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Interpretation

Ballade: Heinrich Heine – Die schlesischen Weber


Die schlesischen Weber (1844)

Epochen: Vormärz / Biedermeier / Junges Deutschland, Arbeiterliteratur / Arbeiterdichtung

Strophen: 5 Verse: 25

Verse pro Strophe: 1-5, 2-5, 3-5, 4-5, 5-5 Sätze: 5

01 Im düstern Auge keine Träne


02 Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
1 03 Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
04 Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
05 Wir weben, wir weben!

06 Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten


07 In Winterskälte und Hungersnöten;
2 08 Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
09 Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
10 Wir weben, wir weben!

11 Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,


12 Den unser Elend nicht konnte erweichen
3 13 Der den letzten Groschen von uns erpreßt
14 Und uns wie Hunde erschiessen läßt -
15 Wir weben, wir weben!

16 Ein Fluch dem falschen Vaterlande,


17 Wir nur gedeihen Schmach und Schande,
4 18 Wo jede Blume früh geknickt,
19 Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
20 Wir weben, wir weben!

21 Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,


22 Wir weben emsig Tag und Nacht -
5 23 Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
24 Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
25 Wir weben, wir weben!
Inhaltsangabe, Gedicht-Analyse und Interpretation
In der Zeit, in der Heinrich Heine sein bekanntes Gedicht „Die Schlesischen Weber“ schreibt, beginnt die
erste Phase der Industrialisierung in Deutschland. Neue Industriezentren und Fabriken entstehen. Durch die
Einführung der Bauern- und Gewerbefreiheit kommt es zur Landflucht in die Städte, wo sich die
Landflüchtigen ein besseres Leben und Arbeit erhoffen. Dort werden sie jedoch ausgebeutet und bilden eine
neue Bevölkerungsschicht, die die der Arbeiter, das Proletariat. Diese Menschen leben am Existenzminimum,
eine Reaktion auf ihre Not ist der Weberaufstand im Winter 1844 in Schlesien. Heinrich Heine beschreibt in
seinem Werk nicht nur die Wut der Weber, sondern auch ihre Situation in Preußen zu dieser Zeit.
Das Gedicht selbst besteht aus fünf Strophen. Auffällig ist, dass Heine die einfache A-A-B- Form des
Volksliedes gewählt hat. Jede Strophe besteht aus zwei Paarreimen (A-A) und einem wiederkehrenden
„Refrainteil“ (B). Diese erste formale Besonderheit weist darauf hin, dass das „Weberlied“ an die breite
Masse gerichtet ist. Die erste der fünf Strophen leitet in das Geschehen ein.
Im ersten Paarreim tragen die Worte „düstern“, „Träne“ und „fletschen die Zähne“ zu einer dunklen
Grundstimmung bei. Sie beschreiben den Zustand der Weber, die „keine Tränen“, mehr haben, da keiner
ihnen in ihrer Hoffnungslosigkeit hilft. Vielmehr „fletschen“ sie als Reaktion hierauf „die Zähne“. Sie sind
bereit gegen ihre Ohnmacht gegenüber ihren Ausbeutern zu kämpfen. Die Hoffnungslosigkeit wird zur Wut.
In dem folgenden Paarreim kommen die Weber selbst zu Wort. So drohen sie „Deutschland, wir weben dein
Leichentuch/ wir weben hinein den dreifachen Fluch“. Die Verwendung des Wortes „Leichentuch“ weist auf
den Willen die herrschende Ordnung zu Fall bringen. Der „dreifache Fluch“ bestärkt dieses. Er ist symbolhaft
zu sehen, man findet ihn normalerweise in gängigen Volkssagen- oder Märchen. Der „dreifache Fluch“ zeigt
also wie die Volksliedstrophe erneut die Verbindung zum Volk an sich.
In den folgenden drei Strophen werden die drei Flüche explizit ausgesprochen und begründet. Zunächst
richtet sich die Wut gegen „de[n] Gotte, zu dem wir, [die Weber], gebeten“. Heine greift also zuerst die
geistliche Instanz an. In den nächsten zwei Zeilen der Strophe begründet er dies mit dem „vergeblichen
Hoffen“ auf himmlischen Beistand. „Winterskälte und Hungersnöte“ sind hierbei, neben dem Hinweis auf das
Elend der Weber, als eine Anspielung auf die Ernteausfälle wegen der Kartoffelfäule 1844 und der
Preissteigerung des Grundnahrungsmittels um 50% zu sehen. Neben diesem Zeitbezug deutet der Stabreim
