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Martin Disselkamp / Fausto Testa (Hg.

Winckelmann
Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
Martin Disselkamp / Fausto Testa (Hg.)

Winckelmann-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
Mit 39 Abbildungen

J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Martin Disselkamp lehrt Deutsche Literaturwissenschaft an
der TU Berlin und ist Leiter der Arbeitsstelle
Kritische-Karl-Philipp-Moritz-Ausgabe am Zentrum
„Preußen – Berlin« der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften.
Fausto Testa ist Professor für Architekturgeschichte
am Dipartimento di Architettura e Studi Urbani am
Politecnico Mailand.

Bibliografische Information
der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
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über http://dnb.d-nb.de abrufbar. J. B. Metzler ist Teil von Springer Nature. Die eingetragene
Gesellschaft ist Springer-Verlag GmbH Deutschland
ISBN 978-3-476-02484-8 www.metzlerverlag.de
ISBN 978-3-476-05354-1 (eBook) info@metzlerverlag.de

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Inhalt

Vorwort VIII III Werke

14 Das Briefwerk Martin Disselkamp 114


I Biographie 15 »Gedancken über die Nachahmung der
Griechischen Werke in der Mahlerey und Bild-
1 Herkunft, Kindheit, Schulzeit hauer-Kunst« und zugehörige Schriften
Agnes Kunze / Max Kunze 2 Martin Dönike 126
2 Studienzeit in Halle (Saale) und Jena 16 Kunstbeschreibungen 136
Klaus-Werner Haupt 6 16.1 »Beschreibung der vorzüglichsten
3 Hauslehrer- und Konrektorenjahre Gemählde der Dresdner Galerie«
Agnes Kunze / Max Kunze 9 Gabriella Catalano 136
4 Nöthnitz und Dresden 16.2 Winckelmanns Kunstbeschreibungen und
Wolfgang von Wangenheim 13 die Traditionen der Beschreibungs-
5 Winckelmann in Italien Steffi Roettgen 18 literatur Gabriella Catalano 140
16.3 Beschreibungen des Torso und des Apollo
im Belvedere Gabriella Catalano 145
II Systematische Aspekte 16.4 Kunstbeschreibung und Patho-
gnomik Federica La Manna 151
6 Philologie bei Winckelmann Susanne Kochs 50 17 »Von der Restauration der Antiquen«
7 Winckelmanns Schreibweisen Fausto Testa 157
Stefano Ferrari 58 18 Winckelmann und die Ausgrabungen in
8 Winckelmann – Homosexualität, schwule Kultur, Herculaneum und Pompeji
Queer Theory Robert Deam Tobin 65 Eric M. Moormann 164
9 Kunstsammlung und Kunsthandel in Winckel- 19 Winckelmann und die griechischen Tempel von
manns Welt und in seinem Werk Agrigento Eric M. Moormann 180
Orietta Rossi Pinelli 73 20 »Grazie« (Gratie) Thomas Franke 184
10 Klassizistische Kunstprogrammatik vor und zur 21 Kunstbetrachtung, Kunsthermeneutik, Kunst-
Zeit von Winckelmann Elena Agazzi 80 pädagogik Kathrin Schade 192
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Auf- 21.1 »Erinnerung über die Betrachtung
klärung und die Begründung der Kunst der Werke der Kunst« 192
Fausto Testa 88 21.2 »Abhandlung von der Fähigkeit der Emp-
12 Winckelmann und die Naturwissen- findung des Schönen in der Kunst, und dem
schaften Thomas Franke 100 Unterrichte in derselben« 193
13 Griechenland als Kulturentwurf 22 »Description des pierres gravées du feu Baron
Martin Disselkamp 105 de Stosch« Jörn Lang 199
23 »Anmerkungen über die Baukunst der
Alten« Fausto Testa 210
24 »Geschichte der Kunst des Alterthums« und
»Anmerkungen über die Geschichte der Kunst
des Alterthums« Élisabeth Décultot 224
VI Inhalt

25 »Versuch einer Allegorie, besonders für die Kunst. 32 Winckelmann als Symbolfigur der Kunst-
Johannes Rößler 242 geschichte des 19. Jahrhunderts
26 »Monumenti antichi inediti« Christoph Schmälzle 306
Mathias René Hofter 249 33 Winckelmann und die Kultur der Umriss-
zeichnung im Neoklassizismus 319
Piera Giovanna Tordella
IV Rezeption
C Philologie und Altertumswissenschaft
A Literatur 34 Publikationsgeschichte, Übersetzungen und Edi-
27 Kritische Zeitgenossen: Lessing, Heyne, tionsgeschichte (1755–1834)
Herder Katherine Harloe 258 Stefano Ferrari 330
28 Die Winckelmann-Rezeption der klassisch- 35 Winckelmann in der Altertumskunde:
romantischen Moderne um 1800 Wissenschaftsgeschichte und Wissenschafts-
Harald Tausch 267 institutionen Adolf H. Borbein 339
29 Winckelmann-Verehrung und Winckelmann-
Biographik Johannes Rößler 278
30 Winckelmann in der fiktionalen V Anhang
Literatur Federica La Manna 289
Siglen und Abkürzungen 348
B Bildende Kunst Abbildungs- und Bildquellenverzeichnis 350
31 Die authentischen Porträts Autorinnen und Autoren 352
Winckelmanns Reimar F. Lacher 296 Register der Werke Winckelmanns 354
Personenregister 356
Sachregister 367
Vorwort

Johann Joachim Winckelmann war zu seiner Zeit der Jahren und Jahrzehnten entstanden sind. Damit mei-
zweifellos namhafteste und wirkungsmächtigste nen wir vor allem eine fortschreitende Intensivierung
Kenner der antiken Kunst. Sein Einfluss strahlt weit und Diversifikation der Winckelmann-Forschung.
über die Archäologie hinaus auf Sammlungskultur, Winckelmanns Werk liegt im Schnittpunkt mehrerer
Antikenrestauration, Geschmacksbildung, Ästhetik, wissenschaftlicher Disziplinen – vor allem der Ar-
Kunstproduktion und Literatur aus. Gewiss – selbst chäologie (für die er ein früher Vertreter der Fach-
den Lesenden ist Winckelmanns Name in der Gegen- geschichte ist), der Kunstgeschichte und der Literatur-
wart weniger geläufig, als er es den Gebildeten am wissenschaft. In zunehmendem Maß hat sich die For-
Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jh. war. Wer sich schung mittlerweile den Quellen zugewandt, die Win-
für die Zeit der Aufklärung, für Klassizismus und Ro- ckelmann zugänglich waren und die er verwendet hat.
mantik interessiert, wird jedoch früher oder später Eine eigene Rolle spielt dabei die Berücksichtigung
auf Winckelmann stoßen. Jeder Versuch, ein Hand- seines handschriftlichen Nachlasses, der zu einem
buch zu Winckelmanns Leben und Werk im Vorwort großen Teil aus Exzerpten besteht und Einblick in
mit der Bedeutung dieses Archäologen zu begrün- Quellenkenntnisse und Arbeitsmethodik des Verfas-
den, wäre, so gesehen, redundant. sers gewährt. Die kritische Werkausgabe (Schriften
Allerdings sind Anlässe gegeben, ein solches Hand- und Nachlass) erschließt die archäologischen Zeug-
buch jetzt zu veröffentlichen. Winckelmann wurde am nisse, auf die Winckelmann Bezug nimmt, ebenso die
9. Dezember 1717 in Stendal in der Altmark geboren Quellen, die in seine Schriften eingehen; sie macht da-
und am 8. Juni 1768 in Triest ermordet. Auf das Jahr rüber hinaus unpublizierte Schriften und Vorstufen
2017 fällt sein dreihundertster Geburtstag, auf das zugänglich. Auch solche Winckelmann-Schriften, die
Jahr 2018 sein zweihundertfünzigster Todestag. Schon lange ein Schattendasein führten und wenig Beach-
von beiden Gedenkjahren für sich genommen geht tung fanden oder – wie die Briefe – selten als litera-
ein hinreichender Anstoß aus, um Person und Werk risch eigenständiger Teil des Gesamtwerks angesehen
neu zu würdigen und eine Bestandsaufnahme des ak- wurden, lassen sich jetzt detailreicher und genauer in
tuellen Wissens vorzunehmen. Für weitere Begrün- ihren Problemstellungen beschreiben und breiter
dungen des Unternehmens sorgt die Forschungslage; kontextualisieren. Wissensbereiche, an denen Win-
denn in Hinblick auf den Diskussionsstand ist ein Re- ckelmann in der einen oder anderen Weise partizi-
ferenzwerk ohnehin überfällig. Wer nach einer Ge- pierte, treten deutlicher ins Licht und zeigen ein diffe-
samtdarstellung zu Winckelmann sucht, sieht sich renzierteres Profil. Zu ihnen gehört vor allem die zeit-
nach wie vor auf Biographien angewiesen – allen vo- genössische Altertumskunde mit ihren verschiedenen
ran auf Carl Justis wiederholt aufgelegtes Werk Win- Unterabteilungen. Die Winckelmann-Rezeption bie-
ckelmann und seine Zeitgenossen, das erstmals 1866– tet ihrerseits ein zerklüftetes Bild. Das Handbuch ver-
1872 erschien. Dass der Winckelmann-Überblick bis- sucht, verschiedenen ihrer Aspekte angemessenen
lang eine Sache der biographischen Literatur war, ist Raum zuzugestehen.
kein Zufall: Zum Ruhm des Archäologen trug sein Le- Hohe Zeit jedenfalls, Leben und Werk des Alter-
benslauf nicht weniger bei als seine Veröffentlichun- tumskenners einer Sichtung zu unterwerfen. Der For-
gen und Briefe. schungslage entsprechend, zu der Vertreter mehrerer
Das Winckelmann-Handbuch kann und will die Disziplinen aus vielen Ländern ihren Beitrag leisten,
biographisch orientierte Winckelmann-Literatur aus ist das vorliegende Handbuch in seinem Ursprung ein
einer Hand nicht ersetzen. Es möchte sich vielmehr italienisch-deutsches ›Joint venture‹-Projekt, in sei-
Herausforderungen stellen, die in den vergangenen nem Ergebnis hingegen ein Gemeinschaftswerk zahl-
VIII Inhalt

reicher Winckelmann-Kenner aus Europa und Nord- stehen müssen, wenn sie sich, zumal unter einem ge-
amerika. Es ist der Ausgangslage gemäß, dass ein viel- wissen Druck der Termine, auf ein Handbuchprojekt
stimmiges Publikationsvorhaben wie das vorliegende einlassen. Den Herausgebern liegt daran, die kon-
kein in sich geschlossenes Winckelmann-Bild ergibt, struktive Zusammenarbeit mit allen Beteiligten her-
ja nicht einmal frei von unterschiedlichen Perspekti- vorzuheben: Die Verfasser waren bereit, neben ihren
ven und inneren Spannungen bleibt. übrigen Verpflichtungen, zuweilen trotz erheblicher
Zwar – die Arbeit an einem Handbuch ist für jeden gesundheitlicher Einschränkungen, die Arbeit an
Autor auch ein Entsagungsgeschäft und steht unter Handbuchbeiträgen auf sich zu nehmen. Die meisten
anderen Gesetzen als die Arbeit an einem üblichen Leerstellen, die aus unterschiedlichen Gründen bei
Sammelband-Beitrag. In erster Linie sind die Beiträge der Arbeit entstanden, konnten wir mit spontaner Un-
keine Wortmeldungen der Autoren in eigener Sache, terstützung durch Fachleute füllen. Für ihre Bereit-
sondern, dem Charakter eines Referenzwerks gemäß, schaft zur Mitarbeit an dem Handbuch danken wir an
Überblicksdarstellungen mit Einführungscharakter. dieser Stelle allen Autoren, die darin vertreten sind.
Dennoch hatten die Beiträger die Freiheit, den Auf- Das Winckelmann-Handbuch ist ihre Leistung. – Ein
bau, erst recht natürlich die Zielrichtung ihrer Darle- eigener Dank geht an den Metzler-Verlag, der sich auf
gungen selbst zu entwickeln und eigene Akzente zu das Projekt einließ, die Rahmenbedingungen zur Ver-
setzen. Auf jeden Fall treffen im Winckelmann-Hand- fügung stellte, die Vielsprachigkeit der Beiträge ent-
buch auch unterschiedliche Argumentationskulturen, wirrte und uns in den verschiedenen Stadien der Ent-
Darstellungsweisen und Diktionen aufeinander. Das stehung unterstützte.
Handbuch entspricht dann den Absichten der He- Niemand weiß besser als die Herausgeber, dass das
rausgeber, wenn es, wenigstens im Ansatz, gelungen Handbuch in Konzeption und Ausführung Wünsche
ist, gerade so Sachlage und Forschungsstand zu reprä- offen lässt. Für Unzulänglichkeiten, die nicht zu behe-
sentieren und beide auch den Nichtspezialisten näher ben waren, nicht weniger für solche, die uns entgan-
zu bringen. Winckelmann, wie er sich in der gegen- gen sind, übernehmen die Herausgeber allein die Ver-
wärtigen Forschungslandschaft zeigt, bildet weniger antwortung.
als je ein geschlossenes Ganzes.
Den Stoff zu einer eigenen Erzählung könnten die Berlin, im Februar 2017
Aventüren abgeben, die Autoren und Herausgeber be- Martin Disselkamp
I Biographie
1 Herkunft, Kindheit, Schulzeit rer Einbindung in die kulturgeschichtliche Situation
Preußens, die heute durch neuere Biographien wie
Quellen und Literatur
die von Leppmann (1971) ergänzt wird. Den sozial-
Die Quellen zu W.s altmärkischer, insbesondere und bildungsgeschichtlichen Kontext der Zeit neu
Stendaler Zeit sind dürftig. Mit Ausnahme zweier aufgearbeitet hat jüngst Harloe (2013), basierend auf
eigenhändiger lateinischer Stipendiengesuche vom der Arbeit von La Vopa (1988).
9. April 1734 und 7. Januar 1738, letzteres unpubli-
ziert (Bruer 2007, 11–12; Winckelmann: Lettere
Stendal im 18. Jahrhundert
2016, 92–96) sind Aufzeichnungen und Briefe W.s
nicht erhalten; sie beginnen erst 1742. Auf die Zeit Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges, mehrere
vor Nöthnitz geht W. ausführlich im Bewerbungs- Pestwellen und folgenreiche Brände waren Ursache
schreiben an Bünau 1748 ein (Br. I, 79–81; hier dt. zit. dafür, dass es in Stendal, der einstigen Hansestadt und
nach Segelken 1917, 26–27). So ist man für die frühe Hauptstadt der Altmark, 1719 nur noch 601 bewohnte
Zeit auf Familiennachrichten (Br. IV, 371–381) und Häuser und 60 wüste Stellen gab. Die Einwohnerzahl
Erinnerungen von Uden (Br. IV, 167–172) an die ge- war (1723) auf etwa 3000 zurückgegangen. Stendal
meinsame Schulzeit 1733–1735 angewiesen. Für den wurde aber Garnisonsstandort, was einerseits eine ho-
Salzwedler und Seehausener Aufenthalt sind u. a. he steuerliche Belastung für die Bevölkerung bedeute-
Aufzeichnungen von Kleinow (Cleinow), den W. in te, andererseits aber der heimischen Tuchmacherei
Stendal kennenlernte, hilfreich (Br. IV, 180–183). Be- (1723: 78) und Leinenweberei (1723: 20) Aufschwung
reits 1764 veröffentlichte der Rektor der Schule in gab (Enders 2008, 97) und auch den 59 Schustern
Seehausen, Paalzow, eine »Kurzgefaßte Lebens- (Götze 1873, 524; Koch 2015, 27), darunter W.s Vater
geschichte« (Br. IV 167–172; Irmscher 1986, 31–35). Martin, zunächst Einkünfte, wenn auch sehr beschei-
Weitere Zeitzeugnisse für die Hadmerslebener und dene, verschaffte. Die hohe Zahl von Schustern erklärt
Seehausener Jahre bieten Berichte von Boysen und sich auch daraus, dass seitens des Staates und der Kir-
die Briefe an Nolte (zusammengefasst und bewertet che Arbeit bzw. Berufstätigkeit als Bedingung für die
bei Irmscher 1986, 32–35). Die wortreiche Biogra- Unterstützung bei Armut oder im Alter galt. Für das
phie des späteren Stendaler Rektors Walther (Br. IV, Ausüben des Schuhmacherhandwerks waren zudem
189–193) von 1780 sowie spätere Berichte (Br. IV, nur geringe Qualifikations- und Kapitalvoraussetzun-
193–202) tendieren dazu, W.s Zeit in Italien von den gen nötig, so dass die Meisterzahlen im 18. Jh. in Rela-
»dunklen« dreißig Lebensjahren in der Altmark und tion zur Bevölkerung überproportional anstiegen
in Halle scharf abzusetzen, wie es W. seit 1748 gele- (Grießinger 1990, 227; Enders 2008, 949; 1697: 34;
gentlich selbst tat (z. B. Br. I, 119: »Du weißt, wie sau- 1800: 97). Es wundert nicht, dass die Bürgerrolle Sten-
er es mir geworden, durch Mangel und Armuth dals von 1723 das Auskommen der meisten Schuster
durch Mühe und Noth habe ich mir müßen Bahn als ›notdürftig‹ ausweist.
machen. Fast in allen bin ich mein eigener Führer ge-
wesen.«). Goethe nannte W. 1805 daher eine »antike
Die Familie Winckelmann
Natur«, der »dreißig Jahre Niedrigkeit, Unbehagen
und Kummer« unbeschadet überstanden habe (Goe- Die Winckelmanns waren eine alteingesessene Sten-
the 1969, 210). Die Gegenüberstellung der beiden Le- daler Schuhmacherfamilie, die sich bis ins 16. Jh. zu-
bensabschnitte führte zu einem biographischen Mus- rückverfolgen lässt (Br. IV, 371). Der Großvater Niko-
ter, in dem Details aus der späteren Karriere im Sinne laus ging 1720 (gest. 1726) in den Ruhestand und zog
einer »inneren Berufung« fiktiv bis in die Kindheit in das St. Georg Hospital, wo er das Amt des Hofmeis-
(früheste Kenntnisse von Altertümern, Ausgraben ters übernahm (Wolf 1938, 282; Br. IV, 371–372). Mar-
von Urnen und Gräbern usw.) angesiedelt werden. tin, W.s Vater, wurde nach Wanderjahren ebenfalls
Nicht ganz frei davon, dennoch lesenswert und fun- Meister in Stendal. Laut Hypothekenbuch hat er 1716
diert ist noch heute die Biographie Justis (1956) in ih- »das Haus mit der Frau geheiratet« (Boenigk 1909,

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_1, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
1 Herkunft, Kindheit, Schulzeit 3

383); die Mutter stammte aus einer angesehenen Sten-


Schulzeit in Stendal
daler Tuchmacherfamilie. Am 9. Dezember 1717 wur-
de ihr einziger Sohn Johann Joachim geboren und drei Über die ersten Schuljahre W.s haben wir keine Nach-
Tage später getauft (s. Kirchenbucheintrag St. Petri, Br. richten, außer dass er bereits mit 5 Jahren zur Schule
IV, 374; s. auch Aufzeichnung des Vaters, Br. IV, 372). ging, vermutlich in die Küsterschule St. Petri; Küster-
Der Stendaler Bürgerrolle von 1723 (Br. IV, 373) ist zu schulen waren an die vier Hauptkirchen in Stendal an-
entnehmen, dass Martin W. mit »nohtdürfftig[em]« geschlossen (Schule 1992, 147). Eine höhere Schule zu
Auskommen einen Sohn von fünf Jahren hat, der be- besuchen, setzte mindestens die Lesefähigkeit voraus.
reits in die Schule geht. Durch Krankheit und Schul- Frühzeitig scherte der junge W. aus der familiären
den waren W.s Eltern gezwungen, 1738 das Haus zu Schuhmacher-Tradition aus, indem er sich für die La-
verkaufen; sie zogen mittellos in ein Nebenhaus des teinschule bewarb, die er etwa seit 1726 besuchte, in
St. Georg Hospitals (Segelken 1917, 2). W. erwähnte Stendal nur »Große Stadtschule« genannt. Sein Schul-
oft die bittere Armut der Eltern, die in einem winzigen und Jugendfreund Uden bescheinigt ihm diesen früh-
strohgedeckten Haus in der Lehmstraße 263 auf engs- zeitigen Bildungshunger (Br. IV, 168). W. war wegen
ten Raum wohnten und arbeiteten. der prekären finanziellen Situation der Eltern auf eine
der wenigen geförderten Kurrende-Plätze angewiesen
(1719: 11 Schüler. s. Götze 1865, 53). Kurrende-Klas-
Bildung und Aufstiegsmöglichkeiten in Preußen
sen wurden als »Wohltätigkeitsanstalt« betrachtet
»Eine niedrige Kindheit, unzulänglicher Unterricht in (Götze 1865, 53), weil Kurrende-Schüler Kleidung,
der Jugend, zerrissene, zerstreute Studien im Jüng- Nahrung und Schulmittel kostenlos bekamen, aber
lingsalter, der Druck eines Schulamtes [...] hat er mit durch die Stadt ziehend Geld mit ihrem Gesang erbet-
vielen anderen geduldet.« So fasste Goethe (1969, teln mussten (Biester 2003, 85). Als W. »durch seinen
210) die Jugendzeit W.s zusammen und verweist da- Fleiß in die höheren Classen« gekommen war (Uden,
mit auf ein gängiges Phänomen von Aufstiegsmög- Br. IV, 167), wurde er Chormitglied, von 1734–35 so-
lichkeiten für eine heranwachsende Schicht Bildungs- gar Präfekt des Chores, der auch Orgel spielte (was er
suchender aus untersten Bevölkerungsschichten in schon in Hadmersleben angeblich wieder verlernt hat-
Preußen. Unter Friedrich Wilhelm I. wurde das preu- te; Br. I, 45). Chorschüler trugen meist lateinische Ge-
ßische Heer von 13 000 auf 80 000 Mann aufgestockt, sänge vor, »wurden in Figuralchören sorgsam aus-
dessen Führungspositionen der Adel einnahm, eben- gebildet und intonierten ihre mehrstimmigen Gesän-
so wie die höchsten Stellen der Zivilverwaltung. Der ge zumeist stehend vor den Häusern [der Reichen]«
Adel war kaum noch bereit, weniger lukrative kirchli- (Biester 2003, 85). Das tägliche Leben besonders der
che und administrative Stellen zu besetzen. Es bildete Kurrende-, aber auch der Chorschüler war hart, der
sich, eingebettet in die ohnehin stark karitativ wir- eigentliche Schulunterricht wurde oft unterbrochen,
kende lutherische Kirche, ein System von Förder- und da sie zudem ständig als Begleitung der Gottesdienste,
Sponsorenmöglichkeiten für hochbegabte Kinder der Begräbnisse, Hochzeiten, Taufen und an diversen
untersten, traditionell bildungsfernen Schichten he- kirchlichen Feiertagen eingesetzt wurden. Das Geld,
raus, von der Lateinschule bis zu einer auf zwei Jah- das die Choristen ersangen, war ansehnlich, insbeson-
re festgelegten Universitätsausbildung. Man brauch- dere der Chorpräfekt erhielt eine erhebliche Summe,
te qualifizierten Nachwuchs für den gewachsenen mit der W. seine Eltern auch unterstützen konnte. Die
Staatsapparat der aufgeklärten Monarchie und für die Choristen waren dem Kantor der Marienkirche, dem
Kirchenämter, die quasi Staatsämter waren (»geför- dritten Lehrer der Schule, zugeteilt. Den Oberküster
derte Mobilität«, Vierhaus 1981, 20–21; La Volpa Fulß, den Pastor der Marienkirche Schröder und sei-
1984; Harloe 2013, 35–38). Die ersten dreißig Lebens- nen Lehrer Rassbach, zuständig für die Kurrende-
jahre W.s sind typisch für dieses Fördersystem, das Klasse, grüßte W. noch von Rom aus und nannte sie
auch eine Kehrseite hatte: es war stets verbunden mit die »theuren Freunde und meine Wohlthäter und
bleibenden finanziellen Abhängigkeiten und auferleg- Lehrer« (Br. I, 226). Auch verdingte sich W. als ›Päda-
ten erniedrigenden Tätigkeiten, begleitet von Wider- goge‹, der Kinder beaufsichtigte und jüngeren Schü-
ständen des Mittelstandes gegen Aufsteiger innerhalb lern Unterricht erteilte (Uden, in: Br. IV, 167).
der noch funktionierenden Ständegesellschaft. Erst Die Lateinschule war im Chor der aufgelassenen
langsam wuchs das soziale Bewusstsein der gebildeten Franziskanerkirche Stendals untergebracht, der in zwei
Schichten. Etagen geteilt war; die untere gehörte zur Schule, die
4 I Biographie

obere diente als Ratskornboden (Enders 2008, 1228– tener Disputation der Schulbibliothek eine umfangrei-
1229; Habendorf 2011, 14). Dort war ein Raum ge- che theologische Schrift des französischen Protestan-
schaffen für die Prima und Secunda, ein weiterer für ten Pierre Du Moulin (1568–1658) von 1640 (Justi I,
die Tertia, von der mit einer Bretterwand die Quarta 33), versehen mit seiner Widmung. Als Uden 1733 auf
und Quinta abgetrennt wurde. Rektor war Tappert, der die Schule kam, hatte W. bereits die Aufsicht über den
in seiner Antrittsrede von 1696 über die Nachahmung Bücherschrank, die sog. Schulbibliothek (Justi I, 29–
des Ciceronischen Lateins sprach (Götze 1865, 191; 30). Er erinnerte sich an die »schönen Ausgaben Latei-
Justi I, 31). Es wundert nicht, dass W. sich seit der nischer Schriftsteller [und] auch [an] einige Bände von
Schulzeit am Ciceronischen Stil orientierte. Uden ver- dem neu eröffneten Adelichen Ritterplatze« (Br. IV,
merkte, dass er in Latein und Griechisch solche Fort- 167), die W. aber kaum, wie Uden meinte, »die Idee von
schritte gemacht habe, dass er »allen seinen Mitschü- den berühmten Kunstwerken der Mahlerey und Bild-
lern zum Muster vorgestellet wurde« (Br. IV, 167). Tap- hauerkunst« vermittelt haben dürften. Nur zwei
pert, fast erblindet, nahm 1732 W. als Famulus in sein schmale Kapitel berühren alte und neue Münzen, In-
Haus auf (Br. IV 167, 184). Der öffentliche Unterricht schriften aller Völker sowie ein »Antiqvitäten-Zim-
betrug wöchentlich 20 Stunden und wurde durch Pri- mer«, allerdings ohne antike Kunstwerke vorzuführen
vatunterricht (als Einnahmequelle der Lehrer) ergänzt. oder abzubilden. Der sechzehnjährige W. war bereits
Noch weitgehend nach Melanchthon standen Latein, im April 1734 entschlossen zu studieren. So verfassten
Katechismus und Singen im Zentrum, lateinische Tappert, der Vater und W. (er in Latein) Stipendienge-
Sprachkompetenz galt als Grundlage theologischen suche, die zunächst abschlägig beschieden wurden.
Urteilsvermögens, erstrebt waren das Beherrschen Der Vater betonte, dass es nicht gelungen sei, den Sohn
rhetorischer Muster und die Fähigkeit, selbstständig la- zu überreden, ebenfalls ein Handwerk zu erlernen,
teinische Gedichte, Aufsätze und Reden zu verfassen vielmehr sei er »bei seinem Vorhaben [zu studieren]
(Koerrenz 2001, Sp. 91); solche lateinische Musterbrie- beständig geblieben« (Bruer 2007, 20), während W. da-
fe von W. sind erhalten (Hamburger Nachlass N IV,82 rum bat, »daß Ihr, um Eurer Güte gegen die Studien der
fol. 172a: »Fasciculus epistolarum latinarum a. d. xxvi. schönen Künste und Wissenschaften willen, mich Ar-
Jul. 1732«). Griechisch wurde in der Tertia in zwei, men! mit der Wohltat unterstützt, mit der Ihr diejeni-
dann in drei Stunden wöchentlich unterrichtet; eine gen Kinder von Bürgern guten Leumunds auszuzeich-
Stunde davon galt den klassischen Autoren; gelehrt nen pflegt, die ernsthaft studieren« (Bruer 2007, 21; so
wurden die Anfänge des Hebräischen als dritte Sprache auch Uden, Br. IV, 168). Erst ein Bittschreiben vom Ja-
der Bibel. Das Griechische, in dem Tappert offensicht- nuar 1738 führte zum Stipendium. Im Winter 1735
lich weniger bewandert war, beschränkte sich auf Texte verließ W. die Stendaler Stadtschule. Wie aus dem fol-
aus Anthologien zu Isokrates, Hesiod, Phokylides oder genden Wechsel der Schule zu schließen ist, lag der
Theognis (Kochs 2005, 16). Die Fächer Geschichte und Grund in dem Wunsch, das mangelnde Griechisch auf
Geographie wurden in Privatstunden gegeben, die einem Gymnasium zu verbessern.
Tappert aber auch für arme Schüler kostenlos erteilt
haben soll. Ob Mathematik und Geometrie im öffent-
Suche nach Bildung: Unterricht in Berlin
lichen Unterricht gelehrt wurden, ist unklar, zumin-
dest hatte Tappert 1719 die Fächer beantragt (Götze Auf Empfehlung von Tappert besuchte der siebzehn-
1865, 126). Neu war die Einführung in die deutsche jährige W. vom 18. März 1735 bis Herbst 1736 das
Poetik, dem allgemeinen Trend folgend, den Regional- Cöllnische Gymnasium in Berlin (Br. III, 523) und er-
und Nationalsprachen wachsende Bedeutung ein- wirkte bei der Schönbeckschen Stiftung Stendal Bü-
zuräumen (Koerrenz 2001, Sp. 92; Arnold 1711, 431). chergeld (Br. IV, 375–376). Rektor Bake, ein Altmär-
Der Schulactus von 1732, an dem W. als Schüler der ker, nahm ihn bei sich auf, dafür übernahm W. die
Mittelprima teilnahm, war in Latein, Deutsch und Aufsicht über dessen Kinder und unterrichtete sie
Französisch gehalten (Götze 1865, 126; 193–194). W. (Justi I, 35). Er genoss auch die Gastlichkeit des alt-
sprach »Von dem Wunderbahren Rath Gottes, wie sol- märkischen Pastor Kühze (Segelken 1917, 9; Br. I, 432,
cher an den Salzburgischen Emigranten herrlich aus- 535) und wurde bekannt mit Frisch, dem Rektor des
geführet« und hatte darüber zu disputieren, ob das Gymnasiums zum Grauen Kloster (Justi I, 35). In der
Gottesbild dem ersten Menschen anerschaffen oder als Prima wurden hier in Griechisch Herodians Kaiser-
eine natürliche Gabe zur Entwicklung gelangt sei (Br. geschichten und Homer in wöchentlich zwei Stunden
IV, 375). Der fünfzehnjährige W. schenkte nach gehal- gelesen (Kochs 2005, 17). Die Anfänge von W.s le-
1 Herkunft, Kindheit, Schulzeit 5

benslanger Beschäftigung mit Homer dürften in das Literatur


Berliner Jahr zurückgehen. Konrektor und damit Arnold, Gottfried: Der Woleingerichtete Schul-Bau: Nach
auch W.s Lehrer war Damm, der gerade am Beginn denen vornehmsten Stücken einer Christlichen Schule
[...]. Leipzig; Stendal 1711.
seiner Karriere stand und später Lehrer von Moses Bäbler, Balbina: Winckelmanns lateinische Gedichte aus Ho-
Mendelsohn war. Damms erste Veröffentlichungen mer. In: Lehmann, G. A./Engster, D./Nuss, A. (Hg.): Von
galten u. a. der Pseudo-Homerischen Batrachomyo- der bronzezeitlichen Geschichte zur modernen Antiken-
machie (1735), die auch Unterrichtslektüre war rezeption. Göttingen 2012, 163–182.
(Kochs 2005, 16–17). Zwar interessierte Damm nicht Biester, Matthias/Vohn-Fortage, Klaus: Armut, Bettel und
Gesang: Hamelner Kurrende. Hameln 2003.
die Dichtkunst Homers, sondern nur das homerische
Boenigk, Otto von: Winckelmanns Abstammung. In: Beiträ-
Vokabular, doch war er überzeugt, »dass die Nach- ge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark
ahmung der Griechen zur Hebung des kulturellen Ni- 2 (1909) 6, 380–385.
veaus in Deutschland« führen würde; auch galt für Bruer, Stephanie-Gerrit: Winckelmann-Museum: Ein Gang
ihn eine Überlegenheit der griechischen über die la- durch die Ausstellung. Hg. von Max Kunze. Stendal 2007.
teinischen Schriftsteller – zwei spätere Leitgedanken Danneil, Johann Friedrich: Geschichte des Gymnasiums zu
Salzwedel. Salzwedel 1822 (Reprint 2006).
W.s (Bäbler 2012, 180). Eine neue Welt, die der Bü-
Enders, Liselotte: Die Altmark: Geschichte einer kurmärki-
cher, eröffnete sich ihm in Berlin: Er besuchte die schen Landschaft in der Frühzeit (Ende d. 15. bis Anfang
Churfürstliche Bibliothek, deren Buchbestand bis d. 19. Jh.). Berlin [2008].
1740 auf 72000 Bände angewachsen war (Kunze 1961, Goethe, Johann Wolfgang von: Winckelmann und sein Jahr-
10). Gerade war die Societät der Wissenschaften da- hundert: in Briefen und Aufsätzen. Leipzig 1969.
bei, die mathematische und medizinische Literatur Götze, Ludwig: Geschichte des Gymnasiums zu Stendal von
den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Stendal 1865.
aus dem Gesamtbestand herauszulösen (Harnack Götze, Ludwig: Urkundliche Geschichte der Stadt Stendal.
1901, 180), was die wachsende Bedeutung dieser Dis- Stendal 1873. (Leipziger Verlagsgesellschaft 1993).
ziplinen unterstreicht, für die sich W. wenige Jahre Grießinger, Andreas: Schuhmacher. In: Lexikon des alten
später interessieren wird. Keinen Hinweis gibt es, dass Handwerks: Vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert.
er mit Begers »Thesaurus Brandenburgicus« (1696– München 1990, 224–230.
Habendorf, Simone: Stendaler Große Schule. In: Winckel-
1701) bekannt wurde und damit mit dem Antiken-
mann-Blätter 19 (2011), 10–17.
bestand. Im Einschreibebuch notierte Bake bei W.s Harloe, Katherine: Winckelmann and the invention of anti-
Abgang treffend, er sei ein »homo vagus et incon- quity: History and aesthetics in the age of Altertumswis-
stans« (Richter 1968, 746). senschaft. Oxford 2013.
Harnack, Adolf: Geschichte der königlich-preußischen Aka-
demie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin 1901.
Suche nach Bildung: Unterricht in Salzwedel Irmscher, Johannes: Johann Joachim Winckelmann in der
Sicht seiner altmärkischen Zeitgenossen. In: Gaethgens,
Von Berlin nach Stendal zurückgekehrt, ging W. noch Thomas W. (Hg.): Johann Joachim Winckelmann: 1717–
im selben Jahr nach Salzwedel. Im Schulbuch der Alt- 1768. Hamburg 1986, 31–40.
städter Schule wurde er am 15.11.1736 eingetragen Justi, Carl: Winckelmann und seine Zeitgenossen. 3 Bde.
(Br. IV, 180; Danneil 1822, 62–63). Rektor der Schule Köln 51956.
Koch, Detlef: Stendals Straßen: Geschichte und Geschich-
war Scholle (Schwarz 1882, 2), der u. a. gute Sprach-
ten. Stendal 2015.
kenntnisse auch des Griechischen besaß (Justi I, 50, Kochs, Susanne: Winckelmanns Studien der antiken griechi-
Br. I, 114). In Salzwedel war der Unterricht in der Pri- schen Literatur. Ruhpolding 2005.
ma erstaunlich substanziell: Zwei Wochenstunden Koerrenz, Ralf: Lateinschule. In: DNP 15/1, 90–92.
wurden auf das Neue Testament verwendet; in vier Kunze, Horst/Dube, Werner: Zur Vorgeschichte der Deut-
weiteren Stunden wurden Platons Apologie des So- schen Staatsbibliothek. In: Deutsche Staatsbibliothek
1661–1961: Geschichte und Gegenwart. Leipzig 1961,
krates, Hesiods Werke und Tage, Aristoteles’ Rhetorik,
1–48.
Theophrasts Charaktere und Xenophons Erziehung La Vopa, Anthony: Grace, talent and merit: Poor students,
des Kyros gelesen (Kochs 2005, 19). Durch Privat- clerical careers, and professional ideology in eighteenth-
unterricht versuchte W. sich selbst zu finanzieren. Sein century Germany. Cambrigde 1988.
erwachter Bücherhunger führte ihn zu Fuß bis nach Leppmann, Wolfgang: Eine Biographie. Frankfurt a. M.
Hamburg, um aus der Bibliothek des 1737 verstorbe- 1971.
Richter, Wolfgang: »Homo vagus et inconstans«: Ein Urteil
nen Fabricius griechische und lateinische Autoren zu über Winckelmann. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der
erwerben, vor der offiziellen Versteigerung 1741 Universität Rostock I (1968), 7/8, 731–746.
(Kochs 2005, 19).
6 I Biographie

Schule und Absolutismus in Preussen: Akten zum preußi-


schen Elementarschulwesen bis 1806. Bearb. u. hg. von
2 Studienzeit in Halle (Saale) und
Wolfgang Neugebauer. Berlin 1992. Jena
Schwarz, Paul: Einiges zur Geschichte des Salzwedeler Gym-
nasiums, Salzwedel 1822.
Segelken, [Heinrich]: Winckelmann 1717–1768: Ein Le- Die Friedrichs-Universität Halle zählte zu Beginn des
bensbericht zum 200. Geburtstage seiner Geburt. Stendal 18. Jh. zu den meistbesuchten Universitäten Deutsch-
1917.
lands. Aus ihr gingen so berühmte Persönlichkeiten
Winckelmann, Johann Joachim: Lettere. Hg. von Maria Fan-
celli und Joselita Raspi Serra. 3 Bde. Roma 2016. hervor wie der Komponist Georg Friedrich Händel
Wolf, Siegmund A.: Johann Joachim Winckelmanns Vorfah- (1685–1759), der Historiker Johann Christoph von
ren. In: Montagsblatt: Wissenschaftliche Beilage der Mag- Dreyhaupt (1699–1768) und Dorothea Christiana
deburgischen Zeitung, Nr. 36 vom 05.09.1938, 281–283. Erxleben (1715–1762), die erste ordentlich promo-
Vierhaus, Rudolf: Deutschland im 18. Jahrhundert: soziales vierte Ärztin Deutschlands. Ursprüngliches Anliegen
Gefüge, politische Verfassung, geistige Bewegung. In: Das
pädagogische Jahrhundert: Volksaufklärung und Erzie- der 1694 gegründeten Universität war die Ausbildung
hung zur Armut im 18. Jahrhundert in Deutschland. von Standespersonen zu leitenden Beamten des Mi-
Weinheim 1981, 15–28. litär- und Zivildienstes. Das Lehrangebot umfasste
sowohl Staats- als auch Naturwissenschaften. Unter
Agnes Kunze / Max Kunze
dem Einfluss des Rechtsgelehrten und Philosophen
Christian Thomasius (1655–1728) und des Universal-
gelehrten Christian Wolff (1679–1754) wurde die
Universität zu einem Ausgangspunkt der deutschen
Aufklärung. Auf pietistischen Druck 1723 aus Halle
verbannt, kehrte Wolff erst im Dezember 1740 dort-
hin zurück.
Im Jahre 1737 erneuerte Friedrich Wilhelm I. sein
am 1. November 1727 erlassenes Edikt, »jeder an-
gehende evangelisch-lutherische Pfarrer in des Königs
Landen« habe eine zweijährige Studienzeit in Halle zu
absolvieren (Wallmann 2008, 392). W. hätte wohl gern
Medizin studiert, doch die Theologische Fakultät war
die einzige, die mittellosen Studenten die Studien-
gebühren erließ. Auf Fürsprache des Rektors der Sten-
daler Lateinschule Esaias Wilhelm Tappert gewährte
die Stiftung des 1605 in Stendal verstorbenen Bürger-
meisters Bartholomäus Schönbeck und seiner Frau
Margarethe (Sitz Marienkirche Stendal) 1736 bereits
ein Bücherstipendium und nun ein zweijähriges Uni-
versitätsstipendium. Am 4. April 1738 schrieb sich W.
in der neben dem Alten Rathaus gelegenen Ratswaage,
dem damaligen Hauptgebäude, unter der Nummer 29
in die Matrikel ein (Justi 1866–1872 I, 46). Sowohl
sein Matrikeleintrag als auch seine obligatorischen
Collegien werden von Justi (ebd. I, 483) dokumen-
tiert, darunter diejenigen des Professors Siegmund Ja-
kob Baumgarten (1706–1757) über den Römer- und
den Hebräerbrief.
Baumgartens Bedeutung liegt in der Anwendung
der Wolffschen Philosophie auf die Theologie und in
dem Versuch, die Dogmen mit rationaler Beweisfüh-
rung zu stützen oder einzuschränken. Baumgarten
gilt zudem als Wegbereiter der historisch-kritischen
Methode. Voltaire nannte ihn »die Krone der deut-

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_2, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
2 Studienzeit in Halle (Saale) und Jena 7

schen Gelehrten« (Allgemeine Deutsche Biographie »Das Leben der Studierenden spielte sich nicht in
II, 161). Baumgartens vielbändige Übersetzung der den Hörsälen, Seminarräumen, Bibliotheken und
Allgemeinen Welthistorie [...] (Halle 1744–1759) aus Sammlungen ab. Es war eines der mehr oder minder
dem Englischen diente W. später als historische Quelle gelehrten Konversation, die offenbar den ganzen
(Demandt 1986, 308). Als er sich im Sommer 1748 auf Nachmittag einnahm und am Abend in den Wein-
dem Weg nach Nöthnitz befand, stattete er Baumgar- schenken der Stadt mit weitgereisten Fremden fort-
ten einen Besuch ab. gesetzt wurde« (Dilly 2002, 285–286). W. teilte sich ei-
Der Theologe Joachim Lange (1670–1744) war ne Stube mit dem Medizinstudenten Samuel Benedict
Nutznießer der Vertreibung Wolffs aus Halle. Drei Se- Lucius aus Freystadt [poln. Kożuchów], Niederschle-
mester lang hörte W. den knapp siebzigjährigen Pro- sien. Vormittags saß er über geliehenen Büchern, die
fessor zur Oeconomia Salutis Evangelica, Eaqve Dog- Abende genoss er im Kreise von Freunden, unter ih-
matica [...] (Justi 1866–1872 I, 483). nen die Jurastudenten Hieronymus Dietrich Berendis
Bei dem Privatdozenten und Professor für Philoso- aus Seehausen (Altmark) und Friedrich Wilhelm
phie Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762), Marpurg vom altmärkischen Seehof (heute OT Neu
dem jüngeren Bruder Siegmund Jakob Baumgartens, Goldbeck, Wendemark) sowie Gottlob Burchard
hörte W. Logik und Geschichte der alten Philosophie, Genzmer aus Hohen-Lübbichow (poln. Cedynia), der
Metaphysik und schließlich philosophische Enzyklo- gerade sein Theologiestudium absolviert hatte. 1740
pädie (Justi 1866–1872 I, 90). Mit seiner Dissertation stieß der junge Karl Theophil Guichard aus Magde-
Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema per- burg, Student der Theologie und alter Sprachen, dazu.
tinentibus (Philosophische Betrachtungen über einige Erwähnt werden weiterhin die Landsleute Martin
Bedingungen des Gedichtes, 1735) begründete Baum- Damke, Johann Kütze sowie Christian Friedrich Be-
garten die Ästhetik als philosophische Disziplin und rendis (Irmscher 1986, 32).
legte die Grundlagen zur Theorie der sinnlichen Er- Als W.s Seelsorger wird der aus Neuruppin stam-
kenntnis. Laut Friedrich Eberhard Boysen hat W. mende Pastor Adam Struensee (1708–1798) genannt,
»kein Collegium ganz ausgehalten, außer Alexand. der an der Universität auch über Moral und Exegese
Gottl. Baumgartens Publicum, worin er die Encyclo- las (Justi 1866–1872 I, 58). Nach vier Semestern brach
pädie vortrug; und dieses wegen der Bücherkenntniß, W. sein Studium ab. Am 22. Februar 1740 händigte
die dabey vorkam« (Br. IV, 173). Im Jahre 1740 wurde Christian Benedict Michaelis, Dekan der Theologi-
Alexander Gottlieb Baumgarten Professor der Welt- schen Fakultät, »Ioannes Georgius Winckelmann« ein
weisheit und der schönen Wissenschaften an der zwar wohlwollendes, aber nach W.s eigenen Angaben
Brandenburgischen Universität Frankfurt. nur »sehr kahles Theol. Zeugniß« (Br. III, 462) aus.
Der Ordinarius der Theologischen Fakultät Chris- Über seinen Seelenzustand habe die Fakultät nicht ge-
tian Benedict Michaelis (1680–1764), auch Professor nügend erfahren können, hieß es. Da er aber regel-
der orientalischen Sprachen und des Griechischen, mäßig zu den Vorlesungen erschienen sei, bestehe die
interpretierte die Bibel unter sprachwissenschaftli- Hoffnung, er habe »einige Frucht« mitnehmen kön-
chem, quellen- und textkritischem Aspekt. Der be- nen (Br. IV, 377).
reits erwähnte Friedrich Eberhard Boysen, der späte- W. blieb in Halle und sammelte praktische Erfah-
re Übersetzer des Koran, war ab 1737 sein Student rungen. Im Sommer 1740 vertraute ihm der 72-jähri-
(Hentrich 2010, 42–45). W.s vornehmliches Interesse ge Kanzler und erste Ordinarius der Juristischen Fa-
war bekanntlich auf die Studien griechischer Schrif- kultät Johann Peter von Ludewig (1668–1743) die
ten gerichtet, wozu er – soweit möglich – die Bestände Neuordnung seiner Privatbibliothek an. Mit nahezu
der öffentlichen Bibliotheken nutzte. Die Univer- 13476 Bänden und mehr als 900 Handschriften war
sitätsbibliothek in der Waage umfasste kaum 10.000 Ludewigs Sammlung weit umfangreicher als die Uni-
Bände und war an drei Nachmittagen von 1 bis 2 Uhr versitätsbibliothek (Schnelling u. a. 2011, 332). Zwei
geöffnet. Jahre zuvor hatte der Student der Rechtswissenschaf-
Auch die Kulissenbibliothek des Franckeschen ten Johann Ludwig Gleim versucht, Ordnung in die
Waisenhauses öffnete nur an drei Tagen von 1 bis 3 Bibliothek zu bringen und damit die Grundlagen für
Uhr, aber sie bot jene Werke, die auch W.s Interesse seine eigene Sammlertätigkeit gelegt. Ludewig war
fanden (Justi 1866–1872 I, 48). Dagegen war die Ma- Professor für Geschichte und zählt wie Heinrich
rienbibliothek eine ununterbrochen zugängliche Reichsgraf von Bünau zu den namhaften Vertretern
evangelische Kirchenbibliothek. der Reichsgeschichtsschreibung. Seine Bibliothek
8 I Biographie

nutzte W. zum Selbststudium und Anfertigen von Ex- Lebensunterhalt zu bestreiten, verdorben wurde, ließ
zerpten (Müller 2017, 135). Darüber hinaus erhielt er es kaum zu, dass ich zur Ruhe komme. Was auch im-
private Lektionen zum Lehnswesen. Als Hofhistorio- mer aber es sei, das ich von da als Ertrag heimbrachte,
graf und königlich preußischer Geheimrat hatte Lude- so gestehe ich, verdanke ich wohl ganz und gar dem
wig Zugang zu bedeutenden Archiven. äußerst scharfsinnigen Hamberger. Bevor ich aber ab-
Der um sechs Monate verlängerte Aufenthalt in reiste, habe ich mich intensiv der Aneignung der
Halle bot W. Gelegenheit, Lehrveranstaltungen zu be- Grundlagen des Italienischen und der Sprache der
suchen, die seinen Neigungen entsprachen. Gottfried Engländer gewidmet« (Übersetzung nach Kochs
Sell (um 1704–1767), der später W.s Geschichte der 2007, 23). W.s Name ist weder in der Matrikel der Uni-
Kunst ins Französische übersetzte, las neben Rechts- versität noch in einem der Stammbücher Jenaer Stu-
geschichte über Naturwissenschaften und führte phy- denten nachgewiesen; vielleicht hat er sich gar nicht
sikalische Experimente durch. Darüber hinaus beein- immatrikulieren lassen (freundliche Auskunft von
druckte er als Publizist und Übersetzer. Von eminen- Uwe Dathe, ThULB Jena).
ter Bedeutung für W.s Karriere ist die Begegnung mit Der im Brief erwähnte Georg Erhard Hamberger
Johann Heinrich Schulze (1687–1744), Professor für (1697–1755) wohnte im sogannten Weigelschen Haus,
Medizin, Beredsamkeit und Altertumskunde. Dessen Johannisgasse 26. Das Haus, unweit der Stadtkirche,
Sammlung griechischer und römischer Münzen mit verdankte seinen Ruhm der ungewöhnlichen tech-
mythologischen Darstellungen bildete später den nischen Ausstattung, die der Mathematikprofessor Er-
Grundstock der archäologischen Universitätssamm- hard Weigel (1625–1699) dort installieren ließ (Kochs
lung. Bereits im Sommersemester 1738 folgte W. einer 2007, 25). Hamberger war Mediziner und lehrte seit
Einladung zu Schulzes »Collegio privato über die 1737 in Jena als Professor für Mathematik und Physik.
Müntz-Wissenschaft«. Er war »der Letzte, der noch gegen die Mitte des Jahr-
Während seiner mehrmonatigen Tätigkeit als Pri- hunderts hin an dem iatrometrischen System mit aller
vatlehrer im altmärkischen Osterburg ersparte W. die Strenge festhielt« (Justi 1866–1872 I, 97), d. h. das
notwendigen Mittel für die Fortsetzung seines Studi- Funktionieren des menschlichen Organismus mithilfe
ums. Er wollte sich nun den Naturwissenschaften und physikalischer Gesetze erklärte. Die bei Hamberger er-
neueren Sprachen widmen. Im Herbst des Jahres 1741 worbenen anatomischen Kenntnisse könnten sich für
ging er nach Jena (Herzogtum Sachsen-Weimar-Eise- W. später als hilfreich bei der Beschreibung antiker
nach). Am 1558 gegründeten Collegium Jenense hat- Kunstwerke erwiesen haben. »Die Naturwissenschaf-
ten die Naturwissenschaften – Botanik, Chemie, As- ten und die Medizin haben nie aufgehört, Winckel-
tronomie, Mathematik und Anatomie – oberste Prio- mann von Zeit zu Zeit zu beschäftigen; obwohl ihm nie
rität. Zu den namhaften Absolventen der Universität Muße für zusammenhängende Studien zu Theil wur-
zählten der Philologe Johann Matthias Gesner (1691– de« (Justi 1866–1872 I, 98).
1761) und der Archäologe Johann Friedrich Christ 1740 existierten in Jena die Schlossbibliothek, die
(1701–1756). Obwohl der regierende Herzog Ernst allerdings Repräsentanten des Hofs vorbehalten war,
August I. (1688–1748) wenig in die Bildungseinrich- gut ausgestattete Privatbibliotheken der Professoren
tungen seines Landes investierte (Seemann 2012, 64), und das von dem Historiker und Philologen Johannes
zählte Jena zu den begehrten Universitätsstandorten. Andreas Bose (1626–1674) hinterlassene Münzkabi-
Die Studenten – im Gegensatz zu Halle vor allem nett (Zenker 1836, 59). Im Refektorium des ehema-
bürgerlicher Herkunft – waren eine wichtige Einnah- ligen Dominikanerklosters (Collegienhof, heutige Ko-
mequelle: Bier- und Weinseligkeit, Magisteressen und legiengasse 10) befand sich die akademische Biblio-
Doktorschmäuse leerten ihre Geldbeutel (Hill/Kös- thek des Collegium Jenense. Sie enthielt wertvolle
ling 2012, 61). Obwohl die Studiengebühren deutlich Handschriftenraritäten und war öffentlich zugänglich
unter denen anderer Universitätsstädte lagen, musste (Hellmann/Weiland 2008, 20–22). Dort soll W. auf den
W. seinen Unterhalt mit Privatstunden absichern. In Rysselschen Catalog gestoßen sein (Justi I, 105). Der
seinem lateinischen Bewerbungsschreiben an den 1741 von Friedrich Jakob von Ryssel herausgegebene
Reichsgrafen von Bünau (Br. I, 80) heißt es: »Nach Je- Band dokumentiert die griechische Handschriften-
na bin ich gegangen, ich war entschlossen, meinen sammlung der königlichen Bibliothek zu Paris (Hôtel
Geist auf die Medizin zu richten und bei der höheren de Nevers, heute Rue de Richelieu). Diese originalen
Mathematik ins Schwitzen zu kommen. Die Tätigkeit Schriften wollte W. mit eigenen Augen sehen. Für seine
aber, die bei meinen privaten Bemühungen, meinen ›akademische Reise‹ verkaufte er sogar seine Bücher.
3 Hauslehrer- und Konrektorenjahre 9

Im Spätsommer 1741 verließ er Jena. Laut Genzmer – 3 Hauslehrer- und Konrektorenjahre


inzwischen Pastor und Propst in Stargard (Mecklen-
Der Hauslehrer Winckelmann
burg) – war W.s Budget jedoch bereits in Gelnhausen
(Hessen) erschöpft, weshalb er unverrichteter Dinge Auf der Suche nach Aufstiegsmöglichkeiten nach dem
habe zurückkehren müssen (Br. IV, 174). Studium diente zur Überbrückung die Tätigkeit als
Hauslehrer oder Hofmeister. Die Arbeitsbedingungen
Literatur waren aber äußerst unterschiedlich und schwankten
Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. II. Leipzig 1875. zwischen Akzeptanz und Förderung oder Ausnützung
Bulling, Karl (Hg.): Geschichte der Universitätsbibliothek und Demütigung (Schiffler/Winkeler 1983, 94). W.s
Jena 1549–1945. Weimar 1958.
Demandt, Alexander: Winckelmann und die Alte Geschich-
erste Stelle als Hauslehrer war nicht weit von Stendal
te. In: Gaehtgens, Thomas (Hg.): Johann Joachim Win- entfernt gewählt, auch um den im Hospiz lebenden
ckelmann 1717–1768. Hamburg 1986, 301–313. Eltern näher zu sein. Im Frühjahr 1740 trat W. für ein
Dilly, Heinrich: Johann Joachim Winckelmann in Halle. In: Jahr in den Dienst von Grolmann in Osterburg. Es
Rupieper, Hermann J. (Hg.): Beiträge zur Geschichte der wurde eine anregende Zwischenetappe, um ein für
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1502 bis
seine Karriere zwar nicht notwendiges, aber ihm sinn-
2002. Halle 2002, 279–289.
Hellmann, Birgitt/Weilandt, Doris: Jena musarum salana- voll erscheinendes weiterführendes Studium in Halle
rum sedes: 450 Jahre Universitätsstadt Jena. Jena 2008. oder Jena zu finanzieren. W. unterrichtete den ältesten
Hentrich, Martin: Friedrich Eberhard Boysen. Ein Halber- Sohn, Friedrich Georg Ludwig (geb. 1726), in Ge-
städter übersetzt den Koran. In: Zwischen Harz und schichte und Philosophie, ein weiterer französischer
Bruch. Heimatzeitschrift für Halberstadt und Umgebung. Hauslehrer unterrichtete Französisch, Italienisch,
Dritte Reihe, H. 61 (2010), 41–45.
Geometrie und Taktik. In dem seine Biographie um-
Hill, Christian/Kösling, Barbara: Jenaer Tischgeschichten.
Eine kulinarische Reise durch fünf Jahrhunderte. Erfurt reißenden Bewerbungsbrief an Bünau (Br. I, 79) lobt
2012. W. die freundliche Behandlung in dem durch franzö-
Irmscher, Johannes: Winckelmann und seine altmärkischen sische Bildung geprägten Haus, das Frau von Grol-
Zeitgenossen. In: Gaehtgens, Thomas (Hg.): Johann Joa- mann führte. Diese geistig anregende Umgebung
chim Winckelmann 1717–1768. Hamburg 1986, 31–40. zeigte ihm seine Unkenntnis der neueren Sprachen
Jaeger, Henrik: Konfuzianismusrezeption als Wegbereitung
der deutschen Aufklärung? Jesuiten als Brückenbauer und Literatur, so dass er auf eigene Faust begann, sich
zwischen den Welten. Gastvortrag am 21. Mai 2012 an der mit Englisch, Französisch und Italienisch zu beschäf-
Münchner Hochschule für Philosophie. https://www.uni- tigen (Leppmann 1971, 51). Auch wenn W. seine Bil-
hildesheim.de/media/fb2/philosophie/J%C3 %A4ger_ dungsgrenzen zu spüren bekam, fand er sich schnell
AZP-Artikel.pdf, 1–25. in die neue Rolle hinein, da er in Berlin und Salzwedel
Justi, Carl: Winckelmann, sein Leben, seine Werke und seine
bereits als ›paedagogus‹ tätig gewesen war.
Zeitgenossen. 2 Bde. Leipzig 1866–1872.
Kochs, Susanne: Suche nach der Lebensaufgabe. Winckel- Nach seinem Studium in Jena und der abgebroche-
mann als Jenaer Student. In: Kunze, Max (Hg.): Johann nen ›akademischen Reise‹ suchte W. erneut eine An-
Joachim Winckelmann. Seine Wirkung in Weimar und stellung. Schon zuvor hatte Nolte, Schulmann und Ge-
Jena. Stendal 2007, 23–27. neralsuperintendent der Altmark und Priegnitz (Ah-
Müller, Adelheid: Herder auf der Spur Winckelmanns. In: rendt 1974, 34), ihn auf eine Lehrerstelle in Seehausen
Bomski, Franziska/Seemann, Hellmut/Valk, Thorsten
(Hg.): Die Erfindung des Klassischen. Winckelmann-Lek-
hingewiesen, die er wegen der Reise ebenso abgelehnt
türen in Weimar. Göttingen 2017, 117–140. hatte wie eine weitere in Arneburg ein Jahr später;
Schnelling, Heiner/von Cieminski, Marita/Sommer, Doro- denn dort sollte er neben dem Schuldienst auch predi-
thea/Wöllenweber, Heidrun: Bestände des 18. Jahrhun- gen, Orgel spielen und vorsingen (Justi I, 138). Statt-
derts aus der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen- dessen verdingte er sich als Hauslehrer in Hadmers-
Anhalt in Halle – eine Auswahl. In: Dziekan, Katrin/Pott,
leben (Frühjahr 1742 bis Frühjahr 1743). Da er inzwi-
Ute (Hg.): Lesewelten. Historische Bibliotheken. Halle
2011, 331–354. schen akademisch gebildet und durchaus selbst-
Seemann, Annette: Weimar: Eine Kulturgeschichte. Mün- bewusster geworden war, kam es diesmal gelegentlich
chen 2012. zu Problemen im Dienst des Oberamtmanns des Mag-
Wallmann, Johannes: Pietismus-Studien. Gesammelte Auf- deburgischen Domkapitels, Lamprecht. W. unterrich-
sätze II. Tübingen 2008. tete dessen ältesten Sohn Friedrich Wilhelm Peter. Für
Zenker, Jonathan Carl: Historisch-topographisches Ta-
schenbuch von Jena und seiner Umgebung. Jena 1836.
W. erwuchs daraus eine – pädagogisch intendierte
und zelebrierte – Liebesbeziehung, die homoerotische
Klaus-Werner Haupt Züge hatte, eine, unter steter Betonung antiker Vorbil-

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_3, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
10 I Biographie

der, tiefe Zuneigung, die sich über Jahre spannungs- 8. April 1743 hielt W. in Seehausen seine Probevor-
voll zwischen Gefühlsdichte und Bitterkeit bewegte. lesung, die zugleich das in Halle nicht abgelegte theo-
Die zärtlich-schwärmerischen Briefstellen an Lam- logische Examen ersetzte (Paulsen II 1921, 578–579).
precht wiederholen sich aber auch gegenüber anderen Er las in der Theologie über das Dogma von der Erlö-
Freunden wie Genzmer und Berendis und gehören sung Christi und in der Philosophie über die Ideen. In
zum Freundschaftskult der Zeit (Bäbler 2012, 173). Latein (Ciceros Briefe, Ovid), Griechisch und Hebrä-
Lamprecht folgte W. anderthalb Jahre später nach See- isch gab er Proben. Tage später, eingeführt durch den
hausen, wo er bis Anfang 1746 blieb (Br. I, 309–310). Rektor Paalzow, hielt W. eine lateinische Rede (Br. IV,
»Dort in Hadmersleben widmete ich mich der Ge- 378). Er unterrichtete alte und neuere Geschichte,
schichte, unter Hintansetzung aller übrigen Wissen- auch als Privatunterricht: »Die Geschichte behandelte
schaften«, schrieb W. an Bünau rückblickend (s. o.), ich mit Söhnen der dortigen Adelsfamilien, von denen
was auch für die ersten Jahre in Seehausen zutrifft, da ich den einen oder den anderen in meiner Wohnung
er sein »Glück auf [der] Universität finden« wollte: besonders unterrichtete.« (Br. I, 80). Zu diesem Kreis
»Mein Hauptwerk muß die Geschichte sein.« (Br. I, gehörten von Bülow (bis 1747) und der junge Lam-
37). Doch blieb W.s Wissensdrang weiter enzyklopä- precht (bis Frühjahr 1746; Justi I, 153). »So trug ich,
disch und war abhängig von zugänglichen Bibliothe- mit dem 15. Jahrhundert beginnend, täglich 5 Jahre
ken. Er interessierte sich weiterhin für griechische lang vor, und nachdem ich die Geschehnisse im deut-
Schriften mathematisch-philosophischen und medi- schen Reiche beendigt hatte, nahm ich alle Herrscher-
zinischen Inhalts wie in Jena. Mit einigen Bibliotheks- häuser durch, prägte meinen Schülern die chronologi-
besitzern wie Hanses, einem früheren dänischen Ge- sche Folge ein, und gab ihnen einen Begriff von den
sandschaftssekretär, unweit von Hadmersleben le- Stammbäumen und Genealogien. [...] Auf diese Weise
bend, entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis (Justi durcheilte ich die Jahrhunderte, ich pflegte noch ein
I, 128) und ein reger Briefkontakt. Hanses besaß das Jahr über das Pensum hinauszugehen [...], arbeitete
»Dictionnaire historique et critique« (1697) von Bay- [...] das Kriegs- und Friedensrecht von Grotius durch
le, das W. in der Zeit zwischen Halle und Nöthnitz mit den Anmerkungen von Gronovius und Barbeira-
»zweimal in deutscher Übersetzung [exzerpierte] und tius.« (Br. I, 80). Zu W.s Fächern gehörten auch Geo-
drei Serien von Exzerpten anfertige: das erste Heft von metrie mit praktischen Übungen im Gelände (nach
etwa 1400 Seiten, dann zwei von jeweils 40 Blättern« Walther, in Br. IV, 190, vgl. auch Br. I, 48), Logik, Phi-
(Décultot 2004, 37). Weitere Reisen sind belegt, etwa losophie (Br. IV, 79) und natürlich Latein, Griechisch
nach Halle, um in der Privatbibliothek von S. J. Baum- und Hebräisch. Hatte Boysen erfolgreich den Latein-
garten eine Stelle nachzuschlagen, was diesen so be- unterricht, auch didaktisch, verbessert, so suchte W.
eindruckte, dass er W. als Magister nach Halle holen das Griechische voranzutreiben, den Schülern grie-
wollte (Justi I, 128). chische Literatur und Kultur zu vermitteln, aus der
Überzeugung (wie Damm sie vertrat) heraus, dadurch
das allgemeine Bildungsniveau zu verbessern. Neben
Das Konrektorat in Seehausen
dem Neuen Testament las er profane Texte griechi-
Als W. hörte, dass Boysen, Konrektor in Seehausen, ei- scher und lateinischer Autoren und machte sich aus
nen Nachfolger suchte, traf er sogleich mit ihm zu- Mangel an Schulbüchern daran, »die auserlesensten
sammen. Durch Boysen war die Schule an Ansehen Stellen aus den griechischen Schriftstellern eigenhän-
gewachsen, da er die Lehrmethoden mit Erfolg mo- dig abzuschreiben« und zu verteilen (an Walther, in
dernisiert und das Lateinische vorangebracht hatte. Br. IV, 190). Dieser Versuch schlug offensichtlich fehl.
Mehr Schüler als zuvor gingen von Seehausen zum Ein Grund dürfte in der Sozialstruktur der von Acker-
Studium (Justi I 1956, 140–141). Da W. ihn »durch be- bau, Viehzucht, Brauerei und Kornhandel geprägten
wundernswürdige Proben von seinen großen Talen- Kleinstadt Seehausen mit nur 245 Feuerstellen (1719)
ten, und von der Stärke in der griechischen Litteratur« zu suchen sein (Enders 2008, 947–948), die weniger
(Br. IV, 175) überzeugte, setzte sich Boysen für ihn als als halb so viele Einwohner wie Stendal hatte.
zukünftigen Nachfolger ein. Boysen fand es zudem Bereits im November 1744 kam es nach dem Exa-
bemerkenswert, dass W. Herodot nicht nur übersetzt, men zu einer Rebellion der Schüler gegen W.; der ent-
sondern auch erklärt habe (Br. IV, 175–176). Aller- standene Streit musste von der Stadt gerichtlich ent-
dings vermerkt er, dass W. im Hebräischen zurück schieden werden. Bereits in den ersten Jahren seines
und mittelmäßig in Latein gewesen sei (ebd.). Am Wirkens kam es zu vielen Schulabgängen bzw. Schul-
3 Hauslehrer- und Konrektorenjahre 11

wechseln (Schulbuch, Stendal, Winckelmann-Mu- recht und Staatskunde, vom ausgiebigen Exzerpieren
seum), was auch Boysen kritisch vermerkt (Br. IV, aus Zedlers Universallexikon (Br. I, 25, 28), vor allem
177). Heftige Kritik bekam W. auch von kirchlicher von einer wachsenden Hinwendung zum Griechi-
Seite, weil er die aktive Teilnahme am kirchlichen Le- schen. W. wurde mit den maßgeblichen Ausgaben
ben verweigerte, etwa die Mitwirkung im Chor bei griechischer Schriftsteller bekannt (Kochs 2005, 25; Br.
kirchlichen Amtshandlungen und beim Predigen. Es I, 20), las und exzerpierte Plutarch, Hesiod, Stobaios
war die enge Bindung des Lehrerberufs an die Kirche, und Lukian. Den »Sophokles, den ich kaum aus der
die W. neben seinem Desinteresse an theologischen Hand lege«, verbesserte W. »und interpunktierte [ihn]
Fragen widerstrebte. Waren doch Pfarrer und Lehrer mit Hilfe der griechischen Scholien und Konjekturen
in Kleidung und Haartracht nicht zu unterscheiden an sehr vielen Stellen« (Br. I, 80), vertiefte sich in Pau-
(Fooken 1967, 30), weil es Lehrern verboten war, sanias, Platon und Xenophon und zog den »Thesaurus
prächtige Kleidung zu tragen (Walz 1988, 49). Er aber Graecae linguae« von Henri Estienne für Aristoteles-
habe dafür gesorgt, schrieb W. an Bünau, »mir in Leip- Texte heran (weitere Autoren bei Kochs 2005, 24). Er
zig, wohin ich fast jedes Jahr einmal reise, einfache erstellte ein alphabetisches Register griechischer Epi-
Anzüge in einfachen Farben zu kaufen, damit ich gramme und beschäftigte sich mit griechischen Schrif-
mich nicht schämen brauche, wenn ich unter vorneh- ten zu mathematisch-philosophischen Themen (Kochs
me Leute gehe.« Er wolle sich nicht »nach schulmeis- 2005, 23). Homers Epen standen bald im Zentrum: W.
terlicher Art in schwarze Lappen gehüllt [zeigen]« (Br. glaubte von sich, »ein einsamer Pionier der Homerlek-
I, 80). Mit dem Kircheninspektor und ersten Prediger türe zu sein« (Bäbler 2012, 176), wie aus einem lateini-
von St. Petri, Schnakenburg, kam es zum Zerwürfnis, schen Gedicht zu entnehmen ist. Darin erinnert er an
weil W. während der Predigt im Homer gelesen haben die Hochschätzung Homers in der Renaissance: »Nicht
soll. »Ich war verfolgt in meinem Vaterlande und als ging der Knabe [...] weg / wenn er nicht zuvor auch die
ein Gottesleugner ausgeschrien und mit Entsetzung Ilias richtig kennengelernt hatte / [...] Jetzt liegt Homer
und Verweisung bedrohet«, schrieb W. rückblickend weggeworfen und in den Tartaros geschickt da.«
im September 1757 in Rom (Br. I, 320). Als Folge durf- (übers. Bäbler 2012, 165) – Verse, die W. in den Rei-
te er nur noch Elementarunterricht leisten, an den er feren Gedancken über die Nachahmung der Alten
sich noch 1764 bitter erinnerte, als er »Kindern mit (1756/57) aufgreifen wird. Er las intensiv, exzerpierte
grindigten Köpfen das Abc lesen [liess], wenn ich mehr als 300 Verse aus der Odyssee und der Ilias –
während dieses Zeitvertreibs sehnlich wünschte, zur auch als eigene innerste Daseinsbeschreibung, um et-
Kenntnis des Schönen zu gelangen, und Gleichniße wa seinem Seehausener Leiden zu trotzen: »Ich unter-
aus dem Homerus betete.« (Br. III, 673). Seine innere liege nicht. Ich bin erprobt im Leiden.« (Kraus 1935;
Berufung als Erzieher der Jugend (»ad iuventutem Schadewaldt 1940, 15). Auch widmete er sich intensiv
erudiendam natus«, Br. I, 68 und öfters) betont er der lateinischen Literatur, indem er Verse von Ovid,
noch in Italien. Vergil und Horaz in einem speziellen Heft exzerpierte,
W.s Ansehen in der Stadt hat durch solche Mei- das den Titel »Von den Frühstunden« trägt (Bäbler
nungsverschiedenheiten wohl nicht wirklich gelitten. 2010, 22–23), las Livius und fertigte einen Kommentar
Dreimal wurde W. Pate von Kindern aus Seehäuser zu Juvenal an. »Die noch übrigen Nachtstunden füllte
Familien, häufiger als andere Lehrer (Kleinert 1990, ich mit den besten Dichtern Frankreichs, Englands
8–9). Zeitgenossen beschreiben ihn als gastlich, aber und Italien aus« (Br. I, 67–68; 80–81); so verbesserte
selbst äußerst bescheiden in seinen Ansprüchen. W. bzw. erlernte W. Italienisch und Englisch.
ließ sich einige der Freitische auszahlen (Br. IV, 380), Zahlreiche Reisen zur Literatursuche unternahm
um sich Bücherwünsche zu erfüllen, kam nach eige- W. von Seehausen aus – ihm wurde die Gabe zu-
ner Aussage mit zwei bis drei Stunden Schlaf aus (Br. I, geschrieben, ohne Geld reisen zu können. Er nutzte
79), oft nur in einem Lehnstuhl schlafend (Br. IV, 169). weiterhin die Bibliothek von Hanses, studierte in
Im Brief an Bünau betonte er: »Mein Körper ist näm- Magdeburg in Boysens Privatbibliothek, machte sich
lich schwächlich und von mäßiger Statur. Schon von zu Fuß auf nach Halle, Leipzig und Braunschweig
Kindheit an hinderte mich meine Schwäche größere (Kochs 2005, 32), frequentierte Adelssitze und Pfarr-
Arbeiten zu verrichten [...]« (s. o.), aber bis zur Er- häuser der Altmark und unterhielt viele Bekannt-
schöpfung zu arbeiten, sei er gewohnt. schaften nur um der Bücher willen (Justi I, 144). Zu
Die Seehausener Zeit ist geprägt von rastlosen eige- W.s Freunden dieser Jahre gehörten Berendis, dessen
nen Studien, etwa zur neueren Geschichte, zu Völker- Familie mehrmals das Bürgermeisteramt in Seehau-
12 I Biographie

sen bekleidete (Justi I, 151), Gottlob Burchard Genz- nischen Gymnasiums: während seiner Vereinigung mit
mer, Konrektor in Havelberg, Prinzenerzieher des dem Berlinischen Gymnasium. Berlin 1825.
herzoglichen Hauses Mecklenburg-Strelitz und lang- Kraus, Konrad: Winckelmann und Homer: mit Benutzung
der Hamburger Homer-Ausschreibungen Winckelmanns.
jähriger Korrespondent W.s sowie Samuel Buchholtz, Berlin 1935.
Konrektor in Werben/Elbe, ferner sein Bruder, Kantor Paulsen, Friedrich: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf
in Havelberg. Man traf sich in dem nahegelegenen Ha- den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang
velberg und Werben (Klöden 1825, 16) und diskutier- des Mittelalters bis zur Gegenwart. Mit besonderer Rück-
te über Literatur und bildende Kunst. W.s Hinwen- sicht auf den klassischen Unterricht. Hg. und in einem
Anhang fortgesetzt von Dr. Rudolf Lehmann. 1. Band
dung zur bildenden Kunst ist in diesem Kreis erstmals
Leipzig 31919.
greifbar. Aus einem Brief an Genzmer (Br. I, 75–76) Schadewaldt, Wolfgang: Winckelmann und Homer. Leipzig
geht hervor, dass er die Gemäldesammlung von Jo- 1941.
hann Friedrich Conradi in Celle mit Arbeiten von van Schiffler, Horst; Winkeler, Rolf: Tausend Jahre Schule: Eine
Dyck, Rubens, Veronese, Holbein, Tintoretto, Cra- Kulturgeschichte des Lernens in Bildern. Stuttgart 1985.
nach kannte, ebenso Stiche und Stichwerke nach Walz, Ursula: Eselarbeit für Zeisigfutter: Die Geschichte des
Lehrers. Frankfurt a. M. 1988.
Kunstwerken, die er genau studierte, etwa Sandrarts
Teutsche Academie, Nürnberg 1675–1680, mit zahlrei- Agnes Kunze / Max Kunze
chen Stichen nach berühmten Antiken. Brieflich be-
wundert er aber nicht die abgebildeten Antiken son-
dern den Stecher und dessen raffinierte Haargestal-
tung bei der antiken ›Knöchelspielerin‹ (Br. I, 76 und
Komm.).
1747 war W. dreißig Jahre alt und als Konrektor de-
klassiert; seine Pensionäre waren ausgezogen: Die Su-
che nach einer neuen Stelle als Lehrer beschäftigte ihn
schon ein Jahr. Dann kam der Tod seiner Mutter am
8. März 1747. W. legte am 10. August 1748 sein Amt
als Konrektor nieder, um in Nöthnitz ein Probejahr zu
wagen. Nolte schrieb ihm ein Zeugnis aus: W. »hat in
der Griechischen Litteratur mehr als gemeine Kennt-
nisse erlangt, welche einer bessern Belohnung wären
werth gewesen, wenn man sie in den hiesigen Gegen-
den hätte ertheilen können.« (Br. IV, 380).

