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Nachtredaktion von Otto Bonhoff

Nachtredaktion

von Otto Bonhoff

Copyright

© Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 1975 Das gleichnamige Bühnenstück des Autors, das diesem Roman zugrunde liegt, wurde 1973 vom Fernsehen der DDR uraufgeführt.

Umschlag: Rolf F. Müller

Diese Ebook-Fassung ist nur für den privaten Gebrauch und nicht für den Verkauf bestimmt. Sie wurde an einigen Stellen an die Erfordernisse der Darstellung auf einem Palm angepasst.

Der Autor

Der am 21. Februar 1931 in Leipzig geborene Schauspieler, Schriftsteller und Journalist Otto Bonhoff ist am 7. Januar 2001 nach langer schwerer Krankheit verstorben. Bonhoff wurde nach einem Studium als Theaterschauspieler Volontär bei den Thüringer Nachrichten, später arbeitete er als freier Journalist und Autor. Seit 1961 schrieb er Erzählungen, Romane, Hör- und Fernsehspiele. Besonders erfolgreich waren seine in Zusammenarbeit mit Herbert Schauer entstandenen Romane Schatten über Notre Dame (1966), Über ganz Spanien wolkenloser Himmel (1971) und Das unsichtbare Visier (1973). Das 1973 uraufgeführte Bühnenstück Besuch aus dem Nebel veröffentlichte er 1974 auch als Roman - sein einziger Beitrag zum phantastischen Genre. Darin nehmen außerirdische Raumfahrer aus dem Andromedanebel nach anfänglichen Mißverständnissen Kontakt zu den Erdbewohnern auf. Anleihen bei Erich von Dänikens These prähistorischer Erdbesucher sind unverkennbar. Otto Bonhoffs literarisches Hauptschaffen lag aber eindeutig auf dem Gebiet der Abenteuer-, Spionage- und Kriminalliteratur.

Bibliografie:

Auf eigene Gefahr Schloss ohne Schlüssel Die Mannequins des Herrn Cordage (1972) Besuch aus dem Nebel (1974) Patentraub auf der 'Valentin' Nachtredaktion (1975)

Zusammen mit Herbert Schauer:

Schatten über Notre Dame (1966) Über ganz Spanien wolkenloser Himme l (1971)

sowie die Reihe »Das unsichtbare Visier«:

Das unsichtbare Visier (1973) Das Geheimnis der Masken Depot im Skagerrak Sieben Augen hat der Pfau Quelle im Internet:

http://www.epilog.de/Person/B/Bon/Bonhoff_Otto_1931.ht

m

1

Die beiden Männer am Fenster haben keinen Blick übrig für die gleißende weiße Pracht vor den Scheiben. Sie schauen auch nicht auf den Schreibtisch hinab. Dessen tintenfleckige, lederbezogene Platte ist vollgepackt mit handgeschriebenen Manuskripten und langen Papierstreifen, auf denen sich andere Artikel bereits in druckreifen Satz verwandelt haben. Das sind sogenannte »Fahnen«. Dann liegen noch Zeitungen da, aus denen Nachrichten ausgeschnitten und auf weiße Blätter geklebt wurden, um für die Zeitung neu gesetzt zu werden, die in diesem Hause entsteht. Scheren sind da. Leimtöpfe, Bleistifte und rote Tinte - viel rote Tinte -, um Fehler anzustreichen und zu berichtigen. Und vor allem Unmengen beschriebenen Papiers! Aber die beiden Männer haben nur Augen füreinander und sehen sich an - wie man tut, wenn etwas sehr Wichtiges und Außergewöhnliches zu bereden ist. »Seht ihr wirklich keine andere Möglichkeit?« fragt der Ältere gerade und dreht nervös an einer der aufwärts gerichteten Schnurrbartspitzen. Dieser Mann ist hier zu Hause; er steht ohne Sakko da und hat die Weste geöffnet. In der Druckerei ist es warm. »Keine andere Möglichkeit«, erwidert der Mann neben ihm schnell und bestimmt. Julian Marchlewskis Gesicht ist vom Frost gerötet und sieht dadurch frisch und gesund aus. Während er den Mantel öffnet, spricht der Besucher schon weiter: »Du kennst doch unsere Redaktion! Nein, die Leipziger Volkszeitung ist denkbar ungeeignet.« Das will Hermann Rauh, dem hemdsärmligen Älteren, nicht einleuchten. »Warum eigentlich?« fragt er zurück. »Bei euch gehen Hunderte von Leuten ein und aus.

Einer mehr oder weniger fällt da nicht auf. Er wäre nur ein Fremder unter anderen.«

»Die

Gefahr ist zu groß. Weißt du, wie viele Spitzel unter den Unbekannten sind?« Er winkt ab und schließt so, daß es keinen Widerspruch duldet: »Ein so lieber Gast darf nicht im

Marchlewski

schüttelt

beharrlich

den

Kopf.

geringsten gefährdet werden. Er muß in Leipzig sicher sein.«

»Achtung!« unterbricht ihn der Drucker. Sofort geht eine Wandlung vor sich. Wie auf Vereinbarung beugen sich beide Männer über den Schreibtisch. Hermann Rauh stüzt

die Hände darauf und wirkt in der geneigten Haltung entspannt. Plötzlich macht er etwas Alltägliches, nicht besonders Aufregendes. Er ist ein Zeitungsmann, der einem Berichterstatter gewohnheitsmäßig sagt, daß sein Artikel zu lang und deshalb in der vorliegenden Fassung nicht zu gebrauchen ist. Dergleichen erklären Redakteure tagtäglich so oft, daß es ihnen wie von selbst über die Lippen geht.

» und abgesehen von der übermäßigen Länge,

mein Bester, kommt Ihr Artikel auch nicht als Aufmacher in Frage. Da habe ich schon einen recht gut geschriebenen Beitrag über das Wachsen der Arbeiter-Turnbewegung in diesem Jahr. Den kann ich nicht schieben; er ist ganz auf den Jahreswechsel zugeschnitten. Radsport geht höchstens auf Seite drei, im Keller, und dann auch nur auf die Hälfte gekürzt.« Marchlewski spielt augenblicklich mit. Er schiebt den Hut weit aus der Stirn, so daß er verwegen auf dem Hinterkopf sitzt, und wirft beleidigt hin: »Meinetwegen auch im Keller! Dabei hätte es die rote Kavallerie durchaus verdient, mal an hervorragender Stelle gewürdigt zu werden. Immerhin ist es ihr gelungen, auf dem Radsportplatz bei Lindenau festen Fuß zu fassen, und diesen Platz glaubten die bürgerlichen Vereine ganz allein in Anspruch nehmen zu können. Aber bitte! Wieviel muß 'raus?«

Jetzt ist er völlig der Journalist, der seine Bemühungen und Einsichten seitens der Redakteure niemals anerkannt findet. Mit vielgeübtem Gewohnheitsgriff zieht er einen schwere n metallenen Vierfarbenbleistift aus der oberen Westentasche und dreht die rote Mine heraus. »Das Schlachtfest kann beginnen. Genosse Rauh!« »Der Keller auf Seite drei ist ein hervorragender Platz, mein Bester!«

Die Worte, die hin- und hergehen, sind so vertraut und geläufig, daß sie an Emma und Paul vorüberfließen wie eine längst gekannte, gewöhnliche Melodie. In der Tat gehören sie in der Schreibtischecke der Druckerei Rauh & Pohle zu den Selbstverständlichkeiten. Die Ecke, in der das Möbel mit dem hohen Aufbau und dem Telefon steht, dient der kleinen »Arbeiter-Turnzeitung« als Redaktion und Buchhaltung zugleich. Der Eindruck, daß dort eine Schriftleitung arbeitet, wird noch verstärkt durch das Nagelbrett an der Wand. Auf die Nägel sind Fahnen mit den Bürstenabzügen schon gesetzter Artikel, Zeitungsausschnitte und auch ganze Seiten des hier hergestellten Blattes gespießt. Wenige Schritte von dem Schreibtisch entfernt und bis auf diese Ecke den ganzen Raum beherrschend, befindet sich die Druckerei. Hier sind die Bereiche der journalistisch- intellektuellen und der unmittelbaren materiellen Produktion, die beide in der fertigen Zeitung eine innige Verbindung eingehen und miteinander verschmelzen, nicht auseinandergerückt und getrennt wie in den vielstöckigen, repräsentativen Verlagshäusern, an denen die wohlhabende Messestadt so reich ist. Hier wurde das alles auf bescheidener Fläche zusammengedrängt. Aber hier entsteht auch nicht Meyers Konversationslexikon in Prachtausgaben mit Lederrücken und Goldschnitt, hie r thront nicht Brockhaus; hier wird eine Sportzeitung für Arbeiter geschrieben, redigiert, gesetzt, umbrochen und gedruckt. Das geschieht nicht im Zentrum der Messestadt, sondern draußen in Probstheida, das in diesem Jahre 1900 noch außerhalb der Leipziger Vororte liegt. Hier ist die städtische Straßenbahn mit einer ihrer längsten Linien, der Grimmaischen Straße folgend, am Südfriedhof vorüber bis in das ländliche Dorf vorgestoßen. Die zwei, die hereingetreten sind, haben sich an der Tür nicht aufgehalten, die an der einen Längswand der Druckerei hinaus auf die Straße führt. Sie gingen gleich weiter zur Schmalwand gegenüber jener, an der der Schreibtisch steht. Die zweite Schmalwand in ihrer ganzen Breite ist verstellt durch die metallblanke, gewichtige

Schnellpresse, die den Stolz von Rauh & Pohle bildet. Diese Maschine von Koenig & Bauer und der dazugehörige Gasmotor der Leipziger Firma Mansfeld sind in der Tat Schmuckstücke - nicht nur, weil sie tadellos gepflegt wirken. Moderneres gibt es kaum. Diese Seite ist das Besondere an der Druckerei. Alles übrige findet sich in anderen auch - an der Straßenwand die schrägen Schriftkästen, in denen, nach Buchstaben geordnet, die Lettern liegen. Darüber hängen von der Decke herab Petroleumlampen. Der Tür zur Hauptstraße gegenüber befindet sich eine andere, durch die man über den Hof zum Wohnhaus gelangt. An dieser Wand stehen eine einfache Abzieh- und eine amerikanische Tiegel-, eine sogenannte »Boston«-Presse. Mit ihrer Hilfe werden kleinere Druckaufträge ausgeführt, wie sie das tägliche Brot solcher Druckereien bilden - Familienanzeigen, Visitenkarten, Briefbogen und Werbezettel. Dann ist noch da neben dem Schreibtisch der blechbeschlagene Mettage-, der Umbruchtisch, auf dem die Satzspalten zum gefälligen Bilde der Zeitungsseite zusammengesetzt, »umbrochen« werden. Ja, und der Ofen ist dort. Er sieht so aus, als habe der Bauherr den ganzen Betrieb um ihn herum angeordnet. Mitten im Raum stehen eine gewaltige quadratische Esse und vor ihr ein wahres Ungetüm von Kanonenofen. Es ist wacker eingeheizt worden. Das rotglühende Eisen rings um das Ofenmaul verrät es.

Druckbogen, das sie

gemeinsam hereintrugen, ordentlich auf einen Stapel gleichartiger Pakete neben der Schnellpresse gelegt haben,

tritt Emma an das Ofenungetüm heran, hält ihm die frostklammen Hände entgegen und haucht dann darauf. Sie genießt die Wärme und bietet ihr auch das Gesicht dar. Pauls Blick geht zum Fenster und hinaus zu dem flachen Rollwagen. Auf ihm liegen weitere Papierpakete. Der Stoß ist schon erheblich kleiner geworden, dem Himmel sei

»Worauf wartest du denn?« drängt er

Dank, aber

ungeduldig und wischt mit dem Handrücken einen Tropfen von der Nase. »Wir haben es bald geschafft.« »Mir ist kalt«, murmelt sie kläglich.

Sobald

sie

das

Paket

»Schwitzen kannst du im Sommer«, knurrt er zurück. »Ach, mit Mädchen ist aber auch gar nichts anzufangen.« Nun fällt ihm ein, daß zum Naseputzen ein Taschentuch wohl doch geeigneter sei als der Handrücken, und er zieht ein großes buntkariertes heraus und schneuzt sich geräuschvoll. Nebenbei bemerkt er, daß Emma vor Kälte zittert, und da tut ihm seine Schroffheit leid, und er sagt nachsichtig:

»Na, schön, dann bleib eben hier am Ofen. Ich mache das auch allein.« Er, ein lang aufgeschossener, magerer Junge mit einem Sattel von Sommersprossen auf seiner Nase, ist kaum wieder draußen, da bestimmt Hermann Rauh tadelnd:

»Emma! Für einen allein ist es zu schwer. Und ich habe zu tun, wie du vielleicht siehst.« Sie schneidet eine Grimasse und mault: »Mußte das blöde Papier gerade heute geholt werden?«, aber sie wartet keine Antwort ab, die doch nur ein väterliches Machtwort wäre, sondern folgt Paul. Ziemlich lustlos geht sie ihm nach, doch sie geht. Sobald die Tür hinter ihr geklappt hat, ändert sich die Haltung der Männer am Fenster neuerlich. Der Artikel bleibt liegen, wie er liegt. Marchlewski und Rauh setzen ihr Gespräch an genau dem Punkt fort, wo sie es vorhin bei des Druckers »Achtung!« abbrachen. »Hermann! Wir haben hin und her überlegt«, nimmt Marchlewski seinen Faden wieder auf. »Die Leipziger Volkszeitung kommt nicht in Frage, ich sagte es schon. Laß einen einzigen Genossen, der die illegale Zeitung nach Rußland bringt, an der Grenze gefaßt werden, und laß die Geheimpolizei auch nur den kleinsten Hinweis auf Leipzig als Druckort finden, dann kommen die Detektive folgerichtig bald zur LVZ, und alles fliegt auf.« »Und zur Arbeiter- Turnzeitung kommen sie nicht, wie? Sobald sie die Spur bis an die Pleiße zurückverfolgt haben, bleibt es gehupft wie gesprungen, wo gedruckt wird. Dann bietet eine Druckerei so wenig Sicherheit wie die andere.«

Marchlewski schüttelt den Kopf. »Das siehst du falsch.« Er läßt es nicht bei der Behauptung. Er begründet sie. »Es ist eine Zeitung in russischer Schrift, in kyrillischen Lettern gesetzt. Folgerichtig - um das Wort noch mal zu gebrauchen - wird die Geheimpolizei die Druckereien aufsuchen, die für Rußland arbeiten und kyrillische Lettern besitzen. Die Herren Schnüffler sind schließlich stolz darauf, daß sie logisch zu denken vermögen.« Ein kleines Lächeln spielt um seine Mundwinkel. »Hast du jemals Aufträge aus Petersburg erhalten?« »Spaßvogel!« Mehr gibt es von Seiten Rauhs auf diese Frage nicht zu sagen, und es ist genau die Antwort, auf die sein Gast gewartet hat. »Auf dich fällt also kein Verdacht. Du hast ideale Voraussetzungen für den konspirativen Druck.« Sein Blick sucht den des Druckers und hält ihn fest. »Oder willst du nicht, Hermann? Dann lege die Karte auf den Tisch!« Rauh antwortet nicht gleich. Er wendet den Kopf, er läßt die Augen durch sein kleines Reich wandern und ist sich im selben Moment bewußt, daß »sein kleines Reich« schlecht gedacht wäre. Handelte es sich darum, hätte sich die ganze Diskussion schon erübrigt. Dann würde er nicht

Es hängt mehr an dieser Druckerei als

Hermanns persönliche Existenz. Wenn die Pressepolizei mit

zögern. Aber

der Feststellung konspirativen Drucks in Probstheida eine willkommene Handhabe zu gerichtlicher Belangung Rauhs und zur wenigstens zeitweiligen Schließung seines

Unternehmens fände

kaiserlichen Deutschland kann man mit der Lupe suchen, und außerdem: Die »AT« war niemals allein Objekt zur Befriedigung des journalistischen und verlegerischen Ehrgeizes ihres Besitzers. Daß ihm die Arbeit für sie und mit ihr Spaß macht, bleibt unbestritten, doch die Hauptsache ist das nicht. Die »Arbeiter-Turnzeitung« entstand als Kampfinstrument der Klasse, der sich Rauh zugehörig fühlt; sie entstand, als die Organe seiner Partei verboten, verfolgt und unterdrückt wurden wie die SPD selbst; sie entstand, weil es damals nur möglich war, durch Zeitungen Arbeiter

Arbeitersportzeitungen im

zusammenzuschließen und zu ihnen zu sprechen, wenn diese Blätter sich als Sprachrohre von Turner- oder Gesangsvereinen, von Berufsvereinigungen oder Bildungszirkeln tarnten. Viel Klugheit und List waren und sind noch nötig, sie über die Klippen der verschnörkelten

Paragraphen des Reichspressegesetzes und anderer Maulkorbbestimmungen hinwegzusteuern, und der kleinste Fehler vermag sie zu Fall zu bringen. Dies unter dem Schild der Legalität und des Rechts. Das in diesem Jahr in Kraft gesetzte Bürgerliche Gesetzbuch, das BGB, ist ein Gesetzbuch zur Zementierung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, ein Gesetzbuch daher gegen

Nein, Blätter wie die »Arbeiter-

die Arbeiterklasse

Turnzeitung« balancieren nach wie vor auf einem schmalen Grat, und wenn er, Rauh, hier in der Druckerei Rauh &

Pohle, für die er seit dem Ausscheiden seines ehemaligen Teilhabers aus dem Betrieb im Sommer des zur Neige

gehenden Jahres 1900 allein verantwortlich ist, illegale, von der Zensur nicht genehmigte Drucke ausführt

seiner

Wie

er

das

noch

denkt,

schämt

er

sich

Überlegungen

schon.

In

den

schweren

Jahren

des

Sozialistengesetzes

-

was

wäre

aus

der deutschen

Sozialdemokratie geworden

ohne

die

Solidarität

der

Genossen

in

anderen

Ländern?

Ohne

den

Druck

des

»Sozialdemokrat« in der Schweiz, ohne finanzielle Unterstützung durch klassenbewußte Arbeiter anderer Länder? Ohne die sechzehntausend Mark beispielsweise, die Wilhelm Liebknecht 1886 auf einer Vortragsreise durch Nordamerika unter den Augen von Spitzeln und doch unbemerkt sammelte? Hat er, Hermann Rauh, vergessen, daß ohne Solidarität ? Er räuspert sich und erwidert auf Marchlewskis Frage etwas verlegen: »Es muß doch überlegt werden, oder ? Und überhaupt: Wie soll ich eine russische Zeitung setzen? Wie denkst du dir das?« Er deutet zu den schrägen

Schriftkästen hinüber. »Sieh dir doch meine Lettern an! Die

Andere Schriften

Alte Schwabacher habe ich nicht!«

Die Unger-Fraktur

Unwillkürlich schaut Julian Marchlewski in die gewiesene Richtung, aber er blickt an den Kästen vorüber zum Fenster hinaus. Als er unterwegs nach Probstheida war, schneite es noch. Starkes Schneetreiben gab es nicht. Ein dünner

Schleier senkte sich fast zögernd auf die Straße nieder, senkte sich nieder aus einer hier und da schon aufgerissenen Wolkendecke, die einen glasklaren, lindblauen Winterhimmel freigab. Breite Sonnenbahnen brachen durch die Spalten und stellten helle Lichtbalken in die lautlos herabsinkende weiße Pracht. In der Stadt hantierten die Hausmeister sogleich beflissen mit Schneeschiebern und Streusand, während die Geschäftsleute hinter Ladenfenstern hervor wohlwollend den Flockenflug beobachteten. Es sind nicht einmal mehr vierzehn Tage bis Weihnachten - da erinnert Schnee die Vergeßlichen, daß es Zeit ist, an Geschenke zu denken. Schnee vor dem Christfest fördert den Umsatz. Inzwischen hat ein leiser Wind die Wolken geschäftig noch mehr auseinander geschoben. Nun überwiegt am Himmel das leuchtende Blau, und auf der Dorfstraße vor der Druckerei - »Hauptstraße« nennt sie sich selbstbewußt - glitzert der Schnee wie ein riesenhaftes, aus Märchen entlehntes Edelsteinfeld. Lediglich den Hühnern, die draußen herumspazieren, gefällt es gar nicht. Als ob sie kalte Füße bekämen, ziehen sie mal das eine, mal das andere Bein an den Leib und blicken mit herumruckenden, schief gehaltenen Köpfchen recht skeptisch in die Welt.

Paul ausschauend, nimmt

Marchlewski zunächst nur das Mädchen wahr. Emma steht neben dem Rollwagen und bemüht sich, in seiner Mitte liegende Papierpakete an den Rand der Ladeplatte heranzuziehen. Sie muß dazu ihre ganze Kraft aufbieten. Als er sie so sieht, denkt Marchlewski flüchtig, daß sie den Lebensabschnitt erreicht habe, in dem Mädchen anfangen, zu Frauen zu werden, ohne sich dessen noch recht bewußt zu sein. Die warme Jacke, die sie über das knöchellange Kleid gezogen hat, diente ihr wohl bereits im vorigen Winter. Sie ist eng geworden. Gerade deshalb läßt sie

Nach

Emma

und

deutlich erkennen, wie sich Emmas Hüften gerundet haben, daß an die Stelle des »Kinderspecks« eine schmale Taille getreten ist und daß hier ein schlankes Mädchen von graziler Anmut heranwächst. Auch über der Brust spannt die Jacke jetzt sehr. Auf einmal wirkt Emma Rauh viel erwachsener als der gleichaltrige schlaksige Lehrling mit den vielen Sommersprossen. »Wo steckst du denn?« hört er sie rufen. Jetzt taucht Paul Thomas hinter dem Rollwagen hervor und hat einen Schneeball geformt, mit dem er Emma trifft. Er bückt sich sogleich nach einem zweiten, einem dritten und fordert sie fröhlich und jungenhaft auf, mitzutun, sich zu wehren und zurückzuwerfen. Da werde ihr schon warm werden! Und nachdem sie sich erst abgewandt und »Aufhören! Aufhören!« gerufen hat, greift sie dann

doch in den Schnee und wirft zurück. Im Nu ist die schönste Schneeballschlacht rund um den Rollwagen herum im Gange. Emma bleibt dem Lehrling durchaus nichts schuldig.

er

mittun.

»Du wirst russische Lettern beko mmen«, versichert

er Rauh bestimmt. »In ausreichender Menge

»Kyrillische Lettern sind mir vollkommen fremd, Julian.«

Der Gast wendet sich wieder zu Rauh. »Das wissen wir, und davon sind wir natürlich ausgegangen. Grundsätzlich sagst du ja?« »Ohne große Worte, Julian: Ja. Wenn die russischen Genossen unsere Hilfe brauchen und wenn ihr meint, ich

wäre der richtige Mann

Mitglied der Partei.« Ganz offensichtlich nimmt die sachlich und unpathetisch gegebene Zusage eine Last von Marchlewskis Schultern. Lebhaft weiht er Rauh nunmehr in Einzelheiten

ein.

»Kurz und knapp, Hermann: Der« - er zögert eine Sekunde, ehe er ein vertrautes Wort gebraucht, das ihm in diesem Zusammenhang zu klein und schwach zu sein scheint -, »der Redakteur der Zeitung kommt illegal aus

Marchlewski

schmunzelt.

Am

liebsten

würde

«

Ich bin nicht erst seit gestern

München. Es wäre mir nicht lieb, wenn er während seines Hierseins zwischen der Stadt und Probstheida pendeln müßte. Kann er bei dir bleiben?« »Das ist die geringste Sorge. Natürlich bringe ich ihn unter. Besser, wenn er nicht auf die Straße muß. In diesem Dorf kennt beinahe jeder jeden, und ein Fremder fällt auf dem Lande leicht auf.« »Gut! Was den Satz in der dir fremden kyrillischen Schrift angeht: Vor Herrn Meyer aus München meldet sich ein polnischer Genosse bei dir, der recht gut deutsch und fließend russisch spricht. Er wird sich Werner nennen, Werner Nusperli. Ein Schweizerdegen ist er, ein Mann also, der Schriftsatz und Druck gleichermaßen beherrscht.« Nun lächelt Rauh. »Du mußt einem Buchdrucker nicht erklären, was sich hinter der Berufsbezeichnung Schweizerdegen verbirgt, Julian. Arbeitet er nachts?«

nicht

sehen, braucht nicht von ihm zu wissen, klar? Deine Leute ?«

Rauh wendet sich flüchtig zum Fenster. Es fällt ihm nicht ein, die draußen anhaltende Schneeballschlacht zu unterbinden. »Paul ist ein guter Junge. Aber wissen muß er es nicht.«

»Selbstverständlich

nachts!

Man

muß

ihn

»Deine Tochter

» ist so klein nicht mehr. Ich würde mich notfalls

auf sie verlassen. Doch es ist gar nicht gesagt, daß sie

überhaupt etwas merkt. Sie schläft wie ein Murmeltier. Und

meine Frau

mit durch dick und dünn, das ist ausprobiert. Genosse Meyer wird sicher sein und sich wohl fühlen.«

Für Ilse lege ich die Hand ins Feuer. Sie geht

»Fein!

Er

ist

uns

ein

besonders

lieber

Gast,

Hermann.« Einen Augenblick lang sieht es aus, als dränge es ihn, mehr über den Mann zu sagen, der hier auf den schönen deutschen Namen »Meyer« hören wird und illegal nach Leipzig kommt, um eine insgeheim zu druckende Zeitung für Rußland zu redigieren. Aber er schweigt. Julian Marchlewski hat so oft konspirative Disziplin üben müssen,

daß er, so voll ihm das Herz auch sein mag, seine Zunge zu zügeln und fest im Zaum zu halten weiß. So wiederholt er

nur: »Ein besonders lieber Gast

Mensch

zustimmen.« Rauh dringt

ihn. Er erkundigt sich nicht

einmal, wie es kam, daß die Genossen in Leipzig ihn und seine kleine Druckerei für die Herstellung einer geheimen fremdsprachigen Zeitung empfahlen. Weil sie ihm vertrauen - das ist das eine; das ist schön und macht stolz.

Ansonsten

Erklärungen. Wenn Genosse Meyer aus Bayern kommt

Bayern, in Nürnberg nämlich, fand im Vorjahr 1899 der Bundesturntag des Arbeiterturnerbundes statt, über den die »Arbeiter-Turnzeitung« selbstverständlich ausführlich

berichtete. Auch die »Leipziger Volkszeitung« war in Nürnberg vertreten, war vertreten durch den Rauh gut bekannten Redakteur Adolf Braun, um es genau zu sagen, und zweifellos hatte Braun während seines Aufenthaltes in Bayern Verbindung zu vielen dortigen Genossen. Falls man in Nürnberg mit der Frage nach einer geeigneten Druckerei

an ihn herantrat und falls er diese Frage nach der Rückkehr

in seiner Redaktion wiederholte

Mehring und Bruno Schönlank oder auch Julian Marchlewski selbst kennen als die journalistische Garde der Sozialdemokratie im Königreich Sachsen die verläßlichen Druckereien genau, auf die sich die Partei im ideologisch- organisatorischen Kampf stützen kann. Außerdem gab Marchlewski eben zu verstehen, daß ihm Genosse »Meyer« persönlich bekannt sei. Das wäre eine zweite Möglichkeit. Daran, daß »Meyer« nicht Meyer

heißt, zweifelt Rauh keine Sekunde. Er will eine Zeitung für

Rußland machen

kommt, würde auch einen Sachsen nicht wundern, der keinen persönlichen Bezug zum graphischen Gewerbe hat. Die Messestadt genießt seit langem den ehrenvollen Ruf eines Zentrums der »Schwarzen Kunst«, und nirgendwo im deutschsprachigen Raum nennt das Adreßbuch in solcher Ballung die Namen berühmter Verlagsgesellschaften und

wundervoller

Ein

Wenn du ihn kennengelernt hast, wirst du mir

nicht in

Dafür gibt es eine Reihe höchst einfacher

In

Rosa Luxemburg, Franz

Daß er zu diesem Zwecke nach Leipzig

Buchdruckereien wie hier. In Leipzig werden Druckaufträge in beinahe allen lebenden und toten Sprachen der Erde ausgeführt. Wer zur Messe kommt, um den Koran drucken zu lassen, findet dazu ebenso aufgeschlossene und leistungsfähige Geschäftspartner wie ein anderer, der

Nihongis klassische »Japanische Annalen« oder ein altrussisches Heldenepos in der Originalsprache publiziert zu sehen wünscht. Wohin, wenn nicht nach Leipzig, sollte sich jemand wenden, der Druckereien sucht, die kein »Unmöglich!« kennen? Sich mit solchen Anliegen nach Leipzig zu wenden, ist die natürlichste Sache der Welt. Wenn Julian Marchlewski die Einzelheiten nicht preisgeben will oder kann, die des Genossen Meyers Entscheidung für die Pleißestadt bestimmten, er, Hermann Rauh, wird danach nicht fragen. Sicher ist dieser Entschluß reiflich und gut erwogen worden.

mit

weihnachtlich verschnürten Paketen vorüber, schwatzend und gut gelaunt. Sie haben in der Stadt eingekauft, viele Schaufenster besichtigt und irgendwo in einem Café zum

»Schälchen Heeßen« süßen Kuchen genascht.

Wer kann da vorübergehen? Und die

Zuckerbäcker halten wahre Wunderwerke aus Marzipan bereit, von den leckeren Stollen mal ganz zu schweigen Die Bauern Probstheidas sind wohlhabend und von besitzstolzer Behäbigkeit, sie können sich etwas leisten. Die nahe große Stadt ist ein gefräßiger Abnehmer der vor ihren Toren wachsenden landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einerlei, ob es sich um Fleisch handelt, um Milchprodukte, Eier oder Brotgetreide. Freilich sieht das Stadtvolk gelegentlich überheblich auf das rustikale Landvolk nieder, aber die Bauern bleiben ihnen nichts schuldig. Würden denn die feinen Stadtdamen, die reichen Verleger und die übermütigen Studenten, deren hochtrabende Diskussionen man so wenig versteht, als ob sie chinesisch redeten, würden sie nicht verhungern, wenn nicht die Menschen an der Endhaltestelle der Straßenbahn in schwerer Arbeit den Boden aufbrächen, Saat in ihn legten und mit ihrem Schweiß deren Reifen sicherten?

Baumkuchenzeit

Draußen

auf

der

Straße

gehen

Frauen

Emma kennt die Frauen, die an der Druckerei vorbeigehen, und macht artig ihren Knicks. Täte sie es nicht, würde dieses Versäumnis in Kürze in Gestalt einer mütterlichen Rüge auf sie zurückschlagen. Hier draußen sind doch alle miteinander bekannt. Frau Rauh erführe mit

Gewißheit, daß Emma es letzthin an Höflichkeit fehlen lasse. Das Mädchen mag keine »Gardinenpredigt«. Auch Paul Thomas grüßt. Er hat die Mütze in der einen Hand, in der anderen aber noch einen fertigen Schneeball, den er nun bedauernd anblickt. »Hast du genug abgekriegt und kneifst, Emma?« Sie zuckt die Schultern und klopft sich den Schnee von Jacke und Kleid. »Püh!« sagt sie überlegen und fährt gleich ein wenig von oben herab fort: »Ich bin bloß klüger als du. Wenn wir nicht bald mit dem Papier erscheinen, können wir etwas erleben. Ich kriege ja höchstens einen Katzenkopf, weil es mein Vati ist, aber du bist der Lehrling - dir hält er 'ne Standpauke.« Sie sieht ihn an und tritt auf ihn zu. »Halt still! Du bist ganz voll Schnee.« Er dreht sich hin und her, damit sie ihn abklopfen kann. Mit offenkundigem Wohlwollen sieht er unterdessen in ihr helles, offenes Mädchengesicht mit den fröhlichen Augen und der ein wenig vorwitzigen Stupsnase, die im Vergleich zu dem weich geschwungenen Mund ein bischen zu klein wirkt. Dieser Mund ist ausgemacht schön und entblößt, wenn Emma lacht, makellos weiße, gut gewachsene Zähne. »Für ein Mädchen bist du ziemlich in Ordnung. Ehrenwort!« fühlt er sich mit jungenhafter Sprödigkeit zu

sagen bemüßigt. Am liebsten würde

schweren langen Zopf ziehen, aber das wagt er dann doch

er

jetzt an ihrem

nicht.

