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DER BÜRGER

IM STAAT

55. Jahrgang Heft 3 2005

Europa
und die Türkei
Herausgegeben von der
Landeszentrale für politische Bildung
DER BÜRGER Baden-Württemberg

IM STAAT
Redaktion:
Siegfried Frech
Redaktionsassistenz:
Barbara Bollinger
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Fax (0711) 164099-77
siegfried.frech@lpb.bwl.de
55. Jahrgang Heft 3 2005 barbara.bollinger@lpb.bwl.de

Inhaltsverzeichnis

Europa und die Türkei


Andrea K. Riemer Faruk Sen
Konsequenzen eines möglichen Die Türkei ist schon längst ein Teil
EU-Beitritts der Türkei 84 Europas 142

Christian Rumpf Mehmet Öcal


Das Verfassungssystem der Türkei 91 Die Außen- und Sicherheitspolitik
der Türkei 144
Hakki Keskin
Die deutsch-türkische Debatte über Statistisch gesehen 152
den EU-Beitritt der Türkei 98
Buchbesprechungen 154
Necip C. Bagoglu
Ist die türkische Wirtschaft reif
für die EU? 105

Jürgen Gerhards
„Kulturelle Überdehnung“? –
Kulturelle Unterschiede zwischen
der EU und der Türkei 112

Claus Schönig
Das Deutschland- und Deutschenbild
der Türken 118

Gürsel Gür
Das Türkeibild der deutschen Presse 122

Dieter Oberndörfer Einzelbestellungen und Abonnements bei der


Landeszentrale (bitte schriftlich)
Die Furcht vor der Türkei 130
Impressum: Seite 141
Heidi Wedel Bitte geben Sie bei jedem Schriftwechsel
Menschen- und Minderheitenrechte mit dem Verlag Ihre auf der Adresse aufgedruckte
in der Türkei auf dem Weg in die EU 134 Kunden-Nr. an.
Europa und die Türkei

DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT STIMMT AM 15. DEZEMBER 2004 FÜR BEITRITTSVERHANDLUNGEN MIT DER TÜRKEI. IM PARLAMENT IN STRASSBURG BEKUNDEN ABGEORDNETE IHRE
MEINUNG MIT PLAKATEN. „EVET“ IST DAS TÜRKISCHE WORT FÜR „JA“. picture alliance / dpa

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Europa und die Türkei
Seit mehr als vierzig Jahren klopft die Türkei an die Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Türkei
Tür der Europäischen Union (EU) und sucht um ist ein entscheidendes Kriterium für den EU-Bei-
eine Vollmitgliedschaft nach. Kein anderer Bei- tritt. Wenngleich die wirtschaftliche Messlatte der
trittskandidat hat die politische Debatte und die „Kopenhagener Kriterien“ nicht vollständig er-
öffentliche Meinung derart polarisiert. Die kont- reicht sein muss, damit die Beitrittsverhandlun-
rovers geführte Diskussion, ob die Türkei über- gen beginnen können, warnen kritische Stimmen
haupt, zu welchen Bedingungen und zu welchem vor einer möglichen ökonomischen Überforde-
Zeitpunkt Teil der EU werden soll, wird die im Ok- rung der EU. Insofern lohnt ein genauer Blick auf
tober 2005 beginnenden Beitrittsverhandlungen die türkische Wirtschaft, die sich seit den 1980er-
begleiten. Jahren in einem steten Prozess der Öffnung und Li-
Skeptiker lehnen den Beitritt aufgrund kultureller beralisierung befindet. Als herausragendes Ereig-
Verschiedenartigkeit und unterschiedlicher his- nis auf diesem Weg ist die Anfang 1996 in Kraft
torischer Erfahrungshorizonte ab. Diese Unter- getretene Zollunion mit der EU zu nennen. Zudem
schiede würden die Integration der Türkei in die wurde mit Unterstützung des Internationalen
europäische Staatengemeinschaft erschweren. Währungsfonds (IWF) ein ambitioniertes Reform-
Ein türkischer Beitritt fordert zudem den vertei- programm aufgelegt und durch Strukturreformen
lungspolitischen Status quo heraus. Die Probleme im öffentlichen Sektor und in der Finanzwirtschaft
der Handlungsfähigkeit und Regierbarkeit inner- ergänzt. Die wirtschaftliche Dynamik wird jedoch
halb der EU werden zunehmen. Andrea K. Riemer aufgrund der weit verbreiteten Schattenwirt-
bewertet die Beitrittsfähigkeit der Türkei anhand schaft gebremst. Als weitere Hemmschuhe identi-
der „Kopenhagener Kriterien“ und diskutiert Kon- fiziert Necip C. Bagoglu vor allem die schwerfällige
sequenzen für die EU, die in die Beurteilung der Bürokratie und die Korruption. Trotzdem gehen
Beitrittsfähigkeit einfließen und die gegenwär- von den Beitrittsaussichten Katalysatoreffekte
tige Diskussion maßgeblich bestimmen. Im Zuge aus, die weitere Reformen in Gang setzen und
der weiteren politischen und wirtschaftlichen strukturelle Defizite beseitigen könnten.
Entwicklung der Türkei und abhängig vom Gang In der aktuellen Debatte wird die kulturelle Pas-
der Beitrittsverhandlungen ergeben sich daraus sung der Türkei angezweifelt, gar eine kulturelle
mehrere Strategien. Andersartigkeit unterstellt. Jürgen Gerhards geht
Die Beitrittsfähigkeit entscheidet sich wesentlich von der These aus, dass die Frage der kulturellen
am Grad der in der Türkei verwirklichten Demo- Passung eines Landes zur EU für das Gelingen des
kratie. Gegner des Beitritts mahnen an, dass der Integrationsprozesses eine zentrale Vorausset-
Weg der Türkei zu einem liberalen und demokrati- zung ist. Er untersucht in seinem Beitrag, ob und
schen Staat noch weit sei. Dieses Argument unter- in welchem Maße die Bürgerinnen und Bürger in
stellt jedoch, dass Demokratisierung überall nach den EU-Mitgliedsländern und in der Türkei ge-
dem gleichen Muster und unabhängig von histo- meinsame bzw. unterschiedliche Wertorientie-
rischen und kulturellen Einflüssen verläuft. Die rungen aufweisen. Die Analyse beschränkt sich
nach der Republikgründung konsequent betrie- auf die Religionsvorstellungen und die Werto-
bene Modernisierungspolitik und Demokratisie- rientierungen hinsichtlich der Familie und der
rung zeigen, dass westliche Gesellschaften und Idee der Gleichberechtigung. Der Modernisie-
deren Verfassungssysteme stets ein Vorbild für die rungsgrad der untersuchten Länder, der zur Erklä-
Türkei waren. Christian Rumpf erörtert in seinem rung unterschiedlicher Wertorientierungen her-
Beitrag die Entwicklung der türkischen Rechts- angezogen wird, zeigt, dass sich die kulturellen
und Verfassungsordnung. Nach einer Analyse der Unterschiede nivellieren werden, wenn sich die
türkischen Verfassung und angesichts der Refor- Türkei weiter modernisiert, das Bildungsniveau
men vergangener Jahre kommt Christian Rumpf und der Wohlstand ansteigen.
zu dem Schluss, dass die türkische Verfassung Die politische und öffentliche Urteilsbildung
durchaus europäischen Konventionen entspricht. vollzieht sich nicht immer nach rationalen Ge-
Seit Jahren wird über eine Vollmitgliedschaft der sichtspunkten. Eine Betrachtung der deutsch-
Türkei unter Politikern, Wissenschaftlern und in türkischen Beziehungen und der wechselseiti-
den Medien hierzulande kontrovers diskutiert. gen Wahrnehmung offenbaren, dass jede Seite
Diese Kontroverse wird die Verhandlungen be- durch Zuschreibungen je unterschiedliche „Wirk-
gleiten und schlägt sich auch in diesem Heft nie- lichkeiten“ konstruiert. Gerade die deutsch-türki-
der. Hakki Keskin erörtert die Berechtigung, Über- schen Beziehungen, die seit über hundert Jahren
zeugungskraft und Stichhaltigkeit von Argumen- eine besondere Intensität besitzen, haben das
ten, die gegen einen Beitritt der Türkei vorge- Bild von Deutschland und den „pflichtbewussten,
bracht werden. verlässlichen und ordentlichen Deutschen“ merk-

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Europa und die Türkei

lich geprägt. Von Bedeutung ist auch der Um- Anhand der einzelnen Menschenrechtsfelder
stand, dass über zwei Millionen Menschen türki- analysiert Heidi Wedel in ihrem Beitrag, inwieweit
scher Herkunft in Deutschland leben und „ihr“ Bild sich die Menschenrechtssituation verbessert hat,
von Deutschland entwickelt haben. Dass aller- was konkret erreicht wurde und welche Defizite
dings eine real gegebene höhere Zahl von Kontak- noch bestehen.
ten nicht automatisch zu einem besseren gegen- In der keineswegs neuen Debatte um die Zugehö-
seitigen Verständnis führt, zeigen die Beobach- rigkeit der Türkei zu Europa werden Argumente
tungen von Claus Schönig am Beispiel deutscher verwendet, die von der Abgrenzung leben. Faruk
Touristen, die als „Botschafter des guten Ge- Sen hingegen verweist auf die tatsächlich gege-
schmacks und guter Sitten“ ebenfalls ein Bild hin- benen politischen und ökonomischen Beziehun-
terlassen. gen im Zeitalter der Globalisierung. In dieser Hin-
Medien interpretieren die gesellschaftliche und sicht ist die Türkei, so die Kernthese, längst in Eu-
politische Wirklichkeit. Sie definieren die thema- ropa angekommen. Seit Jahrzehnten ist die Türkei
tische Agenda, stellen inhaltliche Schwerpunkte durch internationale Verträge fest in das westli-
und Rangfolgen her. Gürsel Gür analysiert in sei- che Staatensystem eingebunden und zu einem der
nem Beitrag am Beispiel des Türkeibildes der deut- wichtigsten Handelspartner der EU geworden.
schen Presse, wie Medien die „deutsche Sicht“ der Und nicht zuletzt die Migration türkischstämmi-
Wirklichkeit konstruieren. Einblicke in die Realität ger Menschen in EU-Länder zeigt, dass die Türkei
der Auslandsberichterstattung und das Verhält- keine außerhalb Europas gelegene Region mehr
nis von Politik und Medien sowie die eingehende ist, sondern einen Teil Europas darstellt.
Untersuchung seriöser (und weniger seriöser) Die Türkei verfügt aufgrund ihrer Lage in dem Kri-
Zeitschriften zeigen, dass Missverständnisse, sendreieck Balkan, Kaukasus und Naher bzw.
Halbwissen und Klischees das Türkeibild hierzu- Mittlerer Osten über einen erheblichen Einfluss
lande prägen. Dieses lückenhafte Bild der Türkei auf die Gestaltung der Sicherheitsordnung dieses
prägt die öffentliche Meinung über die EU-An- Konfliktdreiecks. Die Darstellung einzelner Felder
wartschaft und führt zu prinzipiellen Einwänden der türkischen Außen- und Sicherheitspolitik und
gegen einen Beitritt. So werden in der aktuellen die Analyse der strategischen Aktionsfelder ma-
Debatte häufig die beiden Begriffe „europäische chen deutlich, dass die Türkei aufgrund ihrer geo-
Identität“ und „europäische Kultur“ ins Spiel ge- strategischen Lage ein Stabilität produzierendes
bracht. Im Jahr 2002 hat der Historiker Hans-Ul- und garantierendes Land ist. Das Land am Bospo-
rich Wehler mit diesen Begriffen eine Diskussion rus kann diese stabilisierende Rolle allerdings nur
angestoßen, die in den Medien und in der Politik effektiv in türkisch-europäischem Sinne wahr-
eine beachtliche Resonanz fand. Eine genauere nehmen, wenn es fest in die europäische Sicher-
Betrachtung der Argumentation zeigt aber, dass heitsarchitektur eingebunden ist. Die bisher am-
so manche Historiker auf die überholt geglaubte bivalente Haltung der EU war für die Suche der
nationale Geschichtsschreibung setzen. Zur Arro- Türkei nach ihrer Rolle in Eurasien nicht gerade
ganz nationaler Geschichtsschreibung gesellen förderlich. Bei langfristig stabilen innen- und au-
sich noch, so die engagierte Entgegnung von Die- ßenpolitischen Verhältnissen, so eine der Kern-
ter Oberndörfer, Vereinfachungen und Abwertun- thesen des Beitrags von Mehmet Öcal, kann die
gen hinzu. Gerade die Idee einer Gemeinschaft eu- Türkei eine Regionalmacht werden und die politi-
ropäischer Staaten zeige doch die Notwendigkeit sche Entwicklung an der Schnittstelle von Europa
der Abkehr vom inzwischen hausbacken gewor- und Asien bestimmen.
denen Nationalismus. Die neue Rubrik „Statistisch gesehen“ stellt Daten
Beitrittsgegner definieren Europa häufig als ei- aus Baden-Württemberg zur Verfügung und er-
nen „Hort von Demokratie und Menschenrechten“ möglicht somit eine landesspezifische Perspek-
und sprechen der Türkei das Erreichen europäi- tive auf das jeweilige Thema des Heftes. Dank ge-
scher Standards in Bezug auf die Menschenrechte bührt dem Statistischen Landesamt für die Aufbe-
ab. Dass in der Türkei seit Jahrzehnten Menschen- reitung und Zusammenstellung der Daten. Auch
rechte verletzt werden, ist unbestritten. Gerade allen Autorinnen und Autoren, die mit ihren Bei-
deshalb ist der Beitrittsprozess eine historische trägen detaillierte Informationen vermitteln und
Chance, weil ein möglicher EU-Beitritt die Türkei zu einer sachlichen Diskussion beitragen, sei an
zu Reformen motiviert. Tatsächlich hat die Türkei dieser Stelle gedankt. Dank gebührt nicht zuletzt
seit 2001 zahlreiche Reformen verabschiedet und dem Schwabenverlag für die gute und effiziente
sich damit internationalen Standards angenä- Zusammenarbeit.
hert. Diese Erfolge wurden von der EU-Kommis-
sion im Fortschrittsbericht 2004 positiv verbucht. Siegfried Frech

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OPTIONEN ZUR BEWÄLTIGUNG EINES DILEMMAS AUS EUROPÄISCHER SICHT

Konsequenzen eines möglichen EU-Beitritts


der Türkei
A NDREA K. R IEMER

trittsfähigkeit der Türkei zur EU beurteilen? (2.) Dezember 2004 bedacht wurde, darf bezweifelt
Der Wunsch der Türkei, Mitglied der Eu- Wie ist der Status quo beschreibbar und ein- werden. Die Verwässerung der „Kopenhagener
ropäischen Union zu werden, hat kont- schätzbar? (3.) Welche Alternativen ergeben Kriterien“ wäre fatal für die EU, da sie sich aller
roverse Debatten ausgelöst. Skeptiker sich für Europa und für die Türkei? (4.) Welche Wertmaßstäbe berauben würde.
lehnen den Beitritt aufgrund kulturel- Konsequenzen lassen sich für beide „Spieler“ je- Die von der EU-Kommission für 2004 aufge-
ler Unterschiede, unterschiedlicher his- weils ableiten? stellte Liste der türkischen Defizite war derart
torischer Erfahrungshorizonte und einer Ziele sind eine differenzierte, über die „Kopen- umfangreich, dass ein ausreichendes Niveau
sich daraus ergebenden erschwerten hagener Kriterien“ hinausgehende Einschät- demokratischer Strukturen und bürgerlicher
politischen Integration ab. Befürworter zung der Beitrittsfähigkeit, eine Darstellung Rechte bis Ende 2004 kaum erreichbar erschien
hingegen verweisen darauf, dass die von Alternativen zur Vollmitgliedschaft und die – und doch war der Befund der Kommission ein-
Türkei historisch und politisch die Ge- Klarlegung möglicher Konsequenzen aus geo- schränkend positiv. Man empfahl dem Rat die
schichte Europas maßgeblich mitgestal- politischer Sicht, wenn die Türkei der EU als Aufnahme von Beitrittsverhandlungen unter
tet hat. Die Kontroverse konzentriert Vollmitglied beitritt bzw. dieses nicht tut.1 Einhaltung von bestimmten Kontrollmechanis-
sich auf die Frage nach einer europäi- men. Letztlich ist die Entscheidung der Kom-
schen Identität, auf Fragen der kulturel- mission Ausdruck eines Dilemmas, in dem sich
len und politischen Grenzziehung und ERFÜLLT DIE TÜRKEI DIE die Union seit Mitte der neunziger Jahre befand;
nicht zuletzt auf einen möglichen strate- „KOPENHAGENER KRITERIEN“? ab diesem Zeitpunkt hatte man die Entschei-
gischen Zugewinn für die Europäische dung immer wieder aufgeschoben. Nun konnte
Union. Andrea K. Riemer erörtert die Die Türkei wird trotz bemerkenswerter Fort- man nicht mehr umhin und musste unter gro-
Beitrittsfähigkeit der Türkei zunächst schritte noch beträchtliche Zeit benötigen, um ßem Druck handeln – wieder ohne eine kon-
anhand der „Kopenhagener Kriterien“ die „Kopenhagener Kriterien“ (s.u.) zu erfüllen. krete Strategie.
und diskutiert in der Folge weitere Fak- Es ist unwahrscheinlich, dass die Türkei die po- Die Problematik der Türkei lag dabei weniger
toren, die in die Beurteilung der Bei- litischen Kriterien trotz großer Bemühungen auf der gesetzlichen Ebene, sondern vielmehr in
trittsfähigkeit einfließen und die gegen- bis zum Herbst 2005 erfüllt. Um zu beurteilen, der praktischen Realisierung. Die Türkei hat ein
wärtige Diskussion – auch in der breiten ob mit der Türkei die Aufnahme von Verhand- hochgradiges Umsetzungsdefizit (ein Beleg da-
Öffentlichkeit und in den Medien – maß- lungen erfolgen kann, ist zwischen den politi- für ist die am 31.3.2005 nun wieder verscho-
geblich bestimmen. Im Zuge der politi- schen und den wirtschaftlichen Beitrittskrite- bene Strafrechtsreform). Da die EU kaum ihre
schen und wirtschaftlichen Entwicklung rien zu unterscheiden. eigenen demokratischen Grundsätze verwäs-
der Türkei und abhängig vom Gang der sern wird, ist mit langwierigen Verhandlungen
Beitrittsverhandlungen ergeben sich da- zu rechnen. Sie werden mehr Zeit als die Ver-
raus mehrere Strategien und auch Al- „Als Voraussetzung für die Mitgliedschaft handlungen mit den östlichen Nachbarländern
ternativen. Die Klarlegung möglicher muss der Beitrittskandidat eine institutio- erfordern. Dort war der gesellschaftspolitische
Konsequenzen aus geopolitischer Sicht nelle Stabilität als Garantie für demokra- Grundkonsens europäischer Werte – auch an-
schließt den Beitrag ab. Red. tische und rechtsstaatliche Ordnung, für gesichts leidvoller Erfahrungen mit dem Kom-
die Wahrung der Menschenrechte sowie munismus – breit verankert. Die Türkei wird
die Achtung und den Schutz von Minder- keine Scheingefechte zum Zwecke der Verzöge-
heiten verwirklicht haben (politische Kri- rung des Beitritts akzeptieren und die EU kann
terien; Anm. S.F.); sie erfordert ferner eine sich solche auch gar nicht leisten.
KONTROVERSE DEBATTE UM DEN BEITRITT funktionsfähige Marktwirtschaft sowie
die Fähigkeit, dem Wettbewerbsdruck und
Die Debatte über einen möglichen EU-Beitritt den Marktkräften innerhalb der Union ERFÜLLT DIE TÜRKEI DIE
der Türkei erfolgte bislang kontrovers anhand standzuhalten (wirtschaftliche Kriterien; WIRTSCHAFTLICHEN KRITERIEN?
verschiedener Argumentationslinien. Pro- und Anm. S.F.). Die Mitgliedschaft setzt ferner
Kontragruppen finden sich in allen Mitglied- voraus, dass die einzelnen Beitrittskan- Auch die Erfüllung der wirtschaftlichen Krite-
staaten und gehen über politische Parteigren- didaten die aus einer Mitgliedschaft er- rien (i. e. die funktionsfähige Marktwirtschaft)
zen hinweg. Die Debatte um den Beitritt der wachsenden Verpflichtungen (Kriterium wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen.
Türkei hat sich phasenweise zu einem „Spalt- der Übernahme des Acquis Communau- Die Erfüllung der wirtschaftlichen Kriterien ist
pilz Europas“ entwickelt. Nach der Entschei- taire; Anm. S.F.) übernehmen und sich nicht Voraussetzung für die Aufnahme der Ver-
dung vom Dezember 2004, im Oktober 2005 die auch die Ziele der politischen Union sowie handlungen, doch sollten wesentliche Schritte
Verhandlungen zu beginnen, ist die Türkei of- der Wirtschafts- und Währungsunion zu in dieser Richtung erfolgt sein. Dies kann die
fenbar in einer „Luftholphase“. Manche hinge- eigen machen können“ (Europäischer Rat Türkei vorweisen. Sie hat nach mehreren
gen meinen, die Türkei sei im „Euro-Blues“. Man 1993). Wirtschaftskrisen viel versprechende und vom
darf davon ausgehen, dass Ankara europäi- Internationalen Währungsfonds (IWF) unter-
sche Fahrt aufnehmen wird, aufnehmen wird stützte Reformen eingeleitet und ist in vielen
müssen. Während die wirtschaftlichen Kriterien erst Bereichen nur etwas schlechter als Bulgarien
Zentrale Fragen in der bisherigen Debatte sind beim Beitritt vollständig realisiert sein sollen, und Rumänien zu beurteilen. Wird der Reform-
vor allem, wie die europäische Identität be- müssen die politischen Kriterien – wie bei allen prozess konsequent fortgesetzt, dann dürften
stimmbar ist, wo die Grenzen Europas liegen, ob bisherigen Erweiterungen – bereits weit ge- die Wirtschaftskriterien in einer zeitlichen Per-
die Türkei grundsätzlich der EU beitreten soll hend erfüllt sein. spektive von zehn Jahren keine Barriere für
und kann und ob dies einen strategischen Zu- Eine Abweichung von diesem Grundprinzip ist einen EU-Beitritt der Türkei darstellen. Dies be-
gewinn bedeutet. Des Weiteren wurde immer als weit reichende Entscheidung mit Präze- dingt, dass keine weitere Krise den wirtschaft-
wieder diskutiert, welche Alternativen beide denzcharakter zu beurteilen. Eine Beispielwir- lichen Erholungsprozess behindert, verzögert
Seiten haben und welche Konsequenzen daraus kung für andere Interessenten an einer EU-Voll- oder zunichte macht. Auch bei einer positiven
abzuleiten sind. mitgliedschaft ist nicht auszuschließen (z. B. Wirtschaftsentwicklung bleibt der wirtschaft-
Für den vorliegenden Beitrag dienen folgende Kroatien, Ukraine, Russland, Israel, Ägypten, liche Abstand zwischen der Türkei und der jet-
Fragen als Leitlinie: (1.) Wie lässt sich die Bei- Marokko, etc.). Ob dies bei der Entscheidung im zigen EU bestehen. Dies gilt im Übrigen auch

84
Konsequenzen eines möglichen EU-Beitritts der Türkei

für die anderen genannten Staaten. Immer ziehen. Diese Migration wäre von allen Mit- Deutschland lebenden türkischen Bevölkerung
wieder werden Anpassungsfristen von 25 bis gliedstaaten aufzufangen, insbesondere aber (einschließlich der Eingebürgerten ca. 2,5 Mio.).
30 Jahren genannt. Hieraus ergeben sich weit von jenen, die eine aufstrebende Wirtschafts- Insbesondere Personen aus Anatolien und
reichende Konsequenzen, die den Verhand- leistung aufweisen können. Gleichzeitig ist ländlichen Gebieten haben einen überpropor-
lungsverlauf (Forderung nach weit gehenden die Qualifikation türkischer Arbeitskräfte zu tional hohen Anteil an der türkischen Bevölke-
Übergangsregelungen), den Zeitpunkt und die hinterfragen, denn es werden eher die weniger rung in Deutschland. Diese werden nicht alleine
Modalitäten (Sonderregelungen bei der Integ- qualifizierten Arbeitskräfte zur Migration ten- durch die Arbeitsmarktproblematik, sondern
ration in die EU-Politik) des Beitritts bestimmen dieren. Diese weisen aber oft einen ausgepräg- aufgrund der Integrationsprobleme von Teilen
können. ten Arbeitswillen auf und sind bereit, Tätigkei- der türkischen Bevölkerung in Deutschland be-
ten zu übernehmen, die ansonsten abgelehnt gründet sein, die sich unter anderem in einer
werden. Für die Osterweiterung wurde je nach überproportional hohen Arbeitslosenrate nie-
EIN MÖGLICHER BEITRITT ERHÖHT Schätzung ein langfristiges Migrationspoten- derschlagen. Auch andere Staaten wären davon
DEN REFORMDRUCK zial von 3% bis 8% der Bevölkerung der Her- betroffen. So auch Österreich, da erfahrungs-
kunftsländer geschätzt. Für die Türkei bedeutet gemäß nach Deutschland migrierte Türken in
Die folgenden Faktoren finden sich kaum in of- das analog im Jahr 2013 ein zusätzliches Mig- einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß nach
fiziellen EU-Dokumenten, sind jedoch immer rationspotenzial (unter Abzug der schon in Österreich weiter wandern. Allerdings haben
wieder in diversen Expertisen anzutreffen. Sie Deutschland lebenden türkischen Bevölke- türkische Zuwanderer – im Gegensatz zu Zu-
geben einen differenzierten Einblick in die stra- rung) zwischen 0,5 bis 4,4 Millionen Menschen. wanderern aus den neuen EU-Staaten – die
tegischen Folgen für die EU und sollten unbe- Begünstigt wird diese Wanderungsbewegung Tendenz, im Gastland zu verbleiben. Begründ-
dingt Eingang in die Beurteilung finden. zudem durch bestehende Netzwerke der in bar ist dies mit den großen Unterschieden in der
Die zunehmende Heterogenität der Union ver-
stärkt die Forderung nach einer Atempause und
Konsolidierung. Die ebenfalls ansteigende öko-
nomische Heterogenität der erweiterten Union
stellt gewaltige Herausforderungen an ihre in-
nere Kohärenz und die Koordinierung ihrer Po-
litikbereiche dar. Eine EU-Mitgliedschaft der
Türkei erhöht den Druck auf Reformen der eu-
ropäischen Agrar- und Strukturpolitik weiter
und könnte auch zu einem Scheitern dieses Be-
reiches führen. Insbesondere würden alle bis-
her recht erfolgreichen Reformen des europäi-
schen Agrarbereiches durch einen Beitritt der
Türkei erneut belastet werden. Da sowohl Po-
len als auch Ungarn (später Rumänien und
Bulgarien) Agrarüberschüsse produzieren und
die Agrarstrukturen (Subventionen, Flächenzu-
sammenlegung, Kooperativen etc.) bereits jetzt
einen Großteil der gesamten EU-Budgets bin-
den, ist nicht vorstellbar, wie die Türkei als wei-
tere Belastungen verursachendes Vollmitglied
zu einer Entlastung der EU-Budgets beitragen
könnte. Es bleibt unklar, wer für die türkischen
Subventionsforderungen im Agrarbereich be-
reit und fähig ist, aufzukommen. Darüber hi-
naus würde es zu einer weiteren Welle des
„Bauernsterbens“ in West- und Mitteleuropa
kommen. Alleine der Beitritt Polens führt be-
reits zu einer kaum tragbaren Überbeanspru-
chung der relevanten Budgets. Weitere For-
derungen werden auch in der europäischen Öf-
fentlichkeit nicht mehr durchsetzbar sein.

ARBEITSKRÄFTEWANDERUNGEN
UND INTEGRATION

Das Migrationspotenzial der Türkei ist erheblich


und würde bei einem Beitritt den Zwang zu
langfristigen Übergangsregelungen nach sich

CIHAN COSKUM BETREIBT IM MÜNCHNER GLOCKEN-


BACHVIERTEL EINEN DÖNER-IMBISS. IN DEUTSCHLAND
LEBEN UND ARBEITEN ÜBER 2,7 MILLIONEN TÜRKISCHE
MITBÜRGER. ALS ARBEITGEBER, ARBEITNEHMER, ALS
STEUERZAHLER UND MITGLIEDER DES DEUTSCHEN
SOZIALSYSTEMS SIND SIE NICHT MEHR FORT ZU DENKEN.
picture alliance / dpa

85
ANDREA K. RIEMER

TÜRKISCHE FRAUEN ZWISCHEN TRADITION UND


MODERNE: ZWEI TÜRKISCHE FRAUEN, DIE EINE IN
TRADITIONELLER KLEIDUNG, DIE ANDERE MIT MODERNER
KLEIDUNG UND OFFENEN HAAREN, GEHEN GEMEINSAM
DURCH EIN DORF IN KAPPADOKIEN.
picture alliance / dpa

Lebensqualität und den ökonomischen Mög-


lichkeiten zwischen dem Gastland und der Tür-
kei. Darüber hinaus ist die Integrationsbereit-
schaft eher gering. Vielmehr versucht man, sich
an die bereits ansässigen Clans anzuhängen
und bildet so selbst abgegrenzte Inseln im Gast-
land. Da die soziale Situation in diesen Inseln
auch nicht an jene des Gastlandes heranreicht,
sind diese Strukturen zumindest ein Potenzial
für radikale Ideen (z. B. der „Kalifatsstaat“ in
Köln; „Graue Wölfe“2 in Berlin, Köln, Hamburg
und Wien).

AUSWIRKUNGEN AUF DAS


INSTITUTIONENGEFÜGE DER EU

Die Mitgliedschaft der Türkei wird erhebliche


Rückwirkungen auf die internen Entschei-
dungsprozesse der EU haben, die Position der
neuen Mitglieder und der Kohäsionsstaaten
stärken. Als Folge der EU-Erweiterungen ver-
schiebt sich die politische Machtbalance der
Union zugunsten der Kohäsionsländer (z. B.
Spanien, Portugal, Griechenland). In der EU-15
ist deren Bedeutung (Spanien, Portugal und
Griechenland) relativ gering, obwohl sie im
Europäischen Rat überproportional vertreten
sind. Da fast alle Beitrittsländer im Vergleich zur
EU relativ arm sind, wird durch die erste Oster-
weiterung die Bedeutung der Kohäsionsländer fand sich mehrheitlich in griechischer und ar- ropäischen Durchschnitt unterscheidet. Der
deutlich wachsen. Sie werden ca. 30% der Be- menischer Hand. Die osmanischen und später Kemalismus gilt als eine Kunstform von Staats-
völkerung, jedoch 36% der Parlaments- und so- auch die türkischen Eliten waren in der Verwal- führung, die nur aus der Zeit und durch die Per-
gar 42% der Ratsstimmen auf sich vereinen, tung und im Militär tätig. Der Kemalismus sollte son Atatürks verständlich wird. Das Identitäts-
doch nur ca. 14% des Bruttoinlandsproduktes hier eine Wende bringen. Letztlich aber war defizit – mit dem Kemalismus seit Jahrzehnten
(BIP) der EU erreichen. Mit der Erweiterung ein- diese Ideologie wiederum auf die im Osmani- kaschiert – wird von einem ausgeprägten tür-
schließlich der Türkei fällt zwar das gewichtige schen Reich vertretenen Eliten konzentriert. Die kischen Nationalismus überlagert. Wie dies mit
EU-Land Spanien aufgrund des geringeren Ein- ländliche Bevölkerung konnte nur sehr wenig auch noch so vagen europäischen Werten ver-
kommensniveaus aus dieser Gruppe heraus, mit dem Kemalismus anfangen. Die Auseinan- einbar ist, bleibt unklar und wurde in der Ver-
was jedoch durch die neu hinzukommenden dersetzung zwischen Kemalisten und Vertre- gangenheit bewusst oder unbewusst nicht dis-
Länder Bulgarien, Rumänien und vor allem tern einer modernen, moderaten Version zieht kutiert.
durch die Türkei überkompensiert wird. Die Tür- sich durch die gesamte türkische Geschichte. Der in die Literatur unter dem Begriff „Türkisch-
kei hätte als zweitgrößter EU-Staat – gemessen Darüber hinaus sind viele Entwicklungen, die Islamische Synthese“ eingegangene Versuch
an der Bevölkerung – einen analogen Einfluss Europa prägten, der Türkei entweder völlig einer Koexistenz von Islam und Laizismus bei
wie Deutschland. Die Kohäsionsländer werden fremd oder aber nicht mit der Eigenperzeption gleichzeitiger Durchdringung der Gesellschaft
dann einen Anteil von 36% an der Bevölkerung, vereinbar. Gerade dieses ungelöste Spannungs- mit islamischen Elementen hat unter der ak-
41% der Parlamentsstimmen und 43% der feld ist als „verstecktes Integrationsproblem“ zu tuellen Regierung einen Aufschwung erfahren.
Ratsstimmen bei einem BIP-Anteil von nur ca. sehen. Die eigentlichen Urheber dieser Ideologie wa-
9% auf sich vereinen. ren Universitätsprofessoren, die in den sechzi-
ger Jahren islamische und nationale Elemente
DAS SPANNUNGSFELD RELIGION – miteinander verknüpften. Die „Türkisch-Islami-
DAS SPANNUNGSFELD MODERNE – POLITIK sche Synthese“ greift die vorislamische türki-
TRADITION sche Kultur auf und versucht sie mit dem Islam
Ob die Türkei die Schere aus Kemalismus, Lai- in Einklang zu bringen.
Die Türkei bringt in der gesellschaftlichen Ent- zismus, Säkularismus und Islam mit den euro- In dieser Synthese werden alle Lebensbereiche
wicklung ein starkes Spannungsfeld zwischen päischen Vorstellungen von Meinungs- und abgedeckt. Interessant dabei ist, dass die natio-
Tradition und Moderne mit. Die Osmanische Religionsfreiheit und der klaren Trennung zwi- nalen Interessen vor die religiösen Gebote ge-
Gesellschaft war eine Elitengesellschaft, wobei schen Staat und Kirche vereinbaren kann, bleibt stellt werden. Bei den Gestaltungsmöglichkei-
diese Elite nur eine sehr schmale Schicht bil- anzuzweifeln. Auch die Union muss sich über- ten in den Bereichen Kultur, Soziales und Wirt-
dete. Eine bürgerliche Gesellschaft konnte sich legen, ob man ein Mitglied haben möchte, das schaft werden so gut wie keine islamischen
nicht entwickeln, da es die dafür erforderlichen sich von politischen und gesellschaftlichen Quellen in der Literatur angegeben. Für die An-
Voraussetzungen nicht gab. Die wirtschaftliche Grundannahmen sowie in den essentiellen hänger der „Türkisch-Islamischen Synthese“ ist
Grundlage war nicht existent. Der Handel be- Rechten des Einzelnen doch markant vom eu- der Islam ein wichtiger Faktor im Leben der Tür-

86
Konsequenzen eines möglichen EU-Beitritts der Türkei

zweiten Versuch (Frühjahr 2004) war man er- cherheitsrates zugunsten der Zivilkomponente
folgreich. Auch die fortschreitende, mit massi- – nach wie vor über starke Einflussmöglichkei-
vem Druck ausgeübte Islamisierung der For- ten auf die Politikgestaltung und damit auf die
schung und Lehre darf nicht unerwähnt blei- Gestaltung der türkischen Gesellschaft. Darü-
ben. Die Reaktion der Universitäten ist verhal- ber hinaus verfügt die Armee über ein ausge-
ten, da sie um ihre Budgets fürchten müssen. prägtes, sehr gut funktionierendes Netz an
Damit kommt es auch im Bereich der akademi- Wirtschaftsunternehmen. So kam es über die
schen Bildung zu einer Islamisierung und zu ei- Jahre zu einer starken Vernetzung zwischen Ar-
ner Anpassung an andere islamische Staaten mee und Wirtschaft. Sollte die EU der Türkei
und deren Bildungspolitik. Dies hat selbstver- eine erhöhte wirtschaftliche Disziplin auferle-
ständlich nichts mit dem klassischen europäi- gen, ist das Verteidigungsbudget weiter zu kür-
schen Bildungssystem zu tun, vielmehr konter- zen und die Armee drastisch zu redimensionie-
kariert es dieses. Wie die Türkei diese Brücke ren. Es sollte berücksichtigt werden, dass die Ar-
schlagen wird, bleibt abzuwarten. mee dies nicht widerspruchslos hinnehmen
wird. Bislang hat sie zwei Mal unmittelbar vor
möglichen Beitrittsgesuchen geputscht (insge-
ZUR ROLLE DER TÜRKISCHEN ARMEE samt drei Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, wo-
bei die Ablösung Erbakans als „kalter Putsch“
Die Bedeutung der Streitkräfte erfuhr in den ver- bezeichnet wird).
gangenen fünf Jahren eine Minderung. Vor al- Zur Zeit gibt es keine Indikatoren, die darauf
lem das Verteidigungs- und Rüstungsbudget hindeuten, dass sich die Streitkräfte in die EU-
wurde – auch angesichts der großen wirtschaft- Ambitionen der politischen Führung einmi-
lichen Probleme – verringert. Dennoch genießen schen würden. Sollte die Regierung aber wieder
die Streitkräfte in der türkischen Gesellschaft mit einem Schlingerkurs beginnen und die wirt-
nach wie vor ein hohes Ansehen und gelten als schaftliche und soziale Lage sich nachhaltig
innenpolitischer Stabilisierungsfaktor. verschlechtern, ist die Option jedenfalls nicht
Im Zentrum der Kritik, vor allem seitens der EU, völlig auszuschließen (unter dem Motto: „Go in
stand immer wieder der Nationale Sicherheits- – restore order – pull out“). Auch kann nicht
rat. Der Nationale Sicherheitsrat ist de facto die ausgeschlossen werden, dass Teile der Streit-
„Regierung über der eigentlichen Regierung“. kräfte islamistisch durchsetzt sind (selbst wenn
Wenngleich der Nationale Sicherheitsrat keine dies kategorisch geleugnet wird und man dies
Entscheidungskompetenz, sondern nur kon- mit „Schau-Ausschlüssen“ immer wieder zu be-
sultativen Charakter hat, so kann sich die Ar- legen versucht). Müssen die Streitkräfte ihrer
meeführung über diese Institution maßgeb- Ordnungsrolle gerecht werden, so könnten die
lichen Einfluss auf die Politik des Landes si- Risse deutlich werden, zu einer Spaltung der Ar-
chern. Der Nationale Sicherheitsrat wird vom mee und innenpolitischen Unruhen führen.
Staatspräsidenten geleitet. Das Gremium ist
eine Institution aus der Zeit nach dem Putsch
von 1960. Dem Nationalen Sicherheitsrat ge- BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG IN DER
hören an: Staatspräsident, Generalstabschef, TÜRKEI UND IN DER EU
ken, so dass sich alle Handlungen in den Gren- die Befehlshaber der Teilstreitkräfte und Gen-
zen des Islams zu halten haben. darmerie, Premierminister, die Ressortchefs für Die Bevölkerungsentwicklung wird sich sowohl
Die türkische Politik und Gesellschaft hat noch Inneres und Verteidigung sowie die Geheim- auf politische, als auch auf gesellschaftliche und
einen beträchtlichen Aufhol- und Verände- dienstführung. Seit einer Verfassungsreform wirtschaftliche Aspekte der EU auswirken; fer-
rungsbedarf, will sie auch geistig zu Europa ge- kommt dem Gremium nur mehr eine tatsäch- ner sind die Institutionen und ihre Entschei-
hören. Die EU muss sich fragen, wie viel Geduld lich beratende Funktion zu. Der Generalsekre- dungsprozesse stark davon betroffen. Die Türkei
sie mit der Türkei haben will und kann, ohne das tär ist seit dem Sommer 2004 ein hoher Diplo- hatte in den vergangenen 75 Jahren ein rasan-
an sich bereits gefährdete Gesamtprojekt auch mat und somit erstmals ein Zivilist. Damit hat tes Bevölkerungswachstum (durchschnittlich
auf der Werteebene und im Selbstverständnis man eine EU-Forderung erfüllt und gleichzeitig etwa 2,5 % p.a.) zu verzeichnen. Der aktuelle
zu gefährden. Ferner sollte man sich nicht der die Armee als Stabilitätsfaktor in der Türkei zu- Stand gemäß Zensus 2000 ist 67,8 Millionen
Naivität (wie unmittelbar vor der Abstimmung rückgedrängt. (2004: 66,23 Mio.). Man kann davon ausgehen,
zur Zollunion im EU-Parlament) hingeben, dass Es ist ein Paradoxon, dass ein EU-Beitrittskan- dass bei einem anhaltenden Bevölkerungs-
durch einen EU-Beitritt der Türkei die sich ver- didat eine Armee als wesentlichen Stabilisie- wachstum die Türkei in etwa 20 Jahren die 100-
stärkenden islamischen Kräfte in der Türkei zu- rungsfaktor benötigt. Dabei ist klar zu unter- Millionen-Grenze überschreiten wird. Dabei ist
rückgedrängt werden können. Der Druck von scheiden, was sich in diversen so genannten der Anteil der jungen Bevölkerung äußerst hoch,
innen und von außen hat bereits ein Ausmaß „offiziellen Papieren“ findet und wie sich die Si- während die Gruppe der Senioren immer kleiner
erreicht, gegen den kaum mehr Widerstand zu tuation in der Realität zeigt. Die Armee verfügt wird. Der Arbeitsmarkt leidet massiv unter die-
erwarten ist. – trotz der Umgestaltung des Nationalen Si- ser ungleichgewichtigen Altersstruktur.

ISLAMISIERUNG DES BILDUNGS- UND DIE FOLGENDE ÜBERSICHT ZEIGT EINEN AUSGEWÄHLTEN VERGLEICH, WELCHER DIE
ERZIEHUNGSWESENS VERSCHIEBUNGEN VERDEUTLICHT.

Besonders in diesem Bereich wurde – auch sei- Millionen 2003 2015 2025 2050
tens der Armee – größter Wert auf die Einhal-
tung der kemalistischen Werte und der Säkula- Deutschland 82,5 82,5 82,0 79,1
risierung gelegt. Die Regierung Erdogan hat Türkei 71,3 82,2, 89,0 97,8
sich darüber hinweggesetzt, als sie zwei Mal
EU 25 454,2 456,8 421,2 431,2
versuchte, ein Gesetz einzubringen, das die is-
lamischen Schulen mit den öffentlich-staatli- EU 28 mit der Türkei 555,7 567,8 570,8 552,3
chen Schulen auf eine Ebene stellt und so einen Türkei in % der EU28 12,8% 14,4 % 15,5 % 17,7 %
gleichberechtigten Universitätszugang er-
möglicht. Im ersten Versuch scheiterte man, im Quelle: Auswärtiges Amt; eigene Ergänzungen

87
ANDREA K. RIEMER

Verbunden mit dem relativ hohen Bevölke- EINE STATUE DES STAATSGRÜNDERS ATATÜRK IN ANTALYA.
rungswachstum ist ein massives Städtewachs- ATATÜRK SETZTE SEINE REPUBLIK AUS EUROPÄISCHEN
tum. Mittlerweile leben durchschnittlich 66 % ELEMENTEN ZUSAMMEN: FRANZÖSISCHER ZENTRALISMUS,
der türkischen Bevölkerung in urbanen Gegen- DEUTSCHE MILITÄRORDNUNG, SCHWEIZERISCHES ZIVIL-
den. Der Grund für die Landflucht liegt in den GESETZ, ALLES ZUSAMMEN BERUHEND AUF EINER EURO-
schwierigen und unattraktiven Lebensbedin- PÄISCHEN NATIONALSTAATSIDEOLOGIE.
gungen auf dem Land. Die hohe Parzellierung picture alliance / dpa
der Ackerflächen, gekoppelt mit einem starken
Defizit an Beschäftigungsmöglichkeiten, führ-
te zu einer massiven Abwanderungswelle. In
den Städten finden viele Zuwanderer auch nur
bedingt Arbeitsplätze. Dies liegt in den zum Teil gen leisten müssen, um diese Defizite auszu-
nicht ausreichenden Qualifikationen der Ar- gleichen. Dass dies nicht im Interesse von Staa-
beitssuchenden. Für viele jungen Türken stellt ten wie Griechenland, Spanien oder Portugal
sich daher nur mehr die Alternative einer Aus- und der neuen Mitglieder als Hauptbezieher
wanderung. Dies würde im Rahmen der EU von Unterstützungen aus dem Kohäsionsfonds
deutlich erleichtert werden (Niederlassungs- ist, liegt in der Natur der Sache.
freiheit für Personen und Freizügigkeit der
Arbeitnehmer). Gerade mit dem damit verbun-
denen Überangebot an billigen türkischen Ar- STREBEN NACH EUROPÄISCHER
beitskräften hat man in der EU Befürchtungen MODERNITÄT
(Lohndumping, Arbeitslosigkeit, soziale Kos-
ten) – auch wenn man dies offiziell nicht gerne „Wie stolz ist, wer sagen kann, ich bin ein Türke!“
zugibt. – diesen Satz findet man tausendfach auf Stra-
Die Anzahl der EU-Parlamentarier und die Be- ßen und Plätzen in Städten und Dörfern der
schlussfassungen werden aufgrund der Bevöl- Türkei. Mit diesem Wahlspruch wollte der Re-
kerungszahl bestimmt. Dies würde bedeuten, publikgründer Kemal Atatürk nach dem Unter-
dass die Türkei mit ihren Bevölkerungszahlen gang des Osmanischen Reichs die türkische Na-
eine dominante Position in den Entscheidungs- tion aufrichten. Dahinter lauert der Hinweis auf
gremien der EU hätte. Hinter vorgehaltener das real vorhandene Gegenteil: Die türkische
Hand ist niemand in der EU an einer Dominanz Gesellschaft ist bis heute von einem Mangel an
durch einen islamischen Staat interessiert, Selbstbewusstsein, von einem kollektiven Min-
wenngleich man, wie bereits oben angeführt, derwertigkeitskomplex geplagt. Aus dieser Ge-
dieses Argument in keiner offiziellen EU-Doku- fühlslage heraus wird für die Türken die Mit-
mentation oder Stellungnahme findet. Faktum gliedschaft in der Europäischen Union zur Eh-
ist, dass diese Ängste vorhanden sind. Sie sind rensache. Der Beitritt brächte den Beweis, dass
auch durch die mögliche Mitgliedschaft Alba- sie als Nation „europäischen Standard“ erreicht
niens und Bosnien-Herzegowinas („islamischer haben. Der Beginn von Verhandlungen wäre
Block“) zusätzlich belastet. immerhin eine provisorische Anerkennung. Es
geht aus türkischer Sicht um viel mehr als nur
Bündnispolitik und Wirtschaftsraum, nämlich
SOZIALES GEFÄLLE UND um die Bestätigung für die Vollwertigkeit als
RÜCKWIRKUNGEN europäische Nation. Das Streben von einem
Weg aus orientalischer Rückständigkeit hin zur
Die Türkei bringt ein ungelöstes und mittelfris- europäischen Modernität ist die große Ent-
tig unlösbares soziale Gefälle im Gepäck nach wicklungslinie der türkischen Geschichte der
Europa mit. Die Türkei ist von einem wohlha- letzten zwei Jahrhunderte. Dieses Streben hat
benden Osten und Nordosten einerseits und schon zur Zeit der Sultane begonnen (z. B. Ei-
dem deutlich ärmeren Südosten gekennzeich- senbahnbau). Später setzte Atatürk seine Re-
net. Städte wie Istanbul oder Ankara haben ei- publik aus vorab ausgewählten Elementen
nen bemerkenswert hohen Lebensstandard – europäischer Provenienz zusammen: französi-
auch im EU-Vergleich. Städte im Südosten hin- scher Zentralismus, deutsche Militärordnung,
gegen können hier nicht mithalten und sind schweizerisches Zivilgesetz, dazu Großprojekte
teilweise auf dem Niveau eines Entwicklungs- sowjetischen Stils, alles zusammen basierend
landes. Begründet ist das soziale Gefälle in der auf einer europäischen Nationalstaatsideolo-
Bevölkerungsentwicklung. Die jährliche Bevöl- gie. Mit dem Wechsel von der arabischen zur la-
kerungszunahme von etwa 1,8 Millionen hat teinischen Schrift setzte er ein unmissver-
enorme, negative Effekte auf die Infrastruktur ständliches Zeichen für seinen unbedingten
und die gesamte soziale Entwicklung. Der Über- Willen zur Verwestlichung des Landes. Mit der
hang junger Menschen, die in den nächsten lateinischen Schrift sollte es zugleich den Kul-
Jahren ins Berufsleben treten werden, wird die turkreis wechseln, mit der Vergangenheit bre-
Lage noch zusätzlich verschärfen. Die bereits chen.
jetzt überdurchschnittlich hohe Jugendar- Wenige Völker haben sich so viel vorgenommen
beitslosigkeit wird sich weiter erhöhen. Darü- wie die Türken. Die Modernisierung der Türkei
ber hinaus kam es in den letzten zwanzig Jah- wurde über viele Jahrzehnte forciert, von Prä-
ren zu einem deutlichen Auseinanderklaffen sidenten, Generälen, Richtern, Beamten ver- DIE UNGELÖSTE KURDENFRAGE
der Einkommensverteilung zu Ungunsten der ordnet, auf Befehl vollzogen, aus gewohntem
kleineren Einkommen. Die Familie als traditio- untertänigem Gehorsam, aber auch aus Ein- Aber nicht in allen Punkten gelang die Moder-
nelles Auffangnetz wurde durch die Lebensfor- sicht in Sinn und Zweck des Fortschritts in Rich- nisierung, in manchen blieb sie oberflächlich
men der modernen Industriegesellschaft abge- tung Westen. Ohne die Bereitwilligkeit der Be- bzw. war sie eher von Rückschritten gekenn-
löst und zwingt den Staat, nun in die Bresche völkerung, die eigenen Lebensverhältnisse zu zeichnet. Es gibt Rückschläge, unvorherge-
zu springen. Im Falle eines Beitritts der Türkei verbessern, wäre dieses Unternehmen vermut- sehene Erscheinungen und gegenläufige Pro-
würde die EU massive finanzielle Unterstützun- lich gescheitert. zesse. Warum ist die Türkei trotz allen Mo-

88
Konsequenzen eines möglichen EU-Beitritts der Türkei

Milliarden. Die Wirtschaftsprobleme der Türkei EU, die strategische Elemente einschließt (z. B.
sind zu einem wesentlichen Teil auf diesen Res- die Europäische Verteidigungspolitik, die von
sourcenverschleiß zurückzuführen – aber auch der NATO nicht abzutrennen ist) und die Zollu-
auf ein Versagen der Politik. Es gibt heute viele nion mit der EU wirtschaftlich als Maximum ak-
Anzeichen, dass die türkische Politik in eine zeptiert. Dies würde ein Ausscheren aus dem
Phase der grundlegenden Erneuerung einge- „Ankara-Abkommen“ (1963) bedeuten und al-
treten ist. In den Wahlen wurden diejenigen les bislang Versprochenen obsolet werden las-
Parteien, die das Land in die Krisen führten, ab- sen. Es wäre auch mit einem Gesichtsverlust für
gewählt. Mit der „Gerechtigkeits- und Entwick- beide Seiten verbunden und ungewöhnlich,
lungspartei“ (AKP) des islamisch orientierten wenn man die bisherigen Fälle als Referenz-
Recep Tayyip Erdogan kam eine politische punkt heranzieht. Diese Variante wurde immer
Gruppe an die Macht, die nicht die verbrauch- wieder von der EU vor der Entscheidung von
ten Eliten repräsentiert, sondern neue Kräfte. Helsinki forciert und auch nachher gerne ins
Die einzige Opposition von Gewicht zur Regie- Spiel gebracht. Mit der Gewährung des Kandi-
rungspartei und ihrer Politik ist die Armee. Die datenstatus, der Entscheidung von Kopenha-
Generäle haben sich bisher als Wächter über gen (2002) und der Entscheidung von Brüssel
den Staat verstanden. Aber seit sie in ihrem teu- (2004) ist diese Variante nur schwer ohne Ge-
ren Krieg gegen die PKK keinen raschen und sichtsverlust für beide Seiten durchsetzbar. Es
überzeugenden Sieg erringen konnten, ist ihre ist aber eine Option, die sich nach langen Ver-
Position angeschlagen. Sie haben in den letzten handlungen durchaus ergeben und auch für
Jahren eine sukzessive Aufweichung der rigi- beide Seiten von Nutzen sein könnte (z. B. wenn
den Staatsideologie zugelassen. Sie scheinen der Abstand zwischen der EU und der Türkei so
bereit, den Kurden und anderen Minderheiten groß wäre, dass es für die Türkei nur unter ex-
mehr Rechte einzuräumen und auch die gemä- tremen Kosten möglich wäre, sich zu integrie-
ßigten Islamisten zu dulden. Unter solchen Vor- ren – vor allem wenn die EU nicht in der Lage
aussetzungen ist allerdings zu erwarten, dass und/oder nicht willens ist, die Heranführung
die noch keineswegs befriedigende Menschen- der Türkei zu finanzieren). Dies wäre ein Zuge-
rechtsbilanz der Türkei sich weiter verbessert. ständnis an die Türkei nach Jahren der Verspre-
Ein EU-Beitritt wird immer wieder historisch chungen und unklaren Politik und einer gewis-
begründet („Die Türkei ist ein Teil Europas und sen Feigheit der EU, die Fakten so zu sehen wie
hat aufgrund des ‚Ankara-Abkommens‘ und sie sind und eine Entscheidung zu treffen. Zu
zahlloser Versprechungen ein Anrecht.“; „Ge- beachten ist, dass man mit dieser Lösung auch
mäß Atatürk hat die Türkei eine europäische Be- einen Präzedenzfall für Staaten wie Georgien,
rufung.“). Letztlich findet man in einer Tiefen- Moldawien oder die Ukraine schafft. Hier muss
strukturanalyse, dass vor allem nach dem Weg- sich die EU fragen, ob dies für ihre nachhaltige
fall vieler positiver geopolitischer Argumente Existenzsicherung sinnvoll ist, oder aber ob
die Psychologie für beide Seiten eine nicht un- man aufgrund der Erweiterung auf 25 Staaten
bedeutende Rolle spielt. Gleichzeitig werden nicht sowieso bereits ein derart heterogenes
die für die anderen Beitrittsbewerber ange- Gebilde ist, welches sich nur mehr mit seiner
führten geoökonomischen und geokulturellen Selbstverwaltung befasst und keine aktiv-ge-
Aspekte in Bezug zur Türkei überhaupt nicht ins stalterischen Schritte mehr auf der Weltbühne
Treffen geführt. setzen kann. Selbst bei dieser Option stellt sich
die Frage des „EU-Overstretch“ und die Frage,
ob dies nicht ein Schritt zur Erosion der Union
STRATEGISCHE OPTIONEN SEITENS und letztlich zu ihrem Zerfall ist. Es stellt sich
DER EU auch die Frage nach dem ursprünglichen Sinn
der Union als Friedensprojekt, wenn man auf-
Selbst die Empfehlung des Europäischen Rates grund fehlender Entschiedenheit sich zu einer
vom Dezember 2004, Beitrittsverhandlungen Politik drängen lassen würde, ohne von der
mit der Türkei im Oktober 2005 aufzunehmen, Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit überzeugt
bedeutet noch nicht die Vollmitgliedschaft, ob- zu sein. Noch dazu würde die EU ihre bisheri-
wohl Verhandlungsunterbrechungen sehr sel- gen Prinzipien durch einen Staat gefährden las-
ten sind. Die Bedingungen seitens der EU und sen, den man in aller Öffentlichkeit als „proble-
die Art, wie man diese ausgehandelt hat, spre- matisch“ einstuft.
chen für sehr anspruchsvolle und langwierige
Verhandlungen. Dies zeigte sich bereits bei der
strittigen Zypernfrage. Erst nach stundenlan- STRATEGISCHE OPTIONEN SEITENS
gem Ringen versprach der türkische Premier- DER TÜRKEI
minister Recep Tayyip Erdoğan beim EU-Gipfel
in Brüssel (2004), die Ausdehnung der Zollu- Die Türkei hat mehrere Alternativen, die einen
nion auf die zehn neuen EU-Länder – und da- relativ breiten Handlungsbogen umspannen.
mit auch Zypern – anzuerkennen. Variante 1: Die Türkei gibt sich mit der Zollunion
Im Zuge der Verhandlungen könnte sich aber und einer strategischen Partnerschaft zufrie-
ergeben, dass eine Vollmitgliedschaft doch den (s.o.).
nicht möglich ist, da die EU es nicht meistert,
dernisierungsanstrengungen in den letzten ihre inneren Spannungen und unterschiedli-
zehn Jahren wirtschaftlich nicht recht voran- chen Meinungen in der Türkeifrage zu harmo- STÄRKERE ANLEHNUNG AN DIE USA
gekommen, sondern vielmehr in die Krise gera- nisieren und die Türkei die „Kopenhagener Kri-
ten? Der Hauptgrund war wohl der Krieg gegen terien“ – aus welchen Gründen auch immer – Variante 2 ist eine noch stärkere Anlehnung an
die Kurden in Ostanatolien. Er forderte nach of- nicht erfüllen kann. die USA unter dem Motto „Die Türkei als treuer
fiziellen Angaben 36.000 Tote, zudem kostete er Damit hätte die EU folgende realistische Alter- Verbündeter in der NATO und im Kampf gegen
den Staat über 100 Milliarden Dollar; das ent- native: Eine Aufgabe der Vollmitgliedschaft zu den Terrorismus“. Dieses Szenario hat aufgrund
spricht fast der Hälfte der Staatsschuld von 260 Gunsten einer speziellen Partnerschaft mit der der Kalamitäten zwischen den USA und der Tür-

89
ANDREA K. RIEMER

kei im Zuge des Irak-Krieges (keine Nordfront schüttelten Region“ zu präsentieren, sind die ANNÄHERUNG AN RUSSLAND UND CHINA
von der Türkei her aufbaubar; zögerliche Ge- Chancen zur Positionsstärkung durchaus in-
währung der Überflugsrechte für die Alliierten; takt. Die Türkei würde diese Rolle gerne über- Variante 4 schließlich ist eine sukzessive Annä-
Gefangennahme von elf türkischen Soldaten nehmen, sieht sich aber seit jeher mit Rezep- herung an Russland und an China aus einer Ent-
im Nordirak) und des steigenden Antiamerika- tionsproblemen konfrontiert. Es würde einer täuschung über das Verhalten der USA, mit dem
nismus im Moment zwar an Wahrscheinlichkeit großen diplomatischen Offensive mit flankie- Ziel, eine Regionalmacht zu werden: Die Türkei
verloren, kann aber nicht gänzlich ausgeschlos- renden Maßnahmen bedürfen, um den „islami- orientiert sich verstärkt gemäß ihrer nationa-
sen werden. Zur Zeit ist man mit Schadensbe- schen Weg“ auch nachhaltig umsetzen zu kön- len Interessen und platziert sich als „Regional
grenzung auf beiden Seiten beschäftigt. Es nen. Man kann davon ausgehen, dass weder die Player“, wobei sie jede von dritter Seite angebo-
stellt sich die Frage, ob die USA aufgrund der EU noch die USA, noch Russland von dieser Al- tene Unterstützung abschöpft und nur soviel in
geänderten Sicherheitslage weiterhin bereit ternative begeistern sein würden. Man kann internationale Kooperationen einbringt, wie
sein werden, die Türkei finanziell umfangreich auch davon ausgehen, dass angesichts der ak- zur Erfüllung ihrer nationalen Interessen erfor-
zu unterstützen, wie sie dies seit der Truman- tuellen geopolitischen Situation in der Region derlich ist. Sie würde damit eine wesentliche
Doktrin (1947) getan haben. Man muss anneh- und angesichts terroristischer Umtriebe Eu- Rolle in einem Gegengewicht zu den USA spie-
men, dass es zu einer Neudefinition des tür- ropa und die USA von einem solchen Schritt len wollen und sich mehr auf „Coalitions of the
kisch-amerikanischen Verhältnisses kommen alarmiert sein würden und beide versuchen, die willing“ primär im islamischen Lager konzen-
wird. Dieses wird primär von den USA ausgehen Türkei doch wieder verstärkt ins „europäische trieren müssen. Es ist zu bezweifeln, dass die
und auch sehr stark von den Entwicklungen im bzw. westliche Boot“ zu bekommen. Drohungen USA dies angesichts der auf Jahre hin instabi-
Irak, den Optionen für amerikanische Basen im und Andeutungen der Türkei, sich mehr der is- len Lage im Irak akzeptieren würden. Die Region
Mittleren Osten und einer allfälligen Einigung lamischen Welt zuzuwenden, haben in der Ver- im Nahen und Mittleren Osten könnte dann
der Türkei mit der EU abhängen. Es bleibt abzu- gangenheit in den USA und in Europa immer zum Spielplatz von anderen Mächten werden.
warten, ob der Irak in seiner territorialen Inte- große Besorgnis und erhöhte Aktivitäten aus- Dabei kommen auch der Iran, Indien und Paki-
grität zu bewahren ist, oder aber in drei Teile gelöst. Aus der Sicht der Türkei wäre dies auch stan ins Spiel. Somit bestünde die Gefahr, dass
zerfällt. Dies würde bedeuten, dass die Kurden eine Möglichkeit, mit gezielten derartigen Dro- die Region durch den Wettbewerb von nach He-
den seit Jahrzehnten angestrebten Kurdenstaat hungen die Aufmerksamkeit des Westens zu er- gemonie strebenden Staaten instabiler denn je
zugebilligt bekommen. Wie die Türkei darauf halten und letztlich so zu ihrem Ziel, nämlich ei- würde. Dabei ist auch zu bedenken, dass es sich
reagieren würde – kombiniert mit negativ ver- ner EU-Vollmitgliedschaft, zu kommen. Dies bei Indien und Pakistan um zwei Atommächte
laufenden Gesprächen um eine EU-Vollmit- sollte man bedenken, sollte die Türkei mit An- handelt, wobei man aufgrund ihres Verhaltens
gliedschaft –, bleibt abzuwarten. Aufgrund der deutungen oder gar Drohungen dieser Art auf- in der Vergangenheit annehmen muss, dass sie
vergangenen Erfahrungen ist zu befürchten, fahren. Die EU kann aufgrund des Drucks der auch bereit und fähig sind, ihre Nuklearkapazi-
dass die Türkei dies nicht akzeptieren, sich auf öffentlichen Meinung einem solchen Druck mit täten einzusetzen. So würden die mühsamen
das Selbstverteidigungsrecht berufen und Sicherheit nicht nachgeben. Letztlich würde Befriedungsversuche mit einem Schlag zu-
gleichzeitig alte, für sie noch nicht gelöste An- dies für die Türkei kontraproduktiv sein, da ein nichte gemacht. Die Türkei verfügt nicht über
sprüche auf die Erdölgebiete rund um Mossul klarer Fall von politischer Erpressung vorläge nukleare Kapazitäten, aber über umfangreiche
und Kirkuk erneut geltend machen würde. Ob und die Stimmung in der europäischen öffent- konventionelle Streitkräfte. Konflikte zwischen
die USA dann noch mäßigend auf die Türkei ein- lichen Meinung zum Thema Islam und islami- den großen regionalen Parteien hätten hohe
wirken können, bleibt abzuwarten. Sollten sie scher Staaten sich immer deutlicher gegen die Überschwappeffekte und würden eine instabile
mit Waffengewalt gegen die Türkei vorgehen, Aufnahme der Türkei verfestigt. Großregion in ein langjähriges Chaos stürzen.
so wäre dies auch ein bewaffneter Konflikt zwi- Alleine mehrere Andeutungen in der Vergan-
schen zwei NATO-Mitgliedern mit Kampfhand- genheit zeigen, dass die Türkei diese Option
lungen in der Ägäis und am Balkan. Damit wür- durchaus gedanklich in Erwägung zieht, aber
de der Konflikt nach Europa hereingetragen auch die nukleare Option für sich selbst erwä-
werden. Man kann jedenfalls nicht annehmen, gen könnte.
dass die internationale Staatengemeinschaft
einen Aggressionsakt gegen den Irak bzw. einen
autonomen Kurdenstaat mit nachfolgender ANMERKUNGEN
Okkupation und Annexion (à la Zypern 1974 im UNSERE AUTORIN 1 Der Beitrag beruht ausschließlich auf offenen Quellen.
Zuge der zweiten Intervention im August 1974) 2 Die „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealis-
akzeptiert. Dies wäre dem Fall „Kuwait“ ähnlich. Dr. Andrea K. Rie- tenvereine in Europa e.V.“ („Avrupa Demokratik-Ülkücü
Türk Dernekleri Federasyonu“/ADÜTDF) wurde 1978 in
Die Türkei wäre damit innerhalb der internatio- mer forscht an der Frankfurt am Main gegründet und ist die in Deutschland
nalen Staatengemeinschaft als Aggressor ge- Landesverteidi- bekannteste türkische Organisation mit einer extrem na-
tionalistischen Tendenz. Der breiten Öffentlichkeit ist die
brandmarkt – alle Annäherungsversuche an die gungsakademie/ ADÜTDF vor allem unter der Bezeichnung „Graue Wölfe“
EU wären zerstört. Europa müsste mit einer ge- Institut für Strate- bekannt.
steigerten Migration aus der Türkei rechnen. gie und Sicher-
heitspolitik (ISS) in
Wien und hat dort
STÄRKERE POSITION IN DER den Aufgaben-
ISLAMISCHEN WELT bereich „Prozesse
und Ziele der Teil-
Variante 3 ist eine deutliche Stärkung der Posi- strategien und der
tion innerhalb der islamischen Welt. Ein erstes Gesamtstrategie“
Signal war die diplomatische Tour von Abdul- inne. Ihre aktuel-
lah Gül zur Abwendung des Kriegs gegen den len Forschungs- und Themenschwerpunkte
Irak. Dabei ist die Türkei in der delikaten Situa- sind: Krisenprävention, Strategien und geo-
tion, zwar islamisch, aber eben doch auch ein politische Überlegungen im 21. Jahrhundert,
säkularer Staat zu sein. Gleichzeitig ist man amerikanische Geopolitik und Grand Strate-
NATO-Mitglied. Dies ist an sich ein Paradoxon gies. Andrea K. Riemer ist stellvertretende
und einzigartig in der islamischen Welt, aber Direktorin des Instituts für Außen- und
auch für die NATO. Diese Kombination er- Sicherheitspolitik (Wien). In zahlreichen
schwert die Lage der Türkei, macht aber diese Veröffentlichungen zu den Themen System-
Option noch nicht unbedingt unmöglich. Ins- analyse und internationale Ordnung hat sie
besondere wenn es der Türkei gelingt, sich als sich u.a. mit der Innen- und Außenpolitik
„demokratischer, stabiler Pol in einer krisenge- der Türkei beschäftigt.

90
WIE DEMOKRATISCH IST DIE TÜRKEI?

Das Verfassungssystem der Türkei


C HRISTIAN R UMPF

einer Reduktion der Türkei auf ländliche Reste die neu rekrutierten nationalen Kräfte in ei-
Anatoliens geführt hätte. Mit der Landung in nen Krieg, der sich vor allem gegen die grie-
Die EU-Beitrittsfähigkeit der Türkei ent-
Samsun am Schwarzen Meer am 19.5.1919, chischen Invasionstruppen im anatolischen
scheidet sich wesentlich am Grad der in
heute in der Türkei als Tag der Jugend gefeiert, Westen richtete und Ende August 1922 als
der Türkei verwirklichten Demokratie. In
änderte sich die Situation noch einmal drama- „Unabhängigkeitskrieg“ seinen erfolgreichen
der aktuellen Debatte mahnen Skeptiker
tisch. General Mustafa Kemal, der sich bereits Abschluss fand. Die britischen und französi-
an, dass der Weg der Türkei zu einem li-
1915 durch seinen blutig erkämpften Sieg von schen Alliierten, die Konstantinopel und den
beralen und demokratischen Staat noch
Çanakkale unter den Kriegsparteien militä- Sultan noch fest im Griff hatten, schauten zu.
weit sei. Dieses Argument unterstellt al-
risch einen hervorragenden internationalen In dieser Phase setzte sich Mustafa Kemal
lerdings, dass Demokratisierung überall
Ruf erworben hatte und vom Sultan zur Her- gleichzeitig mit seinen durchaus zivilen Vor-
nach dem gleichen Muster und unabhän-
stellung des inneren Friedens in das östliche stellungen von einer modernen Türkei durch,
gig von historischen und kulturel-
Anatolien geschickt worden war, überzeugte indem er bereits 1920 die Bildung einer „Gro-
len Einflüssen verläuft. Die historischen
unter Abweichung von seinem Auftrag die ßen Nationalversammlung“ initiierte, die in
Wurzeln und das Erbe des Osmanischen
Bevölkerung – insbesondere die lokalen mus- Kongressen in Sivas und Erzurum Form ange-
Reiches, die nach der Gründung der Re-
limischen Scheichs und kurdischen Stammes- nommen hatte und dann ihren Sitz in Ankara
publik konsequent betriebene Moder-
führer – von der nationalen Sache und führte nahm. Zahlreiche Abgeordnete des durch die
nisierungspolitik und der Prozess der
Demokratisierung verdeutlichen, dass
westliche Gesellschaften und deren Ver-
fassungssysteme stets ein Vorbild für die
Türkei waren. Aus türkischer Sicht ist des-
halb auch die Anpassung an Europa das
zentrale Moment der Entwicklung, den
das Land seit seiner Republikgründung
1923 durchlaufen hat. Christian Rumpf
erörtert in seinem Beitrag den Entwick-
lungsprozess der türkischen Rechts- und
Verfassungsordnung. Nach einer einge-
henden Analyse der türkischen Verfas-
sung und angesichts der Reformen der
letzten Jahre kommt Christian Rumpf zu
dem Schluss, dass die türkische Verfas-
sung auf einem Stand ist, der den Vorga-
ben der Europäischen Menschenrechts-
konvention durchaus entspricht. Wenn
auch noch eine gelegentliche Kluft zwi-
schen Norm und Verfassungswirklichkeit
zu konstatieren ist, könnte gerade die
Beitrittspolitik zur EU einen wichtigen
Beitrag zur weiteren Demokratisierung
und Stabilisierung leisten. Red.

DIE HISTORISCHE AUSGANGSSITUATION


ZU BEGINN DER REPUBLIK

Mit dem Ersten Weltkrieg ging eine lange Ära


osmanischer Herrschaft in Europa und rund
ums Mittelmeer zu Ende. Das gemeinsame Un-
ternehmen mit dem Deutschen Reich und der
kaiserlich-königlichen Monarchie hatte in ei-
ner katastrophalen Niederlage geendet, die
sich dann am 10.8.1920 auch im Friedensver-
trag von Sèvres niederschlug, der – wäre die-
ses Diktat tatsächlich umgesetzt worden – zu

TÜRKISCHE MINIATUR AUS DEM 16. JAHRHUNDERT: DER


GROSSWESIR EMPFÄNGT DIE GESANDTEN GRIECHEN-
LANDS UND ANATOLIENS. SCHON 1299 BEGANNEN
DIE OSMANEN MIT DEM AUFBAU EINES DURCHORGANI-
SIERTEN STAATSWESENS NACH BYZANTINISCHEM MUSTER
ZU EINEM ZEITPUNKT, ALS EUROPA NOCH IM TIEFSTEN
MITTELALTER VERFANGEN WAR. picture alliance / dpa:

91
CHRISTIAN RUMPF

Alliierten entmachteten Parlaments in Kon- nach islamischem Recht legitimiert war, rich- DIE VERFASSUNG VON 1924
stantinopel erkannten die Zeichen und wech- tete sich die Organisation der äußerst hetero-
selten nach Ankara. Diese innenpolitische und genen osmanischen Gesellschaft nach den ver- Die Entstehungsgeschichte der Verfassung
militärische Situation führte dazu, dass die schiedensten regionalen und religiösen Regeln vom 20.4.1924 zeigt, dass man sich während
kriegsmüden Siegermächte mit Mustafa Ke- – eine Folge des so genannten Millet-Systems, der Vorbereitungen um eine Auseinanderset-
mal in Verhandlungen eintraten, die auf türki- das einer bereits unter dem Propheten Moham- zung mit neuen europäischen Verfassungen
scher Seite vom späteren Präsidenten Ismet med begonnenen Tradition entsprechend den bemüht hatte. Der Text regelte neben der staat-
Inönü geleitet wurden und dann am 24.7.1923 im Reich lebenden Christen und Juden erlaubte, lichen Organisation in einem umfangreichen
zum Friedensvertrag von Lausanne führten, wesentliche Lebensbereiche mit eigenen Nor- Teil auch die Grundrechte, damals noch am
der noch heute wesentlichen Einfluss auf die men zu regeln. Ende der Verfassung untergebracht. Auf der
verfassungsrechtliche Situation und völker- Grundlage eines großen Kongresses der Repu-
rechtliche Stellung der Türkei hat. Dies war, in blikanischen Volkspartei, die als Trägerin der
knappen Worten, die historische Ausgangssi- DIE VERFASSUNG VON 1876 Reformen und Sammelbecken der neuen Elite
tuation zu Beginn der türkischen Republik. 1923 von Mustafa Kemal (seit 1934 „Atatürk“)
Die erste Verfassung im Sinne des europäischen gegründet worden war, wurden dann auch die
Konstitutionalismus wurde im Dezember 1876 kemalistischen Prinzipien im Jahre 1937 in Art.
OSMANISCHE WURZELN DES verkündet. und relativierte die theokratische 2 der Verfassung aufgenommen. Der zunächst
TÜRKISCHEN STAATSWESENS Legitimation staatlicher Herrschaftsgewalt noch als Staatsreligion verankerte Islam war
erstmals durch ein demokratisches Legitima- bereits 1928 aus der Verfassung verbannt, die
Zur Beschreibung der Entwicklung des türki- tionselement. Das Unterhaus des neuen Parla- rechtsprechende Gewalt unabhängigen und
schen Verfassungssystems ist noch einmal ein ments wurde in allgemeinen und gleichen ausschließlich säkularen Gerichten übertragen
Blick zurück in das Osmanische Reich erforder- Wahlen (noch ohne Frauenwahlrecht) gewählt, worden. Im Jahre 1934 erhielten die Frauen
lich. Denn wesentliche Entwicklungen, welche das Oberhaus reflektierte das Mosaik regiona- gleiches Wahlrecht. Der „Exekutivausschuss“
die Position der Türkei als Teil Europas doku- ler und religiöser Unterschiede, so dass selbst- der Großen Türkischen Nationalversammlung
mentieren, haben ihre Wurzeln bereits kurz verständlich auch die Nichtmuslime – damals entwickelte sich mit der Zeit als Ministeraus-
nach der Gründung des Osmanischen Reiches, konnte man sie schon wegen der herrschenden schuss (Ministerrat) zur eigenständigen voll-
die überwiegend mit 1299 datiert wird. Schon Zahlenverhältnisse im Reich nicht als „Minder- ziehenden Gewalt, also weg von der Idee der
damals begannen die Osmanen mit dem Auf- heiten“ bezeichnen – effektiv an der Ausübung Gewalteneinheit. Auch wenn die Grundrechte
bau eines durchorganisierten Staatswesens der gesetzgebenden Gewalt beteiligt waren. noch keinem ausgeprägten verfassungsrecht-
nach byzantinischem Muster auf der Grund- Diese erste Verfassungsperiode war nur kurz lichen Schutz unterworfen waren und es an ei-
lage militärischer Macht zu einem Zeitpunkt, und endete schon im März 1878, um der auto- nem Verfassungsgericht fehlte, war – zeitlich
als Europa noch im tiefsten Mittelalter verfan- kratischen Herrschaft Sultan Abdülhamits II. zu parallel mit vergleichbaren Verfassungsent-
gen war. Erst mit der Renaissance und der weichen. Nach seiner durch die Jungtürken er- wicklungen in anderen europäischen Staaten
Rückbesinnung auf geistige Ursprünge im zwungenen Abdankung im April 1909 wurde – ein wichtiger Schritt zu einem modernen
griechischen Altertum sowie der Entstehung die Verfassung grundlegend geändert. Dabei Rechtsstaat getan.
eines ungebändigten Entdeckungsdranges ge- handelte es sich um das Produkt einer Überein-
lang es den europäischen Nationen, ihre kunft zwischen dem Sultan und dem überwie-
Macht zu entfalten und zu entwickeln. Und gend demokratisch legitimierten Parlament ZURÜCKHALTUNG GEGENÜBER DER IDEE
erst nach der zweiten Belagerung von Wien im unter der Führung der „Jungtürken“, die sich DES PLURALISMUS
Jahre 1683 – nur 35 Jahre nach dem Ende des in der nationalistisch-reformistischen Partei
Dreißigjährigen Krieges – konnte man sagen, „Einheit und Fortschritt“ organisiert hatten und Ein wichtiges Defizit war allerdings in der po-
dass mit der Herausbildung des aufgeklärten die dann auch für den Kriegsbeitritt 1914 und litischen Wirklichkeit in der Zurückhaltung ge-
Absolutismus im Westen Europas den Osma- letztlich für das Ende des Osmanischen Reiches genüber der Idee eines demokratischen Plura-
nen ernsthaft Macht und Gewalt entgegenge- im Anschluss an den Ersten Weltkrieg im Jahre lismus zu erkennen. Zwar gab es in der Zeit nach
setzt werden konnten, während im Osmani- 1918 verantwortlich zeichneten. der Gründung der Republik und vor dem Zwei-
schen Reich die Strukturen verkrusteten und ten Weltkrieg zwei „Versuche“, neben der Repu-
schließlich der wirtschaftliche und militäri- blikanischen Volkspartei Mustafa Kemal Ata-
sche Niedergang einsetzte. GEDANKE DER VOLKSSOUVERÄNITÄT türks auch andere Parteien zur demokratischen
KOMMT ZUM TRAGEN Willensbildung und Beteiligung an der parla-
mentarischen Arbeit zuzulassen. Diese Projekte
DIE ANFÄNGE MODERNER STAATLICHKEIT Die Verfassung vom 20.1.1921 – bereits von der scheiterten jedoch. Erst im Jahre 1946, acht
neuen Nationalversammlung in Ankara formu- Jahre nach Atatürks Tod und unter der Präsi-
Die Einsicht, dass etwas getan werden musste, liert und formal nur als Änderung der Verfas- dentschaft seines Nachfolgers und Kriegska-
kam dem osmanischen Herrscherhaus unter sung von 1876 gedacht – errichtete bereits die meraden Ismet Inönüs, wurde das Parteien-
Selim III., der allerdings ermordet wurde, bevor Grundstruktur des im Wandel begriffenen Sys- spektrum geöffnet mit der unmittelbaren
er mit den Reformen wirksam beginnen konnte. tems eines Staates, der erstmals durch die ei- Folge, das sich eine große Fraktion innerpartei-
So übernahm 1808 sein Nachfolger Mahmut II. gene Verfassung und Regierung als „türkisch“ licher Opponenten aus der Republikanischen
die schwierige Aufgabe, vor allem Militär und bezeichnet wurde. Erstmals in der türkischen Volkspartei abspaltete und die Demokratische
Verwaltung zu reformieren. Allerdings war es Verfassungsgeschichte kommt der Gedanke Partei gründete.
dann erst seinem Nachfolger Abdülmecit ver- der Volkssouveränität zum Tragen, die zur Aus- Nach dem Wahlsieg dieser neuen Partei im Jahre
gönnt, im Jahre 1839 mit dem Gülhane-Erlass, übung dieser Volkssouveränität ausschließlich 1950 führte eine Periode der „Diktatur“ ihrer
mit welchem knapp fünfzig Jahre nach der in die Hände der Großen Nationalversammlung Mehrheit von mehr als zwei Dritteln nach Re-
Französischen Revolution den Untertanen ru- gelegt wurde. Die Volkssouveränität wurde da- pressionsversuchen gegen die Republikanische
dimentäre Grundrechte – Leben, Eigentum und bei als eine unteilbare Einheit gedacht – also Volkspartei und ihre Anhänger zu dem Eingrei-
Religionsfreiheit – verbrieft wurden, den ersten nicht Gewaltenteilung, sondern eine in der Gro- fen einer von der Verfassung nicht erwähnten,
großen Schritt in Richtung auf eine neue Ver- ßen Nationalversammlung konzentrierte Ge- aber dennoch als Teil der Staatsordnung exis-
fassungsordnung zu tun und in der Folge eine walteneinheit. Mit der Abschaffung zunächst tierenden Institution: Das Militär löste „im Na-
grundlegende Modernisierung des türkischen des Sultanats, der Ausrufung der Republik men der Nation“ am 27.5.1960 das Parlament
Verwaltungssystems nach französischem Vor- (29.10.1923) und der Abschaffung des Kalifats auf. Das Ziel war die „erneute Errichtung des
bild und der Rechtsordnung voranzutreiben, (März 1924) änderten sich die politischen Rah- Rechtsstaats“, das man anschließend mit dem
die bis dahin einer Vielfalt von Regeln verschie- menbedingungen der Verfassungsgrundle- „Komitee der Nationalen Einheit“, einem aus
dener Provenienz gefolgt war (Tanzimat-Peri- gung, was auch Auswirkungen auf die Verfas- hohen Offizieren bestehenden Rat, und einer
ode). Denn während die Herrschaft des Sultans sung hatte. überwiegend aus Zivilisten bestehenden Ver-

