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Schwerpunkt | Extrem rechte Demonstrationspolitik

Von Bert von Brauise

Der “Kampf
um die Straße”
Extrem rechte Demonstrationspolitik

Als Einstieg in den LOTTA- Schwerpunkt geht es um die bundesweite bolik des 60. Jahrestages der Befrei-
Entwicklung extrem rechter Demonstrationspolitik. Und hierbei sowohl ung vom Faschismus geprägt war, so-
um die jüngere Entstehungsgeschichte als auch um Funktion, Themen, wie eine breite Gegenmobilisierung, in
Wirkungsweisen und strategische Optionen der Aufmärsche. deren Folge sich zahlreiche Pro-
testierende auf der ursprünglich der
Im Bewusstsein der Bedeutung wurde fälschlicherweise der Eindruck JN/NPD genehmigten Demonstra-
symbolischer Daten und Orte hatten erzeugt, mit Hilfe der Gesetzesän- tionsroute aufhielten, so dass die po-
NPD/JN und Freie Kameradschaften derungen ließen sich Demonstra- lizeiliche Einsatzleitung den geplanten
monatelang für den 8. Mai 2005 zu tionen aus dem Spektrum der extre- Aufmarsch für undurchführbar erklär-
einer Demonstration nach Berlin mo- men Rechten gänzlich unterbinden. te.
bilisiert. Man wollte – so das De- Dabei beinhalten die beschlossenen
monstrationsmotto – gegen “60 Jahre Änderungen, jene öffentlichen Ver- Anfänge neonazistischer
Befreiungslüge” und für einen sammlungen leichter verbieten zu Demonstrationspolitik
“Schluss mit dem Schuldkult” eintre- können, bei denen es in unmittelbarer
ten. Internationales Aufsehen erre- Nähe zu Gedenkstätten für die Opfer Erst in der zweiten Hälfte der
gende Bilder von Neonazis vor Augen, des NS zu deren Beleidigung und 1990er Jahre hat das öffentliche Auf-
die mit wehenden Fahnen durch das Herabsetzung kommen könnte bzw. treten in Form von Demonstrationen
Brandenburger Tor und am “Denkmal eine Verherrlichung des National- und Kundgebungen einen strategi-
für die ermordeten Juden Europas” sozialismus stattfindet. Dass zum Bei- schen Stellenwert im Handlungs- und
vorbeiziehen, veranlasste die Regie- spiel aus dem Aufmarsch am 8. Mai Aktionsrepertoire extrem rechter Or-
rungsparteien zu einer Gesetzesiniti- 2005 letztendlich nichts wurde, ist ganisationen und Netzwerke bekom-
ative zur Änderung des Versamm- aber nicht diesen Gesetzesände- men und sich zu einer gezielt einge-
lungsgesetzes und des Strafgesetz- rungen geschuldet. Verantwortlich setzten und fortentwickelten ‘De-
buches (Ergänzung des § 130), die am hierfür war eine spezifische politische monstrationspolitik’ verdichtet, die zur
11. März 2005 im Bundestag ange- Konstellation, die maßgeblich durch Entwicklung einer neonazistischen
nommen wurde. In der Öffentlichkeit die politische Bedeutung und Sym- Bewegung und Erweiterung ihrer po-

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litischen Wirkungsmöglichkeiten bei- rung, dass der Verzicht auf formali- macht 1941 bis 1944”
tragen soll. Die ersten Versuche des sierte Organisationsstrukturen für eine am 1. März 1997 in
offen neonazistischen Spektrums in gewisse Phase die besten Möglich- München ein zentrales
den späten 1980er bzw. frühen keiten der Weiterarbeit böte. Entspre- Symbol für die erwei-
1990er Jahren, an politisch-symbo- chend wurde zur Gründung vor allem terten Handlungs-
lisch aufgeladenen Orten, insbeson- lokal und regional tätiger neonazisti- möglichkeiten und
dere in Wunsiedel und Halbe, jährlich scher Gruppen aufgerufen, die seit Mobilisierungspo-
wiederkehrende Aufmärsche zu eta- Mitte der neunziger Jahre verstärkt als tenziale. An ihr nah-
blieren, wurden durch antifaschis- “Kameradschaften” auftraten. men etwa 5.000
tische Protest- und Widerstands- Anhänger der extre-
aktionen eingeschränkt und schei- “Kampf um die Straße” men Rechten teil.
