You are on page 1of 197

Nachtredaktion

von Otto Bonhoff


Copyright

© Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 1975


Das gleichnamige Bühnenstück des Autors, das diesem
Roman zugrunde liegt, wurde 1973 vom Fernsehen der DDR
uraufgeführt.

Umschlag: Rolf F. Müller

Diese Ebook-Fassung ist nur für den privaten Gebrauch


und nicht für den Verkauf bestimmt. Sie wurde an einigen
Stellen an die Erfordernisse der Darstellung auf einem Palm
angepasst.
Der Autor

Der am 21. Februar 1931 in Leipzig geborene Schauspieler,


Schriftsteller und Journalist Otto Bonhoff ist am 7. Januar
2001 nach langer schwerer Krankheit verstorben. Bonhoff
wurde nach einem Studium als Theaterschauspieler Volontär
bei den Thüringer Nachrichten, später arbeitete er als freier
Journalist und Autor. Seit 1961 schrieb er Erzählungen,
Romane, Hör- und Fernsehspiele. Besonders erfolgreich
waren seine in Zusammenarbeit mit Herbert Schauer
entstandenen Romane Schatten über Notre Dame (1966),
Über ganz Spanien wolkenloser Himmel (1971) und Das
unsichtbare Visier (1973). Das 1973 uraufgeführte
Bühnenstück Besuch aus dem Nebel veröffentlichte er 1974
auch als Roman - sein einziger Beitrag zum phantastischen
Genre. Darin nehmen außerirdische Raumfahrer aus dem
Andromedanebel nach anfänglichen Mißverständnissen
Kontakt zu den Erdbewohnern auf. Anleihen bei Erich von
Dänikens These prähistorischer Erdbesucher sind
unverkennbar. Otto Bonhoffs literarisches Hauptschaffen lag
aber eindeutig auf dem Gebiet der Abenteuer-, Spionage-
und Kriminalliteratur.

Bibliografie:

Auf eigene Gefahr


Schloss ohne Schlüssel
Die Mannequins des Herrn Cordage (1972)
Besuch aus dem Nebel (1974)
Patentraub auf der 'Valentin'
Nachtredaktion (1975)

Zusammen mit Herbert Schauer:

Schatten über Notre Dame (1966)


Über ganz Spanien wolkenloser Himme l (1971)

sowie die Reihe »Das unsichtbare Visier«:


Das unsichtbare Visier (1973)
Das Geheimnis der Masken
Depot im Skagerrak
Sieben Augen hat der Pfau
Quelle im Internet:
http://www.epilog.de/Person/B/Bon/Bonhoff_Otto_1931.ht
m
1

Die beiden Männer am Fenster haben keinen Blick


übrig für die gleißende weiße Pracht vor den Scheiben. Sie
schauen auch nicht auf den Schreibtisch hinab. Dessen
tintenfleckige, lederbezogene Platte ist vollgepackt mit
handgeschriebenen Manuskripten und langen Papierstreifen,
auf denen sich andere Artikel bereits in druckreifen Satz
verwandelt haben. Das sind sogenannte »Fahnen«. Dann
liegen noch Zeitungen da, aus denen Nachrichten
ausgeschnitten und auf weiße Blätter geklebt wurden, um
für die Zeitung neu gesetzt zu werden, die in diesem Hause
entsteht. Scheren sind da. Leimtöpfe, Bleistifte und rote
Tinte - viel rote Tinte -, um Fehler anzustreichen und zu
berichtigen. Und vor allem Unmengen beschriebenen
Papiers! Aber die beiden Männer haben nur Augen
füreinander und sehen sich an - wie man tut, wenn etwas
sehr Wichtiges und Außergewöhnliches zu bereden ist.
»Seht ihr wirklich keine andere Möglichkeit?« fragt
der Ältere gerade und dreht nervös an einer der aufwärts
gerichteten Schnurrbartspitzen. Dieser Mann ist hier zu
Hause; er steht ohne Sakko da und hat die Weste geöffnet.
In der Druckerei ist es warm.
»Keine andere Möglichkeit«, erwidert der Mann
neben ihm schnell und bestimmt. Julian Marchlewskis
Gesicht ist vom Frost gerötet und sieht dadurch frisch und
gesund aus. Während er den Mantel öffnet, spricht der
Besucher schon weiter: »Du kennst doch unsere Redaktion!
Nein, die Leipziger Volkszeitung ist denkbar ungeeignet.«
Das will Hermann Rauh, dem hemdsärmligen
Älteren, nicht einleuchten. »Warum eigentlich?« fragt er
zurück. »Bei euch gehen Hunderte von Leuten ein und aus.
Einer mehr oder weniger fällt da nicht auf. Er wäre nur ein
Fremder unter anderen.«
Marchlewski schüttelt beharrlich den Kopf. »Die
Gefahr ist zu groß. Weißt du, wie viele Spitzel unter den
Unbekannten sind?« Er winkt ab und schließt so, daß es
keinen Widerspruch duldet: »Ein so lieber Gast darf nicht im
geringsten gefährdet werden. Er muß in Leipzig sicher
sein.«
»Achtung!« unterbricht ihn der Drucker. Sofort geht
eine Wandlung vor sich. Wie auf Vereinbarung beugen sich
beide Männer über den Schreibtisch. Hermann Rauh stüzt
die Hände darauf und wirkt in der geneigten Haltung
entspannt. Plötzlich macht er etwas Alltägliches, nicht
besonders Aufregendes. Er ist ein Zeitungsmann, der einem
Berichterstatter gewohnheitsmäßig sagt, daß sein Artikel zu
lang und deshalb in der vorliegenden Fassung nicht zu
gebrauchen ist. Dergleichen erklären Redakteure tagtäglich
so oft, daß es ihnen wie von selbst über die Lippen geht.
»... und abgesehen von der übermäßigen Länge,
mein Bester, kommt Ihr Artikel auch nicht als Aufmacher in
Frage. Da habe ich schon einen recht gut geschriebenen
Beitrag über das Wachsen der Arbeiter-Turnbewegung in
diesem Jahr. Den kann ich nicht schieben; er ist ganz auf
den Jahreswechsel zugeschnitten. Radsport geht höchstens
auf Seite drei, im Keller, und dann auch nur auf die Hälfte
gekürzt.«
Marchlewski spielt augenblicklich mit. Er schiebt den
Hut weit aus der Stirn, so daß er verwegen auf dem
Hinterkopf sitzt, und wirft beleidigt hin: »Meinetwegen auch
im Keller! Dabei hätte es die rote Kavallerie durchaus
verdient, mal an hervorragender Stelle gewürdigt zu
werden. Immerhin ist es ihr gelungen, auf dem
Radsportplatz bei Lindenau festen Fuß zu fassen, und diesen
Platz glaubten die bürgerlichen Vereine ganz allein in
Anspruch nehmen zu können. Aber bitte! Wieviel muß
'raus?«
Jetzt ist er völlig der Journalist, der seine
Bemühungen und Einsichten seitens der Redakteure niemals
anerkannt findet. Mit vielgeübtem Gewohnheitsgriff zieht er
einen schwere n metallenen Vierfarbenbleistift aus der
oberen Westentasche und dreht die rote Mine heraus.
»Das Schlachtfest kann beginnen. Genosse Rauh!«
»Der Keller auf Seite drei ist ein hervorragender
Platz, mein Bester!«
Die Worte, die hin- und hergehen, sind so vertraut
und geläufig, daß sie an Emma und Paul vorüberfließen wie
eine längst gekannte, gewöhnliche Melodie. In der Tat
gehören sie in der Schreibtischecke der Druckerei Rauh &
Pohle zu den Selbstverständlichkeiten. Die Ecke, in der das
Möbel mit dem hohen Aufbau und dem Telefon steht, dient
der kleinen »Arbeiter-Turnzeitung« als Redaktion und
Buchhaltung zugleich. Der Eindruck, daß dort eine
Schriftleitung arbeitet, wird noch verstärkt durch das
Nagelbrett an der Wand. Auf die Nägel sind Fahnen mit den
Bürstenabzügen schon gesetzter Artikel,
Zeitungsausschnitte und auch ganze Seiten des hier
hergestellten Blattes gespießt.
Wenige Schritte von dem Schreibtisch entfernt und
bis auf diese Ecke den ganzen Raum beherrschend, befindet
sich die Druckerei. Hier sind die Bereiche der journalistisch-
intellektuellen und der unmittelbaren materiellen
Produktion, die beide in der fertigen Zeitung eine innige
Verbindung eingehen und miteinander verschmelzen, nicht
auseinandergerückt und getrennt wie in den vielstöckigen,
repräsentativen Verlagshäusern, an denen die wohlhabende
Messestadt so reich ist. Hier wurde das alles auf
bescheidener Fläche zusammengedrängt. Aber hier entsteht
auch nicht Meyers Konversationslexikon in Prachtausgaben
mit Lederrücken und Goldschnitt, hie r thront nicht
Brockhaus; hier wird eine Sportzeitung für Arbeiter
geschrieben, redigiert, gesetzt, umbrochen und gedruckt.
Das geschieht nicht im Zentrum der Messestadt, sondern
draußen in Probstheida, das in diesem Jahre 1900 noch
außerhalb der Leipziger Vororte liegt. Hier ist die städtische
Straßenbahn mit einer ihrer längsten Linien, der
Grimmaischen Straße folgend, am Südfriedhof vorüber bis
in das ländliche Dorf vorgestoßen.
Die zwei, die hereingetreten sind, haben sich an der
Tür nicht aufgehalten, die an der einen Längswand der
Druckerei hinaus auf die Straße führt. Sie gingen gleich
weiter zur Schmalwand gegenüber jener, an der der
Schreibtisch steht. Die zweite Schmalwand in ihrer ganzen
Breite ist verstellt durch die metallblanke, gewichtige
Schnellpresse, die den Stolz von Rauh & Pohle bildet. Diese
Maschine von Koenig & Bauer und der dazugehörige
Gasmotor der Leipziger Firma Mansfeld sind in der Tat
Schmuckstücke - nicht nur, weil sie tadellos gepflegt wirken.
Moderneres gibt es kaum.
Diese Seite ist das Besondere an der Druckerei. Alles
übrige findet sich in anderen auch - an der Straßenwand die
schrägen Schriftkästen, in denen, nach Buchstaben
geordnet, die Lettern liegen. Darüber hängen von der Decke
herab Petroleumlampen. Der Tür zur Hauptstraße
gegenüber befindet sich eine andere, durch die man über
den Hof zum Wohnhaus gelangt. An dieser Wand stehen
eine einfache Abzieh- und eine amerikanische Tiegel-, eine
sogenannte »Boston«-Presse. Mit ihrer Hilfe werden kleinere
Druckaufträge ausgeführt, wie sie das tägliche Brot solcher
Druckereien bilden - Familienanzeigen, Visitenkarten,
Briefbogen und Werbezettel. Dann ist noch da neben dem
Schreibtisch der blechbeschlagene Mettage-, der
Umbruchtisch, auf dem die Satzspalten zum gefälligen Bilde
der Zeitungsseite zusammengesetzt, »umbrochen« werden.
Ja, und der Ofen ist dort. Er sieht so aus, als habe der
Bauherr den ganzen Betrieb um ihn herum angeordnet.
Mitten im Raum stehen eine gewaltige quadratische Esse
und vor ihr ein wahres Ungetüm von Kanonenofen. Es ist
wacker eingeheizt worden. Das rotglühende Eisen rings um
das Ofenmaul verrät es.
Sobald sie das Paket Druckbogen, das sie
gemeinsam hereintrugen, ordentlich auf einen Stapel
gleichartiger Pakete neben der Schnellpresse gelegt haben,
tritt Emma an das Ofenungetüm heran, hält ihm die
frostklammen Hände entgegen und haucht dann darauf. Sie
genießt die Wärme und bietet ihr auch das Gesicht dar.
Pauls Blick geht zum Fenster und hinaus zu dem
flachen Rollwagen. Auf ihm liegen weitere Papierpakete. Der
Stoß ist schon erheblich kleiner geworden, dem Himmel sei
Dank, aber ... »Worauf wartest du denn?« drängt er
ungeduldig und wischt mit dem Handrücken einen Tropfen
von der Nase. »Wir haben es bald geschafft.«
»Mir ist kalt«, murmelt sie kläglich.
»Schwitzen kannst du im Sommer«, knurrt er
zurück. »Ach, mit Mädchen ist aber auch gar nichts
anzufangen.« Nun fällt ihm ein, daß zum Naseputzen ein
Taschentuch wohl doch geeigneter sei als der Handrücken,
und er zieht ein großes buntkariertes heraus und schneuzt
sich geräuschvoll. Nebenbei bemerkt er, daß Emma vor
Kälte zittert, und da tut ihm seine Schroffheit leid, und er
sagt nachsichtig:
»Na, schön, dann bleib eben hier am Ofen. Ich
mache das auch allein.«
Er, ein lang aufgeschossener, magerer Junge mit
einem Sattel von Sommersprossen auf seiner Nase, ist
kaum wieder draußen, da bestimmt Hermann Rauh tadelnd:
»Emma! Für einen allein ist es zu schwer. Und ich habe zu
tun, wie du vielleicht siehst.«
Sie schneidet eine Grimasse und mault: »Mußte das
blöde Papier gerade heute geholt werden?«, aber sie wartet
keine Antwort ab, die doch nur ein väterliches Machtwort
wäre, sondern folgt Paul. Ziemlich lustlos geht sie ihm nach,
doch sie geht.
Sobald die Tür hinter ihr geklappt hat, ändert sich
die Haltung der Männer am Fenster neuerlich. Der Artikel
bleibt liegen, wie er liegt. Marchlewski und Rauh setzen ihr
Gespräch an genau dem Punkt fort, wo sie es vorhin bei des
Druckers »Achtung!« abbrachen.
»Hermann! Wir haben hin und her überlegt«, nimmt
Marchlewski seinen Faden wieder auf. »Die Leipziger
Volkszeitung kommt nicht in Frage, ich sagte es schon.
Laß einen einzigen Genossen, der die illegale Zeitung nach
Rußland bringt, an der Grenze gefaßt werden, und laß die
Geheimpolizei auch nur den kleinsten Hinweis auf Leipzig als
Druckort finden, dann kommen die Detektive folgerichtig
bald zur LVZ, und alles fliegt auf.«
»Und zur Arbeiter- Turnzeitung kommen sie nicht,
wie? Sobald sie die Spur bis an die Pleiße zurückverfolgt
haben, bleibt es gehupft wie gesprungen, wo gedruckt wird.
Dann bietet eine Druckerei so wenig Sicherheit wie die
andere.«
Marchlewski schüttelt den Kopf. »Das siehst du
falsch.« Er läßt es nicht bei der Behauptung. Er begründet
sie. »Es ist eine Zeitung in russischer Schrift, in kyrillischen
Lettern gesetzt. Folgerichtig - um das Wort noch mal zu
gebrauchen - wird die Geheimpolizei die Druckereien
aufsuchen, die für Rußland arbeiten und kyrillische Lettern
besitzen. Die Herren Schnüffler sind schließlich stolz darauf,
daß sie logisch zu denken vermögen.« Ein kleines Lächeln
spielt um seine Mundwinkel. »Hast du jemals Aufträge aus
Petersburg erhalten?«
»Spaßvogel!«
Mehr gibt es von Seiten Rauhs auf diese Frage nicht
zu sagen, und es ist genau die Antwort, auf die sein Gast
gewartet hat.
»Auf dich fällt also kein Verdacht. Du hast ideale
Voraussetzungen für den konspirativen Druck.« Sein Blick
sucht den des Druckers und hält ihn fest. »Oder willst du
nicht, Hermann? Dann lege die Karte auf den Tisch!«
Rauh antwortet nicht gleich. Er wendet den Kopf, er
läßt die Augen durch sein kleines Reich wandern und ist sich
im selben Moment bewußt, daß »sein kleines Reich«
schlecht gedacht wäre. Handelte es sich darum, hätte sich
die ganze Diskussion schon erübrigt. Dann würde er nicht
zögern. Aber... Es hängt mehr an dieser Druckerei als
Hermanns persönliche Existenz. Wenn die Pressepolizei mit
der Feststellung konspirativen Drucks in Probstheida eine
willkommene Handhabe zu gerichtlicher Belangung Rauhs
und zur wenigstens zeitweiligen Schließung seines
Unternehmens fände ... Arbeitersportzeitungen im
kaiserlichen Deutschland kann man mit der Lupe suchen,
und außerdem: Die »AT« war niemals allein Objekt zur
Befriedigung des journalistischen und verlegerischen
Ehrgeizes ihres Besitzers. Daß ihm die Arbeit für sie und mit
ihr Spaß macht, bleibt unbestritten, doch die Hauptsache ist
das nicht. Die »Arbeiter-Turnzeitung« entstand als
Kampfinstrument der Klasse, der sich Rauh zugehörig fühlt;
sie entstand, als die Organe seiner Partei verboten, verfolgt
und unterdrückt wurden wie die SPD selbst; sie entstand,
weil es damals nur möglich war, durch Zeitungen Arbeiter
zusammenzuschließen und zu ihnen zu sprechen, wenn
diese Blätter sich als Sprachrohre von Turner- oder
Gesangsvereinen, von Berufsvereinigungen oder
Bildungszirkeln tarnten. Viel Klugheit und List waren und
sind noch nötig, sie über die Klippen der verschnörkelten
Paragraphen des Reichspressegesetzes und anderer
Maulkorbbestimmungen hinwegzusteuern, und der kleinste
Fehler vermag sie zu Fall zu bringen. Dies unter dem Schild
der Legalität und des Rechts. Das in diesem Jahr in Kraft
gesetzte Bürgerliche Gesetzbuch, das BGB, ist ein
Gesetzbuch zur Zementierung der herrschenden
gesellschaftlichen Verhältnisse, ein Gesetzbuch daher gegen
die Arbeiterklasse... Nein, Blätter wie die »Arbeiter-
Turnzeitung« balancieren nach wie vor auf einem schmalen
Grat, und wenn er, Rauh, hier in der Druckerei Rauh &
Pohle, für die er seit dem Ausscheiden seines ehemaligen
Teilhabers aus dem Betrieb im Sommer des zur Neige
gehenden Jahres 1900 allein verantwortlich ist, illegale, von
der Zensur nicht genehmigte Drucke ausführt...
Wie er das noch denkt, schämt er sich seiner
Überlegungen schon. In den schweren Jahren des
Sozialistengesetzes - was wäre aus der deutschen
Sozialdemokratie geworden ohne die Solidarität der
Genossen in anderen Ländern? Ohne den Druck des
»Sozialdemokrat« in der Schweiz, ohne finanzielle
Unterstützung durch klassenbewußte Arbeiter anderer
Länder? Ohne die sechzehntausend Mark beispielsweise, die
Wilhelm Liebknecht 1886 auf einer Vortragsreise durch
Nordamerika unter den Augen von Spitzeln und doch
unbemerkt sammelte? Hat er, Hermann Rauh, vergessen,
daß ohne Solidarität...?
Er räuspert sich und erwidert auf Marchlewskis Frage
etwas verlegen: »Es muß doch überlegt werden, oder...?
Und überhaupt: Wie soll ich eine russische Zeitung setzen?
Wie denkst du dir das?« Er deutet zu den schrägen
Schriftkästen hinüber. »Sieh dir doch meine Lettern an! Die
Alte Schwabacher... Die Unger-Fraktur.. Andere Schriften
habe ich nicht!«
Unwillkürlich schaut Julian Marchlewski in die
gewiesene Richtung, aber er blickt an den Kästen vorüber
zum Fenster hinaus. Als er unterwegs nach Probstheida war,
schneite es noch.
Starkes Schneetreiben gab es nicht. Ein dünner
Schleier senkte sich fast zögernd auf die Straße nieder,
senkte sich nieder aus einer hier und da schon
aufgerissenen Wolkendecke, die einen glasklaren,
lindblauen Winterhimmel freigab. Breite Sonnenbahnen
brachen durch die Spalten und stellten helle Lichtbalken in
die lautlos herabsinkende weiße Pracht. In der Stadt
hantierten die Hausmeister sogleich beflissen mit
Schneeschiebern und Streusand, während die
Geschäftsleute hinter Ladenfenstern hervor wohlwollend den
Flockenflug beobachteten. Es sind nicht einmal mehr
vierzehn Tage bis Weihnachten - da erinnert Schnee die
Vergeßlichen, daß es Zeit ist, an Geschenke zu denken.
Schnee vor dem Christfest fördert den Umsatz.
Inzwischen hat ein leiser Wind die Wolken geschäftig
noch mehr auseinander geschoben. Nun überwiegt am
Himmel das leuchtende Blau, und auf der Dorfstraße vor der
Druckerei - »Hauptstraße« nennt sie sich selbstbewußt -
glitzert der Schnee wie ein riesenhaftes, aus Märchen
entlehntes Edelsteinfeld. Lediglich den Hühnern, die
draußen herumspazieren, gefällt es gar nicht. Als ob sie
kalte Füße bekämen, ziehen sie mal das eine, mal das
andere Bein an den Leib und blicken mit herumruckenden,
schief gehaltenen Köpfchen recht skeptisch in die Welt.
Nach Emma und Paul ausschauend, nimmt
Marchlewski zunächst nur das Mädchen wahr. Emma steht
neben dem Rollwagen und bemüht sich, in seiner Mitte
liegende Papierpakete an den Rand der Ladeplatte
heranzuziehen. Sie muß dazu ihre ganze Kraft aufbieten. Als
er sie so sieht, denkt Marchlewski flüchtig, daß sie den
Lebensabschnitt erreicht habe, in dem Mädchen anfangen,
zu Frauen zu werden, ohne sich dessen noch recht bewußt
zu sein. Die warme Jacke, die sie über das knöchellange
Kleid gezogen hat, diente ihr wohl bereits im vorigen
Winter. Sie ist eng geworden. Gerade deshalb läßt sie
deutlich erkennen, wie sich Emmas Hüften gerundet haben,
daß an die Stelle des »Kinderspecks« eine schmale Taille
getreten ist und daß hier ein schlankes Mädchen von
graziler Anmut heranwächst. Auch über der Brust spannt die
Jacke jetzt sehr. Auf einmal wirkt Emma Rauh viel
erwachsener als der gleichaltrige schlaksige Lehrling mit
den vielen Sommersprossen.
»Wo steckst du denn?« hört er sie rufen.
Jetzt taucht Paul Thomas hinter dem Rollwagen
hervor und hat einen Schneeball geformt, mit dem er Emma
trifft. Er bückt sich sogleich nach einem zweiten, einem
dritten und fordert sie fröhlich und jungenhaft auf,
mitzutun, sich zu wehren und zurückzuwerfen. Da werde ihr
schon warm werden! Und nachdem sie sich erst abgewandt
und »Aufhören! Aufhören!« gerufen hat, greift sie dann
doch in den Schnee und wirft zurück. Im Nu ist die schönste
Schneeballschlacht rund um den Rollwagen herum im
Gange. Emma bleibt dem Lehrling durchaus nichts schuldig.
Marchlewski schmunzelt. Am liebsten würde er
mittun.
»Du wirst russische Lettern beko mmen«, versichert
er Rauh bestimmt. »In ausreichender Menge ...«
»Kyrillische Lettern sind mir vollkommen fremd,
Julian.«
Der Gast wendet sich wieder zu Rauh. »Das wissen
wir, und davon sind wir natürlich ausgegangen.
Grundsätzlich sagst du ja?«
»Ohne große Worte, Julian: Ja. Wenn die russischen
Genossen unsere Hilfe brauchen und wenn ihr meint, ich
wäre der richtige Mann . . . Ich bin nicht erst seit gestern
Mitglied der Partei.«
Ganz offensichtlich nimmt die sachlich und
unpathetisch gegebene Zusage eine Last von Marchlewskis
Schultern. Lebhaft weiht er Rauh nunmehr in Einzelheiten
ein.
»Kurz und knapp, Hermann: Der« - er zögert eine
Sekunde, ehe er ein vertrautes Wort gebraucht, das ihm in
diesem Zusammenhang zu klein und schwach zu sein
scheint -, »der Redakteur der Zeitung kommt illegal aus
München. Es wäre mir nicht lieb, wenn er während seines
Hierseins zwischen der Stadt und Probstheida pendeln
müßte. Kann er bei dir bleiben?«
»Das ist die geringste Sorge. Natürlich bringe ich ihn
unter. Besser, wenn er nicht auf die Straße muß. In diesem
Dorf kennt beinahe jeder jeden, und ein Fremder fällt auf
dem Lande leicht auf.«
»Gut! Was den Satz in der dir fremden kyrillischen
Schrift angeht: Vor Herrn Meyer aus München meldet sich
ein polnischer Genosse bei dir, der recht gut deutsch und
fließend russisch spricht. Er wird sich Werner nennen,
Werner Nusperli. Ein Schweizerdegen ist er, ein Mann also,
der Schriftsatz und Druck gleichermaßen beherrscht.«
Nun lächelt Rauh.
»Du mußt einem Buchdrucker nicht erklären, was
sich hinter der Berufsbezeichnung Schweizerdegen verbirgt,
Julian. Arbeitet er nachts?«
»Selbstverständlich nachts! Man muß ihn nicht
sehen, braucht nicht von ihm zu wissen, klar? Deine Leute
...?«
Rauh wendet sich flüchtig zum Fenster. Es fällt ihm
nicht ein, die draußen anhaltende Schneeballschlacht zu
unterbinden. »Paul ist ein guter Junge. Aber wissen muß er
es nicht.«
»Deine Tochter...?«
».... ist so klein nicht mehr. Ich würde mich notfalls
auf sie verlassen. Doch es ist gar nicht gesagt, daß sie
überhaupt etwas merkt. Sie schläft wie ein Murmeltier. Und
meine Frau .. . Für Ilse lege ich die Hand ins Feuer. Sie geht
mit durch dick und dünn, das ist ausprobiert. Genosse
Meyer wird sicher sein und sich wohl fühlen.«
»Fein! Er ist uns ein besonders lieber Gast,
Hermann.«
Einen Augenblick lang sieht es aus, als dränge es
ihn, mehr über den Mann zu sagen, der hier auf den
schönen deutschen Namen »Meyer« hören wird und illegal
nach Leipzig kommt, um eine insgeheim zu druckende
Zeitung für Rußland zu redigieren. Aber er schweigt. Julian
Marchlewski hat so oft konspirative Disziplin üben müssen,
daß er, so voll ihm das Herz auch sein mag, seine Zunge zu
zügeln und fest im Zaum zu halten weiß. So wiederholt er
nur: »Ein besonders lieber Gast... Ein wundervoller
Mensch... Wenn du ihn kennengelernt hast, wirst du mir
zustimmen.«
Rauh dringt nicht in ihn. Er erkundigt sich nicht
einmal, wie es kam, daß die Genossen in Leipzig ihn und
seine kleine Druckerei für die Herstellung einer geheimen
fremdsprachigen Zeitung empfahlen. Weil sie ihm vertrauen
- das ist das eine; das ist schön und macht stolz.
Ansonsten... Dafür gibt es eine Reihe höchst einfacher
Erklärungen. Wenn Genosse Meyer aus Bayern kommt... In
Bayern, in Nürnberg nämlich, fand im Vorjahr 1899 der
Bundesturntag des Arbeiterturnerbundes statt, über den die
»Arbeiter-Turnzeitung« selbstverständlich ausführlich
berichtete. Auch die »Leipziger Volkszeitung« war in
Nürnberg vertreten, war vertreten durch den Rauh gut
bekannten Redakteur Adolf Braun, um es genau zu sagen,
und zweifellos hatte Braun während seines Aufenthaltes in
Bayern Verbindung zu vielen dortigen Genossen. Falls man
in Nürnberg mit der Frage nach einer geeigneten Druckerei
an ihn herantrat und falls er diese Frage nach der Rückkehr
in seiner Redaktion wiederholte ... Rosa Luxemburg, Franz
Mehring und Bruno Schönlank oder auch Julian Marchlewski
selbst kennen als die journalistische Garde der
Sozialdemokratie im Königreich Sachsen die verläßlichen
Druckereien genau, auf die sich die Partei im ideologisch-
organisatorischen Kampf stützen kann.
Außerdem gab Marchlewski eben zu verstehen, daß
ihm Genosse »Meyer« persönlich bekannt sei. Das wäre
eine zweite Möglichkeit. Daran, daß »Meyer« nicht Meyer
heißt, zweifelt Rauh keine Sekunde. Er will eine Zeitung für
Rußland machen... Daß er zu diesem Zwecke nach Leipzig
kommt, würde auch einen Sachsen nicht wundern, der
keinen persönlichen Bezug zum graphischen Gewerbe hat.
Die Messestadt genießt seit langem den ehrenvollen Ruf
eines Zentrums der »Schwarzen Kunst«, und nirgendwo im
deutschsprachigen Raum nennt das Adreßbuch in solcher
Ballung die Namen berühmter Verlagsgesellschaften und
Buchdruckereien wie hier. In Leipzig werden Druckaufträge
in beinahe allen lebenden und toten Sprachen der Erde
ausgeführt. Wer zur Messe kommt, um den Koran drucken
zu lassen, findet dazu ebenso aufgeschlossene und
leistungsfähige Geschäftspartner wie ein anderer, der
Nihongis klassische »Japanische Annalen« oder ein
altrussisches Heldenepos in der Originalsprache publiziert zu
sehen wünscht. Wohin, wenn nicht nach Leipzig, sollte sich
jemand wenden, der Druckereien sucht, die kein
»Unmöglich!« kennen? Sich mit solchen Anliegen nach
Leipzig zu wenden, ist die natürlichste Sache der Welt.
Wenn Julian Marchlewski die Einzelheiten nicht preisgeben
will oder kann, die des Genossen Meyers Entscheidung für
die Pleißestadt bestimmten, er, Hermann Rauh, wird danach
nicht fragen. Sicher ist dieser Entschluß reiflich und gut
erwogen worden.
Draußen auf der Straße gehen Frauen mit
weihnachtlich verschnürten Paketen vorüber, schwatzend
und gut gelaunt. Sie haben in der Stadt eingekauft, viele
Schaufenster besichtigt und irgendwo in einem Café zum
»Schälchen Heeßen« süßen Kuchen genascht.
Baumkuchenzeit... Wer kann da vorübergehen? Und die
Zuckerbäcker halten wahre Wunderwerke aus Marzipan
bereit, von den leckeren Stollen mal ganz zu schweigen ...
Die Bauern Probstheidas sind wohlhabend und von
besitzstolzer Behäbigkeit, sie können sich etwas leisten. Die
nahe große Stadt ist ein gefräßiger Abnehmer der vor ihren
Toren wachsenden landwirtschaftlichen Erzeugnisse,
einerlei, ob es sich um Fleisch handelt, um Milchprodukte,
Eier oder Brotgetreide. Freilich sieht das Stadtvolk
gelegentlich überheblich auf das rustikale Landvolk nieder,
aber die Bauern bleiben ihnen nichts schuldig. Würden denn
die feinen Stadtdamen, die reichen Verleger und die
übermütigen Studenten, deren hochtrabende Diskussionen
man so wenig versteht, als ob sie chinesisch redeten,
würden sie nicht verhungern, wenn nicht die Menschen an
der Endhaltestelle der Straßenbahn in schwerer Arbeit den
Boden aufbrächen, Saat in ihn legten und mit ihrem
Schweiß deren Reifen sicherten?
Emma kennt die Frauen, die an der Druckerei
vorbeigehen, und macht artig ihren Knicks. Täte sie es
nicht, würde dieses Versäumnis in Kürze in Gestalt einer
mütterlichen Rüge auf sie zurückschlagen. Hier draußen
sind doch alle miteinander bekannt. Frau Rauh erführe mit
Gewißheit, daß Emma es letzthin an Höflichkeit fehlen lasse.
Das Mädchen mag keine »Gardinenpredigt«.
Auch Paul Thomas grüßt. Er hat die Mütze in der
einen Hand, in der anderen aber noch einen fertigen
Schneeball, den er nun bedauernd anblickt.
»Hast du genug abgekriegt und kneifst, Emma?« Sie
zuckt die Schultern und klopft sich den Schnee von Jacke
und Kleid.
»Püh!« sagt sie überlegen und fährt gleich ein wenig
von oben herab fort: »Ich bin bloß klüger als du. Wenn wir
nicht bald mit dem Papier erscheinen, können wir etwas
erleben. Ich kriege ja höchstens einen Katzenkopf, weil es
mein Vati ist, aber du bist der Lehrling - dir hält er 'ne
Standpauke.« Sie sieht ihn an und tritt auf ihn zu. »Halt
still! Du bist ganz voll Schnee.«
Er dreht sich hin und her, damit sie ihn abklopfen
kann. Mit offenkundigem Wohlwollen sieht er unterdessen in
ihr helles, offenes Mädchengesicht mit den fröhlichen Augen
und der ein wenig vorwitzigen Stupsnase, die im Vergleich
zu dem weich geschwungenen Mund ein bischen zu klein
wirkt. Dieser Mund ist ausgemacht schön und entblößt,
wenn Emma lacht, makellos weiße, gut gewachsene Zähne.
»Für ein Mädchen bist du ziemlich in Ordnung.
Ehrenwort!« fühlt er sich mit jungenhafter Sprödigkeit zu
sagen bemüßigt. Am liebsten würde er jetzt an ihrem
schweren langen Zopf ziehen, aber das wagt er dann doch
nicht. Als habe er sich mit der Andeutung eines
Kompliments schon etwas vergeben, spricht er hastig
weiter: »Zu deinem Vater kannst du dir eigentlich
gratulieren. Die Meister, bei denen andere Jungs sind ...
Dagegen ist er Gold. Manche brauchen einen Lehrling bloß
zum Ausfegen und damit sie wen zum Verprügeln haben.
Das hat er noch nie gemacht. Aber jetzt bin ich sauber.
Komm, wir schieben die Pakete erst mal an den Wagenrand.
Dann müssen wir sie nur noch herunternehmen.«
»Wenn wir gedruckt haben«, sagt Rauh drin am
Schreibtisch, »wie kommt die Zeitung von hier weg und
nach Rußland hinein?«
»Wir sind dabei, das zu organisieren«, versichert
Marchlewski, »es so zu organisieren, daß die Einfuhr ins
Zarenreich lautlos und störungsfrei verläuft.«
Der Drucker findet es richtig, daß sein Gast dies
besonders betont.
»Wird auch bitter notwendig sein, Julian. Sowohl die
zaristische als auch unsere Königlich Sächsische
Geheimpolizei rotieren doch, wenn sie eine illegale, von
keiner Zensur gegängelte und entschärfte Zeitung
entdecken. Ein solches Blatt ist für sie, was das berühmte
rote Tuch für den Stier darstellt - die schlimmste
Herausforderung.«
»Was ausnahmsweise für sie spricht! Sie wissen,
welche Waffe die Presse, unsere Presse ...«
Er bricht ab, weil Frau Rauh eilig über den Hof läuft
und in die Druckerei tritt. Sie hat sich nicht einmal Zeit
gelassen, ein Tuch umzunehmen.
»Guten Tag, Genossin Rauh«, grüßt Marchlewski sie.
Sie, eine unmerklich Fülle ansetzende Mittdreißigerin
mit hochgestecktem blonden Haar, gibt ihm flüchtig eine
große, kräftige Hand.
»Tag! Auf der Hauptstraße kommt die Polizei mit
einem Motorenwagen. Ich habe sie von der Mansarde aus
gesehen. Sie muß ja nicht zu uns wollen, aber ich dachte,
es ist besser . . .« Marchlewski nickt.
»Ich bin zu bekannt bei den Herren. Sie brauchen
mich hier nicht zu sehen. Sonst fragen sie sich am Ende,
was ich hier draußen will, und wenn sie erst einmal den
Zipfel eines Verdachts haben. ..« Er winkt ab. »Komme ich
unbemerkt 'raus?«
»Nach hinten durch den Garten«, antwortete Rauh
knapp. »Ich bringe dich.«
»Du bleibst hier und beschäftigst sie«, bestimmt
seine Frau. »Ich zeige dem Genossen Marchlewski den Weg.
Kommen Sie!«
Er knöpft bereits seinen Ulster zu und drückt den Hut
in die Stirn, womit er gleich nicht mehr der landläufigen
Vorstellung von einem rasenden Reporter entspricht. »Es
bleibt dabei, Hermann?«
Der Drucker gibt ihm die Hand.
»Wie besprochen, ja«, erwidert Rauh ruhig. »Ich
erwarte Werner Nusperli und Genossen Meyer. Wir werden
das Kind schon schaukeln.«
Frau Rauh faßt Marchlewski am Arm.
»Sie könnten auf die Idee kommen, in den Hof zu
fahren. Dann sollten wir weg sein.«
»Das sind wir doch schon.«
Jetzt endlich beschäftigt sich Hermann Rauh wirklich
mit dem auf dem Schreibtisch liegenden Artikel. Er zieht
sich den Stuhl heran und setzt sich, und während er Zeile
für Zeile liest, tastet seine Rechte, ohne daß er hinsieht,
nach einem Rotstift.
Der Beitrag ist wirklich viel zu lang.
2

