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HISTORAMERICANA

herausgegeben von
Hans-Joachim König und Stefan Rinke HISTORAMERICANA 5

Band 1 : Stefan Rinke, "Der letzte freie Kontinent":


Deutsche Lateinamerikapolitik im Zeichen transnationaler
Beziehungen, 1918-1933

Band 2: Stefan Karlen und Andreas Wimmer (Hg.), "Integration und


Transformation": Ethnische Gemeinschaften, Staat und
Weltwirtschaft in Lateinamerika seit ca. 1850

Band 3: Jürgen Müller, Nationalsozialismus in Lateinamerika: Ethnische Kriege in Lateinamerika


Die Auslandsorganisation der NSDAP in Argentinien, im 19. Jahrhundert
Brasilien, Chile und Mexiko, 1931-1945

Band 4: Marianne Braig, Ursula Ferdinand und Martha Zapata, (Hg.)


Begegnungen und Einmischungen:
Festschrift für Renate Rottzum 60. Geburtstag

Band 5: Michael Riekenberg,


Ethnische Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert von

Michael Riekenberg

VERLAG HANS-DIETER HEINZ


AKADEMISCHER VERLAG STUTTGART
1997
INHALTSVERZEICHNIS

A. Einführung 7

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme


B. Zum Begriff und zu Teilformen des ethnischen Krieges 19

Riekenberg, Michael:
Ethnische Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert / von Michael C. Hegemonische ethnische Kriege
Riekenberg. - Stuttgart : Heinz, 1997 I. Yukatan, 1847-1853 39
(Historamericana ; 5)
ISBN 3-88099-474-9 II. Provinz Buenos Aires, 1776-1835 55

D. Kompetitive ethnische Kriege


I. Guatemala, 1838-1880 79
II. Peru, 1880-1885 101

E. Zusammenfassung 123

Abkürzungen 151

Quellen und ausgewählte Sekundärliteratur 153

Register 167

Alle Rechte vorbehalten, auch die des Nachdrucks von Auszügen,


der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung.

Verlag Hans-Dieter Heinz, Akademischer Verlag Stuttgart


D-70469 Stuttgart, Steiermärker Straße 132
Druck: Sprint-Druck GmbH, 70469 Stuttgart
ISBN 3-88099-674-1
Printed in Germany
1997
12 Kapitel A Einführung

ethnischen Kriegen wie bei den ethnischen Gewaltanwendungen um interak-


zumindest einseitig, weil Wachstumsprozesse, Stagnationen oder Rückschrit-
tive Vorgänge, in denen in komprimierter und meist beschleunigter Form
te bei der staatlichen Organisation bis hin zu Staatszerfallsprozessen in La-
neue Konzeptualisierungen ethnischer Vergemeinschaftungen bzw. neue Ba-
teinamerika im 19. Jahrhundert von ausschlaggebender Bedeutung fur das
lancen im Verhältnis von Staat und ethnischen Gemeinwesen hervorgebracht
Aufkommen oder Ausbleiben ethnischer Konflikte waren und zu jeweils an-
wurden.
deren Ausprägungen und Verlaufsformen ethnischer Gewaltanwendungen
Der Untersuchung liegen verschiedene Fragestellungen zugrunde. Die erste
führten. Insgesamt ist es also nötig, den Staat und die Nation wieder stärker in
geht davon aus, daß die ethnischen Kriege, die in Lateinamerika im 19. Jahr-
die Betrachtung ethnischer Konflikte in Lateinamerika im 19. Jahrhundert
hundert vorkamen, eigene Merkmale und Kennzeichen besaßen. Sie zählten
zurückzuholen. "More and more", so Field jüngst in einem Forschungsbericht
nicht zu dem Teilbereich ethnonationaler Gewaltanwendungen oder ethni-
an die Adresse der Sozialwissenschaften in Lateinamerika gerichtet, "the are-
scher Staatenkriege, wie er aus Abschnitten der europäischen Geschichte im
na of the nation-state and the relationship between indigenous peoples and
19. Jahrhundert bekannt ist. Umgekehrt stellten die ethnischen Gewaltanwen-
nation-states is the central one for analytic as well as political activity."
dungen aber auch nicht einfach eine Fortsetzung und Verlängerung des de-
Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit einem Ausschnitt im
fensiven, meist lokal geprägten Abwehrverhaltens ethnischer Vergemein-
Verhältnis von Staat und ethnischen Gruppen in Lateinamerika im 19. Jahr-
schaftungen gegen Bedrückungen oder drohende Autonomieverluste dar, wie
hundert, den ethnischen Gewaltanwendungen, und darin wiederum mit einem
es in der Kolonialgeschichte vorherrschend gewesen war. In einem ersten
Teilbereich, den ethnischen Kriegen. Insofern ist ihr Gegenstand eng um-
Schritt werden hier deshalb die Merkmale der ethnischen Kriege in Latein-
grenzt und nach konfliktorientierten Kriterien ausgesucht. Dabei war das
amerika im 19. Jahrhundert beschrieben und Teilformen ethnischer Kriege
Verhältnis von Staatenbildung und ethnischen Gewaltanwendungen jedoch
unterschieden.
vielschichtig und komplex. Es erschöpfte sich keineswegs in "von oben" ver-
Zweitens geht es um die Frage nach den Gewaltmodalitäten und deren
fugten, einseitigen und ausschließenden Maßnahmen bis hin zur Durchfüh-
Wandel. Auch in ihrer Sonderform als ethnische Gewaltanwendungen gehör-
rung von staatlich angeordneten Ethnoziden, wie z.B. Stavenhagen behaup-
ten die Fälle, die in dieser Untersuchung behandelt werden, in den breiteren
tet.12 Auch kam es, wie die Untersuchung näher zeigen wird, nicht allein zu
Bereich kollektiver physischer Gewaltanwendungen. Neuerlich bestehen in
Vorherrschaftskriegen, die Staaten gegen ethnische Gemeinwesen führten.
diesem Bereich aber scheinbar beträchtliche Unterschiede zwischen Europa
Mitunter betrieb der Staat erst eine Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte,
und Lateinamerika. Zumindest in Teilen Europas führten der Ausbau der
um auf diese Weise lokale Gemeinwesen oder segmentare Gewalten zu er-
staatlichen Organisation und das Aufkommen bürgerlicher Gesellschaften im
pressen und Macht an sich zu ziehen, oder ethnische Gemeinwesen und
19. Jahrhundert dazu, daß die kollektiven physischen Gewaltanwendungen
staatsbildende Zentren verhandelten über klientelare Absprachen partikulare
aus dem Zusammenleben der Menschen stärker verdrängt und ihr legaler Ge-
staatliche Organisationsbemühungen. Allgemein handelte es sich bei den
brauch zumindest vorübergehend mehr oder minder erfolgreich im Staat zu-
1
' Les W. Field, Who are the Indians? Reconceptualizing Indigenous Identity, Resistan- sammengefaßt wurde. Gleichzeitig kam es in Europa jedoch zu beträchtlichen
ce, and the Role of Social Science in Latin America. In: LARR 29:3 (1994), S. 237-248: Eskalationen der zwischenstaatlichen Gewalt, bis hin zu den Gewaltexzessen
248.
12
Vgl. Rodolfo Stavenhagen, Challenging the Nation-State in Latin America. In: Journal in den beiden Weltkriegen. Umgekehrt mutet dagegen die Entwicklung in
of International Affairs 45 (1992), S. 421-440: 426: "The indigenous cultures were at best Lateinamerika an. Gewaltanwendungen im zwischenstaatlichen Bereich nah-
ignored and at worst exterminated, the indigenous peoples were explicitly rejected and
excluded."
14 Kapitel A Einfiihrung

men hier seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr ab, und Kriege zwi- delt) und zu Erörterungen darüber, wie tauglich diese Theoriemodelle für un-
schen Staaten gerieten, wird das Gesamtfeld kollektiver Gewalttaten betrach- ser Thema sind.
tet, in Lateinamerika zu einem Randphänomen. Gleichzeitig mehrte sich aber Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen verschiedene Fallbeispiele. Bei der
das Vorkommen kollektiver Gewaltphänomene im Innern der einzelnen Auswahl der Fälle wurden Regionen mit indianischen Bevölkerungsanteilen
Staaten, wo die kollektiven Gewaltanwendungen bis heute als vergleichswei- herangezogen. Ethnische Gewaltkonflikte, an denen Bevölkerungen afrikani-
se breit gestreut und kontinuierlich auftretend gelten. Wie verhielten sich schen Ursprungs beteiligt waren, blieben weitgehend unberücksichtigt, eben-
die ethnischen Kriege in dieser Verlaufskurve kollektiver Gewaltphänomene? so die ethnischen oder rassischen Gewaltkonflikte im Umfeld von maroon
Wann entstanden ethnische Kriege überhaupt, und unter welchen Bedingun- societies. Dabei handelte es sich um Fluchtgebiete bzw. Gemeinwesen entlau-
gen nahmen sie zu oder aber ab? fener Sklaven.

Drittens schließlich ist zu erörtern, ob und welche Transformationen der In den Fallbeispielen bilden sich verschiedene Teilformen der ethnischen
ethnischen Kriege es in Lateinamerika im 19. Jahrhundert gab und welche Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert ab. In der Epoche selbst war nicht
Trends sich dabei gegebenenfalls abzeichneten. Dieser Fragenkomplex richtet von ethnischen Kriegen die Rede, sondern von Rassenkriegen oder Kasten-
sich auf den Wandel ethnischer Kriege, die Neukonzeptualisierungen ethni- kriegen. Damit waren meist größere Gewaltkonflikte gemeint, die über bloß
scher Vergemeinschaftungen im Zuge gewalthafter Auseinandersetzungen lokale und zeitlich umgrenzte Konfliktkonstellationen hinausgingen, an denen
und die Veränderungen der kommunikativen Funktionen, die die ethnischen neben den vom Staat gestellten Gewaltakteuren andere Kombattantengruppen
Gewaltanwendungen bzw. ethnischen Kriege nach innen, d.h. für die ge- beteiligt waren und in deren Verlauf bei den Beteiligten der Eindruck ent-
waltausübende Gruppe selbst, wie nach außen, d.h. gegenüber dem Staat oder stand, daß die Tötungsabsicht nach ethnischen oder rassischen Merkmalen in
anderen fremden ethnischen Gruppen, ausübten. Allerdings steht die Untersu- den Vordergrund der Kampfhandlungen trat. Das vielleicht bekannteste Bei-
chung bei diesem dritten Punkt unter mancherlei methodischen Vorbehalten. spiel für einen derartig interpretierten Konflikt stellte im 19. Jahrhundert der
Trends, strukturelle Entwicklungsprozesse oder "Modernisierungen" sind sogenannte Kastenkrieg in Yukatan (Mexiko) nach 1847 dar, der deshalb
langfristiger Art. Im Vergleich dazu ist der Untersuchungszeitraum, der hier auch am Anfang der Fallstudien steht.
herangezogen wird, jedoch recht kurz. Die längerfristigen Entwicklungen Die ethnischen Kriege damals gingen aber nicht in den sogenannten Rassen-
können deshalb nur ausschnitthaft betrachtet werden, ohne daß ihr "Anfang" oder Kastenkriegen auf. Ethnische Kriege waren vielmehr ein breiteres Phä-
und ihr "Ende" Teil der Untersuchung wären. Eine solche Vorgehensweise ist nomen. Aus Gründen, die im folgenden Kapitel noch näher erläutert werden,
aber zwangsläufig auf theoretische bzw. modellhafte, von außen an den Ge- wurde dabei hier für die Definition und Untergliederung der ethnischen Krie-
genstandsbereich herangetragene Vorstellungen über historische Ent- ge eine raumbezogene Betrachtungsweise gewählt. Danach lassen sich grob
wicklungen von langer Zeitdauer angewiesen. Insofern führt der letzte Frage- zwei Teilformen ethnischer Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert un-
komplex zur Heranziehung von theoriegebundenen Aussagen über Gewal- terscheiden, die in dieser Untersuchung als hegemonische und als kompetitive
tentwicklungen (wobei es sich bei dem gegenwärtigen Diskussionsstand nach Kriege bezeichnet werden. Den besonderen Merkmalen und Bedingungen der
wie vor noch um überwiegend modernisierungstheoretische Konzepte han- ethnischen Kriege in Lateinamerika soll insofern auch durch eine eigenstän-
dige Begriffsbildung Rechnung getragen werden.
13
Vgl. Peter Waldmann, Politik und Gewalt in Lateinamerika. In: Innsbrucker Geogra-
phische Studien 21 (1994), S. 73-80: 73.
Kapitel A Einführung

Zwar wird der Gegenstandsbereich durch die Auswahl nur weniger Fallbei- tive Betrachtung, weil es nicht um die systematische Heranziehung einzelner
spiele eingeengt. Dies hat jedoch zugleich methodische Vorteile: Die Unter- Fälle geht, die mehr oder minder isoliert einander gegenübergestellt und nach
teilung der ethnischen Kriege in Teilformen und einzelne Fälle, die jeder für einigen für die Vergleichszwecke gebündelten Fragestellungen untersucht
sich komplex sind, läßt qualitative Analysen und differenzierte Aussagen zu würden. Für die Querverweise auf Europa besonders nützlich war die kompa-
und erlaubt dadurch auch eine bessere Nutzung der Optionen, die eine kom- rativ angelegte Tagung über "Politische und ethnische Gewalt in Südosteuro-
parative Herangehensweise bietet. pa und Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert", die im Jahr 1996 an der
Universität Leipzig stattfand. Den Beiträgen von Fikret Adanir (Bochum),
Wo es möglich war und zweckmäßig erschien, wurden deshalb Vergleiche
Wolfgang Höpken (Leipzig), Karl Käser (Graz) und Mitarbeitern, Heinrich-
angestellt. Diese Vergleiche beziehen sich zum einen auf Gemeinsamkeiten
W. Krumwiede (Ebenhausen), Alf Lüdtke (Göttingen), Holm Sundhaussen
wie Differenzen zwischen den beiden Teilformen der ethnischen Kriege, um
(Berlin), Hans Werner Tobler (Zürich) sowie Peter Waldmann (Augsburg)
auf diese Weise ihre jeweiligen Eigenheiten und Merkmale genauer zu be-
verdanke ich nützliche Anregungen auch für diese Untersuchung.
stimmen. Zum anderen findet ein Vergleich innerhalb der beiden Teilformen
ethnischer Kriege statt. Wie im folgenden Kapitel noch näher erläutert wird, Der Hauptzweck der vorliegenden Darstellung besteht in einer Orientierung
spielten sich die hegemonischen ethnischen Kriege an den "Rändern" staatli- über das Thema sowie in der Erarbeitung von Strukturierungsvorschlägen, um
cher oder staatenähnlicher Gebilde gegenüber anderen, "fremden" ethnischen den Bereich der ethnischen Gewaltanwendungen in Lateinamerika im 19.
Vergemeinschaftungen statt. Diese Teilform der ethnischen Kriege wird in Jahrhundert genauer ordnen zu können. Die Unterteilung der ethnischen Ge-
der Untersuchung durch einen Vergleich zwischen den Frontiergesellschaften
waltkonflikte in ethnische Revolten und ethnische Kriege und die Unterglie-
auf Yukatan und im südlichen La-Plata-Gebiet repräsentiert. Kompetitive
derung der letzteren in hegemonische und kompetitive Kriege stellt in diesem
ethnische Kriege fielen dagegen in das "Innere" von Staaten und mehrethni-
schen Herrschaftsgebilden. Diese Teilform der ethnischen Kriege wird an- Sinn ein idealtypisches Verfahren zu heuristischen Zwecken dar.
hand der Fallstudien zu Guatemala und Peru dargestellt. Dabei werden im Für die Untersuchung wurde auf gedruckte Quellen und eine Auswahl der
Einzelfall immer auch bereits die Mischformen ethnischer Gewaltanwendun- Sekundärliteratur zurückgegriffen. Für Guatemala wurden ferner auch archi-
gen deutlich, zu denen es kam. So stellte etwa Guatemala eine typischere valische Quellen herangezogen . Insgesamt werden die Quellen in dieser
Konstellation für das Aufkommen kompetitiver Kriege dar, während sich die
Untersuchung eher als „Daten" behandelt, worin sich ein Grundproblem des
Entwicklungen in Peru nur zeitweilig und bedingt in diese Kategorie einfügen
komparativen Arbeitens auf dem Hintergrund der wachsenden Spezialisierung
lassen.
und Komplexität der Forschung verbirgt.
In den beiden Einleitungskapiteln sowie in der Zusammenfassung finden
sich verschiedentlich Hinweise auf die Entwicklungen in Europa. Bei diesen
15
Querverweisen handelt es sich aber nicht im engeren Sinn um eine kompara- Die Quellen, die dem Generalarchiv in Guatemala-Stadt entnommen sind, sind zumin-
dest in Teilen auch in anderen Untersuchungen benutzt worden. Bei den Quellen, die sich
auf die Revolten beziehen, wären hier vor allem die Arbeiten von Carmack, Falla oder auch
l4
'Vgl. zu diesen methodischen Überlegungen Peter Waldmann: Ethnischer Radikalis- McCreery zu nennen. Überschneidungen zu den Quellenmaterialien, die in anderen Unter-
mus . Ursachen und Folgen gewaltsamer Minderheitenkonflikte am Beispiel des Basken- suchungen behandelt werden, finden sich ferner in bezug auf die Konflikte um Ländereien
landes, Nordirlands und Quebecs, Opladen 1989, S. 2Iff. Siehe ferner auch das Stichwort und die zwischendörflichen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert. Hier ist insbesonde-
"Vergleichende Methode" in Dieter Nohlen (Hrsg.), Lexikon der Politik, Bd. 2, München re die Arbeit von Julio C. Cambranes , Café y campesinos en Guatemala 1853-1897, Gua-
!994,S.507-517. temala 1985. zu nennen.
Kapitel A

Für die Erstellung des Manuskripts danke ich Frau Antje Brodhun, Frau B. Zum Begriff und zu Teilformen des ethnischen Krieges
Editha Marquardt und Frau Rhea Schwarz, studentische Hilfskräfte an der
Über die Kategorien, die zur Benennung bzw. Trennung zwischen Ethnien
Universität Leipzig, sowie Frau Claudia Korzer, Georg-Eckert-Institut in
bzw. zwischen ethnischen Gruppen in der Geschichte Lateinamerikas benutzt
Braunschweig. Für die Aufnahme der Untersuchung in die Reihe werden, besteht in der Forschung keineswegs Einmütigkeit. Hier bringen sich
„Historamericana" danke ich Herrn Prof. Dr. Hans-Joachim König und Herrn vielmehr die unterschiedlichen methodischen Ansätze der Disziplinen zur
Dr. Stefan Rinke, Eichstätt. Geltung, die die Ethnizität zum Thema haben, sowie abweichende Grundan-
nahmen über die Eigenschaften und Merkmale von Ethnien bzw. ethnischen
Gruppen. Im Rückgriff auf jüngere Diskussionen über größere Gemein-
schaftsformen werden ethnische Gemeinschaften hier als familienübergrei-
fende Gruppen verstanden, die sich durch die Vorstellung der gemeinsamen
Herkunft bzw. Abstammung eine kollektive Identität geben und die auch von
außen als eigene, getrennte Gruppen wahrgenommen werden. Unterschiedli-
che Elemente, wie Ursprungs- und Wanderungsmythen oder kulturelle
Merkmale, können dabei als ethnic markers Verwendung finden.'
Für Lateinamerika hat die Geschichtswissenschaft überwiegend eine quel-
lenorientierte Begrifflichkeit gewählt, um ethnische Kategorien zu bilden und
Bevölkerungen nach ethnischen Merkmalen zu untergliedern.' Das heißt, daß
in der Regel die Akten und Aufzeichnungen der zivilen und kirchlichen Ko-
lonialverwaltungen als maßgebliche Quelle fungieren. Seit dem ausgehenden
16. Jahrhundert hatten die spanisch-kreolischen Verwaltungen begonnen, der
Unterscheidung der Bevölkerung in die zwei Republiken der Spanier und In-
dios neue Unterteilungen zwischen den "Kasten" hinzuzufügen. Die
Zwangsmigrationen schwarzer Sklaven nach Lateinamerika, soziale Auf-
stiegs- und Abstiegsprozesse und vor allem die ganz unterschiedlichen bio-

Zur Definition vgl. Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation.
Zur Soziologie interethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992, S. 56f. Zur Auseinanderset-
zung mit überkommenen Naturalisierungen des Ethnizitätskonzepts vgl. Georg Elwert, Na-
tionalismus, Ethnizität und Nativismus. In: Peter Waldmann/ Georg Elwert (Hrsg.), Ethnizi-
tät im Wandel, Saarbrücken 1989, S. 21-59.
~ Ein Reader über die Diskussion des Begriffs der Ethnizität zwischen etwa 1950 und
1990 ist in bezug auf Lateinamerika Jorge I. Domínguez (Hrsg.), Race and Ethnicity in La-
tin America, New York/ London 1994. Lexikalisch vgl. Robert M. Levine, Race and Ethnic
Relations in Latin America and the Caribbean. An Historical Dictionary and Bibliography,
MetuchenN J. 1980.
20 Kapitel B Der ethnische Krieg

logisöhen wie kulturellen Mischungen von Bevölkerungen, die nun auftauch- Auch in den Fällen, in denen sich die Kategorisierungen der spanischen
ten, machten das notwendig. Das Interesse der Verwaltungen war dabei meist Verwaltungen lokalen Gegebenheiten anpaßten und schärfer nach sozialen
juristischer Art und auf eine rechtsgültige Ordnung der gesellschaftlichen oder kulturellen Mischungen zu differenzieren suchten, bleiben im Einzelfall
Hierarchien in einer mehrethnischen Gesellschaft gerichtet. Dabei gingen die Zweifel an der Brauchbarkeit der getroffenen Untergliederungen. Neuere
ethnischen Kategorisierungen in soziale Abstufungen über bzw. das eine Studien zeigen, daß die ethnographischen Merkmale, die die Verwaltungen
wurde aus dem anderen definiert, weshalb für die lateinamerikanischen ihren Einteilungen zugrunde legten, sich nicht allein, wie man bislang schon
Mischgesellschaften seit dem 16. Jahrhundert eine Zusammenführung von wußte, nach ganz unterschiedlich gemischten, von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit
ethnischen und sozialen Stratifikationen kennzeichnend ist. Negativ um- variierenden Bewertungen der Hautfarbe und Herkunft, des Verhaltens und
schrieben faßt van den Berghe dies in die griffige, aber doch allzu vereinfa- Standes oder der Verdienste und Reputation von Menschen richteten. Viel-
chende Formulierung, es sei heute "[...] a mood question, whether Indian mehr waren die ethnographischen Beschreibungen, die wir heute in den
peasants are oppressed qua peasants or qua Indians." Quellen finden, wohl auch schlicht von Gewohnheiten, Indifferenzen oder
Ob die Unterteilungen in "Kasten" oder "Rassen" , die die spanisch- auch nur Willkürentscheidungen einzelner Beamter abhängig. Bronner spricht
kreolischen Verwaltungen vornahmen, tatsächlich etwas über signifikante deshalb wohl mit Recht von den "Verwirrungen" bei den ethnischen Eintei-
ethnische Gruppenbildungen und die soziale Praxis damals aussagten, ist aus lungen.
mancherlei Gründen fragwürdig. Die ethnischen Binnenstrukturen indiani- Im Überblick bilden die ethnischen Klassifizierungen, mit denen die Ge-
scher Gemeinwesen erschlossen sich den spanischen Eroberern und den nach- schichtsschreibung arbeitet, also eher grobe Instrumente, bei denen im Einzel-
folgenden Beamten von Beginn an ohnehin nicht oder nur unvollständig. Fer- fall zu entscheiden bleibt, ob und inwieweit weitere begriffliche Präzisierun-
ner waren die Grobklassifizierungen und Sammelbegriffe, die die Spanier be- gen vorgenommen werden müssen. Zwangsläufig müssen solche Bemühun-
nutzten, für ethnische Einteilungen eher untauglich. Die sog. Mestizen z.B. gen jedoch zu Aussagen sehr lokalen Zuschnitts und zu Ethnologisierungen
waren häufig gar nicht daran interessiert, ethnische Vergemeinschaftungen der Geschichtsschreibung führen. J
hervorzubringen, weil die sozialen Anreize oder Zwänge und kulturellen
Mittel dazu fehlten. Nach Adams kamen etwa in Guatemala ethnische Grup-
penbildungen in mestizischen Milieus erst seit dem frühen 19. Jahrhundert
vor, ohne daß dann alle sog. Mestizen daran teilgehabt hätten.

Ein Beispiel ist die ethnische Karriere des Baumeisters Bernardo Ramírez, der 1782 in
Guatemala aufgrund seiner Verdienste beim Wiederaufbau der durch ein Erdbeben zerstör-
ten Hauptstadt seine "purificación" vom Mulatten zum Spanier beantragte. Vgl. Jorge Lujan
3
Pierre L. van den Berghe, The Ethnic Phenomenon, New York/ Oxford 1981, S. 245. Muñoz. Estratificación social y prejuicios afinalesdel siglo XVIII: un ejemplo de diferen-
4
Allgemein zum artifiziellen Charakter "rassischer" Einteilungen vgl. Theodore W. Al- tes actitudes en Guatemala y en España. In: Memoria del Segundo Encuentro Nacional de
len, The Invention of the White Race, Vol. I: Racial Oppression and Social Control, Lon- Historiadores del 4 al 6 de diciembre de 1995, Guatemala 1996, S. 177-189.
don/New York 1994, S. 27. Fred Bronner, Urban Society in Colonial Spanish America: Research Trends. In:
5
Zur Bildung von ethnisch unklaren "large, mixed intermediate groups" z.B. in Kolum- LARR 21:1 (1986), S. 7-72: 32. Vgl. zu diesem Problem auch Robert H. Jackson, Race,
bien siehe Peter Wade, Patterns of Race in Colombia. In: BLAR 5 (1986), S. 16. Für Ko- Caste and the Creation and Meaning of Identity in Colonial Spanish America. In: Revista
lumbien im späten 18. Jhd. siehe auch Frank Safford, Race, Integration, and Progress: Elite de Indias 203 (1995), S. 149-173. Als Überblick vgl. Magnus Mömer, Ethnicity, Social
Attitudes and the Indian in Colombia, 1750-1870. In: HAHR 71 (1991), S. 1-33: 4f. Mobility and mestizaje in Spanish American Colonial History. In: Iberische Welten. Fest-
6
Vgl. Richard N. Adams, Guatemalan Ladinization and History. In: The Americas 50 schrift zum 65. Geburtstag von Günter Kahle. Hrsg. von Felix Becker, Köln/ Weimar/ Wien
(1994), S. 538ÍT. 1994. S. 301-314.
22 Kopilei B Der ethnische Krieg 23

schung Konsens, daß sich die ethnischen Revolten, die in der Kolonialzeit
ETHNISCHE REVOLTEN oder im 19. Jahrhundert zu beobachten waren, wie die Revolten oder Rebel-
lionen überhaupt ungefähr in zwei Untergruppen zerteilen lassen:
Die Bestimmung der Trägergruppen kollektiver Gewaltanwendungen reicht Zum einen handelte es sich um die eher begrenzten Konflikte lokaler Prä-
nicht hin, um ethnische von anderen kollektiven Gewaltformen zu trennen. gung, an denen segmentare Gesellschaften oder kleinere Gemeinwesen betei-
Maßgebend war vielmehr, ob die Ethnizität als Mobilisierungsressource zur ligt waren. Gegenstand dieser small-scale-revolts waren im Andenraum seit
Vorbereitung oder Durchführung von kollektiven Gewalttaten eingesetzt und dem 18. Jahrhundert meist tatsächliche oder vermeintliche wirtschaftliche
ethnische Trennungen zum Beweggrund von Gewaltanwendung wurden. Un- Bedrängungen, Steuerbelastungen oder Mißbräuche einzelner Beamter und
tersuchungen für Mexiko legen dazu die Annahme nahe, daß ethnische Mobi- Verwaltungen. In Mesoamerika, also dem Süden Mexikos und dem zen-
lisierungen (in ländlichen Zonen) dann stattfanden, wenn sie für die konflikt- tralamerikanischen Hochland, spielten demgegenüber die tatsächlichen oder
bereite Gruppe den größten Nutzen versprachen oder wenn ethnische Identitä- vermeintlichen Bedrohungen der dörflichen Autonomie und überkommener
ten die stärkste Bindekraft für ansonsten eher heterogene Gruppen besaßen. kultureller Lebensformen eine vergleichsweise größere Rolle. Insgesamt wa-
Dies würde sich mit Ergebnissen der allgemeinen Ethnizitätsforschung dek- ren diese kleinen oder begrenzten Revolten eher defensiver Art und auf kom-
ken. munaler Ebene auf den Schutz der eigenen Ressourcen, Kultur und Kompe-
Als ethnische Gewaltanwendungen in reinster Form können die Formen tenzen gerichtet. " Sie wiesen Ähnlichkeiten zu den "primitiven" Form kol-
kollektiver Gewalt verstanden werden, in denen wenigstens eine der Kon- lektiver Gewalt auf, wie Tilly sie für Europa beschrieben hat, wo ein be-
fliktparteien sich als eine homogene ethnische Gruppe betrachtete, die ihre trächtlicher Teil der sozialen Proteste zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert
Ressourcen entlang ethnischer Gemeinschaftsgefühle mobilisierte und die defensive und anti-etatistische Reaktionen auf die wachsenden Machtansprü-
ihren Gegner nach ethnischen Merkmalen definierte. Allerdings bleiben vie- che des Staates darstellte.
lerlei Abstufungen und Grenzfalle zu beachten, die die scheinbare Eindeutig-
keit des Begriffs immer neu auf die Probe stellen.
Unter den ethnischen Gewaltanwendungen, die in der Kolonialgeschichte in Wien 1985, zu Zentralamerika u.a. Richard N. Adams, Strategies of Ethnic Survival in
Lateinamerika vorkamen, ragten die ethnischen Revolten oder ethnischen Re- Central America. In: Greg Urban/ Joel Sherzer (Hrsg.), Nation-States and Indians in Latin
America, Austin 1991, S. 198. Zu Mexiko siehe Eric Van Young, Rebelión agraria sin
bellionen als vorherrschende Form heraus. Die ethnischen Revolten stellten in agrarismo: defensa de la comunidad, significado y violencia colectiva en la sociedad rural
erster Linie Protestformen tatsächlich oder vermeintlich "unterdrückter" eth- mexicana de fines de la época colonial. In: A. Escobar Ohmstede/ P. Lagos Preisser (Hrsg.),
Indio, nación y comunidad en el México del siglo XIX, México 1993, S. 31-61. Eher ge-
nischer Gruppen gegen den Staat, in Einzelfällen auch gegen andere ethnisch genwartsbezogen mit kürzeren Rückblicken ist Enrique Mayer, Patterns of Violence in the
fremde Autoritäten oder Herrschaftsgebilde dar. Dabei herrscht in der For- Andes. In: LARR 29:2 (1994), S. 144ff.
" Vgl. Rory Miller, Some Reflections on Foreign Research and Peruvian History. In:
Ders. (Hrsg.), Region and Class in Modern Peruvian History, Liverpool 1987, S. 14.
9
Vgl. Eric Van Young, Conflict and Solidarity in Indian Village Life: The Guadalajara * Vgl. dazu allgemein die Hierarchie ethnischer Verhaltensmuster bei Anthony D.
Region in the Late Colonial Period. In: HAHR 64 (1984), S. 55-79. Smith. The Ethnic Revival, Cambridge University Press 1981, S. 15fT.
Vgl. als Überblicke zur Kolonialgeschichte John Kizca, The Social and Ethnic Histo- ' Vgl. Charles Tilly, Collective Violence in European Perspective. In: Hugh D. Graham/
riography of Colonial Latin America: The Last Twenty Years. In: William and Mary Ted Robert Gurr (Hrsg.), Violence in America. Historical and Comparative Perspectives,
Quarterly 45 (1988), S. 485f.; Anthony McFarlane, Riot and Rebellion in Colonial Spanish Beverly Hills/ London 1979, S. 83-118: 89ff.; ders. u.a.. The Rebellious Century 1830-
America. In: LARR 17 (1982), S. 212-221. Zum mittleren Andenraum siehe Scarlett 1930, Cambridge/ Mass. 1975. Zur Diskussion des Gewaltbegriffs von Tilly vgl. James B.
O'Phelan Godoy, Rebellions and Revolts in Eighteenth Century Peru and Upper Peru, Köln/ Rule, Theories of Civil Violence, Berkeley 1988, S. 170-199.
24 Kapitel B Der ethnische Krieg 25

Zum anderen kam es zu ethnischen large-scale revolts, "[...] directed at the Übergänge von ethnischen Revolten des kleinen und begrenzten Typs zu
14
expulsion or elimination of external non-Indian authority." Diese Revolten den ethnischen Revolten großen Ausmaßes fanden in der Kolonialgeschichte
zielten auf einen grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen und politi- anscheinend unter zwei Vorbedingungen statt. Entweder mußten überdörfli-
schen Verhältnisse und eine Veränderung bzw. Umkehrung bestehender eth- che Diskurse oder Ideologien aufkommen, die Bindungen und Identifikatio-
nischer Hierarchien. Oft trugen sie einen chiliastischen bzw. messianischen nen über die lokalen Verhältnisse hinaus möglich machten. Dies war vor al-
Charakter. Beispiele dafür waren die Erhebung der Tzeltals in Chiapas lem in den messianischen Bewegungen der Fall, in denen die religiöse Kom-
(Mexiko) 1712/13, die auf lokalen Kultbewegungen aufbaute und die Schaf- ponente breitere, umfassendere ethnische Integrationsangebote enthielt. Oder
fung einer Föderation indianischer Gemeinwesen anstrebte 15 , oder der eben- aber ethnische Unternehmer 19 , die über Orientierungen und Sozialbeziehun-
falls mit messianischen Komponenten behaftete Aufstand unter Juan Santos gen über die engeren lokalen Gegebenheiten hinaus verfügten und umfassen-
Atahualpa nach 1742 in Peru. In diesen chiliastisch-messianischen Bewe- dere Mobilisierungen anzustoßen bzw. breitere Bündnisse einzugehen ver-
gungen wurde die Gewaltanwendung als eine transzendentale und mochten, gewannen an Einfluß. Natürlich konnten auch beide Bedingungen
"reinigende" Handlung bewertet und fiel entsprechend massiv oder auch zusammenfallen. Priester oder Händler, wie im Fall der großen Rebellion von
grausam aus. Vor allem rituelle Gewaltmotive konnten eine extrem gewalt- Tupac Amarú im südlichen Andenraum nach 1780, waren jedenfalls bis 1800
fördernde Rolle spielen. häufig zentrale Figuren in den großen ethnischen Revolten in Lateinamerika.
Im 19. Jahrhundert kamen andere Gruppen hinzu. Noch wichtiger als zuvor
wurden nunmehr die Figuren, die zwischen verschiedenen ethnischen Milieus
John H. Coatsworth, Patterns of Rural Rebellion in Latin America. In: Friedrich Katz
(Hrsg.), Riot, Rebellion, and Revolution. Rural Social Conflict in Mexico, Princeton Uni- pendelten. Dies hing mit der Aufhebung der alten Trennung in die zwei Re-
versity Press 1988, S. 26. publiken der Spanier und Indios sowie mit der formalen Integration der indi-
15
Vgl. Eveline Dürr, Der Aufstand der Tzeltal (1712-1713). Analyse einer Revitalisati-
onsbewegung im kolonialen Mesoamerika, Münster 1991; ferner Herbert S. Klein, Peasant genen Bevölkerungen in die neue Nation zusammen, ferner mit der Schwä-
Communities in Revolt: The Tzeltal Republic of 1712. In: Pacific Historical Review 35 chung alter Mittlergruppen und Mittlerinstitutionen durch den liberalen Staat.
(1966), S. 247-264; Victoria Reifler Bricker, Movimientos religiosos indígenas en los Altos
de Chiapas. In: América Indígena 39 (1979), S. 17-46; Kevin Gosner, Soldiers of the Vir- Wanderer zwischen (ethnischen) Teilgesellschaften, kulturellen Systemen
gin. The Moral Economy of a Colonial Maya Rebellion, Arizona 1992. oder institutionellen Ebenen übersetzten getrennt voneinander existierende
Vgl. Mario Castro Arenas, La rebelión de Juan Santos, Lima 1973; Steve J. Stem, The
Age of Andean Insurrection, 1742-1782: A Reappraisal. In: Ders. (Hrsg.), Resistance. Re- Diskurse. In den ethnischen Gewaltkonflikten des 19. Jhds. konnten vor allem
bellion, and Consciousness in the Andean Peasant World, 18th to 20th Centuries, The Uni- desertierte oder konspirierende Soldaten und Offiziere, die als Gewaltexper-
versity of Wisconsin Press 1987, S. 34-92: 43ff.
17
Vgl. Steven Kull, War and the Attraction to Destruction. In: Betty Glad (Hrsg.), Psy- ten fungierten, eine bedeutende Rolle spielen. Ein eindringliches Beispiel da-
chological Dimensions of War, Newbury Park 1990, S.52. Allgemein zu messianischen für ist die Biographie von José María Leyva, der 1837 in Hermosillo in Sono-
Bewegungen siehe Wilhelm Koppers, Prophetismus und Messianismus als völkerkundli-
ches und universalgeschichtliches Problem. In: Saeculum 10 (1959), S. 38-47; Wilhelm E. ra (Nordmexiko) geboren wurde und dessen Eltern der Gruppe der Yaquis
Mühlmann, Chiliasmus und Nativismus. Studien zur Psychologie, Soziologie und histori- angehörten. Seit seiner Kindheit war Leyva seinem ethnischen Milieu jedoch
schen Kasuistik der Umsturzbewegungen, Berlin 1961; Michael Adas, Prophets of Rebelli-
on: Millenarian Protest Movements against the European Colonial Order, Chapel Hill 1979. entzogen: Bereits mit zwölf Jahren ging er mit seinem Vater wegen des
Dies galt etwa für die große Rebellion unter Tupac Amarú nach 1780 im südlichen
Andenraum. Vgl. Alberto Flores Galindo, Buscando un Inca. Identidad y utopia en los An-
des, Lima 1986, S. 97-124; insbsd. S. 120f; Scarlett O'Phelan Godoy, La gran rebelión en siehe Paul Hugger, Traditionelle Sphären der Gewalt. In: Ders./ Ulrich Stadler (Hrsg.), Ge-
los Andes: de Túpac Amarú a Túpac Catari, Cusco 1995. Speziell zum Gewaltkomplex walt. Kulturelle Formen in Geschichte und Gegenwart, Zürich 1995, S. 28-61: 30f.
1780 siehe auch Jan Szeminski, Why kill the Spaniards? New Perspectives on Andean In- ''' Zum Begriff des ethnic entrepreneur vgl. Joseph Rothschild, Ethnopolitics: A Con-
surrectionary Ideology in the 18th Century. In: Stern, Resistance, S. 166-192. Zu Europa ceptual Framework, New York 1981, S. 2f.
Der ethnische Krieg 27
Kapitel B

"Goldrausches" nach Kalifornien, später trat er in Sonora in die Armee ein. und Traditionen der Kolonialzeit einerseits und den neuen republikanischen
Auf der Seite der Regierungstruppen nahm er als Freiwilliger an mehreren Staatengebilden nach 1820 andererseits. Stärker soziologische Betrachtungen
Feldzügen gegen die Yaquis und vermutlich auch am Massaker von Bácum des Staates hoben demgegenüber die patrimonialen oder neopatrimonialen
teil. Er zeichnete sich durch seine Tapferkeit aus, so daß er 1868 in den Rang Komponenten staatlicher Strukturen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert her-
eines Hauptmanns erhoben und 1873 vom Gouverneur Sonoras zu einem lei- vor und fügten dem formalen und legalistischen Verständnis des Staates
tenden Beamten im Yaqui-Gebiet ernannt wurde. Erst danach schlug er sich Einblicke in seine klientelaren Mechanismen, in den Fortbestand partikularer
auf die Seite der aufständischen Yaquis, wo er schnell zur politischen und Loyalitäten oder in die Praxis von Absprachen und Vereinbarungen hinzu,
militärischen Führerfigur avancierte. deren Zweck die Staatenbildung war ("... to rebuild a central power through a
pacto"22). Handlungsbezogene Ansätze schließlich fragen weniger nach den
STAAT, RAUMORGANISATION UND ETHNISCHE KRIEGE Formen und Strukturen des Staates als vielmehr nach den Akteuren und den
Hervorbringungsmechanismen staatlicher Organisation. Für die europäische
In begrifflicher Hinsicht sind die ethnischen Kriege von den ethnischen Re- Geschichte hat Tilly kürzlich die Staatenbildungsvorgänge als eine Form des
volten kleinen oder großen Typs zu trennen. Allerdings bestanden mitunter racketeering beschrieben. Staatsbildung stellt sich danach als ein Vorgang
enge Übergänge. In einzelnen Fällen konnten ethnische Kriege aus der Eska- dar, in dem von seiten des werdenden Staates bzw. der ihn formierenden Ak-
lation großer, umfassender ethnischer Revolten herauswachsen. Als das be- teure eine Bedrohung gegenüber Anderen hergestellt und dann für die Zu-
kannteste Beispiel dafür gilt im 19. Jahrhundert der sogenannte Kastenkrieg rücknahme, Kontrolle oder Verringerung dieser Bedrohung ein Preis abver-
in Yukatan nach 1847, der zu einem "full-scale war" eskalierte. langt wird. Der sich formierende Staat handelt in diesem Modell als eine Art
Erpresser, der einem eigentlich widerstrebenden, schwächeren Opfer eine für
Allerdings erschließt sich von diesem Eskalationsmodell her nur eine Teil-
den Staat gewinnträchtige Schutzfunktion aufbürdet und dadurch für sich
form der ethnischen Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert. Insgesamt
Ressourcen und Funktionen anhäuft.23 Auch für das Verständnis der Staa-
stellten die ethnischen Kriege nicht einfach nur eine Reaktion auf Bedrückun-
tenbildungen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert bietet dieser Ansatz vieler-
gen und eine weitere Steigerung oder Eskalationsstufe der überkommenen
lei Anregungen.
großen Revolten dar. Die Unterschiede zwischen ethnischen Revolten und
ethnischen Kriegen waren vielmehr struktureller, nicht gradueller Art, und sie Im Unterschied zu diesen skizzierten Ansätzen wird hier für die begriffliche
blieben von den Entwicklungslagen im Verhältnis von Staat und ethnischen Trennung von ethnischen Revolten und ethnischen Kriegen eine raumbezoge-
Gemeinwesen abhängig. ne Betrachtungsweise als Ausgangspunkt gewählt." Dies mag auf den ersten
Für die Betrachtung des Staates und der Staatenbildungen in Lateinamerika
" Francois-Xavier Guerra. The Spanish-American Tradition of Representation and its
im 19. Jahrhundert sind verschiedene Modelle herangezogen worden. Ältere
F.uropean Roots. In: JLAS 26 (1994), S. 1-35: 5.
Betrachtungsweisen orientierten sich noch an den formalen Verfassungsge- :1
Charles Tilly, War Making and State Making as Organized Crime. In: Peter B. Evans
u.a. (Hrsg.). Bringing the State Back. Cambridge 1986, S. 169-191.
bungen und betonten die Kontinuität zwischen den bürokratischen Strukturen
"4 Dabei handelt es sich um eine Betrachtungsweise des Raums, die zuerst an der Leipzi-
ger Universität entwickelt wurde. Vor allem Friedrich Ratzel wurde zum Begründer einer
0
Vgl. Evelyn Hu-Dehart, Yaqui Resistance and Survival: The Struggle for Land and historisch-geographischen Denkweise, in der es primär um die Analyse von Kräftelinien
Autonomy, 1821-1910, Madison 1984, S. 97fï. und Ciewichtsverschiebungen und um die Herausbildung und Verschiebung von
21
Jan Bazant, From Independence to the Liberal Republic, 1821-1867. In: Leslie Bethell "Mittelpunkt und Peripherie" geht. Vgl. Friedrich Ratzel, Politische Geographie, München/
(Hrsg.), Mexico since Independence, Cambridge University Press 1991, S. 25. Berlin ^ 1023. S. 85. S. 436; Jürgen Osterhamme!, Raumerfassung und Universalgeschichte
28 Kapitel B Der ethnische Krieg 29

