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Irmgard Zündorf, Lena Eggers, Anina Falasca, Julia Wigger

Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie


und kritischer Aufarbeitung

1. Einleitung

Die Erinnerung an die DDR-Geschichte ist auch heute noch eher heterogen
denn einheitlich.1 Die harten Auseinandersetzungen in den 1990er Jahren und
noch einmal 2005/20062, welche die Erinnerungskultur um den SED-Staat
auch zu einem »Kampfplatz«3 werden ließen, scheinen jedoch in den letzten
Jahren, genauer seit der Veröffentlichung des Bundesgedenkstättenkonzepts
20084, zu schwinden. Dieses Konzept setzt den Rahmen für die öffentlich
finanzierte Erinnerungskultur. Danach ist es Ziel, »die erinnerungspolitische
Aufarbeitung des SED-Unrechts zu verstärken und in diesem Zusammenhang
Widerstand und Opposition besonders zu würdigen.« Dies soll durch die
Erinnerung an den »Schrecken des Grenzregimes« und die Darstellung der
SED-Diktatur unter besonderer Betrachtung der Elemente Ȇberwachung
und Verfolgung« geschehen. Gleichwohl soll der Menschen angemessen gedacht
werden, »die sich gegen die Diktatur der SED zur Wehr setzten«. Zudem sei
»das alltägliche Leben notwendigerweise im Kontext der Diktatur darzustellen«.5

1 Weitere Autorinnen und Autoren sind Frederike Fritsch, Carolin Raabe und Stefan
Zeppenfeld. Alle Koautorinnen und -autoren sind Studierende der Public History an
der Freien Universität Berlin und waren in gleichem Maße an der Ausarbeitung des
Textes beteiligt.
2 Siehe z. B. die Diskussion in der Presse, abgedruckt in: Martin Sabrow u. a. (Hg.):
Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007,
S. 185–367.
3 Martin Sabrow: Die DDR erinnern, in: Ders. (Hg.): Erinnerungsorte der DDR, Mün-
chen 2009, S. 11–27, hier S. 16.
4 BT-Drucksache 16/9875: Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes
»Verantwortung wahrnehmen, Aufarbeitung verstärken, Gedenken vertiefen« vom
19. Juni 2008, online abrufbar unter: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_
Anlagen/BKM/2008-06-18-fortschreibung-gedenkstaettenkonzepion-barrierefrei.
pdf?__blob=publicationFile, letzter Zugriff: 02.02.2015.
5 Ebd., S. 5–9.

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Damit wird der Fokus der öffentlich geförderten Erinnerungskultur auf die
Herrschafts- und Repressionsgeschichte gelegt. Die Alltagsgeschichte der
Mehrzahl der Bevölkerung ist nur insoweit von Interesse, wie sie die Vermitt-
lung der Funktionsweise der Diktatur unterstützt. Dieser Präsentation sollen
sich vor allem die Nationalmuseen wie das Deutsche Historische Museum
sowie die Stiftung Haus der Geschichte mit ihren Ausstellungen in Leipzig
und Berlin annehmen. Besonders die Daueraussaustellung »Alltag in der DDR«
in der Berliner Kulturbrauerei verfolgt diesen Ansatz. Dennoch steht auch in
diesen Fällen die Politikgeschichte im Mittelpunkt, während der Alltagsge-
schichte nur marginal Platz eingeräumt wird.6
In der Fokussierung auf die Herrschafts- und Repressionsgeschichte der
DDR sehen Menschen, die ihre persönliche Geschichte nicht aus der Perspek-
tive der Diktatur betrachten, ihre Erinnerung nicht aufgehoben. Sie suchen daher
andere Wege, ihr Bild der DDR zu präsentieren. Im Bereich der Erinnerungs-
kultur passiert dies unter anderem in biografischen Publikationen oder in pri-
vaten Museumsinitiativen.7 Darüber hinaus hat sich ein sogenannter ostalgischer
Blick auf die ostdeutsche Vergangenheit entwickelt, der unter anderem im Bereich
der Event- und Konsumkultur sichtbar wird. Das Kunstwort Ostalgie wurde
zu Beginn der 1990er Jahre geprägt und bezeichnet eine Sehnsucht nach Lebens-
formen oder Alltagsgegenständen der DDR.8 Hierbei steht die Erinnerung an
die Alltagskultur im Vordergrund und nicht die Repressionspolitik des Staates.9
Diese »nostalgisch-romantische Stimmung«10 spiegelte sich zunächst in neuen
Angeboten von Ostalgie-Produkten sowie Partys wider, bei denen DDR-Hits
gespielt wurden, oder in Fernsehshows, die sich mit dem Alltag in der DDR

6 Siehe auch Irmgard Zündorf: DDR-Geschichte – ausgestellt in Berlin, in: Jahrbuch für
Politik und Geschichte, Jg. 4 (2013), S. 139–156.
7 Zur Diskussion über die privaten Museen siehe Jan Scheunemann: Gehört die DDR
ins Museum? Beobachtungen zur Musealisierung der sozialistischen Vergangenheit, in:
Gerbergasse 18, Jg. 14 (2009), H. 55, S. 34–37; Irmgard Zündorf: DDR-Museen als Teil
der Gedenkkultur in der Bundesrepublik Deutschland, in: Jahrbuch für Kulturpolitik,
Jg. 9 (2009), S. 139–145.
8 Vgl. Thomas Ahbe: Ostalgie. Zum Umgang mit DDR-Vergangenheit in den 1990er
Jahren, Erfurt 2005, S. 7.
9 Vgl. Thomas Leuerer: Die heile Welt der Ostalgie – Kollektive politische Erinnerung
an die DDR durch mediale Verzerrung?, in: Thomas Groll/Thomas Leuerer (Hg.):
Ostalgie als Erinnerungskultur? Symposium zu Lied und Politik in der DDR (= Würz-
burger Universitätsschriften zu Geschichte und Politik, Bd. 6), Baden-Baden 2004,
S. 46–59, hier S. 47 f.
10 Ebd., S. 47.

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beschäftigten.11 Auch wenn dieser »Ostalgie-Boom« inzwischen wieder verflo-


gen ist, bleibt doch anzumerken, dass diese teils positive Sicht auf ganz persön-
liche Erinnerungen an die eigene Kindheit, Jugend oder allgemein das private
Leben in der DDR weiter besteht und nicht mit dem öffentlich geförderten
Fokus auf die Repressionsgeschichte der DDR verbunden werden kann. Es
stellt sich somit die Frage, wo diese persönlichen Erinnerungen präsentiert oder
ausgetauscht werden. Neben den genannten Formen der Geschichtsdarstellung
in Printpublikationen oder Ausstellungen bietet das Internet mit seiner leichten
Zugänglichkeit und dem Charakter des nutzergenerierten Inhalts eine geeignete
Plattform, eigene Erinnerungen an die DDR zu präsentieren. Im Folgenden
wird daher gefragt, welches Bild der DDR im Internet geprägt wird – ein eher
repressionsgeschichtliches oder ein ostalgisches?
Die Untersuchung des Internets als Präsentationsplattform geschieht hier
vom Standpunkt der Public History aus, die sich mit (außerschulischen) Orten
beschäftigt, an denen Wissen mit historischer Relevanz produziert wird. Dies
können Museen, Filmproduktionen oder Websites sein. Public History kann
daher als fachwissenschaftliche Antwort auf die steigende öffentliche Nachfrage
nach »historischen Produkten« verstanden werden.12 Aus ihrer Perspektive
werden die Websites als ein Medium betrachtet, mit dem Geschichte vermittelt
und gleichzeitig bestimmte Geschichtsbilder produziert und angeboten werden.
Die Geschichtsdidaktik betrachtet Geschichtsbilder als einflussreiche Kompo-
nenten, die auf das Geschichtsbewusstsein des Individuums und auf das kollek-
tive Gedächtnis einwirken. Der Begriff Geschichtsbild ist eine Metapher für
gefestigte Vorstellungen und Deutungen der Vergangenheit mit einem tiefen
zeitlichen Horizont. Es handelt sich somit um Vorstellungen von einer größeren
Zeitspanne und nicht um ein historisches Ereignis.13 Der Geschichtsdidaktiker
Karl-Ernst Jeismann definiert Geschichtsbilder als faktenarme, hochselektive,
unhinterfragte aber urteilsfreudige und gefühlsstarke, gefestigte Vorstellungen
und Deutungen der Vergangenheit als Ganzes. Es handelt sich demnach um ein

11 Vgl. Ahbe: Ostalgie, a. a. O., S. 43 f.


12 Vgl. Irmgard Zündorf: Zeitgeschichte und Public History, Version: 1.0, in: Docupedia-
Zeitgeschichte, 11.02.2010, online abrufbar unter: http://docupedia.de/zg/Public_
History?oldid=97435, letzter Zugriff: 02.02.2015. Siehe auch: Frank Bösch/Constantin
Goschler: Der Nationalsozialismus und die deutsche Public History, in: Dies. (Hg.):
Public History. Öffentliche Darstellungen des Nationalsozialismus jenseits der
Geschichtswissenschaft, Frankfurt am Main 2009, S. 7–23, hier S. 10.
13 Vgl. Karl-Ernst Jeismann: Geschichtsbilder. Zeitdeutung und Zukunftsperspektive, in:
Aus Politik und Zeigeschichte, Jg. 52 (2002), B 51–52, S. 13–22, online abrufbar unter:
http://www.bpb.de/apuz/26551/geschichtsbilder-zeitdeutung-und-zukunfts
perspektive?p=all, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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stabiles Gefüge einer konkreten historischen Vorstellung einer Person oder einer
Gruppe. »Geschichtsbilder sind nicht Abbild des Vergangenen, sondern Ein-
Bildungen der Vorstellungs- und Urteilskraft.«14 Sie bieten durch Vergangen-
heitsdeutung und Zukunftserwartung eine Orientierung in der Gegenwart, die
das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft stiften kann. In komple-
xen Gesellschaften kommt es aufgrund von vielseitigen Erfahrungen und Erwar-
tungen zu verschiedenen, konkurrierenden Geschichtsbildern.15
Von den Medien präsentierte Geschichtsbilder werden jedoch keinesfalls
ohne Abweichungen von den Rezipientinnen und Rezipienten übernommen.
Basierend auf dem von Stuart Hall entworfenen Kommunikationsmodell des
Kodierens und Dekodierens wird an dieser Stelle auch für die Rezeption von
Websites ein lineares Sender-Nachricht-Empfänger-Modell abgelehnt.16 Nach
Halls Modell kodieren die Sendenden ihre Nachrichten in einem bestimmten
Zeichensystem und geben sie danach an die Empfangenden weiter, die diese
dekodieren. Dabei kann eine Nachricht nie vollständig transparent sein, denn
sowohl die Absendenden als auch die Empfangenden nehmen stets durch ihre
Erfahrungen und ihr Wissen Einfluss auf das Moment der (De)Kodierung und
somit auf die Nachricht selbst.17 Die Passgenauigkeit zwischen den Kodes
hängt von den strukturellen Unterschieden der Sendenden und der Empfan-
genden ab. Hall konstatiert, dass Kodierende eine »bevorzugte Lesart« anstre-
ben und die verwendeten Kodes eine »Common-Sense-Konstruktion« der
Gesellschaft anwenden. Dadurch wird versucht, eine hohe Wahrscheinlichkeit
der Symmetrie zwischen den Kodes herzustellen, sodass die Nachricht aus
Sicht der Sendenden vermeintlich richtig verstanden wird.18
Für die Untersuchung der Geschichtsbilder der DDR auf Websites sind
Halls Erkenntnisse grundlegend. Obgleich das eigene Geschichtsbewusstsein
großen Einfluss auf die Entschlüsselung der Geschichtsbilder nimmt, gilt es
die »bevorzugte Lesart« der Websitebetreibenden zu entschlüsseln und das
somit angebotene Geschichtsbild herauszuarbeiten. Da diese Untersuchung
in einer Gruppe von sieben Personen19 erarbeitet wurde, bestand die Möglich-

14 Ebd., S. 13.
15 Vgl. ebd., S. 14.
16 Vgl. Stuart Hall: Kodieren/Dekodieren, in: Ders.: Ideologie, Identität, Repräsentation.
Ausgewählte Schriften, Bd. 4, hg. von Juha Koivisto und Andreas Merkens, Ham-
burg 2004, S. 66–80.
17 Vgl. ebd., S. 70.
18 Vgl. ebd., S. 74 ff.
19 Die Autorinnen und Autoren wurden überwiegend erst um den Mauerfall geboren und
haben die DDR nie bewusst erlebt. Diese Distanz schlägt sich auch in der Analyse
nieder.

