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Extreme Rechte | Neonazismus in Witten

Landgericht Dortmund verantworten.


Die Staatsanwaltschaft warf ihnen
unter anderem die Bildung einer kri-
minellen Vereinigung, das Anwerben
von Söldnern aus der deutschen
Neonazi-Szene für die faschistische
HOS, also für die Miliz der extrem
rechten kroatischen Partei HSP, sowie
einige weitere Straftaten vor. Unter
Berücksichtigung der mehrmonatigen
Untersuchungshaft kamen Sennlaub
und Krieger letztendlich mit einer
Bewährungsstrafe glimpflich davon.
Mit dem Dortmunder NO-Prozess
verschwanden die Neonazis in Witten
Von Antifas aus Witten einstweilen von der Bildfläche. Hinter
den Kulissen aber ging es rege weiter,

Neonazismus es bahnte sich ein Personalwechsel


an. Der einstige “Führer” Sennlaub
tauchte in den Techno- und Drogen-

in Witten sumpf ab und versuchte sich - mit


väterlichem Geld ausgerüstet verge-
blich - als Betreiber eines Internet-
Ein Versuch eines Überblickes Cafés am Aufbau einer beruflichen
Existenz.

Einige Jahre lang war nur wenig zu vernehmen über neonazistische Die nächste Generation
Umtriebe in der südöstlich von Bochum im Ennepe-Ruhr- K reis gelege-
nen “Universitätsstadt Witten”. Doch der Schein trog. Spätestens seit Neue Gesichter tauchten nun auf
2005 sind immer häufiger Neonazi-Aktivitäten zu beobachten, die bis der neonazistischen Bühne auf. Eines
hin zu brutalen Angriffen auf missliebige Personen reichen. davon trat immer häufiger in Erschei-
nung und avancierte zum neuen lo-
Neonazistische Strukturen haben im Hitler - 100 Jahre; sein Kampf - unser kalen Neonazi-Chef: der heute 33-
heute zirka 100.000 EinwohnerInnen Auftrag”. Weiterhin fungierte Senn- jährige Carsten Köppe. Schon am 3.
zählenden Witten Tradition. Das laub als Schriftleiter der HNG-Nach- Dezember 1993 war Köppe zugegen
Referat für Sicherheit, eine Unter- richten, der Zeitschrift der Hilfsorga- gewesen, als die Gründung eines
gliederung des Komitees zur Vor- nisation für nationalpolitische Ge- nordrhein-westfälischen Landesver-
bereitung der Feierlichkeiten zum fangene und deren Angehörige e.V.. bandes der neonazistischen Deut-
100. Geburtstag Adolf Hitlers (KAH)1 Als sich 1990 die FAP zum zweiten schen Nationalisten in Dortmund-
wurde vom Wittener Aktivisten der Male spaltete, zog es Sennlaub, Mal- Hombruch anstand, die jedoch schei-
Freiheitlichen Deutschen Arbeiter- coci und Anhang zur am 3. Juli 1990 terte. Köppe wurde ebenso wie sechs
partei (FAP) Christian Sennlaub ge- gegründeten Nationalen Offensive weitere Wittener Neonazis festge-
leitet, gemeinsam mit dem Greven- (NO), die im Wittener Stadtteil Rü- nommen. Auch als 1998 und 1999
broicher FAPler Christian Malcoci, dinghausen ein Parteibüro einrichtete. die ersten nennenswerten NPD-Auf-
der auch heute noch zu den füh- Ab 1992 wurde das Wittener NO- märsche in NRW auf die Straße ge-
renden Neonazis in Deutschland und Postfach im Rahmen der bundeswei- bracht wurden, war er anzutreffen,
den Niederlanden zählt. An Hitlers ten Anti-Antifa- Kampagne (vgl. LOT- nebst Gefolgschaft. Als im Herbst
100. Geburtstag, dem 20. April 1989, TA #21) auch als Anti-Antifa- Kon- 2000 die “Freien Kameradschaften”
drang Sennlaub mit weiteren deut- taktadresse genutzt und bundesweit ihren bis heute andauerten Auf-
schen sowie nieder- beworben. Ende 1992 wurde die NO marschmarathon in NRW starteten,
[1] Das KAH war die
Nachfolgestruktur der ländischen Neonazis verboten. Keine zwei Jahre später fungierte er als Ordner und kümmerte
1983 verbotenen Orga-
in das Essener dpa- musste sich dann das Führungsduo sich um die Logistik. Zu dieser Zeit
nisation Michael Küh-
nens, der Aktionsfront Büro ein und hisste der Wittener NO, Christian Sennlaub trat Köppe auch bereits als “Kame-
Nationaler Sozialisten /
Nationaler Aktivisten
ein Transparent mit und Andre Krieger, zusammen mit radschaftsführer” der mehrere Jahre
(ANS/NA) der Aufschrift “Adolf vier weiteren Angeklagten vor dem lang sehr aktiven Ruhrpottkamerad-

