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KASPAR ZEUSS

Norden: Die germanische Urgeschichte

DIE GERMANISCHE

URGESCHICHTE IN

TACITÜS GERMANIA

VON

EDUARD NORDEN

Nirgends wo europäische Geschichte beginnt,

hebt sie ganz von Frischem an, sondern setzt immer lange dunkle Zeiten voraus, durch welche ihr eine frühere Welt verknüpft wird

Jakob Grimm

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VERLAG VON B. G. TEUBNER LEIPZIG BERLIN 1920

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ALLE BECHTE, EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN.

Druck von B. G. Teubner, Dresden.

ULRICH VON WILAMOWITZ-MOELLEOT)OKFF

HERMANN DIELS

ZU IHREN 50JÄHRIGEN DOKTORJÜBILÄEN

Vorrede

Si cui popido Heere oportet consecrare origines sitas, ea belli gloria est

popido Romano: diese Worte der livianischen Vorrede, angewandt auf

das deutsche Volk, schwebten mirVor, als ich während des ersten Kriegs- jahres das vorliegende Buch über die germanische Urgeschichte be-

gann. Als ich es seinem Ende entgegenführte, standen mir die Worte derselben Vorrede vor der Seele: ego hoc quoque laboris praemium pe-

tam, ut me a conspectu malorum quae nostra tot per annos vidit aetas

tantisper certe dum priora illa tota mente repeto avertam.

Der Gedanke, Vergangenheit und Gegenwart, Studium und Leben

sich an einem der vaterländischen Geschichte entnommenen Forschungs- gegenstande zu einer Einheit zusammenschließen zu lassen, reicht in

meine Studentenjahre zurück, als ich an der Küste meiner ostfriesischen

Heimat die mir von der Schule vertraute taciteische Darstellung der

Feldzüge des Germanicus abermals las. Dann aber verlor ich den Plan

fast drei Jahrzehnte lang gänzlich aus den Augen. Er tauchte erst

wieder auf, als ich es ist meine letzte große Erinnerung aus der

Zeit kurz vor dem Ausbruch des Krieges unter Löschkes Führung

mit Wilamowitz, Ed. Meyer, dem Germanisten Roethe u. a. am Limes

wanderte und mir von meinem alten Studienfreunde Emil Krüger das

Verständnis der Schätze des Trierer Museums erschließen ließ: hier

erhielt ich eine lebendige Anschauung auch der keltischen Kultur, die

in einem Germanenbuche begreiflicherweise eine wichtige Rolle spielt.

Sein Inhalt ist in der Hauptsache Traditionsgeschichte, es ist daher im wesentlichen philologisch orientiert; die historischen und ethno- logischen Ergebnisse sind durch Analyse der antiken Überlieferung

gewonnen worden. Das besondere Arbeitsgebiet der Germanisten ist

von mir nur einmal vorsichtig betreten worden, ich erhoffe aber grade

auch von ihnen, daß sie die ethnologischen Ergebnisse des Buches an

den Erkenntnissen ihrer eigenen Wissenschaft prüfen werden. Die in

ihm durchmessene Strecke läßt sich literarisch etwa durch die Namen

Poseidonios und- Prokopios, Caesar dessen ethnographischen An-

gaben naturgemäß ein wichtiger Platz angewiesen wurde und Jor-

danes begrenzen; aber die archäologische Forschung, mit der ich mich, so gut ich es vermochte, vertraut zu machen suchte, führte mich ge-

legentlich hinauf in sehr frühe, dem Beginn schriftlicher Überlieferung

vorausliegende Zeiten. Es kann uns, wie ich glaube, nichts schaden,

VI

Vorrede

wenn wir an einer Weltenwende vielleicht beispiellosen Ausmaßes

unseren Blick auf möglichst große Zeiträume einstellen.

