Sie sind auf Seite 1von 14

Theoretische und praktische Probleme der anwendungsbezogenen

Sozial wissenschaften

Wir befinden uns in einer schwierigen Situation, in einer erkenntnis-theoretisch


schwierigen Situation. Ich bitte vorweg um Verständnis dafür, daß ich nachdrück-
lich darauf aufmerksam mache und mit Abstraktion darauf reagiere.
Die Schwierigkeiteri" beruhen nicht zuletzt darauf, daß wir schon viel Erfahrun-
gen haben mit dem Problem, das uns beschäftigen wird. Diese Erfahrungen prakti-
scher und wissenschaftlicher Art lassen sich mit einfachen Modellen nicht mehr an-
gemessen ausdrücken. Theorie und Praxis sind nicht zu begreifen als zwei Größen,
die sich unvermittelt zueinander in Beziehung setzen ließen. Das hat man mit zwei
Modellen versucht, die dazu tendieren, sich wechselseitig zu diskreditieren: dem
Modell der Instrumentalitiit und dem Modell der sogenannten Praxis.
Vom Standpunkt der Instrumentalität aus ist die Theorie eine Art gedankliches
Werkzeug, das in praktischen Situationen eingesetzt werden kann. Sie ist, wenn sie
wahr ist, zugleich zuverlässig und geeignet. Sie allein garantiert zwar nicht den Er-
folg, geschweige denn den Wert der Zwecke. Aber sie garantiert eine Art technische
Entlastung des Handelnden. Er braucht die Theorie nicht selbst zu entwickeln, ja
vielleicht ihren wissenschaftlichen Kontext nicht einmal zu verstehen. Ein Über-
blick über die Anwendungsbedingungen genügt. Der erreichbare Effekt wird dann
durch die Wahrheit der Theorie garantiert.
Derart gestraffte Hoffnungen setzen voraus, daß der binäre Schematismus der
Logik funktioniert: daß etwas entweder wahr oder falsch ist. Seit Aristoteies weiß
man zwar, daß diese Annahme bei Aussagen über die Zukunft problematisch ist.
Über solche Bedenken setzt sich unser Modell der Instrumentalität jedoch hinweg.
Es postuliert Zukunft schlicht als Extrapolation der Gegenwart. Ob das logisch ein-
wandfrei möglich ist, braucht uns hier nicht zu kümmern. Aber die Frage ist: Unter
welchen Bedingungen ist es praktisch möglich, auf jene logischen Prämissen von
Technik zu verzichten und sich doch auf die Technik selbst zu verlassen? Es mag
relativ zuverlässige Ausrüstungen für einen solchen Blindflug geben. Aber im ein-
fachen Modell der lnstrumentalität kann danach nicht gefragt werden, denn das
hieße: die eigenen Prämissen in Frage und unter Bedingungen zu stellen.
Üblicherweise wird die Kritik dieses Modells der lnstrumentalität sehr viel sim-
pler formuliert als Konspirationsverdacht. Es wird behauptet: Die Technokraten
konspirieren mit den Herrschenden, ohne den gesellschaftlichen Kontext dieser
Konspiration zu reflektieren. Hierauf könnte man zunächst die Antwort geben, die
Keynes im Hinblick auf Bankiers gegeben haben soll: "If they only would con-
spire!" Oder noch besser: "If they only could conspire!".

321
Wichtiger ist es jedoch, sich darüber klar zu werden, daß diese Art der Kritik zu-
gleich etwas über die Einfachheit der Position verrät, von der aus sie formuliert
wird: über das Modell der gesellschaftlichen Praxis.
Im Kontrast zu instrumentellem Handeln kann Praxis sich wohl nur begreifen
unter dem Motto: zwecklos, aber nicht sinnlos. Sie ist nicht sinnlos deshalb, weil sie
sich auf die Gesellschaft als ganzes bezieht. Deren Totalität ist aber kein möglicher
Inhalt von Handeln. Man muß vielmehr vorweg schon wissen, ob man sich in einer
zu akzeptierenden oder in einer zu negierenden Gesellschaft befindet. Oder histo-
risch formuliert: Man muß wissen, ob man sich in einem Zustand vor der Revolu-
tion oder in einem Zustand nach der Revolution befindet - die Revolution als das
totalisierende Ereignis begriffen. Auch hier finden wir also einen binären Schema-
tismus und die dazugehörige Naivität - in diesem Falle nicht technische, sondern
historische oder dialektische Naivität.
Hierzu wäre mehr zu sagen. Im vorliegenden Zusammenhang interessiert jedoch
nur eine Schlußfolgerung, sozusagen ein Warneffekt. Wir müssen uns fragen, ob es
überhaupt vertretbar ist, die Beziehung von Theorie und Praxis oder das Problem
der Anwendung sozial-wissenschaftlicher Erkenntnis als ein Problem richtigen Han-
delns zu begreifen. Ich habe Zweifel, ob sich auf diese Weise die vorliegenden Erfah-
rungen zureichend befragen lassen. Und ich habe erst recht Zweifel, ob sich auf
diese Weise die Reflexionsprobleme lösen lassen, die auftreten, wenn wissenschaft-
liche Forschung mit irgendwelchen anderen Gesellschaftsbereichen interagiert.

II

Es genügt eine kleine komplizierende Operation, und an die Stelle der handlungs-
theoretischen tritt eine systemtheoretische Problemfassung. Wir müssen nur das
Verhältnis von Theorie und Praxis duplizieren. Es kommt nämlich zweimal ins Spiel:
sowohl auf Seiten dessen, der Wissen produziert, als auch auf Seiten dessen, der Wis-
sen anwenden möchte.
Ich spreche im folgenden von Wissenschaftssystem und von Anwendungssyste-
men und setze voraus, daß auf beiden Seiten relativ konstante Selektionshorizonte
und Orientierungsstrukturen bestehen, die den Entscheidungsprozeß steuern. Eine
solche Differenzierung hat nur Sinn, wenn die Orientierungsstrukturen divergieren.
Die Beziehung von Wissenschaftssystem und Anwendungssystemen ist deshalb nicht
angemessen begriffen, wenn man das Ideal in der Minimierung von Differenzen sieht.
Man muß sehen, daß Anwendungssysteme - seien es nun Politiksysteme, Wirt-
schaftssysteme, Militärsysteme, Erziehungssysteme - eigene Funktionen zu erfüllen
haben, für die sie ausdifferenziert sind. Das gleiche gilt für das Wissenschaftssystem.
Erkenntnis ist demnach keineswegs die einzige Form sinnvoller Selbst-Beschränkung
des Handelns und auch nicht die Form, in die alle Selbst-Beschränkungen letztlich
transformierbar sind 1. Will man die Beziehung der Wissensanwendung unter solchen
Bedingungen als steigerbar formulieren, so kann die Frage nur lauten: Wie hoch
können im Interesse funktionaler Spezifikation die Diskrepanzen werden, die kom-
munikativ noch überbrückbar sind?