Seite 26 | Lotta #23 | Sommer 2006


Neonazismus in Witten | Extreme Rechte

schaft Dortmund/Witten in Erschei- Aufmarsch, den sie sich aktuell entge- der Wittener Neonazi-Szene inne. Mit
nung, die eng mit Siegfried Bor- hen lässt, des Öfteren auch als der Strategie seiner Partei, nicht zu
chards Truppe verbunden war. Aber Ordnerin oder sogar Organisatorin des offensichtlich den NS hochleben zu
die “Kameradschaft” pflegte auch Ordnerdienstes. Auch in den lassen, hat Schulz wenig am Hut: Am
gute Kontakte zur NPD. Niederlanden ist sie auf neonazisti- 2. Mai 2001 verurteilte ihn das Amts-
Immer häufiger ließ auch Köppes schen Demos anzutreffen. Gerken, die gericht Witten zu einer sechsmonati-
damalige Freundin, die heutige 34- auch schon bei Wahlen als NPD- gen Haftstrafe, nachdem er zuvor eine
jährige Sabine Gerken, von sich Kandidatin in Erscheinung trat, kann von der Straße aus sichtbare Haken-
hören. Mit ihrer Hilfe versuchte sich man heute als eine der führenden kreuzfahne in seiner Wohnung gehisst
Köppe auch am Handel mit Rechts- Figuren der Freien Nationalisten Wit- hatte (vgl. LOTTA Nr. 6, S. 29). Kein
Rock-CDs, um seinen Lebensunterhalt ten bezeichnen. Unter eben diesem Grund übrigens für die NPD, ihn da-
zu bestreiten. Doch das florierende Namen tritt die Wittener Neonazi- nach als Wahlkandidat aus dem Ren-
Geschäft mit verbotenen Tonträgern Szene seit dem Neonazi-Aufmarsch nen zu nehmen. Ob bei Kommu-
flog auf und Köppe wurde im Jahr am 26. November 2005 in Duisburg nalwahlen, bei Landtagswahlen oder
2000 wegen der Verbreitung von öffentlich und mit einem eigenen als Wittener Direktkandidat bei den
volksverhetzenden CDs und zusätzlich Transparent in Erscheinung. Von der letzten Bundestagswahlen, stets steht
wegen des Misshandlung eines Aus- Anzahl her ist die Gruppe auf etwa 15 der Name Dieter Schulz auf den
siedlers zu 18 Monaten Haft auf Be- Mitglieder zu schätzen, hinzu kommt Wahlzetteln. Im Herbst 2004 zog er
währung verurteilt. ein zahlenmäßig schwer bezifferbares sogar dank eines NPD-Kommunal-
Zur gleichen Zeit diktiert der Boch- Umfeld. wahlergebnisses von 2,2 Prozent zu-
umer Staatsschutz der Wittener Lo- sammen mit seinem “Kameraden”
kalpresse in den Block, dass es in der Der Kampf um die Mathias Bachmann in den Wittener