Seit der Motorenwagen aus dem Königlichen


Polizeiamt in die Harkortstraße einbog und sich auf den Weg
nach Probstheida machte, hat jeder Schutzmann
kameradschaftlich-achtungsvoll gegrüßt, an dem er mit der
bemerkenswerten Geschwindigkeit von etwa vierzig
Stundenkilometern vorüberratterte. Ebensooft tippte der
Mann flüchtig mit der behandschuhten Rechten an die
Hutkrempe, der in Zivil neben dem Uniformierten am
Rechtssteuer sitzt. Er friert natürlich in dem offenen
Zweisitzer, der wie eine leichte Kutsche ohne Deichsel
aussieht, denn daß der Zweizylinder-Viertakt -Motor seine
fünf Pferdestärken genau unter dem Sitz erzeugt, wirkt
auch nicht erwärmend. Aber da er über diesen
Motorenwagen aus einer Fabrik am Fuße der Wartburg in
Eisenach verfügen darf, würde der Zivilist neben dem Fahrer
um nichts in der Welt mit Pferden fahren. Einen der wenigen
Motorenwagen nehmen zu können ist ein Privileg, das
beispielsweise die Beamten der gewöhnlichen
Sicherheitspolizei nicht besitzen. Dafür haben sie auch bloß
mit ganz gewöhnlichen Kriminellen zu tun.
Die Schutzleute grüben, weil ihnen das Fahrzeug
verrät, daß hier die sogenannte »hohe«, die politische
Polizei im Einsatz ist. Das ist jene von der Obrigkeit weit
höher geschätzte und deshalb auch großzügiger
ausstaffierte Einheit, der die Verfolgung politischer
Umtriebe, die Kontrolle des Vereins- und
Versammlungswesens, die Pressezensur und - kurz - der
innere Schutz des Staatsganzen und der monarchistischen
Staatsordnung obliegen. Wo sie auftaucht, gehört es sich
für einen kleinen Schutzmann einfach, Front zu machen und
Gesinnung zu zeigen.
Der leichte Wagen ist mit drei Mann natürlich
überlastet. Es fährt noch ein zweiter Zivilist mit. Auf dem
schmalen Notsitz gegenüber der Bank hockend, wirkt er
einigermaßen unglücklich und atmet auf, als das Gefährt
endlich am Ziel ist und unmittelbar neben dem
Plattenwagen mit den Papierpaketen hält. Er steigt sofort ab
und reckt sich verstohlen — ein untersetzter Vierziger mit
verschlossenem, kantigen Gesicht und einem
kurzgestutzten Oberlippenbart, der über die Mundwinkel
herab reicht und dem Manne etwas Melancholisches,
Kummervolles gibt. Er ist nicht der Tonangebende in der
Wagenbesatzung. Das zeigt er sogleich, indem er
bescheiden beiseite tritt und aus den Taschen seines
unansehnlich gewordenen walnußbraunen Ledermantels
Tabaksbeutel und -pfeife zieht, als ginge ihn das alles hier
nichts an. Er ist gleichsam nur Staffage und unwichtig.
Wichtig ist der andere Zivilist, der neben dem
Chauffeur saß und jetzt ebenfalls absteigt. Ein schwerer, mit
Hamsterfell gefütterter Ulster verleiht dem zehn Jahre
jüngeren eine Breite, die der Fahrer nicht besitzt. Er
überragt den im Ledermantel, der eine englische
Reisemütze mit oben zusammengebundenen Ohrenklappen
trägt, um Kopfeslänge. In seinem schmalen, ausdruckslosen
blassen Gesicht brennen rot die Narben von Säbelhieben.
Der Herr hat auf dem Paukboden einer schlagenden
Studentenverbindung gestanden; er ist Akademiker. Sein
Schnurrbart drückt im Gegensatz zu dem seines Begleiters
Schneid und strammen Optimismus aus; die Spitzen sind
nach oben gezwirbelt. Er streicht noch einmal darüberhin,
als er Paul hingerissen ausrufen hört: »Ich werde verrückt!
Eine richtige Motorenkutsche! Ist die schön!«
Emma teilt seine Begeisterung nicht.
»Findest du?« fragt sie skeptisch. »So'n Ding ohne
Pferde sieht dumm aus. Als fehle etwas.«
Da wird der Lehrling ernsthaft böse. »Typisch
Mädchen! Von nichts Ahnung, aber über alles reden!«
Damit wendet er ihr brüsk den Rücken zu.
Der Akademiker sieht keine Notwendigkeit, die
Jugendlichen zu grüben. Er erkundigt sich knapp: »Ist Herr
Rauh im Hause?«
Emma knickst. »In der Druckerei. Hier, bitte!«
Der Mann mit den Schmissen geht zur Tür; der
andere im Ledermantel folgt ihm wie sein Schatten. Er
bleibt am Eingang stehen und setzt nun endlich die
inzwischen gestopfte Pfeife in Brand. Seine Augen,
graugrüne Katzenaugen von unsteter Behendigkeit, mustern
die Setzkästen, die Maschinen, verweilen beim Nagelbrett
und schätzen die Druckerei mit unpersönlichem, sachlichen
Interesse ein.
Der Akademiker, schon mitten in dem um den Ofen
gruppierten Raum, räuspert sich vernehmlich. Es ärgert ihn
offenbar, daß der Mann am Schreibtisch nicht gleich Notiz
von ihm nimmt und sich erst jetzt sehr gelassen nach dem
Besucher umdreht.
»Herr Rauh?«
»Ja?«
Recht gemütlich klingt das, aber der Drucker steht
doch auf und kommt ein paar Schritte näher, was dem
anderen Gelegenheit gibt, eine Legitimation vorzuweisen
und seinen Namen zu nennen.
»Kriminalpolizei. Referendar von Kopp.«
Hermann Rauh reagiert, als seien solche Besuche bei
ihm alltäglich. Er nickt gelassen.
»Was kann ich für Sie tun, Herr Referendar?«
»Bloße Routinesache. Ich bin gehalten, in den
Druckereien Satzproben der vorhandenen Schriften
einzuziehen. Für kriminaltechnische Vergleiche, verstehen
Sie?«
Der Drucker denkt nicht daran, es dem ungebetenen
Gast so leicht zu machen.
»Nein«, erwidert er entwaffnend naiv.
Referendar von Kopp merkt die Absicht und ist
verstimmt.
»Hauptsache, wir verstehen das«, weicht er kurz
angebunden einer exakteren Erklärung aus. An Rauh
vorüber tritt er zum Nagelbrett und deutet auf ein dort
hängendes Exemplar der letzten Nummer der »Arbeiter-
Turnzeitung«.
»Ihr Produkt?«
»Meins!« bestätigt der Drucker. »Wenn Sie Wert
darauf legen, zeige ich Ihnen gern die pressepolizeiliche
Genehmigung...«
Es zuckt um die Mundwinkel des Referendars.
»Ich kenne die Zeitungsliste«, wehrt er von oben
herab ab und nimmt die Zeitung vom Nagel. »Welche der
vorhandenen Schriften enthält dieses Blatt?«
»Alle.«
Von Kopp reicht die »Arbeiter-Turnzeitung« über die
Schulter nach hinten, ohne sich umzuwenden, und läßt sie
los. Sie fällt nicht, denn der andere ist rechtzeitig da und
übernimmt sie. »Reichert? Sie verstehen ja wohl etwas
davon . ..«
Rauh hat durchaus den Eindruck, daß das keine
Übertreibung ist, denn der Untersetzte im Ledermantel und
mit der englischen Reisemütze geht mit dem Blatt an die
Setzkästen und hebt einzelne Lettern heraus. Er scheint in
der Lage zu sein, zu beurteilen, ob Kegel, Schriftgröße und -
bild übereinstimmen. Rauhs geschulter Blick sieht sogleich,
daß der Geheimpolizist sachkundig und zielstrebig hantiert
und der »Schwarzen Kunst« nicht fremd gegenübersteht. Er
tut etwas Geläufiges, Vertrautes; er tut es mit einer Art
gleichgültiger Selbstverständlichkeit. Dadurch wirkt er
plötzlich gefährlich und erstaunlich überlegen. Unversehens
erzeugt diese Feststellung in Hermann Rauh eine starke
Abneigung gegen den Kriminalwachtmeister mit dem
melancholischen Bart, ja, das ausgeprägte Gefühl der
Feindschaft. Dieser Reichert hat zweifellos vor zehn Jahren,
in der Zeit des Sozialistengesetzes, seine Sternstunden
gehabt. Er hat vielleicht durch Schriftvergleiche Druckereien
aufgespürt, in denen die in die Illegalität gezwungene Partei
insgeheim Flugblätter und Agitationsmaterialien herstellte.
Mit einemmal ist das alles wieder sehr nah und
gegenwärtig, ist die innere Spannung wieder da, die Rauh
damals unzählige Male miterlebte und die fast schon ein
wenig in Vergessenheit geriet. Der Drucker atmet tief ein
und strafft sich. Nach außen hin verliert er seine
Gelassenheit nicht.
Kriminalreferendar von Kopp, kraft akademischen
Grades auf dem Weg zu höheren Kommandostellen der
Polizei, macht Konversation.
»Reichtümer sammeln Sie hier nicht, wie?«
Rauh ist zu erfahren im Umgang mit den
bewaffneten Erzengeln der monarchistischen
Staatsordnung, um sich durch den verbindlichen Plauderton
täuschen zu lassen. Der bestimmt ihn vielmehr zu
besonderer Vorsicht. Beamte wie dieser Referendar sind
keine Schwätzer und beherrschen ihr Handwerk mit
gefährlicher Sicherheit. Wenn sie ein solches Gespräch
führen, verfolgen sie damit einen Zweck. Der Drucker bleibt
spröde und abweisend.
»Sind Sie aus Leipzig nach Probstheida
herausgekommen, um mich das zu fragen?«
Wenn von Kopp die Reserviertheit des anderen
erkennt, überspielt er sie geschickt. Er lacht unbekümmert
und amüsiert. »Bei der Kälte? Nee! Ich kann mir Schöneres
vorstellen, Herr Rauh! Wirklich! Ist überhaupt 'ne tolle
Aufgabe für einen diplomierten Kriminalisten - Schriftproben
sammeln! Doch wenn das Vaterland, das teure, Opfer
fordert...« Er sagt das mit einer bestechenden Portion
Ironie, die einer Anbiederung gleichkommt und neuerlich
auszudrücken scheint, das alles sei ja nicht ernst zu
nehmen, aber er fährt im gleichen Ton fort, übergangslos:
»Sie erledigen hier auch Ihre Auslandsaufträge, nicht
wahr?«
»Nein«, pariert Rauh und denkt sachlich, der
Überrumplungsversuch sei nicht schlecht aufgebaut worden.
»Sondern wo?«
»Wir sind weder Brockhaus noch das
Bibliographische Institut, sondern eine kleine
Arbeitersportzeitung. Wir haben keine Auslandsaufträge.«
Es sind fast die gleichen Worte, die er gegenüber
Marchlewski gebrauchte, aber jetzt klingen sie ganz anders.
»Auslandsaufträge wären lohnend, Herr Rauh.«
Der Drucker nickt. »Sicher«, bestätigt er trocken.
»Deshalb verteilen die großen Druckereien sie ja unter
sich.«
Von Kopp läßt nicht locker. Er wird deutlicher, behält
jedoch den verbindlichen Plauderton bei.
»Es gibt auch bescheidenere Aufträge. Eine kleine
Broschüre, ein paar Handzettel... Gut bezahlt... Die
Steuerfahndung Seiner Majestät braucht nichts davon zu
wissen. Das Leben ist kostspielig; Geld schändet nicht.
Manche Auftraggeber spekulieren auf eine solche
Gesinnung, bauen ihre Angebote darauf auf ... Wir
verstehen uns?«
»Nein. Solches Ansinnen hat nie jemand an mich
herangetragen. Ich wäre selbstverständlich auch nicht
darauf eingegangen«, antwortet Rauh eisig. Jetzt dreht er
den Spieß um, nun fragt er selbst. »Brauchen Sie die
Schriftproben solcher Drucke wegen? Hat es welche
gegeben?«
Der Referendar stutzt. Auf einmal schwingt
unverhohlen Drohung in seiner Stimme.
»Wir sind völlig Herr der Lage, lieber Herr Rauh!
Völlig! Uns entgeht so schnell nichts.« Dann kehrt er zum
Plauderton zurück, scheint die eben gezeigte Schärfe
vergessen machen zu wollen. »Wir leben in einer wilden Zeit
und auf heißem Boden. Leipzig wimmelt zum Beispiel von
russischen Studenten und russischen Emigranten.
Umstürzlerische Elemente darunter, Anarchisten ... In
Rußland haben sie vor Jahren den Zaren zu ermorden
versucht, in Italien in diesem Sommer den König ... Sie sind
überall gleich. Und außer den Anarchisten haben wir
überhaupt Umstürzler jeder Couleur in der Stadt, jeder
Farbe ... Muß ich Ihnen als einem Zeitungsmann doch wohl
nicht erzählen!« Er hält die Hände über den Ofen. »Und das
alles will sich mitteilen, seine Maximen und Ideen
verbreiten, Anhänger werben und Geworbene bei der
Stange halten .. . Zeitungen machen, die wirken wie
Schlangengift... Seiner Majestät, unserem allerhöchsten
Herrn, wäre es außerordentlich fatal, wenn etwa das gute
Verhältnis des sächsischen Hofes zum Zaren durch
aufrührerisches Material getrübt würde, das ausgerechnet
aus der Messestadt nach Rußland gelangte!« Von Kopp sagt
das alles ein wenig in den Ofen hinein, dessen Wärme ihn
magisch anzieht. Dies wirkt, denkt Rauh amüsiert, als
vermute der Kriminalist das Zentrum geheimen Drucks
ausgerechnet in seinem harmlosen Heizkörper. Der
Referendar schließt: »Unter solchen Aspekten heifjt es für
uns, sehr aufmerksam zu recherchieren, zu aspektorieren,
zu kombinieren .. .«
»Diesmal verstehe ich Sie, Hochwohlgeboren«,
räumt der Drucker ein, und indem er die Anrede gebraucht,
die ausschließlich Adligen gegenüber verwandt wird -
bürgerliche Würdenträger sind nur »Wohlgeboren« -,
errichtet er eine deutliche Trennwand zwischen sich und
dem Besucher aus dem Königlichen Polizeiamt.
Der setzt neu an und erkundigt sich in einem Ton,
als vergewissere er sich einer absoluten
Selbstverständlichkeit: »Das kyrillische Alphabet kennen Sie
natürlich?«
Daraufhin verzichtet Rauh auf alle Verbindlichkeit.
»Wenn Sie glauben, ich hätte russische Lettern in einem
Schuhkarton unter dem Bett, warum suchen Sie sie nicht?«
Geschlagen gibt sich von Kopp nicht. Er lacht wieder,
lacht, als wäre ein prächtiger Witz gemacht worden.
»Hübsch gesagt! Ich habe durchaus Sinn für
Humoriges, lieber Herr! Nur - zu mißtrauen ist mein Beruf.
Wissen Sie, wie unsere verehrten Kollegen bei der Ochrana
sagen, der russischen Geheimpolizei? Sie sagen: Traue
Gott dem Allerhöchsten und Seiner Majestät dem
Zaren, unserem Gebieter, aber sonst niemandem auf
der Welt. - Ein kluges Wort, Herr Ra uh, ein sehr kluges
Wort. Trotzdem - Lettern unter dem Bett. . . Alles hat seine
Grenzen. Ich halte Sie nicht länger auf.« Er dreht sich zu
seinem Wachtmeister um. »Sind Sie immer noch nicht
fertig. Menschenskind?«
Der Untersetzte im Ledermantel schaut noch nicht
einmal auf. »Gleich, Herr Referendar, gleich . . .«
»Beeilen Sie sich!«
Damit lüftet von Kopp, gegen Rauh gewandt, flüchtig
den würdigen halbsteifen Hut - Leipzigs Arbeiter nennen
diese Art Kopfbedeckung den »Arbeitgeberhut« - und geht
ohne ein weiteres Wort hinaus zum Wagen.
Rauh tritt näher an die Setzkästen heran, und da
fühlt sich Reichert bemüßigt, beiläufig zu bemerken:
»Ganz schön abgequetscht, Ihre Schriften. Gut
wiederzuerkennen. Alles, was recht ist...«
Das ist eine merkwürdige Art von Lob für nicht mehr
neue Lettern. Der Drucker hat sofort eine steile Unmutsfalte
über der Nasenwurzel, aber er schweigt.
Draußen wird Paul Thomas nicht müde, das Fahrzeug
aus einer Fabrik in der Wartburgstadt Eisenach zu
bewundern. Geradezu verliebt streichelt er über die
Drahtspeichenräder, den Benzinbehälter hinter dem Sitz
und die beiden messingblanken Karbidlampen. Der
schnauzbärtige Fahrer, der seinen Platz nicht verlassen hat,
läßt ihn herablassend gewähren. Wer, wenn nicht er, weiß,
daß ein Automobil etwas Besonderes, Bestaunenswertes ist?
Er sitzt da, als gelte ihm selbst die Ehrfurcht, die Paul dem
Wagen zollt.
»Ob er sehr schnell fährt? Was meinst du?«
Mit seiner Frage ist er nun freilich bei Emma an der
denkbar falschen Adresse. Sie kann daraufhin nur die
Schultern heben.
»Ich weiß nicht. Wer hat schon ein Automobil in
Probstheida?«
»Richtig schön sieht es aus!«
Von Kopp ist eine Weile stummer Beobachter der
hingerissenen Begeisterung des Jungen, zwirbelt seinen
Bart auf und hat schmale, nachdenkliche Augen. Sein
blasses, von den als Standessymbol gehätschelten Narben
der Säbelhiebe entstelltes Gesicht zeigt keine Regung, doch
auf einmal sagt der Referendar mit unvermittelter
herablassender Freundlichkeit:
»Mit dem Wagen kommt auch das beste
Pferdegespann nicht mit, mein Junge. Wir fahren vierzig
Stundenkilometer, und da entgeht uns keiner. Pferde
können nicht dauernd galoppieren - wir dagegen halten
unser Tempo, solange wir Benzin haben.«
Das fasziniert Paul. Seine Jungenphantasie mit ihrer
schwärmerischen Sehnsucht nach Abenteuern erhält durch
diesen Besuch einen kräftigen Anstoß. Allein das schöne
Auto mit dem uniformierten Polizisten am Steuer regt sie an
und beschwört tausend Bilder von lockenden Erlebnissen in
einer »großen« Welt herauf, die Paul nur aus billigen
Kolportageromanen kennt und die ihm eben deshalb
bewundernswert und bedeutsam erscheint, weil er sie bloß
aus zweiter Hand und auf weite Entfernung vorgeführt
erhält. Träume von Reisen in eine schillernde Ferne, zur
Pyramide des Sonnengottes, zu den Pyramiden, in Prärie
und Savanne, durch die Wüste von Bagdad nach Stambul,
in fremde Städte, Träume von männlicher Bewährung und
aufregenden Heldentaten .. . Ein erfülltes, ein herrlich
erregendes Leben... Paul ist zu jung, um zu begreifen, daß
seine Lieblingsschriftsteller ihm eine vollkommene, intakte
und aufs beste eingerichtete Welt vorgaukeln, weil sie selbst
in eben dieser Welt mit derlei Literatur recht gut leben. Für
Paul mischt sich Erlesenes mit dem, was er nun sieht, und
da in der Kolportage Geheimpolizisten als die Hüter der
angeblich gottgewollten und unveränderlichen Ordnung
logischerweise stets strahlende Helden ohne Furcht und
Tadel sind, ist für den Jungen der erste Geheimpolizist, der
ihm leibhaftig gegenübersteht, auch ein solcher Held - ein
freundlicher und leutseliger Held überdies. Das entspricht
Pauls Vorstellungen so sehr, da§ er ganz glücklich und
aufgeregt ist.
»Einfach toll!« sprudelt er hervor. »Einmal dabeisein
können . .. Detektiv zu sein, das ist bestimmt viel
spannender als Buchdrucker.« Da der Referendar diese
Huldigung mit lächelndem und vielsagendem Wohlwollen
hinnimmt, faßt er sich ein Herz und fragt weiter: »Müssen
Sie sich auch manchmal verkleiden, Herr? So, wie der
Fremde aus Indien oder der Held im Buschgespenst?«
»Na, es kommt schon vor«, geht von Kopp
schmunzelnd auf den vorgegebenen Ton ein. »Allerdings
kann ich es nicht so perfekt wie deine Privatdetektive und
schon gar nicht so gut wie der Mann im Buschgespenst.
Das gebe ich zu.«
Pauls Sympathie wächst noch.
»Sie kennen die Bücher?«
»Beide, ja.« Dabei läßt es der Referendar bewenden
und sagt in forscher Kameradschaftlichkeit, die verbindet :
»Da wir also die gleichen Bücher lesen.. . Was hältst du
davon, wenn ich dem Wachtmeister befehle, dich mal durch
Probstheida zu fahren?«
»Das wäre ...« Die Aussicht allein macht Paul
atemlos. »Ich kann gar nicht sagen, was das wäre.«
Von Kopp nickt, als sei es das Alltäglichste von der
Welt. »Abgemacht! Sobald wir hier fertig sind ...«
Paul hat ausgemacht verliebte Augen.
»Sie sind richtig in Ordnung, Herr. Wie ein Detektiv
sein muß.«
In der Tat erscheint ihm dieser Vertreter des
Polizeiamtes weitaus imponierender und
geheimnisumwobener als die Privatdetektive aus der
Auskunftei Schimmelpfeng im Stadtzentrum. Er, Paul, ist im
Sommer manchmal neugierig an dem Büro am Blücherplatz
vorbeigestrichen, um Männer zu sehen, die den Helden
seiner Lieblingsbücher entsprachen. Schimmelpfengs
Rechercheure haben ihn bitter enttäuscht. Das waren
Dutzendgestalten in Staubmänteln, mit Aktentaschen unter
dem Arm. Ein Automobil besaßen sie auch nicht, nicht
einmal ein Motorrad von der Art, wie sie die Leipziger Firma
Hildebrand & Wolfmüller baute und sogar nach Frankreich
exportierte. Nein, sie sahen bloß abgehetzt und eilig aus
und sprangen, ohne sich umzusehen, in die Wagen der in
der Innenstadt bereits elektrifizierten Straßenbahn. Die ist
zwar für Provinzonkel eine Attraktion, aber doch jedem
zugänglich und nichts so Besonderes wie ein Motorenwagen.
In diesem Augenblick entzieht Paul den Staubmänteln vom
Blücherplatz seine Sympathie und konzentriert sein
Wohlwollen auf den Geheimpolizisten, der ja denn wohl
doch ein anderer Kerl ist, wie schon das Automobil verrät.. .
Frucht seines Umdenkens ist das großartige Angebot
: »Wenn ich Ihnen mal helfen könnte, Herr ...«
»Wir müssen endlich das Papier hineinbringen,
Paul«, meldet sich Emma plötzlich. In ihrer Stimme ist eine
Spur von Tadel und deutlicher Mißbilligung, ja, von so kaum
verhohlener wissender Überlegenheit, daß von Kopp
überrascht aufsieht. Dieses hübsehe junge Mädchen wäre,
das spürt er sofort, nicht in dem Netz zu fangen, das er
erfahren nach dem Jungen auswirft. Weder eine Fahrt mit
der Kutsche ohne Pferde noch ein Appell an die Neugier auf
unalltägliche Erlebnisse können sie locken; es ist, als
durchschaue sie auf eine angesichts ihrer Jugend erstaunlich
erwachsene Weise sein Spiel. Kaum verborgen, drückt ihre
Haltung offen abweisende Feindseligkeit aus. Unangenehm
berührt, findet von Kopp in Emma jäh ihren Vater wieder
und fragt sic h wütend, woher dieses junge Ding eine solche
Klarsichtigkeit nimmt. Schon fürchtet er, Paul werde ihm
entgleiten, ehe er ihn in der Hand hat.
Doch Paul widerspricht: »Jetzt stören wir bloß«, und
Emma weiß darauf nur mit einem schnippischen: »Ich will
nicht anfrieren. Sieh nachher zu, wie du fertig wirst« ins
Gebäude zu laufen. Da zuckt der Junge verächtlich die
Achseln.
Der Kriminalreferendar lächelt entspannt, als er es
sieht. Er zieht ein saffianledernes Etui aus der Tasche und
entnimmt ihm ein Zigarillo, während er behutsam ansetzt:
»Vielleicht könntest du mir wirklich helfen, Junge. Wenn du
möchtest.. .«
»Klar, daß ich will!« erklärt der Lehrling spontan.
Dann erst, ganz unvermittelt, wird ihm bewußt, daß der
bewunderte Geheimpolizist sicher nicht zufällig gerade in die
Druckerei Rauh & Pohle kam.
»Sie glauben doch nicht etwa, daß Herr Rauh
Schlechtes tut?« fragt er merklich abgekühlt und
erschrocken. »Er ist als Meister einer von den guten.«
Von Kopp erkennt den sich anbahnenden
Stimmungsumschwung des Jungen augenblicklich und weiß
ihn geschmeidig abzufangen. Auf einmal reizt es ihn, diesen
Paul Thomas Wachs in seinen Händen werden zu lassen, ihn
zu seinem Werkzeug zu machen, ihn nach seinem Belieben
zu formen und sich dadurch selbst an diesem
Halbwüchsigen zu beweisen. Das ist ein Spiel, das er liebt
und das er schon viele Male gewonnen hat, das ihn immer
von neuem reizt und erregt.
»Ich denke, Herr Rauh ist ein hilfsbereiter und
zugänglicher Mensch. Oder?« beginnt er sehr weich.
Paul nickt erfreut. »Da gibt es kein Oder.«
Der Referendar scheint das erwartet zu haben. Als
spreche er mit einem Gleichgestellten, der sein volles und
uneingeschränktes Vertrauen besitzt, fährt er ohne
Herablassung sehr ernst und beinahe ein wenig traurig fort:
»Siehst du! Ein solcher Mensch läßt sich, wenn an seine
Hilfsbereitschaft appelliert wird, leicht in Dinge hineinziehen,
die ihm nur schaden können. Zum Beispiel könnte er sich
breitschlagen lassen, irgendwelche Druckaufträge von
Ausländern auszuführen. Texte, die er nicht einmal lesen
kann... Du und ich, wir beide wüßten, daß er einfach
mißbraucht worden wäre, aber das Königliche Gericht, wenn
es dahinterkäme ... Du liebe Güte!«
Dieser Stoßseufzer läßt Paul besorgt fragen: »Würde
es das anders sehen?«
»Und ob! Es wäre gle ich zur Hand mit
Geheimbündelei, Vorbereitung zum Hochverrat,
staatsgefährdendem Nachrichtendienst, Landesverrat - und
das sind sehr unfreundliche Paragraphen!« Er sieht
befriedigt, wie sehr er den Jungen beeindruckt, und nutzt
das aus. »Weil Herr Rauh so gutmütig ist, müßte hier
jemand ein bißchen auf ihn aufpassen und uns vertraulich
verständigen, sobald es aussieht, als solle er mißbraucht
werden. Wir würden rechtzeitig zugreifen und könnten das
Schlimmste verhüten.«
Paul reibt sich nachdenklich seine sommersprossige
Nase. Selten hat er sich so wichtig und zugleich so
ernstgenommen und erwachsen gefühlt. Nein, er hat diese
Geheimpolizisten von Anfang an richtig eingeschätzt. Was
treiben die Staubmäntel von Schimmelpfeng mit den steifen
Hüten denn schon? Paul weiß es aus einem
Illustriertenbericht: Sie sammeln im Auftrag ihrer Klienten
Angaben über die finanziellen Verhältnisse, die
Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit von Dritten, stellen in
der Stille Material über Geschäftsbeziehungen und -gebaren
der Konkurrenz wie der Geschäftspartner ihrer Kunden
zusammen und ermitteln den Verbleib unbekannt
verzogener säumiger Schuldner, um im Auftrag fremde
Außenstände einzuziehen. Das sind die gewöhnlichen
Aufgaben einer Auskunftei, hieß es in dem Bericht, aber
Paul war unglaublich enttäuscht und verbittert, als er das
Büro am Blücherplatz so aller Romantik entkleidet sah.
Krediterkundung im Inund Ausland, Ermittlung von Leuten,
die sich mit Schulden aus dem Staube machten,
Feststellung der Mitgift einer künftigen Gattin durch
Beauftragte des innig verliebten Bräutigams - genauso
sahen diese Staubmäntel mit den Melonen und
Aktentaschen aus! Er, Paul, ist bei dem Geheimen mit dem
Automobil vor einer ungleich abenteuerlicheren Schmiede.
Bei dem Manne mit den Mensurschmissen geht es um große
und wirklich aufregende Sachen - unter Geheimbündelei
und Hochverrat fängt der wohl gar nicht erst an! Allein der
Klang dieser Worte läßt einen schon erschauern. Und zu
ihm, Paul, spricht er wie zu seinesgleichen! Eine
Auszeichnung, das . ..
»Ich würde also nicht nur Ihnen, sondern auch Herrn
Rauh nutzen... Ist es so?«
»So ist es. Natürlich müßte alles ganz insgeheim
geschehen.«
»Das versteht sich. Ich bin doch nicht von gestern.«
Von Kopp entschuldigt sich und schleicht gleichsam
in diesen Jungen hinein, den er lesen kann wie ein
aufgeschlagenes Buch, dessen Text klar und geradlinig ist
und Winkelzüge und Schnörkel nicht kennt. Hier, glaubt der
Referendar, hat er leichtes Spiel. Er hat bereits
kompliziertere und verschlungenere Charakt ere zu seinen
Werkzeugen, zu brauchbaren Informanten der »hohen«, der
politischen Polizei gemacht.
»Ich sage es auch nur vorsichtshalber, Paul. Wenn
etwas ist, mein Junge«, er nimmt eine Visitenkarte heraus,
die in zierlichem Stahlstich nur seinen Namen und die
Telefonnummer des Königlichen Polizeiamtes trägt, und gibt
sie dem Lehrling, »hast du hier meinen Fernsprechanschluß.
Gehst einfach mal auf die Post und rufst mich an. Dann
treffen wir uns.«
»Verlassen Sie sich auf mich! Paulchen hat Augen
wie ein Luchs, wenn er nur will.«
Der Referendar vergißt nicht, daß er einen
Halbwüchsigen vor sich hat, dessen Sehnsüchte und Träume
in vielem noch kindlich, einfach und leicht zu befriedigen
sind und dessen Unbefangenheit schnell kritiklose
Dankbarkeit gebärt.
»Na, dann hopp, junger Mann! Aufgesessen! -
Fahren Sie eine kleine Runde, Wachtmeister, und nehmen
Sie uns dann an der Straße auf, die wir gekommen sind.«
Der Wachtmeister begreift zwar nicht, warum diesem
Bengel eine solche Wohltat zuteil wird, aber er ist gewohnt,
zu gehorchen, zuverlässig und blind zu gehorchen. Das tut
er bereits drei Jahre lang. Also dreht er behende das
Handrad neben dem Sitz, mit dem der Anlasser betätigt
wird, und nach knallenden Fehlzündungen springt der Motor
brav an. Paul fühlt sich wie ein kleiner König, als der
Chauffeur die Handbremse löst und mit ihm durch
Probstheida fährt. Alle Leute, die das Gefährt sehen,
bestaunen es natürlich. Sie fahren an der weiträumigen
Kunstund Handelsgärtnerei vorüber, die nicht zuletzt des
nicht sehr weit entfernten Südfriedhofs wegen ganzjährig
für ihre Besitzer eine wahre Goldgrube ist.
So dahinzurollen, das ist wie ein Märchen.
»Ein herrlicher Motor!« schwärmt Paul.
Der Wachtmeister sieht sogleich aus, als habe er die
Maschine persönlich erfunden.
»Der Hubraum beträgt siebenhundertvierundsechzig
Kubikzentimeter«, erklärt er herablassend. »Etwa tausend
Umdrehungen in der Minute ... Wir haben selbsttätige
Einlaß- und seitlich stehende Auslaßventile, eine
Schlangenrohr-Wasserkühlung und Schmierung mittels
Tropfölern. Einen Oberflächenvergaser ... Die
Kraftübertragung erfolgt über eine Konuskupplung durch ein
Dreiganggetriebe, das mit dem Achsantrieb
zusammengebaut ist...«
Paul versteht nichts, aber er findet es wunderbar.
Kriminalreferendar von Kopp bläst behaglich blaue
Rauchringe in die klare, jetzt windstille Winterluft. Nicht
einmal die Kälte vermag sein blasses Gesicht ein wenig zu
röten und den Säbelhiebnarben ein bißchen von ihrer
aufdringlichen Sichtbarkeit zu nehmen. Von Kopp ist sehr
zufrieden mit sich. Er hebt das spitze Kinn und sieht
herrischer und viel härter aus, als er sich Paul Thomas
darstellte. Als ob dieser Mann plötzlich ein ganz anderer
wäre... Er wendet sich, da hinter ihm die Tür der Druckerei
klappt, gelassen um. Der Kriminalwacht meister im
walnußfarbenen Ledermantel und mit der englischen
Reisemütze tritt heraus. Er hat die letzte Nummer der
»Arbeiter-Turnzeitung« unter den Arm geklemmt und streift
eben die von der sorgenden Gattin eigenhändig gestrickten
Fingerhandschuhe über.
»Es sind wirklich nur diese beiden Schriften
vorhanden, Herr Referendar«, meldet er. »Da bin ich ganz
sicher.«
Von Kopp raucht genießerisch weiter. »Haben Sie
etwas anderes erwartet? Ist doch in allen den kleinen
Klitschen dasselbe - nur deutsche Lettern!« Er stellt den
Kragen seines schönen Ulsters hoch, während er gelassen
fortfährt: »Aber das kann sich über Nacht ändern!«
»... und wir greifen trotz aller Schriftvergleiche ins
Leere«, brummt Reichert aufsässig. Die Jagd nach
Satzproben, ein Steckenpferd seines Chefs, hängt ihm
nachgerade zum Halse heraus.
»Meinen Sie?« klingt es sehr von oben herab zurück.
»Sollten hier fremde Lettern auftauchen, werden wir es
erfahren, glaube ich.«
Der Referendar setzt sich in Bewegung, und sein
Wachtmeister stapft brav neben ihm her, ohne nach dem
Wagen zu fragen. Weiß doch der Himmel, was sich sein
hochwohlgeborener Herr mit den anstrengenden
wissenschaftlichen Vorstellungen von Kriminalistik nun
wieder ausgedacht hat! Da muß man als einfacher Mann,
der das Handwerk schlic ht von der Pike auf lernte, ja auf
alles gefaxt sein!
Hermann Rauh sieht die beiden Geheimen in
Richtung Kirche davongehen, hört hinter seinem Rücken Ilse
vom Hof her hereintreten - er kennt den Schritt seiner Frau
ganz genau - und sagen: »Julian ist ungesehen durch den
Garten weggekommen. Auf der anderen Seite stand keine
Polizei.«
»Gut so! Sie sind ahnungslos«
»Aber deshalb nicht ungefährlich!« warnt sie. »Sie
schnüffeln herum wie Foxterrier und sind auch so
angriffslustig wie die.«
Noch immer können die Rauhs die beiden Beamten
beobachten - den kleineren Untersetzten im Ledermantel
und mit dem Schleifchen der hochgebundenen
Ohrenklappen auf der Mütze und den Großen mit dem
Homburger Hut und im Hamsterfellmantel, der ihn breiter
erscheinen läßt, als er ist. Sie bilden ein etwas
ungewöhnliches Paar. Geradezu auffällig muten sie nicht an.
Wäre die Straße nicht just so leer, würden sie in der Menge
aufgehen und von ihr aufgesogen werden.
»Sie haben ja wohl auch Grund, besorgt zu sein«,
wirft der Drucker nachlässig hin. »Nicht einmal der königlich
sächsischen Politischen Polizei kann auf die Dauer entgehen,
wovon Emigranten und Studenten aus Rußland in Leipzig
sprechen. Sie haben nur ein großes Thema: die
Veränderung der Verhältnisse im Zarenreich und letztlich
den Sturz des Despotismus ... Und unser König in Dresden
nennt den Zaren seinen lieben Bruder! Eine Schande ist
das.«
Rauh nimmt seine Frau an den Schultern und zieht
sie ein wenig zu sich heran. »Nun, wir werden diese
Schande wenigstens zu einem kleinen Teil abbauen.«
Willig folgt sie seinen Händen und schmiegt sich
unbefangen an ihn. Das ist beiden eine liebe, vertraute
Geste, die sich in den Jahren ihrer Ehe nicht abgenutzt, die
nicht an Wärme verloren hat.
»Sei vorsichtig, Hermann. Julian hat mir in großen
Zügen gesagt, worum es geht.«
»Angst?«
Darauf antwortet sie nicht direkt. »Der kleinste
Fehler kann alles zunichte machen. Und die russischen
Genossen vertrauen uns. «
Er verschränkt die Arme hinter ihrem Rücken.
»Das geht schon in Ordnung! Ob die Geheimen
herumziehen oder nicht - auch wir haben den Kopf nicht
bloß, um den Hut darauf zu setzen.« Der Druck seiner Arme
wird fester. »Und du hilfst mir ja. Wie immer...«
Sie tippt ihm flüchtig auf die Nase. »Mach keine
Sprüche! - Das Zimmer für Herrn Meyer aus München richte
ich gleich her. Was meinst du: Ob er sich freut, wenn ich
ihm unseren Samowar hineinstelle? Vielleicht fühlt er sich
dann ein wenig wie zu Hause in Rußland ...«
»Du bist lieb«, sagt er. »Darauf würde ein Mann nie
kommen. Tu's!«
Er läßt sie zögernd los und tritt einen Schritt zurück.
Auch seine Frau ist ein wenig verlegen und ordnet rasch ihr
Haar, obwohl es da gar nichts zu ordnen gibt. Tatsächlich,
sie ist errötet wie ein ganz junges Mädchen.
Emma kommt aus dem Haus herüber, hat sich ein
Brot geschmiert und kaut ihre »Bemme« mit gutem Appetit.
»Schön, daß es dir schmeckt«, begrüßt sie ihr Vater
trocken. »Noch schöner wäre, wenn du erst deine Arbeit zu
Ende geführt hättest. Oder ist alles Papier drin?«
»Fast alles, Vati.«
»Und der Rest?«
Das verwirrt sie nicht. »Allein schaffe ich es nicht.«
»Wo ist Paul?«
»Ich petze nicht«, weist sie es zwar zunächst weit
von sich, Auskunft zu erteilen, sagt aber dann doch, und es
klingt lustig und Verständnis heischend:
»Weißt doch, wie die Bengels sind mit ihrer
Schwärmerei für Technik. Er ist um das Polizeiautomobil
herumgestrichen wie die Katze um den Milchnapf, und da
haben sie ihn ein Stück mitfahren lassen. Er kommt gleich
wieder.«
»Also bringt den Rest herein, ehe es dunkel wird.«
Sie versichert, das würden Paul und sie auf alle Fälle
tun, und läuft auf die Straße hinaus. Sie tut dies vermutlich
vor allem aus der Erkenntnis heraus, daß das der sicherste
Weg ist, väterlichem Tadel auszuweichen.
Frau Rauh entgeht nicht, daß ihr Mann besorgt an
seinem Schnurrbart dreht. Diese unbewußte, Gewohnheit
gewordene Geste gilt ihr als untrügliches Zeichen dafür, daß
ihn etwas beschäftigt. Sie fragt ihn.
»Dieser Schnüffler von und zu sah, weiß Gott, nicht
aus, als wäre er der Mensch, der einem Jugendlichen
unbedingt eine Freude machen würde. Er gab sich
verbindlich, ja, aber seine Verbindlichkeit war glatt und
falsch. Was kann er von Paul wollen?«
»Weiß der Junge etwas?« beantwortet sie die Frage
sachlich mit einer anderen.
»Nichts.«
»Er will dem Lehrling auf den Zahn fühlen, was denn
sonst? Wenn ihm Paul nichts sagen kann, wird er enttäuscht
sein. Das ist gar nicht schlecht.« Sie hängt sich bei ihm ein
und zieht ihn dem Hof zu. »Komm, jetzt trinken wir beide
erst einmal eine Tasse Tee.«
Rauh sträubt sich nicht.
Auf der Strafe stochert Emma ziemlich lustlos mit
den Schuhspitzen in der weisen Pracht herum, bis Paul
zurück ist. Er kommt in vollem Lauf die Straße
heruntergerannt und sprudelt gleich aufgeregt hervor:
»Wärst du bloß mitgekommen! Phantastisch, sage ich dir!
Das ist etwas anderes als die olle Straßenbahn mit den
müden Gäulen! Sollte ich einmal in der Lotterie gewinnen,
wenn ich groß bin - so ein Wagen ist meiner!«
Er setzt sich mit Schwung auf den Rollwagen, als
wäre der die Motorenkutsche aus dem Königlichen
Polizeiamt gegenüber dem Reichsgericht im Leipziger
Zentrum.
»Unser Fahrgestell besteht aus einem
Stahlrohrrahmen, mit dem die Hinterachse starr verbunden
ist. Die Vorderräder werden durch eine Halbelliptik-
Querblattfeder, der hintere Aufbau wird durch C-Federn
abgefedert. Mit der Handkurbel regieren wir die über
Spurstangen betätigte Achsschenkellenkung. Wir haben eine
fußbetätigte Hand- und zwei handbetätigte
Außenbandbremsen auf der Hinterachse. So, jetzt drehe ich
den Anlasser. Komm, Emma! Einsteigen zur Probefahrt!«
»Das Papier muß 'rein!« stört sie seinen
phantasievollen Höhenflug.
Paul läßt die Hände in den Schoß sinken. »Warum
hat bloß kein Mädchen Sinn für ein richtiges
Männerspielzeug?« Er winkt resignierend ab und steigt
ernüchtert vom Rollwagen herunter, der wieder nichts mehr
ist als ein simples Gefährt zum Papiertransport. »Schön,
bringen wir das Papier 'rein!«
Während der Stapel neben der Maschine anschwillt,
kann sich Emma die Erkundigung nicht verkneifen: »Was
hast du denn mit den Geheimen geredet?«
Jetzt ist Paul einsilbig. »Ach, nichts Besonderes.«
»Willst du es mir nicht sagen?«
Er zuckt die Achseln. »Kümmert dich ja doch
nicht...« Das erscheint ihm selbst zu schroff. So weicht er
aus: »Vom Wagen eben und so. Er ist wassergekühlt, und
für die Schmierung sorgen Tropföler. Funktionieren sie
nicht, kann er festfressen. Der Oberflächenvergaser...«
Das wollte Emma nicht hören. »Hör auf, du
Oberflächenvergaser, du ... Sonst schreie ich um Hilfe.«
Er sieht sie sehr von oben herab an. »Habe ich ja
gewußt. Konnte doch nicht anders sein.« Sie haben das
letzte Papierpaket auf den Stapel gepackt, und da Hermann
Rauh gerade aus dem Wohnhaus zurückkommt, wendet
Paul dem Mädchen den Rücken zu und meldet: »Das ganze
Papier ist drin, Meister.«
Der Drucker wirft einen Blick aus dem Fenster. »Und
der Wagen? Bring ihn weg, Emma.« Paul weist er an: »Du
nimmst deinen Winkelhaken und setzt den Keller für Seite
drei. Radsport rote Kavallerie. Und denke daran, daß wir
hochdeutsch und nicht sächsisch setzen. Zur Not liegt da ein
Duden, wenn du glaubst, im Manuskript Fehler zu finden.«
Der Lehrling grinst ganz unverhohlen, während er
das Manuskript entgegennimmt, über das sich sein Meister
und der Besucher mit dem Hut im Nacken vorhin beugten
und das natürlich nicht aus Julian Marchlewskis Feder
stammt. Das ahnt Paul Thomas selbstverständlich nicht. Er
sagt vergnügt: »Kapiert, Meister! Die harten und die
weichen B und D, ich weiß.«
Er legt das säuberlich handgeschriebene Manuskript
an den Rand des Setzkastens, ergreift den Winkelhaken und
stellt ihn mittels des Schiebers flink auf die Breite der
Kolumne, der Zeitungsspalte, ein. Schnell und geschickt
beginnt er zu arbeiten. Er reiht von links nach rechts
kopfstehende einzelne Lettern zu Silben und Worten
zusammen, trennt sie durch das Einfügen von
Ausschlußstücken, sogenanntem Blindmaterial, und bringt
mit dessen Hilfe die Zeile auf die vorgegebene Breite. Unter
die dergestalt »ausgeschlossene« Zeile kommt eine
Regierte, das ist ein dünner Bleistreifen, und dann beginnen
die Griffe in den Setzkasten von neuem. Paul beherrscht das
Buchdruckeralphabet längst; in den Fächern des
Setzkastens sind die Lettern nämlich nicht in der
Reihenfolge des gewöhnlichen Alphabets, sondern so
eingeordnet, daß die am häufigsten gebrauchten — e, a, d,
n, o, m - auch am bequemsten zu erreichen sind.
Rauh nimmt ebenfalls, nachdem er den ledernen
Lendenschurz umgebunden hat, der seit Gutenbergs Zeiten
der Arbeitsanzug der Männer der »Schwarzen Kunst« ist,
seinen metallenen Winkelhaken und setzt.
»Wir sind ein wenig im Verzug, Paul«, bemerkt er
nebenher. »Morgen kommt noch ein Bericht von den
Ringern, und dann rückt auch schon der Andruck heran.«
Der Junge schaut nicht auf. »Das schaffen wir. Wie
wir gebaut sind ...«
Während Rauh selbst unglaublich rasch setzt und mit
großem Tempo Zeile an Zeile reiht - noch ist sogar bei
großen Tagesblättern der schnelle Maschinensatz nicht
allgemein, und kleine Zeitungen werden nach wie vor vom
ersten bis zum letzten Wort im Winkelhaken von Hand
gesetzt -, beobachtet er Paul mit freundlichem Vergnügen.
Der Junge hat etwas gelernt. Seine Arbeit besitzt bereits
Rhythmus und Fluß, ein wenig von jener unbewußten
schönen Bewegungsharmonie, die es zu einem Genuß
macht, einem erfahrenen Schriftsetzer zuzuschauen. Dazu
fehlt Paul Thomas freilich noch eine Menge, doch es ist ja
nie und nirgends ein Meister vom Himmel gefallen.
»Du hast Fortschritte gemacht«, sagt Rauh
anerkennend. »Ich freue mich darüber.«
»Ach, wenn ich es so schnell könnte wie Sie ...«,
wehrt der Junge ab und kriegt doch vor Freude rote Ohren.
»Kannst du auch, wenn du erst so lange im Beruf
stehst wie ich.«
Paul findet es schön, so erwachsen mit dem Meister
zu sprechen, während sie arbeiten. Auch das hat er schon
gelernt - konzentriert den handgeschriebenen Reportertext
in den Winkelhaken zu übertragen und dabei nebenher von
etwas ganz anderem zu reden.
Letter um Letter fügt sich in den Winkelhaken zu
Wörtern und ganzen Sätzen; in Pauls Winkelhaken zu einem
Artikel über Leipzigs Arbeiterradsportler, in Rauhs zu einem
über die Entwicklung der Arbeiterturnbewegung im Jahre
1900, das seinem Ende entgegengeht und dessen
hervorragendes Sportereignis die II. Olympischen
Sommerspiele in Paris waren.
Unterdessen hat Emma ohne sonderliche Hast den
Handwagen in den Schuppen bugsiert und ist auf die Straße
hinausgeschlendert. Mit »Hallo «und »Hussa« jagt von der
Kirche her ein Pferdeschlitten vorüber. Die Glöckchen am
Geschirr der vorgespannten Schimmel klingeln lustig und
herausfordernd. Aus den Nüstern der Tiere weht der Atem
in kleinen Dampfsäulen. Da haben wohl die Söhne eines
wohlhabenden Bauern - er muß wohlhabend sein, wenn er
solche Pferde halten kann - Verwandte von der
Straßenbahnendstelle abgeholt und kutschieren sie nun in
halsbrecherischer Fahrt in Richtung Liebertwolkwitz. Emma
sieht dem Schlitten nach, bis ihn die Straßenbiegung ihren
Blicken entzieht. Und wenn Paul noch so sehr von
Motorenkutschen schwärmt - für sie ist ein Gefährt mit
lebensprühenden, rassigen Pferden davor viel schöner als
ein ratternder Wagen, der einen üblen Geruch verbreitet.
Wirklich muß gerade eine Straßenbahn aus der Stadt
angekommen sein, denn wieder gehen Menschen mit prallen
Einkaufstaschen und Paketen die dörfliche Hauptstraße
hinunter. Emma zuckt zusammen, als sie plötzlich
angesprochen wird.
»Pardon«, sagt ein Mann und behält höflich den Hut
in der Hand. »Die Druckerei der Arbeiter-Turnzeitung
...?«
Das Mädchen hat diesen Mann nie zuvor gesehen. Er
ist ihr auch in der Gruppe der Ankömmlinge nicht
aufgefallen; er war überhaupt nic ht zu bemerken. Auf
einmal ist er da wie aus dem Boden gewachsen - ein kräftig
gewachsener Mann mittleren Alters mit abfallenden
Schultern. Dichtes, dunkles, straff nach hinten gebürstetes
Haar, das eine hohe, glatte Stirn beinahe rechtwinklig
rahmt. Weit auseinander stehende, ruhige Augen. Ein
schmaler, waagerechter Mund, dessen Oberlippe von einem
zum Dreieck gestutzten kurzen Schnurrbart verdeckt wird.
Ein rundes und dennoch energisches Kinn. Etwas an der
Sprache des Fremden klingt ungewohnt und fremd, ohne
daß Emma sogleich sagen könnte, was.
Sie fühlt sich geschmeichelt, weil der Mann den Hut
noch immer in der Hand behält, als spreche er mit einer
Dame. Mit ihrem schönsten Knicks erwidert sie: »Ja, hier.
Wollen Sie meinen Vater sprechen?«
Der Fremde lächelt erfreut. »Ah, Fräulein Tochter?
Ist mir sehr angenehm. Wenn Sie Herrn Vater sagen
möchten, Werner wäre erfreut, ihn einen Augenblick zu
sehen, Werner Nusperli.«
Jetzt weiß das Mädchen, was ihr ungewohnt
erschien! Der Mann spricht deutsch wie ein Auslä nder, zwar
nicht wie ein Ausländer aus einem der vielen deutschen
Staaten inmitten des Kaiserreichs, sondern eben wie aus
einem Land mit ganz anderer Sprache. Es befriedigt sie, das
zu erkennen.
»Sehr gern«, sagt sie artig. »Aber wollen Sie nicht
hereinkommen, Herr Nusperli?«
Der Mann erfaßt mit raschem Blick, daß in der
Druckerei mehrere Leute weilen.
»Ich bin recht eilig, verzeihen Sie. ..«
»Dann hole ich ihn heraus.« Schon auf dem Wege,
dreht sie sich noch einmal um und sagt schnell und etwas
verlegen: »Aber Sie können ruhig du sagen. Ich bin noch
nicht so alt.« Erst nach dieser Erklärung, die ihrerseits eine
Sympathiekundgebung ist und auch als solche verstanden
wird, denn der Fremde dankt mit einer Verbeugung, geht
sie hinein und bittet den Vater hinaus, weil da ein eiliger
und sehr netter Herr Nusperli...
Rauh legt behutsam den mit Satz gefüllten
Winkelhaken ab und tritt vor die Tür.
»Guten Tag. Ich bin Hermann Rauh.«
»Werner. Werner Nusperli. Guten Tag, Genosse.«
Für einen Augenblick vereinen sich ihre Hände in
festem Druck. So begrüßen sich Menschen, die miteinander
verbunden sind. Fremde nicht.
»Genösse Marchlewski hat mich angemeldet. Mein
Beruf ist Schweizerdegen.«
»Ja. Aber Sie sollten nachts kommen. Eben war
Polizei hier.«
»Ich gehe wieder und kehre zurück, wenn Dunkelheit
niederkommt. Nur brauche ich Handwagen.«
Nun, da alles in Fluß geraten ist, gibt es für Rauh
kein Zögern, keine Unsicherheit mehr. »Der Handwagen
steht dort im Schuppen. Wenn Sie durch den Garten nach
hinten gehen, kommen Sie auf die andere Straße und
müssen nicht hier vorn... Ich zeige es Ihnen.«
»Besser nicht. Ich finde Handwagen allein, und ich
habe gesagt, daß wir nur paar Worte wechseln würden.
Nicht gut, unnütz Verdacht zu erregen. Bis heute nacht!«
Er zieht wieder den Hut und geht durch die
Toreinfahrt in den Hof - ein unscheinbarer Mann in einem
bescheidenen Wintermäntelchen, wie sie um diese Zeit auf
allen Straßen hundertfach zu sehen sind. Rauh hat, als er
ihm einen Augenblick lang nachsieht, das gute Gefühl, daß
man auf diesen Mann Häuser bauen könnte und daß es
schön wäre, ihn in der Stunde der Gefahr neben sich zu
wissen.
Unversehens teilen sich dem Drucker eine starke
Erregung mit, Freude am Kampf und Bereitschaft, sich
einzusetzen. Auch um ein gutes Jahrzehnt jünger fühlt er
sich, wieder zurückversetzt in die Jahre, in denen die Partei,
illegal kämpfend und von den Geheimpolizisten und
Gendarmen aller deutschen Könige und Fürsten gehetzt, die
Aufhebung von Bismarcks Sozialistengesetz erzwang. Tage
des Sieges ... Und wenn sich bei den Reichstagswahlen
1890 doppelt so viele Wähler für die Sozialdemokratie
entschieden wie zuvor, so war das nicht zuletzt ein Sieg
derer, die mit geheimer Arbeit in verdunkelten Druckereien
unermüdlich gegen die Verteufelung der Partei durch die
Anhänger des »Eisernen Kanzlers«, für die
wahrheitsgemäße Unterrichtung und Aufklärung breitester
Bevölkerungskreise gerungen hatten. Nach dem Wahltag
hatte Friedrich Engels triumphierend erklärt: »Der 20.
Februar 1890 ist der Anfang vom Ende der Ära Bismarck.«
Seit jenem Tage ist die Partei die stärkste auf deutschem
Boden, und daß Otto von Bismarck im März des gleichen
Jahres aus allen seinen Amtern scheiden mußte, war ein
Sieg der Arbeiterklasse über ihren erbittertsten Feind. Sie
hatte ihn hinweggefegt.
Wie nah das auf einmal wieder ist!
Aber als er in die Druckerei zurückkehrt, sagt
Hermann Rauh ruhig und im Alltagston: »Mach nachher
einen Bürstenabzug, Paul! Ich lese abends Korrektur.«
Unwissend bringt Emma die Rede gerade auf das,
was ihr Vater in den Hintergrund zu drücken wünscht.
»Wer war der Mann, Vati?«
Seine Stimme hält die vorgetäuschte Beiläufigkeit
fest. »Wir haben uns mal irgendwo kennengelernt. Netter
Kerl. Fragte nach dem Gemeindeamt... Na, nun weiß er
Bescheid.«
Das Thema ist damit abgetan. Rauh sieht auf seine
Taschenuhr, murmelt etwas von Kundenbesuchen eines
größeren Druckauftrages wegen, bindet den Lederschurz ab
und geht ins Haus hinüber, um Mantel und Hut zu nehmen.
Alltag ...
Emma tritt neben Paul an den Setzkasten.
»Warum bist du stumm wie ein Fisch? Rede doch!«
»Jetzt nicht«, murrt er. »Mann, ist das ein
verzwickter Text!« Und mit raschem Seitenblick: »Lenke
mich bloß nicht ab, du!«
Emma mault, aber dann legt sie den Kopf zurück und
wippt auf den Zehenspitzen. Überlegen wirft sie hin: »Der
Ausländer wußte viel besser als du, was sich gegenüber
einer Dame schickt.«
Nun grinst er. »Wo ist denn hier 'ne Dame?«
Der Rippenstoß, den er daraufhin fängt, ist in der Tat
alles andere als damenhaft. Eine kräftige, ans Zupacken
gewohnte Mädchenfaust führt den Knuff recht spürbar aus.
»Scheusal! Er hat sogar den Hut in der Hand behalten und
mich mit Sie angesprochen. Das würde dir nie einfallen.«
»Nee«, bestätigt er schnell versöhnt und gemütlich.
Der komplizierte Satz ist gerade beendet. Der folgende
erfordert ungleich weniger Konzentration. »Von wem
schwatzt du eigentlich, Emma?«
»Na, von dem Mann der eben da war.«
»Wieso war der ein Ausländer? Er sah doch ganz
normal aus.«
Emma lehnt sich an den Setzkasten, verschränkt die
Arme und bewegt den Oberkörper wie ein Pendel hin und
her.
»Er sprach ein bißchen um die Ecke, weißt du.
Wirklich nur ein bißchen, aber eben doch. Als bereite es ihm
Mühe, die Worte aneinander zu hängen. Es klang anders,
aber hübsch.«
Paul Thomas läßt den Winkelhaken sinken und reibt
sich die Nase. Er reibt sie lange, gerade so, als habe er sich
in den Kopf gesetzt, die vielen Sommersprossen
wegzureiben. Sein Gesicht verrät nicht, was in ihm vorgeht,
aber seine glatte Jungenstirn überzieht sich mit Falten, die
da nicht hinpassen.
Auf einmal sagt er, und die Frage hat eine bemühte
Interessenlosigkeit, die schlecht gespielt ist und mangelnde
Übung in derlei Künsten verrät: »Aber dein Vater sprach
von ihm als von einem alten Bekannten. War er denn mal
im Ausland?«
»Wozu denn?« erwidert sie arglos. »Kommst du vom
Mond? In Leipzig kannst du jeden Tag eine Masse Ausländer
kennenlernen. Nicht nur während der Messe. Das weiß jedes
Kind.«
Geradezu entwaffnend überzeugend ist das, aber
Pauls Lust zum Detektivspiel hat Nahrung bekommen. Er
sieht, gleichsam aus dem Nichts aufgetaucht, vor sich das,
was seine Lieblingslektüre gern eine »heiße Spur« nennt.
Vielleicht können die von Paul aus der Liste seiner
Günstlinge gestrichenen Staubmäntel aus Schimmelpfengs
Leipziger Büro ihre Überraschung gegenüber Dritten
mannhaft verbergen, wenn sie plötzlich am Strande von
Ahlbeck den Hochstapler entdecken, der einen
messestädtischen Pfeffersack mit ungedecktem Scheck
betrog; vielleicht vermag Herr von Kopp keine Miene zu
verziehen, wenn er auf die Fährte eines anarchistischen
Bombenschmeißers stößt - Paul hat sich weniger in der
Gewalt.
»Ist ja aufschlußreich!« dehnt er. »Zu deinem Vater
kommen Ausländer ...« Darin schwingt Triumph.
Er entgeht Emma nicht, aber sie kann sich keinen
Reim darauf machen. »Wie meinst du denn das?« fragt sie
verdutzt.
Sein Fehler ist ihm schon bewußt geworden. Jetzt
setzt er eine so undurchdringliche Miene auf wie die
sagenhafte Sphinx vor Theben. »Ach, nur so«, erwidert er,
und das klingt neuerlich ganz falsch. »Laß mich in Ruhe.
Siehst doch, daß ich arbeiten muß.«
3

Längst ist Mitternacht vorüber.


Es schneit, und dieser stille, unaufhörliche
Flockenfall, der dicht und lautlos niedergeht, gibt der Nacht
eine seltsame tiefe Verschwiegenheit. Er engt den
Gesichtskreis stark ein. Freistehende Häuser muten an wie
verloren in einer unendlichen weisen Weite, wie ganz auf
sich gestellt, wie abgeschieden von aller Welt.
Spielerisch verwandelt der Schnee das alltägliche
Erscheinungsbild der Dinge. Die Gebäude setzen hohe
weifte Kappen auf und scheinen zu wachsen. Auf dürren
Baumästen lagern sich Flockenschichten und geben ihnen
ein bedeutsames, kräftiges Aussehen. Auch die Bäume
wachsen, wachsen nach der Windseite zu in die Breite und
legen einen schimmernden Wintermantel an.
Straßen und Gehwege werden übergangslos eins, die
Bordsteine verschwinden. Die Chaussee, die von
Probstheida aus nach Leipzig führt und dabei das Restaurant
»Napoleonstein« berührt - von hier aus befehligte
Bonaparte während der Schlacht am 18. Oktober 1813, der
»Völkerschlacht«, seine Truppen -, die Chaussee
verschmilzt vollends mit Feldern und Wiesen.
Atemlos ist die Stille.
Es schneit.
Leipzig selbst ist um diese Stunde so verschlafen wie
seine Vororte. Auch der kleine Bayrische Bahnhof wirkt
müde und blinzelt gleichsam nur mit einem Auge in die
Nacht. Sie erhält durch den Schnee eine eigenartige
schwache Helligkeit. Schlafen darf der Bahnhof nicht. Der
wegen starker Verwehungen auf der Strecke verspätete
Nachtzug aus München ist noch nicht herein.
Übernächtigte Menschen, die auf liebe Ankömmlinge
warten, harren seiner Ankunft. Es halten auch die
Droschkenkutscher aus, die sich lohnende Fahrten
versprechen. Die wenigsten von ihnen nennen eines der
Elektromobile ihr eigen, die seit nunmehr siebzehn Jahren
schon in Deutschland wie in Frankreich und in
Großbritannien in Gebrauch sind. Ihre leise schnurrende,
fast lautlose Fahrt gilt als ausbündig vornehm. Aber teuer
sind sie, teuer! Und die Leistung der Bleiakkumulatoren ist
nicht besonders ... Die Mehrzahl der Kutscher hängt ihren
Gäulen Futtersäcke um und Decken über, wickelt sich im
Wageninneren in Schaffelle oder tritt in den Wartesaal, mit
einem Grog für innere Erwärmung zu sorgen.
Wach sind in dieser Nacht auf dem Bayrischen
Bahnhof vor allem die Beamten der Eisenbahn. Sie arbeiten
am tickenden Telegrafen und im Stellwerk. Sie unterhalten
in zuverlässiger Disziplin die lodernden Feuer, die an allen
Weichen brennen und deren Vereisen verhindern, und sie
sind auch als Bahnpolizei zur Stelle, wenn randalierende
Zecher die Station für ein Dauerrestaurant halten, in das
bloß endlich ein bißchen Leben gebracht werden müßte.
In dieser Nacht fassen auf dem Bayrischen Bahnhof
Detektive der gewöhnlichen, von der »hohen« politischen
mit milder Herablassung betrachteten Sicherheitspolizei
einen Taschendieb, der sich auf Wartesäle spezialisiert hat
und bereits seit Wochen sein Unwesen treibt. Eine Streife
der »Sitte« nimmt zwei »Damen« mit, die in den Verdacht
geraten, »Provinzonkel einholen« zu wollen, ohne den
polizeiärztlichen Segen für dieses Gewerbe zu besitzen. Wie
sie schimpfen, ist schon sehr gekonnt.
Draußen hantiert ein Geschwader Besen und
Wischlappen schwingender Reinigungsfrauen in einem
bereitgestellten Zug, und ein Eisenbahner leuchtet mit der
Handlampe auf die Achse und klopft die Bremsen ab. Unter
dem Wasserkran schnauft eine kleine Lokomotive, als ob sie
Asthma hätte.
Die tröstliche Mitteilung, der Schnellzug sei nun
gemeldet, von einem jungen Beamten fröhlich und munter
in den schläfrigen Wartesaal gerufen, bringt ein wenig
Bewegung auf den Bayrischen Bahnhof. Die Harrenden
reiben sich den Schlaf aus den Augen und beeilen sich, aus
dem abgestandenen Tabakrauch hinauszukommen in die
kalte Frische des Bahnsteigs. Sie belebt und ermuntert.
Auch Julian Marchlewski tritt hinaus und atmet tief.
Die Hände in den Manteltaschen, schlendert er den
Bahnsteig auf und ab - gelangweilt wie die anderen,
mißgelaunt wie die anderen. Wer schlägt sich schon gern
eine Nacht um die Ohren? Er unterscheidet sich nicht von
seinen Mitleidenden, und doch ist er hellwach, aufmerksam
und voller Beobachtungsfreude. Sein Hin und Her, so
zufällig es wirkt, dient der Feststellung, ob da jemand ist,
der sich müht, ihn bei der spärlichen Beleuchtung nicht aus
den Augen zu verlieren. Er lächelt entspannt, als er keine
der sattsam bekannten Typen mit den betont
ausdruckslosen Gesichtern entdeckt, die er in seinem
bisherigen Leben zur Genüge kennenlernte. Weder der Typ
ist da, der sich seriös-bürgerlich und wohlanständig gibt und
der gefährlichste ist, noch der Typ mit der naßforschen,
sportlich-schneidigen Note, der sich als Tennischampion
oder Herrenreiter verkleidet, und auch jener Typ nicht, der
abgewetzt und erbärmlich wirkt und sein zwielichtiges
Gewerbe für einen Judaslohn ausübt. Die polizeiliche
Informationskette scheint diesmal versagt zu haben, scheint
wirksam getäuscht worden zu sein.
Einen Mann mit Marchlewskis Erfahrungen im
politischen Kampf verführt eine solche Feststellung nicht zur
Unvorsichtigkeit. Auch, als er jetzt vor dem Zeitungswagen
stehenbleibt - es sind Leute auf dem Bahnsteig, ein Zug
wird kommen, ein anderer fahren, und da ist der
Zeitungshändler natürlich zur Stelle -, versäumt er nicht,
die Blicke wie zufällig schweifen zu lassen.
Der fliegende Händler bietet bereits die Blätter vom
Tage an, druckfeucht noch, eben aus der Maschine
gekommen, gerade angeliefert. Das gilt allerdings lediglich
für die in Leipzig hergestellten Zeitungen. Die »Dresdener
Nachrichten« sind noch nicht da und liegen in der Ausgabe
von gestern aus. In Wirklichkeit ist das kein Verlust, denn
das Blatt aus der Residenzstadt spielt im politischen Leben
Sachsens keine hervorragende Rolle. Den selbstbewußten
Leipzigern erscheint es selbstverständlich, daß das offizielle,
amtliche Organ des Königreichs ihre »Leipziger Zeitung« ist.
Sie sagen gern, daß Dresden mit seinen herrlichen
Schlössern und seiner malerischen Lage an der Elbe genau
richtig sei als Sitz des Monarchen, daß aber der Herzschlag
dieses industriellen, dieses Maschinenzeitalters am
stürmischsten und deutlichsten bei ihnen an der Pleiße
pulse. Deshalb ...
Julian schmunzelt. Die Herausgeber der »LZ«
betonen gern, daß ihr Blatt Zeitungsgeschichte gemacht
habe; es gehört zu den ältesten deutscher Zunge und
erscheint seit 1660. »Stimmt«, denkt Marc hlewski. »Man
merkt ihr das Alter am. Verteufelt senil wie diese ganze
Monarchie .. .«
Dann sind das »Leipziger Tageblatt« da, die
»Leipziger Neuesten Nachrichten«, die immer noch stramm
Bismarck- Kurs steuern und nicht begreifen können oder
wollen, daß sie die überholte Politik von vorgestern
propagieren, und auch die »Leipziger Volkszeitung« ist
pünktlich ausgeliefert worden. Marchlewski hat sie bereits in
der Tasche. Er war bis zum Andruck während der ersten
Stunden des jungen Tages in der Redaktion und hat nach
dem hastigen Bemühen, in letzter Minute die späten
Depeschen und Telefonberichte auf den Nachrichtenseiten
unterzubringen, eines der ersten aus der Maschine
kommenden Exemplare mitgenommen. Kein Journalist, der
das nicht täte! Nach der Eile der Schlußredaktion will er in
Ruhe prüfen und einschätzen können, ob seine Arbeit gut
war.
Julians Blick geht gerade flüchtig auch über die
illustrierten Blätter - die Berliner »Gartenlaube« ist da, die
im deutschsprachigen Raum den absoluten Auflagenrekord
hält, und die Leipziger »Illustrierte Zeitung«, der selbst das
Lexikon »vortreffliche Leistungen artistischer Natur«
bescheinigt -, als, zischend und in Dampf gehüllt, endlich
der Schnellzug aus München in den Bayrischen Bahnhof
einfährt. Er kommt so schnell herein, als wolle er durch
seinen lärmenden Auftritt die Verspätung vergessen
machen. Nun sprühen ganze Funkenkaskaden von den
Bremsen, blockierende Räder kreischen über die stählerne
Schienenstraße der Eisenbahn, und dann steht der Zug und
stößt Dampffontänen aus seinen Ventilen. Über den
Bahnsteig rumpelt ein gelber Karren zum Postwagen.
Fremd sehen die Waggons aus in ihrem Kleid aus
verharschtem Schnee und mit den Fenstern voller
Eisblumen, in die Geduld und Langeweile da und dort
winzige Gucklöcher gehaucht haben. In die Abteile
hineinsehen kann man nicht. Julian versucht nicht erst, die
lange Wagenreihe abzulaufen. Er bleibt neben dem Ausgang
stehen, die Hände in den Manteltaschen, die »LVZ« unter
den Arm geklemmt. Daß er die vorübergehenden Reisenden
mustert, fällt nicht auf. Das tun andere auch. Im übrigen ist
ihm der Mann, den er erwartet, persönlich bekannt. Er
würde ihn unter Tausenden erkennen.
Er erkennt ihn nicht; er zuckt regelrecht zusammen,
als die vertraute Stimme dicht neben ihm fragt: »Ach,
verzeihen Sie bitte! Wenn Sie mir sagen könnten, wie ich
zur Straße komme?« Es ist ein leises, belustigtes Lachen in
der Stimme, gerade so, als mache dem Sprechenden die
Verblüffung Marchlewskis Spaß.
Der schaut noch einmal um sich, doch es kann wohl
nicht anders sein: Diese Stimme kommt aus dem Munde
eines Mannes, der höchstens in der kleinen, zierlichen
Statur dem Erwarteten entspricht. Aber der ist jung, und
dieser hier hat die Mitte des Lebens beträchtlich
überschritten. Graumeliert zeigt sich der üppige Vollbart,
der nach altväterlicher Mode in zwei Spitzen ausläuft,
graumeliert auch das offensichtlich noch ungelichtete
Haupthaar, das unter dem Schlapphut hervorquillt. Die
Augen kann Julian nicht sehen, denn die Gläser des
Kneifers, von dem ein Seidenband herabhängt, reflektieren
blitzend das Lampenlicht. Alles in allem würde man sagen:
Ein reisender Oberlehrer vielleicht oder ein Anwalt aus der
Provinz auf dem Wege zu einer Verhandlung ...
Ein reputierlicher Mann, gewiß, jedoch eben nicht der
Erwartete.
Da macht er eine Handbewegung, die mit einem
Schlage Marchlewskis Zweifel beseitigt. Es ist eine bloße
einladende Geste in Richtung des Bahnhofsvorplatzes, aber
sie hat etwas so Typisches, Zwingendes, daß sie überzeugt.
Nicht, daß sie etwas Theatralisches hätte, eine große Pose
wäre — sie ist einfach voll ausgeführt und hat Energie. Und
dazu sagt die bekannte Stimme, dies immer noch belustigt:
»Nun, wie ist es, lieber Freund? Wollen wir den Morgen hier
erwarten, oder gehen wir?«
»Natürlich gehen wir!« Marc hlewski nimmt dem alten
Herrn den kleinen Koffer ab, obwohl er sein Gepäck
beharrlich selbst tragen will. »Willkommen in Leipzig! Wir
alle sind stolz. Sie bei uns zu haben, und glücklich, daß wir
helfen können.«
Der Strom der Reisenden ist noch nicht abgerissen.
In ihm treten sie hinaus auf den Bahnhofsvorplatz. Hier
rasseln jetzt Räder, surren ganz leise die Elektromobile und
ist der vom Schnee gedämpfte Hufschlag der
Droschkenpferde vernehmbar. Die Kutscher haben sich
nicht verrechnet. Die Eingetroffenen haben es eilig, nach
Hause oder ins Hotel zu kommen, auf jeden Fall in die
Federn, und manche wollen bis ans andere Ende der Stadt.
Lange Fahrten, hoher Lohn ...
Drei, nun bloß zwei Wagen stehen noch da. Julian
zögert.
»Wollen wir nicht... ? Wäre der Zug pünktlich
gewesen, hätten wir die letzte Straßenbahn nehmen
können. Jetzt ist Betriebsruhe. Die erste fährt in einer
halben Stunde.«
Der Vollbärtige mit dem Kneifer nickt. »Prächtig,
ganz prächtig! So können wir ein Stück laufen. Still sitzen
mußte ich nun lange genug; ja, ich würde mir recht gern ein
wenig die Beine vertreten. Wenn es Ihnen nicht zu
beschwerlich ist, heißt das.«
»Aber ich bitte Sie, Genösse ...«
Der andere unterbricht ihn.
»Meyer, lieber Freund, Meyer aus München. Dem Paß
zufolge Privatgele hrter.«
Er spricht akzentfrei deutsch, nur ein wenig hart und
gelegentlich mit Kehllauten, wie es die russischen
Emigranten tun. Bloß muß man bei ihm sehr genau
hinhören, um das wahrzunehmen. Leipziger könnten, wenn
sie nur selten Berührung mit Bayern haben, seine
Aussprache durchaus für eine bajuwarische halten, die ja,
am singenden sächsischen Dialekt gemessen, unglaublich
hart ist.
»Lassen Sie uns an den Schienen entlang bis zur
nächsten oder übernächsten Straßenbahnhaltestelle
vorausgehen«, fährt Meyer fort.
Nach wie vor schneit es. In diesem Flockenwirbel
sind die Männer so gut wie allein. Schemenhaft tauchen
manchmal einzelne Arbeiter vor ihnen auf, die mit weit in
die Stirnen gedrückten Mützen vorüber eilen, einmal ein
mißgelaunter Streifenschutzmann — aber diese
Begegnungen haben etwas traumhaft Unwirkliches, fast
Gespenstisches.
»Wie sieht es bei Ihnen in München aus?« fragt
Marchlewski leise.
»Wir brennen vor Ungeduld auf die Zeitung. Daß es
nun soweit ist — wunderbar! Die heißesten und
sehnsüchtigsten Wünsche haben mich nach Leipzig
begleitet. Ich bin selbst sehr glücklich, warum sollte ich es
leugnen. Kommt Genösse Blumenfeld voran?«
»Seit seiner Ankunft arbeitet er Nacht für Nacht.
Übrigens nennt sich Joseph Blumenfeld hier Werner
Nusperli.«
»Ein Schweizer Paß, ich weiß. Sein wirklicher Name
steht in den Suchlisten der Ochrana an zu auffälliger Stelle.
Es wäre mir sehr lieb, wenn ich ihn in Leipzig sicher und bei
freundlichen Menschen untergebracht wüßte.«
»Dafür ist gesorgt«, versichert Julian. »Er wohnt bei
Karl Pinkau, einem unserer Reichstagsabgeordneten. Da ist
es, als wäre er bei seinem Bruder.«
»Fällt es auf, wenn er das Haus verläßt oder betritt?«
»Kaum, Genosse Meyer. Karl Pinkau ist im Zivilberuf
Lichtbildner. Die verschiedensten Menschen gehen Tag für
Tag in sein Atelier, um ihr Konterfei mittels Foto für die
Nachwelt zu erhalten. Die Nachbarn sind an das Kommen
und Gehen gewöhnt und achten nicht mehr darauf. Aus
diesem Grunde haben wir uns für Pinkaus Wohnung
entschieden.«
Der andere nimmt für Sekunden den Kneifer ab und
massiert mit Daumen und Zeigefinger die schmerzende
Nasenwurzel.
»Wenn es einen Teufel gäbe, sollte er den holen, der
dieses Gerät erfunden hat«, stöhnt er unvermittelt. »Es
verändert seinen Träger prächtig, nun ja, aber wenn man
nicht daran gewöhnt ist, bereitet es einem Höllenqualen.«
Nichtsdestotrotz setzt er den Kneifer sofort wieder auf,
nachdem er ihn noch vom Schnee gereinigt hat. »Es ist mir
lieb, zu hören, daß Blumenfeld ..., daß Werner in guter
Obhut ist.«
Sie stapfen weiter durch den hohen Schnee.
»Wir haben gedacht, es sei am besten, wenn Sie
direkt in der Druckerei wohnen und gar nicht auf die Straße
gehen müssen. Genosse Meyer.«
Meyer winkt ab. »Nur, wenn es überhaupt keine
Schwierigkeiten macht! Meinetwegen ke inerlei Umstände,
darum bitte ich sehr herzlich. Es ist genug, wenn wir dort
drucken können.«
»Hermann Rauh freut sich, Sie gleich im Hause
unterzubringen. Es bietet am meisten Sicherheit.«
»Das gewiß.«
Eine Haltestelle liegt schon hinter ihnen, und bis jetzt
läßt sich keine Straßenbahn hören. Also gehen sie in
stillschweigendem Einverständnis weiter zur nächsten.
Meyer fährt fort: »Es ist gut, glaube ich, daß wir uns
alle darüber klar sind, wie gefährlich das Vorhaben
besonders für die Leipziger Genossen ist. Einerseits können
Sie hier natürlich geradezu ideale Druckmöglichkeiten
aufbieten - widersprechen Sie nicht; jeder Publizist, der sein
Fach versteht, beneidet Leipzig um sein graphisches
Gewerbe -, aber andererseits sind Sie gerade hier auch den
Nachstellungen einer Geheimpolizei ausgesetzt, die durch
ständige Berührung mit Ausländern ganz ungewöhnlich gut
trainiert ist. Die preußische arbeitet mit den plumpen alten
Stiebereien, ist überheblich und zu sehr von der eigenen
Vortrefflichkeit überzeugt, um ernsthaft durchschlagende
Erfolge zu erzielen; die bayrische ... Bis jetzt hat sie unsere
Arbeit nicht gestört, ahnt vielleicht nicht einmal von ihr.
Zuviel Bier, wissen Sie . .. Hier dagegen ... Wir werden die
erste Nummer in Leipzig drucken, wenn uns das Glück nicht
in letzter Minute verlädt, aber zugleich unsere Suche nach
einem Druckort mit möglichst geringem Risiko für unsere
Freunde fortsetzen.«
»Die Genossen hier sind mit Begeisterung bei der
Sache, und alles andere als furchtsam.«
Meyer nickt.
»Um so mehr Grund für uns, uns um sie zu sorgen,
lieber Freund. Menschen sind uns kostbar, denke ich, denn
wäre es anders, würden wir nicht danach streben, ihr Leben
reicher und gerechter einzurichten. Nein, nein, wir werden
in Leipzig drucken, solange wir keine andere Möglichkeit
sehen, und wir werden es voller Dankbarkeit und voller
Bewunderung für den Mut von Ihnen allen tun, aber wir
wollen mit diesem Mut und dieser Bereitschaft zur Tat nicht
leichtfertig umgehen. Auf keinen Fall!« Er wechselt das
Thema. »Werden wir so rechtzeitig ankommen, daß ich
Werner noch sprechen kann? Ich habe ein paar Änderungen
mitgebracht, die ich gern eingefügt sähe. Eine stärkere
Anknüpfung an die unmittelbaren praktischen Erfahrungen
meiner Landsleute anstelle von etwas allgemeinem Gerede,
an dem sich - leider! — unerfahrene und ihrer Aufgabe nicht
gewachsene Kommunisten zu unserem Schaden
gelegentlich ergötzen ... Eichenholzfeuer statt
Strohflammen, verstehen Sie?«
Das versteht Julian nur zu gut. »Wir kommen noch
gut hin«, sagt er und schweigt dann, denn an der
Haltestelle, die sie erreichen, steht eine Gruppe Menschen.
Gleich darauf nähert sich der müde Trab des
Straßenbahnvorspanns. Aus dem Flockenwirbel schälen sich
die Lampen des Wagens heraus. Die beiden Männer steigen
mit den übrigen Wartenden ein. Die erste Bahn ist stark
besetzt; Sitzplätze sind nicht mehr frei.
»Wir müssen nachher umsteigen«, sagt Marchlewski
leise. »Diese Linie kehrt in einem Bogen in die Stadt zurück
und schneidet die in unser Dorf bloß. Folgen Sie mir nur,
wenn ich mich zum Ausstieg dränge.«
Meyer nickt. Als der Kutscher aufmunternd mit der
Peitsche knallt und der schwerfällige Wagen anruckt - es ist
ein Phänomen, daß Pferde auf der Schiene das Vierfache
des Gewichts bewegen können, das sie auf der Straße
fortbringen -, stehen der Gast aus München und Julian unter
den schaukelnden Lampen wie Menschen, die einander nicht
kennen und sich nur eben flüchtig auf dem Weg zu einer
Haltestelle begegnet sind. Eine Begegnung, wie sie die
Großstadt zu jeder Stunde zu Tausenden bereit hält...
Dennoch haben sie auch in dieser Minute
Gemeinsames. Beider Gedanken eilen der langsam
dahinrollenden Bahn voraus, eilen ihr in gleicher Richtung
voran und sind schon in der kleinen Druckerei.
4