Blick irritieren, weil eine solche Vorgehensweise vom Thema und dem Zu- spanischer Institutionen im Bereich der Munizipalverfassung sowie durch die
sammenhang von Staatenbildungen und ethnischen Kriegen wegzuführen Schwächungen des alten indianischen Adels und die damit verbundenen
scheint. Eine raumbezogene Betrachtungsweise birgt aber zwei Vorteile: Zum Transformationen indigener Eliten. Insgesamt reichten der Organisationsgrad,
einen setzten in Lateinamerika im 19. Jahrhundert die ethnischen Kriegfüh- die Dichte und die Effizienz der spanischen Verwaltung und ihres Beamten-
rungen den Bestand einigermaßen geschlossener ethnischer Territorien vor- körpers aber nicht hin, um die vorhandenen lokalen Strukturen durch von
aus, zum anderen läßt sich die Staatenbildung in Lateinamerika als eine Reor- oben implementierte staatliche bzw. bürokratische Neuschöpfungen zu erset-
ganisation räumlicher Hierarchien begreifen. Beiden Gesichtspunkten trägt zen und gesellschaftliche Ressourcen und Machtquellen durch staatliche Or-
die raumbezogene Perspektive Rechnung. ganisationsleistungen und Koordinierungstätigkeiten umfassend an sich zu
Was zunächst die ethnischen Territorien betrifft, war das Aufkommen eth- ziehen.
nischer Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert an das Zusammenleben Zwar vermochte es der Staat, politische Entscheidungen in den indianischen
von Bevölkerungen in mehr oder minder geschlossenen ethnischen Gebieten Dörfern "logistisch zu implementieren".26 Er war deshalb aber nicht in der
gebunden. War dagegen eine Streuung von Bevölkerungen in ethnisch ge- Lage, die lokalen Gesellschaften tatsächlich zu durchdringen. Diese billige
mischten Gebieten vorherrschend, so konnten ethnische Gewaltauseinander- Variante staatlicher Organisation war in Lateinamerika über die Kolonialge-
setzungen nicht die Form ethnischer Kriege annehmen. Dies unterschied die schichte hinweg recht effektiv, konzedierte den lokalen Gesellschaften und
lateinamerikanischen Verhältnisse etwa von den ethnischen Staatenkriegen in konkret den indianischen Gemeinwesen auf kommunaler Ebene, den comuni-
Europa. dades, jedoch im Gegenzug von Beginn an ein beträchtliches Eigengewicht.
Esman spricht von Gesellschaften vom Typ des Home/and und der Indianische Eliten in Mesoamerika wie im Andenraum verstanden es in der
Diaspora, um die Unterscheidung in die Ballungen und Streuungen ethni- Kolonialzeit recht erfolgreich, diese Anordnung von Staat und lokaler Gesell-
scher Gruppen kenntlich zu machen, wobei der erste Begriff für unseren Ge- schaft für eigene Zwecke zu nutzen und ethnische Territorien zu reorganisie-
genstandsbereich allerdings wegen der damit verbundenen semantischen ren oder neu einzurichten. Im Innern der spanisch-kreolisch beherrschten Ge-
Konnotationen wenig glücklich ist. Was die Ausbildung ethnischer Territo- sellschaften waren diese ethnischen Territorien fast ausschließlich lokaler
rien (also der Homelands im Sinn von Esman) angeht, war für die staatlichen Prägung. Durch die Verbindung zwischen ethnischen Hierarchien und muni-
Traditionen in Lateinamerika seit der frühen Kolonialgeschichte kennzeich- zipaler Organisation und die Zuweisung kommunaler Ländereien an die Ge-
nend, daß der Staat vorwegexistierende lokale Institutionen und Systeme für meinden verfügten sie über eingeschränkte territoriale Rechte. De jure war es
seine eigenen Zwecke benutzte. Zwar kam es nach 1500 zu Eingriffen der anderen ethnischen Gruppen oder Siedlern untersagt, sich in diesen ethni-
Spanier in die lokalen Gesellschaften, vor allem durch die Implementierung schen Territorien {repúblicas de indios; pueblos de indios) niederzulassen,

im 20. Jhd. In: Gangolf Hübinger (Hrsg.), Universalgeschichte und Nationalgeschichten,


Freiburg/Br. 1994. S. 51 -72: 62.
2> 2,1
Milton J. Esman, Ethnic Politics, Ithaca and London 1994, S. 6f. Der Begriff der Ho- Michael Mann, Geschichte der Macht. Bd. I: Von den Anfangen bis zur griechischen
melands bezeichnet nach dem südafrikanischen Muster den Bestand selbstregierter ethni- Antike. Frankfurt/ New York 1990, S. 279. Es wäre für Lateinamerika im übrigen ein Miß-
scher Territorien mit eigenen parlamentarischen Körperschaften. Politischer Zweck der vcrständnis. im Rückgriff auf die Konzeption von Mann eine Abfolge zwischen dem
Schaffung von Homelands nach 1959 in Südafrika war es, den afrikanischen Nationalismus "despotischen" Caudillismus nach 1820 und dem stärker "infrastrukturellen" Staat nach
zu schwächen und zu zersplittern. Vgl. Michael Crowder (Hrsg.), The Cambridge History 1880 behaupten zu wollen. Vgl. Magnus Mörner, Region and State in Latin America's Past,
of Africa, Vol. 8, Cambridge 1984, S. 304f. Baltimore and London 1993. S. 6.
30 Kapitel B Der ethnische Krieg

wenngleich dieses Verbot bereits seit der frühen Kolonialgeschichte unterlau- digkeit des Staates sich auch in den Fällen brach, in denen den örtlichen
fen und ausgehöhlt wurde. Strukturen staatliche Institutionen, wie etwa durch die Organisation von Mili-
In einer raumbezogenen Betrachtungsweise lassen sich die Staatenbildun- zen, beigemischt waren. Auch die ethnischen Gewaltformen konnten dadurch
gen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert ferner als Veränderungen in der po- nun aber neue Verläufe nehmen, wobei der Verlaufscharakter der ethnischen
litischen Raumorganisation begreifen und die Wachstums- oder Zerfallspro- Gewaltformen in hohem Maße davon abhängig war, in welchen Raumtypen
zesse der Staaten darin als Fort- oder Rückschritte bei der politisch verfügten die Gewaltausübungen aufkamen. Grob drei Raumtypen können dazu mo-
Anordnung von Räumen und Raumstrukturen verstehen. Bis ungefähr in die dellhaft unterschieden werden. Erstens handelte es sich um die fragmentierten
Mitte des 18. Jhds. waren die Kolonialgesellschaften in Spanisch-Amerika Räume, die hier deshalb an erster Stelle stehen, weil sie für die Erosionen des
noch um zwei geohistorische Achsen angeordnet gewesen. Einmal handelte Staates in Lateinamerika im frühen 19. Jahrhundert kennzeichnend waren. Bei
es sich um die Ost-West-Achse von Veracruz nach Acapulco in Neu-Spanien den fragmentierten Räumen handelte es sich um Regionen, die entweder tra-
(Mexiko), zum anderen um die Nord-Süd-Achse von Portobelo über Lima ditionell im Abseits gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Ent-
nach Potosí im Andenraum. Diese Achsen verfügten über Koordinierungszen- wicklungen gestanden hatten oder die nun erst im späten 18. und frühen 19.
tren, nachgeordnete Regional- oder Lokalgesellschaften sowie Grenzräume. Jahrhundert aus dem Zerfall von Koordinierungszentren oder den Auflösun-
Der Versuch regionaler oder lokaler Gesellschaften, sich der "Kontrolle durch gen von Regionalgesellschaften hervorgingen. Diese fragmentierten Räume
die koordinierenden Zentren zu entziehen", sowie das "Wachstum neuer Zen- waren durch eher parallele Strukturen zwischen lokalen oder segmentaren
tren", die sich gegen die alten Metropolen der beiden Vizekönigreiche Neu- Gewalten gekennzeichnet, während stabile zentralisierte, hierarchisch geord-
Spanien und Peru richteten , lockerten die Ost-West und zerstörten die Nord- nete Verhältnisse fehlten.
Süd-Achse. Alte Zentren verloren ihre Gestaltungskraft. Allgemein fand im Zweitens sind die geordneten Räume zu nennen. Mit diesem Begriff wird
18. Jahrhundert ein Trend zur Regionalisierung und zum Autonomiegewinn der Bestand von vergleichsweise stabilen Koordinierungszentren umschrie-
lokaler Gesellschaften statt, der sich in der Unabhängigkeitskrise im frühen ben, von denen staatliche Organisationsleistungen einigermaßen dauerhaft
19. Jahrhundert eminent beschleunigte. und effektiv über ein umgrenztes Gebiet ausgingen. Ein Merkmal der geord-
In weiten Teilen Lateinamerikas setzte im frühen 19. Jahrhundert eine bis neten Räume bestand darin, daß die ethnischen Territorien bzw. ethnischen
dahin nicht gegebene Stärkung lokaler Gesellschaften, segmentärer Gewalten Vergemeinschaftungen, die es darin gab, sich in eine Hierarchie einfügten, in
und ethnischer Territorien ein, an deren Grenzen die beanspruchte Allzustän- der der Geltungsbereich staatlicher Institutionen und Regeln über dem der
partikularen ethnischen Bande und Organisation lag.
Zur Rekonstruktion ethnischer Territorialität in Mexiko vgl. Marcello Carmagnani, El Drittens schließlich bestanden in Teilen Lateinamerikas, wie im Norden
regreso de los dioses. El proceso de reconstitución de la identidad étnica en Oaxaca, siglos
XVII y XVIII. Mexico 1988. Carmagnani versteht diesen Prozeß aber nicht als fortschrei- Mexikos, im La Plata-Gebiet oder im südlichen Chile, Grenzräume. Damit
tende Fragmentierungen auf lokaler Ebene. Vgl. dagegen Bernardo García Martínez, Los werden hier die Übergangsgebiete zwischen den spanisch-kreolischen und
pueblos de la Sierra, México 1987, S. 294fT. Zu diesen und anderen Kontroversen siehe für
Mexiko Frans J. Schryer, Ethnicity and Class Conflict in Rural Mexico, Princeton 1990, S. den indianischen Gesellschaften bezeichnet, die eine spezifische soziale und
27-50. Zum ethnischen Territorium im Andenraum siehe María Rostworowski, Ensayos de kulturelle Formation darstellten, die Frontiergesellschaften. Gesellschaften
historia andina. Elites, etnias, recursos, Lima 1993, S. 21 Of.; Alberto Flores Galindo, Re-
gion y regionalismo en el Perú. In: Ders., Tiempo de plagas, Lima 1988, S. 165f. vom Typ der Grenze bildeten ein eigenständiges, wenngleich nicht autonomes
Marcello Carmagnani, Die koloniale Raumordnung: Mutterland, Peripherie und lnteraktionsgefüge zwischen mehreren ethnischen Gruppen, die nicht in einer
Grenzgebiete. In: Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Bd. 1. Hrsg. von Horst
Pietschmann. Stuttgart 1994, S. 534-554: 541, 552.
32 Kapitel B Der ethnische Krieg

staatlichen Ordnung bzw. im Rahmen eines Herrschaftsgebildes zusammen- tuationen konnten sich kompetitive Gewaltanwendungen auch gegen den
gefaßt waren. Staat richten. Insgesamt überwogen in den kompetitiven Kriegen Prozesse der
Ausgehend von dieser Einteilung in Raumtypen ist es möglich, die ethni- Zerstreuung, Zersetzung und Diffusion. Die Gewaltaktionen waren in ihren
schen Kriege, die in Lateinamerika im 19. Jahrhundert vorkamen, grob in Ausmaßen im Vergleich zu den hegemonischen Kriegen begrenzter. Meist
zwei Teilformen mit mancherlei Variationen und Übergängen dazwischen zu stellten sie eine Form der ethnisch motivierten Vertreibungsgewalt dar. Von
untergliedern: den gewaltsamen inter-kommunalen Konflikten, die bereits in der Kolonial-
Zum einen handelte es sich um die hegemonischen Kriege. Diese Unterform zeit vorkamen, unterschied sich diese Teilform der ethnischen Kriege im 19.
der ethnischen Kriege spielte sich in den lateinamerikanischen Frontiergesell- Jahrhundert dadurch, daß Fragmentierungen des Raums vorherrschten und der
schaften statt. In der Regel waren an den hegemonischen ethnischen Kriegen Staat und die ethnischen Gemeinwesen nicht nach-, sondern nebengeordnet
der Staat oder staatenähnliche Gebilde als maßgebliche Gewaltakteure betei- agierten.
ligt. Allerdings kam es zu Ausnahmen, sofern der Staat die (ethnischen) Ge-
waltausübungen an andere Akteure übertrug oder ethnische Kriegführungen ABGRENZUNGSFRAGEN
von anderer Seite auch einfach nur billigen oder tolerieren mußte. Weil die
meisten hegemonischen Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert aber un- Für das 19. Jahrhundert werden sowohl der Kriegsbegriff wie der Bürger-
ter unmittelbarer Beteiligung des Staates stattfanden, ruhten die Kombattan- kriegsbegriff im allgemeinen vom Staat her definiert. Dabei steht bei dem
tengruppen stärker auf Organisationssystemen auf. Ebenso waren die diskur- Kriegsbegriff die geplante, organisierte und staatlich legitimierte Tötungsab-
siven Legitimierungen der ethnischen Kriegführung schärfer politischer Art. sicht, die Kombattantengruppen gegenüber anderen Gruppen ausübten, im
In den hegemonischen ethnischen Kriegen überwogen Prozesse der Samm- Vordergrund, während in der Semantik des Bürgerkriegsbegriff die in den
lung, Synthese und Integration. Damit ist gemeint, daß sie in der Regel mit Gewaltaktionen drohende Auflösung des Staates als eines in sich befriedeten,
Wachstumsprozessen des Nationalstaates bzw. Ausdehnungen geordneter territorial geschlossenen und organisierten politischen Gemeinwesens vor-
Räume, die neben politischer auch wirtschaftlicher oder anderer Art sein herrscht.'
konnten, einhergingen. Scharfe Gewalteskalationen bis hin zu ethnischen Beide Definitionen sind auch für Lateinamerika im 19. Jahrhundert bin-
Massakern oder zur Exterminierungsgewalt konnten die Folge sein. dend, machen aber aufgrund der spezifischen Begebenheiten dort Modifizie-
Zum anderen handelte es sich um die kompetitiven Kriege. Kompetitive rungen notwendig. So hat Vanderwood für die fragmentierten Regionen Me-
ethnische Kriege fanden vor allem in fragmentierten Räumen statt. Der wich- xikos um die Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben, wie das Fehlen einer
tigste Gewaltakteur darin waren nicht der Staat oder staatenähnliche Gebilde,
:
sondern die comunidades. Die Kombattantengruppen waren aus diesem " Vgl. für Mexiko John Tutino. Peasants and Politics in Nineteenth-Century Mexico. In:
LARR 22(1987). S. 238.
Grund eher durch Interaktionssysteme geprägt, so wie die diskursiven Legi- ,(l
Vgl. zu Kriegsdefinitionen John A. Vasquez, The War Puzzle, Cambridge 1993, S.
timierungen der Kriegführungen stärker kultureller als politischer Art waren. 23ff. Zur Tötungsgewalt in Kriegen siehe Heinrich von Stietencron/ Jörg Rüpke (Hrsg.),
Pöten im Krieg, Freiburg/ München 1995. Zum Bürgerkriegsbegriff vgl. Carl Schmitt, Der
Die Kriege, die? geführt wurden, richteten sich in der Regel gegen den Nach- Begriff des Politischen, Berlin 1963, S. 47; Harry Eckstein, On the Etiology of Internal
barn, waren meist von lokalem Ausmaß und bezweckten die Trennung zwi- Wars. In: History and Theory 4 (1965), S. 133-163. Auf andere begriffliche Trennungen,
wie etwa zu pogromhaften gewalttätigen Übergriffen gegen Minderheitengruppen, wird hier
schen ethnischen Gruppen oder ethnischen Territorien. Nur in Ausnahmesi- nicht weiter eingegangen. Zum Pogrombegriff vgl. Eberhard Holtmann (Hrsg.), Politik Le-
xikon. München 1994, S. 458.
34 Kapitel B Der ethnische Krieg 35

effektiven Zentralgewalt und das Übergewicht segmentärer Gewalten die "jederzeit"33 andere Gewaltakteure mit ihren Gewaltandrohungen oder Ge-
Trennungen von kriegerischen und nichtkriegerischen Kombattantengruppen waltanwendungen auszuschalten. Diese Unfähigkeit oder vielleicht auch nur
verwischten und aufhoben: "Distinctions between soldier, brigand, patriot, der Unwillen des (durchschnittlichen) lateinamerikanischen Staates, ein mehr
and avenger simply disappeared [...]". oder minder beständiges und wirksames inneres Gewaltmonopol zu errichten,
Der Charakter der Staatenbildungen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert ging mit dem Fortbestand oder Aufkommen segmentärer Gewaltakteure ein-
und die Existenz fragmentierter Räume ließen also phasen- und gebietsweise her, die über eigene kulturelle oder soziale Legitimierungen der Gewaltaus-
Kriege unterhalb der Ebene staatlicher Organisation und Lenkung zu. Dies übung verfügten oder die sich einfach in überlieferte Formen gewaltsamer
äußerte sich unter anderem darin, daß der Zusammenhalt kriegerischer Kom- Selbsthilfe einfügten. Traditionen der Gewaltbereitschaft bzw. hergebrachte
battantengruppen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert, sofern er nicht einfach Gewaltdispositionen wurden dadurch kultiviert oder neu gebildet. Viele Be-
zwanghaft hergestellt wurde, häufig auf lokalen Bindungen, dem Ansehen obachter sind deshalb der Meinung, daß die Schwelle zu kriegsähnlichen Ge-
von Personen und dem konkreten, gemeinsamen Tun oder klientelaren Ab- waltanwendungen im Innern der lateinamerikanischen Gesellschaften bis
hängigkeiten begründet war. In soziologischer Terminologie kann man auch heute insgesamt niedriger sei als etwa in Europa: "Rivalitäten zwischen poli-
formulieren, daß der Typus der Kombattantengruppen, der über Teile des 19. tischen Parteien, verfehdeten Nachbardörfern, rivalisierenden Quartieren
Jahrhunderts in Lateinamerika vorherrschte, schärfer durch face-to-face- [besitzen] in Lateinamerika oft die Intensität von Bürgerkriegen.'"
Beziehungen und Interaktionssysteme integriert wurde, nicht durch anonyme- In Europa entstanden Bürgerkriege im 19. Jahrhundert durch tiefe Spaltun-
re, komplexere und länger vernetzte Organisationssysteme. Auch die für die gen eines Gemeinwesens, häufig in revolutionären Situationen. Bei diesen
Kriegführung notwendigen Legitimierungen, die das Rechtsbewußtsein der Bürgerkriegen handelte es sich im Regelfall um Lagerkriege, d.h. um Konflik-
Kombattanten aufrechterhielten und organisiertes Töten zuließen, fielen in te zwischen Machtblöcken innerhalb eines Gemeinwesens, die gewaltsam um
Interaktions- und in Organisationssystemen unterschiedlich aus. Gerade in die Macht im Staat rivalisierten. Dazu vergleichbare Konflikte gab es in La-
ethnischen Kriegen konnten kulturelle Detabuisierungen in partikularen Mi- teinamerika aber zumindest im frühen und mittleren 19. Jahrhundert nur sel-
lieus vorkommen, ohne daß es staatliche Legitimierungen des Tötens gegeben ten, etwa bei innerstädtischen Auseinandersetzungen oder innerhalb von ver-
hätte. Staatliche Legitimierungen kriegerischer Gewalt kamen nur in Organi- gleichsweise konsolidierten und geordneten Räumen mit stabilen staatlichen
32 Strukturen, wie es im Portalianischen Staat in Chile nach 1833 der Fall war.
sationssystemen vor. Insofern hat der Bürgerkriegsbegriff für Chile um die Mitte des 19. Jahrhun-
Ähnliche Schwierigkeiten tauchen bei der Verwendung des Bürgerkriegs- derts auch mehr Berechtigung.36 Zwar war der Bürgerkriegsbegriff {guerra
begriffs auf. Zu den Merkmalen der Staatenbildungen in Lateinamerika im 19. civil) damals in Lateinamerika weitverbreitet. Tatsächlich aber war in diesem
Jahrhundert zählte, daß der Staat in der Regel kein Monopol der legitimen
Gewaltausübung errang. Zumindest waren die lateinamerikanischen Staaten,
33
Wolf-Dieter Narr, Physische Gewaltsamkeit, ihre Eigentümlichkeit und das Monopol
vom Portalianischen Staat in Chile nach 1833 abgesehen, nicht in der Lage,
des Staates. In: Leviathan 8 (1980), S. 563.
,4
Gustav Siebenmann, Einige Besonderheiten lateinamerikanischer Verhaltensmuster in
Paul Vanderwood, Disorder and Progress. Bandits, Police, and Mexican Development, Regionen mit indigener Bevölkerung. In: Zeitschrift für Lateinamerika, Wien 21 (1982), S.
University of Nebraska Press 1981, S. 6. 24-34: 26.
,5
Vgl. zum Problem des etatistischen Kriegsbegriffs für Lateinamerika auch Sabine Vgl. Charles Tilly, Die europäischen Revolutionen, München 1993, S. 3Iff.
Kurtenbach, Staatliche Organisation und Kriege in Lateinamerika. Ein historisch- "' Vgl. Maurice Zeitlin, The Civil Wars in Chile (or the Bourgeois Revolutions that ne-
struktureller Vergleich der Entwicklung in Kolumbien und Chile. Münster 1991, S. 165. ver were), Princeton 1984, S. 33ff.
36 Kapitel B Der ethnische Krieg 37

Zeitraum in Lateinamerika die Institution, an deren Bestand wir moderne muß man bei diesen und ähnlichen Urteilen damals auch ethnische Abwer-
Bürgerkriege überhaupt erkennen, nämlich der Staat, häufig zu schwach, als tungen und Diskriminierungen als Motiv in Rechnung stellen. Dennoch bleibt
daß er die Ausübung kollektiver Gewalttaten entscheidend hätte prägen und es zweifelhaft, ob für Lateinamerika im 19. Jahrhundert von ethnischen Bür-
an sich ziehen und ihnen damit auch den Charakter von Bürgerkriegen hätte gerkriegen gesprochen werden kann. Eher hat es den Anschein, daß dieser
verleihen können. Begriff ebenso fehl am Platz wäre wie der des ethnischen Staatenkrieges.
Der Umstand, daß der Bürgerkriegsbegriff auf die Gegebenheiten in Latein-
amerika damals nicht recht paßte, beschäftigte im übrigen schon die Men-
schen in der Epoche. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um die Verfassung
Kolumbiens nach 1863. Angesichts der Schwäche des Staates, so die Argu-
mentation politischer Kreise in Kolumbien im späten 19. Jahrhundert, müsse
jede zwischenparteiliche Auseinandersetzung im Land zwangsläufig eskalie-
ren. Bürgerkriege sollten deshalb fortan, so der Vorschlag, durch Verträge zu
beenden sein, ähnlich wie Kriege zwischen Staaten, und einen völkerrechtli-
chen Status besitzen, um auf diese Weise, wie man hoffte, unnötige Gewal-
teskalationen und Brutalisierungen aus den inneren Konflikten im Land her-
auszunehmen. Im Grunde zogen Teile der politisch Verantwortlichen in
Kolumbien damals bereits den Schluß, daß es Bürgerkriege im Land nicht
geben könne, weil keine hinreichende Staatsgewalt existierte, die den Kon-
fliktparteien hätte Bürgerrechte verleihen und diese schützen können.
Heutigen Bemühungen um begriffliche Klärungen und Abgrenzungen
kommt entgegen, daß ethnische Revolten oder andere ethnische Gewaltfor-
men in der Epoche damals ohnehin nicht zu den Bürgerkriegen gerechnet
wurden. Dies lag daran, daß die ethnischen Konflikte im Urteil der Zeitgenos-
sen eben nicht oder nicht vorrangig nach dem, wie es hier genannt wurde, La-
gerprinzip funktionierten und keine im engeren Sinn politischen Ziele hatten.
Die Aufständischen hätten, so z.B. der Gouverneur von Chiapas (Mexiko) aus
Anlaß der Revolte der ethnischen Gruppe der Chamulas 1869, "[...] nicht zum
Ziel, einer Meinung oder einer Partei zum Triumph zu verhelfen". Zwar

Vgl. Iván Orozco Abad, Die Gestaltung des Ausnahmezustandes in Kolumbien im 19.
Jahrhundert, Saarbrücken 1988, S. 234ff; Alejandro Valencia Villa, La humanización de la
guerra. Derecho internacional humanitario y conflicto armado en Colombia, Bogotá 1991,
S. 120ff.
Abgedruckt in: Leticia Reina, Las rebeliones campesinas en México, 1819-1906,
México 1980, S. 53.
Teilformen ethnischer Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert
C. Hegemonische ethnische Kriege

I.YUKATAN, 1847-1853

Hegemonische Kriege Kompetitive Kriege


Die Frontiergesellschaften in Lateinamerika können nach verschiedenen
Merkmalen definiert und in unterschiedliche Teilformen untergliedert wer-
Vorkommen in Grenzräumen in fragmentierten den. Dabei überwiegt in der neueren Sozialgeschichte oder auch Kulturge-
Räumen schichte der Grenze das Bestreben, die Interaktionen, wechselseitigen Akkul-
turationen und allgemein die interethnischen Verflechtungen, die sich in den
Merkmale integrativ dissoziativ, Frontiergesellschaften ausbildeten, in den Vordergrund zu stellen.1 Darüber
trennend droht jedoch etwas in Vergessenheit zu geraten, daß die potentielle ethnische
Gewaltbereitschaft ein festes Merkmal der Frontiergesellschaften bildete.
Träger vorrangig: vorrangig: Dies gilt im übrigen nicht allein für Lateinamerika, sondern auch über den
Staat, staatsähnliche comunidades spanisch beeinflußten Teil Amerikas hinaus." Die Gewalt zählte zur gesell-
Gebilde schaftlichen Routinewirklichkeit an der Grenze, und die Grenze stellte die
sozialräumliche Formation in Lateinamerika dar, in der die ethnischen Ge-
Gewaltmodalitäten eher hoch eher niedrig waltanwendungen die schärfste Ausprägung erfahren konnten. Neben Vertrei-
bungsdruck oder Zwangsdeportationen kam es hier im 19. Jahrhundert auch
Kombattanten agieren Kombattanten agieren zu staatlich kontrollierten Exterminierungskriegen gegen indianische Bevöl-
tendenziell auf der Basis tendenziell auf der Basis
von Organisations- von Interaktionssystemen kerungen.
systemen Allerdings waren die Gewaltanwendungen an der Grenze deshalb nicht un-
bedingt besonders häufig, und ebensowenig war die Frontiergesellschaft in
Massaker
Vertreibungsgewalt Vertreibungsgewalt Lateinamerika zwangsläufig beständiger oder intensiver gewaltgeprägt als die
Exterminierungen Regionen im Hinterland. Dies anzunehmen wäre ein Mißverständnis. Viel-

Als neuere Literatur vgl. Latin American Frontiers, Borders, and Hinterlands. Research
Legitimierungen der eher politisch eher kulturell Needs and Resources. Hrsg. v. Paula Covington, Albuquerque 1990; Hebe Clementi, La
Gewalt frontera en América, 4 Bde., Buenos Aires 1985-1988. Zur Literaturlage in bezug auf die
lateinamerikanischen Frontiergesellschaften vgl. Bernd Schröter, Bemerkungen zu einer
Historiographie der Grenze. In: JBLA 31 (1994), S. 329-360. Als Reader, um die wissen-
schaftliche Lrörterung der Grenze in Lateinamerika, wie sie seit Turner geführt wurde, zu
verfolgen, siehe David J. Weber/ Jane M. Rausch (Hrsg.), Where Cultures meet Frontiers in
Latin American History, Wilmington 1994.
Vgl. Richard M. Brown, Historische Muster der Gewalt in Amerika. In: Hans Joas/
Wolfgang Knöbl (Hrsg.), Gewalt in den USA, Frankfurt/M. 1994, S. 75-121: 93f.
40 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 41

mehr waren die Gewaltdispositionen an der Grenze im allgemeinen nur kon- sogenannten Brachländereien 1841 stellten darin in juristischer Hinsicht die
tinuierlicher verteilt, schneller abrufbar und durch die Gewaltakteure einfa- wichtigsten Marksteine dar. Entsprechend handelte es sich bei der Frontier-
cher legitimierbar. Die besondere Lage der Frontiergesellschaft als eine ei- gesellschaft, die im Südosten Yukatans bestand, um eine vorrangig agrar-
genständige soziokulturelle Formation, in der der Staat kein Gewaltmonopol strukturell definierte Grenzzone. Dabei kann man kaum von einer Grenze im
besaß, trug dazu bei. Südosten Yukatans sprechen. Zutreffender ist es, unterschiedliche Zonen oder
In Mexiko waren ethnische Revolten und peasant rebellions (die Trennung Gürtel zu unterscheiden, wobei sich die Struktur dieser Gürtel nach Südosten
bleibt im Einzelfall zu erörtern) im 19. Jahrhundert weitverbreitet, wenngleich hin in dem Maße veränderte, wie die Gebiete unzugänglicher wurden, Inter-
mit abnehmender Tendenz seit den 1860er Jahren. Nirgends nahmen die da- aktionen der Mayagruppen mit der spanisch-kreolischen Gesellschaft nur-
durch verursachten Opfer und Zerstörungen sowie die Härte der Auseinander- mehr sporadisch stattfanden und die Bevölkerungsdichte abnahm.
setzungen aber die Ausmaße an wie im sogenannten Kastenkrieg, der 1847 in Die grobe Zweiteilung Yukatans in den von spanisch-kreolischen Besitzun-
Yukatan ausbrach und sich offen bis 1853, in Ausläufern bis in das frühe 20. gen geprägten Nordwesten und den von freien Dörfern und Streusiedlungen
Jahrhundert hinzog. Begünstigt durch eine vergleichsweise hohe ethnische oder semi-nomadisierenden Bevölkerungen gekennzeichneten Südosten war
Homogenität, politische Spaltungen des Gegners und die Nähe von Flucht- ein Überbleibsel der Kolonialzeit. Die Kerngebiete der spanisch-kreolischen
und Nachschubzonen (Belize) entwickelten die aufständischen Mayagruppen Herrschaft auf der Halbinsel Yukatan waren die Distrikte Mérida und Cam-
im Südosten der Halbinsel starke Widerstandskräfte. Im Verlauf der kriegeri- peche. Mérida, das 1847 etwa 48.000 Einwohner zählte, galt als das Zentrum
schen Auseinandersetzungen kam es zur Bildung unabhängiger indianischer der kreolischen Bevölkerung auf Yukatan, gefolgt von Campeche mit weniger
Staatengebilde im Südosten der Halbinsel. Erst zu Beginn des 20. Jahrhun- als der Hälfte der Einwohnerzahl. Beide Städte trennten alte Rivalitäten und
derts wurde die "theokratische Rebellengesellschaft" der Cruzob-Maya, die unterschiedliche Wirtschafts- und Handelsinteressen, weshalb sie auch in den
in Chan Santa Cruz ihr Zentrum besaß, endgültig vom Militär nieder- inneren Wirren, die die Geschichte Mexikos in der ersten Hälfte des 19. Jahr-
geworfen. hunderts prägten, meist gegenteilige politische Standpunkte einnahmen.
Für die Eskalation der Gewalt, die im Südosten Yukatans in der zweiten Die indianischen Bevölkerungen im Süden und Osten waren nicht oder nur
Hälfte der 1840er Jahre einsetzte und die sich mit Aufwärts- und Abwärtsbe- lose in den kolonialen Gesellschaftsaufbau integriert. Diese "freien" indiani-
wegungen bis in das frühe 20. Jahrhundert hinzog, waren weniger politische schen Gruppen, die sich durch Migrationen ins Landesinnere in Teilen bereits
Prozesse im Sinn einer "modernen" Staatenbildung verantwortlich als viel- in der Kolonialzeit von den zivilen und kirchlichen Autoritäten der spanisch-
mehr Ausdehnungen der kommerzialisierten, exportorientierten Agrarwirt-
schaft, die sich dort nach der Aufhebung der von den Spaniern verfügten
Wirtschaftsrestriktionen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen.
Das Gesetz über die Kolonisierung vom Dezember 1825 sowie Verordnungen
' Zur Einordnung des Kastenkrieges in langfristige agrarstrukturelle Entwicklungen vgl.
und Dekrete über den Verkauf von Ländereien 1833 bzw. die Enteignung von Jean Meyer. Problemas campesinos y revueltas agrarias, 1821-1910, México 1973; Gilbert
M. Joseph, From Caste War to Class War: The Historiography of Modern Yucatán, c. 1750-
1940. In: HAHR 65 (1985), S. 111-134: 115f.
Vgl. Grant D. Jones, Maya Resistance to Spanish Rule. Time and History on a Colonial Zur Genese dieser Grenze in der Kolonialgesellschaft vgl. Peter Gerhard, The
Frontier, Albuquerque 1990, S. 245ff. Southeast Frontier of New Spain. Revised Edition, University of Oklahoma Press 1993, S.
Gilbert M. Joseph, Rediscovering the Past at Mexico's Periphery. Essays on the History 5 4 ff., sowie Robert Patch, Agrarian Change in Eighteenth Century Yucatan. In: HAHR 65
of Modern Yucatán, University of Alabama Press 1986, S. 44. (1985). S. 21-49; ders.. Maya and Spaniards in Yucatán, 1648-1812. Stanford 1993.
42 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 43

kreolischen Gesellschaft entfremdet hatten , sollten später zur wichtigsten Innern der Halbinsel, waren es um 1840 bereits 5 1 % . Neue Ortschaften und
Trägergruppe des Kastenkriegs werden. Die indianischen Gruppen im Nord- Marktzentren entstanden im Grenzgebiet, die die Kommerzialisierungen von
westen, die in die bestehende Gesellschaftsordnung eingebunden waren, be- Handel und Produktion weiter anheizten und die Konkurrenz mit den Dörfern
D
und Streusiedlungen um Boden zusätzlich verschärften. Insgesamt griff die
teiligten sich dagegen nicht daran. Demographische Veränderungen, Wider-
expandierende und gewinnträchtige Zucker- und Hanfproduktion in bis dahin
stände gegen Tributforderungen und andere Bedrückungen sowie Reaktionen
unbekanntem Maße in die Struktur der Dörfer ein und beeinflußte die ge-
auf Trockenheiten und Mißemten bildeten in der Kolonialzeit die wichtigsten
wohnten Arbeitszusammenhänge der Mayagruppen, etwa bei der Kultivie-
Faktoren, die die Mayabevölkerungen auf Yukatan zu Binnenmigrationen
rung der für Subsistenzzwecke bebauten Parzellen (milpas). Damit wurden
veranlaßten.
aber auch die überkommene soziale Organisation der Mayagruppen be-
Erst seit dem frühen 19. Jahrhundert und beschleunigt nach den Be-
einträchtigt, ebenso wie ihre kulturelle und religiöse Symbolik, die eng mit
mühungen des Staates in den 1840er Jahren, durch Gesetzgebungen die
dem Maisanbau und dem sozialen Dasein als milpero verbunden war. Insge-
kommerzielle Nutzung des Bodens zu fördern, wurde die Situation an der
samt war die Arbeitsorganisation auf den Zuckerrohrplantagen rigide, weil
Grenze im Südosten zunehmend konfliktiv. Vor allem die Hanf- und Zucker-
der höhere Kapitaleinsatz eine schärfere Arbeitsaufsicht und Disziplinierung
produktion mit hohen Expansionsraten und Gewinnchancen führte zu einem
erforderte.
wachsenden Druck "weißer" Bevölkerungen auf die Grenze. Hinzu kamen
Im Überblick lag in der Expansion der Agrarexportwirtschaft und den
Verwüstungen kommunaler Ländereien durch Expansionen der Viehzucht.
Auswirkungen in sozialer und kultureller Hinsicht, die damit einhergingen,
Die kommerziellen Durchdringungen der Grenzgesellschaft im Südosten nah-
ein wichtiger, vielleicht der ausschlaggebende Grund für den Kastenkrieg. "
men zu, ebenso die Nachfrage der Plantagen und marktorientierten Grund-
Darauf deuten auch die kleineren, lokalen Revolten hin, die es seit den frühen
besitzungen nach den Ländereien der Dörfer und deren Ressourcen, vor allem
1840er Jahren auf Yukatan gab und die sich in erster Linie gegen Landnah-
Arbeitskraft und Wasservorräten. Etwa 90% des Zuckerrohrs auf Yukatan
men und wirtschaftliche Bedrückungen richteten. Allerdings erschöpften sich
wurde in den 1840er Jahren in den Grenzzonen angebaut.
die Ursachen und Gründe, die zum Kastenkrieg führten, deshalb nicht in en-
Die sozialen Folgen dieser Entwicklungen waren beträchtlich und wohl
ger wirtschaftlichen oder sozialen Prozessen. Ebenso wichtig waren vermut-
auch deshalb besonders brisant, weil die aus der Kolonialgeschichte herrüh-
lich enger politische Erwägungen, die mit der Verteidigung lokaler Kompe-
rende "Rückgebliebenheit" 9 Yukatans nun durch schnelle, abrupte Verände-
tenzen, ethnischer Ressourcen und kommunaler Hierarchien zu tun hatten.
rungen aufgebrochen wurde. Vor allem fanden nach 1820 zunehmende Mi-
grationen in die wirtschaftlich attraktiven Grenzräume statt. Lebten um 1794 Die Transformationen im Bereich der Agrarwirtschaft, die sich seit 1820 be-

etwa 38% der Bevölkerung Yukatans im südöstlichen Grenzgebiet bzw. im schleunigten, brachten auch Schwächungen, mitunter völlige Auflösungen der
alten kommunalen Strukturen und ethnischen Bindungen mit sich. Die Land-
7
Vgl. Robert Patch, Descolonización, el problema agrario y los orígenes de la guerra de nahmen, wodurch die Wirtschaftskraft einzelner Gemeinden eingeschränkt
castas, 1812-1847. In: Othón Baños Ramírez (Hrsg.), Sociedad, estructura agraria y estado
de Yucatán. Mérida 1990, S. 53-67.
Vgl. Pedro Bracamonte y Sosa, Amos y sirvientes: las haciendas de Yucatán, 1789- "' Manuel López Amabilis, Yucatán en la estadística antes de la guerra de castas. In:
1869, Mérida 1993. Revista de la Universidad de Yucatán 5 (1963). S. 115-129.
Nancy M. Farriss, Indians in Colonial Yucatán: Three Perspectives. In: Spaniards and " Vgl. dazu Luis Varguez Pasos (Hrsg.). La milpa entre los Mayas de Yucatán, Mérida
Indians in Southeastern Mesoamerica. Essays on the History of Ethnic Relations. Hrsg. v. 1981.
12
Murdo J. MacLeod und Robert Wasserstrom,. University of Nebraska Press 1983, S. 1-39: Vgl. Moisés González Navarro, Raza y tierra: La guerra de castas y el henequén,
12. México 1970. S. 540".
Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 45