Als

habe

er

sich

mit

der

Andeutung

eines

Kompliments

schon

etwas

vergeben,

spricht

er

hastig

weiter: »Zu deinem Vater

kannst

du

dir

eigentlich

gratulieren. Die Meister, bei denen andere Jungs sind Dagegen ist er Gold. Manche brauchen einen Lehrling bloß zum Ausfegen und damit sie wen zum Verprügeln haben. Das hat er noch nie gemacht. Aber jetzt bin ich sauber.

Komm, wir schieben die Pakete erst mal an den Wagenrand. Dann müssen wir sie nur noch herunternehmen.« »Wenn wir gedruckt haben«, sagt Rauh drin am Schreibtisch, »wie kommt die Zeitung von hier weg und nach Rußland hinein?« »Wir sind dabei, das zu organisieren«, versichert Marchlewski, »es so zu organisieren, daß die Einfuhr ins Zarenreich lautlos und störungsfrei verläuft.« Der Drucker findet es richtig, daß sein Gast dies besonders betont.

»Wird auch bitter notwendig sein, Julian. Sowohl die zaristische als auch unsere Königlich Sächsische Geheimpolizei rotieren doch, wenn sie eine illegale, von keiner Zensur gegängelte und entschärfte Zeitung entdecken. Ein solches Blatt ist für sie, was das berühmte

rote

die schlimmste

Herausforderung.«

Tuch

für

den

Stier

darstellt

-

»Was ausnahmsweise für sie spricht! Sie wissen,

welche Waffe die Presse, unsere Presse

Er bricht ab, weil Frau Rauh eilig über den Hof läuft

und in die Druckerei tritt. Sie hat sich nicht einmal Zeit gelassen, ein Tuch umzunehmen. »Guten Tag, Genossin Rauh«, grüßt Marchlewski sie. Sie, eine unmerklich Fülle ansetzende Mittdreißigerin mit hochgestecktem blonden Haar, gibt ihm flüchtig eine große, kräftige Hand. »Tag! Auf der Hauptstraße kommt die Polizei mit einem Motorenwagen. Ich habe sie von der Mansarde aus gesehen. Sie muß ja nicht zu uns wollen, aber ich dachte,

es ist besser

»Ich bin zu bekannt bei den Herren. Sie brauchen

mich hier nicht zu sehen. Sonst fragen sie sich am Ende, was ich hier draußen will, und wenn sie erst einmal den

Zipfel eines Verdachts

unbemerkt 'raus?« »Nach hinten durch den Garten«, antwortete Rauh knapp. »Ich bringe dich.«

«

.« Marchlewski nickt.

« Er winkt ab. »Komme ich

»Du bleibst hier und beschäftigst sie«, bestimmt seine Frau. »Ich zeige dem Genossen Marchlewski den Weg. Kommen Sie!« Er knöpft bereits seinen Ulster zu und drückt den Hut in die Stirn, womit er gleich nicht mehr der landläufigen Vorstellung von einem rasenden Reporter entspricht. »Es bleibt dabei, Hermann?« Der Drucker gibt ihm die Hand. »Wie besprochen, ja«, erwidert Rauh ruhig. »Ich erwarte Werner Nusperli und Genossen Meyer. Wir werden das Kind schon schaukeln.« Frau Rauh faßt Marchlewski am Arm. »Sie könnten auf die Idee kommen, in den Hof zu fahren. Dann sollten wir weg sein.« »Das sind wir doch schon.« Jetzt endlich beschäftigt sich Hermann Rauh wirklich mit dem auf dem Schreibtisch liegenden Artikel. Er zieht sich den Stuhl heran und setzt sich, und während er Zeile für Zeile liest, tastet seine Rechte, ohne daß er hinsieht, nach einem Rotstift. Der Beitrag ist wirklich viel zu lang.

2

aus dem Königlichen

Polizeiamt in die Harkortstraße einbog und sich auf den Weg nach Probstheida machte, hat jeder Schutzmann kameradschaftlich-achtungsvoll gegrüßt, an dem er mit der bemerkenswerten Geschwindigkeit von etwa vierzig

der

Stundenkilometern

Mann flüchtig mit der behandschuhten Rechten an die

Seit

der

Motorenwagen

vorüberratterte.

Ebensooft

tippte

Hutkrempe,

der

in

Zivil

neben

dem

Uniformierten

am

Rechtssteuer

sitzt.

Er

friert

natürlich

in

dem

offenen

Zweisitzer, der wie eine leichte Kutsche ohne Deichsel aussieht, denn daß der Zweizylinder-Viertakt -Motor seine fünf Pferdestärken genau unter dem Sitz erzeugt, wirkt auch nicht erwärmend. Aber da er über diesen Motorenwagen aus einer Fabrik am Fuße der Wartburg in Eisenach verfügen darf, würde der Zivilist neben dem Fahrer

um nichts in der Welt mit Pferden fahren. Einen der wenigen Motorenwagen nehmen zu können ist ein Privileg, das beispielsweise die Beamten der gewöhnlichen Sicherheitspolizei nicht besitzen. Dafür haben sie auch bloß mit ganz gewöhnlichen Kriminellen zu tun. Die Schutzleute grüben, weil ihnen das Fahrzeug verrät, daß hier die sogenannte »hohe«, die politische Polizei im Einsatz ist. Das ist jene von der Obrigkeit weit höher geschätzte und deshalb auch großzügiger ausstaffierte Einheit, der die Verfolgung politischer Umtriebe, die Kontrolle des Vereins- und Versammlungswesens, die Pressezensur und - kurz - der innere Schutz des Staatsganzen und der monarchistischen Staatsordnung obliegen. Wo sie auftaucht, gehört es sich für einen kleinen Schutzmann einfach, Front zu machen und Gesinnung zu zeigen. Der leichte Wagen ist mit drei Mann natürlich überlastet. Es fährt noch ein zweiter Zivilist mit. Auf dem schmalen Notsitz gegenüber der Bank hockend, wirkt er einigermaßen unglücklich und atmet auf, als das Gefährt

endlich

Plattenwagen mit den Papierpaketen hält. Er steigt sofort ab

am

Ziel

ist

und

unmittelbar

neben

dem

und reckt sich verstohlen — ein untersetzter Vierziger mit verschlossenem, kantigen Gesicht und einem kurzgestutzten Oberlippenbart, der über die Mundwinkel herab reicht und dem Manne etwas Melancholisches, Kummervolles gibt. Er ist nicht der Tonangebende in der

Wagenbesatzung. Das zeigt er sogleich, indem er bescheiden beiseite tritt und aus den Taschen seines unansehnlich gewordenen walnußbraunen Ledermantels Tabaksbeutel und -pfeife zieht, als ginge ihn das alles hier nichts an. Er ist gleichsam nur Staffage und unwichtig.

Wichtig

ist

der

andere

Zivilist,

der

neben

dem

Chauffeur saß und jetzt ebenfalls absteigt. Ein schwerer, mit Hamsterfell gefütterter Ulster verleiht dem zehn Jahre jüngeren eine Breite, die der Fahrer nicht besitzt. Er überragt den im Ledermantel, der eine englische

Reisemütze mit oben zusammengebundenen Ohrenklappen trägt, um Kopfeslänge. In seinem schmalen, ausdruckslosen blassen Gesicht brennen rot die Narben von Säbelhieben. Der Herr hat auf dem Paukboden einer schlagenden Studentenverbindung gestanden; er ist Akademiker. Sein

Schnurrbart drückt im Gegensatz zu dem seines Begleiters Schneid und strammen Optimismus aus; die Spitzen sind nach oben gezwirbelt. Er streicht noch einmal darüberhin, als er Paul hingerissen ausrufen hört: »Ich werde verrückt! Eine richtige Motorenkutsche! Ist die schön!« Emma teilt seine Begeisterung nicht. »Findest du?« fragt sie skeptisch. »So'n Ding ohne Pferde sieht dumm aus. Als fehle etwas.« Da wird der Lehrling ernsthaft böse. »Typisch Mädchen! Von nichts Ahnung, aber über alles reden!« Damit wendet er ihr brüsk den Rücken zu. Der Akademiker sieht keine Notwendigkeit, die Jugendlichen zu grüben. Er erkundigt sich knapp: »Ist Herr Rauh im Hause?« Emma knickst. »In der Druckerei. Hier, bitte!« Der Mann mit den Schmissen geht zur Tür; der andere im Ledermantel folgt ihm wie sein Schatten. Er bleibt am Eingang stehen und setzt nun endlich die

inzwischen gestopfte Pfeife

in

Brand.

Seine

Augen,

graugrüne Katzenaugen von unsteter Behendigkeit, mustern die Setzkästen, die Maschinen, verweilen beim Nagelbrett und schätzen die Druckerei mit unpersönlichem, sachlichen Interesse ein. Der Akademiker, schon mitten in dem um den Ofen gruppierten Raum, räuspert sich vernehmlich. Es ärgert ihn offenbar, daß der Mann am Schreibtisch nicht gleich Notiz von ihm nimmt und sich erst jetzt sehr gelassen nach dem Besucher umdreht. »Herr Rauh?« »Ja?« Recht gemütlich klingt das, aber der Drucker steht doch auf und kommt ein paar Schritte näher, was dem anderen Gelegenheit gibt, eine Legitimation vorzuweisen und seinen Namen zu nennen. »Kriminalpolizei. Referendar von Kopp.« Hermann Rauh reagiert, als seien solche Besuche bei ihm alltäglich. Er nickt gelassen. »Was kann ich für Sie tun, Herr Referendar?« »Bloße Routinesache. Ich bin gehalten, in den Druckereien Satzproben der vorhandenen Schriften einzuziehen. Für kriminaltechnische Vergleiche, verstehen Sie?«

Der Drucker denkt nicht daran, es dem ungebetenen Gast so leicht zu machen. »Nein«, erwidert er entwaffnend naiv. Referendar von Kopp merkt die Absicht und ist verstimmt. »Hauptsache, wir verstehen das«, weicht er kurz angebunden einer exakteren Erklärung aus. An Rauh vorüber tritt er zum Nagelbrett und deutet auf ein dort hängendes Exemplar der letzten Nummer der »Arbeiter- Turnzeitung«. »Ihr Produkt?« »Meins!« bestätigt der Drucker. »Wenn Sie Wert darauf legen, zeige ich Ihnen gern die pressepolizeiliche Genehmigung « Es zuckt um die Mundwinkel des Referendars.

»Ich kenne die Zeitungsliste«, wehrt er von oben herab ab und nimmt die Zeitung vom Nagel. »Welche der vorhandenen Schriften enthält dieses Blatt?« »Alle.« Von Kopp reicht die »Arbeiter-Turnzeitung« über die Schulter nach hinten, ohne sich umzuwenden, und läßt sie los. Sie fällt nicht, denn der andere ist rechtzeitig da und übernimmt sie. »Reichert? Sie verstehen ja wohl etwas davon

« Rauh hat durchaus den Eindruck, daß das keine Übertreibung ist, denn der Untersetzte im Ledermantel und mit der englischen Reisemütze geht mit dem Blatt an die Setzkästen und hebt einzelne Lettern heraus. Er scheint in der Lage zu sein, zu beurteilen, ob Kegel, Schriftgröße und - bild übereinstimmen. Rauhs geschulter Blick sieht sogleich, daß der Geheimpolizist sachkundig und zielstrebig hantiert und der »Schwarzen Kunst« nicht fremd gegenübersteht. Er tut etwas Geläufiges, Vertrautes; er tut es mit einer Art gleichgültiger Selbstverständlichkeit. Dadurch wirkt er plötzlich gefährlich und erstaunlich überlegen. Unversehens erzeugt diese Feststellung in Hermann Rauh eine starke Abneigung gegen den Kriminalwachtmeister mit dem melancholischen Bart, ja, das ausgeprägte Gefühl der Feindschaft. Dieser Reichert hat zweifellos vor zehn Jahren, in der Zeit des Sozialistengesetzes, seine Sternstunden gehabt. Er hat vielleicht durch Schriftvergleiche Druckereien aufgespürt, in denen die in die Illegalität gezwungene Partei insgeheim Flugblätter und Agitationsmaterialien herstellte. Mit einemmal ist das alles wieder sehr nah und gegenwärtig, ist die innere Spannung wieder da, die Rauh damals unzählige Male miterlebte und die fast schon ein wenig in Vergessenheit geriet. Der Drucker atmet tief ein und strafft sich. Nach außen hin verliert er seine Gelassenheit nicht. Kriminalreferendar von Kopp, kraft akademischen Grades auf dem Weg zu höheren Kommandostellen der Polizei, macht Konversation. »Reichtümer sammeln Sie hier nicht, wie?«

Rauh

ist

zu

erfahren

im

Umgang

mit den

bewaffneten Erzengeln

der

monarchistischen

Staatsordnung, um sich durch den verbindlichen Plauderton

täuschen zu lassen. Der bestimmt ihn vielmehr

besonderer Vorsicht. Beamte wie dieser Referendar sind keine Schwätzer und beherrschen ihr Handwerk mit gefährlicher Sicherheit. Wenn sie ein solches Gespräch führen, verfolgen sie damit einen Zweck. Der Drucker bleibt spröde und abweisend. »Sind Sie aus Leipzig nach Probstheida herausgekommen, um mich das zu fragen?« Wenn von Kopp die Reserviertheit des anderen erkennt, überspielt er sie geschickt. Er lacht unbekümmert und amüsiert. »Bei der Kälte? Nee! Ich kann mir Schöneres vorstellen, Herr Rauh! Wirklich! Ist überhaupt 'ne tolle

Aufgabe für einen diplomierten Kriminalisten - Schriftproben sammeln! Doch wenn das Vaterland, das teure, Opfer

fordert

Ironie, die einer Anbiederung gleichkommt und neuerlich auszudrücken scheint, das alles sei ja nicht ernst zu nehmen, aber er fährt im gleichen Ton fort, übergangslos:

»Sie erledigen hier auch Ihre Auslandsaufträge, nicht wahr?«

der

Überrumplungsversuch sei nicht schlecht aufgebaut worden. »Sondern wo?«

das

Bibliographische Institut, sondern eine kleine Arbeitersportzeitung. Wir haben keine Auslandsaufträge.« Es sind fast die gleichen Worte, die er gegenüber Marchlewski gebrauchte, aber jetzt klingen sie ganz anders. »Auslandsaufträge wären lohnend, Herr Rauh.« Der Drucker nickt. »Sicher«, bestätigt er trocken. »Deshalb verteilen die großen Druckereien sie ja unter sich.«

Von Kopp läßt nicht locker. Er wird deutlicher, behält jedoch den verbindlichen Plauderton bei. »Es gibt auch bescheidenere Aufträge. Eine kleine

Die

Handzettel

zu

«

Er sagt das mit einer bestechenden Portion

»Nein«,

»Wir

pariert

sind

Rauh

und

denkt

sachlich,

noch

weder

Brockhaus

Broschüre,

ein

paar

Gut

bezahlt

Steuerfahndung Seiner Majestät braucht nichts davon zu

wissen. Das Leben ist kostspielig; Geld schändet nicht. Manche Auftraggeber spekulieren auf eine solche

Gesinnung, bauen ihre Angebote darauf auf verstehen uns?«

»Nein. Solches Ansinnen hat nie jemand an mich herangetragen. Ich wäre selbstverständlich auch nicht darauf eingegangen«, antwortet Rauh eisig. Jetzt dreht er den Spieß um, nun fragt er selbst. »Brauchen Sie die Schriftproben solcher Drucke wegen? Hat es welche gegeben?«

stutzt.

schwingt

unverhohlen Drohung in seiner Stimme.

Wir

Der

Referendar

Auf

einmal

»Wir sind völlig Herr

der Lage, lieber Herr Rauh!

Völlig! Uns entgeht so schnell nichts.« Dann kehrt er zum

Plauderton zurück, scheint die eben gezeigte Schärfe

vergessen machen zu wollen. »Wir leben in einer wilden Zeit und auf heißem Boden. Leipzig wimmelt zum Beispiel von russischen Studenten und russischen Emigranten.

In

Rußland haben sie vor Jahren den Zaren zu ermorden

versucht, in Italien in diesem Sommer den König

überall gleich. Und außer den Anarchisten haben wir überhaupt Umstürzler jeder Couleur in der Stadt, jeder

Farbe

nicht erzählen!« Er hält die Hände über den Ofen. »Und das alles will sich mitteilen, seine Maximen und Ideen verbreiten, Anhänger werben und Geworbene bei der

Sie sind

Umstürzlerische Elemente darunter, Anarchisten

Muß ich Ihnen als einem Zeitungsmann doch wohl

Stange halten

Zeitungen machen, die wirken wie

Schlangengift

Seiner Majestät, unserem allerhöchsten

Herrn, wäre es außerordentlich fatal, wenn etwa das gute Verhältnis des sächsischen Hofes zum Zaren durch aufrührerisches Material getrübt würde, das ausgerechnet aus der Messestadt nach Rußland gelangte!« Von Kopp sagt das alles ein wenig in den Ofen hinein, dessen Wärme ihn magisch anzieht. Dies wirkt, denkt Rauh amüsiert, als vermute der Kriminalist das Zentrum geheimen Drucks ausgerechnet in seinem harmlosen Heizkörper. Der Referendar schließt: »Unter solchen Aspekten heifjt es für

uns, sehr aufmerksam zu recherchieren, zu aspektorieren, zu kombinieren

.« »Diesmal verstehe ich Sie, Hochwohlgeboren«, räumt der Drucker ein, und indem er die Anrede gebraucht, die ausschließlich Adligen gegenüber verwandt wird -

bürgerliche Würdenträger sind nur »Wohlgeboren« -, errichtet er eine deutliche Trennwand zwischen sich und dem Besucher aus dem Königlichen Polizeiamt. Der setzt neu an und erkundigt sich in einem Ton, als vergewissere er sich einer absoluten

Selbstverständlichkeit: »Das kyrillische Alphabet kennen Sie natürlich?« Daraufhin verzichtet Rauh auf alle Verbindlichkeit. »Wenn Sie glauben, ich hätte russische Lettern in einem Schuhkarton unter dem Bett, warum suchen Sie sie nicht?« Geschlagen gibt sich von Kopp nicht. Er lacht wieder, lacht, als wäre ein prächtiger Witz gemacht worden. »Hübsch gesagt! Ich habe durchaus Sinn für Humoriges, lieber Herr! Nur - zu mißtrauen ist mein Beruf. Wissen Sie, wie unsere verehrten Kollegen bei der Ochrana sagen, der russischen Geheimpolizei? Sie sagen: Traue Gott dem Allerhöchsten und Seiner Majestät dem Zaren, unserem Gebieter, aber sonst niemandem auf der Welt. - Ein kluges Wort, Herr Ra uh, ein sehr kluges

Wort. Trotzdem - Lettern unter dem

Alles hat seine

Grenzen. Ich halte Sie nicht länger auf.« Er dreht sich zu seinem Wachtmeister um. »Sind Sie immer noch nicht fertig. Menschenskind?« Der Untersetzte im Ledermantel schaut noch nicht

einmal auf. »Gleich, Herr Referendar, gleich »Beeilen Sie sich!« Damit lüftet von Kopp, gegen Rauh gewandt, flüchtig den würdigen halbsteifen Hut - Leipzigs Arbeiter nennen diese Art Kopfbedeckung den »Arbeitgeberhut« - und geht ohne ein weiteres Wort hinaus zum Wagen. Rauh tritt näher an die Setzkästen heran, und da fühlt sich Reichert bemüßigt, beiläufig zu bemerken:

»Ganz schön abgequetscht, Ihre Schriften. Gut

wiederzuerkennen. Alles, was recht ist

«

Das ist eine merkwürdige Art von Lob für nicht mehr neue Lettern. Der Drucker hat sofort eine steile Unmutsfalte über der Nasenwurzel, aber er schweigt. Draußen wird Paul Thomas nicht müde, das Fahrzeug aus einer Fabrik in der Wartburgstadt Eisenach zu bewundern. Geradezu verliebt streichelt er über die Drahtspeichenräder, den Benzinbehälter hinter dem Sitz und die beiden messingblanken Karbidlampen. Der schnauzbärtige Fahrer, der seinen Platz nicht verlassen hat, läßt ihn herablassend gewähren. Wer, wenn nicht er, weiß,

daß ein Automobil etwas Besonderes, Bestaunenswertes ist? Er sitzt da, als gelte ihm selbst die Ehrfurcht, die Paul dem Wagen zollt. »Ob er sehr schnell fährt? Was meinst du?« Mit seiner Frage ist er nun freilich bei Emma an der denkbar falschen Adresse. Sie kann daraufhin nur die Schultern heben. »Ich weiß nicht. Wer hat schon ein Automobil in Probstheida?« »Richtig schön sieht es aus!« Von Kopp ist eine Weile stummer Beobachter der hingerissenen Begeisterung des Jungen, zwirbelt seinen Bart auf und hat schmale, nachdenkliche Augen. Sein blasses, von den als Standessymbol gehätschelten Narben der Säbelhiebe entstelltes Gesicht zeigt keine Regung, doch auf einmal sagt der Referendar mit unvermittelter herablassender Freundlichkeit:

beste

Pferdegespann nicht mit, mein Junge. Wir fahren vierzig Stundenkilometer, und da entgeht uns keiner. Pferde können nicht dauernd galoppieren - wir dagegen halten unser Tempo, solange wir Benzin haben.« Das fasziniert Paul. Seine Jungenphantasie mit ihrer schwärmerischen Sehnsucht nach Abenteuern erhält durch diesen Besuch einen kräftigen Anstoß. Allein das schöne Auto mit dem uniformierten Polizisten am Steuer regt sie an und beschwört tausend Bilder von lockenden Erlebnissen in einer »großen« Welt herauf, die Paul nur aus billigen Kolportageromanen kennt und die ihm eben deshalb

»Mit

dem

Wagen

kommt

auch

das

bewundernswert und bedeutsam erscheint, weil er sie bloß aus zweiter Hand und auf weite Entfernung vorgeführt erhält. Träume von Reisen in eine schillernde Ferne, zur Pyramide des Sonnengottes, zu den Pyramiden, in Prärie und Savanne, durch die Wüste von Bagdad nach Stambul, in fremde Städte, Träume von männlicher Bewährung und

aufregenden Heldentaten

Paul ist zu jung, um zu begreifen, daß

seine Lieblingsschriftsteller ihm eine vollkommene, intakte und aufs beste eingerichtete Welt vorgaukeln, weil sie selbst

in eben dieser Welt mit derlei Literatur recht gut leben. Für Paul mischt sich Erlesenes mit dem, was er nun sieht, und da in der Kolportage Geheimpolizisten als die Hüter der angeblich gottgewollten und unveränderlichen Ordnung logischerweise stets strahlende Helden ohne Furcht und Tadel sind, ist für den Jungen der erste Geheimpolizist, der ihm leibhaftig gegenübersteht, auch ein solcher Held - ein freundlicher und leutseliger Held überdies. Das entspricht Pauls Vorstellungen so sehr, da§ er ganz glücklich und aufgeregt ist. »Einfach toll!« sprudelt er hervor. »Einmal dabeisein

Detektiv zu sein, das ist bestimmt viel

spannender als Buchdrucker.« Da der Referendar diese Huldigung mit lächelndem und vielsagendem Wohlwollen hinnimmt, faßt er sich ein Herz und fragt weiter: »Müssen Sie sich auch manchmal verkleiden, Herr? So, wie der Fremde aus Indien oder der Held im Buschgespenst?« »Na, es kommt schon vor«, geht von Kopp schmunzelnd auf den vorgegebenen Ton ein. »Allerdings kann ich es nicht so perfekt wie deine Privatdetektive und schon gar nicht so gut wie der Mann im Buschgespenst. Das gebe ich zu.« Pauls Sympathie wächst noch. »Sie kennen die Bücher?« »Beide, ja.« Dabei läßt es der Referendar bewenden

und sagt in forscher Kameradschaftlichkeit, die verbindet :

»Da wir also die gleichen Bücher lesen

. Was hältst du

können

erregendes Leben

Ein erfülltes, ein herrlich

davon, wenn ich dem Wachtmeister befehle, dich mal durch Probstheida zu fahren?«

Paul

atemlos. »Ich kann gar nicht sagen, was das wäre.«

Von Kopp nickt, als sei es das Alltäglichste von der

Welt. »Abgemacht! Sobald wir hier fertig sind Paul hat ausgemacht verliebte Augen.

»Sie sind richtig in Ordnung, Herr. Wie ein Detektiv sein muß.«

»Das

wäre

«

Die

Aussicht

allein

macht

«

In

der

Tat

erscheint

ihm

dieser

Vertreter

des

Polizeiamtes

weitaus

 

imponierender

 

und

geheimnisumwobener

als

die

Privatdetektive

aus

der

Auskunftei Schimmelpfeng im Stadtzentrum. Er, Paul, ist im Sommer manchmal neugierig an dem Büro am Blücherplatz vorbeigestrichen, um Männer zu sehen, die den Helden seiner Lieblingsbücher entsprachen. Schimmelpfengs Rechercheure haben ihn bitter enttäuscht. Das waren

Dutzendgestalten in Staubmänteln, mit Aktentaschen unter dem Arm. Ein Automobil besaßen sie auch nicht, nicht einmal ein Motorrad von der Art, wie sie die Leipziger Firma Hildebrand & Wolfmüller baute und sogar nach Frankreich exportierte. Nein, sie sahen bloß abgehetzt und eilig aus und sprangen, ohne sich umzusehen, in die Wagen der in der Innenstadt bereits elektrifizierten Straßenbahn. Die ist zwar für Provinzonkel eine Attraktion, aber doch jedem zugänglich und nichts so Besonderes wie ein Motorenwagen. In diesem Augenblick entzieht Paul den Staubmänteln vom Blücherplatz seine Sympathie und konzentriert sein Wohlwollen auf den Geheimpolizisten, der ja denn wohl

doch ein anderer Kerl ist, wie schon das Automobil verrät Frucht seines Umdenkens ist das großartige Angebot

: »Wenn ich Ihnen mal helfen könnte, Herr

»Wir müssen endlich das Papier hineinbringen, Paul«, meldet sich Emma plötzlich. In ihrer Stimme ist eine Spur von Tadel und deutlicher Mißbilligung, ja, von so kaum verhohlener wissender Überlegenheit, daß von Kopp

überrascht aufsieht. Dieses hübsehe junge Mädchen wäre, das spürt er sofort, nicht in dem Netz zu fangen, das er erfahren nach dem Jungen auswirft. Weder eine Fahrt mit der Kutsche ohne Pferde noch ein Appell an die Neugier auf unalltägliche Erlebnisse können sie locken; es ist, als

.

«

durchschaue sie auf eine angesichts ihrer Jugend erstaunlich erwachsene Weise sein Spiel. Kaum verborgen, drückt ihre Haltung offen abweisende Feindseligkeit aus. Unangenehm berührt, findet von Kopp in Emma jäh ihren Vater wieder und fragt sic h wütend, woher dieses junge Ding eine solche Klarsichtigkeit nimmt. Schon fürchtet er, Paul werde ihm entgleiten, ehe er ihn in der Hand hat. Doch Paul widerspricht: »Jetzt stören wir bloß«, und Emma weiß darauf nur mit einem schnippischen: »Ich will nicht anfrieren. Sieh nachher zu, wie du fertig wirst« ins Gebäude zu laufen. Da zuckt der Junge verächtlich die Achseln. Der Kriminalreferendar lächelt entspannt, als er es sieht. Er zieht ein saffianledernes Etui aus der Tasche und entnimmt ihm ein Zigarillo, während er behutsam ansetzt:

»Vielleicht könntest du mir wirklich helfen, Junge. Wenn du möchtest

.« »Klar, daß ich will!« erklärt der Lehrling spontan. Dann erst, ganz unvermittelt, wird ihm bewußt, daß der bewunderte Geheimpolizist sicher nicht zufällig gerade in die

Druckerei Rauh & Pohle kam.

Rauh

Schlechtes tut?« fragt er merklich abgekühlt und erschrocken. »Er ist als Meister einer von den guten.«

Von Kopp erkennt den sich anbahnenden Stimmungsumschwung des Jungen augenblicklich und weiß ihn geschmeidig abzufangen. Auf einmal reizt es ihn, diesen Paul Thomas Wachs in seinen Händen werden zu lassen, ihn zu seinem Werkzeug zu machen, ihn nach seinem Belieben

zu

Halbwüchsigen zu beweisen. Das ist ein Spiel, das er liebt und das er schon viele Male gewonnen hat, das ihn immer von neuem reizt und erregt.

und

Rauh

zugänglicher Mensch. Oder?« beginnt er sehr weich. Paul nickt erfreut. »Da gibt es kein Oder.« Der Referendar scheint das erwartet zu haben. Als spreche er mit einem Gleichgestellten, der sein volles und uneingeschränktes Vertrauen besitzt, fährt er ohne

»Sie

glauben

doch

nicht

etwa,

daß

Herr

formen

und

sich

dadurch

selbst

an

diesem

»Ich

denke,

Herr

ist

ein

hilfsbereiter

Herablassung sehr ernst und beinahe ein wenig traurig fort:

»Siehst du! Ein solcher Mensch läßt sich, wenn an seine Hilfsbereitschaft appelliert wird, leicht in Dinge hineinziehen, die ihm nur schaden können. Zum Beispiel könnte er sich breitschlagen lassen, irgendwelche Druckaufträge von Ausländern auszuführen. Texte, die er nicht einmal lesen

kann

Du und ich, wir beide wüßten, daß er einfach

mißbraucht worden wäre, aber das Königliche Gericht, wenn

es dahinterkäme

Dieser Stoßseufzer läßt Paul besorgt fragen: »Würde

es das anders sehen?«

Du liebe Güte!«

mit

Geheimbündelei, Vorbereitung zum Hochverrat, staatsgefährdendem Nachrichtendienst, Landesverrat - und das sind sehr unfreundliche Paragraphen!« Er sieht befriedigt, wie sehr er den Jungen beeindruckt, und nutzt das aus. »Weil Herr Rauh so gutmütig ist, müßte hier jemand ein bißchen auf ihn aufpassen und uns vertraulich verständigen, sobald es aussieht, als solle er mißbraucht werden. Wir würden rechtzeitig zugreifen und könnten das Schlimmste verhüten.« Paul reibt sich nachdenklich seine sommersprossige Nase. Selten hat er sich so wichtig und zugleich so ernstgenommen und erwachsen gefühlt. Nein, er hat diese Geheimpolizisten von Anfang an richtig eingeschätzt. Was treiben die Staubmäntel von Schimmelpfeng mit den steifen Hüten denn schon? Paul weiß es aus einem Illustriertenbericht: Sie sammeln im Auftrag ihrer Klienten Angaben über die finanziellen Verhältnisse, die Kreditfähigkeit und Kreditwürdigkeit von Dritten, stellen in der Stille Material über Geschäftsbeziehungen und -gebaren der Konkurrenz wie der Geschäftspartner ihrer Kunden zusammen und ermitteln den Verbleib unbekannt verzogener säumiger Schuldner, um im Auftrag fremde Außenstände einzuziehen. Das sind die gewöhnlichen Aufgaben einer Auskunftei, hieß es in dem Bericht, aber Paul war unglaublich enttäuscht und verbittert, als er das Büro am Blücherplatz so aller Romantik entkleidet sah. Krediterkundung im Inund Ausland, Ermittlung von Leuten,

»Und

ob!