322
Diese Sicht läßt sich abstrakter formulieren und hat dann bestimmte erkenntnis-
theoretische Konsequenzen. Man kann sagen: Wissenschaftssystem und Anwen-
dungssysterne haben je eigene Relationen zwischen Struktur und Prozeß ausdiffe-
renziert. Bei unserem Anwendungsproblem geht es daher um ein Problem der Rela-
tionierung von Relationen. Ein solches Problem hat gewisse formale Eigenschaften,
die ich hier nicht angemessen diskutieren kann. Für den erkenntnistheoretischen
Status von Theorien bedeutet dies, daß ihr Verhältnis zur Anwendung nicht danach
bestimmt werden kann, ob ihr Sinn zutrifft oder nicht zutrifft, sondern nur danach,
ob ihre Generalisierungsleistung sich bewährt. Es kommt nämlich bei Fragen der
Anwendbarkeit nicht darauf an, ob Ödipus-Komplexe wirklich existieren; sondern
nur darauf, ob derjenige, der geschult ist, sie zu sehen, Situationen und therapeuti-
sche Praktiken in einer Weise kombiniert, die Erfolge haben können. Die zentrale
Stellung, die dem Problem der Aggregation und der Disaggregation in dem Beitrag
von Rolf Krengel 1a zukommt, ist ein weiterer Beleg für diese These.
Es gibt, wie bekannt, Erkenntnistheorien, die diese Einsicht des "ich weiß, daß
ich nicht weiß" prinzipiell zu Grunde legen als Reflexionsform von Erkenntnis
schlechthin. Für uns bedeutet dies, daß Wissensanwendung zunächst Sache des Zu-
falls ist. Als Soziologe weiß man aber auch, daß die Gesellschaft Zufälligkeiten in
reiner Form nicht akzeptiert, zumindest als Prinzip struktureller Integration nicht
akzeptiert. Sie wird limitierende Bedingungen einführen, um dem Zufall zumindest
eine Chance zu geben. Die folgenden Teile meines Vortrags sollen einige Übe~legun­
gen dazu beitragen, wie dies geschieht. Dabei muß ich reichlich komplizierte Über-
legungen über die Differenz von Grundlagenforschung und angewandter Forschung
an dieser Stelle auslassen.

III

Eine erste Analyse schließt an die Theorie der Systemdifferenzierung an. Immer
wenn ein System eine Mehrheit von Teilsystemen ausdifferenziert, muß eine Mehr-
heit von Systemreferenzen beachtet werden, und zwar sowohl bei der Analyse
systeminterner Strukturen und Prozesse als auch bei System und Umwelt verbin-
denden Prozessen (wie hier: Anwendung von Wissen) und deren Strukturen. Jedes
Teilsystem hat drei verschiedenartige Systemreferenzen: (1) die zu sich selbst; (2)
die zum umfassenden System, dessen Teil es ist; und (3) die zu anderen Teilsyste-
men. Die erste Beziehung zu sich selbst kann man als eine Beziehung der Selbst-
Thematisierung oder der Reflexion kennzeichnen. In ihr wird das Teilsystem für
sich selbst historisch. Die zweite Beziehung zum umfassenden System kann man als
Beziehung der institutionalisierten Funktion darstellen. Hier geht es um den Tatbe-
stand, der in der Parsons'schen Theorie als funktionaler Primat bezeichnet wird.
Spezifische Funktionen, die auf der Ebene des Gesamtsystems nur jeweils eine
unter anderen sein und nicht in eine generelle Rangordnung gebracht werden kön-
nen, erhalten speziell für das Teilsystem einen Vorrang vor anderen, so daß etwa das
Funktionssystem Wissenschaft sich primär (wenn auch keineswegs ausschließlich)

323
mit der kognitiven Entwicklung von Wahrheiten befaßt. Die Beziehung zu anderen
Teilsystemen schließlich ist die des Output oder der Leistung. Typisch handelt es
sich bei Leistungen um eine Mehrheit von analog gebauten Systemreferenzen, eine
Mehrheit verschiedenartiger Leistungsabnehmer. Daher liegt in dieser Beziehung die
höchste Möglichkeit und auch der höchste Bedarf für Spezifikation.
Es ist wichtig, die Nicht-Identität dieser verschiedenen Systemreferenzen und
ihrer jeweils systemspezifischen (hier also: wissenschaftsspezifischen) Ausformun-
gen im Auge zu behalten. Darin liegt nämlich eine erste Bedingung der Nicht-Zufäl-
ligkeit von Relationen. Reflexion, Funktion und Leistung lassen sich nicht beliebig
kombinieren. Die Mehrheit dieser Systemreferenzen setzt jedem Akt limitierende
Bedingungen der Kompatibilität. Leistungen etwa mÜSsen mit der gesellschaftlichen
Funktion des Systems kompatibel bleiben, und sie müssen anschließbar sein an die
Reflexionsgeschichte, mit der sich das System selbst identifiziert; sie sind gleich-
wohl durch diese beiden Erfordernisse nicht ausreichend spezifiziert, sondern müs-
sen zusätzlich noch mit denjenigen Teilsystemen "ausgehandelt" werden, für die sie
Leistung sind.
Dieses allgemeine Modell läßt sich speziell für den Fall des Wissenschaftssystems
wie folgt interpretieren: Die Reflexion betrifft die jeweiligen Problem- und Theorie-
traditionen, an denen man Thematiken als "wissenschaftlich" erkennt. Sie ist nor-
malerweise - obwohl nicht zwingend - nach Disziplinen geordnet. Forschungen,
die sich in diesem Bereich spezialisieren und sich um Steigerung des Auflösevermö-
gens oder des Konsistenzniveaus der Begriffe und Theorien bemühen, werden ge-
meinhin als Grundlagenforschung bezeichnet. Sie haben immer verstärkt historische
Implikationen. Ohne hier Anschluß zu suchen, wäre wissenschaftliches Arbeiten
nicht möglich, weil nicht als solches identifizierbar. Das schließt nicht aus, jede be-
stimmte Problem- oder Theorietradition (mit Hilfe anderer!) in Frage zu stellen.
Anschlußzwang ist mithin nicht nur eine Frage der Ökonomie und des Vermeidens
unnötiger Doppelarbeit: es ist eine Frage der Identität.
Die Funktion der Wissenschaft betrifft die Entwicklung von Wissen unter dem
Schematismus von Wahrheit/Unwahrheit - nicht einfach bloß die Vermehrung von
Wahrheiten. Hier schließen die logischen und methodischen Instrumente an, mit
denen die Grundsymbolik des Kommunikationsmediums Wahrheit in durchführbare
Operationen übersetzt wird.
Die Leistung der Wissenschaft schließlich ist das, was sie anderen Teilsystemen
der Gesellschaft erfolgreich zu übermitteln vermag. Sie kommt als Leistung erst zu-
stande, wenn Output zum Input gemacht und dann weiter verarbeitet wird. Die Lei-
stung ist also - wenn man so formulieren darf - nicht einfach eine Funktion der
Funktion von Wissenschaft. Sie ist nicht mit der Wahrheit als solcher schon erbracht,
sondern unterliegt zusätzlichen Bedingungen - eben den uns interessierenden Be-
dingungen der "Anwendbarkeit". Sie setzt "Konvertibilität" von Wahrheit in ande-
re Medien voraus - zum Beispiel in Geld oder in Macht. Forschungen, die sich spe-
ziell an solchen Leistungsbedingungen orientieren, werden demgemäß als anwen-
dungsbezogene Forschung charakterisiert.

