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Sicherheit, 

Medizin, 

Foto: Maison du Sauvetage


Rettungswesen Ein wichtiger Faktor, der das Risiko beim
Sicurezza, medicina,  Bergsteigen beeinflusst, ist das Wetter.
soccorso in montagna Ein Blick zurück zeigt, dass das Jahr mit
sehr milder Witterung und einer langen
Sécurité, médecine, Schönwetterphase im Februar begann.
sauvetage Der Frühling hingegen war sehr wechsel-
haft, und ein starker Wintereinbruch
brachte über die Ostertage Ende März
die kältesten Tage des Jahres. Auf einen
nasskalten April folgte ein sommerlicher
Erneute Zunahme der Notfälle,   Mai mit Temperaturen über 30 Grad im
jedoch weniger Bergtote Flachland. Im Juni bis August brachten
Kaltlufteinbrüche mehrmals Neuschnee
Bergnotfälle Schweiz bis unter 2000 Meter, und am Alpensüd-
hang entstanden im Juli kritische Hoch-
2008 wassersituationen. Im September und
Oktober blieb es eher wechselhaft, doch
In den Schweizer Alpen und im Jura es ergaben sich dazwischen immer wieder
gerieten im Kalenderjahr 2008 ins­ mehrere Tage mit stabilem Bergwetter.
gesamt 2277 Personen in Bergnot1, Wie bereits im Vorjahr brachte Ende
knapp 6% mehr als im Vorjahr. Oktober ein erster markanter Kaltluft-
Gleichzeitig reduzierte sich die An­ einbruch bereits Schnee bis ins Mittel-
zahl Todesfälle um 15% auf 104.
Ein Vergleich zeigt, dass beim Berg­ 1 Der Begriff «Bergnotfall» umfasst alle Vor-
kommnisse, bei denen Berggänger die Hilfe der
sport nicht übermässig viele Unfälle Bergrettungsdienste beanspruchen. «Bergunfäl­-
geschehen, Fehlverhalten oder Pech le» – als Untermenge der Bergnotfälle – sind Ereig-
nisse, die der allgemeinen Definition eines Unfalls
aber gravierende Folgen haben entsprechen.
können.

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  Am Petit Clocher de Portalet konnte ein
  Kletterer nach einem Sturz nur noch
  tot geborgen werden. Die Seilschaft
hatte den Zustieg zur Route verfehlt.



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32 DIE   A L P E N 5/ 2009
Tödliche Bergunfälle 2008