Es

wäre

gle ich

zur

Hand

die

sich

mit

Schulden

aus

dem

Staube

machten,

Feststellung

der

Mitgift

einer

künftigen

Gattin

durch

genauso

und

Aktentaschen aus! Er, Paul, ist bei dem Geheimen mit dem

Automobil vor einer ungleich abenteuerlicheren Schmiede. Bei dem Manne mit den Mensurschmissen geht es um große und wirklich aufregende Sachen - unter Geheimbündelei und Hochverrat fängt der wohl gar nicht erst an! Allein der Klang dieser Worte läßt einen schon erschauern. Und zu ihm, Paul, spricht er wie zu seinesgleichen! Eine Auszeichnung, das »Ich würde also nicht nur Ihnen, sondern auch Herrn

Rauh nutzen

»So ist es. Natürlich müßte alles ganz insgeheim geschehen.« »Das versteht sich. Ich bin doch nicht von gestern.« Von Kopp entschuldigt sich und schleicht gleichsam in diesen Jungen hinein, den er lesen kann wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Text klar und geradlinig ist und Winkelzüge und Schnörkel nicht kennt. Hier, glaubt der Referendar, hat er leichtes Spiel. Er hat bereits kompliziertere und verschlungenere Charakt ere zu seinen Werkzeugen, zu brauchbaren Informanten der »hohen«, der

sahen

Beauftragte des innig verliebten Bräutigams -

diese

Staubmäntel

mit

den

Melonen

Ist es so?«

politischen Polizei gemacht. »Ich sage es auch nur vorsichtshalber, Paul. Wenn etwas ist, mein Junge«, er nimmt eine Visitenkarte heraus, die in zierlichem Stahlstich nur seinen Namen und die Telefonnummer des Königlichen Polizeiamtes trägt, und gibt sie dem Lehrling, »hast du hier meinen Fernsprechanschluß. Gehst einfach mal auf die Post und rufst mich an. Dann treffen wir uns.« »Verlassen Sie sich auf mich! Paulchen hat Augen wie ein Luchs, wenn er nur will.«

einen

vergißt

Halbwüchsigen vor sich hat, dessen Sehnsüchte und Träume in vielem noch kindlich, einfach und leicht zu befriedigen sind und dessen Unbefangenheit schnell kritiklose Dankbarkeit gebärt.

Der

Referendar

nicht,

daß

er

»Na, dann hopp, junger Mann! Aufgesessen! - Fahren Sie eine kleine Runde, Wachtmeister, und nehmen Sie uns dann an der Straße auf, die wir gekommen sind.« Der Wachtmeister begreift zwar nicht, warum diesem Bengel eine solche Wohltat zuteil wird, aber er ist gewohnt, zu gehorchen, zuverlässig und blind zu gehorchen. Das tut er bereits drei Jahre lang. Also dreht er behende das Handrad neben dem Sitz, mit dem der Anlasser betätigt wird, und nach knallenden Fehlzündungen springt der Motor brav an. Paul fühlt sich wie ein kleiner König, als der Chauffeur die Handbremse löst und mit ihm durch Probstheida fährt. Alle Leute, die das Gefährt sehen, bestaunen es natürlich. Sie fahren an der weiträumigen Kunstund Handelsgärtnerei vorüber, die nicht zuletzt des nicht sehr weit entfernten Südfriedhofs wegen ganzjährig für ihre Besitzer eine wahre Goldgrube ist. So dahinzurollen, das ist wie ein Märchen. »Ein herrlicher Motor!« schwärmt Paul. Der Wachtmeister sieht sogleich aus, als habe er die Maschine persönlich erfunden. »Der Hubraum beträgt siebenhundertvierundsechzig Kubikzentimeter«, erklärt er herablassend. »Etwa tausend

Umdrehungen in der Minute

Einlaß- und seitlich stehende Auslaßventile, eine

Schlangenrohr-Wasserkühlung und Schmierung mittels

Tropfölern. Einen Oberflächenvergaser

Wir haben selbsttätige

Die

Kraftübertragung erfolgt über eine Konuskupplung durch ein Dreiganggetriebe, das mit dem Achsantrieb zusammengebaut ist «

Paul versteht nichts, aber er findet es wunderbar. Kriminalreferendar von Kopp bläst behaglich blaue Rauchringe in die klare, jetzt windstille Winterluft. Nicht einmal die Kälte vermag sein blasses Gesicht ein wenig zu röten und den Säbelhiebnarben ein bißchen von ihrer aufdringlichen Sichtbarkeit zu nehmen. Von Kopp ist sehr zufrieden mit sich. Er hebt das spitze Kinn und sieht herrischer und viel härter aus, als er sich Paul Thomas darstellte. Als ob dieser Mann plötzlich ein ganz anderer

wäre

Er wendet sich, da hinter ihm die Tür der Druckerei

klappt, gelassen um. Der Kriminalwacht meister im walnußfarbenen Ledermantel und mit der englischen Reisemütze tritt heraus. Er hat die letzte Nummer der »Arbeiter-Turnzeitung« unter den Arm geklemmt und streift eben die von der sorgenden Gattin eigenhändig gestrickten Fingerhandschuhe über. »Es sind wirklich nur diese beiden Schriften vorhanden, Herr Referendar«, meldet er. »Da bin ich ganz sicher.« Von Kopp raucht genießerisch weiter. »Haben Sie etwas anderes erwartet? Ist doch in allen den kleinen Klitschen dasselbe - nur deutsche Lettern!« Er stellt den Kragen seines schönen Ulsters hoch, während er gelassen fortfährt: »Aber das kann sich über Nacht ändern!«

» und wir greifen trotz aller Schriftvergleiche ins

Leere«, brummt Reichert aufsässig. Die Jagd nach Satzproben, ein Steckenpferd seines Chefs, hängt ihm nachgerade zum Halse heraus. »Meinen Sie?« klingt es sehr von oben herab zurück. »Sollten hier fremde Lettern auftauchen, werden wir es erfahren, glaube ich.« Der Referendar setzt sich in Bewegung, und sein Wachtmeister stapft brav neben ihm her, ohne nach dem Wagen zu fragen. Weiß doch der Himmel, was sich sein hochwohlgeborener Herr mit den anstrengenden wissenschaftlichen Vorstellungen von Kriminalistik nun wieder ausgedacht hat! Da muß man als einfacher Mann, der das Handwerk schlic ht von der Pike auf lernte, ja auf alles gefaxt sein! Hermann Rauh sieht die beiden Geheimen in Richtung Kirche davongehen, hört hinter seinem Rücken Ilse vom Hof her hereintreten - er kennt den Schritt seiner Frau ganz genau - und sagen: »Julian ist ungesehen durch den Garten weggekommen. Auf der anderen Seite stand keine Polizei.« »Gut so! Sie sind ahnungslos« »Aber deshalb nicht ungefährlich!« warnt sie. »Sie schnüffeln herum wie Foxterrier und sind auch so angriffslustig wie die.«

Noch immer können die Rauhs die beiden Beamten beobachten - den kleineren Untersetzten im Ledermantel und mit dem Schleifchen der hochgebundenen Ohrenklappen auf der Mütze und den Großen mit dem Homburger Hut und im Hamsterfellmantel, der ihn breiter erscheinen läßt, als er ist. Sie bilden ein etwas ungewöhnliches Paar. Geradezu auffällig muten sie nicht an. Wäre die Straße nicht just so leer, würden sie in der Menge aufgehen und von ihr aufgesogen werden. »Sie haben ja wohl auch Grund, besorgt zu sein«,

wirft der Drucker nachlässig hin. »Nicht einmal der königlich sächsischen Politischen Polizei kann auf die Dauer entgehen, wovon Emigranten und Studenten aus Rußland in Leipzig sprechen. Sie haben nur ein großes Thema: die Veränderung der Verhältnisse im Zarenreich und letztlich

den Sturz des Despotismus

nennt den Zaren seinen lieben Bruder! Eine Schande ist das.«

Rauh nimmt seine Frau an den Schultern und zieht sie ein wenig zu sich heran. »Nun, wir werden diese

Schande wenigstens zu einem kleinen Teil abbauen.« Willig folgt sie seinen Händen und schmiegt sich unbefangen an ihn. Das ist beiden eine liebe, vertraute Geste, die sich in den Jahren ihrer Ehe nicht abgenutzt, die nicht an Wärme verloren hat. »Sei vorsichtig, Hermann. Julian hat mir in großen Zügen gesagt, worum es geht.« »Angst?« Darauf antwortet sie nicht direkt. »Der kleinste Fehler kann alles zunichte machen. Und die russischen Genossen vertrauen uns. « Er verschränkt die Arme hinter ihrem Rücken. »Das geht schon in Ordnung! Ob die Geheimen herumziehen oder nicht - auch wir haben den Kopf nicht bloß, um den Hut darauf zu setzen.« Der Druck seiner Arme wird fester. »Und du hilfst mir ja. Wie immer «

Und unser König in Dresden

Sie tippt ihm flüchtig auf

die Nase. »Mach keine

Sprüche! - Das Zimmer für Herrn Meyer aus München richte ich gleich her. Was meinst du: Ob er sich freut, wenn ich

ihm unseren Samowar hineinstelle? Vielleicht fühlt er sich

dann ein wenig wie zu Hause in Rußland

»Du bist lieb«, sagt er. »Darauf würde ein Mann nie kommen. Tu's!« Er läßt sie zögernd los und tritt einen Schritt zurück.

Auch seine Frau ist ein wenig verlegen und ordnet rasch ihr Haar, obwohl es da gar nichts zu ordnen gibt. Tatsächlich, sie ist errötet wie ein ganz junges Mädchen. Emma kommt aus dem Haus herüber, hat sich ein Brot geschmiert und kaut ihre »Bemme« mit gutem Appetit. »Schön, daß es dir schmeckt«, begrüßt sie ihr Vater trocken. »Noch schöner wäre, wenn du erst deine Arbeit zu Ende geführt hättest. Oder ist alles Papier drin?« »Fast alles, Vati.« »Und der Rest?« Das verwirrt sie nicht. »Allein schaffe ich es nicht.« »Wo ist Paul?« »Ich petze nicht«, weist sie es zwar zunächst weit von sich, Auskunft zu erteilen, sagt aber dann doch, und es klingt lustig und Verständnis heischend:

ihrer

Schwärmerei für Technik. Er ist um das Polizeiautomobil herumgestrichen wie die Katze um den Milchnapf, und da haben sie ihn ein Stück mitfahren lassen. Er kommt gleich wieder.« »Also bringt den Rest herein, ehe es dunkel wird.« Sie versichert, das würden Paul und sie auf alle Fälle tun, und läuft auf die Straße hinaus. Sie tut dies vermutlich vor allem aus der Erkenntnis heraus, daß das der sicherste Weg ist, väterlichem Tadel auszuweichen. Frau Rauh entgeht nicht, daß ihr Mann besorgt an seinem Schnurrbart dreht. Diese unbewußte, Gewohnheit gewordene Geste gilt ihr als untrügliches Zeichen dafür, daß ihn etwas beschäftigt. Sie fragt ihn. »Dieser Schnüffler von und zu sah, weiß Gott, nicht aus, als wäre er der Mensch, der einem Jugendlichen unbedingt eine Freude machen würde. Er gab sich verbindlich, ja, aber seine Verbindlichkeit war glatt und falsch. Was kann er von Paul wollen?«

«

»Weißt

doch,

wie

die

Bengels

sind

mit

»Weiß der Junge etwas?« beantwortet sie die Frage sachlich mit einer anderen. »Nichts.« »Er will dem Lehrling auf den Zahn fühlen, was denn sonst? Wenn ihm Paul nichts sagen kann, wird er enttäuscht

sein. Das ist gar nicht schlecht.« Sie hängt sich bei ihm ein und zieht ihn dem Hof zu. »Komm, jetzt trinken wir beide erst einmal eine Tasse Tee.« Rauh sträubt sich nicht. Auf der Strafe stochert Emma ziemlich lustlos mit den Schuhspitzen in der weisen Pracht herum, bis Paul zurück ist. Er kommt in vollem Lauf die Straße heruntergerannt und sprudelt gleich aufgeregt hervor:

»Wärst du bloß mitgekommen! Phantastisch, sage ich dir! Das ist etwas anderes als die olle Straßenbahn mit den müden Gäulen! Sollte ich einmal in der Lotterie gewinnen, wenn ich groß bin - so ein Wagen ist meiner!« Er setzt sich mit Schwung auf den Rollwagen, als wäre der die Motorenkutsche aus dem Königlichen Polizeiamt gegenüber dem Reichsgericht im Leipziger Zentrum. »Unser Fahrgestell besteht aus einem Stahlrohrrahmen, mit dem die Hinterachse starr verbunden ist. Die Vorderräder werden durch eine Halbelliptik- Querblattfeder, der hintere Aufbau wird durch C-Federn abgefedert. Mit der Handkurbel regieren wir die über Spurstangen betätigte Achsschenkellenkung. Wir haben eine fußbetätigte Hand- und zwei handbetätigte Außenbandbremsen auf der Hinterachse. So, jetzt drehe ich den Anlasser. Komm, Emma! Einsteigen zur Probefahrt!«

seinen

phantasievollen Höhenflug.

»Das

Papier

muß

'rein!«

stört

sie

Paul läßt die Hände in den Schoß sinken. »Warum

hat

Männerspielzeug?« Er winkt resignierend ab und steigt ernüchtert vom Rollwagen herunter, der wieder nichts mehr ist als ein simples Gefährt zum Papiertransport. »Schön, bringen wir das Papier 'rein!«

richtiges

bloß

kein

Mädchen

Sinn

für

ein

Während der Stapel neben der Maschine anschwillt, kann sich Emma die Erkundigung nicht verkneifen: »Was hast du denn mit den Geheimen geredet?« Jetzt ist Paul einsilbig. »Ach, nichts Besonderes.« »Willst du es mir nicht sagen?«

Er

zuckt

die

Achseln.

»Kümmert

dich

ja

doch

« aus: »Vom Wagen eben und so. Er ist wassergekühlt, und für die Schmierung sorgen Tropföler. Funktionieren sie nicht, kann er festfressen. Der Oberflächenvergaser «

du

Oberflächenvergaser, du

Er sieht sie sehr von oben herab an. »Habe ich ja gewußt. Konnte doch nicht anders sein.« Sie haben das letzte Papierpaket auf den Stapel gepackt, und da Hermann Rauh gerade aus dem Wohnhaus zurückkommt, wendet Paul dem Mädchen den Rücken zu und meldet: »Das ganze Papier ist drin, Meister.« Der Drucker wirft einen Blick aus dem Fenster. »Und der Wagen? Bring ihn weg, Emma.« Paul weist er an: »Du nimmst deinen Winkelhaken und setzt den Keller für Seite drei. Radsport rote Kavallerie. Und denke daran, daß wir hochdeutsch und nicht sächsisch setzen. Zur Not liegt da ein Duden, wenn du glaubst, im Manuskript Fehler zu finden.« Der Lehrling grinst ganz unverhohlen, während er das Manuskript entgegennimmt, über das sich sein Meister und der Besucher mit dem Hut im Nacken vorhin beugten und das natürlich nicht aus Julian Marchlewskis Feder stammt. Das ahnt Paul Thomas selbstverständlich nicht. Er sagt vergnügt: »Kapiert, Meister! Die harten und die weichen B und D, ich weiß.« Er legt das säuberlich handgeschriebene Manuskript an den Rand des Setzkastens, ergreift den Winkelhaken und stellt ihn mittels des Schiebers flink auf die Breite der Kolumne, der Zeitungsspalte, ein. Schnell und geschickt beginnt er zu arbeiten. Er reiht von links nach rechts kopfstehende einzelne Lettern zu Silben und Worten zusammen, trennt sie durch das Einfügen von Ausschlußstücken, sogenanntem Blindmaterial, und bringt

nicht

Das erscheint ihm selbst zu schroff. So weicht er

Das

wollte

Emma

nicht

hören.

»Hör

auf,

Sonst schreie ich um Hilfe.«

mit dessen Hilfe die Zeile auf die vorgegebene Breite. Unter die dergestalt »ausgeschlossene« Zeile kommt eine Regierte, das ist ein dünner Bleistreifen, und dann beginnen die Griffe in den Setzkasten von neuem. Paul beherrscht das Buchdruckeralphabet längst; in den Fächern des Setzkastens sind die Lettern nämlich nicht in der Reihenfolge des gewöhnlichen Alphabets, sondern so eingeordnet, daß die am häufigsten gebrauchten — e, a, d, n, o, m - auch am bequemsten zu erreichen sind. Rauh nimmt ebenfalls, nachdem er den ledernen Lendenschurz umgebunden hat, der seit Gutenbergs Zeiten der Arbeitsanzug der Männer der »Schwarzen Kunst« ist, seinen metallenen Winkelhaken und setzt. »Wir sind ein wenig im Verzug, Paul«, bemerkt er nebenher. »Morgen kommt noch ein Bericht von den Ringern, und dann rückt auch schon der Andruck heran.« Der Junge schaut nicht auf. »Das schaffen wir. Wie

wir gebaut sind

Während Rauh selbst unglaublich rasch setzt und mit großem Tempo Zeile an Zeile reiht - noch ist sogar bei großen Tagesblättern der schnelle Maschinensatz nicht allgemein, und kleine Zeitungen werden nach wie vor vom ersten bis zum letzten Wort im Winkelhaken von Hand gesetzt -, beobachtet er Paul mit freundlichem Vergnügen.

Der Junge hat etwas gelernt. Seine Arbeit besitzt bereits Rhythmus und Fluß, ein wenig von jener unbewußten schönen Bewegungsharmonie, die es zu einem Genuß macht, einem erfahrenen Schriftsetzer zuzuschauen. Dazu fehlt Paul Thomas freilich noch eine Menge, doch es ist ja nie und nirgends ein Meister vom Himmel gefallen.

«

»Du

hast

Fortschritte

gemacht«,

sagt

Rauh

anerkennend. »Ich freue mich darüber.«

 

»Ach, wenn ich es

so schnell könnte wie Sie

«,

wehrt der Junge ab und kriegt doch vor Freude rote Ohren. »Kannst du auch, wenn du erst so lange im Beruf stehst wie ich.« Paul findet es schön, so erwachsen mit dem Meister zu sprechen, während sie arbeiten. Auch das hat er schon gelernt - konzentriert den handgeschriebenen Reportertext

in den Winkelhaken zu übertragen und dabei nebenher von etwas ganz anderem zu reden. Letter um Letter fügt sich in den Winkelhaken zu Wörtern und ganzen Sätzen; in Pauls Winkelhaken zu einem Artikel über Leipzigs Arbeiterradsportler, in Rauhs zu einem über die Entwicklung der Arbeiterturnbewegung im Jahre 1900, das seinem Ende entgegengeht und dessen hervorragendes Sportereignis die II. Olympischen Sommerspiele in Paris waren. Unterdessen hat Emma ohne sonderliche Hast den Handwagen in den Schuppen bugsiert und ist auf die Straße hinausgeschlendert. Mit »Hallo «und »Hussa« jagt von der Kirche her ein Pferdeschlitten vorüber. Die Glöckchen am Geschirr der vorgespannten Schimmel klingeln lustig und herausfordernd. Aus den Nüstern der Tiere weht der Atem in kleinen Dampfsäulen. Da haben wohl die Söhne eines wohlhabenden Bauern - er muß wohlhabend sein, wenn er solche Pferde halten kann - Verwandte von der Straßenbahnendstelle abgeholt und kutschieren sie nun in halsbrecherischer Fahrt in Richtung Liebertwolkwitz. Emma sieht dem Schlitten nach, bis ihn die Straßenbiegung ihren Blicken entzieht. Und wenn Paul noch so sehr von Motorenkutschen schwärmt - für sie ist ein Gefährt mit lebensprühenden, rassigen Pferden davor viel schöner als ein ratternder Wagen, der einen üblen Geruch verbreitet. Wirklich muß gerade eine Straßenbahn aus der Stadt angekommen sein, denn wieder gehen Menschen mit prallen Einkaufstaschen und Paketen die dörfliche Hauptstraße hinunter. Emma zuckt zusammen, als sie plötzlich angesprochen wird. »Pardon«, sagt ein Mann und behält höflich den Hut in der Hand. »Die Druckerei der Arbeiter-Turnzeitung

Das Mädchen hat diesen Mann nie zuvor gesehen. Er ist ihr auch in der Gruppe der Ankömmlinge nicht aufgefallen; er war überhaupt nic ht zu bemerken. Auf einmal ist er da wie aus dem Boden gewachsen - ein kräftig gewachsener Mann mittleren Alters mit abfallenden Schultern. Dichtes, dunkles, straff nach hinten gebürstetes

Haar, das eine hohe, glatte Stirn beinahe rechtwinklig rahmt. Weit auseinander stehende, ruhige Augen. Ein schmaler, waagerechter Mund, dessen Oberlippe von einem zum Dreieck gestutzten kurzen Schnurrbart verdeckt wird. Ein rundes und dennoch energisches Kinn. Etwas an der Sprache des Fremden klingt ungewohnt und fremd, ohne daß Emma sogleich sagen könnte, was. Sie fühlt sich geschmeichelt, weil der Mann den Hut noch immer in der Hand behält, als spreche er mit einer Dame. Mit ihrem schönsten Knicks erwidert sie: »Ja, hier. Wollen Sie meinen Vater sprechen?« Der Fremde lächelt erfreut. »Ah, Fräulein Tochter? Ist mir sehr angenehm. Wenn Sie Herrn Vater sagen möchten, Werner wäre erfreut, ihn einen Augenblick zu sehen, Werner Nusperli.« Jetzt weiß das Mädchen, was ihr ungewohnt erschien! Der Mann spricht deutsch wie ein Auslä nder, zwar nicht wie ein Ausländer aus einem der vielen deutschen Staaten inmitten des Kaiserreichs, sondern eben wie aus einem Land mit ganz anderer Sprache. Es befriedigt sie, das zu erkennen. »Sehr gern«, sagt sie artig. »Aber wollen Sie nicht hereinkommen, Herr Nusperli?« Der Mann erfaßt mit raschem Blick, daß in der Druckerei mehrere Leute weilen. »Ich bin recht eilig, verzeihen

»Dann hole ich ihn heraus.« Schon auf dem Wege, dreht sie sich noch einmal um und sagt schnell und etwas verlegen: »Aber Sie können ruhig du sagen. Ich bin noch nicht so alt.« Erst nach dieser Erklärung, die ihrerseits eine Sympathiekundgebung ist und auch als solche verstanden wird, denn der Fremde dankt mit einer Verbeugung, geht sie hinein und bittet den Vater hinaus, weil da ein eiliger und sehr netter Herr Nusperli Rauh legt behutsam den mit Satz gefüllten Winkelhaken ab und tritt vor die Tür. »Guten Tag. Ich bin Hermann Rauh.« »Werner. Werner Nusperli. Guten Tag, Genosse.«

«

Für einen Augenblick vereinen sich ihre Hände in festem Druck. So begrüßen sich Menschen, die miteinander verbunden sind. Fremde nicht. »Genösse Marchlewski hat mich angemeldet. Mein Beruf ist Schweizerdegen.« »Ja. Aber Sie sollten nachts kommen. Eben war Polizei hier.« »Ich gehe wieder und kehre zurück, wenn Dunkelheit niederkommt. Nur brauche ich Handwagen.« Nun, da alles in Fluß geraten ist, gibt es für Rauh kein Zögern, keine Unsicherheit mehr. »Der Handwagen steht dort im Schuppen. Wenn Sie durch den Garten nach hinten gehen, kommen Sie auf die andere Straße und

müssen nicht hier vorn

»Besser nicht. Ich finde Handwagen allein, und ich habe gesagt, daß wir nur paar Worte wechseln würden. Nicht gut, unnütz Verdacht zu erregen. Bis heute nacht!« Er zieht wieder den Hut und geht durch die Toreinfahrt in den Hof - ein unscheinbarer Mann in einem bescheidenen Wintermäntelchen, wie sie um diese Zeit auf allen Straßen hundertfach zu sehen sind. Rauh hat, als er ihm einen Augenblick lang nachsieht, das gute Gefühl, daß man auf diesen Mann Häuser bauen könnte und daß es schön wäre, ihn in der Stunde der Gefahr neben sich zu wissen.

Unversehens teilen sich dem Drucker eine starke Erregung mit, Freude am Kampf und Bereitschaft, sich einzusetzen. Auch um ein gutes Jahrzehnt jünger fühlt er sich, wieder zurückversetzt in die Jahre, in denen die Partei, illegal kämpfend und von den Geheimpolizisten und Gendarmen aller deutschen Könige und Fürsten gehetzt, die Aufhebung von Bismarcks Sozialistengesetz erzwang. Tage

Und wenn sich bei den Reichstagswahlen

des Sieges

1890 doppelt so viele Wähler für die Sozialdemokratie entschieden wie zuvor, so war das nicht zuletzt ein Sieg derer, die mit geheimer Arbeit in verdunkelten Druckereien unermüdlich gegen die Verteufelung der Partei durch die Anhänger des »Eisernen Kanzlers«, für die wahrheitsgemäße Unterrichtung und Aufklärung breitester

Ich zeige es Ihnen.«

Bevölkerungskreise gerungen hatten. Nach dem Wahltag hatte Friedrich Engels triumphierend erklärt: »Der 20. Februar 1890 ist der Anfang vom Ende der Ära Bismarck.« Seit jenem Tage ist die Partei die stärkste auf deutschem Boden, und daß Otto von Bismarck im März des gleichen

Jahres aus allen seinen Amtern scheiden mußte, war ein Sieg der Arbeiterklasse über ihren erbittertsten Feind. Sie hatte ihn hinweggefegt. Wie nah das auf einmal wieder ist! Aber als er in die Druckerei zurückkehrt, sagt Hermann Rauh ruhig und im Alltagston: »Mach nachher einen Bürstenabzug, Paul! Ich lese abends Korrektur.« Unwissend bringt Emma die Rede gerade auf das, was ihr Vater in den Hintergrund zu drücken wünscht. »Wer war der Mann, Vati?« Seine Stimme hält die vorgetäuschte Beiläufigkeit fest. »Wir haben uns mal irgendwo kennengelernt. Netter

Kerl. Fragte nach dem Gemeindeamt

Bescheid.« Das Thema ist damit abgetan. Rauh sieht auf seine Taschenuhr, murmelt etwas von Kundenbesuchen eines größeren Druckauftrages wegen, bindet den Lederschurz ab und geht ins Haus hinüber, um Mantel und Hut zu nehmen. Alltag

Emma tritt neben Paul an den Setzkasten. »Warum bist du stumm wie ein Fisch? Rede doch!« »Jetzt nicht«, murrt er. »Mann, ist das ein verzwickter Text!« Und mit raschem Seitenblick: »Lenke mich bloß nicht ab, du!« Emma mault, aber dann legt sie den Kopf zurück und wippt auf den Zehenspitzen. Überlegen wirft sie hin: »Der Ausländer wußte viel besser als du, was sich gegenüber einer Dame schickt.« Nun grinst er. »Wo ist denn hier 'ne Dame?« Der Rippenstoß, den er daraufhin fängt, ist in der Tat alles andere als damenhaft. Eine kräftige, ans Zupacken gewohnte Mädchenfaust führt den Knuff recht spürbar aus. »Scheusal! Er hat sogar den Hut in der Hand behalten und mich mit Sie angesprochen. Das würde dir nie einfallen.«

Na, nun weiß er

»Nee«, bestätigt er schnell versöhnt und gemütlich. Der komplizierte Satz ist gerade beendet. Der folgende erfordert ungleich weniger Konzentration. »Von wem schwatzt du eigentlich, Emma?« »Na, von dem Mann der eben da war.« »Wieso war der ein Ausländer? Er sah doch ganz normal aus.« Emma lehnt sich an den Setzkasten, verschränkt die Arme und bewegt den Oberkörper wie ein Pendel hin und her.

»Er sprach ein bißchen um die Ecke, weißt du. Wirklich nur ein bißchen, aber eben doch. Als bereite es ihm Mühe, die Worte aneinander zu hängen. Es klang anders, aber hübsch.« Paul Thomas läßt den Winkelhaken sinken und reibt sich die Nase. Er reibt sie lange, gerade so, als habe er sich in den Kopf gesetzt, die vielen Sommersprossen wegzureiben. Sein Gesicht verrät nicht, was in ihm vorgeht, aber seine glatte Jungenstirn überzieht sich mit Falten, die da nicht hinpassen. Auf einmal sagt er, und die Frage hat eine bemühte Interessenlosigkeit, die schlecht gespielt ist und mangelnde Übung in derlei Künsten verrät: »Aber dein Vater sprach von ihm als von einem alten Bekannten. War er denn mal im Ausland?« »Wozu denn?« erwidert sie arglos. »Kommst du vom Mond? In Leipzig kannst du jeden Tag eine Masse Ausländer kennenlernen. Nicht nur während der Messe. Das weiß jedes Kind.«

Geradezu entwaffnend überzeugend ist das, aber Pauls Lust zum Detektivspiel hat Nahrung bekommen. Er sieht, gleichsam aus dem Nichts aufgetaucht, vor sich das, was seine Lieblingslektüre gern eine »heiße Spur« nennt. Vielleicht können die von Paul aus der Liste seiner Günstlinge gestrichenen Staubmäntel aus Schimmelpfengs Leipziger Büro ihre Überraschung gegenüber Dritten mannhaft verbergen, wenn sie plötzlich am Strande von Ahlbeck den Hochstapler entdecken, der einen messestädtischen Pfeffersack mit ungedecktem Scheck

betrog; vielleicht vermag Herr von Kopp keine Miene zu verziehen, wenn er auf die Fährte eines anarchistischen Bombenschmeißers stößt - Paul hat sich weniger in der Gewalt. »Ist ja aufschlußreich!« dehnt er. »Zu deinem Vater

kommen Ausländer

Er entgeht Emma nicht, aber sie kann sich keinen Reim darauf machen. »Wie meinst du denn das?« fragt sie verdutzt. Sein Fehler ist ihm schon bewußt geworden. Jetzt setzt er eine so undurchdringliche Miene auf wie die sagenhafte Sphinx vor Theben. »Ach, nur so«, erwidert er, und das klingt neuerlich ganz falsch. »Laß mich in Ruhe. Siehst doch, daß ich arbeiten muß.«

« Darin schwingt Triumph.

3

Längst ist Mitternacht vorüber.

stille, unaufhörliche

Flockenfall, der dicht und lautlos niedergeht, gibt der Nacht eine seltsame tiefe Verschwiegenheit. Er engt den Gesichtskreis stark ein. Freistehende Häuser muten an wie

verloren in einer unendlichen weisen Weite, wie ganz auf sich gestellt, wie abgeschieden von aller Welt. Spielerisch verwandelt der Schnee das alltägliche Erscheinungsbild der Dinge. Die Gebäude setzen hohe weifte Kappen auf und scheinen zu wachsen. Auf dürren Baumästen lagern sich Flockenschichten und geben ihnen ein bedeutsames, kräftiges Aussehen. Auch die Bäume wachsen, wachsen nach der Windseite zu in die Breite und legen einen schimmernden Wintermantel an. Straßen und Gehwege werden übergangslos eins, die

Bordsteine verschwinden. Die Chaussee, die von Probstheida aus nach Leipzig führt und dabei das Restaurant »Napoleonstein« berührt - von hier aus befehligte Bonaparte während der Schlacht am 18. Oktober 1813, der »Völkerschlacht«, seine Truppen -, die Chaussee verschmilzt vollends mit Feldern und Wiesen. Atemlos ist die Stille. Es schneit. Leipzig selbst ist um diese Stunde so verschlafen wie seine Vororte. Auch der kleine Bayrische Bahnhof wirkt müde und blinzelt gleichsam nur mit einem Auge in die Nacht. Sie erhält durch den Schnee eine eigenartige schwache Helligkeit. Schlafen darf der Bahnhof nicht. Der wegen starker Verwehungen auf der Strecke verspätete Nachtzug aus München ist noch nicht herein. Übernächtigte Menschen, die auf liebe Ankömmlinge warten, harren seiner Ankunft. Es halten auch die Droschkenkutscher aus, die sich lohnende Fahrten versprechen. Die wenigsten von ihnen nennen eines der Elektromobile ihr eigen, die seit nunmehr siebzehn Jahren

in

schon

Großbritannien in Gebrauch sind. Ihre leise schnurrende,

Es

schneit,

und

dieser

in

Deutschland

wie

in

Frankreich

und

fast lautlose Fahrt gilt als ausbündig vornehm. Aber teuer

sind sie, teuer! Und die Leistung der Bleiakkumulatoren ist

nicht besonders

Gäulen Futtersäcke um und Decken über, wickelt sich im Wageninneren in Schaffelle oder tritt in den Wartesaal, mit

einem Grog für innere Erwärmung zu sorgen.