Die er-

lebende Generation pflegt in der Enge des Gesichtsfeldes Ij ff an gen zu

sein, aber das Auge der Forscher schweift über einzelne Wellenberge und Wellentäler in ozeanische Unermeßlichkeit des Völkerlebens, und

da ihnen als periodisches Kolon erscheint, was Kur/sichtigere c\n

harsches Anakoluth dünkt, so gewinnen sie durch solchen Einblick in

den Rhythmus des Geschehens Erbebung und Trost. Auch das Orts-

panorama dieses Buches hat weite Grenzen: das Vaterland vom Rhein

und seinen linken Zuflüssen bis zur Weichsel, von den Alpen bis zur Nordsee, dazu Teile der Nachbarländer Österreich, Schweiz, Holland,

Belgien und Frankreich; selbst über den Belt und den Kanal wird der

Blick des Lesers gelegentlich schweifen. In friedlicheren Zeiten hätte ich

es mir nicht nehmen lassen, einige Gegenden zu bereisen, um an beson-

ders wichtigen Punkten (so am Ober- und Niederrhein, ferner im öst-

lichen Belgien) die literarische Überlieferung an der topographischen zu prüfen; aber das habe ich mir unter den obwaltenden Verhältnissen

versagen müssen. Um so sorgfältiger habe ich das kartographische

Material ausgewertet; die Leser werden es mit mir Herrn Dr. Hans

Philipp Dank wissen, daß er durch die beigegebene Karte, die auch

um ihrer selbst willen Beachtung verdient, das Verständnis einiger

Abschnitte des Buches erleichtert hat. Leider war ich weiterhin nicht in der Lage, mir die während der letzten Kriegsjahre erschienene

außerdeutsche Literatur, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zugäng- lich zu machen. Ich bedaure das um so mehr, als ich durch frühere

Werke ausländischer Gelehrter erhebliche Förderung gewonnen habe:

es sei hier nur der eine J. Dechelette genannt, dessen Tod für sein

Vaterland der gesamten Wissenschaft der europäischen Völkerkunde eine schwere Wunde geschlagen hat. Ich empfinde es vor dem deutschen Lesepublikum als ein Bedürf-

nis, den Umfang dieses Buches zu entschuldigen. Es war in den weit- aus meisten Teilen bereits so gut wie abgeschlossen, als unsere wirt- schaftlichen Verhältnisse die verhängnisvolle Wendung nahmen, die auch uns Autoren äußerste Sparsamkeit zur Pflicht macht. Berechtigte

Ausnahmen werden bestehen bleiben können und auch müssen: denn

eben dadurch, daß wir anderen uns beschränken, verschaffen wir den Großen, deren Worte Gold wiegen, die Möglichkeit es voll auszumünzen

und gewähren ferner unumgänglich notwendigen Unternehmungen

(wie Fortsetzung der Inschriftenwerke, des lateinischen Thesaurus, des

Corpus medicorum, Inangriffnahme eines geplanten Corpus der griechi-

schen Dichterfragmente., Ausführung der im Entstehen begriffenen

Vorrede

VII

Fragrnentsammlung der griechischen Historiker 1 )) die Lebensbedingung. Nur auf Grund der erwähnten Tatsache, daß dieses Buch vor dem

wirtschaftlichen Niedergang fast fertig war im Herbst 1917 las ich

es F. Jacoby als bestem Kenner der antiken Ethnographie vor

glaubte ich es vor mir und der Öffentlichkeit rechtfertigen zu können, das Manuskript ohne erhebliche Kürzungen doch kamen einige An-

hänge in Wegfall, darunter ein mir von befreundeter Seite zur Ver-

fügung gestellter dem Herrn Verleger zu überreichen, der sich be-

reits im Jahre 1915 zur Entgegennahme bereit erklärt hatte. Wohl

nur wenige machen sich einen rechten Begriff vou der auch in so

unerhörten Zeiten bewährten Opferbereitschaft des Verlagsbuchhandels.