Literatur
Ahrendt, Otto: Winckelmann als Lehrer in Seehausen. In:
Das Altertum 20 (1974), 34–41.
Bäbler, Balbina: Winckelmann und Hannibal: Ein unver-
öffentlichtes Gedicht J. J. Winckelmanns aus seiner See-
hausener Zeit. In: Jahresheft des Vereins der antiken Lite-
ratur 9 (2010), 21–32.
Bäbler, Balbina: Winckelmanns lateinische Gedichte aus Ho-
mer. In: Lehmann, G. A./Engster, D./Nuss, A. (Hg.): Von
der bronzezeitlichen Geschichte zur modernen Antiken-
rezeption. Göttingen 2012, 163–182.
Décultot, Élisabeth: Untersuchungen zu Winckelmanns Ex-
zerpt-Heften: Ein Beitrag zur Genealogie der Kunst-
geschichte im 18. Jahrhundert. Ruhpolding 2004.
Fooken, Enno: Die geistliche Schulaufsicht und ihre Kritiker
im 18. Jahrhundert. Wiesbaden/Dotzheim 1967.
Kleinert, Jochen: Joh. Joachim Winckelmann – Konrektor in
Seehausen. In: Festschrift der Johann Joachim Winckel-
mann Schule Seehausen/Altmark 1865–1990. Seehausen
1990, 7–9.
Klöden, Karl F./Schmidt, H.: Die ältere Geschichte des Köll-
4 Nöthnitz und Dresden 13

4 Nöthnitz und Dresden von Titeln – zuletzt über 40.000 – leicht auffindbar ge-
macht durch die Systematik des Bibliothekars Francke.
W.s Umzug aus Seehausen nach Dresden im Herbst Tagsüber musste W. nach jenen Belegen suchen,
1748 ist ein Schritt in eine freiere Welt und führt gegen welche den beschriebenen Gang der Ereignisse kon-
Ende zum eigenen, selbstbestimmten Arbeiten. Aus kretisieren. »Zu meinem eignen Studiren wende ich
dem Kreis von Lateinlehrern und Pastoren hebt er die Morgenstunden an von 3 Uhr bis 7 vor und nach
sich, in dienender Funktion als Gelehrter anerkannt, Tische und ein paar Stunden des Abends. [...] Die
empor in eine Welt wohlhabender Gelehrsamkeit und Morgenstunden aber sind dem Griechischen gewid-
des Kunstgenusses. Aus der auch an Büchern armen met.« (Br. I, 94) Das Eigene musste der Dienstzeit
Altmark zieht er direkt in eine reich ausgestattete pri- mühsam abgerungen werden. Aus Nöthnitz kam er
vate Bibliothek. Aus einer an Kunstwerken extrem un- zunächst kaum heraus. Der ungeheure Zeitaufwand
terversorgten Region verschlägt es ihn an einen zen- für die »ReichsGeschichte« erlaube ihm nicht einmal,
tralen Sitz der Künste mit einer opulenten Gemälde- »der schönen Gegend zu genießen« (Br. I, 87). Parallel
galerie. zur dieser Arbeit trat eine zweite, nicht weniger zeit-
raubende. Francke hatte damit begonnen, die von ihm
reformierte Anordnung des Bestandes zu krönen
Schloss Nöthnitz
durch einen gedruckten Katalog. Dem musste W. zu-
Vier Kilometer südlich von Dresden liegt ein Gutshof, arbeiten. Auch Bibliografieren kostet Zeit.
erweitert zu einem Herrenhaus, in dessen linkem Flü- Ein Jahr verging, ehe er die Residenz mit der nöti-
gel der Hausherr Heinrich Graf von Bünau (1697– gen Muße besuchen und besichtigen konnte. Dann
1762) seine ständig wachsende Bibliothek unter- aber schildert er sie seinen märkischen Freunden in
gebracht hatte. Aus sächsischer Adelsfamilie stam- den höchsten Tönen: »wer Dreßden nicht siehet hat
mend, begann er eine Karriere am Dresdner Hof. Die nichts schönes gesehen.« (Br. I, 91) Er tadelt die
jedoch störte und verhinderte Graf Heinrich von Prunksucht des Hofes und genießt den Aufwand. Zu
Brühl (1700–1763), dessen Macht- und Prachtentfal- Konzerten mit den berühmtesten Sängern lädt die ka-
tung der des Königs nur wenig nachstand. Bünau zog tholische Kirche; die königlichen Schlösser und Gär-
sich zurück auf seine Güter und wandte sich, als stu- ten stehen den Bürgern offen. Und allem voran: Die
dierter Jurist mit dem Schwerpunkt Rechtsgeschichte, »BilderGallerie ist [...] die schönste in der Welt.« (Br.
forschend und schreibend der allgemeinen deutschen I, 91) Sie ist die erste, die er je besucht hat. Sie war die
Geschichte zu; erschienen war bereits, verfasst in erste ihrer Art.
deutscher Sprache anstelle des akademischen Lateins
seine Genaue und umständliche teutsche Kayser- und
Dresden
Reichsgeschichte (Bd. 1–4. Leipzig 1728–1743). Sie be-
ginnt mit den Karolingern und endet mit dem Tode Der Graf residierte mit Frau und Kindern im Land-
des fränkischen Königs Konrad I. im Jahr 918. Nun schloss Dahlen; nach Nöthnitz kam er vor allem zum
war das Wirken der sächsischen Herrscher darzustel- Arbeiten. W. wohnte im Schloss, wo für alle Bewohner
len. Auch hierzu gab es nur allgemein gehaltene Lite- gekocht wurde. An Sonntagen konnte er ausgehen;
ratur und reiche Legendenbildung. Daten und Fakten um in die Stadt zu gelangen, brauchte er zwei Stunden
mussten erst mühevoll aus unzähligen Urkunden und für jeden der beiden Wege. Dort erwarb er jene Kunst
anderen Quellen zusammen gesucht werden. Der des Sehens, welche er in Rom lehren wird.
Graf konnte das nicht allein bewältigen und suchte ei- Kurz vor seiner Vollendung stand der Bau der ka-
nen Adlatus mit solider Kenntnis des Lateinischen. tholischen Hofkirche, entworfen von dem italie-
Nicht diese Tätigkeit war es, die W. anzog, wohl nischen Architekten Gaetano Chiaveri (1689–1770),
aber der Arbeitsplatz. Bünau erwarb alle wichtigen in einem etwas altmodischen, himmlisch eleganten
Bücher zu Themen von Neuzeit, Mittelalter und Anti- Barock; das Schiff ist auffallend in die Länge gezogen
ke; zu Religion, Philosophie, Recht, Naturwissen- wegen der Prozessionen, die hier drinnen stattfinden
schaft, Kunst und Literatur. Das meiste las er selbst. müssen, da sie beim Umzug durch die Straßen der
Hier standen die Ausgaben antiker und neuerer Auto- Stadt protestantische Proteste hervorrufen würden.
ren, an die W. bisher nur nach langen Fußmärschen zu Bereits fertig war das formale Gegenstück, die städti-
den Eigentümern hatte herankommen können, über- sche Frauenkirche von Georg Bär (1666–1738), ein
sichtlich beisammen und, trotz der gewaltigen Anzahl resoluter Zentralbau mit seiner graziös in vier leichte

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_4, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
14 I Biographie

Haltepunkte ausschwingenden Kuppel und einer gestattete Bibliothek des Grafen Brühl nahe der Gal-
wohl etwas zu wuchtigen Laterne; sowie der damals lerie. Diese selbst aber studierte er in anderer Absicht.
schönste neuere Schlossbau, das Sommerpalais auf Er, der ganze Hefte gefüllt hat mit Exzerpten aus Bü-
dem Gelände des ehemaligen Tier-Gartens, darum chern, die er selbst nicht kaufen konnte; der bisher,
Zwinger genannt, von Matthäus Daniel Pöppelmann mit seiner schönen Handschrift, an Eigenem nur Brie-
(1662–1736). fe geschrieben hatte: er begann nunmehr, die bewun-
Zum ersten Mal sah W. originale antike Skulpturen; derten Bilder gedanklich zu ordnen und schreibend
sie waren vor kurzem erworben worden und standen zu bewerten. Er wurde zum Autor, indem er reflektier-
fürs erste, wartend auf ihren künftigen Ruhm, dicht te über Werke der bildenden Kunst. Sein frühester
gedrängt in einem Pavillon neben dem Palais im Gro- Text dieser Art, der unvollendet blieb, galt der Be-
ßen Garten. Drei von ihnen, Frauen in elegantem Ge- schreibung der vorzüglichsten Gemählde der Dreßdner
wand, ausgegraben in Herculaneum bei Neapel und Gallerie.
zuletzt Teil der Sammlung des Prinzen Eugen von Sa-
voyen in Wien, wird er später, aus der Ferne, empha-
Geliebte, Freunde, Bekannte
tisch beschreiben.
Die meiste freie Zeit verbrachte er in der Königli- Aus den Briefen an Studienfreunde erfahren wir vieles
chen Gemäldesammlung. über W.s Alltag und seine Pläne; aus jenen an zwei ge-
liebte Schüler nur so viel, dass sie seines früheren Un-
terrichts gerne gedenken, ihm selbst aber nicht wirk-
Die Dresdner Galerie
lich näher kommen möchten. Um sie wiederzusehen,
»Ich trat in dieses Heiligtum, und meine Verwun- besucht er sie, nicht sie ihn. Bei beiden war er eine
derung überstieg jeden Begriff [...]. Dieser [....] Saal, in Zeitlang »Hofmeister«, also Privaterzieher gewesen;
welchem Pracht und Reinlichkeit bei der größten Stil- als er eine Stelle als Lateinlehrer in Seehausen an-
le herrschten, die blendenden Rahmen, [....], der ge- genommen hatte, hatte jeder der beiden eine Zeit lang
bohnte Fußboden, die mehr von Schauenden betrete- dort bei ihm gewohnt. Der eine, Friedrich Ulrich Ar-
nen als von Arbeitenden benutzten Räume gaben ein wed von Bülow (1726–1807), aufgewachsen auf dem
Gefühl von Feierlichkeit, einzig in seiner Art, das um Gut der Familie, hatte auf W.s Drängen verletzend rea-
so mehr der Empfindung ähnelte, womit man ein Got- giert, ihn später jedoch eingeladen, aus Nöthnitz zu
teshaus betritt, als der Schmuck so manches Tempels, ihm ins Gutshaus zu ziehen. Das wurde versucht und
der Gegenstand so mancher Anbetung hier abermals, hielt nur kurze Zeit. Der andere, Friedrich Wilhelm
nur zu heiligen Kunstzwecken ausgestellt erschien.« Peter Lamprecht (um 1727–1797) war der Sohn eines
(Goethe 1981, 320) Gutsverwalters mit dem Titel Amtmann. Seine Liebe
In den ehemaligen Marstall hatte August III., Kur- zu ihm hat W. noch in Rom bewegt. Im März 1752 be-
fürst von Sachsen und König von Polen, ein Kunst- suchte er ihn in Potsdam, in der Hoffnung, ihn nach
museum einbauen lassen: das erste öffentlich zugäng- Dresden holen zu können. Der hielt ihn freundlich
liche überhaupt. W. besuchte es zwei Jahrzehnte vor hin und lieh sich von ihm Geld. Als sich die Möglich-
dem jungen Goethe; damals war der zweite Umbau keit auftat, nach Rom zu gehen, hoffte der Lehrer, dort
gerade beendet, waren die Gemälde neu gehängt. Im aus dem Schüler seinen Lebensgefährten machen zu
Lauf von vier Jahren wurde er hier zum Kunstkenner. können. Der wich aus, schwieg, verschwand. Zu jun-
»Es hat mich nicht wenig Mühe gekostet, einen Zutritt gen Sachsen scheint es derartige Gefühle nicht gege-
[...] zu bekommen, daß ich allenthalben, allein, auch ben zu haben. Wohl aber hat W. in Dresden etliche
an Tagen, wo niemand zugelaßen wurde, zum Exem- nützliche Bekanntschaften gemacht und ein paar neue
pel des Sonntag[s], an Catholischen Festtagen, Galla- Freunde gewonnen.
Tagen und dergl. die Gallerie habe frequentiren kön- Graf Bünau, gelehrt und sprachenfest, forderte zu-
nen. Dieß hat mich verhindert, nur ein einiges mahl nächst einen immensen Zeitaufwand. Nach seinem
eine Promenade in Dreßden zu genießen. Ich bin etwa Weggang als Statthalter des Herzogs von Gotha nach
alle 14 oder 8 Tage nach Tisch hineingelaufen oder Eisenach, dann nach Weimar als Premierminister
früh und gegen Tische wieder heraus.« (Br. I, 125) wurde ihr Umgang vertrauter. Mit seinem Kollegen,
Für ihn begann eine neue Art des Lernens und Stu- dem Bibliothekar Johann Michael Francke (1717–
dierens. Zwar nutzte er weiterhin die Schätze seiner 1775), verstand W. sich zunächst gut. Später muss es
Bibliothek und frequentirte obendrein die reich aus- eine Verstimmung gegeben haben, doch von Rom aus
4 Nöthnitz und Dresden 15

suchte W. die Verbindung erneut und betonte in sei- seine entschiedene Bevorzugung der neuzeitlichen
nen Briefen ihre Freundschaft. Kunst tadeln, doch von Rom aus brieflich mit ihm in
In der Bibliothek des Grafen Brühl lernte W. den freundlicher Verbindung bleiben.
Hofmeister von dessen Söhnen kennen, Christian Philipp Daniel Lippert (1702–1785) war Zeichen-
Gottlob Heyne (1729–1812), der sich, wie er, aus gro- lehrer der königlichen Pagen in Dresden, wurde zum
ßer Armut zum Gelehrten empor gearbeitet hatte und Kenner und Liebhaber antiker Gemmen und, vor al-
später, 1763, an der neu gegründeten Göttinger Uni- lem, von deren Abdrücken in Gips, mit denen er einen
versität der erste namhafte Altphilologe wird. Von florierenden Handel betrieb. Seine Daktylotheken ha-
Rom aus wird W. bei ihm anfragen, ob er sich dort, in ben die Form riesiger lederbezogener Bücher, sind
Göttingen, um einen Lehrstuhl für die Kunst des Al- aber Kommoden, in deren Schubladen die kleinen Re-
tertums bewerben könne, verfolgt das Projekt dann liefs, oval oder kreisrund, geordnet nach Bildthemen,
aber nicht weiter. Zehn Jahre nach W.s Ermordung dem Betrachter einen Bereich der plastischen Kunst
wird Heyne dem Aufruf des Landgrafen von Hessen- der Antike in der originalen Form eröffnen. Als Oe-
Kassel folgen und eine Lobschrift auf Winkelmann ver- sers umzogen in eine größere Wohnung der Neustadt
fassen (Schulz 1963). und W. mit ihnen, da wurden sie Nachbarn. Beide
Drei Dresdner Maler wurden für ihn wichtig. Chris- Häuser auf der Königstraße stehen noch. – Der Ver-
tian Wilhelm Ernst Dietrich (1712–1774) besuchte er leger Georg Conrad Walther (1706–1778), den W. zu-
und erwähnte seine Gemälde lobend. Bei Adam Fried- nächst nur oberflächlich kennen lernte, wird fast alle
rich Oeser (1717–1799) und seiner Familie nahm er seine Bücher und Druckschriften, die er in Rom
1754 Wohnung, in der großen Frauengasse neben der schreibt, in Dresden drucken und verlegen.
Kirche gleichen Namens; dort wohnte er bis zu seiner Die Residenz zog Italiener an, unter ihnen Maler,
Abreise und nahm bei Oeser selbst Zeichenunterricht. Bildhauer, Handwerker, Schauspieler und Sänger.
Den für ihn wichtigsten, Anton Raphael Mengs (1728– Theater und Oper wurden auf Italienisch geboten, da-
1779) hatte er in Dresden verpasst; als er dessen meis- zu viele Texte der geistlichen Musik. W. sucht ihren
terhaftes Jugendwerk sah, die Porträts der königlichen Umgang und begann, auch diese Sprache zu lernen;
Familie, war jener bereits nach Rom entsandt mit dem dies waren seine ersten Schritte auf dem Weg nach
Auftrag, dort das Altarbild für die Hofkirche zu malen. Rom. Zwei Italiener insbesondere sollten helfen, ihn zu
Versehen mit einem Empfehlungsschreiben von Diet- ebnen. Mit beiden unterhielt er sich zunächst auf Fran-
rich, wird W. in Rom zuerst bei ihm unterkommen. zösisch. Giovanni Lodovico Bianconi (1717–1781) aus
Und dort, in täglicher Diskussion mit Mengs, wird er Bologna, Leibarzt des Kurprinzen Friedrich Christian,
seine erste große Kunstschrift entwerfen. nahm W. auf in seinen geselligen Abendkreis. Nach
Carl Heinrich Heinecken (1706–1791) war zu- dem frühen Tod des Prinzen wird er 1764 sächsischer
nächst Hofmeister bei den Söhnen des Grafen Brühl, Ministerresident, das heißt Botschafter, in Rom. Auf
wurde dann Direktor von dessen Galerie, später der seiner großen Reise wird W. bei dessen Bruder Michel-
aller Dresdner Galerien und Kunst-Kabinette; 1754 angelo in Bologna Station machen. (Br. I, 185)
geadelt, gab er einen der frühesten Bildbände zur Alberico Graf von Archinto (1698–1758) war Erz-
Kunst heraus, das Galeriewerk, mit Radierungen nach bischof, Kardinal und päpstlicher Nuntius am säch-
den wichtigsten Werken der Sammlungen. Er war sisch-polnischen Hof. Bei ihm konvertierte W. zur ka-
Kunstschriftsteller und Schöpfer des dortigen Kupfer- tholischen Konfession. In Rom treffen sie sich wieder;
stich-Kabinetts. Er scheint intrigant gewesen zu sein. bei ihm wird er seine erste feste Anstellung finden, als
W. mied den Umgang mit ihm wie auch den mit Brühl. Bibliothekar, wieder mit Wohnsitz in einer Bibliothek
1758 wird Heinecken um die Mitarbeit an seinem in einem Schloss. Die des Kardinals war untergebracht
Künstlerlexikon bitten und ihm mitteilen, er habe vor, im Palast der Cancelleria am Campo dei Fiori.
ihn »in Rom aufzusuchen« (Heres 1991, 97). W. rea-
gierte nicht.
Der »kühneste Schritt«
Ganz anders stand W. zu Christian Ludwig von Ha-
gedorn (1730–1780), dem Kunstautor und Kunst- Seit Graf Bünau 1751 als Statthalter des Herzogs von
dozenten, der nach der Entlassung von Heinecken Weimar nach Eisenach gezogen war mit seiner Fami-
dessen Nachfolger wurde. Von der ersten Wohnung lie, und nachdem W.s Eltern, für deren Versorgung er
Oesers war es nur ein Schritt bis zur seinigen. Er wird hatte aufkommen müssen, in Stendal gestorben wa-
W.s erste Schrift zur Kunst emphatisch loben; W. wird ren, begann er, seinen alten Wunsch mit neuer Ener-
16 I Biographie

gie in die Tat umzusetzen: einen Aufenthalt im dama- sind hier sehr streitig bey mir: aber die Parthey der
ligen Zentrum der Altertumskunde. Das jedoch konn- letzten ist stärcker. Die Vernunft [...] tritt derselben
te ihm bei seiner materiellen Bedürftigkeit nur gelin- bey. Sie ist bey mir der Meinung, man könne aus Liebe
gen durch höhere Hilfe. zu den Wißenschafften über etliche Theatralische
Rom war der weltliche Sitz des Herrn über ein Drit- Gaukeleyen hinsehen: der wahre Gottesdienst sey al-
tel der Christenheit. Sachsen gehörte zu den festen lenthalben nur bey wenigen Auserwählten in allen
Burgen des Luthertums. August der Starke hatte sich Kirchen zu suchen. [...] Gott aber kann kein Mensch
und seine Familie in eine katholische Enclave verwan- betriegen.« (Br. I, 120) »Es ist der kühneste Schritt,
delt, denn nur unter dieser Bedingung wurde der Kur- den ich in meinem Leben gethan, und ich thue eine
fürst wählbar für die Königswürde im katholischen Po- Reise, die so völlig wie ich vielleicht keiner der theuren
len. Als der Erbprinz, der spätere große Kunstsammler, Märcker in 2 Seculis gethan.« (Br. I,124) W. bittet den
Italien bereiste, hatte ihm der Papst, der seiner politisch Freund, dem er zuvor eine Stelle bei Bünau verschafft
motivierten Konversion misstraute, das Betreten des hatte und der mit diesem nach Weimar gegangen war,
Kirchenstaates und damit von ganz Mittelitalien ver- es »Seiner Exzellenz« schonend beizubringen. »Mir
boten. Erst dessen Sohn, dem W. von Rom aus seine wird Angst und bange ums Hertz, wenn ich daran ge-
Geschichte der Kunst des Alterthums widmen wird, war dencke.« (Br. I, 125)
willkommen, als er, noch ganz jung, in Rom als Spon- Der Graf zeigte Verständnis, wofür ihm W. über-
sor auftrat; sein Porträt hängt neben dem der Königin schwänglich dankte. Doch ihm selbst waren noch
Christina von Schweden, auch sie Konvertitin, im Vor- schwere Bedenken gekommen; er zog sich zurück und
raum der Biblioteca Angelica, 1760 entworfen von Lui- hielt den Pater ein Jahr lang hin. Dann geschah es. Den
gi Vanvitelli im Zusammenhang mit dem Neubau des letzten Anstoß gab sein Besuch der kleinen Kirche von
Klosters St. Agostino. Hier werden die Hinterlassen- Leubnitz, zu der Nöthnitz damals gehörte und die auf
schaften vieler hoher kirchlicher und weltlicher Biblio- dem Weg nach Dresden liegt. Sein Vorhaben hatte sich
philen gesammelt; hierher wird auch die Bibliothek ei- inzwischen doch herumgesprochen; und als er, aus al-
nes der wichtigsten Förderer W.s in Rom gelangen, die ter Gewohnheit, hineinging – der Gottesdienst hatte
des Kardinalbibliothekars der Vaticana, Domenico längst begonnen –, da unterbrach der Pfarrer seine Pre-
Passionei (1682–1761; Justi 1923, III, 21). digt und begrüßte emphatisch das »verlorene Schaf«.
W. verhandelte, ohne Wissen des Grafen, mit Ar- W. machte auf dem Absatz kehrt und »ging zur Kirche
chinto sowie mit dem Jesuitenpater Leo Rauch (1696– hinaus – für ein und allemal.« (Justi 1923, I, 353)
1775), dem Beichtvater des Königs. Jener versprach Dafür nun: Hochamt mit Hoforchester, und zuvor
ihm eine Stelle als Bibliothekar in Rom; dieser bemüh- die Beichte! An Berendis, zwei Jahre später: »Anfäng-
te sich um ein kleines Stipendium (das er, nach Aus- lich, da mich einige Ketzer die mich kennen, in der
kunft von Heres, aus eigener Tasche bezahlte). Bis zu- Meße knieen sahen, habe ich mich geschämet, allein
letzt hatte der Bittsteller gehofft, sein Ziel ohne vorhe- ich werde dreister. Es würde mich aber niemand sehen,
rige Konversion erreichen zu können. Nach langwie- wenn ich nicht die Meße hörete von 11 bis 12, da die
rigen Verhandlungen berichtet er seinem Freund Music ist. Mein Vater hat [...] keinen Catholiken aus
Berendis am 6. Januar 1753, dem Tag Epiphanias: mir machen wollen:« der, von Beruf Schuster, habe
»Mein Schatz! Du weißt, daß ich allen plaisirs abge- ihm »ein gar zu dünnes empfindliches Knie-Leder ge-
saget und daß ich allein Wahrheit und Wissenschafft macht, als man haben muß, um mit guter Grace katho-
gesuchet. [...] Die Liebe zu den Wissenschafften ist es, lisch zu knieen. [...] Ich mercke, es fehlet mir noch sehr
und die allein, welche mich [hat] bewegen können, viel zu meiner Seeligkeit. [...] Ich habe auch von neuem
dem mir gethanen Anschlag, Gehör zu geben. [...] gebeichtet. Allerhand schöne Sachen, die sich beßer in
Gott und die Natur haben wollen einen Mahler, einen Latein als in der Frau Mutter-Sprache sagen laßen.
großen Mahler aus mir machen, und beyden zum Man hat hier Gelegenheit mit Petronio und Martiali zu
Trotz sollte ich ein Pfarrer werden. Nunmehro ist sprechen, je natürlicher, je aufrichtiger.« (Br. I, 168)
Pfarrer und Mahler an mir verdorben. Allein mein
gantzes Hertz hänget an der Kenntniß der Mahlerey
Reden und Schreiben
und Alterthümer, die ich durch fertigere Zeichnung
gründlicher machen muß.« (Br. I, 119) Die jahrelange Arbeit an Gegenständen der Geschich-
Der »Anschlag« kam von Pater Rauch und enthielt te mit Hilfe von Werken älterer Historiografie hat zu
eine »conditio sine qua non«: »Eusebie und die Musen einem der ersten eigenen Texte geführt, den Gedanken
4 Nöthnitz und Dresden 17

vom mündlichen Vortrag der neueren allgemeinen Ge- ne eindrucksfähigsten Jahre in Schul- und Bibliothek-
schichte, verfasst im Jahr 1754. Es ist das Fragment ei- stuben, in den Sandebenen und Nebeln des Nordens
nes Essays mit Vorschlägen, wie man einen weit zu- zugebracht, der bis in die Mitte der Dreißiger von
rück liegenden historischen Vorgang anschaulich und Kunstwerken entfernt gelebt und keine Kreide in die
lebendig machen kann durch »eine erleuchtete Kürt- Hand genommen hatte, daß dieser Mann [...] eine
ze« und durch Einsprengsel von Anekdotischem. Vor Schrift hinwirft, die den Beifall der ersten Kenner des
allem aber sei es leichter, frei zu reden als frei zu kunstreichsten Hofes der Welt erhält, die als Bahn
schreiben: »da ein mündlicher Vortrag mehrere Frey- zum guten Geschmack gepriesen wird: dies ist umso
heit gestattet Helden und Printzen die Larve abzuzie- merkwürdiger, als die kleine Schrift sich in der Folge
hen; so erkühne man sich zu sagen, daß Carl I. in En- als die Skizze eines stattlichen Gebäudes erwies.« (Jus-
geland ein Tyrann, Leopold der Große ein schwacher ti 1923, I, 472)
Printz und Philipp V. ein Narr gewesen.« (KS 19) W. wird seine Laufbahn als schreibender Kunst-
Fragment geblieben ist auch die Beschreibung der historiker auf zwei Quellen stützen: erstens auf die
vorzüglichsten Gemälde der Dreßdner Gallerie. Ent- Autopsie, auf das mit eigenen Augen vielfach Gesehe-
worfen wurde der Text als Muster in Stichworten für ne; und zweitens auf das zuvor in der Altmark und in
die Führung eines jungen Adligen; also mündlicher Dresden Gelesene. Die umfänglichen Abschriften und
Vortrag auch hier. Los geht es mit einer großformati- Auszüge werden als Vademecum die Entstehung sei-
gen Madonna des Correggio, dem damals beliebtesten ner römischen Werke begleiten; sie werden, verbun-
unter den großen Meistern; Raffael wird nicht direkt den mit der Untersuchung der einzelnen Kunstwerke,
angesprochen. Zur Meisterschaft der Führung von zur Basis seiner Wissenschaft.
Licht und Schatten, dem Beitrag des Malerischen zum
Gehalt des Kunstwerks schreibt W., was er später in Quellen
ähnlichen Worten wiederholen wird: »Es läßet sich Bünau, Heinrich von: Genaue und umständliche teutsche
nur sehen, nicht sagen.« (KS 6) Kayser- und Reichsgeschichte. 4 Bde. Leipzig 1728–1743.
Goethe, Johann Wolfgang: Dichtung und Wahrheit. Aus
Fertig wurde die dritte der kleinen Schriften, die in meinem Leben. Hamburger Ausgabe. Hg. von Erich
Dresden entstanden, ein Heftchen, gedruckt auf Kos- Trunz. Bd. 9. München 1981.
ten von Pater Rauch, verteilt an Freunde und Kultur- Schulz, Arthur (Hg.): Die Kasseler Lobschriften auf Win-
instanzen. Die Gedancken über die Nachahmung der ckelmann. Berlin 1963.
Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-
Kunst machten W. im ganzen Heiligen Römischen Forschung
Reich Deutscher Nation berühmt und alsbald durch Heres, Gerald: Winckelmann in Sachsen. Berlin/Leipzig
1991.
Übersetzungen in ganz Europa bekannt. Er besorgte
Justi, Carl: Winckelmann und seine Zeitgenossen. Dritte
sofort einen Nachdruck, vermehrt um einen selbst Aufl. Leipzig 1923.
verfassten Widerspruch und einen Einspruch da- Wangenheim, Wolfgang von: Der verworfene Stein. Win-
gegen: ein fingierter Dialog, in seiner Prägnanz und ckelmanns Leben. Berlin 2005.
Anschaulichkeit nahe am Sprechtext, am mündlichen
Wolfgang von Wangenheim
Vortrag.
Parallel zu dem damals wahrhaft kühnen »Schritt«
der Konversion, hat W. in Dresden etwas vollbracht,
das man nur als »Sprung« bezeichnen kann. Mit einer
Fülle von Zitaten und Paraphrasen aus der Literatur
zur Kunst und ihrer Geschichte, vor allem aus dem
Französischen, die er in bündiger Formulierung und
reduziert auf das Wesentliche vorträgt, wagte er als
Autor den Einstieg in eine Wissenschaft, die er selbst
erst begründen musste. In seinem »Rückblick« auf die
Entstehung der Dresdener Schriften zieht Justi die ge-
waltigen Dimensionen des Geleisteten zusammen in
einen einzigen Satz: »Daß jemand, dessen erste Au-
genweide ein Raum war, der zugleich als Schuster-
werkstätte, Wohn- und Schlafzimmer diente, der sei-
18 I Biographie

5 Winckelmann in Italien nur so lange seiner verbal oft exzessiven Sympathie er-
freuen, wie sie seine Eitelkeit und Empfindlichkeit
Insgesamt hat W. zwölfeinhalb Jahre in Italien gelebt, nicht verletzten. Dies gilt es bei seinen Aussagen über
von denen er elf Jahre in Rom, neun Monate in Florenz den Personenkreis berücksichtigen, mit dem er in
und – verteilt auf vier Reisen – sechseinhalb Monate in Rom verkehrte. Ihnen liegt eine selbstbezügliche Op-
Neapel verbrachte. Das meiste, was über diesen Teil tik zugrunde, die sich jedoch mit scharfer Beobach-
seiner Biographie bekannt ist, basiert auf Eigenquellen tungsgabe verbindet. In ihrer Gesamtheit generieren
(Br. I–III), die nur durch wenige Zeugnisse seiner Kor- seine Selbstzeugnisse, die Tagebuchersatz und propa-
respondenten und Zeitgenossen ergänzt werden (Br. gandistisches Vehikel zugleich waren, ein einzigartiges
IV). Trotz einiger Retuschen und Ergänzungen, die vor Abbild der römischen Welt des 18. Jh., aber auch der
allem die Bewertung und Gewichtung von Personen menschlichen Schwächen ihres Verfassers, die ihm
betreffen, ist Carl Justis Monographie (Justi 1866– selbst teilweise durchaus bewusst waren (Br. I, 121–22;
1872), die W.s Wirken in seinen kulturgeschichtlichen II, 291, 614). Seine Aussagen über Rom und aktuelle
Kontext gestellt hat, immer noch das Referenzwerk Ereignisse oder Fakten haben für bestimmte Bereiche
schlechthin. Das gilt besonders für die italienische Pe- den Wert von authentischen Quellen. Kaum weniger
riode, für die Justi in Rom umfangreiche Recherchen signifikant sind jedoch seine Lücken und Auslassun-
in Archiven und Bibliotheken betrieb. Da die Briefe, gen (Osterkamp 1988). Seine Eigenwahrnehmung
und hier besonders die an Berendis, seit ihrer Erst- wirkt oft repetitiv und ist verständlicherweise egozen-
publikation durch Goethe (Goethe 1805) nicht nur ei- trisch. Wie seine Zeitgenossen ihn gesehen haben, be-
ne Fundgrube an Fakten sind, sondern eine suggestive legen nur wenige Zeugnisse, darunter die von Giaco-
Prägnanz und Aussagekraft haben wie nur wenige mo und Giovanni Casanova, Bartolomeo Cavaceppi,
deutsche Epistolarien, hat die biographische Literatur Leonhard Usteri, Heinrich Füssli, Berenhorst, Fried-
für mehr als 200 Jahre an dem von W. durch seine Brie- rich von Erdmannsdorff und Francke.
fe kontrollierten Blick auf sich selbst, auf seine Zeitge-
nossen und die römische Welt kaum Korrekturen vor-
Reise in ein neues Leben
genommen. Erst nach der letzten W.-Biographie
(Leppmann 1971), die W.s Leben auf Justis Spuren ak- »Ich habe mich von allen Verbindungen loßgemacht,
tualisiert und zusammengefasst hat, eröffneten sich und werde mit einer sehr mäßigen, für mich aber zu-
neue Perspektiven, die sowohl seine Methoden der länglichen Pension auf zwey Jahre nach Rom gehen,
Wissensaneignung betrafen (Décultot 2000) als auch um ruhig zu leben und zu studiren, mit dem Verspre-
seine Wahrnehmung Italiens und der Italiener. Das chen, nach meiner Rückkunft, mich hier gebrauchen
rhetorische Kaleidoskop, das W. in Rom ansetzte, um zu lassen.« Mit diesen Worten kündigt W. dem Grafen
seine Erlebnisse und Erfahrungen zu kommunizieren, Bünau am 5. Juni 1755 die entscheidendste Verände-
wurde kritisch hinterfragt und analysiert (Sichter- rung seines Lebens an (Br. I, 177). Die Abreise von
mann 1986, Osterkamp 1988, Disselkamp 1993). Dresden wurde mehrfach verschoben: am 25. Juli
Den ersten Impuls dazu gab der Herausgeber der 1755 schreibt W. an Berendis, dass er unpässlich gewe-
italienischsprachigen Korrespondenz (Zampa 1961), sen sei. Als Abreisedatum wird wegen der Sommer-
der den seit Goethe durch Bewunderung und Verklä- hitze der 24. August anvisiert (Br. I, 178). Tatsächlich
rung bestimmten deutschen Blick auf W. durch eine erfolgte die Abreise von Dresden, für die W. mit 80
kritische Perspektive relativiert hat. W.s Urteile über Dukaten Reisegeld (Noack 1907, 74) nicht gerade üp-
das italienische Leben und die italienischen Kollegen pig ausgestattet war, erst am 20. (Rossetti 1823, 134)
waren von Anfang an von Vorurteilen geprägt, die sich bzw. am 24. (Justi 31923, II, 7) September 1755.
mit den Jahren nur teilweise milderten. Besonders der In Venedig traf W. am 29. Oktober ein, hielt sich
Blick auf ihm Wohlgesonnene und Förderer wie Albe- dort fünf Tage auf und sah alles an, was ohne große
rico Archinto und Gian Ludovico Bianconi war vom Kosten zugänglich war: Kirchen, Paläste und das Arse-
Eigeninteresse dominiert (Zampa 1961, XXII–XXV, nal. Die Weiterreise nach Bologna erfolgte auf dem
Disselkamp 1993, 309–318). Die Äußerungen über an- Wasserweg von Malamocco aus über den Po. In Bolog-
dere Zeitgenossen, denen W. in Rom begegnete, d. h. na verweilte W. fünf Tage als Gast im Haus der Familie
Gelehrte, reisende Kavaliere, Diplomaten und Reprä- Bianconi, wo er Freundschaft mit Michelangelo Bian-
sentanten des europäischen Hochadels, waren kaum coni schloss. Sein brieflich durch Gian Ludovico Bian-
weniger pointiert. Viele Gleichgesinnte konnten sich coni vorbereitetes Besichtigungsprogramm umfasste

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_5, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
5 Winckelmann in Italien 19

den Besuch der Bibliothek von San Salvatore und meh- Anziehungspunkt für Künstler aus ganz Europa ge-
rerer Kirchen mit ihren Gemälden. Für die letzte Etap- worden war. Hier fand W. sein erstes Refugium (Br. I,
pe, die mit einer Postkutsche absolviert wurde, benö- 190). Zum engsten Umkreis von Mengs gehörten da-
tigte er elf Tage. Die Route ging über Faenza, Forlì, Ce- mals Giovanni Casanova, Nikolaus Mosmann, Adolf
sena, Rimini, Ancona und Loreto und führte dann auf Friedrich Harper und Anton von Maron. Sein erstes
der Via Flaminia durch die auf W. öd und verlassen festes Quartier nahm W. bald darauf direkt gegenüber
wirkende Campagna di Roma an das Ziel (Br. I, 193). von Mengs’ Wohnung im Palazzo Zuccari für eine
Am 18. November 1755, drei Wochen nach dem monatliche Miete von einer Zecchine (Noack 1907,
Erdbeben von Lissabon, traf W. in Rom ein und nahm 361) und war hier Nachbar von Nicolas Guibal. Im
vermutlich in einem der beiden deutschen Gasthäuser Künstlerquartier um die Spanische Treppe partizi-
in der Via Condotti Quartier (Noack 1907, 93), bevor pierte er an der anregenden und lockeren Atmosphä-
er sich zu Alberico Archinto begab, dem ehemaligen re, kleidete sich leger in einen grauen Knierock (Ro-
Nuntius am sächsisch-polnischen Hof, der inzwischen quelaure) »ohne Oberhemd«, speiste mit Künstlern,
zum Governatore di Roma ernannt worden war. Des- vermisste die »deutsche Zurichtung der Speisen« (Br.
sen erneutes Angebot, bei ihm Logis und Kost zu neh- I, 190) und besuchte das Café degli Inglesi in der Via
men und sich beim Kardinal Passionei für ein Monats- Condotti, das der wichtigste Treffpunkt der Ausländer
gehalt von 7 Scudi als Bibliothekar zu verdingen, lehnte war (Noack 1907, 95–96). An den Sonntagen besich-
W. zu Archintos Bedauern ab. Die ersten vierzehn Tage tigte er mit deutschen und französischen Künstlern,
durchstreifte W. Rom, erspähte den Papst Benedikt darunter vermutlich Harper, Wiedewelt, Clérisseau,
XIV., der ihm kurz darauf eine private Audienz ge- Guibal und Mengs römische Galerien, die Villa Medi-
währte (Br. I, 202), und suchte von den öffentlich zu- ci mit ihren Antiken, die Villa Borghese und die frei
gänglichen Bibliotheken zuerst die gut bestückte Bi- zugängliche Accademia del Nudo auf dem Kapitol, wo
bliothek im Palazzo Corsini in Trastevere auf, deren er wohl auch selbst gezeichnet hat (Br. I, 195). Nach-
Kustode der Florentiner Giovanni Gaetano Bottari dem er sich auf kurze Zeit als »Artist« gebärdet hatte,
war. Dazu kamen bald die Bibliothek Barberini, die des konzentrierte sich W. jedoch bald darauf, sein bereits
Collegio Romano, die Biblioteca Imperiali, die dem in Dresden formuliertes Programm zu verwirklichen:
Kardinal Spinelli gehörte und vor allem die des Kardi- den »Umgang mit dem Kunstwerk« »wie mit einem
nals Passionei im Palazzo della Consulta (Br. I, 203). Freund« (Gedancken1, KS 30). Die meisten Künstler,
Da W.s finanzielle Mittel von der Reise erschöpft mit denen W. in den römischen Jahren engeren Kon-
waren und die Wechsel aus Dresden auf sich warten takt hatte, waren Ausländer; bei den römischen Künst-
ließen, fürchtete er nun sogar, ausgerechnet hier die lern beschränkte sich der Umgang auf solche, deren
»Freiheit« zu verlieren, deren Verwirklichung er sich Interessen mit den seinen harmonierten. Zu ihnen ge-
gerade von Rom erhofft hatte. Der erste, an Gian Lu- hörte der betagte Nicolò Ricciolini, den er weniger
dovico Bianconi gerichtete Brief aus Rom vom wegen seiner Malerei als seiner Kenntnisse schätzte
7.12.1755 gibt beredtes Zeugnis von diesem miserab- und der ihm die Bekanntschaft mit Michelangelo Gia-
len Zustand, aber auch von dem eisernen Willen, sich comelli vermittelte (Br. I, 276). Ungeachtet gelegentli-
den Umständen nicht zu beugen und den eigenen cher Kritik hat er Pompeo Batoni als den damals be-
Weg zu gehen (Br. I, 186–187). In der Vorrede zur GK1 kanntesten Maler Roms sehr geschätzt (Br. II, 53). Die
hat W. dazu eine offizielle Version vorgelegt, in der er freundschaftliche Beziehung zu ihm war für W., nicht
sich rechtfertigt: »Diese meine Absicht zu erreichen, zuletzt wegen der britischen Aristokraten, die er in
schlug ich alles aus, was mir sowohl vor meiner Reise Rom zu führen hatte, wichtig, da einige von ihnen
von Rom aus, als auch nach meiner Ankunft in Rom durch Batoni porträtiert wurden (Br. II, 53, 350). Be-
von zween wohlbekannten Kardinälen angetragen sonders beeindruckt war W. von Batonis Deckenge-
wurde; denn ohne Unabhänglichkeit würde ich mei- mälden im Palazzo Colonna (Raspi-Serra 2000, 140).
nen Zweck verfehlt haben.« (GK1, II). Besser gefiel ihm allerdings der strengere Modus Ga-
vin Hamiltons, der nicht nur Maler war, sondern als
Antiquar dieselbe britische Klientel bediente, die W.
In der Welt der Künstler
begleitete (Br. II, 53). Entgegen der verbreiteten An-
Eine vorläufige Rettung ergab sich aus dem Empfeh- sicht, dass W. und Piranesi Kontrahenten gewesen wä-
lungsbrief des Dresdner Malers Dietrich an Mengs, ren (Miller 1978), ist daran zu erinnern, dass Piranesi
dessen Haus und Atelier in der Via Sistina zu einem zur Entourage des Kardinals Albani gehörte und dass
20 I Biographie

W. seine Werke immer lobend erwähnt hat (Roettgen er auch für andere Projekte einsetzen wollte (Br. III,
1981, 153). Wie schon Justi betonte, lassen sich zwi- 305). Mogalli, der als »famigliare« Zugang zu seiner
schen W.s verbaler Beschwörung der Größe der anti- Wohnung hatte (Br. IV, 268), wurde von ihm testa-
ken Skulptur und Piranesis visueller Revokation der mentarisch mit einem Legat von 350 Zecchinen be-
Architektur des antiken Rom durchaus Parallelen er- dacht (Br. IV, 387). Eng und stetig war auch der Kon-
kennen (Justi II, 416). takt zu Bartolomeo Cavaceppi, der über viele Jahre als
Unter den nichtitalienischen Künstlern war W. be- Restaurator der Albani-Antiken eng mit ihm zusam-
sonders jenen zugetan, die sich für seine Ideale begeis- menarbeitete. Cavaceppi, der eine umfangreiche, von
terten und sie teilten. Neben Mengs waren dies der dä- W. bewunderte (Br. III, 41) Zeichnungssammlung be-
nische Bildhauer Wiedewelt, der französische Archi- saß (Vermeulen 2003), die nach seinem Tod (1799)
tekt Clérisseau, Christian von Mechel und die deut- zerstreut wurde, begleitete W. auf seiner Reise nach
schen Architekten Erdmannsdorff und Christian Deutschland bis Wien und publizierte nach seinem
Traugott Weinlig, die zu wichtigen Botschaftern sei- Tod einen Bericht über die Ereignisse während dieser
ner Kunstauffassung wurden. Auffällig ist, dass aus- Reise (Cavaceppi 1769, Br. IV 265–270).
gerechnet die Maler, von denen W. porträtiert wurde
– der Däne Peder Als (Br. II, 73, 77, 84. 391–392), An-
Rom und seine Kunstwerke
gelika Kauffmann und Anton von Maron – in der Kor-
respondenz mit Dritten kaum eine Rolle spielen, ob- Mit welchen nichtantiken Kunstwerken sich W. wäh-
wohl er zu ihnen ein engeres persönliches Verhältnis rend seiner Gänge als Cicerone in Rom auseinander-
gehabt haben muss. Auch der Berliner Maler Reclam, setzte und welche er schätzte, ergibt sich aus den Ende
die Landschaftsmaler Weirotter und Harper, der spä- Juli 1766 in Italienisch verfassten Anweisungen für
tere Stuttgarter Hofmaler Nicolas Guibal, die Stein- Paul Usteri und Mechel (Br. IV, 36–43), aus den Auf-
schneider Anton und Giovanni Pichler (Br. II, 103) zeichnungen des MS 68 im Pariser Nachlass (Raspi
hinterließen nur flüchtige Spuren in der Korrespon- Serra 2000) sowie aus dem Bericht von Johann Hein-
denz (Br. III, 20). Da seinen deutschen Korresponden- rich Füssli an Vögelin (Br. IV, 234–243). Die Bandbrei-
ten, unter denen kaum Künstler waren, die römische te seines Spektrums, das ausnahmslos dem akademi-
Künstler- und Kunstwelt nicht vertraut war, war es schen Kanon folgt, ist beeindruckend. Während er im
kaum sinnvoll, sich darüber auszulassen. Im Brief- Palazzo Barberini Sacchis Deckenbild der Divina Sa-
wechsel mit Künstlern stellte er sich dagegen auf deren pienza als Werk im »alten« Stil lobt und das große Fres-
Perspektive ein, wie die Briefe an Mengs und Cléris- ko Pietro da Cortonas übergeht, erwähnt er dessen Ge-
seau zeigen, in denen er deutlich mehr auf künstleri- mälde L ’Adultera als das beste Gemälde in der Galerie
sche Nachrichten eingeht, aber auch die an Martin des Palazzo Mattei. Er empfiehlt außerdem Gemälde
Knoller, dem W. mehrfach in Rom begegnet war und von Barocci, Guercino, Caravaggio, Maratti und Bacic-
der sich 1766 wegen ikonographischer Details der cio oder weist auf Übermalungen in einem Gemälde
antiken römischen Senatorenkleidung aus Mailand an Domenichinos im Casino Rospigliosi hin. W.s Kennt-
ihn wandte (Br. III, 153, 166). nisse der Malerei in den römischen Sammlungen gin-
Geringe Resonanz finden in den Briefen die Künst- gen jedenfalls weit über das damals einem Reisenden
ler, die für seine Publikationen gearbeitet haben. Ne- zugängliche Repertoire hinaus. So kannte er Poussins
ben den drei nicht bekannten Kupferstechern der Mo- Serie der Sieben Sakramente im Palazzo Boccapaduli
numenti antichi inediti (Br. III, 114) gehören dazu der oder riet dazu, sich im Palazzo Rondanini mit seiner
Mengs-Schüler Nikolaus Mosmann, der für ihn ge- Empfehlung vorzustellen, um Zugang zur Sammlung
zeichnet hat, und der seit 1750 in Rom lebende Maler zu erhalten. W.s Kennerschaft in der Malerei beruhte
Georg Adam Nagel, der für ihn die Vignette zum nicht zuletzt auf seinem jahrelangen Zugang zur be-
Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen deutenden Zeichnungssammlung des Kardinal Albani
zeichnete (Br. II, 355). Nach Casanovas Rückkehr (Br. II, 426), die zu seinem großen Leidwesen 1762
nach Deutschland im Jahr 1764 und der erst danach durch James Adam für König Georg IV. von England
aufgedeckten Fälschungsaffäre engagierte W. 1765 als erworben wurde (Roettgen 1982, 135–136).
Zeichner und Stecher für die Monumenti antichi inedi- Vielleicht angeregt durch Contucci, der die Text-
ti Niccolò Mogalli, der zuvor in Florenz für den Mar- kommentare zu Piranesis Stichwerken verfasste (Justi
chese Andrea Gerini gearbeitet hatte (Ingendaay II, 148), hat sich W. intensiv mit der Urbanistik des anti-
2014) und für Contuccis Museo Kirkeriano, und den ken Rom beschäftigt. Theoretische Ausführungen dazu
5 Winckelmann in Italien 21

hielt er allerdings für überflüssig. Man solle sich nur das währte, wird fast ausschließlich wegen der Arbeit an
merken von der Lage des alten Roms »wovon ein Bild der Beschreibung der Gemmen der Sammlung Stosch
im Gedächtniß bleiben kann«, d. h. es ging ihm vor al- beachtet. Die negativen und abschätzigen Urteile, die
lem in der Vermittlung an die Rombesucher darum, aus W. über Florenz, seine Kunst und vor allem über seine
dem noch Vorhandenen auf das Gewesene zu schlie- Gelehrten verbreitete (Justi II, 275–283), wurden nur
ßen: »Was nicht mehr ist, ist als wenn es nimmermehr selten relativiert oder hinterfragt (Cristofani 1983,
gewesen ist.« Grundsätzlich war er der Ansicht, dass 142–156). Obwohl W. wenig über Florenz berichtet,
»die neuern Werke nicht weniger Aufmerksamkeit als erlauben seine Äußerungen relativ viele Rückschlüsse
die alten« verdienen (Sendschreiben Rom; Br. IV, 32). auf sein dortiges Leben und auf die Kreise, in denen er
Die Ausnahme, die er dabei machte, betraf die mo- sich bewegte (Fancelli 2016). Der Anlass zur Reise
derne Skulptur. Seine Verdammung Berninis und sei- nach Florenz ergab sich aus dem Angebot von Hein-
ner Schule und Nachfolger war gnadenlos: »Bernini rich Wilhelm Muzell-Stosch, einen Katalog der Gem-
ist der größte Esel unter den Neuern, die Franzosen mensammlung seines verstorbenen Onkels zu erstel-
ausgenommen; denen man die Ehre in dieser Art la- len, der als Grundlage für den Verkauf dienen sollte.
ßen muß« (an Berendis, Br. I, 235). Wenn es aber da- Das ehemalige Domizil Philipp von Stoschs, in dem
rum ging, Klarheit über die damals noch modern er- sein von ihm adoptierter Neffe seit 1756 lebte, befand
gänzten Unterschenkel des Herkules Farnese zu ge- sich in dem ansehnlichen, von Ammanati erbauten
winnen, so notierte er sich in seinen »Desiderata« die und mit einer reichen Graffitto-Bemalung versehenen
Autopsie dreier berühmter Bildwerke: des Moses von Palazzo Ramirez de Montalvo im Borgo degli Albizzi.
Michelangelo, des hl. Andreas von Duquesnoy und W. hatte eine bestens ausgestattete Bibliothek und eine
des Attila von Algardi (Raspi Serra 2000, 370), d. h. er Münzsammlung zur alleinigen Verfügung, konnte
benutzte bei seinen Überlegungen zur Restaurierung sich aber auch an der dort gut vertretenen anzüglichen
der Antike die auch heute noch von der Kunst- Belletristik ergötzen (Br. I, 443–444).
geschichte praktizierte Methode des vergleichenden Eine zentrale Figur des gesellschaftlichen Lebens in
Sehens. Sankt Peter war für ihn der bedeutendste Bau Florenz war seit 1737 der britische Gesandte Horace
der Nachantike, der die Antike an »Baukunst und Mann, dessen Position umso wichtiger war, als es im
Pracht« übertreffe. Er bedauerte es jedoch, dass man päpstlichen Rom keine britische Gesandtschaft gab.
später vom Entwurf Michelangelos abgewichen sei Zu seinem römischen Informantennetz gehörte u. a.
(Br. IV, 31–36). Das einzige Gegenstück dazu im Be- Alessandro Albani. Zu Manns Salon im Palazzo Ma-
reich der profanen Architektur war für ihn die Villa netti fand W. durch Muzell-Stosch schnell Zutritt und
Albani (Br. III, 88). Deren Gestaltung hat W. in den traf dort auf Personen, die nach seinem Geschmack
Jahren seiner Zugehörigkeit zu Albanis Haushalt in waren (Br. I, 413), darunter auch die ebenso kluge wie
seinen Briefen vielfach kommentiert und auf diese exzentrische Lady Orford (Borroni Salvadori 1983),
Weise dazu beigetragen, dass ihre Bau- und Ausstat- die den sich nun im Stil eines »Abbate Cavaliere« ge-
tungsphasen für die Jahre 1758 bis 1767 in einigen Zü- rierenden W. (Br. I, 428) nach seinen Ausführungen
gen rekonstruiert werden können (Roettgen 1982, über die Idealschönheit in der Antike zum »uomo
153–159). Außerdem hat W. in dieser seinen Vorstel- d’un gusto squisito« erklärte (Br. I, 424). Er sollte noch
lungen von der Wiedererweckung der Antike entspre- mehrfach in seinem Leben, vor allem in Neapel, mit
chenden creatio ex nihilo das Vorbild für andere Wie- ihr zu tun haben, obwohl er sie wegen ihrer Lebens-
dererweckungen gesehen, die er auch unter nordi- weise verachtete (Br. II, 82). Um zur Gemmen- und
schem Himmel für realisierbar hielt. Wenn er den Be- Medaillensammlung der Großherzöge Zutritt zu er-
suchern der Villa ihre Schätze erklärte, so war er dabei langen, musste er sich bei dem jungen Raimondo
auch von dem Gedanken beseelt, die Mächtigen seiner Cocchi vorstellen. Er pflegte engen Kontakt zum
Zeit zur Nachahmung anzuspornen. Apostolischen Nuntius Borromeo, der nach seiner
Aussage dafür sorgte, dass er zum Mitglied der Acca-
demia Etrusca in Cortona ernannt wurde (Br. IV, 382).
»Firenze non è Roma«
Formell vorgeschlagen wurde W. jedoch von Joannon
Mit diesen Worten teilt W. einem römischen Bekann- de Saint-Laurent, dem französischen Korrektor der
ten seine ersten Florentiner Eindrücke mit (Br. I, 233). Description (Cristofani 1983, 146). Zur Zeit seiner Er-
Sein neunmonatiger Aufenthalt in Florenz, der von nennung (1760) war ihr Präsident (»Lucumone«) der
Ende August 1758 (Br. III, 406) bis Mitte April 1759 Marchese Antonio Nicolini (Bruschetti 1980, 43). Mit
22 I Biographie

scharfen Worten bedenkt er neben Ottaviano Buonac- I, 415). Im Palazzo Pitti bewunderte er die Gemälde
corsi (Br. II, 96), einem der Testamentsvollstrecker Raffaels, fand aber auch Gefallen an den Fresken von
von Philipp von Stosch, vor allem Giovanni Lami, den Giovanni da Sangiovanni in der Sala Terrena (Br. I,
Herausgeber der Zeitschrift Novelle letterarie fiorenti- 414). Vor den antiken Statuen der Uffizien machte er
ne, den auch andere Zeitgenossen als kauzigen Son- sich anscheinend Notizen, die in die Geschichte der
derling beschreiben (Justi II, 281). Das Schweizer Café Kunst des Althertums einflossen. In Stoschs Papieren
in Florenz, das Lami und andere Gelehrte frequentier- fand er neben den Zeichnungen Raffaels und Michel-
ten, bezeichnet er spöttisch als »Sitz der Unwissen- angelos, die er sorgfältig inspizierte (Br. I, 414), eine
heit« (Br. II, 97). Angelo Maria Bandini, damals Bi- Notiz zum Sterbedatum und einem Werk Correggios
bliothekar der Marucelliana, kam nicht viel besser in sowie den Archivauszug einer Zahlung an Michel-
W.s Urteil weg (Br. I, 233), auch weil er griechische angelo, die er Heinecken mitteilte (Br. I, 427). Durch
Texte edierte, ohne laut W. des Griechischen mächtig Horace Mann, der seinen Besuchern in seinem Haus
zu sein (Br. III, 89). Das bestätigte später Christoph Jo- die Lektüre der Neuigkeiten des europäischen Buch-
seph Jagemann, damals Beichtvater der Deutschen in markts ermöglichte, auch solcher, die im Kirchenstaat
Florenz, den W. in der Laurenziana mehrfach traf und auf dem Index standen, lernte W. eine Publikation von
dessen lateinische Übersetzung von griechischen Tex- Horace Walpole kennen, die ihn sehr beeindruckte (Br.
ten er korrigiert hat (Br. III, 226). I, 439). Besuche in den umliegenden Landhäusern ge-
Besonders erfreut war W., als der Graf Firmian, mit hörten ebenso zu seinem Programm wie der rege
dem er seit seiner Neapelreise in engerem Kontakt Opern- und Komödienbesuch (Br. I, 421).
stand, auf dem Weg nach Mailand in Florenz Station Obwohl ihm die Stadt rein äußerlich, vor allem im
machte (Br. I, 243). Firmian stand in Briefwechsel mit Vergleich mit Neapel, gefiel, waren seine Vorurteile
Lorenzo Mehus, dem Kustos der Laurenziana (Garms- unüberwindlich: gegen die Florentiner, die sich mit
Cornides 2013), der auch die Stosch’sche Bibliothek Mänteln bekleiden – für W. nicht ein Zeichen der win-
betreute und 1759 deren Versteigerungskatalog ver- terlichen Kälte, sondern der Armut –, gegen ihre ihm
fasste. Es ist daher davon auszugehen, dass W. ihm im unverständliche und unsympathische Aussprache und
Hause Stosch begegnet ist, auch wenn er ihn nicht er- ihren seiner Meinung nach unbegründeten Anspruch,
wähnt hat. Durch Muzell-Stosch lernte er auch den bessere Galerien als die Römer zu besitzen (Br. III,
Kunsthändler William Kent kennen, der gerade zahl- 188). Ein amouröses Abenteuer, bei dem er nach eige-
reiche Gemälde aus der Sammlung Arnaldi und die ner Diktion seine »Jungfräulichkeit« verlor (Br. I, 454),
Altmeisterzeichnungen aus Stoschs Nachlass erwarb bereitete ihm gesundheitliche Probleme, wie er Bian-
(Ingamells 1997, 571–572) und bei dem er danach in coni gegenüber andeutet (Br. I, 454). Obwohl er an den
Rom einige Male zum Essen eingeladen wurde (Br. II, Maler und Mengs-Schüler Franz Stauder in Rom sehn-
85, 90, 195). süchtige Briefe schrieb (Br. I, 417), verliebte er sich in
Auch wenn er wenig darüber schreibt, absolvierte einen Jüngling, der für ihn unerreichbar blieb (Br. II,
W. in Florenz das obligate Besichtigungsprogramm: 296). Aufs Ganze besehen, war der Aufenthalt in Flo-
die Sammlungen im Palazzo Pitti und den Uffizien, die renz eine Übergangsphase, deutlich markiert durch
Neue Sakristei bei S. Lorenzo mit Michelangelos Tages- den Tod Archintos und durch das Angebot Albanis,
zeiten, die ihm nicht zusagten, und wohl auch die eine sein Bibliothekar zu werden. Außerdem nahm W. nach
oder andere Kirche. Nur so erklärt sich sein abfälliges Rom die dauerhafte Brief-Freundschaft zu Muzell-
Urteil über die Malerei in Florenz, die er als trocken, Stosch mit, die ihm für die kommenden Jahre eine in
hart und übertrieben bezeichnet. Er zieht von ihr und mancher Hinsicht hilfreiche Stütze wurde.
von Michelangelo Parallelen zur etruskischen Kunst,
die er in Florenz kennen-, aber nicht schätzen lernte
Aus Freundschaft wird Feindschaft: Anton
(Grazie, KS 161). Das könnte der Grund dafür sein,
Raphael Mengs und Giovanni Casanova
dass er von den ursprünglich geplanten Exkursionen,
die er teils auf der Rückreise nach Rom (Arezzo, Cor- Die Begegnung mit Mengs war für W.s weiteren Weg
tona, Montepulciano, Chiusi, Perugia, Foligno), teils entscheidend, wie vor allem Goethe klar gesehen hat
von Florenz aus zu Pferd (Volterra, Livorno und Pisa) (Goethe 1805, 410). Die Freundschaft mit dem deut-
unternehmen wollte (Br. I, 421), nur die Reise nach Li- schen Maler hat ihm einen wichtigen Rückhalt in der
vorno (Br. I, 432) realisiert hat. Auch in Siena ist er ge- Eingewöhnungsphase geboten. Der elf Jahre jüngere
wesen, wo er schönere Mädchen sah als in Florenz (Br. Mengs, der 1755 schon auf eine steile Karriere als
5 Winckelmann in Italien 23

sächsisch-polnischer Hofmaler zurückblickte, wurde trat nun der Briefwechsel. Das Konvolut mit den Brie-
gleich nach W.s Ankunft in Rom sein wichtigster Ge- fen W.s, das Carlo Fea 1779 von Mengs’ Erben erhielt
sprächspartner. Die Beziehung zwischen W. und und das nur einen geringen Teil der ursprünglichen
Mengs lässt sich in vier Abschnitte unterteilen: 1. Die Korrespondenz darstellt (Azara-Fea 1787), dokumen-
Jahre des permanenten und vertraulichen Umgangs tiert die Gegenseitigkeit ihrer Freundschaft (Br. II,
in Rom (1755–1761), 2. die Jahre der regelmäßigen 185, 196, 217, 287), den intensiven Austausch über ar-
Korrespondenz (1761–1763), 3. die Affäre zwischen chäologische und künstlerische Themen, römische
W. und Margarita Mengs (Ende 1763–September Neuigkeiten und über die Publikationsprojekte (Dis-
1764) und 4. die Irritationen, die mit dem Abbruch selkamp 1993, 243–254). Ab Mai 1763 kam es jedoch
der Korrespondenz von Seiten W.s endeten (1764– zu verschiedenen Missverständnissen (Br. II, 319–
1766). Die Konsonanzen zwischen beiden Männern 320): so beschwerte sich W. darüber, dass der Freund
ergaben sich aus gleich gerichteten Interessen und ihn nicht zu seiner Ernennung zum »Prefetto delle
Neigungen, künstlerischen Präferenzen und gewissen Antichità di Roma« (MI II, Titelblatt) beglückwünscht
Parallelen in ihrem Schicksal: die widrigen und har- hatte und ihm zu selten schreibe (Br. II, 234).
ten äußeren Umstände, die überwunden werden Neuen Auftrieb erhielt die Freundschaft durch die
mussten, bevor sich der Traum von Rom als dem Ziel Rückkehr von Mengs’ Frau Margarita Ende November
ihrer Wünsche erfüllte, aber auch hier ein ständiger 1763. Während ihres knapp einjährigen Aufenthaltes
Kampf, um diesen Status zu bewahren. Was sie außer- in Rom (bis Anfang September 1764) entwickelte sich
dem verband, war der Konfessionswechsel, der bei ein enges Verhältnis zu W., das die Freundschaft mit
Mengs allerdings persönlich motiviert war (Roettgen Mengs laut W. vollständig »wiederherstellte« (Br. III,
2003, 97). Dazu kamen ab September 1756 die Folgen 104), so dass Mengs ihm sogar einen Vorschuss zur Fi-
des Siebenjährigen Krieges, unter denen beide finan- nanzierung der Monumenti antichi inediti anbot (Br.
ziell zu leiden hatten. III, 200) und W. darüber nachdachte, nach Spanien zu
Schon bald schrieb W. seine Briefe im Haus von reisen (Br. III, 39). Die erotische Komponente dieser
Mengs, diente ihm gelegentlich als Sekretär für fran- Liaison hat W. erst mehrere Monate danach gegenüber
zösische Briefe und konnte sich in dieser ungezwun- Muzell-Stosch bekannt, den er in Herzensangelegen-
genen Umgebung so zu Hause fühlen, dass er seine heiten mehrfach ins Vertrauen zog. Er schreibt im Fe-
Schriften und Bücher hier deponierte. Anfangs ein re- bruar 1765, dass Mengs von dieser Affäre durch W.s
gelmäßiger Tischgast (Br. I, 266), speiste er später »Liebesbriefe« erfuhr, die er bei seiner Frau gefunden
nach seinem Umzug an die Piazza Barberini, wo er für hatte, was verständlicherweise bei Mengs zu Irritatio-
ein halbes Jahr ›Untermieter‹ von Wiedewelt war nen führte. Die Sache sei jedoch beigelegt worden, mit
(Noack 1907, 79), seltener bei Mengs (Br. I, 266). dem Vorsatz, nach der Rückkehr des Ehepaares nach
Mengs erfüllte W.s Wunsch, der Künstler möge »die Rom eine Art von »Menage a trois« zu führen. (Br. III,
Feder ergreifen, und die Geheimnisse der Kunst den- 79–80). Tatsächlich wurde der Briefwechsel mit ihr
jenigen, welche sie zu nutzen verstehen, entdecken und Mengs fortgesetzt, wie sich aus einem Brief an Be-
möchte« (KS 75). W. setzte sich für die Publikation rendis ergibt (Br. III, 112). Den Anlass zum Bruch gab
von Mengs’ Schrift ein, die anonym (Br. II, 239) und erst die Publikation von Giovanni Casanovas am
mit einer Widmung an ihn in Zürich erschien (Mengs 20.10.1766 erschienener Erklärung, in der dieser sich
1762). Engagiert regelte er brieflich mit Caspar Füssli als Urheber von zwei Zeichnungen bekannte, die in
in Zürich die Einzelheiten der Drucklegung. der Geschichte der Kunst des Althertums abgebildet
Den Höhepunkt und Abschluss dieser Phase der worden waren (Kanz 2008, 46–60). W. veranlasste da-
Freundschaft bildete das Engagement für die Villa Al- raufhin die Streichung des Textes und der Stiche für
bani. Auch wenn W. keinen erkennbaren Einfluss auf die geplante zweite Edition (Br. III, 154). Weil er Mengs
deren künstlerische Gestaltung genommen hat, war er verdächtigte, in das Komplott gegen ihn involviert zu
ab 1759 als ständiger Gesprächspartner des Bauherrn sein, brach er den Kontakt im November 1766 ab (Br.
in viele auf die Villa bezogene Entscheidungen invol- III, 219). Auch der Text über das nicht in der Geschich-
viert (Roettgen 1982, 153–159, Assunto 1985). Auf te der Kunst abgebildete, von ihm aber hochgepriesene
dem Weg nach Neapel, von wo Mengs zu Schiff nach Fresko Jupiter küsst Ganymed (Abb. 5.1) sollte eli-
Madrid ging, sahen sich die beiden Freunde Mitte Au- miniert werden, obwohl es W. nach wie vor für antik
gust 1761 in Castel Gandolfo zum letzten Mal (Br. II, hielt (Allegorie, 136). Erst 1772 stellte Casanova in
170, Roettgen 2003, 219). An die Stelle der Gespräche Dresden eine Zeichnung nach dem Fresko aus, »worü-
24 I Biographie

ber der bekannte Streit mit Winkelmann entstanden«, nova (Kanz 2008, 181) geht hervor, wie eng die Kon-
und erklärte sich nicht nur zu dessen Urheber, sondern takte zwischen ihm selbst und Amidei, Diel de Mar-
rechtfertigte sich damit, dass er W.s mangelnde Kom- cilly, Cavaceppi und d’Hancarville waren, den W. als
petenz als Kritiker bloßstellen wollte (Neue Bibliothek einen »Menschen von großen Talenten« bezeichnete
1772, 131). (Br. II, 131), obwohl er wusste, wie zweifelhaft dessen
Casanova, der zuvor von W. als »bester Zeichner Geschäftsmoral war. Mit ziemlicher Sicherheit blieben
Roms« (nach Antiken) gerühmt worden war (Br. II, ihm auch nicht die krummen Geschäfte verborgen, die
23), wurde aufgrund der Fälschungsaffäre öffentlich im römischen Kunsthandel abliefen (Kanz 2008, 181–
zum »Schelm« erklärt (Kanz 2008, 72–77). Paradoxer- 182), zumal er als Albanis antiquarischer Adlatus per-
weise hat gerade er durch seine Vorlesungen an der manent mit derartigen Praktiken zu tun hatte. Mengs,
Dresdner Akademie nachhaltig für die Verbreitung der nach neuen Erkenntnissen von Beginn an ein
des Wissens über die antike Bildwelt in Deutschland Hauptakteur in der Fälschungsaffäre war, in die neben
gesorgt (Kanz 2005). Bei dieser Affäre, an der die Casanova wohl auch Cavaceppi involviert war (Roett-
Freundschaft zwischen Mengs und Casanova zu W. gen 2017), kam die Veröffentlichung der Fälschungen
zerbrach, bleiben viele Fragen offen. in der Geschichte der Kunst des Althertums nicht gele-
Vermutlich besteht ein Zusammenhang zwischen gen, da sie die ursprünglichen Absichten dieser Aktion
der Fälschung und dem Prozess wegen Wechselfäl- durchkreuzte. Die brieflich fortgeführte Freundschaft
schung, der von dem Kunsthändler Belisario Amidei der beiden Männer hielt diesen Belastungen nicht
in Rom gegen Casanova angestrengt worden war und stand. Mengs bedauerte dies zutiefst (Roettgen 2003,
der zur Verurteilung des Beklagten führte (Br. III, 516: 30.6.1766) und versuchte vergeblich, den Brief-
211). W. kannte Amidei als Zulieferer für die Samm- wechsel wieder aufzunehmen (Br. III, 327). Er distan-
lung Albani (Br. II, 105, 304), ebenso den Chevalier zierte sich seinerseits von Giovanni Casanova (Roett-
Diel de Marsilly, der mit Casanova befreundet war gen 2003, 538), und nach der Rückkehr nach Rom
(Kanz 2008, 181) und dem das Fresko gehörte (Br. II, (1777) exponierte er sich als Sachwalter von W.s Anse-
171, 177). Aus der Darstellung der Affäre durch Casa- hen (Roettgen 2003, 159, 560), was sich vor allem in
dem posthum gemalten Bildnis des Freundes nieder-
schlug (Roettgen 1999, 306–307). Von Gewissensbis-
sen geplagt, bat er schließlich auf dem Totenbett seine
Schwester Therese Maron, bekannt zu machen, dass er
der Urheber des als antik ausgegebenen Freskos sei
(Roettgen 1973, 268). Da zum Zeitpunkt der Ver-
öffentlichung dieser Erklärung (Azara-Fea 1787) au-
ßer W. und Mengs noch alle Beteiligten lebten, ist an
der Verlässlichkeit dieser Angabe nicht zu zweifeln,
obwohl sie von Goethe und von Meyer erneut in Frage
gestellt wurde (Verspohl 2004, 32–33).