Bayrischen

Bahnhof vor allem die Beamten der Eisenbahn. Sie arbeiten am tickenden Telegrafen und im Stellwerk. Sie unterhalten in zuverlässiger Disziplin die lodernden Feuer, die an allen

Weichen brennen und deren Vereisen verhindern, und sie sind auch als Bahnpolizei zur Stelle, wenn randalierende Zecher die Station für ein Dauerrestaurant halten, in das bloß endlich ein bißchen Leben gebracht werden müßte. In dieser Nacht fassen auf dem Bayrischen Bahnhof Detektive der gewöhnlichen, von der »hohen« politischen mit milder Herablassung betrachteten Sicherheitspolizei einen Taschendieb, der sich auf Wartesäle spezialisiert hat und bereits seit Wochen sein Unwesen treibt. Eine Streife der »Sitte« nimmt zwei »Damen« mit, die in den Verdacht geraten, »Provinzonkel einholen« zu wollen, ohne den polizeiärztlichen Segen für dieses Gewerbe zu besitzen. Wie sie schimpfen, ist schon sehr gekonnt. Draußen hantiert ein Geschwader Besen und Wischlappen schwingender Reinigungsfrauen in einem bereitgestellten Zug, und ein Eisenbahner leuchtet mit der Handlampe auf die Achse und klopft die Bremsen ab. Unter dem Wasserkran schnauft eine kleine Lokomotive, als ob sie Asthma hätte. Die tröstliche Mitteilung, der Schnellzug sei nun gemeldet, von einem jungen Beamten fröhlich und munter in den schläfrigen Wartesaal gerufen, bringt ein wenig Bewegung auf den Bayrischen Bahnhof. Die Harrenden reiben sich den Schlaf aus den Augen und beeilen sich, aus dem abgestandenen Tabakrauch hinauszukommen in die kalte Frische des Bahnsteigs. Sie belebt und ermuntert. Auch Julian Marchlewski tritt hinaus und atmet tief. Die Hände in den Manteltaschen, schlendert er den Bahnsteig auf und ab - gelangweilt wie die anderen,

Die Mehrzahl der Kutscher hängt ihren

Wach

sind

in

dieser

Nacht

auf

dem

mißgelaunt wie die anderen. Wer schlägt sich schon gern eine Nacht um die Ohren? Er unterscheidet sich nicht von seinen Mitleidenden, und doch ist er hellwach, aufmerksam und voller Beobachtungsfreude. Sein Hin und Her, so zufällig es wirkt, dient der Feststellung, ob da jemand ist, der sich müht, ihn bei der spärlichen Beleuchtung nicht aus den Augen zu verlieren. Er lächelt entspannt, als er keine der sattsam bekannten Typen mit den betont ausdruckslosen Gesichtern entdeckt, die er in seinem bisherigen Leben zur Genüge kennenlernte. Weder der Typ ist da, der sich seriös-bürgerlich und wohlanständig gibt und der gefährlichste ist, noch der Typ mit der naßforschen, sportlich-schneidigen Note, der sich als Tennischampion oder Herrenreiter verkleidet, und auch jener Typ nicht, der abgewetzt und erbärmlich wirkt und sein zwielichtiges Gewerbe für einen Judaslohn ausübt. Die polizeiliche Informationskette scheint diesmal versagt zu haben, scheint wirksam getäuscht worden zu sein. Einen Mann mit Marchlewskis Erfahrungen im politischen Kampf verführt eine solche Feststellung nicht zur Unvorsichtigkeit. Auch, als er jetzt vor dem Zeitungswagen stehenbleibt - es sind Leute auf dem Bahnsteig, ein Zug wird kommen, ein anderer fahren, und da ist der Zeitungshändler natürlich zur Stelle -, versäumt er nicht, die Blicke wie zufällig schweifen zu lassen. Der fliegende Händler bietet bereits die Blätter vom Tage an, druckfeucht noch, eben aus der Maschine gekommen, gerade angeliefert. Das gilt allerdings lediglich für die in Leipzig hergestellten Zeitungen. Die »Dresdener Nachrichten« sind noch nicht da und liegen in der Ausgabe von gestern aus. In Wirklichkeit ist das kein Verlust, denn das Blatt aus der Residenzstadt spielt im politischen Leben Sachsens keine hervorragende Rolle. Den selbstbewußten Leipzigern erscheint es selbstverständlich, daß das offizielle, amtliche Organ des Königreichs ihre »Leipziger Zeitung« ist. Sie sagen gern, daß Dresden mit seinen herrlichen Schlössern und seiner malerischen Lage an der Elbe genau richtig sei als Sitz des Monarchen, daß aber der Herzschlag dieses industriellen, dieses Maschinenzeitalters am

stürmischsten und deutlichsten bei ihnen an der Pleiße pulse. Deshalb

Julian

schmunzelt.

Die

Herausgeber

der

»LZ«

betonen gern, daß ihr Blatt Zeitungsgeschichte gemacht habe; es gehört zu den ältesten deutscher Zunge und erscheint seit 1660. »Stimmt«, denkt Marc hlewski. »Man merkt ihr das Alter am. Verteufelt senil wie diese ganze Monarchie

.« Dann sind das »Leipziger Tageblatt« da, die »Leipziger Neuesten Nachrichten«, die immer noch stramm Bismarck- Kurs steuern und nicht begreifen können oder wollen, daß sie die überholte Politik von vorgestern propagieren, und auch die »Leipziger Volkszeitung« ist pünktlich ausgeliefert worden. Marchlewski hat sie bereits in der Tasche. Er war bis zum Andruck während der ersten Stunden des jungen Tages in der Redaktion und hat nach dem hastigen Bemühen, in letzter Minute die späten Depeschen und Telefonberichte auf den Nachrichtenseiten unterzubringen, eines der ersten aus der Maschine kommenden Exemplare mitgenommen. Kein Journalist, der das nicht täte! Nach der Eile der Schlußredaktion will er in Ruhe prüfen und einschätzen können, ob seine Arbeit gut war.

Julians Blick geht gerade flüchtig auch über die illustrierten Blätter - die Berliner »Gartenlaube« ist da, die im deutschsprachigen Raum den absoluten Auflagenrekord hält, und die Leipziger »Illustrierte Zeitung«, der selbst das Lexikon »vortreffliche Leistungen artistischer Natur« bescheinigt -, als, zischend und in Dampf gehüllt, endlich der Schnellzug aus München in den Bayrischen Bahnhof einfährt. Er kommt so schnell herein, als wolle er durch seinen lärmenden Auftritt die Verspätung vergessen machen. Nun sprühen ganze Funkenkaskaden von den Bremsen, blockierende Räder kreischen über die stählerne Schienenstraße der Eisenbahn, und dann steht der Zug und stößt Dampffontänen aus seinen Ventilen. Über den Bahnsteig rumpelt ein gelber Karren zum Postwagen. Fremd sehen die Waggons aus in ihrem Kleid aus verharschtem Schnee und mit den Fenstern voller

Eisblumen, in die Geduld und Langeweile da und dort winzige Gucklöcher gehaucht haben. In die Abteile hineinsehen kann man nicht. Julian versucht nicht erst, die lange Wagenreihe abzulaufen. Er bleibt neben dem Ausgang stehen, die Hände in den Manteltaschen, die »LVZ« unter den Arm geklemmt. Daß er die vorübergehenden Reisenden mustert, fällt nicht auf. Das tun andere auch. Im übrigen ist ihm der Mann, den er erwartet, persönlich bekannt. Er würde ihn unter Tausenden erkennen. Er erkennt ihn nicht; er zuckt regelrecht zusammen, als die vertraute Stimme dicht neben ihm fragt: »Ach, verzeihen Sie bitte! Wenn Sie mir sagen könnten, wie ich zur Straße komme?« Es ist ein leises, belustigtes Lachen in der Stimme, gerade so, als mache dem Sprechenden die Verblüffung Marchlewskis Spaß. Der schaut noch einmal um sich, doch es kann wohl nicht anders sein: Diese Stimme kommt aus dem Munde eines Mannes, der höchstens in der kleinen, zierlichen Statur dem Erwarteten entspricht. Aber der ist jung, und dieser hier hat die Mitte des Lebens beträchtlich überschritten. Graumeliert zeigt sich der üppige Vollbart, der nach altväterlicher Mode in zwei Spitzen ausläuft, graumeliert auch das offensichtlich noch ungelichtete Haupthaar, das unter dem Schlapphut hervorquillt. Die Augen kann Julian nicht sehen, denn die Gläser des Kneifers, von dem ein Seidenband herabhängt, reflektieren blitzend das Lampenlicht. Alles in allem würde man sagen:

Ein reisender Oberlehrer vielleicht oder ein Anwalt aus der Provinz auf dem Wege zu einer Verhandlung Ein reputierlicher Mann, gewiß, jedoch eben nicht der Erwartete. Da macht er eine Handbewegung, die mit einem Schlage Marchlewskis Zweifel beseitigt. Es ist eine bloße einladende Geste in Richtung des Bahnhofsvorplatzes, aber sie hat etwas so Typisches, Zwingendes, daß sie überzeugt. Nicht, daß sie etwas Theatralisches hätte, eine große Pose wäre — sie ist einfach voll ausgeführt und hat Energie. Und dazu sagt die bekannte Stimme, dies immer noch belustigt:

»Nun, wie ist es, lieber Freund? Wollen wir den Morgen hier erwarten, oder gehen wir?« »Natürlich gehen wir!« Marc hlewski nimmt dem alten Herrn den kleinen Koffer ab, obwohl er sein Gepäck beharrlich selbst tragen will. »Willkommen in Leipzig! Wir

alle sind stolz. Sie bei uns zu haben, und glücklich, daß wir helfen können.« Der Strom der Reisenden ist noch nicht abgerissen. In ihm treten sie hinaus auf den Bahnhofsvorplatz. Hier rasseln jetzt Räder, surren ganz leise die Elektromobile und

ist

Hufschlag der

Droschkenpferde vernehmbar. Die Kutscher haben sich nicht verrechnet. Die Eingetroffenen haben es eilig, nach Hause oder ins Hotel zu kommen, auf jeden Fall in die Federn, und manche wollen bis ans andere Ende der Stadt.

Lange Fahrten, hoher Lohn Drei, nun bloß zwei Wagen stehen noch da. Julian

zögert.

pünktlich

gewesen, hätten wir die letzte Straßenbahn nehmen können. Jetzt ist Betriebsruhe. Die erste fährt in einer halben Stunde.« Der Vollbärtige mit dem Kneifer nickt. »Prächtig, ganz prächtig! So können wir ein Stück laufen. Still sitzen mußte ich nun lange genug; ja, ich würde mir recht gern ein wenig die Beine vertreten. Wenn es Ihnen nicht zu beschwerlich ist, heißt das.« »Aber ich bitte Sie, Genösse Der andere unterbricht ihn. »Meyer, lieber Freund, Meyer aus München. Dem Paß zufolge Privatgele hrter.« Er spricht akzentfrei deutsch, nur ein wenig hart und gelegentlich mit Kehllauten, wie es die russischen Emigranten tun. Bloß muß man bei ihm sehr genau hinhören, um das wahrzunehmen. Leipziger könnten, wenn sie nur selten Berührung mit Bayern haben, seine Aussprache durchaus für eine bajuwarische halten, die ja, am singenden sächsischen Dialekt gemessen, unglaublich hart ist.

der

vom

Schnee

gedämpfte

»Wollen

wir

nicht

?

Wäre

der

Zug

«

»Lassen Sie uns an den Schienen entlang bis zur nächsten oder übernächsten Straßenbahnhaltestelle vorausgehen«, fährt Meyer fort. Nach wie vor schneit es. In diesem Flockenwirbel sind die Männer so gut wie allein. Schemenhaft tauchen

manchmal einzelne Arbeiter vor ihnen auf, die mit weit in die Stirnen gedrückten Mützen vorüber eilen, einmal ein mißgelaunter Streifenschutzmann — aber diese Begegnungen haben etwas traumhaft Unwirkliches, fast Gespenstisches.

aus?« fragt

»Wie sieht es bei Marchlewski leise.

Ihnen in München

»Wir brennen vor Ungeduld auf die Zeitung. Daß es

nun

soweit

ist

wunderbar!

Die

heißesten

und

sehnsüchtigsten

Wünsche

haben

mich

nach

Leipzig

begleitet. Ich bin selbst sehr glücklich, warum sollte ich es leugnen. Kommt Genösse Blumenfeld voran?« »Seit seiner Ankunft arbeitet er Nacht für Nacht. Übrigens nennt sich Joseph Blumenfeld hier Werner Nusperli.« »Ein Schweizer Paß, ich weiß. Sein wirklicher Name steht in den Suchlisten der Ochrana an zu auffälliger Stelle. Es wäre mir sehr lieb, wenn ich ihn in Leipzig sicher und bei freundlichen Menschen untergebracht wüßte.« »Dafür ist gesorgt«, versichert Julian. »Er wohnt bei Karl Pinkau, einem unserer Reichstagsabgeordneten. Da ist es, als wäre er bei seinem Bruder.« »Fällt es auf, wenn er das Haus verläßt oder betritt?« »Kaum, Genosse Meyer. Karl Pinkau ist im Zivilberuf Lichtbildner. Die verschiedensten Menschen gehen Tag für Tag in sein Atelier, um ihr Konterfei mittels Foto für die Nachwelt zu erhalten. Die Nachbarn sind an das Kommen und Gehen gewöhnt und achten nicht mehr darauf. Aus diesem Grunde haben wir uns für Pinkaus Wohnung entschieden.« Der andere nimmt für Sekunden den Kneifer ab und massiert mit Daumen und Zeigefinger die schmerzende Nasenwurzel.

»Wenn es einen Teufel gäbe, sollte er den holen, der dieses Gerät erfunden hat«, stöhnt er unvermittelt. »Es verändert seinen Träger prächtig, nun ja, aber wenn man nicht daran gewöhnt ist, bereitet es einem Höllenqualen.« Nichtsdestotrotz setzt er den Kneifer sofort wieder auf, nachdem er ihn noch vom Schnee gereinigt hat. »Es ist mir

lieb, zu hören, daß Blumenfeld

Obhut ist.« Sie stapfen weiter durch den hohen Schnee. »Wir haben gedacht, es sei am besten, wenn Sie direkt in der Druckerei wohnen und gar nicht auf die Straße gehen müssen. Genosse Meyer.« Meyer winkt ab. »Nur, wenn es überhaupt keine Schwierigkeiten macht! Meinetwegen ke inerlei Umstände, darum bitte ich sehr herzlich. Es ist genug, wenn wir dort drucken können.« »Hermann Rauh freut sich, Sie gleich im Hause unterzubringen. Es bietet am meisten Sicherheit.« »Das gewiß.« Eine Haltestelle liegt schon hinter ihnen, und bis jetzt läßt sich keine Straßenbahn hören. Also gehen sie in stillschweigendem Einverständnis weiter zur nächsten. Meyer fährt fort: »Es ist gut, glaube ich, daß wir uns alle darüber klar sind, wie gefährlich das Vorhaben

, daß Werner in guter

besonders für die Leipziger Genossen ist. Einerseits können Sie hier natürlich geradezu ideale Druckmöglichkeiten aufbieten - widersprechen Sie nicht; jeder Publizist, der sein Fach versteht, beneidet Leipzig um sein graphisches Gewerbe -, aber andererseits sind Sie gerade hier auch den Nachstellungen einer Geheimpolizei ausgesetzt, die durch ständige Berührung mit Ausländern ganz ungewöhnlich gut trainiert ist. Die preußische arbeitet mit den plumpen alten Stiebereien, ist überheblich und zu sehr von der eigenen Vortrefflichkeit überzeugt, um ernsthaft durchschlagende

Erfolge zu erzielen; die bayrische

Arbeit nicht gestört, ahnt vielleicht nicht einmal von ihr.

Bis jetzt hat sie unsere

Zuviel Bier, wissen Sie

erste Nummer in Leipzig drucken, wenn uns das Glück nicht in letzter Minute verlädt, aber zugleich unsere Suche nach

Wir werden die

Hier dagegen

einem Druckort mit möglichst geringem Risiko für unsere Freunde fortsetzen.« »Die Genossen hier sind mit Begeisterung bei der Sache, und alles andere als furchtsam.« Meyer nickt. »Um so mehr Grund für uns, uns um sie zu sorgen, lieber Freund. Menschen sind uns kostbar, denke ich, denn wäre es anders, würden wir nicht danach streben, ihr Leben reicher und gerechter einzurichten. Nein, nein, wir werden in Leipzig drucken, solange wir keine andere Möglichkeit sehen, und wir werden es voller Dankbarkeit und voller Bewunderung für den Mut von Ihnen allen tun, aber wir wollen mit diesem Mut und dieser Bereitschaft zur Tat nicht leichtfertig umgehen. Auf keinen Fall!« Er wechselt das Thema. »Werden wir so rechtzeitig ankommen, daß ich

Werner noch sprechen kann? Ich habe ein paar Änderungen mitgebracht, die ich gern eingefügt sähe. Eine stärkere Anknüpfung an die unmittelbaren praktischen Erfahrungen meiner Landsleute anstelle von etwas allgemeinem Gerede, an dem sich - leider! — unerfahrene und ihrer Aufgabe nicht gewachsene Kommunisten zu unserem Schaden

gelegentlich ergötzen

Strohflammen, verstehen Sie?« Das versteht Julian nur zu gut. »Wir kommen noch gut hin«, sagt er und schweigt dann, denn an der Haltestelle, die sie erreichen, steht eine Gruppe Menschen. Gleich darauf nähert sich der müde Trab des Straßenbahnvorspanns. Aus dem Flockenwirbel schälen sich die Lampen des Wagens heraus. Die beiden Männer steigen mit den übrigen Wartenden ein. Die erste Bahn ist stark besetzt; Sitzplätze sind nicht mehr frei. »Wir müssen nachher umsteigen«, sagt Marchlewski leise. »Diese Linie kehrt in einem Bogen in die Stadt zurück und schneidet die in unser Dorf bloß. Folgen Sie mir nur, wenn ich mich zum Ausstieg dränge.« Meyer nickt. Als der Kutscher aufmunternd mit der Peitsche knallt und der schwerfällige Wagen anruckt - es ist ein Phänomen, daß Pferde auf der Schiene das Vierfache des Gewichts bewegen können, das sie auf der Straße

Eichenholzfeuer statt

fortbringen -, stehen der Gast aus München und Julian unter den schaukelnden Lampen wie Menschen, die einander nicht kennen und sich nur eben flüchtig auf dem Weg zu einer Haltestelle begegnet sind. Eine Begegnung, wie sie die Großstadt zu jeder Stunde zu Tausenden bereit hält

Minute

Gemeinsames. Beider Gedanken eilen der langsam dahinrollenden Bahn voraus, eilen ihr in gleicher Richtung voran und sind schon in der kleinen Druckerei.

Dennoch

haben

sie

auch

in

dieser

4

Immer ist es Ilse Rauh, die morgens als erste das

Wohnhaus verläßt und in die Druckerei hinübergeht. Sie wird früh wach und liebt es, den jungen Tag mit munteren Augen zu begrüben. Es hat sich so eingespielt, daß sie in der Druckerei aufwischt und sauber macht, während Hermann duscht und sich rasiert, und daß sie hernach Kaffee trinken und frühstücken, bis die Arbeit beginnt.

Druckerei

abgeschlossen, aber als Frau Rauh öffnet, empfangen sie Wärme und Lampenlicht. Hinter sorgsam verhängten Fenstern steht Werner im Lederschurz und mit dem Winkelhaken in der Hand vor einem Setzkasten, der Paul Thomas und auch seinen Meister in arge Verlegenheit bringen würde. Nicht nur, weil sie die fremden Lettern nicht kennen, sondern auch, weil dieser Kasten mehr Fächer hat als die ihnen vertrauten. Die kyrillische Schrift hat mehr Zeichen als die lateinische. Werner reihte schon viele Zeilen an Zeilen und Zeilen zu Kolumnen. Es ist bereits eine Menge ausgeschlossener Text da, der auf seinen Umbruch wartet. Nebenbei sorgte der Mann, der in den Listen der Ochrana Joseph Blumenfeld, hier jedoch Werner Nusperli heißt, dafür, daß das Feuer im Ofenungetüm nicht ausging. Nur die Asche muß herausgenommen werden. »Guten Morgen, Genosse Werner«, sagt Frau Rauh. »Ach, du liebe Güte! Nun habe ich trotz aller Vorsicht ein Fußbad gemacht.« Sie denkt praktisch; mit großer Selbstverständlichkeit bringt sie jetzt immer, wenn sie aufwischen kommt, eine Riesentasse extra starken Kaffees mit herüber. Der Genosse hat die ganze Nacht gearbeitet - er braucht einfach eine Aufmunterung seiner Lebensgeister. Es entgeht ihr nicht, daß der Schweizerdegen tiefe Schatten um die Augen hat, die ihn im Zusammenwirken mit den sprießenden Bartstoppeln sehr übernächtigt wirken lassen. »Werden Sie eigentlich niemals müde?« Er sieht sie freundlich an. »Guten Morgen. Habe keine Zeit, jetzt müde zu sein. Nachher im Bett - kein Toter schläft tiefer.« Er nimmt ihr die Tasse ab und trinkt in

Wie

immer

über

Nacht

ist

die

kleinen Schlucken. Auf den Trunk hat er schon gewartet, und das freut Ilse. »Kaffee ist wieder ein Gedicht.« Die gewohnte Arbeit geht ihr flink von der Hand. Die Druckerei ist auch ihr Reich. Sie kennt hier alle Winkel, besonders aber die, in denen sich Staub und Schmutz mit besonderer Vorliebe niederlassen. »Kommen Sie denn gut voran?« fragt sie über die Schulter hinweg. »Was Satz angeht - ja«, erwidert er bereitwillig. »Was ganze Zeitung angeht — nein.« Und mit einem Stoßseufzer erklärt er sofort, woran das liegt: »Unsere Genossen sind wie alle Journalisten. Immer denken sie, Zeitung hat Gummiseiten und dehnt sich noch ein bißchen, wenn Text nur gut ist. Aber Zeitungsseite ist uneinsichtig und dehnt sich nicht. Also: Alle Artikel zu lang. Gehen nicht 'rein.«

»Und nun?« »Habe schon Telegramm an vereinbarte Adresse geschickt, daß Herr Meyer sofort kommen und Rotstift mitbringen muß. Sonst geht es nicht weiter. - Marchlewski wird sich melden, sobald Antwort da ist. Die geht an ihn. Sie verstehen?« »Ja.« Sie tritt neben ihn und schaut neugierig auf den Winkelhaken. Längst hat sie gelernt, kopfstehenden

Satz so mühelos zu lesen wie ein Fachmann. »Schade, daß ich nicht verstehen kann, was Sie da setzen.« . »Ich werde versuchen, zu dolmetschen, wenn wir fertig sind. Das da« - und für einen Augenblick ist in seiner Stimme eine stolze Freude, ist in ihr Genugtuung -, »das da wird Funke sein, der in Rußland das Feuer der Revolution entfacht. Sehr gut.« »Wie nennen Sie die Zeitung?« Er legt eine Reglette ein und beginnt mit der nächsten Zeile. »Wie ich gesagt habe: der Funke. Auf russisch: Iskra. Der Name ist das Programm.« Beinahe vorsichtig formen ihre Lippen das fremde

Wort nach und lauschen seinem Klang. »Iskra

gut.« Und übergangslos: »Es dämmert schon. Dabei haben wir die Zeit der langen Nächte.«

Das klingt

Nun erscheint auch Hermann Rauh in der Druckerei, rasiert und ausgeschlafen, mit blanken Augen. »Morgen! Wir müssen wegräumen. Bis jetzt hat niemand etwas bemerkt. So soll es auch bleiben.« »Muß es bleiben. Genosse Rauh, muß es bleiben!« Wieder ist eine Zeile ausgeschlossen, und nun tritt Werner an den blechbeschlagenen Tisch heran und hebt den neuen Satz aus dem Winkelhaken auf das »Schiff« hinüber, auf dem bereits lange russische Kolumnen stehen. »Schiffe« heißen Blechplatten mit drei Randleisten, auf denen sowohl Satz bereitgestellt wird als auch später die Zeitungsseiten umbrochen werden. Sie sind nur ein weniges größer, als es die fertige Zeitungsseite ist. »Ausbinden?« erkundigt sich Rauh sachlich und hat schon eine Kolumnenschnur zur Hand, die er um den neuen Satz legt, festzieht und mit einer Schlinge schließt, die ebenso haltbar wie leicht zu lösen ist. Das Ausbinden der Kolumnen verhindert das Auseinanderfallen der einzelnen Lettern, des Blindmaterials und der Regletten bei einer Erschütterung des »Schiffes«, durch die alle Arbeit zunichte gemacht werden würde. »Räumt ihr den Setzkasten weg«, drängt Ilse Rauh. »Ich nehme das Schiff. Es ist heute spät geworden.« Als Werner besorgt zufassen will, lacht sie ihm übermütig ins Gesicht: »Keine Angst! Wenn man so lange mit einem Buchdrucker verheiratet ist, unterläuft einem die Todsünde nicht mehr, den Satz zu quirlen.« Sie faßt das Schiff mit beiden Händen an den Längsseiten und zieht die Schmalseite mit der Randleiste an den Leib. Die offene Schmalseite muß beim Tragen leicht aufwärts zeigen, dann hält man die Blechplatte sicher. Der Drucker beobachtet sie mit unverhohlenem Vergnügen. Auch dieser ihrer Anteilnahme an seiner Arbeit wegen liebt Hermann Rauh Ilse. Sie ist ihm mehr als ausschließlich Frau; sie ist ihm ein lieber, besser: ein geliebter Kamerad, der in schönen wie in Tagen der Prüfung verläßlich und mithandelnd an seiner Seite geht. »Mach die Tür auf, Hermann!«

So geht sie in den Hof hinaus, wo der verschließbare Futterkasten unter den Kaninchenställen - ein bißchen Vieh hält in dem Dorf jeder - tagsüber das Ergebnis nächtlichen Fleißes verbirgt. Ein unscheinbareres Versteck als dieses läßt sich kaum denken, und es hat außerdem den Vorzug, äußerlich unverändert zu bleiben und das vertraute Bild des Hofes nicht anzutasten. Hier haben auch die Setzkästen mit den kyrillischen Lettern in Werners Abwesenheit ihren Platz. Rauh schiebt ein niedriges Fahrtischchen - auch Eisenblech - neben den Setzkasten. »Also los!« Sie spucken beide in die Hände, ehe sie nach dem Kasten greifen. Ihn herunterzuheben erfordert ihre ganze Kraft, denn der Kasten ist wie für die Ewigkeit aus schwerem Holz gefertigt, und die darin verteilten Lettern haben in der Masse ein schreckliches Gewicht. Unversehens röten sich die Gesichter der Männer vor Anstrengung, die Stirnadern schwellen an, und der Atem geht schwer. Aber mit Zähigkeit wuchten sie den Kasten hoch. »Vorsehen!« keucht Rauh. »Jetzt absetzen!« Er holt tief Luft. »Seit wir das machen, weiß ich ganz genau, wie schwer die Schwarze Kunst ins Gewicht fällt.« Sie schmunzeln beide und schieben den Fahrtisch der Tür zu. Er läuft auf Eisenrädern; so bewegen sich die übereinander gestellten Kästen leicht. Da schlägt das Telefon auf dem Schreibtisch an. Der schrille, durchdringende, lärmende Glockenton springt derartig unerwartet und grell in die stille Druckerei, daß die Männer zusammenzucken wie unter einem Peitschenhieb. Sie sehen zum Telefon hin und sich an, und unversehens ist viel schlecht verborgene Unruhe da, sorgen sie sich. »So früh?« Hermanns Stimme ist auf einmal rauh und belegt. Werner hält ihn am Ärmel fest, als der Drucker zum Apparat laufen will. »Halt! Nicht so schnell! Wäre dies normaler Tag, Hermann Rauh wäre noch nicht in Druckerei. Er würde in der Küche stehen, um sich beim Rasieren zu schneiden. Frau Rauh würde sauber machen, Klingel hören, zum Haus

hinüberrufen. Dann erst kommt Meister selbst und ist schlecht gelaunt. Noch kein Kaffee getrunken, verstehen Sie?«

keine

Der

Drucker

schluckt.

»Kapiert.

Ich

habe

Ahnung, wer mich zu so nachtschlafender Zeit «

Die Telefonklingel lärmt weiter. »Jetzt!« bestimmt Werner. »Ruhig bleiben. Genosse! Und wenn es kein guter Freund ist - sich sehr über frühe Störung wundern. Ich bringe Manuskript in Sicherheit.« Das Telefon schrillt. Rauh steht daneben. Er zögert jedoch abzuheben.

Glauben Sie, eine Warnung vor der

Polizei

»Ein guter Freund

Werner Nusperli rafft die handschriftlichen Manuskriptseiten zusammen, schiebt sie hastig unter die

Weste und zieht den Rock über.

die

Geheimpolizei nicht so höflich, ihre Besuche vorher anmelden zu lassen. Kommt wie der Blitz aus heiterem Himmel, schneller, als Freunde zusehen und warnen

können.«

»In

Rußland und

auch

bei

uns

in

Polen ist

Der

Drucker

schneidet

eine

Grimasse

.»Im

Königreich Sachsen eigentlich auch.« Der Fernsprecher läutet stur weiter, bis Rauh endlich doch die Hörmuschel

abnimmt und sich zum Sprechtrichter neigt. »Arbeiter- Turnzeitung, Buchdruckerei Rauh & Pohle. Hermann Rauh. - Ja, Fräulein, in Probstheida, Hauptstraße achtundvierzig. - Stellen Sie durch, bitte!« Er legt flüchtig die Hand auf den Trichter und erklärt dem Schweizerdegen und auch seiner gerade zurückkehrenden Frau: »Leipzig.« Rauh beugt sich wieder hinab: »Ja? Hier spricht Hermann Rauh. Wer, zum

Kuckuck, holt mich da vor Tag

Werner nickt zufrieden. Das ist die normale Reaktion eines Menschen, der mit sich und einer hohen politischen Polizei in bestem Einvernehmen lebt und ruhig schläft. Trotzdem atmet auch Nusperli erleichtert auf, als er Rauh sagen hört: »Du? Was ist denn? - Ja, ic h verstehe. - Nein, nein, wir haben alles vorbereitet. — In Ordnung, und Dank

für den Anruf. Wir sehen uns ja gleich.« Er hängt auf und läutet ab. »Bedankt er sich, kann es nichts Schlimmes sein«, schlußfolgert Werner trocken. »Im Gegenteil, es ist eine gute Nachricht«, versichert der Drucker. »Wenn wir nicht schon alle überreizt wären, hätten wir damit rechnen müssen. Marchlewski war es. Der erwartete Gast und er sind an der Ecke Ostplatz/Johannis- Allee und kommen mit der nächsten Bahn. Den direkten Anschlußzug haben sie vorsichtshalber vorbeifahren lassen.« Er nimmt die Uhr heraus und läßt den Deckel

aufspringen. »Wahrscheinlich steigen sie jetzt bereits ein,

Julian und

«

»

und

der Genosse mit

dem dicken

Rotstift!«

ergänzt seine Frau heiter. »Damit der Funke ohne

Verzögerung fliegt

Zu dritt schieben sie den Fahrtisch hinaus in den Hof und mitsamt dem Setzkasten ins Versteck, dessen Vorhängeschloß Rauh dann noch einmal auf Festigkeit prüft. Die »Stallhasen« im Obergeschoß des Stalles erschreckt sein Rütteln sehr. Sie hoppeln ängstlich in die hintersten Ecken, bewegen die Löffel und haben sehr aufgeregte Näschen. Nachher nimmt der Drucker den Schneebesen und beseitigt umsichtig die tief in die weiße Decke gegrabenen Fahrspuren. So bereitwillig der Schnee sie aufzeichnete, so willfährig verdeckt er sie wieder. Die drei kehren in die Druckerei zurück. Die Fenstervorhänge bleiben noch zugezogen und lassen den niedrigen Flachbau in Steinwurfentfernung vom Wohnhaus nächtlich verträumt erscheinen, aber der Schlüssel im Schloß der Außentür wird herumgedreht und verriegelt den Eingang nicht mehr. Als von der Straße her die Klinke niedergedrückt wird, gibt er nach. Ein Schwall kühle, frische Winterluft weht herein. Mit ihr kommen der vollbärtige Herr Meyer und Julian Marchlewski. Auch Werner ist von dem Gast aus München echt überrascht. Einen Augenblick lang steigen seine Brauen verblüfft in die Höhe und verweilen dort, doch dann sinken sie herab. Nun ist es Zufriedenheit, die den

Schön!«

Gesichtsausdruck des polnischen Schweizerdegens prägt. Er akzeptiert Herrn Meyer. »Guten Morgen, Genossen«, sagt Julian in das neugierige Schweigen. »Hier bringe ich euch Genossen

Meyer. Das ist die Familie Rauh, das

»Wir kennen uns», unterbricht der Besucher. Die Art, wie er Ilse Rauh, ihrem Mann und nun Werner Nusperli die Hand zur Begrüßung gibt, wischt anfängliche verlegene Fremdheit sofort hinweg. »Werner sagt mir gewöhnlich, daß meine Artikel zu lang sind. Dann beweise ich ihm, daß man kein Wort streichen kann, ohne der Sache zu schaden. Zum Schluß knirsche ich mit den Zähnen und mache genau das, was er verlangt — ich streiche. Dabei nehme ich mir immer vor, beim nächstenmal disziplinierter zu arbeiten. Ich fürchte, ich fürchte, ich habe wieder nicht Maß gehalten.« Jetzt, da er den Hut abgesetzt hat, sehen alle, daß das graumelierte Haar des »Privatgelehrten« in der Tat dicht und voll ist - ganz erstaunlich und selten bei einem Mann dieses Alters. Werner nimmt seine Worte sogleich auf.