erstmals indianische Gruppen mit dem Versprechen auf eine Reduzierung der
wurde, die Binnenwanderungen und Fluchtbewegungen, die damit auf Seiten
Abgaben und Steuern oder durch in Aussicht gestellte Landverteilungen für
indianischer Gruppen angestoßen wurden und indigene Herrschaftsgebilde
eine der Kriegsparteien angeworben. Santiago Iman, ein Milizoffizier, der
von innen auszuhöhlen drohten, sowie die kulturellen Bedrängungen, die mit
sich 1838 gegen den "Zentralismus" der Regierung erhob, spielte hier den
den Expansionen der Agrarexportwirtschaft einhergingen, berührten unmit-
Vorreiter. Ähnliche Vorgänge wiederholten sich 1842/43, als die me-
telbar die privilegierte Stellung und Machtposition der indianischen Kaziken.
xikanische Regierung militärisch gegen den "Ungehorsam" Yukatans vorging
Maßnahmen des Staates taten ein Übriges, um die Autonomie der Gemeinden
und von seiten der yukatekischen Regierung indianische Milizen gebildet
und ihre hergebrachten Hierarchien in Frage zu stellen. So wurden in der yu-
wurden, sowie 1846, als es in Campeche auf dem Hintergrund des Krieges
katekischen Verfassung von 1841 die repúblicas de indios, die mehr oder
zwischen Mexiko und den USA zu einer Rebellion gegen die Regierung des
minder geschlossene indianische Herrschaftsgebilde auf lokaler Ebene bilde-
Staates kam.
ten, nicht länger vom Staat anerkannt und geschützt. Der Status der Kaziken
Die Politik der yukatekischen Regierung bzw. rivalisierender Gruppen in-
war davon unmittelbar betroffen, weil sie an Einfluß und Macht nach innen
nerhalb der Elite Yukatans, indianische Gruppen zu bewaffnen und für eigene
wie auch in ihrer Bedeutung als Mittler gegenüber dem Staat zu verlieren
Ziele einzusetzen, hatte verschiedene Auswirkungen. Einerseits führte sie zu
drohten. Von dieser Warte her stellten die Rebellionen indianischer Gruppen
einem Erlernen militärischer Gewalt auf seiten der indianischen Bevölkerung.
in den 1840er Jahren aber auch eine Abwehrreaktion bedrängter indigener
Damalige Beobachter waren zumindest der Ansicht, daß die militärische
Führungsgruppen dar, die sich gegen ihren schleichenden Prestigeverlust und
Kompetenz und Gewaltbereitschaft indianischer Gruppen wuchsen, ebenso
gegen drohende politische und soziale Entmachtungen wehrten.
deren Vertrauen in die eigene Stärke sowie der Glauben, über militärische
Der Ausbruch des Kastenkriegs in Yukatan stand in engem Zusammenhang
Gewaltanwendungen eigene soziale oder politische Ziele mit Erfolg erreichen
mit den inneren Kriegen, die die Geschichte Mexikos über die erste Hälfte des
und durchsetzen zu können. Vielzitiert wird in diesem Zusammenhang die Er-
19. Jahrhunderts hinaus prägten, und den damit verbundenen Gewöhnungen
oberung der Stadt Valladolid im Januar 1847 durch indianische Milizen, die
an Gewaltanwendungen. Zwischen 1821, als die politische Lösung von Spa-
auf der Seite von Campeche gegen die Regierung in Mérida kämpften. Zeit-
nien vollzogen wurde, und 1847, als der Kastenkrieg ausbrach, herrschten auf
genössische Berichte waren voller Entsetzen über die tatsächlichen oder auch
Yukatan zwei politische Konfliktlinien vor. Zum einen handelte es sich um
nur nachgesagten Greueltaten, die die indianischen Kombattanten bei der
das Autonomiestreben Yukatans gegenüber dem mexikanischen Staat , zum Plünderung der Stadt begingen. Auf jeden Fall ist das Erlernen von Gewalt
anderen um die Rivalitäten zwischen den beiden inneren Zentren in der Regi- auch für andere Regionen Mexikos beschrieben und mitverantwortlich für den
on, die sich gegenseitig die Führungsrolle im Staat Yukatan streitig machten, Ausbruch von Rebellionen oder ethnischen Kriegen gemacht worden. Für die
also die Städte Mérida und Campeche. Frontiergesellschaft in Sonora im Nordwesten Mexikos z.B. beschreibt Hu-
Diese teils latenten, teils offenen Konflikte nahmen 1838/39 eine neue Dehart, wie die Einbindung der Yaquis in die inneren Kriege zu Gewalteska-
Wendung. Damals wurden in den eskalierenden inneren Kriegen in Yukatan lationen führte: "Yaquis undoubtedly learned much about Mexicans, both
their character and their military methods. They gained experience fighting
13
Vgl. Pedro Bracamonte y Sosa, La memoria enclaustrada. Historia indígena de
Yucatán, 1750-1915, México 1994, S. 103.
14 l?
Vgl. Marvin Alisky, The Relations of the State of Yucatán and the Federal Govern- Vgl. Marie Lapointe, Los mayas rebeldes de Yucatán, Zamora 1983, S. 68f.; Nelson
ment of Mexico, 1823-1978. In: Edward H. Moseley/ Edward D. Terry (Hrsg.), Yucatán, a Reed. The Caste War of Yucatan, Stanford 1964, S. 27ff.
World Apart, University of Alabama Press 1980, S. 245-263.
46 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 47

conventional Mexican wars, even attacking major Mexican towns, which they de diesen die Absicht zugeschrieben, die gesamte nichtindianische Bevöl-
never did [before]". kerung auf Yukatan auslöschen zu wollen ("... exterminio para todas las otras
Andererseits ließ der andauernde, bereits aus der Kolonialgeschichte her- razas"). Im Januar 1848 druckte die Zeitung La Unión, die in Mérida er-
rührende Konflikt zwischen Mérida und Campeche ein politisches Hegemo- schien, ähnlichlautende Loyalitätsbekundungen einer Vielzahl indianischer
nieproblem entstehen, wodurch der Rechtmäßigkeitsanspruch der gesamten Gemeinden und Dörfer aus dem Einflußbereich der Städte Mérida und Cam-
staatlichen Politik, der bereits durch den Bruch der kolonialen Ordnung gelit- peche ab. Offenkundig war es jedoch die vorrangige Funktion des Extermi-
ten hatte, sich weiter verringerte. Die durch den Bruch der kolonialen Ord- nierungsbegriffs in diesen Erklärungen, Loyalitäten kundzutun und in Wir-
nung 1821 tiefgreifend erschütterte Legitimation des Staates im Gebiet des gruppe und Fremdgruppe zu polarisieren. Über die Kriegshandlungen selbst
früheren Vizekönigreichs Neu-Spanien mußte unter den inneren Konflikten und die Art der Kriegführung sagte sein Gebrauch nichts aus.
und Kriegen in der Region weiter leiden. Dadurch sank die Hemmschwelle Zweifelsohne fanden Gewalteskalationen statt, die sich im nachhinein als
unzufriedener oder ethnischer Gruppen zur Rebellion gegen den Staat, wäh- Ergebnis eines Aufschaukelungsvorgangs darstellen. Solche Aufschauke-
rend umgekehrt die Selbstlegitimierung, die Rebellen oder Aufständische in lungsvorgänge rührten teils aus Ängsten und eher spontanen Reaktionen her.
der Regel benötigen, um sich zu erheben und gegen die Autorität vorzugehen, Bereits für die Kolonialzeit kann beobachtet werden, wie indianische Unru-
leichter zu erreichen war. Hinzu kam, daß der fragile, zeitweilig fragmentierte hen oder Aufstände große Befürchtungen und mitunter übersteigerte Reaktio-
Staat und die in sich gespaltene Elite Yukatans möglicherweise von seiten der nen unter Spaniern und Kreolen auszulösen vermochten. Dies galt insbeson-
aufständischen indianischen Kaziken als ein leichter Gegner unterschätzt dere für den Fall, daß die Spanier oder Kreolen eine geplante, organisierte
wurden. Tatsächlich söhnten sich die innenpolitischen Gegner und Macht- Aktion auf indianischer Seite vermuteten bzw. Bewegungen, die den Umsturz
fraktionen im Staat Yukatan nach Ausbruch des Kastenkriegs aber schnell der politischen und ethnischen Hierarchien zum Ziel hatten. Für die Rebellion
aus, um die Revolte der Mayagruppen gemeinsam zu bekämpfen. Diese in- unter Jacinto Canek etwa, die 1761 in Quisteil, südöstlich von Mérida
nenpolitische Übereinkunft bildete im übrigen eine der zentralen Vorausset- (Yukatan) gelegen, ausbrach und eine messianische Bewegung darstellte, las-
zungen dafür, daß der ausgebrochene Konflikt überhaupt als ethnischer Krieg sen sich bereits ähnliche Aufschaukelungen festmachen, also eine steigende
definiert werden konnte. "[...] Angst und Panik der Spanier in Mérida, mehr noch wahrscheinlich in
Der Kastenkrieg auf Yukatan wird in der Forschung häufig als besonders den kleineren Provinzstädten", sowie damit verbunden "[...] irrationale, über-
schroffe und eskalierte Form eines ethnischen Exterminierungskriegs betrach- triebene Reaktionen und Aktionen der spanischen Obrigkeit". Möglich ist,
tet. Dem kommt entgegen, daß bereits in der Epoche damals von Exterminie- daß die Bevölkerungen in Regionen, die bereits früher ethnische Revolten
rungsabsichten die Rede war, um den Charakter der Gewaltauseinanderset- oder ethnische Kriege erlebt hatten, in besonders sensibler Weise auf neuerli-
zungen zu umschreiben. So veröffentlichten loyale indianische Kaziken und che Gewaltkonflikte reagierten, auch wenn die Gewalterfahrungen nicht
Offizielle aus der Stadt Campeche und umliegenden Ortschaften am 21. De- selbsterlebt, sondern bloß in der Generationenfolge und durch die mündlichen
zember 1847 eine Erklärung, in der sie sich gegen die "absurde und empören-
de Erhebung" der aufständischen Indios im Osten aussprachen. Zugleich wur- Exposición de los Caciques de Repúblicas de Indígenas al Gobierno, 21.12.1847. In:
Reina. Rebeliones, S. 393ff.
Gudrun Moßrucker, Die Rebellion in Quisteil 1761. Eine quellenkritische Untersu-
16
Evelyn Hu-Dehart, Yaqui Resistance and Survival. The Strugggle for Land and Auto- chung zur Ethnohistorie Yucatáns, Bonn 1992, S. 91. Vgl. ferner Miguel A. Bartolomé, La
nomy. 1821-1910, Madison 1984, S. 93. insurreción de Canek. Un movimiento mesiánico en el Yucatán colonial, México 1978.
50 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 51

lokaler Ebene oder auch verwandtschaftliche Zusammenschlüsse ausdrückten. den Indios zunächst, was diese steuerlichen Belastungen betraf, primär um
Zentralisierte, gestraffte Kriegführungen auf Seiten der Rebellen waren eine Gleichbehandlung der verschiedenen ethnischen Gruppen, nicht um aus-
schwierig hervorzubringen, weil die Autonomie der partidas hoch war. Über- schließliche Privilegien oder Sonderbestimmungen für indianische Gruppen.
regionale Bindungen und Bündnisse wurden durch Absprachen zwischen den Das Motiv ethnischer Kriegführung stand also kaum am Ausgangspunkt des
einzelnen militärischen Anführern der partidas, den sogenannten Generälen, Gewaltkonflikts, wohl allerdings die Kritik an einem Staat, der ethnisch dis-
hergestellt. Erst nach dem Aufkommen kultischer Strömungen 1850/51 setz- kriminierte oder ethnische Diskriminierungen duldete.
ten anscheinend auch neue Versuche ethnischer Bindung und Solidarisierung Nach Reifler Bricker fand erst im Verlauf des Aufstands eine Definition der
über die partikularen partidas hinaus ein. Revolte als Rassenkrieg statt. Vor allem die Weigerung oder vielleicht auch
Das Vorherrschen eher partikularer Solidaritäten unter den Aufständischen nur das Unvermögen der Kreolen, zwischen einzelnen indianischen Gruppen
mag die Bedeutung miterklären, die "von außen" kommende mestizische und Kaziken zu unterscheiden und Interessendivergenzen wahrzunehmen,
Gruppen und Ratgeber oder desertierte Soldaten, die auf sehen der aufständi- hätte eine pauschale Polarisierung nach ethnischen Merkmalen hervorge-
schen Indios kämpften, erlangen konnten. Mestizengruppen konnten vermut- bracht. Einzelne Handlungen, wie das Lynchen von Kaziken, die bloß der
lich eher als Scharniere und Klammern oder als eine Art Koordinatoren zwi- Konspiration verdächtig waren, oder der diffuse Terror, den die Armee in der
schen den einzelnen partidas fungieren. Auffällig ist auch, daß unter diesen Anfangsphase des Aufstands in den Siedlungen in der Grenzzone ausübte,
mestizischen Gruppen anscheinend besonders unnachgiebige Positionen ver- lösten erst, so Reifler Bricker, an der Grenze umfassende ethnische Solidari-
treten wurden, was die Kriegführung gegen die "Weißen" anging, bis hin zur sierungen aus und waren dafür verantwortlich, eine soziale Rebellion in einen
Propagierung des Rassenkriegs. Insgesamt war das Gewicht dieser mestizi- ethnischen Gewaltkonflikt zu überführen.
schen Gruppen auf seiten der Indios erheblich. So berichtete der Armeekom- Der Übergang zum ethnischen Krieg zeichnete sich bereits im Verlauf des
mandeur Micheltorena am 01. August 1850 der Regierung, daß die militäri- Jahres 1849 ab, als Führer der Aufständischen britischen Vermittlern gegen-
sche Gefolgschaft des Kaziken Jacinto Pat ursprünglich aus zwei- oder drei- über deutlich machten, daß die Cruzob-Maya über eine eigene, unabhängige
22
Regierung verfügen wollten und Yukatan deshalb in nordsüdlicher Richtung
hundert "mestizos" bestanden habe. Auch einige der wichtigsten militä-
in zwei Staatengebilde zu teilen sei. Endgültig manifest wurde die Wendung
rischen Anführer der Aufständischen und "Generäle" der partidas galten als
zum ethnischen Krieg schließlich Ende 1850, als der Kult des Sprechenden
Mestizen, wie Leandro Santos oder Dionisio Zapata, die beide im Zuge inter-
Kreuzes entstand, dessen Zentrum Chan Santa Cruz wurde. Der Kult kann als
ner .Auseinandersetzungen unter den kriegführenden Cruzob-Maya 1863 er-
wichtigstes Instrument einer Revitalisationsbewegung gedeutet werden, die
mordet wurden.
aus der Reinterpretation christlicher Symbole den Glauben an die Neuerrich-
Nach der Studie von Reifler Bricker hatte der Krieg an der Grenze anfäng-
tung einer gottgewollten Gesellschaft mit umgekehrten ethnischen Hierarchi-
lich die Bedeutung einer sozialen Rebellion gegen die Auswirkungen, die die
en bezog. Nach Buisson entstand damit in der akuten militärischen Notlage
Kommerzialisierung der Agrarwirtschaft hervorrief. Manches spricht für diese
der aufständischen Maya Ende 1850 eine "[...] chiliastisch-nativistische Be-
Bewertung, standen doch anfänglich Steuerfragen und Landfragen im Kern
der Beschwerden und Forderungen der aufständischen Indios. Auch ging es 24
Vgl. Victoria Reifler Bricker, The Indian Christ, The Indian King: The Historical
Substrate of Maya Myth and Ritual. Austin 1981; dies.. The Caste war of Yucatán: The
Reina. Rebeliones, S. 401. History of a Myth and the Myth of History. In: Grant Jones (Hrsg.), Anthropology and Hi-
Siehe die Tabelle bei Bracamonte y Sosa, La memoria, S. 120. story in Yucatán. Austin 1977. S. 251-258.
52 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 53

wegung, die integrierend innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe, abgren- flikten zwischen einzelnen ethnischen Gruppen innerhalb des Südostens Yu-
zend gegenüber den anderen Bevölkerungsteilen und zugleich gewaltin- katans her.
25
Durch die kriegerischen Einwirkungen, vor allem aber das Aufkommen ver-
tensivierend wirkte."
schiedener Epidemien reduzierte sich die Gesamtbevölkerung der Cruzob-
Messianische Komponenten und Heilserwartungen hatte es bereits in den
Maya bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf etwa 10.000 Menschen. Auch
Anfangen des Aufstands gegeben. Erst mit dem Kult des Sprechenden
scheint der Kult spätestens seit den 1870er Jahren seine mobilisierende, inte-
Kreuzes wurden die partialen ethnischen Loyalitäten, die bis dahin unter den
grierende und staatsbildende Wirkung eingebüßt zu haben, als verschiedene
aufständischen Mayagruppen vorgeherrscht hatten, aber erweitert. Wie bereits
kleinere, rivalisierende Kultzentren im Südosten entstanden. Seit 1886 ging
bei den messianischen Bewegungen in der Kolonialgeschichte fungierte nun-
auch das Flucht- und Nachschubgebiet Belize verloren, weil nunmehr die
mehr auch die kultische Strömung nach 1850 als wichtigstes Instrument und
Engländer an einer Übereinkunft mit der mexikanischen Regierung interes-
Bindemittel, um einen militärisch notwendig gewordenen Zusammenhalt über
siert waren. Chan Santa Cruz verlor insofern durch Prozesse verschiedener
enge lokale Gegebenheiten hinaus herzustellen und eine staatliche oder semi-
Art bereits vor seiner militärischen Eroberung durch die mexikanischen Re-
staatliche Organisation der Cruzob-Maya herzustellen. Chan Santa Cruz wur-
gierungstruppen an Einfluß und Macht und innerer Kohäsion.
de dadurch zum Zentrum einer Allianz autonomer, kriegsbereiter Gemeinwe-
sen im Osten und Süden Yukatans. In den 1860er Jahren soll dieser Verbund
aus Dörfern, Fluchtzonen und ethnischen Gruppen insgesamt etwa 35.000 bis
40.000 Menschen umfaßt haben, wovon zwischen 2.000 und 7.000 im Haupt-
ort lebten. Gleichzeitig bekämpften die Cruzob-Maya nach 1853 rücksichtslos
die indianischen Gruppen oder Gemeinwesen, die sich nach kriegsbedingten
Ermüdungen vom Widerstand abtrennten, Verhandlungen mit dem Staat
führten und nach einem Abkommen mit der Regierung strebten. Die Flucht-
bewegungen indianischer Ethnien nach Britisch-Honduras (Belize) oder in
den Norden Guatemalas (Peten)" , die um und nach 1850 stattfanden, wurden
insofern nicht nur durch Bedrängungen durch den yukatekisch-mexikanischen
Staat und die Regierungstruppen verursacht, sondern rührten auch aus Kon-

25
Inge Buisson, Gewalt und Gegengewalt im "guerra de castas" in Yukatan, 1847-1853.
In: JBLA 15 (1978), S. 3-28: 26. Zum Begriff der Revitalisationsbewegung vgl. Neues
Wörterbuch der Völkerkunde. Hrsg. v. Walter Hirschberg, Berlin 1988, S. 403.
26
In der Literatur wird dazu verwiesen auf: Crescencio Carrillo y Ancona, Historia anti-
gua de Yucatán, Mérida 1883, S. 538f.
27
Der Landvermesser Salvador Valenzuela, 1878/79 mit der Inspektion des nördlichen
Tieflandgebiets des Peten beauftragt, berichtete dem Ministerium in der Stadt Guatemala
über Ansiedlungen indianischer Flüchtlinge aus Yukatan, "[...] por consecuencia de las
guerras de 1853 en adelante." Vgl. Informe sobre el departamento del Peten, dirijido al
Ministerio de Fomento, 01.07.1879. In: ASGH 25 (1951), S. 398. " Bracamonte y Sosa, La memoria, S. 129.
Hegemonische ethnische Kriege 55

II. PROVINZ BUENOS AIRES, 1776-1835

Die Frontiergesellschaft im Süden der Provinz Buenos Aires wird in der


Forschung meist als eine Region beschrieben, in der die Gewaltanwendungen
des werdenden Nationalstaates im Verlauf des 19. Jahrhunderts uneinge-
schränkt und besonders rücksichtslos zur Geltung kamen. Immer wieder ge-
nannt werden in diesem Zusammenhang die, wie es damals hieß, Wüstenfeld-
züge (campañas al desierto): Teile der argentinischen Armeeführung, die
Grenzkommandanturen, faßten 1875 den Plan, die verbliebenen indianischen
Gruppen in der Pamparegion, die noch nicht unterworfen waren, zu vertreiben
bzw. endgültig auszulöschen ("A mi juicio, el mejor sistema de concluir con
los indios, ya sea extinguiéndolos o arrojándolos al otro lado del Río Negro,
es el de la guerra ofensiva ..." ). Das Interesse der agrarischen Eliten an einer
Ausweitung der Nutzungsflächen für den Weizenanbau und die Viehwirt-
schaft spielten dabei ebenso eine Rolle wie die politische Absicht, daß der
Nationalstaat nun "sein" Territorium endgültig in Besitz nehmen sollte. Nach
der Überwindung verschiedener politischer Widerstände wurde dieses Vor-
haben in den Feldzügen von 1879/80 in die Tat umgesetzt. Dabei handelte es
sich insoweit um einen ethnischen Exterminierungskrieg, als die Konzeption
der Kriegshandlungen die geplante, staatlich organisierte und militärisch aus-
geführte Tötung indianischer Bevölkerungsgruppen über den engeren Kreis
der Kombattanten hinaus ausdrücklich einschloß. Allerdings konnte die
Praxis der Kriegführung auf einem vergleichsweise niedrigeren Niveau der
Gewaltausübung verbleiben.

Schreiben des Generals Roca vom Oktober 1875 an den Kriegsminister Aisina. In:
Roca y su tiempo, ilrsg. v. Cristina San Román, Buenos Aires 1983, S. 47.
Vor allem die sog. Autonomisten in der Provinz Buenos Aires, deren politischer Füh-
rer der Kriegsminister Aisina war, wollten verhindern, daß die Armee (und nicht die Natio-
nalgarde der Provinz Buenos Aires) zur Schutzmacht der "Nation" und zum Garanten der
staatlichen Ordnung Argentiniens wurde. Aisina sprach sich deshalb gegen den Plan des
Cienerals Roca, der das jüngere, politisch ambitionierte Offizierskorps repräsentierte, aus.
Vgl. Richard W. Slatta, Civilization battles Barbarism. Argentine Frontier Strategies,
1516-1860. In: Revista Interamericana de Bibliografía 39 (1989), S. 185f.; Miguel A. Bar-
tolomé, La desindianización de la Argentina. In: Boletín de Antropología Americana 11
(1985), S. 39-50.
56 57
Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege

In diesem Kapitel werden die Genese des Exterminierungskonzepts und die drängt bzw. nach Norden gedrückt wurden. Einzelne ethnische Gruppen in
Verlaufskurve der Gewaltmodalitäten an der Grenze im Süden der Provinz der Pampa verbündeten sich als Antwort darauf zeitweilig mit den Spaniern
32
oder suchten deren Schutz. Gleichzeitig gerieten die Städte und Siedlungen
Buenos Aires behandelt. Dabei soll gezeigt werden, daß die ethnischen
der Spanier und Kreolen, die um eine von Buenos Aires über Córdoba nach
Kriege an dieser Grenze keineswegs durch Aufschaukelungen und Eskalatio-
Salta und Jujuy reichende Achse in nordwestlicher Richtung gruppiert waren,
nen ethnischer Feindbilder oder ethnischer Konflikte zustande kamen. In der
nach etwa 1720 in der westlichen und südlichen Pampa zunehmend in die Ge-
Frontiergesellschaft im Süden der Provinz Buenos Aires unterlagen die ethni-
fahr kriegerischer Konflikte mit indianischen Gruppen. Protokolle der städ-
schen Gewaltmodalitäten vielmehr im Gegensatz zu Yukatan in hohem Maße
tischen Gremien in den betroffenen Zonen legten davon Zeugnis ab und
klientelaren Steuerungen und Bindungen. Zumindest für den Zeitraum zwi-
klagten häufiger über die "aggressiven" Indios in der Pampa (indios pampas
schen etwa 1815 und 1835 war dies der Fall. Ethnische Kriege wurden damit
agresores) und deren Vorstöße.
in einem für den Betrachter im nachhinein überraschenden Ausmaß politisch
Die Grenze zwischen der spanisch-kreolischen und den indigenen Gesell-
abrufbar wie umgekehrt auch politisch aussetzbar. Die Gründe dafür hingen
schaften war nicht institutionalisiert und stellte auch keine Linie im heutigen
mit der politischen Rolle der Frontiergesellschaft im frühen 19. Jahrhundert
Begriffsverständnis dar. Vielmehr bildete die Grenze einen nicht präzise um-
und der Option einer besonderen Teilform der Staatenbildung zusammen, die
rissenen Raum von eher fließenden Ausdehnungen. In der Epoche galten die
aus Absprachen, Bündnissen und anderen Formen der politischen Einbindung
nicht oder nur dünn besiedelten Gebiete, die zwischen den spanisch-
zwischen den sozialen und politischen Führungsgruppen und den indiani-
kreolischen Städten und den Siedlungszonen der indianischen Gruppen lagen,
schen Kaziken in der Frontiergesellschaft bestand.
als Grenze. Benannt wurde sie als frontera.
Anders als der noch im 16. Jahrhundert gebräuchliche Begriff der términos,
Zur Begriffsgeschichte der die Grenze in einer schärfer geographischen Perspektive als "Ende" der
spanischen Siedlungen umschrieben hatte, spiegelte der Begriff der frontera,
Im südlichen La Plata-Gebiet mehrte sich seit dem frühen 18. Jahrhundert der ungefähr seit 1580 zuerst in Chile und zeitverzögert dann auch in der La
der Druck indianischer Bevölkerungen auf die spanisch-kreolischen Sied- Plata-Region aufkam, in stärkerem Maße ein militärisches bzw. kriegerisches
lungszonen. Dies hing mit Verknappungen der Ressourcen, insbesondere der Verständnis der Grenze ab. Febvre leitet für den französischen Sprachge-
Viehbestände, und Rivalitäten um die Kontrolle von Handel und Konterbande brauch den Gebrauch des Wortes frontière aus der militärischen Funktion der
zusammen. Ausschlaggebend waren aber die Migrationen: Das Eindringen
der Mapuches (Araukaner) aus dem Süden Chiles in die Pampa führte dazu,
daß dort siedelnde ethnische Gruppen seit Anfang des 18. Jahrhunderts ver-
Vgl. Leonardo León Sous, Maloquero, tráfico ganadero y violencia en las fronteras de
Buenos Aires. Cuyo y Chile. 1700-1800. In: JBI.A 26 (1990). S. 37-83. Zur Auseinander-
* Vgl. dazu auch Michael Riekenberg, "Aniquilar hasta su exterminio a estos indios..." setzung damit vgl. Sara Ortelli, La "araucanización" de las pampas: realidad histórica o
Un ensayo para repensar la frontera bonaerense (1770-1830). In: Ibero-Americana Pragen- construcción de los etnólogos? In: Anuario IEHS 11 (1996). S. 203-225.
sia 30 (1996), S. 61-75; ders., Juan Manuel de Rosas 1820-1835: Eine politische Karriere Vgl. Roberto H. Marlany, Las fronteras coloniales de San Luis y Mendoza. In: Revista
im La Plata-Raum. In: Asien Afrika Lateinamerika 21 (1993), S. 135-151; ders., Staatsbil- de la Junta de Hstudios Históricos de Mendoza 13 (1938), S. 2751Ï.; Reynaldo A. Pastor. La
dung von der Grenze her? Über die Entwicklung der indianischen Grenze und die politische guerra con el indio en la jurisdicción de San Luis, Buenos Aires 1942.
Rolle der Frontiergesellschaften im südlichen Hispanoamerika, 1776-1829. In: ZfG 41 " Stadtrat am 27.6.1734 und 13.1.1741. In: Actas Capitulares de San Luis, 1 (años 1700
(1993), S. 716-729. a 1750). Hrsg. v. José M. Mariluz Urquijo. Buenos Aires 1980, S. 185, 259.
58 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 59

Grenzstadt her , und Gleiches dürfte wohl für den spanischen Wortgebrauch in dem es Saavedra um die Festlegung der "línea de nuestras fronteras"
41
gelten. Allerdings wurde eine militärisch organisierte Grenze mit stehenden
ging-
Truppen im Verlauf der Kolonialgeschichte im südlichen Lateinamerika al- Die Vorstellung der Grenze wurde um die Wende vom 18. zum 19. Jahr-
lein im Süden Chiles errichtet, nicht im La-Plata-Gebiet. In Chile führten die hundert insgesamt statischer und fester. Ihr ging das bis dahin eigene Attribut
schweren kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Mapuches der Offenheit und Beweglichkeit verloren. In konzeptioneller Hinsicht verhär-
(Araukanern) dazu, daß reguläre spanische Truppen nach 1600 am Rio Bio- tete sich die Grenze, wie die Begrifflichkeit oder auch die bereits im 18. Jahr-
Bio stationiert wurden, so daß sich dort frühzeitig eine eher linienartige und hundert zunehmenden Abschlüsse formeller Verträge zwischen Spaniern und
militärisch definierte Grenze ausbilden konnte.37 Indios dokumentierten. Zwar waren die Ziele der Vertragspolitik nicht immer
Eine Vorstellung der Grenze als Linie entwickelte sich im La-Plata-Gebiet eindeutig: Mal sollten Eskalationen der Kriegführung vermieden werden, mal
erst im späten 18. Jahrhundert. Belege dafür finden sich z.B. in den Berichten ging es darum, Spaltungen unter den indianischen Gruppen herbeizuführen
des Stadtrats von Concepción del Río Cuarto, das im Handelskorridor zwi- und diese dadurch zu schwächen, mal sollte einfach der Austausch von Ge-
schen Buenos Aires und dem andinen Raum gelegen war und das primär der fangenen und Geiseln bewirkt werden.42 Insgesamt nahmen die Institutiona-
Sicherung der Transportwege diente. Der Ausbau der Siedlung, die 1794 in lisierungsvorgänge jedoch zu, ohne daß die Grenze im Süden des La Plata-
den Status einer villa erhoben wurde, hatte vorrangig militärische Gründe.38 Gebiets deshalb allerdings den Charakter einer modernen Grenze im zwi-
Auf den Sitzungen des Stadtrats wurde, wie die Ratsprotokolle zeigen, zu schenstaatlichen Sinn angenommen hätte.
Beginn des 19. Jahrhunderts nunmehr der Begriff der Linie verwendet, wenn Zu ungefähr analogen Begriffsveränderungen kam es auch in dem Wortfeld,
von der Grenze die Rede war. In einem Friedensvertrag, den die Regierung mit dem von Seiten der Spanier (über die umgekehrte Sichtweise und deren
von Buenos Aires im März 1820 mit ethnischen Gruppen im Süden schloß, Wandel ist kaum etwas bekannt) die kollektive Gewaltpraxis gegenüber in-
wurde ähnlich eine Demarkations- oder Trennungslinie festgelegt. Dazu hieß dianischen Bevölkerungen umschrieben wurde. Seit ungefähr der Mitte des
es in dem Vertrag, daß diese Linie die indianischen von den kreolischen 16. Jahrhunderts wurden die Widerstände der Indios gegen die Spanier aus
"Jurisdiktionsgebieten" trennen sollte, womit die indianische Grenze fast ei- deren Sicht als Rebellionen bezeichnet, galt die kastilische Krone doch in der
nen zwischenstaatlichen Charakter annahm.40 Besonders deutlich wurden die- spanischen Sichtweise als Rechtsnachfolger der präkolumbischen Herrscher.
ser Begriffswandel und der damit verbundene Sachverhalt in einem Schreiben Die eigene Kriegführung gegen andere ethnische Gruppen wurde von den
des Offiziers Cornelio Saavedra an die Regierung vom 27. September 1819, Spaniern deshalb meist als Strafe definiert, wobei die ausgeübte Gewalt so-

41
Vgl. Documentos inéditos referentes a una negociación de paz entre el gebierno del
1
Vgl. Lucien Febvre, Frontiere - Wort und Bedeutung. In: Ders., Das Gewissen des Directorio y las tribus ranqueles de la provincia de Buenos Aires. In: Revista del Río de la
Historikers, Berlin 1988, S. 28. Plata 5 (1873), S. 133L; zitiert ebenda, S. 171t".
42
Vgl. Alvaro Jara, Guerra y sociedad en Chile, Santiago 1971. Anschaulich dargestellt hat dies anhand der Verträge, die im 18. Jhd. im Norden des
Vgl. 20.02.1794. In: Actas Capitulares de la Villa de Concepción del Rio Cuarto, años La Plata-Gebiets geschlossen wurden, Abelardo Levaggi. Celebración de tratados con los
1798 a 1812, Buenos Aires 1947, S. 429. indios del Chaco salteño en el siglo XVIII. In: Revista de Historia del Derecho Ricardo
"Con motibo de ser este Pueblo el mas numeroso, y fértil délos déla Linea [...]". Stadt- l.evene 31 (1995). S. 43-69. Zum Vertragswesen im südlichen und westlichen La Plata-
rat am 3.10.1809. ebenda, S. 317. Gebiet im 19. Jhd. siehe ders.. Tratados celebrados entre gobiernos argentinos e indios del
Der Vertrag ist abgedruckt in: Comando General del Ejército. Dirección de Estudios sur de Buenos Aires, Santa Fe, Córdoba y Cuyo (1810-1852). In: Revista de Historia del
Históricos, Política seguida con el aborigen, Bd. III, Buenos Aires 1974, S. 299. Derecho Ricardo Levene 30 (1995). S. 87-165.
60 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege

wohl repressive wie auch pädagogische Funktionen besitzen sollte.43 Das dianische Gruppen als Bezugspunkte und Gründe für die eigenen Zweifel
militärische Konzept blieb insgesamt in die Absicht der "Befriedung" herangezogen wurden.
(pacificación) des Landes eingebunden. Parallel dazu und unterhalb der Ebene offizieller Verlautbarungen kam es
Nun sind der Begriff und das Konzept der Befriedung bereits an anderer jedoch an der Grenze zu beträchtlichen Eskalationen der Gewaltbereitschaft
Stelle als ein Euphemismus kritisiert worden.44 Trotz aller Vorbehalte, die auf beiden Seiten. Vor allem in der Phase der Kleinkriege an der Grenze, die
deshalb gegen den Befriedungsbegriff anzumelden sind, handelte es sich bei damals als malons oder malocas49 bezeichnet wurden und die in Chile vor-
dieser Konzeption des Krieges jedoch primär noch um ein defensives und ge- rangig zwischen etwa 1550 und 1650 stattfanden, während sie im La Plata-
dämpftes Vorgehen, das bis in die Zeit der bourbonischen Reformen in der Gebiet ihre Kulminationsphase zeitverzögert zwischen etwa 1720 und 1785
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Gültigkeit besaß. So sprachen Beamte in hatten, nahmen die Gewaltdispositionen offenbar zu. Haßgefühle, Rachemo-
Santiago del Estero 1775 von der Notwendigkeit, kriegerische Indios zu tive, aber auch Furcht und Angst bauten sich in den Frontiergesellschaften im
"bestrafen" , und gleichlautend argumentierte der Vizekönig Vértiz 1779 in Zuge der malocas auf. Auch Reisende aus Europa berichteten davon. Es
einer in Buenos Aires erlassenen Denkschrift über die Reorganisation des scheint plausibel, daß in den Kleinkriegen der maloca die (sofern sie nicht
Milizwesens. Auch der Milizkommandeur Amighorena, der in den bereits vorhanden war) emotionale Bereitschaft dafür geschaffen wurde, in-
1770/80er Jahren die Grenze in der Provinz Mendoza befehligte und der für dianische Gruppen gewaltsam zu vernichten, ohne die eine Exterminie-
eine eher unduldsame und harte Politik gegenüber den kriegerischen indiani- rungspolitik nicht hätte betrieben werden können. Vereinzelt tauchte der Ex-
schen Gruppen bekannt war, verstand die Kriegszüge in die indianischen terminierungsbegriff in diesem Zusammenhang auch bereits frühzeitig in den
Siedlungsgebiete und Einflußzonen, die er befehligte, als Strafexpeditionen, Quellen auf/
nicht als Eroberungen oder Ausrottungen. Noch in der frühen republikani- Politisch gewollt war die militärische Exterminierung indianischer Völker
schen Epoche nach 1810/16 wurde von grenzerfahrenen Militärs in der Pro- deshalb aber nach wie vor nicht. Zu einem Anliegen des Staates und einem
vinz Buenos Aires die Frage erörtert, ob eine offensive und uneingeschränkte politischen Vorhaben wurde das Exterminierungskonzept vielmehr erst in der
Kriegführung mit Vernichtungsabsicht gegenüber indianischen Gruppen Phase der bourbonischen Reformen. 1777 wurde Pedro de Cevallos mit der
überhaupt statthaft und legitim sei , wobei die frühkolonialzeitliche Dis- Regierung des Vizekönigreichs La Plata beauftragt, das ein Jahr zuvor in der
kussion der Rechtstitel für die spanische Herrschaft in Amerika und die von Absicht gegründet worden war, die staatliche Organisation und die militäri-
der spanischen Krone erlassenen Vorgaben für die Kriegführung gegen in- sche Leistungsfähigkeit in der Region zu steigern. Der Ausbau und die Reor-

4X
Vgl. Héctor J. Tanzi, El derecho de guerra en la América hispana. In: Revista de Hi-
storia de América 75/76 (1974), S. 79-139.
11 4>
Der Stadtrat von Santiago de Chile formulierte am 31.12.1575 als Ziel einer solchen ' Vgl. Juan Coraminas, Diccionario crítico etimológico de la lengua castellana, Bd. 3.
Strafexpedition, "[...] para los aprender y castigar". In: Colección de Historiadores de Chile Bern 1956, S. 207f.
5,1
y Documentos relativos a la Historia Nacional, Bd. II, Santiago 1898, S. 422. Im Bericht des Stadtrats von Santiago del Estero vom 19.10.1730 hieß es z.B.: "|...]
44
Vgl. zur Kritik des Befriedungskonzepts schon Georg Friederici, Der Charakter der para que los varvaros logren su sangrienta y voraz osadia (...) es notorio en este gente var-
Entdeckung und Eroberung Amerikas durch die Europäer, Bd. I, Stuttgart 1925, S. 559. varo la vengansa". In: Actas Capitulares de Santiago, Bd. 1, S. 1761". Zu Berichten von Rei-
4
Vgl. Actas Capitulares de Santiago del Estero, Bd. II, Buenos Aires 1941, S. 20. senden über den Bestand von Haßgefühlen an der Grenze vgl. Alfred J. Tapson, Indian
46 Warfare on the Pampa during the Colonial Period. In: HAHR 42 (1962), S. 8f.
Instrucción que debe observar el comandante de la frontera. In: Juan Carlos Walther,
La conquista del desierto, Buenos Aires 1973, S. 243-250. " Eine Denkschrift empfahl bereits 1681 die Exterminierung (exterminar) der
Vgl. die Denkschrift des Oberst García an die Regierung in Buenos Aires vom März "barbarischen" Indios im Chaco. Vgl. Alberto Gullón Abao. La frontera del Chaco en la
1820. In: Comando General, Bd. III, S. 151ff. gobernación del Tucumán, 1750-1810. Cádiz 1993. S. 52.
62 Kapitel C 63
Hegemonische ethnische Kriege

ganisation des Milizwesens waren ein wichtiger Bestandteil dieser Politik. In nicht singular waren. Ganz ähnliche Erwägungen führten vielmehr 1776 im
diesem Zusammenhang schlug der Vizekönig vor, das "Übel an der Wurzel Norden Neu-Spaniens (Mexiko) zur Einrichtung der "Inneren Provinzen" als
auszureißen" und die "feindlichen barbarischen Indios" {yndios bárbaros gesonderte Verwaltungseinheit. Diese Maßnahme hatte ebenfalls eine Effek-
enemigos) zu vernichten (exterminar).52 Allerdings lehnte ein Gremium tivierung der militärischen Bekämpfung kriegerischer indianischer Völker
grenzerfahrener Milizkommandeure diesen Plan als undurchführbar ab und zum Ziel, offenbar bis hin zu deren Vernichtung.
schlug eine behutsame, defensivere Strategie vor. Diese defensive Strategie, Insgesamt wurden in der Zeit der bourbonischen Reformen von Seiten des
die die Anlage von Forts und den Ausbau von Siedlungen, den Abschluß von Staates die konzeptionellen und legitimatorischen Voraussetzungen für die
Verträgen mit indianischen Gemeinwesen und ein allenfalls langsames Vor- geplante, organisierte und militärisch durchgeführte Exterminierung indiani-
schieben der Grenze umfaßte, bestimmte bis in die Anfange der republikani- scher Völker geschaffen. Dieses staatliche Exterminierungskonzept ruhte auf
schen Ordnung nach 1810/16 hinein die staatliche Politik. den emotionalen Befindlichkeiten auf, die ethnische Kriegführungen an der
Es wird noch zu erörtern sein, welche Interessengegensätze sich hinter die- Grenze erst ermöglichten. Ausschlaggebend aber war, daß nunmehr neue po-
sen unterschiedlichen Ansichten über die Kriegführung an der Grenze, wie sie litische Entwicklungsvorstellungen und Zielvorgaben aufkamen, wodurch
in den Voten der Regierung bzw. der Milizkommandeure Ende der 1770er ethnische Kriegführungen neue Bedeutungen bekamen. Gemessen an den äl-
Jahre erstmals offen zutage traten, verbargen. Hier ist festzuhalten, daß der teren Konzepten der Befriedung oder der Strafexpedition, erreichte die ethni-
Exterminierungsgedanke auf dem Höhepunkt der bourbonischen Reformpoli- sche Kriegführung damit in der Zeit der bourbonischen Reformen und in der
tik in Spanisch-Amerika zu einem politischen Konzept wurde.53 Die Krieg- Vorlaufphase der (postkolonialen) Staatenbildungen eine potentiell neue Di-
führung gegenüber indianischen Bevölkerungen unterlag damit aber fortan
taktischen Erwägungen und politischen Zweckmäßigkeitsüberlegungen, nicht
länger prinzipiellen Erörterungen theologischer, juristischer oder anderer Art. Transformationen der Frontiergesellschaft
Zu ergänzen ist, daß diese Entwicklungen im La Plata-Raum deshalb auch
Aus der Begriffsgeschichte allein können sicherlich keine unmittelbaren
Juan J. Biedma, Crónicas militares. Antecedentes históricos sobre la campaña contra Rückschlüsse auf die Verlaufskurve der ethnischen Gewalt an der Grenze ge-
los indios, Bd. I, Buenos Aires 1924, S. 127.
Vielleicht spielte auch die Ausweisung der Jesuiten aus Amerika in diesem Zusam- zogen werden. Militärisch bewerkstelligte Exterminierungen indianischer
menhang eine Rolle. Allerdings hatte die Beteiligung religiöser Orden oder Missionare an Gruppen kamen auch vor, ohne daß deshalb in den gewaltbegleitenden Dis-
ethnischen Konflikten an der Grenze bis dahin nicht zwangsläufig immer gewaltmindernd
gewirkt. Dazu, daß Missionare an der Grenze den Kombattanten auch das Gefühl vermitteln kursen von Exterminierung die Rede gewesen wäre. Auch war der Extermi-
konnten, einen "heiligen" Krieg gegen die Indios zu führen, vgl. Maximiliano Salinas, El nierungsbegriff im zeitgenössischen Sprachgebrauch polyvalent und bezog
evangelio, el imperio español y la opresión contra los mapuche. In: Jorge Pinto u.a.. Misti-
cismo y violencia en la temprana evangelización de Chile, Temuco 1991, S. 83. Insgesamt sich z.B. auch auf das Töten einzelner Menschen", nicht auf das von Grup-
waren aber wohl die gewaltdämpfenden Einflüsse theologischer oder auch juristischer
pen. Schließlich mag es in der Epoche auch einen leichtfertigen, rhetorischen
Faktoren und Kräfte vorherrschend. In Chile referierte z.B. 1602 der spanische Offizier
González de Nájera Überlegungen, die Mapuches zu vernichten. Allein als Christen, so
Nájera, könne man die "Schlächtereien" der Indios nicht mit gleicher Münze heimzahlen. ,4
Vgl. Silvio Zavala, Las instituciones jurídicas en la conquista de America, Mexico
Vgl. Alonso González de Nájera, Desengaño y reparo de la Guerra del Reino de Chile, 1971, S. 4571'.; Beatriz Vitar, Las fronteras "bárbaras" en los virreinatos de Nueva España y
Santiago 1971, S. 91, 252. In Argentinien wurde um 1860 von der Föderationsregierung Perú. In: Revista de Indias 203 (1995), S. 33-66: 45ff.
erwogen, die Jesuiten mit der friedlichen Missionierung der indianischen Ethnien an der 5Í
In der Zeitung "El Federal" (Santa Fe) v. 21.02.1829 z.B. hieß es über die Generäle
Grenze zu beauftragen. Vgl. César Bustos-Videla, The 1879 Conquest of the Argentine Paz und Lavalle: "Guerra de exterminio le declaran estos hijos de maldición, guerra de ex-
Desert and its Religious Aspects. In: The Americas 21 (1964), S. 40. terminio tendrán".
Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege

Umgang mit dem Wort gegeben haben: Im damaligen Sprachgebrauch hatte sich deutlich von den Gegebenheiten auf Yukatan, wo sich der Staat in dieser
der Exterminierungsbegriff nicht unbedingt die Funktion, den Sachverhalt zu Frage eher zögerlich verhielt.
benennen. Vielmehr wurde er auch einfach benutzt, um Gewaltbereitschaft zu Diese aktive Rolle des Staates als Träger des Exterminierungskonzepts hing
signalisieren. Oder sein Gebrauch sollte bewirken, daß Menschengruppen, die mit der besonderen Struktur der Grenze im La Plata-Raum als eine Art Mili-
über die Kolonialgeschichte hinweg von Kriegen und Kriegserfahrungen ver- tärgrenze zusammen. Nun wird der Begriff der Militärgrenze, wenn von den
schont geblieben waren, sich nun im frühen 19. Jahrhundert, als die kollekti- Frontiergesellschaften in Lateinamerika in der ausgehenden Kolonialzeit die
ven Gewaltanwendungen und Kriege in Lateinamerika insgesamt dramatisch Rede ist, meist nur für den Süden Chiles verwendet, wo reguläre spanische
zunahmen, über die Sprache an das kriegsbedingte Sterben und Töten ge- Truppen stationiert waren. Wenn hier auch für das La Plata-Gebiet vom Be-
wöhnten. Dies war offenbar nicht selbstverständlich: Die Ausmaße kriegsbe- stand einer Militärgrenze gesprochen wird, so ist damit gemeint, daß die
dingter Tötungsgewalt riefen damals in Bevölkerungskreisen, die nicht damit Grenze, die noch um 1810 in der Provinz Buenos Aires nur wenige Kilometer
vertraut waren, Bestürzungen hervor. In diesem Zusammenhang kamen auch südlich der Hauptstadt in Höhe des Río Salado verlief, im La Plata-Gebiet
die mehr oder minder charakteristischen Topoi auf, die mit solchen Gewalt- vorrangig nach kriegerischen, militärischen Erwägungen definiert war. Dies
eindrücken verbunden sind, wie etwa der Glauben, es mit einer einzigartigen, erklärte sich aus dem Bestand unabhängiger, militärisch handlungsfähiger
nie dagewesenen und singulären Qualität von Gewaltanwendung zu tun zu indianischer Gemeinwesen an der Grenze, ferner aus den Gewalteskalationen
haben. in den malocas, die seit dem frühen 18. Jahrhundert einsetzten, sowie nicht
Ungeachtet dieser Einschränkungen zeigt die Begriffsgeschichte jedoch, zuletzt aus der allgemeinen Schwäche der spanisch-kreolischen Gesellschaft
daß sich die ethnischen Gewaltanwendungen an der Grenze im La Plata- in der Region. Insbesondere die geringe Bevölkerungszahl (um 1810 zählte
Raum im Kontext staatlicher Zentralisierungsbemühungen entwickelten. Dies z.B. Mexiko zwischen 6,5 und 7 Millionen Einwohner, das heutige Argentini-
galt für die Phase der bourbonischen Reformen, als der Exterminierungsge- en dagegen nur etwa 400.000) ließ im Gebiet des späteren Argentinien bis in
danke erstmals zum politischen Entwicklungsmodell wurde, ebenso wie für das ausgehende 18. Jahrhundert hinein allenfalls den "Entwurf einer Gesell-
die späten 1870er Jahre, als die argentinische Armee (wie ungefähr zeitgleich schaft" zu, die im Innern und insbesondere in den weiten ländlichen Zonen
die in Chile) dieses Vorhaben endgültig in die Tat umsetzte. In beiden Fällen gleichsam nur stützpunktartig vernetzt war und deren Anfälligkeit nach außen
war es der Staat, der als Träger des Exterminierungskonzepts fungierte und ebenso erhöht war wie das potentielle Bedrohungsgefühl gegenüber
die Vernichtungsabsicht gegenüber indianischen Völkern vorantrieb. Diese "Fremden" (Indios, Portugiesen, Engländern).
aktive Rolle des Staates als Träger des Exterminierungskonzepts unterschied Ein vorrangiges Ziel der staatlichen Neuordnung 1776 bestand denn auch
darin, die Verteidigungskraft in der Region zu stärken. Zwar richtete sich
dieses militärische Kalkül nicht primär gegen indianische Gruppen, sondern
' ' So hieß es in einer Schrift, die 1824 an der Universität Córdoba (Argentinien) verbrei- vorrangig gegen portugiesische Expansionen am Nordufer des Rio de la Plata,
tet wurde, über die Kriege zwischen Patrioten und Spaniern im peruanischen Hochland:
"Ayer hemos recibido noticia de la sangriente acción que ha dado Bolívar á Canterac en los
campos de Jauja, y que en la América no se ha visto otra igual: duró cuatro horas á la bayo- Tulio Halperin Donghi, Die historische Erfahrung Argentiniens im lateinamerikani-
neta, perdiendo Bolívar 4000 hombres, y el enemigo 6200 [...] Canterac declaró antes de la schen Vergleich. In: Dieter Nolte/ Nikolaus Werz (Hrsg.), Argentinien. Politik, Wirtschaft,
acción la guerra á muerte, [...] y sin duda esta es la causa de tanta mortandad." Boletín N°. Kultur und Außenbeziehungen, Frankfurt/M. 19%, S. 15-28: 19.
2. Imprenta de la Universidad de Córdoba, 11 de noviembre de 1824, sowie Archivo
Vgl. Juan Beverina. El virreinato de las provincias del Río de la Plata, su organización
Fíicundo Quiroga, Bd. 1.
militar, Buenos Aires 1935.
66 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege

die zu wiederholten militärischen Auseinandersetzungen um die Kolonie zialen Eliten und politischen Führungsgruppen zu Nutzen machen sollten, die
Sacramento führten, sowie gegen befürchtete englische Interventionen in der die Milizen für ihre sozialen Interessen nutzten.
Region. Aber insgesamt fand im La Plata-Gebiet im ausgehenden 18. Jahr- Beschleunigt wurden die gesellschaftlichen Transformationen durch die
hundert, vielerlei regionale Abstufungen eingeschlossen59, eine Militarisie- wirtschaftlichen Strukturwandlungen, die an der Grenze im südlichen La
rung der Frontiergesellschaften statt. Vor allem das Milizwesen nahm fortan Plata-Gebiet im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts einsetzten und die den
einen gewichtigen Einfluß auf den Gesellschaftsaufbau an der Grenze. Grenzzonen auf der Basis der expandierenden, exportorientierten Viehwirt-
Die bis dahin bestehenden Milizen, die sich aus sporadisch aufgebotenen schaft eine ganz neue Entwicklungsdynamik verliehen. Dies führte dazu,
Bewohnern der Grenzsiedlungen zusammensetzten, waren meist von geringer daß sich ungefähr parallel zu den staatlichen Zentralisierungsbemühungen
Wirkung und unzuverlässig. Desertationen oder andere Formen der Verwei- nach 1776 im Süden der Provinz Buenos Aires und zunächst mit größerem
gerung waren häufig, ebenso kam es zu Rebellionen.60 Hier griff der Staat Erfolg im Raum Lujan ein neuer Machtkomplex aus expandierenden Vieh-
durch die Bildung stehender, fest besoldeter Miliztruppen, der sogenannten züchtern etablierte.64 Diese sich neu formierende Elite der großen Viehzüch-
blandengues , ein. Ferner lenkte der Staat Zuwanderer an die Grenze: Vor ter, der estancieros , war bestrebt, die wirtschaftlichen und sozialen Trans-
allem Immigranten aus Kastilien, Asturien und Galicien wurden im späten 18. formationen, die sich an der Grenze vollzogen, zu kontrollieren und dazu
Jahrhundert dazu angehalten, sich an der Grenze niederzulassen. Schließlich auch staatliche Ressourcen und Institutionen an sich zu ziehen und zu nutzen.
bemühte sich die Verwaltung darum, die in der Frontiergesellschaft zerstreut Tatsächlich vermochten es die estancieros mittelfristig, die Kontrolle über die
lebenden Gruppen zusammenzufassen, um auch auf diese Weise den sozialen Milizen zu gewinnen, ebenso über die ländlichen Richter, die der Staat nach
Organisationsgrad und damit auch die Verteidigungsfähigkeit der Frontierge- 1821 einsetzte und mit einer Fülle von Kompetenzen polizeilicher, juristi-
sellschaft ebenso wie die Kontrolle des Staates darüber zu erhöhen. Bei all scher und administrativer Art versah. Umdefinitionen sozialer Gruppen und
diesen Transformationen fungierte das Milizwesen als ein zentrales Instru- Stigmatisierungen unterer ländlicher Bevölkerungen zu Vagabunden
ment sozialer Kontrolle und Disziplinierung an der Grenze. Seine genuin mili- (Gauchos) begleiteten diese sozioökonomischen Transformationsvorgänge,
tärische Funktion trat demgegenüber zurück. Häufig war es nur sekundär und um dadurch die notwendige Handhabe für ein Verschärfen der sozialen Kon-
nachgeordnet, was sich insbesondere die neu an der Grenze formierenden so- trollmechanismen zu bekommen. Allmählich und inmitten von vielerlei
Konflikten, Rivalitäten und Machtkämpfen erwuchs der zunehmend symbio-
tische Komplex aus Milizwesen und großer Viehbesitzung im späten 18. und
Am schärfsten war diese Entwicklung wohl in Paraguay. Vgl. dazu Juan Carlos Gara-
vaglia. Campesinos y soldados: dos siglos en la historia rural del Paraguay. In: Ders., Eco-
nomía, sociedad y regiones, Buenos Aires 1987, S. 193-260. Zur Provinz Buenos Aires vgl.
Carlos Mayo, Sociedad rural y militarización de la frontera en Buenos Aires, 1737-1810.
w
In: JBLA 24 (1987), S. 251-263; zu Santiago del Estero siehe Judith Farberman, Migrantes Vgl. Juan Carlos Garavaglia, Economic Growth and Regional Differentiations. The
y soldados. Los pueblos de indios de Santiago del Estero en 1786 y 1813, Buenos Aires River Plate Region at the End of the Eighteenth Century. In: HAHR 65 (1985).
w
1992. Vgl. Didier N. Marquiegui, Estancia y poder político en un partido de la campaña bo-
1
Vgl. Carlos Mayo/ Amalia Latrubesse, Terratenientes, soldados y cautivos: La frontera naerense (Lujan. 1756-1821), Buenos Aires 1990.
1736-1815, La Plata 1993, S. 43ff. ''" Um 1800 belegte der Begriff der estancia die mit der Viehhaltung befaßten großen
Vgl. Ricardo Tabossi, Los Blandengues de la frontera y los orígenes de la Guardia de Grundbesitzungen. Zum Begriff des estancia und dem Wandel seiner Bedeutung seit dem
Lujan, Mercedes 1981. 18. Jhd. vgl. Hilda Sabato, Agrarian Capitalism and the World Market. Buenos Aires in the
Vgl. Roberto H. Marfany, Frontera con los indios en el sud y fundación de pueblos. Pastoral Age, 1840-1890, Albuquerque 1990, S. 12Iff.
(><>
In: Historia de la Nación Argentina. Hrsg. v. Ricardo Levene, Bd. 4.1, Buenos Aires 1940, Vgl. Benito Diaz. Juzgados de paz de campaña de la provincia de Buenos Aires, 1821-
S. 307-333. 1854. Buenos Aires 1959, S. 9f.
68 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege

frühen 19. Jahrhundert zum politisch-sozialen Zentrum der Frontiergesell-


schaft. Ethnisierungen und Deethnisierungen der Gewalt
Vereinfacht formuliert bildeten sich in diesem Zeitraum zwischen etwa
1775 und 1810 Arrangements zwischen dem Staat und der Frontiergesell- Die wiederholten Absichten der Regierungen und später der liberalen politi-
schaft zum Zweck des wechselseitigen Vorteils und Nutzens: Der Staat stellte schen Kreise in der Stadt Buenos Aires, einen offensiven, uneingeschränkten
Institutionen und Gelder bereit, und die Eliten an der Grenze betrieben dafür Vernichtungskrieg gegen indianische Völker zu führen, stieß unter den neuen
Ordnungs- und Sicherungsaufgaben und entlasteten dadurch wiederum den Eliten67 an der Grenze eher auf Ablehnung.
Staat. Nach 1810 und im Zuge der aufkommenden politischen Auseinander- Diese Widerstände gegen, wie es damals hieß, offensive Kriege rührten
setzungen über den weiteren Weg der Entwicklung von Staat und Nation maßgeblich daher, daß eine Eskalation der kriegerischen Konflikte an der
wurde es für die Regierung in Buenos Aires dann vorrangig, sich die politi- Grenze in der Phase sozialer Transformationen, der Neuordnung gesellschaft-
sche Loyalität der Frontiergesellschaft bzw. ihrer Führungsgruppen zu si- licher Hierarchien und der damit einhergehenden Konflikte und Ordnungs-
chern, so daß die Inhalte des getroffenen Arrangements sich verschoben und probleme, wie sie die Frontiergesellschaft im ausgehenden 18. und frühen 19.
zugleich politisierten. Jahrhundert prägten, nicht im Interesse der neuen Elite dort waren. Die Aus-
Dieses Arrangement zwischen "Staat" und "Grenze" war niemals span- einandersetzungen mit dem Staat, etwa was die Verfügungsgewalt über die
nungsfrei. Vor allem das Drängen der Führungsgruppen an der Grenze, ihren Milizen oder die Kompetenzen der Stadträte an der Grenze gegenüber den
Einfluß über kommunale und staatliche Institutionen auszudehnen, führte zu oberen Verwaltungsbehörden betraf, die Auseinandersetzungen mit als unge-
Reibereien. Insgesamt hatte dieses Bündnis jedoch Bestand. Es zerbrach erst fähr bäuerlich zu bezeichnenden Gruppen, die das Land und die Arbeitskräfte
in den 1820er Jahren in der Regierungszeit des liberalen Staatschefs Bernar- durch ihre agrarischen Produktionen blockierten, oder die Zwänge, untere
dino Rivadavia, als die Führungsgruppen an der Grenze den Eindruck gewan- ländliche Bevölkerungskreise in die soziale Ordnung der sich bildenden
nen, daß die urbanen politischen Kreise in der Stadt Buenos Aires eine Politik estancias zu überführen, waren für die Führungsgruppen an der Grenze von
zum Nachteil der Frontiergesellschaft betreiben würden. Die auf der Verfas- Priorität. Die Konflikte mit indigenen Völkern und Gemeinwesen waren
sungsgebenden Versammlung, die zwischen 1824 und 1826 in Buenos Aires demgegenüber zwar ärgerlich, mitunter bedrohlich, jedoch politisch nur von
zusammentrat, erörterte, letztlich allerdings nicht durchgeführte Teilung der nachgeordneter Bedeutung.
Provinz Buenos Aires in einen Nordteil und einen Südteil brachte die Eliten Die eher indifferente Haltung gegenüber dem staatlichen Exterminierungs-
an der Grenze im Süden endgültig gegen die Regierung auf, wurde dies doch konzept, die die Eliten an der Grenze einnahmen, wurde durch die autonomen
als ein Versuch zur Marginalisierung der Frontiergesellschaft und zu deren
Abkoppelung von dem inneren politischen Entscheidungszentrum in der Re- 67
Es ist schwierig, den Begriff der neuen Eliten, der hier gebraucht wird, für die Fron-
gion gewertet. tiergesellschaft exakt eingrenzen zu wollen. In Teilen der Forschung wird der Frontierge-
sellschaft ein sozial eher egalitärer Charakter zugesprochen, was allerdings bloß für den
Zeitraum bis etwa 1770 gegolten haben dürfte. Danach setzten mit dem Aufschwung der
Viehwirtschaft und den sie begleitenden gesellschaftlichen Transformationen auch schärfe-
re soziale Differenzierungen ein. Zu bedenken bleibt ferner, daß einige der größten Grund-
eigentümer, wie die Familie Anchorena, ihre Besitzungen gar nicht kannte, sondern sie der
Aufsicht von Verwaltern überließ, selbst aber in der Stadt lebte. Werden spezifische Sozia-
lisationserfahrungen. Lebensformen oder kulturelle Verhaltensmuster damit verbunden,
trifft der Elitenbegriff also nur für Teilgruppen der estancieros an der Grenze zu.
70 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 71

Machtpotentiale, die in der Frontiergesellschaft verfügbar waren, zusätzlich fanden in diesem Zeitraum politische Aufstiegsprozesse der Frontiergesell-
begünstigt. Diese autonomen Machtpotentiale verliehen den Führungsgrup- schaften im La Plata-Raum statt.
pen an der Grenze letztlich erst ihre politische Bedeutung für wie auch wider Es waren dabei keineswegs immer nur die im Zuge der krisenhaften Um-
den Staat. Sie rührten teils aus den andauernden Schwächen oder der man- bruchphase um 1810 einsetzenden Zerrüttungen des Staates und bürokrati-
gelnden Effektivität des Staates her, der keine umfassende bürokratische scher Ordnungen, die solche Aufstiegsprozesse und Machtgewinne der Fron-
Kontrolle über die Frontiergesellschaft erreichte. Sie waren aber zugleich en- tiergesellschaften begünstigten. In der Provinz Buenos Aires z.B. fanden im
dogener Art, d.h. sie erwuchsen aus der Alltagswirklichkeit der Frontierge- Übergang von der kolonialen zur republikanischen Ordnung Staatszerfalls-
sellschaft mit ihren Fluchtzonen, den unterschiedlichen Formen des Grenz- prozesse kaum statt. Vielmehr handelte es sich bei dem Aufstieg der Frontier-
gängertums oder der Konterbande bis hin zu den Geiselnahmen, die eine gesellschaft, wie er sich in der Provinz Buenos Aires nach 1810 vollzog, um
zwanghafte Unterform neuer kultureller Vergemeinschaftungen darstellten . die politische Expansion einer wirtschaftlich prosperierenden und in militäri-
Vor allem bildeten sich in der Frontiergesellschaft klientelare Netze aus, die scher Hinsicht immer gewichtigeren Teilgesellschaft "nach innen". Ganz an-
in ethnischer Hinsicht neutral waren bzw. die sich zumindest nicht nach den dere Entwicklungswege der Frontiergesellschaft fanden sich dagegen im Lan-
offiziellen "Grenzen" der Nation richteten, die in symbolischer, politischer desinnern. Vor allem in Cuyo, im Andenraum gelegen, führten die Unabhän-
oder juristischer Hinsicht gezogen wurden. Eindringlich brachten sich diese gigkeitskrise, der Wegfall überkommener Wirtschaftsstrukturen und Han-
klientelaren Netze zur Geltung, als in den inneren Kriegen, die zwischen ein- delsmöglichkeiten sowie der politische Umbruch selbst zu einer tiefen De-
zelnen Provinzen und Mächtegruppen im La Plata-Gebiet nach 1813 aufka- pression der Region. Schwächungen der alten Eliten fanden statt, in krassen
men, indianische Kaziken mit ihren Gefolgschaften in den von den estancie- Fällen brachen die staatlichen Strukturen und bürokratischen Institutionen
ros kontrollierten Milizen aufgeboten wurden und von den einzelnen kreoli- weg. In diesen Fällen, in denen ein Machtvakuum herrschte , beruhte der
schen Führungsgruppen gegen den jeweiligen politischen Widersacher oder Aufstiegsprozeß der Frontiergesellschaften, der hier zeitverzögert um 1818
mitunter auch nur gegen den konkurrierenden Nachbarn und Rivalen ins Feld einsetzte, vor allem auf der Fähigkeit der Milizbefehlshaber an der Grenze,
geführt wurden. ein politisches und soziales Krisenmanagement mit eher repressiven, militäri-
Der Bestand ethnisch neutraler klientelarer Netze eröffnete den Führungs- schen Mitteln zu betreiben.
gruppen an der Grenze die Möglichkeit einer begrenzten Steuerbarkeit der Am sichtbarsten wurde der Aufstiegsprozeß der Frontiergesellschaften, der
ethnischen Kriege. Zumindest galt dies vorübergehend, d.h. für den Zeitraum sich im La Plata-Gebiet im frühen 19. Jahrhundert vollzog, in der politischen
zwischen etwa 1815, als die Führungsgruppen an der Grenze begannen, in
zunehmendem Maße politische und militärische Machtpotentiale zu akkumu- Hin Beispiel sind die Provinzen im Andenraum, wo der Caudillo Facundo Quiroga
sich nach 1820 zur politischen Schlüsselfigur aufschwang. Siehe dazu das Schreiben von
lieren und ihre Interessen wirkungsvoll in die Gestaltung von Staat und Na- M.G. Quiroga an Juan Facundo Quiroga vom 17.01.1827, in dem er berichtete, daß in San
tion einzubringen, und etwa 1835, als sich die Interessenlagen in der Fron- Juan keinerlei "Autorität" mehr vorhanden sei und die Machtausübung deshalb in die eige-
nen Hände übergehe: "[...] después de haver desertado la autoridad q.e exercia estos debe-
tiergesellschaft im südlichen La Plata-Gebiet wieder verschoben. Allgemein res, dejando al pueblo en el estado de confucion é inseguridad mas absolutas." Archivo del
Brigadier General Juan Facundo Quiroga, Bd. 4. Buenos Aires 1988. S. 297.
Vgl. das Schreiben Manuel Antonio Blancos an Facundo Quiroga v. 7.2.1824, in dem
(>K
Vgl. Susan M. Socolow, Spanish Captives in Indian Societies. Cultural Contact along er dessen Angebot, vom Kommando der Milizen zurückzutreten, ablehnte, da allein Quiro-
the Argentine Frontier, 1600-1835. In: HAHR 72 (1992), S. 73-99. ga "[...) die individuelle Sicherheit, den Respekt vor dem Eigentum und vor allem die Ord-
'''' Vgl. Memorias del General Gregorio Aráoz de La Madrid, Bd. I, Buenos Aires 1968, nung selbst" gewährleisten könne. In: Archivo del Brigadier, Bd. 3. Buenos Aires 1986, S.
S. 2921". 25.
72 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 73

Karriere und Biographie von Juan Manuel de Rosas. Rosas, ein großer estan- gemonisierung des "Zentrums" (Hauptstadt) von der "Peripherie"
ciero, der auf seinen Besitzungen an der Grenze im Süden aufwuchs, befeh- (Grenzzone) her ihren Abschluß. Diese Hegemonisierung des inneren Zen-
ligte die Milizen im Landesinnern. 1829 wurde er zum ersten Mal zum Gou- trums durch die eigene Peripherie, die sich seit längerem angekündigt hatte,
verneur der Provinz Buenos Aires und Präsident der argentinischen Konföde- verlieh der Staatenbildung im Gebiet des heutigen Argentinien spezifische
ration gewählt. Er prägte die politischen Geschicke im La Plata-Raum zwi- Züge.
schen etwa 1830 und 1850 wie kein anderer. Es ist tür Argentinien argumentiert worden, daß die besonderen Merkmale
In politischer Hinsicht tat sich Rosas erstmals 1818 hervor, als er der Regie- der Staatenbildung in der Region darin gelegen hätten, daß die sozi©ökonomi-
rung der Provinz Buenos Aires in verschiedenen Memoranden Forderungen sche Formation der estancia die Struktur und Funktionsweise des Staates
der Elite im Süden unterbreitete. Der Grundgedanke, um den es ging, war überformt und geprägt hätte. Nach Lynch bildeten die great estates der
die Stärkung der politischen Exekutivgewalt in den ländlichen Zonen durch Viehwirtschaft "[...] the original bases of political power in Argentina". Von
eine Übertragung von Rechtsprechungs- und Ordnungsbefugnissen an die dort aus seien Formen patriarchalischer Herrschaft und klientelarer Bindung
estancieros. Zugleich deutete sich in den Memoranden jedoch bereits ein tie- auf den Staat übertragen worden, so daß die estancia im La Plata-Gebiet zu
fer Interessenkonflikt zwischen Staat und Frontiergesellschaft an. Ihm lag die einem Modell staatlicher Herrschaft im Kleinen geraten sei. Nun stellten sol-
Befürchtung der estancieros zugrunde, daß ihre besondere Interessenlage an che Überformungen staatlicher Ordnungen und staatlichen Handelns durch
der Grenze im Süden der Provinz von der urbanen, liberal gesonnenen und ländliche Milieus und durch die Kompetenzen agrarischer Eliten in Latein-
modernisierungsorientierten politischen Klasse in der Hauptstadt nicht hinrei- amerika im 19. Jahrhundert aber nicht die Ausnahme, sondern vielmehr die
chend gewahrt würde. Regel dar, und sie bildeten insofern keineswegs ein spezifisches Merkmal der
Neuerlich kam es im Zuge der Entfremdung, die sich zwischen Staat und Frontiergesellschaft oder des La Plata-Gebiets.
Frontiergesellschaft in den 1820er Jahren vollzog, auch zu Kontroversen über Besondere Züge trug die Staatenbildung im südlichen La Plata-Raum also
die Kriegführung an der Grenze. Rosas warnte die Regierung in Buenos Aires nicht deshalb, weil die bürokratische Ordnung des Staates durch soziale und
verschiedentlich vor dem "fatalen" Gedanken, einen offensiven Krieg gegen kulturelle Komponenten aus ländlichen Milieus gleichsam verbogen worden
die indianischen Ethnien führen zu wollen. Die Sorge darüber, daß die libe- wäre. Sie sind vielmehr in den Absprachen, Bündnissen und klientelaren Net-
ral gesonnene politische Klasse in Buenos Aires Fehlentscheidungen zum zen zu suchen, die in der Frontiergesellschaft bestanden, und in den Mecha-
Nachteil der Frontiergesellschaft bzw. dem, was die Eliten dort darunter ver- nismen, über die sich in der Frontiergesellschaft staatliche Organisationslei-
standen, treffen könnte, war der wichtigste Grund dafür, daß der modus vi- stungen neben oder gegen den bestehenden Staat vollzogen. Drei solcher Me-
vendi zwischen Staat und Frontiergesellschaft zerbrach. Als Rosas 1829 vor chanismen können dabei grob unterschieden werden: Dies waren erstens das
dem Hintergrund von Unruhen, indianischen Einfällen und inneren Kriegen Wechselspiel von Schutzversprechen und Gewaltdrohungen oder Gewaltan-
zum Provinzgouverneur gewählt wurde, fand im Grunde eine politische He- wendungen, wodurch Machtressourcen an das staatsbildende Zentrum heran-
gezogen wurden, zweitens der Einsatz von Mittlern, in diesem Fall Kaziken,
72 zwischen dem Organisationszentrum {estancia) und den ethnischen Gemein-
Proyecto de Juan Manuel de Rozas sobre la escasez y la carestía de la carne,
10.4.1818; Memoria presentada por Rosas a la H. Legislatura de la Provincia de Buenos wesen, wodurch Koordinierungen geleistet wurden, sowie drittens der Ge-
Aires, 1820. In: Arturo Enrique Sampay, Las ideas políticas de Juan Manuel de Rosas,
Buenos Aires 1972, S. 89fT.
7
Vgl. Segunda memoria del Coronel Juan Manuel de Rozas, ebenda, S. 97f. John Lynch. Argentine Dictator: Juan Manuel de Rosas 1829-1852, Oxford 1981, S. 1.
Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege 75

brauch klientelarer Mittel oder Bestechungen, um Gefolgschaften und Loyali- Grenze her. Dazu war die Politik, die in eine solche Richtung wies, weder sy-
täten herzustellen oder Widerstände zu neutralisieren. Insofern bildeten die stematisch noch stabil und dauerhaft genug. Autonome staatliche Organisati-
hegemonischen Kriege an der Grenze also nur einen Teilbereich eines kom- onsleistungen in der Frontiergesellschaft kamen nur insoweit vor, wie die
plexeren Verhältnisses zwischen Staat, Frontiergesellschaft und ethnischen politisch-militärischen Instabilitäten im südlichen La Plata-Gebiet derartig
Gemeinwesen ab. hoch waren, daß die rudimentären Institutionalisierungen, klientelaren Bin-
Rosas war der Ansicht, daß es mit hinreichenden finanziellen Mitteln ein dungen oder die verschiedenen Praktiken demonstrativer, einschüchternder
einfaches Unterfangen sei, die Grenze dauerhaft zu befrieden und die Loyali- oder erpresserischer Gewaltanwendung, die an der Grenze Anwendung fan-
tät der Kaziken zu sichern. Gleichzeitig verfolgte Rosas jedoch eine un- den, das damals in der Region insgesamt gegebene Niveau staatlicher Organi-
nachgiebige Politik gegenüber den Kaziken, die sich seiner Kontrolle entzo- sationsleistungen nicht wesentlich unterschritten.
gen. So sprach er 1832 in einem Schreiben an den Caudillo Estanislao López Insgesamt waren die staatlichen Organisationsleistungen, die sich zwischen
davon, die "widerspenstigen" Indios bis zu ihrem Tod verfolgen zu wollen.76 den Führungsgruppen in der Frontiergesellschaft und den indianischen Kazi-
Insgesamt beruhte der Einfluß, den Rosas auf indianische Kaziken besaß, auf ken abspielten, rudimentärer Art und vorübergehend. Kennzeichnend blieben
klientelaren Bindungen und Vorteilsbeschaffungen einerseits, "despotischen" die fehlenden Verfestigungen und das Ausbleiben dauerhafter Institutionali-
Gewaltanwendungen, demonstrativen Einschüchterungen indianischer Ethni- sierungen der Beziehungen, Abhängigkeiten und Hierarchien, die im Entste-
en und militärischen Überlegenheitsbeweisen bis hin zur Durchführung von hen waren. Dies lag in erster Linie an der klientelaren Grundlage der Staa-
Massakern andererseits. Traf Rosas auf Kaziken, die auf die eine oder die an- tenbildungsvorgänge, die von der Frontiergesellschaft ausgingen. Zwar war es
dere Weise nicht zu unterwerfen waren, so suchte er politische Abkommen, dadurch möglich, andere als die "offiziellen" symbolischen Grenzziehungen
wie 1834 mit dem aus Chile in die Pampa ziehenden mächtigen Kaziken Cal- vorzunehmen und partiale Loyalitäten zu schaffen. Zugleich waren die Bin-
fucurá, mit dem Rosas 1835 ein sogenanntes Konföderationsabkommen dungen, Identifikationen und Vergemeinschaftungen, die sich darin verbar-
schloß. Die Errichtung eines verbündeten, staatsähnlichen indianischen Ge- gen, aber jederzeit kündbar bzw. auflösbar. Rosas selbst legte davon in einem
meinwesens in der südlichen Pampazone sollte nach dem Kalkül von Rosas Schreiben Zeugnis ab, das er im August 1831 an seinen Kriegsminister richte-
untereinander verfeindete indianische Ethnien binden und blockieren. Inso- te. Darin hieß es, daß es nunmehr notwendig sei, unter den mit der Regierung
fern versuchte Rosas, die Frontiergesellschaft mit einem Kranz semiautono- von Buenos Aires verbündeten indianischen Gruppen neu in "Freunde" und in
mer indianischer Klientelstaaten und Gemeinwesen zu umgeben, um daraus "Feinde" zu unterteilen, weil es unmöglich sei, weiterhin wie bisher alle ver-
Vorteile zu ziehen. bündeten indianischen Kaziken finanziell zu unterhalten. Den Kaziken aber,
Im Überblick unternahm Rosas also vielerlei Bemühungen, um klientelare die aus dem alten Bündnis herausfielen, müsse sofort der offene Krieg erklärt
Reziprozitätsverhältnisse an der Grenze zu organisieren. Deshalb gab es aber weiden. Dadurch wurden die indianischen Ethnien aber wieder aus
kein beabsichtigtes, planvoll betriebenes Konzept zur Staatenbildung von der

Vgl. den Brief von Rosas an Finanzminister Garcia, 13.10.1830. In: Correspondencia
inédita entre Juan Manuel de Rosas y Manuel José García. Hrsg. von José C. Nicolau, "[...] acabada la guerra me es necesario decir tales y tales indios son enemigos, para
Tandil 1989, S. 46. declararles guerra de frente [...] por qe a todos hade ser imposible mantener." Silvia Ratto.
"[...] para perseguir de muerte a los indios indómitos". Brief von Rosas an Estanislao Indios amigos e Indios aliados. Orígenes del negocio pacífico en la provincia de Buenos
López, 12.09.1832. Mayo/ Latrubesse, S. 46. Aires. 1829-1832. Buenos Aires 1994. S. 20 Anm. 42.
76 Kapitel C Hegemonische ethnische Kriege

"Freunden" zu "Barbaren" und zum "ewigen Feind" , der vernichtet werden tria, die an der Grenze oder in der einzelnen Provinz lag. Dabei handelte es
müsse. So war in einem Tagesbefehl von Rosas vom 11. März 1833 von den sich nicht allein um kategonale Verschiebungen, also die Übertragung des
"barbarischen" Indios die Rede, die "Christenfrauen" rauben würden und des- überkommenen Begriffs der patria auf ein nationales Terrain und System,
halb erbarmungslos zu bekämpfen seien.79 Religóse Motive und solche der sondern auch um Modifizierungen der Interessenlagen und des Politikkalküls.
Ehre, die in ländlichen Gesellschaften verbreitet waren, fungierten hier als Der Finanzminister der Provinz Buenos Aires faßte diese Vorgänge bereits
Mittel zur Mobilisierung ethnischer Feindbilder. 1830 in einer bitteren Klage gegenüber Rosas zusammen. Früher, so der
Im Vergleich zu Yukatan wird deutlich, in welchem Ausmaß das Aufkom- Vorwurf, habe sich Rosas immer dafür eingesetzt, daß sich niemand und auch
men ethnischer Kriege im südlichen La Plata-Gebiet von politischen Zweck- nicht die Regierung in Buenos Aires in die Angelegenheiten der Provinzen im
mäßigkeitsüberlegungen und klientelaren Steuerungen abhängig war. Insge- Landesinnern einzumischen habe. Nunmehr aber, da Rosas selbst an der Re-
samt blieben die Vernichtungskriege gegen indianische Gruppen solange gierung in Buenos Aires sei, würde er diesen Prinzipien untreu und habe
randständig, wie die Beziehungen zu den indigenen Gruppen noch primär kli- nichts anderes im Sinn, als in den anderen Provinzen zu intervenieren und
entelarer Art waren und durch die Führungsgruppen an der Grenze und deren aufgrund eigener Machtambitionen gegen sie einen "Bürgerkrieg" zu füh-
80
partikulare Interessenlage gehandhabt und reguliert wurden.
ren.
"Notwendig" wurde der Exterminierungskrieg gegen indigene Gruppen erst
Die hegemonischen Kriege, die in den 1830er Jahren an der südlichen
durch die Integration der Frontiergesellschaften in die Nation. Damit ist nicht
Grenze im La Plata-Gebiet gerührt wurden, bildeten insofern ein Komplement
gemeint, daß im Zuge der republikanischen Staatsbildungen nach 1810/16
zu den neuen "Bürgerkriegen" in der Nation. In beiden Kriegsformen doku-
auch umfassend neue, nationale Identitäten entstanden wären, die durch die
mentierte sich die Expansion eines Machtzentrums, das ursprünglich von der
unterschiedlichen sozialen und ethnischen Gruppen der Frontiergesellschaft
Grenze her seinen Ausgang genommen hatte und nun den Staat zu beherr-
hindurchgegriffen oder die einzelnen Teilregionen im Gebiet des späteren Ar-
schen verstand.
gentinien integriert hätten. Die Transformation der Politikvorhaben, die in der
Frontiergesellschaft bestanden, auf eine nationale Makroebene vollzog sich
vielmehr viel bescheidener: Seit dem Anfang der 1820er Jahre, vielleicht
schon etwas eher, waren die Führungsgruppen an der Grenze und ihre militä-
risch-politischen Wortführer gezwungen, übergreifende, als national bezeich-
nete Konstellationen in ihr Kalkül einzubeziehen, wollten sie ihren Einfluß
auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Region wah-
ren oder gar ausbauen. Hierdurch setzten Perspektivverschiebungen ein, in
deren Verlauf allmählich die Nation den Vorrang erhielt vor der engeren pa-

"Pues se lo voy a decir sin rodeos: lId. no piensa ya en ninguna negociación con las
7I<
So schrieb die Zeitung "La Gaceta Mercantil" (Buenos Aires) am 05.10.1836, daß ei- provincias interiores. Ud. prefiere hoy la guerra civil a tratar con ellas |...| Ud. combatió en
gene Truppen die ethnische Gruppe der Bodogas geschlagen hätten, "f...] precursor del total otro tiempo por principio el no mezclarse en los negocios domésticos de las provincias in-
esterminio de estos Indios que fueron siempre nuestros enemigos". teriores y repeler por la fuerza una intervención semejante en los de la nuestra y ahora,
7
'' Zitiert in Adolfo Saldías, Historia de la Confederación Argentina, Buenos Aires 1978, quiere lId. juzgar en la legitimidad o ilegitimidad de los gobiernos ajenos". Brief von Gar-
cia an Rosas. 06.10.1830. In: Correspondencia inédita, S. 66f.
S. 40f.
D. Kompetitive ethnische Kriege

I. GUATEMALA, 1838-1880

Im Gebiet des heutigen Guatemala, das in der Kolonialgeschichte die Kern-


zone des Generalkapitanats Guatemala bildete und 1845 endgültig seine
staatliche Eigenständigkeit erlangte, gab es im 18. oder 19. Jahrhundert nur
untergeordnete oder rudimentäre Frontiergesellschaften von zweitrangiger
Bedeutung. Dabei handelte es sich um Fluchtzonen und Rückzugsgebiete, wie
im Tiefland des Peten, am Izabalsee oder im Übergangsgebiet zum heutigen
Belize, wo ethnische Gruppen oder soziale Außenseiter und Randgruppen es
verstanden, sich der offiziellen spanisch-kreolischen Gesellschaftsordnung
über größere Zeiträume hinweg zu entziehen.
Während im letzten Kapitel die Genese ethnischer Kriege an der Grenze be-
trachtet wurde, geht es im folgenden um die Eskalation kollektiver Gewalt-
konflikte zwischen einzelnen ethnischen Territorien innerhalb eines Staats-
gebietes. Diese Gewaltanwendungen werden hier als kompetitive ethnische
Kriege von kleinem oder begrenzten Ausmaß umschrieben. Dabei bezieht
sich das beigefügte Attribut weder auf den Umfang und die Intensität oder die
Dauer der Gewaltauseinandersetzungen noch auf die Anzahl der Beteiligten
oder Opfer daran. Mit kleinen Kriegen werden hier auch nicht im Anklang an
den modernen Guerillakrieg besondere Formen und Taktiken der Kriegfüh-
rung oder ein niedriger Organisationsgrad und eher irregulärer Status der
Kombattantengruppen umschrieben, weil all diese Kriterien für die Situation
in Lateinamerika im frühen 19. Jahrhundert unergiebig und irreführend sind.

