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Mit Verschwörungstheoretikern reden. Ein


Bericht
Mit Menschen zu reden, die Verschwörungstheorien anziehend finden
oder sich ganz in ihrem Bann bewegen, scheint kaum möglich. Trotzdem
hat Philippe Wampfler in den Foren und Chat-Räumen der Fans von
Daniele Ganser – einem der Stars der Szene – das Gespräch gesucht.

Von Philippe Wampfler am 28. Februar 2018

Artikel URL: http://geschichtedergegenwart.ch/mit-verschwoerungstheoretikern-reden-ein-bericht/

W er über das Netz spricht, muss im Netz mit Menschen sprechen. Das ist die
Grundlage für meine wissenschaftliche Arbeit über Netzkommunikation: Weil ich
selbst daran teilnehme, weiss ich, wovon ich spreche. Eine Nische, in die ich immer
wieder abtauche, sind die Gesprächskreise, die sich mit der Arbeit von Daniele Ganser
befassen. Ganser ist Historiker mit eigenem, privaten Institut (Swiss Institute for Peace
and Energy Research, SIPER) und bekannt für seine „Fragen“ zu 9/11, mit denen er
insinuiert, der Anschlag sei nicht das Werk islamistischer Terroristen gewesen. Daneben
hat er mehrere Monografien über aussenpolitische Themen geschrieben, Kriege und
Erdöl sind dabei sein Fokus. Allerdings folgt seine Arbeitsweise dabei seit Jahren keinen
wissenschaftlichen Standards mehr, wie sein Umgang mit Quellen zeigt.

Um Gansers Werk herum hat sich eine Reihe von Gesprächskreisen, man könnte sagen
eine ‚Bewegung‘ gebildet. Er selbst nimmt an dieser nur indirekt teil, indem er Talking-
Points liefert und der ‚Bewegung‘ als „Friedensforscher“ und promovierter Historiker eine
Aura von Wissenschaftlichkeit verleiht. Gleichzeitig bezieht er seine Inhalte aber auch
aus diesen Gesprächskreisen: Die These, Al-Quaida-Anschläge seien inszeniert, wird in
diesen Gesprächskreisen schon länger debattiert. Ganser kann so ihre Wirkung
abschätzen und greift sie etwas später offiziell auf, wie etwa dieser Facebook-Post zum
Jahrestag des Attentats in Berlin zeigt.

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Gesprächsformen des Ganser-Zirkels


Die Ganser-Zirkel diskutieren in geschlossenen Gruppen, in Kommentaren oder auf den
Profilen ihrer sichtbarsten Mitglieder. Ich selbst nehme auf zwei Arten teil: Entweder,
indem ich auf meinem Profil Stellung beziehe und dann von dieser Community besucht
werde – sie stürzt sich auf alles, was Ganser betrifft. Oder ich beobachte mit
Beunruhigung, wie Bekannte Sympathien für diese Denkweise entwickeln und klinke
mich ein. Im Folgenden werde ich meine Erfahrungen in diesen Gesprächen schildern
und eine Analyse versuchen.

Die Gespräche finden auf der virtuellen Bühne, oft über verschiedene Kanäle hinweg
statt: Eine Facebook-Diskussion über einen Blogpost regt einen Beitrag auf einem
anderen Blog an, der wiederum eine Diskussion auf Twitter entfacht, die später in den
Kommentaren des Blogs weitergeführt wird. Die Teilnehmenden sind – im Sinne des
Soziologen Erving Goffman – zugleich Publikum. Einige agieren auch hinter der Bühne,
zum Beispiel in Chats. Als Gründe geben sie ihre Unsicherheit an, sowohl in Bezug auf
die richtige Position als auch aus Sorge vor persönlichen oder beruflichen
Konsequenzen.

Frauen sind im Ganser-Zirkel kaum vertreten. Am aktivsten sind gebildete Männer mit
viel Zeit: Mit einem freien Journalisten, einem Arzt, einem Ingenieur in Rente und einem
Lehrer habe ich am intensivsten debattiert – immer unter Einbezug anderer Stimmen. In
den Diskussionen beabsichtigt die Ganser-Seite zu zeigen, wie falsch die offiziellen
Darstellungen von Terroranschlägen und anderen Ereignissen sind, und wie
wahrscheinlich dem gegenüber geheime Absprachen und Einflüsse sind. Ich wiederum
versuche – manchmal mit Unterstützung von anderen – nachzuweisen, dass diese
Vermutungen haltlos und irrational sind, und dass der paranoische Zweifel dazu führt,
dass wissenschaftliche Standards über Bord geworfen werden.

Man möchte meinen, diese Differenzen müssten eine Diskussion eigentlich zum Erliegen
bringen. Aus zwei Gründen ist das nicht der Fall: Erstens gilt es, auch aus meiner Sicht,
nicht bloss das Gegenüber, sondern das Publikum zu überzeugen. Zweitens wollen
beide Seiten die andere dazu bringen, endlich seriöse Quellen zur Kenntnis zu nehmen.
Daraus ergibt sich oft ein Tauschhandel: ‚Du liest diesen Text, dann schaue ich dieses
Video. Du beantwortest diese Frage, dann nehme ich zu deiner These Stellung‘.

