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Wolfgang Schenk

Friedrich Kremer Hrsg.

Physikalisches
Praktikum
14. Auflage
Physikalisches Praktikum
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. habil Gunter Beddies
Diplom in Physik 1974. Promotion 1979. Wiss. Mitarbeiter und Oberassistent. Promotion-B 1987. Verleihung
der facultas docendi 1991, seit 1992 Dr. rer. nat. habil., Ernennung zum Privatdozenten 1994. Leitung des
Physikalischen Grundpraktikums an der TU Chemnitz bis 2012.

Dr. rer. nat. Thomas Franke


Diplom 1982. Promotion 1986. Wiss. Mitarbeiter der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und Ent-
wicklungsingenieur. Wiss. Assistent an der TU Chemnitz. Leitung des Fortgeschrittenen- und Laborprakti-
kums seit 2005.

Dr. rer. nat. Petrik Galvosas


Dipl.-Ing. (FH) 1993. Diplom in Physik 1998. Promotion 2003. 2005 bis 2009 Juniorprofessor an der Univ.
Leipzig. Betreuer im Physikalischen Fortgeschrittenenpraktikum und Verantwortlicher für die Elektronik-
ausbildung, seit 2009 Victoria University of Wellington (NZ).

Prof. Dr. rer. nat. habil Friedrich Kremer


Diplom in Physik 1973. Promotion 1977. Wiss. Mitarbeiter am Max-Planck-Inst. für Festkörperforschung in
Stuttgart und am Max-Planck-Inst. für Polymerforschung in Mainz. Habilitation 1993. Professor für Experi-
mentalphysik an der Univ. Leipzig seit 1993. 2005 Karl Heinz Beckurts Preis. 2009 Whitehead Memorial
Award-Lecture. 2011Wolfgang-Ostwald-Preis der Kolloid-Gesellschaft.

Dr. rer. nat. Peter Rieger


Diplom Lehramt Physik/Mathematik 1979. Lehrer und Fachberater. Wiss. Mitarbeiter an der Univ. Leipzig
seit 1990. Promotion 1997. Betreuer im Physikalischen Grundpraktikum. Verantwortlicher für das Praktikum
Physikalische Schulexperimente seit 2001.

Dr. rer. nat. Wolfgang Schenk


Diplom in Physik 1970. Promotion 1981. Wiss. Mitarbeiter und Lektor 1970 bis 1993 (TH Merseburg, Univ.
Leipzig). Leitung des Physikalischen Grundpraktikums an der Univ. Leipzig bis 2010.
Wolfgang Schenk ⋅ Friedrich Kremer ⋅
Gunter Beddies ⋅ Thomas Franke ⋅
Petrik Galvosas ⋅ Peter Rieger

Physikalisches Praktikum
14., überarbeitete und erweiterte Auflage

Begründet von W. Ilberg,


Weitergeführt von M. Krötzsch und D. Geschke

Herausgegeben von W. Schenk und F. Kremer


Wolfgang Schenk, Friedrich Kremer Petrik Galvosas
Leipzig, Deutschland Wellington, Neuseeland

Thomas Franke Peter Rieger


Jahnsdorf, Deutschland Böhlen, Deutschland

Gunter Beddies
Chemnitz, Deutschland

ISBN 978-3-658-00665-5 ISBN 978-3-658-00666-2 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-00666-2

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Vorwort
Zur ersten Auflage mehr oder weniger überall vorhanden sind,
wozu je nach Eigenart des betreffenden Instituts
Die „Grundaufgaben des physikalischen Prakti- bzw. der zuständigen Praktikumsleiter noch
kums“ von Schaefer, Bergmann und Kliefoth unterschiedliche Spezialversuche kommen. Es
haben durch mehrere Jahrzehnte in zahlreichen musste nun Aufgabe des vorliegenden Prakti-
Auflagen und Neudrucken viele Generationen kumsbuches sein, durch die aufgenommenen
von Studenten erfolgreich durch das physikali- Versuchsbeschreibungen die wichtigsten
sche Praktikum an unseren Hoch- und teilweise Grundversuche möglichst weitgehend zu erfas-
auch Fachschulen geführt. Wenngleich auch bei sen, wobei ein Verzicht auf speziellere Aufga-
jeder neuen Auflage einige als wünschenswert ben in Kauf genommen werden konnte, zumal
erkannte Änderungen und Ergänzungen ange- für diese an den betreffenden Instituten Einzel-
bracht worden sind, so verlangte doch die in beschreibungen vorhanden sein werden. Ebenso
den letzten Jahren erfolgte Neuordnung der wird es öfters nützlich sein, dem Studenten die
Ausbildung künftiger Physiker und anderer örtlich unterschiedlichen Abweichungen von
Naturwissenschaftler sowie der Lehrerstudenten der Versuchsbeschreibung in vorliegendem
eine eingehende Überarbeitung sowohl des Buch durch schriftliche Anweisung oder auch
Versuchsbestandes als z. T. auch der Darstel- nur mündlich zu erläutern.
lung. Ebenso musste die Tatsache Berücksichti- Herausgeber und Mitarbeiter sahen es für
gung finden, dass einfachere Versuche heute zweckmäßig an, sachlich verwandte Versuche
vielfach schon im Schulunterricht als Schüler- zu Versuchsgruppen zu vereinigen, denen je-
versuche durchgeführt werden, so dass sich ihre weils allgemeine Ausführungen vorangestellt
Wiederholung im Physikalischen Praktikum der sind, die dem Studenten den zugrunde liegen-
Hochschule zumeist erübrigt. Im Laufe der den Stoff in großen Zügen in Erinnerung brin-
Vorarbeiten für eine in solchem Sinne beabsich- gen sollen. Dass es nicht die Aufgabe sein kann,
tigte Neubearbeitung des genannten Lehrbuches hiermit ein Lehrbuch zu ersetzen, versteht sich
zeigte sich, dass diese der Herausgabe eines von selbst. Zu den einzelnen Aufgaben werden
völlig neu geschriebenen Werkes entsprechen anschließend noch die speziellen Grundlagen
würde, so dass es durchaus berechtigt erschien, gegeben und schließlich die Versuchsdurchfüh-
im Titel den Bezug auf das frühere Werk fallen rung beschrieben. Der zunehmenden Bedeutung
zu lassen. der Atomphysik entsprechend wurden auch
Eine gewisse Schwierigkeit besteht bei der einige einfache Versuche aus diesem Gebiet mit
Schaffung eines Praktikumsbuches immer dar- aufgenommen, die sich mit Praktikumsmitteln
in, eine angemessene Auswahl von wirklich durchführen lassen. Kritische Beurteilung des
zweckmäßigen Versuchen zu treffen. Dies ist unmittelbar gemessenen oder aus Messungen
umso schwerer, als an den verschiedenen Aus- gefundenen Resultates ist grundsätzliche Forde-
bildungsstätten sich im Laufe der Zeit auch rung jeder wissenschaftlichen Arbeit und au-
verschiedene Aufgabenbestände herausgebildet ßerdem von hohem erzieherischem Wert. Es
haben. Um hierüber zunächst eine Übersicht zu sollte daher stets im Anschluss an jeden Ver-
bekommen, wurden zahlreiche Universitäts- such eine Fehlerrechnung oder wenigstens Feh-
und Fachschulinstitute innerhalb der Deutschen lerabschätzung durchgeführt werden. Es ist
Demokratischen Republik um Mitteilung des kaum vermeidbar, dass ein neu geschriebenes
derzeitigen Versuchsbestandes gebeten. Den Buch noch Mängel und Fehler aufweist.
betreffenden Praktikumsvorständen, die uns Herausgeber und Verfasser wären für entspre-
durch die Beantwortung unserer Fragen entge- chende Hinweise dankbar, um sie bei einer
genkommend unterstützten, sei auch an dieser späteren Auflage berücksichtigen zu können.
Stelle herzlich gedankt. Als Ergebnis der Um-
frage kann festgestellt werden, dass, gewisse
Grundversuche mit geringfügigen Varianten Leipzig, Januar 1966 Waldemar Ilberg
VI Vorwort

Zur dreizehnten Auflage Dr. W. Schenk bearbeitet wurde, enthält drei


ausgewählte Versuche aus verschiedenen The-
Das Teubner-Buch „Physikalisches Praktikum“ mengebieten, um die Bedeutung dieser heute in
- 1966 von W. Ilberg begründet und von der vielen Gebieten der Wissenschaft zur Auswer-
vierten bis zur neunten von M. Krötzsch sowie tung von Messdaten etablierten Methode her-
von der zehnten bis zur zwölften Auflage von vorzuheben.
D. Geschke herausgegeben - bewährt sich als Mit der getroffenen Versuchsauswahl, die auf
Lehrbuch für die Studierenden der Physik, an- die Erfahrungen der Arbeitsgruppe „Physikali-
derer naturwissenschaftlicher und technischer sche Praktika“ im Fachverband „Didaktik der
Studiengänge sowie für Lehramtsanwärter ent- Physik“ der Deutschen Physikalischen Gesell-
sprechender Fachkombinationen, die ein physi- schaft sowie auf gründliche Internetrecherchen
kalisches Grundpraktikum an Universitäten und zurückgreift, möchten wir den Bedingungen
Fachhochschulen absolvieren. und Anforderungen in möglichst vielen Physi-
Die vorliegende 13. Auflage wurde umfassend kalischen Praktika gerecht werden. Auf die
neu bearbeitet und in einem zweifarbigen Lay- Erstellung einer neuen CD-ROM wurde aus
out gestaltet. Es sind unter Beibehaltung der verschiedenen Gründen verzichtet. Einige der
bewährten Grundkonzeption mehr als zwanzig ergänzenden Inhalte, die auf der in der zwölften
Versuche neu aufgenommen oder stark überar- Auflage mitgelieferten CD-ROM enthalten
beitet worden, um der Entwicklung in den Phy- waren, sind in das Internetportal OnlinePlus des
sikalischen Praktika in den letzten Jahren ge- Verlags übernommen worden. Dort werden
recht zu werden. Dabei wurden die geltenden auch die im Anhang des Buches enthaltenen
Normen des Deutschen Instituts für Normung Textabschnitte zu wichtigen Grundlagen im
(DIN) weitestgehend berücksichtigt. Einige Physikpraktikum, die von Dr. P. Rieger (Kom-
Versuche sind aus Gründen der Aktualisierung plexe Zahlen, Lösungen linearer Differential-
nicht mehr enthalten. gleichungen), Prof. Dr. W. Oehme aus Leipzig
Die Neubearbeitung des Kapitels Mechanik (Nichtlineare Dynamik), Priv.-Doz. Dr. habil.
übernahmen Dr. P. Rieger und Dr. W. Schenk, G. Beddies (Grundlagen digitaler Messungen)
der auch die Einführung und das Kapitel Wär- und Dr. T. Franke (Nuklid-Zerfall) erstellt wur-
melehre überarbeitet hat. Im Kapitel Elektrizi- den, sowie weitere Informationen publiziert.
tätslehre erfolgte die Bearbeitung der Themen- Für seine engagierte Unterstützung bei der Ent-
gebiete Widerstände und Stromquellen sowie wicklung sowie Erprobung neuer Versuche und
elektrische und magnetische Felder durch bei der Gestaltung der Druckvorlage gilt unser
Dr. W. Schenk, die Versuche zum Gebiet Halb- besonderer Dank Herrn C. Hanisch (Leipzig).
leiter-Bauelemente und elektronische Grund- Bei Herrn Sandten und Frau Hoffmann vom
schaltungen wurden durch Dr. P. Galvosas Verlag Vieweg+Teubner möchten wir uns für
bearbeitet. Eine inhaltliche Neugestaltung der die freundliche Unterstützung und fachkundige
Versuche zu den Themengebieten Spulen und Beratung bis zur Fertigstellung dieser Auflage
Kondensatoren in Gleich- und Wechselstrom- herzlich bedanken.
kreisen sowie elektrische Schwingungen ist von Die Herausgeber und die Autoren wünschen
Dr. P. Rieger übernommen worden. Priv.-Doz. sich auch für die dreizehnte, neu bearbeitete
Dr. habil. G. Beddies und Dr. T. Franke sind für Auflage einen breiten Nutzerkreis. Dankbar
die Bearbeitung des Kapitels Optik und Atom- nehmen wir Verbesserungsvorschläge und sach-
physik verantwortlich, wobei einige neue Ver- kundige, kritische Hinweise zu Inhalt und Form
suche zu den Themen ionisierende Strahlung des Buches entgegen.
sowie fundamentale Konstanten und Effekte der
Physik hinzugekommen sind. Das neu konzi-
pierte Kapitel zur Fourier-Transformation und Leipzig, Wolfgang Schenk
Signalanalyse, das von Prof. Dr. F. Kremer und Dezember 2010 Friedrich Kremer
Vorwort VII

Zur vierzehnten Auflage


Das Lehrbuch „Physikalisches Praktikum“ - Diese Zusatzmaterialien und andere Informatio-
1966 von W. Ilberg begründet und von der nen, die den jeweiligen Hauptkapiteln zugeord-
vierten bis zur neunten von M. Krötzsch sowie net sind, findet man über die Internetadresse
von der zehnten bis zur zwölften Auflage von http://www.springer.com/physics/book/978-3-
D. Geschke herausgegeben – ist seit Jahrzehn- 658-00666-2 unter der Rubrik „Zusätzliche
ten ein anerkanntes Praktikumsbuch für die Informationen“ auf der rechten Seite.
Studierenden der Physik, anderer naturwissen- Bei Frau Hoffmann vom Springer-Verlag
schaftlicher und technischer Studiengänge so- möchten wir uns für die freundliche Unterstüt-
wie für Lehramtsanwärter entsprechender Fach- zung und Beratung bis zur Fertigstellung dieser
kombinationen, die ein physikalisches Prakti- Auflage herzlich bedanken. Weiterhin gilt unser
kum an Universitäten und Fachhochschulen Dank Prof. Dr. M. Ziese (Leipzig) für seine
absolvieren. Hinweise zu notwenig gewordenen Korrekturen
Die dreizehnte neubearbeitete Auflage hat eine und Vorschläge zu einigen inhaltlichen Verbes-
gute Resonanz gefunden und damit eine vier- serungen.
zehnte Auflage notwendig gemacht, in der alle Die Herausgeber und die Autoren wünschen
bisher bekannt gewordenen Druckfehler korri- sich, dass auch die vierzehnte Auflage für die
giert wurden. Des Weiteren haben wir Ände- Studierenden bei der Vorbereitung von Versu-
rungen bzw. Ergänzungen im Text und in eini- chen im physikalischen Praktikum ein hilfrei-
gen Abbildungen vorgenommen, die zur Ver- ches und nützliches Lehrbuch sein wird und
besserung der Darstellung einiger Inhalte bei- wieder einen breiten Nutzerkreis findet.
tragen soll. Die bisherigen Onlinematerialien Konstruktive Verbesserungsvorschläge und
zum Buch wurden durch zusätzliche Ergänzun- sachkundige, kritische Hinweise zu Inhalt und
gen zu ausgewählten Themen (z. B. Simulati- Form des Buches nehmen wir dankbar entge-
onsprogramm zum nichtlinearen Drehpendel gen.
nach Pohl, Fourier-Transformation und -Ana-
lyse, Ermittlung der Unsicherheit bei Messun- Leipzig, Wolfgang Schenk
gen, Begründungen von Gleichungen) erweitert. Juli 2013 Friedrich Kremer
Inhaltsverzeichnis
EF Einführung
1 Größen und Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Internationales Einheitensystem (SI-Einheiten) . . . . . . . . . . 2
1.2 Abgeleitete Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2 Erfassung und Auswertung von Messwerten . . . . . . . . . . 4
2.1 Sensoren und Messgeräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2.2 Graphische Darstellung und Auswertung . . . . . . . . . . . . . 6
2.3 Ausgleichsrechnung (lineare Regression) . . . . . . . . . . . . . 9
3 Messunsicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
3.1 Messabweichungen bei Einzelmessungen . . . . . . . . . . . . . 11
3.1.1 Messunsicherheit bei direkten Messgrößen . . . . . . . . . . . . 12
3.1.2 Messunsicherheit bei indirekten Messgrößen . . . . . . . . . . . 13
3.2 Messgrößen mit zufälligen Messabweichungen . . . . . . . . . . 14
3.2.1 Mittelwert, Standardabweichung, Vertrauensbereich . . . . . . . 14
3.2.2 Messunsicherheit bei kombinierten Messgrößen . . . . . . . . . . 16
3.2.3 Messunsicherheit beim linearen Ausgleich . . . . . . . . . . . . 17
3.3 Angabe des Messergebnisses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
4 Statistische Tests . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
4.1 Ermittlung von Häufigkeitsverteilungen . . . . . . . . . . . . . . 20
4.2 Verteilungen und Prüfverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
5 Versuchsvorbereitung und Protokollführung . . . . . . . . . . 27

M Mechanik
1 Wägung und Dichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.1 Pyknometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
1.2 Auftriebsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.3 Resonanzverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
1.3.1 Schwingrohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.3.2 Stimmgabeldichtemesser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.0.1 Bewegungsgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.0.2 Satz von Steiner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Inhaltsverzeichnis IX

2.0.3 Reduzierte Pendellänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48


2.1 Fadenpendel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.2 Reversionspendel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.3 Drehpendel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.3.1 Lineare Schwingungen und Resonanz . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.3.2 Nichtlineare Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
2.4 Gekoppelte Pendel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.5 Trägheitsmomente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3 Deformationsverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
3.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
3.1 Elastizitätsmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
3.1.1 Dehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
3.1.2 Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
3.2 Torsionsmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
3.2.1 Statische Messmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
3.2.2 Dynamische Messmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
3.3 Federkonstante einer Schraubenfeder . . . . . . . . . . . . . . . 77
4 Schall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
4.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
4.0.1 Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
4.0.2 Schallwandler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
4.1 Schallgeschwindigkeit in Festkörpern . . . . . . . . . . . . . . . 84
4.1.1 Dehnungswelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
4.1.2 Biegewelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4.2 Schallgeschwindigkeit in Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . 87
5 Oberflächenspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
5.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
5.1 Abreißmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
5.2 Steighöhenmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
5.3 Tropfenmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
6 Viskosität und Strömung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
6.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
6.0.1 Bernoulli-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
6.0.2 Gesetz von Hagen und Poiseuille . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
6.1 Kugelfallmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
6.2 Kugelfall-Viskosimeter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
6.3 Kapillar-Viskosimeter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
6.4 Strömung im Rohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
X Inhaltsverzeichnis

W Wärmelehre
1 Temperaturmessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
1.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
1.0.1 Temperatur, Maßeinheit und Temperaturskalen . . . . . . . . . . 109
1.0.2 Ausdehnungsthermometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
1.0.3 Elektrische Temperatursensoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
1.0.4 Strahlungsthermometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
1.1 Thermische Ausdehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
1.2 Gasthermometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
1.3 Abkühlungskurven und Wärmeübergang . . . . . . . . . . . . . 120
1.4 Strahlungsmessungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 122
2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen . . . . . . . 125
2.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
2.0.1 Zustandsgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
2.0.2 Energiesatz und Adiabatengleichung . . . . . . . . . . . . . . . 128
2.0.3 Dampfdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
2.1 Isothermen realer Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
2.2 Adiabatenexponent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
2.2.1 Versuch nach Clément und Desormes . . . . . . . . . . . . . . . 133
2.2.2 Schallgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
2.2.3 Resonanzmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
2.3 Dampfdruckkurve und Verdampfungswärme . . . . . . . . . . . 138
2.4 Wärmepumpe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
3 Kalorimetrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
3.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
3.1 Wärmekapazität eines Kalorimeters . . . . . . . . . . . . . . . . 144
3.2 Spezifische Wärmekapazität von Festkörpern und Flüssigkeiten . 145
3.2.1 Spezifische Wärmekapazität fester Stoffe . . . . . . . . . . . . . 146
3.2.2 Spezifische Wärmekapazität von Flüssigkeiten . . . . . . . . . . 148
3.3 Umwandlungswärmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
3.3.1 Spezifische Schmelzwärme des Eises . . . . . . . . . . . . . . . 148
3.3.2 Spezifische Kondensationswärme des Wassers . . . . . . . . . . 150
4 Wärmeleitung in Festkörpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
4.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
4.1 Wärmeleitfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Inhaltsverzeichnis XI

E Elektrizitätslehre
1 Widerstände und Stromquellen . . . . . . . . . . . . . . . . 157
1.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
1.0.1 Elektrischer Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
1.0.2 Reale Spannungsquelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
1.1 Widerstandsbestimmung durch Strom- und Spannungsmessung . . 162
1.2 Temperaturabhängigkeit elektrischer Widerstände . . . . . . . . 164
1.3 Kenngrößen einer realen Spannungsquelle . . . . . . . . . . . . 167
1.4 Verlustbehafteter Spannungsteiler . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
2 Elektrische und magnetische Felder . . . . . . . . . . . . . . 172
2.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
2.0.1 Elektrisches Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
2.0.2 Magnetisches Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
2.0.3 Magnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
2.1 Elektrostatische Felder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
2.2 Magnetfelder in Spulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
2.3 Magnetische Hysterese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
2.4 Hall-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
2.5 Transformator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
Spulen und Kondensatoren in Gleich- und
3
Wechselstromkreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
3.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
3.0.1 Einstellvorgänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
3.0.2 Komplexe Darstellung von Wechselgrößen . . . . . . . . . . . . 194
3.0.3 Schaltungen mit Wechselstromwiderständen . . . . . . . . . . . 195
3.1 Oszilloskop und Phasenbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . 199
3.2 Tief- und Hochpass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
3.3 Sprungantworten von RC- und RL-Schaltungen . . . . . . . . . 207
4 Elektrische Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
4.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
4.0.1 Freie gedämpfte Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
4.0.2 Reihen- und Parallelschwingkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
4.1 Abklingvorgänge im RLC-Kreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
4.2 Resonanz im Reihenschwingkreis . . . . . . . . . . . . . . . . 217
4.3 Resonanz im Parallelschwingkreis . . . . . . . . . . . . . . . . 219
XII Inhaltsverzeichnis

5 Halbleiter-Bauelemente, elektronische Grundschaltungen . . 221


5.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
5.0.1 Leitungsvorgänge in Halbleitern . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
5.0.2 pn-Übergang - Dioden und Transistoren . . . . . . . . . . . . . 223
5.0.3 Integrierte Schaltkreise - Operationsverstärker und logische Gatter 227
5.1 Bandlückenenergie, Sperrschichtkapazität eines pn-Übergangs . . 231
5.2. Halbleiterdioden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
5.2.1 Kennlinien einer Si-Diode, Gleichrichtung . . . . . . . . . . . . 233
5.2.2 Kennlinie einer Z-Diode, Spannungsstabilisierung . . . . . . . . 234
5.3 npn-Transistor, n-Kanal-Sperrschicht-FETcs, Verstärkerschaltung 234
5.4 Operationsverstärker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
5.5 Digitalelektronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
5.5.1 Addierer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
5.5.2 RS-Kippschaltungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
5.5.3 Digital-Analog-Wandler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239

O Optik und Atomphysik


1 Linsen und Linsensysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
1.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
1.1 Krümmungsradius und Brennweite dünner Linsen . . . . . . . . 243
1.2 Brennweite und Hauptebenen eines Linsensystems . . . . . . . . 246
1.3 Lupe und Mikroskop . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
1.4 Fernrohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
2 Kohärenz, Interferenz und Beugung . . . . . . . . . . . . . . 252
2.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
2.0.1 Licht als elektromagnetische Welle . . . . . . . . . . . . . . . . 252
2.0.2 Kohärenz und Laser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
2.0.3 Beugung an Spalt, Doppelspalt und Gitter . . . . . . . . . . . . 254
2.1 Interferenzen gleicher Dicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
2.2 Beugung an Spalt und Doppelspalt . . . . . . . . . . . . . . . . 260
2.3 Beugung am Gitter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
2.4 Michelson-Interferometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
3 Brechung, Dispersion und Absorption . . . . . . . . . . . . . 268
3.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
3.0.1 Brechungsindex und Dispersion . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
3.0.2 Extinktion und Absorption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
3.1 Refraktometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
Inhaltsverzeichnis XIII

3.2 Prismenspektrometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274


3.3 Brechungsindex von Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
3.4 Spektralphotometetrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
4 Polarisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
4.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
4.0.1 Polarisation durch Reflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
4.0.2 Polarisation durch Doppelbrechung . . . . . . . . . . . . . . . . 283
4.0.3 Drehung der Polarisationsebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
4.1 Polarisationswinkel und Reflexionsvermögen . . . . . . . . . . . 285
4.2 Drehung der Schwingungsebene linear polarisierten Lichts . . . . 285
4.3 Polarisationsgrad und Viertelwellenlängenplatte . . . . . . . . . 287
5 Ionisierende Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291
5.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291
5.0.1 Wechselwirkung von Strahlung und Stoff . . . . . . . . . . . . 292
5.0.2 Strahlungsdetektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
5.0.3 Radioaktive Umwandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
5.1 Messungen mit dem Geiger-Müller-Zählrohr . . . . . . . . . . . 297
5.2 Messung der Halbwertszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
5.3 Reichweite von D-Strahlung in Luft . . . . . . . . . . . . . . . 301
5.4 E-Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
5.4.1 Absorption von E-Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
5.4.2 E-Spektroskopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
5.5 J-Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
5.5.1 Schwächung von J-Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
5.5.2 J-Spektroskopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
5.6 Compton-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
5.7 Röntgenstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
6 Fundamentale Konstanten und Effekte der Physik . . . . . . 316
6.1 Lichtgeschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
6.2 Elementarladung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
6.3 Planck’sches Wirkungsquantum . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
6.3.1 Äußerer Photoeffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
6.3.2 Röntgenbremsspektrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
6.4 Spezifische Ladung e/m des Elektrons . . . . . . . . . . . . . . 327
6.5 Franck-Hertz-Versuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
6.6 Rydberg-Konstante . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
6.7 Avogadro-Konstante . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
6.8 Gravitationskonstante . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
XIV Inhaltsverzeichnis

F Fourier-Transformation und Signalanalyse


1.0 Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338
1.0.1 Das Prinzip der Fourier-Transformation . . . . . . . . . . . . . . 338
1.0.2 Diskrete Fourier-Transformation und Abtasttheorem . . . . . . . 340
1.0.3 Fourier-Transformation in endlichen (Zeit)Intervallen . . . . . . 341
1.1 Fourier-Synthese und -Analyse optischer Muster und elektrischer
Signale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
1.2 Fourier-Analyse gekoppelter elektrischer Schwingungen . . . . . 345
1.3 Fourier-Analyse akustischer Schwingungen . . . . . . . . . . . 351

Anhang
A.1 Komplexe Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
A.2 Lösungen linearer Differentialgleichungen . . . . . . . . . . . . 360
A.3 Nichtlineare Dynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
A.4 Grundlagen digitaler Messungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
A.5 Nuklid-Zerfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
A.6 Fundamentalkonstanten der Physik . . . . . . . . . . . . . . . . 377
A.7 Eigenschaften fester Stoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
A.8 Eigenschaften von Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
A.9 Dichte und dynamische Viskosität von Wasser . . . . . . . . . . 380
A.10 Siedetemperatur des Wassers in Abhängigkeit vom Luftdruck . . 380
A.11 Spezifische Wärmekapazität von Wasser . . . . . . . . . . . . . 381
A.12 Dichte von Gasen, Schallgeschwindigkeit in Gasen, Flüssigkeiten
und Festkörpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
A.13 Wärmeleitfähigkeit fester Stoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
A.14 Flächenträgheitsmomente ausgewählter Querschnitte . . . . . . . 382
A.15 Beispiele stationärer Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . 383
A.16 Spezifischer elektrischer Widerstand und Temperaturkoeffizient . 384
A.17 Beweglichkeit der Ladungsträger verschiedener Halbleiter . . . . 384
A.18 Spektrallinien ausgewählter Elemente . . . . . . . . . . . . . . 385
A.19 Termschema von Neon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386
A.20 Tabelle zur Standardnormalverteilung . . . . . . . . . . . . . . 387
A.21 Tabelle zur t-Verteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
A.22 Tabelle zur F2-Verteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390

Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397


1

Einführung
1 Größen und Einheiten Beispiel:
Basisgrößen der Mechanik: Länge (l), Mas-
Messungen dienen der Ermittlung der Wer- se (m), Zeit (t).
te physikalischer Größen auf experimentel- Abgeleitete Größen: Kraft (F ), Fläche (A)
lem Weg. Physikalische Größen - wenn 2
d l
keine Verwechslungen möglich sind, auch F=m , A l2 .
d t2
als Größen bezeichnet - sind direkt oder
indirekt messbare Eigenschaften von Ob- Der häufig verwendete Begriff der Dimen-
jekten (Körper, Zustände, Vorgänge) wie sion einer Größe gibt den Ausdruck an, der
z. B. Masse, Ladung, Energie, die qualitativ die Beziehung einer Größe zu den Basis-
charakterisiert und quantitativ ermittelt größen eines Systems wiedergibt und die
werden können. Nach der Norm DIN 1319 Größe als Potenzprodukt der Basisgrößen
(„Grundlagen der Messtechnik“) als grund- mit dem Zahlenfaktor eins darstellt.
legende deutsche Norm der Messtechnik ist Beispiel:
die Messgröße diejenige physikalische Im Größensystem l, m, t hat die abgeleitete
Größe, der eine Messung gilt. Dabei wird in Größe Kraft die Dimension L M T-2 .
dieser Norm der Begriff sowohl für “Mess-
Durch physikalische Messungen werden
größe im allgemeinen Sinn“ als auch für
jedoch nicht nur einzelne Größen ermittelt,
„spezielle Messgröße“ verwendet. Der
sondern auch Zusammenhänge zwischen
Wert einer Größe wird durch den Zahlen-
mehreren Größen, die sich als Gleichungen
wert und die Einheit beschrieben. Unter
schreiben lassen. Beispielsweise gilt für die
dem Zahlenwert versteht man die Zahl, die Schwingungsdauer T in Abhängigkeit von
angibt, wie oft die Einheit in der betrachte- der Länge L eines mathematischen Pendels
ten Größe enthalten ist. Die Einheit (auch
Maßeinheit) bezeichnet die physikalische die Gleichung T = 2 ʌ L / g ( g Schwere-
Größe, die als Bezugsgröße für die Be- beschleunigung). In diesem Buch werden
stimmung und Angabe des Werts von Grö- Gleichungen als Größengleichungen ge-
ßen gleicher Art festgelegt und der der Zah- schrieben, die u. a. folgende Merkmale
lenwert eins zugeordnet wird. haben:
Beispiel: 1. In Größengleichungen symbolisieren
Massewert eines Körpers: 12 kg Formelzeichen Größen.
Zahlenwert: 12 Einheit: kg . Beispiel:
Die Gesamtheit der physikalischen Größen, s 2
d l
v , F=m 2 .
die notwendig sind, um die Gesetzmäßig- t dt
keiten der Physik zu beschreiben, bildet das
Größensystem. Physikalische Größen eines 2. Zur Auswertung werden anstelle von
Größensystems, die unabhängig von ande- Formelzeichen die Werte der entsprechen-
ren Größen dieses Systems sind, werden als den Größen eingesetzt. Es gelten formal die
Basisgrößen, solche, die als Funktion von aus der Algebra bekannten Regeln, wobei
Basisgrößen definiert sind, als abgeleitete Zahlenwert und Einheit wie zwei selbstän-
Größen bezeichnet. dige Faktoren behandelt werden.

W. Schenk et al., Physikalisches Praktikum,


DOI 10.1007/978-3-658-00666-2_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
2 Einführung 1 Größen und Einheiten

Beispiel: Die Sekunde (s) ist die Einheit der Zeit.


720 m 720 m 1 s ist die Dauer von 9 192 631 770 Perio-
Q 6 m s -1 . den der Strahlung, die dem Übergang zwi-
120 s 120 s
schen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus
Zusätzlich ergeben sich folgende vorteil- des Grundzustands von Atomen des Nuk-
hafte Eigenschaften: lids 133Caesium entspricht.
Das Ampere (A) ist die Einheit der Strom-
3. Größengleichungen gelten innerhalb stärke.
eines einmal gewählten Größensystems
1 A ist die Stärke des zeitlich unveränderli-
unabhängig von der Wahl der Einheiten.
chen elektrischen Stroms durch zwei gerad-
Im Allgemeinen wählt man für Größen
linige, parallele, unendlich lange Leiter von
gleicher Dimension gleiche Einheiten. Eine
vernachlässigbar kleinem, kreisförmigem
Umrechnung auf andere Einheiten ist leicht
Querschnitt, die den Abstand 1 m haben
möglich, indem man mit Einheiten wie mit
und zwischen denen die durch den Strom
Zahlen rechnet.
elektrodynamisch hervorgerufene Kraft im
leeren Raum je 1 m Länge der Doppellei-
4. In Größengleichungen stehen zu beiden tung 2˜10-7 N beträgt.
Seiten des Gleichheitszeichens die gleichen
Größen in gleicher Dimension, so dass Das Kelvin (K) ist die Einheit der thermo-
durch Dimensions- oder Einheitenbetrach- dynamischen Temperatur.
tungen einfache Kontrollen durchgeführt 1 K ist der 273,16te Teil der (thermodyna-
werden können. Insbesondere müssen z. B. mischen) Temperatur des Tripelpunkts von
Summanden gleiche Dimension haben, Wasser. Die Differenz aus einer Tempera-
Exponenten und Argumente von Winkel- tur T und der Temperatur T0 = 273,15 K
funktionen dimensionslos sein usw. wird als Celsiustemperatur - bezeichnet:
- T  T0 .
1.1 Internationales Einheitensystem (SI)
Das Mol (mol) ist die Einheit der Stoff-
Im vorliegenden Buch wird ausschließlich menge.
das Internationale Einheitensystem, abge-
1 mol ist die Stoffmenge eines Systems, das
kürzt SI (Système International d’Unités),
aus so vielen gleichartigen Teilchen be-
verwendet. Die sieben Basisgrößen sind
steht, wie Atome in 0,012 kg des Nuk-
Länge, Masse, Zeit, Stromstärke, Tempera-
lids 12C enthalten sind. Die Art der Teilchen
tur, Stoffmenge und Lichtstärke.
(Atome, Moleküle, Ionen, Elektronen oder
Das Meter (m) ist die Einheit der Länge. auch spezielle Gruppierungen) muss je-
1 m ist die Länge der Strecke, die Licht im weils angegeben werden. Die Teilchenzahl
Vakuum in 1/299 792 458 Sekunden durch- je Mol ist eine Naturkonstante und wird als
läuft. Damit ist das Meter metrologisch von Avogadro-Konstante NA bezeichnet. Der
der Zeiteinheit Sekunde abhängig, bleibt gegenwärtig beste experimentelle Wert ist
aber Basiseinheit des SI. N A 6,02214179(30) ˜1023 mol-1 .
Das Kilogramm (kg) ist die Einheit der Die Candela (cd) ist die Einheit der Licht-
Masse. stärke.
1 kg ist gleich der Masse des Internationa- 1 cd ist die Lichtstärke in einer bestimmten
len Kilogrammprototyps. Richtung einer Strahlungsquelle, die mono-
1.2 Abgeleitete Einheiten 3

chromatische Strahlung der Frequenz in dieser Richtung 1/683 W/sr (sr, Steradi-
540 THz aussendet und deren Strahlstärke ant) beträgt.

Tabelle 1.2.1 Namen und SI-Einheiten von wichtigen abgeleiteten physikalischen Größen
Größe Name der Einheit SI-Einheit
Fläche Quadratmeter m2
Volumen Kubikmeter m3
Frequenz Hertz Hz (s-1)
Geschwindigkeit Meter/Sekunde m/s
Beschleunigung Meter/Quadratsekunde m / s2
Dichte Kilogramm/Kubikmeter kg / m3
Kraft Newton N, kg m / s2
Druck Pascal= Newton/Quadratmeter Pa, N / m2
Arbeit, Energie, Wärmemenge Joule = Newtonmeter = Wattsekunde J, N m, W s
Leistung Watt W, J / s
Elektrische Spannung Volt1) V, W / A
Elektrische Ladung Coulomb C, A s
Elektrische Feldstärke Volt/Meter V/m
Elektrischer Widerstand Ohm :, V / A
Elektrische Kapazität Farad F, A s / V
Induktivität Henry H, V s / A
Magnetische Induktion Tesla = Weber/Quadratmeter T, Wb / m2 , V s / m2
Magnetische Feldstärke Ampere/Meter A/m
Magnetische Spannung Ampere A
Strahlungsleistung, -fluss Watt/Quadratmeter W / m2
Strahldichte Watt/( Steradiant Quadratmeter ) W/(sr m2)
Spezifische Ausstrahlung Watt/Quadratmeter W/m2
Lichtstrom Lumen lm = cd sr
Beleuchtungsstärke Lux lx = lm / m2
Leuchtdichte Candela/Quadratmeter Cd / m2
Die Einheit der elektrischen Spannung 1 V = 1 W / A = 1 J / (A s) ergibt sich aufgrund der Energie-
äquivalenz, bei der die Einheit der elektrischen Arbeit (1 V A s) gleich der Einheit der entsprechen-
den mechanischen Arbeit ist (1 J).

1.2 Abgeleitete Einheiten Dabei handelt es sich um Einheiten, deren


Beziehung zu den SI-Einheiten einen von
Die Einheiten aller anderen physikalischen
Größen lassen sich aus den sieben Basis- eins verschiedenen Zahlenfaktor enthält.
einheiten des SI ableiten, sie bilden mit Beispiele dafür sind die Zeiteinheiten Mi-
ihnen ein kohärentes System von Einheiten. nute (1 min = 60 s) und Stunde (1 h = 60 s),
Eine Auswahl wichtiger abgeleiteter Ein- auch als so genannte allgemeingültige Ein-
heiten ist in Tab. 1.2.1 zusammengefasst. heiten bezeichnet, sowie so genannte auf
Die ergänzenden Einheiten Radiant (rad) einem Spezialgebiet gültige Einheiten, z. B.
und Steradiant (sr) sind jedoch wie Basis- das Elektronenvolt:
einheiten anzuwenden, wenn es der physi- 1eV 1,602176 487 ˜ 1019 J .
kalische Sachverhalt verlangt. Außer den Zu den systemfremden Einheiten gehören
SI-Einheiten sind auch einige systemfrem- auch die SI-Einheiten mit Vorsätzen
de (inkohärente) Einheiten zugelassen. (Tab. 1.2.2) sowie einige historisch be-
4 Einführung 2 Erfassung und Auswertung von Messwerten

gründete Einheiten, die einen besonderen 2 Erfassung und Auswertung


Namen tragen (Liter: 1 l = 10-3 m3, Tonne:
1 t = 103 kg). Die Vorsätze werden im All-
von Messwerten
gemeinen so gewählt, dass die Zahlenwerte Physikalische Größen (Messgrößen) wer-
der anzugebenden Größen zwischen 0,1 den durch eine Messung bestimmt, wobei
und 1000 liegen. unter einer Messung der quantitative Ver-
gleich der zu bestimmenden Größe mit
Tabelle 1.2.2 Bezeichnungen für dezimale einer vorgegebenen Größe gleicher Art
Vielfache und Bruchteile von Einheiten (Bezugsgröße) zu verstehen ist. Träger der
Name Zeichen Bedeutung Messgrößen werden als Messobjekte, die
Zetta Z 1021 Art und Weise der Durchführung einer
Exa E 1018 Messung als Messmethode und die Ge-
Peta P 1015 samtheit der physikalischen Erscheinungen,
Tera T 1012
die die Grundlage der Messung bilden, als
Messprinzip bezeichnet.
Giga G 109
Ein Messverfahren ist die praktische An-
Mega M 106
wendung eines Messprinzips und einer
Kilo k 103
Messmethode mit dem Ziel der Gewinnung
Hekto h 102
des Werts einer Messgröße (Messwert).
Deka da 101
Dezi d 10-1 2.1 Sensoren und Messgeräte
Zenti c 10-2
Milli m 10-3 Die zur Durchführung von Messungen
Mikro ȝ 10-6 verwendeten Messgeräte bestehen im All-
Nano n 10-9 gemeinen aus einem Messwertaufnehmer,
Pico p 10-12
einer Reihe von Wandlerelementen, in de-
nen die Messgrößen in andere physikali-
Femto f 10-15
sche Größen umgeformt werden, und aus
Atto a 10-18
einer Anzeigeeinrichtung (z. B. Skalenan-
Zepto z 10-21
zeige, Ziffernanzeige). Statt der klassischen
In Tabellen ist jedoch möglichst für jede Messfühler (z. B. Thermoelement) hat man
Größe ein einheitlicher Vorsatz anzuwen- es heute zunehmend mit solchen, als Senso-
den, auch wenn dann einige Zahlen die ren bezeichneten Messfühlern zu tun, die
genannten Grenzen überschreiten. In ein elektrisches oder elektrisch weiterver-
Tab. 1.2.2 sind die Bezeichnungen für de- arbeitbares Signal (analog oder digital) als
zimale Vielfache und Bruchteile von Ein- Information über die zu bestimmende phy-
heiten, die auch bei Einheiten mit selbstän- sikalische Größe liefern und gleichzeitig
digem Namen anzuwenden sind, zusam- zum Messinterface eines Computers oder
mengestellt. Vorsätze, die einer ganzzahli- zu elektronischen Geräteeinheiten kompati-
gen Potenz von Tausend (103n) entsprechen, bel sind.
sind zu bevorzugen. Die Vorsätze Hekto, Im Gegensatz zum reinen Zählen, das zu-
Deka, Dezi und Zenti sollen nur noch in mindest im Prinzip fehlerfrei ausgeführt
solchen Fällen verwendet werden, in denen werden kann, treten bei Messungen durch
sie sich fest eingebürgert haben. Berech- stets vorhandene Unzulänglichkeiten der
nungen sind vorzugsweise mit SI-Einheiten Messgeräte, Unvollkommenheiten der Sin-
durchzuführen. nesorgane und unkontrollierte äußere Ein-
2.1 Sensoren und Messgeräte 5

flüsse immer Messabweichungen auf. Von delt. Anschließend wird die binäre Größe in
Ausnahmen abgesehen liefern daher selbst eine für die dezimale Digitalanzeige geeig-
mehrere mit der gleichen Apparatur und nete Größe umgesetzt. Zur Digitalisierung
unter gleichen Bedingungen ausgeführte der analogen Signale werden verschiedene
Messungen nicht das gleiche Ergebnis. Von elektronische Verfahren verwendet (An-
Bedeutung ist deshalb ein vorheriges Justie- hang A.4). Wichtige Kenngrößen eines
ren (Abgleichen) und Kalibrieren des Mess- Analog-Digital-Umsetzers sind u. a. das
geräts, um die Messabweichungen auf Wer- Auflösungsvermögen, die Nichtlinearität
te zu bringen, die den gerätetechnischen und die Einstellzeit. In Abb. 1 ist das
Möglichkeiten entsprechen. Grundschema für ein digitales Messgerät
Der Vorgang des Justierens umfasst z. B. dargestellt.
die Korrektur der Anzeige eines Messge-
räts. Damit soll erreicht werden, dass der
angezeigte Wert (Istwert) so gut wie mög- Sensor/ Verstärker,
Gleich- Digital-
lich auf den richtigen Wert (Sollwert) kor- analoges
richter,
ADC
anzeige
rigiert wird (z. B. Offset-Korrektur). Signal
Filter
Als Kalibrieren (Einmessen) bezeichnet
man im Gegensatz dazu das Zuordnen von
Werten der Messgröße zu den Anzeigen Abb. 1 Schematische Darstellung der wichtigs-
eines Messgeräts. Beim Kalibrieren wird ten Baugruppen eines digitalen Messgeräts
ein Messgerät überprüft und die Abwei-
chung zu einem bekannten (richtigen) Refe- Moderne Digitalmultimeter messen Span-
renzwert oder Standard erfasst (protokol- nungen und Ströme neben anderen Größen
liert). Das Ergebnis einer Kalibrierung er- (z. B. Widerstand, Frequenz, Kapazität)
laubt die Schätzung der Messabweichungen digital. Dabei wird der Messgröße ein Aus-
des Messgeräts, der Messeinrichtung oder gangssignal zugeordnet, das ein mit einer
der Maßverkörperung oder die Zuordnung vorgegebenen Schrittweite (Digit) quanti-
von Werten zu Teilstrichen auf beliebigen sierter Messwert ist. Die kleinste erfassbare
Skalen. Vielfach wird das Ergebnis einer Änderung der Messgröße (Auflösung der
Kalibrierung als Korrektion oder Kalibrier- digitalen Messung, auch als least signifi-
faktor oder in Form einer Kalibrierkurve cant digit (lsd) bezeichnet), ist durch die
angegeben. Schrittweite bestimmt. Diese liegt in der
Kalibrieren ist nicht gleich Eichen! Der Regel zwischen 8 Bit (28 = 256 Digits) und
Begriff „Eichen“ ist im offiziellen Sprach- 16 Bit (216 = 65536 Digits, Tabelle A.4.1).
gebrauch auf das gesetzliche Messwesen Der Vorteil von digitalen gegenüber den
beschränkt und bezeichnet amtliche Prü- analogen Multimetern (bei ihnen wird der
fungen nach dem Eichgesetz. Eine Eichung Messgröße ein Ausgangssignal zugeordnet,
kann nur vom zuständigen Eichamt an eich- das ein eindeutiges und stetiges Abbild
fähigen Geräten durchgeführt werden. dieser Messgröße ist) besteht in der direk-
Ein digitales Messgerät besteht im Wesent- ten Ablesung des Messwerts, der Messge-
lichen aus Sensor, Verstärker, A/D- schwindigkeit und dem Messkomfort sowie
Wandler (Analog-Digital-Wandler (ADW), der Speicherung, Übertragung und Weiter-
auch als Analog-Digital-Converter (ADC) verarbeitung von Messwerten. Bei kom-
bezeichnet), Zähler und Digitalanzeige. Die merziellen Digitalmultimetern liegen die
analoge Messgröße wird erst verstärkt, relativen Unsicherheiten in der Größenord-
danach in eine digitale Größe umgewan- nung von 0,1 % bis 1,5 % des Messwerts.
6 Einführung 2 Erfassung und Auswertung von Messwerten

Bei Präzisionsgeräten werden relative Un- waagerechten oder senkrechten Achse lie-
sicherheiten von 10-4 bis 10-5 des Messbe- gen. In diesem Fall soll die positive Rich-
reichsendwerts erreicht. tung der Winkelkoordinaten der Drehrich-
Die Ausgangssignale moderner Sensoren tung entgegen dem Uhrzeigersinn entspre-
können mit Hilfe von Interfaceschaltungen chen (vgl. Abb. O.4.3.5).
auch direkt einem Rechner zugeführt wer- Werden die Koordinatenachsen als Skalen
den. Die Aufgabe der Interfaceschaltungen verwendet, sind diese durch Teilstriche in
besteht in Analogie zu den digitalen Mess- Intervalle zu unterteilen. Neben den Teil-
geräten (Abb. 1) darin, das Sensorsignal strichen sind die Werte der Größen an-
vom Sensor aufzunehmen und zu verstär- zugeben. Ist der Koordinatenursprung bei-
ken, eine Signalverarbeitung durchzuführen der Skalen null, ist die Ziffer 0 nur einmal
und abschließend das analoge Signal in ein am Schnittpunkt anzugeben. Liegen die
digitalisiertes Signal umzuwandeln. Messwerte innerhalb eines begrenzten In-
Die Vorteile rechnergestützter Messungen tervalls relativ weit entfernt vom Null-
liegen im Wesentlichen in der Messung von punkt, ist es zweckmäßig, eine Darstellung
schnellen Vorgängen, in der digitalen Spei- mit unterdrücktem Nullpunkt zu wählen.
cherung und Weiterverarbeitung der Mess- Die Angaben der Zahlen an den Skalen
daten sowie in der Realisierung von Mes- erfolgt waagerecht außerhalb des Dia-
sungen über längere Zeiträume ohne per- grammfelds, die Bezeichnung der Größen
sönliche Anwesenheit. Nach Speicherung (Zeichen, Benennung, funktionelle Abhän-
und Weiterleitung der Daten können die gigkeit) zweckmäßigerweise in Kombinati-
Messwerte auch an externen Computern on mit der Angabe der Maßeinheit in Form
weiterverarbeitet werden (z. B. Modell- und eines Bruchs (Abb. 2) oder in Klammern
Anpassungsrechnungen, Simulationen, sta- gesetzt am Ende der Skala.
tistische Analysen). 1000
U / mV

2.2 Graphische Darstellung und Auswer-


tung 0
Die während einer Messung angezeigten
Werte der Messgröße sollten in der prakti-
schen Arbeit zunächst in Form einer Tabel- -1000
le in das Versuchsprotokoll aufgenommen
werden, ggf. auch direkt in eine graphische
Darstellung (Diagramm), wenn es sich um -2000
0 5 10 15
den funktionellen Zusammenhang zweier Δx / mm
Größen handelt. In Diagrammen werden Abb. 2 Diagramm zur Kalibrierungskurve eines
auf den Koordinatenachsen die Werte der elektronischen Wegaufnehmers (Sensorspan-
Größen in Form von Skalen abgetragen. Im nung U, Verschiebung 'x, Ausgleichsgerade rot
rechtwinkligen Koordinatensystem ist die gezeichnet)
unabhängige Variable in der Regel auf der
Abszisse darzustellen. Die positiven Werte Bei der Gestaltung des Diagramms ist der
der Größen steigen vom Schnittpunkt der Maßstab so zu wählen, dass die Kurve
Achsen aus nach rechts bzw. nach oben an. möglichst unter einem Winkel von etwa
In einem Polarkoordinatensystem muss der r 45° zu den Koordinatenachsen verläuft,
Koordinatenursprung (Winkel 0) auf der um auf beiden Achsen die gleiche relative
2.2 Graphische Darstellung und Auswertung 7

Ablesegenauigkeit zu erzielen. Ein Dia- Falls der physikalische Zusammenhang


gramm muss eine Benennung (Titel, Bild- vorgibt, dass die auszuwertende Gerade
unterschrift) haben, die die dargestellte durch den Ursprung des Koordinatensys-
funktionelle Abhängigkeit erläutert. In den tems verläuft, ist dieser ein festgelegter
meisten Fällen erhält man in einem Expe- Punkt für die Konstruktion der Geraden.
riment die gesuchte Größe nicht direkt,

Größe Y
sondern muss sie durch mehr oder weniger
umfangreiche Rechnungen aus den Mess- P2
werten bzw. durch Auswertung geeignet
gewählter graphischer Darstellungen ermit-
teln. Bevor mit der Rechnung begonnen yS
PS Ausgleichsgerade
wird, muss man sich über die dabei erfor-
derliche Genauigkeit klar werden. Sie ist in
jedem Fall so zu wählen, dass die Messun-
sicherheit (Abschn. 3), die durch die expe- abest P1 xS
rimentellen Bedingungen bestimmt wird, 0 Größe X
sich durch die Rechnung nicht vergrößert.
Oft wird es bei den Auswertungen im Prak- Abb. 3 Darstellung von zwei Größen X und Y
tikum darum gehen, die Abhängigkeit der zur Ermittlung der Parameter der Ausgleichsge-
Messdaten x und y von zwei Messgrößen X raden
und Y linear zu beschreiben, d. h., sie genü-
gen einer Gleichung vom Typ Y = A + B X. Die Lage des Punkts PS in Abb. 3 ergibt
Um die Werte a und b der beiden Geraden- sich aus den arithmetischen Mittelwerten
parameter A und B zu bestimmen, versucht x xS und y yS der x- und y-Werte. Der
man rechnerisch oder graphisch deren Schnittpunkt der Ausgleichsgeraden mit der
bestmögliche Werte (abest, bbest) zu ermit- Y-Achse bei x = 0 bestimmt den Wert abest.
teln. Der rechnerische Weg basiert auf der Den Anstieg bbest erhält man z. B. mit zwei
Methode der linearen Regression, die von- geeignet gewählten Punkten P1(x1, y1) und
einander unabhängige und zufällig streuen- P2(x2, y2) auf der in Abb. 3 eingezeichneten
de Messwerte voraussetzt. Eine einfache Ausgleichsgeraden:
graphische Bestimmung der Geradenpara- ' y y2  y1
meter bietet die Methode des graphischen bbest .
Ausgleichs, bei der man die Gerade so über ' x x2  x1
die Messpunkte legt, dass diese eine best- Es ist insbesondere für die Abschätzung
mögliche Anpassung erreicht. von Unsicherheiten bei der graphischen
Für das Einzeichnen der bestmöglichen Auswertung von Vorteil, die Messabwei-
Geraden, auch Ausgleichsgerade genannt, chungen der einzelnen Messwerte z. B. in
in das Diagramm gibt es einige einfache Form von Fehlerbalken einzuzeichnen
praktische Regeln: Man verwendet z. B. ein (Abb. 4). Um die Unsicherheit des Anstiegs
durchsichtiges Lineal, um beim Einzeich- der Geraden zu ermitteln, verwendet man
nen der bestmöglichen Geraden im Mittel die in Abb. 4 markierten Punkte P1,min und
die Summe der Abweichungen zwischen P1,max sowie P2,min und P2,max. Aus der Diffe-
den Messpunkten unter- und oberhalb der renz der Werte für den größten und den
Geraden auszugleichen. Dadurch erreicht kleinsten Anstieg wird man in der Regel
man, dass die Summe der Abweichungen einen guten Schätzwert für die Unsicherheit
so klein wie möglich wird. des Anstiegs bbest erhalten.
8 Einführung 2 Erfassung und Auswertung von Messwerten

1
Größe Y

P2.max
len X , Y ln K sowie den Geradenparame-
T
P2.min
tern A ln K0 und B EA / R .

η / 10-3 kg m-1 s-1


PS Ausgleichsgerade
P1.max 0,8

P1.min 0,6

Größe X
0,4
Abb. 4 Graphische Darstellung einer Gerade
mit Fehlerbalken für die x- und y-Messwerte,
300 320 340 360
Punkte P2.max und P1.min bestimmen den größt-
T/K
möglichen und die Punkte P2.min und P1.max den
kleinstmöglichen Anstieg Abb. 5 Diagramm zur Temperaturabhängigkeit
der dynamischen Viskosität einer Flüssigkeit
Wenn der theoretisch zu erwartende Zu-
sammenhang nichtlinear ist, so wird es oft Trägt man lnK über der reziproken absolu-
möglich sein, diesen durch geeignete ma- ten Temperatur T-1 auf (Abb. 6), lässt sich
thematische Transformationen in eine Ge- graphisch die Ausgleichsgerade ermitteln.
radengleichung zu überführen. In solchen
Fällen ist manchmal auch die Verwendung 0,0
ln ( η / Pa s )

von speziellem Koordinatenpapier (Funkti-


P2
onspapier) mit geeigneten Unterteilungen
(z. B. einfach- oder doppelt-logarithmisch;
Ordinate logarithmisch, Abszisse reziproke -0,5
absolute Temperatur T) von Vorteil, bzw.
man erstellt die graphische Darstellung mit
einer geeigneten Software.
-1,0
Beispiel: P1
Die Temperaturabhängigkeit der dynamischen 0,0028 0,0030 0,0032
Viskosität K (Abb. 5) in Flüssigkeiten lässt sich 1/T /1/K
in einem begrenzten Temperaturbereich durch
eine Exponentialfunktion beschreiben: Abb. 6 lnK -1/T-Diagramm zur Auswertung der
Temperaturabhängigkeit der dynamischen Vis-
§ EA · kosität, Ausgleichsgerade rot, Punkte P1 und P2
K = K0 exp ¨ ¸ .
©RT ¹ sind Bezugswerte für die Anstiegsbestimmung
Dabei sind T die absolute Temperatur, EA die
molare Aktivierungsenergie, K0 eine Material- Zu beachten sind dabei die Maßeinheiten,
konstante und R die allgemeine Gaskonstante. die Skaleneinteilung und die Größe der
Die Überführung in eine Geradengleichung logarithmischen Einheit. Mit zwei ausrei-
vom Typ Y = A + B X durch Logarithmieren chend weit voneinander entfernt liegenden
E 1 Punkten P1 (K 1, T1 ) und P2 (K 2 , T2 ) , die auf
ergibt ln K ln K0  A mit den Variab-
R T der Ausgleichsgeraden liegen, kann der
2.3 Ausgleichsrechnung (lineare Regression) 9

Wert der molaren Aktivierungsenergie EA Daraus ergeben sich zwei lineare Gleichun-
mit Hilfe der Gleichung gen (Normalgleichungen) mit den Lösun-
K E §1 1· gen
ln 1 = A ¨  ¸ bestimmt werden.
K2 R © T1 T2 ¹ xy  x y
E= (4)
xx  x x
2.3 Ausgleichsrechnung (lineare Regres-
sion) bzw.
Soll ein linearer Graph mathematisch ana- y xx  xy x
lysiert werden bzw. ist die Festlegung des D= y E x . (5)
xx  x x
linearen Graphen wegen der Streuung der
Messwerte nicht ohne weiteres möglich, Die arithmetischen Mittelwerte sind defi-
erfolgt die Bestimmung der Geradenpara- niert durch
meter mit Hilfe der Ausgleichsrechnung.
Damit kann man bestmögliche Schätzwerte 1 n 1 n
(Erwartungswerte) ermitteln. Im Fall eines
x= ¦
ni1
xi , y = ¦ yi ,
ni1
(6a)
linearen Zusammenhangs
1 n 1 n
y =D + E x (1)
xy = ¦
ni1
xi yi , xx = ¦ xi xi .
ni1
(6b)

besteht die Aufgabe darin, die Bestwerte Den Anstieg der Ausgleichsgeraden E
(Mittelwerte) D und E für D und E zu bezeichnet man auch als Regressionskoef-
finden. Unter Beachtung der Tatsache, dass fizienten. Die Ermittlung der Unsicherhei-
im Experiment die Einflussgrößen xi häufig ten für die Geradenparameter D und E der
vorgegeben und die zugehörigen Zielgrö- Ausgleichsgeraden wird in Abschn. 3.2.3
ßen yi mit zufälligen Messabweichungen beschrieben.
behaftet sind, gilt Das Problem der Kurvenanpassung ist nicht
'yi = yi  yi z 0 (i 1, ..., n) , (2) beschränkt auf die bisher betrachtete Be-
stimmung der Ausgleichsgeraden bei linea-
d. h., Messwert yi und Schätzwert yi der ren Zusammenhängen. Lässt sich z. B. eine
Zielgrößen stimmen nicht überein. Zur Größe mit Hilfe eines Polynoms
Berechnung von D und E wird in der y = E 0  E1 x  E 2 x 2  ...  E n x n (7)
Regel die so genannte Gauß’sche Methode
der kleinsten Quadrate verwendet, wonach darstellen, kann die Bestimmung der Reg-
die Summe der Quadrate der Abweichun- ressionskoeffizienten E0, ȕ1, …, ȕn in ana-
gen 'yi ein Minimum werden soll: loger Weise über die Lösung einer entspre-
chend größeren Zahl von Normalgleichun-
n
gen erfolgen. Die Software für Kurvenan-
F (D , E ) = ¦ ( yi  D  E xi ) 2 min . (3)
i 1
passungen für eine Vielzahl anderer nicht-
linearer Anpassungen mit Hilfe der in den
Die notwendigen Bedingungen für ein Mi- Praktika vorhandenen Rechner steht heute
nimum lauten im Allgemeinen zur Verfügung. Dabei
werden in der Regel auch die Standardab-
wF wF weichungen der betreffenden Anpassungs-
0 . (3a)
wD wE parameter (Fit-Parameter) berechnet.
10 Einführung 3 Messunsicherheit

3 Messunsicherheit Ergänzend werden Hinweise auf die in der


internationalen Metrologie üblichen Emp-
Die Frage nach der Genauigkeit eines fehlungen zur Ermittlung von Messunsi-
Messwerts oder eines Messergebnisses ist cherheiten nach dem „Leitfaden zur Anga-
nur im Zusammenhang mit einer genauen be der Unsicherheit beim Messen“ („Guide
Analyse der verwendeten Messverfahren to the Expression of Uncertainty in Measu-
und Messmethoden zu beantworten. Nach rement“, kurz „ISO-GUM“, ISO Internati-
der deutschen Norm DIN 1319-3 wurde der onal Organization of Standardization) und
traditionelle Begriff Messfehler durch den des nationalen Metrologieinstituts der USA
Begriff Messabweichung ersetzt. In den (National Institut of Standards and Techno-
folgenden Abschnitten werden in kurzen logy, kurz NIST) sowie der Physikalisch
Darstellungen die auf dieser DIN basieren- Technischen Bundesanstalt (kurz PTB)
den Regeln für die zahlenmäßige Erfassung gegeben. In diesen Empfehlungen werden
der Messunsicherheit einer physikalischen zwei Typen von Messunsicherheiten unter-
Messgröße vorgestellt. Diese als „Abschät- schieden, Typ A und Typ B. Systematische
zung der Messunsicherheit“ beschriebene Messabweichungen werden in diesem Leit-
Methode wird umgangssprachlich auch faden nicht mehr berücksichtigt.
noch mit dem veralteten Terminus „Fehler- Unsicherheiten vom Typ A beziehen sich
rechnung“ bezeichnet. auf mehrfach wiederholte Messungen von
Bei der Angabe eines Messergebnisses ist Zufallsmessgrößen (z. B. die Standardab-
in jedem Falle die Mitteilung der Messun- weichung als Standardunsicherheit, siehe
sicherheit erforderlich, deren Größe bei Abschn. 3.2.1) und können mit statistischen
Messungen im Physikpraktikum von unbe- Methoden berechnet werden.
kannten systematischen (im Folgenden kurz Die Messunsicherheiten vom Typ B stam-
als systematische Abweichungen bezeich- men aus anderen Quellen. Sie können nicht
net) und zufälligen Messabweichungen durch mehrfach wiederholte Messungen
bestimmt ist. Das Messergebnis, d. h., der ermittelt werden. Für ihre wissenschaftliche
Messwert einer Einzelmessung oder der Beurteilung sind alle verfügbaren Informa-
Mittelwert einer Messreihe, enthält den tionen über mögliche Abweichungen bei
korrigierten Wert (Abschn. 3.1) verbunden der Erfassung der Messwerte zu berück-
mit einem Intervall, in dem vermutlich der sichtigen. Dazu zählen u. a. die Erfahrung
Erwartungswert der Messgröße liegt. Die oder allgemeines Wissen über das Verhal-
Differenz zwischen der oberen Grenze die- ten oder die Eigenschaften der relevanten
ses Intervalls und dem korrigierten Wert Materialien, Phänomene und Instrumente,
bzw. die Differenz zwischen dem korrigier- Spezifikationen und Herstellerangaben,
ten Wert und der unteren Grenze dieses Daten aus Kalibrierungs- oder anderen
Intervalls nennt man Messunsicher- Zertifikaten und Informationen über Unsi-
heit (Symbol u). In der Regel haben die cherheiten, die entsprechenden Handbü-
beiden Differenzen den gleichen Wert. Das chern entnommen werden können.
Messergebnis wird dann in der Form Für die im Weiteren behandelten exempla-
„Ergebnis r Messunsicherheit“ rischen Beispiele werden für die Abschät-
angegeben. Bei wissenschaftlichen Expe- zung der Messunsicherheiten auch systema-
rimenten wird man immer bestrebt sein, die tische Abweichungen berücksichtigt, da
systematischen Abweichungen durch mo- diese bei den im Praktikum verwendeten
dernste Messtechniken und Messverfahren Messmethoden und -verfahren nicht in
weitestgehend auszuschließen. jedem Falle vernachlässigt werden können.
3.1 Messabweichungen bei Einzelmessungen 11

Aus diesem Grunde wird auch noch die so Beispiel:


genannte Methode der „Größtfehlerab- Bei der Bestimmung des Drucks mit einem mit
schätzung“ als ein praktikables Berech- Quecksilber gefüllten Barometer sowie einer
nungsverfahren zur Abschätzung der ma- Glas- bzw. Messingskala ist die Korrektion der
abgelesenen Höhe hc auf die Temperatur
ximalen Messunsicherheit im Physikprakti-
273,15 K (Temperatur der Kalibrierung) infolge
kum beschrieben. der Volumenausdehnung des Quecksilbers
(Volumenausdehnungskoeffizient J ) und der
3.1 Messabweichungen bei Einzelmes- linearen Ausdehnung des Materials der Skala
sungen (Ausdehnungskoeffizient D) erforderlich. Der
Bei Einzelmessungen physikalischer Grö- korrigierte Wert des Barometerstands h lässt
ßen sind die Messabweichungen in Bezug sich mit Hilfe der Korrektionsgleichung
Aa 'h (J  D ) hc 'T mit 'T = T  273,15 K
auf den korrigierten Messwert unter Be-
rücksichtigung der systematischen und der berechnen. Mit den Differenzen der Ausdeh-
zufälligen Messabweichung zu ermitteln. nungskoeffizienten (J  D)Messing = 1,62˜10-4 K-1
Für die systematischen Abweichungen oder (J  D)Glas = 1,71˜10-4 K-1 kann der korri-
gierte Wert h = hc  'h bestimmt werden.
kann man im Allgemeinen keine bestimm-
ten Ursachen angeben. Sie sind vielfältiger Die Ermittlung der systematischen Abwei-
Natur und werden z. B. durch die Unvoll- chungen erfordert eine umfassende Analyse
kommenheiten von Messgeräten, Messver- des Messproblems. Durch geeignete expe-
fahren oder Maßverkörperungen, die nicht rimentelle Maßnahmen ist zu erreichen,
exakt erfassbaren Änderungen der Umwelt- dass sie einen kleinstmöglichen Einfluss
und Versuchsbedingungen oder die Un- auf die Messung haben. In jedem Falle
vollkommenheiten der menschlichen Sin- sollte man sorgfältig prüfen, welche syste-
nesorgane verursacht. Charakteristisch für matischen Messabweichungen auftreten
systematische Abweichungen ist, dass bei können. Hilfsmittel zur Abschätzung sys-
der Wiederholung von Messungen unter tematischer Abweichungen sind u. a. An-
gleichen Bedingungen ihre Größe nach gaben zu den Genauigkeitsklassen oder
Betrag und Vorzeichen konstant bleibt und Messtoleranzen von Messmitteln, die in
dass sich nach gesetzmäßiger Veränderung Standards oder in Gerätebeschreibungen
der Messbedingungen die systematische mitgeteilt werden. Diese Angaben beziehen
Abweichung ebenfalls gesetzmäßig ändert sich in der Regel auf ein zum Erwartungs-
oder konstant bleibt. Systematische Abwei- wert symmetrisch liegendes Intervall, so-
chungen können auch durch Wiederholung fern die vom Hersteller angegebenen
von Messungen bei gleichen Wiederholbe- Einsatzbedingungen eingehalten werden.
dingungen nicht beseitigt werden. Beispiele:
In einigen Fällen muss der Messwert korri- Ein Zeigermessgerät besitzt die Genauigkeits-
giert werden, z. B. in Form einer Null- klasse 1,5. Nach der DIN 1319 bestimmt die
punkt-, Temperatur- oder Druckkorrektion. Genauigkeitsklasse eine Klasse von Messgerä-
Den korrigierten Messwert erhält man ten, die vorgegebene messtechnische Forderun-
meist durch Addieren der Korrektion. Die gen erfüllen, so dass Messabweichungen dieser
Messgeräte innerhalb festgelegter Grenzen
Korrektion K hat den gleichen Betrag wie bleiben. Die Angabe des Werts 1,5 bedeutet,
die bekannte Abweichung Aa, jedoch das dass eine Abweichung von maximal r 1,5 % des
entgegengesetzte Vorzeichen (K = Aa). Messbereichsendwerts unter den festgelegten
Bei allen Auswertungen ist stets der korri- Nennbedingungen auftreten kann.
gierte Messwert zu verwenden. Ein digitales Manometer mit einem Absolut-
12 Einführung 3 Messunsicherheit

drucksensor besitzt einen Messbereich von 0 bis betreffenden Messabweichungen. Man


1330 hPa und hat eine digitale Auflösung von wendet diese an, wenn die Messung einer
1 hPa. Die Genauigkeit bei Einhaltung der umfangreichen Messreihe zu aufwendig
Nennbedingungen wird mit r (0,2 % + 2 dgts.) oder nicht sinnvoll ist. Letzteres ist z. B.
angegeben. Die relative Abweichung von 0,2 % der Fall, wenn die systematische gegenüber
bezieht sich auf den angezeigten Messwert und
der zufälligen Abweichung nicht vernach-
der Wert von 2 Digits (dgts.) informiert über die
Genauigkeit der Digitalisierung. Bei einem
lässigbar ist. Abschätzungen in diesem
Messwert von 1003 hPa ergibt sich eine Abwei- Sinne erfordern ausreichende Kenntnisse
chung von 4,006 hPa. Damit folgt als Ergebnis und Erfahrungen über die eingesetzten
der Druckmessung nach Rundung der Unsi- Messgeräte und Messgegenstände sowie
cherheit auf die kleinste angezeigte Stelle: über die verwendeten Mess- und Auswerte-
p = (1003 r 4) hPa. verfahren und sind nicht durch eine ge-
schlossene Theorie darstellbar. Wird im
Ist ein Messwert durch zufällige Ereignisse
Experiment der Wert einer Größe X nur
beeinflusst, streuen die Messwerte bei
einmal gemessen, so kann die Abschätzung
Wiederholung der Messung nach Betrag
einer maximalen Messunsicherheit verein-
und Richtung in zufälliger Weise. Sie wer-
facht durch die lineare Addition der Beträ-
den u. a. durch nicht erfassbare und nicht
ge der systematischen Gs(X ) und der zufäl-
beeinflussbare Änderungen der Versuchs-
und Umgebungsbedingungen (wechselnde ligen Gz (X ) Abweichung erfolgen:
Reibungseinflüsse bei mechanischen Be- umax ( X ) G s ( X )  G z ( X ) . (9a)
wegungen, Schwankungen von Temperatur
oder Luftdruck), Unvollkommenheiten Für die Abschätzung zufälliger Messabwei-
beim subjektiven Erfassen von Messwerten chungen im Falle der Einzelmessung direk-
(Reaktionsvermögen, Ablesung von Ska- ter Messgrößen können im Praktikum z. B.
lenwerten) oder den statistischen Charakter Ableseunsicherheiten (Interpolation inner-
der Messgröße bzw. des Messgegenstands halb der Teilung einer Skala) und Reakti-
(Zerfallsrate beim radioaktiven Zerfall, onszeiten bei manuellen Zeitmessungen
elektronisches Rauschen) hervorgerufen. von Bedeutung sein.
Die zufälligen Abweichungen können in Entnimmt man den Wert für die Abwei-
ihrer Gesamtheit umso zuverlässiger durch chung G s z. B. einem Kalibrierzertifikat
eine Rechengröße erfasst werden, je mehr oder einem vom Gerätehersteller mitgelie-
Messungen vorliegen. Dabei streuen die ferten Prüfbericht, ist die Bestimmung der
einzelnen Messwerte um einen Mittel- Messunsicherheit durch die quadratische
wert x (siehe Abschn. 3.2.1), der als best- Addition vorzunehmen, wenn man eine
möglicher Schätzwert für den Erwartungs- Messunsicherheit vom Typ B nach „ISO-
wert einer Messgröße angesehen wird, so- GUM“ voraussetzen kann:
fern man die systematischen Abweichun-
gen vernachlässigen kann und die Anzahl u( X ) G s ( X )2  G z ( X )2 . (9b)
der Messwerte ausreichend groß ist.
Bei Anwendung von Gl. (9b) ergibt sich
3.1.1 Messunsicherheit bei direkten infolge der Ungleichung
Messungen
G s ( X )2  G z ( X )2  G s ( X )  G z ( X )
Die Ermittlung der Messunsicherheit im
Falle einer Einzelmessung im Praktikum immer eine kleinere Messunsicherheit ge-
begründet sich auf die Abschätzung der genüber der linearen Addition nach Gl. (9a).
3.1.2 Messunsicherheit bei indirekten Messgrößen 13

Beispiel: einer Messunsicherheit vom Typ B entspre-


Eine Temperaturmessung erfolgt mit einem chen, wird man die quadratische Addition
Laborthermometer (Messbereich: 0 bis 100 °C; bevorzugen:
Skalenteilung: 0,1 °C). Der abgelesene Wert
beträgt 35,4 °C. Die unbekannte systematische 2
Abweichung Gs(- ) = 0,2 °C und die zufällige
m
§ wY ·
Abweichung Gz(- ) = 0,05 °C (Ablesefehler)
u (Y ) ¦ ¨
k 1© wXk ¹
2
¸ u( X k ) . (11b)
führen zu einer maximalen Messunsicherheit
von u(- )max = Gz(- ) + Gs(- ) = 0,25 °C. Das Er- Die folgenden Sonderfälle ergeben für die
gebnis lautet: - = (35,4 r0,3) °C. Abschätzung von Messunsicherheiten bei
Bei Anwendung von Gl. (9b) erhält man einen Einzelmessungen besonders anschauliche
Wert für die Unsicherheit von u(- ) = 0,2 °C. und einfach zu handhabende Zusammen-
hänge:
3.1.2 Messunsicherheit bei indirekten
Messgrößen Lineare Funktion:
m
Häufig wird aus einer Reihe von einzeln Y = a0  ¦ ak X k , (12)
gemessenen Größen Xk mit k = 1, ..., m eine k 1
weitere funktionell abhängige Größe
Y = Y(X1, ..., Xk) ermittelt. Sind die Größen u (Y ) max a1 u ( X 1 )  ...  am u ( X m ) ,
voneinander unabhängig und besitzen aus- (12a)
reichend kleine Messunsicherheiten u(Xk),
u (Y ) a12 u ( X 1 )2  ...  am2 u ( X m )2 ,
z. B. u ( X k ) / X k  0,1 , ermittelt man den
Wert für die maximale Messunsicherheit (12b)
(auch als „Größtfehlerabschätzung“ be- Potenzprodukt:
zeichnet) der nicht direkt messbaren Größe m
Y über den Linearanteil einer Taylor- Y = A  – ck X kak , (13)
Reihenentwicklung: k 1

wY wY relative Unsicherheit:
u (Y ) max u ( X 1)  ...  u ( X m ). (10)
w X1 w Xm u (Y )max u( X1 ) u( X m )
a1  ...  am ,
In Gl. (10) können aber die partiellen Ablei- Y X1 Xm
tungen unterschiedliche Vorzeichen haben
(13a)
und sich die Komponenten der Messunsi-
cherheiten ganz oder teilweise aufheben. 2 2
Deshalb werden die Beträge der partiell u (Y ) § u( X1 ) · § u( X m ) ·
abgeleiteten Terme zur Abschätzung der ¨ a1 ¸  ...  ¨ am ¸ .
Y © X1 ¹ © Xm ¹
maximalen Messunsicherheit addiert:
(13b)
m
wY Beispiele:
u (Y )max ¦ w Xk
u( X k ) . (11a)
k 1 1. Bestimmung der Schwerebeschleunigung g
mit einem Fadenpendel (Versuch M.2.1);
In Analogie zu den oben genannten Vor- Messgrößen sind die Pendellänge l und die
aussetzungen, dass die Messunsicherheiten Periodendauer T:
z. B. Gerätebeschreibungen oder Kalibrier- 4 ʌ2 l
zertifikaten entnommen werden können, die Y (l , T ) g .
T2
14 Einführung 3 Messunsicherheit