Kommunale ethnische Vergemeinschaftungen

Der Begriff des kompetitiven ethnischen Krieges, wie er hier gebraucht


wird, setzt zunächst voraus, daß sich ethnische Vergemeinschaftungen in den
80 Kapitel D Kompeiitive ethnische Kriege

Siedlungszonen indigener Bevölkerungen in Guatemala im 19. Jahrhundert dianischer Gemeinwesen auf lokaler Ebene mit verhältnismäßig großer Auto-
überwiegend auf der Grundlage kommunaler Organisation vollzogen. Damit nomie und starken Resistenzkräften nach außen bei.3
ist gemeint, daß das dörfliche Gemeinwesen (comunidad indígena) und das Insgesamt stellte die Kolonialgeschichte im mesoamerikanischen Raum ei-
ethnische Territorium ungefähr zusammenfielen. Als wichtigste ethnische Or- nen Zeitraum ethnischer Fragmentierung und Zersplitterung dar. Dabei sind
ganisationseinheit gelten für das guatemaltekische Hochland also nicht größe- diese ethnischen Fragmentierungen bislang aber zu einseitig als ein von den
re kulturelle Räume, Sprachgruppen oder anders zusammengesetzte Systeme spanischen Eroberern bzw. vom Staat oktroyierter Vorgang verstanden wor-
auf überregionaler Ebene, sondern die kommunalen Strukturen bzw. die poli- den. Wenigstens ebenso wichtig waren die Transformationen und die Macht-
tische Einheit des municipio (Dorf; Gemeinde). Die in ethnischer Hinsicht kämpfe, die sich innerhalb der indianischen Gesellschaften abspielten und die
vermeintlich recht homogenen indianischen Siedlungsgebiete im Westen und die Form von Generationenkonflikten oder von dissoziativen Prozessen zwi-
Norden Guatemalas lösen sich damit in ein differenziertes und vielgestaltiges schen den Hauptorten, in denen ethnische Hierarchien und politische Ämter
multiethnisches Archipel auf. gebündelt waren, und den abhängigen Filialgemeinden annahmen. Vor allem
Der municipio oder, wie es in der Kolonialzeit hieß, der pueblo de indio gewannen wirtschaftlich erfolgreiche Gruppen oder soziale Aufsteiger in den
wurde in Guatemala um etwa 1550 und im Zuge der von der spanischen Kro- Dörfern die Chance, in die Reihen der indianischen Offiziellen aufzusteigen,
ne betriebenen Zerstörung semifeudaler Systeme eingeführt. Die Munizipal- was dazu beitrug, daß die alten Adelsgruppen ihre bevorzugte Stellung inner-
verwaltung nach spanischem Vorbild, die damit entstand, führte eine hierar- halb der Gemeinden einbüßten und an Macht verloren.
chisch geordnete Ämterhierarchie in den Dörfern ein. Sie gewährte den Re- Während der alte indianische Adel seine Herrschaftsansprüche und Privile-
sten des alten indianischen Adels wie neuen, aufsteigenden Eliten in den Dör- gien über Abstammungslinien bis in die präkolumbische Zeit hinein zurück-
fern offizielle Wege des Macht- und Statuserhalts. Soziale Hierarchien, ethni- zuverfolgen vermochte, verfügten die aufsteigenden Eliten nicht über eine
sche Bindungen und clanhafte Strukturen vermengten sich darin: Der spani- derartig privilegierte Herkunft und Erinnerungskultur. Aus diesem Grund
sche Kapitän und Gouverneur der nördlichen Provinz Verapaz, Tovilla, be- fielen aber auch die ethnischen Diskurse, die geführt wurden, unterschiedlich
richtete z.B. Anfang des 17. Jahrhunderts aus Sacapulas, daß das Dorf geteilt aus. Aus Mexiko ist bekannt, daß die alten indianischen Adelsgruppen auf-
sei in sechs getrennte, clanartige parcialidades mit jeweils eigener Hierar- grund ihrer Herkunft und Genealogien über eine schärfer übergreifende
chie.2 Der Staat profitierte von dieser Lösung, indem er vorgefundene Struk- Identität verfügten, die über lokale Gegebenheiten hinausreichte und die im
turen und bestehende Abhängigkeiten für die politische Ordnung der Gesell- ausgehenden 18. Jahrhundert christlich-universale Züge annehmen konnte.
schaft nutzte. Gleichzeitig trug er durch diese Variante einer billigen Staa-
tenbildung aber auch zur Schaffung relativ homogener, korporativer in-
Vgl. Robert Wasserstrom, Class and Society in Central Chiapas, Berkeley 1983; Geor-
ge W. Lovell. Conquest and Survival in Colonial Guatemala: A Historical Geography of the
' Erstmals vertrat diese Ansicht Sol Tax, The Municipios of the Midwestern Highlands Cuchumatán Highlands, 1500-1821, Kingston and Montreal 1985. In der älteren Forschung
of Guatemala. In: American Anthropologist 39 (1937), S. 423-444. Zuletzt dazu Richard sind die dörflichen Gesellschaften, die in der Kolonialzeit entstanden, als vergleichsweise
Adams, Comunidad y cultura en el proceso etnico-estado. In: De la etnia a la nación. Hrsg. geschlossene Systeme beschrieben wurden. Idealtypisch zusam menge faßt hat Wolf dieses
v. Avancso. Guatemala 1996, S. 47-71: 48f. Bild in dem Modell der closed corporate peasant community. Danach existierte eine gegen
2 außen abgetrennte, egalitäre dörfliche Gesellschaft auf lokalem Niveau, die über effektive
In diese Richtung argumentiert auch George Lovell, Superviventes de la conquista. Los
mayas de Guatemala en perspectiva histórica. In: Anuario de Estudios Centroamericanos 15 Mechanismen /um inneren sozialen Ausgleich verfügte und stationär war. Vgl. Eric J.
(1989), S. 5-27: 12. För Mexiko zu diesem Problem vgl. Daniele Dehouve, Las separacio- Wolf, Closed Corporate Peasant Communities in Mesoamerica and Central Java. In:
nes de pueblos en la región de Tlapa (siglo XVIII). In: Historia Mexicana 33 (1984), S. Southwest Journal of Anthropology 13 (1957), S. 1-18. Dieses Bild ist aber aus verschiede-
397-404. nen Gründen übertrieben und zu statisch und hermetisch.
82 Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege 83

Die aufsteigenden Eliten in den Dörfern waren demgegenüber daran interes- sen bis hinein in den südlichen Isthmus von Bedeutung war. Insgesamt ver-
siert, die Bedeutung alter Abstammungen abzuschwächen und ethnische Ver- mochten es kultisch-religiöse Elemente in Guatemala nicht, die Ausbildung
gemeinschaftungen statt dessen aus der von ihnen kontrollierten kommunalen einer überdörflichen Identität auf der Makroebene ethnischer Vergemein-
Sphäre und Organisation und aus dem eher isolierten Bereich der efhzelnen schaftungen entscheidend zu fördern. Auch dies trug dazu bei, daß in Guate-
Dorfgesellschaft herzuleiten. Soziale und politische Aufstiegsprozesse neuer mala ethnische Vergemeinschaftungen auf kommunaler Grundlage seit der
Eliten und Neudefinitionen der ethnischen Vergemeinschaftung auf kommu- Kolonialzeit überwogen.
nalem Niveau gingen insofern Hand in Hand. Daraus entstand ein Trend zur
Ausbildung einer "kommunalen Mikroidentität" . Scharfe ethnische Grenz-
ziehungen zwischen benachbarten Gemeinden gingen damit einher, ohne daß „Dörferkriege"
diese ethnischen Trennungen deshalb von den Spaniern verordnet gewesen
wären. Bei den ethnischen Konflikten in Guatemala dominierten in der Kolonial-
Die ethnischen Fragmentierungen wurden in Guatemala zusätzlich dadurch zeit wie über größere Abschnitte des 19. Jahrhunderts Gewaltauseinanderset-
begünstigt, daß es hier überregional einende, religiöse Kulte, wie es in Mexi- zungen vom Typ der Revolten, meist solche des kleinen Typs.
ko der Fall war, nicht oder nur in rudimentärer Form gab. Während in Mexiko Nach Untersuchungen von Martínez Peláez häuften sich die teils sozialen,
der Kult um die Jungfrau von Guadelupe frühzeitig für die Ausformung eines teils ethnischen Revolten seit der bourbonischen Reformpolitik im ausgehen-
mexikanischen Nationalbewußtseins, das die unterschiedlichen Ethnien und den 18. Jahrhundert. Über 50% der insgesamt etwa 40 Fälle, die Martínez
sozialen Gruppen kulturell integrieren sollte, benutzt wurde, fehlte es in Peláez behandelt, kamen am Ende der Kolonialzeit in dem Zeitraum zwischen
Guatemala an einem regional übergreifenden Integrationssymbol im religiös- 1780 und 1821 vor. Ein Schub gewaltsamer Kontliktaustragung setzte nach
kultischen Bereich. Vielmehr bestanden verschiedene religiös-kultische Zen- 1815 ein, als der Staat die Tributzahlungen, die 1812 aufgehoben worden wa-
tren in Guatemala, die nach regionalen, teils aber auch sozialen und ethni- ren, wieder einführte. Überwiegend handelte es sich dabei um Konflikte und
schen Kriterien getrennt waren. So existierte San Juan Ostuncalco, das um Auseinandersetzungen, die durch Tribut- und Steuerfragen oder durch die tat-
1700 für seine wundertätige Jungfrau berühmt war und schärfer eine indiani- sächliche oder vermeintliche Willkür einzelner Beamter und dadurch entste-
sche Klientel anzog. In Chiantla dagegen, bei Huehuetenango gelegen, bildete hende Benachteiligungsgefühle ausgelöst wurden. Mit Abstrichen galt dies
sich nach der Ansiedlung spanisch-kreolischer Viehzüchter um 1700 ein stär- auch tiir die regionale, nativistische Bewegung unter Atanasio Tzul im Gebiet
ker von Spaniern und Mestizen genutztes Kultzentrum aus, das auch Händler- von Totonicapán im Jahr 1820, die einen "König" der Quiche einsetzte und
gruppen aus Mexiko anzog. Im Osten schließlich existierte Esquipulas mit damit die Autorität des spanischen Staates grundsätzlich in Frage stellte.
dem Bildnis des schwarzen Christus, das in Verbindung mit Wirtschaftsmes-

Vgl. Julio Pinto Soria, El indígena guatemalteco y su lucha de resistencia durante la


colonia (Boletín del Centro de Estudios Urbanos y Regionales. No. 27). Guatemala 1995. S.
4
Serge Gruzinski, The Net Tom Apart: Ethnic Identities and Westernization in Colonial 15. Xu regionalen Gegebenheiten in Guatemala in der Kolonialgeschichte im Überblick
Mexico. Sixteenth-Nineteenth Century. In: Ethnicities and Nations. Processes of Interethnic siehe Stephen Wehre (Hrsg.). La sociedad colonial en Guatemala: estudios regionales y
Relations in Latin America, Southeast Asia, and the Pacific. Hrsg. v. Remo Guidieri u.a., locales. Antigua/South Woodstock 1989.
Austin 1988. S. 39-56: 49. Zu Guatemala vgl. Andreas Wimmer, Transformationen. Sozia- ' Vgl. Severo Martínez Peláez. Los motines de Indio en el periodo colonial guatemalte-
ler Wandel im indianischen Mittelamerika, Berlin 1995, S. 155. co. In: Estudios Sociales Guatemaltecos 5 (1973). S. 201-228.
84 Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege 85

Auch diese Vorkommnisse standen aber scheinbar noch primär im Zusam- oder die Intoleranz der Spanier gegenüber religiösen Bräuchen und Zeremo-
menhang mit Tributfragen. nien als Auslöser großer Revolten fungierten, wie es bei der Erhebung der
Neben wirtschaftlichen Fragen standen bei den Revolten kleinen Typs häu- Tzeltales in Chiapas 1712 der Fall war.
tig kulturelle Motive im Vordergrund. Die Nutzung des christlichen Glaubens Im Unterschied zu den ethnischen Revolten kamen ethnische Kriege in
sowie kirchlicher Institutionen von Seiten indianischer Ethnien für Zwecke Guatemala erst im 19. Jahrhundert auf. Ihr wichtigstes Merkmal war, daß sie
des Autonomiegewinns und des kulturellen Selbsterhalts ist bekannt. Dabei sich nicht oder nur an zweiter Stelle gegen den Staat richteten. Vielmehr wur-
handelte es sich nicht allein um mehr oder minder versteckte Synkretismen den sie von den comunidades untereinander ausgetragen.
und andere, "abweichende" Verhaltensformen, die praktiziert wurden und von Die Motive, die die Dörfer und Gemeinden zur Gewaltanwendung brachten,
seiten der spanischen zivilen und kirchlichen Verwaltungen immer wieder waren unterschiedlich. Vorrangig genannt werden in der Literatur ungleiche
geahndet und verfolgt wurden. Die Revolten der comunidades, deren Anlaß demographische Entwicklungen zwischen den einzelnen lokalen Gesellschaf-
das Gefühl der Bedrohung der eigenen kulturellen Autonomie war, entzünde- ten, wodurch Mißverhältnisse zwischen der Bevölkerungszahl einerseits und
ten sich meist im religiös-zeremonialen Bereich. Ihre Auslöser waren z.B. den verfügbaren Ressourcen (Boden) und Subsistenzmöglichkeiten anderer-
Priester, die "heidnische" Bräuche und Zeremonien zu unterbinden, parallele seits entstanden seien. Zwar hatten die Dörfer und Gemeinden die Möglich-
Institutionen und Strukturen der Religionsausübung zu zerstören oder die in- keit, durch illegale Landnahmen, den Kauf von Ländereien oder Migrationen
dianischen Laienbruderschaften und deren Einkünfte zu kontrollieren ver- in Filialgemeinden Korrekturen vorzunehmen. Fielen solche Handlungsalter-
suchten.8 Dabei erreichten diese Unruhen und Revolten in der überwiegenden nativen weg oder wurden sie erschwert, so wurden umgekehrt Gewaltanwen-
Anzahl der Fälle nur eine geringe oder vorgelagerte Eskalationsstufe. Meist dungen interkommunaler Art aber wahrscheinlicher. Einzelne indianische
reichten Bedrohungen von Pfarrern oder Zusammenrottungen bereits hin, um Gemeinwesen, wie das stark besiedelte und vergleichsweise mächtige Santa
die verfolgten Ziele zu erreichen.9 Seltener geschah es, daß das Unverständnis Catarina Ixtahuacán, im westlichen Hochland Guatemalas bei Solóla gelegen,
erwarben sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts den Ruf, hochgradig gewalt-
7
Vgl. Daniel Contreras R., Una rebelión indígena en el partido de Totonicapán en 1820, bereit und "[...] in höchstem Maß eifersüchtig auf ihren Landbesitz [zu sein]
Guatemala 1951; Ricardo Falla, Actitud de los indígenas de Guatemala en la época de la und gierig, denselben zu vergrößern".
independencia, 1800-1850. In: Estudios Centroamericanos 278 (1971), S. 701-718: 702.
Die Spanier sahen hierin keinen Zusammenhang zur ungefähr zeitgleichen Unabhängig-
keitsbewegung. So hieß es in der Informe del tesorero de las Reales cajas de Guatemala, Vgl. Ricardo Falla, Conflictos limítrofes de comunidades indígenas del corregimiento
don Manuel Vela, fechada en Madrid el 11 de marzo de 1824: "Los Yndios no han entrado de Solóla y Totonicapán. In: ASGH 45 (1972).
actibamente en la rebolución". In: Textos fundamentales de la independencia centroameri- Gustav Bernouilli. Briefe aus Guatemala. In: Petermanns Geographische Mitteilungen
cana. Hrsg. v. Carlos Meléndez, San José 1971, S. 150. 1873, S. 374. Bernouilli war ein Schweizer Geologe, der sich zum Kaffeeanbau in der Co-
8
Vgl. Murdo MacLeod, Papel social y económico de las cofradás indígenas de la colonia sta Cuca niederließ. Auseinandersetzungen mit Nachbargemeinden dokumentieren auch
en Chiapas. In: Mesoamérica 5 (1985), S. 64-86; Flavio Rojas Lima, La cofradía indígena, Quellenbestände im AGCA. 1861 hatten Bewohner aus Santa Catarina Ixtahuacán endgül-
una medalla de dos caras. In: ASGH 53 (1980). tig die Einwohner von San Miguel "vertrieben" und den Ort aufgelöst (AGCA B 1 exp
" Vgl. die Berichte des Erzbischofs Pedro Cortés y Larraz, Descripción geográfico-moral 28586 exp 200 fol 48). Landstreitereien und Konflikte zwischen Santa Catarina Ixtahuacán
de la Diócesis de Goathemala (1771), Bd. II, Guatemala 1958, S. 1061T. Andere Protestfor- und Zunil um 1870 sind dokumentiert in AGCA B 1 exp 28629 leg 149 fol 1. 1871 kam es
men waren Selbstauflösungen der Laienbruderschaften (cofradías), um dadurch finanzielle zur Besetzung der I.ändereien der Besitzung Parraché. die bei Zunil lag. durch Bewohner
Belastungen tur den Unterhalt von Kirchen und Pfarreien und die Durchführung von Zere- aus Santa Catarina Ixtahuacán (AGCA B 1 leg 28629 exp 149 fol 1 ). Vgl. dazu ferner auch
monien zu vermeiden. In diesen Fällen intervenierte die kirchliche Verwaltung für den Er- C'ambranes. Café y campesinos. Bereits 1794 hatte der "alcalde mayor" von Quetzaltenango
halt der cofradía und versuchte, deren Hierarchie zu ordnen. Vgl. dazu aus den Beständen über Unruhen in Santa Catarina Ixtahuacán berichtet, die in Zusammenhang mit Grenz-
des Bistumsarchivs in Guatemala-Stadt z. B. den Bericht des Erzbischofs über Antigua streitigkeiten gegenüber dem "pueblo" von Zunil entstanden. Vgl. Indice General del Ar-
Guatemala, 10.03.1804. AEG visitas pastorales M. Peñalver y Cardenas Leg 64 No. T 5. chivo del Extinguido Juzgado Privativo de Tierras depositado en la Escribanía de Cámara
Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege

Demographische Veränderungen, Bodenmangel oder wirtschaftliche Sub- Von dieser Warte her war die Zunahme kleiner ethnischer Kriege im 19.
sistenzprobleme dürften aber kaum das alleinige, vielleicht nicht einmal das Jahrhundert maßgeblich ein diskursives Phänomen. Das bezieht sich nicht
vorrangige Motiv für die interkommunalen Gewaltauseinandersetzungen ge- allein auf die Bewertungsunterschiede: Die Divergenzen, die zwischen Staat
wesen sein. Hinzu kamen die Ordnung ethnischer Territorien, die Kontrolle und ethnischen Gruppen über die Bedeutung kultureller Symbole, sozialer
über Ressourcen und Bevölkerungen sowie Rivalitäten über Einflußzonen Deutungsmuster und politischer Entwicklungsvorstellungen bestanden, ka-
und Machtchancen, die in den interkommunalen Gewaltanwendungen zu- men im 19. Jahrhundert auch deshalb offener als in der Kolonialgeschichte
sammenfielen. Dabei konnten die Gewaltanwendungen, die zwischen den zum Vorschein, weil die diskursiven Übersetzungsvorgänge, die Mittlerin-
Gemeinden stattfanden, scheinbar ganz ähnliche Funktionen ausüben wie stanzen und Mittlerfiguren bis dahin geleistet hatten, in der republikanischen
"moderne" Nationalismen, indem ein gewaltinduzierter Grundkonsens für die Ordnung in der Regel schwächer wurden oder völlig abbrachen. " Es scheint
comunidades Solidaritäten nach innen schuf, die Kohäsion lokaler ethnischer plausibel, daß damit zugleich die Bedeutung der Gewaltanwendung als eine
Gruppen forcierte und örtliche Herrschaftsstrukuren konsolidierte. Hier be- der wenigen Formen, über die der Staat und die comunidades innerhalb der
standen auch Übergänge zu den ritualisierten, an Festtagen immer wiederkeh- neuen Nation überhaupt noch miteinander kommunizieren konnten, wuchs.
rende Streitereien zwischen Dörfern, die aus Teilen Lateinamerikas bekannt Im Überblick läßt sich die Genese kompetitiver ethnischer Kriege in einem
sind, trotz ihres mitunter hohen Gewaltniveaus aber eher einen Spielecharak- Mehrebenenmodell umschreiben. Auf der langen Ebene historischer Zeitdau-
ter trugen. er zählten dazu die Ausbildungen kommunaler ethnischer Identität, die Rivali-
Meist kam es zu völlig konträren Bewertungen der interkommunalen Ge- täten zwischen ethnischen Vergemeinschaftungen und ethnischen Territorien
waltpraxis. Die staatlichen Behörden, Militärs oder andere Beobachter spra- auf verhältnismäßig engem Raum oder auch die Traditionen der
chen in der Regel nicht von Kriegen, wenn sie über kollektive Gewalt- (gewaltsamen) Selbsthilfe, die konfliktvorbereitend wirkten. Das Aufkommen
konflikte interkommunaler Art berichteten. Vielmehr war von Unruhen, Em- fragmentierter Räume, die Schwächungen und Vertrauensverluste des Staates
pörungen oder Aufruhr die Rede, von Tumulten, Zusammenrottungen und und die Entflechtungen zwischen Staat und comunidades, die im 19. Jahrhun-
Überfällen. Diese Begriffe waren diffus und beinhalteten keinerlei Aussage dert stattfanden und die in ähnlicher Weise das gewaltsame Austragen von
über die Gewaltakteure, die Gewaltmotive oder die Konfliktkonstellationen, Konflikten zwischen den Dörfern begünstigten, waren demgegenüber auf der
die sich darin verbargen. Anders verhielt sich dies auf seiten der indianischen mittleren Ebene historischer Zeitdauer angesiedelt. Hinzu kamen schließlich
Offiziellen und der Meinungsführer in den Dörfern. Hier existierte eine dis- Vorgänge von kurzer Zeitdauer, wie Enttäuschungen über das Versagen ande-
kursive Ebene unterhalb von oder neben den offiziellen Sprachregelungen, rer Konfliktlösungen. Erst in dem Zusammentreffen von Entwicklungen auf
die in den Bereich kollektiver Einstellungen fiel und auf der die Konflikte diesen drei Zeitebenen bildeten sich im 19. Jahrhundert kompetitive ethnische
zwischen benachbarten Gemeinwesen von den daran beteiligten Akteuren Kriege aus.
ganz selbstverständlich als Kriege bewertet wurden. Bereits die zeitgenössi-
sche Definition der interkommunalen Gewaltkonflikte war also keineswegs
einheitlich. 12
Teile der Forschung sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer Schwächung
oder einem Zerfall der "Öffentlichkeit" im 19. Jhd. Dieser Begriff, der eng mit der Genese
urbaner und bürgerlicher Gesellschaften verbunden ist. scheint mir aber nicht tauglich zu
del Supremo Gobierno de la República de Guatemala. Hrsg. v. Gustavo Palma Murga, sein, um die Verhältnisse in den segmentaren Gesellschaften und ethnischen Territorien in
México 1991, S. 231. l.ateinamerika im 19. Jhd. angemessen zu beschreiben.
92 Kapitel D

Nachdem es in den 1820/30er Jahren verschiedentlich zu lokalen Unruhen Der Staat war in der Regierungszeit von Carrera schwach." Auch die Be-
gekommen war, bündelten sich diese Widerstände und kleinen Revolten ge- ziehungen zwischen Staat und Gemeinden besaßen einen sporadischen Cha-
gen die liberale Regierungspolitik 1837 in einer large-scale-revolt. Auslöser rakter. Politische Loyalitäten wurden vorrangig durch persönliche Bindungen
der Revolte waren die Choleraepidemie von 1837 und die dadurch hervorge- und Treuebekundungen zwischen den indianischen Offiziellen und dem
rufene Schwächung der Staatsgewalt. Anstatt über eine von der Verwaltung Staatspräsidenten hergestellt, nicht über institutionelle Kanäle." Für den
koordinierte Seuchenbekämpfung die staatliche Autorität zu stärken, führte Verlauf der staatlichen Organisation in Guatemala nach 1840 blieb aus-
die Epidemie dazu, daß die staatliche Ordnung im Südosten zusammenbrach. schlaggebend, daß die Bewegung der montañeses und die Variante einer
Als Revolte großen Ausmaßes wies die Bewegung der montañeses Übergänge caudillistischen Herrschaftsorganisation, die daraus hervorging, in einem
zum sozialen Bandenwesen einerseits, zu sozial-revolutionären Haltungen staatsfreien Raum bzw. unmittelbar gegen den Staat entstanden waren. Hier
andererseits auf. Die Trennungen waren im Finzelfall kaum zu ziehen, etwa existierten in der formativen Anfangsphase des Regimes von Carrera Ableh-
wenn die Anhänger Carreras in den Ortschaften, die sie besetzten, die Ge- nungen gegenüber einem kulturell als fremd und in politischer Hinsicht als
fängnisse öffneten"" und die örtlichen Beamten oder Richter umbrachten.23 Irrt bedrückend empfundenen Staat, die dem daraus erwachsenden Regime auch
Innern war die Bewegung instabil und gering institutionalisiert. Ihr Ge- in der Folgezeit ihren Stempel aufdrücken sollten. Vor allem fühlte sich die
waltcharakter, der insgesamt geringe kulturelle Entwicklungsstandard in den caudillistische Herrschaftsgewalt von bürokratischen Regelungen in ihrem
ländlichen Regionen des Südostens (Carrera selbst war des Lesens und politischen Handlungsspielraum eher beengt als gefördert. Segmentare Ge-
Schreibens kaum kundig) und schließlich die Einbrüche, die die Sozialorgani- walten verschiedener Art wurden dadurch begünstigt, worunter auch die
sation der Dörfer im Zuge der inneren Kriege im Südosten 1826-1829, des 27

eskalierenden Bandenwesens und der Choleraepidemie erfahren hatten, be- Kriegführungen ethnischer Gemeinwesen untereinander profitierten. Das
wirkten vielmehr, daß die Bewegung der montañeses nur in dem Maße be- Aufkommen eines Staates, der dem Landesinnern eher indifferent entgegen-
ständig war, wie sie sich als Gefolgschaft einer Führerfigur zu integrieren *' In der Literatur wird mitunter die nationalstaatliche Konsolidierung unterstrichen, die
Carrera betrieben habe. Vgl. Lowell Gudmunsun, Sociedad y Política (1840-1871). In:
vermochte. Diesen Status gewann Carrera durch den praktischen Beweis sei- Héctor Pérez Brignoli (Hrsg.), De la Ilustración al Liberalismo. 1750-1870 (Historia Gene-
ner militärischen Führungsqualitäten sowie den Gebrauch religiös- ral de Centroamérica, Bd. 3), Madrid 1993, S. 203-256: 203. Diese darf aber nicht als staat-
liche Institutionalisierungsvorgänge mißverstanden werden. Am Ende der Ära Carrera um-
zeremonialer Topoi als Mittel politisch-sozialer Bindungen. Der Diskurs, den faßte der gesamte Bereich der Regierung und der zivilen Verwaltung in Guatemala insge-
Carrera gegenüber seinen Anhängern führte, war in starkem Maße von reli- samt etwa 400 Staatsangestellte, wovon 120 in der Hauptstadt beschäftigt waren, während
die anderen sich auf die Departments im Landesinnern verteilten. Darunter fielen 50 Be-
giösen Vorstellungen und Bildern besetzt, wie es im übrigen in dem soziokul- schäftigte in der Finanzverwaltung. 24 Postangestellte und insgesamt 70 Richter. Pió Casal.
turellen Milieu mehr oder minder traditional orientierter Bauernbewegungen Reseña de la situación general de Guatemala 1863. Guatemala 1981, S. 13.
26
Institutionalisiert wurde dies durch Besuchsreisen (visita) des Präsidenten einerseits.
häufm der fall war."
Treuebekunden und Geschenken von Seiten der comunidad andererseits.
27
Vgl. Carol A. Smith, Failed Nationalist Movements in 19th-century Guatemala. In:
Robert G. Fox (Hrsg.), Nationalist Ideologies and the Production of National Cultures. Wa-
shington 1990. S. 166. Daß auch staatliche Institutionen in Guatemala, wie das Polizeiwe-
Vgl. den Bericht des Richters aus Chiquimulilla v. 14.10.1837. ACiCA B 119.3 exp sen, unter dem Regime von Carrera als segmentare Gewalten fungierten, habe ich anderer
58695 leg 2642. Stelle zu beschreiben versucht. Vgl. Michael Riekenberg, La Policía, la "moral" y el orden
' ; So dor Bericht aus Jalpatagua v. 19.10.1837. AGCA B 1 19.2 exp 57104 leg 2522 fol público en Guatemala (siglo XIX). In: Peter Waldmann (Hrsg.), Justicia en la Calle. En-
sayos sobre la Policía en América Latina, Medellin/ Augsburg 1996. S. 55-72. Eine modi-
Vgl. Eric .1. Ilobsbawm. Peasant and Politics. In: The Journal ot'Peasant Studies 1 zifierte deutsche Fassung dieses Beitrags erscheint in der Zeitschrift „lbero-Amerikanisches
1973). S. 3-22: 17. Archiv". Heft 3/4 (1997).
94 Kapitel D Kompetitive ethnische Kriege

trat, war in Guatemala nach 1840 eine wichtige Voraussetzung dafür, daß oder aber daß Gemeinden entstanden, die nicht über die gängigen korporati-
kompetitive Kriege die ethnische Revoltengewalt vorübergehend überlager- ven und kulturellen Strukturen der "indianischen" comunidades verfügten.
ten. Im frühen 19. Jahrhundert war die Trennung in Indios und Ladinos anschei-
nend vorübergehend von eher zurückgehender Bedeutung, wenngleich es re-
gionale Differenzen gab. Häufig wurden die ländlichen Bevölkerungs-
Zur Ethnisierung sozialer und wirtschaftlicher Konflikte gruppen von den urbanen Gruppen pauschal als Indios bezeichnet, ohne daß
nähere Differenzierungen vorgenommen worden wären. In der Regierungszeit
Die Spanier schätzten die Bevölkerungszahl in Guatemala am Ende der von Carrera kamen romantisierende Reminiszenzen an die indianische Ge-
Kolonialzeit auf 600.000 Menschen, wovon ca. zwei Drittel als Indios galten. sellschaft und Kultur hinzu, so wie versucht wurde, die Unterscheidung in
Ein nationaler Zensus wurde 1880 und neuerlich 1893 durchgeführt. Die Be- Indios und Ladinos zurückzunehmen bzw. ihr Gewicht zu minimieren. Die
völkerung des Landes wurde darin nach Rassen getrennt, basierend auf der Indios würden sich von den Ladinos kaum mehr unterscheiden, berichtete et-
grundlegenden Unterscheidung in indígenas und ladinos. Danach hatte Gua- wa der corregidor von Escuintla, südlich der Hauptstadt gelegen, Ende 1857
temala 1893 einen indianischen Bevölkerungsanteil von 63%. 1880 hatte man an die Regierung. Aufschlußreich sind dabei die ethnic markers, die der cor-
noch 74,5% angesetzt. Diese Zahl wurde aber von den Behörden nach unten regidor in seinem Bericht gebrauchte: Als Merkmal ethnischer Zuordnung
korrigiert. Insgesamt dokumentierte sich ein starkes West-Ost-Gefälle, also benutzte er nämlich die Nahrungsgewohnheiten der Landbevölkerung. Indios
ein deutliches Übergewicht indianischer Bevölkerungen im westlichen wie Ladinos würden die gleichen Speisen zubereiten, weshalb es keine Unter-
I lochland und in der Verapaz, während "weiße" und ladinische oder mestizi- schiede mehr zwischen beiden Gruppen gäbe.
sehe Gruppen im Osten und Südosten mehr Gewicht besaßen." Scharfe Trennungen zwischen Indios und Ladinos setzten erst wieder im
In der Kolonialgeschichte war die Gruppe der Ladinos aus indianischen Be- letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein, als es zu Neudefinitionen ethnischer
völkeiungsgruppen hervorgegangen, die aus verschiedenen Gründen ihre Gruppen kam. Damit ist nicht die aggressive, mittlerweile in verschiedenen
Bindungen an partikulare (indianische) comunidades verloren hatten." Ladi- Teiluntersuchungen ja bereits dokumentierte Verhärtung gemeint, die das
nos maßten also nicht im biologischen Sinn Mestizen sein. Ausschlaggebend Bild der Indios im kreolisch-ladinischen Denken im ausgehenden 19. Jahr-
für die Definition als Ladino war vielmehr, daß der Lebensmittelpunkt von hundert auch unter dem Einfluß positivistischer oder sozialdarwinistischer
Einzelnen oder Gruppen sich aus der comunidad "nach außen" verlagert hatte Vorstellungen erfuhr. " Vielmehr handelte es sich um die politisch forcierte

'" Die literarische Strömung des costumbrismo ist hier zu nennen. Vgl. Otto Olivera
~* Yolanda Maires Martínez. La población indígena de América Central hacia 1900. In: Ibarra, La literatura en publicaciones periódicas de Guatemala, siglo XIX, New Orleans
Anuario de Estudios Centroamericanos 15 (1989), S. XI-89. 1974, S. 125ÍT. Zur Bezeichnung Carreras als "restaurador de los costumbres" siehe Juan
""' Im 16.. 17. Jahrhundert bezeichnete der Begriff "Ladino" meist die spanisch sprechen- José de Aycinena. Discurso pronunciado en la casa del supremo gobierno del estado de
den oder auch nur spanisch gekleideten Indios. Vgl. Christopher H. Lutz. Historia sociode- Guatemala, 15.09.1840. In: David L. Chandler, Juan José de Aycinena, idealista conserva-
mografiea de Santiago de Guatemala. 1541-1773. Antigua 1982. S. 433Í1: Magnus Monier. dor de la Guatemala del siglo XIX, Antigua/ South Woodstock 1988, S. 116. Aycinena war
La política de segregación y mestizaje en la Audiencia de Guatemala. In: Revista de Indias einer der prominentesten Vertreter der konservativen Elite in Guatemala-Stadt.
30 (1970). Zunehmend gingen dann soziale Abgrenzungsbedürlhisse und kulturelle Wer- '' AGCA B 1 exp 28575 leg 2408.
tungen in den Hegriff ein. Vgl. Amos Megged. The rise of Creole identity in early colonial " Vgl. Edgar Barillas, El "Problema del Indio" en la época liberal en Centro América. El
Guatemala: differential patterns in town and countryside, in: Social History 17 (1992), S. caso de Guatemala. In: Folklore Americano 45 (1988), S. 73-98; Julio Pinto Soria, Na-
421-440:43811'. tionbildung und ethnische Konflikte in Guatemala, 1840-1944. In: Riekenberg, Politik und
96 Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege

Trennung von Indios und Ladinos und damit verbunden um das Aufkommen Gruppe hinaus zu einer neuen ethnischen Formation im Sinn einer biologi-
der Ladinos als eine neue ethnische Formation. schen Abstammungsgemeinschaft definiert. Im Grunde verbarg sich hinter
Smith bringt diese Entwicklungen in direkten Zusammenhang mit den wirt- dem Ladinisierungskonzept, das von seiten des Staates nach 1871 vorgetragen
schaftlichen und sozialen Transformationen in der liberalen Ära nach 1871. und in der politischen Öffentlichkeit bzw. durch die Erklärungen und Ver-
Mit der Privatisierung kommunaler Ländereien und dem Beginn des Kaffee- lautbarungen der staatlichen Institutionen und einzelnen Beamten verbreitet
anbaus setzten verstärkt Migrationen aus dem Südosten in den Westen ein. wurde, ein auch aus anderen Regionen bekannter Prozeß, nämlich die Neu-
Die Ladinos, bis dahin eine vernachlässigte Gruppe, hätten dadurch eine neue oder Umbildung ethnischer Vergemeinschaftungen im Zuge besonders kon-
Definition und ein neues soziales Dasein gefunden: Als eine "special class of flikthafter wirtschaftlicher oder sozialer Transformationsprozesse.
plantation and state agents" (Smith) hätten sie im Zeitraum des einsetzenden Das Konzept des Ladino oder der Ladinisierung und die damit verbundenen
Kaffeebooms entscheidend dazu beigetragen, die Phalanx der comunidades Ethnisierungen ursprünglich sozialer und wirtschaftlicher Differenzen dienten
im westlichen Hochland aufzubrechen und kommunale Ländereien für Kom- dem liberalen Staat als Mittel, um die comunidades im Innern zu spalten und
merzialisierungen der Agrarwirtschaft zu öffnen. Nach Smith liegt in der die Rolle des Staates in den segmentaren Gesellschaften des Hochlands neu
Formierung der Ladinos nach ungefähr 1860/70 zu einer partialen, eigen- zu interpretieren. Die staatliche Politik gegenüber den Dörfern und Gemein-
ständigen Formation, die in die Dörfer eindrang, eine zentrale Erklärung für, den umfaßte dabei nach 1871 verschiedene Maßnahmen, um die comunidades
die Schwäche des indianischen Widerstands gegen den Verlust kommunaler aufzubrechen und tur die eigene Politik "zugänglich" zu machen. Im einzel-
Ländereien bzw. gegen die Zentralisierungsbemühungen des Staates nach nen handelte es sich um die Trennung von comunidades und Ladinos, die
1871, von der bereits die Rede war. Formierung der Ladinos oder von Teilgruppen davon zu einer neuen sozialen
Teilgruppen der Ladinos wurde im Zuge dieser Entwicklungen eine neue wie ethnischen Gruppe sowie das Hineinschieben "umdefinierter" Institutio-
Identität von Seiten des Staates attribuiert. Diese neue Identität war aber nicht nen in die comunidades. Insgesamt nahm der liberale Staat die Indifferenzen
nur, wie Smith meint, sozialer Art. Die Ladinos verkörperten im liberal- des alten Staates unter Carrera zurück. Zumindest gestattete er den Dörfern
posiü\ istischen Weltbild den, wie es hieß, Fortschritt oder die Zivilisation nicht länger, aus ihren Isolierungen politisches Kapital zu schlagen. Dabei
gegenüber der Barbarei oder dem Brauchtum der Dörfer. Indem die positiven vollzog sich die Reorganisation des Staates in erster Linie über die Ethnisie-
Attribute, die den Ladinos im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in geballter rung sozialer und politischer Konflikte im Landesinnern „von oben" her.
Form zugeschrieben wurden, aber zugleich durch biologische und genetische Eine Art duale Munizipalverwaltung war 1841 von der Regierung Carrera
Einflüsse, wie die Mesti/.isierung bzw. die Vererbung, "erklärt" wurden, wur- wiedereingeführt worden. Diese knüpfte an die in der Kolonialzeit praktizier-
den zwei Dinge bewirkt. Erstens entstand nun das Bild des "weißen" Ladino, te Trennung in die "zwei Republiken" der Indios und der spanisch-
das es bis dahin nicht oder nur mit Abstrichen gegeben hatte und das eine kreolischen Bevölkerung an und sah vor, daß indianische und ladinische Be-
Variante des modernen, wissenschaftlichen oder anthropologischen Rassis- völkerungen jeweils getrennte Munizipalorgane wählten und getrennt regiert
mus darstellte. Und zweitens wurden die Ladinos damit über die soziale wurden. In der Amtszeit von Carrera hatte diese Maßnahme noch primär als
Schutz der indianischen comunidades gegen außen fungiert. Nach 1871 än-
Geschichte, S. 21 lJ-242: ders., lisiado, nación y población indígena en Guatemala (Boletín derte sich dies aber, weil das duale System fortan dazu benutzt wurde, um die
del Centro de Hstudios Urbanos y Regionales No. 14), Guatemala 1992.
11 vergleichsweise noch homogenen Strukturen der comunidades aufzubrechen
Carol A. Smith. Origins of the National Question in Guatemala: A Hypothesis. In:
Dies.. Guatemalan State. S. 72-95.
Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege

sowie indianisch bestimmte Munizipalverwaltungen zu entmachten oder zu 1881 in Zunil die Neuwahl der Gemeinderegierung durch, indem er durch
zerstören. So forderte z.B. 1879 der jefe político von Quetzaltenango die Truppen die Wahl überwachen ließ.
Auflösung der indianischen Munizipalität in Ostuncalco und die Zulassung Diese neue und im Vergleich zur Amtszeit von Carrera aggressivere Form
einer "gemischten" Ortsverwaltung. Im Innenministerium wurde dies befür- staatlicher Penetration der Dörfer konnte nur solange funktionieren, wie zum
wortet, da nur durch diese Mischungen eine "völlige Assimilation" der Indios einen die neudefinierte Gruppe der Ladinos ihre Rolle zufriedenstellend
an die "Zivilisation" möglich sei. 1878 forderte die ladinische Munizipalität spielte.' Soziale Vergünstigungen, wie etwa bei der Beschulung, klientelare
von Mazatenango in einer Eingabe an das Innenministerium, die am Ort be- Einbindungen sowie die von offizieller Seite betriebene Neudefinition der
stehende indianische Munizipalität aufzuheben. Dies würde, so die Begrün- Ladinos als Trägergruppe des Fortschritts, die das Selbstwertgefühl der Ladi-
dung, die Kosten senken und die "armen" Ladinos gegenüber den nos stärkte und ihnen mittelfristig soziale und kulturelle Belohnungen ver-
lg ....
"begüterten" Indios nicht länger benachteiligen. Das Innenministerium un-
sprach, federten diese Politik ab. Langfristig erfolgreich war diese Politik
terstützte auch dieses Gesuch, da, wie es hieß, die "Rassentrennung" ein Ge-
jedoch nicht, weil große Teile der Ladinos, wie bereits ihre Namensvetter in
schöpf der Kolonialzeit sei, die es nun aufzuheben gelte.
der Kolonialzeit, marginalisiert und als Arbeitsmigranten auf den Plantagen
Neben der Transformation der Munizipalverwaltungen stellte das Milizwe-
oder im städtischen Bereich zu Randgruppen wurden.
sen die zweite institutionelle Schiene dar, über die der Staat Einzug in die ,
Zum anderen waren aber auch innere Aufsplitterungen und Fraktionierun-
Dörfer hielt bzw. die Dörfer in Staat und Nation „zurückholte". Als Ergän-
gen der Dörfer notwendig, sollten übermäßige Polarisierungen der Auseinan-
zung der städtischen Zivilgarde wurden seit 1871 in den ländlichen Zonen die
dersetzung und das in den kleinen Revolten immer wieder drohende Ausbre-
milicias île reserva aufgebaut. Auch die Milizen wurden in der Regierungszeit
chen eines Rassen- oder Kastenkriegs vermieden werden. Aus diesem Grund
der Liberalen zunehmend ladinisiert, insbesondere auf den großen Landbesit-
war der Staat daran interessiert, Parteigänger auch innerhalb der Dörfer zu
zungen, wo die Eigentümer bzw. Verwalter die Rekrutierungen vornahmen
gewinnen, klientelare Bindungen aufzubauen und dadurch neue politische
und das Kommando innehatten. Indem staatliche Kommissare die Milizen
Loyalitäten gegenüber dem Staat auch auf der Ebene der Gemeinden zu
überwachten, gewann der Staat zwar schärfere Repressionsmöglichkeiten als
schaffen. Auch für diese Zwecke war das Milizwesen zweckmäßig, bildete es
zuvor. Gleichzeitig nutzten die Pflanzer die Milizen jedoch vor allem zum
von Seiten der Staates doch eines der wichtigsten Instrumente, um indiani-
Zweck der sozialen Disziplinierung unterer sozialer und abhängiger ethni-
schen Teilgruppen soziale oder ethnische Karrieren, eben die Ladinisierung,
scher Gruppen. In lokalen Revolten wurden die Milizen mitunter massiv und
anzubieten.
mit wohl beabsichtigten Demonstrations- und Abschreckungseffekten einge-
Insgesamt eröffnete sich der liberale Staat im ausgehenden 19. Jahrhundert
setzt. ''' Auch die Umbildung der Munizipalverwaltung konnte auf diesem
durch eine Mischung aus in der Terminologie von Mann zwanghaften,
Wege durchgesetzt werden: So setzte der ¡efe politico von Quetzaltenango
Konkret bestand hier die Gefahr von Revolten und Unruhen oder von eaudillistisehen
Erhebungen gegen den Staat auf der Basis "ladinischer" Trägergruppen. Über Unruhen un-
ter Führung der Familie Cruz im Gebiet Amatitlán berichtete am 21.02.1873 der Konsul
Augener. BA 15.01 Nr. 4100 Bl. 67.
8
''' AC ¡CA B 1.2 exp 28670 leg 299. Vgl. dazu auch die Ausführungen von Piel über die Integration des Quiche in die
'• AGCA B 1.2. exp 28666 leg 433. "nationale Politik" und die Rolle ladinischer Klientelgruppen darin. Jean Piel, Sajcabaja.
"' Linen lall besehreibt David MeC'reery, Land. Labour, and Violence in Highland Muerte y resurreción de un pueblo de Guatemala, 1500-1970. Guatemala 1989, S. 3201Ï.,
Guatemala: San Juan Ixcoy, Iluehuetenango. 1893-1920. In: The Americas. 10 (1988). S. sowie jetzt auch Greg Grandin, The strange case of ..La Mancha Negra". Maya-State Rela-
237-249. tions in Nineteenth-Century Guatemala. In: HAHR 77 (1997), S. 211-243.
100 Kapitel D Kompetitive ethnische Kriege