2007 2008
Anzahl Opfer Total 123 104
Tätigkeit
Bergwandern 44 39
Hochtouren 34 27
Klettern 4 6
Skitouren 17 8
Variantenabfahren 15 14
Anderes 9  101
Ursachen
Sturz 84 72
Spalteneinbruch 5 7
Wechtenabbruch 1 1
Steinschlag 2 1
Eisschlag 1 1
Blitzschlag 0 0
Lawine 22 15
Blockierung/Erschöp- 3 3
fung/Verirren
Andere Ursache 5 42
Umfeld
Organisierte Touren 14 15
Private Touren 66 49
Alleingänger 43 40
Region
Hochalpen 55 58
Voralpen 65 44
Jura 3 2
Gelände
Weg 17  263
Gras/Geröll 25 7
Felsen 20 20
Schnee/Firn/Eis 52 36
Gletscher 5 7
Anderes Gelände 4  84
land, und die Alpen erhielten oberhalb Schnitt rund 15 Personen pro Tag gebor-
Identität
der Waldgrenze eine zusammenhängende gen werden, im November hingegen nur
Männer 105 80
Schneedecke. Weitere Schneefälle er- knapp zwei. Frauen 18 24
möglichten einen sehr frühen Beginn Zu den meisten Unfällen kam es wie Schweizer 71 59
der Skitourensaison. letztes Jahr beim Bergwandern. 930 Ver- Ausländer 52 45
unfallte verzeichneten die Rettungsstatio- SAC-Mitglieder 15 12
Notfallgeschehen: Ursachen und nen, was einen Rückgang von 4% bedeu- Alterstufen
saisonale Einflüsse tet. Zunahmen verzeichneten Skitouren- bis 10 Jahre 1 0
Betrachtet man alle Bergsportarten zu- oder Variantenabfahrten (siehe auch bis 20 Jahre 5 10
sammen, so kommt man auf 2277 Berg- Grafiken 1–3). bis 30 Jahre 24 11
notfälle. Das bedeutet eine Zunahme um bis 40 Jahre 23 19
6% gegenüber dem Vorjahr. Ein Drittel Deutlicher Rückgang der Todesfälle bis 50 Jahre 17 13
bis 60 Jahre 23 21
der betroffenen Personen konnte aber Bei 96 Unfällen verloren 104 Personen
bis 70 Jahre 15 14
unverletzt gerettet werden. Die häufigste bei der Ausübung einer klassischen über 70 Jahre 12 13
Ursache der Notfälle waren wiederum Bergsportart2 ihr Leben. Dies entspricht unbekannt 3 3
Stürze, die 990 Personen zum Verhängnis im Jahresvergleich einem Rückgang von 1 Jagd=2, Schneeschuhläufer=5,
wurden. Aussergewöhnlich viele stürzten 15%. Weniger Opfer forderten insbeson- Eisklettern=2, Canyoning=1
in Gletscherspalten: 50 Personen muss- dere das Bergwandern, die Hochtouren 2 unbekannt (vermisst)=3, Materialversagen,
Hackenbruch)=1
ten aus ihnen gerettet werden, das ent- und der Tourenskilauf. Insgesamt 3 Wanderweg=3, Bergweg=21, alpine
spricht einer Zunahme um mehr als das 59 Personen waren Schweizer Bürger, Route=2,
Doppelte im Vergleich zu 2007. zwölf Fälle betrafen SAC-Mitglieder. Mit 4 Schlucht=2, unbekannt (vermisst)=3,
Bachbett=3
Die meisten Rettungseinsätze waren –
2 Als Bergunfälle im engeren Sinne werden in
kaum überraschend – in den Hochsom- dieser Statistik vor allem die Ereignisse des klassi-
mer- und Ferienmonaten Juli und Au- schen Bergsteigens verstanden. Unfälle beim Delta-
gust notwendig. Im August mussten im und Gleitschirmfliegen, Speed-Flying, Base-Jum-
ping und bei der Benutzung von Mountainbikes
sind in einem separaten Kapitel berücksichtigt.

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SICHERHEIT, MEDIZIN, RETTUNGSWESEN

knapp 40% war der Anteil von tödlich Die häufigste Unfallursache mit zungen gerettet werden. Ungewöhnlich
Verunfallten, die alleine unterwegs 104 Fällen war jedoch ein Sturz oder Ab- war dabei ein Anruf an die Einsatzzent-
waren, wiederum hoch. sturz. Wie bereits im Vorjahr kam es auch rale der Rega: «Help, we need a helicop-
im Sommer 2008 wieder mehrmals zu ter, we are in the Jungfrau!» Die beiden
Hochtouren Lawinenunfällen. Mit viel Glück endete Alpinisten, die den Notruf gesendet hat-
Häufig Schnee mitten im Sommer für die zehn Betroffenen keiner davon ten, befanden sich in der Nähe des Rot-
Sowohl im Juli wie auch im August 2008 tödlich. Auch bei den ausserordentlich talsattels im Abstieg vom Gipfel, als
sorgten Kaltlufteinbrüche wie im Som- vielen Spalteneinbrüchen konnten die ­beide in eine Gletscherspalte stürzten.
mer 2007 mehrmals für winterliche Ver- meisten Personen mit leichteren Verlet- Sie hatten viel Glück, denn in den meis-
hältnisse. Der wiederholte Schneefall ten Gletschergebieten der Alpen kann
hatte nicht nur Nachteile: Die sonst in keinesfalls mit einer derart guten Mobil­
heissen Sommern heikle Aus­aperung der telefonversorgung wie bei der Jungfrau
Durch die Schneefälle im  
Firnzonen blieb weitgehend aus. So traf Sommer waren vor allem auf Firntouren gerechnet werden.
man während der Schönwetterlagen vor die Bedingungen günstig.
allem auf Firn- und Gletschertouren
häufig auf sehr gute Bedingungen.

