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Sprache und SILKE DIETER,

MELANIE WALTER &


KARL-HEINZ BRISCH

Bindungsentwicklung
im frühen
Kindesalter
Schlüsselw ö r t e r :
Sprache, Bindung,
Bindungsstörung,
Kommunikation,
Entwicklung,
Therapie

Z u s a m m e n f a s s u n g
I m e r s t e n A b s c h n i t t we r d e n d i e we s e n t l i c h e n A s p e k t e a u s d e n Ko n z e p t e n d e r
B i n d u n g s t h e o r i e vo n John Bowlby u n d M a r y Ainswo r t h z u s a m m e n gefasst.
E i n e w i c h t i ge E rk e n n t n i s l i e g t d a r i n , d a s s s i c h E x p l o r a t i o n s - u n d B i n d u n g s -
ve r h a l t e n a n t a go n i s t i s c h z u e i n a n d e r ve r h a l t e n : K i n d e r m i t e i n e r u n s i c h e re n
Einleitung
B i n d u n g re a g i e re n i n u n gewo h n t e n S i t u a t i o n e n e h e r ä n g s t l i c h u n d s i n d d a -
d u rc h i n i h re m E x p l o ra t i o n s ve r h a l t e n e i n ge s c h r ä n k t . Au f d i e s e m H i n t e r - Sowohl Sprache als auch Bindung
g r u n d we rd e n U n t e rs u c h u n ge n z u d e n B e re i c h e n S p ra c h r hy t h mu s u n d B i n - spielen in der sozialen Entwicklung
von Kindern eine zentrale Rolle. Nach
d u n g , k o m mu n i k a t ive G e s t e n u n d B i n d u n g s ow i e m ü t t e rliche Bedeutungszu -
Papousek und Papousek (1987) besteht
s c h re i b u n g u n d S p r a c h e r w e r b a u s g e f ü h r t . A l l e b e s c h r i e b e n e n U n t e r s u c h u n -
ein enger Zusammenhang zwischen
gen lege n d e n S c h l u s s n a h e , d a s s B i n d u n g s - u n d Ko m mu n i k a t i o n s e n t w i c k - der angeborenen kommunikativen
lung (ve r b a l u n d n o nve r b a l ) e n g ve r f l o c h t e n e B e reiche sind, wobei das lin - Kompetenz des Säuglings einerseits
guistische System eines Kindes noch am ro bustesten gege n u n g ü n s t i ge E n t - und verschiedenen intuitiven elterli-
wicklungseinf lüsse zu sein scheint. D i e I n t e r a k t i o n s e r f a h r u n ge n d e s K i n d e s chen Verhaltensweisen, welche die ko-
u n d d i e G e s p r ä c h s o rga n i s a t i o n s i n d f ü r d i e S p ra c h - u n d B i n d u n g s e n t w i c k - gnitive, sprachliche und emotionale
l u n g g l e i c h e r m a ß e n b e d e u t u n g s voll. E s w i rd a u f m ö g l i c h e S t ö r u n ge n i n d e r Entwicklung des Kindes unterstützen
B i n d u n g s - u n d S p ra c h e n t w i c k l u n g e i n gega n gen und mögliche Wechselw i r - und voranbringen. Je feinfühliger die
Mutter die Signale ihres Kindes inter-
k u n g e n b e i B e e i n t r ä c h t i g u n g e n i n I n t e r a k t i o n , S p r a c h e u n d B i n d u n g s ve r h a l -
pretiert (Ainsworth, 1967a) und ihm
t e n b e s c h r i e b e n . D i e h ä u f i g s t e n R i s i k og r u p p e n f ü r B i n d u n g s - u n d S p r a c h - sinnvolle Hilfen im Sinne der Zone der
e n t w i c k l u n g s s t ö r u n g en we r d e n i m Ü b e r b l i c k z u s a m m e n g e s t e l l t . A l s H i l f e f ü r nächsten Entwicklung (Vygotskij, 2002)
d i e p r a k t i s c h e A r b e i t w e r d e n A n re g u n g e n f ü r d e n U m g a n g m i t b i n d u n g s g e- anbietet, desto mehr profitieren die
s t ö r t e n K i n d e rn gegeben. Fähigkeiten des Kindes von dieser Un-