"despotischen" Mitteln und einfachen "infrastrukturellen" Maßnahmen einen II. P E R U , 1880-1885

neuen Zugang zu den Dörfern. Die Munizipalverwaltung und die Milizorga-


nisation bildeten die wichtigsten institutionellen Kanäle für den liberalen In diesem Teilkapitel geht es um den Pazifikkrieg (1879-1883), den Chile
Staat, um sein Verhältnis zu den comunidades neu zu regeln. Analog dazu siegreich gegen Peru und Bolivien führte und in dessen Verlauf der Staat und
fanden vom Staat aus Reinterpretationen der Differenzen zwischen Indios und die Gesellschaft Perus zwar regional abgestufte, im ganzen aber tiefgreifende
Ladinos und Ethnisierungen gesellschaftlicher Konflikte statt. Auch im dis- Zerrüttungen erfuhren. Gegenstand der Betrachtung sind also ein kriegsbe-
kursiven Bereich demonstrierte der Staat also nach 1871 gewonnene Stärke dingter Staatszerfallsprozeß und die Auswirkungen darauf auf die ethnischen
gegenüber den comunidades. Die Fähigkeit der comunidades sowohl zur eth- Konflikte. Dabei werden die Gewaltanwendungen, die von den Dörfern nach
nischen Revolte wie zur Führung kleiner ethnischer Kriege wurde dadurch in 1880 im Hochland ausgingen, als Formen revoltenhafter Gewalt gewertet.
Guatemala durch eine vom Staat betriebene Rekonzeptualisierung ethnischer Allerdings kam es durch die Übergänge zu Separatismen einerseits, zwi-
Muster und Verhältnisse nachdrücklich geschwächt. schenstaatlichen Auseinandersetzungen andererseits zu starken Mischungen.
Der Zusammenhang von Pazifikkrieg und Staatszerfall in Peru einerseits
sowie ethnischen und kommunalen Revolten andererseits hat in der For-
schung lange Zeit geringe Aufmerksamkeit erfahren. Insgesamt hat sich die
Forschung über ethnische Konflikte im mittleren Andenraum vorzugsweise
mit den großen Revolten im 18. Jahrhundert beschäftigt, weniger mit denen
des 19. Jahrhunderts. Dabei hätten, so die vorherrschende Meinung, im 19.
Jahrhundert weiterhin die Kontinuitäten überwogen: Es kam weiterhin zu lo-
kalen, defensiven Revolten, die meist um Steuerunruhen gruppiert und von
einzelnen Dörfern und Gemeinden getragen waren. Seltener, aber ebenfalls
anzutreffen waren messianische Bewegungen, bis hin zu dem chiliastischen,
suizidhaften Aufstand von Quechuas in Azángaro 1916, den ein junger me-
stizischer Armeeoffizier unter dem Namen Rumi-Maki anführte und der die
Restauration des Inkareichs zum Ziel erhob.
Für unser Thema zu beachten bleiben die regionalen Unterschiede innerhalb
Perus. So hat Gonzalez für die indianischen Rebellionen im 19. Jahrhundert in
Puno, im Süden Perus am Titicacasee gelegen, beschrieben, daß hier weder
Angriffe auf die Besitzungen der Grundbesitzer oder deren Person noch glo-

Vgl. Leon G. Campbell, Recent Research on Andean Peasant Revolts, 1750-1820. In:
LARR 14 (1979), S. 3-51; Jean Piel, The Place of the Peasantry in the National Life of Peru
in the 19th Century. In: Past and Present 46 (1970). S. 108-133; Peter Blanchard, Indian
Unrest in the Peruvian Sierra in the Late Nineteenth Century. In: The Americas 38 (1982),
S. 449-463.
102 Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege 103

bale Empörungen gegen den Staat im Vordergrund standen. Thema der Re- Manrique sieht die Unterschiede dagegen eher in den sozioökonomischen
volten waren vielmehr vergleichsweise kontinuierlich die Steuerfragen oder Ausgangslagen begründet. Anders als im zentralen Hochland seien im südli-
die Proteste gegen die Willkür und Übergriffe einzelner Beamter oder gegen chen Hochland Perus durch das 19. Jahrhundert hindurch die Märkte zu eng,
zu hohe Forderungen, die z.B. Priester für die von ihnen gewährten Leistun- die regionale Integration der einzelnen kommunalen Gesellschaften zu lose,
gen verlangten. Die Revolten in Puno, die 1867, 1885, 1886 und 1895 vorka- die sozialen Hierarchien und politischen Abhängigkeiten zu personalisiert
men, lügten sich insofern recht genau in das Muster der kleinen, defensiven und der ganze "ideologische Florizont" der Indios schließlich zu begrenzt ge-
und begrenzten Revolten aus der Zeit der bourbonischen Reformen, so wie wesen, als daß sich hier wie im zentralen Hochland ein "indianischer Natio-
Gonzalez überhaupt den Kontinuitätsaspekt hervorhebt: "Indian rebellion in nalismus" hätte ausbilden können. Auf jeden Fall kontrastierte die Indiffe-
Southern Peru during the nineteenth century was related to the continuation of renz indianischer Bevölkerungen in Puno zu den Gegebenheiten in anderen
colonial forms of exploitation, especially tribute [...]" Aus dem Rahmen fiel Zonen Perus, vor allem im zentralen Hochland und den Gebieten um
anscheinend allein die einzige größere messianische Bewegung, die in der Ayacucho, Huanta, Huancavelica und Jauja, wo sich im Verlauf des Pazifik-
Region vorkam und die 1886/87 aus Bolivien über die Grenze nach Peru bzw. kriegs bzw. unter der chilenischen Besetzung eine Guerillabewegung ausbil-
nach Puno überschwappte. In ihrem Mittelpunkt stand ein regionaler Kult, ihr dete, die sich aus den Dörfern im Hochland rekrutierte und die als indianische
Ziel soll angeblich die Entfachung eines Rassenkriegs gegen alle "Weißen" Guerilla bzw. als montonera bezeichnet wurde.
gewesen sein. Allerdings schlugen bolivianische Truppen diese Rebellion Vordergründig betrachtet entstand in der Phase des kriegsbedingten Staats-
schnell nieder. zerfalls in Peru um 1880 eine Lage, die der in Guatemala um 1848 ähnelte:
Bemerkenswert ist die scheinbar völlige Ruhe der indianischen Bevölke- Hier wie dort kam es zu Schwächungen oder gar zu Auflösungserscheinungen
rungen und Dörfer in Puno während des Pazifikkriegs und der chilenischen des Staates und zu Machtgewinnen segmentärer Gewalten oder ethnischer
Besetzung Perus nach 1880. González erklärt das Fehlen von "nationalen" Territorien. Bei näherem Hinsehen gab es jedoch auch beträchtliche Unter-
oder "patriotischen" Gefühlen unter den Aymara in Puno während des Kriegs schiede. In Guatemala kam es zu dissoziativen Prozessen, in deren Verlauf
gegen Chile aus der Grenzsituation, in diesem Fall der Fage Punos an der bo- die Dörfer zumindest in Teilregionen des Fandes neben den Staat traten. Die
livianischen Grenze. Dadurch seien eigene, partiale Identitäten entstanden, die ethnischen Kriege, die in Guatemala entstanden und von Seiten der kleinen
quer zu den eher artifiziellen, "nationalen" Zuordnungen und Identifikationen ethnischen Gemeinwesen geführt wurden, waren durch ihre vergleichsweise
gelegen hätten. Vielleicht hatte also einfach der örtliche Präfekt Recht, der geringen Ausmaße der Gewaltanwendung und ihre kurzen und begrenzten
1886 argumentierte, daß die indianische Bevölkerung in Puno wie auch die Ziele geprägt. Meist ging es um die Vertreibung anderer ethnischer Gruppen
auf der anderen Seite des Titicacasees sich als Aymara fühlen würde, nicht als auf kommunaler Ebene. War dieses Ziel erreicht, so hörten die Gew altausein-
Peruaner oder Bolivianer, und deshalb "nationalen" Angelegenheiten wenig andersetzungen wieder auf.
aufgeschlossen gegenüberstände. In Peru führte der kriegsbedingte Staatszerfallsprozeß dagegen nicht zu dis-
soziativen Prozessen, Isolierungen und Herauslösungen der Dörfer aus Staat
und Nation. Zumindest war dies nicht in der Anfangsphase der Gewaltausein-
Michael .1. Gonzalez. Neocolonialism and Indian Unrest in Southern Peru. 1867-1848.
In: Mi AR (> 110S7). S. [-26: 2. 43
" ebenda. S 171". Nelson Manrique. Campesinado y nación. Las guerrillas indígenas en la guerra con
12
Zitiert ebenda, S. 21. Chile. Lima 1981, S. 376, 381.
104 Kapitel D ¿Competitive ethnische Kriege 105

andersetzungen, an denen die Dörfer beteiligt waren und die etwa zwischen ansteigenden Staatsfinanzen rückten eine stabile und dauerhafte Staatsbildung
1881 und 1883 lag, der Fall. Vielmehr agierten die Dörfer und die lokale in Peru wieder in den Bereich des Möglichen. Eine Verfassung mit Kom-
Guerilla in diesem Zeitraum für den Staat. Erst in der Folge des Krieges ge- promißcharakter wurde 1860 verabschiedet, allerdings anschließend durch
gen die chilenischen Besatzungstruppen änderte sich dies, als nunmehr aus Versuche der Liberalen zur Änderung schon 1867 wieder in Frage gestellt.
dem Milieu ethnischer Vergemeinschaftungen im Hochland separatistische Trotz staatlicher Mehreinnahmen und Konsolidierungen durch das Guanoge-
Politikvorhaben aufkamen. Wie waren diese Entwicklungen zu bewerten? schäft kann deshalb nur unter Vorbehalten von einer Stabilisierung der staat-
Handelte es sich bei der Guerillabewegung im peruanischen Hochland nur um lichen Ordnung in Peru nach der Jahrhundertmitte gesprochen werden.
modifizierte Ausdrucksformen defensiver Gewaltanwendungen? Oder stellte Wirtschaftliche Konjunkturen, wie die neben dem Guanoexport im gleichen
die Guerilla eine Form des "Nationalismus von unten" dar, deren Gewalt- Zeitraum auf dem Weltmarkt einsetzende Nachfrage nach Schaf- und Alpa-
anwendungen sich nicht in das hier vorgelegte Schema zur Unterteilung eth- cawolle sowie der Aufschwung des Baumwollanbaus und der Zuckerproduk-
nischer Gewaltanwendungen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert fügten? tion in den Küstenregionen während des nordamerikanischen Bürgerkriegs
1861-1865, bewirkten seit der Mitte des Jahrhunderts zunehmende Kommer-
zialisierungen der Wirtschaft auch im zentralen Hochland. Von regionalen
Krieg und Staatszerfall Schwankungen abgesehen blieben die Strukturen der comunidades jedoch im
Ganzen weitgehend intakt, weil der Druck, der auf den Dörfern und deren
Nach der Unabhängigkeit von Spanien 1824 erreichte Peru bis zum Beginn Ländereien lastete, insgesamt noch eher schwach ausfiel. Zwar führten die
des Pazifikkriegs 1879 im Grunde keine dauerhafte innere Stabilität. Dies lag nach ungefähr 1850 steigenden Erlöse für Produkte (Wolle, Fleisch, Butter),
maßgeblich an der hohen Autonomie der einzelnen regionalen Elitegruppen die auf den Märkten an der Küste zu erzielen waren, zu Bestrebungen agrari-
bzw. den scharfen Gegensätzen, die zwischen ihnen bestanden und die meist scher Unternehmer im Hochland, ihre Produktion auszuweiten, wodurch
über Fragen des Zentralismus oder Föderalismus, die Haltung des Staates zur kommunale Ländereien ebenso wie kleinbäuerliche Besitzungen (deren Be-
Kirche sowie die Wirtschafts- und Handelspolitik ausgetragen wurden. treiber im übrigen seit der Kolonialzeit als "Mestizen" galten, weil sie anders
Zwischen 1841 und 1845 war die staatliche Desintegration Perus, die auf als die Einwohner der comunidades nicht tributpflichtig waren) bedroht wur-
Konflikten zwischen der "nationalistischen" Partei in Lima und dem den. Erst aufgrund konjunktureller Einbrüche, dann wegen des Pazifikkriegs
"separatistischen" Süden um Arequipa sowie weiteren lokalen Autonomiebe- ließ die Nachfrage nach Land seit ungefähr 1870 aber wieder nach.
strebungen beruhten, wie im Norden von 1836 bis 1838, fast komplett. Erst Neue, nunmehr massivere Bedrohungen der kommunalen Ländereien und
der Boom des Guanoexports zwischen ungefähr 1840 und 1860 und die damit kleinbäuerlichen Besitzungen setzten erst wieder nach 1885 ein. Bis dahin
war die Ausdehnungsbewegung der großen Landbesitzungen in weiten Teilen
" Vgl. neben Manrique. Campesinado, vor allem Florencia E. Malion. Peasant and Na-
des Hochlands aber insgesamt eher langsam und gering. Um 1870 lebten in
tion. I'hc Making of Postcolonial Mexico and Peru. Berkeley 1995; dies.. Nationalist and
Antistate Coalitions in the War of the Pacific: Junin and Cajamarca. 1879-1902. In: Steve den Gebieten um Jauja und Huancayo, die später ein Zentrum der Guerilla
Stern (Hrsg.). Resistance. Rebellion, and Consciousness in the Andean Peasant World. 18th
bildeten, weniger als ein Viertel der Menschen auf den großen Besitzungen.
to 20th Centuries. The University of Wisconsin Press 1987, S. 232-279; dies.. The Defense
of Community in Peru's Central Highlands. Peasant Struggle and Capitalist Transition.
1860-1940. Princeton University Press 1983.
'*' Vgl. Paul Gootenberg. North-South; Trade-Policy. Regionalism and Caudillismo in ' Vgl. Nelson Manrique, El desarrollo del mercado interior en la sierra central, 1830-
Post-Independence Peru. In: JI.AS 23 (1991), S. 273-W8. 1910, La Molina 1978, S. 3ff.
106 Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege 107

Allerdings waren die Strukturen der comunidades in dieser Region durch Hintergrund bildete die Nitratindustrie und deren Wachstum den politischen
Kommerzialisierungen sowie Mestizisierungsschübe oder durch intensivere und wirtschaftlichen Hoffnungsträger und geriet zum Zankapfel zwischen den
interkommunale Beziehungen und Migrationen bereits gelockert. am Konflikt beteiligten Ländern bzw. Investoren. 49
Im frühen 19. Jahrhundert kam es auch im Hochland Perus zu Umgruppie- Im Februar 1879 brach der Krieg zunächst zwischen Chile und Bolivien
rungen der Elitegruppen. Bereits die Unabhängigkeitskriege hatten Karrieren aus, ehe im April des Jahres auch Peru einbezogen wurde. Militärisch war der
aus dem militärischen Milieu heraus ermöglicht. Später kam der Aufstieg Verlauf einseitig, auch aufgrund der Überlegenheit der chilenischen Seestreit-
unternehmerischer Kreise hinzu, die nicht zu den alteingesessenen Eliten ge- kräfte, die Truppen anzulanden und Transportwege zu sichern vermochten.
hörten und denen es gelang, die Konjunkturen nach 1840 zu nutzen. Es ent- Ende 1879 floh der peruanische Staatschef Prado nach Europa, und Nicolás
stand eine mittlere, aufstrebende Gruppe von Minenbesitzern, Händlern und de Piérola übernahm die Regierung in Lima. Nach Siegen bei Tacna und Ari-
Agrarunternehmern, die zum Teil aus anderen Regionen zugewandert waren ca Anfang 1880 drangen chilenische Truppen in das Innere.Perus vor. Am 17.
oder die aus mestizischen Kreisen heraus soziale Aufstiegsprozesse durchlief. Januar 1881 nahmen sie Lima ein, ohne daß sie dort noch eine handlungsfä-
Aufgrund der inneren Wirren in Peru, der Schwäche des Staates und der hige Regierung vorgefunden hätten. Piérola war ins Hochland geflohen und
scharfen Divergenzen zwischen den einzelnen regionalen Eliten im Land, die sammelte dort eine Gruppe von Offizieren, die willens war, den militärischen
untereinander kaum verbunden waren, vermochte diese aufstrebende Elite Widerstand fortzusetzen. Hieraus hervor ragte alsbald der Oberst Andrés
aber bis in die 1870er Jahre hinein keine stabile, durchgreifende soziale und Cáceres, der einer eingesessenen Elitefamilie in Ayacucho entstammte und
politische Kontrolle in den Hochlandzonen zu gewinnen, auch weil der Rück- über familiäre Bande zu angesehenen Familien im zentralen Hochland verfüg-
halt durch den Staat nicht verläßlich genug war. Vermutlich lag hierin ein te. Cáceres organisierte dort den militärischen Widerstand gegen die chi-
Grund für das spätere politisch selbstbewußte Agieren der montonera im lenischen Besatzungstruppen, teils aus Resten der alten Armee und National-
Ilochland. garde, teils durch die Mobilisierung der Guerillas, die sich aus den Dörfern
In der Forschung wird der Ausbruch des Pazifikkriegs meist in einen unmit- und Gemeinden {pueblos del interior) rekrutierte.
telbaren Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise um 1875 gebracht. Teils Der Krieg führte in Teilregionen des Landes zum Zerfall des Staates. Der
rührte der Krieg aus alten, seit der Unabhängigkeitsbewegung ungelösten Verlust staatlicher Legitimation und Ordnungsmacht bewirkte kurzfristig an-
Konflikten über die Grenzziehungen zwischen den beteiligten Staaten und archisch anmutende Zustände. So hieß es in einem Bericht von Cáceres an
strittigen Gebietsansprüchen her, hinter denen sich auch die Rivalität um die Piérola vom 4. September 1881 über die Provinz Cañete, in der südlichen
strategische Vormachtstellung an der südamerikanischen Pazifikküste ver- Küstenzone gelegen, daß diese in einem "schrecklichen" Zustand sei und
barg. Die Wirtschaftskrise um 1875 verstärkte die strukturellen Entwick- durch "Gruppen von Banditen" beherrscht werde. Truppen, aber auch die
kmgsprobleme aller am Konflikt beteiligten Länder. Am härtesten war Peru
betroffen, wo die Krise zu neuen Regionalisierungen im Innern führte und der
Staat schnell bankrott war. 1876 konnte Peru seine Auslandsschulden nicht
mehr begleichen, Arbeiten am Eisenbahnbau wurden eingestellt. Vor diesem
4)
Vgl. zur Entstehungsgeschichte des Salpeterkriegs Luis Ortega, Nitrates, Chilean
Vgl. Raúl Rivera Serna, Los guerrilleros del centro en la emancipación peruana. Urna entrepreneurs, and the origins of the War of the Pacific. In: JLAS 16 ( 1984), S. 337-380.
M>
1958. S. um. Vgl. die Beschreibung der Entwicklungen bei Andrés A. Cáceres, La guerra del 79.
,H
Vgl. Irederick IL Pike, The Modern History of Peru. New York l%7. S. 64 ff. Sus campañas (Memorias), Lima 1973, S. 95ÍT.
I OK
Kapitel D ¡Competitive ethnische Kriege 109

montonera, die damit erstmals als ein Substitut staatlicher Instanzen fungier- chinesische Arbeiter durch Schwarze massakriert worden sein. Stigmatisie-
te, wurden eingesetzt, um die Provinz wieder der "Ordnung zuzuführen".51 rungen der rassisch vermeintlich inferioren Chinesen begünstigten die Po-
Eine Begleiterscheinung des Staatszerfallsprozesses war der Ausbruch eth- grome: Große und einflußreiche Plantagenbesitzer, wie die Aspillagas, be-
nischer Pogrome. In Peru richteten sich diese gewalttätigen Auswüchse in er- trachteten die Chinesen nicht allein als "rassisch degeneriert", sondern auch
ster Linie gegen chinesische Plantagenarbeiter. Zwischen 1847 und 1874 mi- als krankhaft ehrgeizig und karrierebewußt und als Verursacher schwerer so-
grierten etwa 100.000 Chinesen nach Peru. Einige vermochten es, als Händler zialer Störungen.54 Möglich ist, daß abhängige schwarze Bevölkerungskreise
zu Wohlstand zu gelangen. Die meisten chinesischen Migranten fristeten je- in der Küstenregion sich diese Urteile zu eigen machten und sich deshalb zu
doch im Guanogeschäft oder auf den Baumwollbesitzungen und Zuckerrohr- Pogromen gegen die Chinesen berechtigt oder gar aufgerufen fühlten. Zu er-
plantagen ein meist erbärmliches Dasein. Die chinesischen Plantagenarbeiter gänzen bleibt, daß auch Aufstände von Schwarzen im Rahmen des Pazifik-
galten zeitgenössischen Beobachtern als wirtschaftlich ausgebeutet, kulturell kriegs vorkamen, wie 1879 im Tal von Chincha, wo schwarze Landarbeiter
entfremdet, von der Familie isoliert und dem Drogenkonsum verfallen. Nord- sich aus klientelaren und patriarchalischen Bindungen lösten und Besitzungen
amerikanische Konsulatsberichte sprachen 1873 davon, daß in Peru die Angst angriffen und zerstörten."
vor den chinesischen Arbeitern groß sei, weil es "verzweifelte" Männer seien,
ohne jede sozialen und kulturellen Bindungen und deshalb zu allem iahig.52
Mit teils außerordentlich repressiven und grausamen Methoden versuchten Die Montonera
die Grundbesitzer bzw. deren Verwalter, auf den Plantagen die Ordnung und
Disziplin zu wahren. Vielfältige Widerstandsformen waren das Ergebnis, die Rekonsolidierungen der Ordnung, von kriegerischen Einbrüchen immer
vom Suizid, der Flucht oder Brandstiftungen bis hin zur Ermordung verhaßter wieder unterbrochen, kamen in dieser Lage von zwei Seiten her.
Vorarbeiter oder Aufseher reichten. 1870 kam es im Pativilca-Tal zur offenen Zum einen ist die chilenische Besatzungsmacht zu nennen, die von Lima
i

Revolte chinesischer Arbeiter, ebenso 1876 in Trujillo sowie im Tal von Chi- aus zunächst die Küstenregion mit der dort ansässigen Exportwirtschaft kon-
cama. trollierte und sich im Mai 1881 und neuerlich im Januar 1882 anschickte,
Den Pazifikkrieg und den Einmarsch chilenischer Truppen nutzten zahlrei- auch das Hochland zu besetzen. Zum anderen versuchten die Reste der pe-
che chinesische Plantagenarbeiter zur Flucht. Andere schlossen sich zusam- ruanischen Armee bzw. die Widerstandsgruppen im zentralen Hochland und
men und kämpften an der Seite chilenischer Truppen gegen die peruanische im Norden, staatliche Strukturen aufrechtzuerhalten. Zum wichtigsten Macht-
Armee bzw. die peruanischen Grundbesitzer. Offenbar waren wechselseitige zentrum im zentralen Hochland avancierte dabei die "Oberste militärische
Gewaltaufschaukelungen die Folge. In Lima wurden nach Plünderungen chi- und politische Kommandogewalt über die Provinzen des Zentrums", der
nesische Händler von abziehenden peruanischen Truppen umgebracht. Im Tal Cáceres als Befehlshaber vorstand. Eine seiner wichtigsten Machtstützen wa-
von Caete sollen nach Angaben des englischen Konsuls 1880 bis zu 1.500 ren dabei der Rückhalt durch die Guerilla und die Strukturen der Dörfer und

5,1
Vgl. Heraclio Bonilla, The War of the Pacific and the National and Colonial Problem
Vgl. das Schreiben v. A. Cáceres an N. Piérola. 04.09.1881. In: Campaña de la Breña. in Peru. In: Past and Present 81 (1978), S. 109.
Colección de documentos inéditos. 1881-1884. Hrsg. v. Luis Guzman Palomino. Lima 54
Vgl. Michael J. Gonzalez, Chinese Plantation Workers and Social Conflict in Peru in
1000. S. 841". the Late Nineteenth-Century. In: JLAS 21 (1989), S. 424.
?
" Zitiert in Watt Stewart. Chinese Bondage in Peru. A History of the Chinese Coolie in " Vgl. Ramon Aranda/ Carmela Sotomayor R., Una sublevación negra en Chincha. In:
Peru. I 849-1874. Durham 1951. S. 220. W. Reátegui u.a.. La guerra del pacífico. Vol. 1, Lima 1979, S. 2441'f.
¡Competitive ethnische Kriege 111
Kapitel D

Gemeinden, ohne die der militärische Widerstand vermutlich überhaupt nicht delte es sich jedesmal um Steuerrevolten, in denen die Bevölkerungen sich
zu organisieren gewesen wäre56 und das reststaatliche Handeln ins Leere ge- gegen als zu hoch empfundene Besteuerungen und Abgabenzwänge wand-
griffen hätte. Zumindest in Teilen des zentralen Hochlands gewann die Gue- ten.58 Diese Revolten dokumentierten, daß die comunidades keineswegs nur
rilla nach 1882/83 die tatsächliche Herrschaftsgewalt vor Ort. "nationalen" Motiven nachhingen, sondern die lokale, defensive Abwehr ge-
Bei der Guerilla oder montonera handelte es sich anfänglich um in sozialer genüber übermäßigen Bedrückungen durch den Staat ein wichtiger Bestand-
und ethnischer Hinsicht heterogene Kombattantengruppen, denen Kreolen, teil ihrer Verhaltensmuster und Konfliktbereitschaft blieb.
Indios oder Mestizen bzw. Händler, Grundbesitzer oder Bauern angehörten. Der Guerillakrieg im zentralen Hochland war gewaltintensiv. Im Mai 1882
Spätestens seit dem zweiten chilenischen Vorstoß in das Hochland Anfang z.B. kabelte der Konteradmiral Lynch, der seit Mitte Mai 1881 die chileni-
1882, der mit schärferen Bedrückungen und Repressionen und der Errichtung schen Verbände in Peru von Lima aus befehligte, an das Kriegsministerium in
einer dauerhaften Besetzung einherging, kam es jedoch zu Spaltungen. Santiago de Chile, daß die "pueblos de indios" westlich des Flusses Huancayo
Grundbesitzer und städtische Kreise begannen, ein Arrangement mit den sich erhoben hätten und daß bei anschließenden Kämpfen am Flußübergang
Chilenen zu suchen. Teils rührte dies anscheinend aus Pauperisierungen eher die chilenischen Truppen 14 Mann verloren hätten, die Indios aber 470.
mestizischer Kreise in den Städten her, die nicht länger bereit waren, die Auch die Repressionen von chilenischer Seite fielen scharf aus: Ebenfalls An-
kriegsbedingten Lasten zu tragen. Auch konnten soziale Ordnungsängste eine fang Mai 1882 ordnete Lynch an, jeden in Waffen aufgegriffenen montonero
wichtige Rolle spielen. So wuchsen innerhalb der Elitegruppen die Besorgnis- vor ein Kriegsgericht zu stellen und zu erschießen.6 Nahrungsmangel und
se über die montonera der Dörfer, weil es im Rahmen der kriegerischen Aus- vor allem Epidemien (Typhus, Gelbfieber) sorgten für zusätzliche Opfer.'
einandersetzungen und des Widerstands nun auch zu Landnahmen und Beset- Außenstehende Beobachter und städtische Kreise betrachteten den indiani-
zungen einzelner Grundbesitzungen durch die comunidades kam. Insgesamt schen Widerstand gegen die Chilenen aus der Distanz eher verwundert. Ri-
verbargen sich in der Haltung, die einzelne Dörfer oder soziale Gruppen im cardo Palma etwa, der als Korrespondent die Zeitschrift El Canal, die in Pa-
Hochland Perus in den frühen 1880er Jahren zum Krieg gegen die chileni-t nama erschien, mit Nachrichten aus Lima versorgte, kommentierte in seinen
sehen Besatzungstruppen einnahmen, massive politische Rivalitäten wie so- Reportagen die Härte der Kämpfe im Hochland wie auch die
ziale Interessengegensätze. Konflikte zwischen oligarchischen, ländlichen
Gruppen, die über hergebrachte klientelare Bindungen zu den Dörfern verfüg-
ten, und eher mittleren Kreisen in den Städten, zählten vorrangig dazu, so wie
die Auseinandersetzungen zwischen diesen Gruppen um die politische Kon- 58
Vgl. z.B. den Bericht von L. Méndez an den Präfekten in Arequipa, 07.04.1883. über
trolle der lokalen Gesellschaft maßgeblich das Verhalten der einzelnen gesell- die Erhebung in San Jerónimo: "[...] en el pueblo de San Jerónimo cuyos indios se han
amotinado con el propósito de que se les exonere al pago de la contribución." In: Campaña
schaftlichen Teilgruppen im Krieg gegen Chile bestimmten. Dazu gehört de la Breña. Colección, S. 232. líbenda, S. 236, der Bericht über einen Aufstand in Huanta
auch, daß es Mitte 1883 im zentralen Hochland zu lokalen Revolten kam, wie und den bewaffneten Kampf der Indios gegen die Polizeikräfte: "A consecuencia de que el
subprefecto de Huanta daba principio al cobro de la contribución personal [...], se ha levan-
in Ayacucho oder in Huanta im April 1883. Bei diesen kleinen Revolten han- tado toda la indiada de todas esas comarcas con el intento de atacar la fuerza de gendar-

*" Telegramm v. 08.05.1882. In: Partes oficiales de la guerra con Chile. Selección, pre-
Vgl. zur Organisation und Infrastruktur der montonera an einem regionalen Beispiel facio y notas de Rogger Ravines, Lima 1992, S. 117.
Aquilino Castro Vasque/.. Los guerrilleros de Chupaca en la guerra con Chile, Lima 1982, Lbenda.
01
S. 63 ft'. Vgl. das Telegramm von Lynch an das Kriegsministeriuni v. 20.06.1882 über die Ty-
Vgl. Campaña de la Breña. Colección. S. 21 Of. phusepidemie in Huancayo und die chilenische Verluste. Hbenda, S. 124.
113
112 Kapitel D /Competitive ethnische Kriege

"Starrköpfigkeit" der Indios, die von ihren "Pfarrern" geführt nicht davon ab- fürchtet und gedeutet wurde, waren auch in diesem Fall neue Diskurse die
lassen würden, die Chilenen zu bekriegen. Folge. Die Guerilla der comunidades, bis dahin als Patrioten bezeichnet, wur-
Durch die Ausnutzung der überkommenen Regionalismen und Spannungen de im Zuge dieser Vorgänge und im Zeichen der Reorganisation des peruani-
zwischen den einzelnen Landesteilen konnten die Chilenen im Oktober 1883 schen Staates umdefiniert zu Banditen, Barbaren und Kriminellen.
mit Miguel Iglesias, dem Präsidenten einer prochilenischen Übergangsregie- Zeitzeugen, an erster Stelle Cáceres selbst, zeigten sich von der "spontanen"
rung und großen Grundbesitzer aus Cajamarca, in Ancón einen Friedensver- Erhebung der Dörfer gegen die chilenischen Besatzungstruppen zutiefst be-
trag aushandeln. Im Hochland wurde der militärische Widerstand von Cáceres eindruckt. Im Juli 1882 forderte Cáceres, wegen ihrer patriotischen Ein-
aber zunächst fortgesetzt, der sich nunmehr nicht allein gegen die Chilenen, stellung und Opfer alle Mitglieder der montonera in den Departements Junin
sondern auch gegen den "Verräter" Iglesias richtete. Im Juni 1884 schließlich und Huancavelica von der Steuerpflicht auszunehmen , und im September
erkannte Cáceres den Friedensvertrag von Ancón an, wobei der Nachweis der des gleichen Jahres richtete er an die Diözese in Ayacucho die Bitte, die Be-
eigenen Regierungsfähigkeit wohl ein wichtiges Motiv seines Handelns dar- wohner der Dörfer, die sich als "tapfere Staatsbürger" um das peruanische
stellte: Cáceres sollte 1886 das Amt des Staatspräsidenten übernehmen. Vaterland verdient gemacht hätten, von kirchlichen Abgaben zu befreien.
Mit der Beendigung des Kriegs gegen die Chilenen im Oktober 1883 verän- Noch im November 1883 und in einer nunmehr völlig veränderten politischen
derte sich der Charakter der kollektiven Gewaltanwendungen im zentralen Situation erklärte Cáceres in einer Botschaft an den Stadtrat von Acostambo
Hochland. Bereits im September 1883, als die Chilenen auf Huanta vorstie- die montonera des zentralen Hochlands zum würdigen Träger und Repräsen-
ßen, kam der Begriff des Rassenkriegs auf, um die Guerilla zu stigmatisieren. tanten der peruanischen Nation. Allein die Dörfer, so Cáceres, hätten in der
Die montonera, so der Vorwurf, würde einen Vernichtungskrieg gegen die Zeit der chilenischen Besetzung die nationale Würde und die Einheit und Eh-
"Weißen" führen.' Ähnlich veröffentlichte die Zeitung La Reacción, die in re Perus verteidigt, während den Eliten des Landes ("las clases directoras de
Lima erschien, am 08. Februar 1884 einen Bericht aus Ica, in dem es hieß, la sociedad") alle staatsbürgerlichen Tugenden abhanden gekommen seien.
daß die Dörfer auch Cáceres nicht mehr gehorchen würden. Die Indios, nun Ihn würde deshalb ein tiefes Gefühl der "Bewunderung" und der Dankbarkeit
"freie Herren ihres Willens" und ohne Führung durch einen Caudillo, hätten für die "Dörfer des Hochlands" (pueblos del centro) erfüllen. Deutlich wird,
sämtliche große Ländereien im Departement besetzt und auf der Besitzung La wie die politischen Interessen von Cáceres in die Wertung der Guerilla ein-
Ouinua einen Inkakönig ausgerufen ("...proclamaron Inca a uno de lps flossen.
hacendados indígenas").' Weil die Ausrufung eines indianischen Königs, ob Alle zeitgenössischen Berichte stimmen darin überein, daß die Guerilla aus
sie tatsächlich stattfand oder nur eingebildet war, von den spanischen und den Dörfern im Hochland hervorging und dort auch ihre Trägergruppen be-
kreolischen Gruppen jedoch regelmäßig als Beginn eines Rassenkriegs ge- saß. In dieser Perspektive handelte es sich bei der Guerilla im Hochland aber
zunächst einmal um eine Form der im Andenraum verbreiteten kommunalen
"- Vgl. den Bericht v. 03.05.1882 aus Lima, erschienen in "L:l Canal" am 17.05.1882. In: Abwehrleistungen gegenüber fremden Bedrängungen oder Unterdrückungen.
Ricardo Palma. Crónicas de la Guerra con Chile (1881-1883). Hrsg. v. H. López Martinez,
lima 1984. S. 168.
"' Zu den Motiven von Cáceres vgl. Nelson Manrique. La ocupación y la resistencia. In: ' Parte oficial del general Cáceres sobre los combates de Marcavalle. Pucará. Concep-
Jorge Basadre (Hrsg.), Rellecciones en torno a la guerra de 1879. Lima 1979. S. 304f. ción, San Juan Cruz, 31.07.1882. In: Adolfo Bravo Guzmán, La segunda enseñanza en
Manifestación clara y vericida de los sucesos acaecidos en Huanta el 25 de setiembre Jauja. Jauja 1971, S. 667.
67
de 1883 con motivo de la expedición chilena sobre los pueblos del interior. In: Simón F. Brief v. A. Cáceres an den Bischof in Ayacucho. 12.09.1881. In: Campaña de la
Sancho/ Torres. 1883. 4ta. resistencia de la Breña. Lima 1984. S. 62f. Breña. Colección, S. 206f.
M
' Campaña de la Breña. Documentos. S. 338. Schreiben von Cáceres an den Stadtrat v. Acostambo. 29.11.1883. Ebenda, S. 324f.
114 Kompelitive ethnische Kriege
Kapitel D