Der „Myside Bias“


Es entsteht also ein Minimum an „Verständigungs- und Diskursorientierung“, wie der
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen eines der Prinzipien nennt, an denen er seine
Vision einer digitalen Gesellschaft orientiert. Diese ‚Verständigung‘ vermeide, wie er
schreibt, eine „Polarisierung zweiter Ordnung“, auf der nicht nur Meinungen einander
entgegengesetzt sind, sondern auch die Methoden der Wahrheitsfindung.

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Trotzdem gibt es grundlegende Differenzen, unter anderem darüber, wie seriöse


Argumentationen ablaufen. Ich zum Beispiel kritisiere Ungenauigkeiten,
Pauschalisierungen und rhetorische Tricks, die mir in Vorträgen von Ganser und anderen
Koryphäen der Bewegung auffallen: Ganser verkleidet eigene Thesen und Vermutungen
als Fragen, für die er Aufklärung fordert. Damit entledigt er sich der Pflicht, Belege selbst
zu erbringen. Er präsentiert sich als seriöser, aber unbequemer Wissenschaftler mit
Doktortitel, hält sich jedoch weder in seinen Büchern noch in seinen Vorträgen an
etablierte Standards der Geschichtswissenschaft. In der Regel bearbeitet er weder
Quellen noch historische Fachliteratur, sondern verbindet, wie seine Fans, lässig im
Browser abrufbare Dokumente.

Hier zeigt sich ein Widerspruch, der sowohl Ganser selbst als auch seine Anhänger
charakterisiert: Rhetorik und Analysen sind einerseits von einem starken
Wissenschaftlichkeitsfetisch angetrieben, dieser wird jedoch zugunsten einer
moralischen Argumentation jederzeit aufgegeben („Bist Du etwa für den Krieg und gegen
den Frieden?“). Wissenschaftlichkeit erscheint dann plötzlich als hinderliche Pedanterie.
Weise ich auf diesen Widerspruch hin, werde ich als unzulässig kleinlich bezeichnet – wo
doch so grosse Themen wie Krieg, Medienmanipulation und politische Einflussnahme
verhandelt würden. Es zeigt sich hier der so genannte „Myside Bias“ von
Verschwörungstheorien in doppelter Form: Die eigene Theorie wird nicht nur für
unhinterfragbar wahr gehalten („Confirmation Bias“), sondern es wird für ihre
Vertreterinnen und Vertreter auch zu einem starken Wunsch, dass sie wahr sei
(„Desirability Bias“).

Wenn eine Argumentation nicht verfängt, erfolgt oft ein Themenwechsel. Das Reservoir
der unerklärlichen Auffälligkeiten rund um die von Ganser diskutierten Ereignisse ist so
gross, dass grosse Themen-Sprünge jederzeit möglich sind. Sie verunmöglichen, die
Auffälligkeiten in einem grösseren Kontext zu analysieren. Zum Beispiel die Einsicht,
dass vor fast allen grösseren Ereignissen Insiderhandel an der Börse ermittelbar ist,
nicht nur vor dem 11. September 2001; oder die Gründe, weshalb islamistische
Attentäter am Tatort Ausweise hinterlassen; und nicht zuletzt welche geometrischen
Verzerrungen die Videoaufzeichnungen vom Einsturz der WTC-Türme mit sich bringen.
Solche Makroperspektiven werden von der Ganser-Community ausgeblendet.
Beobachtungen von Mustern bleiben reduziert auf ihre Auffälligkeit. Mit dem Wechsel
von Thema zu Thema wird die Einsicht verdrängt, dass in der Welt ständig Muster rund
um prominente Ereignisse aufscheinen.

Hermetisch geschlossene Denkgebäude


Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der ‚Verschwörungstheorie‘. Möchte ich das
Gespräch aufrechterhalten, muss ich diesen Begriff vermeiden. Philipp Sarasin hat
gezeigt, wie die rhetorische Strategie, zu fragen, statt zu behaupten, sich zu wundern,

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statt zu belegen, Theorien konstruiert, die per se nicht widerlegt werden können. Zur
Verschwörungstheorie werden sie, weil sie keine Kriterien enthalten, mit denen sie sich
falsifizieren liessen. Doch gerade die Unmöglichkeit, eine Position argumentativ zu
widerlegen, erschwert die Verwendung des Begriffs ‚Verschwörungstheorie‘. Der Begriff
wird von ihren Anhängern als „Diffamierung“ bezeichnet, er gilt als Schibboleth für eine
unerwünschte Wertung.