Die partiellen Ableitungen ergeben Bei diesen Rechnungen sind die Werte für die
w g 4 ʌ2 w g  8 ʌ2 l Unsicherheiten u(Į) und u(Ek) der Winkelmes-
, . sungen in rad einzusetzen.
wl T 2
wT T3
Daraus folgt für u(g)max nach Gl. (11a)
3.2 Messgrößen mit zufälligen Messab-
4 ʌ2 8 ʌ2 l weichungen
u ( g ) max 2
u (l )  3 u (T )
T T
Die Ermittlung der Messunsicherheit einer
bzw. für die relative Messunsicherheit Messgröße, die mehrmals gemessen wurde
u ( g ) max u (l ) u (T ) und deren Messwerte zufällig schwanken,
2 ,
g l T begründet sich auf folgende Voraussetzun-
die man auch direkt nach Anwendung von gen:
Gl. (13a) erhält. Mit Gl. (13b) folgt 1. Die Messgröße kann beliebig oft unter
2 2 konstanten Wiederholbedingungen ermittelt
u( g ) § u (l ) · § u (T ) · werden.
¨ ¸ ¨2 ¸ .
g © l ¹ © T ¹
2. Die systematischen Messabweichungen
2. Ermittlung der Gitterkonstante g eines Refle- sind korrigierbar bzw. vernachlässigbar.
xionsgitters (Versuch O.2.3); Messung des 3. Die Messwerte streuen zufällig um einen
Einfallswinkels D und des Beugungswinkels Erwartungswert.
Ek des Maximums der k-ten Ordnung für eine
gegebene Wellenlänge O: 3.2.1 Mittelwert, Standardabweichung,
kO Vertrauensbereich
g ( E k E max, k ) .
sin D  sin E k Für die Schätzung des Erwartungswerts
einer direkt messbaren Größe X setzt man
Mit den partiellen Ableitungen
eine ausreichend große Anzahl n voneinan-
wg  cos D der unabhängiger Messungen voraus, wobei
kO , man die Gesamtmenge der Messwerte für
wD (sin D  sin E k ) 2
n o f als Grundgesamtheit der Messgrö-
wg ( cos E k ) ße X bezeichnet. Aus Zeit- und Kosten-
kO gründen wird man sich jedoch mit einer
w Ek (sin D  sin E k ) 2
begrenzten Zahl von Messungen, einer
erhält man nach Gl. (11a) Stichprobe vom Umfang n, begnügen. Für
eine vorliegende Messreihe mit den Werten
ª cos D
u ( g ) max kO« u (D )  x1, x2, ... , xn repräsentiert dann das arithme-
¬ (sin D  sin E k ) 2 tische Mittel (Mittelwert) x mit
cos E k º
u(E k ) » 1 n
(sin D  sin E k ) ¦x
2
¼ x i (14)
bzw. nach Gl. (11b) n i 1

­° ª cos D
2
º einen guten Schätzwert für den Erwar-
u( g ) k O ®« u (D ) »  tungswert P für nicht zu kleine n ( x o P
°̄ ¬ (sin D  sin E k )
2
¼
für n o f ). Zur Ermittlung der Messunsi-
1/ 2
cherheit der zufälligen Messgröße sum-
°½
2
ª cos E k º
« u(E k ) » ¾ . miert man die quadrierten Abweichungen
¬ (sin D  sin E k )
2
¼ °¿ der Beobachtungswerte von ihrem arithme-
3.2.1 Mittelwert, Standardabweichung, Vertrauensbereich 15

tischen Mittelwert und dividiert durch n1. bzw. die Standardabweichung für n = 5 bis
Daraus ergibt sich die experimentelle oder n = 400 für die Zählrate N des Nulleffekts
empirische Varianz vom Stichprobenum- (O.5.1) dargestellt, wobei insgesamt
fang n: 1000 Messungen durchgeführt wurden.
n
Man erkennt, dass man unter den gewählten
1
s X2
n 1
¦(x  x )
i
2
. (15) Versuchsbedingungen bereits ab n t 400
i 1 für den Mittelwert N und die Standardab-
weichung sN der Zählrate N gute Nähe-
Ihre positive Quadratwurzel führt zur expe-
rungswerte erhält, wobei die Pfeile die
rimentellen Standardabweichung für die xi-
Werte für n = 1000 repräsentieren.
Werte:
0,50
1 n
¦ ( xi  x )2 .
N
sX (16) s-1
n 1 i 1
0,45

Die Größe sX ist die wesentliche Kenngröße


zur Beschreibung der Verteilung statistisch
0,40
streuender Messgrößen um den arithmeti-
schen Mittelwert (Abschn. 4.2). Ihren Wert
verwendet man auch zur Ermittlung der 0,35
Messunsicherheit (z. B. der Unsicherheit
vom Typ A nach „ISO-GUM“).
Für n o f erhält man die Standardabwei- 0,30
0 200 400
n
chung ı der Grundgesamtheit. Der Quo-
tient 1/(n  1) berücksichtigt, dass nur n 1 Abb. 7a Mittelwert N der Impulsrate des Null-
Messwerte aus dem Stichprobenumfang n effekts in Abhängigkeit von der Anzahl der
bei Berechnung des Mittelwerts voneinan- Messungen n
der unabhängig sind. Die experimentelle
0,30
Standardabweichung des Mittelwerts ist sN , sN
gleich der experimentellen Standardabwei- s-1
0,25
chung geteilt durch die Wurzel aus der
Gesamtzahl der Messungen: sN
0,20
sX 1 n
sX
n n (n  1)
¦ (x
i 1
i  x ) 2 . (17)
0,15

Im Gegensatz zur experimentellen Stan- 0,10


dardabweichung, die sich mit wachsender
Anzahl von Messwerten einem endlichen 0,05
Wert nähert und sich bei weiteren Messun- sN
gen nicht wesentlich ändert, wird die Stan-
dardabweichung des Mittelwerts durch 0 200 n 400
Vergrößerung der Zahl der Messungen um Abb. 7b Standardabweichung sN und deren
den Faktor 1/ n kleiner. Mittelwert sN in Abhängigkeit von der Anzahl
In den Abbn. 7a und 7b sind der Mittelwert der Messungen n (Nulleffekt)
16 Einführung 3 Messunsicherheit

Die experimentelle Standardabweichung Messwerttabelle


des Mittelwerts nähert sich für große n i 1 2 3 4 5
entsprechend Gl. (17) dem Wert null. Ti /s 1,92 1,95 1,90 1,89 1,93
In der Regel geht man von einer normalver- i 6 7 8 9 10
teilten Grundgesamtheit (Abschn. 4.2) aus, Ti /s 1,91 1,94 1,93 1,95 1,90
so dass dann auch die Stichprobe einer
Normalverteilung genügt. Unter dieser T = 1,922 s , sT = 0, 0215 s ,
Voraussetzung kann die obere und die unte-
re Grenze des Vertrauensbereichs berechnet sT t ( P, f )
u (T ) z 0, 016 s .
werden: n
t ( P, f ) s X Der Wert für u(T) ergibt sich nach Gl. (18) mit
x r .
n t(P = 0,95, f = n1 = 9) = 2,3 (vgl. Anhang A.20).
Nach Rundung (Abschn. 3.3) erhält man die
Der Faktor t (P, f ) bezieht sich auf die so Unsicherheit u(T) = 0,016 s und für das Ergeb-
genannte t-Verteilung, auch als Student- nis folgt T = (1,922 r 0,016) s.
Verteilung bezeichnet, und hängt vom Ver-
trauensniveau P bzw. von der Irrtumswahr- 3.2.2 Messunsicherheit bei kombinierten
scheinlichkeit D (D = 1P) sowie der An- Messgrößen
zahl der Freiheitsgrade f der Stichprobe ab. Die experimentelle Standardabweichung
Für das unter Praktikumsbedingungen übli- einer Größe Y = Y(Xk) mit k = 1, ..., m, die
che Vertrauensniveau von 95 % findet man eine Funktion mehrerer direkt messbarer
im Anhang A.20 die entsprechenden Werte. Größen X1, ..., Xm mit den zugehörigen
Die Zahl der Freiheitsgrade ist gleich der
Mittelwerten x1 , ..., xm ist, kann mit Hilfe
Anzahl der Messwerte (f = n), sofern der
Mittelwert gegeben ist. Berechnet man das der Bestimmung von Messunsicherheiten
arithmetische Mittel aus einer Stichprobe zufallsverteilter Messgrößen ermittelt wer-
den. Folgenden Voraussetzungen müssen
mit n Messungen, wird f = n1. Daraus
erfüllt sein:
wird die Messunsicherheit u(X)z einer zu-
fallsverteilten Messgröße begründet: 1. Die Messwerte der direkt messbaren
Größen sind normalverteilt und ihre zu-
sX fälligen Abweichungen sind unabhängig
u ( X )z t ( P, f ) . (18)
n voneinander (nicht korreliert).
2. Die systematischen Abweichungen sind
Bei einer geringen Anzahl von Freiheits- vernachlässigbar und die zufälligen Abwei-
graden (Messwerten) wird der Vertrauens- chungen sind viel kleiner als die zugehöri-
bereich erheblich vergrößert. Für eine sta- gen Mittelwerte der Messgrößen.
tistisch begründete Abschätzung der Mess-
unsicherheit sollen mindestens fünf Mess- Dann kann die experimentelle Standardab-
werte vorliegen. weichung sY der Funktionsgleichung
Beispiel: Y = Y (X1, ..., Xm) wie folgt berechnet wer-
Es wurde die Periodendauer T eines Fadenpen- den:
dels (Versuch M.2.1) zehnmal mit einer digita-
2
len Stoppuhr unter gleichen Messbedingungen m
§ wY ·
gemessen. Die systematischen sind gegenüber sY ¦ ¨
k 1© w X
sXk ¸ . (19)
den zufälligen Abweichungen vernachlässigbar. k ¹
3.2.3 Messunsicherheit beim linearen Ausgleich 17

Die s X k werden aus Stichproben xk,i (auch Konfidenzniveau genannt) ab. Im


Falle einer Normalverteilung und eines
(i = 1, ... , n) vom Umfang n bestimmt. Der
Vertrauensniveaus von P = 95 % ist k = 2.
in Gl. (19) beschriebene Zusammenhang
Für P = 99 % wird k = 3 gewählt. Die k-
wird auch als „Fehlerfortpflanzungsgesetz
Werte korrespondieren mit den betreffen-
nach Gauß“ bezeichnet. Für zwei häufig
den Werten der t-Verteilung im An-
auftretende Spezialfälle vereinfacht sich die
hang A.20 für eine ausreichend große An-
Berechnung von sY:
zahl von Messwerten (Freiheitsgraden).
Lineare Funktion:
3.2.3 Messunsicherheit beim linearen
m
Y a0  ¦ ak X k , (20) Ausgleich
k 1
Zur Berechnung der empirischen Standard-

2 2
sy a1 s X1  ...  am s X m . (20a) abweichungen der Parameter D und E der
Ausgleichsgeraden y D  E x werden in
Potenzprodukt:
m
Analogie zu Abschn. 3.2.1 die zugehörigen
Y A – X kak , (21) Werte sD und sE berechnet. Es sollen n
k 1
Messwertpaare (xi, yi ) mit i = 1, ..., n der
2 2 Messgrößen X (Einflussgröße) und Y
sY § s X1 · § sX m ·
¨ a1 ¸  ...  ¨ am ¸ . (21a) (Zielgröße) vorliegen, wobei die Standard-
Y © x1 ¹ © xm ¹ abweichungen der x i- gegenüber denen der
y i-Werte vernachlässigt werden können.
Die Messunsicherheit u(Y) der indirekt Die Formeln zur Berechnung der Standard-
gemessenen Größe Y lässt sich in diesem abweichung des Mittelwerts E lauten dann
Fall mit
2
n
§ wE · 2
u (Y )
t ( P, f )
sY (22) sE ¦ ¨ ¸ sY ,
i 1 © w yi ¹
n
berechnen. Nach den Empfehlungen im 1
„Guide to the Expression of Uncertainty in sE sy , (23)
n [ xx  x x ]
Measurement“ („ISO-GUM“) ist die Unsi-
cherheit einer zufallsverteilten Messgröße bzw. für D
durch die Standardunsicherheit bzw. die
erweiterte Standardunsicherheit anzugeben. 2
n
§ wD · 2
Für die Standardunsicherheit kombinierter, sD ¦ ¨ ¸ sY ,
i 1 © w yi ¹
unkorrelierter Messgrößen gilt u(Y)c = sy.
Als erweiterte Standardunsicherheit U wird
das Produkt aus der Standardunsicherheit xx
und einem Erweiterungsfaktor k (coverage sD sy sE xx . (24)
n [ xx  x x ]
factor) definiert:
U (Y ) k u (Y )c . (22a) Die Mittelwerte entsprechen den im
Abschn. 2.3 eingeführten Festlegungen.
Der Wert des Faktors k hängt von der Grö- In gleicher Weise wie in Gl. (16) wird die
ße des gewählten Vertrauensniveaus P experimentelle Standardabweichung sY für
18 Einführung 3 Messunsicherheit

die y-Werte ermittelt: y ln ( N / N 0 ) , x t ,  E 1/ T1/ 2 , D 0 .


1 n Das Ergebnis der linearen Regression zeigt
sY
n2
¦(y
i 1
i  y )2 , Abb. 8. Mit dieser wurden neben dem gesuch-
ten Parameter E (Anstieg der Geraden) auch
1 n
dessen Standardabweichung sE berechnet:
sY
n2
¦(y i  E xi  D ) 2 . (25)
i 1 E =  4,491˜10-3 s-1 , sE = 0,056 ˜10-3 s-1 .
Die Substitution von n  1 durch n 2 ge- Mit dem Regressionsparameter E erhält man
genüber Gl. (16) ist dadurch bedingt, dass die Halbwertszeit T1/2 =  1/ E = 222,7 s und
die Anzahl der Freiheitsgrade bezüglich der mit dem Wert für die Standardabweichung
n voneinander unabhängigen Wertepaare ergibt sich nach Gl. (26) eine Unsicherheit von
durch die aus den Messwerten berechneten
u(E ) sE t ( P, n  2) 2 sE 1,12 ˜104 s 1 .
Parameter D und E um zwei reduziert wur-
Den Wert für t ( P, n  2) = 2 mit dem Vertrau-
de ( f = n  2). Unter der Annahme, dass die
zufälligen Abweichungen der yi-Werte ensniveau P = 95 % und der Anzahl der Frei-
normalverteilt sind, können die zugehöri- heitsgrade f = n  2 = 48 kann der Tabelle im
Anhang A.20 entnommen werden.
gen Messunsicherheiten bestimmt werden:
Mit u ( E ) / E = 0,02494 folgt nach Rundung als
u (D ) sD t ( P, n  2) , Ergebnis T1/2 = ( 222,7 r 5,6 ) s.
(26) In vielen praktischen Anwendungen wird auch
u ( E ) sE t ( P, n  2) .
die mit dem Faktor zwei multiplizierte (erwei-
terte) Standardunsicherheit zur Ermittlung der
Beispiel:
In einem Experiment zur Bestimmung der Messunsicherheit verwendet.
Halbwertszeit T1/2 eines kurzlebigen Nuklids
wurde die Zählrate N (Zahl der Zerfälle/s) in 3.3 Angabe des Messergebnisses
Abhängigkeit von der Zerfallsdauer t gemessen. Das endgültige Ergebnis ist immer mit der
0 aus Abschätzungen oder statistischen Be-
ln ( N / N0 )

rechnungen bestimmten Größe der Messun-


sicherheit anzugeben. Angewendet auf den
-1
Fall einer direkt gemessenen Größe X ist
das Ergebnis in der Form
-2
X xbest r u ( X ) (27)

-3
anzugeben, wobei xbest der bestmögliche
Wert ist, der im Falle von Zufallsgrößen
0 200 400
dem Erwartungswert am nahesten kommt.
600 t/s
Dabei sind die Einheiten und die Zahlen-
Abb. 8 Anwendung der linearen Regression zur formate (dezimal, wissenschaftlich) von
Bestimmung der Halbwertszeit (50 Messwerte, Ergebnis und Unsicherheit einheitlich zu
Regressionsgerade rot gezeichnet) wählen.
Unter der Voraussetzung eines exponentiellen Beispiele:
Zerfallsgesetzes N =N0 exp( t /T1/2) erfolgt die Dichte: U = (8860 r 40) kg m-3 ,
Auswertung mit der transformierten Gleichung Torsionsmodul: G = (145,4 r 1,3) ˜109 Pa ,
ln N ln N 0  t / T1/ 2 , y D  E x , Brennweite einer Linse: f = (95 r 5) mm .
3.3 Angabe des Messergebnisses 19

In diesen Beispielen der Ergebnisangabe Vergleich von Ergebnissen einer Messgrö-


sind die Regeln für das Runden (siehe un- ße von Vorteil ist, wenn diese mit verschie-
ten) berücksichtigt worden. Im Falle des denen Messmethoden erhalten wurden.
Torsionsmoduls wurde auch beachtet, dass Analoge Betrachtungen gelten für die Er-
Vorsätze, die einer ganzzahligen Potenz gebnisangabe kombinierter Messgrößen.
von Tausend (103n) entsprechen, zu bevor- Bei der Angabe eines Ergebnisses entsteht
zugen sind. Steht für die Berechnung des oft die Frage, wie viele Stellen (Ziffern)
Ergebnisses eine ausreichend große Anzahl noch sinnvoll sind bzw. wie groß die Zahl
zufällig streuender, unkorrelierter Mess- der signifikanten Stellen ist. Vom Bureau
werte zur Verfügung, ist das Ergebnis als International des Poids et Mesures (BIMP,
arithmetisches Mittel zu berechnen und die JCGM 100:2008) wird angeregt, den Wert
Messunsicherheit unter der Angabe des der Messunsicherheit maximal auf zwei
zugrunde gelegten Vertrauensniveaus P Ziffern unter Berücksichtigung der Mess-
mitzuteilen, wobei k(P) der in 3.2.2 einge- methode sowie spezifischer Messgenauig-
führte Erweiterungsfaktor für normalver- keiten und Bedingungen aufzurunden. Ist
teilte Zufallsmessgrößen ist: die relative Messunsicherheit einer im
Praktikum gemessenen Größe deutlich
X = x r k ( P) sX . (28) höher als ein Prozent, wird bei manchen
Anwendungen das Aufrunden der Unsi-
Für die mit der t-Verteilung begründeten cherheit auf nur eine Ziffer zweckmäßig
Messunsicherheiten ist k(P) durch t(P, f) zu sein. Damit ist die Zahl der signifikanten
ersetzen. Stellen für die Ergebnisangabe festgelegt.
Beispiel: Es werden demnach so viele Stellen ange-
Die Konstante eines Kapillarviskosimeters nach geben, die mit der Größe der Messunsi-
Ubbelohde wird im Herstellerzertifikat wie cherheit vereinbar sind. Dabei können eini-
folgt mitgeteilt: „K = 0,9677 mm2 s-2. Die relati- ge Regeln zur Ermittlung der signifikanten
ve Unsicherheit des angegebenen Zahlenwerts Stellen hilfreich sein, die aber erst im Kon-
von K beträgt 0,65 % bei einem Vertrauensni-
veau von 95 %.“
text zwischen Ergebnis und Unsicherheit
Daraus folgt als absoluter Wert der Unsicher- von Nutzen sein werden, um über die Zahl
heit: u(K) = 0,00629 mm2 s-2. Nach Rundung der signifikanten Stellen zu entscheiden:
der Unsicherheit auf zwei Ziffern erhält man als Alle Ziffern ( außer der Null ) sind signifi-
Ergebnis: K = (0,9677r0,0063) mm2 s-2. kante Stellen. Wenn eine Null links vom
Dezimalkomma steht und sich zwischen
In einigen Fällen ist es vorteilhaft, die
zwei Ziffern befindet, ist sie eine signifi-
Messunsicherheit wie im obigen Beispiel
kante Stelle. Falls sich eine Null rechts vom
als relative Größe in Prozent anzugeben.
Dezimalkomma befindet und rechts von
Die relative Unsicherheit in Prozent ergibt
einer Ziffer ist, zählt die Null als signifi-
sich dann aus dem Verhältnis der absoluten
kante Stelle.
Messunsicherheit u(X) der Messgröße X
und deren Bestwert (xbest) mit Beispiele:
3 (eine signifikante Stelle), 17 (zwei signifikan-
u( X ) te Stellen), 4000 (vier signifikante Stellen),
urel ( X ) 100% .
xbest 40,001 (fünf signifikante Stellen), 0,4 (eine
signifikante Stelle), 0,00120 = 1,20·10-3 (drei
Dadurch wird bei einigen Versuchen eine signifikante Stellen, die führenden Nullen sind
direktere Einschätzung der Genauigkeit der nicht signifikant, die angehängte Null ist signi-
Messung möglich, was insbesondere beim fikant).
20 Einführung 4 Statistische Tests

Bei Rechenoperationen entscheidet die empirischen Häufigkeitsverteilungen dar.


Größe mit der kleinsten Anzahl signifikan- Die zufällige Messgröße X bezeichnet man
ter Stellen über die Zahl der signifikanten in diesem Fall auch als Merkmal, die Mess-
Stellen des Ergebnisses nach der Rechen- werte x1, x2, ... , xn als Merkmalswerte. Tre-
operation und die Angabe eines Ergebnis- ten einzelne Werte mehrfach auf, so wird
ses im Praktikum sollte in der letzten signi- man eine Häufigkeitstabelle aufstellen und
fikanten Stelle mit der letzten signifikanten daraus die absoluten Häufigkeiten bzw. die
Ziffer der immer aufzurundenden Messun- relativen Häufigkeiten oder die relativen
sicherheit in Übereinstimmung sein. Häufigkeitssummen (Tabelle 4.1) bestim-
Für die Rundung des Werts des Ergebnisses men. Liegt eine ausreichende Anzahl unter-
gilt nach der DIN 1333 folgende Regel: schiedlich großer Messwerte vor, so ist eine
Steht rechts neben der Rundestelle (letzte Aufteilung der Messwerte in eine bestimm-
Stelle der Zahl, die nach dem Runden ver- te Anzahl r von Klassen k oder Intervallen
bleibt) eine der Ziffern 0 bis 4, wird abge- (k = 1, ... , r) zweckmäßig. Die Klassenbrei-
rundet. Steht rechts neben der Rundestelle te 'xk wird so festgelegt, dass die charakte-
eine der Ziffern 5 bis 9, wird aufgerundet. ristische Größenverteilung der Merkmals-
In speziellen Fällen, z. B. bei der Angabe werte gut zu erkennen ist. Sowohl zu klein
von Werten physikalischer Konstanten, als auch zu groß gewählte Intervalle kön-
erfolgt die Angabe der Unsicherheit durch nen ggf. das Typische der Verteilung nicht
Einklammern der letzten signifikanten Stel- erkennen lassen. Die auf eine Intervallgren-
len. ze fallenden Werte werden je zur Hälfte
den angrenzenden Intervallen angerechnet,
Beispiel:
Der aktuelle Wert der Planck-Konstante nach wobei die Intervall- oder Klassenbreite 'xk
CODATA 2006 ist h = 6,626 068 96 ˜ 10-34 J s, in der Regel für alle Klassen gleichgroß
Standardunsicherheit 0,000 000 33 ˜ 10-34 J s. festgelegt wird. Jedoch kann auch eine
Die kompakte Angabe dieses Werts mit Mess- andere Intervalleinteilung sinnvoll sein. Der
unsicherheit ist h = 6,626 068 96(33) ˜10-34 J s . Wert xk repräsentiert den Mittenwert bezüg-
lich der Klasse k.
4 Statistische Tests Tabelle 4.1 Übersicht über verschiedene Häu-
Statistische Tests verwenden Methoden und figkeitsgrößen
Verfahren zur Auswertung von Messergeb-
absolute Häufigkeit hk h( xk )
nissen zufälliger Messgrößen, die auf den
Grundlagen der mathematischen Statistik Häufigkeitsdichte hk / ǻxk
und Wahrscheinlichkeitsrechnung beruhen. relative Häufigkeit hk / n
In den folgenden Abschnitten werden eini- relative n
H k H ( xk ) ¦ hi / n
ge Beispiele vorgestellt, wie man zweck- Häufigkeitssumme i 1
mäßig statistisch begründete Analysen von i = 1,..., k ; k Klassenindex; r Gesamtzahl der
Messdaten im Physikpraktikum durchfüh- Klassen ( ¦ H r 1 ); n Anzahl der Messwerte
ren kann.
Die relative Häufigkeitssumme bestimmt
4.1 Ermittlung von Häufigkeitsvertei-
man, indem die Summe aus den einzelnen
lungen
relativen Häufigkeiten bis einschließlich
Eine Art Vorstufe der statistischen Analyse zur jeweils k-ten Klasse gebildet wird. Zur
von Messdaten stellt die Ermittlung von Veranschaulichung von experimentell be-
4.1 Ermittlung von Häufigkeitsverteilungen 21

stimmten Häufigkeitsverteilungen bevor- Ordinate und der Klassenobergrenze als


zugt man Histogramme und Summenpoly- Abszisse verbunden werden (Abb. 9b).
gone (Abbn. 9a, 9b). In einem Histogramm
wird die Häufigkeitsverteilung, absolute Hk
%
Häufigkeit dividiert durch die Klassenbreite
in Abhängigkeit vom Klassenmerkmal, 80
graphisch dargestellt.
hk / ΔTk
40
s-1 1000

0
600 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 Tgk / s

Abb. 9b Summenpolygon (relative Häufig-


200 keitssumme Hk, Klassenobergrenze Tgk )

0
2,4 2,5 2,6 2,7 Tk / s Wie bei der Analyse der zufälligen Fehler
führt man auch für die Häufigkeitsvertei-
Abb. 9a Histogramm (Werte aus Tabelle 4.2), lung statistische Kennwerte, den Mittelwert
Ordinate: Häufigkeitsdichte hk /'Tk, Abszisse: und die Standardabweichung ein:
Mittenwert Tk der Klasse k
1 r
Für kleine Klassenbreiten konvergiert die
x# ¦ hk xk ,
nk1
(29a)
Häufigkeitsverteilung gegen die experimen-
telle (empirische) Verteilungsfunktion. Ein 1 r
Summenpolygon erhält man, wenn benach-
sX # ¦ hk ( xk  x )2 .
n 1 k 1
(29b)
barte Punkte mit der Häufigkeitssumme als
Tabelle 4.2 Beispiel zur statistischen Analyse (Messung der Periodendauer T eines Fadenpendels)
k Intervallgrenzen/s Tk / s hk (hk/n) / % Hk / % (Tk  T ) 2 /s2
1 2,345 - 2,375 2,36 3 1,5 1,5 0,0408
2 2,375 - 2,405 2,39 3 1,5 3,0 0,0296
3 2,405 - 2,435 2,42 8 4,0 7,0 0,0202
4 2,435 - 2,465 2,45 14 7,0 14,0 0,0125
5 2,465 - 2,495 2,48 16 8,0 22,0 0,0067
6 2,495 - 2,525 2,51 25 12,5 34,5 0,0027
7 2,525 - 2,555 2,54 32 16,0 50,5 0,0005
8 2,555 - 2,585 2,57 23 11,5 62,9 0,0001
9 2,585 - 2,615 2,60 21 10,5 72,5 0,0014
10 2,615 - 2,645 2,63 19 9,5 82,0 0,0046
11 2,645 - 2,675 2,66 12 6,0 88,0 0,0096
12 2,675 - 2,705 2,69 10 5,0 93,0 0,0164
13 2,705 - 2,735 2,72 9 4,5 97,5 0,0250
14 2,735 - 2,765 2,75 5 2,5 100 0,0353
(Zahl der Messungen: n = 200), Mittelwert: T # 2,562 s , Standardabweichung: sT # 0,088 s
22 Einführung 4 Statistische Tests

Der Mittelwert und die Standardabwei- solche Verteilung (t-Verteilung) zur statis-
chung wurden mit den Gln. (29a) und (29b) tisch begründeten Schätzung des Vertrau-
näherungsweise berechnet. Für die Berech- ensbereichs des Mittelwerts einer normal-
nung der relativen Häufigkeitssumme zur verteilten Größe verwendet, bei der sowohl
graphischen Darstellung des Summenpoly- die Irrtumswahrscheinlichkeit D als auch
gons in Abb. 9b sind die Werte in Tabel- die Anzahl der Messungen n bzw. der Frei-
le 4.2 verwendet worden. heitsgrade f = n  1 eine Rolle spielten. All-
gemein wird der Freiheitsgrad einer Mess-
4.2 Verteilungen und Prüfverfahren wertreihe bestehend aus n Messungen als
Ein Nachteil für die mathematische Be- die Differenz f = n  m definiert, wobei m
schreibung der im vorhergehenden Ab- die Anzahl der aus den Messwerten be-
schnitt eingeführten Häufigkeitsverteilung rechneten Kenngrößen ist. Zum Prüfen der
ist ihre Unstetigkeit und Nichtdifferenzier- Nullhypothese verwendet man geeignete
barkeit. Für den Fall unendlich vieler, sich Prüfverteilungen z. B. die Normalvertei-
stetig ändernder Merkmalswerte konver- lung, die t-Verteilung (Student-Verteilung)
giert jedoch die Häufigkeitsverteilung ge- oder die F2-Verteilung (Chi-Quadrat-
gen die Verteilungsfunktion der Grundge- Verteilung), siehe Anhang A.20 bis A.22.
samtheit. Mit der Verteilungsfunktion ist Die wichtigste stetige Verteilung ist die
dann im Prinzip die Berechnung der Wahr- Normal- oder Gaußverteilung. Sie wird
scheinlichkeit für das Auftreten eines be- mathematisch durch die Verteilungsdichte-
stimmten Ereignisses (Messwerts) möglich. funktion Gl. (30) mit den beiden Parame-
Die Erörterung, wie gut konkrete empiri- tern Zentralwert P und Standardabwei-
sche Verteilungen bzw. ihre charakteristi- chung V dargestellt, die im Falle einer nor-
schen Parameter durch spezielle theoreti- malverteilten Stichprobe durch x und sX zu
sche Verteilungen wiedergegeben werden, ersetzen sind:
ist Gegenstand statistischer Prüfverfahren.
Diese beruhen alle auf Vergleichstests und 1 ª ( x  P )2 º
f ( x) exp « » . (30)
2ʌ V ¬ 2V ¼
2
gehen von der Hypothese aus, dass sich die
aus einer konkreten Stichprobe gewonne-
nen Kennwerte nur durch zufällige Abwei- Der Faktor vor der Exponentialfunktion
chungen von den entsprechenden Kennwer- ergibt sich aus der Normierungsbedingung
ten der Grundgesamtheit unterscheiden. f
Diese Art der Annahme nennt man Null- ³ f ( x) d x 1 .
hypothese H0, die gegenteilige Entschei- f

dung wird als Alternativhypothese H1 be- Sie besagt, dass die Wahrscheinlichkeit für
zeichnet. Die Annahme der Nullhypothese das Auffinden des Werts x der Messgröße X
bedeutet aber nicht in jedem Falle, dass nur im Intervall zwischen  f und  f gleich
sie die richtige ist. Einerseits wurde sie eins ist. Der Verlauf des Graphen der Dich-
gegenüber einer Alternativhypothese vor- tefunktion der Normalverteilung in
gezogen, und andererseits kann der be- Abb. 10, auch als Gauß’sche Glocken- oder
grenzte Stichprobenumfang n einen (statis- Fehlerkurve bezeichnet, zeigt ihr stetiges
tischen) Irrtum nicht ausschließen. Deshalb Verhalten und die typische Symmetrie der
ist bei einer Entscheidung noch die Irr- Dichtefunktion. Die Wendepunkte liegen
tumswahrscheinlichkeit D zu berücksichti- an den Stellen P  V und P + V . Außerdem
gen. Im Abschn. 3.2.1 wurde bereits eine erkennt man das typische Merkmal der
4.2 Verteilungen und Prüfverfahren 23

zufälligen Abweichungen, kleine Abwei- In Abb. 11 ist das Gauß’sche Fehlerinter-


chungen kommen häufiger vor als große. gral graphisch dargestellt. Die Funktion
Der Erwartungswert und die Varianz der F(x) stellt die Wahrscheinlichkeit dar, mit
Normalverteilung sind P und V 2. der die Zufallsgröße X einen Wert aus dem
Intervall (f, x) annimmt. Gleichzeitig ent-
f (x) spricht der Wert von F(x) dem bestimmten
Integral der Dichtefunktion f(x) und damit
95 % der Fläche von f bis zur Stelle x. Deshalb
ist es möglich, die experimentell ermittelten
Häufigkeitssummen in Beziehung zu den
theoretischen Wahrscheinlichkeiten der
Normalverteilung zu setzen. In der Praxis
2,5 % 2,5 % verwendet man für das Integral über die
Dichtefunktion der Normalverteilung die
μ– σ μ μ+ σ x
μ –2 σ μ+2 σ standardisierte Normalverteilung (Stan-
dardnormalverteilung). Dabei wird die
Abb. 10 Dichtefunktion f(x) der Normalvertei- normalverteilte Zufallsvariable x durch die
lung mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit
Transformation u = (xP) /V in die stan-
von D = 5 % (schraffierte Fläche), Vertrauens-
niveau P = 1  D = 95 % für P  2V d P d P  2V
dardnormalverteilte Zufallsvariable u um-
gerechnet:
Die Integration der Dichteverteilung f (x) 1
u
§ W2 ·
führt zur eigentlichen Verteilungsfunktion F (u ) ) (u )

³ exp ¨ 
© 2
¸ dW . (32)
¹
oder so genanten Fehlerfunktion F(x) mit f

x
Eine andere häufig verwendete Darstellung
F ( x) ³ f ( xc) d xc .
f
(31)
ist die Fehlerfunktion (error function,
erf(z)) mit
Durch das Einsetzen von Gl. (30) folgt das z
2
Gauß’sche Fehlerintegral F(u) in Gl. (31).
³ exp(W )dW ,
2
erf ( z )
ʌ 0
F (x)
1§ ª x  P º·
¨¨1  erf «
1,0000
F (u ) » ¸¸ .
2© ¬ 2 V ¼¹
0,8413
Mit Hilfe der Werte ) (u) der Verteilungs-
funktion nach Gl. (32) kann die Wahr-
scheinlichkeit P dafür berechnet werden,
0,5000
dass die normalverteilte Messgröße Werte
zwischen u1 und u2 annimmt:

0,1587
P ( x1  x  x2 ) P (u1  u  u2 )
) (u2 )  ) (u1 ) .
0
μ- σ μ μ+ σ x
Durch geeignete Rechnungen ergeben sich
Abb. 11 Verteilungsfunktion F(x) der Normal- z. B. die Wahrscheinlichkeiten dafür, dass
verteilung (Gauß’sches Fehlerintegral) die Werte einer zufallsverteilten Messgröße
24 Einführung 4 Statistische Tests

in einem zum Erwartungswert P symmetri- se H0 ist immer mit einer bestimmten


schen Intervall P r k V liegen, zu P = 0,683 Wahrscheinlichkeit verbunden, dass diese
für k = 1, P = 0,954 für k = 2 (Abb. 10) und auch falsch sein kann. Der Bereich, in dem
P = 0,997 für k = 3. bei richtiger Nullhypothese mit einer Wahr-
Eine graphische Prüfung, ob eine Stichpro- scheinlichkeit von höchstens D (Irrtums-
be von Messwerten einer Normalverteilung wahrscheinlichkeit oder Signifikanzniveau)
genügt, kann unter Verwendung von spe- die Werte der Prüffunktion liegen, wird als
ziellem Koordinatenpapier (Wahrschein- kritischer Bereich bezeichnet (Abb. 13).
lichkeitsnetz) oder mittels geeigneter Soft- Nimmt die Prüffunktion einen Wert inner-
ware erfolgen. Dabei wird die Ordinate so halb des kritischen Bereichs an, so wird die
unterteilt, dass der Graph der Verteilungs- Nullhypothese mit der Wahrscheinlichkeit
funktion der Normalverteilung zu einer von maximal D abgelehnt. Der in Abb. 13
Geraden gestreckt wird (Abb. 12). verwendete Begriff Quantil entspricht dem-
jenigen Funktionswert, für den die Vertei-
lungsfunktion eine vorgegebene Wahr-
Hk / % 99

95
scheinlichkeit P annimmt oder bei dem sie
84,13 %
80 von einem Wert unter P auf einen Wert
60 über P springt (Überschreitungswahr-
50 %
40 scheinlichkeit). Häufig sollen Hypothesen
15,87 %
20 über die Art des Verteilungsgesetzes von
5 gemessenen Stichprobenverteilungen ge-
1
prüft werden (Anpassungstest). Einer der
2,4 2,5 2,6 2,7 Tk / s 2,8 bekanntesten statistischen (parametrischen)
T = 2,55 s
Anpassungstests ist der F 2-Test mit der
2,46 2,64

Abb. 12 Darstellung der relativen Häufigkeits- Prüffunktion


summen Hk aus Tabelle 4.2 in Abhängigkeit
von den Klassenwerten Tk (Abszisse linear, r
(hkb  hke ) 2
Ordinate nach Fehlerintegral Gl. (31) geteilt, F2 ¦
k 1 hke
. (33)
Ausgleichsgerade rot)

Die experimentellen Werte liegen annä- Dabei werden den in der Stichprobe vom
hernd auf der Ausgleichsgeraden und der Umfang n beobachteten Häufigkeiten hkb
aus der Graphik bestimmte Mittelwert die theoretischen (erwarteten) Häufigkei-
T 2,55 s für Hk = 50 % sowie die Werte ten hke mit hke = n pk gegenübergestellt. Die
Größe pk ist die Wahrscheinlichkeit, dass
T  sT 2, 46 s (Hk = 15,87 %) bzw.
bei richtiger Nullhypothese ein Merkmals-
T  sT 2,64 s (Hk = 84,13 %) stimmen gut wert der k-ten Klasse angehört.
mit den aus den experimentellen Daten Man setzt voraus, dass die Verteilung der
berechneten Werten (Tabelle 4.2) überein. einzelnen Summanden in Gl. (33) mit ge-
Das bedeutet aber noch nicht, dass die zu- nügender Genauigkeit durch die F 2-Vertei-
fälligen Abweichungen der vorliegenden lung beschrieben werden kann. Die erwar-
Stichprobe in jedem Falle durch eine Nor- tete Häufigkeit in jeder Klasse soll mindes-
malverteilung beschrieben werden können. tens fünf sein, um dem statistischen Cha-
Für eine statistisch begründete Aussage rakter der Verteilung Rechnung zu tragen.
verwendet man statistische Tests. Die Ent- Unter Berücksichtigung der entsprechenden
scheidung für oder gegen die Nullhypothe- Anzahl der Freiheitsgrade f und der verein-
4.2 Verteilungen und Prüfverfahren 25

barten IrrtumswahrscheinlichkeitD lautet nung von Wahrscheinlichkeiten mit Fehlerin-


das entsprechende Entscheidungskriterium: tegral zur Ermittlung der hke-Werte erforderlich.
Man verwendet dazu die transformierten Werte
Annahme von H0, wenn F 2  F 2f ,1D , u (T  T ) / sT und erhält für die normierte
Ablehnung von H0, wenn F t F f ,1D .
2 2
Dichtefunktion

Die Anzahl der Freiheitsgrade f ist hier 1 § u2 ·


f (u ) exp ¨  ¸ .
gleich der Anzahl r der Klassen, vermindert 2ʌ © 2 ¹
um die Anzahl m der aus der Stichprobe
geschätzten Parameter und minus eins auf- Für die tabellarische Darstellung der Auswer-
tung sind die folgenden Spaltengrößen zu emp-
grund der Normierung: f = r  m  1.
fehlen: obere Klassengrenze Tgk, Normierungs-
Im Falle der Poisson-Verteilung (siehe
variable uk, Fehlerintegralwert ) (uk ) , Wahr-
unten) ist z. B. m = 1. Für eine Normalver-
teilung gilt folgendes: Werden der Mittel- scheinlichkeit pk, berechnete (erwartete) Häu-
figkeit hke. Zur Berechnung der Werte hke be-
wert und die Standardabweichung aus den
stimmt man zunächst die Werte des Integrals
Werten der Stichprobe abgeschätzt, so ist
(Tabelle A. 21)
m = 2. Sind deren Werte bereits bekannt,
wird m = 0 gesetzt. 1
u
§ W2 ·
F (u ) ) (u )

³ exp ¨©  2 ¸¹ d W
f
f ( χ2 )
bezüglich der oberen Intervallgrenzen Tkg. Da-
mit erhält man die jeweilige Wahrscheinlich-
keit pk für k = 1 zu p1 = ) (u1 ) , für k = 2, ... , r-1
1–α
α
zu pk ) (uk )  ) (uk 1 ) und für k = r zu

χf,2 1 – α χ2 pr 1  ) (ur 1 ) . Die erwarteten Häufigkeiten


ergeben sich dann zu hke = n pk (k = 1, ... , r),
K
und die Summation über die Werte F k2 liefert
Abb. 13 Dichtefunktion der F 2 -Verteilung, den F 2 -Testwert. Berechnet man mit den Daten
K kritischer Bereich (schraffiert) für das Quan- von Tabelle 4.2 die hke-Werte und führt den F 2-
til F 2f ,1D Test durch, ergibt sich ein experimenteller Wert
von 10,7. Mit D = 5 % und f = 13  3 = 10 (Zu-
In Abb. 13 wurde der kritische Bereich sammenfassung der ersten beiden Klassen, um
einseitig dargestellt, da große Werte die Bedingung hke t 5 zu erfüllen.) entnimmt
von F 2 auf große Abweichungen beobachte- man Tabelle A. 21 im Anhang den Wert
ter von erwarteten Häufigkeiten hindeuten. F th2 18,3. Damit kann die Hypothese H0, dass
Die Zahlenwerte F 2f ,1D , für die eine Normalverteilung vorliegt, angenommen
werden.
P( F 2 d F 2f ,1D ) (1  D ) gilt, sind die Quan-
Oft wird zur Einschätzung der Anpassung
tile der F 2 -Verteilung (Anhang A.21). die Überschreitungswahrscheinlichkeit er-
Beispiel: mittelt, die zu dem im Experiment be-
Hypothese H0: Die Häufigkeitsverteilung der stimmten F 2-Wert gehört. Die in der Chi-
gemessenen Periodendauern eines Pendels ge- Quadrat-Tabelle im Anhang A.21 angeführ-
nügt einer Normalverteilung. ten Werte (1D) in der oberen Zeile geben
Für die Entscheidungsfindung ist die Berech- gerade die Wahrscheinlichkeiten an, mit
26 Einführung 4 Statistische Tests

denen die darunter stehenden Chi-Quadrat- In der Tabelle 4.3 wurden die Klassen 10 bis 12
Werte (Quantile) erreicht oder überschritten für den F2-Test zu einer neuen Klasse k = 10
werden. Bestimmt man unter Berücksichti- wegen der Forderung hke t 5 zusammengefasst.
gung des Freiheitsgrads f mit dem Wert von
Tabelle 4.3 Statistische Auswertung zum Null-
F 2f die Überschreitungswahrscheinlichkeit,
effekt (F2-Test), Impulszahl m, 't = 6 s
so ist diese auch ein (statistisches) Maß für
die Güte der Anpassung. k mk hkb hke Fk2 = (hkbhke)2/hke
Im folgenden Beispiel soll getestet werden,
ob die Häufigkeitsverteilung des Nullef- 1 0 78 72 0,55
fekts durch eine Poisson-Verteilung be- 2 1 215 238 2,22
schrieben werden kann. Als Nulleffekt 3 2 435 397 3,64
(O.5.1) soll diejenige Anzahl der Impulse m 4 3 411 441 2,04
betrachtet werden, die man während des 5 4 383 367 0,70
Messintervalls 't ohne Strahlungsquelle 6 5 235 244 0,33
bestimmt. Die Poisson-Verteilung wird für 7 6 138 136 0,03
m = 0, 1, 2, … durch die Funktion 8 7 62 64 0,06
9 8 26 27 0,04
Om
p ( m, O ) exp(  O ) (34) 10 9 8 10 0,64
m!
11 10 7 3 -
analytisch ausgedrückt. Der Parame- 12 11 2 1 -
ter O > 0 hat die Bedeutung des Erwar-
tungswerts. Daher ist es sinnvoll, als Ab- hk
schätzung für O den arithmetischen Mittel- 400
wert m zu verwenden. Wenn man p(m, O)
über m darstellt, erhält man im Gegensatz 300
zur Normalverteilung keine Kurve, sondern
diskrete Wahrscheinlichkeiten. Diese sind 200
um den Erwartungswert nicht symmetrisch
verteilt. Für große O nimmt die Asymmetrie 100
ab und die Poisson-Verteilung kann für
O > 30 gut durch die Normalverteilung 0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 mk
genähert werden (Moivre-Laplace’scher
und Poisson’scher Grenzwertsatz). Abb. 14 Histogramm zur Poisson-Verteilung
des Nulleffekts, Werte aus Tabelle 4.3, berech-
Beispiel:
Es soll die Häufigkeitsverteilung des Nullef- nete Häufigkeiten hke (rot), gemessene Häufig-
fekts mit Hilfe des F2-Tests unter der Annahme keiten hkb (schraffiert)
einer Irrtumswahrscheinlichkeit von D = 5 %
analysiert werden (Güte, H0-Hypothese: Pois- Die Summation der letzten Spalte in der
son-Verteilung). Die Stichprobe (Anzahl n der Tabelle 4.3 ergibt F2exp = 10,3. Für die An-
Messungen) hat einen Umfang von n = 2000. zahl der Freiheitsgrade der zur Verfügung
Es wurden für jede Klasse k die experimentellen stehenden Stichprobe mit r = 10 und m = 1
Häufigkeiten hkb bestimmt und die Häufigkeiten folgt f = r  m  1 = 8. Aus der F2-Tabelle
hke mit hke p(mk , O ) n berechnet. Als Mittel- im Anhang A.21 kann abgeschätzt werden,
wert ergibt sich nach Gl. (29a): m O 3,33 . dass die Güte der Anpassung über 70 % für
4.2 Verteilungen und Prüfverfahren 27

ein Signifikanzniveau D von 5 % beträgt. ren. Verwendet man zur Auswertung gra-
Der im Experiment bestimmte Test- phischer Darstellungen lineare oder nichtli-
wert ( F2exp = 10,2) ist kleiner als der Tabel- neare Anpassungsrechnungen, ist der Zu-
lenwert ( F28; 95 % = 15,5) und die H0-Hypo- sammenhang zwischen den Parametern der
these kann angenommen werden. Anpassungs- bzw. Fit-Funktion und den
physikalischen Bestimmungsgrößen an-
zugeben. Eine zeitlich sinnvolle Reihenfol-
5 Versuchsvorbereitung und ge der einzelnen Aufgaben für einen opti-
Protokollführung malen Versuchsablauf ist vor Beginn eines
Jeder Praktikant bereitet sich mit entspre- jeden Experiments zu überlegen. Falls spe-
chender Fachliteratur gründlich auf die zielle Sicherheits- und Arbeitsschutzbe-
Versuche vor. Notwendige Literaturhinwei- stimmungen vorgegeben sind, müssen diese
se und Angaben zu den Schwerpunkten der bei den entsprechenden Arbeitsschritten
theoretischen Vorbereitung findet man in gewissenhaft eingehalten werden.
der Regel in den praktikumsspezifischen Die erfolgreiche und qualitätsgerechte Rea-
Aufgabenstellungen und Versuchsanleitun- lisierung der Praktikumsexperimente hängt
gen. nicht nur vom gewählten Messverfahren,
Die Erarbeitung der erforderlichen theoreti- von der Genauigkeit der Messgeräte und
schen und experimentellen Grundlagen Messtechniken sowie der sorgfältigen expe-
sowie die gedankliche Vorbereitung der rimentellen Arbeit ab, sondern auch von
einzelnen Versuchsschritte sind in einem einer exakten und korrekten Protokollfüh-
Protokoll in kurzer, exakter Form schrift- rung. Als Vorlage für die Gliederung eines
lich festzuhalten und stellen die im Allge- Praktikumsprotokolls kann das folgende
Beispiel dienen.
meinen in Hausarbeit durchzuführende
Vorbereitungsphase des Experiments dar. Protokollmuster
Jedes wissenschaftliche Protokoll stellt eine Im Kopf des Protokolls sind in der Regel
klar strukturierte, dokumentarische Zu- folgende Angaben zu machen: Name, Ar-
sammenstellung der Versuchsinhalte, der beitsgruppe, Studienrichtung, Datum, Ver-
Messprinzipien und -methoden, der Durch- suchsbezeichnung und Aufgabenstellung
führung der experimentellen Arbeiten, der sowie Versuchsgeräte, Versuchsproben
Erfassung und Auswertung von Messdaten u. a. Der erste Abschnitt „Grundlagen“ ist
sowie der Diskussion der Ergebnisse dar. Bestandteil der Vorbereitung auf den
Daher sollen alle Eintragungen mit Aus- durchzuführenden Versuch und wird vor
nahme von Skizzen oder graphischen Dar- Beginn des Praktikums bearbeitet.
stellungen nicht mit Bleistift erfolgen. Grundlagen
Das Protokoll soll in übersichtlicher und Es sind die grundlegenden physikalischen
leserlicher Form alles Notwendige enthal- Gesetzmäßigkeiten anzugeben, die zum
ten, um den Lösungsweg vollständig rekon- Verständnis und zur Lösung der Aufgaben
struieren oder wiederholen bzw. die Mess- benötigt werden. Wichtige Gleichungen
ergebnisse weiter verwenden zu können. sind aufzuschreiben und ihre Herleitungen
Fehlerhafte Eintragungen oder Korrekturen sind in der Regel zu skizzieren bzw. zu
sind unter Angabe ihrer Ursachen sauber begründen. Bei allen Gleichungen sind die
durchzustreichen und ggf. mit einem erläu- vorkommenden Größen zu erläutern, und
ternden Kommentar zu versehen. Jeder wenn erforderlich, ist deren Gültigkeitsbe-
Messwert und jede Zwischenrechnung ist reich anzugeben. Gleichungen für die Be-
unmittelbar im Versuchsprotokoll zu notie- rechnung der Messunsicherheiten sind her-
28 Einführung 5 Versuchsvorbereitung und Protokollführung

zuleiten. Die verwendeten Messprinzipien, der Messabweichungen zu bestimmen. Bei


Apparaturen, Schaltungen u. ä. sind kurz zu statistisch begründeten Auswertungen ist
beschreiben. Während des Praktikums sind, das zur Berechnung der Unsicherheit fest-
wenn nicht anders vereinbart, die folgenden gelegte Vertrauensniveau mitzuteilen.
Abschnitte abzuschließen.
Zusammenfassung & Diskussion
Experimente & Messwerte
Die in den Aufgabenstellungen geforderten
Die für die spätere Auswertung am Ver-
Ergebnisse sind zusammen mit den jeweili-
suchsplatz ausliegenden speziellen Infor-
gen Messunsicherheiten auf signifikante
mationen zu den Geräten und Messmitteln Stellen gerundet in einer Ergebnisübersicht
sowie Versuchsbedingungen und bekannte zusammenzufassen. Die geforderten Dia-
Probenparameter sind zu notieren. Direkt gramme sind zu deuten und ggf. mit theore-
gemessene Werte werden in der Regel in tischen Kurvenverläufen zu vergleichen.
geeignete Tabellen eingetragen, wobei ggf. Von besonderer Bedeutung ist die Diskus-
weitere Spalten für Umrechnungen oder sion der Ergebnisse im Hinblick auf den
Zwischenergebnisse vorzusehen sind. Vergleich mit bereits bekannten Werten
Die eingestellten Messbereiche bei den (Tabellenwerte mit Quellenangabe), die
verwendeten Geräten, andere spezifische Übereinstimmung mit theoretischen Zu-
Versuchsdaten und die für die Ermittlung sammenhängen (ggf. Literaturzitat), den
der Messunsicherheiten erforderlichen Da- Vergleich mit anderen Messprinzipien und
ten sind aufzuschreiben. Bei rechnerge- Messverfahren, den unterschiedlichen Ein-
stützten Messungen sind die speziellen fluss der Messunsicherheiten der jeweiligen
Messbedingungen zu notieren, z. B. Mess- Messgrößen auf das Endergebnis und ggf.
intervall (Messpunktabstand), Messdauer, eine kritische Betrachtung zusätzlicher
Verstärkungsparameter und Messtoleran- Messabweichungen und Fehlerquellen.
zen. Wichtige während der experimentellen
Durchführung beobachtete Phänomene sind Für die Arbeiten im physikalischen Prakti-
ebenfalls im Protokoll zu vermerken. kum sind die Grundsätze zur ‚Sicherung
guter wissenschaftlicher Praxis’ (z. B.
Auswertung & Messunsicherheit
Deutsche Forschungsgemeinschaft, Deut-
Die Berechnungen unter Anwendung der in scher Hochschulverband, Hochschulrekto-
der Vorbereitung begründeten Gleichungen renkonferenz) entsprechend den speziellen
sowie deren wichtigste Zwischenergebnisse Aufgaben- und Zielstellungen bei der Vor-
sind niederzuschreiben. Alle Berechnungen bereitung, Durchführung und Auswertung
müssen im Zusammenhang mit den ver- sowie Protokollierung von Praktikumsver-
wendeten Gleichungen bzw. Algorithmen suchen zu beachten. Dazu gehören u. a. das
nachvollziehbar sein. Bei rechnergestützten eigenständige, ehrliche Arbeiten, die
Auswertungen (z. B. Anpassungsrechnun- selbstkritische Bewertung von Ergebnissen
gen, Simulationen) ist die verwendete und die Kenntlichmachung von fremdem
Software anzugeben. In bestimmten Fällen geistigem Eigentum. Die Einhaltung dieser
sind die vorausgesetzten Näherungen zu Grundsätze sollen die Studierenden bereits
überprüfen. Graphische Darstellungen und zu Beginn ihres Studiums zu Ehrlichkeit
Auswertungen sind in geeigneten Maßstä- und Verantwortlichkeit insbesondere im
ben anzufertigen. Die Unsicherheiten der Hinblick auf ihre künftige wissenschaftli-
Messgrößen sind unter Berücksichtigung che Arbeit befähigen.
29

Mechanik
1 Wägung und Dichte dert. Der Auftrieb ist eine der Gewichtskraft
entgegen gerichtete Kraft. Nach dem Prinzip
des Archimedes ist der Betrag der Auftriebs-
1.0 Grundlagen kraft FA auf einen sich in einem Medium
befindenden Körper gleich dem Betrag der
Die Dichte U eines homogenen Körpers ist Gewichtskraft des vom Körper verdrängten
das Verhältnis seiner Masse m zu seinem Mediums (Index M):
Volumen V:
UM
m FA V UM g m g . (2)
U = . (1) U
V
Für die Wägung in Luft (Index L) ist in
Somit lässt sich die Dichte von festen Kör- Gl. (2) die Dichte des Mediums UM durch die
pern und Flüssigkeiten über eine Massen- Dichte der Luft UL zu ersetzen. Die Größen
und Volumenbestimmung ermitteln. Die V, g und Usind der das Medium verdrängen-
Einheit der Dichte ist kg m-3. Die Masse de Volumenanteil des Körpers, die Fallbe-
bestimmt man durch Wägung. Ihre Einheit schleunigung am Aufstellungsort der Waage
ist kg. Die Masse eines Körpers kennzeichnet und die Dichte des Körpers.
seine Trägheit und seine Schwere. In Abb. M.1.0.1 ist ein Massenvergleich mit
einem zweiarmigen Hebel (z. B. Balkenwaa-
l l
ge) dargestellt. Die Gewichtskräfte FG,K und
FG,R von Körper und Wägestück rufen an den
FA,K FA,R Hebelarmen der gleichen Länge l ein rechts-
bzw. linksdrehendes Drehmoment hervor.
Sind diese bei einer Wägung im Vakuum
FG,K
vom Betrag gleich (m g l = mR g l), haben
FG,R
Körper und Wägestück die gleiche Masse.
Wird beim Massenvergleich in Luft der auf
Abb. M.1.0.1 Massenvergleich mit einem zwei- der linken Seite mit dem Körper der Masse m
armigen Hebel belastete Hebel durch Anbringen geeigneter
Vergleichskörper (Wägestücke der Masse
Bei der Wägung von Festkörpern und Flüs- mR, dem Volumen VR und der Dichte UR) auf
sigkeiten nutzt man meist die Eigenschaft der der rechten Seite ins Gleichgewicht gebracht,
Schwere der Masse. Dabei wird die Masse ergibt sich durch die Beachtung des Auftriebs
des Körpers der Dichte U mit der Referenz- in Luft für die Drehmomente
masse mR von Wägestücken bekannter Dichte
m g l  UL V g l mR g l  U L VR g l (3)
U R verglichen, die auf Massennormale zu-
rückgeführt werden können. Wird die Wä- und mit Gl. (1) folgt dann
gung in Luft durchgeführt, erfahren Körper
und Wägestück einen Auftrieb FA,K bzw. § U · § U ·
FA,R, der die Wirkung auf die Waage im m ¨1  L ¸ mR ¨1  L ¸ . (4)
© U ¹ © UR ¹
Vergleich zur Wägung im Vakuum verän-

W. Schenk et al., Physikalisches Praktikum,


DOI 10.1007/978-3-658-00666-2_2, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
30 Mechanik 1 Wägung und Dichte

Werden mehrere Massestücke verschiedener den Messwert einer elektronischen Waage


Dichten zum Abgleichen des Hebels verwen- hat, ist diese vor jeder Messung durch Aufle-
det, ist der rechte Term von Gl. (4) durch die gen eines zur Waage als Massenormal mitge-
§ U · lieferten Wägestücks zu kalibrieren. Zum
Summe ¦ mRi ¨1  L ¸ zu ersetzen, wobei Kalibrieren wird das Kalibrierprogramm
i © U Ri ¹ gestartet und das zur Waage gehörende Ka-
mRi die Masse aller jeweilig hinzugefügten libriergewicht auf die Waage aufgesetzt. Der
Wägestücke mit der Dichte URi ist. Weiteres Anzeigewert der Waage wird dabei auf den
Umstellen von Gl. (4) führt zur Gl. (4a), mit Nennwert des Kalibriergewichts eingestellt.
der sich dann die Masse m des Körpers Für eine genaue Wägung muss der Auftrieb
bestimmen lässt: beachtet werden, den die Kalibriergewichte
§ UL · in Luft erfahren. In der Praxis wird für Waa-
¨1  ¸ gen der konventionelle Wägewert eingeführt.
UR ¹
m mR © . (4a) Die meisten Waagen sind so eingestellt, dass
§ UL · sie nicht die Masse sondern den konventio-
¨1  U ¸ nellen Wägewert anzeigen. Dieser lässt sich
© ¹
mit Hilfe eines speziell definierten Bezugs-
In der Laborpraxis werden überwiegend wägestücks in der folgenden Weise ermitteln.
elektronische Waagen eingesetzt. Auch hier Hält ein Bezugswägestück der Dichte
wird die Schwere der Masse für ihre Be- U = 8000 kg m-3 einem anderen Wägestück
stimmung ausgenutzt. Elektronische Waagen mit einer Temperatur von 20 °C in Luft der
bestehen in ihrer einfachsten Form aus einer Dichte U L,k 1, 2 kg m -3 an einer gleicharmi-
Wägeplatte, einer Wägezelle und einem
elektronischen Anzeigegerät. Auf die Wäge- gen Balkenwaage das Gleichgewicht, wird
zelle wirkt die Gewichtskraft des auf der diesem Wägestück als konventioneller Wä-
Wägeplatte liegenden Körpers. Dadurch wird gewert bei gleicher Masseneinheit der Zah-
ein elektrisches Signal erzeugt, das eindeutig lenwert der Masse des Bezugswägestücks
mit der Gewichtskraft zusammenhängt. Die- (unabhängig von seiner Dichte) zugeordnet.
ser Zusammenhang lässt sich durch die Wä- Der Index k steht für konventionell.
gekennlinie beschreiben. Die Wandlung der Die physikalischen Eigenschaften des Kalib-
Gewichtskraft in ein elektrisches Signal führt riermassestücks für die elektronische Waage
beim Anzeigegerät zur Ausgabe des Wäge- entsprechen im Idealfall denen des konventi-
werts. Unter dem Wägewert versteht man den onell festgelegten Bezugswägestücks. Durch
durch Wägung in Luft ohne Korrektur des Einsetzen in Gl. (4a) ergibt sich für die kon-
Luftauftriebs ermittelten Näherungswert für ventionelle Masse mK eines Wägestücks der
die Masse. Neben der Beachtung des Auf- Masse mR und der Dichte UR bei 20 °C:
triebs, den der zu wiegende Körper oder die
§ UL ·
zur Kalibrierung aufgelegten Wägestücke ¨1  ¸
während der Wägung erfahren, sind alle © UR ¹
mk mR . (4b)
weiteren die Messung störenden Einwirkun- § UL ·
gen (z. B. elektrostatische und magnetische ¨ 1  ¸
© Uk ¹
Wirkungen, Luftströmung durch Konvekti-
on) zu vermeiden. Weiterhin ist zu beachten, Aus Gl. (4b) ist ersichtlich, dass für die Refe-
dass die Wägeplatte stets horizontal ausge- renzmassestücke der Dichte von 8000 kg m-3
richtet sein muss. die Masse und der konventionelle Wägewert
Da die Fallbeschleunigung einen Einfluss auf immer identisch sind. Für Wägestücke ande-
1.0 Grundlagen 31

rer Dichte (z. B. Aluminium oder Platin- wendeten Massenstücke muss dabei für viele
Iridium-Kilogrammprototypen) lässt sich mit Anwendungen im Labor nicht durchgeführt
Gl. (4c) die relative Abweichung zwischen werden.
Masse und konventionellem Wägewert be- Die Einheit des Volumens ist m3. Seine Be-
rechnen: stimmung ist nach verschiedenen Methoden
möglich, von denen hier nur eine Auswahl
mk  mR ( Uk  U L ) UR
1 . (4c) angeführt werden soll.
mk ( UR  U L ) Uk Hat ein fester Körper eine einfache geo-
metrische Gestalt, lässt sich die Volumenbe-
Diese relativen Abweichungen können bis zu stimmung auf Längenmessungen zurückfüh-
3 ˜10-4 betragen. Damit liegen sie unter der ren, die z. B. mit mechanischen Messwerk-
Toleranz der in der Regel für Labor- und zeugen (Messschieber, Bügelmessschraube)
Analysewaagen verwendeten Wägestücke vorgenommen werden können. Das Volumen
der Genauigkeitsklassen F1 und E1 eines Körpers mit unregelmäßiger Gestalt,
(Tab. M .1.1). kann man durch eine Wägung der Flüssig-
keitsmenge bestimmen die er an Flüssigkeit
Tab. M.1.1 Nominalwerte (Nennwerte) von Ge-
wichtsstücken der Genauigkeitsklassen E1, F1 und
bekannter Dichte verdrängt.
M1 und ihre Messunsicherheit u(m) Die Bestimmung von Flüssigkeits- bzw.
Gasvolumina erfolgt für genaue Messungen
Nennwert E1 F1 M1 generell auf mittelbarem Weg. Mit einem
m/g u(m)/mg u(m)/mg u(m)/mg Pyknometer (Versuch M.1.1) kann das Vo-
0,01 0,002 0,025 0,25 lumen für die Dichtebestimmung sehr genau
bestimmt werden.
0,02 0,003 0,03 0,3
Neben der direkten Dichtebestimmung nach
0,05 0,004 0,04 0,4 Gl. (1) gibt es noch weitere Verfahren, die
0,1 0,005 0,05 0,5 auf verschiedenen physikalischen Grundla-
gen beruhen. So kommen z. B. Auftriebsver-
0,2 0,006 0,06 0,6 fahren (Versuch M.1.2) und Resonanzverfah-
0,5 0,008 0,08 0,8 ren (Versuche M.1.3.1 und M.1.3.2) zum
1 0,010 0,10 1,0 Einsatz.
Während die Dichte eines festen Körpers
2 0,012 0,12 1,2 oder einer Flüssigkeit nur wenig von der
5 0,015 0,15 1,5 Temperatur T und dem Druck p abhängt,
ändert sich die Dichte eines Gases erheblich
10 0,020 0,20 2,0
mit diesen Zustandsgrößen. Unter T ist die
20 0,025 0,25 2,5 absolute Temperatur zu verstehen, die in der
50 0,030 0,30 3 Einheit Kelvin (K) angegeben wird. Bei der
Angabe einer Gasdichte sind daher stets die
100 0,05 0,50 5
Versuchsbedingungen zu nennen.
200 0,10 1,0 10 Im Anhang A.11 sind die Dichten von eini-
gen Gasen bei Normbedingungen
Der konventionelle Wägewert vereinfacht (TN = 273,15 K, pN = 101,325 kPa) gegeben.
sehr genaue Wägungen, da Schwankungen Aus diesen Werten können, wenn die nach-
der Luftdichte bis zu 10 % rechnerisch nicht folgend genannten Bedingungen erfüllt sind,
berücksichtigt werden müssen. Die Luftauf- mit Gl. (7) die Dichten für die tatsächlichen
triebskorrektur für die bei der Wägung ver- Temperaturen und Drücke bestimmt werden.
32 Mechanik 1 Wägung und Dichte

Im Folgenden werden nur noch Gase betrach- Gaskonstante. Unter Normbedingungen gilt:
tet, die sich in einem solchen Zustand befin- Vmol, N | 22, 414 l (1 l 103 m3 ) .
den, dass sie als ideale Gase betrachtet wer-
den können. Das ist erfüllt, wenn die Tempe- Aus Gl. (9) folgt für alle idealen Gase, dass
ratur des Gases erheblich größer als die kriti- sich in gleichen Volumina bei gleicher Tem-
sche Temperatur (W.2.0.1) des Stoffes ist. peratur und gleichem Druck stets die gleiche
Dann lässt sich eine abgeschlossene Gas- Anzahl Gasteilchen befindet (Gesetz von
menge mit der Masse m durch die spezielle Avogadro).
Zustandsgleichung für ideale Gase beschrei- Die molare Masse lässt sich wie folgt ermit-
ben, wobei RS die spezielle Gaskonstante ist: teln: Der in der Einheit Gramm angegebene
Zahlenwert der molaren Masse stimmt mit
pV = m RS T . (5) dem der relativen Molekülmasse überein.
Das folgt direkt aus der Definition der relati-
Aus Gl. (5) folgt ven Molekülmasse, die durch den Quotienten
pV p V aus der Masse eines Moleküls des betrachte-
= N N = const . (5a) ten Stoffs und dem zwölften Teil der Masse
T TN eines 12C-Nuklids festgelegt ist.
Der Index N weist auf die Normbedingungen Aus den Gln. (5) und (9) folgt für ein Mol
hin. Durch Einsetzen von Gl. (1) ergibt sich eines idealen Gases eine weitere Beziehung
für die Bestimmung der molaren Masse über
T TN die universelle und spezielle Gaskonstante:
U UN = const . (6)
p pN
R
Für die Dichte des Gases unter den aktuellen M . (10)
RS
Versuchsbedingungen gilt dann
TN p Die molare Masse M von Gasen lässt sich
U UN . (7) u. a. auch aus der relativen Gasdichte D
pN T (Anhang A.12) ermitteln. Sie ist definiert als
Die Dichte weiterer Gase bei Normbedin- das Verhältnis der Gasdichte U zur Dichte
gungen kann man bestimmen, indem man die trockener Luft UL bei gleichen Zustandsgrö-
molare Masse M auf das Volumen für ein ßen T und p:
Mol (Vmol,N) eines Gases bezieht:
U T , p
D . (11)
UN
M
. (8) U L T , p
Vmol,N
Wenn man annimmt, dass das zu untersu-
Die SI-Einheit Mol für die Stoffmenge ist im chende Gas als ideales Gas beschrieben wer-
Abschnitt 1.1 (Einführung) definiert. Das den kann, folgt mit Gl. (7), dass die relative
Volumen für ein Mol eines idealen Gases Gasdichte unabhängig von der Temperatur
lässt sich mit der allgemeinen Zustandsglei- und dem Druck ist. Für gleiche Volumina V
chung des Gases und der Luft ergibt sich somit
pV = n RT (9) m M
D . (12)
mL ML
bestimmen. Dabei sind n die Stoffmenge in
J Bezieht man die in Gl. (12) vorkommenden
mol und R 8,3145 die universelle
mol K Massen auf das molare Volumen bei Norm-
1.1 Pyknometer 33

bedingungen Vmol,N, kann man mit Hilfe von einem sorgfältig eingeschliffenen Thermome-
D die molare Masse M eines Gases berech- ter geschlossen werden kann.
nen. Für die molare Masse von Luft
gilt M L Vmol,N U L,N . Es ergibt sich daraus die
Beziehung

M Vmol,N U L,N D . (13)


S
Die Werte für D und UL,N sind dem An-
hang A.12 zu entnehmen. Mit dem molaren
Volumen in Litern und der Dichte der Luft in
Gramm pro Liter ergibt sich dann für die
näherungsweise Berechnung des Betrags der
molaren Masse des Gases in Gramm:
M = 22,414 ˜1,293 ˜ D | 29 D . (14)
Die Masse von nahezu idealen Gasen lässt Abb. M.1.1.1 Pyknometer mit Thermometer und
sich mit Hilfe der molaren Masse M und der Kapillare zur Dichtebestimmung
Stoffmenge bestimmen. Betrachtet man
Pyknometer sind Wägegefäße mit einem sehr
n = 1 mol idealen Gases der Masse m mit der
genau und reproduzierbar bestimmbaren
speziellen und der allgemeinen Gasgleichung
Innenvolumen. Um die Dichte eines festen
(Gln. (5) und (9)), ergibt sich
Körpers zu bestimmen, sind drei Wägungen
m M n . (15) vorzunehmen.
In einem ersten Schritt wird die Masse m des
Mit den Gln. (1), (5) und (10) folgt für die Körpers mit dem Volumen V direkt gewogen.
Dichte eines idealen Gases mit der molaren Die Dichte des zu untersuchenden Stoffes ist
Masse M bei der Temperatur T und dem mit ȡ gekennzeichnet. Die Berücksichtigung
Druck p die Beziehung des Auftriebs (Gl. (2)) bei dieser Wägung
führt nach Gl. (4) zu
M
U p . (16) § U ·
RT m  V UL mR ¨1  L ¸ . (17)
© UR ¹

1.1 Pyknometer Im zweiten Schritt wird das mit Wasser ge-


füllte Pyknometer (Masse m1) gewogen. Man
Aufgabenstellung erhält unter Berücksichtigung der Auftriebs-
Die Dichte eines festen Körpers soll durch korrektur
die Bestimmung seiner Masse und durch die
Wägung des von ihm verdrängten Wassers § U ·
m1  VP U L mR ,1 ¨1  L ¸ , (18)
ermittelt werden. © UR ¹

Das Pyknometer (Abb. M.1.1.1) ist ein im wobei VP das äußere Volumen des Pyknome-
Allgemeinen doppelwandiges Glasgefäß, an ters beschreibt. Der dritte Schritt umfasst die
das eine mit einer Strichmarke S versehene Wägung des mit destilliertem Wasser und mit
Kapillare angeschmolzen ist und das mit dem zu untersuchenden Stoff gefüllten
34 Mechanik 1 Wägung und Dichte

Pyknometers (Masse m2). Es gilt chungssystem zur Bestimmung der unbe-


kannten Größen ȡ und V. Umstellen nach V
§ U · und Gleichsetzen führt zu Gl. (24), die die
m2  VP U L mR,2 ¨1  L ¸ . (19)
¨ UR ¸ gesuchte Dichte ȡ des festen Körpers enthält:
© ¹
U  UW U  UL
Zur Vereinfachung der Gl. (17) schreibt man . (24)
m2*  m1* m*
§ U · Aus Gl. (24) folgt
m* mR ¨ 1  L ¸ . (20)
© UR ¹ m U W  m2  m1 U L
U . (25)
Analog werden die rechten Seiten der m  m2  m1
Gln. (18) und (19) durch m1 bzw. m2 ersetzt.
Es ergeben sich damit modifizierte Gleichun- Das in Abb. M.1.1.1 dargestellte Pyknometer
gen, mit denen die weiteren Berechnungen kann auch zur Bestimmung der Dichte UFl
durchgeführt werden: einer Flüssigkeit verwendet werden. In die-
sem Falle ermittelt man die Massen des mit
m  V UL m* , (17a) Luft (m3*), des mit destilliertem Wasser (m1*)
und des mit der zu untersuchenden Flüssig-
m1  VP U L m1 , (18a) keit gefüllten Pyknometers (m4*). Aus den
Abgleichbedingungen, die den drei Wägun-
m2  VP U L m2 . (19a) gen entsprechen, erhält man analog zu Her-
leitung von Gl. (25) die gesuchte Dichte:
Die mit einem Stern versehenen Massen
können auch als Ablesewerte einer auf den
U Fl
m
4  m3 U W  U L
 UL . (26)
konventionellen Wägewert eingestellten
elektronischen Waage betrachtet werden. m
1  m3
Unter der Voraussetzung, dass die Tempera-
tur des Wassers bei allen Wägungen konstant Ein Pyknometer, das zur Bestimmung der
bleibt, wird die Differenz der Gleichungen Luftdichte verwendet werden kann, ist ein
(18a) und (19a) gebildet: Glaskolben mit zwei angesetzten Rohren, die
sich durch Hähne gasdicht verschließen las-
m2*  m1* m2  m1 . (21) sen. Die Dichte der Luft kann ermittelt wer-
den, wenn man die Masse des luftgefüllten
Weiterhin gilt: (m3*), des evakuierten (m5*) und des mit
m1 mP  m W , Wasser gefüllten (m1*) Pyknometers be-
stimmt. Analog zur Herleitung von Gl. (25)
m2 m P  m W  U WV  U V . ergibt sich für die Dichte der Luft:
Es sind UW die Dichte des eingefüllten Was-
sers mit der Masse mW und mP die Masse des
UL
m
3  m5
UW . (27)
leeren Pyknometers. Damit erhält man:
m
1  m5
m2*  m1* (U  UW ) V . (22)
Aus Gl. (17a) ergibt sich: Versuchsausführung
m *
( U  U L )V . (23) Zunächst erfolgt die Bestimmung der Mas-
se m* des zu untersuchenden festen Körpers,
Die Gln. (22) und (23) bilden ein Glei- der aus einer ausreichend großen Anzahl
1.2 Auftriebsverfahren 35

kleiner Probestücke besteht. Danach wird das Der Term Vi ¬ª U W -1  U W -2 ¼º beschreibt