Immer ist es Ilse Rauh, die morgens als erste das


Wohnhaus verläßt und in die Druckerei hinübergeht. Sie
wird früh wach und liebt es, den jungen Tag mit munteren
Augen zu begrüben. Es hat sich so eingespielt, daß sie in
der Druckerei aufwischt und sauber macht, während
Hermann duscht und sich rasiert, und daß sie hernach
Kaffee trinken und frühstücken, bis die Arbeit beginnt.
Wie immer über Nacht ist die Druckerei
abgeschlossen, aber als Frau Rauh öffnet, empfangen sie
Wärme und Lampenlicht. Hinter sorgsam verhängten
Fenstern steht Werner im Lederschurz und mit dem
Winkelhaken in der Hand vor einem Setzkasten, der Paul
Thomas und auch seinen Meister in arge Verlegenheit
bringen würde. Nicht nur, weil sie die fremden Lettern nicht
kennen, sondern auch, weil dieser Kasten mehr Fächer hat
als die ihnen vertrauten. Die kyrillische Schrift hat mehr
Zeichen als die lateinische. Werner reihte schon viele Zeilen
an Zeilen und Zeilen zu Kolumnen. Es ist bereits eine Menge
ausgeschlossener Text da, der auf seinen Umbruch wartet.
Nebenbei sorgte der Mann, der in den Listen der Ochrana
Joseph Blumenfeld, hier jedoch Werner Nusperli heißt,
dafür, daß das Feuer im Ofenungetüm nicht ausging. Nur
die Asche muß herausgenommen werden.
»Guten Morgen, Genosse Werner«, sagt Frau Rauh.
»Ach, du liebe Güte! Nun habe ich trotz aller Vorsicht ein
Fußbad gemacht.« Sie denkt praktisch; mit großer
Selbstverständlichkeit bringt sie jetzt immer, wenn sie
aufwischen kommt, eine Riesentasse extra starken Kaffees
mit herüber. Der Genosse hat die ganze Nacht gearbeitet -
er braucht einfach eine Aufmunterung seiner Lebensgeister.
Es entgeht ihr nicht, daß der Schweizerdegen tiefe Schatten
um die Augen hat, die ihn im Zusammenwirken mit den
sprießenden Bartstoppeln sehr übernächtigt wirken lassen.
»Werden Sie eigentlich niemals müde?«
Er sieht sie freundlich an. »Guten Morgen. Habe
keine Zeit, jetzt müde zu sein. Nachher im Bett - kein Toter
schläft tiefer.« Er nimmt ihr die Tasse ab und trinkt in
kleinen Schlucken. Auf den Trunk hat er schon gewartet,
und das freut Ilse. »Kaffee ist wieder ein Gedicht.«
Die gewohnte Arbeit geht ihr flink von der Hand. Die
Druckerei ist auch ihr Reich. Sie kennt hier alle Winkel,
besonders aber die, in denen sich Staub und Schmutz mit
besonderer Vorliebe niederlassen.
»Kommen Sie denn gut voran?« fragt sie über die
Schulter hinweg.
»Was Satz angeht - ja«, erwidert er bereitwillig.
»Was ganze Zeitung angeht — nein.« Und mit einem
Stoßseufzer erklärt er sofort, woran das liegt: »Unsere
Genossen sind wie alle Journalisten. Immer denken sie,
Zeitung hat Gummiseiten und dehnt sich noch ein bißchen,
wenn Text nur gut ist. Aber Zeitungsseite ist uneinsichtig
und dehnt sich nicht. Also: Alle Artikel zu lang. Gehen nicht
'rein.«
»Und nun?«
»Habe schon Telegramm an vereinbarte Adresse
geschickt, daß Herr Meyer sofort kommen und Rotstift
mitbringen muß. Sonst geht es nicht weiter. - Marchlewski
wird sich melden, sobald Antwort da ist. Die geht an ihn. Sie
verstehen?«
»Ja.« Sie tritt neben ihn und schaut neugierig auf
den Winkelhaken. Längst hat sie gelernt, kopfstehenden
Satz so mühelos zu lesen wie ein Fachmann. »Schade, daß
ich nicht verstehen kann, was Sie da setzen.« .
»Ich werde versuchen, zu dolmetschen, wenn wir
fertig sind. Das da« - und für einen Augenblick ist in seiner
Stimme eine stolze Freude, ist in ihr Genugtuung -, »das da
wird Funke sein, der in Rußland das Feuer der Revolution
entfacht. Sehr gut.«
»Wie nennen Sie die Zeitung?«
Er legt eine Reglette ein und beginnt mit der
nächsten Zeile. »Wie ich gesagt habe: der Funke. Auf
russisch: Iskra. Der Name ist das Programm.«
Beinahe vorsichtig formen ihre Lippen das fremde
Wort nach und lauschen seinem Klang. »Iskra... Das klingt
gut.« Und übergangslos: »Es dämmert schon. Dabei haben
wir die Zeit der langen Nächte.«
Nun erscheint auch Hermann Rauh in der Druckerei,
rasiert und ausgeschlafen, mit blanken Augen.
»Morgen! Wir müssen wegräumen. Bis jetzt hat
niemand etwas bemerkt. So soll es auch bleiben.«
»Muß es bleiben. Genosse Rauh, muß es bleiben!«
Wieder ist eine Zeile ausgeschlossen, und nun tritt
Werner an den blechbeschlagenen Tisch heran und hebt den
neuen Satz aus dem Winkelhaken auf das »Schiff« hinüber,
auf dem bereits lange russische Kolumnen stehen. »Schiffe«
heißen Blechplatten mit drei Randleisten, auf denen sowohl
Satz bereitgestellt wird als auch später die Zeitungsseiten
umbrochen werden. Sie sind nur ein weniges größer, als es
die fertige Zeitungsseite ist.
»Ausbinden?« erkundigt sich Rauh sachlich und hat
schon eine Kolumnenschnur zur Hand, die er um den neuen
Satz legt, festzieht und mit einer Schlinge schließt, die
ebenso haltbar wie leicht zu lösen ist. Das Ausbinden der
Kolumnen verhindert das Auseinanderfallen der einzelnen
Lettern, des Blindmaterials und der Regletten bei einer
Erschütterung des »Schiffes«, durch die alle Arbeit zunichte
gemacht werden würde.
»Räumt ihr den Setzkasten weg«, drängt Ilse Rauh.
»Ich nehme das Schiff. Es ist heute spät geworden.«
Als Werner besorgt zufassen will, lacht sie ihm
übermütig ins Gesicht: »Keine Angst! Wenn man so lange
mit einem Buchdrucker verheiratet ist, unterläuft einem die
Todsünde nicht mehr, den Satz zu quirlen.«
Sie faßt das Schiff mit beiden Händen an den
Längsseiten und zieht die Schmalseite mit der Randleiste an
den Leib. Die offene Schmalseite muß beim Tragen leicht
aufwärts zeigen, dann hält man die Blechplatte sicher. Der
Drucker beobachtet sie mit unverhohlenem Vergnügen.
Auch dieser ihrer Anteilnahme an seiner Arbeit wegen liebt
Hermann Rauh Ilse. Sie ist ihm mehr als ausschließlich
Frau; sie ist ihm ein lieber, besser: ein geliebter Kamerad,
der in schönen wie in Tagen der Prüfung verläßlich und
mithandelnd an seiner Seite geht.
»Mach die Tür auf, Hermann!«
So geht sie in den Hof hinaus, wo der verschließbare
Futterkasten unter den Kaninchenställen - ein bißchen Vieh
hält in dem Dorf jeder - tagsüber das Ergebnis nächtlichen
Fleißes verbirgt. Ein unscheinbareres Versteck als dieses
läßt sich kaum denken, und es hat außerdem den Vorzug,
äußerlich unverändert zu bleiben und das vertraute Bild des
Hofes nicht anzutasten. Hier haben auch die Setzkästen mit
den kyrillischen Lettern in Werners Abwesenheit ihren Platz.
Rauh schiebt ein niedriges Fahrtischchen - auch
Eisenblech - neben den Setzkasten. »Also los!« Sie spucken
beide in die Hände, ehe sie nach dem Kasten greifen. Ihn
herunterzuheben erfordert ihre ganze Kraft, denn der
Kasten ist wie für die Ewigkeit aus schwerem Holz gefertigt,
und die darin verteilten Lettern haben in der Masse ein
schreckliches Gewicht. Unversehens röten sich die Gesichter
der Männer vor Anstrengung, die Stirnadern schwellen an,
und der Atem geht schwer. Aber mit Zähigkeit wuchten sie
den Kasten hoch.
»Vorsehen!« keucht Rauh. »Jetzt absetzen!« Er holt
tief Luft. »Seit wir das machen, weiß ich ganz genau, wie
schwer die Schwarze Kunst ins Gewicht fällt.« Sie
schmunzeln beide und schieben den Fahrtisch der Tür zu. Er
läuft auf Eisenrädern; so bewegen sich die übereinander
gestellten Kästen leicht.
Da schlägt das Telefon auf dem Schreibtisch an.
Der schrille, durchdringende, lärmende Glockenton
springt derartig unerwartet und grell in die stille Druckerei,
daß die Männer zusammenzucken wie unter einem
Peitschenhieb. Sie sehen zum Telefon hin und sich an, und
unversehens ist viel schlecht verborgene Unruhe da, sorgen
sie sich.
»So früh?« Hermanns Stimme ist auf einmal rauh
und belegt.
Werner hält ihn am Ärmel fest, als der Drucker zum
Apparat laufen will.
»Halt! Nicht so schnell! Wäre dies normaler Tag,
Hermann Rauh wäre noch nicht in Druckerei. Er würde in
der Küche stehen, um sich beim Rasieren zu schneiden.
Frau Rauh würde sauber machen, Klingel hören, zum Haus
hinüberrufen. Dann erst kommt Meister selbst und ist
schlecht gelaunt. Noch kein Kaffee getrunken, verstehen
Sie?«
Der Drucker schluckt. »Kapiert. Ich habe keine
Ahnung, wer mich zu so nachtschlafender Zeit...«
Die Telefonklingel lärmt weiter.
»Jetzt!« bestimmt Werner. »Ruhig bleiben. Genosse!
Und wenn es kein guter Freund ist - sich sehr über frühe
Störung wundern. Ich bringe Manuskript in Sicherheit.«
Das Telefon schrillt.
Rauh steht daneben. Er zögert jedoch abzuheben.
»Ein guter Freund ... Glauben Sie, eine Warnung vor der
Polizei... ?«
Werner Nusperli rafft die handschriftlichen
Manuskriptseiten zusammen, schiebt sie hastig unter die
Weste und zieht den Rock über.
»In Rußland und auch bei uns in Polen ist die
Geheimpolizei nicht so höflich, ihre Besuche vorher
anmelden zu lassen. Kommt wie der Blitz aus heiterem
Himmel, schneller, als Freunde zusehen und warnen
können.«
Der Drucker schneidet eine Grimasse .»Im
Königreich Sachsen eigentlich auch.« Der Fernsprecher
läutet stur weiter, bis Rauh endlich doch die Hörmuschel
abnimmt und sich zum Sprechtrichter neigt. »Arbeiter-
Turnzeitung, Buchdruckerei Rauh & Pohle. Hermann Rauh.
- Ja, Fräulein, in Probstheida, Hauptstraße achtundvierzig. -
Stellen Sie durch, bitte!« Er legt flüchtig die Hand auf den
Trichter und erklärt dem Schweizerdegen und auch seiner
gerade zurückkehrenden Frau: »Leipzig.« Rauh beugt sich
wieder hinab: »Ja? Hier spricht Hermann Rauh. Wer, zum
Kuckuck, holt mich da vor Tag ... ?«
Werner nickt zufrieden. Das ist die normale Reaktion
eines Menschen, der mit sich und einer hohen politischen
Polizei in bestem Einvernehmen lebt und ruhig schläft.
Trotzdem atmet auch Nusperli erleichtert auf, als er Rauh
sagen hört: »Du? Was ist denn? - Ja, ic h verstehe. - Nein,
nein, wir haben alles vorbereitet. — In Ordnung, und Dank
für den Anruf. Wir sehen uns ja gleich.« Er hängt auf und
läutet ab.
»Bedankt er sich, kann es nichts Schlimmes sein«,
schlußfolgert Werner trocken.
»Im Gegenteil, es ist eine gute Nachricht«, versichert
der Drucker. »Wenn wir nicht schon alle überreizt wären,
hätten wir damit rechnen müssen. Marchlewski war es. Der
erwartete Gast und er sind an der Ecke Ostplatz/Johannis-
Allee und kommen mit der nächsten Bahn. Den direkten
Anschlußzug haben sie vorsichtshalber vorbeifahren
lassen.« Er nimmt die Uhr heraus und läßt den Deckel
aufspringen. »Wahrscheinlich steigen sie jetzt bereits ein,
Julian und ...«
»... und der Genosse mit dem dicken Rotstift!«
ergänzt seine Frau heiter. »Damit der Funke ohne
Verzögerung fliegt... Schön!«
Zu dritt schieben sie den Fahrtisch hinaus in den Hof
und mitsamt dem Setzkasten ins Versteck, dessen
Vorhängeschloß Rauh dann noch einmal auf Festigkeit prüft.
Die »Stallhasen« im Obergeschoß des Stalles erschreckt
sein Rütteln sehr. Sie hoppeln ängstlich in die hintersten
Ecken, bewegen die Löffel und haben sehr aufgeregte
Näschen. Nachher nimmt der Drucker den Schneebesen und
beseitigt umsichtig die tief in die weiße Decke gegrabenen
Fahrspuren. So bereitwillig der Schnee sie aufzeichnete, so
willfährig verdeckt er sie wieder.
Die drei kehren in die Druckerei zurück. Die
Fenstervorhänge bleiben noch zugezogen und lassen den
niedrigen Flachbau in Steinwurfentfernung vom Wohnhaus
nächtlich verträumt erscheinen, aber der Schlüssel im
Schloß der Außentür wird herumgedreht und verriegelt den
Eingang nicht mehr. Als von der Straße her die Klinke
niedergedrückt wird, gibt er nach. Ein Schwall kühle, frische
Winterluft weht herein. Mit ihr kommen der vollbärtige Herr
Meyer und Julian Marchlewski.
Auch Werner ist von dem Gast aus München echt
überrascht. Einen Augenblick lang steigen seine Brauen
verblüfft in die Höhe und verweilen dort, doch dann sinken
sie herab. Nun ist es Zufriedenheit, die den
Gesichtsausdruck des polnischen Schweizerdegens prägt. Er
akzeptiert Herrn Meyer.
»Guten Morgen, Genossen«, sagt Julian in das
neugierige Schweigen. »Hier bringe ich euch Genossen
Meyer. Das ist die Familie Rauh, das ...«
»Wir kennen uns», unterbricht der Besucher. Die Art,
wie er Ilse Rauh, ihrem Mann und nun Werner Nusperli die
Hand zur Begrüßung gibt, wischt anfängliche verlegene
Fremdheit sofort hinweg. »Werner sagt mir gewöhnlich, daß
meine Artikel zu lang sind. Dann beweise ich ihm, daß man
kein Wort streichen kann, ohne der Sache zu schaden. Zum
Schluß knirsche ich mit den Zähnen und mache genau das,
was er verlangt — ich streiche. Dabei nehme ich mir immer
vor, beim nächstenmal disziplinierter zu arbeiten. Ich
fürchte, ich fürchte, ich habe wieder nicht Maß gehalten.«
Jetzt, da er den Hut abgesetzt hat, sehen alle, daß
das graumelierte Haar des »Privatgelehrten« in der Tat
dicht und voll ist - ganz erstaunlich und selten bei einem
Mann dieses Alters.
Werner nimmt seine Worte sogleich auf.
»In München haben wir ausgerechnet: Petitsatz
kompreß. Aber Leipziger Genossen konnten nur Petitschrift
auf Borgiskegel beschaffen. Petit ist acht Punkte hoch,
Borgis neun. Und außerdem läuft die Schrift breiter, als wir
dachten.«
Meyer seufzt. »Womit bereits gesagt ist, daß es viel
herauszunehmen gilt. Ich verstehe.«
»Sehr viel!« bestätigt Werner. »Tausende von
Druckzeichen, habe ich mitgeteilt. Nicht einmal Leipzig hat
Gummiseiten.«
Meyer hebt ergeben die Hände. Er wird sich der
Notwendigkeit fügen.
Ilses Sinn ist wieder einmal auf das Naheliegende
gerichtet. »Legen Sie erst einmal ab. Genosse Meyer. Ich
mache Ihnen einen Kaffee. Bitte, kommen Sie hinüber in die
Wohnung. Dort ist es doch gemütlicher.«
Der Gast zieht den Mantel aus, hebt wieder seinen
Kneifer von der Nase und massiert die schmerzenden
Druckstellen. Seine Augen, endlich sichtbar unter den
hochgezogenen dunklen, dichten Brauen, sind sehr ruhig,
sehr forschend und klug. Sie weichen den Blicken der
anderen nicht aus, sondern suchen sie vielmehr, halten sie
fest und mühen sich, sie zu ergründen. Dabei ist ihnen viel
gewinnende Freundlichkeit und Wärme eigen.
»Kaffee nehme ich dankend an«, erwidert er. »Aber
wenn wir ohne Gefahr noch ein wenig hierbleiben könnten
...?«
»Das geht«, versichert Rauh. »Paul, mein Lehrling,
ist so schnell nicht zu erwarten. Bis dahin...«
»Dann bringe ich den Kaffee hierher«, beschließt
seine Frau und ist schon auf dem Wege ins Wohnhaus.
Meyer hat seinen Sakko geöffnet und die Daumen in
die Ärmellöcher der Weste gehängt. So geht er, die
Einrichtung der kleinen Druckerei genau und sachkundig
musternd, durch den bescheidenen Raum mit den
weißgetünchten Wänden.
»Hier also ...«, sagt er mehr zu sich selbst als zu den
anderen. »Ich habe mir unterwegs auszumalen versucht,
wie sie denn aussehen wird, die Druckerei, in der die erste
Iskra erscheint.. .« Als sei er mindestens Rauh eine
Erklärung schuldig, wendet er sich unvermittelt zu diesem
um. »Verstehen Sie, bitte: Ich habe den Plan dieser Zeitung
lange Jahre hindurch wie ein geliebtes Kind gehegt und
gepflegt. Ic h verbinde mit ihr untrennbar meine ganze
Lebensarbeit. Die erste gesamtrussische marxistische
Zeitung . .. Hier bei Ihnen also ...«
»Und Sie sind nicht enttäuscht? Alles sehr
bescheiden, bei Lichte betrachtet...« Er meint es so, wie er
es sagt; er kokettiert nicht mit falscher Bescheidenheit.
Freilich, die Druckerei der »Leipziger Volkszeitung« mit
ihrem vergleichsweise hochmodernen Maschinenpark ist das
nicht.
Das weiß Meyer, und ein solcher Vergleich liegt ihm
auch fern. »Wieso? Alles ist angemessen und zweckmäßig
und deshalb schön.« Er führt den Gedanken noch weiter.
»Nicht zuletzt erscheint mir schön, daß es eine
Arbeiterzeitung im Geburtslande von Karl Marx, in
Deutschland ist, die dem russischen Proletariat hilft, seine
revolutionäre Theorie durch die Iskra zum geistigen
Allgemeinbesitz der Arbeiter und Bauern zu machen.«
»Wir fassen das als eine Verpflichtung auf«, erklärt
Rauh ein wenig hilflos. Große Worte sind nicht so sehr seine
Sache. Er ist ein kluger Kopf, gewiß, jedoch nicht gewohnt,
in so weiträumigen Zusammenhängen zu denken, wie sie
Meyer mit Selbstverständlichkeit herstellt. Deshalb sagt er
rasch: »Genosse Werner hat in den letzten Nächten schon
eine Menge abgesetzt. Die Fahnen sind oben in Ihrem
Zimmer. Sie werden dort ungestört arbeiten können.«
»Darauf freue ich mich.«
Marchlewski schaltet sich ein. »Ohne den zweiten
Schritt vor dem ersten zu tun«, beginnt er, und es drängt
ihn, den Gast zu unterrichten, daß die Genossen in der
Messestadt es bei der Beschaffung der Druckerei nicht
bewenden ließen. »Wir sind in Leipzig dabei, den Versand zu
organisieren. Wir denken an verschiedene Postämter ...«
»... unter denen natürlich nie das Postamt
Probstheida sein darf!« fordert Meyer schnell und zupackend
mit einer erstaunlichen Fähigkeit, präzise und konzentriert
auf ein neues Thema einzugehen und danach schöpferisch
an seiner Beratung teilzunehmen.
»Natürlich nicht!« bestätigt Julian bereitwillig. »Um
eventuelle Recherchen der Ochrana und der sächsischen
Geheimpolizei zu erschweren und den Druckort der Zeitung
zu verschleiern, sollen die Pakete zunächst an Deckadressen
in Belgien und in der Schweiz gehen, von wo aus ...«
»... von wo aus«, unterbricht ihn Meyer lebhaft,
»zuverlässige Genossen die Expedition nach Rußland
übernehmen. Das ist durchdacht und klug.« Er lehnt sich
mit dem Rücken an einen Setzkasten, stützt die Hände
hinter sich auf, biegt den Oberkörper ein wenig zurück und
hat ein Lächeln. »Sehen Sie, liebe Genossen, einen solchen
Ruf geniest Ihre Partei: Wenn bei uns in Rußland eine im
Ausland gedruckte revolutionäre Zeitung auftaucht, tippt
auch der letzte Ochrana-Spitzel im ersten Dienstjahr auf
einen deutschen Druckort. Ein wunderbarer Ruf - auch wenn
er uns zu ein paar Umwegen zwingt. ..«
Eine Pause entsteht.
Der Gast streicht sich über die hohe, gewölbte Stirn,
als wolle er einen Anflug von Müdigkeit vertreiben. Was er
in München sah und nun hier in Probstheida erlebt, zeigt
ihm mit großer Klarheit, wie weit und schwer der Weg noch
ist, der vor den Menschen in Rußland liegt. Sie stehen am
Anfang, ganz am Anfang, und es nimmt nicht wunder, daß
ihnen der Lebensstandard und die beruflichen Möglichkeiten
ihrer deutschen Klassenbrüder märchenhaft und beinahe
unglaublich vorkommen, was gelegentlich in der natürlich
überspitzten Behauptung gipfelt, deutsche Arbeiter lebten
durch die Bank wie Kapitalisten. Auch die Ergebnisse des
erbitterten und opferreichen Kampfes der SPD - auch gegen
Revisionismus und Opportunismus in den eigenen Reihen —
müssen bei russischen Genossen wahrhaftig diesen Eindruck
entstehen lassen.
»Leider besitzen wir nicht genug Adressen«,
unterbricht Marchlewski die schweifenden Gedanken des
Gastes, bietet Werner einen Stumpen an und nimmt selbst
einen. Der Schweizerdegen besitzt einen »Tausendzünder«.
Beide Männer beugen sic h über das Flämmchen.
Meyer ist sofort wieder bei der Sache. »Adressen
habe ich bei mir.« Er löst sich vom Setzkasten, geht durch
die Druckerei und lacht unbekümmert, als er lebhaft
erzählt: »Um ein Haar wären sie verloren gewesen; fast
hätte ich sie selbst vorsichtshalber vernichtet. Das war auf
meiner letzten Reise zur Beschaffung von Anschriften,
unmittelbar vor meiner Fahrt in die Schweiz. Plötzlich ist die
Ochrana da! Womit ich ihren Verdacht weckte - wer weiß
es! Jedenfalls sind die beiden Kerle flink und so gut gedrillt,
daß ich nichts wegwerfen, nichts vernichten kann. Selbst in
der Droschke halten sie mich den ganzen Weg über an
beiden Ellenbogen fest. Ich gab das Material verloren.«
»Aber Sie retteten es?« erkundigt sich Rauh gepackt.
Meyer wiegt den Kopf. »Sagen wir besser: Gerettet
wurde es durch eine Nachlässigkeit der Ochrana. Sie maß
nämlich der alten Rechnung in meiner Tasche keine
Bedeutung bei, und auf diese Rechnung hatte ich mit
unsichtbarer chemischer Tinte die Adressen geschrieben.
Hätte man sie in das Polizeilaboratorium gegeben ...« Er
hebt die Schultern. »Glück war es, nicht Verdienst.«
Ilse Rauh kehrt zurück und setzt ein Tablett auf den
blechbeschlagenen Umbruchtisch. Gleichsam ohne
Übergang beherrscht der aromatische Duft starken Kaffees
die kleine Druckerei.
»Ach, diese Männer!« seufzt die blonde Frau tadelnd.
»Da stehen sie und reden, und nicht einer denkt daran, daß
unser Gast von der Reise müde sein könnte und sich
vielleicht setzen möchte! Den Schreibtischstuhl hierher,
Hermann!« Während er schuldbewußt den Sessel
herüberrückt, deutet sie einladend auf ihr Gebräu. »Trinken
Sie, Genosse Meyer! Er ist stark und wird Ihnen guttun.«
Der Gast setzt sich gehorsam und greift mit
spürbarem Bedürfnis nach der Tasse. »Sehr liebenswürdig.
Er duftet wunderbar. Vielen Dank!« Er will das dampfende
schwarze Getränk zum Munde führen, doch da beschlagen
die Kneifergläser so, daß Meyer das Gefäß nur noch wie
durch einen Nebel sieht. Er nimmt den Kneifer ab, läßt ihn
am Seidenband baumeln und wiederholt den Versuch.
Plötzlich stellt er die Tasse wieder hin.
»Zu heiß?« erkundigt sich Ilse teilnahmsvoll.
Meyer schüttelt heftig den Kopf. »Nein. Zu struppig.
Der Bart, meine ich.« Er holt tief Luft und sprudelt dann mit
einer Art komischer Verzweiflung hervor; »Hol's der Teufel,
aber Herr Meyer zu sein macht das Leben sehr schwer. Esse
ich Suppe - das meiste hängt in meinem Bart! Trinke ich
Kaffee — die Hälfte verfängt sich in diesem Ungetüm! Das
war schon während der Bahnfahrt eine Qual!« Sich mit einer
seiner schnellen, energischen Gesten umwendend, die so
typisch für ihn sind, sucht er Julian mit den Augen. »Was
meinen Sie, Genösse Marchlewski: Muß ich hier unter
Kampfgefährten diesen schrecklichen Wangenwärmer
tragen?«
Werner antwortet, und seine Stimme hat etwas
Flehendes: »Könnte sein, jemand kommt...«
Diese Möglichkeit schließt der Drucker aus, ohne
sofort zu erkennen, worum es eigentlich geht. »Vor
Arbeitsbeginn erscheint niemand. Wir bringen den Genossen
Meyer rechtzeitig aufs Zimmer.«
Ilse Rauh versteht nicht recht, warum der Gast,
Werner und auch Marchlewski belustigt schmunzeln, als sie
hilfbereit vorschlägt: »Wenn Sie sich schaben möchten - in
der Küche drüben ist Hermanns Rasiermesser nebst Seife
und Pinsel. Auch heißes Wasser ist da.«
Meyer hält das Lächeln fest. »Verbindlichen Dank,
aber ich habe den Vorzug, in diesem Fall kein Messer zu
benötigen.« Länger hält er es nicht aus. Zwei schnelle
Griffe, und er hält den üppigen Vollbart und auch das dichte
Haupthaar, das sich als Perücke entpuppt, in den Händen.
Die Verwandlung ist so groß, daß Rauh mehrmals
schluckt und seine Frau erschrocken die Hände vor den
Mund nimmt. Statt des würdigen Privatgelehrten
fortgeschrittenen Alters sitzt vor ihnen ein Dreißigjähriger
mit kleinem blondem Oberlippen- und Spitzbart. Der
mächtige Schädel, von einem kurz geschorenen Haarkranz
umgeben, hat sich sehr früh gelichtet.
Der Gast fährt rasch mit der Hand darüberhin und
zeigt angesichts der Verblüffung des Ehepaares Rauh eine
beinahe schuldbewußte Miene. Dann aber sagt er burschikos
und offensichtlich erleichtert: »So weit Herr Meyer! Machen
wir uns noch einmal bekannt: Uljanow, Wladimir Iljitsch.
Der nun mit Genuß Kaffee trinken kann ...« Jetzt steht dem
Trinken nichts mehr im Wege. »Prächtig, Genossin Rauh!
Wirklich!«
Werners Augen lachen. Er hat die jähe
Demaskierung mit unverhohlenem Vergnügen verfolgt, und
es ist, als könne er sich nun nicht satt sehen an dem
vertrauten, ihm seit langem bekannten Gesicht.
Marchlewski teilt seine Begeisterung keineswegs.
»Gefährlich, was Sie tun, Wolodja«, urteilt er knapp.
Das bestreitet Uljanow gar nicht. »Aber angenehm!
Sie ahnen nicht einmal, wie angenehm«, erwidert er ein
bischen kleinlaut. »Sehen Sie mich, bitte, nicht so böse an!
Wenn ich das Haus verlasse, dann nicht ohne Bart, Haar
und Kneifer, die drei Zierden eines standesbewufiten
Privatgelehrten. Einverstanden?«
Julian schweigt.
Werner reifjt das Gespräch an sich und führt es auf
eine andere Ebene. »Waren Sie in Paris bei Plechanow,
Wladimir Iljitsch?« Auch nach der Lüftung der Maske
sprechen sie weiter deutsch miteinander, um die Rauhs
nicht auszuschließen.
Uljanow läßt die Diskussion über Bart und Perücke
sogleich fallen, die ihm unwichtig und nebensächlich
erscheint. Was Werner anspricht, das ist viel näher und
vordringlicher. Voller Spannkraft springt er auf.
»Ja, und da wäre der Funke beinahe erloschen, ehe
er nur zu glimmen begann. Mit Ach und Krach habe ich die
Zustimmung zur Herausgabe erhalten. Diese Leute, die das
Beste auf untaugliche Weise wollen, das Verhältnis der
Klassenkräfte falsch begreifen und letztlich von uns
verlangen, wir dürften die liberale Bourgeoisie nicht mit dem
roten Gespenst des Sozialismus schrecken! Leugnen die
revolutionäre Rolle der Bauernschaft und fordern die
Orientierung des Proletariats auf die Bourgeoisie ... Was für
ein Unsinn! Ach, was für ein Unsinn aus dem Munde von
gescheiten Leuten mit unbestrittenen Verdiensten!« Er
winkt ab und setzt neu an: »Sie türmen einen Berg von
Wenn und Aber vor sich auf und sehen nur eines nicht:
Worauf es ankommt! Denn worauf kommt es an? Nun, es
kommt darauf an, die vielen zerstreuten kleinen
marxistischen Zirkel und Gruppen zusammenzuschließen zu
einer konsequent revolutionären, zu einer einheitlich
handelnden Kampfpartei! Unsere Iskra kann ..., nein,
unsere Iskra muß Organisator und geistiger Führer dieser
sich formierenden Kraft werden. Einfach und logisch ist das,
sollte man denken, aber Plechanow.. . Ach!« Doch er gibt
sich dem Arger nicht hin. »Können wir Anfang Januar
erscheinen. Genosse Rauh?«
»Unbedingt!« versichert der Drucker überzeugt.
»Sobald Werner mit dem Umbruch fertig ist, arbeitet unsere
Schnellpresse nur für Sie.«
Uljanow freut sich. »Wunderbar!« Er ist jetzt nahe
dem Fenster und lupft den Vorhang einen Spalt. Es schneit
immer noch, als wolle dieser weiße Niederschlag niemals
aufhören, aber nun hat eine graue Helligkeit von großer
Monotonie das nächtliche Dunkel abgelöst. Irgendwo über
den unaufhörlich sinkenden Flocken muß eine kraftlose
Wintersonne den Horizont erklommen haben und langsam
höher steigen. »Es wird Tag«, sagt Wladimir Iljitsch, »ja,
und der Rotstift will arbeiten.«
»Ich bringe Sie hinauf in Ihr Zimmer« erbietet sich
Ilse Rauh. »Es ist geheizt und wird bald schön warm sein.«
Zweifellos hat sie Feuer gemacht, während vorhin das
Kaffeewasser auf dem Herd stand. »Kommen Sie!«
»Sofort.«
Er nimmt sein Köfferchen und wirft den Mantel über
die Schulter. Doch dann dreht er sich noch einmal zum
Mettagetisch zurück und stopft Perücke, Bart und Kneifer in
die Taschen. »Ich darf Herrn Meyer nicht vergessen, sonst
zankt Marchlewski mit mir. Er hätte sogar recht.«
Werner räuspert sich. »Auf den Fahnenabzügen in
Ihrem Zimmer stehen Zahlen«, erklärt er mit einem
Unterton, der unheilverkündend klingt. »So viel muß 'raus,
Wladimir Iljitsch. Es handelt sich um Zeilen, nicht um
Buchstaben.«
Uljanow nickt gefaßt. »Ich verspreche, einsichtig zu
sein.« Damit folgt er Frau Rauh.
Marchlewski setzt den Hut auf. »Es wird Zeit für
mich. Du weißt, wo ich zu erreichen bin, Hermann. Und
achtet auf ihn, ich bitte euch sehr.«
Der Drucker hält ihn am Ärmel fest.
»Nur eines noch, Julian! Das ist doch nicht etwa
derselbe Uljanow, der die Geschichte des Kapitalismus in
Rußland geschrieben hat?«
»Derselbe, Genosse Rauh!« antwortet Werner rasch.
»Er schrieb das Buch in Sibirien, in der Verbannung am
Ende der Welt. Warum sollte er es nicht sein?«
»Ich hatte ihn mir älter vorgestellt. Eine so
großartige und kenntnisreiche wissenschaftliche Arbeit... Da
erwartet man einen Mann mit reicher Lebenserfahrung.«
»Lebenserfahrung und Reife sind nicht unbedingt
eine Frage des Alters. Mancher gewinnt beides nie, mancher
sehr früh«, widerlegt ihn Julian. »Er ist auch der Uljanow,
der in Petersburg die marxistischen Zirkel zum Kampfbund
zur Befreiung der Arbeiterklasse zusammenschloß. Du
mußt davon gehört haben. Wir haben ausführlich vom
Amoklauf der Ochrana gegen den Kampfbund berichtet.«
»Ich weiß, ich weiß. Jetzt, da du mich daran
erinnerst ...« Rauh dreht seine Schnurrbartspitzen hoch und
sucht Julians Blick. »Was ich tun kann, das geschieht.
Verlaß dich darauf.«
Sie trennen sich mit festem Händedruck. Werner
Nusperli nimmt seinen Mantel und schließt sich gleich an.
Gemeinsam gehen die beiden Männer hinten hinaus durch
den Garten und erreichen auf Umwegen und aus
unterschiedlicher Richtung getrennt die Straßenbahn. Sie ist
um diese Zeit voll besetzt. So nahe der großen Stadt
gelegen, ist Probstheida längst kein reines Bauerndorf mehr.
Viele Einwohner erreichen von hier aus Leipziger Fabriken
und Handwerksbetriebe. Sie benutzen die Bahn immer zur
gleichen Zeit, und Werner achtet sehr darauf, seine eigene
Fahrzeit von Tag zu Tag zu ändern. So bleibt er ein
zufälliger Passagier, ein Besucher vielleicht, und niemand
kommt auf die Idee, in ihm einen neuen Nachbarn zu
sehen, mit dem man schwatzen könnte und den seine
Aussprache verraten hätte. Den Schaffnern ist der
wortkarge Reisende gleichgültig. Tagtäglich und Stunde um
Stunde begegnen sie einer Vielzahl fremder Gesichter.
5

Hermann Rauh zieht die Fenstervorhänge auf. Die


Lampen läßt er brennen. Sie werden den ganzen Tag über
leise zischen, denn bis zum späten Abend wird es nicht
richtig hell werden. Der Himmel scheint einen
unerschöpflichen Vorrat an Schnee zu besitzen und damit
die ganze Erde zudecken zu wollen. Der Drucker sieht
kopfschüttelnd hinauf, ehe er sich anschickt, das
Kaffeegeschirr auf dem Metagetisch zusammenzuräumen
und auf dem Tablett zu vereinen.
Er ist noch dabei, als Emma aus dem Wohnhaus
herüberkommt und auf ihn zuläuft, um ihm den Guten-
Morgen-Kuß zu geben. Von klein an kennt sie es nicht
anders.
»Was ist denn los, Vati?« fragt sie gleich lebhaft.
»Wer läuft da um diese Zeit im Hause herum, und
überhaupt...« Ihr Blick entdeckt die Tassen .»Warum steht
hier soviel Geschirr?«
Nun erweist es sich als gut, daß Julian Marchlewski
die Frage des Verhaltens gegenüber dem Lehrling und
Emma bereits bei ihrer ersten Besprechung aufwarf. Der
Drucker hat Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie er
seiner Tochter gegenübertreten kann und will. So sagt er
jetzt ohne Verlegenheit und mit großer
Selbstverständlichkeit: »Daß Schritte im Haus sind und daß
hier Geschirr steht, das träumst du nur, mein Mädel.«
»Quatsch!« protestiert Emma entrüstet. »Ich bin
wach und weiß, was ich höre und sehe.«
Rauh lächelt. »Aber du wirst gleich selbst sagen, daß
es ein Traum war. Bestimmt!« Er setzt sich und streckt die
Hände nach ihr aus. »Komm mal zu mir und höre zu.«
Er streicht ihr übers Haar und sagt ernst: »Also,
dann laß uns jetzt mal vernünftig reden. Glaubst du, daß
ich krumme Wege gehe?«
Ein noch prüfenderer, suchender Blick trifft ihn. Dann
wiegt Emma auf einmal die Worte sorgsamer ab: »Ihr
werdet wissen, was ihr tut. Und daß es nicht anders geht.«
In diesem Augenblick erscheint sie ihm überraschend
erwachsen und fraulich und in der Tat kein bißchen
verspielt.
»Ich habe längst die alten Zeitungen durchstöbert,
die auf dem Boden liegen. Die Tribüne, bei der du
Redakteur warst... Und zusammengebundene Stöße der
Blätter, die illegal hereingebracht wurden, als die Partei
verboten war. Den Sozialdemokrat vor allem. Du hast
damals auch ... Ja?«
»Ja«, bestätigte Rauh, ohne ein Aufheben davon zu
machen, daß er ein Glied in der Kette der »Roten Feldpost«
von Motteier war, die während des Sozialistengesetzes die
illegal in der Schweiz gedruckte Parteipresse zuverlässig in
die Hände der Genossen brachte und sie dadurch
zusammenhielt in den harten Stunden der Bewährung. Auch
Korrespondenzen hat er geschrieben und gelegentlich
beigesteuert zur Spalte »Die eiserne Maske«, in der Spitzel
und Achtgroschenjungen der politischen Polizei bloßgestellt
und dadurch unschädlich gemacht wurden. Von der »Roten
Feldpost« haben Ilse und er Emma erzählt, aber sie hielten
es nicht für nötig, ihre eigene Mitwirkung anders als am
Rande zu erwähnen. Warum? Andere Genossen hatten unter
schwereren Bedingungen mehr getan als sie. Nun erriet
Emma offensichtlich die Zusammenhänge zwischen den
alten Zeitungen, die schon gelb werden und Geschichte
sind, und den Erzählungen der Eltern. Sieh mal an! Und er
hat gedacht, sie lebe unbekümmert und fröhlich dahin und
man müsse noch warten, bis man bei ihr Verständnis für
das eigene kampferfüllte und gar nicht immer leichte Leben
finden würde.
Sie steht energisch auf und streicht sich mit einer
raschen Bewegung den langen Rock über den Schenkeln
glatt. »Alles klar, Vati. Von den Schritten habe ich geträumt,
und das Geschirr stand nie hier. Von einem Gast weiß ich
nichts.« Aber die Neugier ist doch ein wenig stärker als ihre
bekundete Bereitschaft zu schweigsamer konspirativer Hilfe.
»Es ist ein Arbeiterführer, der in Leipzig unerkannt bleiben
muß, nicht wahr?«
Der Drucker bestätigt das mit einem Kopfnicken.
»Ich glaube, wir werden einmal sehr stolz darauf sein, daß
er hier bei uns gearbeitet hat, Emma. Aber wenn du dich
nicht in der Gewalt hast und auch nur ein unbedachtes Wort
verlierst...«
Jetzt ist sie beinahe beleidigt.
»Wer bin ich denn?« verwahrt sie sich gegen eine
solche Zumutung. »Glaubst du, daß ich die Typen von der
Geheimpolizei anhimmle? Bin ja nicht Paul. Ich verliere den
Verstand nicht, bloß, weil jemand wie Graf Koks von der
Gasanstalt im Motorenwagen daherkommt. Da kannst du
ganz sorglos sein. Oberflächenvergaser... Nee!« Sie
schüttelt sich und hat auf einmal wieder den heiteren Ton:
»Glaubst du, daß wir den noch einmal großkriegen?«
Hermann Rauh tritt zur Tochter und legt ihr den Arm
um die Schulter. Auf ihre Frage antwortet er sehr schlicht:
»Er weiß noch nicht, wohin er gehört. Deshalb zu ihm kein
Wort, hörst du? Zu niemandem ein Wort.«
Emma hält ihm die Hand hin. »Zu niemandem.«
Rauh schlägt fest ein. »Also — ich verlasse mich auf
dich!«
»Kannst du auch, Vati.« Das Versprechen hat
ihrerseits eine gewisse Feierlichkeit, doch die hebt sie sofort
selbst auf mit einem burschikosen: »Na, dann will ich das
Zeug mal 'rausschaffen, ehe der Oberflächenvergaser
kommt.« Sie nimmt das Tablett mit dem Geschirr auf und
bringt es hinüber ins Wohnhaus.
An der Druckereitür begegnet ihr die zurückkehrende
Mutter, hält bereitwillig den Flügel auf und geht dann rasch
auf Hermann zu.
»Sie hat das Geschirr«, sagt sie besorgt. »Emma
steckt voller Neugier. Was hast du ihr verraten ?« »Die
Wahrheit, Ilse. Erst einmal einen Teil davon.«
Sie sucht seinen Blick. »Und du glaubst, daß sie ...?«
»Sie ist unsere Tochter und kein Kind mehr«,
erwidert er langsam und mit einem Unterton glücklichen
Stolzes. »Das hat sie mir eben sehr deutlich klargemacht.
Hält sie dieser Belastung nicht stand, haben in erster Linie
wir versagt.« Sehr überzeugt schließt er: »Ich glaube, sie
hält stand.«
Ilse genügt das nicht. »Glaubst du, oder bist du
sicher?«
Ohne zu zögern geht er einen Schritt weiter. »Ich bin
sicher.«
Seine Frau erwidert nichts. Sie tritt an eines der
Fenster an der Straßenfront und schaut zum Himmel. »Der
Tag wird schön ...«
Rauh bindet den Lederschurz um und nimmt seinen
Winkelhaken.
»Das Frühstück lassen wir besser ausfallen, Ilse. Paul
ist gewohnt, daß ich schon hier bin, wenn er kommt, und
für ihn muß alles unverändert wirken. Ich komme nachher
mal 'rüber, einen Happen essen.« Er beginnt zu setzen.
Ȇbrigens warst du morgens nie in der Druckerei, wenn der
Junge aufkreuzte ...«
»Ich gehe schon«, sagt sie einsichtig, doch dann
bleibt sie noch einmal bei ihm stehen.
»Herr Meyer wollte nicht schlafen. Er ist gleich an die
Arbeit gegangen«, erzählt sie. »Über den Samowar freut er
sich.«
»Ist der in Betrieb?«
»Natürlich habe ich ihn mit Holzkohle bestückt und
angeheizt. Was dachtest du denn?«
»Paul...«, sagt Rauh und deutet zum Fenster hinaus.
Der Lehrling kommt munter und eilig die Hauptstraße
herunter.
»Ich bin schon weg.«
Paul Thomas trifft sie nicht mehr an, als er mit einem
Hauch Morgenkühle hereinwirbelt und gleich die etwas eng
gewordene Joppe ablegt, in deren Tasche er seine
Schirmmütze stopft. Der Schirm hat längst einen Bruch, es
kommt nicht mehr darauf an.
»Guten Morgen, Meister«, ruft er fröhlich und bindet
schon den Lederschurz um. »Bis Mittag bin ich mit dem
Radsport fertig, wetten?«
Paul nimmt seinen Winkelhaken und tritt an den
Setzkasten heran, auf dem das Manuskript liegt. Es liegt so
da, wie er es gestern zurückließ. In der Tat wirkt die
Druckerei unverändert und trägt keine Spuren der
nächtlichen konspirativen Arbeit. Alles ist so, wie es der
Lehrling auch gestern sah. Hermann Rauh ertappt sich
dabei, daß er diesen Sachverhalt noch einmal mit kritischem
Blick überprüft, während er scheinbar gelassen der
gewohnten Tätigkeit nachgeht. Er ist zufrieden. Nichts ist
da, was die Neugier des Jungen, eine unerwünschte und
unter Umständen folgenschwere Neugier, erwecken könnte.
Heimlich atmet Rauh auf.
In diesem Moment schnuppert Paul und fragt
überrascht: »Alle Wetter! Wonach riecht es denn hier so
gut?«
Hermann Rauh hält sekundenlang die Luft an. Jetzt...
Aber er hat sich in der Gewalt. Ohne eine Miene zu
verziehen, mit gänzlich unveränderter Stimme wirft er
trocken hin: »Wahrscheinlich nach Druckerfarbe, wie
immer. Das ist nun mal für unsereinen der schönste Geruch
der Welt.«
Paul schüttelt den Kopf.
»Nee, viel besser!«
Seine vorwitzige, mit Sommersprossen gesattelte
Nase schnüffelt immer noch eifrig, und dann verkündet der
Junge stolz: »Ich hab's! Nach Kaffee riecht's! Und
unheimlich stark muß der gewesen sein - die reinste
Wucht!« Vorwurfsvoll fährt er fort: »Und mir sagen Sie
immer. Sie hätten einen schwachen Magen und dürften gar
keinen Mokka trinken ... Mokka war das aber mindestens.«
In den Worten ist ein gewisser wohlmeinender Tadel,
der besorgte Anteilnahme an der Gesundheit des Meisters
einschließt und Rauh ein wenig rührt, so ungelegen ihm
diese Fürsorge kommt. Er tritt sogleich auf die Brücke, die
ihm der Junge ahnungslos baut.
»Hast recht, mein Junge«, erwidert er freundlich und
hat das unangenehme Gefühl, daß das alles furchtbar falsch
und aufgesagt klingt. »Alter schützt vor Torheit nicht, Paul.
Ich arbeite schon eine Weile, weil ja soviel anliegt, und ich
war müde. Jetzt geht es wieder.«
Wenn er denkt, die Gefahr damit gebannt zu haben,
irrt er sich. Paul ist noch nicht beruhigt, und er ist es nicht,
weil ihm sein fein entwickeltes Riechorgan eine weitere
ungewöhnliche Besonderheit dieses Morgens signalisiert.
»Und geraucht haben Sie auch!« fährt er verblüfft
fort. »Ich kenne Sie ja nicht wieder, Meister!«
Die Stumpen von Marchlewski und Werner... Daran
hat der Drucker nicht gedacht. Erst jetzt, da Paul davon
spricht, wird ihm der Tabakgeruch im Raum um das
Ofenungetüm herum bewußt und gegenwärtig. Der muß in
der Tat befremden und auf nächtlichen Besuch hinweisen,
da Rauh selbst Nichtraucher ist. Hätte er doch bloß daran
gedacht, zu lüften! Der Tabakgeruch ist nicht so mühelos zu
erklären wie der nach Kaffee.
»Jetzt geht deine Phantasie mit dir durch«,
behauptet Rauh und wundert sich, daß Paul die Hilflosigkeit
der Ablenkung nicht spürt. Er muß also im Grunde arglos
sein, ganz arglos. »Mach da weiter, wo du gestern aufgehört
hast. Sonst schaffst du es nicht bis Mittag.«
Das klingt abschließend, aber der Junge bleibt
hartnäckig.
»Meine Nase ist zuverlässig«, verteidigt er seine
Feststellung. »Wenn sie sagt, hier ist geraucht worden,
dann ist hier geraucht worden, und wenn Sie mich schlagen.
Hundertprozentig!«
Rauh weiß nicht recht ob er lachen oder weinen soll.
Es ist eine so seltsame, kindliche Mischung von Spiel und
Ernst in Pauls Auslassungen, und neben der Gefährlichkeit
steckt darin so viel liebenswerte Unbekümmertheit...
»Deine Sorgen möchte ic h haben, Paul, und 'n
Hauptgewinn in der Landeslotterie! Was denkst du, wie gut
es mir gehen würde!«
Der Lehrling lacht mit, ist jedoch noch immer nicht
von dem Gleis abzubringen, auf dem er seit seinem
Eintreffen fährt.
»Oder war jemand hier?« setzt er gleichsam neu an.
»Wo Sie doch eingefleischter Nichtraucher sind?«
»Das ist es!« erwidert Rauh mit aller Ironie, die er in
seine Stimme zu legen vermag und die ihm der Junge auch
sofort abnimmt. Rauh hat den Winkelhaken fester gefaßt.
Nein, auf die bisherige Weise darf das Gespräch nicht
weitergehen. Er muß ihm ein schnelles und eindeutiges
Ende bereiten, und das erreicht er nicht mit halben
Eingeständnissen, die den Forschungsdrang Pauls nur
aufstacheln. Seinerseits muß er in die Offensive . »Mein
ehemaliger Kompagnon ist dagewesen. Pohle kam extra aus
seinem Winterurlaub in der Sächsischen Schweiz zurück, um
in der Druckerei eine seiner fürchterlichen schwarzen
Zigarren zu paffen.«
Paul fühlt sich auf die Schippe geladen und nicht
ernst genommen, und auf einmal ist er auch gar nicht mehr
so sicher, daß er tatsächlich Tabakgeruch ... Der Ofen
raucht manchmal ein bißchen, wenn der Wind auf die Esse
drückt, und der Meister treibt so offenkundig seinen Spaß,
daß der Junge beleidigt mault: »Jetzt nehmen Sie mich auf
den Arm! Hm, vielleicht ist es wirklich nur Kaffeeduft und
ein wenig Ofengas... Doch der Kaffee war Mokka, hm?«
»Kluges Kind!« bestätigt Rauh obenhin und verbirgt
sein neuerliches Aufatmen. »Du bist ein kluges Kind.«
»Aber bei Ihnen Lehrling zu sein ist schwerer, als ich
gedacht habe«, murrt er. Innerlich wurmt es ihn gewaltig,
daß ihm seine gute Nase, auf die er so stolz ist, einen
derartigen Streich gespielt und ihn lächerlich gemacht
haben soll.
Oder hat er sich gar nicht geirrt? Will der Meister
etwas verbergen? Unwillkürlich schaut Paul zu seiner Joppe
hinüber. In deren Tasche steckt eine Visitenkarte in
zierlichem Stahlstich. »Königlich Sächsische
Sicherheitspolizei, Polizeiamt Leipzig« steht neben dem
Wappen der Messestadt, und etwas tiefer: Ȇberreicht
durch Adelhelm von Kopp, Kriminalreferendar.« Dazu der
Telefonanschluß. Sollte er jetzt nicht eigentlich davon
Gebrauch machen?
Das ist eine schwerwiegende Frage, auf die sofort
eine Antwort zu finden schlechterdings voreilig wäre. Paul
muß erst noch gründlich mit sich zu Rate gehen.
Abgewogen will das werden, hin und her gedreht, nach allen
Seiten geprüft und untersucht...
Paul kommt sich sehr klug und weise vor, als er sich
auf den unheilschwangeren Satz beschränkt: »Sie machen
mir langsam Sorgen, Meister ...«
Rauh legt eine Reglette an und beginnt mit der
nächsten Zeile. »Tröste dich, mein Junge! Mir scheint, das
beruht auf Gegenseitigkeit.«
Und in diesem Augenblick sprechen nun beide
wirklich die lautere und unverfälschte Wahrheit...
6