terten schließlich an staatlich erlasse- Zwei der an der
nen Verboten, die mit erheblichem Das von der “Bewegungspartei” Durchführung der
polizeilichen Aufwand durchgesetzt NPD propagierte “3-Säulen-Konzept” Veranstaltung be-
wurden. Erst im neuen Jahrhundert sieht “die Schlacht um die Köpfe, die teiligten NPD-Kader Die ehemalige JN-Zeitung
“Einheit und Kampf” bejubelt
gelang es Neonazis erfolgreich, an Schlacht um die Straße und die resümierten: “Psy-
den Aufmarsch am 1. März
diese ursprüngliche Idee anzuknüp- Schlacht um die Wähler” als aufein- chologisch ist durch 1997 in München
fen. ander bezogene Elemente der “ope- München ein großer
Anfang der 1990er Jahre kursierte rativen Gestaltung des politischen Durchbruch erzielt worden. Nach 4
in der neonazistischen Szene ein Kampfes” vor und verweist auf die Jahren Verboten und zunehmender
“Handbuch für Aktivisten”, das mit “Schlacht um die Straße” als wichti- Repression, hat die Szene wieder Tritt
dem Anspruch auftrat, die Breite gen Beitrag für eine dauerhafte Eta- gefaßt. [...] Der Staat kann viele Jahre
und Vielfalt der Handlungsmög- blierung der NPD in den Parlamenten. Einschüchterungsversuche zu den
lichkeiten für den “nationalen An entsprechenden Aufmärschen und Akten legen und sich eine neue Taktik
Aktivisten” systematisch zu öffentlichen Aktionen der NPD betei- überlegen. München hat ein neues
entfalten. Der Möglichkeit ligte sich seit Mitte der 1990er Jahre Selbstbewußtsein geschaffen, das sich
von Demonstrationen wur- zunehmend auch das seiner parteiför- auf jeden einzelnen Teilnehmer aus-
de dabei keine große Beachtung ge- migen Strukturen weitgehend be- gewirkt hat und noch größere Bahnen
schenkt. Dies hatte nicht zuletzt damit raubte offen neonazistische Spektrum, ziehen wird.” War dieser “Erfolg von
zu tun, dass jene Akteure, für die dessen eigene Demonstrationen nach München” auch einer politischen
diese Aktionsform Bedeutung hätte spektakulären Aktionen (insbesondere Konstellation geschuldet, in der
haben können, in ihren Handlungs- die alljährlichen Aufmärsche zu Ehren Widerspruch und offener Protest ge-
möglichkeiten eingeschränkt waren von Rudolf Heß) seit 1993/94 zu- gen die Ausstellung über die Verbre-
und nach einer Neuorientierung such- nehmend von Verboten betroffen chen der Wehrmacht sowie die öf-
ten. Dies galt auch für die NPD, die waren. Suchte die NPD unter ihrem fentliche Denunziation ihres Personals
aus der Vergrößerung Deutschlands Vorsitzenden Udo Voigt mit der bis hinein in beträchtliche Teile der
nicht den von ihr erhofften politischen Durchführung von Demonstrationen CDU/CSU vorgetragen wurde, so ge-
Zuspruch gewinnen konnte und orga- zunehmend die Öffentlichkeit, so lang es der NPD auch im Folgejahr, in
nisatorisch und in der Qualität ihrer sahen die Kader der verbotenen neo- Leipzig (1. Mai 1998) und in Rostock
politischen Kader erhebliche Schwä- nazistischen Organisationen in ihnen (19. September 1998) Demonstratio-
chen aufwies. Ebenso galt dieses für eine geeignete Möglichkeit, neue nen vergleichbarer Größenordnung zu
die kleinen, an verschiedene Varianten Formen des Gemeinschaftserlebnisses organisieren.
