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Symposium: Nur ein Vorzeichenwechsel? (22.-23.11.2017) Marcell Milán Ivony | Matr.Nr.

: 00871180

ZWISCHEN UNIVERSALISTISCHER PHANTASIE


UND HANDFESTER ZUSCHREIBUNG

Bericht über die Projektpräsentationen

Dietmar Flosdorf – „sound machine”, mdw

Im Rahmen dieses Musik- und Kulturvermittlungsprojektes wurde die Kreativität aus mehreren
Aspekten von den Teilnehmer_innen erfordert: Einerseits planten und bauten sie mechanische
„Klangmaschinen“, andererseits versuchten sie mit ihnen durch Experimentieren Kompositionen zu
schaffen. Für diese spezielle Aufgabenstellung war eine Zusammenarbeit zwischen solchen
Menschen nötig, die im Alltag miteinander eher wenig zu tun haben.

Die Teilnehmer_innen des im Sommersemester 2016 stattgefundenen Workshops waren in drei


Gruppen geteilt. Das größte Team stand aus den Lehrlingen der Wiener Einrichtung „Jugend am
Werk“ (seit 1945, früher: Jugend im Not). Diese Anstalt sorgt für Bildung solcher Jugendlichen, die
keine Lehrstelle finden können – sozusagen durch den Rost fallen. Für dieses Projekt meldeten sich
von hier insgesamt 30 Personen aus den Fachbereichen KFZ-Mechanik, Karosseriebau und
Tischlerei. In der zweiten Gruppe waren Flüchtlinge, hauptsächlich Burschen/Männer, die in einem
Wiener Flüchtlingsheim wohnen. Aus den 20-25 angemeldeten kamen 8 Leute regelmäßig und
blieben bis zum Ende des Workshops. Die dritte Sektion – bestehend aus den Studierenden der
mdw – war genauso groß und vielfältig wie die Gruppe der Flüchtlingen: Es kamen Student_innen
aus den Studienrichtungen iPop, Rhythmik, Musik- und Bewegungserziehung, Konzertfach und
IGP, die am Projekt im Rahmen der Lehrveranstaltung „Musik zum Anfassen“ teilnahmen.

Außer den regelmäßig gehaltenen Musizier-Sessions wurden auch zwei Besuche – als eine
Metapher der Migration – organisiert. Der erste war ein Probenbesuch bei den Wiener
Symphonikern, inkl. Backstage-Führung im Konzerthaus, wo die Teilnehmer_innen das Orchester
als eine „lebendige sound machine“ beobachten konnten. Dieser hautnahe musikalische Impuls war
sowohl für die Flüchtlinge, als auch für die Lehrlinge neu – sie waren in dieser Situation sozusagen
alle gleich. Das gemeinsame Erlebnis brachte diese oft sehr unterschiedliche Menschen zusammen.
Der zweite „Ausflug“ war eine direkte Begegnung mit der Realität: die Teilnehmer_innen schauten
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sich das Quartier der Flüchtlinge an. Der Einblick in ihre Lebensbedingungen erweckte Empathie
und Verständnis in den Studierenden und Lehrlingen und half denen die schwierige Situation der
Flüchtlinge zu nachvollziehen.

Als Abschluss des Projektes wurden die Klangkompositionen öffentlich präsentiert, zugleich die
Maschinen an einem Flüchtlingsheim geschenkt, damit die dort wohnenden ihre Kreativität in der
Zukunft ausleben können. Ganz unabhängig von den Organisatoren wurde auch ein Film gefertigt,
in dem die Teilnehmer_innen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse erzählten.