»Here in!« sagt Kriminalreferendar von Kopp laut und


scharf, denn die Tür besitzt ein honoriges Lederpolster, das
schwer einen Laut nach draußen dringen läßt. Gleich darauf
steht Wachtmeister Reichert im Zimmer. Er hat den
walnußbraunen Ledermantel über dem Arm und seine
Reisemütze in der Hand. Jetzt, da sein Kopf unbedeckt ist,
zeigt er eine extrem kurz geschorene ergrauende
Haarbürste, die über der Stirn weit zurückweicht und da und
dort wie ausgefranst wirkt.
»Ich melde mich ab«, sagt Reichert knapp. »Zum
Treff mit dem Gewährsmann aus dem Kreis der russischen
Studenten. Haben Herr Referendar dazu noch Befehle? Der
Treff findet im Kaffeebaum statt. ..«
»... und ich wollte hinkommen und den Burschen
erst mal beschnuppern, ich weiß«, schließt von Kopp lebhaft
an. »Ein andermal, Reichert. Es ist etwas
dazwischengekommen. Machen Sie es wie immer.«
»Dann gestatten Sie, mich zu entfernen?«
»Warten Sie!« erwidert von Kopp. »Haben Sie Geld
für den Herrn?«
»Das übliche, ja. Ordnungsgemäß von der
Rechnungsabteilung empfangen. Wir zahlen ihn immer in
der zweiten Dekade des Monats aus.«
Der Referendar steht auf und kommt um den großen
Schreibtisch herum.
»Heute kriegt er nichts. Erfinden Sie eine Ausrede
und vertrösten Sie ihn auf morgen, klar? Treffen Sie eine
neue Verabredung.«
Reichert steht unbeweglich. »Der junge Mann ist
ziemlich nervös, Herr Referendar«, gibt er zu bedenken. Die
Entscheidungen seines Vorgesetzten zu tadeln steht ihm
nicht zu. Er trägt seine Einwände im Ton einer sachlichen
Feststellung vor. »Er lebt in ständiger Furcht, seine
Kommilitonen könnten von der Zusammenarbeit mit uns
erfahren. Dann würde nicht nur der Informationsfluß
versiegen, sondern auch die hübsche Nebeneinnahme, die
wir ihm zukommen lassen. Der junge Herr lebt in Leipzig
auf großem Fuße.«
»Dafür soll er auch was tun! Dieses Polizeiamt ist
kein Wohltätigkeitsunternehmen, zum Teufel! Ich will ihn
morgen sehen! Arrangieren Sie das!«
»Wie Sie befehlen!«
Nun will er sich abermals zum Ausgang wenden,
doch diesmal hält ihn von Kopp mit einer Handbewegung
zurück.
»Sagen Sie mal, Reichert«, fängt er unerwartet
vertraulich neu an. »Sie sind sich des Burschen doch sicher,
wie? Nicht, daß er uns an der Nase herumführt und Türken
baut... Erfundene Berichte ...«
Der Kriminalwachtmeister strafft sich unwillkürlich.
»Ich darf erinnern: Er lieferte eben jene Berichte
über Diskussionen zwischen seinesgleichen und den aus
Rußland hierher geflüchteten Herrschaften, die höheren
Ortes so wohlwollend vermerkt wurden. Dies nicht zuletzt,
weil die darin gegebenen Charakteristika vollkommen mit
denen übereinstimmten, ja, sie sogar in wertvoller Weise
ergänzten, die wir aus Petersburg erhielten. Die Königliche
Polizei konnte auf diese Art ausführliche Nachrichten über
neue Verbindungen der Emigranten zu ihren bei uns
studierenden Landsleuten an die Ochrana weiterleiten und
sozusagen Vorwarnung geben. Die fraglichen Studiosi sind
daraufhin bei Reisen nach Hause erfolgreich unter
Observation gestellt und in einzelnen Fällen der
Vorbereitung zum Hochverrat überführt worden. Noch zu
Zeiten Ihres hochwohlgeborenen Vorgängers im Amt, des
Herrn Kriminalrats ... Auf Grund dessen glaube ich an der
Treue unseres Informanten zu Thron und Altar nicht
zweifeln zu müssen.« Er räuspert sich und schließt: »Es
sieht nicht aus, als wäre seine Angst vor einer Entdeckung
gespielt.«
Der Referendar ist an eines der in ihrer Höhe streng
und kühl anmutenden Fenster getreten, trommelt mit den
Fingerkuppen auf die Scheiben und sieht über die
Harkortstraße hinweg zum Reichsgericht hinüber. Dessen
prunkvoll-hochmütiger Prachtbau mit seiner protzigen
Weiträumigkeit wurde nach siebenjähriger Bauzeit vor fünf
Jahren endlich fertiggestellt. Unten auf der Straße herrscht
mäßiger Verkehr. Auch so wirft das Weihnachtsfest seine
Schatten voraus - erstaunlich viele Offiziere sind dienstfrei
und auf dem Wege zu Einkäufen. Leipzig ist Garnison des
106., des 107. und des 134. sächsischen
Infanterieregiments und beherbergt die Kommandos der 24.
Infanteriedivision, der 47. und 48. Infanterieund der 24.
Kavalleriebrigade der Königlich Sächsischen Armee im
Rahmen des Reichsheeres. Es mangelt im Stadtbild nie an
den bunten Uniformen - besonders die der Husaren sind bei
den Mädchen beliebt -, doch jetzt erscheinen sie in
auffälliger Häufung in Damengesellschaft, wie sic h bei dem
gegebenen Anlaß von selbst versteht.
»Ein schrecklich unruhiges und aufsässiges Volk,
diese Russen«, bemerkt von Kopp plötzlich. »Hat dauernd
die Faust seines Herrn im Nacken, und trotzdem ...
trotzdem ... Das ist doch schlimm.«
Noch immer wendet er sich nicht um. Seine Stimme
wird eine weitere Spur vertraulicher, intimer, als er sich
erkundigt: »Sie sind länger in diesem Dezernat als ich,
Reichert, sind sozusagen ein alter Hase. Unter uns:
Können wir was verbockt haben?«
Ohne Aufforderung steht der Wachtmeister
bequemer. Ganz deutlich spürt er nun eine gewisse Unruhe
seines Vorgesetzten, der besorgt ist. Er kennt den Ehrgeiz
von Kopps und seinen Willen, Karriere zu machen, und er
begreift sofort, daß es einen Anlaß geben muß für die
ungewohnte Vertraulichkeit des adligen Herrn mit den
Säbelhiebnarben.
»Warum sollten wir?« fragt Reichert zurück und weiß
dabei geschickt den Eindruck unziemlicher Neugier zu
vermeiden. »Gibt es Vorhaltungen solcher Art, Herr
Referendar?«
Von Kopp zündet sich ein Zigarillo an. »Ich weiß
nicht«, sagt er in den Qualm der ersten Züge hinein. Das
Zigarillo ist offenbar zu fest gewickelt worden; der
Referendar muß lange drücken und kneten, um mit rechtem
Genuß rauchen zu können. »Besuch vom Innenministerium
ist angemeldet. Ke ine Ahnung, was die Herren aus Dresden
wollen! Sie haben das Amt nur wissen lassen, daß der
Verantwortliche für russische Angelegenheiten zu ihrer
Verfügung stehen müsse. Ich überlege hin und her...«
»Das hatten wir früher auch schon«, unterbricht der
Wachtmeister beruhigend. »Dann gab es gewöhnlich neue
Informationen, die sofortige Recherchen und Rückfragen
nötig machten und deshalb bei einem Kurier in den falschen
Händen gewesen wären. Ich kann mir nicht vorstellen, daß
es diesmal etwas anderes ist. Herr Referendar haben
vollkommen recht, den Vertrauensmann morgen noch
einmal in Reichweite wissen zu wollen. Falls es neue
Instruktionen gibt... Ich treffe eine Verabredung für morgen
früh; verlassen Sie sich ganz auf mich.« Der walnußfarbene
Ledermantel, der früher einmal schön gewesen sein muß,
wird ihm schwer; er legt ihn verstohlen von einem Arm auf
den anderen. »Gestatten Sie jetzt, zu gehen?«
Von Kopp nickt ihm zu. »Machen Sie sich auf den
Weg. Ich halte große Stücke auf Sie, Reichert, große
Stücke. Das wollte ich mal gesagt haben.«
»Danke gehorsamst, Herr Referendar.«
Als er draußen den Mantel anzieht und die Mütze
aufsetzt, hat der Kriminalwachtmeister ein kleines,
zufriedenes Schmunzeln. Ein bischen Vertraulichkeit mit
einem hohen Chef kann nie schaden und zahlt sich
gemeinhin aus. Dieser Vormittag fängt vielversprechend an,
und wenn nun noch der junge Herr aus Rußland... Der sitzt
bestimmt schon im »Kaffeebaum« nahe der Thomaskirche,
hat seinen auffälligen und überall bewunderten Hund, einen
Barsoi, bei sich und wird später jedem erzählen, er sei in
dem Café gewesen, in dem Bach zu seiner berühmten
Kantate »O wie schmeckt der Coffee süße ...« angeregt
worden sein soll. Thomaskirche und »Kaffeebaum« sind
vom Polizeiamt aus bequem zu Fuß zu erreichen. Reic hert
legt einen Schritt zu.
Drinnen im großen Zimmer mit der gediegenen,
ansehnlichen Möblierung, die im Falle von Kopps die
»gehobene Laufbahn« bereits vorwegnimmt, bleibt der
Referendar am Fenster stehen, raucht, wippt auf den
Zehenspitzen und ist durch die tröstlichen Worte des
Wachtmeisters nur halb beruhigt. Die klangen alle sehr gut,
zweifellos, aber... Es wäre etwas anderes, wenn es nicht um
die russischen roten Teufel ginge; man muß bei denen doch
auf alles gefaßt sein! Er fühlt sich recht hilflos, der
hochwohlgeborene Herr mit den Mensurschmissen. Die
sagen jedem, daß er nicht furchtsam ist und über die blanke
Klinge hinweg mehr als einmal das Weiße in den Augen
eines Gegners sehr nahe gesehen hat. Das hier, findet er
jetzt, ist um ein Vielfaches entnervender und zermürbender
- dieser lautlose Kampf gegen einen nicht nur meist
unsichtbaren, sondern auch klugen, leidenschaftlichen und
entschlossenen Feind.
Das Zigarillo ist weit heruntergebrannt, als es endlich
klopft. Noch ehe er »Herein!« sagen kann, fliegt die Tür auf.
Sie bleibt offen, und von Kopp sieht, daß seine Beamten
nebenan alle stehen und eine Haltung angenommen haben,
als sei der Polizeidirektor persönlich erschienen.
Es tritt jedoch lediglich ein Adjutant des Mächtigen
ein, gefolgt von einem Manne in Zivil, den man hier nie sah.
Es mufj sich um eine bedeutende Persönlichkeit handeln,
denn der Adjutant hat den Helm auf, den Säbel an der Seite
und gibt sich so zackig, wie es nur irgend möglich ist.
Zweifellos hat dies die scharfblickenden Detektive draußen
bewogen, sich aufzubauen.
Die silbernen Sporen an den Zugstiefeln des
Leutnants klirren leise, als er die Hacken zusammenklappt.
Der Polizeioffizier denkt nicht daran, mit einer Meldung zu
beginnen; er fängt vielmehr damit an, dem Fremden von
Kopp vorzustellen, und dadurch ist eindeutig klargelegt, wer
hier etwas zu sagen hat.
»Herr Kriminalreferendar von Kopp, der Leiter des
politischen Dezernats hiesigen Amtes ...« Der Leutnant
macht eine halbe Wendung ins Zimmer. »Herr Referendar,
ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Oberst Subatow,
Hochwohlgeboren, vom Sonderkorps der Gendarmen Seiner
Majestät des Zaren aller Reußen zuzuführen.
Hochwohlgeboren ist sowohl von der Reichsregierung als
auch vom Königlichen Innenministerium in Dresden mit
weitestgehenden Vollmachten ausgestattet.« Halbe
Wendung zurück, neuerlich das Klingen der Sporen... »Herr
von Kopp wird mich in der Adjutantur verständigen, sobald
Hochwohlgeboren zu gehen wünscht. Herr Oberst!«
Die weiß behandschuhte Rechte fliegt an den Helm,
der Fremde geruht zu nicken, und der Leutnant klirrt
hinaus.
Adelhelm von Kopp schluckt. Der Besucher hat noch
kein Wort gesagt; er steht nur da und blickt aus der Höhe
von nicht viel weniger als zwei Metern auf ihn nieder — ein
schöner schlanker Mann mit ovalem Gesicht, das durch den
schwarzen Kinnbart noch länger wirkt. Fast schwarz sind
auch die Augen des Geheimpolizisten aus dem fernen Sankt
Petersburg, und wenn der Referendar bisher aufgrund
seiner Damenbekanntschaften dunkle Augen für besonders
warm und zärtlich hielt - diese besitzen den kalten Glanz
geschliffenen Heliotrops. Gerade diesen Halbedelstein mag
von Kopp überhaupt nicht.
Er blickt zur immer noch offenen Tür. Sein
Stellvertreter, der hagere Kriminalsekretär Schneider, steht
ihr draußen am nächsten, und ihm ruft er zu:
»Dolmetscher, Schneider! Schnell!«
Oberst Subatow hebt, Einhalt gebietend, die rechte
Hand.
»Nicht nötig! Ich spreche gut Deutsch. Sagen wir:
ausreichend.« Er streckt dem Referendar eine schlanke,
sehnige Rechte entgegen. »Erfreut, Sie kennenzulernen,
Herr von Kopp. Man hat Sie mir in Dresden sehr empfohlen.
Der richtige Mann für mich, hieß es.«
Na, das läßt sich zumindest nicht schlecht an. Man
lächelt, man klappt die Hacken, man verbeugt sich. »Danke
verbindlichst, Herr Oberst! Bitte, ablegen zu wollen.« Und
im gleichen Atemzug nach draußen:
»Schneider, Kaffee, Kognak! Und unsere Akte über
den Russischen Akademischen Verein sowie alles, was wir
über die Emigranten in Leipzig haben. Es pressiert!«
Dazu den in eine herrische Geste gekleideten Befehl,
endlich die Tür zu schließen... Sofort wieder verbindliches
Lächeln für den Gast.
Der nimmt seine schmale, saffianlederne Mappe mit
einem eingeprägten Adelswappen, legt ohne Hast seine
Handschuhe und seine Pelzmütze darauf - Persianer
natürlich - und reicht dieses Tablett mit größter
Selbstverständlichkeit dem Referendar, damit der es halte.
Von Kopp ist nicht gewohnt, wie ein Kellner behandelt zu
werden, doch er findet sich geschmeidig in die ungewohnte
Situation, bewahrt das Lächeln und legt das »Tablett« auf
den Schreibtisch, während sich Subatow aus dem
pelzgefütterten Mantel schält und diesen an den
Garderobenständer hängt, der einen Schandfleck für das
ganze Zimmer bildet. Dann geht er, mit zwangloser Geste
das lackschwarze Haar glättend, ans Fenster und schaut
hinaus.
»Verfügen Sie ganz über mich, Herr Oberst!« dienert
von Kopp hinter ihm. »Es ist mir eine Ehre, einmal mit der
berühmten Ochrana zusammenarbeiten zu dürfen. Man hört
in Sachsen Wunderdinge von Ihren Erfolgen!« Er deutet
einladend auf die Rauchecke. »Dort, wenn ich bitten darf.«
Subatow dreht sich um. Wieder verwirrt es den
Referendar, daß es ihm nicht gelingt, das Alter dieses
Mannes zu schätzen. Das versuchte er bereits vergeblich,
als ihn der Adjutant hereingeleitete. Der hohe Rang des
Fremden und die Souveränität, mit der er die Szene
beherrscht, scheinen einen älteren Mann auszuweisen, die
Elastizität und Geschmeidigkeit seiner Bewegungen einen
jüngeren. Von Kopp könnte sich vorstellen, daß dieser
Oberst täglich ein paar Stunden reitet und eine oder zwei
weitere mit einem eigenen Fechtmeister verbringt, um
körperlich auf der Höhe zu bleiben. Leisten kann er sich das
sicher — der Referendar denkt neidvoll an gelegentliche
Zeitungsberichte über den märchenhaften Reichtum des
hohen russischen Adels. Sein eigenes Vermögen dagegen -
ach, du liebe Güte! Die ganze Verwandtschaft konzentriert
ihre Bemühungen darauf, ihn endlich standesgemäß, das
heißt einträglich, zu verheiraten ...
Der Oberst sieht ihn an. »Was die Erfolge betrifft:
Wir arbeiten, mehr nicht. - Da drüben? Das Reichsgericht?«
»Ja.«
»Würdig«, urteilt Subatow, ehe er mit einer lässigen
Geste Handschuhe und Persianerkappe von seiner Mappe
fegt und mit dieser auf den angebotenen Ledersessel
zugeht. Er hat durchaus untertrieben, als er eingangs sagte,
er spreche ausreichend Deutsch. Er spricht es
grammatikalisch vollkommen richtig und mit reichem
Vokabular, aber es kostet ihn offenkundig Mühe, eine Mühe,
der er sich mit gleichbleibender konzentrierter Selbstzucht
unterzieht. Er erlaubt es sich einfach nicht, in der fremden
Sprache zu schludern und auf Nachsicht zu rechnen. So
drückt er sich, langsam und angestrengt mit einem harten,
überdeutlichen Akzent redend, unpersönlich korrekt aus.
Sie nehmen beide Platz. Von Kopp meint, daß nun
genug Höflichkeiten gewechselt sind und daß es Zeit ist, zur
Sache zu kommen. »Herr Oberst«, setzt er an, »weilen
vermutlich im Reich, um die Zusammenarbeit zu verbessern
und zu vertiefen sowie engere Kontakte herzustellen?«
Subatow zieht erst einmal eine fremdartige
Zigarettenpackung aus der Jackentasche, einen
rechteckigen Karton, der auf dem Deckel in Golddruck den
Zarenadler und eine russische Umschrift zeigt. Der Oberst
öffnet und bietet von den Papirossi an. Von Kopp faßt
neugierig zu, beobachtet, wie Subatow die Papphülse knifft,
vollzieht die Handgriffe exakt nach und hat auch schon sein
Feuerzeug heraus, den Gast zu bedienen.
»Auch!« bestätigt der Offizier der Ochrana nun.
»Aber nur am Rande. Nach Leipzig bringt mich eine - wie
sagt man? - heiße Spur.«
»Ach ja?« bekundet der Referendar sein Interesse.
Subatow raucht, lehnt sich zurück, schlägt die langen
Beine übereinander und zieht, die Zigarette zwischen den
Zähnen, seine Mappe zu sich heran, deren vergoldetes
Schloß - oder ist dieses Schloß aus purem Gold gefertigt? -
er aufschnappen läßt.
»Ich bin hier, mit Ihrer Hilfe einen Fischzug zu tun.
Sie könnten, glaube ich, einen großen Fisch für mich
fangen, Herr Referendar.«
»Ich bin ganz Ohr.« Von Kopp beugt sich vor.
Mit einer Taschenspielergeste legt der Oberst eine
Porträtfotografie auf die Marmorplatte des Rauchtisches.
»Sie kennen diesen Mann?«
Ein junges, ein kluges, ein energisches Gesicht mit
wachen Augen ... Oberlippen- und Kinnbart... Stark
gelichtetes blondes Haupthaar ...
»Im Augenblick...«, dehnt von Kopp. »Wer ist das?«
»Uljanow«, erklärt der andere, ohne die Stimme zu
heben. »Mit Vor- und Vatersnamen Wladimir Iljitsch. Dreißig
Jahre alt. Inhaber eines Diploms ersten Grades der
Juristischen Fakultät der Universität zu Sankt Petersburg.
Bereits seit dem Verlassen des Gymnasiums, das ihn
übrigens für besondere Leistungen mit einer goldenen
Medaille ehrte, auf unserer Liste unzuverlässiger
Untertanen. Das war siebenundachtzig.« Subatow braucht,
um dies darzulegen, keine Notizen. Er hat alle Daten,
Ortsnamen und Details im Kopf; er könnte zu jeder
beliebigen Tag- und Nachtzeit darüber referieren. Das tut er
mit gleichbleibender kalter Sachlichkeit, den Kopf jetzt
zurückgelegt, den Blick der schwarzen Augen wie
träumerisch auf den Kronleuchter an der Stuckdecke des
Dienstzimmers gerichtet. »Im gleichen Jahre wurde er an
der Juristischen Fakultät der Kasaner Universität
immatrikuliert. Exmatrikuliert, verhaftet und für ein Jahr im
Dorfe Kokuschkino unter Polizeiaufsicht gestellt, im
Dezember gleichen Jahres wegen Beteiligung an einer
hochverräterischen Studentenzusammenkunft... Wieder in
Kasan und seit neunundachtzig in Samara, schafft er es,
sich das ganze Universitätspensum als Autodidakt im
Selbststudium anzueignen und in Sankt Petersburg das
Diplom als Externer zu erwerben. Ein Diplom ersten Grades,
wie ich schon erwähnte.. .«
»Gefährlicher Mann, das!« bemerkt von Kopp.
»Erstaunliche Leistung als Externer... Ich bin selbst Jurist
und kenne die Klippen ... Und ein solcher Kopf ist als
Roter...?«
Der Oberst streift ihn mit einem flüchtigen, nicht
sehr schmeichelhaften Blick. »In der gleichen Zeit studierte
er die Werke von Marx und Engels. Beweis: Ein Exemplar
des sogenannten Manifest der Kommunistischen Partei
in Uljanows Handschrift, zweifellos von ihm selbst übersetzt
und kommentiert. Des weiteren gibt es
Versammlungsberichte, in denen Uljanow erwähnt wurde.
Das Sonderkorps glaubt sicher zu sein, daß die
marxistischen Zirkel, die zweiundneunzig in Samara
entstanden, sein Werk waren. Das eindeutige Bekenntnis zu
Marx und die Propagierung von dessen revolutionärer
Philosophie verrieten ihn.«
Subatow unterbricht seine Darlegungen nur, um eine
neue Papiros zu nehmen und sich von dem Referendar
Feuer geben zu lassen. Er hält auch ihm die Packung hin,
doch von Kopp lehnt dankend ab; diese Marke ist ihm zu
stark.
»Im August dreiundneunzig kam Uljanow nach Sankt
Petersburg«, fährt der Ochrana-Mann fort. »Wieder geheime
Zirkel... Druckschriften, die auf Kopiergeräten vervielfältigt
wurden - in seinem glänzenden Stil geschrieben und von
bemerkenswerter Überzeugungskraft... Sie gingen bis nach
Moskau, nach Nishni-Nowgorod, nach Wladimir, Kiew und
Riga. Dort fand man diese gelben Heftchen, wie sie von
unseren Leuten genannt wurden, bei Haussuchungen und
Razzien. Dazu zweifellos Kontakte mit dem Pöbel, mit
Arbeitern, mit Fabrikleuten und Individuen aus den
Armenvierteln... Als wir ihn später verhafteten, machte er
keine diesbezüglichen Aussagen, aber einfache Leute, die
wir ebenfalls faßten und die auch nichts von Kontakten
wissen wollten, gebrauchten Argumente, wie er sie
publizierte und selbst gebrauchte. Das bedeutet, Herr
Referendar, daß er persönlich Arbeiterzirkel geleitet hat,
Zirkel, wie sie vor vier Jahren beim Streik der
dreißigtausend Petersburger Textilarbeiter eine
entscheidende Rolle spielten.« Er blickt nun endlich von
Kopp wieder an. »Wie er zu wirken pflegt, zeigt dieses
Beispiel besonders gut. Die Zirkel arbeiteten und operierten,
als stehe er persönlich an ihrer Spitze.«
»Tat er das nicht?«
Ein kurzes Zucken ist um die Mundwinkel des
Obersten. »Er konnte nicht, weil wir ihn schon Ende
fünfundneunzig verhaftet hatten. Im Zusammenhang mit
der Vorbereitung einer illegalen Zeitung. Er ging dafür nach
Sibirien. Seit seiner Rückkehr weilt er im Ausland -
fortgesetzt hochverräterisch handelnd mit dem erklärten
Ziel des Sturzes der Monarchie und der Errichtung der
Diktatur des Proletariats durch eine sozialistische
Revolution.« Der Gast aus der Zarenresidenz deutet wieder
auf die Porträtfotografie. »Uljanow, Wladimir Iljitsch... Ich,
Herr Referendar, habe im Jahresbericht des Sonderkorps
der Gendarmen betont, daß es jetzt in der Revolution
keinen Größeren gibt als diesen Uljanow. Ich stehe zu
meinem Wort.«
Adelhelm von Kopp betrachtet das Bild und erinnert
sich, daß Subatow sagte, er sei nach Leipzig gekommen, um
mit seiner Hilfe einen »großen Fisch« zu fangen. »Und
dieser Uljanow soll in der Messestadt ...?«
Der Oberst schnippt einen Tabakkrümel vom Ärmel
des Cutaways aus teuerstem schwarzen Tuch. Ja, der
hochwohlgeborene Herr trägt den Besuchsanzug der »feinen
Welt«, den dunklen Schwalbenschwanz zum gestreiften
Beinkleid, und seine Krawattennadel ziert ein hochkarätiger
Brillant.
»Ich denke, daß er herkommen wird oder schon hier
ist. Und daß man ihn in Leipzig abfangen könnte - ganz
ohne Aufhebens, ganz ohne Zeugen. Um ihn direkt dorthin
zu schaffen, wohin wir seinen älteren Bruder gebracht
haben.« Da er mit Recht annimmt, das gebe seinem
Gegenüber nichts, erläutert er knapp: »Er war an einem
Attentatsversuch gegen Seine Majestät beteiligt. Alexander
Uljanow wurde daraufhin in Schlüsselburg hingerichtet. Er
hat einen schnellen Tod gehabt, Herr Referendar.«
Wie er das sagt, mit welcher Gelassenheit und
Selbstverständlichkeit... Er ist wahrhaftig ein bedeutender
und mächtiger Mann, dieser Oberst... Von ihm kann man
lernen, viel lernen.
Es klopft, und nun endlich erscheint Kriminalsekretär
Schneider mit einem Tablett, auf dem er Kaffee und Kognak
balanciert, sowie mit einem Aktendeckel unter dem Arm.
»Sie erlauben« , murmelt er. Es kostet ihn Anstrengung, die
Getränke auf den Tisch zu bringen, ohne etwas zu
verschütten. Die »Acta« - so steht in kalligraphischen
Schnörkeln auf ihrem Deckel - legt er vor von Kopp hin.
»Die befohlenen Papiere ...«
»Sie können gehen, Schneider.« Der Referendar
wartet, bis sein Untergebener sich entfernt hat, und füllt
dann die Gläser. »Ich darf mir gestatten, Herr Oberst... Auf
einen Erfolg!«
Zu von Kopps Verblüffung steht Subatow auf und
zwingt ihn dadurch, sich gleichfalls zu erheben. Sehr
kommersmäßig, wie sie es als Korpsstudenten bei
Trinkgelagen aus feierlichem Anlaß taten, trinken die beiden
Herren mit abgezirkelten Bewegungen einander zu. Als sie
die Gläser abgestellt haben und wieder sitzen, erkundigt
sich der Oberst mit einer Kopfbewegung zu der »Acta«:
»Was ist das?«
»Russen in Leipzig ...«
Subatow verliert sogleich jegliches Interesse.
»Unergiebig, Herr von Kopp! Er war früher noch nicht hier.«
»Da wäre ich nicht so sicher«, warnt der Leiter des
politischen Dezernats. »Sie erwähnten doch eben, er halte
sich seit seiner Rückkehr aus der Verbannung im Ausland
auf ...«
»Und?« Wieder hat der Oberst dieses mokante,
dieses überlegene Lächeln, das sich auf besseres Wissen
gründet. Er lehnt sich neuerlich weit zurück, verschränkt die
Arme vor der Brust und beginnt: »Ihr Dichter Schiller läßt in
Don Carlos sagen: Das Seil, an dem er zappelte, war
lang, doch unzerreißbar ... Wo er sein mochte, war ich
auch... - Der Inquisitor- Kardinal.«
Von Kopp macht es sich bequem und müht sich um
eine andächtige Miene. Aha, man demonstriert seine
Bildung. Das scheint weiter östlich ja überhaupt beliebt zu
sein! denkt er. Den »Don Carlos« habe ich natürlich
gesehen und gut gesehen — die Bühnen der reichen
Messestadt können sich solche Theatergötter als Gäste
holen wie Joseph Kainz, dem man schließlich nachrühmt,
kein deutscher Komödiant vor ihm habe je als Ferdinand
oder als Don Carlos die unerschöpfliche Wahrheit und
Schönheit der Klassiker so aufblühen lassen wie er. Ist mir
alles geläufig, was du da erzählst, aber wenn es dir Spaß
macht, dich zu produzieren ...
Der Referendar zuckt förmlich zusammen, als nach
dem Zitat ohne Umschweife die praktische Nutzanwendung
kommt: »Wie der Inquisitor von Carlos sprach, kann die
Ochrana von Uljanow sprechen.« Der Oberst erbringt auch
sofort den Beweis für seine Behauptung. Zupackend führt er
aus: »Erste Station: die Schweiz. Jetziger ständiger
Aufenthalt: München in Bayern. Zwischendurch hin und
wieder Reisen mit zum Teil — leider! — unbekanntem Ziel.
Aus München wieder verschwunden seit der ersten
Dezemberdekade. Verschwunden gleichsam unter den
Augen meiner Leute, doch nach Meinung meiner Agenten
nicht für dauernd.«
Insgeheim tut von Kopp seinem Gast Abbitte. Nein,
der ist alles andere als ein Schwätzer. »Und Sie meinen,
daß er jetzt hier...«
Subatow steht auf, bedeutet dem Referendar durch
eine Handbewegung, er möge ungeniert sitzen bleiben, und
geht durchs Zimmer. Vom Fenster her antwortet er: »Uns
wird zugetragen, daß eine Gruppe im Ausland lebender
russischer Emigranten eine illegale Zeitung herauszugeben
plant. Wir kennen die Namen. Der Redaktion im Dunkeln
gehören an Uljanow, Axelrod, Martow, Plechanow,
Potressow, Sassulitsch ... Dazu Madame Smidowitsch-
Leman als Sekretärin.« Plötzlich stören den Mann im
Cutaway seine noch auf dem Schreibtisch liegenden
Handschuhe und die Persianermütze. Er ergreift sie und
geht damit zum Garderobenhaken, die Kappe aufzuhängen
und die Handschuhe darauf zu packen. Wie beiläufig setzt er
seinen Bericht fort: »Jeder einzelne dieser Männer schreibt
eine Feder, die das zarentreue und gutgemeinte, leider aber
niemanden bewegende Geschwätz der allerten
Tagesschriftsteller etwa vom Grazdanin, von der
Birzevyja Vedomosti oder vom Sanktpetersburgskija
Vedomosti als gegenstandslos vom Tisch fegt. Nun, diese
Zeitungstitel sagen Ihnen wohl nichts ...«
»In der Tat, Herr Oberst.«
Subatow nickt. Das hat er nicht anders erwartet.
»Die Redaktion im Dunkeln, von der ich spreche, ist eine
weit auseinandergezogene. Ihre Mitglieder hausen in Zürich,
in Paris und München. In München die Smidowitsch-Leman
und Uljanow.« Der Oberst wendet sich wieder in den Raum
zurück und geht auf den Schreibtisch zu, hinter dem das
Bildnis eines uniformierten alten Mannes mit mächtigem
Backenbart hängt, das Bildnis des Königs. »Er ist der
führende Kopf, ist Redacteur-en-chef. Folgt damit seinem
Vorbild Marx. Die Neue Rheinische Zeitung, Sie wissen
...« Nun ändert er die Richtung und kehrt an den Rauchtisch
zurück. »Uljanow hat die Revolution zu seinem
ausschließlichen Beruf gemacht. Wir sind uns darüber klar,
daß er ein außergewöhnlich begabter, hochtalentierter
Journalist ist. Das läßt uns der von der Ochrana erwarteten
Zeitung mit Besorgnis entgegensehen.« Er schließt abrupt.
»Wir haben alle diese Leute seit langem auf unserer Liste
und lassen sie nicht aus den Augen.«
Von Kopp ist ehrlich hingerissen. Er vermag sich
auszumalen, welche und wieviel Arbeit geleistet werden
mußte, damit der Oberst hier in dieser Weise referieren
kann. »Großartige Recherchen!« anerkennt er begeistert.
Subatow ist nicht der Mann, der Schmeicheleien
schätzt und sich gern im Glanz von schon Geleiste, tem
sonnt. Lieber untertreibt er. »Nichts Besonderes!« wehrt er
ab, während er sich wieder setzt. »Fleißarbeit. Ziemlich
aufwendig allerdings und kostspielig. Zum Glück erfreuen
wir uns der verständnisvollen Gnade Allerhöchstdesselben,
unseres kaiserlichen Herrn, und der Einsicht Höchst Seiner
Regierung, daß für die Gewährung der inneren Sicherheit
des heiligen Rußland kein Preis zu hoch ist.«
»Beneidenswert!« verbeugt sich der Referendar.
Diesmal greift er zu, als der Gast erneut die Papiros-
Packung herüberreicht. »Verbindlichen Dank!«
»Ich muß nicht sagen«, kommt der Oberst wieder
unmittelbar zur Sache, »wie gefährlich eine Zeitung wie die
geplante werden kann. Sie haben da Erfahrungen. Ihr
Sozialistengesetz war gut, aber es zerbrach nicht zuletzt am
Sozialdemokrat. Das Blatt hielt den Pöbel zusammen. Wir
wünschen nicht, daß ein russischer Sozialdemokrat
überhaupt erst erscheint.« Beinahe ohne Tonwechsel
schient er dann die Behauptung in den Raum: »Uljanow
wird seine Zeitung in Leipzig drucken.«
Von Kopp ist eben dabei, seine Kaffeetasse zum
Munde zu führen. Die Sicherheit, mit der Subatow spricht,
läßt ihn die Tasse zurücksetzen und nach Beweisen fragen.
Wieder hat der Oberst aus Sankt Petersburg das
mokante Lächeln. Heiliger Georg! denkt er. Ist dieser Mann
schwerfällig! Daß er hier die russischen Angelegenheiten
bearbeitet, ohne wenigstens unsere Sprache zu beherrschen
und die Petersburger Presse lesen zu können - das ist auch
nur in Deutschland möglich! Schrecklich kleinkariert und
ohne Atem, das Ganze! Doch laut sagt er mit
unwandelbarer Verbindlichkeit: »Ich kann logisch denken,
Herr Referendar. Uljanow muß eine Druckerei finden, die
kyrillische Schrift besitzt. Wo im Deutschen Reich, frage ich
Sie, hat man solche Lettern? Natürlich am ehesten in
Leipzig, dem Mekka des Buchdrucks! Hinzu kommt... Es ist
ja kein Geheimnis, daß man dieses Königreich selbst in
Berlin, in den Kreisen der Re ichsregierung, das rote
Sachsen nennt. Ich habe erfahren, daß man in Preußen
eben deshalb Ihre Landsleute nicht mag. Aber Uljanow ...
Ihn und seinesgleichen muß das Schimpfwort naturgemäß
mit Sympathie für Ihre Heimat erfüllen. Sachsen ist die
Schmiede, die er braucht, sein Blatt herzustellen. Hier findet
er am leichtesten Gesinnungsbrüder, die ihm seine Zeitung
bereitwillig drucken.« Er bläst einen dünnen Rauchfaden an
Adelhelm von Kopp vorüber, der durch die Nennung ihm
peinlicher Epitheta, die dem Namen seines Vaterlandes
anhängen, unangenehm berührt ist, greift seinerseits nach
der Kaffeetasse und trinkt. »Wie gehen Sie hierzulande
gegen insgeheim produzierte Zeitungen vor?«
Der Referendar ergreift bereitwillig die Gelegenheit,
auszuführen, daß im Königreich Sachsen nicht weniger
forsch gegen aufrührerische Presseerzeugnisse vorgegangen
werde als etwa in Preußen. Hier wie dort, erklärt er, biete
das Reichsgesetz über die Presse die rechtliche Handhabe.
Paragraph sieben beispielsweise . .. Da ist in bezug auf
periodische Druckschriften verfügt worden, daß jedes Stück
einer solchen Veröffentlichung Name und Wohnort des
verantwortlichen Redakteurs zu nennen hat - dem
entsprechen fremdsprachige konspirative Blätter schon aus
dem Grunde nicht, weil ihre Redakteure gemeinhin nicht die
in Paragraph acht verbindlich festgelegten Voraussetzungen
erfüllen. Paragraph acht nämlich bestimmt, daß der
verantwortliche Redakteur eine verfügungsfähige, im Besitz
der bürgerlichen Ehrenrechte befindliche Person sein muß,
die im Deutschen Reich ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder
Wohnsitz hat. Das treffe ja nun wohl auf Russen nicht zu ...
Angewandt werden könne mit Leichtigkeit auch der
Paragraph neun. Der Paragraph neun verlangt, da§ von
jedem Stück, sobald die Expedition beginnt, ein
unentgeltliches Pflichtexemplar an die Polizeibehörde des
Ausgabeortes zu liefern ist. Den Paragraphen neun jedoch
muß eine revolutionäre Zeitung umgehen, damit die Zensur
sie nicht unter Heranziehung jener anderen Paragraphen
des Reichsgesetzes über die Presse beschlagnahmt und
verbietet, die öffentliche Aufforderung zum Ungehorsam
gegen Gesetze des Staates, Aufreizung zum Klassenkampf,
Beleidigung von Einzelpersonen und Institutionen,
Gotteslästerung, Verrat von Staatsgeheimnissen und vieles
andere mehr unter Strafe stellen. Jeden dieser Sachverhalte
erfüllen konspirative Blätter von der ersten bis zur letzten
Seite. Nun, und am Rande könnte man auch das Gesetz
über das Postwesen des Deutschen Reiches ins Spiel
bringen, das die Post allein berechtigt, periodische politische
Druckerzeugnisse zu befördern und zuzustellen -
ausgenommen die Verteilung in einem Umkreis von zwei
Meilen rund um den Verlagsort. Und die Redakteure
fremdsprachiger Zeitungen arbeiteten ja mit Gewißheit nicht
an einem Lokalanzeiger ... Das Pressegesetz jedoch schließt
von vornherein die Möglichkeit aus, der Post diesen Vertrieb
zu übertragen ... »Die Gesetzgeber wußten, wo Bartel den
Most holt!« schließt von Kopp zufrieden. »Man hat seine
Erfahrungen mit unerwünschten Gazetten, nicht wahr, und
den Leuten, die sie machen. Wenn Sie mich fragen: Mir sind
Zeitungsschreiber von jeher aus tiefster Seele verhalt, weil
Aufsässigkeit ihre Natur ist. Schwärmer, die glauben,
mittels des Tintenfasses die Welt verbessern zu müssen;
Intellektuelle ohne Staatsräson; von einer eingebildeten
Mission Besessene ...« Er winkt verächtlich ab und schweigt.
Oberst Subatow, Hochwohlgeboren, streicht seinen
gepflegten schwarzen Bart. Jetzt ist sein Lächeln
wohlwollend. Zum erstenmal goutiert er diesen jungen
Mann, der bisher einigermaßen unbedarft wirkte. Der
beherrscht zweifellos seine Mittel, der hat in Kolleg und
Seminar nicht geschlafen, und der zeigt vor allem eine
erfreulich handfeste, keineswegs von des Gedankens Blässe
angekränkelte monarchistische Gesinnung. Man kann mit
ihm rechnen. Der Offizier vom Sonderkorps der Gendarmen
nickt. Nein, es ist nicht Zeitverschwendung, mit diesem
Referendar zu sprechen. Er hat ihn geprüft und für gut
befunden.
»Es ist naheliegend, daß Uljanow nach Leipzig
kommt«, nimmt er seinen Faden wieder auf. »Deshalb habe
ich diese Reise gemacht.«
»Sehr zwingend, was Herr Oberst da entwickeln! Und
bestechend überzeugend, bei Lichte betrachtet ...«
Subatow schmunzelt. »Dasselbe, lieber Freund, habe
ich in Dresden schon einmal gehört. Von Ihrem
Innenminister. Exzellenz geruhte angesichts des
Verschwindens von Uljanow aus München auch zu
bemerken, daß keine Zeit zu verlieren wäre.«
So gestärkt und bestätigt, macht es sich Adelhelm
von Kopp bequem, lehnt sich gemütlich an und verschränkt
die Hände im Schoß. »Deckt sich vollkommen mit, meiner
eigenen Meinung! Höchste Eisenbahn, zu handeln!«
Der Oberst zieht unmerklich die Brauen hoch und
erreicht allein dadurch, daß sich der Referendar wieder
strafft. »Wollen Sie dann nicht sofort Ihre Maßnahmen
treffen, lieber Freund?«
Der andere schluckt, fühlt sich überrumpelt und wagt
doch nicht, zu bitten, man möge ihm als dem
Dezernatsleiter die Entscheidung überlassen, was getan und
gelassen wird. Er stammelt etwas, was wie ein »Mit Ihrer
gütigen Erlaubnis...« klingt, und greift fürs erste nach der
Porträtfotografie. »Diese Aufnahme ...?« fragt er verlegen.
»... steht zu Ihrer Verfügung! Also ...«
Hinter dem Besucher steht das Innenministerium
Seiner Majestät. So schnellt von Kopp bereitwillig hoch,
geht zur Tür und ruft scharf ins Vorzimmer:
»Kriminalsekretär Schneider! Alle! Sofort!«
Das bringt Bewegung in den kleinen Raum, der
ungeachtet der Tatsache, daß hier fünf Männer ihre
Arbeitsstätte haben, gegenüber von Kopps Büro bloß ein
Loch darstellt. Dieses Loch ist vollgestellt mit Aktenböcken
und tintenfleckigen alten Tischen, auf denen traurig
verbeulte Thermosflaschen, überfüllte Reklameascher und
handschriftlich verfaßte Berichte in trostlos grauen Heftern
herumliegen. Neben der Flurtür befindet sich eine Meßlatte,
in einem Regal daneben stapeln sich alte Bände des vom
Königlich Sächsischen Polizeirat Dr. Urban redigierten
»Eberhardts Allgemeiner Polizei-Anzeiger« mit fortlaufend
numerierten Steckbriefen, Täterbildern und Signalements in
Fahndung stehender Personen. Eine wahrhaft trostlose
Lektüre, dieses Blatt, aber die Beamten des operativen
Dienstes verbringen viele Stunden damit, sich die Porträts
einzuprägen, neben denen kein blaues Kreuz lakonisch
mitteilt, dieser Fall sei erledigt. Polizeialltag ...
Sie haben gerade zweites Frühstück gemacht und die
mitgebrachten Butterbrote aufgegessen, und der
Kriminalwachtmeister Bertram ließ sich wieder einmal des
langen und breiten darüber aus, welche
Entwicklungschancen man hätte, wenn man sich zum Dienst
in den Kolonien melden und auch genommen würde. Da
herrscht Bedarf - zu Neuguinea, Togo, Kamerun, Deutsch-
Südwest- und Deutsch-Ostafrika sowie Kiautschou ist in
diesem Jahr Samoa gekommen, und allerwegen hört man,
daß die »lieben Schwarzen« und »lächelnden Gelben« in
Wahrheit so lieb und lächelnd nicht seien, wie Reiseberichte
sie hinstellen. Ohne »Schutztruppen«, Marineinfanterie und
zuverlässige Polizeiorgane kämen die Eingeborenen wohl
noch öfter auf die Idee, eigentlich auch ohne weiße Herren
leben zu können. Da könne man sich als Polizeimann von
einigem Schneid auszeichnen. Nur leider ... Sachsens und
der anderen Bündnispartner Truppen waren gut, 1870/71
die Köpfe hinzuhalten und dann Spalier zu stehen, als
Bismarck den Preußenkönig zum Kaiser lancierte, aber in
den Kolonien haben die Preußen lieber allein die Finger im
Pflaumenmus. Eine Schande eigentlich ... Es ist nicht
uninteressant, Bertram zuzuhören. Der redet besonders von
Samoa, als wäre er schon dagewesen, habe hinter der
hufeisenförmigen, hauptsächlich aus Korallenriffen
gebildeten Bucht mit dem Hafen von Apia den vulkanischen
Vaea-Berg gesehen und sei am Strande unter
Brotfruchtbäumen spazierengegangen. Heute hat er sogar
ein Kästchen Stereobilder und einen zusammenklappbaren
Betrachter mitgebracht, um den Kollegen sein
Traumparadies näherzubringen, aber gerade, als er
auspacken will, scheucht sie von Kopps Kommandoruf auf
und beendet das zweite Frühstück abrupt.
Sie springen auf, sie nehmen hastig ihre Sakkos von
den Stuhllehnen und drängen ins Allerheiligste. Oberst
Subatow sieht bei diesem eiligen Eintritt der Männer noch
recht gut, daß sie ausnahmslos rohlederne Schulterhalfter
auf der Weste tragen und daß aus den Halftern die Kolben
der nicht eben kleine Dienstrevolver ragen. Er ist weit davon
entfernt, hieran Anstoß zu nehmen. Im Gegenteil - das
berührt ihn anheimelnd.
Der Referendar demonstriert unbändigen
Tatendrang.
»Fahndung, meine Herren!« verkündet er energisch.
»Gesucht wird der zur Zeit im Deutschen Reich lebende
Uljanow, Wladimir Iljitsch. Dreißig Jahre alt.
Rechtsanwalt...«
»... und seit rund zehn Jahren als marxistischer
Journalist tätig!« fällt ihm Subatow mit erhobener Stimme
ins Wort, um das Wesentliche hervorzuheben. »Dank der
deutschen Herkunft seiner Mutter spricht er Ihre Sprache
fließend. Das erschwert die Suche nach ihm und erleichtert
es Uljanow, hierzulande unterzutauchen. Er hat Bücher und
Broschüren zersetzenden Inhalts publiziert, ist der
fortgesetzten Aufreizung zum Klassenkampf überführt ...«
»Strafbar nach dem Reichspressegesetz,
Herrschaften!« schaltet sich von Kopp wieder ein, und
gehorsam wenden sich alle Köpfe für einen Augenblick ihm
zu, ehe sie zu dem sitzen gebliebenen großen Mann aus der
Fremde zurückschwenken.
»... und der Herausgabe und der Expedition einer
illegalen aufrührerischen Zeitung von Leipzig aus hinlänglich
verdächtig«, spricht Subatow seinen Satz zu Ende, als hätte
es keine Unterbrechung gegeben.
»Also ...«, reißt der Referendar die Einweisung
wieder an sich und zieht die Nutzanwendung seiner vorhin
dargelegten theoretischen Kenntnisse. »Strafverfolgung
nach Paragraph sieben, acht, neun und anderen des
Reichspressegesetzes sowie Gesetz über das Postwesen des
Deutschen Reiches, Postzwangsparagraphen. Schneider!« Er
reicht dem vortretenden hageren Kriminalsekretär die
Porträtaufnahme. »Dies sofort zur Fotoabteilung!
Reproduktion. Mindestens zwei Dutzend Abzüge. Marsch!«
»Wird umgehend erledigt...«
»Bertram!« Und als der sportlich trainiert wirkende
Samoa-Liebhaber in seinem unternehmungslustigen
Golfanzug mit der knappen Kniebundhose zu karierten
Kniestrümpfen einen Schritt vor tut und die Hacken klappt,
befiehlt er: »Die Bahnhöfe nehmen Sie sich vor! Vor allem
den Bayrischen; dort kommen die Münchner Schnellzüge
an. Berücksichtigen Sie bei Ihren Erkundigungen, daß
Uljanow schon hier sein kann. Sie behalten die Bahnhöfe bis
auf Widerruf im Auge. Ab!«
Erneutes Hackenklappen, scharfe Wendung ...
Kriminalwachtmeister Koch wird als nächster
aufgerufen und bemüht sich verzweifelt, den Bissen
hinunterz uschlucken, den er noch im Munde hat. Er läuft rot
an bei dem vergeblichen Versuch und hofft nur, er werde
nichts sagen müssen. Koch ist ein fetter, kleiner Mann mit
pomadeglänzendem Haar und Schnurrbart, bewegt sich
jedoch mit der würdevollen Geschmeidigkeit einer
überfütterten Hauskatze. Auf der Straße würde man ihn für
einen Grand-Hotel-Kellner oder für den Seniorverkäufer
einer Parfümerie im Zentrum halten. Ihm wird aufgetragen,
bei den Droschkenkutschern und Elektrowagenfahrern zu
recherchieren, die ihren Stand vor dem Bayrisches Bahnhof
haben, und bei den Schaffnern der dort vorüberführenden
Straßenbahnlinie. Sodann soll er systematisch die
Hotelportiers befragen. »Dito die Pensionsinhaber,
einschließlich der billigsten und unbedeutendsten«, schärft
ihm von Kopp ein. »Sie besonders! Oder ist Uljanow auf
Rosen gebettet?«
Die Frage geht an Subatow, der mit einem
verächtlichen Lächeln erwidert: »Welcher Berufsrevolutionär
ist das? Er wird billiges Quartier nehmen.«
»Wie ich sage, Koch!« wendet sich der Referendar
wieder an seinen Mann. »Wer ihn gesehen hat, wird sich mit
Sicherheit erinnern. Für einen Dreißigjährigen besitzt der
Herr erstaunlich gelichtetes Haar. Benutzen Sie das! Gehen
Sie.«
Koch klappt die Hacken nicht. Mit einer verbindlich-
schmierigen Verbeugung, die seinen Chef jedesmal von
neuem ärgert, gibt er zu verstehen, daß er verstanden hat.
Koch ist heilfroh, als er endlich wieder draußen ist. Der
immer noch nicht verschluckte Bissen quillt im Munde. Der
Kriminalwachtmeister speit ihn angewidert in den
Papierkorb und greift nach Mantel und Melone. Bertrams
Sportmütze und sein karierter Havelock — der Mantel ohne
Ärmel, aber mit einer hüftlangen Pelerine — sind bereits
weg.
Im Büro des Dezernatsleiters wartet nur noch ein
Mann auf Befehle, ein Oberlehrertyp mit beherrschtem,
klugen Gesicht und einem Kneifer am Seidenband. Er blickt
so sorgenvoll drein, als habe er in der Oberprima lateinische
Kommentare zu Cäsars »Gallischem Krieg« zu zensieren.
Das ist Wolter, Kriminalwachtmeister Wolter. Er erhält den
Auftrag, sich die graphischen Großbetriebe der Messestadt
vorzunehmen, die kyrillische Lettern besitzen. Mit Hilfe der
Betriebsingenieure soll er, soweit möglich, Fehlbestände im
Schriftvorrat suchen, und mit Hilfe der Hauskorrektoren, die
der Sprache mächtig sind, vorliegenden Neusatz daraufhin
untersuchen, ob die Arbeiter an Setzmaschinen und -kästen
nicht nebenbei und insgeheim Texte absetzten, die durch
keinen offiziellen Druckauftrag gesegnet sind. Da hat man in
Leipzig schon die tollsten Sachen erlebt... »Aber ich habe«,
versichert der Referendar seinem Gast beruhigend, »bereits
ein beinahe lückenloses Verzeichnis der in unserer
Messestadt vorhandenen deutschen, lateinischen und auch
fremden Schriften erarbeitet, Herr Oberst. Eine wahre
Sisyphusleistung, wenn ich mir die Bemerkung erlauben
darf, doch sie befähigt uns, immer an der richtigen Stelle
anzusetzen.«
»Sehr tüchtig«, anerkennt Subatow, »und
nachahmenswert. Mein Kompliment! Man hatte in Dresden
recht. Sie zu empfehlen.«
Adelhelm von Kopp bedankt sich mit einer leichten,
wiederum sehr kommersmäßigen Verbeugung von
vollendeter Eleganz, ehe er Wolter losschickt. Der zieht
zweimal die Hacken zusammen, einmal vor dem Fremden,
einmal vor dem Referendar. Er legt Wert auf gute
Umgangsformen. Dabei übertreibt er das Militärische nicht
und wirkt auch keineswegs komisch.
»Brauchbarer Mann«, denkt Subatow. »Exakt richtig
für dieses Dezernat!«
Der brauchbare Mann, schon nebenan, steckt noch
einmal den Kopf herein. »Sofern Uljanow, Wladimir Iljitsch,
in unserem Gesichtskreis auftaucht - befehlen Sie,
zuzugreifen?«
Der Referendar sieht fragend zum Oberst, und weil
der kaum merklich mit den Augen verneint, erwidert er:
»Unterstehen Sie sich. Ich wünsche fürs erste ausschließlich
Observation, aber eine Observation, der kein Schritt und
nicht einmal eine Handbewegung Uljanows entgeht, selbst
die allerallgemeinste Geste nicht. Dazu Verbindungen,
Anlaufstellen, Kontakte - die alten Leute vom Außendienst
wissen schon. Ich werde laufend informiert! Ist das klar?«
»Das ist klar, Herr Referendar.«
Die Tür klappt. Adelhelm von Kopp reibt sich
unternehmungslustig die Hände. »Ich könnte mir vorstellen,
daß Uljanow zu seinem Leipziger Klüngel Kontakt aufnimmt.
Zu Emigrantenfamilien, zum Russischen Akademischen
Verein ...«
»Wenn er nicht sogar dort unterkriecht. Das ist auch
eine Möglichkeit«, nimmt Subatow die Bemerkung lebhaft
auf. »In dieser Richtung haben Sie noch keine Befehle
erteilt.«
»Dafür«, schmunzelt der Referendar und besitzt
Oberwasser, »ist vorgesorgt. Für diese Strecke besitze ich
einen ausgezeichneten Mann. Einen Wachtmeister Reichert.
Er kontaktiert gerade mit einem russischen Studenten. Wir
haben unter denen wie unter den Emigranten natürlich V-
Leute.«
»Natürlich«, entgegnet der Oberst in einem Ton, der
Verwunderung über die betonte Erwähnung einer solchen
Selbstverständlichkeit auszudrücken scheint.
»Wenn in diesen Kreisen etwas anläuft«, beeilt sich
von Kopp daher, fortzufahren, »müßte es mit dem Teufel
zugehen, wenn es uns nicht zugetragen wird. Reichert ist
gerade dabei, die V-Leute zu erhöhter Aktivität
anzuspornen. Er sorgt auch dafür, daß wir gezielte Aufträge
ohne Zeitverlust morgen an sie weitergeben können.«
»Sehr begabt!« lobt der Ochrana-Mann und greift
neuerlich nach der Papiros-Schachtel. Seine Fingerkuppen
sind gelb von Nikotin; er raucht gleichsam pausenlos.
Der Referendar reicht Feuer und setzt sich wieder.
»Ich tue, was ich kann und was sich im Rahmen unserer
Möglichkeiten machen läßt«, versichert er. »Sofern Uljanow
kommt oder schon hier ist, werden wir ihn nach allen
Regeln der Kunst feststellen und einkreisen. Den Rest, Herr
Oberst. ..«
Subatow nickt. »... überlassen Sie mir! Was sollen
Sie sich auch noch mit unseren russischen Roten belasten,
nicht wahr? Sie haben da, glaube ich, im eigenen Lande
genug zu tun.«
Diese Bemerkung zu deuten fällt dem Referendar
einigermaßen schwer. Klingt sie nicht gar, als tadle der
Oberst ein nach seiner Meinung vielleicht zu lasches
Vorgehen der hiesigen »hohen« Polizei gegenüber allem,
was nicht fest zu Thron und Altar steht? Na, der hat gut
kritisieren! In seinem eigenen Reich ist noch kein Otto von
Bismarck, als er gerade für alle Ewigkeit im Sattel zu sitzen
schien, durch eine Arbeiterpartei aus dem Verkehr gezogen
worden ... Daran kann man nicht einfach vorbeigehen.
7

