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Universität Novi Sad

Philosophische Fakultät

Institut für Germanistik

Kurs: Gattungstheorie

Dozentin: Ana Mitrevski

Legende, Märchen, Sagen

Jovana Mišković

1. Studienjahr

Novi Sad, 24. 3. 2015

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INHALTSVERZEICHNIS

1. Einführung ..................................................................................... 3
2. Legende ......................................................................................... 3
3. Märchen ......................................................................................... 4
4. Legende und Märchen ................................................................... 7
5. Sage ..............................................................................................7.8

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Einführung
Vorweg: Erstens gibt es keine eindeutige Unterscheidung, ob ein ursprünglich ausschließlich
mündlich überliefertes Erzählgut eine Sage, eine Legende oder ein Märchen ist, dem Erzähler
und seinen Zuhörern ist eine exakte literarische Zuordnung auch meistens nicht wichtig.
Zweitens: es gibt zahlreiche Überschneidungen aller drei Gattungen, und nicht wenige
Erzählungen beinhalten Merkmale von mehr als nur einer der drei Gattungen.

Legende

Die Legende ist ebenfalls eine kurze Prosaerzählung (Gattung). Doch anders als das häufige
Auftreten des Begriffs in Fantasy-Zusammenhängen vermuten lässt (z.B. der Film Legende von
Ridley Scott oder die populäre Buchreihe Legenden der Drachenlanze, hat die "Legende"
eigentlich einen ganz anderen Inhalt:

Der Begriff "Legende" stammt vom lateinischen Wort legendum, das "das zu Lesende" bedeutet.
Verwendet wurde der Begriff zunächst im Zusammenhang mit den Jahrestagen der Heiligen,
dann an diesen tagen sollte eine Geschichte aus ihrem Leben gelesen werden. Die Zuordnung
zum Jahrestag wurde schließlich immer mehr aufgehoben, und schließlich wurden unter einer
Legenden kleine, vorbildhafte Geschichten aus dem Leben der Heiligen verstanden. Man kann
also die "Legende" als kurze "Heiligengeschichte" auffassen. Zum einen gibt es die "eigentliche
Legende", die über das irdische Leben heiliger Personen berichtet wie z.B. die Legende von
Nikolaus von Myra. Die zweite Art "Legende" ist die sogenannte "Mirakelerzählung" in der von
Wundern oder göttlichen Offenbarungen die Rede ist. Zu dieser Sorte gehören auch Geschichten,

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die in der Art von Heiligengeschichten erzählt sind und eine religiös-moralische Basis haben.
Legenden sind überlieferte Geschichten ohne klare Urheberschaft.

Märchen
Wenn man von einem Grundtyp des Märchens ausgeht, dann muss dieses "als Idealtyp
aufgefasst werden; die einzelnen Erzählungen umkreisen ihn, nähern sich ihm, ohne ihn je ganz
zu erreichen." (Lüthi, Max: "Märchen", 2004, 10. Auflage, S.25)

Das Märchen kann gleichermaßen als Genre und Gattung (eine Untergattung der Epik) betrachtet
werden, wobei die Genre-Merkmale überwiegen. Das Märchen wird als kurze Prosa-Erzählung
definiert und steht somit in einer Ebene mit z.B. Kurzgeschichten und Satiren. Zudem haben
Märchen eine gradlinige Handlung, eine formelhafte Sprache, und sie sind im Präteritum erzählt.
Neben diesen formalen Gattungsmerkmalen hat das Märchen auch inhaltliche Merkmale, die es
als Gerne Kennzeichnen: die Figurenkonstellation, das Auftreten von magischen Ereignissen,
usw.

