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Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen,

besonders Gesellschaften

I. Vorbemerkung

Die folgenden Überlegungen stehen im Kontext theoretischer Bemühungen, die


klassische Topoi einer Theorie der Gesellschaft so reformulieren, daß sie aufeinan-
der bezogen werden können und sich, obwohl unabhängig angesetzt, wechselseitig
interpretieren und konkretisieren. Ich halte - zunächst rein historisch, also auf
Grund bisheriger Theoriebemühungen - vier Ausgangspunkte für relevant, deren
begriffliche Isolierung sich zum Teil bereits in der Auflösung befindet, aber erst
durch Entwicklung von Nachfolgekonzeptionen aufgehoben werden kann 1. Es
handelt sich um:
(1) den Systembegriff Die Reformulierung ersetzt hier das Paradigma des Ganzen,
das aus Teilen besteht, durch die heute dominierende System/Umwelt-Theorie,
die Formen der Systemdifferenzierung mit Umweltlagen des Systems korre-
liert.
(2) den Evolutionsbegriff Die Reformulierung ersetzt hier die Vorstellung eines
universalhistorischen Entwicklungsprozesses durch die Theorie eines Zusam-
menwirkens dreier differenter Mechanismen (Variation, Selektion, Retention),
durch das Zufall systemintern reproduziert und ausgenutzt wird, um Struktur-
änderungen zu induzieren.
(3) den Kommunikationsbegriff Die Reformulierung ersetzt hier eine recht diffu-
se, Verständigungsdruck implizierende Begriffsvorlage 2 durch die These, daß
verständliche Kommunikation angenommen oder abgelehnt werden kann und
daß es bei evolutionär zunehmender Komplexität der Gesellschaft besonderer,
nämlich über Sprache hinausgehender Motivationsmechanismen bedarf, die
sowohl die Annahmechancen als auch die Ablehnungschancen für Kommunika-
tionen verstärken (Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, institu-
tionalisierte Konfliktpotentiale).
(4) den Reflexionsbegriff Die Reformulierung ersetzt hier die klassische Kenn-
zeichnung der Reflexion als Eigenschaft oder Fähigkeit des Bewußtseins bzw.
des Denkens durch die Angabe einer Funktion, nämlich den Gebrauch der
Identität eines Systems zur Orientierung von Selektionen, die im System selbst
ablaufen (eine Form von Selektivitätsverstärkung).
Die folgenden Ausführungen versuchen, zur Klärung des zuletztgenannten Konzep-
tes beizutragen, ohne dabei den Beziehungen zu den übrigen Begriffen und Theorie-
bereichen umfassend nachgehen zu können.

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II. Identität und Substitution

Im Folgenden werden wir einen Identitätsbegriff verwenden, dessen Definition be-


reits eine Relation voraussetzt. Klassische Vorlagen nehmen diese Relation als eine
solche der Erkenntnis oder der Semantik oder der Sprache. Zur Einführung mag ein
Zitat genügen: "Wir sagen dann und nur dann, daß der durch ,x' bezeichnete Gegen-
stand x mit dem durch ,y' bezeichneten Gegenstand y identisch ist ... , wenn ,x'
und ,y' in jedem sinnvollen Ausdruck der Sprache, der ,x' und ,y' angehören, nach
Belieben durcheinander ersetzt werden können ,,3. Identität wird also durch Opera-
tionen definiert, die sie aushält. Zunächst besteht also auf der einen Seite der Rela-
tion ein Überschuß an Zeichen und damit sozusagen ein Verdacht auf Nichtidenti-
tät. Dann erweist sich, daß die Zeichen folgenlos füreinander substituierbar sind.
Die Beliebigkeit der Substitution wird daraufhin ihrerseits als Zeichen genommen
dafür, daß es sich bei dem Bezeichneten immer um dasselbe handelt. Die Identität
kann also sprachimmanent getestet werden, ist aber ein nur sprachrelatives Phäno-
men - eine Überschußreduktion, deren Resultat externalisiert, das heißt: wiederum
innerhalb der Sprache als sprachtranszendent dargestellt wird.
Diese Fassung des Identitätsproblems läßt sich generalisieren und weiteren Rück-
fragen aussetzen, wenn man sie in eine systemtheoretische Begrifflichkeit übersetzt.
Die Grundrelation ist dann nicht die von Zeichen (bzw. Erkenntnismittel, Sprach-
mittel) und Gegenstand, sondern die von System und Umwelt, sie stabilisiert eine
Komplexitätsdifferenz, und Bezeichnung durch Zeichen oder Erkenntnis oder
sprachlicher Ausdruck werden zu Sonderfällen dieser allgemeinen Funktion.
Geht man davon aus, daß immer die Umwelt komplexer ist als das System und
daß das System sich daher mit geringerer Komplexität gegen höhere Komplexität
durchsetzen muß, dann fällt auf, daß trotzdem in Systemen Überschußpotentiale
erzeugt werden, die ein beliebiges, redundantes Substituieren ermöglichen. Wozu
die Verschwendung? Eine erste Antwort, sie wird üblicherweise mit dem Begriff
der Redundanz formuliert 4 , stellt auf Reservenbildung und Vorsorge für Leistungs-
ausfälle, also auf Sicherheitsfunktionen ab. Redundanz ist erforderlich, weil die
Umwelt infolge ihrer hohen Komplexität sich einer direkten Kontrolle entzieht. Sie
ermöglicht es einem System, als Ganzes zuverlässiger zu funktionieren als in seinen
Teilen. Diese Auskunft verengt jedoch durch die Antwort, die sie gibt, die Problem-
stellung auf den Fall der Gefährdung. Identität ist aber nicht nur eine Technik der
Gefahrabwendung, sie ist in einem sehr viel grundsätzlicheren Sinne eine Technik
des Abstandhaltens, sie ermöglicht überhaupt erst die Konstitution einer Differenz
von System und Umwelt im Sinne von relativ unabhängiger Variabilität.
Nur wenn ein System für Umweltsachverhalte, die es als Identitäten behandeln
will, mehrere verschiedenartige Perspektiven (Ideen, Zeichen, neuronale Zustände
oder sonstige Entsprechungsinterna) zur Verfügung hat, kann es eigene Prozeß-
Sequenzen relativ unabhängig von der Umwelt ordnen. Nur so kann es die Abfolge
eigener Erkundungs- oder Einflußrnaßnahmen temporal auf sich selbst beziehen und
zugleich davon ausgehen, daß dem Nacheinander im System eine Simultaneität in
der Umwelt entspricht. Nur so kann das System kontrollieren, ob eine Veränderung

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In den Beziehungen zwischen System und Umwelt auf eine Änderung des eigenen
Zustandes oder auf eine Änderung in der Umwelt zurückgeht. Nur so kann das
System eigene Zeit, eigene Operationszeit gewinnen und sich von Punkt-für-Punkt
Übereinstimmungen mit der Umwelt relativ unabhängig machen.
Die Selbst-Identifikation wird erst im zweiten Schritte nötig. Ein Bedarf dafür
tritt erst auf, wenn ein System in den eigenen Prozessen Zeit verwendet und dabei
nicht laufend alles zugleich variieren kann. Sie ist, anders gesagt, eine Nebenfolge
von Langsamkeit, ein Zeitvertreib. So antwortet bereits Doktor Bordeu im Reve de
d'Alembert auf die Frage nach Mindestelementen der Identitäts: Für einen moment-
haften Übergang von frühester Jugend zu höchstem Alter brauche man weder ein
Gedächtnis noch Identität, nur die Allmählichkeit des Übergangs mache solche
Verständnishilfen erforderlich. Daß der Prozeß der Selbstveränderung sich allmäh-
lich vollzieht, bedeutet zugleich, daß er im Nacheinander verschiedene Umwelt-
ressourcen in Anspruch nehmen, komplexer in die Umwelt ausgreifen kann.
Denn Ausdifferenzierung macht das System nicht unabhängig, löst es nicht ab
von der Umwelt. Sie kann aber trotzdem, darauf kommen wir im nächsten Ab-
schnitt unter der Bezeichnung basale Selbstreferenz zurück, mit ausschließlich in-
ternen Selektionsweisen erreicht werden. Identitäten in der Umwelt dienen dem
System zwar als Abstoßpunkte und als Kontrollfaktoren für eigene Operationen.
Sie haben diese Funktion aber nicht als Naturfestes oder als widerständiger Reali-
tätskern; sie erfüllen sie nur deshalb, weil sie im System für diese Funktion kon-
stituiert werden. Der Ansatz von Identitäten richtet sich nach Systeminteressen,
die Tiefenschärfe von Auflösung und Synthese korreliert mit der Systemkomplexi-
tät und variiert zum Beispiel deutlich mit der gesellschaftlichen Evolution. All das
bedeutet nicht, daß der Umwelt kein Realitätswert zukommt. Der Realitätswert
der Umwelt wird nicht auf Null abgeschrieben, nicht auf ein Nichts reduziert,
wohl aber auf den Modus des Zufalls relativ zum System. Die Systemtheorie tritt
also nicht in die Nachfolge von Theorien, die sich um die Selbstermöglichung und
Selbstbegründung des Absoluten bemüht hatten 6 ; aber sie versucht, die Bedingun-
gen zu erkennen, unter denen Zufallsanstöße für Systemaufbau nutzbar gemacht
werden können 7. Zu diesen Bedingungen gehört die Technik der Identifikation.
Sie setzt voraus, daß das System komplex genug ist, um ein "matching" eigener
Zustände mit Umweltzuständen Punkt für Punkt vermeiden zu können, und deshalb
in der Lage ist, viele eigene Zustände als Entsprechung eines Umwelt-Items gelten
zu lassen. Dieses wird also durch Auswahl aus systemeigenen Zuständen identifi-
ziert. Dabei kann das System, weil es die Kontrolle über die Identitätsbestimmung
besitzt, die Realität der Umwelt dem Zufall überlassen, soweit es nicht durch spezi-
fische Eingriffe die Umwelt im Systeminteresse ändert.
Für selbstreferentiell organisierte Systeme ist es unerläßlich, in ihrer Umwelt
Identitäten zu finden - in wie grober oder wie feiner Zusammenfassung auch im-
mer. An Identitäten differenzieren sich eigene Reaktionen des Systems in bezug auf
seine Umwelt. Andererseits ist es operativ nicht notwendig, daß das System die Um-
welt als Welt identifiziert, und ebensowenig ist es notwendig, daß das System sich
selbst identifiziert. Wenn Identität nach Begriff und operativer Technik eine Rela-

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tionierung voraussetzt und immer die andere Seite der Relation betrifft, für die auf
der identifizierenden Seite Alternativausdrücke mobilisert und einander substitu-
iert werden können, dann ist sogar zu fragen, ob und wie Selbst-Identifikation
überhaupt möglich ist. Die Möglichkeit ergibt sich nicht schon aus der Unterschei-
dung von System und Umwelt; sie wird durch diese Unterscheidung, wenn man sie
als identifikatorische Grundrelation ansieht, vielmehr gerade in Frage gestellt. Wir
werden im Folgenden zu zeigen versuchen, daß Selbst-Identifikation trotzdem mög-
lich ist, daß sie aber nicht schon mit der bloßen Selbstreferenz sich von selbst ver-
steht, sondern komplizierte Systemverschachtelungen voraussetzt.

III. Selbstreferenz und Reflexion

Der weitere Überlebensgang muß mit einer Auflösung der weitverbreiteten Gleich-
setzung von Selbstreferenz und Reflexion eingeleitet werden. Nach üblichen Vor-
stellungen ist Reflexion eine Begleiterscheinung des bewußten Erlebens, die im Den-
ken und nur im Denken intentional aktualisiert werden kann. Alle Natur sei refle-
xionslos determiniert, Bewußtsein dagegen wisse immer auch, daß es Bewußtsein sei
und könne dieses Mitbewußtsein seines Bewußt-Seins aktualisieren, indem es sich
selbst denke. Der Selbstbezug (der sich bereits neurophysiologisch nachweisen
läßt 8 ), sei notwendige Funktionsbedingung des Bewußtseins, sein intentionaler
Vollzug Gelegenheitsleistung, das heißt zeitlicher Konditionierung zugänglich. Die
intentional vollziehbare Zirkularität wird, weil sie ohnehin impliziert ist, Subjekt ge-
nannt. Reflexion wird infolgedessen zumeist als Selbstvollzug der Subjektivität des
Subjekts begriffen.
Wenn das denkende Bewußtsein Subjekt ist, drängt es sich auf, das Subjekt als
das denkende Bewußtsein zu identifizieren. Da nur Menschen denken, findet das
Subjekt sozusagen im Menschen statt. Die Realisierung der Subjektivität - und da-
runter versteht man dann plötzlich, daß die Subjekte nicht mehr dem Herrscher,
sondern ihrer Reflexionsstruktur unterworfen sein sollen - wird zum Anliegen der
Humanität, und Anthropologie wird zur bürgerlichen Technik der Vermeidung
theoretischer Probleme.
Wir können uns an dieser Stelle nicht mit der Kette von Fehlschlüssen beschäfti-
gen, die diesen Argumentationszusammenhang der Anthropologisierung des Sub-
jekts zusammenhalten; noch können wir uns mit den politischen Fehlleistungen
derer auseinandersetzen, die nach wie vor den Vollzug der bürgerlichen Revolution
und ihrer Ideologie anstreben. Wir beschränken uns auf Fragen begrifflicher Dispo-
sition. Will man hier größere analytische Tiefenschärfe und ein breiter gefächertes
Problembewußtsein erreichen, erfordert dies eine Auflösung des geschichtlich und
evolutionär hochbedeutsamen Begriffskomplexes Individuum/Bewußtsein/Refle-
xion 9 . Durch Verzicht auf die Möglichkeit, sich das Wesen der Reflexion durch die
Selbsterfahrung des Bewußtseins bestimmen zu lassen, gewinnt man die Möglichkeit
einer Begriffsbildung, die Bewußtseinsprozesse und andere Prozesse, personale Sy-
steme und soziale Systeme übergreift.

