach

r )C-l
P + Pkoo = Pkoo ( ra~ . (117)

Die im äußeren Zylinderteil zwischen den Halbmessern ro und Rauftretende


Erhöhung des Druckes von P auf P +
Pkoo bewirkt in der Längeneinheit des
Zylinders die Ausquetschung einer Wassermenge

(118)

Hierin bedeutet a 1 die bei der Zunahme des Druckes um die Druckeinheit aus der
Raumeinheit des Tones austretende Wassermenge als Mittelwert für das Druck-
intervall von P bis P + Pkoo (s. Abschn. 18). Die Wassermenge gemäß GI. (118)
1.02 111. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

wandert in den hydrostatisch entlasteten Tragkörperbereich und ruft dort eine


Volumvergrößerung hervor, die sich aus der Verkleinerung des Halbmessers der
Bohrung unmittelbar berechnen läßt wie folgt
(119)
Aus der Gleichsetzung der beiden Ausdrücke für die Wassermenge Qloo und Qsoo
ergibt sich
(120)

und aus GI. 120 folgt der verkleinerte Halbmesser der Bohrung nach beendetem
Schwellen zu
(121)

Der Wert von r/JOO ist festgelegt, wenn man die Größe Pkoo kennt. Um diese zu er-
mitteln, ist noch eine weitere Gleichung notwendig.
Die für .das Zustandekommen des Schwellvorganges erforderliche Wasser-
menge ergibt sich in einer zweiten Form zu
r.
Q;oo = 2a2 'lI: J(p - O"roo) rar. (122)
r ...

Hierin bedeutet aa die bei der Abnahme des Druckes. O"roo um die Druckeinheit
von der Raumeinheit des Tones angesaugte Wassermenge als Mittelwert für das
Druckintervall von Pkoo bis p.
Die GI. (122) gilt für die Längeneinheit des Zylinders unter der Voraussetzung,
daß man die Querkontraktion vernachlässigt und den Wassergehalt im geraden
Verhältnis mit dem Wert der kleinsten Hauptspannung (Radialspannung)
zunehmen läßt. Nunmehr setzt man in der GI. (115) r/JOO • r/JO' eine Vereinfachung,
die eigentlich in Widerspruch mit der gestellten Aufgabe steht und nur so lange
zu rechtfertigen ist, als die Verengung der Bohrung nicht zu große Ausmaße
erreicht. Mit dieser Vereinfachung gilt

O"roo = Pkoo
r
( Tao )C-l • (123)

Wenn man nunmehr den Wert von O"roo in den Ausdruck für Qsoo gemäß GI. (122)
einsetzt, erhält man

f
r.
Q~oo = 2 a s 'lI: r [p - Pkoo (r~Y-1 ]ar =
(124)

Aus der Gleichsetzung der vom Tragkörper angesaugten Wassermenge Q'2OO und
der von den Randzonen ausgequetschten Wassermenge QlOO ergibt sich

a2 P [ (rä -
Pk
r!o) - 2 ~ 0
+
T C 1
ao
'+1] = a
c-;-(C+1) T
1 Pkoo (RS - TB), (125)
P Tao
wobei
1

ro = r/JO (p + Pkoo)' -1 (126)


Pkoo
gilt.
46. Der zeitliche Ablauf des Schwellvorganges 103

Diese beiden Gln. (125) und (126) ermöglichen es, die Druckzunahme Pkoo zu er-
mitteln. Um über das Ergebnis der Rechnung einen überschlägigen Einblick zu
gewinnen, wird C= 3 angenommen. Dann folgt die Begrenzung des Tragkörpers
zu
1

ro = rao ( p + PkOO)2 (126a)


Pkoo

und die GI. (125) geht über in

2 P - 2PkOO - a P
a2 pr ao 2 Pk OO - 1 koo
[R2- rl
/JO
P + PkOO ]
Pk OO • (127)

Daraus folgt nach einigen Umrechnungen

(128)

wobei vor der Wurzel nur das positive Vorzeichen gilt.


Zusammenfassend wird der Rechnungsgang wie folgt festgehalten : Zunächst
wird mit Hilfe der GI. (128) der Wert von Pkoo ermittelt. Wenn er vorliegt, kann
mit Hilfe der GI. (126a) die Grenze des Tragkörpers ro und dann der nach Be-
endigung des Schwellvorganges, also für die Zeit t = 00 eingetretene verengte
Halbmesser der Bohrung r aoo aus GI. (121) berechnet werden.

46. Der zeitliche Ablauf des Schwellvorganges


Durch die bisher abgeleiteten Formeln ist der im durchörtert.en Gebirge herr-
schende sekundäre Spannungszustand für t = 00 festgelegt. Falls der Druck P
größer ist als der Wert P'k des Schrumpfdruckes, so dringt sofort nach erfolgter
Durchörterung Luft in den Tragkörperbereich, und der Ton geht in der Nach-
barschaft des Ausbruches in die ganz feste Konsistenzform über. Das ist aber in
der Natur infolge der hohen Werte des Schrumpfdruckes P'k der Tone und fetten
Lehme niemals der Fall. Wenn P kleiner ist als Pk', beläuft sich der Kapillardruck
an der Mantelfläche des Ausbruches im Zeitpunkt t = 0 auf P und sein Wert
nimmt im Laufe der Zeit ab, wobei der Ton im Bereich des Tragkörpers schwillt
und der Halbmesser der Bohrung abnimmt. Der im Porenwasser des tonigen
Gebirges herrschende hydrostatische Unterdruck ist in der Nachbarschaft der
Mantelfläche des Ausbruches für sämtliche Werte von t gleich dem dort herr-
schenden Kapillardruck Pkt. In dem äußeren Teil des Zylinders ist er für t = 0
gleich Null und im Anfangsstadium des Schwellprozesses so klein, daß er im Ver-
gleich zu P vernachlässigt werden kann. Für t = 00 beläuft er sich, wie bereits
in der vorhergehenden Berechnung berücksichtigt wurde, auf Pkoo' Der gesamte
Druckunterschied, unter dem das Wasser in diesem Stadium aus den peripheren
Teilen des Gebirges gegen die Mantelflächen des Ausbruches strömt, ist daher
angenähert Pkt. Die mittlere Weglänge, die das Porenwasser zurückzulegen hat,
ist gleich der halben Dicke des Zylinders
R - Tao
L=-2- (129)

und der mittlere Durchflußquerschnitt F für die Längeneinheit des Zylinders ist
von der Größe

F -- 2 n R +2
Taf)
' (130)
104 III. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Die in den Tragkörper je Längeneinheit eintretende Wassermenge Qa ist gleich der


für die Längeneinheit des Zylinders sich ergebenden Querschnittsverminderung,
also für den Zeitpunkt t
Qa = n (r~o - ra~)· (131)
Die Einführung der Zeit geschieht mit Hilfe des DARcYschen Gesetzes

dQ2 = Ik Pkt F (132)


dt yL'

wobei y das spezifische Gewicht des Wassers bedeutet, welches eingeführt werden
muß, um den Druck Pk t in eine Druckhöhe zu verwandeln, die ins Verhältnis zu L
gesetzt, das dimensionslose Gefälle ergibt. Um in dem Ausdruck für das DARCY-
sche Gesetz den Wert Pkt als Funktion von Qa darzustellen, greift man auf den
Ausdruck für Q~oo in GI. (124) zurück, wobei zu beachten ist, daß es sich nicht wie
früher um die Durchflußmenge für t = 00, sondern um jene für einen bestimmten
Zeitpunkt t handelt. Für das erste Stadium des Schwellprozesses kann man den
Unterdruck, der außerhalb des Tragmantelbereiches herrscht, gegenüber p ver-
nachlässigen und den Durchmesser der Bohrung mit hinreichender Genauigkeit
dem für den Zeitpunkt t = 0 geltenden Wert rao gleichsetzen. Unter diesen Voraus-
setzungen vereinfacht sich die grundlegende Beziehung

P + Pkoo = Pkoo r
( ra: )C-1 (133)
zu
P = Pkt (::Y-1, (134)

woraus sich schließlich ergibt


1

ro=r ao ( -P )""-1 . (135)


Pkt
Setzt man wie früher C= 3 so folgt

(136)

und der Ausdruck für Q~ gewinnt die Form

Q~ = a 2 n P r~o [ (~ t - 1) - ~~ (~:2 - 1)]. (137)

Wenn man nun Q2 und Q~ gemäß den GI. (131) und (137) gleichsetzt, gewinnt
man die Beziehung

a2pra~[(~t -l)-~~(:;t -l)]=r~o-r~" (138)

deren Auswertung zu dem Ergebnis

P _ 1
Pkt -
+ a2pr~
1 (r 2
ao -
r2 )
at
±,/ 2
Va2 pr;o (r2 r2 )
ao - at
+ a~p2r!o
1 (rB
ao -
r2 )2 (139)
at
führt. Daraus folgt der Kapillardruck zum Zeitpunkt t in der folgenden Form

(140)
47. Beispiel für das Schwellen eines gelochten Tonzylinders 105

Nachdem unter allen Umständen P größer als Pkl ist, gilt nur das positive Vor-
zeichen vor der Wurzel. Führt man die Bezeichnungsweise

(141)

ein, womit zum Ausdruck gebracht wird, daß x veränderlich, u. zw. abhängig
von r al ist, so ergibt sich für den Kapillardruck die einfache Form

Pkt = x + yxP2 - 1
. (142)

Nachdem der Ausdruck für den Kapillardruck gefunden wurde, ist es möglich
geworden, die durch das DARcYsche Gesetz gegebene Bedingung weiter zu be-
handeln. Es folgt
F dt = ydQ2 = a 2 :>tr~o(x
k -L
Pkt
+ yx2 - 1) dx. (143)

Die Integration der gewonnenen Differentialgleichung liefert

(144)

und man erhält für t den Ausdruck

Die Differenz r ao - r a t gibt das lineare Schwellen des Tones in radialer Richtung
und der Wert n(r ao2 - r a t 2 ) die durch das Schwellen bewirkte Abnahme der
Querschnittsßäche des Aus bruches an. Durch den Ausdruck für Pk t gem. GI. (142)
ist der zu einem gegebenen Wert von ral gehörige Kapillardruck Pkt und durch
die Formel für t gem. GI. (145) die Zeit gegeben, die verstreicht, bis der Kapillar-
druck an der Mantelßäche der Bohrung vom Anfangswert P auf Pkl abgesunken
ist.

47. Beispiel für das Schwellen eines gelochten Tonzylinders


Der aus dem Gebirge herausgeschnittene Zylinder bestehe aus einem hoch-
plastischen Ton. Der Halbmesser der äußeren Ma~telßäche betrage R = 15 bzw.
90 m, jener der Bohrung r ao = 1,50 m. Für den Außendruck wird ein Wert von
p = 40 kgcm- 2 angenommen; dieser Wert entspricht etwa dem durch eine über-
lagerung von 200 m Mächtigkeit hervorgerufenen Druck. Die Beschaffenheit des
Tones sei durch folgende Ziffern gekennzeichnet:
Erdwiderstandsziffer ~ = 3.
Mittelwert der Verdichtungsziffer für die Drucksteigerung in einem Druck-
intervall von 40-42 kgcm- 2
(al) = 0,0192 . 10-4g-l cm5.
Mittelwert der Verdichtungsziffer für die Druckverminderung innerhalb eines
Druckintervalls von 2-40 kgcm- 2
(a 2 ) = 0,0048' 10-4g-1 cm5 •
Durchlässigkeitsziffer bei 15°0 für ein Porenzifferintervall von etwa 0,6 -0,8
auf eine Längeneinheit des Zylinders mit der wahren Länge von 1 cm bezogen
k = 0,025 cm Jahr-I.
106 II!. Der sekundäre Spannungszustand des Gebirges

Plastizitätsgrenze durch die ihr äquivalente Porenziffer ausgedrückt P =


= 0,77.

Fließgrenze des Tones F = 1,60.


Außerdem ist das Druck-Porenziffer-Diagramm des Tones gegeben. Aus diesem
wurde entnommen, daß sich die Porenziffer des Tones bei einem Druck von
40 kgcm-2 auf B = 0,60 beläuft. Die 'Werte der Ziffern (al) und (a 2) wurden in
bekannter Weise aus der Lage jener Tangenten des Hauptastes des Druck-Poren-
ziffer-Diagrammes ermittelt, deren Berührungspunkte die oben angegebenen
Druckintervalle begrenzen. Diese Werte beziehen sich auf die Raumeinheit der
Trockensubstanz; um sie auf die in den durchgeführten Berechnungen zugrunde
gelegte Bezugseinheit, nämlich die Raumeinheit des Ton-Wassergemenges zu
reduzieren, muß man sich bloß vor Augen halten, daß 1 cm3 Trockensubstanz
bei der einem Druck von P = 40 kgcm-2 entsprechenden Porenziffer e = 0,60
einen Raum von 1,6 cm3 beansprucht. Wenn sich der Wassergehalt je 1,6 cms um
(al) bzw. (a 2) ändert, so beträgt die Änderung des Wassergehaltes je 1 cms des
Gemenges

a 1 = (al) = 0,012 . 10-4 g-l cm2


1,6
a2 = (a s) = 0,003 . 10-4 g- lcm2 •
1,6

Für 1'/10 sei ein Wert von 1,50 mund R = 15 und 90 m angenommen. Mit diesen
Annahmen ergibt sich bei R = 15 m für Pkoo nach GI. (128)

P.~ ~ ( 0,012) ; ~ 1,58 kgcm-'.


1- 0,003 + 9 + 2.4. (100 -1)
Mit diesem Wert folgt aus GI. (126a) die Grenze des Tragkörpers zu

1'0 = 1,50 V
1/40 + 1,58
1,58 = 7,70 m.

Schließlich ergibt sich aus GI. (121) der Radius des verengten Ausbruchs-
querschnittes zu
1'000 = 1"1502 - 0,012 .10-4 .1580 (1500 2 - 770 2 ) = 139,2 cm.
Der Halbmesser des Ausbruches verringert sich daher im Laufe der Zeit von
t = Obis t = 00 um 150-139,2 = 10,8 cm. Der an der Mantelfiäche des Aus-
bruches wirksame Kapillardruck nimmt im Laufe des gleichen Zeitraumes von
P auf Pkoo also von 40 auf 1,58 kgcm- 2 ab und der in den peripheren Teilen des
Zylinders herrschende Druck erfährt eine Vermehrung von 40,00 auf 41,58 kgcm-2 •
Für R = 90 m erhält man unter sonst gleichen Verhältnissen für Pkoo =
= 0,238 kgcm-2, 1'0 = 19,4 mund 1'000 = 0,108 m, d. h. daß der Halbmesser des
Ausbruches, der ursprünglich 1,50 m betrug, sich auf 0,108 m verringern würde.
TERZAGHI diskutiert diese Ergebnisse wie folgt:
Aus dem Druck-Porenziffer-Diagramm wurde entnommen, daß die Drücke
Pkoo = 1,58 bzw. 0,238 kgcm-2 den Porenziffern B = 0,90 bzw. 1,40 entsprechen.
Die Porenziffer-Äquivalente der Hauptkonsistenzgrenzen belaufen sich für die
Plastizitätsgrenze auf P = 0,77 und für die Fließgrenze auf F = 1,60. Diese
Werte lassen erkennen, daß sich der vorausgesetzte Ton unter dem Einfluß des
Kapillardruckes Pkoo = 1,58 bzw. 0,238 in weichem bzw. flüssig-plastischem Zu-
stand befindet. Die für den Zeitpunkt t = 0 der Herstellung des Ausbruches als
48. Der Begriff des Gebirgsdruckes und seine Arten 107

halbfest zu bezeichnende· Konsistenzfonn des Tones geht demnach im Laufe der


Zeit in der Nachbarschaft des Ausbruches bei R = 15 m in die weichplastische
und bei R = 90 m in die flüssigplastische Konsistenzform über. Daraus ergibt
sich, daß bei den Ausbruchsarbeiten in einem solchen Gebirge außerordentliche
Schwierigkeiten zu erwarten sind, die überdies, wie die Untersuchungen dargetan
haben, mit der Mächtigkeit des Tonlagers zunehmen. Wie man ihnen zu begegnen
hat, darüber wird im Kap. X über neuere Bauweisen gesprochen werden.
Der zeitliche Ablauf des Schwellvorganges wird auf Grund der Annahme ver-
folgt, daß der äußere Halbmesser des Zylinders R = 90 m beträgt. Der Halb-
messer des kreisfönnigen Ausbruches beträgt wie früher r ao = 1,50 m.
In den zeitlichen Ablauf, der durch die GI. (145) gegeben ist, kann man
rechnerisch nur in der Weise Einblick gewinnen, daß man eine Verengung des
Ausbruchsquerschnittes, ausgedrückt durch die Abnahme des Halbmessers des
Ausbruches rao - rat, annimmt und die Zeit berechnet, die verstreicht, bis dieses
Maß der Querschnittsverengung erreicht ist. So wird beispielsweise angenommen,
daß rao - rat = 5, 10 und 50 cm betragen soll. Die Rechnung wird nur für
rao - rat = 10 cm durchgeführt. Dann ergibt sich für die Hilfsgröße x gemäß
GI. 141 der Wert

= 1 + 0,003 . 1014'40,000 (11- , 41,50


0 ) 2
X 2 = 11,74

und bis zur Erreichung einer 10 cm betragenden Verringerung des Halbmessers


des Ausbruchsquerschnittes folgt aus GI. (145)

t= 1.0,003.10-4.150 2.8850 [11 742 - 1 + 11 74 ' /11 74 2- 1-


4.0,025.9150 ' , V '

-ln (11,74 + V11,742- 1)] = 18 Jahre.


Der Kapillardruck Pk t ergibt schließlich zu
40
P - = 1,74 kgcm- 2 •
kt - 11,74 + Y132,86

Kapitel IV

Der Gebirgsdruck

48. Der Begriff des Gebirgsdruckes und seine Arten


In den Kap. II und III wurde der vor der Durchörterung herrschende primäre
Spannungszustand des Gebirges untersucht, und es wurde dem nachher eintreten-
den sekundären Spannungszustand besondere Beachtung geschenkt. Die in beiden
Fällen auftretenden Spannungen werden, wie bereits erwähnt wurde, vielfach
ohne Unterschied als Gebirgsdruck bezeichnet; eine einheitliche Definition dieses
Begriffes besteht nicht, und es ist notwendig sie herbeizuführen. Um zu einer klaren
Bezeichnungsweise zu kommen, ist vorerst eine grundlegende Feststellung zweck-
mäßig. Im Tunnel- und Stollenbau muß das Gebirge als mittragender Bestandteil
des Bauwerkes betrachtet werden. Das statische System besteht daher aus dem
Ausbau, sei er zeitweilig oder endgültig, und dem Gebirge. Die statische Mit-
wirkung des Gebirges ist so bedeutungsvoll, daß ohne ihr Bestehen der Aus-
führungsmöglichkeit von Tunnel- und Stollenbauten nur ganz enge Grenzen
108 IV. Der Gebirgsdruck

gesetzt wären. Wenn nämlich das Gebirge nicht mittragend wäre, müßte der
Ausbau immer so bemessen werden, daß er in der Lage ist, jenen Spannungs-
zustand wiederherzustellen, der vor der Durchörterung bestand; der Ausbau
müßte also die lotrechten Spannungen p" und die waagrechten Spannungen Pli
und u. U. tektonische Spannungen aufnehmen können. Eine ganz einfache
Rechnung zeigt, daß diese Bedingung schon bei geringer Tiefe unter der Gelände-
oberfläche nicht mehr erfüllbar ist. Es gibt wohl Grenzfälle, wo ihr entsprochen
werden muß, nämlich dann, wenn sich das Gebirge primär im plastischen Zustand
befindet. Das kann einerseits der Fall sein, wenn bei geneigter Geländeoberfläche
der RANKINEsche plastische Zustand herrscht, und es kann ferner eintreten,
wenn der Tunnel- oder Stollenbau in den latent-plastischen Bereich des Gebirges
eindringt. Diese Fälle zählen zu den schwersten Aufgaben des Tunnelbaues ; im
ersteren handelt es sich um Lehnentunnel in Lockergebirge, die man nach
Tunlichkeit vermeiden soll, im anderen Fall sind im Gebirge infolge seines primär
plastischen Zustandes nach der Durchörterung überschüssige Kräfte vorhanden,
die auf eine Schließung des Ausbruchshohlraumes hindrängen und die Ursache
stärkster Druckerscheinungen bilden.
Diese Überlegungen über die statische Mitwirkung des Gebirges geben den
Anlaß, die Bezeichnungsweise Gebirgsdruck auf jene Erscheinungen zu beschrän-
ken, die infolge des menschlichen Eingriffes durch den Tunnel- und Stollenbau
entstehen, sie aber nicht für den primären Spannungszustand des Gebirges gelten
zu lassen. Als Gebirgsdruck sollen daher alle Auswirkungen des sekundären Span-
nungszustandes des Gebirges bezeichnet werden, die im nicht ausgebauten A usbruchs-
hohlraum in den Randzonen des Gebirges auftreten oder in Wechselwirkung mit dem
zeitweiligen und dauernden Ausbau diesen beanspruchen bzw. belasten.
Der in diesem Sinne definierte Gebirgsdruck läßt sich in die Hauptgruppen :
Auflockerungsdruck, echter Gebirgsdruck und Schwelldruck, die nachfolgend ge-
kennzeichnet werden, einteilen.

a) Der Auflockerungsdruck

Unter Auflockerungsdruck wird die Wirkung der auf dem Ausbau des Tunnels
oder Stollens lastenden lockeren oder durch den Arbeitsvorgang gelösten Gebirgs-
massen verstanden. Nachdem der Auflockerungsdruck eine unmittelbare Wirkung
der Gravitation von Gebirgsteilen darstellt, ist er eigentlich als Belastung anzu-
sprechen (Auflockerungslast). Er tritt daher besonders stark im First und in
geringem Maß auch an den Ulmen auf; im Bereich der Sohle ist er aber nicht
möglich. Als Ursachen des Auflockerungsdruckes kommen die natürlichen geo-
logischen Bedingungen und der Arbeitsvorgang beim Ausbruch und bei der Her-
stellung des Ausbaues in Betracht.
a) Zuerst sollen die geologischen Bedingungen erörtert werden. Aus der Defi-
nition des Begriffes Auflockerungsdruck ist zu erkennen, daß er in allen Gebirgs-
arten möglich ist. Im Lockergebirge sind die Voraussetzungen dafür von vorne-
herein gegeben. Aber auch in allen Felsarten, selbst im festen Fels kann er, durch
die tektonischen Verhältnisse bedingt, immer wieder auftreten, wenn eine un-
günstige Lage und Teilung von Schicht- und Schieferungsflächen oder von
Klüften die Ablösung von Gesteinsteilen vorzeichnen. Nachbrüche, die unter
solchen Voraussetzungen entstehen, lassen sich nicht immer voraussehen, er-
eignen sich daher häufig überraschend und sind nicht selten folgenschwer.
Wenn die Schichten steil aufgerichtet sind und senkrecht zur Streichrichtung
durchörtert werden, ist Auflockerungsdruck am wenigsten zu befürchten, denn
dann sind die Voraussetzungen für die Bildung natürlicher Gewölbe über dem
First und für eine Verspannung am günstigsten.
48. Der Begriff des Gebirgsdruckes Wld seine Arten 109

Wenn hingegen bei steilem Einfallen der Schichten die Achse des Tunnels oder
Stollens mit der Streichrichtung einen spitzen Winkel einschließt oder mit ihr zu-
sammenfällt, dann entsteht beim Ausbruch die Gefahr der Lockerung von Ge-
steinspartien über dem First und damit von Nachbrüchen. Eine gewölbeartige Ver-
spannung quer zur Tunnelachse ist dann nur nach Maßgabe der zwischen den
Schichten bestehenden Haftungs- und Reibungswiderstände möglich. Allerdings
kann in diesem Falle der Widerstand hinzutreten, der durch die Rauhigkeit und
Unebenheit der Schichtflächen hervorgerufen wird. Wenn aber die Schichten
gleitwillige Zwischenmittel, wie tonige oder glimmerreiche Beläge aufweisen,
dann sind die Voraussetzungen für eine gewölbeartige Verspannung über dem First
nur in geringem Maße gegeben.
Nicht wesentlich günstiger ist die söhlige Lage der Schichtstöße. Es ist dann
schwierig, den First gewölbeartig auszubilden, weil die beiden seitlichen Zwickel-
bereiche häufig herausfallen, so daß die waagrechten Schichtstöße die ganze
Breite des Stollenausbruches überbrücken müssen und dabei auf Biegung be-
ansprucht werden. Die Möglichkeit von Nachbrüchen und die zu erwartende
Größe des Auflockerungsdruckes ist besonders in diesem Falle von der lichten
Brei.te des Tunnels oder Stollens abhängig. Außerdem wird sie auch von der
Mächtigkeit der söhligen Schichten beeinflußt; dünnplattige Gesteine werden eher
zu Nachbrüchen neigen wie dickbankige. Die Klüftung spielt dabei eine große
Rolle und kann in ungünstigen Fällen die Ursache umfangreicher Nachbrüche
sein.
Es bleiben noch Stollen oder Tunnel zu erwähnen, die der Streichrichtung
der Schichten annähernd folgen, wobei der Schichteinfall einen Winkel von etwa
45° aufweist. Dann sind Gesteinsablösungen besonders im Übergangsbereich
zwischen First und Ulm möglich, und sie können bei Vorhandensein von un-
günstig verlaufenden Kluftflächen zu folgenschweren Nachbrüchen führen. Der
vereinte Einfluß ungünstiger Lage der Schichten und der Klüftung hat schon
wiederholt schwere Unfälle im Tunnelbau zur Folge gehabt.
Noch immer ist jenes denkwürdige Unglück nicht vergessen, das sich beim Bau
des nur 46 m langen Ittertunnels in Tirol im Jahre 1874 ereignete, dem die ganze
12 Mann starke Belegschaft mit dem leitenden Ingenieur zum Opfer fiel. STINI
schreibt darüber [l.38d]:
"Der permotriadische rote Sandstein, welchen man dort durchörterte, gliedert sich in
Bänke von 1-2 m Mächtigkeit; dünne Schieferlagen trennen sie voneinander. Seigere Klüfte
in einem Abstand von 2-3 m streichen von SSO gegen NNW Wld zerlegen den Sandstein im
Verein mit der Schichtung in ziemlich große GrWldkörper. Es war daher verfehlt, auf einmal
16 m Stollenlänge voll auszubrechen, ohne nachzumauern, bzw. eine entsprechend kräftige
Zimmerung einzubauen."
Dazu muß bemerkt werden, daß die Ursache von solchen Nachbrüchen zwar
im Nachhinein meist festgestellt werden kann, während der Durchführung der
Arbeiten ist diese Gefahr aber nicht immer mit Sicherheit zu erkennen.
ß) Der Arbeitsvorgang ist für die Entwicklung des Auflockerungsdruckes ebenso
maßgebend wie die beschriebenen natürlichen geologischen Bedingungen.
Im Fels verursachen vor allen Dingen die Sprengarbeiten eine Auflockerung
des Gefüges. Die Tiefe der Auflockerungszone hängt von der geologischen Be-
schaffenheit ab, wird aber ebensosehr vom Arbeitsvorgang, von der Anordnung der
Bohrlöcher von der Art der verwendeten Sprengstoffe und -von der Stärke der
Ladung beeinflußt. Im gebrechen Fels, im bindigen und kohäsionslosen Lockerge-
birge wird das Ausmaß des Auflockerungsdruckes besonders auch durch die Art des
zeitweiligen Ausbaues bedingt. Der zeitweilige Holzausbau, der in der Tunnel-
und Stollenbautechnik bis vor kurzer Zeit vorwiegend zur Anwendung kam,
weist in dieser Hinsicht bedeutende Nachteile auf. Die durch den Arbeitsvorgang
bedingte Auflockerung beginnt bereits beim Stollenvortrieb. Die Vorsteckpfähle
110 IV. Der Gebirgsdruck

liegen auch bei sorgfältiger Arbeit niemals satt am ungestört gebliebenen Gebirge
an, weil das Schnappen der Pfähle unvermeidliche Hohlräume schafft. Diese
Hohlräume werden bald durch nachsitzendes Gebirge aufgefüllt, und damit ist
bereits eine Auflockerung verbunden. Dazu kommt die Verformung des Holzes,

/,.. ..,,---t---.
. .---t--_. . . . . . . . . .,

I
I
I
I
I
//1!l' ,\
//>//
I
I
I
I
\
l_\...__
I

I' 2
. . . . . .,',\

__-LJ
\

I
I
,
I
\
I
I
I

Ab b. 57. Die österreichlsche Tunnelbauweise mit Längsträgerzlmmerung als Beispiel filr die bel den traditionellen
Bauweisen mögliche weitgehende Störung des Gebirges in der Umgebung eines Tunnelausbruches (nach einem
Lehrbehelf, den Erof. HETZEL an der Technischen Hochschule München herausgegeben hat)

insbesondere bei Druckbeanspruchung senkrecht zur Faser. Schließlich pressen


sich die Steher in den Untergrund ein und erzeugen eine weitere Möglichkeit
der Senkung des Holzausbaues. Diese Senkungen sind beim Richtstollenvortrieb
noch verhältnismäßig klein und betragen nach RABCEWICZ etwa 10-20 cm. Beim
Vollausbruch, insbesondere bei der häufig zur Anwendung gekommenen Unter-
48. Der Begriff des Gebirgsdruckes und seine Arten 111

fangung mit Hilfe der Längsträgerbauweise, sind die eintretenden Setzungen viel
größer, weil zu den früher erwähnten Ursachen noch die Senkung bei jeder Aus-
wechslung und die Durchbiegung sowie die Zusammenpressung der Längsträger
hinzutritt, so daß sich schließlich Firstsenkungen ergeben, die an die Größen-
ordnung von 1,0 m herankommen können [108a]. KOMMERELL gibt hierfür,
wenn wiederholtes Auffirsten nötig ist, das Maß von 70 cm und mehr an [80J.
Besser als jede Beschreibung vermag eine Darstellung der früher oft an-
gewendeten österreichischen Bauweise mit Längsträgerzimmerung diesen Sach-
verhalt zu illustrieren (Abb. 57). Die Darstellung ist einem von Prof. HETZEL an
der Technischen Hochschule München herausgegebenen Lehrbehelf entnommen.
Man erkennt aus dem Arbeitsvorgang, daß bei den wiederholten Auswechslungen
eine schwere Schädigung des Gebirges durch Auflockerung zu erwarten ist, das ja
in Anbetracht der kräftigen Zimmerung als stark gebrech anzunehmen ist. Bei
diesem Arbeitsvorgang werden beträchtliche Senkungen unvermeidlich sein.
Die geschilderten Erscheinungen lassen die Mängel der traditionellen Tunnel-
bauweise mit zeitweiligem Holzausbau erkennen. Dazu kommt noch der Nachteil,
daß oft Holzteile, insbesondere die Verpfählung, die bei der Herstellung des dau-
ernden Ausbaues nicht beseitigt werden können, im Laufe der Zeit verfaulen und
damit eine weitere Ursache der Auflockerung bilden. Der zeitweilige Holzausbau
hat trotz dieser Nachteile bis vor kurzer Zeit den Tunnelbau fast vollständig
beherrscht. Erst in den letzten Jahrzehnten bahnte sich auf diesem Gebiet eine Wand-
lung an, und es entstanden Bauweisen, die der Forderung, die Auflockerung des
Gebirges in möglichst engen Grenzen zu halten oder sie ganz zu vermeiden, gerecht
werden. Darauf wird im Kap. X über die neuen Stollen- und Tunnelbauweisen
näher eingegangen werden. Es darf aber nicht übersehen werden, daß der Holz-
ausbau nicht bloß Nachtei~e hat und unter schwierigen Verhältnissen, beispiels-
weise beim Richtstollenvortrieb, auch heute noch zur Anwendung kommen wird.
Manche Gesteine zeigen nach der Aufschließung durch Vortrieb oder VOll-
ausbruch, insbesondere aber nach dem erfolgten Stollendurchschlag, Auf-
lockerungserscheinungen, die der obertägigen Verwitterung ähnlich sehen. Zu
solchen Gesteinen gehören vor allen Dingen manche Phyllite, Schwarzschiefer,
Seidenschiefer usf. Dies hat zur verbreiteten Meinung geführt, daß die feuchte
Stollenluft die Ursache dieser Auflockerung bildet. Wenn ein solcher Einfluß be-
stünde, dann müßte eine chemische Einwirkung des Luftsauerstoffes, des Kohlen-
dioxyds oder des Wassers auf das Gebirge nachzuweisen sein; das ist aber ver-
hältnismäßig selten der Fall. Man kann Phyllite, die aus einem Stollen stammen,
jahrelang entweder unter Wasser oder in feuchter Luft aufbewahren und keinerlei
Schädigung feststellen, obwohl die gleichen Gesteine unter Tag stark zur Ver-
witterung neigen. Dieser Widerspruch bedarf der Klärung.
Das Gebirge befindet sich vor der Erschließung physikalisch und chemisch in
einem bestimmten Gleichgewichtszustand, der durch die Druckverhältnisse,
die Temperatur und die chemischen Bedingungen, die hauptsächlich vom Berg-
wasser herrühren, gegeben ist. Dieser Zustand wird durch den Tunnel- oder Stollen-
ausbruch plötzlich verändert. Von allen erwähnten Faktoren ist die Änderung
des Spannungszustandes am einschneidendsten; ein Großteil der Auflockerungs-
erscheinungen, die beobachtet werden, ist nur auf diese Ursache zurückzuführen.
Die mit dem Übergang vom primären in den sekundären Spannungszustand ver-
bundenen elastischen Verformungen, die elastische Nachwirkung, ferner plastische
Verformungen und das Kriechen des Gebirges äußern sich bei gewissen glimmer-
reichen Gesteinen, insbesondere bei Phylliten und bei manchen Mergelarten in
Form von Abblätterungen oder auch von größeren Ablösungen. Weniger wichtig,
aber doch bedeutungsvoll ist die Änderung der Temperaturbedingungen, die be-
sonders nach dem Durchschlag wirksam wird, weil die dann einsetzende kräftige
Lüftung bei seicht liegenden Tunneln im Sommer eine Temperaturerhöhung und
112 IV. Der Gebirgsdruck

im Winter eine Temperaturabnahme bringen wird. Bei tiefliegenden Tunneln


wird die Lüftung in den meisten Fällen eine Abkühlung des Gebirges bewirken.
Die Temperaturdifferenzen, die in den obersten Schichten des durch den Ausbruch
freigelegten Gebirges auftreten, fördern Auflockerungserscheinungen außeror.
dentlich.
Als dritter Faktor ist der Wasserangriff anzusehen, wobei teilweise das Kon·
denswasser und teilweise das zusitzende Bergwasser in Betracht zu ziehen ist.
Hygroskopische Wasseraufnahme aus der Luft spielt jedoch. wenn überhaupt,
nur eine ganz untergeordnete Rolle.

b) Der echte Gebirgsdruck


Während beim Auflockerungsdruck die Gravitation in der Weise wirkt, daß
das Gewicht lockerer oder gelockerter Gebirgsmassen den Ausbau unmittelbar
belastet, liegen die Verhältnisse !leim echten Gebirgsdruck ganz anders. Wohl
ist auch hier die Gravitation die letzte Ursache der Druckerscheinungen, aber
nicht unmittelbar; vielmehr muß der durch sie hervorgerufene sekundäre Span.
nungszustand zur Begründung der Erscheinungen des echten Gebirgsdruckes in
Betracht gezogen werden. Entscheidend für sein Auftreten ist der Umstand, daß
die Grenze zwischen dem elastischen Verhalten einerseits und dem plastischen
bzw. dem Bruch andererseits durch die sekundären Spannungen erreicht wird.
Dies kann in gewissen begrenzten Teilen des Gebirges der Fall sein, die in der
Umgebung des Ausbruches gelegen sind, wobei das Gebirge in einen elastoplasti.
sehen Zustand gerät oder aber das Gebirge kann sich von vorneherein in einem latent·
plastischen Zustand befinden. Weil aber beim Auftreten von echtem Gebirgsdruck
die Überschreitung der Fließgrenze bzw. der Druckfestigkeit des Gebirges als
wesentliche Voraussetzung gilt, sind plastische Erscheinungen und Bruchvorgänge
für den echten Gebirgsdruck maßgeblich kennzeichnend. Seine Erscheinungs.
formen sind aber außerordentlich mannigfaltig und von der Beschaffenheit des
Gebirges abhängig. Eine entscheidende Rolle spielt die im primären Spannungs.
zustand vorhandene Seitendruckziffer .1.0 •
Die wesentlichsten Erscheinungsformen des echten Gebirgsdruckes sind:
Bergschläge,
mäßige, von den Ulmen ausgehende plastische Verformungen und Gesteins.
ablösungen,
starke, ebenfalls von den Ulmen ausgehende plastische Verformungen und
Brucherscheinungen, die mit Stauchungen im First und an der Sohle verbunden
sein können und schließlich
plastische Verformungen und unter Umständen auch Ablösungen, die den
ganzen Umfang des Ausbruches umfassen.
Für das Verständnis der Erscheinungen des echten Gebirgsdruckes ist es vor
allen Dingen wichtig, sich von den aus der Erddrucklehre übernommenen Auf·
fassungen freizumachen. Diese wurden für die Beurteilung des Gebirgsdruckes in
allen seinen Formen bis vor kurzem vorwiegend herangezogen, bzw. sie haben
die Deutung des Gebirgsdruckes beherrscht und damit eine richtige Beurteilung
behindert. Wenn man beispielsweise versucht hat, mit einer irgendwie geformten
Belastungsfigur (s. Abschn. 61) für die auf den Tunnelausbau wirkenden Kräfte
den echten Gebirgsdruck zu erfassen, so waren dabei weder zutreffende Ergebnisse
noch richtige Erkenntnisse zu erwarten. Der echte Gebirgsdruck ist seinem Wesen
nach einem tektonischen Vorgang gleichzuhalten. Er wird durch den nach dem Tun·
nelausbruch auftretenden sekundären Spannungszustand verursacht und erfaßt
abgrenzbare Gebirgsbereiche in der Umgebung des Ausbruchshohlraumes, die
einer Durchbewegung unterworfen werden. Beim echten Gebirgsdruck handelt
es sich sonach um Bewegungen und nicht um Kräfte (Lasten). Die letzteren
49. Bergschläge 113

treten erst dann in Erscheinung, wenn man die Bewegungen zu hemmen sucht.
Mit dem Eintritt der Durchbewegung gelangen die plastifizierten Teile des Ge-
birges in einen labilen Gleichgewichtszustand. Wenn dabei die plastischen Vor-
gänge nicht zu große Ausdehnung gewinnen, können weiter abgelegene, nicht bis
an die Grenze ihrer Tragfähigkeit beanspruchte Gebirgsteile zur Mitwirkung
herangezogen werden, ein Verhalten, das als Schutzhüllenbildung gedeutet wird.

c) Der Schwelldruck
Der Schwelldruck ist auf eine Volumvergrößerung des den Ausbruchshohl-
raum umgebenden tonigen Gebirges zurückzuführen, wobei als Ursache entweder
hydrodynamische Vorgänge, also das Zuströmen von Porenwasser aus entfernteren
Gebirgsbereichen in die nahe dem Ausbruch gelegenen Randzonen in Betracht
kommt, ober aber es liegen chemische Ursachen vor. Der letztere Fall ist praktisch
hauptsächlich bei Anhydrit gegeben, der durch Aufnahme von Kristallwasser
eine Volumvergrößerung erfährt. Doch ist das Schwellen dieser letzteren Art
an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Vor allen Dingen scheint nur der fein
verteilte Anhydrit mit der dadurch gegebenen großen Oberfläche besonders zum
Schwellen zu neigen, während es beim massigen Anhydrit gering ist oder über-
haupt unterbleibt.

49. Bergschläge
Die Bergschläge gehören zu den eindrucksvollsten und gefürchtetsten Er-
scheinungen des echten Gebirgsdruckes beim Bau tiefliegender Tunnel. Man ver-
steht darunter das Abwerfen von Gebirgsteilen am Ausbruchsrand, das plötzlich
unter lautem, einer Explosion ähnlichem Geräusch
erfolgt. Die Ablösungen treten meist und gehäuft
an den Ulmen, seltener im First und fast nie an
der Sohle auf. Sie bevorzugen sprödes, massiges
Gebirge. Die Ablösungen sind linsenförmig und
haben häufig scharfe, schneidenartige Ränder.
Die Ablösungsflächen nehmen oft auf die Schich-
tung oder Schieferung des Gesteins keinerlei
Rücksicht und werden daher von diesen Schwach-
stellen des Gebirges meist nicht beeinflußt. Die
abgelösten Knallplatten lassen sich in die Aus-
bruchsstelle nicht mehr einfügen; sie sind
elastisch stark deformiert.
Bergschläge sind bei jedem tiefliegenden
Tunnel zu erwarten. Bekannt und oft erwähnt
sind die Bergschlagerscheinungen, die beim Bau
des Tauern-, des Karawanken- und des Wochei-
nertunnels im alten Österreich auftraten. Beim
Bau des Tauerntunnels machte IMHoF die Be- Abb. 58. BergRchlag im Simplontunnel
obachtung, daß Bergschläge nur in jenen Strecken während der Ausmauerung [3 tl
vorkamen, in denen das Gestein weder Schichtung
noch Klüftung aufwies. Er stellte ferner fest, daß bei der Auslösung der Bergschläge
die Abkühlung eine gewisse Rolle spielt. Zur Sicherung des Arbeitsortes wurde daher
das Gebirge nach dem Abschlag mit kaltem Wasser abgespritzt, worauf die Berg-
schläge in rascher Aufeinanderfolge eintraten. IMHoF hat auch eine Anzahl von
linsenförmigen Knallplatten gemessen und festgestellt, daß sie an jenen Stellen,
wo sie sich frei ausbilden konnten, geometrisch ähnlich waren. Länge, Breite und
Dicke verhielten sich im allgemeinen wie 3:2:0,3 [108a].

8 Kastner, Statik
114 IV. Der Gebirgsdruck

Vom Bau des Simplontunnels liegen eingehende Berichte und ein wertvolles
Bildmaterial vor, wovon trotz Wiederholung ein Beispiel gebracht wird (Abb. 58).
Die Bergschläge traten im Simplontunnel auf, wenn die Überlagerungs höhe etwa
1500 m überschritt; das war auf eine Länge von rd. 9 km der Fall. Sie erfolgten
im harten, massigen Gestein, und zwar im Marmor, im Gneis und im An-
hydrit [3e].
Im Lötschbergtunnel gab es bei einer größten Überlagerungshöhe von 1600 m
Bergschläge im festen Gasterngranit [3e].
Die Beobachtungen über .Bergschläge, die beim Bau des Druckstollens des
Kraftwerkes Amsteg der Schweizerischen Bundesbahnen gemacht wurden,
sind so anschaulich, daß es sich lohnt, den Bericht darüber nachstehend wieder-
zuge ben [139].
"Eine hochinteressante, überraschende Erscheinung beim Ausbruch des Stollens bildeten
die sogenannten Bcrgschläge, die auf der ganzen Länge der Granitzone, besonders stark aber
in deren unterer Hälfte auftraten, eine auch vom Bau des Simplontunnels her bekannte Er-
scheinung, bei der Gesteinsteile mit starkem Knall von der Ausbruchswand absprangen.
Beim Simplontunnel erklärte man diese Erscheinung hauptsächlich aus der durch die Schaf-
fung des Ausbruchshohlraumes hervorgerufenen Auslösung innerer, durch die gewaltige
Gebirgsüberlagerung im Gestein entstandener Spannungen. Für Amsteg, wo die Erscheinung
zum ersten Mal in diesem Umfang unter ganz anderen Verhältnissen beobachtet wurde,
trifft diese Erklärung nicht zu, da die Bergschläge auch in Strecken mit geringerer Gesteins-
überlagerung von z. B. weniger als 50 m auftraten. Am befriedigendsten dürfte unter ver-
schiedenen Erklärungsversuchen der sein, daß sich bei Erstarrung aus dem Magma im Granit
innere Spannungen, Schrumpf- oder Gußspannungen bildeten, deren labiles Gleichgewicht
durch Aufheben eines Teiles derselben (Freilegen des Lichtraumes) und Hinzufügen von
Zusatzkräften (Temperaturänderung) gestört wird. Diese Erklärung hat sich insbesondere
mit Bezug auf die Temperaturwirkung durch eingehende Beobachtungen während des Aus-
bruches geradezu aufgedrängt und mehr und mehr erhärtet. Die Tatsache, daß die Bergschläge
durchwegs im talseitigen Stoß und dort am stärksten beim Übergang des Gewölbeschenkels
in das Widerlager auftraten, läßt sich statisch verhältnismäßig leicht aus den Struktur-
verhältnissen des Gebirges erklären, ebenso die weitere interessante Tatsache, daß das Ab-
sprengen senkrecht zur Schalung (?) des Gesteins erfolgte. Die abgesprungenen Schalen von
der Größe einer Hand bis zu mehreren Quadratmetern wiesen Dicken bis zu nur wenigen
Millimetern auf; es zeigte sich auch, daß ihr Krümmungsradius nach dem Abspringen größer
geworden war, so daß die Schale nicht mehr in die ursprüngliche Lage eingepaßt werden
konnte. Dem Abspringen der Platten ging ein Knistern, wie beim Verbrennen von trockenem
Tannenholz voran (welches Knistern aber nur bei lautloser Stille im Stollen gehört werden
konnte), dem nach längerer Zeit (mehrere Minuten) ein Knall von der Stärke eines Gewehr-
schusses folgte. Das Abspringen der Platten hatte eine Reihe von Unfällen, darunter sehr
schwere zur Folge, so daß der Talstoß vor Ort nach dem Abschießen und vor dem Wieder-
beginn der Arbeit mit langen Eisenstangen bearbeitet werden mußte, um die Bergschläge
rascher zur Auswirkung zu bringen. Vollständig beruhigte sich das Gebirge aber erst nach
Tagen~ ~ochen und Monaten; spätere Bergschläge erfolgten zudem meist nicht mehr so
explOSIV.