des historischen Nationalsozialismus zu schaffen, die den Angehörigen der
anknüpfenden Organisationen, von “Kameradschaften” den unmittelba- Anzahl der Aufmärsche
denen zahlreiche in Folge der interna- ren Eindruck vermittelten, dass sie Teil
tional Aufsehen erregenden rassisti- einer größeren Bewegung sind. Getragen von solchen Einschätzun-
schen Pogrome Anfang der neunziger gen hat sich die Zahl der jährlich von
Jahre verboten wurden. Deren aktio- Der Erfolg von München extrem rechten Aktivisten abgehalte-
nistisch ausgerichtete Anhängerschaft nen Demonstrationen beträchtlich er-
fand teilweise in der NPD, die sich von In der politischen Öffentlichkeit wie höht. Fanden 1997 noch 25 neo-
der Öffnung eine Verjüngung ihres in der Selbstwahrnehmung der extre- nazistische Aufmärsche mit mehr als
Mitgliederbestandes und die Aktivie- men Rechten ist insbesondere die von fünfzig Teilnehmenden statt, so waren
rung der Parteiarbeit versprach, eine der NPD durchgeführte Demonstra- es 1999 bereits gut doppelt so viele.
neue politische Heimat. Andere zogen tion gegen die Ausstellung “Vernich- Im Jahr 2001 überschritt diese Zahl
aus den Verboten die Schlussfolge- tungskrieg: Verbrechen der Wehr- erstmals die 100er-Marke, um dann

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Am stärksten frequentiert: Demonstrationen zur Verherrlichung Das häufigste Thema: Protest gegen Aktivitäten staatlicher oder
der Wehrmacht bzw. des NS-Führungspersonals gesellschaftlicher Akteure “gegen rechts”

etwas zurückzugehen (2002: 84; Drittens ist die Aktionsform ‘De- Wochenenden bis zu drei Aufmärsche
2003: 92). In den Jahren 2004 und monstration’ bzw. ‘Kundgebung’ in- in verschiedenen Städten durchge-
2005 stieg sie erneut auf knapp über nerhalb der Bewegung inzwischen führt werden. Verstärkt seit 2003
100 an. Lässt man die bereits er- popularisiert, so dass sich auch im kommen kleinere Kundgebungen hin-
wähnten großen Demonstrationen bundesweiten Kontext unbedeutende zu, die auch wochentags am späten
aus den Jahren 1997 und 1998 als “Kameradschaften” und einzelne Nachmittag durchgeführt werden
Sonderfälle unberücksichtigt, so ist die Neonazis dieses politischen Mittels und/oder als ‘Mahnwachen’ vor Un-
durchschnittliche Teilnehmerzahl bei bedienen. ternehmen, Arbeitsämtern oder Be-
diesen Aufmärschen von unter 200 Im Ergebnis hat dies zu einer Situa- hörden konzipiert sind.