324
Diese system theoretische Ableitung der Trias von Grundlagenforschung, Metho-
dik und anwendungsbezogener Forschung dient nicht nur der Klassifikation. Sie soll
uns nicht nur davon überzeugen, daß in der Systemtheorie alles seinen Platz findet.
Sie hat vielmehr bestimmte Konsequenzen im Auge. Die Bezugnahme auf System-
referenzen und deren Interdependenzen auf der Ebene des Gesellschaftssystems be-
deutet, daß wissenschaftsintern auf diesen Linien nicht differenziert werden kann,
weil alle drei Momente - Grundlagenforschung, Methodik und anwendungsbezoge-
ne Forschung - Ausformulierungen der gesellschaftlichen Situation von Wissen-
schaft sind und damit Aspekte darstellen, die nicht gegeneinander isoliert werden
können. Deren Vermittlung ist gerade aufgegeben und rechtfertigt erst die Ausdiffe-
renzierung eines Funktionssystems Wissenschaft. Bei aller unterschiedlichen Akzen-
tuierung konkreter Forschungsvorhaben in Richtung auf Grundlagenforschung,
Methodenentwicklung oder anwendungsbezogene Forschung: eine Teilsystembil-
dung oder gar eine organisatorische Differenzierung innerhalb der Wissenschaft läßt
sich unter diesen Gesichtspunkten kaum halten. Sie hat jedenfalls angebbare Gefah-
ren, die in einer zu starken Personenabhängigkeit der Grundlagenforschung, in einer
leerlaufenden Perfektion erkenntnistheoretischer oder methodologischer Korrekt-
heitspostulate und in einer zu starken Kundenabhängigkeit der anwendungsbezo-
genen Forschung liegen und wohl bekannt sind 2 •
Im einzelnen verzahnen sich Funktion, Reflexion und Leistung auf sehr kompli-
zierte Weise ineinander. Der Primat der gesellschaftlichen Funktion liegt in der
Orientierung am Kommunikationsmedium Wahrheit und wird über Erkenntnistheo-
rie, Logik und Methodologie spezifiziert. Er führt zur Kennzeichnung wissenschaft-
licher Produktion als wahr oder unwahr. Ohne weitere Anhaltspunkte wäre er je-
doch nicht funktionsfähig. Vor allem die Themenwahl kann von hier aus nicht
gesteuert werden. Sie folgt teils den durch disziplinspezifische Reflexion ermittelten
Problem- und Theorietraditionen, teils den an das Wissenschaftssystem herangetra-
genen Anwendungsinteressen. Beides verzahnt sich ineinander derart, daß Theorie-
losigkeit zum Einwand gegen anwendungsbezogene Forschung werden kann, feh-
lende gesellschaftliche Relevanz und spekulatives "I 'art pour l'art" dagegen zum
Einwand gegen Grundlagenforschung. Beide Orientierungsrichtungen bleiben an den
binären Schematismus des Wahrheitsmediums und damit an die Zuordnung zur ge-
sellschaftlichen Funktion gebunden. Als Schematismus produziert das Medium je-
doch sowohl Wahrheiten als auch Unwahrheiten (widerlegte Wahrheiten) und ist in
dieser Hinsicht operativ neutral. Die Grundlagenforschung scheint mehr auf die Pro-
duktion von Unwahrheiten hinauszulaufen - man lernt von "großartigen Theorien"
schließlich, wie man es nicht machen kann! -, die anwendungsbezogene Forschung
dagegen mehr auf die Produktion von Wahrheiten, weil nur diese brauchbar sind.
Natürlich sind dies nur Aussagen über Tendenzen, die ein Verhältnis wechselseitiger
Bedingung implizieren und nur dadurch als gesellschaftliche Realität existieren.
Eine weitere Konsequenz können wir als Autonomiebedingung formulieren. Die
internen Bedingungen der Kompatibilität von Funktion, Reflexion und Leistung
drücken die gesellschaftliche Lage des Wissenschaftssystems aus; sie repräsentieren
sozusagen für das Wissenschaftssystem dessen Gesellschaftlichkeit in der Form inter-
ner Operationsbedingungen. Die Notwendigkeit, intern jeweils methodengerecht zu

325
verfahren, Theorieanschlüsse zu reflektieren und auf Anwendbarkeit zu achten, ist
mithin intern gesehen Restriktion, nach außen dagegen Freiheit. Unter diesen Be-
dingungen kann Wissenschaft nie ganz in den Dienst spezifischer Anwendungsinter-
essen treten, nie ganz instrumentalisiert werden. Ihr Traditionsgerüst ist dazu zu
schwerfällig, ihr methodischer Apparat nicht umweltspezifisch genug. Wissenschaft
wird mithin, das können wir auf dem Umweg dieser system theoretischen Analyse
zeigen, gerade durch ihre Ausdifferenzierung als Teilsystem der Gesellschaft und
durch die dadurch bedingte Multiplikation von Systemreferenzen autonom. Auto-
nomie ist der Modus ihrer gesellschaftlichen Existenz und heißt so viel wie: Selbst-
Beschränkung dadurch zum Ausdruck bringen, daß man nach eigenen Regeln ver-
fährt.
Andererseits ist Autonomie in diesem Sinne hochgradiger Ausdifferenzierung
und Selbstregulierung der Wissenschaft nur haltbar, wenn das Wissenschaftssystem
in der Lage ist, dem Aspekt der Anwendungsleistung auch intern Geltung zu ver-
schaffen. Anwendung heißt dann nicht nur Bereitschaft zur freundlichen Mitteilung
dessen, was bei Forschungen als möglicherweise brauchbar herausgekommen ist;
und Anwendung heißt nicht nur nachträgliche Verwertung 3 . Schließlich ist Anwen-
dungsbezug nicht nur eine Frage der Themenwahl in dem Sinne, daß eine Wissen-
schaft, die sich ihre gesellschaftliche Existenz verdienen will, einen Teil ihrer Themen
im Hinblick auf Anwendung aussuchen und entwickeln muß. Das hier vorgeschla-
gene Modell greift tiefer und fragt nach einer methodischen und konzeptuellen
Integrierbarkeit. So hat in den Naturwissenschaften die Kategorie der Kausalität
einen theoretischen und methodischen Status, der gleichsam vorweg Anwendungs-
möglichkeiten garantierte - wenn auch nicht notwendigerweise "für diese Welt".
In den Sozialwissenschaften fehlen einstweilen gleich gut funktionierende Aquiva-
lente. Der Formbegriff in der Marxschen Theorie und der Funktionsbegriff deuten
beide darauf hin, daß solche Aquivalente in bezug auf die Selbstabstraktionen und
selbstreferentiellen Strukturen der gesellschaftlichen Realität entwickelt werden
müßten.
Die folgenden Analysen beschränken sich, dem Thema dieses Beitrags entspre-
chend, auf einen Ausschnitt dieser Gesamtproblematik: auf die Beziehung des Wis-
senschaftssystems, das Leistungs- und Anwendungsprobleme internalisiert hat, zu
den Anwendungssystemen seiner gesellschaftlichen Umwelt. Vom Ansatz her dürfte
klar sein, daß selbst ausgeprägte Differenzierung und funktionsbedingte Diskrepanz
der Selektionsweisen hier nie zu Zufallsverhältnissen führen können.