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Die angestrebte Verfeinerung setzt als erstes die Unterscheidung von basaler und
intentionaler Selbstreferenz voraus lO . Als basale Selbstreferenz wollen wir Struktu-
ren bezeichnen, die durch Zirkularität geschlossen sind, also in sich auf sich selbst
reagieren, gerade dadurch aber auch in spezifischer Weise offen sind, das heißt auch
auf Umwelt reagieren. Systeme mit basaler Selbstreferenz sind so organisiert, daß
sie mit jedem Prozeß auf sich selbst reagieren und nur dadurch, daß sie das tun, auf
die Umwelt reagieren können. Sie sind so hoch organisiert, daß sie für jeden Um-
weltkontakt ein komplexes Netz von Selbstkontakten einsetzen müssen. Sie ken-
nen, mit anderen Worten, keine Punkt-für-Punkt Relationen und keine durchlaufen-
den Prozesse, die System und Umwelt verbinden.
Die cartesische pensee war bereits als basale Selbstreferenz gedacht gewesen; sie
ist weder Denken des Denkens noch Identitätsbestimmung des Subjekts; sie liegt
weder auf der Linie der aristotelischen Tradition, noch wird sie in der späteren Re-
flexionsphilosophie adäquat fortgesetzt. Erst recht wird sie von der zeitgenössischen
philosophischen Psychologie nicht erreicht. Diese hatte das Verhältnis von Umwelt-
offenheit und selbstreferentieller Geschlossenheit als einen Unterschied von
"sensations" und "reflections" substantialisiert ll . Es ist aber unmöglich, diese
Funktionen unabhängig voneinander zu erfahren oder zu denken; es handelt sich
um ein Bedingungsverhältnis. Der Selbstkontakt sichert in solchen Strukturen Spe-
zifierbarkeit als universelle Eigenschaft, die konditional durch Umwelt aktiviert
werden kann und dann auto katalytisch die Entstehung der Geschichte eines Sy-
stems ermöglicht.
Für unsere Zwecke kann offen bleiben, wie weit Prozesse biochemischer Autoka-
talyse oder neuronaler Dauererregung mit diesem Konzept angemessen beschrieben
werden können. Die basale Selbstreferenz sozialer Systeme hat die Form von Sinn.
Sinn wird erfahren als Simultaneität von Wirklichem und Möglichem, als Erschei-
nen weiterer, anderer Möglichkeiten an jedem Erlebnisinhalt. Diese Verweisungs-
struktur impliziert für jeden Sinngehalt die Möglichkeit der Rückkehr zu ihm selbst,
die rekursive Reaktivierbarkeit des Ausgangs-Item. Darin sind alle Ausgangs-Item
gleich. Jeder Sinngehalt öffnet die Möglichkeit des Übergangs zu anderem genau da-
durch, daß er die Rückkehr zu sich selbst offen hält. Insofern dient Selbstreferenz
als Basis der Konfrontierung mit anderem 12, als Basis der Spezifikation durch Kon-
frontierung mit anderem und damit auch als Prämisse allen intentionalen Wechsels
von Erlebnissen und Handlungen 13.
Auf der Grundlage der basalen Selbstreferenz von Sinn lassen Selbstreferenzen
sich intentionalisieren mit Hilfe von Identitätskonstruktionen, die sich unabhängig
machen von der jeweiligen Gegebenheit des gerade aktuellen Erlebnisinhaltes. Sol-
che Identitäten können die Form eines Prozesses oder die Form eines Systems an-
nehmen, und entsprechend gibt es zwei verschiedenartige Formen intentionalen
Gebrauchs von Selbstreferenz. Intentionale Selbstreferenz von Prozessen wollen wir
Reflexivität, die intentionale Selbstreferenz von Systemen wollen wir Reflexion
nennen.
Prozesse sind reflexiv, wenn und soweit sie sich auf sich selbst oder auf Prozesse
gleicher Art richten, also zum Beispiel zum Erziehen erziehen, das Genießen genie-

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ßen, Tauschmöglichkeiten eintauschen 14. Ausbildung von Reflexivität erfordert aus-
reichende Spezifikation der Prozesse, hängt also indirekt ab vom Grade gesellschaft-
licher Differenzierung. Die Durchartikulation der Problematik der Gewissheit des
Glaubens an den Glauben im späten Mittelalter führte zum Beispiel die Theologie
auf einen Weg der Spezifikation, der es für die beginnende neuzeitliche Wissenschaft
möglich machte, daneben eine davon unabhängige natürliche Erkenntnis der Natur
zu postulieren. Eine für Reflexivität ausreichende Identifikation von Prozeßtypen
setzt entsprechend spezifizierte symbolische Codes voraus, die dann typisch in ih-
rem gesamten Prozeßbereich Reflexivität oder doch Bezug auf reflexive Prozesse
vorschreiben - so der monetäre Code der Wirtschaft, der Macht-Code demokrati-
scher Politik, der Wahrheits-Code der Wissenschaft oder der Code für romantische
Liebe.
Reflexion betrifft ein ganz anderes Problem, nämlich den Gebrauch der Identität
eines Systems für die Orientierung seiner eigenen Selektionen. Begriff und Funktion
der Reflexion sind nicht auf personale (psychische) Systeme beschränkt. Auch so-
ziale Systeme können ihre eigene Identität zum Kriterium ihrer Selektionen machen,
und für beide Systemtypen läßt sich die Frage ausarbeiten, unter welchen Voraus-
setzungen dies möglich ist, wie oft und bei welchen Gelegenheiten es faktisch ge-
schieht und wie typisch ein ,reflektierter' Selektionsstil für das System ist.
Zunächst müssen wir das Problem, das durch Identitätsgebrauch gelöst wird,
genau genug formulieren, und es kommt hierbei auf Nuancen an. Gebraucht wird
Identität nur dann, wenn Situationen Verhaltenswahlen eröffnen und sich daraus,
ob gewollt oder nicht, eine Kontingenz allen Anschlußverhaltens ergibt. Gleichgül-
tig was man dann tut oder unterläßt, sichert Identität in solchen Fällen die Konti-
nuität trotz Wahl. Identität ist mithin kein Zweck, den man durch Wahl zu errei-
chen sucht. Sie läßt sich auch nicht durch Wahl zerstören, denn auch Zerstörung des
Systems wäre ja Zerstörung nur in bezug auf die Identität, um die es geht, also in
bezug auf eine in der Zerstörung akzeptierte Kontinuität. Identität ist daher auch
nicht die Sache selbst oder das System selbst, von dem man sagt; es sei identisch.
Identität ist ein Kompensativ für Kontingenz, ist das, was immer die Funktion er-
füllt, das Dissoziationsrisiko aller Selektivität zu neutralisieren. Der Identitätsbe-
griff bezeichnet in Anwendung auf Systeme die Klasse derjenigen funktional äqui-
valenten Leistungen, die diese spezifische Funktion erfüllen 15.
Daß ein System überhaupt (hin und wieder) Identitätsorientierung braucht,
wenn es wählt, kann auch am Begriff der Komplexität verdeutlicht werden. Als Sy-
stemkomplexität kann man die Tatsache bezeichnen, daß bei einer Vielzahl von
Elementen eines Systems deren Relationierung durch Prozesse nur selektiv möglich
ist: Nicht jedes Element kann zu jeder Zeit mit jedem anderen verknüpft sein. Das
heißt aber zugleich, daß die Komplexität des Systems in den System prozessen nicht
thematisch werden kann 16. Sie bleibt für die System prozesse selbst undurchsichti-
ger Hintergrund und wird durch Einheitsvorstellungen nur repräsentiert. Die Iden-
titätsorientierung dient, mit anderen Worten, in den Systemprozessen als Ersatz
für Komplexitätsorientierungen. Ein System kann sich auf seine eigene Komplexi-
tät nur beziehen, indem es sich selbst als Einheit nimmt. Reflexion ist, so gesehen,

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em komplexitätsreduzierender Mechanismus in bezug auf das System selbst. Des-
halb kommt es zu der Paradoxie, daß die Einheit des Systems durch die Systempro-
zesse zu einem Bezugselement unter anderen gemacht werden muß, soll das System
überhaupt in der Lage sein, sich selbst thematisch zu erfassen und zu bestimmen.
Während die Identität eines Prozesses mit Hilfe von Nebeneindrücken konstitu-
iert wird, die das im Prozeß sich nicht Verändernde festhalten 17, benötigt die Iden-
tifikation von Systemen den Bezug auf die Umwelt. Die Andersheit der Umwelt
wird jedoch unmittelbar schon an den Systemgrenzen deutlich und wird schon in
dieser unmittelbaren Gegebenheit Operationsgrundlage des Systems. Es ist eine em-
pirische, nicht eine dialektisch-spekulativ zu lösende Frage, unter welchen Umstän-
den und wie weit ein System darüber hinaus überhaupt Anlaß hat, seine eigene Iden-
tität als Orientierungsgesichtspunkt einzusetzen.
Zwei verschiedene Arten von Anlässen lassen sich unterscheiden, die Reflexion
stimulieren und schließlich zu ihrer Habitualisierung bzw. Institutionalisierung füh-
ren können. Es gibt externe und interne Anlässe. Die externen Anlässe bestehen in
der Zunahme der interaktioneIl relevanten Umweltkomplexität. Als zum Beispiel
die Kreuzfahrer des 6. Kreuzzuges in langjährige Gefangenschaft gerieten, hatte die
Christenheit einen konkreten Anlaß zu lernen, daß auch ihre Gegner auf der Grund-
lage differenzierter Erwägungen nach religiösen und moralischen Gesichtspunkten
handeln l8 ; das eigene Selbstverständnis konnte danach nicht mehr an der einfachen
Trennlinie guten und verwerflichen Verhaltens festgelegt l9 , die Identität nicht mehr
mit einer Unterscheidung von Innen und Außen formuliert werden. Aber um so
mehr wurde es nötig, sich der eigenen Identität zu vergewissern.
Das Verständnis interner Reflexionsanstöße erfordert eine anspruchsvollere
theoretische Vorüberlegung. So lange nur eine einzige System/Umwelt-Relation, die
des Systems selbst, die Orientierung steuert, kann das System sich gegen seine Um-
welt nur begrenzt differenzieren. Es kann, weil unmittelbar Moment der Relation,
die Relation für sich selbst nicht objektivieren und bleibt an ein projektives, aus-
beuterisches oder wie immer selbstbezügliches Umweltverständnis gebunden, das an
die eigene Identität keine hohen Anforderungen stellt. Das System sieht Idendität
nur in seiner Umwelt. Die Objektivation der System/Umwelt-Beziehung erfordert
eine zweite SystemreJerenz.
Dies kann ein voll externes System sein ("Beobachter"), das in seiner eigenen
Umwelt andere Systeme-in-Umwelten vorfindet und als Identitäten beschreiben
kann. Eine ähnliche Leistung können interpenetrierende Systeme erbringen, die nur
einzelne ihrer Handlungen beisteuern, aber als Systeme zur Umwelt des erstgenann-
ten Systems gehören - also namentlich personale Systeme, die in sozialen Systemen
handeln ("Teilnehmer,,)2o. Auch für interpenetrierende Systeme gilt, daß ihre eige-
ne System/Umwelt-Differenz es ihnen ermöglicht, in ihrer Umwelt die Systeme, an
denen sie teilnehmen, als Systeme-in-einer-Umwelt zu erfahren und sie in einer ge-
wissen Unabhängigkeit zu sich selbst zu objektivieren. Die dritte Möglichkeit greift
auf Teilsysteme des erstgenannten Systems zurück. Auch Teilsystembildung führt
nämlich, wie alle interne Differenzierung, zur Herstellung weiterer System/Umwelt-
Verhältnisse, die für Zwecke der Objektivation ausgenutzt werden können. Inter-

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ne Differenzierung redupliziert System/Umwelt-Disjunktionen im Inneren von Sy-
stemen, schafft "interne Umwelten" und kann daher zur Bildung von Teilsystemen
führen, in deren Umwelt das Gesamtsystem, dem sie angehören, eine Beziehung zur
Gesamtsystem-Umwelt hat und als Moment dieser Beziehung identifiziert werden
kann.
In allen drei Fällen (Beobachter, Teilnehmer, Teilsystem) wird eine zweite (gege-
benenfalls iterativ: dritte, vierte usw.) System/Umwelt-Relation benutzt, um eine
erste zu objektivieren. In allen drei Fällen geht es formal also um Relationierung
von Relationen. Die Relationierung von System/Umwelt-Relationen ist Vorausset-
zung dafür, daß eine Systemidentität kontingent gesetzt und in ihrer Funktion für
die System/Umwelt-Relation begriffen wird. Dies kann in der Form der Beschrei-
bung anderer Systeme geschehen, die ein System in seiner Umwelt vorfindet. Von
Reflexion kann man streng genommen nur dann sprechen, wenn das beschreibende
System Teilsystem des beschriebenen Systems ist, also nur im letztgenannten der
drei Fälle; denn nur dann ist die Formulierung und der Gebrauch von Identität auch
dem identifizierten System selbst zurechenbar. Reflexion setzt Systemdifferenzie-
rung voraus.
Damit ist die Frage beantwortet, die wir am Ende des vorigen Abschnitts offen
gelassen hatten. Es gibt Möglichkeiten, die umweltbezogene Technik des Identifizie-
rens auf sich selbst anzuwenden. Man muß dazu System/Umwelt-Relationen aufein-
ander relationieren. In der Umwelt eines Teilsystems kann deutlich werden, daß das
Gesamtsystem, dessen Teil es ist, ein eigenes systemspezifisches Umweltverhältnis
ist. Entlang dieser Relation kann dann das Gesamtsystem identifiziert werden. Das
heißt aber nur: das Teilsystem findet teilsystemspezifische Substitutionen, die die
Identität des Gesamtsystems nicht tangieren. Es kann sich zum Beispiel an seiner
Funktion für das Gesamtsystem orientieren (ohne dieses zu erkennen!) und unter
funktional äquivalenten Leistungen auswählen. Identifikation ist keine Erkenntnis,
Reflexion keine Selbsterkenntnis; es bleibt bei dem non ut intelligatur 21 , und es
mag böse Überraschungen geben, wenn man auf Grund von Identifikation wie auf
Grund von Einsicht zu handeln versucht.
Dieser Aufriß läßt erkennen, daß die Bewußtseinsphilosophie das hier formulier-
te Reflexionsproblem noch gar nicht erreicht hatte und wohl deshalb Reflexion für
Erkenntnis hielt. Sie blieb der Systemebene personaler Systeme verhaftet und
konnte mit dem Begriff des Subjekts nur das Allgemeine psychischer Systeme formu-
lieren. Für Sozialsysteme, besonders für Gesellschaften, hieß dies, daß die Refle-
xionsleistung interpenetrierenden Systemen, nämlich teilnehmenden Individuen, zu-
geschrieben wurde. Historisch hatte diese Zu schreibung ihr gutes Recht, denn in der
Tat war das denkende Individuum für die griechische Gesellschaft dasjenige Bezugs-
system, in dessen Umweltoptik die gesellschaftliche Reflexion zuerst aus der münd-
lich-rhapsodischen Kommunikations- und Erziehungspraxis gelöst und ,gegenständ-
lich' thematisiert wurde. Jene Gesellschaft hatte noch nicht genug Komplexität für
Reflexion durch Teilsysteme. Das "Subjekt", die Formel für den take-off zur mo-
dernen Gesellschaft, hat diese Tradition nur fortgesetzt und radikalisiert. Die gesell-
schaftlichen Verhältnisse aber haben sich geändert, so daß es sinnvoll wird, für das

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Gesellschaftssystem selbst die Frage einer adäquaten Reflexion durch Teilsysteme
aufzuwerfen.