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keit, unterschiedliche Eindrücke stets zu vergleichen und auszutauschen. Den-


noch sei der Analyse vorangestellt, dass auch diese einem individuellen Deko-
dierungsprozess der Arbeitsgruppe unterlag.
Aus der Perspektive der Public History werden in Bezug auf das Geschichts-
bild der DDR im Internet folgende Fragen aufgeworfen: Welches Wissen wird
hier mit welchen Instrumenten produziert? Welches Bild zeichnet die Website
von der DDR? Entspricht das Bild eher dem staatlichen Fokus auf die Repres-
sions- und Herrschaftsgeschichte oder einem individuellen Blick auf die All-
tagsgeschichte?
Zur Beantwortung dieser Fragen konzentriert sich der folgende Zugang
zunächst auf Kriterien des Historischen Lernens.20 Dieses wird verstanden als
»das Resultat einer Begegnung mit Geschichte, die an ganz unterschiedlichen
Orten, unter Nutzung vielfältiger Medien und bei Menschen jeden Alters
stattfinden kann«.21 Die Geschichtsdidaktik »als die Wissenschaft vom
Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft«22 ist dabei die Instanz, die »nach
den Inhalten, den Funktionen, den Formierungsprozessen und den Vermitt-
lungsprozessen fragt, welche die jeweils gegenwärtigen Vorstellungen von
Geschichte ausmachen.«23 Der entsprechende Fragenkatalog umfasst Güte-
kriterien, die zur Analyse von Produkten und Formaten der historischen Bil-
dung dienen. Zu diesen zählen vor allem die Kategorien Narrativität24, histo-
rische Imagination25, Multiperspektivität26 und Authentizität27. Diese Kriterien
liegen auch den folgenden Betrachtungen zugrunde. Websites, die diese nicht
erfüllen und somit auch nicht primär dem Historischen Lernen dienen, wur-

20 Vgl. Jörn Rüsen: Historisches Lernen, in: Klaus Bergmann u. a. (Hg.): Handbuch der
Geschichtsdidaktik, 5., überarb. Aufl., Seelze-Velber 1997, S. 261–267.
21 Juliane Brauer/Martin Lücke: Emotionen, Geschichte und historisches Lernen. Ein-
führende Überlegungen, in: Dies. (Hg.): Emotionen, Geschichte und historisches Ler-
nen. Geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven, Göttingen 2013,
S. 11–26, hier S. 12.
22 Ebd.
23 Karl-Ernst Jeismann: Geschichtsbewusstsein – Theorie, in: Bergmann u. a. (Hg.): Hand-
buch der Geschichtsdidaktik, a. a. O., S. 42–44, hier S. 42.
24 Vgl. bspw. Michele Barricelli: Narrativität, in: Ders./Martin Lücke (Hg.): Handbuch
Praxis des Geschichtsunterrichts, Bd. 1, Schwalbach am Taunus 2012, S. 255–280.
25 Vgl. bspw. Rolf Schörken: Historische Imagination und Geschichtsdidaktik, Pader-
born 1994.
26 Vgl. bspw. Klaus Bergmann: Multiperspektivität. Geschichte selber denken, Schwalbach
am Taunus 2000.
27 Vgl. bspw. Eva Ulrike Pirker/Mark Rüdiger: Authentizitätsfiktionen in populären
Geschichtskulturen, in: Dies. u. a. (Hg.): Echte Geschichte. Authentizitätsfiktionen in
populären Geschichtskulturen, Bielefeld 2010, S. 11–30.

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den nicht berücksichtigt. Ein Beispiel soll an dieser Stelle dazu beitragen, die
Mindestansprüche zu verdeutlichen.
Die Website www.mfs-insider.de wird von einem Interessenbündnis ehe-
maliger Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) betreut.28 Diese
bezeichnen sich als »Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung
der Geschichte des MfS« und betreiben die Website privat. Der Aufbau der
Website präsentiert keine zusammenhängende historische Narration, etwa in
Form eines erklärenden Fließtextes. Der Ansatz der Website liegt vielmehr
darin, die Vergangenheit des MfS aus Sicht der Betreiber darstellen zu wollen.
Die Seiten auf www.mfs-insider.de bieten neben einem umfangreichen tabel-
lenartigen Glossar zum MfS-Apparat in erster Linie eine archivartige Samm-
lung, unter anderem von Zeitungsartikeln, Leserbriefen, Ergebnissen von
Diskussionsrunden sowie eine Literaturliste zum Thema MfS.29 Diese Infor-
mationen werden nur sporadisch oder gar nicht mehr aktualisiert.30 Insgesamt
erscheint die Struktur der Website sehr unübersichtlich, chaotisch und in ihrer
Gestaltung veraltet.31
Für einen schnellen Zugriff auf Informationen über die DDR und in Bezug
auf das Historische Lernen ist diese Website nicht geeignet. Sie bleibt hinter
den Chancen des Internets zurück, bietet doch gerade dieses Medium die
Möglichkeit, Geschichte interaktiv, multimedial und multiperspektivisch zu
erzählen. Die MfS-Homepage nutzt dagegen aus, dass die Websitebetreiben-
den ihre Sicht auf die Geschichte im Netz bereitstellen können, ohne dass ihre
Seriosität überprüft wird. Hinzu kommt bei Websites ganz allgemein und
dieser im Besonderen, dass die Inhalte ständig geändert werden, sodass eine
langfristige Zuverlässigkeit der Informationen nicht gegeben ist. Dies erschwert

28 Die Website wurde für die Vorstellung hier u. a. ausgewählt, weil sie für das Jahr 2014
rund 200.000 Besuchende verzeichnet, vgl. »Webstatistik 2014«, in: Insiderkomitee zur
Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS, online abrufbar unter:
www.mfs-insider.de, letzter Zugriff: 02.02.2015.
29 Vgl. Strukturbaum der Website, in: Ebd.
30 Die letzte Aktualisierung der Seiten ist teilweise auf das Jahr 2010 datiert, so z. B. die
Seite »Abhandlungen, Erklärungen, Stellungnahmen, Interviews«. Die Bibliografie
unter »Literaturecke« verfügt allerdings über Veröffentlichungen aus dem Jahr 2014
und scheint somit die aktuellste Rubrik zu sein.
31 Die Farbwahl, eine Mischung aus weiß, gelb und rot, sowie eine fehlende Navigation
in der Struktur der Seiten und in der Browser-Adressleiste erschweren die Orientierung
auf der Website. Manche Seiten im Strukturbaum öffnen sich ohne ersichtlichen Grund
in neuen Tabs, so etwa die »Literaturecke« (Bibliografie) oder »In memoriam« (ver-
storbene Mitglieder). Die angebotene Suchfunktion über Google funktioniert nicht.

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die Analyse der Internetangebote, was sich auch in der noch relativ dünnen
Forschungsliteratur zum Thema spiegelt.
Als Grundlage für die folgenden Ausführungen dienten vor allem der Text
von Erik Meyer über die Verbindung von Erinnerungskultur und Öffentlich-
keit im Internet32 sowie, aus der Perspektive der Geschichtsdidaktik, die Arbei-
ten von Jan Hodel und Astrid Schwabe.33 Schwabe erarbeitete ein ausführliches
Analysekonzept für geschichtliche Websites, um »die Potenziale und Hemm-
nisse oder sogar Gefahren, die die Bedingungen im WWW für historisches
Lernen bergen«34, genau zu benennen. Außerdem konnte auf Studien zurück-
gegriffen werden, die sich speziell mit der Darstellung von Geschichte auf
Wikipedia auseinandersetzen.35 Einen ersten Ansatz der Analyse bestimmter
Geschichtsdarstellungen bot die bereits 2004 erschienene Arbeit von Dörte
Hein über die DDR-Geschichte im Internet.36 Ähnlich wie dort werden für
die vorliegende Betrachtung einzelne Websites ausgewählt und analysiert.

32 Vgl. Erik Meyer: Problematische Popularität? Erinnerungskultur, Medienwandel und


Aufmerksamkeitsökonomie, in: Barbara Korte/Sylvia Paletschek (Hg.): History Goes
Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres, Biele-
feld 2009, S. 267–287.
33 Vgl. Jan Hodel: Internet. Das Internet und die Zeitgeschichtsdidaktik, in: Markus Fur-
rer/Kurt Messmer (Hg.): Handbuch Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht, Schwalbach
am Taunus 2013, S. 352–378; Ders.: Historische Narrationen im digitalen Zeitalter, in:
Uwe Danker/Astrid Schwabe (Hg.): Historisches Lernen im Internet, Schwalbach
am Taunus 2008, S. 182–195.
34 Astrid Schwabe: Historisches Lernen im World Wide Web. Suchen, flanieren oder
forschen? Fachdidaktisch-mediale Konzeption, praktische Umsetzung und empirische
Evaluation der regionalhistorischen Website Vimu.info, Göttingen 2012, S. 147.
35 Siehe v. a. Maren Lorenz: Repräsentation von Geschichte in Wikipedia oder: Die Sehn-
sucht nach Beständigkeit im Unbeständigen, in: Korte/Paletschek (Hg.): History Goes
Pop, a. a. O., S. 289–312; aber auch Jan Hodel: Wikipedia und Geschichtslernen – ein
Problem? (= Dossier Wikipedia der Bundeszentrale für Politische Bildung), 10. Okto-
ber 2012, online abrufbar unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/wikipe-
dia/145824/wikipedia-und-geschichtslernen, letzter Zugriff: 02.02.2015 sowie: Ders.:
Wikipedia und Geschichtslernen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht,
Jg. 63 (2012), H. 5/6, S. 271–284.
36 Vgl. Dörte Hein: DDR-Geschichte im Internet. Zur Konstruktion eines multimedialen
Gedächtnisses, in: Jens Hüttmann/Ulrich Mählert/Peer Pasternack (Hg.): DDR-
Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und
politischer Bildung, Berlin 2004, S. 265–290.

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2. Analyse ausgewählter Websites

Die im Folgenden analysierten Websites stellen vor allem die Ereignisse um


das Ende der DDR dar. Sowohl 2009 als auch 2014, zum zwanzigsten und
25. Jubiläum der Friedlichen Revolution, sind verstärkt öffentliche Förder-
gelder ausgeschrieben und entsprechend neue Websites erstellt worden. Somit
bot es sich an, öffentlich und privat finanzierte Websites aus diesem Zeitraum
näher zu betrachten. Aus der Vielzahl der Angebote werden vier Websites
exemplarisch vorgestellt und analysiert: drei öffentlich geförderte Sites und
eine privat finanzierte.
Die Websitebetreibenden sind der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die Bun-
desregierung, ein Verein, der mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, sowie
ein privater Bildungsreferent. In einer dichten Beschreibung wird zunächst
die Startseite und damit die Selbstdarstellung der Websitebetreibenden vor-
gestellt. Zudem werden die einzelnen Themenangebote, die Einbindung bezie-
hungsweise das Verhältnis von Bild, Film und Text sowie möglicher Aussagen
aus Zeitzeugeninterviews anhand einzelner Beispiele auf der jeweiligen Web-
site betrachtet. Anschließend werden in einem Exkurs einzelne Foren und
soziale Netzwerke hinsichtlich des dort vorherrschenden Diskurses über die
DDR vorgestellt. Auf dieser Basis wird abschließend versucht, Aussagen über
das Bild des Endes der DDR im Netz zu geben.

2.1 Kuriositäten rund um das Leben mit der Mauer: www.berlin-mauer.de

Die Website Die Berliner Mauer. Geschichte in Bildern (www.berlin-mauer.


de)37 ist ein Projekt des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) zum 25. Jah-
restag des Mauerfalls. Auf der Website werden rund 250 Filme zur Ansicht
angeboten, die aus dem Archiv des Senders Freies Berlin (SFB), des RBB und
des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) stammen. Bei den Filmen handelt es
sich hauptsächlich um historisches Material. Es sind kurze Ausschnitte aus
dem Fernsehen der DDR und der Bundesrepublik, die alle durch einen Spre-
cher nachträglich kommentiert werden. Neben diesen historischen Fernseh-
ausschnitten, die vom Jahr 1961 bis ins Jahr 1990 reichen, sind Beiträge des
RBB aus dem Jahr 2011 zu finden. In diesen werden Berlinerinnen und Ber-

37 Leider hat der RBB auch auf wiederholte Nachfrage keine Angaben zur Nutzung der
Website mitgeteilt. Vielmehr antwortete die Service-Redaktion, dass sie »keine internen
Zahlen über die Nutzung unserer Internetangebote veröffentlichen« würden (E-Mail
vom 23. Dezember 2014).

