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Martin Bartels · Selbstbewußtsein und Unbewußtes

WDE

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Quellen und Studien
zur Philosophie

Herausgegeben von
Günther Patzig, Erhard Scheibe, Wolfgang Wieland

Band 10

Walter de Gruyter · Berlin · New York


1976

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Selbstbewußtsein und
Unbewußtes
Studien zu Freud und Heidegger

von
Martin Bartels

Walter de Gruyter · Berlin · New York


1976

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D 7 Heidelberger philosophische Dissertation

CIP-Kurztitelaufnähme der Deutschen Bibliothek

Bartels , Martin
Selbstbewußtsein und Unbewußtes : Studien zu
Freud u. Heidegger. — Berlin, New York :
de Gruyter, 1976.
(Quellen und Studien zur Philosophie ; Bd. 10)
ISBN 3-11-005778 6

©
1976 by Walter de Gruyter & Co., vormals G. J. Göschen'sdie Verlagshandlung · J. Guttentag, Verlags-
buchhandlung · Georg Reimer · Karl J . Trübner · Veit & Comp., Berlin 30, Genthiner Straße 13.
Alle Redite, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Ge-
nehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf photomedianischem
Wege (Photokopie, Mikrotopie, Xerokopie) zu vervielfältigen.
Printed in Germany
Satz und Druck: Walter Pieper, Würzburg
Bindearbeiten: Wübben 8c Co., Berlin

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Vorwort

Die vorliegende Arbeit ist die umgearbeitete und erweiterte Fassung


meiner Dissertation, die im Wintersemester 1970/71 unter dem Titel
„Selbstbewußtsein als interessegeleiteter Vollzug. Der psychoanalytische
und der existenzialontologische Beitrag zum Selbstbewußtseinsproblem"
von der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Heidelberg an-
genommen worden ist.
Erste Einführungen in die Selbstbewußtseinsproblematik und die
Existenzialontologie erhielt ich in Vorlesungen und Seminaren von Helmut
Fahrenbach, Dieter Henrich und Ernst Tugendhat. Das Entstehen der Ar-
beit hat Ernst Tugendhat mit stetigem Interesse und sachlich ergiebiger
Kritik begleitet. Günther Patzig, Wolf gang Wieland und Erhard Scheibe
ermöglichten die Drucklegung der Arbeit. Ihnen allen sei an dieser Stelle
herzlich gedankt.

Heidelberg im August 1976 Μ. B.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort V

Einleitung: Die Rechtfertigung einer bewußtseinstheoretischen Inter-


pretation der Psychoanalyse 1
1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze . . . . 2
a) Die behavioristische Reformulierung der psychoanalytischen
Theorie 2
b) Die sprachphilosophischen Ansätze zur Reformulierung der
psychoanalytischen Theorie 9
2. Der bewußtseinstheoretische Ansatz der Interpretation . . 22
a) Die psychoanalytische Theorie als Explikation des praktischen'
Selbstbewußtseins 22
b) Fichtes Theorie des interessegeleiteten Selbstbewußtseins als
leitender Vorbegrifi der Interpretation 24

Erster Teil:
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds als ,empirische' Interpretation
des interessegeleiteten Selbstbewußtseins

I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche als ,verdinglichende'


Interpretation des Selbstbewußtseinsvollzugs 33
1. Die Psychoanalyse als „Deutungskunst" und als „Naturwissen-
schaft 34
a) Der deskriptive Ansatz der psychoanalytischen Deutungskunst:
Der Vollzug des Selbstbewußtseins als ,bewußtseinsumgrenzen-
des Handeln' 34
b) Der methodische Ansatz der Psychoanalyse als Naturwissen-
schaft: Die Uminterpretation des bewußtseinsumgrenzenden
Handelns in die Wirkung von psychischen K r ä f t e n . . . . 39
c) Die Verdinglichung des bewußtseinsumgrenzenden Handelns in
der „analytischen" Gliederung des „psychischen Apparats" . 41
2. Das psychologische Modell der Psyche als Veranschaulichung
des bewußtseinsumgrenzenden Handelns 46
a) Die psychologische Konzeption der „psychischen Zensur": Die

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VIII Inhaltsverzeichnis

Annahme oder Verdrängung unbewußter Akte als bewußtseins-


umgrenzendes Handeln 46
b) Der Ursprung der psychologischen Konzeption „psychischer
Zensur" in Freuds Deskription bewußter Selbstkontrolle . . 49
c) Der unzureichende Bewußtseinsbegriff des psychologischen Mo-
dells der Psyche bedingt die ,Verdinglichung' des bewußtseins-
umgrenzenden Handelns 51
3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche als ,Mechani-
sierung' des bewußtseinsumgrenzenden Handelns . . . . 53
a) Die naturwissenschaftlichen Grundannahmen der „analytischen"
Psychologie entspringen der Psychologisierung' neurophysiolo-
gischer Hypothesen 54
b) Die naturwissenschaftliche Interpretation der psychischen Zen-
sur scheitert an der „Verdrängung": Das bewußtseinsumgren-
zende Handeln läßt sich nicht in die Wechselwirkung mechani-
scher Kräfte umsetzen 64
4. Zusammenfassung: Die theoretische Aporie der psychoanalyti-
schen Interpretation des bewußtseinsumgrenzenden Handelns 69
Tl. Die psychoanalytische „Ichpsychologie" als genetische Interpreta-
tion der leitenden Interessen des Selbstbewußtseinsvollzugs . . 72
1. Der erste Ansatz zur psychoanalytischen Ichpsychologie in
Freuds „Psychologie der Traumvorgänge" 74
a) Die Ableitung des Ich aus der Triebdimension· Das Ich als
System der Triebhemmung im Dienste des Lustprinzips . . 74
b) Die Beschreibung des Ich im Verhältnis zur Triebdimension:
Das Ich als selbständige Gegeninstanz zum triebhaften Lust-
streben 81
2. Der zweite Ansatz zur psychoanalytischen Ichpsychologie in
Freuds Untersuchungen zur Triebstruktur und -entwicklung . 84
a) Freuds Triebtheorie: der Trieb als „Grenzbegriff zwischen Seeli-
schem und Somatischem" 85
b) Die Ableitung des Ich aus der Triebdimension: Das Ich als Zu-
sammenhang der Selbsterhaltungstriebe, die das Luststreben der
Sexualtriebe hemmen 88
3. Die Ausarbeitung der psychoanalytischen Ichpsychologie in
Freuds „strukturpsychologischen" Untersuchungen . . . 94
a) Einleitung: Die Fragestellung der Interpretation. Freuds „struk-
turpsychologische" Methode 94
b) Die strukturpsychologische Umformung der Triebtheorie als Be-
stimmung der Triebhaftigkeit „jenseits des Lustprinzips" . . 96
c) Die Ableitung des Ich aus dem Es: Das Ich als System der
„Selbsterhaltung", das die infantilen „Urverdrängungen" voll-
zieht 99

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Inhaltsveßeidinis IX

d) Die Ableitung des Überich aus dem Ich: Das Überich als System
der normativen Ichtendenzen 102
e) Die Neubestimmung des Ich in der Ableitung des Überich: Das
Ich als „Organisation", die vom „Streben nach Einheitlichkeit"
geleitet wird 108
f) Die zeitliche Struktur des „integrierenden" Ich: Das leitende
Ichinteresse bestimmt die ,Präsenz' des eigenen Lebenszusam-
menhangs 119
4. Zusammenfassung: Die Leistung und die Grenzen der psycho-
analytischen Aufklärung des interessegeleiteten Selbstbewußt-
seins 123

Zweiter Teil
Die Daseinsanalytik Martin Heideggers als ontologische Interpretation
des interessegeleiteten Selbstbewußtseins und ihr Verhältnis
zur Psychoanalyse

1. Die formale Struktur des interessegeleiteten Selbstbewußt-


seins Vollzugs 132
a) Der methodische Ansatz der Selbstbewußtseinsproblematik:
Die Frage nach dem „Sinn von Sein" ermöglicht die Frage nach
der ursprünglichsten Selbsterfahrung des „Daseins" . . . 132
b) Die existenzialontologische Selbstbewußtseinskonzeption: Das
Verhältnis zu sich selbst als Vollzug des eigenen „Zu-sein" in
der „Hin- oder Abkehr" gegenüber sich selbst . . . . 136
c) Das Problem des Verhältnisses zwischen der existenzialontologi-
schen Selbstbewußtseinskonzeption und der psychoanalytischen
Gliederung der Psyche 142
2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur: Das
Selbstbewußtsein als Auseinandersetzung mit der „Unheim-
lichkeit" des Daseins 146
a) Das Selbstverhältnis der Abkehr: In der „Flucht" vor sich selbst
verdeckt sich das Dasein seine Unheimlichkeit . . . . 146
b) Die theoretische Relevanz der existenzialontologischen Verdek-
kungskonzeption für die psychoanalytische Verdrängungstheorie 155
c) Das Selbstverhältnis der Hinkehr: In der Übernahme der eige-
nen Unheimlichkeit überwindet das Dasein die alltägliche Ver-
deckungstendenz. Die Grenze der existenzialontologischen Inter-
pretation der Verdeckung 162
3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins: Das Selbstbewußtsein
als Auseinandersetzung mit der zeitlichen „Endlichkeit" des
Daseins 170

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X Inhaltsverzeichnis

a) Die zeitliche Verfassung des ,ich-bin': Der Vollzug des eigenen


„Zu-sein" als zeitliche „Erstreckung" des Daseins . . . 170
b) Die Zeitlichkeit der Hinkehr: Die ekstatische Erschlossenheit
der eigenen Endlichkeit als Begründung zeitlicher ,Identität' . 173
c) Die Zeitlichkeit der Abkehr: Das ekstatische Verdecken der
eigenen Endlichkeit als Begründung des zeitlichen ,Identitäts-
verlusts' 179
d) Die Relevanz der existenzialontologischen Konzeption zeitlicher
Identität für das Verständnis der psychoanalytischen Integra-
tionstheorie 183
4. Schluß: Der psychoanalytische und der existenzialontologische
Beitrag zum Verständnis des interessegeleiteten Selbstbewußt-
seins 189

Literatur 197

Register 199

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Einleitung
Die Rechtfertigung einer bewußtseinstheoretischen
Interpretation der Psychoanalyse

Die vorliegende Arbeit interpretiert die psychoanalytische Theorie als


begrifflich unangemessene Explikation des praktischen' Selbstbewußtseins,
in dem das Individuum jeweils selbst noch entscheidet, in welchen Grenzen
es sich seine eigene faktische Existenz und seine ,Welt' erschließen will. Die
unzureichend geklärten Grundbegriffe, von denen Freud sich leiten läßt, füh-
ren zu theoretischen Schwierigkeiten, die nicht mehr durch empirische For-
schung ausgeräumt, sondern nur durch einen neuen begrifflichen Rahmen für
die Theoriebildung bereinigt werden können. In ihrer Kritik und ihrem
Neuvorschlag orientiert sich die vorliegende Arbeit an Heideggers Selbst-
bewußtseinstheorie, die das praktische* Selbstbewußtsein in seinem Spiel-
raumcharakter und seiner Interessengebundenheit analysiert. Die Interpre-
tation untersucht, inwieweit diese Selbstbewußtseinskonzeption eine Basis
bietet, um die Schwierigkeiten der analytischen Theoriebildung auszuräumen
und zugleich den systematischen Zusammenhang der verschiedenen Theorie-
anteile durchsichtig zu machen.
Das hier skizzierte Programm knüpft an eine Diskussion an, die schon
die Entstehung der psychoanalytischen Theorie begleitet hat. Schon Freud
hatte sich mit den bewußtseinstheoretischen Einwänden seiner Zeitgenos-
sen auseinanderzusetzen, die sich gegen die Existenz eines „unbewußten
Psychischen" richteten, und er forderte seine Kritiker auf, auf andere Weise
als mit den psychoanalytischen Grundbegriffen von seiner Entdeckung Re-
chenschaft zu gebenInzwischen ist jedoch die bewußtseinstheoretische Aus-
einandersetzung von zwei konkurrierenden philosophischen Konzeptionen
beinahe verdrängt worden, die von anderen theoretischen Ansatzpunkten
ausgehen und damit die Berechtigung einer bewußtseinstheoretischen Refor-
mulierung der Psychoanalyse infragestellen. Der Behaviorismus lehnt die
Annahme von Bewußtseinsvorgängen prinzipiell ab und versucht, Freuds

ι Vgl. S. Freud: Gesammelte Werke, Band XI; S. 286 £. Die Werkausgabe Freuds
wird ini folgenden Text lediglich mit Band- und Seitenzahl zitiert.

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2 Die Rechtfertigung der Interpretation

Entdeckungen konsequent in einem theoretischen Rahmen zu explizieren,


der die Beziehungen von Umweltfaktoren und Verhaltensvariablen als Un-
tersuchungsfeld festlegt. Die sprachphilosophische Reformulierung der Psy-
choanalyse leugnet zwar die Existenz einer psychischen ,Innerlichkeit' nicht,
aber sie klärt diesen Bereich nicht mehr im Rahmen einer Bewußtseinstheorie
auf, sondern untersucht die Art und Weise, wie wir über .innere Zustände'
sprechen. Damit interpretiert sie Freuds Entdeckungen im Rahmen der
„Sprachzerstörung" und der „Rekonstruktion" sprachlicher Kompetenz und
sieht in der Bewußtseinstheorie nur die metaphorische Darstellung sprach-
licher Strukturen.
Angesichts dieser konkurrierenden Ansätze ist die bewußtseinstheore-
tische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse nicht mehr selbstverständ-
lich, sondern muß sich erst in der Kritik ihrer Konkurrenten rechtfertigen.
Eine solche Kritik ist nicht das Thema der vorliegenden Arbeit, aber sie soll
wenigstens so weit geführt werden, daß die Berechtigung einer bewußtseins-
theoretischen Reformulierung einleuchtend wird. Die folgende Einleitung
soll zeigen, daß gegenwärtig weder ein Verhaltenskonzept noch ein Sprach-
begriff verfügbar sind, die Freuds Entdeckungen voll gerecht werden. Von
daher erscheint es berechtigt, eingehend zu fragen, ob die Möglichkeiten zur
bewußtseinstheoretischen Reformulierung der Psychoanalyse bisher schon
voll ausgeschöpft sind.
Für die grobe und skizzenhafte Auseinandersetzung mit den beiden kon-
kurrierenden Positionen orientiert sich die Interpretation am Verdrängungs-
phänomen, das Freuds zentrale Entdeckung darstellt, zugleich aber auch die
größten Schwierigkeiten für die Theoriebildung aufgeworfen hat. Die Inter-
pretation wird, bevor sie sich später eingehend mit diesem Phänomen be-
schäftigt (s. u. S. 64 ff.), im vorliegenden Zusammenhang prüfen, wieweit
die Sprachtheorie und der Behaviorismus von der Verdrängung theoretisch
Rechenschaft geben können.

1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze

a) Die behavioristische Reformulierung der psychoanalytischen Theorie


Die radikalste Kritik an Freuds Strukturmodell der Seele hat der Be-
haviorismus entwickelt, indem er Freuds Annahme eines „psychischen Appa-
rats" als irreführende Fiktion ablehnt und damit überhaupt den Bereich
der psychischen ,Innerlichkeit' für den Menschen leugnet. Diese Position

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 3

hat Skinner in seinen Arbeiten theoretisch am weitesten entwickelt und zu-


gleich am konkretesten auf die Freudsche Theorie bezogen2.
Für Skinner bleibt Freud mit der Annahme eines strukturell gegliederten
Seelenlebens noch in unwissenschaftlichen Unterstellungen der philosophi-
schen Tradition befangen. Diese Tradition hatte das unvorhersehbare Verhal-
ten des Menschen dadurch zu erklären versucht, daß sie mit dem „Ich" ein
innerpsychisches Aktzentrum einführte, das das beobachtbare Verhalten des
Individuums determiniert. Damit hatte sie jedoch lediglich eine unzulässige
ad-hoc-Erklärung für das spontane Verhalten des Menschen gegeben: die
Handlungsweise des innerseelischen Aktzentrums (Ich) läßt sich nämlich
gar nicht unabhängig von seinen angeblichen Äußerungen im Verhalten nach-
weisen und kann deshalb nicht als selbständige Ursache beobachteter Wir-
kungen in Anspruch genommen werden.
Diesen Mangel vermeidet Freud, indem er das beobachtbare Verhalten
von Erwachsenen zu bestimmten prinzipiell dokumentierbaren Schlüssel-
situationen der Kindheit in Beziehung setzt und damit Umweltgegebenhei-
ten als Ursachen für menschliche Verhaltensweisen einführt. Doch er bleibt
für Skinner dem traditionellen Ansatz zugleich auch noch verhaftet, indem
er die Seele als Bindeglied zwischen den Umweltfaktoren der Kindheit und
dem untersuchten Verhalten des Erwachsenen festhält: Bestimmte „trau-
matische" Umweltkonstellationen verändern für Freud die jeweilige inner-
psychische Konstellation von Wünschen, Gefühlen und Vorstellungen; diese
Veränderungen bleiben innerhalb der Seele fixiert und können sich, nach lan-
gen Zeiträumen innerhalb des Erwachsenenlebens in beschreibbarem Ver-
halten wieder zum Ausdruck bringen.
Für Skinner ist dieses Konzept einer psychischen Innerlichkeit eine
überflüssige und die Theorie vielfach belastende Fiktion, die Freud lediglich
annahm, „um die räumliche und zeitliche Lücke zwischen den Ereignissen zu
überbrücken, deren Kausalzusammenhang er nachgewiesen hatte" 3.
Skinner versucht diese Lücke ohne unausweisbare theoretische Annah-
men zu überbrücken, indem er das klassische Reiz-Reaktionsschema des Be-
haviorismus um den Mechanismus der „positiven bzw. negativen Verstär-
kung" erweitert. Innerhalb des klassischen Schemas ist menschliches Verhal-

2 Zu seiner Kritik einer psychischen ,Innerlichkeit' und zur Erläuterung seiner eigenen
Grundbegriffe vgl. B. F. Skinner: Wissenschaft und menschliches Verhalten. Mün-
chen 1973; Kap. 1—8. Eine populäre Einführung in seine Theorie gibt Skinner in
Jenseits von Freiheit und Würde" (Reinbek 1973); S. 9—36, 42—46.
3 B.F. Skinner: Kritik psychoanalytischer Begriffe und Theorien. In: E. Topitsch
(Hrsg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln und Berlin 21965; S. 456.

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4 Die Rechtfertigung der Interpretation

ten immer dann zureichend erklärt, wenn es als Reaktion auf aktuelle, ein-
deutig identifizierbare Umweltreize aufgefaßt werden kann. In diesem Rah-
men läßt sich aber nicht das spontan auftretende Verhalten erklären, für das
keine bestimmten und aktuellen Reize mehr angegeben werden können. An
diesem Punkt führt Skinner die Unterscheidung zwischen Reizen und „Ver-
stärkern" für menschliches Verhalten ein: während Reize bestimmte Reak-
tionen auslösen, verändern Verstärker die Wahrscheinlichkeit, mit der sich
das Verhalten des Individuums innerhalb analoger Situationen wiederholen
wird. Durch die positiven bzw. negativen Verstärkungen wirkt die Umwelt
selektiv auf das Verhalten des Individuums ein: sie fixiert diejenigen Ver-
haltensweisen als relativ stabile Verhaltensmuster, die in bestimmten Situa-
tionstypen für das Individuum überwiegend zum gewünschten Erfolg ge-
führt haben. Innerhalb der Gesamtheit der Verstärker unterscheidet Skinner
zwischen Verstärkern, die ζ. B. in experimentellen Situationen durch Ver-
suchsleiter willkürlich festgelegt sind, und den Verstärkern innerhalb der
zwischenmenschlichen Interaktion, die einfach in den sozial festgelegten Fol-
gen eines bestimmten Verhaltens liegen.
Von der bisher skizzierten theoretischen Basis aus versucht Skinner den
Zusammenhang zwischen traumatischer Kindheitssituation und abnormem
Erwachsenenverhalten zu erklären, ohne auf den „psychischen Apparat" als
überbrückendes Zwischenglied zurückgreifen zu müssen 4 .
Für Skinner muß das unverständliche Agieren des Neurotikers als spon-
tanes Verhalten beschrieben werden, für das sich keine zureichenden aktuel-
len Auslöser angeben lassen und das von den zu erwartenden situationsbezo-
genen Verhaltensweisen abweicht. Es wird zureichend erklärt, indem die
analogen Kindheitssituationen angegeben werden, in denen das gegenwärtig
zu beobachtende Verhalten durch Verstärkung selegiert und festgelegt wurde.
Da diese Situationen und ihre kausale Verknüpfung vom Handelnden in der
Regel vergessen, d. h. nicht beschreibbar sind, bedarf das neurotische Ver-
halten der psychoanalytischen Untersuchung.
Skinners differenzierte Analysen vereinfachend, läßt sich die frühkind-
liche Konditionierung des neurotischen Erwachsenenverhaltens folgender-
maßen beschreiben: das „erbgenetisch verstärkte" d. h. triebhafte Verhalten

4 Zur Auseinandersetzung Skinners mit der Psychoanalyse vgl. „Wissenschaft und


menschliches Verhalten"; S. 270—272 und S. 344—348. An diesen Textstellen gibt
Skinner eine Ubersicht über die für die Psychoanalyse relevanten Partien des Buches.
Zusammenfassungen seiner Freudkritik und seiner eigenen Verdrängungskonzeption
finden sich in „Freiheit und Würde"; S. 66—84 und in dem Aufsatz „Kritik psycho-
analytischer Begriffe und Theorien".

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 5

des Kindes löst innerhalb seiner sozialen Umwelt aversive Reize, ζ. B. Ab-
lehnung oder sogar Bestrafung durch die Eltern aus. Sind diese Reize inten-
siv genug, dann veranlassen sie das Kind, sein triebhaftes Verhalten aufzu-
geben und zugleich nach dem Schema von Versuch und Irrtum ein neues
Ersatzverhalten zu suchen, das die aversiven Reize der sozialen Umwelt ver-
meidet. Ist ein solches Verhalten gefunden, dann wird es sogleich massiv
durch das Ausbleiben der befürchteten Bestrafung verstärkt und in den Wie-
derholungen der ursprünglichen Konfliktsituation als Verhaltensmuster fi-
xiert. Für das Ersatzverhalten lassen sich zwei graduell verschiedene Verhal-
tenstypen unterscheiden. Entweder kann das ursprüngliche triebhafte Ver-
halten unter dem Druck der aversiven Reize vollkommen ausgelöscht und
durch das genau gegensätzliche Verhalten ersetzt werden; das primäre Ver-
halten ist dann „verdrängt" und durch eine „Reaktionsbildung" ersetzt. Oder
aber das primäre Verhalten wird nur soweit modifiziert, daß es die Bestra-
fung vermeidet, zugleich aber auch noch deskriptive Ähnlichkeit mit dem
ursprünglichen Verhalten aufweist. Hier handelt es sich gleichsam um ein
taktisches, getarntes Verhalten, eine „Kompromißbildung" zwischen der
Tendenz des triebhaften Verhaltens und der Tendenz der aversiven Umwelt-
reize.
Das Verhaltensmuster, das auf die beschriebene Weise in bestimmten
Konfliktsituationen ausgebildet wird, wird nach dem Schema der Kondi-
tionierung auf mehr oder weniger analoge Situationen des Erwachsenen-
lebens übertragen, in denen die ursprünglichen aversiven Reize nicht mehr
drohen. An die Stelle der drohenden aversiven Reize treten ursprünglich un-
bedeutende Kennzeichen der Konfliktsituation, die nur durch ihre frühere
ständige Verbindung mit den ursprünglich signifikanten aversiven Reizen
selbst ihren signifikanten Charakter gewinnen. Auf diese Weise geht die
Kontrolle und Einschränkung des triebhaften Verhaltens durch die soziale
Umwelt über in die neurotische Selbstkontrolle und Selbsthemmung.
Der bisher skizzierten behavioristischen Theorie kann man zunächst den
grundsätzlichen Vorwurf machen, sie klammere die erkenntnistheoretischen
Voraussetzungen aus, auf denen sie selbst beruhe, und gebe damit zugleich
ein falsches Bild vom Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren und mensch-
lichem Verhalten5. Das menschliche Verhalten wird nämlich nicht unmittel-
bar von beobachtbaren Umweltgegebenheiten bestimmt, sondern ist immer
von der Auffassung abhängig, die der Handelnde von seiner eigenen Situa-
5 Vgl. J. Habermas: Zur Logik der Sozialwissenschaften. Frankfurt 1970; S. 138—156.
Außerdem zentral: P. Ricoeur: Die Interpretation. Frankfurt 1969; S. 352—385,
15—32, 50—70.

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6 Die Rechtfertigung der Interpretation

tion hat. Diese Auffassung artikuliert sich in der ,situativen Bedeutung', die
Umweltfaktoren für ihn gewinnen, und in den Handlungsalternativen, die
sich für ihn als situationsangemessen bieten. Eben diese Auffassung der
Handlungssituation muß aber auch dem ,Beobachter' vertraut sein, wenn er
aus der unübersehbaren Anzahl aktueller Reize die jeweils relevanten Sti-
muli auswählt und ihnen eine Handlung als angepaßtes, erwartbares Ver-
halten zuordnet. Nur weil wir beobachtbares Verhalten immer schon in dem
angedeuteten Sinne ,verstehen', können wir überhaupt zwischen unangepaß-
tem „neurotischem" und realitätsgerechtem Verhalten unterscheiden und
damit den Phänomenbereich ausgrenzen, um dessen Aufklärung sich die
Psychoanalyse bemüht.
Auf diesen häufig wiederholten Einwand gegen den methodischen An-
satz des Behaviorismus braucht sich die bewußtseinstheoretische Kritik je-
doch nicht zu beschränken. Sie kann sich vielmehr auf die verhaltenstheoreti-
schen Grundannahmen einlassen und nach Zusammenhängen innerhalb des
menschlichen Verhaltens suchen, die in diesem theoretischen Rahmen nicht
mehr deskriptiv angemessen dargestellt und erklärt werden können. Für eine
solche immanente Kritik bietet sich Freuds Entdeckung des Verdrängungs-
phänomens an, das den Rahmen der Verhaltenstheorie zu sprengen scheint
und damit die Annahme einer psychischen ,Innerlichkeit' nahelegt. Im fol-
genden sollen drei Kritikpunkte skizziert werden.
1. Skinners Reformulierung des Verdrängungsvorgangs unterscheidet
nicht zwischen motivierendem Trieb und triebhaft bedingtem Verhalten und
interpretiert deshalb das kindliche Vermeidungsverhalten auch schon als ab-
normes Verhaltensschema des Neurotikers. Für Freud führt dagegen die
„Reaktionsbildung" auf das triebhafte Verhalten keineswegs schon zu ab-
normen und auffälligen Verhaltensweisen, sondern nur zu Verhaltensmu-
stern, die im Gegenzug zu den ursprünglichen Verhaltensweisen ausgebildet
werden und das ursprüngliche triebhafte Verhalten unterdrücken. Zur Sym-
ptombildung kommt es dagegen erst durch die „Wiederkehr des Verdräng-
ten, das sich in der Symptombildung gegen den Druck der Reaktionsbil-
dungen durchsetzt und damit das ursprüngliche triebhafte Verhalten in ver-
wandelter und verschleierter Form fortsetzt. Damit ist ein Verhaltenstyp
eingeführt, der weder durch aktuelle Umweltreize noch durch frühkindlich
erlernte Verhaltensmuster der Vermeidung erklärt werden kann. Vielmehr
ist das abnorme Verhalten des Erwachsenen in der Tatsache begründet, daß
er bestimmte „erbgenetisch verstärkte" Verhaltensweisen unter dem Druck
aversiver Reize aufgeben mußte, ohne damit auch schon den ,inneren An-
trieb' zu diesem Verhalten aufzugeben. Wenn nämlich der Verzicht auf trieb-

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 7

haft verstärktes Verhalten selbst die Ursache für abnorme Verhaltensände-


rungen werden kann, dann zeigt sich damit, daß der „Triebwunsch" nicht
einfach mit dem „erbgenetisch verstärkten Verhalten" gleichgesetzt werden
kann, sondern als selbständiges „innerpsychisches" Phänomen aufgefaßt wer-
den muß. Die „Wiederkehr" der ursprünglichen, verdrängten Verhaltens-
weisen ist doch nur möglich, wei] der Triebwunsch nicht zugleich mit dem
triebhaften Verhalten ausgelöscht worden ist, sondern nach neuen Ausdrucks-
möglichkeiten drängt, nachdem ihm seine ursprünglichen Artikulationsfor-
men entzogen worden sind. Diese Selbständigkeit des Triebes gegenüber
seinen Manifestationen im Verhalten betont Freud, indem er innerhalb sei-
nes „energetischen" Konzepts der Psyche den Trieb metaphorisch als psychi-
sche Kraft mit einer bestimmten Kraftrichtung und Energiemenge faßt.
2. Indem Skinner das abnorme Verhalten des Erwachsenen als Fortset-
zung des kindlichen Vermeidungsverhaltens auf faßt, verdeckt er nicht nur
den Trieb als Ursache für das neurotische Verhalten, sondern verfälscht auch
die genuine Beziehung zwischen der kindlichen Konfliktsituation und der
entsprechenden Situation des abnormen Erwachsenenverhaltens. Das Kri-
terium für ihre Zusammengehörigkeit liegt für Skinner darin, daß das ab-
norme Erwachsenenverhalten partielle, aber signifikante Züge des trieb-
bestimmten kindlichen Verhaltens wiederholt; nur unter dieser Vorausset-
zung ist die Relation zwischen beiden Verhaltenseinheiten der einfachen Be-
obachtung zugänglich. Freud dagegen konstatiert zwischen beiden Situatio-
nen eine „symbolische" Beziehung: das neurotische Verhalten steht für das
ursprüngliche und vertritt es im Erwachsenenleben, indem es auf das ur-
sprüngliche Verhalten anspielt. Diese verschleierte Relation ist der einfachen
Beobachtung gar nicht mehr zugänglich; sie stellt sich nämlich erst dadurch
her, daß eine alltägliche Handlungssituation für den Neurotiker eine unbe-
wußte, ,private' Bedeutung gewinnt, auf die er mit seinem abnormen Ver-
halten reagiert. Diese Bedeutung ist zwar für andere Menschen nur deshalb
verständlich, weil sie noch an das intersubjektiv vertraute Verständnis der
wahrnehmbaren Situationsaspekte anknüpft. Aber selbst die Deutungen des
Therapeuten sind auf eine Bestätigung des Patienten angewiesen, die angibt,
in welcher Weise wahrnehmbare Situationsaspekte für die private Deutung
der Handlungssituation relevant geworden sind. So ist z . B . dem Federbett
eines Bettzeremoniells seine Beziehung auf die gravide Mutter nicht einfach
anzusehen; erst nachdem die Patientin das unbewußte ,tertium compara-

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8 Die Rechtfertigung der Interpretation

tionis' gefunden hat, ist die symbolische Beziehung aufgedeckt und allge-
mein verständlich geworden 6 .
Der Anhaltspunkt an sichtbaren Situationsaspekten entfällt dagegen für
alle symbolischen Beziehungen, die auf sprachlichen Mehrdeutigkeiten oder
festen Sprachwendungen beruhen. So kann für eine junge Frau der Tisch
an die Stelle ihres Ehebetts treten, weil dieser Zusammenhang in der stehen-
den' Wendung von ,Tisch und Bett', die gemeinsam die Ehe ausmachen,
bereits vorgeprägt ist 7 .
Von der hier beschriebenen „symbolischen Wiederkehr" des Verdräng-
ten im abnormen Verhalten gibt Freud in seinem „topischen" Modell theo-
retisch Rechenschaft, indem er einen innerpsychischen Zusammenhang von
„Vorstellungen" postuliert, innerhalb dessen die Energie des Triebes ver-
schoben werden kann. Als wirkende Kraft ,bewegt' sich der Trieb also in
einem System inhaltlich zusammengehöriger Symbole und findet seinen Aus-
druck im Verhalten nur dann, wenn er sich innerpsychisch mit bestimmten
Symbolen verknüpft hat, die die individuelle Bedeutung der abnormen
Handlungssituation festlegen.
3. Indem Skinner die symbolische Beziehung zwischen traumatischer Si-
tuation und abnormem Erwachsenenverhalten verkennt, kann er auch Freuds
Unterscheidung zwischen bewußt und unbewußt motiviertem Verhalten ver-
wischen und die verhaltensverändernde Kraft des Bewußtseins übersehen.
Weil das menschliche Verhalten für Skinner ausschließlich von Umwelt-
variablen determiniert wird, hat das Bewußtsein des eigenen Verhaltens und
seiner Ursachen keinen Einfluß auf das Verhalten selbst. Bewußtsein des ei-
genen Verhaltens besteht ausschließlich in der Fähigkeit, die eigenen Ver-
haltensweisen in ihren jeweiligen Kausalzusammenhängen angemessen zu
beschreiben8.
Dieses verhaltenstheoretische Konzept des Bewußtseins wird m. E. durch
die symbolische Beziehung des Symptoms infragegestellt. Natürlich ist der
Neurotiker wie jeder andere Beobachter in der Lage, sein abnormes Verhal-
ten in einer bestimmten Situation zu beschreiben; was ihm unbewußt ist,
ist nicht sein aktuelles Handeln, sondern die Bedeutung seiner Handlungs-
situation und der Sinn dieses Handelns selbst. Darüber hinaus können ihn
theoretische Aussagen der Psychoanalyse und Berichte aus seiner Kindheit
darüber aufklären, in welchen Kausalzusammenhängen das aktuelle abnorme

6 Dieses Beispiel gibt Freud (XI, 275 f.).


7
Das Beispiel stammt ebenfalls von Freud (XI, 269 f.).
8
Zu Skinners Bewußtseinskonzeption vgl. „Kritik psychoanalytischer Begriffe und
Theorien"; S. 461 ff.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 9

Verhalten steht. Aber von dieser Fähigkeit, Zusammenhänge zu beschreiben,


unterscheidet Freud die Einsicht, in der sich dem Patienten der Sinn seines
abnormen Verhaltens konkret erschließt und ihm zugleich die zugehörigen
traumatischen Situationen wieder in der Erinnerung zugänglich werden. Die-
ses Wissen um das eigene Verhalten verändert das Verhalten selbst, indem
es den Zwang des abnormen Verhaltens aufhebt und das Verhalten wieder
der Selbstbestimmung des Individuums unterstellt.
Den hier skizzierten Unterschied zwischen dem Unverständnis und dem
Verständnis des eigenen Verhaltens hat Freud in seinem theoretischen Mo-
dell aufgenommen, indem er innerhalb des innerpsychischen Bereichs der
„Vorstellungen" zwischen den Teilbereichen des Unbewußten und des Be-
wußten unterschied. Ohne den universellen Determinismus der seelischen
Prozesse infragezustellen, beschrieb er die bewußt motivierten Verhaltens-
weisen als Abläufe, die ich jeweils als selbstbestimmt erlebe und um deren
Sinn ich weiß; das unbewußt motivierte Verhalten wird dagegen als zwang-
haft erlebt und ist von sinnstiftenden „Vorstellungen" bestimmt, die mei-
nem Wissen entzogen sind.
Die vorangegangene Auseinandersetzung mit der behavioristischen
Freudkritik hat Freuds Entdeckung des Verdrängungsphänomens herange-
zogen, um die Annahme einer Innerlichkeit' zu rechtfertigen, von der das
beobachtbare Verhalten des Menschen irgendwie abhängig ist. Zugleich ist
die Struktur dieser Innerlichkeit noch ganz unbestimmt geblieben: Freuds
metaphorische Annahmen über den „psychischen Apparat" verlangen nach
einer theoretisch befriedigenden Rekonstruktion, die den Bereich der Inner-
lichkeit nicht einfach leugnet. An diesem Punkt setzt die sprachphilosophische
Kritik und Rekonstruktion der psychoanalytischen Theorie ein.

b) Die sprachphilosophischen Ansätze zur Reformulierung


der psychoanalytischen Theorie

Die sprachphilosophische Kritik der Psychoanalyse richtet sich nicht prin-


zipiell gegen Freuds Annahme einer psychischen ,Innerlichkeit', sondern ge-
gen Grundannahmen des theoretischen Modells, innerhalb dessen Freud die
„inneren Zustände" des Menschen expliziert. Freud faßt Bewußtseinsphäno-
mene als psychische Vorgänge, von denen das Subjekt jeweils unmittelbar
weiß, und interpretiert diese Wissensrelation als innere Wahrnehmung, für
die der psychische Vorgang in absoluter Transparenz zugänglich ist (s.u.
S. 51 ff.). Zugleich sieht sich Freud durch seine Entdeckung der Verdrängung
gezwungen, neben den bewußten audi unbewußte psychische Vorgänge zu-

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10 Die Rechtfertigung der Interpretation

zulassen, und führt damit neue Entitäten ein, die nicht mehr durch die Wis-
sensrelation des Bewußtseins definiert sind, sondern in einem ungeklärten
Sinne real existieren sollen, ohne beobachtbar zu sein.
Beide Annahmen lehnt die sprachphilosophische Kritik der Psychoanalyse
a b S i e sieht in Freuds Auffassung bewußter seelischer Vorgänge nur eine
Fortsetzung der philosophischen Tradition, die das Modell der äußeren
Wahrnehmung auf den Bereich der Innerlichkeit' übertragen hat, um das
unmittelbare Wissen der Person um ihre inneren Zustände theoretisch fas-
sen zu können.
In der neuen Konzeption psychischer Innerlichkeit tritt die sprachliche
Äußerung von inneren Zuständen an die Stelle der inneren Wahrnehmung:
wir erfahren unsere inneren Zustände ursprünglich in der Tendenz, sie
sprachlich zu äußern. Wenn wir dieser Tendenz nachgeben, dann beschreiben
wir keine inneren Gegebenheiten, sondern bringen unsere Zustände direkt
zum Ausdruck. Gefühle, Absichten und Empfindungen sind zwar nicht mit
ihrem sprachlichen Ausdruck identisch, aber sie bestehen für uns nur, sofern
wir sie äußern können 10 . Damit wird der Sprache die fundamentale Rolle
für die Konstitution des Seelenlebens eingeräumt: die Möglichkeiten indivi-
dueller Selbsterfahrung werden durch die Möglichkeiten sprachlicher Arti-
kulation eröffnet und eingegrenzt.
Für diese Auffassung kann die psychische Innerlichkeit nicht mehr als
Bereich bewußter Seelenvorgänge gelten, die unabhängig von ihrem sprach-
lichen Ausdruck bestehen und vorsprachlich zugänglich werden. Genauso
muß sie Freuds Konzeption unbewußter Prozesse ablehnen: statt eine neue
Klasse von psychischen Entitäten einzuführen, muß sie die Verdrängung als
,Sprachverlust' untersuchen. Dabei stellt sich die Aufgabe, genau zu klären,
welche Strukturen der Sprache eines Sprechers betroffen werden, wenn ihm
Ausdrucksmöglichkeiten für bestimmte Wünsche oder Gefühle entzogen
werden.
Diese Aufgabe haben Habermas und Lorenzer in ihren sprachtheoreti-
schen Arbeiten zur Psychoanalyse zu lösen versucht, indem sie gemeinsam
den Sprachverlust der Verdrängung als Verlust von Bedeutungsaspekten

9 Vgl. A. C. Maclntyre: Das Unbewußte. Frankfurt 1968; Kap. III und IV, bes. S.
76—78, 106—109.
Die hier angedeutete Konzeption hat Wittgenstein in den „Philosophischen Unter-
suchungen" (Schriften, Band 1. Frankfurt 1963) §§ 243—315 umrissen. Die zentralen
Thesen Wittgensteins hat S. Shoemaker in seinem Buch „Self-Knowledge and Self-
Identity" (Cornell 1963) weiterentwickelt. Zur Problematik des Ausdrucks von ,in-
neren Zuständen' vgl. W. P. Alston: Expressions. In: M. Blade (Ed.): Philosophy in
America. London 21967; S. 15 ff.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 11

sprachlicher Ausdrücke charakterisieren. Damit wird für ihre Theorie die tra-
ditionelle Unterscheidung von denotativer und konotativer Bedeutung eines
Wortes relevant: Worte können als Mittel intersubjektiver Verständigung
fungieren, weil ihre Bedeutung relativ bestimmt und allgemeinverbindlich
ist. Zugleich läßt sich jedoch die Verdrängung individueller Konfliktsituatio-
nen nur dann als Verlust von ]We«ta»giaspekten auffassen, wenn die rele-
vanten privaten Erfahrungen des Individuums in die Wortbedeutungen sei-
ner Sprache eingehen und in ihnen festgehalten werden. Habermas und Lo-
renzer stehen also vor der Aufgabe, eine Sprachtheorie zu entwickeln, in der
die Allgemeinheit und Besonderheit der Wortbedeutungen so miteinander
vermittelt sind, daß die Verdrängung als ,Bedeutungsverlust' einsichtig wer-
den kann.
Habermas gewinnt seinen Sprachbegriff, indem er Wittgensteins Sprach-
spielkonzept aufnimmt und weiterentwickelt11. Er versucht den Zusammen-
hang von Sprache und „Lebensform" aufzuklären, indem er die natürlichen
Sprachen als differente Möglichkeiten auffaßt, „die Wirklichkeit in verschie-
dene Lebensformen (zu) integrieren" n . Die Sprache gibt also den Mitglie-
dern einer Sprachgemeinschaft eine umfassende Interpretation der Wirklich-
keit vor, die ihrerseits von den Grundintentionen der gesamtgesellschaft-
lichen Praxis und ihren wesentlichen Herrschaftsverhältnissen bestimmt ist.
Herrschaftsinteressen können sich also unbemerkt durchsetzen, indem sie im
Medium der Sprache eine Weltsicht inter subjektiv verbindlich machen, die
ihnen entgegenkommt.
Mit der Interpretation der ,Welt' legt die Sprache zugleich auch die Mög-
lichkeiten individueller Selbsterfahrung für die einzelnen Sprecher fest. Weil

11 Die vorgelegte Interpretation stützt sich auf folgende Arbeiten von J. Habermas: Zur
Logik der Sozialwissenschaften. Frankfurt 1970; S. 148—164, 229—245, 297—305. —
Erkenntnis und Interesse. Frankfurt 1968; S. 262—300, 310—314. — Ohne Zwei-
fel ist die Interpretation einseitig, weil sie sich auf die frühen Arbeiten von Haber-
mas zur Sprachtheorie beschränkt und dabei den Zusammenhang von Sprache und
Emanzipation ausklammert. Für Habermas ist die Sprache der Garant für eine mög-
liche Mündigkeit des Menschen, weil wir mit unseren Aussagen eine Verständigung
anstreben, die nicht auf der Anwendung von Gewalt beruht. Damit ist ein ganz for-
maler Charakter von Sprache angegeben, dem die jeweils herrschaftsbedingte, seman-
tische Begrenztheit des Sprachsystems gegenüber steht. Die Vermittlung beider
Aspekte scheint mir solange schwierig zu sein, wie Sprache als „öffentliche Kom-
munikation" aufgefaßt wird, die im vorhinein das Einverständnis von Partnern über
ihren Handlungsspielraum garantiert. — Die Antizipation einer herrschaftsfreien Le-
bensform in der Sprache hat Habermas in verschiedenen Texten zu klären versucht;
vgl. „Technik und Wissenschaft als .Ideologie'"; S. 163 f. und „Vorbereitende Bemer-
kungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz".
12 J. Habermas: Zur Logik der Sozialwissenschaften; S. 231.

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12 Die Rechtfertigung der Interpretation

das Bewußtsein ,innerer Zustände' an deren sprachliche Artikulationsmög-


lichkeit gebunden ist, bestimmt die Sprache jeweils den Umfang und die
Grenzen der persönlichen Selbsterfahrung und entscheidet damit auch schon
über das Ausmaß individueller Triebbewältigung. Das angeborene Trieb-
potential des Menschen kann nämlich nur in dem Ausmaß verarbeitet wer-
den, wie es in artikulierbaren Motiven oder Emotionen „interpretiert" und
damit zum Bewußtsein zugelassen wird. Unter dieser Perspektive erscheint
der Spracherwerb als „repressiver" Vorgang: das unstrukturierte und „über-
schießende" Triebpotential des Individuums wird im Erlernen von Artiku-
lationsmöglichkeiten kanalisiert und innerhalb herrschaftsbestimmter Gesell-
schaften nur unzureichend zur Bewältigung zugelassen13.
Indem die Sprache die individuelle Selbsterfahrung einschränkt, sichert
sie zugleich die fundamentale Übereinstimmung der Sprecher über ihre zu-
lässigen Absichten und Gefühle. In ihrer semantischen Struktur zeichnet sie
den Spielraum derjenigen Motive und Emotionen vor, die inter subjektiv
geäußert werden können und damit zur öffentlichen Diskussion zugelassen
sind. Interessenkonflikte basieren damit schon auf einem grundsätzlichen
Konsens über ,diskutable' Wünsche und Absichten.
Auf der Basis dieses Sprachbegriffs läßt sich, soweit ich sehe, die Ver-
drängung gar nicht mehr als individueller und ,empirischer' Vorgang anset-
zen. Die Verdrängung vollzieht sich immer schon in der Art und Weise, wie
eine natürliche Sprache das menschliche Triebpotential interpretiert und da-
mit das Ausmaß seiner bewußten Bewältigung festlegt. Auf der Basis dieser
kollektiven und transzendentalen' Verdrängung scheint eine individuelle
Verdrängung gar nicht mehr denkbar zu sein: die semantische Struktur der
Sprache umgrenzt schon den Spielraum grundsätzlich diskutierbarer Motive
und Emotionen und läßt damit unzensierte Triebwünsche gar nicht mehr
zu. Freud dagegen faßt die unbewußten Motive und Emotionen als psychi-
sche Gegebenheiten, die für die soziale Umwelt so ,unerträglich' sind, daß
sie gar nicht erst zur Debatte gestellt werden können sondern in ihrer Exi-
stenz geleugnet werden müssen14.
Rückblickend kann man festhalten, daß der skizzierte Sprachbegriff ein-
seitig die Allgemeinheit und intersubjektive Verbindlichkeit sprachlicher Be-
13 Zu der These einer „repressiven Interpretation" der vorgegebenen Triebdisposition
vgl. J. Habermas: Erkenntnis und Interesse; S. 277, 279, 292—296. — Zur Logik
der Sozialwissenschaften; S. 305.
Trotz der Eingeschränktheit seines Sprachbegriffs hat Habermas eine sprachtheore-
tisch orientierte Verdrängungstheorie vorgelegt, die sich fast völlig mit der Konzep-
tion von Lorenzer deckt. Ich beziehe sie deshalb in meine Darstellung Lorenzers mit
ein, s. u. S. 15 ff.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 13

deutungen akzentuiert und deshalb die Verdrängung als individuellen Vor-


gang nicht mehr verständlich machen kann. Der Zusammenhang von Sprache
und Lebenspraxis wird von Habermas nur auf der transzendentalen Ebene
diskutiert, auf der gejöwjfgesellschaftliche Interessen die allgemeinvzrbind-
liche semantische Struktur der Sprache festlegen.
Die hier sichtbare Schwierigkeit vermeidet Lorenzer, indem er von der
systematisch entgegengesetzten Position ausgeht und die Bedeutung sprach-
licher Ausdrücke durch ihre lebensgeschichtliche Genese erklärt 1 5 . Dabei
orientiert er sich vorrangig an den Ausdrücken, die zugleich Verwandtschafts-
beziehungen bezeichnen und Eigennamen sind (,Vater', ,Mutter' usw.). In
wechselnden Situationen seiner Entwicklung macht das Kind jeweils unter-
schiedliche emotional bedeutsame Erfahrungen mit seinen zentralen Part-
nern. Die jeweils besondere relevante Erfahrung schlägt sich für das Kind
in einem psychischen „Symbol" nieder, das den Partner in seiner emotiona-
len situativen Bedeutung festhält. Zugleich faßt das Kind die verschiedenen
psychisch fixierten Erfahrungen zu einem einheitlichen, umfassenden Sym-
bol zusammen, das als „Objektrepräsentanz" für den jeweiligen Partner
steht 1 6 . Diese „Objektrepräsentanzen" sind nicht innerlich wahrnehmbar,

15 Für die Interpretation seines Sprachbegriiis berücksichtige ich folgende Texte von A.
Lorenzer: Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriiis. Frankfurt 1970; Kap. IV. —
Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Frankfurt 1970; Kap. I I I . Eine kurze und
einfache Darstellung seines sprach theoretischen Konzepts gibt Lorenzer in seinem
Aufsatzband „Perspektiven einer kritischen Theorie des Subjekts" (Frankfurt 1972);
S. 150—155.
Lorenzers Weiterführung seiner Sprachtheorie in seiner Arbeit „Zur Begründung
einer materialistischen Sozialisationstheorie" bleibt unberücksichtigt, weil sie m. E.
die Probleme der früheren Position nicht ausräumt. Lorenzer bemüht sich zwar, die
lebensgeschichtlich gebundene Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken plausibler zu
machen, indem er die Verwandtschaftsnamen nun als Bezeichnungen für bestimmte
Interaktionsformen einführt; aber dadurch entstehen nur neue Schwierigkeiten: Es
bleibt unklar, wie ein Name für eine Interaktionsform ostensiv eingeführt werden
kann, obwohl eine solche Form keine anschauliche reale Gegebenheit, sondern ein
theoretisches Konstrukt ist, das erst in einem Abstraktionsvorgang gebildet wird.
Ebenso bleibt es unklar, wie sich die untersuchten Namen von Bezeichnungen für
verschiedene Interaktionsformen zu Bezeichnungen für identische Personen wandeln
können. Hier liegt die Vermutung nahe, daß das Kind mit dem Namen immer schon
eine identische Person verbindet und gerade deshalb seine emotional unterschiedlichen
Interaktionserfahrungen mit dieser Person untereinander verbinden kann.
1 6 Lorenzers Annahme von Symbolen, die sich zu Objektrepräsentanzen zusammenfügen,

wirft die Frage auf, wie weit er überhaupt über Freuds Unterscheidung von vor-
sprachlichen „Sachvorstellungen" und den zugeordneten „Wortvorstellungen" hinaus-
kommt. Auch die Symbole sind für ihn noch vorsprachliche „psychische Gebilde",
„die als selbständige Einheiten Gegenstand der Denk- und Erkenntnisprozesse wer-
den". (Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs; S. 91). Der Grund für diese
Auffassung liegt wohl darin, daß Lorenzer Freuds Konzeption triebhafter Besetzun-

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14 Die Rechtfertigung der Interpretation

sondern werden für das Kind in der komplexen Bedeutung der Ausdrücke
zugänglich, mit denen es seine zentralen Interaktionspartner benennt. Der
Ausdruck ,Vater' ist also gleichsam der Sammlungspunkt der vielfältigen
emotional relevanten Erfahrungen, die der Sprecher mit seinem Vater ge-
macht hat.
Weil das Kind sich in seinen bedeutsamen Erfahrungen immer in Be-
ziehung auf seine Partner erlebt, ist mit der jeweiligen Objektrepräsentanz
auch immer schon eine „Selbstrepräsentanz" verbunden: dem gewalttätig
und bedrohlich erlebten Vater entspricht ζ. B. das Gefühl eigener Ohnmacht
und Schwäche, das sich im komplexen Selbstverständnis des Sprechers nie-
derschlägt. Ebenso soll mit der emotionalen Erfahrung des Partners auch
schon ein möglicher Handlungsspielraum für das Kind festgelegt sein: vor
dem bedrohlichen Vater muß man sich ζ. B. zu schützen versuchen. So zeich-
nen die komplexen Wortbedeutungen für den Sprecher auch immer schon
mögliche Absichten und Verhaltensweisen gegenüber den entsprechenden
Partnern vor.
Der hier schematisch dargestellte Bedeutungsbegriff akzentuiert die Be-
sonderheit der Wortbedeutungen, indem er das Sprachsystem einer Person
als Niederschlag ihrer Lebenserfahrung deutet. Für diese Auffassung erge-
ben sich jedoch drei Schwierigkeiten:
1. Der skizzierte Bedeutungsbegriff ist nicht in der Lage, die Allgemein-
heit und inter subjektive Verbindlichkeit von sprachlichen Ausdrücken zu
begründen. Für Lorenzer beruht die denotative Bedeutung sprachlicher Aus-
drücke auf den identischen Sozialisationserfahrungen der Mitglieder einer
Sprachgemeinschaft und wird damit zu einem sozialen und entwicklungs-
psychologischen Faktum. Diese Konzeption wird jedoch der intersubjekti-
ven Geltung von Bedeutungen nicht gerecht: sie beruht auf Regeln, die die
Sprecher zu befolgen haben, wenn sie verstanden werden wollen.
2. Der skizzierte Bedeutungsbegriff basiert auf der Konfusion von zwei
verschiedenen Bedeutungsaspekten: Lorenzer gewinnt seinen Bedeutungs-
begriff, indem er die situative Bedeutung, die ein Partner für mein Erleben
hat, mit der Bedeutung des Namens gleichsetzt, mit dem ich diesen Partner
bezeichne. Unter der situativen Bedeutung eines Partners verstehen wir die

gen übernimmt und damit reale psychische „Gebilde" unterstellen muß, die Träger
von Besetzungen werden können. Habermas führt dagegen seinen sprachtheoretischen
Ansatz konsequent durch, indem er Triebbesetzungen als Charaktere von Sätzen dar-
stellt; vgl. „Erkenntnis und Interesse"; S. 295—300. Zu Lorenzers problematischer
Symbolkonzeption s. „Zur Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs"; S. 87—93.
Zu Freuds ,Sprachtheorie' vgl. G. Jappe: über Wort und Sprache in der Psycho-
analyse. Frankfurt 1971; bes. Kap. 4.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 15

jeweilige Rolle, die unser Partner für unser Wollen und Fühlen spielt. In
diesem Sinne kann der Vorgesetzte für seinen Untergebenen in einer be-
stimmten Situation die Rolle des überlegenen und bedrohlichen Vaters an-
nehmen. Das Korrelat solcher „Rollenbedeutungen" sind jedoch niemals
Wortbedeutungen, sondern immer Sätze, in denen wir die situative Bedeu-
tung eines Partners artikulieren. Für die Äußerung solcher Sätze sind wir
aber gerade auf eine relativ bestimmte und allgemeingültige Bedeutung der
Ausdrücke angewiesen, mit denen wir unsere situative Erfahrung ausdriik-
ken. Nur unter dieser Voraussetzung können wir unsere individuellen Er-
fahrungen überhaupt anderen Menschen mitteilen, statt unreflektiert in
ihnen befangen zu bleiben.
Die entsprechende Überlegung läßt sich für Gegenstände durchführen,
die uns in bestimmten Situationen begegnen. Ihre situative Bedeutung be-
steht in ihrer spezifischen Funktion, die sie für unser Handeln gewinnen.
Diese Funktion geht nicht unmittelbar in die Bedeutung des Ausdrucks ein,
mit dem wir den Gegenstand bezeichnen, sondern kann nur in Sätzen expli-
ziert werden, für deren Verständlichkeit schon die Allgemeinheit des ent-
sprechenden Ausdrucks vorausgesetzt ist.
3. Mit der beschriebenen Konfusion verbindet sich bei Lorenzer ein
Mißverständnis des Zusammenhangs von Sprache und Handeln. Weil Loren-
zer nicht zwischen situativer Bedeutung und sprachlicher Bedeutung trennt,
kann er unsere Praxis von unseren verfügbaren Wortbedeutungen abhängig
machen. In Wirklichkeit reagieren wir jedoch in unserem Handeln auf rele-
vante Aspekte unserer Handlungs Situationen und sind in diesem Sinne von
der situativen Bedeutung abhängig, die Personen oder Gegenstände für uns
haben. Diese Bedeutung ist zweifellos sprachlich vermittelt, aber nicht ein-
fach mit den entsprechenden Namen situativer Gegebenheiten identisch.
Den bisher skizzierten problematischen Bedeutungsbegriff macht Loren-
zer zur Grundlage seiner sprachtheoretischen Verdrängungskonzeption17.
Die emotional belastende Erfahrung mit einem Partner wird verdrängt, in-
dem der entsprechende situative Bedeutungsaspekt seines Namens der be-
wußten Verfügung und Artikulation entzogen wird. Mit dem Bedeutungs-
verlust gehen dem Sprecher zugleich die zu der Beziehung gehörigen Erleb-
nis- und Handlungsmöglichkeiten gegenüber dem Partner verloren.
Der „abgespaltene" und aus der inter subjektiven Kommunikation aus-
geschlossene Bedeutungsaspekt ist jedoch nicht vollständig aus dem Zusam-
17
Für die Darstellung dieser Verdrängungstheorie habe ich herangezogen: A. Lorenzer:
Sprachzerstörung und Rekonstruktion; S. 90—102. — J. Habermas: Erkenntnis und
Interesse; S. 273—280, 291—296, 312—314.

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16 Die Rechtfertigung der Interpretation

menhang sprachlicher Bedeutungen ausgestoßen. Vielmehr sind es „syntak-


tische" Regeln, die die „Wiederkehr des Verdrängten" bestimmen, indem
sie festlegen, mit welchen anderen Wortbedeutungen sich die abgespaltene
Bedeutung neu verbindet. In ihrer neuen Verbindung bleibt die verdrängte
Bedeutung zwar weiter unbewußt, aber sie behält ihre ursprüngliche Funk-
tion, die Handlungsmöglichkeiten des Sprechers zu regeln. Allerdings zeigt
sich der unbewußte Charakter der Bedeutung nun darin, daß sie ein starres,
reizstimuliertes Verhaltensmuster festlegt, das Lorenzer als „Verhaltens-
klischee" bezeichnet.
Den abstrakt dargestellten Vorgang illustriert Lorenzer an Freuds Bei-
spiel der Pferdephobie des Kleinen Hans: der abgespaltene Bedeutungs-
aspekt ,bedrohlicher Vater' geht unbewußt auf den Ausdruck ,Pferd' über,
so daß die Pferde, die dem Kleinen Hans begegnen, nun automatisch Angst
und phobisches Verhalten auslösen, ohne daß das Kind dafür die wahren
Gründe angeben könnte.
Die bisher skizzierte Verdrängungstheorie ist der Versuch, Freuds unan-
gemessene Verdinglichung unbewußter Vorgänge zu vermeiden und die Ver-
drängung stattdessen als „Operation" aufzufassen, „die an und mit der
Sprache durchgeführt wird" 18 . Wenn man innerhalb dieses Konzepts konse-
quent auf die Annahme unsprachlicher psychischer Gegebenheiten verzichtet,
ergeben sich drei Schwierigkeiten, die Lorenzers Versuch problematisch
machen:
1. Die Verdrängungstheorie läßt die Frage offen, in welcher Weise Be-
deutungsaspekte existieren, die nicht mehr sprachlich artikulierbar sind. Lo-
renzer löst mit seiner sprachtheoretischen Verdrängungskonzeption das onto-
logische Problem des „unbewußten Psychischen" gar nicht, sondern formu-
liert es nur auf der semantischen Ebene neu als Problem der „nicht artiku-
lierbaren, sprachlich unverfügbaren Bedeutung".
2. Ebenso ungeklärt bleibt der Vorgang, in dem ein abgespaltener Be-
deutungsaspekt nach syntaktischen Regeln mit einer neuen Bedeutung ver-
knüpft wird. Zwar legen syntaktische Regeln die Kombination sprachlicher
Ausdrücke zu wohlgeformten Sätzen fest, aber diese Art der Verknüpfung
scheint sich doch wesentlich von der Beziehung zu unterscheiden, die zwi-
schen dem ursprünglichen und dem sekundären ,Platz' eines abgespalteten
Bedeutungsaspektes besteht. Die Verschiebung eines Bedeutungsaspektes in-
nerhalb des semantischen Systems soll nämlich die verschleierte „symbo-
lische" Beziehung zwischen „traumatischer" Situation und dem abnormen

18 J. Habermas: Erkenntnis und Interesse; S. 294.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 17

Verhalten erklären und damit eine Relation verständlich machen, die sich
offensichtlich von der Verbindung von Satzteilen unterscheidet.
3. Schließlich läßt die sprachtheoretische Verdrängungstheorie den Zu-
sammenhang von Sprache und Handeln ungeklärt (s. o. S. 15) und ver-
schärft dieses Problem noch, indem sie vor die Frage stellt, wie unbewußte
Bedeutungsaspekte automatisch ablaufende Verhaltensmuster bestimmen
und strukturieren können.
überblickt man die Schwierigkeiten der sprachtheoretischen Verdrän-
gungstheorie, dann scheinen sie sich im wesentlichen daraus zu ergeben, daß
Lorenzer keinen neuen, genuin sprachtheoretischen Zugang zur Verdrän-
gungsproblematik gewinnt. Zwar ersetzt er Freuds problematische Konzep-
tion des „psychischen Vorgangs" durch seine Auffassung sprachlicher Bedeu-
tungen, aber zugleich überträgt er die formalen Strukturen des Verorängungs-
vorgangs von den „psychischen Vorgängen" auf die Bedeutungsaspekte·,
genau wie der „unverträgliche" psychische Vorgang wird der Bedeutungs-
aspekt aus einem geordneten Zusammenhang ausgeschlossen und auf dem
Wege der „Verschiebung" neu mit anderen, passenden Elementen des Sy-
stems verknüpft. Dabei werden die Aspekte sprachlicher Bedeutungen letzt-
lich immer noch nach dem Modell real existierender Gegenstände aufgefaßt.
Die bisherige Kritik an Lorenzers Bedeutungskonzeption läßt sich stüt-
zen, wenn man genauer untersucht, wie Lorenzer die Aufhebung von Ver-
drängungen in der analytischen Therapie beschreibt19. Seinem systemati-
schen Ansatz entsprechend, sieht er die Aufgabe des Therapeuten darin, in
den vielfältigen Interaktionen des Patienten die starren, ständig wiederhol-
ten Beziehungsmuster herauszuheben und von ihnen her die unbewußten
Bedeutungsaspekte der Ausdrücke zu ermitteln, die das Verhalten des Patien-
ten steuern. Voraussetzung für diesen Interpretationsvorgang ist das gemein-
same System von Wortbedeutungen und die Vertrautheit mit den intersub-
jektiv verbindlichen Regeln, nach denen Wortbedeutungen das Handeln der
Sprecher bestimmen. In der eingehenden Analyse des therapeutischen Ver-
stehens macht Lorenzer jedoch selbst deutlich, daß der Analytiker nicht Be-
deutungsaspekte von Ausdrücken, sondern die situativen „Rollenbedeutun-
gen" von Partnern aufzuklären versucht. Diese Bedeutungen zeigen sich für
das ,einfühlende' Verstehen, das sich in die Rolle des unbewußt agierenden
Patienten oder seiner fiktiven Partner versetzt und dabei die Gefühle und
Wünsche nach vollzieht, die dem Patienten verborgen bleiben. Basis für die-

19
Lorenzers Darstellung der psychoanalytischen Therapie umfaßt die Kapitel V und VI
in „Sprachzerstörung und Rekonstruktion".

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18 Die Rechtfertigung der Interpretation

ses Verstehen ist die gemeinsame Erfahrung grundlegender menschlicher Be-


ziehungskonflikte, die der Analytiker bewußt aufgearbeitet hat und nun in
jeweils individueller Ausprägung in den neurotischen Verhaltensmustern des
Patienten wiederentdeckt.
Im Rückblick auf die skizzierte Neufassung psychoanalytischer Grund-
annahmen lassen sich die Vorzüge und Schwächen dieses Konzepts zusam-
menfassen. Im Unterschied zum Behaviorismus sehen Habermas und Loren-
zer, daß menschliches Verhalten immer von der Bedeutung bestimmt wird,
die Handlungssituationen für uns gewinnen. In dieser Bedeutung sind mir
meine Interaktionspartner und meine eigene Person in einer bestimmten,
emotional geprägten ,Rolle' zugänglich, und damit ist zugleich der Spielraum
festgelegt, der mir für mein situationsbezogenes Handeln offensteht. Ebenso
zeigen beide Autoren zu Recht, daß diese Bedeutung immer durch Sprache
vermittelt und bestimmt wird. Aber ihr Sprachbegriff und die Art der Ver-
mittlung bleiben unzureichend; vielleicht deshalb, weil sie von der Bedeu-
tung von Worten statt von der Bedeutung von Sätzen ausgehen.
Während Habermas und Lorenzer sich an Wittgensteins Sprachspielkon-
zept orientieren, hat Lacan versucht, Freuds Theorie auf der Basis des struk-
turalistischen Sprachbegriffs zu reformulieren 20 . Lacan faßt die Sprache als
eine Gesamtheit von unterschiedlichen Elementen auf, die einer umfassen-
den Struktur entsprechend angeordnet sind. Die Ordnungsstruktur bestimmt
mit dem ,Ort' jedes Elements seine Bedeutung und seine semantischen Be-
ziehungen zu den anderen Elementen. Auf diese Weise legt sie die seman-
tisch zulässigen Kombinationsmöglichkeiten der Elemente in der gespro-
chenen Sprache fest. In dieser Konzeption ist Sprache wieder als ein System
von einzelnen Sprachzeichen interpretiert und zugleich extrem formalisiert:
Sprache fungiert als ein umfassendes Ordnungssystem, das von „Signantien",
aber auch von anderen Elementen erfüllt werden kann.
Diesen Sprachbegriff zieht Lacan heran, um nun auch das Unbewußte als

20
Die folgende Skizze greift nur einen der drei Problemkreise heraus, die Lacan be-
schäftigen. Lacans zentrale These von der Sprachstruktur des Unbewußten hat S.
Leclaire in seiner Arbeit „Der psychoanalytische Prozeß" (Ölten 1971) aufgenom-
men. Einen ersten Einblick in die strukturalistische Auffassung der Psychoanalyse
vermittelt J.-B. Pontalis: Nach Freud. Frankfurt 1968; S. 21—65. — Zur folgenden
Darstellung s. J. Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der
Psychoanalyse. In: Schriften I. Ölten 1973; S. 71—169. — H. Lang: Die Sprache
und das Unbewußte. Frankfurt 1973; S. 108—134, bes. 128 f., 234—304. Einen
klaren Überblick über Lacans Gesamtkonzeption geben S. und H. C. Goeppert:
Sprache und Psychoanalyse. Reinbek 1973; S. 100—126.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 19

„Struktur" zu interpretieren, „die der Sprachstruktur gleichzusetzen ist" 21.


Damit ist zunächst nur behauptet, daß die Inhalte des Unbewußten selbst
noch durch die umfassende Ordnungsstruktur der Sprache organisiert sind
und deshalb überhaupt von der gesprochenen Sprache her zugänglich wer-
den können.
Lacan geht aber noch einen Schritt weiter, indem er die Inhalte des Un-
bewußten selbst als „Signantien" auffaßt, die durch die Verdrängung in die
Rolle von „Signata" geraten sind. Mit dieser These räumt er den verdräng-
ten Wünschen den ontologischen Status von ,Zeichen' ein, obwohl sie sich
von Zeichen dadurch linterscheiden, daß sie selbst keine Bedeutung
haben. Damit scheint Lacan die Frage auszuklammern, in welcher Weise un-
bewußte Inhalte sich von sprachlich artikulierbaren ontologisch unterschei-
den.
Der extrem formalisierte Sprachbegriii bezieht nicht nur das Unbewußte
in den Bereich der Sprache ein, sondern erlaubt es auch, die Phänomene als
sprachliche Artikulationen aufzufassen, in denen verdrängte Wünsche sich
zum Ausdruck bringen (Symptom, Traum, Fehlleistung). Wenn Lacan be-
hauptet, „daß der Traum die Struktur eines Satzes hat" 22, dann interpretiert
er ihn damit als eine geordnete Abfolge von „signifikanten Elementen", die
auf ein Signatum bezogen sind. Nun ist es unbezweifelbar, daß Träume und
entsprechende Phänomene eine Bedeutung haben, die durch Interpretation
aufgedeckt werden kann. Aber es erscheint doch problematisch, wenn Lacan
diese Bedeutung ohne weiteres als sprachliche Bedeutung hinstellt. Damit
wird er dem „Sinn der Symptome" und dem analytischen Deutungsverfahren
nicht gerecht.
Nachdem Lacan den verdrängten Inhalten und ihren bewußten Aus-
drucksformen Sprachcharakter zugesprochen hat, kann er nun die symbo-
lische Beziehung zwischen unbewußten Wünschen und abnormen Verhal-
tensweisen durch rhetorische Regeln begründen: die „Verdichtung" ver-
schiedener unbewußter Inhalte in einem ,Symbol' interpretiert er als „Me-
tonymie", die „Verschiebung" als „Metapher". Die Voraussetzung dieser
Auffassung, der Sprachcharakter von Unbewußtem und Symptom, bleibt
jedoch fraglich.
Auch Lacans Konzeption gegenüber läßt sich vielleicht der Einwand wie-
derholen, daß sie keinen genuin sprachtheoretischen Zugang zu Freuds Theo-
rie findet. Der formalisierte Sprachbegriif, der von dem geordneten Zusam-
21
J. Lacan: Ecrits; S. 444; zitiert nach H. Lang: Die Sprache und das Unbewußte;
S. 234.
22 J. Lacan: Schriften I; S. 107.

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20 Die Rechtfertigung der Interpretation

menhang von Elementen ausgeht, erlaubt es nämlich, Freuds Konzeption


eines „Assoziationszusammenhangs" von psychischen Elementen einfach auf
eine semantische Basis zu übertragen und für Freuds energetische und räum-
liche Annahmen semantische Entsprechungen zu suchen.
Eine dritte Möglichkeit, sich sprachtheoretisch mit der Psychoanalyse aus-
einanderzusetzen, wird von der Sprachphilosophie des angelsächsischen
Sprachraums vertreten. Sie verbindet zumeist die sprachanalytische Unter-
suchung der Unbewußtheit von Motiven mit der Frage nach dem logischen
Status und der wissenschaftstheoretischen Überzeugungskraft von Freuds
Theorie. Als charakteristisches Beispiel für dieses Vorgehen soll die Arbeit
von A. Maclntyre: „Das Unbewußte" kurz besprochen werden23. Maclntyre
untersucht Freuds Gebrauch der Worte ,unbewußt' und ,das Unbewußte',
um zu klären, inwieweit Freud sich in seinem Sprachgebrauch an entsprechen-
den, umgangssprachlich ausgewiesenen Wortbedeutungen unserer Alltags-
sprache orientiert. Dabei zeigt sich, daß Freud sich in der Verwendung des
deskriptiven Ausdrucks ,unbewußt' im Rahmen des umgangssprachlichen
Gebrauchs hält, mit dem Begriff ,das Unbewußte' dagegen einen erklären-
den Terminus einführt, der in der Umgangssprache fehlt und deshalb eine
eigenständige wissenschaftstheoretische Rechtfertigung verlangt. Die philo-
sophische Kritik hat zu prüfen, welche einsichtigen Gründe Freud für seine
begriffliche Neuerung anführen kann.
Innerhalb dieses wissenschaftstheoretischen Programms stößt Mac-
lntyre auf den Zusammenhang von Sprache und Handeln, indem er zu klä-
ren versucht, was Freud unter dem unbewußt motivierten Handeln des Neu-
rotikers versteht. Maclntyre zeigt, daß Freud dem abnormen Verhalten des
Neurotikers eine leitende Absicht unterstellt, die sich einerseits an dem im-
mer noch relativ kohärenten Verhaltensmuster der Person ablesen läßt,
zugleich aber audi prinzipiell vom Handelnden selbst angegeben werden
kann, wenn die Schwierigkeiten beseitigt sind, die ihn an dem Ausdruck
seiner Absicht hindern.
Für die Aufklärung dieses ungewöhnlichen Verhaltens hat Freud zweier-
lei geleistet: zunächst ist es ihm gelungen, die abnormen Verhaltensmuster
auf eine verborgene Absicht hin zu interpretieren und damit zu entschlüsseln.
Darüber hinaus hat er zur Erklärung der entschlüsselten Verhaltensformen
beigetragen, indem er Hypothesen aufstellte, die regelmäßige Zusammen-
hänge zwischen gewissen vergessenen Kindheitserlebnissen und abnormen

23 Weitere wichtige Texte sind: St. Toulmin: The Logical Status of Psycho-Analysis.
In: Μ. MacDonald (Ed.): Philosophy and Analysis. Oxford 1954; S. 132—139. —
R. S. Peters: The Concept of Motivation. London 21960; S. 52—94.

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1. Die Kritik konkurrierender Interpretationsansätze 21

Verhaltensweisen behaupten. Um diese überprüfbaren „empirischen Verall-


gemeinerungen" selbst noch zu erklären, hat er den Begriff des Unbewußten
eingeführt und damit eine Dimension der Seele postuliert, in der die unter-
drückten infantilen Absichten real existieren und als Ursachen auf das Ver-
halten des Erwachsenen einwirken. Wissenschaftstheoretisch betrachtet be-
sitzt dieser Begriff keine Erklärungskraft, weil er weder empirisch ausweis-
bar ist noch bestimmte Folgerungen zuläßt, die ihrerseits empirisch überprüf-
bar wären. Deshalb sollte der Begriff aufgegeben werden 24 .
In seiner Kritik an Freuds verdinglichender Auffassung unterdrückter
Motive ist Maclntyre mit Habermas, Lorenzer und Lacan einig. Zugleich
verzichtet er aber darauf, einen neuen angemesseneren Erklärungsrahmen
für Freuds empirisch prüfbare Entdeckungen anzugeben. Damit befreit er
die Psychoanalyse aber nicht von einem unfunktionalen Überbau, sondern
entzieht ihr eine theoretische Dimension, die Antworten auf wichtige Fra-
gen gibt. In Maclntyres eingeschränktem Rahmen bleibt nämlich ungeklärt,
worin die Schwierigkeiten bestehen, die jemanden daran hindern, verdrängte
Motive anzugeben. Genauso bleibt es offen, warum die Unfähigkeit, sein
Motiv einzugestehen, mit dem zwanghaften Ausagieren dieser Motive ver-
bunden sein kann. Beide Fragen hat Freud mit seiner Verdrängungstheorie
und der zugehörigen Konzeption des „Unbewußten" zu beantworten ver-
sucht. Auch Lorenzer, Habermas und Lacan beantworten diese Fragen, in-
dem sie das System sprachlicher Bedeutungen als Struktur ansetzen, von der
unser aktuelles Verständnis unserer Handlungssituationen und -möglich-
keiten abhängt. Für Maclntyre kommt Sprache dagegen nur als beschreib-
bares Moment der Lebenspraxis, nicht aber als ihr »transzendentaler Hori-
zont' in den Blick.
Auch die folgende Untersuchung bemüht sich darum, Freuds Konzeption
des Unbewußten nicht einfach aufzugeben, sondern in einem theoretisch an-
gemessenen Rahmen zu entwickeln Da ihr kein zureichender Sprachbegriff
zur Verfügung steht, erscheint es berechtigt, den bewußtseinstheoretischen
Ansatz wieder aufzunehmen und zu prüfen, inwieweit die Möglichkeiten
einer bewußtseinstheoretischen Reformulierung der Psychoanalyse bisher
schon ausgeschöpft sind.

24 Zur Unterscheidung der beiden Ebenen einer wissenschaftlichen Erklärung vgl. K. R.


Popper: Das Ziel der Erfahrungswissenschaft. In: Objektive Erkenntnis. Hamburg
1973; S. 213 ff. — St. Toulmin: Voraussicht und Verstehen. Frankfurt 1968; S. 54—
75. — E. Ströker: Einführung in die Wissenschaftstheorie. München 1973; S. 60—
76.

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22 Die Rechtfertigung der Interpretation

2. Der bewußtseinstheoretische Ansatz der Interpretation

a) Die psychoanalytische Theorie als Explikation


des praktischen' Selbs tbewußt seins
Die bewußtseinstheoretische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse
steht in der Gefahr, von demselben Bewußtseinsbegriff auszugehen, der
Freud bei seiner Theoriebildung leitet und der auch schon in der philosophi-
schen Tradition maßgeblich gewesen ist 25 . Diese Auffassung interpretiert
das „cogitare" des „ego" als „cogito me cogitare" und begründet damit das
Bewußtsein von Gegenständen in dem unmittelbaren Wissen des Ichs um die
entsprechenden Bewußtseinszustände. Wie schon angedeutet, wird dieses
Wissen als „innere Wahrnehmung" verstanden, für die die eigenen Zustände
in uneingeschränkter Durchsichtigkeit' und Gewißheit gegeben sind 26 . Der
hier skizzierte Bewußtseinsbegriff ist jedoch gänzlich ungeeignet, um Freuds
„topisches" Modell des „psychischen Apparats" zu reformulieren. Die ein-
gehendere Interpretation wird vielmehr zeigen, daß dieser Begriff weit-
gehend für die theoretischen Schwierigkeiten verantwortlich ist, die sich für
die Verdrängungstheorie und den Status des Unbewußten ergeben. Deshalb
liegt es nahe, an einen anderen Traditionsstrang anzuknüpfen, der das Be-
wußtsein nicht in der ,transparenten' Selbst Wahrnehmung, sondern in einem
praktischen' Selbstbezug begründet. Diese Tradition hat Fichte geschaffen,
indem er das Selbstbewußtsein als Handlung auffaßt, in der das Subjekt
selbst erst entscheidet, in welcher Perspektive und in welchem Umfang es
die Welt und sich selbst in seinen ,empirischen' Bestimmungen sehen will.
In solchem Handeln sieht Fichte die Grundstruktur der Subjektivität': in-
dem der Mensch seinen eigenen Bewußtseinsspielraum umgrenzt, konsti-
tuiert er sich als ,Selbst' (s. u. S. 26 ff.).
Mit seinem Neuansatz hat Fichte jedoch nur den ersten Schritt zu einer
neuen Bewußtseinskonzeption getan, weil er weiterhin die praktische Selbst-
beziehung als transparente Selbstgegebenheit interpretiert: das Sein des Sub-
jekts ist innerhalb seiner Theorie selbstverständlich transparentes „Für-sich-
sein" (s. u. S. 29). Erst Heidegger ist es gelungen, den Bewußtseinscharakter
des praktischen Selbstbezugs angemessen aufzuklären. Er betont den Spiel-

25 Dieser Gefahr ist ζ. B. Sartre erlegen, der seine Freudkritik auf der unzureichenden
Basis des cartesianischen Bewußtseinsbegriffs entwickelt. Vgl. dazu E. Tugendhat: Der
Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger. Berlin 21970; S. 325.
26
Als eindrückliches Beispiel für diese Auffassung des Selbstbewußtseins kann Hus-
serls Begriffsklärung von .Bewußtsein' in der V. Logischen Untersuchung dienen;
s. E. Husserl: Logische Untersuchungen I I / l . Tübingen 51968; S. 345—363.