IV. Selbstsubstitution

Der Zusammenhang von Identität und Substitution muß sich auch in dem Falle vor-
führen lassen, den wir Selbstsubstitution nennen wollen. Den Begriff der Selbstsub-
stitution setzen wir aus zwei Komponenten zusammen. Er setzt erstens voraus, daß
eine gegebene Ordnung - so zum Beispiel die Welt 22 - nicht durch eine andere er-
setzt werden kann. Er fordert zweitens, daß die Ordnung selbst über Mechanismen
ihrer eigenen Transformation verfügt. Dagegen ist nicht gemeint, daß es nur endoge-
nen Wandel gibt (was nur für die Welt, nicht aber auch für Systeme zutreffen könn-
te). Selbstsubstitution erfolgt durch interne Prozesse, kann aber auf interne wie auf
externe Ursachen zurückgehen.
Selbstsubstitution setzt wie jede Substitution eine den Substitutionsvorgang
übergreifende und zusammenhaltende Identität voraus. Diese Identität, die es er-
möglicht, den Vorgang der Substitution als solchen zu erfassen, kann in der Welt
eines Beobachters, eines Teilnehmers oder eines Teilsystems konstituiert werden. So
identifiziert ein politisch engagierter Beobachter, La Chatolais, das Erziehungssy-
stem seiner Zeit als bloße Selbstversorgung des Gelehrtenstandes und fordert vom
Staat die Substitution eines gesellschaftlich wirksamen Erziehungssystems 23 . Das ist
umweltbezogene Identifikation und umweltveranlaßte Substitution. Sie ist in dieser
Form nötig, solange noch kein gesellschaftliches Teilsystem vorliegt, das sich selbst
mit Hilfe eigener Teilsysteme identifiziert und Substitutionsvorgänge anhand dieser
Identifikation kontrollieren kann. Nur in einem solchen Falle der Reflexion benutzt
das System, das sich über Selbstsubstitution wandelt, die eigene, durch Teilsysteme
objektivierte Identität, um den Vorgang der Selbstsubstitution zu kontrollieren an
dem, was trotzdem identisch bleibt.
Es gibt durchaus unreflektierte Selbstsubstitution, wenn nämlich die Transfor-
mation in eine andersartige Ordnung nur lagemotiviert erfolgt, also nur durch An-
schließung an Vorheriges gesteuert ist. Die übergreifende Identität ergibt sich dann
nur für den Beobachter. Selbstsubstitution und Reflexion müssen nicht, sie können
aber konvergieren. Ihre Konvergenz ist der uns im folgenden interessierende Pro-
blembereich. Im Bereich sozialer Systeme ist jedenfalls das Gesellschaftssystem eine
selbstsubstitutive Ordnung. Welches andere System immer die Gesellschaft identifi-
ziert: Man kann sich nicht vorstellen, daß eine Gesellschaft durch eine andere er-
setzt würde. Ein solcher Substitutionsvorgang, etwa die Zerstörung der präkolum-
bianischen Reiche Amerikas und ihre Ersetzung durch ein Nebeneinander von Kolo-
nialreich und reprimitivierten Tribalkulturen, muß sich immer als ein Umstrukturie-
rungsvorgang innerhalb der Gesellschaft selbst, also als Selbstsubstitution vollzie-
hen. Für kein anderes Sozialsystem gilt dies unabhängig von der Typik, die das Ge-
seIlschaftssystem ausgebildet hat, das heißt unabhängig von Ergebnissen der sozio-
kulturellen Evolution. Nur die Gesellschaft selbst ist, wenn es überhaupt soziale Sy-
steme gibt, unbedingt eine selbstsubstitutive Ordnung.

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Aus Gründen, die sich evolutionstheoretisch nachzeichnen ließen, ist die Gesell-
schaft in der neueren Zeit so komplex geworden, daß selbstsubstitutive Systempro-
zesse auch auf der Ebene der Teilsysteme auftreten. Der Problemlösungskontext, in
dem dies geschieht, läßt sich mit zwei Stichworten angeben: Rationalität und Ge-
schichte, beides bezogen auf Veränderung.
Sehr komplexe Systeme lassen sich auf rationale Weise nur ändern, wenn man
sehr weitgehende Interdependenzunterbrechungen unterstellen kann. In der neue-
ren Literatur spricht man von Dekomponierbarkeit 24 • Nur wenn Systeme dekompo-
nierbar oder nahezu dekomponierbar sind, das heißt, wenn im Verhältnis zwischen
den Teilen keine oder fast keine Interdependenzen bestehen, kann man Teilstruktu-
ren für sich allein ändern; nur unter dieser Voraussetzung kann man Probleme, Män-
gel, Änderungsbedürftigkeit an Teilen erkennen, ohne das System im ganzen zu ana-
lysieren; nur unter dieser Voraussetzung kann man die Änderungsbedürftigkeit der
Geschichte des Teiles zurechnen, an dem sie auftritt; nur unter dieser Vorausset-
zung kann man "aus der Geschichte lernen ,,25. Die Voraussetzung ist aber in allen
komplexen Systemen und besonders in Gesellschaften höchst irreal. Die Differen-
zierung der Gesellschaft führt nicht zu einem gut dekomponierbaren System. Des-
halb gibt es keine gesellschaftlich rationale Strukturpolitik für Teilsysteme 26 , und
deshalb ist Selbstsubstitution die gerade noch mögliche Form relativ rationalen
Strukturwandels: Sie orientiert sich primär an systemeigenen Selbstsimplifikationen,
die sich pauschal bewährt haben, und ,externalisiert' Interdependenzen von System
und Umwelt, die sie nicht behandeln kann. In der Praxis erfordert das ein laufendes
Rearrangieren der Interdependenzen.
Die Systemgeschichte selbst enthält keine Garantie dafür, daß es weitergeht. Im
Gegenteil: Sie legt die Strukturentscheidungen der Systeme normalerweise fest und
verbraucht ihr Lernpotential. Für Lernen in einem mit Umweltänderungen schritt-
haltenden Umfange sind wiederum die Interdependenzen zu hoch, und diesmal
nicht die externen, sondern die internen Interdependenzen. Daher ist Zerfall und
Neubildung, Konkurs und Gründung der normale Weg der Evolution und der Auf-
bau komplexer Systeme nur ein (sich dann aber durchsetzendes) Nebenprodukt 27 .
Selbstsubstitution ist somit kein normales Evolutionsverfahren. Sie bedarf beson-
derer struktureller Vorkehrungen, die ein hinreichendes Abstoßen von Geschichts-
bindungen ermöglichen 28 . Vergessen genügt nicht.
An diese Vorüberlegung schließen drei Fragen an, denen wir uns in den folgen-
den Abschnitten V-VII zuwenden wollen:

(1) Was entscheidet über die "Tiefenschärfe", mit der das Moment selbstsubstituti-
ver Transformation innerhalb von Gesellschaftssystemen realisiert, das heißt
auf Teilsysteme übertragen wird? Die Antwort wird lauten: die Form der Diffe-
renzierung des Gesellschaftssystems.

(2) Wie werden Identitätsformen konsensfähig symbolisiert, die sich dazu eignen,
selbstsubstitutive Transformationen auszuhalten und auf der Ebene der Funk-
tionssysteme zu operationalisieren. Die Antwort muß im Rahmen einer Theorie
symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien gesucht werden.

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(3) Was ermöglicht die Reflexion selbstsubstitutiver Transformationen als Vorgang
an oder in etwas Identisch-Bleibendem in der Gesellschaft? Die Antwort muß
erneut lauten: die Form der Differenzierung und, durch sie vermittelt, die Um-
weltperspektive besonderer Teilsysteme der Gesellschaft.

V. Gesellschaftliche Differenzierung

In der Soziologie werden drei verschiedene Formen gesellschaftlicher Differenzie-


rung behandelt. Sie unterscheiden sich als Formen der Teilsystembildung innerhalb
des Gesellschaftssystems. Weitere Formen sind bisher nicht entdeckt worden, so
daß man die Liste mit Vorbehalt als vollständig ansehen kann.
Segmentiire Differenzierung gliedert die Gesellschaft in gleiche Teilsysteme auf
der Grundlage gleicher Kristallisationspunkte der Systembildung, namentlich Ver-
wandtschaft und/oder räumliches Zusammenleben. Wegen der Gleichartigkeit der
Systeme sind auch die Unterschiede der innergesellschaftlichen Umwelten für die
einzelnen Teilsysteme gering. Die Gesellschaft hat insgesamt, als Gesamtheit ihrer
Teilsysteme ebenso wie als Gesamtheit teilsystemspezifischer Umwelten, geringe
Komplexität.
Stratifikation gliedert die Gesellschaft in Schichten. Schichten werden auf der
Basis der Ungleichheit der Teilsysteme gebildet, und zwar so, daß die ungleichen
Teile durch eine Rangordnung aufeinander bezogen werden. Prinzip der Rangdiffe-
renzierung kann Landbesitz oder sonstiger Wohlstand, politische Herrschaft, Zugang
zu Berufen oder anderes sein. Ein Mindestmaß an Statuskongruenz muß erreicht
werden, damit die Rangordnung als eine einzige erscheint und die Beziehung der
Teilsysteme zu ihren innergesellschaftlichen Umwelten definiert. Nicht nur die Sy-
steme, sondern auch ihre Umwelten werden durch die Rangordnung definiert, die
innergesellschaftlichen Umwelten werden also nicht unabhängig von der je eigenen
Rangposition begriffen. Dadurch bleibt die in einer solchen Gesellschaft erreich-
bare Komplexität limitiert, obgleich sie durch strukturelle Zulassung von Ungleich-
heiten bedeutend höher ist als im Falle segmentärer Differenzierung.
Funktionale Differenzierung schließlich gliedert die Gesellschaft in ungleiche
Teilsysteme, die sich jeweils primär an einer eigenen spezifischen Funktion orientie-
ren und deshalb, im Unterschied zu Rangordnungen, die Struktur ihrer innergesell-
schaftlichen Umwelt nicht pnijudizieren. Es gibt allerdings auch in funktional diffe-
renzierten Gesellschaften im Verhältnis der Funktionssysteme zueinander Bedin-
gungen struktureller Kompatibilität. So setzt z.B. Demokratie Geldwirtschaft vor-
aus, Geldwirtschaft ein ausdifferenziertes Rechtssystem, usw. Insgesamt sind jedoch
die strukturellen Implikationen im Gesamtsystem geringer, die wechselseitige Fest-
legung von Systemen und Umwelten ist geringer, die gesamtgesellschaftliche Kom-
plexität daher sehr viel höher als in stratifizierten Gesellschaften.
Man kann diese Formen der Differenzierung nach Art einer Guttman-Skala ord-
nen, und in der Tat hat die sozio-kulturelle Evolution in einem Prozeß der Selbst-
substitution aus segmentären Gesellschaften stratifizierte und aus stratifizierten Ge-

208
seilschaften den modernen Typus der funktional differenzierten Gesellschaft ent-
wickelt 29 . Man muß allerdings mitsehen, daß diese Formen der Differenzierung als
abstrakte Möglichkeiten miteinander kombiniert werden können. Gesellschaftsty-
pen lassen sich daher nur durch die Form ihrer primiiren Differenzierung unterschei-
den, und von der Form primärer Differenzierung hängt zugleich ab, in welcher Wei-
se die übrigen Formen der Differenzierung mitverwendet werden können. Funk-
tionale Differenzierung ist derjenige Formentypus, der höchste Komplexität und
daher auch höchste Kompatibilität mit anderen Formen der Differenzierung auf-
weist. In der funktional differenzierten Gesellschaft gibt es daher auch mehr Seg-
mentierung (Differenzierung in Staaten und Gemeinden, Schulen und Krankenhäu-
sern, Familien, Firmen usw.) als in segmentären Gesellschaften und vielleicht sogar,
wie manche beklagen, mehr Stratifikation als in stratifizierten Gesellschaften, aller-
dings mit höherer Statusinkongruenz.
All dies vorausgeschickt, können wir nunmehr die These aufstellen, daß erst mit
funktionaler Differenzierung das Erfordernis der Selbstsubstitution in den Teilsy-
stembereich expandiert. Noch Schichtungssysteme sind so gebaut, daß Schichten
innerhalb konstanter gesellschaftlicher Ranglagen ausgewechselt werden können.
Eine primär ökonomisch fundierte Schicht kann eine militärisch-politische Füh-
rungsgruppe verdrängen oder umgekehrt, Mittelschichten können in ihrem System-
bildungsprinzip von selbständiger auf unselbständige Arbeit, von Eigentum auf Aus-
bildung umgestellt werden, und dies nicht im Wege der Selbstsubstitution, sondern
im Wege der Aufwertung und Durchsetzung neuer Gruppen und neuer Identifika-
tionen, die vordem nicht diesen Rangplatz innehatten. Solche Veränderungen sind
zwar in bezug auf die Gesamtgesellschaft selbstsubstitutiv, für ihre Teilsysteme je-
doch mit Konflikten und Identitätsbrüchen verbunden.
Für funktional definierte Teilsysteme ist dagegen auch auf der Teilsystemebene
die Transformation durch Selbstsubstitution zwangsläufig. Wie immer Bereichsab-
grenzungen und Problemzuweisungen sich verschieben mögen: Das Rechtssystem
kann nicht durch das Erziehungssystem, wissenschaftliche Forschung nicht durch
Politik ersetzt werden. Erziehung läßt sich nicht in medizinische Behandlung auflö-
sen, das Militärwesen nicht in ökonomisch profitable Produktion von Zerstörung.
Wenn und soweit die Gesellschaft Teilsysteme für spezifische Funktionen ausdiffe-
renziert und mit ihrer Hilfe Problembehandlungen verstärkt, verlagert sie eben da-
mit auch den Transformationsmodus der Selbstsubstitution, sozusagen ein Moment
der Gesellschaftlichkeit, auf diese Ebene.
Funktionale Differenzierung differenziert, anders gesagt, auch den Charakter der
Gesellschaft als selbstsubstitutiver Ordnung. Der Grund dafür liegt im Differenzie-
rungsprinzip selbst. Es bezieht sich auf Probleme, die auf der Ebene des Systems der
Gesamtgesellschaft gelöst werden müssen und die auch nach der Ausdifferenzierung
von Funktionssystemen diese Systemreferenz beibehalten. Auch nach Ausdifferen-
zierung eines Erziehungssystems, eines politischen Systems, eines Rechtssystems
bleiben Erziehung, Machtbildung und Rechtsorientierunggesamtgesellschaftlich be-
langvolle, die gesamte Gesellschaft durchdringende Vorgänge. Die Funktion wird
also nicht (wie korporativ-hierarchische Gesellschaftsmodelle nahe legen können)

209
als eine Art Aufgabe oder Kompetenz delegiert. Es wird ihr lediglich in einem Teil-
system ein evaluativer und operativer Primat zugewiesen, wie er gesamtgesellschaft-
lich nicht institutionalisiert werden könnte. Nur für das Erziehungssystem beispiels-
weise kann vorgesehen werden, daß Erziehung wichtiger ist als Rechtsanwendung,
als Profit oder als Machtüberlegenheit. Ein solcher funktionaler Primat wird da-
durch gehalten, daß für das jeweilige Funktionssystem die Gesellschaft im übrigen
zur Umwelt wird, was zweierlei heißt: daß (1) die Gesellschaft für die Funktionser-
füllung relevant bleibt und daß (2) innerhalb dieser gesellschaftsinternen Umwelt
andere Funktionen andere System/Umwelt-Perspektiven katalysieren können. Diese
Form der Spezifikation von Funktionen als System/Umwelt-Perspektiven rekon-
struiert stets das Ganze durch einen Dualismus und schließt zugleich durch die Art,
wie das geschieht, es aus, daß diese Perspektiven füreinander substituiert werden
können.