Ruhrstadt keine organisierte neona- Parlamente... Stadtrat ein.
zistische Szene geben würde.
Anfang 2001 geriet Köppe erneut Kaum etwas zu hören ist indes von ...und der Kampf um die Straße
in Konflikt mit der Staatsgewalt. Die- der Wittener NPD. Fast könnte man
ses Mal wanderte er in Haft. Die Ver- den Eindruck gewinnen, dass ihre Ak- Auf Wittens Straßen bauen die
folgungsbehörden kamen ihm auf die tivisten fest in die Strukturen der Neonazis ihren Einflussbereich nach
Schliche, nachdem er dem wegen “Freien Kameradschaft” eingebunden bewährtem Muster aus: mit Stra-
Mordversuches gesuchten Neonazi sind, so auch der heute 37jährige ßenterror. Auf den alternativen sozio-
Christoph Schulte bei der Flucht in Dieter Schulz, der sich gerne an der kulturellen Treffpunkt “Trotz Allem”
die Niederlande behilflich gewesen Seite militanter Neonazis zeigt, beste gab es mehrere Anschläge. Neonazis-
war. Schulte hatte zuvor in München Kontakte zur Dortmunder Neonazi- tische Sprühereien bis hin zu Mord-
einen griechischen Migranten fast Szene pflegt und seit vielen Jahren auf drohungen gehören zum Alltag. Doch
totgetreten hatte (vgl. LOTTA #5, S. 12 allen möglichen Aufmärschen anzu- es bleibt nicht bei Drohungen, immer
ff.). treffen ist, in letzter Zeit regelmäßig wieder wird auch Hand angelegt.
Seit seiner Festnahme 2001 ist hinter dem Transparent der Freien Neonazistische Angriffe, zumeist auf
Köppe komplett von der politischen Nationalisten Witten. Ebenso wie junge Menschen aus der Punk- und
Bildfläche verschwunden. Nach seiner Gerken hat er eine Führungsrolle in Alternativ-Szene, sind in Witten im-
Inhaftierung trat die Ruhrpottkame-
radschaft Dortmund/Witten nicht
mehr unter dieser Bezeichnung in Er-
scheinung. Die Struktur zerfiel offen-
bar mit dem Wegfall ihres Vorturners.
Heute ist die regionale neonazistische
Szene schlecht auf Köppe zu spre-
chen. Er habe “Kameraden” an das
“System” verpfiffen, um seine eigene
Haut zu retten, ja sogar hierfür Geld
angenommen. “Finanziell ist er ja jetzt
abgesichert seit er dem Staate dient
und Leute anzinkt”, weiß Sabine Ger-
ken, die mittlerweile in die Fußstapfen
von Köppe getreten ist, über ihren
Ex-Freund zu berichten. Kaum ein v.r.n.l.: Dieter Schulz, Sabine Gerken, Robin Werth (mit Kapuze, 2. Reihe)