Soweit einige Berichte über Erfahrungen, die schon länger zurückliegen. Aus
der jüngeren Zeit sind noch folgende Beobachtungen von Interesse.
In lebhafter Erinnerung ist der große Bergschlag in dem Kalibergwerk
Krügershall, der im Jahre 1940 in Sekundenschnelle das ganze Grubengebäude von
über 1 km 2 Ausdehnung vernichtete und die gesamte Belegschaft von 45 Mann
begrub.
TSCHERNIG berichtete auf der Gebirgsdrucktagung Leoben 1950 eingehend
über Bergschläge im Kärntner Blei- und Zinkerzbau [149]. Um einen besseren
Einblick zu gewinnen, untersuchte er die Bergschläge statistisch hinsichtlich ihrer
örtlichen und zeitlichen Häufigkeit. Insbesondere die örtlichen Häufungen
führten zu der Schlußfolgerung, daß die Bergschläge im festen Kalkstein durch
Spannungen ausgelöst werden, welche durch jetzt noch andauernde Bewegungen
von Gesteinsschollen längs gewisser Klüfte und Verwerfungen entstehen. TscHER-
NIG weist nach, daß der größte Teil der Bergschläge an Nord- bis Nordostklüften
vorkamen und ist der sicher zutreffenden Ansicht, daß dies kein Zufall sein kann.
50. Mäßiger, von den Ulmen ausgehender echter Gebirgsdruck 115

Diese Beobachtung dürfte ein neuerlicher Beweis dafür sein, daß die Alpen heute
noch einer nach Nord- oder Nordost gerichteten Bewegungstendenz folgen.
über besonders schwere Fälle von Bergschlägen hat auch HAGEN anläßlich
der Gebirgsdrucktagung in Leoben 1950 berichtet [48]. Es handelt sich um die
Bergbaue des Kolar-Goldfeldes im indischen Staat Mysore. Dort bauen 4 Gruben
auf einem lotrecht einfallenden Goldquarzzug von durchschnittlich 1,20 m
Mächtigkeit. Hornblendeschiefer und Granit bilden das Nebengestein. Der
Bergbau ist auf der tiefsten Grube bis zu 2835 m unter der Erdoberfläche gelangt.
Der Schwerpunkt der Gewinnung
liegt auf etwa 2700m. Es ist be-
absichtigt, bis auf 3300 m vorzu-
dringen.
Der Druck der Überlagerung,
also die lotrechte primäre Druck-
spannung, beträgt in einer Tiefe
von 2700 m rd. 800 kgcm- Z und
man vermutet, daß außerdem
noch tektonische Spannungen
wirksam sind, weil Gebirgsschläge
auf den Kolargruben von 300 m
Teufe an aufgetreten sind, wo zur
Erklärung der überlagerungs-
druck nicht ausreicht. Abb. 59. Bergschlag im Möl!überleitungsstollen der Tauern-
Gebirgsschläge richten bei die- kraftwerke Kaprun [70i]
sem Goldbergbau die Hauptzer-
störungen immer auf den Sohlenstrecken an. Holzausbauten haben sich als ungeeig-
net erwiesen, weil sie unter der Wirkung der Bergschläge vollständig zusammen-
brachen. Der Ausbau in Beton oder in Granitquadern hat sich gleichfalls nicht
bewährt, gleichgültig ob er dicht an das Gebirge angeschlossen oder mit einer
ringförmigen Versatzhinterfüllung ausgeführt wurde. Hingegen hat sich der Aus-
bau mit Stahlringen zu behaupten vermocht und allgemein durchgesetzt. Schnelles
und möglichst dichtes Ausführen des Versatzes ist von besonderer Wichtigkeit.
Aus dieser Schilderung ist zu erkennen, daß der Bergbau mit der Erreichung
einer Teufe von etwa 3000 m zumindest für den Streckenbau nahe an die technisch
mögliche Grenze herangekommen sein dürfte.
Zum Schluß wird noch das Bild eines der zahlreichen Bergschläge im Möll-
überleitungsstollen der Tauernkraftwerke gebracht (Abb. 59).

50. Mäßiger, von den Ulmen ausgehender echter Gebirgsdruck

Die Bergschläge treten in sprödem, massigem Gebirge auf; in mildem Gebirge


sind die Gebirgsdruckerscheinungen unter ähnlichen Verhältnissen anders geartet;
sie äußern sich als mäßiger, von den Ulmen ausgehender Druck. Besonders charak-
teristisch treten sie im alpinen Haselgebirge auf, worüber SCHAUBERGER be-
richtet hat [123].
Das Haselgebirge ist eine tektonische Breccie, die in der Hauptsache aus
Steinsalz, Ton und Anhydrit zusammengesetzt ist, wobei die Anteile der Kom-
ponenten innerhalb weiter Grenzen schwanken. Die petrographische Zusammen-
setzung hat starken Einfluß auf die Erscheinungsform des Gebirgsdruckes. Alle
drei Komponenten, besonders aber das Steinsalz, bedingen plastische Eigenschaften
des Gebirges. Ein hoher Steinsalzgehalt hat langsames plastisches Fließen zur
Folge, während in steinsalzarmem Gebirge (25-35% Salzgehalt) Brucherschei-
nungen auftreten.

8*
116 IV. Der Gebirgsdruck

Die plastischen Erscheinungen zeigen sich immer an den Ulmen. Beim stein-
salzreichen Haselgebirge wachsen die Ulmen langsam und bruchlos in den Hohl-
raum hinein. Holzeinbauten werden durch Seitendruck zerstört und müssen von
Zeit zu Zeit außer Druck gesetzt werden. Im First und an der Sohle finden Stau-
chungserscheinungen statt, wobei das Gebirge im First sogar nach oben gepreßt
werden kann. Das Endstadium dieser Entwicklung ist das vollständige Zuwach-
sen des Ausbruchshohlraumes.
Wenn alte Salzbergbaue durch
neuere Stollen erschlossen wer-
den, findet man nicht selten
von vorgeschichtlicher Berg-
bautätigkeit herrührende
Werkzeuge, Grubenhölzer und
Fackeln, die vom Gebirge
vollständig eingeschlossen sind.
Das Gebirge führt dann den
Namen Heidengebirge ; die
eingeschlossenen Gegenstände
stammen aus der Hallstatt-
zeit (900-390 v. ehr.) [95J.
Im salzärmeren Haselge-
Abb. 60. Durch Ablösungen an den "Vlmen nimmt der ur-
sprüngliche trapezförmige Ausbruchsquerschnitt. der durch birge äußert sich der echte
weiße Holzlatten gekennzeichnet ist, eine elliptische Form an Gebirgsdruck nicht in der
[123]
eben geschilderten bruchlosen
plastischen Verformung. Die
Spannungssteigerungen an den
Ulmen führen zur Ablösung
von Gesteinsschalen. Doch ge-
schieht dies langsam und nicht
mit dem bei den Bergschlägen
so eindrucksvollen akustischen
Effekt. Die Ablösungen erfol-
gen nach Gleitflächen und
führen eine Berichtigung des
Ausbruchsquerschnittes her-
bei. Der ungünstige ursprüng-
lich trapezförmige Ausbruchs-
querschnitt nimmt im unver-
kleidet bleibenden Stollen im
Laufe der Zeit eine kreisför-
mige oder elliptische Gestalt
an (Abb. 60). Hierbei entsteht
Abb. 61. Sicherung der l:lm dmch Felsanker mit Holzholm im der Kreisquerschnitt als be-
Richtstollen des Druckstollens des Kraftwerkes Schwarzach [701j
standfähige Endform im ho-
mogenen Gebirge, während im
geschichteten Gebirge die Profilumbildung zu einem elliptischen Querschnitt führt.
Wenn die Stollenachse annähernd im Streichen der Schichten verläuft, so ent-
steht eine Ellipse, deren große Achse in der Fallrichtung der Schichten liegt.
Verläuft die Stollenachse senkrecht zum Streichen, so folgt die Hauptachse des
umgebildeten, elliptisch gewordenen Querschnittes gleichfalls annähernd der
Fallinie. Die günstigste Ausbruchsform ist daher bei homogenem und isotropem
Gebirge der Kreis und bei geschichtetem Gebirge die Ellipse, deren große Achse
in der Richtung des größten Druckes liegt; dieser größte Druck fällt ungefähr
mit dem Fallen der Schichten zusammen.
51. Starker, von den Ulmen ausgehender echter Gebirgsdruck 117

Im Salzbergbau wird von alters her der Laugbetrieb geübt, wobei Hohlräume
mit der erstaunlich großen Weite bis zu 100 m entstehen und auch längere Zeit
bestehen bleiben.
Als weiteres Beispiel wird über den Druckstollen des Salzachkraftwerkes
Schwarzach im Bereich von Lend berichtet Der Abschnitt Lend dieses im ganzen
rd. 16 km langen Druckstollens durchörtert Phyllit und weist eine größte über-
lagerungshöhe von 700 m auf. Der Stollen folgt im allgemeinen der Streichrich-
tung der Schieferung; ihr Einfallen erfolgt im großen und ganzen seiger. Bei einer
Überlagerungshöhe von etwa 400 m begannen sich bereits im Richtstollen Ab-
lösungserscheinungen zu zeigen. Sie blieben aber auf die Ulmen beschränkt und
griffen kaum auf den First über. Die geschilderte Struktur des Phyllites hat Ab-
lösungen an den Ulmen besonders gefördert. Auch bei diesen Ablösungen handelt
es sich um Gleitbrüche, wobei die Schieferungsflächen vorgebildete Gleitbahllfm
darstellen.
Abb. 61 zeigt eine solche Ablösung im Richtstollen. Der verankerte Ulmverzug
wurde erst angeordnet, als sie sich bereits anzeigte. Durch diese auf große Er-
streckung ausgeführte Sicherung konnten Unfälle durch Gesteinsnachbrüche weit-
gehend vermieden werden.
Ferner sei der 11,7 km lange Druckstollen angeführt, mit dem die Triebwasser-
leitung des Kraftwerkes Randens, Frankreich, den Grand Arc durchsticht, der in
den Jahren 1949 bis 1953 ausgeführt wurde [77]. In einer 3 km langen Strecke,
deren Überlagerung 1500 m übersteigt und 1950 m erreicht, traten mäßige Ge-
birgsdruckerscheinungen an den Ulmen auf. Die Druckstrecke liegt im Kristallin,
das hauptsächlich aus Gneisen und Schiefergneisen besteht. Dabei verläuft die
Schieferung ausgesprochen günstig. Ihr Streichen schließt mit der Stollenachse
einen Winkel ein, der nirgends kleiner als 70° ist und das Einfallen erfolgt immer
steiler als gleichfalls 70°. Die Gebirgsdruckerscheinungen blieben deshalb auch in
mäßigen Grenzen und konnten mit Felsankern beherrscht werden. Die Anker
wurden jeweils sofort nach dem erfolgten Abschlag gesetzt. Es waren deren etwa
12 Stück je m Stollen notwendig. Die Verankerung ermöglichte es, den Ausbruch
mit vollem Profil ungestört durchzuführen.
Vom Triebwasserstollen des Ennskraftwerkes Hieflau, Österreich, wird be-
richtet [129]: In einer etwa 500m langen Strecke kam es in dem anstehenden Dach-
steinkalk zu lebhaften, bergschlagähnlichen Ablösungserscheinungen an der
Stollenleibung. Ihre Ursache war zunächst nicht eindeutig zu erkennen, weil die
überlagerungshöhe zu gering war und keine Anzeichen für das Auftreten tekto-
nischer Spannungen bestanden. Erst die geologische Aufnahme brachte Klar-
heit. Infolge des schrägen Einfallens der Schichtpakete war nicht die lotrechte,
sondern die wesentlich größere schräge Überlagerungshöhe maßgebend.

51. Starker, von den Ulmen ausgehender echter Gebirgsdruck


Bei starkem, von den Ulmen ausgehendem echtem GebirgsdruGk kann der
Kampf zu seiner Bewältigung dramatische Formen annehmen. In neuerer Zeit
sind - außer etwa beim Bau des zweiten Semmeringtunnels - keine Ausfüh-
rungen mehr vorgekommen, die an die Schwierigkeiten beim Bau des Simplon-,
des Tauern- und insbesondere des Karawanken-Tunnels der Bahnlinie Villach-
Triest heranreichen. RABCEWICZ schildert die Druckerscheinungen im Kara-
wanken-Tunnel wie folgt [108a].
"Die Druckstrecke liegt hauptsächlich in Kohlenschiefern, durchsetzt von Schichten von
Schiefertonen und Tonschiefern mit Quarzkonglomeraten und Quarzsandsteinen. Während
die Tonschieferstrecken sehr gebrech waren, zeigten sich die Quarzkonglomerate und Quarz-
sandsteine glashart. Die Druckerscheinungen traten äußerst rasch und schwer auf. Auftrieb
der Stollensohle, Brechen der Steher und Kappen, allseitige Verengung des Stollenprofiles
118 IV. Der Gebirgsdruck

Abb. 62. Stauchung der Sohle im Simplontunnel bei km 6,74


ab Südportal [3 fl

Abb. 63. Durchbewegung des Kalkschiefers im Stollen lIdes


Simplontunnels, km 7,7 ab Siidportal [3fl

behinderten die Arbeiten. Die


Zerstörungen und Deforma-
tionen erfolgten oft so schnell,
daß die Wiederherstellungs-
arbeiten nicht Schritt zu
halten vermochten, und es
kam vor, daß der Bohrwagen,
der vor der Bohrung noch an-
standslos den Stollen passiert
hatte, 4 Stunden später wegen
Verengung des Stollens nicht
a mehr zurückgezogen werden
konnte."
Daß es sich in solchen
Fällen primär um Seiten-
druck handelte und der
First- und Sohlendruck
nur auf Staucherscheinun-
gen zurückzuführen war,
geht aus der Abb. 62,
die vom Simplon-Tunnel
stammt, hervor.
Vom Simplon-Tunnel
berichtet ANDREAE [3 e] :
"In den beinahe söhlig
geschichteten Lebendungnei-
sen und in den Kalkphylliten,
b die der Simplontunnel von
km 5,3 bis 9,2 ab Südportal
durchfährt, trat fortlaufend
intensiver Seitendruck auf.
Über dem Stollen und unter
der Sohle wurden die Schich-
ten von beiden Seiten zu-
sammengestaucht. In Abb. 63
sieht man, wie das zusam-
mengedrückte Dach des Stol-
Abb. 64a u. b. Durch Stauchung entstandene Faltung iiher dem First
eines Stollens. (Die Lichtbilder stammen von Dr.-Ing. O. JACOBI des lens hers,usgequetscht wurde.
Steinkohlenbergbauvereins Essen) Im Valgrande-Gneis traten
52. Starker, von allen Seiten wirkender echter Gebirgsdruck 119

zum Teil auch ähnliche Erscheinungen auf, und zwar recht intensiv. Aber selbst da wurde der
Druck kein außerordentlicher, wenn das Gebirge nicht zu lang sich selbst überlassen blieb, die
Mauerung dem Vollausbruch möglichst bald folgte und satt angemauert wurde. Alle diese
Erscheinungen wiesen darauf hin, daß die Ulmen unter der Gebirgslast nachgaben."

Abb. 65. Durch Stauchung entstandene Knickfalte unter der Sohle eines Stollens. (Das Lichtbild stammt von
Dr.·lng. O. JACOBI des Steinkohlenbergbauvereins Essen)

Die Wirkung des Seitendruckes ist mit eindringlicher Klarheit aus den Abb. 64
und 65 zu erkennen. Abb. 64 zeigt die über einem Stollenfirst auftretende Fal-
tung, während in Abb. 65 die durch eine Knickfalte verursachte Aufwölbung der
Stollensohle zu ersehen ist.

52. Starker, von allen Seiten wirkender echter Gebirgsdruck


Als Beispiel für das Auftreten von starkem, von allen Seiten wirksamem
echtem Gebirgsdruck wird der Bau des neuen Semmeringtunnels, der beträcht-
liche Schwierigkeiten brachte, erwähnt. Die nachfolgende Schilderung folgt einem
Bericht, der von RAIN ER veröffentlicht wurde [109a, l09b].
Das vom neuen Semmering-Tunnel durchörterte Gebirge ist tektonisch außer-
ordentlich stark durchbewegt. Im gesamten Tunnel stehen weiche, bildsame Ton-
schiefer an, die mit gebrechen Quarzit- und Dolomitbänken wechseln. Daher war
fast durchwegs plastisches Fließen zu beobachten, das infolge der tonigen Be-
schaffenheit des Gebirges bereits bei der geringen Überlagerungshöhe von 40 bis
100 m auftrat. Die plastischen Erscheinungen waren im Bereich der tonigen
Mylonite (Weißerde) an der Südseite des Tunnels besonders stark.
Für den Bau des Tunnels wurde die belgisehe Bauweise mit Sohlstollen ge-
wählt. Der Sohlstollen hatte einen Querschnitt nach Abb. 66. Der Abstand der
Gespärre in der Längsrichtung des Stollens betrug 1,30 m. An Stellen, wo zusätz-
lich starker Auflockerungsdruck auftrat, wurde die Zimmerung verstärkt. Bei den
Schiefergesteinen, insbesondere an der Nordseite des Tunnels, erfolgte das Herein-
drängen des Gebirges in den Hohlraum verhältnismäßig langsam; dort wurden die
infolge des Gebirgsdruckes gebrochenen Steher derZimmerung ausgewechselt oder
Zwischengespärre aufgestellt. In dieser Strecke überwog der Seitendruck, wofür
das Brechen der Steher ein kennzeichnendes Merkmal war.
In den tonigen Myloniten der Südseite erfolgte die plastische Durchbewegung
des Gebirges viel rascher. Bei dem allseitig wirkenden Gebirgsdruck des allem
Anschein nach primär latent-plastischen Gebirges erwiesen sich die Holzgespärre
.....
~
/~lI~~~f]<J
/1///
1
/
/
(
I
I
I
I
I
I
I
I
I
---+----
I
I "C:....1('Tr77,"'g-
L __ - - - - ______ +____----------J ~
i:j
tt
~

~1=;.

d e Soh/gewö/be "fü//befon
Abn. 66a-e. Die Bauweise bei der Herstellung des neuen Semmeringtunnels; a) Sohlstollen und Firstschlitz; b) Betonieren des Gewölbes; c) Ausbruch der Widerlager, d) Betonieren
der Widerlager; e) fertiger Tunnel [109a, J09hj
52. Starker, von allen Seiten wirkender echter Gebirgsdruck 121

als ungeeignet, bzw. als unzureichend. Es wurde daher für den Sohlstollen ein
zeitweiliger Holzausbau gewählt, der ausreichend widerstandfähig war, und zwar
eine im Querschnitt ringförmige Auskleidung mit Buchenkanthölzern. Die Hölzer
waren radial zugeschnitten und 1,50 m lang. Bei einem lichten Durchmesser des
Richtstollens von 2,60 m, erhielt der zeitweilige Ausbau eine Dicke von 25 cm.
Die rechnungsmäßige tangentiale Druckspannung betrug 60 kgcm- 2 .
Eine ähnliche Bauweise wird im Salz bergbau seit langer Zeit angewendet; die
sogenannte Polygonalzimmerung, die den Vorteil bietet, daß die Hölzer in der
Faserrichtung und nicht senkrecht dazu auf Druck beansprucht werden. Die
Ausbildung dieser Zimmerung ist aus den Abb. 67 und 68 zu erkennen. Dabei

Abb. 67. Polygonalverzimmerung eines Stollens Abb. 68. Polygonalverzimmerung eines Stollens mit Holz-
mit Holzklötzen. (Das Lichtbild stammt von klötzen. Man beachte den durch echten Gebirgsdruck ent-
Dr.·lng. O. JACOBI des Steinkohlenbergban· standenen Brnch der Steher im Hintergrund. (Das Lichtbild
vereins Essen) stammt von Dr.-Ing. O. JACOBI des Steinkohlenbergban-
vereins Essen)

zeigte sich überdies, daß der Kreisquerschnitt günstiger war als der hochgestellte
elliptische Querschnitt, weil bei letzterem Schäden durch Seitendruck entstanden.
Bekannt ist auch die Anwendung dieser Methode des zeitweiligen Ausbaues
beim Bau des Apennintunnels der Direttissima Bologna-Florenz [91].
RABCEWICZ ist der Ansicht, daß dieser Ausbau mit Holzklötzen deshalb dem
Gebirgsdruck Widerstand zu leisten vermag, weil er nachgiebig ist und daher der
plastischen Verformung des Gebirges zu folgen, d. h. vor ihr zurückzuweichen
vermag. Das scheint aber nicht zutreffend zu sein, weil ja der Ausbau mit trapez-
förmig gestellten Gespärren eine viel größere Nachgiebigkeit aufweist. Wahr-
scheinlich ist aber die außerordentliche Widerstandsfähigkeit der geschlossenen
Ringschale, die durch tangentiale Druckspannungen beansprucht wird, die Ur-
sache für die erprobte Eignung dieser Bauweise. Im Gegensatz dazu werden die
Kappen und Steher des üblichen Holzeinbaues auf Biegung beansprucht, und es
läßt sich leicht nachweisen, daß ihre Widerstandsfähigkeit hinter jener des ge-
schlossenen Ringes weit zurückbleibt.
Über den Semmering-Tunnel wird weiter berichtet: Der Vortrieb des Sohl-
stollens von der Südseite erfolgte nach einer kurzen Strecke von tonigen Myloniten
(Weißerde) zunächst durch Rauhwacke und festere Dolomite. Nach 70 m weiterem
Vortrieb in der Weißerde nahmen die Deformationen des Stolleneinbaues und die
Verengung des Ausbruchsquerschnittes solche Ausmaße an, daß man den Richt-
stollen einstellen und an den Vollausbruch dieser Strecke schreiten mußte. Das
Hereindrängen der Gebirgsmassen zwang dazu, den Sohlstollen in diesen Strecken
3-5mal zu rekonstruieren. Die Sohle mußte ebensooft nachgenommen werden,
122 IV. Der Gebirgsdruck

so daß sich ihre gesamte Hebung auf rd. 2,0 m stellte. Die Erhaltung des Licht-
raumquerschnittes und damit die Sicherung des Verkehrs im Stollen war ein un-
unterbrochener Kampf mit den nachdrängenden Gebirgsmassen.
In den Zonen, in denen tonige Mylonite anstanden, wurde die belgisehe Bau-
weise angewendet, weil dabei die Zeitspanne zwischen dem Beginn des Vollaus-
bruches und der Fertigstellung der endgültigen Ausmauerung am kleinsten ist. Die
fortlaufende Betriebsweise konnte aber nicht vorgesehen werden, weil ein möglichst
rasches Schließen der gesamten Tunnelauskleidung einschl. des Sohlengewölbes erstes
Gebot war. Nach Fertigstellung der geschlossenenAuskleidung einschließlich des Rohl-
gewölbes konnte in der Weißerdestrecke keine Verschiebung der Beobachtungs-
punkte festgestellt werden. Hingegen zeigten sich in den fertiggestellten, aber noch
nicht unterfangenen Ringen der Kalotte mancherlei Schäden. Wohl wurden zur
gegenseitigen Abstützung der Kämpfer 40-50 cm starke Rundhölzer (Tiranten)
eingezogen. Die Verkeilung derselben wurde aber bald zerquetscht und viele
Hölzer knickten aus. Die gegenseitige Bewegung der Widerlager verursachte
neben Rissen im Mauerwerk auch schalenförmige Absplitterungen an deren Innen-
leibung, besonders im Firstbereich.
In dem bereits erwähnten 11,7 km langen Durchstich Isere-Arc des Kraft-
werkes Randens bereitete eine 500 m lange Zone mylonitischer Schiefer bei einer
überlagerungshöhe von wenig mehr als 500 m beträchtliche Schwierigkeiten.
Die Schiefer waren weich und zeigten graphitisch glänzende Schieferungsflächen.
Der Gebirgsdruck trat im First und an den Ulmen auf. Man versuchte zuerst den
Vortrieb im vollen Profil weiterzuführen, indem man schwere Rahmen aus Breit-
flanschträgern einzog, die aber rasch starke Verformungen erlitten, so daß der
dauernde Ausbau in Stahlbeton beschleunigt nachgezogen werden mußte. Diese
Ausbauweise konnte einige Zeit durchgehalten werden. Später aber mußte man
den folgenschweren Entschluß fassen, den Vortrieb mit vollem Profil einzustellen
und das Gebirge mit Richtstollen aufzuschließen.

53. Anfängliche Entwicklung der Deutung des Gebirgsdruckes


Die ersten Versuche zur Deutung des Gebirgsdruckes sind u. a. an die Namen
CULMANN [23], RITTER [113], GRÖGER [46], ENGESSER [28] und JANSSEN [63] ge-
knüpft. Entscheidend für alle angeführten und späteren Theorien, die von der
Erddrucklehre ausgehen, ist der Umstand, daß sie bei Auftreten von Sohlendruck
ausnahmslos versagen mußten. CULMANN und ENGESSER befaßten sich mit der
Frage des Sohlendruckes überhaupt nicht, obwohl diese Erscheinung zu ihrer Zeit
hinreichend bekannt war. RZIHA [119] kannte das Problem und äußerte auch an-
deutungsweise seine Ansicht über die Ursache des Sohlendruckes :
"Gewisse Gebirgsarten, sei es nun, daß sie durch atmosphärische Einflüsse sich blähen oder
sei es, daß sie sich in einem Zustand von Zähflüssigkeit befinden, welcher sich dem hydro-
statischen Drucke nähert, äußern in der Sohle des Ausbaues einen enormen Druck."
Die Heranziehung von atmosphärischen Einflüssen zur Deutung der gewaltigen
Druckerscheinungen, wie dies oft geschieht, ist sicher unberechtigt; hingegen ist
der Gedanke einer Art Zähflüssigkeit des Gebirges, wenn man an die Möglichkeit
des plastischen Fließens denkt, keinesfalls abwegig.
RITTER ist sich der Unzulänglichkeit seiner Theorie dem Sohlendruck gegen-
über bewußt.
GRÖGER versuchte die Intensität des Gebirgsdruckes durch Messungen zu er-
mitteln und ein Größenverhältnis von First-, zu Sohlen- und zu Seitendruck zu ge-
winnen; die Zahlenangaben lauten 1: 1/2: 1/3. Er wollte ihnen allgemeine Be-
deutung zusprechen und damit die überwiegende Größe des Firstdruckes betonen.
Dieses Ergebnis mag in übereinstimmung mit den theoretischen Untersuchungen
53. Anfängliche Entwicklung der Deutung des Gebirgsdruckes 123

von CULMANN und RITTER sein, konnte aber mit den späteren Erfahrungen keines-
wegs in Einklang gebracht werden.
Eine entscheidende Wendung trat ein, als der Schweizer Alpengeologe Albert
HEIM im Jahre 1878 seine Ansichten veröffentlichte [52a]. Sie sind schon oft wieder-
gegeben worden, doch ist es für das Verständnis der späteren Darlegungen zweck-
mäßig, sie wenigstens in ihren wesentlichsten Teilen zu wiederholen. HEIM
schreibt:
"Von jedem Gestein läßt sich eine Säule denken, so hoch, daß ihr Gewicht die Festigkeit
des Gesteins übersteigt, so daß also ihr Fuß zerdrückt wird. Je nach der größeren oder ge-
ringeren Gesteinsfestigkeit wird diese Säule höher oder niedriger sein, stets aber wird der
gedachte Fall eintreten."
HEIM spricht also hier von der Gesteinsfestigkeit und geht von der einachsigen
Druckfestigkeit aus.
"In gleicher Weise muß der Druck auch in der Erde mit zunehmender Tiefe steigen; die
Festigkeitssäule kann auch gedacht werden als Ausschnitt aus einer überlagernden Gesteins-
decke von entsprechender Mächtigkeit. Unter einer solchen Decke wird also ein Druck
herrschen, der das Gestein zu Pulver zermalmen würde, wenn die Gesteinsteilchen irgendwie
seitlich ausweichen könnten. Ein solches seitliches Ausweichen und damit eine Zertrümmerung
ist nun zwar nicht möglich, der Zusammenhalt der einzelnen Teilchen wird aber aufgehoben,
die innere Reibung unter dem allseitigen Druck so vermindert, daß eine Umlagerung bruchlos
erfolgen kann, das Gestein beginnt zu fließen, wie das Eis der Gletscher fließt.
In einer gewissen Tiefe ist also jedes Gestein ,latent-plastisch'; die Plastizität kommt zum
Ausdruck, sobald in irgendeiner Weise, sei es durch den Eingriff des Menschen oder auf natür-
lichem Wege durch gebirgsbildendeKräfte das Gleichgewicht gestört wird.
In einer plastischen Masse muß sich der Druck, ähnlich wie in einer Flüssigkeit, nach allen
Richtungen im Raum fortpflanzen. Sobald die latente Plastizität ausgelöst wird, treten also
nicht mehr statische, sondern hydrostatische Verhältnisse auf."
Aus den in den Abschnitten über den sekundären Spannungszustand im Ge-
birge dargelegten Gesichtpunkten geht hervor, daß die Ansichten HEIMS grund-
sätzlich zutreffen. Störend wirkt bei seinen Äußerungen nur der Umstand, daß er
von hydrostatischem Druck spricht, obgleich er dies offensichtlich nur tat, um seine
Gedankengänge anschaulich zu gestalten. Der Ausdruck hydrostatischer Druck
wird auch in der späteren Literatur immer wieder gebraucht, obwohl er als un-
zutreffend nicht angewendet werden sollte. Ein hydrostatischer, also allseitig
gleich großer Druck wird im MOHRsehen Diagramm durch einen Punkt auf der
Normalspannungsachse dargestellt, dessen Abszisse dieser allseitig gleiche Druck
ist. Schubspannungen treten nicht auf; die Verformungen sind daher bei allseitig
gleichem Druck grundsätzlich nur elastisch und ein Fließvorgang ist nicht mög-
lich. Doch soll diese Feststellung nicht besagen, daß an den Gedankengängen
HEIMS von der latenten Plastizität etwas Grundlegendes auszusetzen wäre.
Auf eine zweite Äußerung HEIMS muß noch besonders hingewiesen werden.
Er meint, daß unter dem allseitigen Druck die innere Reibung so weit vermindert
wird, daß eine bruchlose Umlagerung erfolgen kann. Dieser Gedanke, der nur aus
der Beobachtung der tektonischen Verhältnisse gewonnen wurde, ist durch die
späteren theoretischen Untersuchungen vollauf bestätigt worden. Die MOHRsehe
Grenzlinie stellt ein Verhältnis der Schubspannungen zu den Normalspannungen
im Grenzzustand her, und der Differentialquotient : : gibt den für jede Nor-
malspannung (J geltenden Winkel des inneren Gleitwiderstandes des Gebirges
tan (lg = :: an. Die Grenzkurve nähert sich einer waagrechten Asymptote und
der Winkel des inneren Gleitwiderstandes daher dem Wert Null. Diese Tat-
sache ist scheinbar in ihrer ganzen Bedeutung in der tektonischen Geologie noch
nicht gewürdigt worden. Dies möge an einem Beispiel gezeigt werden. Unter den
Theorien der Gebirgsbildung spielt heute jene des faltenden Zusammenschubes
durch Gleitung unter dem Einfluß der Schwerkraft eine bedeutende Rolle; sie hat
124 IV. Der Gebirgsdruck

viele Anhänger. Eine wichtige Voraussetzung für ihre Gültigkeit ist aber das Vor-
handensein eines für die Gleitung erforderlichen Gefälles. Wenn in der Erdkruste
keine Horizontalkraft vorhanden ist, müßte also zur Erklärung der Entstehung
eines Gebirges ein noch höheres Gebirge vorausgesetzt werden, weshalb die heutigen
Anhänger der Gleitungshypothese sie mit der Annahme von magmatischen He-
bungen koppelI;l [22]. Wenn auch nach AMPFERER nur ein Teil der Orogenese durch
Gleitvorgänge erklärt werden kann, so spielen sie in der Geotektonik zweifellos
eine Rolle; der Einwand, daß eine Gleitbahn von entsprechend großer Neigung
vorhanden sein müsse, verliert aber durch die im Zusammenhang mit der MOHR-
schen Theorie und der Form der Grenzlinie nach KARMAN gemachten Fest-
stellungen an einschränkender Bedeutung, weil wegen des bei hohem Druck ganz
geringen Wertes des Winkels des inneren Gleitwiderstandes (lg schon bei kleinstem
Gefälle eine Gleitbewegung einsetzen kann.
HEIM entwickelte seine Theorie in erster Linie zur Erklärung der in den Alpen
auf Schritt und Tritt zu beobachtenden plastischen Verformungen der Gesteine,
insbesondere bei der Faltung.
Der Bau des Simplon-Tunnels brachte die Frage des Gebirgsdruckes ins Rollen
und veranlaßte HEIM, an seine früheren Ausführungen anknüpfend, sich neuer-
lich zu äußern. In den Bergschlägen erkannte HEIM eine vollständige Analogie
mit den Abtrennungen am Rande eines Gesteinswürfels, der einem einachsigen
Druckversuch unterworfen wird. Weil aber der überlagerungsdruck Pv = ygh
nicht ausreicht, um die Gesteinsfestigkeit zu überwinden, führte er, wie bereits
erwähnt wurde, den Begriff der Gebirgsfestigkeit ein. Das Gebirge weist infolge
seiner Inhomogenität, seiner Klüfte, seiner vielen Fehlstellen usw. eine wesentlich
geringere Festigkeit auf als jene, die man an einem ausgesuchten, möglichst
fehlerfreien Probestück ermittelt. Wenn dies auch sicher zutrifft, so zeigte sich
ein gewisser Widerspruch darin, daß Bergschläge besonders heftig im massigen
und gesunden Gebirge auftraten. Auch hierfür deutet HEIM die zutreffende Er-
klärung an, wenn er der Meinung Ausdruck gibt, daß die Schaffung des Tunnel-
hohlraumes den Gebirgsdruck (gemeint sind die sekundären Tangentialspannungen
am Ausbruchsrand, besonders im Bereich der Ulmen) auf die nächste Umgebung
des Tunnels konzentriert. Die Betrachtung des sekundären Spannungszustandes
im Gebirge erweist, daß die von HEIM vermutete Konzentration des Druckes am
Ausbruchsrand eine bedeutungsvolle Rolle spielt.

54. Widerhall der Heimsehen Theorie der latenten Plastizität


Die Gedankengänge HEIMS sollen noch nicht abschließend behandelt werden,
weil es vorerst zweckmäßig ist, die Stellungnahme seiner Gegner zu hören, als deren
Hauptvertreter BRANDAU gelten mag. Eine Kernfrage, die zur Erörterung stand,
war, ob der Gebirgsdruck von der überlagerungshöhe abhängt. HEIM war dieser
Auffassung und führte aus [52b]:
"Wenn man behauptet, der Gebirgsdruc:~ hänge nicht von der Gebirgshöhe ab, so täuscht
man sich. Im Mergel unter 200 bis 500 m Uberlagerung äußert sich der Gebirgsdruck sofort
im Hereinquetschen des Gesteins in den Tunnel. Aber im festesten Granit zeigt sich die gleiche
Erscheinung in 1000 m Tiefe erst nach einigen oder vielen Jahren."
C. SCHMIDT, ein Anhänger HEIMS, bestätigte diese Ansicht und erklärte:
"Die flachliegenden, dünnschichtigen, glimmerreichen Lebendungneise werden nach der
Stollenauffahrung ,treibend'. Die Wirkung der Aufhebung des Gebirgsdruckes besteht darin,
daß die ganze Gesteinsmasse allseitig in den künstlichen Hohlraum hineindrängt, aufgelöst
in Trümmer oder als breiförmige Masse, langsamer oder rascher, ja nach der Konsistenz des
Gesteins.
Es liegt nahe, die Art der Gesteinsformation in tiefliegenden Tunneln in Korrelation zu
setzen zur Mächtigkeit des überlagernden Gebirges. Daß tatsächlich die Größe der Über-
lagerung ein bedeutender Faktor ist für die Art der Resistenz der Gesteine an Ulmen, Sohle
und First des Tunnels ist von vorneherein zweifellos."
54. Widerhall der HEIMsehen Theorie der latenten Plastizität 125
BRANDAU nimmt in seinen bekannten Aufsätzen [13a, 13b] zur HEIMS ehen Auf-
fassung Stellung, richtet seine Angriffe gegen die Schwachpunkte derselben, ent-
blößt aber dabei selbst seine Flanken. Zur Gewinnung einer objektiven Erkennt-
nis ist es angezeigt, die Äußerungen BRANDAus in ihren wesentlichsten Punkten
kennenzulernen. Er weist darauf hin, daß im Gotthard-Tunnel bei einer Über-
lagerung von 1500 m nach der HEIMS ehen Theorie eine Gewölbedicke von 6 m
erforderlich wäre, während in Wirklichkeit ein Gewölbe ausgeführt wurde, dessen
Dicke nur etwa 1/10 davon beträgt. Der Gotthard- und Montcenis-Tunnel be-
standen damals seit 30-40 Jahren; ihr Bestehen beweise, daß sie noch nicht unter
Druck geraten sind. Tunnel unter 10, 20 oder 30 m Überlagerung seien schon oft
eingestürzt, weil die ungeschichtete Gesteinsüberlagerung mit ihrer Trümmer-
beschaffenheit auf ihnen lastete, während Tunnel unter bedeutend größerer
Überlagerung noch nie verbrochen seien. Wo sie schadhaft wurden, seien stets
andere Ursachen als der Gebirgsdruck erwiesen.
BRANDAu führt ferner wörtlich aus:
"Wenn innerhalb einer Zone von 0 bis 2000 m Überlagerung aber kein Unterschied in
der Dicke des Bauwerkes gemacht werden muß, wo besteht dann die Korrelation (d. h. die
Beziehung zwischen Überlagerungshöhe und Gebirgsdruck). Auf die Frage über den Verbleib
der Schwerewirkung ist keine andere Antwort möglich, als daß sie durch seitliche Spannungen,
Reibungen, Gewölbeschub im Gleichgewicht gehalten ist. Der von der HEIMsehen Lehre an-
gekündigte Gebirgsdruck in der Erdtiefe wurde bisher im Simplon-Tunnel nirgends an-
getroffen. Aber auch von der Wirkung starker seitlicher oder horizontal gerichteter Kräfte
weiß die Erfahrung im Simplon nichts."
BRANDAu behauptet also, daß der von der HEIMS ehen Lehre angekündigte
Gebirgsdruck im Simplon-Tunnel nicht angetroffen wurde; diese Feststellung ist
erstaunlich, weil ja der Simplon-Tunnel das klassische Beispiel für das Auftreten
von echtem Gebirgsdruck ist, und weil dort im Kampf gegen die Gebirgsdruck-
erscheinungen Leistungen vollbracht wurden, die nahe an der Grenze des
Menschenmöglichen waren.
Wenn in einem Gebirge innerhalb großer Bereiche der Überlagerungshöhe
kein Unterschied in der Dicke der Auskleidung gemacht zu werden braucht, dann
ist diese Tatsache ein Beweis dafür, daß der sekundäre Spannungszustand elastisch
blieb oder daß nur wenig ausgedehnte Bereiche plastisch geworden sind.
BRANDAU erblickt in den Gebirgsdruckerscheinungen "nichts anderes, als die
Bewegungen in einem zu stark geböschten Kies- oder Erdhaufen". Obwohl diese
Behauptung nicht gut geheißen werden kann, so ist sie doch ein Ausdruck dafür,
daß sich bei der gegebenen Überlagerungshöhe der Gebirgsdruck vorwiegend an
den Ulmen äußert, eine Tatsache, die sich aus der Theorie der plastischen Zonen
eindeutig ergibt (s. Abschn. 57). Diese Erscheinung ist aber keinesfalls aus den
Gedankengängen der Erddrucklehre zu verstehen. Hier handelt es sich um ganz
andere Dinge. Doch sollen die Ausführungen BRANDAus noch ein Stück weiter
verfolgt werden.
"Auf der Südseite durchfuhr der Simplon-Tunnel von km 5,3 bis 6,9 den Lebendungneis
und von km 7,15 bis 9,14 phyllitische Schiefer. Beide Strecken waren anfänglich standfest.
Nach einiger Zeit brachen vom Dache dünne Platten nieder. Zum Schutze der Arbeiter
wurden Kappen eingebühnt, wobei der Firstverzug mit leichten Pfählen hergestellt wurde.
Das eintretende Zusammenstauchen der Kappen gab Fortbewegung der Ulmen kund, Ab-
lösungen von zerbröckelten Gesteinsstücken aus den Ulmen folgten. Auf die Kappen legten
sich größere Schiefermassen, die Kappen bogen sich stellenweise durch. Bei der Erneuerung
der Kappen zeigte sich der größere Teil der bewegten Schiefer in dünnen Bänken ineinander-
gestaucht und sie trugen sich selbst. Die Ablösungen im First erstreckten sich auf 1 bis 2 m
Höhc ins Gebirge hinein.
Die scheinbar sehr kompakten Bänke zerblätterten in dünne und dünnste Schiefer-
schichten, die sich nach und nach in Falten einbogen. Inzwischen hat sich auch die Hebung
des Dienstgleises bemerkbar gemacht als Folge von Faltenbildung in den Schiefern der Sohle,
ähnlich jener im First.
Ehe die geschilderten Zustände im Stollen II so weit gediehen waren, hatte man den Stollen I
auf längere Strecken mit Mauerwerk verkleidet, ohne Sohlengewölbe einzubauen. Hier traten
126 IV. Der Gebirgsdruck

durch Annäherungsbewegungen der Widerlager Zerplitterungen von Gewölbesteinen ein.


Nachträgliches Einbauen der Sohlengewölbe brachte die Bewegungen im Widerlager zum
Stillstand und im Gewölbe blieben weitere Beschädigungen aus." (Abb. 69.)
BRAND AU nimmt also die seitliche Pressung als Ursache für das Ausknicken
der Schichten im First und an der Sohle an. Er sucht die Erklärung dafür in dem
Druck, den ein abgleitendes Gesteinsprisma in den Ulmen ausübt. Dieses Gesteins-
prisma soll als Gleitfläche eine Ebene benützen, die unter dem "Böschungswinkel"
gegen die Waagrechte geneigt ist. Damit soll die Stauchung im First und an der
Sohle erklärt werden. Der Schwachpunkt dieses unter dem Eindruck der Erddruck-
lehre stehenden Erklärungsversuches ist offensichtlich. Er wäre immerhin noch
verständlich, wenn die Gleitfläche durch Schichtung oder Schieferung des Ge-
steins, eventuell sogar durch Klüftung vorgegeben wäre, aber dann könnte die

a b
Abb. 69 a u. b. Bruch der Ausmauerung eines Tunnels infolge starken von den Ulmen ausgehenden echten Gebirgs-
druckes ; a) wenn das Gebirge die Möglichkeit hat, nach oben auszuweichen (Trennbruchrisse und Absplitterungen) ;
b) bei unnachgiebigem First (Scherrisse) [108a]

Gleitung nur einseitig erfolgen, und dies würde sich irgendwie anzeigen. Nun ist
aber die Schieferung des Gesteins, wie aus der Zeichnung BRANDAUS hervorgeht,
nicht stark von der söhligen Lage abweichend - die Neigung beträgt 10 - 20° - und
die Ausbildung von Gleitflächen in der von BRAND AU angegebenen Form ist nicht
möglich. Mit dem Abgleiten von Gesteinsprismen lassen sich Stauchungen im First er-
klären, nicht aber jene in der Sohle. Der am Fuß spitz zulaufende Keil hat ja
keine Möglichkeit zu einer so starken Kraftwirkung, daß eine Stauchung des
Gebirges in der Sohle eintreten könnte, die auf lange Strecken hin zu beobachten
war.
HEIM und BRANDAU ergriffen späterhin nochmals das Wort zur Gebirgs-
druckfrage. Die Besprechung ihrer in gewissem Sinne abschließenden Äußerungen
soll aber erst an späterer Stelle gebracht werden, weil es notwendig ist, die Äuße-
rungen von WILLMANN und KOMMERELL zu diesem Problem zu hören.