Andrea Gande, Silke Kruse-Weber – Meet4Music, KUG Graz

Zuerst wurde über die Geschichte der spontanen Entstehung des offenen Ensembles
„Meet4Music“ berichtet. Im Oktober 2015, als die Flüchtlingswelle rapide in die Stadt kam,
realisierten die Professor_innen des KUG-s, dass es einfach nicht geht, das Wintersemester wie
gewohnt zu starten. Sie wollten helfen, waren alle aufgewühlt, und fragten sich selbst, wie sie einen
Beitrag in dieser Situation leisten können. Aus dieser Anspruch – als eine Art community of
practice – entwickelte sich die Idee des Benefizkonzertes im Dezember, mit der Hilfe von
Professor_innen, Studierenden alle Fakultäten und von der Caritas. Hier wurde dann nicht nur
gemeinsam musiziert (200 Menschen in einem drum circle!), sondern auch landestypische Speisen
gekocht.

„Wie kann das weiter gehen?“ – tauchte die Frage nach dem Konzert auf. Als eine Antwort auf die
Frage ist Meet4Music ins Leben gerufen: Alle Menschen, ohne Ein/Ausgrenzung können sich
montags um 17 Uhr treffen um zu musizieren. Es ist aber nicht nur ein wöchentlich
zusammenkommendes, offenes community music ensemble, sondern hat noch zwei weitere
Dimensionen: zählt als ein Wahlfach an der KUG und ist die Basis eines Forschungsprojektes.

Der Inhalt des Workshops ist abwechslungsreich: es wird im Chor gesungen, Theater gemacht, im
drum circle und im Gamelan-Ensemble gespielt. Alle Sessions sind kostenlos und es sind keine
Anmeldung oder Vorkenntnisse nötig. Das Ziel ist das Angebot so niederschwellig zu gestalten,
dass alle Interessierten Zugang zu einer künstlerischen Betätigung finden können. Davon profitieren
alle: Wenn die Hemmschwelle zur Universität gesunken wird, können sich solche Menschen
miteinander treffen, die im Alltag das nie tun würden. Das „Setting“ ist also inklusiv: In der Gruppe
sind Menschen mit unterschiedlichem Alter oder soziokultureller Herkunft, verschiedensten
Muttersprachen und Vorkenntnissen oder körperlichen Einschränkungen. In jeder Session sind
einige Stammgäste, aber auch viele „newcomers“ anwesend.
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Um die Nachhaltigkeit der Positiva dieses Projekts zu verstärken, wird es in die Lehre integriert.
Die Studierende können ihre Mitwirkung als freies Wahlfach an der Universität anrechnen lassen.
Laut der Erfahrungen nehmen eher wenigere IGP-, Konzertfach- und Schulmusik-Student_innen im
Meet4Music teil, es gibt aber viele Musikolog_innen, die an ihm interessiert sind. Die Studierende
gestalten die Workshops mit – auch sie haben also Verantwortung für die Organisation und sind oft
mit Überraschungen konfrontiert, da es nie vorher zu wissen ist, wie viele Menschen mit welchen
musikalischen Qualifikationen erscheinen werden. Dementsprechend müssen die Vorbereitungen
sehr flexibel gestaltet werden. Am Ende jeder Session findet eine intensive Reflexionsrunde
zwischen den Organisator_innen und den Studierenden statt. Dabei ist die persönliche Bedeutung
wichtig: „Was macht das mit uns als Künstler? Was ist unser Beitrag? Was denken wir in Bezug auf
die Gesellschaft?“ – solche Fragen tauchen zu dieser Zeit oft auf. Als Nachbereitung fassen die
Studierende schriftlich einen Leitfaden über die eigenen Beiträge zusammen.

Das Meet4Music wird auch im Rahmen eines Forschungsprojektes – die Dissertation von Andrea
Gande – verfolgt. Sie untersucht aus zwei Perspektiven (Workshopleiter_innen, Teilnehmer_innen),
was hier überhaupt geschieht und wie die Musikpädagogik in dieser, für traditionell ausgebildeten
Musiklehrenden ungewöhnlichen und ungewissen Situation aussieht. Was für eine Strategien
funktionieren bei einer heterogenen Gruppe gut, was sind die Ziele, was möchten die Leiter_innen
vermitteln, wie soll das Ganze stattfinden – um diese Fragestellungen nahezu beantworten zu
können werden Pilot-Interviews (momentan mit den Organisator_innen, in der Zukunft auch mit
den Teilnehmer_innen) gefertigt.