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2. Der bewußtseinstheoretische Ansatz 23

raumcharakter des Bewußtseins von „Selbst" und „Welt" und zeigt, daß das
„Dasein" sich diesen Spielraum nur dann angemessen eröffnet, wenn es seine
wesentliche „Verdeckungstendenz" überwindet.
Die folgende Interpretation rückt Freuds Werk in den sachlichen Zu-
sammenhang dieser philosophischen Tradition27. Damit betrachtet sie die
Psychoanalyse nicht als Erfahrungswissenschaft, die an den Regeln wissen-
schaftlicher Theoriebildung geprüft werden muß. Vielmehr faßt sie die Tie-
fenpsychologie als unausdrücklichen Versuch auf, die Grundstruktur des
Menschen als ,Subjekt' zu entfalten. Diese Einschätzung widerspricht Freuds
eigenem methodischen Anspruch: er betrachtete die Psychoanalyse als Natur-
wissenschaft, die von empirischen Befunden ausgeht und sie in theoretischen
Hypothesen und Konstruktionen zusammenfaßt und ordnet. Zugleich sah er
aber auch selbst, daß jede methodische Beobachtung und alle Theoriebildung
ein unausdrückliches und vortheoretisches Vorverständnis ihres Gegenstan-
des voraussetzen, das den Zugang zu den empirischen Sachverhalten festlegt
(vgl. X, 210 f.). Dieses leitende ,Vorverständnis' soll sich im folgenden als
praktische' Auffassung des Selbstbewußtseins erweisen.
Mit dieser These stellen sich für die Interpretationen zwei zusammen-
gehörige Aufgaben: einerseits muß gezeigt werden, daß Freud seinen eige-
nen Ansatz und sein eigenes Vorgehen mißversteht, wenn er die Psychoana-
lyse als eine Naturwissenschaft auffaßt, die den wissenschaftlichen Ansprü-
chen an Systematik und Kohärenz der Theoriebildung gerecht werden kann.
Andererseits muß deudich werden, daß die Struktur des praktischen Selbst-
bewußtseins eine Basis bietet, um Freuds einzelne Hypothesen und Kon-
struktionen in einen systematischen Zusammenhang zu bringen.
Für eine erste grobe Charakterisierung der sachlichen Beziehungen steht

27 Zwischen den drei interpretierten Autoren bestehen in der Tat nur sachliche Be-
ziehungen. Freuds philosophische Kenntnisse waren, wie er selbst betont (XV,
189 f.), bescheiden und haben sich primär auf Theorien bezogen, die direkte inhalt-
liche Beziehungen zu seinen Forschungen aufweisen (Nietzsche, Schopenhauer u. a.).
Heidegger scheint wiederum keine genauere Kenntnis der Psychoanalyse gehabt zu
haben. In seinem Kantbuch führt er die Psychoanalyse lediglich einmal in einer Reihe
anthropologischer Wissenschaften mit auf, ohne sie näher zu charakterisieren (Kant,
189). In SZ wendet er sich gegen eine Selbsterfahrung, in der „das Selbst einer .analy-
tischen' Begaffung von Seelenzuständen und ihrer Hintergründe" (SZ, 273) zugäng-
lich wird. Mit diesem Verdikt scheint Heidegger jede produktive Aneignung der
Psychoanalyse für sich ausgeschlossen zu haben. Auch mit der Wissenschaftslehre
Fichtes scheint Heidegger während der Arbeit an SZ nicht näher vertraut gewesen
zu sein. Fichte wird, soweit ich sehe, in keiner seiner frühen Arbeiten erwähnt. Im
Jahre 1929 behandelt Heidegger die Wissenschaftslehre von 1794 zum ersten Male
in einer Vorlesung mit dem Titel: Der deutsche Idealismus und die Problemlage der
Gegenwart.

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24 Die Rechtfertigung der Interpretation

die Psychoanalyse zwischen Fichtes und Heideggers Konzeption des Selbst-


bezugs. Mit Fichte teilt Freud die Auffassung des Selbstbewußtseins als un-
eingeschränkter Selbstdurchsichtigkeit des Subjekts. Zugleich entdeckt er aber
in den verdrängten Wünschen und Emotionen die Phänomene, die sich in
diese Auffassung des Selbstbezugs nicht mehr einfügen lassen. Weil Freud
trotz seiner Entdeckungen an der Transparenz des Selbstbewußtseins fest-
hält, muß er den Bereich unbewußt wirksamer Wünsche und Gefühle scharf
vom Bereich bewußter Zustände des Subjekts abtrennen und verwickelt sich
damit in theoretische Schwierigkeiten, die im Rahmen der psychoanalytischen
Theoriebildung nicht mehr zu lösen sind. An diesem Punkt kann Heideg-
gers Interpretation fruchtbar werden, die den Spielraumcharakter des Be-
wußtseins hervorhebt und damit die Selbstgegebenheit des Subjekts von
vornherein in der Spannung von Durchsichtigkeit und Undurchsichtigkeit des
eigenen „In-der-Welt-seins" interpretiert. Zugleich gelingt es Heidegger auch,
die fundamentalen Interessen zu klären, die das Subjekt bei der Umgrenzung
seines Bewußtseinsspielraums leiten und damit festlegen, in welchem Um-
fang es für sein Sein offen ist. Der Vergleich zwischen Freud und Heidegger
wird zeigen, in welchem Maße diese Neukonzeption des Selbstbezugs die
immanenten Schwierigkeiten der Psychoanalyse lösen und die einheitliche
Grundstruktur der analytischen Theorie plastisch machen kann. Umgekehrt
wird auch zu fragen sein, was die Psychoanalyse ihrerseits zur Kritik einer
Position beitragen kann, die die Triebgebundenheit menschlicher Existenz
weitgehend ausklammert.

b) Fichtes Theorie des interessegeleiteten Selbstbewußtseins


als leitender Vorbegriff der Interpretation

Innerhalb der philosophischen Tradition hat der deutsche Idealismus zum


ersten Mal das Selbstbewußtsein als konstitutive Struktur des ,Subjekts' dif-
ferenziert entfaltet. Deshalb liegt es für eine Analyse der Subjektivität nahe,
ihren leitenden Vorbegriff aus idealistischen Selbstbewußtseinstheorien
zu gewinnen. So sollen in der folgenden Interpretation der Theorie Fichtes
die formalen Kategorien herausgehoben werden, auf die hin die Psycho-
analyse und die Existenzialontologie in der weiteren Untersuchung befragt
werden. Gerade in ihrer Formalisierung dienen die Begriffe Fichtes nur der
Formulierung der Frage, auf die die Psychoanalyse und die Existenzialontolo-
gie von sich her antworten sollen. Zugleich soll die Interpretation der Fichte-
schen Konzeption so weit geführt werden, daß die Aspekte der Theorie deut-

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2. Der bewußtseinstheoretische Ansatz 25

lieh werden, gegen die sich Freud sachlich in seiner Kritik der ,transparenten'
Selbstgegebenheit wendet 28 .
Die philosophische Theorie, die Fichte in seiner „Wissenschaftslehre"
entfaltet, entspringt dem Widerspruch, der den Standpunkt des „Lebens"
bestimmt. Sofern wir handeln, verstehen wir uns als freie Wesen, sofern wir
erkennen, als Wesen, die von vorgegebenen Objekten abhängig sind (1,423).
Innerhalb dieser widersprüchlichen Selbsterfahrung ergreift das Ich für den
Aspekt der Freiheit Partei: „Es ist in mir ein Trieb zu absoluter, unabhängi-
ger Selbsttätigkeit. ( . . . ) Diesen Trieb fühle ich, sowie ich nur mich selbst
wahrnehme" (11,249). Der unmittelbare Anspruch des Individuums, frei
zu sein, und die unabweisbare Erfahrung der eigenen Bedingtheit, die alle
Freiheit als Täuschung hinstellt, nötigen zu der philosophischen Frage nach
dem „Grund aller Erfahrung" (1,423). Die Philosophie hat die Aufgabe, in
der transzendentalen Deduktion der Erfahrung das theoretische Recht des
Anspruchs auszuweisen, den der Trieb zur Selbsttätigkeit unmittelbar an das
Ich stellt.
Das „Interesse" an der „Selbständigkeit", das die Fragestellung der Phi-
losophie begründet, gibt ihr zugleich die Antwort vor. Für die Deduktion
der Erfahrung bieten sich theoretisch zwei Möglichkeiten: die Theorie kann
von „der Selbständigkeit des Ich" oder der Selbständigkeit des Dinges ge-
genüber dem Ich (1,432) ausgehen. Der Trieb zur Selbsttätigkeit fordert
den Ansatz bei der Selbständigkeit des Ich (1,433) und zeichnet zugleich die
Aufgabe vor, diesen Ansatz in der konkreten Selbsterfahrung auszuweisen.
Damit intendiert er eine Weise des Selbstbewußtseins, in der das Ich sich
selbst in absoluter Selbsttätigkeit zugänglich wird.
In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Reflexionsmodell Kants
zeigt Fichte nun, daß die bisherigen Selbstbewußtseinstheorien diese Weise
der Selbstgegebenheit gar nicht thematisiert haben. Indem die Reflexions-
theorie nämlich das Ich schon als Subjekt für die ,Reflexion' auf sich als Ob-
jekt voraussetzt, setzt sie zugleich ein ursprüngliches Selbstbewußtsein vor-
aus, indem das Ich sich schon hat, um sich im Vollzug der Reflexion über-

28 Die folgende Darstellung der Selbstbewußtseinstheorie Fichtes ist als selbständige


Interpretation unzureichend. Sie beschränkt sich fast ausschließlich auf die .populä-
ren' Schriften Fichtes, die die Strukturen des Selbstbewußtseins deskriptiv auszuwei-
sen und in ihrer Relevanz für den Lebensvollzug aufzuklären versuchen.
Eine Untersuchung, die das Strukturproblem des Selbstbewußtseins ins Zentrum
stellt und für die ganze Entwicklung der „Wissenschaftslehre" untersucht, hat D.
Henrich vorgelegt: Fichtes ursprüngliche Einsicht. Frankfurt 1967. — Die Zitate
Fichtes sind folgender Ausgabe entnommen: J. G. Fichte: Sämmtliche Werke. Hrsg.
von I. H. Fichte. Berlin 1834—1846.

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26 Die Rechtfertigung der Interpretation

haupt „zum Ziele eines Handelns machen zu können" (1,459). Zugleich setzt
die Reflexionstheorie den Selbstbezug nach dem Modell der „sinnlichen An-
schauung" an, die stets nur auf ein „Beharren" (1,471) geht, und kann darum
nur ein Selbstbewußtsein erklären, in dem ich mich als „leidend" erfahre,
als „der ruhende Schauplatz, auf welchem Vorstellungen durch Vorstellun-
gen abgelöst würden, nicht aber ((als)) das tätige Prinzip, welches sie her-
vorbrächte" (1,465). Damit sind die beiden Motivationen für Fichtes Selbst-
bewußtseinskonzeption sichtbar geworden. Der Anspruch des Interesses an
der Selbständigkeit bildet das ,existenzielle' Motiv, die Kritik am Reflexions-
modell dagegen das theoretische Motiv für die Frage nach der ursprünglichen
Selbstgegebenheit des Ich.
Fichte deckt die gesuchte Weise des Selbstbezuges auf, indem er den Akt
des Sich-selbst-Bewußtwerdens interpretiert, den das Ich „willkürlich und
mit Freiheit" (1,460) auf eine Aufforderung hin vollzieht. In diesem Voll-
zug kann der Denkende „inne werden, daß, indem er zu diesem Denken auf-
gefordert wird, er zu etwas von seiner Selbsttätigkeit Abhängigem, zu einem
inneren Handeln aufgefordert werde, und, wenn er das Geforderte voll-
bringt, wirklich durch Selbsttätigkeit sich affiziere, also handle" (1,461 f.).
Sofern sich dieses Handeln aber nicht auf Objekte richtet, sondern wesent-
lich .SWtobewußtsein ist, ist der Denkende sich im Vollzuge seines Handelns
dessen bewußt, daß „seine Tätigkeit, als Intelligenz, in sich selbst zurück-
gehe, sich selbst zum Gegenstande mache" (1,458). So wird sichtbar, daß
„der Gedanke seiner selbst nichts anderes sei, als der Gedanke dieser Hand-
lung, ( . . . ) daß Ich und in sich zurückkehrendes Handeln völlig identische
Begriffe sind" (1,462). Im „Gedanken der Handlung" ist aber der Vollzug
nicht etwa Gegenstand für ein selbständiges Denken des Vollzugs. Vielmehr
entspringt der Gedanke des Handelns unmittelbar im Vollzuge selbst als
„intellektuelle Anschauung". Sie „ist das unmittelbare Bewußtsein, daß ich
handle, und was ich handle: sie ist das, wodurch ich etwas weiß, weil ich es
tue" (1,463) 29 .

29 Die vorangegangene Darstellung der Selbstbewußtseinsstruktur nimmt keine Rück-


sicht auf die Entwicklung, die sich in den drei Einleitungsschriften vollzieht. In der
„Zweiten Einleitung" faßt Fichte das in sich zurückgehende Handeln noch in dem
Modell einer tätigen Kraft, ohne genügend zu berücksichtigen, daß diese Tätigkeit ein
Wissen ist. Die Anschauung der Tätigkeit wird zunächst lediglich als hinzutretendes
Moment verstanden, das in der Aufmerksamkeit des Philosophen begründet ist (vgl.
1,458; 461). Dann aber faßt Fichte die intellektuelle Anschauung selber als konsti-
tutive Struktur des Selbstbewußtseins, indem er behauptet, daß „das Bewußtsein
Ich . . . lediglich aus intellektueller Anschauung kommt" (1,464). Diese Neubestim-
mung wird erst voll aus dem „Versuch" verständlich, in dem Fichte die intellektuelle
Anschauung selber als in sich zurückkehrendes Handeln versteht, das überhaupt erst

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2. Der bewußtseinstheoretische Ansatz 27

Diese Weise des Selbstbewußtseins ist für Fichte das ursprüngliche Be-
wußtsein meiner selbst, weil in ihr die intellektuelle Anschauung noch den
Vollzug des „Sich-Setzens" und darin die unmittelbare Einheit von Subjekt
und Objekt im Selbstbewußtsein erfaßt (vgl. 1,91—101). Zugleich ist das
ursprüngliche Selbstbewußtsein auch das Bewußtsein der absoluten Selbst-
tätigkeit des Ich: Die in sich zurückgehende Tätigkeit wird von Fichte als die
,Urhandlung' der Intelligenz verstanden, die für ihre Möglichkeit weder ein
„Handeln überhaupt" (1,459) noch ein Objekt voraussetzt. Sie ist vielmehr
Tätigkeit, die sich im Handeln selbst erst hervorbringt und sich darin auch
schon ihre bestimmte Richtung gibt. So kann Fichte sie als „Tathandlung"
ansetzen, d. h. als reine „Tätigkeit, die kein Objekt voraussetzt, sondern es
selbst hervorbringt, und wo sonach das Handeln unmittelbar zur Tat wird"
(1,468). Ein solches Handeln aber ist absolut spontan. So erfüllt das Selbst-
bewußtsein als „Tathandlung" den Anspruch des Interesses an der Selbstän-
digkeit und überwindet zugleich die theoretischen Schwierigkeiten des ,Re-
flexionsmodells'.
Indem das Ich den spontanen Akt des Selbstbewußtseins vollzieht, ver-
wandelt sich sein Verhältnis zu seiner konkreten Umwelt. Unmittelbar exi-
stiert es als „Produkt der Dinge" (1,433), das in seinem Verhalten wesent-
lich von seiner Umwelt abhängig ist. In dieser Abhängigkeit von mannig-
faltigen und sich wandelnden Bedingungen gründet die ,Widersprüchlich-
keit' (vgl. VI, 297) des eigenen Verhaltens. Indem das Ich jedoch dem Trieb
zur Selbsttätigkeit folgt und sich spontan seiner selbst bewußt wird, nimmt
es sich aus seiner unmittelbaren Umweltgebundenheit zurück und befreit
sich so selbst von der Abhängigkeit von seinen mannigfaltigen Vorgegeben-
heiten. In dieser Abstraktionsbewegung bringt es sich gegenüber seinen Vor-
gegebenheiten in die Schwebe, in der es sich die Möglichkeiten seines Ver-
haltens noch offen hält, um je selbst über es zu entscheiden. Zugleich gibt es
sich die eigene absolute Spontaneität, die es im Selbstbewußtseinsvollzug er-
fährt, als die Norm alles konkreten, umweltbezogenen Verhaltens vor (vgl.
1,466; 515 f.).
Aber Fichte versteht das Selbstbewußtsein nicht nur als Erfahrung abso-
luter Spontaneität, sondern auch als Erfahrung absoluter Identität: „Näm-
lich, das reine Ich kann nie im Widerspruche mit sich selbst stehen, denn es
ist in ihm gar keine Verschiedenheit, sondern es ist stets ein und ebendas-

jede objektive Gegebenheit des eigenen Handelns ermöglicht: Die intellektuelle An-
schauung „ist ein sich Setzen als setzend (irgendein Objektives . . . ) " (1,528). Damit
gewinnt sie nun selber die Struktur des Selbstbewußtseins, das die reine Subjekt-
seite in der Selbstbewußtseinsrelation zwischen dem Subjekt und dem Objekt bildet.

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28 Die Rechtfertigung der Interpretation

selbe" (VI, 296 f.). So stellt der Vollzug des Selbstbewußtseins die folgende
Forderung an das Ich: „Der Mensch soll stets einig mit sich sein; er soll sich
nie widersprechen" (VI, 296). Beide Forderungen an das „empirische Ich"
gehören unmittelbar zusammen: nur sofern das Ich in allen seinen Verhal-
tensweisen allein durch sich selbst bestimmt ist, kann es mit sich identisch
sein. In der Orientierung an den Normen des eigenen Selbstbewußtseins be-
müht sich das konkrete Ich um die Integration seiner verschiedenen ,Kräfte':
„Nicht etwa bloß der Wille soll stets einig mit sich selbst sein, . . . sondern
alle Kräfte des Menschen . . . sollen zu vollkommener Identität übereinstim-
men, und unter sich zusammenstimmen" (VI, 297). Weil das konkret existie-
rende Ich ständig von den Bedingungen seiner Umwelt mitbestimmt wird,
auch wenn es nicht mehr ihr „Produkt" ist, läßt sich seine vollständige
Übereinstimmung mit sich selbst nur in der „Übereinstimmung aller Dinge
außer ihm, mit seinen notwendigen praktischen Begriffen von ihnen" errei-
chen (VI, 299). So bleibt die Aufgabe der Selbstbefreiung und der Identitäts-
bildung ein unabschließbarer Prozeß, der durch die im Selbstbewußtsein er-
schlossenen Normen geleitet wird.
Der Erfahrung absoluter Selbständigkeit und Identität ist eine Weise
des Selbstbezugs entgegengesetzt, in der das Ich sich gegen die Möglichkeit
des spontanen Selbstbewußtseins sperrt. Sie gründet in dem Interesse, die
eigene Umweltgebundenheit festzuhalten (1,433), und findet ihren theoreti-
schen Ausdruck im „Dogmatismus", der von der „Selbständigkeit des Din-
ges" statt des Ich ausgeht (s. o. S. 25). Im Ausweichen vor dem spontanen
Selbstbewußtsein wird das Ich „notwendig Fatalist" (1,430) und erreicht
„nur jenes zerstreute, auf den Objekten haftende, und aus ihrer Mannig-
faltigkeit zusammenzulesende Selbstbewußtsein" (1,433). So gibt das Ich
mit der Möglichkeit der Freiheit auch die der Identität auf.
Beide Weisen der Selbsterfahrung stehen für Fichte in einem inneren
Zusammenhang: Der Dogmatiker kann sein Interesse an der Selbständigkeit
niemals ganz zum Schweigen bringen, der Idealist kann dieses Interesse nur
in der Überwindung der Tendenz zur Unselbständigkeit freisetzen (1,434).
Damit ist der Strukturzusammenhang der Subjektivität entfaltet, an dem sich
die folgenden Analysen orientieren. Fichte stellt dem formalen, indifferenten
Selbstbezug des Reflexionsmodells den inneren Zusammenhang gegensätz-
licher Selbstbewußtseinsweisen gegenüber, die von widersprechenden Inter-
essen geleitet sind und in denen das Individuum jeweils selbst noch die
Weise festlegt, wie es sich in seinen Grundcharakteren der Subjektivität zu-
gänglich werden will: Das Interesse an der Selbständigkeit und Identität er-
öffnet eine Weise des Selbstbewußtseins, in der das Ich von seiner konkre-

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2. Der bewußtseinstheoretisdie Ansatz 29

ten Umweltgebundenheit abstrahiert und sich darin die eigenen Grundcha-


raktere seiner Ichheit, nämlich Selbständigkeit und Identität, als Normen
seines Verhaltens vorgibt. Im Gegeninteresse an der Unselbständigkeit und
Diskontinuität weicht das Ich dagegen vor dem abstrahierenden Selbst-
bewußtseinsvollzug aus, indem es in seiner konkreten Umweltgebundenheit
befangen bleibt und seine Grundbestimmungen der Subjektivität' als Orien-
tierungen unausdrücklich negiert. Es wird sich zeigen, daß Freud und Hei-
degger diese Konzeption des interessegeleiteten Selbstbewußtseins im Rah-
men ihrer eigenen Ansätze verwandelt entfaltet haben30.
Bevor dieser Zusammenhang jedoch untersucht wird, soll die spezifische
Bewußtseinsweise der Selbstgegebenheit aufgeklärt werden, die in Fichtes
Theorie des interessierten Selbstbewußtseins impliziert ist. Im Ausgang von
der „Selbständigkeit des Ich" (s. o. S.25) setzt Fichte in seiner transzen-
dentalphilosophischen Deduktion die „Tathandlung" als den spontanen Voll-
zug an, in dem sich ursprünglich die Dimension des Bewußtseins überhaupt
eröffnet und gliedert (vgl. 1,91—123). In diesem Ansatz legt Fichte die
deskriptive Struktur des Bewußtseins grundsätzlich fest. Weil die Tathand-
lung die unmittelbare und absolut evidente Anschauung der eigenen Tätig-
keit einschließt, muß in ihr die Dimension des Bewußtseins als ,Bereich' ab-
soluter Transparenz eröffnet sein. Entsprechend müssen auch die empirischen
Bestimmungen des Bewußtseins für das Ich vollständig durchsichtig sein. So
kann Fichte sagen: „Die Intelligenz, als solche, sieht sich selbst zu·, und die-
ses sich selbst Sehen geht u n m i t t e l b a r a u f a l l e s 3 1 , was sie ist, und
in dieser unmittelbaren Vereinigung des Seins und des Sehens besteht die
Natur der Intelligenz. Was in ihr ist, und was sie überhaupt ist, ist sie für
sich selbst" (1,435). Diese Bestimmung des Bewußtseins als absoluter Selbst-
durchsichtigkeit werden Freud und Heidegger auf je verschiedene Weise in
Frage stellen.

30 Der Versuch, die Psychoanalyse auf Fichtes Theorie des interessegeleiteten Selbst-
bewußtseins hin zu befragen, ist durch Habermas' Freudinterpretation angeregt wor-
den (J.Habermas: Erkenntnis und Interesse. Frankfurt 1968; Teil III). Habermas
versucht den Zusammenhang zwischen Fichte und Freud ausschließlich in der Unter-
suchung der analytischen Praxis aufzuweisen (vgl. S. 280 ff.), während er von Freuds
Konzeption des „psychischen Apparats" sagt: „das Strukturmodell verleugnet die
Herkunft der eigenen Kategorien aus einem Aufklärungsprozeß" der „Selbstreflexion"
(300). Die vorliegende Interpretation versucht dagegen zu zeigen, wie in Freuds eige-
ner Theorie diese ,Herkunft' noch sichtbar bleibt und für sein Strukturmodell we-
sentliche Bedeutung hat.
31 Die hier und in folgenden Zitaten benutzten Sperrungen kennzeichnen Hervorhebun-
gen von mir.

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30 Die Rechtfertigung der Interpretation

Mit dem Ansatz bei der Tathandlung als Deduktionsprinzip der fakti-
schen Erfahrung begründet Fichte diese selbst im „System" der „Handelns-
gesetze der Intelligenz" (1,441), das schon im Ansatz der Tathandlung im-
pliziert ist. Damit klammert Fichte konsequent die Möglichkeit einer Reali-
tät aus, von der das Bewußtsein in seinen konkreten Bestimmungen noch
abhängig sein könnte (1,435). Diese Konzeption wird Freud in seiner Theo-
rie des „psychischen Apparats" in Frage stellen.

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Erster Teil
Die Psychoanalyse Sigmund Freuds als ,empirische' Interpretation
des interessegeleiteten Selbstbewußtseins

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I.
Die psychoanalytische Gliederung der Psyche
als ,verdinglichende' Interpretation
des Selbstbewußtseinsvollzugs

Die Interpretation der idealistischen Selbstbewußtseinstheorie hat den


Vorbegriff der Subjektivität' entfaltet, auf den hin die Psychoanalyse im
ersten Teil der vorliegenden Arbeit befragt werden soll. Fichtes Konzeption
des interessegeleiteten Selbstbewußtseinsvollzugs zeichnet der folgenden Un-
tersuchung zwei Schritte vor:
1. Der erste Abschnitt versucht zu zeigen, daß die psychoanalytische
Gliederung der Psyche als ,verdinglichende' Interpretation eines Selbstbe-
wußtseinsvollzugs verstanden werden kann, in dem das Individuum noch
selbst entscheidet, wie es sich selbst zugänglich werden will. Für diesen In-
terpretationsansatz erweist sich Freuds Konzeption des „psychischen Appa-
rats" als Theorie, die das Phänomen des Selbstbewußtseinsvollzugs entschei-
dend über Fichtes Ansatz bei der transparenten Selbstgegebenheit hinaus
erweitert, indem sie den Prozeß aufklärt, durdi den das Individuum selbst
den Umkreis seiner transparenten Selbsterfahrung erst umgrenzt. Dieses
Verständnis der Psychoanalyse muß sich ausweisen, indem die Interpreta-
tion zunächst zeigt, daß Freud selbst deskriptiv von der Untersuchung des
umgrenzenden ,Selbstbewußtseins' ausgegangen ist, und dann einsichtig
macht, warum Freud seinen deskriptiven Ansatz nur in ,verdinglichender'
Form theoretisch entfalten konnte. Sie wird zu zeigen versuchen, daJß Freuds
naturwissenschaftliche Methode und seine Gebundenheit an den traditionel-
len Begriff des transparenten Selbstbewußtseins ihn daran hinderten, die ge-
nuine Bewußtseinsstruktur zu explizieren, die im Phänomen des umgrenzen-
den Selbstbewußtseins impliziert ist. Diese Begrenzung der eigenen Theorie
zwang Freud dazu, für die theoretische Ausarbeitung seiner Entdeckung /ver-
dinglichende' Hilfsvorstellungen heranzuziehen.
2. Nach der Untersuchung des psychoanalytisch entdeckten Selbstbe-
wußtseinsvollzugs fragt die Interpretation im zweiten Abschnitt danach, ob
und inwieweit Freud die Interessen aufgeklärt hat, die den Vollzug des
Selbstbewußtseins begründen können. Mit dieser Frage thematisiert die In-

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34 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

terpretation die psychoanalytische „Ichpsychologie" und versucht zu zeigen,


daß Freud die leitenden Interessen des Selbstbewußtseins inhaltlich in weit-
gehender Entsprechung zu Fichtes Konzeption bestimmt hat, zugleich aber
für sie eine formale Struktur angesetzt hat, die der Erweiterung des Selbst-
bewußtseinsvollzugs über den Bereich transparenter Selbstgegebenheit hin-
aus entspricht: Für Freud sind die „Ichinteressen" nicht mehr die leitenden
Interessen eines transparenten Selbstbewußtseinsverhältnisses, sondern Ten-
denzen, in denen das Individuum noch an der Umgrenzung des transparen-
ten Selbstbewußtseins interessiert ist.
Dieses Verständnis der „Ichinteressen" versucht die Interpretation zu
begründen, indem sie die Entwicklung der psychoanalytischen Ichpsychologie
nachzeichnet. Sie zeigt, daß Freud zunächst zwei unzureichende Ichbegriffe
entwickelt, ehe es ihm gelingt, die Ichinteressen als Tendenzen zu entfalten,
in denen die spontane Aktivität des umgrenzenden Selbstbewußtseinsvoll-
zugs begründet werden kann. Dabei wird sich wiederum der naturwissen-
schaftliche Ansatz der Psychoanalyse als Grund für die theoretischen Schwie-
rigkeiten der „Ichpsychologie" aufweisen lassen.
In den skizzierten zwei Schritten der Interpretation versucht die vorlie-
gende Arbeit die psychoanalytische Konzeption des interessegeleiteten
Selbstbewußtseins in ihren deskriptiven Aspekten aufzuzeigen und zugleich
die theoretischen Schwierigkeiten sichtbar zu machen, die über die Grenzen
der psychoanalytischen Fragestellung hinausweisen. Damit gewinnt sie den
Ubergang zu der Interpretation des existenzialontologischen Selbstbewußt-
seinsbegriffs, der im zweiten Teil der Arbeit daraufhin befragt werden soll,
inwieweit er zur Lösung der psychoanalytischen Probleme beitragen kann.

1. Die Psychoanalyse als „Deutungskunst" und als „Naturwissenschaft"

a) Der deskriptive Ansatz der psychoanalytischen Deutungskunst:


Der Vollzug des Selbstbewußtseins als ,bewußtseinsumgrenzendes
Handeln'

Die psychoanalytische Konzeption des „psychischen Apparats" ist als em-


pirische Theorie auf einen bestimmten, empirisch zugänglichen Erfahrungs-
bereich bezogen, der sich einer bestimmten Fragestellung und Untersuchungs-
methode erschließt. Von dieser ,Beziehung' geht die folgende Interpretation
aus, indem sie untersucht, inwieweit die Psychoanalyse ihre ,analytische Er-
fahrung' mit theoretischen Mitteln und in theoretischen Modellen expliziert,

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1. Psychoanalyse als Deutungskunst und Naturwissenschaft 35

die der Erfahrung selbst noch angemessen sind. Für diese Untersuchung muß
sie sich die psychoanalytischen Sachverhalte' selbst schon in ihrer psycho-
analytischen Deskription vorgeben lassen, ohne diese selbst noch in eigener
analytischer Erfahrung in Frage stellen zu können. So bleibt die philosophi-
sche Interpretation darauf beschränkt, nur die Unterschiede herauszuheben,
die zwischen der Beschreibung der analytischen Erfahrung und ihrer theo-
retischen Explikation innerhalb der psychoanalytischen Forschung selbst
sichtbar werden. Um nach solchen Diskrepanzen fragen zu können, muß die
Interpretation zunächst den deskriptiven Ansatz der Psychoanalyse in mög-
lichst weitreichender Unabhängigkeit von den theoretischen Grundvorausset-
zungen Freuds zu fassen versuchen.
Freud entwickelt die Problemstellung der Psychoanalyse aus der Deskrip-
tion der Selbsterfahrung. Er versteht das ,Seelenleben' als die Abfolge „psy-
chischer Reihen" (XI, 33), die durch den Zusammenhang „psychischer Akte"
(XI, 55) gebildet werden. Dieser Zusammenhang gründet in der einheit-
lichen Bezogenheit der psychischen Akte auf die leitende „Absicht", die sich
in der Abfolge der Akte realisiert. Die zweckmäßige Bezogenheit eines Aktes
auf die jeweils leitende Absicht und die entsprechende Stellung in einem
teleologischen Zusammenhang psychischer Vorgänge machen seinen „Sinn"
aus: „Unter dem ,Sinn' eines psychischen Vorganges verstehen . . . ((wir))
nichts anderes als die Absicht, der er dient, und seine Stellung in einer psy-
chischen Reihe" (XI, 33). Diese Sinnstruktur gilt auch für die jeweils leiten-
den Absichten selber: auch sie sind ,sinnvoll', wenn sie sich dem Zusam-
menhang des ganzen Seelenlebens einordnen und so die ,Identität' des In-
dividuums erhalten (s. u. S. 82). So erweist sich das bewußte Seelenleben
als teleologisch bestimmter, umfassender ,Sinnzusammenhang', mit dem das
Individuum „sich einig fühlt" (XI, 142).
Die Psychoanalyse gewinnt nun ihren eigenen Phänomenbereich, indem
sie auf die Bewußtsein&vorgänge aufmerksam wird, die diesen Sinnzusam-
menhang durchbrechen. Sie haben für die Selbsterfahrung des Individuums
„den Charakter des Unmotivierten" (XI, 55) und erscheinen ihm darin als
„sinnlos" (VII, 132). „Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen und
die Träume bei Gesunden, alles was man psychische Symptome und Zwangs-
erscheinungen heißt, bei Kranken — unsere persönlichste tägliche Erfah-
rung macht uns mit Einfällen bekannt, deren Herkunft wir nicht kennen"
(X, 265). Sofern diese „sinnlosen" Akte überhaupt auf eine leitende Absicht
schließen lassen, wird diese Absicht vom Individuum „oft genug ((als)) ihm
völlig fremd, gegensätzlich . . . abgelehnt" ( X I I I , 243). Zugleich erweisen
sie sich als Bewußtseinsphänomene, die nicht im spontanen Willen des Indi-

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36 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

viduums begründet sind oder sich sogar gegen den eigenen Willen zwanghaft
in den eigenen Bewußtseinszusammenhang eindrängen können (XII, 9 f.).
Als solche ,zwanghaften' Vorgänge sind sie „resistent gegen alle Einflüsse
des sonst normalen Seelenlebens" und bilden „einen besonderen, vom übri-
gen abgeschlossenen Bezirk des Seelenlebens" (XI, 287). Obwohl die be-
schriebenen Bewußtseinsakte, die die Psychoanalyse thematisiert, in der un-
mittelbaren Selbsterfahrung als extreme Gegenphänomene zum Sinnzusam-
menhang des eigenen Bewußtseinslebens erfahren werden, geht die Psycho-
analyse davon aus, daß alle ,sinnlosen' psychischen Vorgänge einen für das
Individuum selbst „verborgenen Sinn" (XI, 83) haben. Sie gewinnt also
ihre eigene Fragestellung, indem sie nach dem ,Sinn' ,sinnloser' Phänomene
der Selbsterfahrung fragt. Damit ist die Psychoanalyse als „Deutungskunst"
(V, 7) eingeführt, denn „Deuten heißt einen verborgenen Sinn finden"
(XI, 83). Von diesem ,hermeneutischen' Ansatz her muß das sinnlose Be-
wußtseinsphänomen jeweils „selbst als ein vollgültiger psychischer Akt, der
auch sein eigenes Ziel verfolgt, als eine Äußerung von Inhalt und Bedeutung
aufgefaßt" (XI, 28) werden. Die Deutungsarbeit, bei der sich der Psydio-
analytiker der „freien Einfälle" des Analysierten bedient, stellt einen Sinn-
zusammenhang zwischen dem unverständlichen Bewußtseinsphänomen und
einer Tendenz her, die selbst für die Selbsterfahrung unzugänglich ist, wäh-
rend sie sich in dem ,sinnlosen' Phänomen zum Ausdruck bringt. Der Zu-
sammenhang zwischen der „unbewußten" Tendenz und dem ,sinnlosen' Akt
kann also nur sichtbar werden, sofern im unverständlichen Phänomen die
Sinnbezüge zu der unzugänglichen Absicht erkannt werden. Diese Erkennt-
nis fordert eine besondere „Deutungskunst", weil sich die unbewußte Ten-
denz nicht unmittelbar in dem Akt, den sie begründet, zum Ausdruck bringt,
sondern zumeist nur in „symbolischen Beziehungen" (s. 1,83) zu ihm i . Der
symbolische' Ausdruck unbewußter Tendenzen unterliegt aber einer eige-
nen „primitiven" und „irrationellen" (XV, 81) ,Logik', deren Gesetze die
analytische Deutungskunst in der Traumdeutung selbst erst aufgedeckt hat.
Außerdem setzen sich in den ,sinnlosen Akten' auch immer die abwehren-
den, bewußten Tendenzen mit durch und begründen so die „Entstellung"
der unbewußten Absicht. Audi diese Abhängigkeit der unverständlichen
Akte von den bewußten leitenden Absichten läßt sich nur in der Aufklä-
rung von ,verborgenen Sinnbeziehungen' aufdecken. Aufgrund dieses dop-

1
Das Problem symbolischer' Verweisungszusammenhänge innerhalb der psychischen
Akte hat A. Lorenzer in seiner „Kritik des psychoanalytischen Symbolbegrifis"
(Frankfurt 1970) genauer untersucht und dabei die Schwierigkeiten der psychoanaly-
tischen Symbollehre aufgewiesen.

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1. Psychoanalyse als Deutungskunst und Naturwissenschaft 37

pelten Sinnzusammenhangs mit der bewußten und der unbewußten Tendenz


interpretiert Freud das sinnlose Bewußtseinsphänomen jeweils als das Er-
gebnis „eines Kompromisses zwischen den beiden seelischen Strömungen,
und bei einem Kompromiß ist den Anforderungen eines jeden der beiden
Teile Rechnung getragen worden; ein jeder Teil hat aber auch auf ein Stück
dessen, was er durchsetzen wollte, verzichten müssen" (VII, 78). Dieser
Charakter der Kompromißbildung und die primitive Logik der symbolischen
Ausdrucksformen machen die spezifische Sinnlosigkeit' der unverständlichen
Akte aus und fordern eine selbständige „Deutungskunst" 2 .
Freud erweitert seine Aufklärung ,sinnloser' Akte über den Aufweis
ihrer Sinnbezüge hinaus, indem er dem Verhalten des Analysierten bei der
Deutung des „verborgenen Sinnes" Rechnung trägt. Der Analytiker macht
bei der Deutungs arbeit die Erfahrung, daß sich der Analysierte gegen die
Aufdeckung der zurückgedrängten Tendenzen sträubt und sich weigert, eine
gewonnene Deutung anzuerkennen und die aufgedeckte Absicht als eigene
zu akzeptieren (XI, 59). Aus diesem „Widerstand" (1,269) gegen die un-
bewußte Tendenz gewinnt Freud die Annahme einer dynamischen Beziehung
zwischen der unbewußten und den bewußten „Intentionen" ( X I , 56 f.) des
Individuums (1,268 f.). Den zumeist nur erschlossenen „Widerstand" kann
Freud für bestimmte Fälle auch unmittelbar nachweisen, wenn sich der Ana-
lysierte selbst noch an seine bewußte Bemühung erinnert, bestimmte eigene
Tendenzen zu vergessen (1,62; 89; 386). So erweist sich das „Nichtwissen",
das die sinnlosen Akte begründet, aufgrund des Widerstandes als „ein —
mehr oder minder bewußtes — Nichtwissenwollen" (1,269), in dem die un-
bewußte Absicht ständig „zurückgedrängt" wird ( X I , 60). In der ununter-
brochenen „Abwehr" (1,268 u. o.) der unbewußten Tendenz erweist sie ihre
eigene bedrängende Dynamik. Unter dieser Perspektive kann nun auch die
Kompromißbildung als Phänomen verstanden werden, in dem die abwehren-
den Tendenzen der Dynamik des Zurückgedrängten partiell Rechnung tra-
gen. Damit sind nun die unzugänglichen Sinnbezüge der sinnlosen Bewußt-
seinsphänomene zugleich als dynamische Beziehungen gefaßt.
Die dargestellte analytische Erfahrung impliziert eine spezifische Kon-
zeption der Selbsterfahrung und ihrer Bewußtseinsstruktur. Für die psycho-
analytische Aufklärung ,sinnloser' Bewußtseinsphänomene erweist sich das
,Selbstbewußtsein' als Vollzug, in dem das Individuum selbst noch den Um-

2 Die vorangegangene Interpretation des Zusammenhangs zwischen dem Unbewußten


und dem Bewußten orientiert sich an den einfachen Verhältnissen der Fehlleistung,
die aber doch für die Beziehung zwischen den bewußten und unbewußten Aspekten
der Psyche exemplarisch sind (vgl. X I , 18—76).

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38 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

kreis dessen umgrenzt, was es als sein eigenes Sein akzeptieren will. Die
Selbsterfahrung „unterliegt so der Beeinträchtigung durch eine Willensten-
denz, gerade so wie irgendein Stück unseres auf die Außenwelt gerichteten
Handelns" (1,526). Der Selbstbezug muß also als ,bewußtseinsumgrenzen-
des Handeln' verstanden werden, das jeweils von Interessen geleitet ist.
Dieses Handeln entfaltet Freud als kontrollierende Leistung der „Zensur"
(s.u. S.44).
In diesem Ansatz des Selbstbewußtseins ist zugleich eine spezifische Be-
wußtseinsbeziehung zwischen den ,unbewußten' und den bewußt akzeptier-
ten Tendenzen des Individuums impliziert. Solange das Individuum die In-
tentionen, die sich seiner Kenntnis entziehen, ständig noch „zurückdrängen"
muß, sind sie noch so weit für es zugänglich, daß es weiß, wogegen es sich
sperrt. Der dynamische Bezug zwischen der bewußten und der ,unbewußten'
Tendenz schließt also immer noch eine ,Sicht' des Abgedrängten ein. Eben
diese Sicht ist auch für die ,Sinnhaftigkeit' der sinnlosen Akte vorausgesetzt.
Nur sofern die leitende ,unbewußte' Absicht noch offengehalten ist, sind
Bewußtseinsphänomene möglich, in denen sich diese Absicht zum Ausdruck
bringen kann.
Diese Bewußtseinsstruktur scheint die Psychoanalyse auch selber voraus-
zusetzen, indem sie die Richtigkeit ihrer Deutung an der Zustimmung des
analysierten Individuums ausweist. Der Analysierte soll in den aufgedeckten
psychischen Vorgängen gerade nicht ihm völlig unbekannte Tendenzen ken-
nenlernen, sondern sie als nur vergessene Intentionen wiedererkennen. Das
Wiedererkennen schließt aber doch eine unausdrückliche Kenntnis des Ver-
gessenen ein, gerade um es als Vergessenes wiedererkennen zu können. Die-
ses unausdrückliche Wissen wird exemplarisch in der Aussage des Analysier-
ten faßbar: „Das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht"
(X, 127 f.) 3 .
Die bisher umrissene analytische Erfahrung bildet das ,Fundament' für
die psychoanalytische Theoriebildung, indem sie offenbar selbst schon be-
stimmte Aufgaben für ihre theoretische Explikation stellt. Die psychoanaly-
tische Theorie müßte den spezifischen Bezug zwischen den ,unbewußten' und
den bewußt akzeptierten Aspekten des individuellen psychischen Lebens
aufklären, der im Vollzug des „Zurückdrängens" selbst eingeschlossen ist und

3
Schließlich hat Freud in seiner Interpretation der Fehlleistungen die Unzugänglich-
keit „unbewußter" Tendenzen als Grenzform der Zugänglichkeit eingeführt. Er zeigt,
daß die stufenweise fortschreitende Unzugänglichkeit der störenden Intentionen
schließlich auf die „unbewußten" Absichten als deren äußerste Konsequenz führt
(XI, 58 f.).

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1. Psychoanalyse als Deutungskunst und Naturwissenschaft 39

einheitlich als dynamisches Verhältnis und als Bewußtseinsbeziehung ver-


standen werden muß. Damit stände sie vor der Aufgabe, ein ,Sehen' ver-
ständlich zu machen, das sich im Sehen das Gesehene selbst verbirgt. Zu-
gleich müßte sie die Eigenart des ,Kräfteverhältnisses' aufklären, das in die-
sem Sehen als „Zurückdrängen" impliziert ist.
Die folgende Übersicht über den eigenen theoretischen Ansatz Freuds
wird jedoch zeigen, daß Freud seine analytische Erfahrung in einem theore-
tischen Rahmen expliziert, der der Erfahrung selbst gar nicht mehr angemes-
sen ist und die theoretischen Probleme, die sich von ihr her stellen, gerade
verdeckt.

b) Der methodische Ansatz der Psychoanalyse als Naturwissenschaft:


Die Uminterpretation des bewußtseinsumgrenzenden Handelns
in die Wirkung von psychischen Kräften

Während Freud die Psychoanalyse in seinem deskriptiven Ansatz bei


der analytischen Erfahrung als Aufklärung der unverständlichen Selbster-
fahrung einführt, bestimmt er sie in seinen methodischen Überlegungen als
Wissenschaft, die es „gestattet, die Psychologie zu einer Naturwissenschaft
wie jede andere auszugestalten" (XVII, 80). Die Analogie der Psychoanalyse
zur Naturwissenschaft hat Freud am ausführlichsten im „Abriß der Psycho-
analyse" (XVII, 126 f.; 80 f.) durchgeführt. „Hier wie dort besteht die Auf-
gabe darin, hinter den unserer Wahrnehmung direkt gegebenen Eigenschaf-
ten (Qualitäten) des Forschungsobjektes anderes aufzudecken, was von der
besonderen Aufnahmsfähigkeit unserer Sinnesorgane unabhängiger und dem
vermuteten realen Sachverhalt besser angenähert ist" (XVII, 126). In die-
ser Problemstellung beschränkt sich die Psychoanalyse gerade nicht mehr auf
die Deutung der Selbsterfahrung, sondern gebraucht den in unmittelbarer
Selbstwahrnehmung gegebenen Bewußtseinszusammenhang selbst nur noch
als „Forschungsobjekt", von dem ausgehend nach der „Realität" des Psychi-
schen gefragt werden muß. Diese Realität untersucht die Psychoanalyse im
Ausgang von der „Auffassung, das Psychische sei an sich unbewußt" (XVII,
80) und könne nur unter bestimmten Bedingungen bewußt werden (vgl.
X V I I , 144). Nun erscheinen die zurückgedrängten Aspekte des je eigenen
Seins als „das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so
unbekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns durch die Daten des Be-
wußtseins ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die An-
gaben unserer Sinnesorgane" ( I I / I I I , 617 f.). In dieser Konzeption, die
zwischen ,Erscheinung' und „unerkennbarer Realität" trennt, ist der genuine

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40 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

Bewußtseinsbezug zwischen den bewußten und den unbewußten Aspekten


des eigenen Seins, der im „Nichtwissenwollen" als solchem liegt, auseinan-
dergerissen. Entsprechend wird auch der dynamische Bezug zwischen den
beiden Aspekten umgedeutet: Die bedrängende Dynamik der unbewußten
Absicht zeigt sich nicht mehr allein in der Notwendigkeit des Zurückdrän-
gens und im partiellen Eingehen auf sie; vielmehr wird die Absicht nun vom
„Widerstand" als eine selbständige Kraft losgelöst, deren „entfernte psy-
chische Wirkung" ( I I / I I I , 617) der jeweilige sinnlose Akt ist.
Indem Freud den Bewußtseinsbezug und die dynamische Beziehung zwi-
schen bewußten und unbewußten psychischen Akten auflöst, interpretiert
er die Verborgenheit der zurückgedrängten Tendenzen für die Selbsterfah-
rung als „Lückenhaftigkeit" (vgl. X, 265) des Bewußtseinszusammenhangs:
„Sowohl bei Gesunden als bei Kranken kommen häufig psychische Akte vor,
welche zu ihrer Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das Be-
wußtsein nicht zeugt" (X, 265). Damit kann der Sinnzusammenhang des
Bewußtseins jetzt als die streng kausalgesetzlich determinierte Kette von
Akten verstanden werden (XI, 104 f.), in der bestimmte Glieder fehlen. Die
Psychoanalyse steht vor der Aufgabe, in der Thematisierung der unbewuß-
ten psychischen Vorgänge die Lücken des Bewußtseinszusammenhangs aus-
zufüllen (XVII, 127). Dabei bleibt das Unbewußte als solches „unerkenn-
bar" (XVII, 80), „denn wir sehen, daß wir alles, was wir neu erschlossen
haben, doch wieder in die Sprache unserer Wahrnehmungen übersetzen müs-
sen, von der wir uns nun einmal nicht freimachen können" (XVII, 126).
Die „Wissenschaft vom Unbewußten" kann ihren Gegenstand also über-
haupt nur thematisieren, nachdem er „eine Umsetzung oder Übersetzung in
Bewußtes erfahren hat" (X, 264). Damit aber hat die „unerkennbare Reali-
tät" des Psychischen schon ihre genuinen Charaktere verloren und ist ein
Phänomen der Selbsterfahrung geworden. So erfaßt die Psychoanalyse das
Unbewußte niemals als solches, sondern bleibt in ihrer „Übersetzungsarbeit"
darauf beschränkt, für die psychischen Vorgänge „die Gesetze festzustellen,
denen sie gehorchen, ihre gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten
über weite Strecken lückenlos zu verfolgen" (XVII, 80) und so ihre strenge
Determiniertheit aufzuweisen (XI, 104 f.). Die Übersetzung des Unbewuß-
ten in Bewußtes leistet die analytische Technik, ohne dabei schon das Ver-
hältnis zwischen den beiden Aspekten der Psyche theoretisch zu explizieren.
Mit der Gegenüberstellung des deskriptiven und des methodischen An-
satzes der Psychoanalyse ist die Spannung angegeben, innerhalb derer sich
die theoretische Explikation der analytischen Erfahrung vollzieht. Zugleich
ist auch das Recht und die Notwendigkeit einer philosophischen Analyse der

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1. Psychoanalyse als Deutungskunst und Naturwissenschaft 41

psychoanalytischen Theoriebildung aufgewiesen. Sie steht vor der Aufgabe


nachzuprüfen, inwieweit sich der ,hermeneutische' und der naturwissen-
schaftliche Ansatz der Psychoanalyse in den tiefenpsychologischen Theore-
men durchdringen 4. Dabei muß sich zeigen, inwieweit die naturwissenschaft-
liche Konzeption die ursprüngliche Interpretation verborgener Sinnbezüge
einschränkt und umgekehrt der naturwissenschaftliche Ansatz in der Inter-
pretation von Sinnbeziehungen durchbrochen wird.

c) Die Verdinglichung des bewußtseinsumgrenzenden Handelns


in der „analytischen" Gliederung des „psychischen Apparats"
Die bisher dargestellte naturwissenschaftliche Interpretation der psycho-
analytischen Erfahrung hat Freud konsequent ausgebaut, indem er die „Wis-
senschaft vom Unbewußten" als „analytische" Psychologie entfaltete.
In seinem naturwissenschaftlichen Ansatz interpretiert Freud die dyna-
mische Spannung zwischen den gegensätzlichen Tendenzen, die deskriptiv
im „Zurückdrängen" zugänglich wird, als die Wechselwirkung zweier selb-
ständiger Kräfte (s. o. S.40). Diese unphänomenale Uminterpretation der
psychoanalytischen Erfahrung führt er fort, indem er den jeweils deskriptiv
in „sinnlosen" Bewußtseinsakten faßbaren Gegensatz zwischen je bestimm-
ten Tendenzen jetzt als Ausdruck des umfassenden Gegensatzes zwischen
zwei allgemeinen psychischen Kraftrichtungen versteht. Diese Kraftrichtun-
gen ordnet er den beiden verschiedenen „Organisationsformen" (vgl. ζ. B.
X, 288) der psychischen Vorgänge zu. Er unterscheidet zwischen einer unbe-
wußten, primitiven und einer bewußten, rationalen Organisationsform psy-
chischer Akte und kann sich bei dieser Trennung auf die Erfahrung der „ir-
rationalen" und „primitiven" Ausdrucksform zurückgedrängter Tendenzen
im Gegensatz zu dem geordneten Sinnzusammenhang der „sinnvollen" Be-
wußtseinsphänomene stützen (s. o. S. 36 f.). Aber er geht entscheidend über
4
Den hier angedeuteten Gegensatz hat P. Ricoeur in seiner groß angelegten Unter-
suchung „Die Interpretation. Ein Versuch über Freud" (Frankfurt 1969) als Gegen-
satz zwischen der „Energetik" und „Hermeneutik" in der Psychoanalyse entfaltet.
Ricoeur versucht diesen Gegensatz in einer philosophischen Interpretation zu über-
winden, die „das Ich denke, ich bin ((als)) die reflektive Basis einer jeden Aussage
über den Menschen" (429) festhält. In diesen Ansatz kann Ricoeur die psychoanaly-
tische Energetik und Topik nur einbringen, indem er die Reflexion des Subjekts als
dialektischen Prozeß der „Entäußerung des Bewußtseins" und seiner „Wiederaneig-
nung" interpretiert. Hier tritt die dialektische Bewegung offenbar an die Stelle einer
deskriptiven Bewußtseinsstruktur, die Freuds mechanistische Aussagen noch als ,her-
meneutische' Aussagen über Aspekte des Bewußtseins fassen könnte. Eine solche
Struktur scheint Heidegger in seiner Kritik an dem Ansatz beim „cogito sum" zu ent-
falten (s. u. S. 133 f.; 136 ff.).

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42 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

diese Erfahrung hinaus, indem er den deskriptiven Unterschied zwischen


rationalen und irrationalen Bewußtseinsphänomenen heranzieht, um generell
zwei Organisationsformen für alle psychischen Akte zu unterscheiden und sie
als zusammengehörige Entwicklungsstufen der psychischen Prozesse anzu-
setzen. Aufgrund dieser Umwandlung seines phänomenalen Ansatzes kann
Freud annehmen, „daß jeder seelische Vorgang . . . zunächst in einem unbe-
wußten Stadium oder Phase existiert und erst aus diesem in die bewußte
Phase übergeht" (XI, 305). Die psychische Organisation, die die Bildungen
der primitiven Organisation umfaßt und damit die „Vorstufe der höheren
Organisation" (X, 288) bildet, bezeichnet Freud als „das Unbewußte"
( = Ubw). Inhaltlich bestimmt er es als den Bereich der genuinen Triebre-
gungen und ihrer triebhaften Umwandlungen. Die Kraftrichtung des Ubw
charakterisiert er als das ungehemmte Drängen nach „Umsetzung" der pri-
mitiven psychischen Bildungen in die höhere Organisationsform des Bewußt-
seinszusammenhangs.
Dieser Zusammenhang wird nun ebenfalls als eigene Organisation der
psychischen Bildungen bestimmt, die die höhere Organisationsform erreicht
haben und zwar nicht ständig bewußt, „wohl aber bewußtseinsfähig" sind,
d.h. „ohne besonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser Bedingungen
Objekt des Bewußtseins werden" können (X, 272). Dieser Organisation
ordnet Freud nun die ,Gegenkraft' gegen die andrängenden unbewußten
Vorgänge als universale Kraftrichtung zu, die über die deskriptiv anweis-
baren Phänomene des Zurückdrängens hinausreicht. Das Kräftespiel der bei-
den Organisationen soll die jeweils aktuellen Phänomene der Selbsterfahrung
begründen.
Für diesen Ansatz unterscheiden sich die ,sinnlosen' Bewußtseinsphäno-
mene gar nicht mehr grundsätzlich von den ,sinnvollen'; der Unterschied ist
nur „dynamisch aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der Komponen-
ten des Kräftespiels, von dem so viele Wirkungen während der normalen
Funktion verdeckt sind" ( I I / I I I , 614), das aber auch ihr zugrundeliegt. Sinn-
volle Akte sind darin begründet, daß das verdrängende Bewußtsein die zu-
rückgedrängten unbewußten Tendenzen vollständig niederhalten kann oder
beide Tendenzen für bestimmte Lebenssituationen zusammenfallen. Sinn-
lose Phänomene dagegen werden immer dann bewußt, wenn sich die nie-
dergehaltenen Tendenzen so gegen die verdrängenden Absichten durchset-
zen, daß sie ihr ursprüngliches Ziel noch in gewissen Grenzen festhalten
(s. o. S. 36 f.). Indem Freud nun die Bewußtseinsphänomene im Hinblick auf
die für sie vorauszusetzenden Tendenzen „zerlegt", gewinnt er seinen ge-
nuinen „analytischen" Ansatz: „Wir wollen die Erscheinungen nicht bloß

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1. Psychoanalyse als Deutungskunst und Naturwissenschaft 43

beschreiben und klassifizieren, sondern sie als Anzeichen eines Kräftespiels


in der Seele begreifen, als Äußerung von zielstrebigen Tendenzen, die zu-
sammen oder gegeneinander arbeiten. ( . . . ) Die wahrgenommenen Phäno-
mene müssen in unserer Auffassung gegen die nur angenommenen Strebun-
gen zurücktreten" ( X I , 62).
In seiner „analytischen" Konzeption hat Freud die Dimension der Selbst-
erfahrung grundsätzlich überschritten: Mit der Annahme einer unbewußten
psychischen Organisation psychischer Vorgänge führt er reale psychische
,Substanzen' ein, die unabhängig vom Erleben bestehen und Träger einer
selbständigen realen Kraft sein sollen. Damit verdinglicht er die Dimension
des Unbewußten zu einer vorhandenen psychischen Struktur, die von der
Selbsterfahrung unabhängig ist.
Diesem Ansatz entsprechend faßt Freud die zurückgedrängten Tendenzen
nur noch als Teil des Unbewußten und beschreibt sie gar nicht mehr aus der
Dynamik des Zurückdrängens heraus. Das „Verdrängte" erscheint vielmehr
unabhängig von der Selbsterfahrung als psychischer Vorgang, der auf der
primitiven, unbewußten „Stufe stehen bleiben und doch den vollen Wert
einer psychischen Leistung beanspruchen kann" (11/111,617).
In Analogie zum „Unbewußten" führt Freud nun auch für den Bewußt-
seinszusammenhang eine universale und real wirksame Gegenkraft ein, die
von psychischen Bildungen dieses Zusammenhangs ausgeht, so daß nun auch
der Umkreis unmittelbarer Selbsterfahrung den Charakter einer dinglichen
Struktur der Psyche gewinnt. Diese Struktur bestimmt Freud als „das Vor-
bewußte" ( = Vbw), das den Bereich der je aktuell bewußten Akte ( = Bw)
einschließt.
Den dargestellten verdinglichenden Ansatz der Psyche führt Freud unter
drei methodischen Gesichtspunkten, dem „dynamischen", dem „ökonomi-
schen" und dem „topischen", durch ( X , 2 7 2 ) und bezeichnet diese Betrach-
tungsweise als „Metapsychologie" (X, 281).
In der topischen Interpretation faßt er die beiden Organisationen der
psychischen Vorgänge als räumlich getrennte Bereiche der Seele und bezeich-
net sie als „Systeme" (X, 272). Unter dynamischem Gesichtspunkt unter-
sucht er das Kräfteverhältnis der beiden Systeme zueinander und versucht
in ökonomischen Annahmen ihre relative Stärke zu bestimmen, die über Sinn-
losigkeit und Sinnhaftigkeit von Bewußtseinsphänomenen entscheidet.
Die bisher dargestellte „analytische" Explikation der psychoanalytischen
Erfahrung verwandelt den deskriptiven Ansatz Freuds grundlegend. Indem
Freud aus der aufweisbaren Spannung zwischen bewußten und unbewußten
Tendenzen die Unterscheidung von Entwicklungsstufen psychischer Akte ge-

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44 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

winnt, kann er der aufweisbaren Spannung zwischen den Tendenzen einen


realen Vorgang der „Abwehr" voraussetzen, in dem die andrängende Ten-
denz von der Gegentendenz ins Unbewußte zurückgeschoben wird. Entspre-
chend ist er nun auch zur Annahme der Gegenmöglichkeit berechtigt, die in
der Aufnahme unbewußter Tendenzen ins Bewußtsein besteht, aber deskrip-
tiv nicht faßbar wird, weil dieser Vorgang die ,normalen' Bewußtseinsakte
begründet, deren Genese verborgen bleibt (s. o. S. 42 f.).
In diesem Zusammenhang führt Freud das ,bewußtseinsumgrenzende
Handeln' als die Leistung der unbewußten „Zensur" zwischen Ubw und
Vbw ein. Die Zensur ist die „prüfende Instanz . . welche darüber entschei-
det, ob eine auftauchende Vorstellung zum Bewußtsein gelangen darf" oder
nicht (VIII, 397). Sie leistet die beständige Kontrolle und Kritik der unge-
hemmten, noch unbewußten Tendenzen, in der sie entweder inhaltlich un-
verändert zum Vbw zugelassen oder für die bewußte Befriedigung abgewan-
delt (sublimiert) oder überhaupt abgewiesen (verdrängt) werden. Die Zen-
sur ist also die psychische Instanz, die zwischen den gegensätzlichen Berei-
chen der Seele vermittelt und sie darin verbindet. Im Ausgrenzen von Ten-
denzen stellt sie die Spannung zwischen bewußten und unbewußten Antei-
len der Psyche her, in der Annahme vermeidet sie diese Konflikte.
Innerhalb des dargestellten naturwissenschaftlichen Ansatzes hat Freud
zwei Modelle entwickelt, die das Verhältnis zwischen dem Bewußten und
dem Unbewußten theoretisch zu erfassen versuchen und darin die Struktur
und Funktion der „Zensur" näher bestimmen.
1. In seinem ersten Modell der Psyche bezieht Freud die unbewußten
psychischen Prozesse noch prinzipiell in die Dimension des Bewußtseins ein,
indem er Termini auf sie anwendet, die die Psychologie zur Bezeichnung von
Bewußtseinsphänomenen entwickelt hat. So gebraucht er Begriffe wie „un-
bewußter Affekt" (X, 215 ff.) oder „unbewußte Erinnerung" (XVII, 127)
für psychische Prozesse, deren „Realität" an sich unerkennbar ist, die sich
aber unter menschlichen Erkenntnisbedingungen nur als Grenzphänomene
des Bewußtseins in Begriffen der Selbsterfahrung explizieren lassen (s.o.
S. 40). In dieser Konzeption ist das Bewußtsein noch prinzipiell als die ein-
heitliche Dimension festgehalten, innerhalb derer die Abgrenzung und die
Beziehung zwischen dem Bewußten und Unbewußten möglich ist. Entspre-
chend führt sie die „Zensur" als die Instanz ein, die in einem ,unausdrück-
lichen' Wissen um das Unbewußte die gegensätzlichen Bereiche der Psyche
aufeinander bezieht und sie zugleich trennt.
Dieses theoretische Modell kann nur den Wert einer „Veranschau-
lichung" (vgl. X,274) haben, weil es dem Zwang entspringt, auch unbe-

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1. Psychoanalyse als Deutungskunst und Naturwissenschaft 45

wußte Vorgänge noch „in der Sprache unserer Wahrnehmungen" zu expli-


zieren und darin gerade ihre unerkennbare Realität zu verfehlen (s. o. S. 40).
Sofern es an der Einheit des Bewußtseinsmediums festhält, bestimmt es die
Leistungen der Zensur als spontane Vollzüge und bietet gar keine Möglich-
keit, die psychischen Vorgänge als streng determinierte Abläufe sichtbar zu
machen (vgl. u. S. 48 f.). — Weil Freud innerhalb dieses Modells ausschließ-
lich Begriffe der Bewußtseinspsychologie übernimmt und modifiziert, wird
die „veranschaulichende" Konzeption der Psyche im folgenden auch als psy-
chologisches' Modell bezeichnet.
2. Von Freuds „veranschaulichenden" Annahmen läßt sich ein Modell der
Psyche unterscheiden, das die unerkennbare Realität des Unbewußten nicht
mehr „in die Sprache unseres normalen Denkens zu übersetzen" (XV, 96),
sondern sich ihr selbst als Wirklichkeit zu nähern versucht. Dieses Modell
abstrahiert vollständig von der Selbsterfahrung und orientiert sich daran,
daß die psychischen Prozesse „auch eine organisch-biologische Seite" (XVII,
125) haben. Dabei entwickelt es ein Konzept des Zusammenhangs zwischen
dem Unbewußten und dem Bewußten, in dem überhaupt vom Medium des
Bewußtseins als einheitstiftender Struktur abgesehen wird: Der psychische
Vorgang erscheint unter dieser Perspektive als „gewiß nicht bewußter oder
vorbewußter Vorgang zwischen Energiebeträgen an einem unvorstellbaren
Substrat" (XV, 96). In diesem Modell, das psychische Vorgänge „wie alle
anderen Vorgänge in der Natur, von denen wir Kenntnis gewonnen haben"
(XVII, 144; vgl. XVII, 86), erfaßt, kann das Seelenleben als streng kausa-
ler Zusammenhang angesetzt werden. Entsprechend ist in diesem Zusammen-
hang „Zensur" nur ein Terminus für Wechselwirkungen zwischen Energie-
beträgen, die kausal gesteuert sind (vgl. u. S. 65). — Weil diese Konzep-
tion der Seele die psychischen Vorgänge in den Zusammenhang mechanischer
Naturprozesse einordnet, wird sie im folgenden als ,naturwissenschaftliches'
oder ,mechanisches' Modell der Psyche bezeichnet.
Innerhalb seiner Theoriebildung hat Freud keines der beiden dargestell-
ten Modelle systematisch ausgearbeitet und auch nirgends exakt zwischen
ihnen unterschieden. Die Differenz zwischen den Modellen gewinnt erst Ge-
wicht für eine methodologische Interpretation, die ausdrücklich zwischen
dem .hermeneutischen' und dem naturwissenschaftlichen Ansatz innerhalb
der Psychoanalyse unterscheidet. Unter dieser Perspektive erscheint nämlich
das psychologische' Modell der Psyche als Konzeption, die grundsätzlich,
wenn auch unzureichend, die Selbsterfahrung als den Gegenstand psycho-
analytischer Untersuchung festhält und damit den, wenn auch eingeschränk-
ten ,hermeneutischen' Ansatz innerhalb der psychoanalytischen Theoriebil-

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46 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

dung repräsentiert. Von dieser Konzeption muß die methodologische Inter-


pretation das naturwissenschaftliche Modell streng unterscheiden, weil es
das Seelenleben ganz unabhängig von der Selbsterfahrung als mechanisch ge-
steuertes Kräftespiel zu explizieren versucht. Der theoretische Wert der bei-
den Modelle muß danach bestimmt werden, inwieweit sie jeweils das deskrip-
tiv faßbare Phänomen des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' theore-
tisch angemessen entfalten. Die beiden folgenden Kapitel versuchen, diesen
Wert für die verschiedenen Modelle zu klären.

2. Das psychologische Modell der Psyche als Veranschaulichung


des bewußtseinsumgrenzenden Handelns

Die Frage nach der spezifischen Beziehung zwischen dem Bewußtsein und
dem Unbewußten, die im ,bewußtseinsumgrenzenden Handeln' impliziert
ist, soll zunächst in einer Interpretation beantwortet werden, die Freuds
psychologische' Annahmen über die Struktur der Psyche heraushebt und
systematisch zu entfalten versucht (a). Dabei soll gezeigt werden, daß Freud
für die kontrollierende Arbeit der unbewußten „Zensur" veranschaulichend
den einheitlichen Bewußtseinsraum der Selbsterfahrung festhält, in dem die
gegensätzlichen Aspekte des psychischen Lebens einheitlich zugänglich wer-
den. Anschließend wird der Ursprung dieses Modells in der deskriptiv a n -
weisbaren psychoanalytischen Ausgangserfahrung der bewußten „Zensur"
unverträglicher Bewußtseinsakte (s. o. S. 37 f.) aufgezeigt (b). Zuletzt soll in
der Analyse des psychoanalytischen Bewußtseinsbegriffs gezeigt werden,
warum Freud die Strukturen unbewußter Zensur nicht phänomenal ange-
messen in Analogie zur bewußten Zensur entfalten konnte, sondern in sei-
nem psychologischen' Modell der Psyche nur eine veranschaulichende Kon-
zeption des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' erreichte (c).

a) Die psychologische Konzeption der „psychischen Zensur":


Die Annahme oder Verdrängung unbewußter Akte
als bewußtseinsumgrenzendes Handeln
Für die Frage nach der spezifischen Beziehung zwischen Ubw und Vbw,
die Freud in seinen theoretischen Modellen entwickelt, tritt die Struktur
und Funktion der „psychischen Zensur" ins Zentrum. Wie sich schon zeigte
(s. o. S. 44), führt Freud sie als die Instanz ein, die zwischen beiden Syste-
men vermittelt, indem sie unbewußte Akte niederhält oder zum Bewußtsein
zuläßt.

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2. Das psychologische Modell der Psyche 47

Die beiden Modelle der Psychoanalyse implizieren zwei verschiedene


Ansätze zur Bestimmung der kontrollierenden Zensur. Während das veran-
schaulichende Modell sie als selbständige „Instanz" bestimmt, die sich in ihrer
Kontrollfunktion zu den leitenden Tendenzen des Vbw und den ubw Trieb-
ansprüchen verhält, führt das exakt naturwissenschaftliche Modell ,Zensur'
nur als Bezeichnung für bestimmte „Vorgänge zwischen Energiebeträgen"
(s. o. S. 45) des Ubw und Vbw ein. Beide Bestimmungen der Zensur sind
aber bei Freud nicht streng getrennt. Audi ohne ausdrücklich auf seine me-
chanischen Voraussetzungen zurückzugreifen, bestimmt er innerhalb seiner
Veranschaulichungen die Zensur primär unter dynamischem Gesichtspunkt
als eine Funktion der gegensätzlichen innerpsychischen Kraftrichtungen:
,Zensur' ist für ihn „vorläufig nichts weiter als ein gut brauchbarer Termi-
nus für eine dynamische Beziehung" (XI, 141) zwischen dem Vbw und dem
Ubw. Den „Zielvorstellungen" ( I I / I I I , 609) des Vbw, mit denen sich das
Individuum in seinem bewußten Lebenszusammenhang „einig fühlt" (XI,
142), stehen die ubw Triebansprüche gegenüber, die den leitenden Normen
des Vbw noch nicht unterworfen sind oder ihnen sogar widersprechen. Die
Zensur ist innerhalb dieses Gegensatzes „keine besondere Macht", sondern
die dem Ubw „zugewandte Seite der das Ich ((= Vbw)) beherrschenden,
verdrängenden Tendenzen" (X, 165). Das kontrollierende Verhältnis zum
Ubw, das in der ,Zuwendung' des Vbw liegt, wird hier unausdrücklich schon
als mechanischer ,Gegendruck' des Vbw gegen das ,andrängende' Ubw ge-
faßt, in dem die primäre Kraftrichtung der Triebansprüche durch die Gegen-
kraft „analog der Bildung einer Resultierenden im Kräfteparallelogramm"
(1,536) modifiziert wird.
Dieses ,dynamische' Modell genügt aber offenbar nicht, um die ange-
gebene Leistung der Zensur verständlich zu machen, weil es die Abgeschlos-
senheit des Vbw gegen das Ubw unberücksichtigt läßt 5 . Indem die vbw
„Zielvorstellungen" durch ihre Geltung einen bestimmten Umkreis vbw
Vorstellungen umgrenzen, grenzen sie zugleich alle anderen Tendenzen, die
nicht unter ihrer Kontrolle entstanden sind oder ihnen selbst widersprechen,
aus dem Zusammenhang des Vbw aus. Es scheint also unverständlich zu blei-
ben, wie die leitenden Tendenzen des Vbw in ihrer ausgrenzenden Funktion

5 Die folgende Interpretation ist durch die Kritik Sartres an der psychoanalytischen
Theorie der Zensur angeregt worden (J. P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Ham-
burg 1966; S. 91 ff.). Im Unterschied zu Sartre berücksichtigt sie jedoch, daß Freud
seine Konzeption der selbständigen Zensur nur als Veranschaulichung verstanden hat,
die durch das exakt naturwissenschaftliche Modell der Psyche aufgehoben wird. Erst
seine Kritik dieses Modells könnte Sartres Einwände rechtfertigen (s. u. S. 64 ff.).

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48 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

selbst noch für das Ausgegrenzte offen und ihm ,zugewendet' sein können.
Entsprechend scheint es unverständlich, wie das Vbw dem Ubw noch zuge-
wendet' sein kann, ohne es damit schon in den eigenen Zusammenhang auf-
genommen und darin als Ubw aufgehoben zu haben.
Beide Einwände legen ein Verständnis der Zensur nahe 6 , das sie als ei-
gene Instanz der Vermittlung zwischen den beiden Systemen ansetzt. Diese
Instanz muß für das Ubw und Vbw offen sein, um auf dem Grunde dieser
Offenheit selbst zu entscheiden, ob sie einen Triebanspruch akzeptieren und
damit in den Umkreis des Vbw einbeziehen oder ob sie ihn zurückdrängen
und darin vom Umkreis „bewußtseinsfähiger" Akte fernhalten will. So er-
weist sich die Umgrenzung des eigenen Vbw als die fundamentale Leistung
der Zensur, in der sie entweder den Zusammenhang „bewußtseinsfähiger"
Akte im Gegenzug zu den ausgrenzenden Tendenzen erweitert oder das Vbw
in der zwanghaften Bindung an diese Tendenzen gegen das Ubw abschließt.
In der Aufnahme noch unzugänglicher Interessen und Einstellungen ins
Vbw-Bw eröffnet sich das Individuum die Möglichkeit, sich bewußt mit den
akzeptierten Vorgegebenheiten auseinanderzusetzen, sie an den bewußt lei-
tenden Zielvorstellungen zu prüfen und sie zu korrigieren oder sogar aus-
drücklich abzuweisen (XI, 304; X, 248). Umgekehrt entzieht es sich in der
Verdrängung die Möglichkeit bewußter Auseinandersetzung und bleibt
darin von unbewußten Zwängen abhängig.
Der hier angedeuteten Konzeption der Zensur hat Freud in seiner topi-
schen Veranschaulichung wenigstens in Ansätzen Rechnung getragen. Er
setzt die Zensur als selbständige „Instanz" an, die nichts „passieren" läßt,
„ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr genehmen Abänderungen am Be-
wußtseinsbewerber durchzusetzen" ( I I / I I I , 149) oder ihn überhaupt vom
Bewußtsein abzuhalten (VIII, 397). Die Selbständigkeit dieser Zensur macht
Freud topisch dadurch sichtbar, daß er sie nicht ins Vbw einordnet, sondern
ihm vorordnet. Bildhaft beschreibt er die kontrollierende Instanz als den
„Wächter" auf der „Schwelle" zwischen Ubw und Vbw (X,255; XI, 305),
der in seiner Zwischenstellung beide Systeme aufeinander beziehen kann.
Indem Freud die unbewußte Zensur veranschaulichend als selbständige
Kontrollinstanz bestimmt, die für die gegensätzlichen Aspekte der Psyche

6 Der Mangel der folgenden Interpretation liegt darin, die angemessenen Strukturen
der Zensur nur konstruktiv in der Abhebung gegen Freuds unzureichenden Ansatz
und im Anhalt an bestimmten Veranschaulichungen einzuführen. Er kann erst in der
Interpretation der ausgearbeiteten Ichtheorie Freuds wettgemacht werden, in der die
konstruktiv eingeführten Annahmen als Freuds eigene Einsichten ausgewiesen wer-
den (s. o. S. 116 f.).