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terstützung. Entscheidend ist dieses Die Autorin fand extrem hoch ausge- Kontakt auf, so benötigen wir jederzeit
feinfühlige Verhalten der primären Be- prägte simultane Abfolgen in der Mut- Feedback über den subjektiven Zu-
zugsperson vor allem für die Qualität ter-Kind-Interaktion, die circa 40-mal stand des Anderen. Obwohl dies meist
der emotionalen Bindung des Kindes. größer waren als bei Erwachsenen, die unbewusst geschieht, reagieren wir auf
Dieses Verhaltenssystem hat sich nach sich unterhalten. Für diese hervorra- kleinste Veränderungen, etwa Zögern
Bowlby (1965) im Laufe der Evolution gende Abstimmung war in hohem oder ungewöhnlich lange Pausen.
ausgebildet, um Säuglingen den Schutz Maße die Mutter verantwortlich, die Sprachliche Merkmale werden dabei
durch ihre Eltern und somit das Über- ihre eigenen „Beiträge“ in der Interak- ergänzt durch kinetische Hinweise wie
leben zu sichern. Auch in der heutigen tion verlängerte, wenn das Kind gleich- Gesichtsausdruck, Kopfbewegung und
Zeit hat dieses Verhalten eine große zeitig begann, Laute von sich zu geben. Blickmuster (Beebe et al., 2002a).
Bedeutung, da ein Kind seine Umwelt Dies funktionierte am besten, wenn Unterschiedliche Koordinationen des
nur dann zielstrebig erforscht, wenn es sich Mutter und Säugling in erhöhter Sprachrhythmus lassen Rückschlüsse
weiß, dass es jederzeit zu seiner siche- emotional positiver Erregung befan- auf das emotionale Klima zu, das wie-
ren emotionalen Basis zurückkehren den, wie dies etwa bei kleinen Spiel- derum Hinweise auf die Bindungsqua-
kann. Wird das Bindungssystem durch chen während des Wickelns beobachtet lität der beobachteten Mutter-Kind-
ein, für das Kind unvorhersehbares, werden konnte. Dieses hervorragend Dyaden gibt. Jeder Mensch besitzt eine
Angst erregendes Ereignis aktiviert, abgestimmte Zusammenspiel wurde angeborene Motivation, Informationen
tritt das Explorationsverhalten in den bereits für die gemeinsame Aufmerk- aufzunehmen, zu ordnen, sich an Inter-
Hintergrund. Stattdessen sucht das samkeitsausrichtung betrachtet, die ei- aktionen zu beteiligen und dadurch
Kind Schutz bei der primären Bezugs- ne entscheidende Voraussetzung für sein Gehirn zu stimulieren. Dies ist die
person. den Erwerb des Wortschatzes darstellt Voraussetzung für das Interesse am
Bereits Ainsworth (1967b), die seit (Zollinger, 1987). Es wurde schon lan- Austausch mit anderen Menschen
1950 eng mit Bowlby zusammenarbei- ge vermutet, dass verbale und kineti- (Beebe et al., 2002).Während eines
tete, stellte eine direkte Verbindung sche Verhaltensweisen in der so ge- Dialogs wird immer wieder kontrol-
zwischen bestimmten intellektuellen nannten vorsprachlichen Verständigung liert, ob und inwiefern sich der subjek-
Prozessen, wie etwa Sprache und Abs- („proto-conversation“) den gleichen tive Zustand des Anderen verändert.
traktionsvermögen, und sicherer Bin- Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Insge- Dabei beeinflusst jede Person ihr Ge-
dung fest. Diese Bereiche scheinen bei samt zeigte sich, dass sich in der Mut- genüber (Interaktionstheorie) und re-
emotionalen Unsicherheiten am störan- ter-Kind-Interaktion intuitive Rhyth- guliert gleichzeitig auch sich selbst.
fälligsten zu sein. Leider geben diese men ausbilden, in denen sich aktive Wahrnehmung soll in diesem Zusam-
sehr globalen Aussagen keinerlei Hin- Verhaltensweisen und Pausen abwech- menhang nicht gleichgesetzt werden
weis auf die Art der Zusammenhänge. seln. mit Realität, vielmehr „konstruiert“
sich jeder Mensch durch Wahrneh-
Beebe, Jaffe, Lachmann, Feldstein, mungspräferenzen, durch frühere Er-
Wechselw i rk u n gen zwischen Crown und Jasnow (2002) untersuch- fahrungen, entwickelte Erwartungen
Bindungs- und ten ebenso Zusammenhänge zwischen und Selbstregulierung seine eigene
S p rachentwicklung - der Koordination von Sprachrhythmus Wirklichkeit. Diese wird neuronal in
K o o r d i n a t i o n vo n und der Entwicklung der kindlichen Repräsentationen abgespeichert, die
Bindungsqualität. Dabei lehnen sie sich (auch) in der Bindungstheorie als „in-
K o m mu n i k a t i o n s r hy t h mu s
an Sander (1977) an, der eine system- ternal working models“ bezeichnet
und Bindung orientierte Sichtweise vertritt, bei der werden (Bretherton, 1990a u. b.; Meins,
Beebe (1979) untersuchte Mutter- Timing als ein wesentliches Element 1999).
Kind-Dyaden, wobei das Alter der Kin- der Koordination zweier Organismen Beebe et al. (2002) nutzten Merkmale
der drei bis vier Monate betrug. Die untereinander gesehen wird. Timing der Mutter-Kind-Interaktion, um aus
Fragestellung bestand darin, ob die und Rhythmus gehören zu den Organi- der Analyse der Interaktionssequenzen
zeitliche Abstimmung innerhalb der sationsprinzipien jeglicher Kommuni- von Mutter-Kind-Dyaden im Kindesal-
Mutter-Kind-Interaktion wichtig ist, kation und Rhythmen liegen auch jeg- ter von vier Monaten die Bindungsqua-
und wenn ja, wie das „normale“ Mus- lichem Verhalten zugrunde (Lenne- lität des Kindes mit zwölf Monaten
ter einer Zeitstruktur aussehen könnte. berg, 1975). Timing ist hier zu verste- vorherzusagen.
Als ein entscheidender Befund zeigte hen als Innehalten, Unterbrechung, ab- Aus den Aufnahmen, die mit dem vier-
sich, dass nicht die Modalität, in der wechselndes Sprechen, Sprachge- monatigen Kind in seiner häuslichen
das Kind stimuliert wird (etwa akus- schwindigkeit und Pause am Ende des Umgebung in der Interaktion mit der
tisch oder visuell) entscheidend ist, Beitrags des Einen bis zum Beginn des Mutter, einer fremden Person und, als
sondern vielmehr die zeitliche Abfol- Beitrags des Anderen („turn-taking“). Drittes, in der Interaktion zwischen der
ge, in der die Reize gesetzt werden. Nehmen wir mit einem Menschen Mutter und einer fremden Person er-