»In München haben wir ausgerechnet: Petitsatz kompreß. Aber Leipziger Genossen konnten nur Petitschrift auf Borgiskegel beschaffen. Petit ist acht Punkte hoch, Borgis neun. Und außerdem läuft die Schrift breiter, als wir dachten.« Meyer seufzt. »Womit bereits gesagt ist, daß es viel herauszunehmen gilt. Ich verstehe.« »Sehr viel!« bestätigt Werner. »Tausende von Druckzeichen, habe ich mitgeteilt. Nicht einmal Leipzig hat Gummiseiten.«

sich der

Notwendigkeit fügen. Ilses Sinn ist wieder einmal auf das Naheliegende gerichtet. »Legen Sie erst einmal ab. Genosse Meyer. Ich mache Ihnen einen Kaffee. Bitte, kommen Sie hinüber in die Wohnung. Dort ist es doch gemütlicher.« Der Gast zieht den Mantel aus, hebt wieder seinen Kneifer von der Nase und massiert die schmerzenden Druckstellen. Seine Augen, endlich sichtbar unter den

«

Meyer hebt ergeben die Hände. Er

wird

hochgezogenen dunklen, dichten Brauen, sind sehr ruhig, sehr forschend und klug. Sie weichen den Blicken der anderen nicht aus, sondern suchen sie vielmehr, halten sie fest und mühen sich, sie zu ergründen. Dabei ist ihnen viel gewinnende Freundlichkeit und Wärme eigen. »Kaffee nehme ich dankend an«, erwidert er. »Aber wenn wir ohne Gefahr noch ein wenig hierbleiben könnten ?«

»Das geht«, versichert Rauh. »Paul, mein Lehrling, ist so schnell nicht zu erwarten. Bis dahin «

»Dann bringe ich den Kaffee hierher«, beschließt seine Frau und ist schon auf dem Wege ins Wohnhaus. Meyer hat seinen Sakko geöffnet und die Daumen in die Ärmellöcher der Weste gehängt. So geht er, die Einrichtung der kleinen Druckerei genau und sachkundig musternd, durch den bescheidenen Raum mit den weißgetünchten Wänden.

»Hier also

«,

sagt er mehr zu sich selbst als zu den

anderen. »Ich habe mir unterwegs auszumalen versucht, wie sie denn aussehen wird, die Druckerei, in der die erste

.« Erklärung schuldig, wendet er sich unvermittelt zu diesem um. »Verstehen Sie, bitte: Ich habe den Plan dieser Zeitung lange Jahre hindurch wie ein geliebtes Kind gehegt und gepflegt. Ic h verbinde mit ihr untrennbar meine ganze Lebensarbeit. Die erste gesamtrussische marxistische

Zeitung

sehr

Er meint es so, wie er

es sagt; er kokettiert nicht mit falscher Bescheidenheit. Freilich, die Druckerei der »Leipziger Volkszeitung« mit ihrem vergleichsweise hochmodernen Maschinenpark ist das nicht.

Das weiß Meyer, und ein solcher Vergleich liegt ihm auch fern. »Wieso? Alles ist angemessen und zweckmäßig und deshalb schön.« Er führt den Gedanken noch weiter. »Nicht zuletzt erscheint mir schön, daß es eine Arbeiterzeitung im Geburtslande von Karl Marx, in Deutschland ist, die dem russischen Proletariat hilft, seine

bescheiden, bei Lichte betrachtet

Iskra erscheint

er mindestens Rauh eine

Als

sei

Hier bei Ihnen also

Sie

sind

nicht

«

enttäuscht?

«

»Und

Alles

revolutionäre Theorie durch die Iskra zum geistigen Allgemeinbesitz der Arbeiter und Bauern zu machen.« »Wir fassen das als eine Verpflichtung auf«, erklärt Rauh ein wenig hilflos. Große Worte sind nicht so sehr seine Sache. Er ist ein kluger Kopf, gewiß, jedoch nicht gewohnt, in so weiträumigen Zusammenhängen zu denken, wie sie Meyer mit Selbstverständlichkeit herstellt. Deshalb sagt er rasch: »Genosse Werner hat in den letzten Nächten schon eine Menge abgesetzt. Die Fahnen sind oben in Ihrem Zimmer. Sie werden dort ungestört arbeiten können.« »Darauf freue ich mich.« Marchlewski schaltet sich ein. »Ohne den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun«, beginnt er, und es drängt ihn, den Gast zu unterrichten, daß die Genossen in der Messestadt es bei der Beschaffung der Druckerei nicht bewenden ließen. »Wir sind in Leipzig dabei, den Versand zu

organisieren. Wir denken an verschiedene Postämter

Postamt

» Probstheida sein darf!« fordert Meyer schnell und zupackend mit einer erstaunlichen Fähigkeit, präzise und konzentriert

auf ein neues Thema einzugehen und danach schöpferisch an seiner Beratung teilzunehmen. »Natürlich nicht!« bestätigt Julian bereitwillig. »Um eventuelle Recherchen der Ochrana und der sächsischen Geheimpolizei zu erschweren und den Druckort der Zeitung

zu verschleiern, sollen die Pakete zunächst an Deckadressen

in Belgien und in der Schweiz gehen, von wo aus

«

unter

denen

natürlich

nie

das

«

» von wo aus«, unterbricht ihn Meyer lebhaft,

»zuverlässige Genossen die Expedition nach Rußland

übernehmen. Das ist durchdacht und klug.« Er lehnt sich mit dem Rücken an einen Setzkasten, stützt die Hände hinter sich auf, biegt den Oberkörper ein wenig zurück und hat ein Lächeln. »Sehen Sie, liebe Genossen, einen solchen Ruf geniest Ihre Partei: Wenn bei uns in Rußland eine im Ausland gedruckte revolutionäre Zeitung auftaucht, tippt auch der letzte Ochrana-Spitzel im ersten Dienstjahr auf einen deutschen Druckort. Ein wunderbarer Ruf - auch wenn

er uns zu ein paar Umwegen Eine Pause entsteht.

«

Der Gast streicht sich über die hohe, gewölbte Stirn, als wolle er einen Anflug von Müdigkeit vertreiben. Was er in München sah und nun hier in Probstheida erlebt, zeigt ihm mit großer Klarheit, wie weit und schwer der Weg noch ist, der vor den Menschen in Rußland liegt. Sie stehen am Anfang, ganz am Anfang, und es nimmt nicht wunder, daß ihnen der Lebensstandard und die beruflichen Möglichkeiten ihrer deutschen Klassenbrüder märchenhaft und beinahe unglaublich vorkommen, was gelegentlich in der natürlich überspitzten Behauptung gipfelt, deutsche Arbeiter lebten durch die Bank wie Kapitalisten. Auch die Ergebnisse des erbitterten und opferreichen Kampfes der SPD - auch gegen Revisionismus und Opportunismus in den eigenen Reihen — müssen bei russischen Genossen wahrhaftig diesen Eindruck entstehen lassen. »Leider besitzen wir nicht genug Adressen«, unterbricht Marchlewski die schweifenden Gedanken des Gastes, bietet Werner einen Stumpen an und nimmt selbst einen. Der Schweizerdegen besitzt einen »Tausendzünder«. Beide Männer beugen sic h über das Flämmchen. Meyer ist sofort wieder bei der Sache. »Adressen habe ich bei mir.« Er löst sich vom Setzkasten, geht durch die Druckerei und lacht unbekümmert, als er lebhaft erzählt: »Um ein Haar wären sie verloren gewesen; fast hätte ich sie selbst vorsichtshalber vernichtet. Das war auf meiner letzten Reise zur Beschaffung von Anschriften, unmittelbar vor meiner Fahrt in die Schweiz. Plötzlich ist die Ochrana da! Womit ich ihren Verdacht weckte - wer weiß es! Jedenfalls sind die beiden Kerle flink und so gut gedrillt, daß ich nichts wegwerfen, nichts vernichten kann. Selbst in der Droschke halten sie mich den ganzen Weg über an beiden Ellenbogen fest. Ich gab das Material verloren.« »Aber Sie retteten es?« erkundigt sich Rauh gepackt. Meyer wiegt den Kopf. »Sagen wir besser: Gerettet wurde es durch eine Nachlässigkeit der Ochrana. Sie maß nämlich der alten Rechnung in meiner Tasche keine Bedeutung bei, und auf diese Rechnung hatte ich mit unsichtbarer chemischer Tinte die Adressen geschrieben.

Hätte man sie in das Polizeilaboratorium gegeben

hebt die Schultern. »Glück war es, nicht Verdienst.« Ilse Rauh kehrt zurück und setzt ein Tablett auf den blechbeschlagenen Umbruchtisch. Gleichsam ohne Übergang beherrscht der aromatische Duft starken Kaffees die kleine Druckerei. »Ach, diese Männer!« seufzt die blonde Frau tadelnd. »Da stehen sie und reden, und nicht einer denkt daran, daß unser Gast von der Reise müde sein könnte und sich vielleicht setzen möchte! Den Schreibtischstuhl hierher, Hermann!« Während er schuldbewußt den Sessel

herüberrückt, deutet sie einladend auf ihr Gebräu. »Trinken Sie, Genosse Meyer! Er ist stark und wird Ihnen guttun.«

mit

spürbarem Bedürfnis nach der Tasse. »Sehr liebenswürdig. Er duftet wunderbar. Vielen Dank!« Er will das dampfende schwarze Getränk zum Munde führen, doch da beschlagen die Kneifergläser so, daß Meyer das Gefäß nur noch wie durch einen Nebel sieht. Er nimmt den Kneifer ab, läßt ihn am Seidenband baumeln und wiederholt den Versuch. Plötzlich stellt er die Tasse wieder hin. »Zu heiß?« erkundigt sich Ilse teilnahmsvoll. Meyer schüttelt heftig den Kopf. »Nein. Zu struppig. Der Bart, meine ich.« Er holt tief Luft und sprudelt dann mit einer Art komischer Verzweiflung hervor; »Hol's der Teufel, aber Herr Meyer zu sein macht das Leben sehr schwer. Esse ich Suppe - das meiste hängt in meinem Bart! Trinke ich Kaffee — die Hälfte verfängt sich in diesem Ungetüm! Das war schon während der Bahnfahrt eine Qual!« Sich mit einer seiner schnellen, energischen Gesten umwendend, die so typisch für ihn sind, sucht er Julian mit den Augen. »Was meinen Sie, Genösse Marchlewski: Muß ich hier unter Kampfgefährten diesen schrecklichen Wangenwärmer tragen?« Werner antwortet, und seine Stimme hat etwas Flehendes: »Könnte sein, jemand kommt « Diese Möglichkeit schließt der Drucker aus, ohne sofort zu erkennen, worum es eigentlich geht. »Vor

« Er

Der

Gast

setzt

sich

gehorsam

und

greift

Arbeitsbeginn erscheint niemand. Wir bringen den Genossen Meyer rechtzeitig aufs Zimmer.« Ilse Rauh versteht nicht recht, warum der Gast, Werner und auch Marchlewski belustigt schmunzeln, als sie hilfbereit vorschlägt: »Wenn Sie sich schaben möchten - in der Küche drüben ist Hermanns Rasiermesser nebst Seife und Pinsel. Auch heißes Wasser ist da.« Meyer hält das Lächeln fest. »Verbindlichen Dank, aber ich habe den Vorzug, in diesem Fall kein Messer zu benötigen.« Länger hält er es nicht aus. Zwei schnelle

Griffe, und er hält den üppigen Vollbart und auch das dichte Haupthaar, das sich als Perücke entpuppt, in den Händen. Die Verwandlung ist so groß, daß Rauh mehrmals schluckt und seine Frau erschrocken die Hände vor den Mund nimmt. Statt des würdigen Privatgelehrten fortgeschrittenen Alters sitzt vor ihnen ein Dreißigjähriger mit kleinem blondem Oberlippen- und Spitzbart. Der mächtige Schädel, von einem kurz geschorenen Haarkranz umgeben, hat sich sehr früh gelichtet. Der Gast fährt rasch mit der Hand darüberhin und zeigt angesichts der Verblüffung des Ehepaares Rauh eine beinahe schuldbewußte Miene. Dann aber sagt er burschikos und offensichtlich erleichtert: »So weit Herr Meyer! Machen wir uns noch einmal bekannt: Uljanow, Wladimir Iljitsch.

Der nun mit Genuß Kaffee trinken kann

Trinken nichts mehr im Wege. »Prächtig, Genossin Rauh! Wirklich!«

jähe

Demaskierung mit unverhohlenem Vergnügen verfolgt, und es ist, als könne er sich nun nicht satt sehen an dem vertrauten, ihm seit langem bekannten Gesicht. Marchlewski teilt seine Begeisterung keineswegs. »Gefährlich, was Sie tun, Wolodja«, urteilt er knapp. Das bestreitet Uljanow gar nicht. »Aber angenehm! Sie ahnen nicht einmal, wie angenehm«, erwidert er ein bischen kleinlaut. »Sehen Sie mich, bitte, nicht so böse an! Wenn ich das Haus verlasse, dann nicht ohne Bart, Haar und Kneifer, die drei Zierden eines standesbewufiten Privatgelehrten. Einverstanden?«

« Jetzt steht dem

hat

die

Werners

Augen

lachen.

Er

Julian schweigt. Werner reifjt das Gespräch an sich und führt es auf eine andere Ebene. »Waren Sie in Paris bei Plechanow, Wladimir Iljitsch?« Auch nach der Lüftung der Maske sprechen sie weiter deutsch miteinander, um die Rauhs nicht auszuschließen. Uljanow läßt die Diskussion über Bart und Perücke sogleich fallen, die ihm unwichtig und nebensächlich erscheint. Was Werner anspricht, das ist viel näher und vordringlicher. Voller Spannkraft springt er auf. »Ja, und da wäre der Funke beinahe erloschen, ehe er nur zu glimmen begann. Mit Ach und Krach habe ich die Zustimmung zur Herausgabe erhalten. Diese Leute, die das Beste auf untaugliche Weise wollen, das Verhältnis der Klassenkräfte falsch begreifen und letztlich von uns

verlangen, wir dürften die liberale Bourgeoisie nicht mit dem roten Gespenst des Sozialismus schrecken! Leugnen die revolutionäre Rolle der Bauernschaft und fordern die

Orientierung des Proletariats auf die Bourgeoisie

ein Unsinn! Ach, was für ein Unsinn aus dem Munde von gescheiten Leuten mit unbestrittenen Verdiensten!« Er winkt ab und setzt neu an: »Sie türmen einen Berg von Wenn und Aber vor sich auf und sehen nur eines nicht:

Worauf es ankommt! Denn worauf kommt es an? Nun, es kommt darauf an, die vielen zerstreuten kleinen

marxistischen Zirkel und Gruppen zusammenzuschließen zu einer konsequent revolutionären, zu einer einheitlich

handelnden Kampfpartei! Unsere Iskra kann

unsere Iskra muß Organisator und geistiger Führer dieser

sich formierenden Kraft werden. Einfach und logisch ist das,

sollte man denken, aber Plechanow

sich dem Arger nicht hin. »Können wir Anfang Januar erscheinen. Genosse Rauh?« »Unbedingt!« versichert der Drucker überzeugt. »Sobald Werner mit dem Umbruch fertig ist, arbeitet unsere Schnellpresse nur für Sie.« Uljanow freut sich. »Wunderbar!« Er ist jetzt nahe dem Fenster und lupft den Vorhang einen Spalt. Es schneit immer noch, als wolle dieser weiße Niederschlag niemals

Was für

, nein,

. Ach!« Doch er gibt

aufhören, aber nun hat eine graue Helligkeit von großer Monotonie das nächtliche Dunkel abgelöst. Irgendwo über den unaufhörlich sinkenden Flocken muß eine kraftlose Wintersonne den Horizont erklommen haben und langsam höher steigen. »Es wird Tag«, sagt Wladimir Iljitsch, »ja, und der Rotstift will arbeiten.« »Ich bringe Sie hinauf in Ihr Zimmer« erbietet sich Ilse Rauh. »Es ist geheizt und wird bald schön warm sein.« Zweifellos hat sie Feuer gemacht, während vorhin das Kaffeewasser auf dem Herd stand. »Kommen Sie!«

»Sofort.« Er nimmt sein Köfferchen und wirft den Mantel über die Schulter. Doch dann dreht er sich noch einmal zum Mettagetisch zurück und stopft Perücke, Bart und Kneifer in die Taschen. »Ich darf Herrn Meyer nicht vergessen, sonst zankt Marchlewski mit mir. Er hätte sogar recht.« Werner räuspert sich. »Auf den Fahnenabzügen in Ihrem Zimmer stehen Zahlen«, erklärt er mit einem Unterton, der unheilverkündend klingt. »So viel muß 'raus, Wladimir Iljitsch. Es handelt sich um Zeilen, nicht um Buchstaben.« Uljanow nickt gefaßt. »Ich verspreche, einsichtig zu sein.« Damit folgt er Frau Rauh. Marchlewski setzt den Hut auf. »Es wird Zeit für mich. Du weißt, wo ich zu erreichen bin, Hermann. Und achtet auf ihn, ich bitte euch sehr.« Der Drucker hält ihn am Ärmel fest. »Nur eines noch, Julian! Das ist doch nicht etwa derselbe Uljanow, der die Geschichte des Kapitalismus in Rußland geschrieben hat?« »Derselbe, Genosse Rauh!« antwortet Werner rasch. »Er schrieb das Buch in Sibirien, in der Verbannung am Ende der Welt. Warum sollte er es nicht sein?« »Ich hatte ihn mir älter vorgestellt. Eine so

großartige und kenntnisreiche wissenschaftliche Arbeit

erwartet man einen Mann mit reicher Lebenserfahrung.« »Lebenserfahrung und Reife sind nicht unbedingt eine Frage des Alters. Mancher gewinnt beides nie, mancher sehr früh«, widerlegt ihn Julian. »Er ist auch der Uljanow,

Da

der in Petersburg die marxistischen Zirkel zum Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse zusammenschloß. Du mußt davon gehört haben. Wir haben ausführlich vom Amoklauf der Ochrana gegen den Kampfbund berichtet.« »Ich weiß, ich weiß. Jetzt, da du mich daran

erinnerst

sucht Julians Blick. »Was ich tun kann, das geschieht. Verlaß dich darauf.« Sie trennen sich mit festem Händedruck. Werner Nusperli nimmt seinen Mantel und schließt sich gleich an. Gemeinsam gehen die beiden Männer hinten hinaus durch den Garten und erreichen auf Umwegen und aus unterschiedlicher Richtung getrennt die Straßenbahn. Sie ist um diese Zeit voll besetzt. So nahe der großen Stadt gelegen, ist Probstheida längst kein reines Bauerndorf mehr. Viele Einwohner erreichen von hier aus Leipziger Fabriken und Handwerksbetriebe. Sie benutzen die Bahn immer zur gleichen Zeit, und Werner achtet sehr darauf, seine eigene Fahrzeit von Tag zu Tag zu ändern. So bleibt er ein zufälliger Passagier, ein Besucher vielleicht, und niemand kommt auf die Idee, in ihm einen neuen Nachbarn zu sehen, mit dem man schwatzen könnte und den seine Aussprache verraten hätte. Den Schaffnern ist der wortkarge Reisende gleichgültig. Tagtäglich und Stunde um Stunde begegnen sie einer Vielzahl fremder Gesichter.

« Rauh dreht seine Schnurrbartspitzen hoch und

5

Hermann Rauh zieht die Fenstervorhänge auf. Die

Lampen läßt er brennen. Sie werden den ganzen Tag über leise zischen, denn bis zum späten Abend wird es nicht richtig hell werden. Der Himmel scheint einen unerschöpflichen Vorrat an Schnee zu besitzen und damit die ganze Erde zudecken zu wollen. Der Drucker sieht kopfschüttelnd hinauf, ehe er sich anschickt, das Kaffeegeschirr auf dem Metagetisch zusammenzuräumen und auf dem Tablett zu vereinen. Er ist noch dabei, als Emma aus dem Wohnhaus herüberkommt und auf ihn zuläuft, um ihm den Guten-

es nicht

Morgen-Kuß zu geben. anders.

»Was ist denn los, Vati?« fragt sie gleich lebhaft. »Wer läuft da um diese Zeit im Hause herum, und

überhaupt

Von

klein

an

kennt sie

«

Ihr Blick entdeckt die Tassen .»Warum steht

hier soviel Geschirr?« Nun erweist es sich als gut, daß Julian Marchlewski die Frage des Verhaltens gegenüber dem Lehrling und Emma bereits bei ihrer ersten Besprechung aufwarf. Der

Drucker hat Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie er

seiner Tochter gegenübertreten kann und will. So sagt er

jetzt

Selbstverständlichkeit: »Daß Schritte im Haus sind und daß hier Geschirr steht, das träumst du nur, mein Mädel.« »Quatsch!« protestiert Emma entrüstet. »Ich bin wach und weiß, was ich höre und sehe.« Rauh lächelt. »Aber du wirst gleich selbst sagen, daß es ein Traum war. Bestimmt!« Er setzt sich und streckt die Hände nach ihr aus. »Komm mal zu mir und höre zu.« Er streicht ihr übers Haar und sagt ernst: »Also, dann laß uns jetzt mal vernünftig reden. Glaubst du, daß ich krumme Wege gehe?« Ein noch prüfenderer, suchender Blick trifft ihn. Dann wiegt Emma auf einmal die Worte sorgsamer ab: »Ihr werdet wissen, was ihr tut. Und daß es nicht anders geht.«

großer

ohne

Verlegenheit

und

mit

In diesem Augenblick erscheint sie ihm überraschend erwachsen und fraulich und in der Tat kein bißchen verspielt. »Ich habe längst die alten Zeitungen durchstöbert, die auf dem Boden liegen. Die Tribüne, bei der du

Und zusammengebundene Stöße der

Blätter, die illegal hereingebracht wurden, als die Partei verboten war. Den Sozialdemokrat vor allem. Du hast

damals auch

»Ja«, bestätigte Rauh, ohne ein Aufheben davon zu machen, daß er ein Glied in der Kette der »Roten Feldpost« von Motteier war, die während des Sozialistengesetzes die illegal in der Schweiz gedruckte Parteipresse zuverlässig in die Hände der Genossen brachte und sie dadurch zusammenhielt in den harten Stunden der Bewährung. Auch Korrespondenzen hat er geschrieben und gelegentlich beigesteuert zur Spalte »Die eiserne Maske«, in der Spitzel und Achtgroschenjungen der politischen Polizei bloßgestellt und dadurch unschädlich gemacht wurden. Von der »Roten Feldpost« haben Ilse und er Emma erzählt, aber sie hielten es nicht für nötig, ihre eigene Mitwirkung anders als am Rande zu erwähnen. Warum? Andere Genossen hatten unter schwereren Bedingungen mehr getan als sie. Nun erriet Emma offensichtlich die Zusammenhänge zwischen den alten Zeitungen, die schon gelb werden und Geschichte sind, und den Erzählungen der Eltern. Sieh mal an! Und er hat gedacht, sie lebe unbekümmert und fröhlich dahin und man müsse noch warten, bis man bei ihr Verständnis für das eigene kampferfüllte und gar nicht immer leichte Leben finden würde. Sie steht energisch auf und streicht sich mit einer raschen Bewegung den langen Rock über den Schenkeln glatt. »Alles klar, Vati. Von den Schritten habe ich geträumt, und das Geschirr stand nie hier. Von einem Gast weiß ich nichts.« Aber die Neugier ist doch ein wenig stärker als ihre bekundete Bereitschaft zu schweigsamer konspirativer Hilfe. »Es ist ein Arbeiterführer, der in Leipzig unerkannt bleiben muß, nicht wahr?«

Redakteur warst

Ja?«

Der Drucker bestätigt das mit einem Kopfnicken. »Ich glaube, wir werden einmal sehr stolz darauf sein, daß er hier bei uns gearbeitet hat, Emma. Aber wenn du dich nicht in der Gewalt hast und auch nur ein unbedachtes Wort verlierst «

Jetzt ist sie beinahe beleidigt. »Wer bin ich denn?« verwahrt sie sich gegen eine solche Zumutung. »Glaubst du, daß ich die Typen von der Geheimpolizei anhimmle? Bin ja nicht Paul. Ich verliere den Verstand nicht, bloß, weil jemand wie Graf Koks von der Gasanstalt im Motorenwagen daherkommt. Da kannst du

ganz sorglos sein. Oberflächenvergaser

schüttelt sich und hat auf einmal wieder den heiteren Ton:

»Glaubst du, daß wir den noch einmal großkriegen?« Hermann Rauh tritt zur Tochter und legt ihr den Arm um die Schulter. Auf ihre Frage antwortet er sehr schlicht:

»Er weiß noch nicht, wohin er gehört. Deshalb zu ihm kein Wort, hörst du? Zu niemandem ein Wort.« Emma hält ihm die Hand hin. »Zu niemandem.« Rauh schlägt fest ein. »Also — ich verlasse mich auf

dich!«

»Kannst du auch, Vati.« Das Versprechen hat ihrerseits eine gewisse Feierlichkeit, doch die hebt sie sofort selbst auf mit einem burschikosen: »Na, dann will ich das Zeug mal 'rausschaffen, ehe der Oberflächenvergaser kommt.« Sie nimmt das Tablett mit dem Geschirr auf und bringt es hinüber ins Wohnhaus. An der Druckereitür begegnet ihr die zurückkehrende Mutter, hält bereitwillig den Flügel auf und geht dann rasch auf Hermann zu. »Sie hat das Geschirr«, sagt sie besorgt. »Emma steckt voller Neugier. Was hast du ihr verraten ?« »Die Wahrheit, Ilse. Erst einmal einen Teil davon.«

Nee!« Sie

Sie sucht seinen Blick. »Und du glaubst, daß sie

»Sie ist unsere Tochter und kein Kind mehr«, erwidert er langsam und mit einem Unterton glücklichen Stolzes. »Das hat sie mir eben sehr deutlich klargemacht. Hält sie dieser Belastung nicht stand, haben in erster Linie

wir versagt.« Sehr überzeugt schließt er: »Ich glaube, sie hält stand.« Ilse genügt das nicht. »Glaubst du, oder bist du sicher?« Ohne zu zögern geht er einen Schritt weiter. »Ich bin sicher.« Seine Frau erwidert nichts. Sie tritt an eines der Fenster an der Straßenfront und schaut zum Himmel. »Der

Tag wird schön

Rauh bindet den Lederschurz um und nimmt seinen Winkelhaken. »Das Frühstück lassen wir besser ausfallen, Ilse. Paul ist gewohnt, daß ich schon hier bin, wenn er kommt, und für ihn muß alles unverändert wirken. Ich komme nachher mal 'rüber, einen Happen essen.« Er beginnt zu setzen.

Ȇbrigens warst du morgens nie in der Druckerei, wenn der

Junge aufkreuzte

»Ich gehe schon«, sagt sie einsichtig, doch dann bleibt sie noch einmal bei ihm stehen. »Herr Meyer wollte nicht schlafen. Er ist gleich an die Arbeit gegangen«, erzählt sie. »Über den Samowar freut er sich.«

»Ist der in Betrieb?« »Natürlich habe ich ihn mit Holzkohle bestückt und angeheizt. Was dachtest du denn?«

«

«

»Paul

«,

sagt Rauh und deutet zum Fenster hinaus.

Der Lehrling kommt munter und eilig die Hauptstraße herunter. »Ich bin schon weg.« Paul Thomas trifft sie nicht mehr an, als er mit einem Hauch Morgenkühle hereinwirbelt und gleich die etwas eng gewordene Joppe ablegt, in deren Tasche er seine Schirmmütze stopft. Der Schirm hat längst einen Bruch, es kommt nicht mehr darauf an. »Guten Morgen, Meister«, ruft er fröhlich und bindet schon den Lederschurz um. »Bis Mittag bin ich mit dem Radsport fertig, wetten?« Paul nimmt seinen Winkelhaken und tritt an den Setzkasten heran, auf dem das Manuskript liegt. Es liegt so

da, wie er es gestern zurückließ. In der Tat wirkt die Druckerei unverändert und trägt keine Spuren der nächtlichen konspirativen Arbeit. Alles ist so, wie es der Lehrling auch gestern sah. Hermann Rauh ertappt sich dabei, daß er diesen Sachverhalt noch einmal mit kritischem Blick überprüft, während er scheinbar gelassen der gewohnten Tätigkeit nachgeht. Er ist zufrieden. Nichts ist da, was die Neugier des Jungen, eine unerwünschte und unter Umständen folgenschwere Neugier, erwecken könnte. Heimlich atmet Rauh auf.

fragt

überrascht: »Alle Wetter! Wonach riecht es denn hier so gut?«

In

diesem

Moment

schnuppert

Paul

und

Hermann Rauh hält sekundenlang die Luft an. Jetzt

Aber er hat sich

verziehen, mit gänzlich unveränderter Stimme wirft er trocken hin: »Wahrscheinlich nach Druckerfarbe, wie immer. Das ist nun mal für unsereinen der schönste Geruch der Welt.« Paul schüttelt den Kopf.

»Nee, viel besser!« Seine vorwitzige, mit Sommersprossen gesattelte Nase schnüffelt immer noch eifrig, und dann verkündet der Junge stolz: »Ich hab's! Nach Kaffee riecht's! Und unheimlich stark muß der gewesen sein - die reinste Wucht!« Vorwurfsvoll fährt er fort: »Und mir sagen Sie immer. Sie hätten einen schwachen Magen und dürften gar

keinen Mokka trinken

In den Worten ist ein gewisser wohlmeinender Tadel, der besorgte Anteilnahme an der Gesundheit des Meisters einschließt und Rauh ein wenig rührt, so ungelegen ihm diese Fürsorge kommt. Er tritt sogleich auf die Brücke, die ihm der Junge ahnungslos baut. »Hast recht, mein Junge«, erwidert er freundlich und hat das unangenehme Gefühl, daß das alles furchtbar falsch und aufgesagt klingt. »Alter schützt vor Torheit nicht, Paul. Ich arbeite schon eine Weile, weil ja soviel anliegt, und ich war müde. Jetzt geht es wieder.«

in

der

Gewalt.