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liner zum fünfzigsten Jahrestag des Mauerbaus gefragt, was die Teilung der
Stadt für ihr Leben bedeutete.
Die Website ist sowohl für den PC als auch für den mobilen Gebrauch
optimiert. In einem kurzen Einleitungstext wird den Nutzenden nahe gelegt,
die Website unterwegs zu verwenden und historische Filme zu bestimmten
Orten in Berlin mithilfe der digitalen Karte zu besuchen: »So haben Sie die
Möglichkeit, an den Orten des Geschehens eine Reise in die Vergangenheit
zu machen.«38 Zu diesem Zweck wurden auch sechs thematische Rundgänge
konzipiert, die ebenfalls auf der Karte angezeigt werden oder unter der Ru­brik
»Touren« anwählbar sind. Es ist außerdem möglich, sich über einen Zeitstrahl,
der von 1961 bis 1990 reicht, die Filme anzeigen zu lassen.
Jeder Film ist mit einem knappen Informationstext versehen, der allerdings
nur eine Zusammenfassung des Gesehenen liefert und keine Quellenangaben.
Das historische Filmmaterial wird lediglich zum Teil mit Titeln wie »Fernseh-
beitrag Ost« versehen. Auch der historische Kontext der Filmaufnahmen wird
nicht erläutert. Es ist auffällig, dass die Website bis auf die kurzen Informati-
onstexte, die jeweils neben dem Film angeboten werden, keine zusätzlichen
Informationen zu den Inhalten des Films bereitstellt.
Der Aufbau der Website ist ansprechend und benutzerfreundlich gestaltet.
In ihrer Funktionalität ist sie auf das Wichtigste reduziert und übersichtlich
strukturiert. Hierzu trägt auch die eingebaute Suchfunktion bei. Kurios
erscheint lediglich das Wartesymbol, bestehend aus Hammer und Zirkel. Ins-
besondere im Zusammenhang mit der Debatte um das Verbot von DDR-
Symbolen stellt sich hier die Frage nach der Seriosität der Website.39
Eine Interaktion unter oder zwischen den Nutzenden und den Betreiben-
den der Website ist nicht vorgesehen. Es gibt weder die Möglichkeit eigene
Filmbeiträge hochzuladen, noch können Kommentare oder Gästebucheinträge
hinterlassen werden. Dafür können sich die Nutzenden private Filmlisten
zusammenstellen, diese unter »Meine Doku«40 speichern sowie die erstellte
Liste via Facebook, Twitter, Google+ oder E-Mail teilen und somit anderen
zur Verfügung stellen.

38 Über das Projekt, in: Die Berliner Mauer. Geschichte in Bildern, online abrufbar unter:
http://www.berlin-mauer.de/ueber-das-projekt/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
39 Vgl. Erik Peter: Verbot von DDR-Symbolen. Im Kampf gegen Hammer und Zirkel,
in: die tageszeitung vom 15.  April 2014, online abrufbar unter: http://www.taz.
de/!138560/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
40 Meine Doku, in: Berliner Mauer, a. a. O., online abrufbar unter: http://www.berlin-
mauer.de/meine-doku/, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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126 Irmgard Zündorf, Lena Eggers, Anina Falasca, Julia Wigger

Abb. 1   Startseite www.berlin-mauer.de

Thematisch liegt der Fokus der Website auf der Darstellung des Alltags in
West- und Ostberlin und dabei besonders auf dem Leben um und mit der
Mauer. Der Einstieg wird über das Jahr 1990 gewählt (Abb. 1). Die Geschichte
der DDR wird somit von ihrem Ende her erzählt, und die Wiedervereinigung
stellt den Kern der Erzählung dar. Der Fokus der Erzählung wird auf der
Startseite deutlich, auf der im Zentrum die Jahreszahl 1990 zusammen mit
zwei im Wind wehenden Deutschlandflaggen und dem Slogan der Montags-
demonstrationen »Wir sind das Volk!« präsentiert werden. Die Erzählung
beginnt mit einem Film über die »friedliche Revolution im Herzen von
Europa«.41 Bilder von euphorischen »Menschen im Einheitstaumel«, so der
Sprecher, und ein Ausschnitt aus der Rede des Bundespräsidenten Richard
von Weizsäcker am 3. Oktober 1990 vor dem Berliner Reichstag dominieren
diesen einleitenden und somit richtungsweisenden Film.
Nach Aussage der Websitebetreibenden soll mithilfe der Homepage der
Alltag der Menschen in der Mauerstadt Berlin lebendig gehalten, die politischen
Annäherungen zwischen Ost und West sollen nachgezeichnet und persönliche

41 Deutschland ist wieder eins. 03. Oktober 1990, in: Ebd., online abrufbar unter: http://
www.berlin-mauer.de/videos/wiedervereinigung-1990-737/, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Geschichten erzählt werden.42 Die Filme lassen sich in sieben thematische


Rubriken unterteilen. Mit 114 Filmen stellt die Rubrik »Zeitzeugen« das größte
Themenfeld dar, gefolgt von »Politik« (96), »Grenze« (84), »Alltag« (79),
»Flucht« (33), »Kultur« (32) und »Opposition« (22). Dabei können einzelne
Filme auch mehreren Rubriken zugeordnet sein. Der Schwerpunkt der Filme
liegt auf kuriosen Geschichten rund um den Alltag mit der Mauer.
Persönliche Geschichten und Einzelschicksale sind ein wichtiger Bestand-
teil der Website. Diese Form des Zugangs zieht sich wie ein roter Faden durch
die verschiedenen Beiträge. So werden in jedem zweiten Film Ausschnitte aus
Zeitzeugeninterviews präsentiert. Die im RBB-Studio gefilmten Interviews
zeigen diese vor einem hellblauen Hintergrund mit drei Mauersegmenten, auf
denen die Silhouette des Brandenburger Tors zu sehen ist. Ehemalige Bürge-
rinnen und Bürger aus der DDR betonen in den Interviews durchweg ihre
Unzufriedenheit mit ihrem früheren Staat. Die Sängerin Angelika Mann bei-
spielsweise berichtet zuerst begeistert von ihrem Auftritt bei den Weltfest-
spielen der Jugend 1973, um später den Ausnahmezustand dieses Festes zu
betonen.43 In ähnlicher Weise erzählt ein Mitarbeiter des modernen Centrum-
Warenhauses am Alexanderplatz in Berlin einerseits sehr positiv über seine
Arbeit (»Das war das größte, schönste und beste Warenhaus der Republik.«44).
Andererseits fügt er hinzu, dass sich die teuren Produkte dort nur sehr wenige
Menschen leisten konnten. Analog dazu kommentiert der Sprecher: »Hier gibt
es Dinge, von denen man im Rest der Republik nur träumen kann.«45 Insge-
samt wird ein Bild eines Teils der Bevölkerung gezeichnet, der sein Land
belächelte und sich der Endlichkeit der DDR bewusst war.
Auffallend ist, dass Geschichten aus Westberlin eher amüsant und diejeni-
gen aus Ostberlin eher kurios bis tragisch zu sein scheinen. So gibt es für
Ostberlin einen Film über die Eröffnung der modernsten Kaufhalle in Berlin-
Lichtenberg.46 Zu Beginn zeigt ein Ausschnitt aus einem Fernsehbericht der

42 Vgl. Über das Projekt, in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.berlin-mauer.de/
ueber-das-projekt/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
43 Vgl. Weltfestspiele der Jugend (1973), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.
berlin-mauer.de/videos/weltfestspiele-der-jugend-in-ost-berlin-625/, letzter Zugriff:
02.02.2015.
44 Vgl. Centrum Warenhaus am Alex (1971), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.
berlin-mauer.de/videos/westjeans-im-centrum-warenhaus-598/, letzter Zugriff:
02.02.2015.
45 Vgl. ebd.
46 Vgl. Kaufhalle in Lichtenberg eröffnet (1966), in: Ebd., online abrufbar unter: http://
www.berlin-mauer.de/videos/kaufhalleneroeffnung-in-der-ddr-569/, letzter Zugriff:
02.02.2015.

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DDR die Organisation der neuen Kaufhalle, und der Fernsehsprecher erklärt,
wie mithilfe von Nummernvergaben an der Fleischtheke Zeit beim Einkaufen
gespart werden konnte. Der Sprecher berichtet anschließend vom wirtschaft-
lichen Aufschwung, der in der DDR auf den Mauerbau gefolgt sei. Der Bericht
schließt mit dem Hinweis auf das Highlight des Angebots, den neuen »Wasch-
automaten WM 66«, in dem auch Würstchen warmgehalten werden konnten.
Aber auch Klischees wie die fortschrittliche Frauenemanzipation und die
Verbreitung von Kindertagesstätten als Errungenschaften der DDR lassen sich
wiederfinden, ohne dass diese kritisch hinterfragt werden. In einem Film über
das Jahr 1969 wird sehr positiv von der in Ostdeutschland geförderten und
von der Regierung vorangetriebenen Frauenqualifizierung berichtet. So bildete
sich laut Regierung jede fünfte Frau nach der Arbeit fort.47
Auch in den Rubriken »Grenze« und »Flucht« werden erstaunlicherweise
hauptsächlich positive oder kuriose Geschichten erzählt. Geglückte Fluchten
in den Westen und das Leben mit der Mauer (ohne diese als Problem zu the-
matisieren) stehen hier im Mittelpunkt. So erzählt ein Film vom Umgang mit
der Mauer in Westberlin. Der Sprecher betont, dass die Mauer längst nicht
mehr so furchteinflößend sei: »Die DDR, ›Der Doofe Rest‹, soll machen, was
er will.«48 Gezeigt werden hier nackte Westberlinerinnen und Westberliner
während des Tischtennisspielens im Kleingarten neben der Mauer (Abb. 2).
Im Kontrast zu dieser Art Mauergeschichte geht es nur in fünf von 86 Fil-
men in den Rubriken »Grenze« und »Flucht« um Mauertote. Neben drei
missglückten Fluchtversuchen49, die mit dem Tod der Flüchtenden endeten,
schildert ein Film das Schicksal eines Jungen aus Westberlin, der in der Spree
ertrank. Er fiel beim Ballspielen ins Wasser, und da der Fluss an dieser Stelle
zu Ostberlin gehörte, durften die westdeutschen Rettungskräfte nicht eingrei-
fen, um dem Jungen zu helfen.50 Ein weiterer Film berichtet von einem Ehepaar,

47 Frauenbewegung und Kinderläden (1969), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.
berlin-mauer.de/videos/frauenbewegung-und-kinderlaeden-im-geteilten-berlin-583/,
letzter Zugriff: 02.02.2015.
48 Alltag mit Mauer (1981), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.berlin-mauer.de/
videos/alltag-nach-zwanzig-jahren-mauer-676/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
49 Vgl. Der letzte Mauertote durch Schießbefehl (1989), in: Ebd., online abrufbar unter:
http://www.berlin-mauer.de/videos/chris-gueffroy-719/; Peter Fechter stirbt beim
Fluchtversuch (1962), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.berlin-mauer.de/
videos/fluchtversuch-von-peter-fechter-542/; DDR-Grenzsoldat Huhn erschossen
(1962), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.berlin-mauer.de/videos/ddr-grenz-
soldat-huhn-erschossen-539/, letzter Zugriff von allen: 02.02.2015.
50 Vgl. Junge ertrinkt in der Spree (1975), in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.
berlin-mauer.de/videos/metin-cert-ertrinkt-in-der-spree-642/, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 129

Abb. 2   Alltag mit Mauer, 1981

das bei einem Ausflug mit ihrem Boot auf dem Teltow-Kanal erschossen wurde,
weil es vermutlich aus Versehen die Grenze überquert hatte.51
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Narration der Website einer Hap-
pyend-Story folgt, die aus dieser Perspektive die Geschichte der Berliner Mauer
von 1961 bis 1990 erzählt. Die DDR wird dabei lediglich als »Fußnote der
deutschen Geschichte« dargestellt, die nur von kurzer Dauer war. Das All-
tagsleben in der Diktatur wird vor allem daran gezeigt, wie verschiedene Men-
schen versuchten, sich trotz Widrigkeiten ihre eigenen Freiräume zu schaffen.
In Interviews erzählen einige von ihnen ihre ganz persönliche Geschichte,
ohne diese in einen größeren politischen oder gesellschaftlichen Zusammen-
hang einzuordnen. Der Fokus auf die im Alltag angesiedelten und teilweise
absurden Geschichten ordnet die tödlichen Gefahren von Flucht und Grenze
einem Unterhaltungsanspruch unter.
Obwohl die zahlreichen Filme einen Einblick in das alltägliche Leben mit
der Berliner Mauer geben, wird die Möglichkeit nicht genutzt, mithilfe des
unterschiedlichen Filmmaterials verschiedene Standpunkte zu präsentieren.

51 Vgl. Bootsausflug mit tödlichem Ausgang (1965), in: Ebd., online abrufbar unter: http://
www.berlin-mauer.de/videos/tod-von-hermann-doebler-561/, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Auch wichtige Fragen werden nicht gestellt – beispielsweise warum die DDR
trotz der Unzufriedenheit vieler so lange Bestand hatte. Stattdessen werden
die unterschiedlichen Perspektiven durch den omnipräsenten Sprecher wieder
vereinheitlicht. Das vorherrschende Narrativ ist das einer teleologischen
­Mauergeschichte, dessen Ende – der Mauerfall und die Wiedervereinigung –
vo­rauszusehen gewesen sei.