«We are in the Jungfrau»


2008 gerieten insgesamt 317 Hochtouren-
gänger in eine Notlage. Dies entspricht
im Jahresvergleich einem Rückgang von
gut 4%. Die Bergrettung konnte wieder-
um zahlreiche Alpinisten, die aufgrund
einer nicht dem Wetter und den Verhält-
nissen angepassten Tourenplanung blo-
ckiert3 waren oder sich verirrt hatten,
unverletzt aus ihrer misslichen Lage be-
freien.
3 Als Blockierung werden alle Notfälle bezeich-
net, bei denen Berggänger nicht mehr in der Lage
sind, ihre Tour aus eigener Kraft zu beenden oder
abzubrechen. In der Regel sind die Betroffenen un-
verletzt.

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Foto: Ueli Mosimann


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34 DIE   A L P E N 5/ 2009
Weniger tödliche Unfälle Schlechtwetterfront versuchte, die Ber- Probleme beim Abseilen ergeben sich
Obwohl es zu einem markanten Rück- nina über den Biancograt zur Marco-e- praktisch immer durch verklemmte Seile
gang der Todesfälle kam, starben 2008 Rosa-Hütte zu überschreiten. Der ergie- oder dadurch, dass Abseilstände nicht
immer noch insgesamt 27 Hochtouren- bige Schneefall im Gebiet überdeckte alle gefunden oder verfehlt werden. 21 Per-
geher in den Bergen. Es kam dabei vor Spuren, und die Suchaktionen mussten sonen, vier mehr als letztes Jahr, konnten
allem zu weniger Unfällen mit drei und erfolglos eingestellt werden. sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien.
mehr Todesopfern. Die Ursachen der Ein Sturz wurde 49 Kletterern zum
schweren Unfälle in diesem Bereich sind Klettertouren4 Verhängnis. Dabei zogen sich 39 Betrof-
seit Jahren aber in etwa die gleichen: un- Am häufigsten in Mehrseillängenrouten fene mittlere bis schwere Verletzungen
terwegs bei schwierigen Verhältnissen 123 Kletterer mussten 2008 die Hilfe der zu, sechs Personen kamen ums Leben.
oder der Situation unangepasste Siche- Bergrettung in Anspruch nehmen, was
rungsvorkehrungen. So überlebte von einer Zunahme von knapp 8% im Ver- Wiederum unterschiedliche Ursachen
zwölf Personen, die in fünf Mitreiss­ gleich zum Vorjahr entspricht. 59 Perso- bei tödlichen Unfällen
unfälle involviert waren, nur eine. Doch nen bekamen Probleme in Mehrseillän- Alle sechs Todesfälle beim Klettern wa-
es stürzten auch fünf Alpinisten ab, die genrouten mit vorhandener Absiche- ren damit die Folge eines Sturzes, wobei
trotz Begleitung auf den Seilgebrauch rung, 45 im alpinen Gelände und 19 in das Unglück nicht immer in der Route
verzichtet hatten, wie auch vier Allein- Klettergärten. selbst erfolgte.
gänger. Tödliche Folgen hatten für zwei So stieg eine Gruppe vom Alplistock
Personen auch Spalteneinbrüche, und Erneut häufig Blockierungen und (Grimselgebiet) im alpinen Gelände in
zwei Alpinisten erfroren in einem Sturm Probleme beim Abseilen Zweierseilschaften am verkürzten Seil
im Monte-Rosa-Gebiet. Ungeklärt ist bis Blockierungen beim Klettern entstehen ab. Als ein Teilnehmer sich an einem
heute das Schicksal eines jungen Alpinis- meistens durch Überforderung oder ein Felsblock festhielt, löste sich dieser und
tenpaares, das vor dem Eintreffen einer zu knappes Zeitbudget. In solche Situa­ trennte das gespannte Seil vollständig
tionen gerieten 42 Kletterer (Vorjahr 51). durch, worauf der Alpinist stürzte. Eben-
falls beim Abstieg war ein Kletterer am
Klettern im alpinen Gelände   4 Diese Rubrik erfasst die Ereignisse beim Klet-
erfordert Erfahrung, der jeweilige tern im Fels. Südgrat des Salbitschjien (Göscheneralp),
Schwierigkeitsgrad sollte sicher als er unangeseilt den Halt verlor und
beherrscht werden.
stürzte. Am Fitzer (Berner Oberland)
wiederum kletterte eine Dreiergruppe
unangeseilt über eine technisch einfache,
aber brüchige Route hinauf, als der er-
fahrene Einheimische hinunterfiel.
Aufgrund von Orientierungsproble-
men verfehlte eine Zweierseilschaft den
Zustieg zum Südostgrat am Petit Clo-
cher du Portalet. Als sie versuchte, zur
Route hinüberzuqueren, stürzte der Vor-
steigende 30 Meter in die Tiefe. Der
Seilzweite vermochte ihn zwar zu halten,
der Verunfallte erlag aber trotz der ra-
schen Rettung seinen Verletzungen.
Eine Fehlmanipulation führte in ei-
nem Klettergarten im Oberwallis zum
Tod eines Kletterers, der sich selbst gesi-
chert hatte. Bereits bei der Vorbereitung
eines Abseilmanövers verlor eine Person