Sie bedenken nicht, daß auch ihm durch die jetzigen Herstellungs-

verhältnisse wissenschaftlicher Werke Grenzen gezogen sind, die er,

der auf die Dauer doch im ganzen allein auf kaufmännischer Grund-

lage bestehen kann, nur zum Schaden der Sache selbst außer acht

lassen würde Diesen Umständen werden wir Autoren Rechnuno-

tragen müssen. Nicht mehr um lange und bequeme Spaziergänge mit

aussichtsreichen Umwegen und ergiebigem Ausruhen, sondern raschen

und kurzen Lauf möglichst direkt aufs Ziel zu, nicht um ein freies Spiel der Kräfte, sondern ihr energisches Zusammenfassen wird es

sich künftig handeln; ithiov rniiGv itavtös wird die Parole werden

müssen, und. oft wird

ein Drittel noch besser als die Hälfte sein.

Zwischen mathematisch-naturwissenschaftlicher Formelsprache, die die

literarische und historische Forschung ihrem Wesen nach nicht ver-

trägt, und philologischen [leydka ßißUcc zu diesen gehören auch

Ausgaben von Texten mit überwissenschaftlichem Luxusapparat

wird es doch eine Mittelstraße geben, auf der die pädagogisch wich-

tige Methode, die Leser den Gang der Beweisführung gewissermaßen

miterleben zu lassen, nicht gefährdet wird: etwa die docta taciturnitas Franz Büchelers scheint mir einen solchen Weg zu weisen. In Zeiten, wo jeder Buchstabe, ja jedes Interpunktionszeichen Geld kostet, wer-

den wir ich schließe mich ausdrücklich mit ein, da ich mich selbst

mitschuldig fühle jeden Satz daraufhin prüfen müssen, ob er ent-

behrlich sei, werden uns besonders auch im Gebrauche von Anmer-

kungen jenen strengen schriftstellerischen Geboten unterwerfen müssen, die A. v Harnack (Reden und Aufsätze HI, 1911, 148 ff.) aufgestellt hat.

Also Sparsamkeit überall, nur nicht gerade darin, wobei zum Schaden

an Zeit und Kr.ift mit- und nachforschender Leser vielfach gespart wird:

1) Hätte das letztgenannte Werk, in dessen großartigen Plan ich Einsicht nehmen durfte, scbon vorgelegen, so würde das für einige Abschnitte meines

Buches einen kaum abzuschätzenden Gewinn bedeutet haben.

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.

Vorrede

in der Genauigkeit der Buchzitate. Was so zunächst aus der Not geboren ist, kann uns vielleicht zum Segen werden: durch die Macht der Um-

stünde erzogen, erziehen wir uns selbst; mögen dann spätere Ge-

schlechter, die wieder die Freiheit der Wahl haben, zusehen, welche

Art ihnen mehr gefällt. Die mich kennen, werden wissen, daß mir

nichts ferner liegt als die Anmaßung, als Gesetzgeber auftreten zu

wollen; aber ich habe diese Dinge in letzter Zeit wiederholt mit sach-

kundigen Männern durchgesprochen und wollte die Gelegenheit, ihr

Urteil der Öffentlichkeit zu unterbreiten, bei Anlaß dieser Selbst-

apologie nicht vorübergehen lassen. Jedenfalls bin ich für meine

Person entschlossen, künftighin aus der Notwendigkeit die Folge-

rungen zu ziehen.

Ich habe dieses Buch den beiden miteinander engverbundenen Männern gewidmet, mit denen seit mehr als einem Jahrzehnt in

dauerndem Gedankenaustausch vereint zu sein das höchste Glück

meines wissenschaftlichen Lebens ist. Möchte mein Wunscb, ihnen zur fünfzigsten Jährung ihres Eintritts ins wissenschaftliche Leben

eine Freude zu bereiten, in Erfüllung gehen. Saxum vorsat nitendo

neque proficit hilum: dieses lucilische Wort, mit dem der eine von

ihnen seine Dissertation schloß, hat sich an seinem Lebenswerke so

wenig bewährt wie an dem des anderen. An Mühsal habe auch ich

es nicht fehlen lassen, aber das Urteil über ihren Erfolg muß denen

vorbehalten bleiben, die sich nicht scheuen, mich auf dem langen und streckenweise arg beschwerlichen Wege durch die Urwälder und

Halden sowie über das Wattenmeer des alten Germaniens zu begleiten.