Anhand der Beobachtungen des letzten Semesters können schon jetzt viele Erkenntnisse festgestellt
werden. Planen und Durchführen funktionieren nicht wie gewohnt – eine sehr breit gefasste
Vorbereitung ist nötig und in der Durchführung muss viel Material zur Verfügung stehen, um es
flexibel einsetzen zu können. Die Kommunikation ist auch anders: Sehr wichtig ist die
Nonverbalität und die bewusst konstruktive Formulierung des Feedbacks. Wie gewohnt, auf
Perfektion zu arbeiten ist in diesem Kontext nicht möglich; da die Arbeitsprozesse immer von
Vorne beginnen müssen, haben Qualität und Exzellenz hier eine andere Dimension. Nur
„schlagwort-artig“ ein paar weitere wichtige Eigenschaften, die hier nötig sind/ sich entwickeln
können: Offenheit (die anderen/fremden Ideen akzeptieren), Flexibilität, Empathie und
Aufmerksamkeit (die Gruppe einschätzen/auf die Bedürfnisse eingehen können).
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Bianka Wüstehube – JOIN IN, ABPU Linz

Frau Wüstehube präsentierte uns nicht nur ein (eigentlich drei) Projekt(e), sondern erzählte zuerst
über eine pädagogische Grundhaltung, die sie und ihre Kolleg_innen an der Bruckner Universität an
den Studierenden näher zu bringen versuchen. Sie möchten anhand der Potsdamer Erklärung der
Gedanke der Inklusion in der IGP-Ausbildung verankern. Dieser Anspruch erweist sich oft als
herausfordernd, da das Studium selbst sehr exkludiert ist: Die selektive Aufnahmeverfahren, die
Prüfungen, Wettbewerbe und das erhebliche Konkurrenzdenken sind alle Symptomen dessen. Es
geht immer um Exzellenz und Spitzenleistung, die individuelle Entwicklung der
Künstlerpersönlichkeit ist durch viele Vorgaben eingeschränkt (Werke, Prüfungsordnung,
Professor_innen). Diese „Sonderschule-Kulturalität“ steht im großen Kontrast mit den Themen
Inklusion und Interkulturalität.

Wie wird dieser Konflikt gelöst? Eine extra theoretische Lehrveranstaltung oder ein Weltmusik-
Pflichtmodul wäre kein richtiger Weg, um diese Themen zu verdeutlichen, da das Verstehen der
Anderen eher eine „koloniale Phantasie“-Sichtweise spiegelt. Stattdessen sollte eine, auf den ersten
Blick paradoxe Einstellung eingeführt werden: Das Verstehen des Nicht-Verstehens, das
Anerkennen des Nicht-Erkennens und die Verschränkung von Wissen und Nicht-Wissen muss
zugelassen werden. Es sollte eine Art „Kompetenzlosigkeits-Kompetenz“ zu den Studierenden
vermittelt werden. Im künstlerischen Unterrichtskontext verkörpert sich diese Überzeugung in
folgenden zwei Grundsätzen:

1. Die Lehrkraft respektiert die Lernenden als Künstler_innen mit schöpferischem Potenzial
und als gleichberechtigte/r Musizierpartner_in. Die Lehrer_innen erkennen die Vielfalt und
Gleichberechtigung alle künstlerische Ausdrucksformen. Erfahrungsgemäß, dieser
Forderung nachzukommen erfordert bei den Studierenden einen grundsätzlichen
Umdenkprozess. Im Instrumental- und Gesangsunterricht herrscht noch immer das
Meisterklassen-Prinzip und der Wert der Musik ist meist durch ihren technischen Anspruch
und ihre tradierte Stilrichtung festgeschrieben.

2. Der/die Lehrer_in beurteilt nichts, sondern hat eine anerkennende Haltung. Er/sie
verwandelt Fehler/Störungen-Auslöser für neue produktive Wendung. Er/sie hat Vertrauen,
ist offen und ermöglicht Entfaltung.