VI. Binäre Schematisierung

Daß Funktionsbereiche auf Selbstsubstitution angewiesen sind und nicht durch an-
dere Funktionsbereiche ersetzt werden können, liegt also zunächst an der Spezifika-
tion der Funktion selbst, die sich im Laufe der Evolution als erfolgreich durchsetzt.
Der Bezug auf spezifische Funktionen sperrt einerseits aus, was an bestimmte Pro-
bleme nicht anschließbar ist, und blockiert damit unter Umständen Möglichkeiten
weiterer Evolution, präzisiert andererseits aber auch, was als Problemlösungen in
Betracht kommt. Die damit gegebene Gefahr eines zu eng gezogenen Änderungs-
rahmens, der nur noch zunehmende Virtuosität und Aufwendigkeit in der Lösung
sehr spezieller Folgeprobleme von vorgängigen Problemlösungen zuläßt 30 , wird in
wichtigen Funktionsbereichen neutralisiert oder zumindest abgeschwächt durch
Einrichtungen, die man als binär schematisierte Kommunikationsmedien bezeich-
nen kann 3 !.
Binäre Schematismen gehören zu den soziologisch noch kaum erforschten grund-
legenden Institutionen komplexer Gesellschaftssysteme. Es handelt sich um Kom-
munikations-Codes, die für Themen ihres Bereichs zwei (und nur zwei) mögliche
Werte vorsehen, welche sich wechselseitig ausschließen und genau dadurch ver-
knüpft sind. So können Sätze, die für wissenschaftliche Bearbeitung formuliert wer-
den, nur entweder wahr oder falsch sein; Ansprüche können, wenn sie rechtlicher
Beurteilung unterworfen werden, nur entweder zu Recht oder zu Unrecht bestehen;
wirtschaftliche Transaktionen hängen davon ab, daß in Bezug auf die Objekte (Gü-
ter bzw. Leistungen) Eigentum bzw. Nichteigentum feststeht. Die beiden Werte sind
dabei als Gegensätze so zusammengespannt, daß die Bestimmung des einen von der
des anderen nicht absehen kann (woraus sich die Zweckmäßigkeit der Beschränkung
auf zwei Werte ergibt). Solche Codes können die Zuteilung der beiden Werte kondi-
tionieren und sie damit auf Umweltveränderungen, aber auch auf intern ausgelöste
Umverteilungen beziehen.
Die Funktionsweise dieser Codes begreift man nur, wenn man sieht, daß sie auf

210
einer Duplikation möglicher Zuordnungen beruhen und daß weder die Rolle eines
Teilnehmers am System noch das System als Ganzes mit einem der Werte identifi-
ziert werden kann. Jeder Teilnehmer am Wirtschaftssystem muß in Bezug auf jedes
Gut zu jedem Zeitpunkt entweder Eigentümer oder Nichteigentümer sein, und diese
Disjunktion muß unabhängig sein von den sich jeweils ergebenden Verteilungen der
Güter auf Reiche und Arme. Nur dadurch wird das System eigendynamisch, das
heißt in seinen weiteren Operationen durch den eigenen Code gesteuert. Wären in
einem Wirtschaftssystem die Reichen nur Eigentümer, aber nicht Nichteigentümer
(in bezug auf irgend etwas) und die Armen nur Nichteigentümer, aber nicht Eigen-
tümer (in bezug auf irgend etwas), wären mit anderen Worten die Teilnehmerrol-
len durch die beiden Werte definiert, käme das System zum Stillstand; die nächste
Veränderung müßte extern eingeführt werden. Dasselbe gilt für andere binäre Codes.
Die laufende Produktion von Unwahrheiten gehört zu den Betriebsbedingungen der
Wissenschaft. In jedem Konfliktsfall wird das Recht des einen zum Unrecht des an-
deren. Jeder optische oder akustische Reiz hat zunächst die Chance, schön oder
häßlich zu wirken. Über die provisorische Fixierung einer Zuteilung von Werten
kann nur innerhalb des Code entschieden werden, und Entscheidung erfordert die
Berücksichtigung und Zurückweisung des Gegenwerts durch code-spezifische Opera-
tionen.
Diese Analyse schließt es aus, Funktionssysteme, die binäre Codes verwenden,
als soziale Systeme durch einen der Code-Werte zu identifizieren. Weder substantiell
noch teleologisch würde eine solche Identifikation die Sache treffen. Die Wissen-
schaft ,ist' nicht die Gesamtheit der wahren (im Unterschied zu unwahren) Aussa-
gen oder Kommunikationen; und sie kann auch nicht durch den ,Zweck' der Her-
stellung oder Vermehrung wahrer Erkenntnisse definiert werden, weil die entgegen-
gesetzte Zweckbestimmung, nämlich: Herstellung unwahrer Aussagen, dieselben
Operationen decken würde, und genau dieser Sachverhalt die eigentliche Struktur
des Codes wissenschaftlicher Operationen ausmacht 32 . Entsprechendes gilt für die
anderen Codes. Die Verlegenheit, Identitäten durch Antworten auf ,Was ist-' oder
,Wozu-Fragen' nicht mehr bestimmen zu können, hängt anscheinend damit zusam-
men, daß Funktionssysteme das Problem der Selbstsubstitution für je ihren Bereich
selbst lösen müssen, ihre Identität also nicht mehr voraussetzen können, sondern für
diese Funktion erst konstituieren müssen. Damit verschiebt das Identitätsproblem
sich in die Frage, wie die Einheit selbstsubstitutiven Operierens nach Maßgabe bi-
närer Schematismen zu begreifen sei.
Die dazu erforderlichen Überlegungen können anknüpfen an die Unterscheidung
von basaler Selbstreferenz, Reflexivität und Reflexion (siehe Abschnitt III). Binäre
Schematisierung leistet zunächst nur eine funktionsspezifische Rekonstruktion ba-
saler Selbstreferenz. Ist ein solcher Code einmal etabliert, verweisen die beiden Wer-
te zwangsläufig aufeinander in dem Sinne, daß jeder Wert die Negation des anderen
und die Disjunktion selbst impliziert, also nur in diesem Kontext gelten und kon-
kret erarbeitet werden kann. Was wir als Eigenschaft von Sinn allgemein schon ken-
nen, wird hier sozusagen kurzgeschlossen, technisch schematisiert und unter präzi-
sierbare Bedingungen gestellt; dafür aber auch in seinem Anwendungsbereich be-

211
schränkt. Wahrheit und Unwahrheit stehen dann in engstem selbstreferentiellen
Zusammenhang, ebenso Recht und Unrecht, Schönheit und Häßlichkeit, Haben und
Nichthaben; dagegen besagt Schönheit nichts mehr für Wahrheit, Wahrheit gibt
noch nicht Recht, Haben und Nichthaben kann beides sowohl rechtmäßig als auch
unrechtmäßig sein 33 , und gerade die Differenzierung der Disjunktionen ermöglicht
wiederum Interdependenzen etwa von Recht und Wirtschaft oder von Recht und
Politik, die auf einer Unterbrechung ,natürlicher' Assoziationsketten im Sinne von
schön - wahr - rechtmäßig - reich beruhen 34 .
Als basale Selbstreferenz für einen Spezialbereich wirken binäre Schematismen
ähnlich wie die endogene Reizerzeugung eines Nervensystems. Sie geben dem Funk-
tionssystem eine generell etablierte Bereitschaft, spezifisch zu reagieren, produzie-
ren bei jedem sie ansprechenden Vorfall eine binär codierte Entscheidungslage und
mit jeder Entscheidungslage Anschlußselektionen im System selbst. Durch konti-
nuierliche Selbstreferenz ist das System geschlossen in dem Sinne, daß Umweltereig-
nisse nur durch den Code und nur in bezug auf den Code problematisiert werden
können, wobei in der Problematisierung ein code-gesteuertes Operieren des Systems
immer schon vorausgesetzt ist. Gleichzeitig ist das System aber offen in dem Sinne,
daß genau binäre Geschlossenheit im Umweltkontakt als Selektionspotential wirkt
und mit einer spezifischen Funktion abgestimmt ist. Daß die Werte wahr/unwahr,
Recht/Unrecht, Haben/Nichthaben, schön/häßlich usw. gegenläufig definiert, beide
zuteilbar und dritte Möglichkeiten ausgeschlossen sind, gibt dem jeweiligen Code
eine formale, universelle und vollständige Kompetenz für alle Themen, die, aus wel-
chen Gründen immer, in den Funktionsbereich eingesteuert werden 35 .
Zu den wichtigsten, historisch sich auswirkenden Begleiterfordernissen dieser
Spezifikation basaler Selbstreferenzen gehören: (1) Steigerung des Auflösevermö-
gens und (2) Reflexivität funktionsspezifischer Prozesse.
Die erste Nebenbedingung, Steigerung des Auflösevermögens, ergibt sich aus der
,Unnatürlichkeit' binärer Fragestellungen. Die Sach- und Problemlage sozialer Kom-
munikation schließt dritte Möglichkeiten nicht schon von selbst aus 36 ; die Bedin-
gungen dafür müssen oktroyiert und plausibilisiert werden. Dies kann nur begrenzt
durch Repression von Alternativen geschehen, zumal die gesellschaftliche Evolution
die Möglichkeitsräume menschlichen Erlebens und Handeins steigert. Die langfri-
stig evolutionär erfolgreiche Lösung des Problems liegt in einer Dekomposition na-
türlich-lebensweltlicher Kommunikationsthemen, in einer Auflösung ihrer viel-
schichtigen Kompaktheit in Subthemen, die so weit getrieben wird, bis man zu bi-
när entscheidbaren Fragen kommt - etwa zu den wenigen Sach- oder Rechtsfragen,
auf die es zur Entscheidung eines Rechtsstreits ankommt; zu isoliert kauf- oder ver-
kaufbaren Objekten; zu Einzelakten bei der Herstellung eines Kunstwerks, die auf
Stimmigkeit oder Nichtstimmigkeit im Rahmen eines bereits begonnenen Vorha-
bens geprüft werden können; zu operationalisierten Hypothesen, die empirischen
Tests unterworfen werden können. Die ,Natur' wird so in immer abstraktere Ele-
mente und Relationen aufgelöst, und dieser Prozeß selbst wird als funktional, be-
darfsabhängig und weitertreibbar begriffen. In dem Maße, als die Dekomponierbar-
keit eines Themenbereichs zur Variable wird, entstehen Kontrolleinrichtungen wie

212
wissenschaftliche oder dogmatische Theorien, Kunst-Stile, Unternehmungsprogram-
me, die den Dekompositionsprozeß steuern, zu diesem Zwecke aber kontingent,
variabel und ,pluralistisch' angesetzt werden und also nicht zugleich die Reflexion
der Identität des Funktionssystems leisten können. Im Reflexionsprozeß, auf der
Suche nach Identität, wird Zufälligkeit, Beliebigkeit, Pluralismus (Stil pluralismus,
Theorien-Pluralismus) dieser Steuerungsebene zum Problem 37 •
Mit Reflexivität ist, wie oben bereits gesagt, gemeint, daß innerhalb der einzel-
nen Funktionssysteme die systemspezifischen Prozesse auf sich selbst angewandt
werden können. Nach Durchsetzung der funktionalen Gesellschaftsdifferenzierung
wird diese Möglichkeit universelles Attribut eines jeden binär codierten Funktions-
systems. Es gilt ausnahmslos und selbstreferentiell für alle Operationen des Systems
mit Einschluß derer, die die Selbstanwendung vollziehen. Alles Vermögen (Güter
und Leistungen) ist Geld, und alles Geld kostet etwas, da der Code von Haben und
Nichthaben Opportunitätskosten ,erzeugt'. Alles Recht beruht auf Entscheidungen,
die in rechtlichen Verfahren getroffen werden, deren rechtliche Regelung auf Ent-
scheidungen beruht, die in rechtlichen Verfahren getroffen werden ... Alle wissen-
schaftliche Erkenntnis hat sich an der Wissenschaft von der Erkenntnis auszuweisen.
Auf der Reflexivebene müssen Übersichts- und Gewißheitsverzichte in Kauf genom-
men werden, da hier die Effekte der Endprozesse nicht im Konkreten kontrolliert
werden können. Keine rechtliche Regelung des Rechtssetzungsverfahrens kann die
Sicherheit verschaffen, daß Rechtsfälle gerecht entschieden, keine Erziehung der Er-
zieher kann gewährleisten, daß Zöglinge zum besten erzogen werden 38 . Die Selekti-
vitätsverstärkung, die über reflexive Mechanismen erreicht wird, verschärft zugleich
die Reduktionserfordernisse. Sie entkonkretisiert damit auch die Möglichkeiten, für
die Identität des Funktionssystems einen Gesamtausdruck zu finden.
Durch Ausstattung mit binären Codes, Dekompensationsregeln und reflexiven
Mechanismen sind Funktionssysteme in der Lage, sich auf Selbstsubstitution umzu-
stellen. Das hat weittragende Folgen, erhöht zum Beispiel die Spezifität der Pro-
blemhinsichten, die Bereitschaft zu gezielten Änderungen und Sensibilität und Re-
gistrierfähigkeit für Strukturänderungen, die sich ungewollt ergeben. Man denke an
die Auswirkungen der Rechtsförmigkeit des Wirkens der Wohlfahrtsbürokratien und
der Quantifikation des Geldmechanismus für die Wahrnehmbarkeit vorteilhafter
bzw. nachteiliger Veränderungen der je individuellen Lage. Damit produziert ein
Funktionssystem eine Art dezentralisierte Nervosität, die sich in unentwegtes Su-
chen nach besseren Problemlösungen umsetzt ohne Garantie für integrierbare Ge-
samtlösungen. Selbstsubstitution heißt jedoch nicht, daß externe Faktoren bei den
damit angeregten Transformationen keine Rolle spielen; im Gegenteil, die endogene
Dauererregung sensibilisiert gerade für die Relevanz externer Faktoren. Wir können
das am Rechtssystem illustrieren. Nach Ausdifferenzierung und Positivierung des
Rechts ist jede Änderung des Rechts durch Rechtsentscheidung und nur durch
Rechtsentscheidung möglich. Gerade dadurch aber sind die politischen Angriffsflä-
chen des Rechts immens gewachsen, so daß jede Rechtsentscheidung (auch die des
Richters) in ein politisches Problem transformiert werden kann. Das wiederum setzt
jedoch hinreichende juristische Vorarbeit und, zur Entlastung von Politik, Aus-