92
Das Verfassungssystem der Türkei

sammlung innerhalb nur eines Jahres umzuset- gestaltung der Gerichtsbarkeit. Die Unabhän- Stimmrecht vorzusitzen (Art. 143 VI). Schließ-
zen suchte. Aber nur eine knappe Mehrheit der gigkeit der Gerichte wurde durch eine stärkere lich wurden die Befugnisse des Verfassungsge-
Stimmberechtigten entschied sich in einem Re- Ausprägung der „Richtergarantie“, das heißt richts insoweit beschnitten, als die Nachprüf-
ferendum am 9.7.1961 für die neue Verfassung, der Absicherung von Beruf und Stellung des barkeit von verfassungsändernden Gesetzen
obwohl sie tatsächlich mehr Rechtsstaat und Richters an den Gerichten ergänzt (Art. 132). Ein durch das Verfassungsgericht auf Formfehler
Demokratie brachte als je zuvor. Hoher Richterrat (Yüksek Hâkimler Kurulu) (Art. 147 I) beschränkt wurde.
sollte die Unabhängigkeit der Gerichte sichern.
Er setzte sich aus obersten Richtern oder aus
DIE VERFASSUNG VON 1961 Personen mit entsprechenden Qualifikationen DIE TÜRKISCHE VERFASSUNG
zusammen, die zum größten Teil vom Kassa- VON 1982
Charakteristisches Merkmal dieser bislang li- tionshof, zu einem kleineren Teil von Natio-
beralsten Verfassung der Türkei war ein aus- nalversammlung und Senat gewählt wurden Entstehung
führlicher Katalog über die Grundrechte und (Art. 143). Der Hohe Richterrat hatte die Perso-
Grundpflichten des türkischen Staatsbürgers, nalaufsicht bezüglich der ordentlichen Ge- Bürgerkriegsähnliche Zustände veranlassten
einschließlich eines recht umfangreichen Be- richtsbarkeit und hatte der Änderung oder Auf- am 12.9.1980 das Militär zum zweiten direkten
standes an „sozialen und wirtschaftlichen hebung von Gerichtsbezirken und Planstellen Eingriff in das Verfassungsleben der Türkei. Ein
Rechten und Pflichten“ vom Eigentum über die durch das Justizministerium zuzustimmen. aus dem Generalstabschef und den vier Kom-
grundrechtlichen Bestimmungen zu den Ar- Vergleichbar war auch der Hohe Staatsanwäl- mandeuren der Teilstreitkräfte bestehender Na-
beitsbeziehungen bis hin zu dem revolutionä- terat, Ausdruck der Unabhängigkeit auch der tionaler Sicherheitsrat der Übergangszeit (nicht
ren Grundrecht auf Gesundheit. Art. 11 enthielt Staatsanwälte. Die beiden Räte wurden später zu verwechseln mit dem zuvor und danach in
neben einem für alle Grundrechte geltenden zum Hohen Richter- und Staatsanwälterat der Verfassung institutionalisierten Nationalen
Gesetzesvorbehalt vor allem eine Wesensge- (Yüksek Hakimler ve Savcılar Kurulu) zusam- Sicherheitsrat) übernahm die Funktion der ein-
haltsgarantie. Eine umfassende Rechtswegga- mengelegt. fachen und verfassungsändernden Gesetzge-
rantie gegen Handlungen der Verwaltung war Auch andere Elemente der Justiz wie die Mili- bung. Am 23.10.1981 trat eine aus 160 Mitglie-
in Art. 114 niedergelegt. tärgerichtsbarkeit mit dem Militärkassations- dern bestehende Beratende Versammlung zu-
Um der Gefahr einer Wiederholung der „Parla- hof (Askerî Yargıtay) an der Spitze, der Staats- sammen, die gemeinsam mit dem Nationale Si-
mentsdiktatur“ der fünfziger Jahre zu begeg- rat (Danıştay) als oberstes und zugleich einzi- cherheitsrat der Übergangszeit die neu konsti-
nen, entschied man sich für die Einführung ei- ges volles Verwaltungsgericht (Art. 140), der tuierte verfassunggebende Versammlung bil-
nes Zweikammersystems. Die Große National- Kassationshof (Yargıtay) als Spitzenorgan der dete. Nachdem bereits durch zahlreiche Gesetze
versammlung der Türkei (Türkiye Büyük Millet ordentlichen Gerichtsbarkeit (Art. 139) sowie die politische Ordnung der türkischen Republik
Meclisi) bestand daher jetzt aus zwei Kammern: ein Konfliktsgerichtshof (Uyuşmazlık Mahke- gründlich überarbeitet worden war, wurde am
der Nationalversammlung (Millet Meclisi) und mesi) (Art. 142) zur Lösung von Kompetenz- 7.11.1982 die Verfassung in einer Volksabstim-
dem Senat (Senato). Neben fünfzehn vom Prä- streitigkeiten und Ausgleich divergierender mung, die mit einem einseitigen Propaganda-
sidenten der Republik ernannten Senatoren Rechtsprechungen der obersten Gerichtshöfe feldzug des Generalstabchefs und designierten
hatte der Senat als natürliche Mitglieder die wurden nunmehr in der Verfassung geregelt. Präsidenten Kenan Evren vorbereitet worden
ehemaligen Präsidenten der Republik und die Eine besondere Stellung im Abschnitt über die war, mit einer Mehrheit von über 91% der Stim-
Mitglieder des Komitees der Nationalen Einheit; Gerichtsbarkeit nahm und nimmt schließlich men der zur Abstimmung verpflichteten wahl-
weitere hundertfünfzig Mitglieder wurden in bis heute das Verfassungsgericht (Anayasa berechtigten Bürger angenommen. Die Ver-
allgemeinen Wahlen gewählt. Dieses Konzept Mahkemesi) ein. Es hatte insbesondere im Hin- fassung reflektiert noch immer die politischen
führte allerdings im Oktober 1979 in eine Sack- blick auf den Kreis der Klagebefugten (alle po- Rahmenbedingungen, unter denen sie zustan-
gasse, als in den beiden Kammern einander wi- litische Parteien, Universitäten, Abgeordnete de kam. Sie lässt das Bemühen erkennen, bei der
dersprechende politische Gewichte bzw. Mehr- etc.) recht umfassende Kontrollkompetenzen Ausmerzung von politischen Missständen mit
heiten entstanden und die Gesetzgebungstä- und entwickelte sich, obwohl die Verfassungs- aller Gründlichkeit vorzugehen und aus alten –
tigkeit in den brennenden, entscheidenden Fra- beschwerde nicht gegeben war, schnell zu ei- wirklichen oder vermeintlichen – Fehlern zu ler-
gen – etwa im Zusammenhang mit der inneren nem der effektivsten und wichtigsten Verfas- nen. Die Redakteure der Verfassung haben ver-
Sicherheit – zum Erliegen kam. sungsorgane. sucht, den Weg für das gesamte politische und
Die Exekutive bestand wie bisher aus dem Prä- soziale Leben in möglichst vielen Einzelheiten
sidenten der Republik und dem Ministerrat. Die für die Zukunft vorzuzeichnen. Die Folge war
Kompetenzen des Präsidenten der Republik DIE VERFASSUNGSÄNDERUNGEN eine Verfassung, die – so die Kritik der meisten
waren ähnlich geregelt wie heute. 1971 UND 1973 Verfassungsrechtler – den Staat vor der Gesell-
Die Ernennung des Ministerrats erfolgte ähn- schaft zu schützen sucht und über den Bürger
lich wie unter der Verfassung von 1924, ein Mi- Einem Ultimatum des Militärs am 12. 3. 1971 stellt, statt den Dienst am Bürger in den Vorder-
nister musste jedoch anders als zu Zeiten, als folgten Verfassungsänderungen, mit denen die grund und den Bürger in den Mittelpunkt zu
man die Regierung noch als Bestandteil des Beschränkungsmöglichkeiten gegenüber den stellen.
Parlaments ansah, nicht zugleich Abgeordneter Grundrechten erweitert wurden. Mit Rechts- Der äußere Aufbau des Verfassungstextes ent-
sein. Wichtig waren nunmehr die Kontrollme- verordnungen mit Gesetzeskraft (kanun hük- spricht im Wesentlichen demjenigen des Textes
chanismen, die dann auch in der Verfassung münde kararname), zu deren Erlass die Große von 1961. Der Charakter der Republik Türkei als
von 1982 wieder aufgegriffen wurden (dazu Nationalversammlung der Türkei die Regierung Staatswesen wurde jedoch verändert, wobei
unten). ermächtigen konnte, sollte effektivere Regie- drei Punkte hervorzuheben sind. Verschärft
Auf Verfassungsebene neu war der Nationale rungsarbeit gewährleistet werden. Das Militär wurde die Betonung der Geltung der kemalis-
Sicherheitsrat (Milli Güvenlik Kurulu – Art. 111). erhielt mit dem Hohen Militärverwaltungs- tischen Ideologie als Grundlage der Verfas-
Die Einrichtung des Nationalen Sicherheitsrats gerichtshof (Yüksek Askerî İdare Mahkemesi) sungsordnung. Zum zweiten wurde die Organ-
ist im Zusammenhang mit der insgesamt eine eigene Verwaltungsgerichtsbarkeit (Art. struktur wieder in die Richtung der Verfassung
ausführlicheren Regelung des Not- und Aus- 140 VI), politischer Delinquenz wollte man mit von 1924 verändert, indem das Einkammersys-
nahmezustandes zu sehen (Art. 123, 124). Die- Staatssicherheitsgerichten (Devlet Güvenlik tem wieder eingeführt und die Position des
ser Rat spielt bis heute eine wichtige Rolle in Mahkemesi) Herr werden (Art. 136). Letztere Präsidenten der Republik gestärkt wurde. Und
Fragen der Sicherheitspolitik, über welche das mussten nach einem Urteil des Verfassungsge- schließlich wurde der einzelne Staatsbürger
in diesem Rat vertretene Militär nach wie vor – richts ihre Arbeit jedoch schon 1975 wieder stärker in die Pflicht genommen und sein Frei-
ohne entscheidungsbefugt zu sein – erhebli- einstellen. Beim Hohen Richterrat wurde der raum erheblich eingeschränkt – nicht Schutz
chen politischen Einfluss bis in den Verfas- Einfluss der Großen Nationalversammlung des Bürgers vor dem Staat, sondern Schutz des
sungs- und Gesetzesalltag hinein ausübt. der Türkei im Wahlverfahren ausgeschaltet, Staates vor dem Bürger. Hier haben dann seit
Die Rechtsstaatlichkeit der Verfassung von der Justizminister erhielt die Möglichkeit, „bei 1999 die Reformen im Hinblick auf den Beitritt
1961 ergab sich im Übrigen auch aus der Aus- Bedarf“ dem Hohen Richterrat mit eigenem zur EU und zur Rückbesinnung auf die Grund-

93
CHRISTIAN RUMPF

TÜRKISCHE SOLDATEN
BEKUNDEN AM 66. TO-
DESTAG DES REPUBLIK-
GRÜNDERS (10. NOVEM-
BER 2004) VOR DEM
MAUSOLEUM VON KEMAL
MUSTAFA ATATÜRK IN
ANKARA IHREN RESPEKT.
IN DER TÜRKISCHEN
VERFASSUNG WIRD DIE
GELTUNG DER KEMALISTI-
SCHEN PRINZIPIEN NACH
WIE VOR BETONT.
picture alliance / dpa

sätze einer freiheitlich-demokratischen Grund- abhängigkeit und Einheit der türkischen Na- Das Nationalismusprinzip
ordnung eingesetzt. tion, die Unteilbarkeit des Landes, die Republik
und die Demokratie zu schützen, Wohlstand, Hervorzuheben ist zunächst noch einmal das
Ideologie und Grundlagen – Wohlergehen und Glück der Bürger und der Ge- Nationalismusprinzip. So sehr nationalistisches
Kemalistische Prinzipien meinschaft zu gewährleisten, die politischen, Gedankengut in einer weltoffenen und pluralis-
wirtschaftlichen und sozialen Hindernisse zu tischen Gesellschaft auf Kritik stoßen mag, so
Neben der Regelung zur türkischen Sprache, beseitigen, welche die Grundrechte und -frei- sehr kann es unter spezifischen historischen
Flagge und Nationalhymne sind die Unteilbar- heiten der Person in einer mit den Prinzipien des und geopolitischen Bedingungen durchaus ei-
keit von Staatsgebiet und Staatsvolk im Sinne sozialen Rechtsstaats und der Gerechtigkeit nen positiven Sinn erfüllen. Vergleiche zur fran-
der kemalistischen Idee des Nationalismus nicht zu vereinbarenden Weise beschränken, zösischen Verfassungsordnung sind hier er-
(Präambel, Art. 2 und 3), Republikanismus („Der sowie sich um die Schaffung der für die Ent- laubt und sollten auch gezogen werden. Be-
Staat Türkei ist eine Republik“, Art. 1), und der wicklung der materiellen und geistigen Existenz gründet wird das Nationalismusprinzip, das
Laizismus (Art. 2) unabänderliche Verfassungs- des Menschen notwendigen Bedingungen zu sich aus der Präambel, Art. 2 der Verfassung und
vorschriften (Art. 4). Grundlagen der Republik bemühen“. Eine Sonderstellung nehmen die so anderen Einzelbestimmungen ergibt, vor allem
Türkei sind weiterhin das Demokratieprinzip genannten Revolutionsgesetze ein, die gemäß mit dem Erfordernis, den „Nationalpakt“ als ei-
(„Die Nation gilt als Souverän“, Art. 6) sowie das Art. 174 nicht mit der Behauptung, sie seien nigendes Moment einer ethnisch und religiös
Sozialstaats- und Rechtsstaatsprinzip (Art. 2 verfassungswidrig, angegriffen werden dürfen. durchaus diffusen Bevölkerungsstruktur fort-
und 5). Dabei entspricht die türkische Konzep- Unter heutigen Bedingungen muten diese Ge- leben zu lassen. Es findet sich in zahlreichen an-
tion des Rechtsstaatsprinzips weitgehend der- setze, die zum Teil eine Art „Kleiderordnung“ im deren Gesetzen wieder, wie etwa in der Antiter-
jenigen, wie sie in Rechtsprechung und Lehre in öffentlichen Leben vorschreiben, merkwürdig rorgesetzgebung, den Gesetzen zu den Parteien,
der Bundesrepublik Deutschland entwickelt an. Sie gelten aber noch immer als Symbol für Vereinen, Gewerkschaften. Dieser Pakt geht auf
worden ist. Ein Programm der Staatszielbestim- die revolutionäre Modernisierung. die Solidarisierung aller Bevölkerungselemente
mungen ist im Grunde schon in der Anordnung Zur Geltung der kemalistischen Prinzipien als in Zentral- und Ostanatolien vor dem Unabhän-
des „im Geiste des Wohles der Gemeinschaft, ideologische Grundlage der Verfassung sollte an gigkeitskampf nach dem Ersten Weltkrieg zu-
der nationalen Solidarität und der Gerechtig- dieser Stelle gesagt sein, dass die ideologische rück, die sich als „türkische Nation“ den Alliier-
keit, die Menschenrechte achtenden, dem Na- Grundlegung einer Verfassung als solche kein ten und den Griechen entgegenstellten. Heute
tionalismus Atatürks verbundenen und auf den Indiz für oder gegen die „Europafähigkeit“ einer steht der Nationalismus für die Einheit der
in der Präambel verkündeten Grundprinzipien Verfassung ist. Vielmehr kommt es ausschließ- Staatsnation, was zugleich dazu führt, dass
beruhenden demokratischen, laizistischen und lich darauf an, wie sich solche Prinzipien in das regelmäßig Konflikte mit einer neuen interna-
sozialen Rechtsstaats“ (Art. 2) enthalten. Die Bild einer modernen Verfassung einfügen, die tionalen Tendenz auftreten, nämlich ethnischen
Verfassung geht jedoch darüber und über die heutzutage auf einem sensiblen Gleichgewicht und religiösen Minderheiten spezifische Rechts-
Verfassung von 1961 hinaus und formuliert in zwischen den Interessen des Einzelnen und dem positionen einzuräumen, die sich allein aus ih-
Artikel 5 noch einmal ausdrücklich „Grundziele öffentlichen Interesse an einer funktionieren- rer Zugehörigkeit zu einer solchen Minderheit
und -aufgaben des Staates“: Diese sind „die Un- den Gesellschaftsordnung beruht. herleiten lassen. Nationalstaaten wie die Türkei

94
Das Verfassungssystem der Türkei

nermuslimische Spaltung zwischen Sunniten von Staatsgebiet und Staatsvolk, der Gefähr-
und Aleviten, dann wird die Bedeutung einer dung von Demokratie und Laizismus (Art. 14,
strikten Umsetzung des Grundsatzes offenbar. Missbrauchsverbot). Im Übrigen können viele
Unklar ist allerdings bis heute, warum die hier- Grundrechte und -freiheiten durch Gesetz be-
für eigens geschaffene Behörde – das Präsi- schränkt werden, wenn der Schutz der unteil-
dium für Religionsangelegenheiten – seit jeher baren Einheit von Staatsgebiet und Staatsvolk,
ausschließlich sunnitische Interessen vertritt. der nationalen Souveränität, der Republik, der
Die weiteren kemalistischen Grundsätze spie- nationalen Sicherheit, der öffentlichen Ord-
len keine besondere Rolle mehr. Der „Populis- nung, der Sicherheit der Allgemeinheit, des öf-
mus“ – Volksnähe – hat seinen Ausdruck im De- fentlichen Interesses, des Sittengesetzes und
mokratieprinzip und einer Politik gefunden, die der öffentlichen Gesundheit dies erfordert, wo-
der Bürokratie zunehmend Transparenz und bei der Verfassungsartikel 13 diesen Schranken
Bürgernähe zu verschaffen sucht. Der Republi- wiederum durch den Wesensgehalt, das Ver-
kanismus ist eine Selbstverständlichkeit, die die hältnismäßigkeitsprinzip und die Erfordernisse
Abkehr von monarchistischem Gedankengut einer demokratischen Gesellschaft Grenzen
unterfüttert, der Etatismus, der das Erfordernis setzt. Über diese allgemeine Vorschrift hinaus
einer strengen Überwachung und Kontrolle al- gibt es noch weitere besondere Beschrän-
len wirtschaftlichen Handelns durch den Staat kungsmöglichkeiten, etwa im Interesse von le-
beinhaltete, ist in einer Wirtschaft aufgegan- galen Maßnahmen der Verfolgung oder Verhin-
gen, die grundsätzlich marktwirtschaftlicher derung von Straftaten (Art. 19, 26 und 28), zum
Natur ist und in welcher der Staat nur noch be- Schutze von Staatsgeheimnissen (Art. 28), im
grenzt regulierend eingreift, etwa in den Berei- öffentlichen Interesse (Art. 46 und 47 als
chen Energie, Telekommunikation oder Verkehr. Schranken des Rechts auf Eigentum). Die türki-
Schließlich gibt es noch den revolutionären Re- sche Verfassung vermeidet also den Fehler des
formismus. In diesem Begriff kommt zum Aus- Grundgesetzes, allzu offene Regelungen zu
druck, dass es sich beim Kemalismus um eine treffen, und gibt dem Gesetzgeber Anweisun-
Modernisierungsideologie handelt, die mit alt gen, unter welchen ihrerseits beschränkten
Hergebrachtem aufräumt und sich einer neuen, Voraussetzungen er überhaupt Grundrechte
globalisierten, industrialisierten und technolo- beschränken darf.
gisierten Welt sowie neuem säkularem Gedan- Die Versagung der Meinungsäußerungs- und
kengut öffnet. Pressefreiheit bei Gebrauch einer durch Gesetz
verbotenen Sprache (Art. 26 und 28) wurde im
Grundrechte Zuge der Reform 2001 aus der Verfassung ent-
fernt, während etwa das Verbot des Beitritts zu
Der Grundrechtekatalog der türkischen Verfas- politischen Parteien für Angehörige der Ge-
sung ist von beachtlichem Umfang (Art. 12-74). richtsbarkeit, Beamte und Angestellte im Be-
Er ist Ausdruck des Versuchs, die Beziehungen amtenstatus und Angehörige der Streitkräfte
zwischen Bürger und Staat möglichst umfas- (Art. 68) oder das Verbot bestimmter Streik- und
send verfassungsrechtlich zu regeln. Die türki- Aussperrungsformen (Art. 54) bestehen blie-
oder auch Frankreich befürchten bei einem sol- sche Verfassung bringt hier aber nicht nur zum ben. Schließlich ist eine weitestgehende Be-
chen Konzept die Spaltung der Nation. Anders Ausdruck, dass der Bürger im Besitz von an schränkung der Grundrechte und -freiheiten in
als in Frankreich hat der Minderheitenschutz in seine Person gebundenen subjektiv-öffentli- Fällen des Krieges, des Notstandes und des Aus-
der Türkei durchaus Verfassungsrang. Die Ver- chen Rechten von verschiedenem Geltungs- nahmezustandes möglich, soweit nicht da-
fassung selbst sagt nichts dazu. Doch gelten umfang gegenüber dem Staat sei, sondern dass durch der Kern des Rechts auf Leben und die
nach wie vor die Bestimmungen des Lausanner diesen Rechten auch Ansprüche des Staates ge- Einheit der materiellen und geistigen Existenz
Vertrages zu den Rechten der religiösen Min- gen die Bürger gegenüberstehen und zugeord- der Person, der Religions-, Gewissens- und
derheiten, an welche die Türkei gebunden ist. net sind. Die türkische Verfassung begreift den Meinungsfreiheit angetastet, das Rückwir-
Staat als durch Rechtsnormen bestimmtes und kungsverbot und die Unschuldsvermutung
Das Laizismusprinzip organisiertes Gemeinwesen, dessen Fortbe- aufgehoben werden (Art. 15).
stand nur durch einen angemessenen Interes- Hervorzuheben als Neuerung der letzten Zeit ist
Die zweite wichtige Säule der türkischen senausgleich zwischen dem Individuum und die vollständige Abschaffung der Todesstrafe.
Staatsordnung ist das Laizismusprinzip. Dies der Gemeinschaft sowie zwischen den Indivi- Verstärkt wird der Grundrechtsschutz nicht nur
bedeutet die konsequente Trennung von Staat duen gewährleistet ist. Im türkischen Verfas- durch die Verfassungsgerichtsbarkeit, sondern
und Religion, die sich allerdings in der gesell- sungssystem sind Grundrechte also nicht nur überhaupt durch eine umfassende Rechtsweg-
schaftlichen Praxis nicht immer klar vollziehen Abwehrrechte gegen den Staat, sondern auch garantie (Art. 125), die dem Einzelnen Schutz
lässt. Dieser Grundsatz und seine Durchsetzung gegen jeden, der etwa seinen Freiraum auf Kos- gegen jede Form des Verwaltungshandelns
steht auch hinter dem so genannten „Kopf- ten des anderen ausweiten will. In Artikel 12 gewährt. Heute, nach der ersten Serie von Re-
tuchverbot“, das als Gebot formuliert worden wird es noch deutlicher, wo jedes Grundrecht formen zwischen 1999 und 2004, kann man
ist, an Schulen und Universitäten zeitgemäße auch gesellschaftliche Verpflichtungen mit sich zumindest für den Verfassungstext von einer
Kleidung zu tragen und somit zum Beispiel die bringt. Die unter dem Grundgesetz bekannte Übereinstimmung mit den Grundwerten mit-
Kopftücher zu Hause zu lassen. Das gleiche Sozialpflichtigkeit des Eigentums wird in der tel- und westeuropäischer Rechtsordnungen
gilt für die Beamtinnen, während es im übrigen türkischen Verfassung also – zu Recht – auf alle sprechen.
Alltag nicht gilt. Eine konsequente Umsetzung Grundrechte erstreckt.
des Laizismusprinzips bedeutet also nicht Gesetzgebung
eine übermäßige bzw. unverhältnismäßige Be- Schranken der Grundrechte und
schränkung der grundrechtlich garantierten Grundfreiheiten Die Große Türkische Nationalversammlung ist
Religionsfreiheit, sondern dient in erster Linie „erste“ Vertreterin der Nation als Souverän und
der Vorstellung, dass staatliches Handeln nicht Wo die Schranken der Grundrechte und -frei- als Parlament der Republik Türkei dasjenige Or-
zum Instrument religiösen Denkens werden heiten liegen, hat die Verfassung zu einem gro- gan, das die Grundentscheidungen trifft, die
darf und sich neutral zu verhalten hat. Dies mag ßen Teil selbst geregelt. Zunächst gilt ein allge- den politischen, sozialen, wirtschaftlichen und
bei einer derzeit nur noch 0,1-0,5 Prozent be- meines verfassungsrechtliches Verbot des Ge- rechtlichen Alltag des Staatslebens steuern. Sie
tragenden Minderheit von Nichtmuslimen eine brauchs von Grundrechten und -freiheiten zum macht die Gesetze, ermächtigt den Ministerrat
Marginalie sein, berücksichtigt man aber die in- Zweck der Zerstörung der unteilbaren Einheit zum Erlass von Rechtsverordnungen mit Ge-

95
CHRISTIAN RUMPF

setzeskraft, ändert die Verfassung, regelt die ei- ist. Die Beschlüsse können die Fraktionsmitglie- Misstrauensvotum verbunden werden. Der Mi-
genen Angelegenheiten durch Beschlüsse, ver- der binden (Fraktionszwang). Die Fraktionen er- nisterpräsident kann schließlich für die gesamte
abschiedet den Staatshaushalt und den jährli- halten anteilig zu ihrer Größe Sitze im Präsi- Regierung die Vertrauensfrage stellen.
chen Rechenschaftsbericht, entscheidet über dium; sie können Misstrauensanträge stellen;
Krieg und Frieden, ratifiziert die völkerrechtli- sie können die Eröffnung einer Plenarsitzung Zentralistisch geprägte
chen Verträge. Das ausschließlich ihr zuste- oder die Einrichtung eines Untersuchungsaus- Verwaltungsorganisation
hende Recht, die Vollstreckung von Todesurtei- schusses beantragen.
len anzuordnen, ist 2004 vollständig entfallen. Die Regierung ist die Spitze einer zentralistisch
Sie hatte es ohnehin seit 1982 nicht mehr aus- geprägten Verwaltungsorganisation. Alle we-
geübt. Exekutive sentlichen Entscheidungen werden in Ankara
Seit 1995 verfügt das Parlament über 550 Mit- getroffen. Ministerien und Generaldirektionen
glieder, die in allgemeiner, freier und gleicher Der Präsident der Republik (Cumhurbaşkanı) ist haben in den meisten Provinzen lokale Verwal-
Wahl alle fünf Jahre gewählt werden. Schon das „Staatsoberhaupt“, hat jedoch nur begrenz- tungseinheiten, meist als „Direktionen“. Aller-
vor Ablauf der fünfjährigen Legislaturperiode te, wenn auch im Vergleich zum deutschen Bun- dings gibt es auch begrenzte Selbstverwal-
kann die Nationalversammlung Neuwahlen be- despräsidenten weitere Befugnisse, die es ihm tungsbefugnisse. Solche stehen etwa den Stadt-
schließen (Art. 77). ermöglichen, politisches Gewicht zu entfalten. verwaltungen (belediye) zu, die etwa für Ver-
Das Parlament erfüllt seine zentrale Aufgabe, Die Kompetenzen – darunter zahlreiche wich- und Entsorgung, Verkehr und Bauplanung selbst
die Gesetzgebung (Art. 87), mit zwei Mitteln: tige Ernennungsbefugnisse – sind in Art. 104 Sorge tragen können, aber auch hier der zentra-
durch direkt wirksame (formelle) Gesetze und aufgezählt. Das Vetorecht im Gesetzgebungs- len Kontrolle unterliegen. Auch die Provinzen (il)
durch Ermächtigungsgesetze, die den Rahmen verfahren ist bereits erwähnt worden. Anders als mit dem Präfekten (vali) an der Spitze und die
für Rechtsverordnungen mit Gesetzeskraft ste- in Frankreich ist der Grundsatz der Wahl des Prä- Bezirke (ilçe) als untergeordnete Einheiten mit
cken, die vom Ministerrat erlassen werden dür- sidenten der Republik durch das Parlament bis dem Bezirksvorsteher (kaymakam) an der Spitze
fen unter der Bedingung, dass keine politischen heute beibehalten worden. Er braucht kein Ab- verfügen mit den Provinzversammlungen (il
und bürgerlichen Freiheitsrechte berührt wer- geordneter zu sein, muss eine abgeschlossene bzw. meclisi) über Selbstverwaltungsorgane, die
den. Die Budgethoheit reflektiert sich in den Be- Hochschulausbildung haben und das 40. Le- jedoch politisch eine sehr begrenzte Rolle spie-
stimmungen über Inhalt und Verfahren der Ver- bensjahr vollendet haben. Seine Amtszeit be- len. Eine Sonderkonstruktion sind die „Groß-
abschiedung des Haushaltsgesetzes (Art. 161- trägt sieben Jahre und ist – was immer wieder stadtverwaltungen“ (büyükşehir belediyesi).
164). Die Ratifizierung völkerrechtlicher Ver- Anlass zu Diskussionen gibt – nicht verlänger-
träge ist grundsätzlich durch ein Zustim- bar. Der Nationale Sicherheitsrat
mungsgesetz zu billigen (Art. 90). Verträge mit Die Regierung wird vom Ministerrat (Bakanlar
grundrechtlichen Inhalten bekommen dadurch Kurulu) gebildet. Er besteht aus dem Minister- Als Exekutivorgan eigener Art und ohne Ent-
seit 2004 sogar den Vorrang vor den übrigen präsidenten, den Ressortministern und den Mi- scheidungsbefugnisse ist noch einmal auf
Gesetzen. Das Parlament ist auch Inhaber des nistern ohne Portefeuille (Staatsminister, Dev- den Nationalen Sicherheitsrat zurück zu kom-
Gnadenrechts, das – im Vergleich zu 1961 – be- let Bakanı). Die letzteren sind organisatorisch men. Er lässt sich mit ähnlichen Institutionen
schränkt worden ist. Das Recht zur Kriegserklä- dem Amt des Ministerpräsidenten zugeordnet anderer Länder, insbesondere dem deutschen
rung gehört traditionell zu den wesentlichen und stehen an der Spitze bestimmter Fachbe- Bundessicherheitsrat, nur schwer vergleichen,
Befugnissen des Souveräns. In diesem Sinne hat reiche bzw. nehmen politische Funktionen ohne obwohl der Grund seiner Existenz derselbe ist:
dieses Recht in der türkischen Verfassungsord- eigenen Verwaltungsunterbau wahr. Staatsmi- Er soll beratendes Organ in Fragen der inneren
nung das Parlament (Art. 92). Voraussetzung nister gibt es etwa für Religionsangelegenhei- und äußeren Sicherheit sein. Er besteht aus den
für eine Kriegserklärung ist ihre Völkerrechts- ten, seit 1991 auch für Menschenrechte und an- Kommandeuren der Armee, Luftwaffe, Marine
gemäßheit. dere Sonderbereiche. Auch die Stellvertretung und Gendarmerie sowie dem Generalstabschef
Die Vorlagen für die Gesetze kommen entweder für den Ministerpräsidenten wird regelmäßig auf Seiten des Militärs und aus dem Präsiden-
über die Abgeordneten oder über die Regierung einem Staatsminister übertragen. Der Minister- ten der Republik als Vorsitzenden, dem Minis-
in das Parlament. Der Präsident der Republik hat rat (nicht nur der Ministerpräsident) bestimmt terpräsidenten, den stellvertretenden Minister-
nach Verabschiedung eines Gesetzes die Mög- die Richtlinien der Politik, führt die Gesetze aus. präsidenten, dem Außenminister, dem Innen-
lichkeit, ein Veto einzulegen. Das Parlament ist Er kann Verwaltungsverordnungen (yönetme- minister und dem Verteidigungsminister auf
jedoch frei, den Anregungen des Präsidenten zu lik) und Rechtsverordnungen (tüzük) erlassen. Seiten der zivilen Regierung (Art. 118). Vor al-
folgen oder aber das Veto durch erneute Verab- Die Sonderform der Rechtsverordnung mit Ge- lem der militärische Flügel dieses Organs be-
schiedung desselben Gesetzes zu überwinden. setzeskraft ist bereit erwähnt worden. greift sich als Hüter des kemalistischen Erbes
Dann hat der Präsident – wie auch die Fraktio- Der Ministerrat entsteht durch vorläufige Er- und leitet hieraus die Befugnis des Rates her,
nen der größten Regierungspartei und der nennung des Ministerpräsidenten durch den seine Stellungnahme über die Fragen der inne-
größten Oppositionspartei – die Möglichkeit, Präsidenten der Republik; der Ministerrat er- ren und äußeren Sicherheit hinaus auch auf an-
das Verfassungsgericht anzurufen. stellt eine Ministerliste, die er dem Parlament dere politische Belange zu erstrecken.
Jeder Abgeordnete vertritt nicht seinen Wahl- zusammen mit einem Regierungsprogramm zur
kreis, sondern die gesamte Nation. Die Abge- Abstimmung vorlegt. Erhält der Ministerpräsi- Gerichtsbarkeit
ordneten genießen Indemnität und Immunität. dent das Vertrauen, ernennt der Präsident die
Ersteres bedeutet Schutz des Abgeordneten vor Regierung. Versagt die Große Nationalver- Besonderen verfassungsrechtlichen Schutz ge-
Strafverfolgung wegen Taten, die zwar eigent- sammlung der Türkei das Vertrauen, beginnt die nießen die Unabhängigkeit der Gerichte (mah-
lich einen Straftatbestand erfüllen, aber im Prozedur von vorne. Für die Dauer der Wahlvor- kemelerin bağımsızlığı) und die Richtergarantie
Rahmen der Tätigkeit als Abgeordneter began- bereitung und bis zur Bildung der neuen Regie- (hakimlerin oder yargıçların teminatı). Der Hohe
gen worden sind. Immunität betrifft die Ver- rung gibt es eine Übergangsregierung, in wel- Richter- und Staatsanwälterat (Art. 159) als
folgbarkeit von Delikten, die außerhalb des Par- cher die bisherigen Minister der Justiz, des Inne- Institutionalisierung dieser Grundsätze ist be-
laments begangen wurden. ren und für den Verkehr durch parteilose Amts- reits oben im Zusammenhang mit der Verfas-
Das Parlament arbeitet unter der Leitung des träger ersetzt werden. Kontrolliert wird die Re- sung von 1961 erwähnt worden. Als den Grund-
Parlamentspräsidenten auf der Grundlage ei- gierung durch das Parlament mittels verschie- satz der Unabhängigkeit der Gerichte beein-
ner Geschäftsordnung, die es sich selbst zu ge- dener Instrumente: die einfache Anfrage, die trächtigend wird in der Türkei empfunden, dass
ben hat und verrichtet die Tagesarbeit in Aus- parlamentarische Untersuchung, den Ermitt- dem Rat kraft Amtes der Justizminister und sein
schüssen. lungsausschuss und die Interpellation. Der Er- Staatssekretär vorsitzen und die Infrastruktur
Parteipolitik wird über die Fraktionen in das Par- mittlungsausschuss hat – anders als die einfa- des Rates – Sekretariat, Verwaltung – fest im
lament hineingetragen. Eine Fraktion muss che Untersuchung – bereits den Charakter eines Justizministerium verankert ist. Der Rat trifft die
mindestens 20 Mitglieder haben. Den Frak- strafrechtlichen Vorverfahrens, die Interpella- wesentlichen Entscheidungen zur Ernennung,
tionsvorsitz hat in der Praxis der Parteivorsit- tion kann zu einem „destruktiven“, d.h. nicht mit Beförderung und Versetzung von Richtern so-
zende inne, sofern er Mitglied des Parlaments einem konkreten Wahlvorschlag versehenen wie der Definition von Gerichtssprengeln.

96
Das Verfassungssystem der Türkei

Die Verwaltungsgerichtsbarkeit (idarî yargı, yö- konflikte zwischen verschiedenen Gerichtsbar- Vorgaben der Europäischen Menschenrechts-
netsel yargı) wurde im Januar 1982 grund- keiten durch unanfechtbare Entscheidung. konvention entspricht. Die – auf der Ebene des
legend neu organisiert und stellt ein effektives Das Verfassungsgericht setzt sich aus 11 or- Verfassungstextes – letzte Kritik, die noch zu
Kontrollmittel gegenüber der Verwaltung dar. dentlichen und 4 Ersatzmitgliedern zusammen üben ist, besteht darin, dass die Verfassung bis
Heute besteht die Verwaltungsgerichtsbarkeit (Art. 146). Der größte Teil der Mitglieder kommt heute keinen Artikel enthält, der die Verfassung
aus Verwaltungsgerichten (idare mahkemesi) aus den obersten Gerichtshöfen (Kassationshof der unmittelbaren Geltung von Europarecht in
und Finanzgerichten (vergi mahkemesi). Für be- zwei, Staatsrat zwei, Militärkassationshof ein, der türkischen Rechtsordnung öffnet. Statt-
stimmte Verfahren gibt es als „Zwischenin- Militärverwaltungsgerichtshof ein Mitglied). dessen gilt noch das strikte Kompetenzregime,
stanz“ noch die Regionalverwaltungsgerichte Der Staatspräsident ernennt sie aus der Reihe das jegliche gesetzgeberische Tätigkeit außer-
(bölge idare mahkemesi). An der Spitze der Ver- von je drei Kandidaten, welche von den entspre- halb des Parlaments, Ausübung vollziehender
waltungsgerichtsbarkeit steht der Staatsrat chenden Gerichtshöfen vorgeschlagen werden. Gewalt außerhalb der Regierung und Recht-
(Danıştay). Das öffentliche Interesse wird vom Analog wird mit den übrigen Mitgliedern ver- sprechung außerhalb der türkischen Gerichte
„Staatsanwalt beim Staatsrat“ (Danıştay Sav- fahren, von denen je eines aus dem Rechnungs- verbietet. Dies ist insofern ungewöhnlich, als
cısı) oder „Generalstaatsanwalt beim Staatsrat“ hof und dem Hochschulrat stammen, während moderne europäische Verfassungen in der Re-
(Danıştay Başsavcısı) vertreten. die restlichen drei Positionen ein dem Präsiden- gel solche Öffnungsklauseln enthalten, gerade
Sowohl in der Strafgerichtsbarkeit als auch in ten der Republik unmittelbar zustehendes Kon- um einen reibungslosen Beitritt zur EU vorzu-
der Zivilgerichtsbarkeit ist das „kleinste“ Ge- tingent bilden. Es gibt keine bestimmte Amts- bereiten. Selbst Griechenland hat bereits 1975
richt das mit einem Richter besetzte Friedens- dauer, sondern lediglich eine bei 65 Jahren lie- seinen dann zum 1.1.1981 erfolgten Beitritt mit
gericht (sulh ceza bzw. sulh hukuk mahkemesi), gende Altersgrenze. Dies hat – um zwei Extreme einer solchen Klausel vorbereitet. Ungeachtet
das jeweils naturgemäß mit einfachen Sachen zu nennen – zur Folge, dass der ehemalige Prä- dessen laufen auch auf Gesetzesebene die Vor-
befasst wird. In kleinen Gerichtssprengeln wer- sident des Verfassungsgerichts, Yekta Güngör bereitungen für einen EU-Beitritt auf Hochtou-
den die Aufgaben und Kompetenzen der zivilen Özden, eine Rekordamtszeit von fast zwanzig ren. Sollte der Beitritt der Türkei zur EU nicht er-
und Strafgerichtsbarkeit häufig von denselben Jahren hinter sich bringen konnte, während der folgen, so werden die Ursachen voraussichtlich
Richterinnen und Richtern wahrgenommen. erst 2003 ernannte Prof. Dr. Fazıl Sağlam, ein nicht im Zustand der türkischen Verfassungs-
Die allgemeinste Zuständigkeit haben die Straf- hervorragender Kenner auch des deutschen und Rechtsordnung zu suchen sein.
kammern (asliye ceza mahkemesi) bzw. Zivil- Verfassungsrechts, bereits Anfang 2005 alters-
kammern (asliye hukuk mahkemesi). Auch die bedingt wieder ausschied.
seit 2003 existierenden Familiengerichte (aile Das Verfassungsgericht ist zuständig für die LITERATUR
mahkemesi) und die Handelsgerichte (asliye ti- abstrakte Normenkontrolle (Verfassungsklage Abadan-Unat, N.: Ideologische Strömungen in der Türkei
caret mahkemesi) befinden sich auf dieser des Präsidenten oder bestimmter Gruppierun- in den 90er Jahren. In: Südosteuropa Mitteilungen,
Ebene. Den Strafgerichten sind auf allen Ebe- gen aus dem Parlament gegen ein Gesetz), die 4/1997, S. 291-300.
Bozdemir, M.: Armee und Politik in der Türkei. Frankfurt
nen Staatsanwaltschaften (Cumhuriyet Savcı- konkrete Normenkontrolle (Vorlage eines Ge- am Main 1988
lığı) zugeordnet. setzes durch ein anderes Gericht, wenn ernst- Buhbe, M.: Türkei. Politik und Zeitgeschichte. Opladen
Seit Frühjahr 2005 ist ein Reformgesetz in Kraft, hafte Bedenken gegen die Verfassungsmäßig- 1996
Franz, E.: Wie demokratisch ist die Türkei? Das Militär als
das die Einrichtung von Regionalgerichten keit bestehen), Kontrolle der Parteien bis hin zum „Großer Bruder“ im Hintergrund. Das türkische Regie-
(bölge mahkemesi) als Berufungsgerichte vor- Verbot und Strafverfahren gegen Minister und rungssystem. In: Der Bürger im Staat, 1/2000, S. 27-36.
sieht. Die letzte Instanz bleibt der Kassationshof den Präsidenten der Republik. Die Verfassungs- Hale, W.: Turkish politics and the military. London 1994
(Yargıtay), für den man sich durch die Reform beschwerde ist dem türkischen System unbe- Hirsch, E. E.: Die Verfassung der Türkischen Republik.
Frankfurt am Main/Berlin 1966
eine erhebliche Entlastung verspricht, wurde er kannt. Vorläufige Regelungen trifft das Verfas- Oder, B.: Wahlsysteme in der Türkei seit 1983. Ihr Einfluss
doch jährlich mit rund 400.000 Revisionsklagen sungsgericht, obwohl dies nirgends rechtlich fi- auf die Wahlergebnisse. In: KAS-Auslandsinformationen,
überschwemmt. Rechtsprechungskonflikte zwi- xiert ist, durch einstweilige Anordnungen. 5/1999, S. 24-44.
Öztürk, B.: Die rechtsstaatlichen Strukturen der Türkei. In:
schen Senaten des Kassationshofs werden Politische Studien, 367/1999, S. 78-104.
durch ein internes Verfahren gelöst und führen Rumpf, C.: Das Nationalismusprinzip in der türkischen Ver-
zu Entscheidungen aller versammelten Richter AUSBLICK fassung. In: Verfassung und Recht in Übersee, 4/1992, S.
407-445.
(Plenum). Solche Entscheidungen haben eine Rumpf, C.: The protection of human rights in Turkey and
gesetzesähnliche allgemeine Bindungswirkung. Ein Ausblick ist vor allem hinsichtlich der „Eu- the significance of international human rights instruments.
Erwähnenswert ist schließlich noch, dass der ropafähigkeit“ interessant. Die geltende türki- In: Human Rights Law Journal, 11-12/1993, S. 394-408.
türkischen Gerichtsbarkeit der Laienrichter ge- sche Verfassung ist auf einem Stand, der den Rumpf, C.: Das türkische Verfassungssystem. Einführung
mit vollständigem Verfassungstext. Wiesbaden 1996
nerell unbekannt ist, es also weder Geschwo- Rumpf, C.: Laizismus, Fundamentalismus und Religions-
rene noch Laienhandels- oder -strafrichter gibt. freiheit in der Türkei in Verfassung, Recht und Praxis. In:
Verfassung und Recht in Übersee, 2/1999, S. 164-190.
Staatssicherheitsgerichte, die durch die Verfas-
UNSER AUTOR Rumpf, C.: Zur Entwicklung der türkischen Rechtsordnung
sung von 1982 eingeführt worden waren, gibt seit der Reformperiode im Osmanischen Reich. In: Zeit-
es nicht mehr. schrift für Türkeistudien, 2/2001, S. 199-223.
Die Militärgerichtsbarkeit bildet – zusammen Prof. Dr. Christian Rumpf, C.: Die türkische Verfassungsentwicklung auf dem
Weg in die EU-Mitgliedschaft. In: Zippel, W. (Hrsg.): Spe-
mit der (Militär-)Disziplinargerichtsbarkeit – Rumpf ist Partner zifika einer Südost-Erweiterung der EU. Baden-Baden
einen auch in der Verfassung ausgewiesenen der Wirtschafts- 2003, S. 90-116.
eigenen Gerichtszweig. Ihr unterstehen Ange- kanzlei Diem & Rumpf, C.: Einführung in das türkische Recht. München
2004
hörige des Militärs und ihre Straftaten in Aus- Partner in Stutt- Rumpf, C./Steinbach, U.: Das politische System der Türkei.
übung ihres Dienstes, gegen ihre Vorgesetzten gart. Seit rund 25 In: Ismayr, W. (Hrsg.): Die politischen Systeme Osteuropas.
oder gegen ihre Wehrpflicht, sowie Zivilper- Jahren beschäftigt Opladen, 2. neu bearbeitete Auflage 2004, S. 847-886.
Schönbohm, W.: Die Parlaments- und Kommunalwahlen
sonen, die ihrer Wehrpflicht nicht nachkom- er sich akade- in der Türkei. In: KAS-Auslandsinformationen, 7/1999, S.
men oder sich gegen militärische Einrichtun- misch und prak- 75-93.
gen vergehen. Im militärischen Ausnahmezu- tisch intensiv mit Schüler, H.: Die türkischen Parteien und ihre Mitglieder.
Hamburg 1998
stand erhalten die Militärgerichte Funktionen Fragen des türki- Unbehaun, H.: Klientelismus und politische Partizipation
auch im zivilen Bereich. Der Hohe Militärver- schen Rechts, pro- in der ländlichen Türkei. Hamburg 1994
waltungsgerichtshof (Art. 157) steht gleichran- moviert hat er 1990 über „Das Rechtsstaats-
gig neben den anderen obersten Gerichten, prinzip in der türkischen Rechtsordnung“. INTERNETADRESSEN
auch wenn er zugleich erst- und letztinstanz- Sein Buch "Das türkische Verfassungssys-
www.tuerkei-recht.de (Recht und Wirtschaft der Türkei)
lich entscheidet. Er ist zuständig für Rechtsbe- tem“ ist bereits 1995 auch in türkischer
http://www.turkey.org/turkey (Türkische Regierung; tür-
ziehungen zwischen der Militärverwaltung und Übersetzung in Ankara erschienen. Seit 2004 kisch, englisch, deutsch)
den Angehörigen des Militärs. ist er Honorarprofessor an der Universität http://www.turkey.org/f_politics/ (Politische Parteien und
Der Konfliktsgerichtshof (Uyuşmazlık Mahke- Bamberg, wo er regelmäßig Seminare zur Wahlsystem; englisch)
mesi) schließlich bereinigt Rechtsprechungs- „Einführung in das türkische Recht“ abhält.

97
WIE STICHHALTIG SIND DIE ARGUMENTE DER AKTUELLEN DEBATTE?

Die deutsch-türkische Debatte über den


EU-Beitritt der Türkei
H AKKI K ESKIN

gegangenen Bericht die politischen Kriterien Wie berechtigt, überzeugend und stichhaltig
Das langjährige Ansinnen der Türkei, als erfüllt bewertet. sind diese Behauptungen und Argumente?
Mitglied der EU zu werden, gleicht einer Voraussetzung für ein positives Votum der EU-
unendlichen Geschichte. Seit Jahren wird Kommission ist die Erfüllung der so genannten
über eine Vollmitgliedschaft der Türkei „Kopenhagener Kriterien“, deren Umsetzung DIE TÜRKEI IST EUROASIATISCH
unter Politikern, Wissenschaftlern und und Einhaltung in einem Fortschrittsbericht der
in den Medien hierzulande kontrovers Europäischen Kommission dokumentiert wird. Kein Zweifel, geographisch liegt nur ein klei-
diskutiert. Eine Debatte, die wohl die Am 6. Oktober 2004 hat die Europäische Kom- ner Teil der Türkei auf dem europäischen Kon-
Beitrittsverhandlungen begleiten wird. mission den Staats- und Regierungschefs der tinent. Diesen Aspekt jedoch nach 40-jähriger
Dass sich diese Kontroverse auch in die- EU die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen Assoziierung der Türkei an die EU mit dem da-
sem Heft der Zeitschrift „Der Bürger im unter strengen Auflagen empfohlen. „Nach vier rin festgelegten Ziel einer EU-Mitgliedschaft
Staat“ niederschlägt, ist nur natürlich. Jahrzehnten Wartezeit bekommt die Türkei die nun zu thematisieren, scheint sehr weit herge-
Hakki Keskin, Bundesvorsitzender der Chance auf einen Beitritt zur Europäischen holt. Diejenigen EU Vertreter, die 1963 mit der
Türkischen Gemeinde in Deutschland, er- Union (EU).“1 Am 17. Dezember 2004 haben die Türkei das Abkommen über die EU-Perspektive
örtert in engagierter Art und Weise die 25 Staats- und Regierungschefs der EU bei ih- der Türkei paraphierten, wussten sicherlich
Berechtigung, Überzeugungskraft und rem Gipfeltreffen in Brüssel einstimmig be- auch damals bereits, wo die Türkei liegt. In sei-
Stichhaltigkeit von Argumenten, die ge- schlossen, Verhandlungen mit der Türkei mit ner damaligen Rede unterstreicht der Präsident
gen einen Beitritt der Türkei vorgebracht dem Ziel einer Vollmitgliedschaft am 3.Oktober der EWG-Kommission, Walter Hallstein (CDU),
werden. Red. aufzunehmen. Diese in vielen EU-Staaten und an drei Stellen ganz bewusst, dass „die Türkei
in Deutschland sehr kontrovers diskutierte Ent- zu Europa gehört“, als ob er die aktuelle Dis-
scheidung ist von historischer Tragweite. kussion darüber vorausgeahnt hätte und des-
halb genau dies betonen wollte. Die Verant-
EINE UNENDLICHE GESCHICHTE … wortlichen der damaligen EWG haben sich in
DIE KONTROVERSE DEBATTE GEHT WEITER ihrer Vision über die Zukunft der Gemeinschaft
Keines der heute 25 Mitglieder der EU hatte ei- nicht auf die geographischen Grenzen be-
nen solch lang andauernden Prozess vor der ei- Die Diskussion über die EU-Mitgliedschaft der schränken wollen, sie trafen eine klare politi-
gentlichen Mitgliedschaft zu durchlaufen wie Türkei wird ganz offensichtlich weitergehen. sche Entscheidung.
die Türkei. Bereits am 31. Juli 1959 bewarb sich Gerade deshalb ist es geboten, sich mit diesem Gerade diese geographische Lage der Türkei als
die Türkei um die Mitgliedschaft in der damali- Thema eingehend auseinanderzusetzen. ein Land in und eine Brücke zwischen zwei Kon-
gen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft Sowohl die von der EU-Kommission als auch die tinenten, Europa und Asien, verleiht ihr eine be-
(EWG). Am 12. September 1963 wurde das „Ab- von den Staats- und Regierungschefs der EU sondere Bedeutung für die EU. Diese zukunfts-
kommen zur Gründung einer Assoziation zwi- gemachten strengen Auflagen lassen die Un- trächtige Perspektive darf nicht durch eine
schen der Europäischen Wirtschaftsgemein- gleichbehandlung der Türkei im Vergleich zu den nach Quadratkilometern rechnende Sichtweise
schaft und der Republik Türkei“ in Ankara un- im Mai 2004 aufgenommenen zehn Staaten relativiert oder gar eingeschränkt werden. Die
terzeichnet. Das Assoziierungsabkommen zwi- deutlich erkennen. Seit Jahren wird über eine Zielsetzung der Türkei, einerseits Mitglied der
schen der EWG und der Türkei mit dem Ziel des EU-Mitgliedschaft der Türkei und den Beginn EU zu werden, sich andererseits aber als ökono-
Beitritts der Türkei zur Gemeinschaft erschien von Beitrittsverhandlungen unter Politikern, mischer und politischer Machtfaktor konse-
am 29. Dezember 1964 im Amtsblatt Nr. 217 Wissenschaftlern und in den Medien in Deutsch- quent im eurasischen Raum einzusetzen, wird
und wurde dort als „Ankara-Abkommen“ be- land und in der Türkei kontrovers diskutiert. letztlich beiden, der Türkei wie der EU, zugute
zeichnet. Am 23. November 1970 wurde zwi- Die Gegner einer EU-Mitgliedschaft der Türkei kommen.
schen der EWG und der Türkei ein Zusatzproto- in Deutschland führen hauptsächlich folgende
koll unterzeichnet, welches die Mitgliedschaft Gründe und Argumente an:
der Türkei in der EWG in drei Phasen vorsah und ■ Die Türkei sei weder geographisch noch his- FÜHRT DER BEITRITT ZU EINER
die Detailfragen der Übergangsphasen regelte. torisch ein europäisches Land. Daher gehöre ÜBERDEHNUNG?
Am 1. Januar 1996 wurde die Türkei in die Zoll- die Türkei nicht zu Europa.
union der EU aufgenommen. Für die türkische ■ Die EU sei eine auf der christlichen Religion „Europa ist kein christlicher Klub“ – so lautete
Bevölkerung stellte der Beitritt zur Zollunion und Kultur basierende Gemeinschaft. Die die Überschrift eines Beitrags von Theo Som-
einen weitreichenden Schritt hin zu einer Voll- Türkei würde dem westlichen Wertesystem mer. Europa hat zwar „in 2000 Jahren eine
mitgliedschaft in der EU dar. nicht entsprechen und als ein islamisches tiefe christliche Prägung erfahren“, so Sommer,
Die Staats- und Regierungschefs der EU-Mit- Land die auf christlicher Kultur basierende „seine staatliche Verfasstheit ist jedoch mit
gliedstaaten gaben der Türkei am 9. Dezember Identität der EU sogar gefährden. Ausnahme des Vatikans überall laizistisch. In-
1999 in Helsinki den Status eines Beitrittskan- ■ Die Türkei sei eine zu große finanzielle Belas- sofern könnte eine laizistische Türkei in der Eu-
didaten. Die Türkei wird somit auf die Liste der tung für die EU. Die EU sei keine „karitative ropäischen Union durchaus ihren Platz fin-
Beitrittskandidaten aufgenommen, neben den Anstalt“. den.“2 In Deutschland sind es in der Regel kon-
zehn bereits im Mai 2004 als Vollmitglieder auf- ■ Der Beitritt der Türkei in die EU werde darü- servative Politiker oder Historiker, die sich en-
genommenen Staaten und neben Rumänien ber hinaus eine starke Zuwanderung türki- gagiert gegen eine EU-Mitgliedschaft der Tür-
und Bulgarien, die 2007 der EU beitreten sollen. scher Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt der kei wenden. Sie argumentieren, dass die Tür-
Der Türkei wird die Gleichbehandlung mit den EU nach sich ziehen. kei mit ihrer islamischen Bevölkerung, ihrer Ge-
anderen Beitrittskandidaten zugesichert. Auf ■ Mit der EU-Mitgliedschaft der Türkei würde schichte, Religion und Identität einer anderen
dem Kopenhagener Gipfeltreffen der EU im De- die EU an die Konfliktregionen Naher und Kultur angehöre und damit den Rahmen der EU
zember 2002 wurde bezüglich einer Beitritts- Mittlerer Osten grenzen. sprenge. Die Erweiterung der EU um die Türkei
perspektive der Türkei klargestellt, dass die ■ Der Einfluss des Kemalismus und des Mili- führe zu einer Überdehnung, der innere Zusam-
Staats- und Regierungschefs der EU am 17. De- tärs seien Hinderungsgründe für Demokra- menhalt der Union werde verloren gehen und
zember 2004 über den „unverzüglichen“ Beginn tie und Rechtsstaatlichkeit. Außerdem sei das Ziel einer politischen Union, die Au-
von Beitrittsverhandlungen zu entscheiden ha- die Gefahr des Islamismus in der Türkei nicht ßenminister Fischer einmal als Föderation aus-
ben, wenn die EU-Kommission in ihrem voran- gebannt. malte, bliebe Illusion.

98
Die deutsch-türkische Debatte über den EU-Beitritt der Türkei

SKEPTISCHE POSITIONEN IN DER EUROPÄISCHE IDENTITÄT Milliarden Menschen in mehr als 50 Ländern
AKTUELLEN DEBATTE WIRD ABERKANNT angehören, in Fragen der Auslegung und Aus-
übung als homogen zu betrachten.
Die skeptischen Positionen sind vielfältig. Dazu Den Türken und der Türkei wird eine europäische Es ist aber auch wahr, dass es in vielen islami-
einige Beispiele: „Im Islam fehlen die für die Identität wegen ihrer unterschiedlichen Ge- schen Ländern Entwicklungen wie die Renais-
europäische Kultur entscheidenden Entwick- schichte, Religion und Kultur aberkannt. Als ob sance, der Aufklärung und der Trennung zwi-
lungen der Renaissance, der Aufklärung und es in Europa nur die christliche Religion, eine ein- schen geistlicher und politischer Autorität, ver-
der Trennung zwischen geistlicher und politi- heitliche Kultur und eine gleiche Geschichte für gleichbar mit der in Europa, bis heute nicht
scher Autorität“, so Altbundeskanzler Helmut alle 25 EU-Mitgliedstaaten und somit auch eine gegeben hat. Zum einen waren fast alle diese
Schmidt.3 Und der bayrische Ministerpräsident bestimmte Identität gäbe. Zudem wird in dieser Länder bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
Edmund Stoiber: „Wenn wir eine politische Vorstellung die Identität als etwas historisch Kolonien oder standen in halb-kolonialer Ab-
Union Europa wollen, dann brauchen wir ein Eingefrorenes, also Statisches, verstanden und hängigkeit von europäischen Großmächten, so
hohes Maß an Integration. (...) Nimmt man die bewertet. Dass dies nicht der Fall ist, beweist die dass ihre Entwicklung einer eigenen, innerge-
Türkei auf, dann ist dies das Ende der Vision von vorhandene Vielfalt der Sprachen, der Kulturen sellschaftlichen Dynamik beraubt wurde. Zum
der politischen Union Europas. (...) Mit einem und der geschichtlichen Entwicklungen eines anderen haben manche dieser Länder ihre ei-
Staat wie der Türkei, der einen ganz anderen ge- jeden Volkes und Landes sowie die dadurch mit gene Renaissance, ihre Phasen der Aufklärung
sellschaftlichen Hintergrund hat, sprengt man geformten, sich dauernd in Weiterentwicklung erst nach ihrer politischen Unabhängigkeit,
die politische Union.“4 Für die Vollmitglied- befindenden unzähligen Identitäten. also mit reichlicher Verspätung und damit un-
schaft in der EU sei auch eine gemeinsame Iden- ter anderen gesellschaftlichen Bedingungen
tität und das Gefühl der Zugehörigkeit not- durchführen können. So haben beispielsweise
wendig. Dies fehle der Türkei, die nur teilweise AUCH DER ISLAM IST NICHT HOMOGEN Indonesien, Pakistan und Malaysia, was die
zu Europa gehöre, so der stellvertretende Aufklärung und Emanzipation der Frau anbe-
Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Der Islam in Südostasien, Afrika, im Nahen Os- trifft, nach ihrer Unabhängigkeit in diesen Be-
Wolfgang Schäuble, in einem Interview: „Na- ten und in Europa ist sowohl in seiner Ausle- reichen – wenn auch mit Unterbrechungen –
türlich können wir die Beitrittsperspektive, die gung als auch in der praktischen Anwendung beachtliche Erfolge aufzuweisen.
es seit den sechziger Jahren gibt, jetzt nicht ein- sehr unterschiedlich und zeigt eine Vielfalt,
seitig aufkündigen. Das ist eine Verpflichtung ähnlich der des Christentums. Es ist falsch, die
zu der wir stehen.“5 islamische Religionsgemeinschaft, der ca. 1,3 DIE TÜRKEI HAT DIE AUFKLÄRUNG
NACHVOLLZOGEN

Die Türkei hat 1923, nach der Ausrufung der Re-


publik, durch revolutionäre Umwälzungen
diese Entwicklung der europäischen Aufklä-
rung mit ihrer Trennung von Staat und Religion
bereits in den 20er- und 30er-Jahren des vori-
gen Jahrhunderts erfolgreich nachvollzogen.
Dies wird der Türkei von Helmut Schmidt selber
bescheinigt, wenn er an anderer Stelle schreibt:
„Die Türkei ist, dank der Reformen Kemal Ata-
ZEITGENÖSSISCHE türks in den zwanziger und dreißiger Jahren, ein
AUFNAHME DES TÜRKI- laizistischer Staat. Der Feudalismus ist abge-
SCHEN STAATSMANNS schafft; anders als im Iran gibt es eine klare
MUSTAFA KEMAL ATA- Trennung zwischen Staat und Geistlichkeit; an-
TÜRK (1881-1938). ders als im Irak und Syrien gibt es eine funktio-
AM 29. OKTOBER 1923 nierende demokratisch-parlamentarische Ver-
WURDE DER 42-JÄHRIGE fassung.“6
ZUM TÜRKISCHEN Mit der Ausrufung der Republik Türkei und der
STAATSPRÄSIDENTEN Abschaffung des Sultanats im Jahre 1923 sowie
GEWÄHLT. ER SETZTE ein Jahr später mit der Abschaffung des Kalifats
KONSEQUENT DIE MO- als oberster Instanz der Scharia und der Auf-
DERNISIERUNG SEINES nahme des Laizismus, der Trennung von Reli-
LANDES DURCH, INDEM gion und Staat, in die erste Verfassung der Re-
ER UNTER ANDEREM FEZ, publik Türkei, mit einer Rechtsreform, Bildungs-
SCHLEIER UND POLYGA- reform, Schriftreform (anstelle der arabischen
MIE VERBOT UND DAS die lateinische Schrift), mit der Gleichstellung
SCHWEIZERISCHE ZIVIL- der Geschlechter, dem allgemeinen Wahlrecht
RECHT EINFÜHRTE, DAS für Frauen und mit einer Reihe weitreichender
AN DIESTELLE DES ISLA- Reformen in den Folgejahren wurde die West-
MISCHEN RECHTS TRAT. orientierung der Türkei gezielt eingeleitet.
DIE GROßE NATIONAL- Ähnlich wie der Artikel 20 des deutschen Grund-
VERSAMMLUNG VERLIEH gesetzes, der die Staatsform der Bundesrepublik
IHM 1934 DIE EHREN- Deutschland definiert und für unabänderlich er-
BEZEICHNUNG ATATÜRK klärt, sind auch Artikel 1 („Die Türkei ist eine Re-
(„VATER DER TÜRKEN“). publik“) und Artikel 2 („Die Türkei ist ein demo-
picture alliance / dpa kratischer, laizistischer und sozialer Rechts-
staat“) der Verfassung der Türkei unveränderbar.
Helmut Schmidts Hinweis auf die Bedeutung
und Notwendigkeit der Aufklärung und die
Trennung von Staat und Geistlichkeit kann ich
hier mit besonderer Betonung unterstreichen.
Die unmittelbare Mitwirkung der Kirchen an
den politischen Entscheidungen ist in den
christlichen Staaten Europas längst Geschich-

99
HAKKI KESKIN

te. Im Islam berufen sich jedoch die Geistlich- haben, dass eine Politik gegen diese Verfas- Die Türkei, die sich das westliche Lebens- und
keit und nicht selten auch die Herrschenden bei sungsgrundsätze sowie gegen die zivilisato- Zivilisationsmodell zu Eigen gemacht hat, will
ihren Handlungen und bei der Staatsführung risch-westlich geprägten Werte in der Türkei als ein laizistischer Staat mit überwiegend mus-
auf die islamische Religion. Der Islam wird so- keine Chance hat. limischer Bevölkerung einem säkularen Europa
mit für die eigenen politischen und ökono- beitreten. Aus eigener Überzeugung hat die
mischen Herrschaftsinteressen instrumentali- Türkei das zivilisatorische Wertesystem zu ihrer
siert. BLICKWINKEL DER WESTLICHEN WELT unantastbaren und unveränderlichen Staats-
form gemacht.
Gegner einer EU-Mitgliedschaft der Türkei be-
LAIZISMUS ALS „ZEMENT“ DES haupten, dass ein Staat wie die Türkei, deren
ZUSAMMENHALTS Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist, nicht WAS WOLLEN KEMALISTEN
fähig sei, sich die universalen Errungenschaften UND MILITÄRS?
Den Laizismus bewerte ich daher für jeden der Menschheit wie Aufklärung, Demokratie,
Staat, und gerade für einem Staat wie die Tür- Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Säku- Die türkische Revolution mit der Gründung der
kei mit ihrer überwiegend islamischen Bevölke- larisierung zu eigen zu machen. Diese Staaten Republik im Jahre 1923 erfolgte unter Führung
rung, mit unterschiedlichen Konfessionen und seien daher nicht europakompatibel und würden von Offizieren, die sich danach als Parlamen-
ethnischen Zugehörigkeiten als „Zement“ des der europäischen Identität nicht entsprechen. tarier vor allem bis 1950 große Verdienste er-
Zusammenhalts und als notwendige Basis für Was an diesen Positionen nicht akzeptiert wer- warben. Die Anhänger der Reformen Mustafa
eine Gestaltung der Politik gemäß den de- den kann, ist, dass sie die universalen Rechte Kemal Atatürks, deren Zielsetzung ich in aller
mokratischen und rechtsstaatlichen Erforder- nur eingeengt aus dem Blickwinkel der westli- Kürze mit seinem Leitmotto vom „Erreichen des
nissen. chen Welt betrachten. In dieser Hinsicht wird zeitgenössischen Niveaus der zivilisierten Welt“
Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche eine Ausgrenzung der islamischen Religion, wiedergeben möchte, werden als „Kemalisten“
in Deutschland, Bischof Huber, traf in Bezug auf aber auch anderer Kulturen und Identitäten bezeichnet. Mit großer Hingabe haben sich
die religiösen Symbole Kopftuch und Kreuz fol- vorgenommen. Gerade der Anspruch auf Uni- diese Menschen für das Wohl der Türkei einge-
gende Feststellung: „(…) die Unterscheidung versalität dieser Errungenschaften setzt aber setzt, ohne sich selbst zu bereichern und in Kor-
zwischen religiöser und politischer Sphäre ist voraus, dass sie weltweite Akzeptanz, Anerken- ruptionsskandale verwickelt zu sein, was leider
dem Islam bis heute grundlegend fremd. Der Is- nung und Anwendung erfahren. Die Mitglied- in den letzteren Jahrzehnten in der Türkei oft-
lam bejaht leider nicht die aufgeklärte Säkula- schaft in die EU darf nicht so ausgelegt werden, mals der Fall war.10
rität der politischen Ordnung.“7. Er fügt hinzu, dass die eigene islamisch geprägte Identität Ali Sirmen, bekannter Kolumnist und Autor in
dass die Gleichberechtigung von Mann und und die eigene Kultur oder gar die eigene reli- Istanbul, beschreibt in einem Satz sehr deutlich,
Frau im Islam nicht gegeben sei. Dies trifft für giöse Überzeugung aufgegeben werden müss- wie der Kemalismus verstanden werden sollte:
sehr viele islamische Länder zu, aber gerade für te, um EU-integrationsfähig zu werden. „Kemalismus ist allein genommen weder eine
die Türkei nicht. Genau dieses sehr substanzielle Der bis Ende 2004 amtierende Ratspräsident Ideologie noch eine Kosmogonie, anders ge-
Problem wurde mit dem Laizismus als Grund- der EU, der niederländischer Ministerpräsident sagt, er ist nicht eine in sich geschlossene ori-
pfeiler des modernen und demokratischen Jan Peter, betonte in seiner Rede am 4. Septem- ginale Lehre, er ist vielmehr der erste Versuch
Rechtsstaates in der Türkei gelöst. Die Gleich- ber 2004 vor dem Europäischen Parlament, dass einer Übertragung und Reflexion von Renais-
berechtigung von Mann und Frau ist inzwi- es nicht zu den gemeinsamen europäischen sance, Aufklärung und den Errungenschaften
schen in der Türkei ein rechtlich gesichertes Werten passe, „Barrieren gegen irgendeine Re- der Französischen Revolution in eine nicht-
Gut. Und das staatspolitische Prinzip Laizismus ligion aufzubauen. Wir dürfen uns nicht von christlichen Gesellschaft außerhalb Europas.“11
gewährleistet eine klare Trennung zwischen re- Ängsten leiten lassen.“9 Keine Revolution ist mit Samthandschuhen
ligiöser und politischer Sphäre als ein unum- durchführbar. Der großen integren Persönlich-
stößlicher Grundpfeiler der Verfassung und der keit und Beliebtheit Atatürks ist es zu verdan-
Gesetze. Es kommt aber nicht selten vor, dass GLOBALISIERUNG GEBIETET ken, dass die revolutionären Umwälzungen in
gerade von manchen Vertretern der Kirche die- KULTURELLE OFFENHEIT der Türkei im Vergleich zu ähnlichen Prozessen
se klare Orientierung in der Türkei immer wie- eher mit Überzeugungsarbeit als mit Gewaltan-
der als eine Beeinträchtigung der Religionsfrei- Die EU, ein Staatenbund bereits heute aus 25 wendung umgesetzt werden konnten. „Selbst
heit kritisiert wird. Im Widerspruch zu dieser und in naher Zukunft aus mehr als 28 Staaten, wenn es stimmen sollte“, schrieb Burgdorf,
Position sagen dieselben Kreise aber auch, dass darf und kann in einer Epoche der Globalisie- „dass den Türken die Aufklärung erst zwangs-
in der Türkei die Gefahr einer fundamentalisti- rung der Welt nicht allein auf Werte christlicher weise durch den Kemalismus aufgezwungen
schen Islamisierung noch nicht gebannt sei. Religion und der darauf basierenden Kultur re- wurde, so war dies doch in großen Teilen der
duziert werden. Dies würde auch der bereits heutigen EU nicht anders. (...) Westdeutschland
vollzogenen Realität von heute gänzlich wider- wurde die demokratische Ordnung von den
MEHRHEIT HAT DEN LAIZISMUS sprechen. Die Staaten der EU sind längst un- Siegermächten des Zweiten Weltkrieges auf-
VERINNERLICHT umkehrbar multikulturell, multiethnisch, und oktroyiert.“12
multireligiös geworden. In diesen Ländern le-
Eine sehr große Mehrheit der Bevölkerung der ben mehr als 15 Millionen Menschen islami-
Türkei hat den Laizismus verinnerlicht. Selbst schen Glaubens, von der Bevölkerungszahl ent- REFORM DES NATIONALEN
unter den für die Gegner des Laizismus günstig- spricht dies der Größe einiger Staaten der EU. SICHERHEITSRATES
sten Bedingungen, also in Zeiten politischer, Allein aus der Türkei leben heute mehr als 3,5
wirtschaftlicher und sozialer Krisen, haben lai- Millionen Menschen in den EU-Staaten, allein Das türkische Militär sieht sich dieser kemalis-
zismusfeindliche Parteien maximal 20% der in der Bundesrepublik Deutschland mehr als tischen Tradition verpflichtet. Daher ist der Ke-
Wählerstimmen auf sich ziehen können. Diese 2,5 Millionen. malismus für den politischen Islam, also in den
Tatsache belegt, dass die türkische Bevölkerung Die EU ist ein globales, zukunftsgerichtetes Mo- Augen derer, die einen theokratischen Staat
den laizistischen, demokratischen und sozia- dell einer offenen und multikulturellen Gesell- nach den Geboten der Scharia errichten möch-
len Rechtsstaat längst angenommen und als schaft. Ihr Verdienst sollte nicht nur darin be- ten, ein Hindernis. Wie oben bereits gezeigt
Grundsatz der Verfassung akzeptiert hat. Die stehen, den Wohlstand und den sozialen Frie- wurde, hat jedoch die großen Mehrheit der tür-
Partei des Ministerpräsidenten Erdoğan, die im den ihrer Bevölkerung zu sichern und zu stei- kischen Bevölkerung die Grundideen des Kema-
Sommer 2001 unter dem Namen „Gerechtig- gern, sondern auch zum Prozess eines engen lismus angenommen und als Staatsdoktrin ak-
keits- und Entwicklungspartei“ (AKP)8 gegrün- Dialogs und Austausches mit anderen Religio- zeptiert.
det wurde, ist eine Abspaltung aus der islami- nen und Kulturen und somit zum Frieden welt- Auch Helmut Schmidt geht auf die Rolle des
schen Bewegung Erbakans. Diese Partei und weit aktiv beizutragen. In diesem Sinne ist die Militärs in der Türkei ein. Die Macht in der Tür-
ihre Führer scheinen, obwohl manche dies im- EU-Mitgliedschaft der Türkei für ein solches kei läge beim Sicherheitsrat, in dem – unter Vor-
mer noch nicht wahrhaben wollen, begriffen zu Projekt bestens geeignet. sitz des Staatspräsidenten – nichts gegen die

100
Die deutsch-türkische Debatte über den EU-Beitritt der Türkei

DAS DENKMAL FÜR DEN


UNBEKANNTEN SOLDATEN IN
ANKARA, HINTER DEM TÜRKISCHE
FAHNEN IM WIND FLATTERN.
DAS TÜRKISCHE MILITÄR SIEHT
SICH ALS GARANT DER KEMALISTI-
SCHEN TRADITION UND REFORMEN.
picture alliance / dpa

oberste Generalität entschieden werden könne. Vergleich zu den übrigen EU-Staaten gewährt Spaniern hingegen kam es zu einem Abwan-
Die Militärspitzen wachten über die Einhaltung werden müsste. derungs-Überschuss aus Deutschland von
der kemalistischen Reformen und stünden als Die Befürchtung Schmidts und vieler anderer, 186.629 Personen.15 Mit anderen Worten: in-
Garant gegen die schleichende Reislamisierung dass für die Türkei die Gefahr einer Reislamisie- nerhalb von zwölf Jahren wanderten aus die-
der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens. rung bestehe und der Fundamentalismus mehr sen drei Ländern insgesamt 147.872 Personen
Und weiter: der Ausgang des Reislamisierungs- und mehr Platz greife, hat sich als unbegründet mehr aus Deutschland ab, als nach Deutschland
prozesses sei ungewiss, Fundamentalismus sei erwiesen. Nicht nur die Entwicklung, die der zuwanderten.
denkbar geworden.13 moderat islamisch orientierte Ministerpräsi-
Auch die politischen Gremien der EU hatten dent Erdoğan und seine „Gerechtigkeits- und
sich diese auf eine Reduzierung des Einflusses Entwicklungspartei“ (AKP) genommen haben, INVESTITIONEN MINDERN
des Militärs zielende Kritik zu Eigen gemacht, widerlegt diese Befürchtung, sondern vor allem MIGRATIONSDRUCK
eine Kritik, die nicht ohne Wirkung blieb. Der die von sehr großen Teilen der türkischen Bevöl-
Nationale Sicherheitsrat, den es übrigens auch kerung verinnerlichte demokratische Staats- Dies ist dadurch zu erklären, dass die EU-Mit-
in den USA und in manchen anderen Ländern und Lebensform. Gerade diese Tatsache hat gliedschaft für die neuen Mitgliedsstaaten die
gibt, wurde neu strukturiert. In diesem Gre- dazu geführt, dass nur eine solch gemäßigt-is- Möglichkeit eröffnet, dort durch neue Investo-
mium sitzen je zur Hälfte neben dem Staatsprä- lamische Partei eine so breite Akzeptanz in der ren viele neue Arbeitsplätze entstehen zu las-
sidenten, der Ministerpräsident, seine beiden Türkei finden konnte. Diese positive Entwick- sen, wie am Beispiel dieser Länder auch belegt
Stellvertreter und je nach Tagesordnung andere lung ist zuallererst der unnachgiebigen Haltung werden kann. Dies wird bei der Türkei nicht an-
Minister sowie in gleicher Zahl die Offiziere der der Kemalisten zu verdanken. ders verlaufen. Bereits mit Beginn der Beitritts-
Militärspitze. Der Sicherheitsrat trifft aber verhandlungen über die Mitgliedschaft der Tür-
keine Entscheidungen mehr. Er kann in seiner kei dürften die Investitionen dort ganz erheb-
Funktion als ein verfassungsmäßiges Bera- DIE „ANGST“ VOR DER ZUWANDERUNG lich zunehmen, zumindest erwarten dies die
tungsorgan lediglich Ratschläge über wichtige Befürworter eines Beitritts. Dadurch wäre aber
Fragen, die die Sicherheit des Landes betreffen, Mit völlig unbegründeten Phantasiezahlen der Migrationsdruck aus der Türkei in die EU
als Empfehlung an die Regierung geben. Von über eine Zuwanderung von 10 bis 18 Millionen und nach Deutschland ganz erheblich gemin-
dieser grundlegenden Reform des Nationalen Menschen, die nach einem EU-Beitritt aus der dert.
Sicherheitsrates glaubten viele, dass damit von Türkei in die EU abwandern würden, machte der Außerdem wurden bereits am 17. Dezember
der Politik ein Tabubruch begangen worden Historiker Wehler den Menschen Angst.14 Diese 2004 von den Staats- und Regierungschefs der
wäre. Argumentation ist nicht selten auch von man- EU längere Übergangsfristen bezüglich einer
chen Politikern zu hören, die damit Befürchtun- vollen Freizügigkeit beschlossen, damit es ge-
gen unter der von Arbeitslosigkeit ohnehin rade in den ersten Jahren nicht zu der befürch-
KEMALISTEN FORDERN DIE stark verunsicherten und verängstigten Bevöl- teten massenhaften Zuwanderung aus der Tür-
GLEICHBEHANDLUNG kerung verbreiten. kei kommt. Zudem wird die in den EU-Staaten
Prognosen wie diese sind jedoch durch die Er- und in Deutschland andauernde hohe Arbeits-
Es ist gänzlich falsch zu glauben, die Kemalis- fahrungen mit den Ländern Spanien, Portugal losigkeit für Migranten aus der Türkei eher ab-
ten wären gegen eine EU-Mitgliedschaft der und Griechenland nach ihrer EU-Mitglied- schreckend wirken.
Türkei. Sie sind vielmehr aufgrund ihrer Orien- schaft widerlegt. In den Jahren 1991 bis Anfang Mittelfristig aber wäre nach der Verbesserung
tierung für den Integrationsprozess der Türkei 2003 kam es im Saldo aus Zu- und Abwande- der ökonomischen Lage in der Türkei sogar mit
in die EU, allerdings mit klarer Betonung dar- rung nach und aus Deutschland gegenüber einiger Wahrscheinlichkeit eine Rückwande-
auf, dass um dieser Mitgliedschaft willen nicht Griechenland zu einem Zuwanderungs-Über- rung der in den EU-Staaten lebenden Türken in
alles akzeptiert werden dürfe, und das bedeu- schuss von lediglich 1.663 Personen, bei den die Türkei zu erwarten. Die Beispiele Italien und
tet, dass eine Gleichbehandlung der Türkei im Portugiesen waren es 37.094 Personen, bei den Spanien belegen dies.