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Foto: Valérie Herzig

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SICHERHEIT, MEDIZIN, RETTUNGSWESEN

Die ausgiebigen Schneefälle im


Frühjahr sorgten auch noch in
im Klettergebiet Sanetsch die Kontrolle den Voralpen zeitweise für sehr
und stürzte aus dem Abseilstand ungesi- schöne Verhältnisse.
chert ab.

Ski- und Snowboardtouren


Viel Zeit für Skitouren
Bereits im Frühwinter hatte es in den
Alpen fast überall reichlich Schnee. Eine
lange Schönwetterphase mit sehr milder
Witterung Anfang Jahr dezimierte die
Schneedecke vor allem an Südhängen, es
lag aber meistens noch genügend Schnee
für Skitouren. Erst über die Ostertage
setzten verbreitet starke Schneefälle ein.
Auch im April war das Wetter häufig
tiefdruckbestimmt und verursachte in
den Alpen immer wieder Schneefall.
Sehr früh meldete sich der Winter
2008/09, sodass bereits im November
wieder sehr viele Tourengänger unter-
wegs waren. Insgesamt konnte man im
Kalenderjahr 2008 während gut sechs
Monaten Ski- oder Snowboardtouren
unternehmen. Kaum überraschend stieg
auch die Zahl der Notfälle an. Mit insge-
samt 348 betroffenen Personen oder einer
Zunahme von 43% im Jahresvergleich
fiel sie jedoch sehr hoch aus und weist
Foto: Ueli Mosimann

darauf hin, dass die spezifischen Gefah-


ren des winterlichen Gebirges nicht im-
mer gebührend berücksichtigt worden
sind.

Sturzunfälle, Blockierungen und


Lawinenverschüttungen figste Notfallursache. In den meisten köpfige Tourengruppe trotz sehr schlech-
Doch auch 2008 waren Sturzunfälle mit Fällen handelte es sich wiederum um ter Wetterprognose von der Diavolezza
114 Betroffenen (Vorjahr 110) die häu- klassische Skifahrerverletzungen ohne aus auf, um zur Marco-e-Rosa-Hütte zu
unmittelbare Lebensgefahr. Sehr viel gelangen. Unterhalb der Bellavista stürz-
/PUGBMMVSTBDIFOBVG4LJVOE grösser war mit 81 hingegen die Zahl der te eine Teilnehmerin unangeseilt in eine
4OPXCPBSEUPVSFO Skitourengeher (Vorjahr 24), die aus Gletscherspalte. Den anderen Gruppen-
  einer Blockierungssituation gerettet wer- mitgliedern gelang es, ihre Kollegin aus

 den mussten. So brach zum Beispiel der Spalte zu befreien, als sie mit voller

über Ostern im Berninagebiet eine fünf- Wucht eine Schlechtwetterfront traf. Die
alarmierte Bergrettung konnte erst am
 Folgetag um 18 Uhr am Fortezzagrat zu
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Fuss die Gruppe erreichen. Um 22 Uhr

 gelang während einer kurzen Wetterbe-

ruhigung die Rettung von zwei Personen

 mit dem Helikopter, die anderen drei
 führten die terrestrischen Retter über

 den Grat ins Tal.