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stellt worden waren, sollte die Bin- ängstlich-ambivalenten Bindungsmu- Bretherton und Bates (1979) sowie
dungsqualität mit zwölf Monaten vor- ster einher. Bretherton, Bates, Benigni, Camaioni
hergesagt werden. Bei der Auswertung Das niedrigste Ausmaß an Koordinati- und Volterra (1979) beschäftigten sich
zeigte sich, dass die Zunahme der Ko- on war korreliert mit einem vermeiden- mit der Frage, wie die Qualität der
ordination sich nicht durch die Variable den Bindungsstil. Das Mittelmaß an Mutter-Kind-Bindung die kognitive und
„Vertrautheit mit dem/r Interaktions- Koordination hingegen sagte am be- kommunikative Entwicklung des Kin-
partner/in“ erklären ließ. Beebe et al. sten eine sichere Bindung voraus. Die- des beeinflusst.
(2002) interpretierten das Ausmaß an se unerwarteten Ergebnisse werden Sie stellten für die folgende Untersu-
Koordination als Spiegel des kindli- von den AutorInnen so interpretiert, chung die Hypothese auf, dass sicher
chen Bedürfnisses nach Sicherheit und dass die mittlere Ausprägung der gebundene Kinder ein größeres Reper-
nach Vorhersagbarkeit in der Interakti- sprachlichen Koordination zwischen toire kommunikativer Gesten aufwei-
on. Denn „...je größer das Ausmaß an Mutter und Kind wahrscheinlich ein sen als unsicher gebundene Kinder.
Ungewissheit, Ungewohntem oder Optimum an Flexibilität und Variabi- Dazu wurde bei 13 amerikanischen
Herausforderung ist, desto größer wird lität bietet, der niedrigste Wert hemmt und zwölf italienischen Kindern im Al-
die Notwendigkeit, die Interaktion vor- die Beziehungsaufnahme, der höchste ter von einem Jahr mit Hilfe der
hersehbar zu gestalten...“ (Beebe et al., Wert bezeichnet eine gesteigerte Wach- „Fremden Situation“ nach Ainsworth
2002, S.62). samkeit beider InteraktionspartnerIn- und Witting (1969) die Bindungsqua-
Als die kleinen ProbandInnen ein Jahr nen. lität bestimmt. Die kommunikativen
alt waren, wurden sie zur Klassifizie- Die wesentlichste Eigenschaft einer Gesten wurden in vier Bereiche einge-
rung ihrer Bindungsqualität mit der gelungenen Mutter-Kind-Dyade scheint teilt: kommunikatives Deuten auf ein
„Fremden Situation“ von Ainsworth durch eine Abstimmung gekennzeich- Objekt, Zeigen, Geben und rituelle
und Witting (1969) untersucht. Es er- net zu sein, die dem Kind genügend Forderungen (z. B. Ausstrecken der
gaben sich erstaunliche Zusammen- emotionale Sicherheit vermittelt und Hand mit entsprechender fordernder
hänge: Nicht diejenigen Kinder, wel- ihm gleichzeitig Freiraum zur Explora- Vokalisation). Die sprachlichen Äuße-
che die beste Koordinationsleistung tion gibt, wobei das Kind sich trotzdem rungen wurden folgenden Kategorien
gezeigt hatten, waren, wie vorher ver- immer seiner sicheren emotionalen Ba- zugeordnet: Sprachverständnis auf
mutet, sicher gebunden. Das höchste sis gewahr ist, zu der es bei Bedarf Wort- und Satzebene, Produktion von
Maß an Abstimmung ging im Gegen- zurückkehren kann. sprachlichen Routinen und Referenz-
teil mit einem desorganisierten oder bezügen.

K U R Z B I O G R A F I E N
Silke Dieter beendete im Januar 2005 ihr Studium der Sprachheilpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in
München und qualifizierte sich zusätzlich im Bereich der orofazialen Regulationstherapie bei Dr. J. Brondo. Während des
Studiums galt ihr besonderes Interesse bindungs- und sprachauffälligen Kindern. In der akademischen Lehrpraxis der
LMU München, Dr. I. Eicher, erarbeitete Frau Dieter im Rahmen ihrer Magisterarbeit eine neuartige Möglichkeit der
Frühintervention bei sprach- und bindungsauffälligen Kleinkindern. Im weiteren beruflichen Werdegang sieht Frau Dieter
im kinder- und jugendpsychiatrischen Aufgabenfeld eine besondere Herausforderung.
Melanie Wa l t e r schloss ihr Studium der Sprachheilpädagogik (Magister Artium) 2003 an der Ludwig-Maximilians-Uni-
versität München ab und promoviert seitdem bei Herrn Prof. Dr. M. Grohnfeldt zum Thema „Häufigkeit von Sprachent-
wicklungsstörungen bei bayerischen Vorschulkindern“. Als Nebenfächer im Magisterstudiengang belegte sie Neuropsy-
chologie und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ihre Abschlussarbeit zum Thema „Prävention von Sprachentwicklungs-
störungen bei zweijährigen Kindern“ wurde 2004 mit dem Förderpreis des Deutschen Bundesverbandes der Sprach-
pädagogen (dbs) ausgezeichnet. Seit Abschluss des Studiums arbeitet sie als Sprachtherapeutin in freier Praxis und behan-
delt sowohl kindliche Sprachentwicklungsstörungen als auch erworbene neurologische Sprach-, Sprech- und Schluck-
störungen.
D r. m e d . K a rl Heinz Brisch ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrie und Neurolo-
gie, Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, und Analytische Gruppenpsychotherapie. Er leitet die Abteilung Pä-
diatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der
Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Dozent sowie Lehr- und Kontrollanalytiker am Psychoanalytischen In-
stitut „Stuttgarter Gruppe“. Sein Forschungsschwerpunkt umfasst den Bereich der frühkindlichen Entwicklung zu Fra-
gestellungen der Entstehung von Bindungsprozessen und ihren Störungen. Er publizierte zur Bindungsent-
wicklung von Risikokindern sowie zur klinischen Bindungsforschung und verfasste die Monographie
„Bindungsstörungen“ zur Anwendung der Bindungstheorie in der psychotherapeutischen Behandlung
von Bindungsstörungen.