101
HAKKI KESKIN

AKTIVE KONFLIKTLÖSUNG IM „Kopenhagener Standards“ ermöglichen wer- artig und diskriminierend behandeln, im Ge-
NAHEN OSTEN de. Und in der Tat: Die Gipfelentscheidung von gensatz zu den anderen Anwerbestaaten. Ihre
Helsinki beflügelte und beschleunigte, wie wir Argumente hierfür sind durchaus unterschied-
Die EU Mitgliedschaft der Türkei ließe die EU an heute wissen, die Demokratisierung der Türkei lich, je nach politischem Anlass: Mal werden re-
die Region des Nahen Osten grenzen und wäre ganz erheblich. ligiöse und kulturelle Unterschiede angeführt,
dadurch direkt mit den Konflikten der Länder Mit der Änderung von 37 der 177 Verfassungs- mal sind es geographische Gründe oder poli-
Iran, Irak, Syriens und letztlich auch Israels kon- artikel wurden die Fundamente der weiteren tisch-wirtschaftliche Diskrepanzen.
frontiert. Auch dies wird als Problem für die EU- Demokratisierung der Türkei gelegt. Sehr um- Um jedoch diese ganz prinzipielle Ablehnung ge-
Mitgliedschaft der Türkei angesehen. stritten waren vor allem die Änderungen, mit genüber der Türkei zu verschleiern, haben die
Die Türkei ist seit 52 Jahren Mitglied der NATO. denen die Todesstrafe abgeschafft sowie das Er- Unionsparteien eine Worthülse erfunden, die
Als Mitglied dieser Werte- und Verteidigungs- lernen anderer Muttersprachen neben dem Tür- „privilegierte Partnerschaft“, die der Türkei an-
gemeinschaft hat sie auch ein Recht darauf, in kischen, insbesondere des Kurdischen, nebst der stelle einer EU- Mitgliedschaft angeboten wer-
einem Konflikt mit den Nachbarstaaten der Re- Möglichkeit zur Ausstrahlung muttersprachli- den solle. Wenn aber nachgefragt wird, was
gion von den übrigen NATO-Staaten unter- cher Sendungen in Rundfunk und Fernsehen unter der „privilegierte Partnerschaft“ zu verste-
stützt zu werden. Nun sind aber fast alle EU- verfassungsrechtlich garantiert werden sollten. hen sei, wird recht mühsam nach einer Antwort
Staaten auch Mitglied der NATO, wie auch die Vor allem die Nationale Bewegungspartei hatte gesucht. Es soll wohl „eine Freihandelszone zwi-
Bundesrepublik Deutschland. In einem mögli- mit der Zustimmung zu diesen Reformen große schen EU und der Türkei, eine gemeinsame Au-
chen Konfliktfall mit den Nachbarstaaten der Probleme gehabt. Es folgten eine Reihe grund- ßen- und Sicherheitspolitik und Zusammenar-
Türkei kann die Bundesrepublik Deutschland legender Gesetzesänderungen mit dem Ziel, die beit beim Kampf gegen den Terror bedeuten.“16
und können die anderen EU- und NATO-Staa- Stärkung der Demokratie und der zivilen Behör-
ten nicht sagen, dies alles ginge sie nichts an. den zu erreichen. Meinungsfreiheit, der Schutz
Die EU ist auch heute schon sehr an einer fried- vor Folter, die Freiheit und Sicherheit des Indivi- DIE TÜRKEI HAT DEN PRIVILEGIERTEN
lichen Lösung des Konfliktes zwischen Israel duums, das Recht auf Privatsphäre, die Unver- STATUS LÄNGST
und Palästina interessiert und bereit, sich im letzlichkeit der Wohnung, die Kommunikations-
Nahen Osten zu engagieren und auch einen fi- freiheit, Vereinigungsfreiheit und die Gleich- Doch diesen Status, diese Partnerschaft mit der
nanziellen Beitrag zu leisten. Leider sind jedoch berechtigung der Geschlechter wurde verfas- EU, wenn man sie denn als „privilegiert“ be-
die Möglichkeiten zur Einflussnahme der EU sungsrechtlich den EU-Standards angepasst. zeichnen will, besitzt die Türkei längst: Sie ist
heute nicht im nötigen Umfang gegeben. Das Zivilgesetzbuch wurde geändert und trat im seit 1996 Mitglied der Zollunion. Das heißt,
Januar 2002 in Kraft. Dieses war erforderlich, um freier Warenaustausch zwischen der EU und der
die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf Türkei ist längst Realität, von der allerdings bis-
DIE TÜRKEI KÖNNTE DIE REGION allen Ebenen der Gesellschaft umsetzen zu kön- lang in erster Linie die EU profitiert. Seit dem
STABILISIEREN nen. Beitritt der Türkei in die Zollunion hat sich das
Die Türkei hat, was die politischen Kriterien von Außenhandelsdefizit zu Ungunsten der Türkei
Die Bundesrepublik Deutschland – und nicht Kopenhagen anbetrifft, zur Überraschung oder erhöht. Laut einer Berechnung des Präsidenten
nur sie! – versucht bereits heute, einen Beitrag auch zur Bewunderung vieler „ihre Hausaufga- der Handelskammer von Ankara, Sinan Aygün,
zur Herstellung und Sicherung des Friedens und ben erledigt“. Dieser Weg zu Demokratie und liegt das Defizit der Türkei für die Jahre 1997-
politischer Stabilität zu leisten, mit eigenen Sol- Rechtsstaatlichkeit wie auch die vollständige 2004 bei insgesamt 79,5 Milliarden Euro.17
daten im Kosovo und sogar in Afghanistan. Es Gewährung der Menschenrechte und die Ach- Eine gemeinsame Sicherheitspolitik und enge
ist längst bekannt, dass unsere Sicherheit, dass tung und Gewährung von Minderheitenrech- Abstimmung in außenpolitischen Fragen ist mit
Frieden und Wohlstand nicht allen vom Frieden ten darf jedoch nicht als ein abgeschlossener der Türkei als NATO-Mitglied seit über 50 Jah-
in Deutschland und Europa abhängt, sondern Prozess verstanden werden. Diese Ziele müssen ren selbstverständlich. Die Türkei gehört zu den
auch von Frieden und Sicherheit in anderen Re- in jeder Gesellschaft entsprechend der dynami- Ländern, die am entschiedensten beim Kampf
gionen der Welt, insbesondere auch im Nahen schen gesellschaftlichen Entwicklung immer gegen den internationalen Terrorismus enga-
Osten. Die Bedeutung, ja die Unverzichtbarkeit von neuem in ihrer Umsetzung überprüft und giert sind, und es besteht bereits eine breit ge-
des Nahen und Mittleren Ostens als wichtigste den Erfordernissen der Zeit angepasst werden. fächerte Zusammenarbeit mit den EU-Staaten.
Energieversorgungsregion der Erde steht außer Da diese Idee einer „privilegierten Partner-
Diskussion. Wie Recht hatte Atatürk mit seinem schaft“ als Alternative zur Vollmitgliedschaft
Ausspruch: „Frieden im Heimatland, Frieden in „PRIVILEGIERTE PARTNERSCHAFT“ der Türkei steht, wird sie von der Bevölkerung
der Welt.“ ALS ALTERNATIVE? der Türkei und von den Deutschlandtürken eher
Doch ihr vergleichsweise geringes politisches als „privilegierte Diskriminierung“ verstanden.
Gewicht verleiht der EU nicht die Möglichkeit, Die Staats- und Regierungschefs der EU haben Die öffentlich als Möglichkeit angekündigte,
sich mit Nachdruck für die Lösung der Konflikte am 17. Dezember 2004 darüber entscheiden, aber nach heftigen Protesten zurückgenom-
gerade im Nahen Osten einzusetzen. Dies ist ein dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei mene Unterschriftenaktion der CDU/CSU ge-
ganz gewichtiges Argument der Befürworter am 3. Oktober 2005 beginnen werden. gen den Beginn von Beitrittsverhandlungen der
einer EU-Mitgliedschaft der Türkei, um sich der Eine von den Unionsparteien vorgeschlagene EU mit der Türkei hat gezeigt, wie unsensibel
Mithilfe dieses Landes beim Ringen um Einfluss „privilegierte Partnerschaft“, was faktisch auf und unüberlegt parteipolitische Positionen mit
in dieser Region zu versichern und sich damit eine Diskriminierung der Türkei gegenüber al- wichtigen außenpolitischen Entscheidungen
längerfristig Einfluss bei der Vergabe der Ener- len bereits Vollmitglied gewordenen und noch vermischt werden.
gieressourcen zu sichern. Darauf gehe ich wei- werdenden Staaten wie Rumänien und Bulga-
ter unten ein. rien, später möglicherweise auch Kroatien und
Serbien, hinausliefe, ist in keiner Weise akzep- DIE EU SOLLTE DIE TÜRKEI
tabel, für viele gar indiskutabel. GLEICHBERECHTIGT BEHANDELN
DIE TÜRKEI HAT IHRE „HAUSAUFGABEN“ Die Unionsparteien Deutschlands versuchen
GEMACHT mit Unterstützung von Teilen der Kirchen ganz Zu einer guten Demokratie gehört Verlässlich-
entschieden zu verhindern, dass eine demokra- keit. Der Feststellung der Financial Times ist da-
Die „Türkische Gemeinde in Deutschland“ hatte tische und laizistische Türkei mit ihrer mehr- her nichts hinzuzufügen: „Die EU ist eine Ge-
die Entscheidung der Staats- und Regierungs- heitlich islamischen Bevölkerung EU-Mitglied meinschaft, deren Zusammenhalt und Ansehen
chefs der EU beim Gipfeltreffen von Helsinki, wird. Sie wollen, wie sie dies nicht selten bereits darauf beruht, Verträge und politische Zusagen
die Türkei auf die Liste der Beitrittskandidaten zum Ausdruck brachten, eine EU als christliche einzuhalten. Nicht nur in der islamischen Welt
zu setzen, ausdrücklich begrüßt und prophe- Gemeinschaft. Es ist für die Türken, vor allem wäre die Wirkung verheerend, wenn einer de-
zeit, dass dieser wichtige Schritt dem Demokra- aber für die Deutschlandtürken, verärgernd mokratischen und ökonomisch hinreichend so-
tisierungsprozess in der Türkei einen kräftigen und verletzend, wenn Unionspolitiker – keines- liden Türkei die Tür zur Vollmitgliedschaft ver-
Auftrieb geben und die rasche Umsetzung der wegs jedoch alle! – die Türkei stets als anders- schlossen bliebe.“18 Der Kommissionsbericht

102
EINE EU-FLAGGE MIT ganzen Insel davon abhängig gemacht, dass
DEM GRIECHISCHEN beide Bevölkerungsgruppen einer Vereinigung
WORT „NAI“ (JA) VON zustimmten, andernfalls sollte nur der Südteil
BEFÜRWORTERN DES der Insel der EU beitreten können. Durch dieses
UN-PLANS FÜR EINE Junktim aber bewirkte die EU das genaue Gegen-
WIEDERVEREINIGUNG teil dessen, was sie ursprünglich wollte, nämlich
DER INSEL, AUFGENOM- den Beitritt eines vereinigten Gesamtzyperns.
MEN IN NIKOSIA. DIE Der türkische Nordteil, dessen Bevölkerung den
WIEDERVEREINIGUNG Beitritt zur EU wollte, stimmte daraufhin der
ZYPERNS VOR DEM Vereinigung zu, nicht aber der griechische Sü-
EU-BEITRITT IST GE- den, dessen Beitritt ja ohnehin gesichert war.
SCHEITERT – AN EINEM Dieses Thema hat zu heftigen Kontroversen in
DEUTLICHEN NEIN DER der Türkei, sowohl im Parlament als auch unter
GRIECHISCHEN BEWOH- der türkischen Bevölkerung geführt.
NER. BEI GETRENNTEN EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn warnte
VOLKSABSTIMMUNGEN eindringlich die Mitgliedstaaten: „Wir müssen
(24.4.2004) LEHNTE jetzt fair bleiben und halten, was wir verspro-
DER GRIECHISCHE TEIL chen haben: Wenn die Türkei die strengen
DEN FRIEDENSPLAN MIT Bedingungen der EU erfüllt, werden wir die
RUND 76 PROZENT AB. Beitrittsverhandlungen beginnen. (…) Mit der
IM TÜRKISCHEN LAN- Unterzeichnung des Zollabkommens ist Ankara
DESTEIL ERGAB SICH unserer letzten Forderung nachgekommen.
DAGEGEN EIN KLARES Eine ausdrückliche Anerkennung Zyperns ge-
JA. hört nicht zu den Bedingungen. Darauf haben
picture alliance / dpa sich alle 25 Staats- und Regierungschefs auch
der französische auf dem EU-Gipfel vergange-
nen Dezember in Brüssel verständigt.“20

DIE ARMENIERFRAGE

Außerdem werden vor allem in Frankreich, aber


nicht nur dort, weitere Forderungen an die Tür-
der EU bescheinigte der Türkei, dass sie die Ko- Wenn die zukünftige europäische Verfassung kei gestellt, und zwar solle die Türkei die Ereig-
penhagener Kriterien im Allgemeinen erfüllt bei Beitrittsentscheidungen das bisherige nisse von 1915 als einen „Genozid an der arme-
hat. Er empfahl aber für den Beginn der Bei- Prinzip der Einstimmigkeit übernimmt, ist nische Bevölkerung“ anerkennen und damit die
trittsverhandlungen strengere Auflagen. eine Ablehnung des Beitritts der Türkei vor- Forderungen der Armenier akzeptieren sowie
Die Staats- und Regierungschefs der EU folg- programmiert, denn es wird einige Staaten die Beziehungen zu Armenien normalisieren.
ten dem Bericht der EU-Kommission und ent- geben, deren Bevölkerung sich gegen den Armenien ist jedoch der einzige Staat, der die
schieden sich für den Beginn von Beitrittsver- EU-Beitritt der Türkei aussprechen wird. Bei mit der Sowjetunion vertraglich vereinbarten
handlungen mit der Türkei, verschärften jedoch keinem anderen Beitrittskandidaten hat es Ostgrenzen der Türkei nicht anerkennt und die
die Auflagen für die Türkei weiter. Besorgt über derartige Überlegungen je gegeben. von Ihm besetzten Gebiete von Aserbaidschan
diese Ungleichbehandlung wandten sich im ■ Auch bei der Frage der Freizügigkeit wird von nicht zurückgeben will.
Namen von 1.430 Vereinen fünf wichtige Ver- der Türkei nicht nur für eine Übergangs-
bände der Deutschlandtürken mit einem Offe- phase, sondern eine dauerhafte Konzession
nen Brief an die Öffentlichkeit und die Staats- erwartet. Dies ist mit dem Geist und der Phi- ZUNEHMENDE SKEPSIS IN DER TÜRKEI
und Regierungschefs der EU: „Die ungleiche losophie der EU unvereinbar.
und unwürdige Behandlung der Türkei für ei- ■ Es wird bereits heute laut darüber nachge- Die oben zitierten Sonderbedingungen, die Zy-
nen Beginn der Beitrittsverhandlungen hat die dacht, für die Türkei die Unterstützungen im pern- und Armenienfrage und weitere mögli-
Beziehungen zwischen EU und Türkei bis an den Agrarbereich wie im infrastrukturellen Be- che Konditionen, wie die „privilegierte Partner-
Rand eines Bruches geführt.“19 reich gegenüber anderen Mitgliedsstaaten schaft“ der CDU sowie die andauernden Erhe-
zu minimieren. bungen über die ablehnende Haltung der Be-
■ Obwohl alle anderen Beitrittskandidaten ein völkerung in manchen EU-Staaten haben auch
UNGLEICHBEHANDLUNG IN konkretes Beitrittsdatum erhalten haben, ist in der Türkei die Diskussion über die EU-Mit-
MEHREREN BEREICHEN dies für die Türkei nicht vorgesehen. gliedschaft erneut stark belebt.
Eine stärker werdende intellektuelle Opposition
Ganz prinzipiell ist die Ungleichbehandlung der votiert zunehmend gegen eine EU-Mitglied-
Türkei im Vergleich zu den bereits im Mai 2004 DIE UNGELÖSTE ZYPERNFRAGE schaft der Türkei, weil sie deren Ungleichbe-
aufgenommenen und den noch aufzunehmen- handlung betont und die unaufrichtige Hal-
den Staaten Bulgarien und Rumänien vor allem Neuerdings wurde im Rahmen der Zypernprob- tung der EU-Staaten anprangert. „Die EU will
in fünf Bereichen eindeutig festzustellen: lematik in die Diskussion gebracht, dass die Tür- uns als gleichberechtigtes Mitglied nicht ha-
■ So genannte „ergebnisoffene Verhandlun- kei Verträge mit der Zollunion der EU auf die ben. Die Türkei darf nicht um Mitgliedschaft bit-
gen“ hat es bislang mit keinem anderen Kan- zehn neuen Mitglieder und somit auch auf das ten und betteln“, so diese Opposition.
didaten gegeben. Dies bedeutet doch, selbst geteilte Zypern ausdehnen müsse. Die Türkei Diese Auseinandersetzung blieb nicht ohne
dann, wenn die Türkei alle erforderlichen bestand darauf, dass dies nicht als Anerken- Einfluss auf die Haltung der Bevölkerung in die-
Beitrittsbedingungen erfüllt, behält sich die nung Süd-Zyperns gewertet werden dürfe. ser Frage. Votierten noch Ende 2004 rund zwei
EU das Recht vor, eine Aufnahme der Türkei Die Wiedervereinigung Zyperns wurde in einem Drittel der Bevölkerung für einen EU-Bitritt, so
in die EU abzulehnen. Bei den anderen Bei- Referendum von der griechisch-zypriotischen sank diese Zustimmung nach jüngsten Umfra-
trittskandidaten hatte die EU dieses Recht Bevölkerung abgelehnt, vom türkisch-zyprioti- gen vom Juni 2005 bis auf 55 Prozent.
nicht, wenn alle Beitrittsbedingungen erfüllt schen Teil jedoch befürwortet. Die türkische Be- In der EU herrschte die Auffassung, dass die Tür-
worden waren. völkerung sieht das ungelöste Problem Zyperns kei den EU-Beitritt „um jeden Preis“ anstrebe
■ Zum EU-Beitritt der Türkei werden in den als Produkt einer Fehlbeurteilung durch die und daher auch diskriminierende Bedingungen
Mitgliedsstaaten Referenden vorgeschlagen. EU an. Diese hatte im Vorfeld einen Beitritt der akzeptieren werde. Dadurch hatte die Türkei ihre

103
HAKKI KESKIN

Verhandlungsbasis von Beginn an sehr stark bekannt, dass es bei den andauernden Konflik- Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
eingeengt und auch die sie ungleich behandeln- ten im Nahen Osten vor allem um Einfluss- Volker Rühe. Wenn sich dieses Modell unter Ein-
den Auflagen weitestgehend hinnehmen müs- nahme und Kontrolle über die bedeutendsten beziehung der Bevölkerung auch auf andere is-
sen. Vielleicht hoffen die Gegner einer EU-Mit- Energieressourcen der Welt geht. lamische Länder übertragen ließe und damit zu
gliedschaft der Türkei hier und dort darauf, dass mehr Stabilität, Frieden und zu einer besseren
die Türkei wegen der neuen Forderungen von Befriedung der Bevölkerung beitrüge, wäre dies
selbst auf ihre EU-Mitgliedschaft verzichtet. DIE TÜRKEI ALS MODELL FÜR DEN von unschätzbarer Bedeutung. Dies wäre auch
NAHEN OSTEN der wichtigste Beitrag zur Bekämpfung von Ter-
rorismus und Gewalt in dieser Region.
WIE HANDLUNGSFÄHIG IST DIE EU? Nach Herbert Prantl ist „die Türkei das einzige
Land der Region, das eine zuverlässige, am
Die EU will neben den USA und der südostasia- Westen orientierte Außenpolitik betreibt, es ist MITGLIEDSCHAFT FÖRDERT DIE
tischen Region, vornehmlich also Japan und das einzige Land der Region mit einer laizisti- INTEGRATIONSBEREITSCHAFT
China, eine der potentesten Wirtschaftszonen schen und demokratischen Staatsform. Es ist
oder gar Wirtschaftsmächte der Welt werden. das Land, durch das Europas Öl fließt. Es ist das Ein weiteres wichtiges Moment einer zukünfti-
Eine EU, die ihre Handlungskompetenzen und Land, dessen Auswanderer die größte Minder- gen EU-Mitgliedschaft der Türkei ist, dass durch
Strategien allein auf die Ebene einer Wirt- heit in Westeuropa bilden. Es ist das Land, in sie der Integrationsprozess der EU-Türken in die
schaftsmacht einengt, bleibt in vielen oben ge- dem Dialog zwischen Christentum und Islam hiesigen Gesellschaften ganz entscheidend ge-
nannten Entfaltungs- und Gestaltungsmög- am aussichtsreichsten geführt werden kann.“22 fördert werden dürfte. Der Beginn von Beitritts-
lichkeiten handlungsunfähig. Damit reduziert Gerade eine voll in die EU integrierte demokra- verhandlungen mit der Türkei und die verbind-
sich diese große Wirtschaftskraft auf eine un- tisch und ökonomisch stabile Türkei würde auf liche Perspektive auf eine EU-Mitgliedschaft
bedeutende Nebenrolle im Vergleich zu der ein- die Menschen und Staaten vor allem im Nahen wird die Identifikation der Türken mit ihren
zig verbliebenen unilateralen Großmacht USA. und Mittleren Osten, aber auch in anderen isla- neuen Heimatländern stärken. Bereits heute
Welche Folgen eine solche Weltlage hat, erleben mischen Staaten, als ein gelungenes Modell verstehen sich die Eurotürken als eine mensch-
wir beim Vorgehen der USA im Irak im Besonde- westlicher Prägung eine große positive Wir- liche Brücke zwischen ihrem Herkunftsland Tür-
ren und im Nahen Osten im Allgemeinen. Wie kung haben. Diese würde mittelfristig den De- kei und dem neuen Heimatland in der EU.
wenig die EU hierbei heute zur Lösung der Kon- mokratisierungsprozess und die Übernahme Die EU braucht zukunftsorientierte Visionen.
flikte beitragen kann und zu welcher Bedeu- des parlamentarisch-demokratischen Systems Hierfür bietet sich der EU mit einem Mitglied
tungslosigkeit sie verkommen ist, ist gemessen in diesen Ländern befördern und zu mehr Sta- Türkei eine große, eine einmalige Chance. Und
an ihrer Wirtschaftskraft beinahe peinlich. bilität, Sicherheit und wirtschaftlicher Prospe- die Türkei braucht die EU, um ihren Kurs der
Wenn die EU diesen in der Tat inakzeptablen Zu- rität führen, was auch der EU zu Gute käme. Westorientierung unbeirrt weiter verfolgen zu
stand einer völlig einseitigen Machtkonstella- Nach Meinung der Journalistin Nilgün Cerrah- können. Die EU darf die Türkei schon aus urei-
tion in der Welt nicht hinnehmen will, braucht oğlu übt die Türkei bereits heute als demokrati- genem Interesse weder den USA allein noch der
sie, ja muss sie selbstbewusst neue Visionen sches Vorbild im Nahen Osten einen wichtigen islamisch-arabischen Welt überlassen.
haben. Die EU muss vor allem ihre politi- Einfluss aus: „Deswegen betrachte ich die Tür-
schen Handlungsmöglichkeiten neu konzipie- kei als letzte Festung Europas.“23 ANMERKUNGEN
ren, wenn sie nicht weiterhin ein politischer Die Türkei wird für viele der islamischen Länder
1 Hamburger Abendblatt, 7.10.2004.
Zwerg sein und bleiben will. ein erfolgreiches Modell darstellen und bele-
2 Die Zeit, 14.3.1997
„Europa muss zu einer gemeinsamen Außen-, gen, dass Islam und demokratischer und laizis- 3 Schmidt, H.: Sind die Türken Europäer? Nein, sie pas-
Sicherheits- und Entwicklungspolitik finden, tischer Rechtsstaat einerseits und die universa- sen nicht dazu. In: Legggewie, C. (Hrsg.): Die Türkei und
sonst bleibt die Gefahr der Spaltung, Lähmung len Menschenrechte und Werte andererseits Europa. Frankfurt am Main 2004, S. 162.
4 Interview in der Süddeutschen Zeitung, 21./22.2.2004.
und der Unfähigkeit bestehen, die sich auf dem durchaus zu vereinbaren sind. Welche Bedeu- 5 Der Tagesspiegel, 16.2.2004.
Balkan und anlässlich des Irak-Krieges gezeigt tung einer durchgreifenden Demokratisierung 6 Schmidt, H.: Wer nicht zu Europa gehört. In: Die Zeit,
hat. (…) Europa kann und sollte eine Schlüssel- gerade den islamischen Ländern zukommt, 5.10.2002.
rolle bei der Organisation multilateraler Lösun- müsste angesichts der Ereignisse seit dem 7 Tageszeitung, 10./11.4.2004.
8 AKP heißt: Adalet ve Kalkinma Partisi.
gen für globale Fragen übernehmen“21, so der 11. September jedem politisch interessierten
9 Yahoo-Nachrichten Deutschland, 5.8.2004.
Aufruf zahlreicher deutscher Wissenschaftler, Menschen klar sein. 10 Zur kritischen Würdigung des Kemalismus vgl. Keskin,
Schriftsteller, Künstler und Politiker. Eine „Integration der Türkei wäre ein Meilenstein H.: Die Türkei. Vom Osmanischen Reich zum Nationalstaat.
auf dem schwierigen Weg der Säkularisierung Berlin 1981, S. 51-130.
11 Sirmen, A.: Kemalismus und die EU (Kemalizm ve AB).
des Islam. Das ist die Vision“24, so der ehemalige In: Cumhuriyet, 22.10.2004.
DIE EU BRAUCHT DIE TÜRKEI Verteidigungsminister und außenpolitischer 12 Burgdorf, W.: Die europäische Antwort. Wir sind der
Türkei verpflichtet. In: Leggewie, C. (Hrsg.), a.a.O., S. 82.
Gerade in dieser Hinsicht braucht die EU die 13 Schmidt, H.: Wer nicht zur Europa gehört. In: Die Zeit,
5.10.2002.
Türkei als eine regionale Mittelmacht und geo- 14 Vgl. Focus, 16.2.2002.
politische Brücke zwischen Europa und dem UNSER AUTOR 15 Vgl. den Bericht der Beauftragten der Bundesregierung
Nahen Osten. Die Bedeutung dieser Region ist für Migration, Flüchtlinge und Integration. Berlin 2003,
S. 110 und 112.
nicht nur wegen der reichsten Erdöl- und Erd- Prof. Dr. Hakki 16 Die Welt, 17.9.2004.
gasreserven unumgänglich, sondern vor allem Keskin lehrt politi- 17 Cumhuriyet Hafta, 22.10.2004.
auch für die Sicherung des Friedens dort und sche Wissenschaf- 18 Financial Times, 8.8.2002.
weltweit. Dass die USA hierfür aus vielerlei ten an der Hoch- 19 Presseerklärung der Türkischen Gemeinde in Deutsch-
Gründen ohne einen aktiven Beitrag der EU schule für Ange- land, dem Koordinationsrat der Türkischen Vereine in der
Bundesrepublik Deutschland, dem Verband Türkischer Un-
nicht im Stande ist, eine friedenschaffende und wandte Wissen- ternehmer und Industrieller in Europa, der Föderation der
-sichernde Rolle zu übernehmen, erleben wir schaften Hamburg Vereinigungen zur Förderung des Gedankenguts Atatürks
in Europa sowie der Föderation der Volksvereine Türkischer
seit langem und ganz aktuell. und ist Bundes- Sozialdemokraten vom 4.12.2004.
Globalpolitische Gestaltungsmöglichkeiten vorsitzender der 20 Der Standart, 6.8.2005.
und Einflussnahmen wird Europa als eigen- Türkischen Ge- 21 Dusiburger Erklärung: Traum und Alptraum Amerika.
Dokumentation der Frankfurter Rundschau, 20.4.2004.
ständiger Machtfaktor vor allem in den Regio- meinde in
22 Prantl, H.: Der Mond unter den Füßen. Warum die Auf-
nen des Nahen- und Mittleren Ostens ohne die Deutschland. Sei- nahme der Türkei eine Chance für die EU darstellt. In: Leg-
Türkei kaum haben können. Nur gemeinsam mit ne Arbeitsschwerpunkte sind Migrations- gewie, C. (Hrsg.), a.a.O., S. 154.
der Regionalmacht Türkei in ihrer geopolitisch und Integrationspolitik. Der Beitrag in die- 23 Cerrrhoğlu, N. in: Körber-Stiftung (Hrsg.): Grenzfall Eu-
ropa. Hamburg 1999, S. 32
sehr bedeutsamen Lage kann die EU – wenn sem Heft basiert auf seinem soeben erschie- 24 Rühe, V., in einem Interview in der Süddeutschen Zei-
überhaupt – ein gewichtiger Faktor bei der Lö- nenen Buch „Deutschland als neue Heimat. tung, 20.1.2004.
sung der Probleme werden. Es ist seit langem Eine Bilanz der Integrationspolitik“

104
TROTZ ZAHLREICHER HINDERNISSE IST DIE WIRTSCHAFT IM AUFWIND

Ist die türkische Wirtschaft reif für die EU?


N ECIP C. B AGOGLU

Die EU-Tauglichkeit der Türkei ist seit gerau- nicht weiter. Dabei muss daran erinnert wer-
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mer Zeit ein kontroverses Diskussionsthema in den, dass es nicht etwa um eine Bewertung
der Türkei ist mithin ein entscheidendes fast allen Teilen der Politik und Gesellschaft, der EU-Reife der Türkei von heute geht, son-
Kriterium für den EU-Beitritt. Erinnert wobei Befürworter und Gegner einer türki- dern um die Prüfung der Frage, ob in etwa
sei daran, dass das wirtschaftliche Krite- schen Vollmitgliedschaft in der EU mit unter- zehn Jahren die Bedingungen einer EU-Mit-
rium gemäß den „Kopenhagener Krite- schiedlichsten Argumenten ihre Standpunkte gliedschaft zu erfüllen sind. Es gilt in diesem
rien“ nicht vollständig umgesetzt sein ins Feld führen. Die Diskussionen werden sehr Zusammenhang zu unterstreichen, dass es
muss, damit die Beitrittsverhandlungen oft von starken Emotionen begleitet. Während unter allen Bereichen der Gesellschaft und
beginnen können. Seit dem grundsätzli- die Befürworter des EU-Beitritts zur Unter- Wirtschaft vor allem die türkische Industrie ist,
chen Bekenntnis zur freien Marktwirt- stützung ihrer Linie auf die historisch langfris- die in Fragen der EU-Integration bislang die
schaft Anfang der achtziger Jahre befin- tige Hinwendung der Türkei zur westlichen größten Forschritte erzielt hat.
det sich die türkische Wirtschaft in einem Welt und das vor mehr als 40 Jahren von Sei- Für die verarbeitende Industrie des Landes ist
laufenden Prozess der Öffnung und Libe- ten der Europäer gemachte Versprechen über die EU längst nicht mehr eine fern liegende
ralisierung. Als herausragendes Ereig- eine Aufnahme zurückgreifen, reichen die Ar- Option, sondern wegen der Zollunion mit der
nis auf diesem Weg ist die Anfang 1996 gumente der Gegner von der geographischen EU weit gehend eine Realität des laufenden
in Kraft getretene Zollunion mit der Lage des Landes („Die Türkei liegt nicht in Eu- Geschäftslebens, die zu hoher Konkurrenzfä-
EU zu nennen. Zudem wurde mit Un- ropa“) bis hin zu kulturellen Unterschieden, die higkeit und Flexibilität zwingt, um im globalen
terstützung des Internationalen Wäh- in erster Linie mit der islamischen Religion be- Wettbewerb bestehen zu können. So ist es vor-
rungsfonds (IWF) ein ambitioniertes Re- gründet werden und aus ihrer Sicht unüber- aussichtlich auch vor allem die türkische Wirt-
formprogramm aufgelegt. Nicht nur brückbar erscheinen. schaft, die im vorgegebenen Zeithorizont die
durch Wachstumsimpulse, sondern auch Bedingungen für einen EU-Beitritt am besten
durch Strukturreformen im öffentlichen erfüllen kann. Dies unter der Voraussetzung,
Sektor und in der Finanzwirtschaft wur- DIE ANGEBLICHE dass das Entwicklungstempo der letzten Jahre
de die türkische Wirtschaft gestärkt. Die „BEVÖLKERUNGSEXPLOSION“ eingehalten werden kann. Die vorliegende
wirtschaftliche Dynamik wird jedoch Ausarbeitung zur Lage und zu den Perspekti-
durch die immer noch verbreitete Schat- Dabei wird nicht selten mit Argumenten dis- ven der türkischen Wirtschaft soll dazu beitra-
tenwirtschaft gebremst. Dieses Haupt- kutiert, die auf falschen Daten oder Halbwahr- gen, die Bewertung der EU-Fähigkeit der tür-
hindernis bei der Modernisierung der heiten beruhen. Beliebtes Argument der Geg- kischen Wirtschaft zu erleichtern.
Wirtschaft hemmt den notwendigen ner eines türkischen EU-Beitritts ist beispiels-
Strukturwandel in erheblichem Maße. weise die angebliche „Bevölkerungsexplosion“
Als weitere Hemmschuhe sind in diesem in der Türkei, die es in der Form gar nicht mehr ERHÖHTE WETTBEWERBSFÄHIGKEIT –
Zusammenhang vor allem die schwerfäl- gibt und der Vergangenheit angehört. Viel- ZOLLUNION UND LIBERALISIERUNG
lige Bürokratie und die Korruption zu mehr hat die Türkei mit einer jährlichen
nennen. Trotzdem gehen von den EU-Bei- Wachstumsrate der Bevölkerung von etwa 1,4 Seit dem grundsätzlichen Bekenntnis zur
trittsaussichten bzw. beginnenden Bei- Prozent im Vergleich zu vielen Ländern Euro- freien Marktwirtschaft Anfang der achtziger
trittsverhandlungen Katalysatoreffekte pas eine gesunde Bevölkerungsentwicklung. Jahre befindet sich die türkische Wirtschaft in
aus, womit weiter gehende Reformen in So ist auch die relativ junge Bevölkerung mit- einem laufenden Prozess der Öffnung und Li-
Gang gesetzt werden können, um die tel- bis langfristig eher als ein positiver Faktor beralisierung. Im Laufe der achtziger und
noch verbleibenden strukturellen und für die Nutzung des enormen Wachstumspo- neunziger Jahre wurde eine Reihe von Maß-
materiellen Defizite im Wirtschaftsleben tenzials zu betrachten als eine Belastung für nahmen zur Integration der türkischen Volks-
der Türkei zu beseitigen. Red. Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wachstums- wirtschaft in die Weltwirtschaft und zur Öff-
rate der Bevölkerung ist tendenziell sinkend. nung der Märkte unternommen. Als herausra-
Für den Zeitraum 2010 bis 2025 rechnen die gendes Ereignis auf diesem Weg im Verhältnis
Wirtschaftsplaner mit einem weiteren Rück- zur EU ist die Anfang 1996 in Kraft gesetzte
gang auf 1,1 Prozent pro Jahr. Zollunion mit der EU zu nennen, die für die
EU-BEITRITT WIRD KONTROVERS türkische Industrie zahlreiche neuen Chancen
DISKUTIERT auf europäischen Märkten mit sich brachte.
PROGNOSE FÜR DIE BEVÖLKERUNG Mehrere türkische Industriezweige profitieren
Im Dezember 2004 beschloss der Europäische NACH AUSGEWÄHLTEN ALTERSGRUPPEN von der Zollunion in zunehmendem Maße. Da-
Rat, zum 3. Oktober 2005 mit der Türkei die Bei- (IN 1.000 PERSONEN) bei bildet der Privatsektor mit der verarbeiten-
trittsverhandlungen für die Europäische Union den Industrie die treibende Kraft und den
(EU) aufzunehmen. Wenngleich die EU als auch Altersgruppen 2000 2010 2015 Wachstumsmotor der Wirtschaft. Die privaten
die Türkei davon ausgehen, dass die Verhand- Investitionen legten 2004 um 45,5 Prozent zu,
0-14 19.717 19.415 19.945
lungen einen Zeitraum von mindestens zehn nachdem sie bereits 2003 um 20,3 Prozent ge-
Jahren in Anspruch nehmen, ist der Beitritt so 15-64 44.410 51.408 54.394 stiegen waren. Viele Unternehmen des produ-
umstritten wie bei keinem der bisher beigetre- 65+ 3.659 4.455 5.495 zierenden Gewerbes, vor allem auch kleine und
tenen Länder. Mit einer Bevölkerung von rund Insgesamt 67.786 75.258 79.834 mittelständische Unternehmen, investieren im
73 Millionen Menschen geht es um ein Poten- Rahmen von Modernisierungs- und Rationa-
zial, das in etwa dem der zum 1. Mai 2004 bei- Quelle: Staatsinstitut für Statistik lisierungsprojekten in neue Maschinen und
(Devlet Istatistik Enstitüsü – DIE), Ankara
getretenen osteuropäischen Länder (Polen, Un- Ausrüstungen.
garn, Tschechische Republik, Slowakei, Slowe-
nien, Estland, Lettland und Litauen) entspricht. WELCHE EU-REIFE GIBT DEN AUSSCHLAG?
Das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro WACHSTUMSBRANCHEN
Einwohner in US-Dollar lag Ende 2003 etwa bei Für eine realistische Einschätzung der EU-Fä-
60 Prozent des Niveaus von Polen, bei etwa 40 higkeit der Türkei bedarf es einer erhöhten Im Mittelpunkt der Investitionen stehen der
Prozent des Niveaus der Tschechischen Repub- Versachlichung der Diskussion. Die positiven Fahrzeugbau, einschließlich Zulieferindustrien,
lik und etwa 25 Prozent des Niveaus von Slowe- sowie negativen Faktoren müssen einer sorg- die chemische Industrie, der Maschinenbau, die
nien. Diese Tatsachen stellen sowohl die Türkei fältigen und vorurteilsfreien Überprüfung un- Elektronik und Elektrotechnik, des Weiteren die
wie auch die EU vor große Herausforderungen. terzogen werden. „Glaubenskriege“ führen Informations- und Kommunikationsbranche

105
EINE ZWEIGSTELLE DES TÜRKISCHEN MOBILFUNKBE-
TREIBERS TURKCELL IN ISTANBUL. DIE MOBILFUNKSPARTE men für chemische Produkte schätzt der türki- im Dienstleistungsgewerbe ist der lokale Markt
UND DIE DAMIT VERBUNDENEN DIENSTLEISTUNGEN sche Fachverband auf insgesamt rund 20 Mrd. von einer Sättigung noch weit entfernt.
VERZEICHNEN EIN STARKES WACHSTUM. US-Dollar. Dieser Markt wächst um mindestens Der jährlich um ca. 20 Prozent wachsende Markt
picture alliance / dpa 10 Prozent pro Jahr. Von der günstigen Entwick- für Informations- und Kommunikationstechnik
lung profitieren alle Sparten des Chemiesek- (ICT) profitiert vor allem von der Anfang 2004
tors. wirksam gewordenen Marktliberalisierung mit
Das Wachstum im Maschinenbau wird 2005 ca. spürbarer Senkung der Telekommunikations-
12 Prozent erreichen. Wegen des allgemeinen gebühren. Der Markt besitzt nach Einschätzung
sowie Projekte der Logistikunternehmen. Die Konjunkturaufschwungs und des immensen von Branchenvertretern ein enormes Wachs-
Effekte dieser Projekte auf den Arbeitsmarkt Nachholbedarfs bei Ausrüstungsinvestitionen tumspotenzial. Die zahlreichen Projekte des Pri-
sind zunächst gering. Die Rationalisierungs- besteht bei den Produktionsbetrieben großes vatsektors zur Einführung von Online-Diensten
maßnahmen führen teilweise gar zum Abbau Interesse an neuen Projekten zum Aufbau zu- und mobilen Mehrwertdiensten sowie die E-Go-
von Arbeitsplätzen. sätzlicher Kapazitäten und zur Modernisierung vernment-Initiative der türkischen Regierung
bestehender Anlagen. Die Nachfrage nach zur Modernisierung der öffentlichen Verwal-
Werkzeugmaschinen und Metallbearbeitungs- tung bewirken neue Wachstumsimpulse. Der
AUTOMOBILINDUSTRIE, CHEMIESEKTOR technologien entwickelt sich besonders güns- hohe Rationalisierungsbedarf sorgt für lebhafte
UND MASCHINENBAU tig. Dieser Bereich wächst mit einer Jahresrate Nachfrage nach Hardware- und Softwarepro-
von etwa 25 Prozent. In den aufstrebenden ana- dukten.
Hervorzuheben ist die türkische Automobilin- tolischen Provinzen, wie Konya, Kayseri und Ga- Besonders stark wachsen die Mobilfunksparte
dustrie (einschließlich Kfz-Teile und Kfz-Kom- ziantep, entstehen zahlreiche kleine und mittel- und die damit verbundenen Dienstleistungen.
ponenten), die vor der Einrichtung der Zollu- ständische Betriebe, die zu relativ niedrigen Die Gesamtzahl der Mobiltelefonabonnenten
nion zum größten Kritiker dieses Projektes Kosten Maschinen guter Qualität herstellen. wird Ende 2005 (2004) voraussichtlich 37 (33)
zählte, inzwischen jedoch dank dieser Integra- Millionen erreichen. Das Internet und Online-
tion mit dem EU-Markt große Exporterfolge Dienste erfreuen sich zunehmender Beliebt-
verzeichnet und zu einem der größten Export- ELEKTROTECHNIK, INFORMATIONS- UND heit. Dabei ersetzen auf E-Commerce ausge-
branchen des Landes aufgestiegen ist. Die Kfz- KOMMUNIKATIONSTECHNIK richtete Online-Dienste zunehmend die reinen
Industrie entwickelt sich in einem atemberau- Internet-Zugangsdienste. Die Zahl der Inter-
benden Tempo mit kräftigen Zuwachsraten bei Der Markt für elektronische und elektrotechni- net-Nutzer soll Ende 2005 (2004) zusammen 15
der Produktion, den Exporten und Importen. sche Erzeugnisse besitzt eine große Dynamik. (10) Millionen ausmachen. Elektronische Trans-
Große lokale Branchenunternehmen (Lizenz- Die Expansion, die anfänglich im Wesentlichen aktionen (B2B, B2C) über das Internet dürften
fertigung), wie Fiat, Renault, Ford, Toyota und von den steigenden Exporten getragen wurde, in den kommenden Jahren zunehmen. Stark ex-
Nissan, die in der Vergangenheit hauptsächlich stützt sich mittlerweile auch auf die zuneh- pandiert ferner die Nachfrage nach Diensten
auf dem Inlandsmarkt tätig waren, verfolgen mende Inlandsnachfrage. Die wachsende Be- von Call Centern für die Kundenbetreuung und
ehrgeizige Expansions- und Exportpläne. Dies völkerung und die zunehmende Kaufkraft las- das Marketing.
gilt auch für die Nutzfahrzeugsparte. Omnibus- sen erwarten, dass die lokale Nachfrage sich
und Lastkraftwagenhersteller, wie Mercedes weiter erhöhen wird. Auch der vom Privatsek-
und M.A.N., bauen die Fertigung zügig aus. tor vorangetriebene Ausbau der industriellen LOGISTISCHE DIENSTLEISTUNGEN
Auch der Chemiesektor expandiert massiv. Die Kapazitäten löst neuen Bedarf an elektrotech-
steigende Industrieproduktion führt allgemein nischen und elektronischen Vorrichtungen aus. Der Markt für logistische Dienstleistungen
zu einer wachsenden Nachfrage nach chemi- Angesichts des erheblichen Nachholbedarfs bei dürfte 2005 um mindestens 20 Prozent wach-
schen Erzeugnissen. Das jährliche Marktvolu- den privaten Haushalten, in der Industrie und sen. Die kräftig expandierende Produktion so-

106
Ist die türkische Wirtschaft reif für die EU?

wie der wachsende Binnen- und Außenhandel dingungen erschwerten ein langfristiges Enga- kann nun nach rationellen wirtschaftlichen Er-
lösen zusätzlichen Bedarf an Transport-, Lager- gement der Unternehmen und Investoren. Mit fordernissen gestaltet werden. Die autonome
und Distributionsdiensten aus. Die günstigen dem Amtsantritt der Regierung unter Minister- Zentralbank konzentriert sich im Wesentlichen
Perspektiven führen zu einem verstärkten En- präsident Recep Tayyip Erdogan Ende 2002 mit nur noch auf das makroökonomische Ziel der
gagement ausländischer Firmen auf dem türki- der absoluten Parlamentsmehrheit der AKP Geldwertstabilität und ist nicht mehr bereit,
schen Logistiksektor. Hauptbeweggründe sind (Adalet ve Kalkinma Partisi = Partei für Gerech- zwecks Exportförderung die türkische Wäh-
die vergleichsweise niedrigen Lohnkosten und tigkeit und Entwicklung) scheinen stabile rung abzuwerten oder anderen politisch moti-
die günstige geographische Lage der Türkei Verhältnisse mit psychologisch günstigen Aus- vierten Wünschen von Interessensgruppen zu
zwischen Europa und Asien. Damit eignet sich wirkungen auf das Geschäfts- und Investi- folgen. Dementsprechend ergibt sich der freie
das Land in besonderem Maße für die Einrich- tionsklima geschaffen zu sein. Wechselkurs grundsätzlich nur noch auf der
tung von regionalen Logistikzentren. Grundlage von Nachfrage und Angebot auf
dem Devisenmarkt.
EHRGEIZIGES REFORMPROGRAMM MIT
FREMDENVERKEHR ALS DEVISENQUELLE UNTERSTÜTZUNG DES IWF
BEACHTLICHE ERFOLGE BEI DER
Der Fremdenverkehr bildet eine wichtige Devi- Mit der schweren Wirtschaftskrise des Jahres INFLATIONSBEKÄMPFUNG
seneinnahmequelle für die türkische Wirt- 2001, der tiefsten Rezession im Lande seit dem
schaft und leistet einen bedeutenden Beitrag Ende des Zweiten Weltkrieges, mit einer realen Die stabilitätsorientierte und restriktive Geld-
zum Ausgleich der Leistungsbilanz. Die Touris- Schrumpfung des Bruttosozialprodukts von 9,4 politik der Zentralbank bildet die Grundlage der
museinnahmen, einschließlich der Devisenaus- Prozent kam die Erkenntnis, dass ohne grund- großen Fortschritte bei der Inflationsbekämp-
gaben von Auslandstürken während ihres Tür- sätzliche Strukturreformen eine gesunde Wirt- fung. Dank dieser Politik ging – im Zusammen-
keibesuchs, die 2003 zusammen 13,2 Mrd. US- schaftsentwicklung und stetiges Wachstum wirken mit anderen Strukturreformen – der
Dollar betrugen, werden nach Schätzungen der nicht möglich sind. Mit Unterstützung des In- jährliche Anstieg der Verbraucherpreise von
Regierung im Jahre 2005 (2004) auf rund 18,0 ternationalen Währungsfonds (IWF) wurde ein 69,5 Prozent Ende 2001 auf 9,3 Prozent Ende
(16,0) Mrd. US-Dollar steigen. Die historischen, ambitiöses Reformprogramm aufgelegt, das 2004 kontinuierlich zurück. Die Projektionen
kulturellen und natürlichen Sehenswürdigkei- von einem Beistandsabkommen (2002 -2004) der Regierung sehen für Ende 2005 eine Jahres-
ten machen das Land an der Schnittstelle zwi- mit dem IWF begleitet wurde. Mit dem Stand- inflation von 8,0 Prozent und für Ende 2006
schen Europa und dem Nahen Osten zu einem by-Abkommen und der Bereitstellung von eine Rate von 5,0 Prozent voraus. Die Zentral-
attraktiven Reiseziel für Urlauber aus aller Welt. großzügigen Finanzhilfen sollten nicht nur bank geht davon aus, dass der Rückgang der seit
Wachstumsimpulse für die türkische Wirt- drei Jahrzehnten beklagten chronisch hohen
schaft in Gang gesetzt, sondern über durch- Inflation von Dauer sein wird. Aufgrund dieser
VOM „KRANKEN MANN AM BOSPORUS“ greifende Strukturreformen im öffentlichen positiven Erwartungen wurde Anfang 2005 die
ZUM WIRTSCHAFTSPARTNER Sektor und in der Finanzwirtschaft auch die „Neue Türkische Lira“ (Yeni Türk Lirasi – YTL) zum
Stabilität der türkischen Wirtschaft gegenüber Umtauschverhältnis von 1 YTL = 1.000.000 TL
Die Marktliberalisierung der letzten zwei Jahr- unerwarteten externen Ereignissen bzw. Ände- eingeführt. Mit der Streichung von sechs Nul-
zehnte war von zwischenzeitlich auftretenden, rungen gestärkt werden. len bei der alten Türkischen Lira (TL) erhielt die
teilweise schweren Wirtschaftskrisen begleitet, Eine der wichtigsten Auflagen des IWF bestand neu gewonnene monetäre Stabilität auch for-
die für die Geschäftswelt und Industrie herbe in der Forderung nach einem Primärüberschuss melle und psychologische Unterstützung.
Rückschläge bedeuteten. So kam es zu einer äu- von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Verbunden mit der günstigen Entwicklung
ßerst unstetigen Entwicklung mit starken Auf- Staatshaushalt (Haushaltsüberschuss ohne an der „Inflationsfront“ war der erfreuliche
und Abwärtsbewegungen und Verunsicherun- Berücksichtigung von Zinszahlungen auf die Rückgang der hohen Zinsen, wenn auch der
gen bei Unternehmen. Der Grund für diese Kri- Staatsschuld). Dieser Primärüberschuss wird türkische Realzins mit ca. 9 Prozent Mitte
senanfälligkeit der türkischen Wirtschaft war für die Aufrechterhaltung der internationalen 2005 vergleichsweise immer noch hoch ist.
vor allem in den ungelösten Strukturproblemen Kreditfähigkeit des Landes als notwendig er- Die im historischen Vergleich niedrigeren Zin-
zu suchen. Wegen der noch zu geringen inter- achtet. Auch im neuen Beistandsabkommen sen spielen bei der Stabilisierung des türki-
nationalen Ausrichtung und vornehmlich auf (2005–07) wird diese Auflage aufrechterhalten. schen Staatshaushaltes eine wichtige Rolle, zu-
den Inlandsmarkt ausgerichteten Produktions- Auf der Grundlage dieser Reformen mit einem mal wegen der hohen Verschuldung mehr als
tätigkeit der Industrie endete jeder Auf- umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Sanie- 40 Prozent der Budgetausgaben aus Zinszah-
schwung nach einer gewissen Zeit in einer Fi- rung der Wirtschaft erhielt die türkische Wirt- lungen bestehen. Bereits eine geringfügige
nanzkrise in der Form von Devisenknappheit, da schaftspolitik eine neue Qualität, die von der Reduzierung der Zinssätze hat große positive
die Exporterlöse und andere Fremdwährungs- neu gewonnenen politischen Stabilität ge- Auswirkungen auf den Haushalt und bringt Er-
einnahmen des Landes nicht ausreichten, die stützt wurde. Bereits in den Jahren 2001 und leichterungen beim Schuldendienst. Die Ergeb-
infolge der Wirtschaftsbelebung gestiegenen 2002 verabschiedete das türkische Parlament nisse der Haushaltsrechnung belegen diesen
Importe zu finanzieren. eine Reihe von wichtigen Gesetzen, die den Weg Trend deutlich.
Die politische Instabilität und die sich daraus für eine reibungslose Durchführung der Refor- Die nachhaltige Senkung der Inflation und der
ergebende Unzuverlässigkeit bzw. Unbere- men freimachten. Dazu zählten unter anderem Zinsen ist umso positiver zu bewerten, als sie in
chenbarkeit der Wirtschaftspolitik waren in der das Gesetz für das öffentliche Beschaffungs- einem Umfeld starken Wirtschaftswachstums
Vergangenheit Hindernisse für eine gesunde wesen, das Gesetz zur Sanierung der Banken, zustande kam. So wird das türkische Bruttoso-
Entwicklung der Wirtschaft. Fast über drei das Tabakgesetz, das Gesetz zur Liberalisierung zialprodukt nach 5,9 Prozent im Jahre 2003 und
Jahrzehnte wurde die Türkei von Koalitionsre- des Energiemarktes (Elektrizität, Erdgas) und 9,9 Prozent im Jahre 2004 voraussichtlich auch
gierungen unter Beteiligung verschiedener das Gesetz zur Liberalisierung des Telekommu- im Jahre 2005 wieder ein reales Wachstum von
Parteien und unterschiedlicher politischer nikationsmarktes. Alle Reformgesetze traten mindestens 5,0 Prozent erreichen. Die Indus-
Richtungen geführt. Die immer wieder auftau- nach einer gewissen Übergangszeit in Kraft und trieproduktion verzeichnet aufgrund der stei-
chenden Streitigkeiten zwischen den Koali- sorgen zwischenzeitlich für mehr Wettbewerb genden Exporttätigkeit der Unternehmen eine
tionspartnern (z.B. in Fragen der Privatisierung, auf dem Markt, woraus sich neue Geschäfts- kräftige Expansion. Die türkischen Ausfuhren
Steuerpolitik, EU-Integration u.ä.) und die per- und Investitionschancen für in- und ausländi- konnten 2004 gegenüber dem Vorjahr um 33,0
sönlichen Querelen zwischen den Politikern be- sche Unternehmen ergeben. Prozent auf 63,0 Mrd. US-Dollar erhöht werden.
einträchtigten die Qualität der Wirtschafts- Einen besonders wichtigen Punkt des wirt- Gleichzeitig stiegen die türkischen Importe um
politik erheblich und verhinderten rationelle schaftlichen Reformprogramms bildete die seit 40,4 Prozent auf 97,3 Mrd. US-Dollar. Das sich
Entscheidungen mit langfristigen Auswirkun- dem Mai 2001 geltende Unabhängigkeit der u.a. aus den steigenden Importen ergebende
gen auf das Geschäftsklima. türkischen Zentralbank (Merkez Bankasi). Da- Handelsbilanz- bzw. Leistungsbilanzdefizit er-
Die fehlende Kontinuität in der Politik und die mit wurde die Geld- und Kreditpolitik der No- scheint finanzierbar, zumal auch die Exporte
Labilität der wirtschaftspolitischen Rahmenbe- tenbank von politischen Vorgaben gelöst und stark zunehmen und die Tourismuseinnahmen

107
NECIP C. BAGOGLU

einen erfreulichen Verlauf zeigen mit günstigen tumsraten von mindestens 5,0 Prozent pro Jahr Anteil der Schattenwirtschaft in der Türkei, der
Effekten auf die Dienstleistungsbilanz. bis zum Jahre 2015, sinkender Staatsverschul- nach Angaben von Prof. Osman Altug von der
dung und Inflation sowie einer offensiven Au- Marmara-Universität in Istanbul im Durch-
ßenwirtschaftspolitik verheißt die Türkei ein schnitt bis auf 60 Prozent der volkswirtschaft-
REFORMEN IM ÖFFENTLICHEN SEKTOR außerordentlich interessanter Markt für euro- lichen Leistung geschätzt wird und in einigen
päische Unternehmen zu bleiben. Branchen gar noch höher liegt, ist mit einer
Die Reformmaßnahmen im öffentlichen Sektor Trotz der allgemein günstigen Wirtschaftsent- Reihe von negativen Auswirkungen auf das
betreffen den Personalabbau, die Privatisierung wicklung und einer Reihe von Reformen im Wirtschaftleben verbunden.
von Staatsbetrieben und die Neustrukturierung Wirtschaftsleben bleiben allerdings noch viele Die zahlreichen Betriebe des produzierenden
der staatlichen Sozialversicherungssysteme. In Fragen ungelöst. Vor allem eine substanzielle Gewerbes, die ohne jede staatliche Aufsicht ih-
diesen Bereichen und in der staatlichen Finanz- Erhöhung der ausländischen Direktinvestitio- ren Geschäften nachgehen, führen nicht nur zu
politik sind die Reformfortschritte im Vergleich nen blieb bislang ohne großen Erfolg, wenn enormen Steuerausfällen für den Staat, son-
zur Geld-, Kredit- und Währungspolitik weniger auch seit Anfang 2005 leichte Verbesserungen dern stellen auch für die legal operierenden Fir-
stark ausgeprägt, da hier größere politische Wi- sichtbar werden. Die Ergebnisse der Vergan- men wichtige Konkurrenten dar, die wegen ih-
derstände überwunden werden müssen. Der genheit sind jedoch äußerst bescheiden. Im rer „Befreiung“ von Steuern und sonstigen Ab-
Abbau der Überbeschäftigung in vielen Staats- Zeitraum 1980 bis 2002 wurden laut offiziellen gaben weit kostengünstiger produzieren und
unternehmen bzw. Behörden verläuft langsa- Statistiken in der Türkei ausländische Kapital- ihre Erzeugnisse zu vergleichsweise niedrigen
mer als vorgesehen. Die geplante Privatisierung investitionen in Höhe von insgesamt 34,0 Mrd. Preisen auf den Markt werfen können. Dieser
der größeren Staatsgesellschaften blieb bislang US-Dollar genehmigt; davon jedoch nur Pro- Zustand bringt enorme Wettbewerbsverzer-
ohne Erfolg. Großunternehmen, wie Türk Tele- jekte im Wert von 15,8 Mrd. US-Dollar tatsäch- rungen auf dem Markt mit sich und behindert
kom, Turkish Airlines, Tüpras (Erdölraffinierung), lich realisiert. die Entwicklung der legal arbeitenden Betriebe
Erdemir (Stahlproduktion) und Petkim (Petro- in erheblichem Maße.
chemie), konnten trotz mehrfacher Anläufe bis Wegen der fehlenden offiziellen und statisti-
Mitte 2005 noch nicht privatisiert werden. WEITVERBREITETE SCHATTENWIRTSCHAFT schen Erfassung der Schattenwirtschaft dürfte
Bedeutendes Wirtschaftswachstum seit der Fi- ALS HAUPTÜBEL auch das tatsächliche Bruttosozialprodukt der
nanzkrise 2001, entscheidende Reformfort- Türkei einen weit höheren Wert erreichen als die
schritte, die geographische Lage an der Naht- Die weitverbreitete Schattenwirtschaft mit of- vom staatlichen Planungsamt DPT (Devlet
stelle zwischen Europa und Asien und die inten- fiziell nicht erfassten illegalen Produktions- Planlama Teskilati) für 2004 geschätzten rund
siven Bemühungen um eine Integration in die und Handelsaktivitäten bildet weiterhin das 300,0 Mrd. US-Dollar. Entsprechend müsste
EU haben die Türkei in den letzten Jahren ver- Haupthindernis bei der Modernisierung der auch das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkom-
stärkt ins Blickfeld von Unternehmern und Po- Wirtschaft und behindert den notwendigen men von ca. 4.000 US-Dollar pro Jahr auf über
litikern gebracht. Mit prognostizierten Wachs- Strukturwandel in erheblichem Maße. Der hohe 7.000 US-Dollar korrigiert werden.

MITTELFRISTIGE WIRTSCHAFTSPROJEKTIONEN IM ÜBERBLICK

Indikator 2006 2007 2008


BIP-Wachstum (real, in %) 5,0 5,0 5,0
BIP in Mio. YTL, zu lfd. Preisen 536.259 588.155 642.266
BIP in Mrd. US$, zu lfd. Preisen 364,9 392,5 422,4
BIP pro Einwohner in US$ 4.981 5.289 5.621
Verbrauch (reale Änderung in %) 3,5 3,6 3,7
- staatlich 0,6 0,7 0,5
- privat 4,0 4,1 4,2
Investitionen (reale Änderung in %) 9,8 10,1 8,3
- staatlich 2,8 0,8 3,4
- privat 12,4 13,2 9,8
Export von Waren u. Dienstleistungen (reale Änderung in %) 11,0 10,6 10,4
Import von Waren u. Dienstleistungen (reale Änderung in %) 9,3 9,8 8,9
Bevölkerung (in 1.000 Einwohner) 73.254 74.208 75.154
Arbeitslosigkeit (in %) 10,0 9,8 9,6
Inflationsrate (jährlicher Anstieg der Verbraucherpreise zum Jahresende in %) 5,0 4,0 4,0
Warenexporte (fob, in Mrd. US$) 84,1 93,7 105,8
Warenimporte (cif, in Mrd. US$) 122,6 133,7 146,8
Handelsbilanzdefizit (in Mrd. US$) 38,5 40,0 41,0
Leistungsbilanzdefizit/BIP (in %) -4,0 -3,5 -3,1
Außenhandelsvolumen/BIP (in %) 56,7 57,9 59,8
Staatseinnahmen/BIP (in %) 44,0 42,7 42,0
Staatsausgaben/BIP (in %) 46,8 44,2 42,3
Staatliche Zinszahlungen/BIP (in %) 9,3 7,7 6,6
Kreditbedarf der öffentlichen Hand/BIP (in %) 2,6 1,4 0,1
Bruttostaatsschuld/BIP (in %) 71,5 68,2 63,5
Nettostaatsschuld/BIP (in %) 56,5 52,8 47,8

Quelle: Wirtschaftsplan 2006 - 08 (Ministerratsbeschluss Nr. 2005/8873 vom 23.5.05)

108
Ist die türkische Wirtschaft reif für die EU?

SCHATTENWIRTSCHAFT VERHINDERT UMFANG DER SCHATTENWIRTSCHAFT IN DER TÜRKEI


AUSLANDSINVESTITIONEN
Branche Illegale Produktion* Anteil an der Gesamt-
Die mit der Schattenwirtschaft zusammenhän- (in Mio. US$) produktion (in %)
genden Unsicherheiten und Unwägbarkeiten
stellen negative Gesichtspunkte für potenzielle Frische Molkereierzeugnisse 1.300 88
ausländische Investoren dar, die sich in der Tür- Trinkmilch 480 80
kei engagieren wollen und rechtliche Rahmen-
Heimtextilien 2.500–3.000 60
bedingungen mit geordneten Verhältnissen er-
warten. Landesbeobachter erwarten allerdings, Verbraucherchemikalien 1.400 50
dass im Zuge der Wirtschaftsreformen und der Möbel 1.000 30
fortschreitenden EU-Annäherung der Türkei Speiseeis 100 30
die Teile der Wirtschaft, die derzeit noch im Un-
tergrund operieren, in die Legalität überwech- Schuhe 600 25
seln. Die hohen Steuern und Sozialabgaben für Mobiltelefongeräte 300 20
Unternehmen sowie die unzureichenden staat- Speiseöle 100–150 20
lichen Kontrollen sind die wichtigsten Gründe,
Erdölprodukte 2.500–3.000 15
die in der Vergangenheit zu einer gewaltigen
Ausweitung der illegalen Geschäftsaktivitäten Tomatenmark 30 10
führten. Geflügel 55 5
Die arbeitsfähige Bevölkerung in der Türkei
wurde vom DPT für Mitte 2004 mit 24,5 Millio- *) Schätzung pro Jahr
Quelle: Türkische Wirtschaftszeitschrift „Capital“, Ausgabe November 2004
nen Personen angegeben. Die Beschäftigung
bezifferte die Behörde mit 22,2 Millionen Per-
sonen. Davon arbeiten rund 2,0 Millionen Ar- aus der Möbel- und Schuhindustrie gemeldet. verlust und in Verbindung mit der Korruption
beitnehmer im öffentlichen Dienst. Weitere 6,5 Umfangreiche Produktionstätigkeit ohne offi- zu hohen Einstandskosten.
Millionen Personen sind bei den Sozialversiche- zielle Erfassung und Aufsicht findet ferner im Etwa 90 Prozent der Firmen, die im Jahre 2004
rungssystemen (SSK und Bag-Kur) registriert. Bereich von Verbraucherchemikalien statt. In im Rahmen einer Untersuchung der Handels-
Die restliche Beschäftigung erfolgt offensicht- diesem Bereich ist von einem Produktionswert kammer Istanbul (Istanbul Ticaret Odasi/ITO)
lich außerhalb legaler Grenzen ohne soziale Ab- der Hinterhofhersteller von jährlich ca. 3,5 Mrd. über die negativen Auswirkungen von willkür-
sicherung. US-Dollar die Rede. Die illegale Produktion be- lichen und inkompetenten Handlungen in Be-
trifft vor allem Waschmittel, Seife, Kosmetika, hörden befragt wurden, sehen sich durch das
Farben und Lacke. Es wird allerdings ein Rück- inkorrekte Verhalten der staatlichen Stellen in
SCHATTENWIRTSCHAFT IM gang der Aktivitäten in diesen Bereichen erwar- ihren Aktivitäten behindert. Dieses ungünstige
LEBENSMITTELSEKTOR tet. Umfangreiche Schwarzmarktaktivitäten Ergebnis hat die Handelskammer dazu veran-
werden nicht zuletzt mit geschmuggelten lasst, die Regierung und die städtischen bzw.
Die Schattenwirtschaft ist vor allem in der Le- Kraftstoffen bzw. Erdölprodukten betrieben. kommunalen Behörden dazu aufzufordern, Ge-
bensmittelerzeugung sehr verbreitet. Hier füh- Der jährliche Gesamtabsatz von Erdölproduk- nehmigungsprozeduren zu vereinfachen und
ren die schlechten hygienischen Bedingungen ten beträgt in der Türkei etwa 17,0 Mio. Tonnen. die Lizenzierungspraxis zu verbessern.
bei der Produktion zu erheblichen Qualitäts- Dabei erreichen die Schwarzmarktgeschäfte Die von der ITO befragten insgesamt 15.000 Un-
minderungen und bedrohen die Gesundheit der ein Volumen von etwa 2,5 Mio. Tonnen mit ei- ternehmen bestanden zu 67 Prozent aus klei-
Bevölkerung. Insbesondere im Bereich von nem geschätzten Marktwert von 2,5 Mrd. bis nen, zu 27 Prozent aus mittleren und zu 6 Pro-
Molkereiprodukten, für die in der Türkei tradi- 3,0 Mrd. US-Dollar. zent aus großen Betrieben. Mit einem Anteil von
tionell ein großer Absatzmarkt besteht, arbeitet Ein weiterer Tätigkeitsbereich für Schwarz- 34,1 Prozent bildeten Betriebe der verarbeiten-
der größte Teil der Betriebe illegal. händler ist der Markt für Mobiltelefongeräte. den Industrie mehr als ein Drittel der Firmen, die
Auch die unkontrollierte Erzeugung von pflanz- Nach Angaben der Handelskammer Istanbul an der Umfrage teilnahmen. Weitere 32,9 Pro-
lichen Speiseölen, wie Olivenöl, Sonnenblu- werden jährlich 0,8 Mio. bis 1 Mio. Mobilfunk- zent der Befragten stammten aus dem Han-
menöl, Maiskeimöl und Sojaöl, verursacht hohe geräte auf verschiedenen Wegen in die Türkei dels- und Dienstleistungsbereich. Der Rest ver-
Schäden und gefährdet die Gesundheit der Ver- hereingeschmuggelt und über verschiedene teilte sich auf andere Wirtschaftszweige. Die
braucher. Der Präsident des türkischen Verban- Kanäle zu niedrigen Preisen auf den Markt ge- Befragung befasste sich in erster Linie mit Prob-
des der Speiseölhersteller, Faruk Sari, schätzt, bracht. Allein die damit verursachten Steuer- lemen, die bei der Einrichtung bzw. Genehmi-
dass von den jährlich konsumierten 750.000 ausfälle für den Fiskus werden auf jährlich rund gung von Betrieben entstehen.
Tonnen Speiseölen 100.000 bis 150.000 Tonnen 125 Billionen Türkische Lira geschätzt.
aus illegalen Produktionsstätten stammen. Al-
lein im Olivenölbereich, wo Familienunterneh- „SPENDEN“, BEZIEHUNGEN,
men dominieren, ist von einer Schwarzproduk- BÜROKRATIE UND KORRUPTION ALS „HILFSGELDER“ UND BÜROKRATIE
tion von rund 50.000 Tonnen die Rede, die mehr REFORMHINDERNISSE
als 60 Prozent der inländischen Nachfrage be- Als inakzeptabel und misslich bezeichneten die
friedigt. Bei der Geflügelfleischproduktion ist Mehrere Faktoren wirken sich weiterhin nega- Firmen aus dem Bereich des produzierenden Ge-
dagegen der illegale Anteil mit 5 Prozent ver- tiv auf das Wirtschaftsleben und die Investi- werbes und des Handelssektors an erster Stelle
gleichsweise niedrig. tionsbereitschaft aus. Zu nennen sind in diesem die von vielen öffentlichen Stellen bei der Bear-
Zusammenhang vor allem die schwerfällige beitung von Genehmigungsanträgen und bei
Bürokratie und die Korruption in der Ver- anderen Vorgängen verlangten „Spenden“ und
WEITERE SCHWARZMARKTAKTIVITÄTEN waltung. Die bürokratischen Behinderungen „Hilfsgelder“, für die keine gesetzlichen Grund-
stellen traditionell ein von den meisten Unter- lagen bestehen. Die Firmen aus dem Dienstleis-
Doch nicht nur der Nahrungsmittelsektor ist nehmen beklagtes Investitionshindernis dar. tungssektor vertraten mehrheitlich die Auffas-
ein beliebtes Betätigungsfeld für illegale Her- Managementabteilungen von Firmen müssen sung, dass in den Behörden ohne gute Bezie-
steller. Zu nennen ist in diesem Zusammen- in der Türkei schätzungsweise 20 Prozent ihrer hungen oder ohne Bezahlung von Bestechungs-
hang die Heimtextilbranche. Hier schätzen Arbeitszeit für die Bewältigung von Problemen geldern keine Ergebnisse zu erzielen seien.
Branchenvertreter den Umfang der rechts- aufwenden, die auf die öffentliche Verwaltung Als die öffentlichen Stellen mit höchstem
widrigen Produktion auf 500.000 bis 600.000 zurückzuführen sind. Die von den verschiede- Schwierigkeitsgrad sehen die Unternehmen die
Tonnen pro Jahr im Wert von etwa 2,5 Mrd. nen Behörden verursachten Schwierigkeiten kommunalen Behörden bzw. die städtischen
US-Dollar. Ähnliche Entwicklungen werden führen bei Unternehmen zu erheblichem Zeit- Verwaltungen, die in der Regel die Zuständig-

109
NECIP C. BAGOGLU

ECHT ODER UNECHT? – EINE TYPISCHE MARKTSZENE IN DER TÜRKEI. SCHWARZMÄRKTE, SCHATTENWIRTSCHAFT UND MARKENPIRATERIE FÜHREN ZU HOHEN SCHÄDEN IN DER PRIVAT-
WIRTSCHAFT UND ÖFFENTLICHEN FINANZWIRTSCHAFT. picture alliance / dpa

keiten für die Erteilung von Lizenzen besitzen. die nicht quittiert würden. Ohne diese „Be- Erteilung von Aufträgen durch die öffentlichen
An zweiter Stelle auf der Rangliste der Prob- schleunigungsgelder“ sei eine korrekte und zü- und kommunalen Projektträger spielen per-
lemverursacher stehen die Finanzämter, ge- gige Bearbeitung von Anträgen innerhalb einer sönliche Beziehungen und nützliche Zuwen-
folgt von den Sozialversicherungsanstalten angemessenen Zeitspanne nicht möglich. dungen trotz der Reformen im öffentlichen Be-
und der Elektrizitätsbehörde TEDAS. Als öffent- Bezüglich der Korruptionsintensität in der Form schaffungswesen der letzten Jahre weiterhin
liche Institutionen mit niedrigstem Schwie- von aufgezwungenen Zahlungen oder von not- eine große Rolle.
rigkeitsgrad nannten die Firmen in der Han- wendigen guten persönlichen Beziehungen zu Die Begünstigung bestimmter Kreise erfolgt vor
delskammerumfrage die Landwirtschafts- und den öffentlichen Entscheidungsträgern ran- allem durch die frühzeitige Herausgabe von
Umweltbehörden sowie das städtische Erdgas- giert unter den Branchen der Erziehungssektor speziellen Projektinformationen für ausge-
unternehmen IGDAS in Istanbul. Etwa 57,5 Pro- mit einem Anteil von 12,5 Prozent (Anteil der be- wählte Interessenten weit vor der offiziellen
zent aller befragten Firmen gaben an, dass sie troffenen Unternehmen an den Gesamtfirmen Ausschreibung. Dieser Informationsvorsprung
bei der Gründung bzw. Lizenzierung ihrer Be- der Branche) an erster Stelle, gefolgt vom Trans- gegenüber den Wettbewerbern verschafft den
triebe Schwierigkeiten mit den Behörden er- portsektor (11,1 Prozent), der Gastronomie (10,4 Begünstigten erhebliche Vorteile bei der Ange-
leben. Prozent), der Kfz-Zulieferindustrie (10,1 Pro- botsvorbereitung. Außerdem wird durch die
Als größte Behinderung durch die Behörden be- zent) und dem Maschinenbau (9,7 Prozent). Festschreibung von bestimmten technischen
trachten die Firmen die Aufforderung zur Vor- Anforderungen, die nur von den begünstigten
lage von „zu vielen und unnötigen Dokumen- Bewerbern erfüllt werden können, der Spiel-
ten“. Etwa 12,7 Prozent der befragten Firmen STAATSBÜROKRATIE UND BEGÜNSTIGUNG raum der Konkurrenz erheblich eingeschränkt.
sehen darin eine erhebliche Erschwerung ihrer
geschäftlichen Aktivitäten. Besonders beklagt Die Staatsbürokratie und die Korruption in der
wird ferner die nicht selten vorgebrachte „Bitte“ öffentlichen Verwaltung der Türkei haben eine KORRUPTION FÜHRT ZU EINER
der Behörden zur Abgabe von „Spenden“. Vor al- lange Tradition, die von den Nutznießern des FEHLALLOKATION
lem bei der Bearbeitung von diversen Genehmi- Systems weiter gepflegt wird. Die Missstände
gungsanträgen verlangten die zuständigen betreffen nicht nur den Bereich der Lizenzie- Neben der Handelskammer Istanbul beschäfti-
städtischen Ämter unrechtmäßige Zahlungen, rungen bzw. der Genehmigungen. Auch bei der gen sich auch andere türkische Institutionen

110
Ist die türkische Wirtschaft reif für die EU?

mit dem Problem der Korruption, die nicht nur kenerzeugnissen jährlich ca. 3,0 Mrd. US-Dol- tigung von ausländischem Personal in der Tür-
ein Ärgernis für die Geschäftswelt darstellt, lar Steuereinnahmen. Die Palette der imitierten kei ist weiterhin mit hohem Verwaltungs- und
sondern auch zu einer Fehlallokation von wirt- Produkte ist breit. Sie reicht von Bekleidungs- Zeitaufwand verbunden. Das neue Gesetz sieht
schaftlichen Ressourcen im Lande führt. So artikeln, Taschen, Parfüme weltbekannter Mar- eine grundsätzliche Gleichbehandlung in- und
führte die allgemein hochgeschätzte Türkische ken über Lebensmittel, Medikamente und Wa- ausländischer Firmen in der Türkei vor. Es ent-
Stiftung für Wirtschaftliche und Soziale Stu- schmitteln bis hin zu Investitionsgütern in der hält jedoch keine speziellen Anreize für auslän-
dien TESEV (Türkiye Ekonomik ve Sosyal Etüdler Form von Ersatzteilen oder gar kompletten An- dische Investoren, was angesichts der steigen-
Vakfi) bereits im Jahre 2001 eine ausführliche lagen. Die nachgemachten Konsumwaren, wie den internationalen Standortkonkurrenz als ein
Untersuchung zur Korruption in der türkischen Konfektionsartikeln, Uhren und Nahrungsmit- Defizit betrachtet werden kann.
Politik und Wirtschaft durch, in der unter- tel, erreichen die Konsumenten nicht selten
schiedliche Aspekte des Phänomens analysiert über örtliche Märkte, Basare und werden auch
wurden. Dabei wurden Umfragen in privaten an touristischen Zentren angeboten. Die Preise BEITRITTSVERHANDLUNGEN HABEN
Haushalten durchgeführt. der Fälscher liegen teilweise bei nur 10 Prozent KATALYSATORFUNKTION
In dieser Untersuchung von der TESEV wurden der Preise der Originalhersteller.
die Zollverwaltung und die Verkehrspolizei als Handlungsbedarf besteht ferner im Bereich der Objektiv betrachtet, zeigt die wirtschaftliche
die korruptesten Bereiche in der Türkei identi- Infrastruktur (Telekommunikation, Energie, Entwicklung der Türkei der letzten 25 Jahre,
fiziert, gefolgt von Grundbuchämtern, Stadt- Transport). Defizite sind ebenso in den Berei- dass trotz der zwischenzeitlich auftretenden Fi-
verwaltungen, Sicherheitskräften, Finanzäm- chen Erziehung und Ausbildung festzustellen. nanzkrisen das Land sich beständig positiv ent-
tern, staatlichen Krankenhäusern, Gerichten, Dies gilt auch für die Bereiche Forschung und wickelt hat mit zunehmender Internationalisie-
Elektrizitätsbehörden, Universitäten und Streit- Entwicklung zur besseren Nutzung des Hu- rung und Liberalisierung des Geschäftslebens.
kräften. Als die Institution mit dem höchsten mankapitals. Die Förderstrukturen für kleine Der nach Überwindung der schweren Rezession
Grad an Vertrauenswürdigkeit bzw. Ansehen und mittelständische Unternehmen zur stärke- des Jahres 2001 zu beobachtende wirtschaftli-
nannten die Befragten die Streitkräfte, gefolgt ren Einbindung dieser Betriebe in die gesamt- che Aufschwung mit einer Welle der industriel-
von den Universitäten, dem Industrieverband wirtschaftliche Versorgungskette sind unzurei- len Modernisierung und weit gehender Struk-
TÜSIAD, den Gerichten und der Zentralbank. Als chend. turreformen macht die türkische Wirtschaft zu
Schlusslicht dieser langen Liste fielen die poli- Die Diskriminierung von ausländischen Inves- einem bedeutenden Partner der EU mit beacht-
tischen Parteien auf. toren gegenüber lokalen Firmen wurde mit dem lichem Kooperationspotenzial.
Die Zollämter und vor allem das staatliche Nor- Gesetz Nr. 4875 über ausländische Direktinves- Von den EU-Beitrittsaussichten bzw. beginnen-
meninstitut TSE – Türk Standartlari Enstitüsü titionen, das zum 17.6.2003 in Kraft trat und den Beitrittsverhandlungen gehen Katalysa-
(Normenkontrolle) bereiten mit ihren teilweise das Gesetz Nr. 6224 aus dem Jahre 1954 er- toreffekte aus, womit weiter gehende Refor-
willkürlichen Praktiken beim Importverfahren setzte, zwar formell weitgehend beseitigt. Doch men in Gang gesetzt werden, um die noch ver-
den Firmen Sorgen. Insbesondere die Behinde- auch nach dem Inkrafttreten des neuen Geset- bleibenden strukturellen und materiellen Defi-
rungen durch das TSE werden heftig kritisiert. zes und der politischen Stabilisierung bleiben in zite im Wirtschaftsleben des Landes auszuräu-
Es kommt von Seiten der Beamten dieser Ein- der Türkei zahlreiche Investitionshindernisse men. Als positive Momente der türkischen
richtung teilweise zur falschen Auslegung von für ausländische Firmen bestehen. Die Beschäf- Wirtschaft sind vor allem das außerordentlich
Gesetzen und Verordnungen, welche die Nor- dynamische Unternehmertum im türkischen
menkontrolle von Importwaren betreffen. Privatsektor und die große Aufgeschlossenheit
türkischer Verbraucher für neue Produkte und
Konsumtendenzen hervorzuheben. Das mit-
WEITERHIN HINDERNISSE telfristige Entwicklungs- und Kooperations-
FÜR INVESTOREN UNSER AUTOR potenzial ist enorm. Es gilt, dieses Potenzial
durch zunehmende Integration der Türkei in
Als Negativfaktor für Unternehmen bzw. Inves- Necip C. Bagoglu die EU-Wirtschaft zum Vorteil beider Seiten zu
toren ist ferner die hohe Steuerbelastung für ist Repräsentant nutzen.
Unternehmen in der Türkei hervorzuheben. Mit der Kölner Bun- Die beeindruckenden Entwicklungen der letz-
einem Steuersatz von ca. 37 Prozent auf ausge- desagentur für ten Jahre in der türkischen Wirtschaft zeigen,
schüttete Gewinne rangiert die Türkei unter Außenwirtschaft dass die Türkei den Willen und die Fähigkeit be-
denjenigen Ländern mit der höchsten Steuer- (bfai), eine Servi- sitzt, die im Rahmen der Globalisierung not-
belastung für Unternehmen. Auch die sich aus ceorganisation im wendigen Strukturanpassungen zu vollziehen.
hohen Tarifabschlüssen und der Überbewer- Geschäftsbereich Somit bestehen gute Chancen, dass zumindest
tung der lokalen Währung für ausländische Fir- des Bundesminis- die türkische Wirtschaft in absehbarer Zeit die
men ergebenden höheren Lohnkosten mindern teriums für Wirt- EU-Reife erreichen wird, die sich keinem Ver-
im Vergleich zu einigen osteuropäischen Re- schaft und Arbeit gleich mit den neuen Beitrittsländern zu
formländern die Attraktivität der Türkei als In- (BMWA), in der scheuen braucht. Allerdings muss der wirt-
vestitionsstandort. Türkei. Nach dem Studium der Wirtschafts- schaftliche Fortschritt vom notwendigen Men-
Als weitere Defizite der Türkei hinsichtlich der wissenschaften an der Universität Bonn be- talitätswandel in der Politik, Gesellschaft und
Gewinnung ausländischer Investitionen ist der gann der Diplom-Volkswirt 1979 mit seiner im Sozialwesen begleitet werden. Dies er-
unzureichende Schutz des geistigen Eigentums Tätigkeit als Redakteur im Nahost-Referat scheint als ein viel schwierigerer Prozess, der
hervorzuheben. Die Produkt- und Markenpira- der bfai. Nach dieser Tätigkeit in der Zentrale langen Atem erfordert und nur langfristig
terie ist in der Türkei ein Übel, das zu hohen wirt- wurde er Anfang 1984 mit der Vertretung Früchte tragen kann.
schaftlichen Schäden in der Privatwirtschaft der bfai in der Türkei mit Sitz in Istanbul be-
und für die öffentliche Finanzwirtschaft führt. auftragt. 1991 übernahm Necip C. Bagoglu
Über die Höhe dieser durch die illegale Produk- die Leitung des Südostasienbüros in Bang-
tion bzw. Nachahmung von Markenwaren ver- kok mit Zuständigkeit für Thailand und die
ursachten finanziellen Verluste liegen wegen benachbarten ASEAN-Länder. Ende 1997
der Erfassungsprobleme keine genauen Anga- wurde er zum Leiter des Nahost-Büros der
ben vor. Einige Schätzungen gehen davon aus, bfai in Kairo bestellt. Nach knapp vierjäh-
dass durch die Markenpiraterie der Wirtschaft riger Tätigkeit im arabischen Raum wurde
jährlich Schäden von rund 5,0 Mrd. US-Dollar er 2001 mit der Leitung des bfai-Büros in
entstehen. Istanbul beauftragt. Die bfai beliefert die
Nach einer Untersuchung von Price Water- deutsche Außenwirtschaft mit umfang-
house Coopers (PWC) entgehen dem türkischen reichen Marktinformationen über die
Fiskus wegen der illegalen Produktion von Mar- Märkte der Welt.

111
PASST DIE TÜRKEI KULTURELL ZU EUROPA?

„Kulturelle Überdehnung?“ – Kulturelle


Unterschiede zwischen der EU und der Türkei
J ÜRGEN G ERHARDS

scheiden sich zudem in einem erheblichen Aus- Vor diesem Hintergrund wird die Frage der kul-
maß in ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit turellen Passung eines Landes zur EU für das
In der Diskussion über einen möglichen
von den bisherigen fünfzehn Mitgliedsländern. Gelingen des europäischen Integrationspro-
EU-Beitritt der Türkei wird häufig deren
zesses zu einer zentralen Frage. Wir haben un-
kulturelle Passung zur EU angezweifelt
tersucht, ob und in welchem Maße die Bürger
oder gar eine kulturelle Andersartigkeit
WARUM KULTURELLE GEMEINSAMKEITEN in den Mitgliedsländern und in der Türkei ge-
unterstellt. Der Beitrag von Jürgen Ger-
NOTWENDIG SIND meinsame Werteorientierungen aufweisen
hards geht von der These aus, dass die
und damit, ob und in welchem Maße die Türkei
Frage der kulturellen Passung eines Lan-
Chancen und Probleme einer weiteren Integra- zur Kultur der Mitgliedsländer passt.
des zur EU für das Gelingen des europäi-
tion von Gesellschaften in die EU werden aber
schen Integrationsprozesses eine zent-
nicht nur von ökonomischen Unterschieden
rale Voraussetzung ist. Jürgen Gerhards
zwischen den verschiedenen Ländern abhän- DIE EU ALS WERTEGEMEINSCHAFT
untersucht in seinem Beitrag, ob und in
gen, sondern auch von den kulturellen Diffe-
welchem Maße die Bürgerinnen und
renzen bzw. Gemeinsamkeiten (vgl. Fuchs/Klin- Eine Antwort auf die Frage, ob ein Land wie die
Bürger in den EU-Mitgliedsländern und
gemann 2002). Gerade die mögliche Aufnahme Türkei zur EU passt oder nicht, setzt die Defini-
in der Türkei gemeinsame bzw. unter-
der Türkei in die EU hat zu einer breiten wissen- tion und Begründung eines Bezugspunktes
schiedliche Wertorientierungen aufwei-
schaftlichen und politischen Debatte über die voraus, der gleichsam die Richtschnur abgibt,
sen. Als normativer Bezugspunkt wer-
Frage geführt, ob die Türkei kulturell in die EU an der gemessen man darüber entscheiden
den die konstitutiven, im Verfassungs-
passt und wie man die Grenzen und das kultu- kann. Wir haben die Bestimmung der für die EU
entwurf festgeschriebenen Werte der
relle Selbstverständnis der EU definieren kann. konstitutiven Werte nicht selbst vorgenom-
EU gewählt. Die vorliegende Analyse
Es gibt mindestens drei Argumente, die begrün- men, sondern die normative Frage in eine em-
beschränkt sich auf die Religionsvorstel-
den können, warum kulturelle Gemeinsamkei- pirische Frage verwandelt und gefragt, welche
lungen und die Wertorientierungen hin-
ten zwischen den Mitglieds- und Beitrittslän- Werte die Gemeinschaft der EU-Mitgliedslän-
sichtlich der Familie und der Idee der
dern für den Integrationsprozesse förderlich, der für sich selbst als bedeutsam erachtet. Im
Gleichberechtigung.1 Die Studie kommt
wenn nicht sogar notwendig sind. Artikel 2 Absatz 2 des Verfassungsentwurfs
zu dem Schluss, dass gegenwärtig die
■ Eine Nicht-Übereinstimmung im Hinblick heißt es: „Die Union steht allen europäischen
kulturellen Unterschiede zwischen der
auf zentrale Werte erhöht zum einen die Staaten offen, die ihre Werte achten und sich
EU und der Türkei zum Teil erheblich
Konfliktwahrscheinlichkeit zwischen Inter- verpflichten, ihnen gemeinsame Geltung zu
sind. Der Modernisierungsgrad der un-
aktionspartnern. Wenn Akteure zum Beispiel verschaffen“ (Europäischer Konvent 2003). Wir
tersuchten Länder, der unter anderem
unterschiedliche Vorstellungen über eine haben die für die EU konstitutiven Werte aus
zur Erklärung der unterschiedlichen
richtige Wirtschaftsordnung haben, dann dem Primär- und Sekundärrecht rekonstruiert,
Wertvorstellungen herangezogen wird,
erschwert dies die Konsensbildung im Hin- dabei fünf verschiedene Wertesphären – Reli-
zeigt aber, dass sich diese kulturellen
blick auf spezifische wirtschaftspolitische gion, Ökonomie, Politik, Wohlfahrtsstaat sowie
Unterschiede nivellieren werden, wenn
Maßnahmen; Entscheidungsprozesse wer- Familie und Geschlechterrollen – unterschie-
sich die Türkei weiter modernisiert, die
den kompliziert und die Transaktionskosten den und jeweils inhaltlich bestimmt, welche
Mittelschichten an Bedeutung gewin-
steigen. Vorstellungen die EU im Hinblick auf diese Wer-
nen, das Bildungsniveau und der Wohl-
■ Weiterhin kann man davon ausgehen, dass tesphären entwickelt hat. Die Bezugnahme auf
stand ansteigen. Red.
es einen Zusammenhang zwischen einer das europäische Recht und vor allem auf die
Werteübereinstimmung einerseits und einer Vertragstexte zur Bestimmung der Werte der EU
Solidaritätsbereitschaft andererseits gibt. Je ist in zweifacher Hinsicht ein gut begründbarer
stärker Menschen mit anderen gemeinsame normativer Bezugspunkt. Zum einen handelt es
Werte teilen, desto eher sind sie bereit, sich sich bei dem europäischen Recht nicht um un-
DIE EU-ERWEITERUNG ALS BESONDERE mit den anderen solidarisch zu fühlen. Die verbindliche Sonntagsreden von Politikern,
HERAUSFORDERUNG Erweiterung der EU ist mit einem deutlichen sondern um rechtsverbindliche Verträge, die
Anstieg der Transferzahlungen von den al- qua Rechtsstatus Geltung beanspruchen dür-
Der Prozess der Entwicklung der Europäischen ten zu den neuen Mitgliedsländern verbun- fen. Zum anderen ist zumindest das Primär-
Union ist neben einer schrittweisen Vertiefung den. Die Bereitschaft, dies zu akzeptieren recht (bestehend aus den Verträgen) ein von den
(durch die Ausdehnung der Handlungsfelder wird höher sein, wenn die Menschen in den Regierungen der Mitgliedsländer ausgehan-
europäischer Politik und durch den Ausbau Ländern sich als eine Wertegemeinschaft deltes und unterzeichnetes Recht, das einen
eines eigenen europäischen Herrschaftsver- begreifen. hohen demokratischen Legitimitätsanspruch
bandes) durch eine kontinuierliche Erweiterung ■ Das dritte Argument bezieht sich auf den Zu- erheben kann. Die Regierungen sind von den
der Anzahl der Mitgliedsländer gekennzeichnet. sammenhang von Demokratie und Werten. Bürgerinnen und Bürgern gewählte Regierun-
Zum 1. Mai 2004 sind zehn Länder der EU bei- Eine notwendige Voraussetzung für Demo- gen, die im Recht verkörperte Werteordnung
getreten, Bulgarien und Rumänien werden 2007 kratie im Allgemeinen und für eine Demo- der EU ist insofern eine demokratisch legiti-
folgen und mit der Türkei wird die EU im Okto- kratisierung der EU im Speziellen ist, dass mierte Werteordnung. Das im Recht zum Aus-
ber 2005 die Beitrittsverhandlungen aufneh- Minderheiten, die sich in demokratischen druck kommende kulturelle Selbstverständnis
men. Innerhalb von wenigen Jahren wird sich Verfahren nicht durchsetzen können, ge- der EU dient also als Bezugspunkt zur Beant-
die Gemeinschaft der fünfzehn „alten“ Mit- troffene Mehrheitsentscheide akzeptieren. wortung der Frage, ob und in welchem Maße
gliedsländer also um zwölf bzw. dreizehn Län- Die Wahrscheinlichkeit der Akzeptanz von Beitrittskandidaten zur EU passen oder nicht.
der erweitern. Da alle Länder in das Institutio- Mehrheitsentscheiden steigt, wenn beide –
nensystem der EU und deren Politiken eingebaut Minderheit und Mehrheit – sich als ein de-
werden müssen, bedeutet die dramatische Er- mos interpretieren, also über eine gemein- WERTEEINSTELLUNGEN DER BÜRGER
höhung der Zahl der Mitgliedsländer eine be- same Identität verfügen. Die Ausbildung ei- IM VERGLEICH
sondere Herausforderung für den Umbau der ner gemeinsamen Identität wird aber er-
Institutionen der Europäischen Union. Die meis- leichtert, wenn die Bürger Konsens über Wir prüfen für jeden der Wertebereiche, inwie-
ten der neuen Mitgliedsländer der EU unter- zentrale Werte haben. weit die Werte der EU (Soll-Vorstellungen) von

112
»Kulturelle Überdehnung?»

WÄHREND FÜR DIE BÜRGER DER ALTEN UND NEUEN EU-


LÄNDER DIE RELIGION FÜR DIE EIGENE LEBENSFÜHRUNG
KEINE SEHR HOHE WICHTIGKEIT HAT, IST DEREN BEDEUTUNG
BESONDERS WICHTIG FÜR TÜRKINNEN UND TÜRKEN. DAS
BILD ZEIGT DIE MINARETTE UND KUPPELN EINER MOSCHEE
IN ISTANBUL. picture alliance / dpa

den Bürgern wechselseitige religiöse Toleranz.


Die Tatsache, dass die Bürger der Türkei in ers-
ter Linie Muslime, die Bürger der Mitglieds- und
vieler Beitrittsländer hingegen in erster Linie
Christen sind, ist also mit den normativen
Grundlagen der EU gut vereinbar, da die EU ge-
rade die Religionsfreiheit betont und einen re-
ligiösen Pluralismus befürwortet.
In welchem Maße wird aber diese Vorstellung
der Trennung der Sphären und der Wert der re-
ligiösen Toleranz von den Bürgern in den ver-
schiedenen Ländern unterstützt? Wir unter-
scheiden drei Dimensionen der Trennung von
Religion und gesellschaftlichem Leben. Zur Ver-
einheitlichung der Begriffe bezeichnen wir die
Oberdimension als „Trennung von Religion und
Welt“, die durch drei Subdimensionen genauer
spezifiziert wird: (1.) die Trennung von Religion
und privater Lebensführung, (2.) die Trennung
von Religion und Gesellschaft und (3.) die Tren-
nung von Religion und Politik. Alle drei Dimen-
sionen kann man durch verschiedene Variablen
operationalisieren (vgl. Gerhards und Hölscher
2005). Wir beschränken uns hier auf die Wie-
dergabe der Antworten auf jeweils eine Frage.