2.2 Die Repräsentation der DDR aus Sicht der Bundesregierung: www.
freiheit-und-einheit.de

Die Website www.freiheit-und-einheit.de wurde vom Presse- und Informati-


onsamt der Bundesregierung erstellt und ging Anfang 2014 online. Der Web-
auftritt bietet den Internetnutzenden eine Chronik zu den tagespolitischen
Ereignissen vom 1. Januar 1989 bis zum 3. Oktober 1990. »Dieses Internetan-
gebot will an die bewegenden Ereignisse von damals erinnern – an die Fried-
liche Revolution, den Mauerfall und schließlich die Wiedervereinigung«52, so
die Bundesregierung über das Ziel ihres Internetauftritts.
Die Gestaltung der Webpräsenz erscheint ansprechend und modern. Durch
eine klare, minimalistische Struktur ist sie übersichtlich und einfach zu benut-
zen. Den Schwerpunkt bildet zwar die Chronik von 1989/90 mit einer dazu-
gehörigen Mediathek, doch werden zusätzlich zahlreiche Informationen der
Bundesregierung selbst angeboten. Darüber hinaus verfügt die Homepage
über eine Suchfunktion, welche die Eingabe von Schlagwörtern ermöglicht
und somit schnell gewünschte Informationen liefert.
In der Chronik wird das jeweilige Tagesereignis anhand eines großen Bil-
des und einer dazugehörigen, kurzen Texterläuterung präsentiert. Zur Erlan-
gung umfassender Informationen kann durch einen Button, der zunächst nicht
direkt zu erkennen ist, ein weiterer Text geöffnet werden, der eine kurze
Zusammenfassung des entsprechenden Ereignisses gibt. Neben dem Hauptbild
und dem Text gibt es ferner Audio- und Videodateien sowie Fotoreihen, die
thematisch mit dem Tagesereignis zusammenhängen (Abb. 3).
Um sich über weitere Geschehnisse zu informieren, besteht die Möglichkeit,
vom Ausgangsbild ein Ereignis vor oder zurück zu gehen oder über einen Zeit-
strahl direkt ein Datum auszuwählen. Neben der Chronik bietet die Website

52 Willkommen auf der Seite Freiheit und Einheit, in: Freiheit und Einheit, online abruf-
bar unter: http://www.freiheit-und-einheit.de/Webs/Einheit/DE/Startseite/Ueber-die-
Seite.html;jsessionid=BCF352711A86EF985D53CE383490585B.s4t1, letzter Zugriff:
02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 131

Abb. 3   Startseite www.freiheit-und-einheit.de, hier: vom 9. November 1989

der Bundesregierung noch die Rubriken »Veranstaltungen«, »Aktuelle Meldun-


gen«, »Mediathek«, »Infomaterial« und »Service«. Unter der ersten Rubrik
werden vergangene und künftige Veranstaltungen wie Ausstellungen, Tagungen,
Führungen, Podiumsdiskussionen, Gedenkveranstaltungen und Filmvorfüh-
rungen zu verschiedenen Themen der DDR-Geschichte beworben. In der nächs-
ten Rubrik veröffentlicht die Bundesregierung aktuelle Berichte und Pressemit-
teilungen zum Thema »Freiheit und Einheit«. Beispielsweise wird die Rede der
Bundeskanzlerin am 3. Oktober 2014 in Hannover im Volltext angeboten sowie
eine Fotoreihe zur Veranstaltung. Die Mediathek bietet einen Fundus von 113
Videos53, der laufend erweitert wird. Zu sehen sind kurze Videoausschnitte aus

53 Stand vom 2. Februar 2015.

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Zeitzeugeninterviews, besonders mit Persönlichkeiten aus der Bürgerbewegung,


der Politik oder der Kirche. Die Auswahl der Interviewten ist somit relativ
einseitig auf Mitglieder der DDR-Opposition beschränkt. Zudem können Inter-
netnutzende in der Mediathek historische Filmaufnahmen der ARD-Tagesthe-
men, Beiträge des DDR-Fernsehens oder Aufnahmen verschiedener Demons-
trationen sehen. Darüber hinaus gibt es drei Videos mit der Bundeskanzlerin,
die sich darin zum Thema Friedliche Revolution äußert. Neben Videomaterial
zeigt die Mediathek zehn Fotoreihen sowie drei Infografiken über den Aufbau
der Mauer und eine Statistik der DDR-Flüchtlinge.54 Unter der Rubrik »Info-
material« werden zwei Broschüren der Bundesregierung zum Download ange-
boten, die sich mit der Entwicklung in den letzten 25 Jahren in Deutschland
auseinandersetzen.55 Nutzende der Website können sich unter »Service« über
ein Kontaktformular an die Betreibenden der Seite wenden. Zudem besteht die
Möglichkeit, das Servicetelefon der Bundesregierung zu nutzen. Darüber hinaus
verfügt die Homepage über keine aktiven Beteiligungsmöglichkeiten via Gäs-
tebuch, Chat oder Kommentarfunktion. Es gibt jedoch Verknüpfungen zu Twit-
ter, Flickr, RSS und YouTube. Hierbei handelt es sich allerdings um Accounts
der Bundesregierung selbst.56
Die Themen der Website fokussieren hauptsächlich das Ende der DDR.
Die Schwerpunkte liegen dabei bis zum 9. November 1989 auf den Themen
Flucht, friedliche Demonstrationen, Bürgerbewegung, Mauerfall und Reak-
tionen der DDR-Regierung. Hierbei richtet sich der Blick nicht nur auf die
DDR und die Bundesrepublik, sondern auch auf Länder wie China, Ungarn
und die ehemalige Tschechoslowakei. Insbesondere der Volksaufstand in Peking,
die Öffnung der Grenzen in Ungarn und die Besetzung der Prager Botschaft
spielen eine bedeutende Rolle. Nach dem Mauerfall rücken die Freude über
die Einheit der deutschen Bevölkerung, die erste freie Volkskammerwahl und
politische Entwicklungen hin zur staatlichen Wiedervereinigung in den Vor-
dergrund. Auch hierbei werden internationale Ereignisse eingebunden.

54 Vgl. Mediathek, in: Freiheit und Einheit, online abrufbar unter: http://www.freiheit-
und-einheit.de/SiteGlobals/Forms/Webs/Einheit/Suche/DE/Solr_Mediathek_formu-
lar.html?cat=fotos&id=836602&doctype=GCPresentation, letzter Zugriff: 02.02.2015.
55 Zum einen kann ein Bildband über 25 Jahre Entwicklung in den neuen Bundesländern
und zum anderen eine Broschüre über die Friedliche Revolution und deren Folgen
heruntergeladen werden. Vgl. Infomaterial, in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.
freiheit-und-einheit.de/Webs/Einheit/DE/Infomaterial/_node.html, letzter Zugriff:
02.02.2015.
56 Nach Angaben der Bundesregierung besuchten in den Monaten September bis Novem-
ber 2014 jeweils zehntausend bis 25.000 User die Website. Demnach erfolgten täglich
zirka dreihundert bis 850 Aufrufe.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 133

Bei der Untersuchung des Bild-Text-Verhältnisses fällt ein klares Überge-


wicht des Startseiten-Fotos auf. Diese aussagekräftigen Bilder laden Nutzende
ein, sich für das Tagesereignis zu interessieren und sich daraufhin mit dem
Text zu beschäftigen. Nicht nur prominente Persönlichkeiten wie Helmut
Kohl oder Erich Honecker werden gezeigt, sondern auch flüchtende Familien,
Demonstrierende oder Menschen vor der Prager Botschaft. Das jeweilige Foto
wird durch einen Bildtitel, einen zweizeiligen Einleitungstext und einen zusam-
menfassenden Text über das Ereignis in den geschichtspolitischen Kontext
eingebettet. Somit können sich Internetnutzende lediglich eine Slideshow
durch Weiterklicken anschauen oder weitere Informationen im Klapptext
erhalten. Der Bildnachweis befindet sich nicht direkt bei der Fotografie, son-
dern in einer Liste, die durch einen eigenen Button unterhalb des Artikels
geöffnet werden kann.57 Dadurch, dass die Bilder im Vordergrund stehen und
kein Text von ihnen ablenkt, wirkt die Seite einerseits ästhetisch ansprechend
und übersichtlich, andererseits ist die Suche nach der Provenienz relativ
umständlich. Insgesamt spielen die Bilder in der Chronik die tragende Rolle.
Die zum Teil bekannten Fotografien laden zum Weiterklicken ein, da sie an
das Wissen der Nutzenden anknüpfen. Dies kann aber auch dazu führen, dass
bereits gefestigte Vorstellungen über die DDR-Geschichte unhinterfragt blei-
ben, denn die Erläuterungstexte können schnell übersehen werden.
Die Internetpräsenz www.freiheit-und-einheit.de gibt die Geschichte der
letzten zwei Jahre der DDR chronologisch wieder – beginnend mit dem
1. Januar 1989. Dabei wird die Vorgeschichte wie beispielsweise die Entste-
hung und Entwicklung der DDR gänzlich ausgeklammert – Nutzende müs-
sen über Vorwissen verfügen, um die Inhalte der Seite einordnen zu können.
Allerdings wird gelegentlich – zum Beispiel durch eine zusätzliche Erläuterung
in einer grau unterlegten Informationsbox unterhalb des Textes – Bezug auf
Geschehnisse vor 1989 genommen.58 Die Formulierungen sind leicht ver-
ständlich59, teilweise sogar umgangssprachlich wie beispielsweise: »Aber das

57 Vgl. Bildnachweis, in: Freiheit und Einheit, online abrufbar unter: http://www.freiheit-
und-einheit.de/Webs/Einheit/DE/Chronik/Bildnachweis/chronik_bildnachweis_node.
html, letzter Zugriff: 02.02.2015. – Eine Ausnahme bilden Fotografien aus dem Bun-
desarchiv, bei denen der Nachweis direkt auf dem Foto angezeigt wird. Dies ist bspw.
in der Chronik zum 12. Januar 1990 ersichtlich.
58 Dies ist z. B. am 11. Januar 1989 der Fall, in der DDR-Bürgerinnen und -Bürger die
Bonner Vertretung besetzten. In dem Kästchen kommt zur Sprache, dass es bereits seit
1984 zu Besetzungen kam.
59 Zudem können sich Nutzende dieser Website im Gegensatz zu den anderen Websites
als zusätzliches Angebot unter »Gebärdensprache« und »Leichte Sprache« die Ziele
der Homepage erklären lassen.

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134 Irmgard Zündorf, Lena Eggers, Anina Falasca, Julia Wigger

SED-Regime macht keinerlei Anstalten [...].«60 Problematisch ist, dass Ver-


allgemeinerungen wie »das Volk« den Anschein erwecken, dass beispielsweise
alle DDR-Bürgerinnen und -Bürger ausreisewillig waren oder sich der Oppo-
sition anschlossen.
Zusammenfassend ergibt sich aus der Analyse der Website www.freiheit-
und-einheit.de ein durchweg negatives Bild der DDR und ihrer Politik. Die
Präsentation der DDR findet ausschließlich anhand der Themen Diktatur,
Grenzerfahrungen, Demonstrationen, Friedliche Revolution und Wiederver-
einigung statt. Somit stellt die Homepage die staatlichen Repressionen und
die Oppositionsbestrebungen eines Teils der DDR-Bevölkerung in den Mit-
telpunkt. Dadurch bleibt die Frage, warum dieser funktionsunfähige und unge-
wollte Staat so lange bestanden hat, unbeantwortet. Des Weiteren entsteht der
Eindruck, die Mehrheit der DDR-Bürgerinnen und -Bürger habe sich bei den
Demonstrationen oder gar in der Opposition engagiert. Eine Geschichte über
den letzten Mauertoten Chris Gueffroy verdeutlicht dies: »Er steht stellver-
tretend für ein ganzes Land, das den Drang und den Wunsch verspürt, endlich
in Freiheit zu leben.«61 Dies macht auch die Auswahl der Zeitzeuginnen und
Zeitzeugen in den Videos deutlich, da vorwiegend Menschen aus der Oppo-
sition zu Wort kommen. Keinen Platz finden hingegen Menschen, die sich
dem System anpassten, damit zufrieden waren oder deren Unzufriedenheit
nicht so groß war, dass sie dafür auf die Straße gingen. Eine multiperspekti-
vische Darstellung der DDR wird somit nicht präsentiert. Thematisch stehen
die politischen Ereignisse im Vordergrund, wohingegen alltagsgeschichtliche
Erzählungen keinen Platz finden. Schlussendlich entspricht die Website www.
freiheit-und-einheit.de dem Bundesgedenkstättenkonzept, indem die Repres-
sionsgeschichte der DDR behandelt und insbesondere die Oppositionsbestre-
bungen hervorgehoben werden. Von einer kritischen Aufarbeitung wäre da­rüber
hinaus jedoch auch ein Blick auf die Entwicklung vor 1989 und auf das Leben
der Mehrheit der DDR-Bevölkerung zu erwarten, ohne dass damit Ostalgie
betrieben wird.