Berlin-Lichterfelde, April 1920.

Eduard Norden.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Seite

1

Erstes Kapitel

DIE GERMANIA IM RAHMEN DER ETHNOGRAPHISCHEN LITERATUR DES ALTERTUMS

Zweites Kapitel

QUELLENKRITISCHES ZURETHNOGRAPHIE EUROPÄISCHER VÖLKER 42

8

I. Origo Germanorum

II. Die ältesten ethnographischen Berichte über Germanien

1. Poseidonios über Kimbern und Germanen

2. Der Germanenexkurs in Caesars Bellum Gallicum

III. Poseidonios über Anthropologie der Nordvölker

IV. Schildgesang

V. Gefolgschaft

VI. Beratungen beim Gelage

VII. Gastfreundschaft

VIII. Der Vermittler zwischen Poseidonios und Tacitus

Drittes Kapitel

HERAKLES UND ODYSSEUS IN GERMANIEN

I. Die Lieder auf 'Hercules' Herakles und Siegfried? II. Die 'Ulixe3'-Reliquien

1. Der Ulixesaltar

2. Die Ulixesstadt Asciburgium

3. Inschriften griechischen Alphabets auf der Grenze von Germanien

und Raetien

'•'

Viertes Kapitel

42

59

59

84

105

115

124

127

130

142

171

172

182

183

189

202

AUF DEN SPÜREN DER BELLA GERMANIAE DES PLINIÜS

I. Inschriften der Gegenwart und der Vorzeit II. Der Rheinübergang der Kimbern und die Geschichte eines keltischen

Kastells in der Schweiz

1.

Der Kimbernexkurs ia der Germania des Tacitus

.

Der Durchgang der Kimbern durch die Nordschweiz (Helvetii) und die Franche-Comte (Sequani)

3. Eine helvetische Episode in der Militärrevolution des Jahres 69 n. Chr.

2.

4. Geschichte des Kastells Tenedo (Zurzach)

HI. Volksstämme in Süd- und Mitteldeutschland

1. Helvetii, Boii

2. Chatti-Batavi

3. Hermunduri. Die Grenze Germaniens gegen Baetien. Repu-

blikanische Münzsorten im freien Germanien

Norden: Die germanische Urgeschichte

a*

207

219

219

225

250

256

263

264

265

274

X

Inhaltaverzeiehnia

Seite

IV. Die Kordseeküate

282

 

J. Bella Gernianiae und Naturalis historia. Eine Epiaode aua den

Kriegen mit den Friaii

282

2. Eine Episode aus den Kriegen mit den Chauci. Die Nordseeinscln

287

3. Ilalligleute im Wattengebiet. Römische Flottenbewegungen in

den westfrieaischen Gewässern

291

Fünftes Kapitel

DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES GERMANENNAMENS: WORT- INTERPRETATIONEN

312

I. Volk und Stamm

814

II. Sprachliche Bezeichnung einer ethnischen Namenspropaganda

318

III.

Urspruugsbezeichnung eines Volksgesamtnamens. victor als tech- nischer Begriff der Okkupation

323

IV.

Ursächliche Bezeichnung einer Volksbonennung

331

V. Selbstbenennung eines Volkes

335

Sechstes Kapitol

ETHNOLOGISCHE, ONOMATOLOGISCHE UND GESCHICHTLICHE FOL-

GERUNGEN. BERÜHRUNGEN VON KELTEN- UND GERMANENTUM 351

I. Germani als Stammname

352

 

1.