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2. Das psychologische Modell der Psyche 49

offen ist, scheint er sich unausdrücklich am bewußten ,Reflexionsvollzug' zu


orientieren, in dem das Individuum über die Geltung bewußter konkurrie-
render Motivationen spontan entscheidet. In der Tat läßt sich zeigen, daß
Freud den Begriff der „Zensur" in der Entwicklung seiner Theoriebildung
zunächst als Bezeichnung für die bewußte Kontrolle und Kritik des eigenen
Bewußtseinszusammenhangs eingeführt hat. Dabei ging er von dem deskrip-
tiv aufweisbaren Phänomen der bewußten Bemühung aus, bestimmte „ich-
fremde" Tendenzen aus dem eigenen Bewußtsein zu verdrängen (s.o. S.
37). So liegt die Vermutung nahe, Freud habe sein veranschaulichendes Mo-
dell der Psyche in der Übertragung der Strukturen bewußter Selbstkontrolle
auf die Ebene unbewußter Zensur gewonnen. Diese Vermutung soll in der
genaueren Untersuchung der psychoanalytischen Konzeption bewußter „Zen-
sur" geprüft werden.

b) Der Ursprung der psychologischen Konzeption „psychischer Zensur"


in Freuds Deskription bewußter Selbstkontrolle
In seinen frühen klinischen „Studien" (I) hat Freud eine Konzeption des
,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' entwickelt, die die „psychische Zen-
sur" zunächst auf die bewußte Kontrolle der bewußten psychischen Vor-
gänge einschränkt. In dieser Untersuchung bewußter Selbstkontrolle ge-
winnt er deskriptiv die Unterscheidung zwischen der „Annahme" und der
„Abwehr" „auftauchender" Vorstellungen, die er später für die unbewußte
Zensur ausgearbeitet hat.
In den „Studien" interpretiert Freud den bewußten Lebensvollzug als
Zusammenhang von „assoziierten Vorstellungen", der unser „normales Ich"
bildet (1,13). Diese „Assoziationskette" (1,13) erweitert sich nicht schon
durch das bloße Bewußtwerden, sondern nur durch die ausdrückliche „An-
nahme" (1,269) einer neuen Vorstellung. Diese Annahme schließt den „Vor-
gang der Zensur" (1,269) ein, in dem über die „Realität" der neuen Vor-
stellung entschieden wird. Die Entscheidung ist abhängig „von der Art und
Richtung der bereits im Ich vereinigten Vorstellungen" (1,269). Damit hat
Freud bereits die Grundstruktur der Zensur angesetzt: In der Orientierung
an den im Ich vereinigten Vorstellungen (und unter ihnen primär an den
normativen Tendenzen des Ich) leistet das Individuum die Kontrolle und
Kritik der neuauftauchenden Vorstellungen, indem es ihre „Verträglichkeit"
mit den bereits assoziierten Akten prüft. Diese Kontrolle des eigenen Be-
wußtseinszusammenhangs läßt zwei Möglichkeiten offen.
1. Das Individuum kann den auftauchenden Vorstellungen „Realität"

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50 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

zuerkennen und sie damit grundsätzlich in den eigenen Assoziationszusam-


menhang einbeziehen. Sofern die Vorstellung sich diesem Zusammenhang
nicht ohne weiteres einfügt, kann es diesen „Widerspruch . . . durch Denk-
arbeit zu lösen" (I, 62) versuchen. Diese Lösung erreicht das Individuum in
der „assoziativen" Verarbeitung, in der die widersprechenden Vorstellungen
korrigiert werden (I, 87). Damit entfaltet schon die Einführung der bewuß-
ten „Zensur" die beiden Aspekte gelungener Kontrolle: das zensierende In-
dividuum akzeptiert die auftauchenden Vorstellungen, um sich mit ihnen
auseinanderzusetzen (s. o. S. 48).
2. Umgekehrt kann das Ich sich in der Zensur aber auch der Auseinan-
dersetzung mit bestimmten „unverträglichen" Akten entziehen. Dieses Aus-
weichen faßt Freud als „Verdrängung", die das Individuum als bewußten
Willensakt vollzieht (I, 62, 89, 386; X V I I , 12). In dieser Verdrängung be-
gründet Freud die psychische Krankheit seiner Patienten. Er geht davon aus,
daß „ein Fall von Unverträglichkeit in ihrem Vorstellungsleben vorfiel,
d.h. . . . ein Erlebnis, eine Vorstellung, Empfindung an ihr Ich herantrat,
welches einen so peinlichen Affekt erweckte, daß die Person beschloß, daran
zu vergessen, weil sie sich nicht die Kraft zutraute, den Widerspruch dieser
unverträglichen Vorstellung mit ihrem Ich durch Denkarbeit zu lösen"
(1,61 f.). Weil das Ich starr an die leitenden Ziel Vorstellungen seines bewuß-
ten Lebens Vollzuges gebunden ist, gelingt es ihm nicht, sich für die faktisch
vorgegebene Vorstellung offen zu halten und sie in der ausdrücklichen Aus-
einandersetzung mit ihr zu negieren. In dieser Konzeption hat Freud die
Struktur der verdrängenden Zensur (s. o. S. 48) noch als Struktur der be-
wußten Auseinandersetzung mit eigenen Erlebnissen beschrieben.
In den „Weiteren Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen"
spricht Freud zum ersten Male von dem „psychischen Mechanismus der (un-
bewußten) Abwehr" (1,379). In der weiteren Aufklärung des Verdrän-
gungsvorgangs zeigt sich dann, daß die bewußte Abwehr von „ichfremden"
Vorstellungen nur die am ehesten zugängliche Grenzform der Verdrängungs-
prozesse ist, die sich zumeist „vom Ich unbemerkt" (XI, 304) vollziehen und
der infantilen Lebensphase des Individuums angehören. Für die Bestim-
mung der unbewußten Zensur und ihrer Leistungen scheint Freud nun aber
ohne weiteres die Strukturen bewußter Selbstkontrolle und -kritik in Struk-
turen unbewußter Zensur umgesetzt zu haben. Gerade die Entdeckung einer
unbewußten Zensur, die selbst noch um das Unbewußte ,wissen' muß, damit
sie es vom Bewußtsein fernhalten oder es ins Bewußtsein einbeziehen kann
(s. o. S. 48), hätte aber doch zur Frage nach einer Bewußtseinsstruktur füh-
ren müssen, die das ,bewußtseinsumgrenzende Handeln' der Zensur theo-

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3. Das psychologische Modell der Psyche 51

retisch durchsichtig machen kann. Diese Frage stellte Freud jedoch nicht,
weil er in dem empirischen Nachweis unbewußter Aspekte des psychischen
Seins selber an den traditionell leitenden Begriff des Bewußtseins als transpa-
renter Selbstgegebenheit gebunden blieb. In dieser Abhängigkeit von der
traditionellen Bewußtseinstheorie trennte er das Unbewußte radikal vom Be-
wußtsein ab und konnte beide Dimensionen der Psyche nur noch veranschau-
lichend innerhalb der Dimension des Bewußtseins in Beziehung setzen. Die
Fixierung der Psychoanalyse an den Begriff des transparenten Bewußtseins
soll im folgenden konkret aufgewiesen und in ihrer Konsequenz für das
»psychologische' Modell der unbewußten Zensur sichtbar gemacht werden.

c) Der unzureichende Bewußtseinsbegriff des psychologischen Modells


der Psyche bedingt die ,Verdinglichung' des bewußtseins-
umgrenzenden Handelns

Freud hat zwar selbst die fundamentale Bedeutung der Unterscheidung


zwischen ,bewußt' und ,unbewußt' für den Ansatz seiner Forschungen ge-
sehen (z.B. X I I I , 2 4 5 ) , aber er hat doch niemals einen deskriptiven Begriff
dessen, was ,bewußt' eigentlich meint, entfaltet. Er stellt die „Qualität" des
Bewußtseins als „einzigartige, unbeschreibliche aber auch einer Beschrei-
bung nicht bedürftige" ( X V I I , 143) „Tatsache" der Selbsterfahrung hin:
„Spricht man von Bewußtsein, so weiß man . . . unmittelbar aus eigenster
Erfahrung, was damit gemeint ist" ( X V I I , 79).
Genauso wie der deskriptive Sinn von ,Bewußtsein' bleibt auch seine
Struktur ungeklärt. In seinen Hinweisen auf die ,Erkenntnismöglichkeit' des
Bewußtseins scheint Freud, genau wie Breuer in den „Studien über Hysterie"
(179), die Struktur des Bewußtseins als Selbstbewußtsein zu fassen. So kann
er sagen: „Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der sich
auf die unmittelbarste und sicherste W a h r n e h m u n g beruft" ( X I I I ,
240). In seinen Analysen der Bewußtseinsstruktur faßt Freud das Bewußt-
sein dann aber entweder als „Sinnesorgan" ( I I / I I I , 620), für das psychische
Vorgänge „Objekt" (X, 272) werden und damit bewußt werden können,
oder als bloßen „Charakter der Bewußtheit" ( X V I I , 143), d.h. als eine
Qualität des Psychischen neben anderen. Im ersten Ansatz ist offenbar die
Struktur des Selbstbewußtseins bloß veranschaulichend zur Begründung der
Gegebenheit von Bewußtseinsphänomenen herangezogen, ohne daß damit
für Freud die deskriptive Struktur dieser Gegebenheit selbst thematisiert
wäre, im zweiten Ansatz hat Freud überhaupt auf eine Strukturbestimmung
der Gegebenheit der eigenen Bewußtseinsphänomene verzichtet.

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52 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

Trotz dieser Einschränkungen der psychoanalytischen Fragestellung schei-


nen Freuds Charakterisierungen des Bewußtseins einen ganz bestimmten
deskriptiven Sinn der Selbstgegebenheit zu implizieren. Einerseits sind „Be-
wußt sein" und, wie man ergänzen darf, die Bewußtseinsphänomene für
„die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung" zugänglich (s. o. S.51).
Andererseits ist die Gegebenheit der Bewußtseinsphänomene nur die »„psy-
chische Beleuchtung'", das bloße ,Hellwerden' eines psychischen Akts, ohne
daß sich darin „an ihm selbst, an seiner Folgerichtigkeit, dem Zusammen-
hang seiner einzelnen Teile, etwas ändern würde" (1,306). In diesem Hell-
werden unbewußter Akte wird bloß das Ergebnis des unbewußten psychi-
schen Kräftespiels sichtbar: Darum gibt „der Akt der Wahrnehmung selbst
. . . keine Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen wird
oder nicht wahrgenommen wird" (XIII, 242). In den beiden Bestimmun-
gen scheinen zwei Grundcharaktere der Selbsterfahrung angegeben zu sein.
Einerseits vollzieht sich die Selbstgegebenheit als ,unmittelbarste Wahrneh-
mung' offenbar im Medium einer absolut transparenten Bewußtseinsdimen-
sion. Zugleich ist diese Selbstgegebenheit auch das absolut ,passive Hinneh-
men' von in sich selbst bestimmten psychischen Gegenständlichkeiten, das
für deren Konstitution vollständig bedeutungslos ist. Von diesem Ansatz
her ist es offenbar unmöglich, die Zensur noch als Prozeß der Aneignung
oder Abweisung ,unbewußter' Triebwünsche zu beschreiben. Darin würde
nämlich das ,unbewußte' Kräftespiel noch als der Vollzug des Umgrenzens
gefaßt, in dem erst die transparente ,Sicht' eigener Bewußtseinsphänomene
festgelegt würde. Für eine solche Konzeption ist aber der Begriff des Be-
wußtseins als transparenter Selbstgegebenheit im passiven Hinnehmen auf-
tauchender' Akte gar nicht zureichend.
Weil dieser Bewußtseinsbegriff auch für das veranschaulichende Modell
der Vermittlung zwischen Ubw und Vbw vorausgesetzt ist, kann es den fun-
damentalen Unterschied zwischen den beiden Aspekten des psychischen Seins
nicht mehr als Unterschied in ihrer Zugänglichkeit einsichtig machen. Viel-
mehr greift Freud auf die topische Verdinglichung der psychischen Struk-
turen zurück (s. o. S. 43), um diesem Unterschied Rechnung zu tragen. Da-
bei zeigt sich, daß diese Verdinglichung die genuinen Strukturen des ,um-
grenzenden Handelns' weitgehend verdeckt.
Die Offenheit der vermittelnden Zensur für das Ubw und das Vbw
erscheint in der topischen Veranschaulichung als ,Zwischenstellung' der kon-
trollierenden Instanz, in der sie einerseits an das Ubw, andererseits an das
Vbw ,anstößt*. Dieses Modell verdeckt aber, daß die Offenheit der Zensur
nicht als räumliche Verbindung zwischen Ubw und Vbw bestimmt werden

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 53

kann, sondern als einheitliche Offenheit für Bewußtseinsphänomene verstan-


den werden muß, die in gegensätzlicher Weise ,gegeben' sind.
Dem Ansatz der Zensur entsprechend bestimmt das topische Modell den
Unterschied zwischen vbw und ubw Akten nicht im Hinblick auf ihre Ge-
gebenheitsweise, sondern unterscheidet beide Arten psychischer Prozesse
als räumlich getrennte Bereiche der veranschaulichend eingeführten einheit-
lichen Bewußtseinsdimension. Der jeweilige Vollzug des Umgrenzens be-
wußtseinsfähiger Gegebenheiten erscheint innerhalb des topischen Rahmens
entweder als Ortswechsel ubw Akte innerhalb des einheitlichen Bewußtseins-
raums, der mit der Verwandlung des triebhaften Drängens beim Durchgang
durch die Zensur verbunden ist, oder als örtliche Fixierung im Unbewußten,
durch die zugleich das triebhafte Drängen der ubw Wünsche fixiert wird.
Dagegen müßte im Ausgang von Freuds deskriptivem Ansatz die „Zensur"
als die Entscheidung über die Gegebenheitsweise von vorgegebenen Akten
verstanden werden, die auch als ,unbewußte' für die Zensur nicht völlig un-
zugänglich sind.
Die Untersuchung hat die Grenzen des veranschaulichenden Modells der
Psyche auf den leitenden Bewußtseinsbegriff zurückgeführt, den Freud un-
befragt aus der Tradition übernommen hat. Damit ist aber nur der primäre
sachliche Grund für die unzureichende Konzeption der Zensur angegeben.
Freud scheint sein Bewußtseinsbegriff gerade deshalb nicht problematisch ge-
worden zu sein, weil er sich in der Veranschaulichung psychischer Strukturen
schon unausdrücklich auf sein exakt naturwissenschaftliches Modell stützte,
das er für das theoretisch angemessene hielt. Die folgende Interpretation soll
diese Annahme auf ihr Recht hin prüfen. Dabei fragt sie, ob sich Zusam-
menhänge der Selbsterfahrung angemessen in „Wechselwirkungen zwischen
Energiebeträgen an einem Substrat" (s. o. S. 45) umsetzen lassen.

3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche als ,Mechanisierung'


des bewußtseinsumgrenzenden Handelns

Dem psychologischen Modell der Psyche, das bisher untersucht wurde,


soll im folgenden Kapitel die naturwissenschaftliche Konzeption seelischer
Prozesse gegenübergestellt werden. Diese Interpretation verfolgt eine drei-
fache Absicht: Sie soll zunächst die naturwissenschaftlichen Grundlagen für
die ,Verdinglichung' der Psyche sichtbar machen, die bisher allgemein ge-
kennzeichnet (s. o. S. 41 ff.) und in ihrer Relevanz für das veranschaulichende
Modell aufgewiesen worden ist (s. o. S . 5 2 f . ) . Dabei soll zugleich sichtbar

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54 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

werden, welche umfassende Einheit für den Zusammenhang von Ubw und
Vbw im naturwissenschaftlichen Modell an die Stelle des einheidichen ge-
gliederten Bewußtseinsraumes tritt (a). Diese Einheit muß dann daraufhin
befragt werden, ob sie den deskriptiv aufgewiesenen Zusammenhang der bei-
den ,Bereiche' des Seelenlebens theoretisch einsichtig machen kann (b).

a) Die naturwissenschafdichen Grundannahmen der „analytischen"


Psychologie entspringen der Psychologisierung'
neurophysiologischer Hypothesen
Die beiden ersten Probleme, von denen die Interpretation des natur-
wissenschaftlichen Modells der Psyche ausgeht, sollen in der Darstellung und
Kritik des VII. Kapitels der „Traumdeutung" beantwortet werden (II/III,
513—626). In diesem Text ist die naturwissenschaftliche Konzeption
Freuds am ausführlichsten und umfassendsten dargestellt. Freuds naturwis-
senschaftliche Annahmen orientieren sich daran, daß die psychischen Vor-
gänge „auch eine organisch-biologische Seite" haben (s. o. S. 45). In seinem
frühesten theoretischen Versuch, „eine naturwissenschaftiiche Psychologie
zu liefern" (Anfänge 305), setzt Freud „psychische Vorgänge . . . als quanti-
tativ bestimmte Zustände aufzeigbarer materieller Teile" (305) an, die er
im Anschluß an die Histologie (vgl. 307) als „Neuronen" bestimmt. Unter
dieser Grundvoraussetzung charakterisiert er die bewußte Selbsterfahrung
als „die subjektive Seite eines Teiles der physischen Vorgänge im Neuronen-
system" (320).
Diesen Ansatz korrigiert Freud in der „Traumdeutung", indem er seiner
bisher neurophysiologisch begründeten Psychologie ihr organisches Funda-
ment entzieht und sie damit als eigenständigen Forschungsbereich einführt.
Seine methodische Forderung lautet nun: „Wir wollen ganz beiseite lassen,
daß der seelische Apparat uns auch als anatomisches Präparat bekannt i s t . . .
Wir bleiben auf psychologischem Boden" (11/111,541). Die genauere Un-
tersuchung der psychoanalytischen Grundannahmen zeigt jedoch, daß Freud
seine psychologische' Konzeption der Psychoanalyse nicht aus einer selb-
ständigen, umfassenden Analyse der psychischen Phänomene, sondern aus der
bloßen Psychologisierung' seiner neurophysiologischen Hypothesen gewon-
nen hat 7 .

7 In seinen späteren Untersuchungen zum Verdrängungsvorgang (X, 248—303) hat


Freud streng an der Selbständigkeit der psychoanalytischen Psychologie gegenüber
neurophysiologischen Fundierungen festgehalten (VIII, 398; 410; X,273). In der
anschließenden Ausarbeitung seiner Strukturpsychologie bemühte sich Freud dagegen
erneut um die Anknüpfung seiner Psychologie an die Physiologie und Biologie (XIII,

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 55

Das VII. Kapitel der „Traumdeutung" verbindet drei theoretische Ansätze


miteinander, die nacheinander interpretiert werden sollen. Zunächst entwik-
kelt Freud eine vorläufige topische Konstruktion der Psyche (1.), anschlie-
ßend leitet er den dynamischen Gegensatz von Ubw und Vbw ontogenetisch
aus der „Not des Lebens" ab (2.), schließlich korrigiert er das vorläufige
topische Modell durch den Einbezug der psychischen Dynamik (3.).
1. In seinem ,topischen' Modell der „Traumdeutung" (11/111,541—
547) 8 bestimmt Freud die Seele als „psychischen Apparat", der aus verschie-
denen Bestandteilen, den „psychischen Lokalitäten" oder „Systemen" zu-
sammengesetzt ist. Die Bewußtseinsvorgänge sind jeweils Gesamtleistungen
dieses Apparats, die aus den Teilleistungen der verschiedenen Systeme be-
stehen. Die Psychoanalyse stellt sich die Aufgabe, „die Komplikation der
psychischen Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung zer-
legen, und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Apparats zu-
weisen" (11/111,541). In dieser ,analytischen' Konzeption hat Freud grund-
sätzlich an seinem frühen, neurologisch fundierten „Entwurf einer Psycho-
logie" (Anfänge 297 ff.) festgehalten, der die psychischen Vorgänge aus dem
Zusammenwirken anatomisch verschieden lokalisierter, räumlich ausgedehn-
ter „Neuronensysteme" erklärte. In der Freisetzung der Psychologie gegen-
über neurophysiologischen Hypothesen unterscheidet Freud die verschiede-
nen Systeme des psychischen Apparats jetzt nicht mehr unter hirnanatomi-
schen Gesichtspunkten, sondern in der Orientierung an psychologisch fest-
stellbaren oder erschlossenen unterschiedlichen ,Organisationsformen' psy-
chischer Akte (s. o. S. 41 ff.). Indem Freud die verschiedenen Akte als Funk-
tionen der verschiedenen Systeme versteht, kann er von ihnen aus auf den
topischen Aufbau des Apparats zurückschließen (vgl. I I / I I I , 542 ff.; XIV,
221).
Zugleich faßt Freud den Apparat und seine Teilsysteme doch weiterhin
als nichtpsychische Strukturen, die psychische Vorgänge hervorbringen. Er
vergleicht den Apparat mit einem optischen „Instrument" ( I I / I I I , 541), das
die psychischen Vorgänge als seine Bilder entwirft. Entsprechend gilt von den
Teilbereichen: „Die Systeme . , . , die selbst nichts Psychisches sind und nie
unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt
anzunehmen gleich den Linsen des Fernrohrs" ( I I / I I I , 616). So hält Freud
also auch in der Freisetzung seiner Psychologie grundsätzlich an einer nicht-

23—32; 65; 246—251; XV, 5—8) und verstand sie als „Uberbau, der irgendeinmal
auf ein organisches Fundament aufgesetzt werden soll" (XI, 403; vgl. XIII, 65).
8
Zum Folgenden vgl. die vorzügliche Arbeit von R. Spehlmann: Sigmund Freuds neu-
rologische Schriften. Heidelberg 1953.

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56 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

psychischen, organischen Topik fest, aber er verzichtet aus erkenntnistheore-


tischen Gründen auf deren genauere Erforschung (X, 273) und orientiert
sich bei der Unterscheidung der nichtpsychischen Systeme an den psychischen
Vorgängen selbst. Deshalb hat seine Topik lediglich den Wert einer theore-
tischen Fiktion, die solange die entsprechende organische Topik ersetzen
muß, bis die anatomische Lokalisation psychischer Vorgänge zweifelsfrei ge-
lungen ist. Aber auch in diesem Ausgang von den psychischen Phänomenen
selbst bleibt Freud grundsätzlich an seinen neurophysiologischen Ansatz ge-
bunden. Diese Abhängigkeit zeigt sich darin, daß Freud psychische Phäno-
mene überhaupt unter dem Gesichtspunkt einer primitiven und einer höhe-
ren Entwicklungsstufe' betrachtet und dabei ein einheitliches Entwicklungs-
schema für alle psychischen Akte voraussetzt (s. o. S. 41 f.). Diese Kon-
zeption entspringt offenbar nicht der umfassenden Deskription der Selbst-
erfahrung sinnvoller und sinnloser Akte, sondern wird durch Freuds hirn-
anatomische Hypothesen nahegelegt.
Freud entfaltet seinen topischen Grundansatz, indem er zunächst von
dem Schema eines „Reflexapparats" ausgeht: „an dem sensiblen Ende be-
findet sich ein System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motori-
schen Ende ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet" ( I I /
111,542). Indem er den Unterschied zwischen aktuellen Wahrnehmungen
und Erinnerungen mit einbezieht, führt Freud „Erinnerungssysteme" ( = Er-
Systeme) ein, in denen die aktuellen Bewußtseinsvorgänge jeweils eine
„Erinnerungsspur" (11/111,543) hinterlassen. Diesen Er-Systemen ordnet
er im Ausgang von den Ergebnissen der Traumanalyse das Ubw und das
Vbw zunächst noch parallel, ohne sichtbar zu machen, daß die Er-Systeme
selbst den Bestand des Ubw und Vbw bilden ( I I / I I I , 545).
Innerhalb dieser topischen Konstruktion führt Freud den dynamischen
Aspekt psychischer Prozesse ein, indem er die Bewußtseinsphänomene als
aktuelle Abläufe psychischer „Erregung" innerhalb des Wahrnehmungs-
systems bestimmt. Diese Energieverschiebungsprozesse setzen sich in die Er-
Systeme fort und werden in den „Erinnerungsspuren" fixiert, bevor die psy-
chische Erregung am „motorischen Ende" des Apparats wieder „abgeführt"
(vgl. I I / I I I , 604) wird. Die „Erinnerungsspuren" bestehen „in bleibenden
Veränderungen an den Elementen der Systeme" (11/111,543). Diese „Ver-
änderungen" bestimmt Freud als „Widerstandsverringerungen und Bahnun-
gen" (11/111,544) zwischen den Elementen, die von der psychischen Er-
regung durchlaufen worden sind. Die jeweiligen Bahnungen zeichnen nach-
folgenden Energieverschiebungsprozessen ihre Verschiebungswege mit vor,
weil die psychische „Besetzungsenergie" ( I I / I I I , 599) für ihren Ablauf die

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 57

bestgebahnten Leitungswege bevorzugt. Zugleich verändert jeder aktuelle


Energieablauf aufgrund seiner eigenen Quantität und Abiaufrichtung wieder-
um auch die vorgefundenen Bahnungen. Damit hat Freud ein Modell gewon-
nen, das die strenge Determination aller psychischen Vorgänge anschaulich
macht. Jeder aktuelle Erregungsablauf vollzieht sich auf den Bahnungen ent-
sprechender vorangegangener Abläufe und bedingt in der Modifikation der
vorgefundenen Bahnungen die nachfolgenden analogen Verschiebungspro-
zesse mit.
In dieser Konzeption ist der psychische Vorgang mechanisch als die ak-
tuelle „Besetzung" (11/111,599) einer Erinnerungsspur mit psychischer
Energie bestimmt. Diesen Ansatz hat Freud vollständig aus seinem neuro-
physiologischen „Entwurf" (Anfänge 307—311) übernommen. Dort be-
stimmte er psychische Prozesse als Erregungsabläufe, in denen bestimmte
„Kontaktschranken" zwischen „distinkten" organisch verbundenen Neuro-
nen jeweils herabgesetzt werden. In der psychologischen Konzeption hat
Freud die Neuronen nun in Elemente psychischer Systeme umgewandelt und
die Nervenerregung als psychische Energie bestimmt. Die Unterscheidung
zwischen der „Erinnerungsspur" und dem je aktuellen Erregungsablauf geht
nicht mehr primär auf Hypothesen der Histologie zurück, sondern soll psy-
chologisch durch die Unterscheidung von „Vorstellung" und „Affektbetrag"
(X, 255) einsichtig werden. Aber in dieser Umwandlung gewinnt die psycho-
logische Konzeption nur eine scheinbare Selbständigkeit. Freud setzt gerade
nicht die gespeicherten Vorstellungen selbst als die Elemente der Erin-
nerungssysteme an, sondern bestimmt sie als „Veränderungen a η den Ele-
menten der Systeme" (s. o. S. 56). Darin hält er die Elemente und ihre Ver-
bindungen selbst noch als nichtpsychisches Fundament der psychischen Vor-
gänge fest. Auch die psychische Erregung darf nicht selbst als ein psychischer
Akt verstanden werden, sondern nur ihr jeweiliger Ablauf. So zeigt sich, wie
schon bei der Untersuchung der psychischen Topik (s. o. S. 55 f.), daß Freud
die psychischen Vorgänge weiterhin in unpsychischen Bestandteilen des see-
lischen Apparats begründet und damit wiederum nur eine heuristische Fik-
tion entwickelt, die ihre Umwandlung in gesicherte neurologische Erkennt-
nis erfordert.
Die Abhängigkeit von der Neurophysiologie bleibt auch in der Weiter-
bildung dieses Ansatzes noch grundsätzlich erhalten, in der Freud das nicht-
psychische Fundament der psychischen Prozesse ganz auszuklammern ver-
sucht. Dabei bestimmt er nun die „Vorstellung" (X, 254 f.) selbst als das
psychische Substrat, mit dem der „Affekt" als der jeweilige „Betrag von psy-
chischer Energie" (X, 254 f.) verbunden ist (vgl. auch 1,63). Auch diese Kon-

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58 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

zeption entspringt nicht einer umfassenden Deskription des ,affektiven Be-


wußtseins von . . . ' , sondern einem physikalischen Modell. Solange Freud
Psychologie als Hirnphysiologie betrieb, konnte er aufgrund seines metho-
dischen Ansatzes die psychischen Vorgänge „wie alle anderen Vorgänge in
der Natur" betrachten und für ihre Erklärung auf physikalische Modelle zu-
rückgreifen. So orientierte er sich für die Unterscheidung von „Erregungs-
ablauf" und „besetztem Element" an der physikalischen „Annahme des strö-
menden, elektrischen F l u i d u m s " , das sich über einen Körper verbrei-
tet (1,47). Diese Konzeption hält er grundsätzlich fest, indem er an den
Bewußtseinsphänomenen einen puren Affektanteil und einen bloßen Vorstel-
lungsanteil als trennbare Bestandteile unterscheidet und sogar auf ihre ver-
schiedenen Schicksale innerhalb des psychischen Lebens hin befragt9.
Als ursprüngliches Regulationsprinzip der Energieverschiebungsprozesse
im psychischen Apparat führt Freud in der „Traumdeutung" das „Lustprin-
zip" ein ( I I / I I I , 580). Dieses Gesetz der Energieverteilung zeichnet die mög-
lichst rasche und vollständige „Abfuhr" aller einströmenden psychischen
Erregung am „motorischen Ende" des Apparats vor. Der aktuelle Erregungs-
ablauf vollzieht sich unter der Herrschaft dieses Prinzips also auf den best-
gebahnten Leitungswegen, die am direktesten zum motorischen Ende des
Apparats führen (s. o. S. 56f.). Diese Prinzip hat Freud ebenfalls aus dem
neurophysiologischen „Entwurf" übernommen, wo er es als das „Prinzip
der Neuronen-Trägheit" (Anfänge 305) faßt. In dieser Kennzeichnung er-
weist es sich noch als die neurologische Formulierung des allgemeinen physi-
kalischen Gesetzes der Konstanzerhaltung der Energie (so wie es die klas-
sische Physik bestimmte). In seiner Freisetzung der Psychoanalyse gegen-
über der Hirnphysiologie hat Freud auf eine physikalische Formulierung die-
ses Prinzips verzichtet und es am Erleben von Lust und Unlust plausibel zu
machen versucht. Er vollzieht den Überschritt von seinen neurologischen
Hypothesen zur psychologischen Deskription, indem er die Unlust mit der
Erhöhung, die Lust mit der Verringerung der Besetzungsenergie im psychi-
schen Apparat in Verbindung bringt. Daß für Freud aber überhaupt Lust
und Unlust die zentrale Stellung in der teleologischen Beschreibung des See-
lenlebens gewinnen und unter dem Gesichtspunkt von ,Entspannung' und
.Gespanntheit' betrachtet werden, scheint primär in dem neurophysiolo-
gischen Ansatz der Psychoanalyse begründet zu sein. So zeigt sich, daß

9 Konkrete Einwände gegen Freuds neurologisch bestimmten Ansatz hat D. Wyss im


Ausgang von Deskriptionen psychologischer Erfahrungen entwickelt; vgl. D. Wyss:
Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Göttingen
1966; S. 331 ff., 347 ff.

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 59

Freud seine naturwissenschaftliche Konzeption der Psyche gerade nicht in


der Auswertung seiner Erfahrungen bei der Aufklärung von „verborgenem
Sinn" (s. o. S. 36) gewonnen, sondern in der bloßen Umsetzung neurophy-
siologischer Hypothesen in psychologische Grundannahmen eingeführt hat.
Natürlich wäre es unberechtigt, die neurophysiologische Theorie der Psyche
radikal von der Interpretation der Selbsterfahrung abzutrennen. Auch die
Hirnphysiologie bleibt für ihre Hypothesenbildung grundsätzlich auf die
Selbsterfahrung angewiesen (vgl. Studien 149) und kann nur von ihr aus
physiologische Analogien bilden. Der wesentliche Unterschied zwischen bei-
den theoretischen Ansätzen scheint darin zu liegen, daß die neurologisch
orientierte Psychologie in ihren ,Deskriptionen' schon von dem Interesse an
der Verwendung mechanischer Grundannahmen geleitet ist und sich von die-
sem Interesse die Perspektive für ihre Beschreibung und die Grenzen der
von ihr erfaßten Phänomene vorgeben läßt. Darin steht sie aber in der Ge-
fahr, die genuinen Gegebenheiten der Selbsterfahrung gerade zu verdecken.
Dieser Mangel kann jedoch innerhalb der Theoriebildung verborgen blei-
ben, weil das leitende Interesse nicht mehr die möglichst umfassende und
ursprüngliche Selbsterfahrung als Ausweisungshorizont der Theoreme vor-
gibt, sondern gerade die mechanische Anschaulichkeit zum Maßstab für die
Brauchbarkeit der Hypothesen macht.
Das bisher untersuchte topische Modell der Psyche bleibt in dreifacher
Hinsicht theoretisch uneinsichtig:
a. Das Schema des erweiterten Reflexapparats trägt nur den Außenwelt-
reizen Rechnung und vernachlässigt damit die im Ubw ansetzenden endo-
genen Triebreize, die nicht im Wahrnehmungssystem aufgenommen werden.
b. In der Einordnung von Ubw und Vbw in den Reflexapparat legt
Freud das Mißverständnis nahe, die im Wahrnehmungssystem aufgenom-
menen Reize durchliefen erst Ubw und Vbw, ehe sie in die Motilität abge-
führt werden könnten.
c. Die Gleichordnung der Er-Systeme mit Ubw und Vbw verdeckt die
entscheidende Tatsache, daß die Er-Systeme nicht getrennt neben Ubw und
Vbw bestehen, sondern ihre Erinnerungsspuren selbst das gespeicherte Vor-
stellungsmaterial der beiden psychischen Teilbereiche bilden.
2. Die Mängel des topischen Modells korrigiert Freud zunächst, indem
er zwei verschiedene Arten des Erregungsablaufs, die für die Unterscheidung
von Ubw und Vbw maßgebend sind, ontogenetisch ableitet ( I I / I I I , 5 7 0 —
572; 604 f.). Dabei fragt er nicht mehr, wie im topischen Modell, nur nach
der Aufnahme und Abfuhr von Außenweltreizen, sondern untersucht „die
vom inneren Bedürfnis ausgehende Erregung", die nicht, wie der Außenwelt-

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60 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

reiz, „einer momentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden


Kraft" entspricht und nur in realen Befriedigungserlebnissen abgeführt wer-
den kann. Die Verschiebung dieser endogenen Erregung folgt ganz dem Lust-
prinzip, indem sie ausschließlich die Bahnungen des vorangegangenen Be-
friedigungserlebnisses benutzt und sich in der Befriedigungserinnerung
gleichsam staut. Diese Form des Erregungsablaufs bezeichnet Freud als die
„freiströmende, nach Abfuhr drängende . . . Besetzung der psychischen Sy-
steme" ( X I I I , 31) und nennt sie den „Primärvorgang" (11/111,607; vgl.
X , 286). Damit gibt Freud eine energetische Beschreibung des ungehemm-
ten „realitätsblinden" triebhaften Drängens nach Befriedigung, das an seine
jeweilige „Triebrepräsentanz" (X, 254) als Ziel gebunden ist (s. u. S. 75 f.).
Die bloße Energiestauung in der Befriedigungserinnerung und die da-
durch bedingte halluzinatorische Befriedigung ermöglichen keine reale Auf-
hebung der Quelle des Triebreizes und führen zu extremen Unlusterlebnis-
sen. Daher ,lernt' der psychische Apparat, nach Abfuhr drängende, endogene
Energie zu „binden" (vgl. X I I I , 31) und damit „eine Hemmung dieses Ab-
strömens, eine Verwandlung in ruhende Besetzung" (11/111,605) herbei-
zuführen.
Diese Form der Energieverteilung nennt Freud den „Sekundärvorgang"
( I I / I I I , 607). In der Umwandlung freier in gebundene Energie werden die
Leitungswiderstände zwischen den ruhend besetzten Elementen stark her-
abgesetzt, so daß eine einheitliche Organisation weitgehend miteinander as-
soziierter Er-Elemente entsteht (vgl. Anfänge 332—336). Diese Organisa-
tion ist aufgrund ihrer Energieverteilungsverhältnisse in der Lage, neu ein-
strömende freie Energie zu binden ( X I I I , 30) und zugleich in kleinen Ener-
giequantitäten auf den verschiedensten Assoziationsbahnen zu verschieben
( I I / I I I , 605; V I I I , 233). Die skizzierte Energieumwandlung versteht Freud
psychologisch als Einsetzung des „Realitätsprinzips" (VIII, 232), unter des-
sen Herrschaft es Anteilen des psychischen Apparats gelingt, „Lustbefriedi-
gungen aufzuschieben und Unlustempfindungen für eine Weile zu ertragen"
(XIV, 302). In der Annahme einer „ruhenden Besetzung" charakterisiert
Freud also das ,realitätsgerechte' Verhalten, das die vorgegebenen Umwelt-
bedingungen für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse berücksichtigt
(s. u. S. 76 f.). Die Verschiebungsprozesse mit kleinen Energiequantitäten,
die aufgrund der Energieumwandlung möglich werden, stellen für Freud die
intellektuellen Leistungen der Umwelterfahrung dar ( I I / I I I , 605).
Auch die hier skizzierte Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundär-
vorgang findet sich schon in Freuds frühem „Entwurf" (Anfänge 306, 3 3 2 —
336). Ebenso hat Freud im Entwurf auch schon ausdrücklich die „biologische

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 61

Belehrung" als Ableitungsprmzip des Sekundärvorgangs angesetzt (Anfänge


329). Dieses Prinzip wird noch zu untersuchen sein (s. u. S. 74 ff.).
3. Die Unterscheidung zwischen dem Primär- und Sekundärvorgang ver-
wendet Freud zur Korrektur seines vorläufigen topischen Modells ( I I / I I I ,
614—616). Vbw und Ubw sind nicht mehr selbständige topische Systeme
neben den Er-Systemen, sondern die Teilbereiche der Psyche, die alle Er-
Elemente umfassen und durch die zwei Energiearten differenziert werden.
So läßt sich nun folgende naturwissenschaftliche Konzeption der Psyche ab-
schließend festhalten: Freud setzt den psychischen Apparat als den einheit-
lichen, universalen Zusammenhang nichtpsychischer distinkter Elemente an,
die durch nichtpsychische Leitungsbahnen miteinander verbunden sind. Psy-
chische Akte sind Energieverschiebungsprozesse auf den vorhandenen Bah-
nen, durch die Leitungs wider stände zwischen den Elementen eingeschränkt
und so Assoziationsbahnungen hergestellt werden. Die fundamentale Glie-
derung des Zusammenhangs der Er-Elemente entspringt den zwei verschie-
denen Formen psychischer Energie: Das Ubw umfaßt alle die Er-Elemente,
die mit freier, nach Abfuhr drängender Energie besetzt sind; das Vbw um-
faßt alle die Elemente, die mit ruhender Energie besetzt und damit zu einer
einheitlichen Organisation zusammengeschlossen sind. Der Übergang von
einem System zum anderen besteht darin, „daß eine Energiebesetzung auf
eine bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurückgezogen wird, so daß
das psychische Gebilde unter die Herrschaft einer Instanz gerät oder ihr ent-
zogen ist« (11/111,615).
In dieser mechanischen Konzeption wird das Bewußte (Bw) als der Teil-
bereich des Vbw bestimmt, dessen Elementen es gelingt, „die Aufmerksam-
keit des Bewußtseins auf sich zu ziehen" ( I I / I I I , 622). Das Bewußtsein hat
hier die Rolle eines „Sinnesorgans zur Wahrnehmung psychischer Qualitä-
ten", für das der psychische Apparat selbst die „Außenwelt" ( I I / I I I , 620 f.)
ist. Die ,Wahrnehmungen' dieses Sinnesorgans sind die Umsetzungsvorgänge
unbewußter Energiequantitäten in bewußte Qualitäten. Sie haben selbst
wieder eine Steuerungsfunktion für die unbewußten Verschiebungsvorgänge
im Apparat, indem das Bewußtsein den Vorgängen, die es ausgelöst haben,
neue Quantitäten, die „Aufmerksamkeitsbesetzungen", zuführt ( I I / I I I ,
621).
Damit ist das Bewußtsein nun innerhalb der mechanischen Konzeption
der Psyche konsequent als das passive Hinnehmen von fixierten psychischen
Gegenständlichkeiten angesetzt, das nur einen beschränkten Ausschnitt der
psychischen Vorgänge erfaßt und für das die Dynamik des Seelenlebens völ-
lig unzugänglich ist (vgl. o. S. 52). Zugleich fügt Freud das Bewußtsein der

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62 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

eigenen psychischen Akte in den streng determinierten Zusammenhang der


Psyche ein: die Bewußtseinsphänomene, die mechanisch durch Energiever-
schiebungen ausgelöst werden, leisten selbst wiederum einen Energiebeitrag
zu den unbewußten Verschiebungsvorgängen.
Die Interpretation der „Psychologie der Traumvorgänge" (11/111,513)
hat die naturwissenschaftliche Gegenkonzeption zu dem psychologischen Mo-
dell der Psyche dargestellt. An die Stelle der veranschaulichend eingeführ-
ten einheitlichen Dimension der Selbstgegebenheit tritt hier der Zusammen-
hang nichtpsychischer Elemente, die durch nichtpsychische Leitungsbahnen
miteinander verbunden sind. Dieser Zusammenhang bildet das räumlich aus-
gedehnte ,Gerüst' für alle psychischen Vorgänge. Dabei setzt Freud die in-
haltliche Bestimmtheit einer ,Vorstellung' in eine je bestimmte Lokalisation
ihres Erregungsablaufs und der entsprechenden Erinnerungsspuren um. Der
Sinnzusammenhang bestimmter Vorstellungen geht in die Bestimmung ihrer
Lage zueinander und der Bahnungsverhältnisse zwischen ihnen ein.
Die Gliederung des Neuronenzusammenhangs in Ubw und Vbw ent-
springt der Verteilung unterschiedlicher Energieformen innerhalb des stati-
schen ,Gerüstes' der distinkten Elemente. So hebt die Gliederung nicht
verschiedene Gegebenheitsweisen des eigenen psychischen Lebens heraus,
sondern unterscheidet Teilbereiche der Psyche, die durch die Einheitlichkeit
ihrer Besetzungsenergie gebildet werden.
In dieser Konzeption fällt die Zensur zwischen Ubw und Vbw als ver-
mittelnde Instanz vollständig aus. An ihre Stelle treten die nichtpsychischen
Leitungsbahnen, die unabhängig von der jeweiligen Energieverteilung alle
Er-Elemente miteinander verbinden. Die kontrollierende Leistung der Zen-
sur wird in den mechanischen Vorgang der Wechselwirkung zwischen Ener-
giequantitäten umgewandelt, in der frei besetzte Elemente ruhende Energie
auf sich ziehen und damit ins Vbw eingehen oder ruhende Energie sich von
Elementen ihres eigenen Zusammenhangs zurückzieht und sie damit ver-
drängt (s. u. S. 64 f.).
Das Bewußtsein wird, seinem deskriptiven Sinn entsprechend, nur noch
als das ,Hellwerden' der ,Ergebnisse' der psychischen Dynamik gefaßt. Damit
spricht Freud dem Bewußtsein jede Bedeutung für den Zusammenhang des
psychischen Lebens ab und reduziert es auf eine Eigenschaft des Psychischen,
die an einer bestimmten Stelle des psychischen Apparats zu den schon vor-
handenen Eigenschaften der Akte hinzutritt.
Mit dem naturwissenschaftlichen Modell der Psyche sind auch die neuro-
physiologischen Grundlagen für die ,Verdinglichung' der Psyche (s.o.
S. 41 ff. und 52 f.) sichtbar geworden:

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 63

Der Bewußtseinsraum, der für die Zensur eröffnet und in zwei Bereiche
gegliedert ist, hat offenbar sein Vorbild in dem räumlich erstreckten Gerüst
der psychischen Elemente, das durch die zwei Arten der Besetzungsenergie
zweigeteilt ist. Die Interpretation der zensierenden Leistungen als Ortsver-
schiebungen bzw. -fixierungen entspringt offenbar der räumlichen Bestim-
mung von Sinnzusammenhängen. Aber auch die naturwissenschaftliche Ver-
dinglichung der Psyche, die unausdrücklich auf die organischen Grundlagen
des Seelenlebens zurückgreift und mechanische Gesetzmäßigkeiten für psy-
chische Prozesse einführt, scheint darin doch noch an die Erfahrung des
Selbstbewußtseinsvollzuges gebunden zu bleiben: Der Vollzug, in dem die
Zensur den Spielraum der Selbsterfahrung umgrenzt, erscheint als streng
kausalgesteuerte Energieverschiebung, die Elemente besetzt oder ,verläßt'.
Die bedrängende Dynamik der Triebansprüche, denen die zensierende In-
stanz ausgesetzt ist, wird zur Eigenschaft der primären psychischen Energie
umgewandelt: Die freie, nach Abfuhr drängende Energie, die bestimmte
Vorstellungen als ihre „Triebrepräsentanzen" besetzt, ist offenbar nur die
energetische Fassung eines isolierten, ungehemmten und „imperativen"
Drängens nach Befriedigung, das für das Individuum erlebbar ist. Umge-
kehrt scheint in der ruhenden Erregung, die die einheitliche Organisation
des Vbw besetzt, die Kraft zur „Triebhemmung" gefaßt zu sein, in der das
Individuum seine Triebwünsche der eigenen Kontrolle unterwirft. In der
„Bindung" freier Energie durch ruhende Besetzung scheint dann der Prozeß
der Triebhemmung selbst mechanisch bestimmt zu sein, in dem das Indivi-
duum bedrängende Ansprüche akzeptiert, ohne sich damit schon in seinem
Verhalten von ihnen abhängig zu machen (vgl. dazu oben S. 79).
Die Gegenüberstellung des veranschaulichenden und des mechanischen
Modells der Psyche hat die beiden Gründe aufgeklärt, die für die psycho-
analytische Uminterpretation der ursprünglichen analytischen Erfahrung ent-
scheidend sind. Der primäre sachliche Grund scheint in Freuds selbstver-
ständlicher Orientierung am traditionellen Bewußtseinsbegriff zu liegen, der
gar keine Explikation des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' zuläßt (s. o.
S. 52). Diese Orientierung wurde für Freud niemals fragwürdig, weil er
seine Theorie im Ausgang von neurophysiologischen Untersuchungen entfal-
tete. Dadurch, daß die neurophysiologischen Voraussetzungen des veran-
schaulichenden Modells sichtbar geworden sind, hat das naturwissenschaft-
liche Modell der Psyche entscheidendes theoretisches Gewicht innerhalb der
psychoanalytischen Theoriebildung gewonnen. Kann es als das systematisch
leitende Konzept der Psychoanalyse den spezifischen Zusammenhang zwi-

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64 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

sehen bewußten und unbewußten Aspekten des eigenen Seins, der bisher
theoretisch undurchsichtig geblieben ist, befriedigend aufklären?

b) Die naturwissenschaftliche Interpretation der psychischen Zensur


scheitert an der „Verdrängung":
Das bewußtseinsumgrenzende Handeln läßt sich nicht in
die Wechselwirkung mechanischer Kräfte umsetzen
Die naturwissenschaftlichen Grundannahmen der Psychoanalyse sind so
weit dargestellt worden, daß die leitende Frage (s. o. S. 53 f.) wieder aufge-
nommen werden kann, ob es Freud gelingt, die kontrollierende Leistung
der Zensur als „Vorgang zwischen Energiebeträgen an einem unvorstell-
baren Substrat" (s. o. S. 45) verständlich zu machen und damit die veran-
schaulichende Annahme eines einheidichen Bewußtseinsspielraums für alle
psychischen Akte und der spontanen Aktivität der Zensur zu destruieren.
Diese Frage soll in der Untersuchung des mechanisch interpretierten Ver-
drängungsvorgangs beantwortet werden. An diesem Vorgang hatte Freud
deskriptiv seine Konzeption des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' ge-
wonnen und die ,Beziehung' zwischen unbewußten und bewußten Aspekten
der Psyche sichtbar gemacht. So bietet die Verdrängung das Phänomen, an
dem sich am besten prüfen läßt, ob die Struktur des „Nichtwissenwollens"
in die Wechselwirkung von Energiequantitäten umgesetzt werden kann.
In der thematischen Analyse des Verdrängungsvorgangs (X, 248—303;
I I / I I I , 609 ff.) unterscheidet Freud zwischen zwei Phasen der Abwehr: In
der „Urverdrängung" wird einer ubw „Triebrepräsentanz", die aufgrund
ihrer Besetzungsintensität ins Vbw aufgenommen werden müßte, diese Über-
nahme „versagt" (X, 250). Obwohl sich in der ubw Vorstellung die freie,
nach Abfuhr drängende Energie staut, kann sie doch keine Besetzung mit
„ruhender" Energie auf sich ziehen und dadurch ins Vbw eingehen. Die
zweite Stufe der Verdrängung, das „Nachdrängen" (X, 250,279), „betrifft
psychische Abkömmlinge der verdrängten Repräsentanz, oder solche Gedan-
kenzüge, die, anderswoher stammend, in assoziative Beziehung zu ihr gera-
ten sind" (X, 250). Diese „Abkömmlinge" des „Urverdrängten" sind selbst
vbw oder sogar bw Vorstellungen. Ihre Verdrängung besteht darin, daß
ihnen „die (vor)bewußte Besetzung entzogen wird, die dem System Vbw
angehört" (X, 279). Der Grund für die beiden Phasen der Verdrängung
liegt in der „Unverträglichkeit" (vgl. 1,62) der ubw Triebrepräsentanz bzw.
ihrer Abkömmlinge mit den leitenden Zielvorstellungen des Vbw, die den
Umkreis zugelassener Vorstellungen umgrenzen (vgl. I I / I I I , 609).

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 65

In dieser mechanischen Konzeption der Verdrängung ist die Zensur als


selbständige Vermittlungsinstanz zwischen dem Ubw und Vbw ausgefallen.
Wie sich schon zeigte, besteht die Beziehung zwischen Ubw und Vbw ledig-
lich darin, daß die vbw „Energiebesetzung auf eine bestimmte Anordnung
verlegt, oder von ihr zurückgezogen wird" (s. o. S.6lff.). Über die vbw
Energieverschiebungen entscheiden direkt die vbw Zielvorstellungen, die
damit die Instanz der Zensur ersetzen. Diese leitenden Tendenzen können
eine umfassende Kontrolle über das Vbw ausüben, weil die vbw Vorstel-
lungen eine weitreichende Organisation bilden, in der sich die Vorstellungen
wechselseitig beeinflussen (s. o. S. 60). Zugleich wird aber auch deutlich, daß
sich die Realität und die Qualität eines ubw Akts überhaupt nur zeigen kön-
nen, nachdem er durch die eigene Besetzungsintensität mechanisch eine vbw
Besetzung ausgelöst hat und nun innerhalb des Vbw reale Wirkungen auf die
anderen psychischen Vorgänge ausüben kann. Nur in der realen Einwirkung
auf die vbw Vorstellungen ist der ubw Triebanspruch für die vbw Kritik
und Kontrolle wirklich, aber eben damit ist er auch kein ubw Triebanspruch
mehr, sondern grundsätzlich in den Bereich „bewußtseinsfähiger" Akte ein-
bezogen.
Dieser Problematik hat Freud selbst bei der Untersuchung der Urver-
drängung und des Nachdrängens partiell Rechnung getragen. Er sieht, daß
die Urverdrängung gar nicht als Ausschluß einer realen Vorstellung aus dem
Vbw verstanden werden kann, denn „in diesem Falle liegt . . . eine unbe-
wußte Vorstellung vor, die noch keine Besetzung vom Vbw erhalten hat,
der eine solche also auch nicht entzogen werden kann" (X, 280). Die Er-
klärung des Nachdrängens stellt vor die entsprechende Schwierigkeit: Gerade
weil dem „Abkömmling" des urverdrängten Triebanspruchs nur seine vbw
Besetzung entzogen wird, die ubw aber völlig erhalten bleibt, „ist nicht ein-
zusehen, warum die besetzt gebliebene . . . Vorstellung nicht den Versuch
erneuern sollte, kraft ihrer Besetzung in das System Vbw einzudringen. Dann
müßte sich die Libidoentziehung an ihr wiederholen, und dasselbe Spiel
würde sich, unabgeschlossen fortsetzen, das Ergebnis aber nicht das der Ver-
drängung sein" (X, 280). Auch hier kann die Verdrängung nicht als bloßer
Ausschluß einer realen vbw Vorstellung aus dem Vbw erklärt werden.
Die beiden Schwierigkeiten versucht Freud durch die „Annahme einer
Gegenbesetzung" zu lösen, „durch welche sich das System Vbw gegen das
Andrängen der unbewußten Vorstellung schützt" (X, 280). Für die Urver-
drängung besteht diese Gegenbesetzung in der „Reaktionsbildung durch Ver-
stärkung eines Gegensatzes" innerhalb des Vbw gegenüber der zurückge-

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66 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

drängten Vorstellung (X, 260). Doch die Möglichkeit einer solchen Reak-
tionsbildung wird von Freuds naturwissenschaftlichen Voraussetzungen her
gar nicht verständlich. Um bestimmte ,reaktive' Tendenzen innerhalb des
Vbw begründen zu können, müßte das Urverdrängte selbst ins Vbw ein-
gehen, um sich in seinen Qualitäten zeigen und bestimmte ,reaktive' Energie-
verschiebungsprozesse auslösen zu können. Doch das Urverdrängte ist ge-
rade dadurch definiert, daß es noch nicht ins Vbw eingegangen ist (s. o.
S. 65), und deshalb kann es auch keine Energieverschiebungsprozesse im
Vbw begründen.
So scheint Freuds naturwissenschaftliche Konzeption der Urverdrängung
einen Widerspruch zu implizieren: Einerseits kann der mechanische Ansatz
Freuds nur die Verdrängung von »Vorstellungen' aufklären, die schon als
reale Ursachen für Energieverschiebungsprozesse ins Vbw eingegangen sind.
Andererseits weist Freud aber deskriptiv „Reaktionsbildungen" gegen das
Unbewußte auf, die den dynamischen Widerstand gegen das Verdrängte ein-
schließen und damit eine Beziehung zu ihm gewinnen, ohne daß das Ver-
drängte dadurch schon in den Zusammenhang des Vbw einbezogen wäre. In
dieser dynamischen Beziehung muß das Verdrängte so weit für das Vbw zu-
gänglich sein, daß dieses aus der individuellen Bestimmtheit des Zurückge-
drängten die Orientierung für die eigenen Tendenzen gewinnt, die es im Ge-
genzug zu dem niedergehaltenen Unbewußten ausbildet. So scheint die „Reak-
tionsbildung" das ,Verhältnis' zu einer Vorstellung einzuschließen, die selbst
noch gar nicht bewußtseinsfähig geworden ist, trotzdem aber ständig in
einem ,unausdrücklichen' Wissen zugänglich werden muß, um aus dem Um-
kreis des Vbw ausgeschlossen bleiben zu können. Diese spezifische Beziehung
zwischen Vbw und Ubw, die sich offenbar nicht auf mechanische Wechsel-
wirkung reduzieren läßt, hatte Freud wohl im Blick, als er die „Zensur" in
seinem psychologischen Modell als selbständige Instanz einführte, die im
,Wissen' um das Ubw und das Vbw jeweils entscheidet, ob beide Aspekte
der Psyche getrennt bleiben oder unbewußte Triebwünsche ins Vbw ein-
gehen können.
Untersucht man die „Gegenbesetzung" auf der Stufe des „Nachdrän-
gens", dann scheint sich eine befriedigende Konzeption auf der Basis der
eigenen Voraussetzungen Freuds zu ergeben. Freud bezeichnet sie als „Er-
satzvorstellung" (X, 281 ff.), die einerseits eine Abwehrfunktion erfüllt, an-
dererseits aber „die Stelle einer Überleitung aus dem System Ubw in das
System Bw" (X, 282) einnimmt, indem sie freiströmende Energie des ver-

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3. Das naturwissenschaftliche Modell der Psyche 67

drängten Abkömmlings ins Vbw aufnimmt 10 . Die Möglichkeit dieser Ersatz-


bildung scheint auf folgende Weise verständlich zu werden:
Mit der Aufnahme ins Vbw können die Abkömmlinge der urverdrängten
Vorstellung ihre Eigenschaften durch reale Wirkungen innerhalb des Vbw
äußern und sich dabei auch in ihrer „Unverträglichkeit" zeigen. Werden sie
dann durch die Entziehung vbw Energie aus dem Vbw ausgeschlossen, so
bleiben doch die Assoziationsbahnungen innerhalb des Vbw zurück, die durch
die Verschiebungen der Energie des Abkömmlings entstanden waren, so-
lange er dem Vbw angehörte. Diese Assoziationsbahnungen zeichnen offen-
bar die Verschiebungswege für die vbw Besetzung vor, die im Nachdrängen
von den „Abkömmlingen" zurückgezogen wird und die Ersatzbildung be-
setzt. Zugleich machen sich die verdrängenden Tendenzen des Vbw in diesem
Verschiebungsvorgang so weit geltend, daß die „Ersatzvorstellung" inhalt-
lich weit genug von dem verdrängten Abkömmling unterschieden ist (X,
281). So scheint sich der Ausgleich der verdrängenden Tendenzen mit dem
Triebanspruch und seinen Abkömmlingen in der Tat als mechanischer Vor-
gang verstehen zu lassen: die Ersatzbildung „hat sich auf dem Wege der
Verschiebung längs eines in bestimmter Weise determinierten Zusammen-
hanges hergestellt" (X, 258). Als der Ausgleich zwischen verdrängenden und
verdrängten Tendenzen ist die „Ersatzbildung" der ,Kompromiß' zwischen
Ubw und Vbw, der als „Symptom" den Sinnzusammenhang des Bewußt-
seins zerstört (vgl. VIII, 25).
Weil es Freud jedoch nicht gelingt, die „Urverdrängung" mechanisch zu
erklären, bleibt im Rahmen seiner naturwissenschaftlichen Konzeption die
Grundstruktur der Zensur als Umgrenzung des eigenen Bewußtseinsspiel-
raums unverständlich. Wie sich zeigte, ist es doch der Vollzug des Umgren-
zens selbst, in dem das Abgedrängte noch in der Weise des „Zurückdrängens"
offengehalten ist und sich gerade darin noch in seiner ,bedrängenden* Wirk-
lichkeit zeigen kann, die die Reaktionsbildung als ,Gegenbewegung' heraus-
fordert (s. o. S. 38 f.). Dieser Vollzug der „Urverdrängung" aber läßt sich
nicht in die topische Trennung und dynamische Verbindung zweier Systeme
auseinanderlegen.
Die bisher entwickelte immanente Kritik am mechanischen Modell der

io Während die „Reaktionsbildung" als die einheitliche Form der Urverdrängung ver-
standen werden muß, die den verschiedenen neurotischen Störungen gemeinsam zu-
grunde liegt (XIV, 190), hebt die Interpretation des Nachdrängens nur die Verhält-
nisse der „Angsthysterie" heraus, an denen Freud selbst die Verdrängung exempla-
risch verdeutlicht (vgl. X, 281 ff.). Dabei geht die Interpretation auf die Umwand-
lung ubw Energie in Affekte nicht weiter ein.

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68 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

Psyche läßt sich erweitern und grundsätzlicher fassen, wenn man die natur-
wissenschaftliche Konzeption der analytischen Erfahrung gegenüberstellt.
Dann erweisen sich die mechanischen Annahmen des Nachdrängens ebenfalls
als bloß sekundäre Umsetzungen ,unausdrücklich' bewußter Sinnbezüge in
energetisch-topische Hypothesen. Für die „Abkömmlinge" urverdrängter
Triebregungen scheint nämlich nicht allein der inhaltliche Unterschied gegen-
über den genuinen vbw Vorstellungen wesentlich zu sein, sondern primär
die Bewußtseinsstruktur der Urverdrängung, in der das Individuum sich
das Urverdrängte noch oflenhält und darum unausdrücklich die Sinnbezüge
zwischen dem Urverdrängten und seinem Abkömmling versteht und ihn
eben darin als Abkömmling erfaßt. Diese Bewußtseinsstruktur scheint Freud
vorauszusetzen, wenn er auf Abkömmlinge hinweist, die sich „von den Bil-
dungen dieses Systems ((Bw)) kaum unterscheiden" und behauptet: „Ihre
H e r k u n f t bleibt das für ihr Schicksal Entscheidende" (X,289). Diese
einheitliche Bewußtseinsstruktur, in der der Abkömmling als Abkömmling
zugänglich wird, wird mechanisch in die topische Zugehörigkeit des Abkömm-
lings zum Vbw und seine Energiebesetzung vom Ubw her auseinandergelegt.
Sofern vom jeweiligen Abkömmling her der niedergehaltene und darin
noch zugängliche Triebanspruch ausdrücklich bewußt zu werden droht, muß
das Individuum auch den Abkömmling aus dem Umkreis der Selbsterfah-
rung ausklammern und sich gegen sein Bewußtwerden schützen. Dabei macht
es nun selbst von seinem unausdrücklichen und niedergehaltenen Verständ-
nis des Verdrängten Gebrauch, indem es in der „Ersatzbildung" partiell
auf dessen genuinen Sinn eingeht und damit seiner bedrängenden Dynamik
partiell Rechnung trägt. In diesem „Kompromiß" der Symptombildung wird
es sich selbst fremd, weil es die andrängende Vorstellung als eigene abweist
und darin vor sich selbst verbirgt. Dieses Sich-Fremdwerden in der Kompro-
mißbildung interpretiert Freud mechanisch als Energieabfuhr des Unbewuß-
ten, die vom Vbw nicht mehr kontrolliert werden kann (X, 281).
Überblickt man die vorangegangene Darstellung des naturwissenschaft-
lich erklärten Verdrängungsvorgangs, dann scheint sich auch das mechanische
Modell der Psyche als Interpretation der analytischen Erfahrung zu erwei-
sen, das seinen eigenen Ursprung verdeckt. Das Problem des deskriptiv auf-
gewiesenen Bezugs zwischen dem unbewußten und bewußten Aspekt des
psychischen Lebens bleibt weiterhin theoretisch ungeklärt.

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4. Die theoretische Aporie 69

4. Zusammenfassung: Die theoretische Aporie


der psychoanalytischen Interpretation des bewußtseinsumgrenzenden
Handelns

Die vorangegangene Interpretation versuchte zu zeigen, daß die analy-


tische Erfahrung die tiefenpsychologische Theoriebildung vor die Aufgabe
stellt, die Selbsterfahrung des Individuums als Vollzug zu explizieren, in dem
es noch darüber entscheidet, welche Aspekte seines Seins es als eigene an-
erkennen will. Diese Problemstellung rückt die Psychoanalyse in sachliche
Nähe zur idealistischen Selbstbewußtseinstheorie. Fichte hatte zum ersten
Male in der philosophischen Tradition das Selbstbewußtsein als Vollzug be-
stimmt, in dem das Ich noch darüber entscheidet, wie es sich selbst sehen
will. Diese Entscheidung bezieht sich für Fichte auf die eigene absolute Spon-
taneität, die das Ich sich verdecken oder zugänglich machen kann. Dieses ge-
gensätzliche Verhältnis zur eigenen Freiheit schließt ein unterschiedliches Ver-
hältnis zur eigenen gegenständlichen Konkretion ein: in der befreienden Re-
flexion distanziert sich das Ich gegenüber seiner individuellen Bestimmtheit,
im Ausweichen vor der Reflexion geht es in ihr auf. Für dieses Verhältnis
zu sich selbst ist schon eine absolut transparente Dimension der Selbstgege-
benheit vorausgesetzt, innerhalb derer die eigene Konkretion des Ich voll-
ständig durchsichtig gegeben ist (s. o. S. 26 ff.).
Indem Freud abgedrängte Aspekte der individuellen Konkretion ent-
deckte, die für die unmittelbare Selbsterfahrung gar nicht zugänglich sind,
destruierte er die idealistische Gleichsetzung von subjektivem Sein und ,Für-
sich-sein' und erschloß Strukturen der Selbsterfahrung, die für die traditionel-
len Selbstbewußtseinstheorien unzugänglich geblieben waren. Er zeigte, daß
jede transparente Selbstgegebenheit schon das bewußtseinsumgrenzende
Handeln des Individuums voraussetzt, das die Grenzen der transparenten
Selbstgegebenheit festlegt. Von diesem Ansatz her erscheint der Selbstbe-
wußtseinsvollzug im Medium des transparenten Bewußtseins nur noch als
unselbständiger und sekundärer Aspekt des vollen Selbstbewußtseinsphäno-
mens, das wesentlich die Bestimmung der eigenen Selbstzugänglichkeit mit-
einschließt. Die Erweiterung des Selbstbewußtseinsphänomens über die Di-
mension transparenter Selbstgegebenheit hinaus stellt auch die Möglichkeit
freier Selbstbestimmung im Medium des Bewußtseins in Frage. Die Selbstän-
digkeit des Ich ist nicht mehr, wie für Fichte, vom Verhältnis des Ich zu der
eigenen transparenten Konkretion abhängig, sondern entscheidet sich we-
sentlich daran, inwieweit sich das Individuum für unbewußte Aspekte seiner
Konkretion aufschließt und sie damit aneignet.

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70 I. Die psychoanalytische Gliederung der Psyche

In der Erweiterung des Selbstbewußtseinsphänomens bleibt Freud aber


noch an den Bewußtseinsbegrifi gebunden, den die philosophische Tradition
im Ausgang von der transparenten Selbsterfahrung entwickelt hatte. So ent-
faltet Freud die Strukturen des bewußtseinsumgrenzenden Handelns in sei-
nem psychologischen Modell', indem er lediglich die Strukturen des transpa-
renten Sich-Gegebenseins auf die Ebene des Umgrenzens der eigenen trans-
parenten Selbsterfahrung überträgt. Innerhalb dieser theoretischen Konzep-
tion kann er die psychoanalytische Entdeckung des Verhältnisses zwischen
bewußten und unbewußten Aspekten der Psyche nur explizieren, indem er
Ubw und Vbw als Teilbereiche einer einheitlichen Bewußtseinsdimension an-
setzt, die sich für die vermittelnde Zensur eröffnet. In dieser topischen ,Ver-
dinglichung' der Seele griff er, wie sich zeigte (s. o. S.62f.), unausdrück-
lich auf eine naturwissenschaftliche Konzeption des räumlich ausgedehnten
„psychischen Apparats" zurück.
Dieser Konzeption gegenüber erschien das mechanische Modell als bloßes
,Negativ' zur Veranschaulichung. Gerade weil der traditionelle Bewußtseins-
begrifi für die Explikation des Umgrenzens der Selbsterfahrung unzureichend
bleibt, kann Freud das Bewußtsein überhaupt als Medium der Vermittlung
zwischen den unbewußten und bewußten Aspekten des eigenen Seins auf-
geben und den Vollzug des Umgrenzens in die Wechselwirkung von Kräften
umwandeln, ohne dabei die spezifische Bewußtseinsstruktur dieses Umgren-
zens mechanisch konstruieren zu können 11. Das mechanische Modell erwies
sich so als Konzeption, die ständig von ,Sinnbezügen' innerhalb des Bewußt-
seins Gebrauch macht, sie aber unangemessen als kausalbestimmte, mechani-
sche Beziehungen ausgibt.
In der dargestellten wechselseitigen ,Hilfsfunktion', die die beiden theo-
retischen Modelle füreinander haben, bleiben die theoretischen Schwierig-
keiten jedes einzelnen weitgehend verdeckt. So kann die Frage nach der spe-
zifischen Bewußtseinsstruktur des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' un-
geklärt bleiben. Sie kann erst faßbar werden, wenn das Bewußtsein nicht
mehr als statische Dimension reiner Transparenz bestimmt, sondern als je
neu zu umgrenzender ,Spielraum' der Selbstgegebenheit verstanden wird,

11 Über der primären sachlichen Begründung für die unzureichende psychoanalytische


Konzeption des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' soll nicht der sekundäre Grund
übersehen werden, der in Freuds eigener wissenschaftlicher Entwicklung liegt. Weil
Freud seine analytische Gliederung der Psyche im Ausgang von neurophysiologischen
Hypothesen entwickelte, konnte er die sachliche Problematik, vor die ihn der Auf-
weis des „Nichtwissenwollens" stellte, übersehen und für die Gliederung der Psyche
auf Hilfsvorstellungen zurückgreifen, die ihm aus seinen neurophysiologischen For-
schungen vertraut waren (s. o. S. 53 ff.).

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4. Die theoretische Aporie 71

dessen ,Weite' und ,Helligkeit' im Umgrenzen selbst festgelegt werden. Die


Interpretation wird zeigen, inwieweit Heidegger mit seiner Konzeption der
„Erschlossenheit" den gesuchten Begriff des Bewußtseins entfaltet hat.

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II.
Die psychoanalytische „Ichpsychologie"
als genetische Interpretation der leitenden Interessen
des Selbstbewußtseinsvollzugs

Die vorangegangene Interpretation hat in der Orientierung am psycho-


logischen' Modell der Psyche eine Konzeption der kontrollierenden Zensur
entwickelt, die die ,unbewußte' Kontrollinstanz als selbständige und spontan
agierende Vermittlungsinstanz einführte. Diese Konzeption ergab sich bisher
ausschließlich aus der spezifischen Bewußtseinsstruktur der ,unbewußten'
Zensur: Wenn die Zensur in der „Abwehr" von Triebansprüchen immer
noch weiß, wogegen sie sich sperrt, dann muß sie offenbar als Instanz ver-
standen werden, die in ihrem ,unausdrücklichen' "Wissen um das Unbewußte
jeweils entscheidet, welche Aspekte des Unbewußten sie niederhalten und
welche sie zum Bewußtsein zulassen will. Zugleich hatte aber die Unter-
suchung der ,unbewußten' Zensur auch schon die Problematik der Annahme
einer selbständig vermittelnden psychischen Kontrollinstanz sichtbar ge-
macht. In der Unterscheidung zwischen „UrVerdrängungen" und dem „Nach-
drängen" hatte Freud dem „Nachdrängen" „bewußtseinsfähiger" Akte die
„Urverdrängungen" vorausgesetzt, in denen das Individuum Vorstellungen
niederhält, die ihm niemals zugänglich waren und deshalb nicht wie die be-
wußtseinsfähigen Akte aufgrund eines Entschlusses zur Aneignung bewußt
werden können. Ist es sinnvoll, im Hinblick auf diese unterschiedlichen For-
men der Zensur noch die Charakteristik der Kontrollinstanz festzuhalten, die
sich aus der Bewußtseinsstruktur der Zensur ergab?
Die folgende Interpretation versucht diese Frage nach der Selbständig-
keit und Spontaneität der Zensur zu klären, indem sie die ,Interessen' unter-
sucht, die das ,bewußtseinsumgrenzende Handeln' der Kontrollinstanz leiten.
Wenn sich zeigen läßt, daß die Zensur in ihren Funktionen von Interessen
bestimmt wird, die weder aus dem triebhaften Drängen des Unbewußten
noch aus den Zielvorstellungen des Vbw begründet werden können, dann
kann die Selbständigkeit der Vermittlungsinstanz gegenüber ihren Vorge-
gebenheiten als erwiesen gelten.
Die Frage nach den leitenden Interessen der Zensur verweist die Inter-

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Die Fragestellung 73

pretation auf die psychoanalytische „Ichpsychologie". Sie untersucht das


psychische System, das bisher unter dem Gesichtspunkt seiner Bewußtseins-
struktur als „Vorbewußtes" bezeichnet worden war, auf seine spezifische
„Organisationsform", seine „Funktionen" und seine leitenden „Tendenzen"
hin und bezeichnet es als „Ich". Unter dieser Perspektive erscheint die „psy-
chische Zensur" „als eine der großen Institutionen des Ichs" neben dem
realitätsgerechten Umweltbezug (X, 424).
Auf die Frage nach der Selbständigkeit der leitenden Ichinteressen, von
der die Interpretation ausgeht, gibt Freud schon durch seinen methodischen
Ansatz eine eindeutige Antwort: Aufgrund seiner naturwissenschaftlichen
Grundkonzeption, die die psychischen Phänomene als Naturvorgänge inter-
pretiert, setzt er die Triebdimension des Unbewußten als die ursprüngliche
Realität des Psychischen an, aus der sich die anderen psychischen Strukturen
unter dem Einfluß der Umwelt entwickelt haben. Damit sind auch die Ich-
tendenzen von vornherein als Modifikationen des triebhaften Strebens ange-
setzt, die genetisch erklärt werden können. So kann die Frage nach der Selb-
ständigkeit der Ichinteressen nur festgehalten werden, wenn die Interpre-
tation zeigen kann, daß Freud in der genetischen Begründung des Ich seinen
naturwissenschaftlichen Ansatz nicht konsequent entfalten konnte, sondern
die Selbständigkeit des Ich indirekt sichtbar gemacht hat. Dieser Nachweis
wird auf zweierlei Weise versucht: Einerseits werden die theoretischen
Schwierigkeiten gezeigt, die sich bei der Ableitung des Ich ergeben, anderer-
seits wird auf die psychoanalytisch interpretierten Phänomene hingewiesen,
die aus einer genetischen Begründung der Ichinteressen und -funktionen gar
nicht verständlich werden.
Bei dieser Kritik greift die Interpretation auf ihre Unterscheidung zwi-
schen dem naturwissenschaftlichen' und dem psychologischen' Modell der
Psyche zurück und versucht zu zeigen, wie Freud in der Beschreibung und
Erklärung konkreter Phänomene ständig beide Ansätze vermischt und so
Schwierigkeiten verdeckt, die sich bei einer methodisch exakten Untersu-
chung der Phänomene zeigen würden.
Die kritische Untersuchung der psychoanalytischen Ichpsychologie the-
matisiert drei verschiedene Positionen der Freudschen Theorie: Sie geht von
der Position der „Traumdeutimg" aus (1. Kapitel), interpretiert anschlie-
ßend die Konzeption der ,triebpsychologischen Schriften' (2. Kapitel) und
entfaltet zuletzt die ausgearbeitete Ichtheorie der „strukturpsychologischen"
Untersuchungen (3. Kapitel). Diese Theorie erlaubt es, die Frage nach der
Selbständigkeit und Spontaneität der Zensur im Hinblick auf die zwei ver-
schiedenen Stufen der psychischen Kontrolle zu beantworten (s. o. S. 72).

