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Deutsches Rotes Kreuz

Auslandshilfen

Die humanitäre Hilfe des DRK kennt keine Grenzen. Wir


helfen weltweit – sowohl in akuten Notsituationen bei Ka-
tastrophen als auch in der langfristigen Entwicklungszu-
sammenarbeit. Derzeit arbeiten wir in über 50 Ländern in
Afrika, Asien, Nahost, Lateinamerika und Europa.
Ich bin in der Welt mehr zuhause als in Schwa-
Bericht: Dr. Harald Müller ben. Meine deutsche Mutter hatte hier ihre
Aufenthalt: Malawi | Afrika Wurzeln, mein ägyptische Vater arbeitet noch
Deutsches Rotes Kreuz immer als Heilpraktiker in Filderstadt. Die jün-
gere Schwester Marietta ist eine renommierte
Schauspielerin am Stuttgarter Staatstheater.
ich hat für die Rolle meines Lebens einige
Umwege in Kauf genommen. Gleich nach der
>>>> Seit wenigen Wochen ist sie in Betrieb, die
alte Klinik gleich nebenan hat ausgedient. Wie
Schule ging ich zum Studieren nach Holland
und kehrte nur für einen Teil meiner Facharz-
ein Fremdenführer eile ich nun von Abteilung tausbildung im Robert-Bosch-Krankenhaus >>>>
zu Abteilung, denn jeder Besucher soll sehen, zurück. Anschließend zog
was hier möglich ist, wenn es nur einer anpackt. es mich nach Afrika. Ich bin
Harald Müller, in Hamburg geboren, Oberartzt,
dass bin ich. Seit fünf Jahren arbeitet ich in
ist ein Unruhegeist, ständig
unterwegs für mein Pro-
„Die Klinik ist mein
Malawi und bin schon ein Held des Alltags. So
sehen sie mich in dem südafrikanischen Land.
jekt. Gerade erst kommt
ich von einem Treffen mit Lebenswerk, auch
Unser Krankenhaus, in dem jährlich 12.000 Kin- dem Gesundheitsminister.
der geboren werden, befindet sich am Rande Die Klinik ist mein Lebens- wenn ich hier nicht
Geschichte
der Hauptstadt Lilongwe. Nicht in dem Teil der werk, auch wenn ich hier

i n e
Stadt, wo sich Restaurants und Banken befin- nicht mein restliches Leben
mein restliches Le-
z ä h l e m e den. Es steht abseits nahe dem quirligen Bus-

Ich er das Leben


verbringen will. In der Frei-

in Malawi. ben verbringen will.“


bahnhof und neben schäbigen Hütten mit Well- zeit studiert ich Jura, um
blechdach. Hier haben wir einen Ort geschaffen, meinen Master in Internati-

über wo es keine Unterschiede zwischen Arm und


Reich, zwischen Mann und Frau geben soll.
onalem Menschenrecht zu
absolvieren. Vielleicht will ich auf die politische
Ebene wechseln. Irgendwann, wenn alles ohne
mich läuft, werde ich das Land wohl verlassen.
Das Leben in Malawi.
Bis zu vierzig Frauen kommen jeden Tag zum Weil viele Ärzte auswandern, ist in Malawi nur
Gebären vorbei. Sie sitzen auf kleinen Holz- noch ein gutes Dutzend Gynäkologen übrig ge-
bänken im Gang oder auf dem kahlen Boden, blieben - dreizehn für zwölf Millionen Einwohner.
ertragen stumm die Wehen und warten, bis sie Ein halbes Jahr musste ich allein auskommen,
in einen der neun Entbindungszimmer geleitet dann erhielt ich Verstärkung von zwei Gynäko-
werden. Einige sind blutjung, manche erst drei- logen. Jetzt sind zu dritt und werden von drei
zehn. Und nicht wenige sind schwanger, weil Assistenzärzten unterstützt. Hinzu kommen
sie vergewaltigt wurden oder weil die Riten Hilfskräfte, die nach einer zweijährigen Ausbil-
auf dem Dorf einen Geschlechtsakt verlangt dung bereits Kaiserschnitte machen. Der Per-
hatten. Jede Fünfte trägt den HI-Virus in sich. sonalnotstand betrifft Ärzte wie Schwestern
Aids breitet sich rasend schnell aus in Malawi. gleichermaßen. Nun versucht die staatliche
Es ist unglaublich und trotzdem komme ich mir an deutsche Hilfsorganisation CIM, die Mediziner-
so einigen Tagen sehr hilflos und machtlos vor . flucht mit Gehaltsaufschlägen zu bremsen.
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„Ach, es ist doch nur ein weil die Überlebenschance im mittelalterlichen
Europa kaum größer war. Ich bin ein Gerech-
tigkeitsfanatiker - ein Missionar der guten Tat.
Krankenhaus, keine „Ach, es ist doch nur ein Krankenhaus, keine
Weltverbesserungsanstalt“, sageich war immer,