Ohne

eine

Miene zu

Mokka war das aber mindestens.«

Wenn er denkt, die Gefahr damit gebannt zu haben, irrt er sich. Paul ist noch nicht beruhigt, und er ist es nicht, weil ihm sein fein entwickeltes Riechorgan eine weitere ungewöhnliche Besonderheit dieses Morgens signalisiert. »Und geraucht haben Sie auch!« fährt er verblüfft fort. »Ich kenne Sie ja nicht wieder, Meister!«

Die Stumpen von Marchlewski und Werner

Daran

hat der Drucker nicht gedacht. Erst jetzt, da Paul davon spricht, wird ihm der Tabakgeruch im Raum um das Ofenungetüm herum bewußt und gegenwärtig. Der muß in der Tat befremden und auf nächtlichen Besuch hinweisen, da Rauh selbst Nichtraucher ist. Hätte er doch bloß daran gedacht, zu lüften! Der Tabakgeruch ist nicht so mühelos zu erklären wie der nach Kaffee. »Jetzt geht deine Phantasie mit dir durch«, behauptet Rauh und wundert sich, daß Paul die Hilflosigkeit der Ablenkung nicht spürt. Er muß also im Grunde arglos sein, ganz arglos. »Mach da weiter, wo du gestern aufgehört hast. Sonst schaffst du es nicht bis Mittag.« Das klingt abschließend, aber der Junge bleibt hartnäckig. »Meine Nase ist zuverlässig«, verteidigt er seine Feststellung. »Wenn sie sagt, hier ist geraucht worden, dann ist hier geraucht worden, und wenn Sie mich schlagen. Hundertprozentig!« Rauh weiß nicht recht ob er lachen oder weinen soll. Es ist eine so seltsame, kindliche Mischung von Spiel und Ernst in Pauls Auslassungen, und neben der Gefährlichkeit steckt darin so viel liebenswerte Unbekümmertheit »Deine Sorgen möchte ic h haben, Paul, und 'n Hauptgewinn in der Landeslotterie! Was denkst du, wie gut es mir gehen würde!« Der Lehrling lacht mit, ist jedoch noch immer nicht von dem Gleis abzubringen, auf dem er seit seinem Eintreffen fährt. »Oder war jemand hier?« setzt er gleichsam neu an. »Wo Sie doch eingefleischter Nichtraucher sind?« »Das ist es!« erwidert Rauh mit aller Ironie, die er in seine Stimme zu legen vermag und die ihm der Junge auch

sofort abnimmt. Rauh hat den Winkelhaken fester gefaßt. Nein, auf die bisherige Weise darf das Gespräch nicht weitergehen. Er muß ihm ein schnelles und eindeutiges Ende bereiten, und das erreicht er nicht mit halben Eingeständnissen, die den Forschungsdrang Pauls nur

aufstacheln. Seinerseits muß er in die Offensive . »Mein ehemaliger Kompagnon ist dagewesen. Pohle kam extra aus seinem Winterurlaub in der Sächsischen Schweiz zurück, um in der Druckerei eine seiner fürchterlichen schwarzen Zigarren zu paffen.« Paul fühlt sich auf die Schippe geladen und nicht ernst genommen, und auf einmal ist er auch gar nicht mehr

so sicher, daß er tatsächlich Tabakgeruch

raucht manchmal ein bißchen, wenn der Wind auf die Esse drückt, und der Meister treibt so offenkundig seinen Spaß,

daß der Junge beleidigt mault: »Jetzt nehmen Sie mich auf

den Arm! Hm, vielleicht ist es wirklich nur Kaffeeduft und

ein wenig Ofengas

»Kluges Kind!« bestätigt Rauh obenhin und verbirgt sein neuerliches Aufatmen. »Du bist ein kluges Kind.« »Aber bei Ihnen Lehrling zu sein ist schwerer, als ich gedacht habe«, murrt er. Innerlich wurmt es ihn gewaltig, daß ihm seine gute Nase, auf die er so stolz ist, einen derartigen Streich gespielt und ihn lächerlich gemacht haben soll. Oder hat er sich gar nicht geirrt? Will der Meister etwas verbergen? Unwillkürlich schaut Paul zu seiner Joppe hinüber. In deren Tasche steckt eine Visitenkarte in zierlichem Stahlstich. »Königlich Sächsische Sicherheitspolizei, Polizeiamt Leipzig« steht neben dem Wappen der Messestadt, und etwas tiefer: »Überreicht durch Adelhelm von Kopp, Kriminalreferendar.« Dazu der Telefonanschluß. Sollte er jetzt nicht eigentlich davon Gebrauch machen? Das ist eine schwerwiegende Frage, auf die sofort eine Antwort zu finden schlechterdings voreilig wäre. Paul muß erst noch gründlich mit sich zu Rate gehen. Abgewogen will das werden, hin und her gedreht, nach allen Seiten geprüft und untersucht

Der Ofen

Doch der Kaffee war Mokka, hm?«

Paul kommt sich sehr klug und weise vor, als er sich

auf den unheilschwangeren Satz beschränkt: »Sie machen

mir langsam Sorgen, Meister

Rauh legt eine Reglette an und beginnt mit der nächsten Zeile. »Tröste dich, mein Junge! Mir scheint, das

beruht auf Gegenseitigkeit.«

beide

wirklich die lautere und unverfälschte Wahrheit

«

Und

in

diesem

Augenblick

sprechen

nun

6

»Here in!« sagt Kriminalreferendar von Kopp laut und

scharf, denn die Tür besitzt ein honoriges Lederpolster, das schwer einen Laut nach draußen dringen läßt. Gleich darauf steht Wachtmeister Reichert im Zimmer. Er hat den walnußbraunen Ledermantel über dem Arm und seine Reisemütze in der Hand. Jetzt, da sein Kopf unbedeckt ist, zeigt er eine extrem kurz geschorene ergrauende Haarbürste, die über der Stirn weit zurückweicht und da und dort wie ausgefranst wirkt. »Ich melde mich ab«, sagt Reichert knapp. »Zum Treff mit dem Gewährsmann aus dem Kreis der russischen Studenten. Haben Herr Referendar dazu noch Befehle? Der

Treff findet im Kaffeebaum

» und ich wollte hinkommen und den Burschen

erst mal beschnuppern, ich weiß«, schließt von Kopp lebhaft

etwas

dazwischengekommen. Machen Sie es wie immer.« »Dann gestatten Sie, mich zu entfernen?« »Warten Sie!« erwidert von Kopp. »Haben Sie Geld für den Herrn?«

der

Rechnungsabteilung empfangen. Wir zahlen ihn immer in der zweiten Dekade des Monats aus.« Der Referendar steht auf und kommt um den großen Schreibtisch herum. »Heute kriegt er nichts. Erfinden Sie eine Ausrede und vertrösten Sie ihn auf morgen, klar? Treffen Sie eine neue Verabredung.« Reichert steht unbeweglich. »Der junge Mann ist ziemlich nervös, Herr Referendar«, gibt er zu bedenken. Die Entscheidungen seines Vorgesetzten zu tadeln steht ihm nicht zu. Er trägt seine Einwände im Ton einer sachlichen Feststellung vor. »Er lebt in ständiger Furcht, seine Kommilitonen könnten von der Zusammenarbeit mit uns erfahren. Dann würde nicht nur der Informationsfluß versiegen, sondern auch die hübsche Nebeneinnahme, die

an. »Ein andermal,

«

Reichert.

Es

ist

»Das

übliche,

ja.

Ordnungsgemäß

von

wir ihm zukommen lassen. Der junge Herr lebt in Leipzig auf großem Fuße.« »Dafür soll er auch was tun! Dieses Polizeiamt ist kein Wohltätigkeitsunternehmen, zum Teufel! Ich will ihn morgen sehen! Arrangieren Sie das!« »Wie Sie befehlen!« Nun will er sich abermals zum Ausgang wenden, doch diesmal hält ihn von Kopp mit einer Handbewegung zurück.

»Sagen Sie mal, Reichert«, fängt er unerwartet

vertraulich neu an. »Sie sind sich des Burschen doch sicher, wie? Nicht, daß er uns an der Nase herumführt und Türken

« Der Kriminalwachtmeister strafft sich unwillkürlich. »Ich darf erinnern: Er lieferte eben jene Berichte über Diskussionen zwischen seinesgleichen und den aus Rußland hierher geflüchteten Herrschaften, die höheren Ortes so wohlwollend vermerkt wurden. Dies nicht zuletzt, weil die darin gegebenen Charakteristika vollkommen mit denen übereinstimmten, ja, sie sogar in wertvoller Weise

ergänzten, die wir aus Petersburg erhielten. Die Königliche Polizei konnte auf diese Art ausführliche Nachrichten über neue Verbindungen der Emigranten zu ihren bei uns studierenden Landsleuten an die Ochrana weiterleiten und sozusagen Vorwarnung geben. Die fraglichen Studiosi sind daraufhin bei Reisen nach Hause erfolgreich unter Observation gestellt und in einzelnen Fällen der Vorbereitung zum Hochverrat überführt worden. Noch zu Zeiten Ihres hochwohlgeborenen Vorgängers im Amt, des

Herrn Kriminalrats

Treue unseres Informanten zu Thron und Altar nicht zweifeln zu müssen.« Er räuspert sich und schließt: »Es sieht nicht aus, als wäre seine Angst vor einer Entdeckung gespielt.«

Der Referendar ist an eines der in ihrer Höhe streng und kühl anmutenden Fenster getreten, trommelt mit den Fingerkuppen auf die Scheiben und sieht über die Harkortstraße hinweg zum Reichsgericht hinüber. Dessen prunkvoll-hochmütiger Prachtbau mit seiner protzigen

baut

Erfundene Berichte

Auf Grund dessen glaube ich an der

Weiträumigkeit wurde nach siebenjähriger Bauzeit vor fünf Jahren endlich fertiggestellt. Unten auf der Straße herrscht mäßiger Verkehr. Auch so wirft das Weihnachtsfest seine Schatten voraus - erstaunlich viele Offiziere sind dienstfrei und auf dem Wege zu Einkäufen. Leipzig ist Garnison des

134. sächsischen

Infanterieregiments und beherbergt die Kommandos der 24. Infanteriedivision, der 47. und 48. Infanterieund der 24. Kavalleriebrigade der Königlich Sächsischen Armee im Rahmen des Reichsheeres. Es mangelt im Stadtbild nie an

den bunten Uniformen - besonders die der Husaren sind bei den Mädchen beliebt -, doch jetzt erscheinen sie in auffälliger Häufung in Damengesellschaft, wie sic h bei dem gegebenen Anlaß von selbst versteht. »Ein schrecklich unruhiges und aufsässiges Volk, diese Russen«, bemerkt von Kopp plötzlich. »Hat dauernd die Faust seines Herrn im Nacken, und trotzdem

trotzdem

Noch immer wendet er sich nicht um. Seine Stimme wird eine weitere Spur vertraulicher, intimer, als er sich

erkundigt: »Sie sind länger in diesem Dezernat als ich, Reichert, sind sozusagen ein alter Hase. Unter uns:

Können wir was verbockt haben?«

der Wachtmeister

bequemer. Ganz deutlich spürt er nun eine gewisse Unruhe seines Vorgesetzten, der besorgt ist. Er kennt den Ehrgeiz von Kopps und seinen Willen, Karriere zu machen, und er begreift sofort, daß es einen Anlaß geben muß für die ungewohnte Vertraulichkeit des adligen Herrn mit den Säbelhiebnarben. »Warum sollten wir?« fragt Reichert zurück und weiß dabei geschickt den Eindruck unziemlicher Neugier zu vermeiden. »Gibt es Vorhaltungen solcher Art, Herr Referendar?« Von Kopp zündet sich ein Zigarillo an. »Ich weiß nicht«, sagt er in den Qualm der ersten Züge hinein. Das Zigarillo ist offenbar zu fest gewickelt worden; der Referendar muß lange drücken und kneten, um mit rechtem Genuß rauchen zu können. »Besuch vom Innenministerium

106.,

des

107.

und

des

Das ist doch schlimm.«

Ohne

Aufforderung

steht

ist angemeldet. Ke ine Ahnung, was die Herren aus Dresden wollen! Sie haben das Amt nur wissen lassen, daß der Verantwortliche für russische Angelegenheiten zu ihrer Verfügung stehen müsse. Ich überlege hin und her « »Das hatten wir früher auch schon«, unterbricht der

Wachtmeister beruhigend. »Dann gab es gewöhnlich neue Informationen, die sofortige Recherchen und Rückfragen nötig machten und deshalb bei einem Kurier in den falschen Händen gewesen wären. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es diesmal etwas anderes ist. Herr Referendar haben vollkommen recht, den Vertrauensmann morgen noch einmal in Reichweite wissen zu wollen. Falls es neue

Instruktionen gibt

früh; verlassen Sie sich ganz auf mich.« Der walnußfarbene Ledermantel, der früher einmal schön gewesen sein muß,

wird ihm schwer; er legt ihn verstohlen von einem Arm auf den anderen. »Gestatten Sie jetzt, zu gehen?« Von Kopp nickt ihm zu. »Machen Sie sich auf den Weg. Ich halte große Stücke auf Sie, Reichert, große Stücke. Das wollte ich mal gesagt haben.« »Danke gehorsamst, Herr Referendar.« Als er draußen den Mantel anzieht und die Mütze aufsetzt, hat der Kriminalwachtmeister ein kleines, zufriedenes Schmunzeln. Ein bischen Vertraulichkeit mit einem hohen Chef kann nie schaden und zahlt sich

gemeinhin aus. Dieser Vormittag fängt vielversprechend an,

und wenn nun noch der junge Herr aus Rußland

bestimmt schon im »Kaffeebaum« nahe der Thomaskirche, hat seinen auffälligen und überall bewunderten Hund, einen

Barsoi, bei sich und wird später jedem erzählen, er sei in dem Café gewesen, in dem Bach zu seiner berühmten

Kantate »O wie schmeckt der Coffee süße

worden sein soll. Thomaskirche und »Kaffeebaum« sind vom Polizeiamt aus bequem zu Fuß zu erreichen. Reic hert

legt einen Schritt zu.

Ich treffe eine Verabredung für morgen

Der sitzt

« angeregt

Drinnen

im

großen

Zimmer

mit

der

gediegenen,

ansehnlichen Möblierung, die im Falle von Kopps die »gehobene Laufbahn« bereits vorwegnimmt, bleibt der Referendar am Fenster stehen, raucht, wippt auf den

Zehenspitzen und ist durch die tröstlichen Worte des

Wachtmeisters nur halb beruhigt. Die klangen alle sehr gut,

zweifellos, aber

Es wäre etwas anderes, wenn es nicht um

die russischen roten Teufel ginge; man muß bei denen doch auf alles gefaßt sein! Er fühlt sich recht hilflos, der hochwohlgeborene Herr mit den Mensurschmissen. Die sagen jedem, daß er nicht furchtsam ist und über die blanke Klinge hinweg mehr als einmal das Weiße in den Augen eines Gegners sehr nahe gesehen hat. Das hier, findet er jetzt, ist um ein Vielfaches entnervender und zermürbender

- dieser lautlose Kampf gegen einen nicht nur meist unsichtbaren, sondern auch klugen, leidenschaftlichen und entschlossenen Feind. Das Zigarillo ist weit heruntergebrannt, als es endlich klopft. Noch ehe er »Herein!« sagen kann, fliegt die Tür auf. Sie bleibt offen, und von Kopp sieht, daß seine Beamten nebenan alle stehen und eine Haltung angenommen haben, als sei der Polizeidirektor persönlich erschienen. Es tritt jedoch lediglich ein Adjutant des Mächtigen ein, gefolgt von einem Manne in Zivil, den man hier nie sah. Es mufj sich um eine bedeutende Persönlichkeit handeln, denn der Adjutant hat den Helm auf, den Säbel an der Seite und gibt sich so zackig, wie es nur irgend möglich ist. Zweifellos hat dies die scharfblickenden Detektive draußen bewogen, sich aufzubauen. Die silbernen Sporen an den Zugstiefeln des Leutnants klirren leise, als er die Hacken zusammenklappt. Der Polizeioffizier denkt nicht daran, mit einer Meldung zu beginnen; er fängt vielmehr damit an, dem Fremden von Kopp vorzustellen, und dadurch ist eindeutig klargelegt, wer hier etwas zu sagen hat. »Herr Kriminalreferendar von Kopp, der Leiter des

politischen Dezernats hiesigen Amtes

« Der Leutnant

macht eine halbe Wendung ins Zimmer. »Herr Referendar, ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Oberst Subatow, Hochwohlgeboren, vom Sonderkorps der Gendarmen Seiner Majestät des Zaren aller Reußen zuzuführen. Hochwohlgeboren ist sowohl von der Reichsregierung als auch vom Königlichen Innenministerium in Dresden mit

weitestgehenden Vollmachten ausgestattet.« Halbe

Wendung zurück, neuerlich das Klingen der Sporen

von Kopp wird mich in der Adjutantur verständigen, sobald Hochwohlgeboren zu gehen wünscht. Herr Oberst!« Die weiß behandschuhte Rechte fliegt an den Helm,

der Fremde geruht zu nicken, und der Leutnant klirrt hinaus.

Adelhelm von Kopp schluckt. Der Besucher hat noch kein Wort gesagt; er steht nur da und blickt aus der Höhe von nicht viel weniger als zwei Metern auf ihn nieder — ein schöner schlanker Mann mit ovalem Gesicht, das durch den schwarzen Kinnbart noch länger wirkt. Fast schwarz sind auch die Augen des Geheimpolizisten aus dem fernen Sankt Petersburg, und wenn der Referendar bisher aufgrund seiner Damenbekanntschaften dunkle Augen für besonders warm und zärtlich hielt - diese besitzen den kalten Glanz geschliffenen Heliotrops. Gerade diesen Halbedelstein mag von Kopp überhaupt nicht. Er blickt zur immer noch offenen Tür. Sein Stellvertreter, der hagere Kriminalsekretär Schneider, steht ihr draußen am nächsten, und ihm ruft er zu:

»Dolmetscher, Schneider! Schnell!« Oberst Subatow hebt, Einhalt gebietend, die rechte

Hand.

»Herr

»Nicht nötig! Ich spreche gut Deutsch. Sagen wir:

ausreichend.« Er streckt dem Referendar eine schlanke, sehnige Rechte entgegen. »Erfreut, Sie kennenzulernen, Herr von Kopp. Man hat Sie mir in Dresden sehr empfohlen. Der richtige Mann für mich, hieß es.«

Na, das läßt sich zumindest nicht schlecht an. Man lächelt, man klappt die Hacken, man verbeugt sich. »Danke verbindlichst, Herr Oberst! Bitte, ablegen zu wollen.« Und im gleichen Atemzug nach draußen:

»Schneider, Kaffee, Kognak! Und unsere Akte über den Russischen Akademischen Verein sowie alles, was wir über die Emigranten in Leipzig haben. Es pressiert!« Dazu den in eine herrische Geste gekleideten Befehl,

Sofort wieder verbindliches

endlich die Tür zu schließen Lächeln für den Gast.

Der nimmt seine schmale, saffianlederne Mappe mit einem eingeprägten Adelswappen, legt ohne Hast seine Handschuhe und seine Pelzmütze darauf - Persianer natürlich - und reicht dieses Tablett mit größter Selbstverständlichkeit dem Referendar, damit der es halte. Von Kopp ist nicht gewohnt, wie ein Kellner behandelt zu werden, doch er findet sich geschmeidig in die ungewohnte Situation, bewahrt das Lächeln und legt das »Tablett« auf den Schreibtisch, während sich Subatow aus dem pelzgefütterten Mantel schält und diesen an den Garderobenständer hängt, der einen Schandfleck für das ganze Zimmer bildet. Dann geht er, mit zwangloser Geste das lackschwarze Haar glättend, ans Fenster und schaut hinaus.

»Verfügen Sie ganz über mich, Herr Oberst!« dienert von Kopp hinter ihm. »Es ist mir eine Ehre, einmal mit der berühmten Ochrana zusammenarbeiten zu dürfen. Man hört in Sachsen Wunderdinge von Ihren Erfolgen!« Er deutet einladend auf die Rauchecke. »Dort, wenn ich bitten darf.« Subatow dreht sich um. Wieder verwirrt es den Referendar, daß es ihm nicht gelingt, das Alter dieses Mannes zu schätzen. Das versuchte er bereits vergeblich, als ihn der Adjutant hereingeleitete. Der hohe Rang des Fremden und die Souveränität, mit der er die Szene beherrscht, scheinen einen älteren Mann auszuweisen, die Elastizität und Geschmeidigkeit seiner Bewegungen einen jüngeren. Von Kopp könnte sich vorstellen, daß dieser Oberst täglich ein paar Stunden reitet und eine oder zwei weitere mit einem eigenen Fechtmeister verbringt, um körperlich auf der Höhe zu bleiben. Leisten kann er sich das sicher — der Referendar denkt neidvoll an gelegentliche Zeitungsberichte über den märchenhaften Reichtum des hohen russischen Adels. Sein eigenes Vermögen dagegen - ach, du liebe Güte! Die ganze Verwandtschaft konzentriert ihre Bemühungen darauf, ihn endlich standesgemäß, das heißt einträglich, zu verheiraten Der Oberst sieht ihn an. »Was die Erfolge betrifft:

Wir arbeiten, mehr nicht. - Da drüben? Das Reichsgericht?« »Ja.«

»Würdig«, urteilt Subatow, ehe er mit einer lässigen Geste Handschuhe und Persianerkappe von seiner Mappe fegt und mit dieser auf den angebotenen Ledersessel zugeht. Er hat durchaus untertrieben, als er eingangs sagte, er spreche ausreichend Deutsch. Er spricht es grammatikalisch vollkommen richtig und mit reichem Vokabular, aber es kostet ihn offenkundig Mühe, eine Mühe, der er sich mit gleichbleibender konzentrierter Selbstzucht unterzieht. Er erlaubt es sich einfach nicht, in der fremden Sprache zu schludern und auf Nachsicht zu rechnen. So drückt er sich, langsam und angestrengt mit einem harten, überdeutlichen Akzent redend, unpersönlich korrekt aus. Sie nehmen beide Platz. Von Kopp meint, daß nun genug Höflichkeiten gewechselt sind und daß es Zeit ist, zur Sache zu kommen. »Herr Oberst«, setzt er an, »weilen vermutlich im Reich, um die Zusammenarbeit zu verbessern und zu vertiefen sowie engere Kontakte herzustellen?« Subatow zieht erst einmal eine fremdartige Zigarettenpackung aus der Jackentasche, einen rechteckigen Karton, der auf dem Deckel in Golddruck den Zarenadler und eine russische Umschrift zeigt. Der Oberst öffnet und bietet von den Papirossi an. Von Kopp faßt neugierig zu, beobachtet, wie Subatow die Papphülse knifft, vollzieht die Handgriffe exakt nach und hat auch schon sein Feuerzeug heraus, den Gast zu bedienen. »Auch!« bestätigt der Offizier der Ochrana nun. »Aber nur am Rande. Nach Leipzig bringt mich eine - wie sagt man? - heiße Spur.« »Ach ja?« bekundet der Referendar sein Interesse. Subatow raucht, lehnt sich zurück, schlägt die langen Beine übereinander und zieht, die Zigarette zwischen den Zähnen, seine Mappe zu sich heran, deren vergoldetes Schloß - oder ist dieses Schloß aus purem Gold gefertigt? - er aufschnappen läßt. »Ich bin hier, mit Ihrer Hilfe einen Fischzug zu tun. Sie könnten, glaube ich, einen großen Fisch für mich fangen, Herr Referendar.« »Ich bin ganz Ohr.« Von Kopp beugt sich vor.

Mit einer Taschenspielergeste legt der Oberst eine

Porträtfotografie auf die Marmorplatte des Rauchtisches. »Sie kennen diesen Mann?« Ein junges, ein kluges, ein energisches Gesicht mit

wachen

gelichtetes blondes Haupthaar

Augen

Oberlippen-

und

Kinnbart

Stark

»Im Augenblick

«,

dehnt von Kopp. »Wer ist das?«

»Uljanow«, erklärt der andere, ohne die Stimme zu heben. »Mit Vor- und Vatersnamen Wladimir Iljitsch. Dreißig Jahre alt. Inhaber eines Diploms ersten Grades der Juristischen Fakultät der Universität zu Sankt Petersburg. Bereits seit dem Verlassen des Gymnasiums, das ihn übrigens für besondere Leistungen mit einer goldenen Medaille ehrte, auf unserer Liste unzuverlässiger Untertanen. Das war siebenundachtzig.« Subatow braucht, um dies darzulegen, keine Notizen. Er hat alle Daten, Ortsnamen und Details im Kopf; er könnte zu jeder beliebigen Tag- und Nachtzeit darüber referieren. Das tut er mit gleichbleibender kalter Sachlichkeit, den Kopf jetzt zurückgelegt, den Blick der schwarzen Augen wie

träumerisch auf den Kronleuchter an der Stuckdecke des Dienstzimmers gerichtet. »Im gleichen Jahre wurde er an der Juristischen Fakultät der Kasaner Universität immatrikuliert. Exmatrikuliert, verhaftet und für ein Jahr im Dorfe Kokuschkino unter Polizeiaufsicht gestellt, im Dezember gleichen Jahres wegen Beteiligung an einer

hochverräterischen Studentenzusammenkunft

Kasan und seit neunundachtzig in Samara, schafft er es, sich das ganze Universitätspensum als Autodidakt im

Selbststudium anzueignen und in Sankt Petersburg das

Diplom als Externer zu erwerben. Ein Diplom ersten Grades,

wie ich schon erwähnte

Wieder in

»Gefährlicher Mann, das!« bemerkt von Kopp.

Ich bin selbst Jurist

»Erstaunliche Leistung als Externer

und kenne die Klippen

Roter ?« Der Oberst streift ihn mit einem flüchtigen, nicht sehr schmeichelhaften Blick. »In der gleichen Zeit studierte er die Werke von Marx und Engels. Beweis: Ein Exemplar

Und ein solcher Kopf ist als

des sogenannten Manifest der Kommunistischen Partei in Uljanows Handschrift, zweifellos von ihm selbst übersetzt und kommentiert. Des weiteren gibt es Versammlungsberichte, in denen Uljanow erwähnt wurde. Das Sonderkorps glaubt sicher zu sein, daß die marxistischen Zirkel, die zweiundneunzig in Samara entstanden, sein Werk waren. Das eindeutige Bekenntnis zu Marx und die Propagierung von dessen revolutionärer Philosophie verrieten ihn.« Subatow unterbricht seine Darlegungen nur, um eine neue Papiros zu nehmen und sich von dem Referendar Feuer geben zu lassen. Er hält auch ihm die Packung hin, doch von Kopp lehnt dankend ab; diese Marke ist ihm zu stark.

»Im August dreiundneunzig kam Uljanow nach Sankt

Petersburg«, fährt der Ochrana-Mann fort. »Wieder geheime

Zirkel

wurden - in seinem glänzenden Stil geschrieben und von

bemerkenswerter Überzeugungskraft

Moskau, nach Nishni-Nowgorod, nach Wladimir, Kiew und

Riga. Dort fand man diese gelben Heftchen, wie sie von unseren Leuten genannt wurden, bei Haussuchungen und Razzien. Dazu zweifellos Kontakte mit dem Pöbel, mit Arbeitern, mit Fabrikleuten und Individuen aus den

Armenvierteln

keine diesbezüglichen Aussagen, aber einfache Leute, die wir ebenfalls faßten und die auch nichts von Kontakten wissen wollten, gebrauchten Argumente, wie er sie publizierte und selbst gebrauchte. Das bedeutet, Herr

Referendar, daß er persönlich Arbeiterzirkel geleitet hat,

Druckschriften, die auf Kopiergeräten vervielfältigt

Sie gingen bis nach

Als wir ihn später verhafteten, machte er

Zirkel, wie

sie

vor

vier

Jahren

beim

Streik der

dreißigtausend

Petersburger

Textilarbeiter

eine

entscheidende Rolle spielten.« Er blickt nun endlich von Kopp wieder an. »Wie er zu wirken pflegt, zeigt dieses Beispiel besonders gut. Die Zirkel arbeiteten und operierten, als stehe er persönlich an ihrer Spitze.« »Tat er das nicht?« Ein kurzes Zucken ist um die Mundwinkel des Obersten. »Er konnte nicht, weil wir ihn schon Ende

fünfundneunzig verhaftet hatten. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung einer illegalen Zeitung. Er ging dafür nach Sibirien. Seit seiner Rückkehr weilt er im Ausland - fortgesetzt hochverräterisch handelnd mit dem erklärten Ziel des Sturzes der Monarchie und der Errichtung der Diktatur des Proletariats durch eine sozialistische Revolution.« Der Gast aus der Zarenresidenz deutet wieder

auf die Porträtfotografie. »Uljanow, Wladimir Iljitsch

Herr Referendar, habe im Jahresbericht des Sonderkorps der Gendarmen betont, daß es jetzt in der Revolution

keinen Größeren gibt als diesen Uljanow. Ich stehe zu meinem Wort.« Adelhelm von Kopp betrachtet das Bild und erinnert sich, daß Subatow sagte, er sei nach Leipzig gekommen, um mit seiner Hilfe einen »großen Fisch« zu fangen. »Und

dieser Uljanow soll in der Messestadt

Der Oberst schnippt einen Tabakkrümel vom Ärmel des Cutaways aus teuerstem schwarzen Tuch. Ja, der hochwohlgeborene Herr trägt den Besuchsanzug der »feinen Welt«, den dunklen Schwalbenschwanz zum gestreiften

Beinkleid, und seine Krawattennadel ziert ein hochkarätiger Brillant. »Ich denke, daß er herkommen wird oder schon hier ist. Und daß man ihn in Leipzig abfangen könnte - ganz ohne Aufhebens, ganz ohne Zeugen. Um ihn direkt dorthin zu schaffen, wohin wir seinen älteren Bruder gebracht haben.« Da er mit Recht annimmt, das gebe seinem Gegenüber nichts, erläutert er knapp: »Er war an einem Attentatsversuch gegen Seine Majestät beteiligt. Alexander Uljanow wurde daraufhin in Schlüsselburg hingerichtet. Er hat einen schnellen Tod gehabt, Herr Referendar.«

Gelassenheit und

Selbstverständlichkeit

und mächtiger Mann, dieser Oberst

lernen, viel lernen. Es klopft, und nun endlich erscheint Kriminalsekretär Schneider mit einem Tablett, auf dem er Kaffee und Kognak balanciert, sowie mit einem Aktendeckel unter dem Arm. »Sie erlauben« , murmelt er. Es kostet ihn Anstrengung, die

Ich,

Wie

er

das

sagt,

mit

welcher

Er ist wahrhaftig ein bedeutender

Von ihm kann man

Getränke auf den Tisch zu bringen, ohne etwas zu verschütten. Die »Acta« - so steht in kalligraphischen

Schnörkeln auf ihrem Deckel - legt er vor von Kopp hin.