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74 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie
1. Der erste Ansatz zur psychoanalytischen Ichpsychologie
in Freuds „Psychologie der Traumvorgänge"

In die Konzeption des ,Ich', die Freud in der „Traumdeutung" als Theo-
rie des „Vorbewußten" entwickelt, sind zwei verschiedene Ichbegriife ein-
gegangen, die Freud zunächst in seinen beiden verschiedenen Ansätzen der
Psychoanalyse eingeführt und dann in die „Traumdeutung" übernommen
hat. Den systematisch leitenden Begriff gewinnt Freud in seinem neurophy-
siologischen „Entwurf einer Psychologie", die sekundäre Konzeption ergibt
sich für ihn aus den klinischen „Studien" zur Hysterie und Neurosenlehre
(vgl. I). Die folgende Interpretation untersucht zunächst den leitenden Ich-
begriff, den Freud innerhalb der „Traumdeutung" in der Ableitung des Vbw
aus dem Ubw einführt. Anschließend interpretiert sie die sekundäre Konzep-
tion des Ich, auf die Freud in der Verdrängungstheorie der „Traumdeutung"
zurückgreift.

a) Die Ableitung des Ich aus der Triebdimension:


Das Ich als System der Triebhemmung im Dienste des Lustprinzips
In der Ableitung des Vbw aus dem Ubw, die Freud in seiner „Psycho-
logie der Traumvorgänge" durchführt (s. o. S.59f.), orientiert er sich an
seiner frühen Position des „Entwurfs", indem er seine neurophysiologische
Konzeption des „Ich" in eine psychologische überträgt. Auch im „Entwurf"
führt Freud das „Ich" genetisch ein, indem er annimmt, das „Trägheitsprin-
zip" der Neuronentätigkeit (s. o. S.58) werde durch die besonderen Ab-
fuhrbedingungen der Bedürfnisreize modifiziert. Triebreize können nicht
durch „Reizflucht" bewältigt werden, sondern „sie hören auf nur unter be-
stimmten Bedingungen, die in der Außenwelt realisiert werden müssen"
(Anfänge 306). Diese Anforderungen der Triebreize stellen für Freud die
„Not des Lebens" dar. Das Neuronensystem bewältigt sie, indem es durch
die Unlusterlebnisse ausbleibender Triebbefriedigung „biologisch belehrt"
wird (Anfänge 329). In diesem ,Lernvorgang' wird „das Neuronensystem
gezwungen, die ursprüngliche Tendenz zur Trägheit, d. h. zum Niveau = Ο
aufzugeben. Es muß sich einen Vorrat von Quantität gefallen lassen, um den
Anforderungen zur spezifischen Aktion zu genügen", durch die es die Befrie-
digungsbedingungen in der Außenwelt herstellt (Anfänge 306).
Innerhalb dieses Ansatzes wird das Ich als die „Gruppe von Neuronen"
eingeführt, „die konstant besetzt ist, also dem durch die sekundäre Funktion
erforderten Vorratsträger entspricht" (Anfänge 330). Das Ich gewinnt seine

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1. Der erste Ansatz in Freuds Traumpsychologie 75

konstante Besetzung aus der Energie derjenigen Triebansprüche, die niemals


vollständig und anhaltend befriedigt werden können und darum ständig über
ein Mindestquantum endogener Erregung verfügen. Diese einheitliche, kon-
stante Besetzung setzt die Widerstände unter den Neuronen des Ich herab
und ermöglicht die leichte Verschiebung der gemeinsamen Erregung auf be-
stimmte Neuronen des Ich. Damit ist das Ich „als ein Netz besetzter, gegen-
einander gut gebahnter Neuronen" (Anfänge 331) angesetzt, das eine eigene
„Organisation" (330) innerhalb des gesamten Neuronensystems bildet. Diese
Konzeption erweist sich von der „Traumdeutung" aus betrachtet als neuro-
physiologische Bestimmung des Vbw (s. o. S. 60 f.).
Das Ich gebraucht seine konstante Energie für „Seitenbesetzungen",
durch die es freie, nach Abfuhr drängende Quantitätsabläufe hemmt, die dem
Neuronensystem Unlust bringen würden (331). Damit erfüllt es, genau wie
das Vbw, die Aufgabe der Bindung freier Erregung.
In dieser Konzeption hat Freud nicht nur schon alle wesentlichen Be-
stimmungen des Vbw und seines „Sekundärvorgangs" entfaltet, sondern zu-
gleich auch das Entwicklungsprinzip des psychischen Apparats eingeführt,
das für die folgenden genetischen Ansätze leitend bleibt. Mit der Annahme
,biologischer Belehrung' bestimmt Freud die Entwicklung der psychischen
Strukturen als Prozeß, in dem der psychische Apparat die besten Mittel zur
Durchsetzung seines primären Luststrebens unter vorgegebenen Umwelt-
bedingungen ausbildet. Indem Freud die psychische Entwicklung unproble-
matisch als ,Belehrung' faßt, läßt er die Frage offen, ob das primäre Lust-
streben aufgrund seiner deskriptiven Charaktere überhaupt von sich her für
zielgerichtete Modifikationen seiner selbst offen ist.
Die Konzeption des „Entwurfs" wiederholt Freud in der Ableitung des
Vbw aus dem Ubw (vgl. o. S. 59 f.). Freud versteht das Ubw als das „Sy-
stem des Primärvorgangs", das die triebhaften Wünsche des Individuums
umfaßt. Seinem naturwissenschaftlichen Ansatz entsprechend führt er dieses
System als die Ursprungsdimension aller psychischen Aktivität ein, indem
er annimmt, daß „nichts anderes als ein Wunsch unseren seelischen Apparat
zur Arbeit anzutreiben vermag" ( I I / I I I , 572).
Für die Charakterisierung des einheitlichen Tendenzcharakters der Trieb-
wünsche geht Freud von der unmittelbaren Erfahrung triebhaften Drängens
aus. Er bestimmt den Triebwunsch als „von der Unlust ausgehende, auf die
Lust zielende Strömung" (11/111,604), die auf ein vorangegangenes „Be-
friedigungserlebnis" als Triebziel ausgerichtet ist (11/111,571). Die eigen-
tümlichen Charaktere dieser ,Strömung' hebt Freud in der genaueren Bestim-
mung des „Primärvorgangs" heraus (vgl. o. S. 59f.). Dabei interpretiert er

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76 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

offenbar deskriptive Charaktere des erfahrbaren triebhaften Drängens in ob-


jektive Eigenschaften psychischer Energie um. Mit seiner Annahme, den
Triebansprüchen liege freie, nach Abfuhr drängende Energie zugrunde, die
ausschließlich Befriedigungserlebnisse besetze, bestimmt Freud das triebhafte
Drängen als von sich her völlig ungehemmtes Streben: im System des Pri-
märvorgangs gibt es „keine Negation, keinen Zweifel, keine Grade von
Sicherheit" (X, 285). Zugleich ist in dieser Annahme auch der Absolutheits-
anspruch der Triebregungen herausgehoben, der mit ihrer Isolation verbun-
den ist: In dem Drängen nach Abfuhr, das nur das Triebziel besetzt, ist der
jeweilige Anspruch gegenüber anderen, nicht aktivierten Triebansprüchen
und der ganzen Umwelterfahrung „blind" (s. XIV, 231). Darum sind die
Triebregungen „einander koordiniert, bestehen unbeeinflußt nebeneinander,
widersprechen einander nicht" (X, 285). „Ebensowenig kennen die Ubw-
Vorgänge eine Rücksicht auf die Realität" (X r 286) 11 .
In ihrem ungehemmten Drängen nach Lust benutzen die Triebe von sich
her den „kürzesten Weg zur Wunscherfüllung" (s. I I / I I I , 571), nämlich die
halluzinatorische Wiederbelebung der Befriedigungswahrnehmung. Aber
dieser Versuch des direktesten Lustgewinns scheitert an der objektiven An-
gewiesenheit aller Triebbefriedigung auf die Befriedigungsbedingungen in
der Umwelt, für deren „Realisierung" der „blinde" Trieb von sich her gar
nicht offen ist. Aufgrund dieser faktischen Bezogenheit der Triebe auf die
„Realität" erweist sich die „Halluzination . . . als untüchtig, das Aufhören
des Bedürfnisses, also die mit Befriedigung verbundene Lust, herbeizufüh-
ren" (11/111,604).
In dieser „Enttäuschung" (VIII, 231) des triebbestimmten Individuums
begründet Freud die Entstehung des Vbw: „Eine bittere Lebenserfahrung
muß diese primitive Denktätigkeit ((d.h. den Primärvorgang)) zu einer
zweckmäßigeren, sekundären modifiziert haben" (11/111,571). Mit dieser
These nimmt Freud seine Hypothese der biologischen Belehrung' aus dem
„Entwurf" wieder auf. Kann sie die deskriptiven Charaktere des Vbw ver-
ständlich machen?
Freud klärt die Funktionen des Sekundärvorgangs seinem teleologischen
Ansatz entsprechend (s. o. S. 74 f.) auf, indem er sie als die besten Mittel zur
Erreichung des ursprünglichen Ziels der Psyche hinstellt, das mit dem pri-
mären Luststreben vorgegeben ist, aber aufgrund der „Not des Lebens"
(s. o. S. 74) nicht direkt erreicht werden kann. Entsprechend versteht er das
leitende Interesse des Vbw auch nur als Einschränkung des Luststrebens, die
durch die Umweltgebundenheit der Triebbefriedigung erzwungen ist. Für
diesen Ansatz erscheint der Sekundärvorgang nur als die Konsequenz des

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1. Der erste Ansatz in Freuds Traumpsydiologie 77

primären, uneingeschränkten Luststrebens selbst. Wenn die Triebwünsche


ausschließlich auf Lustgewinn ausgerichtet sind, auf dem ,kürzesten Wege'
der Wunscherfüllung aber gerade keine Lust gewinnen, dann muß durch die
Unlust der Unbefriedigung selbst im uneingeschränkten Luststreben die Ten-
denz entstehen, die direktesten Wege der Befriedigung aufzugeben. So ver-
steht Freud den Sekundärvorgang nur als einen „durch die Erfahrung not-
wendig gewordenen Umweg zur Wunscherfüllung" (11/111,572). Dieser
,Umweg' erfordert die „Triebhemmung" (XIII, 286; vgl. I I / I I I , 604 f.),
in der das Vbw die „blinde" Dranghaftigkeit der Triebansprüche bewältigt
und, energetisch gesprochen, in ruhende Besetzung umwandelt. Mit der
Triebhemmung ist der positive Umweltbezug des Vbw verbunden, in dem es
durch „probende Denkarbeit" ( I I / I I I , 605) die realen Befriedigungsbedin-
gungen in der Umwelt ermittelt und die gebundene Triebenergie schließlich
in „spezifischen Aktionen" (s. o. S. 74) abführt (vgl. VIII, 233).
In dieser Beschreibung der zusammengehörigen zentralen Funktionen
des Vbw stellt Freud die Leistungen dar, durch die die ,realitätsblinden'
Triebansprüche mit den vorgegebenen Umweltbedingungen vermittelt wer-
den. Diese Vermittlung vollzieht sich, indem das Vbw den Absolutheitsan-
spruch und die Isolation des aktivierten Triebwunsches in der Triebhem-
mung aufhebt und ihn darin in den Zusammenhang der Erfahrung realer
Umweltbedingungen (und eigener nichtaktivierter Triebhaftigkeit) einbe-
zieht, um so über seine Befriedigungsmöglichkeit zu entscheiden. Die Per-
spektive auf die eigene Erfahrung wird dadurch bestimmt, daß das Vbw in
seiner „Denkarbeit" nach Befriedigungsmöglichkeiten des je aktuellen Trieb-
anspruchs sucht. So scheint in Freuds Bestimmung des Sekundärvorgangs ein
,bewußtseinsumgrenzendes Handeln' beschrieben zu sein, in dem das Indi-
viduum sich von der Isolationstendenz des Triebes löst, sich aber in seiner
Offenheit für Aspekte der Umwelt (und seiner selbst) seine Perspektive doch
noch durch den Triebwunsch vorzeichnen läßt.
Die beiden Grundfunktionen des Vbw sind durch das „Realitätsprinzip"
geleitet (11/111,573 Anm.), das dem Vbw die realitätsgerechte Triebbefrie-
digung als Ziel seiner Leistungen vorgibt. Mit der Rücksicht auf die Realität
ist die Einschränkung oder sogar der Verzicht auf bestimmte aktuelle Be-
friedigungsmöglichkeiten verbunden, deren Realisierbarkeit unsicher ist. Da-
mit erweist sich die leitende Tendenz des Vbw jedoch nicht als eine „Abset-
zung des Lustprinzips, sondern nur ((als)) eine Sicherung desselben", die
im ursprünglichen Luststreben selbst angelegt ist: „Eine momentane, in ihren
Folgen unsichere Lust wird aufgegeben, aber nur darum, um auf dem neuen
Wege eine später kommende, gesicherte zu gewinnen" (VIII, 235 f.). In

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78 II. Die psychoanalytische Ichpsydiologie

dieser Modifikation des Lustprinzips ist nun auch die Fähigkeit „erlernt,
. . . Unlustempfindungen für eine Weile zu ertragen" ( X I V , 302), wenn da-
durch schließlich Lust gewonnen werden kann.
Die bisherige Interpretation ist Freuds teleologischem Ansatz gefolgt,
der zeigte, daß die Funktionen des Vbw und sein leitendes Interesse für die
Realisierung des ursprünglichen Luststrebens unerläßlich sind. Nun aber soll
geprüft werden, ob das Interesse und die Funktionen des Vbw auch tatsäch-
lich aus der Selbstmodifikation des ursprünglichen Strebens der Triebe ver-
ständlich gemacht werden können. Unter dieser Perspektive scheinen sich
nun sowohl für das mechanische wie für das psychologische Modell der
Psyche Schwierigkeiten zu ergeben, die die genetische Theorie in Frage
stellen.
1. Im Zusammenhang seiner „Psychologie der Traumdeutung" hat Freud
die Ableitungsmöglichkeit des Vbw nach mechanischen Prinzipien offenge-
lassen: „Ich nehme lediglich an, daß der Ablauf der Erregung unter der Herr-
schaft des zweiten Systems an ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft
wird als unter der Herrschaft des ersten." „Die Mechanik dieser Vorgänge
ist mir ganz unbekannt" (11/111,605). Es scheint aber fraglich, ob Freuds
mechanisches Modell überhaupt die Voraussetzungen bietet, um die Modifi-
kation des Primärvorgangs verständlich zu machen. Die bloße Steigerung
der endogenen Erregungsquantität eines Triebes in dem zugehörigen „Ele-
ment" seiner Befriedigungserinnerung ist offenbar noch kein hinreichender
Grund für die Umwandlung der freien Energie in gebundene. Genausowenig
scheint aber auch die Unlustwahrnehmung, die mit der Erregungssteigerung
verbunden ist, die Umwandlung begründen zu können. Mechanisch betrach-
tet, kann sie selbst nur ein bestimmtes Energiequantum der „Aufmerksam-
keitsbesetzung" zu den Besetzungsprozessen im psychischen Apparat bei-
steuern (s. o. S. 61 f.), das zwar Verschiebungsvorgänge abändern, aber offen-
bar die verschobene Energie selbst nicht umwandeln kann.
2. Betrachtet man die Genese des Vbw dagegen als psychologisch aufzu-
klärenden ,Lernvorgang', dann erscheint sie als eine Selbsthemmung der nach
Lust strebenden Triebe, die durch das Ausbleiben der Lustempfindung bzw.
durch die Unlustwahrnehmung hervorgerufen wird. Die „Enttäuschung" des
Luststrebens müßte also dazu führen, daß die von sich her ungehemmten und
isolierten Triebansprüche ein kontrollierendes Verhältnis zu sich selbst ge-
winnen, in dem sie sich zugleich für die realen Umweltgegebenheiten öffnen
würden. Nun ist es zwar einleuchtend, daß ein bloß triebbestimmtes Indivi-
duum grundsätzlich eine Tendenz zur Vermeidung von Unlust hat, die etwa
in der „Reizflucht" (s. u. S. 80) sichtbar wird. In der Triebhemmung muß

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1. Der erste Ansatz in Freuds Traumpsychologie 79

aber doch die bloße Erwartung von Unlust, die sich auf vorangegangene Un-
lusterlebnisse stützt, gegen den ungehemmten Absolutheitsanspruch und die
Isolationstendenz der Triebansprüche durchgesetzt werden. Für diese Lei-
stung kann offenbar der Trieb nicht selbst in Anspruch genommen werden,
wenn nicht die Grundstruktur triebhaften Strebens überhaupt aufgegeben
werden soll. Aber selbst wenn man die Möglichkeit der Selbsthemmung der
Triebe zugesteht, ist damit noch nicht die einheitliche Instanz des Ich ge-
wonnen. Vielmehr müßte noch gezeigt werden, wie aus der Selbsteinschrän-
kung bestimmter Triebe die einheitliche, zentralisierte und formalisierte Ten-
denz zur Triebhemmung entstehen kann. Das bloße ,Zusammenwachsen' der
bestimmten selbstgehemmten Ansprüche genügt offenbar nicht, um ein uni-
versales und zentralisiertes Interesse an der Triebhemmung und die entspre-
chende Leistung zu begründen, die sich auf jeden nur möglichen Trieban-
spruch bezieht, der im psychischen Apparat entsteht.
Freud konnte die Problematik selbstgehemmter Triebe und die Begrün-
dung einer universalen Triebhemmungstendenz ausklammern, indem er im
Rückgriff auf sein mechanisches Modell das kontrollierende Verhältnis zu
den ungehemmten Triebansprüchen einem eigenen, räumlich vom Ubw ab-
getrennten System zuschrieb, das über eigene psychische Energie verfügt.
Damit ist jedoch das Verhältnis nur als mechanisch gesteuerte Wechselwir-
kung von Kräften, nicht aber als psychologisch einsichtige Kontrolle eigener
Motivationen eingeführt.
Die vorangegangene Kritik der genetischen Ichpsychologie hat ergeben,
daß der Sekundärvorgang, obwohl er der Intention des Lustprinzips zu fol-
gen scheint, doch in einem eigenständigen und universalen Interesse des In-
dividuums, das sich gar nicht aus vorgegebenen einzelnen Triebregungen ab-
leiten läßt, begründet werden muß. Dieses Interesse erscheint selbst als
Gegewtendenz zur Triebhaftigkeit und begründet Leistungen, in denen sich
das Individuum von Triebansprüchen distanziert (Triebhemmung) und ihre
Isolationstendenz überwindet (Umweltbezug). Freud konnte die Eigenstän-
digkeit und Unableitbarkeit dieses Interesses vielleicht deshalb übersehen,
weil er zeigen konnte, daß der Sekundärvorgang die notwendige Vorausset-
zung für den Lustgewinn der realitätsblinden Triebansprüche darstellt. Diese
teleologische Betrachtungsweise verdeckt aber die Selbständigkeit des Ich
gegenüber dem Es.
Bezieht man Freuds bisher entfaltete Konzeption des Ich auf die vor-
angegangene Analyse der psychischen Zensur zurück (s. o. S.46ff.), dann
zeigt sich, daß das Ich als modifiziertes Luststreben die spezifischen Leistun-
gen der Zensur gar nicht begründen kann. Wie sich zeigte, setzt die Ver-

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80 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

drängung aktueller, bedrängender' Triebansprüche den inhaltlichen und dy-


namischen Widerspruch zwischen den Triebzielen und den leitenden Normen
des Ich voraus, der die „Unverträglichkeit" der Triebansprüche begründet
und den Vollzug des Zurückdrängens ermöglicht. Die Ableitung des Ich aus
den Bedingungen der „Not des Lebens" scheint aber diesen Widerspruch
zwischen dem Ich und dem Es grundsätzlich auszuschließen. Als System der
Triebhemmung folgt das Ich ausschließlich den Zielen, die ihm durch die
Triebkonstitution des Individuums vorgegeben werden, und modifiziert sie
durch seine eigenen Leistungen nur so, daß ihre reale und dauerhafte Er-
reichung garantiert wird. Das Ich ist keine Gegenmstanz zum Es, sondern
nur eine notwendige Entwicklungsstufe der Triebe auf dem Wege zur Be-
friedigung, die durch die Umweltgebundenheit der Triebbefriedigung er-
zwungen wurde.
Darum kann Freud in der bisher entwickelten Konzeption des Ich nur
eine Vorform der Verdrängung begründen, die er als „Wiederholung der
einstigen Flucht vor der Wahrnehmung" (11/111,606) kennzeichnet. Der
psychische Apparat entzieht sich unter der Herrschaft des Lustprinzips allen
äußeren Reizeinwirkungen, die eine Unlustempfindung hervorrufen (Reiz-
flucht). Entsprechend werden auch die Erinnerungen an umweltbedingte Un-
lusterlebnisse nicht durch den Primärvorgang besetzt, weil sich dadurch die
früher erlebte Unlustempfindung wiederholen würde. „Vielmehr wird im
primären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Erinnerungsbild so-
fort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu verlassen" ( I I / I I I , 606).
Die Leistung des Ich gegenüber dieser Verdrängungstendenz des Es liegt
gerade darin, die Unlusterinnerungen in den Erfahrungszusammenhang mit
einzubeziehen, weil das Ich „die Verfügung über alle in der Erfahrung nie-
dergelegten Erinnerungen braucht" (11/111,606), um die Triebansprüche
realitätsgerecht befriedigen zu können. Der beschriebene Verdrängungsvor-
gang geht also gar nicht, wie der oben analysierte, vom Ich selbst, sondern
vom uneingeschränkten Luststreben der Triebwünsche aus und soll gerade
durch den Sekundärvorgang rückgängig gemacht werden. Nur sofern das Ich
selbst noch als modifiziertes Luststreben dem Lustprinzip verhaftet bleibt,
klammert es eine Vorstellung aus, wenn es nicht „imstande ist, die von ihr
ausgehende Unlustentwicklung zu hemmen" (11/111,607). Mit dieser Vor-
stufe der Verdrängung ist lediglich die Eingrenzung des eigenen Bewußtseins-
spielraums angegeben, die in der partiellen Gebundenheit des Ich an das
triebhafte Luststreben begründet ist. Die Verdrängung, in der sich das zen-
sierende Ich gegen das Luststreben der andrängenden Triebe durchsetzt, ist
damit gar nicht gefaßt.

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1. Der erste Ansatz in Freuds Traumpsychologie 81

Diesen fundamentalen Aspekt der Verdrängung führt Freud ein, indem


er von „unzerstörbaren und unhemmbaren Wunschregungen" ausgeht,
„deren Erfüllungen in das Verhältnis des Widerspruchs zu den Zielvorstel-
lungen des sekundären Denkens getreten sind" (11/111,609). Damit geht
Freud von dem Ich als Gegeninstanz zur Triebdimension aus, die Ziele ver-
folgt, die den Triebzielen inhaltlich widersprechen. Zugleich nimmt er an,
daß Lust und Unlust nicht mehr ausschließlich von der Erhöhung oder Ver-
minderung triebhafter Energie im psychischen Apparat abhängig sind (s. da-
gegen o. S. 58): Obwohl die Erfüllung der wider sprechenden Wünsche ener-
getisch betrachtet lustvoll sein müßte, würde ihre Befriedigung „nicht mehr
einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen, und eben diese Affekt-
verwandlung macht das Wesen dessen aus, was wir als ,Verdrängung' be-
zeichnen" ( I I / I I I , 609). Wie hat Freud dieses Verständnis des Ich und der
Affektivität gewonnen, das der bisher entwickelten genetischen Ichtheorie
widerspricht?

b) Die Beschreibung des Ich im Verhältnis zur Triebdimension:


Das Ich als selbständige Gegeninstanz zum triebhaften
Luststreben

Der Ichbegriff der „Traumdeutung", den Freud für die Erklärung der
Verdrängung heranzieht, weist auf die frühen „Studien" zur Hysterie und
Neurose zurück, in denen Freud seine ersten klinischen Erfahrungen dar-
stellte und theoretisch verarbeitete. Innerhalb seiner klinischen Deskriptio-
nen führt Freud das „Ich" als Hilfsbegriff für das Verständnis der Verdrän-
gung ein, ohne es selbständig zum Gegenstand der Untersuchung zu machen.
Innerhalb dieses deskriptiven Ansatzes verzichtet Freud auf die Ablei-
tung des Ich aus den Bedingungen der „Not des Lebens" und bemüht sich
deshalb nicht um eine teleologische Betrachtungsweise der Ichfunktionen
und ihres leitenden Interesses. Zugleich unterscheidet er in seinen Arbeiten
zwischen ausweisbaren Beschreibungen von Bewußtseinsphänomenen und
mechanischen Hypothesen (1,66) und bemüht sich um möglichst weitrei-
chende Deskription. Damit befreit er sich weitgehend von den methodischen
Vorurteilen des genetischen Ansatzes seiner Ichpsychologie (vgl. o. S. 78 f.).
Die theoretische Konzeption der „Studien" ist schon bei der Unter-
suchung der „Zensur" dargestellt worden (s. o. S. 49 ff.) und soll hier nur
noch um zwei Aspekte ergänzt werden. Einmal soll geklärt werden, welche
Interessen die „Zensur" leiten, zum anderen soll sichtbar werden, wie das

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82 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

Individuum seine Interessenbestimmtheit unmittelbar in der Affektivität


erlebt.
Das Ich wurde schon bei der Untersuchung der Zensur als die „Assozia-
tionskette" akzeptierter Vorstellungen gekennzeichnet. Ihnen stehen die
„Kontrastvorstellungen" (1,8 ff.) des Individuums gegenüber, die normaler-
weise unbewußt bleiben (1,9) und sich für die ausgearbeitete Verdrängungs-
theorie bereits als „Abkömmlinge" urverdrängter Triebansprüche erwiesen
(s. o. S. 64). Sie drängen, wie sich zeigte, aufgrund ihrer triebhaften Beset-
zung zum Bewußtsein und können für die Zensur als „auftauchende Vorstel-
lungen" zugänglich werden. Der „Vorgang der Zensur" ist, wie schon er-
wähnt, „von der Art und Richtung der bereits im Ich vereinigten Vorstel-
lungen" abhängig (1,269). In dieser Bindung an die bisher akzeptierten Vor-
stellungen ist das zensierende Ich offenbar von dem Interesse bestimmt, „wi-
derspruchsfrei" (1,63) zu bleiben. Dann aber muß die leitende Ichtendenz
als Interesse an der Identität verstanden werden, das selbst schon an einen
bestimmten Zusammenhang von Vorstellungen gebunden ist, die die Gren-
zen der eigenen Identität vorzeichnen.
Allein aus diesem Interesse kann nun auch die „Abwehr" auftauchender
Vorstellungen in der bewußt vollzogenen Verdrängung verständlich wer-
den (s. o. S. 50). Diese Abwehr entspringt der „Abneigung des Ich" (I,
269) gegenüber Vorstellungen, die im „Widerspruch" zu den im Ich vereinig-
ten stehen und so innerhalb des einheitlichen Zusammenhangs „unverträg-
lich" sind. Die „Abneigung" muß also als die Form des Interesses an der
Identität verstanden werden, in der das Ich sich gegen die Vorstellungen
wendet, die die jeweils fixierte Identität sprengen. Für die Abwehr einer Vor-
stellung sind also nicht schon ihre inhaltlichen Bestimmungen als solche, son-
dern erst deren Widersprüchlichkeit und Unverträglichkeit im Gesamtzusam-
menhang der akzeptierten Vorstellungen entscheidend.
Die „Abneigung des Ich" versteht Freud als die „psychische Kraft", die
die unverträglichen Vorstellungen aus dem Bewußtseinszusammenhang
„drängt". Damit ist das Ich als dynamisch selbständige Gegeninstanz zu den
triebhaften Kontrastvorstellungen angesetzt. Die hier eingeführte Kraft
scheint sich aber nicht auf verfügbare Energiequantitäten des psychischen
Apparats zurückführen zu lassen. Ihre Intensität scheint wesendich von der
Widersprüchlichkeit der zu verdrängenden Vorstellung und dem Wunsch,
sie völlig auszuklammern, bestimmt zu sein und so von der spontanen Akti-
vität des Ich abzuhängen.
Das Individuum verfügt ursprünglich nicht über eine theoretische Kennt-
nis seines Interesses an Identität, sondern erlebt es unmittelbar in dem

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1. Der erste Ansatz in Freuds Traumpsychologie 83

„peinlichen Affekt" (1,62) des „Vorwurfs" (vgl. 1,387), mit dem das Auf-
tauchen der unverträglichen Vorstellung verbunden ist. In diesem Affekt zei-
gen sich die „Unverträglichkeit" der Vorstellung und die zugehörige „Ab-
neigung" des Ich ganz unmittelbar, und ihm entspringt der Willensakt der
„Abwehr". Diese Form der ,Unlust' kann gar nicht aus Freuds triebhaft-
energetischer Begründung der Affektivität, sondern nur aus der Interesse-
bestimmtheit des Ich verstanden werden: Die „Abkömmlinge" des Urver-
drängten drängen gerade nach „Ausdruck im Bewußtsein" (vgl. I I / I I I , 558),
so daß ihr Bewußtsein, rein energetisch betrachtet, als lustvoll erlebt wer-
den müßte. Das Ich empfindet dagegen nur deshalb einen peinlichen Vor-
wurfsaffekt, weil es durch ein Interesse an Einheitlichkeit bestimmt wird,
das selbst an bestimmte, normative Vorstellungen gebunden ist. Diese Un-
lust ist für das interessegebundene Individuum im Unterschied zur rein
triebhaft begründeten Unlust unerträglich, weil sie einem „Konflikt" (VIII,
21) entspringt, den das Ich in seiner Gebundenheit nicht auflösen kann. Das
Ich erscheint als selbständige Gegeninstanz zur Triebdimension, deren Ver-
halten zu den Triebansprüchen wesentlich durch das unableitbare eigene In-
teresse bestimmt wird.
Damit ist das „Lustprinzip" als universales Regulationsprinzip aller psy-
chischen Vorgänge eingeschränkt: Dem Luststreben der Triebansprüche steht
das Ichinteresse an der Übereinstimmung mit sich selbst gegenüber. Mit die-
sem Ansatz befreit sich Freud zugleich von der bisherigen mechanisch-ener-
getischen Konzeption, die der genetischen Theorie zugrunde lag. Die Affekti-
vität ist nicht mehr psychische Umsetzung von Verschiebungen triebhafter
Energie im Apparat, sondern Ausdruck des Widerspruchs zwischen dem lei-
tenden Interesse des Ich und den vorgegebenen Triebansprüchen. Entspre-
chend wird auch die Verdrängung nicht energetisch aus dem Lustprinzip
begründet (s. o. S. 80 f.), sondern aus dem eigenständigen Interesse des Ich
verständlich gemacht, das sich in der „Abwehr" gegen das Luststreben der
Triebe durchsetzt12.
Trotz dieser Weiterentwicklung der Ichpsychologie ist auch der Ich-
begriff der „Studien" noch nicht in der Lage, die deskriptiv aufgewiesenen
Leistungen der Zensur (s. o. S.37f.; 46 ff.) voll einsichtig zu machen.

12 Die bisher dargestellte Theorie hat Freud in der Deskription von Bewußtseinsphäno-
menen gewonnen (s. 1,66 f.). Er greift erst auf seine medianisch-energetischen Hy-
pothesen zurück, um den .unbewußten' Vorgang der Symptombildung verständlich zu
machen (1,67). So kann der bisher entfaltete Begriif des Ich in der Tat als selbständi-
ger deskriptiver Gegenbegriff zu Freuds energetisch-mechanischer Konzeption ver-
standen werden.

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84 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

Der Mangel dieses Ichbegriffs liegt darin, daß Freud das formale Interesse
an der Identität unmittelbar an den Zusammenhang inhaltlich bestimmter,
normativer Vorstellungen bindet, die die Grenzen der Identität vorzeichnen.
Damit trägt er der Möglichkeit der Zensur keine Rechnung, in der Annahme
widersprechender Triebansprüche die leitenden Normen des Ich zu modifi-
zieren und darin ein neues Verhältnis zwischen der Triebhaftigkeit und dem
Ich herzustellen, das die Realität der Triebhaftigkeit angemessener als das
alte Verhältnis berücksichtigt (s. o. S. 48). Erst die Trennung zwischen den
bestimmten Zielvorstellungen des Ich und dem leitenden Interesse an der
Identität wird diesen Mangel beheben (s. u. S. 108 ff.).
Die bisher dargestellten gegensätzlichen Ichbegriife stehen in der
„Traumdeutung" noch unvermittelt nebeneinander und werden jeweils zum
Verständnis der psychischen Phänomene herangezogen, aus deren Analyse
sie selbst deskriptiv gewonnen sind. Die Interpretation muß nun die wei-
teren Konzeptionen der psychoanalytischen Ichpsychologie daraufhin befra-
gen, ob und in welcher Weise sie diesen Gegensatz auflösen.

2. Der zweite Ansatz zur psychoanalytischen Ichpsychologie


in Freuds Untersuchungen zur Triebstruktur und -entwicklung

In den Untersuchungen Freuds, die sich an die „Traumdeutung" an-


schließen und mit dem Aufsatz „Jenseits des Lustprinzips" ihren Abschluß
finden, steht das Problem des Triebes und seiner ,Schicksale' im Mittelpunkt.
Innerhalb dieser Fragestellung hat Freud eine zweite genetische Theorie des
Ich entwickelt, die den Widerspruch der ersten jedoch nicht löst, sondern
nur weiter verschärft. In der Konzentration auf die Triebproblematik hat
Freud versucht, das Ich nun selbst als eine bestimmte Gruppe von Trieben
einzuführen, die sich durch die „Not des Lebens" aus dem Gesamtzusam-
menhang der Triebe differenziert. Damit radikalisiert er den genetischen
Ansatz der Traumdeutung, der das Ich als universales System der Trieb-
hemmung abgeleitet hatte. Zugleich faßt Freud in seinen Untersuchungen
zur Verdrängung die spezifischen Bedingungen des Verdrängungsvorgangs
noch präziser als in den frühen „Studien" und macht dadurch ihre Unerklär-
barkeit innerhalb einer genetischen Ichpsychologie noch deutlicher.
Die Widersprüchlichkeit seiner genetischen Konzeption, die sich aus
ihren verschiedenen Fragerichtungen ergab, versuchte Freud in seiner „Ein-
führung des Narzißmus" (X, 137 ff.) aufzulösen. Diese Theorie wird in der
folgenden Interpretation nicht mehr untersucht, weil Freud sie selbst nur

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2. Der zweite Ansatz in Freuds Triebtheorie 85

als Durchgangsstufe der Theoriebildung verstanden hat (vgl. XIII, 258) und
sich ihre theoretischen Probleme bei der Analyse der ,Überichbildung' (s. u.
S. 102 ff.) plastischer aufweisen lassen. Die Interpretation beschränkt sich auf
eine kurze Darstellung der Triebproblematik, die Untersuchung der geneti-
schen Ichtheorie und schließlich der Verdrängungsbedingungen.

a) Freuds Triebtheorie: Der Trieb als „Grenzbegriff


zwischen Seelischem und Somatischem" 13
Freuds Untersuchungen zur Triebstruktur und -entwicklung erweitern
die mechanische ,Triebtheorie' der „Traumdeutung" (s. o. S. 59 f.; 75 f.) um
wesentliche deskriptive Aspekte und scheinen dabei ein zentrales Problem
zu lösen, das in der „Traumdeutung" ungeklärt blieb: In der Definition des
Triebwunsches als einer „Strömung" und in deren weiterer Charakteristik
als „Primärvorgang" war noch offen geblieben, ob die eingeführten Begriffe
Aspekte der Selbsterfahrung oder Eigenschaften einer mechanisch gesteuer-
ten Energie kennzeichnen sollten. In der Ausarbeitung des Triebbegriffs
klärt Freud nun das Verhältnis von Trieb und Selbsterfahrung.
Der Triebbegriff ist für Freud kein deskriptiver Begriff unmittelbarer
Selbsterfahrung; vielmehr bietet „das Studium des Trieblebens vom Be-
wußtsein her kaum übersteigbare Schwierigkeiten" (X, 218). Trotzdem kann
auch der Begriff des Triebes nur im Ausgang von der Selbsterfahrung ein-
geführt werden. Er bezeichnet jedoch nicht bestimmte, isolierte Phänomene
der Erfahrung, sondern gehört zu den psychoanalytischen Grundbegriffen,
deren systematische Funktion darin liegt, daß durch sie die einzelnen Er-
scheinungen „gruppiert, angeordnet und in Zusammenhänge eingetragen
werden" (X, 210). Diese Zusammenhänge werden jedoch nicht erst unter
der Voraussetzung des Triebbegriffs entdeckt, sondern ursprünglich in der
psychoanalytischen Deutungsarbeit als verdeckte Sinnzusammenhänge auf-
gewiesen (s. o. S. 35 ff.). Der Triebbegriff dient lediglich dazu, den aufge-
deckten Sinnzusammenhang theoretisch zu erklären und darin als Kausal-
zusammenhang anschaulich zu machen.
Dieses Verhältnis zwischen „Deutungskunst" und theoretischer Erklä-
rung läßt sich am besten in den frühen „Studien" auf weisen. Hier führt
Freud die mechanische Fassung des Triebbegriffs ein (1,67; 74), um den

13
Die folgende Skizze der Triebtheorie Freuds kann in keiner Weise Vollständigkeit
beanspruchen. Sie bemüht sich vielmehr nur darum, die deskriptiven Charaktere des
Triebbegriffs herauszuheben und als Grundlage der mechanischen Annahmen Freuds
verständlich zu madien.

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86 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

Zusammenhang zwischen dem Verdrängten und dem Symptom mechanisch


zu erklären, den er ursprünglich als „symbolische Beziehung" (1,83) in der
Deutungsarbeit aufgedeckt hat. Als Begriff „zur Zusammenfassung und Er-
klärung mannigfaltiger psychischer Zustände" (1,74) ist ,Trieb' nun zu-
gleich ein „Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem" (X, 214),
der mechanisch-energetisch expliziert werden muß. Freud kann die jeweils
aufgedeckte symbolische Beziehung' und ihre deskriptiv faßbaren dynami-
schen Verhältnisse nur kausal erklären, indem er den Trieb als selbständi-
ges, real bestehendes und somatisch begründetes Energiequantum versteht,
das von bestimmten Energieträgern aus verschoben werden und dabei ganz
verschiedene Ausdrucksformen finden kann. Die mechanisch-energetische
Konzeption des Triebes faßt Freud als zureichende Bestimmung ,unbewuß-
ter' Triebe und führt sie damit als reale Vorkommnisse innerhalb des psy-
chischen Energiehaushalts ein. Entsprechend versteht er den „Kompromiß"
des Symptoms als den Ausgleich zwischen realen Kraftquanten.
Aber auch diesen mechanischen Annahmen gegenüber muß man festhal-
ten, daß Freud sie selbst in Analogieschlüssen aus Phänomenen der Selbst-
erfahrung gewonnen hat. In seiner expliziten Analyse der Triebstruktur
faßt er den Trieb wesentlich als ein ,Drängen', ein „Stüde Aktivität" (X,
214), das auf Objekte als Befriedigungsziele ausgerichtet ist (X, 215). Die-
ses Drängen versteht er dann auch als „Summe von Kraft" (X, 214), durch
die der somatische Reiz in der Psyche repräsentiert wird. So führt er die
psychische Energie in Analogie zur Erfahrung von Dranghaftigkeit ein. Ganz
entsprechend gewinnt er auch die Einsicht in die Triebquellen nicht durch
unmittelbare Erkenntnis: „Obwohl die Herkunft aus der somatischen Quelle
das schlechtweg Entscheidende für den Trieb ist, wird er uns im Seelenleben
doch nicht anders als durch seine Ziele bekannt." Die Kenntnis der Trieb-
quellen ist nur durch „Rückschluß aus den Zielen des Triebes auf dessen
Quellen" möglich (X, 216). In diesem Rückschlußverfahren gewinnt Freud
eine physikalische' Konzeption, die den Trieb als psychischen Repräsentan-
ten eines somatischen Reizes versteht, dessen psychische Kraftsumme in
psychischer Arbeitsleistung' (vgl. X, 214) bewältigt werden muß.
Mit der methodischen Klärung des Triebbegriffs ist bei Freud eine de-
skriptive Neufassung der Triebansprüche verbunden, die den unphänome-
nalen Ansatz der „Traumdeutung" (s. o. S. 59 f.) wesentlich modifiziert, ohne
aber darin die mechanische Konzeption des Triebs aufzugeben. Freud ver-
steht den Triebanspruch nicht mehr als psychischen Akt, in dem das Indivi-
duum vollständig gegen die Umwelt verschlossen ist und sich halluzinato-
risch Befriedigung verschafft, sondern er interpretiert ihn nun unter dem

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2. Der zweite Ansatz in Freuds Triebtheorie 87

Gesichtspunkt der „Polarität Ich-Außenwelt" (X, 229). Dabei erscheint er


als „Objektbesetzung" (X, 141), die von sich her noch nicht auf bestimmte
Objekte festgelegt ist (X, 215). In diesem Ansatz scheint Freud den Trieb
nun unausdrücklich als den psychischen Akt zu fassen, der von sich her einen
Umweltbezug intendiert und so dem Individuum ursprünglich ein Umwelt-
verhältnis eröffnet 14 . Diesen triebbestimmten Umweltbezug charakterisiert
er näher, indem er die ,affektive Verblendung des Intellekts' hervorhebt, die
im ,affektiven Streben nach . . l i e g t (s. u. S. 92). Indem es den Umwelt-
bezug eröffnet, zeichnet das triebhafte Streben also selbst eine extrem ein-
geschränkte und durch das Drängen nach Lust verzerrte Umwelterfahrung
vor, die erst noch zu korrigieren ist.
Weil der Trieb die primäre Sicht der Umwelt vorgibt, können in ihr die
Objekte in ihrer Bedeutung für die Triebbefriedigung zugänglich werden:
sie werden zur „Quelle von Lustempfindungen", sofern sie der Triebbefrie-
digung dienen, oder zur „Quelle von Unlustempfindungen", sofern sie ihr
schaden (X, 229). Damit werden Lust und Unlust nicht mehr primär unter
dem Gesichtspunkt von Energieabfuhr oder -erhöhung betrachtet, sondern
bedeuten nun „Relationen des Ichs zum Objekt" (X, 229). Ebenso be-
schreibt Freud auch die triebhafte Aktivität des Individuums nun unter der
Perspektive des Umweltbezugs. Sie erscheint nicht mehr als Abfuhr von
Energiequantitäten am motorischen Ende des Apparats (s. o. S. 56), son-
dern als Umweltverhalten des Individuums: gegenüber dem lustbringenden
Objekt erweist sich der Trieb als „motorische Tendenz . . . , welche dasselbe
dem Ich annähern, ins Ich einverleiben will" (X, 229). Dieser Tendenz zur
„Anziehung" steht die Tendenz zur „Abstoßung" gegenüber unlustbringen-
den Objekten gegenüber (X, 229).
Mit dieser Erweiterung der theoretischen Perspektive auf den Umwelt-
bezug gewinnt Freud die Möglichkeit phänomenaler Deskription von Be-
wußtseinszusammenhängen und Verhaltensweisen des Individuums und
bleibt nicht daran gebunden, sie primär als innerpsychische Besetzungsab-
läufe und Abfuhraktionen zu interpretieren.
Innerhalb dieser allgemeinen Charakteristik der Triebe unterscheidet
Freud nun zwei verschiedene Triebarten, die „Selbsterhaltungs-" und die
„Sexualtriebe", im Hinblick auf ihren Umweltbezug. Während die Sexual-
triebe sich in ihrer frühen Entwicklungsphase autoerotisch befriedigen und
erst sekundär einen (relativ losen) Umweltbezug gewinnen, sind die Selbst-

1+ Die zentrale Funktion der Triebansprüche für die Eröffnung der Selbst- und Welt-
erfahrung hat A. Mitscherlich hervorgehoben (A. Mitscherlidi: Auf dem Wege zur
vaterlosen Gesellschaft. München 1968; S. 124).

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88 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

erhaltungstriebe von Anfang an an die Befriedigungsbedingungen der Um-


welt gebunden und passen sich daher der „Realität" der Umwelt an (XI,
368 fi.). Den Unterschied zwischen den beiden Triebarten faßt Freud ener-
getisch in der Unterscheidung von „Libido" und „Interesse" (XI, 430). Da-
mit zieht er gegenüber der Unterscheidung von Primär- und Sekundärvor-
gang jetzt die inhaltliche Zielgerichtetheit der Triebe mit für die Bestimmung
ihrer freien Erregung heran.

b) Die Ableitung des Ich aus der Triebdimension:


Das Ich als Zusammenhang der Selbsterhaltungstriebe,
die das Luststreben der Sexualtriebe hemmen

Freud entwickelt seinen zweiten genetischen Ansatz des Ichbegriiis, in-


dem er den Unterschied der beiden genannten Triebarten mit dem Unter-
schied zwischen dem Ich und der ursprünglichen Triebdimension der Psyche
gleichsetzt. Für diese Gegenüberstellung orientiert sich Freud neben biolo-
gischen Gesichtspunkten (vgl. X I , 418; X, 219; X, 143) an den unterschied-
lichen Befriedigungsmöglichkeiten, die für die beiden Triebrichtungen auf-
grund ihres Umweltbezuges bestehen. Die Selbsterhaltungs- oder Ichtriebe
sind für ihre Befriedigung an die je bestimmten ,lebenserhaltenden' Befrie-
digungsobjekte gebunden, die die Umwelt vorgibt. In dieser Beschränkung
auf die gebotenen Befriedigungsmöglichkeiten stellt sich für die Selbsterhal-
tungstriebe die „Aufgabe, Unlust zu verhüten, . . . fast gleichwertig neben
die des Lustgewinns" (XI, 370). Die Sexualtriebe dagegen sind im Hinblick
auf ihre Befriedigung „außerordentlich plastisch" (XI, 357 f.) und „kennen
zu Anfang die Objektnot nicht" (XI, 369). Erst in der Pubertät gewinnen
sie eine Außenweltrichtung, die sie unter bestimmten Bedingungen der Ver-
sagung aber stets wieder aufgeben können. Gegenüber diesem unterschied-
lichen Umweltbezug muß aber die einheitliche ursprüngliche Triebstruktur
für beide Triebarten festgehalten werden: Triebe drängen nach uneinge-
schränkter und direkter Befriedigung, ohne von sich her auf die selbständi-
gen Befriedigungsbedingungen in der Umwelt oder die Folgen der Befriedi-
gung Rücksicht zu nehmen (s. o. S. 75 f.). Sie sind also pure ,Objektbeziehun-
gen', die kein ,Verhältnis zu sich selbst' einschließen, das die Voraussetzun-
gen und Konsequenzen der Befriedigung in der Außenwelt prüfen würde.
Wie schon in der „Traumdeutung" begründet Freud die innerpsychische
Differenzierung von Ich- und Sexualtrieben in der Situation der „Versagung"
(XI, 257 f.) und hält so die Funktion „der Lebensnot als des Motors der
Entwicklung" (XI, 368) weiterhin fest. Aufgrund des unterschiedlichen Um-

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2. Der zweite Ansatz in Freuds Triebtheorie 89

weltbezuges der beiden Triebarten gewinnt die Situation der äußeren Ver-
sagung für ihre ontogenetische Entwicklung unterschiedliches Gewicht: Die
„Selbsterhaltungstriebe . . . lernen es frühzeitig, sich der Not zu fügen und
ihre Entwicklungen nach den Weisungen der Realität einzurichten" ( X I ,
368). Weil die Sexualtriebe sich dagegen „mit einem so lockeren Verhältnis
zur Realität" ( X I , 370) begnügen, ist es für sie charakteristisch, „daß sie zu
Anfang wie zu Ende ihrer Entwicklung auf Lustgewinn arbeiten; sie behal-
ten diese ursprüngliche Funktion ohne Abänderung bei" ( X I , 370).
Indem sich die Selbsterhaltungstriebe der Not des Lebens „fügen", ge-
ben sie ihren ursprünglichen Charakter des ungehemmten Drängens auf und
passen sich den Umweltbedingungen an. Freud versteht damit den Übergang
vom puren Luststreben zum realitätsbezogenen Triebanspruch wiederum
als Selbsthemmung der von sich her ungehemmten Triebe, die durch den
äußeren Zwang der „Versagung der Realität" ( X I , 368) entsteht. Doch die
Interpretation zeigte schon, daß die Distanzierung von dem unmittelbaren
Drängen des Triebes und seine kritische Kontrolle nicht selber als Leistung
des unmittelbaren Triebanspruchs verstanden werden kann (s. o. S. 78 ff.).
Vielmehr scheint der Triebhemmung ein eigenständiges Interesse zugrunde-
zuliegen, das ein Verhältnis zum eigenen triebhaften Drängen impliziert und
als Tendenz zur Vermittlung zwischen der Triebgebundenheit und Umwelt-
abhängigkeit des Individuums verstanden werden kann.
Mit der Annahme gehemmter Triebansprüche gibt Freud zugleich das
neue Ziel dieser Tendenzen an, das sich von dem bloß triebhaften Telos un-
eingeschränkter und direkter Befriedigung unterscheidet: Die realitätsbezo-
genen Triebe streben nach dem „Nutzen" ( V I I I , 235; X I , 428 f.) für das
Individuum. Dieses Ziel wird offenbar erreicht, wenn die jeweils aktuellen
Triebansprüche nur soweit befriedigt werden, daß ihre Befriedigung keine
Schädigung durch die Umwelt hervorruft oder die Befriedigung anderer zu
erwartender Triebansprüche ausschließt. Damit erweist sich das Streben
nach Nutzen als das modifizierte Luststreben, das den Umweltbedingungen
Rechnung trägt (s. o. S. 77 f.). Die gehemmten, der Realität angepaßten
Triebansprüche, die einheitlich nach „Nutzen" streben, übernehmen in
Freuds Interpretation nun auch die hemmende Kontrolle über die Sexual-
triebe, die ihren ursprünglichen Triebcharakter erhalten haben: Das Ich ist
bestrebt, „mit seiner . . . Sexualorganisation im Einklang zu bleiben und
s i e s i c h e i n z u o r d n e n " ( X I , 364).
Selbst wenn man zugesteht, daß die Selbsterhaltungstriebe in der Ver-
sagungssituation ein kontrollierendes Verhältnis zu sich selbst gewinnen,
bleibt die Erweiterung dieser Kontrollfunktion auf die Sexualtriebe unver-

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90 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

ständlich. Als Selbsterhaltungstriebe (ζ. B. Hunger, Durst, Atmung) sind sie


inhaltlich von den Sexualtrieben verschieden, und aufgrund ihres spezifischen
Umweltbezuges müßten sie auf die hemmende Kontrolle ihrer selbst be-
schränkt bleiben. Freud dagegen identifiziert die Interessenrichtung dieser
bestimmten realitätsbezogenen Triebart unmittelbar mit der umfassenden
Tendenz zur Triebhemmung und radikalisiert damit den genetischen Ansatz
der „Traumdeutung" nur noch weiter. In der früheren Konzeption des Ich
ließen sich noch zwei verschiedene Phasen der Genese unterscheiden: die
Hemmung einzelner Triebe führte schließlich zu einem eigenständigen, zen-
tralisierten und universalen System der Triebhemmung, das jeden entstehen-
den Triebanspruch hemmen kann (s. o. S. 78 f.). In der Radikalisierung die-
ser Position bleibt die zweite Phase ausgeklammert: der inhaltlich bestimmte
Zusammenhang der Selbsterhaltungstriebe soll die Funktion der universalen
Triebhemmung übernehmen. Indem Freud die Triebhemmung selber noch
bestimmten Trieben zuschreibt, die durch die „Verinnerlichung" der äußeren
Versagungssituation modifiziert sind, aber dabei doch reine „Objektbeset-
zungen" bleiben, hat er die Hemmung weiterhin in dem Gegensatz zwischen
zwei Kräften begründet, deren Aufeinanderwirken kausal bestimmt wird
(s. o. S. 62). Die modifizierten Triebe gewinnen eben durch den Druck der
Versagungssituation die Eigenschaften und die Stellung zu den ungehemm-
ten Wünschen, daß sie die Sexualtriebe kontrollieren und hemmen können.
So scheint sich auch diese genetische Konzeption letztlich nur als Theorie
von Energieumwandlungsprozessen verstehen zu lassen, die durch unlust-
bringende Außenweltreize innerhalb des psychischen Apparats ausgelöst und
dann fixiert werden. Obwohl Freud die Genese des Ich in psychologischen
Termini beschreibt, scheint er dabei nur auf sein mechanisches Modell zu-
rückzugreifen.
Der Ichbegriff, den Freud in dem zweiten Ansatz seiner Ichpsychologie
eingeführt hat, bleibt nicht nur im Hinblick auf seine Ableitung problema-
tisch, sondern ist auch nicht in der Lage, den zentralen Aspekt der Verdrän-
gung zu erklären (s. o. S. 81). Das Streben nach Nutzen kann Triebansprüche
niemals aufgrund ihrer Ziele ablehnen, sondern nur im Hinblick auf die be-
stehenden Befriedigungsbedingungen in der Umwelt hemmen. Die „Unver-
träglichkeit" von Triebwünschen, die sich erst aus den vorgegebenen Um-
weltbedingungen ergibt, führt jedoch nicht zur Verdrängung: „Der Fall der
Verdrängung ist . . . gewiß nicht gegeben, wenn die Spannung infolge von
Unbefriedigung einer Triebregung unerträglich groß wird" (X, 249). Die-
ser Möglichkeit der „äußeren Versagung" der Befriedigung stellt Freud die
der „inneren Versagung" gegenüber, die allein die Verdrängung von Trieb-

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2. Der zweite Ansatz in Freuds Triebtheorie 91

ansprüchen begründen kann (XI, 362 f.). Sie bezieht sich auf Triebansprüche,
deren Befriedigung in der Außenwelt „wohl möglich und . . . auch jedesmal
an sich lustvoll wäre", deren Ziele aber „mit anderen Ansprüchen und Vor-
sätzen unvereinbar" sind (X, 249). Für die Verdrängung, die sich ausschließ-
lich an den Triebzielen orientiert und jeweils einen „psychischen Konflikt"
zwischen den widersprechenden Interessen des Ich und der Triebdimension
löst, ist das Ich wiederum als Instanz angesetzt, die selbständige Tendenzen
verfolgt und sie gegen den triebhaften Drang nach Lustgewinn durchsetzt.
Diese inhaltliche und dynamische Selbständigkeit des Ich kann aber nicht
aus dem Interesse am Nutzen verständlich werden, das sich bei der Ablei-
tung des Ich als leitende Ichtendenz ergab. Vielmehr führt Freud jetzt die
„Selbstachtung" des Individuums als Motiv für die Verdrängung ein (X,
160). Sie ist an die Befolgung von normativen „kulturellen und ethischen
Vorstellungen" gebunden, die Freud als „Ideal" des Ich charakterisiert (X,
160 f.). Dieser Ansatz weist auf die Ichtheorie der frühen „Studien" zurück
und deutet zugleich den Weg an, auf dem Freud die Selbständigkeit der Ziel-
vorstellungen des Ich gegenüber den Triebzielen begründen wird: Die Ziele
des Ich dürfen nicht mehr einfach als modifizierte Triebansprüche verstanden
werden, sondern werden dem Ich aus seiner sozialen Umwelt als soziale An-
forderungen vorgegeben (X, 163) (s. u. S. 102 if.). Damit aber ist das bishe-
rige genetische Schema der Ichentstehung grundsätzlich gesprengt. Die
„Selbstachtung" des Ich führt Freud hier noch als Motiv für die Geltung
des Ichideals ein, das libidinösen Triebansprüchen entspringen soll (X,
160 ff.). Diese Auflösung des leitenden Ichinteresses in Triebwünsche hat
Freud selbst bald wieder aufgegeben.
So wenig wie die genetische Ichtheorie die Selbständigkeit des Ich ver-
ständlich machen kann, so wenig kann sie die spezifische Unlust erklären,
die sich aus dem Widerspruch zwischen den Ichzielen und den Triebwün-
schen ergibt. Freud betont, daß die Befriedigung der widersprechenden
Triebansprüche nicht einfach unlustbringend ist, sondern „Lust an der einen,
Unlust an anderer Stelle erzeugen" würde. „Zur Bedingung der Verdrängung
ist dann geworden, daß das Unlustmotiv eine stärkere Macht gewinnt als
die Befriedigungslust" (X, 249). Diese Unlust, die nicht aus dem Anwach-
sen „ungebundener" Triebenergie verständlich werden kann, wird von Freud
selbst als Phänomen gekennzeichnet, das für die Psychoanalyse problema-
tisch ist ( X I I I , 7). Zugleich deutet er eine Lösung an, die von zentraler Be-
deutung zu sein scheint: „Das wesentliche ist wohl, daß Lust und Unlust
als bewußte Empfindungen an das Ich gebunden sind" ( X I I I , 7). Damit
räumt Freud grundsätzlich ein, daß die Affekte nicht bloß von der Verän-

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92 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

derung triebhafter Energiequantitäten abhängig sind, sondern das leitende


Interesse des Ich immer noch mitentscheidet, in welcher Weise das Indivi-
duum affektiv auf Phänomene der Selbsterfahrung und auf Umwelterleb-
nisse reagiert. Erst dieser Ansatz scheint verständlich zu machen, warum
verschiedene Individuen verschieden auf entsprechende Erfahrungen reagie-
ren können: „Dieselben Eindrücke, Erlebnisse, Impulse, Wunschregungen,
welche der eine Mensch in sich gewähren läßt . . . , werden vom anderen in
voller Empörung zurückgewiesen" (X, 160).
Die Konzeption der Affektivität, die hier angedeutet ist, hat Freud nicht
weiter ausgearbeitet, weil sie seinem energetischen Ansatz widerspricht. Sie
ist aber, wie sich zeigen wird, für die Theoriebildung der Psychoanalyse von
wesentlicher sachlicher Bedeutung (s. u. S. 115).
Die bisher betrachtete Verdrängung von Triebwünschen, die einem
selbständigen Gegeninteresse des Ich gegen das triebhafte Streben ent-
springt, muß weiterhin von der Form des ,bewußtseinsumgrenzenden Han-
delns' unterschieden werden, die in der Abhängigkeit des Ich vom Lust-
streben der Triebwünsche gründet (s. o. S. 80; 87). Indem Freud
den Triebanspruch als „Objektbesetzung" einführt, kann er ihn als ursprüng-
lichen Umweltbezug verstehen, in dem „nur vorgestellt wird, was angenehm
ist" (vgl. VIII, 232). Weil das Ich in seinen Funktionen der Umwelt- (und
auch Selbst-)wahrnehmung von der Basis triebhaften Luststrebens ausgeht,
nimmt die „Psychoanalyse das Primat im Seelenleben für die Affektvor-
gänge in Anspruch" und kann für die Welt- und Selbsterfahrung den „Nach-
weis eines ungeahnten Ausmaßes von affektiver Störung und Verblendung
des Intellekts bei den normalen nicht anders als bei den kranken Menschen"
erbringen (VIII, 402). Freud hebt die Irrtümer hervor, die nicht einfacher
Unkenntnis der Realität, sondern eigenen Wünschen entspringen, und cha-
rakterisiert sie als „Illusionen" (XIV, 353), die Aspekte der Realität verdek-
ken. „Illusionen empfehlen sich uns dadurch, daß sie Unlustgefühle ersparen
und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen" (X, 331). Damit ist
die Form der Täuschung über sich selbst und die Umwelt herausgehoben,
die in der Triebgebundenheit des Ich impliziert ist.
Im Rückblick auf die bisher dargestellten Ansätze der psychoanalyti-
schen Ichpsychologie soll der Widerspruch zwischen der Selbständigkeit und
der Unselbständigkeit des Ich zusammenfassend herausgehoben werden, der
für Freuds ,frühe' Ichtheorien kennzeichnend ist.
1. In seinen beiden genetischen Konzeptionen führt Freud das Ich als
abgeleitete und unselbständige Instanz der Psyche ein, indem er das leitende
Ichinteresse als realitätsbezogenes Luststreben ansetzt, in dem das Lustprin-

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2. Der zweite Ansatz in Freuds Triebtheorie 93

zip der Triebansprüche zwar modifiziert, aber nicht aufgehoben ist. Für den
psychischen Apparat bleibt die Tendenz leitend, einströmende Triebenergie
in Befriedigungsaktionen wieder abzuführen (s. o. S. 58). Für diesen An-
satz sind Lust und Unlust nur Umsetzungen der Abnahme oder der Zu-
nahme „ungebundener Erregung" im psychischen Apparat. Das Luststreben
des Ich begründet ein ,bewußtseinsumgrenzendes Handeln', in dem das Ich
die Aspekte der Welt- und Selbsterfahrung ausklammert, deren Berücksich-
tigung aktuellen Lustgewinn verhindern, dabei aber keine reale Schädigung
des Individuums vermeiden würde.
2. Die Problematik dieses genetischen Ichbegriffes wurde einerseits an
den aufgezeigten theoretischen Schwierigkeiten der Ableitung, andererseits
in Freuds eigenen Analysen der „Verdrängung" sichtbar. Für die Begrün-
dung der Verdrängung erweist sich das Ich als unableitbares System, das
von einem selbständigen Gegeninteresse zum triebhaften Luststreben be-
stimmt wird und dabei an eigene „Zielvorstellungen" gebunden ist. In die-
ser Konzeption ist die regulative Funktion des triebhaften Lustprinzips we-
sentlich eingeschränkt: Unlust gründet nicht mehr allein in der Stauung von
triebhafter Energie, die nach Abfuhr drängt, sondern entspringt dem Wi-
derspruch zwischen dem leitenden Ichinteresse und den „unverträglichen"
Triebansprüchen. „Unverträglichkeit" erweist sich dabei als Charakter der
Triebansprüche, der von ihrer Energiequantität unabhängig ist. Das eigen-
ständige Ichinteresse begründet ein ,bewußtseinsumgrenzendes Handeln', in
dem das Ich aktuelle Triebansprüche und Umwelterlebnisse abdrängt, deren
volle Berücksichtigung zwar Befriedigungslust gewähren, aber die Unlust
ihrer „Unverträglichkeit" hervorrufen würde. Eine Konzeption, die diese
Verhältnisse zwischen Ich und Es verständlich machen kann, hatte Freud
bisher nur in seinem deskriptiven Ansatz der Ichtheorie in seinen frühen
„Studien" entwickelt.
Der aufgewiesene Widerspruch zwischen den beiden Konzeptionen des
Ich stellt die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Ichtheorie vor die
Aufgabe zu klären, in welcher Weise die gegensätzlichen Aspekte des Ich
zusammengehören. Dabei muß sich entscheiden, ob das Ich grundsätzlich als
selbständig oder unselbständig gegenüber der Triebdimension bestimmt wer-
den muß.

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94 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

3. Die Ausarbeitung der psychoanalytischen Ichpsychologie


in Freuds „strukturpsychologischen" Untersuchungen

a) Einleitung:
Die Fragestellung der Interpretation. Freuds „strukturpsychologische"
Methode
Nach seinen verschiedenen Ansätzen zur Ichpsychologie hat Freud in
seinen „strukturpsychologischen" Arbeiten seit „Massenpsychologie und Ich-
Analyse" das Problem des Ich als ein zentrales Thema seiner Untersuchun-
gen aufgenommen und eine Ichtheorie entwickelt, die den bisher entfalte-
ten Gegensatz zwischen der Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Ich
lösen kann. Freud gewinnt seine Lösung, indem er eine Möglichkeit des ,be-
wußtseinsumgrenzenden Handelns' untersucht, in der das zensierende Ich
weder an das triebhafte Streben nach Befriedigung noch an seine eigenen
„Zielvorstellungen" gebunden ist, sondern als pures Streben nach Einheit-
lichkeit selbst darüber entscheidet, wie es Triebansprüche und eigene Ziel-
vorstellungen miteinander vermittelt. In dieser Konzeption ist das Ich als
autonome „Zentralinstanz" der Psyche eingeführt, die für alle vorgegebenen,
inhaltlich bestimmten und „objektgerichteten" Interessen des Individuums
offen ist. Damit erscheinen jetzt „Triebgebundenheit" und „Triebabwehr"
des Ich, die bisher einander entgegengesetzt worden waren, gemeinsam als
unterschiedliche Formen der Unselbständigkeit der zensierenden Instanz.
Auch für seinen „strukturpsychologischen" Ichbegriff hält Freud seinen
genetischen Ansatz fest, indem er das Ich als modifizierten Teilbereich der
Triebdimension einführt und seine Entwicklungsstadien in der konkreten
Untersuchung der Lebensphasen des Individuums unterscheidet. Diese ge-
netische Analyse ordnet die „Urverdrängung" und das „Nachdrängen" in
den Ablauf der psychischen Entwicklung ein und gibt damit die Möglichkeit
zu untersuchen, inwieweit das Ich seine verschiedenen Verdrängungen spon-
tan vollzieht und aufrechterhält. Zugleich läßt der Überblick über die Ge-
nese des Ich auch die Frage zu, inwieweit sich die Ichinteressen aus vitalen
Bedürfnissen des Individuums begründen lassen und ob sie sich gegenüber
ihrem ,biologischen' Ursprung freisetzen. So erlaubt es der strukturpsycholo-
gische Ichbegriff, die Problematik der Selbständigkeit des Ich, die einleitend
angedeutet wurde (s. o. S. 72 f.), genauer zu entfalten und zu klären.
Die beiden genannten Probleme der Ich-Selbständigkeit hat Freud auf-
grund seines naturwissenschaftlichen Ansatzes eindeutig gelöst: Er begrün-
det die Verdrängungen des Ich in dessen Abhängigkeit von triebhaften

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 95

Zwängen und erklärt das selbständige Einheitsstreben des Ich aus der Subli-
mierung des Sexualstrebens. Damit schließt er die Möglichkeit spontaner
Verdrängung und die nicht mehr biologisch begründbare Selbständigkeit des
Ich aus.
Dieser Konzeption gegenüber kann die Interpretation ihre Fragestellung
nur festhalten, wenn sie innerhalb der psychologischen Konzeptionen Freuds
die unausdrücklichen naturwissenschaftlich-mechanischen Konstruktionen
aufdeckt und kritisiert. Darin gewinnt sie, wie sich zeigen wird, die Mög-
lichkeit, Freuds deskriptive Ansätze herauszuarbeiten und auf die Proble-
matik der Ich-Selbständigkeit hin zu befragen.
Freud konnte seine Konzeption des selbständigen Ich nur gewinnen,
weil er für die Ausarbeitung seiner Ichpsychologie einen neuen methodischen
Grundansatz gegenüber der „Traumdeutung" gewann. In seinem frühen
Hauptwerk hatte sich Freud für die Gliederung des „psychischen Apparats"
an den verschiedenen Modi der „Bewußtheit" orientiert und ihnen die topi-
schen und dynamischen Unterschiede innerhalb der Psyche gleichgeordnet.
Aber in der Untersuchung der Verdrängung zeigte sich dann, „daß nicht nur
das psychisch Verdrängte dem Bewußtsein fremd bleibt, sondern auch ein
Teil der unser Ich beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle
Gegensatz des Verdrängten" (X, 291). Aufgrund dieser Erfahrung orien-
tierte sich Freud in seinen analytischen Untersuchungen jetzt nicht mehr
primär an dem Gegensatz zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten:
„Wir müssen für diesen Gegensatz aus unserer Einsicht in die strukturellen
Verhältnisse des Seelenlebens einen anderen einsetzen: den zwischen dem
zusammenhängenden Ich und dem von ihm abgespaltenen Verdrängten"
(XIII, 244). Für die Untersuchung der psychischen „Strukturverhältnisse"
(XV, 84) gewinnen nun statt der Bewußtseinsmodi der psychischen Vor-
gänge die Konflikte innerhalb des psychischen Lebens zentrale Bedeutung,
weil sich an ihnen die möglichen Spaltungen innerhalb des psychischen Ap-
parats ablesen lassen (vgl. XIV, 124). Damit wird der dynamische Gesichts-
punkt für die Psychoanalyse leitend. In der Analyse der möglichen psychi-
schen Konflikte untersucht Freud die verschiedenen Energiearten der psy-
chischen Vorgänge und ihre energetischen Eigenschaften genauer als bisher.
Die methodische Neuorientierung der Psychoanalyse führt zur struktur-
psychologischen Neuformulierung der leitenden psychoanalytischen Grund-
begriffe. Das „Ubw" bezeichnet Freud nun als „Es", um den „Hauptcharak-
ter dieser Seelenprovinz, ihre Ichfremdheit, auszudrücken" (XV, 79). Die
Charaktere des Es werden in den Konflikten zwischen Triebansprüchen und
Ichtendenzen zugänglich, von denen die Psychoanalyse in der Untersuchung

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96 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

der Symptombildung ausgegangen war. Das Vbw, dessen unbewußte An-


teile Freud entdeckt hatte, kennzeichnet er als das Ich und bestimmt es
damit als die Instanz der Psyche, „in der wir am ehesten uns selbst erken-
nen" ( X V I I , 129) und die „mit dem Ich der populären Psychologie zusam-
menfällt" (XV, 63). Die leitenden Zielvorstellungen des Ich faßt Freud un-
ter dem strukturellen Gesichtspunkt als eigene „Stufe im Ich" ( X I I I , 147).
Im Ausgang von Gewissenskonflikten (vgl. X , 162 ff.; X V , 65 ff.) erkannte
Freud, daß die normativen Tendenzen des Ich „eine gewisse Selbständig-
keit" genießen (XV, 66) und die Fähigkeit haben, „sich dem Ich entgegen-
zustellen und es zu meistern" ( X I I I , 277). Diese Selbständigkeit' und
Überlegenheit der normativen Tendenzen hob Freud in der Bezeichnung
„Über-Ich" hervor. Diese Unterscheidung innerhalb des Ich kann sich gar
nicht mehr auf Unterschiede von Bewußtseinsweisen stützen, sondern ent-
springt allein der Untersuchung psychischer Konflikte. Das Überich schließt,
genau wie das Ich, unbewußte Anteile ein (XV, 76). Sie unterscheiden sich
dadurch von den unbewußten Esanteilen, daß sie nicht dem „Primärvor-
gang" folgen, also nicht „die nämlichen primitiven und irrationellen Charak-
tere" (XV, 81) wie die Esinhalte besitzen.
Der Überblick zeigt, daß Freud im Ausgang von den innerpsychischen
Konflikten ein differenzierteres Verständnis der Energieformen innerhalb
der Psyche gewinnt und dadurch eine differenziertere „Topik" des psychi-
schen Apparats entwickeln kann, als dies im Ausgang von den Modi der
„Bewußtheit" möglich war.

b) Die strukturpsychologische Umformung der Triebtheorie


als Bestimmung der Triebhaftigkeit
„jenseits des Lustprinzips"

In der Untersuchung der psychischen „Strukturverhältnisse" entfaltet


Freud eine neue Triebtheorie, die die möglichen ,Spaltungen' im psychi-
schen Apparat dynamisch verständlich machen soll. E r korrigiert seine bis-
herige Definition des Triebes (s. o. S. 85 if.) in der deskriptiven Orientierung
am „Wiederholungszwang" der neurotischen Patienten: „Beim Analysier-
ten . . . wird es klar, daß der Zwang, die Begebenheit der infantilen Lebens-
periode in der Übertragung zu wiederholen, sich in jeder "Weise über das
Lustprinzip hinaussetzt" ( X I I I , 37; vgl. X I I I , 18—20). Darum kann der
Trieb nicht zureichend als affektives Streben nach Lust bestimmt werden;
ursprünglicher verstanden, ist er „ein dem belebten Organischen innewoh-
nender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, welchen dies

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 97

Belebte unter dem Einflüsse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte" (XIII,


38). Damit sind die Triebe als Ausdrucksformen „der konservativen Natur
des Lebenden" (XIII, 38) eingeführt und erfordern „die historische Erklä-
rung" (XIII, 39).
Zusammen mit der formalen Neubestimmung der Triebe führt Freud in
der deskriptiven Orientierung am Gegensatz zwischen Liebe und Haß (XIII,
57; 271; XV, 110) zwei widersprechende Triebarten ein: den „libidinösen
(Ich- und Objekt-) Trieben" stehen die „Destruktionstriebe" (XIII, 66)
bzw. Aggressionstriebe (XV, 110) gegenüber. Die ersteren streben nach Er-
haltung und Erneuerung des Lebens durch die Tendenz, „zu vereinigen und
zu binden" (XIII, 274), die letzteren dagegen drängen auf Zerstörung und
Vernichtung des Lebewesens (vgl. XVII, 70 f.). Diesen beiden Triebarten
ordnet Freud zwei verschiedene Formen freier, nach Abfuhr drängender
Energie zu. Der „Eros" (XIII, 66) arbeitet mit libidinöser, die Aggression
mit destruktiver psychischer Erregung 15 . Das jeweilige Triebleben
eines Individuums ist der Ausdruck des ,Kampfes' zwischen den beiden wi-
dersprechenden Triebrichtungen, der energetisch als ,Vermischung' und ,Ent-
mischung' (XIII, 269 f.) der beiden Energiearten gefaßt wird (s. u. S. 98).
Freud verbindet seinen formalen Ansatz der Triebstruktur mit seiner
Annahme zweier Triebarten, indem er ihre gegensätzlichen Triebziele in
„der historischen Erklärung" auf verschiedene vergangene Zustände des or-
ganischen Lebens zurückführt. In den Destruktionstrieben sieht er die Ten-
denz, wieder „zum Leblosen zurückzukehren" (XIII, 40), und interpretiert
sie daher als „Todestriebe" (XIII, 40 f.). Die libidinösen Triebe dagegen
streben in ihrer Tendenz zur Vereinigung und Verschmelzung einen ur-
sprünglichen Zustand des organischen Lebens an (XIII, 42 f.; 63), in dem
es Unvergänglichkeit gewinnt. Darum versteht Freud den „Eros" als „Le-
benstrieb" (XIII, 42 f.).
In welchem Verhältnis steht nun der Kampf zwischen den widerspre-
chenden Triebarten zum Lustprinzip? Freud entwickelt seine energetische
Konzeption der Affekte entscheidend weiter, indem er die Lustempfindun-
gen nicht mehr von der Energiequantität innerhalb des psychischen Appa-
rats abhängig macht, sondern annimmt, „daß wir Zunahme und Abnahme
der Reizgrößen direkt in der Reihe der Spannungsgefühle empfinden" (XIII,
372). Lust und Unlust sind dagegen nicht durch den „quantitativen Faktor"
bedingt, sondern hängen „an einem Charakter desselben, den wir nur als
15
Freud selbst hat noch keinen eigenen Terminus für die Bezeichnung destruktiver
Energie. Er gebraucht „Destruktion" als Bezeichnung für Ziel und Leistung der
Triebe und zugleich als Gegenbegriff zu „Libido" (s. XIII, 285).

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98 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

qualitativ bezeichnen können" (XIII, 372). Aufgrund dieser Trennung kann


Freud nun „lustvolle Spannungen und unlustige Entspannungen" (XIII,
372) theoretisch berücksichtigen.
Er ordnet die Tendenz zur möglichst umfassenden Abfuhr aller psychi-
schen Energie des Apparats den Todestrieben zu und bezeichnet diese Ten-
denz als „Nirwanaprinzip" (XIII, 371 ff.). Das Nirwanaprinzip wird aber
ständig durch das Streben der Lebenstriebe nach möglichst großem Lustge-
winn durchbrochen, in dem sie dem „Lustprinzip" folgen. Aufgrund der Le-
benstriebe drängt das Individuum nach lustvollen Spannungen und bevor-
zugt die Wege der Entspannung, die ihm Lustmöglichkeiten bieten. In die-
sen Abfuhrwegen setzt sich die Tendenz zur Erhaltung und Erneuerung des
Lebens gegen die destruktiven Todestriebe partiell durch.
Keines der beiden Prinzipien „wird eigentlich vom anderen außer Kraft
gesetzt. Sie wissen sich in der Regel miteinander zu vertragen" (XIII, 373).
Dieser Zustand muß energetisch als angemessene ,Vermischung' (s. XIII,
269) der beiden Energiearten bestimmt werden, in der keine die Abfuhr der
anderen hemmt. Weil aber die Geltung des Lustprinzips in der Verbindung
ursprünglich widersprechender Tendenzen gründet, besteht auch immer die
Möglichkeit des Konflikts zwischen den beiden Triebarten, in dem das Lust-
prinzip außer Kraft gesetzt wird. Diese Möglichkeit faßt Freud energetisch
als „Triebentmischung" (XIII, 269 f.), in der sich die aggressiven Tenden-
zen des Individuums gegenüber den libidinösen Trieben freisetzen und sich
in der unlustvollen Schädigung und Zerstörung des Individuums befriedigen
(vgl. XIII, 377 ff. und u. S. 105).
In dieser ,Zergliederung' des Lustprinzips hat Freud eine ursprüngliche
Polarität der Triebhaftigkeit aufgedeckt, die in der bisherigen Interpretation
des Trieblebens noch unzugänglich blieb. Sie kann nun begründen, warum
Triebansprüche in einen solchen Widerspruch zueinander geraten können,
daß sie ihre Befriedigung gegenseitig ausschließen. Auf diesen Gegensatz
greift Freud zurück, um die verdrängenden „Zielvorstellungen" des Ich als
triebhafte Tendenzen ansetzen und in ihrer Widersprüchlichkeit zu den
Triebansprüchen verständlich machen zu können.
Zugleich kann die aufgewiesene Polarität der Triebhaftigkeit auch ein-
sichtig machen, daß die Unlust des Konflikts, der zur Verdrängung führt,
dem triebhaften Streben nach Lust nicht grundsätzlich widerspricht. Viel-
mehr kann das Erleben von Unlust, in dem das Ich auf möglichen, triebhaft
begründeten Lustgewinn verzichtet, selbst zum Ziel der Destruktionstriebe
werden, die sich gegenüber den libidinösen Tendenzen freigesetzt haben
(s. u. S. 105). Damit hat Freud nun den triebhaften Anteil am Verdrängungs-

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 99

Vorgang aufgeklärt, der unter der Voraussetzung des „Lustprinzips" gar


nicht verständlich werden konnte.
Die neue Triebtheorie stellt aber noch vor die Aufgabe, die selbständi-
gen Ichinteressen aufzuklären, die jeweils darüber entscheiden, welche der
gegensätzlichen triebhaften Vorgegebenheiten jeweils das Übergewicht über
die andere gewinnt, oder die „Synthese" zwischen ihnen herbeiführen. Diese
Interessen sollen nun in der folgenden Interpretation des strukturpsycho-
logischen IchbegrifEs aufgewiesen werden.

c) Die Ableitung des Ich aus dem Es:


Das Ich als System der „Selbsterhaltung", das die infantilen
„Urverdrängungen" vollzieht

Nachdem Freud den konservativen Charakter der Triebansprüche her-


ausgehoben hatte, konnte er sie nicht mehr, wie in seiner frühen Theorie,
„als die eigentlichen Motoren der Fortschritte" des Nervensystems (X, 213)
in Anspruch nehmen. Vielmehr sind es nun die Umwelteinflüsse, die als
„äußere Störungskräfte" ( X I I I , 38) das Lebewesen zwingen, seinen ur-
sprünglichen Zustand zu verlassen. So setzt Freud nicht mehr die „Situation
der Versagung" als Ursprung der Entwicklung des Ich aus dem Es an, son-
dern begründet die Entstehung des Ich in der Einwirkung unlustbringender
Außenweltteize auf das Es. „Die Auffassung bedarf kaum einer Rechtferti
gung, daß das Ich jener Teil des Es ist, der durch die Nähe und den Einfluß
der Außenwelt modifiziert wurde, zur Reizaufnahme und zum Reizschutz
eingerichtet, vergleichbar der Rindenschicht, mit der sich ein Klümpchen le-
bender Substanz umgibt" (XV, 82; vgl. X I I I , 252). Als System der Reiz-
bewältigung arbeitet das Ich im Dienste des Lustprinzips, indem es der Ten-
denz folgt, den psychischen Apparat möglichst reizlos zu erhalten und alle
„traumatischen" Außenweltreize zu vermeiden ( X I I I , 29). Die traumati-
sche „Überschwemmung des seelischen Apparates mit großen Reizmengen"
( X I I I , 29) interpretiert Freud psychologisch als „Gefahr" ( X I V , 168). Un-
ter dieser Perspektive erscheint nun das Ich als das System, „das sich die
Aufgabe der Selbsterhaltung" stellt ( X V I I , 130), indem es das Es vor Ge-
fahren schützt (vgl. X V , 8 2 ) 1 6 . Mit der Bewältigung der Außenweltreize ist

16 Mit der Einführung des Selbsterhaltungsinteresses hat Freud nur seine frühe Kon-
zeption des „Realitätsprinzips" erneut modifiziert. Die Realitätsbezogenheit des Ich
erwies sich bisher schon als Streben nach „Nutzen", in dem sich das Ich vorrangig
die Aufgabe stellt, „sich gegen Schaden zu sichern" (VIII, 235). Dieses Sicherungs-
bedürfnis interpretiert Freud nun als Selbsterhaltungsinteresse im primären Hinblick
auf die Umweltgefahren für das Individuum.