Die vier Neapelreisen (1758, 1762, 1764, 1767)


W.s Begegnung mit Neapel stand von Beginn an unter
dem Vorzeichen des Zuganges zu den Funden und
Ausgrabungen von Herculaneum und Pompeji. Für
die Stadt selbst und ihre zu dieser Zeit in Blüte stehen-
de Kunst hatte er weder Auge noch Ohr. Während der
ersten Reise nach Neapel von Februar bis Anfang Mai
1758 logierte er fast fünf Wochen lang in Portici als
Gast des Padre Antonio Piaggi, der eine Maschine zur
Entrollung der in Herculaneum gefunden Papyri er-
funden hatte (Abb. 5.2), deren Mechanismus W. akri-
Abb. 5.1 Anton Raphael Mengs: Jupiter küsst Ganymed, bisch beschrieben hat (Br. I, 345–347). Diese erste Rei-
1760. Rom, Galleria Nazionale dell’Arte antica. se war finanziell und organisatorisch die schwierigste
5 Winckelmann in Italien 25

der vier Reisen. Da der bereits 1756 gefasste Plan, ge- ni um eine andere Bleibe bemühen musste. Da bot
meinsam mit Mengs dorthin zu gehen (Br. I, 222, 225), ihm der Padre Antonio Piaggi Logis und Kost in sei-
aus verschiedenen Gründen fallen gelassen werden ner Wohnung im Casino di S. Antonio in der Nähe des
musste, bemühte sich W. ein ganzes Jahr lang um die Palastes von Portici an (Knight 1996, 13). In Piaggis
finanzielle Absicherung dieser Reise. Da der sächsi- Begleitung gelang es ihm offenbar, unerkannt in das
sche Kurprinz begierig auf die Berichte von der Reise Museum zu gelangen, das sich, angelegt auf siebzehn
wartete, um genauer über die spektakulären Ent- Räume, von denen aber erst fünf eingerichtet waren,
deckungen in Herculaneum unterrichtet zu werden, in einem Flügel des Königspalastes befand (Br. I, 362).
war ihm klar, dass dies der sicherste Weg zu einer Dieses Gebäude, einen stattlichen Neubau mit Villen-
künftigen Anstellung in Dresden sein würde. Wegen charakter (Abb. 5.3), tut W. mit den folgenden Worten
des Krieges trafen jedoch die Wechsel aus Dresden, ab: »Der Königl. Pallast ist von abscheulicher Bauart,
die halbjährig zu je 100 Reichstalern fällig waren, mit und kein Augsburger Fratzen-Mahler könnte einen
Verspätung ein (Br. I, 363). Im Dezember 1757 wollte schlechteren Entwurf machen« (Br. I, 353). Dank den
W. die Reise, in die er bereits 100 Dukaten investiert Empfehlungsschreiben, um die er sich zuvor intensiv
hatte, jedoch nicht mehr aufschieben (Br. I, 323–4). bemüht hatte, erhoffte er sich eine Audienz bei der Kö-
Anfang Februar 1758 (Br. IV, 404) reiste er schließlich nigin Maria Amalia, die ihm auf seine Bitte hin ein
mit der Postkutsche (Br. I, 367). Das versprochene Exemplar der begehrten Pitture di Ercolano sowie ei-
Quartier in Neapel stand ihm nur für drei Tage zur nen Plan des im Bau begriffenen Schlosses in Caserta
Verfügung, sodass er sich über den Nuntius Pallavici- (Br. I, 355) schenkte. Die Personen, denen er in dieser
Sache ein Komplott gegen ihn unterstellte, waren der
deutsche Beichtvater der Königin und der Museums-
direktor Camillo Paderni, nach W.s Einschätzung ein
»großer Betrüger, und Ertz-Ignorant« (Br. I, 355, 366),
sowie der mächtige Minister Bernardo Tanucci, dem
er schriftlich versichern musste, während seines Be-
suches im Museum keinerlei Zeichnung oder Aqua-
relle (»pennellata«) zu machen (Br. IV, 405). Diese Re-
gel war jedoch keine persönliche Schikane, sondern
entsprach den Direktiven des Königs: Karl VII. und
Tanucci wollten so unterbinden, dass die Funde in Eu-
ropa bekannt wurden, bevor ihre allerdings ziemlich
langsame wissenschaftliche Publikation vollendet
war. Diese war der Zweck der von Tanucci gegründe-
ten »Accademia Ercolanense«, der angesehene nea-
politanische Gelehrte angehörten, wie der Marchese
Berardo Galiani, der Vitruv übersetzt hatte, und der
betagte Kanoniker Mazocchi, ein berühmter Gräzist,
von dem W. jedoch den Eindruck gewann, mit seinen
77 Jahren sei er »halb kindisch« (Br. I, 367). Als Maz-
zocchis Konkurrent galt Jacopo Martorelli, Professor
für griechische Literatur an der Universität von Nea-
pel. W. lernte auch ihn kennen und machte hier, wie
wenig später in Florenz, die Erfahrung, dass die italie-
nische Gelehrsamkeit alten Stils nicht seine Sache war.
In seiner dritten Relazione für Bianconi macht er sich
über Martorelli und seine Publikation über ein antikes
Tintenfass lustig (Br. I, 385–386).
Der schlechte Geschmack und eine kauzige und
Abb. 5.2 Maschine für die Entrollung der Papyri. Konstruk-
ineffiziente Gelehrsamkeit waren für ihn zwei Seiten
tion von Antonio Piaggi. In: G. Castrucci: La Real Officina einer Medaille. In der Bibliothek des Principe di Tarsia
dei Papiri Ercolenensi. Neapel 1852. stellte er fest, dass die »Vergüldungen mehr als die Bü-
26 I Biographie

Abb. 5.3 Giovan Battista Lusieri: Ansicht von Portici mit Königspalast und Vesuv, ca. 1780. Turin, Privatsammlung.

cher kosten« (Br. 352); ihm entging jedoch, wie ambi- Firmian, den er durch eine Empfehlung von Muzell-
tiös und fortschrittlich diese Bibliothek und die ihr Stosch kennengelernt hatte (Br. I, 334). Vermutlich
angeschlossenen Einrichtungen waren, die der Princi- traf W. hier auch auf den Maler Martin Knoller, den er
pe di Tarsia 1747 in seinem Palast einer größeren Öf- schon aus Rom kannte. Firmian beeindruckte W.
fentlichkeit zugänglich gemacht hatte (Bertucci 2013). durch seine Gelehrsamkeit, seinen Kunstsinn und
Auch das Urteil über den gelehrten Duca di Noja, Ur- sein Interesse an seinen Schriften und Ansichten (Br.
heber des ersten bedeutenden Stadtplanes von Neapel I, 338). W. sollte ihm erneut in Florenz begegnen, als
(Sforza 2005), dessen Münzkabinett W. mehrfach auf- er auf dem Weg zu seinem neuen Amt als kaiserlicher
suchte und das ihm »sehr viel Einsicht gegeben«, ist Gouverneur der Lombardei war (Br. I, 443). 1762
gnadenlos: »als einer von Stande« sei er »ein Charla- wollte ihm Firmian eine Anstellung in Wien beim
tan von Geburt«, im Übrigen aber »ein ehrlicher Erzbischof Migazzi vermitteln, was W. jedoch ablehn-
Mann« (Br. I, 378). Da der erste Band der Pitture di Er- te (Br. II, 208).
colano soeben erschienen war und W. ihn kurz vor sei- Von Neapel aus unternahm W. mehrere Fahrten
ner Abreise beim Kardinal Passionei gerade noch hat- in die nähere und weitere Umgebung, an der ihn vor
te durchblättern können (Br. I, 327), hielt er sich ge- allem die Überreste der römischen Bauten interessier-
genüber Tanucci – und dies in Gegenwart »mehrerer ten. Dazu gehörten Pozzuoli, Bajae und Cap Miseno,
Gesandter« – mit seiner Kritik an der Qualität der Sti- aber auch das noch im Bau befindliche Schloss in Ca-
che nicht zurück: der Kupferstich mit Achilles und serta, das er wohl in Begleitung des Architekten Luigi
Chiron (Abb. 5.4) mache »dem Original Schande« und Vanvitelli besichtigt hat. Andernfalls wäre es ihm
– so schreibt er an Berendis - »Es gereuet mich nicht, kaum möglich gewesen, so genaue Angaben über die
daß ich so geredet habe« (Br. I, 352). Derartige Ge- monolithischen Alabastersäulen zu machen (Br. I,
spräche, mit denen sich W. keine Freunde in Neapel 351). Mit Genugtuung stellte er fest, dass durch diese
machte, dürften während der mittäglichen Essen statt- Residenz Versailles »verdunkelt« werde. Besonders
gefunden haben, zu denen er geladen war. So oft er beeindruckte ihn das gerade im Bau befindliche
sich von Portici aus nach Neapel begab, speiste er ent- Acquedotto Carolino von Luigi Vanvitelli, eines der
weder beim Nuntius Lazzaro Pallavicini, beim Mar- großen Werke der Ingenieurskunst des 18. Jh.
chese Galiani oder beim kaiserlichen Gesandten Karl (Abb. 5.5), das errichtet wurde, um die Brunnen von
5 Winckelmann in Italien 27

te dar, einer königlichen Residenz, die eigens für die


berühmte, aus Parma überführte Sammlung Farnese
errichtet worden war, bestehend aus einer großen
Sammlung griechischer Münzen, der Bibliothek sowie
389 Gemälden, die in »20 großen Zimmern« auf-
gestellt waren (Br. I, 397). Tizians Porträt Pauls III. mit
seinen Neffen steht für ihn weiter unter Raffaels Por-
trät Leos X. mit seinen Beratern (Br. I, 363), das so
»göttlich gemahlet« ist, »daß es Mengs nicht höher ge-
bracht hat in Portraits, welches alles gesagt heißt« (Br.
I, 367). Mit dem Physiker Giovanni Maria della Torre,
der die Sammlungen betreute, trat W. in ein so ange-
nehmes Verhältnis, dass er erwog, dessen Einladung
für einen zweiten längeren Aufenthalt in Neapel an-
zunehmen, an den sich eine Reise nach Kalabrien an-
schließen sollte, die ihn so gut wie nichts gekostet
hätte (Br. I, 370). W. verbrachte in der Gesellschaft des
Padre, der ihn dort sogar bewirtete, mehrere Tage in
Capodimonte und zog aus dem Studium der Münz-
sammlung »mehr Erleuchtung als aus vielen anderen
Museen, die ich besucht habe«; Br. I, 390).
Den Höhepunkt dieser ersten Neapelreise bildete
die Exkursion nach Paestum im April 1758. Nach ei-
ner mühseligen Schiffspassage in Gesellschaft zweier
unbekannter Kammerherrn aus Köln und J. J. Volk-
Abb. 5.4 Achilles wird von Chiron unterrichtet. In: manns nahm er die drei Tempel in der nur von ärmli-
Le Pitture d’Ercolano I, 1757, Tafel VIII. chen Hütten besiedelten sumpfigen Ebene als »cosa
stupenda« wahr. Als er, vielleicht mit Hilfe eines un-
Caserta und die landwirtschaftlichen Nutzflächen der genannten französischen Architekten, der ebenfalls
Ebene zu versorgen. Einen weiteren Höhepunkt der zur Reisegesellschaft gehörte (Br. I, 356), die Maße der
Reise stellten die mehrfachen Besuche in Capodimon- Säulen aufgenommen hatte, war er sich aufgrund der

Abb. 5.5 Luigi Vanvitelli:


Sog. ›Aquedotto Carolino‹
in der Valle dei Maddaloni
bei Caserta, 1762 fertig-
gestellt.
28 I Biographie

ungewöhnlichen Proportionen sicher, dass die Tem- auch den erneuten Besuch Casertas und der Insel Is-
pel älter sein mussten als alles was in Griechenland chia nur kurz erwähnt (Br. III, 31). Dort traf er Angeli-
überlebt hatte (Br. I, 356). Das Erlebnis der unberühr- ka Kauffmann, ihren Vater und Reiffenstein, die schon
ten antiken Tempel in einer nahezu menschenleeren länger in Neapel weilten und die anscheinend mit ihm
Natur scheint ihn umso mehr beeindruckt zu haben, zusammen nach Rom zurückkehrten. Unter einem für
als ihm Johann Jakob Volkmann, den er bei Firmian in W. interessanteren Vorzeichen stand die vierte und
Neapel getroffen hatte, »Stellen aus Hrn. Gessners letzte Reise, die vom 19. September bis zum 19. No-
Idyllen« vortrug (Br. I, 400). vember 1767 währte. Ihr war ein längerer Briefwechsel
Die zweite Reise, die W. im Frühjahr 1762 unter- mit William Hamilton vorausgegangen, der ihn für die
nahm, und zwar in Begleitung eines die militärische Publikation seiner Vasensammlung gewinnen wollte
Karriere anstrebenden Sohnes des Ministers Heinrich (Br. III, 230). Da er seinerseits Hamilton darum gebe-
Graf Brühl, war mit drei Wochen sein kürzester und ten hatte, ihm beim Vertrieb der Monumenti antichi
offenbar auch sein unerfreulichster Aufenthalt in Nea- inediti in England behilflich zu sein (Br. III, 223),
pel (Br. II, 278). Es handelte sich um eine offizielle Rei- konnte er das Angebot nicht ablehnen. Die Verhand-
se, deren Regie bei dem sächsischen »Geheimen Lega- lung mit Hamilton, der den inzwischen in Neapel le-
tionsrat« Johann Heinrich Kauderbach lag, der seinen benden d’Hancarville mit der Herausgabe des Vasen-
eigenen Sohn und den jungen Brühl begleitete und auf werkes (d’Hancarville 1767–1776) beauftragt hatte,
dessen Kosten auch W. reiste. Vieles spricht dafür, dass zog sich über mehrere Monate hin. W. zögerte seine
W. sich nur mit Rücksicht auf die Macht des Ministers Reise hinaus, weil er nicht bei d’Hancarville wohnen
Brühl in Dresden bereit erklärt hatte, die sächsische wollte, wie ihm dieser angeboten hatte, und zwar in
Reisegesellschaft nach Neapel zu begleiten. Obwohl »Betrachtung seines nicht wieder erlangten guten Na-
der junge Brühl, der gerade zum sächsischen Oberst- mens« (Br. III, 267). Anscheinend reiste er deswegen
leutnant ernannt worden war, für ihn genau in die Ka- im späten Frühjahr incognito nach Neapel, um Hamil-
tegorie jener deutschen Kavaliere gehörte, die er ver- ton allein zu treffen. Diese bisher unbeachtete, wohl
achtete – »der Graf Brühl war 6 Monat in Florenz und sehr kurze Neapelreise, die nur durch einen Brief an
18 Tage in Rom« (Br. II, 343) – hat er ihm das 1762 er- Berendis dokumentiert ist, muss nach der Villeggia-
schienene Sendschreiben von den Herculanischen Ent- tura in Porto d’Anzio stattgefunden haben (Br. III,
deckungen dediziert, vielleicht in der Hoffnung, sich 280–281). Während der beiden Herbstmonate wohnte
beim Vater in Erinnerung zu rufen. Das einzig bemer- W. beim Baron von Riedesel, speiste bei d’Hancarville
kenswerte Vorkommnis, über das W. brieflich berich- oder bei Hamilton und brachte manche Tage an den
tet, war der kühle Empfang durch Tanucci, der wahr- Abhängen des Vesuv im Landhaus der Lady Orford zu,
scheinlich inzwischen von W.s Berichten über Hercu- die er hier nach fast zehn Jahren wiedertraf und die im-
laneum unterrichtet war. W. beschloss jedenfalls, ihn mer noch mit dem Florentiner Mathematiker und
künftig als seinen Feind anzusehen (Br. II, 278). Unter Dichter Giulio Mozzi liiert war, den W. respektlos ih-
einem günstigeren Stern stand dagegen die dritte Rei- ren »Bereiter« nennt (Br. III, 316). Mit Hamilton un-
se, die ebenfalls nur knapp einen Monat dauerte. Er ternahm er zahlreiche Exkursionen in die Umgebung,
unternahm sie im März 1764 zusammen mit Peter allein zwanzig Mal nach Portici und vier Mal nach
Dietrich Volkmann, dem jüngeren Bruder Johann Ja- Pompeji. Das durch die französische Übersetzung des
kobs, und mit Johann Heinrich Füssli, d. h. zwei jun- Sendschreibens von den Herculanischen Entdeckungen
gen Männern, denen er als inzwischen erfahrener extrem gespannte Verhältnis zum Hof lockerte sich,
Kenner viel Wissen vermitteln konnte, während er vielleicht auch, weil sich die Situation am Hofe seit der
selbst wohl kaum von den Besichtigungen profitierte, Volljährigkeit König Ferdinands IV. verändert hatte;
außer von den Exkursionen nach Pozzuoli, Cumae, jedenfalls habe er mit dem Minister Tanucci »so wohl
Bajae und Caserta (Br. III, 28). Inzwischen herrschte als mit anderen die beleidiget schienen Frieden gema-
Gewissheit darüber, dass die neuen Ausgrabungen, die chet« (Br. III, 337). Obwohl W. den Lebens- und Herr-
er schon zuvor besichtigt hatte, nicht Stabiae, sondern schaftsstil Ferdinands IV. auf das Schärfste verurteilte
Pompeji zu Tage förderten. Von der Hungersnot, die und ihn als »ungezogener Pursch« bezeichnete, resü-
Neapel in dieser Zeit heimsuchte und auf die eine ka- mierte er: »Neapel diesesmal völlig nach meinem Sin-
tastrophale Pestepidemie folgte, scheint W. nichts be- ne genossen zu haben« (Br. III, 328).
merkt zu haben. Er stand unter so starkem zeitlichen Das aufregendste Erlebnis dieser zwei Monate war
Druck, dass er kaum zum Briefeschreiben kam und der Ausbruch des Vesuv Ende Oktober, der an Intensi-
5 Winckelmann in Italien 29

tät weit über die Eruptionen der früheren Jahre hi- lige Nuntius ihn nur nach Rom ziehen wollte, um ihn
nausging und der zeitlich mit der Exkursion zusam- dort als Konvertit vorzuzeigen und für seine Interes-
menfiel, die W. zusammen mit Riedesel und d’Han- sen zu vereinnahmen. Genauso suspekt war ihm
carville unternahm. Er hat das abenteuerliche und schon in Dresden das Angebot des Kardinals Passio-
wahrscheinlich auch nicht ganz ungefährliche Erleb- nei gewesen, ihn als Bibliothekar anzustellen. Hier
nis in mehreren Briefen geschildert und damit nicht und auch später reagierte er allergisch auf jede ver-
unerheblich zum steigenden Interesse der deutschen meintliche Beeinträchtigung seiner »Freiheit«, unter
Reisenden der nächsten Generation an einer Bestei- der er in erster Linie das Privileg verstand, unein-
gung des Vulkans beigetragen. geschränkt über seine Zeit zu verfügen (Br. I, 296).
Da die Konversion für W. Mittel zum Zweck ge-
wesen war, blieb mit der Person Archintos (Abb. 5.7)
Vom Bibliothekar zum Präfekten der römischen
zeitlebens ein unangenehmes Gefühl verbunden, das
Altertümer
ihn daran hinderte, dessen Generosität und Wohl-
Im römischen Einwohnerspiegel (Stato d’anime) des wollen zu erkennen. Archinto war allerdings nicht
Jahres 1757 wird im Palazzo della Cancelleria nur der ranghöchste Kleriker nach dem Papst, son-
(Abb. 5.6) ein gewisser »Widman bibliote [...] archi- dern auch ein aussichtsreicher Kandidat im bevorste-
vista« (Noack 1907, 362) aufgeführt. Seit Anfang des henden Konklave. Die Chancen, die sich aus dieser
Jahres 1757 bewohnte W. im Piano Nobile unentgelt- Perspektive für seine Karriere ergeben hätten, waren
lich eine geräumige Fünfzimmer-Wohnung mit ei- W. sehr wohl bewusst, ebenso alle anderen Vorteile,
nem großen Balkon auf die Piazza della Cancelleria die ihm der direkte Kontakt zu einem hohen Kirchen-
(Br. I, 266). Es handelte sich dabei um dieselbe Woh- fürsten verschaffte, sei es für die Genehmigung von
nung, die ehemals der Maler Francesco Trevisani be- Ausgrabungen (Br. I, 308), Empfehlungsschreiben
wohnt hatte, der für den Kardinal Ottoboni gearbeitet (Br. I, 334) oder dessen raffinierte Mittagstafel (Br. I,
hatte. Im besonders heißen Sommer 1757 stellte ihm 333). Wie verengt die Perspektive war, aus der W. den
Archinto sogar ein »appartamento nobile« mit dem Kardinal wahrnahm, zeigt der Blick auf seinen
Zugang auf die offene Loggia des Innenhofes der Can- Freund Mengs, der sich glücklich schätzte, in Archin-
celleria zur Verfügung (Br. I, 293). Als Gegenleistung to seinen »protettore« und Mäzen zu finden (Roett-
kümmerte sich W. um die später nach Spanien ver- gen 2003,168) und der daher seinen ältesten Sohn
kaufte Bibliothek des Kardinals (Br. I, 276, 283), der nach ihm benannte. Es gibt mehrere Gründe für W.s
selbst im päpstlichen Palast auf dem Quirinal lebte. trotzig wirkende Undankbarkeit gegenüber Archinto,
Das Verhältnis zwischen W. und Archinto war seit der wichtigste dürfte jedoch die biographisch beding-
Dresden gespannt, weil W. vermutete, dass der dama- te Antipathie gewesen sein, die W. selbst deutlich er-

Abb. 5.6 Giuseppe Vasi:


Ansicht des Palazzo della
Cancelleria mit dem Bal-
kon zur Piazza della Can-
celleria, der zu Winckel-
manns Wohnung gehörte.
In: Giuseppe Vasi:
I Palazzi e le vie più celebri.
Rom 1754, T. 74
30 I Biographie

die das Markenzeichen der römischen Villeggiatura


war (Br. I, 289).
Die Zugehörigkeit der beiden Kardinäle zu gegen-
sätzlichen politischen Faktionen spielte W. geschickt zu
seinem Vorteil aus. Er taktierte wie ein gewiefter Höf-
ling, indem er Archintos Eifersucht erregte, als er in der
Kutsche Passioneis an ihm vorbeifuhr. Am Ende er-
reichte er sein Ziel, nämlich sowohl bei Archinto als bei
Passionei zur Tafel gebeten zu werden (Br. I, 333). Diese
doppelgleisige Strategie sollte für W.s Verhalten gegen-
über der hohen römischen Geistlichkeit charakteris-
tisch bleiben. Abgesehen von für ihn eher nebensächli-
chen Figuren wie Niccolò Antonelli (Br. III, 184) und
Andrea Corsini (Br. III, 222) achtete er genau darauf,
sich für den Ernstfall zu rüsten, und lernte gemäß den
Regeln zu agieren, die man in Rom beherrschen muss-
te, um zu reüssieren; denn es war nie sicher, welche
Machtkonstellation das nächste Konklave hervorbrin-
gen würde. In der Person von Alessandro Albani, der
nach Passioneis Tod im Juli 1761 zum Kardinalbiblio-
thekar der Vaticana ernannt wurde, hatte sich W. seit
1757 gezielt einen zusätzlichen Protektor aufgebaut.
Gegenüber seinen deutschen Briefpartnern nannte er
freimütig die Gründe dafür. Er brauchte einen »dritten
Abb. 5.7 Anton Raphael Mengs: Bildnis Kardinal Alberico
Kardinal«, der ihm im Fall der Fälle ein Beneficium
Archinto, 1758. Lyon, Musée des Beaux-Arts.
verschaffen konnte (Br. I, 313). Mit seinen 65 Jahren
kannte, als er Jahre später zugab, dass »dieser Mann, war Albani nicht wegen seines Alters oder seines politi-
welcher in Dresden das Werkzeug meiner Bekehrung schen Einflusses der Richtige dafür, sondern wegen sei-
war, nicht nach meinem Sinne geschnitten war« (Br. ner antiquarischen Interessen und seiner Sammlung
II, 275). Archintos weltmännische Überlegenheit und von antiken Skulpturen (Roettgen 1981, 123–152).
aristokratische Distanz machten W. bewusst, wie sehr Kurze Zeit nach Archintos Tod bot ihm Albani schrift-
ihm selbst die Weltläufigkeit fehlte. Der Antipode zu lich Logis und ein monatliches Gehalt von 10 Scudi an,
Archinto wurde ausgerechnet jener Kardinal, bei dem worauf sich W. bereit erklärte, sich um die Bibliothek
er nach Archintos Plan hätte Bibliothekar werden sol- sowie die Zeichnungssammlung und die Antiken zu
len. W. erhielt durch die Vermittlung von Giacomelli kümmern. Stolz verkündete er, dass er sich bei Albani
Zutritt zu Passioneis Tafel und gewann aufgrund ge- selbst eingeführt habe, was jedoch nicht zutrifft (Br. I,
meinsamer Interessen schnell sein Vertrauen (Br. I, 444), und war davon überzeugt, dass er sich in dieser
328). Außerdem fühlte er sich von der Zwang- und neuen Abhängigkeit nicht als Bibliothekar missbrau-
Formlosigkeit des persönlichen Umganges mit ihm chen lassen musste (Br. I, 428).
angezogen (Br. I, 431). Die Frankophilie des beken- Nach seiner Rückkehr aus Florenz zog W. am
nenden Anhängers des Jansenismus störte ihn nicht, 18. Juni 1759 (Br. IV, 153) in den Palazzo Albani bei
solange er davon nicht betroffen war. Erst als er sich Quattro Fontane ein (Abb. 5.8), wo er im obersten
zu einer impulsiven Geste hinreißen ließ, die Passio- Stockwerk eine geräumige Vierzimmerwohnung mit
nei veranlasste, sich von der Tafel zu entfernen (Br. I, Blick auf die Castelli Romani erhielt (Noack 1907,
307), kam es zu einer Abkühlung der Beziehung. Be- 362). Er richtete sich hier ein Studiolo ein, das er mit
sonders beglückt war W. von den Aufenthalten in der Gipsabgüssen und mit Antikaglien ausstattete, die
Villa bei Frascati, wo sich Passionei im Bereich des ihm Albani schenkte (Br. II, 8), und das sich im Lauf
Konvents der Camaldolenser durch Ferdinando Fuga der Jahre so füllte, dass er den angeblich antiken, in
eine prachtvolle und nach seinem Tod abgerissene Wahrheit aber wohl durch Cavaceppi manipulierten
Residenz (Antinori 2004) hatte errichten lassen, in Faunskopf (Abb. 5.9) darin nicht mehr unterbringen
der die lockere und zwanglose Atmosphäre herrschte, konnte (Br. III, 304). Auch das von Maron gemalte
5 Winckelmann in Italien 31

Abb. 5.8 Palazzo Albani bei Quattro Fontane in Rom mit Abb. 5.9 Der sogenannte »Winckelmannsche Faun«.
der Wohnung Winckelmanns im vierten Stockwerk. München, Glyptothek.

Porträt hing in diesem »Museum« (Br. IV, 258). In Nur in den verschiedenen Villeggiaturen – vor allem
der Beziehung zu Albani gab es aber wie zuvor bei in Porto d’Anzio – entfielen derartige Rücksichten auf
seinen früheren ›Dienstherren‹ Höhen und Tiefen. das Zeremoniell. In späteren Jahren war W. öfters mit
Die oft von W. betonte Vertrautheit und der freund- der betagten Prinzessin Teresa Albani allein in Porto
schaftliche Umgang wurden gelegentlich durch die d’Anzio und scheint sich mit ihr gut unterhalten zu
impulsive Unbeherrschtheit des Kardinals getrübt, haben (Br. III, 240, 246).
der sich in dieser Hinsicht keine Hemmungen auf- Die gesellschaftlichen Pflichten als Begleiter des
erlegte (Br. II, 340). So sicher sich W. anfangs war, Kardinals wurden ihm mit der Zeit immer lästiger (Br.
dass Albani ihn als »Freund« halten würde (Br. I, III, 48), obwohl er sich schrittweise seine Privatsphäre
440), musste er bald feststellen, dass er als Vertrauter eroberte (Br. III, 273), besonders in der Villa an der
letztlich in der Rolle eines Untergebenen blieb, so et- Via Salaria (Abb. 5.10), die im Sommer Schauplatz
wa, wenn er ihm bis tief in die Nacht hinein Gesell- großer Feste und Empfänge war (Br. III, 116). Ein Jahr
schaft leisten und ständig mit ihm in die Villa fahren später konnte er sich in ein Haus zurückziehen, das an
musste (Br. II, 71) oder wenn er, zumindest in den der Straße neu errichtet worden war und das somit et-
ersten Jahren, im Palast vom Mittagstisch aus- was entfernt vom turbulenten Geschehen lag (Br. III,
geschlossen blieb, weil der Hausherr mit den Prinzen 110). Um dem Festlärm zu entgehen, musste er nicht
und Prinzessinnen seiner Familie speiste (Br. II, 58). mehr abends in die Stadt zurückkehren und vor Son-
32 I Biographie

nenaufgang wieder herauskommen (Br. III, 44). Gele- als Handreichungen für Besucher gedacht waren
gentlich, vor allem im heißen August (Br. III, 170), (Moisy 1987, 53–58).
weilte er allein in der Villa (Br. II, 298), deren Anzie- Mit den Jahren veränderte sich W.s Status, wozu die
hungskraft von Jahr zu Jahr zunahm, wie sich an der öffentliche Karriere beitrug, die er vor allem dank Al-
steigenden Anzahl der Besucher ablesen lässt. Er sah banis Fürsprache am päpstlichen Hof machen konnte.
sich, besonders in den ersten Jahren, gern in der Rolle Albani verfolgte dabei durchaus Eigeninteressen, nicht
des Türöffners, der darüber entschied, wer Zutritt zur zuletzt, weil er immer knapp bei Kasse war und seine
Villa erhielt und wer nicht (Br. II, 81,102). Obwohl W. »famiglia« nicht regelmäßig entlohnte (Roettgen 1982,
versuchte, nur die von ihm für würdig gehaltenen Be- 139). Trotz seiner guten Beziehungen zu Passionei,
sucher zu führen, verlangte Albani diesen Dienst auch dem damaligen Kardinalbibliothekar, war es W. wäh-
für die politische Prominenz, die W. nicht interessier- rend der ersten römischen Jahre nicht gelungen, Zu-
te, wie etwa den Grafen Orsini-Rosenberg, der Minis- gang zu den Manuskripten der Vaticana zu bekom-
ter des Großherzogs von Toskana war (Br. III, 174). men. Dieses Problem war ein häufiges Thema seiner
Die Frage, in welchen Bereichen W. Einfluss auf Briefe (Br. I, 324), verlor aber mit seiner Ernennung
die Gestaltung der Villa Albani genommen hat, ist zum Scriptor linguae teutonicae im Mai 1763 an Be-
lange und kontrovers diskutiert worden (Allroggen- deutung (Br. II, 317). Neben Albani verdankte er diese
Bedel 1981, 327–333). Als gewiss kann gelten, dass ei- Stelle dem Kardinal Spinelli, zu dem er nach Passioneis
nige Ankäufe ab 1759 mit seiner Billigung erfolgten Tod dank Paciaudis Vermittlung in engeren Kontakt
(Br. III, 75) und dass er auch auf die Ergänzungen der getreten war (Br. II, 291). Die neue Stellung als Skriptor
Skulpturen Einfluss nahm (Gesche 1981, 340), zumal erforderte seine regelmäßige Präsenz an allen Vormit-
er Zugang zu Cavaceppis Werkstatt in der Villa hatte tagen außer Sonntag und Donnerstag (Br. II, 355), wo
(Br. IV, 258). Bei der nicht erhaltenen Ausmalung des er allerdings aus dem vormittäglichen Klatsch der an-
Caféhauses nach Entwürfen des mit ihm befreundeten deren zwölf Skriptoren das in Rom notwendige In-
Clérisseau hat W. mit Sicherheit eine maßgebliche siderwissen bezog (Br. II, 335, III, 69). Nur wenn er,
Rolle gespielt (McCormick 1990, 100–103) und auch wie in den Jahren 1766 und 1767, hochrangige Rom-
die Konzeption des Parnass von Mengs in der Galerie besucher zu führen hatte, konnte er in der Bibliothek
dürfte ihm einiges verdanken (Roettgen 2003, 186). für längere Zeit Dispens erlangen (Br. III, 209).
Die Leistung, die Albani von ihm eigentlich erwartete, Während für ihn das Amt des Präfekten, das er am
war eine Beschreibung, deren Niederschrift W. jedoch 11. April 1763 antrat, »senza fatica« (ohne Mühe) war
immer wieder hinausschob (Br. II, 134, III, 10, 80). Die (Br. II, 305), da der jährliche Aufwand nicht mehr als
erhaltenen Beschreibungen sind kurze Texte, die eher zehn Stunden betrug (Br. III, 300), fing er bald an, über

Abb. 5.10 Giovanni Paolo


Pannini: Hauptportikus des
Casino der Villa Albani, ca.
1760. Privatsammlung.
5 Winckelmann in Italien 33

die Amtspflichten als Skriptor zu klagen. Mitte 1766 (Roettgen 1999, 561). Da er weitere 140 Scudi von Al-
fand er einen Vorwand, nicht mehr in die Vaticana zu bani erhielt und für seine gelegentliche Tätigkeit als
gehen, da er damit rechnete, dass er dank der Interven- Cicerone in Form von »Geschenken« ebenfalls hono-
tion Albanis die Stelle des zweiten Kustoden der Biblio- riert wurde, bezifferte er sein Jahreseinkommen 1764
thek mit 400 Scudi Jahresgehalt »ohne die aller gerings- auf 400 Scudi (Br. III, 18). Angesichts des freien Logis
te Arbeit« erhalten würde, zumal er seit dem 5. August und der häufigen Einladungen zu Mittagstischen er-
1764 (Ruprecht 2011, 170–171) kraft eines päpstlichen möglichte ihm dies eine komfortable Lebensweise. So
Breve die garantierte Anwartschaft für ein griechisches konnte er sich in späteren Jahren überlegen, einen Be-
Skriptorat besaß. Nachdem er 1767 dem Papst ein ge- dienten zu halten (Br. III, 702), und lernte es, »zuwei-
drucktes Exemplar der Monumenti antichi inediti per- len artige Essen zu geben« (Br. III, 40).
sönlich überreicht hatte (Br. III, 222, 274), ging er da- Albani, den W. mit den Jahren zunehmend kriti-
von aus, dass ihm die nächste Vakanz in der Bibliothek scher beurteilte (Br. III, 266, 273, 309), vermittelte ihm
die begehrte Stelle bringen würde. Clemens XIII. Rez- 1766 die Bekanntschaft mit dem Kardinal Giovanni
zonico, den sein Freund Mengs 1758 porträtiert hatte, Francesco Stoppani (Br. III, 125–126), der unter die
war W. zweifellos gewogen: schon 1763 hatte W. ihm in »Papabili« gerechnet wurde. Um sich für den Fall von
Castel Gandolfo, einer weiteren Villa des Kardinals Al- Stoppanis Wahl nicht die Gelegenheit zur Berufung
bani, in der W. häufig zur Villeggiatura weilte, aus den auf die anvisierte Kustodenstelle entgehen zu lassen,
Monumenti antichi inediti vorlesen dürfen (Br. II, 349). erwog W. 1768 sogar, seine Reise nach Deutschland
Außer der Ernennungsurkunde (Br. IV, 393–394) aufzuschieben (Br. III, 365). Sein Trachten richtete sich
haben sich bisher nur sehr wenige Schriftstücke aus auf eine Pfründe, d. h. eine jener im päpstlichen Rom
W.s Amtszeit als Präfekt finden lassen, da die Lizenzen so begehrten Versorgungsstellen, die größtmögliche
für Ausgrabungen von den ihm untergeordneten As- Freiheit gewährten und kaum Pflichten auferlegten.
sessoren Alessandro Bracci und G. B. Cantoni aus- Dies wird verständlich, wenn man sich seine beiden
gestellt wurden (Fröhlich 2011, 57). Tatsächlich scheint Obsessionen vor Augen führt, die der drohenden Mit-
sich W. nur dann persönlich um die Lizenzen zur Aus- tellosigkeit und die, als »Lakai mißbraucht zu werden«
fuhr von Kunstwerken gekümmert zu haben, wenn ihn (Br. IV, 252), die beide in der Korrespondenz reichen
die Objekte interessierten und wenn er sie für so wich- Niederschlag gefunden haben. Nicht immer entsprach
tig hielt, dass er die Ausfuhr untersagte (Br. III, 214). diese Sorge der Realität, denn W. konnte sich gepflegt
Durch diese auch nach außen sichtbare Kompetenz und standesgemäß kleiden. Wenn sich ihm die hohen
wuchs W. in Rom eine neue Autorität zu, die seine seit geistlichen Würdenträger im Negligé zeigten, entband
Jahren bestehenden Kontakte zum Kunsthandel ver- ihn dies keineswegs von der Einhaltung der formalen
änderte. Was sich hinter den Kulissen abspielte, ist Etikette, die ihm sein Status als abhängiger »famiglia-
nicht dokumentiert, aber es erscheint als durchaus re« auferlegte. Auch wenn er sich im Laufe der rö-
möglich, dass der Präfekt auch gelegentlich ein Auge mischen Jahre nicht die »gallantry of a lively french
zugedrückt hat. Unter seiner Amtsführung wurden je- Abbé« aneignete, wie John Wilkes bemerkte (Br. IV,
denfalls Lizenzen an Personen erteilt, mit denen er be- 245), gewann er durch seinen Umgang eine gewisse
freundet war, wie Francesco Barazzi, Cavaceppi, Clé- Weltläufigkeit, die sich vor allem in der Kleidung und
risseau und den General von Wallmoden (Fröhlich in seinem Lebensstil äußerte: »Schwerlich wird ein
2011, 59). Sein Einsatz in den Ämtern, die er bekleide- Mensch eine so verschiedene von der Alten Gestalt an-
te, war so minimal als möglich. Von Anfang an hatte er genommen haben, als in mir, ohne Künsteley, nach
es abgelehnt, Führungen für hochstehende Besucher und nach durch den Umgang mit großen Leuten, und
des Vatikans zu übernehmen, die sein Vorgänger Ri- vornehmen Personen, geschehen ist.« (Br. III, 39).
dolfino Venuti angeboten hatte, um seine finanzielle
Lage zu verbessern (Br. II, 42, 309). Vom Museo Profa-
In der »Welthauptstadt«: Begegnungen mit
no, dessen Kustode er war, spricht er nur en passant
Römern und Nichtrömern
(Br. II, 285, 317). Es ist daher sehr zweifelhaft, ob er
den Aufbau dieses Museums entscheidend geprägt hat, Die Personen, mit denen W. in Rom verkehrte, lassen
wie jüngst vorgeschlagen wurde (Ruprecht 2011, 71). sich, abgesehen von den Künstlern und den Personen
Sein Jahreseinkommen aus diesen beiden Ämtern be- seines ständigen beruflichen und persönlichen Um-
lief sich auf 210 Scudi und entsprach damit in etwa gangs, in vier Gruppen unterscheiden: 1. Gelehrte
dem Jahresgehalt des Generals der Schweizer Garde meistens geistlichen Standes, die zum römischen Es-
34 I Biographie

tablishment gehörten, 2. Antiquare und Intellektuelle »Herunterlassung, ja Verläugnung alles Verdienstes«


anderer Nationalitäten, die ihn aus seinen Publikatio- bewunderte (Br. I, 326). Bereits 1756 lernte er den Je-
nen kannten und deswegen den Dialog mit ihm such- suitenpater Contucci kennen, der die Bibliothek der
ten, 3. Rombesucher aus deutschen Ländern, die ihn Jesuiten im Collegio Romano leitete, die W. damit
aufsuchten, um von ihm belehrt und begleitet zu wer- ebenso zugänglich wurde wie das dort befindliche
den, 4. Prinzen und Fürsten, denen er als Cicerone Museum mit etruskischen Altertümern. Er sah hier
Rom nahebrachte und an die er wegen ihrer politi- auch zahlreiche angeblich antike Gemälde (Raspi Ser-
schen Funktion als Regenten besonders hohe Ansprü- ra 2000, 133–135), deren Echtheit W. zu Recht bezwei-
che stellte. Der Gelehrte müsse sich in Rom eine lange felt hat, wie er bereits 1758 in einem Bericht an Bian-
Zeit aufhalten »von welcher der Eitelkeit nichts hin- coni darlegte (Br. I, 287). Der Gelehrte, den W. am
zuwerfen ist«. In dem 1762 niedergeschriebenen Send- meisten schätzte und mit dem er, ebenso wie Mengs
schreiben von der Reise eines Gelehrten (Br. IV, 17–20) (Roettgen 2003, 493), gut befreundet war (Br. II, 354),
spiegeln sich W. persönliche Erfahrungen in der rö- war Costantino Ruggieri, Leiter der Druckerei im Pa-
mischen Gelehrtenwelt, die er als weitgehend positiv lazzo della Propaganda Fide und Schützling und Bi-
wahrnahm. Er schätzte an den Gelehrten geistlichen bliothekar des Kardinal Spinelli. Er litt allerdings un-
Standes ihre Genügsamkeit, ferner, dass sie an einem ter melancholischer Schwermut und beendete sein Le-
Hof, der mehr als andere »auf Gelehrsamkeit besteht«, ben als Selbstmörder durch einen Pistolenschuss in
»in der Stille« leben können und wahre Philosophen den Hals (Justi III, 36), was W. sehr erschütterte (Br. II,
seien ohne es zu scheinen (Br. IV, 19). Unschwer lassen 354). Den Marchese Lucatelli, Kustode des Museo Ca-
sich hinter dieser euphemistischen Schilderung die pitolino, Ridolfino Venuti, damals Präfekt der Altertü-
beiden Männer ausmachen, die W. vor allem diesen mer Roms, und Giovanni Gaetano Bottari, Autor des
Eindruck vermittelt hatten. Dies waren Giacomelli Katalogs der Skulpturen des Museo Capitolino und
und Baldani. Michelangelo Giacomelli war ein an- Freund Passioneis, kannte er gut genug, um sie bitten
erkannter Kirchenhistoriker und Übersetzer klassi- zu können, seine italienischen Texte zu begutachten
scher griechischer Texte, der damals schon auf eine und sprachlich zu korrigieren (Br. I, 335).
lange klerikale Karriere zurückblickte, die ihren Hö- Zugleich war ihm aber der »Schwarm von Antiqua-
hepunkt aber erst nach der Wahl Clemens’ XIII. riis« suspekt, da »dergleichen Großsprecher glauben,
(1758) erreichte. Als Toskaner versuchte er, W. Dante ich meße ihre Wißenschaft nach ihren Jahren.« (Br. I,
schmackhaft zu machen (Br. I, 276). Antonio Baldani, 301). Als W. besser mit der römischen Gelehrtenwelt
der Alessandro Albanis famigliare war und selbst eine vertraut wurde, ließ seine Hochschätzung deutlich
große Bibliothek besaß, war laut W. einer der weises- nach. So äußerte er sich hochnäsig über die »beyden
ten Männer in Rom und »einer von den gewöhnlichen Assemanni«, ihres Zeichens Kustoden der Biblioteca
Genies der Welschen die keinen Kitzel haben zu Vaticana, weil sie die arabische Sprache »nur lesen«
schreiben« (Br. I, 276). Daher schmeichelte es ihm könnten (Br. III, 323). Zu den römischen Gelehrten
sehr, als er zu Beginn des Jahres 1758 von Giacomelli und Antiquaren, die nach anfänglicher Begeisterung
und Baldani aufgefordert wurde, an ihren sonntägli- (Br. I, 271, 276) schnell von W. deklassiert wurden,
chen Konversationen über archäologische Fragen teil- zählt der Franziskanerpater Bianchi, der in seiner
zunehmen, und zwar mit den Worten Giacomellis: Klosterzelle in S. Bartolomeo auf der Tiberinsel ein
»Mein Freund, Ihr sollt, wenn Ihr wollt, der Dritte großes Münzkabinett beherbergte und viel vom Thea-
seyn.« (Br. I, 324–5). Diese Rangerhöhung löste in ihm ter verstand (Justi II, 152). Er könne, tönt W., »viel wi-
Euphorie aus: neben Giacomelli, der »für den größten ßen, aber in der Kunst ist er dumm wie ein Rindvieh.«
Gelehrten in Italien gehalten wird, und ist«, sei er nun (Br. I, 301). Eine noch polemischere Tonart schlug er
»der größte Grieche in Rom« (Br. I, 328). Baldani, der gegenüber dem Florentiner Domenico Augusto Brac-
laut W. monatlich über 100 Dukaten Einkünfte ver- ci an, der sich in Rom als Cicerone verdingte und sich
fügte, hat ihm bei der Abfassung der Monumenti anti- gleichzeitig mit wenig Expertise und wenig Glück auf
chi inediti sowohl in sprachlichen Fragen wie auch als das Studium der antiken Glyptik verlegte. W. nannte
kritischer Leser assistiert (Br. II, 356). ihn »armselig« (Br. II, 103).
Zu den »Philosophen« rechnete W. auch Odoardo Zum Kreis der professionellen Kontakte gehörte
Corsini, den General der Padri Scolopi, zu dem er we- auch der Theatinerpater Paciaudi, durch den er den
gen seiner Kenntnis des Griechischen Verbindung Kardinal Spinelli kennengelernt hatte und mit dem er
suchte und an dem er, als ihm dies gelungen war, seine seit dessen Übersiedlung nach Parma (1761) einen re-
5 Winckelmann in Italien 35

Abb. 5.11 Carles-Louis


Clerisseau: Ruinenzimmer
im Konvent der Péres
Minimes bei S. Trinita ai
Monti in Rom, ca. 1766.

gelmäßigen Briefwechsel pflegte. Paciaudi hatte enge nimes Jacquier und Lesueur gemacht hatte (Br. II,
Verbindungen nach Paris, vor allem zu Caylus, und 346). Im Dezember 1767 hat er sie dann zusammen
versuchte, für diesen Zeichnungen in der Villa Albani mit Filippo Farsetti, einem umtriebigen venezia-
anfertigen zu lassen, was W. zu verhindern wusste (Br. nischen Kunstsammler, in S. Trinità ai Monti in dem
II, 102). Andererseits bat er Paciaudi 1763 darum, ein heute berühmten, von Clérisseau ausgemalten Zim-
gutes Wort für ihn einzulegen, um in die Pariser Aka- mer aufgesucht (Abb. 5.11) und wünschte sich, wie er
demie aufgenommen zu werden (Br. II, 314). 1760 dem Maler schrieb, »ein gleiches Werk in Paris, das
wandte sich W. an den inzwischen zum Direktor des Ihnen sicherlich Ehre machen würde, da dieses male-
königlichen Münzkabinettes ernannten Pater Barthé- rische Genre wegen seiner Seltenheit dort noch mehr
lemy und erinnerte sich in diesem Zusammenhang, Wirkung haben würde als hier« (Br. III, 349).
dass er diesen 1756 beim Kardinal Passionei mehr- Seine Kontakte zu Franzosen waren aus der Nähe
mals gesehen habe, damals aber so ängstlich und besehen demnach sehr viel besser als seine brieflichen
schüchtern gewesen sei, dass er es nicht gewagt habe, Invektiven vermuten lassen. Dies trifft in besonderem
sich ihm zu nähern (Br. II; 99). Es entspann sich nun Maße auf Watelet zu, der für ihn zunächst ein »übel
jedoch ein anspruchsvoller antiquarischer Briefwech- berichteter und irriger Skribent« war. Als er aber 1763
sel, aus dem man u. a. erfährt, dass W. durch den Kar- nach Rom kam und W. ihn näher kennenlernte, ent-
dinal Spinelli die Bekanntschaft der beiden Pères mi- deckte er in ihm einen kultivierten und angenehmen
36 I Biographie

Gesprächspartner, so dass er sich mit ihm sogar nach W.s Verhältnis zu den Briten war weniger gestört
Torre Astura begab, um nach einer Villa Ciceros zu su- als das zu den Franzosen. Eine der ersten Bekannt-
chen (Br. III, 152). Das harsche Urteil über seine schaften war die mit dem schottischen Maler Colin
Schriften in der Geschichte der Kunst des Alterthums Morison, den er 1758 bei Mengs kennenlernte und
hätte er nun gern gemildert, denn »es ist derselbe so mit dem er sofort eine gemeinsame Reise nach Grie-
bescheiden, daß er in Rom eingesehen, wo er geirret, chenland plante, der erste von vielen folgenden und
und daß es besser gewesen wäre, nach seiner Rückrei- vergeblichen Versuchen, das Land seiner Sehnsucht
se zu schreiben.« (Br. III, 152). Auch in einem anderen zu erreichen (Br. I, 436). Für die Briten, die er in Rom
Fall revidierte W. seine antifranzösischen Ressenti- traf, war dieses Ziel weitaus realistischer, und auch das
ments, und zwar bei der Bekanntschaft mit dem Geo- faszinierte W. an ihnen. Morison wurde später in Rom
logen Nicolas Desmarest, der den Duc de Rochefou- ein begehrter Cicerone für englische Reisende. Auch
cault nach Rom begleitete und den er bat, bei Watelet an James Adam, der 1762 Albanis Zeichnungssamm-
ein gutes Wort für ihn einzulegen (Br. III, 263). Mit lung gleichsam unter seinen Händen nach London
Desmarest verbrachte er 1766 so unterhaltsame Stun- entführte (Br. II, 255), interessierten W. die griechi-
den, dass er an Paciaudi schrieb, er könne mit ihm sche Reisepläne, aber auch die angekündigte Publika-
kaum ein ernsthaftes Wort wechseln, weil ihre Ge- tion des Kaiserpalasts in Spalato. Außerdem war er
spräche regelmäßig in Scherze ausarteten (Br. III, wohl neidisch darauf, wie professionell und effizient
136). In allerhöchstes Entzücken versetzte ihn schließ- Adam in Rom alle Baudenkmäler aufnehmen ließ (Br.
lich der junge und großzügige Duc de La Rochefou- II, 243, 248).
cault selbst, den er 1766 in Rom führte und der sich Nähere Bekanntschaft schloss W. mit Edward
bei ihm mit einem Geschenk von 100 Scudi bedankte, Wortley Montagu, den er 1762 kennenlernte und der
die für die Publikation der Monumenti antichi inediti von 1763 bis 1764 Ägypten und Kleinasien bereiste,
dienen sollten (Br. III, 163). wohin ihn W. gern begleitet hätte. Trotz seines skan-
Unter den nichtitalienischen Gelehrten, mit denen dalträchtigen Lebenswandels (Br. II, 68) schätzte ihn
W. in Rom zusammentraf, waren abgesehen von dem W. wegen seiner Gelehrsamkeit und korrespondierte
jungen Schweizer Johann Heinrich Füssli keine Deut- über mehrere Jahre intensiv mit ihm. Montagu ver-
schen, was sich aus deren finanziell und sozial meis- anlasste ihn zu der Äußerung, dass die Engländer
tens miserabler Lage erklärt, die sie, wie W. bestens doch die einzige weise Nation seien (Br. II, 243). Die-
wusste (Br. IV, 19–20), dazu zwang sich in der Hoff- ses Urteil revidierte er schnell, als er in den Jahren
nung auf eine spätere Universitätskarriere als Hausleh- 1763 und 1764 Angehörige der britischen High Socie-
rer oder Bibliothekar zu verdingen. Wenn überhaupt, ty zu begleiten hatte, die für Albani wegen seiner Rolle
traten sie in Rom als Reisebegleiter von Aristokraten in als Informant von Horace Mann eine wichtige Klientel
Erscheinung, wie dies bei Johann Friedrich Reiffen- waren. Zu ihnen gehörten, um nur die bekanntesten
stein der Fall war, der 1762 mit dem Grafen Lynar nach zu nennen, Lord Baltimore (Ingamells 1997, 46, Br. II,
Rom kam, dem es aber gelang, sich dort dauerhaft zu 285), der Duke of Gordon (Ingamells 1997, 407, Br. II,
etablieren. W. lernte ihn kennen, stellte ihn dem Kardi- 297), Lord und Lady Spencer (Ingamells 1997, 882–
nal Albani vor und entwickelte mit den Jahren ein 885, Br. II, 353), und vor allem der jüngere Bruder des
freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis zu englischen Königs, Edward Duke of York, der im März
ihm, so dass er ihn als Cicerone und als Agenten für 1764 nach Rom kam und bei Francesco Barazza in der
Kunstankäufe empfahl. Reiffenstein teilte zwar mit W. via della Croce logierte. Als W. ihn auf Wunsch Alba-
das Interesse an Rom, war aber weltläufiger, pflegte op- nis (Lewis 1961, 206) im April 1764 in der Villa Albani
timale Kontakte nach Paris und nach Deutschland und führte, wo für ihn auch ein großer Empfang gegeben
Osteuropa, und engagierte sich für die Kunst und die wurde (Lewis 1961, 207), nannte er ihn »das größte
Künstler seiner Zeit. W. konnte nicht umhin zu be- fürstliche Vieh, das ich kenne« (Br. III, 40).
wundern, dass es »Reiffstein« – wie er ihn nannte –, Eine der denkwürdigsten Bekanntschaften W.s war
der damals mit der Erfindung einer Glaspaste experi- die mit dem englischen Politiker und Schriftsteller
mentierte (AGK, 9), gelang, sich »ohne Glaubenswech- John Wilkes, der nach seiner Verbannung aus England
sel [...] von der Arbeit seiner Hände« zu nähren (Br. III, auf den Kontinent geflohen war und 1765 in Florenz
263–264). Nach W.s Tod wurde Reiffenstein zum wich- durch Horace Mann mit einem Brief an W. versehen
tigsten Vermittler römischer Kunst- und Kulturgüter wurde (Lewis 1961, 110). Die Schätzung war gegen-
nach Mittel- und Osteuropa. seitig, wobei W. von Wilkes’ unkonventioneller Le-
5 Winckelmann in Italien 37

bensweise ebenso fasziniert war wie von seinen demo- phile Kaufmann, Antiquar und Bankier Francesco Ba-
kratischen Überzeugungen (Br. III, 289–291). Wilkes razza(i) in der Via della Croce, der sich um seine fi-
seinerseits sah in W. einen verwandten Geist, wie sei- nanziellen Angelegenheiten kümmerte und ihm beim
ne Erinnerung an ihn belegt, »durchglüht vom Geist Versand der Monumenti antichi inediti behilflich war
der Freiheit und von Gefühlen, die der freiesten Repu- (Br. III, 268). Auch die Kunsthändler Amidei und Al-
bliken der Antike würdig sind, da, wenn ich mich fani (Br. II, 372) gehörten zu dem von W. regelmäßig
nicht irre, die meisten modernen Republiken zu kor- frequentierten Personenkreis, ebenso wie das Ehepaar
rupten Adelsherrschaften degeneriert sind«; Br. IV, Maron, und hier vor allem Therese Mengs-Maron, die
245). Einen weiteren nicht unbedeutenden Engländer ihn bei der Anstellung eines Bedienten beriet (Br. III,
hat W. in Rom gut gekannt, obwohl er ihn nur beiläu- 702). Bei ihrer Heirat mit Anton Maron am 14. August
fig erwähnt. Dies war Daniel Webb, der 1759 in Rom 1765 fungierte W. neben den Malern Nikolas Mos-
war und dort mit Mengs und W. Umgang pflegte und mann und Friedrich Anders sowie Bartolomeo Cava-
dem W. zugesteht, »die Gemählde mehr als sonst je- ceppi als Trauzeuge. Zu seiner Person macht er hier
mand« studiert zu haben (Br. II, 273). Es ist davon aus- die Angabe: »Ich wohne in der Pfarrei von S. Susanna,
zugehen, dass W. alle damals in Rom als Cicerone und im Palast des Kardinal Albani, wo ich Kammerherr
Antiquare tätigen Briten kannte. Neben Colin Mori- bin« (Michel 1996, 392–393).
son erwähnt er den Maler John Parker (Br. II, 104), ei- Unter den »Absenzen« in W.s Briefwelt ist Giaco-
nen Schüler von Benefial, Thomas Jenkins und Gavin mo Casanova zu erwähnen, den er 1760 im römischen
Hamilton, nicht aber James Byres. Salon der Marchesa Cheroffini an der Piazza della Pi-
Nicht mit allen Engländern war W.s Kontakt jedoch lotta (Noack 1907, 83) kennenlernte und der in seinen
unbelastet. Während sich James Boswell in einem Ta- Memoiren mehrere amüsante und brisante Episoden
gebuch vom Mai 1765 alle Treffen mit W. notierte und über ihn zum Besten gibt (Br. IV, 222–226; Irmscher
mit ihm die Villa Albani besichtigte (Br. IV, 244), 1990). Auch wenn seine Angaben nicht in jeder Hin-
brachte W. den Maler James Barry und andere Englän- sicht verlässlich sind, ist ihr Wahrheitsgehalt nicht
der 1766 in Rom gegen sich auf wegen seiner auch von grundsätzlich zu bezweifeln (Osterkamp 1988). Unter
der Londoner Presse kommentierten Attacke in der seinen kuriosesten Bekanntschaften findet sich die
französischen Ausgabe der Geschichte der Kunst des Kurtisane Viscioletta, in die sich Giacomo Casanova
Althertums, die den Engländern die Begabung zur heftig verliebte (Casanova 1985, XII, 163–164). W.
Kunst absprach (Br. III, 227). Barry schrieb darüber an ging sie öfters besuchen, »aber in allen Züchten«, und
Edmund Burke: »Ich möchte Ihnen von dem merk- hielt denjenigen, die sie für ebenso schön erklärten
würdigen System des Abbate Winckelmann berichten, wie die Venus von Medici, entgegen, dass sie entblößt
mit dem ich mich über die künstlerische Begabung gegenüber der Venus »als ein Scheusal erscheinen«
der Nordländer auf ewig zerstritten habe«; Br. II, 480). würde (Br. III, 195).
Während die markanten Persönlichkeiten, mit de- Eine besondere Rolle in W.s Leben spielt der mit
nen W. aus karrierepolitischen und professionellen ihm gleichaltrige Arzt und gelehrte Dilettant Gian Lu-
Gründen zu tun hatte, in seinen Briefen gut repräsen- dovico Bianconi, eine der interessanten Gestalten ita-
tiert sind, bleiben die Personen seines täglichen Um- lienischer Zunge in W.s Umfeld. Auch nach 1755 setzte
gangs im Schatten. Einer von ihnen war der Buch- er sich als Leibarzt des sächsischen Kurprinzen Fried-
händler und Verleger Niccolò Pagliarini, bei dem W. rich Christian von Dresden aus immer wieder für ihn
ein häufiger Mittagsgast war (Br. I, 333). Mehrfach ein, ermunterte ihn zu Publikationen und hatte eine
speiste er auch im Palazzo Farnese beim Duca di Ceri- Zeit lang durchaus W.s Vertrauen, so dass 1758 sogar
sano, dem neapolitanischen Botschafter (Br. I, 325), eine gemeinsame Reise nach Griechenland erwogen
der ihn »seinen Freund nennet« (Br. I, 334) und der wurde (Br. I, 436, IV, 148). Von Zeit zu Zeit regten sich
1756 mit Mengs über dessen Neapelreise verhandelt jedoch in W. Misstrauen und der Verdacht, Bianconi
hatte (Roettgen 2003, 480). W. erfreute sich auch der wolle ihn für seine Interessen einspannen, so dass er
Gastfreundschaft des meistens nur kurz erwähnten mehrfach den Kontakt zu ihm abbrach. Als Bianconi
Baron de Saint-Odile, der als Gesandter des Großher- schließlich 1764 als sächsischer Resident (Gesandter)
zogs von Toskana ihm außerdem Zugang zu antiken nach Rom kam, blieb das Verhältnis kühl. Zwar be-
Monumenten in der Villa Medici verschaffen konnte, diente sich W. gern des diplomatischen Kuriers für sei-
die normalerweise unter Verschluss waren (Br. II, ne sächsischen Postangelegenheiten, aber die alte
105). Eine wichtige Person war für ihn auch der anglo- Herzlichkeit und Spontaneität stellte sich nicht wieder
38 I Biographie

ein, wohl auch, weil Bianconi einen großen Teil des Keyßler« (Br. IV, 13). Er war zudem überzeugt davon,
Jahres in Siena weilte, wo seine Töchter erzogen wur- dass er als Ausländer bessere Ratschläge und Handrei-
den (Justi III, 319). In seinem letzten Brief an ihn aus chungen für die Reisenden geben könne als ein Römer,
Venedig bat W. ihn, einen Sack mit Kaffee und einen »weil wir gegen das was uns beständig vor Augen ist,
Korb mit allen Utensilien für die Kaffeezubereitung bis gleich gültig werden« (Br. IV, 13).
zu seiner Rückkehr zu verwahren (Br. IV, 950a). In dem Maße, wie W. sich über seinen steigenden
europäischen Ruhm Rechenschaft ablegte, veränderte
er sein Verhalten gegenüber denen, die ihn kontak-
Praeceptor der Eliten und der Fürsten
tierten, um durch ihn Rom und die Villa Albani ken-
Die zahlenmäßig größte Gruppe von W.s Rombe- nenzulernen. Er konnte es sich immer mehr leisten, zu
kanntschaften bilden die kurzzeitigen Besucher. Unter selektieren und sich zu verweigern, gab aber umso
ihnen stechen vor allem die heraus, die nach ihrer eher nach, je hochrangiger die Person war, die sich an
Rückkehr zu seinen Briefpartnern wurden, wie Leon- ihn wandte. Sein wichtigstes Kriterium war die eines
hard und Paul Usteri, Johann Heinrich Füssli, Her- ernsthaften Interesses an Rom und der Kunst. Ein we-
mann von Riedesel, Friedrich Reinhold von Berg, J. F. sentlicher Aspekt bei seiner »Missionierung« der po-
von Werthern-Beichlingen, Friedrich Wilhelm von litischen Klasse des Ancien Regime war für ihn, »die-
Schlabrendorf, Christian von Mechel und Johann Ja- selben nicht in schlechte Hände zu laßen« (Br. III,
kob Volkmann. So unterschiedlich ihr soziales Milieu 148). Mit dem ursprünglich für den Spätherbst 1767
und ihre Lebensbereiche und Tätigkeiten waren, ge- (Br. III, 312), dann für das Frühjahr 1768 (Br. III, 353)
hörten sie doch allesamt zu der durch die Romreise angesetzten und schließlich auf 1769 verschobenen
geeinten Spezies der »Liebhaber der Künste«, als de- Rombesuch Kaiser Josephs II. und des Großherzogs
ren Erzieher sich W. verstand. Wie meistens in W.s von Toskana, die in der Villa Albani wohnen und von
Wahrnehmung gab es neben den jungen und begeiste- W. geführt werden sollten, wären W.s Ambitionen als
rungsfähigen Reisenden auch die schwarzen Schafe. Erzieher auf höchster Ebene erfüllt worden. Er hätte
Eines von ihnen war Albert Christian Heinrich Graf dafür sogar auf die Deutschlandreise verzichtet und so
Brühl, jüngster Sohn des sächsischen Ministers Brühl, vielleicht das eigene Leben retten können.
den er im Januar 1762 nach Neapel begleitete. Der ernsthaft an der Kunst interessierte, ebenso
Das Tagebuch des Grafen Lynar vom Mai 1762 gibt uneitle wie unprätentiöse Herrscher war das Ideal,
eine gute Vorstellung vom Ablauf einer Führung durch nach dem er sein Leben lang gesucht hat. Zunächst
W. Den Auftakt bildete ein Besuch in der Accademia hatte er gehofft, es im sächsischen Kurprinzen Fried-
del Nudo auf dem Kapitol, wo man den Künstlern rich Christian zu finden, den er unterrichten wollte
beim Zeichnen zusah. Es folgten das Kapitolinische (Br. II, 292), dem jedoch nur eine zweimonatige Re-
Museum und die Villa Borghese einschließlich der Pa- gierungszeit vergönnt war. Sein Tod im Dezember
lazzina, abends gab es ein Konzert. Am nächsten Tag 1763 beraubte W. nicht nur der Hoffnung auf eine
stellte W. den Grafen dem Kardinal Albani vor; danach Stellung am Dresdner Hof (Br. III, 4), sondern beküm-
begab man sich in die Villa Negroni. Es folgten in den merte ihn, weil er aus seiner Sicht dieses Ideal verkör-
nächsten Tagen St. Peter, der vatikanische Palast und pert hatte (»jener Fürst, der das ähnlichste und leben-
die Biblioteca Vaticana, wo nur die von Keyssler er- digste Abbild der Gottheit war«; Br. III, 21).
wähnten Codices zu sehen waren (Br. IV, 231). W. hat Der zweite Hoffnungsträger war Friedrich II. von
die Ziele und Inhalte seiner erzieherischen Mission ge- Preußen, für den W. ein zwischen Abneigung und Be-
nau durchdacht. An keiner Stelle ist dies deutlicher wunderung schwankendes, aber stets engagiertes In-
zum Ausdruck gebracht als im Sendschreiben von der teresse bekundete. Als ihm schließlich 1765 eine Stelle
Reise eines Liebhabers der Künste für Riedesel und Me- als Ober-Bibliothekar der königlichen Kunst- und
chel: »Der Liebhaber der Künste muß die Baukunst, Münzsammlung in Berlin angeboten wurde, schraub-
Bildhauerey und Mahlerey mit einander vereinigen, te er jedoch seine Forderungen so hoch (Br. III, 279),
von welchen Rom die Schule und der höchste Lehrer dass sich diese Lösung zerschlug. Dahinter stand die
ist, und in jeder Kunst verdienen die neuern Werke Angst vor der sozialen Geringschätzung und vor der
nicht weniger Aufmerksamkeit als die alten« (KS 207). Abhängigkeit von einem Dienstherrn, aus der sich die
Auf der Grundlage seines Wissens über Rom sah er meisten seiner karrierepolitischen Entscheidungen
sich auch in der Lage, einen »Wegweiser« zu verfassen, erklären. Ganz anders verhielt es sich, sobald sich ein
mit »Nachrichten, die wichtiger sind als die aus dem Herrscher außerhalb des Systems bewegte, das ihn
5 Winckelmann in Italien 39

nicht nur unnahbar machte, sondern ihm auch die 250–257). Nach der Abreise des Herzogs im April
menschliche Dimension nahm. Wäre Friedrich II. 1766 verweilte Erdmannsdorff noch für einige Zeit in
nach Rom gekommen, wie W. 1764 hoffte (Br. III, 39), Rom und setzte hier seine Exkursionen unter W.s Ägi-
so hätte sich vielleicht ein größeres gegenseitiges Ver- de fort (Erdmannsdorff 2001, 296). Später schrieb er
ständnis entwickelt. aus der Erinnerung auf, wie sich ihm die sechs Monate
In den letzten beiden römischen Jahren realisierte in Rom eingeprägt hatten. Während dieser Zeit habe
sich für W. in Rom eine Konstellation, die ihm den er W. täglich gesehen, der des Morgens gegen neun
Glauben zurückgab, dass es – ungeachtet seiner Über- Uhr in das Hotel (Albergo di Londra) an der Piazza di
zeugung »Alle große Herren sind eine Art von Tyran- Spagna gekommen sei, um die Reisegesellschaft dann
nen, wenn man ihnen nicht den Kopf bieten will oder auf den Gängen durch die Stadt zu begleiten. Die Ex-
kann« (Br. II, 207) – einen idealen Herrscher geben kursionen dauerten meistens bis 3 oder 4 Uhr nach-
könnte. Wahrscheinlich war die Begegnung mit dem mittags; danach speiste man gemeinsam und vertiefte
Prinzen Georg zu Mecklenburg, einem Bruder der dabei die Eindrücke. Erdmannsdorff berichtet auch
englischen Königin, der Anfang November 1765 in von den Landpartien nach Tivoli, Frascati und Castel
Rom eintraf, durch den seit Jahren mit W. im Brief- Gandolfo, wo W. durch seine »Herzensgüte und seine
wechsel stehenden Probst Genzmer vorbereitet wor- einfache und offenherzige Denkweise« fesselte (Erd-
den, der den damals Siebzehnjährigen erzogen hatte. mannsdorff 2001, 310). Weitere Details finden sich bei
W. nahm sich in einem Maße der Bildung und Beleh- Berenhorst, dessen Berichte über die Ausflüge mit W.
rung des jungen Mannes an, die über seine früheren im März und April 1766 von W.s Schwächen sprechen.
Engagements weit hinausging. Er sei ihm Freund, Er habe viele Vorurteile, dulde, vor allem bei Tisch,
Sohn, Schüler und Spielgeselle und kehre mit ihm »zu keinen Widerspruch und errege sich leicht, besonders
meiner verfloßenen Jugend zurück« (Br. III, 133). Er nach übermäßigem Weingenuss (Br. IV, 256).
zeigte ihm neue antike Funde, erklärte sie ihm und war Anfang November 1766 begleitete W. einen weite-
höchst zufrieden damit, dass dieser Prinz »wider aller
Deutschen Gewohnheit, der Einsicht, welche Rom er-
fordert, gemäß zugeschnitten ist« (Br. II, 138). Schon
zwei Monate später traf der Herzog Leopold III. Franz
von Anhalt in Rom ein, der sich – offenbar unerwartet
– zu Fuß und spät am Abend ohne Begleitung in W.s
»Hütte« begab. Gelegentlich ließ W. den Herzog nun in
der Obhut des Prinzen, der dort seine Stelle vertrat (Br.
III, 148). Gleichzeitig war auch noch der General von
Wallmoden in Rom, und W. rechnete mit Riedesels
baldigem Eintreffen. Diese Kumulation von hochran-
gigen Deutschen, die sich alle für die Kunst, die Antike
und ihn selbst interessierten, verschaffte W. höchste
Befriedigung. Allerdings kam er dadurch erheblich ins
Gedränge, da ihm nun die Zeit für seine eigene Arbeit
abging (Br. III, 151), und bald klagte er darüber, dass
der Prinz nicht ohne ihn aus dem Haus gehe und er
zwei Stunden für das Essen verliere, »da ich mit einer
Viertelstunde fertig werden könnte« (Br. III, 155).
Als regierender Landesherr war Leopold Franz von
Anhalt ihm dann doch wichtiger, zumal er ihn bei sei-
nem ersten Besuch mit den Worten begrüßt hatte:
»Ich bin von Dessau, mein lieber Winckelmann; ich
komme nach Rom, zu lernen, und ich habe Sie nötig.«
(Br. III, 156). Die beiden Begleiter des Herzogs waren
Berenhorst und Erdmannsdorff. Beide haben W. in ih- Abb. 5.12 Pompeo Batoni: Bildnis Erbprinz Carl Ludwig
ren Aufzeichnungen, die auch das Besichtigungspro- Ferdinand von Braunschweig, 1767. Braunschweig, Herzog
gramm nachzeichnen, ausführlich gewürdigt (Br. IV, Anton Ulrich-Museum.
40 I Biographie

ren deutschen Fürsten. Der wegen seiner militärischen Prinzen beschert hat. Für das Bildnis des Herzogs
Meriten von W. als »deutscher Achilles«, später aber Franz von Anhalt-Dessau (Abb. 5.13), das durch eine
auch weniger schmeichelhaft als Tydeus bezeichnete plastisch dekorierte antike Marmorvase als Rompor-
Erbprinz von Braunschweig wirkte auf W. schweigsam trät ausgewiesen ist, hatte sich W. an Maron gewandt
und verschlossen, aber ebenso wie er selbst war er gut und kam dadurch auf die Idee, sich ebenfalls von Ma-
zu Fuß, und so erwanderten sich die beiden Männer ron porträtieren zu lassen (Br. III, 197).
Rom in Fußmärschen, die sieben bis acht Stunden Wenn W. von Leopold von Anhalt als dem »Phoe-
dauerten. W. versuchte ihn aufzumuntern und dankte nix der Prinzen« spricht, der »ein Kayser seyn sollte,
Gott dafür, »kein großer Herr zu seyn; die wahre Frö- so wie er ein Menschenfreund ist« (Br. III, 213, 177),
lichkeit ist nicht ihr Antheil. Wie oft habe ich diesem so werden hieran seine Erwartungen an einen moder-
würdigen Prinzen wiederholet, daß nicht ich, sondern nen, aufgeklärten und kultivierten Herrscher ablesbar.
er, unglücklich seyn könne.« (Br. III, 218 ). Wahr- Keiner der drei Fürsten, denen W. als noch jungen
scheinlich durch W. veranlasst, ließ sich der Erbprinz Männern Rom vermittelt hat, wurde nach der Rück-
von Pompeo Batoni porträtieren (Abb. 5.12), zwar in kehr aus Italien zu einem markanten politischen
höfischer Kleidung und mit dem Degen an der Seite, Machtträger. Am stärksten identifizierte sich Franz
aber gestützt auf einen antiken Glockenkrater, den W. von Anhalt-Dessau mit W.s Idealen. Seine und Erd-
in den Monumenti antichi inediti abgebildet hat. Der mannsdorffs Schöpfung des Garten- und Musen-
heute im Louvre befindliche Krater, der damals Mengs reichs Wörlitz, in der sich das Rom-Ideal mit einer
gehörte (Roettgen 1981, 129–130), war von W. mit Be- englisch geprägten Arkadien-Vision verbindet, wurde
dacht gewählt worden, denn auf der Vorderseite ist zum wirksamsten Symbol von W.s Einfluss auf das
Pallas Athena dargestellt, die Herkules aus einer Karaf- deutsche Kulturleben des 18. Jh.
fe einschenkt. Man geht kaum fehl, darin eine be-
absichtigte Allegorie auf die geistigen Erquickungen zu
Privates und Alltag
sehen, die der Umgang mit W. dem kampferprobten
Goethe hat W.s Hang zum »Erzählen von Kleinigkei-
ten« betont und erklärte ihn mit »jener alterthümli-
chen Eigenheit, daß er sich immer mit sich selbst be-
schäftigte« und das Zutrauen habe, »daß seine Freunde
sich auch dafür interessiren werden« (Goethe 1805,
431). Tatsächlich hat W. durch seine Korrespondenz
der Nachwelt einen für die Zeit ungewöhnlich direkten
Einblick in seine Empfindungen und in sein Privatle-
ben hinterlassen. Manchmal verrät er auch intime De-
tails, die auf die frühen Editoren seiner Briefe offenbar
verstörend wirkten (Br. I, 464). Besonders den deut-
schen Jugendfreunden, aber auch Bianconi und Mu-
zell-Stosch teilte er viele Einzelheiten über seinen All-
tag und seinen Umgang mit, so dass daraus ein leben-
diges Bild seines römischen Lebens entsteht. Seine
brieflichen Mitteilungen über private Dinge wie Woh-
nung, Kleidung, Ess-, Trink- und Schlafgewohnheiten,
Gesundheit und körperliches Befinden künden davon,
wie wichtig es ihm war, die fernen Freunde an dem
neuen Leben teilhaben zu lassen und damit zu de-
monstrieren, dass er sich gut in Rom einlebte. Er kom-
mentiert die schon im frühen Februar einsetzende
Mandelblüte, aber auch die winterliche Kälte, die er
bald stärker empfand als im kalten Deutschland, die
gelegentlichen Schneefälle oder die über dem Durch-
Abb. 5.13 Anton von Maron: Bildnis Leopold Franz schnitt liegende Sommerhitze des Jahres 1757. Letztere
von Dessau. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum. veranlasste ihn dazu, schwimmen zu lernen, und zwar
5 Winckelmann in Italien 41

eine Stunde nach Sonnenuntergang in dem großen mit Unterziehstrümpfen und einem Pelz ein, vor allem
und nicht zu tiefen Becken der Fontana Paolina auf aber mit Leibwäsche, da in Rom »alles Leinen-Gerä-
dem Gianicolo (Br. I, 290–291). Im weiteren Verlauf the« teuer sei (Br. I, 127). Anfänglich sparte W. in Rom
dieses heißen Sommers badete er dann jeden Abend sehr an der Kleidung, trug seinen grauen Roquelaure
im Tiber, »wozu Bequemlichkeit gemacht ist, aber es ohne Oberhemd ließ seine Kleidung notfalls »menagi-
half nicht viel gegen die Hitze der Nacht« (Br. I, 305). ren«, d. h. ändern und ausbessern (Br. I, 206). Im No-
Ungezwungen und kritisch berichtet W. auch über vember 1757 entschloss er sich im Hinblick auf die be-
seine Gesundheit und darüber, wie er die altersbeding- vorstehende Reise nach Neapel, das »Kleid eines Ab-
ten Veränderungen seiner Physis wahrnahm. So kon- bate« anzulegen, »aus keiner anderen Ursach, als die
statiert er, dass seit seiner Ankunft in Rom das Erinne- Kosten an diesem schimmernden Hofe, in Kleidung zu
rungsvermögen nachgelassen habe, erklärt dies aber ersparen« (Br. I, 306). Für die Reise ließ er sich aber
damit, dass die Menge der neuen Eindrücke das alte auch ein »Campagne-Kleid« aus einem »Caffe-brau-
Wissen verdrängt habe (Br. I, 279). Geradezu modern nen Drap d’Abbeville«, d. h. dem besten französischen
wirkt er in der aufmerksamen Beobachtung seines Wolltuch, machen (Br. I, 329). Zur Begründung
körperlichen Zustandes, etwa wenn er zugenommen schreibt er an Bianconi, dass sein Status und die Ach-
hatte. Ebenso notiert er, dass er, wenn er allein speise, tung, die er sich erworben habe, diesen »decoro« erfor-
zu viel esse, weil er nicht gut genug kaue (Br. I, 277). dern (Br. IV, 104). Nach der ersten Neapelreise (1758)
Am häufigsten räsoniert er über seine Trinkgewohn- lässt er sich zwei neue leichte Kleider für den rö-
heiten. Der wohlfeile Weißwein aus Orvieto und der mischen Sommer anfertigen, eines in Seide und das
Rotwein aus Montepulciano machten es ihm leicht, andere in leichter Leinwandgaze (Br. I, 363). Später
ihn entgegen der italienischen Sitte nicht mit Wasser kleidete er sich, zumindest während der Sommerauf-
zu mischen. Besonders schätzte er den noch heute be- enthalte in der Villa Albani, auch »farbigt« (Br. III,
liebten neapolitanischen Rotwein Lagrima di Cristo, 116). Erdmannsdorff schrieb dagegen 1780 aus der Er-
auch wenn er dessen Genuss in späteren Jahren redu- innerung auf, dass seine Garderobe nur aus zwei
zieren musste, denn »das Gewebe meines Gehirns ist schwarzen Anzügen und einem großen Pelz bestanden
nicht mehr, wie es war; es ist noch närrisch genug, aber habe, den er aus Deutschland mitgebracht hatte (Br. IV,
es ist auch etwas weiser geworden« (Br. III, 14). 249). Dem entsprechen auch die Angaben im Nach-
Die Offenheit solcher Bekenntnisse gegenüber sei- lassinventar (Pagnini/Stoll 1965, 148).
nen Freunden lässt erahnen, wie intensiv W.s Selbst- Abgesehen von zwei Fiebererkrankungen im Jahr
beobachtung war. Seine Empfindlichkeit gegenüber 1763, sich mit den Jahren häufenden Schwindelanfäl-
dem Straßenlärm im Sommer äußerte sich in Schlaf- len, einem empfindlichen Magen und Augenschwä-
losigkeit, unter der er aber schon in seiner Jugend ge- che in den letzten Jahren spricht W. nie von schwere-
litten hatte (Br. IV, 191). Dem römischen Winter in ren Krankheiten, sondern betont mehrfach, dass er
normalerweise ungeheizten Räumen begegnete er, in- sich gesund fühle und beweglich zu Fuß und zu
dem er Bettwärmer benutzte (Br. I, 325) und mit dem Pferde sei (Br. II, 426). Noch 1766 erklärt er, dass er
Zwiebelprinzip, d. h. er hüllte sich in mehrere Schals »mit allen jungen Leuten um die Wette« laufe und
und Mützen und trug in der Wohnung Pelzstiefel (Br. klettere (Br. III, 156). Er schmeichelte sich auch damit,
I, 333). Auch über seine Wäscheausstattung sind wir dass man ihm seine Jahre nicht ansehe, wie ihm die
gut unterrichtet, da er in einem Brief an Niccolò Pa- Römer gemäß einem bis heute anhaltenden Brauch
gliarini genau beschreibt, welche wärmenden Klei- versicherten (Br. III, 40). Allein die Strapazen der Ve-
dungsstücke, darunter ein Moltonfell, dieser aus einer suv-Besteigung im Jahr 1767 zeigen, dass er seinem
Truhe in seiner Wohnung in der Cancelleria holen durch vieles Laufen trainierten Körper einiges zumu-
sollte, um sie ihm nach Florenz zu schicken, wo der ten konnte.
Winter noch kälter war als in Rom (Br. I, 420). Auch über W.s römische Essgewohnheiten wissen
Die Kleidung ist ein häufiges Thema in W.s Brief- wir einiges: er liebte Broccoli mit Essig und Öl, Blu-
wechsel. Seine Bemerkungen erlauben es, seine zuneh- menkohl, junge Erbsen, trank gern Schokolade und
mende Sorgfalt für eine gepflegte äußere Erscheinung Kaffee, weniger gern Limonade, und war ein an-
als Indiz seines sozialen und kulturellen Aufstiegs in spruchsvoller Gast, was die Küche betraf. Die rö-
der römischen Gesellschaft zu interpretieren. In Dres- mische Bürgerküche – mit Ausnahme der im Haus
den machte er sich bereits Gedanken darüber, welche Mengs – behagte ihm nicht, er bevorzugte die deut-
Kleidung für die Reise angemessen sei, und deckte sich sche Küche, jedenfalls in den ersten Jahren, und mo-
42 I Biographie