Liste der Merkmale

1. Handlung: Es gibt einen Handlungsstrang, um den sich das Märchen dreht, also eine Aufgabe,
die bewältigt werden muss. Dies gilt für Volks- wie auch für Kunstmärchen. Beispiele: Hänsel
und Gretel wurden im Wald ausgesetzt und wollen zurück nach Hause, Zwerg Nase kämpft um
seine Rückverwandlung, Die kleine Gerda will Kai aus der Macht der Schneekönigin befreien,...
Diese Handlung läuft stringent, d.h. es gibt keine Rückblenden und keine Ortswechsel. Die
Handlung folgt immer dem Helden. (Natürlich gibt es Ausnahmen, z.B. die Szenen mit der bösen
Stiefmutter aus "Sneewittchen".) Der Held macht sich auf eine tatsächliche (oder auch
spirituelle) Reise und löst dabei nicht nur seine Aufgabe, sondern vollzieht auch eine wichtige
Entwicklung.

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2. Figuren: Die Figuren sind grundsätzlich allgemein gehalten und stereotyp. Sie sind gut oder
böse. Auch haben sie (zumindest im Volksmärchen) in der Regel keine Namen. Und wenn
Namen auftauchen, dann sind es die zu der Zeit verbreitesten Namen wie z.B. Hans
(Deutschland), Jack (England) oder Iwan (Russland). In der Regel sind es Der Prinz, Die Fee
oder Der Soldat, die im Märchen auftauchen.

3. Achtergewicht: Die jüngste Tochter ist die schönste, der Arme/Benachteiligte ist am Ende der
Sieger, usw. Beispiel: Nur das jüngste der sieben Geißlein entkommt dem bösen Wolf.

4. Formelhafte Sprache: Die Märchensprache enthält eine gewisse Formelhaftigkeit ("Es war
einmal",...) und wiederkehrende Formulierungen. So gibt die Sprache dem Märchen auch
Struktur.

5. Magische Zahlen: Die Zahlen 3, 7 und 12 haben im Märchen eine besondere Bedeutung und
treten viel öfter auf als alle anderen. Beispiele: Sieben Zwerge, sieben Geißlein, drei Brüder oder
(in Andersens "Feuerzeug") drei Hunde. Auch die Zahlen strukturieren das Märchen. So muss
der Held immer drei Aufgaben lösen, und die böse Stiefmutter benötigt drei Versuche und
Schneewittchen (vorläufig) zu töten.

6. Magie: In Märchen treten magische Gestalten und Fabelwesen auf, und magische Artefakte
mit magischen Wirkungen kommen ebenfalls vor.

7. Isolation: Die Befreiung aus einer Isolation ist grundsätzlicher Bestandteil der
handlungsbestimmenden Heldenaufgabe. Allerdings treten Helferfiguren auf und stehen dem
Helden zur Seite. Die Helfer sind aber immer auch Außenseiterfiguren. Der mächtige König

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könnte niemals Helfer sein, wohl aber der Jäger, der (wie der Held auch) allein unterwegs ist,
oder die sieben Zwerge, die zivilisationsfern leben.

8. Gesellschaftsform: Dieser Punkt wird bei den Märchenmerkmalen häufig außer Acht gelassen,
vielleicht weil er selbstverständlich scheint. Die Märchen spielen, wie die Formel "Es war einmal
..." impliziert, in einer weit zurück liegenden Vergangenheit, und zwar vor der Industrialisierung.
Weder bei den Brüdern Grimm als Volksmärchenvertreter noch bei Hans Christian Andersen als
Kunstmärchenvertreter ist von Errungenschaften der Industrialisierung (wie z.B. Maschinen oder
Eisenbahnen) die Rede. Das klassische Märchen spielt in einer monarchisch geprägten
Agrargesellschaft. (Eine Ausnahme bilden hier die modernen Märchen.)

Wichtig ist, dass die Märchen selten alle genannten Kriterien erfüllen.