Im »Kaffeebaum« nahe der Thomaskirche haben sie


einen Edison-Phonographen. Hin und wieder zieht ihn der
Oberkellner persönlich auf. Dann klingen, aus einer
rotierenden Walze hervorgelockt, Weihnachtslieder durch
das intime Café. Das besitzt immer noch die behagliche,
anheimelnde Gemütlichkeit, die wohl seinerzeit den
Thomaskartor Bach gern hier verweilen ließ. Womöglich
bevorzugte auch er den Vormittag für eine besinnliche
Kaffeestunde; da ist die Zahl der Gäste klein; da kann man
ungestört den eigenen Gedanken und Plänen nachhängen,
in aller Ruhe Zeitung lesen oder sich unterhalten, ohne der
Nachbarn am anderen Tisch wegen leise sprechen zu
müssen.
Es liegt in Kriminalwachtmeister Reicherts Natur, daß
er dann und wann mit schnellem Rundblick die anderen
Gäste mustert und mißtrauisch prüft, ob da nicht jemand
ist, der ihn und seinen jungen Informanten beobachtet und
insgeheim registriert, wie viele süße Törtchen, welche Berge
von Schlagsahne und wie viele Kannen Kaffee jener zu
Lasten des Verfügungsfonds eines königlichen Polizeiamtes
verzehren darf. Aber nein, sie beide werden wohl nicht
observiert.
Da sitzt in der Nähe eine würdige Matrone, die
anscheinend die Fräulein Töchter von der Bahn abgeholt hat
- zwei geradezu mondän gekleidete junge Damen. Die eine
plappert mit viel Prusten und Lachen von Nichtigkeiten des
vornehmen Internats, aus dem sie und die Schwester wohl
eben kommen. Die andere, ältere tuschelt mit einem
Fähnrich im knappsitzenden lindblauen Rock der
sächsischen Gardereiter. Sie überläßt ihm willig ihre
schönen schlanken Hände und hat einen feinen, erregten
Glanz in den Augen. Der Verlobte vermutlich, zur
Begrüßung extra aus Dresden angereist...
Ein Stück hin sind zwei distinguierte Herren,
vielleicht Universitätslehrer, in die ernsthafte Diskussion
über ein vor ihnen liegendes illustriertes Blatt vertieft. Sie
streichen ihre Vollbärte, rücken an dünn gefaßten Brillen
und wären sicher unangenehm berührt, wenn sie wüßten,
daß der unscheinbare Mensch mit der wie ausgefransten
Haarbürste dort, Reichert, mit intuitiver Sicherheit errät,
worüber sie sprechen. Dazu bedarf es keiner hellseherischen
Begabung; der Kriminalwachtmeister kennt die Zeitschrift
und sieht, welche Seite aufgeschlagen ist. Es handelt sich
um die »Nové ilustrované listy«, die in Prag und Brno
erscheint, und das Gespräch kreist offensichtlich um das
Bild, das darstellt, wie der Burenführer Paulus Krüger sich in
diesem Monat nach seiner Ankunft in Marseiile im
Hotelzimmer von drei Lichtbildnern für die Presse
fotografieren ließ. Er sitzt da, ein schwerer, massiger Mann
mit wallendem weisen Bart, in einem Sessel, ein Jüngerer
steht neben ihm, und gleichsam im Halbkreis vor ihnen
haben die Fotografen ihre Apparate aufgebaut.
Kriminalwachtmeister Reichert kennt das Bild.
Reichert klopft die erkaltete Asche aus dem
Pfeifenkopf - denn er ist ein eingeschworener Pfeiferaucher -
und konstatiert mit Genugtuung, daß er trotz gedanklicher
Abschweifungen behalten hat, was der Informant
unterdessen sagte. Es ist alles Übung. Der
Kriminalwachtmeister zieht die Bambushülse von der
Kopierstiftspitze, die er vor dem Schreiben
gewohnheitsmäßig mit der Zunge anfeuchtet, und macht ein
paar Notizen. Immer, wenn er etwas zu Papier gebracht
hat, klappt er den Deckel des Taschenblocks wieder zu, als
fürchte er ständig eine Einsichtnahme durch Unbefugte.
»Das war umsichtig«, urteilt Reichert, als habe er
ununterbrochen aufmerksam zugehört. »Sofern es jetzt ein
allgemeiner Trend unter den Emigranten und Studenten ist,
Herrn Marx anzubeten, müssen Sie das natürlich
mitmachen, sonst kommen Sie da nicht voran.« Er kratzt
sich hinterm Ohr und schüttelt ein wenig den Kopf. »Aber
das ist neu, wie? Wie kommt es denn, daß die alte
Grüppchenbildung nicht weiterzugehen scheint? Es sah doch
aus, als würden sich die Herrschaften glücklicherweise
niemals zusammenfinden ... Kippen etwa gar die
Volkstümler um, bei denen Sie bisher ...?«
Der Student rülpst dezent hinter der vorgehaltenen
Hand. Dann lehnt er sich zurück, schlägt die Beine
übereinander und erklärt: »Der Stamm ist
selbstverständlich bei der Stange geblieben. Aber die
anderen ... Kaum noch Neuzugänge, verstehen Sie? Alles in
allem eine rückläufige Tendenz... Ich habe noch rechtzeitig
die Kurve gekriegt, als ich mit den Kommilitonen ging, die
neuerdings die Volkstümler-Thesen als blanken Hohn
deklarieren. Sie kennen ja diese Thesen: Die Bekämpfung
der Selbstherrschaft ist unnötig. Die Regierung Seiner
Majestät steht patriarchalisch über den Klassen und wird
den einfachen Menschen helfen. Man muß lediglich die an
sich wohlgesonnenen Behörden zu einigen Reformen
veranlassen, um zu verhindern, daß das tüchtige
Bäuerlein und damit die Mehrzahl meiner Landsleute mehr
und mehr bei den Großbauern verschulden und in
Abhängigkeit von ihnen geraten. Und so weiter... Nun, man
tendiert jetzt dazu, das als ein Wunschdenken zu
disqualifizieren, das von der rauhen Wirklichkeit ad
absurdum geführt wird. Die so sprechen, sind noch die
Gutwilligen.«
»Und die Böswilligen?«
»Die Böswilligen«, nimmt der Student das Stichwort
auf, »behaupten, daß die Volkstümler in ihrer heutigen
Form ausschließlich die Interessen der reichen Kulaken und
damit der Oberschicht in den Dörfern vertreten, daß sie also
falsche Volksfreunde sind. Das ist ein vernichtendes Urteil,
Herr Reichert! Vergessen Sie nicht, daß all die Grüppchen,
von denen Sie sprachen, letztendlich durch die Behauptung
Anhänger finden, daß sie nach einer Besserung der
Lebensverhältnisse unserer russischen Menschen streben.
Diese Besserung liegt der Mehrzahl der Intellekt uellen
meiner Heimat am Herzen - so fremdartig das für deutsche
Ohren klingen mag.«
Darauf geht der Kriminalwachtmeister nicht ein. Er
blättert in seinem Block vor- und rückwärts und erinnert
sich früherer Gespräche mit dem Informanten. »Ich dachte
bisher«, dehnt er, »daß gerade die Volkstümler mit
Leichtigkeit ihre Anhänger... Sie erschrecken die Leute nicht
mit Gedanken eines Umsturzes von Grund auf, sie knüpfen
an an das, was den Leuten jahrhundertelang eingehämmert
wurde und ihnen in Fleisch und Blut überging, an den
Glauben, an die väterliche Güte Seiner Majestät, an die
Möglichkeit von Reformen ... Und nun auf einmal...?«
Der Studiosus — Mediziner ist er übrigens — zuckt
die Achseln. Er hat eine Zigarre bestellt und wählt nun
sachverständig in der geöffneten Kiste, die ihm der
Oberkellner zuvorkommend darbietet. Erst, nachdem er
eine Virginia entnommen und bedächtig den in sie
eingezogenen Strohhalm entfernt hat, erwidert er: »Das ist
ein Prozeß, lieber Herr, der schon eine ganze Weile
schwelte. Daß er mir eine Zeitlang verborgen blieb - nun,
ich habe keine politischen Ambitionen, wie Sie wissen; ich
kümmere mich um das alles nur, um Ihnen gefällig zu sein
und weil das Salär sehr schmal ausfällt, das ich von daheim
erhalte ... Immerhin bin ich aber dahintergekommen, was
diese Bewegung auslöste.« Er beugt sich zu der auf dem
Tisch brennenden Kerze, raucht seine Zigarre an und spricht
dann sofort weiter: »Das waren die von einem gewissen
Uljanow, Wladimir Iljitsch, in einem Buch zur Geschichte des
Kapitalis mus in Rußland dargelegten Erkenntnisse.
Blendender Kopf übrigens, brillante Feder... Seiner Meinung,
daß die Volkstümlerbewegung aus einer revolutionären zu
einer liberalen Richtung geworden sei, schließen sich mehr
und mehr Kommilitonen an. Ebenso seiner These, daß die
allgemeindemokratischen und von ihm als achtbar
bezeichneten Forderungen der ursprünglichen
Volkstümlerbewegung heute nicht mehr von den
Volkstümlern, sondern - und das exakter, tiefer und weiter,
als diese es jemals vorhatten - nur von den Marxisten
vertreten würden, und zwar im politischen Kampf der
Arbeiterklasse im engsten Bündnis mit der Bauernschaft.
Zumindest leuchtet jedem ein, daß die Arbeiter weder
Grund noch das Bedürfnis haben können, die Interessen der
Kulaken zu vertreten - sogar mir!«
Er scheint diese Bemerkung für einen guten Witz zu
halten, denn er lacht.
»Und das will schon etwas bedeuten«, bestätigt der
Kriminalwachtmeister mit so viel Verbindlichkeit, wie er
eben aufzubringen vermag. »Es hätte nichts geschadet,
wenn Sie ein wenig eher...« Er bricht gleich wieder ab,
schüttelt verdrossen den Kopf und schaut traurig der
Matrone zu, die samt ihrer Begleitung zum Aufbruch rüstet.
Mama und die ältere Tochter haben bereits die Mäntel an,
der jüngeren hilft der Fähnrich eben höflich in den ihren.
Dann nimmt er aus den Händen des Oberkellners den
eigenen Mantel, die schneidig gekniffte Mütze und seinen
Kavalleriesäbel entgegen. Das Trinkgeld muß enorm
gewesen sein - seine Höhe wird aus Häufigkeit und Tiefe der
Verbeugungen des Oberkellners annähernd erkennbar. Und
draußen steht auch bereits eine wartende Droschke ...
Er räuspert sich, leckt abermals die Kopierstiftspitze
an und zwingt sich zu fortgesetzter Sachlichkeit.
»Wenn ich Sie recht verstehe, ist also die
Anhängerschar des Herrn Struve gewachsen. Nicht
uninteressant ...«
Gerade so wünscht der Studiosus seine
Ausführungen nicht verstanden zu sehen. Nein, zu Herrn
Struve und seinen »legalen Marxisten« seien die
Kommilitonen nicht übergegangen, widerspricht er. Allein,
daß die »legalen Marxisten« in Rußland offizielle Zeitungen
und Zeitschriften haben dürften, mache sie den Emigranten
aufs höchste verdächtig und als Träger eines revolutionären
Gedankens unglaubwürdig. Die Russen in Leipzig schlössen
sich mehr und mehr der scharfsinnigen Argumentation des
besagten Uljanow an, die sogenannten legalen Marxisten
seien in Wahrheit verkappte Wegbereiter des Kapitalismus,
die die Volkstümler und deren Eintreten für die
Kleinproduktion angreifen, weil sie diese als einen
Hemmschuh auf dem Wege zur vollen Entfaltung der
Industrieproduktion betrachten. Uljanow sehe in den
Struve-Leuten eine Gruppe, wie es ähnliche auch in
westeuropäischen Ländern gäbe - eine Gruppe, die sich als
Marxanhänger ausgibt, dieses Aushängeschild jedoch dazu
benutzt, die Lehre von Marx zu entstellen und sie des
revolutionären Inhalts zu berauben. »Dieser Richtung treten
Uljanows Anhänger unversöhnlich entgegen«, schließt der
Informant. »Für sie sind, wenn ich das richtig sehe, die
Grundlagen des Marxismus nun einmal die Lehre von der
sozialistischen Revolution und der Diktatur des Proletariats.
Struves Forderung, unsere Kulturlosigkeit
anzuerkennen und beim Kapitalismus in die Lehre zu
gehen, lehnen sie rundheraus ab. Es ist eine andere
Richtung, wie ich meine. Eine gefährlichere, wie ich
überzeugt bin.«
Der Kriminalwachtmeister unterstreicht den notierten
Namen - Uljanow, Wladimir Iljitsch. »Kaum vorstellbar«,
murmelt er, »daß dieser Mensch es durch ein Buch geschafft
hat, diese Umstrukturierung zu erreichen. Durch nichts als
ein Buch ...«
»Man sagt mir, er sei ein großer Publizist. Er
behaupte nicht, er beweise. Und überzeuge durch die
unantastbare Logik seiner Kommentare. Nun wünschen sie
sich nichts sehnlicher, als ihn einmal hier zu haben und mit
ihm disputieren zu können. Na, wenn er nur halb so gut
redet, wie er schreibt, steckt er sie alle in die Tasche. Dann
können Sie, lieber Herr, statt Russischer Akademischer
Verein und Emigranten gleich die Partei Uljanows sagen.
Die wenigen anderen zählen dann nicht mehr.«
»Und wird er kommen?« erkundigt sich Reichert mit
so farbloser Gleichgültigkeit, daß diese einen geübteren
Spitzel als den angehenden Mediziner hellhörig machen
müßte. Aber dem sagt der falsche Ton nichts. Er erzählt
bereitwillig, es sei wohl versucht worden, Uljanow
einzuladen, doch ob eine Antwort erfolgt sei, ob eine Zusage
gekommen wäre ... Er, der Student, habe erst kürzlich die
Volkstümler verlassen ...
»Recherchieren Sie das! Recherchieren Sie das
unbedingt!« bestimmt der Kriminalwachtmeister. Wichtig
ist, daß er, Reichert, seinem Referendar Neuigkeiten
aufzutischen weiß, die die Stellung des künftigen
Kriminalrats vorteilhaft beeinflussen und damit auch seine
eigene Position. Was er heute erfahren hat, wird das
Innenministerium wohlwollend zur Kenntnis nehmen und es
dorthin weiterleiten, wo man etwas damit anzufangen weiß.
»In diesem Sinne also«, sagt er. »Sie würden auf
Dankbarkeit rechnen können, wenn Sie schon bis morgen
etwas wüßten. Gegebenenfalls würde ich mich bewogen
fühlen, Ihre - hm, Aufwandsentschädigung angemessen
zu erhöhen ...«
***
Sie sind allein in der kleinen Druckerei, Ilse Rauh
und ihr Mann. Hermann hat die Nickelbrille aufgesetzt, die
er zum Lesen fast immer und zum Setzen meist benutzt,
hat sich am Schreibtisch niedergelassen und redigiert die
letzten Beiträge für die »Arbeiter-Turnzeitung«. Es sind
zumeist kurze Berichte über die Arbeit einzelner
Arbeitersportverbände, in einer schlichten, schmucklosen
Sprache geschrieben, in knappen Sätzen und manchmal
unbeholfen formuliert. Das ist nicht wichtig, dem kann Rauh
abhelfen. Wichtig sind die Inhalte der Meldungen -
Nachrichten von organisatorischen und sportlichen Erfolgen,
von gewachsenen Mitgliederzahlen und festem
Zusammenhalt. Darauf kommt es an. Durch ihre Weitergabe
verbindet die »AT« die einzelnen Verbände, schließt sie
enger zusammen, macht sie zu einer Gemeinschaft.
Während Hermann in seiner blauen Arbeitsjacke so
sitzt, geht Ilse leise durch die Druckerei. Paul Thomas ist
nicht da, den hat der Meister mit Aufträgen hinausgeschickt,
und Emma macht sich drüben im Haushalt nützlich. Auf
diese Weise ist hier Gelegenheit für ein paar ordnende
Handgriffe.
Rauh hebt flüchtig den Kopf. Er kennt seine Ilse; er
weiß, daß ihre augenblickliche Beschäftigung nur ein
Vorwand ist. »Schieß los!« sagt er in die Stille hinein. »Wo
drückt dich der Schuh?«
Sie geht gleich zu ihm und versucht nicht zu
bestreiten, daß er recht hat. »Unser Gast...«, beginnt sie
lebhaft. »Wie ihr ihn alle behandelt, das macht mich
neugierig. Marchlewski, Nusperli und du... Haben wir das
Buch, von dem ihr gesprochen habt?«
»Nein«, bedauert er sofort. »Leider... Ich bekam es
nur leihweise für ein paar Tage, und da war es schon so
zerlesen, daß es eigentlich bloß noch aus fliegenden Blättern
bestand. Es ging von Hand zu Hand, weißt du ...«
»Schade.«
Hermann redigiert Artikel, streicht, stellt um,
formuliert einen Satz neu, schüttelt manchmal unzufrieden
den Kopf und fängt noch einmal von vorn an.
Und lächelt, als seine Frau unvermittelt fragt: »Weißt
du nichts, womit wir ihm eine besondere Freude machen
könnten?«
Das ist so ihre Art, Anteilnahme und Bewunderung
auszudrücken.
***
Zu guter Letzt hat Oberst Subatow, ehe er sich
mittels eines Motorenwagens des Polizeiamtes in sein Hotel
begab, Adelhelm von Kopp ein - wie er sagte - bescheidenes
Erinnerungsgeschenk überreicht. Der Referendar sah darin
richtig ein Zeichen wohlwollender Anerkennung seitens des
mächtigen Mannes aus den Reihen der Ochrana, fühlte sich
erhoben und geehrt und brachte das in gewählten Worten
gebührend zum Ausdruck. Als er das handlange
saffianlederne Etui öffnete, verschlug es ihm allerdings die
Rede. Von solchen kaum spannenlangen, aber voll
funktionstüchtigen Miniaturrevolvern aus den Werkstätten
der Büchsenmacher in Tallin hat von Kopp schon gehört;
Waffensammler wiegen solche Wunderwerke handwerklicher
Präzisionsarbeit geradezu mit Gold auf - und Subatow
reichte das Etui herüber, als trenne er sich bestenfalls von
einer Packung Zigaretten seiner Lieblingssorte! Ein
ungewöhnlicher Mann, wahrhaftig.
Der Referendar ließ sich noch einmal Kaffee kochen.
Nun raucht er mit Genuß eines seiner Zigarillos, fühlt sich
wohl und sucht die winzige Waffe zu ergründen. Ganz
einfach ist es nicht, die Patronen von der Dicke einer
starken Bleistiftmine in die kleine Tro mmel zu bringen, aber
es gelingt. Gleich hier im Büro einen Probeschuß zu tun,
verkneift sich von Kopp — die niedlichen Dinger sollen eine
verblüffende Durchschlagkraft besitzen.
Gut gelaunt nimmt er den Telefonhörer ab, als die
Klingel des Apparates anspricht, und gut gelaunt meldet er
sich. Sein Gesicht erhält, sobald am anderen Ende der
Leitung die ersten Worte gefallen sind, sofort einen
konzentrierten, ja, lauernden Ausdruck.
»Woher sprichst du denn, Paul?« erkundigt er sich.
»So? Na, dann faß dich ganz kurz und sage nur das
Wichtigste, damit du in deinem Postamt nicht auffällst. Wir
treffen uns lieber irgendwo ...«
Das Telefonat endet rasch. Adelhelm von Kopp
schmunzelt spöttisch, als er abhängt, abläutet und die
Vorzimmerklingel betätigt. Fast augenblicklich tritt der
hagere Kriminalsekretär Schneider ein.
»Die Aufnahmen sind gemacht. Sie wässern
gerade«, meldet er. »Die Personenbeschreibung wird auf
Schreibmaschinen getippt, weil das schneller geht. Sobald
ich das Material habe, schwärmt die ganze Einsatzgruppe
aus.«
Der Referendar nickt ihm zu und erklärt gönnerhaft,
solche Organisationsarbeit wisse er bei einem so
gewissenhaften und korrekten Manne in den besten
Händen.
»Nun mal etwas anderes, Schneider. Ich brauche bis
heute abend die letzten Nummern der Allgemeinen
Automobil-Zeitung. Erscheinungsort ist die k. u. k.
Residenzstadt Wien. Das Blatt wurde erst in diesem Jahr
gegründet.«
Der Sekretär sieht ihn interessiert an und fragt, ob
der Herr Referendar die Absicht habe, sich einen Wagen...
Von Kopp schüttelte den Kopf. »Halten Sie mich für
verrückt? Pferd bleibt Pferd, wenn Sie mich fragen. Aber ich
habe da einen Autonarren unter meinen Informanten, und
kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.«
Schneider blickt auf das Saffianlederetui auf dem
Schreibtisch und versichert, es werde alles prompt erledigt
werden.
»Noch etwas!« hält der Referendar ihn zurück, als
sich der Sekretär schon zum Gehen wendet . »Der Einkauf
geht zu Lasten des Verfügungsfonds, wie sich am Rande
versteht.«
»Wie sich versteht!« wiederholt Schneider trocken.
8

An diesem Abend dunkelt es noch früher als sonst im


Dezember. Es schneit wieder, und die tiefziehenden Wolken
beschneiden das letzte Tageslicht. Die Gaslaternen in der
Probstheidaer Hauptstraße zeichnen zischend kleine gelbe
Inseln auf die Schneedecke. Um die Glaskörper der
Gaszylinder herum wirbeln die Flocken so dicht, daß sie
förmlich eine Mauer um die Lampen stellen. Die tagsüber
festgetretenen gefegten Wege versinken im Schnee. Den
treibt ein mäßiger Wind auch gegen die erleuchteten
Fenster der umliegenden Bauerngehöfte und der nahen
Großgärtnerei und hängt ihn davor wie einen schirmenden
Vorhang, der die Geborgenheit geheizter Räume noch
abgeschiedener und stiller macht. Die Straßen veröden
schnell. Noch bringt die Pferdebahn Arbeiter aus Leipziger
Fabriken nach Hause, noch laufen eilige Frauen zum
Kaufmann, eine vergessene Besorgung in letzter Minute
nachzuholen, aber sie alle halten sich nicht auf und gehen,
auf dem kürzesten Wege unter schützende Dächer zu
gelangen. Im Sommer hat man Zeit für einen gemütlichen
Schwatz vor der Haustür und im behaglichen Schatten der
Straßenbäume. Dann macht es Freude, den Tauben
zuzuschauen, die sich in einer letzten bogenförmigen Runde
zum blauen Himmel erheben, ehe sie für die Nacht in ihre
Schläge heimkehren, doch jetzt... In diesen rauhen Monaten
lockt nichts so sehr wie die eigenen vier Wände.
Paul Thomas hat sich - darauf legt der Meister Wert -
nach getanem Tagwerk die Hände gewaschen und schlüpft
in seine Joppe, als Emma aus dem Wohnhaus
herübergelaufen kommt und vor das Nagelbrett tritt. Sie
beide sind allein in der kleinen Druckerei, Hermann Rauh ist
schon hinübergegangen.
Emma sucht in den Fahnenabzügen herum und
nimmt dann einen vom Nagel. »Vati will noch einmal
hineinsehen, weißt du«, wirft sie hin. »Da gibt's wohl einen
Absatz, der ihm gar nicht gefällt.«
»Du liebe Güte!« seufzt Paul. »Dann setze ich den
Quatsch morgen noch mal.« Er nimmt seine Pudelmütze
heraus und zerrt sie sich über den strubbligen Haarschopf.
»Machs gut, Emma! Ich brause ab!«
Sie hat Lust, noch ein bißchen zu stänkern. »Hast es
heute aber eilig! Sieht ja aus, als hättest du eine neue
Detektivgeschichte zu Hause.«
Damit kann sie ihn nicht ärgern. Er sieht sie
überlegen an.
»Stimmt sogar genau! Eine Studie in
Scharlachrot, ganz toll! Das ist mal ein Held, sage ich dir!
Sherlock Holmes heißt er. Über ihn müßte es noch viel mehr
Bücher geben. Wenn du magst, pumpe ich dir dieses.«
Er weiß gleich, daß es falsch war, ihr das
gutgemeinte Angebot zu machen. Pro mpt hebt sie die
Schultern und entgegnet schnippisch: »Wenn du nichts
anderes hast...« und geht, die Fahne schwenkend, zur Tür.
»Gans!« knurrt er leise und böse.
Sie hat es trotzdem gehört und wendet sich um.
»Was war das?« erkundigt sie sich katzenhaft freundlich
und kommt kampflustig einen Schritt näher.
Paul steht schon wie auf Kohlen und hat keine Zeit
zu verlieren, erst recht nicht mit solchen Kindereien; wie er
ein wenig von oben herab denkt. Auf ihn warten wichtigere
Angelegenheiten.
»Ganz schön kalt heute, wollte ich sagen«, kriegt er
hastig die Kurve. »Wenn du mich nur einmal ausreden
ließest. ..« Er geht demonstrativ auf den Ausgang zu. »Bis
morgen.«
Sie bedauert, daß aus dem schönen Streit nichts
wird. Einen letzten Versuch unternimmt sie noch, doch der
fällt ziemlich schwach aus. »Bis morgen! Und schlaf bloß
nicht ein über dem Schmöker.«
Dem weiß er zu begegnen: »Es ist ja keine
Liebekleine-Mädchen-Geschichte, Emma.«
Damit ist er draußen.
»Blöder Bengel!« ruft sie hinter ihm her und wendet
sich ins Haus. Wenn schon aus dem schönen Streit nichts
geworden ist - daß sie wenigstens das letzte Wort gehabt
hat, das tröstet ein wenig.
Paul geht pfeifend die Hauptstraße hinunter, auch er
recht zufrieden mit sich und gut gelaunt. Dazu kommt, daß
ihn die frühe Dunkelheit mit den gelben Lichtflecken der
Laternen wie ein Abenteuer berührt. Jetzt kann er sich
schön einen erregenden Gang ins Ungewisse ausmalen,
Schritte, von denen jeder Unerwartetes bringt, und im
Unsichtbaren eine geheimnisvolle, eine schweigend lauernde
Gefahr. Unternehmend stellt er den Kragen der Joppe hoch
und geht ein wenig breitbeiniger - so, wie Leute tun, die vor
Kraft kaum noch laufen können. Ja, und es würde ihn kein
bischen wundern, wenn plötzlich eine gutgekleidete Dame
aus einem Haustürschatten auf ihn zutreten und mit
rührender Hilflosigkeit sagen würde: »Ich weiß nicht mehr
ein noch aus, Sir! Helfen Sie mir, oder ich bin verloren ...«
Und dabei müßten über ihr wunderschönes Gesicht Tränen
rinnen. Genauso fangen die Geschichten oft an, die er liebt.
Es trifft ihn wie ein Schlag, als da plötzlich eine
Stimme ist, die unmittelbar neben ihm sagt: »Herr Thomas!
Paul!«
So sehr war der Junge in die bunten Phantasiebilder
eingesponnen, daß er auf den Mann nicht geachtet hat, der
hier auf und ab ging, als wolle er eben vor dem Heimgehen
etwas frische Luft schöpfen. Selbst wenn er ihn gesehen
hätte, wäre Pauls Aufmerksamkeit schnell wieder erloschen.
Ein begüterter Bürger, ein Rentier vielleicht, hätte er
gedacht, der auf seine beschauliche Weise den Tag
beschließt. Die karierten Knickerbockers, die pelzgefütterte
Windjacke, die flotte Reisemütze. . . Erst, als er den
Fremden näher betrachtet, erkennt ihn Paul an den
Säbelhiebnarben und dem zwischen den Zähnen gehaltenen
Zigarillo.
»Herr von Kopp?« fragt er überrascht. »Wahrhaftig,
ich hätte Sie nicht erkannt...«
Der Referendar nickt. »Wir haben doch neulich von
Verkleidungen gesprochen. Da siehst du, wie einfach das
ist, im Dunkeln noch dazu - ein anderer Anzug, und schon
läufst du an mir vorbei!«
»Das geschieht mir nur einmal! Bestimmt!«
versichert Paul mit einer Beschämung, die sich mit
Bewunderung paart. »Von Ihnen kann man eine Menge
lernen. Aber wir wollten uns doch im Restaurant...«
»Lieber nicht, mein Junge«, geht der Referendar
sofort darauf ein. »Hast du nicht gewußt, daß dort heute
eine Versammlung der SPD-Ortsgruppe stattfindet? Ich
habe es gerade im Vorbeigehen gelesen. Diskussion über
die revisionistischen Theorien eines gewissen Eduard
Bernstein... Dein Chef wird auch hingehen. Wenn er uns
zusammen sieht, macht er es dir vielleicht unmöglich, ihm
zu helfen. Er könnte sich gegängelt fühlen, und wer mag
das schon?«
Der Lehrling beißt sich auf die Lippen. Er muß
wahrhaftig noch viel lernen. Daß er nicht auf diese
Versammlung aufmerksam wurde... Zu dumm! Rasch und
verlegen erwidert er: »Wir lassen ihn besser ahnungslos.
Sobald wir zupacken, wird er schon merken, daß es zu
seinem Besten geschieht.«
»Wie?« fragt der Referendar und ist sich für die
Dauer eines Augenblicks nicht klar, ob das nicht nackter
Hohn ist, ob ihn der Junge nicht verspottet. Doch nein,
diese Augen sehen ihn so offen und eifrig an, daß er nicht
fürchten muß, durchschaut zu sein. Nein, nein, diesen
Bengel kann er nach Belieben formen, der ist Wachs in
seinen Händen.
»Ja, natürlich zu seinem Besten!« bestätigt er im
Brustton der Überzeugung. »Es war umsichtig von dir, mich
anzurufen und mich von deiner Wahrnehmung zu
unterrichten. Mit dieser Nase kannst du etwas werden! Ganz
erstaunlich! Da muß ich dir ein Kompliment machen.«
Paul Thomas strahlt. »Meine Meldung nutzt Ihnen,
ja?«
»Noch nicht viel«, schränkt Adelhelm von Kopp
vorsichtig ein. »Daß es morgens nach Kaffee und Nikotin
roch, das ist noch zuwenig.« Damit der Junge nicht
enttäuscht in seinem Eifer nachläßt, hält er es für geraten,
genau zu erklären, was er meint, und den Tadel in einen
Ansporn umzumünzen. »Würde ich Rauh auf diesen Hinweis
hin zur Rede stellen, er brauchte nur zu sagen, am
Vorabend habe ihn ein Kunde besucht und es wäre seither
nicht gelüftet worden. Aus und vorbei, Paul!«
»Müßte er nicht sagen, wer bei ihm war?« Das klingt
ziemlich kleinlaut.
Von Kopp beantwortet die Frage mit einer anderen.
»Falls er etwas verbergen wollte, glaubst du nicht, daß er
Freunde besitzt, die ihm zuliebe schwindeln würden?«
»Aber...«, setzt der Junge an und bricht gleich ab.
»Was?«
»Nichts.«
Der Referendar ist Psychologe genug, um zu fühlen,
daß sich Paul in dieser Sekunde vor ihm verschlieft, daß da
ein Gedanke ist, der seinen, von Kopps, Plänen mit dem
Jungen zuwiderläuft. Er muß ihn unterbrechen und
entkräften, wenn er sein Spiel nicht verlieren will.
»Ich bin überzeugt«, sagt er unvermittelt sehr
eindringlich, »daß du das Zeug zu einem Detektiv hast, wie
er im Buche steht...«
»Ihr Ernst?« öffnet sich Pauls verschlossenes Gesicht
wieder.
»Mein voller Ernst! Ich besitze den Blick dafür«,
betont der Referendar nachdrücklich, »und wenn du dich
bewährst... Die königliche Geheimpolizei hat immer Bedarf
an tüchtigen Agenten, vor allem an Leuten mit
Spezialkenntnissen. Denke an den Wachtmeister, der bei
mir war! Den im Ledermantel... Der hat mal Schriftsetzer
gelernt wie du, ist als Kavalleriegefreiter
siebzig/einundsiebzig bei den Feldjägern eingesetzt worden
und kam schließlich, weil ihm die Polizeiarbeit gefiel, zu uns.
Mit seinen Kenntnissen hat er sich vom einfachen
Polizeidiener bis zum Wachtmeister hochgearbeitet. In
meinem Dezernat ist er geradezu unentbehrlich geworden.
Wir brauchen auch in Zukunft gute Leute. Ich bin Diplom-
Kriminalist, Paul, Akademiker... In Kürze werde ich
Kriminalrat sein, ein mächtiger Mann. Und ich vergesse
niemanden, der mir geholfen hat.«
»Sie sind gut zu mir«, murmelt Paul Thomas dankbar
und angerührt.
»Bloß eines vertrage ich durchaus nicht«, hakt der
Referendar geschmeidig ein, ohne schärfer zu werden oder
auch nur die Stimme zu heben. »Wer mit mir arbeiten will,
darf keine Geheimnisse vor mir haben. Was wolltest du
sagen?«
Paul sieht weg. »Ich kenne die Männer, die zu Herrn
Rauh kommen«, beginnt er zögernd. Immerhin spricht er.
»Natürlich nur vom Sehen, jedoch — das sind keine Lügner.
Sie sind freundlich und... eben ganz einfach Leute, auf die
man sich verlassen kann. Und die sollen...? Das will mir
nicht hier hinein!«
Er schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn, daß
es klatscht.
Adelhelm von Kopp sieht ihn an. Mit eins hat er das
Gefühl großer Ohnmacht, hat er einen unbändigen Haß auf
diese Menschen, die seine Feinde sind und ungeachtet aller
Nachstellungen immer neue andere an sich ziehen —
einfach durch ihr Auftreten und Tun, ohne materielle
Vorteile bieten zu können und ohne mehr zu haben als den
unerschütterlichen Glauben an und ihre Einsatzbereitschaft
für eine Art Zukunft, die zu verhindern und der einen Riegel
vorzuschieben der Referendar hoch besoldet wird. Auch
dieser Junge steht - ungewollt und unbewußt zum Glück -
schon unter ihrem Einfluß und hat für sie etwas
Entscheidendes: Vertrauen. So leicht, wie sich der
Referendar das Spiel dachte, ist es bei aller jungenhaften
Naivität Pauls also doch nicht; der Bengel hat Instinkt, und
wenn er sich den entfalten läßt...
Es kostet von Kopp Mühe, nicht aufbrausend und
hoffärtig zu antworten. Beherrscht erwidert er: »Weil sie so
sind, würden sie Rauh decken, Paul! Sie meinen, ihrem
Freunde zu helfen; sie tun es im guten Glauben, und dabei
bedenken sie nicht, daß es schwerlich gelingt, uns zu
hintergehen. Wir haben die Macht, und wir haben gelernt,
sie gegen jede Art Pöbel zu behaupten. Wenn wir
zuschlagen, schlagen wir hart zu. Davor wolltest du deinen
Meister bewahren, weil du ihn magst. Du magst ihn doch,
nicht wahr?«
Die seltsame Mischung aus unverhohlener Drohung
und vorgetäuschter Sorge um Hermann Rauh beeindruckt
Paul. So schnell kann er Drohung und scheinbare
Anteilnahme an seinem verehrten Meister nicht trennen; er
hört nur das heraus, was seine eigene Haltung rechtfertigt.
Er nickt.
»Detektive wie du und ich lassen sich nicht
blenden«, knüpft von Kopp sogleich an diese Zustimmung
an. »Wir, du und ich, übersehen die Dinge besser. Das ist
wohl klar.«
Weil es schmeichelhaft ist, die Lage besser zu
übersehen als der Meister, steigt Paul auf dieses Brett.
»Klar, ja. Herrn Rauhs Freunde wissen gar nicht, was für
einen schlechten Dienst sie ihm erweisen. Die haben ja
keine Ahnung, worauf er sich unter Umständen einläßt.«
Nach einer grüblerischen Pause fährt er fort: »Warum
lassen Sie nicht einfach Ihre Leute aufpassen, wer nachts in
der Druckerei einund ausgeht?«
So beschäftigt ist Paul Thomas mit dem diplomierten
Detektiv, so dieser mit seinem Ringen um den Jungen, daß
sie beide des Mannes nicht achten, der an ihnen
vorübergeht - katzenhaft leise auf Gummisohlen und so
bescheiden-zurückhaltend in seiner Art, sich zu geben, daß
es leicht ist, ihn zu übersehen. Werner Nusperli ist auf dem
Wege zu nächtlicher Arbeit in der kleinen Druckerei. Er hat
die Straßenbahn verlassen und läuft, ohne zu zögern, ja,
scheinbar sogar, ohne nach rechts oder links zu blicken, wie
eben Menschen gehen, die einem vertrauten Ziel zusteuern
und nichts zu verheimlichen haben. Die
Selbstverständlichkeit seines Handelns ist es, die ihn
unauffällig macht.
Nusperli erkennt Paul, aber seine Füße treten weiter
den Schnee mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Da ist
nicht die kleinste Geste, die verrät, daß hier kein Fremder
vorübergeht. Niemand könnte auch mehr vermuten, daß die
Druckerei Rauh & Pohle das erklärte Ziel war. Der
Schweizerdegen aus Polen läßt sie liegen, als ginge sie ihn
nichts an. Nur aus den Augenwinkeln heraus nimmt er
wahr, daß Frau Rauh gerade sorgsam die Fenstervorhänge
zuzieht.
Sie schließen vollkommen dicht. Aus der Ferne wirkt
das wohl, als würden die Lampen über den Setzkästen eine
nach der anderen gelöscht, als ziehe nächtliche Ruhe in
Redaktion und Druckerei der »Arbeiter-Turnzeitung« ein.
Wenn er jetzt ins Dunkel des Durchgangs zwischen
Wohnhaus und Druckerei träte, würde das vermutlich
unbemerkt bleiben, doch Nusperli geht kein Risiko ein. Er
umgeht den Häuserblock und nähert sich von der
Gartenseite her. Dieser Weg ist weiter, erscheint aber heute
angemessener und sicherer.
Kopp fährt fort: »Überlege mal! In Leipzig, da wäre
eine solche Observation keine Schwierigkeit. In der
Großstadt kennt einer den anderen nicht. Hier in
Probstheida weiß beinahe jeder, wer jeder ist, und wenn
sich da tagelang Fremde um die Druckerei herumdrückten
... Sie würden auffallen, und wenn sie schlau wie Füchse
wären. Was meinst du, weswegen ich mich ein bißchen
verkleidet habe?« Er schüttelt den Kopf, faßt den Jungen an
beiden Schultern und sagt sehr eindringlich: »Nein, Paul,
hier kann nur einer unauffällig feststellen, ob etwas, und
wenn ja, was bei Hermann Rauh los ist. Du!«
»Ich?«
Der Griff des Referendars wird noch fester. »Du! Das
ist deine Bewährungsprobe, Junge, und du hast das Zeug
dazu, sie zu bestehen. Ich weiß es.«
Paul schluckt. Bis in den Hals hinein schlägt ihm das
Herz. So hat noch niemand mit ihm gesprochen, soviel
Verantwortung noch niemand auf seine Schultern gelegt.
Erregend, belastend und schmeichelhaft ist das zugleich.
Ehrenvoll vor allem, glaubt der Junge. Unwillkürlich schaut
er zur Druckerei zurück. Wie in tiefem Schlaf liegt sie da,
lichtlos und still.
Nichts regt sich da ...
In diesem Augenblick ordnet Wladimir Iljitsch
Fahnenabzüge auf dem Schreibtisch Rauhs. Manche sehen
schlimm aus. Hier und dort ertrinkt das schwarze Schriftbild
fast im hellen Rot der Korrekturen und Striche. Uljanow hat
sehr gründlich gelesen und ist dem Satzfehlerteufel zu Leibe
gegangen. Wo er der Überlänge wegen kürzen mußte, hat
er sich bemüht, den gleichen Kommentar oder dieselbe
wichtige Information, sofern sie unerläßlich ist und nicht
wegfallen darf, kürzer und präziser zu fassen. Bei alledem
arbeitete er mit der Disziplin eines Journalisten, der das
langwierige Handsatzverfahren kennt und deshalb durch
sorgfältige Arbeit am Manuskript nachträglichen
»Schönheitsreparaturen« und zeitraubendem Neusatz
zuvorkommt. Werner Nusperli hat keinen Grund zu knurren.
Nusperli steht neben Uljanow, als der seinen Stift zu
den Papieren legt und dann den Sakko auszieht, um ihn
ordentlich über einen Stuhl zu hängen. So, hemdsärmlig in
der Weste, arbeitet er am liebsten.
»Schon gut, schon gut, lieber Freund«, sagt Uljanow.
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Natürlich mußten
Sie hintenherum kommen, wenn jemand nahe der Tür
stand. Das versteht sich doch.« Er tritt ans Fenster, lupft
den Vorhang ein wenig und späht hinaus. Es ist nicht viel zu
sehen, nur tiefe, undurchdringliche, von fallenden Flocken
verschleierte Dunkelheit. »Weitergegangen... Fangen wir
also an.«
Werner Nusperli bindet das Leder vor. »Der Mann
war sehr gut angezogen«, wirft er nebenbei hin. »Teurer
Sportanzug. Kein Arbeiter.«
Uljanow belächelt die Besorgnis des
Schweizerdegens nicht. Er erwidert sachlich: »Auch
Angehörige der sogenannten besseren Kreise sind
manchmal auf Auskünfte eines Proletariers angewiesen. Wir
wollen arbeiten.«
Ilse Rauh ist noch in der Druckerei. »Ich helfe Ihnen,
den Wagen ...«, erbietet sie sich.
»Das kommt gar nicht in Frage! Werner und ich
erledigen das aufs beste. Hm, allerdings ... Da der Hausherr
heute verhindert ist - würden Sie die Güte haben, für uns
beide Schmiere zu stehen?«
»Für Sie beide jederzeit. Genosse Uljanow!«
Das macht den Männern Spaß. Sie lachen.
Gemeinsam treten sie in den Hof hinaus. Die Männer
gehen, wobei Nusperli den Fahrtisch mitnimmt, zur
Behausung der »Stallhasen«. Die Schriftkästen lassen sie im
Versteck; sie laden heute nur Schiffe auf, auf denen
ausgebundener Satz steht.
»Machen wir erst einmal den Umbruch weiter«,
schlägt der Schweizerdegen vor. »Die Korrekturen arbeite
ich anschließend - wenn noch genügend Zeit bleibt.«
Er ist der Fachmann; Uljanow läßt ihn gewähren und
hilft, den Fahrtisch ins Gebäude zurückzuschieben. Mit der
Tilgung der Spuren brauchen sie sich nicht aufzuhalten, die
beseitigen die fallenden Flokken ohne ihr Zutun. Ilse steht
unterdessen im Schatten des Durchgangs und beobachtet
die Straße, die verödet wirkt. Weder Schritte noch Stimmen
lassen sich hören. Besänftigend, beruhigend mutet dieses
friedvolle Schweigen an. Frau Rauh geht zurück und teilt
mit, daß sie nichts Auffälliges wahrgenommen hat. Weil ihr
Angebot, Tee zu bereiten, dankend angenommen wird,
begibt sie sich anschließend ins Wohnhaus.
Uljanow und Nusperli bleiben allein in der Druckerei.
Der Schweizerdegen wuchtet die Schiffe auf den
Umbruchtisch. Auf einigen unterschiedlich großen steht
ausgebundener Satz in langen Kolumnen. Auf anderen
zeichnen sich schon die Zeitungsseiten ab. Die angelegten
Stege, die der Schrift seitlich Halt geben, markieren die
Seitengröße - 30 mal 44,5 Zentimeter. Die gleichen Stege
verwendet Hermann Rauh auch für die »Arbeiter-
Turnzeitung«. Dennoch ist der optische Eindruck - und das
wird beabsichtigt - ein völlig abweichender. Die »Arbeiter-
Turnzeitung« nämlich erscheint im halben Format, das
heißt. Rauh bringt auf dem gleichen Schiff, das er quer
stellt, zwei Zeitungsseiten nebeneinander unter; er benutzt
dieselben Stege zur Querbegrenzung. Nusperli umbricht im
Hochformat und hat auf dem gleichen Schiff eine große
Seite.
Die Schmalseite des Schiffes ist ihm mit dem Rand
zugekehrt, der fertige Zeitungskopf kopfstehend an ihn
herangezogen. Der in Versalien, in Großbuchstaben,
gesetzte Titel wird links gerahmt von den Worten
»Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei« und rechts
von dem Leitwort »Aus dem Funken wird die Flamme
schlagen«. Darunter steht auf beiden Seiten »No. 1« und in
der Mitte »Dezember 1900«. Links oben beginnt unter der
Schlußleiste des Kopfes der richtungweisende Leitartikel des
Blattes: »Die nächsten Aufgaben unserer Bewegung«.
Wladimir Iljitsch selbst hat ihn geschrieben, und Werner
Nusperli wundert es nicht, daß er, als er zu streichen anfing,
hier am unbarmherzigsten vorging. Das ist bezeichnend für
die hohe Achtung, die Uljanow vor der Arbeit anderer hat.
Den strengen Maßstab, den er an sie anlegt, benutzt er eher
noch gesteigert zur Wertung der eigenen. Das
Gewohnheitsrecht der Redakteure, die eigenen Beiträge
zuletzt und am schonendsten zu kürzen, ist für ihn
gegenstandslos. Was er von anderen verlangt, ist er selbst
als erster zu leisten bereit.
Zwei Spalten laufen mit dem Leitartikel voll, und es
gibt noch einen kleinen Überlauf in die dritte. Fünf Zeilen ...
Soweit sind sie.
Uljanow tippt mit der stumpfen Seite seines Stiftes
auf ausgebundenen Satz auf einem der kleinen Schiffe.
»Dies schließt an. Axelrods schöne Würdigung des
verstorbenen Wilhelm Liebknecht... Mit Umlauf auf die
nächste Seite.« Er nimmt die entsprechende Fahne zur
Hand und deutet auf einen roten Querstrich. »Bis hierher,
Genosse Werner. Den Rest in der nächsten Nummer als
Fortsetzung. Es ist ein zu guter Beitrag; es wäre barbarisch,
ihn zusammenzustreichen. Bis hierher also.«
Werner öffnet die Kolumnenschnur und hebt den
Satz auf das andere Schiff, immer so viel, wie er mit einer
Fingerspanne nehmen kann. Es sieht leicht und
unkompliziert aus, zwischen zwei Regletten Hunderte
einzelner Lettern so zusammenzupressen, daß sie nicht
auseinanderfallen, aber in Wahrheit ist das ein Kunststück,
das fertigzubringen Erfahrung und Übung voraussetzt.
Wladimir Iljitsch beobachtet es mit Vergnügen. Er hat eine
ganz naive, ungekünstelte Bewunderung für alles Fertige,
Vollkommene, sei es ein Buch, ein Gemälde oder eine
manuelle Verrichtung; er besitzt die Gabe, sich darüber
ohne Vorbehalte und rückhaltlos freuen zu können - neidlos,
durch das Erlebnis bereichert.
»Bis hierher«, bestätigt Nusperli und hat schon die
entsprechende Stelle im Satz entdeckt. »Gut! Durch die
Teilung gewinnen wir den Platz, den wir brauchen.«
Jetzt ist auch er ganz bei der Sache und
verschwendet keinen Gedanken mehr an den Lehrling Paul
Thomas, den er mit einem Fremden in Knickerbockers auf
der Hauptstraße sah.
Die beiden stehen immer noch in der Hauptstraße,
nur an einer anderen Stelle.
»Wie stellen Sie sich das vor?« erkundigt sich der
Lehrling gerade atemlos und Rat suchend.
Adelhelm von Kopp zieht ein Gesicht, als wäre, was
er Paul zumutet, das Einfachste und Selbstverständlichste
von der Welt.
»So gefällst du mir wieder! Ganz einfach: Du kehrst
später noch einmal zurück. Wenn du in die Druckerei gehst,
findet niemand etwas dabei. Du konntest zum Beispiel
etwas vergessen haben und es holen wollen.«
»Das geht«, urteilt Paul. »Es ist sogar schon
vorgekommen.«
Ja, dieser Idee gewinnt er Geschmack ab. Sie ist
abenteuerlich genug, mit ihrer Lockung alle Bedenken in
den Hintergrund zu drücken. Denn die Szenerie, die die
Vorstellung heraufbeschwört, gleicht; beinahe bis aufs Haar
einer, die in seinen Lieblingsbüchern zum Ende hin sehr oft
beschrieben wird. Auch da stößt der Held gewöhnlich
furchtlos eine Tür auf und steht unerwartet, strahlend und
untadlig inmitten in der Höhle des Löwen, am
Ausgangspunkt rätselhafter und schier unüberschaubarer
Ereignisse. Alle ziehen die Köpfe ein, alle ducken sich und
brechen fast zusammen unter der niederschmetternden
Erkenntnis des Entdecktseins; bloß der Held... Herrje, so
dazustehen und dann Herrn Rauh in großmutiger Güte sehr
mild dartun zu können, daß er, Paul Thomas, sich zu des
Meisters Vorteil und zu keinem anderen Zweck sonst die
Nacht um die Ohren schlägt...!
»Na also!« freut sich der Referendar, und er freut
sich noch mehr, als Paul daraufhin mit schöner
Selbstverständlichkeit mitteilt: »Ich besitze sogar einen
Schlüssel.«
»Noch besser!« Denn dieser Tatbestand erspart es
ihm, von Kopp, den Jungen im Gebrauch eines Dietrichs zu
unterweisen.
»Herr Rauh vertraut mir. Er ist manchmal für die
Arbeiter- Turnzeitung unterwegs, und damit ich dann 'rein
und 'raus kann... Es macht mir keine Schwierigkeiten, in die
Druckerei zu kommen.«
»Phantastisch! Triffst du auf Menschen - du mußt
eine glaubwürdige Erklärung zur Hand haben. Eine Legende,
wie wir sagen. Na, das weißt du sicher. Vor allem darfst du
ja nicht kleinlaut und ertappt wirken; die Leute glauben
beinahe alles, wenn es nur mit der nötigen Festigkeit und
Sicherheit vorgebracht wird. Warum solltest du auch
kleinlaut sein, nicht wahr? Du bist doch dabei, ein gutes
Werk zu tun. Findest du dagegen die Druckerei leer... Sieh
dich in aller Ruhe um, zieh die Schubkästen auf, blicke in
den Papierkorb! Achte auf fremdsprachiges Material und
überhaupt auf alles, was nach Flugblatt, Broschüre oder
anderer Zeitung als Rauhs AT aussieht. Du nimmst nichts
mit, Paul, gar nichts, aber du prägst dir genau ein, wo es
verborgen ist.« Von Kopp zieht noch einmal an seinem kurz
gewordenen Zigarillo, bläst den Rauch genießerisch durch
die Nase und wirft den Stummel dann in den Schnee. Er
verschwindet in ihm, die Flocken decken ihn augenblicklich
zu. Der Referendar kommt Paul mit einem
kameradschaftlichen Rippenstoß. »Hast du den Mut dazu?
Ich denke, daß das ein Abenteuer nach deinem Geschmack
ist.«
Der Junge schaut zur Druckerei. »Soll ich gleich ...?«
fragt er voller Tatendrang. »Es ist alles dunkel.«
Von Kopp folgt seinem Blick. Seine Augen verweilen
bei den erleuchteten Fenstern des Wohngebäudes.
»Später!« bestimmt er. »Später, wenn sie im Haus
schlafen...«
Das leuchtet Paul ein. »Ich rufe Sie hinterher gleich
an«, verspricht er.
Auch diesen Vorschlag mißbilligt der Referendar. Er
schüttelt nachdrücklich den Kopf. »Nein! Sicher findet die
Post in Probstheida nichts dabei, wenn du am hellen Tage
einmal mit Leipzig telefonierst. Das kann dir dein Chef
aufgetragen haben. Aber wenn du mitten in der Nacht
kommst, fällt das bestimmt auf und weckt Neugier.« Er
lächelt aufmunternd. »Wir haben einen langen Arm, Paul.
Nichts zu überstürzen ist eine unserer Stärken. Machen wir
es lieber so: Ich komme morgen um die gleiche Zeit
hierher. Lieber noch eine Stunde später. Dann meldest du
dich zum Rapport.«
Paul kommt sich ganz dazugehörig vor. Er legt die
Hand an einen gedachten Schirm seiner Pudelmütze und
entgegnet stramm: »Wie Sie befehlen!« Dann kehrt er doch
wieder zum alten vertraulichen Ton zurück, der für Fragen
wie die folgende angemessener wirkt als der militante:
»Erscheinen Sie wieder in 'ner Maske? Sportlicher
Spaziergänger mit Knickerbockers wie heute, oder ...?«
Von Kopp geht darauf ein. »Wirst du schon sehen,
Paul, wirst du schon sehen. Außerdem habe ich morgen
vielleicht ein paar Beamte in der Hinterhand...«
»Wenn es nur schon morgen abend wäre!« seufzt
der Junge sehnsüchtig. »Hinterher wird mir Herr Rauh aber
dankbar sein.«
»Na, und wie!« Im Brustton der Überzeugung wird
das behauptet. »Genug für heute! Auf mich wartet noch
Arbeit, und du...« Er zieht unter der Windjacke mehrere
längsgekniffte Nummern der Wiener »Allgemeinen
Automobil-Zeitung« hervor. »Da mit dir die Zeit bis zum
Einsatz nicht lang wird, Paul! Autogeschichten... Übrigens:
Wenn du dich bewährst und zu uns kommst, dann kann es
durchaus sein, daß du mal selbst so eine Motorenkutsche
steuerst. Da steht irgendwo, daß Benz vor fünf Jahren
angefangen hat, Spezialfahrzeuge zu konstruieren -
Lieferwagen, Autobusse, Droschken und so was. An anderer
Stelle ist die Rede von der Ausprobierung erster
motorisierter Einheiten bei den französischen
Herbstmanövern. Ich wette, daß es bald auch besondere
Wagen für uns gibt, vielleicht ein fahrbares Büro für
Vernehmungen und zur Protokollierung von Recherchen
unmittelbar am Tatort oder ein rollendes Laboratorium für
den Erkennungsdienst... Das wäre doch etwas, hm?
Natürlich kämen auf einen solchen Wagen Männer, die auch
Freude an ihm hätten. Solche wie du.«
Blanke Augen hat Paul und viele bunte Träume,
deren Verwirklichung auf wunderbare Weise sehr nahe zu
rücken scheint. Die Hürden, die zwischen dieser
Verwirklichung und ihm noch stehen, wird er schon
nehmen. Natürlich kann die Polizei nicht jeden auf ein so
herrliches Fahrzeug der Zukunft setzen, wohin käme sie
denn da? Jedoch er ist ja nicht jeder. Er hat die Möglichkeit,
sich zu bewähren, und er wird sich bewähren! Das wäre ja
gelacht!
Sie gehen nach verschiedenen Richtungen
auseinander - Paul Thomas in Richtung der elterlichen
Wohnung, der Referendar nur bis in die nächste
Nebenstraße. Dort steht im Dunkeln und ohne Licht der
Motorenwagen, den man in Eisenach seit zwei Jahren mit
gutem Verkaufserfolg in Serie baut. Er wirkt jetzt völlig
verändert, weil der Fahrer des Schneefalls wegen das
schwere schwarze Lederverdeck - »Patentverdeck« sagen
die Fachleute - aufgebaut und hochgeschlagen hat. So sieht
der Motorenwagen mehr denn je wie eine abgestellte
Kutsche aus, deren mißtrauischer Besitzer außer den
Pferden auch die Deichsel mit in den Hof nahm. Er steht
schon eine Weile - auf dem Dach liegt spannenhoch eine
leuchtende weiße Schneekappe.
Der uniformierte Fahrer hat sich so weit
zurückgelehnt, daß er gar nicht wahrzunehmen ist.
Kriminalwachtmeister Reichert, der sich neben ihm
niederließ, steht jetzt auf und wechselt zum Vordersitz, um
dem Referendar Platz zu machen. Reichert hat den Kragen
des walnußbraunen Ledermantels hochgestellt, die
Ohrenklappen seiner englischen Reisemütze
heruntergeklappt und unter dem Kinn zugebunden - er sieht
verändert aus. Nur die Tabakspfeife verrät seine Identität.
»Ins Amt!« befiehlt Adelhelm von Kopp. »Nun wollen
wir mal sehen, ob unsere Aktivitäten von Erfolg gekrönt
sind. Haben Sie in der Harkortstraße mit unseren Leuten
gesprochen. Reichert?«
»Leider nicht«, bedauert der Wachtmeister. »Als ich
kam, fuhr der Wagen gerade los, Sie abzuholen. Da dachte
ich ...«
»Schon gut. Hatte unser Studiosus medicinae
Neuigkeiten?«
»Eine Menge, He rr Referendar.«
Der Motor ist kalt geworden während der Wartezeit.
Der Fahrer muß das Handrad, das den Anlasser betätigt,
mehrfach drehen, ehe das trockene Rattern der Maschine
einsetzt. Während sie warmläuft, geht der Uniformierte
nach vorn, die Karbidlampen anzuzünden. Sie greifen mit
kalkigen, seltsam bleichen Lichtfingern in Schneetreiben und
Dunkelheit.
»Zum Beispiel?« erkundigt sich von Kopp angeregt.
9