IV

In weitem Umfange ist es zunächst kein Zufall, sondern ein Leistungserfordernis,


wenn die Diskrepanzen zwischen Wissenschaftssystem und Anwendungssystemen
zunehmen. Dies möchte ich an drei ausgewählten Perspektiven zeigen und damit
deutlich machen, daß die Steigerung von Diskrepanzen selbst Struktur hat und so-
mit selektiv wirkt.

326
1) Sowohl der Forschungsprozeß als auch der Entscheidungsprozeß, der Wissen ver-
wendet, fundieren ihre Selektionen durch Vergleiche. Ein Vergleichsinteresse ist für
beide Seiten fundamental, und zwar auf heiden Seiten in den heiden vorherrschen-
den Formen der Quantifikation und des funktionalen Vergleichs.
Zahlen und Zahlenrelationen sind für beide Seiten unheimlich suggestiv. Sie ver-
mitteln irgendwie den Eindruck von etwas Vorläufig-Endgültigem. Sie bieten eine
Basis für Anschlußoperationen. Man kann ihre Veränderung auf Zunahmen und auf
Abnahmen hin beobachten. Leider haben Zahlen aber auch nur diese bei den Mög-
lichkeiten: zuzunehmen oder abzunehmen. Alles andere ist Zutat, ist Interpretation.
Diese Interpretationen können und werden typisch divergieren, sobald man mit
Zahlen auf wissenschaftlicher Seite ein theoretisches Interesse verfolgt (was heute in
meinem Beobachtungsbereich eher die Ausnahme als die Regel ist). Der Ausdruck
von Zahlen ist dann ein Verfahren zur Erzeugung fruchtbarer Mißverständnisse, eine
Regel der nicht-identischen Reproduktion.
Die Verführung ist hier, daß man es beim Konsens über Quantitäten nicht beläßt,
sondern daß der Wissenschaftler seine Zahlen mit Interpretation verkauft - sei es
mit einer eigenen Interpretation, sei es mit vermutetem Praxisbezug. Er wird insinu-
ieren, es sei schlimm, daß "nur" 5 % Arbeiterkinder an Universitäten studieren 4 . Ge-
tragen, aber nicht gedeckt, durch Quantifikation werden hier Handlungsaufforde-
rungen übermittelt, für die jede theoretische Begründung fehlt.
Umgekehrt verfährt der Funktionalist. Er vergleicht nicht unter dem Gesichts-
punkt von Quantitäten, sondern unter dem Gesichtspunkt von Problemlösungen. Er
muß, da alle Probleme von Strukturen abhängen, sich in wie immer abstrahierbarer
Form auf Strukturen einlassen, die auch für den Anwender relevant sind - zum Bei-
spiel auf das Faktum funktionaler Differenzierung unseres Gesellschaftssystems
oder, um etwas Konkreteres zu sagen, auf das Faktum der verfassungsmäßigen Ver-
ankerung des Ressortprinzips als Schranke von Organisationsüberlegungen.
Nicht selten wird ihm diese Strukturabhängigkeit zum Vorwurf gemacht. Aber
auch hier gilt die Regel nicht-identischer Reproduktion: Die wissenschaftliche Ana-
lyse kann den Ansatz von Funktionen und Strukturen in rein theoretischem Inter-
esse variieren. Sie verstrickt sich dabei, soweit sie theoretisch verfährt, in selbster-
zeugte Konsistenz-Erfordernisse und wird dabei zu Fragestellungen geführt, die der
Praxis das Entscheiden nicht erleichtern, sondern erschweren. Zum Beispiel: Wie
verhalten sich die drei Output-Funktionen des Erziehungssystems: Fähigkeiten, An-
sprüche, Zensuren und Zertifikate zueinander, wenn man den Anteil der gut ausge-
bildeten Bevölkerung erhöht? Oder: Welche Konsequenzen hat es für das in Zukunft
noch mögliche Verhältnis von Ökonomie und Politik, wenn Erziehung immer zu-
gleich Fähigkeiten und Ansprüche erzeugt und soziale Schichtung als Regulator aus-
fällt? Es ist klar, daß sich bei derart unbequemen Fragestellungen nicht mehr ein-
deutig sagen läßt, welche Bildungspolitik man aufs Ganze gesehen politisch dann
noch wollen kann. Und dies gilt, obwohl die Problemstellung aus einer Analyse der
Strukturen des vorhandenen Gesellschaftssystems gewonnen wurde.
2) Die nächste These lautet: Auf heiden Seiten nimmt in dem Maße, als man spezifi-
schen Funktionen gerecht zu werden versucht, die Komplexität der Selektionskon-