Wenige Todesfälle


Trotz der langen Saison kamen beim Ski-
  tourenfahren «nur» acht Menschen ums
  Leben. Verschiedene Stürze, zwei wäh-

rend der Abfahrt, einer beim Abstieg zu

Fuss und einer bei einem Wechten­ab­
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Verhängnis. Vier weitere starben infolge


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einer Lawinenauslösung. Auffällig dabei:


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36 DIE   A L P E N 5/ 2009
Foto: Alpine Rettung, ARS
Spaltenrettung auf dem Titlis-
gletscher bei Engelberg. Auch im
Frühling können hier hochwinter-
liche Bedingungen herrschen.

Alle Unfälle ereigneten sich bei Gefah-


renstufe «mässig». Ungewöhnlich war
der Vorfall am Piz Bleis Marcha (Mittel-
bünden): Eine elfköpfige Skitouren­
gruppe befand sich nach dem Skidepot
im Fussaufstieg zum Gipfel, als sich un-
ter den Füssen des Vorausgehenden ein
Schneebrett löste und diesen ca. 200 Me-
ter eine Felswand hinunterriss und tötete.
Weitere acht Personen, die sich zum
Zeitpunkt des Lawinenabgangs weiter
hinten in der Fussspur befanden, konn-
ten sich festhalten. Wäre das Schneebrett
Foto: Marco Salis

nur 20 Zentimeter weiter oben abgebro-


chen, hätte es mit grösster Wahrschein-
lichkeit alle Personen mitgerissen.
Lawine am Piz Bleis Marcha. Sie ­ 
Variantenabfahrten riss eine Person über ­eine 200 Meter 
Mehr Notfälle, aber stabile Opferzahl oder Absturz, gefolgt von Blockierungen, hohe Felswand ­hinunter.
Aufgrund der Schneelage waren auch Lawinenverschüttungen und Gletscher-
beim «Freeriden» oder Variantenfahren spaltenstürzen.
die Möglichkeiten weitaus weniger ein- wiegend Männer. So starb 2008 nur eine
geschränkt als im Vorjahr. Entsprechend Meistens Männer als Opfer Variantenfahrerin. Lawinen forderten
kam es auch in diesem Bereich zu mehr Bei Variantenabfahrten verunfallten ins- wie letztes Jahr am meisten Opfer: vier
Notfällen, insgesamt 216 (Vorjahr 174). gesamt 14 Personen tödlich, acht Skifah- Skifahrer und zwei Snowboarder. Im Ge-
Daran beteiligt waren 173 Skifahrer und rer und sechs Snowboarder. Wie bereits gensatz zum Skitourenbereich ereigneten
43 Snowboarder. Wiederum am zahl- in früheren Jahren verunglückten vor- sich diese Unfälle überwiegend bei er-
reichsten waren Unfälle durch Sturz höhter Lawinengefahr: Fünf der Betrof-

D I E   AL PE N 5 /2 0 0 9 37
SICHERHEIT, MEDIZIN, RETTUNGSWESEN

/PUGBMMVSTBDIFOCFJN#FSHXBOEFSO Wanderer hatten sich bei Nacht oder /PUGjMMFCFJBOEFSFO5jUJHLFJUFO


 
Nebel verirrt oder waren zu erschöpft. 
  

Wiederum häufig Alleingänger und 

ältere Personen

Alle 39 tödlichen Unfälle beim Bergwan-


dern ereigneten sich durch Stürze, in
21 Fällen auf markierten Bergwegen, 
wobei die Sturzursache häufig nicht be- 
 kannt ist. An exponierten Stellen genügt

oft schon eine kurze Unaufmerksamkeit.
Im Vorwinter oder Frühling stellen häu- 
 fig vereiste Stellen oder deren Absiche- 
rung (Geländerseile, Leitern) ein Prob-

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lem dar. Steigeisen hätten wahrschein-

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 lich auch 2008 einige tödliche Abstürze