Nusperli führt die von Druckerschwärze feuchte Rolle


über das Schiff, das er auf die Abziehpresse gehoben hat.
Die ausgebundenen Lettern der fertigen ersten Seite,
stumpf bisher, glänzen nun. Mit geübtem Griff legt der
Schweizerdegen einen Bogen darauf und faßt nach dem
Handstück der Walze. Über das Papier hinweggehend und
dieses auf das Schiff pressend, erzeugt sie den Abzug.
Uljanow begleitete Werner vom Umbruchtisch
hierher. Er ist noch ein paar Schritte weitergegangen und
steht jetzt so, daß er die in ihrer Sauberkeit matt glänzende
Schnellpresse in ganzer Größe übersehen kann.
»Genau dieselbe stand in Sankt Petersburg«, sagt er
unvermittelt leise. »Genau dieselbe! Wir hatten sie bereits
in Augenschein genommen und waren verliebt in sie.
Erinnern Sie sich noch? Vor fünf Jahren ... «
Nusperli ist mit dem ersten Abzug unzufrieden. Der
hat zuviel Farbe abgekriegt und wirkt verschmiert. Er fertigt
einen neuen an. Nebenher sieht er flüchtig, wie Uljanow
behutsam über das gußeiserne Gestell der König & Bauer-
Maschine streicht.
»Die Rabotscheje Delo, die nie erschien«, erwidert
er. »Sie hatten einen guten Leitartikel geschrieben,
Wladimir Iljitsch. Über die historischen Aufgaben der
russischen Arbeiterklasse, wenn ich nicht irre ...«
»Sie irren sich nicht. Die Beiträge für die erste
Nummer lagen vor. Da kam die Ochrana.«
Der zweite Abzug ist gut, aber er findet nicht die
ungeteilte Aufmerksamkeit Nusperlis. Da sind die
Erinnerungen...
»Sie erschien bei Wanejew, Haussuchung halten ...
Es war auch im Dezember, Wladimir Iljitsch, in einer Nacht
wie dieser. Die Nacht vom achten zum neunten ...«
»Ja.«
Bilder sind wieder lebendig, die ein halbes Jahrzehnt
zurückliegen und die das Gedächtnis festhält für alle Zeit,
unauslöschlich... Sie hatten, die Mitglieder des
Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse, die
»Rabotscheje Delo« geplant und ihr Erscheinen vorbereitet
mit eben der Aufgabenstellung, die nun der »Iskra«
zugedacht ist. Alle Manuskripte waren erarbeitet und vom
Redaktionskollegium gebilligt worden. Uljanow sieht sich am
Abend jenes achten Dezember von Wanejew weggehen und
spürt noch einmal den festen Händedruck des Genossen,
der voller Freude auf die Zeitung war, zuversichtlich ... In
den nächsten Tagen sollte der Druck beginnen. Aber der
Spitzeldienst des Sonderkorps der Gendarmen hatte die
Augen offengehalten. In der gleichen Nacht noch schlug die
Ochrana zu.
»Die Türen splitterten plötzlich«, hört er Nusperli
hinter seinem Rücken sagen. »Auf einmal war alles voller
Kerle, die mit Nagant-Revolvern herumfuchtelten ...«
Uljanow nickt. »Die Ochrana-Leute waren
aufgeregter als wir, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Sie
fürchteten uns mehr als wir sie.«
»Eben deshalb sah es aus, als würden ihre
Knallbüchsen jede Sekunde losgehen. Als man Sie
wegschleppte, Wladimir Iljitsch, und Sie dann in die
Verbannung schickte, in dieses verfluchte, sibirische Dorf
fünfhundert Kilometer von der nächsten Bahnstation
entfernt...«
Uljanow wendet sich um, lehnt an der Maschine und
hat die Daumen in den Ärmellöchern der Weste. »Wie Sie
sehen, hat mich Schuschenskoje nicht umgebracht.
Verehrtester. Man kann überall arbeiten, solange man einen
Füllfederhalter, Papier und Bücher besitzt. Ich hatte das
alles und so viel zu tun, daß mir nicht Zeit, blieb, mich zu
bedauern.« Es klingt, als mache ihn des Schweizerdegens
liebevolle Anteilnahme an seiner Person verlegen. »Ich
schrieb einiges, Genosse Werner, und darunter manches,
was nun unserer Iskra zugute kommt.«
Seine Gedanken sind noch in Sankt Petersburg. Wie
fotografische Momentaufnahmen reproduzieren sie Szenen
und Situationen ...
Die verschneiten, granitgefaßten Ufer der Newa ...
Mit den in blau-weißem »russischen Barock« gehaltenen
prunkvollen Adelspalästen im Rücken sieht man hinüber zu
den düsteren, gedrungenen Mauern und Kasematten der
Peter-Pauls-Festung, über denen der spitze, vergoldete
Turm der Kathedrale nadelgleich hoch in den Himmel
sticht...
Nachts spiegeln sich in den Wassern des breiten
Stroms die Flammen der Fackeln, die auf den Mauern
entzündet werden, sobald die Nacht niedersinkt ...
Könnten nicht Verzweifelte versuchen, über den Fluß
hinweg den Gefangenen Hilfe zu bringen, die die politische
Justiz auf der Festung einkerkerte?...
Bis ans andere Ufer herüber scheinen »Wer da?« und
Parole zu klingen, wenn die Offiziere der Wache die in
dichter Folge stehenden Posten inspizieren ...
Besonders eng stehen die Soldaten dort, wo ein Tor
zum Fluß und auf eine Anlegestelle hinausführt. Manchmal
legen hier nachts, unter Segeln schwerfällig manövrierend,
Binnenschiffe an, die beim Morgengrauen schon weit
stromaufwärts gefahren sind. Ungesehen, verborgen im
Dunkel der Nacht werden Verurteilte in die Verbannung
gebracht...
Viele auf Nimmerwiedersehen ...
Der Landweg in die Festung, die geschützstarrende
Einfahrt, die die Polizeidroschke passiert...
Der Gang durch die Wachstuben der Gardetruppen,
die die militärische Besatzung stellen ...
Immer gehen ein Geheimpolizist oder ein Gendarm
voraus, der mit der Linken seinen Kavalleriesäbel festhält,
und immer bietet sich dann das gleiche Bild: Die Wache ist
an der Wand entlang angetreten, »Ganze Abteilung -
kehrt!« wurde befohlen, und der Verhaftete, der hinter ihr
vorübergeführt wird, sieht nur Rücken in grobem
Uniformtuch und geschorene Hinterköpfe. Lediglich die vom
Volke gehaßten Gendarmen des Sonderkorps in Uniform
und in Zivil erblicken sein Gesicht...
Keiner der zur Fahne gepreßten Soldaten kann den
Inhaftierten erkennen, keiner nach draußen Nachricht geben
von seiner Einlieferung ...
Schritte in knirschendem Schnee ...
Das Kommandantenpalais links, rechts die
Kathedrale, geradezu die schwerbewachte kaiserliche
Münze, die die Goldrubel schlägt. ..
Wendung nach links, schmale Durchgänge,
Gendarmerieposten mit aufgepflanztem Bajonett, lichtlose
Gassen zwischen Gefängnismauern mit vergitterten
Lichtlöchern...
Der kahle Steinfußboden der kalten Zelle, in der ein
unverrückbares Eisenbett steht und in der es einen in der
Wand verankerten Tisch gibt, sonst nichts...
Auch Alexander ist hier gewesen, der geliebte
Bruder, dem Wladimir Iljitsch bewundernde Verehrung
bewahrt, wenngleich er den von ihm gewählten Weg des
individuellen Terrors nic ht gutheißt...
Die endlosen Verhöre dann ...
Wie hieß er doch, dieser Oberstleutnant in seiner
maßgeschneiderten Uniform, neben dem der beisitzende
Staatsanwalt in seinem Bratenrock grau und unscheinbar
wirkte? Filatjew, ja ...
Nun, viel Freude hat der Herr Oberstleutnant mit
ihm, Wladimir Iljitsch Uljanow, nicht gehabt, obwohl er sich
darauf vorbereitet hatte, einen diplomierten Juristen zum
Sprechen zu bringen, der ihn auf jeden Formfehler, auf jede
unerlaubte Verhörtaktik aufmerksam machen würde. Es
gelang ihm nicht, den Häftling zu einer einzigen Aussage zu
bewegen, die über das hinausgegangen wäre, was die
Ochrana durch ihre Ermittlungen bereits wußte...
Alles hatte sie nicht recherchieren können ...
Von seiner, Uljanows, Arbeit in den marxistischen
Zirkeln der Industrieviertel jenseits der Newskaja und der
Narwskaja Sastawa, besonders im Stadtteil Wassiljewski-
Ostrow, besaß sie kaum mehr als eine Ahnung und erfuhr
auch nichts, als sie auf den Busch klopfte...
Prächtig, wie fest die Front des Schweigens war, mit
der die Arbeiter den erfahrenen Spitzeln des Sonderkorps
entgegentraten! Oberstleutnant Filatjew versuchte
vergeblich, mit besonders ausgeklügelten Fragen eine
Bresche in die Wand des Schweigens zu schlagen - er
machte Uljanow ungewollt eine Freude mit dem, was dieser
zwischen den Zeilen der mageren Protokolle zu lesen wußte,
die ihm zur Unterschrift vorgelegt wurden ...
Ein gutes Gefühl, zu wissen, daß die Genossen in den
großen Werken vergleichsweise ungefährdet weiterarbeiten
konnten...
Genossen, denen er das wissenschaftliche Rüstzeug
gab; Genossen, die unter seiner Anleitung zu Führern der
künftigen Revolution heranwuchsen und die in den Zirkeln
fortführen, was er begann - Kalinin und Poletajew in den
Putilow-Werken, Babuschkin in der Semjannikow-Fabrik,
Schelgunow im Obuchow-Werk, und ... und ...
Nein, es gab keinen Grund, in der Zelle zu zweifeln...
Nichts war verloren ...
Jäh Verfinstert sich Uljanows Gesicht. Er denkt
wieder an Wanejew. Er ist wie so viele vor ihm ein Opfer
dieser barbärischen kalten Zelle geworden. Gehalten in
endlos ausgedehnter Untersuchungshaft, erlag er vor einem
Jahr der Schwindsucht. Bis zu seinem Tode gelang es der
Ochrana nicht, ihn zum Reden zu bringen.
Wladimir Iljitsch löst sich von der Schnellpresse der
Leipziger »Arbeiter-Turnzeitung«, geht zu Werner Nusperli
und nimmt ihm den Abzug der ersten Seite ab. Der glänzt
noch feucht. Uljanow trägt ihn zum Schreibtisch.
»Was die gesamtrussische marxistische Zeitung
angeht«, sagt er über die Schulter, »so haben wir durch die
Haussuchung damals fünf Jahre verloren. Aber diese
Maschine da wird laufen!«
Nusperli nimmt das Schiff auf und bringt es zurück
zum Umbruchtisch. »Falls nicht auch hier die Türen splittern
und diesmal Kerle mit deutschen Revolvern fuchteln! Weiß
der Teufel, Wladimir Iljitsch, ich male mir das eigentlich
aus, seit wir hier Nachtredaktion machen. Wenn sie uns
auch diese Druckerei wegnehmen...«
»... werden wir eine dritte und zur Not auch eine
vierte suchen und finden!« fällt ihm Uljanow ins Wort.
»Unsere Partei braucht die Zeitung - also wird sie sie haben!
Weil unsere Idee nur zur materiellen Gewalt werden kann,
wenn sie die Massen ergreift! Wir müssen sie an die Massen
heranbringen. Einfach und logisch!« Mit dem Rotstift in der
Hand sucht er nach versteckten Zeilen. »Wenn ich mich
jemals in der Illegalität sicher fühlte, dann hier.«
Vom Hof her tritt Ilse Rauh ein. Auf einem Tablett
bringt sie Tee in Gläsern, ein paar Scheiben Zitrone dazu
und Zucker. Neugierig beugt sie sich dann über den Abzug
der Seite eins.
»Kommen Sie gut voran. Genosse Uljanow?«
»Ja. ganz prächtig!« versichert er, »Ich denke, daß
wir morgen den ersten Durchgang drucken können.«
»Die erste und die letzte Seite, ja«, bestätigt
Nusperli vom Umbruchtisch her. »Bis zum Morgengrauen
habe ich auch alle Korrekturen gemacht.«
Er arbeitet jetzt an der letzten Seite, hebt Satz auf
das große Schiff herüber und nimmt die Ahle, den Pfriem,
zur Hand, um ein Stück Blindmaterial nach unten zu
drücken, das hochsteht. Es hat als pechschwarzes Rechteck
mitgedruckt und nach Meinung des Schweizerdegens den
Abzug verschandelt.
»Alles läuft wie am Schnürchen, Genossin.«
10

Rote Ohren kriegt Paul, ja, er hält den Atem an


angesichts der Sensationsberichte, die die »Allgemeine
Automobil-Zeitung« mit flotten Pressezeichnungen
illustrierte und die vielleicht noch nie einen so dankbaren
und begeisterungsfähigen Leser fanden wie in dieser
Abendstunde. Ihretwegen läßt Paul Thomas sogar die
berühmte »Studie in Scharlachrot« des Sir Arthur Conan
Doyle unaufgeschlagen. Er hat die elterliche Wohnung heute
ganz für sich allein - Vater arbeitet Schicht, und Mutter ist
zum Geburtstag einer Freundin gegangen. Es ist still in der
Wohnküche; nur der weiße Regulator an der Wand tickt
monoton, und die Seiten knistern, wenn der Junge
umblättert.
Seine lebhafte Phantasie zeigt ihm bunt und lockend,
was er liest. Die mit leichter Feder gezeichneten Bilder, die
herausragende Momente festhalten, beginnen zu leben. Paul
ist dabei, als 1894 das erste Autorennen der Welt startet
und einhundertundzwei Fahrzeuge für den Wettlauf auf der
Strecke Paris- Rouen gemeldet werden. Fünftausend Franc
sind von der veranstaltenden Zeitung »Le Petit Journal« für
denjenigen ausgesetzt, der das leistungsfähigste
Familienfahrzeug des neuen, eines technischen Zeitalters
zum Siege führt.
Hm, über ein leistungsfähiges »Familienfahrzeug«
sind die Konstrukteure offenbar sehr unterschiedlicher
Meinung, über Fortbewegungsmittel mit der vorgegebenen
Zielstellung scheinen die Ansichten äußerst geteilt zu sein,
denn was da zu den Vorläufen herandampft, knattert,
schnurrt und rasselt...
Achtunddreißig Benzinkutschen stellen sich, aber
ihnen stehen gegenüber neununddreißig rauchspeiende
Dampfwagen von der Größe ausgewachsener Lokomotiven,
fünf Wagen, die durch ein aufzuziehendes Federwerk
angetrieben werden, eine Reihe höchst komplizierter und
wenig vertrauenerweckender Wasserdruck- oder
preßluftgetriebener Vehikel und fünf Elektroautos. Dies sind,
als sie leise schnurrend und ohne stinkende Abgase
vorfahren, sofort die erklärten Lieblinge von Publikum und
Jury. Ihnen werden alle Chancen gegeben, alle
Vorschußlorbeeren gezollt.
Sie sterben an der geringen Leistungsfähigkeit der
Bleiakkumulatoren schon während der Vorläufe, und mit
ihnen gibt so mancher andere Traum eines stolzen Erfinders
seinen Geist auf. Als am 22. Juli der Chefredakteur von »Le
Petit Journal« den Startschuß aus einem Revolver krachen
läßt, gehen nur noch einundzwanzig Fahrzeuge auf die 126
Kilometer lange Strecke. Sie liefern sich einen harten
sportlichen Kampf, die vierzehn überlebenden
Benzinkutschen und sieben konkurrenzfähigen
Dampfwagen. Bis zur letzten Minute bleibt unentschieden,
wer in diesem Wettstreit ohne Beispiel den Sieg
davontragen wird.
Sechs Fahrzeuge bleiben auf der Strecke. Nur zwei
der Dampfwagen erreichen die Linie, aber - einer von ihnen
überquert sie, einem urzeitlichen Drachen ähnlich, als
erster! Trotzdem geben die Veranstalter den Preis zu
gleichen Teilen den jungen Automobilfirmen Peugeot und
Panhard & Levassor - denn der Dampf wagen ist nach
genauer Prüfung doch nicht als »Familienfahrzeug«
anzusprechen.
Dennoch stößt er auch 1895 beim nächsten Rennen -
diesmal geht es auf der Strecke Paris-Bordeaux-Paris schon
über 1200 Kilometer - noch unheilverkündend Dampf aus
zischenden Ventilen. Aber diesmal wird er auf die Plätze
verwiesen; der erste Dampfwagen keucht erst mit
einundvierzig Stunden Rückstand zum Sieger durchs Ziel!
Sieger ist der Benzinkutschenkonstrukteur Emile Levassor,
der die Strecke mit einer rasanten Nonstop-Fahrt von 48
Stunden und 47 Minuten meistert, das heißt mit einem
Durchschnittstempo von 24,5 km/h. Levassor sollte
ursprünglich in Bordeaux von einem Werkfahrer abgelöst
werden, aber da der gute Mann die Ankunft seines Chefs
verschlief, stärkte der sich kurz mit einer kräftigen Mahlzeit,
trank, da die staubige Strafe ja Durst macht, eine Flasche
Rotwein aus und fuhr weiter.
Ein Jahr später, 1896, erliegen auf der 1 750
Kilometer langen Strecke Paris-Marseille-Paris alle vier
gestarteten Dampfwagen Witterungsunbilden. Bei
strömendem Regen und orkanartigem Wind bleiben sie
ausnahmslos auf der Piste. Unbestrittene Sieger sind zwei
Panhard-Automobile mit Daimler-Motoren.
Wiederum zwei Jahre später, 1898, wird das große
Rennen Paris-Amsterdam-Paris gefahren, und danach ist
überhaupt keine Rede mehr von Dampfwagen. Die
Benzinkutsche behauptet endgültig und scheinbar für alle
Zeiten unschlagbar das Feld. Nur noch geduldet, führt selbst
das vielgeliebte Elektromobil lediglich ein Schattendasein
neben ihm, wird zum Stadtfahrzeug und beschränkt sich auf
Gütertransporte im Nahbereich. Seltsamerweise scheint es
unmöglich zu sein und zu bleiben, den schon 1859 von dem
französischen Physiker Plante erfundenen Bleiakkumulator
zu verbessern und ihn leichter und leistungsfähiger zu
gestalten.
Die großen Fahrten, von denen Paul Thomas
hingerissen liest, werden ausschließlich mit
Benzinfahrzeugen - man nennt das Automobil nunmehr
auch »die Benzine« - bestritten. Eine solche »große Fahrt«
hat beispielsweise der Chefredakteur der »Be rliner
Morgenpost« gemacht. In Nummer 31/1899 seines Blattes
berichtete er stolz, wie er mit seiner Frau und -
vorsichtshalber! - einem Chauffeur von Berlin nach Paris
fuhr. Dies ausgerechnet mit einem einsitzigen Tricycle,
einem 15-PS-Dreirad, an das ein zweisitziger
Anhängewagen gekoppelt wurde. Zwar mußte dem Gefährt
bei Bergauffahrt mittels der Pedale etwas »Steigungshilfe«
geleistet werden, aber das kleine Ding aus der Pfälzischen
Nähmaschinen- und Fahrräderfabrik in Kaiserslautern
überstand die Reise glänzend und rechtfertigte vollauf das
Vertrauen, das der unternehmungslustige Chefredakteur
ihm entgegenbrachte.
Einmal eine solche Fahrt mitmachen! denkt Paul
sehnsüchtig. So ein Stück der bunten weiten Welt sehen -
anhalten und weiterfahren nach Belieben, Bilder in Muße
genießen, an denen die Eisenbahn unaufhaltsam
vorüberrast, Entdeckungen machen und Geheimnissen
nachspüren, wo immer die Lust daran und die eigene
Entscheidung den Anstoß dazu geben...
Geheimnissen... Das Wort, das durch seine
Gedanken geht, erinnert ihn, daß es Zeit ist, die Wiener
Blätter erst einmal beiseite zu legen, Joppe und Mütze zu
nehmen und die Druckerei zu durchsuchen. Er zieht sich ein
wenig lustlos an; viel lieber würde er weiterlesen, aber wie
steht er morgen vor seinem mächtigen Gönner aus dem
Königlichen Polizeiamt Leipzig, wenn er nicht gehalten hat,
was er versprach ...
Also trabt er los, und den ganzen Weg über malt er
sich aus, wie es wäre, könnte er mit einem solchen Tricycle,
wie es der preußische Journalist benutzte, die gleiche Reise
tun. Er, Paul Thomas, würde natürlich keinen Chauffeur
brauchen; er würde selbst fahren, weil es doch herrlich sein
muß, so eine lärmende Maschine zu steuern und zu
beherrschen. Allein möchte er freilich auch nicht starten,
weil es sicher schöner ist, sich über Gesehenes unterhalten
und einander auf Sehenswertes aufmerksam machen zu
können. Doch da ließe sich schon jemand finden. Der
Chefredakteur der »Berliner Morgenpost« nahm einfach
seine Frau mit - nun, er wäre geneigt, in seiner
großherzigen Art Emma Rauh einzuladen, ihn zu begleiten.
Da würde sie wenigstens mal sehen, was für ein Kerl er ist,
ein ganzer Mann nämlich, und vielleicht aufhören,
»Oberflächenvergaser« als Schimpfwort zu verwenden. Ein
Oberflächenvergaser — das Tricycle hat ebenfalls einen
solchen - stellt doch eine ff-Erfindung dar! Wie man sieht,
kann man damit von der Spree bis an die Seine und zurück
gelangen. Was, zum Kuckuck!, will sie denn mehr? An sich
ist sie ein gut zu leidendes Mädchen, die Emma; ja, manche
der ehemaligen Schulkameraden bezeichnen sie als
ausgesucht hübsch - aus unerklärlichen Gründen ärgert es
Paul, wenn sie über Emma reden —, nur ihre Einstellung zur
modernen Technik ... Die muß er irgendwie umkrempeln, da
hilft nun alles nichts ...
Ehe er sich dessen versieht, hat er die Hauptstraße
erreicht. Menschenleer und verödet liegt sie, da, in den
Bäumen knackt der Frost, und wenn Paul an den Laternen
vorübergeht, hört er in der Stille das leise Zischen der
Gasflammen. Es schneit nicht mehr; aufkommender Wind
hat Löcher in die vorhin dichte Wolkendecke geblasen. Eisig
und kalt blicken aus unendlicher Höhe unzählige Sterne
herab, und das gewaltige Firmament scheint ferner gerückt
zu sein als je zuvor. Wer hinaufschaut, möchte den Atem
anhalten angesichts so abweisender, so hochmütiger Pracht.
Da ist die kleine Druckerei, in tiefe Schatten gehüllt,
lichtlos und verlassen. Auch die zur Straße weisenden
Fenster des Wohngebäudes sind dunkel. Das verstärkt den
Eindruck völliger Leere.
Paul tritt näher. Auf einmal bemächtigt sich seiner
eine leise Beklemmung. Ein Schamgefühl ist da. Als ihm der
Meister den Schlüssel anvertraute, hat er nicht geahnt, daß
sein Lehrling den nutzen würde, die Geheimnisse des
Hauses auszuspähen. Er gab ihn ohne Argwohn her. Und
nun kommt der Junge wie ein Dieb in der Nacht...
Noch eine andere Vorstellung drängt sich auf und
ärgert. Plötzlich malt sich Paul aus, daß vielleicht die von
ihm nicht mehr geschätzten Privatermittler der Auskunftei
Schimmelpfeng manchmal zum Zwecke diskreter
Krediterkundung so vor einem Betrieb stehen mögen wie
jetzt er. Merkwürdigerweise sieht er sie in sommerlicher
Szenerie, bei rauschendem Regen, angetan mit den
gummibeschichteten schwarzen Mackintosh-Wettermänteln,
die bei jedem Schritt so eklig rascheln ... Steife runde Hüte
haben sie auf und einer wie der andere die
Schnurrbartspitzen hochgedreht... Gekommen sind sie
natürlich mit einem Elektromobil, sehr lautlos und vornehm,
aber was sie wollen ... Die spitzen Nasen in Dinge und
Papiere stecken, die sie eigentlich nichts angehen, gar
nichts... Wie er vorhat!
»Ich tue es nicht gegen Herrn Rauh, sondern für
ihn!« redet er sich Mut ein und erschrickt vor der eigenen
Stimme. Zugleich ärgert er sich seiner Feigheit wegen. Er ist
schon ein Detektiv - du liebe Güte! Lachen wird man über
ihn... Erst groß erklären, er wolle dem Meister helfen, und
dann ...
Bloß das nicht! Wie will er Herrn Rauh beistehen,
wenn er jetzt nicht sein Herz fest in beide Hände nimmt
und... Natürlich erfordert das mehr Mut, als er noch vor ein
paar Stunden dachte, doch eine Memme... Nein, eine
Memme war er nie! Er kann und er wird es beweisen.
Zunächst einmal klaubt er Schnee auf, formt ihn zu
einem weichen Ball und wirft den gegen eines der
Druckereifenster. Mal sehen, ob es ein Echo gibt... Gibt es
keines, weiß er wenigstens, daß bei Rauh & Pohle niemand
ist. Erfolgt eine Antwort, kann er sich darauf einrichten,
beim späteren Eindringen eine Ausrede stottern zu müssen.
Nein, nicht stottern! Forsch soll er auftreten, hat der
Referendar gesagt, und der muß es wissen.
Es bleibt alles still und dunkel.
Hinter den verhängten Fenstern erschrickt Ilse Rauh
so, daß sie zusammenzuckt.
»Was war das?«
Auch die Männer haben das Klatschen vernommen
und aufgeschaut.
»Als habe jemand ans Fenster geklopft«, sagt
Werner Nusperli. Auf einmal ist seine Stimme belegt und
voller Besorgnis.
Uljanow legt den Rotstift hin, legt ihn hin mit einer
lautlosen, behutsamen Geste, die sehr beherrscht und
unnatürlich konzentriert wirkt.
»Erwarten Sie Besuch?« erkundigt er sich ruhig.
Ilse Rauh schüttelt heftig den Kopf. »Niemanden.
Gäste würden die Haustür benutzen. Um diese Zeit...«
Wladimir Iljitsch greift nach dem Sakko, den er ohne
Hast, jedoch unverzüglich anzieht. »Genossen?«
Wieder verneint die blonde Frau. »Telefonieren
vorher. Das ist so vereinbart.«
Sie streicht sich mehrfach erregt über die Schenkel.
Es bleibt unklar, ob sie den langen Rock glätten oder
Schweiß wegwischen will, der in ihren Handflächen plötzlich
aus den Poren tritt. Dann macht sie einen Schritt auf die
Außentür zu. »Ich schaue mal nach.«
Uljanow faßt ihren Arm und hält ihn fest. »Nein!«
bestimmt er, und erstaunlicherweise klingt seine Stimme
noch ebenso ruhig wie zuvor. »Nach außen hin ist alles
dunkel. Hier darf niemand sein.«
Ilse sieht ihn ratlos an. »Wir müssen doch wissen
...«
Nusperli ist lautlos zur Tür gegangen. Er lauscht,
aber er hört nichts. »Kann sein, es ist nur etwas vom Dach
gefallen«, vermutet er. Unverkennbar wünscht er sich, es
möge so sein.
Draußen ist Paul jetzt überzeugt, daß er freie Hand
hat. Daß die Druckerei leer zu sein scheint, dünkt ihn nicht
die schlechteste Lösung. Zumindest macht es alles
wesentlich leichter. Er geht heran, hat seinen Schlüssel
heraus und will ihn ins Schloß einführen. Das gelingt nicht.
Es wurde von innen zugesperrt, und der Schlüssel steckt.
»Mist!« schimpft der Junge leise und kramt in den
Hosentaschen nach seinem Taschenmesser. Wenn es ihm
gelingt, den steckenden Schlüssel damit so weit zu drehen,
daß der Bart in die Senkrechte gerät, kann er ihn
anschließend in die Druckerei hineinstoßen und das Schloß
frei machen. Er hockt sich hin und beginnt zu popeln.
»Da ist doch wer!« Ilse Rauh...
»Das Licht!« sagt Wladimir Iljitsch, und Nusperli
versteht sofort. Er schraubt die Glühstrümpfe der Lampen
über Setzkästen und Mettagetisch herunter. Nur das Licht
auf dem Schreibtisch bleibt. Allein brennend, verändert es
mit bizarren Schlagschatten das Bild der kleinen Druckerei
auf merkwürdige Weise.
»Bis er den Schlüssel heraus hat, das dauert nicht
lange«, warnt der Schweizerdegen dabei.
Ilse Rauh schluckt. »Schnell!« drängt sie. »Zum Hof
hinaus und durch den Garten ...«
Uljanow rührt sich nicht. »Ist es Geheimpolizei, hat
sie das Grundstück umstellt«, hält er trocken dagegen.
»Gehen Sie sofort hinüber und ins Bett, Genossin Rauh!
Sofern man uns gegenüberstellt, kennen Sie uns nicht. Sie
wissen nicht, wie wir hereingekommen sind. Sie haben uns
nie gesehen. Ist das klar?«
Ilse hebt das Kinn. »Ich verleugne Sie nicht.«
»Doch! Ihr Mann besitzt für heute abend ein Alibi -
alle Versammlungsteilnehmer bezeugen es. Und wenn man
Sie aus dem Haus holen muß, kann niemand beweisen, daß
Sie nicht fest geschlafen haben. Ich bitte Sie sehr...« Aber
sie zögert immer noch, gleichermaßen tapfer und
unbedacht, liebenswert und unklug zugleich. Da fährt er
nach einem raschen Blick zur Tür fast flehend fort:
»Genosse Rauh und Sie haben diese Druckerei aufgebaut,
um den Arbeiterturnern eine eigene Zeitung zu geben und
sie unabhängig zu machen von den hurra-patriotischen
kaisertreuen Blättern der bürgerlichen Vereine. Das ist mir
gesagt worden, und ich kann mir ausmalen, wieviel Schweiß
und Mühe hier drin stecken. Sie müssen es retten helfen!
Geben Sie der Pressepolizei keine Handhabe! So gehen Sie
doch!!!«
In diesem Augenblick fällt der Schlüssel aus dem
Türschloß. Es gibt ein mißtönendes Klirren, als er auf dem
Steinfußboden landet. Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.
Ilse erkennt das und fügt sich. Blitzschnell erreicht sie die
Tür zum Hof, macht unhörbar auf und hinter sich zu und
jagt ins Haus. Sie wird nicht angerufen, und es gibt kein
Geräusch.
Nusperli steht wieder lauschend an der Außentür.
»Keine Stimmen, Wladimir Iljitsch«, sagt er gepreßt in
russischer Sprache. »Ein Mann, höchstens zwei... Offenbar
bloß Spürhunde und kein ganzes Kommando ...«
Uljanows beherrschtes, in seiner Selbstzucht wie
versteintes Gesicht hellt sich auf, hat jäh viel entschlossene
Kühnheit. »Wir brauchen die Iskra. Jetzt, nicht erst nach
weiteren fünf Jahren«, erwidert er. Auch Wladimir Iljitsch
bedient sich nun seiner Muttersprache. »Also, Genosse
Werner ...«
Schon während dieser Worte hat er mit raschen
Griffen Manuskripte und Fahnen an sich genommen und in
den Sakko gestopft.
Der Schweizerdegen fährt sich nervös mit der
Zungenspitze über die spröde gewordenen Lippen und ist
doch froh, daß eine Entscheidung fällt, daß er nicht mehr
tatenlos stehen und abwarten muß. Wenn Uljanow bloß
nicht so ungeschützt wäre ...
»Deckung, Wladimir Iljitsch!« raunt er und zieht sich
selbst hinter den Setzkasten neben der Tür zurück. Uljanow
begreift sofort, daß er recht hat, und tritt hinter die
quadratische Esse des Ofenungetüms.
Keinen Augenblick zu früh, denn in dieser Sekunde
schließt Paul Thomas von außen auf, tritt mit forscher
Unbekümmertheit ein und drückt die Tür hinter sich zu!
Das Licht auf dem Schreibtisch verblüfft ihn. Er bleibt
unsicher stehen, doch da alles still und niemand zu sehen
ist, geht er auf Zehenspitzen weiter. Paul erreicht den
Umbruchtisch. Die Schiffe mit Zeitungsseiten im
ungewohnten Hochformat fallen ihm sofort auf. Er beugt
sich darüber und pfeift leise durch die Zähne. Fremde
Schrift... Wie Kriminalreferendar von Kopp geargwöhnt
hat... Ob er, Paul, einfach einen Abzug herstellt? In der
Harkortstraße haben sie bestimmt jemanden, der die ihm
unbekannten Schriftzeichen entziffert... Der Lehrling schaut
zur Abziehpresse. Dann hätte von Kopp ein handfestes - wie
sagt man doch? - Indiz! Und wäre gewiß des Lobes voll...
Unbemerkt in seiner Lautlosigkeit, hat Werner
Nusperli die Außentür erreicht und sich breitbeinig von ihr
aufgebaut. Jetzt gibt, er Uljanow durch Gesten zu
verstehen, er möge den anderen Ausgang besetzen; dann
wäre der Junge zwischen ihnen und es gebe kein
Entkommen mehr für ihn.
Wladimir Iljitsch verneint mit einem knappen
Kopfschütteln. Hinter der Esse hervortretend, sagt er nun in
freundlichem Plauderton: »Ich fürchte, das kannst du nicht
lesen. Soll ich es dir übersetzen?«
Paul fährt erschrocken herum. Es hätte nicht viel
gefehlt, daß er aufschreit. Das Blut steigt ihm ins Gesicht,
als er die zurechtgelegte Erklärung für sein Hiersein von
sich gibt. Jetzt, da er sie braucht, kommt sie ihm
unglaublich kläglich und an den Haaren herbeigezogen vor:
»Ich... Ich bin der Lehrling. Ich habe etwas liegenlassen und
will es mir holen. Sonst nichts...« Er erinnert sich, daß er
nicht wie ein ertappter Sünder dastehen soll, und nimmt
sich zusammen. Nicht kleinlaut zu wirken war leichter
empfohlen, als es sich umsetzen läßt, aber Paul versucht es
wenigstens. »Wer sind Sie eigentlich?« fragt er und: »Was
tun Sie hier?«
Der schlanke Mann mit dem klugen, weit über sein
Alter hinaus reifen Gesicht lächelt und nickt.
»Diese Fragen besitzen eine gewisse Berechtigung«,
anerkennt er bereitwillig und kommt unbefangen näher.
»Machen wir uns also bekannt. Meyer.«
Erst jetzt bemerkt Paul den zweiten Mann in der
Druckerei. Er nimmt ihn wahr und erkennt den Besucher
von neulich wieder, als Nusperli sich zur Tür wendet und
hinausgeht. Nun schließt er die Tür von außen. Dem
Gesichtskreis von Paul entzogen, macht der Schweizerdegen
ein paar Schritte in die Dunkelheit. Deren Stille dünkt seine
gereizten Sinne trügerisch und voll lauernder Gefahr.
Nusperli sucht die Umgebung der Druckerei und dann auch
des Hauses vorsichtig ab - stets auf den Zusammenstoß mit
Auftraggebern des Jungen gefaßt.
Dem Lehrling bleibt keine Zeit, an ihn zu denken.
Der Mann ihm gegenüber, dieser mittelgroße schlanke Mann
mit dem Querbinder und im dezenten dunklen Zweireiher,
beansprucht seine ganze Aufmerksamkeit. Warum das so
ist, was von diesem Herrn Meyer ausgeht, das ihn fesselt,
berührt und verlegen macht, könnte er nicht sagen, aber er
ist ganz im Banne dieser Persönlichkeit. Deren Vorstellung
erwidert er mit dem korrektesten Diener seines bisherigen
Lebens. Instinktiv fühlt er, daß dieser Mann der größere und
wichtigere der nächtlichen Druckereibesucher ist.
»Thomas. Paul Thomas«, nennt er seinen Namen.
»Aber ein Sachse sind Sie nicht, das hört man.«
»Ach ja?« fragt Uljanow zurück und hat auf einmal
ein recht vergnügtes, ansteckendes Lachen. »Ic h kann dir
nicht einmal widersprechen.« Er wird sofort wieder ernst.
»Nun, und um deine Frage Nummer zwei zu beantworten:
Du bist in die Nachtredaktion einer Zeitung gekommen.«
Sie stehen dicht am Umbruchtisch. Der Lehrling
weist auf die Schiffe. »Was ist das für eine ulkige Schrift?«
»Kyrillische Lettern. Russisch«, erklärt Wladimir
Iljitsch sachlich. »Petit auf Borgiskegel.«
Vertrautes... So geläufig, daß Paul mit aller
Fachkenntnis seiner Buchdruckerlehre beinahe mechanisch
zustimmt: »Acht Punkte auf neun, ja...« Er räuspert sich
und sieht direkt in die klugen, weit auseinanderstehenden
Augen des Fremden. »Weiß das der Meister?«
Uljanow hält dem Blick ruhig stand. Er weicht ihm
nicht aus, sondern sucht ihn sogar.
»Siehst du ihn?«
Es sind Pauls Augen, die nicht standzuhalten
vermögen. Dem Lehrling ist, als schaue ihm dieser Herr
Meyer bis ins Herz. So senkt er die Lider, dreht sich zum
Umbruchtisch und zeichnet mit dem Finger die Randleisten
des nächststehenden Schiffes nach.
»Sie sollten nicht hier sein, Herr Meyer«, sagt er
leise über die Schulter. Es klingt mehr nach einer
dringlichen Bitte als nach einem Vorwurf. »Wissen Sie
überhaupt, wie tief Sie ihn reinreiten. Das da ist doch
staatsgefährdend ...«
Ganz flüchtig zucken die Brauen Uljanows in die
Höhe und sinken wieder herab. Das ist eine Frage, doch sie
erreicht den Jungen nicht. Wladimir Iljitsch schüttelt
unmerklich den Kopf, hängt die Daumen in die Ärmellöcher
der Weste, hebt sich ein wenig auf die Zehenspitzen. Was
geht in diesem Lehrling vor?
»Aha!« quittiert Uljanow das »staatsgefährdend«
und erkundigt sich, für den Jungen ganz überraschend,
lebhaft: »Was ist dein Vater, Paul?«
»Werkzeugmacher«, antwortet er verblüfft. »Und
natürlich Sozialdemokrat wie Herr Rauh. Daher kennen sie
sich, und deshalb darf ich hier lernen.«
Wladimir Iljitsch lehnt sich an den Umbruchtisch.
»Also stehen wir vor einem schweren Problem«, sagt
er unvermittelt in einem Ton, der der eines vertraulichen
Gesprächs unter Freunden ist. »Du hast etwas gegen
staatsgefährdende Arbeit wie unsere.« Er nickt Paul zu. »Ja,
ich räume ein, daß es unser Ziel ist, den in Rußland
bestehenden Staat zu stürzen und an seine Stelle die
Diktatur des Proletariats zu setzen. Daraus haben wir nie
und nirgendwo ein Hehl gemacht.« Er stößt sich vom
Mettagetisch ab, streicht mit dem Zeigefinger glättend über
den Bart auf der Oberlippe und fährt plötzlich sachlich fort:
»Du bist dagegen. Es muß schwer für dich sein, unter lauter
Feinden zu leben.«
Das kommt überraschend. »Ich habe keine Feinde«,
glaubt Paul richtigstellen zu müssen. »Und überhaupt
begreife ich kein Wort.«
Uljanow lehnt sich wieder an den Tisch und
verschränkt die Arme vor der Brust. »Dein Vater ist
Sozialdemokrat wie Herr Rauh, das habe ich doch richtig
verstanden?« Und da der Junge bloß nickt und nicht
versteht, wohin das soll, spricht er weiter: »Du weißt, daß
Reichskanzler Otto von Bismarck vor Jahren die Partei
verboten hat, der Herr Rauh und dein Vater angehören -
natürlich um seinen, den imperialistischen deutschen Staat
zu schützen?«
»Das sind olle Kamellen«, wehrt der Lehrling ab.
»Was hat das damit zu tun?«
Wladimir Iljitsch lächelt. »Gleich! «erwidert er
freundlich. »Willst du dich nicht setzen? Da ist auch noch
Tee. Nimm dir!«
Paul setzt sich auf den Schreibtischsessel und will
gleich wieder aufspringen, als er Herrn Meyer nach einem
Stuhl gehen sieht, der ein wenig verloren in Ofennähe steht,
doch der Fremde wehrt mit einer Handbewegung ab, trägt
das Sitzmöbel heran und nimmt dem Jungen gegenüber
Platz. Uljanow spricht vorgebeugt, gerade so, als wolle er
den trennenden Zwischenraum überbrücken und möglichst
engen Kontakt herstellen.
»Wie schätzt du das ein«, beginnt er. »Von
achtzehnhundertachtundsiebzig bis -neunzig war das
Sozialistengesetz in Kraft. Keine Arbeiterversammlung und
keine Parteizeitung waren erlaubt. Die Genossen trafen sich
insgeheim. Sie druckten heimlich ihre Zeitungen und -
erreichten, daß trotz aller Verbote und trotz allen
Polizeiterrors bei jeder Reichstagswahl mehr Stimmen für
ihre staatsgefährdende Partei abgegeben wurden. Wie,
meinst du, haben die Genossen Rauh und Thomas
gewählt?«
Paul schweigt verwirrt, verwirrt durch die nun schon
erkennbare Nutzanwendung, die der Fremde aus
Geschichten zieht, die der Junge in der Familie und von
Freunden der Eltern oft gehört hat - so oft, daß sie ihn
langweilten und daß er sie als überlebt beiseite schob. Er
begriff zwar, daß sie für die Älteren ein wichtiges Stück
ihres Lebens und kostbare Erinnerungen waren, die sie
bewahren und über die sie immer wieder sprechen, aber für
ihn... Was können sie ihm bedeuten? Die Zeit des
Sozialistengesetzes liegt für ihn schon in weiter Ferne, und
er hat sie - achtzehnhundertundneunzig ein fünfjähriges
Kind - nicht bewußt erlebt. Er lebt in einer ganz anderen
Ära, heute ist alles anders als damals, und die »ollen
Kamellen«... Mögen die Älteren davon reden, wenn es ihnen
Spaß macht. Was gehen sie mich an, dachte er. Und nun ...
Uljanow beugt sich weiter vor.
»Ich frage noch weiter, Paul. Wer hat für die
verfolgte Partei geworben? Die im Ausland heimlich
gedruckten Zeitungen zugestellt? Flugblätter verteilt?
Geldsammlungen durchgeführt, weil Zeitungen und
Flugblätter nun einmal Geld kosten? Wer, glaubst du?
Denkst du, sie haben nicht Mann für Mann gewußt, daß sie
sich - wie sagst du? - reinreiten? Sie taten es trotzdem,
Paul, und nicht, daß sie es taten war eine Schande, sondern
die Verhältnisse sind schändlich gewesen, die sie zwangen,
so zu arbeiten. Alles, was sie bis vor zehn Jahren machten,
war staatsgefährdend, aber sie haben den deutschen
Arbeitern damit Rechte und Freiheiten erkämpft, um die
Proletarier in aller Welt sie beneiden.« Er lehnt sich zurück
und streicht wieder über seinen Oberlippenbart. »Man muß
sich schämen, einen solchen Vater zu haben, wie?«
»Quatsch!« murmelt Paul und versteht, was ihm der
Fremde sagen will. Daß nämlich der heutige Tag das
Ergebnis des gestrigen ist und nicht denkbar wäre ohne die
gestrigen Taten, Erkenntnisse und Erfolge. Daß, wer nicht
anknüpft an das Gute, das er brachte, wer es nicht
weiterführt und sogar das Gegenwärtige losgelöst vom
Vorhergegangenen sieht, leicht in Irrtümer verfällt, sich
blenden läßt und somit das schon Erreichte neu in Frage
stellt, ja, es verrät... »Vati ist prima«, wehrt er sich gegen
den Vorwurf, der ihn traf und dessen Berechtigung er
widerwillig anerkennt, »und Herr Rauh auch.«
Wladimir Iljitsch lächelt. »Darin sind wir uns
vollkommen einig. Es klang nur vorhin anders. Trinke
doch!«
Der Tee ist fast kalt geworden, ist nur noch lauwarm,
aber Paul trinkt mit großen Schlucken. Ganz trocken ist ihm
der Hals, und es tut auch gut, sich für eine Minute an dem
Glas festhalten zu können.
Uljanow weiß, was in dem Jungen mit der
sommersprossengesattelten Nase vorgeht, einem netten
und liebenswerten Jungen, der in dieser Nachtstunde
vielleicht zum erstenmal gezwungen wird, ernsthaft über
sich selbst und die Welt nachzudenken, in der er lebt. Der
unter Umständen zum erstenmal ahnt, daß es nicht genügt,
diese Welt und ihre Annehmlichkeiten hinzunehmen und zu
genießen, sondern daß diese Welt so gut oder so schlecht
ist, wie er selbst sie tätig zu machen hilft, daß sie ein
Engagement, daß sie Einsatz verlangt... Wenn er, Uljanow,
ihm beistehen kann, zu einer brauchbaren Nutzanwendung
seiner Erkenntnis zu gelangen, wäre dies, trotz der
Verzögerung des »Iskra«-Umbruchs, keine verlorene
Stunde.
»Wollen wir einmal annehmen«, fährt er fort, »die
Genossen Rauh und Thomas spazierten jetzt durch jene Tür
herein in unsere Nachtredaktion. Was meinst du? Würden
sie sich auf Grund ihrer Erfahrung an unsere Seite stellen,
oder würden sie der königlich sächsischen Polizei helfen,
uns dem Sonderkorps der Gendarmen auszuliefern, das in
Rußland staatsgefährdende Handlungen verfolgt?«
Die Nennung der königlich sächsischen Polizei trifft
Paul. Herr Meyer kann doch gar nicht wissen, daß er, Paul...
Der Lehrling ertappt sich jetzt dabei, daß er nicht mehr
geneigt ist, Herrn von Kopp, Hochwohlgeboren, so
uneingeschränkt als seinen Gönner zu betrachten wie zuvor.
Genau besehen, fühlt er sich sogar von ihm hinters Licht
geführt und vor einen Karren, gespannt, vor den er wohl
eigentlich nicht gehört und der ihm nun auch, nachdem Herr
Meyer mit ihm gesprochen hat, ziemlich schäbig und
unrühmlich erscheint. Hm, geradezu beschämend, wie
wenig Zeit und wie wenige Worte Herr Meyer brauchte, ihm
das klarzumachen. Er, Paul Thomas, muß doch mit Blindheit
geschlagen gewesen sein!
»Sie haben eine Art, mit einem zu reden...«, sagt er
deshalb mit ehrlicher Bewunderung.
Wladimir Iljitsch übergeht das. »Du bist jung, Paul«,
stellt er warmherzig fest. »Das Leben liegt vor dir. Du mußt
etwas daraus machen. Wenn du es verschenkst und bunten
Seifenblasen nachläufst - schade darum! Wenn du an die
Seite deines Vaters und des Genossen Rauh trittst, wirst du
freilich Stürme erleben und dich bewähren müssen. Aber du
wirst sagen können: Mein Leben ist gut, denn ich stehe auf
der Seite derer, denen die Zukunft gehört. - Das steht bei
dir, Paul Thomas.«
In einer jähen Aufwallung möchte der Junge dem
Manne, den er heute unter so abenteuerlichen Umständen
zum erstenmal sieht und der ihm doch wie jemand
vorkommt, den er seit langem kennt und vertraut, alles
erzählen - wie das schöne Auto kam, wie von Kopp an seine
Freude am Detektivspiel anknüpfte, wie er ihn herumfahren
lief?, und ... und ... Aber er bringt kein Wort über die
Lippen. Er schämt sich seiner Instinktlosigkeit zu sehr; er
möchte nicht, daß Herr Meyer schlecht von ihm denkt. In
einer Stunde vielleicht oder in zweien...
Uljanow steht auf und geht ein paar Schritte in die
Druckerei hinein. »Die Wahl deiner Freunde kann dir
niemand abnehmen.« Er dreht sich um und erklärt lächelnd,
gerade so, als müsse er um Verständnis und Nachsicht
werben: »Ja, und nun müßten wir eigentlich weiterarbeiten.
Ich halte dich auf. Du hast noch gar nicht an dich
genommen, was du holen wolltest.«
Was Paul schon halb entschlossen war mitzuteilen,
bleibt sein Geheimnis. Der Junge läuft zu seinen
Arbeitssachen und kramt verlegen darin herum. Es ist nichts
da, dessen Abholung die Rückkehr in den Betrieb ernsthaft
rechtfertigen könnte. Um überhaupt etwas zu nehmen,
steckt er rasch das kleine Etui mit seinem Kamm und dem
Taschenspiegel ein. Den braucht er, wie Emma einmal
boshaft verlauten ließ, um von Zeit zu Zeit seine
Sommersprossen nachzuzählen. Es könnte ja eine
verlorengegangen sein... Zum Glück ist der Fremde ohne
Mißtrauen und achtet nicht darauf, was er an sich nimmt.
Paul geht hin, zum Abschied die Hand zu geben.
»Werden Sie Herrn Rauh sagen, daß ich ...?« erkundigt er
sich bedrückt.
Der Fremde versteht ihn. »Es bleibt unter uns«,
verspricht er, und der Lehrling ist gewiß, daß er sein
Versprechen hält. »Ein Gespräch unter Männern, das
niemand etwas angeht. Einverstanden?«
Der Junge schlägt kräftig in die dargebotene Rechte
ein. »Danke! Mit Ihnen möchte ich stundenlang reden.«
Wieder liegt ihm seine Geschichte auf der Zunge,
doch in diesem Augenblick kehrt Nusperli zurück und sieht
so verschlossen und böse aus, daß dem Lehrling die Worte
im Halse steckenbleiben. Er schweigt.
»Ein andermal vielleicht«, erwidert Wladimir Iljitsch.
»Es wird spät, und die Nacht ist viel zu kurz. Du weißt doch,
wieviel Mühe eine Zeitung macht.«
»Und ob!« bestätigt er fachmännisch.
»Viel Glück, Paul!«
»Auf Wiedersehen«, sagt der Lehrling, als er an
Werner Nusperli vorübergeht.
Der Schweizerdegen gibt den Gruß nicht zurück, er
tritt vielmehr, als die Tür klappt, hastig zu Uljanow und
fragt vorwurfsvoll mit vor Erregung heiserer Stimme: »Wie
konnten Sie ihn gehen lassen, Wladimir Iljitsch?!«
Uljanow hat wieder die Daumen in den Ärmellöchern
der Weste und hebt sich auf die Zehenspitzen. Den Kopf
zurücklegend, erwidert er ruhig und fest: »Sehr einfach,
lieber Genosse! Das ist ein junger Arbeiter, und wir sind
nicht die Ochrana. In der Tat: So einfach ist das.«
Nusperli kommt näher.
»Ich habe seine Spuren im Schnee verfolgt«,
berichtet er. »Die des Mannes, mit dem er vorhin stand,
endete bei den Abdrücken von Gummireifen. Solche haben
nur teure Motorenwagen, und Motorenwagen ..... Seine
Stimme wird flehend: »Sie müssen sofort abreisen,
Wladimir Iljitsch! Sofort!«
Uljanow sieht ihn wortlos an, wendet sich dann auf
dem Absatz um und geht zum Schreibtisch. Er zieht den
Sakko aus und hängt ihn ordentlich über die Stuhllehne.
Dann greift er wieder nach dem Rotstift.
»Was ich muß, Genosse Werner«, entgegnet er
trocken im Ton einer sachlichen Feststellung, in der mehr
Tadel liegt als in einem offenen Vorwurf, »was ich muß, ist,
die Iskra druckfertig zu machen. Allein deshalb nämlich bin
ich nach Probstheida gekommen.« Er deutet zur Außentür
und sagt ungeduldig: »Nun schließen Sie endlich ab, und
nehmen Sie Ihre Ahle zur Hand! Die letzte Seite, wenn ich
bitten darf...«
11