ZUR TRENNUNG VON RELIGION


UND WELT
den Bürgern in den west- und den mittel-ost- därrechts finden sich Aussagen, die die EU an
europäischen Ländern und der Türkei akzeptiert eine konkrete Religion binden oder auf diese Während für die Bürger der alten und neuen
werden (Ist-Zustand) und ob es zwischen den verpflichten. Obwohl alle Mitgliedsländer der EU-Länder die Religion für die eigene Lebens-
EU-Ländern und den Betritts- bzw. Bewerber- EU in einer christlichen Traditionslinie stehen, führung keine sehr hohe Wichtigkeit hat, steigt
ländern signifikante Unterschiede gibt. Die fehlt der Verweis auf das Christentum oder auf deren Bedeutung für die Bürger der zweiten
wichtigste Datengrundlage für die Bestim- Gott im Verfassungsentwurf. Die Union achtet Beitrittsrunde (und hier vor allem für die Rumä-
mung der Werteorientierung der Bürger bildet die Vielfalt der Religionen; sie verbietet Diskri- nen) und ist besonders bedeutsam für die Tür-
der „European Values Survey“ (EVS) von 1999/ minierungen auf Grund von Religion. Die Union ken. Die Trennung von Religion und Lebensfüh-
2000.2 Die nationalen Stichproben sind mit versteht sich als säkulare Wertegemeinschaft, rung ist in diesen Fällen nicht sehr weit gedie-
mindestens 1.000 Befragten für die jeweilige die sich für eine Trennung der Sphären Religion hen. Ähnlich sind die Ergebnisse im Hinblick auf
Gesellschaft repräsentativ. Befragt wurden und Gesellschaft ausspricht. Sie weist der Reli- die Idee der Trennung zwischen Religion und
Personen ab dem 18. Lebensjahr in Form einer gion ihren ausdifferenzierten Platz in der Ge- Gesellschaft sowie Religion und Politik. Wäh-
mündlichen Befragung. Wir unterscheiden in sellschaft zu und schützt diesen. Sie erwartet rend diese Trennung in den jetzigen Mitglieds-
unseren Analysen folgende Gruppen: „Alte“ zugleich von den Religionsgemeinschaften und ländern der EU eine von den Bürgern deutlich
Mitgliedsländer der EU (15), neue Mitgliedslän-
der, die seit dem 1. Mai 2004 Mitglieder der EU
sind, zukünftige Mitgliedsländer (Bulgarien
und Rumänien) und die Türkei. Wir analysieren TABELLE 1: PROZENTSATZ DER BÜRGER, DIE SICH NICHT FÜR EINE TRENNUNG VON
die kulturellen Unterschiede und Gemeinsam- RELIGIÖSER UND WELTLICHER SPHÄRE AUSSPRECHEN.
keiten zwischen diesen Gruppen bezüglich un-
terschiedlicher Wertsphären. Religion und Religion und Religion und Politik
Wir können hier nicht für alle Wertsphären die Lebensführung Gesellschaft „Politiker, die nicht an
empirischen Ergebnisse wiedergeben, be- „Religion ist in „Kirche weiß Antwort Gott glauben, sind
schränken uns auf eine Darstellung der Reli- meinem Leben auf moralische ungeeignet für ein
gionsvorstellungen und der Familienwerte (für sehr wichtig.“3 Probleme.“4 öffentliches Amt.“5
die anderen Wertebereiche vgl. Gerhards und
Hölscher 2005). Die 15 „alten“
EU-Länder 17,9 39,0 12,2
Die 10 neuen
RELIGION Mitgliedsländer 23,1 56,5 18,5
Zukünftige
Die EU versteht sich als eine Wertegemein- Mitgliedsländer
schaft, die selbst keine spezifische religiöse (Bulgarien und
Orientierung präferiert und entsprechend reli- Rumänien) 34,1 63,6 38,8
giös ungebunden ist (vgl. Robbers 2003). An
keiner Stelle des Primärrechts und des Sekun- Türkei 81,9 76,2 62,3

113
JÜRGEN GERHARDS

akzeptierte Vorstellung ist, findet sie weniger frage in seiner Grundstruktur bestätigt. In dem FAMILIENVORSTELLUNGEN UND DIE IDEE
Zustimmung in den Ländern der zweiten Bei- „Gallup-Millenium Survey“, in dem Werteein- DER GLEICHBERECHTIGUNG
trittsrunde, wird aber am deutlichsten und stellungen in 62 Ländern – unter anderem auch
mehrheitlich von den Bürgern der Türkei abge- in 23 der hier analysierten Länder – erhoben Diese Familienvorstellungen müssen nicht un-
lehnt. Diese glauben mehrheitlich, dass die Re- wurden, wurde gefragt, ob die Befragten glau- bedingt von den Bürgern in den Ländern akzep-
ligion Antworten auf gesellschaftliche Prob- ben, dass es nur eine wahre Religion gäbe: 16,9 tiert werden; und in der Tat unterstützen diese
leme liefern kann und dass politisches Handeln Prozent in den alten EU-Ländern, 30,4 Prozent die Gleichberechtigungsvorstellungen in ei-
religiös angeleitet sein soll. Insofern erweist in den zehn neuen Ländern, 41,2 Prozent in den nem recht unterschiedlichen Ausmaß. In der
sich die Türkei in dieser Dimension als das am beiden Beitrittsländern und 74,1 Prozent der Wertestudie wurden die Menschen gefragt, ob
wenigsten mit den Werten der EU übereinstim- Türken glauben, dass es nur eine einzige wahre sie der Meinung sind, dass Männer eher ein
mende Land. Religion gibt.7 Recht auf Arbeit haben als Frauen, wenn Ar-
beitsplätze knapp sind.
Die Idee der Gleichberechtigung wird von mehr
TOLERANZ GEGENÜBER ANDEREN DAS FAMILIEN- UND GENDER-SKRIPT als zwei Dritteln der Bürger der alten Mitglieds-
RELIGIONSGEMEINSCHAFTEN DER EU länder und von über 60 Prozent der Bürger in
den neuen Mitgliedsländern unterstützt. Wäh-
Die Europäische Wertestudie enthält leider nur Die EU war und ist vor allem eine Wirtschafts- rend die Idee doppelter Berufstätigkeit in den
eine einzige Frage, die zur Operationalisierung union. Fragen der Familie und der Geschlech- beiden zukünftigen Mitgliedsländern noch bei
der Dimension „Toleranz“ gegenüber anderen terbeziehung werden zu Politiken der EU, wenn zirka der Hälfte der Bürger Unterstützung fin-
Religionsgemeinschaften herangezogen wer- sie mit Fragen der Wirtschaft verbindbar sind. det, geben zwei Drittel der türkischen Befrag-
den kann, und auch dies nur mit Einschränkun- Folglich findet man im EU-Recht Regelungen, ten den Männern den Vorzug. Dieses Ergebnis
gen. In fast allen Ländern wurde gefragt, ob die sich auf das Außenverhältnis von Familien wird durch eine andere Umfrage in seiner
man etwas dagegen hätte, wenn ein Moslem in zum Wirtschaftssystem beziehen, nicht aber Grundstruktur bestätigt. In dem „Gallup-Mille-
der Nachbarschaft lebe. Leider wurde eine sinn- Regelungen, die sich auf das Innenverhältnis nium Survey“ wurde die gleiche Frage gestellt:
gemäße Frage (Christen in der Nachbarschaft) von Familien unmittelbar beziehen. Dies wird 66,6 Prozent in den alten EU Ländern, 60,4 Pro-
in der Türkei nicht gestellt. Allerdings wurde in zum Beispiel deutlich, wenn man sich die Über- zent in den zehn neuen Ländern, 60,6 Prozent
allen Ländern gefragt, ob man etwas dagegen schrift des Artikels II-33 („Grundrechtecharta“) in den beiden Beitrittsländern und 43 Prozent
hätte, wenn ein Jude in der Nachbarschaft le- des Verfassungsentwurfs anschaut (vgl. Euro- der Türken unterstützen des Gleichberechti-
ben würde. 8,3 Prozent in den alten EU-Län- päischer Konvent 2003). Der Artikel ist über- gungsskript der EU (Quelle: Eigene Berechnun-
dern, 14,5 Prozent in den zehn neuen EU-Län- schrieben mit „Familien- und Berufsleben“und gen). Die disaggregierten Ergebnisse (werden
dern, 20,2 Prozent in den beiden zukünftigen versucht vor allem die Vereinbarkeit zwischen hier nicht ausgewiesen) zeigen, dass die jewei-
EU-Ländern und 61,9 Prozent der Türken sagen, Beruf und Familie für die Frauen zu regeln. Da ligen Aggregatskategorien durch eine hohe in-
dass sie etwas dagegen hätten, Juden als Nach- die politischen Regulierungen des Verhältnis- terne Varianz gekennzeichnet sind. Die skandi-
barn zu haben. Nun muss man diesen Befund ses von Wirtschaft und Familie aber eine Rück- navischen Länder sind diejenigen, die sich am
mit Vorsicht interpretieren, da der hier benutzte wirkung auf das Binnenleben von Familien ha- deutlichsten für eine Gleichberechtigung der
Indikator eine mehrdeutige Messung von Reli- ben, betreibt die EU auf mittelbarem Wege auch Frauen aussprechen. Und in der Gruppe der
gionstoleranz darstellen kann. Man kann ver- Familienpolitik und versucht ihre Vorstellungen Länder der ersten Beitrittsrunde sind es die ka-
muten, dass die Frage nach der Toleranz gegen- einer wünschenswerten Familie zu etablieren. tholischen Länder Polen und Malta, die sich
über Juden auch und gerade in moslemischen Zentraler Anker der Familienvorstellungen der überdurchschnittlich stark gegen das Gleich-
Ländern antiisraelische Einstellungen misst, die EU bildet die Idee der Gleichstellung von Mann berechtigungsmodell der EU aussprechen. Ich
sich aus der Politik Israels gegenüber den Paläs- und Frau im Erwerbsleben. Bereits 1957 wurde kann hier auf die Länderunterschiede nicht im
tinensern speisen. im Artikel 119 des EWG-Vertrages der Gleich- Einzelnen eingehen, komme auf diese Unter-
Andererseits spricht folgende empirische Ana- heitsgrundsatz im Hinblick auf die Bezahlung schiede bei der Erklärung der Befunde aber wie-
lyse für die These, dass die Religionstoleranz in festgeschrieben („Gleiches Entgelt für Männer der zurück.
der Türkei nicht sonderlich ausgeprägt ist. In und Frauen“). Dieser Grundsatz wurde in zahl-
den „World Values Surveys“ von 1990 und reichen Verordnungen und Richtlinien der Ge-
1995/97 wurde die Frage gestellt, ob man etwas meinschaft weiter spezifiziert und ist zudem DIE TÜRKEI WEICHT DEUTLICH AB
dagegen hätte, wenn ein Moslem in der Nach- durch die Urteile des Europäischen Gerichts-
barschaft lebe; in der Türkei wurde gefragt, ob hofs konkretisiert und rechtsverbindlich ge- Sowohl im Hinblick auf die Familienvorstellun-
man etwas dagegen hätte, wenn ein Christ in macht worden. Zudem hat die EU die Vorstel- gen als auch im Hinblick auf die Religionsvor-
der Nachbarschaft lebe. In beiden Umfragen lungen der Gleichberechtigung zunehmend auf stellungen zeigt sich, dass die von der Europä-
zeigt sich, dass die religiöse Toleranz in der Tür- andere Gesellschaftsbereiche ausgedehnt. Mit ischen Union als wichtig erachteten Werte von
kei von allen hier analysierten Ländern am ge- dieser Politikorientierung unterstützt die EU den Bürgern der alten und neuen Mitgliedslän-
ringsten ist: 1990 waren es 54,7 Prozent der Be- das Leitbild einer egalitären Beziehung zwi- der akzeptiert werden; sie erhalten eine gerin-
fragten, 1995/97 49,1 Prozent der Befragten, schen Mann und Frau, das Bild einer berufstä- gere Unterstützung von den Bürgern der bei-
die keine Christen in ihrer Nachbarschaft tigen Frau, die sich qua Berufstätigkeit ihre Un- den Länder der nächsten Beitrittsrunde, insbe-
wünschten.6 Dieses Ergebnis wird durch eine abhängigkeit sichert (vgl. Gerhards und Höl- sondere der Bürger Rumäniens. Vor allem aber
andere Toleranzmessung in einer anderen Um- scher 2003). zeigt sich, dass die Türkei von den Vorstellun-
gen der EU deutlich abweicht.
Dieser Befund gilt auch für den Bereich der Ein-
stellungen zur Demokratie und Zivilgesell-
TABELLE 2: PROZENTSATZ DER BEVÖLKERUNG, DER NICHT DER ANSICHT IST, schaft, interessanterweise nicht für die Ökono-
DASS MÄNNER EHER EIN RECHT AUF ARBEIT HABEN ALS FRAUEN mie (vgl. Gerhards und Hölscher 2005). Zur
Messung der Unterstützung der Demokratie
„Männer haben nicht eher ein Recht auf Arbeit als Frauen, haben wir unter anderem die Frage ausgewer-
wenn Arbeitsplätze knapp sind.“8 tet, ob der oder die Befragte der Aussage zu-
stimmt, „Man sollte einen starken Führer haben,
Die 15 „alten“ EU-Länder 69,8 der sich nicht um Parlament und Wahlen küm-
Die 10 neuen EU-Länder 61,4 mern muss“.9 Während der Anteil der Bürger, die
eine starke Führerschaft präferieren, in den al-
Zukünftige EU-Länder
ten und neuen Mitgliedsländern der EU bei zirka
(Bulgarien und Rumänien) 47,4
einem Viertel der Befragten liegt, beträgt dieser
Türkei 34,4 Anteil in den Ländern der zweiten Beitritts-

114
EINE TÜRKISCHE POLIZISTIN IM STRAßENBILD ZEIGT, DASS
BERUFSTÄTIGE FRAUEN AUCH IN DER TÜRKEI ZU EINER Welt haben wir nicht nur durch jeweils eine Va- ihres Weltbildes auf außerreligiöse Bereiche
SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT WERDEN. TROTZDEM ERFÄHRT riable sondern durch Skalen operationalisiert. haben. Wir vermuten deswegen, dass die
DIE IDEE DER GLEICHBERECHTIGUNG IN TÜRKISCHEN Die Einstellung zur Trennung von Religion und Trennung von Religion und Welt und die To-
WERTORIENTIERUNGEN NOCH EINE GERINGSCHÄTZUNG. Lebensführung haben wir zum einen durch die leranz gegenüber anderen Religionen bei
picture alliance / dpa Frage nach der Wichtigkeit Gottes für das ge- Konfessionslosen stärker ausgeprägt ist als
samte Leben, zum anderen durch die Frage, wie bei den Mitgliedern von Religionsgemein-
wichtig dem Befragten Religion in seinem Le- schaften. Weiterhin gehen wir davon aus,
ben sei, gemessen. Aus beiden Variablen haben dass der Grad der Intensität der Einbindung
wir durch Addition eine Skala gebildet. Die Ein- in die jeweilige Kirche (gemessen durch die
runde (Bulgarien und Rumänien) 56,5 Prozent stellungen zur Trennung von Religion und Ge- Kirchgangshäufigkeit) die gewünschte Tren-
und in der Türkei 66,1 Prozent. sellschaft haben wir durch drei Fragen gemes- nung von Religion und Welt beeinflusst. Je
sen, die die Relevanz von Religion zur Lösung geringer Menschen in die alltäglichen Prak-
gesellschaftlicher Probleme (Familienproble- tiken ihrer Kirche eingebunden sind, desto
DIE ERKLÄRUNG DER me, soziale Probleme, moralische Probleme) er- eher werden sie sich für eine Trennung der
WERTEUNTERSCHIEDE heben. Aus diesen drei Fragen haben wir eben- Sphären von Religion und Welt aussprechen.
falls durch Addition eine Skala gebildet. Die ■ Ob und in welchem Maße die verschiedenen
In öffentlichen Debatten über Werteunter- Trennung von Religion und Politik haben wir Religionen unterschiedliche Vorstellungen
schiede zwischen Bürgern verschiedener Län- schließlich durch die Bildung einer Additions- über das Verhältnis von Religion und Welt
der neigen die Interpretatoren dazu, gefundene skala bestehend aus zwei Fragen gebildet. Die und vor allem von Religion und Staat entwi-
oder vermeintliche Werteunterschiede dem Interviewten wurden zum einen gefragt, ob sie ckelt haben, ist in der einschlägigen Litera-
„Nationalcharakter“ der untersuchten Länder der Ansicht seien, dass Politiker, die nicht an tur sehr umstritten. Theologen und Reli-
oder anderen, invarianten Merkmalen der Völ- Gott glauben, ungeeignet für ein politisches gionswissenschaftler streiten vor allem da-
ker zuzuschreiben. Dies ist aus soziologischer Amt sind. Weiterhin wurden sie gefragt, ob sie rüber, ob sich die Vorstellungen über das Ver-
Perspektive unbefriedigend und in der Regel glaubten, dass es besser für das Land sei, wenn hältnis von Religion und Welt durch Beleg-
auch empirisch falsch. Sinnvoller ist es, die ver- mehr Menschen mit einer starken religiösen stellen aus der Bibel oder dem Koran unmiss-
schiedenen EU- und Beitrittsländer als Chiffre Überzeugung öffentliche Ämter innehaben.10 verständlich beglaubigen lassen. Wir müs-
für unterschiedliche soziale Bedingungskons- Bei der Bestimmung der sozialen Bedingungs- sen hier über die Richtigkeit der verschiede-
tellationen zu begreifen, die in den jeweiligen faktoren (unabhängige Variablen), die einen nen Interpretationen aber nicht entschei-
Gesellschaften existent sind und die einen Ein- Einfluss auf die Werteeinstellungen haben kön- den, sondern können stattdessen eine Posi-
fluss auf die Wertevorstellungen haben kön- nen, unterscheiden wir die folgenden zwei Va- tion theoretisch als Hypothese formulieren
nen. Neben einer Deskription der Werteunter- riablengruppen. und dann empirisch prüfen, ob sich diese
schiede sind wir entsprechend der Frage nach- (auf der Ebene der Bürger) empirisch bestä-
gegangen, wie man die beschriebenen kulturel- tigen lässt oder nicht. Dabei gehen wir von
len Unterschiede mit Rekurs auf soziale Bedin- RELIGIONSGEMEINSCHAFTEN UND folgender hypothetischer Annahme aus: Der
gungsfaktoren erklären kann. Ich konzentriere INTEGRATION IN DIE KIRCHE Islam ist diejenige Religion, in der im Ver-
mich im Folgenden exemplarisch auf die Erklä- gleich zu den drei christlichen Religionen die
rung der Einstellungen zur Trennung von Reli- ■ Wir gehen davon aus, dass alle Religionsge- Trennung von Religion und Welt am gering-
gion und Welt. Die oben unterschiedenen drei meinschaften, wenn auch in unterschiedli- sten vollzogen ist. Im Christentum scheint
Dimensionen der Trennung von Religion und cher Intensität, eine Neigung zur Expansion die Trennung von Kirche und Staat weit stär-

115
JÜRGEN GERHARDS

ker verankert zu sein, wenn auch für ortho- nen mit niedriger Bildung eher dagegen vo- durch die erläuterten abhängigen Variablen
doxe Christen, Katholiken und Protestanten tieren werden. Die Bildung der Befragten insgesamt erklären kann und (2.) wie stark der
auf unterschiedlichem Niveau. Dem Islam operationalisieren wir durch den jeweils Effekt jeder einzelnen unabhängigen Variable
am nächsten kommt die orthodox-christli- höchsten Bildungsabschluss. Da die natio- dabei ist.
che Kirche. Die römisch-katholische Kirche nalen Bildungsabschlüsse schwierig mit- Die R2-Werte in der letzten Zeile geben jeweils
hat sich an Augustinus’ Trennung von irdi- einander vergleichbar sind, wurde von der an, wie gut man mit den unabhängigen Variab-
scher und göttlicher Ordnung orientiert. Forschergruppe des EVS (European Values len die Einstellungen zu den drei abhängigen
Diese Kirche beansprucht für weltliche Survey) eine wenigstens annähernd ver- Skalen erklären kann. Der Wert für R2 kann zwi-
Dinge keine „potestas directa“, sondern eine gleichbare Klassifikation erstellt, die von 0 schen 0 und 1 variieren. Je stärker der Wert von
„potestas directiva“. Folgt man der These von „kein Abschluss“ bis 8 „(Fach-) Hochschul- 0 verschieden ist, desto besser ist die aufge-
Samuel Huntington – und dies tun wir im abschluss“ reicht. klärte Varianz. Die Höhe der R2-Werte der drei
Folgenden –, dann kann man erwarten, dass ■ Die zweite modernisierungstheoretische abhängigen Variablen zeigen uns, dass wir mit
die Akzeptanz der Trennung von Religion Vorstellung, dass die ökonomischen Bedin- den ausgewählten unabhängigen Variablen
und Welt entlang folgender Reihenfolge zu- gungen, die die Lebensqualität des Men- sehr gut die Einstellungen zur Trennung von re-
nimmt (vgl. Huntington 1996): Muslime, or- schen bestimmen, einen Einfluss auf die re- ligiöser und weltlicher Sphäre erklären können.
thodoxe Christen, Katholiken, Protestanten. ligiöse Interpretation der Welt und der welt- Die jeweilige Erklärungsstärke der verschiede-
lichen Verhältnisse haben, geht auf die von nen unabhängigen Variable ergibt sich aus den
Karl Marx und Friedrich Engels entwickelte Betakoeffizienten. Je höher der Wert ist, desto
MODERNISIERUNGSGRAD DER Religionssoziologie zurück. Die Entstehung stärker ist der Effekt dieser Variable auf die Ein-
GESELLSCHAFT und Persistenz von Religionen erklären die stellung zur Trennung von religiöser und welt-
Autoren mit Rekurs auf die faktischen irdi- licher Sphäre. Das jeweilige Vorzeichen gibt die
Die Trennung von Religion und Lebensführung, schen Verhältnisse. Die religiöse Interpreta- Richtung des Zusammenhangs an.
Gesellschaft und Politik wird von vielen Sozial- tion der Welt ist gleichsam eine Kompensa- Wie die Werte zeigen, haben die beiden moder-
wissenschaftlern mit gesellschaftlicher Mo- tion für die Widrigkeiten, die die Menschen nisierungstheoretisch abgeleiteten Variablen
dernisierung in einen ursächlichen Zusammen- in der Welt und in ihrem Leben erfahren Bildung und ökonomische Entwicklung einen
hang gebracht (vgl. für viele andere Inglehart müssen. Je besser die ökonomischen Le- Einfluss auf die Trennung von Religion und Welt
1997). Je modernisierter eine Gesellschaft, bensbedingungen des Menschen sind, desto und zwar in der erwarteten theoretischen Rich-
desto stärker ist die Akzeptanz der Trennung geringer ist sein Bedarf, die Welt religiös zu tung. Je höher gebildet die Befragten sind und
von Religion und Gesellschaft. Der Grad der interpretieren. Wir vermuten also, dass je vor allem: je stärker modernisiert das Land ist,
Modernisierung einer Gesellschaft drückt sich höher der ökonomische Wohlstand in einer aus dem sie kommen, desto eher wird eine Tren-
in einer Vielzahl von Faktoren aus, unter ande- Gesellschaft ist, desto höher ist die Wahr- nung der religiösen und weltlichen Sphäre be-
rem in der Modernisierung von Ökonomie und scheinlichkeit der Befriedigung materieller fürwortet.
Bildung. Bedürfnisse, und desto höher ist der Grad der
■ Die These, dass das Ausmaß der Bildung in Trennung von Religion und Gesellschaft. Wir
einem kausalen Zusammenhang mit der messen den Grad der ökonomischen Moder- INTEGRATION IN DIE KIRCHE
Trennung von Religion und Gesellschaft nisierung eines Landes durch die Höhe des IST ENTSCHEIDEND
steht, ist in Ansätzen bereits von Emile Durk- „Human Development Index“ (HDI). In den
heim formuliert worden (Durkheim 1983, HDI gehen drei Maßzahlen zur Messung des Was den Einfluss der Religionsgemeinschaften
S. 177). Bildung erhöht die Möglichkeit der Grades der Modernisierung ein: das reale angeht, so zeigen sich nicht die erwarteten Un-
Selbstreflexion und die Wahrscheinlichkeit Bruttosozialprodukt pro Einwohner, das Bil- terschiede zwischen Muslimen und Orthodo-
einer wissenschaftlichen Weltsicht. Mit dungsniveau und die durchschnittliche Le- xen einerseits und Katholiken und Protestanten
wachsender Bildung steigt die Wahrschein- benserwartung der Einwohner. Wir haben andererseits. Für alle Religionen gilt, dass sich
lichkeit, dass Traditionsbestände nicht als leider keine Möglichkeit, den relativen öko- ihre Mitglieder im Vergleich zu den Konfes-
gegeben hingenommen, sondern auf ihre nomischen Wohlstand aller Befragten in al- sionslosen eher gegen eine Trennung von Welt
Funktionsweise hin befragt werden und len Ländern auf der Individualebene zu mes- und Religion aussprechen, wie die negativen
eventuell mit ihnen gebrochen wird, so die sen. Vorzeichen ausweisen. Die Beta-Werte sind zu-
Hypothese. Wir vermuten entsprechend, Tabelle 3 zeigt die Ergebnisse von drei multiplen dem für Muslime nicht entschieden höher als
dass sich die höher gebildeten Befragten Regressionsanalysen. Mit diesem Verfahren die für Mitglieder der christlichen Religionsge-
eher für eine Trennung von Religion und Le- kann man prüfen, (1.) wie gut man die Einstel- meinschaften. Es ist weniger entscheidend,
bensführung aussprechen, während Perso- lungen zur Trennung von Religion und Welt welcher Religionsgemeinschaft die Befragten

TABELLE 3: ERKLÄRUNG DER EINSTELLUNGEN ZUR TRENNUNG VON RELIGION UND LEBENSFÜHRUNG, GESELLSCHAFT UND POLITIK:
REGRESSIONSANALYSEN

Trennung von Religion Trennung von Religion Trennung von Religion


und Lebensführung und Gesellschaft und Politik
Religion a)
Protestanten -,153 -,105 -,070
Katholiken -,339 -,161 -,093
Orthodoxe -,222 -,056 -,174
Muslime -,284 -,080 -,108
Integration in die Kirche -,496 -,367 -,360
Modernisierungsgrad
HDI ,049 ,164 ,218
Bildung ,079 ,084 ,134
R2 0,57 0,26 0,32
Ausgewiesen sind die standardisierten Beta-Koeffizienten der multiplen Regression; die Werte sind alle signifikant.
a) Referenzkategorie für die Konfessionsvariable sind „Konfessionslose“.

116
»Kulturelle Überdehnung?»

angehören, sondern wie stark jemand in die je- verliert, die Mittelschichten an Bedeutung ge- ANMERKUNGEN
weilige Religionsgemeinschaft integriert ist – winnen, das Bildungsniveau und der Wohl-
1
denn der Grad der Integration in die jeweilige stand ansteigen, dann kann man erwarten, dass Die Ausführungen in diesem Artikel beziehen sich auf
eine Buchveröffentlichung zum Thema (vgl. Gerhards
Kirche hat einen sehr starken Einfluss auf die es auch zu einer Veränderung der Werte der und Hölscher 2005). Dort findet sich auch eine wesent-
Trennung von religiöser und weltlicher Sphäre. Bürger kommen wird und sich die kulturellen lich genauere Explikation des theoretischen Rahmens und
der empirischen Ergebnisse, wie auch genauere Literatur-
Die These von Huntington, dass eine Trennung Unterschiede zwischen den Mitgliedsländern angaben.
von Religion und Welt ein inhaltlicher Bestand- und der Türkei angleichen werden. Welche Fak- 2 Gute Informationen zum „European Values Survey“
teil der christlichen Traditionslinie sei, während toren wiederum die Modernisierungsprozesse findet man zum einen unter der Netzseite: http://www.
europeanvalues.nl, zum anderen in Loek Halman u.a.
dies nicht für die muslimische Religion gelte, auslösen, ist eine andere Forschungsfrage. (2001). Der Datensatz ist über das Zentralarchiv für em-
wird also durch unsere Analysen nicht gestützt. pirische Sozialforschung in Köln unter der Nummer 3811
zu beziehen.
Die Tatsache, dass die Türkei und auch die do- 3
Die Frage wurde mit Hilfe von vier Antwortalternati-
minant orthodox-christlichen Länder der zwei- LITERATUR ven erhoben (sehr wichtig; wichtig; nicht wichtig; über-
ten Beitrittsrunde in geringerem Maße die Re- Conradt, D. P.: Changing German Political Culture. In: Al-
haupt nicht wichtig). Wir geben die Prozentsatzwerte für
die Ausprägung „sehr wichtig“ wieder.
ligionsvorstellungen der EU – aber auch die an- mond, G. A./Verba, S. (Hrsg.): The Civic Culture Revisited. 4
London 1980, S. 212-272. Antwortalternativen waren Ja oder Nein.
deren Wertevorstellungen der EU – unterstüt- 5 Zur Beantwortung dieser Frage standen fünf Antwort-
Durkheim, E.: Der Selbstmord. Frankfurt am Main
zen, hat weniger mit der inhaltlichen Orientie- 1897/1983 alternativen zur Verfügung (stimme voll zu; stimme zu;
rung der dort dominanten Religionssysteme zu weder noch; stimme nicht zu; stimme überhaupt nicht
Fuchs, D./Klingemann, H.-D.: Eastward Enlargement of zu). Die Tabelle gibt die Prozentsätze der addierten bei-
tun, sondern ist stärker bestimmt durch den the European Union and the Identity of Europe. In: West den Zustimmungen wieder
European Politics, Jg. 25, H. 2/2002, S. 19-54.
Grad der Modernisierung einerseits und die Europäischer Konvent: Entwurf eines Vertrags über eine
6 Gute Informationen zum „World Value Survey“ findet
Stärke der Integration der Bürger in die jewei- man unter der Netzseite http://www.worldvaluesurvey.com.
Verfassung Europas. Brüssel, 27. Juni 2003. Der Datensatz ist über das Zentralarchiv für empirische
lige Kirche andererseits. Und da der Moderni- Gerhards, J./Hölscher, M.:Kulturelle Unterschiede zwi- Sozialforschung in Köln zu beziehen.
schen Mitglieds- und Beitrittsländern der EU. Das Beispiel
sierungsgrad in den Ländern gering ist und der Familien- und Gleichberechtigungsvorstellungen. In:
7
Zur Beantwortung der Frage standen vier Antwortal-
ternativen zur Verfügung: „Nur eine wahre Religion“,
Grad der Integration in die Kirche vor allem in Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32/2003, S. 206-225. „Viele wahre Religionen“, „Keine wahre Religion“ und
der Türkei sehr hoch ist, ist in diesen Ländern Gerhards, J./unter Mitarbeit von Hölscher, M.: Kulturelle „Weiß nicht“.
Unterschiede in der Europäischen Union. Ein Vergleich
auch die Übereinstimmung mit den Religions- zwischen Mitgliedsländern, Beitrittskandidaten und der
8
Zur Beantwortung der Frage standen drei Antwortal-
ternativen zur Verfügung (stimme zu; stimme nicht zu;
vorstellungen der EU niedriger als in den ande- Türkei. Wiesbaden 2005 weder noch). Die Tabelle gibt die Prozentsätze der Zu-
ren Ländern. Huntington, S. P.: Der Kampf der Kulturen. The Clash of stimmung wieder.
Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.
Entsprechend kann man auch erwarten, dass Jahrhundert. München 1996
9
Zur Beantwortung dieser Frage standen vier Antwort-
alternativen zur Verfügung (sehr gut; ziemlich gut; ziem-
sich die existierenden kulturellen Unterschiede Halman, L.: The European Values Study: A Third Wave. lich schlecht; sehr schlecht). Die hier berichteten Werte
zwischen den jetzigen Mitgliedern der EU ein- Source Book of the 1999/2000 European Values Study geben die Prozentsätze der addierten beiden Zustimmun-
Surveys. Tilburg 2001 gen wieder.
erseits und den Beitrittskandidaten und vor al- Inglehart, R.: Modernization and Postmodernization. 10 Zur Beantwortung beider Fragen standen fünf Ant-
lem der Türkei andererseits nivellieren werden, Cultural, Economic and Political Change in 43 Societies. wortalternativen zur Verfügung (stimme überhaupt nicht
wenn eine Modernisierung der Türkei gelingt. Princeton 1997 zu; stimme nicht zu; weder noch; stimme zu; stimme voll
Meulemann, H.: Werte und Wertewandel. Zur Identität zu). Wir haben für alle gebildeten Skalen die Zuverlässig-
Für den gegenwärtigen Zeitpunkt gilt aller- einer geteilten und wieder vereinten Nation. Weinheim keit der Skalen getestet. Die entsprechenden Werte sind
dings, dass die kulturellen Unterschiede zwi- 1996 zufriedenstellend (vgl. Gerhards und Hölscher 2005, S.
schen der EU und vor allem Rumänien und der Robbers, G.: Status und Stellung von Religionsgemein- 87f.).
schaften in der Europäischen Union. In: Minkenberg, 11
So hat sich zum Beispiel die Akzeptanz von Homo-
Türkei zum Teil erheblich sind, so dass man von M./Willems, U. (Hrsg.): Politik und Religion. Sonderheft sexualität in Spanien in der Zeit zwischen 1981 und 1999
einem kulturellen „missmatch“, vielleicht sogar 33 der Politischen Vierteljahresschrift. Wiesbaden 2003, S. radikal gewandelt (vgl. Gerhards und Hölscher 2004, S.
von einer kulturellen „Überdehnung“ sprechen 139-163. 274).
kann.

MODERNISIERUNG VERÄNDERT WERTE

Das hier gezeichnete Bild der kulturellen Land-


karte der Europäischen Union ist sicherlich ein
mit grobem Pinsel gemaltes Bild. Eine genauere
Analyse zeigt, dass man die Unterschiede inner-
halb der hier zu Ländergruppen aggregierten
Einheiten berücksichtigen muss, will man zu ei-
ner differenzierteren Einschätzung kommen;
aber dazu fehlt hier der Raum. Weiterhin muss UNSER AUTOR
man bedenken, dass sich die Werteorientierun-
gen der Bürger wandeln können. Gerade die Prof. Dr. Jürgen
Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg ist Gerhards ist Pro-
ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Werte- fessor für Soziolo-
orientierungen der Bürger erst langsam an die gie (Lehrstuhl für
von oben und außen oktroyierte demokratische Makrosoziologie)
Ordnung anpassen können (vgl. Conradt 1980; an der Freien Uni-
Meulemann 1996). Auch die früheren Beitritts- versität Berlin. Zu
länder Spanien, Portugal und Irland, die zum seinen neusten
Zeitpunkt des Beitritts gering modernisiert wa- Buchveröffentli-
ren, illustrieren, wie sich die Werteeinstellun- chungen gehören:
gen der Bürger wandeln können.11 Und wie Jürgen Gerhards
mehrere Studien gezeigt haben, werden die (unter Mitarbeit
Wertorientierungen der Bürger in hohem Maße von Michael Hölscher): Kulturelle Unter-
durch den Grad der ökonomischen Modernisie- schiede in der Europäischen Union. Ein Ver-
rung bestimmt (vgl. Inglehart 1997). Auch wir gleich zwischen Mitgliedsländern, Beitritts-
können in unseren Analysen zeigen, dass die kandidaten und der Türkei. Wiesbaden 2005
von der EU präferierten Werte umso stärker un- (Verlag für Sozialwissenschaften); Jürgen
terstützt werden, je modernisierter ein Land ist. Gerhards: The Name Game. Cultural Moder-
Wenn sich die Türkei weiter modernisiert und nization and First Names. New Brunswick
der landwirtschaftliche Sektor an Bedeutung und London 2005 (Transaction Publishers).

117
PFLICHTBEWUSST, EFFIZIENT, VERLÄSSLICH UND ORDENTLICH?

Das Deutschland- und Deutschenbild der Türken


C LAUS S CHÖNIG

Gültigkeit verlieren können. Langlebige Bilder ihrer inneren Gespaltenheit in das allgemeine
Die deutsch-türkischen Beziehungen be- stehen oft im Zusammenhang mit der eigenen Bild, das diese Gruppe abgibt. Die religiös defi-
sitzen seit weit über hundert Jahren eine Geschichte und können Teil des kollektiven Ge- nierten Aleviten sind ähnlich wie die erwähn-
besondere Intensität und haben das Bild dächtnisses sein. Bilder mit kurzer Laufzeit hän- ten Kurden von der „Liberalität“ Deutschlands
von Deutschland und seinen „pflichtbe- gen heutzutage oft von Presse- oder Fernseh- angetan.
wussten, verlässlichen und ordentlichen meldungen ab. Der Realitätsgehalt all dieser
Deutschen“ merklich geprägt. Diese Be- Bilder hängt außer von der Güte der Traditions-
ziehungen, angereichert mit tradierten oder Nachrichtenquelle auch von der Person ab, DEUTSCHLAND ALS „GOTTLOSER“ STAAT
Mustern und nationalen Stereotypen, die sie in ihrem Bewusstsein trägt, etwa von ih-
bestimmen heute noch das Image „der rer wirtschaftlichen Lage und ihrem Bildungs- Auch viele religiöse Muslime sind aus demsel-
Deutschen“ in der Türkei. Von konkreter stand (in der Türkei meist unmittelbar mitein- ben Grund mitunter von Deutschland begeis-
Bedeutung ist auch die Tatsache, dass ander verknüpft), ihrem Beruf, von ihren Kon- tert, wenn sich auch in den letzten Jahren die
über zwei Millionen Menschen türki- taktmöglichkeiten mit Deutschland und Deut- Stimmen mehren, die meinen, dass Deutsch-
scher Herkunft in Deutschland leben und schen, von ihrer regionalen und ethnischen land den Muslimen noch zu wenig entgegen-
„ihr“ Bild von Deutschland entwickelt ha- Herkunft sowie ihrer kulturellen, weltanschau- komme und sie religiös diskriminiert würden. Ei-
ben. Dass allerdings eine real gegebene lichen und religiösen Verortung. Ungereiste nige der radikaleren religiösen und zahlreichen
höhere Zahl von Kontakten nicht auto- Gebildete haben oft realistischere Vorstellun- national-religiösen Gruppen haben sogar eine
matisch zu einem besseren gegenseiti- gen von Deutschland und den Deutschen als ausgesprochen ablehnende Haltung gegenüber
gen Verständnis führt, zeigen die Beob- ungereiste Ungebildete, jedoch müssen solche Deutschland und den Deutschen eingenom-
achtungen von Claus Schönig am Beispiel Nationenbilder trotz Bildung nicht besonders men, jedoch geht es hierbei nicht eigentlich um
deutscher Touristen, die als „Botschafter realistisch sein. Bildung ist in der Türkei stark Deutschland, sondern um Deutschland als einer
des guten Geschmacks und guter Sitten“ vom Einkommen abhängig, was aber nicht der westlich-christlichen, aber eigentlich „gott-
ebenfalls ein Bild hinterlassen. Wenn heißt, dass jeder Wohlhabende gebildet ist. losen“ Staaten, die die Muslime bzw. die türki-
auch das Deutschlandbild noch vorwie- Kontaktmöglichkeiten mit Deutschland und schen Muslime bedrohen und für ihre als unbe-
gend positiv geprägt ist, hat es in letzter den Deutschen haben in der Türkei sowohl Rei- friedigend empfundene Lage verantwortlich
Zeit einige Risse bekommen. Dies ist ein che (etwa durch Privat- oder Geschäftsreisen), sind. In diesen Gruppen gilt oft das Motto, deut-
deutlicher Hinweis, dass Deutschland Gebildete (etwa auf der Ebene von Universitä- sche Institutionen so weit es geht auszunutzen.
und die Türkei zukünftig mehr Energie ten oder Firmen) als auch Ärmere, etwa Arbeits- Dass dies ihnen oftmals erstaunlich leicht ge-
aufbringen müssen, um etwas überein- migranten und deren Verwandte; hinzu kom- macht wird, erfüllt diese Art von Nutznießern
ander zu erfahren und sich gegenseitig men Bewohner von Touristenzentren oder Or- dann weniger mit Dankbarkeit als mit Verach-
mitzuteilen. Red. ten mit stärkerem deutschen Bevölkerungsan- tung für die dummen, ungläubigen Deutschen.
teil (etwa einige Istanbuler Stadtviertel) sowie Als sozusagen viel zu gutmütig und dumm gel-
türkische Angestellte von deutschen Firmen ten die Deutschen übrigens auch bei vielen an-
mit auch deutschem Personal (meist in den sonsten positiv eingestellten Türken deswegen,
Führungsetagen), von deutschen Instituten, weil „die Deutschen“ so viele Ausländer in ihr
diplomatischen Einrichtungen etc. Auf das Land lassen, auch wenn sie gleichzeitig Härten
WIE REALISTISCH SIND Ganze gesehen treffen wir bei den Deutschen- bei der Visavergabe kritisieren.
NATIONENBILDER? und Deutschlandbildern in der Türkei – wie bei
Nationenbildern überall auf der Welt – auf die
Die folgenden Anmerkungen zum Deutsch- ganze Skala von realistisch-seriös bis hin zu LIBERALITÄT SORGT AUCH
land- und Deutschenbild der Türken sind nicht phantastisch-tendenziös. FÜR MISSTRAUEN
Resultat wissenschaftlicher Untersuchungen,
sondern basieren ganz auf eigenen Erfahrungen, Wo die Liberalität eines demokratischen
die ich seit 1977 auf etlichen Reisen durch die DEUTSCHLANDS „LIBERALITÄT“ SORGT Rechtsstaats bei offiziellen wie nicht anerkann-
Türkei und während mehrjähriger Aufenthalte BEI MANCHEN FÜR BEGEISTERUNG ten Minderheiten der Türkei für einen positiven
in Istanbul machen konnte, auf Gesprächen mit Unterton im Deutschlandbild sorgt, so trübt ge-
Menschen unterschiedlichster Bildung, Berufe Gehen wir das Problem sozusagen von den rade diese Liberalität das Deutschlandbild von
und Herkunft. Bei aller Verschiedenheit im De- Rändern her an. Eine ethnische Prägung des Gruppen, die „mehrheitstürkisch“ sind bzw. sich
tail finden sich in all den dort gezeichneten Bil- Deutschland- und Deutschenbildes findet sich so verstehen. Eher auf eine nationale Einheits-
dern auch viele gemeinsame Züge, aus denen vor allem bei den türkischen Staatsbürgern kur- kultur orientierte Kemalisten werfen Deutsch-
sich so etwas wie ein allgemeines Deutschland- discher Abkunft, die sich in irgendeiner Weise land Förderung separatistischer Tendenzen vor,
wie Deutschenbild ergibt. Diese Deutschland- in der Türkei benachteiligt fühlen. Hier bildet die etwa im Zusammenhang mit dem PKK-Bürger-
und Deutschenbilder sind keineswegs konsis- als kurdenfreundlich empfundene Atmosphäre krieg; gerade bei diesem Thema blieb die Ver-
tent und widerspruchsfrei. Allgemein sind sol- in Deutschland ein positives Grundmuster; die- stimmung keineswegs auf solche Kemalisten
che Nationenbilder meist wenig systematisch ses Bild kann um Elemente aus allgemeinen beschränkt, sondern erfasste weite Teile der Be-
durchdacht, sie basieren nur zum geringsten Quellen für Deutschland- und Deutschenbilder völkerung. Ebenso misstrauisch wird Deutsch-
Teil auf persönlichen Erfahrungen, sondern erweitert sein. Bei armenischstämmigen türki- land beobachtet, wenn es um die Behandlung
werden oft durch tradierte Muster und Hören- schen Staatsbürgern ist Ethnisches und Religi- von armenischen und alevitischen Themen
sagen gespeist. Leider liegen zu diesem interes- öses fest verknüpft. Hier ist es neben der ge- oder das Engagement für christliche Kirchen in
santen Thema kaum systematische Untersu- meinsamen christlichen Religion und stärker der Türkei geht. Besonders diejenigen, die in
chungen vor, und wenn, sind sie meist auf die westlich orientierten Bildungsidealen vor allem Deutschland ein Vorbild und den traditionellen
Deutschland- und Deutschenbilder bestimmter die Behandlung der „Armenierfrage“, die für eine Verbündeten sehen, sind voller Unverständnis
Gruppen beschränkt. positive Grundeinstellung gegenüber Deutsch- darüber, dass Deutschland diesen als antitür-
Bevor wir uns die Bilder konkret betrachten, land und den Deutschen sorgt. Ähnlich verhält kisch-separatistisch empfundenen Tendenzen
wollen wir einige systematische Überlegungen es sich mit den wenigen verbliebenen Griechen, eine Heimstatt bietet. Bei politisch weiter rechts
vorausstellen. Unter den Deutschland- und die allerdings mitunter die deutsche Unkennt- stehenden Gruppen ist es dann die Unterstüt-
Deutschenbildern gibt es solche mit langer Le- nis des Schicksals der anatolischen Griechen – zung von Menschenrechtsgruppen, Umwelt-
bensdauer und solche, die von der aktuellen Si- zu Recht oder zu Unrecht – beklagen. Die Bilder, schutzinitiativen oder Demokratisierungsbe-
tuation geprägt sind und auch rasch wieder ihre die von Juden produziert werden, fügen sich in wegungen, die als ungerechtfertigte Einmi-

118
Das Deutschland- und Deutschenbild der Türken

OKZIDENT TRIFFT ORIENT: LÄSSIG GEKLEIDETE TOURISTEN


IN KURZEN HOSEN BEGEGNEN IN DEN STRASSEN VON
ISTANBUL EINER GRUPPE VERSCHLEIERTER FRAUEN. DAS
AUFTRETEN DEUTSCHER TOURISTEN HAT EINIGE WEITERE
MOSAIKSTEINCHEN ZUM DEUTSCHENBILD HINZUGEFÜGT.
picture alliance / dpa

schung in Innertürkisches gilt, wobei einige


Gruppen Deutschland verdächtigen, den öko-
nomischen Aufschwung der Türkei aus eigen-
nützigen Gründen verhindern zu wollen. Eine
solche Gruppe hat etwa behauptet, dass ver-
schiedene deutsche Einrichtungen in der Türkei
gemeinsam mit türkischen Umweltgruppen
und Bürgerinitiativen die Goldförderung bei
Bergama sabotieren wollten, um zu verhindern,
dass die Türkei zu einem der reichsten Länder
der Erde wird. So sah ich mich als Leiter des
Orient-Instituts Istanbul gemeinsam mit Ver-
tretern deutscher politischer Stiftungen und
türkischer Gruppen als Angeklagter in dieser
Sache vor dem Staatsicherheitsgericht in An-
kara. Die Anklage wurde vom Gericht in einer
korrekt geführten Verhandlung zurückgewie-
sen, das Gold von Bergama ist in Vergessenheit
geraten, doch auch wenn Teile der Öffentlich-
keit die phantastische Geschichte nicht ganz lektiven Gedächtnisses sind. Was die Deutschen wieder der deutschen Verlässlichkeit zuge-
geglaubt haben dürften, so zeigt der Vorfall angeht, kann man hier drei Hauptkontaktpha- schrieben. Ebenfalls in der „Preußen-Ära“ ent-
doch, welch exotische Facetten das Deutsch- sen unterscheiden, die solche Bilder geliefert standen ist auch das Bild vom deutschen Waf-
land- und Deutschenbild in der Türkei haben haben, die „preußische Phase“ vom 19. Jahr- fenbruder, das noch immer in vielen Köpfen
kann. hundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, die existiert. Wie es zur Schaffung von Nähe im Ge-
Den Kemalisten mit vor allem laizistischem „Hitler-Phase“ und die von ursprünglich bei- spräch verwendet werden kann, erscheint es
Schwerpunkt ist auch die Liberalität Deutsch- derseits als „Gastarbeiter“ verstandenen Ar- auch im Zusammenhang mit Kritik an deut-
lands gegenüber religiös-muslimischen Grup- beitsmigranten in den 1960ern eröffnete schem Verhalten gegenüber der Türkei und den
pen unter den Arbeitsmigranten in Deutsch- Phase, die sich bis in die Gegenwart zieht. Türken, wo gefragt wird, wie ein ehemaliger
land ein Dorn im Auge. Hier erhebt sich öfters Waffenbruder die jeweils kritisierte Haltung ge-
der Vorwurf, gerade die deutsche Liberalität gen den anderen einnehmen kann. Insgesamt
habe das Entstehen solcher antilaizistischer FASZINATION DER „PREUßISCHEN PHASE“ ist das, was hier besprochen und was man als
und damit antikemalistischer Strömungen erst „Preußentum“ zusammenfassen könnte, posi-
ermöglicht. Gerade städtische, besser gebildete Aus der „preußischen Phase“ stammt das Bild tiv besetzt; dass gerade jüngere, eher links
Kemalisten, aber durchaus auch eher traditio- vom fleißigen, effizienten, verlässlichen und orientierte Deutsche dies eher ablehnen, trifft
nell orientierte Türken beklagen im Zusammen- ordentlichen Deutschen, der Dank seines Orga- bei vielen Türken auf Unverständnis. Wie unter-
hang mit den türkischen Arbeitsmigranten in nisationstalentes, seiner Ausbildung und Diszi- schiedlich ein und derselbe Begriff bei Deut-
Deutschland, dass diese als Hinterwäldler emp- plin wahre Wunderdinge schaffen kann. Dieses schen und Türken besetzt sein kann und welche
fundenen Gruppen das Türken- und Türkeibild Bild hat die Phase, aus der es stammt, gut über- Missverständnisse daraus entstehen können,
in Deutschland so stark prägen und bedauern, lebt und hat in sich viele Einzelbilder, die man zeigt folgende Episode, die sich angeblich in den
dass die Deutschen so wenig unternehmen, um sich noch heute von Deutschland und den frühen 1960ern anlässlich der Verleihung einer
dieses „Zerrbild“ zu korrigieren. Das Gefühl, im Deutschen macht. Es dient ebenso zur Erklä- deutschen Auszeichnung an einen hohen tür-
Grunde von den Deutschen nicht verstanden zu rung deutscher technischer Errungenschaften, kischen Militär wegen seiner Verdienste um die
werden, prägt die Grundstimmung so mancher zumindest früher funktionierender Universitä- deutsch-türkische Zusammenarbeit abgespielt
Türken, ohne dass in jedem Fall klar ist, wie die- ten, eines diszipliniert ablaufenden Verkehrs haben soll. Der wie viele seiner Generation in
ses Nichtverstehen behebbar wäre; wie in vie- auf gepflegten Straßen etc. Die Kehrseite der entsprechender Stellung deutsch sprechende,
len Bildern, die Nationen voneinander haben, „preußischen Tugenden“ ist eine Steifheit, die dekorierte Militär wollte seine Hochachtung
wird es mitunter einfach auf eine elementare die Fähigkeit zum Lebensgenuss stark ein- Deutschland gegenüber erweisen und soll sinn-
„Verschiedenheit in Denken und Fühlen“ ge- schränken und bis zur Gefühlskälte gehen kann. gemäß gesagt haben: „Die Deutschen nennen
schoben. Hierher gehört auch das Bild vom korrekten die Türken immer die Preußen Asiens. Nun
deutschen Chef, der aber zu wenig Verständnis möchte ich dieses Kompliment erwidern und
in persönlichen Zwangslagen aufbringt. Diese sagen: Die Deutschen sind die Hunnen Euro-
NATIONENBILDER UND KOLLEKTIVES emotionale Kälte wird aber nicht immer im Zu- pas!“ – aus dem Munde eines Türken, der in den
GEDÄCHTNIS sammenhang mit „Preußentum“ gesehen, son- Hunnen seine Vorfahren sieht, gewiss ein gro-
dern oft einfach der Andersartigkeit der Deut- ßes Kompliment.
Mit dem Stichwort „Verschiedenheit“ sind wir schen zugeschrieben (die mitunter auch im Zu-
an dem Punkt angelangt, wo wir uns mit den sammenhang einfach mit dem kälteren Wetter
am weitesten verbreiteten Stereotypen über gesehen wird, ebenso der als hart empfundene DEUTSCH-TÜRKISCHE BEZIEHUNGEN
Deutschland und die Deutschen befassen wol- Klang der deutschen Sprache). Auf jeden Fall WAREN PRÄGEND
len. Diese Bilder bestehen meist bei Vertretern sind gerade für die Bewohner von Touristenge-
aller möglichen Gruppen, auch wenn sie im De- genden die Deutschen diejenigen, die sich trotz Aus diesen „preußischen“ Zeiten deutsch-tür-
tail ganz unterschiedliche Bilder von Deutsch- Zusagen, aus Deutschland zu schreiben, nicht kischer Beziehungen resultieren die bedeuten-
land und den Deutschen haben. Sie beruhen oft mehr melden und zugesagte Fotos nicht schi- den Verbindungen auf dem Bildungs- und Wirt-
auf historischen Erfahrungen, die Teil des kol- cken. Kommen die Fotos dann doch, wird dies schaftssektor. Schon zu wilhelminischen Zeiten

119
CLAUS SCHÖNIG

wurden Türken zur Ausbildung nach Deutsch- Noch im März 2005 rangierte die türkische Erfahrungen türkischer Arbeitsmigranten und
land geschickt, nicht nur angehende Akade- Übersetzung „Kavgam“ von „Mein Kampf“ auf ihrer Kinder in Deutschland wenig geändert.
miker, auch Techniker, Handwerker etc., auch ei- Platz 2 der nationalen Bestsellerliste; seine Letzteres mag zum Teil auch auf die nicht
nige Künstler besuchten Deutschland. Dies Exemplare zierten in vielen verschiedenen Aus- immer harmonischen Beziehungen zwischen
setzte sich auch in der Weimarer Zeit und im gaben überall die Auslagen der Buchgeschäfte. Migranten und Daheimgebliebenen zurückge-
Dritten Reich fort, und mancher türkische Stu- Es liegt weit außerhalb meiner Möglichkeiten, hen. Auch die schauerlichen Geschichten, dass
dent verließ Deutschland erst Anfang 1945. die Faszination Hitlers auf die Angehörigen al- Hunde mit am Tisch essen (wie sie das heute
Diese in Deutschland ausgebildete Schicht war ler möglicher Nationen erklären zu können, vielleicht auch in einigen türkischen Haushal-
beeindruckt vom hohen Standard von Wissen- auch solcher, die ihm zum Opfer fielen oder ten etwa im Istanbuler Stadtteil Cihangir tun),
schaft, Technik, Organisation, Kultur und Bil- noch hätten zum Opfer fallen können. Zur „tür- war zwar abstoßend, aber aus der Andersartig-
dung und hat bis in die jüngste Vergangenheit kischen Variante“ seien aber einige Anmerkun- keit erklärlich. Das Auftreten deutscher Touris-
intensiv als Multiplikator des positiven „Preu- gen erlaubt. Für viele weniger gebildete Leute ten in der Türkei, besonders in den Baderegio-
ßenbildes“ in der Türkei als starker Motor guter in der Türkei steht „Hitler“ einfach für einen nen, hat nicht nur dort einige weitere Mosaik-
deutsch-türkischer Beziehungen gewirkt. Al- „großen Mann“, unter dem die Deutschen steinchen zum Deutschenbild hinzugefügt, so
lerdings ist es auch gerade diese Schicht, die technisch-organisatorische, auch kriegerische die unvergesslichen besockten Füße in Sanda-
ihre zunehmende Enttäuschung über den ge- „Großtaten“ vollbracht haben. Da nur „echte len, möglichst von Birkenstock, die kurzen Ho-
sellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik Leistungen" angesehen werden und die Juden- sen, der Bierbauch und das bei Alkoholkonsum
dann nicht verbergen konnte und kann, vor al- verfolgung aus der Betrachtung ausgeklam- sich rötende Gesicht. Man könnte weiterhin
lem die zunehmend kritischere Position Deutsch- mert bleibt, ist Hitler leicht in die Reihe großer das oft „sittenlose“ Verhalten deutscher Frauen
lands gegenüber der Türkei. Bei dieser Gelegen- Männer einzureihen, die ihre Völker zu neuen aufzählen, das allerdings von Teilen der männ-
heit muss auch erwähnt werden, dass auch die Höhen führen. lichen türkischen Gesellschaft nicht ungern ge-
während der Nazizeit vertriebenen oder freiwil- sehen wurde und wird, und mit dem sich deut-
lig in die Türkei emigrierten Deutschen am po- sche Urlauberinnen in bester internationaler
sitiven Deutschlandbild gerade unter höher ge- ANTISEMITISCHER UNGEIST Gesellschaft befinden. Die deutschen Männer
bildeten Türken ihren Anteil haben. Auf der aka- müssen sich zum Teil unehrenhaftes Verhalten
demischen Ebene haben sie mitgeholfen, ein Dies ist eine Komponente. Die andere berück- vorwerfen lassen, da sie ihre Frauen nicht rich-
modernes türkisches Hochschulsystem auf- sichtigt auch die millionenfachen Morde an Ju- tig verteidigen. Dieses bunte Sammelsurium
zubauen und auch sonst den Aufbau der mo- den – und hier scheiden sich die Geister. Neben von Spottbildern, die vor allem in den Urlaubs-
dernen Türkei in manchem Detail mitgestaltet, vielen, die das deutsche Handeln, nicht aber die gebieten in eigener Erfahrung gewonnen wur-
ein Wissen, das in der Türkei vielleicht nicht Deutschen, verurteilen, gibt es (wiederum weit den, sind aber zunächst lediglich karikaturisti-
allzu weit verbreitet, aber auch keineswegs ver- über das politisch rechte Spektrum hinaus) die sche Anmerkungen in einem Bild, das zunächst
gessen ist. verschiedensten Meinungen darüber, ob das al- durch eine Wahrnehmung von Fortdauer der
les überhaupt wahr sei, ob die Deutschen nicht „preußischen Tugenden“ und ihrer Resultate
zu viele Juden umgebracht hätten, dass es un- vor allem in der Bundesrepublik ab 1949 („Das
DIE FASZINATION DES DRITTEN REICHES recht gewesen sei, die Juden anderer Nationen richtige Deutschland“, wie man früher in der
zu töten und auch, dass die Deutschen das Werk Türkei oft hören konnte) geprägt war.
Mit Erwähnung der deutschen Emigranten sind ja nicht vollendet hätten. Dieser antisemitische
wir in einer Phase angelangt, die ebenfalls Ungeist ruht auf einem traditionellen, noch aus
wichtige Zutaten zumindest zum Hintergrund vorrepublikanischer Zeit stammenden Funda- DAS „RICHTIGE“ DEUTSCHLAND
eines allgemeinen Deutschen- und Deutsch- ment aus Misstrauen und Ablehnung Juden ge-
landbildes in der Türkei beigetragen hat – die genüber (und oft auch den als „verwandt“ ein- Dieses („richtige“) Deutschland war das Land
Nazizeit. In vielem hat sie das „Preußenbild“ gestuften Freimaurern), auch wenn es nie zu des Wiederaufbaus nach totaler Zerstörung, des
weiter verstärkt, was bei der bekannten Aus- Exzessen wie in Europa gekommen ist. Die Zu- Wiederaufstiegs und des Wirtschaftswunders –
richtung der Nazipropaganda nicht verwun- nahme von Antisemitismus in Teilen der Bevöl- dank „preußischer Tugenden“, die spätestens
dert. Vor allem der Zweite Weltkrieg hat den kerung in den letzten Jahren ist einerseits mo- jetzt „deutsche Tugenden“ genannt werden
Deutschen bei manchen Türken den Ruf eines tiviert von einer weit verbreiteten Ablehnung dürfen. Gerade in Kreisen kleinerer und mittle-
kriegerischen, mitunter grausamen Volkes ein- israelischer Politik (bei gleichzeitiger enger Ko- rer Geschäftsleute und auch der Gründergene-
getragen, das immerhin „fast die ganze Welt“ operation der Türkischen Republik mit Israel auf ration der großen Unternehmen steht der Name
erobert hat. Bei manchen Gruppen führt dies verschiedensten Ebenen, und obwohl die Ara- Deutschland für weltwirtschaftlichen Erfolg,
noch heute – gerade in Verbindung mit den po- ber einen ausgesprochen schlechten Ruf in der der offenbar Beispielcharakter für das eigene
sitiven „preußischen Tugenden“ – mitunter zu Türkei haben); bei stärker islamisch orientierten Land gewinnt. Die Welt der Wirtschaft ist mir
wohligem, bewunderndem Schauern und Gru- Gruppierungen kommt noch eine religiöse Mo- zwar weit gehend verschlossen, und ich nehme
seln, wie man es auch eingedenk der großen tivation hinzu. So holt die Deutschen Adolf Hit- an, dass in der Türkei wie überall Geschäfte
und blutigen Taten eigener Sultane oder sons- ler auch hier wieder ein. höchst unsentimental gemacht werden. Dass
tiger Kriegsherren empfinden mag. Es ist er- Deutschland und die Türkei füreinander emi-
staunlich, wie weit die Gruppe der so reagieren- nent wichtige Partner sind, wird nicht ohne
den Türken über den Rand des rechten Lagers NEGATIVE ERFAHRUNGEN TRÜBEN Stolz immer häufiger in der Türkei vermerkt.
hinaus in andere gesellschaftliche Segmente DAS BILD KAUM Doch vermag ich zu bezeugen, dass zumindest
reicht, aber es geht hier ja auch nicht um ein in einem sehr aktuellen Fall die Tatsache, dass
Gutheißen des Nationalsozialismus als Weltan- Es ist erstaunlich, wie wenig Vorfälle wie etwa das Geschäft mit einem deutschen Partner ab-
schauung. Dass diese Art der Bewunderung in in Mölln und Solingen, wo türkische Familien geschlossen wurde, für echte Genugtuung ge-
den Gegenden der Türkei mit größerer Bindung bei Neonazi-Attacken etliche Angehörige ver- sorgt hat. Noch heute ist der Glaube an die deut-
an männlich dominierte Lokalkulturen und/ loren, das Deutschen- und Deutschlandbild auf sche Wirtschaftskraft zum Teil verbunden mit
oder geringerer Bildung stärker ist, versteht Dauer erschüttert haben und wie wenig die der Vorstellung, diese Kraft stehe in unmittel-
sich von selbst. Mit zunehmendem zeitlichem Verbindung von Deutschland und (Neo-)Nazi- barer Verbindung mit der CDU (die CSU wird we-
Abstand vom Ende des Krieges tritt dieses Ele- gewalt hergestellt wurde. Dies zeigt vor allem niger eigenständig wahrgenommen). So konnte
ment des Deutschland- und Deutschenbildes eins: trotz aller wenig erfreulichen Vorfälle, man zu Zeiten, in denen Helmut Kohl nicht mehr
immer mehr in den Hintergrund. Konstellationen und Entwicklungen zwischen als wirtschaftspolitisch erfolgreicher Kanzler
Nicht im Rückgang begriffen scheint die Be- Türken und Deutschen in den letzten Jahrzehn- gelten konnte, gerade von Besitzern kleiner und
deutung eines anderen Elements aus diesen ten — das positive Deutschlandbild der Türken mittlerer Geschäfte noch hören, wenn die Deut-
trüben Zeiten, nämlich Adolf Hitlers, der tragi- in der Türkei ist in gewissen Teilen der Bevölke- schen Kohl nicht mehr haben wollten, sollten sie
scherweise noch immer in vielen Ländern der rung nur schwer zu erschüttern. Daran haben ihn doch in die Türkei schicken, dafür würde es
Welt ein deutscher „Hauptexportschlager“ ist. neben erwähnten Gewaltakten auch negative bei ihm wohl immer noch reichen. Erstaunlich

120
Das Deutschland- und Deutschenbild der Türken

ist, dass es die CDU (und auch CSU) eigentlich Gruppen, die immer wieder auch in den Genuss gen für das Deutschland- und Deutschenbild
bis heute nicht geschafft hat, diesem positiven materieller Unterstützung aus Deutschland ge- kaum abschätzbar.
Bild bei den Türken ihrerseits wirklich gerecht langten, waren und sind es auch „unpolitische“ Trotz alledem ist das Deutschlandbild der Tür-
zu werden. Das deutsche Wirtschaftswunder Leute, die nicht Angehörige irgendeiner Min- ken noch vorwiegend positiv geprägt, auch
hat dank florierender deutscher Exporte das derheit sind, die sich von Deutschland als de- wenn Deutschland und die Deutschen eine
Deutschlandbild der Türken einmal um ange- mokratischem Staatswesen beeindruckt zei- deutlich kritischere Beurteilung als in früheren
sehene Komponenten bereichert wie (jeweils gen, vom Rechtsstaat und der von ihm ausge- Zeiten erfahren — längerer und intensiverer
„deutsche“) „Autos“, „Haushaltsgeräte“, „Werk- henden „Liberalität“, wie anfangs erwähnt. Kontakt ernüchtert eben. Noch immer sind
zeuge“ oder „Medikamente“, hergestellt in ei- Auch Bündnis 90/Die Grünen können auf diese Bilder in weiten Teilen der Bevölkerung,
nem Land fleißiger, diszipliniert und ordentlich diesem Sektor profitieren (wobei ihrer Be- die nicht den Zugang zu besserer Bildung und
arbeitender, gut ausgebildeter Menschen (die nennung ganz allgemein, wie auch in Deutsch- verlässlicher Berichterstattung haben, die nicht
seltsam sein mochten, falls man sie überhaupt lands Westen, ihr „Bündnis 90“ abhanden ge- reisen können und die auch ansonsten keinen
kannte), die das Glück (oder war es mehr als kommen ist); dies besonders bei linksdemo- Kontakt zu Deutschen haben, von den alten Ste-
das?) hatten, unter einer kompetenten und ir- kratischen Gruppen, vor allem auf dem Frauen- reotypen geprägt, überlagert vielleicht von Be-
gendwie doch ehrlichen Regierung zu leben, und Menschenrechtssektor. Wenn auch das richtsmoden der Medien, sofern diese konsu-
vielleicht der Schlüssel ihres Erfolgs. Für Teile entsprechende Treiben von der Rechten stark miert werden. In anderen Kreisen herrschen re-
der Handwerkerschaft war es in den 1970ern kritisiert wird (vor allem auf der Basis des Ge- alistischere Bilder und kompetente Einschät-
und 80ern das Land, aus dem ihre zuverlässig bots der Nichteinmischung in die inneren tür- zungen vor. Wie sich die Deutschland- und
funktionierenden Geräte kamen und das über kischen Angelegenheiten), konnte beizeiten Deutschenbilder weiter entwickelt, hängt auch
so wunderbare Orte wie Neuschwanstein ver- Claudia Roth erstaunliche Popularität auch wesentlich davon ab, wie viel Energie beide Na-
fügte, das von einem Poster an der Wand bei Nichtlesern der ausländischen Presse ver- tionen zukünftig dafür aufwenden werden, et-
prangte. Gerade weil Deutschland so lange in buchen. was übereinander zu erfahren und sich etwas
Vorbildposition war, erfüllt es so manchen mit voneinander mitzuteilen. Ich konnte hier leider
Genugtuung, dass nun schon seit längerem im nur ein sehr impressionistisches Bild der Ver-
Land des Wirtschaftswunders die Krise regiert. DAS POSITIVE BILD HAT RISSE hältnisse zeichnen, hoffe aber sehr, dass eines
BEKOMMEN Tages die Mittel zur Verfügung stehen, dieses
wirklich wichtige Thema im Verhältnis von
DEUTSCHES SOZIALSYSTEM ALS Damit sind wir bei einem weiteren Hauptpunkt Deutschen und Türken auf eine wissenschaft-
„HAUPTEXPORTSCHLAGER“ angelangt. Natürlich prägt das Dreigestirn von lich adäquate Weise anzugehen. Dabei sollte
Presse, Funk und Fernsehen das aktuelle Bild auch nicht die Betrachtung der so genannten
Das Wirtschaftswunder hat auch die Realisie- Deutschlands und der Deutschen stark mit. Von Deutschlandtürken (durch Zuwanderung oder
rung eines Sozialsystems ermöglicht, das eine diesen dreien wurde schon in vergangenen Geburt) fehlen, die in diesem kleinen Exkurs viel
weitere wichtige moderne Komponente des Jahrzehnten das oben kurz umrissene Bild, das zu kurz gekommen sind.
türkischen Deutschlandbildes ausmacht. Hier der deutsche Tourist in Urlaubsgebieten hinter-
sind aufgrund der Migranten auch detaillierte lassen hat, quer durch die Nation verbreitet. Die
Vorstellungen über dessen positive Auswirkun- Medien haben — wie oben erwähnt — einfach
gen bekannt. Die Idee eines solchen Sozialsys- durch ihre Berichterstattung über die Behand-
tems darf getrost als ein weiterer „Hauptex- lung von Arbeitsmigranten in Deutschland oder
portschlager“ Deutschlands in die Türkei be- Ereignisse wie die von Mölln und Solingen zur
zeichnet werden (auch das Wirtschaftswunder Eintrübung des enthusiastischen Deutschland-
wäre einer, wenn es so einfach exportierbar und Deutschenbildes in der Türkei beigetragen;
wäre). Auf sozialem Sektor nun kann die SPD in gleiches gilt für weite Teile der Bevölkerung im
der Türkei punkten, die (vergleichbar der CDU Zusammenhang mit dem PKK-Bürgerkrieg.
auf wirtschaftlichem Sektor) gerade bei weni- Trotz gelegentlicher publizistischer Exzesse in
ger informierten Türken Anerkennung für alle der Vergangenheit ist die Berichterstattung
möglichen sozialen Einrichtungen verbuchen Aufgabe der Presse, auch wenn sich eine Bevöl-
kann, auch wenn sie gar nicht dafür verant- kerung daraus ein weniger positives Urteil bil-
wortlich ist. Weniger bekannt ist die FPD, die vor det. Problematisch ist dabei allgemein der Zu-
allem in Teilen türkischer Juristen- und Wirt- stand der Presse, die neben gutem und unab-
schaftskreise Ansehen genießt. Allerdings hat hängigem Journalismus auch starke ökonomi-
ihr ehemaliger Vorsitzender und Außenminis- sche Abhängigkeiten kennt, was in der Türkei in UNSER AUTOR
ter Genscher, vielleicht wegen seines nach verschärftem Maß zutrifft. Aber wie instabil die
„genç er“ („junger Mann“) klingenden Namens Güte von Berichterstattung ist, so instabil ist die Claus Schönig, geboren am 23.10. 1955 in
eine gewisse Popularität besessen, trotz seiner Lebensdauer ihrer Resultate, sofern sie sich Mainz, studierte Turkologie und Islamwis-
nicht unbedingt pro-türkischen Haltung. Zum nicht an überkommene Stereotype anlehnen senschaften. Er wurde 1983 in Mainz promo-
Trost mag gereichen, dass das Konzept „Libera- können. Den Wolken der PKK-unterstützenden viert und habilitierte sich 1995 an der Freien
lität“ in seiner türkischen Lautung gerade bei Deutschen folgte der Sonnenschein deutscher Universität Berlin. Seine Hauptarbeitsgebiete
weniger Gebildeten oder Belesenen geradezu Unterstützung eines türkischen EU-Beitritts. liegen eigentlich außerhalb der Türkei und
zum Kürzel für Freiheitlichkeit und Rechtstaat- Gerade hier aber bilden sich schon seit einiger umfassen sprachwissenschaftliche Untersu-
lichkeit geworden ist. Zeit Frontlinien innerhalb der türkischen Ge- chungen zu Türkvölkern des Wolgaraums,
sellschaft. In letzter Konsequenz bedeutet dies, Zentralasiens und Sibiriens und zu türkisch-
dass sich auch deutschlandfeindliche Gruppen mongolischen Sprachbeziehungen sowie
DEUTSCHE DEMOKRATIE BEEINDRUCKT gebildet haben — deutschlandfeindlich in dem sprachhistorische Forschungen zur Entste-
Sinn, dass Deutschland vielleicht das promi- hung und Ausdifferenzierung der türkischen
Das zunehmende Bedürfnis nach demokrati- nenteste der Länder ist, die sich in die inneren Sprachen. Während seines Studiums unter-
scheren Verhältnissen in der Türkei, konterka- Angelegenheiten der Türkei einmischen wollen nahm er in der zweiten Hälfte der 1970er-
riert durch Militärputsche, hat im Verbund mit und diejenigen, die auf dem Pfad eines irratio- Jahre zahlreiche Reisen in die Türkei. Neben
stabilen demokratischen Verhältnissen in der nalen Nationalismus wandeln (vielleicht sogar wissenschaftlichen Tätigkeiten an deutschen
Bundesrepublik zu politisch-demokratischem in noch zusätzlich religiös verbrämter Form), Universitäten (Mainz, Essen, Gießen, Frank-
Ansehen Deutschlands und der Deutschen in vom rechten Weg abbringen wollen. Und falls furt/Main, München, Berlin) war er schon
der Türkei geführt. Dies gilt nicht nur für dieje- sich eine zwar unstete Presse dieser durchaus einmal 1993–95 als leitender Referent am
nigen, die in Deutschland politisches Asyl ge- aus steter Überzeugung handelnden Gruppen Orient-Institut Istanbul; seit September 2001
funden haben. Neben politisch engagierten über längere Zeit annimmt, sind die Dauerfol- ist er wiederum Leiter des Orient-Instituts.
BEDIENT DIE DEUTSCHE PRESSE KLISCHEES UND VORURTEILE?

Das Türkeibild der deutschen Presse


G ÜRSEL G ÜR

dung somit nur wenig durch Wirklichkeitser- IRRITATIONEN IN DEN BILATERALEN


fahrung – sieht man einmal von Urlaubseindrü- BEZIEHUNGEN
„Wir werden behaupten, dass alles, was cken ab –, sondern hauptsächlich durch medi-
der Mensch tut, nicht auf unmittelbarem ale Wirklichkeitsvermittlung zustande kommt, Die Irritationen in den bilateralen Beziehungen
und sicherem Wissen beruht, sondern spielen sie bei der Formung des Türkeibildes in zwischen Deutschland und der Türkei gehen
auf Bildern, die er sich selbst geschaffen den deutsch-türkischen wie auch in den euro- dabei einher mit der Krise in den türkisch-eu-
oder die man ihm gegeben hat“ – so ein päisch-türkischen Beziehungen eine wichtige ropäischen Beziehungen. In dem Maße, in dem
bekanntes Zitat von Walter Lippmann Rolle. sich der traditionelle Partner Deutschland nicht
über die Entstehung der öffentlichen Die Medien fungieren als Interpreten gesell- als der von vielen Türken erhoffte Mentor tür-
Meinung. Medien fungieren demnach schaftlicher und politischer Realität. Wie die kischer Interessen in Europa erweist oder sich
als Interpreten der gesellschaftlichen Wirkungsforschung hervorhebt, haben die Me- sogar gegen eine Integration der Türkei in der
und politischen Wirklichkeit. Sie defi- dien darüber hinaus eine Thematisierungsfunk- EU ausspricht, scheint sich die Distanz zu ver-
nieren die thematische Agenda, stellen tion bzw. „Agenda-Setting-Funktion“ übernom- größern. „Deutschland will die Türkei von Eu-
inhaltliche Schwerpunkte und Rangfol- men. Sie stellen thematische Tagesordnungen ropa fernhalten“, kommentierte die liberale
gen her. Gürsel Gür analysiert in seinem auf, legen fest, in welcher Rangfolge Themen türkische Tageszeitung „Yeni Yüzyil“ kurz vor
Beitrag am Beispiel des Türkeibildes behandelt werden, schaffen so für einzelne The- dem Luxemburger EU-Gipfel im Dezember
der deutschen Presse, wie Zeitungen die men Akzeptanz und verhelfen ihnen zu regel- 1997 und prognostizierte im Einklang mit den
„deutsche Sicht“ der Wirklichkeit konst- rechten „Themenkarrieren“. Dies hat zur Folge, übrigen türkischen Medien, dass „die feindliche
ruieren. Einblicke in die Realität der Aus- dass auch die Rezipienten die Themen für wich- Haltung des alten Freundes Deutschland“ einen
landsberichterstattung und das Verhält- tig halten, die in den Medien behandelt werden: Schatten auf die Beziehungen der beiden Län-
nis von Politik und Medien sowie die „Was die Massenmedien als Problem darstellen, der werfen werde.“2
eingehende Untersuchung seriöser (und wird zumindest von einem Teil der Bevölkerung Seit dem EU-Gipfeltreffen in Helsinki am
auch weniger seriöser) Zeitschriften zei- als Problem betrachtet“ (Kepplinger 1985, S. 18). 10./11.12.1999 ist eine Wiederbelebung in den
gen, dass Missverständnisse, Halbwis- Beziehungen zwischen der Türkei und der EU
sen und Klischees das Türkeibild hierzu- eingetreten. Auf diesem Gipfel wurde die Tür-
lande prägen. Dieses lückenhafte Bild DIE „ALTE FREUNDSCHAFT“ – kei als Beitrittskandidat für die EU benannt und
der Türkei und die Auswahl bestimm- EXEMPLARISCHE ÜBERSCHRIFTEN somit das korrigiert, was ihr auf dem Luxem-
ter innenpolitischer Themen der Türkei burger EU-Gipfel zwei Jahre zuvor verwehrt
(Menschenrechtsverletzungen, Kurden- Ob Menschenrechtsverletzungen, Erstarken worden war.
konflikt) haben nachhaltige Auswirkun- der Islamisten, Waffenlieferungen oder Kur-
gen auf die türkische Annäherung an denkonflikt – in Deutschland werden die innen-
Europa. Unter dem Gesichtspunkt der politischen Probleme der Türkei anders als die UNTERSTÜTZEN DEUTSCHE MEDIEN
Medienethik mahnt der Autor die Not- der meisten anderen Ländern nicht nur in den DIE BILATERALEN SPANNUNGEN?
wendigkeit einer sachlichen und gehalt- Medien thematisiert, sondern oft auf die eigene
vollen Berichterstattung an. Red. innenpolitische Tagesordnung gesetzt. Die in Nicht relativiert, sondern zusätzlich unter-
den letzten Jahren beständig zwischen „alter stützt werden die Spannungen aus türkischer
Freundschaft“ und neuem Tiefpunkt hin- und Sicht durch die deutschen Medien, die die tür-
her geworfenen deutsch-türkischen Beziehun- kische Wirklichkeit den deutschen Rezipienten
gen geraten damit in der medialen Reflektion vermitteln, dabei aber, so der Vorwurf, eine
„Das Bild, das andere von uns haben, selbst zum problembeladenen Thema, wie ein eigene, verzerrte Realität schaffen würden.
bestimmt ihr Handeln uns gegenüber mehr Blick auf exemplarisch ausgewählte Über- Eine „gähnende Kluft“ zwischen der türkischen
als all das, was wir für unser Wesen halten. schriften im letzten Jahrzehnt zeigt. Wirklichkeit und dem von den Medien vermit-
Und insofern das Handeln der anderen Da wird „eine enttäuschte Liebe“ (Die Welt vom telten Erscheinungsbild der Türkei im Ausland,
durch ihr Bild von uns bestimmt wird, 18.6.1993) beklagt, die „Freundschaft poliert“ „zwischen dem, was die Türkei ist, und
müssen wir ihm einen höheren Realitätswert (Die Welt vom 21.9.1993), die längst nicht mehr dem verzeichneten Bild“, beklagte bereits 1990
zuerkennen als etwa dem Bilde, den Glanz früherer Zeiten besitze, oder der der damalige türkische Staatspräsident Turgut
das wir von uns selbst haben. „Rückfall in die Konfrontation“ (Die Welt vom Özal.3 Das „große Image-Problem“ der Türkei,
Die Vermutung drängt sich auf, 27.3.1992) festgestellt. Die ,,Deutsch-türkische das Özal konstatierte, besteht aus türkischer
dass diese Aussage auch für die Bilder gilt, Freundschaft darf nicht zerstört werden“ (SZ Perspektive immer noch: Von der Türkei werde
die Nationen von sich und anderen haben“ vom 5.6.1993), ernüchternd dagegen „Kein of- meist ein „fehlerhaftes Bild“ gezeichnet, stellte
(Mentzel/Pfeiler 1972, S. 12f.). fenes Wort unter Freunden“ (SZ vom 22.9.1993), der türkische Staatspräsident Süleyman Demi-
zweifelnd gar „Wie scheinheilig ist Deutsch- rel Ende 1996 bei seinem Staatsbesuch in
lands Umgang mit der Türkei?“ (General-Anzei- Deutschland fest.4 Özal und Demirel sind keine
ger vom 24.6.1995). Mal wird „Ein neuer Anfang Ausnahmen: Politiker haben ein vitales Inter-
zwischen Bonn und Ankara“ (FAZ vom 15.5. esse an dem Verhältnis zwischen Medien und
MEDIEN BESTIMMEN DIE WELTSICHT 1992) angekündigt, von türkischer Seite versi- Realität, an dem Bild von sich selbst, ihren Re-
chert „Wir jedenfalls haben nichts gegen Deut- gierungen und, im Fall der Auslandsberichter-
Durch die Komplexität moderner Gesellschaf- sche“ (FR vom 10.7.1993), da schallt es auch stattung, von ihrem Land im Allgemeinen – ein
ten und eine ständig steigende Informations- schon wieder „Das neue Schimpfwort: Alma- Bild, mit dem sie in der Regel nicht zufrieden
dichte ist es für den Einzelnen kaum mehr mög- nya“ (Der Tagesspiegel vom 8.4.1995), „Ankara sind (vgl. Schulz 1989, S. 135).
lich, die politische Realität unmittelbar zu über- fühlt sich unverstanden“ (FR vom 11.4.1995),
prüfen. Die Informationsbeschaffung, -aus- „Krise der deutsch-türkischen Beziehungen“
wahl und -vermittlung sowie die Einordnung (FAZ vom 9.12.1991) oder „Schwieriger Freund WIRD DIE TÜRKEI ALS EUROPÄISCHES
der politischen Vorgänge in bestimmte Zusam- am Bosporus“ (SZ vom 8.7.1995). Nicht nur LAND GESEHEN?
menhänge übernehmen deshalb die Massen- „Enttäuschte Hoffnungen“ (FR vom 20.9.1993)
medien.1 bringen immer wieder die „Freundschaft in Ge- Gerade in einer Phase, in der das „Europa der
Da die überwiegende Mehrheit der Bundesbür- fahr“ (Focus vom 10.4.1995). Ein „alter deutsch- Zukunft“ gebaut wird – ein Europa, in dem die
ger ihre Informationen und Kenntnisse über die türkischer Einklang“ (FAZ vom 13.4.1992) seit mehr als 40 Jahren assoziierte Türkei offen-
Türkei aus den Medien bezieht, Meinungsbil- scheint stets nur von kurzer Dauer zu sein. sichtlich nicht zuletzt aufgrund ihrer religiösen

122
Das Türkeibild der deutschen Presse

und kulturellen Unterschiede keinen Platz zu rates an, selbstverständlich, dass der NATO- gern sie auch, tabuisieren Themen oder verhel-
finden scheint –, lohnt ein Blick auf die Aus- Partner an der sicherheitspolitisch bedeutsa- fen ihnen zur Karriere und können so zu einem
schnitte aus der türkischen Wirklichkeit, die in men Südostflanke des Bündnisses ein europä- erheblichen Teil das Bewusstsein und Mei-
den Medien präsentiert werden. Was vom Le- ischer Staat ist. Mit der Assoziierung in die EG nungsklima schaffen, in dem sich außenpoliti-
bensalltag in der Türkei erfährt der deutsche 1963, einer Form der Integration, die nach Ar- sche Entwicklungen vollziehen.
Rezipient, der in der Schule von Atatürk gehört, tikel 237 des EWG-Gründungsvertrages nur Cohen weist der Presse eine „Map-Making-
aber vor allem die Kreuzzüge und die Türken vor europäischen Staaten zuteil werden kann, Funktion“ zu. Demnach bieten die Medien den
Wien als Bedrohung fest im Kopf gespeichert wurde dies erneut unterstrichen. Der Beschluss Rezipienten kognitive Landkarten an, „einen
hat, der zwar in der Regel in irgendeiner Weise von Helsinki ist als Wendepunkt zu sehen, denn Atlas von Plätzen, Personen, Situationen und
Kontakt mit einem Teil der über zwei Millionen er hat dem seit 1963 assoziierten Mitglied der Ereignissen; und in dem Ausmaß, wie die Presse
in Deutschland lebenden Türken hat, aber den- Gemeinschaft die konkrete Option für die Voll- sogar die Ideen diskutiert, die Menschen haben,
noch dadurch keine Kenntnis über die längst mitgliedschaft in Aussicht gestellt. um mit der Tagesration von Problemen fertig zu
geänderten Sitten und Gebräuche in deren Hei- Die westlich orientierte Elite der Türkei sieht in werden, ist sie ein Atlas von Politikmöglichkei-
matland erhält (vgl. Höpken 1993, S. 89ff.)? der EU-Mitgliedschaft gleichsam den logischen ten und -alternativen“ (Cohen 1963, S. 19).
Welche Themen finden neben den notwendi- Abschluss dieses Prozesses der Westintegra- Prägnant beschreibt er diese mediale Funk-
gen, oft kritischen Artikeln über die türkische tion, der bereits in der Reformepoche des Os- tionsweise, in der sich seiner Meinung nach die
Innenpolitik Eingang in die deutsche Berichter- manischen Reiches zaghaft begann und von Macht der Medien deutlich manifestiert: „The
stattung? Und schließlich: Wird die Türkei von Staatsgründer Atatürk, für den die westliche Zi- press may not be successful much of the time
den Medien als europäisches Land gesehen? vilisation wegweisend war für die Modernisie- in telling people what to think, but it is stunnin-
Dabei ist die Frage der politischen Zugehörig- rung des Landes, konsequent vorangetrieben gly successful in telling its readers what to think
keit der Türkei zu Europa, die in der politischen wurde. Vor dem Hintergrund, dass es der Türkei about” (a.a.O., S. 13).
Diskussion immer wieder neu aufgeworfen weniger um konkrete Interessen als vielmehr Forschungsergebnisse der Wirkungsforschung
wird, eigentlich müßig zu stellen, da sie längst um Prestige geht, darum, als gleichberechtig- zeigen, dass sich die von den Medien aufgestell-
beantwortet ist: Im politischen Raum ist es ter Partner in der europäischen Wertegemein- ten thematischen Tagesordnungen auch im Be-
seit 1947 mit der Teilnahme der Türkei an allen schaft endlich anerkannt zu werden, wird deut- wusstsein der Medienrezipienten wiederfinden
europäischen Zusammenschlüssen, von der lich, dass sie sich als ältester Beitrittskandidat lassen. Das heißt: Auch Rezipienten halten das
Gründung der OEEC (Organization for Euro- gegenüber den neuen EU-Mitgliedern und EU- für wichtig, was sie durch die Medien erfahren.
pean Economic Cooperation) und des Europa- Aspiranten zurückversetzt fühlt. Von der Mehrzahl der politischen Ereignisse, die
unser Leben beeinflussen, haben „wir keine an-
deren Zeugnisse als die Berichte der Massen-
KORRESPONDENTEN: „GATEKEEPER“ DER medien. (…) sicher ist, dass die Nachrichten von
EIN JOURNALIST LIEST VOR DEM ORDNUNGSAMT IN KÖLN AUSLANDSBERICHTERSTATTUNG den Rezipienten in der Regel als verbürgte
EINEN ZEITUNGSBERICHT ÜBER DEN ISLAMISTENFÜHRER Zeugnisse des ,tatsächlichen’ Geschehens an-
KAPLAN UND WARTET AUF DIE ANKUNFT DES „KALIFEN Die Medien präsentieren ein Angebot an The- gesehen werden, dass sie also in ihren Wirkun-
VON KÖLN“. DAS LÜCKENHAFTE BILD ÜBER DIE TÜRKEI men für die öffentliche Diskussion und sorgen gen der Realität gleichzusetzen sind“ (Schulz
WIRD HIERZULANDE WESENTLICH DURCH DIE SETZUNG für eine ständige Flut von Informationen über 1990, S. 29).
UND AUSWAHL BESONDERS SPEKTAKULÄRER THEMEN das, was wichtig ist bzw. für wichtig gehalten Der Auslandsberichterstattung ist nicht nur
BESTIMMT. picture alliance / dpa wird. Sie stellen Öffentlichkeit her, aber verwei- eine bloße Informationsaufgabe zugedacht.

123
GÜRSEL GÜR

Ihre Ziele im weltweiten Kommunikationspro-


zess sind weitaus vielfältiger. Sie soll durch um-
fassende Unterrichtung und qualifizierte Ana-
lyse die Rezipienten an außernationalen Ereig-
nissen teilhaben lassen, Überschaubarkeit und
Transparenz internationalen Geschehens ga-
rantieren, zum Abbau nationaler Selbstbezo-
genheit beitragen, gleichzeitig den Blick für
die Rolle des eigenen Staates im internationa-
len Umfeld schärfen und so eine realistische
Weltvorstellung fördern. Eindringlicher denn je
richtet sich an die Medien der Appell, „Erschei-
nungen der Ignoranz, Kenntnisdefiziten, Vorur-
teilen, Stereotypen, Ressentiments, überhaupt
Verfälschungen der Auslands- und Nationen-
images entgegenzutreten“ (Koschwitz 1979,
S. 466).