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100 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

aber die „Fürsorge für die Selbsterhaltung" (XIV, 168) noch nicht hin-
reichend bestimmt. Das Ich schützt das Es auch dadurch, daß es im Hinblick
auf die Umweltbedingungen die Triebansprüche des Es kontrolliert (vgl.
XIV, 228), „zum Heil des Es, das ohne Rücksicht auf diese übergewaltige
Außenmacht im blinden Streben nach Triebbefriedigung der Vernichtung
nicht entgehen würde" (XV, 82). Für diese Kontrolle kann nun auch der
Triebanspruch „zur (inneren) Gefahr" werden, „weil seine Befriedigung
eine äußere Gefahr herbeiführen würde" (XIV, 201; vgl. XVII, 130).
Die Möglichkeit solcher „inneren Gefahren" ist für Freud in dem Wider-
spruch angelegt, der für die frühkindliche Entwicklungsstufe des Ich charak-
teristisch ist: Einerseits ist das Ich „in den Jahren der Kindheit schwächlich
und vom Es wenig differenziert" (XIV, 230), so daß es dem ,realitätsblin-
den' Drängen seiner Triebwünsche weitgehend hilflos ausgesetzt ist. Ande-
rerseits ist es für die Befriedigung dieser Triebwünsche weitgehend auf die
Hilfe und das Entgegenkommen seiner Umwelt angewiesen, weil es noch
nicht selbst die Bedingungen für seine Triebbefriedigungen in der Umwelt
herstellen kann.
Diese doppelte Abhängigkeit des Ich begründet Situationen, in denen
es sich der bedrängenden Triebstärke schädigender Triebansprüche nur da-
durch entziehen kann, daß es diese Ansprüche verdrängt. Als relativ einheit-
licher „Assoziationszusammenhang" seiner Erlebnisse (s. o. S. 60) ist das
frühkindliche Ich in der Lage, die mögliche Wiederholung erinnerter Ge-
fahrsituationen vorherzusehen, die durch die Befriedigung aktuell bedrän-
gender Triebansprüche in der Außenwelt herbeigeführt würde. Es reagiert
auf die Voraussicht dieser äußeren Gefahr mit dem „Angstaffekt" (XIV,
229) gegenüber dem unhemmbaren Triebanspruch und entzieht sich durch
diese affektive Hemmung seiner bedrängenden Dynamik 17 .
Die hier skizzierte Theorie führt eine Möglichkeit der „Verdrängung"
ein, die Freud früher ausdrücklich ausgeschlossen hatte. Freud behauptet
nicht mehr, nur die „innere Versagung" könne die Verdrängung auslösen
(s. o. S. 90 f.), sondern nimmt nun an, auch die unhemmbare Dynamik
von Triebwünschen, die der „äußeren Versagung" unterliegen, fordere die
Abwehr des Ich heraus. Den letzteren Mechanismus nimmt er für die Er-

17 Die hier angedeutete späte Verdrängungstheorie, die sich wesentlich von der frühe-
ren unterscheidet, hat Freud XIV, 162 ff. und X V , 91 ff. ausführlich dargestellt. Sie
bleibt in der vorliegenden Interpretation unberücksichtigt, weil sie für die Aufklä-
rung der Bewußtseinsstruktur des verdrängenden „Nichtwissenwollens" keine neuen
Gesichtspunkte erbringt. Auch in der späten Theorie bleibt es unverständlich, wie
das Ich ein Verhältnis zu Es-Vorgängen gewinnt, ohne sie ins Ich einzubeziehen.

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 101

klärung der „Urverdrängungen" in Anspruch, während er das „Nachdrän-


gen" in der Einwirkung der normativen Zielvorstellungen des Ich, also in
der „inneren Versagung", begründet (XIV, 121).
Befragt man die dargestellte Konzeption des infantilen Ich auf die Selb-
ständigkeit und Spontaneität der psychischen Kontrollinstanz, so scheinen
sich für die beiden Aspekte des Ich verschiedene Antworten zu ergeben.
Freuds genetische Konzeption geht davon aus, daß das Ich mit seinem
„Selbsterhaltungsinteresse" immer noch im Dienste des Lustprinzips der
Triebe steht, sofern es die Schädigung der Triebe durch traumatische Um-
welteinflüsse verhindert. Aber wiederum berücksichtigt diese Ableitung
nicht, daß das Ich diese Schutzfunktionen nur ausüben kann, sofern es die
Voraussicht der äußeren Gefahr gegen das „realitätsblinde" Drängen der
Triebansprüche durchsetzen kann. Für diesen Widerstand gegen das trieb-
hafte Drängen ist offenbar die Selbständigkeit des Ich gefordert (s. o. S. 79).
An den „Urverdrängungen" des infantilen Ich läßt sich aber nun die
enge Grenze dieser Selbständigkeit ablesen. Diese Abwehraktionen können
offenbar nicht in der Spontaneität des Ich begründet werden, sondern ent-
springen notwendig einer bestimmten dynamischen Konstellation innerhalb
der Psyche. Wenn das Ich schädigenden Triebansprüchen ausgesetzt ist, die
einen „Angstaffekt" in ihm hervorrufen, der die Grenze seiner Angsttole-
ranz überschreitet, dann verdrängt es solche Ansprüche ,automatisch' auf-
grund seiner Angstentwicklung.
Berücksichtigt man diese Begründung der Urverdrängung, dann läßt sich
die Frage nach der Spontaneität dieser Abwehr nur festhalten, wenn man
sieht, daß Verdrängungen über die Situation ihres Ursprungs hinaus ständig
aufrechterhalten werden müssen, um bestehen zu können. Freud betont
selber, daß sich die Situation des Ich in der Entwicklung über die infantile
Lebensphase hinaus grundsätzlich ändert. In seinem Reifungsprozeß gewinnt
das Ich die „Ichstärke", durch die es sich auch intensiven Triebansprüchen
durch die Negation widersetzen kann und zugleich immer größere Selbstän-
digkeit innerhalb seiner Umwelt gewinnt. Damit eröffnet es sich grundsätz-
lich die Möglichkeit, „die Schranken der Verdrängung, die es selbst aufge-
richtet, wieder einzureißen, seinen Einfluß auf die Triebregung wiederzuge-
winnen und den neuerlichen Triebablauf im Sinne der geänderten Gefahr-
situation zu lenken" (XIV, 185). Wenn aber das „erstarkte" Ich weiterhin
seine „Urverdrängungen" aufrechterhält, dann scheint es dabei nicht mehr
allein von zwingenden Motiven bestimmt zu sein. So scheint die Frage nach
der Spontaneität der Verdrängung gegenüber der Fixierung von Urverdrän-
gungen im weiteren Verlauf der Entwicklung noch sinnvoll zu sein. Sie soll

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102 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

im folgenden bei der Untersuchung der ausgezeichneten und von Freud aus-
führlich analysierten Urverdrängung der infantilen ödipuswünsche gestellt
werden.

d) Die Ableitung des Überich aus dem Ich: Das Überich als System
der normativen Ichtendenzen

Während Freud in der dargestellten Neubestimmung des Ich nur seine


frühere Konzeption modifiziert, erweitert er mit der Einführung des Überich
sein bisheriges Modell des psychischen Apparats um ein System, das über-
haupt erst unter strukturpsychologischer Perspektive sichtbar werden konnte
(s. o. S. 96). Auch dieses System führt Freud genetisch ein, indem er die psy-
chische Konfliktsituation analysiert, die durch die überichbildung bewältigt
wird. Dabei greift er wiederum unausdrücklich auf seine medianische Kon-
zeption der Psyche zurück, um Probleme seiner psychologischen Ableitung
zu lösen (vgl. o. S. 90).
Die Konfliktsituation, der das über ich entspringt, entsteht durch die
frühkindliche Sexualentwicklung. Mit der Entstehung und Ausbildung der
genitalen Sexualorganisation des Kindes entwickeln sich im Es die „ödipus-
wünsche", die ständig an Intensität zunehmen. Sie stehen im Widerspruch
zum Interesse an der Selbsterhaltung, weil ihr Befriedigungsversuch den
„Liebesverlust" der Eltern zur Folge haben und das Kind dadurch unge-
schützt den Gefahren der Umwelt aussetzen würde (XIV, 483; XV, 68) 1 8 .
Das eigene Interesse an der Selbsterhaltung erlebt das Kind unmittelbar in
der „Angst vor dem Liebesverlust" (XIV, 483), für die die ödipuswünsche
als ,innere Gefahren' erscheinen, die durch die Verdrängung beseitigt wer-
den.
Das Kind leistet die Verdrängung der ödipuswünsche, indem es die
libidinösen Objektbesetzungen der Eltern in Identifikationen mit ihnen ver-
wandelt und damit die bereits bestehenden Identifikationen wesentlich ver-
stärkt (XV, 70). Freud führt die Identifikation als einen typischen Mechanis-
mus ein, durch den die verschiedensten Objektbesetzungen aufgegeben wer-
den können (s. X I I I , 257). Er bestimmt sie deskriptiv als „eine Angleichung
eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in bestimmten
Hinsichten so benimmt wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich

18 Die für den kleinen Jungen spezifische Form der Angst, die Kastrationsangst, bleibt
in der vorliegenden schematischen Darstellung ausgeklammert (vgl. X I V , 169 f.; X I I I ,
393 ff. u.ö.).

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 103

aufnimmt" (XV, 69). Diese Imitation faßt Freud genauer als „Aufrichtung
des Objekts im Ich" (XIII, 257; vgl. XV, 69).
Der Identifizierungsvorgang in der ödipussituation unterscheidet sich
dadurch von anderen, daß die „Introjektion" der besetzten Objekte zur
Verdrängung der Objektbesetzungen dient, für deren Beseitigung das infan-
tile Ich selber noch zu „schwach" ist (XIII, 277). In seinem Interesse an
der Selbsterhaltung ist das Ich zwar an der Auflösung der ödipuswünsche
interessiert, aber es gelingt ihm noch nicht, durch die ,Kraft' seines eigenen
Interesses die ungehemmten, ,andrängenden' Triebansprüche abzuwehren
(XIV, 230). Das Ich vergrößert die Intensität seines Abwehrstrebens, indem
es die erwartete reale Konfliktsituation mit den Eltern als ,äußere Gefahr-
situation' vorwegnimmt und damit die „Angst vor dem Liebesverlust" her-
vorruft. In dieser Angst ist das Ich bereit, sich dem „fremden Einfluß" der
mächtigen Elterninstanz „zu unterwerfen" (s. XIV, 483). Diese Unterwer-
fung vollzieht es, indem es die hindernde und bedrohende Stellung der El-
tern zu den ödipuswünschen vergegenwärtigt und sich so weit mit ihnen
identifiziert, daß es den erwarteten elterlichen Druck für die eigene zwang-
hafte Einschränkung der Triebwünsche antizipiert (XIII, 263) 19. Dieses
Abwehrstreben kann aber offenbar nur deshalb zum Ziel führen, weil die
Identifizierung selbst noch eine eingeschränkte Befriedigung der verdrängten
Triebansprüche ermöglicht und damit dem triebhaften Drängen wenigstens
partiell entgegenkommt: „Mit dem Auflassen des Ödipuskomplexes mußte
das Kind auf die intensiven Objektbesetzungen verzichten, die es bei den
Eltern untergebracht hatte, und z u r E n t s c h ä d i g u n g f ü r d i e s e n
O b j e k t v e r l u s t werden die wahrscheinlich längst vorhandenen Identi-
fizierungen mit den Eltern in seinem Ich so sehr verstärkt" (XV, 70). In
dieser affektiv begründeten Identifikation bindet sich das infantile Ich zwang-
haft an die elterlichen Gebote und Verbote (XIII, 262). „Die Angst" ist
also „Ursache des Triebverzichts" (XIV, 488), den das Ich in der strengen
,Imitation' der elterlichen Normen erreicht und aufrechterhält.
Diese Interpretation scheint Freud grundsätzlich abzuwandeln, indem
er die affektiv begründete Identifikation als Vorgang faßt, in dem „die
äußere Abhaltung verinnerlicht wird" und „an die Stelle der Elterninstanz
das Über-Ich tritt, welches nun das Ich genau so beobachtet, lenkt und be-
droht, wie früher die Eltern das Kind" (XV, 68). In diesem Ansatz begrün-

Für die hier dargestellte überichbildung ist Freuds späte Verdrängungstheorie vor-
ausgesetzt, die S. 100 skizziert worden ist. Die „Gefahr", die das Ich voraussieht, ist
der Konflikt mit den Eltern; die „Angst", mit der es reagiert, ist die „Angst vor dem
Liebesverlust".

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104 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

det Freud die zwanghafte Geltung der elterlichen Normen für das Kind da-
durch, daß er das reale Verhältnis zwischen Eltern und Kind vollständig
in die innerpsychische Spaltung des Ich in zwei Teilsysteme überträgt: „Die
Beziehung zwischen Über-Ich und Ich ist die . . . Wiederkehr realer Beziehun-
gen zwischen dem noch ungeteilten Ich und einem äußeren Objekt" (XIV,
489; vgl. XIII, 145). Genau wie die Eltern besitzt das Überich seine „Selb-
ständigkeit" , verfolgt „seine eigenen Absichten" (XV, 66) und „behält . . .
zeitlebens . . . die Fähigkeit, sich dem Ich entgegenzustellen und es zu mei-
stern" (XIII, 277). Das ,dynamische' Verhältnis des Überich zum Ich be-
stimmt Freud zugleich als Bewußtseinsbezug, der an die Stelle der sinnlichen
Wahrnehmung zwischen Individuen tritt (XIII, 145) und möglicherweise
als das Phänomen des Selbstbewußtseins verstanden werden muß (X, 165
Anm.). In diesem Bezug sind „Selbstbeobachtung" und „Selbstkritik des
Gewissens" unmittelbar miteinander verbunden (X, 164 f.; XV, 65). Dieser
Kritik und Strafandrohung ist das Ich weitgehend passiv ausgeliefert und
reagiert auf sie mit dem „Schuldgefühl" (XIII, 265; 280; XV, 67). In der
„Gewissensangst" versucht das Ich den Anforderungen des Überich zu ge-
nügen und so seiner unlustbringenden „Aggression" (XIV, 487) zu ent-
gehen.
Diese Interpretation des Verhältnisses zwischen Ich und Überich ist of-
fenbar als psychologische Deskription nicht mehr einsichtig. Obwohl Freud
sein mechanisches Modell der Psyche gar nicht ausdrücklich als Vorausset-
zung seiner Analyse einführt, muß sie als Veranschaulichung mechanischer
Vorgänge verstanden werden. Indem Freud die Identifikation nicht mehr
als affektiv begründete Imitation, sondern als „Introjektion" ansetzt, setzt
er das topische Modell der Psyche voraus. Er nimmt offenbar an, daß die
Wahrnehmungen der Elterninstanz in einem bestimmten Assoziationszusam-
menhang von Er-Elementen innerhalb des räumlich ausgedehnten Ich gespei-
chert und damit die ,Objekte' der ödipuswünsche im Ich „aufgerichtet"
werden. Diese topische Gliederung ist für Freud mit einer Veränderung der
dynamischen Verhältnisse im psychischen Apparat verbunden, für deren Be-
stimmung er auf seine modifizierte Triebtheorie zurückgreifen kann (s.o.
S. 96 ff.; vgl. XIII, 268—276). Bei der Introjektion der Elternobjekte
wird die libidinöse Objektbesetzung, deren Ziel die sexuelle Besitznahme
der Eltern ist (XV, 69), in „desexualisierte Libido" (XIII, 274) umgewan-
delt, die nicht mehr in realer Triebbefriedigung abgeführt zu werden braucht,
sondern dem Ich für seine eigenen Funktionen zur Verfügung steht (s.u.
S. 108). Bei dieser „Sublimierung" der Ödipuswünsche, die deren Befrie-
digung' in den Ichleistungen ermöglicht, vollzieht sich zugleich die „Ent-

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 105

mischung" der destruktiven und libidinösen Anteile der ödipuswünsche


( X I I I , 284 f.). Dabei wird destruktive Triebenergie frei, die primär den
Assoziationszusammenhang der „verinnerlichten" Elterninstanz besetzt und
ihn damit energetisch selbständig macht (XV, 66). Damit ist das Überich to-
pisch und energetisch als eigenständige „Stufe im Ich" ( X I I I , 145) einge-
führt. Der kritische Bewußtseinsbezug zwischen Überich und Ich erweist
sich als bloße Veranschaulichung der dynamischen Wechselwirkung zwischen
gegensätzlichen Energieformen, die auf verschiedene Teilbereiche des Ich
verteilt sind. Damit ist das mechanische Modell grundsätzlich festgehalten,
das Freud schon in der „Traumdeutung" entwickelt hatte (s. o. S. 61 ff.).
Die Besetzung des Überich mit destruktiver Energie begründet für Freud
„den harten und grausamen Zug" ( X I I I , 284 f.) des Überich in der zwang-
haften Vorgabe der moralischen Gebote und in der kritischen Funktion des
Gewissens. In den Überichfunktionen befriedigen sich also die freigesetzten
„Todestriebe" in der „Aggression gegen das Ich", indem sie die Befriedi-
gung von Triebansprüchen des Es weitgehend einschränken und die Unlust-
empfindungen der Gewissensangst und des Schuldgefühls hervorrufen (vgl.
X I V , 486 f.).
Die psychologische Unverständlichkeit der dargestellten Theorie gewinnt
nicht erst für die Frage nach der theoretischen Einsichtigkeit analytischer
Theoriebildung Gewicht, sondern hat für die analytische Deskription selbst
wesentliche Relevanz. Durch den unausdrücklichen Rückgriff auf seine mecha-
nischen Annahmen kann Freud nämlich den Fortbestand des Überich über
die Phase der frühkindlichen Abhängigkeit hinaus in der Fixierung der Bah-
nungsverhältnisse und Abfuhrwege begründen, die sich in der ödipussitua-
tion neu herstellen. So kann Freud das Überich als das „Denkmal der einsti-
gen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs" verstehen, das „seine Herrschaft
auch über das reife Ich" fortsetzt ( X I I I , 277): „Die Sonderung des Über-
Ichs vom Ich . . . verewigt . . . die Existenz der Momente, denen sie ihren
Ursprung verdankt" ( X I I I , 263). Diese Erklärung scheint aber für eine
psychologische Begründung des Überich nicht vollständig zu genügen.
Freud betont, daß „jedem Entwicklungsalter eine bestimmte Angst-
bedingung, also Gefahrsituation, als ihm adäquat zugeteilt ist" (XV, 95).
So muß sich das Interesse an der Selbsterhaltung nur während „der Unselb-
ständigkeit der ersten Kinderjahre" in der affektiv begründeten Imitation
der Eltern gegen die Triebwünsche des Es durchsetzen. Aber „mit dem Lauf
der Entwicklung sollen die alten Angstbedingungen fallen gelassen werden,
da die ihnen entsprechenden Gefahrsituationen durch die Erstarkung des
Ichs entwertet werden" (XV, 95). Für die psychologische Deskription zeigt

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106 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

sich jedoch, daß auch das „gereifte und erstarkte Ich" (XVI, 71) in indivi-
duell verschiedenem Maße durch die Gewissensangst an die normativen
Tendenzen des Überich gebunden bleibt, obwohl es den Liebesverlust der
Eltern nicht mehr zu fürchten hat.
Indem Freud auf die grundsätzliche ,Realitätsbezogenheit' der mensch-
lichen Angst hinweist, legt er auch gegenüber der „Gewissensangst" des
„gereiften" Ich die Frage nahe, welche Gefahr das Ich fürchtet, wenn es seine
ödipuswünsche niederhält und sich zwanghaft an seine Überichgebote bin-
det. Die mechanistische Begründung des Überich hatte dagegen die Gewis-
senskritik und den Gewissenszwang ausschließlich in der Fixierung von
Energieverteilungsverhältnissen im psychischen Apparat begründet, die der
Beeinflussung durch das „erstarkte" Ich entzogen sind.
Orientiert man sich diesem Gegensatz gegenüber an Freuds psychologi-
scher Beschreibung der Überichbildung, dann legt es sich nahe, den Fort-
bestand des Überich aus dem Zusammenwirken von realitätsbezogenem Ich-
interesse und triebhaft begründeten ,Zwängen' zu erklären. Wie sich zeigte,
steuert das Ichinteresse an der Selbsterhaltung die Umwandlungen der trieb-
haften Dynamik innerhalb der Psyche, während diese Prozesse selbst wieder
das Ichinteresse stützen und fixieren (s. o. S. 103). Hält man diese deskrip-
tive Struktur auch für die Erklärung des Xhhe.ti0\bestandes fest, dann muß
man einerseits die von Freud aufgewiesene energetische Begründung des
Überich festhalten, kann aber andererseits auch nach dem aktuellen Inter-
esse des Ich an der Verdrängung der ödipuswünsche und an der zugehörigen
Angst vor dem Überich fragen 20 .
Dieses Interesse des Ich wird sich bei der Untersuchung des Strebens
nach Einheitlichkeit zeigen, das für das Ich charakteristisch ist. Für dieses
Streben hat das Überich eine gewisse Entlastungsfunktion, sofern es durch
seine zwanghafte Geltung dem Ich bestimmte selbstverständliche Normen
seiner Einheitlichkeit vorgibt und ihm so die ständige Umwandlung seiner
Einheitlichkeit im Hinblick auf die aktuellen Umweltbedingungen erspart
20
Obwohl Freud das Interesse des Ida an der zwanghaften Geltung des Überich nicht
ausdrücklich zum Problem seiner Ableitung gemacht hat, hat er doch wenigstens eine
Lösung angedeutet. Er bestimmt das Ich, das mit desexualisierter Libido arbeitet,
als „Vertreter des Eros", der „leben und geliebt werden" will (XIII, 287). Dieses
Interesse bezieht sich primär auf das Verhältnis zum eigenen Überich (XIII, 288)
und begründet die weitgehende Gefügigkeit des Ich gegenüber seinen normativen
Tendenzen. — Diese Begründung des Überich bleibt in zweifacher Weise psycholo-
gisch uneinsichtig. Erstens hält Freud seine topisch-mechanisdhe Konzeption fest, die
das Überich als selbständiges System der Psyche bestimmt, zu der das Ich sich ver-
halten kann. Zweitens greift Freud für die Bestimmung dieses Verhältnisses auf seine
genetische Theorie zurück und faßt das Ichinteresse als sublimierte Triebtendenz.

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 107

(s. u. S-113 f.; 115). Diese Struktur eines Einheitsstrebens, das auf be-
stimmte Normen festgelegt ist, hatte Freud schon in seinem deskriptiven
Ichbegriff der „Studien" aufgewiesen, ohne nach dem leitenden Ichinteresse
an der festgelegten Identität zu fragen. Gerade dieses positive Interesse des
„gereiften" Ich könnte aber das aktuelle, spontane Motiv für die Aufrechter-
haltung der Verdrängung und des zugehörigen überichzwanges bilden, nach
dem bei der Einführung der „Urverdrängung" gefragt worden war (s.o.
S.101).
Über den Schwierigkeiten, die mit der Einführung des Überich verbun-
den sind, darf der theoretische Gewinn der dargestellten Konzeption nicht
übersehen werden. Die Aufklärung der Überichbildung korrigiert Freuds
frühere Theorie, die die „Zielvorstellungen des Ich" als inhaltlich und dy-
namisch modifizierte Triebansprüche einzuführen versuchte, ohne den Ge-
gensatz zwischen den Triebzielen und den Normen des Ich verständlich ma-
chen zu können (s. o. S. 92 f.). Die Theorie des Überich zeigt aber nun, daß
die ,Zielvorstellungen' des Ich inhaltlich als „ R e a k t j ο η s b i 1 d u η g auf
die Triebvorgänge des Es" (XIII, 286) verstanden werden müssen, die dem
triebbestimmten Individuum durch den Einfluß seiner sozialen Umwelt vor-
gegeben wird. Diesem inhaltlichen Gegensatz ordnet die Theorie den dyna-
mischen zu, indem sie zwischen libidinösen und destruktiven Trieben unter-
scheidet und die Funktionen des Überich als Leistungen der destruktiven
Triebe versteht (s. o. S. 104 f.). Damit hat Freud den triebhaften Anteil an
der Bildung und am Bestand des Überich aufgewiesen, indem er die soziale
Umweltgebundenheit des Individuums und die Polarität des Trieblebens auf-
deckte. Diese Konzeption kann nun auch den triebhaften Anteil der spezi-
fischen Unlust verständlich machen, die dem Widerspruch zwischen Zielvor-
stellungen und Triebansprüchen entspringt und in den früheren Theorien
unaufgeklärt blieb. Indem Freud sie als „Gewissensangst" und „Schuldge-
fühl" bestimmt, begründet er sie in der triebhaften „Aggression" des Über-
ich, der das Ich ausgeliefert ist (s. o. S. 104 f.).
Der wesentliche Gewinn der Einführung des Überich liegt aber in der
strukturellen Trennung zwischen den genuinen Ichinteressen und den lei-
tenden Zielvorstellungen des Ich. Sie ermöglicht eine Neubestimmung des
Ich und seiner Interessen, die die verschiedenen Möglichkeiten des ,inter-
essegeleiteten Selbstbewußtseinsvollzuges' verständlich machen kann.

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108 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

e) Die Neubestimmung des Ich in der Ableitung des Überich:


Das Ich als „Organisation", die vom „Streben nach Einheitlichkeit"
geleitet wird
Mit der Einführung des Überich hat Freud das Ich gegenüber seinen
„Zielvorstellungen" freigesetzt und damit eine grundsätzliche Neubestim-
mung des Ich und seiner genuinen Interessen ermöglicht. Auch für diese
Neubestimmung hält Freud seinen genetischen Ansatz fest und entfaltet ihn
im Rahmen seines mechanischen Modells der Psyche. Wenn das frühkind-
liche Ich die libidinösen Objektbesetzungen der ödipussituation durch die
Introjektion auflöst und in die Besetzung eigener Ichanteile umwandelt (s. o.
S. 104 f.), vollzieht sich die „Umsetzung von Objektlibido in narzißtische
Libido", die „offenbar ein Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung"
mit sich bringt (XIII, 258). Auf diese Weise „bemächtigt" sich das Ich libi-
dinöser Triebenergie, die nicht mehr in bestimmten Befriedigungsaktionen
abgeführt werden muß, sondern die das Ich für seine eigenen Funktionen
verwenden kann (XIII, 258; 274 f.; XV, 83). Diese dem Ich verfügbare,
„desexualisierte Libido . . . darf . . . auch sublimiert heißen, denn sie würde
noch immer an der Hauptabsicht des Eros, zu vereinigen und zu binden,
festhalten, indem sie zur Herstellung jener Einheitlichkeit dient, durch die
— oder durch das Streben nach welcher — das Ich sich auszeichnet" (XIII,
274).

In dieser Ableitung der „Ichlibido" aus den Energieumsetzungsprozes-


sen bei der Überichbildung sind zwei fundamentale Bestimmungen des Ich
genetisch eingeführt: Mit dem „Streben nach Bindung und Vereinheit-
lichung" (XIV, 125), dem „Zug zur Synthese" (XV, 82) ist das genuine
Grundinteresse des Ich zum ersten Male angemessen gefaßt. Es bedingt die
formale Struktur des Ich, die Freud als „Organisation" bestimmt: „Das Ich
ist eine Organisation, es beruht auf dem freien Verkehr und der Möglichkeit
gegenseitiger Beeinflussung unter all seinen Bestandteilen" (XIV, 125; vgl.
XIV, 223; XV, 82 f.). Die Neubestimmung des leitenden Ichinteresses un-
terscheidet es grundsätzlich von allen inhaltlich bestimmten Tendenzen des
Es und des Überich. Im „Streben nach Einheitlichkeit" geht es dem Ich
nicht mehr um bestimmte, einzelne Triebziele, sondern um die Koordination
seiner konkreten Interessen selbst. Darum kann Freud das Ich als „die-
jenige seelische Instanz" bezeichnen, „welche eine Kontrolle über all ihre
Partialvorgänge ausübt" (XIII, 243) und sie im Hinblick auf ihre ,Syntheti-
sierbarkeit' überprüft. Damit ist das leitende Ichinteresse nun angemessen
als Tendenz bestimmt, in der das Individuum sich zu sich selbst verhält und

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 109

die so den Vollzug des ,Selbstbewußtseins' begründen kann (s. o. S. 72 f.).


Entsprechend wird auch das Ich nicht mehr durch die Angabe seiner Inhalte
bestimmt, sondern als die „umfassende Einheit" (s. XIII, 7) „integrierter"
Vorstellungen ((vgl. X I I I , 85) aufgefaßt. Damit kennzeichnet Freud das Ich
als den Umkreis von Einstellungen und Interessen, den das Individuum im
Streben nach Einheitlichkeit als eigenen akzeptiert hat und der seine je er-
reichte Identität bildet.
Von diesem endgültigen Ichbegrifi her lassen sich die vorangegangenen
Konzeptionen des Ich unter einem einheitlichen Gesichtspunkt zusammen-
fassen. Das frühkindliche Ich scheint in seinem Selbsterhaltungsinteresse
ebenfalls vom Streben nach Einheitlichkeit bestimmt zu sein, in dem es Um-
welt und Triebhaftigkeit (XIV, 230), Gegenwart und Zukunft miteinander
vermittelt (s. o. S. 100). Eben diese Vermittlungstendenz zeigte sich auch
schon deskriptiv in der Analyse des „Realitätsprinzips" (s. o. S. 77 f.) und
des Interesses am eigenen „Nutzen" (s. o. S.89). Aber das Streben nach
Nutzen bzw. das Selbsterhaltungsinteresse erfordern nur einen Grad von
Einheitlichkeit der seelischen Prozesse, der gesicherten Lustgewinn bzw.
Schutz vor Schädigung des Individuums garantiert. So bleibt das Interesse an
der Synthese in den beiden Tendenzen des Ich noch vital gebunden. Erst mit
der Reifung des Ich kann sich das Streben nach Einheitlichkeit von dieser Ge-
bundenheit freimachen und kann nun die „Integration" (XIII, 85) aller
psychischen Vorgänge als das absolute Ziel der Ichleistungen vorgeben. Da-
mit scheint aber der „Zug zur Synthese" als Tendenz eingeführt zu sein, die
sich gar nicht mehr biologisch begründen läßt, sondern über die vitalen
Interessen des Individuums grundsätzlich hinausgeht.
Trotzdem hat Freud auch für die Ableitung des Strebens nach Einheit-
lichkeit seine genetische Methode festgehalten und es als Modifikation von
Triebansprüchen zu fassen versucht. Diese Ableitung steht vor einer doppel-
ten Aufgabe: Sie muß einmal zeigen, wie das Interesse an sexueller Vereini-
gung und Bindung in das Interesse an der Integration psychischer Inhalte
übergehen kann. Zum anderen muß sie einsichtig machen, wie in diesem
Übergang die objektgerichteten, auf Umweltgegebenheiten bezogenen Ten-
denzen des Es in das Reflektierende' Interesse an der Kontrolle der eigenen
psychischen Inhalte umschlagen können.
Betrachtet man die Genese zunächst psychologisch, so zeigt sich, daß diese
Erklärungsmethode die beiden Umwandlungen nicht befriedigend begrün-
den kann. Um die „Sublimierung" der libidinösen Triebansprüche verständ-
lich machen zu können, abstrahiert Freud zunächst von dem ,besetzten Ob-
jekt' als dem Triebziel und behält so die objektlose Tendenz zur Vereinigung

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110 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

und Bindung übrig. Diese Tendenz formalisiert er nun so weit, daß er ihr
die Synthese psychischer Vorgänge als neues Ziel zuordnen kann. Dabei tre-
ten die psychischen Akte des Individuums an die Stelle von Umweltobjek-
ten. Es scheint aber sehr problematisch, die Strukturmomente des Triebes in
dieser Weise zu trennen und auszutauschen und dabei die psychischen Vor-
gänge wie reale Objekte zu behandeln.
Die genetische Theorie wird dagegen voll einsichtig, wenn man sie im
Rahmen des mechanischen Modells der Psyche interpretiert. Den verschie-
denen Tendenzen des Individuums liegen, wie sich zeigte, verschiedene For-
men freier Energie zugrunde, die sich dadurch unterscheiden, daß sie „selbst
aus Mischungen von zwei Urkräften (Eros und Destruktion) in wechseln-
den Ausmaßen zusammengesetzt" sind ( X V I I I , 128). Unter dieser energe-
tischen Grundvoraussetzung ist es verständlich, daß Sexualtriebe durch die
Änderung des Mischungsverhältnisses der beiden ,Urkräfte' in das desexuali-
sierte Streben nach Einheitlichkeit übergehen können. Diese dynamische
Ableitung wird durch das topische Modell ergänzt, das das Verhältnis des
Ich zu Es und Überich als Beziehung zu räumlich getrennten ,Objekten' an-
setzt. So können den sublimierten objektgerichteten Tendenzen des Ich nun
die psychischen Prozesse des Es und Überich als Objekte der Vereinigung
vorgegeben werden. Damit verdeckt die Ableitung aufgrund ihrer mechani-
schen Voraussetzungen den fundamentalen Unterschied zwischen objekt-
gerichteten libidinösen Interessen, die die Tendenz zur „Anziehung" be-
gründen (s. o. S. 87), und dem Interesse, in dem es dem Individuum um die
Einheitlichkeit seines eigenen ,objektgerichteten' Interessiertseins geht.
Wenn auch die abschließende genetische Theorie des Ich unzureichend
bleibt, dann scheint der Schluß berechtigt, das leitende Ichinteresse lasse sich
überhaupt nicht aus der Triebdimension ableiten. Freud scheint in seinen
verschiedenen genetischen Ansätzen nur die Aktivierung eines Interesses be-
schrieben zu haben, das nicht selbst erst au,s vitalen Interessen entsteht,
sondern durch biologisch begründete Konflikte nur geweckt wird. Dabei
scheinen die empirisch aufweisbaren Bedingungen der Aktivierung zugleich
audi die jeweiligen Grenzen vorzuzeichnen, in denen sich die genuine Grund-
richtung des eigenständigen Ichinteresses durchsetzt. Die Entwicklung des
Ich erscheint dann wesentlich als fortschreitende Freisetzung und Verselb-
ständigung des Ichinteresses gegenüber seinen auslösenden Bedingungen.
Mit der Neubestimmung des Ich verbindet Freud eine Neuinterpretation
der „psychischen Zensur", die er als „eine der großen Institutionen des Ichs"
gekennzeichnet hatte (s. o. S. 73). In der Orientierung am universalen
„Synthesisstreben" des Ich beschreibt Freud die gegensätzlichen Leistungen

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 111

der Zensur unter dem Gesichtspunkt der Einheitsbildung bzw. Spaltung der
Psyche (vgl. XIII, 7) und faßt sie so als gelungene bzw. mißlungene „Inte-
gration" vorgegebener psychischer Akte (vgl. XIII, 85) auf.
In diesen Analysen bestimmt Freud die „Urverdrängung" der ödipus-
wünsche als den Akt der infantilen „Triebabwehr", der die Aufgabe und die
Problematik des lebenslangen Integrationsvollzugs für das Ich begründet.
In der Aufgabe seiner intensiven Elternbesetzungen entzieht sich das in-
fantile Ich die Kontrolle über wesentliche Anteile seiner Triebkonstitution
und setzt sich damit unbewußten triebhaften Zwängen aus, die in immer
neuen Ausdrucksformen Zugang zum Bewußtsein suchen. Zugleich ent-
springt der Abwehr der ödipuswünsche die moralische Zwangsinstanz des
Überich, die im Gegenzug zu den ödipuswünschen gebildet wird und durch
die sich „das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung ver-
sichert" (XIII, 399). Als Widerstand gegen die ödipuswünsche bleibt das
Überich selbst in wesentlichen Teilen unbewußt (XV, 75 f.). So ist das Ich
sein Leben hindurch einerseits dem bewußten Druck seines Gewissens aus-
gesetzt, zugleich aber von unbewußten Widerständen gegen das Es abhängig,
die es gar nicht durchschaut und die sich unbewußt in Situationen des „Nach-
drängens" durchsetzen können.
Der fundamentale innerpsychische Widerspruch zwischen dem Verdräng-
ten und dem Überich begründet die Aufgabe der ständigen Integration für
das erstarkte und selbständige Ich und schränkt dessen „Souveränität" zu-
gleich wesentlich ein: Sofern das selbständige und spontan integrierende Ich
unbewußten Zwängen des Es und des Überich unterworfen ist, muß es sich
im Integrationsvollzug ständig fortschreitend von diesen Abhängigkeiten
befreien und so erst eine immer größere Autonomie gewinnen.
Aufgrund der „Urverdrängungen" hat sich das integrierende Ich ständig
mit „Abkömmlingen" des Verdrängten bzw. mit Ansprüchen auseinander-
zusetzen, „die, anderswoher stammend, in assoziative Beziehung" zum Un-
bewußten geraten sind (X, 250; s. o. S. 64). Diese Vorgegebenheiten, die
dem Es entspringen, sind durch ihre Isolationstendenz und durch ihren Ab-
solutheitsanspruch bestimmt: Sie „drängen auf sofortige, rücksichtslose Be-
friedigung" (XIV, 228) und „verfolgen" dabei „ihre Absichten unabhängig
und ohne Rücksicht aufeinander" (XIV, 223) 21 .
21 Neben den triebhaft begründeten „Abkömmlingen" des Unbewußten bleibt das Ich
auch dem Drängen grundsätzlich akzeptierter Triebansprüche ausgesetzt, die ständig
neu im Es ansetzen (XIII, 36) und ständig neu im Hinblick auf die sich wandelnden
realen Umweltbedingungen „ichgerecht" befriedigt werden müssen. Auch sie sind
durch den triebhaften Absolutheitsanspruch und die zugehörige Isolationstendenz be-
stimmt.

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112 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

Den ,blinden' Triebansprüchen stehen die zwanghaften Tendenzen des


Überich gegenüber, die die moralischen und kulturellen Anforderungen an
das Individuum repräsentieren. Sie widersprechen als sozial vorgegebene
„Reaktionsbildung gegen die Triebvorgänge des Es" ( X I I I , 286) inhaltlich
und dynamisch weitgehend den Triebansprüchen. Zugleich tragen sie der
gegenwärtigen sozialen und materiellen Umwelt nur unzureichend Rechnung,
weil sie aufgrund ihrer Entstehung zum „Träger der Tradition" werden,
„die den Einflüssen der Gegenwart, neuen Veränderungen, nur langsam
weicht" (XV, 73). In ihrem Widerspruch zu den Triebansprüchen und den
aktuellen Umweltgegebenheiten folgen die überichtendenzen der gleichen
Isolationstendenz und dem gleichen Absolutheitsanspruch wie die Trieb-
wünsche, weil auch sie ihre Dynamik aus Triebregungen gewinnen. So hält
das Überich dem Ich die Normen seines Verhaltens vor, „ohne Rücksicht auf
die Schwierigkeiten von Seiten des Es und der Außenwelt zu nehmen"
(XV, 84).
Den beiden triebhaft begründeten innerpsychischen Motivationen des
Verhaltens stehen die aktuellen Umweltgegebenheiten gegenüber, von denen
zwar die Möglichkeiten des individuellen Verhaltens jeweils entscheidend ab-
hängen, die aber selber keine unmittelbare Motivationskraft für das Indi-
viduum besitzen. So steht das Ich im Interesse an der Snythesis seiner Vor-
gegebenheiten zugleich vor der Aufgabe, die „Anforderungen der Außen-
welt zu vertreten" (XV, 84) und gegen die innerpsychischen Motivationen
zur Geltung zu bringen.
Die vorangegangene Aufstellung macht die Schwierigkeit sichtbar, die
„Ansprüche und Forderungen" der verschiedenen Vorgegebenheiten „in
Einklang miteinander zu bringen. Diese Ansprüche gehen immer auseinan-
der, scheinen oft unvereinbar zu sein" (XV, 84). Ihnen gegenüber steht
das Ich vor der „Aufgabe, die Harmonie unter den Kräften und Einflüssen
herzustellen" (XV, 84 f.). Es leistet die geforderte Synthese, indem es die
Isolationstendenz und den Absolutheitsanspruch der innerpsychischen Vor-
gegebenheiten überwindet und sie zusammen mit der aktuellen Umwelter-
fahrung in die je gewonnene Organisation einbezieht, um sie so zu über-
prüfen und zu korrigieren. So gilt für die ,blinden' Triebansprüche: „die
,Bändigung' des Triebes . . . will heißen, daß der Trieb ganz in die Harmo-
nie des Ichs aufgenommen, allen Beeinflussungen durch die anderen Strebun-
gen im Ich zugänglich ist, nicht mehr seine eigenen Wege zur Befriedigung
geht" (XVI, 69; vgl. XV, 83). Ganz entsprechend ist auch das Überich erst
„normal ausgebildet", wenn es „genügend unpersönlich geworden" ist und
dem Ich nicht mehr „wie der strenge Vater dem Kind" gegenübersteht

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 113

(XIV, 254). Damit beschreibt Freud einen Zustand, in dem die Überich-
gebote ihre Selbständigkeit und Zwanghaftigkeit für das Ich dadurch ver-
loren haben, daß sie durch die Integration in die Organisation des Ich ein-
bezogen sind. Dieser Synthese der innerpsychischen Motivationen entspricht
ein Umweltbezug, in dem das Ich sich die aktuelle Realität seiner Umwelt
nicht durch die eigenen Wünsche verstellt (s. o. S. 92 f.), sondern sie in den
Zusammenhang der schon gewonnenen Umwelterfahrung einbezieht (vgl.
X V I I , 129) und sich als Korrektiv der innerpsychischen Motivationen of-
fenhält.
Nachdem sich die Aufgabe psychischer Zensur als Aufgabe umfassender
Vermittlung zwischen widersprechenden Vorgegebenheiten und der je er-
reichten Ichorganisation erwiesen hat, lassen sich „Triebabwehr" und „Trieb-
gehorsam" des Ich (s. o. S. 92 f.) als verschiedene Formen mißlungener Inte-
gration verstehen. Freuds späte Triebtheorie begründet beide Formen der
gescheiterten Synthese in der Triebgebundenheit des Ich. In der Triebab-
wehr ist das Ich so sehr an den triebhaften Zwang des Überich gebunden,
daß es widersprechende Trieb wünsche nicht aneignen kann; im Triebgehor-
sam dagegen ist es einem so starken ,Druck' der Triebansprüche des Es aus-
gesetzt, daß es sich seine überichgebundenheit und seine reale Situation ver-
decken muß.
Diese Begründung mißlungener Integration erscheint aber unbefriedi-
gend, wenn man berücksichtigt, daß Freud das Ich als selbständige und spon-
tane Integrationsinstanz einführt und zugleich die Belastung für das Ich
deutlich macht, die in der Synthesisaufgabe liegt. In dieser Belastung könnte
ein Motiv für das Ich liegen, in bestimmten Situationen auf die Vermittlung
von Vorgegebenheiten zu verzichten, die es grundsätzlich integrieren könnte.
Die Synthesisaufgabe verbietet es dem Ich, sich jeweils der stärksten,
unmittelbar vorgegebenen Motivation für sein Verhalten zu überlassen, und
verlangt von ihm, den Widerspruch zwischen den isolierten, unmittelbaren
Motivationen im Austragen der Konflikte zwischen ihnen aufzulösen. Weil
das Ich diese Konflikte nur durch die Integration der Vorgegebenheiten in
die jeweils gewonnene eigene Organisation bewältigen kann, steht es vor
der Aufgabe, in der Vermittlung zwischen den Vorgegebenheiten die eigene
erreichte Identität wieder in Frage zu stellen und sie in der Auseinander-
setzung mit den vorgegebenen Motivationen u. U. selber neu herzustellen.
So schließt die Aufgabe der Konfliktbewältigung immer schon die Forderung
einer selbstbestimmten Modifikation der je erreichten Identität mit ein.
Dann aber könnte das Scheitern der Integration in dem Interesse des Ich be-
gründet sein, Konfliktbildungen zu vermeiden und damit die je erreichte

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114 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

Identität zu fixieren und sich der Aufgabe ihrer ständigen Neubestimmung


zu entziehen (vgl. o. S. 106 f.).
Diesem Gesichtspunkt ordnen sich Freuds Analysen der Triebgebunden-
heit und der überichgebundenheit des integrierenden Ich vollständig unter.
Dabei zeigt Freud zugleich, daß das Ich im Interesse an der konfliktfreien
Identität die eigene Selbständigkeit gegenüber den Vorgegebenheiten auf-
gibt.
Im „Triebgehorsam" überläßt sich das Ich der Motivationskraft ,be-
drängender' Triebansprüche, ohne aber dabei auf die eigene Einheitlichkeit
zu verzichten. Beide Absichten verbindet das Ich, indem es versucht, „die
ubw Gebote des Es mit seinen vbw Rationalisierungen zu bekleiden" (XV,
84). In der Rationalisierung begründet das Ich sein ausschließlich triebhaft
motiviertes Verhalten dadurch, daß es sich einerseits die wahren Motive sei-
nes eigenen Verhaltens verdeckt, andererseits die eigenen normativen Ten-
denzen und die Umweltbedingungen nur so entstellt in den Blick bringt, daß
sie sein Verhalten rechtfertigen. In dieser Form der ,Vermittlung' erspart
sich das Ich die Auseinandersetzung mit den widersprechenden Vorgegeben-
heiten für sein Verhalten: es „spiegelt den Gehorsam des Es gegen die Mah-
nungen der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig geblieben
ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität und wo möglich auch die
mit dem Über-Ich" (XIII, 286). Im Ausweichen vor dem Konflikt täuscht
sich das triebbestimmte Ich zugleich die Erhaltung seiner gewonnenen Iden-
tität vor, indem es den Widerspruch des eigenen Triebwunsches zu den lei-
tenden Normen ,vertuscht'. So erspart es sich in der Vermeidung von Kon-
flikten die selbstbestimmte Neubildung der eigenen Identität in der Aus-
einandersetzung mit der jeweiligen identitätsauflösenden Triebforderung.
Zugleich spiegelt es sich in der scheinbaren Integration seine Selbständigkeit
gegenüber den unmittelbaren Vorgegebenheiten vor, obwohl es seine „Sou-
veränität" (XIV, 185) im Triebgehorsam gerade aufgegeben hat.
Die gleichen Verhältnisse wie beim Triebgehorsam werden auch bei
der Überichbindung des Ich sichtbar. Im „Nachdrängen" von Triebansprü-
chen folgt das Ich dem triebhaft begründeten Zwang des Überich, indem es
vor widersprechenden Triebwünschen „flieht" (vgl. XIV, 230). Je weniger
diese Bindung des Ich im triebhaften Zwang des Überich begründet werden
kann, um so mehr kann sie aus dem Interesse an der Konfliktlosigkeit er-
klärt werden, in dem das Ich starr an den triebhaft vorgegebenen, inhaltlich
bestimmten Grenzen seiner Identität festhält und so jede selbstbestimmte
Modifikation der Überichnormen vermeidet. In der Flucht vor den eigenen
Triebansprüchen hat das Ich dem Triebwunsch aber jeweils „ein Stück Un-

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 115

abhängigkeit gegeben und auf ein Stück seiner eigenen Souveränität ver-
zichtet" (XIV, 185). Das Verdrängte ist „ausgeschlossen aus der großen
Organisation des Ichs" (XIV, 185), dessen „Synthese" dadurch „gestört"
(XIV, 230) ist. In dieser Einschränkung der eigenen Einheitlichkeit und
Selbständigkeit täuscht sich das Ich zugleich die Erhaltung der je gewonne-
nen Identität weiter vor, indem es den widersprechenden Triebanspruch
überhaupt aus dem Umkreis bewußtseinsfähiger Interessen ausklammert
und damit die Aufgabe einer selbstbestimmten Neuformulierung der eige-
nen Einheitlichkeit verdeckt. So steht das Ich auch in der Verdrängung noch
unter dem „Zwang zur Synthese" (XIV, 125), indem es zugleich deren Last
ausweicht. Weil sich das Ich in der Rationalisierung und Verdrängung selbst
noch das Scheitern der eigenen Integrationsleistung verdeckt, verdeckt es
sich zugleich sein eigenes leitendes Interesse an der Konfliktlosigkeit und
täuscht sich das Interesse an der umfassenden Integration seiner Vorgegeben-
heiten vor.
Das bisher charakterisierte Interesse an der ,Konfliktlosigkeit' hat Freud
nicht selbst ausdrücklich hervorgehoben und dem Streben nach Vereinheit-
lichung gegenübergestellt. Zwar sieht Freud, daß in der „Mittelstellung" des
Ich zwischen seinen Vorgegebenheiten das Motiv liegt, im Widerspruch
zur Synthesisaufgabe „opportunistisch und lügnerisch zu werden" ( X I I I ,
286), aber er interpretiert dieses Interesse lediglich als Luststreben: „Das
Ich strebt nach Lust, will der Unlust ausweichen" (XVII, 68). Dieses Lust-
streben kann aber nun nicht mehr primär triebhaft-energetisch verstanden
werden. In der Rationalisierung weicht das Ich nicht nur vor der Unlust einer
ungelösten Triebspannung aus, sondern vermeidet ebenso die Unlust, die
im Ertragen von Konflikten und in der selbständigen Identitätsbildung liegt.
Entsprechend verzichtet das Ich in der Verdrängung auf möglichen Lust-
gewinn, um zugleich der Aggressionsunlust des Überich und der Unlust des
,Identitätsverlustes' zu entgehen. Damit ist nun neben dem triebhaft be-
gründeten Anteil möglicher Unlust auch der Anteil sichtbar geworden, der
sich ausschließlich aus dem leitenden Interesse des Ich an der Konfliktlosig-
keit ergibt.
Diesem Interesse an der Fixierung der eigenen Einheitlichkeit steht als
Gegentendenz ein Interesse gegenüber, in dem das Ich nach einer „ i m m e r
w e i t e r g r e i f e n d e n Integration der Persönlichkeit" ( X I I I , 8 5 ) strebt.
Im so verstandenen Synthesisinteresse ist das Ich immer schon über die je
erreichte Einheitlichkeit hinaus und hält sich für neu zu integrierende Vor-
gegebenheiten offen. Es kann die jeweils geforderte Synthese nur so leisten,
daß es sowohl von dem Absolutheitsanspruch der widersprechenden Vorge-

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116 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

gebenheiten als auch von der je bestehenden Einheitlichkeit abstrahiert und


sie damit in den einheitlichen Umkreis „bewußtseinsfähiger" Akte zusam-
menschließt. Eben damit setzt es sich den psychischen Konflikten zwischen
den Vorgegebenheiten und der bestehenden Identität aus und übernimmt
die Aufgabe, selbständig über ihre Lösung in der Neubestimmung der eige-
nen Identität zu entscheiden. In dieser Erweiterung der eigenen Einheitlich-
keit eignet das Ich bisher relativ selbständige Motivationen des eigenen Ver-
haltens an und erweitert so zugleich seine eigene „Souveränität". Diese In-
tegrationsleistung erfordert aber die Fähigkeit des Ich, die Unlust der un-
gelösten Triebspannung, die Unlust der Überichaggression und die Unlust
der ,Schwebe' zu ertragen, die in der Abstraktion von den unmittelbaren
Vorgegebenheiten und der eigenen Identität entsteht 22 .
Blickt man auf die Analysen der „psychischen Zensur" zurück (s. o. S.
46 if.), dann zeigt sich, daß mit dem jetzt eingeführten Interessengegen-
satz die Tendenzen aufgewiesen sind, die die gegensätzlichen Leistungen der
Zensur begründen. In der Abwandlung seiner frühen Auffassung charak-
terisiert Freud die Zensur jetzt nicht mehr nur als topisch, sondern auch als
dynamisch selbständige Instanz, die nicht auf inhaltlich bestimmte Interes-
sen festgelegt ist, sondern der es in verschiedener Weise um die Vermitt-
lung von triebhaft vorgegebenen Tendenzen geht. In den verschiedenen Syn-

22
In der Freisetzung des fundamentalen Interesses an der Identitätsbildung gegenüber
allen Vorgegebenheiten des Ich scheint mir der wesentliche Gewinn der Theorie Freuds
auch gegenüber der psychoanalytischen Identitätstheorie Eriksons zu liegen, die An-
sätze der Forschungen Freuds weiterführt. Erikson bestimmt die Identitätsbildung als
unabschließbaren Prozeß der sozialen Anpassung, in dem sich das Individuum mit
einer sozialen Rolle identifiziert, in der es von der Gesellschaft bestätigt wird. Identi-
tät stellt sich also erst in dem Wechselverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft
her, in dem die Gesellschaft selber durch die Anerkennung des Individuums eine
identitätsstiftende Funktion hat (vgl. Ε. H. Erikson: Identität und Lebenszyklus;
S. 124,140). In dieser Identifikation mit einer Rolle hebt das Ich jeweils die vorange-
gangenen Identitätsbildungen in einer neuen auf, die der (sich ständig wandelnden) ge-
sellschaftlichen Realität besser als die vorangegangenen angepaßt ist. Zwar betont Erik-
son, daß die Identität nicht in bedingungsloser gesellschaftlicher Einordnung gebildet
werde, aber er gibt gerade keine Orientierung des Individuums für eine kritische
Distanz zur Gesellschaft an, sondern behauptet nur vage, die vorgegebenen sozialen
Rollen würden „anderen Ichprozessen" angepaßt und damit verwandelt (Ε. H. Erik-
son: Kindheit und Gesellschaft; S. 402 Anm.). Freud dagegen setzt die „synthetische
Funktion des Ich" (XVII, 60) so an, daß sie für alle Vorgegebenheiten des Ich in
gleicher Weise offen ist und keine von ihnen bereits die Orientierung für den Syn-
thesisvollzug des Ich vorgeben kann. So scheint Freuds Ichbegrifi im Unterschied zu
Eriksons Konzeption grundsätzlich die Möglichkeit der kritischen Distanz des Indivi-
duums zu seiner Gesellschaft offen zu lassen, ohne aber selbst noch diese Möglichkeit
theoretisch auszuarbeiten. Die Gründe für diese Einschränkung werden sich im Ver-
gleich der Psychoanalyse mit der Existenzialontologie zeigen (s. o. S. 155 ff.).

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 117

thesisinteressen sind die gegensätzlichen ,Umgrenzungen' des eigenen Be-


wußtseinsspielraums begründet, in denen sich das Individuum entweder je-
weils für die vorgegebenen Aspekte seines Seins offenhält oder bestimmte
Aspekte ausklammert, die es sehen könnte. Für diese spontane, interesse-
geleitete Aktivität des Ich ist aber auch im strukturpsychologischen Modell
der Psyche, das auf die Analyse von Bewußtseinsstrukturen verzichtet, un-
ausdrücklich noch der spezifische Bewußtseinsraum vorausgesetzt, den Freud
nur veranschaulichend thematisiert hatte (s. o. S . 4 4 f . ; 51 ff.). So läßt sich
die voll entfaltete Strukturpsychologie als Theorie der Selbsterfahrung fas-
sen, die das Phänomen des interessegeleiteten Selbstbewußtseinsvollzugs in
den Grenzen der psychoanalytischen Theoriebildung aufklärt.
Es wäre jedoch unberechtigt, die bisherige psychologische Interpreta-
tion des strukturpsychologischen Ichbegriffs absolut zu setzen. Auch in die-
ser Konzeption überwindet Freud seinen mechanischen Ansatz nicht, sondern
scheint selbst seine psychologischen Deskriptionen primär als Veranschau-
lichungen medianischer Verhältnisse verstanden zu haben (vgl. XV, 96).
Unter dieser Perspektive erscheint die späte Ichtheorie nur als Modifikation
der frühen mechanischen Theorie. In der Kennzeichnung des Ich als umfas-
sender Organisation seiner Vorgänge nimmt Freud die Definition wieder
auf, die er schon im „Entwurf" gegeben hatte, als er das Ich als „Organi-
sation" (Anfänge 330) „gegeneinander gut gebahnter Neuronen" (331) ein-
führte (s. o. S. 74 f.). Die „ruhende Besetzung" dieses „Assoziationszusam-
menhangs" wird nun präziser als „desexualisierte Libido" bestimmt, ohne
daß damit die Funktion dieser Energieform grundsätzlich neu gefaßt wäre.
Sie ermöglicht auch in der strukturpsychologischen Theorie den „Sekundär-
vorgang", den Freud jetzt genauer als Integration von frei besetzten psy-
chischen Elementen in den Zusammenhang des Ich ansetzt. Die freie Energie
der (gegensätzlichen) Triebarten stellt die Einheitlichkeit des Ich dadurch
in Frage, daß sie jeweils nur bestimmte Er-Elemente innerhalb des umfas-
senden Assoziationszusammenhangs (Befriedigungserinnerungen, Überich-
gebote) besetzt und von ihnen her nach Abfuhr drängt (s. o. S. 59 f.)· Damit
nimmt sie die besetzten Elemente in gewissem Maße aus dem Integrations-
zusammenhang heraus und begünstigt deren isolierte Motivation für das Ver-
halten des Individuums. Dieser Isolation wirkt die desexualisierte Libido
entgegen, indem sie die triebhaft begründeten Trennungen innerhalb des
Ich durch die Bindung der freien Energie und durch die Beseitigung von
Assoziationswiderständen wieder aufhebt. So arbeitet das Ich „im Dienst des
Lustprinzips . . . , um Stauungen zu vermeiden und Abfuhren zu erleichtern"
( X I I I , 273). In dieser Konzeption sind die Ichinteressen, in denen sich das

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118 I I . Die psychoanalytische Ichpsychologie

Individuum zu sich selbst verhält, indem es sich um die Einheitlichkeit seiner


konkreten objektgerichteten Tendenzen bemüht, selbst wieder nur die kau-
sal gesteuerten Energiequanten eines bestimmten Zusammenhangs von Er-
Elementen, die in Wechselwirkung mit den gegensätzlichen triebhaften
Energiegrößen stehen 23 .

23 Von den Ansätzen zur weiteren Ausarbeitung der Ichpsychologie muß Freuds späte
Korrektur seines genetischen Ansatzes berücksichtigt werden, weil sie die vorgetra-
gene Kritik in Frage zu stellen scheint. Freud nimmt nicht mehr an, daß das kon-
trollierende und hemmende Verhältnis zu den Triebansprüchen diesen Trieben selbst
durch die Einwirkung von Außenweltreizen entspringen kann, sondern geht von der
„Existenz . . . ursprünglicher, mitgeborener Ichverschiedenheiten" (XVI, 86) aus,
durch die „das einzelne Ich von vornherein mit individuellen Dispositionen und Ten-
denzen ausgestattet ist" (ebd.). Zwar hält er weiter daran fest, daß das Ich zu Be-
ginn der psychischen Entwicklung empirisch noch nicht als System faßbar ist, geht
aber zugleich davon aus, „daß Es und Ich ursprünglich eins sind" (ebd.) und durch
den Einfluß der Außenweltreize erst nach und nach differenziert werden. Damit setzt
Freud nun die Interessen des kontrollierenden Ich ζ. T. als ererbte Dispositionen an,
die durch Umwelteinflüsse aktiviert werden. Aber auch diese Korrektur überwindet
den Gegensatz zwischen dem,psychologischen' und ,mechanischen' Modell der Psyche
nicht. Das interessierte Verhältnis zu sich selbst, in dem das Individuum noch über
seine konkreten Interessen entscheidet, wird aus der mechanischen Einwirkung eines
Reizes auf eine vorhandene Disposition begründet. Darin sind die Interessen wie-
derum nur als kausal determinierte, objektgerichtete Kraftrichtungen angesetzt.
Im Ausgang von diesem späten Neuansatz Freuds hat H. Hartmann eine Konzep-
tion des Ich entwickelt, die die biologisch begründete Selbständigkeit des Ich gegen-
über dem Es und den Außenweltreizen hervorhebt. Im Anschluß an Freud bestimmt
H. das Ich als „,Organ' der Anpassung" (Hartmann, 1964; S. 17) an die Umwelt
und weist auf „objektiv zweckmäßig funktionierende Apparatstrukturen" und auf
„psychische Dispositionen" des Ich hin, „die der Bewältigung der Außenwelt dienen"
und dem Ich angeboren sind (1960, S. 44 f.). Den Bereich dieser triebunabhängigen
Strukturen bezeichnet er als Bereich der „primären Ich-Autonomie" (1960, S. 44 f.;
1964, S. 17 ff.) und hebt ihn als „konfliktfreie Ich-Sphäre" (1960, S. 14) gegen Struk-
turen des Ich ab, die sich im Konflikt mit Triebansprüchen gebildet haben („sekun-
däre Ichautonomie") (1960, S. 27; 1964, S. 20).
Die Entwicklung des Ich beschreibt H. als das fortschreitende Zusammenwachsen der
zunächst isolierten Apparate und Strukturen des Ich zu einer einheitlichen Organi-
sation. In diesem Prozeß entwickelt sich als die höchste nicht triebhafte Funktion
des Ich die „zentralisierte Funktionskontrolle . . . , die die verschiedenen Teile der
Persönlichkeit miteinander und mit der Außenwelt integriert" (1964, S. 137). Da-
mit führt H. die „synthetische Funktion" des Ich im Gegensatz zu Freud als Struk-
tur ein, die nicht triebhaft begründet werden kann. Zugleich hält er aber die biolo-
gische Betrachtungsweise für die Begründung dieser Funktion fest: „Es ist wohl nicht
möglich, die Funktionen der Anpassung und Synthese (wir können auch sagen: Inte-
gration und Organisierung; d. h. die zentralisierte Kontrolle der Funktionen) als nicht
biologisch zu bezeichnen, die wir doch beide dem Ich zurechnen" (1955, S. 12).
Die biologisch verstandene „zentralisierte Funktionskontrolle" identifiziert H. ohne
weiteres mit der menschlichen Vernunft: „Vielleicht dürfen wir den Namen Vernunft
gerade für die . . . organisierende Funktion ((des Ich)) vorbehalten" (I960, S. 62).
Die hier skizzierte Konzeption betont zwar stärker als Freud selbst die Autonomie

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsydiologie 119

Orientiert man sich trotz der mechanistischen Verständnismöglichkeit


der Integration primär an Freuds psychologischen Aussagen, dann läßt sich
der strukturpsychologische Ichbegriff als Konzeption verstehen, die einer-
seits die Triebgebundenheit des selbständigen Ich hervorhebt, andererseits
aber auch die Möglichkeit des befreienden Integrationsvollzugs sichtbar
macht, in dem sich das Ich gegen seine Triebzwänge durchsetzt.

f) Die zeitliche Struktur des „integrierenden" Ich:


Das leitende Ichinteresse bestimmt die ,Präsenz'
des eigenen Lebenszusammenhangs
Obwohl Freud sich in der systematischen Interpretation des Integra-
tionsvollzugs ausschließlich an seinem topisch-dynamischen Modell der
Psyche orientiert, hat er in bestimmten Deskriptionen auch die spezifische
Zeitstruktur der psychischen Akte berücksichtigt. Für diesen Ansatz zeigt
sich die einheitliche „Organisation" des Ich als der eigene zeitlich erstreckte
Lebenszusammenhang des Individuums, der in der jeweiligen Situation des
Integrationsvollzugs zugänglich ist. Ihm stehen die faktisch vorgegebenen
Ansprüche des Es und des Überich als jeweils aktuelle Motivationen gegen-
über, die im Integrationsvollzug mit der jeweils gewonnenen Einheitlich-
keit des Lebenszusammenhangs vermittelt werden müssen. Unter dieser Per-
spektive erscheint die Integration als der Vollzug, in dem das Individuum
noch selbst entscheidet, in welchem Umfang ihm die eigene Lebensganzheit
bzw. die je aktuellen Vorgegebenheiten zugänglich werden können. So kann
Freud das „Nachdrängen" als das „Vergessen" von jeweils aktuellen und
prinzipiell zugänglichen Interessen und Einstellungen interpretieren, die
damit aus dem zeitlichen Zusammenhang des Lebensvollzugs ausgeschlos-
sen bleiben. Das Verdecken aktueller psychischer Akte weist auf das „Ver-
gessen" zurück, in dem die Individuen infantile Triebansprüche niederhal-
ten und damit „an ein bestimmtes Stück ihrer Vergangenheit fixiert" (XI,

des Ich, aber klammert zugleich die Frage aus, ob und inwieweit sich Aspekte dieser
Autonomie aufweisen lassen, die überhaupt den Rahmen biologischer Begründungs-
möglichkeiten sprengen. Die Problematik dieser Konzeption zeigt sich besonders in
H.s Hinweis auf die „Vernunft", die sich wohl kaum noch befriedigend unter der
Perspektive der „Erhaltungsgemäßheit" für das Individuum aufklären läßt.
Auch Freuds Theorie des Synthesisstrebens war von dem biologischen Ursprung des
Synthesisstrebens ausgegangen, aber er hatte in seiner Konzeption des absolut of-
fenen Integrationsvollzugs unausdrücklich die Möglichkeit einer nicht mehr biologisch
begründbaren Synthese eingeräumt. Diese Möglichkeit wird die vorliegende Inter-
pretation zu entfalten versuchen, indem sie Heideggers Begründung des individuellen
Einheitsstrebens in die psychoanalytische Konzeption einbezieht (s. u. S. 183 ff.).

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120 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

282) bleiben, ohne sich in dieser Gebundenheit durchsichtig zu sein (Urver-


drängung). Neben dieser triebhaften Abhängigkeit von der unbewußten Ver-
gangenheit scheint für das Nachdrängen auch das aktuelle Interesse des Ich
wesentlich zu sein, die eigene, je erreichte Identität nicht in der Integra-
tion von „Abkömmlingen" des Unbewußten in Frage zu stellen. — Richtet
sich das „Nachdrängen" auf aktuelle Interessen, so klammert das Individuum
in seinen „Rationalisierungen" primär die zugängliche Lebensganzheit aus
oder verfälscht sie in „affektiver Verblendung" (s. o. S.92f.). In beiden
Möglichkeiten gescheiterter Integration erweist sich die „reproduzierende
Funktion" als abhängig von der „Einmengung eines parteiischen Faktors,
einer Tendenz . . . , welche die eine Erinnerung begünstigt, während sie einer
anderen entgegenzuarbeiten bemüht ist" (IV, 54). Das Gedächtnis unter-
liegt also „der Beeinträchtigung durch eine Willenstendenz, gerade so wie
irgendein Stück unseres auf die Außenwelt gerichteten Handelns" (1,526).
Die Tendenzen, von denen das „Handeln" des Sich-Erinnerns und des Ver-
gessens abhängig ist, zeigten sich schon in der systematischen Interpretation
des Integrationsvollzugs (s. o. S. 113 ff.). Indem Freud diese Interessen nun
im Hinblick auf ihre zeitliche Erschließungsfunktion thematisiert, interpre-
tiert er das ,bewußtseinsumgrenzende Handeln' des Individuums als Eröff-
nung und Umgrenzung des Zugangs zum eigenen zeitlich erstreckten Lebens-
zusammenhang.
Den Gegensatz zwischen den verdrängten Interessen und der je ak-
zeptierten Lebenseinheit hat Freud innerhalb seiner ,zeitlichen' Interpre-
tation der Integration durch die Unterscheidung zwischen der Zeitstruk-
tur des Ich und des Es herausgearbeitet. Er begründet die „zeitliche
Anordnung" der psychischen Akte in deren Aufnahme in die Organisation
des Ich (X, 287) und versteht das Ich damit als zeitlich geordneten Zusam-
menhang von bewußtseinsfähigen Vorstellungen. Diese zeitliche Ordnung
scheint einen wesentlichen Aspekt der ,Organisiertheit' des Ich auszumachen.
Sie verbindet die psychischen Vorgänge miteinander, indem sie jedem seine
bestimmte Zeitstelle zuweist und damit die Möglichkeit begründet, jederzeit
auf ihn als identischen zurückzukommen. Zugleich bestimmt die zeitliche
Fixierung der Vorstellungen auch mit darüber, welches Gewicht sie für die
je gegenwärtige Integrationsleistung haben: je länger Vorstellungen zurück-
liegen und je weitgehender sie durch andere ergänzt und mitbestimmt sind,
um so weniger haben sie als einzelne Akte Einfluß auf die aktuelle Situation
der Integration (vgl. 1,88).
Dieser zeitlichen Anordnung der Ichinhalte stellt Freud die spezifische
„Zeitlosigkeit" (X, 286) des verdrängten Unbewußten gegenüber: „Die Vor-

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3. Die Ausarbeitung in Freuds Strukturpsychologie 121

gänge des Systems Ubw sind zeitlos, d. h. sie sind nicht zeitlich geordnet,
werden durch die verlaufende Zeit nicht abgeändert, haben überhaupt keine
Beziehung zur Zeit" (X, 286). Diese Zeitlosigkeit des Unbewußten scheint
einen wesentlichen Aspekt seines „chaotischen" (vgl. XV, 80) Charakters
auszumachen24. Weil die verdrängten Triebwünsche nicht in ein festes Zeit-
gefüge eingeordnet und durch es ,organisiert' werden, wird ihre Geltung
für die je aktuelle Gegenwart nicht durch ihre Zeitstelle bestimmt, sondern
ist ausschließlich von der jeweiligen Besetzungsenergie abhängig, mit der das
Verdrängte zum Bewußtsein drängt (X, 285). Die unbewußte ,Präsenz' der
niedergehaltenen Triebansprüche für das verdrängende Ich bestimmt sich
also allein aus der bedrängenden Triebhaftigkeit des Unbewußten. Diese
Freiheit von aller zeitlichen Ordnung zeigt sich einerseits darin, daß das
Verdrängte „virtuell unsterblich" (XV, 80) ist. Ohne die Fixierung an eine
bestimmte Zeitstelle kann der verdrängte Wunsch unabhängig von seinem
Ursprung in einer bestimmten Situation der Lebensgeschichte ständig le-
bendig bleiben und ist dabei von allen übrigen Wünschen des Individuums
inhaltlich unbeeinflußbar. Andererseits begründet die zeitliche Ungeordnet-
heit des Verdrängten die Möglichkeit, daß alle unbewußten Inhalte zu glei-
cher Zeit nach Ausdruck im Bewußtsein streben. Weil im Ubw nicht Ver-
gangenAeit una1 Gegenwart aurcn c£e Zertstruitur voneinander getrennt
werden, sind die verdrängten Triebwünsche in eine spezifische Gleichzeitig-
keit gerückt und können alle zugleich nach Aufnahme ins Ich drängen. Diese
Gleichzeitigkeit zeigt sich ζ. B. im Traum, wo die „Tagesreste" aktuellen Er-
lebens unmittelbar mit den Ausdrucksformen von Triebwünschen ganz ver-
schiedener Lebensphasen zu einem Bewußtseinsphänomen verbunden sind.
Der Versuch, sich immer und überall gleichzeitig im zeitlich geordneten
Zusammenhang des Ich zum Ausdruck zu bringen, macht die spezifische Zeit-
losigkeit des Verdrängten aus.
Die zeitliche Interpretation des Ich und des Es eröffnet auch ein be-
stimmtes zeitliches Verständnis der psychoanalytischen Therapie. Freud faßt
sie als Prozeß, in dem die zeitlosen Triebansprüche des Verdrängten wieder
an ihre ursprüngliche Zeits teile im Lebenszusammenhang zurückversetzt
werden und darin als vergangene erkannt und entwertet werden (XV, 80 f.).
Dieser Prozeß vollzieht sich in der „Ausfüllung aller Erinnerungslücken"
(vgl. XI, 292) des Individuums. Die Bewältigung des Verdrängten erweist
24
Die hier angedeutete Unterscheidung des Ich und des Es unter dem Gesichtspunkt
von »Ordnung* und ,Ungeordnetheit' hat H. Ey in seinem Buch „Das Bewußtsein"
(Berlin 1967) ausgearbeitet, ohne allerdings die zentrale Funktion der Zeitstruktur für
diesen Unterschied hervorzuheben und ihn auf das Problem der Identität zu beziehen.

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122 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

sich damit wesentlich als dessen Einordnung und Fixierung innerhalb des
zeitlich geordneten Lebenszusammenhangs, aus dem es durch die Verdrän-
gung ausgeschlossen worden war.
Die bisher dargestellte Konzeption der psychischen Zeitstrukturen hat
Freud in der Deskription empirisch faßbarer seelischer Prozesse gewonnen,
ohne selbst zu fragen, inwieweit das traditionelle Verständnis der Zeit die
Möglichkeit bietet, die neu entdeckten Strukturen theoretisch durchsichtig
zu machen. Wenn man diese Frage stellt, zeigt sich ein doppelter Mangel
des Zeitbegriffs, den Freud für seine Deskriptionen selbstverständlich vor-
aussetzt:
1. Das traditionelle Verständnis bestimmt die Zeit als die Abfolge iso-
lierbarer Zeitphasen, von denen jeweils nur eine als Jetztpunkt' aktuell ist,
während die anderen noch nicht oder nicht mehr gegenwärtig sind (vgl. SZ,
§65). Diese Konzeption scheint auszureichen, um die Ordnungsfunktion der
Zeit für die Ichinhalte verständlich zu machen. Die kontinuierliche Abfolge
von Gegenwartsphasen kann die Anordnung und Organisation der psychi-
schen Akte in psychischen Reihen hinreichend begründen. Aber Freuds Be-
schreibung der Integration zeigt darüber hinaus, daß die zeitlich geordneten
psychischen Akte der Ichorganisation für die Vermittlung mit aktuellen vor-
gegebenen Ansprüchen selbst im ganzen vergegenwärtigt werden müssen.
Die Möglichkeit der Präsenz des zeitlich erstreckten Lebenszusammenhangs
scheint die traditionelle Konzeption eines ,Zeitflusses' nicht mehr begrün-
den zu können, weil sie die zeitliche Erstreckung des psychischen Lebens
selbst als die sukzessive Erweiterung des Lebenszusammenhangs um je ,prä-
sente' Erlebnisse versteht. Freuds Beschreibung der Integration fordert aber
einen Zeitbegriff, für den Vergangenheit und Zukunft nicht bloß ,nicht
mehr' oder ,noch nicht' gegenwärtige Zeitabschnitte sind, sondern den prä-
senten Horizont bilden, innerhalb dessen die je aktuellen vorgegebenen In-
teressen und Gebote vom Ich kritisch geprüft und angeeignet werden kön-
nen.
2. Weil das traditionelle Verständnis der Zeit nur die zeitliche Anord-
nung der bewußtseinsfähigen Akte verständlich macht, ist es nicht in der
Lage, die zeitliche Struktur des Zusammenhangs' zwischen dem „zeitlosen"
Verdrängten und dem zeitlich geordneten Ich einsichtig zu machen. Sofern
das Verdrängte im Widerstand gegen es noch offengehalten wird, schließt
die Verdrängung ein „Vergessen" ein, in dem das ,Vergessene' gerade des-
halb ständig präsent bleibt, weil es vergessen werden soll. So scheint die
Vergegenwärtigung des eigenen Lebenszusammenhangs im Integrationsvoll-
zug auch die Präsenz des Vergessenen einzuschließen, gerade weil die je ak-

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4. Leistung und Grenzen der psychoanalytischen Theorie 123

tuelle Umgrenzung der Zugänglichkeit des eigenen Lebenszusammenhangs


das Ausgegrenzte im Niederhalten mitvergegenwärtigt. Diese Zeitstruktur,
die sich aus dem bewußtseinsumgrenzenden Handeln des zensierenden Ich
ergibt, scheint als selbständiger Aspekt zu Freuds Description der Präsenz
des Unbewußten hinzuzutreten und erst den Zusammenhang zwischen Es
und Ich voll verständlich machen zu können. Sie muß als die spezifische Zeit-
struktur verstanden werden, die im Interesse an der Konfliktlosigkeit be-
gründet ist, das als „Nichtwissenwollen" das Vergessene immer noch offen-
hält.
Berücksichtigt man die beiden Mängel der für Freud leitenden Zeittheo-
rie, dann fordert Freuds Deskription der psychischen Zeitverhältnisse die
Entfaltung eines Zeitbegriffs, der die Präsenz der zugänglichen und der nie-
dergehaltenen Aspekte des zeitlich erstreckten Lebenszusammenhangs in der
je aktuellen Situation der Integration verständlich machen kann. Diesen Be-
griff hat Heidegger in seiner zeitlichen Interpretation des interessegeleiteten
Selbstbewußtseins entwickelt.

4. Zusammenfassung:
Die Leistung und die Grenzen der psychoanalytischen Aufklärung
des interessegeleiteten Selbstbewußtseins

Die vorangegangene Interpretation der Psychoanalyse hat zwei verschie-


dene Ansätze entwickelt, um den psychoanalytischen Begriff des interesse-
geleiteten Selbstbewußtseins aufzuklären. Zunächst ging sie von Freuds
Konzeption des „psychischen Apparats" aus und fragte nach der spezifischen
Bewußtseinsstruktur der kontrollierenden Instanz, die das Vbw und das
Ubw miteinander vermittelt. Anschließend untersuchte sie Freuds Theorie
der Ichinteressen, die die kontrollierende Leistung der Zensur leiten und be-
stimmen. Für beide Ansätze erwies sich die zensierende Kontrolle grund-
sätzlich als spontaner Vollzug der Vermittlung zwischen den vorgegebenen
Aspekten der Psyche, den das Ich als (relativ) selbständige „Zentralinstanz"
der Psyche leistet 25 .
In der Verbindung der beiden Ansätze zeigt sich das einheitliche Phäno-
men des interessegeleiteten Selbstbewußtseins, dessen Strukturen Freud in
seiner Theoriebildung unausdrücklich entfaltet hat. Freud bestimmt das
25 Für diese hier abstraktiv herausgehobene Selbstbewußtseinsstruktur ergeben sich we-
sentliche Differenzierungen, wenn die Triebgebundenheit des Ich mit berücksichtigt
wird (s. u. S. 124 f.).