Weltverbesserungsanstalt“ doch wünschte ich mir, die Politiker würden


aufmerksamer auf mein Tun
werden, damit sie mal se-
hen, wie oft die Gebärmutter Die Klinik
>>>> „fatzt“ und das Blut strömt.
Oft zitierte ich große Den- ist meine
„Every woman counts - we are here for you“ ker: Staatsmänner und Phi-
habe ich an die Wand des Kreißsaals schrei-
ben lassen. Hier kann sich jede Schwangere
losophen. Doch unvermittelt
gebe ich meinen Worten „Kompensation
darauf verlassen, dass ihr geholfen wird. ich etwas Schroffes. mein Ton
will ihnen ihre Würde zurückgeben. Die Frauen
hier haben keine Stimme. Das meine ich ganz
wird dann schon fast zy-
nisch. Auf den Symposien
der Wut“.
wörtlich, denn ich habe beobachtet, dass die werde für viel Geld über Müttersterblichkeit ge- >>>>
Hochschwangeren ohne große Erwartungen redet. Doch unternommen werde nichts, „weil
kommen. Sie fragen nichts, sondern sitzen nur sie den Schmerz nicht spüren“, wie ich meine.
da und warten. Wenn das Kind stirbt, bekla- Sterblichkeit von Schwangeren in Malawi welt- „Das ist denen echt scheißegal“.
>>>> gen sie sich nicht. „Und wenn die Frau selbst weit am höchsten Dabei ist Begleitung sehr er-
stirbt, macht sich keiner was wünscht, weil die Ärzte gemerkt haben, dass Ich kann mich unvermittelt echauffieren. „Ich
„Ich wusste nur: draus“, welche Machtlosigkeit ge-
genüber der Männerwelt. Es war
es weniger Komplikationen gibt, wenn die
Frauen bei der Entbindung nicht
bin total wütend“. Doch daraus schöpft er seine
positive Energie. Die Klinik ist meine „Kompen-

wenn es soweit ist, keine leichte Geburt. Erschöpft


liegt Chipirino Valamanja da, in
allein sind. Vor allem die Männer sollen sehen,
mit wie viel Schmerzen das
sation der Wut“. Was wurde ich müde belächelt
worden für all meine hochfliegenden Pläne.

„Das sind Zu-


ihre Armvene tropft eine Infusion. Gebären verbunden ist. „Natür- Doch im Dezember 2007 wurde der Spaten-
muss ich in diese Die 22-Jährige ist zu schwach, um
sich zu freuen. Gerade mal sechs
liche Geburtenkontrolle“ nennt
ich das. Doch sind Männer bei
stich gefeiert. Seit November erfüllt Baby-Ge-
schrei den Neubau des Bwaile-Krankenhau-
Klinik gehen“ Stunden sind die Zwillinge alt, er-
kunden mit schweren Lidern die
der Entbindung fast nie zuge-
gen, weil es ihrem Rollenbild
stände wie im ses, das beim Volk Bottom-Hospital heißt, weil
der Vorgänger 1936 von den britischen Kolo-

Mittelalter.“
Umwelt. „Sie stand gestern plötz- in der Machogesellschaft nicht nialherren für die ärmeren Leute errichtet wur-
lich da“, berichtet eine Schwester. Mitten im entspricht. Die Sterblichkeit de. Wer auf sich hielt, ließ sich lieber auf dem
Kreißsaal. „Ich habe sofort gesehen, dass es von Schwangeren in Malawi Hügel im Central-Hospital behandeln.Gleich
bei ihr etwas Größeres wird.“ Die Zwillinge sind
ein bisschen zu früh auf die Welt gekommen.
ist weltweit am höchsten, gemessen an den
friedlichen Ländern. Nach Schätzungen der >>>> nebenan auf dem alten Gelände haste ich im
Laufschritt durch den flachen Ziegelsteinbau,
Für Chipirino war es die erste Geburt. Schwan- Weltgesundheitsorganisation WHO überleben der inzwischen dem Verfall preisgegeben ist.
gerschaftskontrollen hat sie nie gemacht. In 1.800 von 100.000 Frauen die Entbindung Die Fenstergläser der Türen sind zerbrochen,
dem Dorf, wo sie wohnt, gibt es keinen Arzt. nicht. In Deutschland sind es gerade neun. Im geben den Blick frei in den ehemaligen Kreiß-
„Ich wusste nur: wenn es soweit ist, muss ich in Bwaile-Hospital stirbt - rein rechnerisch - jede saal. Alles wirkt, als sei es am Vortag erst ver-
diese Klinik gehen“, sagt sie. Woche eine Mutter. lassen worden.

