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Alexander Herda, Der Apollon-Delphinios-Kult in Milet und die Neujahrsprozession nach

Didyma. Ein neuer Kommentar der sog. Molpoi-Satzung (Milet I 3 Nr. 133)

Resümee

Die sog. Molpoi-Satzung, ein Kultgesetz der spätarchaischen Zeit, das in einer hellenistischen
Kopie vorliegt, bietet ein einzigartiges Zeugnis zum zentralen Kultkomplex der ostionischen
Großpolis Milet, dem Festzyklus zu Beginn des neuen Jahres. Zum ersten Mal seit ihrer
Erstedition 1904 durch U. von Wilamowitz-Moellendorff wird ein neuer Gesamtkommentar
der Inschrift vorgelegt. Ziel ist die Rekonstruktion des genauen Ablaufs der mehrtägigen
Feiern zu Ehren des Stadtgottes von Milet, des Apollon Delphinios, sowie der anschließenden
Prozession nach Didyma und den dortigen Feiern für den Orakelgott Apollon Didymeus.
Neben der Reihenfolge der Kulthandlungen und ihrer Position im Kalender liegt das
Augenmerk auf der Art der praktizierten Riten, etwa Prozessionen, Speise- und Trankopfer
sowie Wettkämpfe, in ihrer jeweils spezifischen Bedeutung.
Durch die Revision der bisherigen Forschungen gelingt es, die beteiligten Personengruppen in
ihrer Zusammensetzung und Funktion zu bestimmen. Zu nennen sind insbesondere der
‘Aisymnetes–Stephanephoros’ als eponymer Beamter und gleichzeitig Vorsitzender des
Kultvereins des Apollon Delphinios, der ‘Molpoi’; die ‘Proshetairoi’, die zusammen mit dem
jeweiligen Eponymen den Vorsitz der Molpoi und die Phylenvertreter (Prytanen) des
Amtsjahres bildeten; die ‘Onitadai’, gentilizisch strukturierte rituelle Schlachter und Köche,
die außerdem den Kultverein des thebanischen Herakles darstellten; die ‘Neoi’, die neu zu
integrierenden Jungbürger Milets; und schließlich der ‘Basileus’ als der sakrale König.
Die Ergebnisse der Textanalyse werden – wann immer möglich – mit den archäologischen
Befunden verknüpft. z. B. birgt das Delphinion als Zentralheiligtum Milets die auf Stelen
publizierten Listen der eponymen Aisymnetai-Stephanephoroi. Außerdem standen die
Neubürgerlisten, die von den Molpoi kontrolliert wurden, auf seinen Wänden. Die
vorhandenen Hallenanlagen dienten zudem der Abhaltung der für den Kult bedeutsamen
Opfermähler. Eine der Hallen wird das Vereinslokal der Molpoi gewesen sein, das ‘Molpon’.
Hier befand sich die Hestia, der ‘heilige Herd’ der Stadt, weshalb das Molpon auch als
Prytaneion Milets anzusprechen ist. Weiterhin werden die Ergebnisse der neueren
topographischen und archäologischen Forschungen zur Prozessionsstraße zwischen Milet und
Didyma hinsichtlich der Rekonstruktion des Prozessionsweges und seines Aussehens sowie
seiner zeitlichen Entwicklung befragt. Dabei zeigt sich seit dem monumentalen Ausbau der
Straße in spätarchaischer Zeit, der die nie wieder erreichte Prosperität der Metropole in der
zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. verdeutlicht, eine weitgehende Konstanz des Verlaufs. Den
Zielpunkt der Prozession bildete der Altar des Apollon Didymeus in Didyma. Entgegen jüngst
vorgetragenen Überlegungen erweist sich der sog. Rundbau vor der Ostfront des
Apollontempels als Überrest des berühmten Aschenaltars, den nach lokaler Überlieferung
Herakles gebaut haben sollte. Von den insgesamt sieben Stationen der Prozession kann bisher
nur eine lokalisiert werden. Zwei weiteren Stationen sind Überreste zuweisbar.
Die praktizierten Kulte verdeutlichen den hohen identifikatorischen Stellenwert, den
Neujahrsfest und –prozession nach Didyma für die milesische Polisgesellschaft besaßen. Sie
lassen sich mindestens bis ins 7. Jh. v. Chr. zurückverfolgen und stehen im Kontext der
Poliswerdung Milets. Seit dieser Zeit bis zum Ende der heidnischen Antike um 400 n. Chr.
bildete der Prozessionsweg die ‘Achse’ des milesischen Territoriums und verband die beiden
wichtigsten Heiligtümer, das städtische Delphinion und das außerstädtische Heiligtum in
Didyma, als antithetische ‘Pole’ miteinander.

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