55. Der spannungslose Körper


WILLMANN bemüht sich den genialen Gedankengängen HEIMS gerecht zu
werden und sucht eine Erklärung dafür, daß Gebirgsdruckerscheinungen bei den
bisher erreichten Tiefen unter der Erdoberfläche noch nicht in dem von Heim vor-
ausgesagten Maße eintreten konnten, d. h. warum die von Heim vermutete
latente Plastizität bei den bisher erreichten Tiefen noch nicht in Erscheinung
trat. Die Hauptursache ist seiner zutreffenden Ansicht nach darin zu suchen, daß
man die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit nicht richtig angenommen hat. Er ver-
55. Der spannungslose Körper 127

weist auf die bereits früher behandelte Wirkung der Reibung in den Druckplatten
bei den üblichen einachsigen Druckversuchen und beruft sich auf den Umstand, daß
bei Ausschaltung der Reibung der Probekörper nach dem Zusammenbruch nicht
die bekannte Form der Doppelpyramide aufweist, sondern daß er durch Risse,
die parallel zur Druckrichtung verlaufen, in Platten geteilt wird. Er ist der Mei-
nung, daß "sozusagen" Zugspannungen den Bruch des würfelförmigen Körpers
herbeiführen. Wie früher dargelegt wurde, sind jedoch Zugspannungen nur dann
möglich, wenn der Probekörper Hohlräume oder sonstige Schwachstellen auf-
weist.
WILLMANN bestätigt dann die Spannungskonzentration an den Ulmen, ohne
sich aber theoretisch mit dieser Frage zu befassen, und kommt in diesem Zusam-
menhang zum Begriff des spannungslosen Körpers über dem First und unter der
Sohle. Er gibt diesen spannungslosen Körpern
eine parabolische Form und nimmt an, daß
die Druckwirkung den spannungslosen Kör-
pern ausweichend, nach beiden Seiten gewölbe-
artig gegen die Widerlager hin abgeleitet wird
(Abb.70). SP(JfifiUfigS-

KOMMERELL greift das Konzept des span- loser


Körper
nungslosen Körpers auf und erweitert es in
der Weise, daß er ihn rings um den Ausbruchs-
querschnitt herum annimmt. Er kommt zu
der Schlußfolgerung,
"daß der Firstdruck im Berginneren unabhän-
gig von der Höhe der Überlagerung ist. Nur bei
den Eingangsstrecken ist mit der ganzen Auflast
bis zur Erdoberfläche zu rechnen. Dagegen wird
im Berginneren nach der Herstellung eines Hohl-
raumes der Druck auf die Seitenwände je nach
Art des Gebirges unter Umständen zunächst noch
größer werden können als dem Gewicht des Gebirges
bis zur Erdoberfläche entspricht, so daß Bergschläge
und Hereinschieben des Gebirges auch bei schein-
bar sehr festen Gebirgsmassen vorkommen können,
namentlich wenn die Hohlräume längere Zeit nicht Abb.70. Der spannungslose Körper über dem
First und unter der Sohle eines Stollens; Kraft·
durch Einbauten gesichert sind. Nach dem Auf- linienverlauf im durchörterten Gebirge [108 a]
treten der Bergschläge und dem Hereinschieben
der Gebirgsmassen verlagert sich aber der Druck
mehr und mehr nach innen zu, also weg vom Hohlraum, und es bildet sich um den Hohl-
raum herum ein spannungsloser Körper, der lediglich unter seinem Eigengewicht steht."
KOMMERELL übersieht die Spannungen, die bei Auftreten von echtem Ge-
birgsdruck an der Grenzfläche des sogenannten spannungslosen Körpers über-
tragen werden. Dies gilt insbesondere für die Ulmen, wo Druckspannungen auf-
treten, mit welcher Feststellung der spannungslose Körper seinen Sinn verliert.
HEIM nimmt 1912 nochmals Stellung zur Gebirgsdruckfrage [52c], schießt dabei
aber weit über das Ziel. Er führt aus:
"Für vollständig irrtümlich halte ich die Deduktion und Darstellung in Figuren, die zur
Behauptung führen, daß in der gepreßten Masse um den Hohlraum eine druckfreie Zone oder
zum mindesten eine solche von verminderter Spannung entstehe."
Ein druckfreier Körper ist im elastischen Zustand ausgeschlossen. Um dies
zu erweisen, wird auf die Ausführungen im Kap. III über den sekundären Span-
nungszustand erinnert. Aber auch im plastischen Bereich ist er nicht möglich.
Alle an diese Voraussetzung geknüpften Schlußfolgerungen haben daher keinen
Wert. Es sei nur z. B. auf folgende ganz abwegige Beurteilung hingewiesen:
Nachdem sich der First- und Sohlendruck mit der elastischen Entspannung im
druckfreien Bereich nicht erklären läßt, tauchte sogar die Annahme auf, daß der
128 IV. Der Gebirgsdruck

spannungslose Körper wie ein Keil im First nach abwärts und in der Sohle nach
aufwärts gequetscht wird. Wie das bei einem spannungslosen Körper möglich
sein soll, wird nicht erklärt [159].
HEIM setzt seine Ausführungen wie folgt fort:
"Der Hohlraum ist eine Stelle ohne Gegendruck auf die Last. Also muß eine Tendenz des
Materials, dorthin auszuweichen, sich zeigen. Das Material sucht in den Tunnelhohlraum zu
strömen. Die Zugspannungen gehen alle radial nach dem Tunnel hin. Das Material nach dem
Tunnelhohlraum drängend, muß sich gegenseitig wie Gewölbesteine keilförmig versperren,
und so kommt es, daß die Kraftlinien des Maximaldruckes sich konzentrisch um den Tunnel
ordnen und am dichtesten und intensivsten sich gerade dicht an den Tunnelwänden scharen."
Die Annahme von radialen Zugspannungen in der nahen Umgebung eines
Tunnelausbruches, wie sie HEIM trifft, wird den Tatsachen nicht gerecht; solche
Zugspannungen sind auch theoretisch nicht nachweisbar, es wäre denn, daß
Hohlräume oder Schwachstellen vorhanden sind, denen oben und unten kleine
örtliche Zugspannungsbereiche angelagert sein können (s. Abschn. 33).

56. Die Schutzhülle


WIESMANN nimmt zu den Äußerungen HEIMS polemisch Stellung [158b] und
kommt zu dem Ergebnis, daß nur eine Erklärung für das Ausbleiben des Gebirgs-
druckes, d. h. für seine Unabhängigkeit von der Über-
lagerungshöhe möglich ist, nämlich,
"daß der Überlagerungsdruck die Bildung einer Art Schutz-
hülle bewirkt, in der nach allen Richtungen ein Druckgefälle
entsteht, das den Gebirgsdruck zum großen Teil vom Hohl-
raum fernhält. Der Tunnelbauer hat nicht die Aufgabe, den
Hohlraum gegen den Überlagerungsdruck abzustützen, das
bewirkt die Schutzhülle, sondern er muß nur um deren Er-
haltung besorgt sein."
Diese Anschauung enthält sehr viel Zutreffendes,
wie die späteren Untersuchungen über das elasto-
plastische Verhalten eines Gebirges zeigen, das primär
unter allseits gleichem Druck stand und von einem
kreisquerschnittigen Ausbruch durchörtert wird. Die
Ausbildung einer Schutz hülle ist allerdings nicht
unter allen Umständen gewährleistet und es wird von
Abb. 71. Schematische Darstellung
der Schutzhüllenbildung bei den entscheidender Bedeutung sein, festzustellen, wann
aufeinanderfolgenden Ausbruchs- sie möglich ist und wann nicht.
stadien eines Tunnels u. ZW. Rieht-
stollen vortrieb J, }"irststollenvor- RABCEWICZ [108 a] schließt sich der WIESMANNschen
trieb 2und Yollausbrueh 3 [108a]
Auffassung von der Schutzhüllenbildung an und
schreibt, daß die Tatsache ihrer Ausbildung erst die
Möglichkeit schafft, Tunnel in größerer Tiefe bedenkenlos auszuführen. Ohne die
Schutzhülle wäre der Tunnelbau ein kaum vorstellbares Wagnis.
Wird ein Tunnelquerschnitt nicht im ganzen, sondern in einzelnen Abschnitten
ausgebrochen, so bildet sich für jedes Baustadium eine neue Form der Schutzhülle,
etwa so, wie dies in der Abb. 71 dargestellt ist.
RABCEWICZ hält die Schutzhüllenbildung unter allen Umständen für eine ge-
gebene Tatsache und betont besonders die Zeitabhängigkeit ihrer Entwicklung.
Seiner Auffassung nach benötigt die Schutzhülle zu ihrer Ausbildung eine gewisse
Dauer, die in ungünstigen Fällen weit über die Bauzeit einer Tunnelstrecke hin-
ausgehen kann. Es ist daher seiner Ansicht nach mit der Möglichkeit zu rechnen,
daß in fertigen Tunnelstrecken Drücke auftreten, die von der Auskleidung nicht
aufgenommen werden können. Die nicht genügend rasche Schutzhüllenbildung
bzw. die zu rasch eingezogene Mauerung ist daher nach Ansicht RABCEWICZS die
häufigste Ursache der Zerstörung fertiger Tunnelstrecken. Damit ist eine Frage von
56. Die Schutzhülle 129

großer Tragweite angeschnitten worden. Sie lautet in einfachster Formulierung:


Soll man dem Gebirge bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck Zeit und Raum zur Ver-
formung gegen den Ausbruchshohlraum hin und damit die Möglichkeit zur Schutz-
hüllenbildung geben oder nicht?
RABCEWICZ ist für eine positive Beantwortung dieser Frage und vertritt die
Ansicht, daß bei pseudofestem, mildem oder verwittertem Gebirge die rasche
Einbringung eines endgültigen Ausbaues unweigerlich zur Zerstörung des Bau-
werkes führen wird. Er ist der Meinung, daß auch beim zeitweiligen Ausbau der
Versuch zwecklos wäre, dem Gebirgsdruck durch schwere Konstruktionen zu
begegnen, weil diese sicher zerdrückt werden dürften. Die Kräfte, die bei der
Gefügeauflockerung entstehen, seien so groß, daß sie nur mit gleichartigen Maß-
nahmen bekämpft werden könnten. Nachdem es derartige Hilfsmittel nicht gibt,
muß es der Natur überlassen bleiben zu helfen, was sie durch die Ausbildung der
Schutzhülle tut. Es ist sogar vorgeschlagen worden, bei der Ausmauerung eines
Tunnels, wenn echter Gebirgsdruck auftritt, einen Hohlraum zwischen Mauerwerk
und Gebirge zu belassen, in den das Gebirge bei seiner plastischen Verformung
hineinwachsen kann.
Solche Gedankengänge mögen mit Rücksicht auf den Konsolidierungs- und
Schwellprozeß in tonigem Gebirge zutreffend sein, Allgemeingültigkeit darf
man ihnen jedoch nicht zusprechen. Eine Bestätigung dieser Ansicht findet sich
in den aufschlußreichen Äußerungen von ANDREAE. Er berichtete anläßlich der
Gebirgsdrucktagung in Leoben 1950 über Gebirgsdruckerfahrungen beim Bau
des Simplon-Tunnels, dessen größte Überlagerung rd. 2200 m beträgt und des
14,6 km langen Lötschberg-Tunnels, der eine größte überlagerungshöhe von rd.
1600 m aufweist. In den beiden genannten Tunneln machten sich Gebirgsdruck-
erscheinungen besonderer Art bemerkbar, als sie sich einer Tiefe von etwa 1500 m
unter der Erdoberfläche näherten, teilweise auch schon früher. Im Simplon-Tunnel
war dies auf eine Strecke von 9 km Länge der Fall; im Lötschberg-Tunnel war
diese Strecke nur kurz. (Beachtswert ist die durch die überlagerungshöhe gekenn-
zeichnete Begrenzung der Druckstrecken. ) Dieser Gebirgsdruck war für das
betreffende Gebirge, das man sonst als standfest zu betrachten gewohnt ist
(Granit, Gneis, fester Kalk ust), doch auffallend und besonders auffallend fort-
laufend. Diese Gebirgsdruckerscheinungen mußten mit der überlagerungshöhe
in Zusammenhang stehen, denn sie nahmen mit dieser zu. (Diese Äußerung steht
im Widerspruch mit der Feststellung BRANDAus, der innerhalb einer Zone von
0-2000 m Überlagerung keine Korrelation zwischen überlagerungshöhe und
Gebirgsdruck zugestehen will.) ANDREAE stellt fest, daß sich mit dem Gebirge,
mit seiner Druckfestigkeit, Lagerung und Struktur nur das Bild der Erscheinung
und die Intensität der Bewegung änderte. Im harten, kompakten Gebirge traten
Bergschläge auf, besonders an den Ulmen. Er weist hier auch auf die an der Süd-
seite des Simplon-Tunnels im spröden Antigoriogneis zu beachtenden Bergschläge
hin, die sich vermutlich infolge tektonischer Spannungen auch schon bei geringer
überlagerungshöhe zeigten.
In dem beinahe söhlig geschieferten Lebendungneisen und Kalkphylliten,
die der Simplon-Tunnel auf der Südseite in der Strecke von km 5,3-9,2 durch-
fährt, trat fortlaufend intensiver Seitendruck auf. Im First und an der Sohle wurden
die Schichten von beiden Seiten her zusammengestaucht. Aber selbst da wurde der
Druck kein außerordentlicher, wenn das Gebirge nicht zu lange sich selbst überlassen
blieb, die M auerung dem Vollausbruck möglickst bald folgte und satt angemauert
wurde. Diese Feststellung ist von besonderer Wichtigkeit.
Ein noch klareres Bild geben die Erscheinungen, die im Marmor auf der Nord-
seite des Simplon-Tunnels in der Strecke zwischen km 9,4 und 9,9 auftraten.
Durch das Auffahren des Stollens bekam das bisher ganz eingeschlossene Gebirge
die Möglichkeit, sich nach einer Richtung auszudehnen, wodurch seine Druckfestig.

9 Kastner, Statik
130 IV. Der Gebirgsdruck

keit abnahm. Damit ist zum Ausdruck gebracht, daß die zweiachsige Druckfestig-
keit des Gebirges maßgebend wurde. Die Ulmen brachen zusammen, der Stollen
hatte das Bestreben, nach und nach einen kreisähnlichen Querschnitt anzunehmen.
ANDREAE stellt dann fest, daß das Schutzgewölbe (die Schutzhülle) nicht unter
allen Umständen zur Ausbildung gelangt.
Als das Schutzgewölbe des Stollens durch die Vollausbrucharbeiten durch-
schnitten wurde, ging die Bewegung sofort weiter. Es bildete sich offenbar ein
neues Schutzgewölbe unter ungünstigeren Verhältnissen. Aber auch da war das
Verhältnis der Gewölbewirkung und des Vertikaldruckes so, daß bis in große
Tiefen eine verhältnismäßig schwache Verstärkung der natürlichen Selbstschutz-
wirkung durch eine satt anliegende Verkleidung genügte, um den Tunnel stand-
fest auszukleiden.
Selbstverständliche Voraussetzung für die Stabilisierung des Gebirges ist, daß die
Verkleidung am ganzen Umgang satt an das Gebirge anliegt. Bei Auftreten von echtem
Gcbirgsdruck ist diese Forderung heute unbestritten. Im Simplon-Tunnel, der
aus zwei parallelen Röhren besteht und dessen überlagerungshöhe jene aller
bisher erstellten anderen Tunnel bedeutend übertrifft, wurde auf die gesamte Länge
beider Tunnel von nahezu 40 km satt angemauert, wobei auf etwa 19 km Länge
echter Gebirgsdruck auftrat und in einigen Strecken auch Druckerscheinungen
anderer Art zu beobachten waren. Beim Bau erwuchsen aus dieser Forderung keine
Schwierigkeiten, und trotz der verhältnismäßig leichten Verkleidungsquerschnitte
blieb die Auskleidung beider Tunnel seit ihrer Vollendung vor rd. 30 Jahren bis
jetzt unversehrt.
Unter keinen Umständen darf bei Seitendruck ein Hohlraum hinter dem Ge-
wölbe belassen werden oder ein dort bestehendes Oberprofil nur trocken versetzt werden.
Diese Grundsätze gehen aus den Ausführungen ANDREAES eindeutig hervor und
werden heute allgemein anerkannt. Es wird später Gelegenheit sein, diese Frage
noch einmal zu behandeln.
Ein anderes Mal nimmt ANDREAE im Jahre 1955 bei einem Fortbildungskurs
an der eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zum Gebirgsdruckproblem
Stellung [3f]. Seine Äußerungen sollen wegen ihrer Bedeutung nachstehend an-
geführt werden.
ANDREAE behandelt zunächst den Auflockcrungsdruck, der hauptsächlich
als Firstdruck in Erscheinung tritt. Er kann bei einigermaßen homogenem Locker-
gebirge unter kleinen überlagerungshöhen nach der Erddrucktheorie berechnet
werden. Wenn die überlagerungshöhe ein bestimmtes Maß übersteigt, das mit der
Beschaffenheit des Gebirges veränderlich ist, dann nimmt nicht mehr die ganze
überlagerung am Druck teil; es bildet sich über dem Hohlraum ein natürliches
Gewölbe und was darunter liegt, lastet auf dem Einbau. Von dieser Tiefe an bleibt
der Firstdruck von der Höhe der überlagerung unabhängig. ANDREAE läßt also
für das Lockergebirge den spannungslosen Körper gelten.
Der echte Gebirgsdruck ist in Erscheinung und Wirkung vom Auflockerungs-
druck verschieden; bei ersterem herrscht im Gegensatz zum Auflockerungsdruck
Seitendruck vor. Die Erscheinung nimmt mit der Tiefe an Regelmäßigkeit und
Intensität zu. Als dann im Simplon-Tunnel die überlagerungshöhe allmählich an
den höchsten Wert herankam, trat das Gestein in den plastischen Verformungs-
bereich. Es lösten sich nicht mehr Entspannungsschalen (Bergschläge) ab, sondern
das Gebirge drängte sich plastisch in den Hohlraum, die Ulmen wichen der Last
durch das Vordringen in den Stollen aus, das Dach des Stollens wurde durch den
Seitendruck herausgequetscht und die Sohle ebenfalls durch Seitendruck nach
oben gedrückt. Die Richtigkeit dieser Beobachtung wird später theoretisch be-
gründet (Abschn. 57).
5i. Deutung des echten Gebirgsdruckes 131

57. Deutung des echten Gebirgsdruckes


mit Hilfe der Theorie der plastischen Zonen
Wenn sich das Gebirge primär im elastischen Zustand befand und auch nach
der Durchörterung in einem solchen verbleibt, wird es als standfest bezeichnet und
erfordert keinen Einbau. Die elastischen Verformungen spielen sich sogleich nach
dem Ausbruch ab und elastische Nachwirkungen, das Kriechen des Gebirges bzw.
geringe plastische Verformungen sind zum Zeitpunkt der Herstellung der Ausmaue-
rung, wenn eine solche überhaupt erforderlich ist, praktisch abgeklungen, weshalb
die Ausmauerung vom Gebirge nicht beansprucht wird und Gebirgsdruckerschei-
nungen nicht zu beobachten sind. Der Begriff der Standfestigkeit gilt aber mit
einer gewissen Einschränkung. Auch im standfesten Gebirge ist, wie bereits früher
ausgeführt wurde, die Möglichkeit von Auflockerungsdruckerscheinungen vor-
handen, wie sie durch die tektonischen Verhältnisse vorgezeichnet sein können.
Eine zweite Einschränkung hat folgende Ursachen: Die MÜRRsche Grenzlinie gilt
für jenen Punkt im Spannungs-Dehnungs-Diagramm (Abb. 21 b), wo sich der ela-
stische Teil des Diagramms und der plastische schneiden. Die beiden Aste des
Diagramms gehen aber stetig ineinander über, und die plastischen Verformungen
beginnen bereits bei niedrigeren Spannungen als dem Grenzpunkt 0 entspricht.
Dies mag der Grund sein, weshalb man auch im standfesten Gebirge oft leichte
Ablösungen beobachtet und dafür unzutreffenderweise die feuchte Stollenluft
als Ursache verantwortlich gemacht hat.
Wenn das Gebirge primär im elastischen Zustand war, dann können nach der
Durchörterung infolge des sekundären Spannungszustandes in der Umgebung
des Ausbruches plastische Zonen entstehen; dieser Fall des echten Gebirgsdruckes
bildet beim Bau tiefliegender Tunnel die Regel. Ihm kommt daher auch besondere
Bedeutung zu. Wie im Abschn. 37 bereits dargelegt wurde, ist die Form der pla-
stischen Zonen vom Wert der Seitendruckziffer ;'0 abhängig. Die Form und das
Ausmaß der Zonen ist aber auch sehr stark von der Überlagerungshöhe bedingt.
An einem Beispiel, das auch für manche spätere Erwägung wichtig ist, wird
gezeigt, wie sich die plastischen Zonen bei kreisförmigem Ausbruchsquerschnitt
mit wachsendem lotrechtem überlagerungsdruck entwickeln. Dem Beispiel liegen
folgende Annahmen zugrunde: Die einachsige Druckfestigkeit des Gebirges sei
(Jgd = 86 kgcm- 2 , der Winkel des inneren Gleitwiderstandes betrage (lg = 30°,
die Seitendruckziffer ;'0 = 0,2. Die Begrenzung der plastischen Zonen wurde
mit Hilfe von GI. (78) im Abschn. 37 für wachsende überlagerungshöhen ermittelt,
denen die primären, lotrechten Druckspannungen von p" = 75, 100, 125 und
150 kgcm- 2 entsprechen (Abb. 72). Die plastischen Zonen beginnen sich von den
in der waagrechten Querschnittsachse liegenden Punkten der Ulmen zu entwickeln,
erfassen dann bald weitere Ulmenbereiche, wobei sie sich mit geringer Dicke sicheI-
förmig an den Ausbruchsrand anlegen. Bei höherer Überlagerung erweitern sie
sich dann schräg nach oben und unten gegen das Berginnere zu, und immer größere
Teile des Gebirges werden erfaßt. Diese plastischen Zonen werden von zwei
Scharen von Gleitflächen durchzogen und es kommt entweder zur bruchlosen
Verformung des Gebirges oder zu Gleitbrucherscheinungen. Damit ist vor allen
Dingen eine Begründung dafür gegeben, daß sich die Gebirgsdruckerscheinungcn
hauptsächlich an den Ulmen abspielen. Die Intensität der Erscheinung hängt von
der Beschaffenheit des Gebirges und von der Ausdehnung der plastischen Zonen
ab. Am häufigsten sind an den Ulmen Ablösungen zu beobachten, wobei Kerb-
wirkungen eine große Rolle spielen, weil von Kerben ausgehend die Entwicklung
von Gleitflächen erfolgt. Solche Kerbstellen werden nicht bloß durch einspringende
Winkel der Felsoberfläche gebildet, wie sie bei den Ausbruchsarbeiten unvermeid-
lich entstehen, sie können auch durch die Profilgestaltung gesrhaffen werden. Es

9*
132 IV. Der Gebirgsdruck

sei beispielsweise auf folgende Beobachtung hingewiesen: Aus Erwägungen, die


heute nicht mehr im vollen Umfange gelten, werden vielfach die Widerlager von
Stollen derart ausgebildet, daß sie eine ebene, etwas bergwärts geneigte Auf-
standsfiäche erhalten, wie dies etwa Abb. 163 zeigt. Wenn der Gebirgsdruck von

"0
Abb. 72. Entwicklung der plastischen Zonen für eine Seitendruckziffer = 0,2 bei wachsendem überlagerungs-
druck Pv = 75, 100, 125 und 150 kgcm-'

den Ulmen ausgeht, so ist aus


dieser Abbildung zu ersehen, daß
die Herstellung der Zwickelaus-
brüche am Fuß der Widerlager
kaum einen Wert besitzt. Die
Mühe und der Aufwand zu ihrer
Herstellung lohnen sich jedenfalls
nicht. überdies spricht auch die
Schädigung des Gebirges durch
die Sprengarbeiten gegen eine
solche Ausführung. Wenn aber
echter Gebirgsdruck auftritt, dann
ist besonders zu beachten, daß
die einspringenden Ecken eine
durchlaufende großangelegte Ker-
be bilden, die den Ausgangspunkt
von Gesteinsablösungen bildet.
Die Abb. 73 möge dies erläutern.
Abb. 73. Der gekerbte Widerlagerfuß eines Druckstollens bildet
Das Bild stammt aus einem
den Ausgangspunkt für einen Verbruch Stollen, bei dem der zeitweilige
57. Deutung des echten Gebirgsdruckes 133

Ausbau in Form einer Spritzbetonverkleidung ausgeführt wurde. In diesem Falle


war der Nachbruch an der Ulme besonders schwcr, weil ungefähr 0,50-1,30 m
hinter der planmäßigen Ausbruchsbegrenzung eine graphitische Schieferschichte
auftrat, die als vorgebildete Gleitfläche wirkte. Aus der gleichen Ursache sind die
in Abb. 74 ersichtlichen Brucherscheinungen zu erklären.
Soweit die Gebirgsdruckerscheinungen, die auf die Ulmen des Ausbruchs-
querschnittes beschränkt bleiben. ,Nun sind aber auch die bei stärkerem Druck
auftretenden Gebirgsdruckerscheinungen im First und an der Sohle zu erklären,
die von ANDREAE als Stauchungen erkannt wurden. Als Beleg dafür diene die
Abb.64, wo die Stauchung der über
dem First liegenden Gebirgsteile in Er-
scheinung tritt. In ganz ähnlicher Weise
kann man dies auch aus Abb.65 für
den Sohlenbereich erkennen. Aus den
bekannten, im Simplontunnel aufge-
nommenen Zeichnungen BRANDAus läßt
sich die gleiche Schlußfolgerung ziehen.
Die dort ersichtlichen, in der Sohle
aufgetretenen Risse sind aber keine Zug -
risse, wie sie aus den elastischen Span-
nungen erklärt werden könnten.
Um die Stauchungserscheinungen
zu deuten, wird auf Abb. 72 verwiesen.
Dort zeigt sich, daß die zungenförmigen
plastischen Zonen bei geringerem Über-
lagerungsdruck Pv nur an den Ulmen zu-
sammenhängen. Bei Anwachsen des
Überlagerungsdruckes bilden sich aber,
beginnend etwa bei Pv = 150 kgcm- 2
über dem First und unter der Sohle, Abb. 74. Am Widerlager[uß eines Druckstollens bereitet
plastische Brücken aus, die dort Druck- sich ein Nachbruch vor [701]
wirkungen ermöglichen. Die berechne-
ten plastischen Zonen ergeben nur ein qualitatives Bild, das aber ein wertvolles
Hilfsmittel zur Begründung der Druckerscheinungen darstellt. In den zungenför-
migen, weit in das Gebirge hineinreichenden plastischen Zonen setzen sich entlang
von Gleitflächen Gebirgsmassen gegen die Ulmen des Ausbruches hin in Bewe-
gung. Wenn diese Bewegung eingetreten ist, treffen im First und an der Sohle
die abgleitenden Gebirgsmassen aufeinander und erzeugen die beobachtete Stau-
chung.
WILLMANN hat, wie früher erwähnt wurde, die Stauchung in der Weise ge-
deutet, daß sich über dem First und unter der Sohle ein "spannungsloser" Gebirgs-
keil bildet, der von den seitlichen Druckspannungen herausgequetscht wird
[159]. Diese Deutung hat wegen ihrer Anschaulichkeit weite Verbreitung gefunden
und wird in der Literatur oft wiederholt. Sie kommt auch dem Sachverhalt ziem-
lich nahe; man sollte es aber vermeiden, vom "Ausquetschen eines spannungs-
losen oder gar eines gezogenen Körpers" zu sprechen, bzw. man sollte es unter-
lassen, in diesem Fall einen spannungslosen Körper überhaupt in Betracht zu
ziehen, weil der Bereich über dem First und unter der Sohle durch waagrechte
Spannungen außerordentlich stark beansprucht ist.
Die Anschauung BRANDAus, daß der überwiegende Ulmendruck und damit
die im First und an der Sohle zu beobachtenden Stauchungen auf die Wirkung
eines entlang einer Gleitfläche abgleitenden Gebirgskeiles zurückzuführen seien,
ist in mancher Hinsicht zutreffend, nur können damit, wie bereits erwähnt wurde,
die Stauchungen an der Sohle nicht erklärt werden. BRANDAu steht mit seinem
134 IV. Der Gebirgsdruck

Konzept zu-sehr unter dem Einfluß der Erddrucktheorie. Die zutreffende Erklärung
ergibt sich hingegen zwanglos aus dcr Tatsache, daß auf jeder Seite des Stollens
zwei Gleitflächensysteme vorhanden sind, die annähernd symmetrisch zur waag-
rechten Querschnittsachse des Ausbruches liegen. Der Hinweis einer annäherenden
Gültigkeit ist deshalb notwendig, weil die Massenkräfte berücksichtigt werden
müssen. Wenn man dies tut, so folgt,
daß die resultierende waagrechte Kraft
nicht genau in der waagrechten Sym-
metrieachse des Kreisquerschnittes an-
greift, sondern etwas tiefer. Dieses Er-
Kriiffep/un gebnis ist in Übereinstimmung mit den
Beobachtungen, daß die Steher einer
Stollenzimmerung bei Auftreten von
echtem Gebirgsdruck meist im unteren
Drittel brechen. Die Begründung für
diese Tatsache sei skizzenhaft darge-
stellt (Abb. 75). Das Gewicht des oberen,
zungenförmigen, plastischen Bereiches
sei Go, das des unteren Gu, die Druck-
Abb. 75. Zur Erscheiuung, daß der Ulmdruck in einem
verzimmerten Stollen häufig den Bruch der Steher im wirkungen dementsprechend Po und Pu.
unteren Drittel herbeiführt Wenn man diese Kräfte, deren Größe
naturgemäß nur schätzungsweise an-
gegeben werden kann, zusammensetzt, so ergibt sich ein resultierender Ulmen-
druck R, der weit unter der waagrechten Achse des Ausbruchsquerschnittes an-
greift.
58. Erklärung der Bergschläge
Man findet vielfach die Meinung, daß es sich bei den Bergschlägen um einen
Trennbruch handelt, ohne daß darauf eingegangen wird, wie die Zugspannungen, die
zur Herbeiführung eines Trennbruches not-
wendig sind, zustande kommen. Zugspan-
nungen sind in den Randpartien gedrückter
Körper nur dann möglich, wenn er Hohl-
räume oder Schwachstellen besitzt, die in
ihrer Auswirkung Hohlräumen entsprechen.
Solche Hohlräume weisen bei Druckbean-
spruchung an ihrer Ober- und Unterseite Zug-
spannungsbereiche auf, aber nur dann, wenn
die Seitendruckziffer einen geringen Wert be-
sitzt. Für einen röhrenförmigen Hohlraum,
der senkrecht zur Druckrichtung liegt und
einen kreisförmigen Querschnitt besitzt, wurde
nachgewiesen, daß Zugspannungen nur dann
auftreten können, wenn Ao < 1/3 ist.
Die Möglichkeit, daß Hohlräume und
Schwachstellen im Gebirge den Anlaß zu
Bergschlägen geben könnten, ist also nicht
von der Hand zu weisen. Gewisse Erschei-
Abb. 76. Bergschlagerscheinungen im Simplon.
nungen im Simplontunnel lassen sogar dar-
tunnel [3/] auf schließen (Abb. 76). Die linsenförmige
Gestalt der Ablösungen und die scharfen,
durchscheinenden Ränder, ferner der Umstand, daß die Bergschläge im mas-
sigen Gebirge auftreten und in ihrer Begrenzung von der Struktur des Gebirges
ganz unabhängig zu sein scheinen, führen aber zu dem Schluß, daß es sich um den
58. Erklärung der Bergschläge 135

Gleitbruch eines spröden Gesteins handelt., der ohne merkbare plastische Verfor-
mung erfolgt.
Bergschläge werden also durch die starke Konzentration von Druckspannungen
und die überschreitung der Gebirgsdruckfestigkeit am Rande eines Tunnel- oder
Stollenausbruches hervorgerufen.
Dabei ist aber noch ein besonderer Gesichtspunkt zu beachten, nämlich die
Kerbwirkung. In Abb. 77 ist eine solche Kerbe in starker Vergrößerung gezeichnet.
In den Gesteinsflächen AB und AG bestehen keine Schubspannungen, in den
Flächen senkrecht dazu treten hingegen beträchtliche Schubspannungen auf,
weil dort gehäufte Druckspannungen Gt herrschen, deren Größe vom Krümmungs-
radius am Kerbengrund abhängig ist. Der im Punkt A bestehende Spannungs-
zustand ist aus Gleichgewichtsgründen nicht bestandfähig, der Punkt A ist ein
singulärer Punkt im Spannungsfeld ; von solchen Punkten gehen erfahrungsgemäß
Gleit.brüche aus. Nachdem Kerbstellen
in der Regel keine große Längener-
streckung besitzen, brechen bei den
Bergschlägen meist nur begrenzte Scha-
len aus. Daß Kerbstellen häufig den
Ausgangspunkt von Bergschlägen bil- 't
den, geht beispielsweise aus einer ein-
drucksvollen Aufnahme vom Simplon-
Tunnel hervor, die schon wiederholt
veröffentlicht wurde und auf die des-
halb hingewiesen wird, weil sie eine tr
Bestätigung der dargelegten Gesichts-
punkte ist (Abb. 58).
Eine den Bergschlägen ähnliche Er-
scheinung bildet die Ablösung von Abb. 77. Kerbstellen im Gebirge sind singuläre Punkte
im Spannungsfeld und Ausgang•• tellen für G1eitbriiche
Platten parallel zur Felsoberfläche, wie
sie besonders im Granit Nordnorwegens
beobachtet wurde [108a]. An den Steilhängen der Fjorde lösen sich parallel zur un-
bedeckten Felsoberfläche Platten ab, deren Dicke gegen das Berginnere zunimmt und
von 5 cm bis etwa 1,00 m ansteigt. Bei Tunnelbauten wurde festgestellt, daß sich
diese Erscheinung in 40 -50 m Tiefe verliert. Die oberflächenparallelen Ablösungs-
flächen der Platten stehen meist in keinem Zusammenhang mit dem Gest.eins-
gefüge, mit der Schieferung oder Klüftung, sondern schneiden solche Gefüge-
flächen unter einem beliebigen Winkel, solang dieser mehr als etwa 20° beträgt,
d. h. wenn die Gefügeflächen unter einem spitzen Winkel in die Felsoberfläche
ausstreichen, werden sie von den Ablösungen mitbenützt.
Die gleichen Ablösungen findet man auch auf den wenig geneigten, vom Eis
glattgeschliffenen Felsoberflächen des norwegischen Hochgebirges. Durch ober-
flächenparallele Absonderungsflächen vorgebildete Platten von einer Dicke, die
meist etwa 1 dm beträgt, aber auch größer sein kann, wölben sich auf; manchmal
knicken sie auch dachförmig aus. Man hat die Meinung geäußert, daß dieses Aus-
knicken mit dem Frost nichts zu tun hat, weil es in der warmen Jahreszeit beob-
achtet wurde, und hat es als Brucherscheinung unt.er der Einwirkung von tek-
tonischen Restspannungen gedeutet.
Die Temperaturwirkung kommt aber sowohl bei der Absonderung der Platten
als auch bei ihrem Ausknicken in Betracht. Während die Ausbildung der ober-
flächenparallelen Absonderungsflächen sowohl durch ein positives als auch ein
negatives Temperaturgefälle in der Felskruste herbeigeführt werden kann, ist
das Ausknicken der Platten in übereinstimmung mit den Beobachtungstatsachen
nur durch die Ausdehnung bei Erwärmung möglich.
136 IV. Der Gebirgsdruck

Die festgestellte Tiefe der Absonderungserscheinungen von 40-50 mist


ziemlich groß. Die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen reichen in mittel-
europäischen Breiten nur bis etwa 25 m unter die Bodenoberfläche. Die "neutrale
Grenzschicht" mag aber in polaren Gebieten tiefer liegen, wobei die in das Ge-
birge eindringenden Schmelzwässer sicher mit eine Rolle spielen.
Oberflächliche Schalenbildungen ähnlicher Art sind nicht bloß in Nordnor-
wegen, sondern vielfach auch in mitteleuropäischen Breiten festgestellt worden
[73]. Es ist nicht wahrscheinlich, daß an allen solchen Stellen starke tektonische
Spannungen wirksam sind, wobei die Druckspannungen immer oberflächenparallel
verlaufen und den Unebenheiten der Felsoberfläche folgen sollen. Solche Span-
nungen werden auch seltener an der Erdoberfläche auftreten; häufiger aber wird
man Spannungen, zu deren Erklärung die Schwerkraft der Überlagerung nicht
ausreicht, bei Tunnel- und Stollenbauten im Berginneren feststellen.
Die geschilderten, an der Oberfläche der Erdkruste beobachteten Erschei-
nungen wurden vielfach mit den Bergschlägen verglichen, und dies geschah mit
Recht; in beiden Fällen handelt es sich um Spannungshäufungen, die von einem
Höchstwert rasch nach dem Berginneren abnehmen. Die Ursachen dürften aber
verschieden sein, wie die obigen Darlegungen gezeigt haben.

59. Beurteilung der Schutzhüllenbildung nach der Theorie der plastischen


Zonen
Die Bildung der Schutzhüllen ist eine Hypothese, die sich in manchen Fällen
gut bewährt hat. Es soll nun überprüft werden, inwieweit sie sich mit den aus der
Theorie der plastischen Zonen gewonnenen Erkenntnissen vereinbaren läßt.
Wenn der sekundäre Spannungszustand elastisch bleibt, dann tritt die größte
Tangentialspannung am Ausbruchsrand auf. Wenn er hingegen elastoplastisch
wird, dann wird mit dem Begriff der Schutzhüllenbildung zum Ausdruck gebracht,
daß die größten Tangentialspannungen vom Ausbruchsrand abrücken und gegen
das Berginnere verschoben werden. Diese Verschiebung wird durch den plastischen
Bereich ermöglicht, den man aus diesem Grunde auch Tragkörper nennt. Mit einem
spannungslosen Körper ist eine solche Verschiebung der größten Tangential-
spannungen nicht zu erklären; der spannungslose Körper vergrößert ja nur den
Ausbruchsquerschnitt und ändert damit die Form des letzteren. Die Plastizitäts-
theorie bringt für den Fall ,10 = 1 eine streng gültige KlarsteIlung des Sach-
verhaltes. Der Ausbruchsquerschnittwird dabei von der plastischen Zone, also dem
Tragkörper umschlossen und außerhalb desselben befindet sich das Gebirge im
elastischen Zustand, wobei sich die Spannungserhöhung theoretisch bis ins Un-
endliche erstreckt. Praktisch aber wird die Spannungserhöhung in einiger Ent-
fernung von der Grenze zwischen dem plastischen und dem elastischen Bereich
abgeklungen sein. Es muß ferner darauf hingewiesen werden, daß die im theo-
retischen Spannungsverlauf auftretende Spitze der Tangentialspannungen nicht
auftreten wird (Abb. 38). Eine Voraussetzung der theoretischen Behandlung bildet
ja der unvermittelte Übergang vom elastischen zum plastischen Verhalten. Das
ist aber nicht der Fall, und deshalb wird die Spitze ausgerundet sein; die Wirk-
lichkeit liegt also etwas günstiger als die Rechnung ergibt.
Die Form der plastischen Zonen ist, wie bereits nachgewiesen wurde, von der
Seitendruckziffer ,10 abhängig. Für große Werte von ,10 legt sich die plastische Zone
ringförmig geschlossen um den Kreisquerschnitt oder sichelförmig an die Ulmen,
und die Voraussetzungen für die Schutzhüllenbildung sind günstig. Mit ab-
nehmendem Wert von ,10 entwickeln sich die zungenförmigen, plastischen Zonen
und die Schutzhüllenbildung ist beeinträchtigt, weil der Ring erhöhter elastischer
Spannungen unterbrochen oder so weit bergwärts gedrängt wird, daß er seine
60. Erklärung des Schwelldruckes 137

Wirksamkeit verliert. Bei sprödem Gebirge mit großem Wert der PorssoNschen
Zahl und geringer Seitendruckziffer ist daher eine Schutzhüllenbildung wenig
wahrscheinlich. Dieses Ergebnis wird durch eine beim Bau des Simplon-Tunnels
gemachte auffällige, aber bisher nicht befriedigend erklärte Erscheinung bestätigt.
BRANDAu berichtet hierüber [13b]:
"Zwischen dem Lebendungneis und den Glimmerschieferphylliten in der Nähe von km 7,0
befindet sich ein Schichtenkomplex von Marmor- und Kalkschieferbänken. Die Verfaltung
und Verquetschung der drei verschiedenen Formationen angehörenden Gesteine ist gewaltig.
Die Gebirgsüberlagerung beträgt 1600 m. Das Verhalten aller Gesteine bei der Bohrung ließ
auf unbedingte Standfestigkeit schließen. In Härte und Kompaktheit überwogen die Gneise
und Glimmerschiefer die Marmore und Kalke weitaus. Nichts hätte voraussehen lassen, daß
bald nach der Auffahrung die Strecke im ersteren Gestein eines Holzeinbaues bedürfen und
bei der Mauerung die Anwendung der stärkeren Typen mit Sohlengewölbe notwendig machen
würde, während die ganze 290 m lange Strecke im Kalk ohne jeden Holzeinbau stand und nur
eine Verkleidung mit der schwächsten Type erforderte. Es lag die Tatsache vor, daß sich das
im ungestörten Zustand mildeste, am wenigsten druckfeste Gestein in der Serie der in Trümmer
gebrochenen und in dünnen Lamellen ausgezogenen Gesteine allein als standfest erwies."
BRANDAu schließt mit der Bemerkung, daß man daraus ersehen könne, wie
inkonsequent der Gebirgsdruck wirkte, wenn er im milden Kalk gar nicht in
Erscheinung trat, wohl aber im allerhärtesten und kompaktesten Gneis. Er fand
als einzige Erklärung dafür die Brecciennatur der Gesteine und das streckenweise
zusammenhanglose Gefüge dieser Breccienmassen.
Diese Anschauung vermag die beobachtete Tatsache nicht zu begründen.
Wenn man zu ihrer Deutung die Theorie der plastischen Zonen heranzieht und
deren Ergebnisse berücksichtigt, so ist zunächst festzustellen, daß die milden
Marmore und Kalksteine eine verhältnismäßig niedrige PorssoNsche Zahl und als
Folge davon eine hohe Seitendruckziffer Ao besitzen müssen, während die Verhält-
nisse beim spröden Gneis umgekehrt liegen. Damit ist aber auch die Erklärung
schon gegeben. Bei den Marmor- und Kalkschichten ist infolge der ringförmigen
Ausbildung der plastischen Zonen eine Schutzhüllenbildung möglich, beim Gneis
und bei den Schiefern jedoch nicht.
Eine Bestätigung dieser Anschauung bildet überdies auch das Verhalten der
Marmore in km 9,4 bis 9,9 ab Nordportal des Simplon-Tunnels, worüber ANDREAE
berichtet hat [3e].
STINI spricht die gleiche Erkenntnis in einem anderen Zusammenhang aus
[138d]. Er sagt:
"Auch die Vorgangsweise bei der Auffahrung einer Strecke, die Art der Einbringung des
Einbaues, die Zeitdauer während welcher das Gebirge frei stehen bleibt, und manche andere
Umstände beeinflussen die Verspannungsfähigkeit des Gebirges. Sprödigkeit einer Bergart
kann die Bildung eines Traggewölbes erschweren, Zähigkeit sie begünstigen."
Es ist erstaunlich, wie STINI den Sachverhalt richtig erkannt hat,' ohne daß
damals die theoretischen Voraussetzungen zu seiner Begründung zur Verfügung
gestanden sind.
Durch die obigen Darlegungen, insbesondere durch die in den erwähnten guten
Berichten festgehaltenen Beobachtungen, wird in übereinstimmung mit den
theoretischen Untersuchungen bewiesen, daß die Bildung einer Schutzhülle nicht
unter allen Umständen gesichert ist.