In ihren Anlangen stellte die Guerilla eine Form ethnischer Revoltengewalt zer und Grundbesitzer sei deshalb verpflichtet, die "patriotischen Soldaten"
dar. Nur wurde die Bedrohung des Besitzstandes und der relativen Autonomie der Guerilla zu unterstützen.
der Dörfer in diesem Fall nicht durch den eigenen Staat, sondern vielmehr Nach Mallon handelte es sich bei dieser Erklärung der Guerillaführer von
durch eine fremde militärische Besatzungsmacht hergestellt. Insgesamt ist Comas um das Dokument eines "alternativen Nationalismus", in dem die Dör-
aber Bonilla zuzustimmen, daß die Teilhabe der Dörfer am Widerstand gegen fer für sich mehr Einfluß im Rahmen von Staat und Nation beanspruchten.
die chilenische Besatzungsmacht nicht nationale Identitäten oder nationali- Allerdings spricht der Text als Bezugspunkt der eigenen Identifikation von
stische Gesinnungen indigener Bevölkerungen zum Ausdruck gebracht habe, der patria natal, also eher noch einer Mischung zwischen dem vergleichswei-
sondern einfach die alten Risse zwischen lokalen oder ethnischen Vergemein- se abstrakten Begriff der patria im nationalen Sinn einerseits, dem engeren
schaftungen einerseits und dem Staat andererseits. Das Motiv der Dörfer im Verständnis der patria als lokalem Geburtsort anderseits. Ursprünglich
Kampf gegen die Chilenen sei eine weitergehende Stärkung des Partikularis- drückte der Begriff der patria in Spanisch-Amerika die Liebe zur Heimat als
mus und ihrer Autarkie gewesen, habe "nationalistischen" Motiven also völlig Verbundenheit zu dem Ort aus, wo jemand geboren war. Insofern besaß er
ferngestanden. scharfe lokale Konnotationen. Eine Definition der patria in diesem Sinn fin-
Im Verlauf des Guerillakriegs kamen nun jedoch diskursive Figuren und det sich bereits in der ersten Auflage des Wörterbuchs, das die Königlich-
Verlautbarungen der montonera auf, die über die Ebene kommunaler und en- Spanische Akademie in Madrid 1726 herausgab. Aus der Unabhän-
ger ethnischer Solidaritäten hinausreichten. Erstmals tauchten sie zu Anfang gigkeitsbewegung sind die Schwierigkeiten bekannt, die die kreolischen Eli-
des Jahres 1882 auf. In der Zwischenzeit hatten die chilenischen Truppen ver- ten dabei besaßen, diese lokalen Bindungen, die der Begriff der patria bein-
sucht, ins Hochland vorzustoßen, und die Front der "Patrioten" begann auf- haltete, auf breitere Gruppen und Regionen oder auf abstraktere und anony-
grund der inneren Spannungen zwischen den Dörfern und urbanen Gruppen mere Systeme oder Konzepte zu übertragen. Insofern deutet die Begrifflich-
und Grundbesitzern zu bröckeln. In jenen Tagen fing eine Gruppe der Gueril- keit der montonera aus Comas also nicht zwangsläufig, wie Mallon annimmt,
la ein Schreiben von Jasinto Ceballos ab, einem Grundbesitzer, das dieser an auf ein "nationales" Selbstverständnis und daraufhin, daß die eher lokale oder
seinen Verwalter gerichtet hatte. Darin bezeichnete Ceballos die Guerilla als regionalistische, pränationale Vorstellung der patria im Denken der Kombat-
Barbaren und Kriminelle, die den Krieg als Vorwand nehmen würden, um tantengruppen aus der Region tatsächlich überwunden war. Genausogut hätte
Plünderungen, Raubüberfälle und andere Gewalttaten zu begehen. Mehrere sich der Gebrauch des Begriffs der patria auch mit den überkommenen loka-
Guerillaführer aus Comas antworteten darauf in einem Schreiben vom April len Identifikationen oder mit defensiven Motiven der Dörfer auf kommunaler
1882. Nicht die Guerilla sei kriminell, hieß es darin. Vielmehr seien die Ebene vertragen.
Grundbesitzer, die mit den Chilenen kooperierten, Verräter am Vaterland und
an den Peruanern. Die Guérilleros dagegen würden unter dem Befehl des Ge-
neral Cáceres das Vaterland ("nuestra patria natal") verteidigen. Jeder Pflan- Carta de los jefes guerrilleros de Comas a un terrateniente colaboracionista,
16.04.1882. In: Manrique, Campesinado. S. 393f. Bei der montonera aus Comas handelte
es sich um vergleichsweise autonome Kombattantengruppen, die trotz ihrer mangelhaften
Bewaffnung und organisatorischer Defizite von einiger militärischer Schlagkran waren, wie
die Vernichtung der chilenischen Truppen in Concepción durch die Guerilla von Comas im
Juli 1882 zeigen sollte. Vgl. dazu Informe de Ambrosio Salazar a Juan Gastó sobre el com-
llcraclio Bonilla. The Indian Peasantry and "Peru" during the War with Chile. In: bate en Concepción, 10.07.1882. In: Bravo Guzmán, La segunda enseñanza, S. 667.
71
Stern. Resistance. S. 219-231: 222. Mallon, The Defense, S. 91.; dies.. Peasant and Nation. S. 196f.
116 Kapitel D Kompetitive ethnische Kriege 117

Die Konföderation von Comas handlungen könnten auch andere comunidades der Konföderation von Comas
beitreten.72 Dieses separate staatliche oder staatenähnliche Gebilde hielt sich,
Nach der Beendigung der chilenischen Besatzung fügten sich Teile der durch die abgeschiedene geographische Lage begünstigt, von 1887 bis etwa
Guerillagruppen und Dörfer nicht in die neue politische Ordnung. Ein wichti- zur Mitte der 1890er Jahre, ohne daß der peruanische Staat in der Zwischen-
ger Streitpunkt war dabei die Frage, was mit den Ländereien geschehen sollte, zeit entscheidend zu intervenieren vermocht hätte. Eingedämmt wurde die
die die Dörfer während des Kriegs gegen die Chilenen besetzt hatten. Die Konföderation von Comas erst nach einem neuem Schub autoritärer Zentrali-
Regierung beschritt dabei im Zuge der Reorganisation des Staates und neuer sierungspolitik, die 1895 einsetzte. Dauerhaft niedergeworfen wurde Comas
Zentralisierungsbemühungen verschiedene Wege, um die Landbesetzungen 1902 durch das Eingreifen von Militär und freiwilligen Polizeitruppen, die die
rückgängig zu machen, das Hochland zu befrieden und die Dörfer unter ihre Grundbesitzer und Händler aus Concepción aufgestellt hatten.
Kontrolle zu bringen. Diese Maßnahmen reichten vom offen repressiven Mili- Auch in Comas stellt sich die Kriegführung der Dörfer im nachhinein als
täreinsatz bis hin zu Verhandlungen oder den Versuchen, interkommunale eine Abfolge unterschiedlicher Motivationslagen dar. Im April und Mai 1882,
Divergenzen auszuspielen und dadurch die Gemeinden zu spalten. Neue ad- als die comunidades um Comas den bewaffneten Widerstand gegen die Chi-
ministrative Einteilungen der Distrikte oder Privilegierungen von Hauptorten lenen aufnahmen, herrschten anscheinend noch lokale Bindungen, vorpoliti-
gegenüber angeschlossenen Filialgemeinden und umgekehrt stellten Mittel sche Handlungsorientierungen und kulturelle Motive vor. Zumindest deuten
dar, um einzelne Dörfer und Gemeinden für ihre Kooperation und die Unter- darauf die kollektiven Erinnerungen hin, die in den Dörfern bis heute kursie-
stützung der Regierung zu belohnen bzw. in den Staat zu integrieren, während ren. So sollen, nachdem chilenische Soldaten zuvor in der benachbarten Ge-
andere isoliert oder abgestraft wurden. meinde Pumamanta angeblich ein junges Mädchen vergewaltigt hatten, die
Im Gebiet von Comas, östlich von Jauja gelegen, funktionierte diese Politik Chilenen 1882 beim Vorstoß auf Comas den Einwohnern dort die Forderung
aber über Jahre hinaus nicht. Tatsächlich gewann der Staat in dieser Region gestellt haben, ihnen nicht allein Verpflegung, sondern auch "fünfzehn Jung-
keinerlei Kontrolle über die Dörfer, die aufgrund ihrer Kampferfahrungen ge- frauen" zu übergeben. Angeblich kam es beim chilenischen Vorstoß in das
gen die Chilenen anscheinend recht selbstbewußt und deren innere ethnische Hochland verschiedentlich zu solchen Forderungen, und jedesmal identisch
Geschlossenheit und Homogenität vergleichsweise hoch waren. Dies waren soll auch die Reaktion der Dörfer gewesen sein: Die ehrverletzende Forde-
zumindest zwei Voraussetzungen dafür, daß Comas in der zweiten Hälfte der rung der Chilenen wurde auf hastig einberufenen Versammlungen der Dörfer
1880er Jahre begann, über den überkommenen Partikularismus der Dörfer erörtert, die daraufhin den Kampf gegen die Chilenen beschlossen. Auch
hinaus nach politischer Autonomie und staatlicher Selbständigkeit zu streben. Frauen nahmen als Kombattanten daran teil, zumindest in Comas.
Am 25. Januar 1888 richteten die Offiziellen von Comas ein Schreiben an Am Anfang des Guerillakriegs gegen die chilenischen Besatzungstruppen
die benachbarte Gemeinde von Uchubamba, in der die Errichtung einer standen auf Seiten der Dörfer also Ehrgefühle und deren Verletzung, die als
"Kontoderation" oder "Allianz" verschiedener Gemeinden und Distrikte in Motive fungierten, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Insgesamt war der
der Region vorgeschlagen wurde. Diese Konföderation sollte sich selbst re-
gieren und über eine eigene Rechtsprechung und Finanzverwaltung verfügen. 2
Mallon, The Defense, S. 11 lf.
In politischer Hinsicht sollte sie als ein "Bundesstaat" mit von den Staatsbür- 73
Vgl. Mallon, Peasant and Nation, S. 188ff.; Rafael Concha Posadas, Nuestras gestas
guerrilleras indígenas. Lima 1973, S. 14ff.; La guerra del Pacífico. 1879-1883: La resisten-
gern (ciudadanos) freigewählten "Autoritäten" organisiert sein. Nach Ver-
cia de la Breña, Vol. II. Hrsg. v. Comisión Permanente de Historia del Ejército Peruano,
Lima 1982, S. 152ff.
118 Kapitel D

Entschluß, Widerstand zu leisten, eher spontan. Erst im Anschluß daran ge- wurf lautete auf Besetzungen und Plünderungen von Ländereien. Ferner soll
lang es dem Hauptquartier unter Cáceres, durch eigene Organisationsleistun- Laimes, so der bereits aus anderen ethnischen Konflikten bekannte Vorwurf,
gen aus der momentanen Empörung eine dauerhafte Guerilla zu formen. Of- sich zu einem neuen Inkakönig ausgerufen haben. Von diesem Vorwurf her
fiziere und Beauftragte von Cáceres durchzogen in den Jahren 1882/83 das rückten Laimes und seine Gefolgsleute in die Nähe einer millenaristischen
Hochland, um Mobilisierungen vorzunehmen sowie örtliche Guerillabewe- Bewegung bzw. sie erschienen als Protagonisten eines neuen Rassenkriegs.
gungen zu organisieren und zu koordinieren. Die Hinrichtung von Laimes und von anderen Führern der montonera, die
Nach Husson spielten möglicherweise noch andere Motive bei dem Ent- Cáceres befahl, war nicht allein ein Akt politischer Repression oder gewalt-
schluß der Dörfer, militärisch gegen die chilenischen Truppen zu agieren, ei- samer Einschüchterung. Es handelte sich vielmehr auch um eine symbolische
ne Rolle. Danach handelte es sich bei den örtlichen Eliten und späteren Füh- Handlung: In der Kriegssituation waren den Dörfern von seiten der provisori-
rerfiguren der Guerilla um die Angehörige von Mittlergruppen, die sich durch schen Regierung bzw. des militärischen Oberkommandos neue Rollen und
ihre Stellung zwischen der dörflichen und der umgebenden Regionalgesell- Identitäten zugewiesen worden. Die Dörfer und die von ihnen getragene
schaft eine privilegierte soziale Stellung und erhöhte Macht und Prosperitäts- Guerilla waren als nationale Befreiungskräfte oder als Substitut des Staates
chancen erworben hatten. Für diese Mittlergruppen habe der chilenische definiert gewesen. Die Erschießung von Laimes, nach dem Abzug der chileni-
Vorstoß ins Hochland aber eine Bedrohung von Status und Rollenfunktion schen Truppen aus Peru angeordnet, stellte insofern auch eine diskursive
dargestellt, weshalb sie zur Bildung der Guerilla übergegangen seien. Zumin- Wendung dar, in der wieder eine andere (alte) Hierarchie im Projekt der Na-
dest für die Provinz Huanta würde dies die eigentümliche Koalition zwischen tionbildung reklamiert wurde. Damit fanden aber von seiten des Staates auch
den Dörfern und "traditionalen" agrarischen Kreisen erklären, während die Ethnisierungen des Konflikts statt, indem die Guerilla wieder auf einen loka-
"mestizischen", städtischen Gruppen in Huanta die Kooperation mit den Chi- len Status herunterdefiniert und durch das Bild der angeblich angestrebten
lenen gesucht hätten, um auf diese Weise überkommene wirtschaftliche und Rückkehr zur Inkaherrschaft „indianisiert" wurden. Hier waren offenbar wie
soziale Verhältnisse und politische Machtverteilungen zu revidieren. Auf je- im Fall Guatemalas Ethnisierungen von Konfliktstrukturen ein brauchbares
den Fall scheinen die Entwicklungen in Huanta 1883 neuerlich die Relevanz Mittel für den Staat, um die von ihm angestrebte politische Ordnung von
klientelarer Bindungen für die Konstitutierung (auch) ethnischer Solidaritäten Räumen durchzuführen und Hierarchien in das Verhältnis von Staat und Dorf
zu belegen, die in dieser Untersuchung bereits verschiedentlich zutage getre- einzuziehen. Auch Cáceres verlor im Zuge dieser Politik an Einfluß auf die
ten ist. Dörfer. Der Befehl von Cáceres Anfang 1886, die montonera im Tal von
Nach der Anerkennung des Vertrags von Ancón durch Cáceres im Juni Mantaro zu entwaffnen, stieß in den Dörfern und Gemeinden auf Ablehnung.
1884 setzte die umfassende Repression der montonera ein. Eine erste Zuspit- Die Gemeinden würden, so der darüber Bericht erstattende Präfekt, aufgrund
zung fand bereits im Juli 1884 statt, als Cáceres mehrere Guerillaführer, dar- des "[...] Kriegszustands, in dem sie sich in den letzten Jahren befanden", es
unter den angesehenen Tomás Laimes, der aus Huanta stammte und als Kor- noch nicht für gekommen halten, ihre Waffen an den Staat abzugeben.
poral in der Armee gedient hatte, nach Huancayo befehligte und dort nach Die Konföderation von Comas stellte den Versuch dar, der diskursiven In-
einem Schnellverfahren vor einem Kriegsgericht exekutieren ließ. Der Vor- terpretation der Nation, in der die montonera der Dörfer vom Status der pa-
triotischen Soldaten auf den der Kriminellen, Vagabunden und Viehdiebe

" Vgl. Putrick Husson. De la guerra a la rebelión (Huanta, siglo XIX), Lima 1992, S.
194. 229. Malion, Peasant and Nation, S. 210.
120 Kapitel D Kompetitive ethnische Kriege

oder auch bloß den vermeintlich delirierender Millenaristen (Tomás Laimes) musvorhabens als ein kompetitiv geprägtes Unterfangen den Vorteil, die Vor-
abdriftete, ein Gegenmodell entgegenzustellen. Einerseits die Aufladung der gänge in Comas nicht als eine Entstehung neuer Nationalismen oder Regio-
kommunalen Diskurse durch eine nationale und patriotische Symbolik und nalismen im "modernen" Sinn werten zu müssen.
Begrifflichkeit, wie sie während des Guerillakriegs gegen die chilenischen
Truppen stattgefunden hatte, andererseits der Zwang, sich gegen seit Ende
1883 wieder mehrende diskursive Ausgrenzungen aus oder Marginalisierun-
gen innerhalb der Nation zu wehren, erklären dabei, warum die comunidades
um Comas bei ihrer sezessionistischen Politik eine diskursive, institutionelle
und legitimatorische Vernetzung oberhalb der "alten" kommunalen Solidaritä-
ten und Bindungen in Form einer nationalen und "modernen" Begrifflichkeit
suchten.
Fin "modernes" nationalistisches Entwicklungsprojekt stellte dies aber nicht
dar, weil breite Mobilisierungen von Bevölkerungen über eine nationalisti-
sche Symbolik ausblieben bzw. gar nicht möglich waren. Vor allem fußte die
Konföderation trotz ihrer "modernen" Begrifflichkeit und Symbolik weiterhin
auf korporativen Strukturen: Nicht einzelne Bürger waren aufgerufen, der
Konföderation beizutreten, sondern vielmehr sollten sich die Dörfer in corpo-
re anschließen. Eher stellt sich die "moderne" Rhetorik und Symbolik der
Konföderation als eine diskursive Gegenbewegung und Abwehr zu den Eth-
nisierungen des Konflikts dar, die der Staat betrieb.
In begrifflicher Hinsicht eindeutig waren die Gewaltanwendungen, die von
den comunidades ausgingen, nicht. Vielmehr kam es zu Mischungen. Ethni-
sche Revoltengewalt wie im Fall der Steuerrevolten, die 1883 aus Arequipa
oder Huanta berichtet wurden, sozial motivierte Gewaltanwendungen oder
aber Guerillakriegführung im nationalen Sinn waren nicht immer deutlich
unterscheidbar. Im Überblick aber versetzten in Peru die kriegsbedingten
Autlösungen des Staates die comunidades in die Lage, auf der Grundlage des
hergebrachten dörflichen Partikularismus eine Form kompetitiver Gewaltan-
wendungen auszubilden, die sich in dieser besonderen Konjunktur gegen den
Staat selbst richtete. Anders als in Guatemala, wo die kompetitive Gewalt
zerstreut und eher diffus war, ballte sie sich in Peru also in dem Projekt eines
staatlichen Separatismus. Dabei bietet diese Charakterisierung des Separatis-
E. Zusammenfassung

Im allgemeinen können seit dem 19. Jahrhundert grob zwei Konstellationen


für die Entstehung ethnischer Kriege oder im Vergleich dazu abgeschwächter
kriegerischer ethnischer Gewaltanwendungen unterschieden werden.
Die erste stellt die sozusagen klassische europäische Variante dar. Seit dem
19. Jahrhundert entstanden ethnische Kriege oder kriegsähnliche ethnische
Gewaltkonflikte primär als Folge nationalstaatlicher Arrondierungen oder
durch das Aufkommen ethnonationalistischer Strömungen und Bewegungen,
die Eskalation ethnisch begründeter separatischer Aufstandsgewalt zu inneren
Kriegen inbegriffen. Die zweite Variante ist neuerer Art. Ihr lagen vor allem
postkoloniale Entwicklungssituationen zugrunde mit politischen und sozialen
Desintegrationen und umfassenden Staatszerfallsprozessen. Kriegsähnliche
ethnische Auseinandersetzungen dokumentierten sich in dieser Variante als
"[...] zerstörerische Wirkungen ethnischer Konflikte gegenüber dem Staat'"
bis hin zu Retribalisierungen gesellschaftlicher Konflikte als Folge des Feh-
lens staatlicher Autorität, wie es jüngst wieder in Teilen Afrikas vorkommt.;
Betrachten wir die ethnischen Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert,
so fügten sich diese weder gänzlich in die eine noch in die andere Variante.
Vielmehr besaßen sie eigene Merkmale und Kennzeichen. Dies lag an vieler-
lei Gründen, wie dem Mischungscharakter der lateinamerikanischen Gesell-
schaften seit 1500 oder dem lokalen Zuschnitt ethnischer Gemeinwesen. Aus-
schlaggebend aber blieb wohl das Verhältnis von staatlicher Organisation ei-
nerseits und ethnischen Gemeinwesen andererseits, so daß das Aufkommen
oder Ausbleiben ethnischer Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert eng
mit dem Wachstum oder Zerfall der Staaten bzw. mit der Ordnung oder aber
der Fragmentierung von Räumen zusammenhing. Insgesamt dokumentieren

1
Jakob Rösel, Ethnische Konflikte im postkolonialen Staat. In: Macht und Recht. Fest-
schrift für Heinrich Popitz. Hrsg. v. Hans Oswald, Opladen 1990, S. 219-236: 219f.
2
Isaacs hatte Mitte der 1970er Jahre die These aufgestellt, daß ein "essentieller Triba-
lismus" sich in Afrika politisch durchsetzen werde. Vgl. Harold R. Isaacs, Idols of the Tri-
be. Group Identity and Political Change, Cambridge/ Mass. 1989, S. 32ff. Zum Begriff des
Tribalismus und den Schwierigkeiten seiner Anwendung vgl. Carola Lentz, "Tribalismus"
und Ethnizität in Afrika. Ein Forschungsüberblick. In: Leviathan 23 (1995), S. 115-145.
Kapitel E Zusammenfassung 125

die ethnischen Kriege die Fragwürdigkeiten eines etatistischen Kriegsbegriffs


für die Gegebenheiten in Lateinamerika im 19. Jahrhundert ZUR BEDEUTUNG ETHNISCHER KRIEGE

Für die staatliche Organisation des kolonialen Lateinamerika waren Institu-


tionen bürokratischen Typs sowie die mehr oder minder hierarchischen An- Im frühen 19. Jahrhundert kam es durch die Krise der staatlichen Ordnung
ordnungen unterschiedlicher Teilräume kennzeichnend gewesen. Zwar gab es und die Fragmentierung von Räumen zu Veränderungen. Neben dem Staat
hier vielerlei regionale Variationen, Isolierungen von Gebieten, Stagnationen und staatenähnlichen Gebilden beanspruchten nun auch segmentare Gewalten
der institutionellen Entwicklungen oder auch deren Rückentwicklungen im oder ethnische Gemeinwesen die (in Weberianischen Kategorien) Ausübung
17. und frühen 18. Jahrhundert. Insgesamt waren ethnische Kriege aber sel- eines Gewaltmonopols in ihrem Einflußgebiet. Dadurch wurden über die
ten, solange die koloniale Ordnung Bestand hatte. ethnischen Revolten alten Stils und die bekannten Formen ethnischer Kriege
Ethnische Kriege kamen in der Kolonialzeit zum einen in den Grenzräumen hinaus neue Muster und Verläufe ethnischer Kriegführungen möglich.
vor. Dabei überwogen aber auf spanisch-kreolischer Seite nach dem ersten Angesichts der ethnischen Verhältnisse in Lateinamerika und aufgrund der
Gewaltüberschuß der Eroberungen im frühen 16. Jahrhundert und vor den Traditionen ethnisch motivierter oder ethnisch bemäntelter Benachteiligungen
staatlichen Zentralisierungsbemühungen in der Phase der bourbonischen Re- und Zurücksetzungen in der Region hätte in der postkolonialen Situation im
formen, also in dem Zeitraum zwischen etwa 1560 und 1780, in Analogie zu 19. Jahrhundert ein Aufbrechen massiver ethnischer Gewaltkonflikte kaum
den institutionellen Schwächen des Staates defensive Konzepte der Kriegfüh- überrascht. Tatsächlich verliefen die ethnischen Gewaltanwendungen in La-
rung. In Ausnahmetallen konnten ethnische Kriege in der Kolonialzeit zum teinamerika im 19. Jahrhundert aber insgesamt auf einem eher mittleren Ni-
anderen aus der Eskalation großer ethnischer Revolten oder messianischer veau.
Bewegungen im Hinterland hervorgehen, wobei der Versuch, hier deutliche Das Urteil über die Bedeutung, die die ethnischen Kriege in Lateinamerika
Abgrenzungen zwischen diesen einzelnen Teilformen kollektiver Gewaltan- im 19. Jahrhundert besaßen, fällt deshalb zwiespältig aus. Zum einen er-
wendungen treffen zu wollen, zwangsläufig zu einiger Definitionsakrobatik schöpfte sich die ethnische Gewaltanwendung nicht, wie Teile der Forschung
führt. Für die Beteiligten und Zeitzeugen bildeten jedenfalls meist ein hohes meinen, in aufrührerischen, rebellischen oder protesthaften Gewaltausübun-
Maß an Gewaltanwendungen, der Einfluß messianischer Komponenten und gen "von unten". In den fragmentierten Räumen, die im frühen 19. Jahrhun-
diskursive Polarisierungen nach ethnischen oder rassischen Merkmalen das dert in Lateinamerika entstanden oder aber sich beträchtlich ausweiteten und
Signal, um Gewaltkonflikte als Kriege zu bewerten. In begrifflicher Hinsicht die im Vergleich zur kolonialen Ordnung in einem veränderten politischen
blieb ausschlaggebend, daß gesonderte Kombattantengruppen mobilisiert Umfeld nunmehr an Gewicht und Funktion gewannen, verschärften sich
wurden, die zu kollektiven Tötungshandlungen im Verlauf geplanter und or- vielmehr interkommunale Auseinandersetzungen zu kompetitiven Kriegen. In
ganisierter Kampfhandlungen legitimiert waren und deren Teilnehmer einen spezifischen historischen Entwicklungslagen, in denen kriegsbedingte Staats-
Status als Krieger besaßen, wobei es gleichgültig war, ob dieser Status staat- zerfallsprozesse stattfanden, konnte diese Form der kompetitiven ethnischen
lich, kulturell oder anders verbürgt wurde. Gewaltanwendung sich gar gegen den Staat selbst richten und eine nach au-
ßen hin "moderne" Form des Separatismus annehmen. Und in den Grenzräu-
men und Frontiergesellschaften eskalierten die ethnischen Kriegführungen
alten Stils, die eher begrenzter Art und als Strafexpeditionen deklariert gewe-
128 Kapitel E Zusammenfassung 129

deshalb auch kein Widerspruch, wenn in der Epoche ein staatsbürgerlicher Punkt: Weil ethnische Staatenkriege in Lateinamerika ausblieben, waren die
Nationbegriff und politisch egalitäre Prinzipien in den meisten Ländern La- mit den zwischenstaatlichen Konflikten verbundenen Mobilisierungen, Dis-
teinamerikas vorherrschten, die gesellschaftlichen Konflikte, die vorkamen, kursrührungen und Ideologieproduktionen, die vom Staat ausgingen, frei von
von den daran Beteiligten jedoch gleichzeitig nicht in sozialer, ökonomischer ethnischen Motiven und Konnotationen. Damit reduzierten sich aber in La-
oder ähnlicher Terminologie umschrieben, sondern zuvörderst als Auseinan- teinamerika die auf dem Staat lastenden Zwänge ebenso wie seine Fähigkeit,
dersetzungen zwischen verschiedenen Arten von Menschen bewertet wurden. als tatsächlicher oder potentieller Träger ethnischer Gewalt aufzutreten,
Indem die Nationen als Staatsbürgernationen symbolisiert wurden und eth- enorm.
nonationale Diskurse nicht vorkamen, wurden der Nation Merkmale und Ab-
grenzungskriterien attribuiert, die ethnische Gewaltanwendungen zum Zweck
der Nationenbildung weder vorsahen noch notwendig machten. Zwar schloß HEGEMONISCHE KRIEGE IM VERGLEICH
dies nicht aus, daß ethnische Gewalt von unterschiedlichen Seiten angewen-
det wurde oder daß in den noch brüchigen Sozialisationsagenturen einer va- Im allgemeinen bildeten die Grenzräume in Lateinamerika im 19. Jahrhun-
gen Nation, wie dem Milizwesen, offen oder unterschwellig immer wieder dert die Region, in der die Unversöhnlichkeiten und Feindbilder zwischen den
ethnische Diskriminierungen vorkamen/ Aber insgesamt gingen vom Kon- ethnischen Gruppen besonders manifest ausfallen konnten und die kollektive
zept der Staatsbürgemation, wie es in Lateinamerika im 19. Jahrhundert vor- ethnische Gewaltbereitschaft schneller abrufbar und breiter gestreut war als
herrschend war, keine oder nur unbedeutende Anstöße für ethnische Gewalt- im Hinterland. Insofern waren ethnische Gewaltdispositionen in den Frontier-
anwendungen aus. gesellschaften leichter mobilisierbar.
Auch die zwischenstaatlichen Kriege schloß dies ein. Aus der europäischen Allerdings fallen bei einem Vergleich zwischen den ethnischen Gewalt-
Geschichte ist bekannt, daß die Kriegführungen der Staaten nach außen ihre konflikten im La Plata-Gebiet und denen in Yukatan zahlreiche Unterschiede
innere Integration und den staatsorganisatorischen Fortschritt beförderten. und Abstufungen auf. Zwar stellte die Halbinsel Yukatan, weil sie über die
Außenkriege waren ein wichtiger, mitunter ausschlaggebender Bestandteil der gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinweg ein Schauplatz ethnischer
modernen Staatenbildung, bis hin zur sozialen Disziplinierung der Gesell- Kriegführungen mit zum Teil extremen Gewaltanwendungen war, eine be-
schaft, die durch Drohüberhänge des Staates nach innen erreicht werden sonders kriegsintensive Region in unserem Untersuchungszeitraum dar. Dies
konnte. Die geringe Bedeutung der zwischenstaatlichen Kriege in Latein- ändert jedoch nichts daran, daß der yukatekische Kastenkrieg einer historisch
amerika im 19. und mehr noch im 20. Jahrhundert trug insofern zu den älteren Form ethnischer Gewaltkonflikte angehörte, weil er aus Eskalationen
Schwächungen der Staaten dort bei. Wichtiger ist hier aber noch ein anderer ethnischer Revolten hervorging und messianische bzw. kultische Strömungen
benötigte, um Mobilisierungen und neue Bindungen in staatenähnlicher Form
' So rechtfertigte Andres Payllaguén, ein aus Chile stammender Indio, der Anfang der auf der Makroebene ethnischer Gemeinwesen hervorzubringen. Insgesamt
1830er Jahre in der Provinz Buenos Aires in den Militärdienst eintrat und dort wenig später
aus der Division Palermo desertierte, seine Ducht damit, daß es seinem Offizier gefallen stand der Kastenkrieg in Yukatan vergleichsweise eng in der Tradition der
habe, ihn und seine "Kameraden Indios" zu beleidigen. Vgl. Ricardo Salvatore, Reclutami- ethnischen Revolten großen Typs, wie sie bereits aus der Kolonialzeit be-
ento militar, diseiplinamiento y proletarización en la era de Rosas. In: Boletín del Instituto
de I listoria Argentina y Americana 5 (1992), S. 25-47: 45. kannt waren, weniger im Kontext struktureller Umbrüche im Verhältnis von
' Vgl. Giddens, The Nation-State, S. 182: "A final characteristics of internal pacification
is |...| a concentration of military power pointing outwards towards other states in the na-
tion-state system".
130 Kapitel E Zusammenfassung 131

Staat bzw. Nation und ethnischen Vergemeinschaftungen, wie es für die neu- ten Stand der kl ¡entelaren Reziprozitätsverhältnisse sowie dem Konfliktma-
en Formen ethnischer Kriege im 19. Jahrhundert kennzeichnend war. nagement, das an der Grenze betrieben wurde. Im frühen 19. Jahrhundert
Dies ist vermutlich der ausschlaggebende Grund dafür, daß im Fall des Ka- entwickelten sich die ethnischen Gewaltauseinandersetzungen an der Süd-
stenkriegs in Yukatan erst eine ganze Anzahl unterschiedlicher Faktoren zu- grenze der Provinz Buenos Aires insgesamt im Rahmen politischen Machtent-
sammenkommen mußte, um die (ethnischen) Gewaltanwendungen vorzube- faltungen "von der Grenze her". Dies unterschied die Lage in diesem Teil des
reiten bzw. zum Ausbruch zu bringen. Dazu zählten das Aufkommen einer La Plata-Gebiets grundsätzlich von der auf Yukatan. Allerdings blieben die
tiefen Legitimationskrise von Staat und politischem System, wie es zunächst Trends hin zu einer eigenständigen Staatenbildung, dessen Zentrum die Fron-
in der Unabhängigkeitsphase und dann in dem Zeitraum der inneren Kriege in tiergesellschaft im Süden der Provinz Buenos Aires gewesen wäre, zu rudi-
Mexiko bzw. auf Yukatan der Fall war. Oder es ist das Erlebnis relativer De- mentär, halbherzig und lose organisiert, als daß man hier von einem Projekt
privationen auf Seiten der indianischen Exkombattanten zu nennen, die an den sprechen könnte, das ernsthaft und geplant verfolgt worden wäre.
inneren Kriegen in Yukatan oder an denen zwischen Yukatan und Mexiko Ob sich die klientelare Steuerbarkeit ethnischer Kriege eher gewalttordernd
teilgenommen hatten, ohne versprochene Belohnungen zu erhalten. Oder es oder eher gewaltdämpfend auswirkte, bleibt unklar. Weil die sozialen und
bleiben die Kosten-Nutzen-Abwägungen zu erwähnen, die die revoltierenden politischen Vernetzungen in der Frontiergesellschaft vergleichsweise lose wa-
indianischen Kaziken und Offiziellen im Südosten Yukatans darüber anstell- ren, herrschte offenbar auch eine "Mentalität" vor, die Schwankungen zwi-
ten, welche F.rfolgsaussichten eigene Gewaltanwendungen gegen einen in schen Extremen gut vertrug7: Indigene Gruppen konnten auf jeden Fall von
sich zerrissenen Staat bzw. gegenüber einem politisch in sich verfeindeten heute auf morgen aus Verbündeten und Mitbürgern zu killerartigen Barbaren
Lager besaßen. Im einzelnen sind all diese Faktoren in ihrer Bedeutung als hin- und herdefiniert werden. Fraglich ist auch, ob sich an der Grenze im süd-
gewaltebnendc Komponenten bereits aus der allgemeinen Gewaltforschung lichen La Plata-Gebiet eine spezifische Gewaltkultur ausbildete, die für die
bekannt. kulturelle Reproduktion der Frontiergesellschaft notwendig gewesen wäre
Im Vergleich dazu war die Gewaltpraxis im La Plata-Gebiet in höherem und die ihre Träger mit einem partikularen, erhöhten Selbstbewußtsein als
Maße selbsttragend und autonom. Die Gewaltkompetenzen waren hier vor- "Krieger" versorgt hätte. Für einige Frontiergrenzen in Lateinamerika wird
handen und verfügbar, ebenso wie ihre Legitimierungen, und sie waren das zwar behauptet: So sollen in Sonora (Nordmexiko) die Schwäche des
schneller abrufbar. Ausschlaggebend war dafür vermutlich, daß sich in dieser Staates und die Tradition der Selbstverteidigung in isolierten Gebieten sowohl
Region bereits seit Beginn des 18. Jahrhunderts in den Kleinkriegen an den zu sozial ungordneten Verhältnissen wie auch zur Ausbildung besonderer
Grenzen die emotionalen Dispositionen aufgebaut hatten, die für ethnische Gewalttraditionen an der Grenze geführt haben. Tobler spricht in diesem Zu-
Gewaltanwendungen günstig oder gar erforderlich waren. Zugleich wurde sammenhang auch von einer „spezifisch nördlichen Gewalttradition".*
dieser eher psychologische Komplex der Gewaltbereitschaft durch die in den Es wäre zu prüfen, ob dies in allen Frontiergesellschaften der Fall war.
Frontiergesellschaften im südlichen La Plata-Gebiet übliche Praxis der klien- Zumindest die im Süden der Buenos Aires war seit dem letzten Drittel des 18.
telaren Steuerbarkeit ethnischer Kriege jedoch gelenkt bzw. blockiert. Ethni- Jahrhunderts weder sozial und politisch übermäßig ungeordnet noch in ex-
sche Kriege waren damit kurzfristig aussetzbar oder aber einberufbar, abhän-
7
gig von den unmittelbaren politischen Motiven und Zweckmäßigkeitserwä- Vgl. dazu allgemein Anton Blök, Anthropologische Perspektiven. Einführung, Kritik
und Plädoyer. Stuttgart 1985, S. 160f.
gungen, die die Führungsgruppen an der Grenze hegten, dem jeweils konkre- 8
Vgl. Aguilar Camin, S. 141; Hans Werner Tobler, Die mexikanische Revolution. Ge-
sellschaftlicher Wandel und politischer Umbruch 1876-1940, Frankfurt a.M. 1992, S. 151.
Kapitel E Zusammenfassung

tremer Form isoliert oder randständig. In den Milizen im La Plata-Raum ka- nationalen Diskurse, die nach 1810 in den politischen Öffentlichkeiten in La-
men patriarchalisch-kriegerische Verhaltensmuster oder gleichsam in das Mi- teinamerika aufkamen, setzten mittelfristig auch die segmentaren Gewalten
lieu der Grenze inskribierte, ausladende Gewaltdispositionen, die um einen und ethnischen Gemeinwesen unter neue Zwänge, was die Begründung eige-
militärischen Ehrenkodex zentriert gewesen wären, nicht vor. Insgesamt wur- ner Rechte und Forderungen gegenüber dem Staat anging. Damit
de der Dienst in den Milizen eher halbherzig oder auch widerwillig geleistet, "nationalisierte" sich der Diskurs ethnischer Gruppen, sofern das für legiti-
worauf zumindest die zahlreichen Verweigerungen, Desertationen und andere matorische Zwecke nutzbringend schien. Dörfer in Guatemala z. B. forderten
Abwehrhandlungen, die vorkamen, hindeuten. im späten 19. Jahrhundert vom Staat wiederholt eine Gleichbehandlung als
Bürger oder Teile der Nation ein. Schärfer noch fielen diese Änderungen der
Diskursführung in Peru nach 1880 aus, als im Kampf gegen die chilenischen
KOMPETITIVE K R I E G E IM VERGLEICH Besatzungstruppen und "kollaborierende" Grundherren eine politische und
militärische Mobilisierung ethnischer Kombattantengruppen für nationale
Die hegemonischen Kriege in den Grenzräumen hatten die vom Staat oder Zwecke erfolgte. In diesem Fall wurden von dem Hauptquartier unter Cáceres
staatenähnlichen Gebilden angestrebte Vorherrschaft über andere ethnische nicht allein die dazu erforderliche nationale Begrifflichkeit und Symbolik an
Gruppen zum Ziel. Die Vertreibung oder die Vernichtung ethnischer Gruppen die lokalen ethnischen Kombattantengruppen herangetragen. Vielmehr fanden
schloß dies im Einzelfall ein. Aus diesem Grund nahmen hegemonischen sich die ethnischen Gemeinwesen im Hochland kurzfristig auch mit Verhal-
Kriege in der Regel dann zu wenn die Macht und die Expanisonskraft der tenserwartungen und Rollenzuschreibungen konfrontiert, die die Ausbildung
Staaten oder staatenähnlichen Gebilde in den Grenzräumen wuchsen. Kom- von politischen Handlungsdispositionen der Dörfer über das hergebrachte Ni-
petitive Kriege verhielten sich im Vergleich dazu umgekehrt: Ihnen lagen veau kommunaler Gemeinwesen und Solidaritäten hinaus einforderten. Damit
nicht Anballungen und Zunahmen staatlicher Macht und Kompetenzen zu- fanden neue Ausbalancierungen und andere Statusverteil ungen im Verhältnis
grunde, sondern sie gingen vielmehr aus Schwächungen, Indifferenzen oder von Staat und Dörfern statt.