kierte sich darüber, dass der Verleger Niccolò Pagliari- sau griff W. 1766 den Plan einer Reise über die Alpen
ni, bei dem er häufig aß, zwar meinte, eine feine eng- wieder auf, nun allerdings zog es ihn hauptsächlich
lische Küche zu offerieren, die aber, da durch Einhei- nach Dessau und nach Berlin, wo Muzell-Stosch in-
mische besorgt, italienisch schmeckte (Br. I, 333). zwischen lebte und ihn erwartete (Br. III, 191). Nach
Johann Heinrich Füssli erinnerte sich, dass W. Tabak genauerem Nachdenken erwog W., über die Schweiz
schnupfte, dabei aber sehr reinlich war (Br. IV, 243). und Straßburg, Leipzig und Dessau nach Berlin zu ge-
Ein Thema der Briefe nach Deutschland ist W. s hen und auf der Rückreise in Dresden Station zu ma-
Wahrnehmung der südlichen Landschaft und der Na- chen (Br. III, 200). Im Spätsommer 1766 hat er diese
tur. So genießt er die »aria felice« in der Albani-Villa Reise dann für den Herbst 1767 angesetzt, um »ehe ich
in Castel Gandolfo, die er als einen glückseligen und sterbe mein Vaterland wider zu sehen« (Br. IV, 202). Je
paradiesischen Ort erlebt (Br. I, 165). Besonders in- näher jedoch der Termin rückte, umso unrealistischer
tensiv war das Erlebnis des Meeres während seiner wurde er. Im Juni 1767 schlug ihm »ein Negotiant aus
meistens in die Karnevalszeit fallenden Aufenthalte in Marseille« – es handelte sich um Pierre-Auguste Guy
der Villa Albani in Porto d’Anzio (Nettuno), das er – eine Reise nach Griechenland vor, die dieser dann
den »Ort meiner Seligkeit« nennt. Hier stand er früh ohne W. durchgeführt und beschrieben hat (Br. IV,
auf, machte sich mit Myrthenholz Feuer im Kamin, 526). Kurz darauf bot Riedesel erneut die schon seit
um sich seine morgendliche Schokolade zuzubereiten, langem diskutierte Reise an die Ostküste Siziliens an,
und nach drei Stunden Lektüre unternahm er am Ufer an der W. die Aussicht reizte, die Antiquitäten und Va-
des Meeres lange Spaziergänge, bei denen er seinen sen in der bekannten Sammlung des Principe Biscari
Freund Francke gern als Begleiter gehabt hätte, um in Catania zu sehen und durch Mogalli zeichnen zu
»unter dem mit Myrthen bewachsenen hohen Gesta- lassen (Br. III, 301, 308), damit er sie in den dritten
de sorgenlos zu schleichen, und auch, wenn das Meer Band der Monumenti antichi inediti aufnehmen könn-
wütet und tobt, dasselbe (...) von dem Balcon meiner te. Kurz darauf erfuhr W. jedoch davon, dass er Ende
Zimmer selbst, ruhig anzuschauen« (Br. III, 365–366). November 1767 Kaiser Joseph II. und seinen Bruder
Romantisch angehaucht sind auch die Bemerkungen Pietro Leopoldo durch Rom führen sollte, und redu-
über die Spaziergänge in den römischen Villen, be- zierte daher das Projekt der Sizilienreise auf eine Reise
sonders im zeitigen Frühjahr, wenn die Mandelbäume nach Neapel zu Riedesel (Br. III, 314).
anfangen zu blühen (Br. I, 221). Obwohl er die Stadt In Neapel erfuhr er, dass die Reise des Kaisers nicht
Neapel nicht liebte, stellte er sich aus der Ferne vor, stattfinden werde (Br. III, 318), erklärte aber dennoch,
wie er dort den »griechischen Himmel« genießen wer- wegen der Arbeit an der französischen Übersetzung
de (Br. III, 14). Insgesamt sind sehnsüchtige Projektio- der Geschichte der Kunst die Reise nach Deutschland
nen ein Leitmotiv von W. Italienerlebnis, was sich in verschieben zu wollen (Br. III, 318). Im Winter 1767–
der Wahrnehmung von Orten und Menschen zeigt, an 1768 erwog W. verschiedene Lösungen seiner Nord-
und in denen ihm Natur und Kunst eins zu werden reise, u. a. liebäugelte er auch mit dem Gedanken,
schienen. So entdeckte er an den Einwohnern von Ti- nach Paris zu gehen, wie er an Clérisseau schrieb (Br.
voli und an einem jungen Römer das »klassische Pro- III, 345). Sobald es an die konkrete Planung der Reise
fil«. Dies bestätigte ihn in seiner Überzeugung, dass nach dem Norden ging, für die er ein Jahr veranschlag-
»die Natur in ihrer schönsten Bildung so wenig als te, taten sich neue Hindernisse auf, mit denen W. nicht
möglich von der geraden Linie der Stirn und Nase ab- gerechnet hatte. Als Amtsträger der Kurie bedurfte er
gegangen« (Br. I, 314–315). für seine längere Abwesenheit der Erlaubnis des Paps-
tes, ja er musste sich sogar um einen Stellvertreter be-
mühen, den er in letzter Minute in Giovanni Battista
Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit: die
Visconti fand (Br. III, 383). Zu Beginn des Jahres 1768
gescheiterte Deutschlandreise
schien es endlich klar, dass W. die Nordreise unter-
In einem Brief des Jahres 1763, als W. davon überzeugt nehmen würde (Br. III, 350). Kurz darauf wurde die
war, dass er in Rom bleiben würde, tauchte erstmals Reise des Kaisers jedoch erneut aktuell und W. be-
der Gedanke an eine Reise nach Sachsen auf (Br. II, fürchtete, dass sich seine Reise nach Deutschland da-
300). Diese für 1764 vorgesehene Reise wurde jedoch durch auf den nächsten Winter verschieben werde (Br.
wegen der Arbeit an den Monumenti antichi inediti III, 353). Gleichwohl behielt er noch den Plan bei,
und anderen Reiseplänen (Neapel) fallen gelassen. über Zürich nach Deutschland zu gehen. Zehn Tage
Erst nach der Begegnung mit Franz von Anhalt-Des- später berichtete er an Muzell-Stosch, dass die Reise
5 Winckelmann in Italien 43

des Kaisers abgesagt sei und somit seiner Reise nach folglich die diplomatischen Verhandlungen wider, die
Berlin keine Hindernisse im Wege stünden (Br. III, zwischen Wien, Florenz und Rom geführt wurden,
356). Wiederum zwei Wochen später sah die Situation um den günstigsten Zeitpunkt für die Romreise des
erneut anders aus. Der Kaiser werde – so teilt W. Kaisers und seines jüngeren Bruders zu eruieren. W.
Francke mit – für Ende Mai erwartet, und daher kön- war nur ein kleiner Akteur in diesem politischen Kon-
ne er nicht abreisen (Br. III, 365). Auch wegen des im- text, aber er sollte der einzige der Beteiligten sein, des-
mer wahrscheinlicher werdenden Ablebens des Paps- sen Schicksal durch die definitive Verschiebung der
tes und der Chancen, die Stoppani im Konklave ein- Romreise eine tragische Wendung nahm.
geräumt wurden, mit möglichen Folgen für die eige- Am 19. März 1768 wusste W. definitiv, dass er ab-
nen Ambitionen auf eine Kustodenstelle an der reisen konnte, denn er schrieb unter diesem Datum an
Vaticana, zögerte W. nun seinerseits (Br. III, 365), die Schlabrendorf, dass er ihn im Juni in Berlin umarmen
Reise anzutreten. Stattdessen dachte er über regel- werde (Br. III, 377). Nun gab er auch den Namen sei-
mäßige Reisen zweimal im Jahr nach Neapel nach, wo nes Reisegefährten Bartolomeo Cavaceppi (Abb. 5.14)
ihm d’Hancarville ein Studierzimmer eingerichtet bekannt (Br. III, 379), obwohl dies schon länger aus-
hatte (Br. III, 366). Erst Ende Februar 1768 hatte sich gemacht war (Br. IV, 259). Gleichzeitig informierte er
die Lage so weit geklärt, dass er Muzell-Stosch wieder alle Korrespondenten, denen er seit langem seinen Be-
Hoffnung auf gemeinsame kleinere Reisen von Berlin such in Aussicht gestellt hatte, über seine bevorstehen-
aus machte, nach Dessau, nach Braunschweig und de Abreise: Francke in Nöthnitz, den Erbprinzen von
nach Salzdahlum (Br. III, 372). An Mechel schrieb er Braunschweig, den Herzog Franz von Anhalt-Dessau,
dagegen nur wenige Tage später, dass die Reise nach Christian von Mechel in Basel, Heyne in Göttingen,
Deutschland wegen des hohen Besuchs auf das kom- Münchhausen in Hannover (Br. III, 379–381). Die
mende Jahr verschoben werde (Br. III, 372). Der Vor- Reiseroute wurde jedoch geändert und war strecken-
wand kam ihm nicht ungelegen, da er so von Arbeit weise nun identisch mit der seiner Romreise von 1755.
»überhäuft« war, das er fürchtete »unter derselben zu Cavaceppi hat 1769 einen Bericht über die Reise pu-
unterliegen« (Br. III, 376).
Nur eine Woche später, am 23. März 1768, teilte er
Muzell-Stosch mit, dass er spätestens am 10. April ab-
reisen werde und damit rechne, Mitte Mai in Berlin zu
sein (Br. III, 377). In der Zwischenzeit hatte er den
päpstlichen Dispens vom Amt als Kommissar der Al-
tertümer, vor allem aber die Erlaubnis des Kardinal
Albani erhalten, sich von Rom zu entfernen. Als Pro-
tektor des Hl. Römischen Reiches beim Hl. Stuhl war
Albani offenbar über die Wiener Planungen infor-
miert. Die Erlaubnis zur Reise nach dem Norden hing
davon ab, ob der Kaiser nach Rom kommen würde
oder nicht (WB III, 371). Die Verschiebung der Rom-
reise Kaiser Josephs II. erklärt sich nicht nur aus in-
nenpolitischen Erwägungen am Wiener Hof, sondern
geschah auch in Anbetracht der aktuellen Situation in
Rom. Erst nachdem Papst Clemens XIII. am 2. Febru-
ar 1769 gestorben war, entschloss sich Joseph II. im
März 1769 kurzfristig zu einem 15-tägigen Romauf-
enthalt, da während des Konklaves alle zeremoniellen
Aufwendungen entfielen und er auf diese Weise sei-
nen Optionen für die Papstwahl Nachdruck verleihen
konnte. Sein Rombesuch – der erste eines Kaisers
nach Karl V. – hätte, selbst wenn er incognito erfolgt
wäre, unausweichlich jene pompöse Maschinerie in
Gang gesetzt, die ihm wiederstrebte. In den ständig Abb. 5.14 Anton von Maron: Bildnis Bartolomeo Cavaceppi,
sich ändernden Plänen der Reise W.s spiegeln sich 1768. Berlin, Kupferstichkabinett.
44 I Biographie

bliziert (Br. IV, 265–270), der 1780 ins Deutsche über- Schmidtmayr, den Albani später für seine Aufwen-
setzt wurde (Dassdorf 1780, 358–372). Hier ist der dungen bezahlt hat (Br. IV, 278). In Rom hatte sich
Reiseverlauf festgehalten, der vor dem Hintergrund mittlerweile herumgesprochen, dass W. im Begriff
der späteren Ereignisse eine schicksalhafte Dimension war zurückzukehren. Reiffenstein, der bei Maron von
gewinnt. Im Sanktuarium von Loreto erfüllten beide W.s Brief an Mogalli erfuhr und diesen Brief auch ge-
ihre religiösen Pflichten, besahen aber auch die lesen hat, vermutete, dass es W. leid gewesen sei, »sich
Schatzkammer (Tesoro) der Basilika und entdeckten in Teutschland mit Cavaceppi, als einem Römischen
viele schöne geschnittene Steine, von denen allerdings Wunder Thier herumzuschleppen« (Br. IV, 272). Auch
die wenigsten antik waren. Die nächste Station war wenn er damit vielleicht Recht hatte – schließlich
Bologna, wo Cavaceppi außer der Enthauptung des hl. kannte er beide – erklärt dies kaum die melancho-
Paulus von Alessandro Algardi keine guten Skulptu- lische Stimmung W.s während der ganzen Reise, die
ren finden konnte. In Venedig sah W. die Antiken der W. selbst in seinen in Wien verfassten Schreiben an
Sammlung Grimani in der Biblioteca Marciana und Michelangelo Bianconi, Muzell-Stosch und Franz von
die Skulpturen im Palazzo Grimani. Cavaceppi da- Anhalt-Dessau als Grund für seine Rückkehr nach
gegen bewunderte die Bronzepferde an der Fassade Rom angegeben hat. Die Frage nach den Gründen für
von S. Marco. Die nächste und letzte italienische Stati- diesen Schritt ist nie verstummt (Justi III, 457–459).
on war Verona, wo die Sammlung des Scipione Maffei Unter den Ursachen, die Goethe für W.s »innere
die Reisenden eher enttäuschte, weil viele als antik Unruhe« genannt hat, ist das »unwiderstehliche Ver-
ausgegebene Stücke modern waren. Seine Bewun- langen nach abwesenden Freunden« (Goethe 1805,
derung erregte hier die Sammlung von Kaiserbüsten 438) vielleicht die entscheidende gewesen. Es hatte W.
und andere schöne Statuen im Palazzo Bevilacqua. dazu verführt, sich von der Arbeit am dritten Band der
Außerdem stattete Cavaceppi dem Maler Cignaroli ei- Monumenti antichi inediti und an der neuen französi-
nen Besuch ab, um, vermutlich in Begleitung W. s., schen Übersetzung der Geschichte der Kunst zu entfer-
dessen Ölskizzen anzusehen. nen bzw. zu glauben, dass er beide Ziele miteinander
Während der Alpendurchquerung empfand W. die verbinden könne, was sich aber in der Realität als illu-
hohen Berge als bedrohlich, in Deutschland störten sorisch erwies, zumal er in Rom die besseren Arbeits-
ihn die spitzen Dächer der Häuser. Noch vor der An- bedingungen gehabt hätte. Die Reise war außerdem
kunft in Augsburg, wo sie jenen Kanoniker Bassi be- schlecht geplant und wurde übereilt angetreten. W.
suchten, den W. 1755 verfehlt hatte (Br. III, 394), er- glaubte anscheinend, diesen ›Konstruktionsfehler‹
klärte W., er wolle die Reise abbrechen. Während der durch seine Rückkehr nach Rom reparieren zu kön-
Weiterreise nach München wurde er immer melan- nen, und war davon überzeugt, »daß für mich außer
cholischer und insistierte auf der Rückkehr nach Rom. Rom kein wahres Vergnügen zu hoffen ist« (Br. III,
Cavaceppi berichtet, wie W. in München mit allen ihm 389). Die Aussicht, in Berlin nur für kurze Zeit den
gebührenden Ehren empfangen wurde und einen anti- »Genuß der Ruhe« zu finden und auf der Rückreise »in
ken Cameo zum Geschenk erhielt. In Regensburg an- hundert Städten anhalten und eben so oft von neuen
gekommen, schrieb W. einen Brief an Alessandro Al- zu leben anfangen« zu müssen, lastete schwer auf ihm,
bani, in dem er seine Rückkehr nach Rom ankündigte, wie er aus Wien an Muzell-Stosch schrieb (Br. III, 389).
und einen weiteren an Mogalli, in dem er ihn bat, seine Auf einen weiteren möglichen Grund für den Abbruch
Wohnung herzurichten. Cavaceppi konnte ihn nur der Reise deutet ein Brief von Francke hin (Br. IV, 322).
noch dazu bewegen, ihn bis Wien zu begleiten, wo sie Hier berichtet W., dass Giovanni Casanova schon in
nach fünfwöchiger Reise am 12. Mai 1768 eintrafen. Dresden auf W. gewartet habe, um ihn wegen der öf-
W. wurde hier vom Fürsten Kaunitz empfangen, fentlichen Verleumdung seiner Person zu verklagen.
der ebenfalls vergeblich versuchte, W. von seinem Ent- Möglicherweise wusste W. durch Francke von dieser
schluss abzubringen. Er wurde in Schönbrunn durch Gefahr, was ihm den Gedanken an einen Aufenthalt in
Joseph von Sperges der Kaiserin Maria Theresia und Dresden verleidet haben dürfte (Kanz 2013, 214–215).
ihrer Familie vorgestellt, sah also hier wohl auch Kai-
ser Joseph II. und besuchte alle berühmten Kabinette
Tod in Triest
und Sammlungen, darunter die des Fürsten Liechten-
stein, sowie die Hofbibliothek (Br. IV, 137). Als er an Als W. am 1. Juni 1768 in Triest eintraf – Maria There-
einem Fieber erkrankte, beschloss Cavaceppi abzurei- sia hatte ihn nicht nur mit einer goldenen und zwei
sen und ließ ihn in der Fürsorge des Bankiers Joachim silbernen Münzen beschenkt (Pagnini/Stoll 1965,
5 Winckelmann in Italien 45

Abb. 5.15 Triest, Piazza


Grande mit Albergo Gran-
de auf der rechten Seite
im Mittelgrund, Zustand
im 18. Jahrhundert.

149), sondern ihm auch einen Reisewagen zur Ver- mit dem Messer fünf Stiche versetzte (Pagnini/Stoll
fügung gestellt (Br. IV, 280) –, hatte er sich gesundheit- 1965, 117), von denen sich nach der Obduktion vier
lich erholt und war im Hinblick auf seine baldige Reise als tödlich erwiesen (Pagnini/Stoll 1965, 134). Wäh-
nach Rom anscheinend guter Dinge. Er quartierte sich rend Arcangeli flüchtete, schleppte sich W. ins Trep-
in der Osteria Grande auf der Piazza Grande (heute S. penhaus und rief um Hilfe. Vier Stunden später, nach-
Pietro) ein und bezog das Zimmer Nr. 10 mit Blick auf dem er über den Hergang ausgesagt, sein Testament
den Platz (Abb. 5.15). diktiert und die Sterbesakramente empfangen hatte,
Sein Zimmernachbar war ein aus der Nähe von verschied er gegen 4 Uhr nachmittags. Nach der Ob-
Pistoia stammender Koch namens Francesco Arcan- duktion wurde er am nächsten Tag vom Mesner der
geli, zu dem er Vertrauen fasste, so dass er viele Stun- Kirche San Sebastiano in einem Gemeinschaftsgrab
den der kommenden Woche in seiner Gesellschaft bestattet. Die sofort einsetzende Verfolgung des flüch-
verbrachte und mit ihm häufig in dessen Zimmer tigen Mörders führte zu dessen Ergreifung und hatte
speiste. Er besuchte mit ihm das Kaffeehaus des Gas- einen aufwendig geführten Strafprozess zur Folge, der
paro Griotti aus Celerina in Graubünden (Pagnini/ zu den bestdokumentierten Kriminalfällen des 18. Jh.
Stoll 1965, 72) und lud ihn ein, nach Rom zu kommen, gehört (Rossetti 1823, Pagnini 1964, Pagnini/Stoll
wo er ihm den Palazzo Albani zeigen wollte. Arcangeli 1965). Der vorbestrafte Arcangeli versuchte zunächst,
sagte während des Prozesses vor Gericht aus, W. habe die Schuld auf W. zu schieben, der ihn durch ihren
ihm die Münzen aus Wien gezeigt und habe mit ihm vertrauten Umgang und durch die Münzen selbst zu
Freundschaft schließen wollen. So habe er »acht Tage dieser Tat verführt hätte. Später sah er seine Schuld
und mehr den Diener für ihn gemacht« (Pagnini/Stoll ein, gab aber an, W. wäre in geheimer politischer Mis-
1965, 128). Am Morgen des 8. Juni 1768, eines Mitt- sion unterwegs gewesen, was nach den bisher bekann-
wochs, gegen 10 Uhr morgens betrat Arcangeli W.s ten Akten ausgeschlossen werden kann (Pagnini/Stoll
Zimmer und forderte ihn auf, die Münzen der Kaise- 1965, 168). Arcangeli wurde am 20. Juli 1768 auf der
rin »bei der Tafel« zu zeigen, was W. ablehnte: Wäh- Piazza Grande, genau gegenüber dem Ort der Tat und
rend sich W. nun mit dem Rücken zu ihm an den Tisch am gleichen Wochentag und zur Zeit der Tat, lebendig
setzte, warf ihm Arcangeli von hinten eine zuvor von aufs Rad geflochten.
ihm geknüpfte Schlinge um den Hals. W. sprang auf W. hatte sich seinen Abschied von der Welt, über
und wehrte sich vehement, während Arcangeli nun den er in den Monaten vor seiner Abreise nach
sein Messer zog. Während des Handgemenges, in dem Deutschland öfters nachdachte, friedlicher vorgestellt.
W. zunächst die Oberhand hatte, rutschte er aus und An Heyne schrieb er am 23. Januar 1768: »denn ich ge-
fiel rücklings zu Boden, woraufhin ihm der Mörder he, wie ein leichter Fußgänger, mit fröhlichem Gesich-
46 I Biographie

te aus der Welt, und arm, wie ich gekommen bin.« (Br. Forschung
III, 366). Er war bei seinem Hingang weder fröhlich Allroggen-Bedel, Agnes: Die Antikensammlung in der Villa
noch arm. Seine Hinterlassenschaft wurde in dem in Albani zur Zeit Winckelmanns. In: Beck, Herbert/Bol, Pe-
ter C. (Hg.): Forschungen zur Villa Albani. Antike Kunst
Triest aufgenommenen Inventar auf 17.877,4 Lire ge- und die Epoche der Aufklärung. Berlin 1982, 301–380.
schätzt (Pagnini/Stoll 1965, 147–151). Zu seinem Uni- Assunto, Rosario: Winckelmann a Villa Albani: il giardino,
versalerben hatte W. Alessandro Albani eingesetzt. Al- luogo del rimpatrio. In: Debenedetti, E. (Hg.): Commit-
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beitsmaterial, wurden zunächst nach Wien, und von
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dort aus nach einem längeren Briefwechsel zwischen Colaresu, Melissa/Hills, Helen (Hg.): New Approaches to
Kaunitz und Albani (Br. IV, 311–312) nach Rom über- Naples c. 1500–c. 1800. Farnham u. a. 2013, 149–174.
stellt. Reiffenstein berichtet, dass Albani darüber klag- Borroni-Salvadori, Fabia: Francesco Maria Gaburri e gli ar-
te, dass er nun niemanden mehr hatte, mit dem er die tisti contemporanei. In: Annali della Scuola superiore
Freude an seinen antiken Schätzen teilen konnte (Br. Normale di Pisa. Cl. Lettere e Filosofia. Ser. 3, 4/4 (1974),
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Roettgen, Steffi: Zum Antikenbesitz des Anton Raphael
Steffi Roettgen
II Systematische Aspekte
6 Philologie bei Winckelmann scher und lateinischer Autoren waren zwar seit dem
16. Jh. in großer Zahl erschienen, allerdings außerhalb
W., der nie einen griechischen oder lateinischen Au- Deutschlands. Die alten Sprachen führten an Schulen
tor ediert und keine rein philologischen Schriften und Universitäten eine nachrangige Existenz, europa-
(sieht man von dem kleinen Aufsatz Über Xenophon weit anerkannte Philologen suchte man in Deutsch-
ab) hinterlassen hat, wird man nicht ohne weiteres als land eher vergebens (Pfeiffer 1982, 127–203; Muhlack
Philologen im klassischen Sinn bezeichnen wollen. 1985, 105–106).
Dennoch scheint es lohnenswert, in diesem Kunst- Im Rahmen der Schulausbildung, die auch W. zu-
historiker und Archäologen dem Philologen nach- nächst auf der Stendaler Lateinschule, später auf dem
zuspüren. Köllnischen Gymnasium in Berlin genoss, wurde die
Obwohl bereits Joseph Justus Scaliger (1540–1609) lateinische Sprache vor allem mit dem Ziel aktiver
zu der Erkenntnis gekommen war, dass der Alter- Sprachbeherrschung durch Nachahmung der Klassi-
tumsgelehrte sowohl über philologisches als auch ker unterrichtet. Im Zentrum des Spracherwerbs
über historisches Wissen verfügen muss (Pfeiffer stand daher die Aneignung eines sicheren grammati-
1982, 147–151), bildete sich die Idee einer Altertums- schen Wissens und eines breiten Repertoires meist
wissenschaft, die Einzeldisziplinen wie Linguistik, moralisierender Sprüche und Phrasen. Das Griechi-
Textkritik, Hermeneutik, Alte Geschichte, Geogra- sche, in starkem Maße rückläufig, fand seine Recht-
phie, Archäologie, Numismatik, Epigraphik umfasst, fertigung vorrangig als Hilfsdisziplin zur Ausbildung
nicht vor der zweiten Hälfte des 18. Jh. Erst zur Zeit zukünftiger Theologen. Literarhistorische Betrach-
der neuhumanistischen Philologen Christian Gottlob tungen, gar Textinterpretationen, spielten keine Rolle
Heyne (1729–1812) und Friedrich August Wolf (Götze 1865, 22–34; Abel 1979, 193–199; Paulsen
(1759–1824) festigte sich das Bewusstsein von der Al- 1919, 599–614; Justi 1983, I, 32–33, 42–43; Décultot
tertumswissenschaft als Rahmen für die Erforschung 2005, 82–85).
aller Aspekte der Antike; der Philologie der alten Der Schüler W. hatte das Glück, dass Lehrer sein In-
Sprachen fiel nun nicht mehr nur der Rang einer teresse und Potenzial auf dem Gebiet der Alten Spra-
Hilfsdisziplin der Theologie und Jurisprudenz zu, chen erkannten und – wenn auch in bescheidenem
sondern der einer eigenständigen Wissenschaft. Nicht Rahmen – förderten. So stellte ihm Esaias Wilhelm
zuletzt Gelehrten wie ihnen ist es zu verdanken, dass Tappert (1666–1738), Rektor der Stendaler Latein-
die klassischen Sprachen, vor allem das Griechische, schule, seine Privatbibliothek zur Verfügung und
in Deutschland am Ende des 18. Jh. Konjunktur hat- übertrug ihm die Aufsicht über die kleine Schulbiblio-
ten (Hammerstein/Herrmann 2005, 381–382; Paulsen thek. Hier kam W. erstmals mit einer Büchersamm-
1921, 210–229; Pfeiffer 1982, 214–233; Wülfing 1985, lung in Berührung. Um insbesondere seine Grie-
15; Goethe 1969, 240; Bursian 1883, 521, 548). Wel- chischkenntnisse zu vertiefen, ging W. mit 17 Jahren
chen Anteil W. an dieser Entwicklung der Philologie nach Berlin-Cölln, wo er für ein Jahr das Gymnasium
zu einer Kerndisziplin der Altertumskunde hat, wird besuchte. Immerhin hatte das Cöllnische Gymnasium
zu zeigen sein. in seinem Konrektor Christian Tobias Damm einen
Lehrer mit großem Interesse an der griechischen
Sprache und Literatur (Paulsen 1919, 614–615; Justi
Winckelmanns Schulausbildung, Studienzeit
1983, I, 42–47; Kochs 2005, 15–18).
und Konrektorat in Seehausen – Eckpunkte
1738 schrieb sich W. in Halle als Student der Theo-
seines philologischen Wissenserwerbs und
logie ein, verfolgte allerdings nicht das Ziel, Theologe
Interesses
zu werden. Sein Urteil über das Studienangebot in den
Betrachtet man die Klassische Philologie im Europa klassischen Sprachen fällt enttäuschend aus; auch die
des 18. Jh., so ist festzustellen, dass Zentren vor allem juristischen Lehrveranstaltungen, die W. besuchte, be-
in Frankreich (z. B. Bernard de Montfaucon, 1655– friedigten ihn nicht (z. B. Br. I, 79; über den desolaten
1741), England (v. a. Richard Bentley, 1662–1742) und Zustand der Altphilologie an der Universität Halle s. a.
Holland (z. B. Tiberius Hemsterhuys, 1685–1766; Lo- Décultot 2005, 83–84). Dennoch – Johann Heinrich
dewijk Caspar Valckenaer, 1715–1785; David Ruhn- Schulze, Professor der Arzneigelehrtheit und Altertü-
ken 1723–1798) zu finden sind. In Deutschland war mer, gab ihm Impulse für Studien im Kontext von Me-
die Philologie bis auf wenige Gelehrte zu einem Still- dizin, Physiognomik und griechischer Kunst. W.s me-
stand gekommen. Bedeutende Textausgaben griechi- dizinische Studien, deren Anfänge in Halle liegen und

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_6, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
6 Philologie bei Winckelmann 51

die er später in Jena bei dem berühmten Iatromathe- Pausanias u. a. (Nachlass Paris, Bd. 63, fol. 66–115).
matiker Georg Erhard Hamberger fortführte, waren Seine Seehausener Tätigkeit als Lehrer, in deren
auch für die späteren Kunststudien von Belang. Rahmen er auch Mathematik unterrichten musste,
Grundlegend war neben der Lektüre moderner Fach- veranlasste ihn, sich mathematisch-philosophischen
literatur die Auseinandersetzung mit antiken griechi- Studien zu widmen, beispielsweise der Elemente
schen Autoren, allen voran Hippokrates, Galen und (Στοιχεῖα) des Euklid in griechisch-lateinischer Aus-
Dioskurides (zu W.s Medizinstudien siehe Wiesner gabe (Br. I, 48–51).
1953; Décultot 2011; Kochs 2005, 19–21). Das Exzerpieren war eine Kulturtechnik mit langer
Als er die Universitäten verließ, war W. bereits ein Tradition. W. pflegte seit seiner Jugend diese in der
Kenner der altgriechischen Literatur. Über den an- Gelehrtenwelt übliche Methode, aus Büchern Aus-
gehenden Konrektor der Lateinschule in Seehausen züge anzufertigen. Bis zu seinem Tode entstand ein
bemerkt sein Vorgänger Friedrich Eberhard Boysen: Korpus im Umfang von etwa 7500 Seiten, das im
»Ich nahm mich seiner, nachdem er mich durch be- Nachlass erhalten ist und dessen Großteil in der Pari-
wunderungswürdige Proben von seinen großen Ta- ser Bibliothèque Nationale aufbewahrt wird (Décul-
lenten, und von der Stärke in der griechischen Littera- tot 2002, 2005, 2013). W. schrieb aus gelesenen Bü-
tur überzeugt hatte, aus allen Kräften an.« (Br. IV, chern oft sogar dann lange Passagen ab, wenn er die
175). Weiter bescheinigt er W., »daß er den Herodot Drucke selbst besaß, wie z. B. Diogenes Laertios’ Phi-
nicht nur übersezt, sondern diesen Schriftsteller auch, losophiegeschichte (Kochs 2005, 24–25). Die Manu-
als ob ein Genius ihn inspirirt hätte, erklärt.« (Br. IV, skripte, in sorgfältiger Schrift gehalten, dokumentie-
175–176). Um griechische Texte zu lesen, war W. auf ren den Wert, den W. ihnen beimaß. Eine 17seitige
Bibliotheken angewiesen: Schulbibliotheken, Bücher- Abschrift der anakreontischen Verse etwa weist ein
sammlungen seiner Lehrer und Gönner, städtische sauberes, gleichmäßiges und doch eigenwilliges
und andere öffentliche Bibliotheken, Universitäts- Schriftbild auf (Nachlass Hamburg, 145a-153; Kochs
bibliotheken (Kochs 2005, 15, 18–21, 31–32). So 2005, 29–30). So gab W. antiker Lyik einen Rahmen,
schreibt Boysen an Johann Wilhelm Ludwig Gleim: der selbst ästhetischen Wert beanspruchen kann, und
»Er hat mit uns in Halle studirt, und Sie müssen ihn brachte damit Inhalt und äußere Form in Überein-
auf den öffentlichen Bibliotheken oft gesehen haben. stimmung. Dem Betrachter dieser Blätter offenbart
Weil er sehr dürftig ist, konnte er sich keine Bücher sich W. als Philologe im ursprünglichen Sinn, als
anschaffen. Daher besuchte er den Büchersaal auf Liebhaber des Wortes, der seine Neigung zur Poesie
dem Waisenhause, bey der Universität und Marktkir- zum Ausdruck bringt.
che, und las daselbst die Schriften der alten Griechen.«
(Br. IV, 175).
Nöthnitz und Dresden
In Deutschland waren, wie schon bemerkt, seit
Anfang des 17. Jh. nur wenige nennenswerte antike Als W. 1748 in den Dienst des Grafen Heinrich von
Textausgaben erschienen; im Ausland erschienene Bünau trat und seine Mitarbeit an dessen Kayser-
Editionen waren nicht allgemein verfügbar bzw. sehr und Reichs-Historie begann, sah er sich mit der Auf-
teuer (Justi 1983, I, 161–162; Décultot 2005, 14–16, gabe kritischen Studiums der Originalquellen kon-
82–85; Kochs 2005, 13, 25–26). Der Leser war zum frontiert:
großen Teil auf Anthologien angewiesen. W. arbeitete
unter anderem mit den Veterum Poetarum Graeco- »Es müßen alle Nachrichten aller Scribenten sowohl
rum Poemata, Aut Poematum Apospasmatia Selecta, alter als neuer gegen einander gehalten und geprüfet
u. a. Berlin 1674 des Johannes Vorstius (Br. I, 54). W.s werden. Die Verschiedenheit aber und Unrichtigkeit ist
Lektüre, die dem Primat der Verfügbarkeit von Tex- so groß die man allenthalben antrifft, daß man oft
ten unterlag, gestaltete sich zunächst wenig zielge- nicht weiß, wie man es ins Geschick drehen soll. Man
richtet. Die inhaltliche Breite bezeugen drei Exzerpt- muß sich aber wundern, wie fast kein einziger, von de-
hefte, wahrscheinlich in Seehausen entstanden, in de- nen, die sich post renata studia, an die deutsche Ge-
nen sich W. Auszüge aus Werken griechischer Auto- schichte gewaget, richtig ist, wenn man jeden gegen
ren notiert – aus Xenophon, Longinos, Demetrios authentique Nachrichten hält.« (Br. I, 94)
von Phaleron, Dionysios von Halikarnass, Diodor
von Sizilien, Athenaios, Epiktet, Plutarch, Sextus Em- Dass belastbare Erkenntnisse durch das Studium der
piricus, Platon, Arrian, Diogenes Laertios, Älian und Primärquellen zu gewinnen und Sekundärquellen kri-
52 II Systematische Aspekte

tisch zu beurteilen sind, ist ein philologisch-historio- Die Übersiedlung nach Rom gab ihm hingegen Gele-
graphischer Ansatz, der auch bei der Beschreibung genheit, antike Kunstobjekte unmittelbar in Augen-
und Beurteilung von Statuen, wie zu zeigen sein wird, schein zu nehmen. Sein aus Textquellen gesammelter
Anwendung findet. Für die Lektüre von Originaltex- Wissensschatz geht nun in Betrachtung und Deu-
ten standen W. sowohl die umfangreiche Bibliothek tung antiker Kunst ein. Von jetzt an stellt sich W.
des Grafen als auch die Bibliotheken in Dresden zur gern als Seher dar. Seine Kritik trifft die ›Stubenge-
Verfügung. Er gewann Zugang zu einer bis dahin un- lehrten‹ (z. B. Br. III, 257), deren Urteil sich auf die
gekannten Bücherfülle, auch an griechischen und la- Lektüre und Exegese von Texten und auf den Hand-
teinischen Autoren (Kochs 2005, 37–40). Dies belegen schriftenvergleich stütze. So schreibt er in der Vor-
Briefe, Schriften, vor allem aber eine riesige Menge an rede seiner Geschichte der Kunst des Alterthums: »Es
Exzerpten. W. befasst sich erneut mit medizinischer sind einige Schriften unter dem Namen einer Ge-
Literatur, mit den Tragikern Euripides und Sophokles, schichte der Kunst an das Licht getreten; aber die
mit Aristophanes, aber auch mit Theokrit (Kochs Kunst hat einen geringen Antheil an denselben: denn
2005, 41–49). Für seine erste eigene Abhandlung ihre Verfasser haben sich mit derselben nicht genug
nimmt er die Historiker Xenophon, Herodot, Thuky- bekannt gemacht, und konnten also nichts geben, als
dides und Diodor von Sizilien, aber auch Caesar er- was sie aus Büchern, oder vom Sagenhören hatten«
neut zur Hand. Der Fragment gebliebene Aufsatz (GK2, SN IV,1, XVII). Wie Markus Käfer nachweist,
Über Xenophon (KS 13–16) ist der eines Philologen. verfolgt W. das Ziel, eine Geschichte der Kunst im
W. vergleicht die Eingangspassagen der Anabasis mit Sinne des griechischen Wortes ἱστορία zu verfassen,
Herodots Historien und Diodors Bibliothek unter sti- nämlich als »die auf die Vergangenheit bezogene Tä-
listischen, kompositorischen und rhetorischen Ge- tigkeit des Erforschens, des Erkundens durch eigenes
sichtspunkten und berücksichtigt weitere Historio- Betrachten und Anschauen und Vergleichen.« (GK1,
graphen wie Caesar und Thukydides sowie rhetori- SN IV,1, XVI; Käfer 1986, 37; Hervorhebung d.
sche Analysen von Dionysios von Halikarnass Verf.). Gleichwohl gibt er das Lesen und auch das
(Epistula ad Cn. Pompeium Geminum), Aristoteles Exzerpieren nicht auf. Zwar halten die römischen Bi-
(Ars rhetorica) und Cicero (De oratore). So erscheint bliotheken nach W.s erstem Urteil dem Vergleich mit
W. als Gelehrter, der die Quellen, die ihm zugänglich der Bünauschen Bibliothek in Nöthnitz nicht stand
sind, nutzt, um Informationen über Antikes zu erhal- (Br. I, 187, 196), zunehmend erhält W. jedoch Zu-
ten. Er liest Schriften griechischer und römischer Au- gang zu bedeutenden Büchersammlungen. Bereits
toren, breit gefächert, aber doch auch hier und da wenige Monate nach seiner Ankunft in Rom plant er
schwerpunktmäßig, oft versehen mit Scholien und eigene Publikationen. Mit dem Maler Anton Raphael
Kommentaren, und studiert Sammelwerke wie die Mengs möchte er eine Schrift von dem Geschmack
vierzehnbändige Bibliotheca Graeca des Johann Albert der griechischen Künstler veröffentlichen. Für dieses
Fabricius, wissenschaftliche Zeitschriften wie die Acta Vorhaben liest er 1756/57 erneut Schriften griechi-
eruditorum, und nicht zuletzt Wörterbücher und En- scher Autoren, insbesondere Pausanias, Strabon und
zyklopädien wie Pierre Bayles Dictionnaire historique Lukian (Br. I, 197, 201, 208, 212; Kochs 2005, 76–78).
et critique (Décultot 2005, 35–37). Aus diesen Quellen Zahlreiche Exzerpte bezeugen diese Lektüre. Ein
fertigt W. Exzerpte, handgeschriebene Register und Heft mit dem Titel Collectanea ad Historiam Artis,
Notizen an. Beispielhaft für ein derartiges selbst- eingeteilt in Rubriken wie De Architectura, De Sepul-
geschaffenes Nachschlagewerk ist ein alphabetischer cris Graecorum u. a. (Nachlass Paris, Bd. 57, fol. 198–
Index der Anfänge griechischer Epigramme aus der 233. In: SN IV,5, 99–179; s. a. Nachlass Paris, Bd. 59,
Anthologia Graeca des Henri Étienne (Nachlass Paris, fol. 214–229) enthält Auszüge vor allem der genann-
Bd. 60, fol. 202–222). ten Autoren. Darüber hinaus sind Homer, Diodor
von Sizilien, Theokrit, Kallimachos, Euripides, Me-
nander u. a. zu nennen. Umfangreiche Notizen ent-
Rom
stehen aber auch aus Franciscus Junius’ Catalogus
Wenn man von Besuchen in der Dresdner Gemälde- Architectorum, Mechanicorum, Pictorum Aliorumque
galerie absieht, wie sie in der Fragment gebliebenen Artificum Veterum, den sich W. 1756 kaufte (Nachlass
Beschreibung der vorzüglichsten Gemälde der Florenz, 43–59). Ergebnis der Sammeltätigkeit sind
Dreßdner Gallerie dokumentiert sind, so eignete sich zunächst kleinere Exkurse, wie Von den Vergehungen
W. in Deutschland überwiegend Bücherwissen an. der Scribenten über die Ergäntzungen, Von der Res-
6 Philologie bei Winckelmann 53

tauration der Antiquen und Sachen welche von neuen mich im Stand zu setzen, viele noch ungedruckte Re-
zu untersuchen sind zur Abhandlung der Restaur[ati- den des Libanius aus der Vaticana und Barberina mit
on] der Antiquen (SN I), die schließlich in die Be- meiner Übersetzung ans Licht zu stellen.« (Br. I, 275
schreibungen der Statuen im Belvedere münden. Im vom 9.3.1757). Noch im Februar 1758 schreibt W.:
Unterschied zu den Exzerpten, die W. in Deutsch- »Es ist nöthig, daß ich mich in der Griechischen Litte-
land anfertigte, behandeln diese Notizen und Ab- ratur mit etwas zeige; ich finde aber noch nichts was
schriften zielorientiert antiquarische und kunsthis- mir gefällt. Ich lese daher die alten Griechen von neu-
torische Themen. W. wählt nicht nur zweckgerichtet en in dieser Absicht, und mache mir Register von al-
Literatur zu einem bestimmten Sachverhalt aus, son- len Worten, wo keine sind; als über die drey Tragi-
dern er sortiert, systematisiert und organisiert die schen Dichter. Den Aeschylus habe ich auf diese Wei-
gefundenen Erkenntnisse, offenbar in der Absicht, se geendiget.« (Br. I, 325). Im Pariser Nachlass findet
diese Vorarbeiten zu eigener schriftstellerischer Pro- sich ein Heft mit dem Titel Aeschylus, das ein Wort-
duktion zu nutzen. register enthält, teilweise mit lateinischer Überset-
zung oder Scholiastenbemerkungen (Nachlass Paris,
Bd. 59, fol. 332–387; Abb. 6.1). Allerdings setzt W.
Philologische Publikationspläne
keines der philologischen Projekte in die Tat um.
Um in die römische Gelehrtenwelt Einlass zu finden Friedrich August Wolf urteilt 1805: »Allein, dann
und sein Auskommen in Rom dauerhaft zu sichern, mißkannte er offenbar seinen Beruf, wenn er von Zeit
will sich W. als Spezialist für griechische Literatur ei- zu Zeit den Vorsatz fasste, an die philologisch-kri-
nen Namen machen: »Es ist nöthig, daß ich mich in tische Bearbeitung eines Griechen heranzugehen«
der Griechischen Gelehrsamkeit hier zeige, wenn ich (Goethe 1969, 243).
sollte genöthiget werden, meine Hütte hier auf-
zuschlagen.« (Br. I, 314 vom 20.11.1757). Die Fach-
Die Ambivalenz in der Hermeneutik von Text und
kenntnis der römischen Gelehrten auf dem Gebiet
Kunstwerk
der griechischen Literatur schätzt er gering: »In der
Griechischen Litteratur ist lauter Finsterniß in Rom.« W.s wissenschaftliche Arbeit ist charakterisiert durch
(Br. I, 237 vom 7.7.1756). Vor diesem Hintergrund die Dualität von Philologie und Archäologie und folgt
scheint er eine Chance zur eigenen Profilierung zu su- darin den Spuren der antiquarischen Gelehrsamkeit.
chen. Sein Vorhaben ist philologischer Natur – die Zentraler Punkt ist das Zusammenführen beider Be-
Publikation bisher unedierter griechischer Kodizes. trachtungsweisen. Die Autopsie von Statuen, Reliefs
Das Bemühen, Zugang zu den unedierten Hand- und Gemmen wird zur Voraussetzung für Emendati-
schriften der Vatikanischen Bibliothek zu erhalten, on und Erläuterung antiker Texte: »Avec le secours de
scheitert allerdings, denn man zeigt ihm nur die be- tant de Monumens j’ai été en état d’éclaircir des passa-
reits edierten Manuskripte: »Meine Absicht war, auch ges des anciens Auteurs qui n’ont pas été entendu, et
etwas von Griechischen Anecdoten in der Vaticana zu dans plusieurs autres passages j’ai corrigé le texte.« (Br.
erwischen; aber es ist kein Mittel dahin zu gelangen. II, 347 vom 30.9.1763; Übers.: Mit Hilfe vieler Denk-
Manuscripte von herausgegebenen Werken sind zu mäler war ich in der Lage, Stellen der alten Autoren zu
erhalten; aber jene nicht. Einige Griechische Inschrif- erklären, die nicht verstanden wurden, und an mehre-
ten habe ich verbessert, und das ist alles, was ich in ren anderen Stellen habe ich den Text korrigiert).
dieser Art habe thun können.« (Br. I, 232–233 vom Ähnliche Aussagen zu seiner Methodik und seiner
7.7.1756). Auch plant W., gemeinsam mit dem Präla- Zielsetzung findet man an weiteren Stellen (Käfer
ten Michelangelo Giacomelli die unedierten Reden 1986, 45). Zur Veranschaulichung ein Beispiel aus den
des Libanios herauszugeben: »Wir haben beyde Lust, Anmerkungen über die Baukunst der alten Tempel zu
des Libanii noch nicht herausgegebene Griechische Girgenti in Sicilien:
Reden aus zween Manuscripten der Vaticanischen
und Barberinischen Bibliothek ans Licht zu stellen« »Da nun der Tempel des Jupiters [...] nicht geendigt
(Br. I, 263 vom 29.1.1757). Im Zuge der Material- wurde; so geschahe es mit der Zeit, daß man ganz na-
sammlung für die geplante Geschichte der Kunst son- he an dem Tempel hinan Häuser bauete, und endlich
diert W. die Texte zugleich nach Erträgen für seine wurde der Tempel ganz von andern Gebäuden umge-
philologische Arbeit: »Bey Lesung der Alten aber ben: dieses ist der Verstand der Worte des Diodorus,
merke ich zugleich an, was die Sprache angehet, um die, wie es mir scheint, von niemanden verstanden
54 II Systematische Aspekte

Abb. 6.1 Notizen zu


Aischylos, Sieben gegen
Theben (Nachlass Paris,
Bd. 59 / fol. 374).

sind. Τῶν ἄλλων ἢ μέχρι τοίχων τοῦς νεὼς ὀικοδομούντων, ßeling suchet beyde Wörter zu behalten, und meinet,
ἢ κυκλώσι τοῦς ὀὶκους περιλαμβανόντων. Die lateinische man müsse κυκλῳ κίοσι, oder κυκλώσι κιόνων lesen. Ich
Uebersetzung des ersten Comma ist: Cum alii ad pa- bleibe hier bey dem gedruckten Text [...].« (Baukunst
rietes usque templa educant. Man lese an statt τοὺς Girgenti, SN III,11)
νεὼς, τοὺ νὲω, und übersetze es: Cum alii ad parietes
usque templi aedificiis fabricandis accederent. Im Umgekehrt schließt W. eine Erhellung des Objekts
zweyten Comma lesen Henr. Stephanus und Rhodo- durch den Text nicht aus; insbesondere dichte-
mann, an statt Κυκλώσι in circuitu, κίοσι, columnis. We- risch-mythologische Überlieferungen sind wichtige
6 Philologie bei Winckelmann 55

Grundlage zur ikonographischen Analyse von nen geübten Künstler unter der Aufsicht eines fach-
Kunst, so in der Description des pierres gravées: »Les kundigen Antiquars erfolgen (SN I,23). W.s Kritik an
preuves que nous avons tirés des monuments anti- zeitgenössischen Gelehrten, die sich über antike
ques sont souténues par des citations d’Auteurs fort Kunst und ihre Historie äußern, bezieht sich auf
exactes, & comme il sautera aux yeux, que toutes ces mehrere Punkte: Zum einen beklagt er, dass Autoren
citations sont puisées dans les premiéres sources, ces wie Bernard de Montfaucon (1655–1741) ohne
citations mêmes pourront être de quelque utilité.« Autopsie antiker Monumente kunsthistorische Aus-
(SN VII,1, 8; Übers.: Die Beweise, die wir antiken sagen treffen. Anhand von Kupferstichen und Zeich-
Monumenten entnommen haben, stützen sich auf nungen könne man jedoch nicht sicher zwischen
sehr genaue Zitate von Autoren, und da es offen- Original und Ergänzungen unterscheiden; die man-
sichtlich ist, dass alle diese Zitate Primärquellen ent- gelhafte Qualität der Reproduktionen und die zwei-
nommen sind, können diese Zitate selbst von gewis- dimensionale Abbildung eines dreidimensionalen
sem Nutzen sein). W. wendet also eine text-kunst- Objektes führten zu Fehleinschätzungen (Vorrede zu
exegetische Methode an. GK1, SN IV,1, XXII, XXIV, XXVI; GK2, SN IV,1, 69).
Zum anderen distanziert sich W. von Philologen wie
Jacob Philippe d’Orville (1696–1751), die ihr Augen-
Analyse von Statuen mit philologischem Blick
merk vorrangig auf detaillierte Textarbeit legten und
Noch im 18. Jh. pflegte man antike Statuen zu restau- die ihnen zugänglichen Kunstobjekte außer Acht lie-
rieren, indem man fehlende Teile durch Fundstücke ßen. Abwertend schreibt er:
oder Neuanfertigungen ergänzte. Wissenschaftlich
problematisch wurde diese Methode vor allem da- »so bin ich umso vielmehr zufrieden, daß ich die weni-
durch, dass die Ergänzungen oftmals nicht mehr als ge Zeit meines Lebens nicht verlohren in alten abge-
solche wahrgenommen werden konnten und zu griffenen Handschriften, wozu ich alle erwünschte Ge-
Fehldeutungen führten. Auf zahlreiche Fehlinterpre- legenheit gehabt hätte. Ich habe mir allezeit, diesen
tationen namhafter Kunstgelehrter verweisend, wen- Kützel zu unterdrücken, den berühmten Orville vor-
det sich W. gegen die Methodik der Ergänzung: »Die gestellet, welcher ein paar Jahre in Rom angewendet,
mehresten Vergehungen der Gelehrten in Sachen Al- alle Morgen nach der Vaticanischen Bibliothec zu ge-
terthümer rühren aus Unachtsamkeit der Ergäntzun- hen, um den Heidelbergischen Codex der Griechischen
gen her: denn man hat die Zusätze anstatt der ver- Anthologie theils mit dem gedruckten zu vergleichen,
stümmelten und verlohrnen Stücke von dem wahren theils diesen aus jenen zu verbessern und zu ergän-
Alten nicht zu unterscheiden verstanden.« (Vorrede zen.« (Vorrede AGK, KS 257)
zu GK1, SN IV,1, XXIV). Wie Élisabeth Décultot
(2005, 144–145) zeigt, bedient sich W. bei der Ana- Reine Textkritik ist offenbar nicht W.s Metier; in die-
lyse der Statuen und ihrer Ergänzungen philologi- sem Sinn schreibt jedenfalls Friedrich August Wolf an
scher Verfahrensweisen und plädiert dafür, den Ur- Goethe: »in historischer Kritik ist er gar nicht gewandt
bestand eines Objektes zu ergründen und von späte- und nicht gewissenhaft genug« (Goethe 1969, 20).
ren Ergänzungen zu unterscheiden (auch Käfer 1986, Doch zeigt sich, dass W. in seiner Kunstkritik, ins-
46–49). Insofern bringt er die Methode der Textkritik besondere in der Beurteilung von Statuen, philologi-
als eine solche der Kunstkritik in Anwendung. Er schen Prinzipien und Methoden folgt.
sucht nach parallelen Objekten (Heuristik), bei-
spielsweise nach Paralleldarstellungen auf Münzen
Winckelmann und Homer
oder weiteren Statuen, stellt diese vergleichend ne-
beneinander (Kollation), versucht, sie anhand stilisti- An W.s Homer-Verehrung lassen schon frühe Briefe
scher Merkmale zu analysieren und zu beurteilen keinen Zweifel. In einem Brief aus Nöthnitz liest man:
(Recensio und Examinatio) und schließlich Korrek-
turen oder Ergänzungen vorzunehmen, um nach »Ich habe mich gewundert, daß ich seit einiger Zeit mit
Möglichkeit die ursprüngliche Form wiederherzu- einer gantz andern Einsicht, sonderlich die Alten, an-
stellen (Emendatio). Als Beispiel vergleiche man die gefangen habe zu lesen. Den Homer allein habe ich
Beschreibung der Statue der sogenannten Cleopatra diesen Winter 3mahl mit aller application, die ein so
(SN IV,5, 39–41). W. lehnt also Ergänzungen nicht göttliches Werck erfordert gelesen: vor der Zeit habe
grundsätzlich ab, allerdings müssten solche durch ei- ich ihn bey nahe nicht anders geschmecket, als Leute,
56 II Systematische Aspekte

die ihn in einer prosaischen Uebersetzung gelesen. ein wichtiger Schritt zur Homer-Renaissance in der
Meine Extraits sind auf einen gantz anderen Fuß ein- zweiten Hälfte des 18. Jh. (Kunze 2002; 1999, 8–10;
gerichtet, und sehr angewachsen. Ich habe sie sehr Farina 2012).
sauber geschrieben: ich halte sie nunmehro vor einen Die essenzielle Erkenntnis W.s, dass sich »der Sinn
großen Schatz.« (Br. I, 142 vom 6.7.1754) eines Kunstwerkes [...] aus der zuvor aus der Mytholo-
gie, Philosophie und Geschichtsschreibung erschlos-
Aus Homer macht sich W. auch später immer wieder senen Sinnganzheit der antiken Welt« erschließt (Zel-
Notizen. Bemerkenswert sind im Hamburger Nach- ler 1955, 74), legt den Grund für ein wachsendes Ver-
lass befindliche Exzerpte aus der Ilias und der Odys- ständnis von Altertumswissenschaft als Einheit ko-
see (Cod. hist. art. Nr. 1,2 Bd. Nr. 6). Sie umfassen operierender Spezialdisziplinen (Wolf 1807, 5, 30–31,
312 Verse oder Versteile auf feinem Papier in hand- 124–125, 139–140). Der Philologie kommt dabei die
lichem Format. Entstanden sind sie in Seehausen. W. zentrale Aufgabe zu, ȟber die historisch-kritische
notiert Verse, deren besondere sprachlich-stilistische Aufbereitung der Dokumente eine historische An-
Formung und Rhythmik ihm auffielen, sowie präg- schauung des Altertums zu erreichen« (Muhlack
nante Wendungen und Gleichnisse (zum Ganzen 1985, 99).
siehe Kraus 1935). Das Interesse an Homer ist ein
mehrfaches: Zum einen wendet W. die text-kunst- Quellen
exegetische Methode gerade auf Homerstellen an. Es Bayle, Pierre: Historisches und critisches Wörterbuch. 4 Bde.
ist nicht zu übersehen, dass Homer unter den Auto- Leipzig 1741–1744.
Fabricius, Johann Albert: Bibliotheca Graeca, sive notitia
ren, deren Texte in Beziehung zu Kunstobjekten ge- scriptorum veterum Graecorum [...]. 14 Bde. Hamburg
setzt werden bzw. Ausgangspunkt antiquarischer 1705–1728.
Studien sind, eine Spitzenstellung einnimmt (Farina Goethe, Johann Wolfgang: Winckelmann und sein Jahrhun-
2012, 26; Kunze 2002). Die Kenntnis der home- dert in Briefen und Aufsätzen. Mit einer Einleitung und
rischen Epen führte zu vielen zutreffenden Deutun- einem erläuternden Register von Helmut Holtzhauer.
Leipzig 1969.
gen von Antiken als Darstellungen zu griechischen,
Junius, Franciscus: Catalogus Architectorum, Mechanico-
nicht römischen Mythen (Himmelmann 1971, 6). rum, Pictorum Aliorumque Artificum Veterum. Rotter-
Zum anderen zeigen schon die genannten Exzerpte dam 1694.
W.s Sensibilität für das über das Verbale hinaus- Vorstius, Johannes: Veterum Poetarum Graecorum
gehende Wirken homerischer Worte. Deutlich wird Poemata, Aut Poematium Apospasmatia Selecta. Berlin
dies beispielsweise in der Erläuterung der Gedanken 1674.
Wolf, Friedrich August: Darstellung der Altertumswissen-
von der Nachahmung: »Zwey Verse im Homer ma-
schaft. Berlin 1807.
chen den Druck, die Geschwindigkeit, die vermin-
derte Kraft im eindringen, die Langsamkeit im Forschung
durchfahren, und den gehemmten Fortgang des Abel, Walther: Lateinisch und Griechisch an Berliner Schu-
Pfeils, welchen Pandarus auf den Menelaus abschoß, len. Ein Epilog. In: Arenhövel, Willmuth/Schreiber,
sinnlicher durch den Klang als durch die Worte Christa (Hg.): Berlin und die Antike. Berlin 1979, 193–
selbst. Man glaubt den Pfeil wahrhaftig abgedruckt, 213.
Bursian, Conrad: Geschichte der classischen Philologie in
durch die Luft fahren, und in den Schild des Mene-
Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart. Mün-
laus eindringen zu sehen.« (KS 101–102 mit Fußnote chen/Leipzig 1883.
W.s: Iliad. δ’ v. 135; Kraus 1935, 39–41; Kunze 2002, Décultot, Élisabeth: Theorie und Praxis der Nachahmung.
249–250). W.s Wahrnehmung beschränkt sich nicht Untersuchungen zu Winckelmanns Exzerptheften. In:
auf die Wortbedeutung. Sein eigener Stil steht unter DVjs 76 (1/2002), 27–49.
dem Einfluss des antiken Dichters. Die Entwürfe und Décultot, Élisabeth: Untersuchungen zu Winckelmanns Ex-
zerptheften. Ein Beitrag zur Genealogie der Kunst-
Fassungen der Beschreibung des Apollo im Belvedere
geschichte im 18. Jahrhundert. Ruhpolding 2005.
zeigen, wie sich W. den gleichnishaften Charakter Décultot, Élisabeth: Winckelmanns Lese- und Exzerpier-
homerischen Sprechens zu eigen machte (SN IV,5, kunst. Übernahme und Subversion einer gelehrten
3–15; Kraus 1935; Wohlleben 1990, 13–14; Zeller Praxis. In: Gemmel, Mirko/Vogt, Margrit (Hg.): Wissens-
1955). Die sprachliche Schönheit und Ausdrucks- räume. Bibliotheken in der Literatur. Berlin 2013, 137–
stärke Homers vermittelt sich dem Leser allerdings 165.
Décultot, Élisabeth: Winckelmanns Medizinstudien. Zur
nur durch die Lektüre des Originals (Abhandlung, KS Wechselwirkung von kunstgeschichtlichen und medizi-
222). Die besondere Verehrung W.s für Homer war
6 Philologie bei Winckelmann 57

nischen Studien. In: Eisenhut, Heidi/Lütteken, Anett/Zel- Wülfing, Peter: Altertumswissenschaft und Philologie. In:
le, Carsten (Hg.): Heilkunst und schöne Künste. Wechsel- Gymnasium 92 (1985), 12–29.
wirkungen von Medizin, Literatur und bildender Kunst Zeller, Hans: Winckelmanns Beschreibung des Apollo im
im 18. Jahrhundert. Göttingen 2011, 108–130. Belvedere. Zürich 1955.
Diterich, Martin: Berlinische Closter- und Schul-Historie,
welche die Stiftung und Merckwürdigkeiten des Francis- Susanne Kochs
caner-Closters in Berlin, die Aufrichtung des Gymnasii in
demselben [...] in sich fasset. Berlin 1732.
Farina, Franco: Winckelmann und Homer. In: Dummer,
Jürgen (Hg.): Homer im 18. Jahrhundert. Stendal 2012,
24–31.
Götze, Ludwig: Geschichte des Gymnasiums zu Stendal
von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Stendal
1865.
Hammerstein, Notker/Herrmann, Ulrich (Hg.): Handbuch
der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 2. München
2005.
Harloe, Katherine: Winckelmann and the Invention of Anti-
quity. Oxford 2013.
Himmelmann, Nikolaus: Winckelmanns Hermeneutik.
Mainz 1971.
Justi, Carl: Winckelmann und seine Zeitgenossen. 2 Bde.
Hildesheim u. a. 1983 (Nachdr. der Ausgabe Leipzig
1943).
Käfer, Markus: Winckelmanns hermeneutische Prinzipien.
Heidelberg 1986.
Kochs, Susanne: Winckelmanns Studien der antiken griechi-
schen Literatur. Ruhpolding 2005.
Kraus, Konrad: Winckelmann und Homer. Berlin 1935.
Kroll, Wilhelm: Geschichte der Klassischen Philologie. Ber-
lin/Leipzig 1919.
Kunze, Max: Der »rote Faden« Winckelmanns – Homer. In:
Wiegels, Rainer (Hg.): Antike neu entdeckt. Aspekte der
Antike-Rezeption im 18. Jahrhundert unter besonderer
Berücksichtigung der Osnabrücker Region. Möhnesee
2002, 243–251.
Kunze, Max (Hg.): Wiedergeburt griechischer Götter und
Helden – Homer in der Kunst der Goethezeit. Eine Aus-
stellung der Winckelmann-Gesellschaft im Winckel-
mann-Museum Stendal. Mainz 1999.
Muhlack, Ulrich: Philologie zwischen Humanismus und
Neuhumanismus. In: Vierhaus, Rudolf (Hg.): Wissen-
schaften im Zeitalter der Aufklärung. Göttingen 1985,
92–119.
Paulsen, Friedrich: Geschichte des gelehrten Unterrichts.
2 Bde. Berlin/Leipzig 1919, 1921.
Pfeiffer, Rudolf: Die Klassische Philologie von Petrarca bis
Mommsen. München 1982.
Schadewaldt, Wolfgang: Winckelmann und Homer. In:
Ders. (Hg.): Hellas und Hesperien. Bd. 2. Zürich/Stuttgart
1970, 37–73.
Schadewaldt, Wolfgang: Winckelmann als Exzerptor und
Selbstdarsteller. In: Ders. (Hg.): Hellas und Hesperien.
Bd. 2. Zürich/Stuttgart 1970, 74–95.
von Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich: Geschichte der Phi-
lologie. Leipzig 1959.
Wiesner, Joseph: Winckelmann und Hippokrates. Zu Win-
ckelmanns naturwissenschaftlich-medizinischen Studien.
In: Gymnasium 60 (1953), 149–167.
Wohlleben, Joachim: Die Sonne Homers. Göttingen 1990.
58 II Systematische Aspekte

7 Winckelmanns Schreibweisen Das Format seiner gedruckten Werke ist maßgeb-


lich von der Praxis des Exzerpierens beeinflusst. Die
Exzerpieren und Schreiben
1755 veröffentlichten Gedancken über die Nach-
Für W. teilen Kunst und Schreiben ein gemeinsames ahmung der Griechischen Wercke, eine kleine, vierzig-
Schicksal. In den Erläuterungen der Gedanken über die seitige Schrift in Quartformat, gehören zur Gattung
Nachahmung der Griechischen Werke von 1756 erklärt des kurzen Essays und gehen auf Konfrontationskurs
er: »Allein die Kunst ist unerschöpflich, und man muß zur Gelehrtentradition. Auch die 1764 in Druck ge-
nicht alles schreiben wollen« (KS 144). Die Un- gangene Geschichte der Kunst des Alterthums nimmt
erschöpflichkeit der Kunst entspricht auch der Un- Abstand von dem Vorbild der antiquarischen Schrif-
erschöpflichkeit des Schreibens. Schon von Beginn ten des 17. und 18. Jh. In einem Quartband von 431
seiner Gelehrtenlaufbahn an stellt sich ihm dieses Seiten behandelt W. eine Thematik, für die beispiels-
Problem, das ihn bis ans Ende seines Lebens begleiten weise Bernard de Montfaucon in L ’antiquité expliquée
sollte, die Frage nach der Unvollendetheit seines lite- et représentée en figures ganze 15 Foliobände benötigt
rarischen Schaffens. Er ist nicht in der Lage, die eige- hatte. Doch bestimmt die »Ars excerpendi« auch Stil
nen Werke zu Ende zu bringen, da ihn die Unendlich- und Inhalt von W.s Werken. In den betont uneinheitli-
keit des Kunstdiskurses daran hindert. Kaum sind sie chen Gedancken über die Nachahmung wechseln sich
veröffentlichungsreif, sieht er sich gezwungen, sie zu übergangslos allgemeine Beobachtungen mit ausführ-
aktualisieren und neue Entwicklungen, Ergänzungen lichen Detailbeschreibungen, Informationen über die
und Verbesserungen einzuarbeiten. Wie bei anderen Antiken mit Betrachtungen zu den Modernen ab. Der
klassischen Autoren sind seine Werke nie vollendet, Diskurs zerfällt in Fragmente, die bisweilen auch den
sondern offene Paralipomena, die in diesem Stadium Charakter von aphoristischen Bemerkungen anneh-
bleiben oder zu wahren Texten werden können. men. Der Text gliedert sich in eine Reihe von kurzen
Hinzu kommt ein weiterer, weniger offensicht- Absätzen, ist mit Fußnoten von unterschiedlicher
licher Grund, der den unabgeschlossenen Charakter Länge versehen und beruht auf Exzerpten, die W. bis
von W.s literarischer Produktion erklärt. Er liegt in dato gesammelt hatte. Einige davon überträgt er sogar
W.s Arbeitsweise, der Élisabeth Décultot in den letz- direkt aus seinen Heften, ohne aber die jeweiligen
ten Jahren besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Quellen anzugeben. Plinius der Ältere, Giovanni Pie-
Ein Großteil von W.s Forschungstätigkeit basiert auf tro Bellori, Jean-Baptiste Dubos, Charles Perrault,
den Exzerptheften, die er während seiner gesamten Christina von Schweden, La Bruyère, Alexander Pope,
intellektuellen Biographie zusammengetragen hat. Madame Dacier sind nur einige der Autoren, aus de-
Diese Praxis geht auf eine alte Kulturtradition zu- ren Exzperten W. sein Werk zusammensetzt. Den
rück, die bis ins späte 19. Jh. nicht nur gepflegt, son- Auszügen aus dem Ouvrage de loisir ou Maximes et
dern auch zum Gegenstand einer breiten theoreti- sentences der Christina von Schweden entnimmt er
schen Debatte gemacht wurde (vgl. Décultot 2014). z. B. den berühmten Vergleich, der das Meer als Spie-
Wie so oft nimmt W. jedoch auch gegenüber diesem gel der Seele beschreibt: »Das Meer ist ein Bild großer
kompilatorischen Modell eine ambivalente Haltung Seelen: wie aufgewühlt sie auch scheinen mögen, ihre
ein, die zwischen Rückschau und zukunftsgerichteter Tiefe ist doch immer ruhig« (»La mer est à l’ image des
Erneuerung schwankt. Er erstellt die Exzerpte nach grands ames: quelque agitées qu’elles paraissent, leur
und nach während des Lesens, ohne sie freilich zu fond est toujours tranquille«; vgl. Décultot 2014, 150).
klassifizieren und vorbestimmten Kategorien zu- Bei W. heißt es: »So wie die Tiefe des Meers allezeit ru-
zuordnen. Statt sie nach dem konventionellen topi- hig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, eben so
schen System zu gliedern, folgt er einer subjektiven zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bey
und autoreferentiellen Ordnung. Außerdem versieht allen Leidenschaften eine grosse und gesetzte Seele«
er seine Extrakte nie mit persönlichen Kommentaren (Gedancken1, 43). Auch eine der bekanntesten For-
oder formalen Änderungen, sondern schreibt die meln von W.s Schrift ist die geradezu wörtliche Über-
Teile des Originaltextes aus, die ihn am meisten be- setzung eines Exzerptes, das sich in einem seiner
eindrucken. Auch in diesem Fall zieht er den tradi- handgeschriebenen Hefte findet. Der Satz »Der ein-
tionellen Adversaria die Objektivität des Zitates vor zige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, un-
und ergänzt es um genaue bibliographische Angaben: nachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Al-
Name des Autors, Titel, Nummer des Bandes und ten, [...]« (Gedancken1, 29) ist eine Adaptation des
Seitenzahl. folgenden Passus in La Bruyères Caractères: »Man

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_7, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
7 Winckelmanns Schreibweisen 59

könnte im Schreiben keine Vollendung erreichen terungen der Gedanken, wo er Auszüge verwertet, die
oder, wenn möglich, die Alten übertreffen, außer er in der ersten Auflage der Gedancken nicht hatte be-
durch ihre Nachahmung« (»On ne saurait en écrivant nutzen können.
rencontrer le parfait et s’il se peut surpasser les An- Auch die spätere literarische Produktion ist durch
ciens que par leur imitation«; vgl. Décultot 2014, 150). das Prinzip der »Ökonomie des Schreibens« inspi-
In der daran anschließenden Stelle »was jemand vom riert. Für die 1762 publizierten Anmerkungen über die
Homer gesagt, daß derjenige ihn bewundern lernet, Baukunst der Alten macht W. großzügig Gebrauch von
der ihn wohl verstehen gelernet, gilt auch von den einem um 1754 erstellten Faszikel seiner hand-
Kunst-Wercken der Alten, sonderlich der Griechen« geschriebenen Werke, der ausschließlich der Archi-
(Gedancken1, 29–30) gibt W. fast wortgetreu einen tektur gewidmet ist. Unter den darin gesammelten Ex-
Auszug aus der französischen Übersetzung von Ale- zerpten sind besonders die aus Les Dix livres d’archi-
xander Popes Essai sur la critique wieder: »Wenn man tecture de Vitruve (1684) von Claude Perrault hervor-
ihn recht zu verstehen weiß, weiß man ihn auch zu be- zuheben, und zwar wegen der Bedeutung, die W. dem
wundern; nur mit sich selbst darf man ihn verglei- römischen Baumeister in den Anmerkungen über die
chen« (»Quand on sait bien l’ entendre [Homere], on Baukunst der Alten zubilligt (vgl. Testa 2009). Auch
sait bien l’ admirer / Lui-même avec lui il faut le com- sein Opus magnum, die Geschichte der Kunst, ist das
parer«; vgl. Décultot 2014, 151). Ergebnis von Überarbeitungen, bei denen W. immer
Schließlich ist »Man muß mit ihnen, wie mit seinem wieder aus seinen Exzerptheften schöpft. Die älteren
Freunde, bekannt geworden sein, um den Laokoon Exzerpte werden im Lauf der Zeit durch neuere er-
ebenso unnachahmlich als den Homer zu finden« (Ge- gänzt; sie stammen vor allem aus kunstgeschicht-
dancken1, 30) die Variation eines Topos, der sich schon lichen Werken und aus der klassischen Literatur, die er
in Madame Dacier, der berühmten französischen Ho- während seiner Jahre in Rom in den dortigen Biblio-
mer-Übersetzerin, findet: »Ich habe Homer wiederholt theken konsultiert. Zwischen 1756 und 1757 kündigt
gelesen, denn ich spüre dieselbe Leidenschaft für ihn W. in seinen Briefen die Vorbereitung einer Geschich-
wie der Philosoph Arkesilaos, der keinen Abend und te der Kunst an. Am 29. August schreibt er an Giovan-
Morgen vergehen ließ, ohne einige Stellen dieses Dich- ni Lodovico Bianconi: »Ich bin auf den Einfall geraten,
ters zu lesen, und der, wenn er zu seinem Buch griff, an einer Geschichte der Kunst zu arbeiten: ich habe
jedes Mal sprach, er gehe zu seinen Geliebten« (»J’ai lu darüber nachgedacht und suche die Materialien dazu.
Homère plusieurs fois, car j’ai pour lui la même passion Fast wäre ich versucht, lateinisch zu schreiben« (»Il
qu’avait le philosophe Arcésilas qui soir et matin ne m’est venuë [...] l’ idée de travailler à une Histoire de
manquait jamais de lire quelque endroit de ce poète, et l’ Art: j’y ai pensé et j’en cherche les materiaux. Je serois
qui disait toujours en prenant son livre ›qu’il allait à ses presque tenté de l’ ecrire en Latin«; Br. I, 242–243).
amours‹«; vgl. Décultot 2014, 151). Nach einer ersten Fassung von 1759, die der Dresdner
Hinter dem gesamten literarischen Werk W.s lässt Verleger Walther ablehnt, weil sie nicht umfassend ge-
sich ein ebenso gewissenhafter wie wohl kalkulierter nug ist, arbeitet W. an einer neuen Version des Werkes,
Umgang mit der Exzerptsammlung vermuten, der die er 1761 nach Deutschland schickt. Währenddes-
darauf ausgerichtet ist, die ungeheure Menge der Auf- sen fügt er Auszüge in die Geschichte ein, die in der
zeichnungen so ökonomisch wie möglich zu verwer- ersten Fassung keine Verwendung gefunden hatten.
ten. Nachdem er in der ersten Auflage der Gedancken Um sich davon zu überzeugen, genügt es, die lange
über die Nachahmung seinen Vorrat aus klassischen Liste zitierter Werke gleich nach dem Inhaltsverzeich-
Schriftstellern erschöpft hatte, bleiben viele Exzerpte nis zu durchlaufen; sie umfasst mehr oder weniger die
aus modernen Autoren ungenutzt, die er dann in ein Texte, aus denen W. viele Exzerpte gewonnen hat. Un-
zweites, 1756 veröffentlichtes Werk, das Sendschreiben mittelbar nach dem Erscheinen der Geschichte Ende
über die Gedanken, einbringt. Letzteres ist eine Vertei- 1763 – auch wenn auf dem Titelblatt 1764 steht –
digung der Modernen, die auf Materialien von Auto- schickt sich W. an, eine neue Fassung auszuarbeiten.
ren des 17. und 18. Jh. aufbaut ; darunter finden sich Am 13. Juli 1765 vertraut er Christian Gottlob Heyne
Filippo Baldinuccis Vita del Cavalier Bernini, die Dis- an: »So bald ich Luft bekomme, werde ich eine voll-
sertation sur les ouvrages des plus fameux peintres von ständigere Ausgabe der Geschichte der Kunst besor-
Roger de Piles und das Abrégé de la vie des plus fameux gen. Wir sind heute klüger, als wir gestern waren« (Br.
peintres des Dézallier d’Argenville. Dieselbe Methode III, 111). Die Arbeit an anderen Schriften wie den Mo-
wendet W. auch in einem dritten Werk an, den Erläu- numenti antichi inediti und den Anmerkungen über die
60 II Systematische Aspekte