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Zuverlässigster Prädiktor für das Ver- es mit für das Kind lösbaren Aufgaben ses“) im Wortschatz eines Kindes er-
halten in der „Fremden Situation“ war konfrontiert und ihm bei Schwierigkei- wies sich als einziger zuverlässiger
das kommunikative Zeigen. Es ergaben ten soweit hilft, wie es für die Weiter- Prädiktor für die Qualität der Bindung.
sich zwar keine Korrelationen hinsicht- entwicklung des Kindes entlang der Die Bindungssicherheit wiederum wur-
lich der Häufigkeit des Gesteneinsat- Zone der nächsten Entwicklung not- de als bester Prädiktor für die Größe
zes, aber hinsichtlich des qualitativen wendig ist (Bretherton et al., 1979; des aktiven Wortschatzes identifiziert.
Niveaus. Sämtliche sprachlichen Va- Bretherton & Beeghly, 1982; Vygots- Auch im Vergleich mit der so genann-
riablen wiesen keinen Zusammenhang kij, 2002). ten VBM zeigten sich diese überzufäl-
zur Bindungsklassifikation auf. Dieses ligen Unterschiede: Unsicher gebunde-
Ergebnis wird so erklärt, dass der Spra- Effekte der Bindungsqualität ne Kinder griffen häufiger auf schein-
cherwerb gegenüber individuellen Va- sow i e d e r m ü t t e rlichen bar bedeutungslose, für die Mutter un-
riationen innerhalb der Mutter-Kind- B e d e u t u n g s z u s c h re i b u n g a u f verständliche Lautgebilde zurück als
Interaktion sehr robust zu sein scheint, sicher gebundene. Nach Vygotskij
sonst wäre er häufig gefährdet. Der so
d e n k i n d l i c h e n S p r a c h e r we r b (2002) und Bruner (2002) ist die Un-
genannte „grüne Bereich“ scheint also Meins (Meins, 1998a; Meins, Ferny- terstellung einer Intention von Seiten
recht breit zu sein, was allerdings nicht hough, Russell & Clark-Carter, 1998) der Eltern nötig, um das Kind zu er-
heißt, dass eine schwere emotionale untersuchte elf Monate alte Kinder (N muntern, mit einer intentionalen (d. h.,
Deprivation keine Spuren am Verhal- = 48) im Hinblick auf bestimmte etwas bewirken wollenden, auf ein Ziel
ten und der sprachlichen sowie kogni- Merkmale ihres Spracherwerbs in Ab- gerichteten) Kommunikation zu begin-
tiven Entwicklung des Kindes hinter- hängigkeit von Bindungsqualität und nen. Aufgrund der von Meins (1998)
lässt. In der obigen Untersuchung mütterlicher Bedeutungszuschreibung. gesammelten Daten kann man anneh-
könnten alle Mutter-Kind-Dyaden be- Die Mütter führten Tagebuch über den men, dass sicher gebundene Kinder,
züglich des sprachlichen Austausches aktiven Wortschatz und das Sprechver- die ihre Mütter häufiger und intensiver
im Normbereich gelegen haben, so halten ihrer Kinder. Dabei sollten sie in ihr Spiel einbeziehen, durch Interak-
dass sich hier kein Unterschied ergab. speziell auch auf Wörter oder Lautge- tionen leichter Bezeichnungen für den
Zusätzlich handelte es sich um eine bilde achten, die nicht der Erwachse- aktuellen Referenten der gemeinsamen
sehr geringe Fallzahl, bei der kein Ver- nensprache entsprachen und vom Kind Aufmerksamkeitsausrichtung („joint
gleich zwischen Risiko- und Nichtrisi- selbst kreiert wurden. Die notierten attention“) finden (Bruner, 2002). Ein
kokindern stattfand. Äußerungen der Kinder wurden in Ein- weiterer Grund für die häufigere Be-
Wort- und Mehr-Wort-Äußerungen deutungszuschreibung der Mütter si-
Es wäre auch denkbar, dass die sprach- eingeteilt. Insbesondere sollten starre, cher gebundener Kinder könnte in der
liche Leistung eines Kindes mit einem ganzheitlich repräsentierte Redewen- so genannten „mind-mindedness“
Jahr noch keinen signifikanten Unter- dungen („frozen phrases“), wie etwa (Meins, 1998b, S. 249) liegen. Diese
schied in Abhängigkeit von der Bin- „Wassndas?“, gegen die „echten“ Sätze besagt, dass Mütter von sicher gebun-
dungsqualität erkennen lässt, diese und gegen Nicht-Standard-Wörter im denen Kindern eher dazu tendieren, ih-
aber sehr wohl im Verlauf des zweiten Verhältnis aufgewogen werden. Als re Kinder als vollwertige Gesprächs-
Lebensjahres an Einfluss gewinnen weitere Variable wurde von Meins partner zu betrachten, die fähig sind,
könnte. Trotzdem weist die vorliegen- (1999; 1998) die „vocal but meaning- Intentionen zu verbalisieren. Weiterhin
de Studie darauf hin, dass sicher ge- less speech (VBM)“ eingeführt, weil könnte man annehmen, dass Mütter,
bundene Kinder insgesamt ein höheres diese von den Müttern häufig berichtet die ihre Kinder nicht als gleichberech-
kognitives Fähigkeitsniveau aufweisen wurde. Darunter fielen sämtliche Voka- tigte, kompetente Gesprächspartner an-
und dass sie sich ihrer Handlungsmög- lisationen des Kindes, welche die Mut- erkennen, ihre sprachlichen Äußerun-
lichkeiten und ihrer Wirkung auf ande- ter nicht verstand, so dass ihnen keine gen nicht oder weniger auf das Niveau
re stärker bewusst sind als unsicher ge- konsistente Bedeutung zugewiesen des Kindes abstimmen und ihm damit
bundene Kinder. Scheinbar stimulieren werden konnte. die Ableitung von linguistischen Re-
Mütter mit sicher gebundenen Kindern Es ergab sich ein signifikanter Unter- gelhaftigkeiten aus dem Input erschwe-
diese häufiger, sensibler und geschick- schied zwischen dem Prozentsatz ren. Andererseits könnte es aber auch
ter. Sind Mutter und Kind in der Lage, hochfrequenter Nomina im aktiven zutreffen, dass Mütter mit ausgeprägter
eine harmonische und affektiv positive Wortschatz in Abhängigkeit von der „mind-mindedness“ die Äußerungen
Beziehung aufzubauen, so wird die Bindungssicherheit. Der Unterschied ihrer Kinder zu wohlwollend interpre-
sprachliche und kognitive Kompetenz in der Wortschatzgröße zwischen den tieren oder dass Mütter unsicher ge-
des Kindes optimal gefördert. Die In- sicher und unsicher gebundenen Kin- bundener Kinder zwanghafter sind,
teraktionen sind dann kontingenter, dern erwies sich ebenfalls als höchst was die Korrektheit der kindlichen
und die Mutter erleichtert dem Kind signifikant. Das Vorkommen von star- Sprache angeht. Trotz dieser offenen
die Erforschung der Umwelt, indem sie ren Redewendungen („frozen phra- Fragen zeigt die Studie von Meins