213
schöpfung der rein rechtlichen Abhilfen voraus. Daran zeigt sich, daß, bedingt durch
funktionale Differenzierung, Independenzen und Interdependenzen im Gesell-
schaftssystem miteinander und in bezug aufeinander zunehmen und daß der Än-
derungsmodus der Selbstsubstitution nicht etwa interne Faktoren begünstigt, son-
dern nur die Relation von externen und internen Faktoren intern kontrolliert.
Entsprechend steigen die Ansprüche an das analytische Instrumentarium, das sol-
chen Sachverhalten gerecht werden kann. Wolfgang Li pp 39 hat darauf hingewiesen,
daß die klassische Gesellschaftskonzeption der evolutionär zunehmenden Differen-
zierung und der korrespondierenden integrativen Generalisierung weder Polarisie-
rungen noch reflexive Mechanismen in Rechnung gestellt hatte. Die Mahnung ist be-
rechtigt. Die fehlenden Momente lassen sich jedoch nicht einfach anflicken. Ebenso
wenig ist eine Synthese von "Funktionalismus" und "Dialektik" in Sicht4o . Über-
nimmt man dagegen die in unserer Vorbemerkung angedeuteten Reformulierungen
klassischer Ausgangspunkte, lassen sich bestimmte strukturtypische Erscheinungen
der modernen Gesellschaft, nämlich forciert-abstrakter und unabgestimmter Ge-
brauch binärer Schematismen und Reflexivität der wichtigsten Funktionsprozesse,
mit einer Theorie funktionaler Differenzierung verbinden (wenngleich nicht: allein
durch sie historisch erklären!). Es sind dies Konsequenzen des Formtypus einer Sy-
stemdifferenzierung nach Funktionen, der unser Gesellschaftssystem primär be-
stimmt.

VII. Reflexion als gesellschaftliche Selbst- Thematisierung

Mit den vorangegangenen Überlegungen haben wir uns im Konnotationsbereich des


Begriffs der Reflexion bewegt, vom Reflexionsbegriff selbst aber noch keinen Ge-
brauch gemacht. Es ging zunächst darum, das Terrain vorzubereiten, auf dem der
eingangs präzisierte Reflexionsbegriff eingesetzt werden kann - das Terrain für eine
Verpflanzung des Reflexionsbegriffs in die Soziologie. Die Analysen führen vor die
Frage, ob und inwiefern Reflexion im Sinne von Identitätsorientierung für die
Steuerung selbstsubstitutiver Transformationen überhaupt benötigt wird, und diese
Frage stellt sich auf zwei Systemebenen: für die Gesellschaft selbst und für alle
Funktionssysteme, die sich selbstsubstitutiv ändern können.
Ein erster Vorbehalt betrifft die Relevanz bewußt formulierter Systemmodelle
überhaupt, er trifft Legitimationsvorstellungen jeder Art und erst recht Identitäts-
formeln. In allen Gesellschaften findet man ein beträchtliches Maß an Skepsis ge-
genüber den offiziellen Wissensprätentionen und Deutungen der Medizinmänner,
Seher, Politiker oder Intellektuellen. Dem Hektor war es, wie überliefert 41 , völlig
egal, ob der Vogel links oder rechts fliegt. Natürlich wußte und verhielt er sich als
Trojaner. Aber die faktische Bedeutung solcher Identifikationen läßt sich erst an
den Alternativen, die man hat, ermessen. Sie ist empirisch schwer einschätzbar und
vielleicht gering. Jedenfalls werden Formulierungen infolge schriftlicher Fixierung
oder gar drucktechnischer Verbreitung in ihrem Motivations- und Orientierungswert
und im Grade ihrer Vereinheitlichung überschätzt 42 ; und möglicherweise beruht

214
ihre Wirksamkeit heute hauptsächlich darauf, daß diese Überschätzung selbst Wir-
kungen hat und zwar niemand an die entsprechenden Symbole glaubt oder davon
Gebrauch macht, aber eben dies unbekannt bleibt 43 .
Somit ist es kein Zufall, daß Formulierungen, die über ein bloßes Stammes- und
Territorialbewußtsein hinausgehen 44 und ein Gesellschaftssystem als umfassende
Einheit identifizieren, nur in Gesellschaften auftreten, die Schrift kennen und inten-
siv benutzen 45; sie machen sich gleichsam die Übertreibungen der Schrift zu eigen -
zunächst in der Herstellung einer linearen Vergangenheit 46 , sodann in der Formulie-
rung von Selbst-Thematisierungen.
Wie Identitäten überhaupt, sind auch Selbst-Thematisierungen des Gesellschafts-
systems nicht für den Alltagsgebrauch bestimmt. Sie treten an die Stelle bereits be-
stehender besonderer Kommunikationsweisen, die sich implizit auf Kommunikation
als Kommunikation und damit auf die Erfordernisse des Kontinuierens sozialen Zu-
sammenlebens bezogen hatten. Solche Erfordernisse wurden und werden auch spä-
ter nicht als Entscheidungsfrage (etwa unter dem Gesichtspunkt von Eintritt und
Austritt) behandelt, sondern als bewahrungswürdige, sich selbst betonende Kom-
munikation 47 . Dieses Muster gerät mit der Ausbreitung von Schrift in Distanz zu
den strukturellen und aktuellen Problemlagen der neueren Zeit. Entsprechend vor-
gezeichnet sind die Erfolgsbedingungen für Substitute. Sie müssen, was Kommuni-
kation über Kommunikation angeht, funktional äquivalent sein, zusätzlich aber ein-
gestellt werden auf die sich abzeichnende funktionale Spezifikation von Rollen und
Institutionen (insbesondere auf Differenzierungen zwischen politischer Herrschaft,
religiösem Kult und Handel und Gewerbe) und auf ein höheres Generalisierungsni-
veau integrativer Symbole.
Identitätsorientierte Kommunikation löst also die feierliche, sich selbst betonen-
de (zum Beispiel rhythmisierte) Kommunikation ab mit einem höheren Potential
für Objektivation, Differenzierung und Relationierung. Das Nachfolge-Syndrom
kann im groben charakterisiert werden durch
(1) Trennung der Systemreferenzen individueller Persönlichkeit und Gesellschaft,
(2) Orientierung der gesellschaftlichen Selbst-Thematisierung an jeweils einer pro-
minenten, bereits ausdifferenzierten Funktion, und
(3) Verwendung generalisierter Moral zur Integration sowohl der Gesellschaft
selbst als auch des Verhältnisses der Individuen zur Gesellschaft und der Gesell-
schaft zu den Individuen.
Wir beginnen die nähere Analyse am besten an dem unter (2) genannten Punkt der
Funktionsorientierung, weil hier Optionen gegeben waren, die die Tradition Alteu-
ropas geprägt haben. Funktionale Differenzierung besagt ja, daß mehr Möglichkei-
ten als nur eine gegeben sind. Aus Gründen, die jeweils mit der systemspezifischen
Vorgeschichte zusammenhängen und die im einzelnen schwer zu erklären sind, ha-
ben die Hebräer ihr Gesellschaftsverständnis um die religiöse Funktion, um das Ver-
hältnis zu ihrem Gott, und die Griechen ihr Gesellschaftsverständnis um die politi-
sche Funktion, um die Institutionen der Stadt und ihre Fähigkeit zu kollektiv-
bindenden Entscheidungen zentriert 48 . Diese beiden Fälle zeichnen sich in evolu-
tionstheoretischer Sicht als Ausnahmefälle aus, nämlich dadurch, daß der Typus des

215
bürokratischen Großreiches als einer politisch-ökonomisch-religiösen Territorialein-
heit nicht fortgesetzt, sondern durch ein Gesellschaftssystem ersetzt wird, das sich
durch Hypostasierung einer besonderen Funktion definiert. Eine solche zunächst
riskante, ja unwahrscheinliche Reflexion konnte das Gesellschaftssystem kompa-
tibel machen mit Nichtidentität ökonomischer, politischer und religiöser Expan-
sion 49 , also mit zunehmender funktionaler Differenzierung im Rahmen von primär
noch stratifizierten Gesellschaftssystemen. Nur so konnte, langfristig gesehen, die
Triebkraft spezifischer Funktionsinteressen ohne den Ballast der Reichsbildung und
Herrschaftskonsolidierung für die Expansion des Kommunikationssystems der Ge-
sellschaft genutzt werden.
Es versteht sich von selbst, daß diese beiden Sonderfälle die jeweils ausgezeichne-
te gesellschaftliche Funktion nicht schon als solche identifizierten. In beiden Fällen
wird ein Universalismus, der einer spezifischen Funktion zu danken ist, ortsbezogen
begründet. Für die Griechen war ihre Stadt selbst die politische Gesellschaft. Und
wie hätten sie auch die politische Gesellschaft ohne die Stadt denken können? Für
die Hebräer war der Tempel in Jerusalem der Ort, an dem allein Gott angemessen
verehrt werden konnte, weil er es so gewollt hat. Und gerade daraus, daß er als der
einzige Gott, als Herr der Welt und aller Völker zu ehren war, mußte folgen, daß er
nur an einem Ort seinen Tempel haben konnte. Der Begründungsstil ist in beiden
Fällen (für uns offensichtlich) selbstreferentiell - und erspart dadurch ein vorzeiti-
ges Offenlegen kontingenter Funktionalität. Als dann später der Ort entfiel, war das
Dominanzmuster der Funktion so weit gefestigt, daß es die Adaptivität der Funk-
tion nutzen und überdauern konnte.
Daß die langfristig sich ergebenden evolutionären Vorteile dieses neuen Typus
nicht das Einführungsmotiv waren, liegt auf der Hand. Wir können uns an dieser
Stelle nicht mit den schwierigen Problemen einer genetischen Erklärung befassen.
Für unsere Zwecke genügt die Einsicht, daß die Riskiertheit der Problemlösung auf
symbolisch-kultureller Ebene zu Ausarbeitungen motiviert hat, die dann literarisch
tradierbar waren und den Typus der Problemlösung von seinen Ausgangsbedingun-
gen ablösten, ja den Untergang der alten Welt überdauern ließen. Seitdem ist die Re-
flexionsgeschichte der europäischen Gesellschaft eine Geschichte der Hypostasie-
rung funktionaler Primate geblieben 50.
Riskiert ist die Problemlösung deshalb, weil ihr eine Verquickung von Systemre-
ferenzen zu Grunde liegt. Der Primat einer spezifischen Funktion, der bei funk-
tionaler Differenzierung auf der Ebene eines Teilsystems sinnvoll ist, wird auf die
Ebene des Gesamtsystems der Gesellschaft TÜckprojiziert. Die Thematisierung der
Gesellschaft selbst läuft also über ein pars-pro-toto Argument. Außerdem kann die
Auszeichnung einer Funktion nur kontingent erfolgen, denn jede spezifische Funk-
tion hat andere neben sich. Die anschließende Reflexion braucht deshalb einen be-
grifflichen Apparat für Kontingenzverarbeitung, der Negiermöglichkeiten abfängt
und die Reflexion plausibilisiert. In der Tradition der religiös definierten Gesell-
schaft wird dies zur Aufgabe der Theologie, die die logisch nicht lösbaren Proble-
me sozusagen transzendiert. In der Tradition der politischen Gesellschaft (societas
civilis) wird bereits zu Beginn, man lese die ersten Zeilen der Politik des Aristoteles,

216
ein Raster von Dichotomien angeboten, deren Zusammenspiel das Problem der
Identität verwischt, nämlich die Dichotomien Ganzes und Teil, Herrschendes und
Beherrschtes, Zweck und Mittel. Es kann dann so dargestellt werden, als ob alle Tei-
le am Ganzen partizipieren, die Herrschenden aber es repräsentieren, indem sie
ihren Zweck mit dem des Ganzen identifizieren und dafür den Beitrag der übrigen
Teile als Mittel verlangen könnenS! .
. Daß die religiöse und die politische Selbst-Thematisierung, weil sie je für sich be-
grifflich ausgearbeitet werden mußten, sich auch synthetisieren ließen, zeigen Dog-
matik und Kasuistik des Mittelalters. Viel wichtiger ist jedoch, daß mit solcher Be-
griffsartistik der Reflexionstypus sich ausreichend bewährt, sich reproduzieren läßt
und erneut angewandt werden kann, wenn die Verhältnisse sich ändern. So hat sich
dann in den letzten beiden Jahrhunderten eine Umdefinition der Gesellschaft als
wie immer bürgerliche oder sozialistische, jedenfalls ökonomische Gesellschaft
durchgesetzt, nachdem das Wirtschaftssystem durch Realentwicklungen zum kom-
plexesten, im Gefüge der gesellschaftlichen Interdependenzen zentral liegenden
Funktionssysteme avanciert war. Die dafür notwendigen theoretischen Apparate
haben die alteuropäische Tradition ersetzt 52 , treten aber an die gleiche Funktions-
steIle kompensatorischer Leistungen und ermöglichen keine Analyse dieses Refle-
xionstypus, keine Reflexion der Reflexion.
Es ist wohl kein Zufall, daß dieser außergewöhnliche, durch Rückprojektion
funktionaler Primate sich bestimmende Typus gesellschaftlicher Reflexion begleitet
wird durch personale Individualisierungen und durch darauf abgestimmte ("interna-
lisierbare") Formen generalisierter Moral, für die es außerhalb dieser Gesellschafts-
tradition keine Parallelen zu geben scheint. Der Standpunkt des Individuums bietet
eine eigene Disjunktion von System und Umwelt und entwickelt mit deren Hilfe eine
eigene personale Systemgeschichte. Er distanziert den Wissenden vom Gewußten,
den Strebenden vom Erstrebten, und dies in einer Weise, die persönlich bleibt,
deren sozialmimetische Vermittlung zwar noch möglich, aber nicht mehr selbstver-
ständlich ist. In den Begriffs- und Sprach transformationen des klassischen Griechen-
tums zeichnet diese Entwicklung sich deutlich ab. Die individualisiert begriffene
Menschlichkeit wird zum Maß der politischen Institutionen der Stadt, so wie diese
sie erst ermöglichen und in ihren besten Möglichkeiten zur Erfüllung bringen 53.
Ebenso individualisiert aber auch die jüdisch-christliche Tradition das Personenver-
ständnis in einer je individuell zu verantwortenden Beziehung zu dem einen Gott,
und zwar ebenfalls in enger Bindung an die Kollektiveinheit in ihrer Beziehung zu
Gott 54 • Es ist also nicht die Akzentuierung des Politischen oder des Religiösen als
solchen, also nicht die Besonderheit der Einzelfunktion, die diese Art Individualis-
mus hervortreibt; vielmehr korreliert Individualismus mit dem Strukturtypus einer
durch Funktionsprimate definierten Gesellschaft schlechthin 55.
Denn mit Hilfe individualisierter personaler System/Umwelt-Referenzen gewinnt
nicht nur das Individuum eine größere Distanz gegenüber der Gesellschaft (was als
Zunahme von Indifferenzen, Freiheiten, Kompatibilitätsbereichen bezeichnet wer-
den kann). Vor allem gewinnen die Gesellschaft selbst und ihre Teilsysteme eine
größere Distanz zu je ihren Umwelten; sie lassen sich in höherem Maße ausdifferen-