Personen auf etwa 270 bis 280 in den tion geführt, in der es einige Termine
Jahren 2000 bis 2005 angestiegen. gibt, die wegen ihrer in der extrem Themen der Aufmärsche
Hinter diesen Zahlen verbergen sich rechten Bewegung unbestrittenen
weitere qualitative Veränderungen der (symbolischen) Bedeutung einen Betrachtet man die Themen, zu de-
Aktionsmöglichkeiten des neonazisti- wichtigen Platz im informellen “De- nen die extreme Rechte im Zeitraum
schen Spektrums. Im Vergleich zu den monstrationskalender” einnehmen. 1998 bis 2004 Aufmärsche durchge-
achtziger Jahren hat sich erstens nicht Hierzu gehört in der ersten Februar- führt hat, so richteten sich die Mottos
nur die Zahl der Demonstrationen hälfte der von der Jungen Lands- am häufigsten gegen Aktivitäten
vervielfacht; zu den Aufmärschen in mannschaft Ostpreußen organisierte, staatlicher oder gesellschaftlicher Ak-
der entsprechenden Größenordnung aber inzwischen von allen Strömun- teure “gegen rechts”, meist verbun-
finden sich inzwischen vor allem An- gen der extremen Rechten genutzte den mit der Forderung, dass der ex-
gehörige des neonazistischen Bewe- Demonstrationszug in Dresden. An- tremen Rechten wie allen anderen
gungsmilieus aus einem Umkreis von lass ist der Jahrestag des Bombenan- politischen Gruppierungen die Aus-
200 Kilometern um den Veranstal- griffs der Alliierten auf die Stadt im übung grundgesetzlich verbriefter
tungsort ein. Längerfristige bundes- Zweiten Weltkrieg. Mit ihren 1.- M a i - Rechte (Meinungsfreiheit, Versamm-
weite Mobilisierungen führen zu Teil- Demonstrationen versuchen sich NPD lungsfreiheit) zugestanden werden
nehmerzahlen von mindestens 2.000 und neonazistische Netzwerke – zum müsse (123 Demonstrationen). Ein
bis 3.000 Demonstrierenden. Teil in unverhohlener Glorifizierung wesentlicher Faktor für die hohe Zahl
Zweitens kann bezüglich der De- des Nationalsozialismus – als Sach- der Aktionen war das in diesen Zeit-
monstrationen von einer ‘high risk walter der ‘Interessen des kleinen raum fallende NPD-Verbotsverfahren,
mobilization‘ keine Rede mehr sein. Mannes’ zu inszenieren. Im bayeri- gegen das die Partei wiederholt öf-
Vielmehr können die NPD und – seit schen Ort Wunsiedel wollen jährlich fentlich auftrat. Etwa 100 Demons-
der Durchsetzung entsprechender Ur- im August mehrere Tausend Personen trationen stellten die ‘soziale Frage’ in
teile beim Bundesverfassungsgericht marschieren, um mit Rudolf Heß den Mittelpunkt. Dies geschah einer-
durch Christian Worch – auch das einem führenden Vertreter des NS- seits durch Aufmärsche, die in mehre-
Spektrum der Freien Kameradschaften Regimes zu huldigen. Schließlich gibt ren Städten parallel am 1. Mai organi-
auf eine sehr große Wahrscheinlich- der Volkstrauertag Mitte November siert wurden, andererseits durch Auf-
keit vertrauen, dass ihre Demonstra- Gelegenheit, sich in großer Zahl in märsche zum Thema ‘Globalisierung’,
tionen genehmigt und von der Polizei Halbe (Brandenburg) zu sammeln. der mit einer völkischen Kapitalismus-
mit erheblichem materiellen und per- Zusätzlich findet eine Vielzahl weite- kritik zu Leibe gerückt wurde. Vor al-
sonellen Aufwand auch gegen Pro- rer Demonstrationen und Kundge- lem während des Kosovo-Krieges un-
teste ermöglicht werden. bungen statt, so dass an diversen ter Beteiligung von Bundeswehr- Ver-

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bänden sowie vor und während des den staatlichen Umgang mit diesen schließlich wurden die Aufmärsche –
Krieges gegen den Irak im Jahr 2003 Artikulationen des Neonazismus bis dies durch entsprechende Aufla-
wurde versucht, mit nationalistischer, gesammelt und ausgewertet haben. gen der Verwaltungsbehörden, der
antiamerikanischer und antisemiti- Dabei kann sich die Demonstrations- Polizei oder der Gerichte erschwert
scher Friedensdemagogie Aufmerk- politik seit Mitte der 1990er Jahre auf wurde – auch dazu genutzt, um para-
samkeit zu erringen (45 Aufmärsche). eine zunehmend “institutionalisierte militärisches Verhalten und ‘soldati-
Galt für die (vor allem gewalttätigen) Bewegung” mit einer relativ stabilen sche Haltung‘ einzuüben.