Das Belgaeproblem. Analyse eines Caesarischen

353

2.

Germani cisrhenani. Die älteste Besiedelung des linken Rheinuf'era

 

durch die Germanen

379

 

3.

Germani- Tungri

396

II. Germani als Volksname

405

 

1.

Erhebung von Stammnamen zu Volksnamen

406

2.

Das Motiv der Benennung

414

III.

Germani als Selbstbezeichnung

423

Schlußbetrachtung. Militärische und kaufmännische Berichte als Primär-

 

quellen

428

ANHÄNGE

451

I. Zur Überlieferung der Germania

451

 

1. Der handschriftliche Titel

451

2. Eine Interpolation des V. Jahi-h

454

II. Stiltechnisches zur Germania

457

III. Eine Polemik des Poseidonios gegen Artemidoros über die Ethno-

logie der Kimbern. Die Anfänge der germanischen Völkerwanderung 466

IV. Columnae Herculis. Die „Nordsäule" im Kanal

470

V. Die helvetische Einwanderung. Ein Beitrag zur ältesten Geschichte

 

der

Schweiz. Von H. Philipp

472

VI.

Die ethnographischen Abschnitte Caesars über Suebi und Germani

(Dienst- und Literaturbericht)

484

VII. Zwei Stationennamen am Niederrhein

488

1. Onomatologisches zu Asciburgium. Mit einem Beitrage von Th. Siebs

2. Castra Herculis, eine Station zwiachen Leyden und Nymwegen . 492

VIII. Alatnanni Stamm- und Volksname

495

Nachträge und Berichtigungen

498

EINLEITUNG^

Zeuß, Müllenhoff und Mommsen: den Namen dieser drei, denen die deutsche Altertumskunde, soweit sie auf dem Fundamente griechisch-

römischer Überlieferung ruht, den reichsten Gewinn verdankt, werden

die Leser dieser Untersuchungen am häufigsten begegnen. Zeuß ließ

als 31 jähriger seiner Grammatica Celtica, durch die er im Jahre 1853

einer neuen Wissenschaft Vater und Schöpfer" wurde so nannten ihn nach seinem schon im fünfzigsten Lebensjahre erfolgten Tode (1856) die Schüler 1 ) , wie eine Art von Vorarbeit vorangehen das

Buch „Die Deutschen und ihre Nachbarstämme" (1837), dem alle

Späteren einen beträchtlichen Teil ihres Wissens von nord- und mittel-

europäischer Ethnologie bis zum Ende der Völkerwanderung ent-

nahmen. Das literarische Tatsachenmaterial hat sich seitdem durch neue Problemstellungen wohl vertieft, aber kaum erheblich vermehrt

1) „Whetley Stokes preist ihn mit den begeisterten Worten des alten

orphischen Hymnus

Zavg Ky^jJ, Zavs fitfftfor, 4i.bg ö' ex Ttävxcc zzzvxTat,"

sagte E. Kuhn in seiner zum hundertjährigen Gedächtnis in der Münchener Akademie 1906 gehaltenen Festrede. Die Wiederkehr von Zeuß' hundertstem Ge-

burtsjahre hat ihm die Ehrungen reichlich gespendet, an denen sein Leben, eine

fast ununterbrochene Kette von Enttäuschungen und Kümmernissen, so karg

war. Der genannten Rede Kuhns, ferner der sehr gründlichen, viel ungedrucktes

Material verwertenden Abhandlung von A. Dürrwächter, dem damaligen Inhaber

des Zeußischen historischen Lehrstuhls am Bamberger Lyzeum, im Hist. Jhb d. Görres-Ges. XXVII (1906) 561 ff., endlich der gehaltvollen Skizze Edw. Schroeders