„vergebens gehofft und geharrt“ auf eine weitere Kritik hin: Der Terminus „Gott“ und die Vertröstung auf das
Leben im Jenseits wurden von den Obrigkeiten als Rechtfertigung für die herrschenden Zustände genommen.
Indem man das Hoffen auf eine Besserung durch eine höhere Gewalt propagiert, hält man die Ausgebeuteten
ruhig- nicht umsonst beschrieb Marx einige Zeit später, dass die Religion das Opium des Volkes ist. Der
Weberaufstand gleicht also einem Erwachen, das aus der Erkenntnis erwächst, dass „Gott“ die Weber „geäfft,
gefoppt und genarrt“ hat. Diese Akkumulation lässt die Wut der Arbeiter deutlich werden. Der Zorn erfährt in
der dritten Strophe eine Steigerung. Hier wird die weltliche Macht verflucht. Der König wird als „König der
Reichen“ bezeichnet, er nimmt nur, „[presst] den letzten Groschen“, und gibt nicht. Er fördert die, die von der
Industrialisierung profitiert haben- Unternehmer, die Oberschicht des Bürgertums, den Adel. Aber das Elend
derer, die diesen Reichtum möglich gemacht haben, vergrößert er. Er, der eigentlich eine Instanz der
Gerechtigkeit sein sollte, wendet sich gegen einen Großteil seines Volkes, das er nicht achtet und „wie Hunde
erschießen lässt“. Dieser Vergleich verdeutlicht zu einem die Geringachtung mit der man den Arbeitern
begegnete und ist zum anderen auch ein erneuter Ausdruck des Zorns. Heine spielt mit diesem Vergleich auf
das blutige Niederschlagen des schlesischen Weberaufstandes 1844 an. Den Befehl hierzu gab „der König der
Reichen“, Friedrich Wilhelm IV von Preußen.
In der vierten Strophe wird das Vaterland verflucht. Der Begriff „Vaterland“, den man eigentlich in dieser Zeit
mit Patriotismus verbindet, wird als „falsch“ beschrieben. In den folgenden drei Versen findet man eine
Anapher1, Heine verwendete dreimal das Wort „Wo“, um das Vaterland als einen Ort des Verderbens zu
beschreiben. Der Stabreim „(gedeihen nur) Schmach und Schande“ so wie die Metapher2 der „Blume“, die
„zu früh geknickt“, und das Wortpaar „Fäulnis und Moder“, verdeutlichen, dass das beschriebene Deutschland
unmenschlich ist und die Herrschaft des Königs (aus der dritten Strophe) Unterdrückung bedeutet. Die
„Blume wird zu früh geknickt- und jede Entwicklung zum Besseren für das Volk verläuft im Sand. „Fäulnis
und Moder“ erquicken den „Wurm“, von dem Elend der Weber bzw. Arbeiter profitieren nämlich nur die
Herrschenden und die Unternehmer.
Betrachtet man nun alle drei Flüche, so fällt auf, dass Heines Weber Gott, König und Vaterland verfluchen,
also die Säulen der damaligen Ordnung. Interessant ist auch Folgendes: „Gott, König, Vaterland“ war die
Losung des preußischen Militärs, also das Motto des Instrumentes, mit dem Friedrich Wilhelm IV den
Weberaufstand 1844 niederschlagen ließ.
In der letzten Strophe sitzen die Weber wieder am Webstuhl, wie in der ersten wird ein Zustand beschrieben.
Der „Webstuhl“ kracht, sie „weben emsig Tag und Nacht“ an dem Leichentuch Altdeutschlands. Bezeichnend
ist, dass nicht mehr von Deutschland, sondern nur noch von Altdeutschland, also dem „schlechten, altern“
Deutschland, das verflucht wird, die Rede ist. Also lässt sich das Leichentuch für „Altdeutschland“ als eine
Anspielung deuten, dass an dem Untergang der alten, herrschenden Ordnung gewebt wird.
Diese letzte Erkenntnis verdeutlicht, dass das Weberlied etwas „Neues“ ist, es zählt zu den sog. politischen
Gedichten, deren Gattung während der Epoche des Vormärzes entstand. Der Vormärz bezeichnet die Zeit vom
Wiener Kongress bis zur Märzrevolution 1848. Das politische Gedicht entstand, weil es sich leicht auf
Flugschriften verteilen ließ und die Zensur Gedichte nicht begutachtete. Das „Leichentuch Altdeutschlands“,
von dem Heine schreibt, sollte allerdings erst viel später fertig gewebt sein. Auch wenn das Gedicht seinerzeit
anprangerte und zum Widerstand aufrief, so endeten die Bemühungen der Arbeiter und sozialistischen
Vereinigungen dieser Zeit mit der Einführung der Sozialistengesetze, die jede Art des „Aufstandes“ im Keim
erstickten. Nicht zu vergessen ist aber auch, dass es 40 Jahre später die ersten staatlichen Versicherungen gab,
die die Arbeiter ein wenig vor der Ausbeutung schützten.