»Die befohlenen Papiere

Referendar

wartet, bis sein Untergebener sich entfernt hat, und füllt

Auf

einen Erfolg!« Zu von Kopps Verblüffung steht Subatow auf und zwingt ihn dadurch, sich gleichfalls zu erheben. Sehr

kommersmäßig, wie sie es als Korpsstudenten bei Trinkgelagen aus feierlichem Anlaß taten, trinken die beiden Herren mit abgezirkelten Bewegungen einander zu. Als sie die Gläser abgestellt haben und wieder sitzen, erkundigt sich der Oberst mit einer Kopfbewegung zu der »Acta«:

»Was ist das?« »Russen in Leipzig Subatow verliert sogleich jegliches Interesse. »Unergiebig, Herr von Kopp! Er war früher noch nicht hier.« »Da wäre ich nicht so sicher«, warnt der Leiter des politischen Dezernats. »Sie erwähnten doch eben, er halte sich seit seiner Rückkehr aus der Verbannung im Ausland

auf

»Und?« Wieder hat der Oberst dieses mokante, dieses überlegene Lächeln, das sich auf besseres Wissen gründet. Er lehnt sich neuerlich weit zurück, verschränkt die

Arme vor der Brust und beginnt: »Ihr Dichter Schiller läßt in Don Carlos sagen: Das Seil, an dem er zappelte, war

lang, doch unzerreißbar

auch

Von Kopp macht es sich bequem und müht sich um eine andächtige Miene. Aha, man demonstriert seine Bildung. Das scheint weiter östlich ja überhaupt beliebt zu sein! denkt er. Den »Don Carlos« habe ich natürlich

dann die Gläser. »Ich darf mir gestatten, Herr Oberst

«

»Sie

können

gehen,

Schneider.«

Der

«

«

Wo er sein mochte, war ich

- Der Inquisitor- Kardinal.«

gesehen und gut gesehen — die Bühnen der reichen Messestadt können sich solche Theatergötter als Gäste holen wie Joseph Kainz, dem man schließlich nachrühmt, kein deutscher Komödiant vor ihm habe je als Ferdinand oder als Don Carlos die unerschöpfliche Wahrheit und

Schönheit der Klassiker so aufblühen lassen wie er. Ist mir alles geläufig, was du da erzählst, aber wenn es dir Spaß macht, dich zu produzieren Der Referendar zuckt förmlich zusammen, als nach dem Zitat ohne Umschweife die praktische Nutzanwendung kommt: »Wie der Inquisitor von Carlos sprach, kann die Ochrana von Uljanow sprechen.« Der Oberst erbringt auch sofort den Beweis für seine Behauptung. Zupackend führt er aus: »Erste Station: die Schweiz. Jetziger ständiger Aufenthalt: München in Bayern. Zwischendurch hin und wieder Reisen mit zum Teil — leider! — unbekanntem Ziel. Aus München wieder verschwunden seit der ersten Dezemberdekade. Verschwunden gleichsam unter den Augen meiner Leute, doch nach Meinung meiner Agenten nicht für dauernd.« Insgeheim tut von Kopp seinem Gast Abbitte. Nein, der ist alles andere als ein Schwätzer. »Und Sie meinen, daß er jetzt hier « Subatow steht auf, bedeutet dem Referendar durch eine Handbewegung, er möge ungeniert sitzen bleiben, und geht durchs Zimmer. Vom Fenster her antwortet er: »Uns wird zugetragen, daß eine Gruppe im Ausland lebender russischer Emigranten eine illegale Zeitung herauszugeben plant. Wir kennen die Namen. Der Redaktion im Dunkeln gehören an Uljanow, Axelrod, Martow, Plechanow,

Dazu Madame Smidowitsch-

Potressow, Sassulitsch

Leman als Sekretärin.« Plötzlich stören den Mann im Cutaway seine noch auf dem Schreibtisch liegenden Handschuhe und die Persianermütze. Er ergreift sie und

geht damit zum Garderobenhaken, die Kappe aufzuhängen und die Handschuhe darauf zu packen. Wie beiläufig setzt er seinen Bericht fort: »Jeder einzelne dieser Männer schreibt eine Feder, die das zarentreue und gutgemeinte, leider aber niemanden bewegende Geschwätz der allerten Tagesschriftsteller etwa vom Grazdanin, von der Birzevyja Vedomosti oder vom Sanktpetersburgskija Vedomosti als gegenstandslos vom Tisch fegt. Nun, diese

Zeitungstitel sagen Ihnen wohl nichts »In der Tat, Herr Oberst.«

«

Subatow nickt. Das hat er nicht anders erwartet. »Die Redaktion im Dunkeln, von der ich spreche, ist eine weit auseinandergezogene. Ihre Mitglieder hausen in Zürich, in Paris und München. In München die Smidowitsch-Leman und Uljanow.« Der Oberst wendet sich wieder in den Raum zurück und geht auf den Schreibtisch zu, hinter dem das Bildnis eines uniformierten alten Mannes mit mächtigem Backenbart hängt, das Bildnis des Königs. »Er ist der führende Kopf, ist Redacteur-en-chef. Folgt damit seinem Vorbild Marx. Die Neue Rheinische Zeitung, Sie wissen

« Nun ändert er die Richtung und kehrt an den Rauchtisch

zurück. »Uljanow hat die Revolution zu seinem ausschließlichen Beruf gemacht. Wir sind uns darüber klar, daß er ein außergewöhnlich begabter, hochtalentierter Journalist ist. Das läßt uns der von der Ochrana erwarteten Zeitung mit Besorgnis entgegensehen.« Er schließt abrupt. »Wir haben alle diese Leute seit langem auf unserer Liste und lassen sie nicht aus den Augen.« Von Kopp ist ehrlich hingerissen. Er vermag sich auszumalen, welche und wieviel Arbeit geleistet werden mußte, damit der Oberst hier in dieser Weise referieren kann. »Großartige Recherchen!« anerkennt er begeistert. Subatow ist nicht der Mann, der Schmeicheleien schätzt und sich gern im Glanz von schon Geleiste, tem sonnt. Lieber untertreibt er. »Nichts Besonderes!« wehrt er ab, während er sich wieder setzt. »Fleißarbeit. Ziemlich aufwendig allerdings und kostspielig. Zum Glück erfreuen wir uns der verständnisvollen Gnade Allerhöchstdesselben, unseres kaiserlichen Herrn, und der Einsicht Höchst Seiner Regierung, daß für die Gewährung der inneren Sicherheit des heiligen Rußland kein Preis zu hoch ist.« »Beneidenswert!« verbeugt sich der Referendar. Diesmal greift er zu, als der Gast erneut die Papiros- Packung herüberreicht. »Verbindlichen Dank!« »Ich muß nicht sagen«, kommt der Oberst wieder unmittelbar zur Sache, »wie gefährlich eine Zeitung wie die geplante werden kann. Sie haben da Erfahrungen. Ihr Sozialistengesetz war gut, aber es zerbrach nicht zuletzt am Sozialdemokrat. Das Blatt hielt den Pöbel zusammen. Wir

wünschen nicht, daß ein russischer Sozialdemokrat überhaupt erst erscheint.« Beinahe ohne Tonwechsel schient er dann die Behauptung in den Raum: »Uljanow wird seine Zeitung in Leipzig drucken.« Von Kopp ist eben dabei, seine Kaffeetasse zum Munde zu führen. Die Sicherheit, mit der Subatow spricht, läßt ihn die Tasse zurücksetzen und nach Beweisen fragen. Wieder hat der Oberst aus Sankt Petersburg das mokante Lächeln. Heiliger Georg! denkt er. Ist dieser Mann schwerfällig! Daß er hier die russischen Angelegenheiten bearbeitet, ohne wenigstens unsere Sprache zu beherrschen und die Petersburger Presse lesen zu können - das ist auch nur in Deutschland möglich! Schrecklich kleinkariert und ohne Atem, das Ganze! Doch laut sagt er mit unwandelbarer Verbindlichkeit: »Ich kann logisch denken, Herr Referendar. Uljanow muß eine Druckerei finden, die

kyrillische Schrift besitzt. Wo im Deutschen Reich, frage ich Sie, hat man solche Lettern? Natürlich am ehesten in

Leipzig, dem Mekka des Buchdrucks! Hinzu kommt

ja kein Geheimnis, daß man dieses Königreich selbst in

Berlin, in den Kreisen der Re ichsregierung, das rote Sachsen nennt. Ich habe erfahren, daß man in Preußen eben deshalb Ihre Landsleute nicht mag. Aber Uljanow Ihn und seinesgleichen muß das Schimpfwort naturgemäß

mit Sympathie für Ihre Heimat erfüllen. Sachsen ist die Schmiede, die er braucht, sein Blatt herzustellen. Hier findet er am leichtesten Gesinnungsbrüder, die ihm seine Zeitung bereitwillig drucken.« Er bläst einen dünnen Rauchfaden an Adelhelm von Kopp vorüber, der durch die Nennung ihm peinlicher Epitheta, die dem Namen seines Vaterlandes anhängen, unangenehm berührt ist, greift seinerseits nach der Kaffeetasse und trinkt. »Wie gehen Sie hierzulande gegen insgeheim produzierte Zeitungen vor?« Der Referendar ergreift bereitwillig die Gelegenheit, auszuführen, daß im Königreich Sachsen nicht weniger forsch gegen aufrührerische Presseerzeugnisse vorgegangen werde als etwa in Preußen. Hier wie dort, erklärt er, biete das Reichsgesetz über die Presse die rechtliche Handhabe.

Da ist in bezug auf

Es ist

Paragraph sieben beispielsweise

periodische Druckschriften verfügt worden, daß jedes Stück einer solchen Veröffentlichung Name und Wohnort des verantwortlichen Redakteurs zu nennen hat - dem entsprechen fremdsprachige konspirative Blätter schon aus dem Grunde nicht, weil ihre Redakteure gemeinhin nicht die in Paragraph acht verbindlich festgelegten Voraussetzungen erfüllen. Paragraph acht nämlich bestimmt, daß der verantwortliche Redakteur eine verfügungsfähige, im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindliche Person sein muß, die im Deutschen Reich ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder Wohnsitz hat. Das treffe ja nun wohl auf Russen nicht zu Angewandt werden könne mit Leichtigkeit auch der Paragraph neun. Der Paragraph neun verlangt, da§ von jedem Stück, sobald die Expedition beginnt, ein unentgeltliches Pflichtexemplar an die Polizeibehörde des Ausgabeortes zu liefern ist. Den Paragraphen neun jedoch muß eine revolutionäre Zeitung umgehen, damit die Zensur sie nicht unter Heranziehung jener anderen Paragraphen des Reichsgesetzes über die Presse beschlagnahmt und verbietet, die öffentliche Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze des Staates, Aufreizung zum Klassenkampf, Beleidigung von Einzelpersonen und Institutionen, Gotteslästerung, Verrat von Staatsgeheimnissen und vieles andere mehr unter Strafe stellen. Jeden dieser Sachverhalte

erfüllen konspirative Blätter von der ersten bis zur letzten Seite. Nun, und am Rande könnte man auch das Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reiches ins Spiel bringen, das die Post allein berechtigt, periodische politische Druckerzeugnisse zu befördern und zuzustellen - ausgenommen die Verteilung in einem Umkreis von zwei Meilen rund um den Verlagsort. Und die Redakteure fremdsprachiger Zeitungen arbeiteten ja mit Gewißheit nicht

Das Pressegesetz jedoch schließt

von vornherein die Möglichkeit aus, der Post diesen Vertrieb

an einem Lokalanzeiger

zu übertragen

Most holt!« schließt von Kopp zufrieden. »Man hat seine Erfahrungen mit unerwünschten Gazetten, nicht wahr, und den Leuten, die sie machen. Wenn Sie mich fragen: Mir sind Zeitungsschreiber von jeher aus tiefster Seele verhalt, weil

»Die Gesetzgeber wußten, wo Bartel den

Aufsässigkeit ihre Natur ist. Schwärmer, die glauben, mittels des Tintenfasses die Welt verbessern zu müssen;

Intellektuelle ohne Staatsräson; von einer eingebildeten

Mission Besessene

Oberst Subatow, Hochwohlgeboren, streicht seinen gepflegten schwarzen Bart. Jetzt ist sein Lächeln wohlwollend. Zum erstenmal goutiert er diesen jungen Mann, der bisher einigermaßen unbedarft wirkte. Der beherrscht zweifellos seine Mittel, der hat in Kolleg und Seminar nicht geschlafen, und der zeigt vor allem eine

erfreulich handfeste, keineswegs von des Gedankens Blässe angekränkelte monarchistische Gesinnung. Man kann mit ihm rechnen. Der Offizier vom Sonderkorps der Gendarmen nickt. Nein, es ist nicht Zeitverschwendung, mit diesem Referendar zu sprechen. Er hat ihn geprüft und für gut befunden. »Es ist naheliegend, daß Uljanow nach Leipzig kommt«, nimmt er seinen Faden wieder auf. »Deshalb habe ich diese Reise gemacht.« »Sehr zwingend, was Herr Oberst da entwickeln! Und

bestechend überzeugend, bei Lichte betrachtet

Subatow schmunzelt. »Dasselbe, lieber Freund, habe ich in Dresden schon einmal gehört. Von Ihrem Innenminister. Exzellenz geruhte angesichts des Verschwindens von Uljanow aus München auch zu bemerken, daß keine Zeit zu verlieren wäre.« So gestärkt und bestätigt, macht es sich Adelhelm von Kopp bequem, lehnt sich gemütlich an und verschränkt die Hände im Schoß. »Deckt sich vollkommen mit, meiner eigenen Meinung! Höchste Eisenbahn, zu handeln!« Der Oberst zieht unmerklich die Brauen hoch und erreicht allein dadurch, daß sich der Referendar wieder strafft. »Wollen Sie dann nicht sofort Ihre Maßnahmen treffen, lieber Freund?« Der andere schluckt, fühlt sich überrumpelt und wagt doch nicht, zu bitten, man möge ihm als dem Dezernatsleiter die Entscheidung überlassen, was getan und gelassen wird. Er stammelt etwas, was wie ein »Mit Ihrer

« Er winkt verächtlich ab und schweigt.

«

gütigen Erlaubnis

Porträtfotografie. »Diese Aufnahme

«

klingt, und greift fürs erste nach der

fragt er verlegen. «

» steht zu Ihrer Verfügung! Also

Hinter dem Besucher steht das Innenministerium Seiner Majestät. So schnellt von Kopp bereitwillig hoch,

geht

»Kriminalsekretär Schneider! Alle! Sofort!« Das bringt Bewegung in den kleinen Raum, der ungeachtet der Tatsache, daß hier fünf Männer ihre Arbeitsstätte haben, gegenüber von Kopps Büro bloß ein Loch darstellt. Dieses Loch ist vollgestellt mit Aktenböcken und tintenfleckigen alten Tischen, auf denen traurig verbeulte Thermosflaschen, überfüllte Reklameascher und handschriftlich verfaßte Berichte in trostlos grauen Heftern herumliegen. Neben der Flurtür befindet sich eine Meßlatte, in einem Regal daneben stapeln sich alte Bände des vom Königlich Sächsischen Polizeirat Dr. Urban redigierten »Eberhardts Allgemeiner Polizei-Anzeiger« mit fortlaufend numerierten Steckbriefen, Täterbildern und Signalements in Fahndung stehender Personen. Eine wahrhaft trostlose Lektüre, dieses Blatt, aber die Beamten des operativen Dienstes verbringen viele Stunden damit, sich die Porträts einzuprägen, neben denen kein blaues Kreuz lakonisch mitteilt, dieser Fall sei erledigt. Polizeialltag Sie haben gerade zweites Frühstück gemacht und die mitgebrachten Butterbrote aufgegessen, und der Kriminalwachtmeister Bertram ließ sich wieder einmal des langen und breiten darüber aus, welche Entwicklungschancen man hätte, wenn man sich zum Dienst in den Kolonien melden und auch genommen würde. Da herrscht Bedarf - zu Neuguinea, Togo, Kamerun, Deutsch- Südwest- und Deutsch-Ostafrika sowie Kiautschou ist in diesem Jahr Samoa gekommen, und allerwegen hört man, daß die »lieben Schwarzen« und »lächelnden Gelben« in Wahrheit so lieb und lächelnd nicht seien, wie Reiseberichte sie hinstellen. Ohne »Schutztruppen«, Marineinfanterie und zuverlässige Polizeiorgane kämen die Eingeborenen wohl noch öfter auf die Idee, eigentlich auch ohne weiße Herren leben zu können. Da könne man sich als Polizeimann von

zur

Tür

und

ruft

scharf

ins Vorzimmer:

einigem Schneid auszeichnen. Nur leider

der anderen Bündnispartner Truppen waren gut, 1870/71 die Köpfe hinzuhalten und dann Spalier zu stehen, als Bismarck den Preußenkönig zum Kaiser lancierte, aber in den Kolonien haben die Preußen lieber allein die Finger im

Pflaumenmus. Eine Schande eigentlich

uninteressant, Bertram zuzuhören. Der redet besonders von Samoa, als wäre er schon dagewesen, habe hinter der hufeisenförmigen, hauptsächlich aus Korallenriffen gebildeten Bucht mit dem Hafen von Apia den vulkanischen

Vaea-Berg gesehen und sei am Strande unter Brotfruchtbäumen spazierengegangen. Heute hat er sogar ein Kästchen Stereobilder und einen zusammenklappbaren Betrachter mitgebracht, um den Kollegen sein Traumparadies näherzubringen, aber gerade, als er auspacken will, scheucht sie von Kopps Kommandoruf auf und beendet das zweite Frühstück abrupt. Sie springen auf, sie nehmen hastig ihre Sakkos von den Stuhllehnen und drängen ins Allerheiligste. Oberst Subatow sieht bei diesem eiligen Eintritt der Männer noch

recht gut, daß sie ausnahmslos rohlederne Schulterhalfter auf der Weste tragen und daß aus den Halftern die Kolben der nicht eben kleine Dienstrevolver ragen. Er ist weit davon entfernt, hieran Anstoß zu nehmen. Im Gegenteil - das berührt ihn anheimelnd. Der Referendar demonstriert unbändigen Tatendrang. »Fahndung, meine Herren!« verkündet er energisch. »Gesucht wird der zur Zeit im Deutschen Reich lebende Uljanow, Wladimir Iljitsch. Dreißig Jahre alt. Rechtsanwalt «

» und seit rund zehn Jahren als marxistischer

Journalist tätig!« fällt ihm Subatow mit erhobener Stimme ins Wort, um das Wesentliche hervorzuheben. »Dank der

deutschen Herkunft seiner Mutter spricht er Ihre Sprache

fließend. Das erschwert die Suche nach ihm und erleichtert es Uljanow, hierzulande unterzutauchen. Er hat Bücher und Broschüren zersetzenden Inhalts publiziert, ist der

fortgesetzten Aufreizung zum Klassenkampf überführt

Es ist nicht

Sachsens und

«

»Strafbar nach dem Reichspressegesetz, Herrschaften!« schaltet sich von Kopp wieder ein, und gehorsam wenden sich alle Köpfe für einen Augenblick ihm zu, ehe sie zu dem sitzen gebliebenen großen Mann aus der Fremde zurückschwenken.

» und der Herausgabe und der Expedition einer

illegalen aufrührerischen Zeitung von Leipzig aus hinlänglich verdächtig«, spricht Subatow seinen Satz zu Ende, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

reißt der Referendar die Einweisung

wieder an sich und zieht die Nutzanwendung seiner vorhin dargelegten theoretischen Kenntnisse. »Strafverfolgung nach Paragraph sieben, acht, neun und anderen des Reichspressegesetzes sowie Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reiches, Postzwangsparagraphen. Schneider!« Er reicht dem vortretenden hageren Kriminalsekretär die Porträtaufnahme. »Dies sofort zur Fotoabteilung! Reproduktion. Mindestens zwei Dutzend Abzüge. Marsch!« »Wird umgehend erledigt « »Bertram!« Und als der sportlich trainiert wirkende Samoa-Liebhaber in seinem unternehmungslustigen Golfanzug mit der knappen Kniebundhose zu karierten Kniestrümpfen einen Schritt vor tut und die Hacken klappt, befiehlt er: »Die Bahnhöfe nehmen Sie sich vor! Vor allem den Bayrischen; dort kommen die Münchner Schnellzüge an. Berücksichtigen Sie bei Ihren Erkundigungen, daß Uljanow schon hier sein kann. Sie behalten die Bahnhöfe bis auf Widerruf im Auge. Ab!« Erneutes Hackenklappen, scharfe Wendung Kriminalwachtmeister Koch wird als nächster aufgerufen und bemüht sich verzweifelt, den Bissen hinunterz uschlucken, den er noch im Munde hat. Er läuft rot an bei dem vergeblichen Versuch und hofft nur, er werde nichts sagen müssen. Koch ist ein fetter, kleiner Mann mit pomadeglänzendem Haar und Schnurrbart, bewegt sich jedoch mit der würdevollen Geschmeidigkeit einer überfütterten Hauskatze. Auf der Straße würde man ihn für einen Grand-Hotel-Kellner oder für den Seniorverkäufer einer Parfümerie im Zentrum halten. Ihm wird aufgetragen,

»Also

«,

bei den Droschkenkutschern und Elektrowagenfahrern zu recherchieren, die ihren Stand vor dem Bayrisches Bahnhof haben, und bei den Schaffnern der dort vorüberführenden Straßenbahnlinie. Sodann soll er systematisch die Hotelportiers befragen. »Dito die Pensionsinhaber, einschließlich der billigsten und unbedeutendsten«, schärft ihm von Kopp ein. »Sie besonders! Oder ist Uljanow auf Rosen gebettet?« Die Frage geht an Subatow, der mit einem verächtlichen Lächeln erwidert: »Welcher Berufsrevolutionär ist das? Er wird billiges Quartier nehmen.« »Wie ich sage, Koch!« wendet sich der Referendar wieder an seinen Mann. »Wer ihn gesehen hat, wird sich mit Sicherheit erinnern. Für einen Dreißigjährigen besitzt der Herr erstaunlich gelichtetes Haar. Benutzen Sie das! Gehen Sie.«

Koch klappt die Hacken nicht. Mit einer verbindlich- schmierigen Verbeugung, die seinen Chef jedesmal von neuem ärgert, gibt er zu verstehen, daß er verstanden hat. Koch ist heilfroh, als er endlich wieder draußen ist. Der immer noch nicht verschluckte Bissen quillt im Munde. Der Kriminalwachtmeister speit ihn angewidert in den Papierkorb und greift nach Mantel und Melone. Bertrams Sportmütze und sein karierter Havelock — der Mantel ohne Ärmel, aber mit einer hüftlangen Pelerine — sind bereits weg.

Im Büro des Dezernatsleiters wartet nur noch ein Mann auf Befehle, ein Oberlehrertyp mit beherrschtem, klugen Gesicht und einem Kneifer am Seidenband. Er blickt so sorgenvoll drein, als habe er in der Oberprima lateinische Kommentare zu Cäsars »Gallischem Krieg« zu zensieren. Das ist Wolter, Kriminalwachtmeister Wolter. Er erhält den Auftrag, sich die graphischen Großbetriebe der Messestadt vorzunehmen, die kyrillische Lettern besitzen. Mit Hilfe der Betriebsingenieure soll er, soweit möglich, Fehlbestände im Schriftvorrat suchen, und mit Hilfe der Hauskorrektoren, die der Sprache mächtig sind, vorliegenden Neusatz daraufhin untersuchen, ob die Arbeiter an Setzmaschinen und -kästen nicht nebenbei und insgeheim Texte absetzten, die durch

keinen offiziellen Druckauftrag gesegnet sind. Da hat man in

Leipzig schon die tollsten Sachen erlebt

versichert der Referendar seinem Gast beruhigend, »bereits ein beinahe lückenloses Verzeichnis der in unserer Messestadt vorhandenen deutschen, lateinischen und auch fremden Schriften erarbeitet, Herr Oberst. Eine wahre Sisyphusleistung, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, doch sie befähigt uns, immer an der richtigen Stelle anzusetzen.« »Sehr tüchtig«, anerkennt Subatow, »und nachahmenswert. Mein Kompliment! Man hatte in Dresden recht. Sie zu empfehlen.« Adelhelm von Kopp bedankt sich mit einer leichten, wiederum sehr kommersmäßigen Verbeugung von vollendeter Eleganz, ehe er Wolter losschickt. Der zieht zweimal die Hacken zusammen, einmal vor dem Fremden, einmal vor dem Referendar. Er legt Wert auf gute Umgangsformen. Dabei übertreibt er das Militärische nicht und wirkt auch keineswegs komisch. »Brauchbarer Mann«, denkt Subatow. »Exakt richtig für dieses Dezernat!« Der brauchbare Mann, schon nebenan, steckt noch einmal den Kopf herein. »Sofern Uljanow, Wladimir Iljitsch, in unserem Gesichtskreis auftaucht - befehlen Sie,

zuzugreifen?« Der Referendar sieht fragend zum Oberst, und weil der kaum merklich mit den Augen verneint, erwidert er:

»Unterstehen Sie sich. Ich wünsche fürs erste ausschließlich Observation, aber eine Observation, der kein Schritt und nicht einmal eine Handbewegung Uljanows entgeht, selbst die allerallgemeinste Geste nicht. Dazu Verbindungen, Anlaufstellen, Kontakte - die alten Leute vom Außendienst wissen schon. Ich werde laufend informiert! Ist das klar?« »Das ist klar, Herr Referendar.«

sich

unternehmungslustig die Hände. »Ich könnte mir vorstellen, daß Uljanow zu seinem Leipziger Klüngel Kontakt aufnimmt. Zu Emigrantenfamilien, zum Russischen Akademischen

Verein

»Aber ich habe«,

Die

Tür

klappt.

Adelhelm

von

Kopp

reibt

«

»Wenn er nicht sogar dort unterkriecht. Das ist auch eine Möglichkeit«, nimmt Subatow die Bemerkung lebhaft auf. »In dieser Richtung haben Sie noch keine Befehle erteilt.« »Dafür«, schmunzelt der Referendar und besitzt Oberwasser, »ist vorgesorgt. Für diese Strecke besitze ich einen ausgezeichneten Mann. Einen Wachtmeister Reichert. Er kontaktiert gerade mit einem russischen Studenten. Wir haben unter denen wie unter den Emigranten natürlich V- Leute.«

»Natürlich«, entgegnet der Oberst in einem Ton, der Verwunderung über die betonte Erwähnung einer solchen Selbstverständlichkeit auszudrücken scheint. »Wenn in diesen Kreisen etwas anläuft«, beeilt sich von Kopp daher, fortzufahren, »müßte es mit dem Teufel

zugehen, wenn es uns nicht zugetragen wird. Reichert ist gerade dabei, die V-Leute zu erhöhter Aktivität anzuspornen. Er sorgt auch dafür, daß wir gezielte Aufträge ohne Zeitverlust morgen an sie weitergeben können.« »Sehr begabt!« lobt der Ochrana-Mann und greift neuerlich nach der Papiros-Schachtel. Seine Fingerkuppen sind gelb von Nikotin; er raucht gleichsam pausenlos. Der Referendar reicht Feuer und setzt sich wieder. »Ich tue, was ich kann und was sich im Rahmen unserer Möglichkeiten machen läßt«, versichert er. »Sofern Uljanow kommt oder schon hier ist, werden wir ihn nach allen Regeln der Kunst feststellen und einkreisen. Den Rest, Herr «

Subatow nickt. »

überlassen Sie mir! Was sollen

Sie sich auch noch mit unseren russischen Roten belasten, nicht wahr? Sie haben da, glaube ich, im eigenen Lande genug zu tun.« Diese Bemerkung zu deuten fällt dem Referendar einigermaßen schwer. Klingt sie nicht gar, als tadle der Oberst ein nach seiner Meinung vielleicht zu lasches Vorgehen der hiesigen »hohen« Polizei gegenüber allem, was nicht fest zu Thron und Altar steht? Na, der hat gut kritisieren! In seinem eigenen Reich ist noch kein Otto von Bismarck, als er gerade für alle Ewigkeit im Sattel zu sitzen

schien, durch eine Arbeiterpartei aus dem Verkehr gezogen

worden

Daran kann man nicht einfach vorbeigehen.

7

Im »Kaffeebaum« nahe der Thomaskirche haben sie einen Edison-Phonographen. Hin und wieder zieht ihn der Oberkellner persönlich auf. Dann klingen, aus einer rotierenden Walze hervorgelockt, Weihnachtslieder durch das intime Café. Das besitzt immer noch die behagliche, anheimelnde Gemütlichkeit, die wohl seinerzeit den Thomaskartor Bach gern hier verweilen ließ. Womöglich bevorzugte auch er den Vormittag für eine besinnliche Kaffeestunde; da ist die Zahl der Gäste klein; da kann man ungestört den eigenen Gedanken und Plänen nachhängen, in aller Ruhe Zeitung lesen oder sich unterhalten, ohne der Nachbarn am anderen Tisch wegen leise sprechen zu müssen. Es liegt in Kriminalwachtmeister Reicherts Natur, daß er dann und wann mit schnellem Rundblick die anderen Gäste mustert und mißtrauisch prüft, ob da nicht jemand ist, der ihn und seinen jungen Informanten beobachtet und insgeheim registriert, wie viele süße Törtchen, welche Berge von Schlagsahne und wie viele Kannen Kaffee jener zu Lasten des Verfügungsfonds eines königlichen Polizeiamtes verzehren darf. Aber nein, sie beide werden wohl nicht observiert. Da sitzt in der Nähe eine würdige Matrone, die anscheinend die Fräulein Töchter von der Bahn abgeholt hat - zwei geradezu mondän gekleidete junge Damen. Die eine plappert mit viel Prusten und Lachen von Nichtigkeiten des vornehmen Internats, aus dem sie und die Schwester wohl eben kommen. Die andere, ältere tuschelt mit einem Fähnrich im knappsitzenden lindblauen Rock der sächsischen Gardereiter. Sie überläßt ihm willig ihre schönen schlanken Hände und hat einen feinen, erregten Glanz in den Augen. Der Verlobte vermutlich, zur Begrüßung extra aus Dresden angereist Ein Stück hin sind zwei distinguierte Herren, vielleicht Universitätslehrer, in die ernsthafte Diskussion über ein vor ihnen liegendes illustriertes Blatt vertieft. Sie streichen ihre Vollbärte, rücken an dünn gefaßten Brillen

und wären sicher unangenehm berührt, wenn sie wüßten, daß der unscheinbare Mensch mit der wie ausgefransten Haarbürste dort, Reichert, mit intuitiver Sicherheit errät, worüber sie sprechen. Dazu bedarf es keiner hellseherischen Begabung; der Kriminalwachtmeister kennt die Zeitschrift

und sieht, welche Seite aufgeschlagen ist. Es handelt sich um die »Nové ilustrované listy«, die in Prag und Brno erscheint, und das Gespräch kreist offensichtlich um das Bild, das darstellt, wie der Burenführer Paulus Krüger sich in diesem Monat nach seiner Ankunft in Marseiile im Hotelzimmer von drei Lichtbildnern für die Presse fotografieren ließ. Er sitzt da, ein schwerer, massiger Mann mit wallendem weisen Bart, in einem Sessel, ein Jüngerer steht neben ihm, und gleichsam im Halbkreis vor ihnen haben die Fotografen ihre Apparate aufgebaut. Kriminalwachtmeister Reichert kennt das Bild. Reichert klopft die erkaltete Asche aus dem Pfeifenkopf - denn er ist ein eingeschworener Pfeiferaucher - und konstatiert mit Genugtuung, daß er trotz gedanklicher Abschweifungen behalten hat, was der Informant

unterdessen

sagte.

Es

ist

alles

Übung.