KLUFT ZWISCHEN ANSPRUCH UND


WIRKLICHKEIT

Bei einem Blick auf die Realität der Auslands-


berichterstattung zeigt sich allerdings eine
Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit:
Nach Klineberg stellen die Massenmedien eine
maßgebliche Quelle ethnischer Stereotype dar,
weil sie „Stereotype reflektieren, die bereits in subjektives Unterfangen. Ein Journalist beein- Nachrichten bilden Realität nicht ab, wie in der
der Öffentlichkeit gängig sind, und ihnen flusst dabei allein schon durch seine bloße An- „Abbildtheorie“ behauptet, sondern konstituie-
gleichzeitig eine weitere Verbreitung und zu- wesenheit die Realität. Aber diese bleibt gleich- ren sie erst: „Dabei kann es mitunter völlig un-
sätzlichen Kredit verschaffen“ (Klineberg 1966, wohl noch immer eine Realität. Denn im Gegen- erheblich sein, ob für die Informationen auch
S. 49). Dass jemand „von Ort und Stelle“ berich- satz zum Journalisten ist es nur dem Künstler er- intersubjektiv feststellbare ,faktische’ Entspre-
tet, verleiht ihm auch in der modernen Nach- laubt, sie von Grund auf und nach eigenem Gut- chungen existieren, entscheidend ist nur, dass
richtengesellschaft noch immer den Nimbus dünken neu zu erschaffen.5 die Nachrichten von denen, die sie erfahren, als
des Augenzeugen, der oft nicht mehr hinter- Medien vermitteln Ereignisse „aus zweiter ‘wirklich’ akzeptiert werden. Ist dies der Fall,
fragt wird (vgl. Ludwig 1992, S. 14 u. 37). Hand“ und erschaffen damit eine eigene Reali- dann sind die Nachrichten ‘Realität’, zumindest
Speziell bei der Auslandsberichterstattung ver- tät. Zu dem Verhältnis zwischen dem eigentli- sind es ihre Konsequenzen“ (Schulz 1990, S. 28).
lassen sich die Rezipienten mangels eigener chen Ereignis und seiner Beschreibung in den Die von den Medien übermittelten Themen, Er-
Kenntnisse und Sichtweisen auf die Darstellung Medien führt Schulz aus: Medien „codieren ei- eignisse und Inhalte erzeugen also eine Me-
des Korrespondenten des jeweiligen Landes – nen Ausschnitt der Wirklichkeit oder der Vor- dienrealität, die bei den Rezipienten zu einem
ungeachtet der Tatsache, dass er gerade auf- stellung von Wirklichkeit oder auch eine Fiktion bestimmten Themenbewusstsein führt, das
grund seiner Monopolsituation in der Bericht- und übersetzen diese in eine spezifische Zei- entscheidend seine Vorstellungen von der Re-
erstattung und der geforderten Aktualität so- chensprache“ (Schluz 1993, S. 20). Auch in ei- alität prägt. Die so genannte Agenda-Setting-
wie möglicher vorgefasster Meinungen, von nem noch so akribisch verfassten schriftlichen Forschung hat in den vergangenen Jahren für
denen er nicht lassen will, auch als Augenzeuge Bericht über ein Ereignis sieht Schulz „eine diesen Wirkungszusammenhang den empiri-
verzerrte Bilder zeichnen kann: Die Tatsache, hochselektive, perspektivisch verkürzte und in- schen Beleg erbracht.6
dass jemand im „Auftrag einer Zeitung oder ei- terpretative Übersetzung eines Realitätsaus-
nes Senders irgendwo fern auf einem fremden schnitts in die Zeichensprache der Buchstaben,
Kontinent zur Berichterstattung sitzt, sichert Wörter und Sätze, die auf völlig andere Wahr- ZWEI UNGLEICHE BRÜDER: MEDIEN
ihm nicht nur ein De-facto-Monopol, sondern nehmungsbedingungen angewiesen ist als die UND POLITIK
oft ein unangreifbares, fast mythisches Anse- Beobachtung des realen Ereignisses“ (a.a.O.).
hen. (…) Mit den eigenen Augen etwas gesehen, Medien und Politik, „zwei ehrliche Brüder – dem
mit den eigenen Füßen etwas betreten zu ha- einen die Macht, dem anderen die Kontrolle“
ben, dass er/sie physisch präsent war, gilt als MEDIEN DEFINIEREN POLITISCHE (Wolf 1996, S. 26). So war nach Wolf das Rollen-
Ausweis der allerhöchsten und nicht mehr hin- PROBLEME verhältnis ursprünglich gedacht. Tatsächlich
terfragbaren Glaubwürdigkeit“ (Neudeck 1985, stellt es sich aber anders dar: „Medien und Po-
S. 12). Daraus ziehen Glotz/Langenbucher die Wie die Medienwirkungsforschung gezeigt hat, litik sind ein merkwürdiges Paar – sie sind auf-
ebenso provokative wie pessimistische spielen die Massenmedien eine aktive Rolle bei einander angewiesen, aber offenbar können sie
Schlussfolgerung: „Ein paar Dutzend Auslands- der Selektion und Definition politischer Pro- sich nicht ausstehen, denn jeder gibt dem an-
korrespondenten haben es letztlich in der Hand, bleme. Sie haben nach Luhmann die Funktion deren die Schuld daran, dass der Partner unzu-
ob wir richtig oder falsch informiert werden“ übernommen, die wichtigsten Ereignisse, The- verlässig und das Verhältnis gestört sei“ (a.a.O.).
(Glotz/Langenbucher 1969, S. 49). men und Probleme durch Selektion aus ihrer Im westlichen Verständnis fungieren die Me-
Komplexität auf ein überschaubares Maß zu re- dien weitgehend als vierte Gewalt, die das Fehl-
duzieren und so die politische Problemprioritä- verhalten der drei anderen Gewalten, Legisla-
MEDIENREALITÄT: DIE KONSTRUKTION ten mitzubestimmen. Für die mediale Kommu- tive, Exekutive und Judikative, kontrolliert.
VON WIRKLICHKEIT nikation gilt dabei genauso wie für die interper- Dieses Verständnis manifestiert sich auch in Ar-
sonelle: „Kommunikation ist ein Prozess, der auf tikel 5, Absatz 1 des Grundgesetzes, aus dem
Wirklichkeit ist das, was jemand emotional emp- Selektionen selektiv reagiert, also Selektivität sich vier Hauptaufgaben der Medien ableiten
findet und rational zu begreifen glaubt, und verstärkt“ (Luhmann 1975, S. 21). Das Ergebnis lassen: Informationsfunktion, Meinungsbil-
braucht nicht identisch mit dem zu sein, was ein ist eine stark verkürzte, konstruierte Realität dungsfunktion, Funktion der Kontrolle und Kri-
anderer wahrnimmt. Die Darstellung von Wirk- der Medien: „Wir haben es nicht mit der Welt tik der Machthaber sowie Unterhaltungs- und
lichkeit ist deshalb, egal in welchem Medium, im Ganzen zu tun, sondern mit Nachrichten“, Bildungsfunktion. Im Idealfall werden die Me-
immer ein fehleranfälliges und zwangsläufig schlussfolgert Luhmann (a.a.O., S. 22). dien sogar als eine „eigenständig mit den poli-

124
Das Türkeibild der deutschen Presse

KURDISTAN STEHT AUF gen „mitteilen, kommentieren und kritisieren. wischt und die Journalisten offiziöse Aufgaben
DER FAHNE, VOR DER Sie bereiten vielmehr alle wichtigen Entschei- übernommen“ (Kepplinger 1983, S. 61).
EIN KURDE AUF EINER dungen der politischen Institutionen durch ihre Der Kommunikationswissenschaftler Winfried
DEMONSTRATION IN Berichterstattung vor und definieren dadurch Schulz weist nach: „ je bedeutender und mäch-
BERLIN DIE FREILAS- den Rahmen, in dem Entscheidungen als akzep- tiger ein Land ist, je näher es der Bundesrepu-
SUNG DES PKK-FÜH- tierbar und konsensfähig gelten. Die Massen- blik in geographischer, politischer und kulturel-
RERS ÖCALAN FORDERT. medien regieren nicht, sie reagieren auch nicht ler Hinsicht ist, desto häufiger kommt es in den
DIE JOURNALISTISCHE nur, aber sie reagieren immer weniger und re- Nachrichten vor“ (Schulz 1990, S. 116). So ent-
WAHRNEHMUNG UND gieren immer mehr mit“ (Kepplinger 1982, S. 43). steht eine Rangfolge der Berichterstattung.
DARSTELLUNG DER Danach dominieren die Inlandsnachrichten die
TÜRKEI WIRD STARK deutschen Medien, gefolgt von Berichten aus
BESTIMMT DURCH MEDIENWIRKUNGEN IN DER Westeuropa und dem Mittelmeerraum. Mehr
KURDENFRAGE.
DIE INTERNATIONALEN POLITIK noch als bei der Inlandsberichterstattung rich-
WERDEN HINTER- ten die Medien bei der Auslandsberichterstat-
GRÜNDE UND Der besonderen Rolle der Medien im politi- tung ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Ak-
ZUSAMMENHÄNGE schen, speziell im außenpolitischen Prozess und tivitäten der Exekutive.
AUSGEKLAMMERT, der wechselseitigen Einflussnahme zwischen
SO FÜHRT DIES ZU Politikern und Journalisten widmet sich das
UNKLARHEITEN DER Münsteraner Forschungsprojekt „Medienwir- DEUTSCHE MEDIEN UND DIE TÜRKEI: EIN
DARSTELLUNG UND kungen in der internationalen Politik“. Wie die SCHWARZ-WEIß-BILD
UNSICHERHEITEN BEI Ergebnisse einer exemplarischen Akteursbefra-
DER BEWERTUNG. gung zeigen, „kennzeichnet die Beziehung von Wenn in der Frankfurter Rundschau selbst De-
picture alliance / dpa Politikern und Journalisten eine ‘latente Part- fizite konstatiert werden, heißt es im Wortlaut:
nerschaft’, in der beide Seiten die Initiative er- „Unser Türkeibild ist oberflächlich. Es wird ge-
greifen können. Die außenpolitischen Akteure prägt von uns fremdartig erscheinenden Riten
nutzen die Presse zu verschiedenen Zwecken und unverstandenen sozialen Regeln. Von tür-
operativ, berücksichtigen die Presse aber auch kischer Geschichte, Literatur und Kunst, erst
tischen Gewalten konkurrierende Elite“ (Graber bei der Aufstellung und Umsetzung ihrer Ziele. recht vom Islam wissen wir wenig.“7
1980, S. 81) verstanden. Pressewirkungen auf Politiker sind demnach Und das, was wir wissen – weitgehend vermit-
keine Einbahnstraße, sondern schließen Rück- telt durch die hier lebenden Türken, die in der
kopplungseffekte ein. Teilweise wirkt die Presse deutschen Wahrnehmung als typische Reprä-
SYMBIOSE VON POLITIK UND MEDIEN? auf Politiker, nachdem sie zuvor von ihnen ,ge- sentanten der modernen Türkei gelten, obwohl
füttert’ wurde“ (Wittkämper u.a. 1992, S. 166). sie sich nach drei Generationen in Deutschland
Einen solchen normativ geprägten Katalog von Für den Zusammenhang zwischen der politi- längst ihrer ursprünglichen Heimat entfremdet
Medienfunktionen halten manche für überholt. schen Einstellung und der Rollenfunktion der haben –, trägt nicht unbedingt zu einem besse-
Die den Medien zugewiesene Rolle der vierten Journalisten einerseits und dem Medienverhal- ren Verständnis bei, wie der Türkei-Korrespon-
Gewalt lehnt der amerikanische Medienwis- ten der Politiker andererseits kann der „Trans- dent der Süddeutschen Zeitung, Wolfgang
senschaftler Altschull ab. Er bezeichnet einen aktionale Ansatz“ als Erklärungsmodell dienen. Koydl, resümiert: „Deutschland und die Türkei –
solchen Anspruch als „Wachhund-Folklore“. Danach „tauschen Journalisten und Politiker kaum zwei Länder sind vielfältiger und enger
Auch in westlichen Gesellschaften gebe es die ständig ihre Rollen als Wirkungsanlass und Wir- miteinander verbunden, ohne einander wirk-
„symbiotische Natur der Beziehung zwischen kungsobjekt. (...) Politiker und Journalisten ste- lich zu kennen und zu verstehen. Deutschland
Staat und Presse“ (Altschull 1989, S. 343). In hen in enger Wechselbeziehung. Sie orientieren und die Türkei – das ist die Geschichte eines
seinem Buch „Agenten der Macht“ vertritt er die sich aneinander, spielen sich Themen zu und be- doppelten Missverständnisses.“8
These, dass weltweit alle Nachrichtenmedien einflussen sich auf diese Weise. Die Interaktion Das in Deutschland vorherrschende, in kräfti-
trotz ihrer Unterschiede die Einheit einer Sinfo- von Journalisten und Politikern erfüllt einerseits gen Schwarz-Weiß-Tönen gezeichnete Bild der
nie bildeten: In allen Pressesystemen seien die eine Transmissionsfunktion und lässt Presse- Türken und der Türkei pendelt nach Koydls Fest-
Nachrichtenmedien die Agenten derer, die po- wirkungen auf außenpolitische Entschei- stellung zwischen Opfer und Täter: „Hie ge-
litische und wirtschaftliche Macht haben. Sie dungsprozesse wahrscheinlich erscheinen. An- quälte Häftlinge, da grausame Folterknechte,
handelten also nicht unabhängig, obwohl sie dererseits markiert sie die Grenzen medialer hie islamistische Eiferer, da verfolgte Intellek-
unabhängige Macht ausüben könnten. Einflussmöglichkeiten dann, wenn sich die Wir- tuelle, hie diskriminierte Mitbürger, da drang-
Während Weischenberg die Auffassung vertritt, kungsbeziehung von Medienakteuren und po- salierte kurdische Minderheit“ (a.a.O.). Dass die
dass Massenmedien in einer demokratischen litischen Akteuren umkehrt“ (a.a.O., S. 167). Masse der Berichte und Informationen über die
Gesellschaft die Funktion zukommt, „den Plu- Es ist unumstritten, dass die Presse nicht nur in Türkei hierzulande eher einen kritischen Tenor
ralismus von Informationen und Meinungen der öffentlichen Meinung als gewichtiger Fak- aufweisen“, stellt Udo Steinbach, der Leiter des
herzustellen, der die Grundlage für demokrati- tor die Macht hat, Beziehungen zwischen Staa- Hamburger Orient-Instituts, im Vorwort seines
sche Wahlentscheidungen bildet“ (Weischen- ten zu beeinflussen, im bilateralen und interna- 1996 veröffentlichten Buches „Die Türkei im 20.
berg 1992, S. 83), hält Altschull das so prokla- tionalen Bereich Entscheidungs- und Orientie- Jahrhundert – schwieriger Partner Europas“
mierte Recht auf Information lediglich für ein rungshilfen anzubieten, sondern sie muss auch fest. Dieser Bestandsaufnahme der deutschen
Recht der Medien, der Öffentlichkeit die Infor- als zusätzliches Instrument der Außenpolitik Medienrealität stellt er seine Forderung nach
mationen zu geben, die sie ihrer Meinung nach betrachtet werden. einer „Perspektive einer Partnerschaft“ gegen-
auch haben sollten. Der Anspruch der Medien, über: „Die Schlagzeilen der Medien, die sich al-
wertfrei Informationen zu vermitteln, sei ein lein auf krisenhafte Tatbestände konzentrieren,
Selbstbetrug AUSLANDSKORRESPONDENTEN ALS sollen in eine breite Perspektive gestellt werden.
Bellers, Grimm und Heiks bezeichnen in ihrem „MEDIENDIPLOMATEN“ Jenseits der Beunruhigung, die aus jenem Me-
Aufsatz zur Analyse von Pressewirkungen auf dienbild erwächst und das Ergebnis einer ver-
außenpolitische Entscheidungsprozesse die Nach Kepplinger fungiert demnach der Aus- kürzten Wahrnehmung ist, soll die Perspektive
negativen Wirkungen der Medienberichterstat- landskorrespondent im Bereich der Auslands- einer Partnerschaft für die Zukunft erwachsen,
tung auf die zwischenstaatlichen Beziehungen berichterstattung nicht nur als Journalist, son- die gerade den Deutschen einer erheblichen po-
als einen geradezu „klassischen Topos“ der au- dern auch als „Mediendiplomat“: „Damit haben litischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
ßen- und medienpolitischen Diskussion. Hans- sich auch im Bereich der Außenpolitik die ehe- und kulturellen Bemühung wert sein sollte“
Mathias Kepplinger behauptet deshalb zu mals strengen Grenzen zwischen Diplomatie (Steinbach 1996, S. 11).
Recht, der Einfluss der Massenmedien bestehe und öffentlicher Kommunikation, zwischen di- Missverständnisse, Halbwissen und Ignoranz
nicht nur darin, dass sie politische Entscheidun- plomatischem Corps und Journalisten ver- prägen nicht nur das deutsch-türkische Ver-

125
GÜRSEL GÜR

hältnis, sondern auch die Beziehungen der Tür- gelfall in Athen residieren“ (a.a.O., S. 85). Dies kei zu vermitteln. Diese „Fehleinschätzungen“
kei zu Europa, wie der Politikwissenschaftler trage zur Vernachlässigung der Türkei in der Be- über die Türkei, so Vural, hingen wesentlich
und profunde Kenner der eruopäisch-türki- richterstattung bei. „Feste Korrespondenten- damit zusammen, dass Korrespondenten nicht
schen Beziehungen, Heinz Kramer, kritisierte. posten in Ankara würden zu einer kontinuierli- vor Ort stationiert seien. Der Botschafter
Nach seiner Meinung ist der weit über außen- chen Berichterstattung führen“ (a.a.O.) pro- „mahnte die deutsche Presse, sich intensiver in
politische und wirtschaftliche Interessen hin- gnostiziert Lerch. Aber auch an der kritischen der Türkei selbst über die Probleme seines Lan-
ausgehende Drang der türkischen Eliten, ihrem Berichterstattung der Journalisten selbst übt des zu informieren. Mehr als ein Drittel der ne-
Land den eindeutigen Status eines westlichen Lerch Kritik. Viele machten es sich zu einfach: gativen Nachrichten würden über Athen ver-
Staates zu bescheinigen, in der westeuropäi- „Gewiss, Berichte über die Verletzung von Men- mittelt, wo sich die meisten deutschen Journa-
schen Öffentlichkeit kaum bekannt: „Das gilt schenrechten dürfen nicht verschwiegen wer- listen aufhielten.“12
aber auch für andere Einzelheiten der Bezie- den. Die Medien machen es sich allerdings in- Auf die Unterrepräsentanz deutscher Bericht-
hungen zwischen der EG und der Türkei. Diese sofern zu einfach, als sie die Schwierigkeiten erstatter in der Türkei hatte auch schon Vurals
werden von einem breiten Publikum, aber auch vergessen oder die Zusammenhänge ver- Vorgänger, Spitzendiplomat Onur Öymen, hin-
von der kleineren Gruppe politischer Entschei- schweigen, unter denen sich die Modernisie- gewiesen: Während in Deutschland über hun-
dungsträger, von den Parlamentariern und in rung der Türkei seit Jahrzehnten vollzieht. Zu dert türkische Journalisten residierten, gebe
den Medien in der Regel nur dann deutlicher zur Recht sprechen die Türken dann von einer west- es umgekehrt in der Türkei „nicht einmal eine
Kenntnis genommen, wenn ein sensitiver Punkt lichen Arroganz und Überheblichkeit, die das Handvoll ständiger deutscher Korresponden-
aus westeuropäischer Sicht berührt wird. Das Resultat einer gänzlich abstrakten Beurteilung ten“. Die daraus resultierenden Informations-
sind meistens entweder Fragen der Arbeitsemi- der Situation von außen ist“ (a.a.O., S. 86). defizite führten nach Öymens Erfahrung als
gration, die heute gerne mit der allgemeinen Noch schärfer kritisierte ARD-Korrespondent Botschafter zu zahlreichen bilateralen Span-
Ausländerproblematik vermischt werden, oder Harald Weis während eines Deutsch-Türki- nungen.13 Instinktlosigkeiten einzelner deut-
es sind Fragen im Zusammenhang mit Demo- schen Journalisten-Seminars die Arbeit der scher Medienvertreter heizten die Situation zu-
kratie und Menschenrechten in der Türkei oder deutschen Journalisten: „Ein deutscher Journa- sätzlich an: Ob Falschmeldungen, verletzende
aber – was schon seltener der Fall ist – Pro- list profiliert sich in der Türkei nicht etwa, in- Karikaturen, das Foto eines deutschen Journa-
bleme, die den ‘Südostpfeiler’ des Atlantischen dem er darüber berichtet, wie leidenschaftlich listen, der gemeinsam mit einem PKK-Anführer
Sicherheitsbündnisses berühren. In diesen Fäl- viele in diesem Land um Rechtsstaatlichkeit das Victory-Zeichen macht, oder die Panne der
len flackert dann kurzzeitig ein gewisses Inter- und konsequentere Demokratisierung kämp- „Welt am Sonntag“, die unter ein Foto von PKK-
esse an der Türkei und an den Beziehungen des fen, sondern durch seine Kurden- und Folter- Chef Öcalan versehentlich den Namen des
Landes zu Europa auf. Ansonsten aber genießt berichterstattungen. Erst dann gilt er als kriti- Staatsgründers Atatürk schrieb – „das ist ein-
es bei weitem nicht jene Aufmerksamkeit, die scher und das heißt objektiver und professio- fach zuviel“, resümierte Öymen in einem Inter-
einem EG-Beitrittskandidaten eigentlich zu- neller Berichterstatter“ (Weis 1994, S. 151). view,14 während die türkischen Meinungsma-
kommen sollte“ (Kramer 1988, S. 20). cher übereinstimmend schon voller Verärge-
rung zu einem Boykott deutscher Waren auf-
MEDIEN ALS QUELLE FÜR FEINDBILDER riefen.15
URSACHEN FÜR DAS LÜCKENHAFTE Selbst von Regierungsseite wurden Sanktionen
TÜRKEIBILD Die öffentliche Meinung sortiert nach Weis je- geplant. Damit „böswillige und unwahre Be-
des Land in eine eigene Schublade: So gelte die richterstattung in Deutschland über das Land“
Als Ursache für das lückenhafte Türkeibild in Türkei sowohl bei Medienschaffenden als auch unterbunden werde, drohte das türkische
den deutschen Medien führt Wolfgang Gün- bei deren Rezipienten als „Synonym für einen Tourismusministerium mit einem Entzug der
ther Lerch, seit mehr als drei Jahrzehnten Tür- Ort der Gewalt.“9 Damit fungiere die Berichter- Anzeigen und entsprechender Werbeeinnah-
kei-Berichterstatter der FAZ, das journalisti- stattung der Medien als einflussreiche „Quelle men.16
sche Selbstverständnis in Deutschland an: „In für das Feindbild der Türkei.“10 Dass die deut- Noch vehementer wandte sich die Türkei gegen
den deutschen Medien wird kein umfassendes sche Bevölkerung „von keinem anderen Land „die ständige gezielte Vergiftung der Atmo-
und zusammenhängendes Bild der Türkei gebo- des westlichen Bündnisses (...) ein so negatives sphäre im Ausland gegen uns“. Ziel einer Regie-
ten, sondern nur ein punktuelles, diskontinuier- Bild wie von der Türkei“ (a.a.O., S. 151) habe, las- rungsinitiative sollte es sein, die Akkreditierung
liches, sozusagen ‘Bruchstücke einer großen tet Weis aber nicht allein den Medien an: Viel- ausländischer Journalisten „von deren Objekti-
Konfusion’. (...) Wenn über die Türkei berichtet mehr bestehe in Deutschland „traditionell eine vität in ihrer Berichterstattung“ abhängig zu
wird, dann meistens über negative politische Aversion gegen die Türkei“, die von Regierungs- machen. Journalisten, „deren auf Tatsachen be-
Vorgänge. Hier gilt der alte journalistische politikern noch zusätzlich genährt werde:11 „Ein ruhende kritische Berichte und Kommentare
Grundsatz: ‘bad news is good news!’, (...). Der über Jahrhunderte gefestigtes psychologisches auch im Zusammenhang mit Menschenrechts-
Journalismus in Deutschland versteht sich zu- Muster, ein Gemisch aus Angst und Vorurteil, verletzungen wegweisend für die Türkei“ seien,
dem als vorwiegend ‘kritisch’, das heißt er küm- wirkt bis heute, wenn die Türkei als islamisches blieben auch weiterhin willkommen, hieß es
mert sich um Mangelerscheinungen: Skandale, Land aus Europa ausgegrenzt wird“ (a.a.O., S. ausdrücklich.17
schwere Menschenrechtsverletzungen, ökono- 149). Angesichts der von der Türkei angestreb-
mische Schwierigkeiten und anderes. (...) Dies ten Vollmitgliedschaft in der EU reagierten
kann sich jedoch auf das Bild eines Landes fa- selbst europäische Intellektuelle, „als sei die Eu- ZUM STAND DER TÜRKEIBILD-FORSCHUNG
tal auswirken, von dem man sonst nichts weiß ropäische Gemeinschaft ein christlicher Kul-
und erfährt (…). So wird über positive Entwick- turclub, als stünden die Türken noch heute vor Erst in jüngster Zeit ist das Türkeibild im
lungen in der Türkei ebenso selten berichtet wie Wien, als hätte es die Reformen Atatürks nie ge- deutschsprachigen Raum in das Blickfeld der
über Land und Leute“ (Lerch 1991, S. 84). geben“ (a.a.O., S. 151). empirischen Forschung gerückt. Systematische
Nicht nur das „ablehnende Desinteresse“ und und umfassende Inhaltsanalysen von Tageszei-
die „neugierige Ratlosigkeit“, mit der nach Lerch tungen fehlen weitgehend. Als ausreichend re-
die Öffentlichkeit den gesamten Nahen Osten „DAS IST EINFACH ZUVIEL!“ – levant für eine Aufnahme in den Abschnitt For-
und damit auch die säkularisierte Türkei be- TÜRKISCHE MEDIENSCHELTE schungsstand sind lediglich drei Arbeiten zu
trachtet, führen zu einem lückenhaften Türkei- nennen: „Die Darstellung der Türkei, der Türken
bild. Auch technische Gründe weisen der Türkei Noch stärker wird von türkischer Seite der Fin- und Kurden in deutschen Massenmedien“ von
ein Schattendasein in der Medienwelt zu. Lerch ger in die Wunde tendenziöser Berichterstat- Siegfried Quandt (Gießen 1995), „Die Perzep-
kritisiert den großen geographischen Rahmen, tung der deutschen Medien gelegt. Bereits tion der Türkei im Spiegel der westdeutschen
in den die Zeitungen die Berichterstattung ein- während seiner ersten Pressekonferenz warf Presse von 1960 bis 1971“ von Mustafa Nail Al-
fügen: „Entweder muss der Balkan-Korrespon- der türkische Botschafter Volkan Vural 1995 der kan (Dissertation, Bonn 1994) und „Das Türkei-
dent über die Türkei mitberichten; oder Athen deutschen Presse vor, der Öffentlichkeit in Un- bild in der deutschen Presse unter besonderer
und Ankara werden gekoppelt (so wie Spanien kenntnis der Geschichte und der Verhältnisse Berücksichtigung der EU-Türkei-Beziehungen“
und Portugal), wobei die Berichterstatter im Re- seines Landes ein unzutreffendes Bild der Tür- von Gürsel Gür (Frankfurt am Main 1998).

126
Das Türkeibild der deutschen Presse

KURDENFRAGE DOMINIERT DIE TÜRKEIBILD BERUHT AUF KLISCHEES und letzte Hypothese, die die Aufmerksamkeit
THEMENFÜHRUNG auf die türkischen Gastarbeiter richtete, die seit
Im Gegensatz zu Quandt, der in seiner Analy- Mitte der sechziger Jahre auch das Türkeibild
Quandt gibt als Ziel seiner Analyse „vor allem die se induktiv, hypothesengenerierend vorgeht, prägten, wird ebenfalls verifiziert. Anstatt Kli-
Klärung der Themenführung, der Darstellungs- wählte Alkan für seine Arbeit einen deduktiven, scheebilder und Vorurteile abzubauen, bauten
formen und der Bewertungen“ (Quandt 1995, S. hypothesenprüfenden Ansatz. Anhand von vier die vier Zeitungen nach Alkan die türkischen
7) an. Seiner Meinung nach bilden diese Kom- Kategorien wurden 612 Artikel aus vier überre- Gastarbeiter als fremdartige Bedrohung auf.
ponenten „das massenmediale Potential für die gionalen Tageszeitungen („Frankfurter Allge-
Formierung der öffentlichen Images“ (a.a.O.). Als meine Zeitung, „Frankfurter Rundschau“, „Süd-
Gegenstand der Untersuchung wurden 766 Ar- deutsche Zeitung“ und „Bild“) aus dem Zeitraum UMFANGREICHE STUDIE ZUM TÜRKEIBILD
tikel aus dem Erhebungszeitraum vom 1. März von 1960 bis 1971 analysiert. Hiervon entfielen UND DEN EU-BEZIEHUNGEN
bis zum 30. April 1995 von 14 Zeitungen ausge- 208 Untersuchungseinheiten auf die „FAZ“, 122
wählt.18 Außerdem bezog Quandt Meldungen auf die „FR“, 99 auf die „SZ“ und 54 auf „Bild“. Die umfangreichste Studie ist „Das Türkeibild
der Deutschen Nachrichtenagentur (dpa) in Das Erkenntnisinteresse seiner Untersuchung der deutschen Presse unter besonderer Berück-
seine Betrachtungen ein. Darüber hinaus wur- ist nach eigenen Angaben „die Überprüfung von sichtigung der EU-Türkei-Beziehungen“ von
den 423 Sendungen der Anstalten ARD, ZDF, RTL Klischeebildern über die Türkei“ (Alkan 1994, S. Gürsel Gür (Frankfurt am Main 1998). Die Kern-
und SAT 1 in die Analyse aufgenommen. 3) Dabei versucht der Autor, Kontinuität oder frage der Analyse lautet: Welches Bild der Tür-
Aus der Analyse der journalistischen Wahrneh- Wandel in der Türkei-Berichterstattung wäh- kei wurde in den oben genannten Zeitungen, die
mung und Darstellung der Türkei, der Türken rend des Untersuchungszeitraums herauszuar- ein differenziertes politsches Meinungsspek-
und der Kurden zieht Quandt das Resümee, die beiten. Als Ziel seiner Arbeit will er nachweisen, trum reflektieren, im Zeitraum zwischen dem 1.
journalistische Themenführung werde „ganz „dass das Bild der Türkei in der westdeutschen Januar 1987 und dem 31. Dezember 1995 ge-
stark bestimmt durch die Kurdenfrage – und Presse auf vielen Klischees beruht.“19 zeichnet? Flankiert wird der gewählte Zeitraum
zwar im Hinblick auf Türken/Kurden in Deutsch- Alkan konzipiert als Ausgangspunkt seiner von der Antragsstellung der Türkei auf Vollmit-
land und in der Türkei. Aber deren historische, Analyse fünf Hypothesen, die im Folgenden gliedschaft in der Europäischen Union und dem
ideologische und aktuelle Zusammenhänge auszugsweise referiert werden: Erreichen der Zollunion zwischen der Türkei und
und Hintergründe werden nicht deutlich. Das ■ „Hypothese 1: Trotz der Tatsache, dass die der EU. Entsprechend der inhaltlichen wie for-
führt zu Unklarheiten der Darstellung und Un- Türkei zu Europa gehört, vermittelt die west- malen Dimension der Fragestellung ergaben
sicherheiten der Bewertung“ (a.a.O., S. 25) deutsche Presse eher ein Bild von einer orien- sich weitere Forschungsfragen an Quantität
Quandt weist drei hauptsächliche Mängel bei der talischen oder sogar asiatischen Türkei. (...) und Qualität der Berichterstattung. Als Unter-
Thematisierung der Türkei in den Medien nach: ■ Hypothese 2: Die politischen Verhältnisse in suchungsgrundlage der Analyse diente die Ge-
■ „Der Blick war räumlich sehr eingeengt: die der Türkei werden in der Darstellung durch samtheit aller im Presseausschnittarchiv des
ägäische Region, die Mittelmeer-Region, die die Presse als undemokratisch abgetan. (...) Deutschen Bundestages aufgenommenen tür-
Schwarzmeer-Region und Zentral-Anato- ■ Hypothese 3: Das türkische Militär muss man keirelevanten Zeitungsartikel der vier Zeitungen
lien kamen fast gar nicht vor; durch zwei Brillen betrachten. Zum einen im Zeitraum von neun Jahren, das entsprach ei-
■ die türkische Wirtschaft und die Kultur wur- putscht das Militär und setzt die Demokratie ner Gesamtzahl von 3826 Artikeln. Zur Beant-
den nur sehr wenig beachtet; außer Kraft (...). Zum anderen ist das türki- wortung der Forschungsfragen wurde ein zwei-
■ die Zeitgeschichte und die osmanische Ge- sche Militär der Südostpfeiler der Nato (...). schrittiges Vorgehen gewählt: Die Beschreibung
schichte wurden nur selten dargestellt; die ■ Hypothese 4: Die deutsch-türkischen Bezie- des Inhalts aller Artikel nach formalen und the-
Bezüge darauf in der aktuellen Darstellung hungen werden in der Berichterstattung aus matischen Gesichtspunkten wurde ergänzt
waren sehr knapp und vage; es mangelte ih- rein entwicklungspolitischer und wirtschaft- durch eine Bewertungsanalyse der Artikel mit
nen an Tiefenschärfe“ (a.a.O., S. 25). licher Sicht betrachtet. (...) dem Hauptthema EU-Türkei-Beziehungen.
Seiner Interpretation zufolge ist das Themen- ■ Hypothese 5: Die Perzeption der Türkei in der Gür kommt in seiner Arbeit zu dem Ergebnis,
feld Türkei/Türken/Kurden in den untersuch- westdeutschen Presse verändert sich Mitte dass seit 1991 der deutsche Zeitungsleser zwar
ten Medien „ganz überwiegend durch negative der sechziger Jahre mit der Einwanderung immer öfter in den vier untersuchten „Qualitäts-
Ereignisse oder Bewertungen besetzt“ (a.a.O., der türkischen Gastarbeiter“ (a.a.O., S. 9). zeitungen“ „Frankfurter Rundschau“, „Süddeut-
S. 26). Quandt postuliert drei Stufen des Verste- Während er bei der FAZ, FR und SZ die Hypothe- sche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
hens bzw. Nichtverstehens sowie der Positiv- sen jeweils nacheinander prüft, beschränkt er und „Die Welt“ etwas über die Türkei gelesen hat.
bzw. Negativ-Bewertung: sich bei der Bild-Zeitung lediglich auf die fünfte Ob er aber auch tatsächlich mehr über das Land
■ „Den westlich orientierten jungen Türken Hypothese, „weil für die Hypothesen 1–4 nicht am Bosporus erfahren hat, ob sein Türkeibild
oder Kurden – mehr noch den Türkinnen oder genügend Pressematerial der Bild-Zeitung vor- also durch die gewachsene Berichterstattungs-
Kurdinnen – in Deutschland wird am meisten handen ist“ (a.a.O., S. 9). Alkan führt sowohl eine frequenz facettenreicher geworden ist, darf
Verständnis und eine durchgehend positive quantitative als auch – in einem zweiten Ar- nach der durchgeführten sowohl quantitativen
Bewertung entgegengebracht; beitsschritt – eine qualitative Analyse durch. als auch qualitativen Inhaltsanalyse als fraglich
■ den westlich orientierten Türken oder Kurden gelten: Statt kontinuierlicher Hintergrundbe-
in der Türkei stehen die Journalisten vor al- richterstattung fand sich in den vier Periodika
lem dann positiv gegenüber, wenn sie nicht ORIENTALISCH, ASIATISCH UND EIN zwischen 1987 und 1995 übereinstimmend er-
regierungsnah sind; der westlich orientier- ENTWICKLUNGSLAND? eignisbezogene, „saisonale“ Punktualität.
ten Regierung verhalten sie sich eher kritisch
oder sogar negativ gegenüber; Somit findet Alkan am Ende seiner Analyse alle
■ eine durchgängige Negativ-Bewertung er- fünf Hypothesen verifiziert. Er resümiert in sei- DOMINIERENDE THEMEN:
fahren die osmanische Tradition und der po- ner Schlussbetrachtung, dass alle drei Zeitun- MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
litische Islam – wenn auch nicht ausführlich, gen ein homogenes Türkeibild vermitteln, Wo- UND KURDENFRAGE
sondern eher in kurzer Form und mit massi- bei die „drei Aspekte Orient, Entwicklungsland
ver Selbstverständlichkeit“ (a.a.O.) und wirtschaftliche Abhängigkeit vom Westen Das übereinstimmende Interesse der vier Zei-
Das durch die Berichterstattung vermittelte einander vervollständigen“ (a.a.O., S. 301). Wie tungen galt in den meisten Artikeln vielmehr
Türkeibild, so das Fazit, bediene beim Publikum in der ersten Hypothese konzipiert, vermittel- den innenpolitischen Problemen des Landes,
folgendes Klischee von der Türkei: „Es ist ein ten alle drei Zeitungen nach Alkan das Bild der und dabei besonders den Menschenrechtsver-
fremdes und schwieriges Land zwischen sehr orientalischen, asiatischen Türkei. Auch die letzungen (a.a.O., S. 169f.). Bei der Berichter-
gegensätzlichen Kräften und Orientierungen, zweite Hypothese, die der Frage der Demokra- stattung über die Situation der Kurden, dem am
das seine Probleme über die Einwanderer nach tisierung in der Türkei nachgeht, wird bestätigt: zweitstärksten vertretenen Thema, setzten die
Deutschland exportiert und durch Konflikte „Die Türkei wird in allen drei Zeitungen als ein militärischen Maßnahmen der türkischen Re-
seiner Landsleute hier die innere Sicherheit ge- Land dargestellt, das noch nicht reif genug ist gierung gegen die PKK auch und besonders im
fährdet“ (a.a.O., S. 27). für die Demokratie“ (a.a.O., S. 300). Die fünfte Nordirak einen Schwerpunkt. Im Gegensatz zu

127
GÜRSEL GÜR

der Rolle der türkischen Regierung im nach wie ters zum Thema gesehen werden. Im Fall der Tür- stattung nur eine untergeordnete Rolle zu spie-
vor ungelösten Kurdenkonflikt hinterfragten keiberichterstattung dominiert die Distanz. len scheint. Hier lebt die Berichterstattung ge-
die vier Zeitungen aber kaum die Rolle der PKK Nicht nur die thematische Gewichtung der vier rade bei Themen wie Zollunion und EU-Vollmit-
(a.a.O., S. 170). Gleichsam im „Windschatten“ Zeitungen zeigt erstaunliche Parallelen, auch gliedschaft der Türkei in stärkerem Maße von
der bewaffneten Auseinandersetzungen zwi- das gegenseitige Verhältnis der Zeitungen, be- der Wiedergabe kontroverser Positionen zu ih-
schen der türkischen Armee und der PKK kam zogen auf den Umfang der Berichterstattung, nen als von sachlicher Information darüber.
den deutschen Waffenlieferungen an die Tür- blieb in den neun Jahren des Analysezeitraums Den Lesern wird also die Meinungsbildung eher
kei innerhalb der Berichterstattung über die annähernd gleich. Signifikante Unterschiede durch Meinungsvorgabe möglich gemacht
deutsch-türkischen Beziehungen die größte zwischen den Periodika lassen sich dagegen bei statt durch Sachinformation. Dies belegt auch
Bedeutung zu. Eine untergeordnete Rolle spiel- der numerischen Verteilung erkennen: Auf die der verhältnismäßig hohe Anteil extremer Po-
ten dagegen die Artikel über die rechtliche und FR und die FAZ, die mit annähernd gleich vielen sitionen der Bewertungsskala gerade bei den
soziale Stellung der mehr als zwei Millionen in veröffentlichten Artikeln an der Spitze der Häu- Themen Zollunion und türkische EU-Mitglied-
Deutschland lebenden Türken – angesichts der figkeit stehen, entfällt jeweils rund ein Drittel des schaft; schwache Tendenzen bilden eher die
zahlreichen ungelösten Probleme im Zusam- gesamten Analysematerials. Etwa ein Viertel Ausnahme (a.a.O., S. 172).
menleben zwischen Deutschen und Türken, von steuert die SZ bei, während „Die Welt“ mit deut-
der Forderung nach kommunalem Wahlrecht lichem Abstand am Ende der Rangliste steht.
bis zur doppelten Staatsbürgerschaft, sicher- Im zweiten Analyseschritt zeigte sich in Analo- TÜRKISCHE ANNÄHERUNG AN EUROPA
lich eine thematische Schieflage. gie zur Ereignisbezogenheit und damit zu ihrer IST EIN REIZTHEMA
Punktualität, dass die Berichterstattung in Ab-
hängigkeit zur vermeintlichen Nachrichten- Zusammenfassend kann hier festgehalten wer-
DAS „STIEFKIND“ DER wert-Größe des Themas eine mehr oder minder den, dass die Annäherung der Türkei an Europa
BERICHTERSTATTUNG intensive Bewertung erfährt. Dabei halten sich eher ein Reizthema darstellt, das von der kon-
die Verfasser der Artikel mit Bewertungen weit- troversen Bewertung in der Berichterstattung
Ein „Stiefkind“ der Berichterstattung als fünft- gehend zurück. Vielmehr erhalten hierbei die lebt – einer Bewertung allerdings, die weitest-
häufigste von sechs Hauptthemengruppen Aussage- und Handlungsträger ein besonderes gehend den Verlautbarungen der offiziellen Po-
blieb während des gesamten Analysezeitraums Gewicht: Ihre zum Teil extrem entgegen gesetz- litik überlassen wird. Und dieser Aspekt ver-
bei allen Zeitungen das Thema „Soziales und ge- ten Bewertungen finden in der Berichterstat- stärkt sich, je stärker das Thema seine „Markt-
sellschaftliches System in der Türkei“, das mit tung einen ausführlichen Niederschlag (a.a.O., tauglichkeit“ durch einen entsprechend hohen
seinen Aspekten Kultur, Bildung, Wissenschaft S. 171). Nachrichtenwert unter Beweis gestellt zu ha-
am ehesten geeignet wäre, das Bild einer „eu- ben scheint. Dies verdeutlicht sich auf der Ba-
ropäischen“ Türkei jenseits militärischer Hand- sis der in dieser Untersuchung vorgefundenen
lungen zwischen Armee und PKK im Nordirak POLITISCHE HANDLUNGSTRÄGER Ergebnisse nicht zuletzt an der saisonalen Ab-
und menschenunwürdigen Folterungen in Po- NEHMEN HOHEN STELLENWERT EIN hängigkeit der Berichterstattung, ihrer explizi-
lizeigewahrsam zu zeichnen. ten Bewertungen und deren Abhängigkeit wie-
An der untergeordneten Randstellung dieses Dabei zeigt sich beispielsweise auch, dass es ab- derum vom Anteil der Berichterstattung.
Themas in allen vier Zeitungen kann auch die hängig von der Nationalität der Berichterstat- Deutlich wird dabei auch, dass die publizis-
Tatsache nichts ändern, dass ebenfalls alle vier tung eine „typische“ Sicht- und Bewertungs- tisch-journalistischen Leitlinien kaum eine
Periodika in dem seltenen Fall der Berichterstat- weise gibt, die die Berichterstattung und letzt- Rolle zu spielen scheinen. Dies scheint zunächst
tung über soziale und gesellschaftliche Aspekte lich beim Rezipienten das Türkeibild prägt. So bei der in hohem Maße unterschiedlichen poli-
des Lebens in der Türkei den dargestellten The- nehmen die Aussage- und Handlungsträger tischen Ausrichtung im Selbstverständnis der
men viel Platz einräumten. In der Rangfolge der aus Exekutive, Legislative und Judikative einen vier ausgewählten Printmedien zu überra-
in Quadratzentimeter ausgemessenen Artikel- hohen Stellenwert ein. Und es erscheint kaum schen. Betrachtet man allerdings das hohe Maß
größen liegt das Thema an der Spitze – ein of- noch überraschend, dass ihr Erscheinen inner- an identischen Quellen für die Berichterstat-
fenkundiger Beleg dafür, dass punktuelle Aus- halb der Berichterstattung in weitaus höherem tung, insbesondere der Nachrichtenagenturen,
führlichkeit in der Berichterstattung keinen Maße von Aussagen bestimmt ist als etwa von und die chronologischen Analogien der Bericht-
Schluss auf intensive Kontinuität und damit Handlungen. Die politische Sichtweise der Ver- erstattung, so erscheint dies eher zwangsläu-
umfangreiche Information zulassen kann. treter der Exekutive, Legislative und Judikative fig. Für das vermittelte Türkeibild hat dies zur
setzt gerade angesichts eines weitgehenden Folge, dass es in hohem Maße Analogien bei den
Fehlens journalistischer Kommentierung zu ei- vier ausgewählten Medien gibt und dass die für
INFORMATIVE STILFORMEN ÜBERWIEGEN nem bestimmten Thema die Positionsmarken den Charakter der vorgefundenen Bewertung
der öffentlichen Meinungsbildung, wie sie oben beschriebenen Grundsätze insgesamt
Gemäß des dominierenden Themas Politik über- durch die Berichterstattung möglich ist. Gültigkeit besitzen. Und dieses Türkeibild gilt
wiegen in der Berichterstattung deutlich die in- analog zum Bild über die Türken schlechthin,
formativen Stilformen, die Berichte und Mel- auch und gerade für die in unmittelbarer Nach-
dungen. Reportagen dagegen, die neben der DEUTLICHES ÜBERGEWICHT DER barschaft des deutschen Lesers, nämlich die in
Kultur auch Bereiche des alltäglichen Lebens le- EUROPÄISCHEN SICHT Deutschland lebenden Türken.
bendig schildern können und in der Regel einen
positiven Akzent setzen, weil sie erfordern, dass Dabei ist auch deutlich, dass sich in der Betrach-
sich ihre Autoren ausgiebig mit dem geschilder- tungsweise ein deutsch beziehungsweise euro- MEDIENETHIK UND
ten Sujet beschäftigen und oft dabei auch im päisch geprägtes Bild und ein türkisch gepräg- SELBSTVERANTWORTUNG TUN NOT!
Gegensatz zu den der Neutralität verpflichteten tes gegenüberstehen. Die Anteile beider an der
Verfassern nachrichtlicher Stilformen eigene Gesamtberichterstattung zeigt klar ein Überge- Ableiten ließe sich hieraus gewiss die Forderung
Sympathien entwickeln, stellen dagegen die wicht der deutsch-europäischen Sicht auf. Ein an die vier ausgewählten Medien, ihre Türkei-
Ausnahme dar (a.a.O., S. 171). hohes Maß an expliziten Bewertungen unter- berichterstattung selbstkritisch zu untersu-
Ein „deutscher Blickwinkel“ auf die türkeirele- streicht die Bedeutung, die den in die Bericht- chen. Dabei sollten sich die Verantwortlichen
vanten Themen zeigt sich nicht nur bei der Prä- erstattung einfließenden Aussagen der Aus- der vier Zeitungen insbesondere Fragen stellen
ferenz für das Thema deutsch-türkische Bezie- sage- und Handlungsträger insbesondere aus nach dem Verhältnis zwischen ereignisbezoge-
hungen bei der Kommentierung, sondern auch Exekutive, Legislative und Judikative gemäß ih- ner punktueller Berichterstattung, Charakte-
bei der Analyse der den Artikeln vorangestellten rem Anteil zukommt. ristik der berichtimmanenten Bewertungen,
Ortsbezeichnungen. Zwar muss die Bezeich- Nahezu die Hälfte aller Berichte besteht aus ex- deren Abhängigkeit von Aussage- und Hand-
nung nicht zwingend identisch mit dem Ort der pliziten Bewertungen – ein klares Indiz für das lungsträgern aus Exekutive, Legislative und Ju-
Berichterstattung sein, dennoch darf sie als In- hohe Maß an kontroverser Diskussion über The- dikative einerseits und dem selbst gewählten
diz für die Distanz oder Nähe des Berichterstat- men, bei denen die nicht bewertende Berichter- Anspruch andererseits, ein umfassendes, wirk-

128
Das Türkeibild der deutschen Presse

lichkeitsgetreues Bild des EU-Beitrittskandida- Ludwig, K.: Augenzeugen lügen nicht. Journalistenbe- schen Funktionen der Massenmedien in der Demokratie.
richte: Anspruch und Wirklichkeit. München 1992 In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 208/209
ten Türkei an ihre Leser zu liefern. Es dürfte im Luhmann, N.: Veränderungen im System gesellschaftlicher (Massenmedien) 1990, S.1.
Interesse sowohl der Leser wie auch der Blatt- Kommunikation und die Massenmedien. In: Schatz, Oskar 2 Zitiert nach: Blick in die Presse, SZ vom 29.3.1997.
(Hrsg.): Die Elektronische Revolution. Wie gefährlich sind
macher sein, den Anteil sachlicher, neutraler die Massenmedien? Graz 1975, S. 13-30.
3 Zitiert nach: Turgut Özal: Die Türkei wird ihre Chance
im Osten nutzen. In: Die Welt vom 9.4.1990.
und mit Hintergrundinformationen versehener Luhmann, N.: Die Realität der Massenmedien. Opladen
1995 4 Zitiert nach: Türkei drängt nach Europa. In: Die Welt
Berichterstattung zu erhöhen und das sehr vom 7.11.1996.
Mentzel, J. P./Pfeiler, W.: Deutschlandbilder – Die Bundes-
hohe Maß an bewertender Berichterstattung zu republik aus der Sicht der DDR und der Sowjetunion. Düs- 5 Der journalistische Umgang mit der Wirklichkeit entwi-
senken. seldorf 1972 ckelte sich Ende 1995 zu einem bundesweiten Reizthema.
Merten, K.: Nachrichtenrezeption als komplexer Kommu- Anlass war die eklatante Überschreitung der Grenze zwi-
Sollten die in dieser Untersuchung festgehalte- nikationsprozess. In: Publizistik, 22/1977, S. 451-463. schen Realität und Fiktion durch den Fernsehreporter Mi-
nen Charakteristika der Berichterstattung über Meyn, H.: Die politischen Funktionen der Massenmedien chael Born, der mit seinen völlig frei erfundenen Fernseh-
in der Demokratie. In: Informationen zur politischen Bil- reportagen – unter anderem über die angeblichen Aktivi-
die Türkei allerdings weiterhin Bestand haben dung, Heft 208/209 (Massenmedien) 1990 täten eines deutschen Ku-Klux-Klans – sowohl Sendean-
(und dies ist der wahrscheinlichere Fall), so gilt Neudeck, R. (Hrsg.): Immer auf Achse. Auslandskorrespon- stalten als auch Zuschauer täuschte. Dass Journalisten mit-
es insbesondere für die Aussage- und Hand- denten berichten. Bergisch Gladbach 1985 unter die Wirklichkeit manipulieren, ist freilich nicht neu:
Quandt, S.: Die Darstellung der Türkei, der Türken und Kur- So begann Egon Erwin Kisch seine Journalistenkarriere mit
lungsträger, ihr Gewicht in der Berichterstat- den in deutschen Massenmedien. Gießen 1995 einer lügenhaften Reportage über ein Großfeuer (vgl.
tung zu überdenken. Das hohe Maß ihrer expli- Schulz, W.: Massenmedien und Realität. Die „ptolemäi- Schmieding, Walther (Hrsg.): Egon Erwin Kisch. Nichts ist
sche“ und „kopernikanische“ Auffassung. In: Kaase, erregender als die Wahrheit. Reportagen aus vier Jahrzehn-
ziten Bewertungen innerhalb der Berichter- M./Schulz, W. (Hrsg.): Massenkommunikation. Theorie, ten. Köln 1985, Band 1, S. 11-21. Ein weiteres Beispiel aus
stattung fordert dazu deutlich auf. Dies gilt bei- Methoden, Befunde. Kölner Zeitschrift für Soziologie und der neueren Mediengeschichte ist die Fälschung von Hit-
Sozialpsychologie, Sonderheft 30/1989, S. 135-149. lers Tagebüchern für den „Stern“ mit Beihilfe eines Repor-
spielsweise auch für die türkischen Aussage- ters.
Schulz, W.: Die Konstruktion von Realität in den Nachrich-
und Handlungsträger, gerade für die Vertreter tenmedien. Analyse der aktuellen Berichterstattung. Frei- 6 Ein kompakter Überblick über die vielfältigen wissen-
aus Exekutive, Legislative und Judikative. Wenn burg/München 1990 schaftlichen Untersuchungen zur wechselseitigen Bezie-
Schulz, W.: Medienwirklichkeit und Medienwirkung. Ak- hung zwischen Medien und Realität findet sich bei Schulz,
es schon vorrangig ihre Bewertungen sind, die tuelle Entwicklungen der Massenkommunikation und ihre W.: Massenmedien und Realität. Die „ptolemäische“ und
transportiert werden, so sollte es ihnen ein An- Folgen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40/1993, S. die „kopernikanische“ Auffassung. In: Kaase, Max/Schulz,
liegen sein, bei ihrem öffentlichen Auftreten die 16-26. Winfried (Hrsg.): Massenkommunikation. Theorien, Me-
Weis, H.: Die Auswirkungen der sich verschlechternden bi- thoden, Befunde. Opladen 1989, S. 135-149.
Bewertungen mit sachlichen Informationen zu lateralen Beziehungen auf das Türkeibild der Deutschen. 7 Höhler, G.: Unbequeme Türkei. FR vom 19.10.1988.
verknüpfen. So erhöhen sie die Chance, Hinter- In: Gorawantschy, B. (Hrsg.): VIII. Deutsch-Türkisches 8 Koydl, W.: Aldi und Atatürk. In: SZ vom 4.1.1997.
Journalistenseminar „Die Rolle der Medien bei der Gestal-
grundinformationen über die Türkei zu verbrei- tung internationaler Beziehungen unter besonderer Be- 9 Ebd., S. 150. In diesem Zusammenhang führt Weis ein
ten statt lediglich Statements zu Themen. rücksichtigung der deutsch-türkischen Beziehungen“. An- Beispiel an. Als er einen Bericht zum Thema „Amnesty klagt
kara 1994, S. 147-155. an: Menschenrechtsverletzungen in griechischen Gefäng-
Weischenberg, S.: Journalistik. Theorie und Praxis aktuel- nissen“ seinen Kollegen in Deutschland anbot, erhielt er
ler Medienkommunikation, Mediensysteme, Medienethik, positive Resonanz – verbunden mit dem Hinweis auf einen
Medieninstitutionen. Band 1. Opladen 1992 vermeintlichen Fehler: „Das heißt doch sicher Menschen-
Wittkämper, G. W./Bellers, J./Grimm, J./Heiks, M./Sonder- rechtsverletzungen in türkischen Gefängnissen.“ Vgl.
hierzu ebd., S. 151.
LITERATUR geld, K./Wehmeier, K.: Pressewirkungen und außenpoliti-
sche Entscheidungsprozesse – Methodologische Probleme 10 Ebd., S. 151.
Alkan, M. N.: Die Perzeption der Türkei im Spiegel der west- der Analyse. In: Wittkämper, G. W. (Hrsg.): Medien und Po- 11 Ebd., S. 154. Nach Weis ist die Ursache für die Haltung
deutschen Presse. Diss., Bonn 1994 litik. Darmstadt 1992, S. 150-186. der Politiker eine aus innenpolitischem Populismus ge-
Altschull, H. J.: Agenten der Macht. Die Welt der Nachrich- Steinbach, U.: Die Türkei im 20. Jahrhundert – schwieriger speiste Unehrlichkeit. Klaus Kleebaum von der Westdeut-
tenmedien – eine kritische Studie. Konstanz 1989 Partner Europas. Bergisch-Gladbach 1996 schen Allgemeinen Zeitung (WAZ) weist darüber hinaus
Bellers, J./Grimm, J./Heiks, M.: Methodologische Probleme Wolf, F.: Alle Politik ist medienvermittelt. Über das prekäre auch auf die jeweiligen zwischenmenschlichen Sympathien
bei der Analyse von Pressewirkungen auf außenpolitische Verhältnis von Politik und Fernsehen. In: Aus Politik und und Aversionen der Politiker zu ihren türkischen Partnern
Entscheidungsprozesse. In: Schatz, H./Lang, K. (Hrsg.): Zeitgeschichte, B 32/1996, S. 26-31. hin: „An der Spitze der beiden Länder hat es in schwieri-
Massenkommunikation und Politik: Aktuelle Probleme gen Zeiten kaum solche gegeben, die sich menschlich be-
und Entwicklungen im Massenkommunikationssystem der sonders nahe gewesen wären. Im Gegenteil.“ Vgl. Klee-
Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main 1982, S.
ANMERKUNGEN baum, K.: Die Ursachen für die Relativierung der deutsch-
99-120. 1 Vgl. u.a. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die türkischen Beziehungen während der vergangenen Jahre
Brodersen, U.: Das wechselseitige Bild der Außen- und Si- Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Mas- und deren Zusammenhang mit der Berichterstattung in
cherheitspolitik der USA und der UdSSR in den Zeitungen senmedien.“; Luhmann, Niklas: Die Realität der Massen- den Medien. In: Gorawantschy, B., a.a.O., S. 129-139; hier
„Pravda“, „Izvestija“, „Washington Post“ und „New York medien. Opladen 1995, S. 5. Hermann Meyn spricht davon, S. 133.
Times“ der Jahre 1985 und 1989. Diss., Frankfurt am Main „dass wir die Welt zum großen Teil nicht mehr unmittelbar 12 Neuer Botschafter Ankaras kritisiert deutsche Presse. In:
1996 erfahren; es handelt sich überwiegend um eine durch Me- SZ vom 11.7.1995.
Cohen, B.: The Press and Foreign Policy. Princeton, New dien vermittelte Welt.“; vgl. Meyn, Hermann: Die politi- 13 Mönch-Tegeder, T.: „Wir sind Mitglieder der europäi-
Jersey 1963 schen Familie“. In: Rheinischer Merkur vom 2.6.1995.
Glotz, P./Langenbucher, W.: Der missachtete Leser. Zur Kri-
14 Focus vom 10.4.1995.
tik der deutschen Presse. Köln/Berlin 1969
Graber, D. A.: Mass Media and American Politics. Washing- 15 Vgl. hierzu türkische Tageszeitungen: Die zweitgrößte
ton 1980 Istanbuler nationalliberale Tageszeitung „Hürriyet“ veröf-
Gür, G.: Das Türkeibild der deutschen Presse unter be- UNSER AUTOR fentlichte oben genannte Vorfälle ausführlich. Der Kolum-
sonderer Berücksichtigung der EU-Türkei-Beziehungen. nist forderte jeden Türken in Deutschland auf, 1000 Mark
Frankfurt am Main 1998 von seinem Konto abzuheben und auf eine türkische Bank
Höpken, W.: Das Bild der Türkei in deutschen Schulbü-
Dr. Gürsel Gür, zu überweisen und appellierte an seine Leser, Protestan-
chern. In: Verein für türkisch-deutsche Bildungsarbeit 1960 in Konya ge- rufe zu tätigen; vgl. Hürriyet vom 4.4.1995. „Boykottiert
(Hrsg.): Türken in deutschen Schulbüchern – Deutsche in Hans!“ titelte sogar „Posta“ und rief zum Boykott deut-
boren, studierte scher Waren auf. Die Kommentatoren der liberalen „Milli-
türkischen Schulbüchern. Ergebnisbericht der Tagung
„Türken und Deutsche in der Darstellung deutscher und Politikwissen- yet“ wie auch des auflagenstärksten Massenblatts „Sabah“
türkischer Schulbücher“ vom 28. Januar 1993. Köln 1993, schaft, Soziologie übten dagegen unter anderem Selbstkritik an den Presse-
S. 89-99. attaches der jeweiligen diplomatischen Einrichtungen der
Kepplinger, H.-M.: Realkultur und Medienkultur. Literari-
und Erziehungs- Türkei in Deutschland. Sie hätten es versäumt, durch ef-
sche Karrieren in der Bundesrepublik. Freiburg/München wissenschaften an fektive Öffentlichkeitsarbeit das verschobene Türkeibild
1975 vieler Deutscher gerade zu rücken; Milliyet vom 6.4.1995.
Kepplinger, H.-M.: Funktionswandel der Massenmedien.
der Universität Auch die linksliberale „Cumhuriyet“ vom 8.4.1995 zeigte
In: Rühl, M./Stuiber, H.-W. (Hrsg.): Kommunikationspoli- Münster und be- Defizite in der Informationsübermittlung von türkischer
tik in Forschung und Anwendung. Festschrift für Franz endete sein Studi- Seite auf.
Ronneberger. Düsseldorf 1983, S. 47-64. 16 „Türkei will in deutschen Medien weniger werben.“ In:
Kepplinger, H.-M.: Die aktuelle Berichterstattung des Hör- um als Magister SZ vom 9.7.1994.
funks. Eine Inhaltsanalyse der Abendnachrichten und po- Artium. Danach 17 „’Feindlichen’ Journalisten droht Nichtzulassung“. In:
litischen Magazine. Freiburg/München 1985 promovierte er an der Philosophischen Fa- FR vom 15.7.1995.
Klineberg, O.: Die menschliche Dimension in den interna- 18 Es handelte sich hierbei um die Zeitungen „Frankfurter
tionalen Beziehungen. Bern 1966 kultät der Westfälischen Wilhelms-Universi- Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeut-
Koschwitz, H.: Internationale Publizistik und Massenkom- tät mit einer Arbeit über das Türkeibild in der sche Zeitung“, „Die Welt“, „Rheinischer Merkur“, „Han-
munikation. Aufriss historischer Entwicklungen und ge- delsblatt“, „Bild“, „Bild am Sonntag“, „Welt am Sonntag“,
genwärtiger Trends. In: Publizistik, 24/1979, S. 458-483. deutschen Presse. Er war bis 2002 Dozent
„Die Zeit“, „Die Woche“, „Der Spiegel“, „Focus“ und
Kramer, H.: Aktuelle SWP-Dokumentationen. Die Bezie- für Politikwissenschaft und Internationale „Tango“.
hungen zwischen der Türkei und der Europäischen Ge-
meinschaft. Dokumente und Materialien Nr. 6. Ebenhau-
Beziehungen an der Anadolu Universität Es- 19 Ebd., S. 3f. Alkans Erkenntnisinteresse weist jedoch über
sen 1988 kisehir in der Türkei. Seit 2003 ist er Leiter die wissenschaftliche Fragestellung hinaus: „Diese Arbeit
Lerch, W. G.: Das gegenwärtige Türkei-Bild in den deut- soll bezwecken, dass das Türkeibild, das in vielen deutschen
der Kontaktstelle für Westeuropa der Ana- Köpfen meistens nur auf Klischees beruht, oder das größ-
schen Medien und in der Öffentlichkeit. In: Zeitschrift für
Türkeistudien, 4/1991, S. 83-88. dolu Universität in Köln. Seine Forschungs- tenteils sehr ungenau und falsch oder gar nicht vorhanden
ist, verbessert wird und dadurch die Klischeebilder abge-
Lippmann, W.: Die öffentliche Meinung. Reprint des Pu- schwerpunkte sind: EU-Türkei-Beziehungen, baut werden, so dass ein gegenseitiges Verstehen und To-
blizistik-Klassikers, Bochum 1992 (Original: Public Opi-
nion. New York 1922; deutsch: Die öffentliche Meinung. Deutsch-Türkische Beziehungen, Interkultu- lerieren sehr viel leichter möglich wäre“ (S. 5).
München 1964) relle Bildung und Integration.

129
KEINE ANGST VOR DER TÜRKEI!

Die Furcht vor der Türkei


D IETER O BERNDÖRFER

eine starke Beachtung. Sie lieferten der Politik


Gegen die Aufnahme der Türkei in die ideologische Argumente gegen den Beitritt der
EU bringen Skeptiker gelegentlich prag- Türkei und wurden zu Meinungsführern in ei-
matische, allzu oft aber prinzipielle Ein- ner eminent politischen und keineswegs nur
wände vor. In der Debatte über die In- akademischen Debatte.
tegrationsfähigkeit der Türkei werden So warf Wehler „europäischen Politikern“ we-
häufig die Begrifflichkeiten der „europä- gen der Kopenhagener Erklärungen zum Bei-
ischen Identität“ und der „europäischen tritt der Türkei zur EU vor, dass sie nicht „zum
Kultur“ gebraucht. Im Jahr 2002 hat der Eigencharakter der europäischen Geschichte
Historiker Hans-Ulrich Wehler mit genau stehen wollen“ und behauptete eine nicht über-
dieser Argumentation eine Diskussion wundene „eingeschliffene kulturell-zivilisato-
angestoßen, die in den Medien und in der rische Grenze zwischen zwei Kulturkreisen.“2
Politik auf eine beachtliche Resonanz Winkler sah den „Kern des Problems“ darin, „dass
stieß. Eine genauere Betrachtung der ar- in jenem Teil Europas, der zum historischen Ok-
gumentativen Unterfütterung dieser va- zident gehört und bis zur Reformation sein gei-
gen Termini zeigt aber, dass so manche stiges Zentrum in Rom hatte“, sich die Trennung
Historiker auf die überholt geglaubte von geistlicher und weltlicher Gewalt und die
nationale Geschichtsschreibung setzen. Säkularisierung „in einem Jahrhunderte wäh-
Zu der Arroganz nationalen Geschichts- renden Prozess vollzogen“, wohingegen sich in
schreibung gesellen sich noch, so die en- der Türkei die Säkularisierung erst im 20. Jahr-
gagierte Entgegnung von Dieter Obern- hundert mit autoritären Mitteln durchgesetzt
dörfer, Vereinfachungen und Abwertun- habe. Noch schlimmer: Die Staatsdoktrin der
gen hinzu. Gerade das unvollendete Türkei sei „areligiös“ ja sogar „religionsfeindlich“.
„Projekt Europa“ zeige doch, dass die Daraus folge schlüssig, „dass die Türkei nicht
Idee einer Gemeinschaft demokratischer begreifen kann, warum die Würde eines jeden
Staaten zur Abkehr vom hausbacken ge- Menschen unantastbar ist, warum die Men- den. Zugleich werden sie polemisch vereinfacht
wordenen Nationalismus zwinge. Des- schenrechte so wichtig sind, warum man wehr- und abgewertet. Dabei geht die komplexe Viel-
halb ist der Abschied von der realitäts- lose Häftlinge nicht quält und schlägt (...) so- falt historischer Erscheinungen verloren. In der
fernen Ideologie des christlichen Abend- lange sie dies nicht erkennen kann, wird sie wei- polemischen Auseinandersetzung mit dem
landes durch die Integration der islami- ter – so wie bisher – Europa und seine Werte nur Fremden gibt es nunmehr das Europa, die Auf-
schen Türkei in die EU ein Akt von welt- kopieren. Doch auf diese Weise bleiben sie un- klärung, das Christentum, den Islam und noch
geschichtlicher Bedeutung, weil er für belebt, leblos, tot“3 viel simplere Etiketten. So reduziert Wehler das
die Möglichkeit der Koexistenz von Men- notwendige Wissen über den Islam auf dessen
schen unterschiedlicher Religionen und Herkunft aus Arabiens Wüsten im siebten Jahr-
Weltanschauungen stünde. Red. DIE RÜCKKEHR DES NATIONALISMUS hundert unserer Zeitrechnung. Die politisch-
kulturelle Bedeutung der heutigen Weltreligion
Winklers pauschale Abqualifizierung des Wegs Islam und dessen vielgestaltige und unter-
türkischer Demokraten nach Europa offenbart schiedliche Manifestationen wird von ihm
PRAGMATISCHE UND PRINZIPIELLE die typische Denkstruktur der romantischen als Religion aus der Welt „kriegerischer arabi-
EINWÄNDE Geschichtswissenschaft, der Leitwissenschaft scher Nomadenstämme“ charakterisiert.4 Da –
des Nationalstaats und Nationalismus Europas. so Wehler – „das muslimische Osmanenreich na-
Gegen die Aufnahme der Türkei werden prag- Die Substanz der Nation, ihre Identität, wurde hezu 450 Jahre lang Krieg gegen das christliche
matische und prinzipielle Einwände ins Feld ge- in ihrer Geschichte gefunden. Sie musste gegen Europa geführt hat“, darf die heutige Türkei nicht
führt. Die pragmatischen, zu den Grenzen der Gefährdung durch Fremde und Fremdes vertei- in die EU. Nimmt man die Jahrhunderte langen
Ausdehnungsfähigkeit Europas oder zu den digt werden. Die Politik hat das geschichtliche Erbfeindschaften und Kriege innerhalb Europas
ökonomischen Risiken sind bedenkenswert. Ihre „Erbe“ vor fremder Neuerung zu schützen. Hier- etwa zwischen Deutschland und Frankreich oder
Schlüssigkeit für das Pro oder Contra lässt sich bei tritt Europa an die Stelle der Nation. Europa zwischen England und Frankreich, hätte danach
schwer bestimmen, da sie auf unsicheren und muss vor Fremdem geschützt werden. die EU gar nicht erst zustande kommen dürfen.
zum Teil widersprüchlichen Zukunftsprogno- Die nationale Geschichtsschreibung strickte Für Winkler bilden die „durch nichts ersetzba-
sen komplexer politischer und ökonomischer sich die Geschichte der Nation nach den eige- ren gemeinsamen historischen Prägungen und
Entwicklungen und Konstellationen gründen. nen ideologischen Vorgaben zu Recht, dabei Erfahrungen“ das „Fundament“ der „eigenen“
Letztlich werden sie jedoch von vielen Gegnern wurden ihre Sünden in der Regel ausgeblendet. Kultur. Die Frage, welche „gemeinsamen Erfah-
des Beitritts nur vorgeschoben. Ihr Hauptein- Die Geschichte der Nation, ihr körperlicher Leib, rungen und Prägungen“ gemeint sind und wer
wand ist prinzipieller Natur. Sie sind sich darin – jetzt die Geschichte Europas – durfte keine denn von den eigenen Bürgern heute an ihnen
einig: Europa hat eine nur ihm eigene geschicht- dunklen Flecken haben. Die konstruierte Ver- partizipiert oder partizipieren möchte, oder gar
lich gewachsene kulturelle Identität. Die Türkei gangenheit und ihre Kultur werden dabei zur erst wie relevant sie für die Gestaltung der Zu-
gehört nicht zum europäischen Kulturkreis. Ihre Zwangsjacke für die Zukunft. Bruch mit der Ver- kunft sind, wird nicht gestellt. Die Menschen
Geschichte und ihre kulturellen Überlieferun- gangenheit, radikalen Aufbruch zu Neuem, darf anderer Nationen und Kulturen mit anderer Ge-
gen machen die Türken unfähig, Europäer zu es nicht geben. Mit der Geschichte als unfehl- schichte bleiben jedenfalls von ihnen ausge-
werden. Die Türkei soll daher draußen bleiben. barem Lehrmeister wird der Historiker selbst schlossen. Sie können daher, selbst wenn sie
zum Sachkundigen für alle Fragen der aktuel- dies wollten, nicht an ihnen teilhaben. So
len Politik. Er wurde zuerst zum Gralshüter der konnte und durfte das Judentum Deutschlands
KULTURALISTISCHE AUSGRENZUNGEN Nation, jetzt zum pater patriae Europas. nach Auffassung „nationaler“ Wissenschaftler
in Bismarcks Reich und der Weimarer Republik
Die prominentesten und schärfsten Sprecher kein Teil der Kultur Deutschlands werden. Die
dieser kulturalistischen Ausgrenzung der Tür- VEREINFACHUNG UND ABWERTUNG angepassten Juden waren, um die Sprache des
kei von Europa sind die Historiker Hans Ulrich Historikers gegenüber den Türken zu gebrau-
Wehler und Heinrich August Winkler.1 Ihre Ar- Fremde Kulturen – hier der Islam – müssen von chen, bloße „Kopien“. Völlig außerhalb dieses
gumente fanden in den Medien und der Politik der „eigenen“ Kultur Europas fern gehalten wer- durch nationalen europäischen Narzissmus be-

130
Die Furcht vor der Türkei

christlichen Konfessionen gewährt. In Spanien


war noch 1975 nur eine einzige protestantische
Kirche auf Grund eines Konkordats des deut-
schen Reiches mit dem ehemaligen Königreich
Spanien verdeckt hinter hohen Mauern zuge-
lassen. Die politischen und kulturellen Defizite
NATIONENBILDER HAFTEN IM der Freiheit auf der iberischen Halbinsel konn-
KOLLEKTIVEN GEDÄCHTNIS: ten jedoch dort in kurzer Zeit behoben werden
IST DIE FURCHT VOR DEN und wurden nicht zur Barriere für die Auf-
„TÜRKEN VOR WIEN“ IMMER nahme in die Europäische Wirtschaftsgemein-
NOCH FEST IN DEN KÖPFEN schaft (EWG). Ähnliches lässt sich heute in
ABGESPEICHERT? WIRD GE- den Staaten Osteuropas beobachten. Ihre Ge-
GENWÄRTIG EIN VERWAND- schichte der Unfreiheit unter dem Kommunis-
TES BILD VON DEN „TÜRKEN mus und häufig auch aus der Zeit vor dem Zwei-
VOR DEN TOREN EUROPAS“ ten Weltkrieg bildete zu Recht kein Hindernis
AKTIVIERT? (DIE ABBILDUNG für ihre Aufnahme in die EU.
ZEIGT DEN PLAN DER BELA- Der Hinweis Winklers, die Gewährung religiö-
GERUNG UND ENTSETZUNG ser Freiheit in der anatolischen Türkei bedeute
VON WIEN.) nach der Vertreibung der christlichen Armenier
picture alliance / dpa und Griechen wenig oder nichts, ist schlimme
Polemik. Religiös/kulturelle Freiheit ist der his-
torische Kern des modernen Verfassungsstaats.
Ihre Verwirklichung hat eine fundamentale Be-
deutung. Sie muss im Falle der Türkei gerade für
alle Bürger, für ihre christlichen wie nicht-
christlichen Bürger gesichert werden. Sie
kommt nie zu spät, – so auch nicht im Falle Spa-
niens als dort nach dem Tode des Diktators
Franco – fast fünf Jahrhunderte nach der Ver-
schränkten Horizonts und daher unerwähnt ihre Blindheit für die dunklen Seiten der Ge- treibung der Moslems und Juden und der Ge-
bleibt die Möglichkeit, in einer durch die Türkei schichte Europas mit Arroganz gegenüber der genreformation – endlich religiöse Freiheit ge-
erweiterten Union „gemeinsame Erfahrungen“ Kultur- und Demokratiefähigkeit nicht-westli- währt wurde.
zu machen und zusammenzuwachsen. cher Staaten. Der sich hinter Europa verschan-
Vor 1945 legten deutsche Historiker und Geis- zende Nationalismus nimmt nicht zur Kenntnis,
teswissenschaftler ihren Ehrgeiz auf den Nach- dass die Menschenrechte, die Aufklärung und DEMOKRATIEN ENTWICKELN SICH NICHT
weis unüberbrückbarer Unterschiede zwischen die Werte des Christentums Geltung für alle NATURWÜCHSIG
der Kultur Deutschlands und der Kultur des Menschen beanspruchen. Als unveräußerlicher
Westens. Die überlegene deutsche Kultur muss- und ausschließlicher Besitz Europas in Be- Auch die heutige Demokratie Deutschlands
te vor Verunreinigung durch die Kultur west- schlag genommen, verlieren sie ihre eigene Le- entwickelte sich bekanntlich nicht naturwüch-
licher Aufklärung und Demokratie geschützt gitimitätsgrundlage, den Bezug auf die Würde sig, sondern letztlich als Geschenk der Alliier-
werden. In diesem Sinne meldete sich zum Bei- des Menschen, nicht nur auf die der Deutschen ten. Erst unter dem Schutz der Militärregierung
spiel auch Thomas Mann im Ersten Weltkrieg in oder der Europäer. und der Erfahrung der Niederlage im Zweiten
den „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ zu Weltkrieg konnte sie Wurzeln schlagen. In ih-
Wort. Nach 1945 wurden die Deutschen mit ei- rem eigenen Kampf um Freiheit der Religion
ner Negativvariante solcher holzschnittartiger DIE ARROGANZ DER NATIONALHISTORIE und Weltanschauung müssen die türkischen
Vereinfachungen geschichtlicher Komplexität Demokraten es als Hohn empfinden, dass ihnen
konfrontiert. Der Holocaust und andere Ver- Türkische Demokraten müssen die Glorifizie- nun der Völkermord an den Armeniern und des-
brechen Deutscher seien, – so die Alliierten rung der Geschichte Europas als eines Hortes sen mangelnde politisch-historische Aufarbei-
und ihre Geschichtsideologen –, ein zwangs- von Demokratie und Humanität und die Absage tung ausgerechnet von einem deutschen His-
läufiges Ergebnis der deutschen Geschichte an ihre eigene Kultur- und Demokratiefähigkeit toriker als Grund für ihren Ausschluss aus Eu-
und Kultur gewesen und die Deutschen seien als überheblichen und provinziellen Ge- ropa serviert wird5. Den industriellen Massen-
„daher“ nicht lernfähig. Es gebe eine ununter- schichtshorizont wahrnehmen. Sie wissen, mord von sechs Millionen Juden durch das na-
brochene Kontinuität von Arminius, dem Che- dass die von der christlichen Inquisition aus tionalsozialistische Deutschland verursachte ja
rusker, über Martin Luther und Preußen bis hin Spanien vertriebenen Juden in der osmani- nicht eine islamische Gesellschaft, er fand viel-
zu Adolf Hitler. Der Westen müsse deshalb auf schen Türkei aufgenommen und ihnen dort re- mehr auf dem Kultursockel einer sich christlich
immer vor den Deutschen geschützt werden. ligiöse Freiheit eingeräumt wurde. Von Klassi- definierenden und bildungsmäßig damals wohl
Bei der damit notwendig gewordenen Suche kern der politischen Theorie des 17. und 18. am fortgeschrittensten westlichen Industrie-
nach Akzeptanz und Respektabilität mussten Jahrhunderts wie Jean Bodin oder Charles de gesellschaft statt. Die Verbrechen an den Arme-
die Deutschen und ihre Historiker nach 1945 Montesquieu wurde das Osmanische Reich als niern können in der türkischen Gesellschaft erst
den Anschluss an den Westen suchen. Um sich Beispiel für eine in den meisten Staaten Euro- nach weiteren Erfolgen bei der Sicherung von
als ehrbar gewordene Nation präsentieren zu pas damals nicht mögliche Koexistenz von Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit the-
können, beriefen sie sich auf „europäische“ Kul- Moslems, Juden und Christen gesehen. In der matisiert werden. Gerade das Beispiel Deutsch-
turwerte. Zeit der nationalsozialistischen Barbarei hat die lands und des Holocausts zeigt, wie lange es
Nach der Vereinigung von Ost- und West- von Winkler so sehr verteufelte kemalistische dauert, bis „nationale“ Verbrechen trotz vor-
deutschland sind einige hinter plakativen Be- Türkei vielen deutschen Wissenschaftlern Zu- handener Presse- und Meinungsfreiheit ins Be-
kenntnissen zur Leitkultur Europas und zu ei- flucht und Unterhalt gewährt. wusstsein gelangen und zum Gegenstand akti-
nem Europa der Vaterländer doch wieder zum Gegenüber heutigen Mängeln der Demokratie ver Auseinandersetzung werden.
nationalstaatlichen Denken der Vergangenheit und der Religionsfreiheit in der Türkei, die ihren Den Türken steht, wie der ganzen islamischen
zurückgekehrt. Von der „postnationalen Demo- Ausschluss von Europa rechtfertigen soll, sei Welt Srebrenica noch vor Augen, der schlimms-
kratie“ (Karl Dietrich Bracher) der Bonner Repu- darauf verwiesen, dass noch vor wenig mehr als te Genozid der Nachkriegsgeschichte Europas,
blik war nur mehr wenig zu hören. 25 Jahren katholische Militärdiktaturen Spa- – ein von Christen an Moslems verübter Mas-
Wie die Protagonisten der „Leitkultur“ kombi- nien und Portugal im Griff hatten. Religiöse senmord. Auch dies erschwert einen solchen
nierte die neue europäische Nationalhistorie Freiheit wurde von ihnen nicht einmal anderen Prozess.