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21 der tödlich Verunfallten waren

allein unterwegs; davon waren zudem
15 mehr als 50 Jahre alt. Auffällig ist
auch, dass beim Bergwandern wie in frü- Schlucht und weiter nach Vättis abzustei-

heren Jahren der Anteil der Schweizer gen. Beim Einnachten gelang es einem
mit 85% höher ist als bei anderen Berg- der beiden, einen Punkt zu erreichen,

sportarten. von dem aus er mit seinem Mobiltelefon
die Bergrettung alarmieren konnte.
Andere Bergsportarten Trotz dem starken Föhnsturm konnte

Weitere Zunahme bei einigen «Boom- einer mit einer Hubschrauberwinden-
sportarten»
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Aktion geborgen werden. Den anderen


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Betrachtet man noch weitere Freizeitakti- völlig erschöpften Schneeschuhläufer


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vitäten, bei denen die Akteure mit Mus- befreite die Alpine Rettung mithilfe eines
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kelkraft in den Bergen unterwegs sind, mehrere Hundert Meter langen Gelän-
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fällt auf, dass sich die meisten Unfälle derseils aus seiner ungemütlichen Situa-
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wie bereits in den Vorjahren beim tion. Zwei Wochen später stürzte fast an
Mountainbiken ereignen. Die 81 Fälle der gleichen Stelle ein Tourenskifahrer
fenen waren bei der Gefahrenstufe «er- bedeuten eine massive Zunahme um tödlich ab.
heblich» unterwegs. Absturz oder Glet- knapp 27%. 74 Biker verunfallten dabei
scherspaltensturz führten zum Tod von wegen eines Sturzes; 61 Personen von Bergsport weniger unfallträchtig als
weiteren vier Skifahrern und vier Snow- ihnen mussten hospitalisiert werden, sein Image
boardern. 15 mit schweren Verletzungen. Ein Biker Insgesamt fällt die Abnahme der tödli-
stürzte tödlich in eine 100 Meter tiefe chen Unfälle positiv auf, vor allem wenn
Bergwandern Schlucht. man sich die Zunahme der Freizeitakti-
Trend gebrochen: weniger Notfälle Die «Boomphase» beim Schnee- vitäten in den Bergen vor Augen führt.
Erstmals seit mehreren Jahren hat sich schuhlaufen – gemäss dem Fachhandel Neben dem häufig beherzten Eingreifen
der stetige Anstieg der Notfallzahlen wurden allein 2007 in der Schweiz rund der Bergrettung hat möglicherweise
beim Bergwandern nicht fortgesetzt. Die 75 000 Paar Schneeschuhe verkauft – auch eine verbesserte Tourenplanung
932 Notfälle bedeuten einen leichten spiegelt sich auch in der Rettungsstatis- zur erfreulichen Entwicklung beigetra-
Rückgang um 4% gegenüber 2007. Die tik. Mit 52 Verunfallten stieg ihre Zahl gen. Bei den Skitouren scheinen sich zu-
meisten Personen (409) verunfallten um gut 21%. 24 von ihnen verirrten sich dem die Ausbildungs­anstrengungen der
durch Sturz oder Stolpern. Insgesamt oder waren blockiert. 16 Betroffene ver- Alpinverbände und die besseren Lawi-
225 von ihnen mussten mit mittleren, unfallten wegen eines Sturzes, und sechs nenverschüttetensuchgeräte positiv aus-
aber nicht lebensbedrohlichen Verlet- Personen gerieten in eine Lawine. Drei zuwirken. Dafür spricht, dass vermehrt
zungen hospitalisiert werden; 38 Perso- der Verschütteten starben. Eine weitere Personen lebendig aus Lawinen gerettet
nen erlitten hingegen schwere bis sehr Person erlitt durch einen Sturz tödliche werden konnten.
gravierende Körperschädigungen. Er- Verletzungen, und eine andere starb Die schweren oder sogar tödlichen
krankungen führten bei 149 Bergwande- durch einen Gletscherspalteneinbruch. Unfälle erregen aber die Aufmerksam-
rern zum Rettungseinsatz. Von diesen Die Zahlen der gravierenden Unfälle keit der Medien und führen dazu, dass
starben später 16, meist an den Folgen blieben auch dank dem Einsatz der Ret- Bergsportarten in der breiten Öffentlich-
eines Herz-Kreislauf-Problems. Zahl- tungskräfte relativ tief. So hatten sich keit als besonders gefährlich erachtet
reich waren wiederum Notfälle durch zwei junge Männer vom Pizolsattel her werden – eine Ansicht, die Berggänger
Blockiertwerden oder Sichverirren. Die ins abgeschiedene, im Winter kaum pas- kaum teilen. Ein Blick in die Bergnotfall-
sierbare Tersol begeben und versuchten, statistik des SAC und andere Erhebun-
über mehrere vereiste Steilstufen, in eine