in der Allg. deutschen Biogr. XLV 1900 verdanke ich vielseitige Belehrung. Zu

der am 2L Juli 1906 in Bamberg stattfindenden Zeuß-Feier hatte die Academie

des Inscriptions et Beiles- Lettres de 1' Institut de France ihr Mitglied H.d'Arbois

de Jubainville abgeordnet, der, am persönlichen Erscheinen verhindert, Zeilen

hoher Anerkennung über den großen deutschen Gelehrten schrieb (Revue celtique

XXVII 1906, 347 f.). Der K. Bayerischen Akademie bin ich für die Erlaubnis,

das vorliegende Buch mit einem Bilde zu zieren, das nach einer photogra- phischeu Aufnahme des im Besitze der Akademie befindlichen Ölgemäldes an-

gefertigt worden ist, zu besonderem Danke verpflichtet; es zeigt Zei:ß etwa in

dem Alter, in dem er sein großes Erstlingswerk soeben verfaßt hatte.

Norden: Die germanische Urgeschichte

1

2

Einleitung

höchstens durch die Byzantinistik ist eine Anzahl früher unbekannter,

ethnographisch wichtiger Quellen erschlossen worden , das iuschrift-

liche und archäologische hat allerdings so beträchtlichen Zuwachs er-

halten, die Sprachvergleichung so viel neue Ergebnisse gefördert und unsere Kenntnis vom Gange und der Glaubwürdigkeit der Überliefe- rung sich derartig bereichert, daß eine Neubearbeitung des Germanen- buches, wie sie das Keltenbuch durch H.Ebel erfuhr und durch H.Zimmer

abermals erfahren sollte, kaum möglich erscheint, selbst wenn sich

so gewaltiges Wissen auf historischem, literarischem und linguisti- schem Gebiete je wieder in einer und derselben Persönlichkeit ver-

einigte. Aber auch in seiner alten Form, die durch einen Abdnu-k

im Jahre 1904

eine Erneuerung erhielt, wird das Buch, wie sich

ein namhafter Vertreter der Prähistorie ausdrückte, „ewig jung" bleiben,

ein volkskundliches Urkunden- 'und Quellenwerk ersten Ranges. Die

allgemeine Erfahrung, daß eine bedeutende Leistung durch Ergänzung

und Widerspruch fördernd wirkt, hat sich auch da bewährt

An

Zeuß knüpfte Müllenhoff allenthalben an. Aber jenem diktierte nur seine gewaltige Gelehrsamkeit und sein erleuchteter Verstand; Müllen-

hoff lauschte auch mit innerer Anteilnahme dem Rauschen des Über- lieferungsstromes, der von Homer bis zu dem Goten Jordanes durch

die Jahrtausende wallte: daß er die deutsche Altertumskunde in ihn

eingeschaltet hat, ist sein unvergängliches Verdienst. Seiner Lebens-

arbeit, die er in den 50 er Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, kam der gleichzeitige Aufschwung der römischen Altertumsstudien

zugute, durch deren Strahlen Mommsen sämtliche Nachbargebiete

erhellte.

So ist es Müllenhoff, der sich als J. Grimms Nachfolger,

Lachmanns Schüler und Haupts Freund bekannte, und der seit 1858

fast drei Jahrzehnte demselben Wirkungskreise wie Mommsen an-

gehörte, vergönnt gewesen, durch eindringende Quellenanalysen, die

Zeuß noch gänzlich fernlagen 1 ), den klassischen Philologen gewisse

1) So nannte er (S. 144) den Poseidonios, dessen Bedeutung Müllenhoff er- wies, einen „leichtfertigen Griechen". Die Forschungsart von Zeuß war über- haupt ganz unpersönlich Menschen als Träger einer Überlieferung inter-

essierten ihn nicht , ein Symptom seiner Wesensart überhaupt: seine Sv6-

y.olia wird mit daran schuld gewesen sein, daß er zu dem milden, seelenvollen J. Grimm nie ein näheres Verhältnis hat gewinnen können, ja, sich ihm zeit- weise ganz entfremdet hat.