Im Einklang mit den oben genannten Prinzipien haben die Mitarbeiter_innen des IMP-Teams die
Überzeugung, dass die Studierende in den unterschiedlichen inklusiven/interkulturellen Projekten
zuerst als Künstler_innen Erfahrung sammeln, dann darauf Reflektieren sollen und erst in einem
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dritten Schritt wäre es notwendig, über Unterrichtskonzepte nachzudenken.

Nach der Ausführung dieser pädagogischen Grundhaltung stellte Frau Wüstehube drei Projekte
konkret vor. Das erste ist ein Seminar, wo die Verschiedenheit der Menschen als eine
Grundvoraussetzung für die künstlerischen Prozesse funktionierte. Die Lehrveranstaltung hatte 20
Teilnehmer_innen aus unterschiedlichen Fachbereichen (Jazz/Klassik, Komponist_innen,
Sänger_innen, Dirigent_innen) mit unterschiedlicher musikalischer Sozialisation (Volksmusik,
Orchester, Garageband, Bigband, Chor). Im Seminar wurde gemäß der EMP-Musizierpraxis
gearbeitet, da sie bedingungsoffen ist: Jede/r kann mit seinen/ihren Bedingungen künstlerisch tätig
sein, jede/r Teilnehmer_in schöpft aus dem ihm/ihr zugänglichen Potenzial und ist gleichberechtigt,
im Rahmen seinen/ihren jeweiligen individuellen Möglichkeiten zu agieren. Die Musik entsteht im
Prozess, im Moment in dem sie erklingt, meist ohne Noten, im Form einer Improvisation. Laut des
Leitbilds, jede/r Teilnehmenden sollten sein/ihr Platz in der Gruppe zu gewährleisten und eine
Atmosphäre/Rahmenbedingung zu schaffen, in der alle Musizierenden ihre Inputs/Wünsche
einbringen können. „Jede/r ist wichtig und beeinflußt das musikalische Gesamtbild der
Gruppe.“ Die Studierenden waren hier mit spannenden Herausforderungen konfrontiert und
machten verschiedensten Differenzerfahrungen: Ohne Noten zu spielen (für
„Klassiker“ ungewohnt), improvisieren ohne Skalen (für „Jazzer“ unvertraut), spontane Begleitung
spielen (neue Aufgabe für die Melodie-Instrumentalist_innen), Bodypercussion, völliges Fehlen
von Unterweisung, die Übernahme der Verantwortung für die Gruppe (für alle eine Neuigkeit). Am
Ende der Session gab es auch die Möglichkeit auf die eigenen künstlerischen Erfahrungen und
erlebten Musizierprozesse zu reflektieren.

Das zweite Projekt hieß JOIN IN, eine Musiziergruppe aus Menschen aller Welt. Das wöchentliche
Treffen findet in einem neuen Gebäude der ABPU statt, das in der unmittelbaren Nähe eines
Flüchtlingsheimes steht. Diese Nähe war ein guter Grund für die Kooperation: An den Sessions
nehmen nicht nur Studierende und Lehrende der Universität, sondern auch Flüchtlinge teil. Es wird
hier musiziert, um zu musizieren, und viel wichtiger ist die ästhetische Erfahrung, die „gemacht
werden kann“, als große Lernfortschritte zu machen und Zielsetzungen zu erfüllen. Letztere wäre
auch wegen der überaus starken Fluktuation der Teilnehmenden schwer zu realisieren.

Zum Schluß der Projektpräsentationen erzählte Frau Wüstehube über ein jährlich stattfindendes
„Mitmach-Konzert“, das eine gute Möglichkeit bietet, die Transkulturalität künstlerisch zu
bearbeiten. Die Hauptthematik des Konzerts ist die Vielfalt und das Zusammenspiel
unterschiedlicher Traditionen, um neue Klangmöglichkeiten zu suchen. Es wird hier gemeinsam mit
dem Publikum auf verschiedensten (meistens ethnischen) Instrumenten musiziert.