Anmerkungen

Anapher: Wiederholung eines oder mehrerer Wörter an Satz-/Versanfängen. Beispiel: „Er schaut nicht die
1
Felsenriffe, er schaut nur hinauf“.

2 Metapher (Stilmittel): Bild.

Quelle: Quelle: http://www.newsatelier.de/html/weber.html


Um 1840 war die industrielle Revolution noch in den Anfängen. Lediglich 5% der
Bevölkerung arbeiteten in Fabriken, der große Rest verdiente sein Geld in Heimarbeit und es
gab dort viele Weberfamilien, die an mehreren Stühlen arbeiteten. Sie kauften ihr
Ausgangsmaterial von den Großhändlern, die ihre gewebten Stoffe auch abnahmen, jedoch
nur sehr wenig Geld dafür zahlten. In England gab es allerdings schon mechanische
Webstühle, die den schlesischen Familien langfristig die Existenzgrundlage raubten. Durch
die englische Konkurrenz zahlten die Fabrikanten den Weberfamilien immer weniger und als
es Anfang 1844 mehrere Mißernten hintereinander gegeben hatte, wurde die wirtschaftliche
Situation in Schlesien so schlecht, daß die Familien nahezu verhungerten, weil das bißchen
Geld, das sie verdienten, noch nicht einmal für Brot reichte. Viele Familie verdienten jährlich
noch nicht einmal 50 Taler (Heute wären dies unter 10.000 Euro im Jahr).

Am 3. Juni 1844 kam es zu einem Protestmarsch von 3.000 schlesischen Webern in


Peterswaldau (polnisch: Pieszyce, am Fuß des Eulengebirges im Kreis Reichenbach /
Schlesien) (Hinweis und Korrektur von Holger König mit herzlichem Dank), die vom
Großhändler und Fabrikanten Zwanziger höhere Stücklöhne forderten. Zwanziger verdiente
an den Erzeugnissen das hundert- bis tausendfache, weigerte sich jedoch, mehr zu bezahlen.
Als er den Webern empfahl, sie

"... möchten nur, wenn sie nichts anderes hätten, Gras fressen; das sei heuer reichlich
gewachsen"....,

eskalierte die Situation, die Weber stürmten sein Haus, zerschlugen die Einrichtung und
verwüsteten mehrere Fabrikgebäude. Anschließend marschierte der Zug ins benachbarte
Langenbielau und setzte dort sein Zerstörungswerk fort.

Am 5. Juni wurden preußische Soldaten zur Wiederherstellung der Ordnung eingesetzt, weil
die Demonstrationen andauerten. Die Sitaution eskalierte, als die Soldaten in die Menge
feuerten und elf Weber starben. Einen Tag später wurden vier Kompanien gegen ein paar
hundert Weber eingesetzt. Fast 100 Weber wurden verhaftetet und zu jahrelangem Gefängnis
verurteilt - dort zumindest hatten sie regelmäßiges Essen.

Das Gedicht "Die schlesischen Weber" erschien 1845. Ein halbes Jahrhundert später schrieb
der Dramatiker Gerhart Hauptmann das Theaterstück, "Die Weber", das die damaligen
Geschehnisse sehr realistisch wiedergibt - sein Großvater soll an diesem Aufstand
teilgenommen haben. Aus dem Fabrikanten "Zwanziger" machte Hauptmann die Figur
"Dreißiger". Link zur Kinderarbeit von Edwin Grub

Erklärungen:
"Gott (zurück), König (zurück) und Vaterland (zurück)", war die Treueformel, auf die die
preußischen Soldaten eingeschworen wurden, Altdeutschland (zurück) ist das brüchig
gewordene vorrevolutionäre Deutschland, in dem sich die preußische Monarchie zu behaupten
versucht- allerdings noch kein "Deutsches Reich", sondern seit dem Wiener Kongress 1815
ein politischer Zusammenschluß vieler kleiner Einzelstaaten, der "Deutsche Bund" . Erst mit
der Reichsgründung im Januar 1871 kann von einem Deutschen Reich gesprochen werden.
(Redaktionelle Ergänzung von Harry Huber, 2009 mit herzlichem Dank, MS)