60. Erklärung des Schwelldruckes


Immer wieder taucht die Meinung auf, daß das Gebirge nach erfolgter Bloß-
legung durch die Ausbruchsarbeiten aus der Luft hygroskopisch Wasser aufnimmt
und dadurch Schwelldruck erzeugt. Diese Annahme ist nicht unbedingt zutreffend.
Sofern eine hygroskopische Wasseraufnahme stattfindet, hat sie auf die Gebirgs-
druckerscheinungen entweder keinen oder nur ganz geringen Einfluß.
138 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

SCHAUBERGER berichtet von Durchfeuchtungsversuchen in druckfreien Hasel-


gebirgsstrecken, bei denen sich nur eine geringe Volumzunahme gezeigt hat, die
wahrscheinlich auf das Vorhandensein von Anhydrit zurückzuführen war [123].
Die beim Schwelldruck auftretende Volumvergrößerung des Gebirges kann
physikalische und chemische Ursachen haben. Als physikalische Ursache kommt
hauptsächlich das Schwellen tonigen Gebirges infolge hydrodynamischer Vor-
gänge in Betracht, wobei die Festigkeitseigenschaften meist eine Beeinflussung im
ungünstigen Sinne erfahren. Diese Eigenschaft wird im Schrifttum manchmal als
Blähen bezeichnet, oder man spricht von treibendem Gebirge, wobei vielfach auch
das plastische oder durch den Bruch bedingte Hereinwachsen des Gebirges in den
Hohlraum so benannt wird.
In einem wassergesättigten Sandboden bringt eine Änderung des Spannungs-
zustandes nur eine geringe Änderung des Porenvolumens hervor. Wenn also der
Boden durchlässig ist und eine geringe Zusammendrückbarkeit aufweist, kann die
Änderung des Porenvolumens vernachlässigt werden. Anders liegen die Dinge bei
tonigem Gebirge. Die Durchlässigkeit ist gering und die Zusammendrückbarkeit
erfahrungsgemäß groß. Eine Zusammenpressung eines derartigen Gebirges hat
daher eine starke Änderung des Porenvolumens zur Folge, die mit einer Poren-
wasserströmung verbunden ist. Wenn aus einem Gebirgsbereich das Wasser heraus-
gepreßt und der Volumverlust nicht durch das Eintreten von Luft wettgemacht
wird, so nennt man diesen Vorgang, der mit einer Volumverminderung verbunden
ist, Konsolidierung. Wenn infolge der Spannungsänderung hingegen eine Vergrö-
ßerung des Porenvolumens und damit des Wassergehaltes eintritt, so wird dieser
Prozeß als Schwellen bezeichnet. Es ist deshalb zweckmäßig, die Volumvergröße-
rung von tonigem Gebirge in übereinstimmung mit der Bezeichnungsweise der
Bodenmechanik als Schwellen zu benennen und die Beanspruchung des Ausbaues,
die als Folge davon eintritt, als Schwelldruck zu bezeichnen.
Der Schwelldruck wird in den meisten Fällen durch die Änderung des Span-
nungszustandes in der Umgebung des Tunnel- oder Stollenausbruches hervor-
gerufen. Es gibt aber noch andere Ursachen dafür. So schwellen z. B. Tone, indem
sie ihre Wasserhüllen verdicken oder außerdem noch Wassermoleküle in ihr
Kristallgitter aufnehmen wie die Bentonite.
Bentonite sind Tone, die durch chemische Veränderung vulkanischer Aschen
entstanden sind. In Berührung mit Wasser schwellen Bentonite mehr als gewöhn-
liche Tone; auch schrumpfen sie bei der Austrockung sehr stark. Die Tonminera-
lien haben schuppenförmige Gestalt. Das Schwellen wird durch die Oberflächen-
aktivität, d. h. durch die Fähigkeit verursacht, die Wasserhüllen der kleinen
Schüppchen zu verdicken. Außerdem schwellen die Montmorillonite, die wesent-
liche Bestandteile der Bentonite bilden, dadurch, daß sie Wassermoleküle un-
mittelbar in ihr Raumgitter aufnehmen [128].

Kapitel V

Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

61. Verspannung und Silowirkung


Im kohäsionslosen Lockergebirge kommt nur die Wirkung des Auflockerungs-
druckes in Frage; echter Gebirgsdruck ist nicht möglich. Im bindigen Locker-
gebirge ist letzterer die Regel; die Ermittlung der dann auftretenden Belastung eines
Tunnels oder Stollens wird daher im nachfolgenden Kapitel, das vom echten Ge-
birgsdruck handelt, erörtert (s. Kap. VI).
61. Verspannung und Silowirkung 139

Bei der Ermittlung der auf den Ausbau wirkenden Belastung ist es notwendig,
grundsätzlich zwischen nachgiebigem und unnachgiebigem Ausbau zu unterscheiden.
Der erste Fall ist bei der traditionellen Verzimmerung des Richtstollens und des
Vollausbruches immer gegeben; bei ihrer Herstellung sind Auflockerungen un-
vermeidlich, und während ihres Bestandes erleidet sie beträchtliche Verformungen.
Der endgültige Ausbau hingegen darf nur elastische Verformungen erfahren, die
viel zu gering sind, als daß sie für die anzustellenden Untersuchungen in Betracht
zu ziehen wären.
Infolge der im Abschn. 48 dargelegten Hohlraumbildung und der eintretenden
Setzungen streben die oberhalb des Firstes liegenden Gebirgsteile lotrecht nach
unten und die seitlich der Ulmen gelegenen Teile in schräger Richtung gegen den
Hohlraum. Wenn man zunächst nur den First betrachtet, so sind die Erschei-
nungen ähnlich dem Versuchsfall, wo der Sand auf einer festen Unterlage auf-
ruht, in der sich eine bewegliche, streifenförmige Bodenklappe befindet. Beim
Absenken der Bodenklappe nimmt der anfänglich vorhandene Ruhedruck all-
mählich ab, bis er einen bestimmten, von der Beschaffenheit des Sandes und von
der Größe der Bodenklappe abhängigen Minimalwert erreicht. Der Minimalwert
ist von der Höhe der Überlagerung nahezu unabhängig. Diese Erscheinung ist
dem Verhalten des Schüttgutes in einem Silo ähnlich, weshalb man von einer Silo-
wirkung spricht. Sie besteht darin, daß sich kohäsionsloses Schüttgut in größeren
Tiefen schmaler, hoher Behälter infolge der Reibung an den Seitenwänden "auf-
hängt". Der Bodendruck nimmt daher nicht linear mit der Lagerungshöhe im Silo
zu, sondern er nähert sich mit wachsender Höhe einem Grenzwert. In gleicher
Weise verhält sich auch der Seitendruck des Schüttgutes auf die Silowandungen.
Die Verfahren, die zur Ermittlung des Druckes auf den nachgiebigen First
eines Stollens entwickelt wurden, sind auf zwei verschiedenen Grundlagen auf-
gebaut. Einerseits ist es die Verspannung des über dem First liegenden Locker-
gebirges und anderseits wird, ausgehend von dem Gedanken eines spannungslosen
Körpers über dem First, ein begrenzter Bruchbereich angenommen, der mit seinem
ganzen Gewicht auf dem First lastet.
a) Die Verspannung ist im wesentlichen eine Verlagerung des primären Span-
nungszustandes, derart, daß durch Reibungswiderstände im kohäsionslosen
Lockergebirge der nachgiebige First entlastet wird, wobei gleichzeitig eine Mehr-
belastung· der seitlich des Ausbruchsquerschnittes gelegenen Gebirgsteile ein-
tritt, ähnlich wie beim Silo die Spannungen auf die Wandung übertragen werden,
wodurch eine Verminderung des Bodendruckes eintritt. Dieser Entlastungs-
vorgang entwickelt sich mit zunehmender Firstsenkung, bis ein Minimaldruck
erreicht ist.
b) Der zweite Weg zur Bestimmung des Auflockerungsdruckes geht von der
Annahme eines begrenzten Bruchkörpers aus, der mit seinem gesamten Gewicht
auf dem Stollenfirst lastet. Als Begrenzung dieses Bruchkörpers werden bei der
Bemessung des Ausbaues geometrische Belastungsfiguren angenommen, die
Parabel [113], die Ellipse [80] oder die Keilform [10]. Wenn man hierbei die An-
nahme eines spannungslosen Körpers gelten läßt, so besagt dies zunächst, daß in
der Grenzfläche zwischen dem Bruchkörper und dem als ungestört angenommenen
Gebirge keine Spannungen übertragen werden. Damit kommt aber zum Ausdruck,
daß das außerhalb des Bruchbereiches liegende Gebirge als sogenannter "Dom"
stabil ist. Dies ist beim kohäsionslosen Gebirge nur dann zu erwarten, wenn es wie
ein Kraggewölbe zu bestehen vermag. Die Voraussetzungen hierfür sind bei grobem
Blockwerk oder Hangschutt und bei gebrechem Fels manchmal gegeben; außer-
dem ist eine solche Erscheinung bei Vorhandensein von geringer Kohäsion mög-
lich, die nicht groß genug ist, um Nachbrüche auszuschließen, aber doch so groß,
daß sich ein stabiler Dom entwickeln kann. In solchen Fällen lastet der Auf-
lockerungsbereich mit seinem Gewicht auf dem Stollenfirst, ohne daß er Span-
140 V. Bemessung bei kohäsionslosem Loekergebirge

nungen aus dem umgebenden Gebirge übernimmt und auf den Ausbau weiter-
leitet.
Die Möglichkeit der Anwendung des Bemessungsverfahrens unter Zugrunde-
legung eines Bruchkörpers bleibt aber auch dann noch bestehen, wenn auf den
Bruchkörper vom umgebenden Gebirge wohl Spannungen übertragen werden, die
sich aber auf jeder der beiden Seitenflächen symmetrisch zu je einer waagrechten
Resultierenden zusammensetzen lassen. Dann muß man zwar den Begriff des span-
nungslosen Körpers aufgeben, aber die an der Bruchfläche übertragenen Span-
nungen sind ohne Wirkung auf den Firstausbau, und die Annahme einer Be·
lastungsfigur bleibt daher zutreffend.
Die angestellten Überlegungen erweisen die eingangs gemachte Feststellung,
daß die Grundsätze für die Lastermittelung, die auf der Verspannung kohäsions-
losen Gebirges oder auf der Ausbildung eines Bruchkörpers beruhen, nur für einen
nachgiebigen Ausbau Gültigkeit haben. Sie dürfen für den unnachgiebigen end-
gültigen Ausbau keinesfalls kritiklos und allgemeingültig übernommen werden.
Es ist vielmehr angezeigt, in jedem Einzelfall zu überprüfen, ob die Rechnungs-
voraussetzungen mit den naturgegebenen Tatsachen nicht in Widerspruch ge-
raten. Dies ist der Grund für die Notwendigkeit, zwischen nachgiebigem und unnach-
giebigem Ausbau grundsätzlich zu unterscheiden und für die Bemessung in beiden
Fällen verschiedene Wege einzuschlagen.
Von besonderer Wichtigkeit ist es überdies darauf hinzuweisen, daß die in den
nachfolgenden Abschnitten zur Darlegung kommenden Gesichtspunkte keines-
falls bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck Gültigkeit haben.
Das kohäsionslose Lockergebirge als Idealtypus ist für die experimentelle
Untersuchung und modellmäßige Nachbildung gut geeignet. Außerdem schafft
die Anwendung der einen kohäsionslosen Boden voraussetzenden Erddrucklehre
überhaupt eine Möglichkeit, die Belastung eines Tunnel- oder Stollenausbaues zu
errechnen; man begegnet deshalb oft der Meinung, daß die Ermittlung des Auf-
lockerungsdruckes auf theoretischem Wege verhältnismäßig leicht möglich sei,
und daß die Lösung dieser Aufgabe in Anlehnung an die Methoden der Boden-
mechanik einwandfrei und widerspruchslos erfolgen könne. Dies trifft aber nicht
zu. Die Vielfältigkeit der Anschauungen und die Verschiedenheit der Bemessungs-
methoden, die oft zu weit voneinander abweichenden Ergebnissen führen, sind
eine Bestätigung dafür, daß auf diesem Gebiete noch viel Unklarheit besteht.
Nicht um den bestehenden Theorien eine neue hinzuzufügen, sondern um einen
Beitrag zur Klärung dieser Frage zu leisten, wird am Schluß dieses Kapitels in
den Abschn. 70 und 71 versucht, die Theorie der plastischen Zonen für Bemessungs-
aufgaben im kohäsionslosen Lockergebirge heranzuziehen.
Es muß vorweg betont werden, daß die Bemessung sowohl die Ermittlung der
Belastung des Tunnel- oder Stollenausbaues und somit des Gebirgsdruckes als auch
die Formgebung und Dimensionierung des Ausbaues umfaßt. Dies folgt aus der
Notwendigkeit, die statische Mitwirkung des Gebirges zu berücksichtigen. Nach-
dem aber Formgebung und Dimensionierung des Ausbaues bekannte Aufgaben der
Baustatik bilden, wird sich die Bemessung hauptsächlich mit den Problemen der
Lastermittlung befassen.

62. Ältere Berechnungsweisen


Bei der Darstellung des Entwicklungsganges, welchen die Berechnungsweisen
des auf die nachgiebige Verkleidung von Hohlräumen in kohäsionslosem Locker-
gebirge wirkenden Auflockerungsdruckes genommen haben, genügt es, die wichtig-
sten Phasen aufzuzeigen, die wegen ihres gedanklichen Inhaltes auch heute noch
erwähnenswert sind.
62. Ältere Berechnungsweisen 141

In einer im Jahre 1882 erschienenen Abhandlung hat FORCHHEIMER [35]


seine Ansichten über die oberhalb einer kreisrunden, nachgiebigen Bodenöffnung
auftretende Verspannung im Lockerboden dargelegt. Er nimmt an, daß sich im
Sand eine lotrechte, zylindrische Gleitfläche bildet, daß also der absinkende Sand-
körper die Form eines Zylinders besitzt. Dem Gewicht dieses zylindrischen Körpers
wirken Reibungswiderstände an seiner Mantelfläche entgegen. Die Differenz aus
dem Gewicht und dem gesamten Reibungswiderstand muß im Falle des Gleich-
gewichtes gleich der auf den Verschluß der Bodenöffnung wirkenden Druckkraft
sein. Diese Druckkraft ist eine Funktion der
überschüttungshöhe ; sie wird bei einer bestimm- " <"""",,,","'« M<'"
'[

ten Überschüttungshöhe zu einem Maximum,


wofür FORCHHEIMER folgenden Wert angibt.

Q _ y g F2 1+2tan2eg
max - 2U taneg • (1)

In dieser Gleichung bedeuten Yg das Raumge-


wicht des Gebirges, F den Flächeninhalt der
L,,--
Bodenöffnung, U deren Umfang und I}g den
Winkel des inneren Gleitwiderstandes des beim
Versuch zur Verwendung kommenden Sandes.
Im gleichen Jahr veröffentlichte ENGESSER
seine Anschauungen [28]. Er erklärt die Ver-
spannung in der Weise, daß sich über einem
nachgiebigen Bodenstreifen Gewölbe bilden und Abb. 78. Zur Berechnung des Firstdruckes
eines verzimmerten Stollens nach
nimmt an, daß die Kämpfertangenten dieser ENGESSER
Gewölbe mit der Waagrechten einen Winkel ein-
schließen, der gleich dem Winkell}g des inneren Gleitwiderstandes ist (Abb.78).
Er gibt diesen Gewölben eine parabolische Form und gewinnt dann für die Pfeil-
höhe den Ausdruck
(2)

Jedes der elementaren Gewölbe besitzt ein Eigengewicht, das auf die Flächen-
einheit bezogen Yg dh beträgt. Nach oben wirkend ist der Widerstand der Boden-
klappe q je Flächeneinheit zu setzen. Dieser Gegendruck soll sich nach ENGESSER
gleichmäßig auf alle Gewölbeschalen verteilen, deren Gesamtmächtigkeit gleich der
Schütthöhe ist. Der auf ein Elementargewölbe entfallende Teil des Gegendruckes
beträgt daher
(3)

Daraus folgt, soferne man das Elementargewölbe als Dreigelenkbogen auffaßt,


der Horizontalschub für ein Gewölbeelement zu

(4)

Aus dem Horizontalschub dPh läßt sich der lotrechte Widerstand bestimmen; er
beträgt

(5)

Dabei wurde für AIJ der untere Grenzwert der Ziffer des Erddruckes eingesetzt,
womit auch der untere Grenzwert des Druckes auf die Bodenplatte festgelegt ist.
142 V. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

Der Druck auf den First eines Stollens ergibt sich daraus zu

Qmin = 4b2 Yg [
2
h tan (45° - if) + tan eu], (6)
2htaneg + btan2 (450 _ ~u) 6

wobei überdies noch das Gewicht des unmittelbar auf dem First lastenden, unter-
halb des untersten Gewölbes befindlichen, im Querschnitt segmentförmigen Ge-
birgsteiles hinzugefügt wurde. Für große überlagerungshöhen h und größere
Werte von (!g ergibt sich die Näherungsformel

Q . = 4b 2
mm Yg
2
[tan (450 -
2 tan eg
if) + tan6 e o].
(7)

Dabei wird der auf den First des Stollens wirkende Minimaldruck von der über-
lagerungshöhe unabhängig; die Breite des Stollens hat aber auf seine Größe einen
beträchtlichen Einfluß.
Die Wahl des Winkels, den der Gewölbeanlauf mit der Waagrechten ein-
schließt, ist bei dieser Berechnungsweise willkürlich getroffen worden; eine Be-
gründung, dafür den Wert(!g zu setzen, ist nicht gegeben. Wenn man zur Ermitt-
lung dieses Winkels, wie dies BIERBAUMER 1913 [10] getan hat, die Annahme trifft,
daß der Druck auf den First zu einem Mindestwert wird, so ergibt er sich zu

'IfJ = arctan [V3 tan (45 0


- ~!1)]. (8)

Auch das Gewicht der Gebirgsmasse zwischen dem untersten Gewölbe und dem
First ändert sich damit und gewinnt den Wert

~~iOtan(45°- ~g). (9)

Der Druck auf den First folgt daraus zu

Y3 t an (45 0 -
Qmin = 4b2Yg eg ) .
2" (10)

Aus dieser berichtigten Formel geht hervor, daß für größere Tiefen und große
Gleitzahlen tan(!g der Wert des Minimaldruckes Qmin unabhängig von der über-
lagerungshöhe ist, aber verhältnisgleich mit dem Quadrat der Stollenbreite wächst.
Der Widerspruch, in den die ENGEsSERSche Theorie geriet, besteht haupt-
sächlich darin, daß eine Gewölbebildung in dem vor ihr angenommenen Sinn auf
die ganze Höhe der überlagerung nicht eintritt, sondern auf einen bestimmten,
nicht allzuhoch über den Stollenfirst reichenden Gebirgsbereich beschränkt
bleibt.
Bald nachdem ENG ESSER seine Anschauungen veröffentlicht hatte, berichtete
JANSSEN 1895 über seine Versuche an rechteckigen Silozellen, die er durchgeführt
hatte, um den Bodendruck und den Seitendruck zu ermitteln; er leitete für den
Bodendruck folgende bereits in Abschn. 40 in ihrer grundsätzlichen Form er-
wähnte Beziehung ab
b (1-e h)
-41.-
q-u_ 1'0 b
. (11)

Hierin bedeutet q den Bodendruck auf die Flächeneinheit einer quadratischen


Silozelle, Yg das Raumgewicht des Schüttmaterials, h die Schütthöhe, b die Seiten-
63. Neuere Versuchsergebnisse 143

länge der im Querschnitt quadratischen Silozelle und Je einen durch Versuche zu


bestimmenden Beiwert.
Grundsätzlich kommt JANSSEN zu dem gleichen Ergebnis wie ENGESSER, daß
nämlich der Bodendruck beim Füllen einer Silozelle nicht verhältnisgleich mit der
Schütthöhe wächst, sondern hinter dieser linearen Abhängigkeit zurückbleibt
und sich asymptotisch einem Grenzwert nähert. Trotz der grundsätzlichen Ähn-
lichkeit beider Ergebnisse darf man sie aber doch nicht miteinander vergleichen,
denn bei der Füllung einer Silozelle bleibt der Inhalt in Ruhe, während bei der
ENGES sERSchen Theorie die Reibung erst mit dem Absinken einer lotrecht über
der Bodenplatte befindlichen Säule des kohäsionslosen Lockergebirges wirksam
werden kann. Beim Silo handelt es sich um eine Schüttmasse, die von vorneherein
durch lotrechte Wände begrenzt ist; über dem First eines verzimmerten Stollens
wird aber eine solche Begrenzung erst durch das Absinken des darüber liegenden
Gebirges geschaffen.
BIERBAUMER hat dann später (1913) den Gedanken entwickelt, daß auf dem
First eines verzimmerten Stollens ein ebenfiächig begrenzter prismatisch ge-
formter Gebirgskeil lastet. Er hat diesem Keil die keinesfalls zutreffende Be-
zeichnung "Schlußstein" gegeben. Die aus dem Verband gelöste Gebirgsmasse
soll durch schräge Flächen begrenzt sein, die gegen die Lotrechte unter dem Winkel
(!g geneigt sind. Für eine rechteckige Bodenklappe mit den Seitenlängen 2a und
2b, wobei a kleiner als b ist, kann man das Gewicht des "Schlußsteines" näherungs-
weise wie folgt angeben

Q = : yga3cot(!g+2Yg(b-a)a2cot(!g=2Yga2cot(!g (b - ~). (12)

63. Neuere Versuchsergebnisse


Bereits früher wurde auf die Versuche über den Druck des Sandes auf nach-
giebige Bodenklappen hingewiesen (Absehn. 39). Soweit sie für die Bemessungs-
aufgabe von Bedeutung sind, sollen die experimentellen Ergebnisse näher be-
sprochen werden. Die Tatsache, daß der Druck auf eine nachgiebige Bodenklappe,
der ursprünglich dem Wert yuh entsprach, beim Absinken sofort eine Verminde-
rung erfährt, wurde durch die Versuche von KIENZL [108a] bestätigt. In einem
großen Kasten, dessen Abmessungen eine Verspannung an den Seitenwänden aus-
schlossen, wurde eine absenkbare Bodenklappe angebracht. Der Druck auf diese
Klappe wurde für verschiedene Werte der Absenkung gemessen. Dabei wurde
festgestellt, daß der Druck zunächst eine Verminderung erfährt und bald nach dem
Beginn des Absenkvorganges einen Minimalwert erreicht, dann aber im weiteren
Verlauf der Absenkung wieder ansteigt und einem Endwert zustrebt, der aber
bedeutend niedriger ist als der ursprüngliche Ruhedruck yqh.
Bei der Fortsetzung dieser Versuche durch FIEBINGER [108a] zeigten sich die
gleichen Ergebnisse. Durch Färbung der Sandschichten wurde überdies die Mög-
lichkeit geschaffen, die Bewegung des Sandes zu verfolgen; dabei zeigte sich, daß
sich über der Bodenklappe ein Bruchkörper bildet, der spitzbogenförmig ist und
dessen größte Höhe sich zu
h = _b_ (13)
max sin (!g

ergab. Sie stand in Übereinstimmung mit dem festgestellten Enddruck.


Loos und BRETH [86] führten ihre Versuche in einer 10 cm dicken Sandschichte
durch und verwendeten keine Bodenklappe, sondern eine dem Ausbruchsquer-
schnitt eines Stollens nachgebildete Halbkreisform, die durch eine Schrauben-
spindel gesenkt werden konnte. Durch Bestreichen der Glaswände mit einer ge-
eigneten Substanz wurde die Reibung des Sandes an diesen und damit die Mög-
144 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

lichkeit der Verspannung an den Wänden in engen Grenzen gehalten. Ein in


diesen Überzug der Glaswände eingeritztes Recktecknetz ließ die Bewegung der
Sandkörner beim Absenkvorgang verfolgen. Damit konnte ein qualitativer Ein-
blick in die Auflockerungserscheinung gewonnen werden. Die Größe der Ab-
senkung des Stollenprofiles und der Druck auf dessen Mantelfläche wurden überdies
gemessen. Die Versuchergebnisse lassen sich wie
"V Sundoberfiiiche folgt zusammenfassen. Zunächst bildeten sich
50
_\ 1 {{/eilflüchej zwei schräg nach oben verlaufende, nahezu ebene
cm '\ Gleitflächen, die den in Bewegung geratenden
Sandbereich von dem in Ruhe bleibenden trenn-
1 i' L '\ I ten. Die Gleitflächen waren unter einem Winkel
30 i lJ Bruchfläche I + von 45° ell/2 gegen die Waagrechte geneigt.
Sie entsprachen also ungefähr dem RANKINE-
zo -::::. F-t-== ~ schen Zustand. Mit zunehmender Stollensenkung
\6 f/ i ~ ~I traten dann die schon von KrENzL und FIEBINGER
10
! festgestellten zwei Bruchflächen auf, die an
1 den beiden Stollenrändern nahezu lotrecht be-
i gannen und sich in einiger Höhe über dem
zo 70 o 1/J l!IJ GIIl 30 First einander näherten. Die beiden Bruchflächen
schnitten entweder die Sandoberfläche unter
__ "V'Sondoberflödle einem Winkel von etwa 45° - eg/2 oder sie
90
! stießen bei größerer Schütthöhe spitzbogenförmig
Gm zusammen, wobei der Winkel an der Spitze
80 90° - eg betrug (Abb. 79). Die Bruchflächen
traten bei einer Senkung von 10 bis 20 mm auf;
70 sie beträgt bei einem Halbmesser des Modell-
l ruchfläche stollens von 16 cm etwa 6 bis 12% von dessen
6'0 Länge. Bei einem verzimmerten Stollen von etwa
1,60 m halber Breite würde dies einer Senkung
des Firstes um rd. 10-20 cm entsprechen, einer
Größe, die im Rahmen der Erfahrungswerte für
\ I die Firstsenkung liegt.
\ {{Ieiff!. ehe ;;;;; '-- Der Sand wurde schichtenweise eingebracht.
30 Dabei zeigte sich eine nahezu lineare Zunahme
\ I
zo v --+-- t---
des Firstdruckes bis zu dem der größten Über-
schüttung entsprechenden Maximalwert. Dies
V/ ~
1\ '1./ war ein Beweis dafür, daß an den Wänden des
10 Sandkastens keine Verspannung eintrat. Mit
der Absenkung des Stollen querschnittes nahm
o zo 10 o 10 ZO cm JO dann der Firstdruck zunächst schnell und dann
b 30
Abb. 79 a u. b. Bruch- und Gleitllächen im
langsam ab und strebte nach dem Auftreten der
Sand über einem absenkbaren Stollen- Gleit- und Bruchflächen einem von der Schütt-
modell. Dicht gelagerter Mittelsand.
eg ~ 32°; a) bei 55 cm Schütthöhe; b) bei höhe unabhängigen unteren Grenzwert zu, der
95 cm Schütthöhe [86] bei etwa 30 mm Absenkung eintrat. In dem-
selben Maß, in dem der Firstdruck auf den Stollen
abnahm, erfuhr der Seitendruck eine Zunahme, ohne allerdings einem Größtwert
zuzustreben. Diese Beobachtung ist ein Beweis für die über dem Stollen einge-
tretene Verspannung.
Die geschilderten Erscheinungen sind in ähnlicher Weise bei Versuchen über
den Erddruck auf eine Stützwand mit erdwärts einfallend geneigter Rückfläche
beobachtet worden. Auch dort vollzieht sich bei einer waagrechten Bewegung
der Wand der Zusammenbruch des Gleichgewichtes der Hinterfüllung unver-
mittelt. Nachdem dieser eingetreten ist, zeigt sich an der Oberfläche der Hinter-
füllung eine flache Mulde B'OD mit ebener Sohle B'O. Es bildet sich eine Gleit-
63. Neuere Versuchsergebnisse 145

fläche A'D und eine nahezu lotrecht Bruchfläche A'O aus, und an Stelle des bei
sonstigen Versuchen mit nachgiebigen Stützwänden sich bildenden Gleitkeiles,
löst sich aus dem Gleitkeil ein Bruchkeil ab, der erdwärts eine nahezu lotrechte
Begrenzung besitzt (Abb. 50).
Die Gesetzmäßigkeit für die Beziehung zwischen der Absenkung des Stollenquer-
schnittes und dem Firstdruck ist nicht bekannt. Die Heranziehung des Minimal-
druckes auf den Stollenfirst kann u. U. für den zeitweiligen nachgiebigen Aus-
bau zutreffend sein, für den unnachgiebigen dauernden Ausbau wird sie kaum in
Betracht kommen.
Bemerkenswerte Gebirgsdruckmessungen sind vor kurzem für den Bau des
Donnerbühltunnels in Bern ausgeführt worden [12]. Dieser nur 252 m lange Tunnel
weist bei kreisförmigem Querschnitt einen lichten Durchmesser von 8,85 m auf.
Die größte überlagerungshöhe beträgt 12 m.
Der überlagernde Boden ist sandiger Grobkies,
der mit zunehmender Tiefe feiner wird. In der
Höhe des Tunnelfirstes liegt hauptsächlich
Sand, der leicht mit Lehm vermischt ist; an
der Tunnelsohle steht sandiger oder toniger
Silt an. Der Boden ist daher im oberen Tunnel-
bereich kohäsionslos und weist in der Nähe
der Sohle die geringe Kohäsion von c = 0,1
bis 0,2 kgcm- 2 auf. Der Gleitwinkel liegt bei 35°.
Die Ausführung des Tunnels erfolgte mit- t
tels eines Stahlschildes ohne Anwendung von
Druckluft, die Auskleidung mit Stahlbeton- ___ 5J!Jef!!rgsdruck Pa,
tübbingen. Bei dieser Bauweise kann eine Auf-
lockerung des Gebirges fast vollständig vermie- s-
den werden. Die Gebirgsdruckmessungen wur- o l/erschiebung der /'ostplolle
den vom Erdbaulaboratorium der Ecole poly- Abb.80. Prinzip der Versuche zur Messung
technique de l'Universite de Lausanne als des Erddruckes auf eine Tunnelausmauerung
mit Belastungsplatten, wie sie beim Bau des
Modellversuche in zwei Maßstäben ausgeführt. Donnerbühl-Tunnels in Bern ausgeführt
wurden [12]
Der Laboratoriumsversuch erfolgte im Maß-
stab 1 :33, wobei ein Kreisrohr von 30 cm
Durchmesser in einem Sandkasten vorgetrieben wurde, dessen Füllung voll-
ständig kohäsionslos war und den gleichen Gleitwinkel von l2u = 35° wie das
anstehende Gebirge aufwies. Der zweite Versuch wurde im anstehenden Boden-
material, also in situ ausgeführt, wobei der Modellmaßstab 1 :6,7 betrug. Das
Versuchsstahlrohr hatte in diesem Falle einen Durchmesser von 1,50 m. Beim
Vortrieb der Versuchsrohre sowohl im Sandkasten als auch im Gebirge wurde ein
Arbeitsvorgang gewählt, der dem Schildvortrieb entspricht und eine Auflocke-
rung des Bodenmaterials tunliehst vermied.
Die Messungen des Gebirgsdruckes auf die Rohre erfolgte mit Hilfe von Be-
lastungsplatten, die bündig mit der Außenfläche der Rohre angeordnet und so
gelagert waren, daß sie sich nach dem Rohrinneren nicht bewegen konnten.
Hingegen war es möglich, sie durch einen Innendruck Pi nach außen zu verschie-
ben. Solange der Innendruck Pi kleiner war als der Gebirgsdruck Pa blieb die Platte
in Ruhe; bei überschreitung des Gebirgsdruckes, Pi > Pa, begann eine Be-
wegung der Belastungsplatte gegen das Gebirge. Damit konnte der Gebirgsdruck
auf direktem Wege aus der Größe der im Grenzfall angebrachten Belastung ge-
messen werden (Abb. 80).
Bei der Verwertung der Versuchsergebnisse, d. h. beim Übergang vom Modell
zur Wirklichkeit, sind die Regeln der dimensionellen Analysis zu beachten.
Bei Vorliegen von kohäsionslosem Material ist die modellgerechte Nachbildung
des Gebirges einfach. Wenn man ein Bodenmaterial verwendet, das den gleichen
10 Kastner, Statik
146 V. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

Gleitwinkel Qg hat, wie das im Stollen anstehende Gebirge, ist diese Nachbildung
leicht durchzuführen und der Gebirgsdruck ergibt sich aus dem am Modell ge-
messenen Druck durch Vergrößerung entsprechend dem Modellmaßstab. Die Un-
tersuchung im kohärenten Material wird dadurch erschwert, daß man ein Ver-
suchsmaterial verwenden sollte, dessen Kohäsion in einem dem Modellmaßstab
entsprechenden Verhältnis zu jener des Gebirges steht. Diese Bedingung ist beim
Laboratoriumsversuch schwer, beim Versuch in situ nicht erlüllbar.
Die Ergebnisse der Laboratoriumsversuche sind in der nachfolgenden Tab. 11
auszugsweise wiedergegeben.

Tabelle 11. Firstdruck, ermittelt durch Modellmessungen tür den Donnerbühltunnel in Bern [12]

überlagerungshöhe im First h, (cm) 30 40 60


Verhältnis der überlagerungshöhe h, zum Rohrdurch- 1 1,33 2
messer D
Gemessener Firstdruck Pv (kgcm-2 ) 0,047 0,049 0,053
Firstdruck bei voller Wirkung der Überlagerung 0,051 0,068 0,102
Pv = Yg h, (kgcm-2 )

Die Versuche zeigten, daß der gemessene Firstdruck in der Nähe des vollen
überlagerungsdruckes liegt, wenn die überlagerungshöhe kleiner als der Durch-
messer des Tunnels ist. Sobald die überlagerung größer wird, nimmt der First-
druck nicht im gleichen Maße zu, sonderu nähert sich einem konstanten Wert,
der von der Theorie TERZAGHIS gut erlaßt wird; er beträgt nach der später an-
geführten GI. (35)
_ ygB - c
qmax - A. taneg .

Der an den Ulmen gemessene Druck nimmt mit der Vergrößerung der über-
lagerung gleichfalls zu, die gemessenen Werte sind aber größer als sie die Theorie
von TERZAGHI angibt. Sie entsprechen jedoch gut dem Ruhedruck.

Tabelle 12. Ulmdruck, ermittelt durch Modellmessungen für den Donnerbühltunnel in Bern [12]
Überlagerungshöhe an den Ulmen hu (cm) 45 55 75
Überlagerungsdruck Yof hu (kgcm-2 ) 0,077 0,094 0,127
Gemessener Seitendruck Pli (kgcm-2 ) 0,041 0,049 0,063
Ruhedruckziffer Ä~ 0,53 0,52 0,50

Bei den Versuchen im anstehenden Gebirge, also in situ, ergaben sich für den
Firstdruck, den Ulmendruck und den Sohlendruck die nachstehend angeführten
Werte:
Firstdruck Pv = 0,07 kgcm- 2 Ulmdruck rechts Pur = 0,16 kgcm- 2
Ulmdruck links pul = 0,02 kgcm- 2 Sohlendruck Ps = 0,20 kgcm- 2

BONNARD und RECORDON ziehen aus den Versuchsergebnissen folgende


Schlüsse:
"Die im Laboratorium und in situ durchgeführten Versuche haben es erlaubt, die An-
wendung der Berechnungsmethode TERZAGHI vorzuschlagen.
Da beim Donnerbühltunnel die Höhe der Überlagerung kaum je den Durchmesser des
Tunnels übersteigt, und das Vortriebsverfahren nahezu jenem entspricht, das wir bei den
Versuchen verwendet haben, gestattet die Methode von Terzaghi
1. die ziemlich genaue Berechnung der lotrechten Firstbelastungen

y9B1-C[ -.lB"ftaneg]
(J =--- 1-e
v Ätan(!g 1
,
entsprechend der ersten GI. (86) in Abschn. 40 und
64. Belastung eines oberflächeunahen Lehnentunnels 147
2. die Berechnung auch der seitlich.horizontalen Belastungen des Tunnels nach der Formel

011 = ~ y g Dtan2 (45 0 - ~g)(1 + 2;)_ctan (45 0


- :;)

BI = ~ {cos (45 0 - :;) + tan (45 0


- ~g)[ 1 + sin (45 0
_ ~D)]}
vorausgesetzt, daß die dabei erzielten Werte um ungefähr 65% erhöht werden, um dem Vor-
triebsverfahren und der inneren Reibung des Bodens Rechnung zu tragen."
In diesen Formeln bedeuten D den Durchmesser des Tunnels, hJ die Über-
lagerungshöhe im First, 'Yg das Raumgewicht, (1g den Gleitwinkel und c die Kohä-
sion des Gebirges. Die notwendige Vermehrung des Rechnungsergebnisses nach
den oben angeführten Beziehungen um 65% ist darauf zurückzuführen, daß beim
Schildvortrieb bzw. bei den ihn nachahmenden Versuchsbedingungen keine
Auflockerung des Gebirges eintritt, weshalb die innere Reibung des Gebirges nicht
zur Gänze in Anspruch genommen wird. Dazu ist zu bemerken, daß eine Berech-
nungsmethode, die einer so einschneidenden Korrektur bedarf, den gegebenen
Bedingungen nicht entspricht.
Die obengenannten Autoren äußern sich abschließend zur Frage des Sohlen-
druckes wie folgt:
"Für die Berechnung der Vertikalbelastung der Tunnelsohle konnten die Verfasser kein
besonderes Verfahren vorschlagen. Wie sich aus den Versuchen ergibt, sind die Sohlendrücke
etwas höher als die Firstdrücke. Man ginge wahrscheinlich nicht weit fehl, den Firstdruck ver-
mehrt um das Eigengewicht des Tunnelausbaues als Grundlagen für die Berechnung des
Sohlendruckes anzunehmen."
Diese Überlegung ist zutreffend. Der Sohlendruck wirkt ja nicht aktiv, sondern
ist ein Widerstand, der in seiner Gesamtheit der Auflast gleichkommt, die nur
durch die Reibung an den Rückflächen der Widerlager etwas gemildert wird.

64. Belastung eines oberflächennahen Lehnentunnels


Aus der Erddrucklehre ist bekannt, daß der RANKINEsche Zustand nur dann
eintreten kann, wenn der kohäsionslose Boden im Halbraum .sich seitlich
in seiner ganzen Tiefe auszudehnen vermag, wobei die Streckung ein gewisses
Maß erreichen muß, das von der Lagerungsdichte abhängig ist. Diese generelle
Voraussetzung kann auch beim Erddruck auf eine Stützmauer erreicht werden,
wenn die Randbedingungen, gegeben durch die Neigung der Stützfläche und der
Geländeoberfläche, sowie durch die Größe der Wandreibung die Möglichkeit
dazu schaffen. In der Erddrucklehre sind daher diejenigen Fälle von besonderer
Bedeutung, wo bei gegebener Neigung der Bodenoberfläche und der Stützfläche
eine bestimmte Wandreibung vorhanden ist, um bei Parallelverschiebung der
Stützfläche oder bei einer Drehung um ihren Fußpunkt den RANKINEschen
Spannungszustand zu ermöglichen. Wenn die geeigneten Voraussetzungen dafür
bestehen, dann ist die Gleitfläche eben und besitzt eine bestimmbare Neigung.
Bei waagrechter Bodenoberfläche und lotrechter Stützfläche ist die Voraussetzung
für den RANKINEschen Zustand die vollkommene Glattheit der Stützfläche. Die
Gleitfläche ist dann unter dem Winkel 45° + (1g/2 gegen die Waagrechte geneigt.
Bei einem Tunnel, der im kohäsionslosen Lockergebirge mit waagrecht be-
grenzter Oberfläche vorgetrieben wird, ist diese Bedingung nicht vorhanden,
denn die seitliche Expansion erstreckt sich nur auf die nähere Umgebung des
Ausbruchsquerschnittes ; darüber hinaus bleibt das Gebirge in Ruhe. Im übrigen
ist auch wegen 'der gekrümmten Form der Auskleidung die Voraussetzung für
den RANKINEschen Spannungszustand nicht erfüllt. 'Einen Sonderfall bildet ein
Hangtunnel im kohäsionslosen Lockergebirge, wenn die Nejgung der Gelände-

10*
148 V. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

oberfläche gleich dem Winkel des inneren Gleitwiderstandes ist. Dann befindet
sich das Gebirge primär im RANKINEschen plastischen Zustand, und der Tunnel
oder Stollen muß derart bemessen werden, daß er, zulässig beansprucht, diesen

Abb.81. Der in einer nnter dem Winkel ß = Qg geneigten Lehne herrschende RANKINEi!lche Spannungszustand

Spannungszustand zu erhalten vermag. Das ist der einzige Fall, in dem der
RANKINEsche Spannungszustand eine theoretisch einwandfreie Grundlage für die
Berechnung des Auflockerungsdruckes bildet. Wenn die Hangneigung nicht star.\-:
vom Winkel des inneren Gleit-
widerstandes des Gebirges ab-
weicht, kann diese Berechnungs-
art näherungsweise beibehalten
werden.
Die praktische Bedeutung
dieser Feststellungen ist aber
nicht sehr groß, denn es ist nicht
ratsam, Hangtunnel unter die-
sen Voraussetzungen auszufüh-
ren. Man würde sich infolge der
unvermeidlichen Auflockerung
vor sehr schwierigen Aufgaben
sehen, und die Gefahr Hang-
rutschungen auszulösen, wäre
beträchtlich.
Bei dem herrschenden RAN-
KINEschen Zustand sind die
Spannungen bekannt, die in
einem parallel zur Geländeober-
fläche liegenden Flächenelement
wirken (Abb. 81). Die Normal-
spannung beträgt
16' (J = Ygz cos 2 (Jg (14)
Abb. 82. Die Berechnung der Belastnng eines Lehnentunnels unter und die Schubspannung
der Voranssetzung, daß die Geländeneigung ß gleich dem Winkel
des inneren Gleitwiderstandes eg ist
'l'=ygzcos(!gsin(!u' (15)
Die Ermittlung der auf den Hangtunnel wirkenden Belastung kann rechnungs-
mäßig oder graphisch erfolgen. Die Rechnung wird sich auf die Darlegungen im
Abschn.27 über den unter den gegebenen Verhältnissen herrschenden primären
65. Verspannung bei geringer Überlagerungshöhe 149

Spannungszustand beziehen. Wenn sich nämlich das kohäsionslose Locker-


gebirge im RANKINEschen Spannungszustand befindet, dann sollen der primäre
und der sekundäre Spannungszustand identisch sein.
Das graphische Verfahren lehnt sich an die MOHRSche Theorie an (Abb. 82).
Der Spannungskreis läßt die graphische Lösung der Aufgabe zu, ohne Rücksicht
darauf, wie das System der Spannungsachsen orientiert ist. Die Normalspannungs-
achse wird aus Zweckmäßigkeitsgründen senkrecht zur Geländeoberfläche und die
Schubspannungsachse parallel dazu gewählt. Zieht man vom Ursprung des
Systems ausgehend, die unter dem Winkel (!g gegen die a-Achse geneig-
ten Grenzlinien, so muß bei Bestehen des RANKINEschen Spannungszustandes
der Spannungskreis diese berühren. Man wählt den Spannungskreis so, daß die
Strecke OS gleich der Einheit wird. Das wird dadurch erreicht, daß man den
Abstand des Mittelpunktes M vom Ursprung des Spannungsnetzes 0 gleich
1 : cos (!g wählt. Dann liegt der Berührungspunkt S um das Maß gleich der Einheit
lotrecht unter der .-Achse, die überdies parallel zur Geländeoberfläche verläuft.
Der Spannungspunkt ist S. Zieht man durch den Punkt S eine Parallele zu
dem in Betracht kommenden der Geländeneigung gleichlaufenden Flächen-
element, so erhält man als Schnittpunkt mit dem Spannungskreis den Pol P des
Spannungszustandes. Wenn der Pol festliegt, kann der Spannungszustand in
jedem Flächenelement beliebiger Richtung bestimmt werden. Für ein Flächen-
element LI 8 1 erhält man die Spannungen, wenn man durch den Pol P eine Gerade
parallel zu dem Flächenelement legt. Ihr Schnitt mit dem Spannungskreis liefert
den Spannungs punkt SI und damit die Größe der Spannung, die durch die Strecke
OSI gegeben ist.
Auch die Richtung dieser resultierenden Spannung kann einfach ermittelt
werden. Dazu bringt man die parallel zum Flächenelement verlaufende Gerade
PSI mit der a-Achse zum Schnitt und erhält den Punkt Ql' Ferner errichtet
man im Punkt SI eine Normale zum Flächenelement bzw. zur Strecke PSI
und bringt diese mit der .-Achse zum Schnitt. Man erhält den Punkt R 1 ; die
Verbindungslinie QIRI gibt die Richtung der Spannung an.
Der Druck auf das Flächenelement folgt schließlich aus der Beziehung

(16)

Hierin bedeuten Yg das Raumgewichtdes Gebirges (tm-3 ), z die lotrechte Über-


lagerung des Flächenelementes LI 8 1 in (m), LI 8 1 in (m) die Größe des Flächenelementes,
wobei die Breite senkrecht zur Bildebene gleich 1 m gesetzt wird, OSI das aus
dem Diagramm entnommene Maß der resultierenden Spannung und 0 S die lot-
rechte Entfernung des Punktes S von der .~Achsc, die gleich der Einheit gewählt
wurde.