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124 II. Die psychoanalytische Ichpsychologie

Selbstbewußtsein als Zugang zu sich selbst, der sich in den leitenden Inter-
essen des Ich eröffnet und durch sie in seiner Bewußtseinsstruktur bestimmt
wird. So begründet das „Nichtwissenwollen" eine Selbsterfahrung, in der
bestimmte Aspekte des eigenen konkreten Seins unzugänglich bleiben, aber
gerade in dem Interesse, sie nicht zu sehen, doch noch offengehalten werden.
Umgekehrt kann das universale Synthesisstreben eine Selbsterfahrung be-
gründen, in der das Individuum auf bestimmte bisher undurchsichtige
Zwänge und Hemmungen aufmerksam wird und sie im Austragen von Kon-
flikten überwindet.
Diese psychoanalytische Konzeption des Selbstbewußtseins impliziert
nicht nur, wie sich schon zeigte (s. o. S. 46 ff.), eine neue Bewußtseinsstruk-
tur, sondern auch eine Konzeption des Interesses, die in der philosophischen
Tradition bisher nicht entwickelt werden konnte. Von den (bewußten oder
unbewußten) unmittelbar „objektgerichteten" Interessen unterscheidet
Freud die leitenden Ichinteressen als Tendenzen, in denen das Individuum
noch entscheidet, welche seiner vorgegebenen Interessen es überhaupt als
eigene sehen will. Weil die ,Zensur' von solchen ,bewußtseinsumgrenzen-
den' Interessen geleitet ist, kann die Selbsterfahrung mit Recht als spon-
tanes „Handeln" verstanden werden, das vom Selbstbewußtsein als der
transparenten Selbstdurchsichtigkeit grundsätzlich unterschieden ist.
Diese Selbstbewußtseinskonzeption fordert aber, wie sich zeigte, gegen-
über den konkreten Phänomenen der Verdrängung bestimmte Differenzie-
rungen. Für die „Urverdrängungen" konnte das aktuelle Interesse an der Auf-
redhterhaltung infantiler Widerstände nur hypothetisch als untergeordneter
Faktor für die Triebabwehr eingeführt werden (s. o. S. 113 ff.; 106 f.). Die
triebhaft begründeten Widerstände gegen das Urverdrängte halten nämlich
die infantilen Wünsche des Individuums so weit nieder, daß das gereifte Ich
seine Urverdrängungen niemals spontan wiederaufheben könnte. Für das
Nachdrängen dagegen schien sicih dasselbe Interesse an der „Konfliktlosig-
keit" als wesentliches Motiv für die „Abwehr" bewußtseinsfähiger Akte zu
erweisen. Im Nachdrängen verhält sich das gereifte Ich nämlich zu Vorge-
gebenheiten, die es prinzipiell sehen könnte, wenn es bereit wäre, inner-
psychische Konflikte auszutragen, die es sich aber mit aus dem Interesse ver-
deckt, die Unlust der Konfliktspannung zu vermeiden. Mit dem Ein-
bezug der Triebhaftigkeit in die Selbstbewußtseinsstruktur zeigte sich, daß
das Ich in seinem Interesse an der Konfliktlosigkeit wesentlich triebhaften
Zwängen unterworfen bleibt und sie umgekehrt gegen Umwandlungen
schützt. Das Synthesisstreben erwies sich dagegen als Tendenz, in der das
Ich sich gegenüber seinen triebhaften Zwängen zu verselbständigen sucht

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4. Leistung und Grenzen der psychoanalytischen Theorie 125

und darin die Konflikte zwischen seinen vorgegebenen widersprechenden


Motivationen aufzulösen versucht.
Die volle Herausarbeitung der psychoanalytischen ,Selbstbewußtseins-
konzeption' legt den Versuch nahe, den Vergleich mit dem Selbstbewußt-
seinsbegriff Fichtes wieder aufzunehmen und zu prüfen, wie weit Freuds
Konzeption sachlich in die Tradition dieser Theorie einzuordnen ist. Der
engste sachliche Bezug zwischen beiden Ansätzen ergibt sich in der Bestim-
mung der Interessen, die den Selbstbewußtseinsvollzug leiten. Die Entfal-
tung seiner Ichtheorie hat Freud schließlich dahin geführt, die Ichinteres-
sen in Entsprechung zu Fichtes Konzeption als Interessen an der „Souveräni-
tät" und „Einheitlichkeit" des Individuums zu bestimmen. Entsprechend
verstehen Fichte und Freud den Selbstbewußtseinsvollzug, der in diesen
Interessen gründet, als den unabschließbaren Prozeß der Selbstbefreiung und
Einheitsbildung. Im Gegeninteresse an der Unselbständigkeit und Unein-
heitlichkeit bleibt das Individuum für Freud und Fichte dagegen an die dis-
parate Mannigfaltigkeit seiner unmittelbaren Vorgegebenheiten gebunden
und kann ihnen gegenüber keine Souveränität gewinnen.
Der fundamentale Unterschied zwischen beiden Theorien zeigt sich je-
doch, wenn man beachtet, daß Freud das ,Selbstbewußtsein' über den Be-
reich transparenter Selbstdurchsichtigkeit erweitert und es gerade als den
Vollzug bestimmt, in dem sich erst der Umkreis transparenter Selbsterfah-
rung umgrenzt. Die Konsequenz dieser Erweiterung ist schon im Hinblick
auf die Bewußtseinsstruktur des ,Selbstbewußtseins' gekennzeichnet worden
(s. o. S. 69 ff.). Dieser Struktur entsprechen ,bewußtseinsumgrenzende' In-
teressen, in denen sich das Individuum nicht schon zu seiner transparent
gegebenen unmittelbaren Konkretion verhält, sondern selbst erst im Hin-
blick auf die eigene Einheitlichkeit und Selbständigkeit bestimmt, in wel-
chen konkreten Interessen es sich überhaupt zugänglich werden will. Diesen
fundamentalen Aspekt der Interessen an der eigenen Selbsterfahrung konnte
Fichte in der Beschränkung auf die transparente Selbstgegebenheit nicht
mehr in seinen Ansatz einbeziehen.
Damit entzog sich ihm zugleich die Einsicht in die fundamentale Dimen-
sion der Einheitsbildung und Selbstbefreiung, die Freud in der Erweiterung
des ,Selbstbewußtseinsphänomens' ins Zentrum seiner Untersuchung rückt.
Im Ausgang von den Verdrängungen zeigt Freud, daß die Gebundenheit
des Individuums an unmittelbare' Vorgegebenheiten die weitgehende Un-
durchsichtigkeit dieser Gebundenheit einschließt. So steht das Ich in seinem
Streben nach Einheit und Selbständigkeit stets noch vor der Aufgabe, sich
die undurchschauten Zwänge aufzudecken, die so lange ungebrochen blei-

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126 II. Die psychoanalytische Idipsychologie

ben, als sie unbewußt sind. Die Selbstbefreiung und Einheitsbildung er-
weist sich damit wesentlich als Selbstaneignung, in der dem Individuum erst
die faktische Konkretion zugänglich wird, zu der es sich bewußt verhalten
kann. Zugleich gewinnt es erst in diesem unabschließbaren Prozeß fortschrei-
tend die Selbständigkeit und Einheitlichkeit, die es ihm ermöglicht, immer
neue Anteile seiner undurchsichtigen Konkretion anzueignen. Die je kon-
kret geleistete Integration erweist sich so als Vollzug, durch den das inte-
grierende Ich jeweils selbst als integrierende Instanz verwandelt wird.
Umgekehrt konnte Freud das Ausweichen vor dem Integrationsvollzug
als Selbsterfahrung verstehen, in der das Individuum sich nicht einfach be-
wußten vorgegebenen Motivationen seiner ,Unmittelbarkeit' überläßt, son-
dern sich die Gebundenheit an Vorgegebenheiten selbst verschleiert. Damit
täuscht es sich seine Einheitlichkeit und Selbständigkeit vor, indem es alle
die faktischen Interessen und Einstellungen ausklammert, die die eigene Ge-
spaltenheit und Unselbständigkeit offenbaren würden. Darin fixiert es die
eigene Triebgebundenheit, ohne daß diese Fixierung als solche sichtbar wer-
den könnte; sie ist nur indirekt in der Starrheit des eigenen Verhaltens und
in der Begrenztheit seiner Möglichkeiten faßbar.
In der Einschränkung seiner Analysen auf die transparente Selbstgege-
benheit konnte Fichte im Gegensatz zu Freud die Integration nur als die
Überwindung der Motivationskraft transparent gegebener unmittelbarer
Interessen verstehen. Die ,Kraft' zu dieser Überwindung gewinnt das Sub-
jekt in dem Vollzug der Tathandlung, durch die sich das Verhältnis des In-
dividuums zu seiner durchsichtigen Konkretion im ganzen ändert. Indem es
die universale Distanz zu allen unmittelbaren Motivationen und Einstellun-
gen gewinnt, kann es den Prozeß ihrer Umwandlung in Gang bringen und
ihm zugleich die absolute Selbständigkeit und Einheitlichkeit, die es in der
Tathandlung antizipiert, als leitendes Ziel der Verwandlung vorgeben. Die-
ser Konzeption der Selbstbefreiung stellt Freud seine Analyse der unab-
schließbaren Selbstaneignung, die das integrierende Ich fortschreitend ver-
wandelt, gegenüber.
Freuds deskriptive Erweiterung des ,Selbstbewußtseinsphänomens' ist
nicht mit der theoretischen Aufklärung der formalen Strukturen verbunden,
die seine empirischen Analysen voraussetzen. So konnte die vorangegangene
Interpretation drei theoretische Schwierigkeiten aufweisen, die sich aus
Freuds Analysen ergeben:
1. In seiner deskriptiven Analyse der Verdrängung bleibt Freud an den
traditionellen Begriff des Bewußtseins als transparenter Selbstdurchsichtig-
keit gebunden, obwohl seine Beschreibungen des ,bewußtseinsumgrenzen-

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4. Leistung und Grenzen der psychoanalytischen Theorie 127

den Handelns' die Frage nach einem ,Sehen' nahelegen, in dem sich jeweils
erst der Umkreis transparenter Selbstgegebenheit umgrenzt (s. o. S.51ff.;
69 ff.).
2. In seiner Aufklärung des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' als
gelungener oder mißlungener Integration setzt Freud einen Zeitbegriff vor-
aus, den die philosophische Tradition nicht entwickeln konnte, weil sie die
Zeit nicht im Ausgang von der Vermittlung zwischen Lebensganzheit und
aktuellen Interessen bestimmte. Das Problem dieser Zeitstruktur bleibt bei
Freud ungelöst (s. o. S. 119 ff.).
3. In seiner Analyse des Integrations Vollzuges, der sich allen seinen
Vorgegebenheiten gegenüber offenhält, scheint Freud eine Form der Synthese
beschrieben zu haben, die sich nicht mehr zureichend aus biologischen Vor-
aussetzungen erklären läßt (s. o. S. 108 ff.). Dann aber bleibt die Frage of-
fen, welchen Interessen das Individumm folgt, wenn es über die Grenzen
biologischer Zweckmäßigkeit hinaus nach Einheitlichkeit und Selbständig-
keit strebt.
Die drei genannten Probleme scheinen über den methodischen Ansatz
der Psychoanalyse als empirischer Wissenschaft hinauszuweisen und for-
dern die Ergänzung der psychoanalytischen ,Selbstbewußtseinskonzeption'
durch eine Analyse, die die strukturellen Implikationen der von Freud be-
schriebenen Phänomene aufklärt.26

26 Die folgende Interpretation unterscheidet sich wesentlich von den Versuchen L. Bins-
wangen und M. Boss', die Existenzialontologie für die Psychoanalyse fruchtbar zu
machen. Beide Autoren orientieren sich an Heideggers ontologischen Analysen des
menschlichen „Seinsverständnisses", um neue Perspektiven für die phänomenal zu-
reichende Beschreibung konkreter psychologischer und psychopathologischer Prozesse
zu gewinnen. Indem sie Heideggers apriorische Strukturanalysen zur Beschreibung und
Ordnung empirischen Materials heranziehen, verwischen sie den grundsätzlichen Un-
terschied zwischen der apriorischen Untersuchung von ,Bewußtseinsstrukturen' und
der Beschreibung und Klassifizierung von konkreten Bewußtseinsphänomenen. —
Boss hat seine Konzeption, die sich an Heideggers später Theorie des „Seinsgesche-
hens" orientiert, in seinem Buch „Psychoanalyse und Daseinsanalytik" (Bern und
Stuttgart 1957) entwickelt; Binswangers „Daseinsanalyse", die die „Daseinsanalytik"
Heideggers aus SZ aufnimmt, findet sich in „Ausgewählte Vorträge und Aufsätze Bd.
1 und 2" (Bern 1947 und 1965) und in seinem Buch „Grundformen und Erkenntnis
menschlichen Daseins" (Zürich 1953).

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Zweiter Teil
Die Daseinsanalytik Martin Heideggers als ontologische
Interpretation des interessegeleiteten Selbstbewußtseins
und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

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Die vorangegangene Interpretation hat Probleme der psychoanalytischen
Theoriebildung aufgewiesen, die über den methodischen Ansatz der Tiefen-
psychologie hinausweisen. Die folgende Untersuchung versucht nun zu zei-
gen, daß die existenzialontologische Analyse des interessegeleiteten Selbst-
bewußtseinsvollzuges diese Probleme theoretisch angemessen lösen kann. In
seiner ontologischen ,Selbstbewußtseinstheorie' hält Heidegger den formalen
Zusammenhang zwischen dem Selbstbewußtsein und den gegensätzlichen
leitenden Interessen des Ich grundsätzlich fest, aber entfaltet ihn neu auf
der ursprünglicheren Ebene des vorgegenständlichen Selbstbewußtseinsvoll-
zugs. Diese Dimension gewinnt Heidegger in seiner grundsätzlichen Kritik
des traditionellen Ansatzes der Selbstbewußtseinsproblematik, die zwar
daran festhält, daß das Sein des ,Ich' wesentlich ,Für-sich-sein' ist (s. o. S.
29), aber zugleich zeigt, daß dieses Für-sich-sein nicht als transparentes,
objektivierendes Vorstellen verstanden werden kann.
Diesen Grundansatz Heideggers entfaltet die folgende Untersuchung in
der Interpretation von „Sein und Zeit". Das erste Kapitel klärt die formale
Struktur des vorgegenständlichen, spielraumartigen Selbstbewußtseins, das
sich für Heidegger im Interesse des ,Ich' an seinem Sein eröffnet und je-
weils umgrenzt. Dabei wird sichtbar, daß die existenzialontologische Erwei-
terung des Selbstbewußtseins über das objektivierende Vorstellen hinaus
das theoretische Fundament für die psychoanalytischen Deskriptionen bie-
ten kann, ohne Freuds unphänomenale radikale Trennung zwischen Bewuß-
tem und Unbewußtem übernehmen zu müssen. Die beiden folgenden Kapi-
tel zeigen, daß Heidegger die leitenden Interessen des ,Ich' wie Freud als
Interessen an der Selbständigkeit und Identität versteht und dabei eine Kon-
zeption des bewußtseinsumgrenzenden Handelns entwickelt, die die „Ver-
drängung" als Gliederung eines einheitlichen Spielraums der Selbsterfah-
rung verständlich macht und hinsichtlich ihrer Zeitstruktur aufklärt. In der
Kritik an Heideggers Position wird aber zugleich deutlich, daß die bloße Er-
weiterung des Selbstbewußtseins noch nicht ausreicht, um die Aspekte der
Selbsterfahrung, die Freud in seinen Theorien der „Triebe" und „Trieb-
schicksale" faßt, vollständig zu begründen.

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132 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

1. Die formale Struktur des interessegeleiteten


Selbstbewußtseinsvollzugs

a) Der methodische Ansatz der Selbstbewußtseinsproblematik:


Die Frage nach dem „Sinn von Sein" ermöglicht die Frage nach
der ursprünglichsten Selbsterfahrung des „Daseins"

Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit" stellt „die Frage nach dem Sinn
von Sein" (SZ, 1). Mit dieser Problemstellung weist Heidegger auf ein grund-
legendes ,Versäumnis' der philosophischen Tradition hin. Seit der antiken
Ontologie bestimmt die Philosophie nämlich den Sinn von Sein selbstver-
ständlich und zumeist unausdrücklich als „Vorhandensein" (42), d.h. als
,Gesetztsein' bzw. gegenständlich Vorliegen' (ύπάρχειν). Damit ist ,Sein'
unbefragt als Korrelat eines objektivierenden Vorstellens angesetzt, das
seine Gegebenheiten als ,Gegenständlichkeiten' erfaßt.
In der Entfaltung seiner eigenen Fragestellung hält Heidegger den An-
satz der traditionellen ,Bewußtseinsphilosophie' noch insofern grundsätzlich
fest, als er ,Sein' als Korrelat des „Seinsverständnisses" einführt (372). Zu-
gleich eröffnet er sich aber mit der ausdrücklichen Frage nach dem Sinn von
,Sein' die Möglichkeit, andere „Seinsweisen" außer dem „Vorhandensein"
und andere Zugangs arten außer dem objektivierenden Vorstellen aufzudek-
ken. So entfaltet Heidegger denn auch in seiner „Analytik des Daseins"
(15) einen selbständigen Seinssinn, „der wesentlich (ich) ,bin'-Sinn ,ist', der
nicht im theoretischen Meinen genuin gehabt wird, sondern gehabt im Voll-
zug des ,bin'" Dieser Sinn von ,Sein' ist deshalb der ursprünglichste, weil
sich Seinsverständnis überhaupt nur im Sein des Ich als Verständnis des ,ich-
bin' eröffnet: „Seinsverständnis ist selbst eine Seinsbestimmtheit des Da-
seins" (12). Dem genuinen Verständnis des ,ich-bin' gehört ein ur-
sprüngliches Verständnis des Seins der ,Umweltobjekte' zu, in dem sie eben-
falls nicht als vorhandene Gegenständlichkeiten erfaßt, sondern in ihrer „Zu-
handenheit" (69) zugänglich werden. Damit erweist sich nun die Vorhanden-
heit als sekundärer Seinssinn, der in der philosophischen Tradition zu Un-
recht verabsolutiert worden ist. Die „Frage nach dem Sinn von Sein über-
haupt" (372) steht nun vor der Aufgabe, den einheitlichen Verständnishori-
zont der verschiedenen deskriptiv faßbaren Seinsweisen aufzuklären und so
den für alle gemeinsamen ,Sinn' verständlich zu machen.

ι Das Zitat ist der unveröffentlichten Rezension Heideggers „Zu Karl Jaspers, Psycho-
logie der Weltanschauungen" entnommen, die mir E. Tugendhat zur Verfügung ge-
stellt hat.

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 133

Mit der Frage nach dem genuinen Sinn des ,ich-bin' und der zugehöri-
gen Verständnisweise hat Heidegger einen Ansatz für die Selbstbewußt-
seinsproblematik' gewonnen, den die philosophische Tradition grundsätzlich
nicht erreichen konnte. Solange nämlich auch für das Sein des Ich selbstver-
ständlich der ,Seinssinn' der „Vorhandenheit" festgehalten wird, ist auch
schon die Zugangsweise des Ich zu sich selbst unbefragt auf das theoretische
Vorstellen einer Gegenständlichkeit festgelegt. Damit aber vollzieht sich die
traditionelle Untersuchung des Ich lediglich als „Blickwendung vom Objekt
zum Subjekt; mit dieser kantianistischen Umwendung ist nur der Gegen-
stand vom Objekt ins Subjekt gezogen; das Erkennen qua Erkennen bleibt
dasselbe unerkannte Phänomen"2. Indem Heidegger aber nun nach dem
genuinen, eigenständigen Sinn des ,ich-bin' fragt, kann er die spezifische
,Erkenntnisart' des Ich ausdrücklich zum Problem machen und nach der
ursprünglichsten Weise des ,Sich-Gegebenseins' fragen, in der der Sinn des
,ich-bin' zugänglich wird. Für diesen Ansatz wird das ,Selbstbewußtsein' als
Zugangsweise zu sich selbst faßbar, die im puren faktischen Sein des Ich
liegt und für dieses Sein selbst konstitutiv ist (s. u. S. 136 ff.).
Dieser ontologisch bestimmte Ansatz der Selbstbewußtseinsproblematik
zeichnet der Daseinsanalytik ihre Methode vor. Weil sie nach einem Ver-
ständnis fragt, in dem das Ich sich schon unausdrücklidi hält, sofern es über-
haupt ist, muß sie als „Hermeneutik" angesetzt werden, in der „dem zum
Dasein selbst gehörigen Seinsverständnis der eigentliche Sinn von Sein und
die Grundstrukturen seines eigenen Seins kundgegeben werden" (37). Für
diese „Auslegung" hält Heidegger grundsätzlich das transzendentalphilo-
sophische Verständnis philosophischer Methode fest. Er stellt der „ontischen
Auslegung" (199), die die empirisch faßbaren Bestimmungen eines Seienden
thematisiert, die philosophische „Aprioriforschung" (50) gegenüber, die die
„Bedingung der Möglichkeit" (199) ontischer Phänomene aufklärt. Heideg-
ger unterscheidet sich aber von der Transzendentalphilosophie dadurch, daß
er als ,apriorische' Bedingung der Möglichkeit die „je schon zugrunde lie-
gende Seinsverfassung" (199) des Seienden ansetzt, die im Seinsverständ-
nis zugänglich wird. Damit ist die „Hermeneutik" als „apriorisch-ontolo-
gische" Forschung eingeführt (199).
Die grundsätzliche Kritik der traditionellen Selbstbewußtseinstheorien,
die in Heideggers ontologischem Ansatz der ,Selbstbewußtseinsproblematik'
impliziert ist, hat Heidegger selbst nur sehr summarisch in der Auseinander-
2 Das Zitat ist einer Nachschrift der Vorlesung „Ontologie (Hermeneutik der Faktizi-
tät)" entnommen, die Heidegger im SS 1923 gehalten und bisher noch nicht veröffent-
licht hat. Die Kenntnis des Textes verdanke ich E. Tugendhat.

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134 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

setzung mit den wesentlichen Positionen der traditionellen Reflexionstheorie


durchgeführt 3 . Dabei bleibt die Selbstbewußtseinskonzeption Fichtes, die
selbst schon im Gegenzug zum Reflexionsmodell Kants entwickelt wurde
(s. o. S.25f.), unberücksichtigt. Der Vergleich zwischen dem idealistischen
und dem existenzialontologischen Ansatz des Selbstbewußtseinsproblems
scheint aber zu zeigen, daß Heideggers ontologischer Neuansatz auch Fichtes
Konzeption prinzipiell überwindet und als Theorie sichtbar macht, die den
traditionellen Sinn des ,ich-bin' und die Zugangsweise zu ihm in ihren theo-
retischen Modifikationen des Reflexionsmodells immer noch festhält.
Heidegger stößt mit seiner ontologisch bestimmten Frage nach dem
Selbstbewußtsein in einen Phänomenbereich vor, den Fichte zwar als Ur-
sprungsdimension der philosophischen Problemstellung in Anspruch genom-
men, aber nicht mehr selbst aufgeklärt hat. Fichte geht in der Entfaltung
der philosophischen „Spekulation" von den gegensätzlichen Grundinteres-
sen des empirischen Ich aus, die aller Theoriebildung vorausgehen und die
Praxis des faktischen Lebensvollzugs selber leiten. „Idealismus" und „Dog-
matismus" sind lediglich Versuche, die gegensätzlichen Interessen, die den
Standpunkt des „Lebens" bestimmen, audi theoretisch zu rechtfertigen. Zu-
gleich sieht Fichte, daß diese Interessen des Ich schon eine Weise des ,Selbst-
bewußtseins' einschließen, weil sie wesentlich Interessen „für uns selbst"
(1,433) sind. Im Interesse an sich selbst ist das Ich unmittelbar an einer
bestimmten ,Sicht' seiner selbst interessiert, die den Lebensvollzug leitet.
So gilt für den „Idealisten": „Er glaubt an seine Selbständigkeit aus Nei-
gung, er ergreift sie mit Affekt" (1,434). Diese vortheoretische Dimension
des ,Sich-Habens' untersucht Fichte jedoch nicht. Er beschränkt sich auf das
Selbstbewußtseinsphänomen, das zwar durch das vortheoretische Interesse
an der Selbständigkeit begründet wird, ihm aber doch nur insofern ent-
springt, als dieses Interesse sich theoretisch zu rechtfertigen versucht. So ist
die „Tathandlung" kein Phänomen des vortheoretischen Lebensvollzugs
mehr, sondern wird erst für das Interesse an der Rechtfertigung des ,Trie-
bes zur Selbständigkeit' sichtbar. Entsprechend expliziert es Fichte auch
schon im Hinblick auf die theoretisch gewonnene Antinomie zwischen Den-
ken und Handeln und das in ihr implizierte Verständnis der Selbständigkeit
als Spontaneität (s. o. S. 25ff.), ohne zu fragen, ob sich diese Antinomie über-
haupt innerhalb der Lebenspraxis stellt. So orientiert sich die philosophische

3
In „Sein und Zeit" setzt sich Heidegger nur mit Descartes (45 f., 24), Kant (318 ff.)
und unausdrücklich mit Husserl (115, 136, 265, 373) auseinander und faßt dabei die
Kritik zusammen, die er in seinen frühen Vorlesungen ausführlich entfaltet hatte,
über den Deutschen Idealismus hat Heidegger erst 1929 gelesen.

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 135

Rechtfertigung der vortheoretischen Interessen schon an Phänomenen und


Problemstellungen, die nicht mehr aus dem Phänomenbereich der Lebens-
praxis geschöpft sind.
Heidegger hält den Grundansatz Fichtes insofern fest, als er das Selbst-
bewußtsein' als interessegeleiteten Vollzug versteht, in dem das Ich selbst
noch über die eigene ,Selbstgegebenheit' bestimmt. Aber er thematisiert nun
die Zugangsweise zu sich selbst, die in den vortheoretischen Interessen des
Ich „für sich selbst" impliziert ist, sofern diese Interessen die faktische Le-
benspraxis leiten. Dabei versucht er zu zeigen, daß sich in diesen unmittel-
baren Interessen mit dem ,Selbstbewußtsein' überhaupt erst die je verschie-
dene vortheoretische ,Sicht' eröffnet, die die faktische Lebenspraxis leitet.
Die Interessen und die zugehörigen Sichtweisen der Lebenspraxis Rechtfer-
tigt* Heidegger in der Aufklärung ihres Ursprungs im Lebensvollzug selbst.
Diese Untersuchung des faktischen Lebensvollzugs gibt den methodischen
Anspruch der Selbstbewußtseinstheorie Fichtes nicht auf. Indem Heidegger
die deskriptiven Analysen der vortheoretischen Interessen und ihrer Sicht
als Aufklärung der „Seinsverfassung" des Ich durchführt, untersucht er in
Entsprechung zu Fichte die Bedingung der Möglichkeit der faktischen ,Er-
fahrung' (s. o. S. 133). Heidegger unterscheidet sich aber dadurch von
Fichte, daß er in seinem ontologischen Ansatz das Apriori des ursprüng-
lichen, faktischen Lebensvollzugs aufweist (vgl. SZ, 229).

Dem dargestellten Unterschied zwischen dem thematisierten Phänomen-


bereich entspricht der Unterschied in der explizierten Struktur des Selbst-
bezuges. Indem Fichte das Selbstbewußtsein schon im Interesse an theoreti-
scher Ausweisung untersucht, überwindet er die transparente und objekti-
vierende Zugangsweise des Ich zu sich selbst gar nicht grundsätzlich, sondern
modifiziert sie nur im Hinblick auf theoretische Schwierigkeiten des Re-
flexionsmodells. Fichte sieht zwar, daß das reflektierende Sich-Vorstellen
das Ich nur als fixierte Gegenständlichkeit erfaßt, die vom vorstellenden Sub-
jekt abgetrennt ist (s. o. S. 25 f.). Aber er gibt für das Selbstbewußtsein nicht
grundsätzlich die Konzeption einer ,Relation' zwischen Subjekt und Objekt
auf, die sich im ,Vorstellen von . . . ' herstellt. Vielmehr führt er mit der
„intellektuellen Anschauung" nur eine Weise des Vorstellens ein, in der
das Vorstellen unmittelbar mit dem ,Vorgestellten' verbunden ist und so die
unmittelbare Einheit von Subjekt und Objekt ermöglicht. In dieser Konzep-
tion ist das Ich natürlich nicht mehr als fixierte Gegenständlichkeit, als ,res
cogitans' oder ,Aktpol' bestimmt, aber es wird doch grundsätzlich noch als
Gegebenheit für ein transparentes Wissen gefaßt, auch wenn diese Gege-

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136 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

benheit nun der lebendige Vollzug des „in sich zurückkehrenden Handelns"
ist.
Heidegger bestimmt dagegen das ursprüngliche Selbstbewußtsein als die
Zugangsweise des Ich zu sich selbst, in der das Ich noch im Interesse für
sich selbst die leitende ,Sicht' seiner Lebenspraxis festlegt. In diesem Selbst-
bezug wird nicht eine Gegebenheit vorgestellt, sondern die eigene ,Gelichtet-
heit' der Lebenspraxis ,vollzogen' (s. u. S, 138 ff.). Damit erreicht Heidegger
eine Dimension der Selbsterfahrung, für die der Ansatz einer ,Subjekt-Ob-
jekt-Beziehung' sinnlos wird.
So scheint sich zu zeigen, daß Heideggers ontologisch begründete Kritik
der Tradition auch Fichtes Selbstbewußtseinstheorie trifft und sie überwin-
det. Damit erreicht Heidegger, wie sich zeigen wird, eine theoretische Kon-
zeption, die den Deskriptionen der Psychoanalyse ihr theoretisches Funda-
ment bieten kann.

b) Die existenzialontologische Selbstbewußtseinskonzeption:


Das Verhältnis zu sich selbst als Vollzug des eigenen „Zu-sein"
in der „Hin- oder Abkehr" gegenüber sich selbst 4
Nachdem der ontologische Neuansatz der ,Selbstbewußtseinsproblema-
tik' umrissen und gegen die philosophische Tradition abgehoben ist, soll im
folgenden Heideggers ontologisch bestimmte Konzeption der ursprünglichen
Selbstgegebenheit ausdrücklich entfaltet werden.
Heidegger definiert die genuine Seinsweise des ,Ich', indem er sie als
„Vollzug des ,bin"' (Jaspers-Rezension) bestimmt, der dem ,Ich' vor- und
aufgegeben ist (SZ, 284). Damit ist das ,Ich' als Seiendes eingeführt, das
„je sein Sein als seiniges zu sein hat" (12). Das Sein, das stets noch zu voll-
ziehen ist, stellt Heidegger als das „Zu-sein" des „Daseins" (42) dem „Vor-
handensein" des gegenständlich erfaßten ,Subjectum' gegenüber (114).
Wenn das Dasein sein Sein ständig noch zu vollziehen hat, dann ist es
überhaupt nur, indem es sich im Interesse an seinem Sein zu diesem Sein
verhält. „Das Dasein ist ein Seiendes", dem es „in seinem Sein um dieses
Sein selbst geht" (12). „Das Dasein ist so, daß es umwittert seiner existiert"

4
Die folgende Interpretation des existenzialontologischen ,SelbstbewußtseinsbegrifF
kann nicht den Anspruch einer selbständigen Analyse erheben. Sie übernimmt viel-
mehr nur die Interpretation, die E. Tugendhat vorgelegt hat, und bezieht sie auf das
leitende Problem des interessegeleitetfen Selbstbewußtseinsvollzugs. Daher bemüht
sie sich um eine möglichst kurze Darstellung. Die ausführlichere und deskriptiv aus-
weisende Interpretation findet sich in E. Tugendhat: Der Wahrheitsbegrifi bei Hus-
serl und Heidegger. Berlin 1970; S. 299—309.

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 137

(WG, 37). Das interessierte Verhältnis zu sich selbst bezeichnet Heidegger


zunächst als „Bekümmerung" (Jaspers-Rezension), dann als „Sorge" (SZ,
57). Weil es dem Dasein in diesem Verhältnis immer um das eigene Sein
als solches geht (42), sind alle „an diesem Seienden herausstellbaren Cha-
raktere . . . je ihm mögliche Weisen zu sein und nur das. Alles So-sein dieses
Seienden ist primär Sein" (42).
Der „Vollzug des ,bin'", der dem Dasein aufgegeben ist, läßt sich in zwei-
facher Hinsicht betrachten. Sofern das Sein des Daseins für das interessierte
Verhältnis zu ihm noch offen und bestimmbar ist, ist das Dasein Möglich-
sein: „Das Seiende, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht, verhält
sich zu seinem Sein als seiner eigensten Möglichkeit" (42). Diesen Möglich-
keitscharakter des „Zu-Sein" nennt Heidegger „Existenz" (42) bzw. „Ent-
wurf" (145). Als Möglichsein steht das Dasein immer schon in einem Spiel-
raum von Möglichkeiten seines Seins, unter denen es wählen muß (285). —
Sofern das Interesse des Daseins an seinem Sein aber schon der Aufgabe des
„Zu-sein" entspringt, ist das Dasein „seinem eigenen Sein überantwortet"
(42). Diese überantwortung des Daseins an sein „,Daß es ist und zu sein
hat'" (134) bezeichnet Heidegger als die „Faktizität" (135) oder „Gewor-
fenheit" (135) des Daseins.
Diese beiden Aspekte des „Zu-sein" dürfen nicht als isolierbare Struk-
turen verstanden werden, aus denen das „Zu-sein" gleichsam zusammen-
gesetzt' wäre 5 . Vielmehr ,überschneiden' sie sich gewissermaßen und bilden
so die untrennbaren Seiten der einheitlichen Seins weise des ,ich-bin'. So ist
das Dasein in der „überantwortung" an sein Sein immer schon „in die Exi-
stenz geworfen" (276). Darin ist dem Dasein auch immer schon ein be-
stimmter „Spielraum des faktischen Seinkönnens" (145) vorgegeben. Um-
gekehrt „entwirft" das Dasein im interessierten Verhältnis zu seinem Sein
auch noch die Weise, wie es sich mit der Aufgegebenheit dieses Seins kon-
frontiert. Auch in diesem ,Entwurf' der eigenen Faktizität existiert es „so,
daß es sich auf Möglichkeiten entwirft, in die es geworfen ist" (284).
In der Explikation der genuinen Seinsweise des ,ich-bin' ist die formale
Struktur des Selbstbezugs sichtbar geworden, die für Heidegger leitend ist:
Im interessierten Verhältnis zum eigenen „Zu-sein" verhält sich das Dasein
schon zu der Aufgegebenheit dieses „Zu-sein", die das Interesse überhaupt
motiviert und die im Interesse immer schon so oder so übernommen ist.

5 Dieses Verständnis wird durch Heideggers Entfaltung des „Zu-sein" als „Sorge"
(§ 41) nahegelegt, in der das Sein des Daseins als in sich gegliederte „Strukturganz-
heit" (vgl. 196) interpretiert wird. Darin ist aber der deskriptive Grundansatz Hei-
deggers aufgegeben (s. u. S. 148 ä.).

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138 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

In dieser ,Bekümmerung" um das eigene Sein eröffnet sich für Heideg-


ger ursprünglich die ,Sicht' des Daseins auf sein Sein. Sofern es dem Dasein
„in seinem Sein um dieses Sein selbst geht", „versteht ((es)) sich in irgend-
einer Weise und Ausdrücklichkeit in seinem Sein. Diesem Seienden eignet,
daß mit und durch sein Sein dieses ihm selbst erschlossen ist" (12). Gerade
weil sich das Dasein sein Sein ursprünglich nur im und für das Interesse am
eigenen „Zu-sein" aufschließt, ist in der „Erschlossenheit" dieses Seins das
„Zu-sein" nicht vorgestellt, sondern selbst vollzogen. Dann aber muß das
Sein des Daseins selbst als „Erschlossenheit" verstanden werden, die im in-
teressierten Erschließen so oder so ,vollzogen' wird. Indem Heidegger diese
Erschlossenheit als das „Da" des Daseins bezeichnet, kann er sagen: „Das
Sein, darum es diesem Seienden in seinem Sein geht, ist, sein ,Da' zu sein."
„Das Dasein ist seine Erschlossenheit" (133).
Für das Verständnis des „Zu-sein" als „Erschlossenheit" zeigt sich die
„Geworfenheit" des Daseins nun als die „Überantwortung" an die eigene
„Unverschlossenheit" (132). Das interessierte Verhältnis zur eigenen Fak-
tizität ist deshalb wesentlich die „Erschlossenheit des Seins des Da in seinem
Daß" (135), das im interessierten Erschließen selbst schon so oder so voll-
zogen wird. — Im „Entwurf" übernimmt das Dasein sein „Da", das ihm
zu vollziehen vorgegeben ist, „als Da eines Seinkönnens" (145). Das inter-
essierte Verhältnis zur eigenen Existenz ist deshalb wesentlich die „Erschlos-
senheit des Da als Da eines Seinkönnens" (145), das im interessierten Er-
schließen selbst schon auf bestimmte faktische Seinsmöglichkeiten entwor-
fen wird.
Das „Da", das das Dasein im Vollzug seines Seins vollzieht, versteht
Heidegger als die umfassende und ursprüngliche „Unverschlossenheit" (132)
des Daseins, in der es vorgängig für alles, was ihm in irgendeiner Weise zu-
gänglich werden kann, geöffnet ist. Darum bezeichnet Heidegger diese „Lich-
tung" (133), die das Daisein selbst ist, als „In-der-Welt-sein" (133) des
Daseins. „Durch sie ist dieses Seiende (das Dasein) in eins mit dem Dasein
von Welt für es selbst ,da"' (132). Im interessierten Vollzug der eigenen
Erschlossenheit eröffnet und umgrenzt das Dasein also selbst noch den ein-
heitlichen Lichtungsspielraum, innerhalb dessen es sich in seinen eigenen
Möglichkeiten zugänglich wird und darin die eigene Sicht und das eigene
Verhältnis zur Umwelt festgelegt (s. u. S. 139ff.) 6 . Damit ist nun die

6 Indem die Interpretation das „Da" als den einheitlichen Spielraum des Begegnens
überhaupt einführt, radikalisiert sie die Ansätze zu dieser Konzeption, die sich schon
in SZ finden, aber erst in den Schriften nach der „Kehre" ausgearbeitet sind (s. E. Tu-
gendhat: Wahrheitsbegrifi; S. 272—277, 313, 3 9 9 - 4 0 2 ) . Den für Heidegger selbst

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 139

spezifische ,Bewußtseinsstruktur' sichtbar geworden, die Heidegger im onto-


logischen Ansatz der Selbstbewußtseinsproblematik gewinnt: Der Vollzug,
in dem das Dasein sich in der „Bekümmerung" um sich selbst zu seinem ei-
genen Sein verhält, muß wesentlich als der Vollzug verstanden werden, in
dem das Dasein im Interesse an seinem „In-der-Welt-sein" selbst noch den
eigenen ,Lichtungsspielraum' der konkreten Selbst- und Welterfahrung um-
grenzt und bestimmt. In diesem interessierten Vollzug verhält sich das Da-
sein immer schon zu der Aufgabe des eigenen „Zu-sein", d.h. zu seiner
Überantwortung an das „Daß des Da" und ,bewältigt' diese Aufgabe, indem
es die vorgegebene unbestimmte „Unverschlossenheit" in dieser oder jener
Weise umgrenzt und bestimmt.
In der Überantwortung an die eigene Unverschlossenheit sind zwei ge-
gensätzliche Interessen des Daseins angelegt, in denen es sich mit dem „Daß
des Da" auseinandersetzt. Heidegger unterscheidet sie als „An- und Abkehr"
von der eigenen Geworfenheit (135). Sofern dem Dasein das eigene Da in
der Geworfenheit selbst überlassen wird, entspringt der Geworfenheit das
Interesse des Daseins, „sich zueigen" (42) zu sein und sein Zu-sein selb-
ständig zu vollziehen (s. u. S. 162 ff.). Sofern das Dasein diese radikale Selbst-
überlassenheit auch immer schon als „Last" (134) erfährt, entspringt der
Geworfenheit auch immer das Interesse an der ,Unbelastetheit' durch die ei-
gene Selbstüberlassenheit. In diesem Interesse „besorgt" das Dasein, „seiner
selbst als In-der-Welt-sein ledig zu werden" (172) und die eigene Selbstän-
digkeit aufzugeben (§ 27). Innerhalb der Spannung dieser beiden untrenn-
baren Grundinteressen am „Zu-sein" vollzieht das Dasein jeweils die Um-
grenzung und Bestimmung des eigenen ,Lichtungsspielraums', der dem Da-
sein in seiner Geworfenheit als unbestimmte faktische Unverschlossenheit
vorgegeben ist.
Die bisherige Interpretation hat die formalen Strukturen des ursprüng-
lichen ,Selbstbewußtseins' konstruktiv aus der eigenständigen Seinsweise
des ,ich-bin' entwickelt. Diese Konstruktion fordert ihre deskriptive Aus-
weisung an Erschlossenheitsweisen des faktischen Daseins, in denen das ei-
gene „Da" als „Da" des „Zu-sein" zugänglich und zugleich schon in der
Weise der „Hin- oder Abkehr" vollzogen wird.
Für die „Erschlossenheit des Seins des Da in seinem Daß" (135) nimmt
Heidegger die „Stimmung" in Anspruch, in der dem Dasein jeweils so oder
so ,zumute' ist. Das „Gestimmtsein" betrachtet Heidegger als ontologisches

leitenden Begriff des „Da" als der „gleichursprünglichen Erschlossenheit von Welt, Mit-
dasein und Existenz" (137) berücksichtigt sie nur in der Kritik der unangemessenen
sekundären Selbstbewußtseinskonzeption Heideggers (s. u. S. 148 ff.).

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140 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

Grundphänomen und bezeichnet es als „Befindlichkeit" (134). „In diesem


,wie einem ist' bringt das Gestimmtsein das Sein in sein ,Da'" (134), indem
es das Da als den einheitlichen LichtungsSpielraum des In-der-Welt-seins
eröffnet (137). In diesem stimmungsmäßigen Sich-Öffnen für das „Seiende
im Ganzen" (vgl. WM, 27 f.) ist das „Da" auch immer schon in seinem
„Daß" erfahren. Der spezifische ,Affektcharakter' der Stimmung liegt näm-
lich im „Charakter des Betroffenwerdens" (137), das Heidegger als ur-
sprüngliche „Betroffenheit" durch die „Last" des Zu-sein (134) interpre-
tiert (141, § 40). In dieser Betroffenheit durch die Last des vor- und auf-
gegebenen „Da" wird die „Geworfenheit" dieses Seienden in sein „Da" ur-
sprünglich ,erlitten' und eben darin als Geworfenheit erfahren, die „in einem
Anschauen nie vorfindlich" werden könnte (135).
Weil dem Dasein in seinen Stimmungen jeweils so oder so ,zumute' sein
kann, schließt die „Betroffenheit" durch die Last des „Da" auch immer noch
die Möglichkeit ein, sich im Interesse an der eigenen Geworfenheit zu ihr
zu verhalten: „Die Stimmung erschließt nicht in der Weise des Hinblickens
auf die Geworfenheit, sondern als An- und Abkehr. Zumeist kehrt sie sich
nicht an den in ihr offenbaren Lastcharakter des Daseins, am wenigsten als
Enthobensein in der gehobenen Stimmung. Diese Abkehr ist, was sie ist,
immer in der Weise der Befindlichkeit" (135). Im interessierten Verhältnis
zum eigenen „Daß des Da" eröffnet und umgrenzt das Dasein nun auch
immer schon den jeweiligen Spielraum seiner faktischen Existenzmöglich-
keiten. In dem „,wie einem ist'" ist das Dasein immer schon für Möglich-
keiten des In-der-Welt-seins .aufgeschlossen' oder ,verschlossen': „In der
Weise der Gestimmtheit ,sieht' das Dasein Möglichkeiten, aus denen her
es ist" (148). Indem Heidegger das „Woraufhin des Entwurfs" als „Sinn"
interpretiert (151 f.), nimmt er die Stimmung als die Erschlossenheitsweise
in Anspruch, in der das Dasein sich ursprünglich die faktischen Sinnhori-
zonte seines Existenzvollzuges zugänglich macht (vgl. 383). Zugleich über-
läßt er „ontologisch grundsätzlich die primäre Entdeckung der Welt der
,bloßen Stimmung'" (138), die die „unstete, stimmungsmäßig flackernde"
(vgl. 138) „Angänglichkeit" (137) des Daseins durch das „innerweltliche
Seiende" begründet.
Damit ist für die Befindlichkeit deskriptiv sichtbar geworden, wie das
interessierte Verhalten zum eigenen Zu-sein selbst die Weise ist, in der das
Dasein den jeweils konkreten Lichtungs Spielraum seines faktischen Existenz-
vollzugs umgrenzt und bestimmt. Das konkrete Existieren erscheint so als
die ständig neu zu leistende ,Bewältigung' der eigenen Geworfenheit in der
Bestimmung der konkreten Selbst- und Welterfahrung (s. u. S. 142).

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 141

Das Dasein übernimmt sein „Da", das ihm in der Stimmung vor- und
aufgegeben ist, indem es sich auf Möglichkeiten der „Weltoffenheit" ent-
wirft. Diese Erschlossenheitsweise des „Entwurfs" bezeichnet Heidegger
als „Verstehen". Für ihre deskriptive Einführung orientiert er sich an dem
„Ausdruck ,etwas verstehen' in der Bedeutung von ,einer Sache . . . gewach-
sen sein',,etwas können'" (143).
Im Verstehen als Seinscharakter ist das Dasein aber nicht nur bestimm-
ten Handlungsvollzügen gewachsen', sondern es versteht sich auf sein Da-
sein als solches, das ihm zu vollziehen aufgegeben ist: „Das im Verstehen
als Existenzial Gekonnte ist kein Was, sondern das Sein als Existieren"
(143). Entsprechend erschließt das Verstehen jeweils den einheitlichen Lich-
tungsspielraum des In-der-Welt-seins immer schon als „Da eines Seinkön-
nens" (145). Sofern sich das Dasein im Erschließen des „Da" auf sein Sein
als Vollzug versteht, muß dieses Verstehen den Erschlossenheitscharakter
des ,Wissens wie' haben. In dieser Weise des Wissens ist das eigene „Da"
nicht gegenständlich und „thematisch erfaßt" (145), sondern als noch offe-
nes und unbestimmtes In-der-Welt-sein auf ein mögliches Wie entworfen.
So verhält sich das Dasein im Verstehen schon zu seinem eigenen Sein als
Möglichsein, indem es dieses Sein auf Möglichkeiten hin erschließt. „Als
solches Verstehen ,weiß' es ((das Dasein)), woran es mit ihm selbst, das
heißt seinem Seinkönnen ist. Dieses ,Wissen' ist nicht erst einer immanen-
ten Selbstwahrnehmung erwachsen, sondern gehört zum Sein des Da, das
wesenhaft Verstehen ist" (144).
Im Entwurf von Möglichkeiten des In-der-Welt-seins entscheidet das
Dasein jeweils auch noch über die Weise seines Verstehens und damit über
die Weise seines Seinkönnens als solche: „das Verstehen hat als Seinkönnen
selbst Möglichkeiten" (146). Das Dasein kann „sich verlaufen und verken-
nen" (144), indem es sich den genuinen Möglichkeitscharakter seines Seins
verdeckt und sich darin von sich ,abkehrt'. Es kann sich aber auch in seinem
Seinkönnen „durchsichtig" (146) werden und es damit ursprünglich über-
nehmen. So liegt im ,Wissen wie' immer schon das interessierte Verhältnis
zum genuinen Möglichsein, das dem Dasein in der Geworfenheit vorgegeben
ist.
In diesem Verhältnis legt das Dasein die einheitliche ,Perspektive' fest,
die sein Verhalten zu seiner Umwelt leitet und die Gegebenheitsweise der
Umweltgegebenheiten für dieses Verhalten festlegt: Weil das Dasein sich
im Verstehen auf Möglichkeiten des In-der-Welt-seins entwirft, um die es
ihm geht, wird das „innerweltliche Seiende" ursprünglich für den „besor-
genden Umgang" (vgl. 57) mit ihm als das Seiende zugänglich, was ,zu et-

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142 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

was da' ist. Diesen Seinscharakter des ,Um zu' (vgl. 68) faßt Heidegger als
die „Zuhandenheit" des innerweltlichen Seienden. Mit dem „Zuhandenen"
erschließt die Perspektive des Entwurfs auch immer das „Mitdasein" der
anderen (§ 26), mit denen oder gegen die das Dasein je sein Seinkönnen
vollzieht.
Die Perspektive, die sich im Verstehen von Möglichkeiten eröffnet, in-
terpretiert Heidegger als „Sinn": „Sinn ist das . . . Woraufhin des Entwurfs,
aus dem her etwas als etwas verständlich wird" (151). Dieses Verständnis
umfaßt einheitlich das eigene Verhalten und das in ihm begegnende Seiende.
Während sich das Dasein in der Befindlichkeit das „Da" als Sinnhorizont
vorgibt, legt es sich im Entwurf einer Möglichkeit des Daseins auf ein be-
stimmtes Verständnis seiner selbst und der Umwelt fest.
Die vorangegangene Interpretation hat die Weise des ,Selbstbewußt-
seins' aufzuweisen versucht, die im ,ich-bin' selbst impliziert und für diese
Seinsweise selbst konstitutiv ist. Dabei wurde sichtbar, daß für die Gegeben-
heit des „Zu-sein" die Struktur des reflexiven ,Sich-Denkens' grundsätzlich
irrelevant bleibt. Vielmehr zeigte sich, daß der Vollzug des ,ich-bm' vor aller
Reflexion auf das ,Ich' in sich selbst „gelichtet" (133) ist und nur darum
überhaupt als Vollzug möglich wird, den das Dasein je selbst zu bestimmen
hat.
Zugleich hat die Selbstbewußtseinsinterpretation den für Heidegger
grundlegenden Zusammenhang' zwischen dem Verständnis des eigenen Seins
und der konkreten Erschlossenheit des jeweiligen In-der-Welt-seins aufge-
klärt. Weil das Dasein in allem konkreten So-sein primär sein Sein vollzieht
(s. o. S. 137) bestimmt sich die konkrete Selbst- und Welterfahrung aus
der primären Auseinandersetzung mit dem eigenen „Zu-sein". In allen kon-
kreten Verhaltensweisen und Interessen geht es dem Dasein primär im In-
teresse an der Hin- oder Abkehr darum, das eigene „Zu-sein" hinsichtlich der
Geworfenheit und des Entwurfs zu bewältigen. Damit begründet Heideg-
ger den konkreten Seinsvollzug in der apriorischen Seinsverfassung des Da-
seins.

c) Das Problem des Verhältnisses zwischen der existenzialontologischen


Selbstbewußtseinskonzeption und der psychoanalytischen Gliederung
der Psyche

Die vorliegende Interpretation ist von der Erwartung ausgegangen, der


existenzialontologische ,BewußtseinsbegrifP könne zur Lösung der theoreti-
schen Schwierigkeiten beitragen, vor die Freuds Annahme einer ,unbewuß-

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 143

ten' Zensur zwischen den unbewußten und den bewußten Aspekten des psy-
chischen Lebens führt. Die vorangegangene Darstellung der existenzialonto-
logischen ,Selbstbewußtseinskonzeption' laßt eine erste Prüfung dieser Er-
wartung zu, indem sie die deskriptiven Entsprechungen zwischen beiden
Theorien in der formalen Bestimmung der Bewußtseinsstrukturen sichtbar
macht.
In der Kritik am objektivierenden und transparenten Selbstbewußtsein
hat Heidegger ein Modell der Selbstgegebenheit entwickelt, das weitgehende
formale Entsprechungen zu Freuds dynamisch-topischer Gliederung der
Psyche aufweist. Heideggers Begründung der „Erschlossenheit" des Daseins
in der „Bekümmerung" um das eigene Sein setzt die Selbsterfahrung als ein
,Sehen' an, das sich im und für das Interesse des Daseins an einer bestimm-
ten Sicht seines Seins eröffnet und von ihm her bestimmt. Darum ist für ihn
die Selbsterfahrung ein „Vollzug", in dem das interessierte Dasein jeweils
den Umkreis seiner Selbstzugänglichkeit umgrenzt und darin alle die Per-
spektiven möglicher Selbsterfahrung ausklammert, die dem leitenden Inter-
esse widersprechen. Auf diese Weise gewinnt Heidegger eine Konzeption
des Bewußtseins, die zwischen „durchsichtigen" und „undurchsichtigen"
,Bereichen' des eigenen Bewußtseins unterscheidet und diesen Unterschied
zugleich als dynamischen Gegensatz zwischen niedergehaltenen und vom Da-
sein akzeptierten Sichtmöglichkeiten seiner selbst entfaltet.
Dieses Modell einer interessegeleiteten Selbsterfahrung scheint prinzi-
piell in der Lage zu sein, Freuds Entdeckung des „dynamisch unbewußten
Verdrängten" (s. X I I I , 241) theoretisch angemessen zu explizieren. Freud
hatte seine Konzeption des Unbewußten gewonnen, indem er in der Deutung
„sinnloser" Bewußtseinsakte auf Tendenzen des Individuums stieß, die
zwar den aktuellen Bewußtseinszusammenhang bestimmen, gegen deren Be-
wußtwerden sich das Individuum aber unbewußt sperrt (s. o. S. 34 ff.). Die
Entdeckung dieses „Widerstandes", der mit dem Verdrängten zugleich sich
selbst als Widerstand verdeckt, führte zu Freuds dynamischer Betrachtungs-
weise der Psyche: Innerhalb des großen Bereichs aktuell nicht bewußter
psychischer Akte unterschied er die „latenten", d. h. „jederzeit bewußtseins-
fähigen" Akte ( X I I I , 240) und die verdrängten Vorgänge, gegen deren Be-
wußtwerden sich das zensierende Ich wehrt. Aufgrund dieser prinzipiellen
Unterscheidung hat sich Freud stets gegen die Angleichung des Unbewußten
an das bloß „Unbemerkte" gewehrt und von jeder Theorie, die das Ver-
drängte noch in den Spielraum des Bewußtseins einzubeziehen versucht, ge-
fordert, sie müsse „zwei Tatsachen" gerecht werden: „erstens, daß es sehr
schwierig ist, großer Anstrengung bedarf, um einem solchen Unbemerkten

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144 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

genug Aufmerksamkeit zuzuführen, und zweitens, daß, wenn dies gelungen


ist, das vordem Unbemerkte jetzt nicht vom Bewußtsein anerkannt wird,
sondern oft genug ihm völlig fremd, gegensätzlich erscheint" (XIII, 243).
Beiden Tatsachen scheint Heideggers Modell der Selbsterfahrung Rechnung
zu tragen. Das Interesse, sich so und nicht anders sehen zu wollen, scheint
einen Widerstand' gegen jede andere mögliche Sichtweise einzuschließen,
den das Dasein erst überwinden muß, ehe es sich in anderen Perspektiven
zugänglich werden kann. In diesen Perspektiven muß es sich notwendig
„fremd" erscheinen, weil es sich in seinem leitenden Interesse gerade im
Gegenzug zu anderen Sichtmöglichkeiten ,definiert' und darin je einen be-
stimmten Umkreis möglicher Interessen als den ,eigenen' akzeptiert, dem
gegenüber andere mögliche Tendenzen als ,unverträglich' erscheinen.
Die bisher hervorgehobene Entsprechung zwischen den beiden Konzep-
tionen wird aber grundsätzlich problematisch, wenn man berücksichtigt, für
welch verschiedene Dimensionen der Selbsterfahrung Heidegger und Freud
die dynamischen Strukturen des ,psychischen Lebens' entwickelt haben.
Die Deutung „sinnloser" Bewußtseinsakte führte Freud auf verdrängte
Interessen und Erfahrungen, die dem Sexualleben der Analysierten ange-
hören (1,66). Aus dieser Erfahrung zog Freud den Schluß, die ,bedrängende'
Kraft der abgewehrten Tendenzen sei triebhafte Energie, die nach „Abfuhr"
in Befriedigungserlebnissen dränge. So verstand er den Widerstand des Ich
als Widerstand gegen die triebhafte Dynamik des Verdrängten und fand
diese Dynamik in dem unbeeinflußbaren Zwangscharakter der „sinnlosen"
Bewußtseinsakte wieder.
Diese analytische Erfahrung entfaltete Freud in einem theoretischen Mo-
dell, das die deskriptiv aufweisbaren Spannungen innerhalb des psychischen
Lebens als das Wechselspiel verschiedener Energiequantitäten interpretiert.
Damit verstand er die andrängenden Interessen des Individuums und den
Widerstand gegen sie nur noch als Erscheinungsformen von Energieverschie-
bungsprozessen auf psychischen Leitungsbahnen. — Freud gewinnt also
seine Einsicht in die dynamische Gliederung der Psyche in der Beschränkung
auf den seelischen Bereich triebhaft begründeter Tendenzen und Affekte und
expliziert diese Erfahrung in einem Modell, das die seelischen Prozesse im
ganzen als energetisch-topische Vorgänge faßt. Für diesen Ansatz weicht das
Ich in der Verdrängung primär vor der triebhaft begründeten Dranghaftig-
keit seiner Triebansprüche aus und ist in dieser Abwehr selbst von bestimm-
ten psychischen Energiequantitäten und -Verteilungen abhängig.
Heidegger dagegen entfaltet die dynamische Gliederung des ,Bewußt-
seins', indem er die triebhafte Gebundenheit des Seinsvollzuges prinzipiell

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1. Die formale Selbstbewußtseinsstruktur 145

ausklammert und die Dynamik der „Erschlossenheit" ausschließlich aus den


gegensätzlichen Interessen des Daseins an seinem „Zu-sein" begründet. Die
Bereitschaft, das eigene aufgegebene Möglichsein selbständig zu vollziehen,
oder das Interesse, sich dieser Selbständigkeit zu entziehen, bestimmen je-
weils die Perspektive und den Umkreis der Erfahrbarkeit konkreter Exi-
stenzmöglichkeiten. In dieser Konzeption bildet die „Geworfenheit" des
Daseins in sein „Zu-sein" das Motiv für die verdeckende Flucht vor mög-
lichen eigenen Tendenzen und Einstellungen7.
Gegenüber dem aufgewiesenen Unterschied zwischen der Psychoanalyse
und der Existenzialontologie stellt sich die Frage, inwieweit die beiden theo-
retischen Konzeptionen trotz ihrer formalen Entsprechung miteinander ver-
gleichbar sind. Thematisieren Heidegger und Freud völlig verschiedene Phä-
nomenbereiche oder hebt jede der beiden Positionen einen bestimmten
Aspekt eines einheitlichen Phänomenzusammenhangs heraus?
In der Antwort auf diese Frage wird die Interpretation auf Freuds des-
kriptiven Ansatz beim „Widerstand" des Individuums gegen „unverträg-
liche" Tendenzen zurückgehen und prüfen, ob Freuds Erklärung des Wider-
stands schon dem vollen Phänomen der Abwehr von eigenen Tendenzen ge-
recht wird. Diese Untersuchung ist schon durch die vorangegangene Freud-
interpretation vorbereitet, die zu zeigen versuchte, wie Freud selbst Moti-
vationen des zensierenden Ich aufdeckt oder wenigstens andeutet, die in sei-
nem eigenen mechanisch-energetischen Ansatz nicht mehr angemessen ver-

7 Die Gegenüberstellung der verschiedenen Phänomenbereiche, für die Heidegger und


Freud die Verdeckungstendenz des Individuums entfalten, weist letztlich auf den
methodischen Gegensatz der beiden theoretischen Konzeptionen zurück. Indem
Heidegger die ontologische Analytik des Daseins als „Hermeneutik" seines „Seins-
verständnisses" durchführt, hält er die ursprüngliche Selbsterfahrung des Indi-
viduums als das Thema der Philosophie fest. Freud dagegen geht methodisch von
der „Lückenhaftigkeit" des Bewußtseinszusammenhangs aus und fragt nach den
unzugänglichen triebhaften Determinanten, die die ,Bewußtseinslücken' bedingen. Mit
dieser Fragestellung überschreitet er die Dimension der Selbsterfahrung und themati-
siert das Individuum in naturwissenschaftlich objektivierender Perspektive. Trotz die-
ses methodischen Gegensatzes scheinen aber Existenzialontologie und Psychoanalyse
nicht unvergleichbar zu sein. Freud gewinnt seine naturwissenschaftliche Konzeption
nämlich erst im Ausgang von bestimmten Phänomenen der Selbsterfahrung, die Hei-
degger in seiner Analytik unbeachtet ließ und von seinem Ansatz her gar nicht ver-
ständlich machen kann: Zwar kann die Existenzialontologie zeigen, wie sich das ver-
fallende Dasein bestimmte mögliche Interessen und Einstellungen verdecken kann,
aber sie kann grundsätzlich nicht mehr begründen, wie sich solche Interessen gegen
die Fluchttendenz durchsetzen und sich in sinnlosen, ζ. T. zwanghaften Bewußtseins-
phänomenen Ausdruck verschaffen können. Hier liegt der phänomenale eigenständige
Ansatz der Psychoanalyse, der sie auf die Annahme von Triebabhängigkeiten des
freien Lebensvollzugs führt.

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146 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

ständlich gemacht werden können. Läßt sich für das Verständnis dieser
Aspekte des Widerstandes Heideggers Interpretation des interessegeleite-
ten Selbstbewußtseins heranziehen? Diese Frage läßt sich nicht befriedigend
beantworten, solange nicht ein konkreterer Begriff der leitenden Interessen
des Daseinsvollzuges und der zugehörigen Dimension der Erschlossenheit ge-
wonnen ist. Zunächst wird die Interpretation das Interesse des Daseins an
der „Abkehr" von sich selbst untersuchen, weil Heidegger in dieser Ten-
denz die dynamische Gliederung des ,Bewußtseins' begründet.

2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseins struktur:


Das Selbstbeivußtsein als Auseinandersetzung mit der „IJnheimlichkeit"
des Daseins

a) Das Selbstverhältnis der Abkehr:


In der „Flucht" vor sich selbst verdeckt sich das Dasein
seine Unheimlichkeit
Der erste Vergleich zwischen der Psychoanalyse und der Existenzialonto-
logie hat vor die Frage geführt, ob Heideggers Konzeption des interesse-
geleiteten ,Selbstbewußtseins' zur theoretischen Klärung der dynamischen
und topischen Verhältnisse innerhalb der Psyche beitragen kann, die Freud
in der Gliederung des „psychischen Apparats" heraushebt. Diese Frage er-
fordert die konkrete Interpretation der „Hin- und Abkehr" des Daseins ge-
genüber seinem eigenen Sein.
Schon die Bezeichnung der beiden Selbstbewußtseinsweisen des Daseins
als „Hin- und Abkehr" zeigt, daß Heidegger das ,Selbstbewußtseiri wesent-
lich als dynamisches Verhältnis zum eigenen Sein, nämlich als „Bewegtheit"
des ,Hin zu . . u n d des ,Weg von . . . ' versteht. Weil das Dasein im Ver-
hältnis zum eigenen Sein immer schon den Spielraum konkreter Existenz-
möglichkeiten umgrenzt und bestimmt, kann die Analyse der beiden Selbst-
bewußtseinsweisen die Dynamik des Ausgrenzens und Einbeziehens der eige-
nen Interessen sichtbar machen. Damit entfaltet sie die Strukturen eines ,be-
wußtseinsumgrenzenden Handelns', das der „psychischen Zensur" in we-
sentlichen Aspekten zu entsprechen scheint.
Für den deskriptiven Aufweis der gegensätzlichen Selbstbewußtseins-
weisen geht Heidegger nicht schon von der konstruktiven' Einführung die-
ses Gegensatzes aus (s. o. S. 139), sondern orientiert sich an der „Indiffe-
renz der Alltäglichkeit des Daseins": „Das Dasein soll im Ausgang der Ana-

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 147

lyse gerade nicht in der Differenz eines bestimmten Existierens interpretiert,


sondern in seinem indifferenten Zunächst und Zumeist aufgedeckt werden"
(SZ, 43).
„Die durchschnittliche Alltäglichkeit" (43) des Daseins charakterisiert
Heidegger als „die beruhigte Selbstsicherheit, das selbstverständliche Zu-
hause-Sein'" (188) in der jeweiligen Umwelt. Kann dieses „beruhigt-ver-
traute In-der-Welt-sein" (189) überhaupt noch als Erschlossenheit des eige-
nen „Zu-sein" verstanden werden?
In den Stimmungen des alltäglichen ,Beruhigtseins' setzt sich das Dasein
offenbar gar nicht mehr der Konfrontation mit der Last der eigenen Gewor-
fenheit aus und erschließt damit gar nicht mehr primär das Sein des Daseins.
Vielmehr läßt sich das Dasein in den alltäglichen Stimmungen hauptsächlich
vom innerweltlichen Seienden „angehen" und „betreffen" und erschließt
darin das eigene Seinkönnen in seiner faktischen „Angewiesenheit auf Welt"
(137). So erscheint die alltägliche Befindlichkeit des Daseins als „die existen-
ziale Seinsart, in der es sich ständig an die ,Welt' ausliefert, . . . derart, daß
es ihm selbst in gewisser Weise ausweicht" (139).
Doch die alltägliche „Beruhigtheit" schließt die Furcht als Stimmungs-
möglichkeit der ,Beunruhigung' ein, an der der Bezug zur ursprünglichen
Last des Zu-sein exemplarisch sichtbar wird (§ 30; 341 f.). Auch die Furcht
erschließt nicht das Sein des Daseins; vielmehr ist „das Wovor der Furcht,
das ,Furchtbare', . . . jeweils ein innerweltlich Begegnendes" (140). Die „Be-
drohlichkeit" dieses innerweltlichen Seienden gründet immer darin, daß es
eine bestimmte Existenzmöglichkeit, die das Dasein je schon ergriffen hat,
in Frage stellt (vgl. 341). So erschließt die Furcht vor . . . das Dasein „in
seiner Gefährdung, in seiner überlassenheit an es selbst" (141). Die Ge-
fährdung wird aber wesentlich deshalb erfahren, weil das Dasein sich in der
Furcht zugleich an die je ergriffene Möglichkeit „klammert" (191) und sie
als die einzig mögliche festhält. Darin scheint es aber vor der Erfahrung des
eigenen Möglichseins als solchem auszuweichen, in der sich ihm die Unbe-
stimmtheit seines Seinkönnens und die radikale Fragwürdigkeit aller gewähl-
ten Möglichkeiten erschließt (s. u. S . 1 5 2 f f . ) . S o scheint sich das Dasein auch
in der Furcht vor innerweltlich Begegnendem pimär vor der Bedrohung durch
das eigene Sein zu fürchten, obwohl es sich diesen Aspekt seiner Furcht in
der Furcht vor dem „Bedrohlichen" verdeckt. Damit ist die Bedrohung durch
das eigene Sein zwar „abgedrängt" (184), aber sie wird doch im spezifischen
Affektcharakter der Furcht immer noch für das Dasein offengehalten.
Diese Interpretation der Furcht ermöglicht auch ein Verständnis der
„gehobenen" (345) Stimmung aus ihrem Bezug zur Last des „Zu-sein". Die

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148 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

gehobene Stimmung konfrontiert das Dasein gerade nicht mit der bedrücken-
den Last des selbstüberlassenen „Zu-sein", sondern „erleichtert" ( 3 4 5 ) das
Dasein dadurch, daß es ihm die Selbstverständlichkeit und Fraglosigkeit der
eigenen faktischen Möglichkeiten erschließt. Indem diese Fraglosigkeit aber
gerade als „Erleichterung" erfahren wird, bleibt das Dasein auch in den ge-
hobenen Stimmungen auf die Last des „Zu-sein" bezogen (vgl. 1 3 4 ) . So ist
auch im stimmungsmäßigen „Fliehen" ( 1 3 5 ) vor dem eigenen Sein dieses
selbst noch als Bedrohung off engehalten.
Der alltäglichen Befindlichkeit, die das Dasein in seiner „Angewiesen-
heit" auf seine Umwelt erschließt, entspricht ein „Verstehen", in dem das
Dasein sich seine Möglichkeiten durch das Verhalten der anderen innerhalb
der eigenen Umwelt vorgeben läßt (§§ 2 6 , 2 7 ) 8 . Damit „steht ((es)) als all-

8 Heideggers Versuch, das alltägliche Existieren als „Aufgehen bei der besorgten ,Welt"'
(SZ, 175) zu interpretieren, scheint von seinem Grundsatz her nur in beschränktem
Maße einsichtig. Er wird dagegen voll verständlich, wenn man berücksichtigt, daß
Heidegger ihn auf dem Grunde einer eigenen Selbstbewußtseinskonzeption durch-
führt, die sich von seinem Grundansatz wesentlich unterscheidet. Diese sekundäre
Selbstbewußtseinstheorie bleibt in ihrer Kritik des traditionellen Reflexionsmodells
selbst noch weitgehend an die Tradition gebunden. In der primären Orientierung an
Husserls scharfer Trennung zwischen dem Selbst- und dem Weltbezug (vgl. ζ. B.
Erste Philosophie II, 88 ff.) wirft Heidegger der Tradition vor, sie habe Selbst und
Welt als »Subjekt' und ,Objekt' auseinandergerissen und dabei das Phänomen des „In-
der-Welt-seins" übersehen, in dem Selbst und Welt immer schon innerhalb eines ge-
gliederten Erschlossenheitsspielraums miteinander verbunden seien (vgl. SZ, 60 ff.,
132). In diesem Ansatz übernimmt Heidegger aber nun selber die Unterscheidung
von Selbst und Welt und behauptet lediglich, beide ,Bezüge' des Daseins ließen sich
nicht voneinander trennen.
Ihre Zusammengehörigkeit versucht Heidegger deskriptiv einsichtig zu machen, in-
dem er die Geworfenheit als Spannung zwischen Selbst- und Weltbezug charakteri-
siert: „Geworfen ist zwar das Dasein ihm selbst und seinem Seinkönnen überant-
wortet, aber doch als In-der-Welt-sem. Geworfen ist es angewiesen auf eine Welt
und existiert faktisch mit Anderen" (383). Entsprechend versteht Heidegger die Be-
findlichkeit als die „existenziale Grundart der gleichursprünglichen Erschlossenheit
von Welt, Mitdasein und Existenz" (137), die zwei gegensätzliche Möglichkeiten des
„Gestimmtseins" offenläßt: In den alltäglichen Stimmungen wird das Dasein vom
„innerweltlichen Seienden" „angegangen" (137) und „benommen" (176). Sie bilden
also die Erschlossenheitsweisen, in denen das Dasein „sich ständig an die ,Welt' aus-
liefert, . . . derart, daß es ihm selbst in gewisser Weise ausweicht" (139). Während
sich das Dasein also alltäglich in seinen Weltbezug „verlegt" (s. 146), hält die
„Angst" die ursprüngliche Spannung zwischen Selbstüberlassenheit und Angewiesen-
heit auf die Welt offen: Sie erschließt mit der „Unbedeutsamkeit des Innerweltlichen"
(187) „die Möglichkeit von Zuhandenem überhaupt, das heißt die Welt selbst" (187),
die das Dasein „beengt" (187). Darin wird das Dasein von seiner Angewiesenheit
als solcher betroffen, ohne sich schon an bestimmtes Seiendes „klammern" (191) zu
können und erfährt so sein pures Seinkönnen in seiner grundsätzlichen beengenden
Abhängigkeit von Welt. Diese Abhängigkeit, die dem Seinkönnen des Daseins keinen

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 149

,Halt' bietet, bezeichnet Heidegger als das „Unzuhause" der „Unheimlichkeit" (188 f.).
Die Spannung zwischen Selbst- und Weltbezug, die sich ursprünglich in der Befind-
lichkeit eröffnet, begründet zwei gegensätzliche Möglichkeiten des „Verstehens": „Das
Verstehen hat als Seinkönnen selbst Möglichkeiten, die durch den Umkreis des in
ihm wesenhaft Erschließbaren vorgezeichnet sind. Das Dasein kann sich primär in
die Erschlossenheit der Welt legen, das heißt, das Dasein kann sich zunächst und zu-
meist aus seiner Welt her verstehen. Oder das Verstehen wirft sich primär in das
Worumwillen, das heißt das Dasein existiert als es selbst" (146). Während das
Dasein im ,Selbstbezug' seine Möglichkeiten selbständig entwirft, versteht es sich in
seinem ,Weltbezug' „aus dem, was das Besorgte ergibt oder versagt" (337). Diese
Möglichkeit des alltäglichen Entwurfs versucht Heidegger einsichtig zu machen, in-
dem er die „Um-zu"-Struktur der Verweisung vom „Zuhandenen", mit dem das Da-
sein besorgend umgeht, auf das jeweilige „Worumwillen" des Besorgens selbst über-
trägt: auch das im Besorgen „Verwirklichte . . . bleibt, wenngleich verwirklicht, als
Wirkliches ein Mögliches für . . . , charakterisiert durch ein Um-zu" (261). So sollen
also die je erreichten Möglichkeiten des Besorgens selbst neue Ziele für das Besorgen
vorgeben und so dem Dasein die selbständige Wahl abnehmen.
Die Spannung, die in der Geworfenheit liegt, kann das Dasein zunächst und zumeist
nicht ertragen. Es „wird in der Geworfenheit mitgerissen, das heißt als in die Welt
Geworfenes verliert es sich an die ,Welt' in der faktischen Angewiesenheit auf das
zu Besorgende" (348). Das Sich-Verlegen in den Weltbezug interpretiert Heidegger
als „Verfallen an die Welt", in dem das Dasein „von ihm selbst . . . abgefallen" ist
(175). Damit versteht Heidegger die Abkehr vom eigenen Sein als ,Verengung' des
eigenen Erschlossenheitsspielraums, in der sich das Dasein primär auf seine Welt-
offenheit versteift und den Selbstbezug abblendet. Aber auch im_primären Weltbezug
„löst" sich das Dasein nicht von seinem Selbst „ab" (348), sondern erschließt immer
noch die eigene Geworfenheit und eigene Möglichkeiten, auch wenn es die Selbst-
überlassenheit abblendet. Umgekehrt muß die ursprüngliche Erschlossenheit des Da-
seins als Sich-Verlegen in den Selbstbezug verstanden werden, aus dem her das Dasein
das eigene Weltverhältnis bestimmt. So ist auch der Selbstbezug kein isoliertes Ver-
hältnis zu sich: Das „Verstehen der Existenz als solcher ist immer ein Verstehen von
Welt" (146).
Die skizzierte Theorie interpretiert das dynamische Verhältnis von An- und Abkehr
als „Sich-Verlegen" auf den einen Aspekt des In-der-Welt-seins, das die Erschlossen-
heit des anderen nicht „ablegt" (vgl. 146). Sofern der Weltbezug auch noch den
Selbstbezug offenhält, ist die Abkehr immer noch Hinkehr; sofern der Selbstbezug
sich nicht vom Weltverhältnis ablöst, ist in der Hinkehr auch noch die Möglichkeit
der Abkehr eingeschlossen.
Der grundsätzliche methodische Mangel dieser Konzeption liegt darin, daß sie den
„apriorisch-ontologischen" Ansatz der Daseinsanalytik nicht festhält. Als Untersuchung
der „Seinsverfassung" des Daseins fragt die Existenzialontologie nach der „existenzia-
len Bedingung der Möglichkeit" (s. 199) des Existierens. Entsprechend klärt Heideg-
ger in der Interpretation von Befindlichkeit und Verstehen die vorgängige Offenheit
auf, innerhalb derer erst je konkrete Gegebenheiten des Selbst und der ,Welt' zu-
gänglich werden können. Für das „Verfallen an die Welt" ist aber nun seinerseits
schon die Erschlossenheit einer je konkreten ,Welt' vorausgesetzt, um vom innerwelt-
lichen Seienden „benommen" werden zu können und die Möglichkeiten zu überneh-
men, die „das Besorgte ergibt". Dann aber kann die alltägliche Erschlossenheit nicht
mehr als Weise des vorgängigen „Seinsverständnisses", das den konkreten Existenz-
vollzug ermöglicht, einsichtig werden.
Dieser methodische Mangel verstärkt sich in Heideggers Versuch, für die Selbst-
bewußtseinsweisen eine einheitliche Struktur aufzuweisen, aus der sie in ihrer Wi-