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(1998b), dass Bindungssicherheit und Fehlen von Seiten der Mutter und/oder es darauf an, dass beide Partner unmis-
die mütterliche Bedeutungszuschrei- des Kindes eindeutige Signale über sverständlich ihre Gefühle darüber
bung einen Einfluss auf den Spracher- subjektive Zustände, so kann die Inter- zum Ausdruck bringen, damit eindeuti-
werbsstil des Kindes haben. aktion nicht funktionieren. Daraus ge Reaktionen ermöglicht werden.
können sich unter Umständen kogniti- Kinder sind im Alter von etwa drei Jah-
S p rachentwicklung im Dialog ve, sprachliche und soziale Entwick- ren noch nicht fähig, das Ende der
Grimm (1999) beschäftigte sich mit der lungsrückstände ergeben. Trennung und damit die glückliche
Frage, wie der natürliche Spracher- Wiedervereinigung mit der Mutter zu
werb stattfindet und welchen Bedin- Kennzeichen der antizipieren. Wichtig ist dabei, wie
gungen die kindliche Sprachentwick- G e s p r ä c h s o rga n i s a t i o n i n feinfühlig beide Interaktionspartner
lung unterliegt. Beim Spracherwerb auf die Gefühlsäußerungen des Ande-
A b h ä n g i g k e i t vo n d e r
greift sie auf die Interaktionstheorie ren reagieren. Bei unsicher gebunde-
Bindungsqualität nen Kindern war oft zu beobachten,
zurück. Diese besagt, dass die Ent-
wicklung der Sprache, wie die der Kog- Klann-Delius (2002) führte eine Unter- dass sie ihr Missfallen gegenüber der
nition überhaupt, im transaktionalen suchung mit 25 Kindern zwischen 17 Trennung von der Mutter nur unklar
Grundschema zu denken ist, nach dem und 36 Monaten durch. Ziel der Studie ausdrückten, etwa durch ein mehrdeu-
die Person mit der Umwelt in einer dy- war es, die Reibungslosigkeit der Ge- tig intoniertes „ja“ im Sinne von „ja,
namischen Beziehung der wechselsei- sprächsorganisation sowie die themati- ich hör Dir zu“ oder „ja, es ist okay,
tigen Einflussnahme steht. Der haupt- schen Präferenzen in Abhängigkeit von dass Du weggehst“, oder durch Vokali-
sächliche Aktionspartner des Kindes der Bindungsqualität näher zu analy- sierungen wie „mh“ und Jammern.
hat einen sehr großen Anteil an der sieren. Die Reibungslosigkeit der Ge- Werden diese unsicher gebundenen
kindlichen Sprachentwicklung. Die Er- sprächsorganisation war operationali- Kinder älter, kann es sein, dass sie
wachsenen aus dem Umfeld des Kin- siert als „Länge der Pausen nach Been- „...gegenüber ihren Müttern recht for-
des dienen als sprachliche Vorbilder digung des Gesprächsbeitrages des ei- dernd auftreten und die Wünsche und
und leisten damit einen wesentlichen nen und dem Beginn des Gesprächs- Pläne anderer nicht recht gelten lassen
Beitrag zu seiner Sprachentwicklung. beitrages des anderen Partners“ wollen...“ (Klann-Delius, 2002, S. 102).
Ein wichtiger Bestandteil der Mutter- (Klann-Delius, 2002, S. 97). Themati- Die Mütter von unsicher gebundenen
Kind-Interaktion ist die Tatsache, dass sche Präferenzen wurden danach ein- Kindern neigen dazu, nicht ausrei-
die Mutter den Äußerungen des Kindes geteilt, ob sich der „Beitrag auf symbo- chend auf die Situation des Kindes ein-
immer wieder Bedeutungen zuweist. lisches Spiel, die Trennung oder auf zugehen und stattdessen ihre eigene
Objekte bezog.“ (a. a. O.). Position hervorzuheben. Das Verhalten
Die Ergebnisse scheinen des Kindes wird für die Trennung ver-
wenig verwunderlich: Un- antwortlich gemacht. Die Mutter stellt
sicher gebundene Kinder ihre eigenen emotionalen Probleme mit
beschäftigten sich signifi- der Trennung in den Vordergrund.
kant häufiger mit dem
Thema Trennung (p < 0.01), Z u s a m m e n h ä n ge zwischen
sicher gebundene Kinder S p rachentwicklungs- und
hingegen äußerten sich B i n d u n g s s t ö r u n gen -
tendenziell häufiger über
Objekte (p < 0.06, Trend
Begriffsklärung
zur Signifikanz). Zusätz- Im diagnostischen Manual ICD 10 für
lich wiesen die unsicher psychische Krankheiten (Dilling,
gebundenen Kinder länge- Mombour & Schmidt, 1991) wird in
re Reaktionszeiten auf, reaktive Bindungsstörungen (F 94.1),
wenn sie über Trennung die sich vorwiegend durch gehemmte
sprachen. und furchtsame Reaktionen auf Bin-
Die Problematik der Tren- dungsangebote auszeichnet und Bin-
nungssituation kann wie dungsstörungen des Kindesalters mit
folgt dargestellt werden: Enthemmung (F 94.2, diese Kinder fal-
Die Mutter muss oder will len durch distanzloses Verhalten auch
das Kind kurz allein las- gegenüber fremden Personen auf) un-
sen, das Kind ist damit terschieden (s. Tab. 1).
aber nicht einverstanden. Beide Verhaltensweisen werden als un-
In dieser Situation kommt mittelbare Folge von extremer emotio-

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Ta belle 1: Diagnostische Klassif i k a t i o n vo n B i n d u n g s s t ö r u n gen im ICD 10