65. Verspannung bei geringer Überlagerungshöhe


Infolge der Ausbruchsarbeiten im kohäsionslosen Lockergebirge tritt bei einem
verzimmerten Stollen eine Auflockerung ein, die sich mit jener eines nach-
giebigen Bodenstreifens vergleichen läßt. Zu der Nachgiebigkeit der Firstver-
.zimmerung tritt jene der Ulmen hinzu. Man Kann also annehmen, daß sich von
den Ständerfüßen ausgehend Gleitflächen bilden, die unter dem Winkel 45° +
(!g/2
geneigt sind (Abb. 83). In den durch sie begrenzten Gebirgsbereichen A 1B 1F 1
und A 2B 2F 2 erfolgt eine schräg nach abwärts gerichtete Bewegung, so daß man die
über den Stollenfirst hinausreichende Strecke B 1B 2 von der Breite 2B als im lot-
rechten Sinn nachgiebig ansehen muß. Über den weiteren Verlauf der schrägen
Gleitflächen braucht nichts ausgesagt zu werden. Wegen der geringen Über-
150 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

lagerungshöhe h kann aber angenommen werden, daß sich von den Punkten
BI undB2 ausgehend, lotrechte Bruchflächen BIOI undB20 2 entwickeln. In der Höhe
des Stollenfirstes hat der nachgiebige Streifen eine Breite von

(17)

Auf Grund der früheren Darlegungen ergibt sich der lotrechte Minimaldruck in
Firsthöhe wie folgt

(18)

Hierin ist A ein empirisch zu bestimmender Wert, der auf Grund der Versuche
von TERZAGffi [144b] annähernd gleich der Einheit gesetzt werden kann. Der
Druck (Iv wirkt nicht bloß auf den First, sondern auch auf die beiden neben den
Ulmen gelegenen Gleitkeile, für die er eine Auflast darstellt.

Abb. 83. Belastung eines verzimmerten Stollens in kohäsionslosem Lockergebirge bei geringer überlagerungshöhe

In der Abb. 83 ist 2b die Stollenbreite und 2B die Breite des Bruchkörpers,
h die überlagerungshöhe über dem Stollenfirst. Dann ergibt sich gemäß GI. (18)
ein Minimaldruck in der Firsthöhe von

_ _ rg ß ( -Äfj-tan ea)
(Iv - q - A-
't - - 1 - e
aneg
, (19)

womit die Belastung der Firstzimmerung festgelegt ist. Nunmehr besteht die
Aufgabe, den für die Berechnung der Stätnder notwendigen waagrechten Druck
zu bestimmen. Infolge der Verspannung im waagrechten Sinn ist der waagrechte
Gebirgsdruck nicht etwa von der Größe, die einer linearen Zunahme des Druckes
auf die Wand FIA I bzw. F 2A 2 entsprechen würde, sondern kleiner. Auf Grund
neuer Untersuchungen soll der Druck auf der Höhe zwischen der Geländeoberfläche
und der Stollensohle nach Loos und BRETH [86] parabolisch verteilt angenommen
werden können, wobei die Gesamtkraft, also die Summe aller Pressungen gleich
jener bleibt, die sich nach der Erddrucklehre aus der linearen Zunahme der
Pressungen ergibt. Daraus folgt die Gesamtkraft E o, die in der halben Höhe der.
Strecke A 20 2 angreift in der Größe
E - A (h+~~ (20)
0- arg 2 '

wobei Aa die Erddruckziffer bedeutet. Hiervon entfällt nur der durch die Stollen-
höhe hs begrenzte Teil als Druck auf die Ulmen EI. Wenn man das Verhältnis
66. Auflockerungsdruck in gebrechem Gebirge 151

der der Stollenhöhe entsprechenden Teilfläche der Parabel zu ihrer Gesamtfläche


mit 1/n bezeichnet, so ergibt sich
(21)

Der Angriffspunkt der Kraft EI folgt aus der Lage des Schwerpunktes der Parabel-
teilfläche.
Nunmehr ist noch die Wirkung der Auflast q zu berücksichtigen. Die äqui-
valente Höhe dieser Auflast ist
(22)

Aus der CouLoMBschen Erddrucktheorie ergibt sich dann für den von der Auflast
herrührenden Druckanteil E 2 der Wert

(23)

Damit sind die Belastungen von Kappe und Steher des verzimmerten Stollens
ermittelt. Ob die angenommene parabolische Verteilung des Erddruckes zutreffende
Werte für die Belastung der illmverzimmerung ergibt, muß dahingestellt bleiben.

66. Auflockerungsdruck in gebrechem Gebirge


Eine besondere Art der Behandlung des Auflockerungsdruckes, die heute viel-
fach angewendet wird, ist von KOMMERELL [80] angegeben worden. Er geht
von der Voraussetzung des spannungslosen Körpers aus, der sich über dem
First eines Stollens bildet und stellt
sich die Frage, welche Form dieser
spannungslose Körper hat und wie
hoch die ,A.uflockerung reicht. Voraus-
setzung für die Bildung eines Auf-
lockerungsbereiches ist die Nachgie-
bigkeit des Ausbaues, deren Ursachen
bereits eingehend behandelt wurden x
(Abschn. 48). Die dadurch entstehen- J"
den Hohlräume werden durch nach- I
brechendes Gebirge aufgefüllt, neue
Hohlräume entstehen und der Auf-
10ckerungsprozeß pflanzt sich nach
I
oben fort, bis alle Hohlräume mit ge-
lockertem Gebirge wieder aufgefüllt ~~~=;~~~~~;===~ ~doufd~
sind. Die Auflockerung beginnt mit I Senkungen
:(porobo/isc/i}
dem Richtstollenvortrieb, findet in I
verstärktem Maße bei den Vollaus- I
I
brucharbeiten eine Fortsetzung und I
klingt u. U. nach Herstellung des I
I
dauernden Ausbaues noch nach; dies
ist besonders dann der Fall, wenn
Holzteile hinter der Auskleidung ver-
blieben sind, die beim Fäulnisprozeß
noch nachträglich die Ursache von
Hohlräumen bilden, oder wenn bei der
Herstellung nicht für einen guten
Kontakt zwischen dem Ausbau und Abb. 84. Die Druckellipse nach KO~IMERELL [80l
152 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

dem Gebirge gesorgt wurde. Beide Möglichkeiten müssen nach den heute gelten-
den Anschauungen als Mängel bezeichnet werden.
Die gelockerten Gebirgsmassen drücken infolge ihres Eigengewichtes auf den
Ausbau. Die außerhalb der Auflockerungszone befindlichen ungestörten Gebirgs-
teile beteiligen sich, wie KOMMERELL annimmt, nicht an der Belastung des Stollens,
weil sie sich gewölbeartig frei zu tragen vermögen. Er beruft sich dabei auf die
Tatsache, daß Stollenverbrüche oft eine domartige Begrenzung zeigen.
Diese Erwägungen werden von KOMMERELL zur Bestimmung des Auf-
lockerungsdruckes ausgewertet (Abb. 84), wobei er davon ausgeht, daß die Sen-
kungen über dem First in der Achse, und in den Seitenfluchten des Tunnels oder
des Stollens bekannt sind. Er betrachtet ein Element des spannungslosen Körpers
von der Breite dx, von der Höhe z und von der Tiefenerstreckung 1 m. Die Ab-
senkung des Einbaues an der Stelle x sei w und die bleibende Auflockerung p%.
Dann gilt, wenn das durch die Senkung w entstandene Hohlraumvolumen der
bleibenden Auflockerung des Elementes zdx gleichgesetzt wird

1· wdx = 1~O zdx. (24)

KOMMERELL nimmt an, daß die Senkung einen parabolischen Verlauf besitzt,
wobei der Größtwert W max in der Tunnelachse liegt. Aus dieser Annahme folgt
zwangsläufig, daß auch die Begrenzung der Auflockerungszone, d. h. der Be-
lastungsfigur, eine parabolische Form besitzen muß. Damit ist also nichts be-
wiesen, sondern nur die getroffene Annahme in geänderter Form wiederholt. Die
größte Höhe der Belastungsfigur ergibt sich in der Stollenmitte ; sie beträgt
100w max
Zmax= - - - (25)
p

KOMMERELL ersetzt nun die Parabel durch eine Halbellipse, wobei Zmax gleich der
großen Halbachse ist, während die kleine Halbachse der halben Breite des Aus-
bruchs querschnittes entspricht. Der von dieser Halbellipse im Querschnitt be-
grenzte Gebirgskörper soll mit seinem Eigengewicht als Belastung des Stollen-
ausbaues gelten. Wenn auch der grundsätzliche Gedanke der Auflockerung des
Gebirges zutreffend ist, so liegt die Unsicherheit der Berechnungsweise in der
Festlegung der bleibenden Auflockerung p%. KOMMERELL gibt dafür folgende
aus der Hütte, Bd. 3 stammende Werte an.

Tabelle 13. Bleibende Auflockerung

Bleibende Auflockerung
Bodenart p%

Leichter Boden 1- 3
Mittelschwerer Boden 3- 5
Fester Boden (Mergel, Kies mit
Ton) 6- 8
Fester Boden (Leichter Fels) 8-12
Fester Fels 8-15

Man erkennt die bestehende Unsicherheit schon in der Art wie das Gebirge
eingeteilt ist.
STINI [138d] gibt als Richtmaße der Auflockerung in Hundertteilen des
Rauminhaltes die in der nachfolgenden Tab. 14 enthaltenen Werte an.
Wenn man diese Angaben für eine Berechnung der Höhe des Bruchkörpers
nach KOMMERELL verwenden will, so ist das Maß der bleibenden Auflockerung
66. Auflockerungsdruck ingebrechem Gebirge 153

Tabelle 14. Die Größe der Auflockerung in Hunderlteilen des Rauminhalte8

Auflockerung in Prozenten
Gebirgsart
vorübergehend bleibend

Sand, feiner Kies, sandiger Lehm 10-20 1- 2


Schlier des Hausrucktunnels 2
(schwach gebundener toniger Sand)
Schwerer Lehm, grober Kies 20-25 3- 5
Blättrige Schiefer, Tonmergel
Keupermergel 25-30 4- 6
Mergel, Kies-Tonmergel, mürbe
Sandsteine 25-30 6- 8
Fester Ton 30-50 8-10
Mürber Fels 30-50 8-10
Fester Fels, kurzklüftig 35-50 8-15
Diabas, Kleinschotter 15-30 mm 45
Fester Fels, weitständig zerklüftet 40-55 10-25

entscheidend, das ja offenkundig auch mit den von KOMMERELL zitierten Werten
ausgedrückt wird.
Als Beispiel führt KOMMERELL einen Fall an, wo die größte Firstsenkung
W rnax = 0,60 m beträgt. Bei mittelschwerem Boden mit einer bleibenden Auf-
lockerung von 4 % ergibt sich dann die Höhe der Druckellipse zu h= (100 . 0,60) : 4 =
= 15m.
Das KOMMERELLsche Berechnungsverfahren hat manche Einwände hervorgeru-
fen. RABCEWICZ bezeichnet es beispielsweise als keineswegs befriedigend [108 a]. Er
ist der zutreffenden Auffassung, daß die Festlegung der bleibenden Auflockerung
kaum einwandfrei möglich ist. Die in der Bodenmechanik gebräuchlichen Werte
dafür können im besten Falle nur für kohäsionsloses Lockergebirge angewendet
werden, für gebrechen Fels sind sie nicht zutreffend. Sie sind überdies von sehr
vielen Faktoren abhängig, so insbesondere von der Güte der Ausbruchsarbeit
und der Zimmerung. Gerade bei kohäsionslosem Lockergebirge, wo man noch am
ehesten aus dem Erdbau übernommene Werte für die bleibende Auflockerung
angeben kann, wird ihre Einschätzung durch die unvermeidlichen Mängel der
Ausbruchsarbeit so entscheidend beeinßußt, daß die Annahme eines theoretischen
Wertes dafür kaum verläßlich ist. Selbst bei bester Arbeit ist die Bildung von
Kaminen nicht ganz vermeidbar; die dabei entstehenden Hohlräume betragen
oft ein Vielfaches des Volumens jener Firstsenkung, die sich aus der bleibenden
Auflockerung, wie man sie üblicherweise angibt, ermitteln läßt.
Auch ANDREAE [3f] ist der Meinung, daß die Abschätzung der Höhe des auf
dem Tunnel lastenden Druckkörpers recht unsicher ist.
Anderseits besitzt das KOMMERELLsche Verfahren doch wieder Vorzüge,
derentwegen es heute noch vielfach angewendet wird. Die aus der Bodenmechanik
übernommenen Berechnungsweisen setzen die Kenntnis des Winkels des inneren
Gleitwiderstandes voraus. Dies ist bei dem KOMMERELLschen Verfahren nicht
nötig. Die bei diesem Verfahren sich ergebende Höhe des halbelliptischen Bruch-
körpers ist ferner sehr anschaulich, und ihre Größe kann aus der Beschaffenheit
des Gebirges angenähert ermittelt werden. So weiß man beispielsweise aus Er-
fahrung, daß in stark geklüftetem Dolomit von bestimmter Beschaffenheit örtliche
Dome ausbrechen, deren Höhe etwa doppelt so groß ist als die Stollenbreite.
STINI gibt für diese Höhe den Wert von hmax = 5 -6 m an, woraus ein Firstdruck
von hmax Yg = 6·2,6 = 15,6 t/m2 folgt.
Es soll aber nicht unterlassen werden, nochmals auf die am Beginn dieses Ab-
schnittes angeführte Beschränkung in der Anwendbarkeit des KOMMERELLschen
Verfahrens hinzuweisen, nämlich auf die Nachgiebigkeit des Ausbaues. Dazu
154 V. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

kommt aber noch, daß die Anwendung dieses Verfahrens zu Fehlbeurteilungen


führen kann, wenn die gegebenen geologischen Bedingungen nicht beachtet wer-
den. Ein Beispiel möge dies erweisen.
Das Fundament einer Autobahnbrücke in Tirol kam in einem Steilhang
oberhalb des zweigleisigen Patschertunnels der Brennerbahn zu liegen. Der Hang
ist aus Quarzphyllit aufgebaut und läßt schon oberflächlich eine weitgehende
Zerrüttung des Gebirges erkennen. Die Erkundung der geologischen Verhältnisse

,;· ...1'rn, miiclrfige Zone


von l1ylonif- uni! ü:lfenklüffen

vermutliclJe Begrenzung
der Auflockerungszone
_-J_ . . . . . . .
~~
" ,.I
---t"'.::-+
. ,,",
__ 3',
offene Spolten "-
im vorderen Bereich
des fl,uersch/oges
"

Abb. 85. Vermutliche Form der Auflockerungszone beim Patschertunnel der Brennerbahn (auf Grund einer geo-
logischen Aufnahme von Doz. Dr. FUCHS)

erfolgte mit einem Sondierstollen, und von diesem abzweigend wurden Quer-
schläge vorgetrieben. Einer davon erschloß das Gebirge in der Nähe des Patscher-
tunnels. Er ließ in seinem Endstück durch das Auftreten weit geöffneter Spalten
die Grenze des Auflockerungsbereiches deutlich erkennen (Abb. 85). Die Auf-
lockerungszone, die auf die Mängel der seinerzeit gebräuchlichen Tunnelbau-
methoden zurückzuführen ist, hat in diesem Fall keineswegs die von KOMMERELL
angegebene Gestalt, sondern sie folgt bergwärts in schräger Richtung einer
2 -3 m mächtigen Störungszone, die von gehäuften mylonitischen Lettenklüften
gebildet wird. Diese Zone streicht annähernd parallel zur Tunnelachse und fällt
etwa unter 38° ein. Außer der in Abb. 85 eingezeichneten Hauptauflockerungszone
sind sicher noch sekundäre Auflockerungsbereiche hinter den Widerlagern vor-
handen. Der überwiegende, von der Bergseite her wirkende Auflockerungsdruck
hat im Tunnelmauerwerk starke Verdrückungen hervorgerufen. Wäre die Auf-
lockerungszone symmetrisch zur lotrechten Tunnelachse entstanden, dann hätte
sie bei der Nähe der Geländeoberfläche zu einem Tagbruch geführt; ein solcher
ist aber nicht eingetreten.
Wenn man in einem solchen Fall die KOMMERELLsche Berechnungsweise
ohne Rücksicht auf die geologisch gegebenen Bedingungen anwendet, wird
man zu einer statisch unrichtigen Durchbildung des Ausbauquerschnittes ge-
langen.
67. Kennzeichnung der Bemessungsaufgabe bei unnachgiebigem Ausbau 155

67. Kennzeichnung der Bemessungsautgabe bei unnachgiebigem Ausbau


Die Darlegungen der vorangegangenen Abschnitte haben sich mit dem nach-
giebigen Ausbau befaßt, wie er bei der früher allgemein üblichen Zimmerung
von Tunneln und Stollen die Regel bildete. Sobald aber der zeitweilige Ausbau
durch den dauernden ersetzt wird, hört die Nachgiebigkeit im allgemeinen auf.
Dabei ergibt sich die Frage, wie sich nach Beendigung des Auflockerungsvorganges
die Spannungsverhältnisse im Gebirge gestalten. Bei der im Zuge der Absenkung
der Firstverzimmerung erfolgten Durchbewegung des Gebirges hat es durch
Reibungswiderstände im Bruchbereich einen Teil seines Gewichtes auf die seitlich
benachbarten Gebirgsteile übertragen. Nach Beendigung des Auflockerungs-
vorganges ist ein labiler Spannungszustand eingetreten, und es ist zu erwägen,
ob es zum Ausgleich der Reibungsspannungen kommt. In dem Gebirgsbereich,
der eine Gefügestörung erfahren hat, ist die Lagerung lockerer geworden als in
jenem, der in Ruhe geblieben ist. Ob dieser Zustand von Dauer ist, hängt von der
Beschaffenheit des Gebirges ab. In Sand, Kies, Gerölle, Hangschutt oder Block-
werk, wo die Struktur durch unmittelbare Kornberührung gegeben ist, kann ein
konservatives Verhalten erwartet werden; sind aber tonige Zwischenlagen vor-
handen, dann ist unter allen Umständen mit einem Spannungsausgleich zu rechnen.
In beiden Fällen wird überdies das immer vorhandene Bergwasser den Ausgleich
der Reibungsspannungen begünstigen. Wenn nun ein solcher erfolgt, ist mit
einer Druckzunahme im First zu rechnen, d. h. der im Zuge der Absenkung er-
reichte Minimaldruck wächst im Laufe der Zeit wieder an. Experimentelle
Untersuchungen hierüber sind nicht bekanntgeworden, obwohl eine Klarstellung
des Sachverhaltes notwendig wäre. Es ist aber interessant, in diesem Zusammenhang
auf die Firstbelastung hinzuweisen, die BIERBAUMER in der im Abschn. 81 wieder-
gegebenen Zusammenstellung anführt. Der Firstdruck wird nach der Auffahrung
wesentlich größer angegeben als während des Ausbruches. Die Erfahrung be-
stätigt also einen Ausgleich der Spannungen.
Aus diesen überlegungen folgt, daß der Anwendung der auf der Verspannungs-
wirkung beruhenden sogenannten Silotheorie für die Bemessung von dauernden
Tunnel- und Stollenauskleidungen nur ein beschränkter Wert zukommt. Grund-
sätzlich darf sie nur bei nachgiebigem zeitweiligem Ausbau herangezogen werden,
denn der dauernde Ausbau soll nur elastische Formänderungen erfahren.
Etwas geeigneter sind die Berechnungsmethoden unter Zugrundelegung einer
Belastungsfigur, etwa nach KOMMERELL dann, wenn der vorausgesetzte Zustand,
nämlich der freitragende Dom, von dauerndem Bestand ist. Beim Bemessungs-
vorgang ist überdies die Ausbauart von Bedeutung. Bei der herkömmlichen
Stollenzimmerung sind die Elemente der Gespärre, nämlich Kappen, Steher und
u. U. Sohlschwellen gelenkig miteinander verbunden. Der Firstdruck muß durch
den Biegewiderstand der Kappen aufgenommen werden; das gleiche gilt hin-
sichtlich des Ulmen- und Sohlendruckes für Steher und Sohlschwellen. Jedes
dieser Elemente der Zimmerung ist statisch bestimmt gelagert und hat die von
seiner Belastung verursachten Biegebeanspruchungen ohne die Möglichkeit eines
Ausgleiches allein zu übernehmen. Beim endgültigen Ausbau hingegen kommen
Gewölbe, Widerlager und Sohle zur gemeinsamen Wirkung, und für die Aufnahme
des Gebirgsdruckes, ob er nun im First, an den Ulmen allein oder allseitig wirkt,
wird der Ausbau in seiner Gesamtheit in Anspruch genommen.
Darüber hinaus kommt aber noch einem anderen Umstand Bedeutung zu.
Die neueren Methoden des zeitweiligen Ausbaues sind von dem Bestreben ge-
leitet, die Auffockerung des Gebirges nach Tunlichkeit zu vermeiden. Durch die
Anwendung von Felsankerung und Spritzbeton, ferner gegebenenfalls durch den
Schildvortrieb ist man diesem Ziel sehr nahe gekommen; in vielen Fällen hat
man es vollkommen erreicht. Man bemüht sich also Bedingungen zu schaffen,
156 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

die das Gegenteil von dem bedeuten, was man rechnungsmäßig voraussetzt. Da-
mit fallen aber alle Grundlagen für die Berechnung des Auflockerungsdruckes,
nämlich die Verspannung und die Bildung eines Bruchkörpers, und es ergibt sich
die Notwendigkeit, andere Wege zur Ermittlung der Belastung zu suchen, die den
tatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragen. Es hat doch offenbar keinen
Sinn, beim dauernden Ausbau mit einem experimentell ermittelten Minimaldruck
zu rechnen, der erst dann zu erwarten ist, wenn im Bauwerk bereits starke
Zerstörungen aufgetreten sind. Die Anwendung der Silowirkung scheidet daher
bei der Bemessung des unnachgiebigen dauernden Ausbaues aus. Sie ist auch dann
nicht zutreffend, wenn der zeitweilige Ausbau - etwa durch Anwendung von
Spritzbeton - ohne Auflockerung hergestellt werden kann. Es bleibt also für die
Annahme der Silowirkung nur der zeitweilige Holzausbau übrig. Für diesen
werden aber Berechnungen in den seltensten Fällen angestellt. Man bemißt die
Dimensionen der Hölzer erfahrungsgemäß und läßt die Möglichkeit offen, Ver-
stärkungen anzuordnen, sei es durch Zwischengespärre oder Unterzüge usf.
Damit ist die Sachlage gekennzeichnet und man sieht, wie sehr die bisher
vorliegenden Berechnungsmethoden von willkürlichen, oft nicht zutreffenden Vor-
aussetzungen ausgegangen sind. Es muß daher in jedem Falle geprüft werden, ob
diese Berechnungsmethoden auch den gegebenen Verhältnissen entsprechen.
Sicher kommt ihnen nicht jene Bedeutung zu, die man vielfach für sie beansprucht
hat. Im Zuge ihrer Besprechung wird überdies Gelegenheit sein, darauf aufmerksam
zu machen, daß diese Berechnungsweisen auch bei zutreffenden Voraussetzungen
nicht streng richtig sind, sondern manche Inkonsequenz aufweisen. Im besonderen
wird nochmals darauf hingewiesen, daß die Voraussetzungen für diese Berech-
nungsweisen beim Auftreten von echtem Gebirgsdruck keinesfalls gegeben sind.

68. Bemessung des dauernden Ausbaues bei geringer Überlagerungshöhe


Bei geringer Überlagerungshöhe kann für die Bemessung eines nachgiebigen
Ausbaues die Verspannung des Gebirges im Sinne von Abschn. 65 berücksichtigt
werden. Für den dauernden Ausbau ist diese Voraussetzung nicht zutreffend, und
es empfiehlt sich, seiner Bemessung die Bedingung aufzuerlegen, daß der primär
bestehende Spannungszustand erhalten bleibt. Der Spannungszustand ist durch
den lotrechten Druck ygh und durch die waagrechte Pressung Äo'Ygh gekenn-
zeichnet. Hierbei bleibt nur die Frage offen, welchen Wert man der Seitendruck-
ziffer Äo geben soll. Er wird jedenfalls zwischen den RANKINEschen Werten für
den Erddruck ÄRa und für den Erdwiderstand ÄRp liegen. Dabei wird der Wert ÄRp
keinesfalls erreicht werden, sondern der waagrecht wirkende Widerstand, den die
Widerlager im Boden finden, wird durch die Zusammendrückbarkeit des Gebirges
in erster Linie begrenzt. Diese aber ist wieder von der Lagerungsdichte des
Lockergebirges abhängig. Man erkennt also, welche Bedeutung der Bedingung
zukommt, die Auflockerung auch an den Ulmen möglichst zu vermeiden und für
einen satten Anschluß des Widerlagerbetons an das Gebirge zu sorgen. Für die Be-
messungsaufgabe ist es daher zutreffend, die Widerlager nur mit dem Erddruck
zu belasten, der bei gutem Kontakt auf alle Fälle vorhanden ist. Aus diesen
überlegungen folgt ferner, daß es bei geringer überlagerungshöhe doch zweck-
mäßig ist, als Belastung den RANKINEschen Spannungszustand anzuwenden
[157].
Die Lösung der Aufgabe kann rechnungsmäßig oder graphisch erfolgen. Für
den ersteren Fall wird auf die Ausführungen des Abschn. 64 verwiesen; im letzteren
wird zweckmäßig die MOHRsehe Theorie zugrunde gelegt. Das Spannungsnetz
kann hierbei jede beliebige Lage haben. Für die Lösung der gegenständlichen
Aufgabe empfiehlt es sich, das Netz so zu orientieren, daß die Normalspannungs-
achse lotrecht und die Schubspannungsachse waagrecht liegt. Die Strecke OP
69. Bemessung des dauernden Ausbaues bei großer überlagerungshöhe 157

(Abb. 86) stellt dabei die lotrechte Hauptspannung Pu dar. Sie wirkt in einer
waagrechten Ebene, der eine Tangente an den Spannungskreis im Punkt P ent-
spricht. Der Punkt P ist daher der Pol des Spannungszustandes. Um den Span-
nungszustand in irgendeiner geneigten Ebene zu bestimmen, muß man durch P
eine zur jeweiligen Ebene parallele Gerade zeichnen, die den Spannungskreis im
Spannungspunkt SI schneidet. In einem Flächenelement LI SI • 1 herrscht eine
Spannung, deren Größe durch die Strecke OSI bestimmt ist. Die Neigung diescl'
resultierenden Spannung gegenüber dem Lot auf Lls 1 ist durch den Winkel IX 1
bestimmt. Die tatsächliche Richtung kann aus dem MOHRschen Diagramm er-
mittelt werden, indem man im Punkt SI eine Lotrechte zur Flächenrichtung er-
richtet und sie mit der Schubspannungsachse zum Schnitt bringt. Man crhält den
Punkt TI' der mit dem Pol P verbunden, die Richtung der im Flächenelement LI SI
wirkenden resultierenden Spannung ergibt. Der Beweis dafür ist sehr einfach.

P
IT
Abb.86. Zeichnerische Ermittlung der Belastung des dauernden Ausbaues eines Tunnels in kohäsionslosem Locker-
gebirge bei geringer überlagerungshöhe

Beschreibt man über der Strecke T IP einen Halbkreis, so muß dieser durch die
Punkte 0 und SI gehen. Der Winkel, den die resultierende Spannung mit dem Lot
auf das Flächenelement einschließt, PT IS1> ist als Peripheriewinkel gleich dem
Winkel POS1 •
Die Spannung im Scheitelpunkt des Gewölbes ist lotrecht gerichtet, und ihre
Größe ist durch die Strecke OP gegeben. Die Spannungen in den lotrechten Rück-
flächen der Widerlager sind waagrecht und durch die Strecke OQ gegeben. Es
bleibt nur noch die Aufgabe, die verschiedenen Höhenlagen der einzelnen Flächen-
elemente Lls zu berücksichtigen. Das geschieht in der Weise, daß man in der Abb. 86
die Strecke OP gleich der Einheit wählt. Die auf das Flächenelement von der
Größe LI SI . 1 wirkende Kraft ist daher
(26)
Für die Durchführung der Berechnung wird man den ganzen äußeren Umfang
des Mauerquerschnittes in Flächenelemente Lls n aufteilen, für die Mitte jedes
Elementes die Spannung, gegeben durch die Größe
an = Zn aSn Yg (27)
ermitteln und daraus die angreifenden Kräfte errechnen.

69. Bemessung des dauernden Ausbaues bei großer Überlagerungshöhe


Alle Berechnungsverfahren für die dauernde Auskleidung eines Tunnels oder
Stollens im kohäsionslosen Lockergebirge gehen von der Voraussetzung aus, daß
sich von den Fußpunkten der Widerlagerrückflächen beginnend, Gleitflächen
+
entwickeln, die unter dem Winkel 45° f!g/2 gegen die Waagrechte geneigt sind
158 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

(Abb. 87). Diese Annahme ist nur näherungsweise gültig, weil ja bei unnachgiebi-
gem Ausbau keine Gleitbewegung eintreten kann. Sie ist aber damit zu recht-
fertigen, daß beim Ausbruch infolge der Nachgiebigkeit des zeitweiligen Ausbaues
eine Gleitbewegung eingeleitet wurde. Die Annahme des Winkels 45° (1/1/2 +
stellt gleichfalls nur eine Näherung dar, weil die Gleitfläche am fußpunkt der
lotrechten Widerlagerfläche diese Neigung nur dann haben kann, wenn zwischen
Gebirge und Auskleidung keine Reibung besteht. Eine solche ist aber immer
vorhanden, ihr Wirkungsbereich ist aber nicht sehr groß, so daß in einiger Ent-
fernung von der Wand die gekrümmt beginnende Gleitfläche in die ebene, unter
+
dem Winkel 45° (lg/2 geneigte Gleitfläche übergeht. Durch die beiden Gleit-
flächen AB und AlBl werden zu beiden Seiten der Tunnelauskleidung Gebirgs-
teile begrenzt, die Auflasten q zu
tragen haben, zu deren Berechnung
verschiedene Wege offenstehen, die
aber nur einen Behelf darstellen,
weil sie der gegebenen Bedingung,
nämlich der Unnachgiebigkeit des
dauernden Ausbaues nicht gerecht
werden.
a) Am einfachsten ist die Methode,
die sich einer aus dem Bruchkörper
hergeleiteten Belastungsfigur be-
dient. Wie früher gezeigt wurde,
schlägt KOMMERELL dafür eine Halb-
ellipse vor, die festgelegt ist, wenn
man die halbe große Achse a, also
die Höhe der Belastungsfigur über
dem First kennt. Von diesem ellip-
Abb.87. Belastung des dauernden Ausbaues eines Tunnels
im kohäsionslosen Lockergebirge und gebrechem Gebirge
tisch begrenzten Bruchkörper be-
bei großer Vberlagerungshöhe nach KOMMERELL lastet nur der mittlere Streifen P
unmittelbar das Gewölbe, während
die beiden seitlichen Streifen Q auf den obenerwähnten Gleitkeilen ausruhen.
Vorerst wird der Erddruck auf die Fläche Al Cl bestimmt. Er setzt sich aus
zwei Teilen zusammen. Aus dem Erddruck des Keiles AlBlCl unä aus der Auflast.
Der erstere Anteil ist

(28)

Der zweite rührt von der Auflast Q her, die sich aus den seitlichen Flächenteilen
der elliptischen Belastungsfigur ergibt. Wenn man die vereinfachte Annahme
trifft, daß die gesamte Belastung Q zu einem gleichförmig verteilten Erddruck
führt, so folgt
E Q = Q tan (450 _ ~11). (29)

Damit kann man die Belastungsfigur der auf die Fläche AIOI wirkenden
waagrechten Kräfte zeichnen. Sie besteht aus einem Rechteck mit den Seiten-
längen h. und
(30)
und der Erddruckfigur
(31)
69. Bemessung des dauernden Ausbaues bei großer Überlagerungshöhe 159

Aus den beiden Belastungsfiguren kann man dann die Belastung für jedes Flächen·
element .18 ermitteln. Sie setzt sich aus einer lotrechten und einer waagrechten
Komponente zusammen, die sich wie folgt ergeben
L1p" = L1F"Yg
L1Ph = .1 FhYg. (32)

Damit ist die Belastung der Tunnelauskleidung bestimmt. Das eingeschlagene


Berechnungsverfahren ist sehr einfach und übersichtlich. Voraussetzung für seine
Anwendbarkeit ist aber, daß sich ein Bruchkörper bildet und daß sich das ihn um·
gebende Gebirge freitragend erhalten kann. Wenn
dies nicht der Fall ist, dann sind außer dem Gewicht
des Bruchkörpers noch Kräfte zu berücksichtigen,
die an seiner Grenze übertragen werden. Abgesehen
davon bleibt aber die Höhe der Belastungsfigur immer
problematisch.
b) Ein zweiter Weg zur Bestimmung der Be.
lastung q ergibt sich aus der Berücksichtigung der
Verspannungserscheinungen. Bei der vorausgesetzten
großen Tiefenlage des Tunnels unter der Gelände.
oberfläche erstreckt sich der Verspannungsvorgang
nur bis zu einer begrenzten Überlagerungshöhe über
dem First, die mit k1 bezeichnet wird (Abb. 88). Die
darüberliegende Gebirgsschicht von der Mächtigkeit :'-zb-:
k 2 erfährt durch die Ausbrucharbeiten keine Störung Abb. 88. Belastung eines verzimmer-
ten Stollens im kohäsionslosen Lok-
des Gefüges und übt daher den der überlagerungs. kergebirge nach TERZAGID [144b]
höhe entsprechenden Druck y g k 2 auf jede waag.
rechte Fläche aus. Unter Berücksichtigung dieses Umstandes ergibt sich der in
der Höhe des Tunnelfirstes wirkende Druck zu

_ ygB ( hl)
-}. B" tan Og h,
B"tan
+y
-}. Og
q --
't-- 1 - ß g k2 ß , (33)
'" an!.lg
wobei B aus GI. (17) im Abschn. 65 zu entnehmen ist.
Der in diesem Ausdruck enthaltene Beiwert A. ist, wie früher erwähnt, nahezu gleich
der Einheit (Abschn. 40 u. 41).
Wenn die Verspannungszone eine Höhe h1 erreicht, die etwa 20% der gesamten
+
überlagerungshöhe h1 h2 beträgt, wird der zweite Ausdruck in der obigen
Gleichung vernachlässigbar klein; der erste Ausdruck ist für alle Werte von k 1
kleiner als sein ausgeklammerter Teil
ygB
Atan!.lg·

Aus diesem Grunde bleibt der Wert des Druckes q im kohäsionslosen Locker.
gebirge immer unter dem Grenzwert
ygB
qmax = ;. tau Pg • (34)

Wenn im Boden Kohäsion vorhanden ist, dann gilt


ygB-c
qmax = A tan !.Ig • (35)

Die weitere Berechnung kann in der gleichen Weise durchgeführt werden


wie früher. Die Bela.stung q ist aber gleichmäßig verteilt, und dem Größtwert
160 v. Bemessung bei kohäsionslose'm Lockergebirge
qmax entspricht eine Belastungshöhe von

h _qmax_~ (36)
max - Yg - Atan(!g·

Für A = 1 ergeben sich bei verschiedenen Annahmen des Winkels des inneren
Gleitwiderstandes eg folgende Werte für die überlagerungshöhe hmax , wobei B
aus GI. (17) entnommen wurde.

Tabelle 15. Abhängigkeit der wirk8amen Überlagerung8höhe vom Winkel.de8 inneren Gleitwider-
8tande8 für den dauernden Tunnel- oder Stollenausbau bei großer Überlagerung8höhe

Winkel des inneren Wirksame iJberlagerungshöhe


Gleitwiderstandes eg hmax.

1,73b+1,OOhs
1,43b+O,74hs
1,19 b + 0,56 h s
+
1,00 b 0,41 h"

Die wirksame überlagerungshöhe hmax ist auf Grund des dargelegten Berech-
nungsvorganges sowohl von der Breite als auch von der Höhe des Tunnelaus-
bruches abhängig. TERZAGID bringt in einer Zusammenfassung Angaben über den
Firstdruck, die an einer späteren Stelle wiedergegeben werden (Abschn. 81). Aus
diesen Angaben mögen nur jene herausgegriffen werden, die für kohäsionsloses
Lockergebirge gelten, u. zw. für dichtgelagerten Sand die wirksame über-
lagerungshöhe von hmax= 0,62 (b +
h s ) bis 1,38 (b +
h s ) und für lockeren Sand
hmax = 1,08 (b + h s ) bis 1,38 (b +
h s ). Diese Werte sind von der gleichen Größen-
ordnung wie die Angaben der obigen Tabelle.

70. Theorie der plastischen Zonen im Lockergebirge


Für die Bemessung von Tunnel- und Stollenauskleidungen im kohäsionslosen
Lockergebirge bei größeren überlagerungshöhen sind eine ganze Reihe von
Theorien aufgestellt worden, von denen in den vorangegangenen Darlegungen
berichtet wurde, soweit sie heute noch Bedeutsamkeit besitzen. In jeder von ihnen
steckt irgendein brauchbarer Gedanke, aber keine entspricht vollauf den Be-
dingungen, die für die Bemessung des unnachgiebigen dauernden Ausbaues gelten.
Es scheint fast, als ob der bisher eingeschlagene Weg keine weitere Entwicklung
zuließe. Wohl besteht die Möglichkeit, durch umfangreiche Versuche einer Lösung
des Problems näher zu kommen, aber es ist durchaus denkbar, daß auch mit dieser
empirischen Hilfe ein befriedigendes Ergebnis nicht erzielt werden kann, weil die
Mannigfaltigkeit der naturgegebenen Bedingungen zu groß ist.
Es soll deshalb versucht werden, auf eine andere Weise an die Lösung der
Aufgabe heranzukommen. Dabei müssen Homogenität und Isotropie des un-
gestörten Gebirges als Voraussetzungen gelten. Der lotrechte überlagerungsdruck
ist durch die Beziehung Pli = Yg h und der Seitendruck durch Ph = AoYg h gegeben,
wobei die Ruhedruckziffer Ao unter den gegebenen Voraussetzungen hinsichtlich
der Beschaffenheit des Gebirges konstant ist. Diese Ruhedruckziffer ist größer als
der RANKINEsche Wert ARa.
Für das als vollständig kohäsionslos vorausgesetzte Gebirge gilt das Cou-
LOMBsche Gesetz
T = O'taneg. (37)

Die Grenzlinie im MOHRSchen Diagramm ist dann eine Gerade.


70. Theorie der plastischen Zonen im Lockergebirge 161

Nun wird angenommen, daß ein Ausbruch mit kreisförmigem Querschnitt


vom Halbmesser r 0 vorgenommen wird, wobei eine Stabilisierung des Gebirges
durch einen drehsymmetrischen Innendruck auf die Mantelfiäche des Ausbruches
Po erfolgt. Die elastischen Spannungen werden unter der Voraussetzung großer
Überlagerungshöhe, also ohne Berücksichtigung der Massenkräfte berechnet. Sie
werden aus Abschn. 78 entnommen und betragen

11, = ~v [(1 - ( 2 ) (1 + Ao) + a 2 p + (1 - 4a 2 + 3(4 ) (1 - Ao) cos 29']

11, = ~v [(1 + ( 2 ) (1 + AO) - a2p - (1 + 3(4 ) (1 - AO) cos 29'] (38)

Hierbei wurde der Widerstand der Auskleidung, der voraussetzungsgemäß dreh-


symmetrisch wirkt, durch die Größe
2p
p=_o (39)
PI)

berücksichtigt. In den GI. (38) bedeutet a das Verhältnis ro:r, wobei r der Halb-
messer jenes Punktes ist, für den die Spannungen gelten.

lautet, sofern man u = setzt °


Die aus dem MOHRSchen Diagramm ablesbare Plastizitätsbedingung (Abb. 37)

(40)

Wenn man die Spannungen gemäß GI. (38) in die Plastizitätsbedingung GI. (40)
einsetzt, erhält man die Beziehung

wobei zur Vereinfachung die Hilfsgröße

(42)

eingeführt wurde. Die GI. (41) definiert für bestimmte Werte von AO' p und (!g eine
Relation zwischen a = r 0: rund 9' und damit Linien, für die die Grenzbedingung
gerade erfüllt ist. Man ka:nn nun näherungsweise annehmen, daß diese Linien die
latent-plastisch werdenden Gebiete von den elastischen Bereichen abgrenzen.
Diese Art der Bestimmung der plastischen Zonen ist streng nicht richtig, weil ja
in den latent-plastischen Bereichen die Spannungen der Grenzbedingung ent-
sprechen müssen. Aber man kann damit doch gewisse Anhaltspunkte für die
Form der plastischen Zonen gewinnen. Dies soll an einem Beispiel geschehen,
dem die folgenden Annahmen zugrunde liegen: Der Winkel des inneren Gleit-
widerstandes sei (!g = 30°. Der Widerstand der Auskleidung betrage p = 0,
womit angenommen wird, daß das Lockergebirge jene Spur von Kohäsion besitzt,
die gerade ausreicht, um den Ausbruch kurzfristig ohne Ausbau zu belassen.
Für die Seitendruckziffer seien die Werte AO = 0,30, 0,35, 0,40 und 0,45 an-
genommen. Die plastischen Zonen werden nur für den oberen Teil des den Aus-

11 Kastner, Statik
162 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

bruchsquerschnitt umgebenden Gebirges gezeichnet (Abb. 89). Für den unteren


Teil würden sie nicht entsprechen, weil ja die Massenkräfte vernachlässigt wurden.
Eine Behandlung des Problems unter Berücksichtigung der Zunahme des über-
lagerungsdruckes ist nicht möglich. Der Druck Pv wird zweckmäßigerweise für den
First des Ausbruches bestimmt und der Berechnung zugrunde gelegt.
Für alle Werte von Äo um-
fassen die plastischen Bereiche
den ganzen Querschnittsum-
D,JC
fang und sind nicht, wie dies
im Fels häufig vorkommt, in
den Firstteilen unterbrochen.
Für Äo = 0,45 bleiben sie inner-
halb enger Grenzen, mit ab-
nehmendem Äo erweitern sie
sich unter etwa 45° gegen die
Waagrechte und erfassen für
Äo= 0,3 den größten Teil des
umgebenden Gebirges, wobei
nur ovale Gebiete in den Quer-
schnittsachsen inselförmig ela-
stisch bleiben. Dies scheint
ein Widerspruch zu sein, weil
Abb. 89. Plastische Bereiche in der Umgebung eines kreis quer- der RANKINEsche Wert der
schnittigen Tunnelausbruches in nahezu kohllsionslosem Lockerge-
birge bei verschiedenen Werten der Ruhedruckziffer A. ohne Be- Seitendruckziffer für {!g = 30°,
rücksichtigung des Widerstandes einer Ausmauerung ÄRa = 0,33 beträgt. Es wäre
also anzunehmen, daß für
Äo = 0,3 fast der gesamte Halbraum latent-plastisch wird. Dies tritt aber nicht ein
und die Ursache ist darin zu suchen, daß durch die Annahme (fra =
symmetrischer Zustand geschaffen wird, während der RANKINESehe plastische
° ein dreh-

Zustand wegen der Verschiedenheit von P" und Pv nicht drehsymmetrisch sein
kann.
Bemerkenswert ist die starke Abhängigkeit der Form und Ausdehnung der
plastischen Zonen von der Seitendruckziffer Äo.

71. Bemessung nach der Theorie der plastischen Zonen


Wenn man nunmehr versucht, durch einen drehsymmetrisch angenommenen
Innendruck Pa bzw. durch den entsprechenden Wert von ft = 2pa:Pv die plasti-
schen Zonen in der Umgebung des Ausbruchsquerschnittes zu beseitigen, so tritt
dies zuerst im First ein und später an den Ulmen. Nachdem der Druck Pa dreh-
symmetrisch angenommen wurde, weil sonst eine theoretische Behandlung
wenigstens in einfacher Form kaum möglich ist, gelingt es nicht, den Ausbruchs-
rand in seiner ganzen Ausdehnung in den elastischen Zustand überzu-
führen, da ja dem primären Spannungszustand die Drehsymmetrie fehlt. Die Aus-
schaltung des plastischen Verhaltens an den Ulmen erfordert einen Widerstand,
der im Firstbereich bereits einen passiv plastischen Zustand des Gebirges zur
Folge hat. Dies soll rechnerisch dargelegt werden. Ausgangspunkt dafür bildet die
GI. (41). Zunächst wird die Bedingung untersucht, unter der das plastische Ver-
halten an den Ulmen ausgeschaltet wird. Hierfür gilt rp = 90°, cos 2rp = - 1.
Nachdem der Spannungszustand am Ausbruchsrand untersucht wird, ist ferner

(43)
71. Bemessung nach der Theorie der plastischen Zonen 163

zu setzen. Unter dieser Voraussetzung nimmt die GI. (41) folgende Form an

1 _ 2 [1 + A o - ft ~
4 (1 - Ao) W
_ 1+ Ao sin2 (1g] _
2 (1 - Ao) W

_ (1 + Ao -
4(1 - Ao)2
ft)2 ~
W
+ (1 + Ao )2
(1 - Ao)24w
sin2 (1g = ° •
(44)

Nach einer einfachen Umformung erhält man folgende quadratische Gleichung

(1 + Ao - ,u)2+ 4(1 - Ao)(l + 20 -,u) - 4(1 - Ao)2 w -


- 4 (1 - Ao) (1 + Ao) sin 2(!g - (1 + Ao)2 sin 2(!g = 0. (45)

Unter Berücksichtigung des Umstandes, daß

W = (X sin 2(!g +2 - 3 (X2 = sin 2 (!u - 1 (46)

wird, nimmt sie die Form

(1 + Ao - ,u)2+ 4(1 - Ao) (1 + Ao-,u) - (A o - 3r.!sin 2(!g +


+ 4(1 - Ao)2= 0 (47)

an. Ihre Lösung ergibt schließlich die einfache Bedingung dafür, daß an den
Ulmen der plastische Bereich verschwindet

(48)

Für verschiedene Werte von Ao und (!g folgen die in der nachstehenden Tab. 16
angeführten Werte von ,u/2. Dabei wurde der dem negativen Vorzeichen von
sin (}g entsprechende kleinere Wert von ,u/2 in Betracht gezogen; er gilt für das
Verschwinden der aktiven plastischen Zonen an den Ulmen. Das positive Vor-
zeichen von sin (!g liefert einen größeren Wert von ,u/2' der das Auftauchen von
passiven plastischen Zonen an den Ulmen anzeigt; er ist aber für die vorliegende
Untersuchung ohne Belang.