Geschichte der Germaniainterpretation

3

Gegenden ihres Forschungsgebietes recht eigentlich gangbar zumachen.

Aus seinen Untersuchungen zur antiken Geographie und Ethnographie

ist manches gesicherter Besitz unserer Wissenschaft geworden, anderes

freilich bedarf der Nachprüfung: da, wo Müllenhoff sich mit Mommsen

auf dessen eigensten Arbeitsgebieten maß und er hatte eine Neigung

zum Widerspruch gerade gegen ihn ~, hat er sich, wie wir gelegentlich

sehen werden, der Mommsenschen Intuitionskraft nicht gewachsen

gezeigt. Übrigens muß man sich immer gegenwärtig halten, daß uns die „Deutsche Altertumskunde" zum größten Teile in einer Fassung

vorliegt, die die letzte Durchsicht ihres Verfassers nicht erfahren

hat.

Der Plan des Werkes war so weit angelegt, daß es, da sein

Begründer sich in Erarbeitung und Überprüfung des einzelnen nie

genug tun konnte und von der Überfülle der sich vor seinem Forscher-

auge immer neu auftürmenden Probleme erdrückt zu werden drohte, ein Torso bleiben mußte, dessen Vollendung ihm vielleicht auch bei

längerem Leben nicht geglückt wäre. Aber auch in diesem unfertigen

Zustande ist der als vierter Band aus Müllenhoffs Nachlaß heraus-

gegebene Kommentar zur Germania des Tacitus eine Leistung, die,

in jahrzehntelanger Arbeit herangereift, infolge ihrer Vereinigung

von Sprach- und Sachkunde 1 ) nur den Fortschritten der archäo-

logischen Forschung brachte Müllenhoff kein rechtes Verständnis entgegen einen Ehrenplatz auf diesem Gebiete behauptet, soviele Bearbeiter es auch vorher und nachher gefunden hat.

Denn keine lateinische Prosaschrift ist in Deutschland öfters zum

Gegenstande eingehender Betrachtung gemacht worden. Ihre ersten

Drucke (1470 in Venedig, 1473 in Nürnberg) blieben freilich ohne

irgendwie nachweisbaren Einfluß: der deutsche Humanismus hatte

damals die Kinderschuhe noch nicht abgelegt, er bedurfte eines Ver- mittlers zum Verständnis der fremden Gedankenwelt. Ein solcher er-

stand in Enea Silvio Piccolomini, dem „Apostel des Humanismus"

bei den Deutschen: seine schon 1458 verfaßte, aber erst 1496 in

Leipzig gedruckte 'Germania' machte die Bahn frei. 2 ) Begreiflicher-

1) 'Excellit rerum linguarumque notitia' sagt Mommsen von ihm im Index

zum Jordanes (1882) S. 139.

2) Vgl. H. Tiedemann, Tac. und das Nationalbewußtsein d. deutschen Huma-

nisten (Di<<s. Berl. 1913) 5 ff. P. Joachimsen, Geschichtsauff. u. Geschichtschreib,

in Deutschl. unter d. Einfl. d. Humanismus I (Leipz. 1910).

1*

4

Einleitung

weise herrschte zunächst das Gefühlsmäßige vor, das sich besonders ein- drucksvoll in einer Schrift des Elsässers Jakob Wimpfeling 'Germania

ad rem publicam Argentinensem' (Straßb. 1501) kundgab, worin er

mit begeisterten Worten für das Deutschtum des Elsaß eintrat. Das patriotische Moment überwog auch in seiner 'Epitome rerum Ger-

manicarum usque ad nostra tempora' (1505) sowie in den c Germa-

niae exegeseos volumina XII' (1518) des gleichfalls vom Oberrhein ge-

bürtigen Irenicus. Die wissenschaftliche Kritik eröffnete der Elsässer

ßeatus Khenanus durch seine Ausgabe der Taciteischen Schrift vom

Jahre 1519. Die Germania bildete dann neben den ersten Büchern der

Annalen, dem von ihm selbst entdeckten und 1520 edierten Velleius, Ammianus und den für Germanisches ebenfalls ergiebigen Panegyrikem des 111. und IV. Jahrh. lauter damals noch ganz neuen Schrift-