Aktionen der extremen Rechten An- infrastrukturellen Basis stützen, deren Sind diese Demonstrationen und
fang der neunziger Jahre, dass ras- Ausdruck sie zugleich ist. Zum ande- Aufmärsche für NPD und ‘Kamerad-
sistische Motive dominierten, so stellt ren beabsichtigt diese Demonstra- schaften‘ ein wichtiges Moment der
dies beim Demonstrationsgeschehen tionspolitik im Rahmen einer länger- Vergemeinschaftung, bei dem zeit-
seit Ende der neunziger Jahre nur ein fristigen Strategie der politischen weise ein Emotionskollektiv geschaf-
relativ gering beachtetes Thema dar, Machtentfaltung seit Mitte der neun- fen wird, so sollen sie zugleich in die
denn von den 67 Demonstrationen, ziger Jahre eine Vielzahl von Effekten. Gesellschaft hinein wirken. Als ein
die der Kategorie ‘Rassismus/Natio- Mit dieser soll sowohl die Bewegung zentrales Ziel der Demonstrationen in
nalismus/Revanchismus‘ zugeordnet stabilisiert und ausgeweitet werden der gegenwärtigen Entwicklungspha-
wurden, fand wiederum nur ein Teil als auch ein Machtanspruch doku- se des Neonazismus gilt den Organi-
unter explizit gegen Einwanderung mentiert und der Spielraum zur Ver- satoren die (juristisch und politisch
bzw. gegen Anwesenheit oder Le- breitung extrem rechter Ideologie bis abgesicherte) Durchsetzung des
bensweise von MigrantInnen gerich- hin zur demonstrativen und möglichst Rechts auf gleichberechtigte Teilnah-
teten Mottos statt. weitgehenden Aushöhlung des me am öffentlichen Diskurs ein-
Wird die durchschnittliche Teilneh- NSDAP- Verbots erweitert werden. schließlich derzeit strafbewehrter In-
merzahl der Aufmärsche zu den je- halte. Zugleich will sich die NPD öf-
weiligen Themen untersucht, so zeigt Funktionen und Wirkungen fentlich als politisch handlungsfähige
sich, dass diese in der Kategorie ‘Ver- Kraft präsentieren, die zu einer wach-
herrlichung der Wehrmacht bzw. des Von den mit der Demonstrations- senden Bandbreite von Themen aus-
NS-Führungspersonals‘ am höchsten politik angestrebten Wirkungen sollen gearbeitete Standpunkte vorlegen
war. Auch für die Demonstrationen, in im Folgenden zunächst jene ange- kann. Neben den o.g. Gewöhnungs-
deren Mittelpunkt die völkische Kapi- deutet werden, die der Stabilisierung, effekten wird zudem versucht, die
talismuskritik stand, fand sich rege Qualifizierung und Weiterentwicklung Möglichkeit des offenen Auftretens
Teilnahme. Hingegen war die Betei- der extremen Rechten dienen (sollen). als ‘Nationalsozialisten‘ und damit das
ligung an Demonstrationen zu öko- Innerhalb der Bewegung und ihres Unterlaufen des NSDAP- Verbots vor-
logischen Fragen und für eine schär- Umfeldes bieten Aufmärsche erstens anzutreiben. So findet seit dem Jahr
fere Gesetzgebung bzw. Gesetzes- die Möglichkeit, Gesinnungskamera- 2003 zunehmend die Selbstbezeich-
anwendung bei Kriminalität deutlich den kennen zu lernen und soziale nung ‘nationale Sozialisten‘ Verwen-
unterdurchschnittlich, obwohl sich Netzwerke zu schaffen. Zweitens wird dung. Zugleich gelten die Aufmärsche
neonazistische Demonstrationen ver- durch die Teilnahme an Demonstra- als bedeutsamer Teil des so genann-
schiedentlich der Empörung der Be- tionen die Aneignung des spezifischen ten Kampfes um die Straße. War