Zerfallsprozessen des Staates hervor. Über diese Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten dürfen jedoch nicht die
Sowohl der guatemaltekische wie der peruanische Fall zeigen, daß kriegs- Differenzen übersehen werden, die zwischen den beiden Fallbeispielen be-
bedingte Schwächungen des Staates (1848 in Guatemala durch den Separa- standen. Denn bei näherem Hinsehen unterschied sich die politische Lage in
tismus im Westen; 1880 in Peru durch die chilenische Besetzung) die Ausbil- Peru um 1880 beträchtlich von der Krise des Staates, wie sie in Guatemala um
dung ethnischer Kriege massiv begünstigen konnten: Offenbar gewannen 1848 vorherrschte. In Guatemala trafen Schwächen und politische Indifferen-
ethnische Gruppen (wie im übrigen in agrarischen Gesellschaften Bauernbe- zen des Staates mit Herauslösungen der Gemeinden aus der Zuständigkeit des
wegungen oder peasants rebellions überhaupt) in Situationen der kriegsbe- Staates zusammen. Die vergleichsweise hohe ethnische Konsistenz und Ho-
dingten Schwächung eines Staates einen größeren Handlungsspielraum als mogenität der Dörfer im westlichen Hochland Guatemalas um die Mitte des
zuvor.' Begünstigt wurde diese Entwicklung in unseren beiden Fallbeispielen 19. Jahrhunderts sowie der Bestand und die Kraft überkommener partikularer
durch die Bereitstellung eines nationalen Begriff- und Symbolreservoirs: Die Identitäten unterhalb von Staat und Nation begünstigten diesen Prozeß. Der
peruanische Fall war dazu aber verschieden, weil die Gewalthandlungen der
" Vgl. Hieda Shocpol. What makes Peasants Revolutionary? In: Power and Protest in the Dörfer sich nach 1880 zuvörderst gegen eine fremde staatliche Besatzungs-
Countryside: Studies of Rural Unrest in Asia. Europe, and Latin America. Hrsg. v. Robert
P. Weiler und Scott E. Guggenheim. Durham 1982. S. 157-179: 172.
134 135
Kapitel E Zusammenfassung

macht richteten. Die ethnischen Gemeinwesen und Kombattantengruppen stämmigen Einwanderers Lengerke und der ethnischen Gruppe der Opón
kamen damit in die Lage, als Substitut nationaler Organisationen und Syste- kam.'" Die Lengerke-Gesellschaft, die im Exportgeschäft von Tabak, Kakao
me zu fungieren. Auch dies erklärt, warum der Konflikt zwischen Staat und und Chinarinde tätig war, erhielt nach 1850 vom Staat Santander die Verfü-
Dörfern in Peru nicht die Form einer schleichenden Herauslösung der comu- gungsgewalt über von den Opón besiedelte Ländereien. Gewalteskalationen
nidades aus Staat und Nation annahm, wie es in Guatemala der Fall war, son- waren die Folge, ohne daß der Staat daran beteiligt gewesen wäre: "Fern jeder
dern in die manifest politische Form des Separatismus einmündete. staatlichen Gewalt führte die Lengerke-Gesellschaft einen auf Ausrottung
abzielenden Krieg gegen die Opón.""
Eine ähnliche Konstellation beschreibt Saignes für die Frontiergesellschaft
MlSCHFORMEN im Übergangsbereich zwischen andinen Gesellschaften und Tieflandbevölke-
rungen im Osten des heutigen Bolivien. Saignes bezieht sich dabei auf die
Die in dieser Untersuchung vorgenommene Zweiteilung der ethnischen Ethnie der Chiriguana, die seit dem späten 18. Jahrhundert unter den Druck
Kriege in hegemonische und kompetitive Kriege suggeriert eine Eindeutigkeit expandierender Viehbesitzungen und "mestizischer" Grenzmilizen geriet.
der Trennung unterschiedlicher Gewaltformen oder Gewalttypen, die in der Insgesamt besaßen bei den Gewaltanwendungen gegenüber den Chiriguana
gesellschaftlichen Praxis nicht immer gegeben war. Vielmehr kam es zu vie- Gruppen der Frontiergesellschaft die Initiative, nicht die Regierung. Der bo-
lerlei Misehformen, Variationen und Ausfransungen. livianische Staat, so Saignes, sei aufgrund innerer Strittigkeiten und Schwä-
Während im Hinterland Lateinamerikas im 19. Jahrhundert zahlreiche chen sowie der im Land vorherrschenden Regionalismen unfähig gewesen,
Misehformen der Gewalt durch die Überlappungen oder zeitversetzten Über- sein Verhältnis zu den Chiriguana autonom zu regeln. Anscheinend und so-
gänge /wischen ethnischen oder agrarischen Revolten oder ethnischen Krie- weit man bislang etwas über die politisch verfolgten ethnischen Projekte
gen und anderen formen der kollektiven Gevvaltpraxis hervorgebracht wur- weiß, hatte der bolivianische Staat die Vernichtung der Ethnie der Chiriguano
den, richteten sich die Mischungen der Gewaltformen, zu denen es in den dabei gar nicht zum Ziel. Seine "Nicht-Intervention"'- an der Grenze führte
Grenzräumen kam, in erster Linie nach der Teilhabe oder aber Nichtteilhabe jedoch dazu, daß die Siedler, Viehzüchter und Milizen vor Ort freie Hand für
des Staates daran. ihre Gewaltpraxis besaßen. Im Überblick waren also vielfältige Variationen

I läufig war der Staat in Lateinamerika im 19. Jahrhundert gar nicht in der im Dreieck von Staat, ethnischen Gemeinwesen und kollektiven Gewaltan-

Lage, ethnische Gewalt in den Grenzräumen selbst anzuwenden. Vielmehr wendungen denkbar.

mußte er deren Ausübung privaten Initiativen oder gesellschaftlichen Grup-


pen überlassen bzw. Gewaltausübungen mit anderen Gewaltträgern verhan-
deln. In Kolumbien z.B. war der Staat im l l ). Jahrhundert so fragil und res-
sourcenschwach, daß er die Kolonisierungen von Grenzgebieten und das Ver-
'" Vgl. Thomas Fischer, Staat und ethnische Gemeinschaften Kolumbiens in historischer
drängen der eingesessenen ethnischen Gruppen privatwirtschaftlichen Initia- Perspektive. In: Stefan Karlen/ Andreas Wimmer (Hrsg.), Integration und Transformation.
Ethnische Gemeinschaften, Staat und Weltwirtschaft in Lateinamerika seit ca. 1850, Stutt-
tiven überließ. Auch bei den daraus entspringenden Konflikten hielt sich der
gart 1996, S. 109-147: 121 ff.
Staat zurück. Beispielhaft dafür standen die Zusammenstöße, zu denen es im " Ebenda, S. 122.
12
Thierry Saignes, Las sociedades de los Andes orientales frente al estado republicano.
Provinzstaat Santander (Kolumbien) zwischen der Gesellschaft des deutsch-
El caso chiriguano (siglo XIX). In: Jean-Paul Deler/ Yves Saint-Geours (Hrsg.), Estados y
naciones en los Andes, Bd. I, Lima 1986, S. 173-202: 208.
Zusammenfassung 137
Kapitel E
Grenzräume wie für die fragmentierten Räume, wenngleich es zwischen bei-
BEDINGUNGSFAKTOREN ETHNISCHER K R I E G E
den zu einigen Modifizierungen und Variationen kam.
Erstens handelte es sich um den Territorialfaktor. Für die Entstehung ethni-
Für Mexiko hat Tutino in einem Modell agrarischer Konflikte drei Varia-
scher Kriege war der Territorialfaktor von elementarer Bedeutung. Er setzte
blen unterschieden, die ländliche Bevölkerungen rebellisch werden ließen.
voraus, daß ethnische Gemeinwesen über feste, einigermaßen geschlossene
Dies waren die Gefahrdungen oder Beeinträchtigungen von Autonomie, Se-
Territorien und territoriale Rechte verfügten, sei es in den Grenzräumen, sei
kurität und Mobilität. Autonomie meint nach Tutino die Fähigkeit zur unab-
es auf kommunaler Ebene im Hinterland. Diese ethnischen Gebiete fungierten
hängigen Subsistenzerbringung, Sekurität umschreibt die kontinuierliche Ver-
in doppelter Weise als eine Vorbedingung für die Entstehung ethnischer
fügung über hinreichende Subsistenzmittel, Mobilität schließlich beinhaltet
Kriege. Einmal stellten sie die Ressourcen bereit, die für ethnische Kriegfüh-
die Möglichkeit, eine Auswahl zwischen verschiedenen Wegen der Repro-
rungen überhaupt notwendig waren. Zum anderen entzündeten sich ethnische
duktion zu treffen."
Kriege an Auseinandersetzungen über ethnische Territorien bzw. die
Das Modell von Tutino ist mit einigen Modifikationen auch auf ethnische (politische) Verfügungsgewalt darüber. Dabei konnte es sich um die offen
Konflikte in ländlichen Zonen und mit der Beteiligung von im weitesten Sinn gewaltsame, kriegerische Adpropriation ethnischer Territorien handeln, die
bäuerlichen Gruppen in Lateinamerika übertragbar. Vor allem die Bedrohung angestrebt wurde, wie es vor allem in den Frontiergesellschaften vorkam. In
der Autonomie ethnischer Gemeinwesen war ein Faktor, der in Lateinamerika diesen Fällen führten unmittelbare territoriale Expansionswünsche und Vor-
in der Kolonialzeit wie im 19. Jahrhundert ethnische Konflikte auslösen herrschaftsabsichten zu ethnischen Gewaltkonflikten. Oder es handelte sich
konnte, wobei die (relative) Autonomie, die man bedroht glaubte, von ethni- um die Bedrohung der politischen und kulturellen Autonomie ethnischer
schen Gruppen meist politisch und kulturell, in geringerem Maße sozioöko- Territorien, etwa über staatliche Zentralisierungsabsichten und Beschneidun-
nomisch definiert wurde. gen der kommunalen Ressourcen und gemeindlichen Rechte, durch Kom-
Für die Beschreibung der ethnischen Kriege in Lateinamerika im 19. Jahr- merzialisierungen oder auch durch demographische Entwicklungen und Ver-
hundert ist das Modell von Tutino aber nur eingeschränkt tauglich. Dies liegt schiebungen, wodurch raumverhaftete Bedrohungsgefühle ausgelöst und ge-
einmal daran, daß es ein Bedrohungsszenario zugrunde legt, d.h. ethnische waltbesetzte Formen der Konfliktaustragung angestoßen werden konnten.
Gewaltkonflikte allein als defensive Reaktion auf Bedrohungen und Bedrük-
Zweitens ist der Sozialisationsfaktor zu nennen. Eine sozialisationsbedingte
kungen definiert, ohne die proaktiven Elemente mitzuberücksichtigen, die die
Steigerung ethnischer Gewaltbereitschaft scheint es in Lateinamerika einmal
ethnischen Kriege besitzen konnten. Vor allem sagt das Modell von Tutino
durch die Ausschaltung von Gewaltbarrieren durch kultisch-religiöse Elemen-
jedoch nichts darüber aus, wann Konflikte, Proteste oder Widerstände einen
te gegeben zu haben, wie es in den messianischen Bewegungen vorkam, ein
gewalttätigen Verlauf nahmen und wann sie unterhalb oder im Vorfeld der
anderes Mal durch die Anwendung ritueller Gewaltformen, die durch lokale
Gewaltanwendung verblieben.
bzw. religiöse kulturelle Traditionen vermittelt wurden. Solche rituellen Ge-
Ein Vergleich der hier behandelten Fälle zeigt, daß grob drei Faktorenkom- waltanwendungen waren dabei keineswegs auf die Kolonialgeschichte und
plexe unterschieden werden können, die für die Entstehung ethnischer Kriege vermeintlich "traditionale" Entwicklungsstände ethnischer Vergemeinschaf-
eine Rolle spielten. Dabei galten diese Faktorenkomplexe sowohl für die tungen beschränkt. Langer etwa hat die Praxis des rituell motivierten Kanni-
balismus und des Menschenopfers noch für die Erhebung der Aymara be-
' John Tutino, Form Insurrection to Revolution in Mexico. Social Bases of Agrarian
Violence. 1750-1940. Princeton 1986, S. 26-29.
138
r 139
Ka/MÏe/ £ Zusammenfassung

schrieben, die 1927 in der Provinz Chayanta, im Süden Boliviens gelegen, a calculated mix of repression and negotiation that would allow Indians and
ausbrach und die bewirkte, daß die Expansion der großen Grundbesitzungen local elites alike to resume their daily routine."16
vorübergehend gestoppt und korrupte örtliche Beamte von der Regierung ab- Im 19. Jahrhundert traten im Vergleich dazu Veränderungen ein. Die Legi-
14
gesetzt wurden. timitätskrise von Staat und politischer Ordnung um und nach 1810, die Auflö-
Eindeutiger nachweisen als kultur- oder traditionenbedingte Zunahmen der sung korporativer Strukturen sowie die Schwächung von Mittlergruppen und
Gewaltbereitschaft, die bereits begrifflich umstritten sind, lassen sich Lern- Mittler-institutionen, die zwischen den kommunalen Gesellschaften bzw.
vorgänge der Gewalt im Sinn der Aggressionenforschung. Damit ist gemeint, ethnischen Gemeinwesen und dem Staat bestanden hatten, waren dafür ver-
daß die ethnische Gewaltbereitschaft wie die Neigung zu kollektiven physi- antwortlich. Diese Prozesse konnten im Einzelfall zu einer empfindlichen
schen Gewaltanwendungen überhaupt durch das Erleben manifester Gewalt Beeinträchtigung der Kommunikationen zwischen Staat und ethnischen Ge-
oder aber durch den bereits einmal erfolgreichen, zweckgerichteten Einsatz meinwesen führen. Zwar führte dies nicht zwangsläufig zu Gewaltausbrüchen
eigener Gewaltausübungen gesteigert werden konnte. In Lateinamerika galt und Konflikteskalationen. Insgesamt wurden Gewaltanwendungen aber be-
dies im frühen 19. Jahrhundert vor allem für die Durchdringung oder Über- günstigt, sobald routinisierte Formen der Kommunikation zwischen Staat und
formung der ethnischen Gewaltanwendungen durch andere Kriege oder Ge- kommunalen Gesellschaften bzw. ethnischen Gemeinwesen abbrachen oder
waltkonflikte, wodurch Aufschaukelungen, Eskalationen und gewaltverstär- entscheidend nachließen.
kende l.ernvorgänge einsetzen konnten. Die hier behandelten Fallbeispiele Im Vergleich wird deutlich, daß solche Störungen in der Routinekommuni-
dokumentieren regelmäßig solche Zusammenhänge. Knight hat sie noch fur ka-tion in den Grenzräumen in erster Linie als das Nachlassen oder die Auf-
die mexikanische Revolution nach 1910, die ethnische Revolten der Yaquis kündigung klientelarer Bindungen zutage traten. Im Hinterland war dagegen
und deren wechselseitige Aufschaukelung "[...] in tandem with the national der Schwund von Mittlerinstitutionen bzw. die Schwächung von Mittlergrup-
revolution" beschrieben.'* pen ausschlaggebend, wodurch der Staat nicht mehr über die Institutionen
Drittens schließlich ist der Kommunikationsfaktor zu nennen. Fehldeutun- oder Akteure verfügte, die notwendig gewesen wären, um seine Politik auf
gen, überscharfe Reaktionen oder unangemessene Verhaltensweisen auf Sei- lokaler Ebene erfolgreich zu implementieren. Dabei können bei den Mittler-
ten des Staates trugen auch in der Kolonialgeschichte zur Eskalation ethni- gruppen grob zwei Untergruppen unterschieden werden. Zum einen handelte
scher Konflikte bei. Ungeachtet dessen verfugte der koloniale Staat in Latein- es sich um institutionalisierte Mittler, die die staatlichen Institutionen mit lo-
amerika jedoch noch über ein vergleichsweise breiteres Spektrum an Verhal- kalen Gesellschaften verbanden, zum anderen um den Typ des ethnischen
tensmöglichkeiten und Institutionen, um auf kommunalem Niveau Einfluß zu Pendlers, der sich mit Erfolg zwischen verschiedenen Teilgesellschaften und
nehmen und ethnische Konflikte eindämmen und regulieren zu können. Inso- ethnischen Gruppen hin- und herzubewegen verstand.
fern waren eher abgewogene Reaktionen von seiten des Staates möglich, "[...] Die Bedingungsfaktoren der ethnischen Kriege waren auf unterschiedlichen
Ebenen der historischen Zeitdauer angesiedelt, so daß lange "Traditionen"
ethnischer Gewaltbereitschaft mit eher schnellen Umbrüchen oder krisenhaf-
ten Entwicklungsphasen, in denen Gewaltdispositionen akkumuliert und aus-
Vgl. I.rick 1). Langer. Andean Rituals of Revolt. The Chayanta Rebellion of 1927. In:
Kthnohislory 37 (1990). S. 227-253. Über die Bezüge zwischen rituellen Gewaltanwendun-
gen und ethnischer Identitätsbildung, die Langer zieht, vgl. ebenda, S. 245.
16
' Alan Rnight. The Mexican Revolution, Vol. I. Portirians. Liberals, and Peasants. Lin- Sergio Serulnikov, Disputed Images of Colonialism. Spanish Rule and Indian Sub-
coln and London 1986. S. 195. version in Northern Potosí, 1777-1780. In: HAHR 76 (1996), S. 189-226: 192.
140 Kapitel E Zusammenfassung 141

gebildet wurden, zusammenfielen. In jedem Fall war es jedoch eine Vorbe- amalgam of rumor, hope, and messianic expectation"", das gewaltfördernd
dingung tür die Ausbildung ethnischer Gewaltanwendungen, daß ethnic wirkte. Oder Gerüchte konnten Bedrohungsgefühle transportieren, etwa der
entrepreneurs entstehende Ängste oder Bedrohungsgefühle erst ordneten, Art, daß in einer Konflikt-region das Wasser in den Flüssen und Brunnen von
Abwehrreaktionen oder Aggressionen nach ethnischen Selbst- und Fremdbil- staatlichen Agenten vergiftet worden sei. Diesem Typ der Bedrohungsgefüh-
dern auslichteten und ideologische Versatzstücke oder politische Leitbilder le, der in agrarischen Gesellschaften verbreitet war und vergleichsweise kon-
bereitstellten, die die Motive und Ziele ethnischer Gewaltanwendungen trans- tinuierlich auftrat, begegnen wir etwa in der large-scale-revolt in Guatemala
portierten. Dabei ist es ein auffälliges Ergebnis der Untersuchung, daß es in 1837/38. Schließlich fanden sich Gerüchte, in denen die Ehre der dörflichen
Lateinamerika im 19. Jahrhundert häufig der Staat war, der Ethnisierungen bzw. ethnischen Vergemeinschaftung bedroht schien, wie im Fall Perus, wo
der Kontliktlagen betrieb. In den Grenzräumen wurden diese Ethnisierungen den chilenischen Besatzungstruppen Vergewaltigungsabsichten attribuiert
von den Beteiligten offenbar schnell angenommen. Im Hinterland kam es zu wurden. Solche ehrverletztenden Fragen, in denen zudem die Schutzfunktion
komplexen Interaktionen, in denen Selbstbilder und Fremdbilder eher umstrit- der (ethnischen) Autoritäten zur Disposition stand, riefen in dörflich-
ten waren. agrarischen Milieus schnell Rachegefühle hervor bzw. bildeten den Anlaß tür
Die Diskurse, die dazu geführt wurden, nahmen in den ethnischen Kriegen eine ganze Kette blutiger Ereignisse.
in Lateinamerika im 19. Jahrhundert nur in seltenen Fällen die Gestalt aus- Insgesamt fallt bei den Gerüchten, die in unseren Fallbeispielen vorkamen,
formulierter Programme oder geschlossener, theorieähnlicher Aussagensy- auf, daß sie noch stark überkommenen kulturellen Deutungsmustern verhaftet
steme an. Für die Herstellung der Gewaltbereitschaft mindestens ebenso waren. Insofern griffen die kleinen Diskurse aktuelle Ängste und Bedro-
wichtig waren "kleine" diskursive Figuren, wie auf Seiten des Staates die hungsgetühle auf, um sie gleichzeitig mit eher langfristig gewachsenen kultu-
Metaphern (der Indio als "Barbar") oder auf seiten ethnischer Gemeinwesen rellen Codes zu verbinden. Auf diese Weise erreichten sie gleichzeitig die
die Gerüchte. Anscheinend aktualisierten solche kleinen diskursiven Figuren Stabilisierung ethnischer Gemeinwesen wie auch deren Mobilisierung in
Gewalterinnerungen, um dadurch neue Gewaltanwendungen vorzubereiten. Konfliktsituationen.
Mitunter konnten die kleinen diskursiven Figuren auch in komprimierter und
verdichteter Form Ideologien, Glaubenssysteme oder Theorien, die
(ethnische) Gewaltlegitimierungen bereithielten, repräsentieren. •MODERNISIERUNGEN" ETHNISCHER KRIEGE?
Dabei kam es zu unterschiedlichen Gerüchten, die in den ethnischen Revol-
ten oder ethnischen Kriegen zu Mobilisierungs- und Legitimierungszwecken Es ist kaum möglich, daß eine historische Betrachtungsweise ethnischer
eingesetzt wurden. So konnte der Willen zum Kämpfen und die für den Gewaltkonflikte im 19. Jahrhundert ohne eine ungefähre Vorstellung darüber
Kampf erforderliche Risikobereitschaft durch transzendente religiöse Bilder auskommt, wie sich die ethnischen Gewaltanwendungen veränderten und in
oder Erlösungsmotive hergestellt werden.17 Van Young spricht vom "[...] welche Richtung sich die ethnischen Gewaltformen und Gewaltmodalitäten
im Zuge von sozialem Wandel, staatlichen Zentralisierungen und Formati-
onsprozessen der neuen, von oben implementierten Nation transformierten.

17
In der Revolte der Tzeltals in Chiapas (Mexiko) 1712/13 z.B. glaubten die indiani- Uric Van Young, Quetzalcóatl, King Ferdinand, and Ignacio Allende Go to the Seas-
schen Kombattanten, durch die Wallen der "Weißen" unverwundbar zu sein, weil deren hore; or Messianism and Mystical Kingship in Mexico, 1800-1821. In: Rodriguez, The In-
"Gewehre nur Wasser abfeuerten". Vgl. Dürr, Der Aufstand, S. 217. dependence. S. 109-127: 110.
142 Kapitel E Zusammenfassung 143

Einzelne Geschehnisse oder strukturelle Entwicklungen, die ansonsten isoliert zu politisch ziel- und zweckgerichteten Bewegungen in komplexen Organisa-
stehen, können dadurch erst in eine Reihung gebracht werden, so daß Trends tionssystemen annehmen "During earlier epochs", so Esman, "central politi-
und Prozesse sichtbar werden. cal authorities interfered little in the lives of their subjects. Although ethnic
Was den Komplex der kollektiven Gewaltphänomene betrifft, finden sich in communities competed among themselves on their boundaries, sometimes
den Modernisierungstheorien oder in der Literatur zur historischen Gewalt- violently, there was little need to mobilize for collective political action [...]"""
forschung verschiedene modellhafte Beschreibungen von langzeitigen Gewal- Oder bei Nielsen heißt es: "Modernization first eliminates collective action on
tentwicklungen. In der Regel kreisen diese Modelle um einzelne Richtwerte, the basis of small-scale and local cleavages [...]"."'
die als Parameter gelungener "Modernisierungen"1'' kollektiver Gewaltanwen- Nun sind diese Modelle auf die Geschichte Lateinamerikas im 19. Jahrhun-
dungen gelten. Dazu zählen in erster Linie dert aber nicht einfach übertragbar. Dies hat verschiedene Gründe, wie den
- die technologischen Innovationen, die bei Gewaltanwendungen zum Ein- Bestand unterschiedlicher Raumtypen. "Modernisierungen", soweit es sie
satz kommen, und die damit verbundenen Auswirkungen in sozialorganisa- gab, nahmen in den einzelnen Raumtypen nicht die gleichen Verläufe, nicht
torischer und kultureller Hinsicht; einmal unbedingt die gleiche Richtung. Auch gilt das 19. Jahrhundert in La-
- die Entpersönlichung der Violenz, die sich durch die Verlagerung von teinamerika gerade vom Standpunkt der Modernisierungstheorien her nicht
spontanen, diffusen und reaktiven Gewaltanwendungen hin zu planvoll in- als besonders "modernisierungsfreundlich", weil die gesellschaftlichen Trans-
szenierten, zielgerichteten Gewaltaktionen vollzogen habe; formationen, die in diesem Zeitraum die europäische Geschichte prägten, in
- schließlich die Übertragung der Gewaltaktionen von Kleingruppen oder lo- Lateinamerika häufig erst mit großer zeitlicher Verzögerung eingesetzt und
kalen Institutionen auf Großorganisationen und komplexe Systeme und die dann auch nur gebrochene Verläufe genommen hätten und weil sie insgesamt
damit einhergehenden Systematisierungen und Rationalisierungen des Ge- unvollständig geblieben wären oder in regressiven Prozessen gemündet hät-
waltgebrauchs. ten.
Von besonderem Interesse für die Zwecke dieser Untersuchung sind dabei Im Hinblick auf die Gewaltentwicklungen bleiben auf jeden Fall die beson-
die Theoriemodelle, die die ethnische Komponente bei der Betrachtung der deren Gegebenheiten der staatlichen Organisation in Lateinamerika zu be-
kollektiven Gewaltentwicklungen in den Mittelpunkt stellen bzw. die sich rücksichtigen: Eine "Modernisierung" kollektiver Gewaltformen und Ge-
ausdrücklich auf den Wandel ethnischer Gewaltanwendungen beziehen. Da- waltmodalitäten hatte in der europäischen Geschichte die allmähliche, zumin-
bei zeigt sich, daß die generalisierten Aussagen über den Wandel ethnischer dest vorübergehende Ausbildung eines dauerhaften, stabilen staatlichen Ge-
Gewaltanwendungen meist den Modellen ähneln, die in historischer Perspek- waltmonopols zur Voraussetzung. Dazu kam es in Lateinamerika jedoch im
tive eine Abfolge von eher defensiven Aktionen auf kommunaler Ebene hin 19. Jahrhundert nicht, weshalb die Entwicklung der kollektiven Gewaltphä-
nomene insgesamt andere Verläufe nahm. In den fragmentierten Räumen La-
Vgl. zum Modernisierungsbegriff Shmucl N. Hisenstadt, Historical Traditions, Mo-
dernization and Development. In: Ders. (Hrsg.). Patterns of Modernity II. Beyond the West,
Neu York 1°87. S. 1-12. Zur Kritik modernisieiungstheoretischer Betrachtungen des Ge- * Milton J. Esman, Political and Psychological Factors in Ethnic Conflict. In: Joseph
waltproblems siehe u.a. Thomas I indenberger/ Alf Lüdtke. Hinleitung. Physische Gewalt, Montville (Hrsg.), Conflict and Peacemaking in Multiethnic Societies. Lexington/ Toronto
eine Kontinuität der Moderne. In: Dies. (Hrsg.). Physische Gewalt. Studien zur Geschichte 1990,53-64:57.
der Neuzeit. Frankfurt/M. 1995, S. 7-38, insb. S. 171Ï. Dazu, dalJ in den Modernisierung- ' Francois Nielsen, Toward a Theory of Ethnic Solidarity in Modern Societies. In:
stheorien "|„-| mehr oder minder stillschweigend die Annahme einer gewaltfreien Moder- American Sociological Review 50 (1985), S. 133-149: 147. Allgemein zur Diskussion von
ne" steckt, vgl. Hans Joas, Die Modernität des Krieges. Die Modernisierungstheorie und das Ethnizität und "Modernisierung" siehe Hartmut Esser, Ethnische Differenzierung und mo-
Problem der Gewalt. In: Leviathan 1 (1996). S. 13-27: 15. derne Gesellschaft. In: ZfS 17 (1988), S. 235-248.
Kapitel E Zuxammenfàssung

teinamerikas verschoben sich die Kompetenzen zur kollektiven physischen waltanwendung und Haßgefuhle oder Racheabsichten keine oder nurmehr
Gewaltanwendung im frühen 19. Jahrhundert vom Staat auf segmentare Ge- eine untergeordnete Rolle.
walten. Ethnische Gemeinwesen, wie die comunidades, vermochten es zeit- Ähnlich wie der Staat fungierten die ethnischen Gemeinwesen am ehesten
weilig recht erfolgreich, Gewaltmonopole auf kleinem Niveau zu errichten. dann als eine "Modernisierungsagentur" ethnischer Gewaltaktionen, wenn
Deshalb greift auch eine historische Betrachtungsweise zu kurz, die die Ent- Zusammenschlüsse ethnischer Gewaltakteure auf der Makroebene ethnischer
wicklung des Gewaltphänomens in Lateinamerika ausschließlich vom Staat Gemeinwesen stattfanden. Diese Organisationsleistungen ethnischer Gruppen
her betrachtet. Insgesamt ist nach wie vor unklar und strittig, ob die Moder- über die historisch älteren und meist kommunalen ethnischen Milieus hinaus
nisierungstheorien über Gewaltentwicklungen in erster Linie etwas darüber (der Abstand dazu fiel im Einzelfall unterschiedlich stark aus) rührten in La-
aussagen, wie die Gewaltentwicklungen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert teinamerika im 19. Jahrhundert aber nicht in erster Linie aus gesellschaftli-
in erster Linie nicht verliefen. Oder kam es in Lateinamerika zu zwar modifi- chen Transformationen und sozialen Wandlungsprozessen her. Von vorrangi-
zierten, im Vergleich zu den modellhaften Beschreibungen "moderner" Ge- ger Bedeutung waren vielmehr die steigenden Anforderungen der Kriegfüh-
waltentwicklungen jedoch nicht signifikant verschiedenen Entwicklungsver- rungen selbst. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die technologischen
läufen der kollektiven Gewaltphänomene? (Waffenentwicklung) und infrastrukturellen Neuerungen (Eisenbahnbau; Te-
Im Überblick hat es den Anschein, daß auch in Lateinamerika im 19. Jahr- legraphenwesen) sowie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die in den
hundert Transformationen ethnischer Gewaltformen und Gewaltmodalitäten einzelnen Ländern zeitversetzt einsetzenden Professionalisierungen des
am ehesten dann bewirkt wurden, wenn der Staat unmittelbar daran beteiligt (staatlichen) Militärs." Durch diese Entwicklungen wurden auch auf seiten
war und es ihm gelang, die kollektiven Gewaltausübungen an sich zu ziehen der ethnischen Gemeinwesen höhere Organisationsleistungen notwendig,
und auf einem höheren Niveau als zuvor zu organisieren. In diesen Fällen wollten sie in ethnischen Kriegen die Chance haben, bestehen zu können.
konnten auch "Modernisierungen" der Gewaltanwendungen stattfinden in der Dies war ein einfacher, aber zentraler Grund dafür, daß die ethnischen Ge-
Form, daß deren Organisation effektiver und zweckgerichteter als zuvor er- meinwesen nach und nach gezwungen wurden, ihre eher partikularen und
folgte und daß die Motive der Gewaltanwendungen anonymer und in geringe- "engen" Loyalitäten durch staatsorganisatorische Anstrengungen auszuwei-
rem Maße als zuvor von den Stimmungen und Affekten der daran beteiligten
Gewaltakteure abhängig wurden. Belege dafür finden wir in den hegemoni-
schen Kriegen: Hatten die Stadträte im La Plata-Gebiet im 18. Jahrhundert,
als die Kleinkriege der maloca eskalierten, noch die damit verbundenen emo-
tionalen Stimmungen und Befindlichkeiten, wie Angst-, Haß- oder Rachege- 22
Für Mexiko etwa hatte der nordamerikanische General Winfield Scott, der 1846/47 am
fühle auf seiten der spanisch-kreolischen Bevölkerung hervorgehoben und die Eroberungskrieg der USA gegen Mexiko teilnahm, die damaligen mexikanischen Truppen
noch als bunte und armselige Haufen armer Indios, die schlecht bewaffnet und schlecht
eigenen Gewaltaktionen daraus abgeleitet, so nahmen diese affektiven Kom- gefuhrt seien, bezeichnet ("...a poorly armed, undisciplined mob of Indians, poorly office-
ponenten der Gewaltausübung im 19. Jahrhundert ab. In den Grenzkomman- red, and poorly led"). Ende des Jahrhunderts war dagegen der nordamerikanische Militärat-
tache vom Ausbildungsstand des mexikanischen Militärs beeindruckt: Ein möglicher neuer
danturen der argentinischen Armee zumindest, die 1879/80 die Exterminie- Krieg der USA gegen Mexiko würde deshalb, so seine vorsorgliche Warnung, nicht wieder
rungskriege gegen die verbliebenen indianischen Kombattantengruppen in der zu einem Spaziergang werden. Zitiert in William ¥. Sater, Random Thoughts Comparing
the Role of the Army in the Independence Movement and the Fall of the Porfiriato. In: Jai-
Pampa planten und vorbereiteten, spielten individuelle Beweggründe der Ge- me E. Rodriguez (Hrsg.), The Independence of Mexico and the Creation of the New Nation,
Los Angeles 1989, S. 341.
Kapitel E Zusammenfassung

ten, wie es bei den Cruzob-Maya seit den frühen 1850er Jahren, den Yaquis in Ebenfalls wäre es ein Mißverständnis anzunehmen, daß die Teilhabe des
Sonora nach etwa 1870 oder in Comas nach etwa 1885 zu beobachten war." Staates an (ethnischen) Gewaltanwendungen deswegen eine unerläßliche
Insgesamt kann von mehr oder minder einheitlichen "Modernisierungen" Voraussetzung für deren Eskalation und für Gewaltverschärfungen bildete.
der ethnischen Kriege in Lateinamerika im 19. Jahrhundert aber keine Rede Wie die Mischformen ethnischer Gewaltanwendungen zeigen, konnten auch
sein. Die kompetitiven Kriege in fragmentierten Räumen fielen aus diesem in den Fällen, in denen die staatliche Organisation ethnischer Gewalt aus-
Schema ohnehin heraus, weil erhöhte staatliche Organisationsleistungen hier blieb, das Niveau der Gewaltanwendungen ebenso wie das Ausmaß der damit
gerade dazu führten, daß die kompetitiven Kriege wieder in die historisch äl- verbundenen Grausamkeiten hoch sein. So setzte, um dies zu illustrieren, die
tere Form der Revoltengewalt zurückfielen. Allein in der Sondersituation des Regierung in dem nordmexikanischen Grenzstaat Chihuahua erstmals 1832
kriegsbedingten Staatszerfalls konnten kompetitive Kriege in die "moderne" ein Preisgeld für jeden getöteten Apachen aus, wodurch professionell operie-
Variante des politisch argumentierenden Separatismus übergehen. Anders rende Banden von Kopfgeldjägern angezogen wurden."' Später wurde dieses
verhielt es sich dagegen bei den hegemonischen Kriegen: Hier führte die Ex- Konzept privat und kommerziell organisiert: Eine Gruppe von Geschäftsleu-
pansionskraft des Nationalstaats früher oder später zur Transformation der ten und Pflanzern in Chihuahua schloß 1839 einen Vertrag mit einem gewis-
überkommenen, klientelar gebundenen Kriege in neue Formen der Kriegfüh- sen Santiago Kirker, der irischer Abstammung war und der bis zu 200 Kopf-
rung, die bei einem höheren Organisationsgrad und nüchternerer Kalkulation geldjäger (die im übrigen völlig verschiedenen ethnischen Gruppen angehör-
als zuvor gleichzeitig potentiell neue Vernichtungsdimensionen einschlossen. ten) tür die Verfolgung und Tötung der kriegerischen Apachen anstellen und
beschäftigen sollte.'' Bei dieser Form der privat organisierten Exterminie-
rungsgewalt kam den individuellen Beweggründen der Gewaltakteure, also
GEWALTMODALITäTEN ihren Bereicherungswünschen oder vielleicht auch nur ihrer Abenteuerlust,
noch eine größere Bedeutung zu, als dies bei den staatlich veranstalteten Ge-
Fs wäre insofern ein Irrtum zu glauben, daß die Verlagerung der Gewaltan- waltanwendungen der Fall war.
wendungen in sekundäre und mitunter bereits stärker ausdifferenzierte, kom- Als Gewaltformen großen Ausmaßes, die in den ethnischen Kriegen in La-
plexere Organisationssysteme und die damit verbundene Zunahme an Steue- teinamerika im 19. Jahrhundert zur Anwendung kamen, können grob die
rung und Rationalisierung der Gewaltpraxis, die in Lateinamerika im letzten Vertreibungsgewalt, die Durchführung selektiver oder nichtselektiver Massa-
Drittel des 1(). Jahrhunderts einsetzten, zugleich deren Ausmaße einge- ker sowie die umfassende Exterminierungsgewalt unterschieden werden. Ins-
schränkt oder "unnötige" Grausamkeiten vermieden hätten. Eher scheint das gesamt war dabei das Gewaltniveau in den kompetitiven Kriegen vergleichs-
Gegenteil der Fall gewesen zu sein: Geplante, kontrollierte und inszenierte weise niedriger, während es in den hegemonischen Kriegen in den Grenzräu-
Gewaltanwendungen trugen zu Gewaltsteigerungen bei. Unter den Fallbei- men eher hochschnellen konnte. Eine eindeutige Zuordnung von Teil formen
spielen findet sich dieser Trend am nachdrücklichsten in dem Exkurs in die
jüngste Geschichte Guatemalas dokumentiert. 24
Comunicación del gobernador Madero al jefe político del partido de La Concepción.
20.05.1832. In: Victor Orozco, Las guerras indias en la historia de Chihuahua. Primeras
fases. México 1992, S. 60.
Vgl. Proklamation des Vizegouvemeurs von Chihuahua an die Einwohner des Staates
Zu der Verschärfung der Kriege und der Zunahme semistaatlicher Organisationslei- v. 17.12.1833. in der es hieß: "[...] A las armas, no entre un solo apache á las inmediaciones
stungen der Yaquis in Sonora (Nordmexiko) nach 1870 vgl. Edward II. Spicer. Los Yaquis. de los pobladores y rancherías, que no sea perseguido hasta que en la muerte halle el
1 listoria de una cultura. México 1994, S. 182; Hu-Deliart, Yaqui Resistance. S. 97ff. escarmiento de su temeridad". Ebenda, S. 64.
Kapitel F. Znsammenfassung
149

der Gewalt zu Raumtypen oder zu Teilformen der ethnischen Kriege ist aber Dadurch wurde die Massakerpraxis langfristig auch für staatsterroristische
nicht möglich. Zwar überwog in den kompetitiven Kriegen die Vertreibungs- Varianten der Gewaltanwendung verfügbar. Insgesamt wäre für Lateinameri-
gewalt, aber diese kam auch in den hegemonischen Kriegen vor. Massaker ka wohl die Frage einer eigenen Untersuchung wert, ob es nach 1500
wiederum gab es in den Grenzräumen ebenso wie im Hinterland. Allein die "Wanderungen" der Massakergewalt von den Grenzräumen in das Hinterland
teils schwachen und eher rudimentären, teils ausgebildeten Formen der Ex- gab, wann es zu Systematisierungen und schärfer kalkulierten Anwendungen
terminierungsgewalt, die die gewaltmäßige Vernichtung ganzer Bevölke- der Massakerpraxis kam und wie sich die Staatenbildungen und die Massa-
rungsgruppen zum Ziel hatten, waren auf die Grenzräume beschränkt. kergewalt genau zueinander verhielten.
Im Vergleich hat es den Anschein, daß die Vertreibungsgewalt den Kern der
ethnischen Kriegführungen in Lateinamerika im 19. Jahrhundert ausmachte.
Andere Gewaltformen waren meist darin eingebunden bzw. den übergeordne-
ten Vertreibungsabsichten untergeordnet. Dabei konnte die Vertreibungsge-
walt nur sehr kleine Ausmaße annehmen, wie in den kurzen und begrenzten
Gewaltkonflikten zwischen einzelnen ethnischen Territorien in fragmentierten
Räumen, oder bis an die Schwelle zur Vernichtungsgewalt heranreichen.
Die nach außen hin schärfsten Formen ethnischer Gewaltanwendungen tra-
ten in Lateinamerika im 19. Jahrhundert in den Massakern auf. Die Massa-
kergewalt konnte die manifeste und unmittelbare Tötungsabsicht eines Geg-
ners zum Ziel haben und in diesem Sinn eine Unterform der Exterminie-
rungsgewalt darstellen. Oder aber die Massakerpraxis bezweckte durch den
blutigen Überlegenheitsbeweis Demonstrations- und Abschreckungseffekte,
um auf diese Weise tatsächliche oder vermeintliche Bedrohungen auszuschal-
ten oder eine Vorherrschaft über andere ethnische Gruppen zu gewinnen. Ein
Beispiel hierfür war der sogenannte Rassenkrieg auf Kuba 1912. Die Erhe-
bungen schwarzer Bevölkerungen wurden von der Armee mit großer Härte
unterdrückt: Linzeine Schätzungen damals nannten bis zu 35.000 Opfer. Be-
obachter urteilten über die beabsichten Demonstrationseffekte der Massaker-
gewalt: "As a rule the bodies [getöteter Rebellen; M.R.] are left hanging to the
trees, or left lying by the roadside, no effort being made to bury them or to fix
the responsible for the executions. The execution of innocent negroes may
have served the purpose of intimidating the disaffected ones." !"

"" Siehe Bericht des Kommandanten des US-Kriegsschiffes Petrel an das Marinemini- pie of Color. The 1912 "Race War" in Cuba Reconsidered. In: HAHR 66 (1986), S. 509-
sterium in Washington, 17.07.1912. Zitiert bei Louis A. Pérez, Politics. Peasants, and Peo- 539: 537.
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REGISTER

Acapulco 29 Chincha 114


Acostambo 117 Chiriguana, die 137
Amighorena, José 58 Comas 119-121. 123/. 148
Ancón 116. 122 Concepción 121
Anden (-räum) 22, 24. 29. 56. 68. 136 Concepción del Río Cuarto 56
Apachen, die 149 Córdoba 55
Araukaner, die 54f. Cruzob-Maya, die (Cruzobs) 40. 48. 50ff..
Arequipa 109. 124 147
Argentinien 16. 62. 69/ Cuyo 68
Arika 112
Asturien 63
Atahualpa. Juan Santos 23 El Salvador 96
Ay, Manuel Antonio 48 Escuintla 86. 91
Ayacucho/<W. 112. 115. 117 Esquipulas 78
Aymará, die 107. 140
Azángaro 106
Galicien 63
Guatemala 16. 20. 52. 75/. 78-81. 84-90.
Bácum 25 96-105. 108. 123/. 129. I34f/. 143.
Barbachano. Miguel 49 148
Belize 40. 48. 52. 75
Bolivien 106/:. 111. 137. 140
Buenos Aires 53. 56. 58. 62, 64-69, 73. Hermonsillo 25
132/ Honduras 100
Huanca vélica 108. 117
Huancayo//O, 116. 122
Cáceres, Andrés 112. 114. 116-119. 122/. Huanta/M, 115/ 122/
135 Huehuetenango 78. 82. 85
Cajamarca 116
Calfucurá (Kazike) 71
Campeche 41, 44ff. lea//7
Canek. Jacinto 47 Iglesias. Miguel 116
Cañete 112 lman, Santiago 44
Carrera, Rafael 86-91, 93-96 Ixcán 104
Ceballos, Jacinto 119 Izabalsee 75
Cevallos, Pedro de 59
Chamulas, die 35
Chan Santa Cruz 40, 51f. Jalapa 87
Chayanta 140 Jauja 108. 110. 120
Chi, Cecilio 49 Jujuy 55
Chiantla 78. 85 Jungfrau von Guadelupe 78
Chiapas 7/. 23. 35. 101 Jutiapa 87
Chicama 113
Chihuahua 149
Chile 34. 54/.. 62. 106. 111. 115. 134. 136 Kalifornien 25
Register 169
168 Register

Tovilla. Martín Alonso 76


Karibik 10 Portobelo 29 Trujillo//J
Kastilien 63 Potosí 29 Túpac Amarú 24
Kirker. Santiago 149 Pumamanta 121 Tzeltals, die 23
Kolumbien 35. 137 Puno 107/ Tzul. Atanasio 79
Kuba 48. 150

Quechuas, die 106 Ubico, Jorge 102


I.aimes. Tomás 122/ Quetzaltenango 85/. 94/ Uchubamba 120
l.eyva. José Maria 25 Quiche, die / das 79/
Lima 29. 109. 112-11'
López. Rstanislao 7¡ Quisteil 47 Valladolid 45
Los Altos 85
Lujan 64 Veracruz 29
Lynch (Admirai) 115 Río Bío-Bío 55 Verapaz 76. 91
Río de la Plata 63 Vértiz. Juan José 58
Río M o tagua 87
MacCann. William 71 Río Salado 62 Yaquis, die 25. 45. 140. 148
Madrid 119 Rivadavia, Bernardino 65 Yukatan 15/. 26. 40-48. 51/. 54. 62. 73.
Mantaro 123 Rosas. Juan Manuel 68/. 71-73 85. 131/.
Mapuches, die 54f. Rumi-Maki 106
Margil. Antonio de 80
Mataquescuintla 87 Zapata, Dionisio 50
Mazatenango 94 Saavedra. Cornelio 56 Zunil 95
Mendoza 58 Sacapulas 76
Mérida 41. 44-4" Sacramento (Kolonie) 63
Mesoamerika 23. 29. 77 Salazar (General) 87
Mexiko ". 15. 17. 21 23. 33. 40. 44/.. 60. Salta 55
62. "'/.. 104. 132 San Antonio Uotenango 84
Micheltorena (General) 49 San Felipe 135
Molina. Pedro 129 San Juan lxcoy 82
Momostenango 85. 96 San Juan Ostuncalco 78
San Pedro Salamá 82
Santa Catarina lxtahuacán 81 85
Niederkalifornien 48 Santa María Chiquimula 84
Nikaragua 103 Santa Rosa 87
Santander (Kolumbien) ¡37
Santiago de Chile 1 ¡6
Opón, die I3~ Santiago del Estero 57
Ostuncalco 94 Santos, Leandro 50
Solóla 81
Sonora 25. 45. 133. 148
Palma. Ricardo 116 Sor. Nicolas 87
Panama 116 Spanien ¡09. 129
Pat. Jacinto 48// Suchitepéquez 95
Pativilca 113
Peru 16/.. 24. 30. 106-112. 115, 118.
123/. 134f/. 143 Tacna 112
Peten 52. 75 Titicacasee 106/
Piérola. Nicolás 112 Totonicapán 79. 84/