Geschichte der Kunst, die er unbedingt zu Ende brin- montagnes entieres de porphyre rouge, dans un passa-
gen möchte und die 1767 publiziert wurden, hinderte ge si serré entre ces montagnes et le fleuve que les voi-
ihn allerdings daran, die Neuauflage der Geschichte tures qui le traversent frottent de l’ aissieu contre le
der Kunst wie geplant voranzutreiben. Erst zu Beginn porphyre«; vgl. Ferrari 2011, 208). Aus unerklärlichen
des Sommers 1767 berichtet W. seinen wichtigsten Gründen wird diese Notiz nicht in die Wiener Neu-
Korrespondenten wieder von einem Neudruck seines auflage der Geschichte der Kunst eingehen.
Hauptwerks. Von Juni 1767 bis Juni 1768, im letzten So wie W.s Nachlass beschaffen ist und verwaltet
Jahr seines Lebens, arbeitet er unermüdlich an der Ak- wird, muss man mit Überraschungen und Risiken
tualisierung und Verbesserung der Schrift, da eine rechnen. Solange er am Leben ist, gelingt es dem Kunst-
neue Auflage in Aussicht steht. historiker, selbst aus bruchstückhaftem Rohmaterial
Das Manuskript für die Neuauflage der 1776 pos- neue Werke zu schaffen. Seine früheren unvollendeten
tum in Wien veröffentlichten Geschichte der Kunst und uneinheitlichen Schriften verlangen geradezu
ging aber verloren, so dass es nicht möglich ist, präzi- nach Erweiterung und Verbesserung, ganz anders als
sere Hypothesen zur Art der geplanten Änderungen die Projekte, die er für die Zukunft geplant hatte. Doch
zu entwickeln. Immerhin lässt sich nachweisen, dass statt nach W.s Tod Ordnung in die Materialien zu brin-
W. in der letzten Fassung verschiedene Teile aus den gen und alle zum Nachlass gehörenden Papiere auf-
Anmerkungen über die Geschichte der Kunst übernom- zubewahren, verlieren seine Nachfolger und Kommen-
men hat, die ihrerseits als Ergänzung zur ersten Auf- tatoren einen Teil davon oder übergehen sie, wie im
lage der Geschichte der Kunst gedacht waren. Fall der Porphyrberge, ohne einleuchtenden Grund.
Aus der Praxis des Exzerpierens hat er ein regel- Die Neuauflage von 1776 hätte den verlegerischen
rechtes Schreibmodell entwickelt. Das in Paris auf- Wechselfällen der Geschichte der Kunst ein Ende berei-
bewahrte Manuskript der Anmerkungen über die Ge- ten können; stattdessen wird sie zu einem recht heiklen
schichte der Kunst ähnelt einer geometrischen Baum- philologischen Problem. W.s Exegeten sind sich bis
struktur: Aus dem Stamm, der Geschichte der Kunst, in heute uneins, wie weit diese Auflage textkritisch zuver-
der linken Spalte wächst der Spross, die Anmerkungen lässig ist. Die Entscheidung, die intellektuelle Leistung
über die Geschichte der Kunst, in der rechten Spalte des Gelehrten mithilfe eines einzigen, wenn auch
hervor. In diese sehr aufwändige Überarbeitung flie- scheinbar tadellosen Druckwerks zu veranschauli-
ßen viele von W.s jüngsten Lektüren ein, aber auch Er- chen, ist nicht nur gewagt, sondern auch kulturell eng-
kenntnisse, zu denen er u. a. nach Gesprächen mit stirnig, da der komplexen und schwierigen Vorberei-
dem Wissenschaftler Nicolas Desmarest über den Ur- tungsphase keinerlei Rechnung getragen wird.
sprung des Granit- und Porphyrgesteins oder mit dem Den Monumenti antichi inediti, der einzigen
Künstler Martin Knoller über die Kleidung der alten Schrift, die W. auf Italienisch verfasst und drucken
Römer gelangt war (Br. III, 166). Alles, was er sieht, lässt, ist ein ähnliches Schicksal wie der Geschichte der
hört oder liest, ist von Interesse für seine Schreibtätig- Kunst beschieden. Als sie im Frühjahr 1767 in zwei
keit, wird zuerst als Notiz oder Exzerpt und später in Bänden erscheinen, plant W. umgehend einen dritten
Form von Reinschrift verwertet. Während der Reise Band. Die Arbeiten an der Geschichte der Kunst und
im Frühjahr 1768, die ihn nach einer Abwesenheit von am »großen Italienischen Werk«, so nennt er es in sei-
dreizehn Jahren in die Heimat zurückführt, stößt W. ner Korrespondenz, verlaufen oft parallel, da beide
auf dem Weg von Bozen nach Brixen auf ganz aus Por- mit analogen Zielvorstellungen verbunden sind. Am
phyr bestehende Berge. In seinen Aufzeichnungen 6. Februar 1768 vertraut der Gelehrte seinem Freund
wird er diese Entdeckung im Detail festhalten und Johann Michael Francke an: »Ich schlage das Buch
auch einigen seiner Briefpartner davon berichten (Br. [die Geschichte der Kunst] zuweilen nur auf, um frö-
IV, 305–305). Als er am 1. Juni in Triest eintrifft, legt er lich zu seyn; denn ich bin völlig mit mir zufrieden. Ich
sie in ein durchschossenes Exemplar der Geschichte verstund noch nicht zu schreiben, da ich mich an die-
der Kunst ein, das François-Vincent Toussaint nach selbe machte; die Gedanken sind noch nicht gekettet
seinem Tod ins Französische übersetzen wird: »zwi- genug; es fehlet der Übergang von vielen in diejeni-
schen Colman und Deutsch findet man ganze Berge gen, die folgen, worinne die größte Kunst bestehet.
aus rotem Porphyr, in einer so zerklüfteten Passage Die Beweise haben nicht alle mögliche Stärke, und ich
zwischen diesen Bergen und dem Fluss, dass die Wa- hätte hier und da noch mit mehrern Feuer schreiben
gen, die hindurchfahren, mit der Achse den Porphyr können. Diese Mängel hat mich das große Italienische
streifen« (»entre Colman et Deutsch on rencontre des Werk gelehret, da das Theater weit gefährlicher war,
7 Winckelmanns Schreibweisen 61

wo ich aufzutreten gedachte, und der Höchste hat Se- Die Tatsache, dass W. ausgiebigen Gebrauch von
gen und Gedeyen gegeben. seiner handgeschriebenen Bibliothek macht, darf den
Ich glaube außerdem, daß an hundert Stellen alter modernen Leser aber nicht dazu verleiten, deren kon-
Scribenten von neuen in jenem Werke erklärt und krete historische Bedeutung misszuverstehen, wie es
theils verbessert werden« (Br. III, 366–367). indes einige der größten Exegeten W.s um die Wende
Wie Élisabeth Décultot zu Recht ausführt, kann vom 19. zum 20. Jh. taten. Während man über die No-
W.s Werk in zwei unterschiedliche, wenn auch kom- tizensammlungen den ursprünglichen Schreibprozess
plementäre Kategorien unterteilt werden: zum einen nachverfolgen kann, trifft für die Exzerpthefte genau
die Urschriften wie die Gedancken über die Nach- das Gegenteil zu: Da sie aus der Lektüre verschiedens-
ahmung, die erste Auflage der Geschichte der Kunst ter Quellen stammen, führen sie den gedruckten Text
und die Monumenti antichi inediti; zum anderen die nicht auf einen unanfechtbaren Ursprung zurück,
Addenda wie die Anmerkungen über die Geschichte der sondern auf eine unbegrenzt Zahl möglicher Ur-
Kunst, die zweite Auflage der Geschichte der Kunst und sprünge. Statt einen sicheren Ausgangspunkt zu mar-
der dritte Band der Monumenti antichi inediti. Erstere kieren, verleiten sie dazu, rückwärts zu blicken und
sind Übergangsstadien eines stets in Veränderung be- nach der Verkettung zu suchen, aus der das letzte Ex-
griffenen Werks, letztere ergänzen, bereichern und zerpt hervorgeht. W. ist kein Epigone, der sich hinter
verbessern die bereits publizierten Texte. einem Schriftsteller versteckt, aber ebenso wenig ist er
Die Ars excerpendi ist nicht nur die Grundlage von ein absolut origineller Schöpfer. Er ist zugleich Erfin-
W.s offizieller und öffentlicher literarischer Produkti- der und Kopist oder, besser gesagt, ein Erfinder, der
on, sondern auch die seiner persönlichen und pri- kopiert. Die kulturelle Methode des Exzerpierens teilt
vaten Schriften. Seitdem er in Italien lebt, exzerpiert er er mit vielen Intellektuellen seiner und auch späterer
nicht nur aus neuem Lesestoff, sondern beginnt auch, Zeiten, von Montesquieu bis Georg Christoph Lich-
den eigenen Fundus an Manuskripten zu katalogisie- tenberg, von Johann Gottfried Herder bis Johann
ren, um ihn künftig wieder verwenden zu können. Georg Hamann, von Jean Paul bis Johann Jakob Wil-
Nicht selten verfasst er Auszüge aus den eigenen Aus- helm Heinse, von Louis-Sébastien Mercier bis Giaco-
zügen. 1767, ein Jahr vor seinem Tod, erstellt er ein mo Leopardi. Das ist der Hauptgrund, weshalb seine
Heft mit dem Titel Collectanea zu meinem Leben, das Forschungstätigkeit im Vergleich mit derjenigen an-
heute in Savignano sul Rubicone aufbewahrt wird und derer nicht geringer geschätzt werden darf.
offenbar nicht für den Druck bestimmt war. Es han-
delt sich um einen autobiographischen Zibaldone, in
Kunstbeschreibungen
dem er anhand von Zitaten aus antiken und moder-
nen Autoren, die aus seiner handgeschriebenen Bi- Ein Element, das es erlaubt, W.s literarische Produkti-
bliothek stammen, Augenblicke seines Lebens Revue on und sein Verhältnis zum Schreiben besser zu ver-
passieren lässt. Leider ist es nicht immer leicht, den stehen, ist die Kunstbeschreibung. Als er gleich nach
genauen Zusammenhang zwischen der gewählten seiner Ankunft in Rom die im Cortile des Palazzo del
Passage und einer bestimmten Begebenheit in seinem Belvedere aufgestellten Meisterwerke der klassischen
Leben nachzuvollziehen. Die wenigen Studien, die es Bildhauerei persönlich besichtigen kann, kündigt er
bisher zu diesem Heft gibt, sind sich in ihren Deu- seine Absicht an, eine genaue Beschreibung davon an-
tungsversuchen nicht immer einig. Um zum Beispiel zufertigen. Einen Großteil des Jahres 1756 arbeitet er
seine eigene Arbeitsweise zu veranschaulichen, wählt an diesem Projekt, das er freilich schon zu Beginn des
W. eine Stelle aus Aristoteles: »Der Anfang, sagt man, folgenden Jahres unterbrechen muss, da ihm bewusst
sei die Hälfte des Ganzen« (Pol., 5.1303b.30). Als er wird, wie komplex und aufwändig das Vorhaben ist.
das notdürftige Leben in seiner Jugend schildert, zi- Die zu diesem Zwecke geschriebenen Texte sollten
tiert er einen Satz von Ovid: »Und meinem Leben ist weitgehend in die Geschichte der Kunst einfließen.
ein hartes Gepräge gegeben« (Heroid., 15.82). Wie er Auch wenn W. das Projekt nicht zu Ende führt, er-
berühmt geworden ist, erfahren wir über Euripides: probt er dabei doch eine neue Methode, antike Sta-
»Ruhm gewann ich, nicht ohne viele Mühen« (Andro- tuen zu beschreiben, die bei seinen Zeitgenossen und
meda, Fr. 134). An die Reiseerlebnisse vieler Auslän- der Nachwelt große Bewunderung auslösen wird. Sie
der, die er durch Rom oder Neapel begleitet hat, er- beruht vor allem auf einer kategorischen Absage, sei es
innert uns eine Stelle aus Sallust: »gleich Pilgrimen, an die alte ekphrastische Literatur eines Philostratos,
durchs Leben gegangen« (Cat., 2.8). Lukian oder Kallistratos, die er für überholt und un-
62 II Systematische Aspekte

produktiv hält, sei es an die Gemälde- und Statuen- rungsprozesses mit dem Werk (Gedancken1, 43); die
beschreibungen Vasaris und seiner Epigonen, die für Details hingegen sind den vielen Exzerpten zu ver-
W. zu stark an die Lebensgeschichten der Künstler ge- danken, die W. in den vorangehenden Jahren bei der
bunden sind. Seinen Vorgängern wirft er in erster Li- Lektüre von medizinischen, humanphysiologischen
nie vor, sie hätten die Anliegen der Kunst und die Su- und naturgeschichtlichen Werken angefertigt hatte
che nach dem Schönen vernachlässigt. So schreibt er (Florentiner Winckelmann-Manuskript, 9–11). Diese
in der Vorrede der Geschichte der Kunst: »Unter- doppelte Herangehensweise wendet er auch bei ande-
suchungen und Kenntnisse der Kunst wird man ver- ren berühmten Statuen der Antike an, ohne dabei frei-
gebens suchen in den großen und kostbaren Werken lich immer der gleichen gedanklichen Verknüpfung
von Beschreibung alter Statuen, die bis jetzt bekannt zu folgen wie beim Laokoon. Der Gelehrte ist stets
gemacht worden sind. Die Beschreibung einer Statue hin- und hergerissen zwischen der ideellen und der
soll die Ursache der Schönheit derselben beweisen realen Dimension. Zuweilen trennt er beide, dann
und das Besondere in dem Stile der Kunst angeben: es wieder verbindet er sie miteinander; denn er ist un-
müssen also die Teile der Kunst berührt werden, ehe schlüssig, welcher Seite er den Vorrang geben soll. Die
man zu einem Urteile von Werken derselben gelangen Beschreibungen des Apollo von Belvedere bezeugen
kann« (GK1, XI). Die Beschreibung eines Kunstwerks dieses anhaltende Zögern. Die erste bekannte Fas-
solle also vor allen Dingen nach den Ursachen seiner sung, heute in Florenz aufbewahrt, ist voller realisti-
Schönheit forschen und die Besonderheit seines scher Anmerkungen, in denen die anatomischen For-
künstlerischen Stils bestimmen. In der Beschreibung men des Gottes auf nüchterne, ja beinahe neutrale
des Torso im Belvedere zu Rom von 1759 wird W. noch Weise festgehalten werden (Florentiner Winckelmann-
deutlicher: »es ist nicht genug, zu sagen, daß etwas Manuskript, 5–9). Spätere Versionen stellen die erste
schön ist: man soll auch wissen, in welchem Grade in Frage: Allzu erfahrungsnahe oder übermäßig kriti-
und warum es schön sei« (KS 169). Die Schilderung sche Details sind gestrichen (Zeller 1955, Beilage).
eines Kunstwerks ist vor allem eine Form des Schrei- Schließlich tritt uns in der Fassung, die in der Ge-
bens, bei der das Aufeinandertreffen von poetischer schichte der Kunst publiziert wird, eine reine Idealfigur
und künstlerischer Sprache besondere Bedeutung ge- entgegen, die Verkörperung des höchsten Schönen,
winnt. Als Kunstschriftsteller beginnt W., offene Skep- aller überflüssiger anatomischer Einzelheiten entle-
sis gegenüber der klassischen Formel des »ut pictura digt: »Die Statue des Apollo ist das höchste Ideal der
poësis« zu äußern. Bei der Beschreibung einiger der Kunst unter allen Werken des Altertums, die der Zer-
berühmtesten Statuen des Belvedere wird ihm be- störung derselben entgangen sind. Der Künstler der-
wusst, dass zwischen Kunst und Poesie eher Distanz selben hat dieses Werk gänzlich auf das Ideal gebaut,
als wirkliche semiotische Nähe besteht. So erklären und er hat nur ebenso viel von der Materie dazu ge-
sich auch die zahlreichen, in Paris und Florenz auf- nommen, als nötig war, seine Absicht auszuführen
bewahrten handschriftlichen Fassungen zum Apollo, und sichtbar zu machen« (GK1, 392).
Torso und Laokoon, in denen der Autor große Mühe Für die Kunstbeschreibungen ruft W. auch die Vor-
darauf verwendet, poetisch nuanciert das »Wesen« stellungskraft zu Hilfe. Seinem Verständnis nach
dieser bildhauerischen Meisterwerke zu erfassen übernimmt sie sowohl bei der Produktion als auch bei
(Nachlass Paris; Nachlass Florenz). W. plant immer der Rezeption von Kunstwerken eine Schlüsselrolle.
wieder neue Beschreibungen, verschmilzt frühere Raffael und die griechischen Künstler bilden die »Göt-
und spätere Versionen, überdenkt die verwendeten ter und Menschen«, indem sie aus »einer gewissen
Metaphern und erfindet neue Bilder. Dennoch stellen Idee« der »Einbildung« schöpfen (KS 35). Auch bei
ihn die Versuche, diese Meisterwerke der Skulptur in der Kunstbeschreibung ist die Einbildungskraft im
Worte zu kleiden, fast nie zufrieden. Spiel, wie W.s Statuenbeschreibungen zeigen. Die be-
In den Beschreibungen dominieren empirische rühmte Studie des Apollo von Belvedere in der Ge-
Daten nie über die Kenntnisse, die W. in seiner hand- schichte der Kunst ist das Ergebnis einer minutiösen
geschriebenen Bibliothek zusammengetragen hat. Im Schilderung der Phantasiearbeit, die nicht nur der
Falle des Laokoon schildert W. z. B. zunächst den Ein- Schriftsteller, sondern auch der Leser zu leisten hat:
druck körperloser Idealität, den die Skulptur vermit- »Ich vergesse alles andere über dem Anblicke dieses
telt, um anschließend zu den zahlreichen anatomi- Wunderwerks der Kunst, und ich nehme selbst einen
schen Details überzugehen. Der erstgenannte Ein- erhabenen Stand an, um mit Würdigkeit anzuschau-
druck ist das Ergebnis eines empathischen Identifizie- en. Mit Verehrung scheint sich meine Brust zu erwei-
7 Winckelmanns Schreibweisen 63

tern und zu erheben, wie diejenigen, die ich wie vom chen‹ Wesens der Statue, trotz der Schwierigkeiten, sie
Geiste der Weissagung aufgeschwellt sehe, und ich mit Worten darzustellen, lässt W. nicht davon ab, sie zu
fühle mich weggerückt nach Delos und in die Lyci- beschreiben. Der einzige Ausweg aus dieser Aporie be-
schen Hayne, Orte, welche Apollo mit seiner Gegen- steht darin, ein verbales Meisterwerk zu schaffen, das
wart beehrte: denn mein Bild scheint Leben und Be- dem künstlerischen gleichkommt. Um die Tätigkeit
wegung zu bekommen, wie des Pygmalions Schön- des Bildhauers zu veranschaulichen, muss der Schrift-
heit« (GK1, 393). Auf dieselbe Weise ist es bei der Be- steller seinerseits zu einem Bildhauer des Textes wer-
schreibung des Torso von Belvedere möglich, dank den – wohlwissend, dass die verbale und die künstleri-
der Vorstellungskraft den Anblick eines bloßen stei- sche Sprache zwei völlig unterschiedlichen semioti-
nernen Rumpfes ohne Arme und Beine in einen kom- schen Bereichen angehören. Da es unmöglich ist, die
pletten Körper mit Gesicht, Gliedmaßen und Haltung Schönheit der Skulptur nach der alten Formel »ut pic-
zu verwandeln: »Ich sehe in den mächtigen Umrissen tura poësis« zu beschreiben, kommt es darauf an, einen
dieses Leibes die unüberwundene Kraft des Besiegers Text zu schaffen, dessen Eigenschaften denen der Plas-
der gewaltigen Riesen, die sich wider die Götter em- tik analog sind. Ein dichterisch sprachmächtiger Text
pörten und in den phlegräischen Feldern von ihm er- transkribiert und beschwört die Statue, wird aber nie
legt wurden, und zu gleicher Zeit stellen mir die sanf- ihr genaues Abbild sein. In dem Wissen, dass sich lite-
ten Züge dieser Umrisse, die das Gebäude des Leibes rarisches und künstlerisches Idiom semiotisch unter-
leicht gelenksam machen, die geschwinden Wendun- scheiden, schafft W. einen sehr eigenwilligen Beschrei-
gen desselben in dem Kampfe mit dem Achelous vor, bungsstil. Um formale Merkmale einer Statue wieder-
der mit allen vielförmigen Verwandlungen seinen zugeben, muss man zu angemessenen sprachlichen
Händen nicht entgehen konnte« (KS 170). W. spricht Ausdrucksmitteln greifen. Die sublime Schönheit des
sich entschieden gegen die These aus, der künstleri- Apollo von Belvedere muss auf sublime Weise be-
sche Akt sei lediglich das Kumulieren und Erfassen schrieben werden. Am 20. März 1756 schreibt W. an
objektiver Tatsachen. Seiner Auffassung nach fällt der seinen Freund Francke: »Die Beschreibung des Apollo
Phantasie eine entscheidende Rolle zu; sie setzt den erfordert den höchsten Stil, eine Erhebung über alles
Betrachter in die Lage, das Schöne unmittelbar und was menschlich ist« (Br. I, 212) . Obgleich W.s Kunst-
augenblicklich wahrzunehmen. beschreibung bald die scharfe Kritik von Karl Philipp
Im Zentrum von W.s Beschreibungsmethode steht Moritz (Moritz 1997–1999, II, 1002), bald das leiden-
allerdings ein letzter Aspekt, der nicht minder relevant schaftliche Lob Herders (Herder 1993, 335) erntete, ist
ist als die anderen, und zwar der Standpunkt des sie zweifellos eines der wichtigsten heuristischen In-
Schreibenden. Das beschreibende Ich, das sich fast im- strumente, die der deutsche Kunsthistoriker der Nach-
mer mit dem Autor gleichsetzt, will dem Leser nicht welt hinterlassen hat. Zwar glaubt W. zunächst an die
seine auktoriale Autorität aufzwingen, sondern betont Formel des »ut pictura poësis«, doch durch die Be-
die Relativität seines Standpunktes und die Labilität schreibung der Meisterwerke der antiken Bildhauerei
seines Verfahrens. In seinen Betrachtungen macht W. wird ihm klar, dass diese klassische Formel ihre Gel-
keinen Hehl aus der Mühe und der Anstrengung, die tung verloren hat. Die Gewissheit, eine Statue direkt in
ihn das Schreiben kostet. Er spricht von der Schwierig- Worte verwandeln zu können, wird abgelöst von dem
keit, die Kunst in Worte zu fassen und den Marmor in unumkehrbaren Wissen, dass zwischen beiden media-
einen Text zu verwandeln. In der Beschreibung des len Codes kein Durchlässigkeitsverhältnis besteht,
Apollo von Belvedere erklärt er weiter: »Wie ist es sondern höchstens ein solches von distanzierter An-
möglich, es zu malen und zu beschreiben. Die Kunst passung und mimischer Evokation.
selbst müßte mir rathen und die Hand leiten, die ersten
Züge, welche ich hier entworfen habe, künftig aus- Quellen
zuführen. Ich lege den Begriff, welchen ich von diesem Baldinucci, Filippo: Vita del Cavalier Giovanni Lorenzo Ber-
Bilde gegeben habe, zu dessen Füßen, wie die Kränze nini. Florenz 1682.
Christine de Suède: Ouvrage de loisir ou Maximes et senten-
derjenigen, die das Haupt der Gottheiten, welche sie ces. Leipzig 1751.
krönen wollten, nicht erreichen konnten« (GK1, 393– Dézallier d’Argenville, Antoine Joseph: Abrégé de la vie des
394). Es handelt sich hier nicht um ein rhetorisches plus fameux peintres. Paris 1745–1752.
Mittel, das ein Gefühl der Wehmut vermitteln soll, son- Herder, Johann Gottfried: Schriften zur Ästhetik und Litera-
dern um eine bewusstgemachte Herausforderung der tur 1767–1781. Hg. von Gunter E. Grimm. Frankfurt a. M.
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Skulptur an den Schriftsteller. Trotz des ›unbeschreibli-
64 II Systematische Aspekte

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8 Winckelmann – Homosexualität, schwule Kultur, Queer Theory 65

8 Winckelmann – Homosexualität, nur einmahl die Woche sprechen: des Sonntags


schwule Kultur, Queer Theory Abends speiset er bey mir« (Br. I, 266). W. erzählt von
einem relativ sorglosen und vergnügten Leben, das
nicht durch Angst oder Schuldgefühle getrübt
Bereits zu seinen Lebzeiten war W. für seine enthu- scheint.
siastische sinnliche Liebe zu jungen Männern be- Neben dem schönen jungen blonden Römer gab es
kannt. Seine Veranlagung wurde bemerkenswert of- den Florentiner Niccolò Castellani »aus einem der
fen besprochen, manchmal sogar positiv bewertet, besten Häuser« (18.3.1763; Br. II, 296), aber auch
und von Anfang an mit seiner kunsthistorischen Ar- Franz Stauder, der bei W.s Freund, dem Künstler An-
beit in Verbindung gebracht. Obwohl W. fast genau ton Raphael Mengs, in der Lehre war. W. verkehrte
einhundert Jahre vor der Einführung des modernen darüber hinaus mit Eunuchen, die in Rom wegen ih-
Begriffs »Homosexualität« ermordet wurde, fand er rer Rolle als Kastraten im Chor der Sixtinischen Ka-
bald Aufnahme in die Reihe berühmter Homosexuel- pelle eine gewisse Prominenz besaßen. Über all das
ler. Noch heute bleibt sein Werk wichtig sowohl für die konnte er offen mit seinem Mäzen, dem Kardinal Al-
Geschichte der modernen Sexualität als auch für die bani, plaudern, wie er Berendis am 28. September
Queer Theory. 1761 berichtet: »Der Cardinal von 70 Jahren ist mein
Vertrauter, und ich unterhalte ihn öfters von meinen
Amours« (Br. II, 176). W. stellte dem Kardinal sogar
Winckelmanns Leben und Lieben
einen »Protegé« (Br. II, 75) vor. Er hoffte, ihm eine
Über W.s Neigungen besteht in der Forschung Über- Stelle als Kammerdiener beim Marchese Salviati zu
einstimmung. Nach seinem Umzug nach Rom im Jah- verschaffen, was dann zum Verlust desselben führte,
re 1755 scheint er ein Leben voll mannmännlicher wie er am 16. Januar 1760 an Wilhelm Muzell-Stosch
Erotik gelebt zu haben, samt schönen italienischen schrieb: »Ich wurde denselben dadurch loß und käme
Jünglingen, Kastraten, gesprächigen reichen alten einen Schritt näher zur Weißheit, die ich als ein Vier-
Kardinälen, vermögenden unverheirateten Kunst- zigjähriger muß anfangen zu suchen« (Br. II, 72).
sammlern und deutschen Aristokraten, die ihm das Wenn W. erläutert, dass sich »hier in Rom [...] Cardi-
Herz brachen. Sein Biograph Wolfgang Leppmann ist näle und Damen in dergleichen Händel« interessie-
überzeugt, dass W. in Rom sexuelle Beziehungen zu ren (Br. II, 72), so könnte dies nahelegen, dass er in
anderen Männern gehabt habe (Leppmann 1970, der Hochschätzung männlicher Schönheit nicht al-
209). In seiner bahnbrechenden Arbeit über Homo- lein war (Potts 1994, 209).
sexualität in der deutschen Literatur stellt Paul Derks Unter den vielen »Amours« gab es zwei, die W. als
fest, W. sei »der wohl erste in einer Geschichte des besonders wichtig hervorhob. Schon als junger Mann,
deutschen Ich, der nicht vereinzelte sodomitische Ak- während seiner Zeit als Schullehrer, verliebte er sich in
te betrieb, sondern als Homosexueller lebte, dachte, seinen Schüler F. W. Peter Lamprecht, mit dem er etwa
wirkte und dieses Leben, Denken, Wirken in seine Le- ein Jahr lang zusammenlebte und dem er Geld lieh,
bensarbeit hineintrug und diese aus jenem speiste« ohne es je zurückzubekommen. Obwohl er manchen
(Derks 1990, 183). Obwohl es den modernen Begriff Bekannten die etwas unplausible Geschichte erzählte,
im 18. Jh. noch nicht gab, hält Alex Potts in seiner dass er nachts auf seinem Stuhl saß, während der jun-
theoretisch gut begründeten und sorgfältigen Unter- ge Mann im einzigen Bett in der Wohnung schlief
suchung Flesh and the Ideal das Wort »homosexuell« (Wangenheim 2005, 61–62), scheint die Trennung ihn
für das passendste, um W.s Leben zu charakterisieren sehr verletzt zu haben. Wie Leppmann glaubt, kann
(Potts 1994, 5) man die Briefe, in denen W. das Verhältnis zu Lam-
W. schrieb viel und oft über die Männer in seinem precht kommentiert, kaum anders denn als Zeugnisse
Leben. Über einen von ihnen berichtet er in einem einer zu Ende gegangenen Liebesbeziehung verstehen
Brief vom 29. Januar 1757 an seinen vertrauten Alt- (Leppmann 1970, 50).
freund aus der Universitätszeit in Halle, Hieronymus Später verliebte sich W. in Friedrich Reinhold von
Dietrich Berendis: »Ich kann also vergnügt seyn und Berg, dem er die Abhandlung von der Fähigkeit der
es macht mir nichts Sorge als meine Schriften; ich ha- Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unter-
be sogar jemand gefunden, mit dem ich von Liebe re- richte in derselben (1764) widmete. An Berg schreibt er
de: ein junger schöner blonder Römer von 16 Jahren, am 9. Juni 1762 eine bewegende Liebeserklärung, in
einen halben Kopf größer als ich: aber ich kann ihn der er auch auf die alte Liebe zu Lamprecht anspielt:

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_8, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
66 II Systematische Aspekte

»Ein unbegreiflicher Zug zu Ihnen, den nicht Gestalt In Triest lernte er im Wirtshaus einen gewissen Fran-
und Gewächs allein erwecket, ließ mich von dem ers- cesco Arcangeli kennen, mit dem zusammen er einige
ten Augenblicke an, da ich Sie sahe, eine Spur von der- Tage verbrachte. Nachdem W. Arcangeli das Medail-
jenigen Harmonie fühlen, die über menschliche Begrif- lon gezeigt hatte, das er aus Wien mitgebracht hatte,
fe gehet, und von der ewigen Verbindung der Dinge erstach dieser den Reisenden. Im darauffolgenden Ge-
angestimmet wird. In 40 Jahren meines Lebens ist die- richtsprozess erfuhr man, dass Arcangeli kurz zuvor
ses der zweyte Fall, in welchem ich mich befunden, wegen Diebstahls im Gefängnis gesessen hatte. Arcan-
und es wird vermuthlich der letzte seyn.« (Br. II, 232) geli gestand und wurde gerädert.
Es ist nicht absolut sicher, dass die Beziehung zwi-
Er fährt fort: »Mein werther Freund, eine gleich starke schen W. und Arcangeli sexuell war. Manche Histori-
Neigung kann kein Mensch in der Welt gegen Sie tra- ker meinen, Arcangeli – pockennarbig und 36 Jahre
gen: denn eine völlige Uebereinstimmung der Seelen alt – sei nicht attraktiv genug für den ästhetisch an-
ist nur allein zwischen zween möglich.« Um zu beto- spruchsvollen W. gewesen (Leppmann 1970, 11). Et-
nen, dass er nicht die übliche Freundschaft des 18. Jh. was schwerer wiegt das Argument, dass Arcangeli in
meint, fügt er hinzu: »dieser göttliche Trieb ist den seiner Verteidigung nicht behauptete, W. habe ihm
mehresten Menschen unbekannt, und wird daher von sexuelle Avancen gemacht, was zu einer Milderung
vielen übelverstanden gedeutet« (Br. II, 232). Die Be- der Strafe hätte führen können. Wie Derks heraus-
merkung, dass der Trieb »übelverstanden gedeutet« fand, war die zeitgenössische Presse in dieser Hin-
werde, macht klar, dass nicht von einer unverbindli- sicht jedoch relativ sicher: Die Augspurgische Ordina-
chen Bekanntschaft die Rede ist. W. betont das Ris- ri-Post-Zeitung berichtete am 30. Juni 1768: »als sie
kante dieser Freundschaft, die er mit der antiken aber hierauf mit einander in das nämliche Zimmer zu
Freundschaft zwischen Achilles und Patroclus ver- Bette gegangen waren, überfiel ihn der Fremde«. Die
gleicht, wenn er schließt: »Die christliche Moral lehret Frankfurter Kayserliche Reichs-Ober-Post-Amts-Zei-
dieselbe nicht; aber die Heiden beteten dieselbe an« tung meldete am 2. Juli 1768: »Beyde schliefen in ei-
(Br. II, 233). Während diese Liebe im Licht der Antike nem Zimmer beysammen; in demselben überfiel der
»göttlich« ist, bleibt sie suspekt in den Augen der Unbekannte den offenherzigen Herrn Winkelmann«
christlichen Kirche. (Derks 1990, 188). Zwar war es keine Seltenheit, dass
Über Berg schreibt W. am 6. August 1763 an seinen mehrere Personen im selben Bett übernachteten, aber
jungen Freund aus der Schweiz, Leonhard Usteri, ganz die Beachtung, die die Presse diesem Umstand
offen: »Ich war verliebt, und wie! in einen jungen Lief- schenkt, verleiht ihm besonderes Gewicht.
länder« (Br. II, 333). Als der Angebetete nicht an- Der ausgeprägte Freundschaftskult des 18. Jh., der
gemessen dankbar dafür ist, dass W. ihm seine Ab- sich auch zwischen Männern einer üppigen Sprache
handlung gewidmet hat, beklagt sich der Kunsthistori- der Liebe bedient, macht es im Allgemeinen schwie-
ker in seinem Brief an seinen Freund Stosch vom rig, die Gefühle zu deuten, die in zeitgenössischen
12. August 1764 wie ein vernachlässigter Liebhaber: Texten beschrieben werden. Die Tatsache, dass man-
»Der Liefländer, dem ich die kleine Schrift zugeschrie- che schwärmerische Liebeserklärung zwischen Män-
ben, hat nicht einmahl geantwortet. Allein, wie sie sa- nern nicht homosexuell gemeint war, lässt allerdings
gen: man ist nur im reifen Alter der Freundschaft fä- nicht den Umkehrschluss auf ausschließlich hetero-
hig« (Br. III, 53). sexuelle Beziehungen zu (Tobin 2000, 35–39). Zu W.s
Am 8. Juni 1768 wurde W. ermordet, als er, von Zeit gab es weder die eine noch die andere Kategorie:
Wien kommend, in Triest auf ein Schiff wartete, das das Wort »homosexuell« ist erstmals 1869 in einem of-
ihn mit einem Medaillon der Kaiserin Maria Theresia fenen Brief von Karl Maria Kertbeny nachweisbar. In
(Wangenheim 2005, 300–301) – und vielleicht auch der Sache hingegen begann man schon im Aufklä-
geheimen Botschaften an den Papst (Leppmann 1970, rungsjahrhundert zu differenzieren (Tobin 2015, 32–
10) – nach Venedig bringen sollte, von wo aus er nach 35). Der Diplomat und Kunsthistoriker Friedrich Wil-
Rom weiterzureisen beabsichtigte. W. hatte in Beglei- helm Basilius Ramdohr, der übrigens auch viel Zeit in
tung des Bildhauers Bartolomeo Cavaceppi eine Reise Rom verbracht hatte, schlug am Ende des 18. Jh. in sei-
nach Deutschland unternommen. Als sie die Alpen ner vierteiligen Schrift Venus Urania: Ueber die Natur
überquerten, erlitt W. jedoch eine Art Nervenzusam- der Liebe, ueber ihre Veredelung und Verschönerung ei-
menbruch. Er brach die Reise ab und trat, mit einer ne »Semiotik, Zeichenlehre, zu Unterscheidung der
Zwischenstation in Wien, die Rückreise nach Rom an. Freundschaft von der Geschlechtszärtlichkeit« vor
8 Winckelmann – Homosexualität, schwule Kultur, Queer Theory 67

(Ramdohr 1798, I, 229). Wenn W. betont, dass er eine geworden war. Aus Solidarität bot Goethe ihm Unter-
Freundschaft beschreibe, die oft missverstanden und stützung in Weimar an.
von der christlichen Moral abgelehnt werde, weist dies
darauf hin, dass er an eine erotische mannmännliche
Winckelmann und der homosexuelle Kanon
Liebe dachte.
Viele der Briefe, in denen W. von seinen Liebschaf- W.s öffentliches Leben, vermittelt durch die Berichte
ten berichtet, sind an den Baron Wilhelm Stosch (oft über ihn und durch seine eigenen Briefe, spielte also
Muzell-Stosch) adressiert. Seine Freundschaft mit eine Rolle bei der Etablierung einer proto-homo-
dem Baron lässt einen Blick zu in die Welt, die sich sexuellen oder vor-homosexuellen Identität, so wie
männerliebende Männer der intellektuellen Elite im Oscar Wilde etwa ein Jahrhundert später das Bild des
18. Jh. einrichten konnten. Geboren als Heinrich Wil- modernen Homosexuellen prägen sollte (Setz 1996,
helm Muzel, Sohn eines Gymnasialprofessors in Ber- 7–25). In der Tat wurde W. schnell bekannt als ein
lin, hatte W.s Freund in Italien seinen Onkel, den rei- Mann, der Männer liebte, und bald zu einer Ikone der
chen Kunstsammler Baron Philipp von Stosch ken- frühen homosexuellen Emanzipationsbewegung. In
nengelernt. Dieser adoptierte seinen Neffen, der eben- seinen Memoiren erzählt Giacomo Casanova etwas
falls nie heiratete. W. bereitete einen Katalog der hämisch, wie er W. in Rom in einer intimen Situation
Sammlung des alten Barons vor und widmete ihn dem mit einem jungen Italiener ertappte: der Kunsthistori-
jüngeren. Auch vor der Erfindung des modernen ker soll sein Benehmen dadurch entschuldigt haben,
Wortschatzes der »Homosexualität« gab es Möglich- dass er behauptete, kein Päderast zu sein, sondern ein
keiten, ein Leben zu führen, in dem mannmännliche Schüler der Altgriechen, der einfach lernen wolle, was
Liebe vorherrschte. diese so begeistert hätte (Casanova 1961, VII/VIII,
Wir wissen viel über W.s Privatleben, weil seine 197–198). Viel warmherziger rühmte Johann Gott-
Briefe bemerkenswert früh veröffentlicht wurden. fried Herder W. als tragisch um sein Leben gebrachten
Goethes berühmte Abhandlung Winckelmann und griechischen Liebhaber: »Du strecktest Deinen Arm
sein Jahrhundert endet mit einer Auflistung von fünf in die Ferne, um Freundschaft zu finden, Griechische
Sammlungen von Briefen W.s (einige in mehreren Tei- Freundschaft, die Du Dir wünschtest. Da kam der Tod
len), die zwischen 1777 und 1805 erschienen waren. und faßte und umschlang Dich mit eisernem Arm
Wie Katherine Harloe betont, weisen diese Veröffent- und der Traum Deines Lebens sank dahin und lag zer-
lichungen auf die wachsende Faszination durch W.s schlagen« (Herder 1877, VIII, 481).
Leben hin, die die Deutung seiner Werke beeinflusste In Winckelmann und sein Jahrhundert untersucht
(Harloe 2013, 134). Simon Richter vermutet, dass das Goethe offen W.s Beziehungen zu Männern und deren
Bild, das man von W. in seinen Briefen fand (»his Bedeutung für sein Werk. Er weist auf das Zusammen-
language, his life, his friendships«), in europaweiten spiel von Leben und Arbeit bei W.s hin, wenn er be-
Netzwerken von Männern zirkulierte, die andere tont: »Seine Werke, verbunden mit seinen Briefen,
Männer liebten, sodass sie sich an ihm orientieren sind eine Lebensdarstellung, sind ein Leben selbst«
konnten (Richter 1996, 39). Die veröffentlichten Brie- (Goethe 1982, XII, 18). Laut Goethe war W. »oft in
fe standen, wie die Sexualität selbst, an der Schnittstel- Verhältnis mit schönen Jünglingen, und niemals er-
le zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. scheint er belebter und liebenswürdiger, als in sol-
Als Beispiel führt Richter vor allem Johannes von chen, oft nur flüchtigen Augenblicken« (Goethe 1982,
Müller an, den Schweizer Historiker, der sich auch se- XII, 104). Gleichzeitig unterstreicht Goethe die Männ-
xuell für Männer interessierte und wegen seiner Ver- lichkeit W.s, sogar im Moment seiner Ermordung: »Er
anlagung berufliche Rückschläge in Kauf nehmen hat als Mann gelebt, und ist als ein vollständiger Mann
musste, als diese an die Öffentlichkeit kam. Müllers von hinnen gegangen« (Goethe 1982, XII, 129).
Schüler Fritz Hartenberg hatte einen ungarischen Derks zufolge erkannte Goethe, dass W.s Klassizis-
Herzog namens Louis Batthyani erfunden, einen an- mus in seiner mannmännlichen Liebe seine Wurzeln
geblichen unehelichen Sohn der Herzogin Marie The- hatte: »Was Goethe hier seinen Lesern mitteilt, ist
resia von Falkenstein, der sich – so hieß es – in Müller nichts Geringeres als die fundamentale Einsicht, daß
wegen dessen Schriften verliebt hätte. Obwohl die Be- die von Goethe inaugurierte Klassik ihr Schönheitside-
ziehung, die sich daraus entspann, nur in Briefen statt- al einem Homosexuellen verdanke, der es so nur ent-
fand, musste der öffentlich bloßgestellte Müller seine wickeln und eindringlich darstellen konnte, weil er ho-
Stelle in Wien aufgeben, nachdem der Betrug bekannt mosexuell war« (Derks 1990, 208). In seiner positiven
68 II Systematische Aspekte

W.-Bewertung bekämpft Goethe neuere moralisieren- Zeitgenosse, Karl Heinrich Ulrichs, der das Wort »Ur-
de Tendenzen, die zum Beispiel in der Behandlung ning« dem »Homosexuellen« vorzog, schließt auch W.
Müllers nach seinem Skandal auftauchten. Daniel Wil- in jenem Begriff ein (Ulrichs 1994, VII,2, 131). Inte-
son legt überzeugend dar, dass Goethe seinen Aufsatz ressanterweise verlässt sich Ulrichs auf die dreibändi-
zum Teil aus Empörung über Müllers Schicksal schrieb: ge W.-Biographie von Carl Justi, die 1866 bis 1872 er-
»Als Goethe die schändliche Ausgrenzung miterlebte, schienen war und auch manchmal W.s Liebe zu Män-
die ein Männerliebhaber seiner Bekanntschaft zu erlei- nern erwähnt (Ulrichs 1994, X, 6).
den hatte, gab er seine Diskretion auf, ergriff Partei und Für Ulrichs war ein »Urning« wie W. eine weibliche
erhob seine Stimme« (Wilson 2012, 135). Es ist wahr- Seele in einem männlichen Körper. Sexologen wie Ri-
scheinlich, dass Goethes Aufsatz W.s Ruf vor den chard von Krafft-Ebing und Magnus Hirschfeld haben
Schmähungen prüderer Zeiten geschützt hat. mit diesem Verständnis von homosexueller Begierde
In anderen Texten, die zwar allgemein wenig be- weitergearbeitet. Hirschfeld führte W.s Deutung der
kannt, aber für die heranwachsende homosexuelle griechischen Statuen wenigstens zum Teil auf seine
Emanzipationsbewegung zunehmend zentral waren, »urnische« – beziehungsweise weibliche – Begierde
taucht W. regelmäßig auf. Der Diplomat und Kunst- zurück (Hirschfeld 1914, 101–102).
historiker Ramdohr findet bei W. Spuren einer »Ge- Während Ulrichs und Hirschfeld die Weiblichkeit
schlechtssympathie« zwischen Männern: »Es ist schon von »Urningen« wie W. betonten, hoben andere Auto-
oft gesagt, daß der verewigte Winkelmann bey seiner ren umgekehrt die Männlichkeit von männerlieben-
enthusiastischen Anhänglichkeit von zarten männ- den Männern hervor. Im Jahre 1900 zitierte Elisar von
lichen Schönheiten den Einfluß der körperlichen Ge- Kupffer, ein führender Denker dieser sogenannten
schlechtssympathie dunkel empfunden habe« (Ram- Maskulinisten, zustimmend Goethes Zitat über W.s
dohr 1798, II, 134). »Schande über den«, fährt er fort, Männlichkeit in der polemischen Einleitung zu seiner
»der hier schändlich muthmaßet! Es geschah unbe- Sammlung von Literatur über die mannmännliche
fangen, es geschah öffentlich« (Ramdohr 1798, II, Liebe, Lieblingminne und Freundsliebe in der Weltlitte-
134). Während Ramdohr die Existenz dieser »Ge- ratur (Kupffer 1995, 16). Im selben Manifest findet
schlechtssympathie« anerkennt, ist er weniger kon- man längere Stellen aus W.s Briefen an Berg und aus
sequent in der Beantwortung der Frage, ob man den Goethes W.-Aufsatz. Neben kriegerischen Fürsten wie
»dunklen Trieb« befriedigen dürfe. Eindeutig stimmt Alexander dem Großen und Friedrich dem Großen
er jedoch mit Goethe überein, dass W.s Sexualität für stand W. – nicht zuletzt dank Goethes Bemerkungen –
seine Arbeit wichtig war, gerade weil er sich öffentlich als einer der männlichen Männer, die Männer liebten.
in den Briefen und in den Werken zu ihr bekannte. Ob – wie bei Ulrichs und Hirschfeld – als weiblich
Im Gegensatz zu Ramdohr verteidigt Heinrich Empfindender oder – wie bei Kupffer – als männlich
Hössli vehement die »griechische Liebe« und ihre Gesinnter, W. war bald fest situiert im homosexuellen
Auslebung in seinem zweibändigen Eros. Die Männer- Kanon. Sein Name ist Standardbestandteil von Auf-
liebe der Griechen, ihre Beziehungen zur Geschichte, Er- zählungen berühmter Homosexueller. Der gefeierte
ziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten englische Literaturwissenschaftler A. L. Rowse wid-
(1836/38), einem der ersten deutschsprachigen Wer- met W. einige Seiten in seiner Untersuchung Homo-
ke, die das Thema der mannmännlichen Liebe aus- sexuals in History (1977). Im Katalog zur bedeutenden
führlich behandeln. In Eros zitiert Hössli W. wieder- Ausstellung von Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwu-
holt als Experten für die Griechen, die er als moralisch lenbewegung (1997) wird der Kunsthistoriker eben-
und ästhetisch überragend ansieht, trotz oder viel- falls erwähnt: »Winckelmanns erotisches Interesse an
mehr wegen ihrer Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Jünglingen war den Zeitgenossen durchaus bekannt
Liebe. Laut Hössli haben nur »Winckelmann und Sei- und fand als Motor seiner wissenschaftlichen For-
nesgleichen« »die jungfräuliche Männlichkeit« der schung Niederschlag in seinen Beschreibungen der
Griechen verstanden, »welche ohne den Eros und sei- Antike« (Hingst/Herzer 1997, 24–25). In den Medien
ne Natur in der Sphäre der Kunst und Wissenschaft bleibt W.s Rolle in der Etablierung einer modernen
uns ein so seltsames Unding ist« (Hössli 1996, II, 325). homosexuellen Kultur unangefochten: Tilman Krause
Karl Maria Kertbeny, der 1869 als erster das Wort zum Beispiel formulierte 2015 in der Welt in einem
»homosexuell« in einer Veröffentlichung gebraucht, kurzen Überblick über die Geschichte der gleich-
führt W. mehrmals in seinen Katalogen bekannter geschlechtlichen Liebe: »Mit Winckelmann kam der
Homosexueller auf (Kertbeny 2000, 120; 289). Sein Durchbruch« (Krause 2015).
8 Winckelmann – Homosexualität, schwule Kultur, Queer Theory 69

losophischen Schriften (1775) lesen konnte. Wie jene


Winckelmann und die Geschichte der Sexualität
Philosophen betont W. schon 1755 in den Gedanken
In dieser kanonischen Rolle etablierte der »Mythos über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der
W.« einige feste Tropen über die mannmännliche Lie- Mahlerey und Bildhauer-Kunst die Bedeutung der
be, die historisch bestimmend wurden. Beispiele sind Gymnasien in der altgriechischen Kultur, wo die jun-
die Verbindungen zwischen Homosexualität auf der gen Männer vor den Augen ihrer Lehrer nackt trai-
einen, Italien, der Klassik, und dem Tod auf der ande- nierten: »Die Schule der Künstler war in den Gymna-
ren Seite. sien, wo die jungen Leute, welche die öffentliche
W.s Lebensgeschichte verfestigte in der nordeuro- Schamhaftigkeit bedeckte, gantz nackend ihre Leibes-
päischen Imagination die Assoziation gleich- Übungen trieben. Der Weise und der Künstler gien-
geschlechtlicher Liebe mit dem Mittelmeer-Raum, gen dahin: Socrates den Charmides, den Autolycus,
insbesondere mit Italien. In der Tat muss Italien im den Lysis zu lehren; ein Phidias, aus diesen schönen
18. Jh. eine Offenbarung gewesen sein. Leppmann be- Geschöpfen seine Kunst zu bereichern« (KS 33).
schreibt, wie zu W.s Zeit nordeuropäische Touristen Diese antike Tradition verlieh der homosexuellen
erstaunt über die athletischen männlichen Neapolita- Emanzipationsbewegung Rechtfertigung und Würde.
ner nach Hause schrieben, die nackt am Strand liefen In der ersten Hälfte des 19. Jh. behandelte Hössli in
und spielten (Leppmann 1970, 172). Am 29. Dezem- seinem Eros den Diskurs der »griechischen Liebe«;
ber 1787 schickte Goethe dem Herzog Carl August aus 1896 betitelte Hirschfeld sein erstes Buch Sappho und
Italien einen Brief, der »ein sonderbar Phänomen« er- Sokrates oder wie erklärt sich die Liebe der Männer und
wähnt: »die Liebe der Männer untereinander«. Wie er Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts. Wie ande-
berichtet, sah er »die schönsten Erscheinungen davon, re fand Hirschfeld das Prestige der antiken Welt wich-
welche wir nur aus griechischen Überlieferungen ha- tig, wenn er über die gleichgeschlechtliche Liebe
ben [...] hier mit eignen Augen«, und schließt: »Es ist schreiben wollte. Auch im 20. Jh. wurde Bahnbre-
eine Materie von der sich kaum reden, geschweige chendes in schwullesbischen Studien und Queer
schreiben läßt« (Goethe 1968, II, 75). Neben den Mög- Theory (z. B. David Halperins One Hundred Years of
lichkeiten, in Italien relativ frei zu leben, gab es histori- Homosexuality and Other Essays on Greek Love, 1990)
sche Exempla: die männerliebende Seite von Renais- oft zuerst im Bereich der Altertumswissenschaft ver-
sance-Künstlern wie Michelangelo, Leonardo, Cellini öffentlicht.
und Caravaggio waren bekannt. Es war kein Zufall, Auch W.s Tod trug, laut Wolfgang von Wangen-
dass W. in Italien Männer wie den Baron Stosch traf. heim, zum Aufbau des Klischees »vom gewaltsamen
Auch nach W.s Tod blieb Italien anziehend: Der Dich- Tod des Homosexuellen« bei (Wangenheim 1997,
ter August von Platen-Hallermünde, von dem schon 467). Potts bemerkt, dass man noch im 20. Jh. auf W.s
Heinrich Heine behauptet hatte, er liebe Männer, zog Tod verwies, als der schwule Regisseur Pier Paolo Pa-
nach Italien. Der »urnische« Aktivist Ulrichs ver- solini bei einer sexuellen Begegnung von einem jun-
brachte seinen Lebensabend in Neapel. Thomas Mann gen Mann ermordet wurde (Potts 1994, 17). Tatsäch-
verewigte die Verbindung zwischen gleichgeschlecht- lich erfuhr man von gleichgeschlechtlicher Liebe oft
licher Begierde und Italien 1912 in seiner Novelle Der vor allem im Zusammenhang mit Skandalen: Mord,
Tod in Venedig, die ihrerseits künstlerische, literarische Selbstmord und Hinrichtung. Hössli schrieb seinen
und filmische Nachwirkungen entfaltete. Eros, nachdem Franz Desgouttes zum Tod durch Rä-
Italiens antike Vergangenheit und Verbindungen dern verurteilt worden war, weil dieser seinen Gelieb-
zum klassischen Griechenland machten für W. einen ten Daniel Hemmeler ermordet hatte. 1853 beschäf-
Teil der Bedeutung des Landes aus. Schon zu seiner tigte sich Hieronymus Fränkel in der Medizinischen
Zeit konnte man nämlich in der Altertumswissen- Zeitung mit Süsskind Blank, einen Mann, der Selbst-
schaft direkt und ohne Kritik fürchten zu müssen über mord beging, um der Bestrafung seiner Wünsche zu
die mannmännliche Liebe schreiben. W.s Aufsätze entgehen, weibliche Kleidung zu tragen und sich als
nehmen die Theorien über die gleichgeschlechtliche Frau zu präsentieren. Auf Thomas Manns Tod in Vene-
Liebe vorweg, die man bei Voltaire in seinem Aufsatz dig folgten viele weitere literarische Werke, in denen
über die »amour socratique« im Dictionnaire philoso- Homosexuelle gewaltsam zu Tode kommen: vom
phique (1764) oder bei dem deutschen Professor schönen Italiener Giovanni in James Baldwins Gio-
Christoph Meiners in seinen »Betrachtungen über die vanni’s Room (1956), der hingerichtet wird, bis zum
Männerliebe der Griechen« in den Vermischten phi- ästhetisch sensiblen Vater in Alison Bechdels Fun
70 II Systematische Aspekte

Home (2006), der sich seiner Homosexualität wegen er überhaupt die Geschlechterordnung ändern möch-
das Leben nimmt. Nicht anders ist es im Film: Schon te. Ist seine Vorliebe für männliche Figuren nicht eine
1919 begeht der homosexuelle Held des Films Anders Bestätigung des Patriarchats? Und seine Ideale männ-
als die Anderen (an dem auch Hirschfeld mitarbeitete) licher Schönheit, die er in den Statuen des Apoll, des
Selbstmord, weil sein Ruf und seine Karriere wegen ei- Laokoon und des Antinoos findet – haben sie nicht
nes Skandals mit einem jungen Mann ruiniert waren. normierenden Charakter? Der Historiker George
Die Berichte über W.s Leben und Tod, so darf man Mosse behauptet, dass W. zur Etablierung der moder-
vermuten, wirkten an der Etablierung des Mythos von nen Ideale von Männlichkeit – als da sind »the clean-
der tödlichen homosexuellen Begierde mit. cut Englishman or the all-American boy« – beitrug
(Mosse 1996, 32). W. fordert ein exklusives Ideal
männlicher Schönheit und will eine Disziplin des
Winckelmann und die Queer Theory
Körpers einführen, die offenbar keine Ausnahmen für
Während W.s Leben und Arbeit die Geschichte der das Individuum erlaubt, wie man sieht, wenn er die
Homosexualität aktiv beeinflusst haben, bleiben sie Spartaner lobt: »Die jungen Spartaner musten sich alle
heute noch wichtig für die Queer Theory, die die Se- zehen Tage vor den Ephoren nackend zeigen, die de-
xualität aus der Perspektive der Geschlechterstudien nenjenigen, welche anfiengen fett zu werden, eine
und postmodernen Literaturtheorie untersucht. Wie strengere Diät auflegten« (Gedancken1, KS 31). Hier
Potts wiederholt befindet, unterstreicht W. nicht nur scheint es keinen Platz für Außenseiter zu geben, die
die fortschrittliche Seite der Aufklärung, sondern nicht von vorbildlicher Schönheit sind.
auch deren Grenzen (Potts 1994, 6, 26). Manchmal Auf der anderen Seite hat W. jedoch immer wieder
sind diese ›positiven‹ und ›negativen‹ Seiten eng mit- das Androgyne als Schönheitsideal hervorgehoben.
einander verbunden. Diese dekonstruktivistische Wie Catriona MacLeod betont, feiert er die zierliche,
Sicht auf die Dialektik der Aufklärung ist heutzutage fast weibliche Schönheit der Epheben. Noch mehr: er
relevant für wissenschaftliche Diskussionen über Se- besteht darauf, dass unbestritten männliche Figuren
xualität. Die Ideen führender Wissenschaftler wie Ju- wie der Torso im Belvedere nicht übertrieben viril
dith Butler und David Halperin lassen sich auf W.s sind (MacLeod 1998, 35). Nicht nur theoretisch, son-
Schriften anwenden. dern auch persönlich scheint W. das Androgyne vor-
Grundlegend für W.s Theorien ist das Paradoxon, gezogen zu haben. Im Brief vom 9. Juni 1762 an seinen
das er 1755 in seinen Gedancken über die Nach- geliebten Berg zitiert er Abraham Cowleys Gedicht
ahmung der griechischen Wercke formuliert: »Der »Platonic Love« in englischer Sprache:
eintzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, un-
nachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Al- I thee both as man and woman prize
ten« (KS 29). W. zufolge müssen wir nachahmen, For a perfect love implies
wenn wir überhaupt das Nachahmen hinter uns las- Love in all capacities (Br. II, 232)
sen wollen. In ihrer enorm einflussreichen Abhand-
lung Gender Trouble: Feminism and the Subversion of W.s persönlicher und geistiger Einsatz für die Mann-
Identity von 1990 besteht Judith Butler darauf, dass weiblichkeit spricht gegen die Behauptung, er wolle an
Signifikation immer eine Zuweisung von Bedeutun- der herkömmlichen Unterscheidung zwischen Mann
gen oder ein »Prozess der Wiederholung« sei (Butler und Frau festhalten.
1999, 185). Es ist also nicht möglich, Strukturen der Nicht nur das Objekt von W.s Begierde war andro-
Sexualität neu zu entwerfen, weil man schon in einer gyn: In der Geschichte der Kunst des Alterthums ver-
von herkömmlichen Geschlechterrollen geprägten gleicht er seine subjektive Position gegenüber der anti-
Welt lebt. Laut Butler und W. ist die Frage nicht, ob ken Kunst mit der Perspektive der liebenden Frau, die
man nachahmt, sondern wie (Butler 1999, 189). Wie sich nach ihrem davonsegelnden Liebhaber sehnt:
Richter schreibt, legt W.s Theorie der Nachahmung »Wir haben, wie die Geliebte, gleichsam nur einen
eine Neubewertung der Mimesis von der Queer Schattenriß von dem Vorwurfe unsrer Wünsche üb-
Theory her nahe (Richter 1996, 39). rig; aber desto größere Sehnsucht nach dem Verlor-
Butler möchte erfahren, ob es auch eine subversive nen erweckt derselbe« (SN IV,1, 838–839). Wie Potts
Wiederholung oder Nachahmung gibt, die die Ge- bemerkt, gibt es eine Reihe von Interpretationen die-
schlechterordnung umstellen könnte (Butler 1999, ses Geschlechtertausches, die alle dazu führen, die sta-
40–41). Mit Blick auf W. fragt man sich hingegen, ob bile Trennung zwischen den Geschlechtern zu unter-
8 Winckelmann – Homosexualität, schwule Kultur, Queer Theory 71

minieren (Potts 1994, 49). Trotz oder vielleicht sogar mosexuellen sowie Heterosexuellen – gewisse Stereo-
wegen seiner Neigung zur männlichen Schönheit typen über die gleichgeschlechtliche Liebe entstanden
schwanken die Grenzen zwischen den Geschlechtern sind, die diesen Konflikt reflektieren: Klassenunter-
in W.s Texten. schieden zum Trotz treffen sich Homosexuelle in den-
Bei W. ist überhaupt eine Spannung zwischen dem selben Lokalen und bedienen sich einer ähnlich iro-
Objektiven und dem Subjektiven zu beobachten, die nischen Kritik der heterosexuellen Gesellschaft; auf
einige Aspekte der heutigen Queer Theory vorweg- der anderen Seite unterscheiden die Homosexuellen
nimmt. Auf der einen Seite scheint W.s Klassizismus unerbittlich zwischen den wenigen schönen Männern
auf objektiven Maßstäben zu ruhen. Es ist bekannt, und den anderen, die diese Qualität nicht aufweisen,
dass W. manche Völker – übrigens nicht nur die und etablieren rigoros Grenzen des Geschmackskon-
Griechen – für absolut schöner hält als andere: »Es formen (Halperin 2012, 191, 226). Natürlich sind das
sind ja noch itzo gantze Völcker, bey welchen die nur Klischees, aber eben Klischees, die eine gewisse
Schönheit sogar kein Vorzug ist, weil alles schön ist. Kultur definieren.
Die Reise-Beschreiber sagen dieses einhellig von den Ähnlich einander entgegengesetzte Ideen findet
Georgianern, und ebendieses berichtet man von den man bei W., der sich bewusst mit den »Dichotomien
Kabardinski, einer Nation in der Crimischen Tata- der Freiheit«, wie Potts schreibt, auseinandersetzte
rey« (Gedancken, KS 32). W.s Betonung des guten (Potts 1994, 54). Auf der einen Seite feiert W. die
Geschmacks scheint klar zu machen, dass es objekti- Freiheit als notwendig für den künstlerischen und
ve Regeln gibt, die bestimmen, ob etwas schön ist philosophischen Aufschwung der Griechen: »In Ab-
oder nicht. sicht der Verfassung und Regierung von Griechen-
Auf der anderen Seite findet man ein gewisses Maß land ist die Freiheit die vornehmste Ursache des Vor-
an Subjektivität in seinen Urteilen. W. schreibt, dass zugs der Kunst. Die Freiheit hat in Griechenland alle
der Zuschauer »beinahe selbst« die Schmerzen Lao- Zeit den Sitz gehabt« (Geschichte1, SN IV,1, 218–
koons empfindet (KS 43), was auf eine subjektive 219). W. besteht auch darauf, dass er im Vergleich
Identifikation mit dem Kunstwerk hindeutet. Seine mit seinen Erfahrungen in Deutschland im päpst-
Kritiker wie auch seine Bewunderer haben seinen lichen Rom größere Freiheit genieße. Auf der ande-
»Enthusiasmus« als Anzeichen persönlicher Begier- ren Seite lebte er von reichen Mäzenen, die ihn an-
den und Gefühle gedeutet. Andererseits hat ein Kunst- stellten, um ihre Sammlungen zu ordnen und ihre
werk nicht für jeden dieselbe Bedeutung: Die All- Bibliotheken zu verwalten. In der Abhandlung von
gegenwart der Schönheit bei gewissen Völkern z. B. der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der
hat zur Folge, dass sie die Schönheit gar nicht wahr- Kunst, die er seinem geliebten Berg widmete, räumt
nehmen. Für viele – nicht nur sexuelle – Minderheiten er ein, dass ein Adept der Kunst »Mittel, Gelegenheit
ist es wichtig, zu betonen, wie etwas aus einer be- und Muße« haben muss, was diejenigen ausschließt,
stimmten Perspektive aussieht. Diese subjektive Per- »welche nur um ihr notdürftiges Brot lernen, und
spektivierung charakterisiert die Queer Theory z. B. weiter nicht hinaus denken können« (KS 220). Die-
eines Wayne Koestenbaum, der die Oper neu und ser Satz, der vor allem im Licht von W.s eigener be-
»verquer« aus einer schwulen Perspektive beobachtet. scheidener Herkunft hart klingt, lässt sich am besten
Ähnlich besteht der Romanist James Creech auf sei- durch die Spannung zwischen dem Demokratischen
nem Recht, seine Einsichten als schwuler Wissen- und dem Aristokratischen erklären, die Halperin als
schaftler in seine Interpretationen einzubeziehen typisch für die moderne homosexuelle Kultur an-
(Creech 1997, 250). Bei W. findet man eine Bereit- sieht. Für Diskussionen über Themen wie die Nach-
schaft, die Antike einerseits streng sachlich und wis- ahmung von Geschlechternormen, die Normalisie-
senschaftlich zu untersuchen, aber andererseits tief rung der männlichen Schönheit, die Subjektivität des
persönlich für sich in Anspruch zu nehmen. Zuschauers und das Verhältnis zwischen Kunst und
Auch David Halperin beschreibt die Tradition mo- Politik bildet W. bis heute einen fruchtbaren Gegen-
derner schwuler Kultur, gegebene Kunstformen zu stand. Die anhaltende Relevanz seiner Schriften steht
vereinnahmen, um die eigenen Gefühle auszudrü- wohl auch im Zusammenhang mit seinem Status in
cken. In dieser Kultur, die sich wohl etwa um W.s Zeit der Geschichte der Homosexualität und dem Kanon
auszubilden beginnt, findet Halperin eine Spannung berühmter Homosexueller, die ihrerseits auf die Spu-
zwischen dem Demokratischen und dem Aristokrati- ren der mannmännlichen Liebe im 18. Jh. zurück-
schen. Halperin und andere zeigen, wie – unter Ho- verweisen.
72 II Systematische Aspekte

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9 Kunstsammlung und Kunsthandel in Winckelmanns Welt und in seinem Werk 73

9 Kunstsammlung und Kunsthandel len Teilen Europas kamen. Während sich antike Ar-
in Winckelmanns Welt und in chitekturmonumente in verfallenem Zustand befan-
den, wurden fehlende Teile bei den in Palästen stehen-
seinem Werk den Statuen fast immer ergänzt, so dass sie die Illusion
lebendiger Gegenwärtigkeit vermittelten. Die Harmo-
Die Situation in Rom
nie jener Figuren und die Eleganz ihrer Bewegungen
In den Jahren, in denen W. in Rom lebte und arbeitete, setzten gemeinsam mit den Mythen und Geschichten,
von Ende 1755 bis zu seinem Todesjahr 1768, erfreute auf die sie sich bezogen, eine Rückkopplung zwischen
sich die päpstliche Hauptstadt mehr denn je einer Art den Absichten der ›Modernen‹ und den ethischen
mythischer Aura als »Stadt der Seele«, als »wieder- Werten einer weit zurück liegenden, idealisierten Ver-
gefundene Heimat«. Sie war seit geraumer Zeit ein un- gangenheit in Gang. »Umgeben von antiken Statuen,
abdingbares Reiseziel für alle Personen gehobenen empfindet man sich in einem bewegten Naturleben,
Ranges oder auch nur mit höheren intellektuellen In- man wird die Mannigfaltigkeit der Menschengestal-
teressen. Die Stadt präsentierte sich innerhalb der au- tung gewahr und durchaus auf den Menschen in sei-
relianischen Mauern als ein außergewöhnliches Pa- nem reinsten Zustande zurückgeführt, wodurch denn
limpsest aus Architekturen jeder Epoche und jeden der Beschauer selbst lebendig und rein menschlich
Typs. Prächtige Paläste teilten sich die Fläche mit klei- wird« (Goethe 2010, 545). So drückte es im April
neren Häusern des einfachen Volks, mit Ruinen und 1788, nur etwa 15 Jahre nach W.s Tod, Goethe in den
religiösen Bauwerken. Wohngebäude beanspruchten Notizen aus, die er während seiner Italienischen Reise
nach wie vor nur einen Teil des Geländes innerhalb anfertigte.
der Stadtmauern. Viel Raum nahmen Gemüsegärten Die in Rom im 18. Jh. entstandenen Sammlungen,
und Weingärten ein, die ebenfalls von Ruinen, Villen die von ihren Eigentümern bereitwillig den Intellek-
und Hütten durchsetzt waren. Die meisten Bauwerke tuellen und Reisenden zugänglich gemacht wurden,
trugen die Spuren jahrhundertelanger Schichtungen, stellten das bedeutendste Korpus damals bekannter
mit Ausnahme jener Paläste von Patriziern und Kleri- Werke der antiken Welt dar. Auch die ästhetischen Re-
kern, die – vor allem im 17. Jh. – auf Kosten angren- geln der modernen Kunst hatten sich an jenen exem-
zender Gebäude vergrößert worden waren und ein plarischen Objekten gemessen.
feierliches und stilistisch homogenes architekto- Viele Sammlungen waren das Ergebnis von Ankäu-
nisches Gewand zeigten. Darüber hinaus erhielt die fen vorangegangener Jahrhunderte, andere hingegen
Stadt im 18. Jh. spektakuläre Freitreppen (Trinità dei waren Frucht jüngerer Initiativen oder auch radikaler
Monti), imposante Brunnenanlagen (Fontana di Tre- Umgestaltungen beim Ausbau eines Adelspalastes.
vi) sowie völlig erneuerte Kirchenfassaden (San Gio- Nach der Wahl eines Familienmitglieds zum Papst er-
vanni in Laterano oder Santa Croce in Gerusalemme, fuhr eine Sammlung fast immer eine unvorhergesehe-
um nur zwei Beispiele zu nennen). In dieser Mischung ne Erweiterung. Dieses galt für die Vergangenheit
aus Altem und Neuem befanden sich nahezu alle anti- ebenso wie für das 18. Jh. Daneben gab es auch Samm-
ken Bauwerke, die die Barbareneinfälle und die christ- lungen, die sich den kulturellen Interessen eines ho-
lichen Umwidmungen überstanden hatten, in einem hen Prälaten verdankten oder von Künstlern zusam-
Zustand leichter Verwahrlosung. Die Baudenkmäler mengestellt wurden, die etwa in den aufblühenden
waren zum Teil durch Kulturschutt im Boden versun- Antiken-Handel eingebunden waren. In solchen Fäl-
ken, zum Teil umgebaut, um vorübergehend als Werk- len blieben die Sammlungen oft nur zu Lebzeiten ihrer
stätten, Ställe, Heuschober und zu anderen Zwecken Schöpfer intakt und verteilten sich danach auf andere
zu dienen. Selbst Stätten wie den Foren, dem Kolos- neue oder alte Sammlungen. Gerade die neu angeleg-
seum und dem Marcellus-Theater blieb dieses Schick- ten Sammlungen zeigten eine deutliche Übereinstim-
sal nicht erspart, obwohl sie stets Ziel regelrechter mung mit den neuesten ästhetischen und/oder his-
weltlicher Wallfahrten und Gegenstand gelehrter Un- torischen Anforderungen (vgl. Pomian 2004, 155–
tersuchungen oder gemalter und gestochener Repro- 156; Piva 2014).
duktionen waren. Als W. im November 1755 als Bibliothekar des Kar-
Vor diesem Hintergrund übte die Sammelleiden- dinals Albani in Rom eintraf, geriet er mitten in den
schaft, die die Adelspaläste mit antiker Kunst füllte, ei- Aufbau der Antikensammlung des Kardinals und
nen starken Reiz sowohl auf die kulturinteressierten wurde sein Berater. Der hochgestellte Prälat, ein Neffe
Römer als auch auf die vielen Besucher aus, die aus al- von Papst Clemens XI. (1700–1721), hatte bereits zwei

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_9, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
74 II Systematische Aspekte

andere Sammlungen angelegt und verkauft. Berühmt wohnen die Loggia im Erdgeschoss, Dichter und Phi-
war er auch für seine Entschlossenheit, jedes Frag- losophen das Casino, olympische Götter die Exedra
ment aufzunehmen, das ihm zum Aufkauf in die Hän- und die Räume des Piano nobile, die auf den Garten
de fiel: »Der Kardinal Alessandro Albani ist gegenwär- gehen. Doch obwohl die Grundidee mit großer Wahr-
tig der Chefreparateur der Antike. Selbst die am scheinlichkeit W.s Maßgaben folgte, lässt sich in der
schlimmsten beschädigten und entstellten und die am Gesamtheit der Anlage die »Edle Einfalt und stille
wenigsten wiederherstellbaren Stücke nehmen bei Größe« (Gedanken2, 24 und passim) nicht erkennen,
ihm den Glanz ihrer Entstehungszeit wieder an; er jene Idee, die dem Archäologen so sehr am Herzen
macht alles neu: das Fragment einer Büste, das, sogar lag. Die Zurschaustellung der Schönheit und der Voll-
vollständig, für alle Antiquare ein völlig unbekannter kommenheit bildeten den Kern des Ausstellungspro-
Kopf gewesen wäre, bekommt von ihm, zusammen jekts, aber die Überfülle der Ausstellungsstücke ver-
mit einem neuen Leben, einen Namen, der seine Zu- riet eine unbefriedigte Besessenheit, die vor allem von
ordnung festlegt.« (Grosley 1774, II, 294). seinem Schöpfer, dem Kardinal ausging.
So schrieb Pierre-Jean Grosley während seiner Abgesehen von der persönlichen Handschrift von
Grand Tour in Rom 1764 in Bezug auf die ungehemm- W.s Mäzen scheint das Konzept der Albani-Sammlung
te Unternehmungslust des leidenschaftlichen Samm- mit einer nur kurz zuvor entstandenen Sammlung an-
lers. Tatsächlich gelang es W., die Auswüchse seines tiker Skulpturen in Einklang zu stehen, mit der Samm-
Gönners einzudämmen, auch dank der kompetenten lung des Kapitolinischen Museums, das 1734 eröffnet
Zusammenarbeit mit dem bevorzugten Restaurator wurde, um Ȇbung und Fortschritt der jungen Stu-
des Kardinals, dem Bildhauer Bartolomeo Cavaceppi denten der Freien Künste zu fördern«, wie der Kurator
(vgl. Meyer/Piva 2011). Alessandro Gregorio Capponi schrieb. Das neue rö-
Alessandro Albani lebte in einem prachtvollen mische Museum war nach gleichartigen Sujets geord-
Wohnsitz in der Nähe der Porta Pia, nicht weit ent- net (vgl. Arata 1996, 75–81; Benedetti 2001). Die ein-
fernt vom Quirinalspalast. Aber bereits Ende der 40er zelnen Säle des Palazzo Nuovo (1654–1655) an der
Jahre hatte er beschlossen, für seine neue Sammlung Piazza del Campidoglio waren Philosophen, berühm-
eine Villa und einen Park ›außerhalb der Mauern‹, in ten Persönlichkeiten, Kaisern und Kaiserinnen, Göt-
der Via Salaria (vgl. Debenedetti 1985), neu errichten tern und ähnlichen Kategorien gewidmet. Die ur-
zu lassen: ein noch heute perfekt erhaltenes Ensemble. sprüngliche Anlage der in ein Museum verwandelten
Als W. in Rom eintraf, war der Bau bereits gut voran- Säle war mehr oder weniger unangetastet geblieben,
geschritten. Das Gebäude liegt noch heute mitten in abgesehen von einigen funktionellen Anpassungen.
dem Park, dessen Plan von zeitgenössischen französi- Die dort untergebrachte prachtvolle Sammlung um-
schen Modellen inspiriert war: mit Mittelachse und fasste Altertümer, die seit der Zeit von Sixtus IV. den
sternförmigen Wegen, die durch eine dichte, von klei- kapitolinischen Hügel schmückten, sowie eine reiche
nen Tempeln und falschen Ruinen durchsetzte Vege- Inschriften-Sammlung und die zweite Sammlung des
tation führten. Der Baukörper der Villa in klarer Neo- Kardinals Albani, die ursprünglich für den auslän-
Renaissance-Prägung entfaltet sich über zwei Ge- dischen Markt bestimmt war, aber dank des Eingrei-
schosse und wird von einer durchlaufenden Balustra- fens durch Papst Clemens XII. Corsini vor dem Export
de mit Statuen nach dem Vorbild der kapitolinischen gerettet wurde. Dieser sehr um die Altertümer bemüh-
Michelangelo-Paläste bekrönt. Im Innern diente eine te Papst (unter seiner Schirmherrschaft erfolgte die
genau abgestimmte Raumgestaltung dazu, eine sehr erste Restaurierung des Konstantinsbogens) entschied,
umfangreiche Sammlung von Statuen, Flachreliefs, das neue Museum der Stadt Rom zu schenken. Der Er-
Sarkophagen, kostbaren Stein-Inkrustationen, klei- folg des Unternehmens war überwältigend. Sehr leb-
nen Mosaiken, Fresken, Reliefplatten, Spiegeln und hafte Zeugnisse sind uns überliefert. Stellvertretend
Stuckarbeiten aufzunehmen, deren Fülle einen Zau- für alle sei hier der Brief von Abt J. J. Barthélemy an
ber in einem vagen Piranesi-Stil erzeugte (vgl. Bevi- den Comte Caylus aus dem Jahre 1756 erwähnt: »Das
lacqua 1993, 71–79). Die Farbe und die Pracht der ist kein Kabinett mehr; es ist der Aufenthaltsort der
zum großen Teil antiken Objekte, die sich jedoch Götter des alten Rom, die Schule der Philosophen, eine
übergangslos mit modernen Stücken mischen, be- Ratsversammlung der Könige des Orient: was sage ich?
herrschen jeden Raum. Das leitende und verbindende Ein Volk aus Statuen bewohnt das Kapitol; es ist das
Prinzip der Sammlung ist jedoch die große themati- große Buch der Antiquare.« (Barthelémy, 1802, 96).
sche Ordnung. Kaiser und bedeutende Männer be- Knapp ein Jahr zuvor hatte auch der gerade erst in
9 Kunstsammlung und Kunsthandel in Winckelmanns Welt und in seinem Werk 75