Zwei Gesprächsphasen sind also bislang deutlich geworden: In einer ersten geht es
darum, überhaupt ein Gespräch entstehen zu lassen. Dazu braucht es einen minimalen
Deal. Unabhängig von seinem Zustandekommen überschwemmen die Ganser-Anhänger
Kommentarspalten mit ihren Links und Darstellungen. Wird der Deal eingegangen,
reiben sich in einer zweiten Phase (meine) Forderungen nach wissenschaftlicher
Stringenz an den unerschöpflichen Möglichkeiten, von einem Rätsel zum nächsten zu
hüpfen.

In der dritten Phase folgt meist eine hitzige Debatte über die Kompetenz von bestimmten
Fachleuten. Im Wesentlichen geht es hier darum zu zeigen, dass sehr gut informierte
Menschen die Verschwörungstheorie ebenfalls unterstützen. Damit verbunden ist das
Argument, ein medialer und öffentlicher Druck hindere viele weitere Menschen mit
Expertise daran, ihre Meinung zu sagen – deshalb seien in den entsprechenden
Gruppierungen meist nur pensionierte Fachleute oder solche ohne universitäre
Anstellungen oder wissenschaftliche Publikationen zu finden.

Die vierte Phase wird eröffnet, wenn der Eindruck entsteht, meine Gesprächsbereitschaft
sei ein Signal dafür, dass ich die Seite wechseln möchte. Mehrfach wurden mir dann
schon Treffen mit Ganser oder anderen Fachleuten, die vom Ganser-Zirkel vereinnahmt
werden, in Aussicht gestellt (etwa mit dem Wirtschaftswissenschaftler Marc Chesney, der
in einem Paper den Optionenhandel rund um 9/11 untersucht hat). Diese Fachleute, so
die Ankündigung, würden mir in vertraulichen Gesprächen Dinge zeigen, die man im
Netz nicht diskutieren könne. Auch wurden mir Treffen mit Personen offeriert, deren
Identität mir erst vor Ort offenbart werden könne. Voraussetzungen seien aber Vertrauen
und die Bereitschaft, sich an Abmachungen zu halten. „Darauf soll jeder seine Aussagen
im erforderlichen Ausmass korrigieren, sie den anderen Beteiligten verbindlich zur
Freigabe vorlegen und ab dann in den vereinbarten Formulierungen öffentlich einsetzen
dürfen“, lautete eines dieser Angebote per Facebook-Nachricht.

Diese vierte Phase legt für mich die Vermutung einer Organisation innerhalb der Ganser-
Gesprächskreise nahe. Ganser selbst tritt wie erwähnt nie in Erscheinung. Sein
Charisma und seine Überzeugungskraft sind den grossen Bühnen und den privaten
Treffen vorbehalten. Die Strategie geht auf: Seine Auftritte sind teuer, aber ausverkauft.
Er füllt Hallen – und mobilisiert durch seine Anhänger im Netz.

Fazit

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Die Erforschung solcher Gespräche und Zirkel wirft natürlich methodische Fragen auf:
Die Teilnahme an Gesprächen, die gleichzeitig Untersuchungsgegenstand sind, ist eine
verbreitete Methode der (digitalen) Feldforschung. Sie berührt aber auch methodische
und ethische Grenzen. Denn: Menschen sollten „nicht als blosse Datenlieferanten“
angesehen werden. Die Forscherin oder der Forscher muss sich, wie ich es versuche,
als Mensch einbringen (siehe die 10 Gebote der Feldforschung von Roland Girtler).
Zudem: Wer Menschen in Experimente einbezieht, muss sie vorher darüber informieren
und selbst eine neutrale Position einnehmen. Dies wiederum habe ich nicht gemacht.
Damit sind abschliessend grosse Herausforderungen der Gesprächsbeobachtung in
sozialen Netzwerken benannt: Wie gelingt es, Menschen zu achten und ihre
Wahrnehmung zu respektieren, wenn davon auszugehen ist, dass sie manipuliert
werden und selbst Informationen so manipulieren? Wie kann sich ein Gespräch auf
Augenhöhe mit jemandem entfalten, deren oder dessen Haltung mir Sorge bereitet?

Denn genau das zeigen meine Ergebnisse: Es gibt Gründe, sich Sorgen zu machen. Für
mein Buch über Nonsens im Netz habe ich in den Ganser-Diskussionen viel darüber
gelernt, wie Information ohne Bemühung um Wahrhaftigkeit für die Konstruktion von
Verschwörungstheorien eingesetzt wird. Die zentrale Einsicht ist dabei, dass
Verschwörungstheorien Ereignisse als Zeitlupe erzählen: Wie beim Zapruder-Film von
der Ermordung John F. Kennedys entsteht dadurch der Eindruck eines präziseren
Blickes. Tatsächlich aber lässt dieser Blick die Realität in unscharfe Bilder zerfliessen.
Bilder, die alles und nichts bedeuten können. So entstehen Codes, die für Eingeweihte
sehr aufschlussreich sind und Paranoia befördern, die aber keiner analytischen Prüfung
standhalten.

Philippe Wampfler
Philippe Wampfler ist Deutschlehrer und Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der
Universität Zürich. Sein Fachgebiet ist die digitale Jugendkultur sowie Lernen mit
digitalen Medien.

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