Pyknometer mit destilliertem Wasser gefüllt,
wobei darauf zu achten ist, dass sich vor dem eine Masse. Mit Vi = 50 cm3, -2 = 20 °C und
Einsetzen des Thermometers keine Luftbla- '- = 1 K beträgt diese 10-2 g, während die
sen im Inneren des Glasgefäßes befinden. aus den Wägungen resultierende Messunsi-
Der Wasserspiegel in der Kapillare soll ober- cherheit von m2*  m1* bei Verwendung einer
halb der Marke S liegen. Nach einigen Minu- elektronischen Laborwaage kleiner gehalten
ten hat das Wasser die Gleichgewichtstempe- werden kann. Man muss sich daher im Expe-
ratur -1 angenommen. Diese ist zu notieren. riment bemühen, dass die Differenz '- so
Das Wasser, das sich in der Kapillare ober- klein wie nur möglich wird. Außerdem ist
halb der Marke S befindet, wird vorsichtig diese Überlegung bei der Abschätzung der
mit Zellstoff oder Fließpapier abgesaugt. Die Messunsicherheit zu beachten. Zweckmäßi-
folgende Wägung, vor der das Pyknometer gerweise sollten sich alle für den Versuch
sorgfältig abzutrocknen ist, liefert m1*. An- benötigten Medien und Geräte ausreichend
schließend werden alle Probenstücke mit lange vor Versuchsbeginn im Experimentier-
Hilfe einer Pinzette in das Pyknometer ein- raum befinden.
gebracht. Es ist wieder darauf zu achten, dass
vor dem Einsetzen des Thermometers alle 1.2 Auftriebsverfahren
Luftblasen aus dem Wasser entwichen sind.
Nun ist so lange zu warten, bis die Tempera- Aufgabenstellung
tur im Inneren des gut abgetrockneten und 1. Die Dichten verschiedener Flüssigkeiten
bis zur Marke S gefüllten Pyknometers mit und eines fester Körpers sollen mit der Mohr-
-1 übereinstimmt. Danach erfolgt die Be- Westphal-Waage bestimmt werden.
stimmung der Masse m2*. Die Dichte des 2. Mit Hilfe einer elektronischen Laborwaage
Wassers bei der Temperatur -1 ist An- sind die Auftriebskräfte auf verschiedene
hang A.9 zu entnehmen und die der Luft bei Körper zu messen und deren Dichten zu
Zimmertemperatur und herrschendem Luft- ermitteln.
druck mit Hilfe von Gl. (7) aus der Dichte bei
Normbedingungen auf zwei Stellen genau zu Bei Aufgabe 1 wird eine Mohr-Westphal-
berechnen. Die gesuchte Dichte U des festen Waage verwendet. Diese ist eine ungleichar-
Stoffes erhält man dann mit Gl. (25). mige Hebelwaage. Der längere Hebelarm ist
Die Wägungen führen zu fehlerhaften Ergeb- durch Kerben in Zehntel seiner Länge l
nissen, wenn sich Luftblasen im Inneren oder geteilt. Am Ende befindet sich ein Haken, an
Wassertropfen am äußeren Umfang des den ein Senkkörper gehängt werden kann.
Pyknometers befinden. Außerdem können Der andere Hebelarm endet in einem Metall-
Abweichungen auftreten, wenn die Tempera- zylinder, der mit einem Dorn versehen ist.
tur -1 im Inneren des nur mit Wasser gefüll- Bei abgeglichener Waage steht die Spitze des
ten Pyknometers von der Temperatur -2 des Dorns der Spitze eines zweiten Dorns gegen-
mit Wasser und mit dem zu untersuchenden über, der am Stativ der Waage befestigt ist
Körper gefüllten Pyknometers abweicht. (Abb. M.1.2.1). Als Wägestücke dienen
Nimmt man das Volumen V und das innere Reiter verschiedener Größe, deren Massen
Volumen des Gefäßes Vi als konstant an, tritt sich wie 1 : 0,1 : 0,01 verhalten.
an die Stelle der Gl. (22) Die Masse des größten Reiters mR ist durch
die Dichte des Wassers UW und das Volu-
m 2*  m1* ( U  U W ( - 2 )) V 
(28) men VS des Senkkörpers festgelegt. Sie wird
[ U W (-1 ) - U W (- 2 )] V i . so bemessen, dass der in Kerbe 10 aufgesetz-
36 Mechanik 1 Wägung und Dichte

te Reiter die Auftriebskraft (Gl. (2)) kompen- menen Wert von 1000 kg m-3 liegt und sich
siert, die der vollständig eingetauchte Senk- das Volumen des Senkkörpers im Tempera-
körper im Wasser erfährt. turbereich der Messung kaum ändert. Die
Dichte des Wassers ist aber immer kleiner als
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 der angenommene Wert. Das im Folgenden
Reiter beschriebene Verfahren lässt sich für eine
Gegengewicht Drehpunkt genauere Dichtebestimmung verwenden. Das
Verhältnis der Dichte der Flüssigkeit zur
Dichte des Wassers ist gleich dem Verhältnis
Senkkörper
der Drehmomente, die durch entsprechend
aufgesetzte Reiter hervorgerufen werden. Des
Weiteren müssen noch der Auftrieb, den die
Reiter in Luft erfahren, und die Auftriebs-
kräfte auf den Befestigungsdraht berücksich-
Abb. M.1.2.1 Abgeglichene Mohr-Westphal-
Waage
tigt werden. Die Waage wird so justiert, dass
sie bei Belastung mit dem Senkkörper (Mas-
Die Dichte von Wasser ist temperaturabhän- se mS, Volumen VS) abgeglichen ist.
gig. Bei einer Temperatur von 4 °C erreicht Die Drehmomente Mk und Ml am kurzen und
die Dichte ein Maximum mit einem Wert von am langen Hebelarm sind betragsgleich. Am
999,97 kg m-3 (Anhang A.9). Legt man für Haken des längeren Hebelarmes greift das
die Dichte des Wassers UW = 1000 kg m-3 Gewicht des Senkkörpers und des Befesti-
fest, ergibt sich für ein Volumen des Senk- gungsdrahtes (Masse mD, Volumen VD) ver-
mindert um den Luftauftrieb an. Bezeichnet
körpers von 5˜10-6 m3 eine verdrängte Was-
man die Dichte der Luft mit UL und die Fall-
sermasse von 5˜10-3 kg. Verwendet man statt
beschleunigung mit g, ergibt sich für den
Wasser eine Flüssigkeit mit der Dichte von
Betrag des resultierenden Drehmoments am
700 kg m-3, muss der größte Reiter in Kerbe
langen Hebelarm:
7 aufgelegt werden, um den Auftrieb am
Senkkörper zu kompensieren. Über die Posi- Ml (mS  mD  VS  VD U L ) g l . (29)
tionen der aufgelegten Reiter lässt sich somit
in einem bestimmten Temperaturbereich eine Der Senkkörper ist nun völlig und der Befes-
näherungsweise Bestimmung der Dichte der tigungsdraht mit 1/n seiner Länge in das
Flüssigkeit vornehmen. Wasser eingetaucht. Die Waage befindet sich
durch die auf den längeren Hebelarm aufge-
Beispiel: setzten Reiter im Gleichgewicht. Es gilt:
Bei der Lage des größten Reiters in Kerbe 10,
also bei der Länge (10 / 10 ) l des Hebelarms der § 1 ·
M l,W ( mS  mD  ¨ VS  VD ¸ U W
Länge l, beträgt die Dichte der Flüssigkeit © n ¹
1000 kg m-3, bei der Lage des Reiters in Kerbe 7, (30)
was (7 / 10 ) l entspricht, hat die Flüssigkeit eine § 1·
 ¨1  ¸ VD U L ) g l  M R,W .
Dichte von 700 kg m-3. Sind ein großer Reiter auf © n¹
Kerbe 8, ein mittlerer Reiter auf Kerbe 1 und ein
kleiner Reiter auf Kerbe 2 positioniert, beträgt die Dabei umfasst der erste Term den Betrag des
Dichte 812 kg m-3. durch den Senkkörper und Draht hervorgeru-
fenen Drehmoments, wobei die entsprechen-
Das eben beschriebene Verfahren zur Dich- den Auftriebskorrekturen für die Teile im
tebestimmung geht davon aus, dass der Wert Wasser und in der Luft berücksichtigt sind.
der Dichte des Wassers nahe am angenom- MR,W ist der Betrag des durch Auflegen der
1.2 Auftriebsverfahren 37

Reiter in die Kerben des Hebelarms hervor- Dabei steht der Index M für das verwendete
gerufenen resultierenden Drehmoments. Medium und ist bei der Versuchsflüssigkeit
Der Senkkörper hängt nun in einer Flüssig- durch den Index F und bei Wasser durch den
keit der Dichte UF. Nach dem Abgleich der Index W zu ersetzen. Der Index i entspricht
Waage mit Reitern soll der Befestigungsdraht der jeweiligen Nummer der Kerbe, in der der
genau so tief in die Flüssigkeit wie zuvor in Reiter sitzt. Die äquidistanten Kerben werden
das Wasser tauchen. Analog zu Gl. (30) er- vom Drehpunkt aus gezählt. Die Koeffizien-
gibt sich ten ai,M, bi,M und ci,M geben an, wie viele
große, mittlere und kleine Reiter sich in der
§ 1 · i-ten Kerbe befinden. Durch den Term in der
M l,F (mS  mD  ¨ VS  VD ¸ U F
© n ¹ zweiten Klammer wird der Luftauftrieb an
(31)
§ 1· den Reitern berücksichtigt. Das Verhältnis
 ¨1  ¸ VD U L ) g l  M R,F . der Beträge der durch die Versuchsflüssigkeit
© n¹ und das Wasser verursachten Drehmomente
Zieht man Gl. (29) von Gl. (31) bzw. Gl. (30) ist dann
ab, erhält man 10
bi ,F c
§ 1 · M R,F ¦ (ia i ,F i
10
 i i ,F )
100
M R,F ¨ VS  VD ¸ ( U F - U L ) g l , (32) i 1
.
© n ¹ M R,W 10
bi ,W ci ,W
¦ (ia
i 1
i ,W i
10
i
100
)
§ 1 · (37)
M R,W ¨ VS  VD ¸ ( U W  U L ) g l . (33)
¨ n ¸ Beispiel:
© ¹
Beim Versuch mit Wasser (- = 16 °C) ist die
Nach der Division von Gl. (32) durch Waage durch einen großen, einen mittleren und
Gl. (33), folgt einen kleinen Reiter, die sich alle bei Kerbe 9
befinden, abgeglichen. Somit gilt
UF  UL M R,F a9,W = b9,W = c9,W = 1, alle anderen Koeffizienten
bzw. (34) sind gleich null. Beim Abgleich der Waage mit
UW  UL M R,W
dem in der Versuchsflüssigkeit eingetauchten
Senkkörper liegt ein großer Reiter in Kerbe 7, der
M R,F M R,F mittlere Reiter ist bei Kerbe 8 angebracht und der
UF U W  (1  ) UL . (35) kleine Reiter ist bei Kerbe 6. Damit sind
M R,W M R,W a7,F = b8,F = c6,F. Die anderen Koeffizienten sind
gleich null. Es folgt
In Gl. (35) geht nur das Verhältnis der Dreh-
momente durch die in die Kerben aufgesetz- M R,F 7  0,8  0.06 7,86
0, 787 .
ten Reiter zur Einstellung des Gleichgewichts M R,W 9  0,9  0, 09 9,99
ein. Bezeichnet man die Dichte der Reiter mit
UR und die Masse des größten Reiters mit mR, Nach Gl. (35) mit UW = 998,9 kg m-3 und bei
Vernachlässigung des Luftauftriebs erhält man für
ergibt sich für den Betrag des entsprechenden
die Dichte den Wert U F 786 kg m 3 .
Drehmoments:

ª 10 i 10
m i Die Dichte einiger fester Körper lässt sich
M R,M « ¦
¬i 1
ai ,M mR 
10 i 1
¦ bi ,M R
10 10 mit der Schwebemethode bestimmen. Ein
(36) fester Körper schwebt in einer Flüssigkeit mit
10
mR i º § U L · der Dichte U F , wenn die Beträge von Auf-
 ¦ ci ,M ¨1  ¸gl .
i 1 100 10 »¼ © U R ¹ triebskraft FA und die Gewichtskraft FG des
38 Mechanik 1 Wägung und Dichte

Körpers mit dem Volumen V und der Dich- Der Betrag der Auftriebskraft FA am Körper
te U gerade gleich groß sind. Nach dem wird nach dem Wechselwirkungsgesetz nach
Prinzip des Archimedes ist die Auftriebskraft Newton (actio gleich reactio) durch die Reak-
gleich der Gewichtskraft der vom Körper tionskraft FAR auf die Flüssigkeit über die
verdrängten Flüssigkeit und es ergibt sich Waage erfasst. Er entspricht dem Betrag der
Gewichtskraft der verdrängten Flüssigkeit
FA U F VF g UV g FG . (38)
mit der Dichte UF. Da der Körper vollständig
Da der Körper beim Schweben vollständig eingetaucht ist, gilt nach Gl. (2) FA U F V g ,
eingetaucht ist, sind die Volumina V und VF m
gleich groß. Folglich schwebt ein Körper wobei V das Volumen und m die Masse
U
genau dann in einer Flüssigkeit, wenn ihre
Dichte mit der des Körpers übereinstimmt. des Körpers ist. Es folgt
Die Bestimmung der Dichte einer solchen mg
Flüssigkeit ist also zugleich die Bestimmung U UF . (39)
FA
der Dichte des festen Körpers. Die Schwe-
bemethode ist immer dann zu empfehlen, Genauere Betrachtungen (Berücksichtigung
wenn die Dichte des zu untersuchenden Kör-
pers klein ist (z. B. Kunststoffe). § U ·
des Luftauftriebs) mit m* m ¨1  L ¸ (siehe
Die Dichte U der bei Aufgabe 2 zu untersu- © U ¹
chenden Körper ist größer als die Dichte der Gln. (17), (17a)) und der Auftriebskorrektur
verwendeten Flüssigkeiten. Ihre Dichte lässt 1
sich mit Hilfe des Prinzips von Archimedes VD g U F (siehe Gl. (30)) führen zu
n
über die Messung der Auftriebskraft ermit-
teln. Der Versuchsaufbau ist in Abb. M.1.2.2 g m* 1
dargestellt. FA U F  VD g U F , (40)
U§ UL · n
¨1  U ¸
© ¹

m* g
U  UL . (41)
§ FA 1 ·
¨  VD g ¸
FA U
© F n ¹
Mit FA  mA* g (von weiteren Korrekturen
wird abgesehen) folgt mit guter Genauigkeit:
12,34g FAR m*
U  UL . (42)
§ mA 1 ·
*

¨  VD ¸
Abb. M.1.2.2 Versuchsaufbau mit elektronischer © UF n ¹
Laborwaage zur Messung der Dichte mittels
Auftriebsmethode
Versuchsausführung
Für die vereinfachte Darstellung der Methode Für die Bestimmung der Dichte einer Flüs-
werden zunächst der Luftauftrieb und die sigkeit bei Aufgabe 1 wird der Senkkörper an
durch die Aufhängung verursachte Verdrän- einen Haken gehängt und die Waage justiert,
gung der Flüssigkeit vernachlässigt. bis diese sich im Gleichgewicht befindet.
1.3 Resonanzverfahren 39

Anschließend wird der Senkkörper vollstän- Bei Aufgabe 2 wird zunächst der Wert der
dig in Wasser getaucht und die Waage durch Größe m* durch Auflegen des Körpers auf die
Aufsetzen von Reitern erneut abgeglichen. elektronische Waage ermittelt. Anschließend
Anzahl und Art der Reiter und ihre Positio- wird ein mit destilliertem Wasser gefülltes
nen (Nummer der Kerbe) werden protokol- Glas auf die Waage gestellt. Falls die Mög-
liert. Mit einem Thermometer misst man die lichkeit besteht, sollte der Anzeigewert durch
Wassertemperatur. Danach ist der Senkkör- Drücken der Taste „Tara“ auf null gestellt
per abzutrocknen, in die zu untersuchende werden. Der am Haltedraht befestigte Körper
Flüssigkeit zu hängen und erneut die Waage wird dann vollständig in das Wasser einge-
abzugleichen. Die Temperatur der Flüssigkeit taucht (Abb. M.1.2.2) und an der Anzeige ist
sowie Art, Anzahl und Position der Reiter der Differenzwert mA* abzulesen. Dann lässt
sind wieder zu erfassen. Man berechnet die sich die Dichte des Körpers mit Gl. (42)
gesuchte Dichte mit Gl. (35) unter Einbezie- berechnen. Die Dichte der Luft wird unter
hung Gl. (37), wobei der benötigte Wert der Verwendung von Gl. (7) bestimmt.
Dichte von Wasser bei der Versuchstempera-
tur dem Anhang A.9 entnommen werden
kann. Es ist zu überprüfen, ob der der zweite
1.3 Resonanzverfahren
Summand in Gl. (35) vernachlässigt werden Weitere Verfahren für die Bestimmung der
kann. Falls das nicht möglich ist, muss der Dichte sind Resonanzverfahren. Diese kom-
Korrekturwert für den Luftauftrieb berück- men ohne Wägung und Volumenbestimmung
sichtigt werden. Die Dichte der Luft ist mit aus und können auch bei kleinen Substanz-
Hilfe von Gl. (7) zu ermitteln, wobei der mengen eingesetzt werden. Es wird die Tat-
atmosphärische Luftdruck mit einem Baro- sache genutzt, dass die Eigenfrequenz eines
meter ermittelt wird. mechanischen Schwingers von seiner Masse
Zur Bestimmung der Dichte des festen Kör- abhängt. Das Medium der Dichte U befindet
pers mit kleiner Dichte ist eine Flüssigkeits- sich in einem Hohlraum mit dem Messvolu-
mischung bzw. eine Kochsalzlösung herzu- men V im Inneren des Schwingers, der das
stellen, in der der zu untersuchende Körper Messgefäß ist. Für die folgenden Betrachtun-
schwebt. Dazu benötigt man zwei mischbare gen soll sich der Schwinger mit Messgefäß
Flüssigkeiten. Die Dichte der einen Flüssig- als linearer Federschwinger mit der Mas-
keit muss größer, die der anderen kleiner als se m m0  U V und der Federkonstanten c
die Dichte des festen Körpers sein. Die Her- beschreiben lassen. Die Masse des Schwin-
stellung einer homogenen Mischung, in der gers ohne Medium ist m0.
der feste Körper exakt schwebt, erfordert Für die Eigenfrequenz f0 des Federschwin-
einige Zeit und Mühe. Man kommt im All- gers ohne Messmedium gilt nach M.3.2.2
gemeinen schneller zum Ziel, wenn man
zunächst eine Mischung anfertigt, in der der
Körper mit sehr geringer Geschwindigkeit 1 c
f0 . (43)
sinkt, und anschließend eine Mischung, in 2ʌ m0
der der Körper etwa mit gleicher Geschwin-
digkeit steigt. Die Dichte des festen Körpers Infolge des mitschwingenden Messmediums
ist dann in guter Näherung gleich dem arith- ergibt sich die Frequenz
metischen Mittel der beiden Flüssigkeitsdich-
ten. Die Dichte dieser Flüssigkeiten wird 1 c
anschließend mit der Mohr-Westphal-Waage f . (44)
2ʌ m0  U V
bestimmt.
40 Mechanik 1 Wägung und Dichte

Sind Federkonstante, Masse und Messvolu- das elektromagnetische Erregersystem (E).


men des Schwingers bekannt, ist die Dichte Die Schwingungsaufnahme wird über einen
des Messmediums mit Gl. (44) bestimmbar. elektromagnetischen Wandler (A) realisiert.
Dividiert man Gl. (43) durch Gl. (44), erhält Nach Verstärkung und Amplitudenbegren-
man den folgenden Zusammenhang zwischen zung wird das Signal einem elektromagneti-
Dichte und Frequenz: schen Erregersystem (E) an der Stimmgabel
zugeführt (Rückkopplung), um eine stabile
m0 f 02 1 m0
U  . (45) Schwingung mit konstanter Amplitude zu
V f2 V erhalten. Bereits kleinste Bewegungen der
Stimmgabel führen zu einem Aufschaukeln
Als schwingende Elemente für die Dichtebe-
der Spannung im Erregerverstärker und da-
stimmung von Flüssigkeiten werden meist
U-förmig gebogene Hohlrohre verwendet, mit innerhalb kürzester Zeit zu einer stabilen
die zu Schwingungen angeregt werden (Ver- Schwingung.
such M.1.3.1). Das schwingende System Da das an der Schwingung beteiligte Flüssig-
kann aber auch vom Messmedium umgeben keitsvolumen VF für den gegebenen Schwin-
sein. Dies nutzt man bei der Dichtebestim- ger konstant ist, ergibt sich mit
mung von Gasen (Versuch M.1.3.2). m mS  mF K T2 (46)

1.3.1 Schwingrohr eine einfache Abhängigkeit der Schwin-


gungsdauer T von der Flüssigkeitsdichte UFl:
Aufgabenstellung
Mit dem Schwingrohr ist die Dichte ver- mF T 2 mS
U Fl K 
schiedener Flüssigkeiten zu bestimmen. VF VF VF (47)
K1 T  K 2 .
2

Im Versuch wird eine hohle Stimmgabel als


Schwingrohr (Schwinggabel, Abb. M.1.3.1) Die Konstanten K1 und K2 können durch
verwendet. Ihre Masse m setzt sich aus der Kalibrierung mit Hilfe von zwei Flüssigkei-
Schwingrohrmasse mS und der Flüssigkeits- ten bekannter Dichte U1 und U2 erhalten wer-
masse mF zusammen. den. Für K1 ergibt sich

Schwingrohr U1  U 2
K1 . (48)
Elektronischer
T1
2
 T22
Zähler
Damit folgt unmittelbar für die Dichte ȡ einer
Erreger-
unbekannten Flüssigkeit
verstärker
U K1 T 2  TR2  U R . (49)
E A
TR und UR sind Werte einer Referenzflüssig-
keit.
Abb. M.1.3.1 Schema der Versuchsanordnung Die bei der Herleitung von Gl. (49) gemachte
mit Schwingrohr, Erregerspule E, Wandlerspule Annahme einer linearen Schwingung ist
A (mit Amplitudenbegrenzung) insbesondere für niedrigviskose Flüssigkeiten
erfüllt. Im Falle hochviskoser Flüssigkeiten
Die Anregung der Schwingung erfolgt über können Scherkräfte auftreten, die nicht mit
1.3.2 Stimmgabeldichtemesser 41

diesem vereinfachten Ansatz berücksichtigt 1.3.2 Stimmgabeldichtemesser


werden können. Dann ist die Kalibrierung
des Schwingrohres nur mit Flüssigkeiten Aufgabenstellung
bekannter Dichte und ähnlich hohen Viskosi- Mit einem Stimmgabeldichtemesser sind die
täten möglich. Druckabhängigkeit der Dichte, die relativen
Versuchsausführung Gasdichten und die molare Masse von zwei
verschieden Gasen zu bestimmen.
Nach dem Einschalten des digitalen Zählers
und des Erregerverstärkers, wird die Das Gas wird in eine Messkammer eingelei-
Schwinggabel mit Hilfe einer Vakuumpumpe tet, in der sich eine Stimmgabel befindet, die
sorgfältig ausgepumpt, um mögliche Flüssig- zum Schwingen angeregt wird
keitsreste zu beseitigen. Nachdem die (Abb. M.1.3.2). Die Zinken einer Stimmga-
Schwinggabel mit den Permanentmagneten bel führen Biegeschwingungen aus, die sich
an den Schwingrohren zwischen die Feldspu- allgemein mit der Beziehung aus M.4.0 be-
len (Erreger- und Wandlerspule) gebracht schreiben lassen:
wurde, kann die Ausbildung stabiler Eigen-
schwingungen mit einem Oszilloskop kon- mn 2 E IK
trolliert werden. Dazu wird die am Ausgang fn . (50)
2 ʌ l2 U0 A
des Erregerverstärkers liegende Spannung
auf den Y-Eingang des Oszilloskops gege- Dabei sind mn der entsprechende Parameter
ben, auf dessen Schirm ein sinusförmiges für die n-te angeregte Ordnung, IȘ das Flä-
Signal erscheinen muss. chenträgheitsmoment, A die Querschnittsflä-
Um die notwendige hohe Messgenauigkeit zu che und b die Zinkenbreite. Die Größen a
erreichen, muss die Zeit für hinreichend viele und l kennzeichnen Zinkenstärke und Zin-
Schwingungen bestimmt werden, was durch kenlänge. Die Größen U0 und E stehen für
die Einstellung entsprechend großer Messzei- Materialdichte und Elastizitätsmodul der
ten erreicht werden kann. Zinken. Mit IK (1/12) b a 3 (Anhang A.14),
Nach dem Auspumpen bzw. Füllen des
Schwingrohrs ist vor jeder neuen Messung A a b und m1 = 1,875 gilt für die Frequenz
die Einstellung des Temperaturgleichge- der Grundschwingung (n = 1, f0 = f1) einer
wichts abzuwarten. Als Kontrolle werden Stimmgabel
dazu Frequenzmessungen durchgeführt. Die
Schwankungen der Frequenz sollen nach der a E
f0 k . (51)
Einstellung des Temperaturgleichgewichts l2 U0
nicht größer als der 5˜10-6-te Teil des mittle-
k bezeichnet eine Konstante, die sich aus den
ren Messwerts sein. Wenn das nach einigen
obigen Größen ergibt. Für die Messung wird
Minuten nicht der Fall ist, sind die Messun-
die Tatsache genutzt, dass die Eigenfrequenz
gen trotzdem zu beginnen. Dann muss diese
systematische Abweichung bei der Ermitt- einer Stimmgabel von der Dichte U des sie
lung der Messunsicherheit diskutiert werden. umgebenden Gases abhängt. Dieser Sachver-
Die Schwingrohrkonstante K1 wird nach halt lässt sich mit der folgenden Beziehung
gut beschreiben:
Gl. (48) mit Hilfe von zwei Referenzflüssig-
keiten mit bekannten Dichten (U1, U2) ermit- a E
telt. Die Temperaturabhängigkeit der Dichte f k . (52)
l2 U0  U
der Referenzflüssigkeiten wird am Arbeits-
platz gegeben. Der Ansatz von Gl. (52) geschieht unter der
42 Mechanik 1 Wägung und Dichte

Annahme, dass etwa ein Gasvolumen in der tätsmodul hängen von der Temperatur ab.
Größenordnung des Volumens der schwin- Mit einer speziellen Eisen-Nickel-Chrom-
genden Gabelzinken mitschwingt. Die Divi- Legierung (10 % Cr und 36 % Ni) kann man
sion der Gl. (51) durch Gl. (52) führt zu bei einer maximalen Temperaturänderung
von 0,1 K die relativen Abweichungen auf
f0 U0  U weniger als 10-6 verringern und somit eine
. (53) hohe Frequenzgenauigkeit erreichen. An der
f U0
Stimmgabel sind für die Schwingungsanre-
Damit folgt für die Dichte des Gases gung zusätzlich noch Magnete an den Enden
der Zinken sowie Bleche zur Verstärkung des
§ f 02 · Effekts angebracht und die Berechnung der
U U0 ¨ 2
 1¸ . (54) Eigenfrequenz nach Gl. (51) ist nicht mög-
©f ¹ lich. Bei der Ausführung des Versuches ist es
daher zweckmäßig, Gl. (54) zu modifizieren:
Versuchsausführung
1
Die Abb. M.1.3.2 zeigt das Schema der Ver- U A B . (55)
suchsanordnung. Die Aufgaben des elektro- f2
nischen Teils der Messanordnung umfassen
Die Bestimmung der Konstanten A und B
die Anregung erzwungener Schwingungen
erfolgt dann durch Messungen der Frequenz
der Stimmgabel (Erregerverstärker V, Erre-
mit Luft bei verschiedenen Gasdrücken im
gerspule S2 und Wandlerspule S1), die Präzi-
Messraum und anschließender linearer Reg-
sionsmessung der Schwingungsfrequenz
ression (Abb. M.1.3.3), wobei man die Dich-
(Digitalzähler Z) und die digitale Messwert-
erfassung von Temperatur (Temperatursensor te mit Gl. (7) berechnet.
TS mit Anzeigeeinheit TA) und Druck
ρ / kg m-3
(Drucksensor DS mit Anzeigeeinheit DA).
1,2
TA ϑ
H1
Z Hz
TS T H2 0,8
VP
V

EV RV 0,4

S1 S2
p H3 FV 0,0
DS 8,481·10-6 8,482·10-6 8,483·10-6 1/ f 2 / Hz-2
DA hPa
GF
Abb. M.1.3.3 Zur Bestimmung der Konstanten A
und B nach Gl. (55) mit Ausgleichsgerade

Abb. M.1.3.2 Schema der Versuchsanordnung Unter der Voraussetzung, dass die Tempera-
turen und Gasdrücke für Luft und das zu
Da die Dichte des Gases klein gegen die untersuchende Gas gleich groß sind, kann die
Materialdichte der Stimmgabel ist, sind die Bestimmung der relativen Gasdichte direkt
Frequenzunterschiede klein. Das erfordert mit Gl. (11) erfolgen.
eine hohe Genauigkeit bezüglich der Fre- Die molare Masse M der Gase ergibt sich
quenzmessung. Die Größen Zinkenstärke, nach Gl. (16). Trägt man die Dichte des Ga-
Zinkenlänge, Materialdichte und Elastizi- ses über dem Druck graphisch auf, kann die
2.0 Grundlagen 43

molare Masse M aus dem Anstieg (d U / d p )


der Ausgleichsgeraden bestimmt werden:
2 Schwingungen
§ dU ·
M RT ¨ ¸ . (56) 2.0 Grundlagen
©dp¹
Schwingungen sind zeitlich periodische
Die Anlage ist zu Beginn der Messung mit Vorgänge. Das einfachste Beispiel ist der
einer Vakuumpumpe zu evakuieren, um lineare harmonische Oszillator (Feder-
Restgase aus vorherigen Messungen zu ent- schwinger), andere, im Rahmen dieses Bu-
fernen. Dazu sind die Hähne H1 und H3 ches behandelte mechanische Systeme sind
geschlossen zu halten. Nach dem Evakuieren das mathematische und das physikalische
sind Hahn H2 zu schließen und die Vakuum- Pendel, der Drehtisch, das Torsionspendel
pumpe abzuschalten. Für die Messung mit sowie das Drehpendel.
Luft kann über Hahn H1 nun Luft bis zum
gewünschten Druck eingelassen werden. 2.0.1 Bewegungsgleichungen
Bei der Messung mit dem Versuchsgas blei- Bei einer mechanischen Schwingung finden
ben das Einstell-( EV) und das Reduzierven- Energieumwandlungen von potentieller in
til (RV) zunächst geschlossen. Das Flaschen- kinetische Energie statt. Bei vernachlässigba-
ventil (FV) an der Druckgasflasche (GF) rer Reibung bleibt dabei die Amplitude der
wird um eine viertel Umdrehung geöffnet. Schwingung konstant (ungedämpfte Schwin-
Durch Öffnen des Reduzierventils wird ein gung) und es gilt die Bewegungsgleichung
geringer Überdruck eingestellt. Anschließend
ist die Schlauchverbindung zwischen dem d2 x
Einstellventil und dem Hahn H3 herzustellen. m cx 0 (1)
Zum Durchspülen der Anlage wird über den d t2
Hahn H3 bei geöffnetem Hahn H1 das Ver-
bzw.
suchsgas durch Öffnen des Einstellventils EV
in die Anlage geleitet. Der Hahn H2 ist dabei d2 x
geschlossen. Der Spülvorgang wird beendet,  Z02 x 0 (1a)
dt2
indem man zuerst das Flaschenventil und
nach Abbau des Überdrucks anschließend die mit der Eigenkreisfrequenz (Kennkreisfre-
Hähne H1 und H3 sowie Einstell- und Redu- quenz) der ungedämpften Schwingung
zierventil schließt. Durch diese Maßnahmen
erreicht man, dass der Druck des Versuchs- c
gases in der Anlage dem äußeren Luftdruck
Z0 . (2)
m
entspricht.
Soll die Messung bei niedrigerem Druck In Gl. (2) bezeichnet m die Masse des
erfolgen, lässt sich mit der Vakuumpumpe schwingenden Systems und c die Federkon-
VP nach vorheriger Öffnung von Hahn H2 stante. Die momentane Auslenkung (Elonga-
ein Teil des Versuchsgases aus dem Mess- tion x(t)) ergibt sich als Lösung von Gl. (1a):
raum auspumpen. Dies ist mit dem Druck-
messgerät zu kontrollieren. Nach Schließen x t xˆ cos Z0 t  M 0 (3)
des Hahns H2 kann mit der Messung beim
eingestellten Druck begonnen werden. Nach mit der Amplitude x̂ . In Gl. (3) ist M0 der
Abschluss der Messungen ist die gesamte Phasenwinkel zur Zeit t = 0. In analoger
Anlage durch Öffnen der Hähne H1, H2 und Weise stellt auch die entsprechende Sinus-
H3 zu belüften. funktion eine Lösung der Differentialglei-
44 Mechanik 2 Schwingungen

chung (1a) dar. Bei nicht vernachlässigbarer Die Größe T ist die Phasenverschiebung
Reibung wird die Schwingungsenergie zu- zwischen der erzwungenen Schwingung und
nehmend in Wärme umgewandelt. Für die der Erregerschwingung.
dann gedämpfte Schwingung lautet die Be- Nach dem Einschwingvorgang wird das
wegungsgleichung schwach gedämpfte, schwingungsfähige
System mit der vom Erreger erzwungenen
d2 x dx Frequenz schwingen und die entsprechende
m r cx 0 (4)
dt 2 dt Eigenkreisfrequenz ist

mit der Reibungskonstante r . Unter Berück- Zr Z 02  2 G 2 . (9)


sichtigung von Gl. (2) und durch Einführung
der Abkling- bzw. Dämpfungskonstante Hat die Kosinusfunktion in Gl. (8) den Wert
G = r / 2m erhält man eins; ergibt sich die frequenzabhängige Amp-
litude A(Z). Diese wird durch den Betrag der
d2 x dx
2
 2G  Z02 x 0 . (4a) Erregerkraft, die Differenz zwischen den
dt dt Frequenzen Z und Z0 sowie die Dämpfungs-
Eine Lösung der Gl. (4a) nach Anhang A.2.2 konstante bestimmt, so dass gilt:
ist
F0 1
x t xˆ e G t cos Z t  M0 . A(Z ) . (10)
(5) m
Z  Z 2  (2G Z ) 2
2 2
0
Dabei ist Z = Zd die Kreisfrequenz der ge-
dämpften Schwingung: In den folgenden Beispielen (außer Drehpen-
del, M.2.3) werden nur Systeme mit vernach-
Zd Z02  G 2 . (6) lässigbarer Dämpfung betrachtet.
Ein physikalisches Pendel (Abb. M.2.0.1) ist
Bei sehr großer Dämpfung ( G 2 !! Z02 ) ein starrer Körper mit einer fest vorgegebe-
kommt keine Schwingung zustande. Der nen Drehachse (A), die nicht durch den Mas-
Körper kehrt nach der Anfangsauslenkung senmittelpunkt des Körpers geht. Nach einer
langsam in die Ruhelage zurück (Kriechfall). Auslenkung führt das Pendel unter dem Ein-
Wirkt auf ein schwingungsfähiges System fluss der Schwerkraft Schwingungen um
mit der Eigenkreisfrequenz Z0 eine äußere seine Ruhelage aus. In den folgenden Über-
periodische Kraft F F0 cos Z t , werden legungen wird vorausgesetzt, dass die Rei-
bung im Achsenlager vernachlässigbar klein
erzwungene Schwingungen beobachtet. In
ist.
diesem Fall lautet die Bewegungsgleichung
Der senkrechte Abstand des Massenmittel-
d2 x dx punkts (S) eines Körpers (K) von der Dreh-
m r c x F0 cos Z t , (7) achse (A) soll mit sA bezeichnet werden
dt2 dt
(Abb. M.2.0.1). Ein beliebiges Massenele-
d2 x dx F0 ment dm habe den senkrechten Abstand r von
 2G  Z02 x cos Z t . (7a) der Drehachse. Zwischen r und sA sei der
dt2 dt m
konstante Winkel D. Bildet sA mit der Verti-
Eine Lösung dieser Gleichung (A.2.2) lautet kalen den Winkel M, lautet die Bewegungs-
gleichung für das Massenelement
F0 cos Z t  T
x t . (8) d 2M
dm g sin D  M .
m
Z 2
0 Z
2 2
 4G Z2 2 dm r
dt2
(11)
2.0 Grundlagen 45

Durch Multiplikation von Gl. (11) mit dem wobei m die Masse des Pendels ist. Mit den
Kraftarm r und Integration über den gesam- Gln. (12) und (13) folgt aus Gl. (11a) die
ten Körper erhält man die Gleichung für das Bewegungsgleichung des physikalischen
resultierende Drehmoment Pendels
d 2M 2 d 2M m sA g
³ dt 2 r dm  g K³ r sin D  M dm . (11a)
K dt2

IA
sin M . (14)

Die Größe
y
K DA m sA g (15)
hat die Dimension eines Drehmoments und
A xS x wird als Direktions- oder Richtmoment des
x Pendels bezeichnet.
Das mathematische Pendel stellt eine Ideali-
sierung dar. Man denkt sich die gesamte
Masse im Massenmittelpunkt vereinigt und
sA
r sieht die Bindung an die Drehachse als „mas-
selos“ an. Dieser Idealisierung entspricht
näherungsweise das Fadenpendel, das aus
α dm einer Metallkugel besteht, die an einem dün-
ϕ ϕ) nen Faden der Länge l aufgehängt ist. Die
α+
S in( Bewegungsgleichung des mathematischen
gs
sB dm Pendels lautet
d 2M
dm g ml m g sin M bzw.
B
dt 2

d 2M g
 sin M . (16)
Abb. M.2.0.1 Physikalisches Pendel dt2 l

Da der Körper starr sein soll, ist die Win- Die Gln. (14) und (16), deren Lösung ele-
mentar nicht möglich ist, vereinfachen sich
kelbeschleunigung d 2M / d t 2 für alle Massen-
für kleine Auslenkungen M  5 q :
elemente gleich und kann vor das Integral
geschrieben werden. Die Größe d 2M m sA g
 M, (14a)
³r dt2
2
IA dm (12) IA
K

ist das Trägheitsmoment des Körpers in Be- d 2M g


 M. (16a)
zug auf die Drehachse. Die Einheit des Träg- dt 2 l
heitsmomentes ist kg m2. Nach der Definition In den Gln. (14a) und (16a) wurde der Sinus
des Massenmittelpunkts gilt durch das Argument ersetzt.

³ r sin D  M d m ³ x d m
K K (13)
[Die bisherigen Betrachtungen gelten nur für
Bewegungen im Vakuum. Schwingt das Pendel in
m xS m sA sin M , Luft (Dichte UL), ist der Auftrieb (Gl. (M.1-2)) zu
46 Mechanik 2 Schwingungen

berücksichtigen. Die rücktreibende Kraft auf ein Auslenkung M proportional setzen. Bei Ver-
Massenelement hat dann den Betrag nachlässigung der Reibung im Achsenlager
§ UL · lautet die Bewegungsgleichung
dm g ¨ 1  ¸ sin D  M
© U ¹
d 2M D
und an die Stelle der Gl. (11a) tritt  M. (18)
dt 2 I
d 2M 2 § U ·
³ r dm  g ³ ¨1  L ¸ r sin D  M dm .
K d t2 K ©
U ¹ Dabei ist I das Trägheitsmoment des Drehti-
sches um die vorgegebene Achse, und der
Setzt sich das Pendel aus N homogenen Teilkör-
Proportionalitätsfaktor D ist das Direktions-
pern Ki zusammen, deren Massenmittelpunkte Si
auf einer die Drehachse (A) schneidenden Gera-
moment (Richtmoment) der Feder.
den liegen und deren Massen bzw. Dichten mit mi Ein Torsionspendel ist ein starrer Körper, der
bzw. Ui (i = 1, 2,..., N) bezeichnet werden sollen, z. B. an einem Draht oder einem Band aufge-
ergibt sich hängt ist. Nach einer Verdrillung des Drahts
bzw. Bands führt das Torsionspendel Dreh-
d 2M N §
U · schwingungen aus. Für sehr kleine Scher-
³ dt r 2 dm  g ¦ ¨1  L ¸ ³ r sin D  M dm winkel kann man annehmen (Gl. (M.3-26)),
i 1¨ U ¸K
2
K © i ¹ i dass das rücktreibende Drehmoment der
oder Auslenkung aus der Ruhelage proportional
ist. Die Bewegung des Torsionspendels wird
d 2M N
§ U · daher auch durch Gl. (18) beschrieben. Die
IA   g ¦ ¨1  L ¸ mi sAi sin M . (14b) Bewegungsgleichungen (14a), (16a) und (18)
d t2 i 1© Ui ¹
sind homogene Differentialgleichungen
Hierbei ist sAi der Abstand des Massenmittelpunk- 2. Ordnung:
tes des i-ten Teilkörpers von der Drehachse. Die
Berücksichtigung des Auftriebs bedeutet also in d 2M
diesem Falle: Man ersetzt in Gl. (14) sowie in den Z 2M . (19)
dt2
daraus gewonnenen Gln. (14a) und (22) den
Ausdruck m sA durch
Die vollständige mathematische Lösung
N § UL · enthält zwei Integrationskonstanten (c1, c2):
¦ ¨1 
¨ Ui
i 1©
¸ mi sA i .
¸
(17)
M c1 cos Z t  c2 sin Z t , (20)
¹
Haben alle Teile des Pendels die gleiche Dichte U, die aus den Anfangsbedingungen zu bestim-
dann vereinfacht sich Gl. (17) zu men sind (Anhang A.2). Dem Versuchsbe-
ginn entsprechen M M0 und d M / d t 0 für
§ U ·
m sA ¨1  L ¸ . ] (17a) t 0 . Damit lautet Gl. (20)
© Ui ¹
§ t ·
Unter einem Drehtisch versteht man einen
M M0 cos Z t M0 cos ¨ 2ʌ ¸ . (20a)
T © ¹
starren Körper, der um eine vertikale Achse
gedreht werden kann. Bindet man dieses T ist die Schwingungsdauer bei sehr kleinen
System durch eine Spiralfeder an eine Ruhe- Auslenkungen bzw. bei geringen elastischen
lage, führt es nach einer Auslenkung Schwin- Deformationen.
gungen aus. Wenn die elastischen Deforma- Wenn man die Schwingungsdauer messen
tionen der Feder hinreichend klein sind, kann will, wählt man den Augenblick als Anfang
man das rücktreibende Drehmoment der der Zeitmessung, in dem das Pendel die
2.0 Grundlagen 47

maximale Geschwindigkeit hat, d. h., es ist 2.0.2 Satz von Steiner

dM § dM · Das Trägheitsmoment eines starren Körpers


M 0, ¨ ¸ . bezogen auf die Drehachse (A) ist gleich dem
dt © dt ¹max Trägheitsmoment bezogen auf die durch den
Dann ist Massenmittelpunkt gehende, zur Drehachse
parallele und durch den Schwerpunkt des
§ dM · Körpers verlaufende Achse (S), vermehrt um
¨ ¸ das Produkt aus der Masse des Körpers und
© dt ¹max
M sin Z t M0 sin Z t dem Quadrat des senkrechten Abstands der
Z (20b)
beiden Achsen.
§ t· Zum Beweis dieses Satzes betrachtet man
M0 sin ¨ 2ʌ ¸ .
© T ¹ den in Abb. M.2.0.2 dargestellten ebenen
Schnitt durch den Körper.
Durch Einsetzen von Gl. (20a) oder (20b) in
die Gln. (16a), (14a) bzw. (18) findet man für y
das Fadenpendel
dm
l r
T 2ʌ , (21)
g r'
A
sA β
für das physikalische Pendel S
x
x
IA
T 2ʌ (22)
m sA g
Abb. M.2.0.2 Zum Satz von Steiner
und für den Drehtisch oder das Torsionspen-
del
Der Ursprung des Koordinatensystems x, y, z
I (die z-Achse stimmt mit der Schwerpunkt-
T 2ʌ . (23) achse überein) soll im Massenmittelpunkt des
D Körpers liegen. Nach dem Kosinussatz gilt
Die mathematische Behandlung der Gln. (14)
r2 r c2  sA2  2sA r c cos E
und (16) liefert für die Schwingungsdauer
r c2  sA2  2sA x .
ª § 1 ·2 M
T c T «1  ¨ ¸ sin 2 0 
«¬ © 2 ¹ 2 Dann ist das Trägheitsmoment des Körpers in
(24) Bezug auf die Drehachse A
§ 1˜ 3 ·
2
4 M0
º
¨ ¸ sin  ...» .
³ r dm ³ r c dm  s ³ dm 
2 2 2
© 2˜4 ¹ 2 IA
»¼ A
K K K

Für T ist beim Fadenpendel Gl. (21) und beim  2 s A ³ x dm ,


physikalischen Pendel Gl. (22) einzusetzen. K
Wenn die Amplitude M0 kleiner als 0,1 (d. h.
kleiner als 5q) ist, gilt in sehr guter Näherung und wegen ³ x dm
K
xS m 0 erhält man

§ 1 ·
T c T ¨1  M 02 ¸ . (24a) IA I S  m sA2 . (25)
© 16 ¹
48 Mechanik 2 Schwingungen

2.0.3 Reduzierte Pendellänge geschrieben werden. Ist l z 2 sA , muss l = lA


Ein physikalisches Pendel hat die gleiche sein, d. h. der Achsenabstand, bei dem die
Schwingungsdauer wie ein mathematisches Schwingungsdauern gleich sind, ist gleich
Pendel der Fadenlänge der reduzierten Pendellänge. Für l = 2 lA,
d. h., der Massenmittelpunkt halbiert die
IA Verbindungslinie der beiden Achsen, ist der
lA . (26) Schluss l = lA jedoch falsch.
m sA
Dabei ist die Größe lA die der Achse A ent- 2.1 Fadenpendel
sprechende reduzierte Pendellänge. Aufgabenstellung
Gegeben sei ein physikalisches Pendel mit
den parallelen Drehachsen A und B Die Schwerebeschleunigung g ist mit dem
(Abb. M.2.0.1). Der Massenmittelpunkt soll Fadenpendel zu bestimmen. Die relative
auf der Geraden von A nach B liegen, und Messunsicherheit des Ergebnisses soll 1 %
der Achsenabstand sei l sA  sB . nicht überschreiten.
Es soll untersucht werden, unter welchen
Eine Metallkugel hängt an einem dünnen
Bedingungen die Schwingungsdauern um
Faden vor einer Spiegelskala mit einer Mil-
diese beiden Achsen übereinstimmen. Aus
limeterteilung. Der Nullpunkt des Maßstabs
soll mit der Drehachse übereinstimmen. Die
IA lA Fadenlänge l ist der Abstand der Drehachse
TA 2ʌ 2ʌ bzw.
m sA g g vom Mittelpunkt der Kugel. Regt man das
Pendel zu Schwingungen kleiner Amplitude
IB an (M < 5°), liefert Gl. (21) den Zusammen-
TA 2ʌ TB hang zwischen der Schwingungsdauer T, der
m sB g
Fadenlänge l und der Schwerebeschleuni-
gung g:
folgt bei Verwendung des Steiner’schen
Satzes 2
§2ʌ·
g=¨ ¸ l . (29)
I S  m l  sA
2
IB 1 © T ¹
lA
m sB m l  sA Das Fadenpendel ist streng genommen ein
physikalisches Pendel, das in einem materiel-
I A  ml 2  2 ml sA len Medium (Luft) schwingt. Es empfiehlt
, sich zu prüfen, ob die verschiedenen Ver-
m l  sA
nachlässigungen tragbar sind, die man bei der
Verwendung der Gleichungen für ein im
mlA sA  ml 2  2 ml sA Vakuum schwingendes mathematisches
lA
m l  sA Pendel macht.
Das Trägheitsmoment I des Pendels setzt sich
oder additiv aus dem der Kugel IK und dem des
Fadens IF zusammen. Da das Trägheitsmo-
l 2  lA  2 sA l  2 lA sA 0 (27) ment einer homogenen Kugel mit dem Radi-
us R und der Masse mK bezogen auf eine
Die quadratische Gleichung (27) kann als
durch den Kugelmittelpunkt gehenden Achse
l  lA l  2 sA 0 (28) I 0 (2 / 5) mK R 2 ist, erhält man nach Gl. (25)
2.2 Reversionspendel 49

ª 2 § R ·2 º Versuchsausführung
2
IK mK l 2  mK R 2 mK l 2 «1  ¨ ¸ » . Die Länge l des Fadenpendels ermittelt man
5 «¬ 5 © l ¹ »¼
aus der Länge des Fadens lF und dem Radi-
Das Trägheitsmoment IF des Fadens der us R der Kugel : l = lF + R. Beide Größen
Länge lF und der Masse mF bezogen auf die lassen sich mit hinreichender Genauigkeit mit
1 mechanischen Messmitteln bestimmen. Zur
gegebene Drehachse ist I F mF l 2 . Damit Messung der Schwingungsdauer T werden
3
folgt mit I I K  I F und lF | l eine Lichtschrankenanordnung und ein Digi-
talzähler verwendet. Bei manueller Zeitmes-
ª 2 § R · 2 1 mF º sung mit einer elektronischen Stoppuhr misst
I mK l «1  ¨ ¸ 
2
». (30) man mehrmals die Zeit für eine größere An-
¬« 5 © l ¹ 3 mK ¼» zahl von Schwingungen.
Der Versuch ist bei verschiedenen Fadenlän-
Bezeichnet man die Dichte der Kugel mit UK gen (li, i = 1, …, n) zu wiederholen. Die
und die des Fadens mit UF, folgt nach Berechnung von g erfolgt mit Hilfe von
Gl. (14b) Gl. (29). Da die Messungen bei großen Fa-
d 2M denlängen genauer als die bei kleinen sind,
I  g mK l sin M ˜ bestimmt man den gewichteten Mittelwert
dt2
(31) l1 g 1  l2 g 2  ...  ln g n
ª U L 1 mF § UL · º g .
«1  + ¨1  ¸» . l1  l2  ...  ln
¬ UK 2 mK © U F ¹ ¼
Es ist zu prüfen, ob die Verwendung von
Setzt man I gemäß Gl. (30) in Gl. (31) ein und Gl. (29) anstelle von Gl. (32) zur Bestimmung
beschränkt die Betrachtungen auf sehr kleine von g gerechtfertigt ist. Dazu berechnet man
Auslenkungen, erhält man mit den Wert in den eckigen Klammern in
2
2 § R · 1 mF Gl. (32) und ermittelt dessen relative Abwei-
1 ¨ ¸  chung zu 1.
5 © l ¹ 3 mK
l l
ªU 1 mF § U L ·º
1 « L  ¨1  ¸» 2.2 Reversionspendel
¬ U K 2 mK © U F ¹¼
Aufgabenstellung
die Differentialgleichung
1. Die Schwerebeschleunigung g ist mit dem
d 2M g
 M . Reversionspendel zu bestimmen. Die relative
dt2 l Messunsicherheit von g soll kleiner als 0,1 %
Für die Schwerebeschleunigung gilt daher sein.
Gl. (29) mit l* statt l. Da (R/l)2, mF/mK, UL/UK 2. Die Abhängigkeit der Schwingungsdau-
und UL/UF sehr klein gegen eins sind, sollen er T c vom Auslenkwinkel M0 ist mit dem Re-
alle Produkte solcher Ausdrücke vernachläs- versionspendel bei einer festen Lage des
sigt werden. In dieser Näherung ist Laufgewichts experimentell zu ermitteln, um
die Gültigkeit von Gl. (24a) nachzuweisen.
§ 2ʌ · ª 2 § R ·
2 2

g ¨ ¸ l «1 + ¨ ¸ Das Reversionspendel besteht im Allgemei-


© T ¹ «¬ 5 © l ¹ nen aus einem Metallstab, der um zwei paral-
(32)
U 1 mF º lele Achsen A und B gedreht werden kann.
 L  » . Die Achsen haben den fest vorgegebenen
U K 6 mK ¼
Abstand l (Abb. M.2.2.1). Zwischen den
50 Mechanik 2 Schwingungen

Achsen befindet sich ein kleines Laufge- Eine analoge Beziehung gilt für die tatsächli-
wicht L der Masse mL. Durch Verschieben che Schwingungsdauer um die Achse B. Im
von L lässt sich die Schwingungsdauer des Experiment wird TA* TB* T * bestimmt.
Pendels innerhalb gewisser Grenzen variie-
ren. In der Nähe eines der beiden Enden des K
Stabs ist ein Zusatzkörper K (Masse mK)
angebracht. Wenn mK hinreichend groß ge-

y
gen mL ist, kann man den Abstand y so wäh- A
len, dass für jede mögliche Lage des Lauf-
gewichts (0  x  l ) gilt:

s0
sA
0  sA  l / 2 . (33)
S0
Dabei soll mit sA der Abstand des Massen-

x
S
mittelpunkts S des Pendels von der Drehach-
se A bezeichnet werden. Wenn bei einer

l
bestimmten Stellung x des Laufgewichts die
Schwingungsdauer um die Achse A gleich L
der um die Achse B ist, entspricht der Ach-
senabstand l der reduzierten Pendellänge.
Setzt man
TA TB T, (34) B
gilt für die Schwerebeschleunigung
2
§ 2ʌ ·
g ¨ ¸ l. (35)
©T ¹ Abb. M.2.2.1 Reversionspendel

Die bisherigen Betrachtungen gelten streng Dann gilt Gl. (34) mit
für ein im Vakuum schwingendes Pendel, 1
dessen Amplitude unendlich klein ist. In UL § 1 2·
Wirklichkeit schwingt das Pendel in Luft mit
T T* 1 ¨1  M0 ¸ . (36)
U © 16 ¹
endlicher Amplitude. Nimmt man an, dass
das Pendel ein homogener Körper ist, d. h., Setzt man T nach Gl. (36) in Gl. (35) ein,
dass alle Teile des Pendels die gleiche Dich- ergibt sich für die Schwerebeschleunigung
te U haben, wird die Pendelbewegung durch § 1 ·
2

Gl. (14b) mit N = 1 beschrieben. Aus den 1 M2


§ 2ʌ · ¨© 16 0 ¸¹
2

Gln. (24a) und (22) in Verbindung mit g ¨ ¸ l .


Gl. (17a) folgt für die tatsächliche Schwin- ©T ¹ U
1 L
gungsdauer um die Achse A U
Wenn man bedenkt, dass UL /U < 10-3 und für
IA § 1 2· M0 < 0,1 (Einheit rad) auch (1/16) M02 < 10-3
¨ 1  M0 ¸ ,
*
TA 2ʌ
§ U · © 16 ¹ ist, sind alle Produkte solcher Größen ver-
m sA g ¨ 1  L ¸
© U ¹ nachlässigbar und es gilt
1 2
§ 1 ·§ U · § 2ʌ · ª 1 2 U L º
TA ¨1  M02 ¸ ¨¨ 1  L ¸¸ . g ¨ ¸ l «1  M 0  . (37)
© 16 ¹ © U ¹ ©T ¹ ¬ 8 U »¼
2.2 Reversionspendel 51

Der obigen Beschreibung liegt die Annahme 2mL2 x3  mL ª¬ m0 l  2s0  3mL l º¼ x 2


zugrunde, dass mindestens eine Stellung des
Laufgewichts in dem Intervall 0 < x < l exis-  mL ª¬ 2l  m0 l l  4 s0  mL l 2 º¼ x
(41)
tiert, für die die Schwingungsdauern um die  > I  m0 l s0 @ ª¬ m0 l  2 s0  mL l º¼ 0.
Achsen A und B gleich sind. Deshalb ist es
von Interesse, die Bedingungen zu untersu- Eine der drei Lösungen von Gl. (41) kann man
chen, unter denen Gl. (34) erfüllt werden sofort angeben. Für x = x3 sei sA = l/2 (Gl. (28)).
kann. Dann gilt
l l
m m0  mL m0 s0  mL x3 ,
[Dazu sind die Massenmittelpunktsabstände sA 2 2
und sB, die Trägheitsmomente IA und IB und
1 ­ m0 ½
anschließend die Schwingungsdauern TA und TB x3 ® l  2 s0  l ¾ .
als Funktionen von x darzustellen. Es gilt 2 ¯ mL ¿
m sA m0 s0  mL x und Da die Ungleichung (33) erfüllt sein soll, ist x3
größer als l, d. h., diese Stellung des Laufgewichts
m sB m (l  sA ) m0 (l  s0 )  mL (l  x) . kommt im Experiment nicht vor. Dividiert man
Dabei bedeuten m die Masse des gesamten Pen- Gl. (41) durch x-x3, erhält man die quadratische
dels, m0 die Masse des Pendels ohne Laufgewicht Gleichung
und s0 den Abstand zwischen dem Massenmittel- I  m0 s0 l
x2  l x  0 , deren Lösungen lauten
punkt S0 des Pendels ohne Laufgewicht und der mL
Achse A. Für die Trägheitsmomente folgt:
l I  m0 s0 l
IA I 0  m0 s0 2  I L  mL x 2 und x1,2 1 r H , H  1 2
. (42)
2 §l·
mL ¨ ¸
IB I 0  m0 (l  s0 ) 2  I L  mL (l  x)2 . ©2¹
Gl. (42) besagt, dass in dem Intervall 0 < x < l
I0 ist das Trägheitsmoment des Pendels ohne symmetrisch zu x = l/2 zwei Stellungen x1 und x2
Laufgewicht bezogen auf die durch S0 gehende, des Laufgewichts zu finden sind, bei denen der
zu A und B parallele Drehachse, und IL ist das Achsenabstand l der reduzierten Pendellänge
Trägheitsmoment des Laufgewichtes bezogen auf entspricht, sofern die in Gl. (38) definierte Größe I
die zu A und B parallele Achse, die durch den der Bedingung
Massenmittelpunkt des Laufgewichts geht. Mit §l·
2

der Abkürzung I m0 s0 l  mL ¨ ¸ 1  H 2 (43)


©2¹
I I 0  m0 s02 (38) mit 0 < H < 1 genügt. Gl. (43) lässt sich durch
geeignete Wahl der Masse und der Anordnung
erhält man für die Schwingungsdauern des Zusatzkörpers K stets so erfüllen, dass die
Ungleichung (33) erhalten bleibt. Es kann gezeigt
IA 2ʌ I  mL x 2 werden, dass die Funktionen TA(x) und TB(x), die
TA 2ʌ , (39)
m sA g g m0 s0  mL x durch die Gln. (39) und (40) gegeben sind, nur je
einen Extremwert, und zwar ein Minimum haben.
IB Die beiden Minima liegen unter den oben ge-
TB 2ʌ machten Voraussetzungen in der Nähe des
m sB g
Werts x = l/2. Abb. M.2.2.2 zeigt den prinzipiel-
len Verlauf der Funktionen TA(x) und TB(x). ]
I  m0 l l  2s0  mL l  x
2

TB (40) Versuchsausführung
g m0 l  s0  mL l  x
Bei Aufgabe 1 werden zunächst die Schwin-
Die Forderung TA = TB führt auf die nachstehen- gungsdauern TA* und TB* für verschiedene
de Gleichung dritten Grads in x: Stellungen des Laufgewichts L bestimmt,
52 Mechanik 2 Schwingungen

wobei darauf zu achten ist, dass die Auslen- gegeben. Die Voraussetzung, dass das Rever-
kung bei allen Schwingungen den gleichen sionspendel ein homogener Körper ist, trifft
Wert M0 < 5° hat. Das Laufgewicht soll in nur selten zu. Wenn das Pendel aus Stahl-
dem Intervall 0 < x < l von Messung zu Mes- und Messingteilen zusammengesetzt ist, kann
sung um einen vorgegebenen Abstand ver- der Term für die Berücksichtigung des Luft-
schoben werden. Um die in der Aufgaben- auftriebes UL /U | 1,5˜10-4 gesetzt und g nach
stellung geforderte Genauigkeit zu erreichen, Gl. (37) berechnet werden.
werden die Schwingungsdauern mit einem Bei der zweiten Aufgabe ist die Schwin-
elektronischen Messplatz (Lichtschranke, gungsdauer T c hinreichend oft für das Inter-
digitaler Präzisionszähler) ermittelt. Die vall 1qd M0 d 10q zu messen. Trägt man T c
Periodendauermessungen werden bei jeder
Position des Laufgewichts dreimal durchge- über M02 (M0 im Bogenmaß) auf, ergibt sich
führt und die Unsicherheit der Zeitmessun- nach Gl. (24a) eine Gerade, die eine Steigung
gen soll dabei kleiner als 5 ms sein. von (1/16) T hat und für M0 = 0 den Wert
T c = T liefert. Eventuelle Abweichungen
T vom linearen Verlauf sollen diskutiert wer-
den.

2.3 Drehpendel
TA=TB In diesem Versuch werden freie, gedämpfte
und erzwungene lineare sowie nichtlineare
Drehschwingungen an einem Drehpendel
nach Pohl untersucht. Das Drehpendel hat
TB (x)
eine Eigenfrequenz, die vom Direktionsmo-
ment der Feder und seinem Trägheitsmoment
abhängt. Bei Erhöhung der Dämpfung beo-
bachtet man neben dem stärkeren Abklingen
der Amplitude auch eine geringe Abnahme
TA (x)
der Eigenfrequenz.
0 l ε l l x Im Falle eines periodisch angetriebenen
l ε
2 2 2 Drehpendels kann der Resonanzfall bei
Gleichheit der Erreger- und der Eigenfre-
Abb. M.2.2.2 Darstellung der Periodendauern quenz des Drehpendels realisiert werden. Die
TA(x) und TB(x) eines Reversionspendels maximale Amplitude ist im Resonanzfall eine
Funktion der Dämpfung. Zusätzlich soll das
Die gemessenen Periodendauern TA* und TB* Drehpendel mit einer Zusatzmasse so verse-
werden als Funktionen von x graphisch dar- hen werden, dass eine Unwucht entsteht.
gestellt. Die Schnittpunkte der beiden Kurven Dadurch wird ein zusätzliches Drehmoment
werden sich im Allgemeinen noch nicht mit verursacht und der Zusammenhang zwischen
hinreichender Genauigkeit ermitteln lassen. Auslenkung und dem rücktreibenden Dreh-
Deshalb bestimmt man TA* und TB* in der moment ist nicht mehr linear. Das führt zu
Nähe von x1 und x2 in noch kleineren Ab- einem grundsätzlich anderen Schwingungs-
ständen, um auf diese Weise eine relative verhalten des Drehpendels, bei dem nun
Messunsicherheit von T * kleiner als 0,05 % mehrere Amplitudenzustände möglich sind.
zu erreichen. Der Achsenabstand l wird im Das System kann dadurch in Abhängigkeit
Allgemeinen als Funktion der Temperatur von seinen Anfangsbedingungen und kleinen
2.3 Drehpendel 53

Störungen in verschiedenen Zuständen über ein Computer-Interface die entspre-


schwingen. Das im Versuch verwendete chenden Signalspannungen zu speichern. An
Drehpendel nach Pohl (Abb. M.2.3.1) besteht einem Zählerdisplay kann die Erregerfre-
aus einer kreisförmigen Kupferscheibe mit quenz direkt abgelesen werden.
einer homogenen Massenverteilung, die um
eine Achse durch den Schwerpunkt drehbar 2.3.1 Lineare Schwingungen und
gelagert ist. Resonanz
ϕ Aufgabenstellung

30
0
30 1. Für die erzwungene Schwingung des
Drehpendels ist für drei verschiedene Dämp-
60

Spiralfeder
60
fungen die Resonanzkurve aufzunehmen.
Kupferscheibe Den Resonanzkurven ist die Resonanzfre-
90

90

Motor mit Exzenter quenz fr und der Wert für die Halbwertsbrei-
te 'f zu entnehmen sowie die Güte Q zu
120
0
12

150
15
0 bestimmen. Zusätzlich ist das Zeitverhalten
Schubstange der freien Schwingungen für diese drei
Elektromagnet zur Dämpfungen aufzunehmen und die Dämp-
Wirbelstromdämpfung fungskonstanten sind zu ermitteln.
2. Die Dämpfungskonstanten, die aus der
Abb. M.2.3.1 Zum Drehpendel nach Pohl (ohne Halbwertsbreite der Resonanzkurve und der
Messelektronik) gedämpften freien Schwingung bestimmt
wurden, sind miteinander zu vergleichen.
Die Ruhelage wird durch eine im Pendel Der Einfluss der Dämpfung auf die Höhe und
befestigte Spiralfeder vorgegeben und seine die Lage des Maximums der Resonanzkurve
Auslenkung kann an einer Gradskala abgele- soll diskutiert werden.
sen werden. Eine zusätzliche Justierung auf 3. Für den Fall der erzwungenen Schwingung
die Anfangsstellung M = 0 ist möglich. sind für drei Frequenzen und die in Aufga-
Die Dämpfung der Schwingung kann über be 1 gewählten Dämpfungen die Phasenver-
die Stärke des Stroms IW, der durch den Elek- schiebungen zu messen und mit den bere-
tromagneten einer Wirbelstrombremse fließt, chenbaren Werten zu vergleichen.
variiert werden. Zur Erzeugung erzwungener
Schwingungen wird das Drehpendel mit Lenkt man das Pendel um einen Winkel M
Hilfe eines drehzahlgeregelten Schrittmotors aus und lässt es dann los, führt es eine ge-
über einen Exzenter und eine Schubstange dämpfte Drehschwingung um die Ruhelage
angetrieben. Ein elektronischer Bewegungs- aus. Die Bewegungsgleichung ergibt sich aus
aufnehmer ermöglicht die Messung der Fre- dem Gleichgewicht der Drehmomente:
quenz und der Auslenkung der Drehschwin-
gungen der Kupferscheibe. Mit einer Extra- MT MF  MD . (44)
messvorrichtung kann zusätzlich die Phasen-
verschiebung zwischen der Erreger- und der In Gl. (44) gilt für die entsprechenden Dreh-
Pendelschwingung ermittelt werden. momente M T J M , M D J M und
Die weitere elektronische Signalverarbeitung MF = D M . Dabei beschreiben J das Träg-
bietet auch die Möglichkeit, neben der Aus- heitsmoment des Pendels, D das Direktions-
lenkung die Winkelgeschwindigkeit sowie moment der Feder und J die geschwindig-
die Winkelbeschleunigung zu bestimmen und keitsproportionale Reibungskonstante.
54 Mechanik 2 Schwingungen

Durch Einsetzen in Gl. (44) erhält man die mische Dekrement / lassen sich experimen-
Differentialgleichung für die gedämpfte tell über die Abnahme der Schwingungsamp-
Eigenschwingung des Drehpendels: litude im Zeitabstand 't = Td (Periodendauer
Td 2 ʌ / Zd ) bestimmen:
J M  J M  DM 0 . (45)

Deren allgemeine Lösung wird im An- § Mˆ (t ) ·


/ G Td ln ¨ ¸ . (48)
hang A.2.2 beschrieben. Definiert man die © Mˆ (t  Td ) ¹
Abklingkonstante G (oft auch als Dämp-
fungskonstante bezeichnet) mit G J /(2 J ) , Eine besonders anschauliche Darstellung des
folgt als Lösung für die schwach gedämpfte Schwingungsverhaltens ist im Phasenraum
möglich. Für ein punktförmiges Teilchen im
Schwingung ( Z0 2  G 2 )
dreidimensionalen Ortsraum ist der Phasen-
M (t ) M 0 e G t cos(Zd  D ) . (46) raum als Menge aller Sechsertupel aus den
drei Orts- und Impulskoordinaten definiert.
D beschreibt die Phasenverschiebung. Für die Es handelt sich also um einen sechsdimensi-
Eigenkreisfrequenz Zd der gedämpften onalen Raum.
Schwingung (Gl. (6)) gilt Beim Pohl’schen Pendel sind sowohl die
Orts- als auch die Impulskoordinate eindi-
§ J ·
2 mensionale Größen. Der Phasenraum redu-
Zd Z 02  ¨ ¸ (47) ziert sich dadurch auf zwei Dimensionen.
© 2J ¹ Man trägt in einer zweidimensionalen Dar-
stellung die Winkelgeschwindigkeit M (t )
mit der Eigenkreisfrequenz der ungedämpf-
gegen den Auslenkwinkel des Pendels M (t )
ten Schwingung Z0 D / J . Die Lösung
auf (zeitunabhängige geometrische Kurve,
der Bewegungsgleichung nach Gl. (46) be- auch Trajektorie genannt). Für einen schwach
schreibt eine exponentiell abklingende gedämpften Oszillators erhält man z. B. eine
Schwingung (Abb. M.2.3.2), die durch die sich auf den Nullpunkt (so genannter Attrak-
Abklingzeit W = G -1 sowie die Frequenz tor) des Koordinatensystems zu bewegende
f d Zd / 2ʌ charakterisiert wird. Spirale als Trajektorie.
Wird über den Antrieb des Drehpendels
ϕ zusätzlich ein äußeres periodisches Drehmo-
ment M a M 0 cos (Z t ) auf das Pendel ge-
ϕ0 e-δt geben, erhält man eine erzwungene Schwin-
gung. Die Bewegungsgleichung ergibt sich in
ϕ0/e Analogie zu Gl. (45) mit

δ-1 t J M  J M  D M M 0 cos(Z t ) . (49)

Als Lösung dieser inhomogenen Differenti-


algleichung zweiter Ordnung erhält man
(Anhang A.2.2)
Abb. M.2.3.2 Abklingen der Amplitude einer M (t ) A(Z ) cos(Z t  T )
schwach gedämpften Schwingung
(50)
 C eG t cos(Zd  D ) .
Die Abklingkonstante G bzw. das logarith- Nach einer Einschwingzeit verschwindet der
2.3 Drehpendel 55

Term mit der Eigenkreisfrequenz Z d auf- erreicht bei der Kreisresonanzfrequenz Z r


grund der exponentiellen Dämpfung und die ihren Maximalwert
Frequenz des Pendels entspricht der Kreis-
M0 / J
frequenz des Antriebs Z : Amax A Zr , (55a)
Z  Zr2  4G 2Zr2
2 2
M (t ) A(Z ) cos(Z t  T ) . (51) 0

Dabei berücksichtigt die Größe T die Pha- bzw. mit Gl. (9) folgt
senverschiebung zwischen der erregten
M0 / J
Schwingung und der Anregung. Mit dem Amax . (55b)
komplexen Lösungsansatz 2G Z02  G 2
M (t ) A(Z ) ei (Z t T ) (52) Für sehr kleine Dämpfungen (und nur dann)
ist die Kreisresonanzfrequenz gleich der
folgt analog zur Herleitung von Gl. (27) im Eigenkreisfrequenz:
Anhang A.2.2
D
AE e  iT A ª¬(Z02  Z 2 )  i 2 G Z º¼ . (53) Zr Z0 . (55c)
J
Mit AE = M0 /J ergibt sich für den Betrag der Die anderen Grenzwerte von Gl. (54) sind
Amplitude
M0 M0
A(0) , A(Z o f) 0 . (56)
M0 / J J Z 02 D
A A(Z ) . (54)
Z 2
0 Z
2 2
 4G Z2 2
Der Graph der Resonanzkurve in Bezug auf
die Resonanzfrequenz ist nicht symmetrisch.
In Abb. M.2.3.3 sind für verschiedene Dämp- Als Halbwertsbreite 'Z definiert man die
fungen die Resonanzkurven graphisch darge- Differenz zwischen den Kreisfrequenzen Z 1
stellt.
und Z 2 , bei denen die Resonanzamplitude
100 auf den Wert
A (ω) / A(0)

δ/ω0= 0,01
A Zr
A(Z 1 ) A(Z 2 ) (57a)
δ/ω0= 0,05 2
10
abgenommen hat. Das entspricht in der Dar-
δ/ω0= 0,1
stellung der Leistung (Amplitudenquadrat)
δ/ω0= 0,2 als Funktion der Anregungskreisfrequenz
1
A2 Z r
δ/ω0= 0,5 A2 (Z 1 ) A2 (Z 2 ) . (57b)
2
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
ω / ω0 Zwischen der Halbwertsbreite 'Z und der
Abklingkonstanten G gilt für schwache
Abb. M.2.3.3 Resonanzkurven für verschiedene Dämpfungen die Beziehung
Verhältnisse der Abklingkonstanten G zur Eigen-
kreisfrequenz Z 0 (Ordinate: normierte Amplitude, 'Z 2G bzw. W 'Z 2 . (58)
Abszisse: normierte Kreisfrequenz)
Dadurch wird unter anderem auch die so
Die Amplitude der erzwungenen Schwingung genannte „Unschärfe“ zwischen Frequenz
56 Mechanik 2 Schwingungen

(z. B. Breite einer Resonanzlinie) und mittle- Der Winkel T der Phasenverschiebung ist
rer „Lebensdauer W “ eines gedämpften, linea- negativ und die Erregerschwingung eilt der
ren Oszillators beschrieben. Große Dämp- Pendelschwingung voraus (Abb. M.2.3.4).
fungen haben eine kurze „Lebensdauer“ der Die Werte für T (Z) ändern sich im Be-
Schwingung zur Folge und verursachen reich Z d Z0 von 0 bis -90° und für Z t Z0
breite Resonanzkurven. Sehr schmale Reso- von -90° bis -180°. Im Resonanzfall beträgt
nanzkurven entsprechen Systemen mit einer die Phasenverschiebung -90°.
großen „Lebensdauer“ der Schwingung, bei Durch den Antrieb des Pendels wird der
denen die Dämpfung gering ist. Phasenraum des Systems dreidimensional:
Die Dämpfung ist ein Maß für die Dissipati- Die dritte Koordinate neben der Auslen-
on der Energie, die von außen (hier vom kung M und der Winkelgeschwindigkeit M
Antrieb durch den Motor) in das System
stellt die Zeitabhängigkeit der momentanen
eingebracht wird. Je kleiner die Dämpfung
Stellung des Antriebs dar. Die im Experiment
des angetriebenen Oszillators ist, umso grö-
aufgezeichnete Darstellung des Phasenraums
ßer wird im Resonanzfall seine Schwin-
ist eine Projektion auf die M  M  Ebene. In
gungsamplitude. Eine weitere wichtige
Kenngröße zur Beschreibung des Resonanz- dieser Phasenraumdarstellung erhält man im
verhaltens ist die Güte Q mit Beispiel des angetriebenen linearen Pendels
eine Ellipse als Trajektorie, die sich nach der
Z0 Z0 Einschwingzeit nicht mehr verändert.
Q . (59)
'Z 2G Versuchsausführung