131
DIETER OBERNDÖRFER

DAS PROJEKT EUROPA GILT ES


WEITERZUDENKEN. IM INNENHOF
DES LOUISE-WEISS-GEBÄUDES
(EUROPÄISCHES PARLAMENT/
STRASSBURG) STEHT DIE
SKULPTUR VON BEATA UND
TOMASZ URBANOWICZ MIT DEM
TITEL „UNITED EARTH“.
picture alliance / dpa

DIE SYMBOLISCHE BEDEUTUNG DES ferten ethnisch-kulturellen Konflikte ent- und alle Beteuerungen ihres universalen Gel-
BEITRITTS schärft: Aus diesem Grunde sind heute Grie- tungsanspruchs nichts als christlich-europäi-
chenland und Bulgarien, trotz einer Geschichte sche Heuchelei sind.
Die Aufnahme der Türkei hätte, – hier kann man Jahrhunderte langer despotischer Unterdrü-
Heribert Prantl6 von der Süddeutschen Zeitung ckung durch die osmanische Türkei, überra-
nur zustimmen, – weltgeschichtliche Bedeu- schend energische Fürsprecher einer türki- MODERNISIERUNG UND DYNAMIK
tung. Dieses Europa stünde symbolisch für die schen Mitgliedschaft in der EU. Ihre weitere WERDEN VERSCHWIEGEN
Möglichkeit der Koexistenz von Menschen un- Verweigerung wäre Brennstoff für den islami-
terschiedlicher Religion und Weltanschauung schen Fundamentalismus und antiwestliche Wie eingangs erwähnt, wird die kulturalistische
im demokratischen Verfassungsstaat. Auf dem orthodoxe muslimische Theologen. Sie wäre der Absage an die Aufnahme der Türkei in die EU vor
Balkan und in Zypern würden in einer neu ge- Beweis, dass Demokratie und Menschenrechte allem mit ökonomischen und demographi-
schaffenen Friedensregion der EU die überlie- eine christlich europäische Veranstaltung sind schen Argumenten aufgeladen. Bei den Ängs-

132
Die Furcht vor der Türkei

ten vor den ökonomischen Belastungen der EU pression sind. Wenn Menschen Hoffnung ha- staat wurde in Europa geboren. Zunächst mit
(so auch Wehler)durch den Beitritt der Türkei ben, ihre ökonomische Situation verbessern zu den ideologischen Konstrukten der National-
bleibt in der Regel die jüngere explosionsartige können und sich nicht mehr vor mangelnder historien und kultureller nationaler Identitäten
Zunahme der Dynamik der türkischen Wirt- Rechtssicherheit fürchten müssen, ziehen sie verkoppelt, hat er Europa geteilt und verarmt.
schaft mit jährlichen Steigerungsraten des die Berechenbarkeit ihres Lebens zuhause der Die europäische Einigung zwingt dazu, die Idee
Bruttosozialprodukts bis zu 9 Prozent völlig au- Auswanderung und dem Leben in der unbe- des demokratischen Rechtsstaates mehr als
ßer Betracht. Die schnelle Schrumpfung der in kannten Fremde vor, – trotz dort vermuteter bisher aus der Verquickung mit den inzwischen
der Landwirtschaft Beschäftigten auf 25 Pro- höherer Einkommen. Aus diesem Grund haben bieder und hausbacken gewordenen Nationa-
zent deutet ebenfalls eine rasche Modernisie- sich die düsteren Prognosen einer Massenüber- lismen Europas zu befreien und zu sich selbst
rung der türkischen Wirtschaft und Gesell- flutung Westeuropas durch Einwanderer aus zu finden. In dieser Perspektive wäre gerade
schaft an. Im Hinblick auf das Potenzial ihrer ge- den neuen Beitrittsstaaten nicht erfüllt. Die auch der Abschied von der realitätsfernen und
rade in den letzten Jahren geschaffenen mo- klassischen Auswanderungsländer Spanien, gefährlichen Ideologie des christlichen Abend-
dernen Infrastrukturen für Bildung, Verwal- Portugal und Griechenland mutierten mit der landes durch die Integration der islamischen
tung, Kommerz und Verkehr, ihres Unterneh- Dynamisierung ihrer Volkswirtschaften in kur- Türkei ein revolutionärer Akt. Es entstünde ein
mertums, ihres Reservoirs an fleißigen zuneh- zer Zeit zu Einwanderungsländern. Auch für die neues, kulturell offenes und reicheres Europa
mend gut ausgebildeten Arbeitskräften und der Türkei sind im Zuge ihrer ökonomischen Dyna- mit zukunftsweisender globaler Ausstrahlung.
Größe ihres Binnenmarktes befindet sich die mik ähnliche Entwicklungen der Migration wie Dabei müssen für die Aufnahme der Türkei die
türkische Wirtschaft in einer Phase schnellen seinerzeit in Spanien, Portugal und Griechen- gleichen Normen gelten wie für die Mitglied-
Take Off's. Bei einem Vergleich all dieser Fakto- land zu erwarten.7 Wie für Spanier, Portugiesen, schaft aller ihrer Glieder – vor allem die aktive
ren mit den Wachstumspotenzialen und der Italiener und Griechen in Deutschland, von de- Anerkennung der Menschenrechte, Freiheit
Modernität Rumäniens oder der Ukraine liegt nen inzwischen weit mehr aus Deutschland ab- von Religion und Weltanschauung, freie Wah-
die Türkei mit erheblichem Abstand vorn. als zuwandern, hat auch unter den Türken len, Schutz von Minderheiten und unabhängige
Deutschlands eine beträchtliche Rückwande- Justiz. Davon darf nicht abgewichen werden. Es
rung eingesetzt. Zugleich zeichnet sich in der wäre unverantwortlich, die von der türkischen
DÜSTERE PROGNOSEN SCHÜREN ÄNGSTE Türkei schon heute in der Schrumpfung der Fa- Regierung geäußerte Bereitschaft diesen Nor-
milienzusammenführung auf einen jährlichen men zu entsprechen, nicht ehrlich und unvor-
Bei hoher Arbeitslosigkeit in Deutschland hat Zuwanderungsüberschuss von nur 20.000 Per- eingenommen zu testen.
die Angst vor einer Massenzuwanderung aus sonen trotz der türkischen oder türkischstäm- Staaten können gegründet und geschaffen
der Türkei einen besonders hohen Stellenwert. migen Bevölkerung Deutschlands von weit werden.8 Ein Beispiel sind die „Vereinigten Staa-
Obwohl gegen sie in den Beitrittsbedingungen über zwei Millionen ein beachtlicher Rückgang ten“ von Amerika. Hier gelang es, „Staaten“ mit
für die nächsten Jahrzehnte unüberwindbare des Auswanderungsdrucks ab. ganz unterschiedlichen und zum Teil konträren
Hürden festgeschrieben wurden, haben die Bei- wirtschaftlichen Interessen und den tiefen
trittsgegner diese Angst mit Insistenz immer historischen religiösen Gegensätzen zwischen
wieder mobilisiert. Aus der Migrationsfor- DAS ÜBERSCHÄTZTE den Puritanern Neuenglands, den anglikani-
schung ist jedoch bekannt, dass die entschei- BEVÖLKERUNGSWACHSTUM schen Pflanzern der Südstaaten, den Quäkern
denden Impulse für Auswanderung ökono- in Pennsylvania und den Katholiken Marylands
mische Perspektivlosigkeit und politische Re- Der Historiker Wehler und neben ihm viele an- zu einer politischen Einheit zu verbinden und
dere, lehnen den Beitritt der Türkei auch wegen erfolgreich zu gestalten.
ihres Bevölkerungswachstums ab. Die Türkei Europa ist derzeit noch ein Projekt. Es kann
werde bald mit mehr als 100 Millionen eine grö- durch gemeinsame Erfahrungen von Fehl-
ßere Bevölkerung als Deutschland haben. Ein schlägen und von Erfolgen zu einer politischen
merkwürdig national gefärbtes Argument! Einheit zusammenwachsen. Dieses Projekt er-
Muss Deutschland das bevölkerungsreichste fordert die Absage an die Konstrukte neonatio-
UNSER AUTOR Land Europas bleiben? Nach ihm hätten alle naler Geschichtsschreibung, die Bereitschaft zu
Gründungsstaaten der Europäischen Wirt- Neuem.
Prof. em. Dr. Dr. schaftsgemeinschaft – allesamt kleinere Staa-
h. c. Dieter Obern- ten – die Mitwirkung Deutschlands in der euro-
dörfer war von päischen Gemeinschaft ablehnen müssen. Am ANMERKUNGEN
1963 bis 1997 Di- Rande sei hier erwähnt, dass sich inzwischen
rektor des Semi- das Bevölkerungswachstum der Türkei mit an- 1 In ähnlichem Sinne wie Wehler und Winkler haben sich
auch die Historiker Christian Meier und Jürgen Kocka zu
nars für Politik- haltender Tendenz stark verringert hat und Wort gemeldet. Vgl. hierzu ihre Beiträge in Claus Leggewie
wissenschaft an nach Meinung der Experten wie in West- und (Hrsg.): Die Türkei und Europa. Die Positionen. Frankfurt
am Main 2004. Zur Kritik an Wehler und Winkler vgl. ins-
der Universität Osteuropa in den Mittelschichten unter die für besondere den Türkeispezialisten Heinz Kramer: EU-kom-
Freiburg und Di- den Bestand notwendige Fertilität der Frauen patibel oder nicht?. In: SWP Studie Nr.34, Berlin, August
2003, S.101.
rektor des Arnold- absinken kann.
2 Hans Ulrich Wehler: Die türkische Frage. Europas Bür-
Bergstraesser- ger müssen entscheiden. In: Claus Leggewie, a.a.O., S.64
Instituts für Kul- ff.; Für Wehler gibt es keinen Zweifel, der türkische Pre-
mier Erdoğan und dessen Wohlfahrtspartei sind trojanische
turwissenschaftliche Forschung in Freiburg. DAS PROJEKT EUROPA WEITERDENKEN Pferde des „Islamismus“ mit Nähe zum wahhabitischen Is-
Von 1991 bis 1995 war Dieter Oberndörfer lam. In Wehlers engagierter Polemik wird auf jegliche Nu-
Gründungsdekan der Betriebs- und Sozial- Ein Stellungnahme aus dem kirchlichen Bereich ancierung der unterschiedlichen Erscheinungsformen des
Islam in der Türkei verzichtet.
wissenschaftlichen Fakultät der Universität ließ nicht Furcht vor dem Islam, sondern Angst 3 Heinrich August Winkler, Süddeutsche Zeitung, 13./
Rostock. Seine wissenschaftlichen Schwer- vor dem Laizismus der Türkei als Motiv für die 14.11.2002; ferner ders. Frankfurter Allgemeine Zeitung,
punkte, zu denen er zahlreiche Publikatio- Ablehnung erkennen – die Sorge, dass der Ein- 11.12. 2002.
4 Hans Ulrich Wehler im Interview mit der TAZ, 10.9.2002.
nen vorgelegt hat, sind Politische Theorie tritt der Türkei in die EU zu einer kritischen De- 5 Hans Ulrich Wehler im Gespräch mit der Frankfurter All-
und Ideengeschichte, Politik in der Dritten batte des in Deutschland gültigen Staatskir- gemeinen Zeitung, 5.11.2002.
Welt und Entwicklungszusammenarbeit, chenrechts und der Trennung von Staat und 6 Süddeutsche Zeitung vom 18.12.2002.
Meinungs- und Migrationsforschung. Kirche auslösen könnte. Auch hier zeigt sich, 7 Vgl. hierzu Heinz Kramer a.a.O., S. 221. Zu Recht hat
Günter Seufert (Die Zeit 39/2002) die von Winkler behaup-
Dieter Oberndörfer ist u. a. stellvertretender dass für die Debatte um den Eintritt der Türkei teten Wachstumsraten der türkischen Bevölkerung und die
Vorsitzender des Rats für Migration, einem unser Selbstverständnis des demokratischen aus ihr abgeleitete phantastische Zahl von 18 Millionen
auswanderungswilliger Türken als spekulative Polemik kri-
bundesweiten Zusammenschluss von Wis- Verfassungsstaates eine zentrale Bedeutung tisiert.
senschaftlern, die sich mit Fragen von Mi- hat. Es geht dabei um nichts weniger als um 8 Vgl. hierzu Dieter Oberndörfer: Deutschland in der Ab-
gration, Integration und interkultureller Be- seine Glaubwürdigkeit über Europa hinaus in seitsfalle. Freiburg 2005, S. 60-69.
gegnung beschäftigen. der Welt von Morgen. Der moderne National-

133
TROTZ REFORMEN BESTEHT EIN NACHHOLBEDARF BEI DEN MENSCHENRECHTEN

Menschenrechte und Minderheitenrechte in der


Türkei auf dem Weg in die EU
H EIDI W EDEL

Prioritäten der Beitrittspartnerschaft erzielt standards verpflichtet. 1950 ratifizierte sie


Beitrittsgegner definieren Europa häufig habe. Doch müssten die Rechtsvorschriften die Europäische Menschenrechtskonvention
als einen „Hort von Demokratie und und die Umsetzung der Bestimmungen noch (EMRK), 1987 gewährte sie ihren Bürgerinnen
Menschenrechten“ und sprechen der konsolidiert und ausgeweitet werden. Das gelte und Bürgern das Recht auf Individualbe-
Türkei das Erreichen europäischer Stan- insbesondere für die „Null-Toleranz-Politik“ ge- schwerde beim Europäischen Gerichtshof für
dards in Bezug auf die Menschenrechte genüber Folter und Misshandlungen sowie für Menschenrechte (EGMR). 1988 ratifizierte sie
ab. Dass in der Türkei seit Jahrzehnten die Umsetzung der Bestimmungen über die die UN-Konvention gegen Folter und die Euro-
Menschenrechte verletzt werden, ist un- Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit sowie päische Konvention zur Verhütung der Folter
bestritten. Gerade deshalb ist der Bei- die Rechte der Frauen und der Minderheiten. In und gewährte damit der Europäischen Kom-
trittsprozess der Türkei zur EU eine histo- Anbetracht der umfassenden Fortschritte im mission zur Verhütung der Folter (European
rische Chance. Historische Chance des- Bereich der Reformen und vorbehaltlich der Committee for the Prevention of Torture/CPT)
halb, weil ein möglicher EU-Beitritt die Umsetzung der noch ausstehenden Rechtsvor- das Recht, unangemeldet türkische Haftanstal-
Türkei zu Reformen motiviert. Men- schriften durch die Türkei war die Kommission ten zu besuchen. Obwohl damit die Türkei Men-
schenrechtspolitik ist also keine bloße der Auffassung, dass die Türkei die politischen schenrechtsmechanismen beigetreten ist, die
Rhetorik mehr, sondern eine zwingende Kriterien in ausreichendem Maße erfüllt habe zu den bislang effektivsten weltweit gehören,
Voraussetzung für das Erreichen der „Ko- und empfahl deshalb die Eröffnung der Bei- war der tatsächliche Fortschritt bei der Umset-
penhagener Kriterien“. Tatsächlich hat trittsverhandlungen. zung nur sehr langsam und von heftigen Rück-
die Türkei im Zuge der „Beitrittspartner- schlägen geprägt. Reformschritte wurden ins-
schaft“ seit 2001 zahlreiche Reformen besondere durch Rechtssprechungen des Euro-
verabschiedet, mit denen sie sich inter- BEITRITT ALS HISTORISCHE CHANCE FÜR päischen Gerichtshofs für Menschenrechte, die
nationalen Menschenrechtsstandards DIE MENSCHENRECHTE empfindliche finanzielle Folgen für die Türkei
angenähert hat. Diese Erfolge wurden haben, sowie die Empfehlungen des CPT einge-
von der EU-Kommission im Fortschritts- Der EU-Beitritt der Türkei bleibt trotz der ge- leitet.
bericht 2004 positiv verbucht. Anhand nannten Entscheidungen innerhalb der EU um-
der einzelnen Menschenrechtsfelder stritten. Dafür gibt es viele, insbesondere auch
analysiert Heidi Wedel in ihrem Beitrag, wirtschaftspolitische Gründe, die in anderen EU VERPASST CHANCEN BEIM SCHUTZ
inwieweit im Zuge der „Beitrittspart- Artikeln dieses Heftes diskutiert werden. Die DER MENSCHENRECHTE
nerschaft“ Menschenrechte verwirklicht Beitrittsgegner berufen sich dabei gern, wenn
wurden, was konkret erreicht wurde und auch oft vordergründig, darauf, dass die Türkei Seit die Türkei 1963 ein Assozierungsabkom-
welche Defizite noch bestehen. Deutlich in Bezug auf die Menschenrechte weit davon men mit der Europäischen Gemeinschaft (EG)
wird, dass trotz der Reformen noch ein entfernt sei, europäischen Standards zu genü- geschlossen hat, hat letztere wiederholt wich-
Nachholbedarf – vor allem bei den Min- gen. Dass seit Jahrzehnten grundlegende Men- tige Gelegenheiten verpasst, die Integration der
derheitenrechten – existiert. Und offen- schenrechte in der Türkei verletzt werden, ist Türkei zum Schutze der Menschenrechte zu
kundig ist weiterhin, dass es einer kon- mittlerweile unbestritten. Strittig sind die nutzen. Nach dem türkischen Militärputsch von
stanten Lobbyarbeit von Menschen- Schwere dieser Menschenrechtsverletzungen 1980 reagierte die EG nur zögerlich, spät und
rechtsorganisationen bedarf, um die tür- sowie die Frage, ob die Menschenrechte in der beschwichtigend. Als die Kommission 1989 den
kische Regierung und die EU auf beste- Türkei vor einer EU-Integration verwirklicht türkischen Antrag auf Vollmitgliedschaft ab-
hende Missstände und verbleibende Re- werden müssen, durch den Beitrittsprozess am lehnte, spielten die Menschenrechte nur eine
formen hinzuweisen. Red. besten befördert werden oder aber erst durch untergeordnete Rolle: Sie wurden zwar unter
eine feste Integration der Türkei in die EU ver- den Gründen für die Ablehnung erwähnt, die
bessert werden können. detaillierte Begründung bezog sich jedoch ganz
Die Autorin dieses Artikels geht davon aus, dass überwiegend auf ökonomische und soziale
der Beitrittsprozess eine historische Chance für Probleme. Auch bei dem Abschluss der Zoll-
die Menschenrechte in der Türkei bildet. Wenn union 1995 wurde die Chance vertan, sich für
FORTSCHRITTSBERICHT DER EU der Prozess konsequent, offen, ernsthaft und eine effektive Verbesserung der Menschen-
KONSTATIERT REFORMEN geschickt im Sinne der Menschenrechte ge- rechte einzusetzen. Menschenrechtsschutz
nutzt wird, kann er zu Reformen motivieren. war zwar zuvor zu einer Vorbedingung erklärt
Ende 2004 war die Türkei einem lang gehegten Um die Errungenschaften, Probleme und Po- worden, der Vertrag wurde jedoch im Dezem-
Wunsch sehr viel näher gekommen, als ihr bei tenziale dieses Prozesses aufzuzeigen, wird zu- ber 1995 geschlossen, obwohl Menschen-
dem Gipfeltreffen der Europäischen Union (EU) nächst der Beitrittsprozess mit seinen wichtig- rechtsverletzungen wie „Verschwindenlassen“
die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen im sten Schritten im Hinblick auf die Menschen- und extralegale Hinrichtungen in dieser Zeit ei-
Oktober 2005 in Aussicht gestellt wurde. Dafür rechte umrissen und im Hauptteil die Erfolgs- nen traurigen Höhepunkt erreichten.
muss sie die so genannten „politischen Kopen- meldung der EU-Kommission im Fortschritts- Als Grund für die Zustimmung wurde ange-
hagener Kriterien“ erfüllen,1 die 1993 beschlos- bericht 2004 kritisch überprüft. Anhand der geben, dass angesichts der strategischen, si-
sen wurden: institutionelle Stabilität als Garan- einzelnen Menschenrechtsfelder wird im Detail cherheitspolitischen Rolle der Türkei eine Ent-
tie für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Ge- analysiert, inwieweit bisher innerhalb des Bei- fremdung der Türkei von Europa und eine ver-
währleistung und Achtung der Menschen- trittsprozesses Menschenrechtsreformen an- stärkte Hinwendung zur islamischen Welt ver-
rechte sowie die Anerkennung und den Schutz gegangen wurden, was dabei konkret erreicht hindert werden solle. So verlor die EU Glaub-
von Minderheiten. Fünf Jahre nachdem die Tür- wurde und was noch zu tun bleibt.2 würdigkeit und effektiven Einfluss in der Men-
kei 1999 in Helsinki als Beitrittskandidatin be- schenrechtspolitik. Die Türkei musste den Ein-
zeichnet worden war, wies die Europäische druck gewinnen, dass die EU sich mit kosme-
Kommission in ihrem Fortschrittsbericht 2004 EU-BEITRITTSPROZESS UND tischen Reformen zufrieden gibt, wenn es –
darauf hin, dass die Türkei beträchtliche Fort- MENSCHENRECHTSSTANDARDS wie die Zollunion – ihren Interessen entspricht,
schritte bei den politischen Reformen insbe- und Menschenrechte als reiner Vorwand be-
sondere durch eine Reihe verfassungs- und all- Die Türkei hat sich schon früh internationalen, nutzt, wenn die EU vertiefte Integration verhin-
gemeinrechtlicher Änderungen gemäß den insbesondere europäischen Menschenrechts- dern will.

134
Menschenrechte und Minderheitenrechte in der Türkei auf dem Weg in die EU

STAGNATION UND WIEDERBELEBUNG DES partnerschaft“ mit der Türkei, die – aufgesetzt ■ der Kampf gegen die Folterpraktiken und die
POLITISCHEN DIALOGS von der Kommission – auf dem Gipfel in Nizza Umsetzung der Europäischen Konvention
verabschiedet wurde. In diesem Vertrag werden zur Verhinderung der Folter;
Als der EU-Gipfel in Luxemburg im Dezember die verschiedenen Formen der Unterstützung ■ die Angleichung der gesetzlichen Regelun-
1997 die Türkei aus dem Kreis der Kandidaten der Türkei bei den Reformen für den Beitritt zu- gen zu Polizei- und Untersuchungshaft an
für den EU-Beitritt ausschloss, kündigte Ankara sammengefasst. Er kann eine wichtige Leitrolle europäische Standards;
an, den politischen Dialog zu suspendieren und bei der Verbesserung der Menschenrechtssitu- ■ die Aufrechterhaltung des de facto-Morato-
nicht mehr über Menschenrechte diskutieren ation spielen, weil er die politischen Kopenha- riums für Hinrichtungen.
zu wollen. Der Eindruck, die EU verstehe sich als gener Kriterien durch kurzfristige und mittel- Unter den mittelfristigen Prioritäten sind aus
„Christenclub“, stieß gerade die potenziellen fristige Prioritäten konkretisiert. Von der Türkei menschenrechtlicher Perspektive vor allem fol-
Partner Europas in der Türkei vor den Kopf, vor wurde erwartet, die kurzfristigen Prioritäten in- gende hervorzuheben:
allem die staatlichen und gesellschaftlichen nerhalb von einem Jahr zu erfüllen oder dies- ■ die Verwirklichung aller Menschenrechte
Kräfte, die sich mit der Modernisierung, Säku- bezüglich mindestens substanziellen Fort- ohne Diskriminierung entsprechend der
larisierung und Verwestlichung identifizieren. schritt zu verzeichnen. Für die Erfüllung der Europäischen Menschenrechtskonvention
Er entzog einer Menschenrechtspolitik, die für mittelfristigen Prioritäten wurde keine Frist ge- und Verbesserung der Bedingungen für die
konkrete Verbesserungen eine engere Anbin- setzt. Zu den kurzfristigen Prioritäten gehören Inanspruchnahme des Rechts auf Gedan-
dung an Europa in Aussicht stellt, jegliche unter anderen: ken-, Gewissens- und Religionsfreiheit;
Grundlage. Wieso sollte die Türkei die von EU- ■ das Recht auf Meinungsfreiheit und die Si- ■ Verfassungs- und Gesetzesreformen, um die
Politikern geforderten „Hausaufgaben“ ma- tuation der gewaltlosen Gewissensgefange- in der Europäischen Menschenrechtskon-
chen, wenn von vornherein beschlossen wäre, nen; vention definierten Rechte und Freiheiten
dass sie das Klassenziel nie erreichen soll? ■ das Recht auf Freiheit der Vereinigung und für alle Bürger der Türkei zu garantieren, und
Doch in der ersten Hälfte 1999 wurde der poli- der friedlichen Versammlung sowie die Stär- die Sicherstellung, dass diese auch in der
tische Dialog der EU mit der Türkei, der nach kung der Zivilgesellschaft; Praxis umgesetzt werden;
dem EU-Gipfel in Luxemburg (Dezember 1997)
zum Erliegen gekommen war, wieder belebt.
Regierungswechsel in einigen wichtigen EU-
Staaten sowie die veränderte Sicherheitspolitik
nach dem Kosovo-Krieg bewegten die EU-Kom-
mission, die Eröffnung von Beitrittsverhand-
lungen mit den verbleibenden Kandidaten zu
empfehlen und die Verleihung des Kandidaten-
status an die Türkei vorzuschlagen, obwohl die
Kommission wenig Verbesserungen bezüglich
der Menschenrechts- und Minderheitensitua-
tion festgestellt hatte.3 So wurde auf dem Gip-
fel in Helsinki (Dezember 1999) beschlossen, die
Türkei als Kandidatin für den EU-Beitritt zu ak-
zeptieren. Die Türkei erhielt dadurch die lang er-
sehnte Aussicht auf die EU-Mitgliedschaft und
verpflichtete sich selbst zur Anpassung an den
Acquis Communautaire, den gemeinschaftli-
chen Besitzstand der EU, der sämtliche gültigen
Verträge und Rechtsakte umfasst. Insbeson-
dere musste sie sich für den Beginn von Bei-
trittsverhandlungen um die Erfüllung der poli-
tischen Kopenhagener Kriterien bemühen.

NOTWENDIGE REFORMEN IN DER


MENSCHENRECHTS- UND
MINDERHEITENPOLITIK

Durch den Kandidatenstatus der Türkei erhiel-


ten die seit 1998 jährlich verfassten Fort-
schrittsberichte4 ein neues Gewicht, weil sie
seither zur Überprüfung des Fortschritts im
Hinblick auf die Kopenhagener Kriterien dienen
und damit eine wichtige Grundlage für die Ent-
scheidung bilden, ob und wenn Ja wann Bei-
trittsverhandlungen mit der Türkei aufgenom-
men werden können. Der Fortschrittsbericht
2000 bildete die Grundlage für die „Beitritts-

TÜRKISCHE UND KURDISCHE FRAUEN DEMONSTRIEREN AM


INTERNATIONALEN FRAUENTAG IN ISTANBUL (25.3.2005)
FÜR DIE ACHTUNG UND GEWÄHRLEISTUNG IHRER RECHTE.
OHNE DIE KONSTANTE LOBBYARBEIT VON MENSCHEN-
RECHTSORGANISATIONEN, DIE AUF MISSSTÄNDE UND
DEN REFORMBEDARF HINWEISEN, WÄRE ES WOHL IN DER
TÜRKEI BEI UNZULÄNGLICHEN REFORMEN GEBLIEBEN.
picture alliance / dpa

135
HEIDI WEDEL

■ die Abschaffung der Todesstrafe; DIE TÜRKISCHE ANWÄLTIN EREN KESKIN, DIE WIEDER-
■ die Anpassung der Haftbedingungen in den HOLT REPRESSIONEN AUSGESETZT WAR UND IST, ERHIELT
Gefängnissen an die UN-Mindeststandards IM JAHR 2004 DEN AACHENER FRIEDENSPREIS FÜR
für die Behandlung von Gefangenen; IHREN MUTIGEN EINSATZ FÜR DIE MENSCHENRECHTE.
■ die Ratifizierung der zwei Internationalen picture alliance / dpa
Pakte über bürgerliche und politische Rechte
und über wirtschaftliche, soziale und kultu-
relle Rechte;
■ die Anpassung der Rolle des Nationalen Si-
cherheitsrates an die Praxis in den EU-Län-
dern. grund dieser Änderungen bis April 2004 nach
offiziellen Angaben 2204 Personen freigespro-
chen (schon diese Zahl deutet das Ausmaß der
DAS „NATIONALE PROGRAMM“ Problematik an). Wie im Folgenden gezeigt
DER TÜRKEI wird, waren die Reformen jedoch unzurei-
chend.
Im März 2001 legte die Türkei als Antwort auf Beim Artikel 159 des alten Strafgesetzbuches
die Beitrittspartnerschaft ein „Nationales Pro- (TStGB) über Beleidigungsdelikte wurde im Fe-
gramm für die Adoptierung des Acquis“ (Natio- bruar 2002 nur die in der Praxis bedeutungslose
nal Programme for the Adaption of the Ac- Strafhöchstgrenze gesenkt, erst im August
quis/NPAA) vor. Darin kündigte sie an, dass sie 2002 wurde der Artikel inhaltlich eingegrenzt,
zunächst eine Verfassungsreform angehen führte aber weiterhin zur Strafverfolgung von
werde. Im Juni 2001 kommentierte die Kommis- Meinungsäußerungen. Dieses Delikt taucht
sion, dass einige der im „Nationalen Programm“ auch in dem neuen Strafgesetz (TStG) in den Ar-
angekündigten kurzfristigen Maßnahmen hin- tikeln 299 (Beleidigung des Staatspräsidenten),
ter den Prioritäten in der Beitrittspartnerschaft 300 (Herabsetzung der türkischen Fahne und
zurückbleiben würden und bei anderen detail- Nationalhymne) und 301 (Herabsetzung von
liertere Ausführungen nötig seien. Der Dialog Türkentum, Republik, staatlichen Institutionen
über die Umsetzung müsse verstärkt werden.5 und Staatsorganen)7 wieder auf. Hier gibt es so-
Die türkischen Reformen liefen erst 22 Monate gar eine Straferhöhung, wenn eine Tat nach Ar-
nach Helsinki an, als der Fortschrittsbericht der tikel 299 öffentlich oder über die Presse began-
Kommission kurz vor seiner Veröffentlichung gen wurde oder wenn eine Tat nach Artikel 301
stand: Da einigte sich das türkische Parlament von einem türkischen Staatsangehörigen im
im Oktober 2001 auf eine erste Verfassungsre- Ausland begangen wird. Ersteres stellt auch
form. Darauf folgten jedoch in schneller Ab- eine Gefährdung der Pressefreiheit dar.8
folge eine Reihe von menschen- und minder- Der berüchtigte Artikel 8 des „Anti-Terror-Ge- NEUES STRAFGESETZ BRINGT
heitenrechtlich relevanten Gesetzesreformen, setzes“ (ATG) zu „separatistischer Propaganda“ NEUE RESTRIKTIONEN
insbesondere die so genannten „Harmonisie- wurde 2002 um „visuelle Propaganda“ erwei-
rungsgesetze“ vom Februar, März und August tert und die Haftstrafen im Falle des „Aufhet- Bezüglich der Meinungsfreiheit brachte das
2002, zwei vom Januar 2003 und zwei vom Juli zens zu terroristischen Methoden“ erhöht. Erst neue Strafgesetz von 2005 keine Verbesserung,
2003, eine weitere Verfassungsreform im Mai mit dem 6. Harmonisierungspaket 2003 wurde ja im Falle von Artikel 305 zu „Handlungen ge-
2004, das neue Pressegesetz vom Juni 2004, das Artikel 8 ATG endlich abgeschafft. Nach türki- gen das grundlegende nationale Interesse“ so-
Harmonierungsgesetz vom Juli 2004, das neue schen Presseberichten lehnten die Militärs gar neue Restriktionen. Als „nationale Interes-
Strafgesetz vom September 2004 (das erst im diese Reform ab. Türkische Regierungskreise sen“ werden die Unabhängigkeit, territoriale
Juni 2005 in Kraft trat und kurz zuvor noch ein- ließen aber verlautbaren, dass bei einer Ab- Einheit, nationale Sicherheit und die grundle-
mal geändert wurde) und die neue Strafprozess- schaffung von Artikel 8 ATG ja Artikel 311 (Auf- genden Eigenschaften der Republik definiert,
ordnung vom Dezember 2004. Dieses Gesetzes- forderung zu einer Straftat) und 312 TStGB was darauf hindeutet, dass dieser Artikel insbe-
reformwerk ist beachtlich. (Volksverhetzung) die Lücke füllen würden. In sondere im Hinblick auf die Kurdenfrage ange-
der Tat sind in den letzten Jahren Prozesse auf- wandt werden wird, dass aber auch Laizismus-
grund von Meinungsäußerungen zur Kurden- kritik darunter fallen könnte. Dass der Artikel
ZU DEN EINZELNEN frage eher nach Artikel 312 als nach Artikel 8 die Meinungsfreiheit erheblich einschränken
MENSCHENRECHTSREFORMEN geführt worden. kann, wurde in der Begründung deutlich, die
Genannter Artikel 312 zur Volksverhetzung war dem Parlament vorgelegt wurde. Hier wurden
Im Folgenden soll durch eine kritische Analyse zwar 2002 insofern sinnvoll geändert worden, als Beispiele für Straftaten nach Artikel 305
der Details der neuen Gesetze und ihrer Umset- als die Gefährdung der öffentlichen Ordnung Propaganda für den Abzug der türkischen Sol-
zung geprüft werden, inwieweit die Reformen zur Bedingung gemacht wurde. Er wurde aber daten aus Zypern, Zustimmung zu einer Lösung
tatsächlich internationalen Standards entspre- weiterhin benutzt, um friedliche Äußerungen der Zypernfrage, die den Interessen der Türkei
chen und in der Praxis Wirkung zeigten.6 zu den Rechten von Minderheiten zu verfolgen, abträglich ist, oder die Behauptung eines Ge-
und wurde nun in Artikel 216 des neuen Straf- nozids an den Armeniern im Ersten Weltkrieg
gesetzes überführt. angeführt.
MEINUNGSFREIHEIT Bei Artikel 7 ATG über „Propaganda für illegale Obwohl also gewisse Fortschritte erzielt wur-
Organisationen“ wurde 2002 „das Aufhetzen zu den, steht eine umfassende Reform von Geset-
In der Beitrittspartnerschaft war die Türkei auf- terroristischen Methoden“ zur Bedingung ge- zestexten und vor allem ihrer Anwendung im
gefordert worden, kurzfristig die gesetzlichen macht. In der Praxis gibt es weiterhin gewalt- Sinne der Meinungsfreiheit noch aus. Mal wa-
und Verfassungsgarantien für das Recht auf freie politische Gefangene, die nach diesen Pa- ren die Gesetzesänderungen selbst ungenü-
Meinungsfreiheit im Lichte von Artikel 10 der ragraphen inhaftiert sind. Menschenrechtlich gend, mal stand die Interpretation der Gesetze
Europäischen Menschenrechtskonvention zu bedenklich ist zudem, dass in den letzten Jah- im Widerspruch zu den Menschenrechten, so
stärken und die Situation von Gefangenen, die ren Artikel 169 TStGB über die Unterstützung dass weiterhin zahlreiche Personen, Schriftstel-
aufgrund friedlicher politischer Meinungsäu- illegaler Organisationen gehäuft zur Anwen- ler, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten
ßerungen inhaftiert sind, anzugehen. dung kommt, darunter auch in Fällen, in denen für friedliche Äußerungen vor Gericht gestellt
Seitdem wurden die Gesetzesartikel, die häufig keine Gewaltanwendung oder -befürwortung werden. Selbst wenn die Verfahren oft nicht zu
zur Einschränkung von Meinungsfreiheit be- ersichtlich ist, wie zum Beispiel bei den Studie- Verurteilungen führen, ist dies eine Zermür-
nutzt werden, mehrfach geändert und auf- renden, die Kurdischkurse beantragten.9 bung und implizite Zensur, die dem Geiste von

136
zum Kampf gegen die Folter erfolgte nur in klei-
nen Schritten. 2001/2002 wurde die gesetzlich
zulässige Höchstdauer für Polizei- und Gen-
darmeriehaft auf zwei bis vier (bzw. im Aus-
nahmezustandsgebiet sieben) Tage und die In-
communicadohaft für Festgenommene, die für
Straftaten im Zuständigkeitsgebiet der Staats-
sicherheitsgerichte verdächtigt werden, auf 48
Stunden begrenzt. Jedoch wurden während des
Ausnahmezustands immer wieder Gefangene,
die eigentlich ins Gefängnis überstellt worden
waren, zurück in Polizei- oder Gendarmeriehaft
gebracht.11 Diese Möglichkeit entfiel mit der
Aufhebung des Ausnahmezustands im Novem-
ber 2002. Mit der neuen Strafprozessordnung,
die am 1. Juni 2005 in Kraft trat, wurde die
Höchstdauer weiter auf einen bis drei Tage ver-
kürzt. Im Juli 2003 wurde schließlich das Recht
auf sofortigen Anwaltszugang auch für die
Festgenommenen im Zuständigkeitsgebiet der
Staatssicherheitsgerichte, also für bestimmte
politische Gefangene, eingeführt. So war end-
lich die von Menschenrechtsorganisationen
seit Jahrzehnten geforderte Abschaffung der
Incommunicadohaft gesetzlich verankert wor-
den. Dies ist ein wichtiger Schritt, der jedoch
noch fest in der Praxis verfügt werden muss.
Denn das Recht auf sofortigen Anwaltsbei-
stand wird weiterhin häufig nicht umgesetzt,
was auch im EU-Fortschrittsbericht 2004 ein-
geräumt wird.12

GREIFT DIE „NULL-TOLERANZ


GEGEN FOLTER“?
Demokratie und Menschenrechten entgegen- auf Menschenrechtsaktivisten wie die erneuten
steht. Das grundlegende Verständnis, aufgrund Morddrohungen gegen die Anwältin Eren Kes- Im Zuge der von der Regierung deklarierten
dessen Gesetze in der Türkei angewandt wer- kin oder Berufsverbote für Anwältinnen und Politik der „Null-Toleranz gegen Folter“ wurden
den, hat sich offensichtlich nicht geändert. Anwälte sind besonders abträglich für die Men- 2004 zahlreiche weitere Maßnahmen ergriffen,
schenrechte, weil sie neben den direkt betrof- die auch den langjährigen Empfehlungen von
fenen Personen auch diejenigen treffen, für de- Menschenrechtsorganisationen entsprachen,
VEREINIGUNGSFREIHEIT, ren Rechte sie sich einsetzen, und eine Atmo- zum Beispiel Rundschreiben im Hinblick auf die
MENSCHENRECHTSORGANISATIONEN sphäre der Angst schaffen. medizinische Untersuchung von Festgenom-
menen oder bezüglich weit verbreiteter Miss-
Die EU mahnte in der Beitrittspartnerschaft ge- handlungsmethoden wie Schlaf- und Nah-
setzliche und Verfassungsgarantien für die FOLTER UND POLIZEIHAFT rungsentzug. Ob die ergriffenen Maßnahmen
Rechte auf Versammlungs- und Vereinigungs- nun zu einem Rückgang der Fälle von Folter und
freiheit an. Die Verfassungsreform hielt jedoch Amnesty international veröffentlichte im Okto- Misshandlung geführt haben, ist umstritten.
nicht nur alte Restriktionen aufrecht, sondern ber 2001 einen Bericht, in dem die Systematik Der Fortschrittsbericht 2004 zitiert 692 von der
führte sogar neue ein. Das Gesetz vom August der Folter in der Türkei vom Moment der Fest- türkischen Menschenrechtsorganisation IHD
2002 enthielt zwar einige Veränderungen, die nahme bis zur weit gehenden Straffreiheit der (I·nsan Hakları Derneği) erfasste Foltervorwürfe
die Aktivitäten von Nicht-Regierungs-Organi- Folterer dargelegt wurde. Um dieses System im ersten Halbjahr 2004 als „Rückgang um 29
sationen (NGOs) erleichtern sollten. Viele res- aufzubrechen, wurden zahlreiche Maßnahmen Prozent“ – wobei ja auch diese Zahl sehr hoch
triktive Regelungen im Vereinsgesetz wurden empfohlen.10 Menschenrechtsorganisationen ist. Bei Zahlenvergleichen ist jedoch zu beden-
jedoch nicht angetastet und erlauben so ge- gehen davon aus, dass wichtige Schritte die ken, dass es sich immer nur um die Zahl der von
setzliches Vorgehen von Behinderungen bis hin vollständige Abschaffung der Incommunica- einer bestimmten Organisation erfassten Fol-
zu Schließungen von Vereinen und Prozessen dohaft (Haft ohne jeden Kontakt zur Außen- tervorwürfe handelt kann, die ja nur einen klei-
gegen ihre Vertreterinnen und Vertreter. Im Juli welt) und die automatische und durchgängige nen Bruchteil der Realität wiedergibt, weil viele
2004 wurde ein neues Vereinsgesetz verab- Präsenz von Anwältinnen und Anwälten wäh- Folterfälle aus Angst, Unkenntnis oder einer
schiedet, durch das einige Einschränkungen für rend der Polizeihaft einerseits und Maßnahmen Vielzahl anderer Gründe nicht bekannt (ge-
identitätsorientierte Vereine aufgehoben wur- zur Beendigung der Straffreiheit für Folterer macht) werden, insbesondere dann, wenn die
den. Der Staatspräsident legte allerdings zu- andererseits wären. Sie forderten die EU wie- Opfer Kinder oder Kriminelle sind. In diesem Zu-
nächst ein Veto gegen das Gesetz ein, so dass es derholt auf, der Folter als schwerwiegender sammenhang ist besonders bedenklich, dass
erst nach einer zweiten Runde Ende November Menschenrechtsverletzung das angemessene eine Kommission der Anwaltskammer in Izmir,
2004 in Kraft treten konnte. In der Praxis ver- Gewicht beizumessen. Der Fortschrittsbericht die die ansonsten kaum ans Licht der Öffent-
stärkte sich der Druck auf Menschenrechtsor- 2002 deutete an, dass diese mit ausführlichen lichkeit dringende Folter an Kriminellen und
ganisationen sowie auf Vereine vor allem in der Dokumentationen unterfütterten Empfehlun- auch Kindern dokumentiert hatte, im Dezem-
kurdischen Region. Jüngstes Beispiel für die an- gen von der EU zur Kenntnis genommen wur- ber 2004 geschlossen wurde. Ein Beispiel dafür,
haltende Repression war im Mai 2005 die ge- den. Im gleichen Jahr verkündete auch die neue wie die Dokumentation von Folter erschwert
richtliche Verfügung, die Lehrergewerkschaft türkische Regierung ihre „Null-Toleranz gegen- wird.
Eğitim Sen zu schließen, weil sie die Verteidi- über Folter“. Menschenrechtsorganisationen konstatieren,
gung des Rechts auf Bildung in der Mutterspra- Die Umsetzung der EU-Forderung nach gesetz- dass bestimmte Foltermethoden wie das Auf-
che in ihre Statuten aufgenommen hatte. Druck lichen und anderen notwendigen Maßnahmen hängen an den Armen, die Bastonade oder das

137
HEIDI WEDEL

Verabreichen von Elektroschocks vor allem Menschenrechtsverletzungen zu stärken. Das mehr per Gesetz der so genannten Familienehre
dort, wo Folter eher dokumentiert werden kann, Gesetz vom August 2002 ermöglichte die Wie- untergeordnet. Dies wird auch dadurch ge-
zurückgegangen sind, jedoch in ländlichen und deraufnahme von Prozessen im Lichte von Ur- stärkt, dass Tradition nun als Motiv für Mord
vor allem kurdischen Gebieten immer noch vor- teilen des Europäischen Menschenrechtsge- strafverschärfend wirkt, was auch für so ge-
kommen. Es wird außerdem weiterhin berich- richtshofes allerdings mit Einschränkungen. nannte „Ehrmorde“ gelten sollte. Auch in der
tet, dass Methoden, die kaum sichtbare Spuren Nach einer erneuten Änderung durch das 5. Rechtssprechung gab es seit 2003 erste Bei-
hinterlassen, darunter auch verschiedene For- Harmonisierungspaket wurde im April 2003 spiele für angemessen harte Strafen im Falle
men sexueller Übergriffe, immer noch weit ver- das symbolträchtige Verfahren gegen die vier von „Ehrmorden“, während früher Täter oft mit
breitet praktiziert werden. ehemaligen kurdischen Abgeordneten der DEP geringen Strafen davon gekommen waren.
Wenig hilfreich für die Verbesserung der Men- (Demokrasi Partisi/Demokratiepartei), die seit Dringend nötig zum Schutz vor Frauen gegen
schenrechte war die Argumentation der EU- 1994 inhaftiert waren, wieder aufgenommen. Gewalt sind neben der Verfolgung der Täter
Kommission, dass Folter in der Türkei nicht mehr Jedoch beschloss das Gericht am 21. April 2004 auch die Einrichtung von Schutzräumen wie
systematisch sei. Die Kommission verwandte erneut die Verurteilung der Politiker. Dieses Ur- Frauenhäuser. Auch dazu gab es im Juli 2004
dabei einen sehr engen Begriff von Systematik teil wurde aber im Juli 2004 vom Kassationsge- eine gesetzliche Regelung. In der Praxis gibt es
(nämlich als von der Regierung angeordnet oder richt mit der Begründung aufgehoben, dass jedoch bis heute kaum Frauenhäuser in der Tür-
toleriert), während die UN-Mechanismen Folter wieder die Regeln eines fairen Prozesses ver- kei.
dann als systematisch bezeichnen, wenn sie eine letzt worden seien. Nach zehn Jahren Haft wur-
„pervasive technique of law enforcement agen- den die Politiker aus der Haft entlassen, der Pro-
cies for the purpose of investigation, securing zess gegen sie wird erneut aufgerollt. Es bleibt MINDERHEITENRECHTE
confessions and intimidation, regardless of ap- abzuwarten, wie das Wiederaufnahmeverfah-
proval or disapproval at the higher levels of the ren enden wird. Weiterhin bleiben diejenigen, Minderheitenrechte sind ein wichtiges Krite-
public service or by the Government’s political deren Verfahren vor dem Europäischen Men- rium der vier politischen Kopenhagener Krite-
leadership“13 ist. Irritierend ist, dass nach An- schenrechtsgerichtshofes am 4. Februar 2003 rien. Offiziell erkennt die Türkei nur nicht-mus-
sicht der EU das immer noch erhebliche Ausmaß nicht abgeschlossen waren, von der Möglich- limische Minderheiten, nämlich Juden, Grie-
an Folter der Aufnahme von Beitrittsverhand- keit einer Wiederaufnahme ihres Verfahrens in chen und Armenier als Minderheiten an, nicht
lungen nicht im Wege steht. Gleichzeitig wird im der Türkei ausgeschlossen. jedoch die Alewiten, die 20 bis 25 Prozent der
Fortschrittsbericht konstatiert, dass es immer Bevölkerung stellen, oder ethnische Gruppen,
noch sehr oft zu Folter und Misshandlung von denen die Kurden mit 15 bis 25 Millionen
kommt und weitere Maßnahme dagegen ergrif- TODESSTRAFE die größte Gruppe bilden, deren Existenz aber
fen werden müssen. bis in die neunziger Jahre hinein geleugnet
Der eindeutigste Erfolg konnte bisher bezüglich wurde.17 Hintergrund ist die türkische Moder-
der Todesstrafe erzielt werden. Sie war aller- nisierungsideologie des „Kemalismus“, mit der
STRAFFREIHEIT dings seit 1984 sowieso nicht mehr vollstreckt nach dem Ersten Weltkrieg der Aufbau eines
worden, hatte aber angesichts des Todesurteils neuen „Nationalstaats“ anstrebt wurde und ein
Eine wichtige Maßnahme gegen die Folter wäre für den PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan weiteres Auseinanderfallen des Staatsgebietes
die konsequente strafrechtliche Belangung der wieder an Bedeutung gewonnen. Mit der Ver- verhindert werden sollte. Weil der Nationalis-
dafür Verantwortlichen. Menschenrechtsorga- fassungsänderung 2001 wurde die Todesstrafe mus den Islam als integrierende Ideologie er-
nisationen weisen seit Jahren darauf hin, dass für kriminelle Straftaten abgeschafft. Men- setzen sollte, wurde die türkische Nation als Ge-
Straffreiheit für schwerwiegende Menschen- schenrechtsorganisationen wiesen darauf hin, samtheit aller Staatsangehörigen definiert, in-
rechtsverletzungen wie Folter, „Verschwinden- dass damit nur ein Bruchteil der verhängten Ur- nerhalb derer unterschiedliche Interessen und
lassen“ und extralegale Hinrichtungen den teile umgewandelt wurde. Im August 2002 Identitäten nicht anerkannt wurden. Schon die
Kampf dagegen erheblich erschwert. Einige der schaffte die Türkei die Todesstrafe in Friedens- Erwähnung unterschiedlicher ethnischer
zahlreichen Empfehlungen zur Beendigung zeiten ab15 und entsprach somit Protokoll 6 zur Gruppen innerhalb der Republik Türkei wurde
dieser Straffreiheit wurden im Januar 2003 mit Europäischen Menschenrechtskonvention, das als Bedrohung der Einheit von Staatsgebiet und
einer Reform des Gesetzes zur Strafverfolgung sie im Dezember 2003 ratifizierte. Im Januar Staatsvolk verstanden und verfolgt. So führte
von Beamten und öffentlichen Angestellten 2004 wurde auch Protokoll Nr. 13 zur vollstän- diese Definition von Nation zu einer gewalt-
aufgegriffen, wodurch bei Foltervorwürfen digen Abschaffung der Todesstrafe von der Tür- samen Politik der Assimilation, der Leugnung
keine Erlaubnis der Vorgesetzten für die Straf- kei ratifiziert. der Existenz des kurdischen Volkes, der Recht-
verfolgung mehr eingeholt werden muss (bei fertigung der Einschränkung politischer Par-
„Verschwindenlassen“ und extralegalen Hin- tizipationsmöglichkeiten und der Verletzung
richtungen bleibt dies allerdings erforderlich) GEWALT GEGEN FRAUEN von Menschenrechten. Zielscheibe dieser Ein-
und die zuvor oft praktizierte Umwandlung von schränkungen waren und sind insbesondere die
Haft- in Geldstrafen ausgeschlossen wurde. Mit Positiv sind auch Gesetzesreformen, die Gewalt Kurden.18 Das Erstarken der kurdischen Bewe-
dem neuen Strafgesetz wurde Folter klarer de- gegen Frauen eindämmen sollen. Hierzu hatten gung in den neunziger Jahren half zwar, die Po-
finiert, und die dafür vorgesehenen Strafen wur- türkische Frauenorganisationen eine konzer- litik der Leugnung zu überwinden. Aber im Zuge
den erhöht. Problematisch ist, dass auch das tierte Lobbyarbeit betrieben und einen alterna- des bewaffneten Konflikts um die Kurdenfrage,
neue Strafgesetz noch eine Verjährungsfrist bei tiven Entwurf zum Strafgesetz vorgelegt. Auch der zirka 30.000 Menschen das Leben kostete
Folterverfahren vorsieht. Sie wurde zwar von amnesty international unterstützte die Anlie- und erst mit der Festnahme des PKK-Vorsitzen-
siebeneinhalb auf zehn Jahre erhöht. Da aber gen der Frauen.16 Die Kampagne hatte zur Folge, den Öcalan Anfang 1999 zu einem vorläufigen
solche Folterverfahren oft verzögert werden dass die meisten Forderungen in dem neuen Ende kam, verschärften sich auch die Men-
und schon einige wichtige Verfahren auf- Strafgesetz umgesetzt wurden. So wurde Ver- schenrechtsverletzungen.
grund der Verjährungsfrist eingestellt wur- gewaltigung internationalen Standards eher
den,14 empfehlen Menschenrechtsorganisatio- entsprechend definiert. Sexuelle Übergriffe
nen, die Verjährungsfrist bei der Strafverfol- stehen nicht mehr in der Kategorie „Vergehen KURDENFRAGE WURDE NICHT EXPLIZIT
gung von schwerwiegenden Menschenrechts- gegen die Sittlichkeit“, sondern werden als THEMATISIERT
verletzungen ganz abzuschaffen. „Vergehen gegen Individuen“ gefasst. Verge-
waltigung und andere sexuelle Übergriffe in der Dieser Hintergrund erklärt, warum sich die Tür-
Ehe werden nunmehr als Straftat definiert. kei mit grundlegenden Menschenrechtsrefor-
WIEDERGUTMACHUNG FÜR Wichtig ist zudem, dass Strafen nicht mehr re- men, aber insbesondere mit den Minderheiten-
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN duziert, ausgesetzt oder aufgehoben werden rechten so schwer tut. Die EU nahm auf türki-
können, wenn der Vergewaltiger das Opfer hei- sche Befindlichkeiten insofern Rücksicht, als
Die EU hatte die Türkei aufgefordert, die Mög- ratet. Frauen werden also als Individuum als die Kurdenfrage in der Beitrittspartnerschaft
lichkeiten gesetzlicher Wiedergutmachung für Verletzte erkannt und ihre Interessen nicht nicht als solche thematisiert, sondern implizit

138
Menschenrechte und Minderheitenrechte in der Türkei auf dem Weg in die EU

unter Minderheitenrechten behandelt wird. cherheit, der grundlegenden Prinzipien der Re- setzlicher Behinderungen im Zusammenhang
Unter den kurzfristigen Prioritäten wird dies v.a. publik und der unteilbaren Einheit von Staats- mit kulturellen Rechten einschließlich im Bil-
folgendermaßen konkretisiert: gebiet und Staatsvolk“ ergänzt, also die typi- dungsbereich vor. Muttersprachlicher Unter-
■ die Aufhebung sämtlicher gesetzlicher Ver- sche Formulierung, die zur Einschränkung der richt an türkischen Schulen ist jedoch weiter-
bote von muttersprachlichen Radio- und Rechte von Kurdinnen und Kurden verwendet hin nach Artikel 42 der Verfassung ausge-
Fernsehsendungen; wurde und wird. Diese Reform wurde als „Auf- schlossen. Dort heißt es: „außer dem Türkischen
■ die Verbesserung der ökonomischen, sozia- hebung des Verbots der kurdischen Sprache“ darf keine Sprache in Erziehungs- und Unter-
len und kulturellen Möglichkeiten aller Bür- dargestellt, obwohl das von den Militärs 1983 richtsanstalten den türkischen Staatsbürgern
gerinnen und Bürger sowie die Aufhebung erlassene Sprachenverbotsgesetz schon 1991 als Muttersprache gelehrt und unterrichtet
regionaler Ungleichheiten vor allem im Süd- außer Kraft gesetzt worden war und es insofern werden. Die in den Erziehungsanstalten gelehr-
osten; theoretisch seitdem in der Türkei keine „per Ge- ten ausländischen Sprachen sowie die Grund-
und unter den mittelfristigen Prioritäten als: setz verbotene Sprache“ mehr gegeben hatte. sätze, denen diejenigen Schulen unterworfen
■ die Aufhebung des Ausnahmezustands; In der Praxis waren aber weder kurdische Sen- sind, die in ausländischen Sprachen Erziehung
■ die Gewährleistung kultureller Vielfalt und dungen noch Kurdischunterricht möglich. und Unterricht erteilen, werden durch Gesetz
die Sicherung der kulturellen Rechte aller Auf die kurzfristige Beitrittspriorität „mutter- geregelt. Die Bestimmungen internationaler
Bürgerinnen und Bürger unabhängig von ih- sprachliche Sendungen“ sollte das 3. Harmoni- Verträge bleiben vorbehalten.“ In Artikel 2c des
rer Herkunft sowie die Aufhebung aller ge- sierungspaket mit der Ermöglichung von „Kur- Gesetzes Nr. 2932 zu Erziehung und Unterricht
setzlicher Behinderungen dieser Rechte ein- dischsendungen im Fernsehen“ antworten. Mit in Fremdsprachen von 1983 wird geregelt, dass
schließlich im Bildungsbereich; diesem Reformpaket wurde Artikel 4 von Ge- „der Ministerrat unter Berücksichtigung der
■ das Anti-Diskriminierungsgebot; setz Nr. 3984 über den Hohen Rundfunk- und Meinung des Nationalen Sicherheitsrates die
■ die Ratifizierung der zwei Menschenrechts- Fernsehrat (Radyo ve Televizyon Üst Kurulu/ Fremdsprachen festlegt, die in der Türkei unter-
pakte. RTÜK) folgendermaßen ergänzt: „Außerdem richtet werden.“ Dadurch ist es in der Praxis un-
können Sendungen in unterschiedlichen Spra- wahrscheinlich, dass Kurdisch auch nur als
chen und Dialekten, die von türkischen Bürgern Fremdsprache unterrichtet wird.
AUSNAHMEZUSTAND im Alltag traditionell benutzt werden, erfolgen.
Diese Sendungen dürfen nicht im Widerspruch
Die kurdischen Provinzen der Türkei hatten von zu den in der Verfassung festgelegten grundle- KAMPAGNE FÜR KULTURELLE RECHTE
1978 bis 1987 unter Kriegsrecht gestanden. genden Prinzipien und der unteilbaren Einheit
Dieses wurde sukzessive und 1987 auch in den von Staatsgebiet und Staatsvolk stehen. Die Im November 2001 begannen trotzdem tau-
letzten Provinzen in einen Ausnahmezustand Grundsätze und Verfahren für die Produktion sende von Studierenden, die die Reform von Ar-
umgewandelt, der immer wieder verlängert und Kontrolle dieser Sendungen werden in ei- tikel 26 und 28 der Verfassung bezüglich der
wurde, wenn auch in immer weniger Provinzen. ner Verordnung des Hohen Rates geregelt.“ Die Meinungs- und Pressefreiheit als positives Zei-
Am 31. Juli 2002 lief der Ausnahmestand entsprechende RTÜK–Verordnung trat im De- chen verstanden, eine Kampagne, mit der sie
schließlich in den Provinzen Tunceli und Hak- zember 2002 in Kraft und beinhaltete zahlreiche Kurdisch als Wahlfach an Universitäten forder-
kari und am 30. November 2002 auch in den Einschränkungen. Nach Artikel 5 dürfen mut- ten. Eltern begannen, kurdischen mutter-
letzten zwei verbleibenden Provinzen Diyar- tersprachliche Sendungen nur von der staatli- sprachlichen Unterricht zu fordern. Die Behör-
bakır und Şırnak aus. Mit der Abschaffung des chen Rundfunk- und Fernsehanstalt TRT (Tür- den reagierten mit Massenfestnahmen, bei de-
Ausnahmezustands entfielen zahlreiche Be- kiye Radyo Televizyon) produziert und „nur in nen es Berichten zufolge auch zu Folterungen
stimmungen, die die Menschenrechte in der den Bereichen Nachrichten, Musik und Kultur und Misshandlungen gekommen sein soll. Ge-
Region zusätzlich einschränkten. für Erwachsene gesendet werden und nicht dem gen hunderte von Studierenden und Eltern, die
Zweck des Unterrichtens von anderen Sprachen sich an dieser Kampagne beteiligten, wurden Er-
und Dialekten dienen. Die Sendezeit darf im Ra- mittlungen aufgenommen, und sie wurden un-
DAS RECHT AUF MUTTERSPRACHLICHE dio 45 Minuten pro Tag und in der Woche ins- ter dem Vorwurf der „Unterstützung einer ille-
VERÖFFENTLICHUNGEN gesamt 4 Stunden und im Fernsehen 30 Minu- galen Organisation“ (Artikel 169 TStGB) inhaf-
ten pro Tag und in der Woche insgesamt 2 Stun- tiert und vor Gericht gestellt. Zahlreiche Studie-
Die „Aufhebung des Verbots muttersprachlicher den nicht überschreiten. Im Fernsehen müssen rende wurden zur Strafe exmatrikuliert.21
Sendungen“19 war die einzige kurzfristige Prio- diese Sendungen in hundertprozentiger Ent- Infolge der Kritik und als Antwort auf die mit-
rität in der Beitrittspartnerschaft, für die es im sprechung auf Türkisch untertitelt werden; im telfristige Priorität der Verwirklichung kultu-
„Nationalen Programm“ noch nicht einmal das Radio muss im Anschluss an das Programm die reller Rechte auch im Bildungsbereich wurde
Versprechen eines Zugeständnisses gab. Im Übersetzung ins Türkische erfolgen.“ schließlich im August 2002 mit Artikel 11A des
„Nationalen Programm“ wurde nur die gängige Es sollten jedoch noch anderthalb Jahre verge- „3. Harmonisierungspaketes“ (Gesetz Nr. 4771)
Praxis fortgeschrieben: „Das Türkische ist die of- hen, bis die staatliche Rundfunk- und Fernseh- das oben erwähnte Gesetz in „Gesetz über
fizielle Sprache und die Unterrichtssprache der anstalt TRT im Juni 2004 die erste Sendung auf Fremdsprachenunterricht und -erziehung und
Republik Türkei. Das verhindert aber nicht, dass Kurdisch produzierte, denn sie beantragte statt- das Erlernen von verschiedenen Sprachen und
Bürgerinnen und Bürger im Alltag unterschied- dessen erst einmal die Annullierung der Verord- Dialekten der türkischen Bürger“ umbenannt
liche Sprachen, Dialekte und Mundarten frei be- nung.20 Im Januar 2004 ermöglichte eine wei- und mit Artikel 11B des Paketes in Artikel 2.1.(a)
nutzen. Diese Freiheit darf nicht zu separatisti- tere Verordnung, dass auch private Radio- und des Gesetzes folgende Ergänzung eingeführt:
schen Zwecken benutzt werden.“ Die kurdische Fernsehanstalten in kurdischer Sprache senden. „damit die türkischen Bürger die verschiedenen
Sprache wurde also nicht erwähnt und die Be- Alle anderen Beschränkungen bleiben aber be- Sprachen und Dialekte, die sie im Alltag tradi-
nutzung der Muttersprache höchstens für den stehen. Die beschränkte Sendezeit muss das tionell benutzen, lernen können, können im
Alltagsgebrauch erlaubt, was theoretisch sowie Kurdische mit anderen Sprachen teilen. Gleich- Rahmen des Gesetzes Nr. 625 vom 8.6.1965
nicht verboten war. Mit der Verfassungsreform zeitig verhängt der Hohe Rundfunk- und Fern- über private Unterrichtsanstalten private Kurse
vom Oktober 2001 wurde in Artikel 26 zur „Mei- sehrat (RTÜK) weiterhin zahlreiche Geld- und eröffnet werden. Diese Kurse dürfen nicht im
nungsfreiheit“ in Absatz 3 die Formulierung Schließungsstrafen über private Radio- und Widerspruch zu den in der Verfassung festge-
„bei der Meinungsäußerung darf keine Sprache Fernsehsender, die kurdische Musik gespielt legten grundlegenden Prinzipien der Republik
verwendet werden, die per Gesetz verboten ist” hatten. und der unteilbaren Einheit von Staatsgebiet
und in Artikel 28 zur „Pressefreiheit“ in Absatz und Staatsvolk stehen. Die Grundsätze und Ver-
2 die Formulierung „Veröffentlichungen dürfen fahren bei der Eröffnung und Kontrolle dieser
nicht in einer Sprache erfolgen, die per Gesetz RECHT AUF BILDUNG IN KURDISCHER Kurse werden in einer Verordnung des Nationa-
verboten ist“ gestrichen. Jedoch wurde in Arti- SPRACHE len Erziehungsministeriums geregelt.“
kel 26 Absatz 2 bei den Einschränkungen der Die entsprechende Verordnung trat am 20. Sep-
Meinungsfreiheit „der Schutz der nationalen Unter den mittelfristigen Prioritäten sieht die tember 2002 in Kraft. Sie sollte private Kur-
Sicherheit, der öffentlichen Ordnung und Si- Beitrittspartnerschaft die Aufhebung aller ge- dischkurse ermöglichen, machte jedoch unter

139
HEIDI WEDEL

Vermeidung des Wortes Kurdisch durch kom- anderer als der türkischen Sprache nur die Un- ihre Rechte voll in Anspruch nehmen können“.25
plizierte Bestimmungen die Eröffnung von Kur- tergrenze von sechs Monaten Haft, nicht aber Sie konkretisiert dies aber nicht weiter und ver-
dischkursen sehr schwierig. Erst nach einer die Obergrenze festgelegt ist, bedeutet dies, nachlässigt es, die Türkei direkt zur Ratifizie-
weiteren Verordnung vom Dezember 2003 dass von nun an für die Verwendung des Kur- rung aufzufordern.
wurden im April 2004 die ersten Kurdischkurse dischen, Arabischen, Lasischen oder anderer
an privaten Instituten angeboten. Weiterhin Sprachen für die Wahlpropaganda bis zu 20
gelten zahlreiche Einschränkungen, die unter Jahren Gefängnis verhängt werden können.24 AUSBLICK
anderem dazu führen, dass keine Kinder bis zu
15 Jahren unterrichtet werden dürfen. Seit Oktober 2001 hat die Türkei zahlreiche
Ein Ausdruck dafür, wie sensibel das Thema MINDERHEITENRECHTE IN Gesetzesreformen verabschiedet, mit denen
muttersprachlicher Unterricht in der Türkei INTERNATIONALEN ABKOMMEN sie sich internationalen Menschenrechtsstan-
bleibt, ist, dass das Festhalten an dem Recht auf dards angenähert hat. Insofern hat der EU-Bei-
muttersprachlichen Unterricht dazu führte, Positiv zu vermerken ist, dass das türkische Par- trittsprozess zwar nicht wie geplant „kurz-
dass die oberste Instanz des Kassationsgerichts lament im Juni 2003 die Annahme der zwei UN- fristig“ (d.h. in einem Jahr), jedoch mittelfristig
im Mai 2005 verfügte, dass die Lehrergewerk- Menschenrechtspakte verabschiedete, des In- eine große Dynamik ausgelöst. Wie hier ge-
schaft Eğitim Sen zu verbieten ist. ternationalen Paktes über bürgerliche und po- zeigt wurde, war der Reformprozess allerdings
litische Rechte und des Internationalen Paktes schwerfällig und das Ergebnis mühsamer Aus-
über wirtschaftliche, soziale und kulturelle handlungen. Ohne die konstante Lobbyarbeit
POLITISCHE RECHTE Rechte, und somit eine der mittelfristigen Prio- von Menschenrechtsorganisationen, die die
ritäten umsetzte. Die Türkei hatte diese Pakte türkische Regierung und die EU immer wieder
Im türkischen Rechtssystem hat es bei den Ver- zwar schon im Jahr 2000 unterschrieben, aber auf bestehende Missstände und verbleibenden
boten bezüglich des Rechtes von Kurdinnen nicht ratifiziert, vor allem wegen der darin vor- Reformbedarf hinwiesen, wäre es wohl bei un-
und Kurden, ihre politischen Rechte mit ihrer gesehenen und in der Türkei umstrittenen zulänglichen Reformen geblieben.
eigenen Identität auszuüben, keine rechtlichen Rechte auf Selbstbestimmung und Mutterspra- Inzwischen wurden in Bezug auf die Todes-
oder faktischen Veränderungen gegeben. Zahl- che. Ähnlich wie bei anderen internationalen strafe und die Folter die Gesetze weit gehend an
reiche von Kurden gegründete und unter- Verträgen brachte die türkische Regierung bei internationalen Standards ausgerichtet. In der
stützte Parteien wurden aufgrund ihrer Hal- den Pakten eine Klausel an, mit der sie sich vor- Praxis bleibt Folter aber trotz gewisser Verbes-
tung und Aktivitäten zur Kurdenfrage mit Ver- behält, die Pakte nur im Rahmen der Verfas- serungen immer noch ein tief greifendes Men-
weis auf Artikel 68 und 69 der Verfassung ver- sungsartikel 3 (Integrität des Staates, Amts- schenrechtsproblem in der Türkei. Auch in Be-
boten.22 Die politischen Aktivitäten solcher Par- sprache, Flagge, Nationalhymne und Haupt- zug auf Gewalt gegen Frauen wurden wichtige
teien werden ständig behindert, ihre Mitglieder stadt), 14 (Verbot des Missbrauchs der Grund- Gesetzesreformen verabschiedet. Bezüglich
häufig festgenommen und inhaftiert. rechte und -freiheiten) und des schon erwähn- der Meinungs-, Presse- und Vereinigungsfrei-
Mit der Veränderung von Artikel 69/6 und 149 ten Artikels 42 (Erziehung und Ausbildung) um- heit greifen die Reformen auch auf der gesetz-
bei der Verfassungsreform vom Oktober 2001 zusetzen und nur den im Lausanner Abkommen lichen Ebene noch zu kurz. Insgesamt bleibt der
sollte vorgeblich die Schließung von Parteien anerkannten nicht-muslimischen Völkern Min- Eindruck, dass die Reformen vor allem von dem
erschwert werden. Nach dem neuen Artikel 69/6 derheitenstatus zuzuerkennen. Diese Vorbe- Wunsch nach einem EU-Beitritt und weniger
werden nur noch solche Parteien geschlossen, haltsklauseln verhindern es, dass Kurdinnen von einem neuen Menschenrechtsbewusstsein
die nachgewiesenermaßen ein „Zentrum“ ver- und Kurden die in den beiden Pakten vorgese- getragen werden. Denn Äußerungen diverser
fassungsfeindlicher Aktivitäten sind.23 Nach henen politischen und kulturellen Rechte ge- Staatsvertreter machen immer wieder deutlich,
dem Artikel 149 muss der gerichtliche Beschluss nießen können. dass sie weiterhin meinen, Einschränkungen
zur Schließung einer Partei jetzt mindestens mit Die EU-Kommission bedauert die türkischen der Menschenrechte seien zum Erhalt des Staa-
Drei-Fünftel-Mehrheit getroffen werden. Diese Vorbehalte gegen die beiden Menschenrechts- tes in seiner bestehenden Struktur notwendig.
Reformen sollten vor allem der Gefahr der pakte und dass die Türkei die Rahmenkonven- Dies gilt umso mehr für die Minderheiten-
Schließung von islamisch orientierten Parteien tion des Europarates zum Schutz nationaler rechte, denen sich die Türkei noch weit gehend
durch das Verfassungsgericht entgegenwirken. Minderheiten und die Europäische Charta für verschließt. Die einschlägigen internationalen
Für kurdisch orientierte Parteien brachten sie regionale und Minderheitensprachen nicht un- Minderheitenrechtsabkommen wurden nicht
keine Verbesserungen, weil die Beschlüsse zur terzeichnet hat. Sie hält die Einschränkungen unterzeichnet, bei den Menschenrechtspakten
Schließung solcher Parteien sowieso meist ein- der kulturellen Rechte der Kurden für besorg- brachte die Türkei zu den Artikeln, die Minder-
stimmig getroffen wurden. Schließlich wurde niserregend und fordert die Türkei auf, „die Be- heitenrechte beinhalten, Vorbehalte an. So ha-
auch nach der Reform eine pro-kurdische Par- dingungen dafür zu schaffen, dass die Kurden ben die Reformen bisher bezüglich der kulturel-
tei – die HADEP (Halkin Demokrasi Partisi/De- len Rechte der großen Gruppe der Kurden nur
mokratiepartei des Volks) – geschlossen. sehr beschränkte Wirkungen gehabt. Bei den
Die EU-Kommission kritisiert, dass die Zehn- wenigen Reformen, die es diesbezüglich gab,
Prozent-Hürde im türkischen Wahlgesetz es für UNSERE AUTORIN wurde durch komplizierte Bedingungen und
Minderheiten sehr schwer macht, im Parlament Querverweise auf verschiedene Gesetze und
vertreten zu sein, und dass es weiterhin Ein- Dr. Heidi Wedel Verordnungen tatsächlicher Fortschritt sehr er-
schränkungen für die Benutzung anderer Spra- hat in Politikwis- schwert. Dabei wird eine öffentliche Anerken-
chen als des Türkischen gibt. So verweisen zum senschaft promo- nung der Kurdenfrage verweigert und durch
Beispiel Menschenrechtsorganisationen dar- viert sowie Turko- umständliche Formulierungen jeglicher direkte
auf, dass gegen Politiker Strafverfahren eröff- logie, Islamwis- Bezug zur Kurdenfrage vermieden.
net wurden, weil sie im Kommunalwahlkampf senschaft und
2004 Kurdisch sprachen. Schließlich könnte Volkswirtschaft
eine Änderung des türkischen Strafgesetz- studiert. Seit 1985 DER KEMALISMUS VERHINDERT
buchs verheerende Auswirkungen für diejeni- ist sie bei amnesty REFORMEN
gen haben, die künftig der Verletzung des im international en-
Parteiengesetz und im Wahlgesetz verankerten gagiert. 1999 bis Ein grundlegendes Problem der politischen und
Sprachverbots für schuldig befunden werden. 2002 war Heidi rechtlichen Praxis in der Türkei ist, dass die Re-
Nach Artikel 15/1 des bisherigen Strafgesetzes Wedel hauptamtlich als Turkey Researcher formen nur in dem Rahmen verabschiedet und
betrug die Höchststrafe für Delikte, deren Ober- im Internationalen Sekretariat von amnesty umgesetzt werden können, den die Militärs er-
grenze nicht im Gesetz festgelegt ist, fünf Jahre international in London tätig. Ihre Arbeits- lauben. Dies wird häufig mit dem Schutz der
Haft. Artikel 48 des neuen Strafgesetzes besagt und Forschungsschwerpunkte sind die Türkei „grundlegenden Prinzipien der Republik“ ge-
dagegen, dass die Höchstgrenze 20 Jahre be- – speziell die Demokratisierung, Zivilgesell- rechtfertigt, womit insbesondere die kemalisti-
trägt. Da im Parteiengesetz für die Verwendung schaft, Menschenrechte und Frauenrechte. schen Prinzipien Laizismus und Nationalismus

140
Menschenrechte und Minderheitenrechte in der Türkei auf dem Weg in die EU

10
gemeint sind. Der Kemalismus ist also sowohl Demokratisierung, Minderheitenrechte und Amnesty International EUR 44/026/2002.
11 Amnesty International EUR 44/010/2002.
ideologisch als auch in Hinblick auf die inzwi- kulturelle Vielfalt subsumiert. Die EU übersieht 12
European Commission: 2004 Regular Report on Tur-
schen reduzierte Rolle des Militärs in der Poli- (oder vermeidet zumindest entsprechende Aus- key’s progress towards accession, 6. Oktober 2004, S. 35.
tik ein – wenn nicht der zentrale – Faktor, der sagen), dass das undemokratische Festhalten Amnesty international warnte am 4.12.2004, dass ein An-
walt in Siirt bedroht wurde, weil er versuchte, Strafanzeige
heute umfassende Reformen verhindert. So- am Kemalismus und damit an einem Nationa- wegen Folter zu stellen, nachdem er seine Mandaten in Po-
lange dieses kemalistische Verständnis das po- lismusverständnis, das die Existenz der Kurden lizeihaft besucht hatte und diese ihm dabei über Folterun-
litische System dominiert, sind Gesetzesände- leugnet, umfassende Demokratisierung und gen berichteten. AI EUR 44/031/2004.
13 UN Special Rapporteur on torture 1998, E/CN.4/1999/
rungen, die auch in der Praxis Wirkung zeigen, Verwirklichung von Menschen- und Minderhei- 61/Add.1,para. 102, siehe auch AI EUR 44/026/2002, S. 3.
unwahrscheinlich. So ist die Kurdenfrage auch tenrechten verhindert. Demokratisierung und 14
Am 11.11.2004 wurde zum Beispiel das Verfahren ge-
heute weit von einer Lösung entfernt, was wie- Menschenrechte sind in der Türkei nur möglich, gen 9 Polizisten, die 1997 u.a. den Gewerkschafter Süley-
man Yeter gefoltert haben sollen, aufgrund der Verjährung
derum ein grundlegendes Hindernis für eine wenn auch bei der Kurdenfrage eine Bereit- eingestellt. AI EUR 44/037/2004.
umfassende Demokratisierung der Türkei dar- schaft zum radikalen Umdenken vorhanden ist 15 Mit dem Gesetz Nr. 4771, das am 9.8.2002 in Kraft trat,

stellt. Dieses Problem wirkt sich nicht nur auf und die Kurden mit ihren Rechten anerkannt wurde die Todesstrafe „außer in Kriegszeiten oder bei na-
her Kriegsgefahr” in lebenslängliche Haftstrafe umgewan-
die Innenpolitik, sondern auch auf die Außen- und in eine Lösungsfindung aktiv einbezogen delt.
politik der Türkei aus, und zwar nicht nur auf die werden. Wenn die Türkei in die EU aufgenom- 16 Siehe dazu ausführlich den Bericht AI EUR 44/013/2004.

Beziehungen zu den geographischen Nach- men wird, weil sie scheinbar die Kriterien erfüllt 17
Da die Türkei die Existenz der Kurden jahrzehntelang
barn. Letztlich könnte aus diesem Grunde auch hat, die Kurdenfrage aber nicht grundlegend ge- leugnete, werden ethnische Zugehörigkeit oder die Mut-
tersprache bei Volkszählungen nicht erfragt. Vorsichtige
der EU-Beitritt der Türkei an dem Mangel an Be- löst wurde, dann wird die Kurdenfrage zu einem Schätzungen gehen davon aus, dass es in der Türkei min-
reitschaft, die erforderlichen Reformen durch- EU-internen Problem. Spätestens dann wird die destens 15-25 Millionen Kurden gibt, die Kurden selbst
sprechen von 25-30 Millionen.
zuführen, scheitern. EU selbst Lösungsansätze entwickeln müssen. 18
Siehe dazu auch ausführlicher Wedel, Heidi 1995: Die
Kurdenfrage, der türkische Nationalismus und die Entde-
mokratisierung in der Türkischen Republik, in: Internatio-
nale Politik und Gesellschaft, hrsg. Friedrich Ebert Stiftung,
REFORMEN MÜSSEN Nr. 3/95, S. 300-316.
EINGEFORDERT WERDEN ANMERKUNGEN
19 Ich danke Rıza Dinç dafür, dass ich seine juristische Ex-

pertise aus unserem gemeinsamen Artikel hier mit einflie-


1
Die wirtschaftlichen Kopenhagener Kriterien brauchen ßen lassen durfte.
Dass die EU den Beitrittsprozess der Türkei in zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfüllt zu sein. 20
Milliyet vom 12.6.2003.
neue Phasen überführt, bevor die Türkei die Kri- 2 Dieser Artikel ist eine Aktualisierung meines Artikels 21
Gleichzeitig schickte das Innenministerium am 9.1.
terien voll erreicht hat, erweckt den Eindruck, „EU-Beitrittsprozess – Hoffnungsschimmer für die Men- 2002 einen geheimen Erlass an die Provinzgouverneure mit
schenrechte in der Türkei“ in: Jahrbuch Menschenrechte der Aufforderung, verstärkt gegen Eltern zu ermitteln, die
dass der EU in den letzten Jahren die Festigung 2004, Frankfurt (Suhrkamp), 2003, S. 77-89, und meines ihren Kindern kurdische Namen gegeben hatten. Cumhu-
der Beziehungen zur Türkei wichtiger war als zusammen mit Rıza Dinç verfassten Artikels „Rechtsrefor- riyet vom 19.2.2002 und TIHV-Monatsbericht vom April
die vollständige Erfüllung der Kriterien. Eine men im Rahmen der türkischen EU-Beitrittsbemühungen 2002.
und die Kurdenfrage“, in: NAVEND (Hrsg.): Kurden heute: 22
Seit 1991 wurden folgende von KurdInnen gegründe-
endgültige Ablehnung einer türkischen Mit- Hintergründe – Aspekte – Entwicklungen, Bonn, 2003, S. ten Parteien geschlossen: HEP (Halkın Emek Partisi, Ar-
gliedschaft (die angesichts der derzeitigen po- 69-99. beitspartei des Volkes) 1993, ÖZDEP (Özgürlük ve Demo-
3
European Commission: Regular Report from the Com- krasi Partisi, Partei für Freiheit und Demokratie) 1993, DEP
litischen Prozesse in der EU wieder denkbar ge- mission on Progress towards Accession by each of the can- (Demokrasi Partisi, Demokratiepartei) 1994, DDP (Demo-
worden ist) wäre sicherlich für den Reformpro- didate countries, 13. Oktober 1999. krasi ve Değis˛im Partisi, Demokratie und Wandel Partei)
zess in der Türkei sehr abträglich, könnte ihn so- 4 Mit der Zustimmung zur Zollunion im Dezember 1995 1996, DKP (Demokratik Kitle Partisi, Demokratische Mas-
hatte das Europäische Parlament eine Resolution verab- senpartei) 1999, HADEP (Halkın Demokrasi Partisi, Demo-
gar zum Erliegen bringen. Aber auch zu schnelle schiedet, mit der es die Kommission zu ständigem Moni- kratiepartei des Volkes) 2003. Gegen die noch aktiven Par-
Zugeständnisse an die Türkei könnten den toring der Menschenrechtssituation in der Türkei und re- teien HAKPAR (Hak ve Özgürlükler Partisi, Partei für Rechte
gelmäßiger Berichterstattung aufforderte. Der erste Be- und Freiheiten), und DEHAP (Demokratik Halk Partisi, De-
Drang nach Reformen drosseln. Die besten Er- mokratische Volkspartei) laufen Schließungsverfahren.
richt wurde 1998 verfasst.
gebnisse für die Menschrechte und Minderhei- 5 Statement by the Commission, Debate in the European
23
Die gültige Fassung von Artikel 68/4 heißt: „Die Statu-
tenpolitik in der Türkei werden wahrscheinlich Parliament on Turkey, Brüssel, 20. Juni 2001. te, Programme und Aktivitäten von türkischen Parteien
dürfen nicht im Widerspruch zu der Unabhängigkeit des
erzielt, wenn die Errungenschaften anerkannt, 6
Die folgenden Unterkapitel fassen die Informationen
Staates, der unteilbaren Einheit von Staatsgebiet und
nur zusammen. Für weitere Details wird auf folgende Be-
aber auch sehr kritisch und bestimmt auf den richte von amnesty international verwiesen: EUR
Staatsvolk, den Menschenrechten, den Prinzipien von
verbleibenden Reformbedarf in Gesetz und Gleichheit und Rechtsstaat, der Souveränität des Volkes,
44/007/2002 zur Verfassungsreform, EUR 44/012/2002 zu
der Demokratie und der laizistischen Republik stehen; sie
Praxis verwiesen und ein Vorantreiben der Re- den Reformen vom Februar 2002, AI EU Association Office
dürfen nicht die Diktatur einer Klasse oder eines Standes
vom September 2002 zum Gesetz vom August 2002 sowie
formen konkret eingefordert wird. oder einer anderen Diktatur propagieren oder errichten
die Halbjahresberichte “Concerns in Europe”.
oder zur Verübung von Straftaten aufrufen.“ In Artikel 69/6
Dies ist jedoch bei den Minderheitenrechten 7
Äußerungen mit dem Ziel der Kritik stellen nach Art. 301 heißt es: „Die Schließung von Parteien aufgrund von Akti-
noch nicht erkennbar. Diesbezüglich hat es die keine Straftat dar. vitäten, die gegen Artikel 68/4 verstoßen, kann nur be-
8
Mit der Änderung des neuen Strafgesetzes am schlossen werden, wenn das Verfassungsgericht festge-
EU bisher vermieden, die grundlegenden Prob- 27.5.2005 wurde in einigen Artikeln die stark kritisierte stellt hat, dass die Partei zu einem Zentrum solcher Aktivi-
leme der Türkei offen anzugehen. Selbst bei den Straferhöhung bei Begehung über die Presse gestrichen, täten geworden ist.“ (Zusatz vom 3.10.2001)
kurz- und mittelfristigen Prioritäten wurde die aber integriert in die „öffentliche Begehung“, für die eine 24 Radikal 30.5.2005, nach DTF 22/2005.
geringere Straferhöhung vorgesehen ist. 25
Kurdenfrage – im Unterschied zur Zypernfrage 9
Fortschrittsbericht 2004, S. 55 und 167.
Dieses Monitum wurde auch von der Kommission im
– nicht explizit angesprochen, sondern unter Fortschrittsbericht 2002 aufgegriffen.

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141
DIE TÜRKISCH-EUROPÄISCHEN BEZIEHUNGEN SIND AUF EINEM HOHEN NIVEAU

Die Türkei ist schon längst ein Teil Europas


F ARUK S EN

AUSSENPOLITISCHE NEUORIENTIERUNG späteren Europäischen Union auf. 1959, kurz


NACH 1945 nach der Gründung der Europäischen Wirt-
In der keineswegs neuen Debatte um schaftsgemeinschaft (EWG) im Jahr 1958, be-
die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa Doch der Ausgang des Zweiten Weltkrieges er- warb sich die Türkei um eine Mitgliedschaft. Am
werden häufig historische, geographi- forderte eine Neuorientierung der türkischen 12. September 1963 wurde das so genannte
sche und religiöse Argumente verwen- Außenpolitik und die Aufgabe der Neutralität. „Ankara-Abkommen“ unterzeichnet, mit dem
det, um Europa als eine Gemeinschaft zu Auf der Konferenz von Jalta (1945) wurde deut- die Assoziation zwischen der Türkei und der
definieren, die ein gemeinsames ge- lich, dass die Sowjetunion nach wie vor Gebiete Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG)
schichtliches und kulturelles Erbe auf- im Nordosten der Türkei und eine Militärbasis begründet wurde. Mit diesem Abkommen
weist. Ein solches Leitbild lebt von der auf dem Bosporus beanspruchte. Schon seit der sollte, durch die Schaffung einer Zollunion in
Abgrenzung. Befürworter eines EU-Bei- Republikgründung perzipierte die Türkei ihre drei Phasen, eine spätere Mitgliedschaft der
tritts der Türkei verweisen stattdessen Nordostgrenze als durch die UdSSR bedroht. Türkei in der EWG vorbereitet werden.
auf die tatsächlich gegebenen Bezie- Nun veranlassten die Forderungen Stalins die
hungen in einem globalisierten Zeital- Türkei, ihre Neutralität aufzugeben und sich
ter. In dieser Hinsicht ist die Türkei, so dem westlichen Bündnis anzugliedern, womit MIGRATION UND
die Kernthese von Faruk Sen, längst in sie unmittelbar zum Adressaten der Contain- WIRTSCHAFTSPARTNERSCHAFT
Europa angekommen. Seit der Ausru- ment-Politik der USA wurde. Für die „Truman-
fung der Türkischen Republik (1923) war Doktrin” spielte die Türkei 1947 eine zentrale In kürzester Zeit wurden die Staaten Westeuro-
Westeuropa ein Modell für Staat und Rolle. Mit ihr wurde der Weg zu massiver Mili- pas zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern
Gesellschaft in der Türkei. Seit Jahrzehn- tär- und Wirtschaftshilfe des Westens geebnet. der Türkei mit Blick auf den internationalen Ka-
ten ist die Türkei durch internationale Am 18. Februar 1952 stimmte das türkische pitalverkehr, den Handel und auch die Migra-
Verträge fest im westlichen Staatensys- Parlament schließlich mit überwältigender tion von Arbeitskräften. Die wirtschaftliche
tem verankert und zu einem der wich- Mehrheit dem Beitritt zur NATO zu. Die Türkei Lage auf dem europäischen Kontinent nach
tigsten Handelspartner der EU gewor- war damit auch außenpolitisch endgültig auf dem Zweiten Weltkrieg begünstigte diese Inte-
den. Als NATO-Mitglied spielt sie eine einem neuen Weg. Nach dem Zweiten Weltkrieg gration: Die meisten Volkswirtschaften West-
bedeutende geopolitische Rolle inmit- wurden also die inneren Europäisierungsbe- europas traten in Aufschwungsphasen, die
ten des Konfliktdreiecks Südosteuropa – mühungen der Türkei durch den Ost-West- nachhaltig und dauerhaft waren. Es kam in den
Naher Osten – Kaukasus. Und nicht zu- Konflikt auch außenpolitisch flankiert. Die Tür- meisten Ländern und insbesondere in der Bun-
letzt die Migration türkischstämmiger kei erhielt, ebenso wie die westeuropäischen desrepublik Deutschland zu einem Arbeitskräf-
Menschen in EU-Länder zeigt, dass die Staaten, amerikanische Unterstützung im Rah- temangel.
Türkei keine außerhalb Europas gele- men des Marshallplans. Diese Gemengelage Der 31. Oktober 1961 kann dabei im histori-
gene Region mehr ist, sondern einen Teil führte zur Konvergenz der türkischen Außen- schen Rückblick als einer der wichtigsten Mei-
Europas darstellt. Ein Tatbestand, den es politik mit der der westeuropäischen Staaten. lensteine in der bisherigen deutsch-türkischen
politisch noch zu gestalten gilt. Red. Die Türkei wurde zum südöstlichen Pfeiler des Geschichte gelten. An diesem Tag wurde das
Westens gegen ein befürchtetes sowjetisches „Abkommen zur Anwerbung türkischer Ar-
Vordringen in den Mittelmeerraum und somit beitskräfte für den deutschen Arbeitsmarkt
zu einem zentralen Faktor in der antisowjeti- zwischen der Türkei und der Bundesrepublik
schen Strategie der Containment-Politik. Deutschland“ unterzeichnet. Die so angewor-
benen ausländischen Arbeiter kamen nicht als
WESTEUROPA WAR SCHON IMMER Gäste, wie die damalige Bezeichnung „Gastar-
EIN MODELL WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT beiter“ vermuten ließ, sondern als billige und
VERSTETIGT POLITISCHEN PROZESS deshalb umworbene Arbeitskräfte.
Im europäischen Einigungsprozess hatten po- Zwar kamen die ersten Türken schon 1957 nach
litische Motive die letztlich entscheidende Darüber hinaus spielte die Türkei eine immer Deutschland, doch setzte eine Wanderung grö-
Bedeutung. Obwohl die wirtschaftliche In- wichtigere Rolle für die Wahrung der Interes- ßeren Umfangs erst nach Unterzeichnung des
tegration bis heute den Kern der europäischen sen des industrialisierten Westens im Nahen Anwerbeabkommens ein. Die Anwerbung und
Einigung bildet, sollte sie im Grunde genom- und Mittleren Osten. Die geographische Lage der später einsetzende Nachzug von Familien-
men immer ein Mittel zum politischen Zweck der Türkei zwischen dem Sowjetblock und dem angehörigen führten in den folgenden Jahren
sein. Nahen Osten war auch zum Nutzen der Ener- zu einer starken Präsenz von Menschen türki-
Im Prinzip gilt dieses Primat der politischen Ei- giesicherheit. scher Herkunft.
nigung auch für die Motivation der Türkei, sich Die türkischen Modernisierungsbemühungen Um die so dringend benötigten Arbeitskräfte in
Europa weiter anzunähern. Schon seit dem waren also von den geo- und sicherheitspoliti- die Industriezentren Westeuropas zu transfe-
Ende des 19. Jahrhunderts und insbesondere schen Konstellationen nach dem Zweiten Welt- rieren, hatte allein die Bundesrepublik zeitweise
nach dem Ersten Weltkrieg und der Ausrufung krieg begünstigt. Die USA wollten eine weit ge- 500 bis 600 Vermittlungsbüros in den Anwer-
der Türkischen Republik im Jahre 1923 fun- hende Eingliederung der Türkei in die westli- beländern eingerichtet.
gierte Westeuropa als Modell für Staat und Ge- chen Institutionen, um den wichtigen Verbün- Die Mitarbeiter der Bundesanstalt für Arbeit
sellschaft der Türkei. Ab 1945 war auch die Au- deten im Ost-West-Konflikt sicher und irrever- warben vor Ort Arbeitskräfte für die heimischen
ßenpolitik stark auf Westeuropa gerichtet. Die sibel auf ihrer Seite zu wissen. Die Türkei gehört Industrien an. Tageszeitungen wie „Hürriyet“
von Kemal Atatürk entwickelte und nach der entsprechend zu den Gründungsmitgliedern berichteten ausführlich über die Lebens-,
Gründung der Republik betriebene Doktrin der des Europarates und der Organisation für Wirt- Arbeits- und Verdienstbedingungen in der
außenpolitischen Neutralität war zunächst die schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Fremde.
Konsequenz der Niederlage des Osmanischen (Organization for Economic Cooperation and Im November 1973 – damals lebten 910.500
Reiches im Ersten Weltkrieg. Sie sollte vor allem Development/OECD) und wurde assoziiertes Türken in der Bundesrepublik – verfügte die
dem Ausgleich in den Beziehungen mit den Mitglied der Westeuropäischen Union (WEU). Bundesregierung einen Anwerbestopp für Aus-
Staaten Westeuropas, die sich zuvor ständig zu Die enge politische Zusammenarbeit mit West- länder, die nicht aus Mitgliedstaaten der Euro-
konkurrierenden Blöcken formiert hatten, die- europa und den USA sollte, zur Verstetigung des päischen Gemeinschaft (EG) kamen. Dieser Be-
nen und damit die Grundlage für gute Bezie- Prozesses, von wirtschaftlicher Zusammenar- schluss resultierte aus der Ölpreisexplosion im
hungen zu allen westeuropäischen Staaten und beit begleitet sein. Vor diesem Hintergrund Herbst 1973 und der sich danach abzeichnen-
zu Russland schaffen. nahm die Türkei ihre Zusammenarbeit mit der den Rezession.