60 Chronik vom 01.01.1989, in: Freiheit und Einheit, online abrufbar unter: http://www.
freiheit-und-einheit.de/Webs/Einheit/DE/Chronik/chronik_node.html, letzter Zugriff:
02.02.2015.
61 Chronik vom 05.02.1989, in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.freiheit-und-
einheit.de/Webs/Einheit/DE/Chronik/chronik_node.html, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 135

2.3 Von Opposition und Revolution: www.revolution89.de

Die Website www.revolution89.de ist ein Informationsangebot der Robert-


Havemann-Gesellschaft e.V. Der Verein wurde im November 1990 von Ange-
hörigen der Bürgerbewegung Neues Forum gegründet. Laut eigener Website
dokumentiert und vermittelt er die Geschichte und die Erfahrung von Oppo-
sition und Widerstand in der DDR.62 Die Konzeption und Umsetzung des
Internetauftritts wurde von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
(DKLB), dem Bundesministerium des Innern (BMI) sowie dem Beauftragten
der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert. Als Zusatz-
angebot zu den sogenannten Berliner Revolutionsstelen63 und zur Open-Air-
Ausstellung »Friedliche Revolution 1989/90«, die vom 7. Mai bis zum 3. Okto-
ber 2010 auf dem Berliner Alexanderplatz gezeigt wurde, soll die Website den
Besuchenden etwas Dauerhaftes bieten. Die Website ist seit 2009 online und
wird laufend aktualisiert und erweitert (Abb. 4).64
Gestalterisch ist die Website ansprechend und übersichtlich. Die selbster-
klärende Navigation ermöglicht den Nutzenden einen schnellen Zugriff auf
Informationen. Kurze und prägnant geschriebene Texte werden durch die
Einbindung von Fotos und Dokumenten ergänzt und wirken somit abwechs-
lungsreich und interessant. Hinzu kommt an ausgewählten Stellen die Mög-
lichkeit, kurze Filme anzusehen. Durch eine Suchfunktion kann gezielt nach
Schlagworten recherchiert werden, sodass ein leichter Zugriff auf die gewünsch-
ten Informationen gegeben ist.
Ausgehend von der Startseite, bietet die Website fünf Kategorien an: »Auf-
bruch«, »Revolution«, »Einheit«, »Gesichter« und »Revolutionsorte«. Die
ersten drei stellen den inhaltlichen Rahmen dar und legen gleichzeitig den
Schwerpunkt auf die Darstellung des Endes der DDR. Hinter der Kategorie
»Gesichter« verbergen sich siebzig verschiedene Biografien von Menschen,
die an der Friedlichen Revolution beteiligt waren. »Revolutionsorte« stellt

62 Vgl. Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.: Über uns, online abrufbar unter: http://www.


havemann-gesellschaft.de/index.php?id=26, letzter Zugriff: 02.02.2015.
63 Die Berliner Revolutionsstelen sind insgesamt 18 Markierungen, an Orten im Osten
wie im Westen der Stadt, die aus Sicht der Initiatoren eng mit der Friedlichen Revolu-
tion verbunden sind. Die Stelen informieren mit historischen Fotos und erläuternden
Texten am jeweiligen Originalschauplatz über die Ereignisse von 1989/90. Vgl. Revo-
lutionsstelen in Berlin, in: Friedliche Revolution 1989/90, online abrufbar unter: http://
revolution89.de/?PID=static,Revolutionsstelen,0100-StelenBerlin,Index_de, letzter
Zugriff: 02.02.2015.
64 Es liegen keine Besucherzahlen der Website vor, da die Betreibenden diese nicht spei-
chern und auswerten.

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Abb. 4   Das Foto einer Demonstration dient als Startseite (mit zusätzlichen Markierungen)

eine direkte Verknüpfung zu den Berliner Revolutionsstelen dar und beschreibt


die 18 Orte der Stelen in Ost- und Westberlin, die von den Macherinnen und
Machern als bedeutende Orte der Friedlichen Revolution erachtet wurden.
Die drei thematischen Kategorien beinhalten jeweils unterschiedlich viele
Unterkategorien, in denen der Verlauf der Revolution chronologisch erzählt
wird. Zudem bietet die Website neben den Themenblöcken weitere Informa-
tionen über aktuelle Ausstellungen, Veranstaltungen, Publikationen und Akti-
vitäten der Robert-Havemann-Gesellschaft. Die eingebundenen Fotos, Doku-
mente und Videos sind stets mit einer Quellenangabe versehen und somit
eindeutig zugeordnet. Dies verstärkt den Eindruck einer professionell erstell-
ten Seite. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, durch das Klicken auf »wei-
ter« andere Fotografien oder zusätzliche Dokumente anzusehen. Somit kön-
nen Homepageinteressierte je nach Bedarf auf mehr Informationen zugreifen.
Der Schwerpunkt der Website liegt auf einer Oppositionsgeschichte, die
nur in Zusammenhang mit der Repressionsgeschichte erzählt werden kann
und dadurch ihre Bedeutung erhält. Weder der Alltag einer großen Mehrheit
der in der DDR Lebenden noch die Herrschaftsgeschichte werden berück-
sichtigt. Letztere wird lediglich im Zusammenhang mit der Entwicklung von
Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion ab 1985 dargestellt.65 Die Fokus-
sierung auf die Geschichte der Opposition lässt sich in den drei thematischen
Kategorien sehr gut erkennen. Beispielsweise werden unter dem Titel »Auf-
bruch« Themen wie die »Friedens- und Umweltbewegung« oder »Verhaftung

65 Vgl. Krise im Ostblock, in: Friedliche Revolution 1989/90, online abrufbar unter: http://
revolution89.de/?PID=static,Revolution,00080-Das-System-broeckelt,Index_de, letz-
ter Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 137

Abb. 5   Das Unterkapitel »Die Bürger formieren sich« informiert durch Text, Bilder und Doku-
mente über verschiedene oppositionelle Gruppen

und Ausweisung« erklärt und ihre Bedeutung für die Friedliche Revolution
dargelegt. In der Kategorie »Revolution« wird der konkrete Verlauf der Fried-
lichen Revolution zum Hauptthema gemacht und Kapitel wie »Die Bürger
formieren sich« (Abb. 5) oder »Das System bröckelt« verweisen schließlich
auf den Weg zum Ende der DDR. In der letzten thematischen Kategorie »Ein-
heit« wird der Prozess der deutschen Wiedervereinigung dargestellt. Dort
werden den Nutzenden in Unterkategorien von »Keine Experimente« bis hin
zu »Die Vollendung der Einheit« das Ende der DDR und die Angliederung
an die Bundesrepublik erklärt. Insgesamt wird somit ein chronologischer und
thematischer Überblick über den Ablauf der Friedlichen Revolution angebo-
ten, der die Opposition in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt.
Jedes Unterkapitel beginnt mit einem kurzen Einführungstext, welcher
durch ein Bild – dies kann eine Fotografie oder auch ein Dokument sein –
untermauert wird. Das Bild selbst wird nicht weiter thematisiert, sondern
dient allein der Illustration. Jedoch erhalten sowohl Fotografien als auch Doku-
mente in den Unterkategorien einen höheren Stellenwert und rücken durch
die mittige Platzierung auf der Website in den Fokus. Da an diesen Stellen nur
sehr wenig Text zu finden ist, transportiert das Bild die Information an die
Nutzenden. Demnach dienen die Dokumente und Fotografien zum einen als
Illustration und zum anderen als Übermittler von Informationen. Die einge-
bundenen Fotografien zeigen zumeist Personen oder Gruppen, die sich in der
Opposition engagierten. Und auch die Dokumente stellen Briefstücke, Plakate,
Postkarten oder ähnliches dar, die im direkten Zusammenhang mit oppositi-
onellem Handeln standen. Die Bilder unterstützen damit die Aussagen aus

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138 Irmgard Zündorf, Lena Eggers, Anina Falasca, Julia Wigger

den Texten, die sich ebenfalls vor allem mit der Opposition beschäftigen: Men-
schen, die sich dem System widersetzten; ihre Aktionen werden somit auch
auf der visuellen Ebene in den Fokus der Erzählung gerückt und tragen zum
transportierten Geschichtsbild bei.
Die Kategorie »Gesichter« beschäftigt sich ausschließlich mit Zeitzeugin-
nen und Zeitzeugen und ihren Geschichten. Die Personen werden zunächst
mit einem oder mehreren Fotos vorgestellt. Anschließend wird ihre Kurzbio-
grafie in Hinblick auf die Friedliche Revolution beschrieben. Besonders her-
vorgehoben werden ihr Engagement in der Opposition und die Aktivitäten
in der Bürgerrechtsbewegung. Zugleich wird die positive Bewertung ihrer
Taten mitgeliefert. So heißt es im Einführungstext:

Sie alle haben sich statt für das Leichte für das Richtige entschieden. Eine Ent-
scheidung, die immer unendlich schwerer zu treffen ist als die zwischen Richtig
und Falsch. Diese Menschen, die das geprägt haben, was heute »Bürgerrechtsbe-
wegung«, »Opposition« oder »Widerstand« heißt und damals verschämtere
Bezeichnungen trug, haben den Weg für unsere Freiheit bereitet.66

Damit einher geht eine implizite Kritik an all denen, die sich nicht so entschie-
den und damit eben nicht »das Richtige« getan haben. Die Biografien wurden
jeweils von Historikerinnen und Historikern verfasst, die auch namentlich
aufgeführt werden. Somit findet sich hier eine eindeutige Zuordnung der Texte.
Bei allen anderen Texten auf der Website wird hingegen keine Autorenschaft
angegeben. Dennoch erhöht die Namensnennung an dieser Stelle – ähnlich
wie bei den Quellenangaben der eingebundenen Fotos und Dokumente – den
professionellen Eindruck der Website.
Dem Prinzip einer linearen Erzählung folgend, beginnt die Website mit dem
Ende der DDR und dem Sieg der Oppositionellen über das System. So ist bereits
auf der Startseite die Fotografie einer Demonstration zu sehen. Auf Transpa-
renten stechen Schlagwörter wie »Neues Forum«, »Schluss mit der Diktatur«
und »Pressefreiheit« ins Auge.67 (siehe Abb. 4) Die Blickrichtung der nachfol-
genden Texte, Bilder und Filme ist dadurch vorgegeben: Es geht um die
Geschichte der Opposition, die aktiv gegen das System kämpfte und für ihre
Rechte auf die Straße ging. Zudem machen die dargestellten Themen deutlich,
dass dem persönlichen Engagement der Bürgerinnen und Bürger der DDR und
ihrem Willen nach Freiheit die staatliche Unterdrückung, Repressionen und

66 Claudia Rusch: Gesichter, in: Ebd., online abrufbar unter: http://revolution89.


de/?PID=static,Zeitzeugen,00005-Gesichter,Index_de, letzter Zugriff: 02.02.2015.
67 Vgl. Startseite, in: Ebd., online abrufbar unter: http://revolution89.de/?PID=static,Index_
de, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 139

Verhaftungen entgegenstanden. Die Website vermittelt nahezu den Eindruck,


dass dies die Geschichte der DDR seit ihrer Gründung prägte. Die Ursprünge
und die Entwicklung der Oppositionsbewegung vor den 1980er Jahren werden
dabei kaum thematisiert. Das Thema wird somit relativ eindeutig und verein-
facht präsentiert. Diese Vereinfachung findet sich auch in der Sprache der Web-
site wieder, die oft verallgemeinerte Schlüsse zieht. So wird beispielsweise von
»immer mehr Menschen« oder auch den »meisten Jugendlichen« geschrieben,
die sich »trotz staatlichem Verbot« engagierten.68 Es wird nicht deutlich, aus
welchen Personen sich die Gruppen zusammensetzten, wie viele Menschen aus
der DDR sich in der Opposition engagierten und wie sich diese Beteiligung
über die vier Jahrzehnte der DDR veränderte. Die Tatsache, dass es sich um
eine Minderheit handelte und dass ein großer Teil der Bevölkerung angepasst
in dem System lebte, wird nicht zur Sprache gebracht.
Die Geschichte der Opposition steht somit im Mittelpunkt dieses
Geschichtsbildes vom Ende der DDR, und die angepasste Lebensweise eines
großen Teils der Bevölkerung wird nicht thematisiert. An dieser Stelle wäre
eine multiperspektivische Darstellung wünschenswert, um ein heterogeneres
Bild der DDR zu ermöglichen. Lediglich innerhalb der Rubrik »Gegenbe-
wegungen« werden unterschiedliche Lebenswelten – wie die Jugendbewegung
oder die Friedens- und Umweltbewegung – dargestellt.69 Aber auch hier ste-
hen oppositionelle Jugendliche im Fokus. Insgesamt werden keine positiven
oder angepassten beziehungsweise neutralen Meinungen zur DDR zitiert,
und damit entfällt die Täterperspektive, vor allem aber die Realität der Mehr-
heitsgesellschaft.
Mit der Betonung des Diktaturcharakters der DDR entspricht die Website
dem Bundesgedenkstättenkonzept. Jedoch geht sie noch einen Schritt weiter,
denn sie stellt nicht nur dar, dass die DDR zensierte, unterdrückte, verhaftete
und den Menschen die Freiheit raubte. Sie hebt zudem die Rolle der unzu-
friedenen Bürgerinnen und Bürger und der Opposition deutlich hervor und
macht sie fast allein für das Ende der DDR verantwortlich. Was fehlt, sind die
Hintergründe, warum es 1989 zur Friedlichen Revolution kam, was bis dahin
in der DDR und international geschah und was außerhalb der Opposition
passierte. Die Website zeichnet dadurch ein relativ grobes Bild einer men-
schenverachtenden DDR auf der einen und mutiger Bürgerinnen und Bürger

68 Dieses Land ist es nicht – Jugendsubkulturen, in: Ebd., online abrufbar unter: http://
revolution89.de/?PID=static,Aufbruch,00030-Jugendkulturen,Index_de, letzter Zugriff:
02.02.2015.
69 Vgl. ebd. sowie Subkultur, in: Ebd., online abrufbar unter: http://revolution89.
de/?PID=static,Aufbruch,00040-Subkultur,Index_de, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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auf der anderen Seite. Wenngleich dieses Bild weit entfernt von jeglicher
Os­talgie ist, trägt es nicht gerade zur kritischen Aufarbeitung aller Aspekte
der DDR bei.