Rom eingetroffene W. die Möglichkeit gehabt, das christlichen Kunst gewidmeten päpstlichen Museums
neue Museum wegen seiner bedeutenden Sammlun- gewünscht. Im gleichen Jahr hatte er den IV. Band der
gen von Statuen und Inschriften zu preisen, die den Sculture e pitture sagre estratte da i cimiteri di Roma
Gelehrten ganz nach ihrem Belieben zur Verfügung (Bottari 1737–1754; Sakrale Skulpturen und Malerei-
standen. en aus den römischen Friedhöfen) veröffentlicht.
Wie der von Giovanni Gaetano Bottari (1741– Zur gleichen Zeit nahm ein weiteres Museum Ge-
1782) entworfene Museumskatalog zeigt, sollte die aus stalt an, das im Vergleich zu den im Kirchenstaat vor-
der Anordnung entstehende Erzählung die Geschich- herrschenden Sammlungskonzepten eher atypisch
te illustrieren. Die Werke wurden als den Schriftdoku- war: das Museum des Kardinals Stefano Borgia in
menten gleichgestellte Quellen betrachtet, die dazu Velletri (vgl. Germano/Nocca 2001; Rossi Pinelli
dienten, die Sitten und Gebräuche und den Glauben 2010).
der alten Römer kennenzulernen wie auch den Pro- Der Kardinal hatte im Kirchenstaat bedeutende
tagonisten der Römischen Geschichte ein Gesicht zu Ämter bekleidet, war zunächst Rector von Benevent,
verleihen (vgl. Rossi Pinelli 2005). Eine große Anzahl bis er 1770 Sekretär der Congregatio de Propaganda
von Skulpturen waren in hochwertigen Stichen nach Fide wurde. Er besaß eine kosmopolitische Bildung
Zeichnungen von Giovan Domenico Campiglia von und verfügte über ein dichtes Netz an kulturellen Be-
einigen der besten Kupferstecher der Zeit reprodu- ziehungen. Seine Sammlung hatte er in den 50er Jah-
ziert worden (Bottari 1741–1782; vgl. Prosperi Valenti ren mit Codices und kostbaren mittelalterlichen Do-
2005). Auch die einzelnen Bände waren nach gleich- kumenten begonnen. Dann erweiterten und differen-
artigen Sujets gegliedert und enthielten Erläuterungen zierten sich seine Interessen und richteten sich
mit der Beschreibung des jeweiligen Werks, mit der schließlich auf ausgestorbene Sprachen, mittelalterli-
Identifizierung des Sujets und mit aus entsprechenden che Malerei, antike Kunst, fernöstliche, aber auch ara-
Quellen gewonnenen Anmerkungen zum Charakter bische, ägyptische und etruskische Kunst: eine enzy-
der dargestellten Persönlichkeiten. Keine Aufmerk- klopädische Sicht auf die Kultur, die mit Methoden
samkeit wurde den stilistischen Elementen, der Tech- der Komparatistik zu untersuchen war. In den 70er
nik, dem Material und den Maßen der Werke zuteil Jahren war die Sammlung in ihrer Grundstruktur und
(vgl. Rossi Pinelli 2009). in den einzelnen, in zusammenhängende Serien un-
Die Museen und die neuen Sammlungen aus dem terteilten Abteilungen im Wesentlichen abgeschlos-
18. Jh. bevorzugten also eine thematische Anordnung. sen. Wiederum spielte der ästhetische Wert bei der
Gerade in dem Zeitraum, in dem die Albani-Samm- Auswahl der Werke, die in der Regel wie Dokumente
lung entstand und das Kapitolinische Museum geprie- behandelt wurden, nur eine geringe Rolle. Diese Aus-
sen wurde, kam es 1757 zur Einweihung des Christli- richtung knüpfte sowohl an das Kapitolinische Mu-
chen Museums im Vatikan, das Papst Benedikt XIV. seum als auch an das Christliche Museum und an viele
bei Francesco Vettori in Auftrag gegeben hatte. Dort andere, auch europäische Sammlungen an, wie dieje-
sollten visuelle Dokumente das Leben der Ur-Chris- nige des Comte de Caylus in Paris.
ten, ihre Riten und ihren Glauben erzählen. Die unter- Das Museum von Stefano Borgia gehörte also in
schiedlichsten Manufakte wurden dafür verwendet: vollem Umfang jenem Klima des fortschrittlichen
Öllampen, Glaswaren, Gefäße und Gerätschaften un- Historismus an, in dem die Altertumskunde sich mit
terschiedlichster Art, die zum großen Teil aus den Ka- Fragen von vitaler Bedeutung befasste wie der Ge-
takomben stammten. Auch mittelalterliche Gemälde schichte der Völker und der Religionen, der Verflech-
waren darunter. Dieses Museum war in seinem ge- tung von politischem Umfeld und künstlerischer Pro-
danklichen Ansatz mit den besten italienischen Ge- duktion, den Verbindungen zwischen religiösen Riten
lehrten der 40er und 50er Jahre des 18. Jh verbun- und Manufakten, zwischen Kunst und Linguistik. Es
den. So hatte Scipione Maffei 1749 Papst Benedikt waren lauter Knotenpunkte, die auch die kulturellen
XIV. den zweiten Band des Museum Veronense gewid- Interessen W.s berührten.
met, in dem er eben gerade die Schaffung eines Christ- Eine etwas andere Anlage zeigten die römischen
lichen Museums vorschlug, um anhand visueller Bei- Sammlungen älteren Datums, wie oft auch diejenigen,
spiele die Fortschritte der neuen italienischen Ge- die anlässlich der Erweiterung von fürstlichen Paläs-
schichtsschreibung sichtbar zu machen. Auch der be- ten oder bei der Verbindung aristokratischer Familien
reits erwähnte Gaetano Bottari hatte sich 1754, ein erneuert wurden. Bei diesen Sammlungen standen die
Jahr vor W.s Ankunft in Rom, die Schaffung eines der Erfordernisse der Einrichtung oder die Verherr-
76 II Systematische Aspekte

lichung von Meisterwerken im Vordergrund, wenn besondere der prachtvolle Baukörper in der Via del
auch einige Zugeständnisse an das thematische Ord- Corso, ein Werk von Valvassori, wurde durch eine
nungsprinzip gemacht wurden. großzügige Galerie verschönert, die den Kern der
Man denke nur an die vatikanische Sammlung des Sammlung aus dem 17. Jh. aufnehmen sollte. Auch in
Belvedere, die erst im letzten Viertel des Jahrhunderts diesem Fall war die Antiken-Sammlung sehr angese-
zum ›hochmodernen‹ Museo Pio Clementino wurde. hen, die Malerei jedoch bedeutender. Dennoch fanden
Seit Ende des 15. Jh. wurden in der Sammlung einige die Gelehrten auch hier Material für ihre Forschungen.
der meistgeschätzten unter den bis dahin bekannten Die unveränderten Merkmale der Sammlungen des
Meisterwerken der antiken Bildhauerei zusammen- 17. Jh. bestimmten eine weitere hochberühmte
getragen: Apollo von Belvedere, Torso, Laokoon, die Sammlung von Statuen und Gemälden, die Samm-
sogenannte Schlafende Ariadne. Ihre Aufstellung im lung der Borghese, die sich im Casino befand, welches
Museum hatte jedoch nicht zum Ziel, sprechende ›En- an der Schwelle zum 17. Jh. durch den Kardinal Sci-
sembles‹ zu schaffen, sondern vielmehr isolierte Meis- pione Borghese eigens dafür ausgestattet wurde. Der
terwerke auszustellen. Neffe von Papst Paul V. war ein instinktiver, aber sehr
In anderen Sammlungen wurde oft eine Art Kom- gelehrter Sammler und hatte eine große Zahl antiker
promiss gefunden. Die prächtige Galleria di Palazzo Skulpturen und zeitgenössischer Gemälde in dem Ge-
Colonna vom Anfang des 18. Jh. hatte z. B. eine Syn- bäude im Park der Villa Borghese vor dem Stadttor
these zwischen der Sammlungs-Tradition des 17. Jh., Porta Pinciana zusammengetragen. Schon um die
die insbesondere von den Erfordernissen der Einrich- Mitte des Jahrhunderts wurden das Casino und der
tung geprägt war, und den Ordnungskonzepten der Park gerade wegen der Sammlung antiker Skulpturen
modernen Geschichtsschreibung erreicht. Der Fami- gepriesen, aber eine strukturierte Anordnung wurde
lie Colonna gehörte ursprünglich auch der Apollo von erst anlässlich des umfassenden Neubaus realisiert,
Belvedere, der aber bereits Ende des 15. Jh. an den der von Marcantonio IV. in den letzten beiden Jahr-
Vatikan verkauft wurde. Im 18. Jh. besaß die Familie zehnten des Jahrhunderts veranlasst wurde, als sich
jedoch noch zahlreiche antike Statuen, kostbare Mar- die Aufmerksamkeit auf Chronologie und themati-
morskulpturen, Bronzeplastiken, Elfenbeinarbeiten, sche Ensembles mittlerweile verfestigt hatte.
Gemmen und Gemälde aus dem 16. und 17. Jh. Die Historische Galerien mit vielen wichtigen Werken
neue Galerie, die sich sehr umsichtig mit Malerei, waren auch die seit dem 17. Jh. hochberühmte Galerie
Stuckarbeiten, Gemälden und kostbaren Möbeln der Barberini sowie die Galerien der Chigi, der Al-
schmückte, sollte die Familien-Dynastie und ihren temps, der Altieri und der Spada. Einige von ihnen
Reichtum feiern. Dennoch waren die antiken Skulptu- waren eher wegen der Malerei aus dem 16. und 17. Jh.
ren nach Typologie und Epoche zusammengestellt. berühmt, doch alle besaßen auch antike Werke, die
Ein ähnliches Vorgehen bestimmte die Ausrich- von Gelehrten erforscht und bewundert und von
tung der Galleria Corsini (vgl. Borsellino 1995; ders Künstlern kopiert wurden.
1996). Das Vermögen der Familie ging auf das 16. Jh. Auch einige Künstler, vor allem die Restauratoren
zurück, doch der Erwerb des Palastes Riario alla Lun- und Kunsthändler unter ihnen, riefen beachtliche
gara – im Jahre 1736 – gab den Startschuss für den Sammlungen antiker Kunst ins Leben. Stellvertretend
neuen imposanten Wohnsitz und die kluge Zusam- für alle sei der bereits erwähnte Bartolomeo Cavacep-
menstellung der Sammlung. Lorenzo Corsinis Wahl pi genannt. Der Restaurator des Kardinals Albani, der
zum Papst – als Clemens XII. – vermehrte das Anse- auch W. nahe stand, hatte ein Atelier in der Via del
hen der Familie noch weiter. Die Sammlung umfasste Babbuino, wo er Hunderte von restaurierten antiken
vor allem wichtige Werke der Malerei des 17. Jh. in Werken ausstellte: Fragmente, Kopien, Gipsabgüsse,
Rom und Bologna, war aber auch wegen einer bedeu- Gemälde von Künstlern jeder Epoche, vor allem aber
tenden Serie von antiken Porträts namhafter Persön- aus dem 17. Jh., neben Drucken, Zeichnungen und
lichkeiten und wegen der Sarkophage berühmt. Medaillen (vgl. Piva 2000). W. hatte es als ein regel-
Recht ähnlich waren die Entscheidungen, die die rechtes Museum bezeichnet. Es war ein Ort, der von
Ausrichtung der Galleria Doria-Pamphili bestimmten. Fürsten, ausländischen Adligen und Gelehrten jeder
Zwischen den 1730er und den 1760er Jahren hatte der Nation aufgesucht wurde. Cavaceppis Sammlung
Palast die gegenwärtige Ausdehnung und äußere Ge- wurde nach dem Tod ihres Schöpfers verkauft. Doch
stalt erreicht (mit Ausnahme des aus dem 19. Jh. stam- es handelte sich auf jeden Fall um den ersten Embryo
menden Gebäudeteils in der Via della Gatta). Ins- einer bürgerlichen Sammlungskultur, die im Laufe des
9 Kunstsammlung und Kunsthandel in Winckelmanns Welt und in seinem Werk 77

folgenden Jahrhunderts die aristokratische Sammel- verkaufte. Die Ausfuhr der zweiten Sammlung verhin-
tätigkeit sogar noch übertreffen sollte. W. hatte seine derte Clemens XII., indem er sie für ein neues großes
Studien gerade durch die Präsenz dieser enormen Fül- Museum klassischer Skulpturen erwarb, das eigens
le an Material zur Reife bringen können. dafür im Palazzo Nuovo auf dem Kapitol geschaffen
wurde: das Kapitolinische Museum (1733–1734). Die
dritte Sammlung schließlich, die unter anderem nach
Winckelmann zwischen Schutz des Kulturguts
den Ratschlägen W.s angelegt wurde, diente Albani
und Kunsthandel
zum rein persönlichen Genuss und wurde in einer ei-
W. hatte sich gut in Rom eingelebt, als er dank der Un- gens dafür ausgestatteten Villa außerhalb des Stadt-
terstützung seines Mentors, des Kardinals Alessandro tores Porta Salaria untergebracht. Auch der vom Kar-
Albani, dessen Bibliothekar er seit 1759 war, zum dinal besonders geschätzte Restaurator, der Bildhauer
Oberaufseher der Altertümer ernannt wurde (April Bartolomeo Cavaceppi, war Sammler in eigener Sache
1763 – April 1768). Die Einrichtung dieses Amts ging und geschickter Antikenhändler (vgl. Piva 2010). So-
auf Raffael zurück, doch eine wirkliche Funktion hatte wohl Albani als auch Cavaceppi unterhielten zudem
es erst in den vorangehenden Jahrzehnten bekommen über die angelsächsischen Reisenden des Grand Tour,
– seitdem die Römische Kurie Versuche unternahm, die Rom besuchten, und die vielen englischen Künst-
die zunehmende Ausblutung durch den Verkauf von – ler, die sich in Rom zusätzlich als Agenten für den bri-
antiken und weniger antiken – Kunstwerken nach tischen Kunstmarkt betätigten, ausgezeichnete Ver-
Nordeuropa einzudämmen. Als Folge einer internatio- bindungen nach Großbritannien.
nalen Sammelleidenschaft, die in Großbritannien die Es wird selbst für eine Persönlichkeit wie W., der
höchsten Nachfragen zu verzeichnen hatte, erfuhren sich seiner Rolle sicher bewusst war, nicht einfach ge-
der Antiquitätenmarkt und der Kunstmarkt insgesamt wesen sein, Exportgenehmigungen zu verweigern.
im 18. Jh. einen wahren Boom (vgl. Coen 2010). Gleichwohl wäre es eine Vereinfachung und irrige Ak-
Alle Staaten der italienischen Halbinsel, vor allem tualisierung, wollte man sich seine Ernennung zum
aber der Kirchenstaat, bildeten ein großes Reservoir Oberaufseher der Altertümer als einen Trick vorstel-
der begehrtesten Werke. Die Aktivitäten der Sammler len, um das Valenti-Gesetz so geschickt wie möglich
konnten auch durch zahlreiche Gesetze zum Schutz zu umgehen. Im Grunde war die Ambiguität eine na-
der Kunstwerke (1701, 1704, 1717, 1726, 1733, 1750; türliche Folge der Inadäquatheit der Institutionen mit
vgl. Curzi 2011; Meyer/Rolfi Ožvald 2008) nicht ein- ihren Regelwerken, die noch mitten in der Phase des
geschränkt werden. »Betrügereien und Regellosig- Aufbaus standen, und mit ihren Verwaltungsappa-
keit« setzten sich unaufhaltsam fort, wie im letzten raten, die entweder unfähig oder schlecht strukturiert
Edikt des Kardinals Silvio Valenti Gonzaga (1750; vgl. waren. So waren z. B. die einzigen Zollbehörden, die
Emiliani 1978, 98) voller Bitterkeit eingeräumt wurde. eine effektive Kontrolle ausübten, die Zollstationen
Andererseits war der Kirchenstaat während des gan- am Fluss (in Ripetta und Ripa Grande), während die
zen 18. Jh. wegen einer anhaltenden Wirtschaftskrise Stadttore relativ leicht passierbar waren. Das Gesetz
geschwächt, was durch zwei verheerende Hungers- von Kardinal Silvio Valenti Gonzaga war sehr detail-
nöte in den 1760er Jahren noch verschärft wurde. Un- liert (vgl. Emiliani 2005) und basierte auf der Gewiss-
ter den Folgen litten auch die Patrizierfamilien, die heit, dass eben gerade das kostbare römische Kultur-
über ansehnliche, aber unproduktive Renditen ver- erbe der Grund für die Anwesenheit so vieler Auslän-
fügten. Die Krise förderte also den mehr oder weniger der in der Stadt oder im Staat war und dass es die
ungesetzlichen Kunsthandel; gleichzeitig belebten die Grundlage für jegliche kulturelle Entwicklung – sei es
zunehmend verfeinerten Kenntnisse über Altertümer der Gelehrsamkeit oder des Geschmacks – darstellte.
und Kunstwerke den Markt, aus dem umgekehrt wie- Das Gesetz sah in der Theorie sehr engmaschige
derum eine beispiellose Ausbeute an Informationen Kontrollen, weitreichende Verbote, Geld- und Leibes-
bezogen wurde (vgl. Rossi Pinelli 1978–79; Rolfi strafen sowie wechselseitige Einsprüche vor. Nach-
Ožvald 2006). dem das Gesetz erlassen war, wurden die einzelnen
Albani war bekanntlich sowohl ein leidenschaftli- Gesetzesblätter in der ganzen Stadt ausgehängt, in
cher Sammler, ein geschickter Kunsthändler als auch Gasthäusern und Kaffeehäusern, in Speiselokalen und
ein in den päpstlichen Machtapparat gut eingeführter sogar in Barbier-Läden. Und doch hatte es keinen
Mann. Er hatte drei Sammlungen antiker Werke auf- durchschlagenden Erfolg. Zum großen Teil griff die-
gebaut, deren erste er an den polnischen König (1727) ses Edikt – auch bezüglich der Strafen – die bereits im
78 II Systematische Aspekte

Albani-Gesetz von 1726 verfügten Bestimmungen de, wobei sie sowohl den oben genannten Grund
wieder auf. Die Verpflichtungen, die sich zumindest (»gut, aber nicht einmalig«) als auch viele gravierende
dem Buchstaben nach aus den zahlreichen Klauseln Ergänzungen anführten, unter anderem einen anti-
ergaben, waren recht umfangreich, aber W. erklärte, er ken, aber nicht originalen Kopf. Daher sank der finan-
brauche nicht mehr als ein Dutzend Stunden im Jahr, zielle Wert der Skulptur auf eine lächerliche Summe.
um seine Aufgabe zu erfüllen (vgl. Ridley 2000, 105). Die Vieldeutigkeit liegt meines Erachtens in der
Das war in jeder Hinsicht entschieden zu wenig. Tatsache, dass eine derartige Rechtfertigung rein
Die im Römischen Staatsarchiv verwahrten Doku- rechtlich untadelig war, da sie unendliche Male wie-
mente mit den seit 1753 erteilten Ausfuhrgenehmi- derholt und oft sogar genau dem Schatzmeister, der
gungen bezeugen sehr deutlich die Kluft zwischen der das Edikt verfasst hatte, vorgelegt wurde. Andererseits
Strenge der Edikte und der konkreten Praxis der zu- war eine antike Skulptur im Grunde nur dann wert-
ständigen Beamten. Die Nichteinhaltung von Vor- voll, wenn sie gut restauriert war und wenn das Sujet
schriften betraf alle, nicht nur W. Erst mit dem Gesetz voll und ganz erkennbar war. Der entscheidende Ver-
von 1802 und dem Oberaufseher Carlo Fea entwickel- merk, dass das Werk nicht »einmalig« war, bedeutete,
ten sich ein effizienter Apparat und eine aktive und dass es weitere Exemplare aus der gleichen ikonogra-
engmaschige Kontrolle aller Exportversuche. fischen Serie gab. In der Tat gab es eine ähnliche Venus
In den Jahren, in denen W. dieses wichtige Amt in- im Kapitolinischen Museum. Und außerdem war der
nehatte, verließ eine stattliche Zahl an Kunstwerken Käufer Giovanni [sic] Dick, ein englischer Konsul in
Rom. Gemälde des 16. und 17. Jh. wurden kistenweise der Toscana (vgl. Camerale II 1765–1766), eine hoch-
verladen: So wurden 1763 in einem einzigen Waren- gestellte Persönlichkeit, die unter dem persönlichen
posten 170 Gemälde, »Werke verstorbener Autoren«, Schutz des Großherzogs stand. Eine Verweigerung
ohne nähere Angaben nach Neapel versandt (vgl. wäre recht unhöflich gewesen.
Mazzi 2008, 29). In anderen Genehmigungen tauchen Noch im gleichen Jahr kam es zu einer weiteren
hingegen Namen wie Salvator Rosa, Mola, Veronese, Ausfuhr, die mit ähnlichen Begründungen genehmigt
Tizian, Caravaggio, Reni, Poussin oder Claude Lor- und von W. persönlich unterschrieben wurde: wieder
rain auf. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine Venus, die sogenannte Venus von Newby (vgl. Pi-
approximative Zuschreibungen. Von Pussino (wie va 2011). Ein geschickt umgewandelter Torso, ein er-
Poussin geschrieben wurde) werden möglicherweise folgreicher Restaurator, Cavaceppi, ein äußerst ge-
sogar zu viele aufgelistet. Gleichzeitig verließen auch schickter Vermittler, Gavin Hamilton, eine Familie
antike Statuen, Bronzefiguren, Mosaiken, Fragmente unter Druck, die Barberini, ein weiterer sehr gut ein-
jeder Art, Architekturornamente und wertvolle Mar- geführter englischer Agent – und schon kommt der
morarbeiten die Stadt. Torso als Venus in Großbritannien an, die dort für
Die im Camerale II Antichità e Belle Arte (heute im 1600 Scudi erworben wird, während sie als Fragment
Römischen Staatsarchiv) verwahrten Dokumente für 300 Scudi gekauft wurde. So konnte sie mit W.s
scheinen formal untadelig zu sein. Der Grund dafür, Genehmigung, die auf den Wert des Fragments aus-
dass viele »Lizenzen« leicht zu erhalten waren, lag in gestellt war, die Grenze passieren, wobei die gleichen
einer impliziten Vieldeutigkeit, die in den Texten der Kriterien wie bei der anderen Skulptur angewendet
Edikte nur schwer zu entdecken, aber offensichtlich wurden.
allgemein verbreitet und in der gemeinsamen Kultur Man könnte Betrug und bösen Willen vermuten, so
verwurzelt war. W.s bevorzugte Formulierung, mit der kontinuierlich sind die Fälle der angesichts der zeitge-
er seine unanfechtbare Entscheidung ausdrückte, war nössischen Edikte unglaublichen Exporte. Aber es gab
»gut, aber nicht einmalig« (vgl. Camerale II 1765– sie auch vorher, als das Albani-Edikt noch galt und es
1766: »bono, ma non singolare«). So erteilte er zum auch dem Kardinal Ottoboni gelang, eine frisch aus-
Beispiel 1765 die Ausfuhrgenehmigung für eine »Ve- gegrabene Venus 1718 nach Russland reisen zu lassen,
nere, nuda, antica, di ottima maniera greca« (dies sind ein Jahr nach dem Edikt des Schatzmeisters Giovan
seine eigenen Worte; »antike nackte Venus in bester Battista Spinola zum »Verbot der Ausfuhr von Statuen
griechischer Manier«), deren Wert mit 300 Scudi be- aus Marmor oder Metall, Figuren, Altertümern und
ziffert und die als »wunderschön« bezeichnet wurde. Ähnlichem« (»Proibizione sopra l’ estrazione di statue
Der Aufseher für Bildhauerei Pietro Bracci und W. di marmo o metallo, figure, antichità e simili«). Der
verfassten einen langen Rechenschaftsbericht, in dem unglückselige Aufseher war damals Francesco Bartoli
der Passierschein für die Skulptur gerechtfertigt wur- (von 1700 bis 1733): Er hatte die Skulptur beim Zoll
9 Kunstsammlung und Kunsthandel in Winckelmanns Welt und in seinem Werk 79

beschlagnahmt, aber Kardinal Ottoboni war an einem Germano, Anna; Nocca, Marco (Hg.): La collezione Borgia.
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80 II Systematische Aspekte

10 Klassizistische Kunst- 1985). Um die deutsche Entwicklungslinie zu verfol-


programmatik vor und zur Zeit gen, die sich um die Disegno-Theorie entwickelt hat,
zeigen die abschließenden Überlegungen (3b), welche
von Winckelmann Bedeutung der Kontur in seinen Variationen als »In-
dex kulturgeschichtlicher und sozialhistorischer
Vorwort
Komponenten« (Kurbjuhn 2014, 218 f.) für W.s klassi-
W.s Anliegen in der Geschichte der Kunst war es, das zistische Kunstauffassung bekommt. Der letzte Teil ist
Studium der griechisch-römischen Schriftquellen einem Ausblick auf die Kunstauffassungen um W. ge-
durch dasjenige antiker Fundstücke zu ergänzen, zu widmet.
berichtigen und zu bestätigen. Von welcher methodo-
logischen Bedeutung die Geschichte der Kunst des Al-
Klassizismus und Classique
terthums ist, wurde schon früh hervorgehoben (etwa
in Goethes Schrift von 1805 W. und sein Jahrhundert). Betrachten wir Definitionen und Differenzen von
W. gilt als derjenige, der verstanden hat, dass die anti- »klassisch«, »Klassik« und »Klassizismus« (Voßkamp
ken Kunstwerke auf der Basis ihrer Entstehungszeit 2001, 289–305) und die wechselseitigen Beziehungen
und ihres Stils beurteilt werden müssen, und der da- dieser Konzepte: Der Begriff des »Klassischen« be-
mit die antiquarische Forschung epistemologisch re- kommt eine eigene Dignität im Kontext der Querelle
volutionierte. Vor W. hatte schon Caylus die Differen- des Anciens et des Modernes, die sich zwischen dem
zen im Kunststil der antiken Völker anerkannt und in 17. und 18. Jh. entwickelt. Seit dieser Zeit wird die
der Kreuzung der Künste verschiedener Nationalkul- griechisch-römische Periode in ihrem antithetischen
turen einen Vorteil gesehen, statt den Verlust an stilis- Verhältnis zur modernen Welt als »klassisch« bezeich-
tischer Reinheit zu bedauern (Décultot 2007, 54–58). net. Voßkamp hebt andererseits hervor, dass »Klassik«
W. verbindet in der Geschichte der Kunst aus historio- »Kanonisierungsvorgänge im Sinne des Vorbild-
grafischer Perspektive und auf der Basis der Klima- lichen, Mustergültigen und Richtungsweisenden«
theorien von Montesquieu und Du Bos die künstleri- (ebd., 292) meint, während »Klassizismus« mehr eine
schen Sujets mit dem Ideal des Klassischen. Er insis- ästhetische Position bezeichnet, welche »die griechi-
tiert auf dem zyklischen Wechsel von Phasen des Auf- sche und römische Antike zur stilistischen Norm er-
stiegs und des Niedergangs der Kunst. Gipfelpunkt hebt« (ebd., 295). Im Vocabulaire d’esthétique (1990)
der Verbindung von Kreativität und Freiheit ist ihm erklärt Étienne Souriau, dass der Terminus »classi-
die griechische Kunst. Doch gleichzeitig fällt es ihm que« etwas Stabiles über die historisch-kulturellen
schwer, die Aporie zu überwinden, die sich zwischen Veränderungen hinweg kennzeichnet, und hebt her-
der Universalität des Schönheitsideals und der His- vor, welche Prioritäten im Bereich von Malerei, Plas-
torizität des Klassischen einstellt. tik, Architektur und Musik für die klassische Form
Der folgende Überblick liefert zunächst (1) einen gelten. Für Malerei und Plastik sind dies besonders die
Exkurs über die Differenz zwischen dem Begriff »klas- Einheit, eine interne Logik der Form nach dem Vor-
sisch« als Gegensatz zu »modern« im Rahmen der bild der natürlichen Einfachheit, das Schlichte, das
Querelle des Anciens et des Modernes, insofern er, an- Edle und Große und das Zeitlose (ebd., 401).
ders als bei Wolff und Baumgarten, eine Schönheits- Um zu verstehen, wie reich an Auseinandersetzun-
erfahrung bezeichnet, die von jeder Art von Verstan- gen der Weg zu einer Stabilisierung des klassizisti-
deserkenntnis getrennt ist und zwischen klassizisti- schen Ideals bis zu W.s Kunstauffassung war, genügt
scher Normativität und individualisierender Betrach- ein knapper Überblick über die Vorgeschichte. Die
tung von Natur und Geschichte vermittelt, und dem Frage, ob der Begriff des Klassischen moderne Aspek-
Begriff »Klassizismus«, der die Orientierung an der te ein- oder ausschließen soll, stellt sich seit der Re-
griechischen und römischen Kunst als Stilvorbild naissance, vor allem seit der manieristischen Krise auf
meint. Danach werden (2) die Prämissen von W.s Plä- zwei Ebenen: in formaler Hinsicht stehen Zeichnung
doyer für die antike Kunst dargestellt. Daran schließt und Kolorit einander gegenüber, mit Blick auf die äs-
(3a), auf der Basis einer Rekonstruktion verschiedener thetischen Grundlagen hingegen das Absolute und
Phasen der Querelle, eine Reflexion über die Frage an, der subjektive Relativismus. Überhaupt ist festzuhal-
aus welchem Grund W. in den Gedanken über die ten, dass der Begriff des Klassischen immer in »der
Nachahmung Poussin als Verteidiger des Disegno an Spaltung von Gegenwart und Vergangenheit lebt« und
die Seite von Raffael und Michelangelo setzt (Barasch dabei »Ideale und Modelle schon vergangener und

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_10, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
10 Klassizistische Kunstprogrammatik vor und zur Zeit von Winckelmann 81

unwiederbringlich verlorener Epochen erfasst, aber (1657) von Francesco Scannelli (1616–1663). Unter
als Kategorie und Mittel immer ein Produkt der Ge- Verwendung einer anatomischen Metaphorik ver-
genwart bleiben wird« (Scattola 2014, 9). gleicht er einzelne Maler mit lebenswichtigen Orga-
Der Begriff »klassisch« ist leichter auf Literatur und nen, so Raffael mit der Leber, Tizian mit dem Herzen,
bildende Kunst anzuwenden als auf Musik und Archi- Correggio mit dem Gehirn; Michelangelo, in seiner Ei-
tektur, wo er größere Probleme aufgibt. Was die Musik genschaft als unumstrittener Meister der anatomi-
betrifft, so behandelt Gioseffo Zarlino Theorien, die schen Zeichnung in der italienischen Renaissance,
dem antiken Griechenland zugeschrieben wurden, in übernimmt die Rolle eines »Rückgrats« der Kunst. –
den Istitutioni Harmoniche (1558) und den Dimostra- Zwischen dem Ende des 17. und dem Beginn des 18. Jh.
tioni Harmoniche (1571). Auf dieser Grundlage stellt gelangte man zu einer Säkularisierung des Schönen.
Zarlino auch eine eigene Hypothese zu den »künst- Letzteres büßte seine metaphysische und göttliche
lerischen Manieren« auf, mit deren Hilfe Emotionen Dimension ein, die zuvor als Quelle künstlerischer In-
in der Malerei ausgedrückt werden können (Barasch, spiration gegolten hatte. Historische Umstände und
329–330). Zarlinos Aufmerksamkeit auf formale klas- Lebensbedingungen wurden, etwa bei Du Bos, zu ei-
sizistische Stilelemente ist charakteristisch für Vene- nem entscheidenden Gesichtspunkt, wenn es galt, den
tien, wo auch Palladio wirkte (vgl. Wittkower 1949; Grad der Perfektion eines Kunstwerks zu bemessen.
Ackerman 1966). Palladio postuliert die perfekte Ord- W.s Neuansatz besteht in dem Versuch, eine »nor-
nung im Verhältnis der Teile untereinander und zum mative« Anschauung der Kunst in der Tradition von
Ganzen, die auf L. B. Albertis Konzept der »concinni- L. B. Alberti mit einem historischen Modell zu vermit-
tas« zurückgeht. Die vitruvianischen Regeln bilden ei- teln. Die letztlich platonische Idee des unwandelbaren
ne Inspirationsquelle für Palladios Werk I quattro libri Schönen findet sich nun in einer historischen Umge-
dell’ architettura (1570). bung wieder. Der Kunstkenner studiert die Entwick-
In der Folge unterminiert die relativistisch-subjek- lung der Künste, wobei ihm das griechische Beispiel
tive Position von Perrault, die er in der Schrift Préface den Maßstab liefert; Gegenstand der Betrachtung sind
à l’ Ordonnance des cinq espèces de colonnes (1683) for- auch die Beziehungen zwischen Kunst, Gesellschaft
muliert, den vitruvianischen Kanon, den der Verfas- und Lebenswelt (Pommier 2000, 203). Während W.
ser in De Architectura dargelegt hatte. Perrault greift ein Ideal des Schönen bestimmen will, auf das man
das metaphysische Fundament der Proportionenlehre sich nach dem Prinzip der Imitation beziehen konnte,
an und zerpflückt damit auch die Grundlagen der wertet Johann Georg Sulzer (1720–1779) in der All-
klassischen Architekturtheorie (Testa 1999, 139). In gemeinen Theorie der Schönen Künste (1771–1774) das
dem Zeitraum von zwanzig Jahren vor dem Erschei- Empfindungsvermögen auf; von den Sinnen fällt dem
nen der zweiten Ausgabe der Vite von Vasari (1568) Gehör die Priorität zu, da es die Seele am schnellsten
entbrennt die Debatte über das disegno zwischen den erreicht. Deshalb verlieren unter den Künsten Malerei
Anhängern der optisch-chromatischen Tradition Ve- und Bildhauerei den Vorrang, den sie bis dahin be-
netiens und den pro-klassizistischen Toskanern, an ansprucht hatten. Gleichzeitig gerät, wie Herder in ei-
der Pietro Aretino, Paolo Pino (Dialogo di pittura, ner Rezension des ersten Bands der Allgemeinen Theo-
1548) und etwas später Lodovico Dolce (Il dialogo del- rie der Schönen Künste von Sulzer feststellt (Herder
la pittura intitolato l’ Aretino, 1557) beteiligt sind. Im 1774, 5–92), die historische Rekonstruktion gegen-
Verlauf des 17. Jh. gibt es u. a. Anzeichen für ein echtes über der Kunsttheorie ins Hintertreffen.
Interesse an der Wiederentdeckung der antiken Welt.
Orfeo Boselli (1597–1667) erforscht z. B. in seinen Os-
Klassizistische Kunstprogrammatik vor Win-
servazioni della scoltura antica (1657) die griechischen
ckelmann
und lateinischen Quellen und befasst sich auch mit
der Blütezeit der ägyptischen Malkunst. Pommier unternimmt eine verdienstvolle Rekon-
Dennoch kann man von einer »Wiederkehr der struktion der verschiedenen Phasen der Barockkritik
Farbe« sprechen, vor allem für die Zeit zwischen 1640 über die nationalen Grenzen hinweg (Pommier 2000,
und 1680 (Failla 2014, 48–57), als einige Theoretiker 193–209). Er stellt fest, dass der Benediktiner Antoine
alternative historiografische Systeme entwickelten, um Joseph Pernety (1716–1796) als erster in seinem Dic-
den Kolorismus zu propagieren, und dabei versuchten, tionnaire portatif de peinture, sculpture et gravure
dem Streit zwischen den regionalen Denkschulen zu (1757) den Barock-Begriff auf dem Gebiet der schö-
entgehen. Ein Beispiel ist der Microcosmo della pittura nen Künste verwendete. Pernety führt an, dass der ba-
82 II Systematische Aspekte

rocke Stil nicht den Proportionsregeln folge und da-


Zwei Perspektiven auf die klassizistische Kunst-
her bar »guten Geschmacks« sei – mit anderen Wor-
programmatik vor Winckelmann
ten, ein Ausdruck der »Caprice«. Der Barockstil fand
wie bekannt seinen höchsten Ausdruck im Werk von Zwei von den Versuchen, die klassizistische Kunstpro-
Bernini, Pietro da Cortona und Borromini. grammatik zwischen dem 17. und dem 18. Jh. zu re-
Den Boden für eine Wiederherstellung des klassi- konstruieren, können im gegebenen Zusammenhang
zistischen Geschmacks hatte vor W.s Ankunft in Rom von Nutzen sein: (a) der traditionelle Weg (Barasch
schon der Veroneser Scipione Maffei (1675–1755) be- 1985), die Entwicklung der Kunsttheorien durch die
reitet, der im dritten Band der Verona illustrata (1732) Jahrhunderte linear nachzuzeichnen; (b) der Versuch,
den Verfall Roms seit der Zeit Borrominis beschreibt; vom 15. bis zum 18. Jh. der »ästhetischen Denkfigur«
denn letzterer habe die formale Ordnung des Disegno des Kontur nachzugehen. Im Vordergrund steht dabei
pervertiert. Maffei wird zum Vorläufer von Francesco das Binom inventio – disegno, während die Vertreter
Milizia (1725–1798), dessen Lehren Affinitäten zu des Kolorismus elocutio und Ausdruck favorisieren
klassizistischen Theoretikern wie Sulzer und Mengs (Kurbjuhn 2014).
besitzen (Milizia: Dell’ arte di vedere nelle belle arti del (a) Der erste Ansatz erforscht die Geschichte der
disegno secondo i principj di Sulzer e di Mengs, 1781) . Kunsttheorien seit Platon. Wichtige Positionen des 17.
Zu den ersten, die im vergangenen Jahrhundert die und frühen 18. Jh. seien im Folgenden mit Blick auf W.
Beziehungen zwischen den kunsttheoretischen Posi- zusammengefasst. Im Teil VI, betitelt Classicism and
tionen der Vorläufer und W.s eigener Kunsttheorie un- Academy (Barasch 1985, 310–377), beginnt Barasch
tersuchten, gehört Gottfried Baumecker mit seiner Ar- bei Franciscus Junius (1591–1677) als terminus a quo.
beit W. in seinen Dresdner Schriften (1933). Das erste In dem Werk De pictura veterum (1637) besteht Junius
Kapitel widmet sich W.s Verhältnis zu Kunsttheoreti- auf der Fantasie als notwendigem Vermögen des
kern und Altertumswissenschaftlern. Baumecker zu- Künstlers, um die absolute Idee in ein menschliches
folge schenkt Justi dem Einfluss von de Piles, Dubos »Ideal« zu verwandeln. Er ist Wegbereiter jener Form
und Richardson zu geringe Beachtung. Baumecker un- der antiquarischen Kritik, aus der W. seine eigene
terstreicht, dass die Réflexions critiques sur la poésie et theoretische Position ableitet (Barasch 1985, 312).
la peinture (1719) von Dubos eine Lösung für den Gleichzeitig übernahm Giovan Pietro Bellori
Konflikt geboten hätten, der sich zwischen den Vertre- (1613–1696) die Rolle eines Vorkämpfers des Klassi-
tern des Kolorit (vor allem de Piles) und denen der zismus. Von jetzt an steht das Werk Raffaels im Fokus
Zeichnung (Chambray und Félibien) entwickelt hatte. klassizistischer Theorien. Belloris Verdienst ist es, als
Nach Baumecker ist es Richardson, der das Verdienst erster die Aufmerksamkeit auf Raffaels Fresken im Va-
für sich in Anspruch nehmen kann, eine Brücke zwi- tikan gelenkt zu haben, nachdem der Maler lange Zeit
schen Antike und Moderne geschlagen zu haben. Denn nur geringes Interesse geweckt hatte. Bellori widmet
Richardson, der die Kunsttheorien der Renaissance ihm die Schrift Descrizione delle immagini dipinte da
gründlich untersuchte, erkannte Raffaels »Grazie« und Raffaëlle d’Urbino, die postum von Maratta und Kardi-
»Größe« an (zu Richardson vgl. Gibson Wood 2000). nal Albani veröffentlicht wurde (Barasch 1985, 315). In
Was die indirekte Verwicklung von W. in die Que- der Ausgabe der Vite de’pittori scultori e architetti mo-
relle betrifft, so ist mit Blick auf die Pariser Manu- derni nimmt Bellori Raffael allerdings nicht unter die
skripte festzustellen, dass »[...] erst mit der Vorberei- zwölf vorgestellten Künstler auf. Deshalb wirft W. ihm
tung der ersten Veröffentlichung, der Gedanken über und Malvasia vor, die Größe des Künstlers aus Urbino
die Nachahmung von 1755 sich thematisch kohärente nicht verstanden zu haben, der doch das höchste Ideal
corpora – etwa zur französischen Querelle des An- des Klassizismus in der Malerei der Renaissancezeit re-
ciens et de Modernes – in seinen Exzerptheften erken- präsentiere (Pommier 2003, 118). Hingegen lobt W. de
nen [lassen]« und dass, »als [W.] in Rom ankommt Piles, der daran erinnert, dass Raffael nach dem natür-
und an dem Projekt der Geschichte der Kunst des Al- lich Schönen strebe, auch wenn er sich dabei nicht auf
terthums zu arbeiten beginnt, [...] seine Exzerpte bün- die Skulptur bezieht (KS 38).
diger [werden] und thematisch deutlicher auf die anti- Für W. markiert Raffael die Trennlinie zwischen
quarischen Wissenschaften fokussiert [sind]« (Décul- dem Höhepunkt der Kunst in der Renaissance und
tot 2014, 36). Deutsche Abhandlungen über die Kunst dem Beginn der Dekadenz (Testa 2009, 61–62). Schon
fehlen in den Exzerptheften so gut wie ganz (Décultot in der Dresdner Galerie hatte W. Raffaels Sixtinische
2000, 67). Madonna gesehen, die in den Gedanken über die Nach-
10 Klassizistische Kunstprogrammatik vor und zur Zeit von Winckelmann 83

ahmung die »erstrebte Wiedergeburt der Antike« prä- demie für zwanzig Jahre ab 1648 war ausschlaggebend
figuriert (Schmälzle 2012, 101). Im Zusammenhang für die Ausbildung von Künstlern und für die Formu-
mit der berühmten Formel von der »edlen Einfalt und lierung von Ausbildungszielen. Le Brun musste ein al-
stillen Größe« zeigt W., dass die italienische Renais- tes Dilemma überwinden: Die Frage lautete, ob der
sance in einer Traditionslinie mit der Antike steht. Ei- Künstler nach der Natur zeichnen (L. B. Alberti) oder
ne mögliche Rettung vor dem Verfall sieht W. daher in sich stattdessen von einer inneren Idee leiten lassen
Raffaels klassizistischer Formensprache und seiner solle (Barasch 1985, 332). Die Rede, die Bellori 1664 in
Sensibilität für das Idealschöne sowie im Versprechen der Akademie von San Luca über die Idea del pittore,
zyklischer Wiederholbarkeit solcher Gipfelpunkte. In dello scultore e dell’ architetto scelta dalle bellezze na-
diese Reihe gliedert er selbst sich mit dem Projekt der turali superiore alla Natura hielt, führte unter dem
Geschichte der Kunst ein, das eine ›normative‹ Auffas- Einfluss des Neuplatonismus dazu, dass die Trennung
sung durch die Verbindung von ›historischer‹ Dimen- zwischen Erscheinung und Idee überwunden und ein
sion und Schönheitslehre ablösen will. Mengs in seiner neuaristotelischer Kompromiss gefunden werden
Eigenschaft als ideeller Erbe Raffaels zeigt im 18. Jh., konnte, demzufolge die Naturnachahmung Natur-
wie man dieses Projekt in Malerei umsetzen kann. – W. wahrheit ausdrückte; auf dieser Grundlage konnte die
betont allerdings nicht Raffaels Meisterschaft bei der Idea-Lehre ein Kernpunkt des europäischen Klassizis-
lebhaften Darstellung, wie es seine Zeitgenossen Laz- mus werden, auf den auch W. zurückgriff (Pfotenhau-
zarini und Algarotti tun, sondern beharrt auf seiner er/Bernauer/Miller 1995, 357–358).
Fähigkeit, das natürlich Gegebene in der abstrahieren- Gleichzeitig stellte sich jedoch die Frage, wie man
den Synthese der Zeichnung zu transzendieren. – 1662 mit den antiklassizistischen Schriften von Roger de Pi-
veröffentlichte Roland Fréart de Chambray die Idée de les umgehen sollte. W., der de Piles’ Dialogue sur les co-
la perfection de la peinture par les principes de l’ art, in loris (1673) , die Conversations sur la conoissance de la
der er die Malerei nach dem Modell der Rhetorik in peinture (1677), die Dissertation sur les ouvrages des
Erfindung, Proportion, Farbe, Bewegung (Ausdruck) plus fameux peintres (1681), L ’Abrégé de la vie des pein-
und Anordnung einteilt. Michelangelo hatte sich sei- tres (1699) und den Cours de peinture par principes
ner Ansicht nach der »Zeichnung« verpflichtet, ohne (1708) gelesen hatte, nutzte diese Lektüre als theoreti-
dabei eine wirkliche »Erfindung« zu erreichen. Diese sches Material, auf dem er sein Sendschreiben (1756)
Meinung spielte eine wichtige Rolle, als W. zugunsten aufbaute, das er als simulierte Reaktion auf die Gedan-
von Raffael Stellung nahm. W. zeigt in den Gedanken, ken über die Nachahmung veröffentlichte. Der fiktive
dass er die Vorbehalte von Chambray gegenüber Mi- Verfasser des Sendschreibens bezieht in polemischer
chelangelo aufgenommen hatte und teilte. Art Stellung zugunsten der Modernen, lobt die »Zau-
Neben Raffael und Michelangelo zählt W. in den Ge- berey der Farben« und beharrt darauf, dass das Kolorit
danken über die Nachahmung Nicolas Poussin zu den- es erlaube, Bildfehler zu kaschieren und, dank der poe-
jenigen, die den »guten Geschmack« an der Quelle tischen Harmonie, die es schaffe, alles »anstössige« (KS
schöpften (KS 30) und die eigene Zeit an ein klassizisti- 79) vergessen zu machen. Er bezweifelt auch, dass Raf-
sches Schönheitsideal heranführten. Poussin greift ge- faels Antike-Rezeption mit der Formel von der »edlen
gen Ende seines Lebens indirekt in die Debatten des Einfalt und stillen Größe« beschrieben werden könne.
17. Jh. ein. In einem Brief an Chambray vom 1.3.1665 Der Autor fragt deshalb, ob es nicht besser wäre, diese
vertritt er die Auffassung, dass die Malkunst Vergnü- Formel durch die von Hagedorn suggerierte der »Na-
gen (délectation) erregen solle, und widerspricht damit tur in Ruhe« zu ersetzen; jedoch fügt er ironisch hinzu,
der Position des Adressaten, der im Sinn des Absolutis- dass es den Schülern schwer fallen werde, sich durch
mus und der am 1.2.1648 gegründeten Französischen eine solche Regel inspirieren zu lassen, ja, dass sie ihre
Akademie die geometrische Ordnung in den Mittel- Kreativität dabei verlieren könnten (KS 83).
punkt stellen wollte (Pevsner 1986, [I. Ausg. 1940], Unter den Studien zur Kunstgeschichte sei an den
102). W. entnimmt den Angaben Poussins die Ideen wichtigen Beitrag von Henri Testelin Sentiments des
der »Vernunft« und der »Einfalt«, die in das Hendia- plus habiles peintres sur la pratique de la peinture et de
dyoin der »edle Einfalt und stille Größe« münden soll- la sculpture, mis en tables de préceptes (1680) erinnert.
ten; diese Formel weist auch auf weitere Termini zu- Es handelte sich um eine Sammlung von Vorlesun-
rück, die Félibien, de Piles und Dubos verwenden. gen, die an der Französischen Akademie von ver-
Das Wirken von Charles Le Brun (1619–1690) als schiedenen Vortragenden gehalten worden waren. Sie
Peintre du Roi und Leiter der Französischen Aka- dienten nun dazu, den Diskurs über die Kunst nach
84 II Systematische Aspekte

bestimmten Gesichtspunkten zu organisieren – Kom- druck »Grazie« im Titel distanziert sich sowohl von
position, Zeichnung, Ausdrücke der Empfindungen, »Gnade«, die als ohne Verdienst erhaltene Gabe auf-
Licht und Farbe. De Piles übernahm später diesen Ka- gefasst wird, als auch von »Anmut«, die dem »je ne
talog, um einige berühmte Maler nach einer Punkt- sais quoi« entspricht (Pommier 2003, 74). Keine gött-
zahl von 0 bis 20 zu bewerten. Er hob aber hervor, liche Gabe ist für W. die Quelle der malerischen Inspi-
dass eine derartige Einstufung vor allem von Ge- ration, sondern die Nachahmung des griechischen
schmackskriterien abhänge und weniger von einer Vorbilds. W. entzieht das griechische Modell dem Ge-
methodischen Zuordnung malerischer Fertigkeiten. schichtsverlauf, der seinen Untergang, wie schon den
André Félibien korrigierte mit seinen Conférences anderer antiker Kunsttraditionen, beleuchten könnte,
pendant l’ année 1667 de Piles’ Sichtweise, indem er ei- und macht aus ihm ein Gegenbild. Auf dieser Grund-
ne Klassifizierung auf der Grundlage unterschiedli- lage ist es möglich, einen Maßstab für die neuere
cher Genres der Malerei vorschlug. Kunst zu gewinnen (Caianiello 2005, 31).
Der Niedergang der Französischen Akademie setz- Jede Studie, die es unternimmt, die Vorgeschichte
te im Jahr 1699 ein, in dem de Piles als Mitglied auf- von W.s Geschichte der Kunst im Sinne einer »Tempo-
genommen und sein Abrégé de la vie des peintres ver- ralisierung der Kunst« (Testa 1999, 136) zu rekonstru-
öffentlicht wurde (Barasch 1985, 349). Da de Piles die ieren, nimmt Bezug auf Perraults Lesung des Gedichts
von Poussin vertretene »zentrale Rolle der Zeichnung Le Siècle de Louis le Grand vor den Mitgliedern der
als Metapher der natürlichen und göttlichen Ordnung Académie Française und der Académie des Sciences
der Dinge« anzweifelte und ihr den »unfassbaren und am 27.1.1687. Die Querelle begann als literarische,
unkontrollierbaren Genius von Rubens« gegenüber- nicht als historisch-künstlerische Debatte: Die »Mo-
stellte (Failla 2014, 82), geriet die Akademie in ein dernen« zielten darauf, die Mythisierung der klassi-
schwieriges Fahrwasser. Schon im Dialogue sur les co- schen Welt aufzugeben, und forderten zur Reflexion
loris hatte de Piles die inventio der dispositio nach- über die Fähigkeit der Menschen auf, in der moder-
gestellt, da die erste den Akzent auf die sinnliche Re- nen Welt Werke von ähnlicher Größe zu schaffen.
zeption des Kunstwerks lege; das Chiaroscuro hatte er Man verglich zu diesem Zweck das Jahrhundert von
dem Kolorit untergeordnet. Diese Position stellte die Ludwigs XIV. mit der Zeit des Augustus im antiken
etablierte Hierarchie in der Akademie auf den Kopf; Rom. In der Digression sur les anciens et les modernes
denn bis zu dieser Zeit hatte die Zeichnung die Priori- (1688) von Fontenelle wird ausdrücklich die Notwen-
tät vor der Farbgebung behauptet. Das Disegno schien digkeit dargelegt, einen modernen Kanon aufzustel-
mit der Vernunft im Bund zu stehen und beanspruch- len, der künstlerisch unabhängig von dem antiken sei;
te universale Geltung. Die Farbgebung hingegen be- die in der Zwischenzeit angesammelte Erfahrung ma-
zog sich auf den subjektiven und sensuellen Aspekt che die moderne Kunst eines Le Brun »vollständiger«
der Malerei. und »vollendeter« als z. B. die eines Paolo Veronese.
In dem Disput zwischen den entgegengesetzten Po- Dem Untergang des durch höfische Ideale geprägten
sitionen verschob sich das Augenmerk von der Bezie- Klassizismus der Akademien zum Trotz, der auch die
hung zwischen Künstler und Werk auf die zwischen Französische Akademie betraf, wurde jedoch der Ein-
Werk und Betrachter. Der Genuss von Schönheit und fluss der Pariser Akademie auf die anderen Aka-
Anmut wurde Gegenstand eigener Reflexionen. Do- demien Europas nicht geringer und erreichte sogar
minique Bouhours untersuchte das »je ne sais quoi«, den Höhepunkt um die Mitte des 18. Jh., als W. in
das ihm zufolge der Natur, der Kunst und dem Be- Rom eintraf.
trachter gleichsam innewohnt (Pommier 2003, 66). (b) In den Metaphern »Umriss« und »Kontur«
Dieser mysteriösen, vitalisierenden Empfindung, die (Kurbjuhn 2014), die sich zunächst auf die Zeichnung
ebenso unsichtbar ist wie die Präsenz Gottes in den bezogen und dann von W. für eine Neubewertung der
Dingen, widmet er sich im fünften seiner Entretiens griechisch-klassischen Form genutzt wurden, sieht
d’Ariste et d’Eugène (1672). Eine wichtige Rolle spielt Kurbjuhn Grundkonzepte einer kunstgeschichtlichen
für W. das Konzept der »Grazie«, da sie den Über- Entwicklungslinie, die vor allem in Deutschland zu
legungen über das Schöne vorausgeht. Eine Anregung finden ist. Demzufolge richtet Kurbjuhn auch ihre
zum Nachdenken über die Grazie in W.s Perspektive Aufmerksamkeit u. A. auf W.s Übersetzung zentraler
entstammt dem Abrégé von de Piles. W. behandelt die- Kunstbegriffe aus der italienischen, französischen und
sen Anstoß in seiner Abh. Von der Grazie in Werken englischen Tradition. In seinen Exzerpten nahm W.
der Kunst (1759) mit äußerster Vorsicht. Der Aus- die grundlegenden Begriffe auf und passte sie an,
10 Klassizistische Kunstprogrammatik vor und zur Zeit von Winckelmann 85

wenn sie ihm nützlich erschienen (Décultot 2000, treffen. »Liedmaß« steht in der Teutschen Academie
295–300). Andere ausländische Fachbegriffe hingegen dem Begriff der Proportion nahe.
übernahm er, um sie als obsolet erscheinen zu lassen. Kurbjuhn zufolge münden die terminologischen
»Umriß« und »Faltenentwurf« (oder »Faltenschlag«, Differenzierungen in der zweiten Hälfte des 18. Jh. in
als Entsprechung zur »Draperie«) etablierten sich fest eine literarische Debatte. Die rhetorischen Ideale der
in seiner Terminologie. Klarheit und Deutlichkeit (evidentia) weisen durch
Dass der »Umriß« in den Gedanken über die Nach- den Begriff der Hypotyposis auf die Lebendigkeit der
ahmung als entscheidender Begriff erscheint, ist darauf Bilder hin. Unter der Hypotyposis versteht Gottsched
zurückzuführen, dass er eine räumliche Metapher mit im Handlexikon [...] der schönen Wissenschaften und
strukturbildender Funktion ist. In dem Maß, in dem freyen Künste (1760) eine »lebhafte Beschreibung«
»Kontur als ›Graphem‹ [...] der Gedanken des Künst- von in der Malerei dargestellten Figuren; die Hypo-
lers [fungiert]«, tritt der schaffende Genius des Künst- typosis steht ihrer plastischen Natur nach dem Wah-
lers in den Vordergrund (Kurbjuhn 2011, 123). In den ren (Gottsched 1760, Sp. 519; zit. nach Kurbjuhn 2014,
Reflexionen des 16. Jh. bilden die Ausführungen über 181) nahe. Breitinger und Bodmer lassen sich von die-
Zeichnung und Konturierung der Form die Schnittstel- sem Diskurs anregen und verschieben ihn auf das Feld
le zu dem inneren Bild, das der Künstler sich von sei- der ars poetica: der erste versucht den Unterschied
nem Vorhaben macht. Am Beispiel weniger bekannter zwischen Hypotyposis und Abbild, zwischen Abwe-
Autoren wie Walther Ryff (Rivius) (um 1500–1548) senheit und Anwesenheit des Gegenstandes heraus-
kann man sehen, wie sich die Umrissdarstellung zuarbeiten und attestiert der Poesie das Vermögen, ein
schrittweise zu einem autonomen Prinzip entwickelt. lebhafteres Bild der Dinge zu geben, als die Malerei es
Bei seiner Übersetzung des Werks De Statua von L. B. kann. Bodmer hingegen schreibt in seinen Criti-
Alberti ins Deutsche (1547), die im selben Jahr erschien sche[n] Betrachtungen über die poetischen Gemählde
wie die von De Pictura, gebraucht Ryff die Umrissdar- der Dichter (1741) dem »Pinsel« eine wirkungsvollere
stellung als ein Mittel, um stilistisch-formale Kriterien Kraft der Nachahmung zu (Kurbjuhn 2014, 190). Der
und empirisch-subjektive Natur miteinander zu ver- Pinsel erlaube dem Künstler, durch das sich im künst-
mitteln. Er erarbeitet dabei Begriffe in deutscher Spra- lerischen Akt entwickelnde Denken die Figuren auf
che, die Zeichnung, Erfindung und Farbe entsprechen, homogene Weise miteinander zu verbinden und der
und ordnet sie nach dem rhetorischen Modell von »Spur der Natur« nachzufolgen (ebd. 193–194).
inventio, dispositio und elocutio an. Den aus De sculp- Kurbjuhn widmet ein langes Kapitel dem Begriff
tura (1504 bzw. 1542) von Pomponius Gauricus über- des Konturs in W.s Werk. Besonderes Augenmerk
nommenen Begriff lineamenta interpretiert Ryff in sei- liegt auf den Gedanken über die Nachahmung und der
ner doppelten Bedeutung – in seiner wiedergebenden Geschichte der Kunst. Erörtert wird auch die Abhand-
Funktion (Darstellen) und seiner sichtbar machenden lung von der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in
(Vorstellen): Die lineamenta erhalten dadurch einen der Kunst (1763), in der W. Hauptpunkte des »klassi-
begrifflichen Gehalt, der auch die Freiheit einschließt, schen« Ideals zusammenfasst: (a) »Anheben von den
das erahnen zu lassen, was nicht direkt sichtbar ist Wirkungen des Verstandes«, (b) »das Natürliche zur
(Kurbjuhn 2014, 134–135). Vergleichbares findet sich Bildung der Schönheit suchen«, (c) »keine starken
bei W. z. B. in der Beschreibung des Torso von Belvedere Verkürzungen unternehmen«, (d) »in der Ausarbei-
Nach Ryffs Übersetzung von Vitruvs De Architec- tung nicht die Glätte suchen« (KS 232–233). Die Pro-
tura (29–23 v. Chr.) führt Joachim von Sandrart, unter- portionen der schönen Form sind zum einen das
stützt durch Sigmund von Birken, eine deutsche Kunst- höchste ästhetische Ziel, zum anderen die Ausgangs-
Terminologie in seine Teutsche Academie (1675–1679, basis für die Bildung des Betrachters. W. schreibt:
3 Bde.) ein. Der Ausdruck »Schattenumriss« sticht als »Das wahre Gefühl des Schönen gleichet einem flüßi-
wichtiger Terminus technicus heraus. Er verweist auf gen Gipse, welcher über den Kopf des Apollo gegossen
den Kernpunkt der Malerei, der im Zusammentreffen wird, und denselben in allen Theilen berühret und
des durch Kerzenlicht auf die Wand projizierten Schat- umgiebt« (KS 217). Wasser-Metaphern (Kemp 1968,
tens mit den sich abzeichnenden Gesichtskonturen ei- 266–270; Stafford 1980, 65–78) erscheinen häufig bei
nes Jünglings liegt (Kurbjuhn 2014, 150). Das Abreißen der Beschreibung der Statuen, die W. als Prototypen
der Zeichnung vermittelt zwischen Vernunft, Einbil- der besten antiken Kunst wählt (Apollo und Torso von
dung und Verstand, während die Termini Profil, Um- Belvedere, Laokoon). Sie sind das Charakteristische
riss und Liedmaß die Baukunst und die Bildhauerei be- einer Kunsterzählung, die einen Kontakt zwischen
86 II Systematische Aspekte

dem »Signifikanten«, der das klassische Ideal meint, Mengs beschließt eine Tradition – deren Endpunkt
und der »Bedeutung« sucht, die die Wechselfolge der Hagedorn ist –, die künstlerische Bewertungskriterien
Stile bezeichnet und die Einheit mit der Vielfalt ver- auf der Grundlage von Kategorien der Malerei (Zeich-
bindet. Das »flüssige« und »stille« Schöne ist das me- nung, Komposition etc.) festlegte, um dann die Voll-
taphorische Bindeglied, durch das die materielle Kon- kommenheit moderner Maler aufgrund einer do-
sistenz des Werks fast ungreifbar wird und sich in den minierenden »Absicht« festzustellen. In Raffael sieht
Graphemen »Umriss« und »Kontur« auflöst (Kurb- er den Meister der »Bedeutung«, in Correggio den der
juhn 2014, 226; Testa 1999, 215–298). »Annehmlichkeit«, in Tizian den des »Schein[s] der
Wahrheit [...] in den Farben« (ebd., 219). Die Betrach-
tungen über die Mahlerey (2 Bde., 1762) von Hagedorn
Ausblick: Kunstauffassungen zur Zeit
lenken die Aufmerksamkeit auf die Landschaftsmale-
Winckelmanns
rei und nähern damit den Klassizismus der nordeuro-
Anton Raphael Mengs (1728–1779) wurde von sei- päischen Kunst an, besonders der niederländischen.
nem Vater schon sehr früh (ab 1741) darin unterwie- Das Ziel seiner Abh. war die Vereinigung der nieder-
sen, die Bilder von Raffael und Correggio nachzuma- ländischen Genre- und Farbenkunst mit dem klassi-
len, und gilt als wichtigster Vermittler der Idee des schen Stil Italiens.
Klassischen in der Zeit des europäischen Frühklassi- Diderot bekräftigte in seinen Pensées détachées sur
zismus (Roettgen 2003). Von Rom aus »informiert er la peinture (1772) die Position Hagedorns – der als
die künstlerische, kulturelle und später auch politi- Vertreter eines modernen, realistischen, bürgerlichen
sche Szene von ganz Europa« (Cometa 1996, 7) und Malerei-Genres sicherlich nicht den Geschmack W.s
trägt zum Greek Revival des angelsächsischen Raums traf – und trug damit entscheidend zu seiner interna-
bei, indem er W.s Kontakt zu Robert Adam, Robert tionalen Verbreitung bei. Diderot war noch vor W.s
Wood, Thomas Hope und James Stuart ermöglicht Theorien zur antiken Kunst vor allem von W.s Stil und
(ebd., 8). Bianconi erklärt in einem seiner Briefe (Brie- Erzählkunst neben derjenigen Rousseaus beeindruckt
fe IV, 219), dass W. und Mengs während ihres Um- (Pommier 2000, 167). Trotzdem hatte er in Hagedorn,
gangs miteinander in Rom durch das gemeinsame In- mit dem W. in losem Kontakt stand, eine Lösung des
teresse an der Antike voneinander profitierten. Auf Dilemmas gefunden, wie der formale klassizistische
der Basis der gemeinsamen theoretischen Ziele ver- Stil mit einer Natur zu vereinbaren sei, die in ihrer ge-
wirklichte Mengs im Parnaso das Ideal der »edlen Ein- genwärtigen Gestalt erkundet werden wollte. So
falt und stillen Größe« in der Malerei. Das Freskoge- sprach sich Diderot im Salon von 1767 zunächst zu-
mälde wurde 1761 für den Salon in der Villa des Kar- gunsten des »in W.s Vorgehen inhärenten Platonis-
dinals Albani angefertigt. mus« (ebd., 169) aus; später neigte er dann eher zu Ha-
In seinen Gedanken über die Schönheit und über gedorns Naturästhetik.
den Geschmack in der Malerei aus dem Jahr 1762, in Die europäische Resonanz von W.s Werken kam
der er als Künstler und nicht als Gelehrter schreibt, mit der Französischen Revolution an ihr Ende.
besteht Mengs auf einer Idee der Schönheit, die die Jacques-Louis David etwa wollte die Bedeutsamkeit
göttliche »Vollkommenheit« widerspiegelt, und zwar des politischen Moments ausdrücken und übernahm
nicht nur als Ausdruck der Schöpfung, sondern als di- die Stilelemente des Klassizismus eher in einem ethi-
rekte Emanation Gottes. Die Schrift untersucht neben schen als ästhetischen Sinn. Im Schwur der Horazier
der Schönheit auch den Geschmack, den sie auf seine (1784) wählte David eines der Heldenmodelle des an-
Vereinbarkeit mit der Nachahmungsregel prüft: »Wie tiken Rom, das den Wert »eines überzeitlich vorbild-
diese zwei Teile aber zusammengehören, und zu ver- haften Griechentums«, wie W. es sich vorgestellt hatte,
einigen sind, verstehet sich also: Die Idee welche die ignorierte (Heinen/Richter 2011, 852).
erste Erzeugung des Geschmackes ist, ist wie die Seele,
und die Nachahmung ist wie ein Leib« (Mengs, in: Quellen
Pfotenhauer/Bernauer/Miller 1995, 214). Mengs be- Baumgarten, Alexander Gottlieb: Ästhetik. Lateinisch-
greift die Notwendigkeit, die Griechen nicht als die Deutsch. Hg. von Dagmar Mirbach. Hamburg 2007.
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interpretieren, sondern als diejenigen, die die Schön- Boselli, Orfeo: Osservazioni sulla scultura antica. I manos-
heit auf ihrer höchsten Stufe ausgedrückt und den bes- critti di Firenze e di Ferrara. Hg. von Antonio P. Torresi.
ten Geschmack gezeigt haben (ebd., 216). Ferrara 1994.
10 Klassizistische Kunstprogrammatik vor und zur Zeit von Winckelmann 87

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88 II Systematische Aspekte

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Barck, Karlheinz u. a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. grifflichen Topos, der das Rückgrat für W.s Denken
Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 3. Stutt- und Werk bilden sollte, das von einer radikalen Un-
gart/Weimar 2001, 289–305. duldsamkeit gegenüber der barocken Tradition be-
Wittkower, Rudolf: Architectural principles in the age of hu- herrscht zu sein scheint. Dieser Tradition wird ange-
manism. London 1949.
lastet, die Welt der Formen verdorben und sie den
Elena Agazzi Launen der freien Kreativität des Subjekts ausgeliefert
zu haben. Eben zu letzteren kehrt der Begriff »Ge-
schmack« allerdings in seiner etymologischen Sub-
stanz zurück, da er sich auf Willkür und Subjektivität
der Sinne bezieht.
Der Geschmack als subjektive Grundlage der
Schönheit und zugleich die Notwendigkeit, die Ver-
irrungen eines willkürlichen Subjektivismus zu rügen,
die sich aus dieser theoretischen Entscheidung er-
geben, finden sich erneut, in einem anderen Argu-
mentationszusammenhang, in der Abhandlung von
der Fähigkeit der Empfindung des Schönen in der Kunst,
und dem Unterrichte in derselben (1763; vgl. Testa
1999, 125–129).
In diesem Werk zeigt sich an W.s lexikalischen Ent-
scheidungen wie auch an den ihnen zugrundeliegen-
den konzeptuellen Prämissen der tiefe Eindruck, den
Baumgartens »scientia cognitionis sensitivæ« (Baum-
garten 1750, 1) in seinem Denken hinterlassen hat. W.
konnte Baumgartens Vorlesungen während seines
Studiums in Halle hören (vgl. Justi 1866, I, 75–80);
1750 war der erste Band seiner Aesthetica erschienen.
Die offene oder verborgene Auseinandersetzung W.s
mit den Themen, die den theoretischen Kern der Äs-
thetik bilden sollten, erweist sich als wesentlich für die
Begründung seines eigenen »Lehrgebäudes« (GK1,
IX). Und doch ist es ein unmöglicher Dialog, da er von
der Erfordernis beherrscht ist, den Glauben an den
universellen und transsubjektiven Wert der Klassik
wieder aufzugreifen und zu verteidigen, den die mo-
derne Welt nicht mehr akzeptieren kann.