Volksmärchen

Der Begriff "Volksmärchen" soll die Märchen bezeichnen, die dem Volksmund entnommen
sind. Es gibt also keine klare Urheberschaft durch einen Autor. Aufgeschrieben wurden diese
Märchen von Märchensammlern, von denen die prominentesten wohl die Brüder Grimm sind.
Allerdings ist der Volksmärchen-Begriff nicht ganz unproblematisch. Durch die mündliche
Tradition der Volksmärchen wurden diese im Vortrag immer wieder verändert und waren stets in
Entwicklung und zudem in verschienen Regionen auch unterschiedlich ausgeprägt. Durch die
Verschriftlichung wurden die Märchen statisch. Zudem haben die Sammler auch
unterschiedliche Versionen von Märchen vermischt, starken Einfluss auf die Formulierungen
genommen und sogar Ausschmückungen eingebaut. Dies führt dazu, dass es in der
Märchendiskussion auch Vertreter gibt, die der Auffassung sind, dass Volksmärchen in
schriftlicher Form keine Volksmärchen sind. Alternativ wird der Begriff Buchmärchen
verwendet, der aber, da die Kunstmärchen nunmal auch in Büchern veröffentlich werden etwas
unglücklich gewählt ist. Auf dieser Internetseite wird trotz Problembewusstseins der Begriff
"Volksmärchen" verwendet.

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Kunstmärchen

Die "Kunstmärchen" haben eine klare Urheberschaft. Autoren wie Hans Christian Andersen und
Wilhelm Hauff sind sowohl inhaltlich als auch in der sprachlichen Ausführung klar als Urheber
benennbar. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Kunstmärchen etwas freier mit den oben
angeführten Märchenmerkmalen umgehen und sich zum Teil auch deutlich davon lösen.
Dennoch bleiben auch bei ihnen immer genug Merkmale, die ihre Zugehörigkeit zur Gattung
(bzw. zum Genre) "Märchen" erkennen lassen.

Moderne Märchen

Weniger eindeutig ist der Begriff Moderne Märchen, der auf sehr unterschiedliche Weise
ausgelegt wird.

Legende und Märchen


Der Unterschied zwischen Märchen und Legende ist klar: Die Legende ist in der Regel eine
Heiligengeschichte und hat immer einen religiösen Hintergrunde. Das Märchen ist keine
Heiligengeschichte. Dennoch haben die Brüder Grimm in ihrer Märchensammlung auch
Legenden aufgenommen. Diese sind keine Heiligengeschichten, thematisieren aber die
Bedeutung des Glaubends und ähnliches. Die Brüder Grimm selbst haben Figuren der von ihnen
gesammelten Legenden, auch wenn sie so nicht bezeichnet wurden, als Engel interpretiert.

Sage

Das Grimmsche Wörterbuch definiert die Sage als „Kunde von Ereignissen der Vergangenheit,
welche einer historischen Beglaubigung entbehrt“1. Weiter ist von „naiver Geschichtserzählung
und Überlieferung, die bei ihrer Wanderung von Geschlecht zu Geschlecht durch das

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(Bd. XIV, 1893)
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dichterische Vermögen des Volksgemütes umgestaltet wurde“ die Rede. Anders als
Volksmärchen sind Sagen eng an die Region ihrer Entstehung gebunden. Auch die Sage kann
gleichermaßen als Genre und Gattung verstanden werden. Die Gattungsvorgaben sind (wie schon
beim Märchen), dass die Sage in Prosa und der Zeitform Präteritum geschrieben ist, und dass es
sich um eine kurze Form handel. Die Gerne-Vorgaben sind weniger ausführlich. Anders als das
Märchen braucht die Sage nicht zwangsläufig eine Handlung. Eine Sage kann auch die kurze
Schilderung einer Situation sein. Übernatürliche Ereignisse können geschehen, so treten
Fabelwesen auf und Magie spielt eine Rolle. Auch die Fabel wurde mündlich überliefert und von
Sammlern zu Papier gebracht. Sie hat oft die Anmutung eines Wahrheitsberichtes. Wichtiges
Kriterium ist jedoch auch, dass die Sage eine lokale oder regionale Verwurzelung hat. Beispiele:
Rübezahl, der Berggeist aus dem Erzgebirge oder eben "Der Rattenfänger von Hameln". Diese
lokale oder regionale Verwurzelung meint in der Regel nicht nur den Handlungsort, sondern geht
darüber hinaus. So können Sagen auch fiktionale Erklärungen für tatsächliche Ereignisse sein
oder einem Ort eine übernatürliche Wirkung andichten. Die Nennung eines Ortes hat immer eine
größere Bedeutung.