2.4 Privates Engagement »Gegen Vergessen und Verdrängen«:


www.mauerfall-berlin.de

Die privat betriebene Website www.mauerfall-berlin.de ist unter mehreren


Internetadressen abrufbar, die immer auf die gleiche Homepage verweisen:
www.mauerbau-berlin.de, www.mauerfall-berlin.de als auch www.ddr-erin-
nerung.de und www.ddr-aufarbeitung.de.70 Diese Website wurde von Hinrich
Kley-Olsen, einem Bildungsreferenten aus Moers, zum zwanzigsten Jahrestag
des Mauerfalls erstellt. Er beschreibt sich selbst als Zeitzeugen der Berliner
Mauer und Aktivisten der westdeutschen Friedensbewegung der 1980er Jahre.
Als solcher habe er sich nach eigenen Angaben niemals an die Teilung Deutsch-
lands gewöhnen können.71 Darüber hinaus sei er selbst im März 1985 als west-
deutscher Demonstrant auf dem Alexanderplatz in Ostberlin mit dem System
der DDR in Konflikt geraten.72 An diese eigenen Unrechtserfahrungen schließt
sein Anspruch an, »Informationen zur Verfügung zu stellen für eine Aus­
einandersetzung aus verschiedenen Blickwinkeln.«73
Die »verschiedenen Blickwinkel« spiegeln sich auf der Website in einer
sehr umfangreichen und fast täglich aktualisierten Linksammlung zu Inter-
netseiten, (Zeitungs-)Artikeln und Texten sowie Fotos, Videos und Audios
wider. Dabei handelt es sich zum größten Teil um aktuelle Beiträge und nur
in Ausnahmefällen um historisches Quellenmaterial. Die Auswahlkriterien
sind nicht deutlich zu erkennen. Bei den Zeitungsartikeln lässt sich jedoch
politisch eine Häufung sozialdemokratischer bis liberaler Beiträge feststellen.
So sind unter anderem Links zu Artikeln des SPD-Parteiorgans Vorwärts, zu

70 Nach eigenen Angaben Hinrich Kley-Olsens besuchen im Monat durchschnittlich


drei- bis fünftausend Personen sein Webangebot (Juni 2014: 5.486; Juli 2014: 3.432;
August 2014: 3.346; September 2014: 5.213). Rund um den 25. Jahrestag des Mauerfalls
konnte zudem ein deutlicher Besucherzuwachs verzeichnet werden (Oktober 2014:
9.667; November 2014: 23.124).
71 Vgl. Hinrich Kley-Olsen: Kontakt, in: Gegen Vergessen und Verdrängen der SED-
Diktatur in der DDR 1949–1989, online abrufbar unter: http://www.mauerfall-berlin.
de/kontakt, letzter Zugriff: 02.02.2015.
72 Vgl. Gerold Hildebrand: Just for Peace. Blockübergreifende Solidarität, in: Horch und
Guck, Jg. 4 (1995), H. 4, S. 30–35, hier S. 31–33.
73 Kley-Olsen: Kontakt, a. a. O.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 141

Abb. 6   Startseite www.mauerfall-berlin.de

dem in Sachsen beziehungsweise Sachsen-Anhalt verbreiteten Tageszeitungen


Freie Presse und Volksstimme und zu überregional gelesenen Zeitschriften und
Zeitungen wie Der Spiegel, Stern, Die Zeit und Süddeutsche Zeitung zu fin-
den.74 Strukturiert werden die Links durch eine thematische Zuordnung in
acht übergeordnete Kategorien, die jeweils kurze Einleitungstexte und mehrere
Unterkapitel enthalten.
Diese Texte bestehen teilweise – von Kley-Olsen auch vermerkt – aus Zita-
ten anderer Websites, beispielsweise Wikipedia.75 Auf der Startseite (Abb. 6)
wird auf aktuelle Termine hingewiesen. Zudem findet sich dort auch der Link
zur »Kontakt«-Rubrik, die neben den dort üblichen Kontaktdaten die Bio-
grafie Kley-Olsens präsentiert. Die Website kann zusammengefasst als eine
Art digitale Bibliothek verstanden werden, die verschiedene Webformate zum
Thema DDR sammelt und diese für die Nutzenden mit einer sehr kurzen
Inhaltsbeschreibung bereitstellt.
Das Layout der Website ist schlicht und übersichtlich, es folgt einer klaren
Struktur und erleichtert somit den Nutzenden die Navigation. Jeweils ein
Foto unterschiedlicher Provenienz ist den thematischen Oberbegriffen zuge-
ordnet und lockert das Layout der Seite auf. Die einleitenden Texte hierzu
sind sehr kurz und übersichtlich, es wird an keiner Stelle eine Textwüste prä-

74 Vgl. Ders.: Artikel zur Friedlichen Revolution, in: Ebd., online abrufbar unter: http://
www.mauerfall-berlin.de/friedliche-revolution/artikel/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
75 Vgl. Kley-Olsen: Zur Geheimpolizei Staatssicherheit (Stasi), in: Ebd., online abrufbar
unter: http://www.mauerfall-berlin.de/ddr/geheimpolizei-stasi/, letzter Zugriff:
02.02.2015; Ministerium für Staatssicherheit, in: Wikipedia, online abrufbar unter: http://
de.wikipedia.org/wiki/Ministerium_f%C3%BCr_Staatssicherheit, letzter Zugriff:
02.02.2015.

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sentiert. Die Website arbeitet ausschließlich mit Text, Fotos und Links. Videos
und Audios sind nicht direkt eingebunden, aber es findet sich eine Vielzahl
von Verlinkungen zu entsprechenden Beiträgen. Bei der Auswahl eines Links
öffnet sich ein neuer Browser-Tab und sorgt für eine gute Überprüfbarkeit
der Quellen. Allerdings kann dies auch zu einer gewissen Unübersichtlichkeit
führen, wenn mehrere Fenster gleichzeitig geöffnet werden.
Die Inhalte der Site können nicht in sozialen Medien wie Facebook, Google+
oder Twitter geteilt werden. Auch eine Interaktion mit anderen Websitenut-
zenden ist nicht vorgesehen. Dafür kann Kley-Olsen via Gästebuch oder E-Mail
kontaktiert werden. Es gibt zudem die Möglichkeit, Websites, Artikel, Fotos,
Audios oder Videos zur Aufnahme vorzuschlagen, die von Kley-Olsen dann
überprüft und gegebenenfalls der Sammlung hinzugefügt werden. Die Home-
page gliedert sich in sieben übergeordnete Rubriken: »DDR«, »Berliner Mauer
& DDR-Grenze«, »Friedliche Revolution«, »Fall der Berliner Mauer«, »Wie-
dervereinigung«, »Deutsche Einheit« und »Aufarbeitung der SED-Diktatur«.
Darüber hinaus gibt es einen eigenen Gliederungspunkt zu »Medien für die
Bildungsarbeit«.76
Die Rubriken folgen einem ähnlichen Aufbau. Wählen Websitenutzende
eines der Themen aus, wird im Mittelteil ein Foto mit einem kurzen Einlei-
tungstext präsentiert, während sich an der linken Seite ein Strukturbaum öff-
net. Dieser unterteilt die ausgewählte Rubrik nach Medienarten – Internet­seiten,
Artikel und Texte, Fotos, Videos, Audios – und thematischen Unterpunkten.
Teilweise ist dies etwas unübersichtlich, da beispielsweise die Rubrik »DDR«
in 15 Unterkategorien aufgegliedert wird, die jeweils über bis zu elf eigene
untergeordnete Kategorien verfügen.77 Jede Rubrik umfasst dabei unterschied-
lich viele zusätzliche Ebenen. So ist die eben als Beispiel präsentierte Rubrik
»DDR« sehr umfangreich, während die Rubrik »Friedliche Revolution« sich
mit ihren sieben Unterkategorien, die sich nicht weiter verzweigen, leichter
überschauen lässt.78 Leider sind die Rubriken untereinander nicht verlinkt.
Somit werden keine Zusammenhänge hergestellt, sondern jede Rubrik und
jeder Bereich stehen für sich allein. Zudem verfügt die Website nicht über eine
Suchfunktion. So kann es teilweise etwas dauern, wenn Nutzende sich zu
einem konkreten Thema informieren möchten, bis sie dieses im weitverzweig-
ten Strukturbaum gefunden haben.

76 Vgl. Startseite, in: Gegen Vergessen, online abrufbar unter: http://www.mauerfall-


berlin.de/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
77 Vgl. Kley-Olsen: Zur Geheimpolizei Staatssicherheit (Stasi), a. a. O.
78 Vgl. Ders.: Friedliche Revolution, in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.mauer-
fall-berlin.de/friedliche-revolution/, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 143

Auf der inhaltlichen Ebene ist die von Kley-Olsen vorgenommene Glie-
derung nicht immer verständlich. Unklar erscheint beispielsweise, warum
beim Thema »DDR« die untergeordnete Kategorie »Opposition in der DDR«
nur über eine einzige Unterkategorie, nämlich »Bausoldaten«, verfügt.79 Oppo-
sitionelle Einflüsse durch die Kirche werden dagegen in der Kategorie »Fried-
liche Revolution« aufgegriffen, während andere oppositionelle Strömungen
wie beispielsweise jugendliche Subkulturen keine eigene Über- oder Unter-
kategorie erhalten. Allgemein wird die Oppositionsgeschichte jedoch im
Zusammenhang mit der Friedlichen Revolution sehr ausführlich erzählt. Dies
spiegelt sich in gleich drei Oberkategorien – »Fall der Berliner Mauer«, »Wie-
dervereinigung« und »Deutsche Einheit« – wider, die einen thematischen
Schwerpunkt setzen. Die Geschichte der Friedlichen Revolution erscheint auf
einer Website, die sich laut ihren URLs sowohl dem Mauerbau als auch dem
Mauerfall und der Erinnerung daran widmet, überrepräsentiert. Dies wird
besonders im Vergleich mit der sehr allgemein gehaltenen Rubrik »DDR«
deutlich, welche thematisch ein breites Spektrum abzudecken hat und doch
hauptsächlich auf die Herrschafts- und Repressionsgeschichte der DDR ver-
weist.80 Informationen zur Alltagsgeschichte der DDR spielen keine Rolle.81
Diese thematische Fokussierung spiegelt sich bereits einleitend in dem von
Kley-Olsen formulierten Anspruch, in erster Linie die Erinnerungen an die
Diktatur in der DDR aufrechtzuerhalten. So ist der Website ein Motto
vo­rangestellt, welches stets im Header für Besuchende präsent bleibt: »Gegen
Vergessen und Verdrängen der SED-Diktatur in der DDR 1949-1989«82. Das
für die Startseite ausgewählte und für den ersten Eindruck entscheidende Foto
zeigt zudem Gedenkkreuze und -kränze vor der Berliner Mauer und betont
damit den repressiven Charakter der DDR.83

79 Vgl. Ders.: Opposition in der DDR, in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.mau-
erfall-berlin.de/ddr/opposition-in-der-ddr/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
80 Die Kategorie »DDR« gliedert sich neben den Medienarten in die inhaltlichen Unter-
kategorien »Zur Einheitspartei SED«, »Geheimpolizei ›Stasi‹«, »Fluchten aus der DDR«,
»Ausreise aus der DDR«, »Opposition in der DDR«, »Volksaufstand 17. Juni 1953«,
»Politische Haft«, »Gefangenen-Freikauf«, »Zwangsadoption« und »Zwangsarbeit«.
Vgl. Kley-Olsen: DDR, in: Ebd., online abrufbar unter: http://www.mauerfall-berlin.
de/ddr/, letzter Zugriff: 02.02.2015.
81 Ob sich einige der Links der Alltagsgeschichte oder positiven Erinnerungen an die
DDR widmen, kann von den Autorinnen und Autoren aufgrund der zahlreichen Ver-
linkungen nicht endgültig geprüft werden.
82 Das Motto ist fest ins Layout integriert und bleibt stets in der oberen linken Ecke. Siehe
hierzu exemplarisch: Startseite, in: Gegen Vergessen, a. a. O.
83 Vgl. ebd.