Der frequenzabhängige Phasenwinkel T Für das Drehpendel wird am Exzenter


zwischen der angeregten Schwingung und (Abb. M.2.3.1) ein maximaler Anregungs-
der Anregung lässt sich mit Gl. (53) und winkel von wenigen Grad eingestellt. Der
betreffende Wert bzw. Bereich wird am Ar-
Gl. (12b) im Anhang A.1 berechnen:
beitsplatz angegeben.
2Z G Zur Aufnahme der Resonanzkurve in Aufga-
T (Z )  arctan . (60)
Z02  Z 2 be 1 ist zunächst für eine vorgegebene gerin-
ge Dämpfung durch die Wirbelstrombremse
(Stromstärke IW) die Resonanzfrequenz fr | f0
0
θ/° zu ermitteln und das Resonanzmaxi-
mum A(fr) | A(f0) zu bestimmen. Die Dämp-
fung infolge von Reibungseinflüssen soll hier
vernachlässigt werden. Anschließend wird
-90 für jeweils etwa zehn verschiedene Anre-
gungsfrequenzen f um die Resonanzfrequenz
die Amplitude A(f ) gemessen. Die Frequen-
δ/ω0 = 0,5 zen sind so zu wählen, dass der Graph der
δ/ω0 = 0,1
δ/ω0 = 0,005 Resonanzkurve mit hinreichender Genauig-
-180 keit dargestellt werden kann. Nach jeder
0,0 0,5 1,0 1,5 2,0
ω/ω0 Änderung der Anregungsfrequenz ist der
Einschwingvorgang abzuwarten. Anschlie-
Abb. M.2.3.4 Phasenwinkel T in Abhängigkeit ßend sind zwei weitere Resonanzkurven für
von der normierten Kreisfrequenz Z / Z0 für ver- stärkere Dämpfungen aufzunehmen. Es sind
schiedene Verhältnisse der Abklingkonstanten G die auf die Resonanzamplitude normierten
zur Eigenkreisfrequenz Z 0 Amplituden bzw. deren Quadrate in Abhän-
2.3 Drehpendel 57

gigkeit von der Anregungskreisfrequenz Z ression sind die Geradenparameter zu be-


graphisch darzustellen. Aus dem Graph der rechnen.
Resonanzkurve kann die Halbwertsbreite 'Z 3. Mit einem zur Verfügung gestellten Simu-
abgelesen und mit dieser die Dämpfungskon- lationsprogramm können die unterschiedli-
stante und die Güte ermittelt werden. Zusätz- chen Schwingungszustände des nichtlinearen
lich sind für die drei ausgewählten Dämpfun- Drehpendels (Schwingung, erste und zweite
gen die Schwingungsamplituden als Funktion Bifurkation, Chaos) simuliert werden.
der Zeit M (t) der freien gedämpften Schwin- 4. Nach dem Anbringen einer vorgegebenen
gungen (Abb. M.2.3.2) zu messen und die Zusatzmasse am Drehpendel sind erzwunge-
Größe der jeweiligen Dämpfungskonstanten ne Schwingungen anzuregen. Man versucht
zu ermitteln. Dazu kann man z. B. unter durch kleine Änderungen der Dämpfung die
Anwendung von Gl. (48) das logarithmische verschiedenen Schwingungszustände zu
Dekrement ermitteln und mit der Perioden- realisieren. Die mit dem Messprogramm
dauer den Wert von G berechnen, oder man experimentell ermittelten Graphen der ver-
berechnet die Funktion der „Einhüllenden“ schiedenen Schwingungszustände sind mit
unter Berücksichtigung von Gl. (46) mittels denen der Simulation zu vergleichen und zu
nichtlinearer Regression (einer der Regressi- diskutieren.
onsparameter enthält die Abklingkonstante).
In Aufgabe 3 berechnet man die Phasenver- An der Kupferscheibe des Drehpendels nach
schiebungen für eine der in Aufgabe 1 einge- Pohl kann eine Zusatzmasse m angebracht
stellten Dämpfungen für drei Frequenzver- werden. Das von der Zusatzmasse hervorge-
hältnisse (z. B. Z /Z0 = 0,8; 1,2; 1,5) mit rufene zusätzliche Drehmoment M mit
Gl. (60), wobei der Funktionsverlauf von M m g R sin(M ) (M Auslenkung, R Abstand
inversen Winkelfunktionen zu beachten ist. zwischen Drehachse und Massenmittelpunkt
Anschließend sind die Phasenverschiebungen der Zusatzmasse) bewirkt den nichtlinearen
unter den gewählten Bedingungen experi- Charakter des Systems. Das bedeutet, dass
mentell zu bestimmen und mit den berechne- die Schwingungsparameter, z. B. die Fre-
ten Werten zu vergleichen. quenz, von der Amplitude abhängen. Diese
Amplituden-Frequenzkopplung ist eine cha-
2.3.2 Nichtlineare Schwingungen rakteristische Eigenschaft nichtlinearer Sys-
Aufgabenstellung teme. Falls man die Zusatzmasse groß genug
wählt, kann man erreichen, dass sich zwei
1. Es sollen für die gedämpften linearen neue stabile Gleichgewichtslagen symmet-
Schwingungen des Drehpendels bei fünf risch zur ursprünglichen Nulllage einstellen
verschiedenen Dämpfungen die Frequenz fd (W-Potential, siehe Anhang A.3.2.1).
und die Abklingkonstante G bestimmt wer- Zur Beschreibung der Drehschwingungen des
den. Pendels mit Zusatzmasse (Trägheitsmo-
2. Es ist der Drehwinkel Mst des Pendels in ment Jz) wird der Ansatz
Abhängigkeit vom statischen Drehmoment
Mst zu messen und Mst = f(Mst) graphisch J nl M m g R sin M 
darzustellen. Mit dem Mittelwert von fd aus (61)
M 0 sin(Z t )  D M  J M
Aufgabe 1 werden das Direktionsmoment D
und das Trägheitsmoment J des Drehpendels
bestimmt. Die Reibungskonstante J ist in mit J nl J  J z gewählt. Durch den Sinus des
Abhängigkeit vom Quadrat der Stromstär- Auslenkwinkels M ist Gl. (61) nichtlinear in M
ke IW darzustellen und mittels linearer Reg- und es liegt eine nichtlineare, inhomogene
58 Mechanik 2 Schwingungen

Differentialgleichung zweiter Ordnung vor, wichte) in einem vorgegebenen Bereich die


die im Allgemeinen nicht mehr geschlossen statische Auslenkung (Mst) und daraus das
lösbar ist. Dieses nichtlineare System soll in jeweilige statische Drehmoment bestimmt.
Abhängigkeit der in Gl. (61) enthaltenen Diese Massen werden an einem festen Punkt
Parameter untersucht werden. Dabei wird nur der Kupferscheibe des Drehpendels (Nullpo-
die Dämpfung durch die systematische Ände- sition ohne Zusatzmasse) befestigt. Der Wert
rung der Stromstärke IW der Wirbelstrom- für den Radius R ist am Arbeitsplatz angege-
bremse variiert, alle anderen Parameter wer- ben. Das Drehmoment Mst ist in Abhängig-
den hier konstant gehalten. Die Möglichkeit keit vom Winkel Mst (Einheit Radiant) gra-
der Simulation der unterschiedlichen Schwin- phisch darzustellen und aus dem Anstieg der
gungszustände basiert auf der Umstellung der Ausgleichsgeraden kann das Direktionsmo-
Gl. (61) und wird im Anhang A.3.2.1 be- ment D (Mst = D Mst ) bestimmt werden. Da-
schrieben: mit und mit dem Mittelwert der in Aufgabe 1
D J bestimmten Eigenfrequenz des Pendels ist die
M  M  M
J nl J nl Berechnung des Trägheitsmoments des Pen-
(62) dels mit Gl. (55c) möglich. Die Reibungskon-
mg R M
 sin M  0 sin(Z t ) stante (J = 2 J G ) ist in Abhängigkeit vom
J nl J nl Quadrat der Stromstärke IW graphisch darzu-
In den Aufgaben 1 und 2 werden einige der stellen und mit der Fit-Funktion J a  b I W2
für die Simulation erforderlichen Werte er- erhält man mittels linearer Regression die für
mittelt. die Simulation erforderlichen Geradenpara-
Versuchsausführung meter a und b.
Ist das Auffinden von chaotischen Schwin-
Die Messungen werden mit dem oben be- gungen bei kleinen Dämpfungen unkompli-
schriebenen Messplatz durchgeführt und es ziert, erweist sich die Einstellung einer Bi-
sind bei Aufgabe 1 die Eigenfrequenz fd der furkation oft als relativ schwierig. Deshalb
gedämpften Schwingung und die Abkling- sollen in Aufgabe 3 mit einem geeigneten
konstante G für schwache Dämpfungen des Programm zunächst mit Hilfe von Simulati-
Drehpendels (ohne Zusatzmasse) zu ermit- onsrechnungen die verschiedenen Schwin-
teln. Es werden die Abklingkurven gungszustände durch die schrittweise Varia-
(Abb. M.2.3.2) nach einer maximalen An- tion der Stromstärke IW simuliert werden. Die
fangsauslenkung von ca. 90° für verschiede- Berechnungen begründen sich auf die
ne Stromstärken IW in einem vorgegebenen Gl. (62) und benötigen eine Reihe von Para-
Bereich aufgenommen. Für die Bestimmung metern, die u. a. in den Aufgaben 1 und 2
von G ermittelt man z. B. die Anzahl n der bestimmt wurden bzw. bekannt sind: Fre-
Perioden für die Abnahme der Schwingungs- quenz fd, Direktionsmoment der Feder D,
amplitude auf etwa die Hälfte ihres An- Trägheitsmoment J des Pendels ohne Zu-
fangswerts. Damit kann das logarithmische satzmasse, Fitparameter a und b der Regres-
Dekrement /n ln >M (t ) / M (t  n Td ) @ und mit sionsfunktion, maximales Drehmoment Mz
(Mz = m g R) bedingt durch die Zusatzmas-
der Beziehung G /n / nTd die Abklingkon- se m, maximaler Anregungswinkel und Peri-
stante bestimmt werden. odendauer der Anregung. Als einzigen vari-
In Aufgabe 2 sind das Direktionsmoment D ablen Parameter zur Einstellung des Über-
und das Trägheitsmoment J des Drehpendels gangs zum Chaos bzw. zur Einstellung der
zu bestimmen, indem man für etwa fünf Bifurkation ändert man nur die Dämpfung
verschiedene Zusatzmassen m (Scheibenge- (Variation der Stromstärke IW). Diese sollte
2.4 Gekoppelte Pendel 59

ausgehend von einem größeren Wert, mit 2.4 Gekoppelte Pendel


dem man einen Schwingungszustand ein-
stellt, in kleinen Schritten verringert werden. Aufgabenstellung
Vor dem Auftreten der ersten Bifurkation 1. Die Schwingungsdauern zweier mit einer
kann man in der Phasenraumdarstellung Feder gekoppelter Pendel bei gleichsinni-
deutlich eine Veränderung der zuvor ellip- gen (T1) bzw. gegensinnigen Schwingun-
senähnlichen Trajektorie (Abb. 2.3.5) erken- gen (T2) sollen für mindestens fünf verschie-
nen. dene Kopplungszustände gemessen werden.
(a) Die Schwingungsdauer T bei Schwebungs-
ϕ(t) ϕ(t) schwingungen und die Schwebungsdauer TS
sind sowohl experimentell zu bestimmen als
auch aus T1 und T2 zu berechnen. Außerdem
ist der Kopplungsgrad k zu ermitteln.
t ϕ(t) 2. Mit den Ergebnissen von Aufgabe 1 ist der
( b)
ϕ(t) ϕ(t)
Zusammenhang zwischen dem Verhältnis der
Schwingungsdauern von gleich und gegen-
sinniger Schwingung und der Position der
Kopplungsfeder an der Pendelachse zu unter-
t ϕ(t)
suchen.
(c) ϕ(t) ϕ(t)
Gegeben seien zwei völlig gleiche physikali-
sche Pendel 1 und 2 mit dem Trägheitsmo-
t ϕ(t) ment I, die mit einer Schraubenfeder elastisch
gekoppelt sind (Abb. M.2.4.1). Es sind aber
auch Kopplungen mit anderen mechanischen
Abb. M.2.3.5 Beispiele von Schwingungszustän- Hilfsmitteln realisierbar. Eine physikalisch
den am Drehpendel mit Zusatzmasse in der Zeit-
andere Kopplungsart wird z. B. durch Pen-
und Phasenraumdarstellung, Schwingungen in
einer von zwei Gleichgewichtslagen (a), erste delkörper mit Dauermagneten möglich, bei
Bifurkation (b), chaotische Schwingung (c) denen die Kopplung durch Magnetfelder
erfolgt. Die Drehachsen A und B sind so
Bei Aufgabe 4 sind die unterschiedlichen gelagert, dass beide Pendel nur in ein und
Schwingungsvorgänge im Experiment zu derselben Ebene schwingen können. In den
realisieren. Um Bifurkationen zu finden, folgenden Überlegungen werden Winkel und
reduziert man die Stromstärke IW, bis man Drehmomente nach rechts positiv und nach
zwei unterschiedlich große Scheitelwerte links negativ gerechnet. Außerdem wird
erkennen kann. Indem man die Stromstärke vorausgesetzt, dass die Schwingungsamplitu-
noch mehr verringert, ist ab einem bestimm- den der Pendel sehr klein sind und die Rei-
ten Wert die Beobachtung chaotischer bung in den Achslagern vernachlässigt wer-
Schwingungen möglich. Im Experiment ist den kann. Die Kopplung bewirkt, dass sich
darauf zu achten, dass das Drehpendel stets die Ruhelage des Pendels 1 um den Winkel
eine gewisse Zeit zur Stabilisierung der Į, die des Pendels 2 um den Winkel Į von
Schwingung nach jeder Änderung der Dämp- der Vertikalen unterscheidet. In der Ruhelage
fung benötigt, die ggf. einige Minuten betra- verschwindet das resultierende Drehmoment
gen kann. Die verschiedenen Schwingungs- sowohl für Pendel 1 als auch für Pendel 2.
zustände sind in der Zeit- und Phasenraum- Bezeichnet man mit D das Direktionsmoment
darstellung aufzunehmen und zu diskutieren. (Gl. (15)) von Pendel 1 bzw. 2 und mit M0
60 Mechanik 2 Schwingungen

den Betrag des Drehmoments, das von der bzw.


Feder auf jedes der beiden Pendel ausgeübt
wird, gilt d 2M 2
I  DM2  DK M1  M2 . (67)
M0 DD . (63) dt2

Ist Pendel 1 um den Winkel M1, Pendel 2 um Durch die Substitution


den Winkel M2 aus der Ruhelage ausgelenkt,
wirkt auf Pendel 1 das rücktreibende Dreh- \ 1 M1  M 2 , \2 M1  M 2
moment –D (M1+D) und das von der Kopp- vereinfachen sich die Gln. (66) und (67) zu
lungsfeder herrührende Drehmoment ist
M0 + DK (M2 – M1), wobei DK das Direktions- d 2\ 1
moment der Feder beschreibt. I D \1
dt 2

A B d 2\ 2
I  D  2 DK \ 2 .
dt 2
lF Die Lösungen sind
\ 1 a1 cos Z1t  b1 sin Z1t ,

α -α \2 a2 cos Z2t  b2 sin Z2 t


ϕ1
ϕ2 mit den Kreisfrequenzen

2ʌ D
1 2 Z1  (68)
T1 I
Abb. M.2.4.1 Zwei identische Pendel 1 und 2 mit
einer Schraubenfeder gekoppelt (lF Abstand zwi- und
schen der Befestigung der Feder an der Pendel-
achse und den Drehachsen A bzw. B) 2ʌ D  2 DK 2 DK
Z2 Z1 1  . (69)
T2 I D
Bei Berücksichtigung von Gl. (63) kann man
das resultierende Drehmoment für Pendel 1 Geht man wieder zu den Winkeln M1 und M2
 D M1  D  M 0  DK M2  M1 über, erhält man
(64)
 D M1  DK M1  M2 M1
1
a1 cos Z1t  b1 sin Z1t
2 (70)
schreiben. Für Pendel 2 liefert eine analoge
Betrachtung  a2 cos Z2 t  b2 sin Z2t ,

 D M 2  D  M 0  DK M 2  M1 1
 D M 2  DK M1 M 2 .
(65) M2 a1 cos Z1t  b1 sin Z1t
2 (71)
Die Bewegungsgleichungen lauten daher  a2 cos Z2 t  b2 sin Z2t .

d 2M1 Die Integrationskonstanten a1, b1, a2 und b2


I  DM1  DK M1  M2 , (66) sollen im Folgenden für drei typische Fälle
dt2
bestimmt werden.
2.4 Gekoppelte Pendel 61

1. Gleichsinnige Schwingungen ergeben sich a1 a2 M0 bzw. b1 b2 0.


Beide Pendel werden um den gleichen Win- Die Gln. (70) und (71) lauten dann
kel M 0 aus ihrer Ruhelage ausgelenkt und
M0
zum Zeitpunkt t 0 losgelassen. Mit den M1 cos Z1t  cos Z2t
Anfangsbedingungen 2
ª1 º ª1 º
dM1 dM 2 M0 sin « Z2  Z1 t » sin « Z2  Z1 t »
M1 0 M2 0 M0 , 0 0 0 ¬2 ¼ ¬2 ¼
dt dt
(74)
ergibt sich aus den Gln. (70) und (71)
a1 2M0 , b1 a2 b2 0 , und es folgt und

M1 M2 M0 cos Z1t . M0
(72) M2 cos Z1t  cos Z2t
2
Die beiden Pendel führen gleiche Schwin- ª1 º ª1 º
gungen aus, als wäre die Kopplung nicht M0 cos « Z2  Z1 t » cos « Z2  Z1 t » .
vorhanden. ¬2 ¼ ¬2 ¼
(75)
2. Gegensinnige Schwingungen
Die durch die Gln. (74) und (75) beschriebe-
Das Pendel 1 wird um den Winkel M0 und das nen Schwingungen haben im Allgemeinen
Pendel 2 um den Winkel M 0 ausgelenkt. einen komplizierten Verlauf. Deshalb soll
Zum Zeitpunkt t = 0 lässt man beide Pendel vorausgesetzt werden, dass die Kopplung der
los. Aus den Anfangsbedingungen beiden Pendel sehr schwach ist ( DK << D).
M1 0 M2 0 M0 , Als Maß für die Stärke der Kopplung defi-
niert man den Kopplungsgrad
dM1 dM 2
0 0 0 k
DK
. (76)
dt dt
D  DK
folgt a2 2M0 bzw. a1 b1 b2 0 . Für die
Zeitabhängigkeit der Amplituden ergibt sich Mit den Gln. (68) und (69) kann man dafür
M1 M2 M0 cos Z2 t . (73) Z22  Z12 T12  T22
k (77)
Beide Pendel schwingen mit gleicher Ampli- Z22  Z12 T12  T22
tude und gleicher Frequenz, aber mit einer
schreiben. Kleiner Kopplungsgrad bedeutet
Phasendifferenz von ʌ. Die Frequenz der
also, dass das Direktionsmoment der Feder
gegensinnigen Schwingungen ist größer als
die der gleichsinnigen. klein gegen das des Pendels bzw. dass die
Schwingungsdauer der gleichsinnigen nur
3. Schwebungsschwingungen wenig größer als die der gegensinnigen
Man hält Pendel 1 in seiner Ruhelage fest, Schwingung ist. In diesem Falle kann man
lenkt Pendel 2 um den Winkel M0 aus und die Gln. (74) und (75) wie folgt interpretie-
lässt beide Pendel zum Zeitpunkt t = 0 los. ren: Beide Pendel führen Schwingungen mit
Aus den Anfangsbedingungen M1 0 0 , der Kreisfrequenz

dM1 dM 2 1
M2 0 M0 und
dt
0
dt
0 0 Z
2
Z 2  Z 1 (78)
62 Mechanik 2 Schwingungen

bzw. mit der Schwingungsdauer T aus, wobei Messwerterfassungssystem mit Hilfe von
geeigneten Wegaufnehmern. Damit können
1 1§ 1 1 · die beiden Pendelschwingungen graphisch
¨  ¸ (79)
dargestellt und ausgewertet werden.
T 2 © T2 T1 ¹
Zunächst sind die Periodendauern der beiden
gilt. Pendel ohne Kopplungsfeder zu messen.
1 Diese müssen in den Grenzen der Messunsi-
Die Amplituden M0 sin
2
Z 2  Z 1 t bzw. cherheit übereinstimmen. Man wählt die
1 Amplitude M0 der Schwingungen so, dass die
M0 cos
2
Z 2  Z1 t ändern sich mit kleiner Näherung sin M0 # M0 gut erfüllt wird.
Kreisfrequenz periodisch mit der Zeit. Die Anschließend werden die Schwingungsdau-
Amplituden von Pendel 1 verschwinden zu ern T1 und T2 bei der gleichen Lage der
den Zeiten t = n TS (n = 0, 1, 2, ...) und es gilt Kopplungsfeder gemessen. Die zur Berech-
nung von k und TS benötigte Differenz zwi-
Z Z1
daher 2 TS ʌ . Daraus folgt schen den Periodendauern T1 und T2 muss
2 hinreichend genau sein. Danach sind bei
gleicher Kopplung die Schwingungsdauer
1 1 1
 . (80) der Schwebungsschwingung T und die
TS T2 T1 Schwebungsdauer TS zu messen. Beide Zei-
ten sollen auch aus den Gln. (79) bzw. (80)
Dieses Schwingungsverhalten bezeichnet berechnet werden. Den Kopplungsgrad k
man als Schwebung mit TS als Schwebungs- erhält man aus Gl. (77). Der Versuch ist bei
dauer (Abb. M.2.4.2). fünf verschiedenen Einstellungen der Kopp-
lungsfeder zu wiederholen.
T (1) Zur Diskussion bei Aufgabe 2 soll die fol-
gende Gleichung verwendet werden:
Amplitude

2
§ T1 · D  2 DK 2c 2
¨ ¸ lF  1 . (81)
© T2 ¹ D D
Zeit
TS Dabei sind D das Direktionsmoment des
Amplitude

(2) Pendels ( D m sA g , sA Abstand zwischen


Drehachse und Massenmittelpunkt des Pen-
dels mit der Masse m) und DK das Direkti-
onsmoment der Feder ( DK c lF 2 , lF Abstand
Zeit zwischen Drehachse und Federbefestigung,
c Federkonstante).
Abb. M.2.4.2 Schwebungsschwingungen zweier
gekoppelter Pendel (1) und (2) Es ist die funktionelle Abhängigkeit
(T1/T2)2=f (lF2) graphisch darzustellen. Über
den Anstieg (2c/D) der Ausgleichsgeraden
Versuchsausführung nach Gl. (81) kann die Federkonstante ermit-
Die Messungen erfolgen entweder mittels telt werden. Dazu ist die Kenntnis des Direk-
einer digitalen Stoppuhr, indem man mehr- tionsmoments D des Pendels erforderlich.
mals die Zeit für mehrere Schwingungen Entweder ist der Wert für D am Arbeitsplatz
stoppt, oder mit einem rechnergestützten gegeben oder man bestimmt die Pendelmas-
2.5 Trägheitsmomente 63

se m durch Wägung und den Abstand sA wie Zylinders IK nach dem Steiner’schen Satz
im Folgenden beschrieben. Man legt das Gl. (25)
Pendel auf eine schneidenförmige Kante und
erhält durch das Ausbalancieren (Gleichge- IK IZ  m s2 (83)
wichtslage) die Position des Schwerpunkts m R2
des Pendels längs seiner Stabachse. Der mit I Z .
Abstand zwischen der Lagerung des Pendels 2
(Drehachse) und dem Schwerpunkt ergibt Lichtschranke
den Wert für die gesuchte Größe sA.
Der Wert für die Federkonstante c kann mit s Zylinder
einem einfachen statischen Verfahren (Ver-
such M.3.2.1) überprüft werden.

2.5 Trägheitsmomente Drehachse


Feder
Aufgabenstellung
1. Das Trägheitsmoment IT und das Direkti-
onsmoment D eines Drehtisches sollen be- Libelle
stimmt werden. Der Steiner’sche Satz ist
experimentell zu prüfen.
Abb. M.2.5.1 Schematischer Aufbau des Drehti-
2. Es sind die Hauptachsenträgheitsmomente sches
eines Körpers mit U-Profil zu bestimmen.
Für das Trägheitsmoment des Systems (Is)
Ein Drehtisch enthält eine horizontal liegen- bestehend aus Drehtisch (IT) und Zylinder
den Platte oder einen Steg. Diese sind starr gilt
mit einer gut gelagerten, vertikalen Drehach-
se verbunden. An dieser Achse ist das innere 1
Is IT  IK IT  m R2  m s2 , (84)
Ende einer Spiralfeder befestigt. Das äußere 2
Ende der Feder ist mit der Drehtischhalterung
für die Schwingungsdauer
verschraubt. In die Platte bzw. den Steg sind
kleine Löcher gebohrt, die definierte Abstän- Is
Ts2 4ʌ 2 . (85)
de s von der Drehachse haben und zur Befes- D
tigung eines Testkörpers dienen. Als Körper
soll bei Aufgabe 1 ein homogener Zylinder Ist speziell s = 0, erhält man
mit dem Radius R und der Masse m verwen- IT  I Z
det werden (Abb. M.2.5.1) T02 4ʌ 2 . (86)
D
Für die Schwingungsdauer der Schwingun-
gen des Drehtisches gilt unter den in M.2.0 Aus den Gln. (82) und (86) folgt
gemachten Voraussetzungen
T2 m R2 T 2
I IT IZ , (87)
T2 4ʌ 2 T . (82) T T 2
0
2
2 T02  T 2
D
Befestigt man den Zylinder so auf dem Dreh- 4ʌ 2 2ʌ 2 m R 2
D IZ . (88)
tisch, dass die Zylinderachse parallel zur T T2
0
2
T02  T 2
Drehachse verläuft und von ihr den Ab-
stand s hat, ist das Trägheitsmoment des Den Rechnungen liegt die Annahme zugrun-
64 Mechanik 2 Schwingungen

de, dass die Reibung in den Achslagern ver- Der senkrechte Abstand des Massenelements
nachlässigbar ist. In Wirklichkeit treten im von der Achse A sei l, so dass
Experiment stets Reibungsverluste auf, die 2 2 2
eine Dämpfung der Schwingungen zur Folge l2 r sin 2M r  r cos 2M
haben. Wenn man das Drehmoment der Rei- r e  r e
2 2 2

bung proportional der Winkelgeschwindig-


keit dM /dt ansetzt, lässt sich berechnen, dass gilt. Das Trägheitsmoment IA des Körpers,
die Schwingungsamplitude exponentiell mit bezogen auf die gegebene Achse A, ist
der Zeit abnimmt (Abb. M.2.3.2). Ist das
Verhältnis einer Amplitude zur nächstfolgen- 2
³ l dm ³ r e dm  ³ r e dm
2 2 2
IA
den kleiner als 2, wird die Schwingungsdauer
der gedämpften Schwingung nur um weniger
als 1% größer als die der ungedämpften. Aus oder
diesem Grunde können zur Berechnung der
³ x  y  z D  E  J dm
2 2 2 2 2 2
Trägheitsmomente in guter Näherung die IA
Gleichungen für ungedämpfte Schwingungen
 ³ xD  y E  zJ dm .
2

verwendet werden.
Gegeben sei nun ein starrer Körper mit einer Ordnet man nach den Komponenten des
beliebigen Drehachse A. Ein Punkt der Ach- Einheitsvektors e der Drehachse, wird
se wird als Ursprung eines rechtwinkligen
Koordinatensystems mit den Einheitsvekto- IA D 2 ³ y 2  z 2 d m  E 2 ³ z 2  x 2 dm
ren i, j, k gewählt (Abb. M.2.5.1).
In diesem System hat der Einheitsvektor e J 2 ³ x 2  y 2 dm
der Drehachse die Komponenten (Richtungs-
kosinus) D, E, J:
2 D E ³ x y dm  E J ³ y z dm  J D ³ z x dm .
e Di  E j  J k , Die Ausdrücke

³ y  z 2 dm I xx , ³ z 2  x 2 dm
2
e ˜e e 1 D2  E2 J 2 . 2
I yy ,
Ein beliebiges Massenelement dm des Kör-
³ x  y 2 dm
2
I zz
pers habe den Ortsvektor r x i  y j  z k .
sind die Trägheitsmomente des Körpers
z A bezogen auf die drei Achsen des Koordina-
tensystems. Die Größen

y ³ x y dm I xy , ³ y z dm I yz , ³ z x dm I zx

bezeichnet man als Trägheitsprodukte. Damit


l wird
ψ
k dm
e IA D 2 I xx  E 2 I yy  J 2 I zz
(89)
 2 D E I xy  E J I yz  J D I zx .
j
r

0 i x Gl. (89) sagt aus: Wenn man die drei Träg-


heitsmomente, bezogen auf die Achsen eines
Abb. M.2.5.2 Drehung eines Körpers um eine Koordinatensystems und die drei Trägheits-
feste Achse (körperfestes x y z - System) produkte kennt, kann man das Trägheitsmo-
2.5 Trägheitsmomente 65

ment für jede durch den Nullpunkt des Sys- Diese Betrachtungen gelten z. B. für den in
tems gehende Achse angeben. Auf der Dreh- Abb. M.2.5.3 skizzierten Körper mit U-
achse soll vom Nullpunkt aus die Größe förmigem Profil. Der Ursprung des Koordi-
1
natensystems soll im Massenmittelpunkt

R IA2 liegen.
Y
X
aufgetragen, d. h., es soll der Vektor
1

R IA 2
e
RD i  R E j  R J k [ i K j  ] k
dargestellt werden. Multipliziert man Gl. (89) Z
mit R2, erhält man für die Komponenten [, K
und ] des Vektors R

[ 2 I xx  K 2 I yy  ] 2 I zz Abb. M.2.5.3 Hauptträgheitsmomente eines Kör-


(90) pers mit U-Profil, Hauptträgheitsachsen als Koor-
2 [K I xy  K ] I yz  ] [ I zx 1 . dinatenachsen gewählt (schematisch)

Gl. (90) stellt eine Fläche im Raum dar. Da


Versuchsausführung
das Trägheitsmoment IA für keine Drehachse
verschwindet, bleibt der Vektor R stets end- Zunächst werden die Masse m und der Radi-
lich. Die Fläche ist also ein (körperfestes) us R des Zylinders bestimmt. Danach erfolgt
Ellipsoid, das Trägheitsellipsoid. Durch eine die Berechnung der Trägheitsmomente IK mit
Hauptachsentransformation (Drehung des Hilfe der Gl. (83) für die mit dem Drehtisch
Koordinatensystems um den Nullpunkt) kann realisierbaren Abstände s (jeweils acht Ab-
man Gl. (90) in die Form stände links (s) und rechts (+s) von der
Drehachse entfernt). Vor Beginn der Perio-
Ix X 2  I y Y 2  Iz Z 2 1 (91) dendauermessungen ist der Drehtisch zu
justieren. Die Messung der Werte für T, T0
bringen. Ix, Iy, Iz bezeichnet man als Haupt- und Ts erfolgen mit einer Gabellichtschranke
trägheitsmomente, die Achsen des neuen und einem Digitalzähler.
Koordinatensystems X, Y, Z als Hauptträg- Das Trägheitsmoment des Drehtisches IT
heitsachsen und die durch die Achsen ge- ergibt sich aus Gl. (87) und das Direktions-
bildeten Ebenen als Hauptträgheitsebenen. moment D aus Gl. (88). Die Trägheitsmo-
Die Verhältnisse werden wesentlich einfa- mente Is werden nach Gl. (84) berechnet und
cher, wenn der Körper homogen und z. B. die über s2 graphisch dargestellt. In den Graphen
xy-Ebene des Koordinatensystems eine Sym- werden anschließend die nach Gl. (85) ermit-
metrieebene ist. In diesem Falle verschwin- telten Werte Is eingetragen. Wenn die Ab-
den die Trägheitsprodukte Iyz und Izx, und die weichungen dieser Punkte von der Geraden
Hauptachsentransformation wird durch eine kleiner als die Messunsicherheiten sind, ist
Drehung des Koordinatensystems um die z- die Gültigkeit des Steiner’schen Satzes expe-
Achse erreicht. Hat der Körper noch zusätz- rimentell nachgewiesen.
lich eine Symmetrieebene, die senkrecht auf Bei Aufgabe 2 sollen die drei Hauptträg-
der xy-Ebene steht (z. B. die xz-Ebene des heitsmomente eines homogenen Körpers mit
Koordinatensystems), dann verschwindet zueinander senkrechten Symmetrieebenen für
auch Ixy. Die Achsen des Koordinatensystems den Massenmittelpunkt experimentell be-
x, y, z sind also bereits Hauptträgheitsachsen. stimmt werden.
66 Mechanik 3 Deformationsverhalten

Zur Bestimmung der verschiedenen Träg-


heitsmomente des Körpers verwendet man
3 Deformationsverhalten
einen Drehtisch, dessen Trägheitsmoment I
und Direktionsmoment D bekannt sind. Die 3.0 Grundlagen
an den Körper zusätzlich angebrachten klei-
nen Stifte dienen dazu, den Körper in defi- Jeder Festkörper erfährt unter dem Einfluss
nierten Lagen auf dem Drehtisch zu befesti- einer mechanischen Spannung Deformatio-
gen. Es sind die Periodendauern für jede der nen. Bei hinreichend kleiner Spannung ist die
drei möglichen Rotationsachsen analog zu Deformation in der Regel elastisch, d. h., der
Aufgabe 1 für verschiedene Positionen des Körper nimmt nach der Entlastung seine
Körpers (sx,i, sy,i, sz,i) auf dem Drehtisch zu ursprüngliche Gestalt wieder an. Überschrei-
messen. Daraus lassen sich die Trägheits- tet die Spannung dagegen einen bestimmten
momente Ix,i, Iy,i und Iz,i berechnen. Diese sind Wert, können Fließerscheinungen zu blei-
in Abhängigkeit von s graphisch darzustellen benden Volumen- oder Formänderungen
und aus den drei Kurven ermittelt man die führen. Dann nennt man die Deformation
Minima (vgl. Abb. M.2.5.4). Es gilt: unelastisch oder plastisch.
Das elastische Verhalten homogener, isotro-
Min ( I x ,i ) I xx = I X , per fester Körper wird durch vier Material-
größen charakterisiert: den Elastizitätsmo-
Min ( I y ,i ) I yy = IY , dul E, die Poisson’sche Zahl ȝ, den Torsions-
oder Schubmodul G und den Kompressions-
modul K. Wenn man sich auf den eindimen-
Min ( I z ,i ) I zz = I Z . sionalen Fall beschränkt, wird der Elastizi-
tätsmodul durch das Hooke’sche Gesetz in
Ix,i der Form

V EH (1)

definiert. Gl. (1) besagt, dass bei hinreichend


kleiner Deformation die Zugspannung V der
Dehnung H proportional ist (typisch für Me-
talle, Glas, Keramik). Dabei ist die Zugspan-
Ixx nung die senkrecht zum Querschnitt A des
Körpers angreifende Kraft FZ (Abb. M.3.0.1)
0 sx,i geteilt durch diesen Querschnitt:

Abb. M.2.5.4 Beispiel zur Bestimmung des FZ


V . (2)
Hauptträgheitsmoments Ixx = IX A

Damit ist das Trägheitsellipsoid Gl. (91) für Als Dehnung bezeichnet man das Verhältnis
den Massenmittelpunkt des Körpers voll- der Längenänderung 'l zur ursprünglichen
ständig bestimmt. Länge l:
Außerdem lässt sich die Lage des Massen-
mittelpunkts angeben. Diese und die zugehö- ǻl
H . (3)
rigen drei Hauptträgheitsmomente des Kör- l
pers in Abb. M.2.5.3 können auch berechnet
werden. Die Poisson’sche Zahl ist der Quotient der
3.0 Grundlagen 67

relativen Querverkürzung 'R/R und der gleichmäßigen Druck p, d. h. bei einer nega-
Dehnung H = 'l/l (Abb. M.3.0.1): tiven mechanischen Spannung, das Volu-
men V. Wenn der Druck um den kleinen
'R 1 'R l Wert 'p variiert wird, ändert sich das Volu-
P . (4)
R H R 'l men um 'V. Bei einer Druckerhöhung nimmt
das Volumen ab, bei einer Druckerniedrigung
FZ zu. Der Quotient 'p /'V ist also stets negativ.
Zur Charakterisierung der Kompression eines
festen Körpers dient der Kompressionsmo-
dul K:
dp
K V (7)
dV
l
Den Kehrwert des Kompressionsmoduls
bezeichnet man als Kompressibilität
­ 1 'V ½ 1 dV
N lim ®  ¾  . (8)
'p o 0
¯ V ' p ¿ V dp
Δl
A
FS
FZ

2(R-ΔR)
2R α
Abb. M.3.0.1 Deformation eines Zylinders durch
eine Zugkraft
Abb. M.3.0.2 Deformation eines Würfels durch
Wenn auf die obere Deckfläche eines Wür- eine Scherkraft
fels, dessen Bodenfläche festgehalten wird,
eine nicht zu große Kraft FS in der in Aus den Definitionsgleichungen (1), (5) und
Abb. M.3.0.2 dargestellten Richtung wirkt, (7) folgt, dass die Größen E, G, und K die
ist der Scherwinkel D der Schubspannung W Dimension eines Drucks haben. Ihre kohä-
proportional: rente Einheit ist das Pascal:
W GD . (5) 1 Pa = 1 N m -2 .
Den Proportionalitätsfaktor G nennt man Mit der Elastizitätstheorie können außerdem
Schub- oder Torsionsmodul, und die Schub- die Zusammenhänge zwischen den Größen E,
spannung ist das Verhältnis der Scherkraft FS G, K und P begründet werden:
zum Querschnitt A des Würfels:
E
P 1 , (9)
FS 2G
W . (6)
A E
K . (10)
Ein fester Körper habe bei einem allseitig 3 1  2 P
68 Mechanik 3 Deformationsverhalten

Falls man z. B. den Elastizitätsmodul und tisch. Im Intervall V1 < V < V2 bilden sich die
den Torsionsmodul experimentell bestimmt Verformungen zwar auch noch zurück, wenn
hat, können die Poisson’sche Zahl und der die Zugspannung aufgehoben wird, doch
Kompressionsmodul aus den Gln. (9) und geschieht dies allmählich. Man beobachtet
(10) berechnet werden. eine elastische Nachwirkung (Viskoelastizi-
tät), außerdem sind Spannung und Dehnung
3.1 Elastizitätsmodul einander nicht mehr proportional. Punkt 2
des Diagramms wird Elastizitätsgrenze ge-
Das Verhalten fester Körper bei Zugbean- nannt. Sie kann weder streng definiert noch
spruchung wird in der Technik mit Hilfe bestimmt werden und wird deshalb bei Me-
spezieller Werkstoffprüfmaschinen (z. B. tallen oft willkürlich als die zu einer be-
Zugprüfmaschinen) untersucht. Der Stab stimmten Dehnung gehörende Spannung
wird an einem Ende starr mit dem Ständer festgelegt (technische Elastizitätsgrenze).
der Maschine verbunden und am anderen
Ende greift eine Zugkraft FZ in Richtung der σ
Stabachse an, so dass die Materialprobe
gedehnt wird. Zur Messung der Längenände- 3
rung 'l und der Zugkraft verwendet man bei σZ
modernen Prüfmaschinen geeignete elektro-
nische Sensoren, die über ein Interface mit 2
einem Rechner gekoppelt werden. Damit ist σ2
die direkte Aufnahme eines 'l-Fz-Dia- σ1 B
1
gramms möglich. Um das Verhalten ver-
schiedener Stoffe und von Proben mit unter-
schiedlichen Abmessungen bei Zugbeanspru-
chung vergleichen zu können, werden die
Zugkraft FZ auf den Querschnitt A der Probe
und ihre Verlängerung 'l auf die Anfangs-
0 εZ εB ε
länge l bezogen. Man geht also zu V (Gl. (2))
und H (Gl. (3)) über und stellt den Zusam-
menhang zwischen beiden Größen in einem Abb. M.3.1.1 Spannungs-Dehnungs-Diagramm
Spannungs-Dehnungs-Diagramm dar, das für bei Zugbeanspruchung (schematisch)
Metalle beispielsweise den in Abb. M.3.1.1
Oberhalb des Punkts 2 werden die Proben
schematisch dargestellten Verlauf hat.
irreversibel verformt. Hier sind die Stoffe
Im Intervall 0 < V < V1 gilt das Hooke’sche plastisch, und das Spannungs-Dehnungs-
Gesetz (Gl. (1)). Punkt 1 wird als Proportio- Diagramm kann wegen strukturbedingter
nalitätsgrenze bezeichnet, und der Elastizi- Fließ- und Verfestigungsprozesse kompliziert
tätsmodul ergibt sich aus der Steigung der so aussehen. Die höchste nominelle Spannung
genannten Hooke’schen Geraden zu (Zugkraft FZ bezogen auf den Anfangsquer-
'V schnitt A0) wird Zugfestigkeit VZ genannt.
E . (11) Oberhalb der entsprechenden Dehnung HZ
'H
beginnt die Probeneinschnürung, die im
Im linearen Bereich des Diagramms nehmen Punkt B (Bruchdehnung HB) zum Zerreißen
die Probekörper nach einer Entlastung ohne der Probe führt. Im oberen plastischen Be-
Verzögerung ihre ursprüngliche Länge wie- reich der Deformation schnüren sich die
der an; die Stoffe verhalten sich hier elas- Zerreißproben an einer Stelle merklich ein.
3.1 Elastizitätsmodul 69

Wird diese Querkontraktion berücksichtigt einer Messschraube parallel zu dem zu unter-


und die Zugkraft FZ jeweils auf den tatsächli- suchenden Draht bewegen lassen, so dass
chen Querschnitt der Probe bezogen, steigt man nach Vergrößerung der Zugkraft die
die Kurve bis zum Bruch der Probe (gestri- Verschiebung der beiden Marken messen
chelter Kurvenverlauf in Abb. M.3.1.1, auf kann.
die jeweilige aktuelle Querschnittsfläche der
Probe bezogene Zugspannung). Einige Werk- Versuchsausführung
stoffe (z. B. gehärteter Kohlenstoffstahl) Man belastet den Draht mit der Zugkraft F0
zerreißen bereits im oder am Ende des elasti- und misst den Abstand l. Der Drahtdurch-
schen Bereichs, sie sind spröde. Andere messer 2r ist an etwa zehn verschiedenen
Materialien werden bei Raumtemperatur Stellen zwischen den Marken zu bestimmen.
schon bei den geringsten Belastungen plas- Zur Berechnung des Querschnittes wird der
tisch verformt. Bei ihnen ist der elastische arithmetische Mittelwert r verwendet. Die
Bereich unterdrückt. beiden Messschrauben werden auf null ge-
Das deformationsmechanische Verhalten der stellt und es wird die Lage von Marke 1 bzw.
Werkstoffe hängt außerdem von den äußeren
Marke 2 an den Okularskalen der Mikrosko-
Bedingungen während der Beanspruchung
pe abgelesen. Nach zusätzlicher Belastung
ab. So werden Metalle bei höheren Tempera-
des Drahts mit der Zugkraft Fz sind die Mess-
turen plastischer (Schmieden, Walzen und
schrauben so zu stellen, dass die beiden Mar-
Pressschweißen), bei tiefen Temperaturen
ken mit den gleichen Teilstrichen der Okular-
werden sie elastischer, sogar spröde. Letzte-
skalen wie vor der Belastung zur Deckung
res gilt auch bei einer mit hoher Geschwin-
kommen. Die Differenz der Messschrauben-
digkeit erfolgenden Deformation. Demnach
einstellung ist die der Zugkraft Fz entspre-
gibt es keine deformationsmechanischen
Materialkonstanten im strengen Sinne. Für chende Verlängerung 'l.
die Werkstoffprüfung müssen Prüfverfahren Man berechnet die Zugspannung V nach
und -bedingungen vereinbart werden, durch Gl. (2), die Dehnung H nach Gl. (3) und wie-
die die Stoffgrößen dann definiert sind. derholt die Messung bei mehreren verschie-
den großen Zugkräften. V ist über H graphisch
3.1.1 Dehnung darzustellen. Der Elastizitätsmodul E ergibt
sich aus dem Anstieg der Ausgleichsgeraden
Aufgabenstellung nach Gl. (11). Der Versuch ist mit einem
Der Elastizitätsmodul E verschiedener Metal- Draht aus anderem Material zu wiederholen.
le soll aus der Dehnung von Drähten be- Es ist zu beachten, dass die Drähte keine
stimmt werden. Knicke haben dürfen.

Ein Draht sei an einem Ende eingespannt, 3.1.2 Biegung


während am anderen Ende eine Zugkraft F0
Aufgabenstellung
angreift. Diese wird so groß gewählt, dass
der Draht straff gespannt ist. Am Draht sind 1. Der Elastizitätsmodul E von zwei ver-
zwei Marken 1 und 2 angebracht, die bei der schiedenen Metallen ist aus der Biegung von
Belastung F0 den Abstand l haben sollen. Stäben zu ermitteln.
Beide Marken werden mit je einem Mikro- 2. Es sind für zwei Rohre aus gleichem Mate-
skop beobachtet. Die Mikroskopständer rial mit gleichem Außendurchmesser aber
dürfen während des Versuchs nicht verscho- unterschiedlicher Wanddicke die Flächen-
ben werden. Dagegen soll sich jedes Mikro- trägheitsmomente aus der Biegung bei zwei-
skop relativ zu seinem Ständer mit Hilfe seitiger Auflage zu bestimmen. Mit dem
70 Mechanik 3 Deformationsverhalten

gegebenen Wert für den Elastizitätsmodul Schichten des Stabs zusammengedrückt und
sind die Biegesteifigkeiten zu berechnen und die unteren gedehnt. Im Inneren gibt es eine
zu diskutieren. Schicht, deren Länge sich nicht ändert. Diese
Schicht bezeichnet man als neutrale Faser.
Gegeben sei ein homogener Stab (Dichte U, Die Gleichung der neutralen Faser y(x) kann
Querschnitt A), der auf zwei Schneiden (Ab- unter Erfüllung folgender Voraussetzungen
stand l) liegt. Jede der beiden Schneiden ist berechnet werden:
dadurch mit der Kraft 0,5 F0 belastet. 1.Das Hooke’sche Gesetz Gl. (1) gilt .
Das Gewicht des Stabs F0 kann unter der 2. Ein ebener Querschnitt des Stabs bleibt bei
Voraussetzung, dass die Stablänge mit dem
allen auftretenden Belastungen eben .
Schneidenabstand übereinstimmt, als
3.Die Durchbiegung ist so klein, dass für alle
F0 gUAl (12) vorkommenden Werte von x der Betrag der
geschrieben werden. Der Stab ist infolge der Ableitung dy/dx sehr klein gegen 1 ist .
Wirkung seines Gewichts auch ohne zusätz- Auf den Stabquerschnitt an der Stelle x
liche Belastung etwas gebogen. Lässt man in (Abb. M.3.1.2b und Abb. M.3.1.3) wirkt ein
der Mitte zwischen den Auflagen senkrecht Drehmoment im Uhrzeigersinn
zur Stabachse eine Kraft F angreifen, wird l
x
die Durchbiegung vergrößert. 2
M1 gUA ³
0
w dw  ³ K V K dA .
A
(13)
a) l
l
2 dl

F g ρAdl
r
b)
y
w dw 1 (F+F )
0
2
neutrale
x Faser
ξ
x ξ g ρAdw η
l ξ+dξ Schichtquerschnitt
2 ση dA

Abb. M.3.1.2. Gleichwertige Anordnungen zur


Untersuchung der Biegung Abb. M.3.1.3. Deformiertes Volumenelement als
Folge der Biegung (stark vergrößert)
Abb. M.3.1.2 zeigt zwei Anordnungen zur
Für die Normalspannung VK (Abb. M.3.1.3)
Untersuchung der Biegung. Diese sind
gilt nach dem Hooke’schen Gesetz
gleichwertig, wenn beide Stäbe aus dem
gleichen Metall bestehen und den gleichen d[ K
konstanten Querschnitt A haben. VK E HK E E . (14)
[ r
Die folgenden Überlegungen beziehen sich
auf die Anordnung in Abb. M.3.1.2b, bei der Dabei sind HK die relative Dehnung sich einer
die in der Mitte des Stabs angreifende Kraft im Abstand K von der neutralen Faser befin-
nach oben wirkt. Dadurch werden die oberen denden Schicht, r der Krümmungsradius der
3.1 Elastizitätsmodul 71

neutralen Faser an der Stelle x und E der Nach Voraussetzung 3 soll d y / d x ver-
2

Elastizitätsmodul. Das beim Einsetzen von


Gl. (14) in Gl. (13) entstehende Integral nachlässigbar klein gegen 1 sein. In dieser
1 d2 y
Näherung gilt r 2.
³K
2
IK dA (15) r dx
A Die Integration der Gleichung
bezeichnet man als (axiales) Flächenträg-
d2 y1
heitsmoment. Seine Dimension ist Länge4 r E IK F l  2x
(Einheit m4). Für einige Stabprofile sind die dx 24
Berechnungsformeln für das Flächenträg- ­°§ l · 2 ½° (18a)
1
heitsmoment im Anhang A.14 dargestellt.  g U A ®¨ ¸  x 2 ¾
2 ¯°© 2 ¹ ¿°
Die Biegesteifigkeit B ergibt sich als Produkt
aus dem Elastizitätsmodul des Materials und
dem Flächenträgheitsmoment (B = E IK ). liefert bei Berücksichtigung der Randbedin-
dy
Wenn man das erste Integral in Gl. (13) löst gungen x 0 y 0 0 die Gleichun-
und Gl. (15) verwendet, erhält man dx
2
gen
1 §l · E
M1 g U A ¨  x ¸  IK . (16) dy 1
2 © 2 ¹ r r E IK F l x  x2
dx 4
Die Kraft 0,5 (F + F0) übt auf den Quer- (19)
1 ­°§ l ·2 1 °½
schnitt an der Stelle x (Abb. M.3.1.2b) ein  g U A ®¨ ¸ x  x3 ¾ ,
Drehmoment im mathematisch positiven 2 °¯© 2 ¹ 3 °¿
Sinne der Stärke
1§l ·
M2 ¨  x ¸ F  F0 (17) 1 § l 2 1 3·
2©2 ¹ r E IK y F¨ x  x ¸
4 ©2 3 ¹
aus. Im Gleichgewichtsfall gilt M 1 M 2 . (20)
Aus den Gln. (16) und (17) folgt bei Ver- 1 ­°§ l ·2 1 ½°
 g U A ®¨ ¸ x 2  x 4 ¾ .
wendung von Gl. (12) 4 ¯°© 2 ¹ 6 ¿°
1 1
E IK F l  2 x Da im vorliegenden Falle y(x) im Intervall
r 4
(18) 0 < x < l/2 positiv ist, muss in den Gln. (18a)
1 ­°§ l ·2 ½° bis (20) das positive Vorzeichen verwendet
 g U A ®¨ ¸  x 2 ¾ . werden. Die Funktion der neutralen Faser hat
2 ¯°© 2 ¹ ¿° an der Stelle x = l/2 sowohl die größte Stei-
Die Größe 1/r ist die Krümmung der neutra- gung als auch den größten Funktionswert.
len Faser an der Stelle x. Aus der Theorie der Mit
Berührung höherer Ordnung folgt für die
dy
Krümmung einer Kurve y(x) M | tan M ( x l / 2)
dx
d2 y
1 dx 2 folgt aus Gl. (19)
r 32
.
r ª §dy · º 2

«1  ¨ 1§ 2 2 3·
¸ » E IK M ¨ F l  g U A l ¸ bzw.
dx ¹ »
¬« © ¼ 16 © 3 ¹
72 Mechanik 3 Deformationsverhalten

§ 2 · weder verlängert noch verkürzt. Daraus folgt,


l 2 ¨ F  F0 ¸ dass der Massenmittelpunkt des Stabs in der
M © 3 ¹
. (21) neutralen Faser liegen muss. Hat der unbelas-
16 E IK tete Stab senkrecht zur Biegekraft eine Sym-
metrieebene, stellt die Symmetrieebene die
Mit Gl. (20) ergibt sich für x = l/2 neutrale Faser dar. Beispiele für diesen Fall
sind Stäbe mit rechteckigem oder kreisförmi-
1 § 3 5 4· gem Querschnitt, Rohre und I-Träger. Für U-
E IK s ¨Fl  g U A l ¸
48 © 8 ¹ oder T-Träger (Biegekraft nach oben oder
unten) muss die Lage der neutralen Faser
und man erhält für den Biegepfeil s berechnet werden.

§ 5 · Versuchsausführung
l 3 ¨ F  F0 ¸
© 8 ¹ . Bei Aufgabe 1 wird der zu untersuchende
s (22)
48 E IK Stab so auf die Schneiden gelegt, dass die
Enden des Stabs nur wenig überstehen
Im Experiment ist der Stab zunächst mit einer (Abb. M.3.1.2) und der Abstand l zwischen
Schale (Masse ms) belastet, die zur Aufnah- den Schneiden gemessen. Danach wird die
me von Wägestücken dient. Man erhält den Schale zur Aufnahme der Wägestücke in der
Winkel M0 bzw. den Biegepfeil s0, indem man Mitte zwischen den Schneiden an den Stab
in den Gln. (21) und (22) F ms g setzt. gehängt. Man misst den Biegepfeil s0 z. B.
Anschließend wird auf die Schale ein Wä- mit einer Messuhr oder einem elektronischen
gestück der Masse m gelegt. Der Winkel M Sensor (Wegaufnehmer). In gleicher Weise
ergibt sich aus Gl. (21), der Biegepfeil s aus sind die Biegepfeile si nach Belastung der
Gl. (22) mit F (ms  m) g . Gemessen wer- Schale mit Wägestücken der Masse mi
(i = 1, 2, ..., n) zu bestimmen. Zur graphi-
den die Differenzen M - M0 oder s - s0. Dafür schen Auswertung wird die Kraft über den
können die Gln. (21) und (22) umgeformt Biegepfeil dargestellt. Der gesuchte Elastizi-
werden: tätsmodul E ergibt sich nach Gl. (22) mit dem
l 2 mg Anstieg ( 'F / 's ) der Ausgleichsgeraden:
E , (21a)
16 IK M  M0
l 3 'F / 's
E . (23)
3 48 IK
l mg
E . (22a)
48IK s  s0 Wenn statt des Biegepfeils s der Winkel M
gemessen werden soll, befestigt man an ei-
Das Gewicht des Stabs und das der Schale nem Ende des Stabs einen kleinen Spiegel.
müssen demzufolge nicht bekannt zu sein. Eine senkrecht stehende Skala wird über den
Um den Elastizitätsmodul E angeben zu Spiegel durch ein Fernrohr mit Visierlinie
können, muss man das Flächenträgheitsmo- beobachtet. Anstelle eines Fernrohres kann
ment IK für den Querschnitt berechnen. Vor- man auch die Reflexion eines Laserstahls
aussetzung für die Berechnung ist, dass man (Durchmesser < 1mm) nutzen, dessen reflek-
die Lage der neutralen Faser kennt. Es gilt tierter Strahl als kleiner Lichtfleck auf der
³ V K dA 0 oder ³K dA 0 nach Gl. (15),
A A
Skala beobachtet werden kann. In diesem
Fall sind die Sicherheitsbestimmungen beim
da sich der Stab bei der Biegung insgesamt Umgang mit Laserlicht zu beachten.
3.1 Elastizitätsmodul 73

Der Abstand L zwischen Spiegel und Skala Analogie zur Herleitung der Gl. (18) folgt:
wird gemessen. Ist der Stab nur mit der Scha-
le belastet, wird am Maßstab der Skala der 1 § 2 1 3·
E IK ye ( x) F ¨ l0 x  x ¸  CK (20b)
Wert z0 abgelesen, bei zusätzlicher Belastung 2 © 3 ¹
mit einem Wägestück der Masse mi der Wert
mit dem Korrekturterm
zi (i = 1, 2, ... , n). Dann gilt
1 ­ x2 1 4 ½
2 M i  M 0 | tan 2M i  tan 2M 0
zi  z 0 . CK g U A ®l0 2  x ¾ ,
4 ¯ 2 6 ¿
L
Man stellt Fi = mi g über ǻMi Mi  M0 dar der die Eigenmasse des Stabs berücksichtigt.
und aus dem Anstieg der besten Geraden Kann der Korrekturterm CK vernachlässigt
werden, ergibt sich für den Biegepfeil
'F/'M kann der gesuchte Elastizitätsmo-
se = ye(x) im Abstand x vom Befestigungs-
dul E ermittelt werden:
punkt des Stabs
l 2 'F / 'M
E . (24) F § 2 1 3·
16 IK se ¨ l0 x  x ¸ . (25)
2 E IK © 3 ¹
Die Gleichung zur Berechnung des Flächen-
Besonders einfach wird Gl. (25), wenn der
trägheitsmoments IK für unterschiedliche
Biegepfeil unmittelbar am Ende (x = l0) des
Stabquerschnitte kann der Tabelle A.14 im
einseitig eingespannten Stabs gemessen
Anhang entnommen werden. Alle zur Be-
werden kann:
rechnung von IK benötigten Längen sind mit
mechanischen Messwerkzeugen zu bestim- F l03
men. se . (25a)
3 E IK
Ergänzend zur zweiseitigen Auflage kann
einer der flachen Stäbe bei einseitiger Ein- Nach dem Einspannen des Stabs misst man
spannung vermessen werden (Abb. M.3.1.4). den Abstand x und die Stablänge l0, anschlie-
ßend den Biegepfeil se mit einer Messuhr
TS oder einem induktiven Wegaufnehmer in
l0 Abhängigkeit von der Belastung F am Ende
x des Stabs. Die Auswertung soll graphisch
unter Verwendung des Anstiegs der Aus-
gleichsgeraden mit Hilfe eines se(F )-
se Diagramms erfolgen:
x3
l0 x 2 
d se 3 .
dF 2 E IK
F Mit den zu messenden Werten für l0 und x
Abb. M.3.1.4 Zur Messung der Biegung eines sowie dem Wert für IK kann der Wert des
einseitig eingespannten Stabs (schematisch), Elastizitätsmoduls bestimmt werden.
Taststift TS Bei Aufgabe 2 ist für zwei Metallrohre aus
demselben Material mit gleichem Außenra-
In diesem Fall wirkt die Gewichtskraft F am dius aber verschiedenen Innenradien die
freien Ende des Stabs der Länge l0 und in Abhängigkeit F(s) zu messen und graphisch
74 Mechanik 3 Deformationsverhalten

darzustellen. Bei bekanntem Wert für den rc


Elastizitätsmodul des Rohrmaterials ist nach dFS G M 2ʌ r c d r c .
l
der Bestimmung des Anstiegs der Aus-
gleichsgeraden unter Anwendung von Durch Multiplikation mit dem Hebelarm rc
Gl. (23) das Flächenträgheitsmoment für geht die Schubkraft in das Drehmoment über:
beide Rohre zu bestimmen. Danach berech-
net man die Biegesteifigkeit der beiden Roh- 2ʌ G
dM M r c3 dr c .
re und diskutiert den Einfluss der unter- l
schiedlichen Innenradien (Wanddicken) auf
die Biegesteifigkeit auch im Vergleich zu
einem entsprechenden Vollstab. dr'
r'
Bei Verwendung einer mechanischen Mess-
uhr zur Messung des Biegepfeils ist ggf. die
Federkraft FF, mit der der Taststift auf den
Stab wirkt, zu berücksichtigen. In diesem
Fall muss zur Kraft F noch die Kraft
FF = c (xa-x) addiert werden, wobei x den α
gespannten und xa den nicht gespanntem
Zustand beschreibt. Die Größe von x hängt
von der Größe des Biegepfeils ab. Die Feder- l
konstante c kann mit der im Versuch M.3.3
beschriebenen Methode bestimmt werden.
ϕ
3.2 Torsionsmodul
Der Torsionsmodul G lässt sich aus Untersu- s
chungen an verdrillten Stäben mit kreisför-
migem Querschnitt bestimmen. Abb. M.3.2.1 Torsion eines Zylinders
Gegeben sei ein einseitig eingespannter Stab,
dessen Länge l groß gegen den Radius r sein Das resultierende Drehmoment erhält man
soll. Betrachtet man im Stabinneren einen durch Integration
koaxialen Hohlzylinder mit dem Radius r
2ʌ G
rc und der Dicke drc (Abb. M.3.2.1) und lässt M ³ dM l
M ³ r c3dr c ,
am freien Ende peripher eine Schubkraft dFs 0

angreifen, wird eine ursprünglich senkrechte über alle Hohlzylinder und es folgt
Faser des Zylindermantels um den Scherwin-
kel D gedreht. Für den Bogen s r c M gilt ʌ G r4
M M . (26)
unter der Voraussetzung D  1 in guter 2l
Näherung s l D . Damit folgt nach Gl. (5)
Wenn zur Verdrillung des Stabs ein großes
rc Drehmoment erforderlich ist, empfiehlt sich
W GD G M . eine statische Bestimmung des Torsionsmo-
l
duls. Liegt dagegen das zu untersuchende
Das Produkt aus der Schubspannung W und Material als Draht vor, wird der Torsionsmo-
dem Querschnitt des Hohlzylinders ist die dul zweckmäßigerweise mit einer dynami-
Schubkraft schen Messmethode ermittelt.
3.2 Torsionsmodul 75

3.2.1 Statische Messmethode oder für D  1 folgt


Aufgabenstellung x
M . (29a)
Der Torsionsmodul von Stäben aus verschie- 2L
denem Material soll statisch bestimmt wer-
den. Die Ergebnisse sind mit den Werten im Versuchsausführung
Anhang A.7 zu vergleichen. Man misst die Stablänge l, die Durchmesser
2r bzw. 2R des Stabs bzw. der Scheibe sowie
Das nicht eingespannte Ende eines Stabs den Abstand L zwischen Spiegel und Skala.
wird starr mit einer zylindrischen Scheibe Anschließend sind die Werte x1, x2, ..., xn für
(Radius R) verbunden. Dabei sollen Stab- n verschieden große Schubkräfte zu ermit-
und Scheibenachse übereinstimmen. Wenn teln. Die zugehörigen Winkel M1, M2, ..., Mn
man nun die Schubkraft Fs in der in ergeben sich aus Gl. (29) bzw. Gl. (29a). Man
Abb. M.3.2.2 dargestellten Weise an der bestimmt den arithmetischen Mittelwert aller
Scheibe angreifen lässt, ist das auf den Stab Quotienten Fs i /M i und berechnet den Torsi-
übertragene Drehmoment onsmodul aus Gl. (28). Der Versuch ist min-
M R Fs . (27) destens mit einem Stab aus anderem Material
zu wiederholen. Die für die betreffende La-
Aus den Gln. (26) und (27) erhält man für serschutzklasse gültigen Sicherheitsbestim-
den Torsionsmodul mungen liegen am Arbeitsplatz aus und müs-
sen strikt eingehalten werden.
2 l R Fs
G= . (28)
ʌ r4 M 3.2.2 Dynamische Messmethode
An das freie Ende des Stabs wird ein Spiegel Aufgabenstellung
befestigt. Ein auf den Spiegel fallender La-
1. Der Torsionsmodul eines Drahts soll dy-
serstrahl soll nach der Reflexion auf eine
namisch bestimmt werden.
Skala treffen, die den senkrechten Abstand L
2. Das Trägheitsmoment eines Quaders in
vom Spiegel hat.
Bezug auf eine gegebene Drehachse durch
0,5 Fs den Schwerpunkt ist mit Hilfe von Dreh-
schwingungen zu ermitteln.
2R
Ein Draht habe die Länge l und den Radius r.
Das obere Ende sei eingespannt, das untere
mit einer zylindrischen Scheibe belastet.
Dreht man die Scheibe um den Winkel M 0
0,5 Fs
aus ihrer Ruhelage und lässt sie zum Zeit-
Abb. M.3.2.2 Wirkung der Schubkraft bei der punkt t = 0 los, führt das System unter der
statischen Methode Wirkung der elastischen Kräfte des verdrill-
ten Drahts Torsionsschwingungen aus
Dreht sich die mit dem Stab verbundene (M.2.0.1). Bei einem Auslenkwinkel M ist der
Scheibe um den Winkel M, wird der Licht- Betrag des rücktreibenden Drehmoments
punkt des Lasers auf der Skala um die Stre- durch Gl. (26) gegeben. Die Größe
cke x verschoben. Dann gilt ʌ G r4
D (30)
tan 2M x L, (29) 2l
76 Mechanik 3 Deformationsverhalten

ist das Direktionsmoment des Torsionspen- Versuchsausführung


dels. Bezeichnet man mit J das Trägheits- Die Masse m und der Durchmesser 2R des
moment des Systems, lautet nach Zylinders sowie die Länge l und der Durch-
Gl. (M.2-18) die Bewegungsgleichung
messer 2r des Drahts werden bestimmt. Der
d 2M Drahtdurchmesser ist an verschiedenen Stel-
J D M , (31) len zu messen. In Gl. (33) soll der arithmeti-
dt2 sche Mittelwert des Radius r verwendet
werden. Die Schwingungsdauern T, T1 und T2
und für die Schwingungsdauer gilt
(siehe unten) können mit einer elektronischen
(Gl. (M.2- 23)):
Messanordnung (Lichtschranke, Digitalzäh-
J ler) oder manuell mit einer digitalen Stopp-
T 2ʌ . (31a) uhr gemessen werden. Im letzteren Fall
D stoppt man mehrfach die Zeit für je 50
Ist das Trägheitsmoment J bekannt, kann der Schwingungen, um die Messunsicherheit zu
Torsionsmodul G aus den Gln. (30) und (31a) verringern. Der Torsionsmodul G ergibt sich
bestimmt werden. Im Allgemeinen lässt sich aus Gl. (33). Als Versuchskörper in Aufga-
aber das Trägheitsmoment des Systems be 2 wird ein flacher Quader verwendet
(Draht, Scheibe und Befestigungsvorrich- (Länge a, Breite b, Dicke c, a, b  c , Masse
tung) nicht berechnen. Aus diesem Grunde M). Die Massen der Zusatzscheibe und des
ist es notwendig, J zu eliminieren. Dazu Versuchskörpers werden gegeben, die geo-
schraubt man einen Zylinder (Masse m, Ra- metrischen Abmessungen sind selbst zu
dius R) so an die schon vorhandene Scheibe, ermitteln. Zur Bestimmung des Trägheits-
dass die Achse des Zylinders mit der Draht- moments J2 des Versuchskörpers aus den
achse übereinstimmt. Das Trägheitsmoment durchgeführten Messungen verwendet man
des Torsionspendels vergrößert sich dadurch
G r4 2
um den Anteil J2
8l ʌ
T2  T 2 , (34)
1
J1 m R2
2 die unmittelbar aus den Gln. (30) und (32)
folgt. T2 bezeichnet die Schwingungszeit für
und die Schwingungsdauer wird
das System Grundscheibe mit Versuchskör-
J  J1 per. Zur theoretischen Berechnung von J2
T1 2ʌ . (31b) geht man von der Definition des Trägheits-
D
moments (M.2.0.1) aus und berechnet das
Wenn man die Gln. (31a) und (31b) quadriert Integral zweckmäßigerweise unter Zugrunde-
und anschließend voneinander abzieht, ergibt legung kartesischer Koordinaten:
sich für das Direktionsmoment
a2 b2 c2

U ³ ³ ³ x  y 2 dx dy dz .
2
2
4ʌ J1 2
2ʌ m R 2 J2
D . (32)  a 2 b 2 c 2
T12  T 2 T12  T 2
Daraus folgt nach wenigen Rechenschritten
Aus den Gln. (30) und (32) folgt für das gesuchte Trägheitsmoment eines
flachen Quaders
4ʌ lmR 2
G . (33)
r 4 T12  T 2 J2
M 2
a  b2 .
12
3.3 Federkonstante und Torsionsmodul 77

3.3 Federkonstante und Torsi- hat eine partikuläre Lösung (Anhang A.2)
onsmodul mg
x A sin Z t  , (37)
Aufgabenstellung c
1. Ein berührungsloser Wegaufnehmer ist zu worin A eine Konstante und Z die Kreisfre-
kalibrieren. quenz ist. Aus Gl. (37) folgt
2. Die Federkonstante einer Schraubenfeder d2 x § mg ·
soll mit einem Wegaufnehmer statisch und Z 2 A sin Z t Z 2 ¨ x  ¸ . (38)
dynamisch bestimmt werden. dt 2 © c ¹
3. Der Torsionsmodul des Federmaterials ist Der Vergleich der Gln. (36) und (38) liefert
zu berechnen. für die Kreisfrequenz bei vernachlässigbarer
Dämpfung
Eine Schraubenfeder (Drahtradius r, Win-
2
dungsradius R) habe n Windungen und sei § 2ʌ · c
am oberen Ende eingespannt. Hängt man an Z2 ¨ ¸ . (39)
©T ¹ m
das untere Ende einen Körper der Masse m,
wird die Feder um das Stück x gedehnt Während der Schwingungen (Schwingungs-
(Abb. M.3.3.1). Im Gleichgewichtsfall ist die dauer T ) wandeln sich kinetische und poten-
Summe der Kräfte gleich null: tielle Energie ständig ineinander um. Bei
diesem Prozess müssen auch die Energiean-
mg cx 0 .
teile der schwingenden Feder (Masse mF)
Darin sind g die Schwerebeschleunigung und berücksichtigt werden. In Gl. (39) ist aus
c die Federkonstante. Für den Zusammen- diesem Grunde m durch (m + 1/3 mF ) zu
hang zwischen Federkonstante c und der ersetzen (siehe unten).
Belastung der Feder mit der Masse m folgt
[Bei einer Längenänderung x der Feder (Feder-
m konstante c) durch die Belastung mit einer Masse
c g . (35)
x m speichert die Feder potentielle Energie:
x x
c x2
Wenn man die belastete Feder, z. B. mit der Epot  ³ Fx ' d x c ³ c xc d xc , Epot .
2
Hand, aus ihrer Ruhelage zieht und dann 0 0

loslässt, beginnt das System zu schwingen. Zur Berechnung der kinetischen Energie wird die
Feder (Federmasse mF, Länge der Feder L) in
kleine Massestücke dmF zerlegt (Abb. M.3.3.2):
2r d mF mF (d l / L) . Die gleichmäßige Federdeh-
ϕ x nung über die gesamte Federlänge L bedingt eine
Auslenkung G eines Federstücks dl aus der Ruhe-
R lage: G x (l / L) . Damit ergibt sich für die kine-
tische Energie des Federstücks dl
Abb. M.3.3.1 Schnitt durch die unterste Windung 1 1 dl 2 § l ·
2

einer um das Stück x gedehnten Schraubenfeder dmF G 2 mF x ¨ ¸ ,


2 2 L ©L¹
Die Bewegungsgleichung und für die kinetische Energie der Feder Ekin,F
L
d2 x c c§ mg · L
mF l
2
mF 2 l 3
g x  ¨x ¸ (36) Ekin,F ³ x
2
dl x
dt2 m m© c ¹ l 0 2 L
3
2 3L3 0
78 Mechanik 3 Deformationsverhalten

1 1 Für die Federkonstante folgt dann


folgt Ekin,F mF x 2 . Da die gesamte kineti-
2 3 2
§ 2ʌ · § 1 ·
sche Energie die Summe aus den kinetischen c ¨ ¸ ¨ m  mF ¸ . (40)
Energien der Feder Ekin,F und der Masse m ¨T ¸ © 3 ¹
© ¹
m
( Ekin,m x 2 ) ist, erhält man unter Berücksichti- Die Feder speichert bei einer Auslenkung x
2
aus der Ruhelage eine potentielle Energie
gung des Energieerhaltungssatzes als Gesamt-
energie c 2
Epot x . (41)
Eges Ekin  Epot 2
1§ m · cx 2 Bei dieser Dehnung wird nach Abb. M.3.3.1
¨ m  F ¸ x 2  const . der Draht um den kleinen Winkel M = x/R
2© 3 ¹ 2
gedrillt. Die potentielle Energie, die der
Draht bei der Drillung aufnimmt, beträgt
nach Gl. (26):
l M M
ʌG r4 ʌG r4 2
Epot ³ M dM
0
2 l ³0
M dM
4l
M .
L dl
(42)
dmF
Für die Länge des Drahts kann man im All-
gemeinen in guter Näherung

0
l 2ʌ Rn

m x schreiben. Damit lautet Gl. (42)


G r4 2 G r4 2
Epot M x . (43)
8n R 8 n R3
Abb. M.3.3.2 Zur Begründung des Einflusses der Aus dem Vergleich der Gln. (41) und (43)
Federmasse mF auf die Frequenz der Feder-
erhält man für den Torsionsmodul
schwingung, dmF mF (d l / L)
4 n R3 c
Die Schwingungsgleichung (ohne Reibung) folgt G . (44)
r4
aus der Ableitung d Eges / d t 0 :
1§ m · 2c x x
m  F ¸ 2 x 
x 0, Versuchsausführung
2 ¨© 3 ¹ 2
c Die Bestimmung der Federkonstanten soll
x
 x 0. mit einem berührungslos messenden indukti-
m
m F ven Wegaufnehmer erfolgen, dessen Auflö-
3
sung kleiner als 0,01 mm ist. Dieser besteht
Draus ergibt sich die Eigenkreisfrequenz der
aus mehreren Spulen (Primär- und Sekundär-
Schwingung mit
spulen SP, Abb. M.3.3.3), die sich in einem
c Metallzylinder (Gehäuse G) befinden. Die
Z
mF Längsachse des Metallzylinders und die
m
3 Bewegungsrichtung des Messobjekts müssen
bei Vernachlässigung der Dämpfung. ] parallel zueinander verlaufen oder die Bewe-
4.0 Grundlagen 79

gung muss durch geeignete mechanische Um Aufgabe 2 auszuführen, wird der Sensor
Befestigungen in eine zum Zylinder achsen- in senkrechter Position befestigt und man
parallele Bewegung umgewandelt werden. lässt den an der Schraubenfeder hängenden
Durch das Innere der Spulen wird ein dünner Anker so weit in den Wegaufnehmer hinein-
Stab mit einem magnetischen Kern (An- reichen, dass er sich im oberen Bereich der
ker A) geführt, der bei kleinen Veränderun- Spulen befindet. Anschließend belastet man
gen seiner Lage möglichst große Änderungen die Feder mit verschiedenen Massen mi und
der Induktivität in den Spulen hervorruft und misst die zugehörigen Sensorspannungen USi.
in den Sekundärspulen ausreichend hohe Mit den in Aufgabe 1 ermittelten Parametern
Spannungen induziert, die in ihrer Amplitude der Sensorkennlinie können die jeweiligen
und in ihrer Phase zueinander von der Positi- Verschiebungen xi berechnet werden. Die
on des Ankers abhängen. Die Verschiebung Federkonstante cst wird aus dem Anstieg der
des Ankers kann am Ausgang des Sensors als Ausgleichsgeraden der graphischen Darstel-
elektrische Spannung gemessen werden. lung m (x) unter Verwendung von Gl. (35)
In Aufgabe 1 muss der Wegaufnehmer kalib- bestimmt. Bei der dynamischen Messung
riert werden. Dazu befestigt man an der schließt man einen digitalen Zähler an die
Messspindel MS einer Mikrometerschraube Messeinrichtung an und belastet die Feder
den Anker des Wegaufnehmers mit Hilfe mit Gewichtsstücken bekannter Masse m,
eines mechanischen Adapters AD. bestimmt hinreichend oft die zugehörigen
MS SP
Periodendauern T des schwingenden Systems
und berechnet cdyn nach Gl. (40). Dabei ist die
x Masse der Ankerbefestigung zu berücksichti-
gen. Mit den Werten von cst und cdyn ist der
Torsionsmodul G nach Gl. (44) zu berechnen.
Außerhalb der Messunsicherheiten auftreten-
M AD A G
de Abweichungen sind unter Berücksichti-
Abb. M.3.3.3 Kalibrierung eines induktiven gung der Unterschiede zwischen der stati-
Wegaufnehmers mit einer Mikrometerschrau- schen und der dynamischen Methode zu
be (schematisch), Messschraube M, Messspin- diskutieren.
del MS, Adapter AD, Anker A, Gehäuse G, Sen- Steht kein induktiver Wegaufnehmer zur
sorspulen SP Verfügung, kann der Versuch auch mit einfa-
chen mechanischen Messmitteln durchge-
Beim Eintauchen des Ankers in das Spulen- führt werden.
system des Wegaufnehmers werden die In-
duktivität des Spulensystems und dadurch die
Größe der induzierten Spannung verändert. 4 Schallmessungen
Der Wert der Sensorausgangsspannung US ist
null, wenn sich der Anker in der Mitte des
Spulensystems befindet. Man misst durch
4.0 Grundlagen
Verschieben des Ankers mit Hilfe der Mess- Erfährt in einem elastisch deformierbaren
schraube die Abhängigkeit der Ausgangs- Medium ein Volumenelement durch Druck
spannung von der Verschiebung x des An- eine Verschiebung aus seiner stabilen Ruhe-
kers. Die graphische Darstellung US(x) ent- lage, erleiden auch benachbarte Volumen-
spricht der Sensorkennlinie (Kalibrierkurve elemente Verrückungen, die sich räumlich
des Sensors). Dabei entspricht der Anstieg und zeitlich weiter ausbreiten. Es entsteht
dUS/dx der Sensorempfindlichkeit. eine mechanische Welle. Die Gesamtheit
80 Mechanik 4 Schallmessungen

aller Flächenelemente des elastischen Kör- um eine partielle Differentialgleichung zwei-


pers, die sich zu einer bestimmten Zeit im ter Ordnung, für die unendlich viele Lösun-
gleichen Schwingungszustand (in gleicher gen existieren. Die in Gl. (1) eingeführte
Phase) befindet, nennt man Wellenfläche. Größe c beschreibt eine Geschwindigkeit, mit
Eine ebene Welle liegt vor, wenn das Erre- der sich ein bestimmter Schwingungszustand
gungszentrum von einem Aufpunkt unend- (eine Phase) ausbreitet. Sie ist in homogenen
lich weit entfernt liegt. Der Bereich von Medien konstant. Partielle Differentialglei-
Schallwellen reicht von d 1 Hz (Infraschall) chungen des Typs der Gl. (1) sind nicht all-
bis t 10 THz (Phononen), der Bereich des für gemein lösbar. Zu partikulären Lösungen
den Menschen wahrnehmbaren Schalls liegt gelangt man mit einem Funktionsansatz
zwischen 20 Hz und 20 kHz. In Richtung [ x, t [ x B ct ,
höherer Frequenzen schließt sich der Bereich
des Ultraschalls (20 kHz bis 10 GHz) an. In wobei [ eine beliebige, zweimal differenzier-
bare Funktion ist.
mehrdimensionalen Festkörpern treten infol-
Die lokalen Schallschwingungen erfolgen so
ge der nicht vernachlässigbaren Schubkräfte
schnell, dass Wärmetransport und Tempera-
Longitudinal1- und Transversalwellen2 auf,
turausgleich zwischen den durch eine halbe
die nur in unendlich ausgedehnten Systemen
Wellenlänge getrennten Stellen der Erwär-
reine Dehnungs- bzw. Biegewellen sind. In
mung (infolge Kompression) oder Abküh-
begrenzten Festkörpern sind Dehnungs-,
lung (infolge Entspannung) des Mediums
Torsions- und Biegewellen zu beobachten.
nicht wirksam werden können. Die
Schallwellen in Flüssigkeiten und Gasen sind
Schallausbreitung kann deshalb im Allge-
Longitudinalwellen, da man in ihnen im
meinen als adiabatischer Prozess betrachtet
Allgemeinen den Einfluss der inneren Rei-
werden. In Flüssigkeiten hängt die Schallge-
bung und damit Scherkräfte vernachlässigen
schwindigkeit cFl vom Kompressionsmodul K
kann.
ab:
4.0.1 Wellengleichung 1 1 dV
 ,
Im einfachsten (eindimensionalen Fall) kann K V dp (2)
die Ausbreitung der Verschiebungen in Rich-
tung einer Koordinate x mit einer linearen K
cFl2 . (3)
Wellengleichung des Typs UFl
Wenn keine Scherkräfte zu berücksichtigen
w[
2
w[
2
sind, ist cFl frequenzunabhängig, d. h., es tritt
c2 (1) keine Dispersion auf. Ist das deformierbare
wt 2 w x2
Medium ein ideales Gas, gilt die Adiaba-
beschrieben werden. Dabei handelt es sich tengleichung (W.2.0.2):
VJ p const . (4)
1
Bei einer Longitudinalwelle sind Ausbreitungs- Differenziert man Gl. (4) nach V, ergibt sich
und Schwingungsrichtung der Teilchen identisch.
2
Bei Transversalwellen schwingen die Teilchen in dp dp p
Ebenen, die senkrecht zur Fortpflanzungsrichtung J V J 1 p  V J 0 oder J .
dV dV V
der Welle liegen. Derartige Wellen sind nur in
Medien möglich, in denen infolge vorhandener Damit lautet Gl. (2)
Formelastizität Schubkräfte übertragen werden
können. K J p ,
4.0 Grundlagen 81

und man erhält erfolgt eine sowohl zeitliche als auch räumli-
che periodische Ausbreitung der Verschie-
p
c2 J . (5) bungen in Form einer harmonischen Welle:
U
§ § x· ·
In Gl. (4) bedeutet J das Verhältnis der spezi- [ x, t b0 sin ¨ Z ¨ t B ¸  D ¸ . (12)
c
© © ¹ ¹
fischen Wärmekapazität bei konstantem
Druck cp zur spezifischen Wärmekapazität Dabei beschreiben Z die Kreisfrequenz der
bei konstantem Volumen cV (W.2.0.2). Frequenz f (Z 2 ʌ f ) und D die Phasenver-
Beachtet man die für ideale Gase gültige schiebung. Unter Berücksichtigung der
Beziehung Randbedingungen, dass ein Stab der Länge l
an einem Ende frei und in der Mitte einge-
p p0 T p0 § T  T0 ·
¨1  ¸ , (6) spannt ist, bildet sich eine stehende Welle
U U0 T0 U0 © T0 ¹ aus, falls die Stablänge l gleich dem ungerad-
ergibt sich die Schallgeschwindigkeit in zahligen Vielfachen von O/4 ist:
Gasen als eine vom Druck unabhängige O
l (2n  1) (n 1, 2,3, ... ) . (13)
Funktion der absoluten Temperatur: 4
p0 T  T0 (a)
c J 1 . (7)
U0 T0 n=1