327
texte zu, und zwar auf eine für beide Seiten nichtidentische Weise. Auf Seiten der
Wissenschaft kann man dies an drei Faktoren erkennen:
a) an dem Auflösevermögen der Begriffe,
b) an der Tieferlegung der Erklärungsstrukturen,
c) an dem Theorie-Aufwand, der für die Entwicklung von Meßinstrumenten erfor-
derlich wird und der mit den für Analyse und für Erklärung erforderlichen Theo-
rien theoretisch - also sozusagen supertheoretisch - integriert werden muß.
Es ist schlechterdings unwahrscheinlich, daß Globalisierungs- und Verfeinerungsin-
teressen, die hier als Erfolgsbedingung in Sicht kommen, durch eine Art prästabi-
lierte Harmonie letzten Endes zugleich der Praxis dienen. So ist zum Beispiel abseh-
bar, daß prognostisch zuverlässige Techniken der Person-Beurteilung einen Testauf-
wand erfordern, der praktisch und wirtschaftlich kaum zu verantworten ist; und
daß psychologisch zuverlässige Prognosen der Lernfähigkeit derart individualisieren
müssen, daß es wenig sinnvoll ist, sie als Prinzip der Zusammenstellung homogener
Schulklassen zu benutzen s . Auch ist es nicht untypisch, daß intensive, der Praxis
zugewandte Forschung die Urteilsgrundlagen auflöst, statt sie zu konsolidieren - so
etwa bei einem empirisch doch recht gut faßbaren Tatbestand wie der Legasthenie 6 .
Das gleiche Problem der Komplexität und der Kontextabhängigkeit (also: Diver-
genz) von Reduktionstechniken erscheint in umgekehrter Sicht, wenn die Wissen-
schaft Einzelaspekte zur Erklärung von Realzuständen isoliert, ihre relative Bedeu-
tung ermittelt und die Anwendungssysteme ihre Maßnahmen dann bei diesen
Faktoren ansetzen - nur um dann zu erfahren, daß dies weder der wissenschaftli-
chen Intention entspricht, einen Anteil der zu erklärenden Varianz zuzurechnen,
noch daß es zu praktischen Erfolgen führt. Daß die Zusammensetzung der Schul-
klasse in rassischer und sozialer Hinsicht als die relativ wichtigste einzelne Variable
in der Erklärung von Erziehungserfolgen in den Vereinigten Staaten angesehen wer-
den kann 7, besagt durchaus nicht, daß es sinnvoll und ergiebig wäre, praktische
Maßnahmen auf diesen Punkt zu konzentrieren 8 .
Angesichts dieser Lage darf es nicht überraschen, wenn sozial wissenschaftliche
Beratung einen Überhang von Problemen erzeugt, für deren Lösung dann nicht nur
die ökonomische und die politische, sondern zumeist auch die wissenschaftliche Ka-
pazität fehlt. Problemhorizonte werden aufgerissen, die mit jedem Schritt weiterer
Analyse neue Konturen gewinnen. Neue Aufgaben und Ausschüsse, Soziowuche-
rungen der verschiedensten Art, Komplexitäts- und Defizitbewußtsein werden die
Folge sein. Aber auch das läßt sich normalisieren zu einem Realitätsbewußtsein
neuen Stils, das sich einrichten und stabilisieren kann, sobald das der allgemeinen
Empfindungslage entspricht.

3) Kommunikation zwischen Wissenschaftssystem und Anwendungssystemen kann


unter solchen Bedingungen nur zustandekommen, wenn sie für Kontextwechsel,
und das heißt: für Komplexitätswechsel ausgerüstet ist 9 . Vor diesem Hintergrund
muß man den Begriff der Technik neu formulieren. Das Technische liegt dann nicht
in der kausalen oder instrumentellen Eignung selbst, sondern in der relativ kontext-
freien Übertragbarkeit solcher oder anderer Primärrelationierungen.

328
Hohe Technizität erreicht Wissensanwendung demnach immer dann, wenn sie
ohne Verstä'ndnis des theoretischen Erzeugungskontextes praktiziert werden kann.
Schon bei komplexeren Maschinensystemen ist das heute nur noch begrenzt der
Fall; bei jeder Störung, bei jeder Reparatur liegt der Bedarf für eine mehr oder weni-
ger theoriegesteuerte Diagnose auf der Hand. Erst recht ist der Technisierungsgrad
sozialwissenschaftlicher Programmentwicklung gering. Sozialwissenschaftliche
Kenntnisse lassen sich im allgemeinen nur mit einem wenn auch reduzierten Ver-
ständnis der Theorie übertragen. Zumindest muß im Anwendungsbereich ein rasch
aktivierbares Nachfaßvermögen organisatorisch bereitgestellt sein. Auf solche Sub-
stitute für perfekte Technizität sollte auch in allen Beiträgen zu diesem Thema ge-
achtet werden.
4) Weiter ist die zunehmende Diskrepanz von Wissenschaftssystem und Anwen-
dungssysternen dadurch bedingt, daß es zwischen diesen Systemen kaum noch ein-
deutige Punkt1ür-Punkt-Korrelationen gibt: und zwar weder in zeitlicher Hinsicht,
noch in sachlicher Hinsicht, noch im Hinblick auf Partner und Rollenzusammen-
hänge.
Je stärker Wissensentwicklungen von wissenschaftsinternen Interdependenzen
abhängen, desto unwahrscheinlicher wird es, daß sie zugleich synchron zu Umwelt-
prozessen ablaufen können. Diese Schwierigkeit läßt sich dadurch mildern, daß man
die Zeitbestimmung zumindest für die Einleitung von Forschungen den Anwen-
dungssystemen überläßt. Dann kann ein Zeitplan ausgehandelt werden. Für die Wis-
senschaft wird das zumeist mit einschneidendem Verzicht verbunden sein. Aber
selbst dann ist politische Opportunität oft ein zu flüchtiges Phänomen. Der politi-
sche Frühling der Bildungsreformer zog so schnell vorbei, daß die Forschung nicht
mitkam. Auch die kommunalen Gebietsreformen werden aus politikimmanenten
Gründen so rasch vollzogen, daß keine ausreichende empirisch-wissenschaftliche
Vorbereitung, ja nicht einmal eine begleitende Forschung organisiert werden kann,
die die einmalige Chance von Veränderungen großen Stils unter theoretischen Fra-
gestellungen nutzt. Offenbar lassen sich gerade in einer Demokratie politische The-
men nicht so lange warm halten, bis entsprechendes Wissen gesammelt und getestet
ist.
In sachlicher Hinsicht ist vor allem zu betonen, daß die Ordnung des Wissens
unter den wissenschaftsinternen Gesichtspunkten der Disziplinen, Teildisziplinen
und Theorienkomplexe nicht zugleich eine Aufgliederung sachlicher Relevanz für
die Gesellschaft ist. Erst recht entspricht sie nicht der Typik, in der Auskunftsersu-
chen anfallen. Sie dient anderen Zwecken - nicht zuletzt dem der Identifikation
von Forschern nach Arbeitsbereichen und der Verteilung von Reputation. Kontakte
zwischen Wissenschaftssystem und Anwendungssystemen erfordern daher, soweit
sie ad hoc hergestellt werden müssen, immer ein gewisses Maß an Such- und Abtast-
prozessen. Welche Disziplinen oder Theorien bei einer Altstadtsanierung helfen
könnten, liegt nicht ohne weiteres auf der Hand.
In gewissem Umfange können hier Personenkenntnisse einspringen. - Was Be-
ziehungen von Personen-in-Rollen angeht, so gibt es selbstverständlich bei aller auf
Anwendung abzielenden Sozialforschung Kontaktnetze. Wer über Strafvollzug

329
forscht, hat andere Partner in der Verwaltung als derjenige, der sich für juristische
Informatik oder für Slum-Aussiedlungen interessiert. In dieser Kontaktnähe liegen
die Vorzüge derjenigen Forschungsansätze, die in Amerika unter dem Titel "social
problems" laufen. Nur: In dem Maße, als man zu theoriegesteuerter Forschung
übergeht, werden auch diese Außenbeziehungen diffus. Die Theorie der Sozialisa-
tion etwa hat kaum noch spezifische Abnehmer. Die Aggregation unter theoriespe-
zifischen Problemstellungen folgt dann nicht mehr den Rollen- und Systemdifferen-
zierungen, nach denen die gesellschaftliche Umwelt sich richtet.