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Abb. 7   »Berliner


Mauer & DDR-
Grenze« > »Bau der
Berliner Mauer« >
»Artikel«

Obgleich die Homepage weitestgehend auf selbstgeschriebene Texte verzich-


tet, lässt sich in der Selbstbeschreibung, der Voranstellung eines Mottos, der
Auswahl der Fotos und der Bildung eigener Kategorien das Narrativ der Web-
site erkennen. Danach liegt der Fokus auf der (negativen) Repressions- und
der (positiven) Oppositionsgeschichte. Dabei werden der Zusammenbruch
der DDR und die Wiedervereinigung als geradlinige Erfolgsgeschichte prä-
sentiert. Trotz der unzähligen weiterführenden Links, die auf einen multipers­
pektivischen Ansatz hinweisen und an sich eine enorme Vielfalt repräsentieren,
wird durch die Auswahl der Links und die Festlegung der Rubriken doch
wieder ein eher eindimensionales Bild der DDR gezeichnet. Die von Kley-
Olsen archivierte Link-Vielfalt wird letztendlich nicht sichtbar, da er diese
relativ wenigen, selbstbenannten Kategorien unterordnet. Somit sind viele
Links nur schwer auffindbar. Als Beispiel ist das Zeitzeugin-Interview mit
Catharina Mäge, welches 2012 in der tageszeitung (taz) erschien, zu nennen.
Catharina Mäge schildert in diesem Interview ihr Leben in der DDR, einen
gescheiterten Fluchtversuch und ihre anschließende Zeit im Gefängnis Burg
Hoheneck.84 Kley-Olsen ordnet dieses in die Rubrik »Berliner Mauer & DDR-
Grenze« > »Bau der Berliner Mauer« > »Artikel« ein (Abb. 7). Jedoch spielen
auch Themen wie das Frauengefängnis und der Alltag in der Haftanstalt eine
wichtige Rolle in dem Interview, die von Kley-Olsen als Kategorien jedoch
nicht vorgesehen sind. Die Website folgt somit, trotz der Vielfalt der Angebote,
einer eindeutigen Narration, in der es darum geht, die repressive Seite der
SED-Diktatur in Erinnerung zu rufen und diese mit den positiven Errungen-

84 Vgl. Jasmin Kalarickal: »Das Gefühl, dass man mir glaubt, ist mir wichtig« [Interview
mit Catharina Mäge zum Mauerbau], in: die tageszeitung vom 10. August 2012, online
abrufbar unter: http://www.taz.de/Interview-Mauerbau/!99386/, letzter Zugriff:
02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 145

schaften der Friedlichen Revolution und der gewinnbringenden Wiederver-


einigung zu einer Erfolgsgeschichte zu verknüpfen.

3. Exkurs: DDR-Bilder in Foren, sozialen Netzwerken und


Enzyklopädien

Neben den Websites, die dezidiert der Vermittlung von DDR-Geschichte


dienen, wird im Folgenden anhand von Beispielen die DDR-Darstellung in
Foren und sozialen Netzwerken untersucht, die als öffentliche Plattformen
ebenfalls zur Prägung eines Geschichtsbildes beitragen können, auch wenn
ihr Ziel nicht in erster Linie dessen Vermittlung ist.
Bei der Stichwortsuche nach »Forum« und »DDR« präsentieren Suchma-
schinen unter den ersten Treffern beispielsweise Foren von ehemaligen Grenz-
und NVA-Soldaten sowie Technik- und Maschinenbewunderern, die sich über
ihre Erfahrungen und heutige Sammelleidenschaft austauschen. Des Weiteren
gibt es einige ostalgische Foren, die Websitebetreibende und -nutzende zum
Austausch von Erinnerungen an das alltägliche Leben in der DDR und zum
Smalltalk nutzen.85 Foren, die sich ausschließlich mit dem Ende der DDR,
dem Mauerfall oder der Friedlichen Revolution beschäftigen, ließen sich nicht
finden. Die Gestaltung der überwiegend privat betriebenen Foren ist unüber-
sichtlich sowie textlastig und wirkt veraltet.
Ein typisches Beispiel stellt das Forum Deutsche Einheit (www.neues-forum.
info) dar, das trotz des Titels weniger das Ende der DDR als das Leben in ihr
thematisiert. Die 290 Mitglieder betrachten sich als »eine freie Community,
die allen Menschen eine Chance zum Lernen, zum Austausch ihrer Erfahrun-
gen, Erlebnisse und Meinungen bietet.«86 Unter den elf Threads zu alltäglichen
und politischen Themen beziehen sich zwei explizit auf das Ende der DDR:
»Die Wende« und »Zusammenwachsen«. Diese weisen zwar wesentlich weni-
ger Beteiligung auf als andere Themen, sind aber mit 2.865 beziehungsweise
3.369 Beiträgen relativ lebendige Diskussionsplattformen.87 Inhaltlich setzen
sich zum Beispiel in dem Unterthema »Wessis erkunden die DDR« Nutzende

85 Beispiele hierfür wären: www.ddr-forum.com; http://f8682.nexusboard.de (Grenzer-


forum); www.forum-ddr-grenze.de; www.nva-forum.de; www.bunkernetzwerk.de
sowie www.dasddrforum.phpbb6.de.
86 Startseite, in: Forum Deutsche Einheit, online abrufbar unter: http://neues-forum.info/,
letzter Zugriff: 02.02.2015.
87 Foren-Übersicht, in: Ebd., online abrufbar unter: http://neues-forum.info/forum/index.
php, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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mit west- und ostdeutschem Hintergrund sehr emotional mit der jeweiligen
Deutungshoheit der Geschichte der DDR auseinander. Dabei nutzt jede Gruppe
vor allem Klischee-Vorstellungen über die anderen für ihre Argumentation.
Etwas verkürzt zusammengefasst präsentieren die sich selbst als »Ossis«
bezeichnenden Beitragenden einen positiven und die »Wessis« einen eher nega-
tiven Blick auf die DDR. Es wird somit ein schematisches Bild gezeichnet, das
von Klischees beherrscht ist.
Eine Analyse der in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter pro-
duzierten Geschichtsbilder führte zu analogen Ergebnissen. Sie bieten sich
dennoch als Untersuchungsgegenstand an, da sie einen großen Zulauf haben
und vor allem individuelle Geschichtserzählungen und Perspektiven auf diese
spiegeln.88 Tabelle 1 zeigt beliebte Facebook-Seiten zum Thema DDR und das
ständige Anwachsen der Likes innerhalb von sechs Monaten. Inhaltlich geht
es in den Facebook-Seiten um Speisen, die in der DDR gekocht wurden, Jugend-
fotos oder aktuelle Veranstaltungshinweise. Die Seiten haben einen ostalgischen
Charakter, die ausgetauschten Erfahrungen sind positiv, und politische Themen
werden selten verhandelt. Die Nutzenden sind, wie in den Foren, ehemalige
Bürgerinnen und Bürger der DDR. Seiten, die sich ausschließlich dem Ende
der DDR widmen, waren nicht zu finden.
Tab. 1   Auswahl an Facebook-Seiten zur DDR

Name der Facebook- Likes am Likes am Likes am Likes am


Seite 27.08.2014 24.09.2014 07.10.2014 18.01.2015
DDR Kinder 275.633 276.652 277.057 282.510
DDR Spielzeug 91.261 95.136 97.611 105.628
DDR Rezepte 68.861 81.760 87.450 104.073
DDR Ferienlager 27.698 31.714 k. A. 35.652
DDR Museum 19.816 22.593 23.735 26.210
DDR Seite 2.369 2.385 2.516 2.649
Forum DDR Grenze 1.008 1.028 1.027 1.348
Deutsche Demo­ 458 474 589 1.056
kratische Republik

88 Vgl. dazu Alexander König: Geschichtsvermittlung in virtuellen Räumen. Eine kleine


Geschichte technologischer Möglichkeiten und eine Prognose zur Zukunft Historischen
Lernens (= Dossier Kulturelle Bildung der Bundeszentrale für politische Bildung),
11. September 2012, online abrufbar unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/
kulturelle-bildung/143889/geschichtsvermittlung-in-virtuellen-raeumen?p=all, letzter
Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 147

Beispielsweise tauschten sich die Nutzenden auf der Seite »DDR Kinder«89,
die von den untersuchten Facebook-Seiten die höchste Anzahl an Likes hat,
vor allem über Kinderspielzeug oder Essen aus.90 Die höchste Like- und Kom-
mentar-Anzahl aller geposteten Beiträge erhielt einer über DDR-Semmeln
(5.271 Likes und 414 Kommentare, Stand vom 18. Januar 2015). Auf dieser
Seite werden letztendlich ausschließlich Alltagsthemen behandelt, was eher
typisch für Facebook ist. Trotzdem gibt es aber auch Seiten wie »Deutsche
Demokratische Republik«91, die allerdings relativ wenige Beitragende hat. Diese
äußern sich allgemein zur DDR, die sie gern »zurückwollen«. Die meisten
Kommentare bekommt ein Beitrag zum DDR-Politiker Günter Schabowski,
der als »Verräter« bezeichnet wird.
Im Gegensatz zu den Facebook-Seiten, bei denen die Initiative eher von
Privatnutzenden ausgeht, ist es bei Twitter, wenn dort überhaupt historische
Themen behandelt werden, vor allem die Historikerzunft, die entsprechendes
anbietet.92 Ein Beispiel zum Ende der DDR ist das Kooperationsprojekt
­@­Mauerfall89.93 Dieses Projekt twitterte vom 19. August bis zum 12. Novem-
ber 2014 die Ereignisse von »Heute vor 25 Jahren« rund um die Berliner Mauer

89 DDR Kinder, in: Facebook, online abrufbar unter: https://www.facebook.com/pages/


DDR-Kinder/186558768070116?fref=ts, letzter Zugriff: 02.02.2015.
90 Diese Einordnung in Kategorien wurde von den Autorinnen und Autoren vorgenom-
men und nicht von der Facebook-Gruppe selbst.
91 Deutsche Demokratische Republik, in: Facebook, online abrufbar unter: https://www.
facebook.com/DDRepublik/timeline, letzter Zugriff: 02.02.2015.
92 Neben den sogenannten »Twitterstorians«, also Historikerinnen und Historikern, die sich
in Tweets über historische Themenkomplexe bzw. neue Forschungen oder Veranstaltun-
gen austauschen, gibt es auch Twitter-Projekte, die sich über einen bestimmten Zeitraum
explizit mit der Geschichte eines Ereignisses beschäftigen. Bekannt war vor allem das
Twitter-Projekt @9Nov38, das 2013 unter dem Motto »Heute vor 75 Jahren« die Ereig-
nisse der Reichspogromnacht in einer Art Nachrichtenticker nacherzählte. Das Projekt
wurde im Januar 2015 in @digitalpast umbenannt, die einstigen Tweets wurden dabei
gelöscht und stehen nicht mehr zur Verfügung. Das derzeitige Projekt »Heute vor 70 Jah-
ren« behandelt im gleichen Erzählstil die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges in
Tweets. Vgl. @digitalpast, in: Twitter, online abrufbar unter: https://twitter.com/digital-
past, letzter Zugriff: 02.02.2015. – Im Themenjahr »100 Jahre Ausbruch des Ersten Welt-
kriegs« twitterte der Account @1914Tweets in über 5.600 Tweets Geschehnisse, aber auch
Bilder, Schriftquellen, persönliche Eindrücke etwa von Soldaten, aber auch Wetterberichte
aus den Kriegsgebieten des Jahres 1914. Vgl. @1914Tweets, in: Twitter, online abrufbar
unter: https://twitter.com/1914Tweets, letzter Zugriff: 02.02.2015.
93 Die Idee und Umsetzung des Projekts entstanden aus einer Kooperation zwischen
Bild-Zeitung, der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) und
dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).