Für Luft erhält man im Bereich der Zimmer-


temperatur ( T  T0  T0 ) in guter Näherung n=2

§ T  T0 · 1
cLuft 331,5 ¨1  ¸ms . (8) n=3
© 2 T0 ¹

In der Differentialgleichung für die Wellen- l


ausbreitung in begrenzten Festkörpern kön-
nen je nach Art der Anregung der Schwin-
gungen Ausbreitungsgeschwindigkeiten auf- (b)
treten, die von unterschiedlichen mechani- n=1
schen Materialgrößen abhängen:

E
cD2 (Dehnungswelle) , (9) n=2
U

G
cT2 (Torsionswelle) . (10) n=3
U
l
Dabei bezeichnen E den Elastizitätsmodul
und G den Torsionsmodul. Abb. M.4.0.1 Longitudinalschwingungen in Stä-
Werden die Schwingungen sinusförmig ange- ben, (a) an einem Ende eingespannt, (b) an beiden
regt gemäß Enden frei (Ordnung n)

b b0 sin Z t  D , (11) Für die Eigenfrequenzen fn der stehenden


82 Mechanik 4 Schallmessungen

longitudinalen Welle (Dehnungswelle) der Für Ordnungen n > 3 lässt sich der Wert für
Ordnung n erhält man mn durch die Gleichung mn = (2n-1) S/2 mit
hinreichender Genauigkeit berechnen. In
c c Abb. M.4.0.2 sind die ersten drei Ordnungen
fn 2n  1 , (14a)
On 4l einer stehenden Biegewelle eines einseitig
eingeklemmten Stabs dargestellt. Im Gegen-
wobei für die Grundschwingung n = 1 und satz zu den Dehnungswellen sind die Kno-
für die Oberschwingungen n > 1 (n ganzzah- tenabstände nicht konstant. Schwingungs-
lig) gilt. Abb. M.4.0.1a vermittelt die ent- knoten treten z. B. an den Positionen x = 0
sprechenden stehenden Wellen bis zur zwei- bei der ersten, x =0; 0,77 l bei der zweiten
ten Oberschwingung. Im Falle eines an bei- und x = 0; 0,5 l; 0,88 l bei der dritten Ord-
den Enden freien Stabs (Abb. M.4.0.1b) nung auf.
bilden sich stehende Wellen aus, wenn die
Stablänge l ein ganzzahliges Vielfaches
von O/2 ist. Die Eigenfrequenzen in Abhän- n=1
gigkeit von der Ordnung n ergeben sich dann
nach der Gleichung
c c n=2
fn n . (14b)
On 2l

Der Abstand zwischen benachbarten Schwin- n=3


gungsknoten (Schwingungsenergie null) ist
eine halbe Wellenlänge.
Bei Biegewellen treten kompliziertere Ver- l
hältnisse auf. Die zugrunde liegende Diffe-
rentialgleichung lautet in diesem Fall Abb. M.4.0.2 Biegeschwingungen in Stäben
(Ordnung n), Stab an einem Ende eingespannt
w 2] E IK w 4]
 . (15) Außerdem ist die Ausbreitungsgeschwindig-
wt 2 U A w x4 keit (Phasengeschwindigkeit) der Biegewel-
le cB,ph frequenzabhängig (Schalldispersion)
IK bezeichnet das Flächenträgheitsmoment und genügt der Gleichung
des Stabquerschnitts A (M.3.1.2), E den
Elastizitätsmodul und U die Dichte des Stab- E IK
materials. Die Eigenfrequenzen der Biege- cB,ph Z 4 . (17)
UA
schwingungen ergeben sich zu
Mit der mittleren Wellenlänge
mn2 E IK
fn . (16) 4l
2 ʌl2 UA On (18)
2n  1
Dabei sind die Werte von mn Wurzeln trans-
und cB,ph = On fn erhält man
zendenter Gleichungen vom Typ
cos mn cosh mn 1, die man entsprechen-
8 mn2 E IK 1
den Tabellen entnehmen kann (z. B. cB,ph . (17a)
m1 = 1,875, m2 = 4,694, m3 = 7,851). ʌ (2 n  1) 2 U A On
4.0 Grundlagen 83

Für Biegewellen auf Stäben folgt aus der


Verlustfaktor D :
allgemeinen Beziehung zwischen Grup-
pen (cgr)- und Phasengeschwindigkeit (cph), 'Z
D ('Z Z2  Z1 ) , (25)
d cph Z0
cgr cph  O , (19)
dO Dämpfungskonstante G :
dass bei diesen die Gruppengeschwindigkeit D Z0 'Z
cB,gr doppelt so groß wie die Phasenge- G , (26)
2 2
schwindigkeit ist:
Güte Q :
cB,gr 2 cB,ph . (20)
1
Q , (27)
Dementsprechend wird in einem Festkörper D
durch eine Biegewelle mechanische Energie
zweimal so schnell wie die Wellenphase Logarithmisches Dekrement / :
transportiert. Die Bewegungsgleichung eines / ʌD . (28)
durch eine äußere Anregung mit der Fre-
quenz f = Z /(2S zu Schwingungen angereg- Die quadratische Form von Gl. (23)
ten Stabs lautet analog zu den in M.2 bzw. im
a 20
Anhang A.2 eingeführten Differentialglei- A(Z ) 2 (29)
Z  Z 02  4 G 2Z 2
2
chungen 2

d2 z dz
2
 2G  Z02 z a0 cos Z t . (21) wird durch die so genannte Lorentzkurve
dt dt beschrieben (Abb. M.4.0.3).
z(t) bezeichnet die Auslenkung (Elongation), 1,0
Z0 die Eigenfrequenz der freien, ungedämpf- A(ω)2
ten Schwingung des Systems und G die A2max
Dämpfungskonstante. Für den Schwingfall
(nicht zu stark gedämpfte Schwingung,
0,5
G << Z0) wurde die Lösung von Gl. (21) be- Δω
reits in M.2.3.1 beschrieben:

Zr Z02  2G 2 | Z0 . (22)
0 ω
ω1 ω0 ω2
a0
A(Z ) , (23) Abb. M.4.0.3 Lorentzkurve
Z  Z02  4G 2Z 2
2 2

Die Zeitkonstante des durch eine Exponenti-


a0 alfunktion beschreibbaren Ausschwingvor-
Amax A(Z0 ) . (24) gangs W = G-1, d. h., die Zeit, in der die Amp-
2 G Z02  G 2 litude auf den e-ten Teil ihres Anfangswerts
abgeklungen ist (Abb. M.2.3.2), entspricht
Zur Charakterisierung der materialabhängi-
gerade der halben Halbwertsbreite der statio-
gen Dämpfung der Schallwellen werden
nären Resonanzkurve:
dieselben Dämpfungsgrößen analog zum
Versuch M.2.3.1 eingeführt: ǻZ 2G . (30)
84 Mechanik 4 Schallmessungen

4.0.2 Schallwandler (1) Hz (2a) (2b)


G
Als Schallgeber und Schalldetektoren werden f Wandler Medium Wandler
häufig piezoelektrische Wandler eingesetzt.
Sie bestehen in der Regel aus speziellen (6) mV (4) (3)
Dielektrika, in denen unter dem Einfluss
äußerer mechanischer Einwirkungen (z. B.
Druck, Schallwellen) im Inneren elektrische (5)
Dipolmomente erzeugt bzw. vorhandene
verändert werden. Dies hat zur Folge, dass an Abb. M.4.0.4 Versuchsplatz für Schallmessungen
ihrer Oberfläche Ladungen messbar werden. an Metallstäben (schematisch)
Diese Erscheinung bezeichnet man als Piezo-
elektrizität. Oft wird die Piezoelektrizität Der bei den hier beschriebenen Versuchen
ferroelektrischer Keramiken oder von Poly- verwendete Schallmessplatz besteht im All-
merelektreten genutzt. gemeinen aus folgenden Grundgeräten
Zur Erzeugung mechanischer Deformationen (Abb. M.4.0.4):
eines dielektrischen Mediums nutzt man den (1) Generator zur Wellenanregung mit vari-
Effekt der Elektrostriktion aus, bei der in abler Ausgangsfrequenz und der Möglichkeit
Abhängigkeit eines angelegten periodischen der Feinabstimmung der Erregerfrequenz,
elektrischen Felds die Schwingungen des (2a, b) Schallwandler (magnetostriktiv, pie-
Schallgebers durch geeignete Schallankopp- zoelektrisch) zur Anregung und zum Nach-
lung auf das zu untersuchende Medium über- weis der Schallwelle, (3) Filter zur Beseiti-
tragen werden. gung niederfrequenter Störsignale, (4) Mess-
Alternativ werden Anordnungen verwendet, verstärker zur Verstärkung der Schallemp-
die auf dem Effekt der Magnetostriktion fängerspannung, (5) Zweikanal-Digitaloszil-
beruhen. Bringt man einen Stab aus ferro- loskop oder rechnergestützte Messwerterfas-
magnetischem Material in ein zur Stabachse sung zur Beobachtung, Speicherung und
parallel verlaufendes magnetisches Feld, Verarbeitung der Signalspannungen, (6) AC-
erfährt dieser eine Längenänderung, die je Millivoltmeter für die direkte Messung des
nach der Magnetisierung des Materials und in Effektivwerts der verstärkten Wechselspan-
Abhängigkeit von der Richtung des Magnet- nung zur Aufnahme einer Resonanzkurve.
felds eine Verlängerung oder Verkürzung
sein kann. Die relativen Längenänderungen 4.1 Schallgeschwindigkeit in
liegen in der Größenordnung von 10-6. Festkörpern
Bei Anlegen eines magnetischen Wechsel-
felds (Frequenz f) ändert sich die Stablänge
periodisch. Die im Stab auftretende mechani- 4.1.1 Dehnungswelle
sche Spannung ist eine Funktion der magne-
Aufgabenstellung
tischen Flussdichte und der elastischen Ei-
genschaften des Materials. Von den Enden 1. Es ist die Geschwindigkeit der Dehnungs-
des Stabs werden (Schall-) Wellen mit der welle von einem in der Mitte eingespannten
gleichen Frequenz abgestrahlt. Dabei errei- Stab aus ferromagnetischem Material für
chen die Schwingungsamplituden ein Maxi- verschiedene Ordnungen und der Elastizi-
mum für den Fall, dass die Frequenz der tätsmodul des Materials zu bestimmen.
elastischen Eigenschwingung des Stabs (bzw. 2. Durch Schallübertragung mit piezokerami-
entsprechender Oberschwingungen) und die schen Schwingern auf einen nicht ferromag-
Erregerfrequenz übereinstimmen. netischen Metallstab mit freien Enden sind
4.1 Schallgeschwindigkeit in Festkörpern 85

für verschiedene Ordnungen die Resonanz- längs des Stabs am Oszilloskop nur nahe der
frequenzen zu messen. Daraus sind die Einspannstelle ein Maximum der Signal-
Schallgeschwindigkeit und der Elastizitäts- spannung beobachtet werden kann.
modul des Stabmaterials zu ermitteln. Mit der nun bekannten Grundfrequenz der
3. Die Resonanzkurve ist für eine ausgewähl- Dehnungswelle können die Frequenzen höhe-
te Ordnung der Dehnungswelle aufzuneh- rer Ordnung bis etwa 50 kHz mit Gl. (14a)
men. Daraus ermittelt man die Halbwerts- berechnet und experimentell ermittelt wer-
breite und berechnet den Verlustfaktor. Die den. Bei allen Berechnungen ist zu berück-
Anpassung an eine Lorentzkurve soll über- sichtigen, dass nach Abb. M.4.0.1a bei dieser
prüft werden. Versuchsanordnung die in Gl. (14a) einzuset-
zende Länge l der halben Gesamtlänge lSt des
Versuchsausführung
Stabs entspricht (l = lSt/2). Anschließend
Bei allen Messungen werden lange und dün- sucht man die Resonanzfrequenzen der Ober-
ne Metallstäbe mit kreisförmigem Quer- schwingungen und berechnet mit diesen die
schnitt untersucht. Die Länge der Stäbe wird Schallgeschwindigkeit (Mittelwert) sowie
mit einem Maßband bestimmt. Zur Realisie- unter Verwendung der bekannten Dichte des
rung der Aufgabe 1 ist die Ausbreitungsge- Stabmaterials den Elastizitätsmodul.
schwindigkeit der Dehnungswelle für ver- Bei Aufgabe 2 wird der Stab z. B. an dünnen
schiedene Ordnungen im Frequenzbereich Kunststofffäden aufgehängt oder auf zwei
von etwa 2 kHz bis ca. 50 kHz zu bestim- Schneiden gelagert. Sowohl die Schallanre-
men. Für die Erregung einer Schallwelle in gung als auch der Schallempfang des an
dem ferromagnetischen Metallstab wird ein beiden Enden freien, nicht ferromagnetischen
magnetostriktiver Schallgeber (flache Kreis- Metallstabs erfolgt mit Hilfe der an den Stab-
spule) verwendet. Die Erregerspule wird mit enden angeklebten piezokeramischen Wand-
einem Sinusgenerator verbunden. Das Erre- ler. In Analogie zu Aufgabe 1 variiert man
gersignal beobachtet man mit einem der die Anregungsfrequenz und beobachtet das
beiden Kanäle eines Zweikanal-Digitalos- Messsignal mit dem Oszilloskop. Wenn
zilloskops und die Frequenz wird mit einem dieses maximal wird, notiert man die Fre-
Digitalzähler gemessen. Infolge der schmalen quenz als Resonanzfrequenz der betreffenden
Resonanzkurven muss der Generator ein Ordnung. Mit Gl. (14b) kann dann die Ge-
stabiles und in der Frequenz fein abstimmba- schwindigkeit der Dehnungswelle mit der
res Ausgangssignal liefern. Der zu untersu- zuvor gemessenen Stablänge berechnet und
chende Stab wird in der Mitte eingespannt daraus der Elastizitätsmodul des Materials
und an einem seiner beiden Enden ist ein bei bekannter Dichte ermittelt werden.
piezokeramischer Sensor befestigt, mit dem Zur Aufnahme der Resonanzkurve für eine
die Amplitude der Schallwelle gemessen ausgewählte Ordnung bei Aufgabe 3 unter
werden kann. Im Resonanzfall erfasst man Verwendung des an beiden Enden freien
mit dem zweiten Kanal des Oszilloskops ein Stabs wird das Ausgangssignal am Verstärker
maximales Messsignal. direkt mit einem AC-Millivoltmeter gemes-
In einem Vorversuch ist die Erregerfrequenz sen. Man misst für etwa zehn unterschiedli-
der Grundschwingung zu suchen. Dadurch che Frequenzen jeweils unter- und oberhalb
kann sichergestellt werden, dass wirklich der Resonanzfrequenz die Spannungswerte.
Dehnungswellen und keine anderen Formen Anschließend wird die Resonanzkurve ana-
von Schallwellen im Stab gemessen werden. log zu dem in Abb. M.4.0.3 gezeigten Gra-
Die Grundschwingung (n = 1) ist daran er- phen dargestellt und die Halbwertsbreite 'Z
kennbar, dass beim Verschieben der Spule ermittelt. Damit ist die Güte Q zu bestimmen.
86 Mechanik 4 Schallmessungen

4.1.2 Biegewelle Der piezoelektrische Wandler (2b) wandelt


die mechanischen Schwingungen in elektri-
Aufgabenstellung sche Spannungen um, die durch einen Ver-
1. Es sind die Eigenfrequenzen fn einer ste- stärker (4) verstärkt und ggf. vorher mit
henden Biegewelle für die Ordnungen n = 4 einem Frequenzfilter (3) gefiltert werden. Mit
bis n = 10 zu messen. Diese sollen in Abhän- einem Digitaloszilloskop (5) erfasst man die
gigkeit von (2n1)2 graphisch dargestellt Signalamplitude sowie Signalform und mit
werden und aus dem Anstieg der Ausgleichs- einem AC-Millivoltmeter (6) misst man
geraden ist der Elastizitätsmodul des Materi- direkt den Effektivwert der Ausgangsspan-
als zu ermitteln. nung des Verstärkers.
2. Aus den gemessenen Frequenzen in Auf- In Analogie zu den Untersuchungen von
gabe 1 sind die Phasengeschwindigkeiten zu Dehnungswellen im Versuch M.4.1.1 ist es
berechnen und in Abhängigkeit von der Wel- von Vorteil, in einem Vorversuch die Erre-
lenlänge graphisch darzustellen. Der Kur- gerfrequenz der Grundschwingung zu
venverlauf ist zum Vergleich mit der Grup- bestimmen, um eindeutig Biegewellen zu
pengeschwindigkeit auszuwerten. messen. Dazu wird der Stab aus seiner Ruhe-
3. Die Resonanzkurve für eine bestimmte lage ausgelenkt und mit dem Digitaloszil-
Ordnung der Biegeschwingung ist aufzu- loskop der Abklingvorgang aufgezeichnet.
nehmen. Es sind die Halbwertsbreite, die Die daraus zu ermittelnde Frequenz der frei-
Dämpfungskonstante, die Güte und das loga- en gedämpften Schwingung entspricht infol-
rithmische Dekrement zu ermitteln. ge der kleinen Dämpfungskonstante in guter
Näherung der Frequenz der Grundschwin-
Der flache Metallstab der Länge l mit recht- gung f1. Mit den Werten f1, m1 = 1,875 und
eckförmigem Querschnitt, (Anhang A.14, mn ( n ! 3) # (2n  1) ʌ/2 kann man mit Hilfe
Dicke b viel kleiner als Höhe h, l  h ) wird der Verhältnisse fn /f1 = (mn /m1)2 nach Gl. (16)
durch das magnetische Wechselfeld des näherungsweise die Frequenzen der höheren
Wandlers (2a), der aus einer Magnetspule mit Ordnungen berechnen.
Eisenkern besteht, zu Schwingungen ange- Für den Fall, dass die Anregungsfrequenz der
regt. Den Wechselstrom für die Magnetspule Gl. (16) genügt, kommt es zur Ausbildung
liefert ein Sinusgenerator (1) und mit einem einer stehenden Welle und das Messsignal
Digitalzähler misst man die Anregungsfre- wird maximal. Um experimentell die Reso-
quenz f. nanz einer entsprechenden Ordnung zu fin-
den, variiert man in kleinen Schritten die
(1) Hz Frequenz der Sinusspannung des Generators
G
f nahe um den berechneten Wert bis zum Auf-
Wandler

Halterung treten eines Maximums. Oberhalb 400 Hz ist


(2a)
ggf. ein Hochpass (7) einzuschalten, um
(2)
niederfrequente Signalstörungen zu beseiti-
gen. Durch Erhöhung der Verstärkung bzw.
Wandler

(4) (3) (2b) der Ausgangsspannung am Generator kann


(6) mV
man die Signalabschwächung infolge der
Signalfilterung kompensieren. Die Bestim-
(5) mung des Elastizitätsmoduls E erfolgt über
den Anstieg der Ausgleichsgeraden in der
Abb. M.4.1.2.1 Versuchsplatz zur Messung von graphischen Darstellung fn in Abhängigkeit
Biegewellen in einem Metallstab (schematisch) von (2n 1)2 für n > 3.
4.2 Schallgeschwindigkeit in Flüssigkeiten 87

Bei Kenntnis der Dichte U des Materials und mit einer Lorentz-Funktion nach Gl. (29)
der Abmessungen des flachen Stabs (Flä- durch. Steht keine geeignete Software für die
chenträgheitsmoment A.14, IK ( h b3 ) /12 , Anpassung zur Verfügung, kann die Bestim-
mung der Halbwertsbreite 'Z auch graphisch
Querschnitt A h b ) kann mit Gl. (16) der
erfolgen. Damit sind die gesuchten Dämp-
Wert von E ermittelt werden. fungsgrößen zu ermitteln.
Zur Berechnung der Phasengeschwindig-
keit cB,ph in Aufgabe 2 kann Gl. (17a) unter
Berücksichtigung der Näherung für n > 3
4.2 Schallgeschwindigkeit in
sowie dem Flächenträgheitsmoment und der Flüssigkeiten
Querschnittsfläche umgeschrieben werden: Aufgabenstellung
Eb 1 1. Es sind die Schallwellenlänge und die
cB,ph (n) 2 S . (30)
12 U On Schallausbreitungsgeschwindigkeit in ver-
schiedenen Flüssigkeiten nach der Methode
Die mittlere Wellenlänge On ermittelt man
von Debye und Sears zu bestimmen.
mit Gl. (18). Es ist cB,ph(n) = f (1/On) graphisch
2. Es ist die Schallgeschwindigkeit in ver-
darzustellen und mittels nichtlinearer Regres-
schiedenen Flüssigkeiten mit der Methode
sion die Funktion des Kurvenverlaufs mit der
der Zentralprojektion zu ermitteln.
Fit-Funktion cB,ph P1 /O (Fit-Parameter P1)
3. Von allen Versuchsflüssigkeiten ist der
zu berechnen. Für zwei Ordnungen soll die Kompressionsmodul zu bestimmen.
Gruppengeschwindigkeit berechnet werden.
Dazu verwendet man Gl. (19) und erhält mit Die infolge einer durch eine Flüssigkeit lau-
d cB,ph d cB,ph fenden Schallwelle auftretenden periodischen
P1 O 2 Dichteschwankungen (Verdichtungen und
d(1/ O ) dO Verdünnungen) führen zu einer in gleicher
eine Gleichung zur Berechnung von cB,gr mit Weise periodischen Änderung des optischen
dem Fit-Parameter P1: Brechungsindex. Eine ebene Schallwelle
bewirkt dementsprechend ein Beugungsgit-
P1 ter, dessen Gitterkonstante gleich der Schall-
cB,gr (n) cB,ph (n)  . (31)
On wellenlänge OS im Medium ist. Ein solches
Gitter bezeichnet man auch als Phasengitter.
Es ist die Gültigkeit der Gl. (20) unter Be- Die Lichtwellen, die an unterschiedlichen
rücksichtigung der Unsicherheiten zu über- Stellen das Gitter durchlaufen, legen wegen
prüfen. der periodischen Änderung des Brechungsin-
Die Aufnahme der Resonanzkurve bei Auf- dex unterschiedliche optische Weglängen
gabe 3 erfolgt für eine ausgewählte Ordnung. zurück und sind beim Austritt aus dem Me-
Da die Resonanzkurve sehr schmal ist, wird dium gegeneinander phasenverschoben.
die verstärkte Signalspannung in kleinen Beim Phasengitter treten im Wesentlichen die
Frequenzintervallen um das Resonanzmaxi- gleichen Beugungserscheinungen auf, die
mum gemessen (etwa je zehn Messungen man an einem üblicherweise verwendeten
unter- und oberhalb der Resonanzfrequenz). optischen Strichgitter (Amplitudengitter)
Zur graphischen Darstellung der Resonanz- beobachtet (O.2.0.3). Die Erscheinung der
kurve trägt man die Quadrate der normierten Lichtbeugung an Schallwellen bezeichnet
Werte der Amplitude [A(Z)/Amax]2 in Abhän- man auch als Debye-Sears-Effekt und die
gigkeit von der Kreisfrequenz Z = 2S f (vgl. Frequenz der Schallwellen liegt im Ultra-
Abb. M.4.0.3) auf und führt die Anpassung schallbereich. Zum Nachweis des Beugungs-
88 Mechanik 4 Schallmessungen

effekts beleuchtet man die mit der Messflüs- beschrieben (O.2.0.3); die Gitterkonstante g
sigkeit gefüllte Glasküvette, in der sich der ist gleich der Schallwellenlänge OS. Zur Un-
piezoelektrische Schallgeber befindet, senk- terscheidung wird die Lichtwellenlänge hier
recht zur Schallausbreitungsrichtung mit mit OL bezeichnet. Beugungsmaxima k-ter
parallelem und monochromatischem Licht. Ordnung treten also bei Beugungswinkeln Dk
auf, für die gilt:
L1 SP L2 K L3 S
x OS sin D k k OL , k 0, r 1, r 2,... . (32)
x2
Q x1 Ist xk der Abstand des k-ten Maximums vom
0 Maximum nullter Ordnung (Zentralbild), gilt
x1
x2 für kleine Winkel Dk die Beziehung
f
xk /f = tanDk | sinDk | Dk., wobei f hier die
SQ Brennweite der Sammellinse L3 ist. Für die
G Hz Wellenlänge der Ultraschallwelle erhält man
f
k OL f
OS . (33)
xk
Abb. M.4.2.1 Versuchsaufbau zum Debye-Sears-
Effekt (Fraunhofer’sche Beugung, stark schemati- Die Abstände 'x benachbarter Maxima sind
siert)
gleich. Es gilt
Der durch die Linse (L1) in Abb. M.4.2.1 OL f
'x xk 1  xk . (34)
von einer Lichtquelle (Q) beleuchtete Spalt OS
(SP) wirkt als sekundäre Lichtquelle und
wird durch die Linsen L2 und L3, zwischen Mit der Frequenz QS der Schallwelle lässt
denen die ungebeugten Strahlen parallel sich die Schallgeschwindigkeit cS mit
verlaufen, scharf auf einem Schirm (S) abge-
bildet. Anstelle des Schirms kann auch ein k OL f vS
cS OS vS (35)
Messokular verwendet werden. Ein Hochfre- xk
quenzgenerator (G) mit angeschlossenem
Digitalzähler bringt den Schwingquarz (SQ), oder
der in der mit der Testflüssigkeit gefüllten OL f vS
Küvette (K) befestigt ist, zum Schwingen. cS OS vS . (36)
'x
Bei entsprechend hoher Güte der Schwin-
gung und guter Schallankopplung an die berechnen. Für die Lage der Beugungsbilder
Flüssigkeit werden ausreichend intensive bei der Fraunhofer’schen Beugung ist es
Schallwellen senkrecht zur Ausbreitungsrich- gleichgültig, ob die beugende Struktur senk-
tung der Lichtwelle ausgesendet. Durch die recht zur optischen Achse verschoben wird
Wirkung der Ultraschallwelle treten auf oder sich bewegt. Der Debye-Sears-Effekt
beiden Seiten des zentralen Spaltbilds eine tritt bei fortlaufenden wie auch bei stehenden
Reihe von Beugungsbildern auf. Die Beu- Wellen in gleicher Weise auf. Die Wellen-
gungserscheinungen sind sehr ähnlich denen, länge und damit die Gitterkonstante ist in
die an einem Strichgitter entstehen. Die Lage beiden Fällen die gleiche. Auftretende Dopp-
der Beugungsmaxima wird ebenfalls durch lerverschiebungen des gebeugten Lichts sind
die Formel sehr klein und können in diesem Versuch
vernachlässigt werden.
g sin D k k OL , k 0, r 1, r 2,... Bei der Methode der Zentralprojektion wird
4.2 Schallgeschwindigkeit in Flüssigkeiten 89

die Probe mit monochromatischem, divergen- ten Beugungsmaximum und N die Anzahl
tem Licht durchstrahlt. Infolge der sich räum- dieser Maxima, die im Abstand xN auf einem
lich ausbildenden Dichteverteilung kommt es Schirm (SC) beobachtet werden. Als Licht-
auch zu räumlichen Änderungen des Bre- quelle verwendet man einen Laser.
chungsindex und das Licht breitet sich nicht
mehr geradlinig in der Flüssigkeit aus. Da- S SC
K
durch entstehen Gebiete, in denen die Pha- (k)
sendifferenzen zwischen den sich überla- L
gernden Wellenbündeln eine Verstärkung
0
oder Verringerung der Intensität hervorrufen. xN
Als Folge davon kann man Intensitätsmuster
erkennen, die im Falle einer stehenden Welle g2
g1
besonders stark ausgeprägt sind. Die Abstän- a1 a2 s
de zwischen Stellen verstärkter Intensität
(konstruktive Interferenz) und abgeschwäch- Abb. M.4.2.2 Schema des Versuchsaufbaus zur
ter Intensität (destruktive Interferenz) korres- Zentralprojektion
pondieren mit den aus der Beugungstheorie
bekannten Beziehungen (O.2.0.3).
In Abb. M.4.2.2 ist schematisch die Ver- Versuchsausführung
suchsanordnung zur Bestimmung der Wel-
Die zur Realisierung von Aufgabe 1 erforder-
lenlänge mit der Methode der Zentralprojek-
lichen optischen Komponenten sind auf einer
tion dargestellt. Für die Berechnung der
optischen Bank anzuordnen. Mit der Lin-
Schallwellenlänge müssen neben der Geo-
se L1 in Abb. M.4.2.1 bildet man die Licht-
metrie der Versuchsanordnung und der be-
quelle (z. B. Na- oder Hg-Spektrallampe mit
kannten Brennweite f der Linse in Luft noch
Filter) scharf auf den Spalt ab. Um die Kü-
Korrekturen berücksichtigt werden, die durch
vette mit parallelem Licht zu bestrahlen, wird
die verschiedenen Brechungsindizes (Flüs-
zuerst der Schirm bzw. ein Messokular in die
sigkeit, Glas, Luft) bedingt sind:
Brennebene der Linse L3 gebracht. Danach
g1 a1 ist die Linse L2 bei weit geöffnetem Spalt
f  solange zu verschieben, bis der Spalt scharf
2 xN ng nfl
OS . (37) abgebildet wird. Anschließend ist die mit der
N § g1  g 2 a1  a2 · zu untersuchenden Flüssigkeit gefüllte Kü-
s ¨ f  
© ng nfl ¸¹ vette zwischen die Linsen zu stellen, die
Spaltbreite zu verringern und der Generator
Der Abstand a1 zwischen dem von der einzuschalten. Dessen Frequenz wird in
Schallquelle (S) abgestrahlten Schallfeld und einem vorgegebenen Bereich langsam verän-
der Glaswand auf der Linsenseite (Linse L) dert, bis man eine möglichst große Anzahl
sowie der Abstand a2 können näherungswei- heller Streifen beobachten kann. Das wird
se mit jeweils der Hälfte der betreffenden insbesondere der Fall sein, wenn sich in der
Innenabmessungen der Küvette (K) ange- Flüssigkeit eine stehende Schallwelle ausbil-
nommen werden. Die Glasstärken der Wände det. Zur Bestimmung der Schallwellenlänge
der Küvette (g1, g2) und der Brechungsin- verwendet man Gl. (33). Die Brennweite f der
dex des Glases (ng) sowie der Versuchsflüs- Sammellinse L3 und die Wellenlänge des
sigkeit (nfl) werden am Arbeitsplatz mitge- monochromatischen Lichts OL sind bekannt,
teilt. Die Größe xN in Gl. (37) beschreibt den andernfalls kann man mit den in den Versu-
Abstand zwischen dem –k-ten und dem +k- chen O.1.1 und O.3.2 beschriebenen Metho-
90 Mechanik 4 Schallmessungen

den bestimmen. xk bzw. 'x werden am besten dass wenigstens drei Maxima auf dem
mit einem Messokular und die Frequenz QS Schirm zu sehen sind. Unter optimalen
mit einem Digitalzähler gemessen. Danach Messbedingungen (stehende Welle) sind
kann die Schallgeschwindigkeit mit Gl. (35) auch mehr als zehn Ordnungen zu erkennen.
bestimmt werden. Verwendet man einen Es sind der Abstand xN und die zugehörige
Laser als Lichtquelle, kann infolge der gerin- Anzahl von Maxima N mehrfach zu messen.
gen Divergenz des Laserstrahls dieser direkt Nach erneuter Justierung werden die Mes-
die Flüssigkeit durchstrahlen. In diesem Fall sungen bei verschiedenen Frequenzen QS
werden die Linsen L1 und L2 sowie der Spalt bzw. nach Austausch des Lasers bei einer
in Abb. M.4.2.1 nicht benötigt. Das Interfe- anderen Wellenlänge OL durchgeführt. Mit-
renzmuster wird in diesem Fall direkt auf tels Gl. (37) und den bekannten Abmessun-
einen ausreichend weit entfernten Schirm gen der Küvette sowie den Werten für den
abgebildet (Übergang der Beobachtung der Brechungsindex der verschiedenen Medien
Fresnel-Beugung zur Fraunhofer-Beugung kann die Schallwellenlänge als Mittelwert
für NF < 1, Fresnel-Zahl N F g 2 /(4 a OL ) , g bestimmt und mit der gemessenen Ultra-
Gitterkonstante, a Abstand zwischen Schall- schallfrequenz die Schallgeschwindigkeit
feld und Schirm). In Analogie zur Herleitung ermittelt werden. Die Messungen sollen mit
der Gl. (33) ergibt sich für den Abstand zwi- anderen Flüssigkeiten wiederholt werden.
schen dem nicht gebeugten Licht (k = 0) und Verwendet man eine Versuchsanordnung zur
dem Maximum der Ordnung k Zentralprojektion, bei der sich die Linse L
mit der Brennweite f (Abb. M.4.2.2) zur
k OL a Erzeugung von divergentem Laserlicht im
xk . (38)
OS Abstand sL vor der Küvette befindet, ist eben-
Durch die Messung von a und xk kann bei falls die Bestimmung der Schallwellenlänge
bekanntem Wert von OL die Schallwellenlän- möglich:
ge bestimmt werden. Mit anderen Flüssigkei- 2 xN s1
ten ist die Messung zu wiederholen. Es bietet OS . (39)
N s1  s2
sich an, den Versuch mit einer anderen Licht-
wellenlänge durchzuführen, um die Anwen- Nach Abb. M.4.2.2 ergibt sich der Abstand s2
dung der Gl. (32) zu bestätigen. aus s2 = s + a2. Für den Abstand s1 folgt der
Bei Aufgabe 2 beginnt man mit dem Ver- Zusammenhang s1 = a1 + (sLf ). Mit den
suchsaufbau nach Abb. M.4.2.2, wobei die Werten von QS und OS werden die Schallge-
Halterung der Ultraschallsonde auf exakt schwindigkeiten in den Flüssigkeiten sowie
senkrechten Einfall der Schallwelle zum deren Kompressionsmodul K mit Gl. (3)
einfallenden Laserstrahl justiert werden berechnet. Die dazu erforderlichen Dichten
muss. An einer der Außenwände der Küvette der Flüssigkeiten können der Tabelle im
befindet sich eine Halterung für den Laser Anhang A.8 entnommen werden. Es ist zu
sowie für eine Linse (L), um divergentes beachten, dass der piezoelektrische Schallge-
Licht zu erzeugen. Anschließend füllt man ber nur in Betrieb gesetzt werden darf, wenn
möglichst entgaste Flüssigkeit (z. B. destil- sich Flüssigkeit in der Küvette befindet. Bei
liertes Wasser, Ethanol) in die Küvette, so längeren Messzeiten kann es infolge der in
dass sich die Ultraschallsonde ausreichend der Flüssigkeit dissipierten Schallenergie zur
tief in der Messflüssigkeit befindet. Danach Erwärmung und zu Konvektionsströmungen
werden der Laser und die Ultraschallquelle kommen. Die Temperaturkontrolle erfolgt
eingeschaltet. Durch Variation der Frequenz mit einem in der Küvette befestigten Mess-
der Ultraschallwelle kann man erreichen, fühler eines Digitalthermometers.
5.0 Grundlagen 91

5 Oberflächenspannung Luft

5.0 Grundlagen r2 r1
r2
Zwischen den Molekülen einer Flüssigkeit
wirken sowohl anziehende als auch absto-
ßende Kräfte geringer Reichweite. Der Ab-
stand r1 zweier nächster Nachbarn stellt sich
so ein, dass die Summe der abstoßenden und
der anziehenden Kräfte gerade verschwindet.
Wenn der Abstand zwischen zwei Molekülen F = FK
etwas größer als dieser Normalabstand ist,
überwiegt die Anziehungskraft, ist er dage- Abb. M.5.0.1 Grenzschicht zwischen Luft und
gen etwas kleiner, stoßen sich die Moleküle Flüssigkeit (schematisch)
gegenseitig ab. Ein beliebiges Molekül der
Die Flüssigkeit ist daher bestrebt, eine mög-
Flüssigkeit (Zentralmolekül) wird daher von
lichst kleine Grenzfläche mit dem anderen
allen Nachbarmolekülen angezogen, deren
Stoff zu bilden. Zur Vergrößerung dieser
Abstand vom Zentralmolekül größer als r1,
aber kleiner als der Radius r2 der Wirkungs- Fläche um 'A muss der Flüssigkeit eine
sphäre der Molekularkräfte ist. Arbeit zugeführt werden:
Die Anziehungskräfte zwischen den Baustei-
'W V 'A . (1)
nen (Molekülen, Atomen, Ionen) eines Stof-
fes nennt man allgemein Kohäsionskräfte, da Bei einer Verkleinerung der Grenzfläche um
sie für den Zusammenhalt der Stoffe sorgen. 'A wird eine Arbeit gemäß Gl. (1) frei. Den
Es existieren aber auch anziehende Kräfte Proportionalitätsfaktor V nennt man Oberflä-
zwischen benachbarten Bausteinen verschie- chenspannung. Ihre Einheit ist
dener Stoffe, die als Adhäsionskräfte be-
zeichnet werden. J m 2 N m 1 kg s 2 .
Betrachtet man ein Molekül im Inneren einer
Flüssigkeit, ist die Resultierende der Anzie- Man muss sich darüber im Klaren sein, dass
hungskräfte null, da die Nachbarmoleküle die Oberflächenspannung sowohl von der
über alle Richtungen gleichmäßig verteilt Natur der Flüssigkeit als auch von der des
sind. Für ein Flüssigkeitsmolekül in einer angrenzenden Stoffs abhängig ist. Bei Anga-
Grenzschicht (Oberfläche), deren Dicke dem be eines Werts für V ist daher stets der an-
Radius der Wirkungssphäre der Molekular- grenzende Stoff zu nennen. Die Oberflächen-
kräfte entspricht, verschwindet dagegen die spannung kann nur dann als reine Materialei-
resultierende Kraft im Allgemeinen nicht. Es genschaft der Flüssigkeit angesehen werden,
sind zwei Möglichkeiten zu diskutieren: wenn die Resultierende der Adhäsionskräf-
1. Die Kohäsionskräfte zwischen den Mole- te FA vernachlässigbar klein gegen die Resul-
külen der Flüssigkeit sind größer als die tierende der Kohäsionskräfte FK ist (Bei-
Adhäsionskräfte zwischen den Flüssigkeits- spiel: Flüssigkeit-Luft).
molekülen und den Bausteinen des angren- Im Falle der Abb. M.5.0.2 bezeichnet man
zenden Stoffs (Abb. M.5.0.1). In diesem die Flüssigkeit als nicht benetzend für den
Falle wirkt auf ein Flüssigkeitsmolekül eine angrenzenden festen Körper (z. B. Randwin-
resultierende Kraft F senkrecht zur Oberflä- kel bzw. Kontaktwinkel M = 140° für Grenz-
che in das Innere der Flüssigkeit hinein. fläche Quecksilber-Glas). Wird der Rand-
92 Mechanik 5 Oberflächenspannung

winkel M ʌ , d. h., ist FA << FK, ist die zung. Taucht man einen festen Körper in eine
Nichtbenetzung vollständig. vollständig benetzende Flüssigkeit, bleibt
nach dem Herausziehen ein dünner Flüssig-
fester keitsfilm an ihm haften. Die gründliche Ent-
Luft
Körper fernung solcher Flüssigkeitsschichten auf
Festkörpern kann unter Umständen sehr
aufwendig sein.
FA Flüssigkeit
ϕ Für die Temperaturabhängigkeit der Oberflä-
chenspannung gilt mit guter Näherung die
von Eötvös empirisch gefundene Gleichung
FK
V VM2 / 3 K E (Tc  T ) . (2)
F
In Gl. (2) ist VM das molare Volumen
( VM M /U , M molare Masse, ȡ Dichte) und
Abb. M.5.0.2 Beispiel einer nicht benetzenden
Tc eine kritische Temperatur der Flüssigkeit
Flüssigkeit (schematisch)
(z. B. Tc = 647 K für Wasser). Oberhalb
2. Die Kohäsionskräfte sind kleiner als die dieser kritischen Temperatur ist die Oberflä-
Adhäsionskräfte (Abb. M.5.0.3). Dann wirkt chenspannung null.
auf ein Flüssigkeitsmolekül der Grenzschicht Das Produkt auf der linken Seite von Gl. (2)
eine resultierende Kraft F senkrecht zur nennt man auch molare Oberflächenspan-
Oberfläche aus der Flüssigkeit heraus. Die nung (V mol V VM2 / 3 ) . Die Größe KE wird als
beiden Stoffe bilden daher eine möglichst Eötvös-Konstante bezeichnet. Für nicht asso-
große Grenzfläche. In diesem Falle bezeich- ziierte Flüssigkeiten wurde der Wert
net man die Flüssigkeit als benetzend für den K E 2,1 ˜ 107 J K -1 mol2 / 3 experimentell
angrenzenden Stoff. ermittelt. Nach Gl. (2) ändert sich die Ober-
ϕ flächenspannung linear mit der Temperatur.
FA Dieses Verhalten wird von vielen Flüssigkei-
ten in nicht zu großen Temperaturbereichen
gut erfüllt. Ein Vorteil der Eötvös-Gleichung
Luft
besteht darin, dass man die V (T )-Ab-
hängigkeit für Flüssigkeiten graphisch so
F FK darstellen kann, dass sich bei bekannten
Werten für die molare Masse und die Dichte
fester der Flüssigkeiten dieselbe lineare Abhängig-
Körper keit ergibt. Daraus folgt die Möglichkeit, die
Flüssigkeit
Oberflächenspannung einer beliebigen Flüs-
sigkeit für eine bestimmte Temperatur vor-
Abb. M.5.0.3 Beispiel einer benetzenden Flüs- hersagen zu können. Eine genauere Be-
sigkeit (schematisch) schreibung der Temperaturabhängigkeit der
Oberflächenspannung ist mittels einer aus
Verschwindet der Randwinkel M (z. B. M | 0 experimentellen Ergebnissen gewonnenen
für Grenzflächen Wasser-Glas und Ethanol- empirischen Korrektur durch eine modifizier-
Glas), dann sind die Kohäsionskräfte viel te Eötvös-Gleichung möglich:
kleiner als die Adhäsionskräfte (FK << FA)
und man spricht von vollständiger Benet- V VM2 / 3 K E (Tc  6 K  T ) . (2a)
5.1 Abreißmethode 93

5.1 Abreißmethode In der Betrachtung, die zu Gl. (3) führt, sind


alle Randeffekte des Bügels und der Einfluss
Aufgabenstellung des Gewichts der herausgezogenen Lamelle
1. Es soll die Oberflächenspannung verschie- unberücksichtigt geblieben.
dener Flüssigkeiten nach der Abreißmethode Wenn der Platindraht einen Durchmesser von
bestimmt werden. 0,3 mm hat, ergeben sich für V nach Gl. (3)
2. Für eine Flüssigkeit ist die Abhängigkeit Werte, die um etwa 10 % zu groß sind. Die
der Oberflächenspannung von der Tempera- Abweichungen werden umso kleiner, je
tur zu ermitteln. dünner der Platindraht ist. Lenard hat eine
genauere Beziehung zur Bestimmung der
Ein Platindraht der Länge l ist in einen Bügel Oberflächenspannung nach der Abreißme-
eingelötet, der an einer Waage hängt. Der thode begründet. Diese lautet bei Vernachläs-
Bügel soll so weit in die zu untersuchende sigung von Gliedern in r2
Flüssigkeit eintauchen, dass sich der Platin-
draht unmittelbar unter der Oberfläche befin- F ­° F U g F °½
V r®  2¾ . (3a)
det. Es wird vorausgesetzt, dass die Flüssig- 2l °¯ l l ¿°
keit den Draht vollständig benetzt. Belastet
man die Waage, zieht der Draht einen dünnen In Gl. (3a) sind r der Radius des Platindrahts
Flüssigkeitsfilm (Lamelle) aus der Flüssig- und U die Dichte der Flüssigkeit.
keit heraus (Abb. M.5.1.1). Versuchsausführung
F Die Drahtbügel sind mit größter Vorsicht zu
behandeln. Vor allen Dingen darf der Platin-
draht nicht berührt oder der Bügel verbogen
werden. Die Bügel sind vor jeder Messung
Platindraht zur Reinigung mit destilliertem Wasser und
l
der zu untersuchenden Flüssigkeit abzuspü-
len. Man misst zunächst die Drahtlänge l und
Δs
hängt anschließend den Bügel an die Waage,
die so abgeglichen wird, dass der Platindraht
in der Ebene der Flüssigkeitsoberfläche liegt.
Zur Bestimmung der Kraft F eignen sich
Abb. M.5.1.1 Bestimmung der Oberflächenspan- besonders gut Spiralfederwaagen oder auch
nung mit der Abreißmethode moderne rechnergestützte Kraftmessgeräte,
mit denen man die Zugkraft kontinuierlich
Diese Lamelle soll bei der Belastung F gera- erhöhen kann, bis die Flüssigkeitslamelle
de noch nicht abreißen. Da sich sowohl auf abreißt. Für F ist derjenige Wert für die Zug-
der Vorder- als auch auf der Rückseite des kraft einzusetzen, bei dem die Lamelle gera-
Bügels eine Lamelle ausbildet, vergrößert de noch nicht abreißt.
sich die Flüssigkeitsoberfläche um Die Oberflächenspannung soll nach Gl. (3a)
'A = 2 l 's. Nach Gl. (1) folgt berechnet werden. Der Drahtradius r sei
'W V 2 l 's , Andererseits ist 'W F 's gegeben oder wird mit einer Bügelmess-
schraube bestimmt, die Dichte der Flüssigkeit
und es ergibt sich kann einer Tabelle am Arbeitsplatz entnom-
F men werden. Die Messungen sind mit Bügeln
V . (3) unterschiedlicher Länge und mit anderen
2l Flüssigkeiten zu wiederholen. Jede Messung
94 Mechanik 5 Oberflächenspannung

soll mehrfach ausgeführt werden, um einen dius r1) sei vollständig von der zu untersu-
guten Mittelwert für die Abreißkraft zu erhal- chenden Flüssigkeit benetzt. Wenn man die
ten. Häufig verwendet man bei der Abreiß- Kapillare senkrecht in ein mit Flüssigkeit
methode statt eines Bügels einen Ring, des- gefülltes Gefäß eintaucht, steigt die Flüssig-
sen Unterkante im Allgemeinen zu einer keit in dem Kapillarrohr bis zu einer Höhe h
Schneide ausgeführt ist, damit die Schichtdi- über den äußeren Flüssigkeitsspiegel an. Der
cke der Lamelle sehr dünn und damit das innere, horizontale Querschnitt des Gefäßes
Gewicht der Flüssigkeitslamelle so klein wie soll mit A, der Umfang dieses Querschnittes
möglich wird (Ringmethode nach De Noüy). mit U bezeichnet werden.
Die Lamelle wird annähernd in Form eines
Zylindermantels nach oben gezogen. In Ana- 2r1
logie zur Begründung von Gl. (3) erhält man 2r

F
V Ring , (4)
4 ʌ rRing

wobei rRing der Ringradius und F diejenige

h+Δh
Kraft ist, die genau beim Abreißen der La-

h
melle gemessen wird. Im Allgemeinen ist

δh
noch eine Korrektur der nach Gl. (4) ermittel-
ten Oberflächenspannung notwendig. Bei
kommerziellen Ringtensiometern werden die
Korrekturwerte vom Hersteller mitgeteilt,
andernfalls bestimmt man den Korrekturfak-
tor mit Hilfe einer Kalibrierflüssigkeit. Abb. M.5.2.1 Bestimmung der Oberflächenspan-
Für die Messung der Temperaturabhängigkeit nung mit der Steighöhenmethode
der Oberflächenspannung wird die zu unter-
suchende Flüssigkeit auf etwa 60 °C erwärmt Die Steighöhe h berechnet man zweckmäßi-
und anschließend in das Messgefäß gefüllt, gerweise nach dem Prinzip der virtuellen
das mit einer Wärmeisolierung versehen ist. Arbeit. Eine unendlich langsam verlaufende
Man misst während der langsamen Abküh- Vergrößerung der Steighöhe von h auf h+'h,
lung der Flüssigkeit die Abreißkraft bei fünf bei der der Flüssigkeitsspiegel im Gefäß um
verschiedenen Temperaturen. Kurz vor der Gh sinkt (Abb. M.5.2.1), erfordert die Arbeit
Messung ist die Flüssigkeit gut zu mischen,
um die Temperaturunterschiede in der Flüs- 'W1 U ʌ r 2 h g 'h  įh . (5)
sigkeit auszugleichen. Es ist die lineare Ab-
In Gl. (5) ist U die Dichte der zu untersuchen-
nahme der molaren Oberflächenspannung
den Flüssigkeit. Da das Volumen der Flüs-
nach Gl. (2) zu überprüfen.
sigkeit konstant ist, gilt
5.2 Steighöhenmethode ʌ r 2 'h  įh A  ʌ r įh .
1
2

Aufgabenstellung Durch das Anheben der Flüssigkeitssäule


Die Oberflächenspannung V verschiedener verkleinert sich die Grenzfläche zwischen der
Flüssigkeiten ist aus der Steighöhe in einem Luft und dem an der Innenwand der Kapilla-
Kapillarrohr aus Glas zu bestimmen. re haftenden Flüssigkeitsfilm um
'Aab 2 ʌ r 'h  įh .
Eine Glaskapillare (Innenradius r, Außenra-
5.2 Steighöhenmethode 95

Gleichzeitig nimmt die Grenzfläche zwischen kann. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich,
der Luft und dem an der Innenwand des als Vorratsgefäß eine optische Küvette zu
Gefäßes sowie dem Außenmantel der Kapil- verwenden. Diese ist ein Glasgefäß mit recht-
lare haftenden Flüssigkeitsfilm um eckigem Querschnitt und planparallelen
Wänden, bei der die beiden gegenüberliegen-
'Azu U  2ʌ r1 įh den Deckflächen aus geschliffenem Glas
ʌ r 2 U  2ʌ r1 bestehen. Wenn man auf eine solche Deck-
'h  įh fläche blickt, kann man den Flüssigkeitsspie-
A  ʌ r12 gel sehr deutlich erkennen.
zu. Die gesamte Verkleinerung der Grenzflä- Bei Verwendung einer Küvette mit den Kan-
che zwischen Luft und Flüssigkeit ist daher tenlängen a und b folgt

'A 'Aab  'Azu 2 ʌ r 'h  įh cG (6) ­ r a  b  ʌ r1 ½


cG,re ®1  ¾ . (8b)
¯ ab  ʌ r12 ¿
mit dem Korrekturfaktor
Wenn der Querschnitt A des Gefäßes mit
§1 ·
r ¨ U  ʌ r1 ¸ kreisförmigem Querschnitt sehr groß gegen
1 © ¹ ,
2
cG (6a) den Querschnitt der Kapillare ist ( A  ʌ r12 ),
A  ʌ r12
vereinfacht sich die Gl. (8) in guter Näherung
der von den geometrischen Abmessungen der zu
Kapillare und des Gefäßes abhängt. Entspre-
1
chend Gl. (1) wird die Energie V U grh . (9)
2
'W2 V 2ʌ r 'h  įh cG (7)
Die Kenntnis der Höhe des Flüssigkeitsspie-
frei. Diese Energie dient zum Anheben der gels wird überflüssig, wenn man mehrere
Flüssigkeitssäule. Aus dem Gleichsetzen der Kapillaren mit unterschiedlichen Innenradien
Energien gemäß den Gln. (5) und (7) und der in das Vorratsgefäß taucht. Die Oberflächen-
Berücksichtigung des Korrekturfaktors cG spannung lässt sich dann aus den Differenzen
nach Gl. (6a) folgt die Bestimmungsglei- der verschiedenen Steighöhen berechnen.
chung für die Oberflächenspannung Bei nicht vollständiger Benetzung hängt die
Steighöhe h noch vom Randwinkel M ab:
U grh 1
V . (8) 2 V cosM
2 cG h . (10)
Ugr
Hat die Schale einen kreisförmigen Quer-
schnitt (Innenradius R), erhält man für den Das hat z. B. bei einer nicht völlig sauberen
entsprechenden Korrekturfaktor cG,kr: Benetzungsfläche innerhalb einer Glaskapil-
lare zur Folge, dass der Messwert von h zu
­ r ½ klein wird und damit die Oberflächenspan-
cG,kr ®1  ¾ . (8a) nung einen im Vergleich zur idealen Benet-
¯ R  r1 ¿
zung (cos M = 1) zu niedrigen Wert ergibt.
Die genaue Bestimmung der Steighöhe h Versuchsausführung
bereitet insofern Schwierigkeiten, als man die
Höhe des Flüssigkeitsspiegels in der Schale Die benötigten Abmessungen der Gefäße (2R
im Allgemeinen nicht sehr genau messen oder a und b) und der Außendurchmesser des
96 Mechanik 5 Oberflächenspannung

Kapillarrohrs 2r1 werden mit einem Mess- Strahlen lassen sich als helle Linie erkennen.
schieber bzw. mit einer Messschraube ermit- Ihr Abstand 2 s kann mit einem Okularmaß-
telt. Zur Bestimmung des Innenradius r der stab bestimmt werden. Aus Abb. M.5.2.2
Kapillare sollen zwei unterschiedliche Me- folgt:
thoden beschrieben werden.
sin D cos E  sin E cos D
tan D E , (12)
Volumenmethode cos D cos E  sin D sin E
Eine geeignete Flüssigkeit wird z. B. mit
sr
einem Gummigebläse in die trockene Kapil- tan D  E ,
lare gesaugt. Der Flüssigkeitsfaden soll eine r12  s 2
Länge l von mehreren Zentimetern haben.
2
Diese wird so genau wie möglich gemessen s §s·
und anschließend die Masse m der in der sin D , cos D 1 ¨ ¸ .
r1 © r1 ¹
Kapillare enthaltenen Flüssigkeit mit einer
Laborwaage bestimmt. Daraus ergibt sich das
auf die Länge l zu beziehende Zylindervolu-
men (VZyl = m /UFl) und für die Bestimmung
des Kapillarradius folgt s
α

VZyl m r1 β
r . (11)
ʌl ʌ l U Fl
r
Die Dichte der Flüssigkeit UFl kann der Ta-
belle im Anhang A.8 entnommen werden.
Bei der Verwendung von speziellen Kapil-
larpipetten, die z. B. in der Medizin zum
Einsatz kommen, erübrigt sich die Volumen-
bestimmung. Diese Mikropipetten verfügen
bereits über eine Volumenkalibrierung in
Bezug auf eine an der Pipette angebrachte Abb. M.5.2.2 Strahlen durch eine Kapillare
Ringmarke und die relativen Unsicherheiten
der Volumenangaben sind kleiner als ein Nach dem Brechungsgesetz sin D n sin E
Prozent. Damit beschränkt sich die Radiusbe- (O.3.0.1- Gl. (1)) gilt
stimmung auf die Messung des Abstands l 1s § s ·
2

zwischen der Ringmarke und dem unteren sin E und cos E


1 ¨ ¸ .
Ende der Pipette. n r1 © n r1 ¹
Drückt man in Gl. (12) alle Winkelfunktionen
Optische Methode durch s, r1 und n aus und löst die Gleichung
Zu Beginn ist der Abbildungsmaßstab der nach r auf, folgt
Objektivlinse mit einer Objektmikrometer-
s 1
Glasplatte zu bestimmen. Dazu vergleicht r ,
man die vergrößerte Objektmikrometerskala n §s·
2
§ s · §s·
2 2

mit dem Maßstab einer Okularstrichplatte. 1 ¨ ¸ 1 ¨ ¸ ¨ ¸


Danach wird die Kapillare auf den Tisch © r1 ¹ © n r1 ¹ © r1 ¹
eines Durchlichtmikroskops gelegt und mit
s 1 s
monochromatischem parallelem Licht durch- r 1  tan 2 D E .
strahlt. Die in Abb. M.5.2.2 dargestellten n cos D E n
5.3 Tropfenmethode 97

Damit ergibt sich Berücksichtigung der betreffenden Korrek-


turfaktoren in den Gln. (8a) bzw. (8b) zu
s  r
2
s berechnen. Die Dichte U kann der Tabel-
r 1 . (13)
n r12  s 2 le A.8 im Anhang oder der Versuchsanlei-
tung entnommen werden.
Kann man nachweisen, dass
§ s·
2
5.3 Tropfenmethode
¨s  ¸
© n ¹  102 Aufgabenstellung
r12  s 2
Es ist die Veränderung der Oberflächenspan-
gilt, vereinfacht sich Gl. (13) zu nung von Wasser bei Zumischung von Etha-
nol zu untersuchen.
s
r . (14) Bei der Bestimmung der Oberflächenspan-
n
nung einer Flüssigkeit gegenüber Luft mit
Für Steighöhenbestimmungen muss die der Tropfen-Gewichtsmethode lässt man ein
Glaskapillare sehr sauber sein. Eine Reini- bestimmtes Flüssigkeitsvolumen V aus einer
gung ist oft aufwendig, so dass sich die Ver- Kapillare mit plangeschliffener Endfläche
wendung von Einweg-Kapillarpipetten emp- und bekanntem Radius rK (z. B. Stalagmome-
fiehlt. Man taucht die Kapillare senkrecht in ter) in Luft ausfließen und misst die Zahl der
die Flüssigkeit ein, saugt diese z. B. mit sich bildenden Tropfen. Für die Auswertung
einem Gummigebläse hoch und wartet die der Messergebnisse geht man von der An-
Einstellung der Steighöhe h von oben her ab. nahme aus, dass ein Tropfen dann von der
Der Wert von h kann entweder mit einer Kapillare abreißt, wenn seine Gewichtskraft
Spiegelskala, die sich hinter dem Kapillar- FG mT g (15)
rohr befindet, ermittelt oder mit einem Kathe-
tometer gemessen werden. Das Kathetometer gleich (oder geringfügig größer) der Kraft ist,
besteht aus einem Fernrohr (O.1.4), das sich die aufgrund der Oberflächenspannung ent-
längs eines vertikalen Metallrohrs verschie- lang der Umfanglinie des Tropfens an der
ben lässt. Nach Scharfstellung der Flüssig- Kapillare wirkt, d. h.
keitsoberfläche in der Küvette bzw. der Flüs-
FV 2 ʌ rKV . (16)
sigkeitssäule in der Kapillare kann mit einem
in der Okularbrennebene scharf abgebildeten Da für die Masse des Tropfens mT UT VT
Fadenkreuz die Messung der Steighöhe er-
gilt, folgt für das Kräftegleichgewicht im
folgen. Dazu verwendet man die am vertika-
Moment des Abreißens
len Führungsrohr des Kathetometers ange-
brachte Millimeter-Skala mit Feinablesung. UT VT g 2 ʌ rKV . (17)
Die Differenz der beiden Ablesungen ergibt
den Wert für h. Bevor man mit der Messung Dabei sind UT die Dichte der austropfenden
beginnt, ist mit Hilfe einer Dosenlibelle zu Flüssigkeit, VT das Volumen des abreißenden
überprüfen, ob das Kathetometer genau waa- Tropfens, g die Erdbeschleunigung, rK der
gerecht steht. Radius der Kapillare und V die Grenzflä-
Die Steighöhenbestimmung ist für jede Flüs- chenspannung. Das Volumen eines Trop-
sigkeit mehrmals auszuführen. Mit dem dar- fens VT lässt sich aus dem bekannten Volu-
aus bestimmten Mittelwert ist die gesuchte men V der ausfließenden Flüssigkeit und der
Oberflächenspannung nach Gl. (8) unter Tropfenzahl n berechnen: VT V / n .
98 Mechanik 5 Oberflächenspannung

(a) Versuchsauführung
Bei der praktischen Durchführung von Mes-
sungen der Oberflächenspannung wird ein
M Stalagmometer (Gerät zur Messung der Trop-
fengröße, Abb. M.5.3.1) verwendet. Es be-
steht im Wesentlichen aus einer Kapillare,
oberhalb der sich das Referenzvolumen mit
K (b) Eichmarken befindet. Aus Gl. (18) folgt, dass
bei Kalibrierung des Stalagmometers mit
Wasser die Oberflächenspannung einer un-
bekannten Flüssigkeit mit einer Relativme-
A thode durch Zählen der jeweiligen Tropfen-
zahl (zW Zahl der Wassertropfen, z Zahl der
Abb. M.5.3.1 (a) Stalagmometer mit Referenz- Tropfen der zu messenden Flüssigkeit) be-
marken, (b) Austropfen einer Flüssigkeit aus einer stimmt werden kann:
Kapillare (schematisch)
V U zW
. (19)
In Wirklichkeit ist die Masse des abfallenden VW UW z
Tropfens kleiner als nach Gl. (15) zu erwar-
ten ist. Das hängt mit den kinetischen Vor- Dabei muss die Temperatur bei allen Mes-
gängen beim Abreißen des Tropfens zusam- sungen konstant und das Ausfließverhalten
men. Deshalb wird in Gl. (17) ein empirischer der Flüssigkeiten darf nicht zu unterschied-
Korrekturfaktor Kkorr eingeführt, der dieses lich sein. Falls die Dichten U und UW nicht
Problem berücksichtigen soll: am Arbeitsplatz gegeben sind, können diese
z. B. mit einer Mohr-Westphal-Waage
U Fl VT g 2 ʌ rK V K korr . (M.1.2) gemessen werden.
Es ergibt sich dann für die Oberflächenspan- Das Stalagmometer wird senkrecht in ein
nung Stativ eingespannt und am oberen Ende ein
Schlauchstück, das mit einer Schlauchklem-
g U Fl VT me versehen ist, aufgesetzt. Die zu untersu-
V . (18) chende Flüssigkeit, die sich in einem Gefäß
2ʌ rK K korr
unterhalb der Kapillare befindet, wird vor-
Falls der Korrekturfaktor nicht bekannt ist, sichtig bis über die obere Marke in das tro-
kann man diesen durch Kalibriermessungen ckene und saubere Stalagmometer mit Hilfe
ermitteln. In der Regel verwendet man als eines Gummigebläses nach oben gesaugt. Die
Kalibriersubstanz Wasser, dessen Oberflä- Schlauchklemme wird geschlossen und das
chenspannung gegenüber Luft als Funktion Gummigebläse entfernt. Nun wird die
der Temperatur - gut bekannt ist und mit der Schlauchklemme soweit geöffnet, dass die
empirischen Gleichung Tropfen gut zählbar (etwa 2 Tropfen/s) abfal-
len. Wenn der Flüssigkeitsmeniskus während
VH O 2
>72,9  0,155(-  18qC)@ 103 N m1 des Ausfließens die obere Marke passiert,
im Temperaturbereich zwischen 15 °C und werden die Tropfen gezählt, bis die untere
60 °C gut beschrieben werden kann (relative Marke erreicht ist. Die Messung ist mehrfach
Abweichungen kleiner als 1 %). Wenn man zu wiederholen. Anschließend durchspült
den Radius der Kapillare nicht kennt, kann rK man das Stalagmometer zur Beseitigung von
experimentell bestimmt werden (M.5.2). Wasserresten mit der zu untersuchenden
6.0 Grundlagen 99

Wasser-Ethanol-Mischung und beginnt wie- §1 1 2·


'Wkin ¨ U v2  U v1 ¸ dV ,
2
der mit dem Zählen der Tropfen. Es ist für
©2 2 ¹
fünf verschiedene Konzentrationen die Ober-
flächenspannung bei einer konstanten Tem- während die potentielle Energie um
peratur zu messen und deren Änderung in
' Wpot U g (h2  h1 ) d V
Abhängigkeit von der Konzentration von
Ethanol in der Mischung graphisch darzustel- zunimmt.
len und zu diskutieren.
t t+dt
6 Viskosität und Strö- ds1

mung t
A1 v1
ds t+dt
V 2
6.0 Grundlagen p1 A2
v2
6.0.1 Bernoulli-Gleichung h1 p2

h2
Eine idealisierte Flüssigkeit oder ein ideali-
siertes Gas ströme durch ein Rohr. Die Idea-
lisierung soll darin bestehen, dass der strö-
mende Stoff als inkompressibel angesehen Abb. M.6.0.1 Zur Herleitung der Bernoulli-
und die Wechselwirkung der Flüssigkeits- Gleichung
bzw. Gasmoleküle untereinander und mit der
Rohrwand vernachlässigt wird. Das Volu- Da jegliche Wechselwirkung vernachlässigt
men V eines Stromfadens, dessen Quer- werden soll, muss die verrichtete Arbeit
schnitt A von Ort zu Ort verschieden sein gleich der Summe der gewonnenen kineti-
kann, bewegt sich in der Zeit dt bei Vorhan- schen und potentiellen Energie sein. Es gilt
densein einer Druckdifferenz p1  p2 gemäß also
Abb. M.6.0.1. Das Rohrstück mit dem größe- ǻWStr ǻWkin  ǻWpot ,
ren Querschnitt A1 befindet sich in einer
größeren Höhe h1 als das mit dem kleineren 1
Querschnitt A2 in der Höhe h2. Die betreffen- p1  U v12  U g h1
den statischen Drücke und Strömungsge- 2
(1)
schwindigkeiten sind p1 bzw. p2 und v1 bzw. 1
p2  U v22  U g h2 const
v2. In einer Zeit dt kommt es zur Verschie- 2
bung des Volumens V um die Wegstücke ds1 oder unter Verzicht auf die Indizes und mit
und ds2. Da der Stoff inkompressibel sein soll const = p0 ergibt sich
(Dichte U konstant), gilt
dV A1 d s1 A2 d s2 . 1
p U v 2  U gh p0 . (2)
2
Die durch die Strömung (Verschiebung des
Volumens) verrichtete Arbeit ist Gl. (2) bezeichnet man nach ihrem Entdecker
ǻWStr ( p1  p2 ) dV . Daniel Bernoulli als Bernoulli-Gleichung.
Diese besagt, dass die Summe aus dem stati-
Die kinetische Energie vergrößert sich um schen Druck p, dem dynamischen Druck
100 Mechanik 6 Viskosität und Strömung

(Staudruck) und dem vom Höhenunter- 6.0.2 Gesetz von Hagen und Poiseuille
schied h abhängigen Druck (geodätischer
In einem mit Flüssigkeit oder Gas gefüllten
Druck) konstant ist. Wenn die Strömung
Rohr vom Radius R entsteht eine laminare
durch ein horizontales Rohr erfolgt, bleibt die
Strömung, wenn ein nicht zu großes Druck-
potentielle Energie konstant und der geodäti-
gefälle vorhanden ist. Im stationären Zustand
sche Druck ist null. Dann vereinfacht sich die
ist für jeden koaxialen Zylinder vom Radius r
Bernoulli-Gleichung (2) zu
die Summe von Druckkraft Fp und Rei-
1 bungskraft FR gleich Null:
p  U v2 p0 . (2a)
2 Fp  FR 0.
Im Falle eines realen Stoffs (Flüssigkeit, Gas)
treten bei einer Strömung Reibungskräfte Für die Reibungskraft verwendet man Gl. (3)
aufgrund zwischenmolekularer Wechselwir- und es folgt
kungen auf, deren Wirkung man auch als dv
innere Reibung bezeichnet. ʌ r 2 p1  p2  K 2 ʌ r l 0 ,
dr
Wenn dieser Stoff durch ein zylindrisches
Rohr strömt, hat die Geschwindigkeit in der dv 
p1  p2 r dr .
Rohrachse einen maximalen Wert, während 2K l
sie an der Rohrwand verschwindet. Bei hin-
Die Lösung lautet unter Berücksichtigung der
reichend kleinen Geschwindigkeiten kann
Randbedingung v(R) = 0:
man annehmen, dass differentiell dünne
Hohlzylinder wirbelfrei aneinander gleiten. p1  p2 2 2
Eine solche Strömung nennt man laminar. v r
4K l
R  r . (5)
Zwischen benachbarten Hohlzylindern muss
eine Reibungskraft FR wirken. Diese ist der
Berührungsfläche A und dem Geschwindig- Rohrwand
v(r)
dr

keitsgefälle dv/dr senkrecht zur Fließrichtung


R

proportional. Als Proportionalitätsfaktor


r

führt man die dynamische Viskosität (den Rohrmitte


l
Koeffizienten der inneren Reibung) K ein: p1 p2< p1
dv
FR KA . (3) R
dr
r
Der Zusammenhang in Gl. (3) wird auch als
Reibungsgesetz nach Newton bezeichnet. Die
SI-Einheit der dynamischen Viskosität ist Abb. M.6.0.2 Laminare Rohrströmung mit para-
kg m-1 s-1, die kohärente abgeleitete Einheit belförmiger Geschwindigkeitsverteilung (Hagen-
Pa s (Pascal Sekunde). Das Verhältnis von Poiseuille’sche Gesetz)
dynamischer Viskosität K zur Dichte ȡ be-
zeichnet man als kinematische Viskosität K * : Durch einen Hohlzylinder vom Radius r und
der Dicke dr fließt in der Zeit dt das Volu-
K men dV (Abb. M.6.0.2). Dann berechnet sich
K* . (4)
U der Volumenstrom mit
dV
Die kinematische Viskosität hat die SI- V 2ʌ r dr v r .
Einheit m2 s-1. dt
6.0 Grundlagen 101

Mit v(r) gemäß Gl. (5) und Integration über 2


1 § p  p2 ·
¸ R  r U 2ʌ r l dr .
2 2
alle Hohlzylinder dEk = ¨ 1 2

2 © 4K l ¹
R
ʌ p1  p2
V ³ 2K l
R 2
 r 2 r dr Die gesamte kinetische Energie ergibt sich
0 durch Integration über alle Hohlzylinder zu
folgt das Gesetz von Hagen und Poiseuille:
ʌ U p1 p2 R 6
R 2