217
zieren. Die Personen leben, soweit sie sich als Individuen begreifen und an je ihrem
Bewußtsein orientieren, nicht mehr notwendig unmittelbar in der System/Umwelt-
Perspektive des Gesellschaftssystems, sondern lernen als Teilnehmer des gesellschaft-
lichen Lebens, diese Relation als Relation in ihrer personalen Umwelt zu sehen.
Abstrakter formuliert: Mehrere System/Umwelt-Referenzen lassen sich hinterein-
anderschalten, so daß die eine in der Umwelt der anderen liegt und damit zwar nach
wie vor letztlich systemrelativ, aber doch objektiver als relational, zweiseitig varia-
bel und kontingent begriffen und gehandhabt werden kann 56 . Insgesamt wird auf
diese Weise eine stärker gegen ,Natur' differenzierte und zugleich intern komplexe
Gesellschaft möglich, die extern wie intern mehr Diskontinuitäten zwischen Sy-
stemen und Umwelten verkraften kann.
Ohne Zweifel sind mit diesen Überlegungen nur einige Vorbedingungen evolu-
tionärer Transformationen erfaßt, nicht auch ihre unmittelbaren historischen Ursa-
chen. Evolutionstheoretisch gesprochen handelt es sich zunächst nur um "preadap-
tive advances", um Vor-Entwicklungen. Die Rückprojektion eines funktionalen
Primates zur Identifikation des Gesellschaftssystems, die kulturell symbolisierten
Begriffsapparate, die die Unlogik solcher pars-pro-toto Reflexion plausibilisieren,
deren moralische Konsequenzen und der das Ganze auf Distanz bringende (objekti-
vierende und subjektivierende) Individualismus - das alles sind antike, im Hochmit-
telalter reformulierte und neu kombinierte Errungenschaften, die sich erst im Über-
gang zur Neuzeit auszahlen. Der in diesem Syndrom immanente Zwang zur Formu-
lierung, zum argumentativen Problemausgleich dient zunächst nur dem Stabilisieren
und Vorhalten struktureller Erfindungen. Erst im späten Mittelalter gewinnt dasje-
nige Gesellschaftssystem, das über diese Möglichkeiten verfügt, nämlich die christ-
liche Gesellschaft Europas, jenen Entwicklungsvorsprung, der im Vergleich etwa zu
China den Ausschlag gibt und den Übergang zur neuzeitlichen Gesellschaftsforma-
tion ermöglicht.
Die Gründe dafür sind umstritten und werden umstritten bleiben, solange keine
hinreichend komplexe Theorie gesellschaftlicher Evolution zur Verfügung steht 57 .
So viel aber steht fest: Der Übergang zur modernen "bürgerlichen" Gesellschaft ist
mit einer Neubestimmung der Identität des Gesellschaftssystems vollzogen worden,
und zwar durch Rückprojektion des funktionalen Primats der Wirtschaft auf die Ge-
sellschaft im ganzen. Der Reflexionstypus wurde, was das Gesellschaftssystem an-
geht, nicht prinzipiell geändert, sondern nur renoviert und im Blick auf das nun-
mehr komplexeste Teilsystem der Gesellschaft neu formuliert. Das Individuum wird
zum Subjekt und damit zur Systemreferenz nicht nur für Denken, sondern für Re-
flexion schlechthin. Zugleich setzen die neue Prominenz der Wirtschaft und die
parallellaufende Ausdifferenzierung eines Wissenschaftssystems die Moral nochmals
unter verschärften Abstraktionsdruck. Freiheit wird, so paradox das ist, zum Prin-
zip der Moral und des Rechts. Der Strukturtypus einer sich durch Rückprojektion
eines funktionalen Primates identifizierenden Gesellschaft moralfähiger Individuali-
sten wird nur modifiziert, komplexiert, radikalisiert - aber nicht aufgegeben. Die
Reflexion wird auch im Bereich des Gesellschaftssystems lediglich interpenetrieren-
den personalen Systemen (oder für sie stehenden Aggregat-Ausdrücken wie Subjekt,

218
Geist, transzendentales Bewußtsein oder ähnlichen Kollektivsingularen) zugeschrie-
ben; sie ist damit noch nicht als Reflexion im eigentlichen Sinne erfaßt, ist noch
nicht Reflexion des Systems durch sich selbst mit Hilfe seiner Teilsysteme. Ja, das
Problem selbst ist noch gar nicht formulierbar, solange man Individuen im Kollek-
tivverband als ,Teile' der Gesellschaft auffaßt. Der Versuch Husserls, Subjektivität
als Intersubjektivität zu denken, zerbricht an diesem Problem 58 .

VIII. Reflexion der Reflexion

Husserls Versuch bleibt an seine cartesische Herkunft gebunden. Das Reizvolle an


der cartesischen Reflexion ist jedoch für den Soziologen, anders als für den Philo-
sophen, nicht die Selbstbegründung des Subjekts, sondern die Entdeckung, daß dies
mit wahren und mit falschen Vorstellungen geschehen könne. Die Reflexion trans-
zendiert den binären Code der Erkenntnis, und dies ausgerechnet in dem histori-
schen Moment, in dem die gesellschaftliche Evolution zu stärkerer funktionaler
Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems ansetzt. Das ist kein zufälliger, viel-
mehr ein einleuchtender Zusammenhang: Die im Code der Logik spielenden basalen
Selbstreferenzen genügen dann nicht mehr. Das Wissenschaftssystem sucht sich eine
besser passende Transzendenz, und man adaptiert dafür den alten Begriffstitel des
subiectum.
Zugleich werden damit jedoch alte Denkvoraussetzungen perpetuiert, namentlich
die: daß Reflexion eine Sonderbegabung wenn nicht des Denkens so doch des (Wol-
len und Lieben einschließenden) Intellekts sei und jedenfalls in der Körperwelt
nicht vorkomme 59 . Solch ein Kontinuieren lag umso näher, als der Umbauprozeß
im Denken ablief und so sich selbst als Reflexion mitvergewissern konnte 6o • Die Re-
flexion kommt so, ohne selbst reflexiv zu werden, in sich selbst zum Abschluß. Sie
verdient sich damit den Titel des Subjekts.
Bei einer Reflexion der Reflexion kann es sich jedoch nicht mehr einfach um
einen Akt denkerischer Besinnung handeln. Reflexion ist Gebrauch der eigenen
Identität in selektiven Operationen. Wenn Identitätsvorstellungen in Gebrauch sind,
können sich natürlich Denkspezialisten, etwa Philosophen, mit ihnen befassen, an
ihnen feilen, sie kritisieren oder modifizieren, aber das ist noch keine Reflexion der
Reflexion. Reflexion der Reflexion kann nur heißen: den Identitätsgebrauch beim
Reflektieren kontrollieren. Ein Bedarf dafür tritt erst auf, wenn die "erste Identi-
tät" (also auch: die Erste Philosophie) kontingent wird. Wenn man Identitäten aus-
wählen und gegebenenfalls wechseln kann, wenn sie also im Bewußtsein anderer
Möglichkeiten fungieren, stellt sich - und zwar, weil man schon reflektiert, zwangs-
läufig - die Frage nach der Superidentität, die Selektion und Wechsel der Identitä-
ten steuert; die Frage nach einem Minimalethos, nach dem Schwundtelos (Mar-
quard), nach der Existenz, nach den Regeln und Techniken des identity-switching.
Solche Reflexion der Reflexion scheint zunächst den Identitätsbegriff selbst zu
deklassieren - ihn ins bloß Formale oder auch ins Beliebige, Spielerische, Kabaretti-
stische zu treiben, Abstraktion durch Regression kompensierend. Ob die damit an-

219
gedeuteten Fragen für Identität als solche beantwortbar sind, soll hier offen blei-
ben 61 • Für den engeren Bereich der gesellschaftlichen Reflexion geht es um ein bes-
ser konturierbares, historisch definierbares Problem. Hier können wir, wenn unsere
Analysen zutreffen, anknüpfen an die ebenso schlichte wie riskante pars-pro-toto
Technik bisheriger Selbst-Thematisierungen, an die Bestimmung der Identität des
Gesellschaftssystems durch Rückprojektion eines nur für Teilsysteme zutreffenden
Funktionsprimats. Diese Anknüpfung führt vor die Frage, und das ist das historische
Thema der gesellschaftlichen Reflexion auf Reflexion, ob diese Form von rückpro-
jizierender Identitiitsbestimmung beibehalten werden kann, nachdem das Gesell-
schaftssystem auf funktionale Differenzierung umgestellt worden ist.
Solange nur eine oder nur wenige Einzelfunktionen über Rollen und Rollensy-
steme und katalysierende Symboliken ausdifferenziert waren, konnte man die Illu-
sion hegen, daß eben das die Gesellschaft sei - nämlich die gute Gesellschaft, wie
sie vor allem in den höheren Schichten als Kommunikationsgrundlage dient. Die ge-
hobene, emphatische, sich selbst betonende Kommunikation der oralen Tradition
fand hier ihren natürlichen Nachfolger. Dabei blieb das Gesellschaftssystem selbst
primär durch Schichtung differenziert. Kommen jedoch immer mehr Funktionen
hinzu und verschärft sich der Grad ihrer Differenzierung und Interdependenz, wird
es immer schwieriger, eine von ihnen als die Gesellschaft auszuzeichnen. So verblaßt
im Mittelalter zöon politik6n zum animal sociale, um dem Primat religiöser Selbst-
Thematisierung Raum zu geben. Der neuzeitliche wirtschaftsbürgerliche Gesell-
schaftsbegriff kann den Staat schon nicht mehr voll inkorporieren, sondern läßt ihn
mit der Unterscheidung von Staat und Gesellschaft außer sich. Hegel zum Beispiel
kennzeichnet diese Gesellschaft als "abstrakt", weil sie das Sittliche, Religiöse, Gei-
stige außer sich hat. Bei all dem ist die zunehmende Funktionsautonomie des Wis-
senschaftssystems und des Bereichs der Intimbeziehungen noch gar nicht mitreflek-
tiert. Wenn es zutrifft, daß alle diese Funktionen erfüllt werden müssen, um die Ge-
sellschaft auf ihrem jetzigen Entwicklungsniveau zu halten, und wenn es damit zu-
trifft, daß jedes Funktionssystem gesellschaftlich vermittelt von allen anderen ab-
hängt, schließt das die Prominenz einer von ihnen als die herrlichste (kyriotate)62
und auch jede feste Rangordnung unter ihnen aus.
Die Konsequenz ist, daß das Prinzip der Identifikation nicht mehr in die Einzel-
funktion gelegt werden kann 63 , sondern nur noch in die funktionale Differenzie-
rung als solche. Das Prinzip muß generalisiert werden. Will man darüber hinaus den-
jenigen Gesichtspunkt benennen, der den Wechsel der gesellschaftlichen Selbst-
Thematisierungen steuert, stößt man auf die Form der Differenzierung. Verände-
rungen in den Formen der Systemdifferenzierung induzieren Änderungen in der
Reflexion gesellschaftlicher Identität. Als Form der Systemdifferenzierung bezeich-
nen wir die Art und Weise, in der Systeme Teilsysteme ausdifferenzieren; das heißt
die Art und Weise, in der Systeme zur Umwelt für interne Systembildungen werden.
Die Reflexion der Reflexion greift damit letztlich auf Formen der Systembildung
zurück. Sie orientiert sich an der Art und Weise, in der Systeme Systembildung in
sich selbst wiederholen, auf sich selbst anwenden. Ihr Leitfaden ist eine selbstrefe-
rentielle Struktur der Realität: die Reflexivitiit der Systembildung selbst.

220
Diese Überlegung holt die historische Anknüfung durch einen systematischen Ge-
sichtspunkt ein. Die kontingenten Ausformungen und der historische Wechsel domi-
nanter Selbst-Thematisierungen des Gesellschaftssystems lassen sich als einheitli-
ches, selbstsubstitutives Geschehen und damit als Geschichte unserer Gesellschaft
auffassen, wenn man sie mit dem Übergang von segmentärer zu stratifizierter und
schließlich zu funktionaler Innendifferenzierung korreliert. Der beginnende Einbau
funktionaler Spezialisierungen in primär stratifizierte Gesellschaftssysteme stimu-
liert (unter näher anzugebenden zusätzlichen Bedingungen) Reflexionsleistungen in
der Form der Rückprojektion funktionaler Primate. Die historische Erfahrung des
Wechsels und der Akkumulation solcher Primate und der strukturelle Umbau der
Gesellschaft in ein primär funktional differenziertes System erfordern die Rekon-
struktion derjenigen Identität, die diesen selbstsubstitutiven Wechsel von Selbst-
Thematisierungen ermöglicht und in ihm sich als Einheit durchhält. Am Ende orien-
tiert die Reflexion der Reflexion sich am sich selbst differenzierenden System.
Setzt man Systemdifferenzierung in dieser Weise als Grund selbstreferentieller
Identifikation, müssen und können auch erkenntnistheoretische Fragen sich diesem
Konzept fügen. Wissenschaftliches Arbeiten weiß sich als Aktivität eines Teilsystems
der Gesellschaft. Alle wissenschaftliche Suche nach erkenntnistheoretischen Funda-
menten behält diese Systemreferenz bei. Die Erkenntnistheorie kann dann nicht
mehr prätendieren, die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit vorab zu erkennen
und mit Bezug darauf die gesellschaftliche Reflexion als ,Anwendung' von Erkennt-
nisverfahren zu begründen. Das Suchen nach gesellschaftsfrei vorgegebenen Objekti-
vitätsgarantien für das Erkennen oder für die Wissenschaft von der Wissenschaft
läuft leer. Das Erkennen kann die Bedingungen seiner eigenen Möglichkeit, die Be-
dingungen seiner Leistungsfähigkeit, seiner Steigerbarkeit, seines Auflöse- und Re-
kombinationsvermögens nur in der Reflexion auf (1) eigene Theorie-Traditionen
und (2) gesellschaftliche Differenzierung erfassen. Beide Sichtweisen konvergieren,
wenn man sieht, daß der Apriorismus der Erkenntnistheorie einen Autonomie-An-
spruch zum Ausdruck bringt, der der funktionalen Differenzierung des Gesell-
schaftssystems und der Ausdifferenzierung von Wissenschaft entspricht. Es ist, wie
oben gezeigt, ein Aspekt funktionaler Differenzierung, daß Teilsysteme in ihren
strukturbildenden Prozessen reflexiv werden, weil kein anderes Funktionssystem
diese Leistung der Strukturbildung und der selbstsubstitutiven Fortbildung für sie
erbringen kann. Aber ,begründet' ist Autonomie der Selbstbegründung nur in der
historisch-evolution ären Faktizität funktionaler Differenzierung. Was der "Kontin-
gentismus" für Naturgesetze formulierte 64 , gilt für alle Bedingungen der Erkenntnis
selbst.
Die Wissenschaft bindet, wenn sie so verfährt, die Analyse ihres Funktionskon-
textes und ihre Praxis autonomer Vergegenständlichung von Weltaspekten an gesell-
schaftliche Reflexion. Sie reflektiert diese Reflexion in der Perspektive eines Teilsy-
stems. Sie entsubjektiviert damit zugleich die gesellschaftliche Reflexion, befreit sie
von der Zuschreibung an interpenetrierende Systeme und überträgt sie auf Teilsy-
steme der Gesellschaft selbst, das heißt auf Systeme spezifisch codierter Kommuni-
kation. Nachträglich erkennt man, daß dies so immer schon war und nur nicht ge-