142
Die Türkei ist schon längst ein Teil Europas

DEUTSCHLAND ALS der sicher wichtigste Pfeiler der Zusammenar- Tiflis-Ceyhan-Pipeline, in diesem Jahr aufge-
EINWANDERUNGSLAND beit war, trotz der Integrationsfortschritte auf nommen hat. Auch mit Blick auf Staaten wie
zahlreichen anderen Politikfeldern. Das wich- den Iran, die sich in einem Zustand der perma-
Ziel des Anwerbestopps war es, langfristig die tigste Argument war, dass die Türkei ihre geo- nenten Konfrontation mit dem Westen befin-
Zahl der Ausländer in Deutschland zu verrin- politische Bedeutung mit dem Ende des Ost- den, ist die Türkei ein wichtiger vermittelnder
gern. Dies wurde nicht erreicht. Anders als in West-Gegensatzes verlieren würde. Weiterhin Akteur, ebenso hinsichtlich des religiösen Ex-
den Jahren zuvor, als den Türken die Möglich- wurde argumentiert, dass sowohl die wirt- tremismus und des internationalen Terroris-
keit offen gestanden hatte, nach einer Rückkehr schaftliche als auch die politische Integration mus. Um die Türkei herum befinden sich zahl-
in die Türkei doch wieder nach Deutschland zu- der Türkei in die westlichen Institutionen nur in reiche Konfliktherde, die in den Petersberger
rückzukommen, gab es nun nur noch die Mög- der enormen geostrategischen Bedeutung im Beschlüssen der Westeuropäischen Union als
lichkeit, entweder für immer zurückzukehren Ost-West-Konflikt begründet war. Manche Be- Einsatzgebiete der Europäischen Sicherheits-
oder auf längere Sicht in der Bundesrepublik zu obachter prophezeiten sogar die Verschlech- und Verteidigungspolitik definiert wurden und
bleiben. Viele sind geblieben und holten ihre Fa- terung der türkisch-europäischen und tür- zugleich in der direkten Interessensphäre der
milien nach. Heute leben 2,7 Millionen tür- kisch-transatlantischen Beziehungen. Tatsäch- türkischen Außen- und Sicherheitspolitik lie-
kischstämmige Menschen in Deutschland, in lich kam es aber anders. Die Skeptiker lagen in gen. 13 der insgesamt 16 als potenzielle Krisen-
der Europäischen Union (EU) 3,9 Millionen. Leb- zweierlei Hinsicht falsch: Die geopolitische Be- herde definierten Konflikte befinden sich an der
ten zu Beginn der türkischen Zuwanderung fast deutung der Türkei in der Welt nach dem Kalten Peripherie der EU und in unmittelbarer Nach-
ausschließlich männliche erwerbstätige Mig- Krieg hat nicht abgenommen, und der Prozess barschaft der Türkei. In allen diesen Gebieten
ranten in der Bundesrepublik, sind inzwischen der wirtschaftliche Integration hat eine starke mit der Ausnahme der Konflikte der Türkei mit
nur noch ein Viertel der Türkeistämmigen in Eigendynamik entwickelt, was wiederum die Griechenland haben die Türkei und die EU die
Deutschland als „Gastarbeiter“ gekommen: 53 Notwendigkeit der Vertiefung der politischen gleichen Interessen (vgl. auch den Beitrag von
Prozent wanderten im Zuge der Familienzu- Zusammenarbeit schafft. Mehmet Öcal in diesem Heft).
sammenführung ein und 17 Prozent der er-
wachsenen Türken sind bereits hier geboren.
Der Anteil der Frauen hat sich fast an den der DIE TÜRKEI IM ZENTRUM EINES VERTIEFUNG DER TÜRKISCH-
Männer angeglichen. KONFLIKTDREIECKS EUROPÄISCHEN HANDELSBEZIEHUNGEN

Die geopolitische Bedeutung der Türkei hat sich Die türkisch-europäischen Wirtschaftsbezie-
DEUTSCHE IM EXIL stark gewandelt, ohne aus westlicher Sicht ge- hungen haben sich nach dem Ost-West-Ge-
HINTERLASSEN SPUREN ringer geworden zu sein. Die Türkei liegt inmit- gensatz noch deutlich vertieft. Die Dynamik der
ten des Konfliktdreiecks Südosteuropa - Naher türkisch-europäischen Handelsbeziehungen
Die Gastarbeitermigration ist indessen nicht Osten - Kaukasus. In allen diesen Konfliktregio- nahm insbesondere mit dem Beitritt der Türkei
das einzige denkwürdige Ereignis in der jünge- nen stimmen die türkischen und europäischen zur Zollunion der Europäischen Union (EU) im
ren deutsch-türkischen Geschichte. Die Türkei Interessen im Wesentlichen überein. Darüber Jahre 1996 noch stärker zu. Die ta-
war während der Nazizeit 1933 bis 1945 selbst hinaus spielt die Türkei eine entscheidende rifären Handelshemmnisse gehören damit der
Migrationsziel hunderter Wissenschaftler und Rolle für die europäische und sogar die trans- Vergangenheit an, und die EU ist heute der
Künstler aus Deutschland, die, in ihrer Heimat atlantische Energiesicherheit aufgrund der wichtigste Handelspartner der Türkei, wobei
verfolgt, auf Einladung der türkischen Regie- Transitfunktion für fossile Rohstoffe aus der Deutschland die größte Bedeutung zukommt.
rung an der Modernisierung der Gesellschaft Kaspischen Region. Noch besteht für die Euro- Deutschland stellt auch die größte Zahl der in
mitwirkten. Einige von ihnen blieben auch da- päische Union (EU) der 25 Mitgliedstaaten mit der Türkei investierenden Firmen aus dem Aus-
nach in der Türkei, weil sie dort eine neue Hei- zirka 85 Prozent der Erdöleinfuhren eine starke land. Die Zahl deutscher Tochterfirmen in der
mat gefunden hatten. Diese leisteten durch ihre Abhängigkeit von Russland. Ohne die Kaspische Türkei und deutsch-türkischer Joint Ventures
Beratungs- und Lehrtätigkeiten beispielsweise Region besteht die Gefahr, dass Russland in den ist in den vergangenen Jahren auf über 1.200
bei der Gründung der Universitäten, innerhalb kommenden Jahren eine Monopolstellung auf gestiegen. Die Zahl der türkischen Unterneh-
des Staatsapparates und bei der Städteplanung dem europäischen Erdölmarkt erreicht. Als ein- men in der EU beträgt 91.200. 61.300 dieser Un-
einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der mo- ziges sicheres Transitland für Energie aus dem ternehmen sind in Deutschland - eine beein-
dernen Türkei. Zeitweise waren bis zu 70 Deut- Kaspischen Meer kommt auf absehbare Zeit die druckende Zahl. In diesen Unternehmen sind
sche in Istanbul und Ankara im Hochschulbe- Türkei in Frage, die ihre Funktion als Energiekor- schätzungsweise 500.000 Arbeitnehmer be-
trieb beschäftigt und haben vor allem die Be- ridor mit der Inbetriebnahme der Hauptexport- schäftigt. Im Tourismus der Türkei ist Deutsch-
reiche Medizin (Erich Frank, Rudolf Nissen, Phil- pipeline aus der Kaspischen Region, der Baku- land mit jährlich rund vier Millionen Touristen
lip Schwartz), Rechts- und Wirtschaftswissen- (dies ist ein Viertel aller Touristen in der Türkei)
schaften (Ernst E. Hirsch, Fritz Neumark, Ernst das wichtigste Herkunftsland.
Reuter), Architektur (Gustav Oelsner, Clemens Im Zeitalter der Globalisierung wachsen die
Holzmeister) und Musik (Paul Hindemith, Edu- Türkei und Europa auf allen Ebenen zusammen,
ard Zuckmayer, Ernst Prätorius) dauerhaft ge- UNSER AUTOR politisch, wirtschaftlich, kulturell und mensch-
prägt. Nach der Befreiung Deutschlands pfleg- lich. Wir konzentrieren uns oft nur auf eine ein-
ten sie auch nach ihrer Rückkehr intensiven Prof. Dr. Faruk Sen, zige Frage – nämlich den EU-Beitritt der Türkei
Kontakt zu ihrem ehemaligen Exil. Kurzum: 1948 in Ankara – wenn wir die türkisch-europäische Beziehun-
Deutsche Technologie, deutsche Wissenschaft- geboren, studierte gen analysieren. Natürlich sollte die europäi-
ler, Architekten, Ingenieure und Fachleute ha- in Münster Wirt- sche Integration der Türkei weiter politisch ge-
ben überall in der Türkei ihre Spuren hinterlas- schaftswissen- staltet werden: am besten durch den Beitritt der
sen. schaften und ar- Türkei zur EU. Doch wir dürfen auch nicht ver-
beitete an ver- gessen, dass die türkisch-europäischen Bezie-
schiedenen Mo- hungen schon heute auf einem sehr hohen Ni-
DIE TÜRKEI HAT IHRE GEOPOLITISCHE dellversuchen (Be- veau sind. Das ist die Errungenschaft der letz-
BEDEUTUNG NICHT VERLOREN rufsvorbereitung ten Jahrzehnte.
und soziale Ein-
Die Integration der Türkei in die westliche Welt gliederung junger
hat also zahlreiche Dimensionen. Mit dem Ende Ausländer; Lehrerfortbildung im Übergang
des Ost-West-Gegensatzes war dennoch eine Schule/Beruf) bevor er 1985 das Zentrum
gewisse Skepsis mit Blick auf die Zukunft der für Türkeistudien gründete. Faruk Sen leitet
türkisch-europäischen Beziehungen verbun- die Stiftung Zentrum für Türkeistudien an
den, da die sicherheitspolitische Komponente der Universität Duisburg-Essen.

143
DIE STRATEGISCHE BEDEUTUNG DER TÜRKEI IST GEWACHSEN

Die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei


M EHMET Ö CAL

schen Region entwickelt. Infolge der Terroran- Zusammenarbeit und Entwicklung (Organiza-
schläge vom 11. September 2001 wurde die tion for Economic Cooperation and Develop-
Die Türkei verfügt aufgrund ihrer Lage
strategische Bedeutung des Landes am Bospo- ment/OECD), dem Europarat und – was noch
in dem Krisendreieck Balkan, Kaukasus
rus noch einmal unterstrichen. Durch die ein- wichtiger war – in der Nord-Atlantischen Ver-
und Naher bzw. Mittlerer Osten über ei-
geleiteten innenpolitischen Reformen in den teidigungsallianz NATO (North Atlantic Treaty
nen nicht unerheblichen Einfluss auf die
letzten Jahren verbesserte sich die EU-Perspek- Organization).
Gestaltung der Sicherheitsordnung und
tive des Landes. Die Beitrittsverhandlungen mit Der Beitritt des Landes in die oben genannten
die Dynamik dieses Konfliktdreiecks.
der EU sollen im Oktober 2005 beginnen. Es liegt Institutionen war ein pragmatischer Schritt,
Eine Sicherheitsordnung im Interesse
im Interesse der Europäischen Union (EU), die der durch innen- und außenpolitische Faktoren
Europas kann jedoch ohne die Einbin-
Türkei langfristig und dauerhaft an Europa zu motiviert wurde. Innenpolitisch war Ankara
dung der Türkei nicht realisiert werden.
binden. Die Beschlüsse der EU vom 17. Dezem- entschlossen – auch unter dem Druck der Be-
Die Darstellung einzelner Felder der tür-
ber 2004 in Brüssel haben die Weichen gestellt, völkerung – in eine Mehrparteiendemokratie
kischen Außen- und Sicherheitspolitik
jedoch werden die Verhandlungen ergebnisof- überzugehen, sah sich aber gleichzeitig mit
und die Analyse der strategischen Ak-
fen geführt werden. Die Orientierung nach strukturellen und akuten Problemen konfron-
tionsfelder machen deutlich, dass die
(West)Europa ist seit den Zeiten des türkischen tiert. In Anbetracht dieser Tatsachen bemühten
Türkei aufgrund ihrer geostrategischen
Staatsgründers Atatürk eine der wesentlichen sich die aufeinander folgenden türkischen Re-
Lage ein Stabilität produzierendes und
Hauptmerkmale der türkischen Außenpolitik. gierungen um Hilfen und Investitionen aus dem
garantierendes Land ist. Die Türkei kann
Die bilateralen Beziehungen zu den Nachbar- Ausland. Aufgrund der Konstellation des inter-
diese stabilisierende Rolle allerdings nur
staaten haben sich vor allem unter der Er- nationalen Systems konnte solch eine Unter-
effektiv in türkisch-europäischem Sinne
doğan-Regierung in den letzten Jahren erheb- stützung nur aus den Vereinigten Staaten und
wahrnehmen, wenn sie fest und verläss-
lich verbessert. Im Mittelpunkt der außen- Europa kommen. Sicherheitspolitisch war es die
lich in die europäische Sicherheitsarchi-
und sicherheitspolitischen Interessen der Tür- repressive Politik Stalins1 gegenüber der Türkei,
tektur eingebaut ist. Im Alleingang wird
kei stehen neben dem EU-Beitritt das Verhält- die das Land veranlasste, seine Sicherheitsin-
die Türkei aufgrund fehlender wirt-
nis zu Griechenland, die Zypernfrage sowie die teressen im Rahmen der NATO wahrzunehmen.
schaftlicher und militärischer Ressour-
Schaffung eines Gürtels friedlicher befreunde- Ähnlich wie in anderen europäischen Staaten
cen dazu nicht in der Lage sein. Die
ter Nachbarstaaten unter Wahrung der eigenen flossen Gelder und Waffen aus dem US-ameri-
bisher ambivalente Haltung der Euro-
Interessen in den unmittelbaren Krisenregio- kanischen Marshallplan auch nach Ankara und
päischen Union war für die Suche der
nen, vor allem im Nahen und Mittleren Osten, Athen, damit diese Staaten sich dem Stalin-
Türkei nach ihrer Rolle in Eurasien nicht
in Kaukasien und Zentralasien. schen Druck widersetzen konnten.
gerade förderlich. Im Mittelpunkt der
außen- und sicherheitspolitischen Inte-
ressen der Türkei stehen neben dem
AUSSENPOLITISCHE NEUORIENTIERUNG NATO WIRD TÜRKISCHEN INTERESSEN
EU-Beitritt das Verhältnis zu Griechen-
NACH 1945 NICHT GERECHT
land, die Lösung der Zypernfrage sowie
die Schaffung eines Gürtels friedlicher
Kurz nach der Entstehung der bipolaren Welt Mitte der sechziger und siebziger Jahre konnte
Nachbarstaaten unter Wahrung der ei-
befand sich die Türkei Ende der vierziger Jahre die NATO, deren Strategie wie bereits erwähnt
genen Interessen. Bei langfristig stabi-
in der Konfrontationslinie beider Supermächte, stark eurozentrisch ausgerichtet war, den re-
len innen- und außenpolitischen Ver-
unmittelbar nach dem Koreakrieg wurde das gionalen Interessen der Türkei nicht mehr ge-
hältnissen – so eine der Kernthesen des
Land Teil der westlichen Allianz. Dies fand zu- recht werden. Die Betonung, dass es keine Re-
Beitrags von Mehmet Öcal – wird sich
mindest in Europa anfänglich keine große Be- gionen unterschiedlicher Sicherheit geben
die Türkei zu einer, die politische Ent-
achtung. Denn in der Perzeption des Ost-West- solle, konnte Ankara das Gefühl, eine Region se-
wicklung bestimmenden Regionalmacht
Konfliktes und der aus ihr resultierenden Be- kundärer Bedeutung zu sein, nicht nehmen.
an der Schnittstelle von Europa und
drohung war die Strategie der westlichen Staa- Dennoch waren es vorwiegend wirtschaftliche
Asien entwickeln. Red.
ten von starken eurozentrischen Tendenzen ge- Gründe, die zu verbesserten Beziehungen zur
prägt. Selbst die Aufgaben der NATO-Flanken Sowjetunion und zu den arabisch-islamischen
wurden in Bezug auf den strategischen Raum Staaten führten. Die Öffnung der türkischen
Mitteleuropa formuliert. Jahrzehnte hat das Außenpolitik gegenüber den islamischen Staa-
ordnungs- und machtpolitische Konfliktsyn- ten wurde in der westlichen Welt mit der inne-
GEWACHSENE STRATEGISCHE drom des Ost-West-Antagonismus’ strategi- ren Restauration des Islam in der Türkei ver-
BEDEUTUNG DER TÜRKEI sches Denken beeinflusst. Heute, da sich die knüpft, was zu Spekulationen über die Zuver-
Konfrontation – auch im Zuge der Globalisie- lässigkeit und Stabilität des Partners an der
Der politische, militärische, geostrategische rung – in Kooperation umwandelt, zeigt sich Südostflanke Anlass gab.
und wirtschaftliche Stellenwert der Türkei wird dem globalen Beobachter eine neue strategi-
durch ihr geographisch-heterogenes Umfeld sche Achse.
im Krisendreieck Balkan, Kaukasus und Naher/ Durch die von Mustafa Kemal Atatürk eingelei- SICHERHEITSPOLITISCHE
Mittlerer Osten an der Schnittstelle zwischen teten Reformmaßnahmen kam die Türkei als WIEDERENTDECKUNG DER TÜRKEI
Europa und Asien definiert. Erbe des Osmanischen Staates näher an Europa.
Nach dem Zerfall des Ostblocks ist ihre strate- Der neu entstandene Staat musste sich erst ein- Gegen Ende der siebziger Jahre, mit der irani-
gische Bedeutung noch gewachsen, reichen mal konsolidieren. Die innen- wie außenpoli- schen Revolution, der sowjetischen Aufrüstung
doch ihre Einflussmöglichkeiten auch in den tische Devise Atatürks lautete daher: „Yurtta Syriens und des Iraks, dem iranisch-irakischen
Kaukasus und Zentralasien hinein. Mit Israel ist sulh, cihanda sulh“ – Friede daheim, Friede in Konflikt sowie dem sowjetischen Einmarsch in
die Türkei eine Sicherheitspartnerschaft einge- der Welt. Auch nach Atatürk konnte das Land Afghanistan kam es zur sicherheitspolitischen
gangen. Für die USA ist die Türkei trotz Diffe- während des Zweiten Weltkrieges seine Neu- Wiederentdeckung des Landes am Bosporus.
renzen im Irakkrieg seit langem ein wichtiger tralität wahren. Erst nachdem die Sowjetunion Noch unter der Regierung von Demirel kam es
Partner, auch im Hinblick auf die Nichtverbrei- während des Kalten Krieges für die Türkei eine im März 1980 – sechs Monate später hat das
tung von Massenvernichtungswaffen und die Bedrohung darzustellen begann, brach Ankara türkische Militär am 12. September geputscht
Sicherung der Transportwege für Erdöl und mit der bis dahin mehr oder weniger eingehal- – zu einem geheimen Zusatzabkommen mit den
Erdgas. Die Türkei hat sich zu einem wichtigen tenen Neutralität des Landes. Die Türkei wurde Amerikanern, das diesen einräumte, bestimmte
Transitland für Erdöl und Erdgas aus der Kaspi- Mitglied in der Organisation für Wirtschaftliche türkische Militäreinrichtungen für Operatio-

144
Die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei

nen außerhalb der NATO-Grenzen zu nutzen. schlossen. Ankara gewährt diesen Ländern Mi- trotz knappen Wehretats vorangetrieben. Ge-
Das aus westlicher Sicht äußerst positive Ver- litärhilfe in Form von Ausbildung und Materi- meinsam mit Deutschland und anderen euro-
halten der Türkei während des Kuwait-Konflik- alversorgung. Daneben hat die Türkei in Südos- päischen Staaten wird die Türkei das militäri-
tes hat die Position der Türkei innerhalb der Al- teuropa und am Schwarzen Meer erfolgreiche sche Transportflugzeug Airbus A400M mit ent-
lianz deutlich angehoben. Initiativen einer multilateralen Kooperation wickeln und nutzen. Des Weiteren gibt es Mi-
lanciert. Da das Land seit Ende der neunziger litärkooperationen mit Israel hinsichtlich der
Jahre von Wirtschaftskrisen heimgesucht Modernisierung bestehender Waffensysteme.
ALLIANZGEBUNDENE UND wurde, trifft andererseits der Zwang zu sparen Ankara ist an der Entwicklung des US-amerika-
REGIONALE POLITIK die Rüstungsbeschaffung härter als das neue nischen Kampfflugzeugs der neuen Generation
Geflecht der bi- und multilateralen Abkommen. (Joint Strike Fighter) mit beteiligt.
Auf der anderen Seite unterscheidet Ankara Deshalb unterliegen die Modernisierungsmaß-
streng zwischen allianzgebundener und regio- nahmen und Rüstungsprojekte der türkischen
naler Politik. So nahm Turgut Özal von einem Armee einer permanenten Anpassung. Dem- VERTRÄGE WAHREN DIE STABILITÄT
Wasserembargo gegen den Irak Abstand, ob- nach sollen einige Projekte wie der Bau von DER REGION
wohl Washington eine diesbezügliche Bitte Kampfhubschraubern ganz gestrichen oder die
vortrug. Ein anderes Beispiel ist das türkische großen und NATO-relevanten Projekte zeitlich Wesentlich geringer ist das Sparpotenzial
Vorgehen gegen die militante PKK (Partiya Kar- gestreckt werden. Trotzdem steht die türkische gleichwohl bei den militärpolitischen Abkom-
keren Kurdistan/Arbeiterpartei Kurdistans) im Armee am Beginn eines Reformprozesses hin men. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten
Norden Iraks. Seit August 1991 flogen türkische zu kleineren modernen, flexibel einsetzbaren werden die türkischen Streitkräfte auf dem Bal-
Kampfjets immer wieder Kampfeinsätze gegen Streitkräften. Diese Anstrengungen werden kan aufgrund der bestehenden Spannungen
die PKK, die aus ihren nordirakischen Stellun-
gen operierten und heute noch von dort aus
operieren. Die westliche Welt und vor allem
Deutschland reagierte mit heftiger Kritik. Es
wurde von der Verletzung gemeinsamer Werte
gesprochen. Aus türkischer Sicht war dies eine
ausschließlich nationale Angelegenheit, abge-
sichert durch ein bilaterales Abkommen mit
dem Irak, das die Verfolgung terroristischer
Gruppen über die Grenzen erlaubte. Das Behar-
ren auf die Wahrnehmung eigener nationaler
Interessen sowie der Anspruch auf innen- und
außenpolitische Autonomie wurde von Ankara
in alle Richtungen demonstriert, was dazu
führte, dass das Land sich auch innerhalb der
Organisation der Islamischen Konferenz (OIK)
Beschlüssen widersetzte, die konträr zu seinen
Interessen verliefen. Der Zusammenbruch des
Warschauer Paktes veranlasste die Türkei zur
Änderung ihrer Sicherheits- und Verteidi-
gungspolitik, die sie bis dato beharrlich fortge-
führt hatte.

SICHERHEITSPOLITIK IM
UNSICHEREN UMFELD

Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges begann


die Türkei bilaterale Abkommen unterschiedli-
cher Art mit seinen mittelbaren Nachbarstaa-
ten abzuschließen. Am intensivsten ist seither
die umfangreiche Kooperation mit Israel, die
durch wirtschaftliche, geheimdienstliche, mili-
tärische und rüstungspolitische Zusammenar-
beit und Abkommen untermauert wurde. Um
ihr regionales Umfeld bilateral zu konsolidie-
ren, hat die Türkei weitere bilaterale militärpo-
litische Verträge mit Jordanien, Bulgarien, Ru-
mänien, Moldawien, Georgien, Aserbaidschan
und mit einigen Staaten am Persischen Golf
sowie mit zentralasiatischen Ländern abge-

STRATEGISCHE PARTNERSCHAFT ADE? ANLÄSSLICH IHRES


BESUCHS IM FEBRUAR 2005 BETONT CONDOLEEZA RICE
IN ANKARA IHR INTERESSE AN DER BESEITIGUNG DER AT-
MOSPHÄRISCHEN STÖRUNGEN, DIE IM GEFOLGE DES
IRAKKRIEGES ZWISCHEN DER TÜRKEI UND DEN USA
AUFTRATEN. IM HINTERGRUND DAS PORTRÄT VON
ATATÜRK, DEM GRÜNDER DER TÜRKISCHEN REPUBLIK.
picture alliance / dpa

145
MEHMET ÖCAL

kaum Abstriche vornehmen, weil die bi- und SCHWIERIGE BEITRITTSVERHANDLUNGEN VERHANDLUNGEN SOLLEN DEN BESON-
multilateralen Verträge zur militärischen Zu- MIT DER EU DERHEITEN RECHNUNG TRAGEN
sammenarbeit in erster Linie dem Zweck dienen,
die Stabilität in der Region zu wahren. So initi- Vor dem Hintergrund der gescheiterten Finanz- Trotzdem käme dies einer indirekten Anerken-
ierte die Türkei 1998 den Aufbau eines multina- reform und der Referenden zur EU-Verfassung nung der Inselgriechen durch Ankara gleich.
tionalen Friedenskorps für Südosteuropa. Die in Frankreich und den Niederlanden ist jüngst Der Europäische Rat vom 17. Dezember 2004
Brigade war innerhalb von zwei Jahren einsatz- wieder einmal der Streit um die Erweiterung der stellte fest, dass der Verhandlungsrahmen den
bereit, und 2001 fand die erste Truppenübung Europäischen Union um das Land am Bosporus Erfahrungen aus der letzten Erweiterungs-
statt. Die Soldaten sollen auf friedensstiftende entfacht. Um die „Signale der Wähler zur Tür- runde Rechnung tragen und die Besonderhei-
Einsätze im Balkan vorbereitet werden. Wenn kei“ zu beachten, müsse die Union nach Mei- ten des jeweiligen Beitrittskandidaten berück-
auch die Initiative militärisch betrachtet nicht nung des Kommissionspräsidenten Barroso sichtigen soll. Mit Blick auf die Türkei hat dieser
als bedeutungsvoll eingestuft werden kann, tritt eine „offene Debatte über die Türkei“ führen. dabei einige Eckpunkte formuliert, die unter an-
hier zunächst die politische Symbolik in den Vor- Dabei sollte es auch um die Frage gehen, ob das derem die Aufstellung von „benchmarks“ für die
dergrund. Mitgliedsländer sind neben der Tür- Land tatsächlich Vollmitglied werden könne.2 Öffnung und Schließung von Verhandlungska-
kei, Griechenland, Bulgarien und Albanien. Der Im Luxemburger Gipfel von 1997 verweigerte piteln sowie die Möglichkeit von Ausnahmere-
Planungsstab ist wie die Brigade selbst multila- die EU der Türkei den Status eines Beitrittskan- gelungen und dauerhaften Schutzklauseln in
teral und auch der Sitz des Oberkommandos ro- didaten und löste damit eine Eiszeit in den bi- den Bereichen Freizügigkeit sowie Agrar- und
tiert. Es war wiederum die Türkei, welche die Ko- lateralen Beziehungen mit Ankara aus. Erst der Strukturpolitik umfassen. Erstmals in der Bei-
operation der Seestreitkräfte aller Schwarzmee- Europäische Rat von Helsinki im Dezember trittsgeschichte der EU wird ausdrücklich da-
ranrainer für friedensstiftende Maßnahmen 1999 verlieh dem Land am Bosporus diesen Sta- rauf hingewiesen, dass die Verhandlungen in-
und Umweltschutzeinsätze angeregt hatte. tus. Mit der Entscheidung des Europäischen Ra- soweit offen sind, als ein erfolgreicher Ausgang
Ähnlich wie das Friedenskorps für Südosteuro- tes von Kopenhagen im Dezember 2002 sollte nicht im Vorhinein garantiert werden kann. Au-
pa übersteigt beim Oberkommando Schwarzes die EU auf der Grundlage eines Berichts und ei- ßerdem wird unterstrichen, dass Brüssel die
Meer (BLACKSEAFOR/Black Sea Naval Coopera- ner Empfehlung der Europäischen Kommission Verhandlungen mit Ankara jederzeit aussetzen
tion Task Group) die politische Bedeutung die gegen Ende 2004 über den Beginn von Beitritts- kann, sollte der türkische Reformprozess ge-
militärische. Gemeinsame Übungen finden bis verhandlungen mit der Türkei erwägen. Das stoppt oder gar rückgängig gemacht werden.4
zu zweimal im Jahr statt. Das Oberkommando Land musste sich dabei an den gleichen Krite- Diese eingebauten so genannten Bremsmecha-
soll wie bei dem Friedenskorps auf dem Balkan rien messen lassen, die für alle potenziellen Bei- nismen der EU in das Beschlusswerk vom 17.
rotieren. Der türkische Vorschlag der Einrich- trittsländer gültig sind: Beitrittsverhandlungen Dezember 2004 haben zwei Aufgaben: einer-
tung einer ähnlichen multilateralen Friedens- werden erst aufgenommen, wenn Ankara die so seits die Reformbemühungen der Türkei zu
truppe nach dem Vorbild Südosteuropas schei- genannten „politischen Kriterien von Kopenha- würdigen und ihr damit eine annehmbare Aus-
terte indes am Widerstand Russlands. gen“ erfüllt. Dies sind unter anderem institutio-
nelle Stabilität als Garantie für demokratische
und rechtsstaatliche Ordnung, Wahrung der
VERLÄSSLICHER VERBÜNDETER Menschenrechte sowie Achtung und Schutz
DES WESTENS von Minderheiten. Auf der Grundlage des Fort-
schrittsberichts der EU-Kommission vom 6.
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in Oktober 2004 und ihrer Empfehlung stellte der
den USA und vom November 2003 in Istanbul Europäische Rat fest, „dass die Türkei die poli-
haben die Türkei dazu veranlasst, ihre Rolle im tischen Kriterien von Kopenhagen für die Eröff-
internationalen Umfeld neu zu bewerten bzw. nung von Beitrittsverhandlungen hinreichend
zu definieren. Das Land am Bosporus sieht sein erfüllt"3, sofern sie konkret benannte Gesetze in
außenpolitisches Gewicht als verlässlicher Ver- Kraft setzt. Dies wurde von Ankara erfüllt. Des
bündeter des Westens (NATO - EU - USA) und Weiteren entschied der Europäische Rat, mit
als einzige westliche Demokratie in der islami- der Türkei am 3. Oktober 2005 Beitrittsverhand-
schen Welt beträchtlich erhöht. Die Türkei ist lungen aufzunehmen. Mit Beschluss des Asso-
der einzige NATO-Partner mit überwiegend ziationsrates EG-Türkei vom Dezember 1995
muslimischer Bevölkerung. Die Westintegra- wurde auf der Grundlage des Assoziationsab-
tion steht nach wie vor im Mittelpunkt des tür- kommens mit der Türkei eine Zollunion begrün-
kischen sicherheitspolitischen Interesses sowie det. Das Land unterzeichnete Ende Juli 2005
das Verhältnis zu Griechenland und die Auf- das Anpassungsprotokoll zum Ankara-Abkom-
rechterhaltung ihrer nationalen Interessen in men, mit dem der Geltungsbereich der Zoll-
den benachbarten Regionen. Im Rahmen der union auf die neuen EU-Mitgliedstaaten ein-
NATO, EU und der Vereinten Nationen leistet das schließlich der Republik Zypern ausgedehnt
Land am Bosporus bei Auslandseinsätzen sub- wird. Die Unterzeichnung dieses Anpassungs-
stanzielle Unterstützung bei Krisenprävention protokolls bedeutet aus türkischer Sicht jedoch
und Krisenmanagement auf dem Balkan, in Af- nicht die Anerkennung der Republik Zypern.
ghanistan und anderswo.
Die Lage der Türkei in diesem traditionell kon-
fliktträchtigen Umfeld führt vor allem nach
dem Irakkrieg der USA und damit einhergehen-
den Spannungen im Nordirak zu einem erhöh-
ten Sicherheitsbedürfnis des Landes. Militä-
risch betrachtet fühlt sich das Land zwar nicht
unmittelbar bedroht, sieht jedoch beträchtliche
sicherheitspolitische Risiken jenseits seiner
Grenzen, die auf das eigene Territorium über- BEFÜRWORTER DES BEITRITTS BEREITEN DEM TÜRKISCHEN
greifen könnten. Dazu zählen nationale, ethni- PREMIERMINISTER RECEP TAYYIP ERDOĞAN EINEN
sche und religiöse Konflikte zwischen und in- BEGEISTERTEN EMPFANG NACH SEINER RÜCKKEHR VOM
nerhalb der Nachbarstaaten der Türkei – wie BRÜSSELER GIPFEL, AUF DEM DER BEGINN DER BEI-
zum Beispiel in Abchasien, Berg-Karabach, Ko- TRITTSVERHANDLUNGEN AUF OKTOBER 2005 DATIERT
sovo, Tschetschenien und Irak –, sowie Terroris- WURDE. DER BEITRITT DER TÜRKEI ZUR EU IST EINE BEI-
mus und organisierte Kriminalität. DERSEITIGE HERAUSFORDERUNG. picture alliance / dpa

146
Die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei

sicht für die Verhandlungen zu eröffnen, ande- ändern. Das Land erlebt gegenwärtig einen ra- unterstützt seit langem die UN-Friedensmaß-
rerseits kontroversen Meinungen der Mitglied- dikalen Wandel, der auch eine rasche Entwick- nahmen. Ankara beteiligt sich an sieben UN-
staaten hinsichtlich eines Beitritts der Türkei in lung der Mentalität einschließt. Die Fortset- Friedensmaßnahmen, darunter im Kosovo und
die EU Rechnung zu tragen. zung des derzeitigen Transformationsprozes- in Afghanistan, sowie an den NATO-Missionen
ses liegt im Interesse aller. KFOR (Kosovo Force), SFOR (Stabilisation Force)
und Afghanistan.
DER BEITRITT IST EINE BEIDERSEITIGE Insgesamt hat die Türkei ihre Außenpolitik wei-
HERAUSFORDERUNG DIE TÜRKEI UND DIE ESVP ter in großem Umfang an der der Europäischen
Union ausgerichtet und baut die für die Kom-
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Im Rahmen ihrer intensiven Bemühungen für patibilität notwendigen Verwaltungsstruktu-
die Beziehungen zur EU – trotz sporadischer die Vollmitgliedschaft in der Europäischen ren aus, damit ihre nationale Außen- und Si-
Differenzen – für Ankara die Hauptkoopera- Union unterstützt die Türkei die Ziele zur Stär- cherheitspolitik und Vorgehensweise den ge-
tionsachse hinsichtlich der türkischen Sicher- kung der Europäischen Sicherheits- und Vertei- meinsamen Standpunkten der EU entspricht.
heit und der wirtschaftlichen Stabilität bilden. digungspolitik (ESVP). Hinsichtlich der Gemein-
Der Beitritt der Türkei würde sich sicherlich von samen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP)
früheren EU-Erweiterungen durch die kombi- der EU kooperiert das Land mit der EU, ohne da- DER BALKAN: DAS OSMANISCHE ERBE
nierten Auswirkungen von Bevölkerung, Größe bei die eigenen Sicherheitsinteressen aus den
und geographischer Lage, des wirtschaftlichen, Augen zu verlieren. Seit Beginn des Jahres 2003 Als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches
sicherheitspolitischen und militärischen Po- und vor allem infolge des Abschlusses der Ber- hat sich die Türkei im Rahmen ihrer Strategie
tenzials der Türkei sowie ihrer kulturellen und lin-Plus-Vereinbarung über die Zusammenar- der Verwestlichung auch zum Balkan und zum
religiösen Merkmale unterscheiden. Es ist eine beit zwischen EU und NATO beim Krisenma- Mittelmeer zugehörig verstanden. Die Balkan-
Herausforderung für beide Parteien. Die Türkei nagement hat das Land am Bosporus intensi- region spielt aufgrund der historischen, demo-
wäre ein wichtiges Beispiel für ein Land mit ves Interesse an der Entwicklung der ESVP und graphischen, strategischen und geokulturellen
mehrheitlich muslimischer Bevölkerung, das der ESVP-Krisenmaßnahmen insbesondere auf Dimensionen in der türkischen Außen- und Si-
sich Grundsätze wie Freiheit, Demokratie, Ach- dem Balkan gezeigt. Die Türkei hat Sicherheits- cherheitspolitik eine Schlüsselrolle.
tung der Menschenrechte und Grundfreiheiten kräfte für die beiden EU-Polizeimissionen in Auch eine wirtschaftliche Komponente hat der
sowie Rechtsstaatlichkeit zu eigen macht. Un- Bosnien und Herzegowina und in der ehemali- Balkan für die Türkei. Die Region dient als Ver-
abhängig von der Frage allerdings, ob und wann gen jugoslawischen Republik Mazedonien ab- bindungsweg für die türkischen Exportgüter in
die Türkei am Ende der Beitrittsverhandlungen gestellt. Sie verfügt über ein enormes Erfah- die westeuropäischen Staaten. Mehr als die
EU-Mitglied wird, scheint eines sicher zu sein: rungspotenzial für die Beteiligung an interna- Hälfte der türkischen Exporte läuft über den
dieser lange Prozess wird die Türkei positiv ver- tionalen friedenserhaltenden Maßnahmen und Balkan nach Westeuropa. Dass diese Routen
nicht durch ethnisch-religiöse und politische
Streitigkeiten und Kriege unterbrochen werden
dürfen, ist für Ankara von großer Wichtigkeit.
Auch die Verkehrsverbindung für mehr als drei
Millionen in Westeuropa lebende Diaspora-
Türken nach Anatolien würde durch eine Insta-
bilität auf dem Balkan gefährdet werden. Das
thrakische Gebiet der Türkei befindet sich prak-
tisch auf dem Balkan und es ist für die Verteidi-
gung sowohl der Millionenmetropole Istanbul
als auch für die beiden Meerengen von immen-
ser sicherheitspolitischer Bedeutung. Im Falle
eines eventuellen Angriffs aus dem Balkan bie-
tet Thrakien allerdings keine ausreichende „Ver-
teidigungstiefe“ und hat deshalb bei den türki-
schen Militärs als ein „Gebiet strategischer Ver-
teidigung“ oberste Priorität. So befindet sich die
modern aufgerüstete 1. Armee der türkischen
Streitkräfte in Westanatolien und Thrakien.
Schließlich hat die Türkei auch einen kulturel-
len Bezug zum Balkan. Nach dem Zurückdrän-
gen des Osmanischen Reiches aus weiten Tei-
len dieser Region blieben noch viele Türken und
Muslime trotz schwieriger politischer und wirt-
schaftlicher Lage und periodischer Unterdrü-
ckung in ihren angestammten Heimatgebieten.
Deshalb verfolgt die Türkei als Anrainerstaat
und aufgrund der historischen Verbundenheit
mit den Minderheiten (Türken, Muslime) die
Entwicklung in der Krisenregion Balkan mit
großem Interesse.

INITIATIVEN UND KOOPERATIONEN


AUF DEM BALKAN

Die Türkei ist in dieser Region ein wichtiger Ak-


teur bei der Förderung von Stabilität und Si-
cherheit und hat in diesem Kontext zahlreiche
Initiativen ergriffen. Die türkischen Streitkräfte
übernahmen im Juli 2003 für zwei Jahre das
Kommando der Friedenstruppen in Südosteu-

147
MEHMET ÖCAL

ropa. Die Türkei beteiligt sich aktiv an regiona-


len Foren der Zusammenarbeit. Sie spielte eine
führende Rolle bei der Einleitung größerer Ini-
tiativen wie dem Südosteuropäischen Koope-
rationsprozess (South-East European Coopera-
tion Process/SEECP) und der Multinationalen
Friedenstruppe für Südosteuropa (Multinatio- ERSTMALS SEIT 29
nal Peacekeeping Force South-East Euro- JAHREN HABEN DIE
pean/MPFSEE) und der Süd-Ost-Europäischen TÜRKISCH-ZYPRISCHEN
Brigade (South-East European Brigade/SEE- BEHÖRDEN AM 28. APRIL
BRIG). Außerdem unterstützt sie die Bemühun- 2003 IHREN BÜRGE-
gen des Stabilitätspakts für Südosteuropa und RINNEN UND BÜRGERN
der Südosteuropäischen Kooperationsinitia- ERLAUBT, IN DEN GRIE-
tive (South-East European Cooperation Initia- CHISCHEN SÜDEN DER
tive/SECI). Ankara fördert die Zusammenarbeit GETEILTEN INSEL ZU
im Gebiet des Schwarzen Meeres, unter ande- REISEN. GLEICHZEITIG
rem im Rahmen des Schwarzmeerkoopera- WURDE DIE EINREISE VON
tionsrats und des im November in Kraft getre- GRIECHISCHEN ZYPRERN
tene BLACKSEAFOR-Abkommens. Die Türkei IN DEN NORDEN DER
hat viele Flüchtlinge der Balkankriege aufge- INSEL ERLAUBT. DAS
nommen. In Bosnien-Herzegowina, im Kosovo BILD ZEIGT DEN GRENZÜ-
und in Mazedonien war bzw. ist die Türkei im BERGANG IN NIKOSIA,
Rahmen der NATO bzw. der EU-Präsenz mit EINE BIS AUF WEITERES
Truppen aktiv. Die Türkei fordert die türkischen GETEILTE HAUPTSTADT.
und muslimischen Minderheiten des Balkans picture alliance / dpa
auf, sich zu ihrer Sprache und Kultur zu beken-
nen und betreibt eine aktive Außenpolitik in
dieser Region.

VERBESSERTE BEZIEHUNGEN
ZU GRIECHENLAND

Die geschichtlich in tiefgreifende Interessen-


gegensätze verstrickten Staaten haben ihre bi-
lateralen Beziehungen nach der Öcalan-Krise
Ende 1998 sichtbar entspannen können. Grund ZYPERN: GESCHEITERTE Sollte es zu einer weiteren Versöhnung zwischen
dafür waren die Erdbeben von 1999 in der Tür- WIEDERVEREINIGUNG den Nachbarländern Griechenland und der Tür-
kei und in Griechenland, die ein Solidaritätsge- kei kommen, wird sie sicherlich positive Auswir-
fühl in der Bevölkerung beider Staaten weckten Zypern ist und bleibt ein Zankapfel auf dem Weg kungen auf diese Insel von der doppelten Größe
und bilaterale Verhandlungen und Abkommen der Türkei in die EU. Mit dem Referendum über Mallorcas haben. Der positive Ausgang des Re-
möglich machten. Bisher wurden rund 25 bila- den 9.000 Seiten umfassenden Annan-Plan ferendums für die Inseltürken war in Wirklichkeit
terale Abkommen in den Bereichen Handel, sollte die Teilung Zyperns noch vor dem EU-Bei- ein großer innen- und außenpolitischer Erfolg
Umwelt, Kultur, Energie und Sicherheit ge- tritt des griechischen Teils der Insel am 1. Mai des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdo-
schlossen. Der türkische Ministerpräsident Er- 2004 überwunden werden. Das Ergebnis ent- ğan, der sich gegen den Widerstand seiner Wider-
dogan stattete Griechenland im Mai 2004 den täuschte nicht nur in Brüssel: 76 Prozent der sacher, vor allem in der türkischen Armee und in
ersten offiziellen Besuch eines türkischen Mi- griechischen Zyprioten stimmten mit Nein. Bei nationalistischen Kreisen, durchsetzen konnte.
nisterpräsidenten seit 16 Jahren ab. Auch der den türkischen Zyprioten dagegen gab es, rech- Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im türki-
griechische Ministerpräsident Karamanlis be- net man die Stimmen der türkischen Siedler aus schen Teil der Insel konnte sich der ehemalige Mi-
suchte die Türkei mehrmals. Griechenland hat dem Votum heraus, 75 Prozent Ja-Stimmen. nisterpräsident Talat gegenüber dem unnachgie-
sich zu den vehementen Unterstützern der tür- Darin drückte sich die Hoffnung auf eine ge- bigen langjährigen Präsidenten Denktas durch-
kischen EU-Kandidatur gemausert. Ankara und meinsame Zukunft aus, die durch das „Ochi“, setzen. In der Zypernfrage setzt sich die Türkei
Athen haben auch bei den sicherheitstechni- also Nein, der Inselgriechen auf absehbare Zeit weiterhin für eine Lösung auf der Basis des An-
schen und logistischen Vorbereitungen für die blockiert wird. Deren Nein resultiert dagegen nan-Plans ein. Eine Anerkennung der Republik
Olympischen Spiele 2004 in Athen zusammen- aus einer Unsicherheit, die von der Regierung Zypern ohne vorherige Lösung der Zypernfrage
gearbeitet. Als Geste guten Willens annullierte Papadopoulos systematisch verstärkt und aus- lehnt die türkische Regierung grundsätzlich ab.
die Türkei wegen den Olympischen Spielen im genutzt wurde. Sie setzt sich im internationalen Rahmen für eine
Nachbarland einseitig alle für den Sommer Seit dem 1. Mai 2004 ist die Republik Zypern EU- Aufhebung der Isolation der türkisch-zyprischen
2004 geplanten Militärmanöver in der Ägäis. Vollmitglied, bleibt aber weiterhin faktisch in Bevölkerungsgruppe ein. Ankara konnte viele
Trotz dieser positiven Entwicklungen bleiben zwei Teile geteilt. UN-Friedenstruppen kontrol- Mitgliedsländer der Organisation der Konferenz
allerdings schwierige Fragen weiterhin unge- lieren die Pufferzone zwischen dem Norden Islamischer Staaten (OIK) von ihrem Standpunkt
löst: vor allem die Territorialkonflikte in der und dem Süden, die ein militärisches Sperrge- überzeugen. Sie bedauert, dass entsprechende
Ägäis. Hierzu gab es bisher 29 „Sondierungsge- biet und zudem teilweise vermint ist. Ankündigungen insbesondere seitens der EU bis-
spräche“ hochrangiger Diplomaten aus beiden Doch auch wenn die Vereinigung Zyperns zu- her ohne konkretes Ergebnis geblieben sind. Der
Ländern mit bisher kaum erkennbarem Durch- nächst gescheitert ist, die vor allem durch Grie- Streit um die geteilte Insel bleibt weiterhin ein
bruch. Die Lage in Zypern ist auch für die tür- chenland und die Türkei in Gang gebrachte An- Zankapfel zwischen Ankara, Athen und Brüssel.
kisch-griechischen Beziehungen von großer näherung beider Inselteile lässt sich nicht mehr
Bedeutung. Trotz des unglücklichen Ausganges aufhalten. Trotz der erleichterten Einreise in
der Referenden auf Zypern vom April 2004 den Norden bleibt allerdings die innerzyprische NEUE AUSSENPOLITIK IM NAHEN
sind die Regierungen beider Länder fest ent- Trennungslinie, die seit Anfang Mai 2004 EU- UND MITTLEREN OSTEN
schlossen, die Bemühungen um Entkrampfung Außengrenze ist, scharf bewacht. Nikosia bleibt
und Verbesserung der Beziehungen fortzu- deshalb bis auf weiteres die einzige geteilte Die türkische Politik gegenüber der arabischen
setzen. Hauptstadt Europas. Welt ist seit Bestehen der Republik von Wider-

148
Die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei

sprüchen gekennzeichnet. Die Türkei entstand ZANKAPFEL (NORD)-IRAK der syrisch-türkischen Beziehungen besuchte
auf den Fundamenten eines Vielvölkerstaates, der syrische Generalstabschef seinen türki-
und ihrer Gründung als türkischer National- Im Vorfeld des Krieges besuchte der türkische schen Amtskollegen in der Türkei. Es wurden Ab-
staat ging der Verlust auch der arabischen Ge- Außenminister Gül die wichtigsten arabischen kommen zur militärischen Ausbildung und Ko-
biete des Osmanischen Reiches voraus. Eine Staaten und Institutionen sowie den Iran, um operation unterzeichnet. Dieses Militärabkom-
ausschließlich an europäische Interessen ge- ein gemeinsames Vorgehen zu koordinieren men betrifft jedoch einen hochsensiblen Be-
bundene türkische Außenpolitik bis Mitte der und die Amerikaner davon abzuhalten, den Irak reich, da die Türkei auch mit Israel auf militäri-
sechziger Jahre paralysierte die natürliche Rolle anzugreifen. Letztlich scheiterten all diese Be- schem Gebiet zusammenarbeitet. Eine gemein-
der Türkei in ihrer eigenen Region. Im Algerien- mühungen Ankaras. Vorrangiges Ziel der Türkei same Kommission beschäftigt sich gegenwär-
krieg unterstützte die Türkei Frankreich. Wäh- ist es, die Entstehung eines unabhängigen Kur- tig mit der Ausarbeitung einer „Declaration of
rend der Suezkrise nahm Ankara Partei für den denstaats im Nordirak zu verhindern und die Principles“, die später in das „Statement of Co-
Westen. Nach der Enttäuschung über die Zy- sich in den Bergen verschanzte Terrorgruppe operation“ zwischen zwei Staaten umbenannt
pernpolitik des Westens vollzog Ankara 1964 PKK bzw. Kongra-Gel (Kurdischer Volkskon- wurde. Im Anschluss an den ersten offiziellen
eine Revision seiner Außenpolitik, und die In- gress) zu zerschlagen. Ankara unterhält ambi- Besuch eines syrischen Präsidenten in der Tür-
tensivierung der Beziehungen zur arabischen valente Beziehungen zu den im Nordirak ope- kei seit 50 Jahren wurde eine stetige Verbesse-
Welt war die Folge. Allerdings hinterließ die Tür- rierenden Kurdenfraktionen der Patriotischen rung in den Beziehungen zu Syrien festgestellt.
kei auf der internationalen Ebene den Eindruck, Union Kurdistans (PUK), deren Führer Dschalal Dies führte zum Abschluss verschiedener Ab-
dass diese Beziehungen in Zusammenhang mit Talabani der erste Staatspräsident im Post-Sad- kommen in den Bereichen Wirtschaft, Handel,
Kontakten zum Westen und anderen interna- dam-Irak geworden ist, und der Kurdischen De- Fremdenverkehr, Luftfahrt und Seeverkehr. Mit
tionalen Akteuren eher komplementären Cha- mokratischen Partei (KDP) der Barzani-Dynas- dem Gegenbesuch des türkischen Ministerprä-
rakter haben. Deshalb war das türkische Verhält- tie. Die Türkei hat von Beginn an vor den Folgen sidenten Erdoğan in Damaskus 2005 intensi-
nis zur arabisch-islamischen Welt als ein „reak- eines amerikanischen Militärschlages gegen vierten sich die bilateralen Beziehungen zuse-
tives Nebenprodukt“ der türkischen EU-Politik den Irak gewarnt und besteht nach wie vor auf hends.
und den Beziehungen zu den USA zu betrach- Bewahrung seiner territorialen Integrität, einer
ten. Mit diesem Verhaltensmuster verlor Ankara starken Zentralregierung in Bagdad, der zen-
einerseits im Orient an Glaubwürdigkeit, anderer- tralen Verwaltung der Erdölressourcen sowie IRAN: KOOPERATION UND RIVALITÄT
seits konnte das Land im Westen nicht den not- einer angemessenen Berücksichtigung der In-
wendigen Nachdruck für seine Ziele erzeugen. teressen der turkmenischen Minderheit. Man Die historischen Beziehungen beider Staaten
glaubt in Ankara, dass die Eingliederung der waren schon immer antagonistischer Natur.
Stadt Kirkuk in die kurdische Autonomie im Während die Osmanen als Schutzherren der
BALANCEAKT DER TÜRKISCHEN Nordirak die wirtschaftliche Lebensfähigkeit muslimischen Sunniten auftraten, standen ih-
AUSSENPOLITIK eines zukünftig unabhängigen Kurdistans stär- nen die Perser als Protagonisten der Schiiten ge-
ken und somit die Unterstützung westlicher genüber. Nichtsdestoweniger wurden die Be-
Die als islamisch-konservative geltende AK- Regierungen nach sich ziehen könnte. ziehungen jeweils von den innenpolitischen
Partei (Gerechtigkeits- und Entwicklungspar- Diese türkische Position gilt unverändert auch Konfliktfeldern und Orientierungen in beiden
tei/AKP) versucht, realistische Kooperations- nach den irakischen Wahlen vom 30. Januar Staaten bestimmt. Trotz solcher Irritationen
möglichkeiten und Aktionsfelder mit den ara- 2005. Die türkische Regierung gab im Novem- weisen die Beziehungen beider Staaten aber ei-
bisch-islamischen Organisationen wie der ber 2004 ihren Beschluss bekannt, keine Trup- nen relativ hohen Konvergenzgrad auf, denn
Arabischen Liga, der Organisation der Islami- pen in den Irak zu entsenden. Die Türkei verfolgt trotz tiefsitzender Abneigung der politischen
schen Konferenz (OIK) und Economic Coope- die Ereignisse im Irak sehr genau und spielt eine Eliten gegeneinander gibt es doch den Zwang
ration Organization (ECO) oder mit der von wichtige Rolle als wichtigster Stützpunkt für zu einer pragmatischen Zusammenarbeit. Diese
Ankara initiierten D-8 (Developing 8 Coun- die humanitäre Hilfe der internationalen Ge- wird vor allem durch die gemeinsame Phobie
tries) auszuloten. Die Dualität der türkischen meinschaft für den Irak, entfaltet jedoch auch vor einem Kurdenstaat bestimmt, auch wenn
Außenpolitik wird auch die Regierung Erdoğan diplomatische Bemühungen auf multilateraler die Türkei den Iran gleichfalls zu den Unterstüt-
fortsetzen. Auch er versucht einen außenpoli- Ebene für die Stabilisierung des Landes, wie ihre zern der PKK/Kongra-Gel zählt. Die bilateralen
tischen Balanceakt zwischen den Beziehungen Initiativen zur Veranstaltung von Zusammen- Beziehungen zum Iran entwickelten sich in den
zur arabischen Welt einerseits und zu Israel künften der Nachbarländer des Irak zeigen. Im letzten Jahren gut, auch hinsichtlich der Zu-
und den USA oder generell zum Westen ande- Juli 2004 zog die Türkei ihre militärischen Be- sammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung.
rerseits zu halten. Mehr denn je versteht sich obachter aus dem Nordirak ab, die dort seit 1997 Die Besuche mehrerer Minister im Iran sowie der
das Land am Bosporus als eine Brücke zwi- stationiert waren. Nach der neuen Sicherheits- Besuch des türkischen Ministerpräsidenten in
schen Ost und West, zwischen Orient und Ok- doktrin der Türkei würde ein unabhängiger kur- Teheran im Juli 2004 dienten der Förderung der
zident. Nicht zufällig war es die Türkei, die die discher Staat keinen „casus belli“ nach sich zie- bilateralen Zusammenarbeit in Wirtschaft, Ver-
Staaten der EU mit den Staaten der Organisa- hen. Ankara scheint sich mit einem zukünftigen kehr, Energie, Bauwesen und Kultur.
tion der Islamischen Konferenz im Februar Staat der Kurden arrangieren zu wollen.
2002 in Istanbul beim „EU-OIC-Jointforum“
zusammenbrachte, um den Dialog der Zivilisa- ISRAEL: KONKURRENZ ODER
tionen zu fördern. Am Rande der UN-Mitglie- DAS NEUE VERHÄLTNIS ZU SYRIEN KOOPERATIONSPARTNER?
derversammlung im September 2004 verein-
barte die Türkei mit der Arabischen Liga in New Nach der Öcalan-Krise Ende 1998 haben sich die Die Türkei gehört zu den wenigen Staaten mit
York ein Abkommen zu Errichtung eines stän- Beziehungen Ankaras zu Damaskus verbessert, überwiegend muslimischer Bevölkerung, die
digen Konsultationsmechanismus‘ für gegen- auch wenn das Wasserproblem noch einer ein- traditionell gute Beziehungen zu Israel unter-
seitigen Dialog und Koordination ihrer Politik vernehmlichen Lösung bedarf. Ebenso gab es halten. Vor allem in den neunziger Jahren hat
im Hinblick auf die Verbesserung des Islam- danach Initiativen auf der Ebene der regionalen sich das Verhältnis zu Israel in vielfacher Weise
bildes in der Welt. Ebenso sollen die Parteien Zusammenarbeit. Es wurden Schritte zur Räu- intensiviert. Diese Entwicklung wird in der in-
ihre Sicherheits- und Stabilitätspolitik in der mung der Landminen in Teilen des türkisch-sy- ternationalen Politik je nach Standpunkt mit
Region des Nahen Ostens abstimmen. rischen Grenzgebiets unternommen. Nach dem Bewunderung, Misstrauen oder Ablehnung
Durch ihre ablehnende Politik gegenüber der Tod von Hafez Assad im Sommer 2000 versprach verfolgt. Zudem beeinflusst sie naturgemäß die
US-Invasion gewann die Türkei hohes Ansehen dessen Sohn Baschar eine demokratische Öff- Beziehungen des Landes am Bosporus zu sei-
in der arabischen Welt. Beim Ministertreffen nung des Landes. Die seit Generationen über nen arabischen Nachbarstaaten. Historisch be-
der Organisation in Istanbul im Juni 2004 Grenzfragen und Wasserverteilung zerstritte- trachtet, bestanden zwischen den Türken und
wurde erstmals ein türkischer Generalsekretär nen Staaten unterzeichneten bereits mehrere Juden durchweg enge Beziehungen. Die im
der OIK gewählt, der sich vor allem der Reform Abkommen zur Ankurbelung von Handel und christlichen Spanien verfolgten Juden fanden
der OIK widmen soll. Tourismus. Zum ersten Mal in der Geschichte 1492 bei den Osmanen eine neue Heimat, ge-

149
MEHMET ÖCAL

nauso wie die Juden, die in der neueren Zeit – Denn die Hauptachse der neuen türkischen Au- muslimischer Bevölkerung und demokrati-
um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen ßenpolitik bildet nunmehr die Bemühung An- schen Traditionen hat sie eine enorme Aus-
– in die Türkei flüchteten. Das Land am Bospo- karas, mit den Nachbarstaaten und internatio- strahlungskraft auf die arabisch-islamische
rus war auch der erste Staat mit muslimischer nalen Organisationen gute Beziehungen auf- Welt. In der kontrovers diskutierten Debatte, ob
Bevölkerung, der den Staat Israel 1948 völker- zubauen und diese Beziehungen so zu gestal- die islamisch geprägte demokratische Türkei
rechtlich anerkannte, nachdem Palästina 1917 ten, dass der Türkei im Rahmen ihres außenpo- ein Mitglied der Europäischen Union werden
nach langjähriger osmanischer Herrschaft von litischen Dialogs eine aktive und vermittelnde soll, wird die für Europa strategisch enorm
den Briten annektiert wurde. Bis zum Ende des Rolle in der Region zukommt. Das erfordert aber wichtige Brückenfunktion des Landes nicht ge-
Kalten Krieges blieben die Beziehungen jedoch eine Äquidistanz zu den jeweiligen Konfliktpar- bührend in Betracht gezogen.
eher oberflächlich, um die diplomatischen Kon- teien. Das gegenwärtig gespannte Verhältnis
takte zu den arabischen Nachbarn nicht unnö- des Landes zu Israel ist deshalb die natürliche
tig zu belasten und die türkische Außenpolitik Konsequenz dieser neuen Außenpolitik Anka- USA: STRATEGISCHE PARTNERSCHAFT ADE?
der Neutralität zu dieser Region nicht zu ge- ras.
fährden. So konnte die vorsichtige Diplomatie Die Türkei hat sich nach den Terroranschlägen
der Annäherung zu Israel in wenigen Jahren in vom 11. September 2001 an die Seite der USA ge-
eine schnelle Entwicklung weitreichender und WASSER: KONFLIKTSTOFF DER ZUKUNFT? stellt. Dennoch haben die seit Jahrzehnten von
vertiefter militärischer, wirtschaftlicher und beiden Seiten als „strategisch“ gewürdigten Be-
politischer Zusammenarbeit münden. Eines der ehrgeizigsten Entwicklungsprojekte ziehungen durch die unerwartete Entscheidung
Aufgrund der Wasserknappheit in Israel gab es der Türkei bildet das „Südost-Anatolien-Pro- des türkischen Parlaments vom März 2003, den
von israelischer Seite Interesse am Trinkwasser jekt“ (Güneydogu Anadolu Projesi/GAP), das die USA die Nutzung türkischen Territoriums für den
aus der Türkei. Der bilaterale Vertrag über die historischen Weiten Südost-Anatoliens mit Aufbau einer nördlichen Front gegen den Irak
Lieferung von Trinkwasser ist weltweit einma- dem Wasser der Flüsse Euphrat und Tigris wie- nicht zu gestatten, einen Rückschlag erlitten.
lig. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten der in eine Kornkammer und Energieproduk- Obwohl die türkische Regierung für diesen
sich Ankara und Tel Aviv auf einen Liefervertrag tionsstätte verwandeln wird. Wunsch der Amerikaner offen war, lehnte das
über jährlich 50 Millionen Kubikmeter Wasser Mit dem GAP-Projekt (Südost-Anatolien-Pro- Parlament in Ankara die Stationierung von US-
für zunächst 20 Jahre. jekt) verfolgt die Türkei neben den wirtschaftli- Truppen in der Türkei am 1. März 2003 ab und
chen auch politische Ziele. Die Türkei betrach- verhinderte somit ihren Einmarsch in den Irak
tet das GAP-Projekt im Kontext national- und von türkischen Boden aus. So waren die als „stra-
TÜRKISCH-ISRAELISCHE BEZIEHUNGEN regionalstrategischer Ziele. Sowohl auf natio- tegisch“ geltenden amerikanisch-türkischen Be-
SIND NICHT SPANNUNGSFREI naler als auch auf regionaler Ebene versucht ziehungen auf einem Tiefpunkt angelangt.6
das Projekt das Kurdenproblem einzudämmen. Selbst nach Kriegsbeginn mussten die USA zäh
Seit Scharons Amtsantritt und dem Beginn der Darüber hinaus verleiht es der Türkei gegenü- verhandeln, bis die Türkei als letzter NATO-Staat
zweiten Intifada haben auch die bilateralen Be- ber Syrien und dem Irak eine stärkere Position. ihren Luftraum für US-Kampfflugzeuge freigab.
ziehungen unter der Gewalt und Gegengewalt Der türkische Traum von einem wirtschaftlich Mit der letzteren Entscheidung im Parlament
gelitten. Die AK-Partei hält seitdem trotz Drän- entwickelten Südosten ist für die beiden ande- hoffte Ankara, die entstandenen Differenzen in
gen der israelischen Regierung das bilaterale ren Anrainer von Euphrat und Tigris hingegen den Beziehungen zum strategischen Partner in
Verhältnis auf Sparflamme, um die Balance ein Alptraum vom wirtschaftlichem Nieder- Washington abzubauen.7 Die Türkei erinnert die
zwischen den Beziehungen Ankaras zur arabi- gang: Syrien und der Irak glauben, dass sie USA immer wieder daran, endlich gegen die zirka
schen Welt und zu Israel zu gewährleisten. Die durch die türkischen Staumaßnahmen weniger 5.000 Kämpfer der kurdischen PKK/Kongra-Gel
Türkei favorisiert weiterhin die Gründung eines Wasser erhalten werden als bisher. Ein anderer vorzugehen, die sich in den Bergen Nordiraks
unabhängigen palästinensischen Staates und negativer Effekt des GAP-Vorhabens besteht aufhalten. Ankara warnte davor, selbst gegen
die Lösung des Problems mit friedlichen Mit- darin, dass viele archäologische Schätze der diese Kämpfer vorzugehen und in den Nordirak
teln. Andererseits stößt das Vorgehen Israels Vergangenheit mit dem Bau der Staudämme einzumarschieren.
gegen die Palästinenser in der türkischen Be- verloren gehen bzw. von den Stauseen über-
völkerung auf heftige Ablehnung. Erdoğan be- schwemmt werden. Die Realisierung des GAP-
zeichnete das israelische Vorgehen als „Staats- Projektes und die Entwicklung der GAP-Region IRAKKRIEG LÄSST AMERIKAS ANSEHEN
terrorismus“. Eine Vertrauenskrise zwischen hängen wesentlich von der Befriedungspolitik SINKEN
den zwei befreundeten Staaten besteht seit der türkischen Regierung in den kurdischen
langem. Eine weitere politische Befremdung Provinzen ab. Somit ist die PKK-Frage eng ver- Im Zuge der überaus unpopulären Irak-Opera-
beider Staaten setzte sich im Hinblick der Neu- bunden mit der Wasserfrage. tion der USA ist das amerikanische Ansehen in
gestaltung des Nahen Ostens im Allgemeinen der türkischen Bevölkerung erheblich ange-
und der Irakinvasion der USA-geführten Allianz schlagen. Dazu trug die Verhaftung der türki-
im Besonderen fort. Die türkisch-israelischen PERSPEKTIVEN DER TÜRKEI IM NAHEN/ schen Offiziere durch die amerikanischen Sol-
Beziehungen sind daher nicht spannungsfrei. MITTLEREN OSTEN daten im Nordirak wesentlich bei. Viele Türken
Beide Seiten bemühen sich jedoch um eine Ver- sehen indes die eigenen EU-Ambitionen aus-
besserung des Klimas, auch mit Rücksicht auf Die Zukunft der türkisch-arabischen Beziehun- drücklich als „Alternative“ zur bisherigen engen
gemeinsame wirtschaftliche und militärische gen hängt wesentlich von vier Faktoren ab: Anbindung an die USA. Beim Besuch von US-
Interessen. So besuchte Außenminister Gül als ■ vom Verhältnis der türkischen Regierung zu Außenministerin Rice im Februar 2005 in An-
erster Vertreter der AKP-Regierung im Januar den Vorgängen im Irak im Allgemeinen und kara betonten beide Seiten ihr großes Interesse
2005 Israel und Palästina und ihm folgte Minis- im Nordirak im Speziellen; an einer Überwindung der atmosphärischen
terpräsident Erdoğan im Mai gleichen Jahres. ■ von der Nahostpolitik der EU und der USA; Störungen und einer Fortsetzung der engen Ko-
Die wichtigste Interessendivergenz zwischen ■ von der Ausdauer und dem Ausmaß der tür- ordination und Kooperation. Der türkische Mi-
Israel und der Türkei bildet das Engagement von kisch-israelischen Beziehungen und vom nisterpräsident besuchte mehrmals Washing-
Israel für die Kurden im Allgemeinen und ihre Palästinakonflikt; ton, um die entstandenen Wogen zu glätten.
Unterstützung im Nordirak im Besonderen. Die ■ von den Lösungen des Wasser-Disputs mit Die Türkei beteiligte sich im Juni 2004 als „de-
Abkühlung der Beziehungen begann allerdings Syrien und dem Irak. mokratischer Partner“ am G-8-Gipfel auf Sea
nicht mit der Regierungsübernahme der AK- Islands und hat gemeinsam mit Italien und dem
Partei. Zuvor hatte der Amtsvorgänger Erdo- Die Türkei ist heute mehr denn je im Nahen und Jemen den Vorsitz im „Democracy Assistance
ğans, Ecevit, den Israelis wegen ihres brutalen Mittleren Osten involviert, so dass sie mittel- Dialogue“ übernommen, bei dem es sich um
Vorgehens gegen die Palästinenser Völkermord und langfristige Strategien entwickeln muss, einen der Mechanismen handelt, die im Rah-
vorgeworfen.5 Dennoch tangiert die neue au- um ihrer neuen Rolle als stabilisierende Ord- men der von US-Präsident Bush proklamierten
ßenpolitische Akzentuierung bzw. Strategie der nungsmacht nicht nur in dieser Krisenregion „Broader Middle East and Northern Africa Ini-
Regierung Erdoğan die Beziehungen zu Israel. gerecht werden zu können. Als ein Land mit tiative“ geschaffen wurden.

150
Die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei

DAS VERHÄLTNIS ZU KAUKASISCHEN UND öl und Erdgas aus der Kaspischen Region zu wer- EINBINDUNG IN DIE EUROPÄISCHE
ZENTRALASIATISCHEN LÄNDERN den. Der Bau verschiedener Pipelines soll zu- SICHERHEITSARCHITEKTUR
gleich den gefährlichen Tanker-Verkehr durch
In Kaukasien und Zentralasien liegt das In- den Bosporus begrenzen. Ende 2001 ist eine Gas- Aufgrund ihrer geographischen Lage und der
teresse Ankaras in der wirtschaftlichen Zusam- leitung aus dem Iran in Betrieb genommen wor- militärischen Stärke ist und bleibt die Türkei ein
menarbeit und der Nutzung des ökonomischen den. Die so genannte „Blue-Stream-Gasleitung“ Stabilität produzierendes Land. Europas Inte-
Potenzials der Partnerländer für die türkische aus Russland via Schwarzes Meer wird seit An- resse an einer stabilen und friedlichen Entwick-
Wirtschaft auf der Basis von Joint Ventures so- fang 2003 genutzt. Größtes laufendes Projekt ist lung, auch in seiner unmittelbaren Nachbar-
wie in der Erleichterung des Warenverkehrs mit der Bau der Erdölleitung von Baku über Tiflis zum schaft, kann unter Ausklammerung der Türkei
den kaukasischen und zentralasiatischen Staa- türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan, die schon deshalb kaum realisiert werden. Wenn vor al-
ten. In den beiden Regionen haben sich die post- 2005 in Betrieb genommen werden soll. lem Deutschland – neben Frankreich und Groß-
sowjetischen Strukturen weit gehend durchge- britannien – bei der Gestaltung der neuen Ord-
setzt. Der Export von Erdöl kann den davon pro- nung in und um Europa eine Rolle spielen
fitierenden Staaten am Kaspischen Meer gewis- DAS VERHÄLTNIS ZU RUSSLAND: möchte, muss es den türkischen Faktor in sei-
sen Wohlstand bescheren, vermag aber die wirt- KOOPERIERENDE RIVALITÄT ner umfassenden Europapolitik angemessen in
schaftlichen, gesellschaftlichen und struktur- Betracht ziehen. Die Türkei kann ihre stabilisie-
politischen Probleme, schon gar nicht die be- Die Beziehungen zwischen den russischen und rende Rolle allerdings nur effektiv und in tür-
stehenden Flüchtlingsprobleme (z.B. in Geor- den türkischen Völkern sind seit dem 15. Jahr- kisch-europäischem Sinne wahrnehmen, wenn
gien, Aserbaidschan und im Nordkaukasus) zu hundert durch meist kriegerische Auseinander- sie fest in die im Entstehen begriffene europä-
lösen. In der neuen Auflage des „Great Game“ setzungen und gegenseitige Antagonismen ge- ische Sicherheitsarchitektur eingebunden wird.
geht es nicht mehr um Unterwerfung oder Ko- kennzeichnet. Deshalb hat das türkische Miss- Im Alleingang wird sie dazu nicht in der Lage
lonialisierung der betroffenen Länder im klas- trauen gegenüber Russland Tradition. Die Tür- sein. Ankara fehlen die notwendigen wirt-
sischen Sinne, wie es im 19. Jahrhundert und am kei bemüht sich aber pragmatisch – auch aus schaftlichen und militärischen Ressourcen so-
Anfang des 20. Jahrhunderts von Großmächten wirtschaftlichen Interessen – um gute, partner- wie die Instrumentarien. Ebenso lastet die dau-
praktiziert wurde, sondern hier zeigt sich der schaftliche Beziehungen. Zugleich stehen die ernde innenpolitische und gesellschaftliche In-
Globalisierungsprozess mit den international Türkei und Russland im Kaukasus und in Zen- stabilität als schwere Hypothek auf einer effi-
operierenden großen Ölkonzernen, die vor der tralasien in einem Konkurrenzverhältnis um zienteren türkischen Außen- und Sicherheits-
Aufgabe stehen, sowohl die geostrategisch- politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Die politik. Nichtsdestotrotz verfügt das Land über
wirtschaftlichen Interessen der involvierten Frage, über welche Pipelinerouten kaspisches das notwendige innere Potentzial, die oben er-
Staaten vor Ort als auch ihre eigenen – in Form und zentralasiatisches Erdöl und Erdgas in die wähnten Probleme mittelfristig zu meistern.
kompensierender Konkurrenz und friedlicher Türkei und nach Europa transportiert werden, Noch ist die Suche der Türkei nach ihrer Rolle in
Kooperation – zu bündeln. Die Türkei ist be- hat den traditionellen Konfliktlinien eine neue Eurasien nicht beendet. Die ambivalente und
strebt, das ökonomische Potenzial des kaspi- Dimension hinzugefügt. Es ist eine Neuauflage manchmal schier undurchsichtige Haltung Eu-
schen Beckens zu erschließen und über den des „Great Game“ entstanden. Ein geplanter Be- ropas gegenüber dem Land hat sicherlich die-
Kaukasus eine Landbrücke zu den zentralasiati- such von Staatspräsident Putin im September sen Suchprozess eher beschleunigt. Die neue
schen Staaten zu schaffen sowie durch den Aus- 2004 wurde wegen des Geiseldramas in Beslan Strategiedebatte ist auch im Hinblick auf den
bau des Kaukasus zu einem Sicherheitsgürtel kurzfristig verschoben, dann im Dezember 11. September und die darauf folgenden weite-
eine Pufferzone zu Russland zu etablieren. Al- 2004 nachgeholt. Ministerpräsident Erdoğan ren Terroranschläge und kriegerischen Hand-
lerdings erkannte Ankara schon früh, dass eine besuchte Moskau im Januar 2005. Beide Seiten lungen eine Herausforderung sowohl für die
Verstärkung des eigenen Einflusses gegen die erklärten ihre Absicht, die bilateralen Beziehun- Türkei als auch für die internationale Politik.
Interessen Russlands in der kaspischen Region gen auf wirtschaftlichem und politischem Ge- Welche Strategie die Türkei hinsichtlich der
in den neunziger Jahren kaum durchzusetzen biet zu vertiefen. Im Tschetschenien-Konflikt Neugestaltung ihrer Außen- und Sicherheits-
war, zumal die Turkstaaten infrastrukturell, po- versucht die Türkei, zwischen ihrer Verbunden- politik im 21. Jahrhundert entwickeln kann und
litisch und wirtschaftlich nach wie vor von heit mit der dortigen islamischen Bevölkerung wird, hängt in erster Linie von den innenpoliti-
Russland abhängig sind. und ihrem Eintreten für die territoriale Integri- schen Entwicklungen in den kommenden Jah-
Die Türkei versteht sich aufgrund der verbin- tät Russlands eine Balance zu finden. ren ab, aber auch von den wirtschaftlichen, po-
denden Elemente wie Religion und ethnische litischen und militärischen Bedingungen im
Verwandtschaft als natürlicher Partner der dor- unmittelbaren Umfeld, also in Eurasien und im
tigen Turkrepubliken. Die Regierung Erdoğan Nahen Osten. Bei langfristig stabilisierten in-
verzichtet auf jede pantürkische Rhetorik und nen- wie außenpolitischen Verhältnissen wird
möchte vor allem die wirtschaftliche Dimension sie zweifellos zu einer, die politische Entwick-
der Zusammenarbeit verstärken. Das Land un- UNSER AUTOR lung weiter determinierenden Macht an der
terstützt den Demokratisierungsprozess in den Nahtstelle von Europa und Asien werden.
mittelasiatischen Staaten. Denn bis heute wer- Dr. Mehmet Öcal
den diese Länder von Diktatoren regiert, die ihre studierte Politik-
Legitimation aus der sowjetischen Zeit hatten. wissenschaft,
Eine Lösung des Berg-Karabach-Konflikts zwi- Mittlere und Neu-
schen Armenien und Aserbaidschan ist für die ere Geschichte ANMERKUNGEN
Türkei unabdingbar für eine Verbesserung des und Islamwissen- 1 Stalins Politik gegenüber der Türkei war (1.) die For-
türkisch-armenischen Verhältnisses. Die Öff- schaft in Köln. derung nach sowjetischer Beteiligung an der Hoheit über
nung der Grenze lässt noch immer auf sich war- Seine Dissertation die Meerengen, (2.) die Forderung nach Abtretung der
Gebiete Kars und Ardahan im Nordosten der Türkei, (3.)
ten. Eine Anerkennung des so genannten „Völ- über die türkische die Nichtverlängerung des unter Lenin und Atatürk ge-
kermords“ an den Armeniern während des Er- Außen- und Si- schlossenen Freundschaftsvertrags.
2
Vgl. Die Welt vom 23, Juni 2005 (Internet Edition)
sten Weltkriegs lehnt die Türkei ab. Sie sieht die cherheitspolitik 3 Kommission der Europäischen Gemeinschaft (Hrsg.):
Bewertung der Ereignisse von 1915 als eine nach dem Ende 2004 Kommissionsbericht über die Fortschritte der Türkei
Aufgabe der Historiker und tritt für die Einbe- des Ost-West- auf dem Weg zum Beitritt. SEK (2004) 1201, 6. Oktober
2004.
rufung einer unabhängigen Untersuchungs- Konflikts (1990–2001) erfolgte an der Rhei- 4 Kramer, Heinz: EU-Türkei: Vor schwierigen Beitritts-
kommission ein, die jedoch von Armenien ab- nischen Friedrich-Wilhelms-Universität verhandlungen. Hrsg. von der Stiftung Wissenschaft und
gelehnt wird. Bonn. Mehmet Öcal unternahm zahlreiche Politik. Mai 2005, S. 11.
5
Die Türkei unterstützt die politische Stabilität Studienreisen in die Türkei und hat Lehrauf- Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Novem-
ber 2003, S. 3.
Georgiens – auch zur Absicherung des Pipeline- träge am Seminar für Politikwissenschaft 6
Vgl. Schweizer Wochenzeitung vom 27. März 2003.
Projekts Baku-Tiflis-Ceyhan. Dabei ist die Türkei und am Orientalischen Seminar der Univer- 7
Vgl. Los Angeles Times vom 9. Oktober 2003.
auf dem Weg, ein wichtiges Transitland für Erd- sität Bonn.

151
DER SÜDWESTSTAAT UND SEINE TÜRKISCHE BEVÖLKERUNG

Statistisch gesehen
W OLFGANG W ALLA , S TATISTISCHES L ANDESAMT B ADEN -W ÜRTTEMBERG

ZUWANDERUNG NACH ANZAHL DER TÜRKISCHEN BEVÖLKERUNG Die Zuwanderung aus der Türkei ist seit Ende
BADEN-WÜRTTEMBERG SINKT der 90er-Jahre erheblich gesunken. Baden-
Württemberg hat zwar noch einen positiven
In den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts Zu Beginn kamen aus der Türkei vor allem Stu- Wanderungssaldo zwischen der Türkei und
kamen italienische Eisdielen, in den 60er- und denten, Händler und Diplomaten, letztere oft dem Land. Dieser wird aber immer geringer, da
70er-Jahren Pizzerias, Balkangrills, Chinares- mit ihren Familien. Dann, als die Arbeitskräf- es Rückwanderungen gibt – allerdings nicht in
taurants, in den 80er- und 90er-Jahren Dö- teressourcen Süditaliens, Jugoslawiens, Grie- dem Ausmaße wie nach Griechenland oder
nerlokale und „Tante Emma“ wurde durch „On- chenlands, Spaniens und Portugals erschöpft Italien.
kel Ali“ ersetzt. Südliches, vor allem türkisches schienen, wurden vor allem vom Baugewerbe
Flair ist aus vielen Stadtteilen insbesondere und der Automobilindustrie Arbeiter aus der
westdeutscher Großstädte kaum noch wegzu- Türkei angeworben. Ihnen ging ein guter Ruf NOCH VERGLEICHSWEISE JUNGE
BEVÖLKERUNG

ENTWICKLUNG DER AUSLÄNDISCHEN, DER TÜRKISCHEN SOWIE DER Das zunehmend an die weltweite Entwicklung
GESAMTBEVÖLKERUNGSZAHL IN BADEN-WÜRTTEMBERG (1970 = 100) angepasste Geburtenverhalten türkischer
Frauen übt – wie überall – starke Einflüsse auf
Gesamtbevölkerung Ausländische Bevölkerung Türkische Bevölkerung die Altersstruktur der Bevölkerung aus. Noch
sind die hiesigen Türken im Durchschnitt er-
heblich jünger als die Gesamtbevölkerung. Das
350 liegt aber nicht nur am vergleichsweise gro-
ßen Anteil junger, sondern am deutlich gerin-
300 geren Anteil alter Menschen. Während von
100 aller Baden-Württemberger 16 über 65
250 Jahre alt sind, sind es unter den Türken nur 5.
Stark besetzt sind dagegen die mittleren Al-
200 tersgruppen im erwerbsfähigen Alter. Zuneh-
mend geringer wird aber der Anteil sehr jun-
150
ger Türken. Er liegt bei der Gruppe der unter
Fünfjährigen bereits um einen Prozentpunkt
niedriger als bei der Gesamtbevölkerung. In
100
den nächsten 15 bis 20 Jahren wird – ohne Zu-
1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2004
wanderung aus der Türkei – die Altersstruktur
der Türken in den oberen und unteren Alters-
denken. Kein Wunder, machen Türken heute voraus. Und sie kamen gerne, die Löhne waren
doch 2% der Bevölkerung in Deutschland aus; – verglichen mit den türkischen – enorm hoch.
in Baden-Württemberg sind es sogar 3%. Al- Die Chancen, ein gutes Einkommen zu erwirt- GESAMTBEVÖLKERUNG UND
lein im Südweststaat wuchs die Zahl der Bür- schaften, waren sehr groß. TÜRKISCHE BEVÖLKERUNG
gerinnen und Bürger mit einem türkischen Wie andere Ausländerinnen – insbesondere aus IN BADEN-WÜRTTEMBERG NACH
Pass von 1.300 im Jahr 1960 auf über 350.000 südlichen Ländern – haben sich auch die Türkin- ALTERSGRUPPEN 2003
(von je 100 zählten zur Arbeitsgruppe der …)

DURCHSCHNITTLICHE KINDERZAHL JE 100 TÜRKISCHER FRAUEN IN > 65


DER TÜRKEI UND IN BADEN-WÜRTTEMBERG 61–65 Türkische Bevölkerung
SOWIE DEUTSCHER FRAUEN IN DEUTSCHLAND SEIT 1950 Gesamtbevölkerung
56–60
690
51–55

570 46–50

41–45

36–40
415
31–35

26–30
400 270
342 Türkische Frauen 21–25
in der Türkei 16–20
244 Türkische Frauen
216 232
in Baden-Württemberg 11–15
146 134 Deutsche Frauen 6–10
in Deutschland
0–5
1950/1955 1965/1970 1980/1985 1995/2000

im Jahr 1995 um bis heute im Jahre 2005 auf nen bei der Familienplanung sehr schnell ihren gruppen mehr oder weniger jener der heuti-
310.000 zu sinken. Die abnehmende Zahl der deutschen Geschlechtsgenossinnen angepasst. gen Gesamtbevölkerung entsprechen. Hoch
türkischen Bevölkerung hat drei Gründe: zum Um 1965 brachten türkische Frauen, so sie in der bleibt zunächst der Anteil der erwerbsfähigen
einen nahm die Zuwanderung aus der Türkei Türkei lebten, im Durchschnitt noch etwa sechs Altersgruppen. Um das Jahr 2050 wird unter
ab, zum anderen werden weniger türkische Kinder zur Welt, die in Baden-Württemberg le- den Türken wie bei der Gesamtbevölkerung
Kinder geboren als früher und schließlich hat benden Türkinnen nur vier. Heute sind es in der etwa jeder Dritte älter als 65 Jahre sein – wie-
eine zunehmende Anzahl von Türken einen Türkei nicht einmal drei und in Baden-Württem- der unter der Annahme, dass keine Zuwande-
deutschen Pass erworben. berg waren es im Jahr 2003 nur noch zwei. rung aus der Türkei und keine bemerkenswerte

152
Statistisch gesehen

ringer wird der Anteil der türkischen Schülerin-


SCHÜLER AN ÖFFENTLICHEN UND PRIVATEN ALLGEMEINBILDENDEN SCHULEN nen und Schüler. Einen kritischen Indikator stellt
IN BADEN-WÜRTTEMBERG SEIT 1990 der Anteil junger Menschen dar, die nach Ab-
Von 100 türkischen Schülern besuchten … schluss der Allgemeinbildenden Schulen ein Be-
Von 100 aller Schüler besuchten …
Gymnasium rufsvorbereitungsjahr absolvieren. Diese jungen
Menschen haben in der Regel noch keine Lehr-
stelle gefunden. Unter den türkischen Schülern
Realschule
ist das jeder Zehnte – unter den deutschen nur
etwa jeder Dreißigste.