naler und/oder körperlicher Vernach- nis hingegen im Normbereich liegt, Behinderungen zu finden war, führten
lässigung und Misshandlung angese- und in eine rezeptive Sprachstörung, sie noch eine Kontrollgruppe mit
hen. Auch der ständige Wechsel der die sich durch ein, für Alter und Intel- Down-Syndrom-Kindern ein. Bei der
Bezugsperson wird ursächlich mit der ligenz des Kindes deutlich zu schlech- Testung wurden in mehreren Untertests
Entwicklung einer kindlichen Bin- tes Sprachverständnis auszeichnet und das Sprachverständnis und die Sprach-
dungsstörung in Verbindung gebracht. die sich somit auch auf die Sprachpro- produktion untersucht. Bemerkenswert
Nach Brisch (1999) stellt die ICD 10 duktion auswirken kann. war bei dieser Untersuchung, dass sich
keine ausreichenden diagnostischen die größten Unterschiede in den Kate-
Zuordnungen für die Vielfalt und den Z u s a m m e n h a n g vo n gorien ergaben, in denen die Mutter-
Schweregrad an möglichen Bindungs- I n t e ra k t i o n , S p ra c h e u n d Kind-Interaktion Thema war, wie etwa
störungen zur Verfügung, wie sie in der (1) emotionale verbale Verfügbarkeit
Praxis wieder zu finden sind. Deswe-
B i n d u n g s ve r h a l t e n der Mutter für die Signale des Kindes,
gen nimmt Brisch (1999) eine umfas- Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass (2) Vermeiden von Einschränkungen
sendere Einteilung vor (s. Tab. 2). Er zwischen dem Ausmaß der Feinfühlig- und Bestrafung sowie (3) mütterliches
differenziert nicht nur zwischen ge- keit, dem Redestil und der Bindungs- Engagement in der Beziehung mit dem
hemmtem und enthemmtem Bindungs- qualität ein deutlicher Zusammenhang Kind (Wulbert et al., 1975, S. 65). Die
verhalten, sondern beschreibt sieben besteht. Schon Wulbert, Inglis, Kriegs- Kategorie (1) beurteilte einerseits die
verschiedene Typen unphysiologischen mann und Mills (1975) befassten sich direkte verbale Interaktion der Mutter
Bindungsverhaltens, darunter keinerlei mit der Frage, welche Zusammenhänge mit dem Kind, andererseits aber auch,
Bindungsverhalten gegenüber der Be- es zwischen Sprachentwicklungsverzö- mit welchen Worten sie über ihr Kind
zugsperson, undifferenziertes Bin- gerungen und Eigenschaften der Mut- sprach. Mütter von sprachentwick-
dungsverhalten (vergleichbar mit F ter-Kind-Interaktion gibt. Sie unter- lungsverzögerten Kindern sprachen
94.2), aber ebenso übersteigerte oder suchten hierzu 20 in ihrer Sprachent- eher kritisch über ihre Kinder und lob-
aggressive Bindungsmuster sowie eine wicklung verzögerte Kinder in der Al- ten oder liebkosten sie selten. Die Ka-
Rollenumkehr zwischen Eltern und tersspanne zwischen 2;8 bis 5;6 Jahren. tegorie (2) beschäftigt sich mit dem
Kind. Auch psychosomatische Be- Ausgeschlossen waren Kinder, die Einsatz von Verboten und Strafen. Je-
schwerden können nach Brisch (1999) Hörstörungen oder andere medizini- des Kind zeigte Verhaltensweisen, die
auf eine Bindungsstörung hindeuten. sche Probleme hatten, die ihre Ent- der Mutter missfielen. Mütter nicht
Die Sprachentwicklungsstörungen wer- wicklung beeinflussen könnten. Sie sprachentwicklungsverzögerter Kinder
den im diagnostischen Manual ICD 10 verglichen sie mit 20 weiteren Kin- versuchten, mit den Kindern zu ver-
für psychische Krankheiten (Dilling et dern, die nach Alter, Geschlecht, Stel- handeln und Gründe zu erörtern. Die
al., 1991) in expressive und rezeptive lung in der Geschwisterreihe, Fami- Mütter der sprachentwicklungsverzö-
Sprachstörungen unterteilt (s. Tab. 3). lienstand der Mutter und sozioökono- gerten Kinder schrien dagegen schnel-
Hier wird, wie bei den Bindungs- mischem Status parallelisiert worden ler, bedrohten das Kind oder gaben ihm
störungen, nur sehr grob unterschieden waren. Da die AutorInnen Bedenken einen Klaps. In der Kategorie (3) ergab
in eine expressive Form der Sprachent- hatten, ob das Verhalten der Mütter sich die größte Differenz. Bei sprach-
wicklungsstörung, bei der vorwiegend wirklich typisch für die Interaktion mit entwicklungsverzögerten Kindern liegt
die Sprachproduktion in Mitleiden- sprachentwicklungsverzögerten Kin- der Schwerpunkt der Bemühungen sei-
schaft gezogen ist, das Sprachverständ- dern war und nicht auch bei anderen tens der Mütter auf der Befriedigung

Jg. 13, Ausg. 3, 2005, 170 - 179 I N T E R D I S Z I P L I N Ä R 175


Ta belle 2: Klinische Klassif i k a t i o n vo n B i n d u n g s s t ö r u n gen nach Brisch (1999)

körperlicher Bedürfnisse, wohingegen ten Müttern, die mit einem trägen bis äußerte ein Kind etwa einen fordern-
sonst wenig Interaktion stattfand. Die neutralen Sprachstil mit ihren Kindern den Laut in Richtung seiner Mutter,
Mütter der sprachlich altersgemäß ent- sprachen, entwickelten sich viele Kin- worauf die Mutter dem Kind etwas zu
wickelten Kinder hingeben gaben öfter der sicher gebunden. Es war auffal- essen geben wollte. Das Kind lehnte
an, mit dem Kind zu spielen und es zu lend, dass diese Mütter trotz ihrer Di- die Nahrung ab, so dass die Mutter neu
ermutigen, neue Dinge zu lernen. So- stanziertheit ihren Kindern ausrei- zu interpretieren begann und schließ-
mit förderten diese Mütter ihre Kinder chend Geborgenheit vermitteln konn- lich entdeckte, dass die Äußerung des
zusätzlich in ihrer Entwicklung, ten. Kindes nicht dem Essen, sondern dem
während die sprachlich retardierten Kinder von sehr laut und lebhaft spre- Spielzeug galt. Auf diese Weise wurde
Kinder von ihren Müttern als ständige chenden Müttern, aber guten Werten das Missverständnis rasch geklärt, und
Quelle der Frustration empfunden wur- hinsichtlich ihrer Feinfühligkeit, wie- es kam zu keiner Interaktionsstörung.
den. Auch Schenk-Danzinger (1976) sen häufig ein unsicheres Bindungsver-
befasste sich mit dieser Thematik. Ih- halten auf. Dieses überfordernde und Risiko k i n d e r f ü r
rer Meinung nach gilt eine sanft-liebe- stets aktivieren wollende Verhalten S p rachentwicklungs-
volle Sprechweise als ein Merkmal ei- lässt den Kindern zu wenig Raum zu u n d / o d e r B i n d u n g s s t ö r u n ge n
ner feinfühligen Mutter. Kinder solcher explorieren und verunsichert sie.
Mütter bringen die meisten Lautäuße- Beebe (1979) berichten, dass verein- Manche Kinder könnten ein erhöhtes
rungen hervor, wobei im Alter von zelte Missverständnisse („mismatches“) Risiko haben, eine Bindungs- und/oder
sechs bis zehn Monaten ein rapider Zu- zwischen Mutter und Kind eine sichere eine Sprachentwicklungsstörung aus-
wachs von Lautäußerungen verzeich- Bindungsentwicklung eher vorantrei- zubilden. Frühgeborene müssen gleich
net werden kann. ben als ihr schaden, sofern sie schnell zu Anfang ihres Lebens oft wochen-
Auch bei weniger feinfühlig bewerte- und eindeutig geklärt werden. So lang im Krankenhaus betreut werden