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Extreme Rechte | Neonazismus in Witten

mer häufiger zu verzeichnen. Ende behauptete in seiner Aussage, er sei War in einer abgelegenen Wittener
2005 wurden bei einem Angriff einer vom Hund des Opfers angegriffen Waldgaststätte. Erst nachdem Antifa-
vermummten achtköpfigen Neonazi- worden und habe sich verteidigen schistInnen beim damaligen Bürger-
Gruppe auf das “Trotz Allem” zwei müssen. Erst am Mittag des 9. Januar meister intervenierten, untersagte die
BesucherInnen (glücklicherweise nur) wurde von Seiten der Polizei zurück- Polizei das Konzert (vgl. LOTTA Nr. 11,
leicht verletzt. Einmal mehr blieb der gerudert und das Märchen von den S. 15).
für Witten zuständige Polizeiliche fehlenden Hinweisen auf einen neo- Am Karfreitag dieses Jahres wählte
Staatsschutz Bochum bei seiner Be- nazistischen Hintergrund revidiert. Siggi Borchardt Witten als Ort der 24-
hauptung, es würde keine organisier- Ebenfalls mehrfach als Schläger in Jahre - Feier seiner Borussenfront. 100
te Neonaziszene in Witten geben. Pa- Erscheinung getreten ist auch der Anhänger der neonazistischen Hoo-
rallel war jedoch in Pressemitteilungen Wittener Lars Kokott, der allerdings ligantruppe steuerten das neu eröff-
der Polizei immer häufiger von neo- nicht zum Führungspersonal der Wit- nete Lokal Pappa Joe in der Ma-
nazistischen Straftaten in der Region tener “Kameradschaft” und alles an- rienstraße an. Diese Kneipe diente
Witten zu lesen. Und auch der Bo- dere als zu den Denkriesen zählt. Ide- den Wittener Neonazis bereits unter
chumer Staatsschutz selber verzeich- ale Bedingungen, um zum “Verant- dem Vorbesitzer als regelmäßiger
nete für das Jahr 2005 in Witten 27 wortlichen im Sinne des Presserechts” Treffpunkt. Der neue Wirt war jedoch
registrierte Straftaten der extremen (V.i.S.d.P.) für Flugblätter und Auf- nicht wirklich über die unerwarteten
Rechten. kleber der Freien Nationalisten Wit- Feiertagsgäste begeistert. Als diese
Etwa einen Monat nach dem An- ten und einer vermutlich personen- dann auch noch damit begannen, sich
griff auf das “Trotz Allem” kam es zu identischen Sozialistischen Natio- untereinander zu prügeln und das
einer Steigerung der neonazistischen nalisten Jugend Witten berufen zu eine oder andere Glas zerbrach, rief er
Gewalt. Sechs Personen griffen in der werden. Aufgerufen wird unter an- verängstigt die Polizei. Diese rückte
Nacht zum 8. Januar 2006 einen 28- derem dazu, “antifaschistische Struk- mit rund 15 Streifenwagen und meh-
jährigen Mann aus dem Umfeld des turen auf[zu]decken und [zu] zer- reren Staatsschutzteams an. Während
“Trotz Allem” an. Der Angegriffene schlagen”. Borchardts Gäste drinnen Parolen wie
ging zu Boden, wurde mit Sprin- “Wir bauen eine U-Bahn bis nach
gerstiefeln mit Stahlkappen mehrfach Neonazistische Erlebniswelten Auschwitz” anstimmten, wachte
ins Gesicht getreten und musste draußen die Polizei und setzte eine
schwer verletzt in ein Krankenhaus Auch zum Feiern trifft sich die neo- großzügige Frist zum Abzug. Der ört-
eingeliefert werden. Noch am Tag da- nazistische Szene gerne mal in Wit- lichen Presse gegenüber verschwieg
nach lagen der Polizei trotz guter Per- ten. Im August 2000 sperrte eine man diesen nicht ganz alltäglichen
sonenbeschreibungen angeblich ganze Hundertschaft der Polizei ein Einsatz. Presseöffentlich wurde der
“keine Hinweise” vor, dass die Täter Gewerbegebiet nahe der Autobahn Abend erst, nachdem Antifaschist-
dem neonazistischen Spektrum zuzu- ab. Dort hatten sich rund 100 Neo- Innen die Lokalpresse über den Vorfall
ordnen seien. Dabei hatte sich eine nazis zu einer angeblich privaten Feier unterrichtet hatten. Von den Parolen
Stunde nach dem Angriff der als versammelt. und Gesängen wollen die BeamtInnen
Haupttäter zu vermutende und ein- Für den 4. Oktober 2002 organi- jedoch nichts mitbekommen haben,
schlägig bekannte 19-jährige Neonazi sierte u.a. der bundesweit bekannte im Gegensatz zu mehreren Zeugen
Robin Werth der Polizei gestellt. Neonazi-Kader Thorsten Heise ein des Vorfalls. Der WAZ erklärte der
Werth, der seit längerem zum Umfeld RechtsRock-Konzert mit den US- Polizeiliche Staatsschutz zudem, es
der Wittener “Kameradschaft” zählt, Bands Intimidation One und Final seien keine Wittener Neonazis unter
den Gästen gewesen. Dabei war
“Freie Nationalisten” aus Witten auf einem Aufmarsch, ganz rechts: Lars Kokott Sabine Gerken einem der Staats-
schützer auf dem Heimweg fast über
die Füße gelaufen.

Die AutorInnen und die LOTTA wür-


den sich über weitere Erkenntnisse
über die neonazistische Szene im
Raum Witten freuen. Kontakt über
antifawitten@web.de und
lotta@koma.free.de

Seite 28 | Lotta #23 | Sommer 2006