Hauptschule MASCHINEN UND KRAFTWAGEN GEGEN


KFZ-TEILE UND KLEIDER

Grundschule Die Türkei zählt zu den bedeutenderen Han-


und sonstige delspartnern Deutschlands und Baden-Würt-
Schulen tembergs. Im Jahr 2004 wurden Waren im
Werte von fast acht Milliarden Euro nach
Deutschland ausgeführt, darunter 1,4 Milliar-
1990/91 1995/96 2000/01 2003/04 1990/91 1995/96 2000/01 2003/04 den nach Baden-Württemberg. Für gut 13 Mil-
liarden kaufte die Türkei in Deutschland ein,
darunter für 1,6 Milliarden aus dem Südwest-
staat. Letzterer lieferte überwiegend:
SCHÜLER AN BERUFLICHEN SCHULEN IN BADEN-WÜRTTEMBERG ● Maschinen 548 Mio. €
IM SCHULJAHR 2003/04 (von 100 Schülern besuchten …) ● Kfz und Kfz-Teile 445 Mio. €
● Chemieprodukte 142 Mio. €
Andere Schularten
Aus der Türkei bezog das Land vor allem
● Bekleidung 397 Mio. €
Berufsfachschule ● Textilien 189 Mio. €
● Kfz und Kfz-Teile 173 Mio. €
● Lebensmittel 100 Mio. €
Berufsvorbereitungsjahr
Während die Einfuhren aus der Türkei stetig
ansteigen, waren die Exporte Baden-Würt-
Berufsschule tembergs in die Türkei bemerkenswerten
Schwankungen unterworfen. Die türkischen
Importe spiegeln das dramatische Auf und Ab
der türkischen Konjunktur wider:
● 1999 zu 1998 – 6,1%
● 2000 zu 1999 + 6,3%
Deutsche zusammen Ausländer zusammen Türkische Schüler ● 2001 zu 2000 – 9,5%
● 2002 zu 2001 + 7,9%
● 2003 zu 2002 + 5,9%
● 2004 zu 2003 + 9,9%
Rückwanderung in die Türkei erfolgt. Eine Re- vorzugung türkischer Fernsehsender, zum an-
migration älterer Türken scheint bei denen, die deren in der partiellen Ghettoisierung zu suchen Insgesamt entwickelt sich die Wirtschaft in
nicht in der Türkei geboren wurden, zuneh- sein. Beides verhindert in nicht unerheblichem der Türkei aber wesentlich dynamischer als in
mend unwahrscheinlicher, vor allem bei der Maße den geübten Umgang mit der deutschen Deutschland oder in Baden-Württemberg. Die
zweiten und jeder weiteren Generation. Sprache. Das hat Auswirkungen auf dem Ar- drastischen währungspolitischen Maßnah-
beitsmarkt und der davor liegenden Phase der men der türkischen Regierung und der dorti-
beruflichen Schulbildung. Je höher das Ausbil- gen Zentralbank tragen Früchte, die allen be-
SCHULISCHES AUSBILDUNGSNIVEAU dungsziel der beruflichen Schule ist, desto ge- teiligten Volkswirtschaften zu Gute kommen.
STEIGT

Auf den ersten Blick scheint sich die Ausbil- AUSSENHANDELSBEZIEHUNGEN ZWISCHEN DER TÜRKEI
dungssituation der türkischen Schülerinnen UND BADEN-WÜRTTEMBERG SEIT 1984
und Schüler zu verbessern. Besuchten 1990/ Importe aus der Türkei nach Baden-Württemberg
Mill.
1991 erst 13% der türkischen Schüler in Baden-
Württemberg eine Realschule oder ein Gymna- Exporte aus Baden-Württemberg in die Türkei
sium, so waren es im Schuljahr 2003/2004 be- 1250
reits 16%; zum Vergleich: von allen Schülern
gingen 2003/2004 insgesamt 43% auf eine der 1000
beiden Schularten. Auf den zweiten Blick ist die
Entwicklung weniger günstig. Der höhere Anteil 750
der Realschüler und Gymnasiasten resultiert
auch aus dem geringen Anteil an türkischen
500
Grundschülern. Letzterer wird in den jüngsten
Jahren wegen der abnehmenden Geburtenraten
stetig geringer. Ursachen für die vergleichsweise 250
wenigen Schülerinnen und Schüler auf Allge-
meinbildenden Schulen mit weiterführenden 0
Ausbildungszielen dürften zum einen in der Be- 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002

153
Buchbesprechungen
Türkische Außen- und gonnen, bilaterale Abkommen mit Nachbar- rung der Türkei nicht erreicht und gewahrt wer-
Sicherheitspolitik staaten abzuschließen. Am intensivsten ist den, d.h. „Stabilität und Sicherheit der für Eu-
seither die umfangreiche Kooperation mit Is- ropa kritischen Regionen sind ohne die kon-
MEHMET ÖCAL: rael, die durch mehrere Abkommen durch die struktive Mitarbeit der Türkei nicht zu errei-
wirtschaftliche, geheimdienstliche, militäri- chen“ (S. 403).
Die türkische Außen- und Sicherheitspoli- sche und rüstungspolitische Zusammenarbeit Allerdings war die Neubestimmung der Position
tik nach dem Ende des Ost-West-Konflikts untermauert wurde. Um ihr regionales Umfeld im internationalen und regionalen System – vor
(1990-2001). Reihe: Bonner Islamstudien. zu konsolidieren, hat die Türkei weitere bilate- allem mit Blick auf die Europäische Union (EU)
Hrsg. von Stephan Conermann, Band 10. rale Verträge zur militärischen Kooperation mit – nur bedingt erfolgreich. Wenn auch das Ver-
Jordanien, Bulgarien, Rumänien und Molda- hältnis der Türkei zur EU ein wenig einer „ent-
EB-Verlag, Dr. Brandt, Schenefeld 2005 wien unterzeichnet, zudem mit Georgien und täuschten Liebe“ gleicht, bilden die Beziehun-
447 Seiten, 19,50 Euro Aserbaidschan, sogar mit einigen Staaten am gen zur EU für Ankara die zentrale Koopera-
Persischen Golf und mit Ländern Zentralasiens. tionsachse hinsichtlich der türkischen Sicher-
Die außenpolitische und strategische Lage der Daneben hat die Türkei in Südosteuropa und am heit und ihrer wirtschaftlichen Stabilität. Noch
Türkei hat sich seit nach dem Ende des Ost- Schwarzen Meer erfolgreiche Initiativen einer ist die Suche der Türkei nach ihrer Rolle in Eu-
West-Konflikts radikal verändert. Die Annahme multilateralen Kooperation lanciert. rasien nicht beendet. Wie sich die Neugestal-
so mancher Zeitgenossen, mit dem Ende des Wenn man zudem in Rechnung stellt, dass die tung der Sicherheits- und Außenpolitik im
Ost-West-Konflikts würden auch viele Kon- Türkei Mitglied der UNO, der NATO, des Europa- 21. Jahrhundert entwickeln kann, hängt in er-
flikte verschwinden, hat sich als politisch naiv rates, der OECD, der OSZE, aber auch regionaler ster Linie von den innenpolitischen Entwicklun-
erwiesen. So haben sich auch im Konfliktdrei- Zusammenschlüsse wie der Konferenz der Isla- gen der Türkei in den nächsten Jahren ab, aber
eck Südosteuropa – Naher Osten – Kaukasus mischen Staaten (OIC) und der Schwarzmeer- auch von den wirtschaftlichen, politischen und
die (außen)politischen Parameter verschoben. kooperation ist, werden Breite und analytische militärischen Bedingungen im unmittelbaren
Nicht mehr nur die internationale Großwetter- Tiefe der vorliegenden Studie offenkundig. Umfeld, also in Eurasien und im Nahen Osten.
lage bestimmt die Politik in dieser Region. Die Der Autor referiert gründlich und umfassend Siegfried Frech
Türkei liegt vielmehr am Rande des Nahen und den aktuellen internationalen Forschungs-
Mittleren Ostens; mithin am Rande des Krisen- stand (S. 19ff.). Die Studie überzeugt durch eine
gebietes der Gegenwart. Neue Gestaltungs- außergewöhnlich breite Quellen- und Litera- Eine Bilanz der Integration
räume, aber auch neue Risiken verlangen von turbasis. Neben der einschlägigen Fachliteratur
der Türkei einen politischen Balanceakt. fußt die Studie auf türkischen Literaturstellen, HAKKI KESKIN:
In Zeiten des Kalten Krieges wurde die Türkei als offiziellen Dokumenten der Republik Türkei, auf
„Südostpfeiler der NATO“ bezeichnet. Seit dem vielfältigen Presseorganen und nicht zuletzt Deutschland als neue Heimat.
Zusammenbruch der kommunistischen Staa- auf Interviews mit türkischen Politikern, so Eine Bilanz der Integrationspolitik.
ten und dem Golfkrieg des Jahres 1991, mehr z.B. auf einem Interview mit Abdullah Gül,
noch aber seit dem 11. September, der als Wen- dem derzeitigen Außenminister der Türkei (vgl. VS Verlag für Sozialwissenschaften,
depunkt in der internationalen Politik gilt, hat S. 405ff.). Mehmet Öcal thematisiert auch die Wiesbaden 2005
sich die türkische Außen- und Sicherheitspoli- heikle Frage „Armenien“ (S. 312 ff.) und disku- 296 Seiten, 24,90 Euro
tik grundlegend verändert. Das Bemühen der tiert eingehend die Kurdenfrage.
Türkei, eine neue außenpolitische Rolle zu fin- Am Beispiel der Analyse der türkisch-euro- Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist
den und auch eigenen sicherheitspolitischen päischen Beziehungen zeigt der Autor in vor- ein leidenschaftliches und engagiertes Plä-
Interessen gerecht zu werden, ist das Thema der bildlicher Weise, dass ein angemessenes Ver- doyer für die Gestaltung eines gleichberechtig-
Untersuchung von Mehmet Öcal. Die umfang- ständnis außenpolitischer Entscheidungen und ten Zusammenlebens der deutschen Bevölke-
reiche Studie ist der gelungene Versuch, die Ak- Richtungen stets nur mit einer genauen Un- rung mit den in Deutschland dauerhaft leben-
tionsfelder der türkischen Außen- und Sicher- tersuchung innenpolitischer Verhältnisse und den kulturellen Minderheiten. Die Ausländer-
heitspolitik der neunziger Jahre darzustellen Kräfteverhältnisse zu gewinnen ist. Gerade und Integrationspolitik Deutschlands kommt
und zu analysieren. Der Zeitrahmen der Studie durch den ständigen Wechsel der Perspektive nicht zuletzt deswegen zu keiner Lösung, so die
erstreckt sich vom Ende des Ost-West-Konflik- entsteht ein sachliches, mehrperspektivisches Bilanz des Buches, weil die politischen Parteien
tes und der Auflösung der Sowjetunion bis zu und damit auch kontroverses Bild. Dies spiegelt bislang keine tragfähige Konzeption gefunden
den Ereignissen des 11. September 2001. Im sich beispielsweise in der Schilderung der bila- haben – geschweige denn, sich auf eine Kon-
Mittelpunkt der Untersuchung steht die Beant- teralen Dimension zwischen der Türkei und zeption einigen konnten. Die kritische und kon-
wortung der Frage, ob die türkische Außen- und Deutschland wider (S. 96ff.). Mehmet Öcal ist in troverse Auseinandersetzung mit einzelnen
Sicherheitspolitik nach dem Ende des Kalten der Bundesrepublik aufgewachsen und stu- Vertretern und Positionen der Bundes- und
Krieges auf ihren strategischen Aktionsfeldern dierte Politikwissenschaft, Geschichte und Is- Landespolitik ist daher unvermeidbar. Gleich-
eine wesentliche Änderung bzw. Belebung er- lamwissenschaften in Köln. Gerade am Kapitel wohl ist das Buch vom ernsten Interesse getra-
fahren hat (S. 13ff.). der deutsch-türkischen und europäisch-türki- gen, mit konstruktiver Kritik zur Behebung von
Die Arbeit bietet eine umfassende Analyse der schen Beziehungen wird deutlich, dass eine Defiziten sowie zur Vermeidung, Verbesserung
strategischen Aktionsfelder der türkischen Au- „kritische Loyalität“ zu zwei Heimatländern und Korrektur von Fehlentwicklungen beitra-
ßen- und Sicherheitspolitik und erörtert die Be- möglich ist. gen zu wollen.
ziehungen zu (West-)Europa (Kapitel 1), schil- Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Hakki Keskin, Politikwissenschaftler und Bun-
dert die Interessenkonvergenzen und -diffe- neunziger Jahre eine der wichtigsten Dekaden desvorsitzender der Türkischen Gemeinde in
renzen im langjährigen Verhältnis zu den USA der Außenpolitik der Türkei sind. Aufgrund in- Deutschland, setzt sich aus der Perspektive der
(Kapitel 2), beleuchtet gründlich die außen- und ternationaler Umbrüche und neuer Raum- und Betroffenen mit den Themen Integration,
sicherheitspolitische Lage auf dem Balkan (Ka- Machtkonstellationen hat sich die „geopo- Staatsbürgerschaft, kulturelle Vielfalt, inter-
pitel 3), im Nahen und Mittleren Osten (Kapitel litische, geostrategische, geokulturelle und kulturelle Erziehung, Rassismus und Antisemi-
4), schließlich in Zentralasien (Kap. 5) und in geoökonomische Interessenlage der Türkei tismus, der so genannten „Festung Europa“, den
Trans- und Nordkaukasien (Kapitel 6). Ein wei- grundlegend mit der Konsequenz geändert, „Deutschlandtürken“ und den Beziehungen
teres Kapitel ist der Schwarzmeerregion und dass das Land seit seinem Bestehen nie mit so zwischen der Europäischen Union und der Tür-
den bilateralen Beziehungen zu den Anrainer- mannigfaltigen und unterschiedlich intensiven kei auseinander und präsentiert am Ende der je-
staaten (Kapitel 7) gewidmet. Die einzelnen Ka- Konflikten konfrontiert war“ (S. 384). Deutlich weiligen Kapitel konkrete Lösungsvorschläge.
pitel erörtern und analysieren die einzelnen wird, dass Stabilität und Sicherheit im Krisen- Obwohl die Bundesrepublik eine Gesellschaft
Stationen der Entwicklung der türkischen Au- dreieck ohne die konstruktive Mitarbeit und mit bürgerlichen Rechtsnormen ist, sind Diskri-
ßen- und Sicherheitspolitik und die Entwick- Einbindung der Türkei in entsprechende Sicher- minierungen Teil des sozialen Alltags. In ihrem
lung der bilateralen Beziehungen: Kurz nach heitspartnerschaften nicht zu erreichen sind. Status als Ausländer bleiben die Ein- und Zuge-
dem Ende des Kalten Krieges hatte die Türkei be- Europas Interessen können unter Ausklamme- wanderten, ihre Kinder und Enkel abgesondert

154
BUCHBESPRECHUNGEN

„vor der Tür der deutschen Gesellschaft“ – so gend“. Aufgrund seiner Sportbegeisterung er- propagierten Systems. Immer mehr erkennt
eine Kapitelüberschrift. Dies verhindert oder er- liegt er den Verlockungen der „Gesellschaft für Warnberg die Politphrasen der offiziellen Pres-
schwert ihre Integration in die deutsche Gesell- Sport und Technik“, einer paramilitärischen Or- seorgane und der staatstragenden Funktio-
schaft und die Identifikation mit ihr. Der „Wahn ganisation, die Jugendliche für den Dienst in näre. Für Warnberg wird der Besuch bei einer
des Nationalen“ (Dieter Oberndörfer) ist mithin der Nationalen Volksarmee vorbereitet und ge- Familie, deren Sohn ein Opfer der „Grenzsiche-
ein Grund für die immer noch anhaltende Ab- zielt (pro)militärische Dispositionen fördert. rungsmaßnahmen“ – so die euphemistische
lehnung der Anerkennung Deutschlands als Die Schilderungen belegen einmal mehr, dass Bezeichnung im offiziellen Sprachgebrauch –
Einwanderungsland und als eine Gesellschaft, Diktaturen ihre Herrschaft stets durch die mög- wurde, zum prägenden Schlüsselerlebnis und
die sich längst durch kulturelle Vielfalt aus- lichst restlose Erfassung und ideologische Ver- zum Beginn der Bewusstwerdung. Der Selbst-
zeichnet. Die historisch gewachsene Philoso- einnahmung der Jugend aufrechtzuerhalten mord eines Vorgesetzten schließlich löst jene
phie des Staatsvolkes wird von vielen Nicht- versuchen. Eindrucksvoll wird geschildert, wie entscheidenden Selbstzweifel aus, die zu einer
deutschen im Alltagsleben gespürt und als gra- sportliche Interessen und Freizeitangebote be- bewussten Verweigerung, zu einer Ablehnung
vierendes Problem empfunden. nutzt werden, um junge Menschen ideologisch des autoritären Regimes führen und Warnberg
Deutlich wird, dass die faktische Entwicklung subtil zu vereinnahmen. Die typische DDR-Kar- zu widerständigen Aktionen veranlassen.
der Bundesrepublik zu einem Einwanderungs- riere führt bei Warnberg nach einem absolvier- Diese beiden, nur kurz aufeinander folgenden
land einen Zustand kultureller und ethnischer ten Fachhochschulstudium zielgerade zur Na- Ereignisse erschüttern das Wert- und Gerech-
Vielfalt produziert hat, den es erst noch zu den- tionalen Volksarmee und zur Offiziersausbil- tigkeitsempfinden des Protagonisten derart,
ken gilt. Wenn Integration nicht als Anglei- dung. Ausbildung und politische Indoktrination dass er vorsichtig Gleichgesinnte und unsi-
chung im Sinne einer Assimilation verstanden in der Armee zeitigen zunächst die gewünsch- chere Kantonisten sucht, mit ihnen in seiner
wird, sollte die kulturelle Identität der Einwan- ten Erfolge. Privatwohnung konspirative Treffen abhält und
derer respektiert werden. Die kulturellen Min- Aus der Distanz des reflektierten Erzählers ge- in Anlehnung an das historische Vorbild der Ge-
derheiten hingegen sollten sich zu den univer- schrieben, werden einzelne Situationen und schwister Scholl mit der Herstellung und Ver-
sal gültigen Menschenrechten und zu den Szenen dieser DDR-typischen Sozialisation iro- teilung von Flugblättern beginnt. Die morali-
Grundwerten der Verfassung der Bundesrepu- nisch, gar sarkastisch kommentiert. So ist es schen Dilemmata und das aus den Fugen gera-
blik bekennen. Als normativen Bezugspunkt eben selbstverständlich, dass bei einem bilate- tende Weltbild spiegeln sich auch in Warnbergs
verwendet Hakki Keskin den auf Dolf Sternber- ralen Manöver, an dem Teile der Sowjetarmee Privatleben wider. Eine ungewollte Vaterschaft,
ger zurückgehenden Begriff „Verfassungs- und der NVA teilnehmen, nun einmal die sowje- die nur widerstrebend eingegangene Ehe und
patriotismus“, d.h. das deutliche Bekenntnis tischen Truppen den Sieg davon tragen. Wo die mehr als nur platonische Bindung an eine
zum Grundgesetz, auf dem die Verfassung und käme man den auch hin – so der ironische Ge- Freundin aus den Tagen des GST-Lagers sind ein
Rechtsordnung der Bundesrepublik fußt. Die- dankengang des Autors – , „die ‚Freunde‘, wie weiterer Schauplatz innerer Auseinanderset-
ser Werthorizont ist für Hakki Keskin das ver- das sowjetische Volk im DDR-Sprachgebrauch zungen.
bindende Glied zwischen der deutschen und genannt wurde, als Verlierer darzustellen?“ Die logistische Meisterleistung und das konspi-
nichtdeutschen Bevölkerung. Überhaupt sind diese reflektierenden, aus der rative Vorgehen nehmen in den Schilderungen
Siegfried Frech Rückschau geschriebenen Romanpassagen ein einen breiten Raum ein, zeigen aber gerade die
wahrer Lesegenuss. Unter der oftmals ironi- Schwierigkeiten, in einem diktatorischen Re-
schen Oberfläche verbirgt sich bei genauerem gime Widerstand zu leisten. Trotz aller gebote-
Mechanismen der Diktatur Hinsehen die schonungslose Analyse einer nen Vorsicht und Schläue gerät Warnberg in die
autoritären und menschenverachtenden Po- Fänge des Staatssicherheitsschutzes und wird
PETER MÜNCH: litik. observiert. Eine Degradierung, die ihre Ursache
Der beginnende Kalte Krieg und die langsam in unbotmäßigen Äußerungen im „Politunter-
Lager X einsetzende Rüstungsspirale sind für Warnberg richt“ hat, lässt Warnberg erste Fluchtszenarien
der Anlass, gemeinsam mit seinen Zimmer- entwerfen. Wenn es auch wie eine Ironie des
Triga Verlag, Gelnhausen 2004 insassen eine „Petition für den Frieden“ zu ver- Schicksals erscheint: Warnbergs ausgeprägte
529 Seiten, 14,90 Euro fassen. Der von jugendlicher Naivität und poli- Affinität zum weiblichen Geschlecht wird ihm,
tischer Fehleinschätzung getragenen Petition noch bevor er einen der gedanklichen Flucht-
Peter Münch, 1940 in Erfurt geboren, hat un- mangelt es jedoch an „klassenpolitischem Be- versuche in die Tat umsetzen kann, zum Ver-
längst einen Roman veröffentlicht, in dem er wusstsein“. Einer öffentliche Rüge im Rahmen hängnis. Eine auf ihn angesetzte Stasi-Mitar-
seine biografischen Erfahrungen literarisch einer so genannten „Sonderverhandlung“ folgt beitern erschleicht sich sein Vertrauen, wird
auf- und verarbeitet. Peter Münch wuchs unter das Reuebekenntnis und die offerierte Wieder- vom ihm selbst in die konspirativen Aktionen
den Nachkriegsbedingungen in der sowjeti- gutmachung von Warnberg, seinen Jahresur- eingeweiht und verrät ihn schließlich.
schen Besatzungszone, der späteren DDR, auf. laub in einem „Ferienlager“ der „Gesellschaft für Die Verhaftung, die ungezählten Verhöre, das
Die inhumane Entwicklung der DDR-Politik ließ Sport und Technik“ (GST) abzudienen. Die öf- perfide Vorgehen der Vernehmungsbeamten
ihn vom überzeugten Anhänger zum Gegner fentliche Zurschaustellung des „ungläubigen“ und die bewusste Isolation in der Haft zeigen,
dieses Systems werden. Nach seiner Verhaftung Thomas Warnberg und die äußere Form der ab- wie autoritäre Systeme die Identität der Inhaf-
und einer langjährigen Internierung erfolgte zuleistenden Buße offenbaren ein Ritual, das an tierten zu brechen versuchen. Menschenver-
1969 der Freikauf durch die Bundesregierung. manchen Stellen einem schlechten Kabarett- achtende Mechanismen – nicht zuletzt Ge-
Peter Münch arbeitete und lebte bis zu seinem stück ähnelt, seinen symbolischen Zweck aber richtsverhandlungen, die den Charakter öf-
Tod in Böblingen in Baden-Württemberg. Er sehr wohl erfühlt und den reuigen Sünder in die fentlicher Schauprozesse haben – werden ge-
verstarb kurz nach Erscheinen seines Buches im eigenen Reihen zurückholt. zielt eingesetzt, um Häftlinge willfährig zu ma-
Dezember 2004. In diesem GST-Lager wird Warnberg erstmalig chen. Auch die spätere Zeit im MfS-Haftlager
Der Roman ist ein Entwicklungsroman im be- mit jungen Menschen konfrontiert, die subver- ist dadurch gekennzeichnet, dass Willkür an der
sten Sinne. Die Hauptfigur, Thomas Warnberg, siv und widerständig sind. Das offizielle System Tagesordnung ist. Das Lagersystem ist zwar
ist ein linientreues SED-Mitglied und setzt sich hatte noch genügend Lücken, die ein formales durch eine außerordentlich starke Regle-
zunächst idealistisch für die politischen Ziele Arrangement ermöglichten und dennoch Frei- mentierung gekennzeichnet und regelt den
und ideologischen Belange der DDR ein. Aus ei- räume und Nischen, in denen nonkonformes gesamten Tagesablauf und die alltäglichen
nem politisch verunsicherten Elternhaus kom- Verhalten praktizierbar war, boten. Weil autori- Verrichtungen der Inhaftierten bis ins Detail.
mend, das nach der Befreiung 1945 die politi- täre Systeme eben kein monolithischer Block Trotz dieser Regelhaftigkeit ist man nicht
sche Askese pflegt, erliegt Warnfeld als junger sind, garantiert das „Abseits als sicherer Ort“ vor willkürlichen und drangsalierenden Maß-
Schüler der politisch gewollten Instrumentali- (Peter Brückner) Freiräume für Dissens und Ab- nahmen gefeit. So durchläuft die Haupt-
sierung in Schule, Unterricht und Freizeit. Dem weichung. In diese Zeit fallen auch die ersten figur Warnberg – ohne eine Begründung zu er-
Eintritt in die staatstragende Organisation Westkontakte, die verbotene Lektüre westdeut- halten – eine mehrwöchige Isolationshaft.
„Junge Pioniere“ folgt die Mitgliedschaft in der scher Presseorgane und die beginnende Verun- Peter Münch beschreibt in diesen Passagen
SED-Jugendorganisation „Freie Deutsche Ju- sicherung hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des aber auch, wie die Häftlinge inmitten dieses

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BUCHBESPRECHUNGEN

Systems ihre Menschlichkeit bewahren, sich ihrem Buch Kindheit und Jugend in Ulm wäh- Der Tod Friedrich Eberts
solidarisch verhalten und ihre Identität zu rend der Zeit des Nationalsozialismus. „Corne-
schützen wissen. lia Keller“ nennt sie ihre Hauptfigur; aber es wird WALTER MÜHLHAUSEN:
Peter Münch schildert eindrucksvoll, was Men- schnell deutlich, dass es sich um einen autobi-
schen, die Bespitzelung, Haft und Psychoterror ographischen Bericht handelt. Horst Schmid Die Republik in Trauer. Der Tod des ersten
durchleben, empfinden und erleiden müssen. vermittelt in seinen autobiographischen Skiz- Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Mit
Gerade die Form des Romans, die bei der Ver- zen eine auf seine Umgebung beschränktes einem Grußwort von Bundespräsident
arbeitung fremder und eigener Erfahrungen Bild. Der in Stuttgart geborene Autor beschreibt Horst Köhler aus Anlass des 80. Todestages
schriftstellerische Freiheiten erlaubt, ermög- sehr plastisch mit der Detailkenntnis des Zeit- von Friedrich Ebert am 28. Februar 1925.
lich einen anderen, weitaus emotionaleren Zu- zeugen die Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegs-
gang zu den Einzelschicksalen und Lebenswel- epoche. Auch er benennt eigene Fehleinschät- Kleine Schriften der Stiftung Reichspräsident-
ten Betroffener und hinterlässt somit einen zungen und eigenes Fehlverhalten ohne billige Friedrich-Ebert-Gedenkstätte Nr. 28,
nachhaltigen Eindruck. Auch wenn die Ausein- Bemäntelung oder gar Rechtfertigung. Heidelberg 2005. 72 Seiten, 4,00 EUR
andersetzung mit der Geschichte beider deut- In beiden Büchern wird die Durchdringung ver- (www.ebert-gedenkstätte-de).
scher Diktaturen inzwischen ganze Bibliothe- schiedener Lebensbereiche, die planmäßige Er-
ken füllt, bleibt sie oftmals im gesellschaftli- fassung und Reglementierung der Jugend, die Was wäre gewesen, wenn …? So verlockend
chen Bewusstsein weit gehend ausgespart. Ri- NS-Jugendorganisationen der Hitler-Jugend kontrafaktische Fragen sind, der Historiker hat
tualisierte Gedenktage und mitunter eine kurz- (HJ) und des Bundes Deutscher Mädel (BdM), sie nicht zu stellen. Und doch: Was wäre gewe-
fristige Betroffenheit werden bald wieder von die Verhaltenskonditionierung und die unmit- sen, wenn der erste demokratische Reichsprä-
der Tagesordnung eingeholt. Deshalb ist es Au- telbare Erfahrung mit dem Kriegsgeschehen sident Deutschlands, der Heidelberger Sozial-
toren wie Peter Münch hoch anzurechnen, geschildert. Gerade indem nationalsozialis- demokrat Friedrich Ebert, nicht schon im Fe-
wenn sie mit ihren Büchern Einblicke in Struk- tische Herrschaftselemente und politische bruar 1925 an den Folgen einer zu spät durch-
turen totalitärer Systeme gewähren. Denn ge- Strukturen in Beziehung auf die Jugend darge- geführten Blinddarmoperation und nicht zu-
rade an den geschilderten Einzelschicksalen stellt werden, haben die Bücher einen Erschlie- letzt als Opfer einer perfiden Verleumdungsma-
wird deutlich, wie totalitäre Regime systema- ßungscharakter für das gesamte Herrschafts- schinerie der Demokratiefeinde – so der liberale
tisch Menschenrechte verletzen. Offenkundig system des Nationalsozialismus. Deutlich wird Publizist Theodor Wolff – im Amt verstorben
wird nach der Lektüre des Buches aber auch, auch, dass die NS-Jugendorganisationen den wäre? Wäre Ebert, der als einzig aussichtsrei-
dass es bei der Aufarbeitung der Vergangenheit Interessen und Bedürfnissen der Jugendlichen cher Kandidat der Sozialdemokratie für die an-
keinen Schlussstrich geben kann; so populär entgegenkamen, indem sie an vorhandene So- stehende Reichspräsidentenwahl galt, weil er
eine solche Forderung – zu manchen Zeiten zialformen der Bündischen Jugend anknüpften auf die notwendige Unterstützung aus der bür-
vollmundig geäußert – auch erscheinen mag. und emotionale Dispositionen ansprachen. gerlichen Wählerschaft hoffen konnte, wieder-
Siegfried Frech Dem seitens der Jugendlichen vorhandenen gewählt worden? Hätte er als Sachwalter der
Bedürfnis nach Integration entsprach das An- Demokratie jenseits parteipolitischer Interes-
gebot einer kollektiven Identität. Besonders sen und mit der hohen Anerkennung, die er
Jugend im Nationalsozialismus eindrücklich schildert Renate Finckh, wie sie als auch im bürgerlich-demokratischen Lager ge-
Mädchen – unter der Einsamkeit und einem noss, den Ostelbier, Monarchisten und Demo-
RENATE FINCKH: strengen Vater leidend – beim BdM Anerken- kratiefeind Paul von Hindenburg und die wei-
nung und Geborgenheit findet. Bis zur Befrei- tere verhängnisvolle Entwicklung der ersten
Sie versprachen uns die Zukunft. ung 1945 bleibt sie dem „Führer“ und dem Na- deutschen Demokratie verhindern können?
Eine Jugend im Nationalsozialismus tionalsozialismus treu und muss erst nach dem Walter Mühlhausen, stellvertretender Ge-
Krieg mühsam, schmerzhaft und traurig erken- schäftsführer der Stiftung Reichspräsident-
Silberburg-Verlag, Tübingen 2002 nen, wohin ihr jugendlicher Idealismus sie ge- Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg
274 Seiten, 13,90 Euro führt hat und wofür er missbraucht wurde. und profunder Ebert-Kenner, geht in einem
Auch Horst Schmid zieht das Resümee, dass er neuen Band der „Kleinen Schriften“ seines Hau-
und sich die Gefolgsbereitschaft „nur mit übertrie- ses natürlich nicht dieser Frage nach. Präzise,
benem Pflichtbewusstsein gemischt mit einem anschaulich geschrieben und mit einem rei-
HORST SCHMID: gehörigen Schuss Kadavergehorsam und mit chen Bilderfundus stellt er aber den Tod Eberts,
der Angst vor dem gefürchteten langen Arm des seine Vorgeschichte und sein Nachspiel – ein-
Jahrgang ’29. Jugendzeit in drei Epochen Systems“ (S. 135) erklären kann. gebettet in dessen Bedeutung für die deutsche
Der Grad der Reflexion ist freilich unterschied- Demokratie und die Sozialdemokratie – dar.
Verlag Ursula Schmid, Stuttgart 2002 lich. Renate Finckh gewährt einen aufrichtigen Walter Mühlhausen behandelt die letzten
203 Seiten, 11,90 Euro und klarsichtigen Blick in das Innenleben einer Amtsmonate Eberts im schwierigen Jahr 1924,
Bezug: Kleinverlag Ursula Schmid, begeisterten Nationalsozialistin. Schonungslos das von zwei Reichstagswahlen geprägt war
Offenbachstr. 7, 70195 Stuttgart offenbart sie die Stationen ihrer bitteren Er- und schließlich im Januar 1925 die erste reine
Tel./Fax: 0711/695625 oder kenntnis, berichtet von dem „Hin- und Herge- Bürgerblockregierung unter Einschluss der
E-Mail: SchmidStgt@compuserve.com worfensein zwischen Gläubigkeit, Leiden- rechtskonservativen DNVP brachte. Somit sa-
schaft, Schuld, Einsehen, Treue, Verrat“ (S. 272) ßen erstmals erklärte Republikgegner am Re-
Renate Finckh, geboren 1926, und Horst – so Inge Aicher-Scholl in einem Nachwort zur gierungstisch. Der neue und parteilose Reichs-
Schmid, Jahrgang 1929, haben ihre autobio- Erstausgabe des Buches. Schmid hingegen kanzler Hans Luther war bereits der neunte Re-
graphischen Erinnerungen in Buchform vorge- schildert seine Erlebnisse eher distanziert und gierungschef, dem Ebert die Ernennungsur-
legt. Anzumerken ist, dass Renate Finckhs Buch aus der reflektierten Perspektive des Erwachse- kunde ausstellte. Eberts Ziel, nach dem Mehr-
bereits 1979 unter dem Titel „Mit uns zieht eine nen, der sein Leben Revue passieren lässt. heitsverlust der „Weimarer Koalition“ im Juni
neue Zeit“ in einem Jugendbuchverlag erschie- Gleichwohl mahnt Horst Schmid die Notwen- 1920 eine Große Koalition bis hin zur rechtsli-
nen ist und 1995 mit dem Titel „Sie versprachen digkeit der Erinnerungsarbeit an und erinnert beralen DVP zu zimmern, war gescheitert. Die
uns die Zukunft“ neu aufgelegt wurde. Ralph an die zu ziehenden Lehren und Konsequenzen. SPD fand sich erneut in der Opposition. Auch in
Giordano kommentiert in einem Vorwort zur Beide Bücher zeichnen sich durch eine dichte Preußen wurde sie – wenn auch nur für kurze
Neuauflage Finckhs Buch als eines „der rück- Beschreibung aus und präsentieren ein Stück Zeit – auf die Oppositionsbank verwiesen.
sichtslos-ehrlichsten Bekenntnisse“, die er je Zeitgeschichte von unten in württembergi- Persönliche Enttäuschungen kamen für Ebert
gelesen hat. schen Städten. In beiden Büchern wird ein fa- hinzu, nicht zuletzt mit der eigenen Partei, zu
Beide Bücher setzen sich mit Kindheit und Ju- cettenreiches zeitgeschichtliches Porträt ent- der sich sein Verhältnis immer mehr ver-
gend im Nationalsozialismus auseinander, faltet, das nicht zuletzt deshalb fasziniert, weil schlechterte. Gleichzeitig erreichte die Ver-
wenn auch der zeitliche Bogen unterschiedlich es in Ulm und Stuttgart spielt. leumdungskampagne gegen den Reichspräsi-
weit gespannt ist. Renate Finckh beschreibt in Siegfried Frech denten mit dem Prozess von Magdeburg ihren

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BUCHBESPRECHUNGEN

Höhepunkt. Ebert bekam zwar in einem gegen sungskämpfe der 1820er-Jahre und die Aus- net er eher mit Frust und Intrigen, die man auch
ihn geführten Beleidigungsprozess Recht, wirkungen der französischen Julirevolution bis noch ehrenamtlich auf sich nehmen muss. Die
gleichzeitig aber sprach das Magdeburger hin zur badischen Revolution von 1849 schlie- Absicht, seine teilnehmende Beobachtung
Schöffengericht in seiner Urteilsbegründung ßen sich an. auch journalistisch zu verwerten, ist bei einem
von „Landesverrat“, den er durch seine Beteili- Einen weiteren Meilenstein bilden die „Neue Freiberufler als Motivation auch nicht ehren-
gung am Berliner Massenstreik im Januar 1918 Ära“ und die Reichsgründungsjahre, die Integ- rührig.
begangen habe. Ebert, der die Streikbewegung ration Badens also in den preußisch-hegemo- Was ist daraus geworden? Eine unterhaltsam
in „geordnete Bahnen“ lenken wollte und selbst nial geführten „kleindeutschen“ Nationalstaat und witzig geschriebene Mischung aus Sach-
zwei Söhne an der Front verloren hatte, war von Bismarckscher Prägung. In dieser Phase diffe- buch und Praktikumsbericht. Der Autor merkt
dem Vorwurf tief getroffen. Der Barmat-Fi- renziert sich nicht zuletzt das badische Partei- gleich, dass es einfacher ist, Mitglied in einer
nanzskandal, von dem er erst posthum rehabi- ensystem aus: Der von Bismarck vom Zaun ge- Partei zu werden als bei einer Videothek: kein
litiert wurde, kam hinzu und lieferte der antide- brochene Kulturkampf verfestigt die in Baden Ausweis, keine Aufnahmeprüfung. Er macht
mokratischen Rechten das Arsenal für eine mit bereits vorhandene Katholikenmobilisierung, sich klar, dass er künftig mit dem Bundeskanz-
höchster Aggression und Intensität geführte die dem regierenden Liberalismus mit der Zent- ler, dem Genossen Gerhard, per Du ist, während
Hetzkampagne, gegen die juristische Mittel nur rumspartei eine Opposition entstehen lässt, die er zu Bäcker, Busfahrer und Kassiererin weiter-
stumpfe Waffen waren. die politischen Strukturen des Landes in vieler- hin „Sie“ sagt.
Die zu Beginn des Jahres 1925 offene Frage, ob lei Hinsicht bis heute prägt. Der Kampf um die Sehr vielschichtige Erfahrungen macht er beim
Ebert zur Reichspräsidentenwahl antreten oder Modernisierung der badischen Verfassung in Kennenlernen der Parteiorganisation. Bei einer
aber sich in Folge der Verleumdungen und der den letzten Jahren des Kaiserreichs schließt sich Versammlung sitzt er nach langer Zeit wieder
staatspolitischen Belastungen seines Amtes an, geprägt auch von der „Großblockpolitik“, einmal mit alten Menschen an einem Tisch.
aus der Politik zurückziehen werde, wurde am mit der Baden einen einzigartigen Weg in „Wer Kritik nicht verträgt, soll besser Gedichte
28. Februar durch den frühen Tod des Amtsin- Deutschland ging. Die Beschreibung Badens im schreiben“, erfährt er vom Bundestagspräsi-
habers auf tragische Weise entschieden. Detail- Ersten Weltkrieg und ein kurzer Ausblick auf die denten. Bei den Jusos, heißt es, dürfe man noch
liert zeichnet Walter Mühlhausen – auf dessen Revolution von 1918 und die Weimarer Repu- Fehler machen, weil man nicht so in der Öffent-
angekündigte Monografie zu Friedrich Ebert als blik runden den Band ab. lichkeit stehe. Dort fühlt er sich wohl. Ein älte-
Reichspräsident man gespannt sein darf – in Man darf sich über solche Bücher freuen, zumal rer Genosse fragt sich bei der Weihnachtsfeier,
weiteren Kapiteln den Krankheitsverlauf und die Landesgeschichte und die Landeskunde, die warum heute fast nur noch Akademiker in die
den Tod Eberts, die Trauerfeier in Berlin und das über die Frühe Neuzeit hinausreicht, an den hie- Partei einträten. Bei seinen Bekannten findet
Staatsbegräbnis in Heidelberg nach, das mit sigen Universitäten viel zu kurz kommt. Um so Nicol für seinen Schritt wenig Verständnis: Oft
hunderttausenden Trauernden zur machtvol- besser, wenn eine solche Landesgeschichte muss er sich rechtfertigen, auch bei seiner
len Demonstration für die Republik wurde. Ent- dann auch noch den Weg zum berühmten „his- Freundin, die seine häufige Abwesenheit be-
gegen der weiter gehenden Hetze von der ex- torisch interessierten Laien“ findet, weil sie gut klagt: „Denk daran, du hast Familie.“ Anderer-
tremen Linken und der extremen Rechten ge- verständlich daherkommt. Man darf auf die seits grübelt er darüber, warum zu einer Ver-
gen den verstorbenen Reichspräsidenten war weiteren Bände in der Reihe gespannt sein, in sammlung nur zehn Prozent der Mitglieder
nicht zu kaschieren: Mit Friedrich Ebert wurde der es sich auch anbieten würde, die beiden kommen, außer bei Wahlen: da sind es doppelt
ein Stück Demokratie zu Grabe getragen. Länder, die heute zu einem Bundesland vereint so viele. Zum erstenmal erlebt er eine politische
Reinhold Weber sind, einmal vergleichend zu betrachten und Rede „live“ und nicht nur einen Ausschnitt im
historische Unterschiede, aber auch gewach- Fernsehen. Die Justizministerin gibt im kleinen
sene Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Kreis zu, dass sie manchmal gar nicht wisse, ob
Badische Geschichte kompakt Reinhold Weber alles richtig sei, was sie mache. Solche Ehrlich-
keit verblüfft ihn und gefällt ihm. Vom Regie-
FRANK ENGEHAUSEN: renden Bürgermeister hört er den Satz: „Politi-
Ein Praktikum in Demokratie ker wollen immer geliebt werden.“ Er lernt die
Kleine Geschichte des Großherzogtums Lust an der Auseinandersetzung kennen, aber
Baden 1806–1918. NICOL LJUBIC: auch Emotionen, Sympathien, Abneigungen
und Eitelkeiten beim Feilschen um Antragsfor-
G. Braun Buchverlag, Karlsruhe 2005 Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt mulierungen. Seine Mutter ist plötzlich stolz
208 Seiten mit 22 Abbildungen, 1 Karte. verändern wollte. auf ihn, weil er ein Amt hat: ohne große An-
14,90 Euro strengung ist er Ersatzdelegierter bei den Jusos
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004 geworden. Antragsrituale können nerven, aber
Der Heidelberger Historiker Frank Engehausen 208 Seiten, 17,90 Euro er begreift: Reden und Argumentieren vor Pu-
zeichnet in einem neuen Band der jungen Buch- blikum lässt sich auf Delegiertenkonferenzen
reihe „Regionalgeschichte – fundiert und kom- Was für die Älteren die Ermordung John F. Ken- am besten lernen. Bei einem Parteiabend inter-
pakt“ des G. Braun Buchverlags in Karlsruhe die nedys oder die erste Mondlandung war – ein Er- essiert sich der Kanzler nur für die Fernsehjour-
Geschichte des Großherzogtums Baden nach. eignis, das man nicht so schnell vergisst, das nalisten, während „der Franz“ (Müntefering)
Im Ergebnis hält der Leser einen rund 200 Sei- war für den 1971 geborenen Autor Nicol Ljubic auch mit Nicol ein paar Sätze wechselt. Die
ten starken, ansprechend gemachten und sehr die Bundestagswahl 1998: nämlich die Erfah- Kehrseite des Politikerdaseins lernt er bei einem
gut leserlichen Band in der Hand, der die fun- rung, dass sogar Wähler etwas bewirken kön- Auftritt des Finanzministers kennen: Man darf
damentalen Veränderungen in Politik, Verfas- nen. Fünf Jahre später liest der Berliner Journa- sich wichtig fühlen, muss sich dafür aber auch
sung, Wirtschaft und Gesellschaft des Landes list in der Zeitung, dass die Parteien allgemein beschimpfen lassen.
von 1806, der Entstehung des Großherzogtums und die Berliner SPD im Besonderen ein Nach- Seine Bewährungsprobe als neues Mitglied be-
von „Napoleons Gnaden“ bis zum Untergang wuchsproblem hätten. Er erfüllt sich seinen „ro- steht Nicol im Europa-Wahlkampf: Plakate kle-
der deutschen Monarchien 1918 beschreibt, mantischen Wunsch, etwas für das Allgemein- ben, die wieder abgerissen werden, beim Kin-
wobei der Schwerpunkt auf der Entwicklung wohl zu tun“, und tritt – antizyklisch – in die SPD derfest mithelfen (als „Ritter der Hüpfburg“, wie
des politischen Systems in Baden liegt. ein. Etwas bewirken wollte er; schließlich seien seine Freundin spottet), dann die Feuertaufe:
In einem konzisen und chronologischen Über- es ja die Parteien, die Gesetze machten. Sein die Betreuung des Infostandes vor dem Super-
blick arbeitet Frank Engehausen die wichtigsten Beitritt ist eher atypisch für seine Generation, markt, bei Regen, und mit Passanten, die
Stationen der politischen Entwicklung Badens die sich, wenn überhaupt, dann eher spontan schimpfen oder in Ruhe gelassen werden wol-
nach, beginnend mit dem Weg von der absolu- und nicht auf Dauer irgendwo engagiert. Nicht len. Da dämmert es ihm, warum Politiker so
tistischen zur konstitutionellen Herrschafts- Beständigkeit, sondern die permanente Flexibi- gerne im Fernsehen sind: Dort regnet es nicht
form und kulminierend in der badischen Verfas- lität wird ja auch stets von ihnen erwartet, und sie erreichen Millionen von Menschen,
sung von 1818, die als die freiheitlichste aller meint Ljubic. Normalerweise wolle er auch Spaß ohne ihnen begegnen zu müssen. Ljubics Resü-
Verfassungen Deutschlands galt. Die Verfas- bei einer Sache haben, doch bei der Partei rech- mee: Wer einmal Straßenwahlkampf gemacht

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BUCHBESPRECHUNGEN

hat, der braucht keine teuren Selbsterfah- Freund eines Freundes, der es nach zehnjähri- Malerei. Dabei ist dieses Buch bei aller Liebe zu
rungskurse für Manager mehr zu belegen. Zur ger Ochsentour in den Bundestag geschafft hat seinem Helden keineswegs eine Hymne auf die
Wahl geht Ljubic natürlich auch, er stimmt frei- und jetzt als junger Abgeordneter mit Abhän- Anfänge der Vereinigten Staaten, sondern eine
lich anders, als es ihm www.wahlomat.de pro- gigkeiten und unerfüllbaren Wählererwartun- kritische Auseinandersetzung mit einem ihrer
gnostiziert hat. Wahlbeteiligung und Ergebnis gen zu kämpfen hat. größten Helden. Im Zentrum der Studie steht
sorgen für Frustration; es ist nicht die einzige in Nicol Ljubic schreibt, man könne in einer Partei freilich der Blick von den ursprünglichen 13
diesen Monaten. Wohltuende Ermunterung viel über andere und über sich erfahren. Wer Vereinigten Staaten von Nordamerika gen
kommt von einem Taxifahrer: „Seid mutig und sein Buch liest, erfährt zumindest viel über das Westen des großen Kontinents.
macht weiter!“ Innenleben einer Partei. Empfohlen sei die Lek- Hartmut Wasser ist emeritierter Professor und
Das Buch bietet einen lebendigen Einblick in die türe besonders jenen, die eigentlich schon im- Kenner der Vereinigten Staaten und hat sich
Praxis politischer Arbeit. Zwar ist Berlin nicht mer wissen wollten, wie es in einer Partei zu- mehrfach publizistisch mit Thomas Jefferson
repräsentativ, hat aber den Vorteil, dass von der geht, aber nie jemand zu fragen wagten. beschäftigt. In dieser Studie ist vieles zusam-
Basis bis zur Regierung alle Ebenen der Politik Otto Bauschert mengetragen, was der Fokusierung auf jene le-
vertreten sind. Man liest manches über Pro- gendäre Expedition dient, die der Erforschung
grammarbeit, Organisationsstrukturen, Selek- des amerikanischen Westens in den Jahren
tionsmechanismen, Wahlkreissoziologie, Quo- Thomas Jefferson und die 1804-1806 gewidmet war. Wasser beschäftigt
tenerfahrungen („Wenn es um Macht geht, hal- kontinentale Expansion sich mithin mit einem nationalen Jubiläumsda-
ten Männer zusammen“), die Wichtigkeit der tum der USA – den Feiern zum 200. Jahrestag
Medien, und en passant auch etwas über die HARTMUT WASSER: dieses Ereignisses. Man kann die kontinentale
Lage und das Lebensgefühl einer jungen Gene- Expansion nicht hoch genug im Selbstver-
ration. Über die unterschiedlichen Motivatio- Die große Vision: Thomas Jefferson und ständnis der Amerikaner einschätzen. Man
nen zu politischem Engagement erfährt man der amerikanische Westen ziehe den Unterschied heran: In Europa war vor
am meisten aus der Schilderung von Begeg- 200 Jahren das Land vergeben, zumeist unter
nungen mit anderen Mitgliedern. Manche sind VS Verlag für Sozialwissenschaften, feudalen Bedingungen, es gab nur wenige freie
nach einem Praktikum eingetreten, bei anderen Wiesbaden 2004 Bauern, Orte zum Nutzen, wie Flüsse zum Bei-
gaben Freund, Freundin oder ein bestimmtes 260 Seiten, 24,90 Euro spiel, waren in fester ständischer Konzession
politisches Ereignis den Anstoß. Da ist die in der vergeben. Ganz anders in den USA. Mit Blick gen
DDR aufgewachsene Frau, die ihr Parteiamt als Man könnte meinen, dass zur Zeit an Amerika Westen war hier eine Landmasse vorhanden,
persönliche Herausforderung sieht, oder der nur George W. Bush und der Irakkrieg auf deut- die jegliche Vorstellungskraft übertraf. Dieses
„Netzwerker“, der seine Energie in Programm- sches Interesse stößt. Eine Publikation über den Land im Überfluss hat die ansässigen und ein-
arbeit steckt. Ein Juso-Vorsitzender hat in der dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, wandernden Bürger so fasziniert, dass einige
Partei das Taktieren gelernt und geht jetzt zur erscheint auf den ersten Blick fernab jeglicher Autoren meinten, das vorhandene oder nicht
Bundeswehr. Eine macht statt Parteiarbeit lie- Aktualität angesiedelt. Das Gegenteil ist der vorhandene Land sei überhaupt als der größte
ber Projekte im Umfeld; die andere erfüllt alle Fall: Fernab von jedem Wort- und Kriegsgeras- Unterschied zwischen der Neuen und der Alten
Quotenwünsche (jung, östlich, weiblich), will sel legt Hartmut Wasser eine Studie vor, durch Welt anzusehen.
aber Kinder und Familie und deshalb gerade die man mehr über Amerika erfährt als durch Wie wir wissen, haben schon die Puritaner der
keine Parteikarriere. Schließlich ist da der die gegenwärtig erzwungene Schwarz-Weiß- nach Westen sich ausdehnenden Wildnis eine

Reinhold Weber/Ines Mayer (Hrsg.):


Politische Köpfe aus Südwestdeutschland.
Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Bd. 33, Stuttgart 2005.

Namhafte Politiker aus dem deutschen Die Beiträge belegen das Verdienst
Südwesten haben zwischen der Reichs- „politischer Köpfe“ aus Südwestdeutsch-
gründung 1870/71 und der Gründung land bei der Parlamentarisierung des
der Bundesrepublik die Geschicke Deutschen Reiches, bei der Begründung
Deutschlands beeinflusst. Ausgewiesene und Verteidigung der ersten deutschen
Experten porträtieren in diesem 316 Demokratie von Weimar, im Widerstand
Seiten starken Buch 30 Zeitzeugen und gegen die Hitler-Diktatur sowie beim
Akteure zweier Jahrhunderte, die auf Wiederaufbau der deutschen Demokratie
Reichs- bzw. Bundesebene nachhaltige nach 1945 und in der Bundesrepublik
Spuren hinterlassen haben – als Abge- Deutschland.
ordnete, Minister, Kanzler, Präsidenten
und als Protagonisten des Widerstands Das Buch ist gegen eine Schutzgebühr
gegen das NS-Regime. von 5.- EUR (zzgl. Versandkosten) bei
der Landeszentrale für politische Bildung
oder marketing@lpb.bwl.de zu
bestellen.

158
BUCHBESPRECHUNGEN

religiöse Bedeutung beigemessen. Diese Wild- wurde, wie sein Erzfeind Alexander Hamilton aus Vom Wirtschaftswunderland zum
nis sollte zum neuen gelobten Land, zum neuen New York es vorausahnte, eine Handels- und In- „kranken Mann Europas“
Israel geformt werden. Für sie freilich lag der dustriemacht – aber die Vision der territorialen
Westen noch vor der Haustüre; er reichte bis zu Erweiterung nach Westen, das war Jeffersons HANS-WERNER SINN:
den Gebirgszügen des Ostens – zu den Appala- Anteil am Mythos der Vereinigten Staaten. Stolz
chen. Dann ging der Blick über diese hinaus in darauf ein Amerikaner zu sein, schon damals Ist Deutschland noch zu retten?
das Tal des Ohio. Im nächsten Schritt rückte als empfindlich gegen negative Urteile aus dem „Al-
Frontier (Grenze) der Weg zum Mississippi ins ten Europa” gegenüber seiner „Neuen Welt”, Econ Verlag München,
Blickfeld der landhungrigen weißen Siedler und aber der europäischen Bildung zugeneigt, war er 5. Auflage 2004,
Plantagenbesitzer der Südstaaten. Wasser foku- nach Wasser ein wirklicher Transatlantiker. 260 Seiten, 25,00 Euro
siert nunmehr diesen Blick nach Westen mit den Das vorliegende Buch vereinigt in sich mehrere
Augen des Plantagenbesitzers von Virginia, Tho- Sichtweisen. Es kann als eine politisch-histori- Auch wenn der Verfasser, seit 1999 Präsident des
mas Jefferson, der auf seinem kleinen Hügel sche Studie zu einer der wichtigsten Epochen renommierten ifo-Instituts für Wirtschaftsfor-
(Monticello) sich ein Traumhäuschen erbaut der jungen Republik verstanden werden, als schung in München, auf den letzten 30 seines
hatte, Verfasser der Unabhängigkeitserklärung eine einfühlsame aber nicht unkritische Biogra- knapp 500 Seiten umfassenden Werkes ein
war, ein Mann der Bücher und der Bildung und fie über den Staatsmann Jefferson oder aber als „6+1-Programm für den Neuanfang“ vor-
ausgebildeter Jurist. Zeitlebens, bis in seine Prä- eine spannende Reisebeschreibung über die schlägt, beschleicht den Leser beim Studium das
sidentschaft hinein von 1801-1808, war Jeffer- Hügel des Ostens hinweg gen Westen und den Gefühl, der Fragesatz des Titels hätte in einen
son, der Republikaner, ein Anhänger der Theorie, Missouri aufwärts. Alle drei Richtungen können Aussagesatz verwandelt werden müssen. Denn
dass die Republik in erster Linie von freien Sied- mit Gewinn beschritten werden. das erste Kapitel trägt die Überschrift „Schluss-
lern geprägt sein sollte, weil diese der moralische Jakob Schissler licht Deutschland“ und ist Franz Müntefering,
Stand des Gemeinwesens seien. Zudem war Jef- ihn zitierend, gewidmet, der meint, Deutschland
ferson der herausragende Aufklärer seiner Zeit, wachse nur deshalb so langsam, weil wir schon
der vielleicht weniger als das zeitgenössische Praktische Lebenshilfe da sind, wo andere erst noch hinwollen. Aber ge-
amerikanische Bürgertum noch in religös-puri- nau dorthin will niemand.
tanischen Gedankenwelten verwurzelt war. FRED ENDRES: Alle Kapitel sind mit farbigen Schaubildern und
1803 bot sich ihm als Präsident die große umfangreichen Daten der Wirtschafts- und So-
Chance: In dem Ringen um die Vorherrschaft in Maximen der Lebenskunst zialstatistik gespickt, deren aktueller Aussage-
Europa zwischen England und Frankreich ent- wert wie bei allen solchen statistischen Angaben
schied sich Napoleon, auf die französischen Books on Demand, Norderstedt 2004 eingeschränkt ist, weil sie rasch veralten. Doch
nordamerikanischen Besitzungen zu verzichten. (Books on Demand, Gutenbergring 53, belegen sie eindrucksvoll die Thesen des Autors.
Der berühmte so genannte „Louisianakauf” kam 22848 Norderstedt; E-Mail: www.bod.de) Der ersten Abschnitt beginnt mit einem Pauken-
zustande. Für eine geringe Summe erwarb Jef- 132 Seiten, 10,00 Euro schlag: Vom Wirtschaftswunderland zum kran-
ferson für die USA soviel Land, dass diese sich ken Mann Europas! Und den Älteren, die noch den
verdoppelten. Louisiana ist nicht der „kleine” Der Autor, den wir schon von den „Maximen der wirtschaftshistorisch einmaligen Aufschwung
Staat in den USA um New Orleans herum, son- Liebe“ und den „Maximen der Nähe“ sowie von nach 1948 erlebt haben, als alle Welt die junge
dern dieses Territorium reichte vom Golf von anderen Publikationen her kennen, krönt seine Bundesrepublik nach ihrer Gründung bewun-
Mexiko bis an die englisch-kanadische Grenze Impulse zu einem erfüllteren Leben nun mit derte, gar von den Siegermächten England und
und wurde im Westen von einer terra incognita dem Band „Maximen der Lebenskunst“. Mit ei- Frankreich beneidet wurde, als Willy Brandt im
begrenzt, dem dortigen „Steingebirge”. Sowohl ner außergewöhnlichen Sensibilität greift Fred Wahlkampf von 1972 vom „Modell Deutschland“
über Louisiana als auch über das Steingebirge la- Endres 55 Stichworte auf, die für unser Leben sprach und nicht etwa die NPD oder DVU, son-
gen im Osten keine wirklichen Kenntnisse vor – bedeutsam sind und gibt uns mit flott geschrie- dern die SPD plakatierte „Deutsche, wir können
aber umso mehr Geschichten und Fantasien. benen Texten helfende Inspirationen. stolz sein auf unser Land“, fällt es schwer zu wi-
Und nun kam die zweite große Tat des Präsiden- Da der Rezensent auch nicht mehr zu den dersprechen. – Sinn diagnostiziert für diesen Nie-
ten: Er rüstete eine Expedition aus, die unter den Jüngsten zählt, hat er gleich den Begriff „Alter“ dergang sechs Hauptursachen: (1.) die schwin-
Captains Meriwether Lewis und William Clark aufgeschnappt und begierig gelesen. Bei der dende Wettbewerbsfähigkeit, (2.) den strangu-
den nordwestlichen Teil dieser Gebiete erkunden Lektüre kam er rasch ins Schmunzeln und ins lierten Arbeitsmarkt, (3.) den übermächtigen So-
sollte. Neben vielem anderen war es Hauptauf- positive Sinnieren. Die ohne jeden moralischen zialstaat, (4.) den Steuerstaat, (5.) den „verblü-
gabe dieser Expedition, einen möglichen durch- Fingerzeig gegebenen Ratschläge und Hin- henden“ Osten und – in jeder Analyse der Lage
gehenden Wasserweg zu finden. Zu diesem weise führen zu ermutigendem Nachdenken der Nation unabweisbar – (6.) die Vergreisung des
Zweck brach die Expedition im Mai 1804 von St. und machen Lust auf die weitere Lektüre. Landes durch Geburtenarmut.
Louis am Mississippi auf, um entlang des Mis- Obwohl man das Buch auch ohne Langeweile in Trotz Deutschlands Stellung als „Exportwelt-
souri immer weiter nach Norden vorzudringen einem Zug lesen kann, empfiehlt es sich eher, im- meister“ erkennt Sinn einen Verlust der Wett-
und die Passage zum Columbiafluss im so ge- mer wieder einen der von Fred Endres ausge- bewerbsfähigkeit, den er in die griffige, viel-
nannten Gebiet von Oregon zu finden. Über alle wählten Schlüsselbegriffe näher zu betrachten leicht zu einfache Formel fasst: „Viereinhalb
Schätzungen hinaus dauerte die Expedition und darüber zu meditieren. Für die Kontempla- Millionen Deutsche sind nicht mehr wettbe-
zweieinhalb Jahre: im September 1806 traf sie tion sind die Zitate von Philosophen, Dichtern werbsfähig“, wobei der Begriff „Deutsche“ bes-
wieder umjubelt in St. Louis ein. Vieles hatte sie und Künstlern, die vom Autor zu jedem Begriff ser durch Inländer ersetzt würde, denn die
erlebt, vieles hatte sie herausgefunden, den passend ausgesucht wurden, wertvolle Anstöße. überproportional arbeitslosen Ausländer sind
durchgehenden Wasserweg gab es zum Bedau- Insgesamt ergibt sich aus der Lektüre dieser in dieser Zahl auch enthalten. Der scheinbare
ern der interessierten Öffentlichkeit leider nicht. Neuerscheinung in der Welt der Literatur eine Widerspruch von Exportweltmeisterschaft, auf
Wer mehr darüber wissen will, sollte Wasser le- optimistische Lebenssicht. Der Autor wirkt sehr die erst jüngst IGM-Chef Peters zur Abwehr
sen: Wer die Mitglieder der Expedition waren, ihr authentisch. Man kann ihn ohne Mühe als Le- von Lohnkürzungen hingewiesen hat, zur rela-
Verhältnis zu den Indianern (nicht gut); wie Jef- benskünstler ansehen. Deshalb gelingt es ihm tiven Konkurrenzunfähigkeit zeigt sich daran,
fersons Verhältnis zu den Indianern war (ambi- auch so gut, seine Lebensfreude auf die Lese- dass der deutsche Anteil am Welthandel, der
valent), wie Jefferson an der Strukturierung des rinnen und Leser zu übertragen. absolut unablässig stark wächst, von rund 13%
nordamerikanischen Kontinents mitwirkte (die Das Buch erhebt nicht den Anspruch, ein erhel- im Jahre 1972 auf gut 9% für 2004 gefallen ist.
Gestaltung vieler US-Einzelstaaten in Form von lender Beitrag zur wissenschaftlichen Erleuch- Übersehen wird, dass ein Großteil unserer Fer-
Streichholzschachteln ist unter anderem auch tung der Welt zu sein. Sein Vorteil liegt gerade tigprodukte, z.B. im Automobilbau, aus auslän-
ihm zu verdanken) und in welcher Weise er sich darin, dass es eher unser Herz als unseren Ver- dischen Vorprodukten besteht. Überspitzt
mit den Gebildeten der damaligen Zeit aus- stand anspricht und als praktische Lebenshilfe spricht in diesem Zusammenhang Sinn davon,
tauschte und letztlich als der Vertreter einer ide- angesehen werden kann. dass sich Deutschland von einem Industrie-
alisierten Landwirtschaft scheiterte. Amerika Siegfried Schiele standort zu einer „Basar-Ökonomie“ entwi-

159
BUCHBESPRECHUNGEN

ckelt. Eine These, die wissenschaftlich nicht un- Behauptung gewerkschaftsorientierter Kreise – erzwingen. Als Scheinlösung gegen die wach-
umstritten ist. nicht. Die Lektion, die uns Ludwig Erhard einst sende Überalterung der Bevölkerung wertet
Nahezu gnadenlos stellt er die Gewerkschaften, erteilte, der sich gegen die „gerechtere Vertei- Sinn die Zuwanderung. Die Einwanderer, von de-
insbesondere die IG Metall, an den Pranger. Wer lung des Mangels“ wehrte und lieber den Man- nen übrigens nach zehn Jahren bereits die Hälfte
wie sie dauerhaft Hochlohnpolitik und Tarifpoli- gel – das sind heute die beim derzeitigen Lohn- wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt ist, leis-
tik gegen die Kräfte der Globalisierung und da- kostenniveau fehlenden Arbeitsplätze – beseiti- ten zwar kurzfristig einen Beitrag zur Renten-
mit des internationalen Marktes versucht, „be- gen wollte, scheint vergessen zu sein. Das ist die versicherung, bürden aber dem Sozialstaat an
treibt die Vernichtung des Wirtschaftsstandor- Schlussfolgerung, die sich nach der Lektüre des anderer Stelle erheblich mehr Lasten auf. Die Zu-
tes Deutschland“. Das gerade von den Arbeitneh- Buches dem Rezensenten aufdrängt. wanderer profitieren – so Sinn in Übereinstim-
mervertretungen immer wieder vorgebrachte Die neuen Bundesländer – für Sinn wie das ita- mung mit anderen Untersuchungen – überpro-
Argument, die Löhne könnten kosten- und damit lienische Mezzogiorno – weisen eine Produkti- portional von der Umverteilung zu Gunsten är-
preisneutral mit der Arbeitsproduktivität steigen, vität von knapp 60% der westdeutschen auf. Da- merer Bevölkerungsschichten. Wollte man das
wird von Sinn als ein Denkfehler von „Dr. Fritz- bei hat es am Transfer von Geld nun wahrlich Verhältnis von Alten und Jungen in Deutschland,
chen Müller“ entlarvt. Produktivität ist die Wert- nicht gefehlt. So liegen die Renten in der gesetz- also den Altersquotienten, auf dem Niveau des
schöpfung geteilt durch Arbeitszeit. Bei der Ar- lichen Rentenversicherung ostdeutscher Ren- Jahres 1995 stabilisieren, so müssten bis zum
beitszeit müssen die Zeiten der Arbeitslosen und tenbezieher 12% über denen der Westdeut- Jahr 2050 netto rund 190 Millionen Personen
die entfallenden Stunden aus Arbeitszeitverkür- schen, wobei freilich die Zusatzversorgungen in zuwandern oder 3,4 Millionen jährlich.
zungen mitgezählt werden, weil daraus kein Bei- Westdeutschland unberücksichtigt sind. Das Das Maximum der Rentenkrise auf Grund des
trag mehr zur gesamtwirtschaftlichen Wert- neue Bundesgebiet lebt somit weit über seine Geburtenschwundes wird für das Jahr 2035 pro-
schöpfung geleistet werden kann. Die Freiset- Verhältnisse. In zwölf Jahren haben die ostdeut- gnostiziert. Der Autor plädiert zwar für eine ak-
zung von Arbeitskräften erhöht zwar betriebs- schen Bundesländer mehr Schulden angehäuft tive Bevölkerungspolitik, aber ist es nicht längst
wirtschaftlich die Arbeitsproduktivität (je Kopf) als die westdeutschen Flächenländer das in 54 zu spät, um diese Krise zu verhindern? Denn wie
und senkt die Lohnstückkosten. Aber dieser Zu- Jahren seit Gründung der Bundesrepublik ge- Sinn selbst feststellt, können die am stärksten
wachs nährt die Illusion, es gäbe volkswirtschaft- schafft haben. Die wirtschaftliche Vereinigung, besetzten Jahrgänge der jetzt 40-jährigen
lich verteilbare Zuwächse, dabei ist der Zuwachs so konstatiert Sinn lapidar, ist „gründlich (...) Frauen aus biologischen Gründen kaum noch
der Arbeitsproduktivität nichts weiter, als eine misslungen“. Warum? Für ihn besteht nicht der weitere Kinder bekommen; außerdem würden
Flucht der Unternehmen vor den gewerkschaft- geringste Zweifel, dass die neuen Bundesländer Kinder, die von nun an zusätzlich geboren wür-
lichen Lohnforderungen. Je mehr Unternehmen ein Wirtschaftswunder erlebt hätten, das dem den, dem Arbeitsmarkt frühestens in 20 Jahren
unter dem Lohnkostendruck und dem interna- des Westens in den 50er-Jahren gleich gekom- zur Verfügung stehen. Sinn konstatiert zurecht,
tionalen Wettbewerb zusammenbrechen, je men wäre unter der Bedingung, dass die Ge- dass das derzeitige Rentensystem im Kern eine
mehr Arbeitskräfte freigesetzt werden, desto hö- werkschaften auf die Aufholjagd der Löhne ver- Versicherung gegen Kinderlosigkeit und der dar-
her wird selbstverständlich die Produktivität der zichtet hätten. „Die dramatische Erhöhung der aus resultierenden Altersarmut ist. Zu Bismarcks
verbliebenen Betriebe und ihrer Beschäftigten. Lohnkosten“ innerhalb von zehn Jahren sind „die Zeiten stand die Not der kinderlosen Alten den
Unter Einbeziehung der arbeitslos Gewordenen zentrale Ursache der ostdeutschen Probleme.“ jungen Menschen als warnendes Beispiel vor
hat die gesamtwirtschaftliche Produktivität Sinn legt die Gründe, warum es zu einer solchen Augen. Mit dem 20. Jahrhundert wurde das an-
dann aber nicht zu- sondern abgenommen. bar jeder wirtschaftlichen Vernunft raschen ders, und heute können die kinderlosen Alten die
Nicht ohne Humor erinnert Sinn an ein Lied der Lohnerhöhung kommen konnte, detailliert dar, Kinder anderer Leute „bestehlen“ (Roman Her-
Arbeiterklasse von Ernst Busch, in dem dieser den worauf hier aber verzichtete werden muss. zog).
Kapitalisten vorwirft, Weizen ins Feuer zu schüt- Der Steuerstaat ist für Sinn ein „Fass ohne Bo- Auf viele Einzelheiten des Buches kann hier nicht
ten und Kaffee ins Meer, um die Preise hoch zu den“. Dem Kundigen sagt dieses Kapitel wenig eingegangen werden, auch deshalb sei sein
halten. Genau das aber mache die Gewerkschaft Neues. Allenfalls regen die bunten Tupfer zum „Programm für den Neuanfang“ nur stichwort-
mit ihrer Hochlohnpolitik. Die brachliegende Ar- Schmunzeln oder – je nach Veranlagung – zum artig aufgelistet.
beitskraft der Arbeitslosen gleicht hier dem vor- Weinen an, wenn er etwa darauf hinweist, dass ■ Länger arbeiten, mindestens 42 Stunden,
sätzlich vernichteten Weizen und Kaffee. Was je- man für den Subventionsbetrag jeden Arbeits- Mitbeteiligung statt Mitbestimmung.
der Obsthändler an der Straßenecke weiß: Wenn platzes im Kohlerevier in Höhe von jährlich ■ Weniger Macht für die Gewerkschaft, weg mit
er die Preise für seine Äpfel zu hoch ansetzt, bleibt 56.000 Euro den Kumpel ganzjährig auf Urlaub den Flächentarifen, Tarifautonomie für die
er auf ihnen sitzen und sie verfaulen. Löhne sind nach Mallorca schicken und dort köstlich bewir- Betriebe.
aber marktwirtschaftlich gesehen nichts ande- ten könnte. Oder dass clevere Holländer land- ■ Weniger Geld für das Nichtstun, mehr Geld
res als die Preise für die Ware Arbeitskraft und wirtschaftliche Gebiete in den neuen Bundes- für Jobs, aktivierende Sozialhilfe.
wer sie wie das „ Gewerkschaftskartell“ zu sehr ländern gekauft haben, nur um sie anschließend ■ Zuwanderungsanreize abschalten, verzö-
nach oben drückt, kann diese Ware nicht verkau- brach zu legen und die entsprechenden Stillle- gerte Integration in das Sozialsystem.
fen. Das mag man bedauern, aber der Markt „ist gungsprämien der EU zu kassieren. Die Kette der ■ Radikale Steuerreform, weniger Staat und
nicht gerecht, sondern nur effizient“. Heimwerkermärkte OBI ist nach Sinn der Haupt- weniger Steuern.
Die Lohnersatzleistungen des Sozialstaates, also profiteur der deutschen Hochsteuerpolitik, eine ■ Mehr Kinder, mehr Rente, mehr Fortschritt.
etwa das Arbeitslosengeld, wurden geschaffen, „Inkarnation der Wohlsfahrtsverluste“, weil die Hans-Werner Sinns Buch ist keine gemütliche
um die Folgen der Arbeitslosigkeit abzufedern, volkswirtschaftliche Arbeitsteilung aufgehoben Feierabendlektüre, es stellt Anforderungen an
aber indem der Sozialstaat dies tut, erzeugt er wird. Der Zimmergeselle legt die Fliesen selbst, den Leser. Es verlangt von ihm, dass er von lieb-
die Arbeitslosigkeit selbst, wenn die Produktivi- und der Fliesenleger versucht sich in den Abend- gewordenen Vorstellungen und Illusionen Ab-
tät der Betroffenen darunter liegt. Eine absolute stunden als Schreiner. schied nimmt. Kritisch wäre vielleicht zu fragen,
starre Untergrenze, praktisch eine Art gesetzli- Das siebte Kapitel „Land der Greise“ wird Konrad ob Sinn, so sehr er auch praktische Vorschläge
cher Mindestlohn, stellt die Sozialhilfe dar. Nie- Adenauer gewidmet, der geglaubt hat, dass die unterbreitet, die politische Realisierbarkeit im-
mand wird arbeiten für einen Betrag, der in der Leute Kinder sowieso kriegen. Die Geburtenrate mer mit bedacht hat. Nach Hans-Olaf Henkel ge-
Nähe oder gar unterhalb dieses Sozialhilfesat- als durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau hört dies Buch auf den Schreibtisch aller Mitglie-
zes liegt. Dabei ist die Sozialhilfe von 1970 bis wird von Sinn mit 1,35 angegeben, während sie der des Bundeskabinetts und des Deutschen
zum Jahre 2000 nominal um rund 450% gestie- zur Bestandserhaltung bei 2,08 liegen müsste. Bundestages, aber ob seine Ratschläge von ih-
gen, der durchschnittliche Stundenlohnsatz Längst scheint es in der Bevölkerungswissen- nen auch befolgt werden, darf bezweifelt wer-
aber „nur“ um 350%. schaft communis opinio zu sein, dass wegen der den. Doch wäre schon viel gewonnen, wenn
Die Blümsche Frühverrentung geißelt Sinn als Alterung die geistige und wirtschaftliche Dyna- Hans-Werner Sinns Diagnose als richtig erkannt
eine Teufelsspirale, deren Ausgangspunkt der mik Deutschlands erlahmt. Heute ist der deut- und „nur“ über die Therapievorschläge gestrit-
„ziemliche Unsinn“ von der „These vom sche Medianwähler 47 Jahre alt, das ist das ten wird. Eines ist sicher, klassenkämpferische
schrumpfenden Job-Kuchen“ ist. Wie jeder Öko- Durchschnittsalter der Wahlberechtigten. In 20 Instrumente aus dem 20. oder gar 19. Jahrhun-
nom weiß, gibt es diesen festen Kuchen – ent- Jahren wird dieser Medianwähler 54 Jahre alt dert taugen dafür nicht.
gegen der gebetsmühlenartig vorgebrachten sein, und das wird eine Veränderung der Politik Peter Schade

160
Europa und die USA Intervention bedient hätten, die sich nicht auf das US-Regierung nur einen wünschenswerten, aber
Recht der Selbstverteidigung berufen kann. nicht notwendigen Deckmantel für den Einsatz
TZVETAN TODOROV: Unter Bezug auf die von Bush proklamierte Natio- von militärischer Gewalt darstellt. Dem hält der
nale Sicherheitsstrategie beleuchtet Todorov die Autor entgegen, dass eine freiwillige Selbstbe-
Die verhinderte Weltmacht. geistigen Grundhaltung der amerikanischen schränkung bei der Machtausübung im recht ver-
Reflexionen eines Europäers. Führung. Die gebräuchliche Bezeichnung „neo- standenen Interesse der USA liege. Hiernach wäre
konservativ“ sei fehl am Platz. Die US-amerikani- der Einsatz militärischer Mittel nur im Falle der
Goldmann Verlag, München, 2004 sche Regierung erhebe vielmehr den Anspruch, Selbstverteidigung, einer Aggression gegen das
128 Seiten, 6,90 Euro (TB) unter Berufung auf ein absolutes Gewissen ihr eigene Land (Afghanistan) oder gegen einen Ver-
Ideal mit militärischer Gewalt in der Welt zu bündeten (Kuwait) gerechtfertigt. In allen ande-
Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sind die verbreiten. Diese Geisteshaltung sei neofunda- ren Fällen seien die internationale Ordnung und
Vereinigten Staaten von Amerika die einzig ver- mentalistisch und totalitär und daher mit dem die nationale Souveränität zu respektieren.
bleibende Weltmacht und bestimmen kraft ihrer Wertekanon einer Demokratie unvereinbar: „De- Kritisch beurteilt Todorov die Rolle und Bedeu-
Vormachtstellung die Weltordnung. Die Über- mokratien setzen ihre Streitkräfte als legales Mit- tung der internationalen Institutionen bei der
macht der USA, insbesondere auf dem militäri- tel der Selbstverteidigung ein, totalitäre Staaten Friedenssicherung. Durch die Einräumung des
schen Sektor, vermittelt der von George W. Bush zur Veränderung der Welt“. Todorov begründet, Vetorechts an die fünf ständigen Mitglieder des
geführten neokonservativen Regierung offen- weshalb das in jüngster Zeit öffentlich diskutierte Sicherheitsrates festige die UNO die Hegemonie
kundig die Überzeugung, weltweit jedes Problem „Recht auf Einmischung“ mit dem Geist der De- dieser Großmächte statt sie zu beschneiden. Die
im Alleingang lösen zu können. Hierauf beruht die mokratie grundsätzlich unvereinbar ist. Eine de- mangelnde Durchsetzungskraft der Vereinten
durchgängige Weigerung der US-Administra- mokratische Legitimierung von Militäraktionen Nationen sei vor allem im Fehlen einer eigenen
tion, Souveränität an internationale Institutionen sei nur gegeben im Falle der Selbstverteidigung Streitkraft begründet. Die moralische Grundlage
abzugeben. Die Hegemonie der USA hat bei den und im Extremfall des Genozids. der UNO beurteilt Todorov als fragwürdig und ver-
internationalen Institutionen, insbesondere der In der Nationalen Sicherheitsstrategie vom weist auf zahlreiche Massaker, die die UNO weder
UNO, zu einem gravierenden Bedeutungsverlust 20.09.2002 haben die USA ihre Militärdoktrin um verhindern konnte oder wollte und den nie unter-
geführt. Dasselbe gilt – wenn auch in einge- den Präventivkrieg erweitert. Todorov geht unter nommenen Versuch, einzelne Länder wie z.B. wie
schränktem Maße – für die EU: Einerseits hat die Bewertung der Folgen des Irakkrieges der Frage China oder Syrien wegen Menschenrechtsverlet-
EU durch die Osterweiterung an Gewicht gewon- nach, ob das Streben nach weltweiter Hegemonie zungen zu verurteilen. Institutionen internatio-
nen, andererseits ist die Interessenlage ihrer Mit- mit Hilfe von Präventivkriegen das beste Mittel zur naler Justiz begegnet Todorov mit Skepsis: Entwe-
glieder heterogener geworden. Hinzu kommt, Wahrung der nationalen Interessen der USA dar- der sei deren Handeln nicht effektiv, da sich nicht
dass die EU weder über eine gemeinsame Streit- stellt. Er zeigt die vorhersehbaren Folgen des Ver- gegenüber den Großmächten durchsetzen könn-
macht noch eine einheitliche Linie in der Außen- suchs auf, einer traditionellen Gesellschaft de- ten oder nicht gerecht, weil sie selektiv nur die von
und Sicherheitspolitik verfügt. mokratische Regeln zu oktroyieren: Ein durch die feindlichen Mächten begangenen Kriegsverbre-
Die Militärinterventionen – vor allem der Irakkrieg siegreiche Armee nicht auszufüllendes Machtva- chen verfolgten.
– haben zu einer Kontroverse zwischen Europa kuum und eine durch das Fehlen jeglicher staatli- Todorov sieht in der Umwandlung der EU in eine
und den USA geführt, welche die transatlanti- chen Autorität begründete Verschlechterung der Militärmacht eine unverzichtbare Voraussetzung
schen Beziehungen nachhaltig belastet. Offen- Lage der Bevölkerung. für eine autonome Politik Europas. Hierfür seien
kundig ist Europa zum ersten Mal seit 1945 nicht Der von vielen nicht-westlichen Völkern als De- eine gemeinsame Verteidigungsstruktur und eine
mehr bereit, sich der Politik der Vereinigten Staa- mütigung empfundene Irakkrieg habe nicht der deutliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben
ten unterzuordnen. Diese Kontroverse gewann in Bekämpfung des Terrorismus gedient, sondern erforderlich. Nach dem Aufbau einer europäi-
jüngster Zeit durch den Irankonflikt neue Aktuali- weiteren Fanatismus geschürt; dieser schlage schen Streitkraft sollte die EU ihre NATO-Mit-
tät. Vor diesem Hintergrund sind die europäischen sich in der steigenden Zahl von Attentaten seit gliedschaft aufgeben, fordert Todorov. Er räumt
Staaten gezwungen, sich mit der Identität Euro- Kriegsende nieder. Statt auf den Weg von Ver- jedoch zugleich ein, dass diese Vorstellung bei den
pas und seiner Rolle in der Welt auseinander zu handlungen und Ausübung diplomatischen Ländern des Ostens zumindest vorübergehend
setzen. Der Soziologe Todorov, der als Franzose Drucks zu bauen, hätten die USA darauf gesetzt, auf Ablehnung stoßen werde. Weitere Probleme
bulgarischer Abstammung totalitäre und demo- mit Hilfe eines Krieges ihr Ziel schneller zu errei- seien im Fall Großbritanniens zu überwinden, das
kratische Systeme aus persönlicher Erfahrung chen und damit die Zerstörung des Landes und über die stärkste Armee Europas verfügt und sei-
kennt, liefert mit seinen Überlegungen einen Bei- das Leiden der Bevölkerung als „Kollateralschä- ne Militärpolitik mit der der USA verknüpft hat.
trag zu dieser aktuellen Diskussion. Er zeichnet die den“ in Kauf genommen. Mit der Bezeichnung der EU als „stiller Macht“
Kontroverse zwischen den USA und Europa nach Todorov zieht das Fazit, dass weder der Irakkrieg stellt Todorov klar, dass zwar ein Verzicht auf im-
und entwickelt daraus ein überzeugendes Kon- noch die ihm zugrundeliegende Politik im wirkli- periale Absichten, keineswegs jedoch ein militäri-
zept für die Rolle Europas bei der Wiederherstel- chen nationalen Interesse der USA liegen. Dem In- scher Gewaltverzicht erklärt werde. Der Autor
lung einer multipolaren Weltordnung. teresse der USA wäre eher gedient, wenn die USA regt eine Rückbesinnung auf die in der gemeinsa-
Todorov beginnt seine Überlegungen mit einer sich um eine Legitimierung ihrer Handlungen be- men Geschichte und Geographie begründeten
Analyse der Gründe für den Irakkrieg. Er kommt zu mühten statt auf der Grundlage militärischer europäischen Werte an: Rationalität, Gerechtig-
dem Ergebnis, dass die von den USA vorgebrach- Übermacht Stärke zu demonstrieren. Todorov zi- keit, Demokratie, individuelle Freiheitsrechte,
ten offiziellen Kriegsgründe – Bedrohung durch tiert Montesquieu, wonach keine unumschränkte Trennung von Kirche und Staat sowie Toleranz.
Massenvernichtungswaffen und Unterstützung Gewalt rechtmäßig sein kann und die Macht ihre Todorov spricht sich für die Weiterentwicklung
des internationalen Terrorismus – keine stichhal- Legitimität weder aus ihrem Ursprung noch ihrem der Staatengemeinschaft als einem Europa der
tige Rechtfertigung für einen Präventivkrieg dar- Zweck, sondern aus der Art ihrer Ausübung be- konzentrischen Kreise aus. Als Mitglieder des in-
stellen. Er greift auf die von Präsident Bush junior zieht. Eine Legitimität begründende Machtausü- nersten Kreises sieht er die Gründerstaaten der
verwandte doppelte Rechtfertigung zurück, wo- bung wiederum basiert auf der freiwilligen Aufer- Union, die eine einheitliche Außen- und Verteidi-
nach der Krieg neben der Gewährung nationaler legung von Schranken, also der Teilung der Macht gungspolitik beschließen könnten. Der nächsten
Sicherheit auch das Ziel der Befreiung der Iraker mit anderen. Im zwischenstaatlichen Verhältnis Kreis entspräche der EU in ihrer heutigen Form
von einem Gewaltregime verfolgt habe. Die auf beruht Machtbeschränkung auf der Wahrung der und umfasst die projektierten Aufnahmeländer,
den außenpolitischen Berater der US-Regierung Souveränität anderer Staaten sowie der Achtung sofern sie die Beitrittskriterien erfüllen. Der Autor
Robert Kagan zurückgehende Argumentation, der mit anderen Ländern geschlossenen Verträge lässt die Gestaltung des dritten Kreises offen, stellt
wonach die USA ihre „Macht als Mittel der Förde- und Übereinkommen. jedoch klar, dass im Unterschied zur Ukraine und
rung der Prinzipien einer freiheitlichen Gesell- Die geringe Achtung, die die politische Führung zu Belarus aufgrund seiner schieren Größe Russ-
schafts- und Weltordnung“ ansähen, brandmarkt der USA der UNO entgegenbringt, fand ihren Nie- land ebensowenig Aufnahme finden könnte wie
er als eine taktisch motivierte unehrliche Verbrä- derschlag in der Formulierung der Nationalen Si- die Maghrebstaaten. Abschließend fordert Todo-
mung der Fakten. Zu unterscheiden sei zwischen cherheitsstrategie: „Auch wenn die Vereinigten rov eine einheitliche Arbeitssprache und die Ver-
den verfolgten Zielen und den hierfür eingesetz- Staaten bereit sind, alle erdenklichen Anstren- besserung der demokratischen Strukturen der
ten Mitteln: Nicht fremden, sondern nationalen gungen zu unternehmen, um die Unterstützung zentralen europäischen Institutionen. Nach sei-
Interessen komme legitimer Weise die erste Prio- der internationalen Gemeinschaft zu erlangen, ner Auffassung würde die bloße Existenz einer
rität zu. Es sei nicht zu beanstanden, dass die USA werden wir nicht zögern, notfalls auch allein zu EU-Verfassung ungeachtet der konstatierten
diese an sich legitimen Ziele verfolgt, sondern handeln“. Hieraus ist für Todorov ersichtlich, dass Mängel einen ungeheuren Fortschritt bedeuten.
dass sie sich als Mittel hierzu einer militärischen eine von der UNO verliehene Legitimität für die Dorothee Kallenberg
63 Europa – Einheit und Vielfalt: Dr. Karlheinz Dürr............... -147
64 Frieden und Entwicklung: Wolfgang Hesse ...................... -140
66 Modernisierung in Staat und Wirtschaft: Eugen Baacke .... -136
67 Bibliothek/Mediothek: Gordana Schumann ..................... -121
68 Hausmanagement: Erika Höhne ..................................... -109

LpB-Shops/Publikationsausgaben
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart
Bad Urach Tagungsstätte Haus auf der Alb, Hanner Steige 1,
Telefax 0711/16 40 99 -77
(Tel. 07125/152-0) Montag bis Freitag 8–16.30 Uhr
* Paulinenstraße 44–46, 70178 Stuttgart, Fax -55
lpb@lpb.bwue.de, www.lpb-bw.de
Freiburg Bertoldstraße 55 (Martina Plajer, Tel. 0761/20773-10)
Direkt-Mails (ohne akad. Titel):
Dienstag und Donnerstag 9–17 Uhr
Vorname.Name@lpb.bwl.de

Heidelberg Plöck 22 (Maria Melnik, Tel. 06221/6078-11)


Telefon Stuttgart: 0711/16 40 99-0
Dienstag 9–15 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 13–17 Uhr

Durchwahlnummern
Stuttgart Stafflenbergstr. 38 (Ulrike Weber, Tel. 0711/164099-66)
Direktor: Lothar Frick ........................................................... -60
Montag und Donnerstag 9–12, 14–17 Uhr, Dienstag 9–12 Uhr
Referat des Direktors: Dr. Jeannette Behringer......................... -62
Controlling: Christiane Windeck ........................................... -11
Tübingen Herrenberger Straße 36
(Claudia Häbich/Sonja Danner, Tel. 07071/2002996)
1 Querschnittsabteilung Zentraler Service
Mittwoch und Freitag 9.15–11.45 Uhr, Dienstag 9.15–15 Uhr
11 Grundsatzfragen: Günter Georgi (Abteilungsleiter) ........... -10
12 Haushalt und Organisation: Gudrun Gebauer.................. -12
13 Personal: Ulrike Hess .................................................... -13
Redaktion „Der Bürger im Staat“
14 Information und Kommunikation: Wolfgang Herterich ....... -14
Siegfried Frech, Telefon 0711/164099-44
E-Mail: siegfried.frech@lpb.bwl.de
2 Querschnittsabteilung Marketing
Redaktionsassistenz: Barbara Bollinger,
21 Marketing: Werner Fichter (Abteilungsleiter) .................... -63
Telefon 0711/164099-21, Fax -77
22 Öffentlichkeitsarbeit: Joachim Lauk ................................ -64
E-Mail: barbara.bollinger@lpb.bwl.de

3 Abteilung Demokratisches Engagement


31* Geschichte und Verantwortung: Konrad Pflug (Abt.leiter) ... -31
Die Zeitschriften auf CD
32 Frauen und Politik: Beate Dörr -75, Christine Herfel ....... -32
Die Texte vergriffener Hefte auf den Jahrgangs-CD’s:
33* Freiwilliges Ökologisches Jahr: Steffen Vogel ................... -35
„Zeitschriften und Dokumentationen“, Ausgabe 1997/99,
34 Jugend und Politik: Wolfgang Berger .............................. -22
Ausgabe 1999/2000 und Ausgabe 2002,
35* Schülerwettbewerb des Landtags: Monika Greiner ........... -26
zu je 2.50 € zzgl. Versandkosten.

4 Abteilung Medien
41 Neue Medien: Karl-Ulrich Templ (stv. Dir., Abt.leiter) ......... -20
Bestellungen aller Publikationen
42 Redaktionen Der Bürger im Staat/Didaktische Reihe:
(Zeitschriften auch in Klassensätzen) bitte schriftlich an:
Siegfried Frech............................................................. -44
Landeszentrale für politische Bildung,
43 Redaktion Deutschland und Europa:
Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart,
Jürgen Kalb ................................................................. -43
Fax: 0711/164099-77
44 Redaktionen Politik und Unterricht/Landeskundliche Reihe:
E-Mail: marketing@lpb.bwl.de
Dr. Reinhold Weber ...................................................... -42
oder im Webshop: www.lpb-bw.de/Shop

5 Abteilung Regionale Arbeit


Wenn Sie nur kostenlose Titel mit einem Gewicht unter
51 Außenstelle Freiburg, Bertoldstraße 55, 79098 Freiburg:
1 kg bestellen, fallen für Sie keine Versandkosten an.
Dr. Michael Wehner, Tel. 0761/20773-0, Fax -99
Für Sendungen über 1 kg sowie grundsätzlich bei Lieferung
52 Außenstelle Heidelberg, Plöck 22, 69117 Heidelberg:
kostenpflichtiger Produkte werden die Versandkosten
Dr. Ernst Lüdemann (Abt.leiter), T:. 06221/6078-0, Fax -22
(Porto, Verpackung, Bearbeitung) berechnet.
53* Außenstelle Stuttgart, Paulinenstr. 44 - 46, 70178 Stuttgart,
Tel. 0711/164099-51, Fax -55
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72070 Tübingen, Tel. 07071/200-2996, Fax -2993
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Thema des nächsten Heftes:
6 Abteilung Haus auf der Alb
Tagungsstätte Haus auf der Alb, Hanner Steige 1, 72574 Bad Urach, Nach der
Telefon 07125/152-0, Fax .............. -100 „Orangenen Revolution“
61 Natur und Kultur: Dr. Markus Hug (Abteilungsleiter).......... -146
(4/2005)
62 Zukunft und Bildung: Robert Feil ..................................... -139