völkerung über Schwerverbrechen, Habitus unterstützt sowie drittens Er- schon die SA gezielt mit ihren Auf-
z.B. angesichts von Fällen sexueller lebniserfahrungen geboten, die für märschen in die Arbeiterviertel ge-
Misshandlung und Ermordung von die politische Arbeit vor Ort (Flug- gangen, um gewaltsame Auseinan-
Kindern, zu bedienen versuchten. blattverteilung, Plakatieren etc.) moti- dersetzungen zu provozieren, so sind
Im Verlauf der zweiten Hälfte der vieren sollen. Viertens dienen die einige Demonstrationen hinsichtlich
neunziger Jahre ließen sich sowohl Demonstrationen dazu, den Anhän- ihrer Symbolwirkung heute ähnlich
quantitative als auch qualitative Ver- gern und Sympathisanten durch fort- angelegt, z.B. im Falle Göttingens,
änderungen bei den Aufmärschen be- gesetzte Aktivitäten zu beweisen, dass welche als “Antifa-Stadt” bezeichnet
obachten. Diese sind Ausdruck man sich durch staatliche Verbote o- wird.
bewusster Schwerpunktsetzungen der antifaschistische Aktivitäten nicht Ist das Auftreten der Neonazis bei
und gezielter Anstrengungen der Ka- einschüchtern lassen will. Fünftens ihren Aufmärschen zwar meist diszi-
der in der NPD und neonazistischer sollen im Zuge der Planung und pliniert und selten unmittelbar mit
Kleingruppen und Netzwerke, die Durchführung von Aufmärschen noch gewalttätigen Angriffen auf Gegen-
über einen Zeitraum von zum Teil nicht fest oder kontinuierlich einge- demonstranten verbunden, so umgibt
mehr als zwanzig Jahren Erfahrungen bundene ‘rechte Cliquen‘ in die be- sie dennoch eine ‘Aura der Gewalt‘,
mit verschiedenen Aktionsrepertoires stehenden Bewegungsnetzwerke und die auf die eingesetzten Bedeutungs-
sowie dem im Zeitverlauf wechseln- Strukturen einbezogen werden. Und medien (Parolen, Embleme, Kleidung,

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sollte auch ein optischer Bezug zur


Arbeitswelt hergestellt werden, indem
die Teilnehmenden “in den Arbeits-
sachen ihrer jeweiligen Zunft” teil-
nehmen sollten.
Entfiele die Möglichkeit, die kollek-
tive Identität der faschistischen Bewe-
gung, die der fortlaufenden Repro-
duktion bedarf, durch die Demons-
trationen immer wieder neu zu gene-
rieren, so würde dies zu einer sub-
stanziellen Schwächung dieser Bewe-
gung führen. Empirisch lässt sich be-
obachten, dass Aufmärsche, deren
Durchführung durch politischen Druck
So macht Demonstrieren keinen Spaß: und/oder direkte Intervention – etwa
Verhinderter Neonaziaufmarsch am 22. Mai 1999 in Köln
in Form von Aktionen zivilen Unge-
horsams – verhindert oder in ihrer
Körperhaltung, Gehformation und den Neonazis die Straße freigemacht zeitlichen oder räumlichen Ausdeh-
Raumverhalten) zurückgeführt werden wird und bei denen der staatliche nung stark eingeschränkt wurden,
können. In den Berichten der neona- Aufwand wohl nur mit den Castor- von den neonazistischen Aktivisten
zistischen Szene-Blättchen über die Transporten und manchen Staatsbe- durchaus als Ärgernis betrachtet wer-
Aufmärsche fehlt nur selten auch der suchen zu vergleichen ist, haben zu den. Jedoch wird die Dynamik der Be-
Hinweis, dass man dem “roten Mob” den ‘Erfolgserfahrungen‘ der Neo- wegung nicht gebrochen, solange es