5) Mit einer so starken Betonung von Diskrepanzen wird man gerade denen, die die
Situation aus eigener Erfahrung kennen, nicht viel Neues sagen. Vorherrschend wird
darin allerdings eher ein Kommunikations- oder ein Transformationsproblem gese-
hen 10. Das klingt so, als ob maximale Verständigungen angestrebt werden sollten.
Man darf jedoch Problemformulierungen nicht ungemildert in Zielformeln über-
setzen. Wenn es zutrifft, daß unsere Gesellschaft dadurch diese Probleme erzeugt,
daß sie in Funktionssysteme differenziert ist, wird es kaum sinnvoll sein, von der
kommunikativen Interaktion zu erwarten, daß sie die Differenzen aufhebt durch
Konsens im Wahren und Guten. Um diesen Vorbehalt zu konzeptualisieren, habe
ich nicht von Transformation gesprochen, sondern von nicht-identischer Reproduk-
tion.
Dies bedeutet unter anderem, daß man die Anwendung wissenschaftlicher For-
schungsresultate nicht in der Sprache des HandeIns, sondern in der Sprache des Ent-
scheidens analysieren sollte. Es geht nämlich zumeist gar nicht darum, ob man ein
wissenschaftlich als richtig erkanntes Handeln richtig reproduziert oder nicht; son-
dern es geht darum, die Entscheidungslage durch Einbau von wissenschaftlich kon-
trollierbaren Relationen zu verändern, was Konsequenzen für die schließlich gewählte
Entscheidung haben kann, aber nicht muß. Dies kann im Effekt sehr verschiedenes
bedeuten: Erweiterung oder Einengung der Möglichkeiten; Steigerung oder Senkung
des erkennbaren Risikos; Veränderung der Problemdefinition, die die Situation
strukturiert; Verlängerung der Wenn/Dann-Ketten, die bedacht werden; Steigerung
der entscheidungstechnisch noch kontrollierbaren Interdependenzen; Vordefinition
von Folgesituationen und Zeitgewinn in der Vorbereitung auf sie; Erweiterung des
Repertoires an räsonnierten Darstellungsmöglichkeiten mit den Vorteilen der Aus-
wahl; und unter all dem unter Umständen auch: Gewinn von Sicherheitselementen,
Subroutinen, Technologien, die organisatorisch eingeführt und verwendet werden
können, etwa: wirksamere Werbetechniken für die Personalrekrutierung. Nicht-iden-
tische Reproduktion heißt mithin so viel wie: Sinnveränderung durch Umkontextie-
rung, durch Einleben in neue Nachbarschaften, durch Auslösung anderer Assozia-
tionen. Ob das eingespritzte Element wahr oder unwahr war, verliert dabei sehr
rasch an Bedeutung: es sei denn, daß laufende Beziehungen der wissenschaftlichen
Beratung und Betreuung vorliegen und ein Interesse festgehalten wird, aus Fehl-
schlägen auch wissenschaftlich zu lernen.

330
v
Nach all dem sollte man klar sagen: Wissenschaft ist nicht nur ökonomisch, sie ist
auch politisch ein Defizit-Unternehmen. Es wäre verkehrt, für anwendungsbezogene
Sozialforschung etwas anderes zu fordern in dem Sinne, daß sie sich wenigstens ren-
tieren müsse - wenn nicht ökonomisch, so doch politisch. Ich bin mir klar, daß dies
eine weittragende These ist. Aber jede andere Auffassung würde, wenn ich die sich
abzeichnenden Tendenzen richtig sehe, einen Keil zwischen Grundlagenforschung
und angewandte Forschung treiben und diese von ihren theoretischen Ressourcen
abschneiden bzw. auf die Ressourcen von gestern verweisen.
Auch anwendungsbezogene Forschung arbeitet als Forschung an einer Verbes-
serung ihrer Theorien und Methoden, und sie kann nicht erwarten, daß genau pro-
portional dazu auch die Rezeptionsfähigkeit der Anwendungssysteme steigt im
Sinne einer linearen Progression: Je besser wissenschaftlich gemacht, desto brauch-
barer - das wäre eine naive Vorstellung. Wenn man dies grundsätzlich zugesteht,
kann man nicht nur Situationen antizipieren, die bisher als Enttäuschungen anfal-
len, sondern es lassen sich auch eine Reihe von wissenschaftspolitischen Konsequen-
zen ziehen:

1) Die Forderung anwendungsbezogener Forschung hat für die Wissenschaft eine


ganz andere Bedeutung als für Anwendungssysteme. Das Problem ist schon asymme-
trisch gestellt und kann daher auch nur asymmetrisch beantwortet werden. Schlich-
te Aufforderungen zur Kooperation, so als ob es an gutem Willen fehlte, verkennen
dieses Problem der Asymmetrie. Für die Wissenschaft handelt es sich um ein Struk-
turproblem in dem unter III. skizzierten Sinne; für Anwendungssysteme handelt es
sich um eine erwünschte Ressource, um ein Hilfsmittel, allenfalls um eine Bedin-
gung für das Erreichen wichtiger Ziele. Für die Wissenschaft ist Unfähigkeit zu an-
wendungsbezogener Forschung daher ein sehr viel ernsteres Problem als für irgend-
einen Praxiskontext die Tatsache, daß zu bestimmten Vorhaben kein zuverlässiges
Wissen vorliegt. Die Wissenschaft ist durch diese Frage im Grade ihrer Ausdifferen-
zierung tangiert, die Anwendungssysteme im Rationalitätsgrad des Erreichens ihrer
Ziele. Stellt man die Frage, was zu tun sei, für das Wissenschaftssystem, stößt man
daher in Zentralbereiche seiner Struktur und seiner Integration. Gewiß ist noch
manches dadurch zu erreichen, daß man zur Wahl praxisnaher Themen ermuntert;
aber die entscheidenden Engpässe liegen in der kategorialen Struktur, die Anwen-
dungsmöglichkeiten .mit Theorietraditionen und Methoden integriert. Die Schlüssel-
frage scheint hier zu sein, mit welchen Konzepten die Wissenschaft an die Abstrak-
tionen (nicht, wie man zumeist meint, an die Konkretionen!) der Praxis anzuschlie-
ßen vermag 11 . Diese Frage bezieht sich letztlich auf die adäquate Behandlung hoch-
komplexer selbstreferentieller Systeme, für die es bis heute keine überzeugenden
Lösungen gibt.