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_11, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Aufklärung und die Begründung der Kunst 89

In der Abhandlung werden der Begriff ›Geschmack‹ ge Berufung auf das Prinzip der Nachahmung. In den
und damit die Definition und die Erkennbarkeit des ersten drei Vierteln des Jh. behauptet dieses Prinzip
Schönen in der Kunst ausgehend von der rein und ge- absoluten Vorrang in der Kunsttheorie. In ihm drückt
wollt subjektiven Sphäre der ›Empfindung‹ bestimmt. sich ein beständiges Streben nach Legitimation der
Die in dieser These implizierten Konsequenzen erwei- künstlerischen Schöpfung aus, die durch die Mimesis
sen sich für W. jedoch als inakzeptabel. Nachdem das auf ein ihr fremdes und die Sphäre der Subjektivität
Problem der Schönheit unter Bezugnahme auf die überschreitendes Fundament zurückgeführt wird
Sphäre der ›Empfindung‹ einmal formuliert ist, macht (vgl. Todorov 1977, 141–159).
er sich daher nicht ohne theoretische Schwierigkeiten In diesem Sinn bildet in der »Epoche Rousseaus«
und Verwirrungen daran, eine Unterscheidung zwi- (»époque de Rousseau«; Derrida 1974, 145) die Mime-
schen »dem äußeren Sinn« (Abhandlung, 12) – der Di- sis-Theorie den entscheidenden theoretischen Kno-
mension der Sinneswahrnehmungen – und dem »in- tenpunkt für die Aufgabe, die Grundlagen des Schö-
neren« Sinn (ebd.) zu umreißen. Er verwendet dieses nen neu zu definieren, steht aber auch im Zentrum der
Begriffssystem, das durch eine antike Denktradition paradoxen Notwendigkeit, ausgehend von nicht Fun-
etabliert wurde und im Zentrum der zeitgenössischen diertem ein Fundament zu schaffen, und scheint von
philosophischen Debatte vom Empirismus bis zu Kant einer paradoxen Logik beherrscht zu sein, die von dem
steht, um die in den übernommenen Prämissen impli- nie befriedeten Streben nach Auffüllung eines Vaku-
ziten Schäden zu begrenzen und alles Willkürliche und ums durchdrungen ist. Denn angesichts der Fun-
unwiderruflich Subjektive zu beseitigen, da es durch damentlosigkeit gelingt es der Mimesis nicht, eindeu-
seine Verknüpfung mit der äußeren Dimension der tige Modelle festzulegen, auf die man sich beziehen
Sinne das Gefühl des Schönen beflecken könnte, um es könnte, und daher vervielfacht sie die Vorbilder – die
schließlich auf das zurückzuführen, was »der innere, Natur, die Geschichte mit ihrem je eigenen Bereich
feinere Sinn, welcher von allen Absichten geläutert von Bedeutungen, die Idee, etc. So wird, wie Derrida es
sein soll, um des Schönen willen selbst, empfindet« in seiner Analyse des Essai sur l’ origine des langues von
(ebd., 10). Auf diese Weise erfahren Rechte und Gel- Rousseau (1755 unvollendet geblieben und 1781 post-
tungsbereich der »Platonischen Begriffe« (ebd.) eine hum erschienen) formuliert hat, ein Prozess der »dif-
Bestätigung. férance« (ebd., 38 und passim) in Gang gesetzt, der sich
Wie in den Gedanken sieht W. daher auch hier die ad infinitum hinzieht und in dem die »suppléments«
»Bildung des guten Geschmacks« (Gedanken2, 1) als (ebd.) eines unerreichbaren Fundaments hervorsprie-
seine Aufgabe, die Mission, einen objektiven und uni- ßen, wobei die Mimesis die paradoxe Funktion über-
versellen Begriff der Schönheit wieder herzustellen nimmt, die Begründung des Nicht-Begründeten zu ga-
und einen normativen Rahmen festzulegen, der sich rantieren (vgl. Lacoue-Labarthe 1986, 102).
der anarchischen Willkür des subjektiven Geschmacks Dies wird offenkundig im Zusammenhang mit dem
entgegen stellt. Wiederaufleben der Theorie der harmonischen Pro-
portionen, das seit der Mitte des Jahrhunderts, seit dem
Traité du beau essentiel von Briseux (1752) zu verzeich-
Die Ursprungsmythen der Aufklärung und die
nen ist und sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer
Begründung der Kunst
vor allem auf den venetischen Raum konzentrierten
In diesem Vorhaben steht W. jedoch nicht allein. Denn Debatte entwickelt (vgl. Testa 2003a; 2005). Das Wie-
neben dem umfassendsten Subjektivierungsprozess deraufgreifen der Verbindung zwischen Musik und Ar-
der Welt, der die Subjektivierung des Schönen emble- chitektur trägt in der Tat Züge einer bewussten Strategie
matisch als besonderes Kennzeichen der Selbst- der Neubegründung der Kunst in neo-klassizistischer
behauptung der modernen Welt (vgl. Ferry 1990) be- Prägung, die sich auf eine entschiedene Bestätigung des
trachtet, verzeichnet die westliche Kultur seit der Mit- absoluten und universellen Werts der harmonischen
te des 18. Jh. ein Hervorsprießen weiterer Strategien Proportionslehre beruft, um so die Architektur zurück-
der Neubegründung der Kunst (vgl. Testa 1999, 125– zuführen auf »einige viel festere Prinzipien als jenen
167), die nicht nur die Erfordernis verbindet, ein nor- Genius, der im Volksmund guter Geschmack genannt
matives Regelwerk wiederherzustellen, das dem Be- wird« (Bertotti-Scamozzi, III, 1781, 6).
griff des Schönen Intersubjektivität und objektive Die Theorie der harmonischen Proportionen, einer
Universalität garantiert, die eine Bezugnahme auf das der normativen Eckpfeiler des Renaissance-Klassizis-
Subjekt abstreiten würde, sondern auch die unablässi- mus, schien ihre Vitalität und theoretische Legitimität
90 II Systematische Aspekte

nach der radikalen Kritik durch Claude Perrault im Als beispielhaft in dieser Hinsicht erweisen sich die
17. Jh. erschöpft zu haben und war im sechsten und Ausführungen im Traité von Briseux zu dem Begriff
siebten Jahrzehnt des 18. Jh. erneut harten Angriffen »noble simplicité« (Briseux 1752, 69), dem kurz da-
aus der zutiefst vom Empirismus durchdrungenen rauf die Ehre zuteilwerden sollte, zum Schlüssel-
angelsächsischen Denktradition ausgesetzt. Denn mit begriff des W.schen Klassizismus’ zu werden. Bei W.
Hogarth (vgl. Hogarth 1753, 67–92), Burke (vgl. ist nämlich die »edle Einfalt« (Gedanken2, 21) das Er-
Burke 1759, 163–197) und Henry Home Kames (vgl. kennungszeichen einer transzendenten ästhetischen
Home 1762, III, 328–337) beginnt eine Dekonstrukti- Vollkommenheit und bezieht sich nicht auf die Sin-
on des metaphysischen Lehrgebäudes der Proportio- nessphäre des wahrnehmenden Subjekts. Im Traité
nenlehre. Ein dieser Denkrichtung gemeinsamer Zug hingegen wird in einer eher empiristischen als plato-
scheint die radikale Kritik des Begriffs »real beauty« nischen Sichtweise, begründet in der »angenehmen
zu sein, auf die eine ebenso radikale Relativierung der Wirkung« (ebd., 39) und dem »Grad des Vergnügens«
Kriterien der Schönheit insbesondere durch Hume (ebd.), die »noble simplicité« als »wahres Kennzei-
(vgl. Hume 1757, 208–209) folgt. chen des Schönen in den Künsten, und grundsätzlich
Vor dem Hintergrund dieser Kritik empiristischer in der Architektur« (»vray caractère du Beau dans les
Prägung erhält das Revival der Proportionslehre im Arts, et principalement dans l’ Architecture«; Briseux
18. Jh. eine klare anti-moderne und anti-subjektive 1752, 69) betrachtet. »Edle Einfalt« verweist daher
Bedeutung und zeigt sich – in Zielen, Argumentati- ausschließlich auf die Wahrnehmungsphysiologie des
onsweisen und theoretischen Abgrenzungen – fest Menschen (vgl. ebd., 51–55).
verbunden mit der breiten anti-barocken Front, die Auch die Festlegung der Proportionsregeln wird –
sich gerade um die Mitte des Jahrhunderts verfestigt, in Übereinstimmung mit der im Untertitel des ersten
und einig in der Forderung, der Schönheit und der Bandes genannten »wirklichen und unveränderlichen
künstlerischen Formensprache, durch die sie wahr- Schönheit« (»Beauté réelle et invariable«) – als Erfin-
genommen werden soll, objektive und universelle dung der Alten beschrieben, die im Lauf der Zeit ver-
Fundamente zu garantieren. mittels eines Prozesses empirischer Verifizierungen
Die Berufung auf einen traditionellen Topos der (vgl. ebd., 32–36.) hervorgebracht wurde. Sie verdankt
klassizistischen Renaissance wie die Theorie der har- sich einer durch den »natürlichen Geschmack« (»goût
monischen Proportionen steht Seite an Seite mit W.s naturel«; ebd., 8) wahrgenommenen »Empfindung des
idealistischem Historismus und Laugier’s Naturalis- Schönen« (»sensation du beau«; ebd.) und dem »ange-
mus, die in den gleichen Jahren eine ähnliche Kritik nehmen Eindruck« (»impression agréable«; ebd.) .
am barocken Subjektivismus betreiben, um die künst- Daher bedient sich die Neubegründung der Pro-
lerische Praxis auf das heteronome Fundament der portionslehre trotz der Prinzipien, von denen sie sich
Natur oder einer als absoluter Wert aufgefassten Ge- hat inspirieren lassen, paradoxerweise der empiri-
schichte zurückzuführen. schen Induktion anstelle der metaphysischen Deduk-
Mit derartigen Strategien der Neubegründung teilt tion. Sie ist nicht in der Lage, für das »wesentliche
die Proportionslehre nicht nur die Ziele, sondern auch Schöne« (»Beau essentiel«) eine Universalität zu ga-
die Aporien. Mit der gleichen Logik, die den gesamten rantieren, die über den bloßen sozialen Konsens oder
theoretischen Aufbau des von den klassizistischen und die von Perrault formulierte »Gewöhnung« (»accou-
Laugier’schen Ursprungsmythen durchdrungenen tumance«; Perrault 1673, [5]) hinausgeht, außer durch
»archäo-teleologischen« Modells bestimmt, kann auch den theoretischen Taschenspielertrick einer Art prä-
das Revival der Proportionslehre bei dem Versuch ei- stabilierter Harmonie, einer »Sympathie« (»sim-
ner erneuten Legitimation der Architektur durch pathie«; Briseux 1752, 50) zwischen Mensch und Kos-
Nachahmung, die mit Hilfe der abstrakten Regeln har- mos, einer »natürlichen Trigonometrie« (»trigonomé-
monischer Proportionen auf die Natur zurückgeführt trie naturelle«; ebd., 8), die durch »Gott als Geometri-
wird, sich einem fatalen Dialog mit dem Subjektivis- ker« (»Dieu [...] Géomètre«; ebd., 53) gewährleistet
mus nicht entziehen und landet schließlich bei dem wird, der »in das Wesen der Seele die Harmonie dieses
Paradoxon, die geforderte Objektivität und Universali- Universums« (»dans l’ essence de l’ Ame l’ harmonie de
tät der Proportionslehre unter Berufung auf empiri- cet Univers«; ebd., 54) eingeprägt hat.
sche Verifizierungen zu begründen; solche weisen aber Solch ein Zirkelschluss, eine petitio principii, die ei-
auf die Sphäre der Subjektivität zurück, die man doch ne gedankliche Introjektion des ästhetischen Fun-
neutralisieren wollte (vgl. Testa 2003a; ders. 2005). daments in das Subjekt ermöglicht, ist jedoch eine fra-
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Aufklärung und die Begründung der Kunst 91

gile Lösung. Sie zeigt, dass es Briseux’ Strategie der die ontologische Grundlegung der künstlerischen
neo-proportionalistischen Neubegründung unmög- Produktion vermittels der perfekten Überlagerung
lich ist, die Paradoxa, in die sie sich verwickelt hat, auf- zwischen Nachahmer und Nachgeahmten. Zu ihr ge-
zulösen. Sie enthüllt, dass das so sehr herbeigesehnte langt man dank der tendenziellen Auslöschung des
absolute Fundament, wie Burke es polemisch nennen Subjekts, das nämlich selbst in ausschließlicher und
sollte, nichts anderes ist als eine unterschwellig ein- erschöpfender Weise Natur ist.
geschlichene Projektion des Subjekts selbst: »I am the Dennoch braucht der Mensch ab origine »einen
more fully convinced, that the patrons of proportion Ruheort« (»un lieu de repos«; Laugier 1755, 8): ein na-
have transferred their artificial ideas to nature, and not türliches Bedürfnis, auf das die Natur jedoch keine
borrowed from thence the proportions they use in unmittelbare Antwort zu geben vermag. Die Äuße-
works of art« (Burke 1759, 183). rung dieses Bedürfnisses markiert einen ersten, ur-
Das Rousseausche Paradigma eines Ursprungs- sprünglichen, unmerklichen Riss, einen klaffenden
mythos’, der sich an die Natur als letzten Bezugspunkt Spalt in der Gegenwärtigkeit (»présence à soi«) der
einer mit Hilfe der Mimesis angestrebten Neubegrün- Natur, eine Trübung in der Transparenz des Ur-
dung wendet, findet eine exemplarische Verwirk- sprungs. Zwischen dem Wunsch und seiner Befriedi-
lichung im Essai sur l’ architecture von Marc-Antoine gung eröffnet sich ein Raum des Aufschubs, der »dif-
Laugier (vgl. Testa 1997, 355–359; ders. 2000, 331– férance originaire« (Derrida 1974, 238). In diesem
332), der ebenfalls fest entschlossen ist, das klassizisti- Raum, den Laugier auf Null reduzieren möchte, wird
sche Dogma der Existenz eines »beau essentiel« (Lau- die Dynamik des Kunstschaffens, die Zeit der Ge-
gier 1755, 256) zu bestätigen, auf das man sich berufen schichte, die menschliche Zeit eingeleitet: Eine Hütte
kann, um der Gefahr der Relativierung des Ge- wird entstehen und mit ihr die Architektur als vom
schmacks entgegen zu treten, die bereits im 17. Jh. von Menschen geschaffene Kunst, der ab origine gezwun-
Claude Perrault formuliert wurde und deren Beispiele gen war zu ergänzen, »durch seinen Gewerbefleiß die
sich in der zeitgenössischen Architektur mit ihren Unaufmerksamkeit und Nachlässigkeit der Natur aus-
spätbarocken und Rocaille-Extravaganzen finden. zugleichen« (»supléer, par son industrie, aux inattenti-
Zu diesem Zweck entwickelt der Text eine Narrati- ons & aux négligences de la nature«; Laugier 1755, 9).
on, die den »Menschen in seinem ersten Ursprung« Mit einem dogmatischen Aufruf zur Nachahmung
(»homme dans sa premiere origine«; ebd., 8) vorführt: der »einfältigen Natur« (»simple nature«; ebd.) ver-
Am Nullpunkt, an dem Geschichte und Kultur einset- birgt Laugier jedoch in der Dynamik des Ursprungs-
zen, ist der Mensch nur und ausschließlich Natur; dort mythos’ und in seiner gewollten Opazität das Spiel des
spricht aus ihm, laut Rousseau, »die Natur allein« Aufschubs, den Gestus der Freiheit, die ursprüngliche
(»seule nature«; Rousseau 1969, 472) in Form des »na- Autonomie, die ab origine das Universum des Men-
türlichen Instinkts für seine Bedürfnisse« (»instinct schen und seine Formenwelt als ohne transzendente
naturel de ses besoins«; Laugier 1755, 8). Grundlegung, als willkürlich und verschieden von der
Am Ursprung ist die Natur sowohl äußere Umwelt Natur bestimmt.
als auch innerste und ausschließliche Essenz des Sub- So fährt der Text mit der naturalistischen Begrün-
jekts; der Ursprung ist jener Ort und jene Zeit, in de- dung des Trilithen-Systems der klassischen Architek-
nen die beiden Begriffe zusammenfallen, wo »eine turordnung fort, deren wesentliche Elemente – Säule,
Beugung der Physis, die Beziehung der Natur auf sich Gebälk, Giebel – genetisch auf das Modell der Ur-Hüt-
selbst« (»une flexion de la physis, le rapport à soi de la te, den Archetypus der Architektur (vgl. ebd., 10–11)
nature«; Derrida 1975, 59) geschieht und »die Natur« zurückgeführt werden, auf den sich jedes künftige
- mit Kants Worten – »im Subjekte [...] der Kunst die menschliche Bauwerk in einer »archäo-teleologi-
Regel geben« (Kant 1977, 241) muss. schen« Perspektive als auf sein eigenes Fundament
Das im Ursprungsmythos angelegte Mimesis-Sys- wird beziehen müssen, um daraus die Kriterien zu ge-
tem scheint hier die ersehnte »vollkommene Nach- winnen, mit denen über die eigene Schönheit und
ahmung« (»imitation parfaite«; Derrida 1974, 486) zu Wahrheit geurteilt werden kann.
realisieren, die »reine Repräsentation« (»représentati- Die Bedürfnisse und die Erfindungsgabe des Men-
on pure«, ebd., 412), die »Gegenwart der Sache, dar- schen als genetisches Prinzip der Architektur bleiben
gestellt in ihrer vollkommenen Nachahmung« (»pré- jedoch weiter aktiv. Im Werden der Geschichte arbei-
sence de la chose représentée à son imitation parfaite«; ten sie daran, die Mängel des Archetyps abzustellen,
ebd., 426). Diese Nachahmung dient als Strategie für und greifen gleichzeitig in ambivalenter Weise seine
92 II Systematische Aspekte

ursprüngliche Perfektion an. Sie tun dies entweder in Beispielhaft sind in diesem Zusammenhang Rous-
der Form vom Bedürfnis diktierter Freizügigkeiten – seaus Reflexionen über den nicht mehr geometri-
dazu gehören Wände, Fenster, Bögen –, oder sie ver- schen Garten in der Nouvelle Héloïse (1762) (Rous-
derben die ursprüngliche Perfektion vor allem durch seau 1964, 470–488) und seine Beschreibung des Ély-
das Ornament, aber auch durch Pfeiler und Pilaster, sée de Clarens: ein historisch wichtiger Text für die
die als schlechter Ersatz für die Säule galten. Kodifizierung und die Verbreitung des seit dem zwei-
Die Geschichte, die Zeit des Austretens des Men- ten Jahrzehnt des Jahrhunderts in England entwickel-
schen aus dem Nullpunkt des Ursprungs, ist durch ei- ten Modells des Landschaftsgartens in Frankreich
ne doppelte Bewegung gekennzeichnet, die parado- und Europa.
xerweise in entgegengesetzte Richtungen voranschrei- Die Analyse des Gartens folgt dem theoretischen
tet und einerseits von dem Gebot gelenkt wird, be- Schema der Ursprungsmythen (vgl. Testa, 1996; 1997,
ständig an den Ursprung zu erinnern, um sich so weit 353–355, 359–361): So wird die freie Natur des Ély-
wie möglich dem archetypischen Modell zu nähern, sée-Gartens dem formalen französischen Garten mit
andererseits von der Notwendigkeit, sich zu entfernen einer Argumentation gegenüber gestellt, die im We-
»von diesen groben und unförmigen Erfindungen« sentlichen das Problem der Mimesis betrifft, nämlich
(»de ces grossieres & informes inventions«; ebd., 12) die Möglichkeit der Kunst, die wahren Formen der
und »den Nachlässigkeiten eines so roh zusammen- Natur korrekt zu reproduzieren. Der franko-italie-
gesetzten Gebildes« (»aux négligences d’une composi- nische Garten wird nicht nur aus ethischen Gründen
tion si brute«; ebd.) abzuhelfen. – wegen der Zurschaustellung von überflüssigem Lu-
Die unwiderrufliche Künstlichkeit des Anfangs der xus und Pracht, einer unangemessenen Konzession
Architektur, die Laugier beschrieben hat – »durch sei- an die Ansprüche gesellschaftlichen Auftretens – ab-
nen Gewerbefleiß die Unaufmerksamkeit und Nach- gelehnt, sondern vor allem, weil in solch einem Gar-
lässigkeit der Natur auszugleichen« (»supléer, par son ten der Natur architektonisch-geometrische Formen
industrie, aux inattentions & aux négligences de la na- aufgezwungen werden und sich nichts von der Essenz
ture«; ebd., 9) –, um sie dann zu verbergen, entpuppt der Natur selbst offenbart. Dadurch gelangt man zum
sich als das Grundübel der Geschichte. Wenn man entgegengesetzten Ergebnis, nämlich die Natur zu
von der Geschichte zum Ursprung zurückkehrt, er- verderben (»gâter la nature«; Rousseau 1964, 482)
weist sich dieser als ursprünglicher Mangel, als ur- und zu entstellen (»la défigurer«; ebd., 484).
sprüngliche Leere, die ab origine durch das Genie des Umgekehrt erlaubt der Landschaftsgarten, wie er
Menschen gefüllt wird. sich im Élysée präsentiert, eine vollkommene Epipha-
Zu diesem Ergebnis gelangt auch die Debatte über nie der Natur: In ihm spricht »die Natur allein« (»seu-
den Landschaftsgarten, die im gleichen Zeitraum le nature«; ebd., 486), die Natur in ihrer Reinheit und
aufkommt und in ihrer begrifflichen Artikulation Einfachheit zum Menschen, wie in Laugiers Ur-
das Schema reproduziert, das – wie wir gesehen ha- sprungsmythos. Die Natur wird sichtbar und stellt
ben – die Strategien der Neubegründung der Theorie sich als »vollständige Präsenz« (»présence pleine«;
der Künste in der zweiten Hälfte des 18. Jh. kenn- Derrida 1974, passim) dar.
zeichnet. Der Ort, an dem dies geschieht, wird mehrfach
Die ästhetische Aneignung der Natur – das wahre »verlassene Insel« (»Isle deserte«) genannt, wo man
Epizentrum der Frage – sieht sich eingezwängt zwi- keine »menschlichen Spuren« (»pas d’hommes«;
schen den subjektivistischen Forderungen des Spät- Rousseau 1964, 479) wahrnimmt: »man sieht keinerlei
barock und der Frühromantik und dem klassizisti- menschliche Arbeit« (»on ne voit point de travail hu-
schen Streben nach einer neuen Grundlegung des main«; ebd., 472). Die Spuren menschlicher Eingriffe,
künstlerischen Zeichens durch die Mimesis eines Ar- die Zeichen der Künstlichkeit sind (fast) nicht mehr
chetyps der Natur, an den die Kunst sich anpassen wahrnehmbar: Die Darstellung tendiert dazu, un-
muss. Das Ergebnis dieser auf den Kontrast zwischen unterscheidbar vom eigenen Modell zu werden; der
autonomer schöpferischer Subjektivität und hetero- Nachahmer gleicht sich dem Nachgeahmten in einer
nomer Grundlage des ästhetischen Ideals zugespitz- »vollkommenen Nachahmung« (»imitation parfaite«;
ten Debatte sind auch hier die Aufhebung und das Derrida 1974, 426) an, die den »Nullgrad« (»degré zé-
Vergessen der Natur als Fundament, da letztere ganz ro«; Todorov 1977, 143) darstellt, die ideale Grenze,
und gar den repräsentativen Ansprüchen des moder- die das klassische Mimesis-System als eigene perfekte
nen Subjekts unterworfen wird. Vollendung anstrebt.
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Aufklärung und die Begründung der Kunst 93

Julies Elysée-Garten strebt – in Derridas Begriffen – gen, darin besteht der echte Geschmack« (»c’est à le ca-
danach, »die vollkommene Repräsentation« (»la re- cher que consiste le véritable goût«; ebd., 482). Dieses
présentation parfaite«; Derrida 1974, 420) zu sein, ei- Minimum an Künstlichkeit, das Rousseau zulässt,
ne »reine Repräsentation, ohne metaphorische Ver- während er es gleichzeitig zurückweist, erscheint den-
schiebung« (»représentation pure, sans déplacement noch als verheerend für das klassische Mimesis-Sys-
métaphorique«; ebd., 412), eine »reine Abbildung« tem, in dem es seinen Platz hat, und für die darauf ba-
(»pictographie pure«; ebd., 425–426) der Natur, die in sierende ursprüngliche Konzeption des Landschafts-
ihr »selbst, unmittelbar« (»en personne, immédia- gartens als »vollkommene Nachahmung« (»imitation
tement«; ebd., 334) erscheint, die »Natur allein« (»seu- parfaite«) der Natur.
le nature«; Rousseau 1964, 486), ununterscheidbar Der moderne Garten, der Garten der Moderne als
von dem Zeichen, das sie darstellt. einer Epoche der vollen Selbstbehauptung des Sub-
Rousseau weist bereits in den ersten Zeilen des Tex- jekts, tritt definitiv aus dem klassizistischen Rahmen
tes darauf hin, dass die »verlassene Insel« (»Isle deser- der Mimesis der Natur heraus, um eine Maschinerie
te«) nur eine »künstliche Einöde« (»desert artificiel«; zur Herstellung von Empfindungen zu werden (vgl.
ebd., 474) sein kann. Denn die »reine Repräsentation« Testa, 1996; ders. 1997, 353–355, 359–361; ders.
(»représentation pure«; Derrida 1974, 412), »ein Zei- 2003b).
chen, das das Bezeichnete darstellt, ja die Sache selbst,
unmittelbar« (»un signe donnant le signifié, voire la
Die »archéo-téléologie« von Winckelmann und
chose, en personne, immédiatement«; ebd., 334), ein
seine Aporien
völlig transparentes Zeichen, neigt daher selbst zu
»seiner eigenen Nichtwahrnehmbarkeit« (»sa propre »Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich
imperceptibilité«; ebd., 420), ist ein »unmögliches ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung
Zeichen« (»signe impossible«; ebd., 334), das – um als der Alten«: Dieser Passus der Gedancken über die
Zeichen zu existieren – ein Minimum an Künstlich- Nachahmung (Gedanken2, 3) bringt als öffentliche
keit erfordert: »all dies kann man nicht ohne ein wenig Proklamation der klassizistischen Ästhetik in einer
Illusion schaffen« (»tout cela ne peut se faire sans un kraftvollen Synthese die theoretische Struktur der von
peu d’illusion«; Rousseau 1964, 480). W. entwickelten Strategie der Neubegründung zum
Denn die freie Natur, die von jedem menschlichen Ausdruck. Die Mimesis als ihre zentrale Gelenkstelle
Eingriff nahezu unberührte Natur des Ursprungs ist und als Gestus der Neubegründung wendet sich hier
»Stille und Nacktheit« (Mabil 1818, 83) und kann »Be- nicht an die Natur und strebt nicht danach, abstrakte
wegung und Leben« (ebd.) nur als Folge des mensch- transzendente Prinzipien zu gewinnen, um die antike
lichen Eingreifens erringen. Die Künstlichkeit ist also Kunst zum Gegenstand der Nachahmung zu machen.
kein Übel, das man nicht völlig eliminieren kann und Damit wird die Rolle des Ursprungs, auf den man sich
daher möglichst verbergen muss, sondern sie erscheint berufen kann, um den modernen Subjektivismus zu
als wesentlich für die Darstellung und muss daher zur korrigieren, auf historische Zeugnisse übertragen, die
Anschauung gebracht werden. Wie William Chambers dann zum Bezugspunkt für die Rückführung der
schreibt: »inanimate, simple nature is too insipid for Kunst auf ein universelles Maß werden. Dessen Stre-
our purposes« (Chambers 1772, 19), »Stille und Nackt- ben nach Absolutheit wird nicht umhin können, irre-
heit« (Mabil 1818, 83) der »Natur für sich« (Rousseau parable Reibungen mit der materiellen und kontin-
1964, 486) müssen durch die Kunst ergänzt werden: genten Immanenz der historischen Modelle (vgl. Tes-
»Art must therefore supply the scantiness of nature [...] ta 1999) hervorzurufen.
to excite [...] strong sensations« (Chambers 1772, 14). So entsteht ein Paradoxon, das die Aporie einer
Die Künstlichkeit ist notwendig für die Darstellung, Epoche reproduziert, die im vollen Bewusstsein seiner
ohne sie gibt es kein Eden, kein Elysium für den Men- Absenz auf verschiedenen Wegen nach dem Fun-
schen: »die Einöde« (»le desert«) der Zeichen braucht dament sucht. Dieses Paradoxon wird ab origine das
– um existieren zu können – »ein wenig Illusion« (»un W.sche »Lehrgebäude« (GK1, IX) schwächen und in
peu d’illusion«; Rousseau 1964, 480). Wenn Künstlich- seinem Inneren einen unerbittlichen Prozess der De-
keit das Übel ist, dann ist es ein notwendiges, ur- konstruktion in Gang setzen, dem in ähnlicher Weise
sprüngliches Übel, ein Geburtsfehler jedes Darstel- auch andere Ursprungsmythen der Aufklärung aus-
lungssystems. Es muss neutralisiert, auf ein Minimum gesetzt waren, aus dem jedoch eine kraftvolle und
reduziert werden, gegen Null tendieren: »es zu verber- durchdringende ästhetische Theorie, eine neue Kon-
94 II Systematische Aspekte

zeption des Kunstwerks und der Prozesse, die seiner schiedenen Nationen und der verschiedenen Epochen
Erschaffung vorausgehen, und ein Stil, der eine ganze als kohärent und funktional für eine ästhetische Theo-
Epoche prägen sollte, hervorgehen werden. rie Lockescher empiristischer Prägung, gemäß der das
»Wegen der gemäßigten Jahreszeiten« (Gedanken2, Schöne keinen absoluten und universellen Wert dar-
1–2), wie bereits im ersten Abschnitt der Gedanken stellt, sondern von der individuellen Erfahrung des
über die Nachahmung zu lesen ist, entwickelte sich die Subjekts abhängt, der Herrschaft des Geschmacks, der
Körperschönheit der Griechen auf jene vollkommene Sphäre des sinnlichen Vergnügens, des »sentiment«
Weise, auf die W. sich beruft, um die Vortrefflichkeit angehört und daher nicht auf Normen und Regeln zu-
der von ihnen inspirierten künstlerischen Schöpfun- rückführbar ist, die eine intersubjektive Gültigkeit be-
gen zu begründen. Der klimatologische Determinis- anspruchen.
mus wird ergänzt durch bestimmte Lebensweisen der Solche radikal relativistischen Konzeptionen über-
griechischen Gesellschaft und deren Auswirkungen trägt Dubos auf die Ebene des historischen Werdens,
(vgl. Testa 1999, 199–213). Die vollkommene ideale um eine allgemeine Theorie der Variation der kul-
Schönheit, die sich in den Kunstwerken offenbart, er- turellen Codices zu entwerfen, die die äußeren Bedin-
weist sich somit als Ergebnis eines historisch determi- gungen als Kräfte ansieht, die in der Lage sind, nicht
nierten Schaffensprozesses, kraft dessen das Göttliche nur »den Geist der Menschen« (»le génie des hom-
im Zeitlichen Gestalt annehmen konnte: »Phryne ba- mes«) zu formen, sondern auch »den Geist der Jahr-
dete sich in den Eleusinischen Spielen vor den Augen hunderte und Nationen« (»le génie des sicles & des
aller Griechen, und wurde beim Heraussteigen aus Nations«; ebd., 11). Der ästhetische Subjektivismus
dem Wasser den Künstlern das Urbild einer Venus wird so zu einer Art historistischem Relativismus, der
Anadyomene« (Gedanken2, 8–9). die Missdeutung des Klassischen als eines absoluten
In der Geschichte der Kunst des Alterthums werden Modells impliziert: Er überschreitet die eigene raum-
die in den Gedanken dargelegten Begrifflichkeiten zeitliche Bestimmtheit und bietet sich als Bewahrer ei-
vertieft und verfeinert; auf ihrer Grundlage entsteht nes universellen und über-historischen ästhetischen
eine allgemeine Theorie der historischen Interpretati- Werts den Nachkommen zur Nachahmung an.
on künstlerischer Phänomene, die systematisch auf al- Im ersten Kapitel des »Trattato preliminare dell’ arte
le kunstschaffenden Kulturen der antiken Welt an- del disegno degli antichi popoli«, der Einleitung zu
zuwenden ist, von den Ägyptern bis zu den Etruskern. den Monumenti antichi inediti, zeigt sich die Hypo-
Die klimatologische Erklärung wird durch eine sozio- thek, die W.s bei Dubos aufgenommen hat, in wort-
logische Theorie ergänzt, die im Vergleich zu den Ge- wörtlichen lexikalischen Anleihen, wenn er vom
danken reichere und komplexere Formen annimmt. »Geist des Jahrhunderts« (WA VII, 181) spricht oder
Ausgehend von diesen Prinzipien analysiert W. im die »Verschiedenheit der [...] Gemüthsart bey diesem
ersten Stück des vierten Kapitels der Geschichte der oder jenem Volke« (ebd., 2) beobachtet. Diese Über-
Kunst, nachdem er kunstschaffende Kulturen an den nahmen lassen jedoch eine begriffliche Konstellation
Grenzen der griechischen Welt behandelt hat, die einsickern, die in das W.sche »Lehrgebäude« eine un-
»Gründe«, »Ursachen« und Besonderheiten »des Auf- gelöste theoretische Spannung bringt. Denn der Um-
nehmens und des Vorzugs der Griechischen Kunst« welt-Determinismus, der die Historisierung der von
(GK1, 127). der Klassizität formulierten Idee der absoluten Schön-
Zur Bestätigung seiner Thesen beruft sich W. auf heit herbeiführt, bringt die Prinzipien eines radikalen
den klimatologischen Determinismus von Polybios Relativismus mit sich, der die Ansprüche von Absolut-
(GK1, 19), dessen Theorien im 18. Jh. eine rigorose heit und Universalität des klassischen Ideals unter-
Überarbeitung in Montesquieus Esprit des Loix (1748) gräbt. Das Ideal hat sich in einem hedonistischen Sub-
erfuhren und zuvor unter Bezugnahme auf künstleri- jektivismus aufgelöst, dem W. wider Willen Raum ge-
sche Phänomene bereits von Dubos in den Réflexions ben muss. Denn noch im gleichen Kapitel des »Tratta-
critiques sur la Poésie et la Peinture (1719; vgl. Franke to preliminare« legt er dar, dass »die Kunst der
2006, 89–96) aufgegriffen worden waren. Hier erweist Zeichnung [...] bey den Völkern eine Tochter des Ver-
sich der Hinweis auf die Umweltbedingungen – auf gnügens gewesen« sei (ebd.).
die »moralischen Ursachen« und »physikalischen Ur- Wenn der Ursprung nach seinem Eintritt in die Ge-
sachen« (»causes morales«/«causes physiques«; Du- schichte sich gerade deshalb als lokal und pluralisch
bos 1733, II, Sections 12–20) - zur Erklärung der Be- erweist, gibt es in Wirklichkeit keinen Ursprung, auf
sonderheiten der kunstschaffenden Kulturen der ver- den man sich berufen kann, um die Schönheit neu zu
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Aufklärung und die Begründung der Kunst 95

begründen, noch ist es möglich, absolute ästhetische Gegenwart, gemäß dem bereits in den Gedanken über
Normen zu postulieren. Die Klassik wird zu einer Ge- die Nachahmung formulierten »archäo-teleologi-
schichte unter Geschichten, zu einer individuellen sti- schen« Gebot, inspirieren lassen muss, um die zeitge-
listischen Konfiguration, verwurzelt in dem Kontext, nössische Kunst auf universellen Werten neu zu be-
in dem sie entstanden ist, und von ihm umgrenzt, ge- gründen.
mäß einem Prinzip, dass W. so formuliert: »Unterdes- Und doch will W. sich vom traditionellen Klassizis-
sen kann der Stil von einer Zeit in der Kunst so wenig mus entfernen, für den die Schönheit der antiken
[...] allgemein seyn« (GK1, 225–226). Kunst der historische Ausdruck eines idealen Schö-
Solch ein Prinzip erweist sich jedoch als unzulässig nen ist, das die menschliche Zeitlichkeit transzendiert
und erzeugt in der Geschichte der Kunst eine latente und das sich in der Geschichte zu erkennen gibt, aber
und ungelöste Spannung zwischen der anerkannten nicht in ihr entsteht. In den Monumenti antichi inediti
Historizität des Klassischen und seinem Anspruch auf bringt er seine Absicht zum Ausdruck, sich von denen
einen übergeschichtlichen Wert. Diese Spannung be- zu unterscheiden, die vor ihm das Schöne in rein me-
herrscht die Komposition des Textes, regelt seine Be- taphysischer Perspektive behandelt haben, und legt
grifflichkeiten und spiegelt die grundsätzliche Aporie sein eigenes Programm einer historischen Neu-
wider, die die Strategie der »archäo-teleologischen« begründung des universellen ästhetischen Werts der
Neubegründung auf der Grundlage des Ursprungs- Klassizität dar, indem er erklärt, vom »Idealen zum
mythos der griechischen Klassizität brüchig macht. Wirklichen« herabsteigen zu wollen (WA VII, 72).
Der Wunsch nach »gründlicher Anzeige des wah- W. fordert jedoch weiterhin eine metaphysische
ren Schönen« (AGK, II), der W. seit den Gedancken Grundlage für die Schönheit. Die Historisierung der
über die Nachahmung zum Studium der griechischen Idee, die er in dem Abschnitt der Gedancken über die
Kunst drängte, und die daraus herrührende Mimesis- Nachahmung (Gedanken2, 4–10) vornimmt, in dem er
Strategie wirken weiterhin als grundlegendes Motiv die klimatisch-soziologischen Bedingungen des grie-
auch in der Geschichte der Kunst: chischen Wunders anführt, ist in der Gesamtstruktur
des Textes von zwei Passagen eingerahmt, die wie
»Die Kunst der Griechen ist die vornehmste Absicht wahre Glaubensakte klingen, Akte eines Glaubens an
dieser Geschichte, und es erfordert dieselbe, als der den transzendenten Wert des Schönen.
würdigste Vorwurf zur Betrachtung und Nachahmung, Das Thema wird nämlich durch einen Verweis auf
[..], eine umständliche Untersuchung, die [...] in Unter- einen Passus des Kommentars von Proklos zum plato-
richt des Wesentlichen bestände, und in welcher nicht nischen Timaios (Proclus, In Tim. II.81c-e, zu Platon,
blos Kenntnisse zum Wissen, sondern auch Lehren Timaeus 28a-b) eingeleitet, der die These bekräftigen
zum Ausüben vorgetragen würden. Die Abhandlung soll, dass »idealische Schönheiten [...] von Bildern
von der Kunst der Aegypter, der Hetrurier, und anderer bloß im Verstande entworfen, gemacht sind« (Gedan-
Völker, kann unsere Begriffe erweitern, und zur Richtig- ken2, 4), und schließt mit einer Wiederaufnahme des
keit im Urtheil führen; die von den Griechen aber soll rein transzendenten Charakters der von den griechi-
suchen, dieselben auf Eins und auf das Wahre zu be- schen Künstlern geschaffenen Formen: »ihr Urbild
stimmen, zur Regel im Urtheilen und im Wirken.« war eine bloß im Verstande entworfene geistige Na-
(GK1, 127–128) tur« (ebd., 10). Die Aussage beeinträchtigt im Grunde
den Wert des Prozesses der historischen Herstellung
Im allgemeinen Rahmen eines Projekts zur systemati- von Schönheit, der von einer Art idealisierender Aus-
schen Historisierung der kunstschaffenden Kulturen wahl (vgl. auch GK1, 154–155) gelenkt wird. Durch
der antiken Welt genießt die Kunst der Griechen da- diese Selektion kommt es zur Sublimierung und zur in
her einen außergewöhnlichen und intrinsisch aporeti- den vorangegangenen Absätzen des Textes (vgl. Fran-
schen Status. Eingetreten in die Zeit der Geschichte ke 2006, 87–89) beschriebenen Vervollkommnung
und verstanden auf der Basis der »Gründe« und der der empirischen Natur.
»Ursachen« ihrer Entstehung, hat die griechische W.s platonisierender Klassizismus entwickelt sich
Kunst doch auch teil an einer höheren und transzen- in einer konstanten dialektischen Auseinanderset-
denten Essenz, die ihr die Fähigkeit verleiht, die Zei- zung mit dem Relativismus, der damit neutralisiert
ten und die Ereignisse der Geschichte zu überragen, werden soll; er entsteht in der Diskontinuität einer
um in ihr den Hauch des Absoluten zu offenbaren, Reihe von Eingriffen, die der Subjektivierung und
»des wahren Schönen« (AGK, II), von dem sich die Historisierung der ästhetischen Regelwerke entgegen
96 II Systematische Aspekte

treten sollen, zu denen jedoch auch das W.sche Den- Der Begriff des Modells als Epiphanie des Schönen
ken auf anderen Wegen gelangt. in einem geschichtlich entstandenen Werk, die zwi-
So wird in der Geschichte der Kunst mit einer theo- schen Kontingenz und Universalität, Materialität und
retischen Bewegung, deren Spiegelbild sich in einer Transzendenz, Geschichte und Norm vermittelt, und
Art Palinodie auch in den Gedanken über die Nach- die darauf basierende Mimesis-Strategie bilden das
ahmung, im zweyten Stück des vierten Kapitels, unter Herzstück von W.s »Lehrgebäude«. Zu diesem ab-
dem Titel »Von dem Wesentlichen der Kunst« wieder schließenden Ergebnis, zu dieser endgültigen Lösung
findet, daran gearbeitet, die Ergebnisse der Relativie- – innerlich geschwächt durch die paradoxe Logik, die
rung, die die im Ersten Stück vorgenommene Histori- den Rahmen beherrscht, in dem sie entsteht – gelangt
sierung eingeleitet hat, zurückzuweisen, zu verbergen, die W.sche »archéo-téléologie« in dem Bemühen, eine
zu neutralisieren. klassizistische normative Ästhetik in Form von Ge-
Mit einer klaren Distanzierung von der voraus- schichte vorzulegen, »eine historische Metaphysik des
gegangenen Abhandlung betrifft W.s Hauptsorge hier Schönen« (Lepenies 1988, 104). Diese Lösung erfor-
die Erfordernis, dass die wahre Grundlage der Schön- dert eine Reihe von theoretischen Vermittlungen, die
heit bestimmt werden solle, »der höchste Entzweck, sich ad infinitum zu vervielfachen scheinen, deren
und [...] der Mittelpunct der Kunst« (GK1, 142), wofür Fundament bis ins Unendliche immer wieder ent-
jedoch »ein allgemeiner deutlicher Begriff« (ebd.) weicht, verloren in einem unerreichbaren überhimm-
fehlt, »die Regel und der Canon des Schönen« (ebd., lischen Ort, verkörpert von einer auf ein tendenziell
143). immaterielles und nicht wahrnehmbares »beinahe
Zu diesem Thema bekräftigt W. peremptorisch: »es Nichts« (»presque nulle«; Derrida 1974, 282) redu-
ist also die Schönheit verschieden von der Gefällig- zierten Form, die sich für eine unmögliche Mimesis
keit« (ebd., 148), welche das Grundübel vertritt, die anbietet (vgl. ebd., 299–344).
gemeinsame Wurzel sowohl des historistischen Rela- Denn die Vorbilder erweisen sich als ein prekärer
tivismus als eines kritisierten, aber notwendigen Er- und labiler Zielpunkt: Die »Platonischen Begriffe«, die
gebnisses der Historisierung der antiken Kunst als in der Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung
auch des sensualistischen Subjektivismus, der auf der des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in der-
Basis einer gemeinsamen erkenntnistheoretischen selben (Abhandlung, 10) angeführt werden, um die
empiristischen Matrix daran anknüpft. subjektive Sphäre der »Empfindung« auf eine univer-
Dennoch hebt W. das Unvermögen hervor, in abs- selle normative Ordnung zurückzuführen und ihr zu
trakter Weise ein positives eindeutiges Konzept fest- unterwerfen, wirken hier auch gegenüber den Vorbil-
zulegen, das die Essenz des Schönen vermittels meta- dern, deren materielle Identität einem fortschreiten-
physischer Deduktion definiert, die er anstrebt und den Auflösungsprozess ausgesetzt ist (vgl. Testa 1999,
derer er sich daher bei mehreren Gelegenheiten (vgl. 215–298).
ebd., 149–150; MI, XXXVII) ohne zu zögern bedient. Als Lösung für die Erfordernis, über »sinnliche Be-
Dieser theoretischen Ausweglosigkeit begegnet er mit griffe der Schönheit« (Betrachtung, 6) zu verfügen,
der Methode, »aus lauter einzelnen Stücken wahr- werden die Meisterwerke der griechischen Bildhauer-
scheinliche Schlüsse zu ziehen« (GK1, 149): aus den kunst als »Hülle« (GK1, 162) einer Idee von transzen-
»erhaltenen Werken des Alterthums« (ebd., 142), denter Schönheit aufgefasst und streben ihrerseits
konkreten, sichtbaren, ausstellbaren Gegenständen, nach Immaterialität: »Die großen Künstler der Grie-
die sich den Zeitgenossen zur Nachahmung anbieten, chen [...] suchten den harten Gegenstand der Materie
die in ihnen den »Grund« (Gedanken2, 14) finden zu überwinden, und, wenn es möglich gewesen wäre,
können, aus dem die Palingenese der vom barocken dieselbe zu begeistern« (ebd., 156).
Antiklassizismus verdorbenen Kunst (vgl. Testa 1999, W. arbeitet »durch Wegnehmen von Material«
215–218; 299–332) in Gang gesetzt werden kann. (»per forza di levare«; Michelangelo Buonarroti 1558,
Die von W. dargelegte Strategie der »archäo-teleo- 155), mit dem Zweck, »alle fremden Theile« (ebd.,
logischen« Neubegründung enthüllt so gewollt mo- 151), die die Schönheit kontaminieren, an den Rand,
derne Merkmale und intrinsische Aporien: Die Trans- an die Grenze des Diskurses und im wörtlichen Sinne
zendenz der Norm wird in der Immanenz eines exem- an die äußersten Konturen des Kunstwerks zu drän-
plarischen Objekts, eines Vorbilds gedacht; die gen und auf »beinahe nichts« (presque nulle«) – die
Grundlage wird als historisches Geschehen dar- dünne Linie des Konturs, die die Form umschreibt –
gestellt. zu reduzieren.
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Aufklärung und die Begründung der Kunst 97

Dieser Kategorie müssen streng genommen alle te Schönheit der Formen oder [die] linearische Schön-
sinnlich wahrnehmbaren Aspekte des Kunstwerks zu- heit« (WA VII, 94; vgl. Testa 1999, 282–298).
geschrieben werden, eine Reihe von Akzidentien, Par-
erga (Derrida 1978, 40–81) und Ergänzungen, die es
Piranesi: Ende der Ursprungsmythen und Durch-
der Schönheit ermöglichen, wahrnehmbar zu werden,
setzung der Subjektivität
die aber unabwendbar ihre ursprüngliche Reinheit
beschmutzen, die also essentiell für die Erscheinung Die äußerste Schwelle, auf der W. verweilt, ohne sie je
und doch fremd für die Essenz des Schönen sind, ihm zu überschreiten, wird schließlich von Piranesi im Pa-
äußerlich und gefährlich, schädlich, irreleitend. rere sull’ architettura (1764) verletzt. Bei ihm offenbart
Ausdruck, Bewegung, Faltenwurf, Farbe müssen sich die dunkle Seite von W.s eisiger Sprachlosigkeit.
daher verbannt werden, und schließlich wird selbst Die »selbstmörderische Ästhetik« (»esthétique suici-
die sinnliche Identität des Werks von einer Erosion er- daire«; Michel 1989, 7), die deren Folge ist, wird zu ei-
griffen, die immer tiefgreifender das signifikante Ma- ner Art schwindelerregender mise en abyme der Mi-
terial der Schönheit beschädigt, in einem Prozess, der mesis-Strategie, auf der die klassizistische »archéo-té-
im Extremfall zur Vernichtung der Vorbilder selbst léologie« sich gründete, die einer extremen Beweisfüh-
tendiert (vgl. Testa 1999, 219–282). rung ad absurdum unterworfen wird und schließlich
Wie W. in einem Bericht an Gian Ludovico Bianco- über sich selbst kollabiert.
ni schreibt, ist die Beziehung zwischen der Idee der Nachdem der venezianische Kupferstecher als Pro-
Schönheit und ihren sinnlich wahrnehmbaren Ab- tagonist an der Querelle teilgenommen hatte, in der
bildern um die Mitte des Jahrhunderts die Befürworter des
historischen Primats der griechischen Architektur ge-
»zu vergleichen mit der Natur des Punktes. Der Punkt gen diejenigen – unter ihnen auch Piranesi – antraten,
muss unteilbar sein; da das Sichtbare aber immer teil- die das höhere Alter und die Eigenständigkeit der
bar ist, ist der Punkt in Wirklichkeit unbegreiflich. Da etruskisch-römischen Kultur ins Feld führten (vgl.
wir nun das Bedürfnis haben, uns eine sichtbare Idee Testa 1997, 355–359; ders. 1999, 183–195; ders. 2000,
von dem Punkt zu machen, nennen wir einen Punkt 327–335, mit Literatur; Kantor-Kazovsky 2006, 19–
diesen kleinen Fleck, in dem die Teilung nicht mehr 58, 193–235), höhlte er schließlich mit dem Parere
wirksam werden kann, und das heißt man den sicht- sull’ architettura die Ursachen des Streits im Inneren
baren Punkt. [...] Die Schönheit könnte also definiert und von Grund auf aus und verurteilte die der Debatte
werden als eine sinnlich wahrnehmbare Vollkommen- zugrunde liegende klassizistische »archäo-teleologi-
heit in der gleichen Weise, in der wir jenen einen sicht- sche« Strategie, die in einem historischen Modell das
baren Punkt nennen. Da also im sichtbaren Punkt das Ursprungs-Fundament der Architektur finden wollte.
Unsichtbare mit eingeschlossen ist, ähnlich in der In den Diverse maniere d’adornare i cammini (1769)
Schönheit, ist doch gleichermaßen unsichtbar die Voll- entwickelte er dann die Theorie einer allgemeinen
kommenheit. Beide unsichtbare Vollkommenheiten Äquivalenz aller historischen Stile, die zu rein lexika-
sieht das Auge nicht, aber es spürt sie die Seele.« (Win- lischen Repertoires ohne jeglichen universellen Wert
ckelmann 1961, 297–298) verkommen sind und sich deshalb für die unter-
schiedlichsten, von der freien Kreativität des Subjekts
Die Auslöschung des signifikanten Materials des gelenkten Assemblagen zur Verfügung stellen.
Kunstwerks dringt dennoch nicht bis an diese äußers- Im Parere nimmt Piranesi auch eine detaillierte
te Grenze, wo die durch die Sehnsucht nach dem sie Dekonstruktion des von Marc-Antoine Laugier er-
beseelenden Absoluten unterhöhlte Kunst aufhören arbeiteten naturalistischen Ursprungsmythos’ wie
würde zu existieren. Der Drang zur Abstraktion ge- auch der Mimesis-Strategie vor, auf deren Basis dieser
langt schließlich an einen Ort, wo er sich beruhigen meinte, die Prinzipien jeder möglichen Architektur
kann, wo Himmel und Erde, Schönheit und Materie, von dem Modell der angenommenen Ur-Hütte ablei-
Idee und Geschichte einen Berührungspunkt finden ten zu können.
können, auf einer klaren und zugleich immateriellen Wie Laugier und wie W. in den Gedancken über die
Grenzlinie, der äußersten Schwelle der »sinnlich Nachahmung geht auch Piranesi vom Problem der
wahrnehmbaren Vollkommenheit«, die abstrakt und subjektiven Willkürlichkeit des künstlerischen Zei-
in sich fast nicht mehr wahrnehmbar ist, aber so, dass chens aus, von der »verrückten Freiheit, nach Laune
die Idee sich den Sinnen offenbaren kann: die »absolu- zu arbeiten« (Piranesi 1765, 10), die in der barocken
98 II Systematische Aspekte

Kunst triumphierte. Diese Formensprache ist das Ziel Triglyphen [...] Gebäude ohne Gewölbe [...] Gebäude
der Polemik, gegen das im Parere einer der beiden auf- ohne Wände, ohne Säulen, ohne Pfeiler, ohne Friese,
tretenden Gesprächspartner, Protopiro, Partei er- ohne Gesimse, ohne Gewölbe, ohne Dächer; öde Plät-
greift. Er übernimmt die Rolle von Laugier und gibt ze, kahles Land.« (Piranesi 1765, 11)
den Rigoristen. Protopiro vertritt die Auffassung, dass
die Architektur eine archè, einen Ursprung habe, auf Die »reine Repräsentation« (»représentation pure«)
den man zurückgreifen müsse, um das Wahre vom ist reines Schweigen, Stimme der Natur als absolutes
Falschen, die legitime Darstellung, die begründete Schweigen, aus dem nichts weder hervorgehen noch
Form von einem durch Launen beherrschten Miss- voranschreiten kann. Der Raum des Ursprungs er-
brauch zu unterscheiden. Um seine These zu verfech- weist sich als ein leerer Raum; ursprünglich, am Ur-
ten, beruft sich Protopiro auf einen Ursprungsmythus sprung des menschlichen Zeichens und der Formen
und evoziert das Modell der Ur-Hütte, um die lexika- der Kunst ist weder die Natur noch die Geschichte –
lischen Komponenten der klassischen Architektur- keine der historischen antiken Traditionen, die mit-
sprache mimetisch zu rechtfertigen, die alle auf die na- einander konkurrieren, um der Architektur ein abso-
türlichen Formen zurückgeführt müssen, »aus denen lutes Fundament anzubieten –, sondern die Laune, die
sie entstanden sind« (ebd., 10). Willkür, die freie Entscheidung des Subjekts, ohne
Gegen diese Strategie der Neubegründung wendet Grundlage und allein. Wenn dies das Übel ist, dann ist
sich Didascalo, der andere Gesprächspartner, der in die »Architektur« – so behauptet Didascalo – »davon
seiner Argumentation das von Protopiro entwickelte an der Wurzel befallen« (ebd., 12).
Mimesis-System angreift, um es mit einem Wider- Den Epilog des auf diese Weise durch Piranesi
spruchsbeweis zu demontieren, der es an seine äu- vollzogenen Dekonstruktionsprozesses bilden die Di-
ßersten Grenzen treibt, und um zu zeigen, dass die verse maniere d’adornare i cammini (Piranesi 1769),
vollkommene Mimesis, die »reine Repräsentation, oh- ein Werk, das den idealen Abschluss für Piranesis
ne metaphorische Verschiebung« (»représentation theoretische Reflexionen zur Rolle der Geschichte
pure, sans déplacement métaphorique«; Derrida 1974, und der durch sie vorgelegten Modelle darstellt und
410), die es als die eigene Vervollkommnung anstrebt, in dem er schließlich kohärent die Beziehung zwi-
in Wirklichkeit zur Aufhebung des Signifikanten schen Geschichte und künstlerischem Schaffen for-
führt, zum Schweigen der Kunst, ins Leere. muliert, die jenseits jeder »archäo-teleologischen«
Didascalo unternimmt eine Art anatomischer Se- Projektion entstanden und völlig dem erworbenen
zierung der klassischen Architektur-Sprache, durch- Bewusstsein von der Autonomie des modernen Sub-
läuft auf diese Weise den von Protopiro dargelegten jekts gemäß ist.
genetischen Prozess rückwärts und geht von den lexi- Mit den Diverse maniere d’adornare i cammini und
kalischen Elementen der Architektur zurück zu ihrem mit dem gleichzeitig veröffentlichten Ragionamento
Ursprung in der Natur, zu ihrer Grundlage. Die Lexik apologetico nimmt die Wiederherstellung der histori-
der Architektur wird auf ihre Fähigkeit, ihren natürli- schen Modelle schließlich die Form eines Repertori-
chen Ursprung mimetisch darzustellen, überprüft. ums an. Darin sind die griechischen, etruskischen,
In dieser Beweisführung, die danach strebt, Signifi- ägyptischen und andere lexikalischen Elemente ge-
kant und Signifikat zur Deckung zu bringen, enthüllt sammelt, die in der von ihnen beanspruchten und aus
Didascalo, dass das Streben nach Perfektion des Zei- einer mutmaßlichen Ursprünglichkeit stammenden
chens, nach »reiner Repräsentation«, hier wie in W.s exemplarischen Geltung entmachtet und auf bloß de-
Denken, zur fortschreitenden Aufhebung des Signifi- korative Stilelemente reduziert sind. Jedes einzelne
kanten selbst führt. Je mehr sich die klassische Archi- dieser Elemente trägt besondere Konnotationen des
tektursprache der restlosen Überlagerung mit dem ei- künstlerischen Ausdrucks, die frei verfügbar sind für
genen Archetypus, mit dem eigenen mutmaßlichen die willkürlichsten, eklektischen Assemblagen, die an-
Ursprung annähert, je näher sie der Natur ist, desto archisch von dem Geschmack des Künstlers oder des
mehr tendiert sie dazu, sich im Nonsens zu verflüchti- Auftraggebers beherrscht werden.
gen, wird stumm, unverständlich und ununterscheid- Die Sehnsucht, in der Natur, in der Geschichte, ein
bar von der schweigenden Ödnis, die sie umgibt: absolutes Fundament festzulegen, landet so bei der
Entdeckung einer ursprünglichen Absenz, eines lee-
»Glatte Säulen [...] ohne Basis [...] ohne Kapitelle. Archi- ren Raums über dem Abgrund des Schweigens, das
trave ohne Bänder, und ohne Ränder [...] Friese ohne nur durch die Geräusche des regellosen Wucherns
11 Winckelmann, die Ursprungsmythen der Aufklärung und die Begründung der Kunst 99

verfallener historischer Archetypen belebt und ver- Derrida, Jacques: La vérité en peinture. Paris 1978.
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Ders.: Œuvres complètes. Hg. von Gagnebin, Bernard/
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100 II Systematische Aspekte

12 Winckelmann und die Natur- re Collection gemacht.« (Br. I, 142–143) Abgesehen


wissenschaften von seinen anfänglichen Auszügen aus antikem medi-
zinischem Schrifttum dürfte der Großteil seiner »Col-
lection« in einem aus fünf Manuskript-Heften beste-
Naturwissenschaftliche Exzerpte
henden Konvolut mit dem Titel »Winck. Stor. nat.« er-
W.s besonderes Interesse für die Naturwissenschaft halten sein, die zwischen 1748 und 1755 angelegt wur-
überhaupt ist von der W.-Forschung schon seit ihren den (Nachlass Paris, Vol. 64; vgl. Tibal 1911, 114–116).
Anfängen gesehen worden. Bereits Friedrich Schel- Die Forschung zum Thema »W. und die Naturwissen-
lings Akademierede vor der Bayerischen Akademie der schaften« befindet sich noch immer in den Anfängen.
Wissenschaften 1807 verweist auf W.s diesbezügliche Schon Wiesner suchte einen Zusammenhang zwi-
intensive Studien im Zusammenhang mit seiner Idee schen naturwissenschaftlichen Interessen und kunst-
der Naturnachahmung (Schelling 1983, 10–11). Jo- theoretischen Schriften herzustellen, den er in W.s
hann Heinrich Meyer merkt dies in seiner Edition Überzeugung von der Umweltbedingtheit natürlicher
von W.s Geschichte der Kunst der Alterthums an (WA Schönheit erkannte (Wiesner 1953, 158).
III, 1, LIX–LXI, Anm. 99). Carl Justi erwähnt in sei- Lepenies knüpft darauf nochmals an Justis Buffon-
ner grundlegenden W.-Monographie (Leipzig 11866– Kapitel an und umschreibt eine Verwandtschaft zwi-
1872) zum ersten Mal auch W.s naturwissenschaftliche schen den Ordungssystemen von W.s Kunst- und Buf-
Exzerpte, deren Studium wohl auch seine Ausführun- fons Naturgeschichte: Der Empirismus erzeugte eine
gen über Buffon angeregt haben dürfte. Justi begnügt Datenfülle, die es durch Klassifikation zu bewältigen
sich allerdings damit, eine Ähnlichkeit zwischen W. galt, typischerweise durch Verzeitlichung der Ord-
und Buffon in der Anwendung von literarischer Stilis- nungsstruktur, aber immer noch in Verbindung mit
tik auf ein wissenschaftliches Ordnungssystem fest- normativen theoretischen Setzungen (Lepenies 1984,
zustellen (Justi 1956, Bd. 3, 114–116). Erst Wiesner hat 19–20; Lepenies 1986, 223–227, 231–234). Eine erste
den Anfang einer eingehenden Erforschung von W.s systematische Sichtung und wissenschaftsgeschicht-
naturwissenschaftlichen Studien im Allgemeinen ge- liche Einordnung der naturwissenschaftlichen Exzerp-
macht und einen ersten Überblick unter Hinzuzie- te unternimmt Décultot. Sie erkennt in W.s naturwis-
hung der Exzerpthefte im Pariser Nachlass versucht. senschaftlichen Studien seine Befangenheit in Denk-
Nach eigenen Angaben hat W. während seiner Uni- weisen der Gelehrsamkeit des 16. und 17. Jh., die Na-
versitätsjahre in Halle und Jena 1738–1740 mit intensi- tur- und Kunstwissenschaften noch als epistemische
ven naturwissenschaftlich-medizinischen Studien be- Einheit begreift (Décultot 2004, 123–124). Obschon er
gonnen (Br. I, 80; Wiesner 1953, 145–151). Während in der Geschichte der Kunst des Alterthums bereits das
der Nöthnitzer Zeit 1748–1754, in der er sich zugleich Erfahrungsprinzip der Naturforschung auf die Kunst
auch ästhetische bzw. kunsttheoretischen Begriffe aus übertrage, gehöre er doch letztlich einer älteren Wis-
der einschlägigen Kunstliteratur aneignete, muss W. senstradition an. Demgemäß beginne er seine Ex-
einen Paradigmenwechsel in seinen medizinischen zerptsammlung mit ausführlichen Auszügen aus Buf-
Studien vollzogen haben, denn nun folgt er nicht fons Histoire Naturelle, in welchen das Panorama der
mehr dem rationalistisch-mechanistischen iatromedi- Buffonschen Tableaus vom Erd- über das Pflanzen-
zinischen System seines Jenensischen Lehrers Erhard und Tierreich bis hin zur menschlichen Psyche fest-
Hamberger, sondern wendet sich der empirischen gehalten werde. Décultot kann ihre These von W.s
Wissenschaft des Hippokratischen Corpus und der eklektizistischer Vorliebe für das Zerstreute, die ihn
Methodus studii medici (1751) von Hermann Boerhaa- vorzugsweise zu älteren Kompendien greifen lasse, mit
ve zu, der diese Tradition neu aufgreift (vgl. Brief an zahlreichen Beispielen aus dem Pariser Nachlass stüt-
Uden, 13.1.1750, Br. I, 95). Bereits hier wie bei seinen zen. Solche naturkundlichen Zeitschriften, vorzugs-
folgenden naturwissenschaftlichen Lektüren notiert er weise auch die Londoner Philosphical Transactions,
sich auch Passagen über klimatische Umwelteinflüsse pflegte W. nicht in thematischer, sondern in chronolo-
auf den Menschen. Im Vorfeld der Publikation der Ge- gischer Ordnung des Erscheinens zu lesen und zu ex-
dancken schreibt er 1754 über seine naturwissen- zerpieren, sodass Notizen aus unterschiedlichen Wis-
schaftlichen Studien an Berendis: »Ich habe die Physic, sensgebieten aufeinander folgen. Darüberhinaus kann
Medicin und Anatomie bisher mit vielen Fleiße studi- Décultot zahlreiche Exzerpte über antike naturwissen-
ret, und von besondern Nachrichten und Anmerckun- schaftliche Diskurse nach Aristoteles, Theophrast, Pli-
gen, auch aus geliehenen Wercken, eine kleine aber ra- nius, Archimedes und Aristophanes ausmachen, die

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_12, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
12 Winckelmann und die Naturwissenschaften 101

gerade nicht auf Erfahrung, sondern auf das überlie- W.s Krüger-Exzerpte verfolgen neben der Physio-
ferte Wort gründen (Décultot 2004, 126–128). Gegen logie der menschlichen Organe vom Kopf bis zum
Wiesner gelangt Décultot insgesamt zu dem Schluss, Fuß auch diese sinnesphysiologischen Aspekte weiter
dass W. kein Leser der modernsten naturwissenschaft- (Nachlass Paris, Vol. 64, fol. 56r°; vgl. Franke 2006, 59).
lichen Werke seiner Zeit war, sondern die Lektüre älte- Bezeichnenderweise entnimmt W. Voltaires Éléments
rer naturkundlicher Werke bevorzugte (Décultot, de la philosophie de Newton (Amsterdam 1738) das
2004, 128–129 und Anm. 34). Ausdrücklich räumt sie Motto: »All’ die Alten, die ohne das Licht der Erfah-
bereits eine eigentümliche Ausnahme ein, W.s syste- rung über die Physik spekulierten, waren nichts als
matische Exzerpte zur Physiologie und Optik des Blinde [...]« (Nachlass Paris, Vol. 64, fol. 78v°; Übers.
menschlichen Auges aus einem der damals moderns- nach Décultot 2011, 128–129 u. Anm. 48).
ten Lehrbücher, Johann Gottlob Krügers Naturlehre Eingehend studierte W. die damals modernsten For-
(Halle 1740–1749; vgl. Décultot 2004, 132). schungen zur Zeugung, Needhams Nouvelles Obser-
Franke legt in seiner Untersuchung der Exzerpte vations Microscopiques (Paris 1750) und die einschlägi-
(Nachlass Paris, Vol. 64) den Schwerpunkt auf die gen Ausführungen in Buffons Histoire des Animaux
Frage, welche seinerzeit aktuellsten natur- bzw. expe- (Nachlass Paris, Vol. 64, fol. 2r°-3v° und 46r°-46v°;
rimentalwissenschaftlichen Ergebnisse W. überhaupt Franke 2006, 47). Zugleich hält er wissenschaftstheo-
zu Kenntnis nahm und weiterverfolgte. Demnach retische Grundsätze fest, in denen Buffon der empiris-
machen die Exzerpte aus Buffons Histoire Naturelle, tischen Erkenntnistheorie John Lockes folgt: Die fun-
Bde. 1–3 (Paris ¹1749; Bd. 4 ¹1753) sowie aus den bei- damentale Voraussetzung abschließender Endursa-
den ersten Auflagen von Krügers Naturlehre etwa die chen verhindere wahre Erkenntnis, die stets auf eine
Hälfte seiner Sammlung aus. Anfang 1757 greift W. in beobachtbare, unabschließbare Unterscheidung von
Rom erneut zu Buffons Werk und zitiert es zuletzt Ursache und Wirkung angewiesen bleibe. Diese Über-
noch in der zweiten Auflage der Geschichte der Kunst legung verfolgt W. auch in Buffons Kapitel »De la Natu-
des Alterthums (Franke 2006, 158–159, Anm. 24). Ein re de l’ Homme« weiter, wonach Erkenntnis allein mit
durchgehendes Interesse zeigt W. nach Franke an der der Anzahl von Vergleichungsgesichtspunkten der Er-
primären Erfahrungsabhängigkeit des Wissens über- fahrung anwachse, das Göttliche etc. mithin unerkenn-
haupt. Vor allem in den Auszügen der Kapitel »Du bar sei (Nachlass Paris, Vol. 64, fol. 2r° und 3r°; Franke
Sens de l’ Harmonie« und »Du Sens en général« von 2006, 41–49). Solche Gedanken formuliert W. später
Buffons Histoire Naturelle de l’ Homme, die von opti- selbst wieder im Rahmen seiner eigenen ästhetischen
schen Experimenten an der menschlichen Seherfah- Erkenntnislehre in der Geschichte der Kunst des Alter-
rung handeln und die Notizen über William Chessel- thums, wo er die substantielle Erkenntnis von Voll-
dens Experimente an operierten Blindgeborenen um kommenheit der Schönheit ausschließt (s. u.). Das Er-
Untersuchungen zum frühkindlichen Sehvermögen kenntnisprinzip des empirischen Wissens, wonach vie-
ergänzen (insbesondere Nachlass Paris, Vol. 64, fol. lerlei Empfindungen zu einem Erfahrungsbegriff zu-
5r°-6v°). Buffons wie Chesseldens Experimente wid- sammengefügt werden, interessiert W. auch in der
meten sich dem empirischen Beweis des von John deutschen Übersetzung des vierten Bandes der Histoire
Locke vorgetragenen »Molyneux’schen Problems«, Naturelle weiter (Allgemeine Historie der Natur, Zwey-
wonach sehend gewordene Blinde zunächst des Tast- ten Theils zweyter Band, 1754). Aus dem »Discours sur
sinns bedürfen, um etwas Konkretes wahrnehmen zu la Nature des Animeaux« hält er eine Passage über die
können. – Spuren solcher Überlegungen finden sich verstandesbegründende Fähigkeit zur Begriffsbildung
möglicherweise in W.s Schriften zur antiken Kunst. fest: »Es giebt einige Menschen, die eine so wirksame
So heißt es in seiner Torso-Beschreibung, dass die Seele besitzen, daß sie niemals zwo Empfindungen ha-
Konturen dieser Statue »weniger dem Gesichte, als ben, die sie nicht miteinander verglichen, und aus de-
dem Gefühle, offenbar werden.« (KS 172) Und nach nen sie folglich nicht einen Begriff machten. Diese sind
seiner Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung die verständigsten [...] so ist klar, daß je mehr man [...]
des Schönen besaß der »blinde Saunderson« jenes Gedanken hat, desto mehr man wirklich ist.« Daher,
Feingefühl, das für die Erkenntnis der Kunst erfor- so notiert sich W. Buffons Darstellung des typisch
derlich sei, denn das »wahre Gefühl des Schönen glei- menschlichen geistigen Entwicklungsganges, hätten
chet einem flüßigen Gipse, welcher über den Kopf des gerade Kinder und diejenigen, »die am wenigsten
Apollo gegossen wird, und denselben in allen Theilen nachdenken, am meisten die Gabe der Nachahmung«,
berühret und umgiebt.« (KS 217; Franke 2006, 55) weil sie immer bloß ihre gedanklich unverarbeite-
102 II Systematische Aspekte

ten Empfindungen widerspiegelten (Nachlass Paris, welches das wesentliche Ganze wahrer Schönheit nie-
Vol. 64, fol. 62r°). W.s bekanntlich bereits in den Ge- mals erreiche. Die »Idee menschlicher Schönheit« ist
dancken formulierter Gegensatz, in der Kunst werde für W. Ergebnis induktiver Erfahrungsarbeit durch
entweder bloß die Natur nachgeahmt oder die einzel- Naturbeobachtung, steigerungsfähig durch die An-
nen Naturbeobachtungen würden gesammelt und »in zahl gesammelter Erfahrungen, aber keine Idee im
eins« gebracht (KS 37) – der induktive Weg zum Ideal Sinne der platonischen Ideenlehre. Das vom Men-
– , findet hier eine natur- bzw. erfahrungswissenschaft- schen geschaffene Ideal ist nur Resultat empirischen
liche Begründung. Wissens. Die »idealische Schönheit« ist also nach der
zweiten Auflage der Geschichte der Kunst des Alter-
thums »kein metaphysischer Begriff« (ebd., 257). So-
Theorie der Schönheit
mit ist auch W.s platonisierende Metaphorik letztlich
Die Frage, welche Bedeutung W.s empiristisch-natur- rückführbar auf empirisches Wissen: »Die höchste
wissenschaftliche Exzerpte für seine Schriften ins- Schönheit ist in Gott, und der Begriff der Mensch-
gesamt haben, betrifft die Interpretation seiner kunst- lichen Schönheit wird vollkommen, je gemäßer und
theoretischen Position. Gewiss ist, dass W. seine Ex- übereinstimmender derselbe mit dem höchsten We-
zerptsammlung mit nach Italien nahm, strittig, ob sei- sen kann gedacht werden, welches uns der Begriff der
ne Ästhetik primär von erfahrungswissenschaftlichen Einheit und der Untheilbarkeit von der Materie unter-
Voraussetzungen ausgeht oder solche bloß eklekti- scheidet. Dieser Begriff der Schönheit ist wie ein aus
zistisch mit platonischen Ideen kombiniert (vgl. Fran- der Materie durchs Feuer gezogener Geist, welcher
ke 2006; Décultot 2011, 129–130). In einer Analyse sich suchet ein Geschöpf zu zeugen nach dem Eben-
der kunsttheoretischen Argumentation der idealen bilde der in dem Verstande der Gottheit entworfenen
Schönheit in der Geschichte der Kunst des Alterthums ersten vernünftigen Creatur.« (ebd., 250) Angestrebt
sucht Franke die empiristischen Voraussetzungen he- werden soll die höchste Schönheit der menschlichen
rauszustellen, die den induktiven Weg zur idealen Gestalt, die Zeugung des Ebenbildes Gottes, aber der
Kunst durch die Nachahmung ganz ohne eingeborene menschliche Begriff davon kann sich dem nur durch
Ideen oder Teilhabe am göttlichen Wissen begründen. das Sammeln von Erfahrung annähern, ohne je Voll-
Demnach argumentiert W.s Schönheitsdefinition pri- kommenheit zu erreichen. Allein auf Erfahrungs-
mär empirisch-naturwissenschaftlich. W.s Lehre von erkenntnis verwiesen ist das menschliche Erkenntnis-
der Schönheit als dem Wesen der Kunst handelt mit vermögen des Begriffs der menschlichen Schönheit
theoretischem Aufwand zunächst die Erkenntnispro- von einer prometheischen, ideellen Teilhabe an gött-
blematik seiner Ästhetik ab, die allein auf Erfahrung licher Schöpfungskraft grundsätzlich geschieden. Sol-
gründet (vgl. insbesondere GK1, SN IV,1, 238–242, che empirisch gewonnenen Begriffe sind schon in W.s
250–253, 256–258; Franke 2006, 15–17). Das Wesen Gedancken die Grundlage seiner Lehre vom Ideal
der Schönheit liege zwar »in der vollkommenen Ue- (Franke 2006, 87–88). Zwar bringt W. dort die »Idea-
bereinstimmung des Geschöpfes mit dessen Absich- lische Schönheit« der Griechen mit platonischen Ide-
ten, und der Theile unter sich, und mit dem Ganzen en in Verbindung, »ihr Urbild war eine blos im Ver-
desselben«, mithin in der Vollkommenheit, für den stande entworfene geistige Natur« (KS 34), aber der
menschlichen Verstand sei diese jedoch unerreichbar. »Weg zum allgemeinen Schönen und zu idealischen
Deswegen müsse der Mensch sich damit »begnügen, Bildern desselben« ist die empirisch-induktive Natur-
aus lauter einzelnen Stücken wahrscheinliche Schlüs- nachahmung: »sie sammlet die Bemerckungen aus
se zu ziehen [...] so bleibet unser Begriff von der all- verschiedenen einzelnen, und bringet sie in eins«
gemeinen Schönheit unbestimmt, und bildet sich in (ebd., 37; vgl. Franke 2006, 30–31).
uns durch einzelne Kenntnisse, die, wenn sie richtig Dies gilt auch für W.s Hauptgesichtspunkt der
sind, gesammlet und verbunden, uns die höchste Idee Schönheit, den Begriff der Einheit, das Auswahlkrite-
Menschlicher Schönheit geben, welche wir erhöhen, rium der aus der Natur zu sammelnden und im Ver-
je mehr wir uns über die Materie erheben können« stande zu vereinigenden Teile. Dieser Begriff betrifft
(GK1, SN IV,1 250–251). zugleich die ästhetische Grundfähigkeit, überhaupt
Die harmonische Verbindung eines Ganzen mit die Einheit eines Ganzen zu bilden bzw. zu rezipieren:
seinen Teilen, jene Einheit in der Mannigfaltigkeit, »Die Formen eines solchen Bildes sind einfach und un-
führt W. nicht als valides ästhetisches Vermögen des unterbrochen, und in dieser Einheit mannigfaltig, und
Menschen ein, sondern als schwieriges Stückwerk, dadurch sind sie harmonisch.« (GK1, SN IV,1, 250;
12 Winckelmann und die Naturwissenschaften 103