Tabelle 16. Verhältnis der wirksamen Überlagerungshöhe zum primären lotrechten Überlagerungs-
druck in Abhängigkeit von der Ruhedruckzifjer, ermittelt unter der Bedingung, daß die plastischen
Zonen an den Ulmen verschwinden

1'/2 für eq ~
A,
40·

0,30 0,675 0,575 0,482 0,395


0,35 0,663 0,565 0,473 0,388
0,40 0,650 0,554 0,464 0,381
0,45 0,638 0,544 0,455 0,373
0,50 0,625 0,533 0,447 0,366

Nachdem ,u = 2pa:Pv gewählt wurde, folgt für das Verhältnis Pa:Pv = ,u/2.
Setzt man schließlich Pv = Ygh, wobei h die überlagerungshöhe in der waagrechten
Querschnittsachse ist, so ergibt sich

(49)

das heißt also, daß beispielsweise für (1g = 35° und Werte von Ao, die zwischen
0,30 und 0,50 liegen, zur Erfüllung der Bedingung, daß die plastische Zone an den

11*
164 V. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge

Ulmen verschwindet, ein drehsymmetrischer Widerstand notwendig ist, der


zwischen 0,575 ygh und 0,533 ygh liegt. Hierbei fällt auf, daß der erforderliche
Widerstand mit wachsenden Ao-Werten keine besonders starke Veränderung er-
fährt.
Die aus der obigen Tabelle ersichtlichen Werte für p,f2 sind verhältnismäßig
groß. Es muß aber bedacht werden, daß es sich nicht um eine wirkliche Belastung
des Tunnelausbaues handelt, denn eine solche wird in strenger Form nie erfaßt
werden können, sondern daß ein Stabilitätsproblem vorliegt. Bei einem solchen
kann man sich mit einem niedrigeren Sicherheitsgrad begnügen als in der Statik
der Baukonstruktionen mit einer erfaßbaren tatsächlichen Belastung.
In ähnlicher Weise kann man auch die Bedingung ermitteln, unter der im
Firstbereich die plastische Zone verschwindet. Hierfür gilt

cp = 0, cos 2cp = 1, r = ra, a = 1. (50)

Damit nimmt die GI. (41) folgende Form an:

1 + [1 + Ao - p, _ (1 + Ao) Sin2!1 u] _
(1 - Ao) W (1 - Ao) W

_ (1 + Ao - p,)2 + (1 + Ao)2 sin2eg = 0


(51)
4(1 - Ao)2 W (1 - Ao)2 W •

Daraus folgt die quadratische Gleichung

(1 + Ao - fl)2- 4(1 - }'o) (1 + Ao - fl) - 4(1 - ;'0)2 W +


+ 4 (1 - Ao) (1 + Ao) sin 2(!g - (1 +Ä O)2 sin 2(!g = O. (52)

Mit Berücksichtigung des Umstandes, daß wie früher gemäß GI. (46)

(53)

gilt, erhält man die Bedingungsgleichung für fl

Ihre Lösung lautet


(53)

Hinsichtlich des Vorzeichens von sin (!g gilt sinngemäß das oben zu GI. (48)
Gesagte.
In gleicher Weise wie früher läßt sich für wechselnde Werte von AO und {!g
mit Hilfe der nachfolgenden Tabelle fl/2 und daraus der Widerstand Pa ermitteln,
der zum Verschwinden der plastischen Zone im Firstbereich führt.

Tabelle 17. Verhältnis der wirksamen Überlagerungshöhe zum primären lotrechten Überlagerungs-
druck in Abhängigkeit von der Ruhedruckzifjer, ermittelt unter der Bedingung, daß die plastischen
Zonen im Firstbereich verschwinden

'" 30° I 35° 40 0 45°


I

0,30 -0,025 -0,021 -0,018 -0,015


0,35 +0,013 +0.011 +0,009 +0,008
0,40 0,050 0,043 0,036 0,029
0,45 0,088 0,075 0,063 0,052
0,50 0;125 0,107 I 0,089 0,073
71. Bemessung nach der Theorie der plastischen Zonen 165

Die Werte liegen viel niedriger, als jene der früheren Tab. 16. Im Firstbereich
verschwindet daher die plastische Zone bei einem sehr geringen drehsymmetrischen
Widerstand Pa' Sie taucht aber bei weiterer Steigerung von Pa wieder auf, wobei
es sich um einen passiv-plastischen Zustand handelt.
Nunmehr ist die Frage zu klären, ob das Verschwinden des plastischen Zu-
standes im First oder an den Ulmen für die Ermittlung des erforderlichen Wider-
standes der Ausmauerung maßgebend ist. Ihre Beantwortung wird durch die
Überlegung ermöglicht, daß eine Verspannungserscheinung über dem First
vorliegt, die eine starke Belastung der Ulmbereiche des Gebirges zur Folge hat.
Die Erhaltung des elastischen Zustandes ist daher dort besonders wichtig, wes-
halb auch die erste durch GI. (48) ausgesprochene Bedingung heranzuziehen ist.
Das Entscheidende bei dieser Betrachtungsweise ist, daß die Gebirgsbe-
schaffenheit nur durch zwei Größen definiert wird, den Winkel des inneren
Gleitwiderstandes (!g, für den man gute Anhaltspunkte besitzt und die Ruhedruck-
ziffer Ao. über letztere sind zwar weniger verläßliche Angaben vorhanden, ihr
Einfluß ist aber nicht sehr groß. Von ausschlaggebender Bedeutung scheint je-
doch zu sein, daß die neuen Bauweisen es ermöglichen, den Tunnel. oder Stollen-
aWlbau mit sehr geringer Auflockerung auszuführen bzw. entstandene Hohl-
räume durch Injektionen zu verschließen, so daß der ·Wert Ao durch die Aus-
bruchsarbeiten nur in geringem Maße beeinträchtigt und die Einleitung von Gleit-
bewegungen unterbunden wird.
Es besteht aber noch ein anderes Kriterium, das für die Bemessung einer
Tunnel- oder Stollenausmauerung im kohäsionslosen Lockergebirge herangezogen
werden kann. Für den Gebirgsdruck sind die kreuzförmig sich erweiternden plasti-
schen Zonen von großer Bedeutung. Sie können durch den Widerstand der Ausklei-
dung in ihrer Form nur in der Nähe des Ausbnwhsrandes entscheidend beeinflußt
werden, und da zeigt sich nun, daß diese Bereiche bei einem bestimmten dreh-
symmetrischen Widerstand Pa abgeschnürt werden und ihren Zusammenhang
mit den kleinen, sich an den Ausbruchsrand anschmiegenden plastischen Zonen
verlieren. Diese kleinen randlichen Restbereiche sind für den Bestand des Bau-
werkes nur von geringer Bedeutung. In den großen abgeschnürten Bereichen,
sofern solche verbleiben, sind aber die Gleitflächen gesperrt; eine Gleitbewegung
ist verhindert. Solche inselförmige plastische Enklaven kommen auch in der
Natur sicher vielfach vor.
Um die Tragkraft der dargelegten Gedankengänge zu festigen, wird ein weiteres
Beispiel gebracht (Abb. 90).
Für die Ruhedruckziffer wird der mittlere ·Wert Ao = 0,45 gewählt und der
Winkel des inneren Gleitwiderstandes betrage (}g = 35°. Diese beiden Werte
reichen aus, um die statische Beurteilung des Ausbaues durchzuführen. Mit Hilfe
der GI. (41) werden für ß = 2pa: Pv, also für das Verhältnis des doppelten dreh-
symmetrisch wirkenden Widerstandes der Ausmauerung zum lotrechten über-
lagerungsdruck folgende Annahmen getroffen: ß = 0,0, 0,2, 0,4, 0,6, 0,8 und
1,0, die Grenzen der plastischen Zonen berechnet und in der Abb. 90 dargestellt.
Es zeigt sich, daß sich die plastischen Zonen auf die Ulmbereiche zurückziehen
und dort bei einem Wert von p, der zwischen 1,0 und 1,2 liegt, verschwinden.
Die genaue Berechnung des p-Wertes, bei dem dies eintritt, ergibt sich aus der
Tabelle 16 zu p = 1,09, entsprechend einem drehsymmetrisch wirkenden Innen-
druck von
Pa =~- Pv = 0,544pv·

Gleichzeitig sind aber, beginnend mit dem Wert ß = 0,8 passive plastische
Zonen entstanden, die für die gegenständliche Untersuchung ohne Bedeutung
sind. Das Schrumpfen der plastischen Zonen ist zwischen den Werten 0,4 und 0,6
166 v. Bemessung bei kohäsionslosem Lockergebirge
besonders stark, und es wurde daher zusätzlich noch die Grenze für p, = 0,5 er-
mittelt und in der Abb.90 strichliert eingetragen. Dabei zeigt sich, daß für
p, = 0,6 die plastische Zone
+Pv so weit zusammengeschrumpft
ist, daß ihre Auswirkung be-
-0
t -
'" P' -.t P
tJ V
deutungslos wird. Wenn man
also die Auskleidung für

p, = 0,6
dimensioniert, so entspricht
dies einem drehsymmetrischen
Widerstand der Auskleidung
von
Pa = 0,3Yg h. (54)

Voraussetzungsgemäß sind
die angestellten überlegungen
aber nur dann gültig, wenn die
überlagerungshöhe im Ver-
gleich zu den Abmessungen
Abb. 90. Plastische Zonen in der Umgebung eines kreisquer-
schnittigen Tunnelausbruches in kohäsionslosem Gebirge bei Be- des Hohlraumes groß ist. An-
rücksichtigung des Widerstandes der Ausmauerung
derseits ist aber die Mächtig-
keit von Schichten vollständig
kohäsionslosen Gebirges begrenzt. Sie wird etwa 100 m nicht wesentlich über-
schreiten. Bei dieser überlagerungshöhe würde sich eine rechnungsmäßige Be-
lastung des Ausbaues entsprechend einer Höhe von 30 m ergeben.

72. Formgebung und Ermittlung der Spannungen


Die QuerschnittsfQrmen, die man bei Auftreten von Auflockerungsdruck
wählt, sind verschieden. Bei geringer überlagerung kann das nach der Drucklinie
geformte Maulprofil in Betracht kommen, aber meist nur dann, wenn das unter-
tägige Bauwerk in offener Baugrube hergestellt wird. Sonst sind im allgemeinen
der Hufeisenquerschnitt oder das hochgestellte Ovalprofil die Regel.
Bei Tunneln oder Stollen, die sehr tief im kohäsionslosen Lockergebirge aus-
zuführen sind, kann der Kreisringquerschnitt mit verstärkten Widerlagerfüßen,
d. h. entsprechend ausgebildeten Aufstandsflächen der Widerlager, in Betracht
kommen.
Die Ausmauerung eines Tunnels oder Stollens ist in der Regel dreifach statisch
unbestimmt. In den älteren Lehrbüchern des Tunnelbaues wird die Berechnung
der Ausmauerung mit Hilfe der Drucklinie durchgeführt, wobei man deren Ver-
lauf derart festlegt, daß sie überall im Kern der Querschnitte bleibt, Damit wird
erzielt, daß im Mauerwerk keine Zugspannungen auftreten. Als weitere Bedingung
hat zu gelten, daß die auftretenden Druckspannungen nirgends die zulässigen
Grenzen überschreiten. Diese Bedingungen müssen durch die Formgebung er-
reicht werden. Die Drucklinie soll sich der Achse des Mauerungsquerschnittes
möglichst anschmiegen. Die erwähnten Bedingungen geben die Möglichkeit, das
Gewölbe fürjede versuchsweise'gezeichnete Drucklinie statisch bestimmt anzusehen,
dadurch daß man ihre Durchgangspunkte im Scheitelquerschnitt und an denKämp-
ferflächen willkürlich wählt und damit den dreifach statisch unbestimmten Maue-
rungsquerschnitt zu einem Dreigelenkbogen macht. Dabei ist zu bedenken, daß
der tatsächliche Verlauf der Drucklinie von der unter einem derartigen Zwang
entstandenen Lage stark abweicht. Es ist daher ratsam, insbesondere für größere
73. Zusammenfassung 167

Querschnitte, eine strenge Berechnung nach der Gewölbetheorie durchzuführen;


hierzu eignet sich das Verfahren, das WIEDEMANN [157] in Anlehnung an die heute
allgemein übliche Berechnungsweise für massive Wölbbrücken angegeben hat.
Einzelheiten über diese bekannte Aufgabe der Baumechanik brauchen hier nicht
wiederholt zu werden.
73. Zusammenfassung
Die vorliegenden und in den Abschn. 62 -66 behandelten älteren Berech-
nungsweisen für die Belastung eines Tunnels oder Stollens im kohäsionslosen
Lockergebirge gehen fast ausschließlich von der Voraussetzung aus, daß der Aus-
bau nachgiebig ist und Bewegungen im Gebirge auslöst, die zu Verspannungs-
erscheinungen führen oder die Abtrennung eines Bruchkörpers bewirken. Dies
ist beim traditionellen zeitweiligen Holzausbau zu erwarten, stellt aber nachneueren
Gesichtspunkten eine unerwünschte Störung des Gebirges dar. Aus diesem Grunde
ist man gegenwärtig bestrebt, die Auflockerung des Gebirges auch durch den zeit-
weiligen Ausbau nach Tunlichkeit zu vermeiden, und diese Forderung ist mit den
neueren Bauweisen auch in weitgehendem Maße erreichbar. Auf alle Fälle muß
aber die Auflockerung mit der Anordnung des endgültigen Ausbaues im großen
und ganzen abgeschlossen sein. Hohlräume zwischen Mauerung und Gebirge sollen
verschlossen werden, und auch das Verbleiben von Holzteilen ist unerwünscht,
weil sie die Ursache einer späteren Auflockerung bilden. Wenn aber Getriebe-
zimmerung nicht vermeidbar ist, dann soll man Stahlpfähle und Stahlrüstung
verwenden und alle doch entstehenden Hohlräume durch Zementmörtelinjek-
tionen verschließen. Es ist also heute als baulicher Grundsatz zu werten, die Auf-
lockerung während der Ausbruchsarbeiten nach Tunlichkeit und nach erfolgtem
Abschluß der Mauerungsarbeiten unbedingt zu vermeiden. Damit fällt aber die
Voraussetzung für die älteren Berechnungsweisen und es bleiben nur folgende
Möglichkeiten offen:
a) Bei geringer überlagerungshöhe wird man die auf den Ausbau wirkenden
Belastungen derart wählen, daß sie den ursprünglichen primären Spannungs-
zustand im Gebirge wieder herzustellen vermögen. Man wird also, nachdem tek-
tonische Spannungen nicht in Betracht kommen, die lotrechte Spannung Po = Y gh
und die waagrechte Ph = Aoygh wählen. Sollte hinsichtlich der Ruhedruck-
ziffer Ao Ungewißheit bestehen, so wird man dafür den RANKINEschen-Wert )'Ra
in Betracht ziehen, der kleiner ist als die Ruhedruckziffer Ao• Die Querschnitts-
form wird bei geringer überlagerungshöhe, der Belastung angepaßt, ein Maul-
profil oder ein Eiprofil sein.
b) Bei größerer überlagerungshöhe gibt die Theorie der plastischen Zonen eine
Möglichkeit die Belastungen zu ermitteln. Nachdem hierbei die Massenkräfte keine
entscheidende Rolle spielen, wird man den Querschnitt der Kreisform mehr
nähern und jene radiale Pressung als Belastung annehmen, die imstande ist, die
plastische Zone an den Ulmen zum Verschwinden zu bringen. Diese Belastung
ist keine tatsächliche, sondern nur eine rechnungsmäßige. Aus diesem Grunde
kann man den Sicherheitsgrad 'V entsprechend niedriger ansetzen als er bei son-
stigen Bauten üblich ist; ein Wert von 'V = 1,5 sollte dabei aber als unterste
Grenze gelten. Diese Berechnungsweise hat den Vorzug, daß sie streng ist, denn
mit dem Verschwinden der plastischen Zonen fällt auch die bei ihrer Ermittlung
getroffene und nur näherungsweise gültige Voraussetzung, daß sekundär nur
elastische Spannungen herrschen, weg. Nun sind aber sicher plastische Zonen von
geringer Ausdehnung in der Nähe des Ausbruchsquerschnittes für den Bestand
des Bauwerkes bedeutungslos. Deswegen genügt auch ein geringerer Sicherheits-
grad. Man kann aber überdies zur Kontrolle jene radiale Pressung ermitteln, die
ein rasches Schrumpfen ausgedehnterer plastischer Zonen herbeiführt (Abb.90).
In diesem Fall wird sich der Sicherheitsgrad höher ergeben als früher angeführt.
168 VI. ßemessllllg bei echtem Gebirgsdruck

Kapitel VI

Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

74. Allgemeine Gesichtspunkte


Bei der Besprechung der Gebirgsdruckerscheinungen wurde, abgesehen vom
Schwelldruck, im großen und ganzen zwischen dem Auflockerungsdruck und dem
echten Gebirgsdruck unterschieden. Wenn man die Methoden überblickt, die zur
Berechnung von Tunnel- und Stollenauskleidungen früher entwickelt wurden, so
kann man feststellen, daß diese fast ausschließlich auf den Erscheinungen des
Auflockerungsdruckes beruhen und von der Erddrucklehre ausgehen. Die dabei
gewonnenen Ergebnisse wurden dann bedenkenlos auf den Fall des echten Ge-
birgsdruckes angewendet, obwohl es sich bei diesem um eine grundsätzlich andere
Erscheinung handelt. Die Aufgabe der Verzimmerung oder Ausmauerung eines
Tunnels oder Stollens besteht bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck nicht in
der Aufnahme einer Belastung, sondern darin, daß das Gebirge zur tragenden Mit-
wirkung herangezogen bzw. daß diese tragende Mitwirkung sichergestellt wird.
Dem Ausbau fällt demnach die Aufgabe zu, die plastische Durchbewegung des
Gebirges zu hemmen oder die Möglichkeit einer solchen Durchbewegung von vorne-
herein zu verhindern. Nachdem das Gebirge dabei in der Umgebung des Aus-
bruchshohlraumes in einer mehr oder weniger umfangreichen Zone bis an die
Grenze seiner Tragfähigkeit beansprucht ist, liegt ein Stabilitätsproblem vor.
Die erwähnte plastische Durchbewegung des Gebirges kann in einer Verfor-
mung mit Aufrechterhaltung der Kohäsion bestehen, wie die Beispiele im Hasel-
gebirge gezeigt haben (Absehn. 50). Sie ist aber in den meisten Fällen mit Gleit-
brucherscheinungen verbunden (Bruchfließen).
Die Gebirgsdruckerscheinungen zeigen sich fast immer schon beim Richt-
stollenvortrieb an, wo sich die unter Druck gelangenden Strecken sehr bald ab-
grenzen lassen. Dabei ist zu erwähnen, daß man Tunnel oder Stollen mit großen
Querschnittsabmessungen, in denen echter Gebirgsdruck zu erwarten ist, wohl
immer zuerst mit Richtstollen erschließen wird. Die neuere Entwicklung geht zwar
dahin, die Ausbruchsarbeiten möglichst mit vollem Querschnitt durchzuführen,
weil damit Arbeitsgänge erspart werden können und weil ferner die großräumige
Arbeitsweise wirtschaftliche Vorteile erzielen läßt und eine vollkommenere Aus-
nützung der Leistungsfähigkeit der Geräte gestattet. Aber dieser Entwicklung
sind Grenzen gesetzt. Wenn schwierige Verhältnisse von vorneherein zu erwarten
sind oder sich anzeigen, bleibt doch nichts übrig, als zur traditionellen Bauweise
mit Richtstollen zurückzukehren. Allerdings soll der Richtstollen einen ent-
sprechend großen Querschnitt bekommen. Die Äußerung ANDREAES, daß die
Arbeiten in zu kleinen Querschnitten bei Auftreten von Druckerscheinungen uno
geheuer erschwert werden und unter Umständen zum Erliegen kommen können,
ist von außerordentlichem Wert [3 f].
Daß der Richtstollenvortrieb bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck keines-
falls an Bedeutung verloren hat, darüber berichtet KOBILINSKY [77]. Er kommt zu
dem Ergebnis, daß der Vortrieb des 11,7 km lahgen Druckstollens des Kraft.
werkes Randens unter dem Grand Are im vollen Querschnitt (43 m 2 ) nicht rascher
erfolgte als jener mit Richtstollen, weil der durchschnittliche tägliche Fortschritt
nicht größer war als z. B. beim Bau des Simplontunnels. Der Vorteil lag in der
Ersparung von Arbeitskraft. Der Vortrieb mit vollem Querschnitt soll, der zu-
treffenden Auffassung des genannten Autors nach, nur angewendet werden, wenn
die geologischen Verhältnisse günstig sind.
75. Formgebung 169

ANDREAE berichtet [.3f], daß im Jahre 1948 der Stollen des Kraftwerkes
Lavey, dessen Ausbruchsquerschnitt 65 m 2 betrug, und der mit mehr oder weniger
Erfolg im vollen Querschnitt aufgefahren wurde, auf eine 150 m mächtige Trias-
partie stieß; sie zwang dazu, den Ausbruch mit vollem Querschnitt aufzugeben
und den weiteren Vortrieb mit einem Firststollen durchzuführen.
Der Richtstollenvortrieb bringt also die Möglichkeit der Abgrenzung der druck-
haften Strecken. Damit ist man in die Lage versetzt, hinsichtlich der Bauweise
die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen und für die Bemessung, die vor dem
Vollausbruch erfolgen muß, die notwendige Klarheit zu schaffen. Um zu einer Vor-
aussetzung für die Formgebung und Auskleidung zu gelangen, ist im Sinne der
Deutung des echten Gebirgsdruckes zunächst festzustellen, ob sich das Gebirge
primär im elastischen oder plastischen Zustand befand.
Im ersteren Fall, also bei primär elastischem Zustand, ist noch folgende
Unterscheidung zu treffen:
a) Wenn die Seitendruckziffer Ao = Ph: Pv' das Verhältnis der waagrechten
zur lotrechten Pressung im ungestörten Gebirge, einen großen Wert besitzt, so
besteht die Möglichkeit einer Schutzhüllenbildung in dem in Abschn. 56 dar-
gelegten Sinn. Dem Tunnelausbau fällt dann die Aufgabe zu, den plastischen
Tragkörper der Schutzhülle zu stabilisieren, bzw. die freien Gleitflächen am Aus-
bruchsrand durch die Auskleidung zu sperren.
b) Sofern jedoch die Seitendruckziffer Ao kleinere Werte hat, ist die Schutz-
hüllenbildung nur dann möglich, wenn sich die plastischen Zonen auf die unmittel-
bare Nähe des Ausbruchsquerschnittes beschränken. Wenn sich aber die
plastischen Zonen kreuzförmig weit in das Gebirge hinein erstrecken, dann kommt
es zu starken Gebirgsdruckerscheinungen, verbunden mit Stauchungen im First-
und Sohlenbereich, und die Schutzhüllenbildung ist nicht möglich.
Im zweiten Falle, wo sich das ungestörte Gebirge bis zu einer gewissen Höhe
über dem Hohlraum primär im latent-plastischen Zustand befindet, löst die Her-
stellung eines Hohlraumes, solange er noch keinen Ausbau erhalten hat, unver-
meidlich Gebirgsbewegungen aus, die ihn von allen Seiten zu schließen trachten.
Wenn nach Aufschluß des Richtstollens durch die Art der Druckerscheinungen
festgestellt worden ist, in welche der dargelegten Gruppen die Gebirgsdruck-
erscheinungen fallen, dann können entsprechende Maßnahmen für die Form-
gebung und die Bemessung des Ausbaues frühzeitig getroffen werden. Jede wäh-
rend der Arbeit notwendig werdende .Änderung des Bauvorganges bringt Ver-
zögerungen und erfordert beträchtliche Kosten, die den Zeitverlust und den Mehr-
aufwand des Richtstollenvortriebes meist übersteigen.

75. Formgebung
Die Darlegungen des Kap. IV haben einen Einblick in das Wesen des echten
Gebirgsdruckes gebracht, und es ist Aufgabe der Formgebung und Bemessung einer
Tunnel- oder Stollenauskleidung seiner Wirkung zu begegnen. Vor der Behand-
lung der Bemessungsaufgaben ist es aber notwendig, über die aus statischen Er-
wägungen richtige und zweckmäßige Form des Auskleidungsquerschnittes zu
sprechen. Die älteren Querschnittsformen betonten die Unterteilung in die beiden
Widerlager, das Firstgewölbe und das Sohlgewölbe, sofern letzteres als notwendig
erachtet wurde. Dabei wurden Querschnittsgestaltung und Bemessung auch bei
Auftreten von echtem Gebirgsdruck den aus der Erddrucklehre hergeleiteten
Anschauungen über den Auflockerungsdruck angepaßt und durch die Annahme
eines überwiegenden Firstdruckes bestimmt. Der echte Gebirgsdruck wirkt aber,
sofern er in mäßigen Grenzen bleibt, an den Ulmen; bei starken Druckerschei-
nungen wird durch das Ausquetschen der über dem First und unter der Sohle
liegenden Gesteinspartien ein allseitiger Druck hervorgebracht. Allseitiger Druck
170 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

ist auch zu erwarten, wenn das Gebirge primär eine hohe Seitendruckziffer auf-
weist und dann ringsum zur Einengung des Hohlraumes drängt. Der echte Ge-
birgsdruck wirkt also an den Ulmen oder aber von allen Seiten des Ausbruchs-
querschnittes.
Nun stelle man sich einen Auskleidungsquerschnitt vor, wie er früher üblich
war (Abb. 69) und beurteile sein Verhalten unter der Wirkung eines seitlichen Druk-
kes. Man erkennt sofort, daß starke Widerlager nutzlos sind und daß First- und
Sohlengewölbe schwache Teile der Auskleidung bilden. In den bei den Gewölben
rückt die Drucklinie nahe an den Innenrand der Auskleidung heran. Schäden durch
überschreiten der Druckfestigkeit des Betons oder des Mauerwerks, die sich in
Form von Abschalungen zeigen, sind die häufige Folge [108a]. Diese Erscheinung
wird noch begünstigt, wenn zwischen dem Gewölbe und dem Gebirge ein Hohl-
raum verblieben ist, oder wenn Holzteile des zeitweiligen Ausbaues, wie etwa die
Verpfählung nicht entfernt wurden. Daraus ergibt sich die Folgerung, daß es not-
wendig ist, durch entsprechende Bauweisen den Holzeinbau überhaupt zu ver-
meiden und für einen satten Anschluß des Gewölbes an das Gebirge durch Kontakt-
injektionen zu sorgen.
Nachdem der echte Gebirgsdruck hauptsächlich an den Ulmen wirksam ist,
würde eigentlich ein elliptischer Querschnitt mit waagrechter großer Achse den
statischen Verhältnissen entsprechen [104a, l04b, l08a]. Tatsächlich zeigt sich
beispielsweise im Haselgebirge, daß der Ausbruchsquerschnitt durch wiederholte
Nachbrüche an den Ulmen eine elliptische Form anzunehmen sucht, wobei die
große Achse senkrecht zur Richtung der größten Hauptnormalspannung liegt
(Abb.60). Ein elliptischer Querschnitt ist aber aus mancherlei Gründen meist
nicht erwünsch t; es ist ihm der Kreisquerschnitt vorzuziehen für den die bei gutem
Kontakt zwischen Ausmauerung und Gebirge zu erwartende Mitwirkung des
Gebirgswiderstandes spricht. Wenn das satte Anliegen des Auskleidungsbetons
an das Gebirge gewährleistet ist, dann tritt im First und an der Sohle Gebirgs-
widerstand (passiver Gebirgsdruck) auf und dieser zwingt die Drucklinie vom
Innenrand der Ausmauerung gegen die Mitte derselben hin. Der Gebirgswider-
stand hat zur Folge, daß die Belastungs- und Spannungsverteilung einem dreh-
symmetrischen Zustand zustreben, d. h. daß die Drucklinie von der kreisförmigen
Achse des Auskleidungsquerschnittes nicht stark abweicht.
Man kommt also zu dem Ergebnis, daß bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck
für die Ausmauerung der Kreisringquerschnitt mit ringsum gleicher Dicke die richtige
und deshalb auch wirtschaftlichste Form darstellt.
Wenn man bei dem Kreisringquerschnitt das Sohlengewölbe erst nach der
Herstellung der übrigen Verkleidungsteile ausführt, dann sind Aufstandsflächen
für die Widerlager nach Abb. 163b empfehlenswert. Der dann am Widerlagerfuß
auftretende einspringende Winkel ist zwar wegen der Kerbwirkung nicht günstig,
dies gilt aber nur, solange der Ausbruch freisteht; sobald der Widerlagerbeton
eingebracht und erhärtet ist, wirkt der Betonzwickel wie eine Knagge und der
vorübergehend bestandene Nachteil ist ausgeschaltet. Wenn man aber die Sohle,
wie dies meist der Fall ist, vorweg herstellt, um sie als Unterlage für das Gleis des
Schalungstransportwagens oder des Betonierzuges zu verwenden, dann können
auch die Mehrausbrüche und der Mehrbeton für die Widerlagerfüße entfallen und
die Auskleidung gewinnt die als am günstigsten erkannte Form des Kreisring-
querschnittes.
Der Fall liegt hier ganz ähnlich wie bei den Abtreppungen von Fundament-
flächen, die bei Gründungsarbeiten im Fels, beispielsweise bei Staumauern häufig
ausgeführt werden. Solche veralteten Vorstellungen entsprungene Maßnahmen
stellen meist nicht nur keine Verbesserung der Kraftübertragung zwischen Bau-
körper und Gebirge dar, sondern führen zu bedeutenden örtlichen Spannungs-
häufungen sowohl im gekerbten Bauwerk als auch im Fels.
75. Formgebung 171

Aus Gründen der praktischen Baudurchführung wird manchmal auch bei


echtem Gebirgsdruck ein hufeisenförmiges Profil gewählt, wodurch eine etwas
größere Breite der Sohlenfiäche geschaffen wird. Die Größe und Intensität des
Gebirgsdruckes wird entscheidend dafür sein, ob dies zweckmäßig ist, denn jede
Verschärfung der Krümmung bringt eine Erhöhung der Randspannungen. Bei
starkem Gebirgsdruck, insbesondere dann, wenn mit einem verminderten Sicher-
heitsgrad das Auslangen gefunden werden muß (s. Abschn. 76), wird man nach
Tunlichkeit den Kreisringquerschnitt wählen.
Bisher sind in der Frage der Formgebung nur statische Gesichtspunkte be-
rücksichtigt worden, die aber nicht allein maßgebend sind. Die Zweckbestimmung
des Bauwerkes verlangt oft eine andere Querschnittsgestaltung. So ist beispiels-
weise bei einem eingleisigen
Eisenbahntunnel mit Rück-
sicht auf die Unterbringung Nord Süd
der Fahrleitung bei elektri-
schem Betrieb ein hochste-
hendes Ovalprofil erwünscht.
Bei Straßentunneln ist die An-
ordnung der Lüftung bei der
Querschnittsgestaltung bedeu-
tungsvoll. Im allgemeinen
drängt aber die Zweckbestim-
mung bei Straßentunneln zur
Wahl eines Querschnittes, des-
sen Breite größer ist als die
Höhe. Die Erfüllung ähnlicher
Forderungen ist aus wirt-
schaftlichen Gründen wichtig,
und die Gestaltung eines Tun-
nel- oder Stollenquerschnittes
wird daher immer eine Kom-
promißlösung darstellen, bei Abb. 91. Regelquerschnitt des Wageubergtunnels in Stuttgart [51]
der aber die Bedeutung des
Gebirgsdruckes nicht unterschätzt werden darf oder manchmal an erster Stelle
zu berücksichtigen ist.
Den nachfolgenden statischen Untersuchungen wird im Sinne der obigen
Darlegungen grundsätzlich der Kreisringquerschnitt mit ringsum gleicher Dicke
zugrunde gelegt. Damit soll aber auch zum Ausdruck gebracht werden, daß bei
Auftreten von echtem Gebirgsdruck die Ausführung des Sohlengewölbes zu
empfehlen ist. Von dieser Regel sollte nur bei schwachen Gebirgsdruckerschei-
nungen abgegangen werden, wenn überdies dafür gesorgt wird, daß die Wider-
lager in ihrer Aufstandsfiäche einen hinreichenden Widerstand gegen waagrechte
Verschiebung zu leisten vermögen.
Die dargelegten Gesichtspunkte gelten auch für Querschnitte von großen
Ausmaßen, wie das Beispiel des kürzlich fertiggestellten Wagenburgtunnels in
Stuttgart zeigt (Abb. 91) [51].
Bei der Besprechung der Gebirgsdruckerscheinungen wurden wiederholt die
Erfahrungen, die beim Bau des Simplon-Tunnels gewonnen wurden, herangezogen.
Dies geschah wegen der Einzigartigkeit dieses Bauwerkes, welche nicht bloß durch
seine Länge, sondern auch durch die besonderen Schwierigkeiten, die bei der Her-
stellung zu überwinden waren, bedingt ist; aber auch noch ein weiterer Grund
war dafür maßgebend. In neuester Zeit gibt die Verkehrsentwicklung die Ver-
anlassung, sich mit einer dem europäischen Gedanken entsprechenden über-
windung des den deutschen Raum vom Mittelmeergebiet trennenden Alpen-
172 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

kammes zu befassen. Es sind dies die Projekte für Flachbahnen, die notwendiger-
weise Tunnelbauten von außerordentlicher, bisher noch nicht in Betracht gezogener
Länge erfordern. Von den Projekten, die sich die Lösung der modernen Verkehrs-
probleme zur Aufgabe gemacht haben, sollen zwei herausgegriffen werden, und
zwar die Flachbahn durch das Gotthardmassiv und jene im Bereich der Brenner-
senke.
Vorerst der Entwurf für einen Gotthard-Basistunnel, der sich zwischen den
Orten Amsteg auf der schweizerischen Seite, 550 m ü. M. und Bodio auf der italie-
nischen Seite, 290 ü. M. erstrecken und eine Gesamtlänge von 48 km erhalten

in standfestem in gebrechem
fels fels

AbMfkonol und Raum für


Hochspannungsleitun!l

Aufo-Straße

Frischluftkanal
und Eisenbahn

a ------I(,tJU (15,80) ----.-J


Abb. 92a u. b. Vergleich des Regelquerschnittes für den geplanten Gotthard-Basistunnel [44] mit einem Druck-
querschnitt des Simplontunnels [3 e]

würde. Der Querschnitt ist für eine zweigleisige Bahnstrecke, darüber für eine
Straße und im dritten Stockwerk für die Längslüftung vorgesehen. Im obersten
Stockwerk sollen überdies elektrische Hochspannungsleitungen geführt werden.
Aus dieser räumlichen Anordnung ergibt sich zwangsläufig ein hochgestelltes,
ovales Profil, das im Ausbruch die beträchtliche Höhe von rd. 20 m aufweisen
wird, wobei die Breite des vorgesehenen Größtausbruches 15,30 m betragen wird.
Die größte überlagerungshöhe wird 2200 m erreichen, also jener des Simplon-
Tunnels gleichkommen (Abb. 92). Die Darlegungen über den echten Gebirgs-
druck (Kap. IV), lassen erkennen, daß der Entwurf dieses Querschnittes von den
Anschauungen über den Auflockerungsdruck beeinßußt wurde, nicht jedoch der
Eigenart des echten Gebirgsdruckes Rechnung trägt. Nachdem aber bei diesem
Projekt mit echtem Gebirgsdruck auf große Erstreckung gerechnet werden muß,
wird die geplante Querschnittsform kaum ausführbar sein. Der Seitendruck wird
voraussichtlich schon während des Baues zu einer Verschiebung der Widerlager
führen und dies um so mehr, als die ZWischendecken aus Fertigbetonteilen erst zu
einem späteren Zeitpunkt eingezogen werden sollen. Aber auch nachdem dies
geschehen ist, werden sich in den schwachgekrümmten Widerlagern erhebliche
76. Bemessung der Tunnel- oder Stollenauskleidung 173

Biegebeanspruchungen geltend machen und entsprechende Schäden zur Folge


haben. Um dies zu erweisen, wird neben dem geplanten Querschnitt des Gott-
hard-Basistunnels ein Druckquerschnitt des Simplon.Tunnels dargestellt. Beim
Vergleich der beiden Querschnitte erkennt man, mit welchen Schwierigkeiten bei
der Ausführung dieses Projektes zu rechnen sein würde.
Die Ausgestaltung des Brennerweges erfolgt, soweit man dies bis jetzt erkennen
kann, in einer ganz anderen Art. Zunächst wird die Straßenverbindung voll·
ständig getrennt von der Bahnverbindung im wesentlichen obertägig als Auto-
bahn geführt. Mit den Arbeiten an dieser Autobahn ist bereits im Jahre 1959 be-
gonnen worden. Unabhängig davon kann die Bahnverbindung zwischen Garmisch·
Partenkirchen und Telfs in Tirol, sowie zwischen Innsbruck und dem Passeiertal
an die Basis der N ord- und Zentralalpenkämme verlegt werden. Bei diesen Planungen
ergibt sich unter dem Alpenhauptkamm eine Tunnellänge von 40 bis 50 km. Die
größte Überlagertmgshöhe würde 2800 m betragen. Wohl werden sich auch bei
dieser Linienführung Erscheinungen des echten Gebirgsdruckes einstellen; aber
ein zweigleisiger Eisenbahntunnel erfordert nicht den großen Querschnitt eines
Tunnels für Straße und Eisenbahn und läßt sich der Kreisform sehr gut anpassen,
d. h. die Formgebung kann leicht dem Gebirgsdruck entsprechend erfolgen.
Als Abschluß dieser Darlegungen wird noch der im Jahre 1958 fertiggestellte
Wagenburgtunnel in Stuttgart erwähnt [51]. Es ist dies ein Doppeltunnel, dessen
Stränge einen Abstand von 20-30 m besitzen, die aber nur die geringe Länge von
875 m aufweisen. Bei dem anstehenden Gipskeuper machten sich beim Bau
mancherlei Schwierigkeiten geltend. Vor allen Dingen traten in der mittleren
Strecke beträchtliche Sohlenhebungen auf, die dazu nötigten, ein entsprechend ge-
formtes Sohlengewölbe auszuführen. Die räumliche Disposition wurde dieser
Forderung gerecht, und die Straße sowie die Lüftungseimichtungen konnten in
einem nahezu kreisförmigen Querschnitt untergebracht werden, wobei der Straßen-
raum von 10 m Breite in der Mitte des Querschnittes, der Frischluftkanal unter-
halb der Fahrbahn und der Abluftkanal im Firstbereich angeordnet wurden
(Abb.91).

76. Bemessung der Tunnel- oder Stollenauskleidung bei primär elastischem


Zustand des Gebirges und großem Wert der Seitendruckziffer

a) Theoretische Grundlagen
Wenn die Seitendruckziffer }'o des ungestörten Gebirges große Werte erreicht,
kann bei der Bemessung des Hohlraumausbaues der Idealfall Ao = 1 angewendet
werden. Über die Zulässigkeit dieser Annahme entscheidet das Bild der Begren-
zung der plastischen Zonen. Obwohl diese Begrenzung - selbst bei genauer
Kenntnis der Eigenschaften des Gebirges, im besonderen der einachsigen Gebirgs-
druckfestigkeit und des Winkels des inneren Gleitwiderstandes - nur näherungs-
weise ermittelt werden kann, so erlaubt der dabei gewonnene Einblick doch ein
Urteil darüber, ob die Heranziehung des Idealfalles Ao = 1 statthaft ist. Sofern
dies zutrifft, kann die Mächtigkeit der plastischen Zone und der im Gebirge herr-
schende Spannungszustand für Ao = 1 bei Vernachlässigung der Massenkräfte er-
mittelt werden. Dies gilt also unter der Voraussetzung einer einigermaßen großen
Überlagerungshöhe des Hohlraumes, eine Voraussetzung, die ja beim Auf-
treten von echtem Gebirgsdruck fast immer gegeben sein wird.
Der sekundäre Spannungszustand im Gebirge ist für den Fall, daß am Aus-
bruchsrand eine vollständige Entlastung eintritt, bereits im Kap. III behandelt
worden. Nunmehr wird angenommen, daß ein Widerstand der Auskleidung hin-
zutritt. Er wird, um die Drehsymmetrie nicht zu stören, in Form eines ringsum
174 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

gleichmäßigen Druckes angenommen. Dagegen mag eingewendet werden, daß


die Wirkung des Gebirgsdruckes sich vielfach nur an den Ulmen äußert, während
der Firstdruck gering oder überhaupt nicht vorhanden ist, so daß also nur ein
Widerstand im Bereich der Ulmen notwendig wäre. Die Beispiele des Abschn. 51
haben aber gezeigt, daß Ausquetschungen im First und an der Sohle doch auf-
treten können. Das ist aber nicht entscheidend; die neueren Erkenntnisse ver-
langen ja, daß die Auskleidung des Tunnels ringsum in Kontakt mit dem Ge-
birge steht und die in der letzten Zeit entwickelten Baumethoden erlauben auch
die Erfüllung dieser Forderung. Dann wird aber durch jede elastische Verformung
des Auskleidungsringes infolge des Ulmendruckes der Gebirgswiderstand im

Ps
-j0'ry-- I
r--~a. -.l I
I I

"'" l4--O't p ~
elas/ische Zone

Abb. 93. Zur Ermittlung der plastischen Zonen bei primär allseitig gleichem Drnck P. = PA unter der Annahme
eines geradlinigen Verlaufes der MOHRsehen Grenzkurve

First- undSohlenbereich geweckt, und die Spannungen zwischen demAuskleidungs-


ring und dem Gebirge werden von dem drehsymmetrischen Verlauf nicht stark
abweichen. Die in radialer Richtung am Kontakt zwischen Auskleidung und
Gebirge herrschenden Spannungen werden mit Pa bezeichnet (Abb. 93).
Es ist angezeigt, an dieser Stelle einige weitere Hinweise für die Formgebung
der Auskleidung bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck zu geben. Die Sohle ist
in diesem Falle ein Bestandteil der Auskleidung, dessen Bedeutung nicht hoch
genug eingeschätzt werden kann. Sehr häufig begnügt man sich aus praktischen
Erwägungen und um an Kosten zu sparen, mit einer fl.achgewölbten Sohle, deren
Dicke geringer ist, als die des Gewölbes. Die Drehsymmetrie der Belastung, die
angenähert bestehen wird, verlangt jedoch einen Kreisringquerschnitt mit durch-
aus gleicher Dicke. Bei der folgenden Berechnung wird grundsätzlich eine kreis-
querschnittige Auskleidung mit ringsum gleicher Dicke angenommen.
Die im Abschn. 34 durchgeführte Berechnung ist für die vorliegende Auf-
gabe bis zur Lösung der Differentialgleichung der Ämyschen Spannungsfunktion
unverändert verwendbar. Diese Lösung lautet

F =
r C+ 1
0 1 C+ 1 -
a r2
C!:1l1 2" + 2. ° (1 )

Die Randbedingung für r = ra, nämlich


a,p = Pa (2)
ergibt in die GI. (1) und (47) im Abschn. 34 eingeführt, die Integrationskonstante
01 wie folgt:
° = raC-1
1
_1 ( a/l
Pa+C-1.) ll (3)
76. Bemessung der Tunnel- oder Stollenauskleidung 175

Die Integrationskonstante C 2 kommt in den plastischen Spannungen nicht vor,


die sich daher wie folgt ausdrücken lassen:

_
arp --
(r;;r ),-1 (Pa + '-1) -
~d
'-1
~d

alp = (~)C-1 C(Pa + ,O~d1) - ,~di (4)

Tp = O.