ʌ R 4 p1  p2
Ek ³ dE k
96 K 2 l
.
V
0
. (6)
8K l
Dafür kann man
Es ist zweckmäßig, einen Mittelwert der ªUv Rº R
Geschwindigkeit einzuführen. Als mittlere Ek ʌ R 2 p1 p2 « » (9)
Geschwindigkeit v definiert man das aus- ¬ K ¼ 12
fließende Volumen je Zeit, geteilt durch den schreiben. Der in Gl. (9) auftretende Faktor in
Rohrquerschnitt: den rechteckigen Klammern ist dimensions-
los und wird Reynolds-Zahl Re genannt:
V 1
v . (7)
t ʌ R2 U vR
Re . (10)
Aus dem Vergleich der Gln. (6) und (7) folgt
K
für die mittlere Strömungsgeschwindigkeit
Bei Rohrsströmungen ist es üblich, statt des
auch der Zusammenhang
Radius R den Innendurchmesser des Rohrs
v
p1  p2 R 2 .
als charakteristische Länge L =2 R für die
(8) Bestimmung der Reynolds-Zahl zu verwen-
8K l
den:
Das Gesetz von Hagen und Poiseuille gilt U vL
unter der Voraussetzung, dass die Strömung Re . (10a)
K
laminar ist. Bei turbulenter Strömung, bei der
durch Wirbel Teilchen aus einer dünnen Die Reynolds-Zahl hat keine Dimension und
Schicht in benachbarte Schichten gelangen, beschreibt als eine wichtige Kennzahl der
kann Gl. (6) nicht angewendet werden. Aber Strömungslehre das Verhältnis von Träg-
auch im Bereich der laminaren Strömung ist heits- zu Zähigkeitskräften.
das Gesetz von Hagen und Poiseuille nur Die kinetische Energie Ek kann nun unter
richtig, wenn die kinetische Energie der keinen Umständen größer als die in den strö-
Flüssigkeitsteilchen nicht zu groß gegenüber menden Stoff hineingesteckte Arbeit
derjenigen Energie ist, die durch die innere
Reibung bestimmt wird. W ʌ R 2 p1  p2 l (11)
Um das zu verdeutlichen, betrachtet man die
sein. Der Vergleich der Gln. (11) und (9)
in einem Hohlzylinder mit dem Radius r und
liefert
der Dicke dr bei einer Geschwindigkeitsver-
teilung gemäß Gl. (5) enthaltene kinetische
UvR R Re
Energie l! R . (12)
K 12 12
1 2
dEk v dm bzw.
2 Aus sorgfältigen Messungen ist bekannt, dass
102 Mechanik 6 Viskosität und Strömung

für Re < 1160 die Strömung in einem Rohr 4


mit Sicherheit laminar ist. Versteht man unter FA  ʌ r 3 U Fl g . (14)
3
l die Länge des Rohrs, folgt aus der Unglei-
chung Gl. (12), dass sich eine parabolische Es sind UK bzw. UFl die Dichte der Kugel
Geschwindigkeitsverteilung im gesamten bzw. der Flüssigkeit. Für eine Kugel, die sich
Bereich der laminaren Strömung nur dann mit der Relativgeschwindigkeit v zwischen
einstellen kann, wenn das Verhältnis der der Kugel und einer unendlich ausgedehnten
Rohrlänge zum Rohrradius größer als 100 ist. Flüssigkeit bewegt, gilt nach Stokes
Da bei der Herleitung des Gesetzes von Ha-
FR  6 ʌK r v . (15)
gen und Poiseuille Gl. (5) verwendet wird,
kann Gl. (6) nur gelten, wenn die Unglei-
Im Experiment fällt die Kugel in einem Rohr
chung Gl. (12) erfüllt ist. mit dem Radius R und der Höhe h. Der Be-
trag der Reibungskraft vergrößert sich mit
6.1 Kugelfallmethode wachsenden Verhältnissen r/R und r/h. Da
Aufgabenstellung nicht in jedem Fall h !! R !! r gilt, ist die
Reibungskraft zu korrigieren. Unter Berück-
Die dynamische Viskosität einer sehr zähen sichtigung der Ladenburg’schen Korrektur
Flüssigkeit ist mit der Kugelfallmethode nach (A. Ladenburg) mit dem Korrekturfaktor
Stokes bei Zimmertemperatur zu bestimmen.
r r
Ckorr (1  2,1 ) (1  3,3 )
ϑ R h
ergibt sich als modifizierte Gleichung für die
Reibungskraft
FR,korr  6 ʌK r v Ckorr . (15a)

FA+ FR Nachdem die Kugel eine gewisse Strecke in


der Flüssigkeit zurückgelegt hat, stellt sich
eine konstante Geschwindigkeit v = l / t ein.
l Dann muss die Summe der auf die Kugel
FG wirkenden Kräfte verschwinden:
FG  FA  FR 0 . (16)
Setzt man die Gln. (13), (14) und die korri-
gierte Reibungskraft nach Gl. (15a) in
Gl. (16) ein, erhält man für die dynamische
Viskosität die Gleichung
Abb. M.6.1.1 Kugelfallmethode nach Stokes
2 U K  U Fl g
K r2 t ˜
Auf eine in einer zähen Flüssigkeit fallende 9l
Kugel (Abb. M.6.1.1) vom Radius r wirken 1 1 (17)
§ r· § r·
drei Kräfte: die Schwerkraft FG, der Auftrieb ¨1  2,1 ¸ ¨1  3,3 ¸ .
FA und die Reibungskraft FR: © R¹ © h¹

4 Die Stokes-Beziehungen Gln. (15) bzw. (15a)


FG ʌ r 3 UK g , (13)
3 gelten unter der Voraussetzung, dass die
6.2 Kugelfall-Viskosimeter 103

Reynolds-Zahl nach Gl. (10a) einem vorgegebenen Temperaturbereich zu


ermitteln und deren Beschreibung durch eine
U Fl v L Exponentialfunktion zu überprüfen.
Re (L = 2 r) (18)
K
Fällt eine Kugel in einem senkrecht stehen-
sehr klein gegen eins ist. Aus diesem Grunde den Rohr, dessen Durchmesser nur wenig
ist auch Gl. (17) nur für sehr kleine Rey- größer als der Kugeldurchmesser ist, berührt
nolds-Zahlen brauchbar. Die Kugelfallme- die Kugel im Allgemeinen in unkontrollier-
thode zur Bestimmung der dynamischen barer Weise die Rohrwand.
Viskosität kann nur als Demonstrationsver-
such angesehen werden. Für die meisten
Flüssigkeiten sind die Fallzeiten von Glas-
oder Metallkugeln selbst bei großen Fallstre-
cken relativ klein. Außerdem ist die Viskosi-
L
tät aller Flüssigkeiten stark von der Tempera-
tur abhängig. Es bereitet experimentell viel
Mühe, die Temperatur einer in einem langen
T
Rohr befindlichen Flüssigkeit konstant zu A
halten.
Versuchsausführung
S
Man misst mit einem Maßband die Fallstre-
cke l, den Rohrradius R und die Höhe der
Flüssigkeitssäule h. Der Durchmesser der
Kugeln wird mit einer Bügelmessschraube Abb. M.6.2.1 Aufbau des Kugelfall-Viskosime-
bestimmt. Die Fallzeiten der Kugeln zwi- ters nach Höppler mit den beiden Messmarken
schen oberer und unterer Marke am Rohr (rote Ringe), Dosenlibelle L, Thermometer T
werden mit einer elektronischen Stoppuhr
gemessen. Es ist darauf zu achten, dass die Ihre Bewegung wird reproduzierbar, wenn
Kugeln längs der Rohrachse fallen und dass man das Rohr um einige Grad gegen die
keine Luftblasen an den Kugeln hängen. Vertikale neigt, d. h. die Kugel an der Rohr-
Die Messungen sind bei einer konstanten wand nach unten gleiten lässt. Diese Überle-
Temperatur durchzuführen. Man berechnet gung veranlasste Höppler, ein Viskosimeter
die Viskosität K nach Gl. (17), die Dichten UFl mit geneigtem Rohr zu entwickeln
und UK können den Tabellen im An- (Abb. M.6.2.1). Das Viskosimeterrohr befin-
hang (A.7, A.8) bzw. den Versuchshinweisen det sich in einem weiten Glasrohr, durch das
im Praktikum entnommen werden. Es ist zu man Flüssigkeit konstanter Temperatur strö-
zeigen, ob die Reynolds-Zahlen für alle ver- men lässt. Hat die Kugel die Messtrecke
wendeten Kugelradien viel kleiner als eins (Abstand zwischen oberer und unterer Marke
ist (Gl. (18)). am Viskosimeterrohr) durchlaufen, dreht man
das Viskosimeter 180q um die Achse A und
6.2 Kugelfall-Viskosimeter lässt die Kugel zurückgleiten. Während der
Messung ist das Viskosimeter mit der
Aufgabenstellung Schraube S zu arretieren. Die Viskosität
Es ist die Temperaturabhängigkeit der dyna- bestimmt man mit der Gleichung
mischen Viskosität einer Flüssigkeit mit dem
Kugelfall-Viskosimeter nach Höppler in K K U K  UFl t . (19)
104 Mechanik 6 Viskosität und Strömung

In Gl. (19) ist K die Kugelkonstante, t die sich ein im Rahmen der Messunsicherheit
Zeit, in der die Kugel die Messstrecke durch- konstanter Wert ergibt. Die Dichten UK und
läuft, und UK bzw. UFl sind die Dichte der UFl sind der Anleitung am Arbeitsplatz zu
Kugel bzw. der Flüssigkeit. Die Gln. (17) entnehmen. Die Viskosität K wird nach
und (19) stimmen formal überein. Während Gl. (19) berechnet und ihre Temperaturab-
sich aber für eine in einem weiten Rohr fal- hängigkeit ist graphisch darzustellen. Da die
lende kleine Kugel die Kugelkonstante be- Viskosität vieler Flüssigkeiten einer expo-
rechnen lässt, muss die Größe K in Gl. (19) nentiellen Temperaturabhängigkeit entspre-
gegeben sein oder mit Hilfe einer Kalibrier- chend K T A1 exp ( A2 / T ) genügt, trägt
flüssigkeit empirisch ermittelt werden. Um
das Höppler-Viskosimeter in einem sehr man lnK über der reziproken absoluten Tem-
großen Viskositätsbereich verwenden zu peratur 1/T auf. Mit Hilfe des linearen Aus-
können, gehört zu jedem Gerät ein Satz von gleichs (graphisch oder rechnerisch) be-
Kugeln verschiedener Größe und Dichte. stimmt man die in einem nicht zu großen
Eine der Kugeln ist auch zur Bestimmung der Temperaturbereich konstanten Materialpara-
Viskosität von Gasen geeignet. Bei den Mes- meter A1 und A2.
sungen ist darauf zu achten, dass man eine
bestimmte Mindestfallzeit nicht unterschrei- 6.3 Kapillar-Viskosimeter
tet, da anderenfalls die Strömung um die Aufgabenstellung
Kugel nicht mehr laminar ist.
1. Die Abhängigkeit der kinematischen Vis-
Versuchsausführung kosität einer Flüssigkeit von der Temperatur
Die Versuchsflüssigkeit, die ggf. vor dem ist in einem vorgegebenen Temperaturbe-
Einfüllen in das Glasrohr durch Erwärmung reich mit dem Kapillar-Viskosimeter nach
und anschließend durch langsames Abkühlen Ubbelohde zu bestimmen.
weitestgehend zu entgasen ist, wird in das 2. Aus den Werten der kinematischen Visko-
Viskosimeter gefüllt. Alle an der Rohrwand sität sind die Werte der dynamischen Visko-
haftenden Luftblasen sind sorgfältig zu ent- sität zu berechnen. Es ist die molare Energie
fernen. Dann steckt man langsam die Kugel für die molekularen Platzwechselvorgänge
in das Rohr, ohne dass sich um die Kugel bei laminarer Schichtenströmung durch gra-
Luftblasen bilden können. Der Einsatz am phische Auswertung zu ermitteln.
oberen Ende des Viskosimeterrohrs soll nicht
vollständig gefüllt sein, damit sich die Flüs- Das Viskosimeter nach Ubbelohde ist ein
sigkeit beim Erwärmen ausdehnen kann. Man Kapillarviskosimeter. Es unterscheidet sich
schließt das Rohr mit dem dafür vorgesehe- von dem älteren Viskosimeter nach Ostwald
nen Schraubverschluss und justiert das durch das Rohr 3 (Abb. M.6.3.1).
Viskosimeter. Danach wählt man an einem Dieses Rohr bewirkt, dass am unteren Ende
Umwälzthermostaten die gewünschte Mess- der Kapillare (4, Rohr 2) Luftdruck herrscht.
temperatur und schaltet diesen ein. Die aus der Kapillare austretende Flüssigkeit
Die Zeit, in der sich die Kugel von der obe- fließt in einer dünnen Schicht an der Innen-
ren bis zur unteren Messmarke am Viskosi- wand des Volumens C ab. Dabei bildet sich
meterrohr bewegt, wird mit einer Stoppuhr ein so genanntes hängendes Kugelniveau, das
gemessen. Da die Temperatur nicht in der zu nach sorgfältigen Untersuchungen von Ubbe-
untersuchenden Flüssigkeit, sondern im lohde unabhängig von der Dichte, der Visko-
Temperierbad bestimmt wird, ist die Fallzeit sität und der Oberflächenspannung der zu
bei jeder Temperatur so oft zu stoppen, bis untersuchenden Flüssigkeit ist. Die untere
6.3 Kapillar-Viskosimeter 105

Grenze der Druckhöhe h ist daher das untere [Zur Berechnung von įp (Hagenbach-Korrektur)
Ende der Kapillare (nicht wie beim Ostwald- schreibt man die kinetische Energie je Zeit der
Viskosimeter die variable Höhe des Flüssig- durch einen Hohlzylinder mit dem Radius r und
keitsspiegels im Volumen B). der Dicke dr (Abb. M.6.0.2) strömenden Flüssig-
dE 1
U d V v r .
2
keit auf: d Ekc
1 2 3 dt 2
Für dV gilt d V (r ) 2 ʌ r v r d r . Daraus folgt
1
U 2 ʌ r d r v r bzw. mit Gl. (5) erhält
3
dEkc
2
D 3
M1 ªp p º
man dEkc U ʌr« 1
4 K l
2
R 2  r 2 » d r .
¬ ¼
A
M2
Die Integration über alle Hohlzylinder liefert die
gesamte kinetische Energie je Zeit:
3
ª p1  p2 º R8
Ekc U ʌ« » .
h(0) ¬ 4K l ¼ 8
h(t) UV 3
4 Mit Gl. (6) ergibt sich Ekc . Andererseits
ʌ 2 R 4t 3
įpV UV2
ist Ekc und es folgt įp . (22)
t ʌ 2 R 4t 2
M3
Die dargestellte Überlegung ist insofern nicht
C
M4
B exakt, weil beim Eintritt der Flüssigkeit in die
Kapillare eine parabolische Geschwindigkeitsver-
teilung gemäß Gl. (5) noch gar nicht vorliegt. Aus
diesem Grunde bringt man an Gl. (22) einen
Abb. M.6.3.1 Aufbau des Kapillar-Viskosimeters Korrekturfaktor kP an, der einen Wert von etwa
nach Ubblohde 1,1 hat:
kp U V 2
Die Druckhöhe h ändert sich während der įp . (23)
Messung von h(0) bis h(t). Man rechnet ʌ 2 R 4t 2
deshalb mit dem zeitlichen Mittelwert Setzt man die Gln. (21) und (23) in Gl. (20) ein,
t folgt
1
t ³0
h h dt .
ʌ g h R4 mV 1
K t .
8V l 8ʌ l t
Für die kinematische Viskosität gilt nach den
Gln. (6) und (4) ʌ g h R4
Mit den Konstanten K und
8V l
ʌ p1  p2 R 4 t
K . (20) mV ª Kc º
8V l U Kc wird K K «t  ».
8ʌl ¬ Kt¼
Beim Eintritt in die Kapillare muss die Flüs- Die Größe K c / ( K t ) muss die Dimension einer
sigkeit beschleunigt werden. Dazu ist ein
Zeit haben. Deshalb führt man eine Korrekturzeit
Druck Gp notwendig. ein:
p1  p2 U g h  įp . (21) tc K c /( K t ) . ] (24)
106 Mechanik 6 Viskosität und Strömung

Für die Bestimmungsgleichung der kinemati- darzustellen (Ausgleichsgerade y =A + B x,


schen Viskosität folgt dann der Gleichung Auswertung siehe Einführung 2.3 bzw. 2.4).
Für viele (nicht assoziierte) Flüssigkeiten
K K t  tc . (25) wird zur Beschreibung der Temperaturab-
hängigkeit der dynamischen Viskosität die
Die Kapillar-Viskosimeter nach Ubbelohde Andrade-Arrhenius-Beziehung
sind so dimensioniert, dass sich die Werte der
§ EA ·
Viskosimeterkonstanten K nur sehr wenig K T C exp ¨ ¸ (26)
von 1 mm2 s-2, 0,1 mm2 s-2 bzw. 0,01 mm2 s-2 © RT ¹
unterscheiden. Der Wert von K ist in das verwendet, die einen direkten Zusammen-
kalibrierte Viskosimeter geätzt oder kann hang zwischen der molaren Aktivierungs-
dem Gerätezertifikat des Herstellers ent- energie EA und dem Fit-Parameter B herstellt
nommen werden, in dem auch die Standard- (EA = R B). In Gl. (25) sind C eine Material-
unsicherheit für K mitgeteilt wird. konstante und R die universelle Gaskonstan-
Versuchsausführung te. Die Größe EA ist eine Maß für die Größe
der zwischenmolekularen Wechselwirkun-
Zunächst wird das Rohr 1 (Abb. M.6.3.1) mit gen, die für das wirbelfreie aneinander Vor-
Messflüssigkeit gefüllt, bis der Flüssigkeits- beifließen der Schichten bei laminarer Strö-
spiegel zwischen den Marken M3 und M4 mung notwendig ist.
liegt. Danach stellt man am Regelteil des
Thermostaten die gewünschte Temperatur ein 6.4 Strömung im Rohr
und schaltet den Thermostaten ein. Dieser
speist einen Glasbehälter mit der Thermostat- Aufgabenstellung
flüssigkeit, in den das Viskosimeter einzuset- 1. Bei einer Rohrströmung soll diejenige
zen ist. Rohr 3 wird mit dem Finger ge- Reynolds-Zahl bestimmt werden, bei der die
schlossen und die Messflüssigkeit z. B. mit laminare Strömung in einem Rohr in turbu-
Hilfe eines Gummigebläses in Rohr 2 hoch- lente Strömung umschlägt.
gesaugt. Wenn das Volumen D völlig gefüllt 2. Für den Bereich der laminaren Strömung
ist, öffnet man Rohr 3 und bestimmt die ist zu zeigen, dass zwischen dem Wider-
Zeit t, in der der Flüssigkeitsspiegel von der standsbeiwert und der Reynolds-Zahl ein
Marke M1 bis zur Marke M2 sinkt. Man no- linearer Zusammenhang besteht.
tiert die Temperatur des Flüssigkeitsbads und
die Ausflusszeit t bei dieser Temperatur so Bei einer stationären Strömung durch ein
oft, bis sich der Wert von t nicht mehr ändert. Rohr vom Radius R ist die Summe aus
Die der Ausflusszeit entsprechende Korrek- Druckkraft Fp und Reibungskraft FR gleich
turzeit t c wird der vom Hersteller des Visko- null:
simeters mitgelieferten Tabelle entnommen
und die kinematische Viskosität nach Gl. (25) Fp  FR 0 . (27)
berechnet. Der Versuch ist bei anderen Tem-
peraturen zu wiederholen. Unter Verwen- Für FR soll ein Ansatz gewählt werden, der
dung von Gl. (4) kann die dynamische Visko- im Gegensatz zu Gl. (3) sowohl im Bereich
sität berechnet werden. der laminaren als auch in dem der turbulen-
Die Temperaturabhängigkeit der dynami- ten Strömung brauchbar ist. Man setzt die
schen Viskosität ist graphisch in einem karte- Reibungskraft FR proportional der ange-
sischen Koordinatensystem mit den trans- strömten Mantelfläche A und der kinetischen
formierten Koordinaten x = 1/T und y = lnK Energie je Volumen mit der mittleren Ge-
6.4 Strömung im Rohr 107

schwindigkeit v (Gln. (7) und (8)): experimenten gewonnen wurde:


U 0,0791
FR  cW A v2 . (28) cW, turb . (34)
2 Re1/ 4
Die Größe cW beschreibt den dimensionslo-
Versuchsausführung
sen Widerstandsbeiwert, wobei U die Dichte
der Flüssigkeit ist. Aus Man stellt eine Druckdifferenz (p1  p2) als
Höhendifferenz (h1h2) ein, die durch Ma-
U
ʌ R 2 p1  p2  cW 2 ʌ R l v2 0 nometer im Abstand l längs des Rohrs ge-
2 messen wird (Abb. M.6.4.1). Befindet sich
Luft im Strömungsrohr, darf erst dann mit
folgt der Messung begonnen werden, wenn die

cW
p1  p2 R . (29)
strömende Flüssigkeit alle Luftblasen aus
dem Rohr entfernt hat. Die Temperatur der
U l v2
Flüssigkeit (Wasser) ist abzulesen, die Werte
Wird die Druckdifferenz ( p1 p2 ) mit Ma- für die Dichte ȡ sowie die Viskosität Ș kön-
nen der Tabelle A.9 im Anhang entnommen
nometerrohren (Abb. M.6.4.1) gemessen, gilt
werden. Man wiederholt die Messung bei
p1  p2 U g h1  h2 . etwa 20 verschiedenen Druckdifferenzen.

Damit wird der Widerstandsbeiwert


S
g h1  h2 R
cW . (30)
l v2

Ist die Strömung laminar, kann man Gl. (8) M h1


als
h1-h2
p1 p2 ʌ R 2  8 ʌK l v 0 (31)
2r h2
schreiben. Aus den Gln. (27) und (31) folgt l
FR 8ʌK l v . (32) Abb. M.6.4.1 Schematische Darstellung der
Der Vergleich der Gln. (28) und (32) liefert Versuchsanordnung zur Strömung in einem Rohr
mit Mariott’scher Flasche (M)
den Widerstandsbeiwert einer laminaren
Strömung mit der Reynolds-Zahl nach
Als Vorratsbehälter kann eine Mariott’sche
Gl. (10a):
Flasche verwendet werden, die über einen
16 Wasserzulauf verfügt, so dass sich auch bei
cW, lam . (33) kontinuierlichem Abfluss das untere Ende
Re
des Steigrohrs immer im Wasser befindet.
Trägt man lg cW über lg Re auf, erhält man Bei konstanter Höhe des unteren Ende des
für den Bereich der laminaren Strömung Steigrohrs S herrscht ein konstanter Über-
gemäß Gl. (33) eine Gerade mit dem An- druck am Auslass der Mariott’schen Flasche.
stiegswert -1. Bei turbulenter Strömung be- Durch Variation der Höhe der Flasche ge-
steht zwischen cW und Re ein anderer Zu- genüber der Lage des horizontalen Strö-
sammenhang, der empirisch aus Strömungs- mungsrohrs sowie durch die Änderung der
108 Mechanik 6 Viskosität und Strömung

Eintauchtiefe des Steigrohrs, aber auch mit keiten erhält man aus Gl. (7), die Wider-
Hilfe eines Ausflusshahns, kann die Druck- standsbeiwerte cW aus Gl. (30) und die Rey-
differenz und damit der Volumenstrom geän- nolds-Zahlen Re aus Gl. (10). Man stellt
dert werden. Am Ausgang des Strömungs- lg cW in Abhängigkeit von lg Re graphisch
rohrs wird mit einem Messzylinder das aus- dar und entnimmt dem Graphen den Wert der
fließende Volumen in einer bestimmten Zeit kritischen Reynolds-Zahl (Rekr), bei dem der
ermittelt. Wechsel von einer laminaren in eine turbu-
Da das Gesetz von Hagen und Poiseuille nur lente Strömung beobachtet wird. Unterhalb
für laminare Strömungen gilt, verwendet man und oberhalb von Rekr ist der Verlauf des
für die experimentelle Bestimmung von R die Graphen zu diskutieren. Dabei ist insbeson-
bei kleinen Druckdifferenzen ermittelten dere die Anwendbarkeit der Gln. (33) und
Volumenströme. Die mittleren Geschwindig- (34) zu überprüfen.
109

Wärmelehre
1 Temperaturmessung Sie wird in der Einheit Grad Celsius (°C)
angegeben und es gilt die Größengleichung
- = (T(K)  273,15) °C. Im Falle einer Tem-
1.0 Grundlagen peraturdifferenz
'- -2  -1 bzw. 'T T2  T1 (1)
1.0.1 Temperatur, Maßeinheiten und
Temperaturskalen stimmt der Zahlenwert in beiden Skalen
überein und es wird die Einheit Kelvin emp-
Die Temperatur ist eine Zustandsgröße der fohlen (DIN 1345). Daraus folgt, dass die
Thermodynamik, die den Energiezustand Unterscheidung zwischen einem Skalenwert
eines Körpers im thermodynamischen oder einer Differenz ohne eine zusätzliche
Gleichgewicht charakterisiert. Nach der kine- Erläuterung nicht möglich ist.
tischen Gastheorie hängt sie von der durch- Bei hohen Genauigkeitsanforderungen sind
schnittlichen kinetischen Energie der sich Temperaturmessungen sehr schwierig und
bewegenden Teilchen ab. nur mit sehr hohem Aufwand zu realisieren.
Die Thermodynamik verwendet die Tem- Deshalb wurde für den praktischen Gebrauch
peratur als vierte Grundgröße neben den aus eine empirische Internationale Temperatur-
der Mechanik bekannten Grundgrößen Mas- skala festgelegt, die gegenwärtig gültige ist
se, Länge und Zeit. Die Messung der Tempe- die ITS-90. Diese beinhaltet ein System von
ratur erfolgt indirekt durch die Untersuchung vorgeschriebenen Messgeräten und Messver-
physikalischer oder chemischer Stoffeigen- fahren zur möglichst genauen Annäherung an
schaften, die einer unmittelbaren Messung die thermodynamische Temperatur. Mit der
zugänglich sind. Eine Definition der Tempe- ITS-90 werden spezielle Temperaturen (so-
ratureinheit ist nur im Zusammenhang mit genannter Fixpunkte) festgelegt, von denen
der Realisierung einer Temperaturskala mög- einige Beispiele in Tabelle W.1.1 aufgeführt
lich. Die thermodynamische Temperaturskala sind.
ist zwar theoretisch über den 2. Hauptsatz der
Thermodynamik und den Carnot-Kreis- Tabelle W.1.1 Beispiele für Fixpunkte der Inter-
prozess begründbar, jedoch nur mit einem nationalen Temperaturskala ITS-90
Gasthermometer weitgehend realisierbar. Mit Tripelpunkt 13,8033 K
Hilfe der thermodynamischen Temperatur- Wasserstoff
skala wird die Temperatureinheit, das Kelvin,
definiert: Das Kelvin (K) ist der 273,16-te Tripelpunk 54,3584 K
Teil der thermodynamischen Temperatur des Sauerstoff
Tripelpunkts von reinem Wasser. Je nach der Tripelpunkt 273,16 K
Wahl des Nullpunkts unterscheidet man zwi- Wasser
schen Kelvin-Skala und Celsius-Skala. Die
Erstarrungspunkt 505,078 K
absolute Temperatur T wird in Kelvin (K)
Zinn
gemessen, deren Nullpunkt der absolute
Nullpunkt ist. Für die Celsius-Temperatur Erstarrungspunkt 933,473 K
wählt man das Formelzeichen - oder t. Aluminium

W. Schenk et al., Physikalisches Praktikum,


DOI 10.1007/978-3-658-00666-2_3, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
110 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

Um diese hohen Genauigkeiten zu erreichen, Die Größen l0 und V0 stellen Bezugsgrößen


werden für ausgewählte Temperaturbereiche bei der Temperatur T0 dar und die Gln. (2) bis
unterschiedliche Thermometer, wie Dampf- (5) sind nur für begrenzte Temperaturinter-
druckthermometer (0,65 K bis 25 K), Wi- valle gültig. Aus der dritten Potenz von
derstandsthermometer (13,8 K bis 1235 K) Gl. (3) erhält man bei Vernachlässigung der
und oberhalb 1235 K Spektralpyrometer als Potenzen zweiter und dritter Ordnung
Normalgeräte vorgegeben. Aus den Anzeigen Ȗ | 3 D l . Im Falle nichtlinearer Abhängigkei-
der Normalgeräte erhält man die Temperatur ten führt man differentielle Ausdehnungsko-
mit Hilfe vorgeschriebener Definitionsglei- effizienten ein, d. h., man ersetzt 'l/'T durch
chungen. Im Jahr 2000 wurde die ITS-90 dl/dT bzw. 'V/'T durch dV/dT.
nach tieferen Temperaturen hin erweitert Längen- und Volumenausdehnung werden
(Bereich zwischen 0,9 mK und 1 K). Die bei der praktischen Konstruktion von Ther-
Kurzbezeichnung dieser Tiefsttemperaturska- mometern genutzt. Bei Metall-Ausdeh-
la lautet PLTS-2000 (Provisional Low Tem- nungsthermometer finden in der Regel Bime-
perature Scale), wobei für die Kalibrierung tallthermometer praktische Anwendungen,
dieser Skala die Druckabhängigkeit der die in einem Temperaturbereich von et-
Schmelztemperatur von 3He verwendet wird, wa 70 qC bis 600 qC zum Einsatz kommen.
die man mit einer Polynomfunktion höherer Im Prinzip enthalten diese zwei Metalle mit
Ordnung beschreibt. unterschiedlicher thermischer Ausdehnung,
die fest miteinander verbunden sind. Eine
1.0.2 Ausdehnungsthermometer Änderung der Temperatur verursacht eine
Bei Erwärmung bzw. Abkühlung eines Kör- Veränderung der Krümmung des Bimetalls,
pers ändert sich unabhängig vom Aggregat- deren Stärke von der Größe der Temperatur-
zustand seine Länge bzw. sein Volumen. änderung abhängig ist.
Bei einer Längenänderung 'l ('l = l – l0) in Flüssigkeitsthermometer beruhen auf der
einem Temperaturintervall 'T ('T = T – T0) thermischen Ausdehnung einer Flüssigkeit in
wird als Proportionalitätsfaktor der Längen- einem Gefäß mit angesetzter Kapillare und
ausdehnungskoeffizient Dl eingeführt: verwenden zum Anzeigen der Temperatur
den Ausdehnungsunterschied zwischen Füll-
1 'l flüssigkeit und Gefäßmaterial. Als Thermo-
Dl . (2) meterflüssigkeit kommen benetzende und
l0 ' T
nicht benetzende Flüssigkeiten zur Anwen-
Für die Temperaturabhängigkeit der Länge l dung, z. B. Alkohol (110 °C bis +60 °C),
gilt dann Pentan (110 °C bis +60 °C) oder Quecksil-
ber (30 °C bis +350 °C). Die mit guten
l l0 1  D l 'T . (3) Flüssigkeitsglasthermometern erreichbaren
Analog zum Längenausdehnungskoeffizien- Messunsicherheiten liegen bei 0,1 K. Um
ten führt man den Volumenausdehnungskoef- solche geringen Messunsicherheiten zu reali-
fizienten J ein: sieren, müssen zusätzliche Korrekturen be-
züglich der Temperaturanzeige erfolgen.
1 'V
J . (4)
V0 'T 1.0.3 Elektrische Temperatursensoren
Zu den wichtigsten elektrischen Temperatur-
Daraus folgt für die Temperaturabhängigkeit
sensoren gehören Widerstandsthermometer
des Volumens
und Thermoelemente. Bei den Widerstands-
V V0 1  J 'T . (5) thermometern wird die temperaturabhängige
1.0 Grundlagen 111

Änderung des elektrischen Widerstands als unsicherheiten einfacher technischer Wider-


Maß für die Temperatur benutzt (E.1.0.l). standsthermometer liegen zwischen 0,2 K
Bevorzugt werden Metalle und Halbleiter, und 2 K je nach Messbereich und Fertigung.
die eine große und reproduzierbare Tempera- Thermoelemente gehören zu den elektrischen
turabhängigkeit des elektrischen Widerstands Temperatursensoren, die in einem sehr wei-
aufweisen (z. B. Platin, Rhodium, Metalloxi- ten Temperaturbereich von etwa 200 qC bis
de, Germanium, Silizium u. a.). Als Metall- 3000 qC zur Temperaturmessung geeignet
Widerstandsthermometer verwendet man sind. Bei ihnen nutzt man die Thermo-
sehr oft das Platin-Widerstandsthermometer, elektrizität (Seebeck-Effekt) aus.
bei dem der elektrische Widerstand als Funk-
tion der Temperatur durch ein Polynom hö- E
herer Ordnung beschrieben werden kann
(DIN EN 60751). Für kleine Temperaturin- I II II I
tervalle 'T sowie bei nicht zu hohen Anfor-
derungen an die Genauigkeit genügt in prak-
tischen Fällen oftmals die Näherung durch
den linearen Zusammenhang 1
T1 T2
2
R T R T0 1  E 'T , (6)
>
T1 T2
wobei E der lineare Temperaturkoeffizient
des elektrischen Widerstands mit E > 0 ist.
Eine große technische Bedeutung besitzt der
Pt-100-Messwiderstand als Sensorelement, Abb. W.1.0.1 Messprinzip des Thermoelements
für den nach der gültigen DIN ein festes Wi- mit zwei verschiedenen Metallen I und II
derstandsverhältnis festgelegt ist:
Dazu müssen sich in einem offenen Leiter-
R(100 qC) / R(0 qC) 138,51 : /100 : . kreis zwei Kontaktstellen (Verbindung von
zwei thermoelektrisch wirksamen homoge-
Als Grundmaterialien für NTC-Temperatur- nen Leitern I und II) auf verschiedener Tem-
sensoren (Negative Temperature Coefficient) peratur T1 und T2 (Abb. W.1.0.1) befinden.
kommen in der Regel polykristalline Kera- Infolge der Temperaturdifferenz 'T T2 T1
miken zum Einsatz. Diese bestehen im All- entsteht zwischen den offenen Enden des
gemeinen aus Mischmetalloxiden, deren Kreises die Thermospannung E, die einen
Temperaturkoeffizient von der Zusammen- Thermostrom bewirkt, wenn die Enden mit-
setzung und den Korngrenzeneigenschaften einander leitend verbunden sind. Bei einem
abhängt. Die Temperaturabhängigkeit des Thermoelement wird demzufolge thermische
Widerstands der NTC-Sensoren kann in aus- Energie direkt in elektrische Energie umge-
gewählten Temperaturbereichen mit der Be- wandelt. Für die meisten verwendeten Me-
ziehung tallkombinationen liegt die Thermospannung
in der Größenordnung von einigen Mikro-
°­ ª§ 1 · § 1 · º °½
R T R0 exp ®b «¨ ¸  ¨ ¸ »¾ (7) bis Millivolt. Zur Charakterisierung der Emp-
°¯ «¬© T ¹ © T0 ¹ »¼ °¿ findlichkeit eines Thermoelements benutzt
man die differentielle Thermospannung
beschrieben werden, wobei R0 der Wider-
stand bei der Bezugstemperatur T0 und b eine dE
S th , (8)
materialabhängige Konstante sind. Die Mess- dT
112 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

die auch als Seebeck-Koeffizient bezeichnet strahlte thermische Energie eindeutig durch
wird und von der Temperatur abhängt. Die die Temperatur des Objekts bestimmt sein.
thermoelektrische Spannung E einer Materi- Ein wichtiger Spezialfall ist die spektrale
alkombination lässt sich für nicht zu große Strahlungsverteilung des schwarzen Körpers
Temperaturbereiche durch die quadratische (d. h. eines Körpers, der alle auftreffende
Funktion Strahlung absorbiert bzw. emittiert) und dem
Planck’schen Strahlungsgesetz genügt:
a ' T  b 'T
2
E (9a)
beschreiben. Hierbei sind a und b thermo- 2 h c02 1
elektrische Materialkonstanten und 'T die Les (O , T ) 'O = ' O . (10)
O5 h c0
O kT
Differenz zwischen der Temperatur des e 1
Messfühlers zu einer Bezugstemperatur. Für
ein begrenztes Temperaturintervall kann Les(O, T) ist die spektrale Strahldichte unpola-
meist mit hinreichender Genauigkeit b null risierter Strahlung im Intervall ǻO bezogen
gesetzt und damit die lineare Näherung ver- auf die Einheit des Raumwinkels, und h, c0
wendet werden: sowie k sind die bekannten Fundamentalkon-
E a 'T . (9b) stanten. Benutzt man statt der Wellenlänge Ȝ
die Frequenz f, erhält man im Bezug auf das
Um eine Austauschbarkeit der Thermopaare Frequenzintervall ǻf :
sicherzustellen, sind die Grundspannungs-
werte der wichtigsten Thermopaare internati- 2h f3 1
onal genormt. Diese Normen enthalten die Les ( f , T ) ' f hf
' f . (11)
Thermospannungs-Temperatur-Beziehungen c02
e kT
1
in Form von Tabellen und Polynomen, was
für computergestützte Auswertungen von Die spektrale Strahldichte hängt also bei
Vorteil ist. Einige der technisch häufig ver- einem schwarzen Strahler nur von der Wel-
wendeten Drahtkombinationen (Thermopaa- lenlänge bzw. Frequenz und von der absolu-
re) sind Platin-Platin/Rhodium, Kupfer- ten Temperatur T ab, jedoch nicht von der
Kupfer/Nickel und Nickel-Chrom/Nickel. Beschaffenheit des Strahlers.
Für die exakte Kalibrierung von Thermoele-
menten ist die entsprechende Richtlinie des Mes, λ
2500 K
Deutschen Kalibrierdienstes zu empfehlen.
Für die Messung der Thermospannung wer-
den am einfachsten empfindliche Digital-
voltmeter oder Kompensationsverfahren 2200 K
(E.1.3) verwendet. Bei modernen Digital-
thermometern mit Thermoelement-Mess- 2000 K
fühlern wird die Bezugs- oder Referenztem-
peratur durch eine elektronisch erzeugte Re- 1500 K
ferenzspannung ersetzt, die von einer integ-
rierten Schaltung erzeugt wird. λ
Abb. W.1.0.2 Spezifische Ausstrahlung Mes als
1.0.4 Strahlungsthermometrie
Funktion der Wellenlänge O bei verschiedenen
Mit den Methoden der Strahlungsthermo- Temperaturen eines schwarzen Strahlers
metrie können die Temperaturen von Objek-
ten, die Wärme emittieren, berührungslos Zur Charakterisierung der spektralen Vertei-
gemessen werden. Dabei muss die abge- lung trägt man z. B. die in einem engen Wel-
1.0 Grundlagen 113

lenlängenintervall ǻȜ gemessene Strahldich- Reale Strahler, z. B. glühende Drähte oder


te Les(O, T) bzw. die spezifische Ausstrah- beheizte Metallflächen, emittieren bei glei-
lung Mes(O, T) in Abhängigkeit von der Wel- cher Temperatur stets weniger Strahlungs-
lenlänge O mit der Temperatur T als Parame- energie als schwarze Körper. Das Verhältnis
ter auf (Abb. W.1.0.2). Als spezifische spekt- der Strahldichte des betreffenden Körpers zu
rale Ausstrahlung definiert man den Strah- der eines schwarzen Körpers gleicher Tempe-
lungsfluss (Strahlungsleistung) dividiert ratur bezeichnet man als den spektralen
durch die emittierende Oberfläche. Führt man Emissionsgrad H (O, T ), so dass man für die
die Integration über alle Wellenlängen und spektrale Strahldichte LeO einer realen thermi-
über einen Halbraum (Abb. W.1.4.3) durch, schen Strahlungsquelle schreiben kann:
f ʌ/2 2ʌ
2 h c02 1
M es ³ ³ ³ L O (O , T ) dO cosT sin T dT dM ,
0 0 0
e LeO 'O = H (O , T )
O5 h c0
' O . (15)
O kT
e 1
(12)
erhält man die gesamte spezifische Ausstrah- Damit ergibt sich für die spezifische Aus-
lung eines schwarzen Körpers und es ergibt strahlung nach Gl. (13a)
sich das Stefan-Boltzmann-Gesetz
Me H (O , T ) V (T 4  Tu4 ) . (13b)
5 4 4
2ʌ k T Nach dem Kirchhoff’schen Strahlungsgesetz
M es V T4 (13)
15 c02 h3 ist der Emissionsgrad H ( O, T ) gleich dem
Absorptionsvermögen D (O, T ) eines realen
mit der Stefan-Boltzmann-Konstante Körpers im thermischen Gleichgewicht:
V = 5,6704·10-8 W m-2 K-4 . D ( O , T ) H (O , T ) . (16a)
Befindet sich der schwarze Strahler in einem
anderen Strahlungsfeld, z. B. einer Umge- Die Größe von D (O , T ) lässt sich durch Re-
bung bei der Temperatur Tu , muss im Strah- flexionsmessungen bestimmen,
lungsgleichgewicht die Differenz beider
Strahlungsanteile berücksichtigt werden: D (O , T ) 1  R (O , T ) , (16b)

M es V (T 4  Tu4 ) . (13a) (r) (e)


wobei R = I / I das Verhältnis von reflek-
tierter zu eingestrahlter Intensität bei senk-
Wenn Gl. (10) einmal nach der Wellenlänge rechtem Einfall ist. Falls eine Strahlung auf
differenziert und die Ableitung null gesetzt eine Fläche unter einem Winkel T einfällt,
wird, erhält man das Wien’sche Verschie- der größer als null ist, gilt für die einfallende
bungsgesetz: Intensität das Lambert’sche Gesetz:
Ie I 0 cosT . (17)
Omax T 2,8978 ˜ 103 m K . (14)
Dabei sind T der Winkel zwischen der Flä-
Nach Gl. (14) verschiebt sich bei erhöhter chennormale und I0 die Strahlstärke in Rich-
Strahlungstemperatur das Maximum der tung der Flächennormalen (Abb. W.1.4.3).
Strahlungsleistung zu kürzeren Wellenlängen Einen Körper, bei dem der Emissionsgrad
(vgl. Abb. W.1.0.2). Für eine Temperatur nicht von der Wellenlänge abhängt, bezeich-
von 25 °C erhält man z. B. für die thermische net man als grauen Strahler. Seine spektrale
Strahlung eine Wellenlänge von ca. 9,7 —m, Strahldichte stimmt bis auf einen konstanten
für 1000 °C ergibt sich eine Wellenlänge von Faktor H (0< H < 1) mit der eines schwarzen
etwa 2,3 —m. Körpers überein. Für das technisch wichtige
114 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

Wolfram ist im sichtbaren Spektralbereich struktive Maßnahmen der Blendensysteme ist


der Wert des Emissionsgrads in guter Nähe- das Empfängersignal unabhängig von der
rung H = 0,47, unabhängig von der Tempera- Entfernung zur homogen ausstrahlenden
tur und der Wellenlänge. Fläche unter der Bedingung, dass D ! d gilt.
Die Temperatur T des nichtschwarzen Strah- Zur Einstellung verschiedener Messbereiche
lers kann auch durch seine (schwarze) Strah- kann zwischen Okularlinse und dem Filter
lungstemperatur Ts beschrieben werden. Be- zum Abschwächen der Strahlung z. B. eine
zogen auf die spektrale Strahldichte bei der Absorptionsplatte (Graufilter GF) eingescho-
Wellenlänge O bzw. Frequenz f folgt mit der ben werden.
Näherung h c0 / (O k T )  1 (kleine Wellen-
AB GB
längen) bzw. h f / (k T )  1 (große Frequen-
OB
zen) aus dem Planck’schen nach Gl. (10) das D OK GF F
Wien’sche Strahlungsgesetz:
d
2 c2 E
2hc  Ω'
OT
LWien (O , T ) 'O = 0
e ' O . (18)
es
O5
Mit LWien
es
(O , T ) H O , T LWien
e
(O , T ) erhält man b
die Beziehung a a'

1 1 O
 ln H O , T . (19a) Abb. W.1.0.3 Schematischer Aufbau eines Strah-
T Ts O c2 lungspyrometers

In den Gln. (18) und (19a) beschreibt c2 die Bei einem Glühfaden-Pyrometer, das zu den
zweite Planck-Strahlungskonstante mit Teilstrahlungspyrometern gehört, befindet
c0 h sich der Glühfaden des Pyrometers an der
c2 . (19b) Position der Gesichtsfeldblende. An die Stel-
k le des Empfängers tritt das Auge des Beob-
Um die Temperatur eines Messobjekts berüh- achters. Mit dem Glühfaden-Pyrometer ver-
rungslos zu messen, verwendet man häufig gleicht man die Leuchtdichte des Messob-
Strahlungspyrometer, dessen typischer Auf- jekts mit der des Glühfadens. Letzterer kann
bau in Abb. W.1.0.3 gezeigt wird. Mit ihnen durch die Änderung des Lampenstroms auf
wird von dem Beobachtungsfeld (Durchmes- die Helligkeit des Messobjekts eingestellt
ser D) ein Teilbereich (Messfelddurchmes- werden. Die Stärke des den Glühfaden durch-
ser d ) mit Hilfe einer Objektivlinse (OB) auf fließenden Stroms ist als Funktion der Tem-
eine Gesichtsfeldblende (GB) abgebildet. Der peratur durch Kalibrierung bestimmt worden.
Raumwinkel : ' wird durch die Aper- Bei technischen Glühfaden-Pyrometern be-
turblende (AB) und ihren festen Abstand b trägt die Messunsicherheit 4 K bis 15 K in
zur Gesichtsfeldblende unabhängig von der Abhängigkeit vom Temperaturmessbereich
Gegenstands (a)- und Bildweite (ac) festge- und der Genauigkeitsklasse des verwendeten
legt. Die Okularlinse (OK) sammelt den Pyrometers. Moderne Spektralpyrometer
Strahlungsfluss, der ggf. nach spektraler Fil- verfügen über Mikroprozessoren sowie
terung (F) auf einen photo-, thermo- oder Schnittstellen zum Anschluss an einen Com-
pyroelektrischen Empfänger (E) trifft, dessen puter. Bei einer festgelegten Wellenlänge
Ausgangssignal proportional zum auftreffen- bzw. in einem vorgegebenen Wellenlängen-
den Strahlungsfluss ist. Durch geeignete kon- bereich erfolgt nach der Eingabe des Emissi-
1.0 Grundlagen 115

onsgrads die Berechnung und Anzeige der thermopaaren (z. B. bei konstanter Umge-
Objekttemperatur. Außerdem verfügen mo- bungstemperatur Tu ) setzt man im Allgemei-
derne Pyrometer über Pilotlaser zur genauen nen folgende Gleichung voraus (kTS Sensor-
Festlegung der erfassten Messfläche. konstante):
Ein sehr empfindlicher Detektor für elektro-
U TS kTS (T1  Tu ) kTS 'T . (20)
magnetische Strahlung in einem weiten Wel-
lenlängenbereich ist die Thermosäule. Ein oft Nach einer Temperaturerhöhung 'T stellt
verwendeter Thermosäulentyp ist die Ther- sich nach einer ausreichend langen Wartezeit
mosäule nach Moll (Abb. W.1.0.4), bei der ein stationäres Gleichgewicht zwischen der
die Empfindlichkeit im Wellenlängenbereich empfangenen Strahlungsleistung Pauf und der
zwischen 0,15 —m und 15 —m konstant ist. von der Thermosäule abgeführten Strah-
lungsleistung Pab ein. Die empfangene Strah-
Reflektorfläche Gehäuse lungsleistung ist proportional zur emittierten
Strahlungsleistung der Strahlungsquelle
(Temperatur T) und nach dem Strahlungsge-
setz von Stefan und Boltzmann genügt sie der
UTS
Relation )e v (T 4  Tu4 ) , wobei )e (Ein-
heit W m-2) den Strahlungsfluss der Quelle
beschreibt. Für kleine Unterschiede zwischen
Detektorfläche T1 und Tu ergibt sich

Abb. W.1.0.4 Querschnitt einer Thermosäule


(T14  Tu4 ) (T12  Tu2 ) (T1  Tu ) (T1  Tu )
nach Moll (schematisch) | 2 Tu2 2Tu 'T 4 Tu3 'T .

Sie besteht im Wesentlichen aus einem koni- Damit ist die von der Thermosäule empfan-
schen Reflektor und der geschwärzten Detek- gene Strahlungsleistung, die zur Erwärmung
torfläche, auf der sich in Reihe geschaltete der Messstellen der Thermosäule führt, wie
Thermoelemente befinden, die sich durch auch deren Ausgangsspannung UTS proporti-
Absorption einfallender Wärmestrahlung onal zur Temperaturdifferenz 'T. Daraus
erwärmen. Die Referenzthermoelemente sind folgt die Beziehung U TS v )e . Die Entwick-
so befestigt, dass sie einen direkten Kontakt lung neuer Sensormaterialien ermöglicht die
zu dem massiven Metallgehäuse haben, des- Konstruktion moderner Halbleiter- oder
sen Temperatur konstant auf der Umge- Atomlagen-Thermosäulen. Neben den klei-
bungstemperatur gehalten wird oder man nen Abmessungen sind ein weiterer entschei-
kühlt diese mit einem Thermostaten auf eine dender Vorteil gegenüber konventionellen
für den speziellen Einsatz zweckmäßige tiefe Thermosäulen die sehr hohen Empfindlich-
Temperatur. Im thermischen Gleichgewicht keiten und kurzen Ansprechzeiten.
ist die Ausgangsspannung der Thermosäule Durch die Entwicklung von empfindlichen
direkt proportional zur empfangenen Strah- und kostengünstigen Detektormaterialien für
lungsleistung, wobei die Gleichgewichtsein- den Infrarotbereich (IR-Bereich zwischen
stellung bis zu einigen Sekunden dauern etwa 1 —m und 25 —m) sowie der zur Weiter-
kann. Zur Beschreibung der Abhängigkeit verarbeitung der Detektorsignale erforderli-
der Ausgangsspannung UTS einer Thermo- chen elektronischen Baugruppen finden heute
säule von der Temperaturdifferenz 'T zwi- Infrarot-Thermometer zur kontaktlosen Tem-
schen den bestrahlten Thermopaaren (Tem- peraturmessung in vielen Bereichen eine
peratur T1) und den unbestrahlten Referenz- breite Anwendung.
116 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

(a) Objekt Temperatur ist zusätzlich die Kenntnis des


Sensor Emissionsgrads der emittierenden Oberfläche
notwendig, dessen Wert über die Bedie-
nungstastatur des Infrarotthermometers ein-
gestellt oder über die vom Hersteller mitge-
lieferte Mess- und Auswerteprogramme ein-
{
Optik Messfeld gegeben werden kann. Um zweidimensionale
Sensorfläche Temperaturverteilungen eines Messobjekts
zu erfassen, kommen Wärmebildkameras
b) Daten- zum Einsatz (Thermographie).
ausgabe/
Anzeige
Temperatur-
kompensation 1.1 Thermische Ausdehnung
ADC
Temperatur- Aufgabenstellung
sensor
ADC 1. Für zwei verschiedene Metalle ist der line-
Infrarot- Datenver-
sensor arbeitung are Ausdehnungskoeffizient zu ermitteln.
2. Das Volumen von zwei Flüssigkeiten ist in
Abhängigkeit von der Temperatur zu messen
ε- und in einem Diagramm darzustellen. Es sind
Einstellung
die Volumenausdehnungskoeffizienten für
Abb. W.1.0.5 Schema eines Infrarot-Thermo- bestimmte Temperaturen bzw. in bestimmten
meters, (a) Strahlenverlauf, (b) elektronische Temperaturintervallen zu ermitteln.
Komponenten
Für die Messung des linearen Ausdehnungs-
Bei ihnen wird die empfangene Infrarotstrah- koeffizienten Dl stehen zwei Rohre aus ver-
lung über eine Linse auf einen speziellen schiedenen Metallen zur Verfügung, die mit
Sensor abgebildet (Abb. W.1.0.5a). Dieser wärmeisolierendem Material umhüllt sind.
wandelt die absorbierte Strahlungsenergie in Ein Ende des Rohrs ist fest eingespannt, wäh-
ein elektrisches Signal um. Anschließend rend das andere Ende den Taststift einer
erfolgt dessen elektronische Weiterverarbei- Messuhr berührt (vgl. Abb. W.1.1.1). Zur
tung, die Anzeige der Temperatur auf einem Messung der Änderung der Länge in Abhän-
LC-Display und ggf. die Datenübertragung gigkeit von der Temperatur l(T ) wird eine
an ein rechnergestütztes Messwerterfassungs- mechanische Präzisionsmessuhr (Skalentei-
system (Abb. W.1.0.5b). lungswert 0,01 mm) verwendet. Mit Hilfe
Besonders wichtig ist, dass man unabhängig eines elektronisch geregelten Umwälzther-
vom Abstand zwischen der strahlenden Ober- mostaten pumpt man Wasser konstanter
fläche und dem Infrarotdetektor dessen voll- Temperatur durch die Rohre. Zur Messung
ständige Bestrahlung erreicht. Dazu werden und Kontrolle einer konstanten Temperatur
in das IR-Thermometer Laservisiere integ- längs der Rohrachse sind an verschiedenen
riert, die z. B. mit zwei oder mehr Laserstrah- Stellen des Rohrs Temperatursensoren ange-
len den Durchmesser der erforderlichen bracht.
Messfläche markieren. Moderne IR-Ther-
mometer können auch eine umschaltbare Versuchsausführung
Optik für Fernfeld- und Nahfeldmessung In einem vorgegebenen Temperaturbereich
enthalten, mit der das Anvisieren des Mess- werden zur Realisierung der Aufgabe 1 bei
felds optimiert wird. Für die Bestimmung der zehn verschiedenen Temperaturen die Län-
1.1 Thermische Ausdehnung 117

genänderungen 'l(T ) mit 'l (T ) = l(T ) – l20 zwischen dem abgelesenen (scheinbaren, nur
gemessen. Der Wert von l20 für die Rohrlän- bei -B richtigen) Volumen V01 und dem tat-
ge bei der Temperatur von 20 °C wird am sächlichen Volumen der Flüssigkeit VF1 ist
Arbeitsplatz mitgeteilt. dann

VF1 V01 ª1  3D Gl -1  -B º ,
(a)
(21)
Einspannstelle Rohr Messuhr ¬ ¼

mm
wobei DGl der lineare Ausdehnungskoeffi-
zient von Glas ist. Bei der Temperatur
(b) -2 > -1 hat sich die Flüssigkeit bis zu einer
Kapillare V02 Marke M2 (scheinbares Volumen V02) ausge-
dehnt. Für das tatsächliche Volumen der
V01
Kolben Flüssigkeit bei dieser Temperatur gilt einer-
V0 seits

VF2 V02 ¬ª1  3D Gl -2  -B ¼º (22)


Abb. W.1.1.1 Anordnungen zur Messung des
linearen Ausdehnungskoeffizienten (a) und des
und andererseits
Volumenausdehnungskoeffizienten (b)
VF2 VF1 ¬ª1  J 12 -2  -1 ¼º . (23)
Nach jeder Änderung der Temperatur ist vor Der Ausdehnungskoeffizient der Flüssigkeit
dem Ablesen des Messwerts l(T ) die Einstel-
im Temperaturintervall -1 bis -2 wird hier
lung des Temperaturgleichgewichts abzuwar-
mit J12 bezeichnet. Aus den Gln. (21) und
ten. Die Längenänderung 'l ist in Abhängig-
(23) folgt
keit von der Temperaturänderung 'T gra-
phisch darzustellen. Über den Anstieg der 1  3D Gl -2  -B
Ausgleichsgeraden soll nach Gl. (2) der Wert V02 V01 ¬ª1  J 12 -2  -1 ¼º
1  3D Gl -1 -B
für den linearen Ausdehnungskoeffizienten
bei 20 °C berechnet und mit dem Tabellen- oder bei Berücksichtigung der Tatsache, dass
wert (Anhang A.7) für jedes der beiden Me-
talle verglichen werden. 3D Gl -i  -B  1
Für die Messung der Volumenausdehnung
für alle in Betracht kommenden Temperatu-
der zu untersuchenden Flüssigkeiten wird bei
ren -i ist,
Aufgabe 2 als Ausdehnungsgefäß ein Glas-
kolben (Abb. W.1.1.1b) verwendet, an den
das Rohr einer Kapillare (Messpipette) ange-
V02 ¬ª1  3D Gl -2  -1 ¼º
schmolzen ist. Glaskolben und Messpipette V01 ª¬1  J 12 -2  -1 ¼º .
befinden sich in einem Wasserbad, dessen
Temperatur mit Hilfe eines Thermostaten Damit ergibt sich
schrittweise verändert werden kann.
Das innere Volumen V0 des Gefäßes bei der V02  V01 V
J 12  3D Gl 02 . (24)
Bezugstemperatur -B = 20 qC, bei der die V01 -2  -1 V01
Volumenskala des Pipettenrohrs gültig ist, sei
bekannt. Bei einer Temperatur -1 > -B soll Führt man in Gl. (24) einen Grenzübergang
das Gefäß bis zu einer Marke M1 am Pipet- -1 o -2 = - durch, erhält man den von
tenrohr gefüllt sein. Der Zusammenhang der Temperatur abhängigen (differentiel-
118 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

len) Ausdehnungskoeffizienten mit einem Drucksensor (DS) und dessen


kalibrierter Anzeige verbunden ist. Zunächst
1 dV soll das ideale Gas (z. B. Helium) im Gas-
J-  3D Gl . (25)
V0 - d- thermometerkolben die Temperatur
T0 = 273,15 K haben und unter dem Druck p0
Die Erwärmung innerhalb des vorgegebenen stehen. Die zu bestimmende Temperatur be-
Temperaturintervalls soll in Schritten von rechnet man prinzipiell unter Verwendung
etwa 5 K erfolgen. Die abgelesenen Volumi- der Beziehung
na werden in Abhängigkeit von der Tempe-
ratur graphisch dargestellt. Für den Fall ei- p p0 1  D p 'T . (26)
nes linearen Graphen ist der Anstieg der Aus-
DS
gleichsgeraden zu ermitteln, mit dem man
unter Anwendung von Gl. (24) den Ausdeh- hPa
p
nungskoeffizienten bei der Temperatur -0
bestimmen kann. Verläuft der Graph nicht R
linear, so ist eine Tangente an die Kurve bei
der Temperatur - zu legen, mit deren Anstieg
sich nach Gl. (25) der Wert J- ermitteln lässt.
Der lineare Ausdehnungskoeffizient DGl ist K
bekannt. Weitere für die Versuchsdurchfüh-
rung notwendige Informationen werden am
Arbeitsplatz gegeben.
Abb. W.1.2.1 Gasthermometer (schematisch)
1.2 Gasthermometer
Bezeichnet man das innere Volumen des
Aufgabenstellung
Kolbens bei T0 mit V0, lautet die Zustands-
1. Der Spannungskoeffizient Dp eines idealen gleichung Gl. (W.2-5)
Gases soll mit einem Gasthermometer be-
stimmt werden. p0 V0 n  'n0 R T0 . (27)
2. Mit dem kalibrierten Gasthermometer sind
die Temperatur in einem Wasserbad konstan- Dabei ist n die Gasmenge im Gasthermome-
ter Temperatur und die Siedetemperatur von ter und 'n0 die Gasmenge im so genannten
Stickstoff bei Luftdruck zu messen. schädlichen Raum. Dieser entspricht etwa
dem Innenvolumen 'V von Kapillarrohr und
Die mit Gasthermometern gemessenen Tem- Schlauch und besitzt annähernd die Umge-
peraturen entsprechen recht genau der ther- bungstemperatur -1, d. h., es gilt
modynamischen Temperaturskala. Man nutzt
p0 'V 'n0 R T1 . (28)
dabei die Zustandsänderung des idealen Ga-
ses aus (W.2.0). Bei der hier verwendeten Eliminiert man aus den Gln. (27) und (28)
Methode des konstanten Volumens bleibt das 'n0, erhält man
Volumen der eingeschlossenen Gasmasse in
guter Näherung konstant. Das im Versuch § 'V T0 ·
p0 V0 ¨1  ¸ n R T0 . (29)
eingesetzte Gasthermometer (Abb. W.1.2.1) © V0 T1 ¹
besteht aus einem Glas- bzw. Metallkolben
(K) mit aufgesetztem Kapillarrohr (R), das Nun wird das Gas im Kolben bis zur Siede-
über eine kurze Schlauchverbindung direkt temperatur -s von Wasser erwärmt.
1.2 Gasthermometer 119

Dabei steigt der Druck des Gases im Kolben 1 ps  p0


auf den Wert ps und das Innenvolumen ver- Dp 1  kc . (36)
größert sich infolge der thermischen Ausdeh-
-s p0
nung gemäß Gl. (5). Es gilt mit -s Ts  T0 Die Größe kc beschreibt den Korrekturterm,
(Einheit K) der sowohl das Volumen 'V als auch die
Ausdehnung des Kolbens berücksichtigt:
psV0 1  3D l -s n  'n RTs , (30)
-s ps § 'V 1 ·
wobei Dl der lineare Ausdehnungskoeffizient kc ¨ 3D l  ¸ .
ps  p0 © V0 T1 ¹
des Kolbenmaterials ist. Im Volumen 'V, in
dem die Umgebungstemperatur näherungs-
weise erhalten bleibt, befindet sich jetzt die Versuchsausführung
Gasmenge 'n, und es gilt Es wird die Umgebungstemperatur gemessen
und an einem Barometer der Luftdruck abge-
ps 'V 'n R T1 . (31) lesen. Dann taucht man den Kolben des Gas-
thermometers in ein Eis-Wasser-Gemisch
Aus den Gln. (30) und (31) folgt (‚Eiswasser’, T0 = 273,15 K). Nach einer
§ ausreichenden Wartezeit (Einstellung des
'V Ts ·
ps V0 ¨1  3D l -s  ¸ n R Ts . (32) thermischen Gleichgewichts zwischen Gas-
¨ V0 T1 ¸¹
© thermometer und ‚Eiswasser’) wird der
Druck p0 mit Hilfe eines digitalen Manome-
Die Division von Gl. (32) durch Gl. (29) lie-
ters mit Drucksensor bestimmt. Anschließend
fert bei Gültigkeit der Ungleichungen
bringt man den Kolben in ein Gefäß mit sie-
'V dendem Wasser, wartet das Temperatur-
3D l -s  1 und 1 gleichgewicht ab und notiert den Druck ps.
V0
Die Siedetemperatur des Wassers entnimmt
in guter Näherung man der Tabelle A.10 im Anhang. Das Ver-
hältnis 'V/V0 und der lineare Ausdehnungs-
ps § 'V Ts  T0 · Ts
¨1  3D l -s  ¸ . (33) koeffizient Dl werden gegeben. Danach misst
p0 © V0 T1 ¹ T0 man mit dem Gasthermometer die Tempera-
tur in einem Wasserbad, die mit der Tempe-
Mit raturmessung eines Thermoelements vergli-
Ts T0  Ts  T0 chen werden soll.
1  D p -s Für die Bestimmung der Siedetemperatur von
T0 T0
Stickstoff bei Luftdruck steht flüssiger Stick-
erhält man stoff in einem wärmeisolierenden Gefäß
(Dewar-Gefäß) zur Verfügung. Man taucht
ps § 'V -s · den Kolben des Gasthermometers langsam in
¨1  3D l -s  ¸ 1  D p-s . (34) den Stickstoff, der dabei heftig zu sieden
p0 © V0 T1 ¹
beginnt. Nach einiger Zeit wird das Sieden
Aus Gl. (34) folgt durch Umstellung nach schwächer und regelmäßiger. Wenn sich das
dem Spannungskoeffizienten Temperaturgleichgewicht eingestellt hat,
kann am digitalen Manometer der Druck des
1 ª ps § 'V -s · º Gases im Gasthermometerkolben abgelesen
Dp « ¨1  3D l -s  ¸  1» , (35) und mit Gl. (36) die Siedetemperatur von
-s ¬« p0 © V0 T1 ¹ ¼»
Stickstoff ermittelt werden.
120 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

1.3 Abkühlungskurven und Nach dem Gleichsetzen der Gln. (37) und
(38) sowie anschließender Integration mit der
Wärmeübergang Anfangsbedingung T = Ta für t = 0 folgt das
Aufgabenstellung Newton’sche Abkühlungsgesetz in der Form
1. Die thermoelektrischen Konstanten eines
Thermoelements und der lineare Tempera- T  Tu Ta
 Tu exp  K t . (39)
turkoeffizient des Sensors eines Widerstands-
thermometers sind zu ermitteln. Mit dem Abkühlungskoeffizienten K ergibt
2. Die Abkühlungskurven von zwei Metall- sich für den Wärmeübergangskoeffizienten
würfeln gleichen Materials aber unterschied-
mcK
licher Oberflächenbeschaffenheit sind im DK . (40)
Vakuum und in einem Luftstrom aufzuneh- AO
men.
3. Für die beiden Metallwürfel sollen aus der Die Betrachtungen vernachlässigen bisher die
Abkühlung im Vakuum die Gesamtemissi- Abkühlung durch Wärmestrahlung, die man
onsgrade und aus der Abkühlung im Luft- mit dem Stefan-Boltzmann-Gesetz (W.1.0.4)
strom die Wärmeübergangskoeffizienten berücksichtigen kann. Dann lautet der Ansatz
bestimmt werden. für den Wärmestrom

dT
Die Abkühlung von gegenüber der Umge- )th c m D K AO T  Tu
bung erwärmten metallischen Körpern erfolgt dt (41)
überwiegend durch Konvektion und Wärme-  H V AO T 4  Tu4 ,
strahlung. Die gute Wärmeleitung in Metal-
len erlaubt es in diesem Experiment, die wobei H der Gesamtemissionsgrad und V die
Temperaturverteilung im Inneren des Probe- Stefan-Boltzmann-Konstante sind. Für die
körpers vernachlässigen zu können. Bestimmung des unbekannten Werts von H
Wird ein auf die konstante Innentemperatur T untersucht man die Abkühlung im Vakuum,
erwärmter Körper (Masse m, spezifische die ausschließlich durch Wärmestrahlung
Wärmekapazität c) von Luft konstanter Um- erfolgt. Wird in Gl. (41) DK null gesetzt, er-
gebungstemperatur Tu umströmt, entsteht ein hält man für die Änderung der Tempera-
Wärmestrom )th aus seinem Inneren zu sei- tur (dT ) in einem kleinen Zeitintervall (dt)
ner Oberfläche AO, der proportional zur
Temperaturdifferenz (TTu) ist: dT H V AO
dt

cm
T 4
 Tu4 . (42)
dQ
)th  D K AO T  Tu . (37)
dt Stellt man die Temperatur T in Abhängigkeit
von der Abkühlungszeit t graphisch dar und
Der Proportionalitätsfaktor DK heißt Wärme- bestimmt den Anstieg dT/dt bei verschiede-
übergangskoeffizient durch Konvektion. nen Temperaturen, kann mit Hilfe von
Wird dem Körper keine zusätzliche Wärme Gl. (42) ein mittlerer Wert für den Gesamt-
zugeführt, kühlt er sich mit der Abkühlungs- emissionsgrad H ermittelt werden.
geschwindigkeit dT/dt ab, solange T > Tu ist. Versuchsausführung
Für den Wärmestrom gilt dann
Die Kalibrierung des Thermoelements erfolgt
dQ dT mit Hilfe von Temperaturfixpunkten. Als
)th  c m . (38)
dt dt bekannte Bezugstemperatur für die Ver-
1.3 Abkühlungskurven und Wärmeübergang 121

gleichsstelle wird bei diesem Versuch die Den linearen Temperaturkoeffizienten eines
Temperatur des schmelzenden Eises Widerstandsthermometers bestimmt man,
(T0 = 273,15 K) verwendet. Zur Erzeugung indem dessen elektrischer Widerstand z. B. in
der thermoelektrischen Spannungen sind die ‚Eiswasser’ und siedendem Wasser mit ei-
Siedetemperatur (TS) von Wasser beim atmo- nem Ohm-Meter gemessen wird. Unter Ver-
sphärischen Luftdruck pL und die Erstar- wendung von Gl. (6) kann der lineare Tempe-
rungstemperatur von Zinn (TE) zu verwen- raturkoeffizient des Widerstandsmaterials
den. Mit den zugehörigen Thermospannun- ermittelt werden. Bei Aufgabe 2 wird zu-
gen E1 für 'T1 TS  T0 und E2 für nächst der Probekörper (PR), in dessen Inne-
'T2 TE  T0 lassen sich die thermoelektri- rem sich der kalibrierte Fühler eines Thermo-
schen Konstanten nach Gl. (9a) berechnen: elements (T) befindet, mit einer Heizplatte
auf eine vorgegebene Temperatur erwärmt.
E1
a  b 'T1 ,
'T1 VG
H

§ E E · 1
b ¨ 2  1 ¸ .
© 'T2 'T1 ¹ 'T2  'T1
VP TU
T

In einem wärmeisolierenden Behälter (De- ϑ


M
war-Gefäß) für die Vergleichslötstelle befin-
det sich so genanntes ‚Eiswasser’ (schmel- hPa
zendes Eis mit wenig Wasser durchmischen).
ϑ
Anschließend ist das Siedegefäß in Betrieb
zu nehmen und der mit reinem Zinn gefüllte Abb. W.1.3.1 Anordnung zur Abkühlung eines
Schmelztiegel in den Heizofen zu stellen. Metallwürfels im Vakuum
Dann taucht man die Lötstelle des Messfüh-
lers in das Wasserbad des Siedegefäßes ein. Danach schließt man die Vakuumglocke
Wenn das Wasser gleichmäßig siedet, stellt (VG) und nimmt die Vakuumpumpe (VP) in
sich ein konstanter Spannungswert E1 ein, Betrieb (Abb. W.1.3.1). Nach einigen Minu-
der zu notieren ist. Die vom Luftdruck ab- ten hat sich ein konstantes Vakuum (Kontrol-
hängige Siedetemperatur des Wassers ent- le mit Manometer M) eingestellt und die
nimmt man der Tabelle im Anhang A.10. Messung der Abkühlungszeiten in vorgege-
Nachdem der Messfühler sorgfältig abge- benen Temperaturbereichen kann beginnen.
trocknet wurde, wird er in die Zinnschmelze Gleichzeitig ist die Umgebungstemperatur Tu
getaucht, die man außerhalb des Heizofens (Temperatur des Rezipienten, Glasglocke
langsam abkühlt. Die mit der Zeit exponen- VK) mit einem zusätzlichen Thermoelement
tiell verlaufende Verringerung der Spannung zu messen, das sich in direktem Kontakt mit
geht bei Erstarrung der Zinnschmelze in ei- der Außenwand befindet. Mit der bekannten
nen konstanten Wert E2 über. Danach kühlt spezifischen Wärmekapazität c, der zu mes-
sich das erstarrte Zinn weiter ab. Mit den senden Masse m und Oberfläche AO des Wür-
Werten von E1 und E2 sowie den zugehörigen fels sowie dem Anstieg dT/dt kann mit
Temperaturdifferenzen werden die thermo- Gl. (42) der gesuchte Emissionsgrad be-
elektrischen Konstanten ermittelt. Die Mes- stimmt werden. Nach Belüftung über einen
sung der Thermospannungen E1 und E2 er- Laborhahn (H) und Entfernung der Vakuum-
folgt mit einem Mikrovoltmeter. glocke wird der Metallwürfel wieder erwärmt
122 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

und anschließend durch die Konvektions- der glühenden Wendel einer Wolfram-
strömung eines Lüfters abgekühlt, wobei man Halogenlampe. Der Emissionsgrad von
die Temperatur des Luftstroms (Umgebungs- Wolfram in Abhängigkeit von der Tempera-
temperatur Tu) mit dem kalibrierten Sensor tur kann einem Diagramm am Arbeitsplatz
eines Widerstandsthermometers misst. entnommen werden. Damit ist mit Gl. (19a)
Es wird wieder in geeigneten Zeitabstän- die Temperatur des Wolframdrahts zu
den die Innentemperatur (T ) des Würfels bestimmen. Der elektrische Widerstand kann
gemessen. Die Messwerte sind in einem mit einer Strom-Spannungsmessung ermittelt
ln'T-t-Diagramm ('T = T  Tu) graphisch werden (vgl. E.1). Aus der graphischen Dar-
darzustellen und aus dem sich ergebenden stellung der Temperaturabhängigkeit des
linearen Graphen ist der Anstieg der Aus- elektrischen Widerstands kann mittels einer
gleichsgeraden zu bestimmen. Damit kann Anpassung an ein Polynom zweiten Grads
der Wärmeübergangskoeffizient ĮK nach ein analytischer Ausdruck für die Abhängig-
Gl. (40) unter Vernachlässigung der Wärme- keit T(R) erhalten werden. Steht kein Pyro-
strahlung berechnet werden. Die Messungen meter zur Verfügung, ermittelt man die Tem-
sind mit einem zweiten Metallwürfel aus peratur des Wolframdrahts mit einer am Ar-
gleichem Material und gleichgroßer Oberflä- beitsplatz ausliegenden Tabelle, in der das
che aber mit veränderter Oberflächenbeschaf- Widerstandsverhältnis R(T)/R(293 K) in Ab-
fenheit zu wiederholen. hängigkeit von der Temperatur T aufgeführt
ist. Der Wert für R bei T = 293 K wurde aus
1.4 Strahlungsmessungen anderen Messungen erhalten und ist bekannt.
Anschließend sind für zwei ausgewählte
Aufgabenstellung Wellenlängen des Lichts dieser Halogenlam-
1. Es ist die Temperaturabhängigkeit des pe, die z. B. mit Hilfe eines Spektralphoto-
elektrischen Widerstands eines glühenden meters mit Reflexionsgitter (O.3.4) oder
Metalldrahts zu ermitteln. Für zwei verschie- durch geeignete Filter ausgewählt werden
dene Wellenlängen ist das Wien’sche Strah- können, die von der Lampe emittierten Strah-
lungsgesetz zu überprüfen. lungsleistungen bei unterschiedlichen elektri-
2. Die Wärmestrahlung unterschiedlicher schen Leistungen in einem vorgegebenem
Oberflächen ist mit einer Thermosäule bei Bereich zu messen. Die zugehörigen elektri-
verschiedenen Temperaturen zu messen und schen Widerstände zur Ermittlung der Tem-
die Emissionsgrade der Oberflächen sind zu peratur des glühenden Drahts werden wie
bestimmen. oben beschrieben ermittelt. Die Strahlungs-
3. Mit einem Strahlungsofen ist das Stefan- leistung PStr kann man indirekt z. B. über die
Boltzmann-Gesetz zu überprüfen. Messung der Stromstärke IPh einer Photodio-
de (IPhvPStr) bestimmen, die in Sperrrichtung
Für berührungslose Temperaturmessungen betrieben wird (E.5.0.2). Um eine möglichst
werden häufig Infrarot-Thermometer, Pyro- hohe Lichtintensität mit der Photodiode emp-
meter, z. B. Wechsellicht- oder Glühfaden- fangen zu können, muss ggf. die Halogen-
Pyrometer, eingesetzt (W.1.0.4). Thermosäu- lampe den Hinweisen am Arbeitsplatz fol-
len kommen vielfach zur Messung der Inten- gend nachjustiert werden.
sität einer Wärmestrahlung zum Einsatz. Zur Überprüfung des Wien’schen Strah-
lungsgesetzes (Gl. (18)) wird für jede Wellen-
Versuchsausführung länge der natürliche Logarithmus der Mess-
Zuerst bestimmt man bei Aufgabe 1 mit ei- werte von IPh in Abhängigkeit von der rezip-
nem Pyrometer die „schwarze“ Temperatur roken absoluten Temperatur graphisch darge-
1.4 Strahlungsmessungen 123

stellt und der Anstieg d ln IPh / d (1/T ) der den kann, wird mit einem Thermoelement
Ausgleichgeraden berechnet. Dieser ist mit gemessen (Abb. W.1.4.1). Man misst nach-
dem berechenbaren Wert ( h co / k O ) unter einander für die verschiedenen Flächen so-
Verwendung der Werte für die Fundamental- wohl die Ausgangsspannung der Thermosäu-
konstanten (Anhang A.6) zu vergleichen. le UTS mit einem Mikrovoltmeter als auch der
Treten Abweichungen größer als die abge- Emissionsgrad H mit einem IR-Thermometer.
schätzten Messunsicherheiten auf, sind mög- Letzteren bestimmt man, indem der Wert von
liche systematische Abweichungen zu disku- H über die Emissionsfaktoreinstellung des
tieren, z. B. die Erfüllung der Bedin- IR-Thermometers (Wertebereich 0,1 < H d 1)
gung h f /(k T )  1 , die Vernachlässigung so eingegeben wird, dass die mit dem Ther-
der Umgebungsstrahlung oder der Einfluss moelement gemessene Temperatur mit der
anderer Arten der Wärmeübertragung. auf dem Display des IR-Thermometers ange-
zeigten Temperatur übereinstimmt. Da im
4
ϑ Falle der metallisch verspiegelten Fläche der
Emissionsgrad kleiner als eins ist, kann man
1 2 3 5 über die Verhältnisgleichung
U TS,1 H1
μV ε,ϑ ,
U TS,2 H 2
die sich für graue Strahler mit den in W.1.0.4
beschriebenen Grundlagen begründen lässt,
indirekt den Emissionsgrad dieser stark re-
Abb. W.1.4.1 Schema des Versuchsaufbaus zur
flektierenden Fläche ermitteln. Dabei be-
Messung des Emissionsgrads mit einem Strah-
lungswürfel (1 Mikrovoltmeter, 2 Thermosäule,
schreibt z. B. der Index 1 den Spannungswert
3 Strahlungswürfel, 4 Thermoelement, 5 IR-Ther- der verspiegelten Oberfläche und der Index 2
mometer) den der geschwärzten Oberfläche für eine
speziell gemessene Temperatur unter sonst
Für die Untersuchung des Einflusses unter- gleichen Messbedingungen. Die Messungen
schiedlich präparierter Oberflächen auf die werden bei fünf verschiedenen Temperaturen
Emission von Wärmestrahlung wird in Auf- in einem Bereich zwischen 40 °C und 90 °C
gabe 2 ein Strahlungswürfel nach Leslie ver- durchgeführt. Es sind die Emissionsgrade in
wendet. Dieser besteht aus vier unterschiedli- Abhängigkeit von der Temperatur in einer
chen aber gleichgroßen Seitenflächen Tabelle zu erfassen und die Werte UTS sind in
(schwarz und weiß mattiert, metallisch rau, Abhängigkeit von der Würfeltemperatur gra-
metallisch verspiegelt), die sich um die verti- phisch darzustellen. Beide Temperaturabhän-
kale Achse des Würfels drehen lassen. Da- gigkeiten sollen diskutiert werden.
durch können während einer Messung die Zur Messung der Hohlraumstrahlung in Auf-
vier verschiedenen Oberflächen mit gleicher gabe 3 wird der in Abb. W.1.4.2 schematisch
Temperatur einer Thermosäule sowie einem dargestellte Versuchsaufbau verwendet. Der
IR-Thermometer (W.1.0.4) in einem gleich- die Wärmestrahlung emittierende Hohlraum-
großen Abstand von wenigen Zentimetern strahler (3) befindet sich in einem elektri-
gegenüberstehen. Alle Versuchskomponen- schen Heizofen (2), dessen Temperatur über
ten sind auf einer optischen Bank befestigt. die dem Ofen zugeführte elektrische Leistung
Die Temperatur des Innenraums des Würfels, geregelt werden kann. Ein in den zylindri-
der mit Hilfe eines Umwälzthermostaten auf schen Körper des Hohlraumstrahlers einge-
eine konstante Temperatur eingeregelt wer- bautes Thermoelement (1) ermöglicht dessen
124 Wärmelehre 1 Temperaturmessung

direkte Temperaturmessung. Unmittelbar vor Messanordnung (Flächen von Strahler AOf


dem Ofen befindet sich eine mit Kühlwasser und Detektor AD, Abstand rd ), die Thermo-
auf die Umgebungstemperatur -u thermosta- säulenempfindlichkeit STS , den Emissions-
tisierte Lochblende (4), die zur Abschirmung grad des Hohlraumstrahlers HHS und die Ab-
der Strahlung dient, die von den Teilen des strahlung in den Halbraum berücksichtigen:
Ofens außerhalb der Austrittsöffnung des Aus Gl. (12) folgt nach der Integration über
Hohlraumstrahlers kommt. alle Wellenlängen sowie die Winkel - und M
für die Nettostrahlungsleistung PS(T ) eines
1 2 3 4 5 6
reellen Strahlers, die von der Thermosäule
empfangen wird, die Beziehung
V
ϑ μV
PS (T ) H HS
ʌ