38 DIE   A L P E N 5/ 2009
gen mag vielleicht die Einordnung etwas alle Sportarten gemessen enden fünf von
Datenquellen
erleichtern, auch wenn sich die Daten 10 000 Unfällen tödlich. Beim Bergsport
nicht immer direkt vergleichen lassen. beträgt dieser Wert jedoch 49 Tote auf Die Zusammenstellungen und Auswer-
So verunfallten gemäss den Erhebungen 10 000 Verunfallte. Das Risiko, dass ein tungen dieses Berichtes stützen sich
der bfu-Beratungsstelle für Unfallverhü- Unfall beim Bergsport tödlich endet, auf die Angaben und Mitarbeit folgen-
tung in der Schweiz zwischen 2002 und liegt damit sogar über demjenigen beim der Personen und Institutionen: Elisa-
beth Müller und Andres Bardill, Alpine
2006 im Jahresdurchschnitt mehr als Strassenverkehr. Dort kamen bei ge-
Rettung Schweiz; Christine Mooij, Wer-
300 000 Personen beim Freizeitsport.5 schätzten 94 000 Nichtberufsunfällen im ner Schnider und Paul Ries, Rega; An-
8500 Fälle ereigneten sich dabei bei Jahr 2006 370 Personen ums Leben. Das nick Charbonnet und Pierre-Alain Ma­
Bergsportaktivitäten ohne Schneesport. entspricht 36 Toten auf 10 000 Unfälle. gnin, KWRO; Bruno Jelk, Bergrettung
Da gemäss Umfragen zudem fast die Die Zahlen zeigen insgesamt, dass viele Zermatt; Christoph Berclaz und Raphael
Hälfte der Schweizer Wohnbevölkerung Berggänger sicher unterwegs sind. Die Richard, Maison François-Xavier Ba­
angibt, eine oder mehrere bergsportliche besondere Situation in den Bergen führt gnoud du Sauvetage, Sion; Monique
Walter, bfu; Marco Salis, Bergrettung
Aktivitäten auszuüben, kann das Berg- aber auch dazu, dass Fehlentscheide oder
Graubünden; Kurt Amacher, Rettungs-
steigen in Bezug auf die reine Unfall- Pech häufig fatalere Konsequenzen ha- station Grindelwald; Bernhard Bühler,
menge sicher nicht als besonders gefähr- ben als in anderen Sportarten. a Rettungsstation Adelboden; Theo Mau-
lich eingestuft werden. Ueli Mosimann, rer, Rettungsstation Oberhasli; Bruno
Ein anderes Bild ergeben die Zahlen Fachgruppe Sicherheit beim Bergsport Durrer, Bergrettung Air Glaciers Lauter-
für die tödlich verunfallten Personen, die brunnen und Gesellschaft für Gebirgs-
häufig allein über die Wahrnehmung als 5 Die bfu erfasst das Unfallgeschehen der medizin; Isabelle von Grünigen, Air Gla-
Schweizer Wohnbevölkerung und berücksichtigt ciers Gstaad-Saanenland; Benjamin
risikoreiche Sportart entscheiden. Über beim Bergsport auch diejenigen Beteiligten, welche Zweifel, SLF; Andreas Brunner, Kapo
die Bergrettung nicht in Anspruch nehmen muss- St. Gallen.
ten. Quelle: Niemann et al. (2008) bfu-Statistik:
Bergwandern: Exponierte Pfade
ohne Ab­sicherung erfordern
Unfallgeschehen in der Schweiz. www.bfu.ch
höchste Aufmerksamkeit und
Tritt­sicherheit.

Foto: Ueli Mosimann

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