Die Spannungen im elastischen Bereich, der gegen den plastischen Tragkörper


im Querschnitt durch einen Kreis mit dem Halbmesser r o begrenzt ist, betragen,
wenn an der Trennungsfläche die zunächst allgemein angenommene drehsymme-
trische radiale Druckspannung angreift

(5)
Tc = O.
Aus der Bedingung, daß für r = r0

(6)

gelten muß, ergibt sich schließlich für die Begrenzung der plastischen Zone der
Wert

(7)

Bei wachsendem Widerstand Pa nimmt die Notwendigkeit zur Aufnahme der


Radialspannungen aro den inneren Gleitwiderstand in der plastischen Zone in An-
spruch zu nehmen ab, die plastische Zone schrumpft daher und verschwindet,
wenn die Bedingung
(8)

gilt. Durch Einsetzen dieser Bedingungsgleichung in die GI. (7) erhält man die
Beziehung für die Herstellung des elastischen Spannungszustandes im Gebirge. Sie
lautet:
_ 2p-Ogd
Pa-'Tl· (9)

Die gewonnenen Beziehungen mögen an einem Beispiel erörtert werden, wobei


die Annahmen jenen für das Beispiel c) im Abschn. 35 gleichen. Die einachsige
Druckfestigkeit des Gebirges betrage agd = 20 kgcm-2 • Es entspricht dies jenem
Wert, den beispielsweise der im nördlichen Alpenvorland in großer Mächtigkeit
auftretende Flinz aufweist. Der Winkel des inneren Gleitwiderstandes sei im
Mittel I2g = 30°. Der allseitig gleich angenommene überlagerungsdruck besitze
den Wert von Po = Ph = P = 120 kgcm- 2 ; ihm entspricht bei dem experi-
mentell festgestellten Raumgewicht von Yu = 2,0 tm- 3 eine überlagerungshöhe
von 600 m. Für Pa = 0, 10 und 20 kgcm- 2 wurden mit Hilfe von GI. (7) die Grenzen
der jewejligen plastischen Zonen und aus GI. (4) und (5) die Spannungen im pla-
176 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

stischen und elastischen Bereich ermittelt. Man erkennt aus ihrer Darstellung in
Abb. 94, daß die Dicke der plastischen Zonen mit wachsendem Widerstand Pa
von der Bergseite her ab-
nimmt. Ferner ist daraus
350
zu ersehen, daß die größte
Pv = p", = lzokg!cmo auftretende Tangentialspan-
nung an der Grenze zwischen
elastischem und plastischem
Bereich unabhängig vom
Widerstand der Auskleidung
Pa ist, und daß die Radial-
spannungen an dieser Stelle
gleichfalls einen konstanten
Wert besitzen.

T' _ Abb. 94. Die plastischen Zonen bei pri-


mär allseitig gleichem Druck in der Um-
gebung eines kreisquerschnittigen Tun-
nelausbaues in Abhängigkeit von einem
drehsymmetrischen Widerstand des Aus-
baues Pa = 0.10 und 20kgcm-'

b) Berechnungsverfahren
Bei unausgekleidetem Tunnel oder Stollen wird die an der Grenze der pla-
stischen Zone auftretende Radialspannung zur Gänze vom inneren Gleitwider-
stand der plastischen Zone aufgenommen, die als Tragkörper wirkt. Der Sicher-
heitsgrad als Verhältnis der Widerstände zu den 'angreifenden Kräften definiert,
beträgt l' = 1. Dies gilt unter der Voraussetzung idealplastischer Verhältnisse,
d. h. der Unveränderlichkeit des Gleitwiderstandes bei fortschreitender bleibender
Verformung. Bei Vorhandensein eines zusätzlichen Widerstandes, hervorgerufen
durch die Auskleidung, wird der innere Gleitwiderstand des Gebirges nur in ge-
ringerem Maße in Anspruch genommen, und die Dicke der plastischen Zone nimmt
ab; dafür tritt ja der Widerstand der Auskleidung in Wirksamkeit. Der Sicher-
heitsgrad bleibt aber gleich der Einheit, u. zw. solange bis die plastische Zone
durch einen Druck p, der größer ist als der in GI. (9) angegebene Wert zum Ver-
schwinden gebracht wird. Ein zunehmender Widerstand der Ausmauerung hat
demnach keine Erhöhung des Sicherheitsgrades zur Folge, weshalb dieser Weg
keine Möglichkeit zur Herleitung eines Bemessungsverfahrens bietet.
Die erwähnenswerte Bedingung, die Ausmauerung so stark zu wählen, daß
die Ausbildung einer plastischen Zone verhindert wird, ist offenbar zu streng,
denn das Verbleiben einer ringförmigen plastischen Zone, deren Gleitflächen durch
die Tunnelauskleidung mit ausreichender Sicherheit gesperrt werden, kann nicht
als bedenklich bezeichnet werden.
Hingegen führt folgender Weg zum Ziel.
Für die Bemessung des Tunnelmauerwerkes ist die Sicherung der tragenden
Mitwirkung des Gebirges von ausschlaggebender Bedeutung. Die einachsige
Druckfestigkeit des Gebirges, die in den bisher gewonnenen Ausdrücken vorkommt
kann auf dem in Kap. I geschilderten Weg ermittelt werden. Es stehen aber auch
die Beobachtungen, die beim Vortrieb des Richtstollens gewonnen werden, zur
Verfügung. Wenn in einem Richtstollen erstmals bei einer bestimmten über-
lagerungshöhe Gebirgsdruckerscheinungen festgestellt wurden, so läßt sich, sofern
keine tektonischen Spannungen vorhanden sind, auf die Druckfestigkeit des
Gebirges schließen.
76. Bemessung der Tunnel- oder Stollen auskleidung 177

Weil die Gebirgsdruckfestigkeit Ausgangspunkt und Grundlage für die Be-


messung bildet, können die Abmessungen der Auskleidung von der überlagerung
unabhängig bleiben, eine Tatsache, die durch viele Erfahrungen im Tunnelbau
bestätigt wurde.
Für den unausgekleideten Tunnel gilt Pa = 0; die am Ausbruchsrand herr-
schenden Spannungen betragen daher O'rp = 0 und O'tp = O'gd' Die Gebirgsdruck-
festigkeit O'gd soll mit einer Sicherheit verhalten bleiben. Aus der zweiten GI. (4)
ergibt sich daher
_
vO'ga -
r
(~ ) ~-1 l; ( Pa + ,(Jga
_ 1) (Jga
-, _ 1 .
(10)

Der hierzu nötige Widerstand Pa soll gleich

Pa= [(~r)c- t
-1 ,~a1
] (J
(11)

sein. Aus den beiden GIn. (10) und (11) folgt die Beziehung

v -1
Pa = -,- (Jgd' (12)

Sie läßt sich, wie aus der Abb. 95 ersichtlich ist, aus der MOHRsehen Theorie un-
mittelbar herleiten. Mit den Bezeichnungen der Abb. 95 ergibt sich


eg = (Jga (v - 1) - Pa
SIn (13)
+ Pa
--='--'-_-c'-~-"-
(Jga (v - 1) '

und durch einfache Umformung erhält man daraus die GI. (12). Der Widerstand
gemäß GI. (12) vermag also die Erhaltung der Gebirgsdruckfestigkeit mit einem
Sicherheitsgrad v zu gewährleisten. Ein kreisförmiger Mauerungsring, der unter
dem Außendruck Pa steht, muß, wenn die Tangentialspannungen am Innenrand
gleich der Prismenfestigkeit des Auskleidungsbetons (JbP werden sollen, eine Dicke
d erhalten, die aus den im Abschn. 30 hergeleiteten Beziehungen für das dick-
wandige Rohr ermittelt werden kann. Der Innenhalbmesser des Rohres sei ri
und der Außenhalbmesser daher r a = ri +
d. Der Ausdruck für die Tangential-
spannung am Innenrand lautet
a2+ (X2
(14)
(Jt = Pa a2 _ 1 '
wobei

gilt. Für den Innenrand wird r = ri und iX = a, und die Tangentialspannung


ergibt sich zu
(15)

wobei vorausgesetzt wird, daß diese Tangentialspannung eben gleich der Prismen-
festigkeit des Betons ist. Aus dieser Beziehung folgt für die Mauerungsdicke d der
Ausdruck

(16)

12 Kastner, Statik
178 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

wenn man schließlich Pa aus GI. (12) in GI. (16) einführt, erhält man die für die
Bemessung der kreisringförmigen Auskleidung geltende maßgebende Beziehung

d=ri[V1_2(:-11~ -1]. (17)


e (JbP

Die dargelegten Gedankengänge gelten für eine gerade Grenzlinie im MOHRsehen


Diagramm. Sie lassen sich grundsätzlich aber auch für eine gekrümmte Grenz-
linie erweitern, wie später an einem Beispiel gezeigt werden soll.

c) Diskussion der gewonnenen Beziehungen


Um einen allgemeinen Einblick zu gewinnen, wird die GI. (17) in einem Schau-
bild ausgewertet (Abb. 95). Als Abszissen werden die einachsigen Gebirgsdruck-
festigkeiten (lgd aufgetragen. Unterhalb der Abszissenachse erscheinen überdies

8nbouorf:
o,r; 0,8

überschw{j/' o.r; o,r;

schwer 0,'1 0,'1

miltel-
t t
;::'0,3 0,3~
schw{j/' ~
~
leichl o,Z o,z

Verkleidung 0.1 41

0 100 151J 100 JOO J/J{} 6{}{} 700 ~m "iJJ'


I , I I ! I I
0 6{}{} 9(}{J 1001J 7tIJ(J 111(J{J m 16W
h für 7'g - Mt/m 3 und ;"0 = 1 -
Abb. 95. Bemessung einer kreisringförmigen Tunnelauskleidung bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck unter der
Voraussetzung von primär allseitig gleichem Druck

jene geringsten lotrechten überlagerungshöhen, bei denen für die jeweils darüber
stehende einachsige Gebirgsdruckfestigkeit das Auftreten von echtem Gebirgs-
druck zu erwarten ist. Das Raumgewicht des Gebirges wurde dabei mit 2,5 tm-3
und die Seitendruckziffer Äo = 1 angenommen. Als Ordinaten werden die Ver-

d:ri
hältniszahlen d: ri
aufgetragen. Dazu ist zu .bemerken, daß Verhältniszahlen
kleiner als etwa 0,1 und größer als 0,6 keine praktische Bedeutung besitzen;
im ersteren Fall wegen Unterschreitung der Mindestdicke der Auskleidung und
im zweiten deshalb, weil das Verhältnis 0,6 wohl eine obere Grenze der im Beton
auszuführenden Auskleidung darstellen dürfte. Die Abhängigkeit des Verhält-
nisses d: r. von der Gebirgsdruckfestigkeit wird durch zwei Kurvenscharen dar-
gestellt, wovon die eine einem Sicherheitsgrad 'V = 3, die andere einem solchen von
'V = 1,5 entspricht. Diese Beschränkung erfolgte aus Gründen der Übersichtlich-
keit der Darstellung. Die Winkel des inneren Gleitwiderstandes (!g stellen dabei
die Parameter der einzelnen Kurven dar, welch letztere unter der Annahme einer
Prismenfestigkeit des Betons von (lbP = 170 kgcm- 2 ermittelt wurden.
76. Bemessung der Tunnel- oder Stollenauskleidung 179

Die Beurteilung des Schaubildes zeigt, daß beispielsweise bei einem Winkel des
inneren Gleitwiderstandes von I]g = 45° eine dreifache Sicherheit in der Erhaltung
der Gebirgsdruckfestigkeit mit erträglichen Auskleidungsdicken nur dann er-
zielbar ist, wenn die Gebirgsdruckfestigkeit höchstens agil = 150 kgcm- 2 be-
trägt, entsprechend einer für das erste Auftreten von Gebirgsdruckerscheinungen
maßgebenden überlagerungshöhe von rd. 300 m und einer Seitendruckziffer
Ao = 1. Nimmt man hingegen den Sicherheitsgrad 'I' = 1,5 an, so ist das gleiche
Ziel bei einer Gebirgsdruckfestigkeit von rd. agd = 600 kgcm- 2 entsprechend
einer überlagerungshöhe für das erste Auftreten von echtem Gebirgsdruck von
rd. h = 1200 m erreichbar, gleichfalls unter der Voraussetzung, daß Ao = 1 gilt.
Aus diesen Ergebnissen ist zu entnehmen, daß es mit einer Betonauskleidung
der üblichen Art in druckhaften Strecken vielfach unmöglich sein wird, jenen
Sicherheitsgrad zu erzielen, den man in der Statik der Baukonstruktionen unter
der Einwirkung eindeutig erfaßbarer Belastungen zu erreichen gewohnt ist. Die
große Zahl von Schäden im Tunnelbau und die häufig notwendigen Rekonstruk-
tionsarbeiten sind eine Bestätigung dafür.
Nachdem ein Stabilitätsproblem vorliegt, könnte man die Festlegung treffen,
daß mit einem Sicherheitsgrad 'I' = 1,5 das Auslangen gefunden werden muß.
Eine solche Norm hätte aber nur beschränkten Wert. Einerseits läßt sich die
Bemessung von Tunnelauskleidungen bei Auftreten von starken Gebirgsdruck-
erscheinungen oft nicht einmal mit 1,5-facher Sicherheit lösen, weil ja der Sicher-
heitsgrad von den Festigkeitseigenschaften ,des Gebirges begrenzt wird. Ander-
seits wird man, wenn immer es möglich ist, im Hinblick auf die Unsicherheit der
Rechnungsgrundlagen trachten, einen höheren Sicherheitsgrad als 'I' = 1,5 zu
erreichen.
d) Beispiele
Die gewonnenen Ergebnisse sollen durch einige Beispiele erläutert werden.
a) Bei einem Tunnelausbruch zeigen sich - so sei während des Richtstollen-
vortriebes festgestellt worden - Gebirgsdruckerscheinungen bei einer über-
lagerungshöhe von h = 600 m; Anzeichen tektonischer Spannungen sollen nicht
vorhanden sein. Der überlagerungsdruck ist bei einem Raumgewicht des Gebirges
Yg = 2,5 tm- 3 Pv = 150 kgcm- 2 • Das Gebirge soll eine POISsoNsche Zahl von
m g = 3,5 besitzen, woraus sich die Seitendruckziffer zu Ao = 1 : (mg - ,1) = 0,4
ergibt. Die einachsige Gebirgsdruckfestigkeit folgt unter Anwendung der GI. (23)
im Abschn. 31 für die elastische Tangentialspannung zu agil = 390 kgcm- 2 • Der
Winkel des inneren Gleitwiderstandel:l. sei I]g = 45° gesetzt. Daraus folgt:
+
C= (1 sinl]g): (1 - sineg) = 5,84. Ein Blick auf die Abb.95 zeigt, daß die
Bemessung der Hohlraumauskleidung mit einem Sicherheitsgrad von 'I' = 3 nicht
möglich ist. Für eine Prismenfestigkeit des Betons von abP = 150 kgcm- 2 ergibt
sich aus GI. (17) ein Verhältnis der Auskleidungsdicke zum lichten Halbmesser
d : ri = 0,28 oder bei einem lichten Halbmesser von ri = 150 cm eine rechnungs-
mäßige Auskleidungsdicke von d = 42 cm, die bei gleicher Gebirgsbeschaffen-
heit auch bei größeren überlagerungshöhen als 600 m beibehalten werden kann.
b) In einem gesunden Gebirge, bei dem die einachsige Gesteinsdruckfestigkeit
(Zylinderfestigkeit) gleich der Gebirgsdruckfestigkeit agil = 252 kgcm- 2 gesetzt
werden kann, treten Bergschläge auf, die nur auf den Druck des auflastenden
Gebirges und nicht auf tektonische Ursachen zurückzuführen sind. Das Gestein
sei spröde und besitze einen Winkel des inneren Gleitwiderstandes eg = 50°,
woraus sich C= (1 + sineg): (1 - sinl]g) = 7,58 ergibt. Dann folgt für 'I' = 1,5
das Verhältnis d: ri = 0,30 und bei einem lichten Stollenhalbmesser von 150 cm
ergibt sich die erforderliche Auskleidungsdicke zu d = 45 cm.
e) Das Gebirge besteht aus Schlier, dessen einachsige Druckfestigkeit (Zylinder-
festigkeit) agil = 20 kgem-2 beträgt. Das Raumgewicht sei Yg= 2,05 tm-3 , der

12*
180 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

Winkel des inneren Gleitwiderstandes I]g = 30° und die Seitendruckziffer betrage
Ao = 0,4. Tatsächlich wurde bei einem Großscherversuch der Winkel des inneren
Gleitwiderstandes etwas kleiner zu (!g = 26° und die Kohäsion zu c = 0,3 kgcm- 2
ermittelt. Infolge der Gleichförmigkeit der mächtigen Flinzschichten und ihrer
ungestörten Lagerung waren die obigen Festigkeitseigenschaften aus Gesteins-
proben auf experimentellem Wege bestimmbar. Die an Bohrkernen ermittelte
Zylinderfestigkeit oder die am Handstück bestimmte Prismenfestigkeit sind mit
der Gebirgsdruckfestigkeit identisch. Bei einer Überlagerungshöhe von h = 38 in
wird gemäß GI. (23) an den Ulmen eines kreisförmigen Ausbruchsquerschnittes
die Gebirgsdruckfestigkeit überschritten, und bei größeren Überlagerungshöhen
ist mit Druekerscheinungen zu rechnen, die sich bei der Beschaffenheit des Ge-
birges voraussichtlich in Form von Abschalungen an den Ulmen äußern werden.
Die Begrenzung der plastischen Zonen wurde auf Grund der später angeführten
GI. (26) ermittelt; sie zeigt bei Überlagerungshöhen von 100, 200 und 400 m die in
der Abb. 96 dargestellten Formen, die sich eng dem Ausbruchsquerschnitt an-
schmiegen, woraus geschlossen werden kann, daß die weitere Berechnung unter
der Annahme 20 = 1 durchgeführt werden darf. Für den Flinz soll eine dureh
dreiachsige Druckversuche oder durch einen Großscherversuch bestimmte und nach
einer Parabel ausgeglichene MOHRSche Grenz-
linie vorliegen (Abb. 97). Bezüglich der Form
dieser Grenzlinie wird auf bekannte Versuche
mit Sandstein hingewiesen [127b].

Abb. 96. Ermittlung der plastischeu Zonen


im Flinz Abb. 97. Die MOHRsche Grenzkurve für Flinz

Wenn man diese parabolische Grenzlinie gemäß Abb. 97 an Stelle der Geraden
gemäß Abb. 93 anwendet, dann verlieren die GI. (12) und (17) ihre Gültigkeit.
Der Wert von Pa muß in diesem Falle aus der Abb. 97 ermittelt werden. Wenn die
Gebirgsdruckfestigkeit (Jgd = 20 kgcm- 2 mit dem Sicherheitsgrad 'V = 3 ge-
währleistet werden soll, so ist dazu eine Seitenpressung Pa = 20 kgcm-Z nötig,
wie sich durch Zeichnung des Kreises K 3 ergibt; bei Einhaltung eines Sicher-
heitsgrades von 'V = 4 liefert der Kreis K 4 für die Radialpressung den Wert
Pa = 33,5 kgcm-2 • Nunmehr kann mit Hilfe von GI. (17) die Bemessung der
Mauerung durchgeführt werden. Man erhält für 'V = 3: d: ri = 0,144 und
d = 17 cm, bzw. für 'V = 4: d : ri = 0,285 und d = 43 cm.

77. Über die Grenze der Ausführbarkeit von tiefliegenden Tunneln


Die Ergebnisse, die aus den Untersuchungen des elastoplastischen Zustandes
des Gebirges gewonnen wurden, weisen darauf hin, daß der Tunnelbau nicht un-
begrenzte Tiefen unter der Erdoberfläche erreichen kann. Schon HEIM hat auf
diesen Umstand hingewiesen; seine Anschauungen wurden aber damals lebhaft
bestritten.
Vorausgeschickt sei, daß es im primär latent-plastischen Bereich der aus festem
Fels bestehenden Erdkruste zweifellos unmöglich ist einen Hohlraumbau auszu-
77. Über die Grenze der Ausführbarkeit von tiefliegenden Tunneln 181

führen. Wenn nämlich im primär elastischen Felsbereich nach dem Ausbruch pla-
stische Zonen entstehen, so sind sie auf die nähere und weitere Umgebung des
Hohlraumes beschränkt und das anschließende elastisch bleibende Gebirge stellt
eine Tragfähigkeitsreserve dar. Wenn sich hingegen das Gebirge primär im pla-
stischen Zustand befindet, dann ist keine solche Reserve vorhanden und die Mög-
lichkeit des Hohlraumbaues bleibt auf geringere überlagerungshöhen beschränkt.
Einen anschaulichen Hinweis in diesem Sinne bietet plastisches Tongebirge, das
schon bei nicht allzugroßen Tiefenlagen zu ganz außerordentlichen Schwierigkeiten
führen kann.
Um nun einen Einblick in die Ausführbarkeit von Tunnelbauten bei wachsen-
der überlagerung zu gewinnen, wird von der GI. (17) ausgegangen. Aus ihr läßt
sich die Gebirgsdruckfestigkeit berechnen; der Ausdruck dafür lautet:

(18)

Die tangentiale Druckspannung in der Umgebung eines kreisquerschnittigen


Ausbruches ist gemäß GI. (23) im Abschn. 31

für p = 90°, also cos 2 p = - 1 und IX = ra : r = 1 folgt hieraus


(20)

Wenn man diesen Wert von a in GI. (18) für agd einsetzt, erhält man für die größte
überlagerungshöhe einen Ausdruck

hmax
1
= Yg(3 _ Aol 2 (v a~Pll [1 - (~~ -;;]. (21)

In dieser Beziehung sind nun hinsichtlich einiger Größen Annahmen zu treffen,


die aber mit einem ziemlich hohen Grad von Wahrscheinlichkeit möglich sind.
Der Winkel des inneren Gleitwiderstandes wird zu (!g = 45° geschätzt und daraus
ergibt sich
1; = (1 +
sin (!g) : (1 - sin (!g) = 5,85.
Die Prismenfestigkeit des Betons kann mit abP = 200 kgcm- 2 gewählt werden,
und das Raumgewicht des Gebirges sei Yg = 2,75 tm- 3 . Das Verhältnis d: ri
wird wohl mit dem Wert 0,5 eine Grenze besitzen. Äo ist durch die Drehsymmetrie
bedingt gleich der Einheit gewählt worden. In Wirklichkeit wird in den großen in
Betracht kommenden Tiefen dieser Wert nahezu erreicht werden. Unter den ge-
troffenen Voraussetzungen ergibt sich die größte Tiefe zu hmax = 3000 m. Man
wird also bei dem gering gewählten Sicherheitsgrad von v = 1,2 etwa diese Tiefe
erreichen können. Nun ist aber der Wert hmax = 3000 mein Rechnungsergebnis,
das unter gewissen Annahmen zustande kam. Wenn man aber diese angenommenen
Werte variiert, wird man von dem gewonnenen Ergebnis nicht weit weg kommen.
Man wird also mit dem gering gewählten Sicherheitsgrad von v = 1,2 mit einer
Betonauskleidung über 3000 m Tiefe nicht hinauskommen. Auch durch Beweh-
rung des Betons wird man daran nicht viel ändern können. Höchstens bei Anwen-
dung von Stahltübbings wird es gelingen größere Tiefen zu erreichen. Durch dieses
Ergebnis wird die Anschauung, die HEIM seinerzeit aus tektonischen Tatbeständen
erschlossen hat, bestätigt.
182 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

Den gewählten niedrigen Sicherheitsgrad von 'j! = 1,2 zu unterschreiten,


wird aber nicht ratsam sein. Es ist zwar der Berechnung von hmax die Tangential-
druckspannung am Innenrand der Betonauskleidung zugrunde gelegt worden;
die Tangentialdruckspannung am Außenrand ist kleiner und beträgt z. B. bei
d : ri = 0,5 nach GI. (18) und (20) im Abschn. 30 (fta: (fti = 0,72, so daß also in
der Betonauskleidung eine plastische Reserve vorhanden ist. Anderseits aber ist
die Annahme der drehsymmetrischen Belastung der Auskleidung nur näherungs-
weise gegeben. Abweichungen davon sind möglich und wahrscheinlich; die dadurch
hervorgerufene Verlagerung der Drucklinie kann zu Spannungssteigerungen
führen: die durch den Sicherheitsgrad gedeckt werden müssen. Im übrigen ist
zu bedenken, daß man mit der Wahl des Sicherheitsgrades die Verantwortung für
Menschenleben übernehmen muß.
Es liegt in der Natur der angestellten Berechnung, daß für abnehmenden
Sicherheitsgrad 'j! der Wert hmax beträchtlich ansteigt. Der gewählte Wert von
'j! = 1,2 stellt nur eine willkürliche Annahme dar; wenn auch eine technische
Notwendigkeit dafür spricht, diesen Wert keinesfalls zu unterschreiten, so ist
damit keine unbedingte Grenze gegeben. Eine solche liegt aber dann vor, wenn ein
tiefliegender Tunnel in den latent-plastischen Bereich gelangt. Zur Bestimmung
dieser Grenze müßte man durch dreiachsige Druckversuche des Gesteins die
MOHRsche Grenzlinie ermitteln und nach Bestimmung der POIssoNschen Zahl
den Grenzkreis gemäß Abb. 28 konstruieren. Die Versuchsbedingungen sind des-
halb verhältnismäßig einfach, weil Gesteinsprobekörper einen einwandfreien
Aufschluß geben. Mit Erreichung des latent-plastischen Bereiches der Erdkruste
sind ja alle Klüfte und sonstigen Hohlräume des kristallinen Grundgebirges ge-
schlossen, und die Festigkeitseigenschaften des Gebirges weichen von jenen der
Gesteine kaum ab.
Bei der angestellten Erwägung über die für den Tunnel- und Stollenbau er-
reichbare Tiefe waren zunächst nur statische Gesichtspunkte in Betracht gezogen
worden. Die Zunahme der Temperatur im Erdinnern spielt aber dabei eine ebenso
bedeutungsvolle Rolle. Als mittlerer Wert für die geothermische Tiefenstufe gilt
bekanntlich 33 m. Die Abweichungen davon können aber beträchtlich sein. Als
Grenzwerte mögen 11 m (Schwäbische Alb) und 125 m (Kanada, Südafrika ) gelten.
[17]. Die niedrigen Werte kommen für junge Geosynklinalen und vulkanische
Gebiete, die hohen für Schollen in Betracht, die seit langer Zeit orogenetisch und
magmatisch zum Stillstand gekommen sind. Die Form der Geländeoberfläche spielt
hinsichtlich der im Gebirge zu erwartenden Temperatur gleichfalls eine bedeutende
Rolle [138d]. Trotz dieser vielen Möglichkeiten wird sich, wie man durch einfache
Nachrechnung feststellen kann, auch infolge der Temperaturzunahme nach dem
Erdinneren eine Grenze ergeben, die nicht weit von dem errechneten Maß von
3000 m abweicht. Bei sehr großer geothermischer Tiefenstufe, wie etwa in Süd-
afrika, kann aber beispielsweise in den Diamantminen noch in einer Tiefe von
3000 m gearbeitet werden [8].

78. Bemessung bei primär elastischem Zustand des Gebirges


und kleiner Seitendruckzifl'er

a) Theoretische Grundlagen
Bei der Ausbildung kreuzförmiger, plastischer Bereiche in der Umgebung des
Tunnelausbruches muß die Bemessung der Auskleidung auf eine andere Weise er-
folgen als bei drehsymmetrischer Form der plastischen Zone. Ausgangspunkt für
die näherungsweise Berechnung der Begrenzung der plastischen Zonen bilden die
elastischen Spannungen im Gebirge. Die Werte dafür werden aus GI. (23) des
78. Bemessung bei primär elastischem Zustand des Gebirges 183

Abschn. 31 durch Hinzufügung der Wirkung eines drehsymmetrischen Wider-


standes der Auskleidung von der Größe Pa gewonnen (Abb. 98). Mit Einführung
der Hilfsgrößen
Äo=P":P,,
I" = 2 Pa: Ptl (22)

erhält man für die Spannungen folgende Beziehungen

Cl, = ~fJ [(1 - (X2) (1 + Äo) + (X2p, + (1 - 4(X2 + 3(X4) (1 - ).0) cos 2 tp]

Cl, = ~" [(1 + (X2) (1 + Äo) - .)(.11" - (1 + 3(X4) (1 - Äo) cos2tp] (23)

T = - ~f) (1 + 2(X2 - 3(X4) (1 - Äo) sin2tp.

Abb. 98. Zur Ermittlung der plastischen Zonen bei kleiner Seitendrnckzilfer unter der Voranssetzung eines gerad-
linigen Verlaufes der MOHRsehen Grenzkurve

Die aus der gerade angenommenen MOHRSchen Grenzlinie folgende Plastizitäts-


bedingung lautet
• 2 (0, - or)2 + 41'2
sm (!g = (0, + 0, + 2Tcot2eg}2· (24)
Durch Einsetzen der Spannungen gemäß GI. (23) in die Plastizitätsbedingung
GI. (24) und mit Einführung der Hilfsgröße
w = (XI sin2(!g - 3 (X2 + 2 (25)
erhält man schließlich die GI. (26) für die Begrenzung der plastischen Zonen wie
folgt

[
1 +.1. 0 -I" 1 - 2(X2 + 3(X4 (1 +.1.0 + :fJ
T8coteg)Sin2eg]
cos 2 2tp+2cos2tp 4(1-.1.0 ) w - 2(1-.1.0 }w -

(1 + .1.0 _1")2 (X2 _ (!± 2 (X2 _. 3CX')2 ( 1 + .1.0 + :v T~ cot eg )2 Sin2eg _ 0


4(1-.1.0 )2 W 4(X2 W + (1-.1.0)24cx2w -. (26)

b) Berechnungsweise
Das unausgekleidete Gebirge befindet sich im plastischen Bereich im Grenz-
zustand des Gleichgewichtes. Geringe festigkeitsmindernde Einflüsse, wie etwa die
Wirkung des Bergwassers, lösen an den Ulmen eine in der Regel unstetige, langsame
Bewegung des Gebirges gegen den Ausbruchshohlraum aus, wobei Brucherschei-
184 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

nungen auftreten. Der Sicherheitsgrad des durchörterten aber unverkleideten


Gebirges liegt bei v = 1. Als Kennzeichen für die Stabilisierung des in Bewegung
geratenen und durch Brucherscheinungen der Zerstörung anheimfallenden Gebirges
kann die Abschnürung der weit ausgreifenden plastischen Zonen unter der Wir.
kung des Widerstandes der Auskleidung angesehen werden (Abb.99). Die Be·
messung hat dann unter Einführung eines Sicherheitsgrades mit jenem drehsym.
metrischen Druck zwischen Auskleidung und Gebirge Pa zu erfolgen, der aus

h-'I8omj I'g=Mtm- 3; Pv-lz5kg,.tmilj ;"o-o,z; mg-o; T g = 36 kgjcmZj


(J - 30"; non., -86 ktl/cm Z

Abb. 99a-d. Plastische Bereiche in der Umgebung eines kreisrunden Tunnelausbruchquerschnittes in Abhängig·
keit von einem drehsymmetrisch wirkenden Widerstand P.

GI. (26) ermittelt, zur beginnenden Isolierung der für den Gebirgsdruck entschei.
denden plastischen Zonen führt; dadurch werden alle im abgeschnürten Bereich
verlaufenden Gleitflächen gesperrt und die verbleibenden, dem Querschnitt an-
liegenden plastischen Zonen werden infolge ihrer geringen Ausdehnung bedeu-
tungslos. In diesem Falle muß die Mauerungsdicke mit der Überlagerung zunehmen,
weil mit letzterer auch die Ausdehnung der plastischen Zonen wächst. Dieser
Unterschied gegenüber dem drehsymmetrischen Zustand gemäß Abschn. 76 ist
entscheidend.
Die Berechnungen erfolgen unter der vereinfachenden Annahme, daß keine
Massenkräfte wirken. Dies ist in Wirklichkeit nicht der Fall. Die tatsächlich auf-
tretenden Massenkräfte haben zur Folge, daß die plastischen Zonen nicht symme-
trisch zur waagrechten Mittelachse des Ausbruchsquerschnittes verlaufen. Eine
Berücksichtigung dieses Umstandes ist aber bei der Bemessung nicht nötig, weil
der bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck stets zu fordernde, ringsum gleich
gute Kontakt zwischen dem geschlossenen Mauerungsring und dem Gebirge zu
einem Kräfteausgleich führt. Beim Richtstollenvortrieb hingegen bilden sowohl
die Steher als auch die Kappen statisch bestimmt gelagerte Bauteile, bei denen ein
79. Bemessung der Hohlraumauskleidung 185

solcher Ausgleich nicht stattfindet, weshalb sich der Druck der Ulmen in der Regel
in der Weise äußert, daß der Bruch der Steher im unteren Drittel auftritt.
Die Intensität der aktiven Gebirgsbewegung wird am Ausbruchsrand also
ringsum nicht gleich sein, sondern an den Ulmen überwiegen und dort auch stärkere
Druckerscheinungen auf den zeitweiligen Ausbau bewirken. Unter den geschil-
derten Verhältnissen wird sich beim dauernden Ausbau ein Sohlengewölbe keines-
falls vermeiden lassen. Die Bemerkungen, die im vorhergehenden Abschnitt hin-
sichtlich der Profilform und der Gestaltung des Querschnittes gemacht wurden,
gelten im verstärkten Ausmaß auch für den in Erörterung stehenden Fall des
überwiegens von Ulmendruck. Wenn die Formgebung der Auskleidung einwand-
frei ist und die Ausführung ordnungsgemäß erfolgte, werden infolge der Weckung
des Gebirgswiderstandes im First und an der Sohle die Pressungen zwischen dem
Gebirge und der Auskleidung annähernd drehsymmetrisch verlaufen, und die
Drucklinie im Auskleidungsquerschnitt wird von der Kreisform wenig abweichen.

c) Beispiel
Die überlagerungshöhe betrage h = 480 m. Daraus ergibt sich bei einem
Raumgewicht des Gebirges von Yg = 2,6 tm- 3 ein Druck der lotrechten über-
lagerung von p" = 125 kgcm- 2 • Die POISsoNsche Zahl des Gebirges sei m g = 6,
woraus die Seitendruckziffer zu 10 = 0,2 folgt; sie ist also wesentlich kleiner als
die Einheit. Der Winkel des inneren Gleitwiderstandes sei im Mittel (lg = 30° und
die einachsige Druckfestigkeit des Gebirges (fga = 86 kgcm- 2 • Die plastischen
Zonen wurden mit Hilfe von GI. (26) für einen Widerstand des Ausbaues von
Pa = 0, 10, 20 und 30 kgcm-2 berechnet und aufgetragen (Abb.99). Die Ab-
schnürung der weitausgreifenden plastischen Zonen ist für Pa = 20 kgcm- 2 ver-
läßlich eingetreten. Nimmt man die Prismenfestigkeit des Auskleidungsbetons
zu (fbP = 170 kgcm -2 an, so ergibt sich unter Verwendung von GI. (17) für den
Sicherheitsgrad y = 2 ein Verhältnis der Auskleidungsdicke zum lichten Halb-
messer des Stollenquerschnittes d: ri = 0,37 und die Mauerungsdicke folgt für
ri = 200 cm zu 74 cm.
Für die als untere Grenze anzlmehmende Sicherheit von y = 1,5 folgt das
Verhältnis der Mauerungsdicke zum lichten Halbmesser des Stollen querschnittes
zu d : r, = 0,37 und d hätte 46 cm zu betragen.

79. Bemessung der Hohlraumauskleidung bei primär plastischem Zustand


des Gebirges

a) Theoretische Grundlagen
Der in der Nähe der Erdoberfläche herrschende elastische Zustand des durch-
örterten Gebirges geht mit wachsender überlagerungshöhe in einen latent-pla-
stischen Zustand über, wobei die Grenze von den Eigenschaften des Gebirges ab-
hängig ist. Bei tonigem Gebirge liegt diese Grenze in nicht allzugroßer Tiefe unter
der Geländeoberfläche. In dem darunter liegenden Grundgebirge herrscht dann
wieder ein elastischer Zustand, der bis in große Tiefen bestehen bleibt. über die
Lage der Grenze geben die Darlegungen im Abschn. 24 Aufschluß. Mit Annähe-
rung an die Grenze des plastischen Bereiches wird ein RANKINEscher Zustand ein-
treten, der dadurch gekennzeichnet ist, daß die Seitendruckziffer einen bestimmten,
von der einachsigen Druckfestigkeit des Gebirges und seinem inneren Gleitwider-
stand abhängigen und aus diesen Größen errechenbaren Wert 10 besitzt.
Wenn das Gebirge vor der Durchörterung in einem latent-plastischen Zustand
war, wobei nur Gesteine von geringer Festigkeit in Betracht kommen, so sind nach
186 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

der Durchörterung überschüssige Kräfte vorhanden, die auf eine Schließung des
Hohlraumes hinarbeiten, wobei diese Tendenz am ganzen Umfang des Ausbruchs-
querschnittes besteht. Mit den Bezeichnungen der Abb. 100 lassen sich die Span-
nungen im Gebirge, die vor der Durchörterung auftraten, wie folgt ausdrücken
a ro = Yg h (cos 2 q:> + ,10 sin2 q:»
ato = Yg h (sin2 q:> + ,10 cos q:»
2 (27)

.0 = - ygh (1 - ,10) cosq:>sinq:>,


wobei die im Punkt mit den Polarkoordinaten (T, q:» bestehende überlagerung
(28)

beträgt. Die Berücksichtigung der überlagerungshöhe bzw. der durch sie hervor-
gerufenen Zunahme der Spannungen im Ausbruchsbereich, also die Berücksichti-
gung der Massenkräfte ist nur dann nötig, wenn es sich um verhältnismäßig seicht-
liegende Tunnel handelt, wo, wie früher erwähnt wurde, der latent-plastische Zu-
stand nur in einem Gebirge mit geringer Druckfestigkeit, beispielsweise in einem
Tonlager, denkbar ist.

b) Folgerungen für die Bemessung der Auskleidung


Die Tatsache, daß das primär plastische Gebirge in der Umgebung des aus-
gebrochenen Hohlraumes auch durch einen starken Ausbau nicht in den elastischen
Zustand übergeführt werden kann, ist in neuerer Form eine Bestätigung der

Abb. 100. Zur Berechnung der Spannungen des RANKINEschen Zustandes bei primär latenter Plastizität

HEIMSchen Auffassung. Damit kommt zum Ausdruck, daß das nach der Durch-
örterung in Durchbewegung geratene Gebirge eine Schutzhüllenbildung nicht ge-
stattet. Auch durch den Ausbau läßt sich nur erreichen, daß der Widerstand der
Auskleidung den plastischen Zustand des Gebirges latent erhält. Diese Bedingung
hat für die Bemessung der Auskleidung zu gelten. Der erzielbare Sicherheits-
grad wird aber dann die Einheit nur wenig überschreiten.
Wenn Ta den äußeren Halbmesser der im Querschnitt kreisringförmig an-
genommenen Auskleidung bezeichnet, sind an deren Außenseite folgende Be-
lastungen anzunehmen (Abb. 100)

a ro = Yg (H - Ta cOSq:» (cos 2 q:> + Äosin 2 q:»


(29)
.0= -Yg(H-racosq:»(1-Äo)cosq:>sinq:>.
Die Radialspannung a ro und die Schubspannung 1;'0 geben zusammengesetzt die
Größe und Richtung der resultierenden Spannung an jedem Punkt der bergseitigen
Begrenzung der Auskleidung. Die statische Untersuchung wird graphisch zu
79. Bemessung der Hohlraumauskleidung 187

empfehlen sein (s. Abschn.68), sofern man sich nicht durch die Annahme ,1.0 = 1
die Rechnung vereinfacht und für die Belastung der Auskleidung die Spannungen
O"ro = Yg (H - rlJ COS-1p)
TO = 0 (30)
annimmt. Aus GI. (29) und (30) geht die unmittelbare Abhängigkeit der Aus-
kleidungsdicke von der überlagerungshöhe H hervor.
SOHULTZE berichtet von Messungen, die an einem durch eine Tonschicht füh-
renden Tunnel in den Vereinigten Staaten ausgeführt wurden [127c]. Dabei
konnten Einzelheiten über die Verminderung des Gebirgsdruckes auf den nach-
giebigen, biegsamen Ausbau festgestellt werden; es ergab sich, daß die lotrechte
Belastung des Firstes gleich der waagrechten an den Ulmen war und etwa 20% des
überlagerungsdruckes betrug. Dazu wird allerdings bemerkt, daß die Beobachtun-
gen nicht lange genug dauerten und daß mit einer Vergrößerung der Belastung im
Laufe der Zeit zu rechnen wäre. Bei einem unnachgiebigen Ausbau ergab sich eine
lotrechte Firstbelastung gleich dem vollen Druck der überlagerung, während die
waagrechte Belastung der Ulmen etwa die Hälfte davon betrug, entsprechend einer
RuhedruckzifIer von ,1.0 = 0,5.
Diese Feststellungen lassen sich in einfacher Weise damit erklären, daß es sich
bei einer plastischen Verformung des Gebirges, wie sie im Ton erfolgt, um eine
Durchbewegung handelt, wobei der auf den Ausbau ausgeübte Druck von dem
Widerstand abhängig ist, der die Bewegung zu hemmen sucht. Je größer der Wider-
stand des nachgiebigen Ausbaues ist, um so größer ergibt sich der Meßwert für
den Gebirgsdruck. An einem sehr nachgiebigen und leicht verformbaren Ausbau
wird man einen Gebirgsdruck feststellen, der einen ganz geringen Wert besitzt.
Diese Erwägung gilt grundsätzlich für alle Gebirgsdruckmessungen ähnlicher
Art. Die Messungen an einem unnachgiebigen Ausbau hingegen werden den für
die Bemessung der Tunnelausmauerung maßgebenden Gebirgsdruck liefern, der
den primären Druckverhältnissen entspricht, während die an einem nachgiebigen
Ausbau erhaltenen Meßergebnisse zu einer unrichtigen Beurteilung führen, die
als Ursache mancher Schäden an Tunnel- und Stollenbauten gelten mag.

c) Praktische Auswirkung
Die GIn. (29) und (30) ermöglichen es, die Spannungen in jedem Punkt des
latent-plastischen Gebirges anzugeben. Diese Spannungen müssen als Belastung
des dauernden Ausbaues angenommen werden, womit der latent-plastische Zustand
mit einer wenn auch geringen Sicherheit erhalten bleibt. Eine weitergehende
Forderung kann nicht erhoben werden. In vielen Fällen wird es daher unmöglich
sein, die Erhaltung des latent-plastischen Zustandes mit den üblichen Sicher-
heitsgraden zu erreichen, wie das folgende Beispiel zeigt. Wenn man GI. (15) ver-
wendet, die eine Beziehung zwischen der Belastung eines kreisringförmigen Aus-
baues und der Beanspruchung desselben darstellt, so hat man den Wert abP durch
O"bd = 'jI abP zu ersetzen. Die zulässige Betondruckbeanspruchung soll mit O"bd =
= 55 kgcm- 2 angenommen werden. Die GI. (15) ergibt dann den entsprechenden
Wert des Druckes zwischen Auskleidung und Gebirge von Pa = 16,7 kgcm- 2,
bzw. die sehr geringe überlagerungshöhe von etwa 64 m. Die äußerste, praktisch
nicht mehr in Betracht kommende Grenze der Ausführbarkeit liegt bei einer un-
bewehrten Betonauskleidung vor, wenn ihre Beanspruchung am Innenrand gleich
der Prismenfestigkeit des Betons von beispielsweise abP = 170 kgcm- 2 wird.
Dann ergibt sich ein größter Druck, den die Auskleidung aufzunehmen vermag von
Pa = 51,8 kgcm- 2 , entsprechend einer überlagerungshöhe von rd. 200 m.
Wenn es sich nicht um geschlossene, waagrecht begrenzte Tonschichten han-
delt, sondern um im Fels eingeschlossene tonige Schichten, wie sie sehr oft den
188 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

Anlaß zu bedeutenden Schwierigkeiten bilden, so liegt die Aufgabe vor, die wirk-
same Überlagerungshöhe zu bestimmen. Ein einwandfreies Ergebnis ist dann durch
Gebirgsdruckmessungen zu erzielen, aber auch die geologische Untersuchung wird
wertvolle Hinweise zu erbringen vermögen.