2) Sehr viel leichter ist es, etwas über die Voraussetzungen zu sagen, unter denen
Anwendungssysteme für anwendungsbezogene Forschung zugänglich sind. Eine
dieser Bedingungen lautet: Die Möglichkeiten anwendungsbezogener Forschung
nehmen zu in dem Maße, als die Anwendungsbereiche selbst schon durchrationali-

331
siert, wenn nicht gar szientifiziert sind. Forschung über Personalsysteme kommt
zum Beispiel über bloße ad hoc Unternehmungen nur hinaus, wenn im Anwen-
dungssystem eine Art wissenschaftlich aufgebaute Selbst-Beobachtung institutiona-
lisiert ist oder wenn zumindest die Daten, die bei allen Personalbewegungen anfal-
len, in analysierbarer Form gespeichert und bereitgehalten werden.
Diese Aussage läßt sich generalisieren für alle Systeme, die identische Personen
oder Gegenstände im Verhältnis zu identisch gehaltenen Positionen bewegen und
die Bewegung mit Hilfe selektiver Kriterien steuern, also ein Interesse daran haben
müssen, die Effekte solcher Kriterien kennen und kontrollieren zu können. Vor
diesem Hintergrund sind zum Beispiel die Vorschläge der Studienkommission für
die Reform des öffentlichen Dienstrechts vom vergangenen Jahr zu lesen, die auf
eine höhere wissenschaftliche Objektivierung von Personalverteilungsentscheidun-
gen abstellen 12.
Eine ausreichende Szientifizierung der Anwendungssysteme ist aber nicht nur
eine Hilfe, ja oft eine Bedingung der Datenbeschaffung; sie würde auch Kommuni-
kation erleichtern und eine sehr erwünschte Personalfluktuation zwischen Wissen-
schaft und Anwendungssystemen ermöglichen. Diesen letzteren Gesichtspunkt des
Personalaustausches möchte ich besonders betonen. Er hat nur Sinn, wenn Wissen-
schaftler in der Praxis ein Betätigungsfeld finden, in dem sie theoriebezogen arbei-
ten können; es darf nicht nur darum gehen, sie zu belehren, "wie die Welt in Wirk-
lichkeit aussieht".

3) Parallel hierzu müßte man Erwägungen über den erforderlichen Organisationsgrad


der Anwendungssysteme anstellen. Vielleicht sollten wir uns einmal Rechenschaft
darüber ablegen, daß wir stillschweigend unterstellt hatten, daß die Wissensabneh-
mer Organisationen sind - und nicht etwa Dichter und Maler, die sich ja auch für
angewandte Kunsttheorie interessieren könnten. Über Organisation kommt es zu
einer Zuspitzung sowohl der Chancen als auch der Hindernisse für anwendungsbezo-
gene Sozialforschung. Die Organisationen, die das Anwendungsfeld betreuen und
kontrollieren, haben zumeist ein spezifisches selektives Interesse an Wahrheiten
bzw. Unwahrheiten. Sie haben außerdem eine dokumentierte Geschichte, mit der
sie in Konflikt geraten können. Sie haben unter bestimmten Annahmen beschlos-
sen, betreute Gruppen zu subventionieren. Sie sind dann vielleicht daran interes-
siert, feststellen zu lassen, was mit den Subventionen geschieht. Aber sie werden
kaum ein Wissen zu gewinnen suchen, das ihre Ausgangsannahmen in Frage stellt -
etwa das Wissen, daß man mit Geld überhaupt nicht spezifisch genug motivieren
kann.
Wie kann vor dem Hintergrund erwartbarer Diskrepanzen die anwendungsbezo-
gene Forschung auf den Stufen abnehmender Harmlosigkeit einige Schritte weiter
tun? Die zumeist praktizierte Lösung, vorweg auf das Recht der Publikation zu ver-
zichten, ist eindeutig zu verwerfen. Ich möchte mir als Ergebnis der auch in den
anderen Beiträgen vorgetragenen Überlegungen ein klares Votum in dieser Richtung
wünschen - nicht zuletzt an die Adresse von Ministerialbürokratien. In Verhandlun-
gen über einzuleitende Forschungen sollte nicht nur wissenschaftliche Kompetenz,
es sollte auch politische Kompetenz vorausgesetzt und angeboten werden können.

332
Und unter politischer Kompetenz verstehe ich die Fähigkeit, mit fachgerecht erar-
beiteten Ergebnissen - welcher Art immer - Politik machen zu können. Sonst
lohnt sich die Zusammenarbeit für den Wissenschaftler politisch nicht; und sein
Interesse kann allein darauf gehen, den Auftrag als bloße Gelegenheit zu nehmen,
um Zugang zu Mitteln und Forschungsfeldern zu erhalten.
Nicht zuletzt sind dies Fragen der organisatorischen Differenzierung auf der Ab-
nehmerseite. Günstig ist ein gewisses Maß an Differenzierung von Auftragsentschei-
dung und Anwendungsfeld. Dies kann durch die Hierarchie gewährleistet sein. Aber
zumeist verhandelt man, und auch das sehe ich als einen Strukturfehler an, als
Wissenschaftler nicht hoch genug, um jene Besorgnisschwelle überspielen zu können
und wirklich Distanz und Kompetenz anzutreffen.
4) Lassen sie mich abschließend noch einen letzten Gesichtspunkt anschneiden -
ein Thema, das seitab zu liegen scheint, das sich aber ganz konsequent entwickeln
läßt. Ich meine das Verhältnis von Politik und sozialwissenschaftlicher Intelligenz.
Die Begriffswelt und die Sprache, in der Politik sich heute bewegt, macht für den
sozialwissenschaftlich geschulten Betrachter einen in manchen Hinsichten überalter-
ten Eindruck. Natürlich sind und bleiben die Perspektiven different. Ebenso sicher
ist aber, daß die politische Sprache an Intelligibilität gewinnen könnte; wenn nicht
für den Alltag, so doch für einen stärker durchdachten, programmatischen Gebrauch.
Für jeden Sozialwissenschaftler mit breiter entwickelten Interessen muß die Intelli-
gibilität von Politik gegenwärtig eine der Hauptsorgen sein. Die Sozialwissenschaf-
ten haben zwar wenig solide Ergebnisse vorzuweisen; aber sie haben umfangreiche
Erfahrungen mit Begriffsbildungen. Diese Erfahrungen betreffen empirische Gehal-
te, operative Tauglichkeit, heuristische Qualitäten oder auch einfach Auflöse- und
Rekombinationsvermögen - oder eben in vielen Fällen das Fehlen jeglichen Poten-
tials. In all diesen Hinsichten und auf sehr vielen politisch relevanten Entscheidungs-
feldern ist einfach mehr Ausdrucksvermögen da, als benutzt wird, und vor allem dif-
ferenzierteres Ausdrucksvermögen. Die Definition der politischen Situation sollte
nicht Sache der Intellektuellen sein. Aber die begrifflichen Elemente, mit denen
man diesen Prozeß vollzieht, haben unterschiedliche Qualität. Dies gilt nicht zu-
letzt im Hinblick auf ihre Aggregierbarkeit zu relativ konsistenten Gesamtkonzep-
tionen.
Dies ist keine Neuauflage des Technokratie-Konzepts. Ich habe deutlich gezeigt,
wie weit entfernt wir davon sind, Politiker oder wen sonst durch Wahrheiten zwin-
gen zu können. Es geht um Kontakte im Vorfeld der Wahrheiten. Aber gerade wenn
wir das Potential funktionaler Differenzierung und rationaler Spezifikation von
Wissenschaftssystem und Anwendungssystem weiterhin ausnutzen und ausbauen
wollen, wird es notwendig werden, auch diese Ebene intellektueller Kontakte zu
pflegen.