AOF T 4  Tu4 d: . (44)

7 z
ϑu

dA
Abb. W.1.4.2 Schema des Versuchsaufbaus mit
Hohlraumstrahler (1 Thermoelement, 2 Rohrofen,
θ dΩ
3 Hohlraumstrahler, 4 gekühlte Lochblende,
5 Thermosäule, 6 Mikrovoltmeter, 7 Digitalther- r
mometer zur Messung der Umgebungstemperatur x
y
Während der Messung soll die Umgebungs- rd
temperatur -u konstant bleiben. Der Ab-
stand rd zwischen der Blendenöffnung und Abb. W.1.4.3 Zum Raumwinkel (Halbkugel mit
der Eintrittsöffnung der Thermosäule (5), die Radius r, differentielles Flächenelement dA, diffe-
zur Messung der Gesamtstrahlung dient, rentieller Raumwinkel dȍ)
muss so gewählt werden, dass nur die Strah-
Die Größe des differentiellen Raumwin-
lung des Hohlraums detektiert wird. Um den
kels dȍ definiert man als die differentielle
Einfluss von Wärmequellen aus der Umge-
Fläche dA, die von diesem Raumwinkel aus
bung auf die zu messende Wärmestrahlung
einer Kugel mit dem Radius r ausgeschnitten
zu vermeiden, wird eine entsprechende Ab-
wird, geteilt durch das Quadrat des Radi-
schirmung vor die Messanordnung gestellt.
us (Abb. W.1.4.3). Im Versuch ist die vom
Es ist die Ausgangsspannung der Thermosäu-
Detektor empfangene Strahlungsleistung
le UTS, die der empfangenen Gesamtstrah-
lungsleistung proportional ist, in Abhängig- durch den Raumwinkel d: AD / rd2 be-
keit von der vierten Potenz der absoluten stimmt. Damit ergibt sich für die Thermosäu-
Temperatur T graphisch darzustellen. Bei lenspannung (im thermischen Gleichge-
Gültigkeit des Stefan-Boltzmann’schen wicht):
Strahlungsgesetzes unter den gegebenen Ver- U TS(T ) STS PS (T ) (45)
suchsbedingungen kann der Graph hinrei-
V AOF AD
chend genau durch den Zusammenhang STS H HS (T 4  Tu4 ) kM (T 4  Tu4 ).
ʌ rd2
U TS kM (T 4  Tu4 ) (43) Weitere praktische Hinweise sowie spezielle
beschrieben werden. Dabei enthält der Vor- Versuchsdaten zur Auswertung werden am
faktor kM Größen, die die Geometrie der Arbeitsplatz gegeben.
2.0 Grundlagen 125

ratur T sind innerhalb gewisser Grenzen frei


2 Zustandsänderungen vorgebbar. Sollen sich zwei Phasen (nPh = 2)
und Phasenumwandlun- im Gleichgewicht befinden, ist f = 1. Die
Zustände können sich nur längs der Phasen-
gen grenzkurven, z. B. auf der Dampfdruckkurve,
verändern. Im Falle von drei Phasen existiert
kein Freiheitsgrad. Es ist nur der Zustand am
2.0 Grundlagen Tripelpunkt (Abb. W.2.0.1) mit definierten
Werten für den Druck (pTr) und die Tempera-
2.0.1 Zustandsgleichungen tur (-Tr) möglich.
Der Druck p, das Volumen V und die Tempe- p B
ratur T sind physikalische Größen, die den
C
thermodynamischen Zustand eines Körpers flüssig
beschreiben. Man nennt sie deshalb Zu-
standsgrößen oder Zustandsvariable. Wäh- fest
rend p und T zu den so genannten inneren
Zustandsvariablen zählen, die sich allein auf pTr
die inneren Eigenschaften des Systems be- pTr
gasförmig
ziehen, gehört das Volumen zu den äußeren
Zustandsgrößen. Letztere werden durch die
Umgebung bestimmt.
A
Ein thermodynamisches System besteht im
Allgemeinen aus mehreren Phasen und Kom- ϑTr ϑ
ponenten. Als Komponenten bezeichnet man
Abb. W.2.0.1 Phasendiagramm von Wasser mit
die verschiedenen Bestandteile (z. B. chemi- Sublimationskurve (A), Schmelzkurve (B) und
sche Verbindungen), die in einem System Dampfdruckkurve (C) mit den drei Aggregatzu-
vorhanden sind. Der Begriff Phase bezieht ständen fest, flüssig und gasförmig
sich auf die in physikalischer und chemischer (Tripelpunkt, pTr = 613 hPa, -Tr = 0,0075 °C)
Hinsicht homogenen Bereiche eines Systems.
Die Erfahrung zeigt, dass die Anzahl der frei Zustandsänderungen sind besonders dann
wählbaren Zustandsgrößen (Zahl der Frei- leicht zu überschauen, wenn eine Zustands-
heitsgrade) von der Zahl der Phasen und der größe konstant gehalten wird. Man unter-
Zahl der Komponenten abhängt. Den Zu- scheidet zwischen isobaren (p = const), iso-
sammenhang zwischen der Zahl der Frei- choren (V = const) und isothermen Zustands-
heitsgrade f, der Zahl der Phasen nPh und der änderungen (T = const). Die drei Zustands-
Zahl der Komponenten nKo liefert die Phasen- größen p, V, und T können nicht beliebig
regel von J. W. Gibbs: geändert werden. Es besteht ein funktionaler
Zusammenhang zwischen ihnen, der die Zu-
f nKo  2  nPh .
standsänderung beschreibt.
Zur Erläuterung soll das in Abb. W.2.0.1 Der Zusammenhang zwischen Volumen V
dargestellte Zustandsdiagramm von Wasser und Druck p einer abgeschlossenen Menge
betrachtet werden. Liegt dieses einkompo- eines idealen Gases werden bei konstanter
nentige (nKo = 1) System nur in einer Phase Temperatur durch das Gesetz von Boyle und
(nPh = 1) vor, ergeben sich nach der Mariotte beschrieben:
Gibbs’schen Phasenregel zwei Freiheitsgra-
pV const . (1)
de. Sowohl der Druck p als auch die Tempe-
126 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

Isobare Zustandsänderungen genügen dem chen Temperatur T gehören. Daraus folgt


Gesetz von Gay-Lussac und Charles aber, dass Dp und DV gleich sind. Das Expe-
riment zeigt darüber hinaus, dass alle Gase
V V0 1  DV (T  T0 ) (2) etwa den gleichen thermischen Ausdeh-
nungskoeffizienten haben. Für ein ideales
und isochore Zustandsänderungen dem Ge- Gas gilt
setz von Amontons 1 1
DV D p J 0 K 1 .
p p0 1  D p (T  T0 ) . (3) T0 273,15
Nach den bisherigen Überlegungen kann
Gl. (2) als
§ 1 ·
p pV p0 V0 J 0 ¨  (T  T0 ) ¸ C c T
© J0 ¹
geschrieben werden. Die Konstante Cc muss
T der Masse m des Gases proportional sein, da
die doppelte Gasmasse bei gleichem Druck
und gleicher Temperatur das doppelte Volu-
men einnimmt:
pV mCT . (4a)

Wird Gl. (4a) auf ein Mol des Gases bezogen,


V
erhält man
Abb. W.2.0.2 Schematische Darstellung einer p Vm M CT , (4b)
Zustandsfläche im p, V, T – Raum für ein ideales
Gas: Isochoren (), Isothermen () und Isoba- wobei sich die molare Masse M aus dem
ren (---) Quotienten der Masse m und der Stoffmenge
n (Anzahl der Mole) ergibt. Die Erfahrung
In den Gln. (2) und (3) sind DV der kubische zeigt, dass das molare Volumen Vm für alle
Ausdehnungskoeffizient und Dp der Span- Gase bei gleichem Druck und gleicher Tem-
nungskoeffizient des Gases. Gegeben sei ein peratur den gleichen Wert besitzt. In den
Gas, das bei der Temperatur T0 unter dem Gln. (4a) und (4b) ist C eine Materialkonstan-
konstanten Druck p0 steht und das Volumen te, während das Produkt aus der molaren
V0 einnehmen soll. Erwärmt man das Gas bei Masse M und der Konstanten C nicht von der
dem konstanten Druck p0 bis zur Tempera- speziellen Natur des Gases abhängt und als
tur T, gilt molare Gaskonstante R bezeichnet wird. Da-
mit erhält man
p0 V p0 V0 1  DV (T  T0 ) .
m
Führt man die gleiche Erwärmung bei dem pV RT n RT (5)
M
konstanten Volumen V0 durch, ergibt sich
oder
p V0 p0 V0 1  D p (T  T0 ) .
p Vm RT . (5a)
Die Produkte p0V und pV0 müssen nach
Gl. (1) übereinstimmen, da sie zwei Kombi- Unter Normbedingungen (pN = 101325 Pa,
nationen von p und V darstellen, die zur glei- TN = 273,15 K , Vm,N = 22,41 10-3 m3 mol-1)
2.0 Grundlagen 127

folgt aus Gl. (5a) für die molare Gaskonstan- schiedene Isothermen von Kohlendioxid
te R = 8,314 J K-1 mol-1. Ein Gas, das der (CO2) graphisch dargestellt (Clapeyron-
Zustandsgleichung nach Gl. (5) genügt, be- Diagramm), die durch die van-der-Waals-
zeichnet man als ideales Gas. Mit Hilfe der Gleichung gut beschrieben werden. Die nach
kinetischen Gastheorie, bei der die Gasmole- Gl. (6) berechnete Isotherme für 5 °C besitzt
küle als völlig elastische Kugeln mit dem ein Minimum und ein Maximum. Diese Ex-
Durchmesser null betrachtet werden und nur tremwerte werden im Experiment nicht reali-
bei elastischen Zusammenstößen miteinander siert, da sie labilen Zuständen entsprechen.
in Wechselwirkung stehen, kann Gl. (5a) Der Übergang vom Maximum zum Minimum
theoretisch begründet werden. Dabei ergibt ist völlig ausgeschlossen, da bei konstanter
sich die molare Gaskonstante als Produkt aus Temperatur der Druck mit abnehmendem
der Avogadro- und der Boltzmann-Konstante Volumen nicht sinken kann.
mit R = NA k. In allen realen Gasen existieren p
jedoch auch Kräfte zwischen sich nicht be- MPa
rührenden Molekülen. Sowohl die auf ein
beliebig herausgegriffenes Molekül wirkende 12
Kraft als auch die Zahl aller wechselwirken-
den Teilchen sind der Dichte proportional.
K
Der gesamten Wechselwirkungskraft ent- 8
spricht der so genannte Kohäsionsdruck, der
dem Quadrat der Dichte proportional bzw. B 60 °C
4 A
dem Quadrat des Volumens umgekehrt pro- 31 °C
portional ist. Dieser Druck muss dem in der 5 °C
Zustandsgleichung idealer Gase auftretenden 0
Druck p additiv hinzugefügt werden. Außer- 0,2 0,4 -3 3
Vm / 10 m mol
-1

dem kann das Volumen des Gases niemals


Abb. W.2.0.3 Isothermen für CO2 im p-Vm-Dia-
verschwinden, da die Moleküle selbst ein
gramm (Koexistenzgebiet schraffiert)
endliches Volumen einnehmen. Diese beiden
Überlegungen führen zu der von van-der-
Wenn man das gasförmige CO2 isotherm
Waals begründeten Zustandsgleichung, die
komprimiert, beginnt am Punkt A die Ver-
sich auf ein Mol bezogen mit den beiden van-
flüssigung, die am Punkt B beendet ist. In
der-Waals-Konstanten a und b in der Form
dem Bereich, in dem der Stoff teilweise in
gasförmiger und teilweise in flüssiger Phase
§ a ·
¨ p  2 ¸ Vm  b RT (6) vorliegt, bleibt der Druck konstant (Koexis-
© Vm ¹ tenzgebiet, Sättigungsdampfdruck). Die hori-
zontale Gerade AB (Maxwell-Gerade) ist so
darstellen lässt. Das van-der-Waals-Kovo- zu wählen, dass die schraffierten Flächen in
lumen b entspricht näherungsweise dem vier- Abb. W.2.0.3 im Übergangsbereich gleich-
fachen Eigenvolumen der Moleküle. Die groß sind. Diese Forderung folgt aus dem
Gl. (6) kann als kubische Gleichung in Vm 1. und 2. Hauptsatz der Thermodynamik. In
geschrieben werden: den Isothermen, die sich nach Gl. (6) für
p Vm3  ( p b  RT ) Vm2  a Vm  a b 0 . (6a) Temperaturen zwischen 0 und 31 °C ergeben,
nähern sich die beiden Extremwerte mit stei-
Wenn T und p gegeben sind, erhält man aus gender Temperatur. Bei 31 °C fallen die Ex-
Gl. (6a) entweder drei reelle Werte Vm oder tremwerte am so genannten kritischen
nur einen. In Abb. W.2.0.3 sind drei ver- Punkt (K), dem Wendepunkt der kritischen
128 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

Isotherme mit horizontaler Tangente, zu- Eine andere Form der Zustandsgleichung
sammen. Die Temperatur dieser Isothermen realer Gase begründet sich auf die Entwick-
entspricht der kritischen Temperatur Tk, die lung des Kompressionsfaktors (Realgasfak-
zugehörigen Werte von p und Vm bezeichnet tor) Z nach Potenzen von 1/V:
man als kritischen Druck pk und kritisches
pV BV (T ) CV (T )
molares Volumen Vmk. Oberhalb der kriti- Z 1   ... . (7)
schen Temperatur (Isotherme für 60 qC in n RT V V2
Abb. W.2.0.3) lässt sich CO2 auch durch Gl. (7) bezeichnet man als Virialgleichung.
Anwendung höchster Drücke nicht mehr Die Virialkoeffizienten (BV (T ), CV (T ), …)
verflüssigen. Mit weiter steigender Tempera- beinhalten Informationen über die Wechsel-
tur nähert sich der Verlauf der Isothermen wirkungen zwischen den Molekülen.
derjenigen eines idealen Gases.
Wenn man Tk und pk kennt, lassen sich die 2.0.2 Energiesatz und Adiabatenglei-
van-der-Waals-Konstanten a und b berech- chung
nen. Dazu müssen die erste und die zweite
Der Energiesatz (1. Hauptsatz der Thermo-
partielle Ableitung der Gl. (6a) nach dem
dynamik) resultiert aus der Erfahrung, dass
Volumen für T = Tk gebildet und jeweils null
sich keine Maschine konstruieren lässt, die
gesetzt werden. Zusammen mit der van-der-
mehr Energie nach außen abgibt, als man ihr
Waals-Gleichung verfügt man damit über
zuführt. Es ist also unmöglich, ein Perpetuum
drei Gleichungen, aus denen entweder die
mobile 1. Art, d. h. eine ständig periodisch
kritischen Größen bei gegebenen van-der
arbeitende Maschine ohne Energiezufuhr, zu
Waals-Konstanten
konstruieren. Der erste Hauptsatz ist ein Spe-
a 8a
pk 2
, Tk , Vk 3b zialfall der Bilanz für die innere Energie, der
27b 27 Rb im Allgemeinen für stofflich abgeschlossene
oder bei bekannten kritischen Größen die Systeme formuliert wird. Er lautet
Werte von a und b ermittelt werden können:
'U ' Q  'W . (8)
27 R 2Tk2 RTk
a , b . Damit besitzt jedes abgeschlossene System
64 pk 8 pk
eine extensive Zustandsgröße U, die innere
In Tabelle W.2.1 sind die Werte für die kriti- Energie. Extensive Zustandsgrößen sind der
sche Temperatur und den kritischen Druck Masse der Phase, der sie zugeordnet werden,
einiger Stoffe angegeben. proportional. Die innere Energie wird durch
die dem System zugeführte Wärmemenge 'Q
Tabelle W.2.1 Kritische Temperatur Tk und kriti-
scher Druck pk verschiedener Stoffe und die zugeführte Arbeit 'W vergrößert.
Die Wärmemenge ist eine spezielle Form der
Stoff Tk / K pk / MPa Energie, die der Masse m und der Tempera-
Ethan 305 4,87 turänderung 'T proportional ist:
Helium 5,25 0,23
Schwefelhexa-
'Q c m 'T . (9)
fluorid 318,7 3,77
Das Produkt c m bezeichnet man als Wärme-
Kohlendioxid 304,2 7,38
n-Pentan 469,8 3,37
kapazität, den Proportionalitätsfaktor c als
Sauerstoff 155,4 5,04
spezifische Wärmekapazität. Die dem System
Stickstoff 126,1 3,39 zugeführte Arbeit kann mit
Wasser 647,1 22,1 'W  p 'V (10)
2.0 Grundlagen 129

berechnet werden, wobei 'V die Volumen- wird ('Q = 0), lautet der Energiesatz Gl. (8)
änderung bei dem Druck p ist. Das Minuszei- in differentieller Schreibweise
chen in Gl. (9) berücksichtigt, dass bei einer
Arbeitszufuhr, z. B. der Kompression eines dU dW  p dV . (15)
Gases, das Volumen abnimmt.
Nach Versuchen von Gay-Lussac, Joule und Es ändert sich bei einer adiabatischen Expan-
Thomson ändert sich die Temperatur eines sion oder Kompression demzufolge nur die
Gases, das der Zustandsgleichung (5) genügt, Temperatur. Wendet man Gl. (15) auf ein
bei Expansion ohne Arbeitsaufwand (d. h. in ideales Gas an, ergibt sich mit den Gln. (11)
und (5)
das Vakuum) nicht. Aus der Vorausset-
zung 'W = 0 sowie für 'T = 0 und somit dT R dV
 . (16)
'Q = 0 folgt die Gleichung 'U = 0. Die inne- T M cV V
re Energie eines idealen Gases ist nicht vom
Volumen abhängig, sondern eine nur von der Bei konstantem cV liefert die Integration von
Temperatur abhängige Zustandsgröße. Dar- Gl. (16) mit dem Adiabatenexponenten
aus folgt, dass jede beliebige Erwärmung Cp cp
eines idealen Gases von der Temperatur T zur J (17)
Temperatur T+'T energetisch einer isocho- CV cV
ren Erwärmung ('V = 'W = 0) von T auf die Adiabatengleichung
T+'T gleichwertig sein muss, d. h., es gilt
T V J 1 const . (18)
'U cV m 'T . (11)
Durch Einsetzen der Zustandsgleichung
Für eine isobare Erwärmung eines idealen Gl. (5) in Gl. (18) lässt sich die Adiaba-
Gases um 'T nimmt der Energiesatz die tengleichung auch in der Form
Form
pVJ const (19)
cV m 'T c p m 'T  p 'V (12)
angeben. Die Gl. (19) wird auch als Poisson-
an. In Gl. (11) sind cp und cV die spezifischen Gesetz bezeichnet.
Wärmekapazitäten bei konstantem Druck Eine weitere Form der Adiabatengleichung
bzw. bei konstantem Volumen. Nach Gl. (5a) ergibt sich aus Gl. (18) durch die Substitution
gilt für eine isobare Zustandsänderung von V durch den Druck p unter Berücksichti-
m gung von Gl. (5a):
p 'V R 'T . (13)
M T J p1J const . (20)
Aus den Gln. (11) und (12) folgt dann
2.0.3 Dampfdruck
R M c p  cV C p  CV . (14)
Bringt man eine Flüssigkeit in ein evakuier-
Die molare Gaskonstante ist also die molare tes Gefäß, das sich in einem Wärmebehälter
Wärmekapazität eines idealen Gases bei kon- konstanter Temperatur T befindet, verdampft
stantem Druck Cp vermindert um die jenige ein Teil der Flüssigkeit. Es stellt sich ein
bei konstantem Volumen CV. Für eine adia- bestimmter Dampfdruck p ein, der nur von
batische Zustandsänderung, bei der dem Sys- der Temperatur, nicht aber von dem zur Ver-
tem weder Wärme zugeführt noch entzogen fügung stehenden Volumen abhängt. Eine
130 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

Vergrößerung bzw. eine Verkleinerung des d ln ( p f p0 ) Q13


Volumens bei konstanter Temperatur bewirkt  . (24)
d 1 T R
die Verdampfung eines weiteren Anteils der
Flüssigkeit bzw. die Kondensation einer be- In den Gln. (21) und (24) sind die Indizes so
stimmten Dampfmenge, der Dampfdruck gewählt, dass 1 dem festen, 2 dem flüssigen
bleibt aber konstant. Der Begriff des Dampf- und 3 dem gasförmigen Zustand zugeordnet
drucks hat nur für solche Temperaturen einen wird. Der Druck p0 entspricht einem Refe-
Sinn, bei denen der betrachtete Stoff sowohl renzdruck bei der Temperatur T0.
in flüssiger als auch in gasförmiger Phase Unter der Voraussetzung einer nicht von der
vorliegen kann, da die Dampfdruckkurve für Temperatur abhängigen Umwandlungswärme
jeden Stoff im kritischen Punkt (Punkt K in Q23 erhält man nach Integration von Gl. (21)
Abb. W.2.0.1) endet. Für Temperaturinter-
valle, deren obere Grenze klein gegen die °­ Q § 1 1 · °½
kritische Temperatur Tk ist, gilt für viele p p0 exp ® 23 ¨  ¸ ¾ . (25)
°¯ R © T T0 ¹ ¿°
Stoffe in guter Näherung die Dampfdruck-
gleichung von Clausius und Clapeyron
Die exponentielle Abhängigkeit des Dampf-
dp Q23 drucks von der Temperatur gilt nur für be-
(21) grenzte Temperaturintervalle.
dT T Vm,3  Vm,2
Man kann die Dampfdruckgleichung in
Gl. (21) mit der Methode der Kreisprozesse
mit der molaren Verdampfungswärme Q23. begründen, wenn der reversible Carnot-
Betrachtet man nur Zustände, die hinreichend Kreisprozess betrachtet wird. In
weit unterhalb des kritischen Punkts liegen, Abb. W.2.0.4 sind zwei infinitesimal be-
kann das molare Volumen Vm,2 der Flüssig- nachbarte Isothermen im Phasenumwand-
keit gegen das molare Volumen Vm,3 des lungsbereich Flüssigkeit-Dampf dargestellt.
Dampfs vernachlässigt werden. Verwendet
man außerdem für den Dampf die Zustands- p
gleichung für ideale Gase (Gl. (5a)), ergibt A T B
sich eine vereinfachte Beziehung für die ps
Dampfdruckgleichung:
ps-dps D
dp p Q23 C
. (22) dV2 T1=T– dT dV3
dT RT2
Durch Einführung der Variablen y = ln (p/p0) Vm,2 Vm,3 Vm
und x = 1/T folgt die differentielle Schreib-
weise der Dampfdruckgleichung nach Clau- Abb. W.2.0.4 Carnot-Kreisprozess zur Begrün-
sius und Clapeyron: dung der Clausius-Clapeyron-Gleichung

d ln p p0 Q23 Während des Übergangs von Punkt A nach


 . (23)
d 1 T R Punkt B wird ein Mol Flüssigkeit durch Zu-
fuhr der Umwandlungswärme Q23 bei kon-
In analoger Näherung (Vm,3 >> Vm,1) besteht stantem Druck ps und konstanter Tempera-
zwischen dem Dampfdruck über der Oberflä- tur T vollständig verdampft. Durch eine adia-
che eines festen Stoffes pf und der Tempera- batische Entspannung des Dampfs von ps auf
tur T der folgende Zusammenhang: den Druck psdps gelangt man zum Punkt C
2.1 Isothermen realer Gase 131

auf der Isothermen ( T  d T ). Danach wird eingestellt und mit dem Messfühler (2) eines
der Dampf isotherm wieder in die flüssige Digitalthermometers bestimmt werden kann.
Phase zurückkondensiert ( C o D ). Durch ϑ
Zufuhr der Wärmemenge dQ ( dQ  Q23 )
kehrt man zum Punkt A zurück. Unter Ver- 2
nachlässigung aller Produkte von differentiell
kleinen Größen ergibt sich als Betrag der 1
insgesamt verrichteten Arbeit
6
W Vm,3  Vm,2 dp . (26)
UT
5
Für den Wirkungsgrad des betrachteten Krei-
MPa
ses unter Berücksichtigung eines reversiblen 3
Carnot-Kreisprozesses gilt
W dT
K . (27)
Q23 T 4

Aus den Gln. (26) und (27) lässt sich sofort


die Dampfdruckgleichung Gl. (21) nach Abb. W.2.1.1 Gerät zur Aufnahme von Isother-
Clausius und Clapeyron ablesen. men realer Gase (schematisch)

Die Druckerzeugung erfolgt dadurch, dass


2.1 Isothermen realer Gase Quecksilber (3), das sich in einer Kammer
Aufgabenstellung unterhalb der Kapillare befindet, durch Dre-
hen eines Handrads (4) nach oben gepresst
1. Die Isothermen eines realen Gases sind bei
wird und sich demzufolge das restliche Vo-
fünf vorgegebenen Temperaturen aufzuneh- lumen verkleinert. Der Druck wird mit einem
men. Am kritischen Punkt sollen die optisch fest angeschlossenen Manometer (5) gemes-
erkennbaren Veränderungen des Stoffs be- sen. Nach jeder Änderung von Druck, Volu-
schrieben werden. men und Temperatur ist mit der Messung so
2. Es ist die Anzahl der Mole des Stoffs in lange zu warten, bis sich ein Gleichgewichts-
der Druckkammer zu bestimmen. zustand eingestellt hat. Der Druck darf den
3. Die Dampfdruckkurve ist graphisch darzu- am Arbeitsplatz angegebenen Maximalwert
stellen. aus Sicherheitsgründen nicht überschreiten.

Vor Beginn des Experiments erfolgt eine Versuchsausführung


kurze Einweisung in die Bedienung der Ap- Bei Aufgabe 1 ist die Aufnahme der Isother-
paratur und es werden Hinweise zu versuchs- men bei fünf verschiedenen Temperaturen
relevanten Arbeitsschutzrichtlinien gegeben. unterhalb der kritischen Temperatur vorzu-
Die Hochdruckkapillare (1) aus dickwandi- nehmen. Dazu sind für etwa zehn unter-
gem Glas (Abb. W.2.1.1) enthält den zu un- schiedliche Volumina die Drücke zu messen,
tersuchenden Stoff. Auf ihrem Außenmantel die letzten zwei Messungen sollen bei nahezu
befindet sich eine Skala bezüglich des Innen- völlig verflüssigtem Gas erfolgen. Die kriti-
volumens der Kapillare. Umschlossen wird sche Temperatur des zu untersuchenden
die Kapillare von einem Wasserbad, in dem Stoffs wird am Versuchsplatz mitgeteilt oder
über einen außen angeschlossenen Umwälz- kann mit seinen bekannten van-der-Waals-
thermostaten (6) die gewünschte Temperatur Konstanten berechnet werden. Von besonde-
132 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

rem Interesse ist die Isotherme bei der kriti- tion (1/V ) o 0 ein Wert für den Schnittpunkt
schen Temperatur. Nähert man sich dem mit der Ordinate, mit dem die Stoffmenge n
kritischen Punkt, wird es immer schwieriger, in guter Näherung ermittelt werden kann.
zwischen flüssiger und gasförmiger Phase Den Graphen der Isothermen entnimmt man
infolge der abnehmenden Unterschiede der im Koexistenzgebiet von Flüssigkeit und Gas
Dichten in den beiden Phasen zu unterschei- den Sättigungsdampfdruck ps und stellt die-
den. Gewöhnlich ist das Verhältnis der Dich- sen graphisch in Abhängigkeit von der Tem-
ten von Flüssigkeit zu Gas in der Größenord- peratur dar (Aufgabe 3, Dampfdruckkur-
nung 103, am kritischen Punkt jedoch nahe 1. ve ps(T )). Mit einer geeigneten Software ist
Man kann diese markante Änderung in den die Anpassung an eine Funktion entspre-
Dichtverhältnissen am kritischen Punkt in chend Gl. (25) durchzuführen. Aus dem An-
Form von verschiedenen optischen Effekten stieg (dps /dT ) und der betreffenden Diffe-
beobachten (z. B. Auftreten von Nebel, renz zwischen Dampf (Vd ) - und Flüssig-
Schlieren, kritische Opaleszenz). Dazu ist es keitsvolumen (Vfl, vgl. Abb. W.2.1.2) kann
erforderlich, die Änderung von Temperatur man auch die Größe der molaren Verdamp-
und Volumen in kleinen Schritten um den fungswärme unter Verwendung der in Auf-
kritischen Punkt herum durchzuführen gabe 2 ermittelten Stoffmenge n für eine
(Abb. W.2.1.2). ausgewählte Temperatur T < Tk näherungs-
weise bestimmen:
p T2 1 d ps
Q23 (Vd  Vfl ) T
n dT . (28)
Tk
Besonders deutlich wird der Unterschied
zwischen den Isothermen eines realen und
pk
T1
denen eines idealen Gases in der graphischen
Darstellung p V = f ( p), die als Amagat-Dia-
Vfl Vd gramm bezeichnet wird. In diesem Diagramm
werden die Isothermen eines idealen Gases
als horizontale Geraden dargestellt.
V1 Vk V2 V

Abb. W.2.1.2 Messungen um den kritischen 2.2 Adiabatenexponent


Punkt an einem p-V-Diagramm schematisch dar- In einem idealen Gas vollzieht sich der Ener-
gestellt: Beginn im Zustand (V1, T1) mit V1<Vk
gieaustausch infolge ständiger Zusammen-
und T1<Tk , anschließend langsame Temperatur-
stöße zwischen den Molekülen. Ist der
erhöhung auf T2 > Tk und Beobachtung der Volu-
menvergrößerung auf V2 > Vk, danach wieder Gleichverteilungssatz der klassischen statisti-
langsame Temperaturerniedrigung auf T1, Dampf schen Physik anwendbar, so enthält jeder
(Vd ) - und Flüssigkeitsvolumen (Vfl) an der Gren- thermodynamische Freiheitsgrad fT des Mo-
ze zum Koexistenzgebiet (schraffiert) leküls im thermischen Gleichgewicht eine
Energie von kT/2 pro Molekül oder RT/2 pro
Der Bestimmung der Stoffmenge n in Aufga- Mol, wobei k und R die bekannten Funda-
be 2 liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein mentalkonstanten (Anhang A.6) sind. Damit
sehr stark verdünntes Gas näherungsweise als ergibt sich für ein Mol eines idealen Gases
ideales Gas beschrieben werden kann. Stellt die innere Energie U zu
man in einem Diagramm das Produkt p V in
Abhängigkeit von 1/V für ausgewählte Iso- 1
U Wkin fT RT . (29)
thermen dar, so ergibt sich aus der Extrapola- 2
2.2 Adiabatenexponent 133

Unter Berücksichtigung von Gl. (10) erhält von kinetischer und potentieller Energie, so dass
man für die molare Wärmekapazität CV bei die Schwingungsfreiheitsgrade des Moleküls
einer isochoren Zustandsänderung 2 (3 n – 3  fr) thermodynamische Freiheitsgerade
ausmachen. Die Zahl der thermodynamischen
dU R Freiheitsgerade eines Moleküls ist daher
CV fT und (30)
dT 2 fT = 3 + fr + 2 (3 n – 3  fr). Es ist jedoch stets zu
beachten, dass diese Abzählung aus der klassi-
für die molare Wärmekapazität Cp bei einer schen Physik folgt. Da sowohl Rotationen als
isobaren Zustandsänderung mit Gl. (13) auch Schwingungen quantisiert sind, werden
R diese nur bei hinreichend hohen Temperaturen
Cp CV  R fT  2 . (31) angeregt. In der Regel sind Molekülrotationen bei
2 Raumtemperatur angeregt, Schwingungen jedoch
Damit lässt sich der Adiabatenexponent J bei nicht. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet das
bekannter Anzahl der thermodynamischen CO2-Molekül. Als lineares Molekül besitzt dieses
zwei Rotations- und vier Schwingungsfreiheits-
Freiheitsgrade berechnen:
grade. Dabei ist von den letzteren eine Schwin-
Cp cp fT  2 gungsmode (gegenphasige Schwingung der Sau-
J . (32) erstoffatome bezüglich des Kohlenstoffatoms) bei
CV cV fT Raumtemperatur angeregt, so dass sich im Bei-
spiel des CO2 zwei Schwingungsfreiheitsgrade
und damit insgesamt sieben thermodynamische
Tabelle W.2.2 Molekülart und thermodynami-
Freiheitsgrade ergeben: fT = 3 + 2 + 2˜(1) = 7.
sche Freiheitsgrade
Detaillierte molekültheoretische Berechnungen zu
Freiheitsgrade fT Oszillationen im Kohlendioxid ergeben für die
Atome im Zahl der Schwingungsfreiheitsgrade im Bereich
Molekül ft fr fges der Zimmertemperatur einen etwas kleineren Wert
als zwei ( f s,th = 1,857).
1 3 0 3
2 3 2 5
3 3 3 6 2.2.1 Versuch nach Clément und
Desormes
Ein Molekül bestehend aus n Atomen hat grund-
sätzlich f = 3 n dynamische Freiheitsgrade, d. h., Aufgabenstellung
die jeweils drei Translationsfreiheitsgrade (ft ) der Das Verhältnis der spezifischen Wärmekapa-
ungebundenen Atome bleiben erhalten. Durch zitäten soll nach der Methode von Clément
Molekülbindungen werden diese Freiheitsgrade
und Desormes für Luft und Kohlendioxid
den Translations-, Rotations- und Schwingungs-
freiheitsgraden des Moleküls zugeordnet. Jedes bestimmt und mit dem theoretischen Wert
Molekül besitzt drei Translationsfreiheitsgrade, nach Gl. (32) verglichen werden.
fr Rotationsfreiheitsgerade, wobei fr = 2 für ein
geradliniges und fr = 3 für ein abgewinkeltes Mo- Es wird vorausgesetzt, dass während des
lekül gilt, sowie fs = 3 n  3 fr Schwingungsfrei- Experiments der äußere Luftdruck pL und die
heitsgrade. Im Gleichverteilungssatz führen nur Umgebungstemperatur Tu konstant bleiben.
Energieterme, die quadratisch in der entsprechen- Eine Glasflasche (Volumen V = const) ist mit
den dynamischen Variablen (Geschwindigkeit, einem Einweghahn (H) verschlossen, der
Auslenkung, Drehimpuls) sind, zu einer thermi- zum Entspannen des Gases in der Flasche
schen Energie von kT/2. Da Translation und Rota-
tion nur kinetische Energie enthalten, sind für
dient (Abb. W.2.2.1). Der Verteiler im unte-
diese Energieformen die Anzahl der dynamischen ren Teil der Glasflasche ermöglicht über
und thermodynamischen Freiheitsgrade gleich. Schlauchverbindungen den Anschluss eines
Eine Schwingung enthält jedoch gleiche Beiträge Drucksensors (DS) mit digitaler Anzeige und
134 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

einer Druckgasflasche (DG). Vor dem Ent- Daraus folgt für den Adiabatenexponenten
spannen des Gases herrscht der Druck pL+ p1
in der Flasche. § p ·
log ¨1  1 ¸
© pL ¹
H J . (37)
§ p · § p ·
log ¨1  1 ¸  log ¨1  2 ¸
© pL ¹ © pL ¹

hPa Durch geeignete Wahl der Versuchsbedin-


V
gungen, (p1/pL) und (p2/pL) sehr klein gegen
eins, gilt in guter Näherung
DG
p1
J . (38)
Abb. W.2.2.1 Versuchsschema zur Methode von p1  p2
Clément und Desormes mit Drucksensor
Versuchsausführung
Durch kurzzeitiges Öffnen des Einweghahns Bei geöffnetem Einweghahn sind die Glas-
wird ein schneller Druckausgleich auf den flasche und die Schläuche gut mit Luft zu
äußeren Luftdruck erreicht, der als adiabati- spülen. Danach erzeugt man einen kleinen
sche Expansion betrachtet werden kann und Überdruck und misst nach dem Temperatur-
eine Abkühlung des Gases auf die Tempera- ausgleich den Druck p1. Durch schnelles
tur T0 bewirkt. Dann gilt nach Gl. (20) Öffnen und Schließen des Einweghahns wird
J J 1
das Gas anschließend adiabatisch entspannt
§ Tu · § pL  p1 · und der Druck p2 nach Einstellung des Tem-
¨ ¸ ¨ ¸ . (33)
© T0 ¹ © pL ¹ peraturgleichgewichts ermittelt. Dabei ist zu
beachten, dass man bei einem zu langsamen
Die Zustandsgleichung nach Gl. (5) für das Entspannungsvorgang zu kleine Werte und
Gas (Stoffmenge n) unmittelbar nach dem bei zu kurzem Öffnen des Ventils zu große
Entspannen lautet Werte für den Adiabatenexponenten erhält.
Es sind mehrere adiabatische Entspannungen
pL V n R T0 . (34)
für verschiedene Drücke p1 durchzuführen.
Das Volumen V setzt sich aus dem Innenvo- Nach dem Gasaustausch ist die Messung mit
lumen der Glasflasche und dem Volumen der CO2 zu wiederholen.
Schlauchverbindung zum Drucksensor in
Abb. W.2.2.1 zusammen. Hat sich das Gas 2.2.2 Schallgeschwindigkeit
nach einer ausreichenden Wartezeit wieder
Aufgabenstellung
auf die Umgebungstemperatur erwärmt, ge-
nügt es der Zustandsgleichung 1. Der Adiabatenexponent von Luft und ei-
nem einatomigen Gas soll über die Messung
pL  p2 V n R Tu . (35) der Schallgeschwindigkeit bei drei verschie-
Dividiert man Gl. (35) durch Gl. (34) und denen Frequenzen bestimmt werden.
2. Es sind die molaren Wärmekapazitäten Cp
setzt das Verhältnis (Tu / T0 ) in Gl. (33) ein,
und CV zu ermitteln.
erhält man
J J J 1 Der Sinusgenerator (1) mit Frequenzanzeige
§ Tu · § pL  p2 · § pL  p1 ·
¨ ¸ ¨ ¸ ¨ ¸ . (36) (Abb. W.2.2.2) ist mit einem Lautspre-
© T0 ¹ © pL ¹ © pL ¹ cher (2) für hohe Frequenzen als Schallquelle
2.2 Adiabatenexponent 135

und dem X-Eingang eines Oszilloskops (3) Der Index N bezeichnet die betreffenden
verbunden. Werte unter Normbedingungen.
3 Versuchsausführung
Der Lautsprecher und das Mikrofon sind in
6
1
Hz einem luftdicht verschließbaren Versuchs-
raum mit eingebautem Thermometer unter-
G f gebracht. Man füllt Luft bzw. das zu untersu-
2 5 chende Gas in den Versuchsraum und be-
4
stimmt die Temperatur des Gases. Anschlie-
ßend wird der Abstand zwischen Lautspre-
ϑ cher und Schallwandler so lange verändert,
bis auf dem Schirm des Oszilloskops eine
Abb. W.2.2.2 Schema der Versuchsanordnung Gerade entsteht. Verschiebt man den Schall-
zur Messung der Schallgeschwindigkeit in Gasen wandler gegenüber dem Lautsprecher um
eine Wegdifferenz, die der Schallwellenlänge
Als Schallempfänger dient ein Mikrofon (4) OS entspricht, beobachtet man wieder eine
für einen Frequenzbereich bis 30 kHz, in dem Gerade mit dem gleichen Anstieg. Zur Erhö-
das Schallsignal in eine elektrische Spannung hung der Genauigkeit sind etwa zehn unter-
umgewandelt und durch einen Verstärker (5)
schiedliche Wegdifferenzen 'li zu messen.
verstärkt wird. Anschließend wird die Span-
Über die Auftragung von 'li als Funktion der
nung einem Hochpass (6) zugeführt und da-
Vielfachen i der Wellenlänge erhält man
nach an den Y-Eingang des Oszilloskops
einen mittleren Wert für die gesuchte Wel-
gelegt. Die Auswertung der Phasenbeziehun-
lenlänge. Die Messung ist bei drei verschie-
gen zwischen den Spannungen am X- und Y-
denen Frequenzen oberhalb der Hörgrenze
Eingang des Oszilloskops ermöglicht die
bis maximal 30 kHz durchzuführen. Mit den
Bestimmung der Schallwellenlänge OS, in- Mittelwerten der jeweiligen Schallgeschwin-
dem man die auf dem Bildschirm entstehen-
digkeiten werden die J-Werte mit Gl. (39, die
den Lissajous-Figuren (Abb. E.3.1.5) in Ab-
gesuchten Wärmekapazitäten Cp und CV mit
hängigkeit vom Abstand zwischen Lautspre- den Gln. (14) und (17) ermittelt.
cher und Mikrofon variiert. Bei bekannter
Frequenz f des Schallsenders lässt sich damit
2.2.3 Resonanzmethoden
die Schallgeschwindigkeit cS berechnen.
Die Schallschwingungen erfolgen so schnell, Aufgabenstellung
dass praktisch ein Temperaturausgleich zwi-
1. Mit dem Gasoszillator nach Flammersfeld
schen den durch eine halbe Wellenlänge ge-
sind die Adiabatenexponenten von Luft und
trennten Stellen der Erwärmung (infolge
Kohlendioxid zu bestimmen.
Verdichtung) und Abkühlung (infolge Ver-
2. Der Adiabatenexponent eines einatomigen
dünnung) des Gases mit der Umgebung nicht
Gases ist mit der Resonanzrohrmethode zu
wirksam werden kann. Für diesen adiabati-
ermitteln.
schen Vorgang kann unter Verwendung von
3. Die experimentellen Werte sind mit den
Gl. (M.4-7) der Adiabatenexponent bestimmt
nach Gl. (32) berechneten Werten zu verglei-
werden. Man erhält für ideale Gase mit der
chen.
Temperatur T
U T Bei der Gasoszillatormethode (Abb. W.2.2.3)
J cS2 N N . (39)
pN T nach Flammersfeld befindet sich in einem
136 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

senkrechten Präzisionsrohr (2) ein zylindri- beschleunigende Druckkraft


scher Körper (1) mit der Masse m und dem d2 x ʌ 2
Durchmesser d. Das mit Gas gefüllte Volu- Fp m A ǻp d ǻp . (40)
men V des Glaskolbens (3) soll bekannt sein. dt2 4
Der Luftdruck pL und der „Kolbendruck“
2 überlagern sich im Glasgefäß zu einem Ge-
samtdruck
5 4mg
p pL  ,
1 ʌ d2
der den zylindrischen Körper steigen lässt.
Den Schwingungsvorgang kann man unter
4 den vorliegenden Versuchsbedingungen (hin-
reichend schnelle Schwingungen) als adiaba-
3 tischen Prozess annehmen und es folgt nach
Gl. (19) für kleine Druckänderungen
ǻp J p (ǻ V / V ) .

Abb. W.2.2.3 Messung des Adiabatenexponenten


Setzt man 'p in Gl. (40) ein und berücksich-
mit dem Gasoszillator nach Flammersfeld tigt ǻV ʌ d 2 'x / 4 ('x = x – x0), ergibt sich
bei Vernachlässigung der Reibung die Diffe-
Der zylindrische Körper schließt das Gasvo- rentialgleichung für den harmonischen Oszil-
lumen nach oben ab. Glaskolben und Präzisi- lator (M.2.0.1):
onsrohr sind über einen Glasschliff dicht
miteinander verbunden. Lässt man Gas mit d2 x J ʌ2 d 4 p
 ( x  x0 ) 0 . (41)
geringem Überdruck mittels eines Kapillar- dt2 16 m V
rohrs (4) in den Kolben einströmen, wird der
Körper durch den sich an seiner Unterseite Die Masse des mitschwingenden Gases wird
aufbauenden Überdruck nach oben gescho- hier vernachlässigt. Damit folgt für die Ei-
ben. Gibt der Körper beim Steigen den feinen genkreisfrequenz des Gasozillators
Schlitz (5) im Präzisionsrohr frei, kann Gas
entweichen und der Druck fällt ab. Dadurch J ʌ2 d 4 p
Z0 , (42)
wird der Körper nach unten sinken und den 16 m V
Schlitz wieder verschließen. Der Schlitz
wirkt wie ein sich periodisch öffnendes und und mit der Periodendauer T0 2 ʌ / Z0 erhält
schließendes Ventil bei kontinuierlicher Gas- man die Bestimmungsgleichung für den Adi-
zufuhr und der Körper führt um diesen abatenexponenten:
Schlitz periodische Bewegungen aus. Um
stabile Schwingungen des zylindrischen 64 m V
J . (43)
Körpers in der Luftsäule anregen zu können, T02 d 4 p
ist eine geeignete Feindosierung der Gaszu-
fuhr (z. B. mit einem Nadelventil) vorzu- Der Durchmesser des Schwingkörpers d und
nehmen. Steigt der Körper um die kleine seine Masse m sowie das Gasvolumen V sol-
Distanz x über die Gleichgewichtslage x0 der len bekannt sein. Der Luftdruck pL wird mit
Schwingung, dann erhöht sich der Druck p einem Barometer gemessen. Mit Hilfe einer
um 'p, und man erhält für die den Körper Lichtschrankenanordnung ist mit einem Digi-
2.2 Adiabatenexponent 137

talzähler zehnmal die Eigenfrequenz zu mes- beginnt dieser um eine Gleichgewichtslage


sen. Daraus bestimmt man den Mittelwert der mit kleiner Auslenkung zu schwingen. Im
Periodendauer T0 und mit Gl. (43) kann der Resonanzfall wird die Schwingungsamplitu-
Adiabatenexponent berechnet werden. Die de maximal.
Messung wird nach dem Austausch von Luft Mit dem Ansatz eines linearen Kraftgesetzes
durch Kohlendioxid wiederholt. Es sind die bei Vernachlässigung der Reibung gilt für
experimentellen Ergebnisse mit den nach kleine Auslenkungen dx = x x0 in Bezug auf
Tabelle W.2.2 berechenbaren Werten zu ver- die Gleichgewichtslage x0:
gleichen. Bei der Messung mit einem Gasfe-
der-Resonanzrohr befindet sich ein an den dFx  cG dx . (44)
Rohrinnendurchmesser angepasster zylindri- cG ist die „Gasfederkonstante“. Die durch die
scher Schwingkörper (K, Querschnitt A) aus Schwingungen des Körpers verursachten
magnetischem Material in einem Glasrohr Druckschwankungen im Inneren des Reso-
(GL), auf dem sich eine Volumenskala befin- nanzrohrs dp = dFx /A genügen praktisch
det und dessen Enden mit Laborhähnen ver- einer adiabatischen Zustandsänderung. Mit
schließbar sind (Abb. W.2.2.4). der Ableitung dp/dV = J p/V von Gl. (19),
der Volumenänderung dV = A dx im Gasvo-
lumen V sowie unter Berücksichtigung von
Gl. (44) ergibt sich für die Gasfederkonstante
J p A2
GL cG . (45)
V
G
K f In Analogie zu Federschwingungen (M.2.0)
gilt für die Eigenfrequenz f0 des in der Gas-
SP säule schwingenden Körpers (Masse mK)
Hz 1 cG
f0 ,
2S mK

und mit Gl. (45) folgt für den Adiabatenex-


ponenten

(2S f 0 ) 2 V mK
J . (46)
A2 p
Abb. W.2.2.4 Messung des Adiabatenexponenten
mit einem Gasfeder-Resonanzrohr Die „Gasfederkonstante“ cG kann bei bekann-
ten Werten von V, A und p nach Gl. (45) mit
Um das senkrecht befestigte Glasrohr ist eine einem Referenzgas, dessen Adiabatenexpo-
längs des Rohres verschiebbare Erregerspu- nent Jr (zugehörige Resonanzfrequenz f0,r)
le (SP) angebracht, an die ein Sinusgenera- bekannt ist, ermittelt werden. Unter gleichen
tor (G) angeschlossen wird. Befindet sich der Messbedingungen ist die Bestimmung des
Schwingkörper unmittelbar oberhalb der Adiabatenexponenten des unbekannten Gases
Erregerspule im Bereich des magnetischen mittels Vergleichsmessungen möglich:
Wechselfelds und liegt die Frequenz des
Spulenfelds nahe der Eigenfrequenz der Jr
Jx 2
f 0,x . (47)
Schwingung des Körpers in der Luftsäule, f 0,r2
138 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

Versuchsausführung Die in Abb. W.2.3.1 dargestellte Versuchs-


In das an beiden Enden geöffnete Glasrohr, anordnung enthält einen Kältethermosta-
lässt man von unten Gas mit bekanntem Adi- ten (1), in dem sich das Vorratsgefäß (2) mit
abatenexponenten einströmen. Der Schwing- der zu untersuchenden Flüssigkeit und der
körper gleitet dadurch an das obere Ende des Messfühler eines Digitalthermometers (3)
Glasrohrs. Danach wird Gas vom oberen befinden.
Ende in das Rohr hineingedrückt und der 5 3
H2 H1
Körper nach unten bewegt. Dieser Spülvor- Pa ϑ
gang ist mehrmals zu wiederholen.
Anschließend drückt man den Schwingkörper 1 2
von unten bis zur Mitte des Rohrs nach oben, 4
entfernt den Druckgasschlauch, um einen H3
Druckausgleich mit dem Außendruck zu V p
erreichen, und verschließt die Hähne an den 6
Enden des Rohrs. Der Gasdruck im Rohr H4
entspricht nun dem äußeren Luftdruck. Nach- Abb. W.2.3.1 Anordnung zur Dampfdruckmes-
dem die Erregerspule kurz unterhalb des sung mit Drucksensor
Schwingkörpers befestigt wurde, variiert man
langsam die Frequenz des Generators ober- Über Schläuche sind die Druckmess-
halb 20 Hz, bis der Körper mit maximaler zelle (4), die einen Drucksensor enthält, so-
Amplitude schwingt. Um eine konstante An- wie eine Vakuumpumpe (6) miteinander
fangsposition des Schwingkörpers in der verbunden. Über den Hahn H2 ist der An-
Mitte des Rohrs zu gewährleisten, muss der schluss eines kalibrierten Druckmessgeräts
langsam nach unten gleitende Körper vor möglich. Mit den Hähnen H1 bis H4 kann
jeder Messung der Eigenfrequenz f0,r wieder man Teile der Anlage voneinander trennen
in die Ausgangsstellung gebracht werden. oder verbinden, um diese je nach Erfordernis
Das Aufsuchen der Resonanz ist mehrfach zu evakuieren, belüften oder mit dem zu unter-
wiederholen. Unter analogen Versuchsbedin- suchenden Dampf füllen zu können.
gungen ist die Messung mit dem einatomigen
Gas durchzuführen (Eigenfrequenz f0,x). Mit Versuchsausführung
Gl. (47) kann der Adiabatenexponent Jx des Druckmessungen werden heute mit moder-
unbekannten Gases bestimmt und unter An- nen Drucksensoren durchgeführt, deren
wendung von Gl. (32) mit dem theoretischen Wandler die physikalische Größe Druck in
Wert für einatomige Gase verglichen werden. eine elektrische Größe umformt. Dazu wer-
den überwiegend Dehnungsmessstreifen,
2.3 Dampfdruckkurve und Ver- kapazitive, piezoelektrische oder piezore-
dampfungswärme sistive Sensoren verwendet.
Der im Versuch eingesetzte Halbleiter-
Aufgabenstellung Drucksensor (piezoresistiver Siliziumchip)
1. Die Dampfdruckkurve einer Flüssigkeit ist enthält als druckempfindliches Element eine
in einem vorgegebenen Temperaturintervall Siliziummembran mit vier eindiffundierten
aufzunehmen. Widerständen. Die durch äußeren Druck auf
2. Mit Hilfe einer geeignet zu wählenden die Membran verursachten mechanischen
graphischen Darstellung der Dampfdruck- Spannungen verändern die Größe der Wider-
kurve ist die molare Verdampfungswärme stände durch die Änderung der geometri-
der Flüssigkeit zu bestimmen. schen Abmessungen (insbesondere durch die
2.3 Dampfdruckkurve und Verdampfungswärme 139

Änderung des spezifischen Widerstands, Vernachlässigung von Produkten kleiner


piezoresistiver Effekt). Mechanisch bilden Größen (ri = 'Ri /Ri << 1, i = 1, 2, 3, 4) erhält
die Widerstände einen Teil der Membran, man
elektrisch wirken sie unabhängig voneinan-
der. Durch spezielle Verfahren gelingt es, 1 ǻR
U Br (r1  r4  r2  r3 ) US US . (49)
jeweils zwei der Widerstände so herzustellen, 4 R
dass ihre Druckabhängigkeit entgegengesetzt Damit ist die Brückenspannung in einem
ist, ihre Basiswerte aber annähernd gleich- begrenzten Druckbereich direkt proportional
groß bleiben und die (betragsmäßig gleich- zur relativen Änderung der Brückenwider-
großen) Änderungen der Einzelwiderstände stände.
klein gegenüber diesen sind. Der mit Versuchsflüssigkeit gefüllte Vorrats-
behälter befindet sich während der Messung
R1 R3 im Flüssigkeitsbad eines Kältethermostaten.
Man stellt am Temperaturregler eine vorge-
p gebene Temperatur ein und schaltet den
p

US Thermostaten ein. Das Vorratsgefäß muss


noch ausreichend viel Flüssigkeit enthalten.
p UBr Zunächst sind bei entsprechenden Hahnstel-
p

R2 R4 lungen die Druckmesszelle und die Verbin-


dungsschläuche zu evakuieren. Zur Kalibrie-
rung des Drucksensors wird über den Hahn
Abb. W.2.3.2 Schema der Brückenschaltung H2 ein Manometer angeschlossen und über
eines piezoresistiven Drucksensors, rote Pfeile die Hähne H4 und H3 Luft mittels eines Do-
symbolisieren die Richtung der Widerstandsände- sierventils in die evakuierte Anlage eingelas-
rung bei Erhöhung des Drucks sen. Man misst bei etwa zehn verschiedenen
Drücken p die Brückenspannung UBr und
In Abb. W.2.3.2 sind die in einer Brücken- stellt UBr ( p) graphisch dar. Um das Vorrats-
schaltung (Vollbrückenschaltung) verbunde- gefäß mit der zu untersuchenden Flüssigkeit
nen Widerstände dargestellt, die mit einer zu füllen, öffnet man bei laufender Vakuum-
stabilen Betriebsspannung US versorgt wird. pumpe mehrere Male kurzzeitig den Hahn
Die Brückenspannung UBr als Messsignal H1, um Dampf der Versuchsflüssigkeit in das
wird über zwei weitere Leitungen abgegrif- evakuierte Volumen strömen zu lassen. Da-
fen und kann direkt mit einem Digitalvoltme- nach ist Hahn H3 zu schließen und das Gefäß
ter gemessen oder einem Messverstärkermo- in das Flüssigkeitsbad des Thermostaten zu
dul zugeführt werden. Nach geeigneter Sig- tauchen. Die Vakuumpumpe wird ausge-
nalkonditionierung, bei der man die Werte schaltet und über den Hahn H4 belüftet. An-
der Brückenspannung eindeutig Druckwerten schließend ist der Dampfdruck in Abhängig-
zuordnen kann, ist der Wert des Drucks dann keit von der Temperatur in einem am Ver-
an einer Anzeigeeinheit direkt ablesbar. suchsplatz angegebenen Temperaturintervall
In Analogie zu der in E.1.2 durchgeführten zu messen. Nach jeder Änderung der Bad-
Herleitung für die Brückenspannung UBr temperatur im Thermostaten ist der Tempera-
folgt turausgleich mit der Versuchsflüssigkeit ab-
§ R1 R3 · zuwarten, ehe man den Dampfdruck ermit-
U Br ¨  ¸ US . (48) telt. Die Bestimmung der molaren Verdamp-
© R1  R2 R3  R4 ¹ fungswärme Q23 erfolgt unter Anwendung
Unter den genannten Bedingungen sowie bei von Gl. (25) mittels graphischer Auswertung.
140 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

2.4 Wärmepumpe Entsprechend Abb. W.2.4.1 wird dem Behäl-


ter mit der niedrigen Temperatur Tk durch die
Aufgabenstellung Wärmepumpe (WP) unter Aufwendung von
1. Es sollen die Temperatur- und Druckver- mechanischer Arbeit W die Wärmemenge Q1
läufe einer Wasser-Wasser-Wärmepumpe entnommen. Beide Energien fließen als
gemessen werden. Die zeitabhängigen Tem- Wärmemenge Q2 ( Q2 W  Q1 ) in das
peraturverläufe des Warm- und des Kaltwas- Wärmereservoir der hohen Temperatur Tw.
serreservoirs sind in einem Diagramm darzu- Man wird stets bemüht sein, die Versuchs-
stellen. führung so zu gestalten, dass zum Transport
2. Die effektiven Leistungszahlen sind zu einer bestimmten Wärmemenge möglichst
ermitteln und in Abhängigkeit von der Tem- wenig mechanische Arbeit aufgewendet wer-
peraturdifferenz zwischen Warm- und Kalt- den muss. Als charakteristische Kenngröße
wasserreservoir graphisch darzustellen. Für führt man dazu die effektive Leistungszahl
unterschiedliche Betriebsdauern der Wärme- Heff ein. Diese ist definiert als Verhältnis von
pumpe sind die theoretischen Leistungszah- Nutzenergie, d. h., der vom Reservoir mit der
len zu bestimmen und mit den effektiven Temperatur Tw aufgenommenen Wärmeener-
Leistungszahlen zu vergleichen. gie Q2 'Q (c m  C ) 'Tw , zur aufgewand-
3. Die zeitlichen Temperaturänderungen im
ten mechanischen Arbeit W mit
Warmwasserreservoir einer Luft-Wasser-
Wärmepumpe sind bei verschiedenen Bedin- 'Q cm  C 'Tw
gungen zu messen, in einem Diagramm gra- H eff , (50)
W Pel 't
phisch darzustellen und zu diskutieren.
wobei in der Regel die mechanische Arbeit
Die Wärmepumpe ist eine periodisch arbei- im Zeitintervall 't von einem Kompressor
tende Maschine, die es unter Aufwand von (elektrische Wirkleistung Pel) verrichtet wird.
mechanischer Arbeit ermöglicht, eine be- Die Reservoirs sind bei der Wasser-Wasser-
stimmte Wärmemenge einem Behälter mit Wärmepumpe mit Wasser gefüllte Behälter
der Temperatur Tk zu entziehen und in ein (Wassermasse m, spezifische Wärmekapazi-
anderes Reservoir, das sich auf der höheren tät c, Wärmekapazität des Behälters und des
Temperatur Tw befindet, zu transportieren. Wärmetauschers C). Im Falle der Luft-
Wasser-Wärmepumpe ist das Reservoir tiefe-
Tw rer Temperatur (Tk) von Luft umgeben. Die
Leistungszahl dieser Kompressionswärme-
pumpen bestimmt man praktisch durch die
Q2 Messung der elektrischen Leistung mit einem
Watt-Meter sowie über den Anstieg 'Tw /'t
der gemessenen Temperatur (Tw) - Zeit(t)-
WP W Abhängigkeit im warmen Reservoir. Die
Leistungszahl nach Gl. (50) hängt unter ande-
rem von der Temperatur in den Reservoirs,
der Umgebungstemperatur sowie von der
Q1
Verteilung des Kältemittels in der Wärme-
pumpe ab.
Tk In Abb. W.2.4.2 ist die Funktionsweise der
Kompressionswärmepumpe dargestellt. Das
Abb. W.2.4.1 Prinzip der Wärmepumpe gasförmige Arbeitsmittel (Kältemittel) wird
2.4 Wärmepumpe 141

vom Kompressor (KO) nahezu adiabatisch praktischerweise in einem lg p-h-Diagramm


komprimiert und dabei stark erwärmt. Im dar (Abb. W.2.4.3), das man auch als Mol-
Verflüssiger (K) kühlt es sich stark ab und lier-Diagramm bezeichnet. Darin sind p der
kondensiert. Die dabei frei werdende Kon- Druck und h die spezifische (massenbezoge-
densationswärme führt zur Erwärmung des ne) Enthalpie (h = H/m, Einheit J/kg). Im
Reservoirs der Temperatur Tw. Mollier-Diagramm werden auch noch die
Isothermen (T = const) und Isentropen (Ent-
T4 T3 ropie S = const) sowie der relative Massean-
MPa MPa
p1
D
p2 teil einer Phase des Kältemittels dargestellt.
Damit erhält man eine vollständige Informa-
tion über das thermodynamische Verhalten
V K des Kältemittels und einen tieferen Einblick
Tk Tw in den Kreisprozess. Gegenüber dem übli-
KO
chen p-V-Diagramm besteht der Vorteil des
T1 T2 Mollier-Diagramms auch darin, dass man bei
Kenntnis der Temperaturen und der Absolut-
drücke die den einzelnen Zustandsänderun-
Abb. W.2.4.2 Schema zur Funktionsweise einer gen entsprechenden spezifischen Enthalpien
Wärmepumpe und damit die maximal mögliche oder theore-
tische Leistungszahl Hth auf direktem Wege
Danach gelangt das kondensierte Kältemittel bestimmen kann.
zum Drosselventil (D), das den notwendigen In Abb. W.2.4.3 ist der idealisierte Kreispro-
Druckabfall zwischen Kompressor und Ver- zess der kompressorbetriebenen Wärmepum-
dampfer (V) aufrechterhält. Dieses wird auch pe schematisch dargestellt. Links von der
als Expansionsventil bezeichnet und lässt von Siedelinie (SL) ist das Arbeitsmittel vollstän-
dem unter hohem Druck stehenden Kältemit- dig kondensiert (fl). Rechts vom kritischen
tel nur soviel in den Verdampfer fließen, wie Punkt (K) schließt sich die Taulinie (TL) an.
dort vollständig verdampfen kann. Bei die- Das Arbeitsmittel liegt rechts von der Tauli-
sem Vorgang der gedrosselten Entspannung nie als überhitzter Dampf (g) und innerhalb
bleibt die Enthalpie H ( H U  pV ) kon- von Siede- und Taulinie als Flüssigkeits-Gas-
stant. Die beim Verdampfen vom Kältemittel Gemisch (g+fl) vor.
aufgenommene Wärmemenge führt zur Ab-
q2
kühlung des Verdampfers bzw. des ihn um- lg p
S = const
gebenden Reservoirs (Temperatur Tk). An-
K
schließend erreicht das Kältemittel wieder fl
den Kompressor, wodurch der Kreis ge- 3
p2 2
schlossen wird. Zusätzlich ermöglichen Ma- g + fl g
nometer auf der Niederdruck-(p1) und auf der p1 1
Hochdruckseite (p2) der Wärmepumpe die 4
Messung des Drucks im Arbeitsmittel. Dieses
SL TL T1 T2
liegt im Allgemeinen als Flüssigkeits-Gas-
Gemisch vor. Je größer sein Wärmeinhalt ist, q1 w h
desto höher ist der Anteil des Gases im Ge- h3 = h4 h1 h2
misch.
Den idealisierten Kreisprozess einer kom- Abb. W.2.4.3 Idealisierter Kreisprozess einer
pressorbetriebenen Wärmepumpe stellt man Wärmepumpe (schematisch)
142 Wärmelehre 2 Zustandsänderungen und Phasenumwandlungen

Der in Abb. W.2.4.3 dargestellte idealisierte Die Messfühler zur Messung von Tw und Tk
Kreisprozess kann in vier Schritte (Zustands- sind in den jeweiligen Reservoirs zu befesti-
änderungen) unterteilt werden: gen. Der Messfühler zur Bestimmung der
1o 2 : Temperatur T1 vor der Kompression wird an
Kältemittel wird angesaugt und adiabatisch der Zuleitung des Kompressors angebracht.
von p1 auf p2 komprimiert, dabei Erwärmung Nach dem Einschalten des Kompressors sind
von der Temperatur T1 auf T2, S const in Zeitintervallen von etwa 't = 120 s die
wegen d S d Q / T 0 , (reduzierter) Ener- genannten Temperaturen und die Drücke p1
gieaufwand w = h2  h1. und p2 zu messen. Zur Messung der elektri-
2 o 3: schen Kompressorleistung steht ein Leis-
Verflüssigung am Kondensator setzt die tungsmessgerät zur Verfügung. Da die Tem-
Energie Q2 bei der Temperatur Tw frei, Q2 peratur im Warmwasserreservoir einen vor-
enthält Überhitzungswärme und Kondensati- gegebenen Maximalwert nicht überschreiten
onswärme, (reduzierte) gewonnene Ener- darf und eine Vereisung auf der Verdampfer-
gie q2 = h2 – h3. seite vermieden werden muss, ist die Mess-
3o 4: dauer auf eine vorgegebene Zeit zu begren-
Gedrosselte Entspannung, Abnahme des zen. Das Wasser ist während des Betriebs
Drucks von p2 auf p1, Erniedrigung der Tem- regelmäßig umzurühren.
peratur von T3 auf T4, Enthalpie h4 bleibt Die zur Auswertung nach Gl. (50) notwendi-
konstant (h4 = h3). ge Temperaturänderung 'Tw als Funktion der
4 o 1: Zeit kann über den Quotienten 'Tw/'t oder
Kältemittel verdampft vollständig, (reduzier- aus dem Tangentenanstieg in einem entspre-
chenden Temperatur-Zeit-Diagramm ermit-
te) Wärmeaufnahme q1 h1  h4 .
telt werden. Die Wärmekapazität C wird
Damit lässt sich die theoretische Leistungs- gegeben oder man kann deren Wert experi-
zahl des idealisierten Kreisprozesses einer mentell z. B. mittels einer Abkühlungsmes-
solchen Wärmepumpe durch die Messung sung bestimmen (W.1.3). Für die Ermittlung
der Größen p1, p2 und T1 sowie dem Ablesen
von Hth nach Gl. (51) sind die Drücke p1 und
der spezifischen Enthalpien h1, h2 und h3 aus
p2, die als relative Drücke gegenüber dem
dem Mollier-Diagramm bestimmen:
Luftdruck gemessen werden, auf absolute
q2 h2  h3 Druckwerte umzurechnen. Mit T1 und p1
H th . (51) (Abb. W.2.4.3) wird der Punkt 1 im auslie-
w h2  h1
genden Mollier-Diagramm gesucht. Von
Die zusätzlichen Messungen der Temperatu- diesem ausgehend verfolgt man die nächst-
ren T2, T3 und T4 an den entsprechenden Stel- liegende Isentrope, deren Schnittpunkt mit
len geben einen erweiterten Einblick in die in der Horizontalen p2 = const den Punkt 2 er-
der Wärmepumpe ablaufenden Prozesse. gibt. Der Schnittpunkt der Horizontalen mit
der Siedelinie führt dann zu Punkt 3. Fällt
Versuchsausführung man von diesen Punkten das Lot auf die Ko-
Vor Beginn der Messungen ist die Wärme- ordinate h, können die gesuchten Enthal-
pumpe mit aufgefüllten Wasserbehältern pien h1, h2 und h3 abgelesen werden. Es ge-
etwa 15 Minuten in Betrieb zu nehmen (Ein- nügt aber, die den Enthalpiedifferenzen nach
laufphase). Anschließend ist das Wasser aus- Gl. (51) entsprechenden Strecken auszumes-
zutauschen. Die für die Auswertung benötig- sen, da nur ihre Verhältnisse in die Rechnung
te Wassermenge wird indirekt über Volu- eingehen. Bei Aufgabe 3 ist der Wasserbe-
menmarkierungen in den Behältern ermittelt. hälter vom Verdampfer zu entfernen und gut
3.0 Grundlagen 143

abzutrocknen. Während des Betriebs der gehalten werden. Zur Vermeidung von Strah-
Luft-Wasser-Wärmepumpe ist ein beheizba- lungsverlusten ist die Innenwand des Kalo-
res Gebläse in Höhe des Verdampfers aufzu- rimetergefäßes häufig verspiegelt. Oft ver-
stellen, dessen Kalt- bzw. Warmluft die Ver- wendet man auch gläserne Vakuummantelge-
dampferschlange umströmt. fäße (nach J. Dewar auch als Dewar-Gefäße
bezeichnet), deren Innenwand ebenfalls ver-
3 Kalorimetrie spiegelt ist. Wegen der bestehenden Implosi-
onsgefahr müssen diese Gefäße stets von
einer Schutzhülle umgeben sein.
3.0 Grundlagen
ϑ
Gegenstand kalorimetrischer Messungen ist 3
die Bestimmung von Wärmemengen bzw.
von Umwandlungsenergien. Für die folgen- 1
den Versuche werden Flüssigkeitskalorimeter
verwendet, die mit einer elektrischen Hei-
zung ausgerüstet werden können. In ihnen
befindet sich eine bestimmte Flüssigkeits- 2
menge bekannter spezifischer Wärmekapazi-
tät. Die zu bestimmenden Wärmemengen
ergeben sich in allen Fällen aus einer Bilanz 4
der im Inneren des Kalorimeters ausgetausch-
ten Energieanteile. Beim Aufstellen der
Wärmeenergiebilanz wird die grundlegende Abb. W.3.0.1 Kalorimeter mit Thermometer und
Beziehung benutzt, dass die ausgetauschte Rührwerk (schematisch)
Wärmemenge 'Q eine Änderung der Tempe-
ratur um 'T des betreffenden Stoffs (Masse Zusätzlich enthalten die in den verschiedenen
m, spezifische Wärmekapazität c) bewirkt: Versuchen verwendeten Kalorimeter zum
Durchmischen der Kalorimeterflüssigkeit ein
'Q c m 'T . (1) Rührwerk (mechanisches Rührwerk, Magnet-
rührer) und einen Temperaturmessfühler
Aus Gl. (1) folgt die Einheit der spezifischen sowie ggf. eine elektrische Heizung zur Er-
Wärmekapazität: 1 J kg-1 K-1. wärmung der Kalorimeterflüssigkeit.
Um das Kalorimeter näherungsweise als ab- In die jeweilige Energiebilanz geht selbstver-
geschlossenes System behandeln zu können, ständlich auch die mit dem Kalorimetergefäß
wird durch geeignete Konstruktion ein Ener- und dem apparativen Zubehör ausgetauschte
gieaustausch mit der Umgebung weitgehend Wärmemenge ein. Trotz aller Wärmeisolie-
vermieden. Die Grundkonstruktion eines rungen kann man einen Energieaustausch des
Kalorimeters (Abb. W.3.0.1) enthält das Ka- Kalorimetersystems mit der Umgebung nicht
lorimetergefäß (1), ein wärmeisolierendes vollständig verhindern. Damit entspricht die
Mantelgefäß (2) sowie eine wärmeisolierende Mischungstemperatur nicht dem Wert, der
Abdeckung (3). Die Verluste infolge von sich für den Fall eines unendlich schnellen
Wärmeleitung und Konvektion können bei Temperaturausgleichs einstellen würde. Für
speziellen Bauarten noch durch eine zusätzli- eine graphische Extrapolation auf einen idea-
che Unterteilung des Mantels und durch iso- lisierten momentanen Wärmeausgleich
lierende Distanzstücke (4) besonders klein nimmt man im Verlauf des Versuchs das in
144 Wärmelehre 3 Kalorimetrie