Merkwürdigerweise sprechen sie am Spätnachmittag


des nächsten Tages in der zum Hof hinausführenden
Mansarde mit den Großvatermöbeln, die Uljanow im Hause
Rauh bewohnt und die auf altertümliche Weise gemütlich
ist, über alles andere eher als über das, was Julian
Marchlewski eigentlich hergeführt hat. Daran sind die
Zeitungen schuld, die Nusperli allabendlich mitbringt. Für
deren Beschaffung ist Wladimir Iljitsch besonders dankbar.
Sich vielseitig, gründlich und genau zu informieren bildet
ihm ein tägliches Bedürfnis; er kann nicht sein ohne diesen
ständigen engen Kontakt mit dem Geschehen in der Welt.
Die überregionalen großen Blätter machen das
herannahende Jahresende unübersehbar. Sie resümieren
bereits, sie rufen noch einmal ins Gedächtnis, was die
vergangenen zwölf Monate brachten. Den Krieg der Briten
gegen die Burenrepublik Transvaal sahen sie in anhaltende
Partisanenkämpfe übergehen, und ein vierundvierzigjähriger
Psychologe namens Freud erregte mit einem Buch über
Traumdeutung weltweite Aufmerksamkeit. Oscar Wilde und
Sullivan wurden durch den Tod von der irdischen Bühne
abberufen und leben in ihren Dichtungen weiter, und seit
der römischen Uraufführung im Januar feiert Puccinis
»Tosca« in den Opernhäusern Europas rauschende Erfolge.
Am Ende des 19. Jahrhunderts haben die sozialistischen
Parteien der »Alten Welt« und Nordamerikas etwa
dreihunderttausend Mitglieder und fast viereinhalb Millionen
Wähler; die rechtsstehenden Zeitungen registrieren
erschreckt zweihundertundsieben sozialistische
Parlamentsabgeordnete in zehn Ländern, breite
sozialistische Propaganda, Sammlung und zunehmende
Organisiertheit des Proletariats ...
Neben den Meldungen stehen überall riesige
Anzeigenplantagen, steht geballte Werbung für Geschenke
zu Weihnachten, für das Fest des Friedens, der Freude und
des Glücks. Überstrahlt es denn jetzt nicht alles mit
Kerzenglanz und schimmerndem Engelshaar, mit
Zuckerwerk an Tannenzweigen und mit schweren Stollen?
Vorfreude in Kinderaugen, Heimlichkeiten hinter
verschlossenen Türen ... Die Welt ist intakt, und von China
spricht man nicht.
In China nämlich krachen heute und auch am
Weihnachtsfest Schüsse aus deutschen Infanteriegewehren;
heute und am Weihnachtsfest schärfen dort deutsche
Kavalleristen am Schleifstein ihre Säbel zur Attacke, wie
man es sie in den heimischen Garnisonen lehrte. Ob die
Offiziere, Maate und Matrosen auf den Großkampfschiffen
der Ersten Division des deutschen Panzergeschwaders ihre
Weihnachtspost pünktlich erhalten, ist fraglich. Sie und die
siebzehntausend Mann des »Ostasiatischen
Expeditionskorps« des deutschen Kaiserreichs sind in der
Ferne, seit die Erste Division der Kriegsmarine am 9. Juli
aus Kiel auslief. Sie zog aus, die Ermordung des Berliner
Gesandten von Ketteler in Peking am 20. Juni furchtbar zu
ahnden - so furchtbar, wie es die kaiserliche Majestät am
27. Juni forderte. Da schrie Allerhöchstderselbe den in
Bremerhaven zusammengezogenen Soldaten zu: »Kommt
ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird
nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch
in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend
Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen
Namen gemacht..., so möge der Name Deutscher in China
auf tausend Jahre durch euch in einer Weise bestätigt
werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, einen
Deutschen auch nur scheel anzusehen!«
Diese »Hunnenrede«, wie die Journalisten sie
treffend nannten, ist durch die gesamte Weltpresse
gegangen als bezeichnend für die Geisteshaltung des
Monarchen an Deutschlands Spitze, als so recht
»teutonisch«. Aber Nachrichten darüber, wie buchstäblich
das Expeditionskorps den erteilten Befehlen Folge leistet,
fließen spärlich.
Uljanow machte eine entsprechende Bemerkung, als
Marchlewski eintrat. Es liegt nahe, daß China-Meldungen
Wladimir Iljitsch heute besonders berühren - vor ihm auf
dem Tisch liegt sein Kommentar »Der China- Krieg« für die
»Iskra«-Innenseiten, und er hatte, als der Besucher kam,
eben seine Füllfeder in der Hand, um eine gerade
gestrichene Passage durch eine knapper gefaßte zu
ersetzen. Unerwartet lebhaft nahm Julian Marchlewski das
Thema sofort leidenschaftlich auf. Seine Redaktion hat
versucht, durch eigene Recherchen dem gezielten
Schweigen der bürgerlichen Nachrichtenagenturen zu
begegnen. Gar nicht einfach, heimgekehrte Soldaten zu
finden, die zu sprechen bereit waren; gar nicht leicht, die
tief eingeschliffene Furcht vor Verfolgungen wegen
Geheimnisverrats zu überwinden ... Aber darüber verliert
der Besucher in der Mansarde kein Wort. Das ist
Pressealltag und gewöhnliche Begleitmusik der Erarbeitung
von Nachrichten.
Marchlewski hat ein langes Gespräch mit einem
Soldaten gehabt, der schwerverwundet auf einem der
Versorgungsschiffe zurückkehrte. Er berichtete
erschütternde Einzelheiten vom brutalen Vorgehen des
Expeditionskorps gegen den »Boxeraufstand«. Was er sagte
und was Marchlewski nun wiedergibt, überrascht Uljanow
nicht - er brandmarkt in seinem Ko mmentar zwar das
Wüten der zaristischen Soldateska, denn davon vor allem
müssen seine Leser in Rußland wissen,-doch die
Kontingente der »Vereinigten Armeen« der Kolonialmächte
im Reich der Mitte sind alle vom gleichen Schlag. Überdies
wurde zu ihrem Oberbefehlshaber ausgerechnet der
preußische General von Waldersee bestimmt, ein
berüchtigter Bluthund...
Der Verwundete hatte Marchlewski geschildert, wie
nicht zuletzt das Erlebnis fortgesetzter Massaker den besten
unter den Soldaten nach und nach die Erkenntnis dämmern
ließ, daß man sie wohl doch nicht nur in den Fernen Osten
geschickt hatte, die dem teuren Vaterland durch die
Ermordung eines Diplomaten zugefügte Beleidigung zu
ahnden und zu rächen. Dafür - meinten die, die noch nicht
dem Blutrausch erlagen oder in stumpfer Gleichgültigkeit
den militärischen Vorgesetzten das Denken überließen - war
genug Blut geflossen, wenn nicht schon zuviel.
Ging es jetzt nicht vielmehr darum, über das vom
Deutschen Reich als Kolonie gepachtete Kiautschou hinaus
die ganze Provinz Schantung und den Hafen Tschifu in die
Gewalt zu bekommen? Schantung ist unglaublich reich an
Bodenschätzen, Tschifu wäre für den Überseehandel ebenso
wichtig wie als Marinestützpunkt zur Eskalation der
Kolonialpolitik ...
Wofür schlagen sich unter dem Befehl des
hochwohlgeborenen Herrn von Waldersee die Soldaten
sieben weiterer Staaten, denen doch kein Diplomat
umgebracht worden ist? fragte sich der Verwundete.
Schlagen sich die russischen Soldaten nicht für die
einträglichen Eisenbahnprojekte in der Mandschurei? Die
Briten nicht für die Wirtschaftsinteressen ihrer Millionäre im
Yangdsi-Tal? Die Franzosen nicht für ebensolche in Yünnan?
Die Japaner nicht für die Vorherrschaft ihres Kaisers und
seiner Bankiers in Korea? Die Soldaten Amerikas nicht für
die sogenannte Hay-Doktrin, die das riesige »Reich der
Mitte« zum »offenen Land« erklären möchte, offen nämlich
für jede ausländische Kapitalanlage und damit für jede Art
Ausbeutung?
Der Soldat, mit dem Marchlewski gesprochen hat,
wurde zunächst wie seine Kameraden von der Welle
nationalistischer Empörung über den Anschlag in Peking und
vom Rachegeschrei der kapitalistischen Presse mitgerissen,
als man seine Einheit nach China einschiffte. Er hat lange
und eigentlich bis zum Ende seiner Behandlung in einem
Feldlazarett auf fremder Erde gebraucht, bis er
Zusammenhänge zu ahnen und zu begreifen begann, über
die nachzudenken er vorher keine Zeit und nicht das
Bedürfnis zu haben glaubte. Die Einsicht, daß die Ihotuan-
Bewegung, die Europa den »Boxeraufstand« nennt und,
verteufelt, in Wahrheit eine patriotische Tat und zutiefst
gerechtfertigt ist, weil sie der imperialistischen Ausbeutung
der Heimat entgegentritt, diese Einsicht bezahlte er teuer.
Sehr teuer... Und täglich bezahlen andere deutsche Männer
sie ebenso teuer oder sterben, ohne zu ihr zu gelangen, in
einer Fremde, die sie nichts angeht. Zu Hause jedoch
preisen die Zeitungen das Fest des Friedens und empfehlen
auf Anzeigenseiten Geschenke für glückliche Stunden, für
Stunden, die ganz der Familie gehören und der Freude ...
In diesem Jahr gibt es besonders entzückende
Geschenkideen. Beispielsweise hat da eine Firma, die
Modelleisenbahnen herstellt, den wunderbaren Einfall
gehabt, einen »Katastrophenzug« zu bauen. Man braucht
nur einen Zusammenstoß herbeizuführen, und Lokomotive
und Wagen zerfallen sehr realistisch in Trümmer und
Bruchstücke, die sich natürlich wieder zusammensetzen
lassen. Man kann damit Eisenbahnkatastrophe spielen, sooft
man nur will. Und wenn man ein paar kleine Puppen
zwischen die Trümmer legt, sieht es ganz echt aus!
Der »Boxeraufstand« ist fast ganz aus den Blättern
verbannt, von ein paar Klagen über den »hartnäckigen
Fanatismus der gelben Aufrührer« abgesehen ... Es
weihnachtet doch.
Marchlewski weiß Schreckliches vom Wüten der
Kolonialsoldateska zu sagen. Das Gespräch hat ihn
aufgewühlt und bewegt. Er muß es wiedergeben,
wiedergeben voller Empörung und Zorn. Die »Hunnenrede«
trägt furchtbare Frucht in Asien.
Wladimir Iljitsch, am Tisch sitzend, den Kopf in die
Hand gestützt, unterbricht ihn mit keinem Wort. Er ist ein
aufmerksamer, konzentrierter Zuhörer. Erst, als
Marchlewski geendet hat, sagt er: »Sie sind
darangegangen, China auszurauben, wie man einen
Leichnam ausraubt, und als dieser vermeintliche Tote
Widerstand zu leisten versuchte, fielen sie wie wilde Tiere
über ihn her, indem sie ganze Dörfer niederbrannten,
wehrlose Einwohner, Frauen und Kinder im Amur
ertränkten, niederschossen und auf die Bajonette spießten
...«
Er muß nicht hinzufügen, daß der gewöhnliche
Imperialismus so in China sein Gesicht auf eine
ungeschminkte und typische Weise zeigt; das wissen sie
beide. Ebenso klar ist ihnen, daß es gilt, ihren Lesern dieses
entlarvte Gesicht des gewöhnlichen Imperialismus ins
Bewußtsein zu bringen und sie darauf aufmerksam zu
machen, wobei erklärt werden muß, wieso und warum sich
in ihm das Wesen eines räuberischen Systems enthüllt.
Auch darin sind sich die beiden Männer ohne Erklärung
einig; sie sind erfahrene politische Journalisten und
gewohnt, zu beweisen, nicht zu behaupten. Nur der Beweis
überzeugt.
Uljanow notiert einige Zeilen auf dem breiten weißen
Rand des Urmanuskripts. Er schreibt sehr klein und eng,
unglaublich diszipliniert und zuchtvoll.
Wie Leute schreiben, die sich über jede aufs Papier
gebrachte Silbe Rechenschaft ablegen ... Die Sätze, die er
suchte und im Augenblick des Eintretens von Marchlewski
nicht fand, jetzt hat er sie. »Sie sind darangegangen, China
auszurauben, wie man einen Leichnam ausraubt...« Das
trifft es!
Sehr gut versteht Wladimir Iljitsch die Erregung
seines Gastes. Der fühlt und erlebt die Erkenntnisse des
verwundeten Soldaten jetzt nach, vollzieht sie neu.
Wirklich: Gerade am deutschen Beispiel ließe sich präzise
der Mechanismus »moderner« Kolonialpolitik demonstrieren
- erst werden Kolonien erworben und versklavt. Der
zwangsläufig beginnende Volkswiderstand gegen die
Versklavung bietet den Vorwand zum militärischen
Eingreifen. Die »Strafexpedition« folgt den Gegnern über die
ursprünglich abgesteckten Grenzen der Kolonie hinaus und
erweitert sie unter allen Umständen mit der Begründung,
das sei zur Ausrottung der Unruheherde und zum Schutz
der Kolonie unerläßlich. Nicht genug damit, fordert das
Kaiserreich jetzt von China eine finanzielle Entschädigung
für die Kosten des ihm »durch die Mordtat in Peking«
aufgezwungenen (!) Krieges. Und da es just
siebzehntausend gut gedrillte Soldaten im Lande und vor
der Küste die Stahlkolosse der Ersten Division des
Panzergeschwaders hat... Schon ist es im Reichstag offenes
Geheimnis, daß die Geldmittel dem weiteren Ausbau der
Kriegsflotte dienen sollen, und Seemacht gilt als Garant für
Erfolg im imperialistischen Ringen um die Neuaufteilung der
Welt, im Ringen um das größte Stück aus dem
Kolonialkuchen. Wurde nicht England zur Weltmacht, als es
die Meere beherrschte? Und hat nicht schon Wallenstein
festgestellt, daß der Krieg den Krieg ernähren müsse? Der
Kolonialkrieg in China soll der Ausweitung von
Kolonialkriegen die finanzielle Basis geben ...
Wladimir Iljitsch legt seine Füllfeder auf den runden
Tisch mit der Häkeldecke, steht auf und tritt zu Marchlewski
ans Fenster. Die Sonne geht früh unter. Sie sinkt in einem
kalten, blassen Rot, das für morgen neuerlich klirrenden
Frost verheizt. Zwischen den langen Schatten der Gebäude
glitzert körnig der Schnee. So weit von hier aus das Auge
schweift, regt sich im Augenblick nichts. Das verstärkt den
Eindruck einer tiefen Müdigkeit der vom vergangenen
Sommer erschöpften Natur, den Eindruck auch einer
friedvollen, ruhigen Zeit ohne Angstträume und Tränen.
Alles wirkt aufs beste geordnet, sauber und klar. »Dreimal
werden wir noch wach. Heißa, dann ist Weihnachtstag ...«
Das Bild da draußen trügt.
Marchlewski zieht seinen Vollbart glättend durch die
Hand. Übergangslos wechselt er das Thema.
»Ich hatte kurz nach Mittag ein Interview. Auch
Ostasiens wegen, aber erfolglos«, setzt er neu an. »Als ich
in die Redaktion zurückkehrte, wartete in der Tauchaer
Straße der Genosse auf mich, der uns gelegentlich Beiträge
über russische Angelegenheiten schreibt. Soweit sie sich aus
den tendenziösen Berichten der hier erhältlichen
Petersburger Blätter herausdestillieren lassen ... Der
Genosse ist Emigrant.«
»Was hat er gebracht?« erkundigt sich Uljanow
sofort lebhaft. »Neuigkeiten von Interesse? Sie haben doch
seinen Artikel bei sich?«
Marchlewski schüttelt den Kopf. »Es besteht
Vertrauen zwischen uns«, erklärt er nur, statt ein
Manuskript aus der Brusttasche zu ziehen. »Er wollte mir
eine Beobachtung mitteilen und hat nicht gefragt, ob ich
den Grund für das kenne, was er sah. Ich habe
infolgedessen keine Antwort geben müssen.«
Wladimir Iljitsch schaut ihn prüfend von der Seite an,
hat die Daumen in den Ärmellöchern der Weste und hebt
sich ein wenig auf die Zehenspitzen. »Also?« ermuntert er
knapp.
Der Redakteur nimmt einen Stumpen heraus und
setzt ihn in Brand. »Er wird plötzlich beobachtet«, meldet er
besorgt. »Sobald sich ihm der Verdacht aufdrängte, hat er
die Probe gemacht - Spaziergänge an wenig belebter Stelle
und dergleichen, na, Sie wissen schon. Ein Schatten ging
mit, da ist er ganz sic her. Natürlich ließ sich der Genosse
nichts anmerken, aber er warnte seine Freunde. So kamen
sie dahinter, daß auch diejenigen überwacht werden, die
unter den Leipziger Russen die konsequentesten Marxisten,
sind, Emigranten wie Studenten... Dies, obwohl es zur Zeit
keinen unmittelbaren Anlaß für forcierte Aufmerksamkeit
der Geheimen gibt.«
Um Uljanows Mundwinkel zuckt es. »Das Jahr geht
zur Neige«, bemerkt er, »und das Sonderkorps der
Gendarmen muß seinen Bericht machen, der ihm als
Arbeitsgrundlage für neunzehnhundertundeins dient. Es
wird bei seinen lieben Freunden im Ausland angefragt
haben, was die Menschen tun, die aus dem Völkergefängnis
des Zaren entkommen sind. Da die Polizei in Sachsen zwar
eine andere Montur trägt, aber doch unter der gleichen
Kappe steckt, beeilt sie sich, der Bitte ihrer Brüder im
Geiste zu willfahren. Um so besser, wenn sie nichts
Besonderes zu melden weiß! Da läßt die Wachsamkeit
nach.«
»Wir müssen fürchten, daß das alles Ihnen gilt«,
hebt Marchlewski die Stimme. »Offenbar sucht man Sie in
Leipzig.«
»Da überschätzen Sie nun wohl doch die
Aufmerksamkeit, die einem einfachen Journalisten
entgegengebracht wird, lieber Marchlewski. So sehr ich
Ihnen Ihre freundliche Sorge um mich danke, in diesem
Falle...«
»Unter dem Siegel der Verschwiegenheit ist den
Genossen von befreundeten deutschen Nachbarn verraten
worden, daß die Geheimpolizei bei denen nach Besuchern
fragte. Auch nach kürzlich aufgetauchten Schlafgästen bei
Emigranten und Studenten. Ein Foto wurde gezeigt, und
nach der Beschreibung bildete es Ihr Konterfei ab.
Irgendwie muß durchgesickert sein, daß und mit welchem
Ziel Sie München verlassen haben.«
»Ach ja?« Wladimir Iljitsch streicht nachdenklich
über den Bart auf der Oberlippe. »Nun, immerhin - das
scheint meiner Einschätzung der Lage zu widersprechen,
und selbstverständlich sind mir diese Aktivitäten gar nicht
recht. Trotzdem besteht kein Grund zur Beunruhigung,
glaube ich. Man hat zum Glück nicht viel ermittelt. Sonst
würde man mich nicht vor der falschen Schmiede suchen.
Den deutschen Genossen und vor allem der Druckerei droht
offensichtlich noch keine Gefahr. Das ist mir sehr lieb.«
Ganz flüchtig denkt er an diesen Paul Thomas, an den
Jungen, der letzte Nacht plötzlich hereinschneite. Doch er
spricht nicht davon. Er hat dem Lehrling versprochen, über
ihre Begegnung zu schweigen. Der Junge gab das
Versprechen zurück. Außerdem - bloßer Zufall, daß Paul
Thomas etwas vergessen hatte und es holen kam! Uljanow
wischt die Erinnerung beiseite. »Haben Sie unser Gespräch
auf dem Wege vom Bayrischen Bahnhof zur Straßenbahn
noch im Gedächtnis? Ich sagte damals, meine ich, daß wir
die Genossen hier nicht mehr gefährden wollen, als
unabdingbar ist.«
»Eben das«, bestätigt Marchlewski.
Wladimir Iljitsch nickt ihm zu. »Ich gestehe, daß ich
während der Reise mit dem Gedanken gespielt habe, mich
mit dem Russischen Akademischen Verein in Verbindung zu
setzen. Es gibt da kluge Köpfe, die unserer Sache treu
ergeben sind. Vielleicht könnte ich ihnen bei der
Auseinandersetzung mit dem Gegner helfen... Ich habe den
Gedanken aufgegeben. Für diesmal aufgegeben. Genosse
Marchlewski! Ich werde mit den Freunden in Leipzig ein
andermal sprechen. Jetzt... Ich müßte fürchten, daß die
leider recht rührige sächsische Geheimpolizei auch nach
Probstheida findet, wenn sie meine Spur in der Messestadt
erst einmal aufgenommen bat. Das hieße jedoch, unsere
Iskra zu gefährden, und die Zeitung hat den Vorrang.
Wenn ich wiederkomme. wird das nur der Diskussion wegen
geschehen.« Er wendet sich um und geht in die Mansarde
hinein. »Danke für die Warnung! Was mich angeht - ich
erleichtere es den Spitzeln vor den Türen der Genossen
nicht, zu recherchieren, daß gegenwärtig in ihrer Stadt
tatsächlich etwas Besonderes geschieht, daß jetzt die
russischen Angelegenheiten entscheidend in Fluß
gebracht werden! Da seien Sie unbesorgt.« Uljanow läuft
zum Samowar, gibt Teesud in Gläser und brüht ihn auf.
»Daß die deutschen Genossen nicht beobachtet werden ...
Ist das sicher?«
»Ja«, antwortet Marchlewski ohne Bedenken. »Von
Ihrer Anwesenheit wissen außer Mehring und mir nur die
Rauhs und Nusperlis Wirt, Karl Pinkau. Da der Iskra-
Briefwechsel über seine Adresse geht... Keiner der
Genannten hat etwas Verdächtiges bemerkt, ich habe mich
erkundigt. Ich lege für jeden von ihnen die Hand ins Feuer.«
Wladimir Iljitsch reicht ihm ein Glas Tee. »Wir
drucken heute an. Zwei Seiten im ersten Durchgang. Wollen
Sie sich das ansehen? Die Premiere sozusagen ...«
»Leider...«, bedauert Marchlewski. »Ein
unaufschiebbarer Termin, den ich persönlich wahrnehmen
muß. Ihnen brauche ich doch nicht zu erklären, wie es bei
einer Tageszeitung zugeht.«
»Nein.«
Der Redakteur schlürft vorsichtig das heiße Getränk.
»Auf alle Fälle drücke ich Ihnen heute nacht von Herzen die
Daumen, Wladimir Iljitsch. Ich weiß. welche große Stunde
das für Sie ist. Was für ein Erlebnis ...« Er räuspert sich und
fährt verständnisheischend fort: »Wenn Sie ein wenig später
anfangen müssen, das ist meine Schuld. Hermann Rauh
wollte die seit langem für heute angesetzte Besprechung
mit Vertretern der Pressekommission des Turnerbundes und
des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbundes am liebsten
absagen, aber ich habe widersprochen. So gibt es keine
Fragen nach dem Warum.«
»Vollkommen richtig. Wissen Sie, wer da ist?«
»Pinkau für die Turner. Er wird sich übrigens um die
Expedition der Iskra kümmern. Und Max Purschwitz für die
Fahrer. Ein Buchdrucker, arbeitet in einem der größten
graphischen Betriebe ... Purschwitz ist ein Mann, der nicht
nur Vertrauen geniest, sondern bei den Leipziger Genossen
ausgesprochen beliebt ist. Seiner geradezu unverwüstlichen
Fröhlichkeit wegen... Nun, sobald die Besprechung beendet
ist, geht die Zeitung in Druck.«
Uljanow lächelt. »Wenn Sie wüßten, wie ungeduldig
ich jetzt schon bin... Das reinste Lampenfieber ...«
Marchlewski setzt das Teeglas ab und nimmt einen
tiefen Zug aus seinem Stumpen. »Erfüllen Sie mir eine
große Bitte, Wladimir Iljitsch?«
»Jede, lieber Marchlewski!«
»Da wir also wissen, daß in Leipzig schon Fotografien
herumgezeigt werden, die Ihr ungeschminktes Gesicht
abbilden - gehen Sie als Uljanow nicht mehr auch bloß über
den Hof! Seien Sie Meyer, wenn Sie diese vier Wände
verlassen! Perücke, Bart und Kneifer - ich beschwöre Sie!«
Wladimir Iljitsch seufzt. Dann streckt er dem
Redakteur plötzlich mit herzlicher Dankbarkeit die Rechte
entgegen: »Ich verspreche es! Es ist mir wirklich
unangenehm, daß ich Ihnen fortgesetzt Kummer bereite -
dieses höchst unbequemen, unseligen Herrn Meyer wegen!
Ich werde mich bessern.«
12

Bei der Sache ist Paul Thomas nicht. Mechanisch


zieht er den langen Schwungarm der Bostonpresse herunter
und schiebt ihn in die Senkrechte zurück. Das ist schwere
Arbeit. Der Junge muß dabei seine ganze Körperkraft
einsetzen. Die Bewegung des langen Hebels läßt die
Farbwalze über den Tiegel mit der Druckerfarbe gehen und
führt sie anschließend über ausgebundenen Satz in einer
Form. Dann schließt sie die Presse und drückt den Satz
gegen eingelegtes Papier. Das wird dadurch bedruckt.
Paul arbeitet mit Emma zusammen. Sie reicht ihm
ein Blatt zu, wenn er durch Heben des Schwungarms die
Druckvorlage eingewalzt und die Presse geöffnet hat. Er legt
es mit der Rechten an und zieht mit der Linken den Hebel
herunter, nimmt den Druck heraus und gibt ihn Emma.
Auch sie setzt beide Hände ein - mit der einen reicht sie
Paul Blatt um Blatt,- mit der anderen türmt sie Druck auf
Druck. Sie sind eingespielt, es geht schnell und fließend.
Wer ihnen zusieht, der mag gern glauben, daß mancher
Gründer einer kleinen Druckerei mit einer solchen
Bostonpresse und einem einzigen Schriftkasten begonnen
hat. Diese Meister haben dann wahrhaftig mit ihrer Kraft
und ihrem Schweiß den eigenen Handwerksbetrieb
aufgebaut. Auch bei Rauh & Pohle fing es nicht viel anders
an.
Ein Stoß postkartengroßer Drucke liegt schon da. Es
sind Werbezettel, die der seit 1893 in Leipzig bestehende
Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund »Solidarität« in
Betrieben und in den von Werktätigen besuchten
Ausflugsgaststätten verteilen will, am Auensee
beispielsweise. Ein mitreißender Aufruf zum Mitmachen und
Adressen, bei denen sich Interessenten melden können,
stehen darauf. Sie umgeben eine schwungvolle Zeichnung,
die einen Rad- und einen Kradfahrer zeigt, welche sich ein
ungleiches Rennen zu liefern scheinen.
Paul schenkt dem Druck kaum Beachtung. Wenn er
darauf blickt, dann nur, um festzustellen, ob er genug Farbe
hat oder ob der Tiegel neu beschickt werden muß. Seine
Gedanken sind bei der Begegnung mit von Kopp, die ihm
nachher bevorsteht. Sie wird unter anderen Vorzeichen
stattfinden als die vorhergegangenen. De r Lehrling hat
gestern nach dem Zusammentreffen mit diesem Herrn
Meyer lange nicht schlafen können; er ist auf seltsame
Weise aufgewühlt und bewegt gewesen. Am Fenster
stehend und hinausschauend in kaltes Mondlicht auf
glitzerndem Schnee, hat er versucht, einen Teil seiner
Träume und die von dem Kriminalreferendar geweckten
Hoffnungen zu retten, einen Mittelweg zu finden zwischen
dem greifbar nahen »Traumberuf« eines Detektivs der
königlich sächsischen geheimen Polizei und dem ihm
erschreckend klar gewordenen unbeabsichtigten und
dennoch schon fast vollzogenen Verrat an seinem Vater und
dessen Freunden.
Es gibt keinen Mittelweg. Keinen. Er muß Fleisch
oder Fisch sein. Verräter oder Feind der Spitzel. So kurz
sein Gespräch mit Herrn Meyer war und so wenig es sein
Problem direkt berührte - es brachte entscheidende
Denkanstöße und gab den Überlegungen einen festen
Ausgangspunkt. Er kann es hin und her wenden und drehen,
so sehr er will, in dem Gesagten war so viel Logik, so viel
einfache und unwiderlegbare Wahrheit, daß Paul sich ihm
nicht mehr entziehen kann. Auch nicht mehr entziehen will,
und darauf kommt es an. Natürlich schrak er vor dieser
Erkenntnis zurück und sträubte sich dagegen, natürlich
suchte er ihr, die so unbequem ist, zu entrinnen und ein
bißchen wenigstens von dem großen Abenteuer zu retten,
das ihn lockte.
Es lockt nicht mehr, nachdem er die Vorzeichen
erkannt hat, unter denen es ihm von Kopp wie einen Köder
hinwarf. Dazu ist er sich zu gut. Wenn er nur die Wahl hat
zwischen dem Wohlwollen des adligen Kriminalbeamten mit
Hochschulbildung und der Anerkennung durch den Vater,
Herrn Rauh und die Menschen, mit denen sie umgehen,
dann - wählt er die Achtung der letzteren. Dann zieht er
lieber bis an sein Lebensende den schweren Schwungarm
der Bostonpresse, als daß er im Polizeiauto fährt und gerade
von denen gehaßt und gemieden wird, die er als lauter und
ehrlich kennengelernt hat. Er gehört zu ihnen. Das ist ihm
letzte Nacht klargeworden, besser: Es ist ihm überhaupt
erst bewußt geworden. Bisher war es so selbstverständlich,
daß er darüber nicht nachdachte.
Nun schiebt er die »hohe« Polizei mit ihren
geheimnisvollen verborgenen Registraturen und Karteien
gedanklich in dieselbe Schublade, in der bereits die
berühmteste und älteste Auskunftei des deutschen
Sprachraums mit ihren zwei Stockwerken voller
Rechercheuren, Bibliothekaren und Archivaren sowie nicht
minder geheimen Informationsspeichern liegt. Unter den
von Herrn Meyer präzise dargelegten Vorzeichen - und der
gesunde Menschenverstand anerkennt ihre Wahrhaftigkeit -
taugt das eine davon so wenig wie das andere für einen
Leipziger Arbeiterjungen. So sehr ihn der schöne Wagen des
politischen Dezernats der Polizei und selbst die bei der
großen Auskunftei vermuteten, leise schnurrenden
Elektrowagen auch mit neugieriger Sehnsucht erfüllen
mögen ... Deren Erfüllung müßte zu teuer erkauft werden.
Dazu ist Paul nicht bereit. Die letzte Nacht hat ihn über das
Spiel mit der Versuchung hinauswachsen lassen, hat ihn
darüber hinweggebracht.
Leider ist mit dieser Einsicht noch nicht alles getan.
Wenn er die verabredete Begegnung mit von Kopp nicht
wahrnimmt, schöpft der Referendar bestimmt Verdacht. Und
dann ... Nein, er muß hingehen und alles aufheben, was er
selbst unbedacht eingerührt hat. Davor fürchtet er sich ein
wenig; das wird so leicht nicht werden. Dieser
hochwohlgeborene Spürhund ist kein Dummer; schlau und
gefährlich ist er vielmehr. Ob er, Paul, die Männer bei Herrn
Rauh um Unterstützung bittet, um einen guten Rat? Er
bringt es nicht fertig. Wie stünde er da vor ihnen ... Und
außerdem: Er hat diese Suppe eingerührt - seine Sache
allein ist es auch, glaubt er, sie wegzukippen. Allein seine!
Ist er sich das nicht schuldig? Wie sehr er die anderen
einschließlich des verehrten Herrn Meyer damit in Gefahr
bringt, wird er erst begreifen, wenn alles vorüber ist. Im
Augenblick hat er soviel Klarheit noch nicht. Er zieht den
Schwungarm der Bostonpresse an sich heran und stößt ihn
zurück, gibt manchmal frische Farbe auf den Tiegel, nimmt
von Emma Papier, sieht den Stoß neben der Maschine
wachsen und weiß noch immer nicht, was er dem adligen
Herrn Kriminalreferendar sagen will. Paul ist wütend auf sich
selbst. Er druckt so schnell, daß das Mädchen neben ihm
verwundert den Kopf schüttelt. Da muß ihm ja der Atem
ausgehen! Sie staunt, wieviel Kraft er hat. Der Atem geht
ihm nicht aus.
Um den Schreibtisch herum dauert die Besprechung
Rauhs mit Pinkau und Purschwitz an.
Hermann Rauh sagt gerade, die Hand auf dem
säuberlich geschriebenen Themenplan, der vor ihm liegt,
sachlich zu Pinkau: »Nicht zufrieden, Karl?«
Der Fotograf ist ein untersetzter, ruhiger Mann mit
ergrauendem, glatt nach hinten gekämmtem Haar und
waagerechtem, von Bartwichse gesteiften Schnurrbart. Er
wirkt sehr beherrscht, sehr korrekt und sehr
vertrauenerweckend. Seine Augen sind hell und freundlich,
können aber überraschend und beinahe übergangslos hart
und entschlossen blicken. Dann haben sie ein bischen von
blankem Stahl.
Paul Thomas hat den Leipziger
Reichstagsabgeordneten der SPD nie ohne das Gepäckstück
gesehen, das er selbst heute mitbrachte und das neben
seinem Stuhl steht. Dieser kleine Lederkoffer, der sich
mittels eines Riemens auch umhängen läßt, birgt Pinkaus
Lieblingskamera, einen klobigen Plattenapparat mit
doppeltem Auszug, einen Rollfilmansatz dazu,
Negativmaterial, Beutelblitze und ein pistolenartiges Gerät.
Damit kann bei ungenügendem Licht Magnesiumpulver
gezündet werden, die »Sonne in der Tasche«... Die Pinkau
kennen, meinen mit gutmütigem Spott, sobald Karl diesen
Koffer einmal nicht bei sich trage, wäre er mit Sicherheit
krank. Die Fotografie ist nicht nur sein Broterwerb, sie ist
ihm auch Leidenschaft.
»Das Verhältnis gefällt mir nicht ganz«, erwidert er.
»Wenn ich mir deine Themenliste ansehe, Hermann -
manche Sportarten kommen einfach zu kurz. Darunter
solche, die bei den Genossen beliebt sind.«
»Aber genau!« nimmt Max Purschwitz das Stichwort
sofort lebhaft auf. Er ist ein beweglicher, fröhlicher Hüne in
Kniebundhosen, mit offenem Jungengesicht, dichtem,
harten Haar und einem kleinen, modisch gestutzten
Oberlippenbart, der ihm etwas Verwegenes gibt. »Ich fahre
Rad. Wir weinen beinahe vor Rührung, wenn uns die AT mal
eine Meldung widmet. Eine ganz kleine.« Er zeigt zwischen
Daumen und Zeigefinger Raum für bestenfalls fünf Zeilen
Petitsat z. »Und dann auch noch an unauffälligster Stelle...«
»In der neuen Nummer habt ihr einen ganzen Keller;
nun gib mal nicht an!« wehrt sich Rauh.
Pinkau lächelt. »Max ist Partei und übertreibt. Ich
dachte eigentlich an die Kraftfahrer. Um die kümmert sich
die Zeitung kaum, und das ist falsch. Denke an die
Hildebrand & Wolfmüller-Motorradfabrik, Hermann! Sie hat
zeitweilig mehr Leute beschäftigt als Daimler und Benz
zusammen. Dort arbeiten viele Genossen, und ihr Produkt
ist für Arbeiter erschwinglich, leichter erschwinglich
wenigstens als ein teures Automobil... Denke mal an sie!«
Der Drucker sieht verstohlen auf die Uhr. Du liebe
Güte, die Zeit rennt! »Gemacht«, sagt er ohne
Begeisterung. »Ich wäre nicht darauf gekommen.«
Purschwitz lacht vergnügt. »Was meinst du, warum
wir eine Pressekommission gebildet haben. Alter? Drei
wissen nun mal mehr als einer.«
Rauh drängt ein wenig abrupt zum Ende der
Beratung. »Ja, wenn es dann weiter nichts gibt...«
Dem Fotografen rutscht ein unüberlegtes: »Hast du
noch was vor?« heraus. Dann denkt er an den
beziehungsvollen Blick auf die Uhr und weiß Bescheid. »Ach
so!« fährt er rasch fort. »Spät geworden... Nur mal sehen,
ob da noch etwas ist.«
Er zieht sich den Plan heran - so neu wirkt der nun
nicht mehr, hier und dort wurden Bleistiftnotizen
hinzugefügt - und überfliegt ihn.
Emma ist das stumme Arbeiten leid. »Achte auf
deine Ohren, Paul!« neckt sie. »Die werden schon wieder
immer länger.«
Er zieht und schiebt den Schwungarm im gleichen
Rhythmus weiter. Dabei verkündet er abweisend:
»Quatsch!«
Das Mädchen reicht Papier zu und nimmt Druck um
Druck ab. »Aber Herr Pinkau hat Automobil gesagt«,
stichelt sie. »Oberflächenvergaser... und so.«
Paul reißt sich aus seinen Überlegungen heraus. So
ganz nebenbei hat er einiges verstanden und kann daher
mit Würde richtigstellen: »Herr Pinkau redete von
Motorrädern.« Nun ist er wieder der alte. Gegen seine
fortgesetzte Liebe zu Motorfahrzeugen an sich spricht ja
nichts. »Du, Motorräder sind auch prima. Das da auf dem
Zettel ist so eines. Sie verkaufen sie bis nach Frankreich,
und es sind sogar schon welche nach Amerika ausgeführt
worden.«
»Ich habe mehrere fahren sehen«, verrät sie. Als der
Lehrling sie mißtrauisch anschaut, weil doch aus diesem
Munde eine wertungslose Äußerung in Sachen Motorisierung
ungewohnt ist, kommt auch bereits das dicke Ende nach:
»Mit Mutti, und da hat Mutti gesagt, das wären
Familienvätervernichtungsmaschinen.«
Paul holt tief Luft. »Wenn ich nicht so'n höflicher
Mensch wäre, würde ich jetzt etwas von mir geben«,
murmelt er - hilflos angesichts einer so tragischen
Fehleinschätzung von Wunderwerken der Technik, in einem
Jahr mit 'ner Weltausstellung noch dazu! Dem ist er nicht
gewachsen, gegen soviel Bosheit kommt er nicht ernsthaft
an. Diese Mädchen...! Er geht darüber hinweg. Plötzlich hat
er eine Idee. Dem Gespräch der Männer am Tisch zufolge
besitzt nicht bloß die Polizei Fortbewegungsmittel mit Otto-
Motoren ... »Ob ich mal hingehe?«
»Bist du lebensmüde?« fragt Emma erschrocken. Sie
denkt, was sie sagt. Die Worte komme n wie aus der Pistole
geschossen.
Jetzt mischt sich Max Purschwitz ein. Er hat sich,
während Pinkau den verbesserten Plan prüft, umgedreht
und mit einem vergnügten Schmunzeln dem Streit an der
Bostonpresse gelauscht.
»Warum eigentlich nicht, Paul?« ermuntert er in
einem Ton, als wolle er ausdrücken: »Wir Männer müssen
gegen das Weibervolk zusammenhalten!« Er fährt in seiner
zupackenden, unkomplizierten Art gleich fort: »Ich nehme
dich mal mit. Die Knatterfritzen sind im selben Lokal wie
wir. Mitfahren lassen sie dich bestimmt, und wenn es dir
Spaß macht und du willst dabeibleiben ...«
Da vergißt der Lehrling zum erstenmal, den
Schwungarm der Bostonpresse zu betätigen. Die Farbwalze
bleibt auf halbem Wege zum Tiegel hängen.
»Und Sie vergessen das auch nicht, Herr
Purschwitz?« bittet er und ist atemlos vor Freude.
Purschwitz lacht. Er lacht eigentlich immer, und die
starke, ungekünstelte Fröhlichkeit, die in diesem Lachen
liegt, hat etwas unglaublich Mitreißendes, Ermunterndes
und Optimistisches. »Na, hör mal! Unter uns
Buchdruckern...! Warte, ich schreibe dir gleich das Lokal auf
und wann wir uns treffen.«
Er zieht die Blechhülse von seinem Bleistift und greift
in den Papierkorb, um einen weggeworfenen alten
Fahnenabzug herauszunehmen und auf ihn die Notiz zu
schreiben. Der Papierkorb ist übervoll - wie Papierkörbe
eben sind, wo mit Papier gearbeitet wird. Der Zufall will es,
daß Purschwitz am Rande in den Korb faßt und einen Abzug
von ganz unten heraufholt. Er muß sogar ein wenig reißen,
weil sich der Streifen im Geflecht festgeklemmt hat und
offensichtlich beim letzten Ausleeren hängenblieb. Der
Radsportler kennt solche mit roten Korrekturzeichen
übersäten Abzüge; er ist nicht neugierig darauf, was da
steht; er streift es nur gewohnheitsmäßig mit flüchtigem
Blick.
Dabei stutzt er. Nur eine Sekunde lang gibt er das zu
erkennen, ehe er sich wieder vollkommen in der Gewalt hat.
Dann legt er die Fahne - Schrift nach unten - vor sich hin,
als habe er von Anfang an vorgehabt, das zu tun. Er zieht
einen zweiten alten Abzug aus dem Korb und kritzelt auf ihn
die Angaben für Paul.
Der Junge hat seine Arbeit wieder aufgenommen. Er
strahlt jetzt.
»Das wäre was!« schwärmt er Emma vor. »Weißt du,
in ganz neuen Romanen fahren Detektive auch gelegentlich
Motorrad. Sie setzen die modernste Technik ein, sozusagen,
und ...«
Das Mädchen unterbricht ihn mit einem Seufzer. »Als
du hier angefangen hast, bist du ein so netter Junge
gewesen! Seit du diese Detektivschmöker liest...« Sie winkt
ab. »Oberflächenvergaser ...«
»Au!« mischt sich Karl Pinkau launig ein. »Ich lese
auch gern Krimis. Emma. Und ein Junge... Ein Junge muß
einfach Freude an Abenteuern haben und sie am liebsten
alle selbst erleben mögen. Sonst ist er nicht gesund.
Abenteuer locken gar zu sehr, nicht wahr, Paul?«
»Ja«, erwidert der Lehrling dankbar und hat jetzt
Emma gegenüber Oberwasser. »Da hast du es! Und Herrn
Pinkau kannst du leiden... Möchten, Sie sich auch manchmal
verkleiden und mit 'nem Revolver in der Tasche ...?«
Der Fotograf lächelt nicht einmal. »Nicht mehr,
Paul«, antwortet er sachlich und wiegt genau ab, was er
sagt.
»Weil Sie schon älter sind, ja?«
»Nein«, klingt es sofort zurück. »Es gibt nach wie vor
Abenteuer, die mich reizen. Ich möchte ein Haifischangeln
in der Karibischen See fotografieren und am allerliebsten
eine Expedition im Freiballonkorb mitmachen, so eine, wie
sie Jules Verne beschrieben hat - davon träume ich
manchmal. Aber die Abenteuer, die du meinst - nein. Weil
die Leute, die sich hierzulande von Amts wegen verkleiden
und mit Revolvern herumlaufen dürfen, unsere Feinde sind.
Sie bespitzeln die, die dir und mir und uns allen Vorbilder
sind, und sie schreiben jene auf schwarze Listen, die in den
Fabriken am entschiedensten die Interessen ihrer Kollegen
vertreten. So schön das Abenteuer ist - vor allem muß man
wissen, wem es nutzt und wohin man selbst gehört. Oder?«
Karl Pinkau nimmt mit solcher Selbstverständlichkeit
an, Paul müsse wissen, wohin er gehört, daß der Junge
beschämt die Lider senkt und wegsieht. Auf einmal ist alles
wieder da. Er rettet sich in einen Griff nach dem leeren
Farbeimer und die Worte:
»Die Farbe, Meister ...«
»Morgen!« wehrt Rauh ab. »Hast genug getan.
Schluß für heute.«
Emma häufelt geschäftig die Werbezettel und stößt
sie zurecht.
Paul fühlt noch immer die Augen Pinkaus auf sich
gerichtet, fühlt, daß eine Antwort erwartet wird, und weicht
ihr aus:
»Also kein Abenteuer?«
Der Fotograf steht auf und geht zu ihm. »Kein
solches, Paul! Auf dieses warten wir besser, bis wir
bestimmen können, zu wessen Nutzen sich Detektive
verkleiden und Revolver nehmen. Aber Abenteuer ...
Abenteuer gibt es trotzdem mehr als genug für uns. Selbst
wenn wir niemals in einer Freiballongondel mitfliegen
dürfen.«
Der Lehrling ist nicht überzeugt. »Wo denn?
Vielleicht hier an der Bostonpresse?«
Nun lächelt Pinkau doch einmal. »Richtig betrachtet -
ja. Was Genosse Rauh hier druckt - und vor allem natürlich
die Arbeiter-Turnzeitung -, hilft Arbeitern,
zusammenzufinden und sich ihrer Kraft bewußt zu werden.
Stehst du ihm dabei zur Seite. dann verhinderst du, daß die
Zeitungen der bürgerlichen Vereine Menschen blenden, die
zu uns gehören, Menschen, die uns zu schade sind, ihre
Körper für die Kriege des Kaisers zu stählen. Menschen,
deren Kraft die Klasse braucht... Ist das kein Abenteuer?
Und ein gutes noch dazu?«
Hermann Rauh dauert das alles zu lange. Er nimmt
demonstrativ noch einmal seine Uhr heraus und läßt den
Deckel springen. »Sofern du also nichts mehr hast, Karl...«
Er steht auf.
Auch Purschwitz schnellt hoch. Er geht zum Lehrling
und übergibt ihm seine Niederschrift. »Wir treffen uns dort,
Paul! Es wird dir gefallen. Es sind Leute da, die dir
Abenteuer erzählen können, daß einem das Herz lacht!
Sogar Abenteuer, in die Karl Pinkau verwickelt war.«
»Und Sie?«
Purschwitz ist beinahe traurig, antworten zu müssen:
»Ich hatte noch kein Rad. Leider...« Er wird sofort wieder
lebhaft. »Das war nämlich so: Als die Partei verboten war,
hatten es die Genossen im Reichstag natürlich schwer. Karl
war damals schon Abgeordneter, aber wie sollte er zu
Informationen kommen? Woher das Material für Anfragen
nehmen, mit denen er die arbeiterfeindliche
Regierungspolitik bloßstellen konnte? Die Genossen wurden
doch verfolgt.«
»Und Sie nicht?« fragt Paul Thomas den
Abgeordneten verwundert. Der will zu einer Antwort
ansetzen, aber Max Purschwitz ist in Schwung.
»Laß mich reden, Karl! - Da hatten sie sich was
Feines ausgedacht. Sie verboten die Partei, aber sie hielten
sich an die parlamentarischen Spielregeln und tasteten die
Fraktion im Reichstag nicht an. Sie dachten wohl, eine
Fraktion ohne Partei sinkt zur Bedeutungslosigkeit herab,
weiß nichts mehr zu sagen und stirbt ohne Aufhebens. Zum
Pech dieser Herren war die Fraktion nie ohne Partei, denn
die Partei lebte in der Illegalität weiter. Die Fraktion hatte
immer etwas zu sagen. Reichstagsabgeordnete genießen
Immunität, Paul, sie sind unantastbar, und die politischen
Schnüffler fürchten sie sogar, weil die Schnüffler immer
damit rechnen müssen, daß ihre krummen Touren im
Reichstag geschildert werden.«
Paul hört sehr aufmerksam zu. »Wie konnten sie
davor Angst haben? Wo die Partei und ihre Zeitungen
verboten waren ...«
Purschwitz wiegt den Kopf. »Aber die gesamte übrige
Presse ist im Reichstag. Die großen in- und ausländischen
Nachrichtenbüros haben Korrespondenten da. Und: Auch
unter den Abgeordneten und Journalisten anderer Parteien
sind Freunde oder einfach Menschen, die die Willkür der
Polizeidiktatur à la Bismarck nicht billigen und deren
Zeitungen, die ja nicht verboten sind, mit Sicherheit in die
breiteste Öffentlichkeit hinaustragen, was die Abgeordneten
der verfolgten Partei zu enthüllen wußten! Sofern sie eben
etwas zu enthüllen hatten! Du siehst, Informationen waren
lebenswichtig; ohne sie hätten die Abgeordneten schlecht
Parteipolitik machen können. Die Reichstagstribüne hätte
ihnen nichts genutzt. Was im Reichstag gesagt wird, erfährt
mit Sicherheit alle Welt. Auch aus diesem Grunde waren die
stets anwesenden Journalisten Herrn von Bismarck ein
Greuel; er haßte und beschimpfte sie bei jeder Gelegenheit.
Kleine Lehre, Paul: Hüte dich dein Leben lang vor Politikern,
die die Presse fürchten und ihre Macht nutzen, die
fortschrittlichen Zeitungen zu knebeln. Sie haben Grund
dazu, und schon der Versuch der Reglementierung
öffentlicher Meinung charakterisiert sie.«
Er räuspert sich und spricht gleich weiter, lockerer
jetzt: »Also, jedenfalls ging es um Informationen für die
nach dem Willen des eisernen Kanzlers isolierte Fraktion.
Einmal gab es in Zwickau einen Streik, gerade am Vortag
einer Reichstagssitzung. Karl brauchte Unterlagen darüber,
schnell, und sicher, und in Zwickau und Umgebung
wimmelte es natürlich von Spitzeln. Trotzdem hat er sein
Material gekriegt! Am nächsten Morgen war es in Berlin.
Unsere Radfahrer, Paul, die rote Kavallerie... Sie hatte
eine regelrechte Stafettenfahrt organisiert, um das in
Zwickau gesammelte Material zu befördern. Ein Gewaltritt
selbstverständlich, aber Karl konnte auspacken! Eine Welle
der Empörung ging durch das ganze Reich. Hätten wir
damals schon Motorradfahrer gehabt...« Er pfeift vergnügt
das »Turner, auf zum Streite!« und schließt abrupt: »Da
hätte Karl seine Rede in aller Ruhe vorbereiten können. Die
Knatterfritzen sind nun mal schneller als wir.«
Paul Thomas hört sehr aufmerksam zu. Vor allem ist
da ein Umstand, der ihn fasziniert und den er begierig
aufgreift. »Sie sind doch noch im Reichstag, Herr Pinkau?«
»Bin ich!«
»Und die Polizei fürchtet Sie immer noch?«
Der Fotograf wiegt den Kopf. »Mich persönlich sicher
nicht«, erwidert er trocken, »aber dafür um so mehr die
Fraktion, der ich angehöre, und die Tribüne, die ihr zur
Verfügung steht - das Parlament.«
Der Junge atmet tief ein. Ein Gedanke taucht auf,
der einen Anflug von Verwegenheit besitzt, aber ihn
zuversichtlich macht. Auf einmal glaubt er zu wissen, wie er
mit Adelhelm von Kopp fertig werden kann, ja, es reizt ihn
sogar, seine Idee zu erproben. Er vertraut ihr.
Deshalb verkündet er abrupt: »Na, prima! Also. dann
werde ich mal gehen. Wiedersehen! Danke für den Zettel,
Herr Purschwitz ...«
Unerwartet und ungewohnt schnell ist er draußen.
»Aufgeweckter Junge!« urteilt Pinkau und nickt dem
Radsportler zu. »Ja, Max ...«
Doch Purschwitz denkt nicht daran, zu gehen. Er
steht so fest wie eine Eiche. »Augenblick noch! Jetzt, wo wir
allein sind...« Dabei schaut er zu Emma hin.
Rauh versteht, daß Max ein Gespräch unter sechs
Augen wünscht, und bittet seine Tochter: »Wir haben noch
etwas zu bereden, Mädel...« Sie geht sofort. Der Drucker
fragt: »Was hast du?«
Auf dem Absatz macht Purschwitz kehrt, geht zum
Schreibtisch und hebt den beiseite gelegten Fahnenabzug
hoch.
»Das! Seit wann besitzt du kyrillische Lettern,
Hermann? Was machst du damit? Möchtest du uns etwas
erklären?«
Pinkau, der ja unterrichtet ist, will eingreifen. doch er
kommt nicht hinaus über ein: »Max, das ist...«
Max unterbricht ihn. »Entschuldige, aber ich habe
Hermann gefragt.«
Rauh ist überrumpelt. Er weiß nichts vorzubringen
als ein ungeschicktes: »Nichts, Max, gar nichts... Herrje,
hier war ein Kollege, mit dem zusammen ich gelernt habe,
und der ist jetzt in einer Druckerei, die Bibeln für Rußland
herstellt. Er wollte mir einfach mal zeigen, wie das
aussieht.«
Sie ist gar nicht so schlecht, diese Ausrede, denn
Rauh darf davon ausgehen, daß Max kein Wort Russisch
kann, nur taugt sie eben nicht gegenüber einem
Buchdrucke r.
»Bibeln?« stößt der sofort zurück. »In kleinem
Petitsatz? Und mit der Schriftbreite? Ich fresse einen Besen,
wenn das keine Zeitungsspalte ist, wie sie im Buche steht.«
Rauh bockt. »Weiß ich, was sie in Rußland für Bibeln
haben?« entgegnet er entwaffnend naiv. »Jedenfalls hat er
mir die Fahne gezeigt und sie dann in den Papierkorb
geworfen. So war es.«
Purschwitz - er ist plötzlich sehr ernst und ganz ohne
die gewohnte Fröhlichkeit - faltet die Fahne pedantisch
zusammen. »Ich kenne ein paar russische Emigranten.
Denen werde ich das mal zeigen. Was hältst du davon?«
»Misch dich nicht ein, Max«, sagt Pinkau seltsam
rauh. »Das ist allein Hermanns Sache.«
Er streckt fordernd die Hand nach dem Abzug aus,
doch Purschwitz schiebt den in die Tasche.
»Nein!« beharrt er. »Wir haben zu Hermanns
Unterstützung eine Pressekommission gebildet, weil uns die
AT am Herzen liegt. Auf seine Bitte hin! Nun haben wir das
Recht, uns um diese Druckerei und den Genossen Rauh zu
sorgen. Wenn dies zu einer Zeitung gehört, mit der er den
Genossen drüben wirklich helfen kann - nichts dagegen! Da
würde ich ihm sofort beistehen. Aber... Weißt du, daß er
nicht einem Agent provocateur aufgesessen ist, den ihm die
Polizei auf den Hals gehetzt hat? Du weißt doch, wie sie
einen 'reinlegen! Um einen Vorwand zur Schließung einer
roten Druckerei und zur Verhaftung eines Druckers von uns
zu bekommen, beschaffen sie sogar kyrillische Schrift und
geben eine illegale Zeitung in Auftrag.«
Rauh und Pinkau sehen sich an. Sie besprechen sich
mit Blicken. Rauh ist unsicher, weiß nicht genau, was tun...
Da ergreift der Reichstagsabgeordnete kurz entschlossen
die Initiative. Das hier muß ein Ende haben, und er weiß,
wen er vor sich hat.
»Bleib auf dem Teppich, Max«, fängt er trocken an.
»Es hat seine Richtigkeit. Ich hab's gewußt und mitgeholfen.
Es ist eine russische Zeitung, und sie hilft den Genossen
drüben. Wenn du uns beistehen willst: Hilf bei der
Expedition! Allein schaffe ich den Versand schlecht.«
Purschwitz schaut von einem zum anderen. Prüfend.
Sehr abwägend. Dann hellt sich sein Gesicht auf und
bekommt den fröhlichen Mut zurück, für den es bekannt ist.
Max lacht wieder, zieht den Fahnenabzug heraus, zerreißt
ihn in winzige Fetzen und streut diese in den Papierkorb.
»Ihr seid mir welche! Erst gar nichts - und schließlich
die volle Ladung!«
»Du mußt nicht mitmachen, Max«, sagt Pinkau.
»Bloß schweigen mußt du. Daß du das kannst, weiß ich.«
Genauso darf man Max Purschwitz nicht kommen.
»Unsinn! Natürlich bin ich dabei.« Nach seiner Meinung ist
damit alles gesagt, was gesagt werden muß. Die Sache ist
klar, nun kann man ans Praktische denken. Er hält ihnen
freimütig die Hand hin und fragt, während sie nacheinander
einschlagen: »Einen Buchdrucker mehr brauchst du nicht
zufällig?«
Gerade jetzt kommt Ilse Rauh herein und zieht die
Fenstervorhänge zu. Im Lampenlicht schimmert ihr blondes
Haar. Kräftig und gesund sieht sie aus in der hellen Bluse
und dem langen dunklen Rock. Es paßt zu ihr, daß sie bis
auf den schmalen Ehering keinen Schmuck trägt. Der
stünde ihr nicht.
»Guten Abend allerseits!« grüßt sie heiter.
»Zufrieden mit dem Radsportartikel, Max?«
Er lacht: »Man ist ja bescheiden ...«
Hermann gibt ihm einen Rippenstoß. »Könntest mir
helfen, die Schnellpresse einzurichten.« Er freut sich.
Fremden hätte er Märchen aufgetischt, ohne eine Miene zu
verziehen, darauf war er vorbereitet. Aber dem da... Na,
das wäre nicht gut gegangen. Nicht zuletzt deswegen nicht,
weil er diesen jungen Kollegen schätzt und achtet.
»Gemacht!« stimmt Purschwitz zu und geht mit
größter Selbstverständlichkeit, sich eine
Buchdrukkerschürze von dem Haken zu holen, an dem das
Arbeitszeug hängt.
»Werner Nusperli sagt, heute ist Andruck?«
erkundigt sich Pinkau unterdessen.
Auch Hermann legt den Lederschurz an. »Der
aufregendste, den ich je erlebte, Karl! Lach nicht, mir ist ein
bißchen feierlich zumute ...«
Pinkau dreht sich zu seiner Tasche um. »Ein Jammer,
daß ich das nicht fotografieren kann! Die Kamera habe ich
ja immer bei mir, aber...« Er wendet sich seufzend zurück.
»Untersteh dich, Karl!« droht Rauh, doch er lächelt
dabei. Das ist Pinkau, wie sie ihn alle kennen und mögen.
»Ich tue es dpch nicht«, verspricht er brav, »obwohl
es der Fotograf Pinkau dem Genossen Pinkau manchmal
ganz schön schwer macht. Ein so herrliches Motiv; ein
Ereignis von vielleicht historischer Bedeutung - und kein Bild
davon!!! Scheiß-Konspiration...«
Damit hat er seinem Herzen Luft gemacht. Nun ist es
gut, nun fügt er sich der eigenen Einsicht in die
gebieterische Notwendigkeit strikter Geheimhaltung.
Von der Straße her tritt Werner Nusperli ein - lautlos
wie immer. Er wird erst bemerkt, als er in der kleinen
Druckerei steht und grüßt. Nusperli stutzt zwar, als er
Purschwitz' ansichtig wird, doch da die anderen seine
Anwesenheit als richtig betrachten und ihn wie einen der
Ihren behandeln, stößt er sich nicht daran.
»Noch hier, Karl?« fragt er zuerst seinen Wirt. wartet
jedoch keine Antwort ab, sondern wendet sich an Rauh.
»Was hat der Lehrling heute wieder, Genosse? Hab' ihn von
weitem gesehen. Hüpft herum, als hätte ihn ein Floh
gebissen. Ist er hier«, er tippt sich an die Stirn, »ganz
richtig?«
»Er freut sich aufs Motorradfahren«, antwortet
Pinkau mit väterlicher Wärme. »Was ein richtiger Junge
ist...«
Der Drucker nickt seiner Frau zu. »Ilse, würdest du
unseren Gast herüberbitten?«
Ilse blickt zu Max. »Aber...«, setzt sie bedenklich an.
Da erklärt er: »Pinkau ist eingeweiht, und Purschwitz
hilft uns jetzt auch.« Sie ist schon an der Tür, als er noch
sagt: »Ilse! Emma soll ihren Mantel nehmen und sich ein
bißchen auf der Straße umtun.«
»Gut.« Sie geht.
Inzwischen hat sich auch Nusperli zur Arbeit
umgezogen. »Ich hole die Schiffe«, ruft er Rauh und
Purschwitz zu, die jetzt beide an der Schnellpresse sind.
13