80. Vber den Schwelldruck


Im Anschluß an die Darlegungen über die bei primär plastischem Zustand
des Gebirges zu wählende Belastung des Ausbaues ist es angezeigt, einige maß-
gebende Gesichtspunkte für die Baumaßnahmen zu erörtern, die bei Auftreten
von schwellendem Gebirge zu beachten sind. Der Schwelldruck im tonigen Ge-
birge führt zu einer außerordentlich starken Beanspruchung des Ausbaues. Um
der Aufgabe, die dem Tunnel- und Stollenbau in einem solchen Gebirge erwachsen,
gerecht zu werden, können grundsätzlich zwei verschiedene Wege eingeschlagen
werden. Entweder man läßt den wegen der Mängel, die dem nachgiebigen Ausbau
anhaften, unvermeidlich entstehenden Schwelldruck abklingen oder man ver-
hindert ihn.
a) Der erstere Weg ist bei zeitweiligem Holzausbau gegeben. Ein solcher Aus-
bau kann dem Schwelldruck nicht standhalten, er wird verdrückt und der Aus-
bruchquerschnitt erfährt eine fortlaufende Verengung, die ein häufiges Nach-
nehmen der Zimmerung notwendig macht. Dies dauert so lange, bis der endgültige
Ausbau hergestellt werden kann, dem dann die Aufgabe zufällt, das in Gang be-
findliche Schwellen abzufangen. Aber auch nach der Ausmauerung blieb bei den
älteren Bauweisen dem Gebirge noch die Möglichkeit einer weiteren Expansion,
insbesondere in die Hohlräume der früher gebräuchlichen Steinauspackung des
Überprofils. Es steht die Frage zur Erörterung, ob die beim zeitweiligen Holz-
ausbau unvermeidlich eintretende Einleitung des Schwellvorganges zweckmäßig
oder eine unerwünschte ErscheInung ist.
RABCEWICZ hat den Gedanken, dem Gebirge Expansionsmöglichkeit zu geben,
zu Maßnahmen hinsichtlich des zeitweiligen Ausbaues verwertet und außerdem
zu einer Bauweise ausgenützt, in dem er den Vorschlag machte, zwischen Aus-
mauerung und Gebirge Hohlräume zu belassen. Dabei ist es notwendig, Vorsorge
zu treffen, daß die Ausmauerung ausreichend stabilisiert wird; dies geschieht
durch Mauerungsrippen, die in Kontakt mit dem Gebirge ausgeführt werden,
und zwischen denen der beabsichtigte Hohlraum verbleibt.
Eine Übergangsform zum zweiten Weg bildet der zeitweilige Ausbau, bestehend
aus einem Kreisring, der aus Holzblöcken gebildet wird. Er ist viel widerstands-
fähiger als der Türstockausbau und vermag daher die Ausbildung des Schwell-
druckes zu verhindern. Diese Bauweise kommt aber nur bei kleinen Richtstollen
oder als Streckenausbau im Bergwerksbetrieb in Frage.
b) Der zweite Weg besteht darin, die Entwicklung des Schwellens von vorne-
herein zu verhindern. Dies wird dadurch ermöglicht, daß man den Ausbruchs-
arbeiten den Ausbau unmittelbar folgen läßt, wobei letzterer entweder einen Be-
standteil des dauernden Ausbaues oder diesen selbst bildet. Am besten eignet sich
hierfür der Spritzbetonausbau, wobei meist die Anordnung von Stahlstrecken-
bogen nicht zu umgehen ist. Ein Beispiel, wie dies geschehen kann, wird im Ab-
sehn. 117 gegeben werden. Die Spritzbetonbauweise ist noch sehr jung, weshalb
wenig Erfahrungen vorliegen. Wenn man aber bedenkt, mit welchen Schwierig-
keiten man bisher zu kämpfen hatte, wenn der Ton in der Umgebung eines Tunnel-
oder Stollenausbruches in die weichplastische Zustandsform überging, wird man
erkennen, wie wertvoll es ist, wenn eine solche Umwandlung von vorneherein
verhindert werden kann. Es wird daher richtig und zweckmäßig sein, dem zweiten
Weg den Vorzug zu geben. Die Herstellung des Ausbaues hat in Strecken mit
80. Über den Schwelldruck 189

schwellendem Gebi:r:ge früher fast immer einen Wettlauf mit der Druckentwick-
lung gebildet, der oft dramatische Formen annahm, und jeder Tunnelbauer weiß,
wie wichtig es ist, eine schwere Strecke rasch zu überwinden. Die neueren Bau-
weisen bieten die Möglichkeit dazu.
Durch die Gegenüberstellung der beiden Wege, auf denen dem Schwelldruck
begegnet werden kann, ist eine wichtige Frage des Tunnel- und Stollenbaues an-
geschnitten worden. RABCEWICZ, der dem Gebirge Expansionsmöglichkeit geben
will, beschränkt diesen Grundsatz nämlich nicht bloß auf das schwellende Ge-
birge, sondern will ihn allgemein bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck gelten
lassen, wobei er den Schwellraum allerdings nur im Bereich der Ulmen vorsieht
[108a]. Er stößt mit dieser Ansicht auf mancherlei Widerstände; ANDREAE ins-
besondere äußert sich zu dieser Frage wie folgt [3e]:
"Es ist selbstverständliche Voraussetzung, daß die Verkleidung an ihrem ganzen Umfang satt
anliegt. Für echten Gebirgsdruck ist dieser Grundsatz wohl heute allgemein anerkannt. Im
Simplon-Tunnel z. B., der aus zwei parallelen Röhren besteht, und dessen Überlagerung jene
aller bisher hergestellten Tunnel bedeutend übertrifft, wurde auf rd. 40 km (genau 39,627 km)
satt angemauert, wobei auf etwa 19 km echter Gebirgsdruck und auf einigen Strecken auch
solcher anderer Art auftrat. Beim Bau erwuchsen daraus keine Schwierigkeiten und trotz der
verhältnismäßig leichten Verkleidungsquerschnitte blieb seit der Vollendung der beiden paral-
lelen Tunnel vor rd. 30 Jahren die ganze Mauerung bis jetzt unversehrt. Dasselbe kann vom
Lötschbergtunnel gesagt werden.
Unter keinen Umständen darf bei Seitendruck ein Hohlraum hinter dem Gewölbe be-
lassen oder das Überprofil dort nur trocken versetzt werden. Bei km 8 ab Nordportal des
Simplon-Tunnels, im Valgrande-Gneis, fanden zur Zeit des Ausbaues von Tunnel II auf einer
Strecke von etwa 100 m Abbrennungen im Scheitel des Gewölbes von Tunnel I statt. Bei der
Rekonstruktion dieser Gewölbe zeigte es sich, daß dahinter ein Hohlraum war. Unter dem
Einfluß des Seitendruckes war der Scheitel hochgegangen und gebrochen. In großer Tiefe,
besonders im Gebirge, das seitlich schiebt, wie die Bilder des Lebendungneises und der Kalk-
phyllite zeigten, darf mit Sohlgewölbe nicht zu sehr gespart werden.
Ich möchte gleich hier sagen, daß in der Schweiz die Tunnelverkleidung, mit Ausnahme
der Stellen, wo Wasser abgefangen und abgeleitet werden muß, grundsätzlich satt angemauert
wird. In unseren großen Alpen- und Juradurchstichen liegen manche Strecken in mildem,
lockerem und auch treibendem Gebirge. Der 8,6 km lange Rickentunnel durchfährt in seiner
ganzen Länge Molasse und z. T. weiche Mergel. Im Jahre 1949 wurde im Stollen des Kraft-
werkes Lavay an der Rhone mit einem Querschnitt des Ausbruches von 65 m 2 feuchte.
plastische, gipshaltige und treibende Trias durchfahren_ Hier wie überall wurde mit Erfolg
satt angemauert bzw. betoniert.
Im Gegensatz dazu mußten die SBB in den Zwanzigerjahren in einer ganzen Anzahl
älterer Tunnel Rekonstruktionen durchführen, weil seinerzeit, wie es bis vor 70 oder 75 Jahren
(aber auch später) noch üblich war, das Überprofil hinter der planmäßigen Verkleidung hohl
gelassen oder nur trocken versetzt worden war. Wenn nunmehr in der neueren Literatur ge-
legentlich wieder vorgeschlagen wird, in mildem, treibendem Gebirge einen Hohlraum zu
belassen (vorgeschlagen wird 15 cm), so fehlt im schweizerischen Tunnelbau sowohl der Beweis
für die Zweckmäßigkeit als auch der Nachweis für die Notwendigkeit dieses Vorschlages."
Die Ansicht ANDREAES wird auch durch die Erfahrungen beim Bau des zweiten
Semmeringtunnels bestätigt. Hierüber wird wie folgt berichtet [109a, 109b]:
"Wenn nun in der Literatur bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck gewisse Maßnahmen
empfohlen werden, wie Zuwarten mit der endgültigen Ausmauerung oder Belassung eines
Hohlraumes zwischen Mauerwerk und Gebirge, in den das Gebirge hineinwachsen kann, so
mag dies für manche Gebirgsarten zutreffend sein; beim Semmering-Tunnel wäre es zweifellos
ein Fehlgriff gewesen."
Die durchgeführten theoretischen Untersuchungen über den. echten Gebirgs-
druck und über den Schwelldruck bestätigen die Anschauungen ANDREAEs
hinsichtlich des echten Gebirgsdruckes vorbehaltlos. Bei Auftreten von SchwelI-
druck betrachten sie die Schaffung eines Expansionsraumes für das Gebirge nur
als unvermeidbares Übel, das früher gerechtfertigt war, weil bei den älteren Bau-
weisen zwischen zeitweiligem und endgültigem Ausbau einige Zeit verging, so daß
das Schwellen des Gebirges nicht von Anfang an verhindert werden konnte.
Heute hingegen, wo man die Möglichkeit besitzt, schwellendes Gebirge sofort nach
190 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

der Freilegung des Ausbruches in kurzer Zeit ohne wesentliche Störung und hohl-
raumlos, d.h. mit sattem Kontakt auszubauen, wird man wohl diesen Weg wählen.
Für die Formgebung und Bemessung des Ausbaues gilt das im Abschn. 79 Gesagte.
Bei der Beurteilung dieser Frage ist auch folgende überlegung wichtig. Die
Erörterungen über den sekundären Spannungszustand und insbesondere über die
Deutung des echten Gebirgsdruckes als tektonischen Vorgang lassen hinsichtlich
der Auswirkung der im Gebirge auftretenden inneren Gleitbewegungen zwei Mög-
lichkeiten zu. .
Einerseits kann die innere Gleitbewegung als Gleitbruch ohne Zuwanderung
von Gestein aus den benachbarten Gebirgsbereichen erfolgen. Dann lösen sich vom
Ausbruchsrand Gebirgsschalen ab, und die Bruchvorgänge führen zu einer Ver-
größerung des Ausbruchsquerschnittes und zu einer Berichtigung seiner Form.
Dies tritt bei mäßigem Gebirgsdruck an den Ulmen und bei den Bergschlägen auf.
Anderseits aber kann ein Materialzuschub zum Ausbruchshohlraum hin er-
folgen. Dies ist bei starkem, von allen Seiten wirkenden echten Gebirgsdruck, also
insbesondere bei primärer latenter Plastizität der Fall, aber nur möglich, wenn
gleichzeitig eine Gefügeauflockerung im plastischen Bereich, besonders in der Nähe
der Grenze zwischen ihm und dem elastischen Bereich eintritt. Solche Auflocke-
rungen sind daher mit der Schaffung von Hohlräumen im Berginneren verbunden;
sie sollen aber möglichst vermieden bleiben. Daraus läßt sich der Schluß ziehen,
daß es richtig ist, plastische Verformungen, die von einem Materialzuschub zum
Tunnel- oder Stollenhohlraum begleitet sind, sofern sie nicht schon in der Ent-
wicklung verhindert werden können, so rasch als möglich zum Stillstand zu bringen.
Der traditionelle Ausbau mit Holz vermag dies nicht; die neuen Bauweisen hin-
gegen, insbesondere die Felsankerung und die Spritzbetonverkleidung sind aber
für solche Aufgaben besonders geeignet. Der Gedanke, dem Gebirge eine Expan-
sionsmöglichkeit zu geben, erweist sich auch aus dieser Erwägung als unzweck-
mäßig.
Es bleibt noch die Frage des Schwellens tonigen Gebirges vom gleichen Ge-
sichtspunkt aus zu beurteilen. Die früheren überlegungen haben erwiesen, daß
das Schwellen des Gebirges in der Umgebung des Ausbruchshohlraumes mit einer
gleichzeitigen Konsolidierung in der weiteren Umgebung verbunden ist, aus der das
Porenwasser gegen den Tunnel oder Stollen hin strömt. Dieser Konsolidierungs-
vorgang ist mit einer Raumverminderung verbunden, die gleichfalls zur Hohl-
raum bildung führen kann. Daraus folgt, daß die Schaffung eines Expansionsraumes
zwischen Ausbau und Gebirge nicht günstig beurteilt werden darf.
ROTHPLETZ (t 1949) hat die jüngste Entwicklung des Stollen- und Tunnel-
baues nicht erlebt, aber er hat mit seiner Anschauung recht behalten, der er wie
folgt Ausdruck verliehen hat [116]:
"Die wichtigste Forderung, die man im druckhaften Gebirge an die Ausbau-
methode stellen muß, ist, daß sie nach Aufschluß des Gebirges in kürzester Frist zum
fertig gemauerten Tunnel führt." Dieser Äußerung ist nur noch hinzuzufügen, daß
die Ausmauerung des Tunnels in möglichst hohlraumfreiem Kontakt mit dem Ge-
birge stehen soll.

81. Er,fahrungswerte für den zu erwartenden Gebirgsdruck


Nach der Darlegung der neuen Anschauungen über das Wesen des Gebirgs-
druckes (Abschn. 57 -60) und der sich daraus ergebenden Methoden zur Be-
messung des Ausbaues von Felshohlräumen (Kap. VI) werden einige Zusammen-
stellungen gebracht, in denen Erfahrungswerte über den zu erwartenden Gebirgs-
druck in Abhängigkeit von der Gebirgsbeschaffenheit angeführt sind. Die bis-
herigen Ausführungen werden die Beurteilung der in diesen Zusammenstellungen
81. Erfahrungswerte für den zu 'erwartenden Gebirgsdruck 191

erscheinenden Ziffern erleichtern; ins besondere wird man die Begrenztheit mancher
Angaben erkennen und bei ihrer Anwendung die nötige Vorsicht walten lassen.
a) Die erste Zusammenstellung stammt von BIERBAUMER [10] und ist aus
einer reichen Erfahrung entstanden (Tab. 18).

Tabelle 18. Der zu erwartende Firstdruck nach BIERBAUMER [10]


Firstdruck tm • Zeitweiliger Holzausbau
Gebirgsbeschaffenheit während des während des
weiteren Ausfüh- Bean- Anmerkung
Ausbruches Bestandes rungsart spruchung

Fels, mehr oder


weniger gebrech
0
I 8-12
I
schütter
und leicht
O-unbe-
deutend
Auflockerungsdruck
gering
bindiger Schotter, 10 35 schütter gering Auflockerungsdruck
sehr gebrecher Fels, aber stark größer; er macht
mildes Gebirge bei sich aber während
geringer überlage- des Ausbruches noch
rung nicht bemerkbar
rolliger Schotter, 20-25 35 dicht und mittel- Größerer Auflocke-
Fels überaus gebrech stark mäßig rungsdruck, welcher
(Firstbrüche ) schon während des
Ausbruches auftritt;
voraussichtlich
schwierige Beruhi-
gung
mildes Gebirge, 35 50 sehr dicht beträcht- -
druckhaft (auch und lieh
schwimmend), Über- kräftig
lagerung größer
mildes Gebirge, sehr 50 120 möglichst bis zum -
druckhaft, überla- Idicht und Bruch
gerung beträchtlich tunlichst
kräftig
(Hartholz-
schwellen)

Bemerkenswert an dieser Zusammenstellung ist, daß BIERBAUMER den First"


druck während des weiteren Bestandes des Tunnels oder Stollens wesentlich größer
angibt als während des Ausbruches. Im übrigen gibt sie nur Werte für den First-
druck an und wird also den Erscheinungen des echten Gebirgsdruckes nicht ge-
recht.
An diese übersicht knüpft BIERBAUMER Ratschläge, die in ihrer Bedeutung
durch neuere Untersuchungen nicht nur bestätigt, sondern erst ins richtige Licht
gerückt werden. Er verlangt, daß bei den Ausbruchsarbeiten jede Auflockerung
des Gebirges tunliehst vermieden werden soll; man muß vorsichtig sprengen, die
Verpfählung sorgfältig hinterpacken und den vorübergehenden Ausbau rasch
durch den endgültigen ersetzen. Dabei ist das Mauerwerk satt an das Gebirge an-
zuschließen. Hohlräume sind auszumauern, die Zimmerungshölzer unbedingt und
der Verzug nach Tunlichkeit zu entfernen. Es sei schon an dieser Stelle darauf
hingewiesen, daß die neuen Bauweisen (Kap. X) die Möglichkeit geben, diese
Bedingungen, die heute eher noch strenger gelten als seinerzeit, weitgehend zu
erfüllen.
b) STINI [138d] gibt für die Höhe des Bruchkörpers - er bezeichnet sie als
Druckgebirgshöhe - die in der nachfolgenden Zusammenstellung enthaltenen
Werte' an (Tab. 19). Diese Zusammenstellung weist eine weitgehende Unter-
teilung nach geologischen Gesichtspunkten auf. Ihr Wert liegt insbesondere darin,
daß die Gebirgsbeschaffenheit in jeder Gruppe gut gekennzeichnet ist.
192 VI. Bemessung bei echtem Gebirgsdruck

Tabelle 19. Der zu erwartende Gebirgsdruck nach STH., [138 d]

Anznnehmende I
Druck-
erscheinungen Ge birgRart IBrnchkörpers
Höhe des
m i
Anmerkung

schweres Schiefertone, mürbe Mergel, 40-60 Holzzimmerung bricht,


Druck- Quetschgesteine, schwere Zer- auch wenn man sie tun-
gebirge rüttungsstreifen liehst dicht und kräftig
ausführt
mittleres mürbe, dünnblätterige Seiden- 24-40 an der sehr dicht und
Druck- schiefer, Blätterschiefer (Phyllite), sehr kräftig hergestellten
birge weiche Mergel, graphitische Zimmerung beobachtet
Schiefer (Schwarzschiefer), man bedeutende inan-
nasser Ton spruchnahme
leichtes Schwarzschiefer, wenig durch- 15-25 die dicht und stark her-
Druck- bewegte Blätterschiefer, glim- gestellte Holzrüstung
birge merreiche Seidenquarzschiefer, steht unter kräftigen
Hartgestein mit engständigen, Spannungen
tonreichen Zwischenmitteln,
Gesteine von mittleren Zerrüt-
tungsstreifen. Viele Mergel-
schiefer, bergfeuchter Ton,
feuchte Grundmoräne
sehr ge- dünnschichtige, besonders merge- 10-15 schon beim Ausbruch
brecher Fels lige Sandsteine, glimmerreiche treten starke Auflocke-
Phyllite, manche Hartmergel, rungserscheinungen auf;
Kalkblätterschiefer, Ufermoränen örtlich ereignen sich
Firstbrüche
gebrecher Tonmergel, manche dünnschichti- 4-10 beim Ausbruch noch
Fels gen, mürben Sandsteine, ziemlich standfest, spä-
Quetschdolomite (in Ruschel- ter aber kräftige Nach-
streifen) brüche
mäßig ge- stark zerhackte Dolomite in Stö- 2-4 nach anfänglicher
brecher Fels rungsstreifen Standfestigkeit im Laufe
von Monaten Nach-
brüche
leicht ge- kräftig durchbewegte und zer- 1-2 beansprucht die Zirn-
brecher Fels hackte Quarzphyllite, Chlorit- merung wenig, löst sich
schiefer, glimmerreiche, blättrige während des Ausbruches
Kalkglimmerschiefer nur wenig ab und wird
erst nach Monaten le-
bendiger
befriedigend glimmerreiche Glimmerschiefer, 0,5-1 Nachbrüche nur durch
standfester stark verschieferte Gneise mehr oder minder un-
Fels vermeidliche Auflocke-
rung beim Ausbruch
verursacht und erst im
Laufe der Zeit von
einigem Belang
standfester 0-0,5 Auflockerung nur durch
und sehr die Ausbruchsarbeiten
fester Fels verursacht

Diese sehr wertvolle übersicht beschränkt sich gleichfalls auf die Angabe der
Firstbelastung, nimmt also auf die Wirkungen des echten Gebirgsdruckes nicht
unmittelbar Rücksicht. STINI weist darauf hin, daß die Güte der Ausbruchsarbeit
berücksichtigt werden muß. Er macht überdies Angaben über den Einfluß der
Breite des Ausbruchsquerschnittes. Der obigen übersicht liegt eine Breite von
4 -5 m zugrunde. Für Lichtweiten von 2 m wären die angeführten Werte für die
Höhe des Bruchkörpers um rund 30% zu verringern und für jeden Meter über
81. Erfahrungswerte für den zu erwartenden Gebirgsdruck 193

4 m hinaus um ungefähr 10% zu vergrößern. Man erhielte z. B. auf diese Weise


für eine Lichtraumbreite von 6 m statt 40-60 m Höhe des Bruchkörpers etwa
44-66 m, und für 9 m Lichtweite 56-90 m bei Vorliegen von schwerem Druck-
gebirge.
Bemerkenswert in der STINISchen-Zusammenstellung sind die beiden letzten
Angaben für standfesten Fels, wo der Auflockerungsdruck nur durch die Spreng-
arbeit beim Ausbruch hervorgerufen wird. Nach STINI hat der Auflockerungs-
bereich bei einer Lichtweite des Stollens von 4 -5 m ein größtes Ausmaß von 1,0 m.
Dieses Maß müßte aber bei kleineren Stollen, die im Vollquerschnitt vorgetrieben
werden, nicht eine Verminderung sondern eine Vergrößerung erfahren, weil die
Lösung des Gebirges im kleinen Querschnitt einen größeren Sprengstoffaufwand
erfordert. Bei großen Lichtraumquerschnitten, die mit Richtstollen aufgefahren
und durch den Vollausbruch auf die endgültige Größe gebracht werden, wäre das
Auflockerungsmaß durch Sprengarbeiten jedoch zu verringern.
c) Schließlich wird noch eine bereits früher erwähnte Zusammenstellung über
den zu erwartenden Gebirgsdruck angeführt (Abschn.69), die von TERZAGHI
stammt [144c]. In dieser wird ein Unterschied zwischen Auflockerungsdruck und

Tabelle 20. Der zu erwartende Gebirgsdruck nach TERZAGHI [144 c]

Gruppe Eigenschaften Gebirgsdruck Anmerkung


des Gebirges in m des Gesteins

1 fest, gesund leichte Verkleidung nur nö-


tig, wenn gelegentlich Ab-
schalungen oder Berg-
schläge vorkommen
2 fest, geschichtet 0-0,5b leichter Einbau, der Berg-
oder geschiefert druck kann sich regellos von
Stelle zu Stelle ändern
3 massig, mäßig zer- 0-0,25b leichter Einbau, der Berg-
klüftet druck kann sich regellos von
Stelle zu Stelle ändern
4 mäßig zerblockt und 0,25b-0,35 (b + h) Seitendruck fehlt
lassig
5 kräftig zerblockt und (0,35-1,1) (b + h) geringer oder fehlender Ul-
lassig mendruck
6 vollständig zerhackt l,1(b + h) beträchtlicher Seitendruck.
aber unzersetzt (che- Die erweichende Wirkung
misch unverändert) von Sickerwässern auf die
Tunnelsohle erfordert ent·
weder Einbauten auch in
der Sohle oder kreisförmi-
gen, vorübergehenden und
dauernden Ausbau
7 drückend, Tunnel (1,1-2,1) (b + h) kräftiger Seitendruck, Sohl-
seichtliegend streben erforderlich, kreis-
förmiger Einbau empfohlen
8 drückend, (2,1-4,5) (b + h) kräftiger Seitendruck, Sohl-
Tunnel tiefliegend streben erforderlich, kreis-
förmiger Einbau empfohlen
9 Schwelldruck ohne Rücksicht auf kreisförmiger Einbau erfor-
den Wert von derlich; in besonders un-
(b + h) bis 80 m er- günstigen Fällen nachgie-
forderlich biger Einbau
10 dicht gelagerter Sand (0,62-1,38) (b + h)
11 locker gelagerter Sand (1,08-1,38) (b + h)
13 Kastner, Statik
194 VII. Druckstollen

echtem Gebirgsdruck gemacht, wenngleich die Angaben für beide Fälle gelten.
In den Werten, die TERZAGHI angibt, finden die halbe lichte Weite b und die Höhe
des Stollenausbruches h Berücksichtigung. Die übersicht gilt für Tiefen von mehr
als 1,5 (b +
h). Außerdem können in Stollen oberhalb des Grundwasserspiegels
die Werte der Gruppe 4-6 um 50% vermindert werden.

Kapitel VII

Druckstollen

82. Allgemeines über die Triebwasserleitung von Hochdruckwasserkraft-


werken
Die Triebwasserleitungen von Hochdruckwasserkraftwerken zerfallen in der
Regel in zwei Abschnitte, in den wenig geneigten Teil, der die Aufgabe hat das
Betriebswasser von der Fassungsstelle möglichst nahe an die im Gelände ge-

Speicher
l1oscrborfen

lD'I4./f fum lJdrieb


tOJ5 $lou,i,1

Nel <Jn ' l .mJ60m tallf-UDO r••


Stotiqmeron!/
K,Yometer
2,0 J.O 5,0
Abb. 101. Längsschnitt der Triebwasserleitung der Oberstufe Kaprun der Tauernkraftwerke [6]

wählte Steilstufe heranzubringen und in den steil nach abwärts führenden Lei-
tungsabschnitt, in dem der größte Teil der Fallhöhe des Werkes überwunden
wird; an diesen schließt sich gewöhnlich ein unterer flacher Abschnitt an (Abb. 101).
Der wenig geneigte obere Abschnitt der Triebwasserleitung wird je nach der Art
der Wasserfassung entweder als Freispiegelstollen oder als Druckstollen aus-
gebildet. Im ersteren Fall ist der Stollen drucklos, im letzteren steigt der größte
Druck von der Wasserfassung gegen das Wasserschloß hin nur langsam an. Der
Steilteil der Triebwasserleitung kommt hingegen unter rasch anwachsenden und
beträchtliche Ausmaße erreichenden Druck, der die Anwendung von Stahlrohren
erforderlich macht. Eine Druckrohrleitung, die entweder aus einem oder aus
83. Querschnittsform und Auskleidungsart von Druckstollen 195

mehreren Strängen bestehen kann, hat diesen Druck zur Gänze in Form von Ring-
zugspannungen aufzunehmen. Beim Druckschacht hingegen soll ein wesentlicher
Teil des betrieblichen Wasserdruckes auf das Gebirge übertragen werden und nur
ein geringer Teil davon die Blechpanzerung beanspruchen.
Die Aufgabe des Druckstollen- und Druckschachtbaues besteht darin, ein
geschlossenes, untertägiges Gerinne, das unter hydrodynamischen Innendruck
gerät, wasserdicht auszubilden. Beim Druckstollen fällt die Dichtungsaufgabe
entweder der Betonauskleidung, dem Gebirge oder beiden zu; beim gepanzerten
Druckschacht hat die Blechauskleidung allein für die Wasserdichtheit zu sorgen.
Nachdem die Auskleidung eines Druckstollens oder eines Druckschachtes
einen Teil des betrieblichen Wasserdruckes auf das Gebirge überträgt, kommt der
Kenntnis der mechanischen Eigenschaften des Gebirges größte Bedeutung zu.
Daraus kann man aber auch ersehen, welche Unsicherheit dann besteht, wenn
diese Eigenschaften wenig bekannt sind und die dafür maßgebenden Werte nur
geschätzt werden.
Aus dem Umstand, daß das Gebirge zur statischen Mitwirkung herangezogen
wird, folgt, sowohl für den Druckstollen als auch für den Druckschacht geltend,
daß zwischen den Auskleidungsschichten untereinander und dem Gebirge ein
einwandfreier Kontakt bestehen muß und daß vom Gebirge Eigenschaften zu
verlangen sind, die seine elastische Mitwirkung dauernd gewährleisten.
Der Unterschied zwischen Druckstollen und Druckschacht besteht nach diesen
Darlegungen in folgenden charakteristischen Merkmalen.
a) Während die Druckstollen nur geringes Gefälle aufweisen, sind die Druck-
schächte steil geneigt und manchmal auch lotrecht angeordnet.
b) Druckstollen sind einem verhältnismäßig geringen Innendruck ausgesetzt,
der in der Regel 15 atü nicht wesentlich überschreitet; Druckschächte hingegen
erfahren einen beträchtlichen Innendruck, wobei das größte bisher erreichte Aus-
maß 120 atü beträgt. Dieser Innendruck wurde beim Lünerseewerk der Vorarl-
berger Illwerke A. G. erreicht [19].
Die angeführten, kennzeichnenden Merkmale bedingen wesentliche Unter-
schiede in der Ausführungsart und in der statischen Beurteilung, weshalb eine
getrennte Behandlung von Druckstollen und Druckschächten angezeigt ist.

83. Querschnittsform und Auskleidungsart von Druckstollen


Druckstollen sollen in der Regel einen kreisförmigen lichten Querschnitt
erhalten, um Spannungssteigerungen an Stellen stärkerer Krümmung zu ver-
meiden [57]; auch mit Rücksicht auf die hydraulische Leistungsfähigkeit ist der
Kreisquerschnitt als Idealform zu betrachten. Bei geringeren Drücken wird aber
häufig ein Hufeisenguerschnitt gewählt, bei dem die breitere Sohle die Herstellung
erleichtert (Abb. 102).
Im Druckstollenbau kommen folgende Auskleidungsarten in Betracht.
a) Bei großer Tiefenlage, d. h. bei großem Normalabstand von der Felsober-
fläche und bei praktischer Wasserdichtheit des Gebirges kann der Fels u. U. un-
verkleidet belassen werden. Diese Ausführungsart kommt allerdings selten zur
Anwendung; gegen sie sprechen energiewirtschaftliche Erwägungen, die durch
die Rauhigkeit der Felswandungen bedingt sind.
b) Bei günstiger Gebirgsbeschaffenheit ist manchmal nur eine Spritzbeton-
verkleidung der Felsoberfläche ausgeführt worden, wodurch die Rauhigkeit ver-
mindert und gleichzeitig ein Verschluß der Gesteinsklüfte erzielt wurde. Eine
solche Auskleidung ist beispielsweise in dem den Tauernkamm durchfahrenden
Möllüberleitungsstollen der Oberstufe Glockner-Kaprun streckenweise ausgeführt
worden [6]. Das Gebirge ist dort Kalkglimmerschiefer der oberen Schieferhülle

13*
196 VII. Druckstollen

der Tauern ; in den Zonen von vortrefflicher Gebirgsbeschaffenheit konnte man


sich mit einer Spritzbetonauskleidung begnügen. Wegen des Auftretens von
Bergschlägen erfuhr diese Bauweise allerdings eine Beschränkung (Abb. 103). Die
Spritzbetonauskleidung ist dort verhältnismäßig dünn; ihre Dicke beträgt im

Rege/profi/ I Regelprofil U Rege/profil BI


Verkleidungsprofil Druckprofil Mauerungsprofil
Ia ohneSprifzbeton IU IfIiI$prifzbefon Ha ohneSohlgewölbe lIh mit Sahlgewölbe mit armiertem Innenring
auf fels ][o/IIOBefon3lürkellOcm lIb/JO BetonslürkeJocrn BIa BeIon·rxJ. formslein- BIll Beton·or!. furmsfein-
][0/50 Befonsfürke 50crn lllJ/fO Belonsliirke /{Ocm l10uerung f5 cm l1auerung 50 cm
llb/so Betonsfürke 50r:m Innenring eOcrn Innenring aOern

Abb. 102. Regelquerschnitte des Druckstollens des Salzachkraftwerkes Schwarzach der Tauernkraftwerke A. G.
[126]

Mittel nur etwa 3 cm. Bei der Leistungsfähigkeit der modernen Betonspritzgeräte
(s. Abschn. 113) besteht die Möglichkeit, Betonschichten von beliebiger Stärke
aufzutragen und damit eine ohne Schalung hergestellte Auskleidung zu schaffen,
deren Oberfläche profilgerecht ab-
gezogen werden kann. Die Glatt-
heit eines mit Stahlschalung her-
gestellten Betons wird man aber
auf diesem Wege nicht erreichen,
es wäre denn, daß man einen Ze-
mentglattstrich anordnet.
c ) Wenn das Gebirge bei allen
vorkommenden Belastungsverhält-
nissen elastisch mitwirkt, und wenn
es ferner kluftarm und wenig durch-
lässig ist, reicht in einem Druck-
stollen eine sorgfältig hergestellte
Betonauskleidung von mäßiger
Dicke aus. Dabei müssen aber die
Hohlräume, die zwischen Beton
und Gebirge im Firstbereich immer
auftreten, durch Kontaktinjektio-
Ahb. 103. Bergschlag in einem Druckstollen, der mit einer nen und das Gebirge durch Tie-
wrhältnismäßig dünnen Spritzbetonauskleidung gesichert war
feninjektionen gedichtet werden.
Als Beispiel wird der Druckstollen
des Achsenseekraftwerkes der Tiroler Wasserkraftwerke A. G. gewählt, der im
Jahre 1927 in Betrieb gegangen ist. Dieser Druckstollen hat eine mehr als 30jäh-
rige Bewährungszeit hinter sich. Er wurde erst nach 25jähriger ununterbrochener
Betriebsdauer, ohne zwischendurch auch nur ein einziges Mal entleert worden 7,U
83. Querschnittsform und Auskleidungsart von Druckstollen 197

sein, erstmalig begangen. Dabei zeigte sich, daß er keinerlei Mängel aufwies. Die
Betonauskleidung befand sich in einem ausgezeichneten risse- und schadens-
freien Zustand [114]. Erhaltungs- oder Ausbesserungsarbeiten waren nicht er-
forderlich.
Die obige Bemerkung, daß eine Auskleidung von mäßiger Dicke genügt, gilt
nur für standfesten Fels. Sollte gebrecher Fels oder gar kohäsionsloses oder
bindiges Lockergebirge vorliegen, dann gelten die in Abschn. 116 und 117 dar-
gelegten Gesichtspunkte.
Für die Auskleidungsart ist überdies auch der Bergwasserdruck entscheidend,
wofür als Beispiel der Druckstollen des Kraftwerkes Schwarzach angeführt wird
[701]. Dort ereignete sich im Westabschnitt des Bauloses Lend am 20.9. 1954,

Ahb. 104. Thermalwassereinbruch vou 600-700 l/sek im Druckstollen des Salzachkraftwerkes Schwarzach der
Tauernkraftwerke A. G. [70 I]

als der Richtstollenvortrieb 1059 m vom Fensterstollenwinkelpunkt erreicht


hatte, im Klammkalk des Salzachtales ein mächtiger Wassereinbruch. An diesem
Tage war Thermalwasser erbohrt worden, das unter so starkem Druck stand, daß
nicht alle Bohrlöcher geladen werden konnten. Noch am seI ben Tage wurde dann
eine breite, wasserführende Kluft aufgerissen, aus der sich eine Wassermenge von
600-700 ljsek in den Stollen ergoß (Abb.104). Die Temperatur des Wassers
betrug 23 -24 0 C. Die trotz großer Schwierigkeiten bald nach dem Einbruch
wieder aufgenommenen Vortriebsarbeiten zeigten, daß der Wasserzudrang dem
Vortrieb folgte. Neue Wassereinbrüche, die ohne wesentliche Vermehrung der
Wassermenge auftraten, waren ein Beweis dafür, daß die Thermalquellen über
große Räume im Zusammenhang stehen und daß ein ausgedehntes Karsthöhlen-
system erschlossen worden war, das sich von 1059 m bis 2100 m, also auf eine
Länge von mehr als einem Kilometer, erstreckte. Diese hauptsächlich in Klamm-
kalk liegende Thermalzone ist zwar durch eine kurze Phyllitstrecke unterbrochen,
die aber den Zusammenhang in der Bergwasserführung nicht zu unterbinden
vermochte und offenbar vom Wasser umgangen wird. Die Quellen waren durch-
wegs warm; die größte Temperatur trat bei 2093 m auf und betrug 30,6 °C. In der
Thermalwasserzone befanden sich zahlreiche, durch Auslaugen entstandene
Höhlen, die teilweise mit Kluftlehm gefüllt und deren Wände oft mit wohlaus-
gebildeten Calcitkristallen reich besetzt waren. Die gesamte Wasserführung in der
Thermalwasserzone nahm im Laufe der Zeit allmählich ab und hielt sich schließ-
lich konstant bei etwa 130 ljsek.
198 VII. Druckstollen

In dieser Thermalwasserzone bestand die Aufgabe, die Auskleidung möglichst


dicht zu gestalten, um das Wasser zurückzudrängen. Sie mußte daher in der
Lage sein dem zu erwartenden großen Außenwasserdruck standzuhalten. Aus
diesem Grunde wurde ein Kreisringquerschnitt mit der ringsum gleichen Dicke
von 50 und 65 cm gewählt (Abb. 105). Eine besondere Dichtung der Ringfugen
sowie der Arbeitsfugen zwischen der vorausbetonierten Sohle und den Wider-
lagern unterblieb. Durch sorgfältig ausge-
führte Tiefeninjektionen gelang es, auch diese
Fugen weitgehend wasserdicht zu bekommen.
Die Überleitung des Thermalwassers über
die jeweilige Baustrecke bereitete bei den
Ausbruchsarbeiten und insbesondere bei der
Sohlenherstellung beträchtliche Schwierig-
keiten. Ende Mai 1957 waren die Ausklei-
dungsarbeiten in der Thermalwasserzone be-
endet. Mitte September 1957 wurden die
Schieber geschlossen, durch die das Thermal-
wasser während der Baudurchführung in den
Sohlgraben abgeleitet worden war. Damit
begann der Aufstau des W'assers im Gebirge
Abb. 105. Druckstollenquerschnitt im Bereich und der Druckanstieg, dessen zeitlicher Ver-
der Thermalzone des Triebwasserstollens des
Salzachkraftwerkes Schwarzach der Tauern- lauf in der Abb. 106 ersichtlich ist. Im Zeit-
kraftwerke [701]
punkt der Betriebsaufnahme des Werkes ist
nach einer 12 Monate langen Beobachtungs-
dauer der Außenwasserdruck bis 10,5 atü gestiegen und hat später das größte
Ausmaß von 14 atü erreicht, wobei allerdings durch Öffnen der für diesen Zweck
eingebauten Schieber eine gewisse Druckentlastung herbeigeführt wurde.
Das geschilderte Beispiel zeigt, bis zu welcher Höhe der Außenwasserdruck
im Gebirge ansteigen kann.

atü atü
J. +--
-
1'0 ~
1.'0

8 Of'vck{!nsfieg bei Siot 1Z30flL..::::-_ j....-' 8


6 --.::: 6
r---
~
"'Of'vck{!nslieg bei Slut. Z080m
....... 'I
r-
z /
~ Z
o Sept Okt. No!/. Dez. Jon. Febr. t/tYrz April t/oi Jvni Jvli Avg. Sept.
'0
19S7 19S8

Abb. 106. Anstieg des Bergwasserdruckes in der Thermalwasserzone des Triebwasserstollens des Salzachkraft·
werkes Schwarzach der Tauernkraftwerke. Die Druckanstiege bei 1230 mund 2080 m verlaufen parallel, obwohl
zwischen den Meßstellen eine Phyllitzone liegt [70/1

Wenn das Gebirge gebrech ist oder zu Nachbrüchen neigt, dann ist ein zeit-
weiliger Ausbau notwendig. Früher pflegte man einen solchen in der traditionellen
Weise durch Verzimmerung herzustellen. Dann war man genötigt einen äußeren
Tragring einzubauen, der die Aufgabe hatte die Auflockerungslast aufzunehmen.
Bei Auftreten von echtem Gebirgsdruck war der gleiche Vorgang gegeben. Unter
dem Schutz des Tragringes wurde dann der eigentliche Auskleidungsring ein-
gezogen, der in der Regel aus Stahlbeton oder aus einer bewehrten Torkretschicht
bestand. Den Kontakt- und Tiefeninjektionen kam bei der gegebenen Beschaffen-
heit des Gebirges besondere Bedeutung zu. Bei dieser älteren Art der Auskleidung
war es oft unvermeidlich, daß Holzteile zwischen Beton und Gebirge belassen
84. Theorie des Druckstollens mit einfacher Betonauskleidung 199

werden mußten. Die modernen Bauweisen gestatten es diesen Übelstand zu ver-


meiden. Besonders vorteilhaft ist die Felstorkretierung in einer den Gebirgs-
verhältnissen angepaßten Dicke, verbunden mit Felsnagelung, bzw. verstärkt
durch eine Bewehrung oder durch Stahlstreckenbogen. Die solcherart hergestellte
zeitweilige Auskleidung des Hohlraumes stellt eine Sicherung des Gebirges dar
und ist gleichzeitig als Bestandteil des dauernden Ausbaues wirksam. Als Bei-
spiele werden die Ausbruchsquerschnitte ausgewählt, die sich beim Bau des
Salzachkraftwerkes Schwarzach der Tauernkraftwerke A. G. bewährten (Abb. 102
und 171). Bezüglich der Einzelheiten dieser Ausführung wird auf Kap. X ver-
Wiesen.
e) Bei sehr ungünstigen Gebirgsverhältnissen, insbesondere dann, wenn das
elastische Verhalten des Gebirges nicht gewährleistet ist oder wenn infolge der
Nachgiebigkeit des Gebirges plastische Verformungen großen Ausmaßes zu be-
fürchten sind, ist Vorsicht geboten. Derart ungünstige Verhältnisse sind besonders
häufig in den oberflächennahen Strecken von Druckstollen oder in der Nähe von
kurzen Fensterstollen zu erwarten. Dort sind besondere Maßnahmen notwendig,
weil die oberflächennahen Gebirgsbereiche infolge von Verwitterungserschei-
nungen in elastischer Hinsicht selten entsprechen, weil ferner Wasserdichtheit
des Gebirges nicht erwartet werden darf und Wasseraustritte folgenschwere Aus-
wirkungen haben können. Es ist erstaunlich, daß Schäden an Druckstollen, die
auf diese Ursachen zurückzuführen sind, immer wieder vorkommen, obwohl sie
bei entsprechender Kenntnis der Festigkeitseigenschaften des Gebirges vermieden
werden könnten. An den Auswirkungen derartiger Schäden gemessen, wächst die
Bedeutung der in den Kap. I, II und III gebrachten, anfänglich vielleicht etwas
zu umfangreich erscheinenden Ausführungen über die mechanischen Eigenschaften
des Gebirges sowie über den primären und sekundären Spannungszustand.
An dieser Stelle möge aber auch auf die häufige Unstetigkeiten im Kontakt
zwischen einer Druckstollenauskleidung und dem Gebirge hingewiesen werden
(Abweichungen von der Drehsymmetrie), die immer Störungen in der Kraft-
übertragung verursachen und zu Spannungshäufungen führen. Solche Unstetig-
keiten werden nicht nur durch die Gestaltung des Stollen querschnittes geschaffen,
sondern haben ihre Ursachen vielfach im Gebirge. Unvermittelte Änderungen des
elastischen Verhaltens, das Auftreten von weichen oder zerrütteten Zonen im
festen Fels und ähnliche Erscheinungen können den Anlaß solcher Unstetig-
keiten bilden. Es ist Aufgabe des Entwurfes, ihnen zu begegnen. Schwächezonen
können durch Betonpfropfen oder durch besonders ausgebildete Mauerungsringe
überbrückt werden. Auch Zementeinpressungen und Felsankerungen können
eine Verbesserung herbeiführen.

84. Theorie des Druckstollens mit einfacher Betonauskleidung


Der sekundäre Spannungszustand, der nach erfolgter Durchörterung des Ge-
birges auftritt, ist im Kap. III behandelt worden. Wenn die Auskleidung nur aus
einem Betonring besteht, dann bildet dieser gemeinsam mit dem Gebirge das
Tragsystem (Abb. 107). Der auf die innere Mantelfläche der Auskleidung wirkende
betriebsmäßige Wasserdruck Pi hat eine Kontaktpressung Pa zwischen Beton und
Gebirge zur Folge, die das Gebirge belastet, aber für die Betonauskleidung eine
Entlastung bildet. Infolge dieser Wirkung treten im Gebirge Spannungen auf, die
sich mit Hilfe der Theorie des dickwandigen Rohres (Absehn. 30) wie folgt er-
mitteln lassen
arg = cx. 2 Pa

atg = - cx. 2 Pa (1 )
Tg = O.
200 VII. Druckstollen

Dabei wurde die Hilfsgröße


(2)
eingeführt.
Die Spannungen in der Betonauskleidung, die unter der Einwirkung des
Innendruckes Pi und des Außendruckes Pa entstehen, haben gemäß GI. (16) im
Abschn. 30 die Größe

wobei
(4)

gilt. Nunmehr besteht die Aufgabe, den Druck


auf die äußere Mantelfläche der Betonaus-
kleidung, der als statisch nicht bestimmbare
Größe betrachtet wird, zu ermitteln. Hierzu
Abb. 107. Bezeichnungsweisen für die Be- ist die Kenntnis der elastischen Verformungen
rechnung eines Druckstollenquerschnittes