stellern die Grundlage seiner im Jahre 1531 erschienenen c Rerum

Germanicarum libri tres', durch die er der eigentliche Begründer unserer*

vaterländischen Geschichtschreibung geworden ist, indem er Wärme

nationalen Gefühls mit einer Reife der Kritik verband, die man noch

heute bewundern muß. Selbst das Geographische berücksichtigte er

mit einer Genauigkeit, die, gemessen an dem damaligen Tiefstande

dieser Wissenschaft zumal diesseits der Alpen, Achtung verdient.

Aber der Bahnbrecher auf geographischem Gebiete erstand erst ein

Jahrhundert später in Philipp Clüver: Scaliger hatte ihn in dem Vor-

satze, sein Leben dieser Arbeit zu widmen, eifrig bestärkt. 1 ) Wer den Namen Clüvers, des Begründers historischer Länderkunde, aus-

spricht, denkt freilich zunächst an seine *Italia antiqua', aber ihr ging

einige Jahre eine * Germania antiqua' voraus (1616), ein mächtiger

Foliant, in dem gewaltige Stoffmassen nicht bloß zusammengetragen, sondern auch bewältigt worden sind. Wenngleich ein so berufener Beurteiler wie Niebuhr gesagt hat 2 ), daß die 'Germania' es mit der

'Italia' nicht aufnehmen könne, so werden doch, wie sich im Ver-

laufe unserer Untersuchungen zeigen wird, einzelne wichtige, jetzt

1) Dies entnehme ich der schönen Gedächtnisrede, die Dan. Heinsius auf

Clüver (f 1622) gehalten hat: Dan. Heinsii orat. ed. nova (Lugd. Bat. 1642) 152.

2) Vorträge über alte Länder- u. Völkerkunde, herausg. von Isler (Berl. 1851) 6.

Auch J. Partsch, dem wir eine reichhaltige Monographie über Clüver verdanken (Geogr. Abh. herausg. von A. Penck, Bd. V, H. 2, Wien 1891), kommt auf Grund

einer genauen Analyse der 'Germania' zu diesem Ergebnis (S. 25 ff.).

Geschichte der Germaniainterpretation

5

zum Allgemeingut gewordene Erkenntnisse der c Germania' verdankt.

Nicht viel größer dürfte die Zahl derer sein, die sich erinnern, daß Leibniz seine Ausgabe der Scriptores rerum Brunsvicensium (1707)

mit der Erklärung einer beträchtlichen Anzahl von Kapiteln der Taci- teischen Germania eröffnet hat: an einer entscheidenden Stelle der

nachfolgenden Darlegungen wird sein Name unter den ganz wenigen

erscheinen, die einen sehr schwierigen Satz wenigstens zur Hälfte richtig gedeutet haben. 1

Übt doch dieses Werkchen des Römers, das eine gütige Fee unse- rem Volke als Patengeschenk in die Wiege seiner vaterländischen Ge-

schichte gelegt hat kein Volk darf sich eines gleichen Kleinods

rühmen , auf jede Generation seine Anziehungskraft mit unverminder-

ter Stärke aus, und immer von neuem müssen wir versuchen, mit dem zwar in seinem Grundbestande unveränderlichen, aber in seiner Ge-

brauchsweise jeweils wechselnden Hand werkszeuge unserer Wissenschaft

das mit allerlei Geheimschlössern versehene Kästchen zu öffnen, damit

sich uns sein Reichtum erschließe. Zu dem besonderen Interesse, das

die Schrift dem Philologen durch ihre literarische Gattung, die Eigen-

art ihrer Sprache