176 I N T E R D I S Z I P L I N Ä R Jg. 13, Ausg. 3, 2005, 170 - 179


und haben zudem oft schlechtere phy- störung wird sich am ehesten dann weise zum Verhalten des/r Therapeu-
sische Voraussetzungen für eine gesun- auch in der Sprachentwicklung nieder- ten/in in der Behandlung bindungsge-
de Entwicklung als Reifgeborene schlagen, wenn sie in einem Zeitraum störter Kinder und Jugendlicher:
(Brisch, 2002; Huber, Brisch, Pohl- ent- beziehungsweise besteht, in dem „Der Kindertherapeut muss in seinem
andt, Eckert, Knorpp, Mauch & Bode, das Kind wichtige Schritte in der An- Zuwendungsverhalten als verlässliche
1996; Knorpp, 1999; Knorpp, Mauch, eignung des sprachlich-kommunikati- psychische und physische Basis fungie-
Bode, Huber, Paschke, Pohlandt, Rip- ven Systems vollzieht. Als kritische ren, damit sich trotz der Bindungs-
berger, Spraul & Brisch, 1997). Brisch, Zeitspanne können in etwa die ersten störung des Kindes eine sichere Bin-
Bechinger, Betzler und Heinemann 36 Lebensmonate angesehen werden. dungsbeziehung entwickeln kann.
(2003) fanden in einer großen Längs- Bekommt das Kind etwa durch eine be- Der Therapeut ermöglicht Spielverhal-
schnittstudie mit sehr kleinen Frühge- lastete Mutter-Kind-Interaktion keine ten, das sowohl in der direkten Interak-
borenen, dass neurologisch kranke ausreichende Chance, die Bedeutung tion als auch im Symbolspiel die
Kinder auch signifikant häufiger unsi- und den Aufbau des linguistisch-kom- Darstellung von bindungsrelevanten
cher gebunden waren im Vergleich zu munikativen Systems zu erfassen so- Inhalten aus den erlebten Beziehungen
neurologisch gesunden Kindern. Kiß- wie die dahinter liegenden Strukturen zu seinen bisherigen Bezugspersonen
gen (2002) fand in seiner Untersu- zu erkennen und zu verinnerlichen, be- fördert.
chung mit 27 motorisch entwicklungs- steht die Gefahr, dass sich hieraus im Der Therapeut deutet bindungsrele-
verzögerten reifgeborenen Kindern weiteren Verlauf Defizite ausbilden. Es vante Interaktionen zwischen sich und
(Kontrollgruppe N = 34) einen deutli- gilt für die Sprachentwicklung die glei- dem Kind direkt verbal oder durch teil-
chen Zusammenhang zwischen der che Voraussetzung wie für die Bin- nehmende Spielinteraktion auf der
Bindungssicherheit und motorischer dungsentwicklung: Kann die Bezugs- symbolischen Ebene.
Entwicklung: Eine sichere Bindungs- person nicht feinfühlig und emotional Der Therapeut fördert emotionale
qualität korrelierte signifikant häufiger verfügbar auf die verbalen wie nonver- Äußerungen des Kindes, die sich auf
mit einer motorisch altersgemäßen balen Signale des Kindes reagieren, ist die Bindungsaspekte in der Übertra-
Entwicklung als mit einer motorischen das Kind nicht in ausreichendem Maße gung beziehen, und setzt sie in Bezie-
Entwicklungsverzögerung. Das Gegen- in der Lage, aus der Interaktion Schlüs- hung zu den erfahrenen Bindungser-
teil traf für die unsichere Bindungsent- se für seine eigene Entwicklung zu zie- lebnissen der Vergangenheit.
wicklung zu. (Kißgen, 2002, S. 129). hen (Beebe et al., 2002). Der Therapeut ermöglicht durch neue
Wulbert et al. (1975) betonen, dass ins- sichere Bindungserlebnisse, dass das
besondere auch Kinder mit Sprachent- Ü b e rl e g u n ge n z u r Kind sich von früheren destruktiven
wicklungsstörungen gefährdet sind, t h e rapeutischen A r b e i t m i t unsicheren Bindungsmustern lösen und
zusätzlich emotionale Probleme mit In- bindungs- und eine sichere Bindungsqualität ent-
teraktions- und Kommunikations- wickeln kann.
störungen zu entwickeln. Sie werden
s p r a c h e n t w i c k l u n g s ge s t ö r t e n Der Therapeut muss das therapeuti-
häufig von ihren Müttern körperlich K i n d e rn sche Bündnis behutsam lösen als Vor-
genauso gut versorgt wie sprachlich Sowohl PsychotherapeutInnen als auch bild für den Umgang mit Trennungen:
unauffällige Kinder oder solche mit andere Berufsgruppen sollten über die Die Trennung sollte vom Patienten
Down-Syndrom. Allerdings erhalten Diagnostik sowie den Umgang mit und/oder den Eltern initiiert werden.
sie signifikant seltener emotionale Zu- Kindern mit Bindungsstörungen aus- Dann wird sie weniger leicht als
wendung und liebevolle Förderung als reichende Kenntnisse besitzen, denn es Zurückweisung durch den Therapeuten
die beiden anderen genannten Grup- werden häufiger Störungen in mehre- erlebt. Die physische Trennung ist
pen. Die Mütter sprachentwicklungs- ren Entwicklungsbereichen als nur in nicht gleichbedeutend mit dem Verlust
gestörter Kinder berichten häufig, dass einem isolierten Bereich, wie etwa der einer ‘sicheren Basis’, weil für das
ihnen ihr Kind seltsam oder fremdartig Sprache allein, auftreten. In vielen Fäl- Kind und die Eltern die Möglichkeit
vorkomme. Zudem werden sprachent- len ist es nahezu unmöglich zu rekon- bestehen bleibt, bei erneuter ‘Not und
wicklungsgestörte Kinder häufig in ih- struieren, welches der vorhandenen Angst’ zu einem späteren Zeitpunkt auf
rer kognitiven Entwicklung unter- Probleme am Anfang stand oder wel- den Therapeuten zurückzugreifen.“
schätzt, weil sie ihre Ideen nicht adä- che Probleme sich daraus zusätzlich
quat in verbale Strukturen umsetzen entwickelt haben, etwa ob zunächst ei- Speziell im Bereich der Sprachtherapie
beziehungsweise ihre Bedürfnisse nicht ne Sprachstörung bestand und sich dar- spielt der Aufbau einer vertrauensvol-
altersadäquat äußern können (Grimm, aus eine emotionale Störung ent- len, sicheren Beziehung eine große
1999). Aber auch ein umgekehrter Ent- wickelte oder umgekehrt. Rolle. Bei einem bindungsgestörten
wicklungsweg von der Bindungs- Kind kann es vor der eigentlichen
störung zur Sprachentwicklungsstö- Brisch (1999, S. 200) gibt in Anleh- Übungsbehandlung erst einmal nötig
rung ist denkbar. Eine Bindungs- nung an Bowlby (1988) folgende Hin- sein, über einen langen Zeitraum eine