221
wußt war. Die Reflexionsgeschichte der Gesellschaft kann mit ihrer Differenzie-
rungsgeschichte, die Themengeschichte mit der Systemgeschichte korreliert werden.
Die Wissenschaft wird zum ersten Teilsystem, das die gesellschaftliche Reflexion
mitvollzieht, zum Prototyp einer neuen Möglichkeit des Gebrauchs sozialer Identi-
tät, aber nicht zu einem dominierenden Teilsystem, das in der Form von Epistemo-
kratie Herrschaft ausübt.
Denn mit dem Bezug ihrer Reflexion auf die Reflexion des Gesellschaftssystems
blockiert die Wissenschaft zugleich ihre Selbst-Hypostasierung. Sie kann bei solch
einer Identitätsorientierung den für sie selbst geltenden, im Wissenschaftsbetrieb
praktizierten Funktionsprimat nicht auf die Gesamtgesellschaft rückprojizieren. Sie
verdankt die Bedingungen ihrer Möglichkeit von Erkenntnis dem Umstande, daß sie
nur Teilsystem ist. Gerade weil sie sich selbst als Objekt in ihrem Gegenstandsbe-
reich wiederfindet, kann sie die Gesamtgesellschaft nicht als ein Forschungsunter-
nehmen, als societas scientifica beschreiben. So wird in dem Maße, als Wissenschaft
zur Identitätsbestimmung des Gesellschaftssystems beiträgt, die historische Epoche
der Hypostasierung von Funktionsprimaten, der wir wesentliche Elemente unserer
Kulturtradition verdanken, abgeschlossen.

Anmerkungen

1 Eine vorläufige Skizze, die die drei ersten Ausgangspunkte auf den vierten zurückführt, ohne
diesen thematisch auszuarbeiten (das ist nur ein anderes Arrangement), gibt mein Vortrag
"Systemtheorie, Evolutionstheorie und Kommunikationstheorie", in: Sociologische Gids 22
(1975), S. 154-168, auch in: Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung Bd. 2, Opladen
1975, 193-203.
2 Weitere, einschränkende Angaben über ein allgemein akzeptiertes Begriffsverständnis sind
kaum möglich (es sei denn solche, die auf Reflexivität hinführen). Siehe die sorgfältige Ana-
lyse von Klaus Merten, Kommunikation - Eine Begriffs- und Prozeßanalyse zu einem sozial-
wissenschaftlichen Grundbegriff, Diss. Bie1efeld 1975, gedruckt: Opladen 1977.
3 So Heinrich Scholz / Hermann Schweitzer, Die sogenannten Definitionen durch Abstraktion
- Eine Theorie der Definitionen durch Bildung von Gleichheitsverwandtschaften, Leipzig
1935, S. 19. Zur Vorgeschichte vgl. die entsprechenden Definitionen von Gottfried Wilhelm
Leibniz, Specimen Calculi universalis in: C.]. Gerhardt (Hg.), Die Philosophischen Schriften
von Gottfried Wilhe1m Leibniz, Bd. 7, Berlin 1890, S. 218-227 (219) und von Christian
Wolf/' Philosophia Prima sive Ontologia, Frankfurt/Leipzig '1736, Neudruck Hildesheim
1962, S. 148 (§181), und im weiteren die unter dem Titel "suppositio" laufende mittelal-
terliche Lehre.
4 Vgl. Martin Landau, "Redundancy, Rationality, and the Problem of Duplication and Over-
lap", Public Administration Review 27 (1969), S. 346-358.
5 Siehe Diderot, CEuvres, Paris 1951, S. 946f. Das Modell dafür - Identität ermöglicht durch,
und dann behauptet trotz, Allmählichkeit der Veränderung - findet sich bei David Hume, A
Treatise of Human Nature, Book I, IV, 6 (Everyman's Library, London 1956, Bd. 1, S. 243),
und hier steht es explizit unter der überschrift "personal Identity".
6 Zur Kritik dieser Bemühungen unter Titeln wie Gott oder Subjekt vgl. Walter Schulz, Das
Problem der absoluten Reflexion, Frankfurt 1963. Die kritische Analyse von Schulz mündet
in Vorschläge, die dem hier vertretenen Konzept sehr nahe kommen. Nur wären aus der
Sicht der Systemtheorie einige weitere Begriffsbereinigungen notwendig, vor allem die im
Folgenden vorgeschlagene Generalisierung und Spezifikation des Begriffs der Selbstreferenz
und die Ersetzung der Differenz von Ich und Seiendem, die so klingt wie: Chablis und Wein,
durch die Differenz von (in diesem Sonderfalle: personalem) System und Umwelt. Beide Be-

222
relßlgungen hängen zusammen und können nur uno actu vollzogen werden. Denn solange
man Ich (als ein Seiendes unter anderen) und Seiendes kontrastiert, muß man zur Vermei-
dung eines banalen gattungslogischen Fehlers dem Ich eine besonden;, gerade diese Diffe-
renz betreffende Potenz zusprechen, und damit blockiert man sich den Begriff der Reflexion
für diesen theoriebedingten Bedarf. Eine allgemeine Analyse selbstreferentieller Strukturen
und Prozesse ist dann nicht mehr möglich.
7 Daß diese Formulierung das Interesse an einer Synthese von Evolutionstheorie und System-
theorie signalisieren soll, sei hier nur angemerkt.
8 Vgl. Humberto R. Maturana, Biologie der Kognition, (dt. übers. Ms. 1975, nicht veröffent-
licht). Vgl. auch ders., "Neurophysiology of Cognition", in: Paul L. Garvin (Hg.), Cognition
- A Multiple View, New York/Washington 1970, S. 3-23.
9 Wenigstens anmerkungsweise sei angedeutet, daß mit Hilfe dieses Zusammenhanges Symbol-
strukturen entwickelt und universell gesetzt werden konnten, deren Bezugspunkt und "Trä-
gerschaft" außerhalb des Sozialsystems der Gesellschaft lagen, nämlich in der Person, und
deren Geltung daher tiefgreifende strukturelle Änderungen des Gesellschaftssystems über-
dauern konnte. Das gilt besonders für die klassisch-griechische Distanzierung von der münd-
lich-poetischen Erziehungspraxis (vgl. Eric A. Havelock, Preface to Plato, Cambridge Mass.
1963) und für die Art und Weise, in der das Mittelalter den Zusammenhang von Prinzipien
und Fällen als Angelegenheit des Bewußtseins ausgearbeitet hat (worauf Benjamin Nelson
nachdrücklich hingewiesen hat). Die Bedingungen der evolutionären und gesellschaftsstruk-
turellen Vorteilhaftigkeit solcher Außenabstützung sind historische und haben eine Relation
zum Entwicklungsstande des Gesellschaftssystems; sie können nicht als zeitbeständig unter-
stellt werden. Wir kommen darauf im Abschnitt VI zurück.
10 Grundlage dieser Unterscheidung ist die Einsicht, daß die Einheit eines Systems in einer
komplexen Umwelt nicht als Einheit eines Prozesses (also nicht rein sequentiell) organisiert
sein kann.
11 So aufgrund einer alten Tradition (siehe z.B. Aristoteles, De anima 111) Jobn Locke, Essay
Concerning Human Understanding, Buch 11 für die mentale Elementarebene der "simple
ideas". Vgl. dazu die Kritik von Edmund Husserl, Erste Philosophie I, Husserliana Bd. 7,
Den Haag 1956, S. 78ff., insbes. S. 100, Anm. 1. Siehe auch Ludwig Landgrebe, "The
Phenomenological Concept of Experience", in: Philosophy and Phenomenological Research
34 (1973), S. 1-13. Husserls Gegenkonzept ist die These von der Immanenz der Transzen-
denz im Bewußtsein.
12 Siehe auch Tbomas von Aquino, Summa Theologiae I, q. 87, a.1.: "intellectus intelligit seip-
sum sicut et alia. Sed alia non intelligit per essentias eorum, sed per eorum similitudines."
Man müßte diesen Text heute so lesen, daß die Ähnlichkeiten der Gegenstände eine Funk-
tion der Erkenntnis selbst, das heißt dadurch bedingt sind, daß der Intellekt beim Erkennt-
nisprozeß stets auf sich selbst zurückkommen muß.
13 Wir setzen hier eine Temporalisierung des Begriffs der Intentionalität voraus und meinen in
der Tat, daß Intention nur als Intention eines Wechsels von Erlebnisinhalten begriffen wer-
den kann, weil sie nur so unter Selektionszwang steht.
14 Hierzu Niklas Lubmann, "Reflexive Mechanismen", in: Soziologische Aufklärung I, Opladen
41974, S. 92-112.
15 Ob hiermit eine ausreichende Begriffsbestimmung gegeben ist, könnte diskutiert werden.
Normale Identitätsorientierung (also auch Reflexion) setzt diese begriffliche Klärung nicht
voraus; man orientiert sich an Identitäten, nicht an Identitätsbegriffen. Die Begriffsbestim-
mung erfordert zusätzlich die Präzisierung der Bedingungen der Negierbarkeit. Ob eine bloße
Funktionsangabe dafür ausreicht, das ist die Quintessenz eines langanhaltenden methodolo-
gischen Streits über Funktionalismus. Jedenfalls folgt aus unserer Funktionsangabe, daß
Identität nicht vorliegt, wenn das Merkmal seligierender Progression fehlt oder wenn solche
Progression nicht an durchhaltbarer Kontinuität orientiert wird. Das ist, verglichen mit übli-
chem Sprachgebrauch, eine wichtige präzisierende Einschränkung des Begriffs. Sie gibt aber
keinen Aufschluß darüber, wie es möglich ist, diese Funktion zu erfüllen. Davon wird bei
funktionaler Begriffsbildung abstrahiert, und manchen Kritikern geht diese Abstraktion zu
weit.
16 Was Tbomas von Aquino, Summa Theologiae I, q. 87, a. 1 für ein Merkmal des intellectus
humanus gehalten hatte, behaupten wir also für Systeme schlechthin: "ex seipso habet
virtutem ut intelligat, non autem ut intelligatur, nisi secundum it quod fit actu". Siehe auch
die Unterscheidung von "design complexity" und "control complexity" bei Hans W. Got-

223
tinger, "Complexity and Information Technology in Dynamic Systems", in: Kybernetes 4
(1975), S. 129-14l.
17 Ausführlicher: Zur Konstitution der Einheit eines Prozesses genügt nicht ein bloßer Ver-
gleicb des Vorher mit dem Nachher (Sukzessivvergleich), bei dem die (psychologisch unbe-
streitbaren) Nebeneindrücke nur akzidentell auftreten, nur mitgesehen werden. So Alfred
Brunswig, Das Vergleichen und die Relationserkenntnis, Leipzig/Berlin 1910, S. 31ff. Viel-
mehr setzt jede Prozeßerfahrung Erfahrungen voraus, die die Nicht-Totalität des Prozesses
als Bedingung seiner selektiven Gerichtetheit feststellen.
18 Vgl. Volker Rittner, Kulturkontakte und soziales Lernen im Mittelalter - Kreuzzüge im
Lichte einer mittelalterlichen Biographie, Köln/Wien 1973.
19 Etwa nach der Formel des Uguccio da Pisa: "Sicut enim fideles unum corpus sunt cuius
caput est Christus, ita in fideles sunt unum corpus cuius caput est diabolus" - zitiert nach
Sergio Mocbi Onory, Fonti canonistiche dell'idea moderna dello Stato - Imperium spiri-
tuale - iurisdictio divisa - sovranita, Mailand 1951, S. 175, Anm. 2.
20 Hierzu näher Niklas Lubmann, Interpenetration, !n diesem Band, S. 151-169.
21 Vgl. oben Anm. 16.
22 Um diesen Fall mitzuerfassen, sprechen wir allgemein von selbstsubstitutiven Ordnungen
und nicht nur von selbstsubstitutiven Systemen.
23 Vgl. Louis-Rene de Caradeuc de La Cbatolais, Essai d'education nationale ou plan d'etudes
pour la jeunesse, 0.0. 1762, S. H.: "Nous avions une education qui n'etoit propre tout au
plus qu' a former des Sujets pour I 'Ecole. Le bien public, I 'honneur de la Nation, demandent
qu'on y substitue une education civile qui prepare chaque generation naissante a remplir
avec succes les differentes professions de l'Etat."
24 Hierzu Herbert Simon / Albert Ando, "Aggregation of Variables in Dynamic Systems", in:
Econometrica 29 (1961), S. 111-138; Franklin M. Fisber / Albert Ando, "Two Theorems
on Ceteris Paribus in the Analysis of Dynamic Systems", American Political Science Review
56 (1962), S. 108-113. Herbert A. Simon, "The Architecture ofComplexity", in: Procee-
dings of the American Philosophical Society 106 (1962), S. 467-482, neu gedruckt in:
ders., The Sciences of the Artifical, Cambridge Mass. 1969, S. 84ff. Das Problem der De-
komposition ist narürlich nicht so neu, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Auch das
Bewußtsein seines Zusammenhangs mit Möglichkeiten der Analyse und Erkenntnis hat Tra-
dition. (Vgl. nur Platon, Sophistes, 249E ff.). Kategorie z.B. war der Titel für die Dekompo-
nate des Seins. Die Systemtheorie forciert nur zusätzlicb das Bewußtsein der Relevanz von
Zeit, indem sie die Dekomposition am Problem der Interdependenz scheitern läßt und das
Ausmaß der relevanten Interdependenzen als abhängig begreift von der Zeitspanne, die man
in Betracht zieht.
25 Siehe dazu C. West Cburcbman, Design of Inquiring Systems - Basic Concepts of Systems
and Organization, New York 1971, S. 64ff.
26 Zur Auseinandersetzung der neuzeitlichen politischen Theorie mit diesem Problem vgl.
Harlan Wilson, "Complexity as a Theoretical Problem - Wider Perspectives in Political
Theory", in: Todd R. La Porte (Hg.), Organized Social Complexity - Challenge to Politics
and Policy, Princeton N.]. 1975, S. 281-331.
27 Vgl. hierzu G. Ledyard Stebbins, "Adaptive Shifts and Evolutionary Novelty: A Composi-
tionist Approach", in: Francisco Jose Ayala / Tbeodosius Dobzbansky (Hg.), Studies in the
Philosophy of Biology - Reduction and Related Problems, London 1974, S. 285-306.
28 Vgl. auch Niklas Lubmann, "Weltzeit und Systemgeschichte", in: ders., Soziologische Auf-
klärung Bd. 2, Opladen 1975, S. 103-133 (119ff.).
29 Talcott Parsans geht über diese auf Formen der Differenzierung bezogene Aussage weit hin-
aus und definiert Differenzierung selbst als einen Prozeß der Selbstsubstitution: als Erset-
zung eines funktional diffusen durch zwei stärker spezialisierte Leistungsträger. Vgl. etwa
"Introduction to Part Two", in: Talcott Parsans / Edward Shils / Kaspar D. Naegele / Jesse
R. Pitts (Hg.), Theories of Society, Glencoe III. 1961, Bd. 1, S. 239-264.
30 Hierauf bezieht sich die bekannte These eines höheren Entwicklungspotentials des Unspezi-
fizierten. Siehe für den Bereich sozio-kultureller Evolution z.B. Marshall D. Sahlins / Elman
R. Service, Evolution and Culture, Ann Arbor 1960, S. 93ff.
31 Vgl. auch Niklas Luhmann, "Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch genera-
lisierter Kommunikationsmedien", in: ders., Soziologische Aufklärung II S. 170-192; ders.,
Macht, Stuttgart 1975, S. 42 ff.; ders., D.er politische Code: "Konservativ" und "progressiv"
in systemtheoretischer Sicht, in diesem Band, S. 267-286; ders., Ist Kunst codierbar?, in
diesem Band, S. 245-266.