Abb. W.3.0.2 exemplarisch dargestellte Tem- 3.1 Wärmekapazität eines Kalo-


peratur-Zeit-Diagramm auf. Die Temperatur
der Kalorimeterflüssigkeit, in diesem Falle
rimeters
warmes Wasser, wird während einer Vorpe- Aufgabenstellung
riode in geeigneten Zeitabständen abgelesen
Die Wärmekapazität einer Kalorimeteranord-
und notiert. Die Hauptperiode leitet man nung ist zu bestimmen.
durch Abkühlung (z. B. das Eingießen von
kaltem Wasser) ein und umfasst den eigentli- Die Wärmekapazität CK einer Kalorimeter-
chen Mischungsvorgang, dessen Tempera- anordnung ist die in einem Temperaturinter-
turverlauf nach Möglichkeit auch verfolgt vall 'T ausgetauschte Wärmemenge 'Q ge-
werden sollte. Es schließt sich die Nachperi-
teilt durch 'T. Nach Gl. (1) gilt
ode von einigen Minuten an. Wegen der
Kürze der Vor- und Nachperiode ist der an 'Q
sich nach dem Newton’schen Abkühlungsge- CK mc . (2)
'T
setz (W.1.3) exponentielle Temperaturverlauf
durch die Geraden AB und FG hinreichend Die Einheit der Wärmekapazität ist J K-1.
genau wiedergegeben. Für die Abschätzung der Größenordnung von
CK kann bei bekannten Materialkomponenten
A die Summe der einzelnen Wärmekapazitäten
B (i = 1, ... , n) gebildet werden:
ϑw
ϑ C n
CK ¦m c
i 1
i i . (2a)

Da die Berechnung der Wärmekapazität der


verwendeten Kalorimeteranordnung, beste-
D hend aus Kalorimetergefäß und wärmisolie-
rendem Mantelgefäß sowie elektrischer Hei-
zung, Rührwerk und Thermoelement,
schwierig ist, erfolgt die Bestimmung der
Wärmekapazität des Kalorimeters experi-
ϑm mentell unter Verwendung der Mischungs-
F
E methode. Die Definition der Wärmekapazität
G nach Gl. (2) gilt für kleine Temperaturinter-
valle, in denen CK praktisch konstant ist.
t
Daraus folgt für die Wahl der Versuchsbe-
Abb. W.3.0.2 Temperatur (-)-Zeit (t)-Diagramm dingungen, dass nur hinreichend kleine
Wärmemengen 'Q ausgetauscht werden.
Daraus lässt sich auf den Temperaturverlauf Das Kalorimeter wird mit einer bestimmten
bei unendlich schnellem Ausgleich schließen, Masse warmen Wassers (Masse mw, Tempe-
indem eine Senkrechte CE so gezeichnet ratur -w) gefüllt und hierzu eine abgemesse-
wird, dass die Flächen BCD und DEF gleich ne Menge kalten Wassers (Masse mk, Tempe-
groß sind. Als Temperaturen des warmen ratur -k ) gegossen. Nach erfolgtem Wärme-
Wassers -w und der Mischungsphase -m austausch stellt sich eine Mischungstempera-
werden diejenigen gewählt, die den Punkten tur - m ein. Es ergibt sich folgende Energiebi-
C und E entsprechen. lanz: Das kalte Wasser nimmt die Wärme-
3.2 Spezifische Wärmekapazität von Festkörpern und Flüssigkeiten 145

menge 'Qk c1 mk (-m  -k ) auf, während 3.2 Spezifische Wärmekapazität


das warme Wasser 'Qw c2 mw (-w  -m ) von Festkörpern und Flüssigkei-
und die Kalorimeteranordnung die Wärme- ten
menge 'QK CK (-w  -m ) abgeben. Die
Im Allgemeinen muss man zwischen der
geringfügige Temperaturabhängigkeit der
spezifischen Wärmekapazität bei konstantem
spezifischen Wärmekapazität von Wasser
Druck (cp) und bei konstantem Volumen (cV)
wird hier vernachlässigt (c = c1 = c2). Aus der
unterscheiden. Für Festkörper und auch für
Energiebilanz
manche Flüssigkeiten (z. B. Wasser) kann
'Qk 'Qw  'QK folgt wegen der geringen thermischen Ausdehnung
in guter Näherung c = cp = cV gesetzt werden.
c mk -m  -k c mw  CK -w  -m , Aus Gl. (2) folgt
und für die Wärmekapazität des Kalorimeters 'Q
ergibt sich die Gleichung c (4)
m 'T
ª -  -k º und der Wert von c entspricht dem Wert der
CK c « mk m  mw » . (3)
¬ -w  -m ¼ Wärmemenge, die der Masseeinheit zuge-
führt werden muss, damit sich ihre Tempera-
Um den Wärmeaustausch mit der Umgebung tur um 1 K erhöht. Die spezifischen Wärme-
zu berücksichtigen, ist ein Temperatur-Zeit- kapazitäten sind in allen Aggregatzuständen
Diagramm aufzunehmen. Damit sind die eine Funktion der Temperatur. Die charakte-
Temperaturen -w und -m in Gl. (3) zu ermit- ristische Änderung der molaren Wärmekapa-
teln. Da die Wärmekapazität des Kalorime- zität von festen Metallen in Abhängigkeit
ters zusätzlich von der durch das Zugießen von der Temperatur vermittelt Abb. W.3.2.1.
der kalten Wassermenge veränderten Füllhö- C
he abhängen kann, bestimmt man mit diesem J mol -1 K-1
Verfahren einen mittleren Wert von CK. Die 25
Pb
Verwendung eines Kalorimeters mit elektri- Cu
scher Heizung (W.3.2.1) ermöglicht die Be- Al
15
stimmung der Wärmekapazität CK für kon-
3R

stante Füllhöhen.
Versuchsausführung 5

Das Kalorimeter wird zu Beginn des Ver-


100 300 500 T/K
suchs mit leicht erwärmtem Wasser etwa bis
zur Hälfte gefüllt. Die Massen mk und mw des Abb. W.3.2.1 Temperaturabhängigkeit der mola-
Wassers ergeben sich aus der Differenz der ren Wärmekapazität fester Metalle
Wägungen des leeren, des mit warmem Was-
ser und des gleichzeitig mit kaltem und war- Am absoluten Nullpunkt wäre die Wärmeka-
mem Wasser gefüllten Kalorimeters. Bei der pazität null, da die bei höheren Temperaturen
Berechnung von CK ist mit den aus einem stattfindenden Schwingungen der Atome um
Temperatur-Zeit-Diagramm erhaltenen Tem- ihre Ruhelage nicht angeregt werden. Mit
peraturen zu arbeiten. Während der gesamten Erhöhung der Temperatur beginnen die Ato-
Messung muss auf eine gute Durchmischung me immer stärker zu schwingen, und die
der Kalorimeterflüssigkeit geachtet werden. Wärmekapazität nähert sich nach der Re-
146 Wärmelehre 3 Kalorimetrie

gel von Dulong und Petit dem Grenz- ϑ


wert 3R | 25 J mol-1 K-1. Außerdem beobach-
tet man eine umso stärkere Zunahme der V
Wärmekapazität bei Erhöhung der Tempera-
tur, je größer die Atommasse des homogenen I A
PC
Festkörpers ist. Eine genauere Beschreibung
der Temperaturabhängigkeit der Wärmeka- U T
pazität ist nur mit Hilfe der Quantenmecha-
nik möglich, bei der die Quantisierung der H
Schwingungszustände berücksichtigt wird.
M
Damit kann auch begründet werden, warum
der Beitrag der Elektronen zur Wärmekapazi-
tät gegenüber dem der Atome vernachlässig- Abb. W.3.2.2 Messplatz zur Bestimmung spezifi-
bar ist. scher Wärmekapazitäten, Kalorimeter mit elektri-
scher Heizung (H), Magnetrührer (M), Tempera-
3.2.1 Spezifische Wärmekapazität tursensor (T), rechnergestützte Messwerterfassung
bzw. Digitalthermometer (-) und Schaltung zur
fester Stoffe Messung von Spannung und Stromstärke
Aufgabenstellung
Bei einer konstanten elektrischen Leis-
1. Die mittleren spezifischen Wärmekapazitä- tung (Pel = U I ) steigt die Temperatur in ei-
ten von zwei Metallproben sind für ein vor-
nem Zeitintervall 't bei nicht zu großer Er-
gegebenes Temperaturintervall oberhalb
wärmung oberhalb Zimmertemperatur zeit-
Zimmertemperatur zu ermitteln. Die molaren lich linear. Als Energiebilanz ergibt sich
Wärmekapazitäten sind zu bestimmen und
mit dem Wert nach der Regel von Dulong 'Q Cges 'T Pel 't U I 't . (5)
und Petit zu vergleichen.
2. Zusätzlich ist eine Messung mit einer auf Die von der Heizung abgegebene Energie
die Temperatur des flüssigen Stickstoffs ab- wird in Form von Wärmeenergie vom Kalo-
gekühlten Metallprobe durchzuführen und rimeter und der Kalorimeterflüssigkeit auf-
die mittlere spezifische Wärmekapazität zu genommen. Die Wärmekapazität Cges ergibt
bestimmen. sich aus der Summe der Wärmekapazitäten
des Kalorimeters CK und der darin enthalte-
Nach Gl. (4) gewinnt man die spezifische nen Flüssigkeit Cfl. Mittels der Messung von
Wärmekapazität c einer Probe, indem ihre Stromstärke I und Spannung U sowie durch
Temperatur ermittelt wird, nachdem die Pro- die Bestimmung des Anstiegs b = 'T/'t der
be eine Wärmemenge 'Q abgegeben bzw. zeitabhängigen Temperaturerhöhung kann
aufgenommen hat. Die Wärme wird durch die Wärmekapazität Cges mit
die Kalorimeterflüssigkeit (spezifische Wär-
UI
mekapazität cfl) übertragen. In diesem Ver- Cges (6)
such wird die in Abb. W.3.2.2 dargestellte b
Kalorimeteranordnung mit elektrischer Hei- und daraus die Wärmekapazität des Kalori-
zung und computergestützter Temperatur- meters bestimmt werden.
messung verwendet. Die Bestimmung der Befindet sich außer der Flüssigkeit auch der
Wärmekapazität des Kalorimeters CK erfolgt metallische Probekörper (Wärmekapazi-
hier durch die Zufuhr von Wärmeenergie tät, C = m c) im Kalorimeter, setzt sich die
mittels einer elektrischen Heizung. Wärmekapazität Cges additiv aus den drei
3.2 Spezifische Wärmekapazität von Festkörpern und Flüssigkeiten 147

Anteilen CK, Cfl und C zusammen gefäß wird bis zu einer vorgegebenen Höhe
die Flüssigkeit mit bekannter spezifischer
Cges CK  Cfl  C CK  mfl cfl  m c . (7)
Wärmekapazität cfl eingefüllt.
Zur Bestimmung der Wärmekapazität der auf Die Masse mfl der Kalorimeterflüssigkeit
die Temperatur -f des flüssigen Stickstoffs ergibt sich aus der Differenz der Wägungen
des leeren und des mit Flüssigkeit gefüllten
(-f = 196 qC) abgekühlten Metallprobe wird
Kalorimeters. Anschließend sind das Rühr-
diese in die Kalorimeterflüssigkeit getaucht.
Die Metallprobe (Masse mf, spezifische werk in Betrieb zu nehmen und das Kalori-
Wärmekapazität cf ) nimmt die Wärmemenge metergefäß, in dessen Abdeckung der Tem-
peratur-Messfühler und der Heizwiderstand
'Q cf mf -m  -f (8) gehaltert werden, zu verschließen. Danach
beginnt man mit der Temperaturmessung.
auf, wobei -m die Temperatur nach dem Nach wenigen Minuten (Vorperiode zur
Energieaustausch ist. Vom Kalorimeter und Kontrolle der Anfangsbedingungen) wird die
der Flüssigkeit wird diese Wärmemenge 'Q Heizung eingeschaltet und die Temperaturer-
abgegeben: höhung als Funktion der Zeit gemessen.
Wenn die Temperatur auf einen Wert von
'Q cfl mfl  CK -fl  -m . (9)
etwa 5 K oberhalb Zimmertemperatur gestie-
Der Vergleich von aufgenommener und ab- gen ist, schaltet man die Heizung aus und
gegebener Wärmemenge führt zur Bestim- nimmt einige Minuten die Nachperiode auf.
mungsgleichung der spezifischen Wärmeka- Während der Messung sind die Werte für die
pazität der Metallprobe für den Temperatur- Stromstärke I und die Spannung U zur Be-
bereich zwischen -f und -m: rechnung der elektrischen Leistung zu notie-
ren. Mittels graphischer oder rechnerischer
cf
cfl mfl  CK -fl  -m .
Auswertung (lineare Regression) wird der
(10)
mf -m  -f Anstieg b='T/'t bestimmt. Unter Anwen-
dung von Gl. (6) werden zuerst die ggf. nicht
In analoger Weise kann auch die mittlere bekannte Wärmekapazität des Kalorimeters
spezifische Wärmekapazität einer erwärmten und anschließend die gesuchten Wärmekapa-
Metallprobe bestimmt werden, sofern keine zitäten der metallischen Probekörper und
Phasenübergänge in dem gewählten Tempe- nach deren Wägung die spezifischen Wär-
raturintervall auftreten. Die veränderten Ver- mekapazitäten bestimmt. Bei allen Messun-
hältnisse in Bezug auf den Energieaustausch gen sind die Wiederholbedingungen stets
zwischen Probekörper und Kalorimeterflüs- gleich zu wählen, um die insbesondere bei
sigkeit führen zur Gl. (11): einfachen kalorimetrischen Experimenten
auftretenden nicht erfassbaren (systemati-
cfl mfl  CK -m  -fl schen) Abweichungen so klein wie möglich
cf . (11) zu halten. Als ergänzende Messung soll einer
mf -f  -m
der beiden Probekörper auf die Temperatur
des siedenden Wassers (Druckabhängigkeit
Versuchsausführung der Siedetemperatur im Anhang A.10) er-
Zu Beginn des Experiments ist die Schaltung wärmt und anschließend zügig in das mit
nach Abb. W.3.2.2 (spannungsrichtige Mes- destilliertem Wasser gefüllte Kalorimeterge-
sung, E.1.1) zur Ermittlung der elektrischen fäß überführt werden. Einem Temperatur-
Leistung Pel aufzubauen oder man verwendet Zeit-Diagramm sind die extrapolierte An-
ein Leistungsmessgerät. In das Kalorimeter- fangs- und Mischungstemperatur zu entneh-
148 Wärmelehre 3 Kalorimetrie

men und mit Gl. (11) kann der Wert der spe- Versuchsausführung
zifischen Wärmekapazität ermittelt werden. Das trockene Kalorimeter wird mit der zu
Es sind die im Versuch erhaltenen Ergebnisse untersuchenden Flüssigkeit bis zu einer vor-
mit bekannten Werten (Anhang A. 7) zu ver- gegebenen Höhe gefüllt. Die Durchführung
gleichen. des Experiments und die Ermittlung der Wer-
Zur Realisierung von Aufgabe 2 wird ein te für Pel sowie b erfolgt in Analogie zum
(gut abgetrockneter) Probekörper solange in Versuch W.3.2.1. Durch Differenzbildung
flüssigen Stickstoff getaucht, bis nach an- der Wägungen des leeren und des mit Flüs-
fänglichem starkem Sieden der Stickstoff sigkeit gefüllten Kalorimeters erhält man die
gleichmäßig siedet. Danach wird er aus dem Masse der Flüssigkeit. Sofern die Wärmeka-
Dewar-Gefäß möglichst schnell in das Kalo- pazität des Kalorimeters CK nicht bekannt ist,
rimetergefäß überführt und in die Kalorime- kann diese mit einer Flüssigkeit bekannter
terflüssigkeit (Ethanol, spezifische Wärme- spezifischer Wärmekapazität mit demselben
kapazität im Anhang A.8) eingetaucht. Es ist Verfahren ermittelt werden.
ein Temperatur-Zeit-Diagramm aufzunehmen
und mit den extrapolierten Temperaturen -fl 3.3 Umwandlungswärmen
und -m sowie den zuvor ermittelten Massen
der Kalorimeterflüssigkeit und des Probekör- Allgemein entsprechen die spezifischen
pers kann mit Gl. (10) die mittlere spezifische Umwandlungswärmen den je nach der Rich-
Wärmekapazität cF bestimmt werden. tung des Prozesses positiv oder negativ zu
rechnenden Wärmemengen, die bei der Um-
3.2.2 Spezifische Wärmekapazität wandlung der Masseeinheit des Stoffs bei
konstanter Umwandlungstemperatur umge-
von Flüssigkeiten setzt werden. Die Einheit der spezifischen
Aufgabenstellung Umwandlungswärme qij ist J kg-1, wobei die
Indizes den Phasenübergang klassifizieren.
Die spezifische Wärmekapazität einer Flüs-
Insbesondere wird daher beim Schmelzen
sigkeit ist mit einem elektrisch beheizten
von 1 kg Eis eine Wärmemenge vom Betrage
Kalorimeter zu bestimmen.
der spezifischen Umwandlungswärme ver-
braucht, wenn dabei die Temperatur konstant
Die Bestimmung der spezifischen Wärmeka-
273,15 K bleibt. Die spezifische Kondensati-
pazität von Flüssigkeiten kann auf die bisher
onswärme des Wasserdampfs bei Siedetem-
behandelten Methoden zurückgeführt wer-
peratur wird frei, wenn 1 kg Wasserdampf in
den, wenn die Flüssigkeiten im Bereich der
Wasser gleicher Temperatur übergeht.
Versuchstemperatur nur unmerklich verduns-
ten. Es wird das in Abb. W.3.2.2 dargestellte
Kalorimeter mit elektrischer Heizung für die 3.3.1 Spezifische Schmelzwärme
Bestimmung der spezifischen Wärmekapazi- des Eises
tät cfl einer unbekannten Flüssigkeit (Mas- Aufgabenstellung
se mfl) verwendet. Unter Anwendung
von Gl. (6) erhält man die Bestimmungsglei- Die spezifische Schmelzwärme des Eises ist
chung für die zu ermittelnde spezifische zu bestimmen.
Wärmekapazität:
Die spezifische Schmelzwärme q12 eines
1 § Pel · Stoffs lässt sich immer dann nach der Mi-
cfl  CK ¸ . (12)
mfl ¨© b
schungsmethode bestimmen, wenn als Kalo-
¹ rimeterflüssigkeit entweder die Schmelze des
3.3 Umwandlungswärmen 149

Versuchsstoffs oder eine Flüssigkeit verwen- stimmung der spezifischen Schmelzwärme


det wird, in der sich der Versuchsstoff weder nach dieser Methode:
löst noch mit ihr chemisch reagiert. Stets
cfl mfl  CK
muss die Temperatur der Flüssigkeit höher q12 -fl  -m
als die Schmelztemperatur des festen Stoffs mf (13)
sein. Wird eine Masse mf eines festen Stoffs  cs -m  -s  cf -s  -f .
der Temperatur -f in das Kalorimeter gege-
ben, erwärmt sie sich auf die Schmelztempe- Gl. (13) vereinfacht sich bei der Bestimmung
ratur -s. Sie bleibt während des Schmelzens der spezifischen Schmelzwärme von schmel-
konstant, und erst nachdem der Stoff voll- zendem Eis, da dann wegen -f = -s= 0 auch
ständig geschmolzen ist, steigt sie auf die Q1 = 0 ist (-m = (-m  -s), Einheit K):
Mischungstemperatur -m. Der Übergang vom
cfl mfl  CK
Feststoff zur Flüssigkeit geschieht in drei q12 -fl  -m  cs-m . (14)
Stufen, wobei die dabei aufgenommenen mf
Wärmemengen mit Gl. (1) bestimmt werden
können. Versuchsausführung
1. Erwärmung des festen Stoffs (spezifische
Wärmekapazität cf ) auf die Schmelztempera- Die Zimmertemperatur ist zu messen und das
Kalorimeter wird mit vorgewärmtem Wasser
tur -s:
bis zu einer Füllmarke gefüllt. Die Ausgangs-
Q1 mf cf -s  -f . temperatur der Kalorimeterflüssigkeit soll
etwa 5 K oberhalb der Zimmertemperatur
2. Schmelzen des Feststoffs mit der spezifi- liegen. Zur Temperaturmessung wird ein
schen Schmelzwärme q12 bei der Schmelz- Widerstandsthermometer verwendet, das ggf.
temperatur -s: noch zu kalibrieren ist. Dazu verwendet man
Q2 mf q12 . am einfachsten ‚Eiswasser’ (T0 = 273,15 K)
sowie siedendes Wasser (TS( pL)). Der Luft-
3. Erwärmung des geschmolzenen Stoffs druck pL wird mit einem Barometer bestimmt
(spezifische Wärmekapazität cs) auf die Mi- und der Wert für die betreffende Siedetempe-
schungstemperatur -m: ratur kann der Tabelle im Anhang A.10 ent-
nommen werden. Aus Gl. (W.1-6) folgt für
Q3 mf cs -m  -s . den linearen Temperaturkoeffizienten

Die entsprechenden Energieanteile werden 1 R TS  R T0


E , ' T TS  T0 .
von der Kalorimeterflüssigkeit (Masse mfl, R T0 'T
spezifische Wärmekapazität cfl) und dem
Kalorimeter (Wärmekapazität CK) durch Mit dem bekannten Wert für E kann die
deren Abkühlung von -fl auf die Mischungs- Temperatur dann indirekt über den elektri-
temperatur geliefert: schen Widerstand des Temperatursensors
gemessen werden, den man mit einem Ohm-
Q4 cfl mfl  CK -fl  -m . Meter eines 4,5-stelligen Digitalthermome-
ters hinreichend genau messen kann.
Aus der Energiebilanz Nach Aufnahme der Vorperiode ist das gut
zerkleinerte und gut abgetrocknete Eis in
Q4 Q1  Q2  Q3 kleinen Stücken in das Kalorimeter zu geben
und auf regelmäßiges Durchmischen der
folgt die allgemeine Beziehung für die Be- Kalorimeterflüssigkeit zu achten. Dadurch
150 Wärmelehre 3 Kalorimetrie

erreicht man eine stetige Abkühlung. Wenn Mit der molaren Masse M von Wasser lässt
die Temperatur der Kalorimeterflüssigkeit sich die molare Verdampfungswärme mit
etwa 5 K unterhalb der Zimmertemperatur Q32 = M q32 berechnen, und es folgt für die
liegt, wird die Nachperiode gemessen. Änderung der molaren inneren Energie 'U
Die Masse des Eises und die Masse des als beim isobaren Verdampfen (konstanter Luft-
Kalorimeterflüssigkeit dienenden Wassers druck pL) von Wasser bei der Siedetempera-
folgt aus der Differenz dreier Wägungen; tur TS
leeres und mit vorgewärmtem Wasser gefüll-
tes Kalorimeter sowie letzteres zusätzlich mit 'U U 3  U 2 | Q32  pL V3  V2
(16)
dem Wasser des geschmolzenen Eises. Die 'U | Q32  R TS .
Temperaturen -fl und -m sind aus dem Tem-
peratur-Zeit-Diagramm wie in W.3.0 be- Die Näherung in Gl. (16) ergibt sich aus der
schrieben zu ermitteln. Vernachlässigung des molaren Volumens der
Flüssigkeit gegen das des Dampfs und der
3.3.2 Spezifische Kondensations- Anwendung der Zustandsgleichung idealer
Gase für den Dampf.
wärme des Wassers
Aufgabenstellung
ϑ
1. Es ist die spezifische Kondensationswärme
des Wasserdampfs bei Siedetemperatur zu
ermitteln.
2. Die Änderung der molaren inneren Ener-
gie von Wasser beim Verdampfen soll nähe-
rungsweise bestimmt werden.

Zur kalorimetrischen Bestimmung der spezi-


fischen Kondensations- und damit auch der
Verdampfungswärme q32 des Wassers bei der Abb. W.3.3.1 Versuchsaufbau zur Bestimmung
der Kondensationswärme des Wasserdampfs
Siedetemperatur -S kondensiert man eine (schematisch)
bestimmte Menge des Dampfs (Masse mD) in
die Flüssigkeit (Wasser, mittlere spezifische
Wärmekapazität c) des Kalorimeters. Die Versuchsausführung
Indizes 3 und 2 beziehen sich auf die gasför- Das Wasser im Siedegefäß wird zum Sieden
mige bzw. auf die flüssige Phase. Dabei wer- gebracht und einige Zeit gewartet, damit sich
den die Wärmemenge q23 mD und bei der in der Dampfzuleitung ein Temperatur-
Abkühlung auf die Mischungstemperatur -m gleichgewicht einstellt (Abb. W.3.3.1). Der
die Energie c mD (-S-m) frei. Diese beiden Kondensatfänger in der Zuleitung soll ver-
Anteile werden von der Kalorimeteranord- hindern, dass im Rohr kondensiertes Wasser
nung mit der Wärmekapazität CK und dem in das Kalorimeter läuft. Das Kalorimeter
darin enthaltenen Wasser (Masse mW, Tem- wird bis zu einer Füllmarke mit Wasser ge-
peratur -W) aufgenommen. Aus der Energie- füllt, dass eine Anfangstemperatur von etwa
bilanz folgt 5 K unterhalb der Zimmertemperatur haben
soll. Bei gleichmäßig siedendem Wasser wird
c mW CK der Dampfstrahl direkt auf die Oberfläche
q32 -m  -W  c -S -m . (15) des Wassers im Kalorimeter geleitet. Es ist
mD
auf gutes Durchmischen der Kalorimeterflüs-
4.0 Grundlagen 151

sigkeit zu achten. Erreicht die Mischungs- Temperaturfelds T ( r , t ) T ( x, y, z , t ) , in dem


temperatur einen Wert, der etwa 5 K ober- die Wärme stets längs eines Temperaturgefäl-
halb der Zimmertemperatur liegt, ist das Zu- les in Richtung von höheren zu tieferen Tem-
leitungsrohr zu entfernen. peraturen strömt. Die in der Zeit dt durch
Die Temperatur wird mit einem Widerstands- eine Fläche A fließende Wärmemenge dQ
thermometer gemessen. Es ist ein Tempera- bestimmt den Wärmestrom
tur-Zeit-Diagramm aufzunehmen, mit dem )th d Q / d t .
die extrapolierten Temperaturwerte für -w
und -m ermittelt werden können. Das Verhältnis aus dem Wärmestrom und der
Der Tabelle im Anhang A.10 entnimmt man von ihm durchströmten Fläche definiert man
die Siedetemperatur von Wasser, wobei der als Wärmestromdichte qth, die proportional
Luftdruck zuvor mit einem Barometer ge- zum Temperaturgefälle ist und senkrecht auf
messen wird. Die Masse der Kalorimeterflüs- dieser Fläche steht. Daraus resultiert der vek-
sigkeit und des kondensierten Dampfs wird torielle Charakter der Wärmestromdichte.
durch entsprechende Wägungen erhalten. Es Mit der Wärmeleitfähigkeit O, deren Wert
ist der Unterschied zwischen dem Wert der von der Temperatur abhängt, erhält man die
molaren Kondensationswärme und dem der aus der Erfahrung abgeleitete Wärmelei-
Änderung der inneren Energie nach Gl. (16) tungsgleichung:
zu diskutieren.
dT r
qth O . (2)
4 Wärmeleitung in Fest- dr

körpern Das negative Vorzeichen in Gl. (2) berück-


sichtigt die Richtung des Wärmestroms von
höheren zu tieferen Temperaturen, d. h., der
4.0 Grundlagen Temperaturgradient dT(r)/dr ist negativ. Die
Wärmeleitfähigkeit, die eine materialabhän-
Die Wärmeleitung in Festkörpern hängt von
gige Größe ist, hängt für kleine Temperatur-
verschiedenen Transportmechanismen ab. Im
Wesentlichen erfolgt die Ausbreitung von intervalle bei nicht zu tiefen Temperaturen
Wärmeenergie in Form von Schwingungs- nur in geringem Maße von der Temperatur
energie über gekoppelte Gitterschwingungen ab.
zwischen benachbarten Atomen und in Form z y
von kinetischer Energie über Stöße zwischen
den Leitungselektronen. In reinen Metallen x
überwiegt der Beitrag der Elektronen zur
Wärmeleitung. Nach dem Wiedemann- dT(x)
ΔA dT(x + Δx)
Franz’schen Gesetz existiert ein proportiona- dx dx
ler Zusammenhang zwischen der elektrischen
qth,1 qth,2
(V) und der thermischen (O) Leitfähigkeit bei
nicht zu tiefen Temperaturen entsprechend
Δx
O
const . (1)
VT Abb. W.4.0.1 Zur Differentialgleichung der Wär-
Die Ursache für den Transport von Wärme- meleitung
energie ist das Auftreten eines im Allgemei-
nen zeitlich und räumlich veränderlichen In Abb. W.4.0.1 ist das vereinfachte Beispiel
152 Wärmelehre 4 Wärmeleitung in Festkörpern

eindimensionaler Wärmeleitung gezeigt, bei Sie ist eine Kenngröße für die Beschreibung
der ein Wärmestrom )th in x-Richtung durch der zeitlichen Änderung der Temperatur in-
die Fläche 'A eines Volumenelements 'V folge des Temperaturausgleichs zwischen
der Dicke 'x eines Festkörpers fließt. Das Orten unterschiedlicher Temperatur.
Temperaturgefälle auf der einen Seite des Für dreidimensionale Betrachtungen ergibt
Volumenelements beträgt dT/dx und auf der sich die allgemeine Wärmeleitungsgleichung
Gegenseite als partielle Differentialgleichung der vier
Variablen x, y, z, t. Ihre Lösung hängt ent-
d T x  'x d T d 2T scheidend von den durch die Aufgabenstel-
 'x .
dx d x d x2 lung vorgegebenen Anfangs- und Randbe-
dingungen ab. Bei vielen praktischen An-
Die Differenz zwischen der in das Volumen- wendungen realisiert man ein zeitlich kon-
element hinein- bzw. herausströmenden stantes Temperaturfeld T(r), in dem eine
Wärme ermittelt man über die Differenz der stationäre Wärmeübertragung vorliegt und
Beträge der Wärmestromdichten zu nur noch die Randbedingungen von Bedeu-
tung sind. Im Anhang A.15 sind einige einfa-
d 2T
qth,1  qth,2 O 'x . (3) che Beispiele für die stationäre Wärmeleitung
d x2 in isotropen homogenen Festkörpern unter-
schiedlicher geometrischer Form angeführt.
Mit der Definition für den Wärmestrom er-
hält man
4.1 Wärmeleitfähigkeit
2
dT
)th q th,1  qth,2 ' A O 'V
d x2
. (4) Aufgabenstellung
1. Die Wärmeleitfähigkeit in einem Metallzy-
Andererseits ergibt sich aus der in der Zeit dt linder ist mit einem relativen Messverfahren
zu bestimmen.
aus dem Volumenelement 'V abfließenden
2. Es ist die Temperaturverteilung in einem
Wärme dQ ein Wärmestrom
konisch geformten Metallkörper zu messen
dQ dT dT und zu diskutieren.
)th,a  mc  U 'V c . (5) 3. Mit einem Zweiplatten-Messverfahren
dT dt dt
sind die Wärmeleitfähigkeit eines nichtmetal-
lischen Stoffs und der Wärmedurchgangsko-
Aus der Kombination der Gln. (4) und (5)
effizient zu bestimmen.
folgt die Differentialgleichung der Wärmelei-
tung (eindimensional):
Zur Bestimmung der Wärmeleitfähigkeit von
dT O dT 2
dT 2 Metallen in Aufgabe 1 werden zwei zylindri-
aT . (6) sche Metallstäbe (Abb. W.4.1.1) gleichen
dt U c d x2 d x2
Querschnitts A aus unterschiedlichem Mate-
Hierbei sind c die spezifische Wärmekapazi- rial mit den Wärmeleitfähigkeiten O1 und O2
tät und U die Dichte des homogenen isotro- fest miteinander verschraubt, so dass ein sehr
pen Materials, wobei die Größe aT mit guter Wärmekontakt entsteht (Wärmeüber-
gangskoeffizient vernachlässigbar klein).
O Damit sich der Temperaturgradient nur längs
aT (7)
Uc der Stabachsen ausbildet, sind die Mantelflä-
chen der Stäbe wärmeisoliert. Beide Zylinder
als Temperaturleitfähigkeit bezeichnet wird. werden im stationären Zustand vom gleichen
4.1 Wärmeleitfähigkeit 153

Wärmestrom )th (Anhang A.15-b) durchflos- T2 (oben) bzw. T1 (unten). Zur Herleitung der
sen und es gilt in guter Näherung Temperaturverteilung T(x) längs der Achse
des Kegelstumpfs (Koordinate x) betrachtet
§ dT · § dT · man den Wärmestrom
)th O1 A ¨ ¸ O2 A ¨ ¸ . (8)
© dz ¹1 © dz ¹2 dT ( x)
)th O Ax (9)
Als Wärmequelle dient eine elektrische Hei- dx
zung (H), die am Ende des oberen Stabs be-
festigt ist, während das Ende des unteren und mit Ax ʌ Rx2 erhält man
Stabs gekühlt wird und die Wärmesenke
bildet.
)th d x )th d x
dT ( x)  . (10)
O Ax ʌ O Rx2
Rx beschreibt den in Abhängigkeit von x
veränderlichen Radius der Fläche Ax.
H
x=l
⎛ dT ⎞ T(x)=T2
⎜ ⎟
⎝ dz ⎠ 2
Rx=R2
Interface

x
PC T(x)
Rx
⎛ dT ⎞ Ax
⎜ ⎟
⎝ dz ⎠1 l x
Φth
x=0
T(x)=T1
Rx=R1

Abb. W.4.1.1 Versuchsaufbau zur Bestimmung


der Wärmeleitfähigkeit von Metallen mit einem
Abb. W.4.1.2 Zur Messung der Temperaturver-
Vergleichsverfahren (schematisch)
teilung an einem Kegelstumpf
Zur Messung der Temperaturverteilung längs
Unter Verwendung der Verhältnisgleichung
der Achse eines Kegelstumpfs aus Metall
(Abb. W.4.1.2) wird eine Messanordnung Rx  R1 R2  R1
analog zu der in Aufgabe 1 beschriebenen (11)
x l
verwendet. Die obere Fläche (Radius R2)
wird beheizt und die untere Fläche (Radi- kann dx durch d x (l / R2  R1 ) d Rx substitu-
us R1) gekühlt. Die Mantelfläche des konisch iert werden und nach der Integration in den
geformten Versuchskörpers ist thermisch Grenzen T1 und T(x) bzw. R1 und Rx folgt
isoliert. Nach einer ausreichend langen War-
tezeit stellt sich bei konstanter Heizleistung )th l § 1 1 ·
T ( x)  T1  ¨  ¸ . (12)
ein stationärer Wärmestrom in Richtung der ʌ O R2  R1 © R1 Rx ¹
Wärmesenke ein und die Temperaturen an
den Endflächen des Kegelstumpfs betragen Um die unbekannte Größe [)th /(S O)] in
154 Wärmelehre 4 Wärmeleitung in Festkörpern

Gl. (12) zu erhalten, wird diese mit den Rand- te präpariert. Die Messung der Temperatur-
bedingungen für x = l, (T(x = l) = T2, verteilung in den beiden Metallstäben erfolgt
Rx = l = R2) berechnet: durch mehrere in festen Abständen ange-
brachte Messfühler mit einem mehrkanaligen
)th R1 R2
 (T2  T1 ) . (13) Digitalthermometer oder mit einem rechner-
ʌO l gestützten Messwerterfassungssystem. Im
letzteren Fall geschieht die Messdatenerfas-
Setzt man Gl. (13) in Gl. (12) ein und berück-
sung ebenfalls mehrkanalig sowie einem
sichtigt Gl. (11), ergibt sich für die Tempera-
Messmodul zur Signalaufbereitung. Die Sig-
turverteilung
nalspannungen werden anschließend über
R2 ( x / l ) eine geeignete Interface-Schaltung in digita-
T ( x) T1 (T2 T1 ) .(14) lisierter Form in einem Rechner gespeichert,
( R2  R1 )( x / l )  R1
mittels der zur Verfügung stehenden Soft-
Die in Abb. W.4.1.3 dargestellten Graphen ware ausgewertet und als Temperaturwerte
zeigen den starken Einfluss der unterschied- ausgegeben. Zur Ermittlung der Temperatur-
lich großen Radien der Endflächen des Ke- gradienten in den Stäben werden die gemes-
gelstumpfs auf die Temperaturverteilung. senen Temperaturen T(zi) in Abhängigkeit
von der Messstelle zi graphisch dargestellt
Tx-T1 1,0 und man ermittelt aus den entsprechenden
T2-T1 (d) Anstiegen die zugehörigen Temperaturgra-
0,8
dienten (dT/dz)1 und (dT/dz)2. Mit der Kennt-
(c)
0,6
nis der Wärmeleitfähigkeit von einem der
(b)
beiden Stäbe ist die Bestimmung der unbe-
0,4 kannten Wärmeleitfähigkeit nach Gl. (8)
(a)
möglich.
0,2 Die in Aufgabe 2 zu untersuchende Tempera-
turverteilung des Kegelstumpfs bekannter
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 Länge wird analog zur Aufgabe 1 nach Ein-
(x/L) stellung des thermischen Gleichgewichts an
acht verschiedenen Messstellen erfasst. Die
Abb. W.4.1.3 Zur Temperaturverteilung in einem Temperaturen sind in ein T(x)-Diagramm
Kegelstumpf nach Gl. (14) für verschiedene Ver-
einzuzeichnen, in dem auch der mit Gl. (14)
hältnisse R1/R2 : 1,0 (a), 0,75 (b); 0,5 (c); 0,25 (d)
berechnete Temperaturverlauf graphisch
dargestellt wird. Die dazu erforderlichen
Versuchsausführung Radien R1 und R2 werden am Arbeitsplatz
Bei Aufgabe 1 ist die am Arbeitsplatz ange- mitgeteilt, die Temperaturen T1 und T2 kön-
gebene elektrische Heizleistung Pel , die mit nen an den entsprechenden Digitalthermome-
einem Watt-Meter gemessen wird, mittels tern abgelesen werden. Unterschiede zwi-
eines Labornetzgeräts einzuregeln. Nach schen den gemessenen und den berechneten
einer hinreichend langen Wartezeit bildet Werten, die größer als die jeweiligen Mess-
sich ein stationäres Temperaturgefälle längs unsicherheiten sind, sollen diskutiert werden.
der Stabachsen der thermisch in Reihe ge- In Aufgabe 3 wird die Wärmeleitfähigkeit
schalteten Metallstäbe aus. Um den Wärme- eines schlecht wärmeleitenden Materials
übergang zwischen den Messfühlern und den ermittelt. Für die Untersuchung der Wärme-
Messstellen an den Stäben zu verbessern, leitung in solchen Stoffen, deren Wärmeleit-
sind diese zusätzlich mit einer Wärmeleitpas- fähigkeit viel kleiner als die von Metallen ist,
4.1 Wärmeleitfähigkeit 155

wird häufig eine relative Messmethode ver- von kleinen Kanälen in der Gehäusewand
wendet, bei der zwei nicht zu dicke Platten ermöglicht. Oberhalb der oberen Platte kann
(Wandproben) aus verschiedenen Materialien eine gekühlte Fläche als Wärmesenke ange-
übereinander gelegt werden, wobei die Wär- bracht werden, um einen ausreichend großen
meleitfähigkeit eines Materials bekannt ist. und stabilen Wärmestrom zu erzeugen.
Um einen guten Wärmeübergang zwischen Nach einer hinreichend langen Einlaufzeit
den beiden Platten zu erreichen und um die bei einer vorgegebenen Heizleistung wird
Temperatur zwischen den Wandproben und sich ein stationärer Wärmestrom einstellen
an deren Oberflächen messen zu können, und an den fünf installierten Messstellen
werden dünne Metallplatten einschließlich kann die jeweilige Temperatur abgelesen
Wärmeleitpaste (Kontaktschichten) ange- werden:
bracht. Diese vorpräparierte Plattenanord- Tw : Temperatur unterhalb der Wandproben,
nung wird in eine Wärmemesskammer
T1 : Wandtemperatur der unteren Platte,
(Abb. W.4.1.4) eingesetzt, deren Gehäuse aus
thermisch isolierendem Material mit quadra- T2 : Temperatur zwischen den Platten,
tischer Öffnung besteht, so dass Wärmever- T3 : Wandtemperatur der oberen Platte,
luste über die Seitenwände der Platten ver-
Tk : Temperatur oberhalb der Wandproben.
nachlässigbar sind.
Zur Bestimmung der unbekannten Wärme-
3 leitfähigkeit (Oa) sind die Temperaturen T1, T2
a und T3 zu messen. Mit Gl. (2) folgt unter der
2
b Bedingung, dass der Wärmestrom durch die
1 beiden Platten die gleiche Stärke hat,
(T2  T1 ) (T3  T2 )
Tk T3 T2 T1 Tw Ob Ab Oa Aa . (15)
db da
ϑ ϑ ϑ ϑ ϑ
Bei gleichgroßen Plattenflächen und -dicken
erhält man die Bestimmungsgleichung für die
H zu bestimmende Wärmeleitfähigkeit:
§ T2  T1 ·
UH Oa Ob ¨ ¸ . (15a)
© T3  T2 ¹
Abb. W.4.1.4 Zur Bestimmung der Wärmeleitfä- Der Wärmedurchgangskoeffizient k ist eine
higkeit mit einer Wärmemesskammer, oben: spezifische Kennzahl für den Wärmedurch-
Messplatten mit bekannter (b) und unbekannter gang durch ein- oder mehrschichtige Wände,
(a) Wärmeleitfähigkeit mit Kontaktschichten (1, 2 die sowohl von der Wärmeleitung als auch
und 3), unten: Wärmemesskammer (Heizung H)
vom Wärmeübergang bestimmt wird. Im
vorliegenden Fall von zwei Platten bekannter
Im unteren Bereich der Messkammer unter-
Dicke sind die folgenden Anteile unter Ver-
halb der Wandproben befindet sich eine
nachlässigung des Wärmeübergangs zwi-
elektrische Heizung (H), mit der ein konstan-
schen den beiden Platten zu unterscheiden
ter Wärmestrom eingeregelt werden kann.
(Abb. W.4.1.5):
Die Befestigung von mehreren Messfühlern
zur Temperaturmessung im Inneren der 1. Wärmeübergang zwischen erwärmter
Wärmemesskammer wird durch eine Reihe Luftschicht (Temperatur Tw) und der unteren
156 Wärmelehre 4 Wärmeleitung in Festkörpern

Fläche der Platte b: ständen der gesamte Wärmedurchgangswi-


derstand durch die Addition der Einzelwider-
)th D w,1 A (T1  Tw ) . (16)
stände ermittelt werden. Mit den gemessenen
Temperaturen Tw und Tk, der bekannten Plat-
2. Wärmeleitung in der Platte b (Wärmeleit- tenfläche sowie der mit einem Watt-Meter
fähigkeit Ob): bestimmbaren Größe des Wärmestroms
(T2  T1 ) ()th = dQ / dt = Pel) wird der Wert des Wä-
)th Ob A . (17) medurchgangskoeffizienten nach Gl. (20)
db
ermittelt. Dieser Wert soll mit dem nach
3. Wärmeleitung in der Platte a (Wärmeleit- Gl. (21) berechenbaren Wert verglichen wer-
fähigkeit Oa): den. Die neben den bekannte Plattendicken da
und db dazu erforderlichen Werte der Wär-
(T3  T2 )
)th Oa A . (18) meübergangskoeffizienten Dw,1 und D3,k kön-
da nen unter Verwendung der Gln. (16) und (19)
4. Wärmeübergang zwischen der oberen Flä- bestimmt werden. Die Messungen sollen bei
che der Platte b und der darüber liegenden mindestens zwei größeren Wärmeströmen
Luftschicht (Temperatur Tk): (höheren Heizleistungen) wiederholt werden,
wobei deren Konstanz mit einer elektroni-
)th D3,k A (T3  Tk ) . (19) schen Temperaturregelung kontrolliert wird.
Die Addition der Gln. (16) bis (19) und Um- αw,1 T2
stellung nach dem Wärmestrom ergibt Tw
)th k A (Tw  Tk ) (20)
T1 da
mit dem Wärmedurchgangskoeffizienten k: λa
1
§ 1 d d 1 · db
k ¨¨  a  b ¸¸ . (21) λb T3
D
© w,1 O a O b D 3,k ¹
Der reziproke Wert des Wärmedurchgangs-
Tk
koeffizienten wird auch als Wärmedurch- α3,k
gangswiderstand Rth bezeichnet. Fließt nur
ein konstanter Wärmestrom durch unter- Abb. W.4.1.5 Schema zum Wärmedurchgang
schiedliche Wärmeleiter, kann in Analogie durch zwei ebene Platten (Bezeichnungen siehe
zur Reihenschaltung von elektrischen Wider- Text)
157

Elektrizitätslehre
1 Widerstände und G
I
. (2)
U
Stromquellen
Der Zusammenhang zwischen Spannung und
Stromstärke bei konstanter Temperatur des
1.0 Grundlagen Leiters lässt sich je nach Material und Art des
Leiters durch eine lineare oder auch nichtli-
1.0.1 Elektrischer Widerstand neare Funktion beschreiben. Kann die Strom-
Spannungs-Kennlinie als Gerade dargestellt
Dem Ladungstransport durch ein leitendes werden, d. h., der Wert des Widerstands ist
Medium wird je nach Material und Ausfüh- konstant, bezeichnet man den Widerstand als
rungsform ein unterschiedlicher Widerstand linearen oder ohmschen Widerstand. Bei
entgegengesetzt. In Metallen wird die La- einem homogenen zylindrischen Leiter (Län-
dung durch Elektronen übertragen, während ge l, Querschnitt A) ergibt sich sein Wider-
in Elektrolyten und in gasförmigen Leitern stand zu
(Plasmen) sowohl negative als auch positive
Ladungsträger auftreten können. l
R U , (3)
Zur Charakterisierung des elektrischen Wi- A
derstands von Stoffen wird der Quotient aus
Spannung U und Stromstärke I gebildet, den wobei U der spezifische elektrische Wider-
man als elektrischen Widerstand R (Re- stand (Resistivität, Einheit : m) und sein
sistanz) definiert: Kehrwert die elektrische Leitfähigkeit (Kon-
duktivtät V = 1/U ) sind. Für den Leitwert
U (Konduktanz) gilt dann
R= . (1)
I
A
G V . (4)
Bei konstanter Temperatur ist der Widerstand l
nicht von U bzw. I abhängig und Gl. (1)
beschreibt dann das Ohm’sche Gesetz. Die Bei guten elektrischen Leitern liegt der spe-
Einheit von R ist Ohm (: = V/A). Durch die zifische Widerstand in der Größenordnung
Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts (Klaus von 10-8 : m, während für Isolatoren die
von Klitzing) kann die Einheit des elektri- Werte für die Resistivität größer als 1012 : m
schen Widerstands unabhängig von der Ge- sind. Spezifischer Widerstand und demzufol-
ometrie und den physikalischen Eigenschaf- ge elektrischer Widerstand hängen von der
ten verschiedener Materialien allein durch Temperatur ab. Bei nicht zu tiefen Tempera-
die Naturkonstanten h und e mit RK = h / e2 turen kann in vielen Fällen die Temperatur-
mit hoher Genauigkeit beschrieben werden abhängigkeit metallischer Widerstände durch
(Klitzing-Konstante, RK = 25812,807 :). ein Polynom zweiten Grads beschrieben
Anstelle des elektrischen Widerstands kann werden:
auch dessen Kehrwert G eingeführt werden,
der elektrischer Leitwert (Konduktanz, Ein- R(T ) = R0 (1  E 'T  J 'T 2 ) . (5)
heit Siemens, S = :-1 = V/A) genannt wird: Die Temperaturdifferenz ist 'T=TT0, und E

W. Schenk et al., Physikalisches Praktikum,


DOI 10.1007/978-3-658-00666-2_4, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
158 Elektrizitätslehre 1 Widerstände und Stromquellen

(Einheit K-1) sowie J (Einheit K-2) sind die ronengas“, in dem sie analog der Bewegung
Temperaturkoeffizienten des Materials. R(T) von Teilchen in einem idealen Gas ungeord-
und R0 sind die Widerstände bei der Tempe- nete thermische Bewegungen ausführen. Legt
ratur T bzw. bei T0 = 273,15 K. Für einen man an die Enden eines Metallstabs
begrenzten Temperaturbereich kann Gl. (5) (Abb. E.1.0.1) eine elektrische Spannung U,
oft mit hinreichender Genauigkeit durch werden die Elektronen durch die Feldkraft
einen linearen Zusammenhang beschrieben FE =  e E beschleunigt. Bei den Zusam-
werden: menstößen mit den Gitterionen wird kineti-
sche Energie der beschleunigten Elektronen
R (T ) = R0 (1  E 'T ) . (6) in Schwingungsenergie des Gitters umge-
wandelt. Die Leitungselektronen erhalten
Unter der Voraussetzung einer linearen Tem- dabei im Mittel eine konstante (mittlere)
peraturabhängigkeit R(T ) im Bereich zwi- Driftgeschwindigkeit v in Richtung der elekt-
schen den Temperaturen T1 und T2 (T2 > T1) rischen Feldstärke  E. Die mittlere Driftge-
ist mit den zugehörigen Widerständen R1 und schwindigkeit kann analog zur laminaren
R2 die Berechnung des linearen Temperatur- Flüssigkeitsströmung (M.6.0.2) auf das
koeffizienten in Bezug auf das gewählte Gleichgewicht zwischen der elektrischen
Temperaturintervall möglich: Feldkraft FE und einer geschwindigkeitspro-
R2  R1 portionalen Reibungskraft FR =  r v mit r als
E= . Reibungskoeffizient zurückgeführt werden.
R1 (T2  T0 )  R2 (T1  T0 ) (7)
Mit FR FE ergibt sich
Die Vergrößerung des Widerstands mit zu-
nehmender Temperatur bei Metallen ist auf e
v= E= P E . (8)
die Vergrößerung der Schwingungsamplitude r
der Ionen im Metallgitter und die damit ver-
bundene stärkere Behinderung der Ladungs- Die Größe — beschreibt die Beweglichkeit
trägerbewegung zurückzuführen. der Ladungsträger.
Der Widerstand in Metallen lässt sich mit
einem vereinfachten Modell für die Elektro- l
nenleitung durch das klassische mikroskopi- Δx
sche Modell von H. A. Lorentz und P. Drude
begründen. Es liefert eine Gleichung, mit der E
A
der Zusammenhang zwischen der Leitfähig- I -e FR= -rv
FE = -eE
keit in Metallen in Abhängigkeit von deren
v
Eigenschaften beschrieben wird1. Nach der
Drude-Lorentz-Theorie bilden die freien Lei-
tungselektronen in einem Metall ein „Elekt- U

1 Abb. E.1.0.1 Zur Elektronentheorie der elektri-


Die klassische Behandlung der Elektronen als schen Leitung nach P. Drude und H. A. Lorentz
freies „Elektronengas“ nach der Drude-Lorentz-
Theorie beschreibt die Temperaturabhängigkeit
Die Stärke des Ladungsträgerstroms wird
des elektrischen Widerstands nicht für alle Tem-
peraturen. Erst das auf der Quantentheorie basie-
mikroskopisch durch die Größe der Strom-
rende Modell von Bardeen, Cooper und Schrieffer dichte j(r) beschrieben. Sie ist ein Vektor, der
(BCS-Theorie) erklärt auch die Abnahme des nur einen Punkt des Leiters, nicht aber den
elektrischen Widerstands bei tiefen Temperaturen Leiter als Ganzes charakterisiert. Wenn auf
auf null (Supraleitung). einer Querschnittsfläche A durch einen Leiter
1.0 Grundlagen 159

überall die gleiche Stromstärke auftritt sich sowohl auf die Elektronen als auch auf
(Abb. E.1.0.1), ist der Betrag der Stromdichte die wie positive Ladungen wirkenden Elekt-
in allen Punkten von A ronenlücken (Löcher, Defektelektronen)
I beziehen. Die Temperaturabhängigkeit des
j= bzw. I = j A . (9) elektrischen Widerstands von Halbleitern
A kann in vielen Fällen in einem begrenzten
Gl. (9) stellt nur einen Sonderfall dar, bei Temperaturbereich durch eine Exponential-
dem der Flächennormalen- (dA) und der funktion der Form
Stromdichtevektor ( j ) parallel sind. Im all-
gemeinen Fall ergibt sich I aus dem Flächen- §b·
RT = R* exp ¨ ¸ (14)
integral über das Skalarprodukt j dA, wobei ©T ¹
die Fläche A nicht eben sein muss.
Die Driftgeschwindigkeit v der Elektronen charakterisiert werden. Hierbei sind T die
kann aus der Stromdichte j bestimmt werden. absolute Temperatur und b eine Materialkon-
In Abb. E.1.0.1 bewegen sich die Elektronen stante. Der Faktor R* hat die Dimension eines
mit v = const nach links. Die Zahl der La- Widerstands und hängt sowohl von der Geo-
dungsträger ist durch n 'V gegeben, wobei metrie des Halbleiters als auch über die Be-
'V = A 'x das Volumenelement des Leiter- weglichkeit und Dichte der Ladungsträger in
stücks und n die Elektronendichte (n = N/'V, geringem Maße von der Temperatur ab. Die
N Anzahl freier Elektronen im Volumenele- Größe von b enthält die Aktivierungsenergie
EA (b = EA/k, k Boltzmann-Konstante). Sie ist
ment 'V) sind. Durch die Fläche A fließt in
ein Maß für die Energie, die einem Halblei-
einer Zeit 't = 'x/v eine Ladung vom Betrag
termaterial zugeführt werden muss, damit
'Q n e A 'x . Mit I = 'Q/'t folgt für die seine Ladungsträger am Leitungsmechanis-
Stromstärke mus teilnehmen können. Die Gln. (5) bzw.
I =n e vA . (10) (6) und (14) gelten auch, wenn man die Wi-
derstände R durch die entsprechenden spezi-
Mit den Gln. (8) bis (10) und E = U/l erhält fischen Widerstände U ersetzt.
man Das Verhalten der elektrischen Spannungen
in einem geschlossenen Stromkreis und der
j n e v= n e P E = n e P U /l . (11) elektrischen Ströme in einem verzweigten
Aus Gl. (11) folgt u. a. das Ohm’sche Gesetz Stromkreis beschreiben die Kirchhoff-
Regeln.
für V = const in der Darstellung
1. Kirchhoff-Regel (Knotenregel)
j =V E , (12) Bei einer Parallelschaltung von Einzelwider-
ständen R1, R2, ... , Rn (Abb. E.1.0.2a) müssen
ohne den im Allgemeinen vektoriellen Cha-
nach dem Gesetz der Ladungserhaltung alle
rakter der Feldstärke und der Stromdichte zu
zu einem Stromknoten fließenden Ströme
betrachten. Für die Leitfähigkeit ergibt sich
gleich der Summe der abfließenden Ströme
V = ne P . (13) sein. Es gilt
n

Bei Halbleitern wird der im gleichen Sinne ¦I i 0 . (15)


wie bei den Metallen wirkende Einfluss der i 1

Temperatur auf die Beweglichkeit durch eine Hierbei werden die zum Knoten fließenden
mit der Temperatur steigende Ladungsträger- Ströme positiv und die abfließenden Ströme
konzentration überkompensiert. Diese kann negativ eingesetzt. Unabhängig von der Art
160 Elektrizitätslehre 1 Widerstände und Stromquellen

der Ladungsträger ist die Stromrichtung nach Nach den Empfehlungen der DIN 5489 wer-
der DIN 5489 durch die Bewegungsrichtung den für Quellenspannungen die Bezugspfeile
der positiven Ladungsträger festgelegt und von Plus nach Minus und für die Spannungs-
wird durch entsprechende Pfeile in den elekt- abfälle über Widerständen in Richtung des
rischen Schaltungen angegeben. Stroms festgelegt.
a) R1 U2 I2
I1
R2 I3
I R2
I2
R3 U3
In Rn
U1
I R1
U Uq,2 Uq,1
I1 R4
U
b)
I U4 I4
R1 R2 Rn
Abb. E.1.0.3 Kirchhoff’sche Maschenregel
U1 U2 Un
Damit kann die Maschenregel auch wie folgt
formuliert werden: Die Summe aller Span-
Abb. E.1.0.2 a) Parallel- und b) Reihenschaltung
von Widerständen nungen eines Stromkreises ist null:
l
Nach Abb. E.1.0.2a ergibt sich ¦U
i 1
i =0 . (18)
U U U U
I I1 I 2  ...  I n   ...  Für das Beispiel in Abb. E.1.0.3 gilt:
R1 R2 Rn R
und man erhält U q,2  U q,1 I 2 R2  I1 R1 I 4 R4  I 3 R3 0 .

1 1 1 1 Für die Reihenschaltung (Abb. E.1.0.2b) von


= + + ...+ . (16)
R R1 R2 Rn Widerständen folgt daraus die Addition der
Einzelwiderstände zum Gesamtwiderstand R:
In einer Parallelschaltung addieren sich die
Leitwerte der Einzelwiderstände und der R = R1  R2  ...  R n . (19)
Gesamtwiderstand ist kleiner als der kleinste
Teilwiderstand. Ein häufig vorkommender Fall ist die Rei-
2. Kirchhoff-Regel (Maschenregel) henschaltung aus zwei Widerständen R1 und
Betrachtet man die Spannungsverhältnisse in R2, an der die Spannung U anliegt. Aus den
einem geschlossenen Stromkreis (Masche) jeweiligen Spannungsabfällen ergibt sich die
eines beliebigen Netzwerks, ist die Summe Verhältnisgleichung U1/U2 = R1/R2. Daraus
aller Quellenspannungen Uq,i gleich der folgt mit U = U1 + U2 die wichtige Gleichung
Summe aller Spannungsabfälle an den Ele- einer Spannungsteiler- oder Potentiometer-
menten des Netzwerks schaltung für den unbelasteten Fall:
k n
R1
¦U q,i = ¦ I j R j .
i 1 j 1
(17) U1 = U
R1  R2
. (20)
1.0 Grundlagen 161

1.0.2 Reale Spannungsquelle nung U von der Stromstärke I folgt


Das Grundprinzip einer Spannungs- oder U U 0  Ri I . (21a)
Stromquelle beruht auf einer Trennung von
Die Klemm- und die Urspannung bei einer
positiven und negativen Ladungen. Dadurch
unbelasteten Quelle ( I 0, RL o f) stimmen
entsteht zwischen ihren Polen eine einge-
prägte Spannung, die bereits bei der Ma- überein. Der Wert von U0 ist bei offenen
schenregel eingeführte Quellenspannung. Spannungsquellen, d. h. wenn kein Verbrau-
Im Falle einer unbelasteten Quelle fließt kein cher angeschlossen ist, gleich der Leerlauf-
Strom (Leerlauf) und die an den Anschluss- spannung. Im Falle des Kurzschlusses
klemmen anliegende Leerlaufspannung wird ( RL o 0, U 0) fließt der maximal mögliche
auch als Ur- oder Quellenspannung U0 oder Strom (Kurzschlussstrom IK = U0 /Ri). Die
Uq bezeichnet. Sie bewirkt den Transport der vom Widerstand RL (0 < RL < f) aufgenom-
Ladungsträger in einem geschlossenen Lei- mene Leistung beträgt
terkreis. Bei realen Spannungsquellen ist die 2
Spannung, die an den Klemmen der belaste- § U0 ·
P =U I I 2 RL ¨ ¸ RL . (22)
ten Quelle gemessen wird, die Klemmspan- © RL  Ri ¹
nung U. Die Unterschiede zwischen U0 und Da die Urspannung und der Innenwiderstand
U werden durch den Spannungsabfall Ui am der Quelle vorgegeben und nahezu konstant
Innenwiderstand Ri der Quelle verursacht. sind, hängt die an den Lastwiderstand RL
abgegebene Leistung nur von seiner Größe
U0 ab. Die Leistung ist maximal, wenn die Be-
Ri
dingung dP/dRL = 0 erfüllt wird. Daraus
ergibt sich folgende Bedingung:
Ui
RL = R i . (23)
V
I Diesen Fall nennt man Leistungsanpassung
U und die zweite Ableitung (d2P /dRL2) als
hinreichendes Kriterium für ein Maximum ist
RL negativ. Mit Gl. (23) erhält man für die vom
Widerstand RL maximal aufgenommene
A Leistung aus Gl. (22):
U 02
Abb. E.1.0.4 Ersatzschaltung einer realen Span- Pmax = . (24)
4Ri
nungsquelle mit Lastwiderstand RL
Der Wirkungsgrad K einer Gleichstroman-
Die Ersatzschaltung für eine reale Span- ordnung ist als Verhältnis der Nutzleistung P
nungsquelle ist in Abb. E.1.0.4 dargestellt. Es zu der von der Quelle insgesamt aufgebrach-
gilt nach der 2. Kirchhoff-Regel, wenn der ten Leistung Pges definiert. Mit den Gln. (21)
Strom I das Innere der Quelle und den Last- und (22) ergibt sich unter der Voraussetzung,
widerstand RL im äußeren Kreis gleicherma- dass die Urspannung bei allen Belastungen
ßen durchfließt, der Quelle konstant bleibt:

U0 U  Ui U  I Ri I ( RL  Ri ) , (21) P UI RL I 2
K . (25)
Pges U0 I ( RL  Ri ) I 2
bzw. für die Abhängigkeit der Klemmspan-
162 Elektrizitätslehre 1 Widerstände und Stromquellen

Für RL = Ri folgt K = 0,5, damit ist der Wir- de Widerstand ist R und RA bzw. RV stellen
kungsgrad im Anpassungsfall 50 %. Für die Innenwiderstände des Amperemeters (A)
Lastwiderstände größer als der Innenwider- bzw. des Voltmeters (V) dar. Bei der Schal-
stand wird der Wirkungsgrad höher als 50 %, tung in Abb. E.1.1.1a, mit der die Spannung
aber die von der Quelle zur Verfügung ge- korrekt ermittelt wird, misst man mit dem
stellte Leistung nimmt ab. Strommessgerät auch den durch das Voltme-
ter fließenden Teilstrom IV.
1.1 Widerstandsbestimmung a) U
durch Strom- und Spannungs-
messung
I
Aufgabenstellung
R
1. Aus der Messung von Stromstärke und A
Spannung soll sowohl unter Verwendung I IV
einer strom- als auch einer spannungsrichti- RV
gen Messung der elektrische Widerstand von
Widerständen verschiedener Größenordnun- V
gen bestimmt werden. IV
2. Es ist für verschiedene Widerstände (Me- b) U
tall-, NTC-, und VDR-Widerstand) die Span-
nungs- Strom-Kennlinie aufzunehmen sowie
die Änderung des statischen und des differen-
tiellen Widerstands für ausgewählte Arbeits- RA I R
punkte zu diskutieren. A

Zu den bekanntesten nichtlinearen Wider- UA U UA


ständen gehören die PTC- (Positive Tempe-
rature Coefficient), die NTC- (Negative V
Temperature Coefficient) und die VDR-
U
Widerstände (Voltage Dependent Resistor).
Der Widerstand an einem Arbeitspunkt (AP) Abb. E.1.1.1 Widerstandsbestimmung durch
lässt sich nach Gl. (1) aus dem entsprechen- Strom- und Spannungsmessung, (a) spannungs-
den U-I-Wertepaar berechnen. Zur Diskussi- richtige und (b) stromrichtige Messung
on des nichtlinearen Verlaufs der I-U-
Kennlinie ist es oft zweckmäßig, die Größe Die Berechnung von R nach Gl. (1) liefert
des differentiellen Widerstands rd bei ver- deshalb einen zu kleinen Wert, da der über
schiedenen Arbeitspunkten zu bestimmen: den Widerstand R fließende Strom I sich
nach der Knotenregel Gl. (15) aus der Diffe-
§ dU · renz zwischen dem gemessenen Strom I und
rd ¨ ¸ . (26)
© d I ¹AP IV ergibt. Daraus folgt
Bei gleichzeitiger Erfassung von Stromstärke U U
und Spannung werden die Schaltungsvarian- R .
I  IV I  U / RV
ten in den Abbn. E.1.1.1a oder E.1.1.1b ver-
wendet. Ein regelbares Labornetzgerät liefert Mit dem Parallelwiderstand Rp, der aus dem
eine variable Spannung U. Der zu ermitteln- zu messenden Widerstand und dem Innenwi-
1.1 Widerstandsbestimmung durch Strom- und Spannungsmessung 163

derstand des Voltmeters gebildet wird, ergibt eine Potenzfunktion beschreiben:


sich E*
U § I ·
U U § R · C ¨*
¸ . (29)
R ¨1  ¸ . (27) U ref ¨ I ref ¸
Rp I © RV ¹ © ¹
I I
RV C* ist ein Proportionalitätsfaktor und Uref
bzw. Iref sind Referenzwerte, die Datenblät-
In der Schaltung in Abb. E.1.1.1b verfälscht
tern oder der Versuchsanleitung entnommen
der Spannungsabfall UA des Amperemeters
das Ergebnis. Für den Widerstand R folgt aus werden können. Der Exponent E * (E * < 1)
dem Verhältnis wird auch Regelfaktor genannt und hängt
unter anderem von den Materialeigenschaften
UA RA des Varistors ab. Der Gleichstromwiderstand
U RA  R und der differentielle Widerstand
d (U / U ref ) *
und unter Berücksichtigung der Kirch- rd E * C ( I / I ref )E 1
(30)
hoff’schen Maschenregel d ( I / I ref )

1 nehmen bei Varistoren mit steigender Strom-


U UA U§ RA · stärke ab.
R ¨1  ¸ . (28)
I I © R ¹
I (a) I (b)
Die Diskussion der Gln. (27) und (28) zeigt, dU = const
dI
dass für RV  R die Schaltung in
Abb. E.1.1.1a und im Falle RA  R die
Schaltung in Abb. E.1.1.1b zu bevorzugen
ist. U U
Bei Metallwiderständen erhält man bei nicht (c) (d)
I I
zu hohen elektrischen Leistungen (T = const)
in guter Annäherung eine lineare I-U-
Kennlinie (Abb. E.1.1.2a). Bei größeren
U
Leistungen kann es zur Eigenerwärmung und
damit nach Gl. (6) zu einer Widerstandserhö-
hung infolge des positiven Temperaturkoeffi- U
zienten kommen (Abb. E.1.1.2b). Zu den
Widerständen mit negativem Temperaturko- Abb. E.1.1.2 U-I-Kennlinien von Widerständen
effizienten gehören NTC-Thermistoren (schematisch), (a) T = const, ohmscher Wider-
stand; (b) Metall-Widerstand und (c) NTC-Ther-
(Abb. E.1.1.2c). Sie werden überwiegend als
mistor, Temperaturerhöhung durch Eigenerwär-
Temperatursensoren verwendet. VDR- mung bei Vergrößerung der Stromstärke; d) Va-
Widerstände oder Varistoren sind span- ristor, spannungsabhängiger Widerstand
nungsabhängige Widerstände, die überwie-
gend als Schutz gegen Überspannungen Das Verhalten elektrischer Bauelemente in
eingesetzt werden. Ab einer bestimmten Schaltungen wird in der Praxis nicht nur in
Spannung beobachtet man ein starkes An- Spannungs- Strom-Kennlinien, sondern häu-
wachsen der Stromstärke (Abb. E.1.1.2d). In fig auch in Strom- Widerstands-, Spannungs-
diesem Bereich lässt sich der Zusammenhang Widerstands- oder Widerstands-Leistungs-
zwischen Spannung und Stromstärke durch Kennlinien dargestellt.
164 Elektrizitätslehre 1 Widerstände und Stromquellen

Versuchsausführung Die Messung der Widerstände in Abhängig-


keit von der Temperatur kann direkt mit dem
Zur Strom- und Spannungsmessung werden
in einem Digitalmultimeter integrierten Ohm-
digitale Multimeter verwendet. Man beginnt
Meter oder mit einer Wheatstone-Brücken-
die Messungen bei jeweils niedrigen Span-
schaltung durchgeführt werden. Bei einem
nungswerten und stellt die günstigsten Mess-
elektronischen Ohm-Meter wird ein lastu-
bereiche für die Messungen von Spannung
nabhängiger Strom durch eine Konstant-
und Stromstärke ein. Bei Aufgabe 1 sollen
stromquelle vorgegeben, der den zu ermit-
drei Widerstände unterschiedlicher Größen- telnden Widerstand durchfließt. Die über
ordnungen (z. B. 2 ȍ, 10 kȍ, 2 Mȍ) mit diesem Widerstand abfallende Spannung
Hilfe einer spannungs- und einer stromrichti- wird gemessen und in einen Widerstandswert
gen Messung ermittelt werden. Die schal- umgewandelt. Bei 4,5-stelligen Multimetern
tungsbedingten Korrektionen sind mit den beträgt die relative Messunsicherheit weniger
bekannten Gerätetoleranzen zu vergleichen. als ein Prozent.
In Aufgabe 2 werden für die drei verschiede- Die Wheatstone-Brückenschaltung ist eine
nen Widerstandsarten (Metall-Widerstand, Widerstandsbrückenschaltung. Sie enthält im
NTC-Thermistor, Varistor) in den am Ar- Allgemeinen vier Widerstände (R1, R2, RX
beitsplatz vorgegebenen Bereichen etwa zehn und RN), die nach Abb. E.1.2.1 miteinander
(U, I )-Wertepaare gemessen. Vor dem Able- verbunden werden. Dabei sind RX der zu
sen der Messwerte ist ggf. die Einstellung des messende Widerstand und RN ein einstellba-
thermischen Gleichgewichts abzuwarten. Die rer Referenzwiderstand oder bei Präzisions-
Spannungs-Strom-Kennlinien sind graphisch messungen ein Widerstandsnormal.
darzustellen und der Verlauf der Kurven ist C
unter Berücksichtigung der Veränderung des
differentiellen Widerstands bei Stromerhö- INI
hung zu diskutieren. Für den VDR-
Widerstand soll die Größe von ȕ* mit Hilfe RX NI RN
eines doppelt-logarithmischen Diagramms
über den Anstieg der Ausgleichsgeraden IX Ri
IN
bestimmt werden. R1 R2
A B
D
1.2 Temperaturabhängigkeit I I1 I2 I
elektrischer Widerstände
Aufgabenstellung U
1. Für einen Metallwiderstand, einen NTC- Abb. E.1.2.1 Wheatstone-Brückenschaltung
Thermistor sowie PTC-Thermistor ist die
Temperaturabhängigkeit des elektrischen An den Punkten A und B der Schaltung liegt
Widerstands in einem vorgegebenen Tempe- eine Spannungsquelle (Spannung U ), zwi-
raturbereich aufzunehmen. schen C und D ein Nullindikator (NI, Innen-
2. Es sollen der Temperaturkoeffizient für widerstand Ri). Beim so genannten Brücken-
den Metallwiderstand und die Aktivierungs- abgleich fließt in der Brückendiagonale zwi-
energie für das Halbleitermaterial des NTC- schen den Punkten C und D (Abb. E.1.2.1)
Thermistors bestimmt werden. Für den PTC- kein Strom (INI = 0), wenn diese auf dem
Thermistor ist der Temperaturkoeffizient zu gleichen elektrischen Potential liegen. Das ist
ermitteln. genau dann der Fall, wenn in den an gleicher
1.2 Temperaturabhängigkeit elektrischer Widerstände 165

Spannung liegenden Parallelkreisen ACB I 2 R2  I N RN  U Br 0 . (38)


und ADB die Teilwiderstände RX und RN im
abgeglichen Verhältnis stehen wie die Teil- Durch Einsetzen von Ix = IN in Gl. (37) sowie
widerstände R1 und R2: I2 = I1 in Gl. (38), anschließender Substitution
von IN in Gl. (38) und Auflösung nach UBr
R1 folgt
RX RN . (31)
R2 R1 RN  R2 Rx
U Br I1 . (39)
Bei verstimmter Messbrücke zeigt der Null- Rx  RN
indikator die Stromstärke INI an, die sich mit
Die Anwendung der Maschenregel auf die
Hilfe der Kirchhoff-Regeln berechnen lässt.
Masche ADB liefert für I1 die Beziehung
Für die Ströme an den Knotenpunkten C und
D gilt I1 U /( R1  R2 ) . (40)
IX I N  I NI , I 2 I1  I NI . (32)
Damit erhält man für die Brückenspannung
Bei Vernachlässigung der Widerstände der
Zuleitungen und des Innenwiderstands der R1 RN  R2 Rx
Spannungsquelle folgt für die Maschen ACD, U Br U . (41)
( Rx  RN )( R1  R2 )
CBD und ADB
I1 R1 I X RX  I NI Ri , (33) Für UBr = 0 ergibt sich wieder die Abgleich-
bedingung nach Gl. (31).
I 2 R2 I N RN  I NI Ri , (34) Mit Gl. (41) kann auch die Veränderung der
Brückenspannung bei Variation der Brü-
ckenwiderstände beschrieben werden. Brü-
U I1 R1  I 2 R2 . (35)
ckenwiderstandsschaltungen kommen oft bei
Aus der Lösung des Systems der Gleichun- modernen elektronischen Sensoren zur Län-
gen (32) bis (35) ergibt sich für die Strom- gen- und Druckmessung zur Anwen-
stärke INI im Brückenzweig dung (W.2.3). Die Gln. (36) und (41) zeigen,
dass der Brückenstrom INI bzw. die Brücken-
R1 RN  R2 RX spannung UBr und damit auch die Empfind-
I NI U . (36)
D* lichkeit der Brücke mit der Betriebsspan-
nung U anwachsen. Da die Eigenerwärmung
In Gl. (36) entspricht D* dem Nenner mit in den Widerständen jedoch proportional
zum Quadrat der Stromstärke zunimmt, ist
D* RX [ Ri ( R1  R2 )  R1 R2 ] 
(36a) eine Empfindlichkeitserhöhung über die
RN [( RX  Ri ) ( R1  R2 )  R1 R2 ] . Vergrößerung von U bzw. I durch die Belast-
Die Gl. (36) enthält für INI = 0 die Abgleich- barkeit der Brückenwiderstände begrenzt.
bedingung nach Gl. (31). Häufig wird als Eine optimale Empfindlichkeit für den Brü-
Nullindikator ein hochohmiges, empfindli- ckenabgleich erhält man, wenn der Ver-
ches Voltmeter verwendet, mit dem man die gleichswiderstand RN gleich dem zu messen-
Brückenspannung UBr zwischen den Punkten den Widerstand RX ist, d. h. für ein Verzwei-
C und D in Abb. E.1.2.2 misst. Zur Berech- gungsverhältnis 1:1. Als Nullindikatoren
nung von UBr betrachtet man zunächst wieder eingesetzte Geräte dienen zum Nachweis der
die Maschen ACD und CBD Stromlosigkeit oder der Potentialgleichheit
zwischen zwei Punkten einer Schaltung. Sie
I1 R1  U Br  I x Rx 0 , (37) werden dementsprechend auch in Brücken-
166 Elektrizitätslehre 1 Widerstände und Stromquellen

sowie Kompensationsschaltungen eingesetzt Den differentiellen Temperaturkoeffizienten


(E.1.3). Neben dem Nachweis kleinster Strö- des Halbleitermaterials bei einer bestimmten
me und Spannungen müssen sie u. a. eine Temperatur T erhält man bei Anwendung von
möglichst kurze Einstellzeit, hinreichende Gl. (14) mit
Nullpunktstabilität und im Prinzip keine
1 d R(T ) EA
Rückwirkung auf die zu messende Größe ET  . (42)
haben. Im einfachsten Fall verwendet man als R(T ) dT k T2
Nullindikator für Gleichströme ein hinrei-
Eine spezielle Art von PTC-Widerständen
chend empfindliches Digitalmultimeter, bei
(PTC-Thermistoren) wird auf der Basis von
höheren Ansprüchen Elektrometerverstärker
Halbleiterkeramiken hergestellt (z. B. dotier-
mit statischen Eingangswiderständen von
tes Bariumtitanat). Aufgrund der ferroelektri-
1014 ȍ bis 1016 ȍ (Eingangsströme kleiner als