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Ta belle 3: E i n t e i l u n g d e r S p ra c h s t ö r u n gen im ICD 10

vertrauensvolle, sichere Beziehung keine notwendige Psychotherapie er- Bowlby, J. (1988). A secure base: Clinical implica-
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zwischen Kind und Therapeut/in auf- setzt werden, aber über hilfreiche Ver- (Vol. Dt. (1995).: Elternbindung und Persönlich-
zubauen, da sonst keine lernfördernde haltensstrategien im Umgang mit bin- keitsentwicklung. Therapeutische Aspekte der Bin-
Kommunikationssituation und Interak- dungsgestörten Kindern informiert zu dungstheorie. Dexter: Heidelberg).
tion möglich wird. Der/die Thera- sein, erleichtert die Arbeit und den Be- Bretherton, I. (1990a). Communication patterns, in-
ternal working models and the intergenerational
peut/in muss die Interessen des Kindes ziehungsaufbau mit ihnen. transmission of attachment relationships. Infant
einbeziehen, so dass die Inhalte der Zusätzlich können betroffene Kinder Mental Health Journal, 11(3), 237-252.
Therapie für das Kind lebensbedeut- durch das Wissen um die typischen Bretherton, I. (1990b). Open communication and
sam werden können und es bereit ist, Symptome von Bindungsstörungen internal working models: Their role in the develop-
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die Anregungen in sich aufzunehmen. schneller und gezielter an eine/n ent- son (Hrsg.), Nebraska Symposium on Motivation
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178 I N T E R D I S Z I P L I N Ä R Jg. 13, Ausg. 3, 2005, 170 - 179


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Knorpp, D., Mauch, A., Bode, H., Huber, S., Pasch-

„Back to life“ ne „Back to life“-Therapie bereits möglich“, sagt Gruhn und verweist auf die
wachsende Zahl an PhysiotherapeutInnen, die sich in seinem Ausbildungszen-
- Ein neues Therapiekonzept für SchlaganfallpatientInnen trum in Hainburg in der Nähe von Frankfurt für „Back to life“ schulen lassen.
Neben der Intensivtherapie bietet Gruhn auch eine Kompakttherapie an. Sie fin-
Jedes Jahr trifft rund 350.000 Deutsche der Schlag. Nach Herz-Kreislauf-Er- det in seiner Praxis statt, dauert vier Tage mit jeweils vier Therapiestunden und
krankungen und Krebs ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache: et- sei vor allem für solche PatientInnen geeignet, die ihr Zuhause verlassen kön-
wa 70 Prozent der Betroffenen sterben daran. Zudem ist der Schlaganfall die nen. „Die Wiederherstellung der Selbstständigkeit des Betroffenen wird dabei
häufigste Ursache für Behinderungen: 80 Prozent der PatientInnen bleiben auf enorm vergrößert“, erklärt Gruhn. „Über die lange tägliche Behandlungszeit
irgendeine Weise behindert. Das Spektrum reicht dabei von schwersten Arm- wird eine hohe Intensität der Therapie gewährleistet. Durch den ständigen In-
lähmungen über Gehstörungen bis zu Sprach- und Verständnisproblemen. Ins- formationsfluss erfährt das Gehirn über die vier Tage sozusagen ein Feuerwerk
gesamt sind in Deutschland, so schätzen ExpertInnen, mehr als eine Million an Reizen und kann damit sein Regenerationspotenzial voll entfalten.“ Möglich
Menschen von den Folgen eines Schlaganfalls betroffen. Übliche stationäre Re- sei außerdem noch eine Intervalltherapie wahlweise in der Praxis oder in den
ha-Maßnahmen nach dem Krankenhausaufenthalt können zwar den Schritt Wohnungen der PatientInnen. Diese Behandlung dauert drei bis sechs Monate
zurück ins normale Leben erleichtern, viele PatientInnen benötigen aber eine mit insgesamt 16 Therapiestunden und soll das Erreichte erhalten und Hilfe zur
deutlich längere und intensivere therapeutische Betreuung – und das möglichst Selbsthilfe geben.
in ihren eigenen vier Wänden. Diese Erfahrung machte der Physiotherapeut und
Helmut Gruhn ist Physiotherapeut und Bobath Instructor mit über 30jähriger
Bobath-Instructor Helmut Gruhn. Er entwickelte deshalb ein neuartiges Thera-
Berufserfahrung. Er ist autorisiert zur Ausbildung von Physio-, Ergo- und
piekonzept mit dem Titel „Back to life“. Das Prinzip: SchlaganfallpatientInnen
PflegetherapeutInnen mit Zertifikatsposition gegenüber allen gesetzlichen
werden professionell zu Hause betreut.
Krankenkassen. Seine Spezialisierung umfasst die Erwachsenentherapie bei
„Die Therapie erfolgt dort, wo sich die Patientin, der Patient am wohlsten fühlt
zerebralen, neurologischen Ausfällen unter Einbeziehung der persönlichen Um-
und wo man seine Wünsche am besten erfüllen kann - in seinem Zuhause“, er-
gebung. Gruhn führt Fortbildungen für Physio-, Ergo- und PflegetherapeutIn-
klärt Gruhn. Wie wichtig eine gewohnte Umgebung für den Therapieerfolg ist,
nen durch und arbeitet als Supervisor in verschiedenen Kliniken, beispielsweise
hätten neurologische Studien eindeutig bewiesen. „Dabei spielen nicht nur die
in der Universitätsklinik Frankfurt am Main.
Angehörigen eine wichtige Rolle, sondern auch die vertraute Umgebung. „ Eine
Intensivtherapie dauert sieben bis neun Monate und umfasst bis zu 120 Thera- Mehr Informationen über: Helga Gruhn-Pospischil und Helmut Gruhn
piestunden. Die Betreuer sind speziell dafür ausgebildet und arbeiten nach an- Carl-Ulrich-Straße 30, 63512 Hainburg, Fon: 06182 - 4749, Fax: - 825683
erkannten wissenschaftlichen Methoden. In vielen Städten Deutschlands sei ei- backtolife@perzeptionshaus.de, www.perzeptionshaus.de/backtolife/ ke

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