Anmerkungen
1 Diese Konsequenz aus einer auf Differenzierung angelegten Systemtheorie ziehen auch
Parsons, Talcott / Platt, Gerald M.: The American University, Cambridge, Mass. 1973,
S. 89: "The potentialities of individual and collective achievement and the potentialities

333
for human expression and attachment belong in a framework of human action which is
necessarily constraining partly becallse constraints define the opportunities that make the
human adventure meaningful. We repudiate the view that only the cognitive conditions
impose constraints and that everything else manifests self-actualization. In this respect,
all of the essential ingredients of the human condition are on the same footing."
la Gesamtwirtschaftliche Prognosen und Projektionen und ihre Rolle in der Wirtschaftspolitik,
in: Interaktion von Wissenschaft und Politik (hg. vom Wissenschaftszentrum Berlin), Frank-
furt 1977, S. 40-55.
2 Ebenso problematisch sind übrigens, wie man heute allgemein sieht, die Versuche, das Er-
ziehungssystem auf der Linie Bildung/Ausbildung zu differenzieren, wobei Bildung beson-
ders in ihrer humanistischen Variante den Reflexionsbezug der Erziehung auf sich selbst
und ihre Themengeschichte, Ausbildung dagegen die Leistungserfordernisse und die Ab-
nehmerinteressen vertritt. Hier käme dann noch Didaktik hinzu als Lehre von der Um-
setzung der Funktion in Operationen.
3 Es verdiente genauere Untersuchung, wie weit dieses Modell der Nachträglichkeit ein solches
der "bürgerlichen Gesellschaft" gewesen und wie weit es durch den Primat der Ökonomie
und durch die Vorstellung hoher zeitlicher und sozialer Distanzen (mit Markt- und Lager-
Vermittlungen) zwischen Herstellungskontext und Verteilungskontext bestimmt ist. Das
Gleiche gilt sehr typisch für die heute so viel kritisierte Differenzierung von Rechtsetzung
und Rechtsanwendung. In a11 diesen Fällen wird in der heutigen Gesellschaft eine Vorsorge
für übergreifende Rationalität und für Rücklauf von Informationen dringlich.
4 Ein bewußt extrem gewähltes Beispiel. Siehe Dahrendorf, Ralf: Arbeiterkinder an deutschen
Universitäten, Tübingen 1965, S. 5ff.
5 Vgl. etwa Goldberg, Miriam L. / Passow, Harry A. / Justman, Joseph: The Effects of Ability
Grouping, New York; ferner das skeptische Urteil über die Effekte derartiger Bemühungen
bei SlJrensen, Aage BlJttger: Organizational Differentiation of Students and Educational
Opportuniry, in: Sociology of Education 43 (1970), S. 355-376; Ries, Heinz: Soziale
Struktur des Bildungssystems und Sozialisation von Talenten, Stuttgart 1971, S. 120ff.
6 Siehe etwa Valtin, Renate (Hrsg.): Einführung in die Legasthenieforschung: Texte zu
Diagnose, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der Lese-Rechtschreib-Schwäche, Wein-
heim, Basel 1973.
7 Vgl. Coleman, James S. u. a.: Equality of educational Opportunity, Washington 1966.
8 Kritisch dazu etwa Janowitz, Morris: Insitution Building in Urban Education, Hartford,
Conn. 1969, S. 79f.
9 Das macht es, wie ich hier nur anmerkungsweise andeuten kann, erforderlich, für die Ana-
lyse differenzierter Systeme einen abstrakten Begriff der Komplexität zu Grunde zu legen,
bei dem sowohl die Definition der Elemente als auch die Definition der Relationen bzw. der
Kriterien für zulässige Relationierungen unscharf werden.
10 Vgl. nur die Beiträge in den Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 4/4
(1971)
11 Mit dem Unterschied von Abstraktion und Konkretion ist, das sei zur Erläuterung angefügt,
nicht etwa der Gegensatz von Aussagen und Dingen (Handlungen, Ereignissen usw.) ge-
meint. Das würde die Einheit der Bezugsdimension dieser Unterscheidung sprengen und in
eine nicht mehr weiterbehandelbare Kontrastierung führen. Wir beziehen Abstraktion bzw.
Konkretion daher in jedem Fall auf Aussagen und sehen den Unterschied in der Art, wie der
Zusammenhang mit anderen Aussagen vorgesehen ist: Je konkreter eine Aussage, desto
höher ihre Kompatibilität mit der Negation anderer; je abstrakter, desto höher die Anforde-
rungen an die Kohärenz von Negationsleistungen. Die Anwendungssysteme neigen insofern
zum Gebrauch konkreter Aussagen, weil ihre Fähigkeit zur und ihr Interesse an Kontrolle
weitläufiger Negationsmöglichkeiten gering ist. Und sie geben ihren Abstraktionen häufig
den Anschein konkreter Urteile (etwa über die Intellektuellen, die Soziologen), um sich mit
der Form der Aussage dem Ansinnen einer weiteren Verfolgung ihrer Implikationen zu ent-
ziehen. Konkretionen erscheinen anspruchsloser und erwecken leichter den Eindruck, ver-
standen worden zu sein. Eben deshalb kann es aber auch zur Aufgabe der Wissenschaft wer-
den, dem vermeintlich konkreten Handeln seine Abstraktionen bewußt zu machen und es
eine Sprache zu lehren, die größere Reichweite hat.
12 Siehe den Bericht der Kommission für die Reform des öffentlichen Dienstrechts, Baden-
Baden 1973, insbesondere Tz. 437ff.

334