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148 Irmgard Zündorf, Lena Eggers, Anina Falasca, Julia Wigger

in Echtzeit und hatte bis zu 14.400 Fol-


lower.94 In dieser Darstellung des Endes
der DDR wird einerseits die Perspektive
der DDR-Regierung und andererseits die
der Opposition präsentiert. Der Mauerfall
lässt die Regierung machtlos und dem
Willen des Volkes nicht gewachsen
erscheinen. Beispielsweise wurde am
12. November 2014 getwittert, dass vor
25 Jahren DDR-Bürgerinnen und -Bürger
die Öffnung der innerdeutschen Grenze
etwa in Nordhausen und Elend/Werni-
gerode erzwungen hätten. Den Höhe-
punkt des Projekts stellte der 9. Novem- Abb. 8   Tweet 9. November 2014, 09:55 Uhr
ber dar, an dem das öffentliche Interesse
um ein Vielfaches stieg. Der Tweet, der die entscheidende Rückfrage zu Gün-
ter Schabowskis Erklärung zur neuen Ausreiseregelung nacherzählt, wurde
mit über 350 Retweets exponentiell stärker beachtet als vorherige Tweets, die
meist nicht mehr als zwanzig Mal retweetet wurden (Abb. 8).
Nach dem Mauerfall wird die Situation in Berlin vor allem wie ein großes
Fest beschrieben und mit Fotografien von feiernden Menschen untermalt.
Menschenmassen aus der DDR reisten in den ersten Tagen nach Westberlin
beziehungsweise in die Bundesrepublik und wurden dort freudig empfangen,
so das entsprechende Bild. Die Hashtags #DDR, #Mauer oder #Mauerfall
wurden bis zum 25. Jubiläum des Mauerfalls auf Twitter nur selten genutzt –
wenn überhaupt, dann tendenziell von Touristinnen und Touristen, die bei-
spielsweise Fotos von der East Side Gallery oder von Berliner Gedenkorten
aus twittern, dies aber eher mit urlaubsbezogenen weiteren Hashtags als mit
historischen Informationen verbinden. Im Zuge der Feierlichkeiten am
9. November 2014 waren Tweets mit Hashtags zum Thema geteiltes Berlin
und Mauer deutlich beliebter.95

94 @Mauerfall89, in: Twitter, online abrufbar unter: https://twitter.com/mauerfall89, letz-


ter Zugriff: 02.02.2015.
95 Vgl. etwa das Projekt »Lichtgrenze« der Stiftung Berliner Mauer mit den Hashtags
#lichtgrenze und #fallofthewall sowie #fotw. Eine Sammlung von entsprechenden Tweets
aus aller Welt wurde auf der Website des Projekts zusammengefasst. Vgl. Ihre Geschichte
macht Sie zum virtuellen Ballonpaten, in: 25 Jahre Mauerfall, online abrufbar unter:
https://fallofthewall25.com/weltweit, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 149

Die Bedeutung von Twitter für die Erinnerungskultur ist in Bezug auf die
Geschichte der deutschen Teilung und der DDR marginal beziehungsweise
stark von Jahrestagen und medienpräsenten Gedenkveranstaltungen abhängig.
Auch wenn vereinzelte Projekt-Accounts mit zeitlich begrenzten Aktivitäten
rasch an Bedeutung gewinnen, scheint dieses Medium noch nicht in der deut-
schen Erinnerungskultur angekommen zu sein.
Zusammenfassend zeigt sich, dass in Foren und auf Seiten von Facebook
überwiegend persönliche Erinnerungen ausgetauscht werden und diese ein
zumeist positives, ostalgisches und alltagsgeschichtliches Bild der DDR zeich-
nen. Nur in Ausnahmefällen werden von Personen, die sich selbst als ehema-
lige Bürgerinnen und Bürger der DDR bezeichnen, negative Kommentare wie
beispielsweise zur Maueröffnung gepostet. Eigene negative Erfahrungen in
der DDR, etwa persönliche Konflikte mit dem Regime, werden in den hier
betrachteten Facebook-Seiten nicht thematisiert. Auf Twitter kommt es allen-
falls im Zuge von Gedenkveranstaltungen und Jahrestagen unter eigens kre-
ierten Hashtags zu einer Thematisierung historischer Ereignisse.
Abschließend seien noch kurz die DDR-Artikel der Online-Enzyklopädien
Lebendiges Museum Online (LeMO)96 sowie die entsprechenden Texte auf Wiki-
pedia erwähnt. Beide Plattformen werden sehr häufig bei der Suche nach Infor-
mationen über die DDR aufgesucht. Auf eine eigene Analyse dieser Seiten muss
hier jedoch verzichtet werden, da dies den Rahmen des Beitrages sprengen würde.
Ein erster Blick zeigt jedoch, dass LeMO zwar die deutsche Geschichte im
20. Jahrhundert insgesamt darstellen will, für die Zeit nach 1945 jedoch die
Bundesrepublik fokussiert und die DDR nur am Rande thematisiert. Sie erscheint
kaum als eigenständiges Gebilde. Wesentlich umfassender, dafür allerdings auch
kleinteiliger, wird die DDR auf Wikipedia behandelt. In beiden Fällen wird sie
als Diktatur im Sinne des staatlichen Gedenkstättenkonzepts präsentiert.

4. Fazit

Dieser Beitrag hat versucht, erste Antworten auf die Frage nach dem Bild der
DDR im Internet zu geben. Dazu wurden insgesamt vier Websites und als
Ergänzung ausgewählte soziale Netzwerke sowie Foren auf ihre Erzählstruktur
und das sich daraus ergebende Bild der DDR untersucht. Obgleich von einem
linearen Sender-Empfänger-Modell Abstand genommen und vielmehr von dem

96 Das Lebendige Museum Online ist das Geschichtsportal des Deutschen Historischen
Museums und des Hauses der Geschichte in Bonn. Siehe hierzu die offizielle Homepage:
https://www.dhm.de/lemo.

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150 Irmgard Zündorf, Lena Eggers, Anina Falasca, Julia Wigger

Cultural-Studies-Ansatz Stuart Halls ausgegangen wurde, konnten die »bevor-


zugten Lesarten« der ausgewählten Websites herausgearbeitet werden.
Das Bild der DDR auf diesen ist das einer Diktatur, die weder politisch
noch wirtschaftlich auf Dauer funktionsfähig war. Überwachung und Verfol-
gung auf der einen, Unzufriedenheit und Widerstand auf der anderen Seite
sind die vorherrschenden Themen. Dies entspricht zumindest in den großen
Linien dem Stand der Forschung – was bei den überwiegend öffentlich geför-
derten Websites auch nicht verwunderlich ist. Darüber hinaus wird die DDR
teilweise als eine Art kurioses Projekt dargestellt, von dessen Endlichkeit auch
ein großer Teil der Bevölkerung überzeugt gewesen sei. Besonders deutlich
wird dies auf der RBB-Site Die Berliner Mauer. Geschichte in Bildern (www.
berlin-mauer.de). Im Gegensatz zu den anderen untersuchten Websites tritt
hier die Herrschafts- und Repressionsgeschichte zugunsten der Thematisierung
des vermeintlich alltäglichen Umgangs mit der deutschen Teilung in den Hin-
tergrund. Die Alltagsgeschichte jedoch wird wenig kritisch hinterfragt, sondern
vor allem belustigend dargestellt. Dies fällt besonders in Bezug auf die inner-
deutsche Grenze auf. Es ist anzunehmen, dass der oft unreflektierte und ver-
harmlosende Umgang mit den repressiven Aspekten der Mauer im Unterhal-
tungsanspruch der Website begründet ist.97
Des Weiteren war es überraschend festzustellen, dass der Rolle der DDR-
Opposition und der unzufriedenen Bürgerinnen und Bürger sehr viel Gewicht
beigemessen und dementsprechend großer Raum in der Darstellung zur Ver-
fügung gestellt wird. Dadurch erscheint die DDR teilweise als ein von allen
ungeliebtes Land, in dem fast jeder sich in der Opposition engagierte und alle
gemeinsam letztendlich den fragilen Staat stürzten. Warum dies erst und gerade
1989 geschah, wird nur ansatzweise mit Hinweisen auf die internationale Poli-
tik und die wirtschaftliche Situation des Landes thematisiert, allerdings nicht
ausführlich und verständlich aufgezeigt. Zudem bleibt das Leben eines großen
Teils der angepassten Menschen in der DDR unerzählt. Neben dem immer
wieder deutlich werdenden Lob und Stolz auf die Friedliche Revolution wird
auf den Websites auf diese Weise eine Art Oppositionsromantik deutlich, die
vor allem die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger aus der DDR an oppo-
sitionellen Handlungen insgesamt überbewertet. Die Tendenz, der Opposition

97 Michele Barricelli und Julia Hornig betonen, dass gerade die audiovisuellen Medien
den Kriterien des »Histotainments« unterliegen und daher den Logiken des Konsums
erliegen als andere Medien, siehe: Michele Barricelli/Julia Hornig: Zeitgeschichte in
Unterricht und Gesellschaft heute: Zur Einführung, in: Dies. (Hg.): Aufklärung, Bil-
dung, »Histotainment«? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute, Frankfurt
am Main 2008, S. 7–24, hier S. 8.

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Die Präsenz der DDR im Internet – Zwischen Ostalgie und kritischer Aufarbeitung 151

eine sehr hohe Bedeutung zuzusprechen, lässt sich jedoch aktuell auch im
öffentlichen Diskurs wiederfinden. So würdigte Bundespräsident Joachim
Gauck in seiner Rede vom 9. Oktober 2014 in Leipzig vor allem die Rolle der
Opposition, die ihre Angst vor »den Unterdrückern« überwand, da der Drang
nach Freiheit größer war.98
Letztendlich ist es wenig verwunderlich, dass die Websites der Bundesre-
gierung www.freiheit-und-einheit.de und der Havemann-Gesellschaft www.
revolution89.de im Rahmen des Bundesgedenkstättenkonzepts bleiben. Inte-
ressant ist, dass sich darüber hinaus auch die private Website von Kley-Olsen
diesem Schwerpunkt widmet und nicht zum Beispiel eine Gegendarstellung
formuliert.
Mit der Fortschreibung des Bundesgedenkstättenkonzepts im Jahr 2008
sind Kontroversen um die in der Aufarbeitung vermittelten Inhalte der DDR-
Geschichte abgeflacht. Der öffentliche Diskurs kreist seitdem tendenziell um
die Oppositions- und Repressionsgeschichte der DDR. Diesem Schwerpunkt
scheinen auch die Websites mit ihrem Angebot nachzukommen. Zudem könnte
auch eine Rolle spielen, dass aus Sicht der Websitebetreibenden alltägliche,
nichtkuriose Lebensgeschichten für eine mediale Darstellung nicht interessant
genug erscheinen.
Der Exkurs zur Darstellung der DDR in ausgewählten Foren und im sozi-
alen Netzwerk Facebook zeigt hingegen, dass das Internet an dieser Stelle als
Nische für private Erinnerungen jenseits von Repression und Opposition
genutzt wird. Hier ist Raum für eine Gegenerzählung, die allerdings ein ver-
klärtes Bild präsentiert und die »durchherrschte Gesellschaft«99 der DDR
ausblendet. In Foren finden zudem vor allem unwissenschaftliche und teilweise
sehr persönlich geführte Auseinandersetzungen zwischen Ostalgikerinnen
und Ostalgikern sowie DDR-Oppositionellen statt, in denen die DDR ent-
weder sehr positiv oder sehr negativ erscheint.
Somit überwiegen im Internet zwei Geschichtsbilder der DDR: zum einen
das einer repressiven Diktatur, in der vor allem unzufriedene, unterdrückte
Bürgerinnen und Bürger lebten, die sich zur Opposition zusammenschlossen
und schließlich die Friedliche Revolution herbeiführten. Zum anderen wird
in den weniger auf die Geschichtsvermittlung ausgerichteten Foren und bei

98 Vgl. Joachim Gauck: Rede beim Festakt »25 Jahre Friedliche Revolution« am 9. Novem-
ber 2014 in Leipzig, Manuskript online verfügbar unter: http://www.bundespraesident.
de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2014/10/141009-Rede-zur-Demo-
kratie.html, letzter Zugriff: 02.02.2015.
99 Jürgen Kocka: Eine durchherrschte Gesellschaft, in: Hartmut Kaelble u. a. (Hg.): Sozi-
algeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 547–553.

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Facebook das Bild eines glücklichen ostdeutschen Alltags, fernab von Repres-
sion, Politik und Unangepasstheit, angeboten.
Beide Geschichtsbilder allein eignen sich nicht zur kritischen Aufarbeitung
der SED-Diktatur, welche die Geschichte der DDR differenziert darstellen
und umfassend in den internationalen politischen Kontext einbetten sollte.
Erklärungsversuche für das Scheitern der DDR sollten zudem nicht nur die
Rolle der Opposition fokussieren, sondern auch wirtschaftliche und global-
geschichtliche Perspektiven einbinden.100 Diese Forderung richtet sich insbe-
sondere an die offiziellen Websitebetreibenden, die nach den Vorgaben des
Bundesgedenkstättenkonzepts arbeiten und den Anspruch erheben, ein umfas-
sendes Bild der DDR und ihres Endes zu erzählen. Das Internet mit seinen
vielfältigen Möglichkeiten der Interaktivität, Multimedialität und vor allem
mit seinen großen Kapazitäten bietet Raum für multiperspektivische Erzäh-
lungen. Der Beitrag der Public History könnte darin liegen, Analysen der
repräsentierten Geschichtsbilder – wie in diesem Beitrag – vorzunehmen, um
im Falle einer zu einseitigen Darstellung entsprechende Anregungen zu mul-
tiperspektivischen Diskursen und Darstellungen voranzutreiben.101

100 Vgl. in diesem Sinne etwa Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Revolution und Vereinigung
1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009.
101 Vgl. dazu auch Marko Demantowsky: Public History. Aufhebung einer deutschspra-
chigen Debatte?, in: Public History Weekly vom 29. Januar 2015, online abrufbar unter:
http://public-history-weekly.oldenbourg-verlag.de/3-2015-2/public-history-sublation-
german-debate/, letzter Zugriff: 02.02.2015.

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