gerne “auf die Fresse” gehauen hätte. nazis beigetragen. Vor diesem Hinter- sich bei solchen Rückschlägen um
grund ist mit einer Fortsetzung der Einzelfälle handelt. Der Erfolg ent-
Ausblick Demonstrationspolitik und einer Aus- sprechender Gegenaktionen ist von
differenzierung bzw. anlassbezogenen einer Reihe von Faktoren abhängig,
Für die extreme Rechte, insbeson- Schwerpunktsetzung zu rechnen, die die teils situativer Art sind, teilweise
dere aber ihren neonazistischen Teil, sich stärker in themenbezogenen Iko- jedoch auch durch mittel- und lang-
hat die Aktionsform Demonstration in nographien und Inszenierungen aus- fristig bedeutsame gesellschaftliche
den letzten Jahren erheblich an Be- drückt. Dabei ist einerseits eine wei- Entwicklungen und politische Praxen
deutung gewonnen; in vielen Fällen tergehende Militarisierung der Auf- (z.B. kontinuierliche Antifa-Arbeit vor
konnte sie diese wirkungsvoll einset- märsche denkbar. Zum Beispiel, wenn Ort) mitbestimmt werden. Zu diesen
zen und sich – insbesondere gegen- die Verwendung von Trommeln nicht Faktoren gehört beispielsweise die
über ihren Anhängern und Sympathi- mehr per polizeilicher oder gericht- Zahl der Demonstrierenden (absolut
santen – als handlungsfähige ‘Kraft licher Auflage untersagt wird und de- sowie im Verhältnis zu den anderen
der Zukunft‘ inszenieren. Das be- ren – für die Nationalsozialisten ewi- Akteuren, vor allem Polizei und Neo-
wusste Einsetzen von Demonstratio- ge Bewegung und Unsterblichkeit nazis), ihre Zusammensetzung, die
nen zur Vergrößerung des politischen symbolisierende – Verwendung zum zahlenmäßige Größe und das Einsatz-
Spielraums in der Gesellschaft sowie festen Bestandteil der Aufmärsche konzept der Polizeikräfte, die gesell-
zur Stabilisierung und Dynamisierung wird. Auch die bei verschiedenen schaftliche Stimmung sowie bisherige
der neonazistischen Bewegung ist da- Demonstration durchgeführte Toten- Erfolgs- bzw. Misserfolgs- und Ohn-
bei durch die höchstrichterlichen Ur- ehrung erinnert in ihrer mystischen machtserfahrungen demokratischer/
teile erheblich erleichtert worden. Anrufung der Opferbereitschaft nicht antifaschistischer Akteure in ver-
Dies gilt zuletzt etwa für den von der zufällig an nationalsozialistische Ver- gleichbaren Situationen. Dass dieser
NPD im Juni 2004 durchgeführten anstaltungen. Andererseits ‘experi- Faktorenkomplex nicht kurzfristig auf
antisemitischen Aufmarsch in Bo- mentiert‘ man auch mit weniger mili- ein Zurückdrängen der öffentlichen
chum, den die zuständige Kammer taristischen Demonstrationsformen. Präsenz des Neonazismus in der BRD
des Bundesverfassungsgerichts letzt- Bei einer im Jahr 2003 in Stralsund ‘programmiert’ werden kann, ist of-
endlich als Teil der Meinungsfreiheit durchgeführten Demonstration, zu fenkundig. Das spricht jedoch nicht
abgesegnet hatte. Auch die damit der unter dem Motto “Marktwirt- dagegen, sich dieser Aufgabe zu wid-
verbundenen Polizeieinsätze, bei de- schaft ersetzen durch Volkswirtschaft men.
nen mit Wasserwerfern, schwerem – Nationaler Sozialismus schafft Ar-
Gerät und erheblichem Gewalteinsatz beitsplätze!” mobilisiert worden war,

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