Der

Kriminalwachtmeister

zieht

die

Bambushülse

von

der

Kopierstiftspitze,

gewohnheitsmäßig mit der Zunge anfeuchtet, und macht ein

paar Notizen. Immer, wenn er etwas zu Papier gebracht hat, klappt er den Deckel des Taschenblocks wieder zu, als fürchte er ständig eine Einsichtnahme durch Unbefugte. »Das war umsichtig«, urteilt Reichert, als habe er ununterbrochen aufmerksam zugehört. »Sofern es jetzt ein allgemeiner Trend unter den Emigranten und Studenten ist, Herrn Marx anzubeten, müssen Sie das natürlich mitmachen, sonst kommen Sie da nicht voran.« Er kratzt sich hinterm Ohr und schüttelt ein wenig den Kopf. »Aber das ist neu, wie? Wie kommt es denn, daß die alte Grüppchenbildung nicht weiterzugehen scheint? Es sah doch aus, als würden sich die Herrschaften glücklicherweise

niemals zusammenfinden

Volkstümler um, bei denen Sie bisher

Kippen etwa gar die

die

er

vor

dem

Schreiben

Der Student rülpst dezent hinter der vorgehaltenen

Hand. Dann lehnt er sich zurück, schlägt die Beine übereinander und erklärt: »Der Stamm ist

selbstverständlich bei der Stange geblieben. Aber die

anderen

allem eine rückläufige Tendenz

die Kurve gekriegt, als ich mit den Kommilitonen ging, die neuerdings die Volkstümler-Thesen als blanken Hohn deklarieren. Sie kennen ja diese Thesen: Die Bekämpfung der Selbstherrschaft ist unnötig. Die Regierung Seiner Majestät steht patriarchalisch über den Klassen und wird den einfachen Menschen helfen. Man muß lediglich die an sich wohlgesonnenen Behörden zu einigen Reformen veranlassen, um zu verhindern, daß das tüchtige Bäuerlein und damit die Mehrzahl meiner Landsleute mehr und mehr bei den Großbauern verschulden und in

Abhängigkeit von ihnen geraten. Und so weiter

tendiert jetzt dazu, das als ein Wunschdenken zu disqualifizieren, das von der rauhen Wirklichkeit ad absurdum geführt wird. Die so sprechen, sind noch die Gutwilligen.« »Und die Böswilligen?« »Die Böswilligen«, nimmt der Student das Stichwort auf, »behaupten, daß die Volkstümler in ihrer heutigen Form ausschließlich die Interessen der reichen Kulaken und

damit der Oberschicht in den Dörfern vertreten, daß sie also falsche Volksfreunde sind. Das ist ein vernichtendes Urteil, Herr Reichert! Vergessen Sie nicht, daß all die Grüppchen, von denen Sie sprachen, letztendlich durch die Behauptung Anhänger finden, daß sie nach einer Besserung der Lebensverhältnisse unserer russischen Menschen streben. Diese Besserung liegt der Mehrzahl der Intellekt uellen meiner Heimat am Herzen - so fremdartig das für deutsche Ohren klingen mag.« Darauf geht der Kriminalwachtmeister nicht ein. Er blättert in seinem Block vor- und rückwärts und erinnert sich früherer Gespräche mit dem Informanten. »Ich dachte bisher«, dehnt er, »daß gerade die Volkstümler mit

Sie erschrecken die Leute nicht

mit Gedanken eines Umsturzes von Grund auf, sie knüpfen

Leichtigkeit ihre Anhänger

Kaum noch Neuzugänge, verstehen Sie? Alles in

Ich habe noch rechtzeitig

Nun, man

an an das, was den Leuten jahrhundertelang eingehämmert wurde und ihnen in Fleisch und Blut überging, an den Glauben, an die väterliche Güte Seiner Majestät, an die

Möglichkeit von Reformen

Der Studiosus — Mediziner ist er übrigens — zuckt die Achseln. Er hat eine Zigarre bestellt und wählt nun sachverständig in der geöffneten Kiste, die ihm der Oberkellner zuvorkommend darbietet. Erst, nachdem er eine Virginia entnommen und bedächtig den in sie eingezogenen Strohhalm entfernt hat, erwidert er: »Das ist

ein Prozeß, lieber Herr, der schon eine ganze Weile schwelte. Daß er mir eine Zeitlang verborgen blieb - nun, ich habe keine politischen Ambitionen, wie Sie wissen; ich kümmere mich um das alles nur, um Ihnen gefällig zu sein und weil das Salär sehr schmal ausfällt, das ich von daheim

Immerhin bin ich aber dahintergekommen, was

diese Bewegung auslöste.« Er beugt sich zu der auf dem Tisch brennenden Kerze, raucht seine Zigarre an und spricht dann sofort weiter: »Das waren die von einem gewissen Uljanow, Wladimir Iljitsch, in einem Buch zur Geschichte des

Kapitalis mus in Rußland dargelegten Erkenntnisse.

Blendender Kopf übrigens, brillante Feder

daß die Volkstümlerbewegung aus einer revolutionären zu einer liberalen Richtung geworden sei, schließen sich mehr und mehr Kommilitonen an. Ebenso seiner These, daß die allgemeindemokratischen und von ihm als achtbar bezeichneten Forderungen der ursprünglichen Volkstümlerbewegung heute nicht mehr von den Volkstümlern, sondern - und das exakter, tiefer und weiter, als diese es jemals vorhatten - nur von den Marxisten vertreten würden, und zwar im politischen Kampf der Arbeiterklasse im engsten Bündnis mit der Bauernschaft. Zumindest leuchtet jedem ein, daß die Arbeiter weder Grund noch das Bedürfnis haben können, die Interessen der Kulaken zu vertreten - sogar mir!« Er scheint diese Bemerkung für einen guten Witz zu halten, denn er lacht. »Und das will schon etwas bedeuten«, bestätigt der Kriminalwachtmeister mit so viel Verbindlichkeit, wie er

erhalte

Und nun auf einmal ?«

Seiner Meinung,

eben aufzubringen vermag. »Es hätte nichts geschadet,

wenn Sie ein wenig eher

schüttelt verdrossen den Kopf und schaut traurig der Matrone zu, die samt ihrer Begleitung zum Aufbruch rüstet. Mama und die ältere Tochter haben bereits die Mäntel an,

der jüngeren hilft der Fähnrich eben höflich in den ihren. Dann nimmt er aus den Händen des Oberkellners den eigenen Mantel, die schneidig gekniffte Mütze und seinen Kavalleriesäbel entgegen. Das Trinkgeld muß enorm gewesen sein - seine Höhe wird aus Häufigkeit und Tiefe der Verbeugungen des Oberkellners annähernd erkennbar. Und draußen steht auch bereits eine wartende Droschke Er räuspert sich, leckt abermals die Kopierstiftspitze an und zwingt sich zu fortgesetzter Sachlichkeit. »Wenn ich Sie recht verstehe, ist also die Anhängerschar des Herrn Struve gewachsen. Nicht

«

Er bricht gleich wieder ab,

uninteressant

«

Gerade

so

wünscht

der

Studiosus

seine

Ausführungen nicht verstanden zu sehen. Nein, zu Herrn Struve und seinen »legalen Marxisten« seien die Kommilitonen nicht übergegangen, widerspricht er. Allein, daß die »legalen Marxisten« in Rußland offizielle Zeitungen und Zeitschriften haben dürften, mache sie den Emigranten aufs höchste verdächtig und als Träger eines revolutionären Gedankens unglaubwürdig. Die Russen in Leipzig schlössen sich mehr und mehr der scharfsinnigen Argumentation des besagten Uljanow an, die sogenannten legalen Marxisten seien in Wahrheit verkappte Wegbereiter des Kapitalismus, die die Volkstümler und deren Eintreten für die Kleinproduktion angreifen, weil sie diese als einen Hemmschuh auf dem Wege zur vollen Entfaltung der Industrieproduktion betrachten. Uljanow sehe in den Struve-Leuten eine Gruppe, wie es ähnliche auch in westeuropäischen Ländern gäbe - eine Gruppe, die sich als Marxanhänger ausgibt, dieses Aushängeschild jedoch dazu benutzt, die Lehre von Marx zu entstellen und sie des revolutionären Inhalts zu berauben. »Dieser Richtung treten Uljanows Anhänger unversöhnlich entgegen«, schließt der Informant. »Für sie sind, wenn ich das richtig sehe, die

Grundlagen des Marxismus nun einmal die Lehre von der sozialistischen Revolution und der Diktatur des Proletariats. Struves Forderung, unsere Kulturlosigkeit anzuerkennen und beim Kapitalismus in die Lehre zu gehen, lehnen sie rundheraus ab. Es ist eine andere Richtung, wie ich meine. Eine gefährlichere, wie ich überzeugt bin.« Der Kriminalwachtmeister unterstreicht den notierten Namen - Uljanow, Wladimir Iljitsch. »Kaum vorstellbar«, murmelt er, »daß dieser Mensch es durch ein Buch geschafft hat, diese Umstrukturierung zu erreichen. Durch nichts als

ein Buch

Er

behaupte nicht, er beweise. Und überzeuge durch die unantastbare Logik seiner Kommentare. Nun wünschen sie

sich nichts sehnlicher, als ihn einmal hier zu haben und mit ihm disputieren zu können. Na, wenn er nur halb so gut redet, wie er schreibt, steckt er sie alle in die Tasche. Dann können Sie, lieber Herr, statt Russischer Akademischer Verein und Emigranten gleich die Partei Uljanows sagen. Die wenigen anderen zählen dann nicht mehr.« »Und wird er kommen?« erkundigt sich Reichert mit so farbloser Gleichgültigkeit, daß diese einen geübteren Spitzel als den angehenden Mediziner hellhörig machen müßte. Aber dem sagt der falsche Ton nichts. Er erzählt bereitwillig, es sei wohl versucht worden, Uljanow einzuladen, doch ob eine Antwort erfolgt sei, ob eine Zusage

gekommen wäre

Volkstümler verlassen »Recherchieren Sie das! Recherchieren Sie das unbedingt!« bestimmt der Kriminalwachtmeister. Wichtig ist, daß er, Reichert, seinem Referendar Neuigkeiten aufzutischen weiß, die die Stellung des künftigen Kriminalrats vorteilhaft beeinflussen und damit auch seine eigene Position. Was er heute erfahren hat, wird das Innenministerium wohlwollend zur Kenntnis nehmen und es dorthin weiterleiten, wo man etwas damit anzufangen weiß. »In diesem Sinne also«, sagt er. »Sie würden auf Dankbarkeit rechnen können, wenn Sie schon bis morgen

«

»Man

sagt

mir,

er

sei

ein

großer

Publizist.

Er, der Student, habe erst kürzlich die

etwas wüßten. Gegebenenfalls würde ich mich bewogen

fühlen, Ihre - hm, Aufwandsentschädigung angemessen

zu erhöhen

* Sie sind allein in der kleinen Druckerei, Ilse Rauh und ihr Mann. Hermann hat die Nickelbrille aufgesetzt, die er zum Lesen fast immer und zum Setzen meist benutzt, hat sich am Schreibtisch niedergelassen und redigiert die letzten Beiträge für die »Arbeiter-Turnzeitung«. Es sind zumeist kurze Berichte über die Arbeit einzelner Arbeitersportverbände, in einer schlichten, schmucklosen Sprache geschrieben, in knappen Sätzen und manchmal unbeholfen formuliert. Das ist nicht wichtig, dem kann Rauh abhelfen. Wichtig sind die Inhalte der Meldungen - Nachrichten von organisatorischen und sportlichen Erfolgen, von gewachsenen Mitgliederzahlen und festem Zusammenhalt. Darauf kommt es an. Durch ihre Weitergabe verbindet die »AT« die einzelnen Verbände, schließt sie enger zusammen, macht sie zu einer Gemeinschaft. Während Hermann in seiner blauen Arbeitsjacke so

sitzt, geht Ilse leise durch die Druckerei. Paul Thomas ist nicht da, den hat der Meister mit Aufträgen hinausgeschickt, und Emma macht sich drüben im Haushalt nützlich. Auf diese Weise ist hier Gelegenheit für ein paar ordnende Handgriffe. Rauh hebt flüchtig den Kopf. Er kennt seine Ilse; er weiß, daß ihre augenblickliche Beschäftigung nur ein Vorwand ist. »Schieß los!« sagt er in die Stille hinein. »Wo drückt dich der Schuh?«

«

*

*

zu

bestreiten, daß er recht hat. »Unser Gast

lebhaft. »Wie ihr ihn alle behandelt, das macht mich

Sie

geht

gleich

zu

ihm

und

versucht

«,

nicht

beginnt sie

neugierig. Marchlewski, Nusperli und du

Haben wir das

Buch, von dem ihr gesprochen habt?« »Nein«, bedauert er sofort. »Leider

Ich bekam es

nur leihweise für ein paar Tage, und da war es schon so

zerlesen, daß es eigentlich bloß noch aus fliegenden Blättern

bestand. Es ging von Hand zu Hand, weißt du »Schade.«

«

Hermann redigiert Artikel, streicht, stellt um, formuliert einen Satz neu, schüttelt manchmal unzufrieden den Kopf und fängt noch einmal von vorn an. Und lächelt, als seine Frau unvermittelt fragt: »Weißt du nichts, womit wir ihm eine besondere Freude machen könnten?« Das ist so ihre Art, Anteilnahme und Bewunderung auszudrücken. *

Oberst Subatow, ehe er sich

mittels eines Motorenwagens des Polizeiamtes in sein Hotel begab, Adelhelm von Kopp ein - wie er sagte - bescheidenes Erinnerungsgeschenk überreicht. Der Referendar sah darin richtig ein Zeichen wohlwollender Anerkennung seitens des mächtigen Mannes aus den Reihen der Ochrana, fühlte sich erhoben und geehrt und brachte das in gewählten Worten gebührend zum Ausdruck. Als er das handlange saffianlederne Etui öffnete, verschlug es ihm allerdings die Rede. Von solchen kaum spannenlangen, aber voll funktionstüchtigen Miniaturrevolvern aus den Werkstätten der Büchsenmacher in Tallin hat von Kopp schon gehört; Waffensammler wiegen solche Wunderwerke handwerklicher Präzisionsarbeit geradezu mit Gold auf - und Subatow reichte das Etui herüber, als trenne er sich bestenfalls von einer Packung Zigaretten seiner Lieblingssorte! Ein ungewöhnlicher Mann, wahrhaftig. De r Referendar ließ sich noch einmal Kaffee kochen. Nun raucht er mit Genuß eines seiner Zigarillos, fühlt sich wohl und sucht die winzige Waffe zu ergründen. Ganz einfach ist es nicht, die Patronen von der Dicke einer starken Bleistiftmine in die kleine Tro mmel zu bringen, aber es gelingt. Gleich hier im Büro einen Probeschuß zu tun, verkneift sich von Kopp — die niedlichen Dinger sollen eine verblüffende Durchschlagkraft besitzen. Gut gelaunt nimmt er den Telefonhörer ab, als die Klingel des Apparates anspricht, und gut gelaunt meldet er sich. Sein Gesicht erhält, sobald am anderen Ende der Leitung die ersten Worte gefallen sind, sofort einen konzentrierten, ja, lauernden Ausdruck.

*

*

Zu

guter Letzt hat

»Woher sprichst du denn, Paul?« erkundigt er sich. »So? Na, dann faß dich ganz kurz und sage nur das

Wichtigste, damit du in deinem Postamt nicht auffällst. Wir

treffen uns lieber irgendwo

Das Telefonat endet rasch. Adelhelm von Kopp schmunzelt spöttisch, als er abhängt, abläutet und die Vorzimmerklingel betätigt. Fast augenblicklich tritt der hagere Kriminalsekretär Schneider ein. »Die Aufnahmen sind gemacht. Sie wässern gerade«, meldet er. »Die Personenbeschreibung wird auf Schreibmaschinen getippt, weil das schneller geht. Sobald ich das Material habe, schwärmt die ganze Einsatzgruppe aus.«

«

Der Referendar nickt ihm zu und erklärt gönnerhaft, solche Organisationsarbeit wisse er bei einem so

gewissenhaften

und

korrekten

Manne

in

den

besten

Händen.

»Nun mal etwas anderes, Schneider. Ich brauche bis

heute

abend

die

letzten

Nummern

der

Allgemeinen

Automobil-Zeitung.

Erscheinungsort

ist

die

k.

u.

k.

Residenzstadt Wien. Das Blatt wurde erst in diesem Jahr gegründet.« Der Sekretär sieht ihn interessiert an und fragt, ob der Herr Referendar die Absicht habe, sich einen Wagen Von Kopp schüttelte den Kopf. »Halten Sie mich für verrückt? Pferd bleibt Pferd, wenn Sie mich fragen. Aber ich habe da einen Autonarren unter meinen Informanten, und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.« Schneider blickt auf das Saffianlederetui auf dem Schreibtisch und versichert, es werde alles prompt erledigt werden. »Noch etwas!« hält der Referendar ihn zurück, als sich der Sekretär schon zum Gehen wendet . »Der Einkauf geht zu Lasten des Verfügungsfonds, wie sich am Rande versteht.« »Wie sich versteht!« wiederholt Schneider trocken.

8

An diesem Abend dunkelt es noch früher als sonst im Dezember. Es schneit wieder, und die tiefziehenden Wolken beschneiden das letzte Tageslicht. Die Gaslaternen in der Probstheidaer Hauptstraße zeichnen zischend kleine gelbe Inseln auf die Schneedecke. Um die Glaskörper der Gaszylinder herum wirbeln die Flocken so dicht, daß sie förmlich eine Mauer um die Lampen stellen. Die tagsüber festgetretenen gefegten Wege versinken im Schnee. Den treibt ein mäßiger Wind auch gegen die erleuchteten Fenster der umliegenden Bauerngehöfte und der nahen Großgärtnerei und hängt ihn davor wie einen schirmenden Vorhang, der die Geborgenheit geheizter Räume noch abgeschiedener und stiller macht. Die Straßen veröden schnell. Noch bringt die Pferdebahn Arbeiter aus Leipziger

Fabriken nach Hause, noch laufen eilige Frauen zum Kaufmann, eine vergessene Besorgung in letzter Minute nachzuholen, aber sie alle halten sich nicht auf und gehen, auf dem kürzesten Wege unter schützende Dächer zu gelangen. Im Sommer hat man Zeit für einen gemütlichen Schwatz vor der Haustür und im behaglichen Schatten der Straßenbäume. Dann macht es Freude, den Tauben zuzuschauen, die sich in einer letzten bogenförmigen Runde zum blauen Himmel erheben, ehe sie für die Nacht in ihre

Schläge heimkehren, doch jetzt

lockt nichts so sehr wie die eigenen vier Wände. Paul Thomas hat sich - darauf legt der Meister Wert - nach getanem Tagwerk die Hände gewaschen und schlüpft in seine Joppe, als Emma aus dem Wohnhaus herübergelaufen kommt und vor das Nagelbrett tritt. Sie beide sind allein in der kleinen Druckerei, Hermann Rauh ist schon hinübergegangen. Emma sucht in den Fahnenabzügen herum und nimmt dann einen vom Nagel. »Vati will noch einmal hineinsehen, weißt du«, wirft sie hin. »Da gibt's wohl einen Absatz, der ihm gar nicht gefällt.«

In diesen rauhen Monaten

»Du liebe Güte!« seufzt Paul. »Dann setze ich den Quatsch morgen noch mal.« Er nimmt seine Pudelmütze heraus und zerrt sie sich über den strubbligen Haarschopf. »Machs gut, Emma! Ich brause ab!« Sie hat Lust, noch ein bißchen zu stänkern. »Hast es heute aber eilig! Sieht ja aus, als hättest du eine neue Detektivgeschichte zu Hause.«

Damit

kann

sie

ihn

nicht

ärgern.

Er

sieht

sie

überlegen an.

»Stimmt

sogar

genau!

Eine

Studie

in

Scharlachrot, ganz toll! Das ist mal ein Held, sage ich dir! Sherlock Holmes heißt er. Über ihn müßte es noch viel mehr Bücher geben. Wenn du magst, pumpe ich dir dieses.«

das

gutgemeinte Angebot zu machen. Pro mpt hebt sie die

Schultern und entgegnet schnippisch: »Wenn du nichts

anderes hast

»Gans!« knurrt er leise und böse. Sie hat es trotzdem gehört und wendet sich um. »Was war das?« erkundigt sie sich katzenhaft freundlich

und kommt kampflustig einen Schritt näher. Paul steht schon wie auf Kohlen und hat keine Zeit zu verlieren, erst recht nicht mit solchen Kindereien; wie er ein wenig von oben herab denkt. Auf ihn warten wichtigere Angelegenheiten. »Ganz schön kalt heute, wollte ich sagen«, kriegt er hastig die Kurve. »Wenn du mich nur einmal ausreden

« Er geht demonstrativ auf den Ausgang zu. »Bis

morgen.« Sie bedauert, daß aus dem schönen Streit nichts wird. Einen letzten Versuch unternimmt sie noch, doch der fällt ziemlich schwach aus. »Bis morgen! Und schlaf bloß nicht ein über dem Schmöker.« Dem weiß er zu begegnen: »Es ist ja keine Liebekleine-Mädchen-Geschichte, Emma.« Damit ist er draußen. »Blöder Bengel!« ruft sie hinter ihm her und wendet sich ins Haus. Wenn schon aus dem schönen Streit nichts

Er

weiß

gleich,

daß

es

falsch

war,

ihr

«

und geht, die Fahne schwenkend, zur Tür.

geworden ist - daß sie wenigstens das letzte Wort gehabt hat, das tröstet ein wenig. Paul geht pfeifend die Hauptstraße hinunter, auch er recht zufrieden mit sich und gut gelaunt. Dazu kommt, daß ihn die frühe Dunkelheit mit den gelben Lichtflecken der Laternen wie ein Abenteuer berührt. Jetzt kann er sich schön einen erregenden Gang ins Ungewisse ausmalen, Schritte, von denen jeder Unerwartetes bringt, und im Unsichtbaren eine geheimnisvolle, eine schweigend lauernde Gefahr. Unternehmend stellt er den Kragen der Joppe hoch

und geht ein wenig breitbeiniger - so, wie Leute tun, die vor Kraft kaum noch laufen können. Ja, und es würde ihn kein bischen wundern, wenn plötzlich eine gutgekleidete Dame aus einem Haustürschatten auf ihn zutreten und mit rührender Hilflosigkeit sagen würde: »Ich weiß nicht mehr

ein noch aus, Sir! Helfen Sie mir, oder ich bin verloren

Und dabei müßten über ihr wunderschönes Gesicht Tränen rinnen. Genauso fangen die Geschichten oft an, die er liebt. Es trifft ihn wie ein Schlag, als da plötzlich eine Stimme ist, die unmittelbar neben ihm sagt: »Herr Thomas!

Paul!«

So sehr war der Junge in die bunten Phantasiebilder eingesponnen, daß er auf den Mann nicht geachtet hat, der hier auf und ab ging, als wolle er eben vor dem Heimgehen

etwas frische Luft schöpfen. Selbst wenn er ihn gesehen hätte, wäre Pauls Aufmerksamkeit schnell wieder erloschen. Ein begüterter Bürger, ein Rentier vielleicht, hätte er gedacht, der auf seine beschauliche Weise den Tag beschließt. Die karierten Knickerbockers, die pelzgefütterte

Windjacke, die flotte

Fremden näher betrachtet, erkennt ihn Paul an den Säbelhiebnarben und dem zwischen den Zähnen gehaltenen Zigarillo. »Herr von Kopp?« fragt er überrascht. »Wahrhaftig, ich hätte Sie nicht erkannt « Der Referendar nickt. »Wir haben doch neulich von Verkleidungen gesprochen. Da siehst du, wie einfach das ist, im Dunkeln noch dazu - ein anderer Anzug, und schon läufst du an mir vorbei!«

«

Erst, als er den

»Das geschieht mir

nur

einmal!

Bestimmt!«

versichert Paul mit einer Beschämung, die sich mit Bewunderung paart. »Von Ihnen kann man eine Menge

« »Lieber nicht, mein Junge«, geht der Referendar

sofort darauf ein. »Hast du nicht gewußt, daß dort heute eine Versammlung der SPD-Ortsgruppe stattfindet? Ich habe es gerade im Vorbeigehen gelesen. Diskussion über die revisionistischen Theorien eines gewissen Eduard

Bernstein

Dein Chef wird auch hingehen. Wenn er uns

lernen. Aber wir wollten uns doch im Restaurant

zusammen sieht, macht er es dir vielleicht unmöglich, ihm zu helfen. Er könnte sich gegängelt fühlen, und wer mag das schon?«

muß

wahrhaftig noch viel lernen. Daß er nicht auf diese

Versammlung aufmerksam wurde

verlegen erwidert er: »Wir lassen ihn besser ahnungslos. Sobald wir zupacken, wird er schon merken, daß es zu seinem Besten geschieht.«

für die

Dauer eines Augenblicks nicht klar, ob das nicht nackter Hohn ist, ob ihn der Junge nicht verspottet. Doch nein, diese Augen sehen ihn so offen und eifrig an, daß er nicht fürchten muß, durchschaut zu sein. Nein, nein, diesen Bengel kann er nach Belieben formen, der ist Wachs in seinen Händen. »Ja, natürlich zu seinem Besten!« bestätigt er im Brustton der Überzeugung. »Es war umsichtig von dir, mich anzurufen und mich von deiner Wahrnehmung zu unterrichten. Mit dieser Nase kannst du etwas werden! Ganz erstaunlich! Da muß ich dir ein Kompliment machen.« Paul Thomas strahlt. »Meine Meldung nutzt Ihnen,

ja?«

»Noch nicht viel«, schränkt Adelhelm von Kopp vorsichtig ein. »Daß es morgens nach Kaffee und Nikotin roch, das ist noch zuwenig.« Damit der Junge nicht enttäuscht in seinem Eifer nachläßt, hält er es für geraten, genau zu erklären, was er meint, und den Tadel in einen Ansporn umzumünzen. »Würde ich Rauh auf diesen Hinweis

Der Lehrling beißt sich

auf

die

Lippen. Er

Zu dumm! Rasch und

»Wie?« fragt der Referendar und

ist

sich

hin zur Rede stellen, er brauchte nur zu sagen, am Vorabend habe ihn ein Kunde besucht und es wäre seither nicht gelüftet worden. Aus und vorbei, Paul!« »Müßte er nicht sagen, wer bei ihm war?« Das klingt ziemlich kleinlaut. Von Kopp beantwortet die Frage mit einer anderen.

»Falls er etwas verbergen wollte, glaubst du nicht, daß er Freunde besitzt, die ihm zuliebe schwindeln würden?«

»Aber

«,

setzt der Junge an und bricht gleich ab.

»Was?«

»Nichts.« Der Referendar ist Psychologe genug, um zu fühlen, daß sich Paul in dieser Sekunde vor ihm verschlieft, daß da ein Gedanke ist, der seinen, von Kopps, Plänen mit dem Jungen zuwiderläuft. Er muß ihn unterbrechen und entkräften, wenn er sein Spiel nicht verlieren will. »Ich bin überzeugt«, sagt er unvermittelt sehr eindringlich, »daß du das Zeug zu einem Detektiv hast, wie

er im Buche steht

« »Ihr Ernst?« öffnet sich Pauls verschlossenes Gesicht

wieder.

»Mein voller Ernst! Ich besitze den Blick dafür«,

betont der Referendar nachdrücklich, »und wenn du dich

bewährst

an tüchtigen Agenten, vor allem an Leuten mit

Spezialkenntnissen. Denke an den Wachtmeister, der bei

Der hat mal Schriftsetzer

gelernt wie du, ist als Kavalleriegefreiter siebzig/einundsiebzig bei den Feldjägern eingesetzt worden

und kam schließlich, weil ihm die Polizeiarbeit gefiel, zu uns. Mit seinen Kenntnissen hat er sich vom einfachen Polizeidiener bis zum Wachtmeister hochgearbeitet. In meinem Dezernat ist er geradezu unentbehrlich geworden. Wir brauchen auch in Zukunft gute Leute. Ich bin Diplom-

ich

Kriminalist, Paul, Akademiker

mir war! Den im Ledermantel

Die königliche Geheimpolizei hat immer Bedarf

In

Kürze

werde

Kriminalrat sein, ein mächtiger Mann. Und ich vergesse niemanden, der mir geholfen hat.« »Sie sind gut zu mir«, murmelt Paul Thomas dankbar und angerührt.

»Bloß eines vertrage ich durchaus nicht«, hakt der Referendar geschmeidig ein, ohne schärfer zu werden oder auch nur die Stimme zu heben. »Wer mit mir arbeiten will, darf keine Geheimnisse vor mir haben. Was wolltest du sagen?« Paul sieht weg. »Ich kenne die Männer, die zu Herrn Rauh kommen«, beginnt er zögernd. Immerhin spricht er.

»Natürlich nur vom Sehen, jedoch — das sind keine Lügner.

Sie sind freundlich und

man sich verlassen kann. Und die sollen

nicht hier hinein!« Er schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn, daß es klatscht. Adelhelm von Kopp sieht ihn an. Mit eins hat er das Gefühl großer Ohnmacht, hat er einen unbändigen Haß auf diese Menschen, die seine Feinde sind und ungeachtet aller Nachstellungen immer neue andere an sich ziehen — einfach durch ihr Auftreten und Tun, ohne materielle Vorteile bieten zu können und ohne mehr zu haben als den unerschütterlichen Glauben an und ihre Einsatzbereitschaft für eine Art Zukunft, die zu verhindern und der einen Riegel vorzuschieben der Referendar hoch besoldet wird. Auch dieser Junge steht - ungewollt und unbewußt zum Glück - schon unter ihrem Einfluß und hat für sie etwas Entscheidendes: Vertrauen. So leicht, wie sich der Referendar das Spiel dachte, ist es bei aller jungenhaften Naivität Pauls also doch nicht; der Bengel hat Instinkt, und wenn er sich den entfalten läßt Es kostet von Kopp Mühe, nicht aufbrausend und hoffärtig zu antworten. Beherrscht erwidert er: »Weil sie so sind, würden sie Rauh decken, Paul! Sie meinen, ihrem Freunde zu helfen; sie tun es im guten Glauben, und dabei bedenken sie nicht, daß es schwerlich gelingt, uns zu hintergehen. Wir haben die Macht, und wir haben gelernt, sie gegen jede Art Pöbel zu behaupten. Wenn wir zuschlagen, schlagen wir hart zu. Davor wolltest du deinen Meister bewahren, weil du ihn magst. Du magst ihn doch, nicht wahr?«

eben ganz einfach Leute, auf die

?

Das will mir

Die seltsame Mischung aus unverhohlener Drohung und vorgetäuschter Sorge um Hermann Rauh beeindruckt Paul. So schnell kann er Drohung und scheinbare Anteilnahme an seinem verehrten Meister nicht trennen; er hört nur das heraus, was seine eigene Haltung rechtfertigt. Er nickt.

nicht

blenden«, knüpft von Kopp sogleich an diese Zustimmung an. »Wir, du und ich, übersehen die Dinge besser. Das ist wohl klar.« Weil es schmeichelhaft ist, die Lage besser zu übersehen als der Meister, steigt Paul auf dieses Brett. »Klar, ja. Herrn Rauhs Freunde wissen gar nicht, was für einen schlechten Dienst sie ihm erweisen. Die haben ja keine Ahnung, worauf er sich unter Umständen einläßt.« Nach einer grüblerischen Pause fährt er fort: »Warum lassen Sie nicht einfach Ihre Leute aufpassen, wer nachts in der Druckerei einund ausgeht?« So beschäftigt ist Paul Thomas mit dem diplomierten Detektiv, so dieser mit seinem Ringen um den Jungen, daß sie beide des Mannes nicht achten, der an ihnen vorübergeht - katzenhaft leise auf Gummisohlen und so bescheiden-zurückhaltend in seiner Art, sich zu geben, daß es leicht ist, ihn zu übersehen. Werner Nusperli ist auf dem Wege zu nächtlicher Arbeit in der kleinen Druckerei. Er hat die Straßenbahn verlassen und läuft, ohne zu zögern, ja, scheinbar sogar, ohne nach rechts oder links zu blicken, wie eben Menschen gehen, die einem vertrauten Ziel zusteuern und nichts zu verheimlichen haben. Die Selbstverständlichkeit seines Handelns ist es, die ihn unauffällig macht. Nusperli erkennt Paul, aber seine Füße treten weiter den Schnee mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Da ist nicht die kleinste Geste, die verrät, daß hier kein Fremder vorübergeht. Niemand könnte auch mehr vermuten, daß die Druckerei Rauh & Pohle das erklärte Ziel war. Der Schweizerdegen aus Polen läßt sie liegen, als ginge sie ihn nichts an. Nur aus den Augenwinkeln heraus nimmt er

»Detektive

wie

du

und

ich

lassen

sich

wahr, daß Frau Rauh gerade sorgsam die Fenstervorhänge zuzieht. Sie schließen vollkommen dicht. Aus der Ferne wirkt das wohl, als würden die Lampen über den Setzkästen eine nach der anderen gelöscht, als ziehe nächtliche Ruhe in Redaktion und Druckerei der »Arbeiter-Turnzeitung« ein. Wenn er jetzt ins Dunkel des Durchgangs zwischen Wohnhaus und Druckerei träte, würde das vermutlich unbemerkt bleiben, doch Nusperli geht kein Risiko ein. Er umgeht den Häuserblock und nähert sich von der Gartenseite her. Dieser Weg ist weiter, erscheint aber heute angemessener und sicherer. Kopp fährt fort: »Überlege mal! In Leipzig, da wäre eine solche Observation keine Schwierigkeit. In der Großstadt kennt einer den anderen nicht. Hier in Probstheida weiß beinahe jeder, wer jeder ist, und wenn sich da tagelang Fremde um die Druckerei herumdrückten Sie würden auffallen, und wenn sie schlau wie Füchse wären. Was meinst du, weswegen ich mich ein bißchen verkleidet habe?« Er schüttelt den Kopf, faßt den Jungen an beiden Schultern und sagt sehr eindringlich: »Nein, Paul, hier kann nur einer unauffällig feststellen, ob etwas, und wenn ja, was bei Hermann Rauh los ist. Du!« »Ich?« Der Griff des Referendars wird