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150 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

tägliches Miteinandersein in der Botmäßigkeit der Anderen. Nicht es selbst


ist, die Anderen haben ihm das Sein abgenommen" (126). Dabei orientiert
es sich jedoch nicht an bestimmten gesellschaftlichen Vorbildern, sondern
hält sich in den Möglichkeiten, die ,man' für die richtigen hält. So bildet sich
im alltäglichen Miteinandersein das „Man", die „.Öffentlichkeit'" (127), in
der alle Möglichkeiten übernehmen, die niemand mehr ausdrücklich entwirft.
„Das Man . . . schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor", indem es das
einzelne Dasein auf die „Durchschnittlichkeit" des alltäglichen Seinkönnens
festlegt und damit „die Einebnung aller Seinsmöglichkeiten" begründet
(127). Diese „Nivellierung" (194) der Existenzweisen auf den begrenzten
Umkreis selbstverständlicher, gesellschaftlich legitimierter Möglichkeiten
schließt „eine Abblendung des Möglichen als solchen" (195) ein. Im Auf-
gehen im Man verschließt sich das Dasein also nicht nur vor bestimmten
Möglichkeiten seines Seins, sondern zugleich vor seinem Seinkönnen als sol-
chem. Darum „entlastet" das Man „das jeweilige Dasein in seiner Alltäg-
lichkeit" (127). Indem es „alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt
es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab" (127), in der das Da-
sein sein eigenes Möglichsein in seiner Selbstüberlassenheit und Fragwürdig-
keit übernehmen würde. Das Dasein, das vor seiner Verantwortlichkeit aus-
weicht, bezeichnet Heidegger als „das Man-selbst" und unterscheidet es
„vom eigentlichen, das heißt eigens ergriffenen Selbst" (129).

dersprüchlichkeit und Zusammengehörigkeit verständlich werden können. Diese


Struktur entfaltet Heidegger als „Sorge" (§ 41). In ihr sind Selbst- und Welt-
bezug innerhalb eines „Strukturganzen" (191) verbunden, das „in sich noch struktural
gegliedert ist" (196). Innerhalb dieser Struktur repräsentiert nun der Entwurf als das
„Sich-Vorweg" des Daseins „das Sein zum e i g e n s t e n Seinkönnen" (191) und
steht so für den reinen Selbstbezug des Daseins, in dem sich die Tendenz zur Selb-
ständigkeit und Verantwortlichkeit durchsetzt. Diesem Strukturmoment steht das
„Sein bei innerweltlich begegnendem Seienden" (192) gegenüber, das als die ontolo-
gische Struktur des „Besorgens" (vgl. 193) den Weltbezug des Daseins darstellt.
Weil Heidegger die Flucht vor der Unheimlichkeit als Verfallen an die Welt inter-
pretiert, kann nun das „Sein-bei . . . " die Tendenz zur Unselbständigkeit einschließen.
Die Spannung zwischen Selbst- und Weltbezug eröffnet sich ursprünglich in der Ge-
worfenheit, die darin liegt, daß das Dasein „ i h m s e l b s t überantwortet, je
schon in eine Welt geworfen ist" (192). Die verschiedenen Seinsweisen des Daseins
ergeben sich nun aus dem wechselnden Vorrang des „Sich-Vorweg" oder des „Sein-
bei", durch den jeweils die übrigen Strukturmomente ,modifiziert' werden
(vgl. 179). Hier hat Heidegger den besorgenden Umgang mit innerweltlichem
Seiendem, der für seine eigene Möglichkeit das befindliche Verstehen voraussetzt
und sich jeweils aus ihm her in seinem Wie bestimmt, als selbständiges Struktur-
moment neben Geworfenheit und Entwurf eingeführt und ihm sogar die Grund-
tendenz zur Abkehr vom eigenen Sein zugeordnet. Die Konsequenz dieses methodi-
schen Mangels wird sich in der Zeitanalyse Heideggers zeigen

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 151

In seiner Entlastung von der Verantwortlichkeit für seine eigenen Mög-


lichkeiten gewinnt das Dasein seine „beruhigte Selbstsicherheit", die für die
Alltäglichkeit bestimmend ist (s. o. S. 147). Kann diese Weise des Ver-
stehens noch als Erschlossenheit des eigenen Seins in Anspruch genommen
werden?
Heidegger deckt den Bezug des alltäglichen Verstehens zum belastenden
„Zu-sein" auf, indem er die „Zerstreuung" und das „Unverweilen" (s. 172)
hervorhebt, die für das Aufgehen im Man charakteristisch sind und exempla-
risch an der „Neugier" (§§ 36, 68 c) sichtbar werden. „Die Neu gier ist eine
ausgezeichnete Seinstendenz des Daseins, gemäß der es ein Sehenkönnen be-
sorgt" (346). Im Entwurf des eigenen Sehenkönnens legt sich das alltägliche
Dasein aber gar nicht mehr auf bestimmte Vollzugsmöglichkeiten seines
Sehens fest. Es ist vielmehr „so wenig an die ,Sache' hingegeben, daß es im
Gewinnen der Sicht auch schon wegsieht auf ein Nächstes" (347). Die Neu-
gier „sucht das Neue nur, um von ihm erneut zu Neuem abzuspringen"
(172). Dieses „Unverweilen" läßt sich nicht mehr ,empirisch' begründen:
„Nicht die endlose Unübersehbarkeit dessen, was noch nicht gesehen ist,
,bewirkt' die Neugier . . . Auch wenn man alles gesehen hat, dann erfindet
gerade die Neugier Neues" (348). Dann aber muß die Seins tendenz des Un-
verweilens offenbar aus der Seinsverfassung des Daseins begründet werden.
In der Neugier weigert sich das Dasein, „in das Nichtverstehen gebracht zu
werden" (172) und darin die grundsätzliche Fragwürdigkeit des eigenen
Seinkönnens, das immer auch die Möglichkeit des „Scheiterns." (178) mit-
einschließt, zu übernehmen. So zeigt sich, daß in der alltäglichen „Entla-
stung" des Daseins das eigene Möglichsein immer noch in seiner Selbstüber-
lassenheit und Fragwürdigkeit als die ,Last' offengehalten wird, vor der das
Dasein in der Zerstreuung auszuweichen versucht. Damit erweisen sich die
alltägliche „Zerstreuung" und das „Unverweilen" als „Flucht des Daseins
vor ihm selbst" (184), die ihm in der alltäglichen „Beruhigtheit" undurch-
sichtig bleibt.
Mit der Seinstendenz der Zerstreuung ist das Interesse des alltäglichen
Daseins an der „Zweideutigkeit" (§ 37) seines Verstehens verbunden, in der
das Dasein die ,Unruhe' aufzufangen versucht, die mit der Steigerung der
Zerstreuung in das alltägliche Dasein gebracht ist. In der Zweideutigkeit des
Verstehens „ist nicht mehr unterscheidbar, was in echtem Verstehen erschlos-
sen ist und was nicht" (173). Indem das alltägliche Dasein so den Gegensatz
zwischen verantwortlichem Entwurf und selbstverständlicher Übernahme
von Möglichkeiten nivelliert, versucht es die Differenz zu verdecken, die
zwischen dem unausdrücklichen Anspruch des eigenen Seins und dem all-

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152 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

täglichen Seinsvollzug besteht und in der Zerstreuung immer noch erschlos-


sen ist. In dieser Nivellierung bringt die Zweideutigkeit eine „Beruhigung"
(177) in das Dasein, die in der ,Unruhe' des alltäglichen „Unverweilens"
noch nicht gewonnen ist. Die ständige Notwendigkeit zweideutigen Ver-
stehens zeigt aber gerade, daß das alltägliche Dasein die ursprünglich er-
schlossene Differenz niemals vollständig verwischen und damit die ,Beun-
ruhigung' durch das selbstüberlassene Seinkönnen aufheben kann.
Überblickt man die existenzialontologische Interpretation der „durch-
schnittlichen" Befindlichkeit und des „durchschnitdichen" Verstehens, dann
erweist sich die „Alltäglichkeit" des Daseins einheitlich als „Flucht des Da-
seins" vor seinem eigenen Sein. Die spezifische „Bewegtheit" (177) dieser
Flucht bezeichnet Heidegger als „Verfallen" (§ 38). Die Dynamik des „,weg
von'" (185), die für die Alltäglichkeit konstitutiv ist, zeigt, daß das Dasein
niemals von sich loskommt, sondern gerade in seiner Bewegtheit noch der
Bedrohung durch sein „Zu-sein" ausgeliefert bleibt.
Die ,Fluchttendenz' der Alltäglichkeit, die in Befindlichkeit und Ver-
stehen sichtbar wurde, gibt der ontologischen Interpretation die Möglichkeit,
das Sein des Daseins als das „Wovor der Flucht" (185) zu bestimmen und
seine Charaktere im Gegenzug zum alltäglichen Existenzvollzug zu gewin-
nen (184 f.). Damit sichert sich die Interpretation dagegen, sich in der Be-
stimmung des Seins des Daseins „einer künstlichen Selbsterfassung des Da-
seins" auszuliefern (185).
Das Wovor der alltäglichen Flucht in das „beruhigt-vertraute In-der-
Welt-sein" bestimmt Heidegger als die „Unheimlichkeit" des Daseins
(188 f.) 9 . Mit diesem Terminus charakterisiert er die „Endlichkeit der Frei-
heit" (WG, 47) des Daseins, die jede „Selbstsicherheit" des Existierens aus-
schließt. Als Seinkönnen, das sein Sein selbst zu sein hat, ist sich das Dasein
absolut selbst überlassen und darin radikal vereinzelt (SZ, 187 f.). Mit die-
ser Selbstüberlassenheit ist aber zugleich die Entzogenheit der ,Selbstverfü-
gung' verbunden, die die „Nichtigkeit" (283 ff.) des Daseins ausmacht. So-
fern das Dasein in sein Seinkönnen geworfen ist, ist ihm immer schon die
Entscheidung darüber entzogen, ob es überhaupt als Möglichsein sein will.
„Nicht durch es selbst, sondern an es selbst entlassen" existiert es als Sein-
können (284 f.). Dieser Nichtigkeit der Geworfenheit gehört eine Entzogen-
heit des eigenen Seins zu, die im Entwurf als solchem liegt. Als Möglichsein
muß das Dasein unter Alternativen wählen und sich dabei auf eine bestimmte
Möglichkeit festlegen. Zugleich kann es sich aber niemals voll in seinen

9 Vgl. zum folgenden E. Tugendhat: Wahrheitsbegriff; S. 312 f.

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 153

Möglichkeiten durchschauen und dadurch einer Möglichkeit als der einzig


richtigen sicher sein. Die Entzogenheit der eigenen Selbstdurchsichtigkeit
macht die wesendiche Fragwürdigkeit aller gewählten Möglichkeiten aus
(285). In seiner wesenhaften Undurchsichtigkeit wird das Seinkönnen stän-
dig durch die Möglichkeit des Todes bedroht, der dem Dasein überhaupt
die Möglichkeit seines Seinkönnens entzieht (262).
Dieser radikalen Selbstüberlassenheit und „Nichtigkeit" des geworfenen
Seinkönnens entzieht sich das alltägliche Dasein, indem es vor der „Verant-
wortlichkeit" für seine eigenen Möglichkeiten flieht und sich sein Seinkön-
nen vom „Man" abnehmen läßt. Damit läßt sich nun das Interesse konkret
fassen, das die Alltäglichkeit als Abkehr vom eigenen Sein leitet (s. o. S.
139). Als „Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen" (128) ist es
wesentlich Interesse an der „Unselbständigkeit" (128; 323), in der das
Dasein vor der Last seiner endlichen Freiheit ausweicht.
Weil die Seinsverfassung des Daseins „als existenziale nie vorhanden,
sondern selbst immer in einem Modus des faktischen Daseins, das heißt einer
Befindlichkeit ist" (189), muß auch der Grundaspekt dieser Verfassung, die
„Unheimlichkeit", in einer „Grundbefindlichkeit" (188) konstituiert und er-
schlossen sein. Als „Stimmung der Unheimlichkeit" nimmt Heidegger die
„Angst" in Anspruch (§§ 40, 68 b). Sie erschließt mit der „Nichtigkeit des
Besorgbaren" (343) die radikale Bedeutungslosigkeit der alltäglichen Mög-
lichkeiten des Besorgens und konfrontiert das Dasein darin mit der „Welt
als Welt" (187), d.h. mit seiner puren unbestimmten Offenheit als solcher,
die es je als Seinkönnen zu sein hat. So erfährt das Dasein in der Angst ge-
rade nicht mehr seine „Angewiesenheit" auf das Besorgbare, sondern sein
Sein „als vereinzeltes, reines, geworfenes Seinkönnen" (188). Zugleich er-
schließt die Angst als Angst vor dem Tode (251, 265 f.) mit dem puren vor-
gegebenen Seinkönnen auch die Bedrohung durch das Nicht-mehr-Seinkön-
nen. Gerade indem sich das Möglichsein als solches zeigt, kann als die ein-
zige Alternative zum reinen Seinkönnen die Möglichkeit des Todes sichtbar
werden, die alltäglich hinter den „zufällig sich andrängenden Möglichkeiten"
(264) verdeckt bleibt (vgl. 258). Umgekehrt nivelliert auch die Erfahrung
der Bedrohung durch das Nicht-sein alle bestimmten Möglichkeiten des Da-
seins und bringt es damit vor das Möglichsein als solches. Die Erschlossen-
heit des Todes und die Erfahrung der „Welt als Welt" bedingen sich gegen-
seitig und konfrontieren das Dasein einheitlich mit der Entzogenheit seines
Möglichseins.
Nach der vorangegangenen inhaltlichen Charakteristik der ,Fluchtten-
denz' soll jetzt nach der spezifischen »Selbstbewußtseinsstruktur' gefragt wer-

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154 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

den, die im „Fliehen" impliziert ist. Mit der Erweiterung des ,Selbstbewußt-
seins' zur Erschlossenheit des eigenen Seins hat die existenzialontologische
,Selbstbewußtseinstheorie' die Möglichkeit geschaffen, die deskriptiv faß-
bare „Bewegtheit" (178) der ,Flucht vor . . . ' selbst noch als die genuine
Erschlossenheit des „Wovor" zu interpretieren. Die Analyse der alltäglichen
Befindlichkeit und des alltäglichen Verstehens zeigte, daß in beiden Erschlos-
senheitsweisen das eigene Sein des Daseins „verschlossen und abgedrängt"
ist (184). Indem Heidegger aber den spezifischen „A^e&icharakter" (vgl.
341) alltäglicher Stimmungen als solchen auf seine Erschließungsfunktion
befragt und als unausdrückliches Verständnis des eigenen Seins interpretiert
(341), kann er die alltäglichen Stimmungen noch als Weisen des Zurück-
weichens vor der eigenen Unheimlichkeit verstehen (s. o. S. 147f.). Ent-
sprechend befragt Heidegger auch die „Seinstendenz" der „Zerstreuung",
die im nivellierenden Verstehen liegt, auf die Erschlossenheit des eigenen
Seinkönnens, die in dem Te«i/e«zcharakter des ,zerstreuten' Verstehens als
solchem impliziert ist. Dabei nimmt Heidegger die spezifische „Bewegtheit"
(178) dieser Tendenz, ihr ,Hin zu . . a l s die Erschlossenheit in Anspruch,
in der die eigene Unheimlichkeit noch als ständiger ,Anstoß' für das pus-
seln auf' offengehalten wird. So kommt in der Bewegtheit der Flucht v o r . . .
„das Dasein gerade ,hinter' ihm her" (184).
Im Ausgang vom Affektcharakter und dem Tendenzcharakter des alltäg-
lichen befindlichen Verstehens hat Heidegger eine Selbstbewußtseinsstruk-
tur aufgedeckt, die sich grundsätzlich vom theoretischen Vorstellen unter-
scheidet: in der „Abkehr ist . . . das Wovor der Flucht nicht erfaßt, ja sogar
auch nicht in einer Hinkehr erfahren. Wohl aber ist es in der Abkehr von
ihm erschlossen ,da'" (185). Damit zeigt sich das „beruhigt-vertraute In-
der-Welt-sein" als ein „Modus der Unheimlichkeit des Daseins" (189), in
dem es sich sein eigenes Sein nur verdeckt. Das Interesse an der Unselb-
ständigkeit, das die alltägliche Erschlossenheit leitet, erscheint so als „Ver-
deckungstendenz" (256).
In der alltäglichen „Bewegtheit" des „,weg von'" ist das „Wovor der
Flucht" immer schon so erschlossen, daß es sich in seiner bedrängenden „Be-
drohlichkeit" (189) zeigen kann. In dieser ,Dynamik' der „Unheimlichkeit"
zeigt sich phänomenal die ,Kraft' des Gegeninteresses zur Verdeckungsten-
denz, in dem es dem Dasein um die eigene endliche Freiheit geht (s. u. S.
163; SZ, 276 f.). Indem das alltägliche Dasein in seiner Fluchttendenz diese
Dynamik der Unheimlichkeit aufzufangen versucht, geht es selbst auf sie ein
und öffnet sich damit der ,Stoßkraft' des Gegeninteresses nur noch weiter.
Aus dieser dynamischen Beziehung der beiden Interessen kann der Durch-

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 155

bruch der Unheimlichkeit im alltäglichen Dasein verständlich werden, den


Heidegger als „Gewissensruf" interpretiert (§§ 54—57).
Mit dem Aufweis der Spannung zwischen den gegensätzlichen Grund-
interessen des Daseins, die die alltägliche Erschlossenheit in ihrer „Bewegt-
heit" begründet, ist die formal angesetzte ,Selbstbewußtseinsstruktur' des
Daseins für die „Abkehr" von sich selbst deskriptiv ausgewiesen (s. o. S.
139).

b) Die theoretische Relevanz der existenzialontologischen


Verdeckungskonzeption für die psychoanalytische
Verdrängungstheorie
Die vorangegangene Interpretation hat die „Abkehr" des Daseins von
sich selbst als „Bewegtheit der Flucht" entfaltet, die von der „Verdeckungs-
tendenz" gegenüber der eigenen endlichen Freiheit geleitet wird. Für diese
Konzeption des „uneigentlichen" Selbstbezuges gilt zunächst die gleiche Cha-
rakteristik, die schon allgemein für das Verhältnis zwischen der psycho-
analytischen und der existenzialontologischen Theorie der interessegeleite-
ten Selbsterfahrung gegeben wurde (s. o. S. 142 f£.): Heidegger entwickelt
ein Modell der spezifischen Bewußtseinsstruktur, die in der ,unbewußten'
Zensur des Ich impliziert zu sein scheint, aber dieses Modell bleibt auf einen
Phänomenbereich eingeschränkt, den Freud gar nich ausdrücklich themati-
siert.
Heidegger gewinnt sein Modell „verdeckender" Erschlossenheit, indem
er das alltägliche Interesse des Daseins, den nivellierten Horizont selbstver-
ständlicher Einstellungen und Absichten festzuhalten, auf seinen spezifischen
Erschlossenheitscharakter befragt. Dabei zeigt sich, daß das Dasein, indem
es sich auf bestimmte Sichtweisen seines In-der-Welt-seins versteift, den Um-
kreis widersprechender Tendenzen und Einstellungen ausklammert und sich
gegen ihre Zugänglichkeit sperrt. So trennt die Absicht des verfallenden Da-
seins, sich so und nicht anders zu sehen, den Umkreis zugänglicher Interes-
sen von dem Horizont verdeckter Möglichkeiten und begründet die dyna-
mische Spannung zwischen den beiden Aspekten des eigenen Seins: In der
Flucht vor den „abgedrängten" Möglichkeiten offenbart sich deren bedrän-
gende „Bedrohlichkeit" für den alltäglichen Existenzvollzug. Die Bewegt-
heit der Flucht, die die gegensätzlichen Aspekte des eigenen Seins voneinan-
der scheidet, bezieht sie aber zugleich auch aufeinander. Gerade weil die Ver-
deckung eigener unverträglicher Möglichkeiten nur als ,Nichtwissenzi>o//era'
möglich ist, werden diese Möglichkeiten in der Dynamik des „Weg von . . . "

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156 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

immer noch offengehalten und bedrohen den beruhigten Existenzvollzug un-


ausdrücklich. Nur diese Offenheit des Verdeckten kann die Einschränkun-
gen verständlich machen, die das Dasein sich in der fortschreitenden Nivel-
lierung seiner alltäglichen Möglichkeiten auferlegt, um nicht von den be-
drohlichen, abgedrängten Möglichkeiten „überfallen" zu werden. Im Voll-
zug seiner nivellierenden Fluchtbewegung macht sich das verfallende Dasein
diese Bewegung selbst unkenntlich, indem es zusammen mit den unverträg-
lichen' Möglichkeiten die Bewegung der Abkehr selbst verdeckt und darin
seine „alltägliche Beruhigtheit" gewinnt.
Diese Erschlossenheitsstruktur der „Abkehr von . . . " scheint die theore-
tischen Schwierigkeiten zu lösen, vor die Freuds deskriptiver Aufweis einer
,unbewußten' Zensur führte. Freuds Entdeckung stellte das Problem, wie
sich Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit des Verdrängten miteinander ver-
einbaren lassen. Die prinzipielle Zugänglichkeit des Verdrängten scheint er-
fordert zu sein, weil die Verdrängung nicht ein einmaliger Akt der Beseiti-
gung unverträglicher Tendenzen ist, sondern den ständigen Widerstand ge-
gen das Bewußtwerden des andrängenden Unbewußten einschließt. Für die-
sen kontinuierlichen Widerstand des zensierenden Ich scheint aber doch ein
,Wissen' vorausgesetzt zu sein, in dem das zensierende Ich weiß, gegen
welche Tendenzen es sich sperren muß. Nur ein solches Wissen scheint auch
verständlich zu machen, wie das Ich in „Reaktionsbildungen" auf die An-
sprüche des Verdrängten eingehen kann. Erst die Kenntnis des Verdrängten
kann dem Ich die Orientierung für die Ausbildung ganz bestimmter Reakti-
ver' Einstellungen vorgeben, die im Gegenzug zu den verdrängten Ansprü-
chen das bewußte Verhalten des Individuums leiten. — Andererseits muß
das Verdrängte auch für das Ich unzugänglich sein, damit verständlich wer-
den kann, warum es so großer Mühe bedarf, unbewußte Aspekte des eigenen
Seins aufzudecken. Mit der Unzugänglichkeit des Verdrängten ist zugleich
auch die Zensur des Ich selbst verdeckt, weil mit dem ,Wogegen' des Wider-
standes dieser selbst als Widerstand unkenntlich geworden ist. — Die dar-
gestellte widersprüchliche Erschlossenheitsstruktur der Zensur scheint in
Heideggers Modell der „Flucht" vor unverträglichen Aspekten des eigenen
Seins grundsätzlich aufgeklärt zu sein.
Der vorangegangene Vergleich zwischen der Zensur des Ich und der
Fluchttendenz des Daseins zeigt sich in seiner Problematik, wenn man den
Phänomenbereich einbezieht, für den Heidegger seine Konzeption der
„Flucht vor . . ." entwickelt hat. Wie sich zeigte, thematisiert Heidegger
das Individuum, dem durch sein „Mitsein mit Anderen" je schon ein be-
stimmter gesellschaftlich legitimierter Möglichkeitshorizont vorgegeben ist,

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 157

in dessen Übernahme es sich die Aufgabe und die Problematik seines selbst-
verantwortlichen Möglichseins verdecken kann (s. o. S. 148 ίί.). In der Ni-
vellierung des eigenen Möglichkeitsspielraums auf die Einstellungen des
„Man" hält das alltägliche Dasein nicht vorgegebene, unverträgliche
Triebansprüche nieder, sondern flieht vor der Möglichkeit, in der Befreiung
vom „Man" die eigene Selbständigkeit und Verantwortlichkeit übernehmen
zu müssen. In dieser Flucht verdeckt es mögliche Einstellungen und Inter-
essen, die für das verfallende Dasein sichtbar werden würden, sofern es sich
mit seiner Selbständigkeit konfrontieren und darin nach Alternativen für
seine alltäglichen Verhaltensweisen fragen würde.
Freud dagegen thematisiert das Individuum, sofern es eigenen Trieban-
sprüchen und ihren infantilen „Triebschicksalen" ausgesetzt ist und vor der
Aufgabe steht, eigene Verdrängungen soweit aufzuheben, daß es sich ohne
triebhaft begründete Einschränkungen und Zwänge innerhalb seiner sozialen
Umwelt aktiv und passiv ,anpassen' kann. In dieser Auseinandersetzung mit
Verdrängtem hat es das Individuum mit wirklich bestehenden Triebwün-
schen zu tun, die organische Bedürfnisse des Individuums repräsentieren,
aber nicht mit Sinnhorizonten, die sich für die Selbständigkeit des Indivi-
duums eröffnen. Die Problematik, von der Heidegger ausgeht, indem er nach
der Selbständigkeit des einzelnen innerhalb seiner Gesellschaft fragt, hat
Freud gar nicht mehr interessiert. Er hat vielmehr kritiklos die kulturellen
Ansprüche seiner Gesellschaft bejaht, sofern sie nicht die psychische Gesund-
heit des einzelnen schädigen und dadurch seine Teilnahme an der „Kultur-
arbeit" einer Gesellschaft zerstören.
Macht die vorangegangene Konkretisierung der verschiedenen Phäno-
menbereiche, auf die sich Freuds und Heideggers Deskriptionen der ,Abkehr
von . . b e z i e h e n , nicht endgültig einen Vergleich der beiden Konzeptionen
sinnlos? Vielleicht läßt sich doch ein einleuchtender Zusammenhang zwischen
beiden Theorien herstellen, wenn man Heideggers Konzeption der Verdek-
kungstendenz als die Verabsolutierung eines Aspekts der Zensur versteht,
den Freud aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Grundorientierung nicht
als selbständige Struktur entfaltet, aber doch in der empirischen Untersu-
chung der Psyche noch mit in den Blick gebracht hat.
Diese These der Interpretation muß sich gegenüber der differenzierten
Konzeption der Verdrängung bewähren, die sich für Freud in der Ausbil-
dung seiner analytischen Technik ergab. Wie sich zeigte (s. o. S. 64 ff.), un-
terscheidet Freud zwischen frühkindlichen „Urverdrängungen" und späte-
ren Formen des „Nachdrängens". Die Urverdrängungen stellen die früheste
Form der Triebabwehr dar, in der das noch schwache Ich sich energetisch

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158 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

überstarken Triebansprüchen entzieht, die es nicht befriedigen kann (s. o.


S. 99 ff.). Die hervorragendste Urverdrängung, die der ödipussituation
entspringt, begründet den Gegensatz zwischen dem Es und dem Überich und
setzt das Individuum damit für sein ganzes Leben der Spannung zwischen
triebhaft begründeten widersprüchlichen Zwängen aus. Diese Zwänge kann
das Individuum auch im Zustand der „Ichstärke" nicht unmittelbar aufhe-
ben, weil ihm seine verdrängten infantilen Triebwünsche aufgrund der in-
fantilen triebhaften Widerstände unbewußt sind. Zugleich bleiben ihm auch
Anteile des Überich unzugänglich, die den Widerstand gegen die Trieb-
wünsche aufrechterhalten, durch deren Verdrängung sie selbst entstanden
sind (s. o. S. 111 f.). DieseÜberichzwänge bestimmen das Verhalten des In-
dividuums, ohne daß es selbst über sie entscheiden könnte. In der weit-
gehend undurchschauten Abhängigkeit des Ich vom Es und Überich gewinnt
das Individuum seine Prägung, die grundsätzliche Verhaltensweisen zur
Welt und zu sich selbst festlegt.
Den „Urverdrängungen" stellt Freud die Formen des „Nachdrängens"
gegenüber, die er als energetisch begründete Konsequenzen der Urverdrän-
gungen verstellt. Die ödipussituation setzt das Ich der Spannung zwischen
Es und Überich aus und stellt es vor die Aufgabe, die Anteile dieser inner-
psychischen Vorgegebenheiten immer umfassender anzueignen und der eige-
nen Kontrolle zu unterwerfen. In diesem Aneignungsprozeß gewinnt das
Ich immer größere Selbständigkeit, indem es seine frühkindliche Prägung in
eine „Einheitlichkeit" umformt, die den Gegebenheiten der Umwelt und
den eigenen triebhaften Vorgegebenheiten immer umfassender Rechnung
trägt. Nun zeigte sich aber schon, daß das Es und partiell auch das Überich
gar nicht unmittelbar für das gereifte Ich zugänglich sind, sondern nur in
Konflikten zwischen ihren bewußtseinsfähigen ,Abkömmlingen' erfahren
werden (s. o. S. 111 ff.). So vollzieht sich der Aneignungsprozeß der un-
bewußten Vorgegebenheiten für das gereifte Ich als „Integrationsleistung",
in der die selbständigen und gegensätzlichen Abkömmlinge in die je erreichte
„Einheitlichkeit" des Ich einbezogen werden. Die „Last" der Integrations-
aufgabe liegt für Freud darin, daß das vermittelnde Ich jeweils die triebhaft
begründete Dynamik der widersprechenden psychischen Vorgänge bewälti-
gen muß. An dieser Aufgabe scheitert es immer dann, wenn es innerhalb
des Lebensvollzugs mit eigenen aktuellen Einstellungen oder Interessen kon-
frontiert wird, die assoziativ mit dem Urverdrängten verbunden sind und
deren Aneignung die infantilen Konflikte mit dem Verdrängten wieder er-
neuern würde. So gibt das erstarkte und selbständige Ich eigene Interessen
und Einstellungen auf, weil es unbewußt weiterhin an seine infantilen Ab-

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 159

wehrmechanismen fixiert bleibt und sie in den aktuellen Abwehraktionen


des Nachdrängens weiter schützt. Damit begründet Freud das Meßlingen der
Integrationsleistung des Ich noch in dessen unbewußter Abhängigkeit von
triebhaft begründeten Zwängen. Diese Konzeption begründet das Ichinter-
esse an der „Konfliktlosigkeit" ausschließlich in der Triebgebundenheit des
Ich und interpretiert es als die Weise, in der sich die unbewußten triebhaf-
ten Bindungen im Lebensvollzug des Individuums durchsetzen.
Der bisher dargestellten energetischen Begründung der Verdrängungen
gegenüber muß die Interpretation fragen, ob und inwieweit sich die „Flucht"
vor der eigenen endlichen Freiheit als eigenständiger Aspekt des psycho-
analytisch beschriebenen Verdrängungsvorgangs einsichtig machen läßt und
darin die Einseitigkeit einer bloß energetischen Erklärung der Verdrängung
sichtbar wird. Untersucht man zunächst die „Urverdrängung", dann scheint
sich zu zeigen, daß diese Form der Abwehr sich einer existenzialontologischen
Interpretation entzieht. Freud weist die „Urverdrängungen" als Vorgänge
auf, die notwendig in der frühkindlichen Entwicklungsphase der Psyche an-
gelegt sind und der Bewältigung überstarker Triebansprüche dienen. So er-
scheint es sinnlos, für die infantilen Abwehraktionen schon einen Freiheits-
spielraum wählbarer Möglichkeiten vorauszusetzen und die Urverdrängung
in der Flucht vor der eigenen Selbständigkeit zu begründen. Freud hat aber
selber darauf aufmerksam gemacht, daß auch das gereifte und relativ selb-
ständig gewordene Ich noch an seinen infantilen Verdrängungen festhält, ob-
wohl es von seinen objektiven „Angstbedingungen" her betrachtet die Mög-
lichkeit hätte, die frühkindlichen Zwänge für das eigene Verhalten aufzu-
heben (s. o. S. 105 f.; 101). Diese Fixierung des gereiften Ich an seine infan-
tilen Zwänge begründet Freud ausschließlich in der Fixierung der energeti-
schen Verhältnisse, die sich bei der Urverdrängung in der Psyche hergestellt
haben. An diesem Punkt hat die Interpretation des psychoanalytischen Ich-
begriffs jedoch schon zu zeigen versucht, daß auch das gereifte und selb-
ständige Ich noch ein positives Interesse an der Fixierung der infantilen
psychischen Strukturen haben kann. In der „Abwehr" unverträglicher infan-
tiler Wünsche, mit der die Bildung des Überich verbunden ist, gewinnt das
Individuum nämlich für sein ganzes Leben eine triebhaft begründete und
gesicherte Prägung, durch die es in eine Gesellschaft einbezogen und von ihr
akzeptiert wird. An dieser „habituell gewordenen Haltung" 10 kann auch

10 G. Β ally: Einführung in die Psychoanalyse. Reinbek 1968; S. 221. Bally deutet die
positive Bedeutung der Widerstände für das gereifte Ich an, indem er die Widerstände
nicht primär aus ihrer Relation zu bestimmten verdrängten Triebansprüchen ver-
steht, sondern als Grundeinstellungen des Individuums zur Welt faßt. Solche habi-

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160 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

das selbständige Ich noch ein positives Interesse haben, sofern sie ihm die
verantwortliche und jeweils situationsbezogene Entscheidung über das eigene
Verhalten erspart und es von der Übernahme der eigenen endlichen Frei-
heit entlastet. Diese ,Fluchttendenz' gegenüber der eigenen Freiheit, die im
Zusammenhang der psychoanalytischen Theoriebildung im Interesse an der
Konfliktlosigkeit in den Blick kam, scheint ein zwar nur sekundäres, aber
doch selbständiges Motiv für die Fixierung der infantilen psychischen Struk-
turen zu sein.
Mit der Einführung eines genuinen Ichinteresses an der Unselbständig-
keit und Unfreiheit in die psychoanalytische Theorie der „Urverdrängung"
ist noch keineswegs geklärt, ob dieses Interesse auch für die Erschlossen-
heitsstruktur der Urverdrängung konstitutiv ist und so den Widerspruch der
,unbewußten' Zensur (s. o. S. 156) theoretisch durchsichtig machen kann.
Wenn man den primären Anteil berücksichtigt, den die Triebvorgänge an
der Fixierung der Urverdrängungen haben, erscheint es nicht sinnvoll, für
diese Fixierung eine Erschlossenheitsstruktur in Anspruch zu nehmen, die
sich nur in und für die Flucht vor der eigenen Freiheit ergibt. Diesem Argu-
ment kann man jedoch entgegenhalten, daß Verdrängungen eines selbständi-
gen Ich nur als Verdrängungen möglich sind, sofern das verdrängende Ich
prinzipiell die Möglichkeit hätte, die niedergehaltenen Interessen als eigene
anzueignen, sich aber gegen diese Aneignung sperrt. Für diese Möglichkeit
ist aber offenbar schon der Erschlossenheitsspielraum eines freien Selbstver-
hältnisses vorausgesetzt, den Heidegger als die Grundstruktur des Bewußt-
seins aufklärt.
Eindeutiger als für die „Urverdrängung" läßt sich der existenzialontologi-
sche Beitrag zum Verständnis des „Nachdrängens" und der zugehörigen Ein-
schränkungen und Hemmungen des gereiften Ich bestimmen. Auch für das
„Nachdrängen" hält Freud an seiner energetischen Erklärung psychischer Pro-
zesse fest, indem er es als Konsequenz der Urverdrängungen interpretiert
(s. o. S. 76 f.; 158). Die Problematik dieser Erklärung wird aber sichtbar,
wenn man das Nachdrängen gegen die Urverdrängung abhebt. Die Urver-
drängungen werden durch das energetische Übergewicht' der Widerstände
gegenüber den unverträglichen Tendenzen des Es aufrechterhalten, durch
das diese Tendenzen überhaupt vom Bewußtsein abgeschnitten und der un-
mittelbaren Kontrolle des erstarkten Ich entzogen sind. Für die Situation

tuellen Grundeinstellungen haben über ihren triebhaft begründeten Ursprung hinaus


offenbar positive Funktion für die selbstverständliche Orientierung des Individuums in
seiner Welt und widersetzen sich auch deshalb jeder Umprägung in der analytischen
Kur.

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 161

des Nachdrängens dagegen ist ein relatives Gleichgewicht der triebhaften


Besetzung unter den Vorgegebenheiten für das integrierende Ich vorausge-
setzt, aufgrund dessen die widersprechenden psychischen Vorgänge über-
haupt gemeinsam bewußtseinsfähig sind und die Entscheidung des Ich über
ihre Motivationskraft für das Verhalten des Individuums verlangen. So er-
öffnet sich in dem Gleichgewicht der triebhaften, prinzipiell zugänglichen
Vorgegebenheiten der Freiheitsspielraum für das integrierende Ich, inner-
halb dessen es selbst noch mitentscheiden muß, inwieweit es seine Vorge-
gebenheiten sehen und als eigene Interessen bzw. Normen anerkennen will.
Unter dieser Perspektive wird ein neuer Aspekt der „Last" sichtbar, die
in der Integrationsaufgabe liegt und das Interesse an der „Konfliktlosigkeit"
begründet: Die volle Offenheit des Ich für seine widersprechenden Vorge-
gebenheiten schließt die Bereitschaft ein, die je erreichte eigene „Einheit-
lichkeit" durch diese noch nicht integrierten psychischen Vorgänge in Frage
zu stellen und darin die eigene grundsätzliche ,Undefinierbarkeit' zu akzep-
tieren. Diese Undefinierbarkeit stellt das Ich immer neu vor die Aufgabe,
selbst noch die Gestalt der je modifizierten Einheitlichkeit zu bestimmen.
Der Erfahrung dieser Undefinierbarkeit und der zugehörigen Aufgabe selb-
ständiger Identitätsbildung scheint sich das gereifte Ich zu entziehen, indem
es sich den triebhaft begründeten Zwängen seiner Prägung überläßt und darin
alle die triebhaft motivierten Vorgegebenheiten ausklammert, die die Er-
weiterimg und Umwandlung der je gewonnenen Prägung erfordern würden.
In dem so verstandenen Interesse an der Konfliktlosigkeit läßt sich auch
die Gegenmöglichkeit zur Verdrängung, nämlich die „Rationalisierung" be-
gründen (s. o. S. 114). In ihr weicht das Ich vor der selbständigen Identi-
tätsbildung aus, indem es die je erreichte Prägung verdeckt und verfälscht,
um sich uneingeschränkt bestimmten Triebwünschen überlassen zu können.
Wird das Interesse an der Konfliktlosigkeit als ,Flucht' vor der eigenen
Unbestimmtheit verstanden, dann scheint die existenzialontologische Verdek-
kungstheorie diese Tendenz in ihrer Erschlossenheitsstruktur durchsichtig
machen und zugleich begründen zu können 11 . Heideggers ontologische Ana-
lyse des freien Selbstverhältnisses zeigt, daß jedes freie Verhältnis zu be-
stimmten eigenen Tendenzen und Einstellungen schon das Verhältnis zum
Faktum der eigenen Freiheit einschließt. In diesem Verhältnis entscheidet
das freie Individuum, ob es sich vor seiner faktischen Freiheit verschließt,
indem es sich auf seinen jeweils selbstverständlichen Umkreis von Interes-
11
Den im folgenden dargestellten Aspekt des Verhältnisses zwischen Psychoanalyse und
Existenzialontologie hat E. Tugendhat im Ausgang vom Wahrheitsproblem entfaltet
(E. Tugendhat: Wahhrheitsbegriff; S. 321 ff.).

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162 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

sen und Einstellungen versteift, oder ob es seine Freiheit akzeptiert, indem


es sich für die Alternativen zu seinen selbstverständlichen Einstellungen of-
fenhält. Sofern jede Entscheidung über die Zugänglichkeit bestimmter Mög-
lichkeiten strukturell schon die Entscheidung über die Erschlossenheit der
eigenen Freiheit voraussetzt, kann die Erschlossenheitsstruktur der „Flucht-
tendenz" des Daseins als die Bewußtseinsstruktur in Anspruch genommen
werden, die in der psychischen Zensur des „Nachdrängens" impliziert ist und
sie strukturell ermöglicht.
Mit der verdeckenden „Flucht" vor der eigenen endlichen Freiheit hat
Heidegger einen Aspekt der Verdrängung sichtbar gemacht, der nicht mehr
aus triebhaften Bedingungen aufgeklärt werden kann, sondern nur noch aus
der Konfrontation mit der eigenen Freiheit als „Unheimlichkeit" verständ-
lich wird. Die Aufgabe, unter vorgegebenen Alternativen selbständig wäh-
len zu müssen, schließt eine spezifische ,Belastung' ein, die unabhängig von
den bestimmten Alternativen und deren Herkunft besteht. Vor dieser Last
scheint das Individuum auszuweichen, indem es seinen jeweils akzeptierten
Umkreis von Einstellungen und Interessen als den einzig möglichen festhält.
Damit ist in ersten Umrissen sichtbar geworden, wie sich in der wechsel-
seitigen kritischen Ergänzung der Existenzialontologie und der Psychoana-
lyse ein ausgearbeiteter und differenzierter Begriff der menschlichen Ver-
deckungstendenz ergibt.12

c) Das Selbstverhältnis der Hinkehr:


In der Übernahme der eigenen Unheimlichkeit überwindet das Dasein
die alltägliche Verdeckungstendenz.
Die Grenze der existenzialontologischen Interpretation
der Verdeckung

Sofern das „beruhigt-vertraute In-der-Welt-sein" vor der „Unheimlich-


keit" des eigenen Seins flieht, drängt es die Möglichkeit der „Hinkehr" zu
sich selbst ab und verschließt sich vor ihr. Sofern aber die „Flucht des Da-
seins vor ihm selbst" (SZ, 184) für ihre eigene Dynamik ständig noch die Of-
fenheit der eigenen „Unheimlichkeit" voraussetzt, schließt die Flucht ständig
noch die Möglichkeit der „Hinkehr" ein, in der sich das Dasein mit seinem
Sein konfrontiert. Die „Bezeugung" (267) dieser Möglichkeit findet Heideg-
ger im „Gewissensphänomen" (§§ 54—57). In der Interpretation des „Ge-

12 Die Konsequenzen der eingeschränkten Fragestellung Heideggers für seine eigene


Theorie werden sich in der existenzialontologischen Konzeption der ,Aufhebung' von
,Verdeckungen' zeigen (s. u. S. 167).

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 163

wissensrufs" analysiert Heidegger die Weise, wie die „Angst" als „Stim-
mung der Unheimlichkeit" (190) im alltäglichen Dasein „aufbricht" (s. 136)
(s. o. S. 153).
Weil das alltägliche Dasein vor seiner „Unheimlichkeit" flieht, ist ihm
durch seine eigene „Bewegtheit" immer schon die Möglichkeit entzogen, sich
selbst frei seinem eigenen Sein zuzuwenden und es darin zu übernehmen.
Es ist vielmehr darauf angewiesen, „wider Erwarten und gar wider Willen"
(275) von seiner Unheimlichkeit „überfallen" (228) zu werden. Diese Be-
troffenheit durch das eigene Sein interpretiert Heidegger als „Anruf" des
Gewissens.
Der Gewissensruf erschließt das In-der-Welt-sein, indem er den vom
Man vorgegebenen, alltäglichen Verständnishorizont des Daseins „übergeht"
(273) und darin die totale „Bedeutungslosigkeit" (273) der alltäglichen Mög-
lichkeiten offenbart. Indem so „das Man in sich zusammensinkt" (vgl. 273),
wird das Dasein mit seinem ihm selbst überlassenen, unbestimmten Seinkön-
nen als solchem konfrontiert (§57; vgl. auch 186 f.). In dieser Erschlossen-
heit der eigenen Unheimlichkeit wird das alltägliche Dasein sich selbst fremd
(277), weil es sich alltäglich gerade im Gegenzug zu seinem eigenen Sein
versteht; zugleich aber erfährt es durch „die sichere Einschlagsrichtung des
Rufes" (274) das ihm fremde Sein als eigenes.
In diesem Anruf des Gewissens setzt sich das alltäglich zurückgedrängte
Interesse des Daseins an seiner endlichen Freiheit als der „Rufer" durch:
„das im Grunde seiner Unheimlichkeit sich befindende Dasein" ruft sich „in
der Angst um das eigenste Seinkönnen" (276) zu seiner „Eigentlichkeit" auf,
„um die es ihm einzig geht" (277; vgl. auch 287) 13 .
Sofern das alltägliche Dasein sich in der Betroffenheit durch den Gewis-
sensruf selbst entfremdet wird, muß es sich erst, noch selbst mit dem eige-
nen Sein ,identifizieren', das ihm im Anruf erschlossen ist. So gehört zum
„Anruf" das „Anrufverstehen" (279), in dem das Dasein die eigene Unheim-
lichkeit als das Sein übernimmt, um das es ihm existierend geht. „Anrufver-
stehen besagt: Gewissen-haben-wollen" (288). Dieser „Entwurf" auf das
eigene nichtige Seinkönnen begründet die Seinsweise der „Eigentlichkeit",

13 Die existenzialontologische Begründung des Gewissensrufs, die Freuds genetischer Er-


klärung des Überich und des Gewissens entgegengesetzt ist, scheint sich mit Neuan-
sätzen in der Psychoanalyse sachlich zu berühren. So unterscheidet E. Fromm in sei-
nem Buch „Psychoanalyse und Ethik" (Zürich 1954) zwischen einem „autoritären Ge-
wissen", das Freuds Überich entspricht, und einem „humanistischen Gewissen", das
er als „Stimme unserer liebenden Besorgtheit um uns selbst bezeichnet" (174). In
dem zweiten Gewissensbegriff scheinen sich Beziehungen zu Heideggers Konzeption
des Gewissens als „Ruf der Sorge" (SZ, 277) zu ergeben.

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164 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

in der das Dasein „sich selbst zueigen" ist (s. o. S. 139; SZ, 13). Ihr kann
Heidegger nun die Alltäglichkeit als die Seinsweise der „Entfremdung"
(178), der „Uneigentlichkeit" gegenüberstellen.
Weil das Dasein sein „nichtiges Seinkönnen" ursprünglich nur in der
„Angst" als „Stimmung der Unheimlichkeit" erfahren kann, ist das „Gewis-
senhabenwollen" wesentlich „Bereitschaft zur Angst" (296). Sofern die
Angst immer schon Angst vor dem Tode ist (s. o. S. 153), ist die Bereitschaft
für sie das „Vorlaufen in den Tod" (§ 53), in dem sich das Dasein für die
„unbestimmte, unüberholbare Möglichkeit" (258 f.) des ,Nicht-mehr-sein-
könnens' offenhält. „Das Sein zum Tode ist wesenhaft Angst" (266). Diese
Übernahme der eigenen endlichen Freiheit interpretiert Heidegger als die
Wahl, in der das Dasein „das wahllose Mitgenommenwerden" vom Man
„rückgängig" macht und sich für die selbstverantwortliche Wahl seiner Exi-
stenzmöglichkeiten entscheidet (268). Diese Seinsweise des ,Wählenwollens'
nennt Heidegger „Entschlossenheit" (§ 60).
In seiner Offenheit für die Möglichkeit des Todes läßt sich das Dasein
immer schon „auf sein faktisches Da . . . zurückwerfen" (385). Gerade weil
dem Dasein in jedem Augenblick die Möglichkeit des Wählens durch den
Tod entzogen werden kann, weist die Erschlossenheit des eigenen puren
Seins das Dasein in seine je konkrete „Situation" (299). So gilt vom Gewis-
sensruf: „Den Ruf eigentlich hören, bedeutet, sich in das faktische Handeln
bringen" (294). Zugleich mit dem faktischen Spielraum wählbarer Möglich-
keiten gibt der Tod als die höchste „Instanz" (313) für das Dasein diesem
die Orientierung für die jeweilige Wahl vor: „Das Freiwerden für den eige-
nen Tod befreit von der Verlorenheit in die zufällig sich andrängenden Mög-
lichkeiten, so zwar, daß es die faktischen Möglichkeiten, die der unüberhol-
baren vorgelagert sind, allererst eigentlich verstehen und wählen läßt"
(264) 14 .

14 Die Interpretation des vollen „Gewissensphänomens" hat die existenzialontologisdie


Konzeption des befreienden Selbstbewußtseinsvollzuges sichtbar gemacht, den Fichte
zum ersten Male entfaltet hat (s. o. S. 26 f.). Für Fichte erfährt das Individuum im
frei vollzogenen Selbstbewußtsein seine absolute Selbständigkeit und Spontaneität
und reißt sich darin von seiner unmittelbaren Umweltgebundenheit los. In dieser Ab-
straktionsbewegung negiert das Individuum aber seine eigene Konkretion nicht ein-
fach, sondern distanziert sich nur von ihr, um sie sich als ,Objektivität' gegenüberzu-
stellen und sie in der Orientierung an der Idee der Selbständigkeit und Identität zu
verwandeln.
Ganz entsprechend erwies sich auch die Übernahme der nichtigen Freiheit als
A-bstraktionsbewegung', in der sich das Dasein von seiner Umweltgebundenheit
löst und eben darin das eigene Seinkönnen in seiner vorgängigen Unbestimmt-
heit erfährt. Weil die .Abstraktion' von der eigenen Konkretion aber gerade mit

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 165

In der Interpretation des sich ängstigenden Seins zum Tode zeigt Hei-
degger für die „Hinkehr", wie in der Erschlossenheit des eigenen Seins je-
weils der Spielraum des konkreten „In-der-Welt-seins" erschlossen ist. Die
„Entschlossenheit" ist kein „leerer Habitus" (s. 300) oder eine „freischwe-
bende Verhaltung" (309), sondern als Wille zur "Wahl stets die Weise, in
der das Dasein sich voll für seinen Spielraum konkreter Möglichkeiten öff-
net und damit „erst das faktisch Mögliche entdeckt" (s. 299). In der Über-
nahme der Unheimlichkeit ist also das je konkrete „Da" nicht nur insoweit
erschlossen, daß das Dasein verantwortlich nach der „je eigensten, faktischen
Möglichkeit des In-der-Welt-sein-könnens" (s. 295) fragen kann; vielmehr
ist in der Entschlossenheit für das eigene Sein immer schon „der jeweilige
faktische Bewandtnischarakter der Umstände" (300) der jeweiligen Situation
erschlossen. Der pure Wille zur Wahl sichert also die unverstellte Zugäng-
lichkeit der faktischen situationsgebundenen Möglichkeiten. Die so verstan-
dene Hinkehr läßt insofern die Möglichkeit der Fluchttendenz niemals hin-
ter sich, als sich je neu in den konkreten Situationen entscheidet, ob sich das
Dasein in ihnen die Last seiner endlichen Freiheit ofEenhalten kann. „Ihrer
selbst sicher ist die Entschlossenheit nur als Entschluß" (298) für die jewei-
lige faktische Möglichkeit. Deshalb „hält sich das Dasein offen für die stän-
dige, aus dem Grunde des eigenen Seins mögliche Verlorenheit in die Un-
entschlossenheit des Man" (308). Sofern das Dasein aber jeweils den Wil-
len zur Wahl festhalten kann, kann es der vollen Offenheit seines Möglich-
keitsspielraums sicher sein.
Die Bereitschaft zur Wahl garantiert aber nicht nur die volle Offenheit
des konkreten „Da", sondern leitet als „Freisein für den Tod" auch immer
schon die Wahl der eigensten Möglichkeit. Das entschlossene Dasein „ent-
deckt erst das faktisch Mögliche", indem es auch schon die eigenste Möglich-

der Endlichkeit des eigenen Seinkönnens konfrontiert, stößt sie das Dasein auch
schon in seine konkrete Situation zurück. In diesem Rückstoß gewinnt das Dasein
mit der vollen Offenheit für seine Situation zugleich die Endlichkeit des eigenen
Seinkönnens als Orientierung für sein Verhalten in ihr.
über diesen formalen Entsprechungen darf nicht übersehen werden, daß beide Inter-
pretationen verschiedene Dimensionen des Selbstbezugs thematisieren. Fichte unter-
sucht den Vollzug, in dem der schon vorausgesetzte „Trieb zur Selbsttätigkeit" für
das Individuum theoretisch durchsichtig wird und darin ein objektivierendes distan-
ziertes Verhältnis zur eigenen Unmittelbarkeit eröffnet, die für das Ich transparent
gegeben ist. Heidegger dagegen untersucht den Prozeß, in dem sich der „Trieb zur
Selbsttätigkeit" innerhalb der vortheoretischen Lebenspraxis freisetzt und darin nicht
bloß ein neues Verhältnis zu einer transparent gegebenen Konkretion begründet,
sondern den Spielraum der vortheoretischen Selbstgegebenheit über die Grenzen des
unfreien Existierens hinaus erweitert und so erst den ,Blick' auf die volle faktische
Konkretion des eigenen Seins freimacht.

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166 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

keit „ergreift" (299). Die bloße Bereitschaft zur Verantwortlichkeit recht-


fertigt also schon den je kronkreten Entschluß.
In dieser Konzeption des „Sich-Zueigenseins" gibt Heidegger den An-
satz der Hinkehr auf, der in seiner Deskription der Abkehr impliziert ist
und den er selbst noch grundsätzlich gesehen hat. Sofern das alltägliche Da-
sein in der Flucht vor sich selbst seine „eigentlichen" Möglichkeiten abdrängt
und darin die Fluchttendenz selbst verdeckt, „enthüllt" die Übernahme des
nichtigen Semkönnens „erst die faktische Verlorenheit in die Alltäglichkeit
des Man-selbst" (263). So ist dem entschlossenen Dasein mit der Erschlos-
senheit seines Seins zunächst nur die alltägliche Verdeckungstendenz als
Verdeckungstendenz durchsichtig. Darin eröffnet sich aber doch nur der Spiel-
raum, innerhalb dessen das Dasein über den Umkreis seiner selbstverständ-
lichen, nivellierten Möglichkeiten hinaus nach seinen eigentlichen fragen
kann. Für diese Frage zeigt sich erst die faktische Undurchsichtigkeit des eige-
nen konkreten Möglichkeitsspielraums, dessen vollen Umkreis sich das
Dasein immer schon mit den nivellierten Möglichkeiten des Man verstellt hat.
So vollzieht sich das verantwortliche Erschließen konkreter Möglichkeiten
nur „als Wegräumen der Verdeckungen und Verdunkelungen, als Zerbrechen
der Verstellungen, mit denen sich das Dasein gegen es selbst abriegelt"
(129). Damit erweist sich nun die „Hinkehr" als der unabschließbare Pro-
zeß der Überwindung des begrenzten Möglichkeitshorizontes, den das Da-
sein als Man-selbst je schon übernommen hat. Dieser Prozeß der Selbsterhel-
lung kann allerdings nur dadurch in Gang kommen, daß das Dasein in der
Erfahrung seines unbestimmten, puren Möglichseins auch schon die alltäg-
lichen Einschränkungen dieses Seinkönnens erfährt, die es sich in der all-
täglichen Verdeckungstendenz gerade als Einschränkungen verdeckt (s.o.
S. 151 f.). Aber in seiner Interpretation des Gewissensrufs behauptet Hei-
degger darüber hinaus, die Erschlossenheit des nichtigen Seinkönnens hebe
auch schon alle faktischen Einschränkungen des konkreten Seinkönnens
auf und garantiere dem entschlossenen Dasein mit der vollen „Durdisichtig-
keit" seines konkreten Möglichkeitsspielraums auch schon die Angemessen-
heit seiner je bestimmten Wahl. So verschleiert Heideggers leitende Konzep-
tion der „Hinkehr" die Problematik der „Durchsichtigkeit" der eigenen
Existenz (146), obwohl Heidegger sie im Ausgang von der alltäglichen
Fluchttendenz grundsätzlich gesehen hat I 5 .

15 Wenn „Erschlossenheit" und „Seinsvollzug" für die Eigentlichkeit nicht mehr zu-
sammenfallen, sondern das Seinsverständnis erst die Frage nach eigentlich vollzieh-
baren Seinsmöglichkeiten eröffnet, dann scheint der entschlossene Existenzvollzug
selbst das objektivierende Selbstbewußtsein einzuschließen, in dem das Dasein die

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseins^truktur 167

Befragt man diese Konzeption der „Hinkehr" auf ihre Relevanz für die
Psychoanalyse, so ergibt sich für die beiden Ansätze der „Selbstdurchsichtig-
keit" , die sich in Heideggers Theorie unterscheiden lassen, ein je verschiede-
ner Bezug zu Freuds Konzeption der Aufhebung von Verdrängungen.
Im Vergleich zur Psychoanalyse erweist sich Heideggers leitender Be-
griff der Selbstdurchsichtigkeit als die Konsequenz des Versuchs, die volle
Konkretion der jeweiligen Existenz aus dem Verhältnis des Daseins zu seiner
endlichen Freiheit verständlich zu machen und darin die triebhafte Gebun-
denheit des Lebensvollzugs auszuklammern. Wenn die Bereitschaft zur ver-
antwortlichen Wahl auch schon die Beseitigung aller konkreten ,Verdek-
kungsleistungen' des Individuums einschließt, dann bleibt kein Raum mehr
für die Frage nach Bindungen und Zwängen, die gar nicht primär in der
Flucht vor der Freiheit, sondern in der triebhaften Gebundenheit des Ich
gründen und deshalb in der Übernahme der Unheimlichkeit noch gar nicht
durchsichtig werden. Solange diese Frage aber nicht gestellt ist, bleibt dem
entschlossenen Dasein die Problematik seiner Selbständigkeit verborgen: In
der Bereitschaft, den selbstverständlichen Möglichkeitshorizont der eigenen
Gesellschaft in Frage zu stellen, kann es selbst noch von ,asozialen' Trieb-
wünschen abhängig sein, ohne diese Gebundenheit zu durchschauen. Dann
aber ist individuelle Selbständigkeit nur Abhängigkeit von triebhaften Vor-
gegebenheiten, die den Möglichkeitshorizont der eigenen Gesellschaft spren-
gen. So zeigt sich, daß zur Selbständigkeit gegenüber der eigenen Gesellschaft
notwendig die möglichst weitreichende Durchsichtigkeit der inhaltlichen Be-
stimmtheit des eigenen Seins gehört, in der das Dasein sich gegenüber un-
durchschauten Zwängen seiner Triebbasis befreit.
Der unzureichenden Konzeption möglicher Selbstdurchsichtigkeit steht
ein Ansatz gegenüber, der die Übernahme der „Unheimlichkeit" als die Be-
reitschaft des Daseins versteht, universal nach der Verantwortbarkeit der ei-
genen faktischen Einstellungen zu fragen. Sofern Heidegger auch für diesen
Ansatz die triebhafte Gebundenheit des Lebensvollzugs ausklammert, bleibt

konkrete Situation in der Distanzierung von ihr erfaßt, um sie sich durchsichtig zu
machen. Dann aber scheint das von Fichte entfaltete ,Vor-sich-Hinstellen' der eigenen
Konkretion für den Existenzvollzug selbst relevant zu werden. Doch diese Form der
,Reflexion' setzt immer schon den ursprünglichen Selbstbewußtseinsvollzug voraus,
in dem das Dasein sich überhaupt den vollen Spielraum seines je konkreten „Da"
eröffnet, in den das Dasein reflektierend hineinfragen kann. Diese Konzeption der
Reflexion als Mittel zur Selbstaufklärung konnte Heidegger nicht mehr in den Blick
bringen, weil er das objektivierende Selbstbewußtsein als „Erfassen" verstand, das
nur noch ,„Erlebnisse' vorfinden kann" (136) und darin das Dasein in ein Vorhande-
nes verfälscht.

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168 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

für ihn diese Frage auf den selbstverständlichen Möglichkeitshorizont der


eigenen Gesellschaft eingeschränkt und sucht nach Möglichkeiten, die in der
Destruktion dieses Horizonts aufgedeckt werden können. Aber dieser An-
satz ist trotzdem noch in der Lage, den spezifisch psychoanalytischen Aspekt
der Verdeckungstendenz miteinzubeziehen. Die Psychoanalyse macht sicht-
bar, daß sich die Flucht vor der eigenen Selbständigkeit nicht erst auf den
Möglichkeitshorizont der eigenen Gesellschaft bezieht, sondern auch schon
triebhafte Vorgegebenheiten betrifft, darin aber selbst noch von triebhaften
Bindungen mit abhängig ist (s. o. S. 160 ff.). Dieser spezifische Aspekt der
eigenen Fluchttendenz wird dem entschlossenen Dasein indirekt dadurch
zugänglich, daß es bei der Frage nach seinen verantwortbaren Möglichkeiten
auf faktische Einstellungen und Interessen stößt, die sich durch affektive
Hemmungen der Infragestellung widersetzen. Sofern diese Hemmungen
nicht durch die Bereitschaft zur Selbständigkeit aufgehoben werden können,
offenbaren sie Widerstände, die nicht mehr aus der Flucht vor der Unheim-
lichkeit aufgeklärt werden können, sondern auf Triebzwänge und -hemmun-
gen hinweisen. Diese Zwänge kann das entschlossene Dasein abzubauen ver-
suchen, indem es sich psychoanalytischer Methoden und Einsichten bedient.
So zeigt sich, daß die universal angesetzte Frage nach der Verantwortbarkeit
eigener Einstellungen die Möglichkeit eröffnet, die alltäglich verdeckten, pri-
mär triebhaft motivierten Verdrängungen als Hemmungen der eigenen
Selbstbestimmbarkeit zu erfahren und sie damit als undurchschaute „Wider-
stände" gegen Verdecktes zu begreifen. So eröffnet die Übernahme der Un-
heimlichkeit für einen bestimmten Umkreis triebhaft begründeter „Ichein-
schränkungen" die Frage nach ihren Gründen und motiviert die Bereitschaft
des Individuums, sich psychoanalytischer Aufklärungsmethoden zu bedie-
nen, um sich von seinen Triebzwängen zu befreien. Diese Methoden lassen
sich nicht mehr in der Bereitschaft zur Verantwortlichkeit gewinnen, son-
dern können offenbar nur in konkreter, empirischer psychoanalytischer For-
schung aufgedeckt werden. Diese Forschung orientiert sich nicht an dem
Phänomenbereich der Hemmungen, der von Heideggers Ansatz her zugäng-
lich wird, sondern geht von den „sinnlosen" Bewußtseinsakten aus, in denen
sich der Gegensatz zwischen den Widerständen des Ich und dem Verdräng-
ten unmittelbar zeigt.
Zusammenfassend kann man festhalten, daß Heideggers Analyse der
Hinkehr zu sich selbst die Möglichkeit und die Motivation für die Frage
nach dem triebhaften Verdrängten im Ausgang vom ungestörten ,Sinnzusam-
menhang' des Lebensvollzugs verständlich machen kann, während sich für
Freud die konkreten Mechanismen der Verdrängung im Ansatz bei „sinn-

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2. Die Konkretion der formalen Selbstbewußtseinsstruktur 169

losen" Bewußtseinsphänomenen ergaben. Für ihn entspringt auch die Moti-


vation zur Aufklärung des Unbewußten primär dem „Leidensdruck", der
mit den zwanghaften, sinnlosen Bewußtseinsakten für das Individuum ver-
bunden ist. Aber dabei sieht er doch, daß die Überwindung der unlustbrin-
genden Verdrängungen eine grundsätzliche Einstellungsänderung des Patien-
ten gegenüber seiner Krankheit fordert: „ Die Krankheit selbst darf ihm
nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr . . . ein Stück seines Wesens, das
sich auf gute Motive stützt" (X, 132). In dieser Einstellungsänderung scheint
der Patient sein genuines Interesse an Selbständigkeit und Einheitlichkeit
zu aktivieren, das die Symptome in ihrer Zwanghaftigkeit und Ichfremdheit
aufzuheben bestrebt ist. So scheint Freud die Motivation für die Frage nach
Verdrängungen, die Heidegger isoliert heraushebt, in ihrer Verflochtenheit
mit dem Interesse an psychischer Gesundheit aufzuweisen. In dieser Verbin-
dung ist das Streben nach Selbständigkeit aber keine universale Seinstendenz
des Individuums mehr, sondern bleibt auf den Umkreis unlustbringender
Bewußtseinsakte eingeschränkt.
Die bisherige Interpretation hat den Vergleich zwischen der psychoanaly-
tischen und existenzialontologischen Konzeption des interessegeleiteten
Selbstbewußtseinsvollzuges im Hinblick auf das Interesse an Unselbständig-
keit und Selbständigkeit durchgeführt und dabei zu zeigen versucht, wie
diese Interessen ein ,bewußtseinsumgrenzendes Handeln' begründen, in dem
das Individuum sich für Aspekte seines Seins verschließt oder öffnet. In
der Orientierung an dem leitenden Selbstbewußtseinsbegriff Fidites soll der
bisher untersuchte Interessengegensatz im folgenden Kapitel als Gegensatz
zwischen dem Interesse an der Uneinheitlichkeit und an der Einheitlichkeit
des Lebensvollzugs interpretiert werden. Dabei fragt die Interpretation nach
den Beziehungen, die sich zwischen Freuds Konzeption der einheitlichen
„Ichorganisation" und ihres „Synthesisstrebens" und Heideggers zeitlicher
Analyse des Existenzvollzuges ergeben.

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170 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins:


Das Selbstbewußtsein als Auseinandersetzung mit der zeitlichen
„Endlichkeit" des Daseins

a) Die zeitliche Verfassung des ,ich-bin': Der Vollzug des eigenen


„Zu-sein" als zeitliche „Erstreckung" des Daseins
Die bisherige deskriptive Entfaltung des „,ich-bin"' hat das „Zu-sein"
des Daseins als ,nichtiges Seinkönnen' charakterisiert und sich so als ontolo-
gische Interpretation der „endlichen Freiheit" des Menschen erwiesen. In
der „temporalen" Interpretation des „Zu-sein" hebt Heidegger nun die zeit-
liche Verfassung des ,ich-bin' heraus, die schon im Ansatz des „Zu-sein" im-
pliziert ist. Damit klärt er die spezifische Zeitstruktur auf, die der endlichen
Freiheit des Menschen strukturell zugrunde liegt. Diese Struktur begründet
die genuine ,Identität' des Daseins, die sich ontologisch grundsätzlich von der
Identität eines Vorhandenen unterscheidet. So klärt die temporale Interpre-
tation den spezifischen Charakter der „Selbstheit des Daseins" (SZ, 318)
auf (332). Diese Interpretation der „Selbigkeit" (130) soll daraufhin be-
fragt werden, inwieweit sie die spezifische Zeitstruktur sichtbar macht, die
in den psychoanalytischen Interpretationen der (zeitlichen) Identität des
Menschen intendiert ist (s. o. S. 119 ff.; vgl. auch S. 108 ff.).
Das Sein, das das Dasein stets noch zu sein hat, schließt eine zweifache
zeitliche „Erstreckung" (375) ein: Sofern das Dasein sein Sein immer erst
noch vollzieht, steht es ihm immer noch als Möglichsein bevor und kann nur
im „Sich-vorweg-sein des Daseins" (192) vollzogen werden. Das Dasein ge-
winnt die Bestimmtheit seines „So-seins" immer nur aus dem „Woraufhin",
auf das es sich im „Sich-vorweg" (192) „entwirft". Das Dasein „ist, was es
wird" (145). Die zeitliche „Erstreckung", die in diesem „Sich-vorweg" liegt,
interpretiert Heidegger als „Zukunft": „Zukunft meint . . . nicht ein Jetzt,
das, noch nicht ,wirklich' geworden, einmal erst sein wird, sondern die
Kunft, in der das Dasein in seinem . . . Seinkönnen auf sich zukommt" (325).
Die Zukunft ist die Dimension des „,Auf-sich-zu"' (328).
Weil sich das Möglichsein des Daseins nur als der ,Seinssinn' des „Ver-
stehens" konstituiert (s. o. S. 138 f.), ist mit der Zeitlichkeit des Seinkön-
nens die zeitliche Erstreckung des Verstehens interpretiert. Das Verstehen
ist als ,Sich-Werfen auf . . . ' selber das erschließende Ausgreifen auf . . . , in
dem sich die „Erstreckung" der Zukunft als der Lichtungsspielraum des Mög-
lichseins eröffnet und zugleich auf eine bestimmte Möglichkeit festgelegt
wird.

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 171

Das Sein, das dem Dasein immer noch bevorsteht, ist ihm als faktisches
zugleich auch vor- und ^«/gegeben. Sofern das Dasein sein „Daß es ist und
zu sein hat" (134) niemals „einholen" und erst „aus seinem Selbstsein ent-
lassen" kann (284), geht es dem Seinsvollzug immer schon ,voraus' und kann
nur im .„Zurück auf'" (328) so oder so ,erlitten' werden. Diese Erstreckung
des „Zurück auf", die für den Lastcharakter des eigenen Seins konstitutiv
ist, bestimmt Heidegger als „Gewesenheit": .„Solange' das Dasein faktisch
existiert, ist es nie vergangen, wohl aber immer schon gewesen im Sinne des
,ich bin-gewesen' (328). Weil sich die „Geworfenheit" nur als ,Seinssinn'
der Befindlichkeit konstituiert, muß die Stimmung als das ,Geworfenwerden
in . . v e r s t a n d e n werden, in dem sich die zeitliche „Erstrecktheit" der Ge-
wesenheit als der Lichtungsspielraum der Faktizität eröffnet und in seinem
Wie bestimmt wird.
Sofern das Dasein sich in Befindlichkeit und Verstehen einunddasselbe
Sein hinsichtlich seiner Vorgegebenheit und als Möglichsein erschließt, exi-
stiert das Dasein, zeitlich verstanden, nur als „Auf-sich-zu", indem es darin
auch schon „auf sich zurückkommt" (vgl. 326).
In diese Einheit von Zukunft und Gewesenheit bezieht Heidegger die
„Gegenwart" ein, indem er die „gewesene . . . Zukunft" (326) als die zeit-
liche Erschlossenheit des eigenen Seins interpretiert und die Offenheit des
je konkreten „Da" in der Gegenwart begründet: „das handelnde Begegnen-
lassen des umweltlich Anwesenden ist nur möglich in einem Gegenwärtigen
dieses Seienden" (326). So soll in der Einheit der Zeitdimensionen der Zu-
sammenhang* zwischen der Erschlossenheit des eigenen Seins und der je kon-
kreten Sinnhorizonte des „Da" begründet werden, der bisher deskriptiv auf-
gewiesen war (s. o. S. 165 f.; 142). Im ,. Auf-sich-zu", in dem das Dasein
auch immer schon auf sich „zurückkommt" (326), eröffnet sich das Dasein
mit seinem Möglichsein und mit seiner Faktizität je schon den „Horizont"
(348), innerhalb dessen es „gegenwärtigend" „erst das faktisch Mögliche"
(299) der Situation entdeckt (s. o. S. 165). Dem Dasein wird also sein je
konkretes „Da" nur so zugänglich, daß „die gewesene . . . Zukunft die Ge-
genwart aus sich entläßt" (326).
Mit der Einheit der Zeitdimensionen ist „der ekstatische Charakter der
ursprünglichen Zeitlichkeit" (329) aufgewiesen, die für das jeweilige Jetzt'
des „Zu-sein" selbst konstitutiv ist. Das Dasein kann nur aktuell existieren,
indem es immer schon „zukünftig" und „gewesend" über sein aktuelles So-
sein hinaus ist und es sich „gegenwärtigend" als „Sein in einer Welt" eröff-
net. So ist die Zeitlichkeit die dreifache „Erstreckung" des Jetzt', in der
Zukunft und Gewesenheit das Seinkönnen und die Faktizität des Daseins

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172 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

vergegenwärtigen und darin die „Entrückung" (338) an das umweltlich An-


wesende bestimmen. Die Zeitdimensionen können also ursprünglich gar nicht
als die Abschnitte eines kontinuierlichen Zeitflusses verstanden werden, der
seine ,Erstreckung' in der kontinuierlichen Abfolge von Gegenwartsphasen
gewinnt. Sie sind vielmehr „Ekstasen" des Jetzt', das als Jetzt immer schon
,ausgespannt' ist. Die „Zeitlichkeit des Daseins" erweist sich so als „das ur-
sprüngliche ,Außer-sich' an und für sich selbst" (329).
Die bisher dargestellte Konzeption der ekstatischen Zeitlichkeit scheint
zwei theoretische Schwierigkeiten einzuschließen:
1. Heideggers Versuch, die Erschlossenheit des jeweiligen „Da" auf das
„Gegenwärtigen" von „Anwesendem" festzulegen, scheint deskriptiv gar
nicht unmittelbar einsichtig. Heidegger hat gezeigt, wie das Dasein sich in der
eigentlichen oder uneigentlichen Erschlossenheit seines Seins immer schon
sein „Da" als den vollen oder nivellierten Spielraum faktischer Möglichkei-
ten eröffnet. Dann aber scheint sich das Dasein im Erschließen des „faktisch
Möglichen" doch nur in dem OfEenheitsspielraum der „gewesenen Zu-
kunft" zu halten, den es sich in der zugehörigen Erschlossenheit seines eige-
nen Seins überhaupt eröffnet. So kann Heidegger denn auch seine Interpre-
tation der Gegenwart nur rechtfertigen, indem er das Entdecken des faktisch
Möglichen als das „handelnde Begegnenlassen des umweltlich Anwesenden"
(326) interpretiert. Das „handelnde Begegnenlassen" kann aber gar nicht als
die genuine Erschlossenheit faktischer Möglichkeiten in Anspruch genom-
men werden, weil es selbst schon den Entwurf einer Möglichkeit des „ In-
der-Welt-seins" voraussetzt, in dem das Dasein einheitlich die Weise seines
,Handelns' und die ,Begegnisart' des umweltlich Zuhandenen fesdegt (s. o.
S. 139 ff.).
Heideggers konstruktive Einführung der „Gegenwart" weist auf seine
unangemessene Interpretation der Erschlossenheit zurück, die sie als die Ein-
heit von Selbst- und Weltbezug ansetzt (s. o. S. 148 ff.). Diese Einheit
soll nun zeitlich in der Untrennbarkeit der Zeitdimensionen begründet wer-
den. Dabei steht die gewesene Zukunft für den Selbstbezug, die Gegenwart
für das Weltverhältnis.
2. Die Einheit von gewesener Zukunft und Gegenwart trägt für Heideg-
ger die Spannung in sich, die die Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit des
Daseins begründet. Als die „Entrückung" an die jeweilige Umwelt schließt
das Gegenwärtigen die Tendenz ein, sich ungehemmt den nivellierten Mög-
lichkeiten zu überlassen, die dem Dasein mit der „,durchschnittlichen' öffent-
lichen Ausgelegtheit" (383) seines „Da" durch das Man vorgegeben sind.
So begründet das Gegenwärtigen die alltägliche Fluchttendenz des Daseins.