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>>>>
„Eigentlich sollte man
einen Menschen nicht
bemitleiden, besser ist
es, ihm zu helfen.“
Maksim Gorkij

Bilder: Dr. Harald Müller

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Was war eich müde belächelt worden für all
>>>> Solche Zustände seien „permanente meine hochfliegenden Pläne. Doch im Dezem-
ber 2007 wurde der Spatenstich gefeiert. Seit
Menschenrechtsverletzungen“ gewesen. November erfüllt Baby-Geschrei den Neubau
des Malawi-Krankenhauses, das beim Volk
>>>> Bottom-Hospital heißt, weil der Vorgänger
1936 von den britischen
Noch immer stehen die vierzehn Betten neben-
einander, in denen die Frauen im Akkord ihre
Kinder zur Welt brachten, notdürftig abgetrennt
Kolonialherren für die
ärmeren Leute errich- „Es ist das Beste,
tet wurde. Wer auf sich
durch einen schimmeligen, alten Vorhang. Von
Privatsphäre keine Spur. Nicht selten konnte es
hielt, ließ sich lieber auf
dem Hügel im Central-
was es gibt, wenn
ich einem Menschen
passieren, dass eine Wöchnerin und ihr Neu-
Hospital behandeln.
geborenes neben einer Frau lagen, die gerade
schrieb ein Journalist in
eine Totgeburt erlitten hatte. Solche Zustände
seien „permanente Menschenrechtsverletzun-
gen“ und trotzdem interessiert es kaum jemand.
seiner Begleitung. „Es
gibt nur einen Inkuba- in höchster Lebens-
tor, und falls der in Ge-

Besuch von Jack McConnell.


brauch ist, wenn gerade
ein krankes Baby zur
gefahr helfen kann.“
Welt kommt, so wird das unglückliche Kind
Im Mai 2005 machte der damalige Erste Minis-
ter Schottlands, Jack McConnell, seine Visite
der Mutter zum Sterben zurückgegeben.“ Der >>>>
Artikel samt Spendenaufruf rührte einen der
im alten Bwaile-Hospital. Was er sah, war scho-
reichsten Männer Schottlands: Sir Tom Hun-
ckierend. „Die Fenster sind zerbrochen, der Ge-
ter verdoppelte alle Spendenbeträge, auch die
stank von Urin und Jauche fegt durch die Flure“,
irische Organisation „The Rose Project“ zeigte
schrieb ein Journalist in seiner Begleitung. „Es
sich großzügig. Am Ende kamen sechs Millio-
gibt nur einen Inkubator, und falls der in Ge-
nen Euro für zwei Neubauten am Bwaile und
brauch ist, wenn gerade ein krankes Baby zur
Central-Hospital zusammen.
Welt kommt, so wird das unglückliche Kind der
Mutter zum Sterben zurückgegeben.“ Der Arti-
Ich packte das Kind, holte es zurück ins Le-
kel samt Spendenaufruf rührte einen der reichs-
ben und gab es der Mutter. Doch wie seltsam:
ten Männer Schottlands: Sir Tom Hunter ver-
die Frau freute sich erst, als der Arzt seine Be-
doppelte alle Spendenbeträge, auch die irische
geisterung zeigte. Es ist das Beste, was es gibt,
Organisation „The Rose Project“ zeigte sich
wenn ich einem Menschen in höchster Lebens-
großzügig. Am Ende kamen sechs Millionen
gefahr helfen kann durchzukommen. Das ist
Euro für zwei Neubauten am Bwaile und unser
unbezahlbar.
Central-Hospital zusammen. Aber sechs Millio-
nen sind ein Witz. In Stuttgart bräuchte man für
diese Größenordnung 100 Millionen. Es ist hier
Afrika und nicht Europa, ein ganz andere Kultur.

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>>>> So helfen Ihre Spenden: >>>>
Die Rotkreuzgesellschaften und das
IKRK engagieren sich auch in anderen

Mit 52 Euro kann sich eine Familie Ländern Afrikas, wo Unterernährung


und Nahrungsknappheit eine große
einen Monatlang ernähren. Rolle spielen. Mit nachhaltigen Anbau-
methoden, Bewässerungssystemen
und gezielten Schulungen der freiwilli-
Mit 100 Euro können wir zwanzig Moskito- gen Helfer sollen sich diese Länder auf
zukünftige, klimabedingte Situationen
netze im Krankenhaus verteilen. wie Dürren besser vorbereiten können.

Mit 250 Euro können wir die Wohnhütte von Spendenkonto:


Aidswaisen-Kindern erneuern. Bank f. Sozialwirtschaft
Kontonummer: 41 41 41
Mit 390 Euro können wir unsere Gesund- BLZ: 370 205 00
heitsstation in Malawi mit Medizin für ein
Vierteljahr ausstatten. Spenden-Servicetelefon:

01805-414004
(14 Cent pro Minute)

E-Mail: spenderservice@DRK.de
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>>>>
„Ihre Hilfe kommt an,
jeden Tag, ich darf es
selbst erleben,Danke.“
Dr. Harald Müller

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