Aus der Harkortstraße kommend, hat der


Motorenwagen des politischen Dezernats des Polizeiamts für
die königlich sächsische Kreis- und Amtshauptmannschaft
Leipzig, den größten Kreis des Königreichs Sachsen, die
Pferdebahn überholt und Probstheida erreicht. Wieder ist
das kleine Automobil - es mißt in der Länge zwei Meter
dreißig und in der Breite einen Meter fünfundzwanzig - mit
vier Männern voll besetzt. Keiner von ihnen kann in den
engen Raum zwischen den einander zugekehrten
Sitzbänken noch die Beine bewegen. Bei solcher Kälte wirkt
sich das recht unangenehm aus; man fühlt förmlich, wie der
Frost an den Waden emporkriecht und sich in sie einkrallt.
Kriminalreferendar Adelhelm von Kopp denkt in Anbetracht
dieser Wahrnehmung mit einer gewissen Ironie an die
Bemerkung des russischen Informanten, es wäre doch
schade, wenn ein Winter kein richtiger knackiger Winter
wäre. Von Kopp weiß nicht, was der ausländische Student
unter einem »richtigen« Winter versteht und bei welcher
Schneehöhe und wieviel Minusgraden der für ihn anfängt -
ihm genügt dieser hier.
Übrigens: Die mit der Geldübergabe an den
Informanten verbundene konkrete Aufgabenstellung hat
bislang kein Ergebnis gezeitigt. Der künftige Mediziner aus
Sankt Petersburg fand keinen Hinweis darauf, daß der in
Fahndung stehende Uljanow schon in der Messestadt weilt.
Eine glatte Fehlanzeige! Von Kopp hat Kriminalwachtmeister
Reichert angewiesen, dem Spitzel keine Ruhe zu geben und
ihn dazu zu bringen, daß er tut, was nur irgend in seiner
Macht steht. Seither kommt Reichert kaum noch aus dem
alten walnußbraunen Ledermantel heraus.
Außer dem Referendar befördert der uniformierte
Chauffeur des Motorenwagens heute den hageren
Kriminalsekretär Schneider, dessen schmale Schultern sich
unter einem viel zu dünnen Mäntelchen verbergen, und
jenen Detektiv Weiter, der das Aussehen und auch das
Gehabe eines würdigen und etwas weltfremden
Gymnasiallehrers hat. Sein steifer Hut, sein Kneifer und der
distinguierte dunkle Gehpelz mit Kaninchenfellkragen
passen genau in dieses Bild.
Von Kopp beugt sich nach vorn. Er läßt sich von
Schneider Feuer für sein Zigarillo reichen und erklärt: »Sie
beide setze ich früher ab. Der Junge und vor allem Rauh
kennen Sie nicht; Sie können unbesorgt in die Nähe der
Druckerei kommen. Halten Sie sich zunächst in einigem
Abstand vom Wagen auf. Wenn der Bengel etwas hat - und
das Kerlchen besitzt eine für einen Anfänger erstaunliche
Spürnase -, dann weise ich Sie ein. Das heißt, daß Sie sich
wie die Kletten an Leute hängen müssen, die früher oder
später weggehen werden. Ich bitte mir eine
Klasseobservation aus! Sobald Sie unterwegs sind, rufen Sie
mich an, sooft Sie nur Gelegenheit dazu finden. Ich schicke
Ihnen daraufhin Ablösung und - wenn nötig - Verstärkung.«
»Sehr liebenswürdig«, murmelt Weiter und lüftet
sogar den Hut. »Ich darf jedoch vielleicht bemerken, daß
mich noch nie jemand abgeschüttelt hat, den ich
beobachtete. In aller Bescheidenheit gemeldet... Ich
brauche nur Ablösung.«
Schneider reibt sich frierend die klammen Hände.
»Ich kann mir nicht vorstellen«, brummt er mißgelaunt,
»daß ausgerechnet in dieser kleinen Klitsche hier draußen
...«
»Warum nicht?« fragt von Kopp und wird
unversehens scharf. »Wir gehen, das ist unsere verdammte
Pflicht und Schuldigkeit, jeder Spur nach, zumal, wenn es
die bisher einzige ist, die wir besitzen. — Halt!«
Es hat neuerlich gefroren. Der Wagen rutscht und
dreht sich ein wenig, als ihn der uniformierte Fahrer bremst.
Er steht schließlich ein bißchen schräg auf der Straße und
greift mit seinen bleichen Lichtfingern zum Bürgersteig auf
der anderen Seite hinüber.
»Ab durch die Mitte, Herrschaften!« sagt der
Referendar aufmunternd in das monotone, gleichmäßige
Rattern der Maschine hinein. »Sie wissen Bescheid! Ich
wünsche gute Jagd und fette Beute, meine Herren! Mir
auch.«
Die beiden steigen ab, steifgefroren und dadurch
ungeschickt, und verschwinden sofort im Dunkel zwischen
den Laternen, die wie in jeder Nacht leise vor sich hin
zischen.
Von Kopp streckt verstohlen die Beine aus. Das tut
gut!
»Weiter!« befiehlt er. »Gleiche Stelle wie gestern.«
Der Chauffeur schaltet bereits.
14

Natürlich steckt auch eine Portion Lokalpatriotismus


in der bewundernden Achtung, mit der Max Purschwitz die
Druckmaschine behandelt - der Erfinder der Schnellpresse
nämlich, Friedrich König, hat vor mehr als einem
Jahrhundert in der Leipziger Offizin von Breitkopf & Härtel
die Buchdruckerkunst von der Pike auf gelernt. Wo anders
auch sonst als in der Messestadt, nicht wahr? Zwar bauen
seine und des Mechanikers Andreas Bauer Erben in ihrer
Fabrik im ehemaligen Prämonstratenserkloster Oberzell bei
Würzburg längst auch viel größere Maschinen als die von
der Buchdruckerei Rauh & Pohle gekaufte -
Zweifarbenrotationsmaschinen für Tageszeitungen
beispielsweise, die zwölf- bis dreizehntausend sechzehn-,
zwölf- oder zehnseitige Gazetten in der Stunde ausspeien -,
aber... sie und ihre Konstrukteure sorgen weiterhin
aufmerksam dafür, daß nicht nur die Großbetriebe technisch
auf der Höhe sind. Sie liefern auch den kleinen
Handwerksbetrieben Apparate, die es erlauben, selbst
relativ umfangreiche Aufträge gut und schnell auszuführen.
Die König & Bauer in Probstheida ist dafür ein schlagender
Beweis.
Rauh und Purschwitz geben Druckerschwärze in den
Farbebehälter, während Werner Nusperli alias Joseph
Blumenfeld die Satzformen, die Schiffe, auf dem »Karren«
befestigt.
Der Karren ist jener Teil der Schnellpresse, der
während des Drucks vor- und rückwärts gleitet. Er geht
dabei unter der Farbwalze und dem Druckzylinder hin und
her, wobei erstere den Satz einfärbt und letzterer den Druck
abgibt.
Es sind drei erfahrene Fachleute am Werke. Sie sind
schnell mit den ersten Vorbereitungen zu Ende.
Purschwitz geht ans entgegengesetzte Ende der
Maschine, ans Schwungrad, mit dessen Hilfe diese
Schnellpresse auch von Hand betrieben werden kann.
»Na, Max, dann dreh mal!« sagt Rauh und legt einen
einzelnen Bogen aufs Auflegebrett. Purschwitz bringt das
große Rad in Schwung. Zahnräder greifen ineinander.
Transportbänder laufen über Rollen. Aus dem Farbekasten
gelangt über Duktor und Hebewalze Druckerschwärze auf
einen sogenannten »Nacktzylinder«. Der wiederum
überträgt sie auf Massewalzen, und unter denen geht nun
der Karren mit den Satzformen hindurch. Die waren
eingangs schwarz und stumpf; jetzt glänzen sie und haben
etwas seltsam Leuchtendes - eine ganz neue, lebendige
Schönheit. Gle ichlaufend mit der Bewegung des Karrens
erfolgt die des Papiers. Es gleitet vom schrägstehenden
Auflegebrett auf die Druckwalze und wird von ihr
hinabgezogen zur eingeschwärzten Satzform. Die Walze
preßt das Papier darauf. Nunmehr bedruckt und von der
sich drehenden Druckwalze weiter mitgenommen, gerät es
auf die Transportbänder und letztlich den Bogenausleger.
Der klappt nach hinten und bringt dabei den Bogen, ihn
umkehrend, mit der bedruckten Seite nach oben auf den
Auslegetisch. Der Karren gleitet zurück, und alles könnte
von vorn beginnen.
Doch Rauh bestimmt: »Halt!« Purschwitz hört zu
drehen auf, und Nusperli hat schon den Bogen in der Hand.
Der sieht furchtbar aus. Nicht nur, daß er ungleichmäßig
bedruckt wurde - das liegt am erst anlaufenden
Einschwärzen der Massewalzen -, zwischen den Schriftzeilen
gibt es die Abdrücke hochstehender Stege und Regletten,
und da und dort mutet es an, als wäre die Satzform wellig.
Sie werfen nur einen kurzen Blick darauf und wissen,
was zu tun ist. Hermann Rauh macht den Farbkasten auf.
Werner Nusperli greift zur Ahle, um die »Spieße«
wegzudrücken. Dann legt er ein Brett auf den ungleich
hohen Satz und ebnet diesen durch Hammerschläge aufs
Holz. So werden die Lettern nicht beschädigt. Hundertmal,
tausendmal geübte Handgriffe sind das, die flink und
kenntnisreich vollzogen werden.
Purschwitz hebt indessen einen Stoß des neulich von
Emma und Paul hereingeholten Papiers auf die Holzplatte
hinter dem Auflegebrett. Nachher wird Ilse Rauh anlegen
und Bogen um Bogen in die Schnellpresse geben — da sie
das auch beim Druck der »Arbeiter-Turnzeitung« tut, ist ihr
der erforderliche Rhythmus in Fleisch und Blut
übergegangen -, aber der ritterliche Max meint, es könne
nicht schaden, ihr die kraftzehrende Arbeitsvorbereitung
abzunehmen. Er bringt es überdies einfach nicht fertig,
dabeizusein und sich nicht nützlich zu machen. Dazu ist er
keineswegs der Mann.
Er wird das Schwungrad noch mehrfach betätigen
müssen, ehe alles in Ordnung ist und ehe sie wirklich
andrucken können. Immer gestaltet sich die Einrichtung
zeitraubend. Wenn die Maschine nachher läuft, läuft sie.
Fortdruck ist leicht.
Daß der Buchdruckeralltag in dieser Nacht
erregender und besonders ist, liegt nicht an der Technik.
Was und unter welchen Umständen sie heute drucken, das
ist das Außergewöhnliche, das Große. Eben dies macht die
Einrichtung der vergleichsweise kleinen König & Bauer
wichtiger und unvergeßlicher, als es für Max die gewohnte
Vorbereitung der riesigen Rotationsdruckmaschine für
Illustrationen wäre, die das Bibliographische Institut eigens
zur Herstellung von »Meyers Konversations-Lexikon« bauen
ließ — die Einrichtung eines wahren Wunderwerks der
polygraphischen Industrie. Jene Rotation setzt
drucktechnisch einen Meilenstein, denkt Purschwitz; die auf
der kleinen König & Bauer hier gedruckte »Iskra« aber wird
Weltgeschichte machen! Und er ist dabeigewesen ... Er
pfeift wieder sein Lieblingslied, den Marsch »Turner, auf
zum Streite!«
Unterdessen übergibt Karl Pinkau am Schreibtisch
dem vollbärtigen, kneiferbewehrten Herrn Meyer mit dem
üppigen Haupthaar Briefe, die zum Teil russische Marken
und im Stempelbild den Zarenadler, zum anderen bayrische
Marken und Stempel zeigen.
»Heute angekommen. Genosse Meyer! Ich dachte
mir: Noch drucken Sie nicht; vielleicht muß das eine oder
andere sogar gleich in die Nummer eins«, sagt Karl Pinkau.
Meyer nimmt den Brieföffner, der die Form eines
Degens hat, und schlitzt die Umschläge auf. »Und es weckt
nicht Verdacht, daß Sie plötzlich mehr Post als früher
bekommen?« erkundigt er sich dabei. »Sie sind durch die
Entgegennahme der Iskra-Materialien nicht gefährdet?«
Auf den ersten Blick verraten die langen Briefe ihren
wahren Inhalt nicht. Die Texte wirken belanglos oder
zumindest doch zu intim, um für einen anderen als den
Empfänger bedeutsam sein zu können. Sie erzählen
wortreich hübsche und auch verdrießliche Episoden aus dem
privaten Bereich, aus der unmittelbaren Sphäre von Leuten,
die die alte Kunst des Briefeschreibens noch pflegen und
ihre Wahrnehmungen, Gedanken und Empfindungen
druckreif zu formulieren lieben. Dies nicht zuletzt, um selbst
zu tieferer Einsicht hinsichtlich des behandelten
Gegenstands zu gelangen und sich Klarheit über ihn zu
verschaffen. Wenn die Zensur diese Post öffnete, fand sie
nichts zu beanstanden. Meyer muß erst ein Schwämmchen
in eine bekannte Lösung tauchen und damit den freien
Raum zwischen den jetzt sichtbaren Zeilen bestreichen,
damit die ihm zugedachten, mit chemischer Tinte
geschriebenen Nachrichten wie aus dem Nichts hervortreten
und verwendbar werden. Auch das gehört zu illegaler
Pressearbeit.
Es genügte ja nicht, daß einer der Genossen zufällig
oder durch einen Hinweis von bestimmten Vorfällen erfuhr,
daß er Andeutungen nachging, Augenzeugen fand, Details
und exakte Fakten recherchierte - dies alles anonym und
ohne die Hilfe eines Tür und Tor öffnenden Presseausweises
— und daß er das Ergebnis seiner Ermittlung zu Papier
brachte. Mindestens ebensoviel Mühe mußte er darauf
verwenden, seine Meldung oder seinen Bericht dergestalt zu
kaschieren, daß dieser durch die engmaschigen Fangnetze
des Sonderkorps der Gendarmen ins Ausland schlüpfen
konnte. Jeder der von Pinkau übermittelten Briefe aus
Rußland hat einen abenteuerlichen Weg zurückgelegt, um
jetzt in Uljanows Händen sein zu dürfen. Mit denen aus
München verhält es sich ähnlich. Selbst sie bergen ihr
Geheimnis noch; Frau Smidowitsch-Leman hat sie
nachgesandt, ohne sie zu präparieren. Das war umsichtig.
Daß sie auch einen persönlichen Brief an Wladimir
Iljitsch nach Leipzig weiterleitete, freut ihn. Er hat eine
starke und innige Sehnsucht nach Nadeshda
Konstantinowna, seiner jungen Frau, und gewiß ist es kein
Zufall, daß er sich in Probstheida stets an sie erinnert fühlt,
sooft er Frau Rauh sieht. Freilich sind die beiden Frauen
äußerlich und was den Grad ihrer Bildung angeht, sehr weit
voneinander entfernt, aber eines haben sie gemeinsam, die
robuste Probstheidaer Handwerkersgattin und die noch
mädchenhafte Lehrerin aus einer Sonntagabendschule
hinter dem Petersburger Newski-Tor - sie sehen das Leben
mit wachen Augen an und setzen ihre Kraft dafür ein, es zu
verändern. In den nächsten Monaten wird Nadeshda an die
Stelle von Frau Smidowitsch-Leman treten und in der
»Iskra«- Redaktion mitarbeiten. Uljanow freut sich darauf.
Es ist jetzt sechs Jahre her, daß sie sich
kennenlernten und zueinander fanden. Seine junge Frau mit
dem klaren, stolzen Gesicht brachte damals ihre Schüler in
die von ihm geleiteten Zirkel, sie arbeitete mit ihm
gemeinsam im »Kampfbund«, Schuschenskoje in Sibirien
sah sie an seiner Seite, und... und ... Wie sollte er ihre
Schrift nicht auf den ersten Blick erkennen! Dieser Brief gibt
ihm keine Rätsel auf, während die anderen... Wessen
Schriftzüge sind das?
»Sie haben wirklich keine Schwierigkeiten, Genosse
Pinkau?« wiederholt er seine Frage noch einmal.
Der Fotograf winkt bagatellisierend ab. »Seien Sie
unbesorgt! Ich erhalte eine Unmenge Post. Allein die Briefe
meiner Wähler .... Dazu ein Wust von Werbeprospekten der
Fotoindustrie und Zuschriften von Berufskollegen in aller
Welt, mit denen ich interessante Veröffentlichungen über
die Lichtbildnerei austausche... Außerdem bin ich bei einem
Zeitungsausschnittdienst auf alle Artikel über Ballonfliegerei
abonniert; das ist so ein Steckenpferd von mir. Ich glaube,
ich habe die lückenloseste Sammlung aller Publikationen
über den Versuch des schwedischen Ingenieurs Andrée,
zusammen mit zwei Begleitern im Freiballon den Nordpol zu
überfliegen. Siebenundneunzig, vor drei Jahren... Wie Sie
wissen, sind die drei seither spurlos verschollen. Ein
Unternehmen, das mich von Anfang an fasziniert hat. Kühn,
das Projekt. Man gab ihm wenig Chancen, aber wenn ich die
Möglichkeit gehabt hätte, mit meiner Kamera daran
teilzunehmen, ich wäre mitgeflogen, trotz allem...« Er hat
ein kleines, verlegenes Lächeln und winkt ab, ehe er
schließt: »Benutzen Sie ruhig weiter meine Adresse.»
»Danke!« erwidert der maskierte Wladimir Iljitsch
herzlich. Er schiebt die Briefe in ihre Umschläge zurück. Die
Schriften hat er erkannt; er weiß jetzt, wer geschrieben hat.
»Vielen Dank! Das«, und er legt die Hand auf die Kuverts,
»ist sehr wichtig. Unsere Redaktion braucht ständig engsten
Kontakt zu ihren Lesern. Unsere Genossen in Rußland
müssen von ihren Erfahrungen berichten - in der Rubrik
Briefkasten. in unserer Spalte Aus der Partei und in den
Briefen aus Fabriken und Werken. Unter anderem ... Wir
brauchen tausend, zehntausend Augen in Rußland, um von
hier aus die echten Bedürfnisse der Menschen erkennen und
darauf eingehen zu können.«
Karl Pinkau nickt und denkt nicht mehr an sein
Steckenpferd. Er ist ganz bei der Sache. So viel weiß er vom
Wesen der fortschrittlichen Arbeiterpresse, daß er
abzusehen vermag, inwieweit gerade die enge Verbindung
zwischen ihren Lesern und ihr sie befähigt, die Wahrheit
über das Zeitalter aufzuspüren und gültig zu publizieren -
ergründet und festgestellt an der Basis, verallgemeinert
aufgrund einer Fülle gleichlautender Informationen, auf das
Wesentliche zurückgeführt durch wissenschaftliche Analyse
und von der Erkenntnis vorstoßend zur Anleitung zum
Handeln ... Ein vollkommen neuer Pressetyp! Genau
betrachtet, ist er dem was die bürgerliche
Zeitungswissenschaft als »letzten Schrei« kreiert. exakt
entgegengesetzt. Der »letzte Schrei« sind Blätter wie
August Scherls »Berliner Lokalanzeiger« von 1883, William
Randolph Hearsts »San Francisco Examiner« von 1885, in
Paris »Le Journal« von 1892. in England Lord Northcliffs
»Daily Mail« von 1895 und in Preußen Leopold Ullsteins
»Berliner Morgenpost« von 1898. Der »letzte Schrei« sind
Zeitungen für Menschen, die »zu letharg und in den meisten
Fällen zu ignorant und dumpf« sind, etwas zu lesen, was
ihnen »ernsthafte geistige Anstrengungen« abverlangt.
Statt dessen bieten sie erregende Schlagzeilen,
sensationelle Bilder und spritzige Glossen.
Die Presse dieses Stils erscheint in Riesenauflagen
und hat Legionen Leser. Deren Griff nach Zeitungen, die
anstelle der Information die billigste Unterhaltung gesetzt
haben. Scheint beinahe die schlechte Meinung des Mister
Hearst vom Menschen zu rechtfertigen. Zu lesen, was aus
seiner Sudelküche und den Sudelküchen von seinesgleichen
kommt, das strengt nicht an, ja, ist gelegentlich sogar
amüsant. Und dann die vielen Fotos! Die könnte sich der
hohen Klischeekosten wegen eine Arbeiterzeitung kaum
leisten... Was Pinkau von Herzen bedauert.
Die Lektüre der »Iskra« wird, denkt er, Arbeit sein,
aber keine vertane Zeit. Sie wird den Leser fordern, doch
sie wird ihm damit beweisen. daß sie ihn achtet und auf
seine Klugheit vertraut. Auf seinen festen Willen, nicht nur
die Oberfläche zu betrachten, sondern den Grund und das
Wesen der Dinge zu begreifen — nicht bloß zu begreifen,
sondern von der Wurzel auf zu ändern, zu verbessern. Die
»Iskra« unterhält nicht und rasselt nicht mit den Schellen
einer Narrenkappe; sie arbeitet und verlangt Mitarbeit.
Würdiger findet das Karl Pinkau, ehrenwerter und
nützlicher. Daß es auch um ein Vielfaches schwerer und nur
unter Gefahren zu machen ist, weiß der Dreißigjährige ihm
gegenüber aus langem zähen Kampf um seine Zeitung, die
erste gesamtrussische marxistische Zeitung, besser als
jeder andere. Daß er nicht müde geworden ist, nicht mutlos
...
Karl Pinkau betrachtet den jungen Mann in der'
Maske eines ergrauten Privatgelehrten aus dem Königreich
Bayern mit Bewunderung. Viel mitfühlende Zärtlichkeit liegt
in seinem Blick. Ein ganz Großer ist dieser Meyer für ihn ...
Doch er deutet auf die Briefe und fragt sachlich: »Sie
werden das noch hier in Leipzig redigieren, nicht wahr?«
Meyer nimmt den Kneifer ab und massiert die
schmerzenden Druckstellen an der Nase. Er schüttelt den
Kopf.
»Nein. Ich müßte schon fort sein - eigentlich. Alle
Striche sind gemacht, alle Artikel für die restlichen Seiten
maßgerecht. Was zu tun bleibt, schafft Werner Nusperli
allein. Ich müßte schon fort sein, wie gesagt. Nur: Ich
möchte sie sehen, die erste Seite der Iskra, den Andruck...
Feucht von Farbe, wie er aus der laufenden Maschine
kommt... Zu meiner Rechtfertigung denke ich, daß es jedem
Journalisten so geht wie mir.« Er lächelt
verständnisheischend. ehe er sich zu Hermann Rauh
wendet: »Wie steht es, bitte?«
An der Maschine beugen sie sich über einen weiteren
Probeabzug.
»Gleich sind wir soweit!« versichert der Drucker.
»Ein paar Minuten noch ...«
15

Beinahe unmerklich hat es jetzt auch in dieser Nacht


wieder zu schneien begonnen, ganz sacht, auf eine
zurückhaltende, nahezu stille Weise. Die Flocken fallen nicht
dicht, sie gleiten einzeln und tändelnd nieder und verlieren
sich auf der vorhandenen Schneedecke, ohne sie merklich
zu erhöhen. Das hat etwas Unwirkliches, das erinnert an
Illustrationen zu alten Märchen.
Dabei ist es nicht sehr kalt. Emma Rauh kann ruhig
an einem Baum lehnen und die Straße entlang schauen,
ohne zu frieren. Sie hat eine warme Pudelmütze auf,
gestrickte Fäustlinge an und den Kragen des eng
gewordenen Mantels hochgestellt. Es macht ihr Spaß, daß
Paul Thomas sie nicht wahrnimmt. Er trödelt in der Nähe
der kleinen Druckerei herum, und erst nach einer ganzen
Weile erscheint es Emma merkwürdig, daß er nicht daran
denkt, nach Hause zu laufen. Ist es nicht, als warte er auf
wen? Dieses Schneebälleformen, dieses Weiße-Punkte-an-
Mauern-Klatschen, dieses Hin und Her ohne erkennbares
Ziel - das muß ein Zeitverkürzen sein. Wirkt Paul nicht auch
ungewohnt fahrig und auf besondere Art gereizt?
Das Mädchen beißt sic h auf die Lippen. Erregung teilt
sich ihr mit und die Ahnung einer noch nicht erkennbaren,
aber in der Luft liegenden Gefahr. Vielleicht wäre es gut,
hinüber zu Vati zu laufen und ihm ihre Wahrnehmungen zu
schildern ...
Das geht nicht mehr. Emma ist, als sie aus dem
Hause kam, auf die andere Seite der Hauptstraße
gegangen. Wenn sie jetzt zurück will, gerät sie mit
Sicherheit in den Gesichtskreis des Lehrlings. Er hat sie
noch nicht ausgemacht; sie hat diesen Baum gleichsam
hinter seinem Rücken erreicht und ihn dann erst bemerkt,
und nun ...
Motorengeräusch ist da. Das grelle Licht zweier
Karbidlampen nähert sich aus der Richtung der Kirche, und
während Emma sich hinter dem Baum ganz dünn und
schlank macht, um nicht gesehen zu werden, rattert mit
aufgesetztem Verdeck der wohlbekannte Eisenacher Wagen
der politischen Polizei vorüber und hält etwa hundert bis
hundertfünfzig Meter von der Druckerei entfernt. Seine
Maschine verstummt. Die Karbidlampen brennen weiter. An
der Emma zugekehrten Heckseite glimmt, von Laternenlicht
getroffen, hellrot ein »Katzenauge«. Ein Mann steigt ab - in
Knickerbockers, mit einer breitgepolsterten Windjacke und
mit einer flachen englischen Tellermütze. Er wechselt auf
die andere Seite hinüber und trifft sich mit Paul, der ihm
entgegenläuft.
Emma ballt die kleinen Fäuste. Sie atmet tief ein und
bedenkt sich selbst mit den schlimmsten Schimpfworten. So
klar ist der Sachverhalt, so eindeutig - und sie, die Paul
sicher am besten kennt von allen im Hause, hat nicht längst
begriffen, daß die königlichen Schnüffler Pauls Schwärmerei
für Detektive, eine kritiklose und undifferenzierte
Schwärmerei, erkannt und ausgenutzt haben! Warum haben
sie ihn mit ihrem stinkenden Vehikel fahren lassen, warum
unter vier Augen mit ihm gesprochen? Hätte sie nicht
stutzig werden müssen, als er so ausweichend auf ihre
Frage antwortete, worüber sie redeten? Mußte sie das nicht
hellhörig machen?
Hätte und müßte... Sie hatte und mußte nicht; sie
hat Vati trotz ihres feierlichen Versprechens nicht geholfen,
und jetzt steht sie da mit dem unguten bohrenden Gefühl,
versagt zu haben und einer Katastrophe zusehen zu
müssen. Nein, sie kommt nicht ungesehen hinüber.
Fieberhaft überlegend, denkt sie daran, ums Viertel zu
rennen und von der Gartenseite her ... Wenn die
Hauptstraße bloß nicht wie ausgestorben wäre! Die Angst,
ihre Schritte könnten gehört werden, bannt Emma an ihren
Platz. Die Tränen schienen ihr in die Augen, aber sie bleibt.
In der Tat ist die Stille so tief, daß das Mädchen
jedes Wort versteht, das Paul und der Mann in den
Knickerbockers sprechen.
»Du bist pünktlich. Aus dir kann etwas werden«, hört
sie den Ankömmling feststellen und erkennt ihn an der
Stimme. Das ist dieser hochwohlgeborene Oberspitzel mit
dem hochmütigen, kalten, von Mensurschmissen
verunstalteten Gesicht. Emma haßt ihn.
»Wollten Sie nicht Leute mitbringen?« erkundigt sich
der Lehrling. So ein Lump!
»Hätte zuviel Aufhebens gemacht, mein Junge.«
Dem Mädchen geht durch den Kopf, was Hermann
Rauh einmal sagte: »Die Herrschenden brauchen den
Verrat, aber die Verräter verachten sie!« Mehr als sie sie
sieht, ahnt sie die beiden Männer, die ebenfalls aus
Richtung der Kirche heranschlendern und im Dunkeln
stehenbleiben. Eine Zigarre glimmt dort, zwar in der hohlen
Hand gehalten, aber von Emmas Beobachtungsposten aus
doch hin und wieder sichtbar. Jetzt kann das Mädchen erst
recht nicht mehr weg.
Mit Bitterkeit denkt sie, in seiner Blindheit habe Paul
Menschen, die ihm vertrauen und ihn schätzen, an Kerle
verraten, die ihn nicht einmal einiger Offenheit für wert
halten.
Es verblüfft sie, daß der Lehrling aus Herzensgrund
und aufatmend erwidert: »Gott sei Dank!«
»Was heißt das?« fragt der Referendar sofort und
fügt enttäuscht hinzu: »Ist nichts?«
Emma horcht auf.
»Nichts, Herr von Kopp«, schüttelt Paul traurig seine
Bommelmütze. Kleinlaut fährt er fort: »Ich hätte Ihnen so
gern eine tolle Meldung gemacht, aber es gibt nichts zu
melden. Ich war letzte Nacht drin, wie wir es besprochen
hatten, doch da gab es nichts Verdächtiges. Leider nicht.«
Das Mädchen begreift, daß der Junge bewußt die
Unwahrheit mitteilt. Jede Nacht arbeitet der geheimnisvolle
Besuch in der Druckerei, und wenn Paul dagewesen ist...
Der Referendar zieht hastig an seinem Zigarillo und
wirft es dann, kaum erst angeraucht, achtlos in den Schnee.
»Daran, daß du dein Bestes getan hast, zweifelt kein
Mensch«, versichert er. Eine Pause tritt ein, ehe er sich
noch einmal vergewissert: »Wirklich nichts? Bei deiner
hochprima ff-Nase - nichts?«
»Nichts...«
Fest und vorbehaltlos...
»Überlege noch einmal ganz ruhig!« drängt von Kopp
trotzdem. »Was du neulich wahrgenommen hast, muß einen
Grund haben, nicht wahr? Mokkaduft. Tabakrauch, der
abgestanden und kalt war ...«
Daß es nun brenzlig werde, denkt Emma
beklommen. Da hat sich der Bengel offenbar verplappert.
Ob er da wieder herauskommt...
»Ach, der!« winkt Paul ab. »Der ist morgen früh auch
wieder vorhanden.« Wie um zu erklären, warum es mit der
einst so betonten Wahrnehmung nichts auf sich hat,
erläutert er: »Die Leute von der Pressekommission der
Arbeiter- Turnzeitung hocken zusammen. Ihr
Jahresabschlußbericht, wissen Sie ...« Er verteidigt sich
gleich: »Woher sollte ich das wissen? Ich bin bloß Lehrling,
mir sagt keiner was.«
Das Mädchen hinter dem Baum kann sich nur
wundern, wie gut der Kriminalrefere ndar informiert ist. Das
Stichwort »Pressekommission« veranlaßt ihn nicht zu
Rückfragen; es ist ihm vielmehr geläufig.
»Die Pressekommission der AT...«, dehnt er und
zählt an den Fingern her: »Rauh selbst... Dieser
radfahrende Buchdrucker Purschwitz, Max ... Etwa auch der
wildgewordene Fotograf, der rote Reichstagsabgeordnete?«
»Herr Pinkau? Ja, der auch«, bestätigt Paul geradezu
zufrieden, so zufrieden, als habe er selbst den Fotografen in
die Pressekommission delegiert. »Die drei. Und die Meisterin
versorgt sie alle mit Kaffee und Bemmen.« Er sieht sein
Gegenüber neugierig an. Ein bißchen gespielt wirkt die
Ehrfurcht, mit der er fragt: »Woher wissen Sie denn, wer in
der Kommission ist?«
Emma bemerkt den falschen Ton sehr wohl und hat
eine große Freude daran. Von Kopp ist zu beschäftigt, auf
ihn zu achten.
»Wir ziehen die Hosen nicht mit der Kneifzange an,
mein Junge«, winkt er ab und bleibt bei der Sache: »Das
machen sie da drin seit mehreren Tagen, sagst du?«
»Ja. Sie haben Massen von Papier vor sich. Sie
nennen das Reli-, Riwi-... Irgendwas mit sion.«
»Revision?«
»Genauso! Revision. Das haben sie voriges Jahr auch
getan.«
Der Referendar nimmt die Mütze ab und streicht sich
mehrmals glättend mit der Hand übers Haar. »Und das
konnte dir nicht ein bißchen früher einfallen?« knurrt er
ohne Begeisterung.
Paul Thomas steht dort drüben wie ein
fleischgewordenes Häufchen Unglück. »Ich wollte doch so
gern einmal ein erfolgreicher Detektiv sein und 'ne große
Sache aufdecken, einen richtigen knalligen Fall...«, bekennt
er zerknirscht.
In dieser Sekunde möchte ihn Emma küssen. Der hat
ja das Herz auf dem richtigen Fleck, der ist ja klug und
verläßlich! Die Hüter der monarchistischen Ordnung so
kaltblütig aufs Glatteis zu führen - Junge, Junge!
Paul Thomas kommt sich durchaus nicht großartig
vor. Er zittert vielmehr vor Furcht. Was ist, wenn der
Referendar ihn durchschaut? Hätte er, Paul, doch bloß den
Mund aufgemacht, als noch Zeit dazu war und an der
richtigen Stelle! Jetzt...
Von Kopp deutet die Niedergeschlagenheit des
Jungen auf seine Weise anders. Sie bestimmt ihn, an sich zu
halten und den nun einmal gewonnenen Informanten nicht
bei dessen erstem Mißerfolg so vor den Kopf zu stoßen, daß
er für immer die Lust verliert. Ein Fehlschlag gleich am
Anfang, das ist schlimm, da muß man Fingerspitzengefühl
aufbringen. So ärgerlich der Hieb ins Wasser ist - er basiert
auf einem Eifer, den es warm zu halten gilt. Man wird ihn
ein andermal bitter nötig haben... Das rote Gespenst geht
um in Europa ...
Der Referendar nimmt sein Etui heraus und ein
neues Zigarillo. Das erleichtert es ihm, sich zu beherrschen.
»Damit hätten wir aber einbrechen können«, sagt er
undeutlich in die ersten Züge hinein. »So eine Pleite...«
»Wollen Sie nicht mal 'reingehen und sich
überzeugen?«
Für Emmas Geschmack ist das ein wenig zuviel Spiel
mit dem Feuer, ein bißchen zu unverfroren. Aber gleich
darauf begreift sie, daß Paul in Wahrheit den Referendar so
gut kennt, wie der seinerseits ihn zu kennen glaubt. Sie
versteht jetzt auch Pauls abendliches Interesse für die
Darlegung der Bedeutung der parlamentarischen Tribüne für
die Partei. Er wendet konsequent und mutig an, was er an
neuem Wissen erwarb.
»Den Teufel werde ich tun!« braust von Kopp nun
doch auf. »Du ahnst ja nicht, wie dieser Pinkau das
aufblasen würde! Ich sehe schon die Schlagzeilen:
Geheimpolizei immer mal wieder auf Gespensterjagd!
Verwechselt in typischer Verbohrtheit legale
Pressekommission mit waffenstarrendem
Geheimbund! Na, und dann die Fragen: Auch nach
Bismarck Tür und Tor offen für blindwütigen
Polizeiterror? Wer schützt die Ordnung vor den
Ordnungshütern? - Die Herren von der Linken sind doch
da nicht fein.« Er schüttelt heftig den Kopf. »Bei einer
erfolgreichen Aktion sagt kein Mensch etwas, aber wenn wir
grundlos eindringen ... Da sei Gott vor!« Von Kopp faßt Paul
an beiden Schultern und zwingt ihn so, ihn anzusehen.
»Kein Ortsfremder dabei, kein Ausländer? Ich könnte es
darauf ankommen lassen, Paul!«
Paul denkt nicht ohne Hohn, daß der ehrgeizige
Referendar es krampfhaft vermeiden wird, sich
möglicherweise zur Zielscheibe öffentlichen Spotts zu
machen. Doch er hält mit aller Treuherzigkeit, die er
aufzubringen vermag, dem Blick stand.
»Keiner, Euer Hochwohlgeboren«, erwidert er fest,
ohne zu zögern. »Keiner da, der nicht hingehört.« Das,
meint Emma, ist sogar die lautere Wahrheit.
Der Referendar läßt ihn los und tritt einen Schritt
zurück. »Komm beiseite, sie müssen uns nicht erst
bemerken und sich aufs hohe Pferd setzen.« Er legt dem
Lehrling sogar den Arm um die Schulter und führt ihn in
Richtung des Wagens weg, während er tröstet: »Sei nicht
traurig, Paul! Zähne zusammenbeißen, weitermachen!
Augen offenhalten! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!
Wenn hier doch mal was geschieht - auf dich ist Verlaß,
oder?«
Paul Thomas strahlt ihn an, und in diesem
Augenblick fällt ihm das nicht einmal schwer. »Genau wie
heute, Herr Referendar!« versichert er im Brustton der
Überzeugung. »Genau wie heute!«
Der Bucbdruckerlehrling Paul Thomas hat seinen
Weg gefunden. Stark und glücklich fühlt er sich nun und
zugehörig zu Menschen, deren Gemeinschaft Geborgenheit
und Zuversicht gibt. Paul Thomas ist von Herzen froh.
»Schön!« nickt Adelhelm von Kopp und hat schon
den Fuß auf dem Tritt des »Wartburg«-Motorenwagens.
»Also dann: Für heute geordneter Rückzug! Los!«
Flüchtiger Händedruck ... Jäh einsetzendes
Maschinengeräusch ... Abfahrt... Ein Stück hin hält das
Automobil noch einmal an. Erst jetzt bemerkt Paul die
beiden Geheimen, die im Dunkeln standen. Da ist er recht
erschrocken, aber als die beiden zugestiegen sind und als
der Wagen vollbesetzt davonrattert, vollführt der Junge
einen Luftsprung und dreht eine lange Nase hinterher.
Emma duldet es nicht länger in ihrem Versteck. Über
die Strafe hinweg läuft sie auf Paul zu und sprudelt hervor:
»Ich habe alles gehört. Mann, hast du die verladen!« Nur
schwer findet sie den alten Ton wieder, und beinahe klingt
es zärtlich, ihr: »Obwohl sie doch einen so schönen
Motorenwagen haben...«
Er lacht sie an. »Ich weiß nicht, ich finde Motorräder
viel besser. Du, vielleic ht fahre ich wirklich bald auf einem
mit!« Dann nimmt er Sie am Arm. »Komm, laß uns ein
Stück laufen!«
Sie widerstrebt spröde. »Ich muß 'rein.«
Paul hält sie fest. »Störst bloß!« warnt er. »Da drin
ist Nachtredaktion, und Herr Meyer hat alle Hände voll zu
tun.«
Sie schluckt schwer. »Das weißt du?«
»Wir haben miteinander geredet, so unter Männern
... Wie er mit mir gesprochen und was er gesagt hat - mein
Lebtag vergesse ich das nie, du. Kommst du nun mit oder
nicht?«
Etwas ganz Liebes möchte sie ihm da tun. Weil er auf
ihr: »Paul, du bist ja Klasse!« gleich jungenhaft verlegen
abwinkt und »rauhe Schale« zeigt, sucht und findet sie eine
andere Möglichkeit, ihm verständlich zu machen, wie sehr
sie ihn heute mag: »Gehen wir! Nun erkläre mir bloß endlich
mal, was das eigentlich ist, ein Oberflächenvergaser!«
Es verschlägt ihm die Rede, aber dann versteht er.
»Natürlich, gern!« strahlt er. »Also, daß du's weißt, der
Oberflächenvergaser besteht aus einem großräumigen
Benzinbehälter. Über dem Kraftstoff ist eine durc h das
Lufteintrittsrohr gehaltene Platte angebracht, damit es nicht
hineinregnet. Unter dieser Platte streicht die vom Rohr
angesaugte Luft über das Benzin hinweg. Dabei vermischt
sie sich mit ihm und gelangt so als Gasgemisch in den
Zylinder. Ganz einfach, Emma ...«
Sie sind schon ein gutes Stück von der kleinen
Druckerei entfernt.
Dort läuft bereits lärmend der Gasmotor. Die
Schnellpresse ist fertig eingerichtet. Ilse Rauh steht schon
auf erhöhtem Tritt neben der Platte, auf die Max Purschwitz
vorsorglich Papier stapelte. Von diesem Tritt aus greifen sich
die Bogen leichter.
Hermann Rauh wischt sich mit einem öligen Lappen
die von Druckerschwärze eingefärbten Hände ab. Er schaut
zu Meyer hin. Auch die anderen tun das - Ilse und Pinkau,
Purschwitz und Nusperli.
»Wir können«, meldet der Drucker, und Feierlichkeit
schwingt in seiner Stimme mit. »Wollen wir?«
Nusperli räuspert sich. »Das ist eine besondere
Stunde, eine große«, sagt er verhalten. »Nun endlich ...
Möchten Sie der Zeitung ein Wort mit auf den Weg geben?«
Wladimir Iljitsch hat den Kneifer abgenommen, hat
die Daumen in den Ärmellöchern der Weste und hebt sich
auf die Zehenspitzen. Jetzt legt er den Kopf zurück.
»Ja«, sagt er knapp. »Möge mit deinem Erscheinen,
Iskra, die Schlußperiode der Schaffung der marxistischen
Partei in Rußland beginnen! Mögest du die
Morgendämmerung der großen sozialistischen Revolution
ankündigen! Möge sich bald vollziehen, was wir als Motto
neben deinen Namen setzten: Aus dem Funken wird die
Flamme schlagen. - Und nun, Genossen ...«
Einen Hebel legt Hermann Rauh herum. Der breite
Treibriemen, der die Kraft des Gasmotors auf die
Schnellpresse überträgt, gerät in Bewegung. Schon gibt Ilse
den ersten Bogen aufs Auflegebrett. Schon schiebt sich der
Karren unter den Massewalzen hindurch und nimmt der Satz
Farbe an. Schon zieht die Druckwalze den Bogen mit und
preßt ihn innig auf die Satzform, ehe sie ihn auf die
Transportbänder trägt. Schon fährt der Karren zurück und
wieder vor, ist neuerlich Papier angelegt und sind die
Zahnräder in ständiger Bewegung.
Der erste Druck - untadlig - geht von Hand zu Hand.
Er wird betrachtet und für gut befunden.
Viel Freude ist auf einmal in der kleinen Druckerei,
viel unbändige Freude.
Behutsam schiebt Hermann Rauh den Hebel weiter.
Wie er das tut, beschleunigt sich die Fahrt des Karrens,
drehen sich die Walzen schneller und verkürzt sich die Zeit
zwischen dem Anlegen zweier Bogen mehr und mehr. Bis
die König & Bauer, der Stolz der »Arbeiter-Turnzeitung« und
ihres Druckers in Probstheida bei Leipzig, mit voller Leistung
arbeitet...
In schnellem Rhythmus schwingt nun der
Bogenausleger und stapelt die gedruckten Doppelseiten der
»Iskra« auf den Auslegetisch. Größer wird der Stoß, immer
größer.
Nachbemerkung

Noch ein Dreiviertel Jahrhundert nach dem ersten


Erscheinen der historischen Leninschen »Iskra« erhält der
Dokumentarist, der auf den Spuren der ersten
gesamtrussischen marxistischen Zeitung an ihrem Druckort
recherchiert, einen überzeugenden Eindruck von der
strengen Beachtung konspirativer Regeln bei der
Herstellung der Nummer 1 in Leipzig-Probstheida. Bis heute
nämlich gelang es bemühter und aufwendiger historischer
Forschung nicht, die Geschehnisse jener denkwürdigen Tage
im Dezember 1900 lückenlos und bis ins kleinste Detail zu
rekonstruieren. Vieles davon dürfte für immer in einen
undurchdringlichen Schleier der Geheimhaltung gehüllt sein.
Der Schriftsteller, der sich anschickt, jenen Dezember
nachzugestalten, weil er in ihm ein bewahrenswertes Kapitel
internationaler Arbeitersolidarität geschrieben sieht und weil
er überdies der festen Oberzeugung ist, daß ihm das Leben
selbst und insbesondere die kampferfüllte Geschichte der
Arbeiterbewegung fesselndere und bewegendere Stoffe zu
liefern vermögen als die blühendste Phantasie, dieser
Schriftsteller sieht sich bei seiner Arbeit genötigt, verbürgte
und belegte einzelne Fakten mit behutsamer Hand zu
verbinden und sie zu einem Ganzen zu verweben. Dazu
bieten Quellen zur Zeitgeschichte und das aus Briefen und
Zeugnissen hervortretende oder von der marxistischen
Geschichtswissenschaft bereits erarbeitete Charakterbild
einzelner Beteiligter mannigfache Handhaben, so daß der
Autor am Schluß seiner Arbeit sagen kann, daß zwar die zu
anschaulicher, emotional betonter Gestaltung entwickelte
Fabel weitgehend erfunden, die erzählte Geschichte jedoch
wahr ist.