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 173

Umgekehrt repräsentiert die gewesene Zukunft als zeitliche Erschlossenheit


des eigenen Seins das Interesse an der Übernahme der Unheimlichkeit, in
dem das Dasein die Nivellierung seines Möglichkeitshorizontes überwindet.
Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit unterscheiden sich nun durch den „Vor-
rang" (329) der einen Zeitdimension vor der anderen (s. u. S. 178; 174).
Auch diese zeitliche Interpretation von Entschlossenheit und Alltäglich-
keit scheint deskriptiv uneinsichtig. Als „Hin- und Abkehr" vom eigenen
Sein scheinen sich doch beide Seinsweisen dadurch zu unterscheiden, wie sie
das Dasein in Zukunft und Gewesenheit mit der eigenen Unheimlichkeit
konfrontieren und darin die gegensätzliche Offenheit für das jeweilige Da
bestimmen. Dann aber kann die Tendenz zur Abkehr nicht in der „Ver-
führung" des Daseins durch das „gegenwärtigend" erschlossene Man, son-
dern nur in der Last der Unheimlichkeit begründet werden.
Auch diese konstruktive Analyse weist auf Heideggers unangemessene
Interpretation der Erschlossenheit zurück (s. o. S. 148 ff.). Heidegger
faßte die Flucht des Daseins vor sich selbst als Sich-Verlegen in den Welt-
bezug, das den Selbstbezug jedoch niemals ganz hinter sich lassen kann. Um-
gekehrt setzte er die Hinkehr zu sich selbst als Selbstverhältnis an, das den
Weltbezug aber niemals ablegt und so immer noch die Möglichkeit des
Fliehens in sich trägt. Diese Zusammengehörigkeit der Tendenz zur Hin-
und Abkehr in der Erschlossenheit des eigenen Seins wird nun in der Ein-
heit der Zeitdimensionen begründet: Gewesene Zukunft ist nicht ohne Ge-
genwart.
Die vorgetragene Kritik an Heideggers Einführung der „Gegenwart"
als eigenständiger Ekstase der Zeitlichkeit führt vor die Frage, ob Heidegger
mit der ekstatischen Erstreckung des „Zu-sein" überhaupt die „ursprüng-
liche Zeitlichkeit" (329) aufgeklärt hat, aus der die Erschlossenheit der Zeit
als ,nivelliertem Zeitfluß' entspringt (vgl. 329). Dieser Frage geht die fol-
gende Interpretation jedoch nicht mehr nach. Sie versucht vielmehr zu zei-
gen, welchen Sinn Heideggers Ansatz der „Gegenwart" gewinnen kann,
wenn man die ekstatische Erstreckung des Daseins als Begründung seiner
eigentlichen oder uneigentlichen Identität versteht.

b) Die Zeitlichkeit der Hinkehr: Die ekstatische Erschlossenheit


der eigenen Endlichkeit als Begründung zeitlicher ,Identität'

Als die Zeitlichkeit der „Hinkehr", in der das Dasein sein ursprüngliches
Zu-sein übernimmt, offenbart die ,eigentliche' „Zeitigungsweise" die ur-
sprüngliche Struktur der Zeitlichkeit überhaupt (329). In der Einheit der

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174 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

Zeitekstasen begründet die eigentliche Zeitlichkeit die Einheit von „Entschlos-


senheit" und „Entschluß", die schon in der Interpretation des „Gewissen-
habenwollens" deskriptiv sichtbar wurde (s. o. S. 165). Im sich-ängstigen-
den Vorlaufen in den Tod erstreckt sich das Dasein so in Gewesenheit und
Zukunft, daß es sich mit seinem puren Sein als Unheimlichkeit konfrontiert.
Die Angst, die wesentlich Angst vor dem Tode ist (s. ο S. 153), „bringt"
das Dasein „zurück auf das pure Daß der eigensten, vereinzelten Geworfen-
heit" (343) und erschließt so das nichtige Seinkönnen des Daseins in seiner
Vor- und Aufgegebenheit. In diesem „Zurück auf" eröffnet sich die Gewesen-
heit ursprünglich. Dieses vorgegebene Sein übernimmt das Dasein als nichti-
ges Möglichsein, indem es den Tod als „äußerste und eigenste Möglichkeit"
(326) übernimmt und darin zukünftig auf sich zukommt. In diesem Sein
zum Tode eröffnet sich Zukunft überhaupt erst: „Das die ausgezeichnete
Möglichkeit aushaltende, in ihr sich auf sich Zukommen-lassen ist das ur-
sprüngliche Phänomen der Zukunft" (325). So ist in Zukunft und Gewe-
senheit das „Zu-sein" in seinen untrennbaren Aspekten ekstatisch eröffnet:
„Das Vorlaufen in die äußerste und eigenste Möglichkeit ist das verstehende
Zurückkommen auf das eigenste Gewesen" (326).
Die Erschlossenheit des eigenen Seins eröffnet den „ekstatischen Hori-
zont" (348), innerhalb dessen sich das Dasein gegenwärtigend für seine Si-
tuation öffnet, und bestimmt damit schon die Weise, wie es sich den Spiel-
raum des faktisch Möglichen erschließt. Sofern die eigentliche Existenz
nichts ist, „was über der verfallenden Alltäglichkeit schwebt, sondern existen-
zial nur ein modifiziertes Ergreifen dieser" (179), bringt sich das entsdblos-
sene Dasein gegenwärtigend gerade vor den nivellierten Möglichkeitshori-
zont des Man, ohne aber in ihm aufzugehen (vgl. 383). Die eigentliche Ge-
genwart ist vielmehr als „Augenblick" die „in der Entschlossenheit gehal-
tene Entrückung des Daseins an das, was in der Situation . . . begegnet"
(338). Wie aber kann die „ekstatische" Erschlossenheit des eigenen Seins
die kritische Distanz des Daseins zu seinen ,unmittelbar' mit der Situation
vorgegebenen Möglichkeiten des Man begründen?
Heidegger nimmt für die kritische Funktion der gewesenen Zukunft ge-
genüber dem alltäglichen Möglichkeitsspielraum die „Endlichkeit" der ur-
sprünglichen Zeitlichkeit in Anspruch.
Das Vorlaufen eröffnet die Dimension der Zukunft, indem es in der ein-
heitlichen „Bewegtheit" (374 f.) des zukünftigen Sich-Erstreckens die Mög-
lichkeit des Nicht-mehr-Seinkönnens als die Grenze alles Seinkönnens ab-
solut vergegenwärtigt. „Der ekstatische Charakter der ursprünglichen Zu-
kunft liegt gerade darin, daß sie das Seinkönnen schließt, das heißt selbst

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 175

geschlossen ist und als solche das entschlossene existenzielle Verstehen der
Nichtigkeit ermöglicht" (330). Nur aufgrund der Zukunft, die mit der Er-
streckung des eigenen Möglichkeitsspielraums auch schon seine Grenze of-
fenhält, ist es möglich, daß der Tod „in jedes faktisch ergriffene Seinkönnen
des Daseins . . . hereinsteht" (302).
Dieser Endlichkeit der Zukunft entspricht für Heidegger die Verschlos-
senheit der Gewesenheit: „Die Geworfenheit, vor die das Dasein zwar ei-
gentlich gebracht werden kann, . . . bleibt ihm gleichwohl hinsichtlich ihres
ontischen Woher und Wie verschlossen. Diese Verschlossenheit . . . konsti-
tuiert die Faktizität des Daseins. Sie bestimmt den ekstatischen Charakter
der überlassenheit der Existenz an den nichtigen Grund ihrer selbst" (348).
Gerade weil das „Zurück auf", das die Gewesenheit eröffnet, vor die Nicht-
hinterfragbarkeit der eigenen Geworfenheit bringt, konfrontiert es im Er-
öffnen der Zeitdimension schon mit ihrer Verschlossenheit. In dieser Ver-
gegenwärtigung der Endlichkeit des „Gewesen" gewinnt die Ekstase genau
wie die Zukunft erst ihre spezifische ,Spannweite', die nicht in der Abstu-
fung von vergangenen Jetztpunkten, sondern in der Unüberholbarkeit der
vergegenwärtigten ,Grenze' liegt. Nur weil die Gewesenheit ständig die
.Grenze' ihrer eigenen Offenheit ekstatisch vergegenwärtigt, kann das Da-
sein so existieren, daß es, „solange es ist, was es ist, im Wurf bleibt" (179).
Das sich-ängstigende Vorlaufen, das das Dasein mit der „Endlichkeit"
seiner Zeitlichkeit konfrontiert, erschließt darin auch schon die ,Identität'
des Daseins mit sich selbst als „Selbständigkeit" (322 f.): Im sich ängstigen-
den „Sein zum Tode" konfrontiert sich das Dasein mit seiner „eigensten,
unbezüglichen" (263) Möglichkeit, „darin es um das Seinkönnen des Da-
seins schlechthin geht" (263). Darin wird es ursprünglich von der radikalen
„Überlassenheit" seines Seinkönnens „an es selbst" (141, 384) betroffen
und übernimmt es zugleich als Möglichsein in seiner absoluten „Unvertret-
barkeit" (vgl. 239 f.) und „Vereinzelung" (188). In dieser Betroffenheit
von seiner Vereinzelung und ihrer Übernahme erfährt das Dasein ur-
sprünglich seine ,Identität' mit sich selbst (252) als eigene „Selbständig-
keit" . In der Aneignung dieser „Selbständigkeit" kann sich dem Dasein
„die faktische Verlorenheit in die Alltäglichkeit des Man-selbst" enthüllen
(263) und sich darin der selbstverständliche Möglichkeitshorizont des Man
entziehen (263). Damit „holt" sich das Dasein aus dem ,unmittelbar' vorge-
gebenen alltäglichen Möglichkeitshorizont „zurück" (268).
Weil das Dasein seine „Selbständigkeit" nur in der Konfrontation mit
der „Endlichkeit" der eigenen Zeidichkeit erfahren kann, ist in der Erschlos-
senheit der eigenen ,Identität' auch immer schon der Zeitspielraum eksta-

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176 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

tisch eröffnet, der die ,Kontinuität' des Daseins und die ,Übereinstimmung'
mit sich selbst innerhalb des zeitlichen ,Lebenszusammenhangs' begründet.
Heidegger entfaltet diese Beziehung, indem er die zweiseitige Verschlos-
senheit' der endlichen Zeitlichkeit mit der zweiseitigen ,Begrenztheit' des
Lebensvollzuges identifiziert: „Das faktische Dasein existiert gebürtig, und
gebürtig stirbt es auch schon im Sinne des Seins zum Tode. ( . . . ) In der Ein-
heit von Geworfenheit und flüchtigem, bzw. vorlaufendem Sein zum Tode
,hängen' Geburt und Tod daseinsmäßig ,zusammen'" (374). So eröffnet
sich das Dasein mit seiner endlichen Zeitlichkeit immer schon das eigene
Sein „in seiner unüberholbaren Ganzheit" (265; 373 f.). In diesem ,Ganz-
sein' gewinnt das Dasein eine ,Kontinuität', die nicht erst in der kontinuier-
lichen Abfolge von Gegenwartsphasen entsteht und sich darin kontinuierlich
erweitert. Vielmehr ist dem Dasein in seiner „Ganzheit" ständig der einheit-
liche Zeitspielraum offengehalten, innerhalb dessen es seine konkreten Mög-
lichkeiten vollzieht, solange es überhaupt ist. Diese ständige Offenheit der
Lebensganzheit garantiert die zeitliche ,Kontinuität' des Daseins.

Zusammen mit der „Ganzheit" begründet die endliche Zeitlichkeit auch


schon die „Ständigkeit" (390 f.) des Daseins. Indem das Dasein sich den
Tod als Begrenzung seines Existenzvollzugs erschließt, gibt es sich seine
„eigenste, unüberholbare Möglichkeit" als das einheitliche, für das Leben
im ganzen leitende „Woraufhin" vor, von dem her es sich seine je konkrete
„eigenste" Möglichkeit bestimmen kann (s. o. S. 164 f.). Zugleich hält das
Ganzsein in der ekstatischen Vergegenwärtigung der Geburt die volle Ge-
wesenheit als den Spielraum vorgegebener, wiederholbarer Möglichkeiten
offen. In dieser Vergegenwärtigung der einheitlichen „Instanz seines Sein-
könnens" (313) und des einheitlichen Möglichkeitsspielraums der eigenen
Gewesenheit begründet das Dasein seine Übereinstimmung mit sich selbst
in der Mannigfaltigkeit seiner konkreten Entschlüsse. Diese Übereinstim-
mung, die die ,Sinnhaftigkeit' des Lebensvollzuges ausmacht (s. o. S. 35),
nennt Heidegger die „Ständigkeit" bzw. „Stätigkeit" des Daseins (390 f.).
Die vorangegangene Interpretation der ,Identität' kann nun sichtbar
machen, inwiefern sich das Dasein in der Erschlossenheit seines Seins gegen-
über dem Möglichkeitshorizont des Man distanziert (s. o. S. 174). Indem
das Dasein seine radikale Vereinzelung übernimmt und sich damit „aus der
Verlorenheit in das Man zurückholt zu ihm selbst" (268), eröffnet es sich
in seiner „Ganzheit" auch schon den eigenen Möglichkeitsspielraum für die
entschlossene Wahl. In seinem Ganzsein zerbricht das Dasein die Eingren-
zung seines Seinkönnens auf die situationsgebundenen Verhaltensschemata

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 177

des Man und gewinnt die volle Gewesenheit und die endliche Zukunft als
Horizont seines je konkreten Seinkönnens in der Situation.
Sofern auch die individuelle Gewesenheit immer schon wesentlich von
den nivellierten Möglichkeiten des Man beherrscht ist, fordert der „Rück-
gang" in die eigene Gewesenheit primär die Vergegenwärtigung der eige-
nen Tradition', der das alltägliche Seinkönnen unausdrücklich verhaftet ist.
Diese Aneignung von „Möglichkeiten des dagewesenen Daseins" (385) in-
terpretiert Heidegger als „Geschehen der Geschichtlichkeit" (§§ 72—77).
In seiner Analyse der „Geschichtlichkeit" untersucht Heidegger den Pro-
zeß der Identitätsbildung konkret, in dem das entschlossene Dasein die An-
sprüche seiner „Gegenwart" mit dem Möglichkeitshorizont der eigenen
Tradition vermittelt. In seinem „Rückgang in Möglichkeiten des dagewe-
senen Daseins" (385) vollzieht das entschlossene Dasein eine „Entgegen-
wärtigung des Heute und eine Entwöhnung von den üblichkeiten des Man"
(391). In dieser kritischen Distanzierung von den unmittelbar vorgegebenen
Möglichkeiten der Gegenwart überläßt sich das Dasein aber nicht einfach
einer Tradition: „Die Wiederholung des Möglichen ist weder ein Wieder-
bringen des ,Vergangenen', noch ein Zurückbinden der ,Gegenwart' an das
,überholte"' (285 f.). Vielmehr macht sich das eigentliche Dasein erst in
seinem „Rückgang" den Blick frei, um die eigene „Gegenwart" in ihrer ge-
schichtlichen Eigenart und Unterschiedlichkeit zu der Tradition, der sie ent-
springt, sehen zu können. So bringt sich das Dasein im „Geschehen der Ge-
schichtlichkeit" selbst in die ,Schwebe' gegenüber der eigenen Gegenwart
und Vergangenheit und stellt sich damit die Aufgabe, jeweils noch selbst zu
entscheiden, wie es beide Aspekte seines (geschichtlich gebundenen) Seins
miteinander vermitteln will. In dieser Vermittlung kann es seine Identität
bewahren, wenn es in der „Wiederholung" ,dagewesener' Möglichkeiten das
Überlieferte so verwandelt, daß es den bestimmten Bedingungen der eige-
nen „Gegenwart" entspricht. So gilt: „Die Wiederholung erwidert ... die
Möglichkeit der dagewesenen Existenz" (386).
Die „temporale" Interpretation des „Sich-zueigenseins" klärt mit der
zeitlichen Erstreckung der Eigentlichkeit zugleich den zeitlichen Aspekt des
Interesses auf, das die Erschlossenheit der Eigentlichkeit leitet und be-
stimmt. Bisher hatte es sich als Interesse an der „Selbständigkeit" erwiesen,
in dem es dem Dasein darum geht, seine Möglichkeiten selbst zu wählen
und zu verantworten. Nun erscheint es als Interesse daran, sich die eigene
„Ganzheit" offenzuhalten und darin die eigene „Ständigkeit" durchzuhal-
ten. So ist nun für die Hinkehr der Zusammenhang erreicht, den Fichte in
seiner Interpretation des Selbstbewußtseins aufgewiesen hatte. Das Inter-

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178 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

esse, das den befreienden Selbstbewußtseinsvollzug leitet, ist als Interesse


an der Freiheit auch schon das Interesse an der Identität. Dabei hat Heideg-
ger diesen Zusammenhang auf der ursprünglicheren Ebene seiner Interpre-
tation noch konsequenter erfaßt, indem er zeigt, daß die ,Identität' nichts
anderes als die zeitliche Struktur der endlichen Freiheit ist.
Gerade weil die ,Identität' des Daseins ,nur' in einem Interesse gründet,
das noch dazu ständig das Gegeninteresse niederhalten muß, ist die existen-
zial verstandene Identität keine unaufhebbare, „apriorische" Bestimmtheit
des Daseins, sondern ist ständig noch im Offenhalten der eigenen „Ganzheit"
gegen die Fluchttendenz des Daseins durchzusetzen.
Die existenzialontologische Konzeption der „Selbigkeit" macht einen Zu-
sammenhang unter den verschiedenen Aspekten der subjektiven' Identität
sichtbar, den die philosophische Tradition bisher nie zureichend entfalten
konnte. Sie setzte im Ausgang vom objektivierenden Vorstellen eines Vor-
handenen den Selbstbezug immer schon als das zeitlose, transparente Bei-
sich-sein „im Sinne der absoluten Gegenwart" 16 an und führte die Kontinui-
tät und Übereinstimmung des Ich mit sich selbst erst als sekundäre zeitliche
Charaktere des Subjekts ein. Zugleich bestimmte sie die Struktur der Zeit
ebenfalls im Ausgang vom objektivierenden Vorstellen eines ,präsenten'
Vorhandenen als die kontinuierliche Abfolge je präsenter Gegenwartspha-
sen. So verstand sie die Kontinuität und Übereinstimmung des Ich in der
Zeit aus dem dauernden Sioh-Durchhalten des ,zeitlosen' Selbstbezugs im
kontinuierlichen Zeitfluß (SZ, 114). Damit erscheint nun in der zeitlichen
Interpretation der Vorhandenheit die „Beharrlichkeit" (vgl. 373) als Grund-
charakter des Subjekts. Indem Heidegger jedoch die ,Zeit' als ekstatische
Struktur des existenziellen Jetzt' entfaltet, muß er das Ich nicht mehr als
,beharrendes Vorhandenes' ansetzen, sondern kann die Identität des Daseins
in der vorgängigen Erstrecktheit des Daseins, die im Sein des Daseins als
solchem liegt (374), begründen.
In der vorangegangenen Interpretation der eigentlichen Zeitlichkeit hat
sich schon ein spezifischer Sinn der „Gegenwart" gezeigt, der darin liegt,
daß sich das Dasein dem nivellierten Möglichkeitshomont des Man über-
läßt (s. o. S. 174). Indem das Dasein die Gewesenheit und Zukunft als
Horizonte seines konkreten Seinkönnens abblendet, versteift es sich auf die
bloß situationsbezogenen Verhaltensschemata des Man, die es in analogen
Situationen ständig wiederholt, ohne nach einer Übereinstimmung mit sich

16 G. W. F. Hegel: Die Vernunft in der Geschichte. Hrsg. von J. Hoffmeister. Hamburg


1955; S. 182.

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 179

selbst zu fragen. Diese Existenzform des ,Identitätsverlustes' hat Heidegger


genauer in der Analyse der ..uneigentlichen' Zeitlichkeit entfaltet.

c) Die Zeitlichkeit der Abkehr: Das ekstatische Verdecken


der eigenen Endlichkeit als Begründung des zeitlichen
,Identitätsverlustes'
In seiner Analyse der uneigentlichen Zeitlichkeit orientiert sich Heideg-
ger primär an seiner problematischen Interpretation der Erschlossenheit, in
der das „In-der-Welt-sein" als die Einheit von Selbst- und Weltbezug ange-
setzt wird (s. o. S. 148 ff.). Entsprechend begründet er die Zeitlichkeit
der Abkehr im „Vorrang" der „Gegenwart", die der Zukunft und Ge-
wesenheit „entspringt" (347) und als „ungehaltenes Gegenwärtigen" (347)
die ursprüngliche gewesene Zukunft modifiziert (s. o. S. 172 f.).
Zugleich hält Heidegger aber auch an seinen deskriptiven Interpretatio-
nen der Alltäglichkeit fest. Er zeigt, daß nicht der ekstatische Weltbezug des
„Gegenwärtigens", sondern die Endlichkeit der ursprünglichen Zeitlichkeit
die Bewegtheit der Flucht des Daseins begründet: „Der Zeitigungsmodus
des ,Entspringens' der Gegenwart gründet im Wesen der Zeitlichkeit, die
endlich ist. In das Sein zum Tode geworfen, flieht das Dasein zunächst und
zumeist vor dieser mehr oder minder ausdrücklich enthüllten Geworfenheit"
(348). In dieser Flucht überläßt sich das Dasein nicht seinem bloßen Welt-
bezug, sondern verdeckt sich die Last seines nichtigen Seinkönnens, indem
es sich die Endlichkeit seiner ekstatischen Zeitlichkeit verdeckt. So interpre-
tiert Heidegger die uneigentliche Gewesenheit als das „Vergessen", das sich
„auf das geworfene, eigene Sein" (339) bezieht. Dieses Vergessen verschließt
sich vor der Endlichkeit des „eigensten Gewesen" und macht sich darin als
Fluchttendenz unkenntlich: „Die Ekstase (Entrückung) des Vergessens hat
den Charakter des sich selbst verschlossenen Ausrückens vor dem eigensten
Gewesen, so zwar, daß dieses Ausrücken vor . . . ekstatisch das Wovor ver-
schließt und in eins damit sich selbst" (339).
Der Gewesenheit, in der das Dasein sich vor seiner ursprünglichen Ge-
worfenheit verschließt, gehört eine Zukunft zu, die dem „flüchtigen . . . Sein
zum Tode" (374) zugrundeliegt. Sofern sich das Dasein in dieser Flucht die
Endlichkeit seiner Zukunft verdeckt, hat sie den Charakter des „verhüllen-
den Ausweichens" (254) vor dem Tod 1 7 .

17 Statt des „flüchtigen Seins zum Tode" führt Heidegger das „Gewärtigen" als Grund-
charakter der uneigentlichen Zukunft ein: im uneigentlichen Verstehen ist das Dasein
„besorgend seiner gewärtig aus dem, was das Besorgte ergibt oder versagt" (337).
Diese Konzeption scheint aber Heideggers eigenem Grundansatz zu widersprechen.

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180 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

Mit der Endlichkeit der Zeitlichkeit ist auch immer schon ihr genuiner
ekstatischer Charakter aufgelöst. Er liegt, wie sich zeigte, gerade darin, mit
der ,Begrenztheit' der eigenen zeitlichen Offenheit den Tod als „unbe-
stimmte, unüberholbare Möglichkeit" (258 f.) zu vergegenwärtigen und zu-
gleich die eigene Gewesenheit als vorgegebenen Spielraum faktischer Mög-
lichkeiten zu erschließen, an den das Dasein in seinem Seinkönnen gebun-
den bleibt (s. o. S. 175). Indem das alltägliche Dasein sich die Verschlos-
senheit seiner ekstatischen Zeitlichkeit verdeckt, klammert es den Tod aus
seinem je vergegenwärtigten Möglichkeitshorizont aus und verwandelt ihn
„im besorgten Erwarten seiner" (337) in ein „ankommendes Ereignis"
(254). Entsprechend verliert die (individuelle und gesellschaftliche) Gewe-
senheit für das alltägliche Dasein ihren findenden' Möglichkeitscharakter:
es verhält sich zur Vergangenheit, indem es nur noch das „,Wirkliche'" ver-
gangener Ereignisse „behält" (391) und dabei die „,Vergangenheit' aus der
,Gegenwart'" versteht (391).
Im ,Ausrücken' vor dem eigenen Sein, in dem das Dasein den ekstati-
schen Charakter der Zeitlichkeit auflöst, eröffnet sich das Dasein sein kon-
kretes „Da" im Horizont nivellierter Zukunft und Gewesenheit und kann so
gegenwärtigend in den Möglichkeiten des Man aufgehen. Der spezifische Ge-
genwartscharakter des alltäglichen Möglichkeitshorizonts scheint darin zu
liegen, dem Dasein für die Mannigfaltigkeit seiner Situationen stets nur be-
stimmte, auf die jeweilige Situation bezogene Verhaltensmuster vorzugeben,
die in analogen Situationen wiederholt werden 18 . Darin bleiben Zukunft und
Gewesenheit als „Horizont" des Entwerfens ausgeklammert. In der Über-
nahme seiner endlichen Zeitlichkeit dagegen versteht das Dasein, daß es im
konkreten Entwurf nicht nur über eine isolierbare Situation, sondern mög-
licherweise über sein Sein im ganzen entscheidet und in diese Entscheidung
auch je die eigene Gewesenheit im ganzen aufnehmen muß (vgl. 348 f.). Die
Endlichkeit von Zukunft und Gewesenheit läßt sich aber nur in der ständi-
gen Bemühung des „Ausrückens" vor ihr abblenden, weil sich die Zeitlich-

Wenn das Dasein sich im Verständnis seines eigenen Seins immer erst den Lichtungs-
spielraum eröffnet, innerhalb dessen ihm konkrete Möglichkeiten zugänglich werden
können, dann setzt das „Gewärtigen" selbst strukturell noch ein Ausgreifen in die
Zukunft voraus, in dem die Zukunft überhaupt als Spielraum uneigentlichen Sich-
Verstehens eröffnet wird. Dieses Sich-Erstrecken, das die Endlichkeit der Zukunft
verdeckt, muß aber als „flüchtiges Sein zum Tode" verstanden werden.
Diese Struktur uneigentlicher Möglichkeiten hatte Heidegger vielleicht vor Augen,
als er das „verfallende" Verstehen als „Entwerfen" interpretierte, in dem das Dasein
sich seine Möglichkeiten durch die jeweiligen Umstände seiner je konkreten Situation
vorgeben läßt.

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 181

keit überhaupt nur in der Erschlossenheit ihrer Endlichkeit zeitigt. Damit


ist die Unabschließbarkeit der alltäglichen Fluchttendenz in dem ekstatischen
Charakter der Zeitlichkeit selbst begründet.
Indem das Dasein die Endlichkeit der gewesenen Zukunft abblendet,
verschließt es sich auch schon vor seiner ursprünglichen zeitlichen Identität.
I m „vergessenden" „Ausrücken vor dem Tode" verdeckt das Dasein sich
die radikale Überlassenheit seines Seinkönnens an es selbst und entzieht
sich so seiner Vereinzelung. Damit überläßt es sich den nivellierten Mög-
lichkeiten des Man und existiert so in der „Unselbständigkeit" ( 3 2 3 ) . Mit
der Verdeckung der eigenen Identität verfällt das Dasein auch schon der
Diskontinuität: Statt sich ständig in der eigenen „Ganzheit" zu halten und
darin gerade die Orientierung für die je konkrete, situationsbezogene W a h l
zu gewinnen, existiert das alltägliche Dasein in der „Zerstreuung" ( 3 9 0 ) , in
der es die jeweils „nächstliegenden" (vgl. 2 5 8 ) , mit der je aktuellen Situa-
tion vorgegebenen Möglichkeiten des Man unkritisch übernimmt. In dieser
„Seinsart seiner selbst verliert es sich so, daß es sich gleichsam erst nach-
träglich aus der Zerstreuung zusammenholen und für das Zusammen eine um-
greifende Einheit sich erdenken muß" ( 3 9 0 ) . So entspringt für Heidegger
die Frage nach der Kontinuität des Ich im Wechsel seiner Erlebnisse selbst
erst der Flucht vor der eigenen ursprünglichen Identität 1 9 .

19 Im alltäglichen zweideutigen „Ich-sagen" (318) liegt für Heidegger der Ursprung des
traditionellen philosophischen Selbstbewußtseinsbegriffs. Dabei ist für Heidegger das
„Ich-sagen" nicht mehr, wie für die Tradition, der Ausdruck einer absolut evidenten,
unsinnlichen Wahrnehmung, sondern eine „Selbstauslegung" (318), in der das Da-
sein sich seine spezifische Seinsweise zu verstehen gibt: „Im Ich-sagen spricht sich das
Dasein als In-der-Welt-sein aus" (321). Diese Selbstauslegung des verfallenden Da-
seins hat nun selbst verdeckende Funktion für den alltäglichen Exisfcenzvollzug:
„Das Man-selbst sagt am lautesten und häufigsten Ich-Ich, weil es im Grunde nicht
eigentlich es selbst ist und dem eigentlichen Seinkönnen ausweicht" (322; vgl. 115 f.).
Das alltägliche Dasein kann aber nur deshalb ein Interesse am „Ich-sagen" haben,
weil es alltäglich noch vor der ursprünglichen „Selbst-ständigkeit" flieht und sie sich
gerade im Ichsagen vorzutäuschen versucht. In dieser Flucht nimmt das Dasein dem
Selbstsein seinen ursprünglichen Aufgabencharakter: Für das „Verfallen" an die je-
weilige ,Welt' erscheint das Ich als „das ständig selbige, aber unbestimmt-leere Ein-
fache. Ist man doch das, was man besorgt" (322). Diese alltäglich verdeckende Selbst-
auslegung setzt sich auch in der philosophischen Interpretation des Selbst durch, die
es als „das je schon und ständig Vorhandene, das in einem vorzüglichen Sinne zum
Grunde liegende, als das Subjectum" (114) ansetzt, das „keinen explikablen Inhalt"
hat (Husserl: Ideen I, 195). In der Verdeckung des Lastcharakters, der im „Zu-sein"
impliziert ist, spricht sich das alltägliche Ichsagen nun auch die eigenen ontologischen
Grundcharaktere, die im eigentlichen Vollzug des eigenen Seins ständig noch durch-
gehalten werden müssen, als unaufhebbare Eigenschaften des Ich zu. Diese Inter-
pretation kommt philosophisch darin zum Ausdruck, daß Identität, Kontinuität und
Übereinstimmung mit sich selbst als transzendentale' Grundbestimmungen der Sub-

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182 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

In seiner „Zerstreuung" überläßt sich das Dasein auch immer schon dem
„Unzusammenhang" (390) seines Seinkönnens, der die „Un-ständigkeit"
(390) des Daseins ausmacht. In der Übernahme der nächstliegenden, bloß
situationsbezogenen, nivellierten Möglichkeiten des Man klammert das Da-
sein die Frage nach ihrem .Zusammenstimmen' innerhalb des eigenen, indi-
viduellen Lebensvollzugs aus und entzieht sich darin der Aufgabe, in der
Mannigfaltigkeit seiner Entschlüsse mit sich übereinzustimmen.
In der alltäglichen „Unselbständigkeit" gibt das Dasein aber nicht über-
haupt seine Identität mit sich auf, sondern entzieht sich nur dem Lastcharak-
ter seiner ursprünglichen „Selbigkeit". Darin gewinnt es eine sekundäre
Form der ,Selbigkeit', die darin gründet, daß sich das verfallende Dasein
ständig mit seiner sozialen Umwelt identifiziert. Die innere Widersprüch-
lichkeit und Beliebigkeit der je übernommenen Möglichkeiten bleibt in der
Gewißheit, in ihnen mit allen anderen übereinzustimmen, für das alltägliche
Dasein verdeckt (vgl. § 27). Darin legt sich das Dasein auf einen mehr oder
weniger fest umrissenen Spielraum gesellschaftlich legitimierter Verhaltens-
muster fest, die es in analogen Situationen wiederholt. So gewinnt es in der
Identifikation mit der sozialen Umwelt eine sekundäre Identität mit sich
selbst, die in der Konstanz bestimmter Einstellungen durch das ganze Leben
hindurch liegt. In dieser Weise der Kontinuität flieht das Dasein gerade vor
der Offenheit seines selbstüberlassenen Seinkönnens, das die Möglichkeit
und Notwendigkeit ständiger Wandlungen, in denen die Vergangenheit be-
wahrt wird, begründet.
In der vorangegangenen zeitlichen Interpretation der „Abkehr" hat nun
auch das erschließende Interesse, das die Flucht des Daseins vor sich selbst
leitet, einen neuen Sinn gewonnen (s. o. S. 153). Für die Deskription der
Alltäglichkeit erwies es sich als Interesse an der ,Unselbständigkeit', in der
das Dasein vor seiner Freiheit und Verantwortlichkeit ausweicht. In der
zeidichen Interpretation zeigt es sich nun als Interesse an der „Unständig-
keit" , in dem das Dasein sich vor der vollen ekstatischen Offenheit seiner
endlichen Zeitlichkeit verschließt und darin eine alltägliche ,Scheinidentität'
gewinnt. Damit ist jetzt auch für die „Abkehr" der Zusammenhang erreicht,
den Fichte in seiner Interpretation des Selbstbewußtseinsvollzuges aufge-

jektivität angesetzt werden, die gegenüber dem konkreten Existenzvollzug indiffe-


rent sind (vgl. 318). So gründet der ,formale', ,transzendentale' Begriff des Ich für
Heidegger darin, daß sich das Dasein seine eigentlichen Seinsbestimmungen vor-
täuscht, ihnen darin aber gerade ihren belastenden Aufgabencharakter nimmt und
darin den Unterschied zwischen eigentlichem und uneigentlichem Selbst nivelliert.
So ist das alltägliche Selbstbewußtöein ein Phänomen der „Zweideutigkeit" (s. o.
S. 151 f.).

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 183

deckt hatte. Das Interesse, in dem das Dasein vor dem Selbstbewußtseins-
vollzug ausweicht, ist als Interesse an der Unselbständigkeit zugleich die
Tendenz zur „Zerstreuung" (s. o. S. 28). Aber auch in seiner „Un-ständig-
keit" und „Zerstreuung" kann sich das alltägliche Dasein noch als ,Ich' ver-
stehen, weil es im Identitätsverlust nur vor seiner ursprünglich erfahrenen
,Identität' flieht und sie darin noch so weit offenhält, daß es sich im „Ich-
sagen" seine zweideutige' Identität zusprechen kann (s. 318ff., 114 iE.).
Sofern die Fluchttendenz aber das Gegeninteresse an der ,eigentlichen' Iden-
tität niemals endgültig niederhalten kann, wird das fliehende Dasein immer
noch von seiner ursprünglichen belastenden Identität bedroht.
In seiner „temporalen" Interpretation des interessegeleiteten Selbst-
bewußtseins hat Heidegger nun den Aspekt der bewußtseinseröffnenden
Interessen herausgehoben, der für die psychoanalytische Interpretation der
,Ichtendenzen' leitend war (s. o. S. 108 ff.). Die folgende Darstellung
soll zeigen, inwieweit die existenzialontologische Interpretation der Identi-
tät und Diskontinuität Freuds zeitliche und topische Analysen der Integra-
tion und ihres Scheiterns theoretisch durchsichtig machen kann.

d) Die Relevanz der existenzialontologischen Konzeption


zeitlicher Identität für das Verständnis der psychoanalytischen
Integrationstheorie

Der Versuch, Heideggers Begriff der zeitlichen Identität des Daseins für
die psychoanalytische Konzeption des individuellen Integrationsprozesses
(s. o. S. 111 ff.) fruchtbar zu machen, kann sich an der vorangegangenen Ge-
genüberstellung der beiden Positionen orientieren, die vom Problem indivi-
dueller Selbständigkeit ausging (s. o. S. 155 ff.). In dieser Gegenüberstellung
zeigte sich schon die gemeinsame Basis, die den Vergleich zwischen den bei-
den theoretischen Konzeptionen ermöglicht: In seiner Theorie des Integra-
tionsvollzuges, den das gereifte und selbständige Ich zu leisten hat, themati-
siert Freud unausdrücklich den Freiheitsspielraum, den Heidegger in seiner
ontologischen Analyse untersucht.
Von dieser Basis ausgehend, kann der Vergleich zwischen den beiden
Theorien individueller Identitätsbildung eine grundsätzliche Gemeinsamkeit
feststellen. Heidegger und Freud begründen die Identität des Individuums
innerhalb seines Lebensvollzugs nicht in der „Beharrlichkeit" eines identi-
schen ,Aktpols', der sich in der Mannigfaltigkeit der ,psychischen Erlebnisse'
durchhält (s. o. S. 178), sondern verstehen sie gemeinsam als kontinuierliche
Übereinstimmung des Individuums mit sich selbst, die sich im Zusammen-

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184 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

stimmen der ,Erlebnisse' untereinander zeigt. Diese Übereinstimmung ist


niemals endgültig erreicht, sondern muß jeweils neu im Prozeß der Identi-
tätsbildung gewonnen werden, in dem das Individuum neue Interessen und
Einstellungen mit der je erreichten Einheitlichkeit des Lebensvollzugs ver-
mittelt. Der Vollzug dieser Vermittlung wird vom Interesse an Einheitlich-
keit geleitet, das sich ständig gegen das Gegeninteresse an der ,Diskontinui-
tät' und der zugehörigen Isolationstendenz der zu vermittelnden Vorgege-
benheiten durchsetzen muß.
Die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden theoretischen Kon-
zeptionen werden jedoch sichtbar, wenn man wiederum berücksichtigt, daß
ihr gemeinsames Modell der Identitätsbildung für ganz verschiedene Phäno-
menbereiche entwickelt wurde (s. o. S. 157; 144 f.).
Heidegger gewinnt seine Konzeption der Identität, indem er nach der
zeitlichen Struktur des ,Bewußtseinsspielraums' fragt, der sich für die Frei-
heit des integrierenden Ich eröffnet. Sofern sich das Individuum immer schon
in seiner Freiheit vorfindet, ist es bei seiner Entscheidung über mögliche In-
teressen und Einstellungen immer schon an die eigene Vergangenheit und
die schon festgelegte Zukunft gebunden und steht vor der Aufgabe, sie in
den Erschlossenheitsspielraum der eigenen aktuellen Entscheidung miteinzu-
beziehen. Damit impliziert die Struktur der vorgegebenen Freiheit selbst die
Struktur der „ekstatischen" Zeitlichkeit, die die eigene Lebensganzheit für
die aktuelle Entscheidungssituation voll vergegenwärtigt. Diese Zeitstruktur
der endlichen Freiheit ermöglicht den Prozeß der Identitätsbildung, weil sie
die eigene Vergangenheit und Zukunft als den Horizont eröffnet, innerhalb
dessen die je aktuellen, unmittelbaren' Einstellungen und Interessen geprüft
und zur Entscheidung gestellt werden können. Im Ansatz bei der formalen
Struktur endlicher Freiheit klärt Heidegger also die Zeitlichkeit des Daseins
auf, in der sich die je erreichte Identität und die neu eröffneten Interessen
des Individuums gegenseitig in Frage stellen und die selbständige Entschei-
dung über ihre Geltung verlangen.
Sofern das Dasein aber jeweils noch selbst entscheidet, inwieweit es sich
mit seiner endlichen Freiheit konfrontiert, bestimmt es jeweils noch selbst,
in welchem Umfang es sich in seiner zeitlichen „Erstreckung" für die eigene
Lebensganzheit öffnet. Im „gegenwärtigenden" Verfallen an das „Man"
blendet das Dasein die eigene endliche Lebensganzheit ab, hält sie sich aber
immer noch in der Flucht vor ihr offen. Damit erweist sich die Fluchttendenz
des Daseins als das Interesse an der „Unständigkeit", in dem das Dasein
jeweils einen eingegrenzten Erschlossenheitsspielraum aktueller ,Präsenz1
gegen die zeitlich erstreckte Lebensganzheit abgrenzt, sie aber im ständigen

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 185

Widerstand gegen ihre Zugänglichkeit immer noch vergegenwärtigt. Umge-


kehrt erweist sich die Übernahme der endlichen Freiheit als Interesse an der
„Ständigkeit", in dem das Dasein sich die Lebensganzheit voll als präsenten
,Integrationshorizont' seiner je aktuellen Einstellungen und Interessen offen-
hält.
Indem Heidegger die Zeitlichkeit der gelungenen und gescheiterten In-
tegration im Ausgang von der endlichen Freiheit als solcher entfaltet, klam-
mert er den Aspekt der Identitätsbildung, den die Psychoanalyse ins Zen-
trum rückt, in seinem Ansatz aus. In seiner Untersuchung der triebhaften
Gebundenheit des integrierenden Ich kann Freud zeigen, daß sich das Ich
aufgrund seiner infantilen Urverdrängungen je schon unbewußt gegen einen
Bereich von Triebansprüchen absetzt, die die eigene Einheitlichkeit total
sprengen würden, und dabei zugleich von Zwängen des Überich abhängig
ist, die ihm partiell unbewußt sind. Für das Verhältnis des verdrängenden
Ich zum Es greift Freud auf eine Zeitstruktur zurück, die im Ausgang von
der Freiheit des integrierenden Ich gar nicht faßbar wird. Wie sich zeigte
(s. o. S. 119 ff.), versteht Freud die Anteile des Es als unzugängliche Inter-
essen und Erlebnisse der Vergangenheit, aber er zeigt, daß diese psychischen
Akte in der Verdrängung ihre zeitliche Fixierung und Anordnung vollstän-
dig verlieren. Der „chaotische" Charakter des Es (vgl. XV, 80) liegt wesent-
lich darin, daß die verdrängten Triebansprüche in keinem zeitlichen Zusam-
menhang mehr stehen und sich darum ihr ,Gewicht' für die je aktuelle Ge-
genwart allein aus ihrer triebhaften Besetzung bestimmt, sich darin aber
nicht mehr nach dem Grade ihrer Vergangenheit richtet. Diese „Zeitlosig-
keit" des Verdrängten begründet eine unbewußte Präsenz der niedergehal-
tenen Triebansprüche, in der sie alle gleichzeitig (je nach Besetzungsintensi-
tät) in jeder Phase des vom Ich bestimmten Bewußtseinsablaufs nach Aus-
druck suchen.
Die spezifische Verdrängungsleistung, in der das Ich das Verdrängte
überhaupt aus dem Bereich zeitlicher Ordnung ausschließt, kann offenbar
nicht mehr aus dem Interesse an der „Unständigkeit" des Daseins einsich-
tig gemacht werden. Zwar kann Heidegger zeigen, wie sich das Dasein vor
bestimmten Aspekten seiner zeitlich geordneten Lebensganzheit verschließt
und sie darin aus dem Umkreis aktueller Präsenz ausklammert. Darüber hin-
aus macht er verständlich, wie die verdeckten Aspekte der eigenen zeitlichen
Erstrecktheit gerade dadurch noch präsent bleiben, daß das Dasein sie stän-
dig niederhalten muß. Aber damit ist noch nicht die spezifische Präsenz des
Verdrängten verständlich gemacht, die darin liegt, daß es überhaupt jeder
zeitlichen Ordnung entzogen ist und damit ,zeitlos' gegenwärtig sein kann.

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186 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

Berücksichtigt man diese triebhafte Zeitstruktur zunächst im Hinblick auf


die „Urverdrängung", dann scheint sich dieser Prozeß und seine Fixierung
zu Recht durch triebhaft begründete Prozesse und Strukturen der Psyche er-
klären zu lassen, für die die zeitliche Erschlossenheitsstruktur endlicher Frei-
heit irrelevant ist. Sofern aber auch das gereifte Ich noch ein positives In-
teresse an der Aufrechterhaltung der Urverdrängungen hat und die Möglich-
keit des „Widerstandes" gegen das Verdrängte immer noch eine ,Zugäng-
lichkeit' des Verdrängten erfordert (s. o. S. 159 f.), scheint die von Heideg-
ger aufgewiesene Erschlossenheitsstruktur der „Unständigkeit" noch als se-
kundärer Aspekt in dem triebhaft begründeten Widerstand des gereiften
Ich gegen das Urverdrängte impliziert zu sein und einen spezifischen Aspekt
seiner unbewußten ,Präsenz' zu begründen (s. o. S. 122 f.).
Die Urverdrängungen und die zugehörige Überichbildung begründen die
Problematik der Identitätsbildung, die das Ich den ganzen Lebensvollzug
hindurch zu lösen hat: Das Ich kann seine Einheitlichkeit nur erreichen, in-
dem es ständig die triebhaft begründeten, widersprechenden Vorgegeben-
heiten aneignet, die dem Gegensatz zwischen dem Es und Überich entsprin-
gen und die je erreichte Identität in Frage stellen. In diesem Aneignungs-
prozeß bezieht es immer neue Anteile des Es und des Überich in seine Or-
ganisation ein und gewinnt darin die Möglichkeit, im Prozeß der Einheits-
bildung den Gegebenheiten der realen Umwelt immer umfassender Rech-
nung zu tragen. In der ständigen Erweiterung der eigenen Identität öffnet
sich das Ich auch immer weitgehender für seine triebhaften Vorgegebenhei-
ten und kann so in immer neuen Konflikten neue ,Abkömmlinge' seiner
triebhaften Basis aneignen, für deren Aufnahme die bisherige Identität je-
weils noch zu eingeschränkt war.
In dieser Konzeption der Identität beschreibt Freud einen Prozeß der
Einheitsbildung, der durch reale, triebhaft begründete Vorgegebenheiten
ausgelöst und in Gang gehalten wird und in dem es dem Ich darum geht,
dem Drängen des Es und des Überich die eigene Einheitlichkeit abzuge-
winnen.
Dieser Integrationsprozeß kann scheitern, wenn sich das vermittelnde
Ich unter dem Druck je aktueller Trieb wünsche seine je erreichte Identität
(und möglicherweise die Anprüche des Überich) verdeckt und sich in „Ratio-
nalisierungen" seine Integrationsleistung nur vortäuscht. Umgekehrt kann
das Ich im „Nachdrängen" aber auch aktuelle Triebansprüche ausklammern,
wenn es unbewußt an seine infantilen Abwehrmechanismen fixiert bleibt
und starken Überichzwängen erliegt. Audi darin täuscht es sich seine Ein-

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3. Die Zeitstruktur des Selbstbewußtseins 187

heitlichkeit nur vor, indem es die identitätsauflösenden Vorgegebenheiten


verdeckt.
Die beiden Arten gescheiterter Integration führen zu zwei verschiedenen
Arten der Diskontinuität im Lebensvollzug des Individuums. Indem sich das
Ich in Rationalisierungen vorgegebenen Triebansprüchen überläßt, gibt es
Interessen nach, die nicht durch den Einfluß der je erreichten Identität mit-
bestimmt sind und auch diese ihrerseits nicht mitbestimmen. So zerbricht die
Kontinuität des Lebensvollzugs, indem die kritische Funktion der Lebens-
ganzheit für bestimmte Situationen außer Kraft gesetzt wird und umgekehrt
aktuelle Interessen nicht auf die Identität einwirken.
Der Identitätsverlust dagegen, der im Nachdrängen gründet, läßt sich
nicht unmittelbar im Lebensvollzug nachweisen. Das Nachdrängen begründet
zunächst nur bestimmte „Icheinschränkungen" und Hemmungen, die dem
Individuum zwar bestimmte Entwicklungsrichtungen nehmen, aber damit
noch keine Widersprüchlichkeiten innerhalb des Lebensvollzugs hervorru-
fen müssen. Dieser latente Identitätsverlust wird aber unmittelbar sichtbar,
wenn sich das Verdrängte in „sinnlosen" Bewußtseinsakten durchsetzt und
darin den Sinnzusammenhang des Lebensvollzuges sprengt.
Die bisher beschriebenen Formen des Identitätsverlustes hat Freud in
der triebhaften Gebundenheit des integrierenden Ich begründet. Sofern das
Ich sich aber im Integrationsvollzug relativ selbständig zu Vorgegebenheiten
verhält., die es prinzipiell sehen könnte und die sich in einem relativen
Gleichgewicht halten, muß zur triebhaften Motivation des Identitätsver-
lustes noch das spezifische Interesse des Daseins an seiner „Unständigkeit"
hinzutreten, in dem es sich der Last seiner Schwebesituation zwischen Le-
bensganzheit und aktueller Situation entzieht. Dieses Interesse richtet sich
in der Rationalisierung auf die Verdeckung der Lebensganzheit des Indivi-
duums, die damit ihre kritische Funktion für die aktuellen Interessen der je-
weiligen Situation verliert. Im Nachdrängen dagegen bezieht es sich auf die
neu eröffneten Interessen der jeweiligen Situation, um die je erreichte Ein-
heitlichkeit unverändert in der Gegenwart festhalten zu können. Beide For-
men der Verdeckung scheint Heidegger von seinem Ansatz her in ihrer Er-
schlossenheitsstruktur durchsichtig machen zu können, weil er die Zugäng-
lichkeit des Lebenszusammenhangs in einer zeitlichen „Erstreckung" des
Daseins begründet, in der das je aktuelle leitende Interesse an „Ständigkeit"
oder „Unständigkeit" noch darüber entscheidet, in welchem Umfang die ei-
gene Lebensganzheit und die aktuelle Situation für das wählende Dasein
zugänglich und damit gegenwärtig werden können.
Aber auch wenn Heideggers Ansatz die Erschlossenheitsstruktur der ge-

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188 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

scheiterten Integration im Ausgang von der Zeitlichkeit der Freiheit ver-


ständlich machen kann, muß man doch beachten, daß ein wesentlicher Aspekt
des „Nachdrängens" in dieser Konzeption nicht erfaßt wird. Für das Nach-
drängen ist entscheidend, daß es aktuelle Interessen und Erlebnisse weg-
drängt, indem es sie in den Bereich zeitlicher Ungeordnetheit zurückschiebt.
Damit fixiert sich das Individuum an eine Vergangenheit, die in der Ver-
drängung „zeitlos" wird und nun ständig und überall im zeitlich geordneten
Lebensvollzug nach Ausdrucksmöglichkeiten sucht, die es am auffälligsten
in den „sinnlosen" Bewußtseinsakten des Ich gewinnt. Diese spezifische Prä-
senz des Verdrängten, die nicht im Widerstand gegen es begründet ist, son-
dern der Aufhebung seines Zeitbezugs entspringt, kann Heidegger, wie sich
schon zeigte, nicht mehr theoretisch durchsichtig machen. Heideggers .zeit-
liche' Interpretation der endlichen Freiheit hat sich für Freuds Analyse der
„Ichsynthese" fruchtbar machen lassen, weil Freud die Integrationsleistung
des erstarkten „Ich" als bewußtseinsumgrenzendes Handeln auffaßt, in dem
das „Ich" selbst noch entscheidet, in welchem Umfang es die je erreichte
eigene „Organisation" und die andrängenden „Abkömmlinge" des Es bzw.
die zwanghaft geltenden Ansprüche des Überich in seinen Blick bringt (s. o.
S. 108 ff.). Heidegger hat die Zeitstruktur dieses Entscheidungsvorgangs
sichtbar gemacht und damit Freuds räumliche Auffassung der je gewonnenen
Ichidentität und ihrer Beziehung zu noch ausgeschlossenen bewußtseinsfähi-
gen Vorgegebenheiten kritisiert.
Trotz dieser Beziehung beider Konzeptionen darf nicht übersehen wer-
den, daß Heidegger seine Struktur zeitlicher Identität entwickelt hat, um
eine ganz andere Ebene des praktischen' Selbstbezuges aufzuklären. Seine
Zeitanalysen begründen die Möglichkeit des Daseins, im Interesse an Selb-
ständigkeit und Einheitlichkeit einen Zugang zur Geschichte zu gewinnen,
der die Tradition als Spielraum der „eigensten" Lebensmöglichkeiten im Ge-
genzug zu den aktuell gängigen erschließt. Er fragt also gar nicht danach,
wie das Individuum sich von den verinnerlichten sozialen Bindungen seiner
Kindheit (Überich) befreien kann, um seine Selbständigkeit in der Aneig-
nung „ichfremder" Triebaspekte zu realisieren. Ihm geht es vielmehr um
die zeitliche Struktur einer ,Selbstbefreiung', in der das Dasein die „nivel-
lierten" Lebensmöglichkeiten der gesellschaftlichen Gegenwart hinter sich
läßt, um im Gegenzug zu ihnen seine Identität in der Wahl „überlieferter"
Möglichkeiten zu gewinnen.
Trotz dieser hervorstechenden Unterschiede haben sich zwischen beiden
Theorien sachliche Beziehungen ergeben, die letztlich nur verständlich wer-
den können, wenn man annimmt, daß beide Konzeptionen verschiedene,

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4. Der Ertrag des Vergleichs 189

aber strukturell zusammengehörige Aspekte der menschlichen Selbständig-


keit und Identität beschreiben. Damit würde verständlich, warum jede der
beiden Theorien ihren genuinen Phänomenbereich untersucht, beide sich
aber doch in der Struktur des ,bewußtseinsumgrenzenden Handelns' tref-
fen. Für den Zusammenhang der beiden Aspekte menschlicher Selbständig-
keit macht die abschließende Zusammenfassung der Arbeit einen Vorschlag.

4. Der psychoanalytische und der existenzialontologische Beitrag


zum Verständnis des interessegeleiteten Selbstbewußtseins

Nach Abschluß der vergleichenden Einzelinterpretationen liegt es nahe,


auf das Programm der Arbeit zurückzugehen und zu prüfen, inwieweit es
durch die einzelnen Analysen erfüllt worden ist. Dabei orientiert sich die
Interpretation an zwei Fragen: zunächst untersucht sie, inwieweit sich die
Psychoanalyse als Explikation des praktischen Selbstbewußtseins' erwiesen
hat und was diese Bewußtseinsstruktur zur Durchsichtigkeit des Zusammen-
hangs unter den einzelnen Theorieanteilen beigetragen hat. Anschließend
faßt sie zusammen, welchen Beitrag Heideggers Konzeption des interessier-
ten Vollzugs der eigenen „Erschlossenheit" für die Lösung der theoretischen
Probleme geleistet hat, die in Freuds Begrifflichkeit nicht mehr gelöst wer-
den können.
Im Rahmen der psychoanalytischen Theorie ergibt sich die Notwendig-
keit des praktischen' Selbstbewußtseins aus dem fundamentalen ,Selbstver-
lust', der das menschliche Leben bestimmt: In seinen frühen Entwicklungs-
phasen sah sich das kindlich schwache Ich überstarken Triebquantitäten aus-
gesetzt, die es nicht bewältigen konnte und die es deshalb in „Urverdrän-
gungen" von seiner eigenen „Organisation" fernhielt. Dabei wurde es von
seinem elementaren Interesse an „Selbsterhaltung" geleitet, das die Unver-
sehrtheit der Person und die Erhaltung der „Ichorganisation" sicherstellte.
Dieser frühe ,Selbstverlust' schlägt sich doppelt innerhalb der weiteren
Lebenspraxis des Menschen nieder: zunächst legt sich das Ich in seinen Ur-
verdrängungen auf bestimmte „Widerstände" („Reaktionsbildungen") fest,
die als grundlegende Interessen oder Einstellungen das Verhalten des Indi-
viduums bestimmen. Damit ist auch immer schon ein Umkreis von Lebens-
möglichkeiten abgesteckt, die das Individuum unbewußt meidet, weil durch
sie die verdrängten Triebwünsche aktiviert und damit die sichernden Wider-
stände infragegestellt würden. Außerdem ist das Ich auch ständig den be-
wußtseinsfähigen „Abkömmlingen" des Urverdrängten ausgesetzt, die als

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190 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

Phantasien, Gefühle, Affekte und Wünsche eingestanden oder selbst wie-


derum verdrängt werden können.
Damit ist die Situation umschrieben, in der das Ich des erwachsenen In-
dividuums entscheiden muß, in welchem Umfang es sich unbewußte Wider-
stände aufdeckt und sich bewußtseinsfähige „Abkömmlinge" eingesteht.
Von seiner „Gewissensangst" und seiner Angst vor unbewältigten Trieben
bestimmt, kann es sich vor den Äußerungen des Unbewußten verschließen
und damit auf der starren Einheitlichkeit beharren, die es unter dem Zwang
des Überich ausgebildet hat. Andererseits hat es aber auch die Möglichkeit,
sich den bewußtseinsfähigen Abkömmlingen zu stellen und sich die Reak-
tionsbildungen als Widerstände durchsichtig zu machen. Darin folgt das
Ich offensichtlich einer Tendenz zur Selbständigkeit gegenüber Es und
Überich, in der sich das Interesse an Selbsterhaltung zum Interesse an Selbst-
bestimmung gewandelt hat.
Indem das Ich sich seinen prinzipiell entdeckbaren Abhängigkeiten von
verdrängten Triebwünschen öffnet, gibt es partiell seine je erreichte Einheit-
lichkeit wieder auf und läßt ,Triebrepräsentanzen' zu, die innerhalb der je
erreichten Synthese noch fremd sind. Zugleich vergrößert es aber auch stän-
dig die Konsequenz und Kontinuität seines Verhaltens, weil es fortschrei-
tend die ichfremden, zwanghaften Widerstände abbaut. In seinem Interesse
an Selbständigkeit ist das Ich also immer neu bereit, eine je erreichte Iden-
tität wieder infragezustellen, um so den Prozeß der Einheitsbildung voran-
zutreiben. Darin erweist es seine „Ich-Stärke", die sich mit dem fortschrei-
tenden Selbstaneignungsprozeß ihrerseits vergrößert und dem Ich die Mög-
lichkeit bietet, sich immer weitgehender für die Folgen seiner ursprünglichen
Verdrängungen in seiner Lebenspraxis zu öffnen.
Der hier beschriebene Prozeß eines praktischen' Selbstbezuges ist zwei-
fellos unabschließbar und vollzieht sich systematisch wohl nur in einer ge-
lingenden Analyse. Doch auch innerhalb unserer alltäglichen Lebenspraxis
werden wir ständig mit Situationen konfrontiert, die unsere je erreichte
Identität bedrohen oder sogar „Identitätsdiffusionen" erzwingen. Damit
stellt sich für uns audi im Alltag die Aufgabe der Selbstaneignung, die wir
im praktischen' Selbstbezug so oder so lösen. Deshalb versteht Freud die
Therapie auch lediglich als eine „Nacherziehung": sie soll das Ich stärken
und es damit in den Stand setzen, selbständig die Erfahrungen zu bewälti-
gen, die eine (partielle) Neudefinition der eigenen Identität erfordern.
Im Rückblick auf Freuds Theorie läßt sich das ,bewußtseinsumgrenzende
Handeln' als Vollzug verstehen, in dem das Individuum immer neu entschei-
det, ob es sich den ,Äußerungen' seiner verdrängten Triebbasis aussetzen

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4. Der Ertrag des Vergleichs 191

oder seinen fundamentalen Selbstverlust fixieren will. Sofern es sich seine


„ichfremde" Triebdimension verdeckt, bleibt es zwanghaft vom Überich ab-
hängig und definiert von seinen Geboten her die eigene starre Identität.
Damit bleibt es an die Forderungen fixiert, die dem Kind die elterliche Liebe
gesichert und ihm eine erste Orientierung in der sozialen Umwelt geboten
haben. In den Zielen des „Ich-Ideals" und den Geboten des Überich bleibt
diese schützende und sichernde Bindung des Kindes auch für das Erwachse-
nenleben erhalten und verleiht ihm eine problematische Stabilität. Für das
selbständige Ich dagegen werden auch die Forderungen des Überich zu ,Vor-
gegebenheiten', die genau wie die Ausdrucksformen des Es einer kritischen
Prüfung und Aneignung bedürfen. Damit legt das Ich keine inhaltlich be-
stimmten Normen für seine Identitätsbildung fest, sondern folgt bei seiner
Integrationsleistung dem formalen Ziel möglichst umfassender Kontinuität
und Konsequenz des eigenen Verhaltens.
Nach diesem Überblick läßt sich die Frage beantworten, was die bewußt-
seinstheoretische Interpretation der Freudschen Theorie für das Verständnis
des systematischen Zusammenhangs einzelner Analysen beigetragen hat. Der
erste Teil der Freudinterpretation (s. o. S. 33 ff.) versuchte zu zeigen, daß
sich das ,mechanische' und das ,bewußtseinstheoretische' Modell der geglie-
derten Psyche als systematisch zusammengehörige Versuche verstehen las-
sen, die ,bewußtseinsumgrenzende' Leistung der psychischen Zensur theo-
retisch zu erfassen. Die bewußtseinstheoretische Veranschaulichung der see-
lischen ,Topik' mußte unbefriedigend bleiben, weil Freud alle theoretischen
Mittel fehlten, um die Unterscheidung des „Bewußten" von den abgedräng-
ten Aspekten des Seelenlebens innerhalb einer einheitlichen Bewußtseins-
struktur einsichtig zu machen. Das mechanische Modell der Seele ist die
sachliche Konsequenz dieser Aporie: es gibt die Struktur des Bewußtseins
überhaupt auf und versucht vergeblich, die Beziehung zwischen dem zu-
gänglichen und dem verdeckten Bereich der Seele als mechanische Wechsel-
wirkung zwischen Kräften darzustellen.
Nachdem die Arbeit der psychischen Zensur als ,bewußtseinsumgrenzen-
des Handeln' charakterisiert worden war, konnte die Interpretation im zwei-
ten Teil der Freuddarstellung nach den Interessen fragen, die das Handeln
der Zensur leiten (s. o. S. 72 ff.). Auf diese Weise hob sie den Zusammen-
hang zwischen Freuds Verdrängungstheorie und der Entwicklung seiner Ich-
psychologie heraus: mit der Entdeckung der Verdrängung stand Freud vor
der Aufgabe, die Interessen des Ich aufzuklären, von denen her die ver-
schiedenen Handlungsmöglichkeiten der Zensur verständlich werden kön-
nen. Diese Aufgabe hat Freud zu lösen versucht, indem er sich in seinen

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192 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

verschiedenen Ansätzen zur Ichtheorie schrittweise von dem Vorurteil be-


freit, die leitenden Ichinteressen seien biologisch gebunden und könnten als
modifizierte Trieb tendenzen aufgefaßt werden. In seiner späten Ichtheorie
deutet Freud schließlich die Selbständigkeit des integrierenden Ich gegen-
über seinen triebhaften Vorgegebenheiten (Es und Überich) und der Außen-
welt an, ohne allerdings die zugehörigen Ichinteressen noch unterscheiden
und identifizieren zu können. Mit diesen Gesichtspunkten zur Systematisie-
rung der Freudschen Theorie sind auch schon die beiden wesentlichen Schwie-
rigkeiten benannt, zu deren Lösung Heideggers Daseinsanalytik beitragen
sollte. Nach diesem Beitrag soll abschließend gefragt werden.
Wie Freud geht auch Heidegger in seiner ,Selbstbewußtseinstheorie'
von einem fundamentalen ,Selbstverlust' aus, der die Lebenspraxis des Men-
schen bestimmt. Dieser Selbstverlust betrifft jedoch im Gegensatz zu Freud
keine elementaren Triebwünsche, sondern die belastende Erfahrung der ei-
genen endlichen Freiheit: in seiner alltäglichen Existenz hat das Dasein sich
immer schon der „Unheimlichkeit" seines „Zu-sein" entzogen und eine Ge-
gentendenz nach Geborgenheit und „Vertrautheit" mit der Welt ausgebildet.
Das Dasein kann sich deshalb nur „wiedergewinnen", wenn es seine genuine
Fluchttendenz überwindet und sich in der „Angst" und im „Gewissensruf"
mit seiner Freiheit konfrontiert und sie als Selbstverantwortung übernimmt.
Die Möglichkeit zu dieser Selbstaneignung ist dem Dasein dadurch offenge-
halten, daß ihm in der alltäglichen Fluchttendenz selbst das „Wovor der
Flucht" noch unausdrücklich miterschlossen ist. In der Übernahme seiner
„Unheimlichkeit" läßt sich das Dasein von seinem fundamentalen Interesse
an Selbständigkeit und Einheitlichkeit leiten, das von der Tendenz nach
Entlastung und Geborgenheit niedergehalten worden war. Mit der generel-
len „Wahl" der eigenen Freiheit hat das Dasein jedoch keinen neuen Status
erhalten: in je konkreten Situationen muß sich in bestimmten Entscheidun-
gen zeigen, wie weit es sich gegen seine Geborgenheitstendenz durchsetzen
kann.
Die hier rekapitulierte Konzeption beschreibt zwar wie Freud einen ,Ver-
deckungsvorgang' und die Möglichkeit seiner Aufhebung, aber es ist zugleich
doch deutlich, daß beide Theorien sich auf verschiedene Aspekte der mensch-
lichen Existenz beziehen. Der Zusammenhang zwischen beiden Theorien
stellt sich jedoch durch zwei weitere Schritte der Daseinsanalytik her:
1. Das Dasein verhält sich in der Weise zu seiner belastenden Freiheit,
daß es sich jeweils einen bestimmten Spielraum konkreter Handlungsmög-
lichkeiten eröffnet. In seiner Verdeckungstendenz gesteht es sich nur solche
Absichten und Interessen zu, die seine Geborgenheit und Vertrautheit mit

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4. Der Ertrag des Vergleichs 193

der Welt nicht infragestellen. Übernimmt es dagegen seine Freiheit, dann


konfrontiert es sich gerade mit den Lebensmöglichkeiten, die eine selbstän-
dige Entscheidung verlangen. Damit ist die Struktur des ,bewußtseinsum-
grenzenden Handelns' innerhalb der „Daseinsanalytik" deutlich geworden:
im Verhältnis zur eigenen Freiheit entscheidet das Dasein erst selbst, in
welcher Perspektive und in welchem Umfang es sich selbst in seinen Hand-
lungsmöglichkeiten ,sehen* will. Dabei geht es ihm konkret immer um die
Frage, ob und inwieweit es seine Verdeckungstendenz; überwinden und
darin seinen konkreten Möglichkeitsspielraum um zunächst abgedrängte
„eigenste" Möglichkeiten erweitern kann. Diese Möglichkeit besteht nur
deshalb ständig, weil in dem Wunsch nach Geborgenheit die „Unheimlich-
keit" und ihr Spielraum verdeckter Möglichkeiten noch offengehalten wer-
den.
2. Das Dasein findet seine Geborgenheit und Entlastung immer in der
Orientierung an den Möglichkeiten, die innerhalb der sozialen Umwelt sank-
tioniert sind: es tut also das, was „man" tut, und entzieht sich darin der
selbständigen Entscheidung. Weil Heidegger an einer konkreten Analyse der
Schutzfunktion der sozialen Umwelt nicht interessiert war, hat er sie nur auf
ihrer allgemeinsten Ebene analysiert: Der nivellierte, von niemandem verant-
wortete Handlungsspielraum einer ganzen Gesellschaft bietet dem einzel-
nen alltäglichen Dasein Entlastung und Sicherheit; umgekehrt gewinnt das
„entschlossene" Dasein auf dieser Ebene seine eigensten Möglichkeiten nur
im Rückgang in die Geschichte, die in produktiver Aneignung „unzeitge-
mäße" Möglichkeiten zugänglich macht.
Auf dieser allgemeinsten Stufe scheint sich das Problem der Selbständig-
keit und Verantwortlichkeit jedoch gar nicht primär zu stellen: Autonomie
gewinnt das Dasein doch auch schon dadurch, daß es sich aus den sozialen
Beziehungen löst, in denen sich seine kindliche Prägung vollzogen hat und
die ihm eine elementare Geborgenheit vermitteln. Damit ist dann die Ebene
erreicht, auf der Freud das Interesse an Selbständigkeit und Unselbständig-
keit analysiert. Das Individuum beweist „Ich-Stärke", indem es sich von
seinen verinnerlichten sozialen Bindungen befreit und sich selbständig mit
den bisher niedergehaltenen Aspekten seiner Triebhaftigkeit konfrontiert.
Umgekehrt dokumentiert es seine Schwäche, wenn es nicht auf die Gebor-
genheit verzichten kann, die ihm die verinnerlichten Bindungen an seine pri-
mären Bezugspersonen bieten.
Nun wäre es zweifellos unzulässig, den kindlichen Geborgenheitswunsch
mit der Entlastungstendenz des Daseins gleichzusetzen. Der Geborgenheits-
wunsch ist im wesentlichen Ausdruck libidinöser Beziehungen, während das

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194 Die Daseinsanalytik und ihr Verhältnis zur Psychoanalyse

Dasein in seiner Entlastungstendenz die pure Aufgabe selbständiger Ent-


scheidung vermeiden will und insofern Anhalt bei den anderen sucht. Aber
in der Konkretion des bewußtseinsumgrenzenden Handelns scheinen sich
doch beide Aspekte der Geborgenheitstendenz zu verschränken und zu ver-
stärken: die affektiven Bindungen können das Individuum hindern, nach
eigenen Möglichkeiten zu fragen; umgekehrt geht der Lastcharakter selb-
ständiger Entscheidung auch in die Schwierigkeiten ein, die frühen emotio-
nalen Beziehungen zu lösen. Dagegen eröffnen die bisher uneingestandenen
Wünsche und Gefühle genauso wie die verleugneten Widerstände gerade
einen Bereich von Handlungsmöglichkeiten, die für das Individuum neu sind
und eine Entscheidung verlangen, die nicht mehr von den Maßstäben der
bisher prägenden sozialen Umwelt ausgehen kann. Wenn sich das Indivi-
duum bei diesen Entscheidungen nicht sofort neuen sozialen Zwängen be-
stimmter Gruppen unterwirft, gewinnt es eine relative Selbständigkeit und
Verantwortlichkeit für sich selbst.
Wenn diese Verknüpfung von Daseinsanalytik und Psychoanalyse legi-
tim ist, dann kann Heideggers Erschlossenheitsbegriff in Anspruch genom-
men werden, um den Prozeß in seiner Bewußtseinsstruktur verständlich zu
machen, in dem das Individuum sich bewußtseinsfähige Abkömmlinge des
Unbewußten zugänglich macht oder verdeckt. Das Dasein kann Wünsche und
Widerstände verleugnen und sie zugleich eingestehen, indem es empfindlich
vor Situationen ausweicht, in denen es mit ihnen konfrontiert werden
könnte. Diesem ,Bereich' des eigenen Bewußtseins kann es sich jedoch audi
zuwenden, indem es seine eigenen Abneigungen auf ihren Erschlossenheits-
charakter hin befragt. Bei seiner „Hin- oder Abkehr" gegenüber der eigenen
Triebbasis wird das Individuum von Interessen bestimmt, die sich unter
dem Gesichtspunkt biologischer Selbsterhaltung nicht mehr voll verständ-
lich machen lassen (s. o. S. 108 ff.). Zur Aufklärung dieser Interessen trägt
die Daseinsanalytik dadurch bei, daß sie die leitenden Tendenzen des prak-
tischen' Selbstbezugs aus dem widersprüchlichen Verhältnis des Menschen
zu seiner endlichen Freiheit begründet und die Freiheitsinteressen zugleich
in ihrer zeitlichen Struktur als Identitätsinteressen interpretiert (s.o. S.
170 ff.).
Mit dem Gewinn sind zugleich jedoch auch die Grenzen der daseins-
analytischen Verdeckungstheorie sichtbar geworden: Für die Aufklärung der
„Urverdrängungen", die das Individuum vor die Aufgabe der Selbstaneig-
nung stellen, trägt der Erschlossenheitsbegriff nichts aus. Dagegen macht er
die Situationen des Lebensalltags (und der Therapie) verständlich, in denen

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4. Der Ertrag des Vergleichs 195

das Individuum vor der Wahl steht, ob es sich bisher „ichfremde" Aspekte
seiner selbst aneignen oder sie weiter verdeckt halten soll, um seine je er-
reichte Sicherheit und Einheitlichkeit nicht zu gefährden.

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Verzeichnis der zitierten Literatur

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In: J. Habermas/N. Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie —
Was leistet die Systemforschung? Frankfurt 1971. (Theorie-Diskussion).
Hartmann, H.: Die gegenseitigen Beeinflussungen von Ich und Es in der psychoanalyti-
schen Theoriebildung. In: Psyche IX (1955). l.Heft. S. 1 ff.
Ders.: Ich-Psychologie und Anpassungsproblem. Sonderdruck aus: Psyche XIV (1960).
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Ders.: Zur psychoanalytischen Theorie des Ichs. Sonderheft der „Psyche" zum 70. Ge-
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Hegel, G. W. F.: Die Vernunft in der Geschichte. Hrsg. von J. Hoffmeister. Hamburg
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Heidegger, M.: Sein und Zeit. Tübingen 101963. Zitiert als: SZ.

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198 Verzeichnis der zitierten Literatur

Ders.: Was ist Metaphysik? Frankfurt 81960. Zitiert als: WM.


Ders.: Vom Wesen des Grundes. Frankfurt 41955. Zitiert als: WG.
Ders.: Kant und das Problem der Metaphysik. Frankfurt 21951. Zitiert als: Kant.
Henrich, D.: Fichtes ursprüngliche Einsicht. Frankfurt 1967. (Wissenschaft und Gegen-
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Husserl, E.: Logische Untersuchungen. Zweiter Band: Untersuchungen zur Phänomeno-
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Ders.: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie.
Erstes Buch. Hrsg. von W. Biemel. Haag 1950. (Husserliana Band III).
Ders.: Erste Philosophie. Zweiter Teil: Theorie der phänomenologischen Reduktion.
Hrsg. von R. Boehm. Haag 1959. (Husserliana Band VIII).
Jappe, G.: über Wort und Sprache in der Psychoanalyse. Frankfurt 1971. (Conditio
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Lacan, J.: Schriften I. Ölten 1973.
Lang, H.: Die Sprache und das Unbewußte. Jacques Lacans Grundlegung der Psycho-
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Leclaire, S.: Der psychoanalytische Prozeß. Ölten 1971.
Lorenzer, Α.: Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs. Frankfurt 1970. (edition
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Ders.: Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psy-
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Ders.: Perspektiven einer kritischen Theorie des Subjekts. Aufsätze, Vorlesungen und
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Maclntyre, A. C.: Das Unbewußte. Eine Begriffsanalyse. Frankfurt 1968. (Theorie 2).
Mitscherlich, Α.: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. München 1968.
Peters, R. S.: The Concept of Motivation. London 21960. (Studies in Philosophical
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Pontalis, J.-B.: Nadi Freud. Frankfurt 1968.
Popper, K. R.: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg 1973.
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Sartre, J. P.: Das Sein und das Nichts. Hamburg 1966.
Shoemaker, S.: Self-Knowledge and Self-Identity. Cornell 1963.
Skinner, Β. F.: Wissenschaft und menschliches Verhalten. München 1973.
Ders.: Jenseits von Freiheit und Würde. Reinbek bei Hamburg 1973.
Ders.: Kritik psychoanalytischer Begriffe und Theorien. In: E. Topitsch (Hrsg.): Logik
der Sozialwissenschaften. Köln u. Berlin 21965. (Neue Wissenschaftliche Bibliothek
6); S. 454 ff.
Spehlmann, R.: Sigmund Freuds neurologische Schriften. Heidelberg 1953.
Ströker, E.: Einführung in die Wissenschaftstheorie. München 1973. (sammlung dialog).
Toulmin, St.: Voraussicht und Verstehen. Versuch über die Ziele der Wissenschaft.
Frankfurt 1968. (edition suhrkamp 292).
Ders.: The Logical Status of Psycho-Analysis. In: M. MacDonald (Ed.): Philosophy and
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Tugendhat, E.: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger. Berlin 21970.
Wittgenstein, L.: Schriften I. Frankfurt 1963.
Wyss,D.: Die tiefenpsychologischen Schulen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Göt-
tingen 21966.

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Sachverzeichnis

Angst 100, 103, 105 f., 153, 163 f., 174, Interesse an — 82—84, 106—110,
190 125 f., 178
Interesse 33 f., 72 f., 79, 124, 134,
Bedeutung 136—139, 191 f.
situative — 6—8, 13—18
sprachliche — 10 f., 13—19 Lust (vgl. auch: Unlust) 75 f., 87, 91—93,
Bewußtsein 9 f., 44 f., 51—53, 61 f., 143 97 f.
Transparenz des —s 22, 29, 52, 70, —prinzip 58, 60, 83, 98
125—127, 135
Psychoanalysekritik
Deutungskunst 36 f., 85 f. behavioristische — 2—9
Diskontinuität (vgl. auch: Identität) sprachphilosophische — 9—18, 20 f.
181 f., 187 strukturalistische — 18—20

Energie, psychische 45, 56—61, 76, 97, Realitätsprinzip 60, 76 f., 89


104 f., 110, 144
Entwurf 137, 149, 163 f., 170 Selbständigkeit (vgl. auch: Unselbständig-
Erschlossenheit 138—142, 154, 165 f., keit) 25—29, 163 f., 167, 175 f., 193 f.
172, 194 f. Interesse an — 25, 114, 125 f., 145,
154, 177
Flucht vor sich selbst 148, 151, 154—156, Selbstbewußtsein 1, 22—30, 33 f., 37 f.,
179—182, 184 f. 51, 69 f., 104, 123—127, 131, 133—
Freiheit 152 £., 160—162, 170, 178, 136, 143, 148—150, 164 f., 169, 181 f.,
184 f. 189—195
Sinn 35—37, 42, 68, 142, 171
Geschichtlichkeit 177, 188 Stimmung 87, 92, 139 f., 147 f., 153 f.,
Gewissen 104, 162—164, 166, 173 f. 171
Geworfenheit 137, 148 f., 171, 175 Symbol 13, 19
—ische Beziehung 7 f., 36, 86
Handeln, bewußtseinsumgrenzendes 22,
37 f., 52, 67, 93, 116 f., 122 f., 191 f. Tod 153, 164, 174—176, 180 f.
Trieb 6—8, 59 f., 75 f., 78 f., 85—90,
Ich 3, 25—29, 49 f., 74 f., 81—84, 88 f., 96—98, 100, 185
92 f., 99, 112—118, 120, 181 f. Selbsthemmung der —e 78 f., 89 f.
Integrationsleistung des — 109,
111—116, 119, 158 f., 161, 186— Überich 102—107, 111—113, 193
188, 190 f. unbewußt 10, 21, 36—39, 96
Organisation des — 75, 82, 100, Uxibewußte, das 20 f., 39 f., 42—45, 75,
108—110, 112 f. 95 f., 120 f., 143
Identität (vgl. auch: Diskontinuität) 27— Unheimlichkeit 148 f., 152 f., 162—164,
29, 109, 158, 170, 175 f., 178, 183 f., 174, 192
190 f. Unlust 91—93, 107, 115

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200 Sachverzeichnis

Unselbständigkeit 28, 114 f., 148, 150 f., Verstehen 141 f., 148—152, 163, 170,
181 f., 193 179 f.
Vorbewußte, das 42 f., 47 f., 76 f.
Verdeckungstendenz (vgl. auch: Flucht vor
sich selbst) 23, 154 f., 166 f., 192 Wahl 164 f., 167, 176 f., 192
Verdinglichung 9 f., 21, 33, 43, 52 Zeit
Verdrängung 6—8, 12 f., 15—17, 37, —fluß 122, 172, 178
42 f., 50, 64—67, 79—83, 90—92, —lichkeit 170—175, 179—181
100—103, 111, 114 f., 119 f., 124, Zensur, psychische 44, 46—50, 52 f., 72,
157—162, 185—188 110 f., 156
Zu-sein 132 f., 136—138, 170 f.

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Namenverzeichnis

Alston, W. P. 10 Lacan, J. 18 f.
Lang, H. 18
Bally, G. 159 Leclaire, S. 18
Binswanger, L. 127 Lorenzer, A. 10—18, 36
Boss, M. 127
Breuer, J. 51 Maclntyre, A. C. 10, 20 f.
Mitscherlich, A. 87
Descartes, R. 134
Nietzsche, F. 23
Erikson, Ε. H . 116
Ey, H. 121 Peters, R. S. 20
Pontalis, J.-B. 18
Fichte, J . G . 22—30, 33 f., 69, 125 f., Popper, K. R. 21
134—136, 167
Fromm, Ε. 163 Ricoeur, P. 5, 41

Goeppert, S. und Η. C. 18 Sartre, J. P. 22, 47


Schopenhauer, A. 23
Habermas, J. 10—16, 18, 29 Shoemaker, S. 10
Hartmann, H. 118 Skinner, Β. F. 3—8
Hegel, G. W. F. 178 Spehlmann, R. 55
Henrich, D. 25 Ströker, E. 21
Husserl, E. 22, 134
Toulmin, St. 20 f.
Jappe, G. 14 Tugendhat, E. 22, 132 f., 136, 138, 152

Kant, I. 134 Wittgenstein, L. 10 f.


Wyss, D. 58

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