224
32 Zur Fragwürdigkeit der Identifikation von Systemen mit Hilfe von Zweckangaben wäre mehr
zu sagen. Vgl. grundsätzlich Niklas Luhmann, Zweckbegriff und Systemrationalität - über
die Funktion von Zwecken in sozialen Systemen, Neudruck, Frankfurt 1973; ders., Legiti-
mation durch Verfahren, Darmstadt/Neuwied 21975.
33 Daß diese Differenzierung im Recht wiederum reflektiert wird, zeigt die Rechtsfigur des Be-
sitzes, der als rechtmäßiger und als unrechtmäßiger geschützt wird. Umgekehrt kalkuliert
man in der Wirtschaft Prozeßrisiken unter ökonomischen Gesichtspunkten.
34 An dieser Stelle läßt sich nochmals zeigen, wie sehr dieses Spezialmodell den älteren stratifi-
zierten Sozialordnungen widerspricht. Deren Schichtungssystem setzte gerade eine solche
Cluster-Bildung unter guten Werten für die Selbstdarstellung und Selbstnormierung der ex-
cellentia höherer Schichten voraus.
35 Damit allein ist selbstverständlich noch nicht entschieden, welche Themen ein Gesellschafts-
system juridifiziert, wissenschaftlicher Kontrolle unterwirft, monetärer Bewertung unter-
zieht usw. Ebenso offen bleibt, welche Personen unter dem Schematismus eines bestimm-
ten Code kommunikativ überhaupt erreichbar sind. Hier sind zusätzliche Selektoren (z.B.
Schichtung) am Werk, die die Extension eines Funktionsbereichs bestimmen. Sie können als
Selektoren jedoch nur wirken und sichtbar gemacht und gegebenenfalls kontrolliert werden,
wenn die Funktionssysteme die formalen Bedingungen der Möglichkeit selektiver Themati-
sierung bereitstellen. Daran zeigt sich erneut, daß in unserer Gesellschaft - und insofern ist
diese Kennzeichnung historisch relativ - die primäre Differenzierung sich nach Funktionen
richtet.
36 Siehe dazu unter psychologischen Gesichtspunkten: George A. Kelly, "Man's Construction
of His Alternatives", in: Gardner Lindzey (Hg.), Assessment of Human Motives, New York
1958, S. 33-64.
37 Zuerst wohl im Bereich der stilbewußten Kunst. Vgl. dazu Friedhelm W. Fischer, "Gedan-
ken zur Theoriebildung über Stil und Stilpluralismus", in: Werner Hager I Norbert Kropp
(Hg.), Beiträge zum Problem des Stilpluralismus, München 1977, S. 33-48.
38 Dieses Problem wird weiterbehandelt in: Niklas Luhmann I Karl-Eberhard Schorr, "Ausbil-
dung für Professionen - überlegungen zum Curriculum für Lehrerausbildung", in: Jahrbuch
für Erziehungswissenschaft 1976, S. 247-277.
39 "Reduktive Mechanismen - Untersuchungen zum Zivilisationsprozeß", in: Archiv für
Rechts- und Sozialphilosophie 67 (1971), S. 357-382.
40 Voreiligen Bemühungen dieser Art - siehe etwa Pierre L. van den Berghe, " Dialectic and
Functionalism - Toward a Theoretical Synthesis", in: American Sociological Review 28
(1963), S. 695-705, wäre entgegenzuhalten, daß die genannten theoretisch-methodischen
Konzepte bereits im ersten Schritt, nämlich in der Einführung von Limitationalität und da-
mit in den Bedingungen sinnvollen Negationsgebrauchs divergieren, und daß sie sich im Hin-
blick darauf zwar vergleichen, nicht aber synthetisieren lassen.
41 Ilias XII, 199ff., 235f.
42 Vgl. z.B. Barbara E. Ward, "Varieties of the Conscious Model - The Fishermen of South
China", in: The Relevance of Models for Social Anthropology, London 1965, S. 113-137.
Siehe auch die allerdings überzeichnete Behandlung dieses Themas bei Stanley Diamond,
"The Rule of Law Versus the Order of Custom", in: Robert P. Wolff (Hg.), The Rule of
Law, New York 1971, 115-144.
43 Die ältere sozialpsychologische Literatur hatte von "pluralistic ignorance" gesprochen. Vgl.
z.B. Richard L. Schanck, A Study of a Community and Its Groups and Institutions Con-
ceived of as Behaviors of Individuals, Princeton N.J ./Albany N .Y. 1932.
44 Zu dessen Unsicherheiten, die vermutlich damit zusammenhängen, daß umfassendere Einhei-
ten nur situationsweise in Funktion treten, vgl. Raoul Naroll, "On Ethnic Unit Classifica-
tion", in: Current Anthropology 5 (1964), S. 283-291; Michael Moerman, "Ethnic Identifi-
cation in a Complex Civilization - Who are the Lue?" in: American Anthropologist 67
(1965), S. 1215-1230; Morton H. Fried, The Evolution of Political Society - An Essay in
Political Anthropology, New York 1967, S. 154ff.
45 wie ja auch Personen, Michel de Montaigne zum Beispiel, auf die Idee kommen konnten, daß
schriftliche Registrierung zur Stabilisierung ihres Selbst erforderlich sei.
46 Vgl. aber auch Rüdiger Schott, "Das Geschichtsbewußtsein schriftloser Völker", in: Archiv
für Begriffsgeschichte 12 (1968), S. 166-205.
47 Havelock, Preface to Plato, Cambridge Mass. 1963, insb. S. 134, spricht für Gesellschaften
mit mündlicher überlieferung von einem Gegensatz von ephemeral, casual communication

225
auf der einen und preserved communication auf der anderen Seite. Letztere fixiere die Gren-
zen und die besten immanenten Möglichkeiten der Sprache. Auch hier sind im übrigen For-
men und Engpässe selbstsubstitutiver Entwicklung erkennbar: preserved communication
wird, damit erklärt Havelock die anti-poetische Einstellung Platons und mancher seiner Vor-
gänger, zum Hindernis aller weiteren Entwicklung, wenn sie nicht in ihrer spezifischen Funk-
tion ersetzt werden kann.
48 Siehe auch die Sonderstellung, die Talcott Parsons diesen beiden "seed-bed" soeieties ein-
räumt als Ausprägungen eines neuartigen Typus, in: Society: Evolutionary and Comparative
Perspectives, Englewood Cliffs N .J. 1966, S. 95 ff.
49 Vgl. hierzu auch Sbmuel N. Eisenstadt, "Religious Organizations and Political Process in
Centralized Empires", in: Journal of Asian Studies 21 (1962), S. 271-294.
50 Vgl. hierzu auch Niklas Lubmann, "Selbst-Thematisierungen des Gesellschaftssystems -
Ober die Kategorie der Reflexion aus der Sicht der Systemtheorie", in: ders., Soziologische
Aufklärung 11, S. 72-102.
51 Siehe als eine exemplarische Stelle Tbomas von Aquino, Summa Theologiae I, q. 65, a.2.
52 Vgl. die Darstellung dieser von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dauern-
den Umstellung bei Manfred Riedei, "Gesellschaft, bürgerliche", in: Otto Brunner I Werner
Conze I Reinbart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe Bd. 2, Stuttgart 1975, S.
719-800.
53 Vgl. ]oacbim Ritter, "Das bürgerliche Leben: Zur aristotelischen Theorie des Glücks", in:
Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik 32 (1956), S. 60-94, neu gedruckt in:
ders., Metaphysik und Politik - Studien zu Aristote!es und Hege!, Frankfurt 1969, S. 57-
105.
54 Vgl. hierzu]. de Fraine, "Individu et societe dans la religion de I'Aneien Testament", in:
Biblica 33 (1952), S. 324-355, 445-475: ders., Adam und seine Nachkommen - Der Be-
griff der "korporativen Persönlichkeit" in der Heiligen Schrift, Köln 1962.
55 Wir weichen bewußt von einer soziologischen Tradition ah, die Individualismus allgemein
mit sozialer Differenzierung oder mit sozialer Komplexität in Zusammenhang bringt und
so scheinbar auf Dauer festlegt. Vgl. neuestens Rose Laub Coser, "The Complexity of Roles
as a Seedbed of Individual Autonomy", in: The Idea of Soeial Structure - Papers in Honor
of Robert K. Merton, New York 1975, S. 237-263.
56 Wir greifen hier auf die in der Analyse des Reflexionsbegriffs (Abschnitt III) vorbereiteten
begrifflichen Grundlagen zurück: Die Objektivierung ist in diesem Falle Leistung interpene-
trierender Systeme.
57 Man kann die ,eigentlichen' Gründe in den Besonderheiten der "preadaptive advances", des
vorgehaltenen Kulturgutes suchen oder auch in den weder durch spezifisch religiöse noch
durch spezifisch politische Funktionsrücksichten gebremsten wirtschaftlichen Entwicklun-
gen. Siehe etwa Benjamin Nelson, "Sciences and Civilizations, ,East' and ,West' - Joseph
Needham and Max Weber", in: Boston Studies in the Philosophy of Seien ce Bd. 11 (1974),
S. 445-493, für die eine und Immanuel Wallerstein, The Modem World-System - Capitalist
Agriculture and the Origins of the European World-Economy in the Sixteenth Century, New
York 1974, für die andere Auffassung. Das theoretische Problem liegt indes nicht in der Zu-
rechnung auf seien es kulturelle, seien es wirtschaftliche Ursachen, sondern in der Ausar-
beitung eines begrifflichen Rahmens, der erklären kann, wie Evolution bei jeweils nur
geringen Veränderungen große Divergenzen erzeugt und Faktoren mit ganz unterschied-
lichen Entstehungs- und Wirkzeiten synthetisiert.
58 Vgl. dazu Alfred Scbütz, "Das Problem der transzendentalen Intersubjektivität bei Husserl",
in: Philosophische Rundschau 5 (1957), S. 81-107. Zu den Ansätzen einer von hier ausge-
henden Gesellschaftstheorie siehe auch Rene Toulemont, L'essence de la soeiete sei on
Husserl, Paris 1962.
59 Zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten dieser Tradition vgl. ]osepb de Finance, S.].,
"Cogito Cartesien et Reflexion Thomiste", in: Archives de Philosophie 16 (1946), S. 137-
321.
60 Daß dies eine allgemeine Formbedingung psychologischer Theorien ist, wird heute allmäh-
lich wiederentdeckt. Siehe W.D. Oliver I A. W. Landfield, "Reflexivity - An Unfaced Issue
of Psychology", in: Journal of Individual Psychology 20 (1963), S. 187-201; D. Bannister,
"A New Theory of Personality " , in Brian M. Foss (Hg.), New Horizons in Psychology,
Harmondsworth Engl. 1966, Neudruck 1971, S. 361-380 (369ff.).

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61 Insofern sehe ich auch keine Substitutionskonkurrenz zwischen Soziologie und Philosophie
- ein Thema, das Ludwig Landgrebe, Der Streit um die philosophischen Grundlagen der Ge-
seIlschaftstheorie, Opladen 1975, im Hinblick auf die Reflexionsthematik behandelt und zu
Gunsten der Philosophie entscheidet. Das Entscheidungsargument ist für Landgrebe, daß die
Soziologie zu einem selbstreferentiell definierten Gesellschaftsbegriff komme, in dem defi-
niens und definiturn zusammenfallen. Genau dies gilt aber auch für den Subjektbegriff der
Reflexionsphilosophie. Man sollte sich deshalb eher fragen, ob im gemeinsamen Sündigen
nicht eine Tugend zum Vorschein komme.
62 Siehe Aristoteles, Politik 1252a 5.
63 So unter Verwendung der Parsons'schen Theorie Bert F. Hoselitz, .. Development and the
Theory of SociaJ Systems", in: Manfred Stanley (Hg.), Social Development - Critical
Perspectives, New York 1972, S. 39-62.
64 Siehe namentlich Emile Boutroux, De la contingence des lois de nature, Paris 1874. Dazu
auch Ferdinand Pelikan, Entstehung und Entwicklung des Kontingentismus, Berlin 1915;
Jean de la Harpe, .. L'idee de Contingence dans la philosophie d'Emiie Boutroux", in: Revue
de Theologie et de Philosophie 10 (1922), S. 103-125.

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