Franke 2006, 88) In seiner Abhandlung von der Fähig- der Kunst zuerst klimatische Bedingungen an (Franke
keit der Empfindung des Schönen bezeichnet W. diese 2006, 111; Décultot 2009, 45–46), die sich auf die physi-
Fähigkeit zur Einheitsstiftung bzw. Einheitsrezeption sche Konstitution der Nation und dadurch auf ihre
als »innere[n] Sinn«, mithin als Geschmacksvermö- Kunst auswirkten. Die weiteren aufgeführten kulturel-
gen: »Zart muß dieser Sinn mehr, als heftig, seyn, weil len und politischen Faktoren werden stets in nachran-
das Schöne in der Harmonie der Theile bestehet« (KS giger Folge behandelt. Dieser Stellenwert der klima-
219). Solche Fähigkeit zur Empfindung des Schönen tischen Einflüsse sowohl in der Geschichte der Kunst
durch den Einheitsbegriff ist demnach durchaus eine des Alterthums als auch im übrigen Werk lässt sich
Begabung des Menschen. Doch an sich selbst ist solche durch eine empiristische Interpretation seiner Kunst-
Befähigung des inneren Sinns »leer«, allein, ohne Un- lehre erklären. Nach den Gedancken über die Nach-
terricht kann er wahre Schönheit nicht begründen, ei- ahmung beruht der Vorrang der griechischen Kunst auf
ne Instanz von außen muss zu seiner Ausbildung hin- dem Vorzug der physischen Natur der Griechen auf-
zukommen: »Es kann also die wahre und völlige grund der besonders günstigen klimatischen Bedin-
Kenntniß des Schönen in der Kunst nicht anders, als gungen. Der naturbedingt vorzügliche Habitus der
durch Betrachtung der Urbilder selbst, und vornehm- ganzen griechischen Nation, der überdies noch durch
lich in Rom erlanget werden« (ebd., 222). Unter »Ur- Körperkultur systematisch ausgebildet wurde, bot den
bilder[n]« versteht W. nicht platonische eingeborene griechischen Künstlern bereits unübertreffliche Mo-
Ideen, sondern die antiken griechischen Originalwer- dellfiguren unter zudem idealen Beobachtungsbedin-
ke, welche allein den wahren Geschmackssinn unter- gungen einer freizügigen Kultur (KS 32–34, 39). Das
richten könnten. Die griechischen Künstler hingegen griechische Ideal der Schönheit ist das Resultat solcher
hatten W.s Argumentationsgang zufolge anfänglich Erfahrungen der vorzüglichen Natur des mensch-
keinerlei Vorbilder zur Korrektur ihres bloß subjekti- lichen Körpers, die in der Moderne nicht zu übertref-
ven inneren Sinns außer der Natur selbst, aus deren Er- fen sei, denn, so W.s empiristisch-eklektizistische Ar-
scheinungen sie sukzessiv ihre naturwahren idealen gumentation, die antiken Griechen waren die »voll-
Werke zu bilden verstanden. W.s Definition des inne- kommensten Geschöpfe der Natur« (KS 33). Der vor-
ren Sinns ist somit wiederum keine metaphysische bildliche Geschmack der Griechen beruht hier letztlich
Lösung für das von ihm selbst formulierte Erkennt- auf der besonderen Qualität der ihnen in der Erfah-
nisproblem eines empirisch gewonnenen Schönheits- rung gegebenen Phänomene (Franke 2006, 88–89, 96).
begriffs. Die Empirie ist in seiner Kunstlehre die ent- W. betreibt erheblichen Aufwand, um mit natur-
scheidende Instanz zur Bildung wahrer Kunst, ein- wissenschaftlichen Argumentationen seinen Beweis-
geborene innere Urbilder stehen nicht zur Verfügung, gang zu befestigen, die er in der Erläuterung der Ge-
der innere Sinn bedarf der Zusammenarbeit mit der danken noch weiter ausbreitet: »Unterdessen war die
Naturbeobachtung. – Décultot dagegen fordert noch glückseelige Lage ihres Landes allezeit die Grund-
eine weitere Differenzierung der empiristischen Inter- ursach [...]« (KS 99). Dabei merkt er ausdrücklich
pretation von W.s Kunstlehre ein, deren Schönheits- Jean-Baptiste Dubos’ Réflexions critiques [...] (Paris
definition zugleich idealistisch-platonischer Tradition ¹1719) an, die er bereits ausführlich unter besonderer
verpflichtet sei, auf W.s Formulierung verweisend, dass Berücksichtigung der Klimatheorie exzerpiert hatte
der »Geist vernünftig denkender Wesen [...] eine ein- (Nachlass Paris, Vol. 61, fol. 56v°-58v°; Décultot, 2009,
gepflanzte Neigung und Begierde [habe], sich über die 47 und Anm. 16). Anders als Dubos’ von Hippokrates
Materie in die geistige Sphäre der Begriffe zu erheben« ausgehende Klimatheorie der dynamischen Umwelt-
(GK1, SN IV,1, 260–262; Décultot 2011, 129–130). veränderungen durch die Beschaffenheit der Luft, die
binnen kurzem schon innerhalb eines Landstrichs die
Konstitution seiner Einwohner in ihr Gegenteil ver-
Klimatheorie
kehren können, setzt W. aber eine homogene Natur-
W.s naturwissenschaftliche Studien münden in seine konstitution der Griechischen Nation voraus. Die
Charakterisierung der Kunst der Völker bzw. Nationen Gedancken und Erläuterung sowie die Geschichte
im Allgemeinen und in seine Begründung des Vorran- der Kunst des Alterthums bauen auf einem konstanten
ges der Kunst der Griechen im Besonderen. Bereits in physischen Naturfaktor des griechischen Körpers, der
den Gedancken und dann systematisch in der Geschich- genetischen Veranlagung der Griechen auf: Das
te der Kunst des Alterthums führt er unter den kunst- »schöne Geblüt« habe sich sogar trotz Umweltver-
externen Faktoren der Entstehung idealer Schönheit änderungen und Rassenvermischung über die Jahr-
104 II Systematische Aspekte

hunderte relativ gut bewahren können (Gedancken, logie und eurozentrische Ästhetik ethnographisch in-
KS 32; Erläuterung, KS 105). Unter diesem Gesichts- einandergreifen (Franke 2006, 112–113). »Folglich
punkt wird in W.s Schönheitstheorie das Genmaterial sind unsere und der Griechen Begriffe von der Schön-
zum Kern des Ideals (Franke 2006, 99–101). Sein Insis- heit, welche von der regelmäßigsten Bildung genom-
tieren auf der Autarkie der Griechen, die ohne Kultur- men sind, richtiger, als welche sich Völker bilden kön-
austausch mit anderen Völkern ihre Kunst entwickel- nen, die [...] von dem Ebenbilde ihres Schöpfers halb
ten, hat hier die argumentatorische Basis. Dieser von verstellet sind« (ebd.). Von hier aus bereitet W. seine
W. geführte biogenetische Diskurs ist weder auf Dubos anschließende Definition der vollkommenen Schön-
zurückzuführen, der ganz hippokratisch das Klima für heit vor. Der Einheitsbegriff des naturnachahmenden,
wirkungsmächtiger hält als jeden Vererbungseffekt, idealisierenden Künstlers bedarf unbedingt der Erfah-
noch auf die antike Medizin vom Hippokratischen rung, deren vorrangige, objektive Qualität die Natur-
Corpus bis zu Galenus oder auf ihre Nachfolger in der wissenschaft geltend machen soll. W.s Schönheitsideal
Neuzeit. Diese Tradition zog einen selbständigen, rela- der Gottesebenbildlichkeit bleibt durch seine empiris-
tiv umweltresistenten genetischen Faktor innerhalb tische Argumentation angewiesen auf die Naturkunde
allgemeiner Bedingungen eines übergreifenden Kli- des 18. Jh. (s. a. Kap 13).
maeinflusses auf das Leben noch gar nicht in Betracht.
W.s Überlegungen, die endogenes Erbmaterial, hippo- Quellen
kratische Klimatheorie und Rassenvermischungs- Boerhaave, Hermann: Methodus studii medici. Amsterdam
effekte zusammendenken, sind wahrscheinlich auf 1751.
Buffon, Georges-Louis Leclerc de: Histoire naturelle généra-
seine Lektüre Buffons zurückzuführen, der jene As- le [...]. Bd. 1–4. Paris 1749–1753.
pekte erstmals in seinen Vererbungshypothesen syn- [Buffon, Georges-Louis Leclerc de:] Allgemeine Historie der
thetisierte (Franke 2006, 101–110). Natur nach allen ihren besondern Theilen abgehandelt.
Auch in der Geschichte der Kunst des Alterthums Mit einer Vorrede Herrn Doctor Albrecht von Haller.
schreibt W. das »schönste Geblüt« der antiken griechi- 2 Bde. Hamburg 1750–1754.
Dubos, Jean-Baptiste: Réflexions critiques sur la poésie et
schen Nation zu. Im ersten Kapitel, drittes Stück über
sur la peinture. 3 Bde. Paris 1719.
den »Einfluß des Himmels in die Bildung«, führt er Krüger, Johann Gottlob: Naturlehre. 3 Teile. Halle 1740–
wiederum primär den Klimafaktor an: »je mehr sich 1749 (2. Aufl. Teil 1 und 2 ebd., 1748).
die Natur dem Griechischen Himmel nähert, desto Needham, John Tuberville: Nouvelles observations micros-
schöner, erhabener und richtiger ist dieselbe in Bil- copiques [...]. Paris 1750.
dung der Menschenkinder.« (SN IV,1, 40) Das Klima Schelling, Friedrich Wilhelm: Über das Verhältnis der bil-
denden Künste zu der Natur. Hg. von Lucia Sziborsky.
wirke über das Erbgut (»Geblüt«) auf den phänotypi-
Hamburg 1983.
schen Habitus einer Nation ein und bestimme über Voltaire: Elémens de la philosophie de Neuton. Paris 1738.
die Naturnachahmung den Charakter ihrer Kunst.
Zwar könne ein Volk seinen ihm eingeprägten Ge- Forschung
staltcharakter durch Völkervermischung oder andere Décultot, Élisabeth: Johann Joachim Winckelmann. Enquê-
Faktoren, wie »Verfassung, Erziehung, Unterricht und te sur la genèse de l’ histoire de l’ art. Paris 2000.
Art zu denken«, über die Zeit verlieren, andererseits Décultot, Élisabeth: Untersuchungen zu Winckelmanns Ex-
zerptheften. Ein Beitrag zur Genealogie der Kunst-
aber habe das Geblüt sogar heutzutage noch etwas von
geschichte im 18. Jahrhundert. Stendal 2004.
der ursprünglichen Schönheit der Griechen bewahrt Décultot, Élisabeth: Winckelmanns Konstruktion der grie-
(ebd., 36–40; Franke 2006, 110–111; Décultot 2009, chischen Nation. In: Heß, Gilbert/Agazzi, Elena/Décultot,
50). ‒ Ungünstige klimatische Bedingungen brächten Élisabeth (Hg.): Graecomania. Der europäische Philhelle-
in den Völkern die »Unvollkommenheit ihres Ge- nismus. Berlin 2009, 39–59.
wächses« hervor. »Solche Bildungen wirket die Natur Décultot, Élisabeth: Winckelmanns Medizinstudien. Zur
Wechselwirkung von kunstgeschichtlichen und medizi-
allgemeiner, je mehr sie sich ihren äußersten Enden
nischen Forschungen. In: Eisenhut, Heidi/Lütteken,
nähert [...] Regelmäßiger aber bildet die Natur, je nä- Anett/Zelle, Carsten (Hg.): Heilkunst und schöne Küns-
her sie nach und nach wie zu ihrem Mittelpunct gehet, te. Wechselwirkungen von Medizin, Literatur und bil-
unter einem gemäßigten Himmel [...]« (ebd., 246). W. dender Kunst im 18. Jahrhundert. Göttingen 2011, 108–
vereint hier antike Klimazonentheorien mit Vorstel- 130.
lungen von idealen, doch klimaabhängigen Merkma- Franke, Thomas: Ideale Natur aus kontingenter Erfahrung.
Johann Joachim Winckelmanns normative Kunstlehre
len der menschlichen Spezies, wie man sie typischer- und die empirische Naturwissenschaft. Würzburg 2006.
weise in Buffons Naturgeschichte findet, wo Artenbio-
13 Griechenland als Kulturentwurf 105

Justi, Carl: Winckelmann und seine Zeitgenossen. Hg. von 13 Griechenland als Kulturentwurf
Walther Rehm. 3 Bde. Köln 1956.
Lepenies, Wolf: Der andere Fanatiker. Historisierung und Die Gunst des Klimas
Verwissenschaftlichung der Kunstauffassung bei Johann
Joachim Winckelmann. In: Beck, Herbert/Bol, Peter C./ Gegenstand von W.s Gedancken über die Nachahmung,
Maek-Gérard, Eva (Hg.): Ideal und Wirklichkeit der bil- der Erläuterung der Gedanken und der Geschichte der
denden Kunst im späten 18. Jahrhundert. Berlin 1984, 19– Kunst des Alterthums ist die Kunst, besonders die der
29. Griechen, die W. als maßgebend ansieht. Allerdings
Lepenies, Wolf: Johann Joachim Winckelmann. Kunst- und setzt der Verf. voraus, dass die Kunst von einer Reihe
Naturgeschichte im achtzehnten Jahrhundert. In: Gaeth-
äußerer Bedingungen abhängt. Den genannten Ab-
gens, Thomas W. (Hg.): Johann Joachim Winckelmann
1717–1768. Hamburg 1986, 221–237. handlungen zufolge verdankt sich die Sonderrolle, die
Tibal, André, Inventaire des manuscrits de Winckelmann. er dem antiken Griechenland zuweist, Naturvoraus-
Déposés à la Bibliothèque National. Paris 1911. setzungen – dem »Clima« (GK1, SN I,1, 44), dem »Ge-
Wiesner, Joseph: Winckelmann und Hippokrates. Zu Win- blüt« (GK1, SN I,1, 42) – und einer moralischen Attitü-
ckelmanns naturwissenschaftlich-medizinischen Studien. de, die auf »Erziehung, Verfassung und Regierung«
In: Gymnasium 60 (1953), 149–170.
(GK1, SN I,1, 44) der Griechen zurückgeht. Wenigs-
Thomas Franke tens im Umriss nimmt der Verfasser Beschreibungen
von Sitten und Lebensgewohnheiten der Griechen und
weiterer antiker Ethnien in seine Kunstgeschichte auf.
Eine systematische Unterscheidung und eindeutige
Hierarchisierung solcher Faktoren ist in W.s Ausfüh-
rungen nicht angelegt.
Griechenland fällt jedenfalls die Rolle eines un-
übertroffenen Kulturmusters zu. Mit seiner Griechen-
land-Emphase schließt der Archäologe methodisch
an kulturanthropologische Interessen der Aufklä-
rungszeit an, die ihrerseits einen alteuropäischen Vor-
lauf besitzen. Von ihnen unterscheidet er sich gleich-
zeitig programmatisch: Zeitgenossen vertraten weder
in W.s Sinn die Vorstellung von einem idealen Grie-
chenland, noch räumten sie der griechischen Kultur
insgesamt eine einzigartige Vorzugsrolle ein.
Insofern der Archäologe für den stilgeschicht-
lichen Höchstwert, wie ihn aus seiner Sicht die Kunst
der Griechen repräsentiert, klimatische bzw. geogra-
phische, ethnologische und historische Begründun-
gen namhaft macht, bindet er die griechische Kunst-
blüte an das Ideale auf der einen und an die Vielfalt
der Erfahrungstatbestände auf der anderen Seite.
Dieses Spannungsverhältnis teilen W.s Überlegungen
zu Griechenland mit (oft milieutheoretisch inspirier-
ten) Debatten über den »Geist der Nationen«, die der
Archäologe zur Kenntnis genommen hatte. Von den
Perspektiven, wie sie durch das zeitgenössische Inte-
resse an »Esprit« oder »Genie« von Ethnien nahege-
legt werden, ist die Auswahl an Informationen mit-
bestimmt, die W. den antiken Quellen entnimmt. – In
den vergangenen Jahren wurden allgemein einschlä-
gige Traktate des 18. Jh. unter dem Aspekt von Imago-
logie und Stereotypenbildung untersucht (Beller
2006; Neumann 2009). Neuere Forschungsbeiträge
zu W. gelten den Beziehungen zwischen seinen Grie-

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_13, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
106 II Systematische Aspekte

chenland- und Kunstideen und der zeitgenössischen fen (Bouhours 1671, 248). Auf ein Echo von Bou-
Ethnographie und Naturwissenschaft. Die Priorität hours’ Entretiens stößt man in zahlreichen Abhand-
von Naturfaktoren bei W. betont vor allem Thomas lungen des ausgehenden 17. und des beginnenden
Franke (s. Kap. 12; Franke 2006, 87–119; vgl. Décultot 18. Jh. (Kapitza 1981).
2004; 2011). W.s Werk legt die Vermutung nahe, dass dem Verf.
Die Vorstellung von einem Wirkungszusammen- Argumente aus dem Arsenal solcher zum Teil pole-
hang zwischen dem Klima und den Eigenarten der misch geführten Auseinandersetzungen bekannt wa-
Landesbewohner ist seit der Antike (Hippokrates, ren. Auf eine kulturgeographische beziehungsweise
Aristoteles) überliefert und kann für die gesamte Frü- charakterologische Topik, die klimatheoretisch ange-
he Neuzeit ebenso als europäischer Gemeinbesitz gel- leitet ist und sich auf Konkurrenzkonstellationen be-
ten wie die Einteilung der Erde in drei Klimazonen, zieht, nimmt W. schon dann Bezug, wenn er sich
von denen die mittlere als begünstigt gilt; mindestens über Eigenheiten der Briten (GK1, SN I,1, 48) äußert
jedoch ist sie, auch über W. hinaus, Gegenstand der oder das Phlegma der Deutschen mit der französi-
Diskussion (Gisi 2007, 85–95). Einige Eckdaten seien schen Flüchtigkeit und Gesellschaftskunst konfron-
skizziert. Die Klimatheorie besitzt von ihren Anfän- tiert: »Man muß«, so schreibt der Archäologe 1758
gen an zwei gegenläufige Aspekte, die auch für W. von kampfeslustig gestimmt an Johann Michael Francke,
Belang sind: Sie enthält das Versprechen, zwischen der »alle Sachen mit einem gewissen Phlegma in Rom su-
Vielfalt der Erfahrungstatbestände und der Idee von chen, sonst wird man für einen Franzosen gehalten«
der Einheit der Natur zu vermitteln; doch gleichzeitig (Br. III, 326).
besitzt sie das Potential, die Disparität kultureller Er- Ihre besondere Attraktivität und Überzeugungs-
scheinungen anschaulich sichtbar zu machen (Gisi kraft schuldet die Klimatheorie jedoch dem Umstand,
2007, 84–85; Beller 2006). Mit ihrer Konjunktur im dass sie in der Lage zu sein schien, Kulturunterschiede
18. Jh. schließen die (nicht nur klimatheoretisch) in- auf natürliche Ursachen, näherhin auf die Klima-
teressierten Untersuchungen nationaler Ingenia an zonen der Erde zurückzuführen, und sie so in all-
die Querelle des Anciens et des Modernes an, die sich gemeinen Gesetzlichkeiten zu verankern. Jean Bodins
mit der Frage nach der Geltung ästhetischer Standards Methodvs ad facilem historiarum cognitionem (1566)
beschäftigt hatte. und seine Six Livres de la République (1576) bieten
Als Ausfluss der Differenzen, wie die Klimatheorie Beispiele dafür, dass zu Beginn des absolutistischen
sie hervorheben kann, mag der Umstand gelten, dass Zeitalters klimatisch-geographische Zuordnungen in
einschlägige Argumente, verbunden mit nationalcha- Kombination mit Nationalcharakter-Stereotypen als
rakterologischen Stereotypen, in W.s Umfeld durch- topisches Raster eingesetzt wurden, das eine Verifika-
aus parteilich eingesetzt wurden (Neumann 2009, 87– tionsgrundlage für sonst unzuverlässige historiogra-
104). Klimatheoretisch unterfütterte Nationalcharak- phische Überlieferungen bzw. die Kontrolle über
tertopiken dienten seit der Antike dazu, einen kul- komplexe politische Verhältnisse versprach (Lestrin-
turellen Vorrang in der Kulturkonkurrenz zu gant 1993). Als Scharnier zwischen klimatischen Be-
begründen. Die Klimatheorie schien besonders gut dingungen und kulturgeschichtlichen Verhältnissen
geeignet zu sein, die Klassizität des Eigenen zu postu- dienten Humoralpathologie und Temperamentenleh-
lieren und sich im Wettstreit der Nationen zu behaup- re (d’Espiard 1754, 29; Disselkamp 2010). Reisende
ten, der im Umfeld der Antiqui-moderni-Debatten waren in dem Wissen unterwegs, dass die Klimatheo-
ausgetragen wurde. rie ein geeignetes Instrumentarium bereitstelle, um
Vor allem die Wirkung der Entretiens d’Ariste et das unterschiedliche Aussehen und die Charakterdif-
d’Eugène von Dominique Bouhours (1671) strahlte ferenzen der Völker zu erklären und zu systematisie-
bis weit in das 18. Jh. aus. Der in Dialogform verfass- ren (Dubos 1760, I, 274).
ten Abhandlung zufolge ist der Leitwert des »bel
esprit« in Frankreich beheimatet, das den Vorteil der
Erkundungen des Nationalgeists
Mittellage zwischen den kalten und warmen Klima-
zonen genießt. Den übrigen Nationen verbleibt die W.s Versuch, Nationalkulturen auf der Grundlage von
kulturelle Sekundogenitur. Die östlich und nördlich klimatischen und historischen Befunden zu beschrei-
gelegenen unter ihnen besitzen wegen ihrer gröberen ben, fußt auf zeitgenössischen Bemühungen um eine
Beschaffenheit keinen originären Zugang zum »bel vergleichende Kulturanthropologie, die auf empiri-
esprit« und müssen sich mit der Nachahmung behel- scher Basis Differenzen notiert, Nationalcharaktere
13 Griechenland als Kulturentwurf 107

individualisiert und Züge einer Sittengeschichte ent- Lektüre von De l’ esprit des nations verweist, liegt nicht
wickeln kann. Wie intensiv sich W. auf das aufklä- vor. – D’Espiard zufolge verfügt Frankreich in Fragen
rungsspezifische Interesse an natürlichen und »mora- der Geselligkeit und der staatlichen Verfasstheit dank
lischen« Bedingungen und auf die Vielfalt der Erfah- seiner klimatischen Mittellage über das höchste Maß
rungstatbestände einlässt, zeigt im Übrigen seine Lek- an Ausgewogenheit unter den europäischen Natio-
türe von naturwissenschaftlicher und medizinischer nen, ja über »Sitten« von allgemeiner Geltung (d’Espi-
Literatur, ebenso die von geographischen Werken und ard 1754, I, 103). Unter Berücksichtigung mancher
Reiseberichten (Tibal 1911, 134, 136, 139–142, 145, Differenzen betrachtet d’Espiard die Franzosen in Ge-
148–149). In den Exzerptheften bezeugen auch Noti- schmacks- und Stilfragen als Erben der Griechen
zen über Rom und Italien mit einem Akzent auf kli- (d’Espiard 1754, 98–100, 295, 323, 397).
matischen Verhältnissen das Interesse des Verfassers Gleichwohl will d’Espiard systematisch, global und
am Thema (Tibal 1911, 43–46). Um Angaben zu Kli- auf breiter Datengrundlage »ein allgemeines Lehr-
ma und kulturellen Erscheinungen zu untermauern, gebäude vom Menschen« errichten (d’Espiard 1754,
nimmt W. in seinen Schriften gelegentlich auf Reiseli- Vorrede; Fink 1985, 12–15; Gisi 2007, 87–89). Der
teratur Bezug. In den Gedancken über die Nach- Verf. unternimmt den Versuch, aus Beobachtungen zu
ahmung treten die »Reisebeschreiber« als Zeugen für interagierenden Faktoren, unter ihnen Geselligkeit,
die These auf, dass bei bestimmten Völkern, nament- Erziehung, Religion und Regierungsform, den Cha-
lich den »Georgianern« und den »Kabardinski [...] in rakter von Ethnien zu abstrahieren. Kulturelle Er-
der crimischen Tarterey«, »noch itzo« Schönheit kein scheinungen werden so zu Ausdrucksformen kollekti-
Ausnahmefall, sondern die Regel sei (Gedanken2, 7; s. ver »Neigungen«: »Es dünkt mich als hätten vier
auch GK1, SN I,1, 42–44). Grundsätze oder Hauptursachen in dieser Welt, die
W.s empiristische Interessen setzen ein erhebliches größten Sachen hervorgebracht; die egyptische Weis-
Maß an Verunsicherung gerade mit Blick auf sein kul- heit und der alten Monarchieen, der römische Name,
turelles Umfeld voraus und geben Auskunft über den die griechische Freyheit, die europäische Ehre«
kontrafaktischen Charakter des Griechenland-Ent- (d’Espiard 1754, 197). Auf dieser Grundlage gibt
wurfs. Untersuchungen zur Nationalgeistfrage aus d’Espiard z. B. Auskunft über Großmut und Ernsthaf-
dem Aufklärungsjahrhundert nehmen, jedenfalls in- tigkeit der Römer im Vergleich mit der »schönen Ge-
tentional, die Beschaffenheit von Kollektivcharakte- müthsart« der Griechen (ebd., 83–84).
ren nicht vorweg, sondern geben deren Erkundung als Auch Montesquieu verzichtet im Esprit des lois
Erkenntnisgegenstand frei (d’Espiard 1954, 92–93; nicht darauf, Regierungsformen und Klimazonen zu
382–383). In ihrem Interesse an Naturbedingungen hierarchisieren. Kulturkonstellationen scheinen bei
und ethnographischen Detailbeobachtungen schlie- Montesquieu aber von so unterschiedlicher Beschaf-
ßen sie an empiristische Strömungen an, die, wie die fenheit zu sein, dass nicht einmal feststeht, ob sie an
Forschung weiß, auch W. beeinflussten. Als namhafte identischen Maßstäben gemessen werden können.
Vertreter des Aufklärungsinteresses an der Völkercha- »Mehrere Dinge«, so erklärt der Verf., »regieren die
rakteristik aus der ersten Jahrhunderthälfte seien in Menschen; das Klima, die Religion, die Geseze, die
chronologischer Folge genannt: die Réflexions criti- Maximen der Regierung, die Beyspiele der vergange-
ques sur la poésie et sur la peinture (1719) von Jean- nen Dinge, die Sitten, die Lebensarten. Hierdurch
Baptiste Dubos; die Abhandlung De l’ esprit des nations wird ein allgemeiner Geist, das Resultat hiervon, ge-
von François Ignace d’Espiard (1752, zuerst 1743); bildet.« (Montesquieu 1785/86, II, 226). Qualität, Ge-
Montesquieus De l’ esprit des lois (1748). Von diesen wicht und Effekt solcher Faktoren liegen allerdings
Schriften kannte W. nachweislich diejenigen von Du- nicht ein für allemal fest (ebd., II, 231). Je nach der be-
bos und Montesquieu (Tibal 1911, 105–106; 128; 135). sonderen Konfiguration, unter der sie auftreten, müs-
Für die kausale Erklärung von Physiologie und Phy- sen sie unterschiedlich bewertet werden. Kulturkon-
siognomie aus Naturvoraussetzungen griff W. außer- stellationen stehen daher unter einem je eigenen Ge-
dem auf Georges-Louis Leclerc de Buffon zurück, aus setz und wollen als Sonderfälle betrachtet werden.
dessen Histoire naturelle er Exzerpte anlegte (Lepenies Montesquieu schafft so Voraussetzungen dafür, dass
1986; Franke 2006, 105–116; Décultot 2011). Nationen und ihre jeweilige Verfasstheit nicht an will-
Um den weiteren Kontext von W.s Überlegungen kürlich vorgegebenen Kriterien gemessen werden.
zu bestimmen, sei es erlaubt, einen Blick auf d’Espiard Erst insofern der Betrachter solche Grundsätze an-
zu werfen. Ein philologischer Befund, der auf eine wendet, ist er selbst in der Lage, kulturanthropologi-
108 II Systematische Aspekte

sche Sachverhalte nach Vernunftkriterien zu beurtei- satz es auch nicht erlauben, Kulturen, Nationen oder
len. Welchen Spannungen Montesquieus Ansatz aus- Epochen in eine wertende Rangfolge zu bringen. Doch
gesetzt ist, bezeugt allerdings der Umstand, dass De gerade Dubos belegt die Spannungen, denen sich die
l’ esprit des lois nicht die Gestalt eines in sich geschlos- Kulturanthropologie der Aufklärung ausgesetzt sah.
senen Systems angenommen hat. Um den Preis innerer Widersprüchlichkeit seines An-
satzes hält der Verf. an klassizistisch orientierten Ur-
teilsmaßstäben fest, die er nicht als durch äußere Be-
Ingenium und Kunst
dingungen induziert, sondern als angeboren betrach-
Um einen Zusammenhang zwischen Klima, weiteren tet. Indem er voraussetzt, dass die griechische Klassik,
kulturbestimmenden Parametern sowie »Künsten die Renaissance und das Frankreich des 17. Jh. kultur-
und Wissenschaften« herzustellen, brauchte W. kei- geschichtliche Höhepunkte waren (ebd., II, 155; 198;
nen vollständigen Neuansatz zu entwickeln. In wel- 208–209; 216–217), versucht er, den möglichen relati-
chem Abhängigkeitsverhältnis Ingenium und guter vierenden Konsequenzen seiner Milieutheorie ent-
Geschmack von klimatischen Bedingungen stünden, gegenzusteuern (Hofter 2008, 50–54).
hatten Bouhours, seine Nachfolger und seine Gegner
diskutiert. Auch d’Espiard reflektiert diesen Gesichts-
Nationalcharaktere
punkt im Kontext seines Versuchs, zu einem Gesamt-
system des »Esprit des peuples« zu gelangen (d’Espi- Dass die Griechen in der Lage waren, unübertroffene
ard 1754, 282–283 u. a.). D’Espiard konnte sich dabei Meisterwerke hervorzubringen, verdankt sich, so lehrt
seinerseits auf Dubos stützen, der demselben Thema W. im Nachahmungsaufsatz, vor allem dem »Einfluß
ein umfangreiches selbständiges Kapitel widmet. eines sanften und reinen Himmels«: Entstellende
Dubos stellt keinen Zusammenhang zwischen kli- Krankheiten sind den Griechen fremd; das Klima be-
matischen oder institutionellen Voraussetzungen und günstigt eine Körperkultur (»Leibesübungen«, leichte
Stileigentümlichkeiten her. Gleichwohl gehen Gedan- Kleidung, Sorgfalt beim Zeugen »schöne[r] Kinder«,
ken aus den Kritischen Betrachtungen über die Poesie »Wettspiele der Schönheit«), deren Maßstab das Schö-
und Mahlerey in W.s Konzeption der Geschichte der ne ist; die Sitten bilden die Voraussetzung dafür, dass
Kunst als charakterologisch begründeter Stilgeschich- das »schönste Nackende« zusammen mit dem »großen
te der antiken Völker, vor allem aber in seine Idee von und männlichen Contour« den Griechen stets vor Au-
Griechenland als unüberbietbarem Höhepunkt der gen steht (Gedanken2, 4–10; vgl. Gisi 2007, 92–93).
Kunst ein (Décultot 2000, 159–162). Dubos behaup- Im Vergleich mit den Gedanken über die Nach-
tet, dass die Kunst von materiellen Bedingungen ab- ahmung fällt der Entwurf einer griechischen Kultur in
hänge, wie sie auch W. diskutiert. Zwar stellt der Verf. der Geschichte der Kunst komplexer aus. W. setzt dort
einen Katalog »moralischer« Ursachen für Größe und die griechische zu anderen Kulturen des Mittelmeer-
Niedergang zusammen, darunter Kriege, mäzenati- raums in Beziehung, bringt sie in eine kulturhistori-
sche Förderung und die Behandlung der Kunst als öf- sche Perspektive und bezieht neben den physischen
fentliche Angelegenheit der Bürger (Dubos 1760, II, ethnische und »moralische« Faktoren in seine Über-
121–135). Jedoch treten bei Dubos die »moralischen« legungen ein. Vom Klima, gegebenenfalls auch mit
(ebd., II, 207), ja sogar die genetischen Ursachen völlig seinen innergriechischen Unterschieden, hängen
hinter klimatische Bedingungen, Geographie und Bo- Physiologie und Physiognomie ab, im einzelnen zum
denbeschaffenheit zurück, von denen Erscheinungs- Beispiel Sprechwerkzeuge und Sprache, indirekt auch
bild, Charakter und Denkweise der Nationen abhän- die »Sitten« bzw. der »Character der Nation«, schließ-
gen (ebd., II, 221–257). Auch für den Wandel kollekti- lich insbesondere Erscheinungsbild und Schönheits-
ver Charaktere macht Dubos gegebenenfalls Ände- sinn der Griechen (Erläuterung, 104–118). Zum Zu-
rungen des Klimas verantwortlich, insbesondere in sammenhang von Klima, Körperkonstitution und
der Gestalt von Evaporationen der Erde (ebd., II, 258– Charakter einzelner Völker hatte sich bereits Montes-
269; 275–284). quieu geäußert (1785/1786, II, 78–105). – Mit Blick
Der klimatheoretische »Materialismus«, den Dubos auf die Geschichte der Kunst möchte es fast scheinen,
vertritt, ist geeignet, einer Bewertung von literarischen als träfe auch auf sie zu, was Lessing in seiner d’Espi-
und künstlerischen Errungenschaften nach allgemein- ard-Rezension schreibt: »denn was man moralische
gültigen ästhetischen Maßstäben den Boden zu entzie- Ursachen nennt, sind nichts als Folgen der physika-
hen. Kompromisslos gehandhabt, würde Dubos’ An- lischen« (Lessing V, 144).
13 Griechenland als Kulturentwurf 109

In der Geschichte der Kunst des Alterthums liest Griechenland-Entwurf gewinnt in der Geschichte der
man über den Zusammenhang von Klima und Spra- Kunst des Alterthums an geographisch-klimatischer
che bzw. Aussprache, mit dem sich auch d’Espiard und kulturanthropologischer Konkretion.
auseinandergesetzt hatte (d’Espiard 1754, 34–38): Wenn W. Vorgaben der Nationalgeist-Theorien
»Die Bildung des Gesichts ist so verschieden, wie die aufgreift, nimmt er allerdings eine Umbesetzung von
Sprachen, ja wie die Mundarten derselben, und diese Belang vor. Die Kunst ist in seinen Schriften nicht eine
sind es vermöge der Werkzeuge der Rede selbst, so von mehreren kulturellen Äußerungsformen, an de-
daß in kalten Ländern die Nerven der Zunge starrer nen der Charakter einer Nation abgelesen werden
und weniger schnell seyn müssen, als in wärmeren kann, sondern dominiert die kulturanthropologische
Ländern, und wenn den Grönländern und verschie- Perspektive. Von ihr leiten sich die Maßstäbe für Be-
denen Völkern in America Buchstaben mangeln, muß schreibung und Bewertung von Kulturen ab. Vor al-
dieses aus eben dem Grunde herrühren.« (GK1, SN lem im Vergleich mit Montesquieus Esprit des lois
I,1, 38) Entsprechend urteilt W. über die Griechen; springt diese Differenz ins Auge: Die Kunst nimmt ge-
denn Voraussetzung für deren Kunstsinn ist ihm zu- wissermaßen die Stelle der »Gesetze« ein, mit deren
folge die schöne »Bildung der Menschenkinder« unter Einrichtung sich der französische Philosoph beschäf-
»dem Griechischen Himmel« (ebd., 21). Für die bes- tigt. Statt der Geographie der Staaten, auf die De
ten natürlichen Voraussetzungen einer schönen »Bil- l’ esprit des lois zuläuft, beschreiben der Nachahmungs-
dung« der Bewohner gibt der Archäologe unter Beru- aufsatz und die Geschichte der Kunst Geschichte und
fung auf antike Quellen – die freilich ihrerseits partei- geographische Verteilung von Schönheitssinn, gutem
lich argumentieren dürften (Beller 2006, 243–244) – Geschmack und Kunststilen.
eine genaue Lokalisierung an; sie sind an der
Westküste von Kleinasien, in Ionien zu finden (GK1,
Empirie und Norm
SN I,1, 42–44). Auch eher metaphorische Analogien
zwischen Landschaftsformation und Kunstbeschaf- Daran, dass die Griechen in ihrer klassischen Zeit
fenheit stehen in einem Zusammenhang mit der Kli- poetische und künstlerische Werke von Gewicht schu-
matheorie: »Mit der Griechischen und Hetrurischen fen, zweifeln weder Dubos noch d’Espiard. Allerdings
Kunst [...] verhält es sich, wie mit ihrem Lande, wel- liegt keinem von beiden daran, von Griechenland, das
ches voller Gebürge ist, und also nicht kann übersehen im Übrigen auch in der zeitgenössischen Historiogra-
werden.« (GK1, SN I,1, 110) phie, selbst mit Blick auf die Kunst, keine absolute
Für die Verfasstheit antiker Kulturen als bedingen- Priorität vor den übrigen Nationen beanspruchen
den Faktor der jeweiligen Kunstproduktion über- kann (Décultot 2000, 130–135), ein ideales Bild zu
nimmt W. Topiken, wie d’Espiard und Montesquieu entwerfen. Vor allem d’Espiard entwickelt eine mehr-
sie verwenden: »Eben so sinnlich und begreiflich, als schichtige Vorstellung von dem antiken Land, in der
der Einfluß des Himmels in die Bildung, ist [...] der Licht- wie Schattenseiten berücksichtigt sind. Unter
Einfluß derselben in die Art zu denken, in welche die letzteren finden sich politische Instabilität und un-
äußern Umstände, sonderlich die Erziehung, Verfas- kontrollierte Phantasietätigkeit (d’Espiard 1754, 125;
sung und Regierung eines Volks mit wirken« (ebd., 44; 156–158; 180, 396). Man mag auch an das National-
vgl. auch 46–48). Vor allem im ersten Teil der Ge- übel übertriebener Eitelkeit denken, das Caylus den
schichte der Kunst des Alterthums entsteht auf der Ba- Griechen vorhält (Caylus I, 1752, 117–118). Der Zed-
sis solcher Serien von Gesichtspunkten eine Sequenz ler-Artikel über Griechenland, der den antiken Kul-
von Nationencharakteristiken (über Ägypter, Phöni- turleistungen Respekt zollt, notiert andererseits eine
zier, Juden, Perser, Etrusker, Volsker, Samniter und Neigung der Griechen zur Dekadenz: »Ihre Auffüh-
Campaner), in denen der Verf. klimatische und his- rung war auch honnett, liebreich und complaisant, da-
torische Voraussetzungen als Zugang zu den Eigen- her kam es, daß sie öffters mit Liebes-Händeln zu thun
arten der jeweiligen Kunst beschreibt (ebd., 54–62; hatten, und wohl gar in unvernünfftige und viehische
112–114; 116–118; 118–122; 136–142; 180–182). Zu- Excesse verfielen« (Zedler XI, Sp. 892). Im Chor der
letzt wendet W. dieses Instrumentarium an, um das Skeptiker lassen sich die Stimmen von Mythenken-
Spezifische von Nationalcharakteren und stilistische nern des 18. Jh. vernehmen. Ihnen zufolge, hier ver-
Merkmale der jeweiligen Kunstproduktion zu fassen: treten durch Antoine Banier, besaßen die antiken
»Die Kunst muß also unter ihnen in jedem Lande ei- Griechen eine durch die Vernunft nicht disziplinierte
genthümlich gewesen seyn« (ebd., 126). Auch der Einbildungskraft, der sich die ebenso phantastischen
110 II Systematische Aspekte

wie fragwürdigen mythologischen Figuren und Er- sierung der Kulturen. Denn mehr noch schließt W. an
zählungen verdankten (Banier 1754, I, 63). Dem Sinn die Antiqui-Moderni-Debatten an, in deren Rahmen
der Griechen für Philosophie, Literatur und Kunst ste- klimatheoretische und nationalcharakterologische
hen so ihr wenig ausgeprägter politischer Ordnungs- Argumente verwendet wurden, um die Priorität einer
geist und ihre unzuverlässige moralische Konstitution bestimmten Nation vor anderen zu postulieren. Das
gegenüber. Griechenland-Konzept ist darauf angelegt, den Ge-
Hingegen verwendet die Griechenland-Darstellung gensatz zwischen Norm und Empirie zu beseitigen.
in der Geschichte der Kunst klimatische Beobachtun- Historisch-kritisch begründete Distanzierungen von
gen und archäologische bzw. literarische Überlieferun- W.s Modell wie die von Christian Gottlob Heyne blie-
gen als Bausteine eines hypothetischen, aber geschlos- ben nicht aus (Heyne 1778, 170–174).
senen und idealen Ganzen. Für dieses Griechenland-
Bild können englische Autoren (Shaftesbury, Thomas
Kunst und »Freyheit«
Blackwell) eine gewisse Vorläuferschaft beanspruchen
(Décultot 2000, 141–146). Die Natur, die bei Dubos Von vorausgehenden und nachfolgenden Kulturen
das Potenzial besitzt, die Welt der Kunst in eine Vielfalt unterscheidet sich die griechische W. zufolge darin,
nicht hierarchisierbarer Sondererscheinungen zerfal- dass allein sie die Kunst zum Konstitutionsfaktor des
len zu lassen, ist bei W. für die Verwirklichung einer Gemeinwesens erhebt. Die Geschichte der Kunst des
universellen Geschmacksnorm im antiken Griechen- Alterthums hierarchisiert die übrigen antiken Kul-
land verantwortlich. Der klimatischen Mittellage ver- turen gemäß der Rolle, die sie der Kunst zugestehen,
danken die Griechen eine feurige, aber durch Phlegma und entsprechend dem Entwicklungsstand, den sie in
gemäßigte Einbildungskraft (GK1, SN I,1, 48). In Grie- Geschmacks- und Kunstfragen erreichen. Klima-
chenland kommt die in der Natur angelegte allgemein- tische Bedingungen, »Geblüt« und »moralische« Um-
gültige Regel zur Erscheinung: »Die Natur [...] hat sich stände bilden den Nährboden einer griechischen Kul-
in Griechenland, wo eine zwischen Winter und Som- tur, deren »Geist« durch die Prädisposition für das
mer abgewogene Witterung ist, wie in ihrem Mittel- Schöne und für die Pflege der Kunst bestimmt ist; man
puncte gesetzt, und je mehr sie sich demselben nähert, vergleiche im Gegensatz dazu Dubos, demzufolge der
desto heiterer und fröhlicher wird sie, und desto all- Kunstsinn der Griechen auch deshalb in hohem Maß
gemeiner ist ihr Wirken in geistreichen witzigen Bil- kultiviert werden konnte, weil die Sklaven die athe-
dungen, und in entschiedenen und vielversprechen- nischen Bürger von der Erwerbsarbeit entlasteten
den Zügen« (GK1, SN I,1, 212). So zeigt sich der geo- (Dubos 1760, II, 129).
graphische und historische Sonderfall zugleich als »In Absicht der Verfassung und Regierung von
überall geltendes Gesetz (Franke 2006, 106–107). Griechenland« führt W. als Bedingung der griechi-
Wenn W. in dieser Weise auf Griechenland Bezug schen Kunstblüte die »Freyheit« der griechischen Re-
nimmt, überschreitet er allerdings den Bereich des- publiken an (GK1, SN I,1, 218). Die Verbindung von
sen, was dem Betrachter der verbliebenen Dokumente griechischer »Freyheit«, die er als Verfassungsmerk-
und Überreste in die Augen fällt und überprüft wer- mal auch bei Montesquieu kennengelernt hatte (Dé-
den könnte, in ähnlicher Weise wie gelegentlich bei cultot 2000, 153–155), und Kunstblüte fand W. schon
der Beschreibung von Kunstwerken (Décultot 2010, vor; auf ihn geht allerdings die totalisierende Idee ei-
133–137) oder auch im freundschaftlichen Brief (vgl. nes Kulturmusters auf der Grundlage dieses Begriffs
Br. III, 275). Während der Archäologe sein Griechen- zurück. – Zweifellos setzt sich W. mit Erfahrungstat-
land-Bild empiristisch zu untermauern scheint, ent- beständen seiner politischen Lebenswelt auseinander,
zieht er es gleichzeitig dem empirischen Zugriff. Die wenn er den assoziationsreichen und suggestiven, je-
Begründung ästhetischer Normativität nimmt die Ge- doch nicht sehr distinktiven Begriff der »Freyheit«,
stalt einer klimatheoretischen, genetischen und his- der auch an vielen anderen Stellen seines Werks und
torischen Konkretisierung an, die sich der Gefahr des in anderen Zusammenhängen eine Rolle spielt (Pom-
Vielfältigen und Beliebigen entziehen will. mier 2001), mit fürstenkritischem Akzent in der Ge-
Auch wenn, Justus Möser zufolge, W. und Montes- schichte der Kunst verwendet (Décultot 2013). Eine in-
quieu »einerley Größe und einerley Fehler gehabt zu stitutionelle Konkretisierung erfährt die »Freyheit«
haben scheinen« (Möser 1797, 196), orientiert sich der Griechen, die vor dem Ende der Tyrannenherr-
W.s Griechenland-Entwurf wenigstens nicht in erster schaft auch »neben dem Throne der Könige« (GK1, SN
Linie an Montesquieus Relativierung und Individuali- I,1, 218) zu finden gewesen sei, allerdings kaum. Ob-
13 Griechenland als Kulturentwurf 111

wohl W. machtpolitische Kategorien aus seinen Über- antiken wirkte in der zweiten Jahrhunderthälfte auf
legungen nicht ganz ausschließt, bleibt auch mit Blick das Bild von den gegenwärtigen Griechen zurück und
auf das antike Athen und sein »Democratisches Regi- bestimmte gleichzeitig die ideale Selbstwahrnehmung
ment [...], an welchem das ganze Volk Antheil hatte« moderner Nationen mit (Chatzipanagioti-Sangmeis-
(GK1, SN I,1, 46), unbestimmt, in welchen Verfas- ter 2002, 310–384).
sungsnormen, Gesetzen, Rechtsprechungsinstanzen, So scheinen W.s Ideen geradewegs in den Univer-
staatlichen Einrichtungen und unmittelbar zugehöri- salitätsanspruch der Aufklärung einzumünden (Andu-
gen Einstellungen und Handlungsweisen sie sich zei- rand 2013). Doch gleichzeitig lassen sie in ihrer Viel-
gen könnte. Keine Frage allerdings, dass in den Schrif- deutigkeit Raum für kontroverse Diskussionen über
ten Ansatzpunkte für den Freiheitsenthusiasmus an- die Frage, ob W. den Grund für eine spezifisch deutsche
gelegt sind, mit dem W. in der Zeit der französischen Griechenbegeisterung gelegt habe (Marchand 1996,
Revolution rezipiert wurde (Baeumer 1986; Hartog 7–16) bzw. ob das Griechenland-Modell als Identifika-
2005, 87–89). tionsangebot an deutsche Leser entworfen sei und in
Dass »Freyheit« in W.s Werk als Verfassungs- oder dem staatlich zersplitterten, durch universalistische
Rechtspraxis schwer näher zu qualifizieren ist, gilt, ob- Reichsideen politisch überwölbten Deutschland auf
wohl der Verf. sich mit einschlägiger Literatur be- besonders fruchtbaren Boden fiel (Wiedemann 1986).
schäftigt hat (Baeumer 1986, 27–28; Décultot 2000, Wenigstens vordergründigen Aneignungsversuchen
176–181). Hingegen nimmt »Freyheit« in der Kunst bleibt W.s Griechenland in seiner historischen Einzig-
gewissermaßen sichtbare Gestalt an; denn unter ihren artigkeit und Idealität in jedem Fall entzogen; statt-
Auspizien können Verdienste tendenziell aller Mit- dessen fällt ihm die Rolle eines kulturellen Spiegel-
glieder des Gemeinwesens in Gestalt von öffentlichen bilds, eines Reflexionsobjekts zu, vielleicht auch die ei-
Monumenten gewürdigt werden. Unter den Bedin- nes ideellen »Vaterlands«, an dem sich das wirkliche
gungen der »Freyheit« scheint ein unvoreingenom- zu messen hat.
menes Urteil über Kunstfragen möglich zu sein;
Künstler treten als öffentliche Personen auf, privater Quellen
Luxus bleibt verbannt und die Magnifizenz der Respu- Banier, Antoine: Erläuterung der Götterlehre und Fabeln aus
blica kommt in Gestalt von Kunstwerken zur Erschei- der Geschichte. Aus dem Französischen übers., in seinen
Allegaten berichtigt, und mit Anmerkungen begleitet, von
nung (GK1, SN I,1, 218–230). Johann Adolf Schlegeln [ab Bd. 4 von Johann Matthias
Nicht in ihrer staatlichen Verfasstheit, durchaus Schröckh]. 5 Bde. Leipzig 1754–1766.
hingegen in Kunst und Literatur zeigt sich auch die in Bouhours, Dominique: Les Entretiens d’Ariste et d’Eugene.
einzelne Gemeinwesen geteilte griechische Nation. Derniere Edition. Amsterdam 1671.
Verglichen mit anderen antiken Kulturen besteht die Caylus, Anne Claude Philippe de: Recueil d’antiquités égyp-
tiennes, grecques, étrusques et romaines. 7 Bde. Paris
kollektive Leistung der Griechen darin, dass sie die
1752–1767.
Kunst zur höchsten Ausdrucksform ihres National- Dubos, Jean-Baptiste: Kritische Betrachtungen über die Poe-
charakters erheben. Der staatliche Partikularismus – sie und Mahlerey. Übers. von Gottfried Benediktus Funk.
W. bewertet als Zeichen der »Freyheit«, dass »die gan- 3 Bde. Kopenhagen 1760.
ze Nation [...] niemals ein einziges Oberhaupt er- d’Espiard, François Ignace: Das Eigene der Völkerschafften.
kannt« habe (ebd., 218) – , der sonst eher als Indiz der Aus dem Französischen übers. 2 Bde. Altenburg 1754.
Heyne, Christian Gottlob: Sammlung antiquarischer Aufsät-
Instabilität gilt, und selbst die innergriechischen Aus-
ze. Erstes Stück. Leipzig 1778.
einandersetzungen des perikleischen Zeitalters be- Lessing, Gotthold Ephraim: Sämtliche Schriften. Hg. von
günstigen literarische und künstlerische Aktivitäten Karl Lachmann. Dritte [...] Aufl. bearb. durch Franz Mun-
(ebd., 624). Auch wenn W. eine durch »Freyheit« be- cker. 23 Bde. Stuttgart 1886–1919.
stimmte »Verfassung und Regierung« voraussetzt, bil- Möser, Justus: Vermischte Schriften. Erster Theil. Nebst des-
det sich sein Griechenland zuletzt um »Künste und sen Leben. Hg. von Friedrich Nicolai. Berlin, Stettin 1797.
Montesquieu, Charles Louis de Secondat de: Vom Geist der
Wissenschaften«, vor allem jedoch um die Kunst als Gesetze. Nach der neuesten und vermehrten Auflage aus
zentrale »Institution«. Mit der Naturnähe, der Unbe- dem Französischen übers. und mit vielen Anmerkungen
stimmtheit als staatlicher Erscheinung und den uto- versehen. 3 Bde. Prag 1785–1786.
pischen Zügen lässt der Griechenland-Entwurf, für Zedler, Johann Heinrich (Hg.): Grosses vollständiges Uni-
sich genommen, die Konkurrenz der Nationen hinter versal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, welche
bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden
sich; ihnen verdankt er auch seine Verallgemeinerbar-
und verbessert worden [...]. Halle/Leipzig 1732–1754.
keit und Anschlussfähigkeit. W.s Vorstellung von den
112 II Systematische Aspekte

Forschung Johann Joachim Winckelmanns normative Kunstlehre


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III Werke
14 Das Briefwerk loren gelten. Anders als viele edierte Briefsammlun-
gen aus dem 18. Jh. sind die W.-Briefe im Wesentli-
Winckelmann und die Epistolographie des
chen nicht als epistolographischer Dialog zugänglich.
18. Jahrhunderts
In den Augen von Zeitgenossen speist sich die At-
Überlieferung und Forschung traktivität von Briefen, zumal von solchen, die ihren
Briefe bilden einen eigenständigen Bestandteil von Verf. »im nachläßigen Gewand des Schlaffroks im ver-
W.s Schriften, der auf vielfältige Weise mit den publi- traulichen Kreise von Freunden« (Fuessli 1778, 4) zei-
zierten Werken verflochten ist und von Beginn an gen, nicht zuletzt aus der Idee, dieses Medium gewähre
prioritärer Gegenstand der W.-Rezeption war. Wel- authentischen Zugang zur Person des Briefschreibers
ches Interesse früh an W. in der Epistolographenrolle und biete die Chance, ein zutreffendes Charakterbild
bestand, dokumentieren die gedruckten Ausgaben der des Verf. zu gewinnen. Wenn man dem Herausgeber
»gesammelten Überreste eines der größten Männer Dassdorf folgt, sind Privatbriefe überhaupt »Beyträge
unsrer Nation« (Dassdorf 1777, Vorbericht, unpagi- zu der geheimen Geschichte des Denkens und Empfin-
niert), die bald nach dem Tod des Archäologen im In- dens grosser Männer« (Dassdorf 1777, Vorbericht, un-
und Ausland erschienen. Von den vielen frühen Ein- paginiert). So gelesen, stehen W.s Briefe wie literari-
zel- und Sammelpublikationen von W.-Briefen seien sche Denkmäler da, die einen privilegierten Nahblick
hier nur die Briefe an Schweizer Adressaten (1778), auf ihren Autor ermöglichen. Dies ist auch die Perspek-
die zweibändige Briefausgabe von Karl Wilhelm Dass- tive, die Goethe sich zu Beginn des 19. Jh. in kulturpoli-
dorf (1777, 1780) und die von Erich Biester heraus- tischer Absicht zu Eigen macht: »Seine Werke, verbun-
gegebenen Briefe an Muzell-Stosch genannt (1781). den mit seinen Briefen, sind eine Lebensdarstellung,
Zu den Herausgebern, die sich um W.s Briefe verdient sind ein Leben selbst« (Goethe, Werke XII, 118).
machten, gehört Goethe, der in der Sammelschrift Auch in der W.-Forschung dominiert traditionell
»Winckelmann und sein Jahrhundert« (1805) die Se- das Interesse an »Leben und Werk« des Archäologen.
rie der Briefe an W.s Studienfreund Berendis drucken Noch für den Briefherausgeber Walther Rehm zeigt
ließ. Gleichwohl müssen viele Originalmanuskripte sich »hinter allen Briefdokumenten dieses Mannes die
und, mehr noch, viele Briefe, ja ganze Briefserien an gleiche unverkennbare und immer stärker geformte
bestimmte Empfänger als verloren gelten. Empfindli- Persönlichkeit« (Rehm, in: Br. I, 29). Ein Beispiel bie-
che Verluste betreffen z. B. die Briefe an W.s Schüler tet auch der Beitrag von Hellmut Sichtermann (1986),
Lamprecht, an den kurfürstlichen Beichtvater Leo der das Briefwerk verwendet und einleitender Bemer-
Rauch in Dresden und an den Fürsten Franz von An- kungen wegen zuweilen im Zusammenhang mit der
halt-Dessau (Br. I, 487–496). Erforschung der W.-Briefe angeführt wird. Briefe un-
Das erhaltene Briefkorpus setzt sich zusammen aus terliegen aber eigenen Gesetzen. Der Autor, der »an-
handschriftlich, als Konzept oder abschriftlich erhal- ders an einen Freund und anders in die Welt hinein«
tenen sowie aus lediglich erschlossenen oder frag- schreibt (Br. I, 284), sieht sich in Briefen nicht an die
mentarisch überlieferten Briefen. W.s epistolographi- Gebote der Unparteilichkeit und der Gründlichkeit
sches Werk liegt in der 1957 abgeschlossenen reich gebunden. Anders als die Welt systematisch angeleg-
kommentierten Ausgabe von Walther Rehm vor, die ter Traktate ist diejenige der Briefe schon dem Ver-
seitdem nur um eine überschaubare Zahl an Einzel- ständnis des Verf. nach disrupt, zuweilen einseitig, wi-
stücken ergänzt wurde (zusammengestellt bei Kunze dersprüchlich, aber reich facettiert. Über Jahrzehnte
1986, 18 f. Zu ergänzen ist ein Brief an Paciaudi; vgl. entstanden, an unterschiedliche Adressaten gerichtet
Ferrari 2006). Der jüngste Beitrag zur Editions- und zu unterschiedlichen Anlässen geschrieben, bil-
geschichte der Briefe ist eine dreibändige italienische den die Briefe keine Einheit, sondern sind von dis-
Ausgabe (Winckelmann 2016). – Während andere parater Beschaffenheit. Der Leser muss damit rech-
Teile von W.s Nachlass erhalten geblieben sind, müs- nen, dass sie gerade nicht auf eine geschlossene Auto-
sen die Briefe an den Archäologen mit der Ausnahme ren-»Persönlichkeit« zurückgeführt werden können.
von etwa vierzig Schreiben (Br. IV, 67–112) als ver- Aufgabe der Forschung ist es, Standpunkte ein-

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_14, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
14 Das Briefwerk 115

zunehmen, von denen aus die Briefe rhetorisch, medi- Das bis 1755 entstandene Konvolut umfasst neben
engeschichtlich und funktional betrachtet werden Briefen an Förderer und Brotherren (Johann Rudolf
können. Nur eine überschaubare Zahl wissenschaftli- Nolte, Christian Friedrich Papier, Alberico Archinto)
cher Publikationen hat bislang W.s Briefe nicht allein solche an Studienkollegen aus der Zeit, die W. an der
als Informationsquelle ausgewertet, sondern sie selbst Universität von Halle verbrachte (Hieronymus Diet-
zum Gegenstand gemacht. Zu nennen sind: Mit Vor- rich Berendis, Gottlob Burchard Genzmer, Konrad
behalt Walther Rehms Einleitung zu seiner Briefaus- Friedrich Uden), im Einzelfall auch an Schüler, an die
gabe (Br. I, 1–35), die den Epistolographen W. als »Hu- sich der Verf. enger anschließen wollte (Friedrich Wil-
manisten« beschreibt – worunter der Verfasser die In- helm Peter Lamprecht). Besondere Beachtung verdie-
tellektuellenexistenz schlechthin versteht; die stil- nen die Briefe, in denen W. gegenüber seinen Freunden
beschreibende Dissertation von Brockmeyer, die ein und dem Grafen Heinrich von Bünau, bei dem er in
Kapitel über W.-Briefe enthält (Brockmeyer 1961; vgl. Nöthnitz als Bibliothekar gewirkt hatte, den Übertritt
auch Rendi 1969); ein knapper Essay von Walter Jens zum katholischen Bekenntnis begründet. In W.s pro-
(1988) über psychologische und literarische Verwer- testantischem, teilweise pietistisch geprägtem Umfeld
fungen bei W. als Selbstdarsteller; Ernst Osterkamps stellte die Konversion den Verf. vor eine anspruchsvolle
Studie über W. als Taktiker der Informationssteue- Vermittlungsaufgabe. Vor allem für die vorrömischen
rung (1988); schließlich mein Versuch einer Betrach- Briefe sei festgehalten, dass viele ihrer Adressaten, ab-
tung von W.s Briefrhetorik (Disselkamp 1993; vgl. gesehen etwa von Bünau, Archinto und dem Nöthnizer
auch Disselkamp 2017). Bibliothekar Johann Michael Francke, außerhalb der
Während Briefe, nicht zuletzt auch die Brieflitera- spezialisierten W.-Forschung wenig bekannt sind. Die
tur des 18. Jh., in den vergangenen beiden Jahrzehnten Briefe sind von einem Verf. geschrieben, der in der
Gegenstand differenzierter Untersuchungen gewor- Welt der Gelehrten und Mäzene noch kaum Fuß ge-
den sind, bleiben neue Ansätze zur Erforschung von fasst hatte.
W.s Briefwerk rar. Genannt seien die Studien von Ma- Die Briefe der römischen Jahre sind an eine größere
ria Fancelli zu W.s vorrömischen Briefen, besonders Vielfalt an Adressaten gerichtet und besitzen einen
mit Blick auf die Genese eines emphatischen Freund- höheren Grad an literarischer Differenzierung. W.
schaftsbegriffs (Fancelli 2000 und 2009), und von hielt den Kontakt zu einem kleinen Kreis von Brief-
Kerstin Küster zur Konstitution von Topographien in partnern aufrecht, mit denen er auch schon vor 1755
den Briefen (Küster 2011). Der einseitigen Überliefe- in Verbindung gestanden hatte bzw. die er persönlich
rung zum Trotz läge es nahe, die Korrespondenzen kannte (Berendis, Genzmer, Uden, Francke, Bünau,
unter dem Vernetzungsaspekt, im Detail den Vernet- Giovanni Lodovico Bianconi, Georg Conrad Wal-
zungsgrad, die Verknüpfungen mit Drittpersonen, die ther). Doch vor allem erschließen seine Korrespon-
Netzgeographie und die Frage der Generierung von denzen jetzt neue Dimensionen – seien sie kultur-
archäologischem Wissen in Korrespondenzen zu be- räumlicher Art, sei es mit Blick auf Stand und Bildung
trachten. Für exemplarische Untersuchungen sei auf der Adressaten. Es ist nicht zuviel gesagt, dass das
die Studie zu Albrecht von Haller (Stuber u. a. 2005) Briefwerk eine Neuorganisation der geographischen
verwiesen; ein erster Vorschlag liegt auch für den mit und sozialen Topographie des Verf. dokumentiert.
W. korrespondierenden Philipp von Stosch vor (Lang Auch in sprachlicher Hinsicht findet der Umbau
2007. Für die W.-Rezeption unter homoerotischer seinen Niederschlag: Bis zu seiner Romreise zollt W.
Perspektive vgl. Richter 1996). dem Umstand Tribut, dass auch im 18. Jh. das Lateini-
sche in gelehrten Korrespondenzen nicht unüblich
Korrespondenzen und Korrespondenten war. Aus den römischen Briefen verschwindet es bis
Die Überlieferung von W.-Briefen setzt erst nach sei- auf wenige Ausnahmen (vgl. das »Gutachten« in Br. II,
nen Studienjahren in Halle und Jena ein. Von den 318 und das Dankschreiben für die Aufnahme in die
knapp tausend erhaltenen oder erschlossenen Stücken Göttinger Akademie der Wissenschaften, Br. III, 85–
– eine im Vergleich mit anderen Epistolarien des 86). Ab 1756 verwendet der Verf. neben der deutschen
18. Jh. nicht übermäßig eindrucksvolle Quantität – die italienische Sprache, z. B. in den zahlreichen Brie-
entfallen 115 auf die Jahre zwischen 1742 und 1755 in fen an Anton Raphael Mengs, Bianconi und weitere
Deutschland, auf W.s Zeit als Hauslehrer, Konrektor italienische Adressaten. Im Briefverkehr mit französi-
und Bibliothekar. Alle übrigen verfasste W. während schen Korrespondenten, auch etwa mit dem Briten
der dreizehn Jahre, die er in Italien verbrachte. John Wilkes, schreibt W. französisch. Vor wie nach
116 III Werke

dem Aufbruch nach Rom bedient er sich des Französi- tet werden können, mag an dieser Stelle undiskutiert
schen vereinzelt als Hofsprache, etwa im Kontakt mit bleiben.
Heinrich von Bünau (Br. I, 77) und dem österreichi-
schen Staatsmann und Kunstsammler Johann Karl Epistolographische Grundlagen
Philipp Graf Cobenzl in Brüssel (z. B. Br. III, 272). Wie W.s Korrespondenzen erkennen lassen, betrieb
Eine eigene umfangreiche Briefserie betrifft die der Verf. das Briefeschreiben als Geschäft von Belang.
Verhandlungen mit dem Buchhändler und Verleger Ohnehin besaß ein Brief, auch angesichts technischer
Georg Conrad Walther aus Dresden, bei dem die in Voraussetzungen wie langer Laufzeiten (z. B. Br. II,
deutscher Sprache verfassten selbständigen W.-Schrif- 318), hoher Portokosten (z. B. Br. I, 296; II, 146 f.; 235)
ten erschienen. Rasch kam der Kontakt mit dem Kup- und nicht völlig selbstverständlicher Zuverlässigkeit
ferstecher Johann Georg Wille in Paris zustande, der der Übermittlung (Br. II, 20), ein erhebliches Eigenge-
seinerseits eine ausgedehnte Korrespondenz europäi- wicht. Wenigstens bei wichtigen, sorgfältig zu stilisie-
schen Ausmaßes unterhielt und Verbindungen in die renden Schreiben gingen den Reinschriften Entwürfe
Schweiz stiftete, um finanzielle Unterstützung für W.s voraus, von denen sich einige erhalten haben (z. B. Br.
erste Neapelreise einzuwerben (Br. I, 587). Wille war II, 257 f.; 367; IV, 31–64). Auf die Epistolographie
es auch, über den W.s Name in Paris bekannt wurde. selbst bezogene Fragen des Briefschreibens, der Emp-
Die ersten Schweizer Korrespondenten waren Johann fehlungen und Grüße an andere, des Versendens und
Caspar Füssli und Salomon Gessner. Weiterleitens von Büchern und Kupferstichen und der
Umfangreiche Briefwechsel führte W. mit Adressa- am besten geeigneten Versandwege bilden in W.s Brie-
ten, mit denen er in Rom bzw. Florenz Bekanntschaft fen einen eigenen Schwerpunkt.
schloss oder in freundschaftliche Verbindung trat. Zu Die Vermutung liegt nahe, dass der Verfasser seine
ihnen gehören Wilhelm Muzell-Stosch, mit dem W. Welt auch mit Hilfe von Briefen, wenn nicht in ihnen
die nach der Überlieferungslage umfangreichste Ein- organisierte. W. war mit einer schwach vorstruktu-
zelkorrespondenz unterhielt, ebenso – nach seiner rierten Umgebung konfrontiert und ging seinerseits
Übersiedlung nach Madrid – Mengs und der dänische erhebliche biographische Risiken ein. Wenn er in sei-
Bildhauer Johannes Wiedewelt. Unter den Rom-Be- nem berühmten Schreiben an Friedrich Wilhelm
suchern, denen W. als Führer durch die römischen Marpurg den eigenen Werdegang als »das Leben und
Sammlungen und Ausgrabungen zur Seite stand und die Wunder Johann Winckelmanns« (Br. II, 276)
mit denen er später brieflichen Kontakt hielt, finden kennzeichnet, charakterisiert er nicht unzutreffend ei-
sich Adlige auf Kavalierstour wie der Freiherr Johann nen unter ungewissen Umständen zustande gekom-
Hermann von Riedesel, der Livländische Baron Fried- menen Lebenslauf. Wichtige Rahmenbedingungen
rich Reinhold von Berg und Friedrich Wilhelm Graf musste der Autor, nicht zuletzt epistolographisch, erst
von Schlabrendorf aus Preußen, aber auch der Reise- herstellen.
schriftsteller Johann Jakob Volkmann. Zur Kategorie Dazu eigneten sich Briefe deshalb in besonderem
der Rom-Besucher mit Altertumsinteresse zählen fer- Maß, weil sie einen Öffentlichkeitsbezug besaßen.
ner Reisende aus der Schweiz – vor allem Leonhard Briefe waren vielfach auch noch im 18. Jh. weniger
und Paul Usteri, Johann Heinrich Füssli und Christian den Gesetzen der Privatheit unterworfen als denen
von Mechel. der Geheimhaltung (zum Problem Hölscher 1997,
Im Vergleich mit den Geschäfts- und Freund- 24 f. Vgl. z. B. Br. II, 163; III, 235). Wollte man W.s
schaftskorrespondenzen, die W. mit Briefpartnern in freundschaftliche Korrespondenzen ohne weiteren
Deutschland und in der Schweiz führte, bleiben die Kommentar als privat bezeichnen, so wären Missver-
Kontakte innerhalb von Italien sowie nach Frank- ständnisse vorprogrammiert. – Briefschreiber konn-
reich und England in der Minderzahl. Stabile Briefbe- ten damit rechnen, dass die jeweiligen Empfänger die
ziehungen unterhielt der Archäologe mit dem Ar- übermittelten Nachrichten weiterverbreiten würden.
chäologen, Antiquar und Bibliothekar Paolo Maria Wer Briefe versandte, wurde für andere Zeitgenossen
Paciaudi, mit dem Geologen Nicolas Desmarest und in hohem Grad wahrnehmbar. Eine gewisse Art brei-
dem Zeichner, Maler und Architekten Charles Louis terer Aufnahme der W.-Briefe hatte schon längst ein-
Clérisseau, während die Briefe an die meisten ande- gesetzt, bevor sie in gedruckten Sammlungen erwor-
ren Korrespondenten Einzelfälle bleiben. Welche Fol- ben werden konnten: Der Empfänger las die an ihn
gerungen aus diesem Umstand für den Grad von W.s gerichteten Schreiben vor (Br. III, 78) und ließ Ab-
Integration in die italienische Gelehrtenwelt abgelei- schriften von den Briefen nehmen, die er erhalten
14 Das Briefwerk 117

hatte (vgl. Br. II, 309); er zitierte aus ihnen in Schrei- gen vermeintliche oder wirkliche Angriffe in Schutz
ben an andere oder gab Informationen weiter (Bei- nehmen möchte. In dieser Absicht setzt er in der Af-
spiele in Füssli 1778; vgl. Br. I, 369 f.). Einige der weni- färe um das 1766 publizierte »Pasquill« von Giovanni
gen überlieferten Fragmente aus den Briefen, die Battista Casanova (Br. IV, 398–403) Briefe ein (Br. III,
Franz von Anhalt-Dessau an W. schrieb, finden sich 242–244). Ein kartellartig aktivierbares Netz von
als Zitate in Schreiben an Muzell-Stosch (Br. III, 265; gleichgesinnten, freundschaftlichen Korresponden-
312). W. selbst rechnete damit, dass manche seiner ten konnte sich als wirkungsvolles Instrument in sol-
Briefe nicht nur den ursprünglichen Adressaten errei- chen Auseinandersetzungen erweisen.
chen würden; der Gedanke an ein weiteres Publikum
war keineswegs nur »unbewußt« (Rehm, in: Br. I, 5) Gelehrte Korrespondenzen und Gelehrtenkritik
vorhanden. In den Gedancken über die Nachahmung Der eigentliche Ausgangspunkt des Archäologen, in-
bemerkt W., üblicherweise werde mit Briefen verfah- sofern er als Briefschreiber auftritt, liegt in der Gelehr-
ren »wie auf dem Theater, wo ein Liebhaber, der mit tenepistolographie. Unter Gelehrten war der Briefver-
sich selbst spricht, zu gleicher Zeit das ganze Parterre kehr ein unverzichtbares Instrument der Kooperati-
als seine vertrautesten Freunde ansiehet« (GK2, KS on, Auseinandersetzung, Verständigung und Infor-
89; vgl. Fancelli 2010, 82). Dies darf man so gut wie mationsvermittlung. Zumal für W., der Gründe hatte,
wörtlich verstehen: Was der Verf. Briefen anvertraute, die Verbindungen zwischen Italien und Deutschland
konnte geradezu den Charakter einer Bekannt- nicht abreißen zu lassen, war der Briefverkehr gerade-
machung annehmen (z. B. Br. III, 137). Wenn Philipp zu überlebenswichtig. Gelehrte Korrespondenzen
Daniel Lippert 1767, noch zu W.s Lebzeiten, in seiner überzogen Europa, bildeten gewissermaßen informel-
»Dactyliothec« bemerkt, »schon durch seine Briefe« le Akademien, waren aber auch akademischen Insti-
sei der Archäologe bestrebt, »seinen Landesleuten tutionen assoziiert und gaben die Basis für wissen-
recht nützlich zu werden« (Lippert 1767, I, XIV mit schaftliche Zeitschriften ab (Stuber u. a. 2005, 45). Zu-
Anm. c), so ist dies ein Reflex auf die Beachtung, die sammen mit anderen Medien waren sie Teil der ge-
Briefe über den jeweiligen Adressaten hinaus fanden. lehrten Öffentlichkeit. Gelehrte Epistolarien wurden
Schon deshalb wäre es unzulässig, Briefe primär als als wissenschaftsgeschichtliche Dokumente betrach-
Ausdruck der »Persönlichkeit« zu lesen und »die tet und konnten, vor der Entstehung eines differen-
Ausbildung eines freier geschriebenen, persönlich- zierten Systems wissenschaftlicher Disziplinen und
keitsbestimmten Briefes« (Nickisch 1991, 44) zur geregelter Studiengänge, dazu beitragen, einen Über-
briefgeschichtlichen Messlatte auch für W.s Korres- blick über Wissensbereiche zu gewinnen oder Ausbil-
pondenzen zu erheben. dungswege zu strukturieren (Ammermann 1983). Als
Briefe boten jedenfalls eine Möglichkeit, an der Verf. der »antiquarischen Relazionen« – Sendschrei-
Verbreitung von Gerüchten teilzunehmen und sie zu ben, in denen sich der sächsische Kurprinz in italie-
beeinflussen bzw. zu korrigieren (vgl. Br. III, 340). nischer Sprache vor allem über archäologische Funde
Autoren wie W. war klar, dass sich Briefe schon kraft am Vesuv unterrichten ließ (Br. II, 356–361 und weite-
ihrer Materialität vom flüchtigeren mündlichen Ge- re) – partizipiert W. an dem Übergangsbereich zwi-
spräch unterschieden (Baasner 2008). Aus der Sicht schen Briefwechsel und publikationsfähigem Aufsatz.
des Archäologen besteht ein dichter Zusammenhang Von seinen Korrespondenzpartnern verlangt er gele-
zwischen Briefen und dem eigenen Ruf. Der Zusam- gentlich, Nachrichten zurückzuhalten, »weil man alles
menhang von »Briefkultur und Ruhmbildung« dort Brühwarm in die Zeitungen setzet« (Br. II, 108).
(Schöttker 2008) war W. geläufig. Der Verf. setzt Brie- Im brieflichen Umgang mit Bekannten und Freun-
fe als Mittel ein, um seine Fama zu befördern. Neu- den bilden Nachrichten über archäologische Funde
igkeiten, die ihn betrafen – etwa die erwartete Beru- und Berichte über den Fortgang der eigenen Arbeiten
fung zum Antiquar nach Berlin und ihr Scheitern den Fond von W.s Briefverkehr. Der Briefschreiber
oder die Bestellung zum Aufseher der Altertümer in versorgt die Korrespondenten darüber hinaus mit
Rom – verteilt W., gegebenenfalls mit adressatenspe- Einblicken in die gelehrte Welt, vor allem in diejenige
zifischen Varianten, über mehrere Briefkanäle. Um- von Rom. Mit einem gewissen Recht könnte man von
gekehrt soll Berendis aus Seehausen berichten, »was einer epistolographischen Topik sprechen, an der sich
man von mir spricht« (Br. I, 269). Der Verfasser rea- W. orientiert. Ohne »Ladung von alten Steinen« und
giert unverzüglich, wenn er sich in ein unvorteilhaftes »Anzeigen wenigstens von alten Scherben«, so der
Licht gesetzt sieht (vgl. Br. III, 35) und seine Ehre ge- Verf. selbst, würden seine Briefe »leer zu achten seyn«
118 III Werke

(Br. III, 128) bzw. ihr Autor »mit leerer Hand [...] er- Briefen ihrerseits eine Form der Selbststilisierung ist,
scheinen« (Br. III, 70). Für die »Kürze meiner Briefe« scheint es nicht unangemessen zu sein, Teile der Kor-
entschuldigt er sich gelegentlich unter Verweis auf den respondenz als Briefgespräch zu betrachten, das an
»Mangel an Sachen« (Br. II, 91). gelehrte Traditionen anknüpft, aber nicht auf die Ge-
Der Archäologe war umgekehrt ein gefragter Brief- lehrsamkeit beschränkt bleibt, und in dem sich eine
partner, wenn es galt, Auskünfte aus römischen Biblio- neue Elite von Kennern formiert. Auch die Nachrich-
theken und Sammlungen zu erlangen. »Ich muß se- ten über Altertümer und eigene Arbeiten, mit denen
hen«, so schreibt der Theologe und Philologe Johann W. an Gelehrtenkorrespondenzen anschließt, tragen
August Ernesti an den Kunstexperten Christian Lud- wenigstens partiell dazu bei, den Briefwechsel als
wig von Hagedorn, »dass ich mit dem Herrn Winkel- Plattform freundschaftlicher Beziehungen unter Ge-
mann in Correspondenz komme, um von ihm zu pro- bildeten und Kunstkennern zu begründen, letztere
fitiren und ihm meine Zweifel &c. zu sagen« (Baden hingegen auf die Grundlage klassizistisch geschulter
1797, 160). Wenn der Göttinger Altphilologe Christian Geschmacksideen zu stellen.
Gottlob Heyne den »litterärisch[en]« (Heyne 1781)
Wert der W.-Briefe hervorhebt, zielt er vor allem auf
Freundschaftlichkeit
deren altertumskundlichen Sachgehalt. Als Teil spezi-
fisch gelehrter Traditionen dürfen die Buchhändler- Winckelmanns Freundschaftston
briefe gelten. Die umfangreiche Serie der Schreiben an Die traditionelle Brieflehre setzte voraus, dass ein
den Dresdner Verleger Georg Conrad Walther ist eine Briefschreiber je nach Anlass und Gelegenheit gehal-
werkgeschichtliche Quelle ersten Ranges. ten sei, unterschiedliche, nach Maßgabe des aptum
Gelehrter Briefverkehr erschöpfte sich jedoch nicht (der Angemessenheit) zu bewertende Attitüden ein-
im Informationstransfer, sondern war auch ein In- zunehmen, um sich beim Adressaten in ein günstiges
strument der Integration in den Gelehrtenstand und Licht zu setzen und seinen Zweck zu erreichen (Bei-
ein Modus der Selbstpräsentation. In ihre Autobiogra- spiel: Neukirch 1741, 1–124). Zu den nicht trenn-
phien nahmen Gelehrte gern ein »Register meiner scharf auseinanderzuhaltenden Attitüden, die W. in
Correspondenten, Lehrer und Freunde« auf (Reiske seinen Briefen annimmt, gehören die des Altertums-
1783, 103). Die Gelehrtenrolle ist schließlich diejenige spezialisten, der stets mit seiner archäologischen Mis-
Attitüde, die W. im Vergleich mit konkurrierenden sion befasst ist und Zugang zu archäologischen Nach-
Optionen, weit vor derjenigen urbaner Eleganz, am richten von hohem Neuigkeitswert besitzt (z. B. Br. III,
nächsten lag. 143–147 an Heyne), ebenso wie die des dienstfertigen,
Gleichwohl äußert sich W. über gelehrte Anfragen gleichzeitig im eigenen Interesse handelnden Gelehr-
nicht ohne Reserve: »Die Scriblerii unserer Nation su- ten im Umgang mit Standespersonen (vgl. z. B. Br. III,
chen Wege, mich mit Briefen zu bestürmen, auf die 262; 283 f. Münchhausen und Cobenzl). W. stand aber
der Teufel selbst kaum gedacht hätte« (Br. III, 167). nicht nur vor der Aufgabe, schon bestehende Muster
Die Kritik an epistolographischen Gewohnheiten der zu aktivieren, sondern auch vor derjenigen, sie neu zu
Gelehrten ist Teil der Gelehrtenkritik, die der Verf. gestalten. Als Beispiele seien im Folgenden Briefe in
auch sonst in seinen Briefen übt. Folgt man Herder, so den Mittelpunkt gestellt, in denen der Verfasser als
nimmt in ihr W.s »Haß gegen teutsche Metaphysik, Freund auftritt, und solche, in denen er die eigene Per-
barbarische Schultheologie, und die gewöhnlichen son demonstrativ vorweist.
sieben Magisterkünste« Gestalt an (Herder 1781, 194). Die zeitgenössische Ausbildung einer empfindsam
Mit der Kritik an der »Sündflucht von Register-Ge- getönten Freundschaftskultur fand in Briefen statt, in
lehrsamkeit« (Br. I, 316), am »unfruchtbaren Acker« denen die Autoren einander auf dem Boden natur-
(Br. I, 244) des Bücherwissens, am Universitätsort rechtlich bestimmter Geselligkeit zu begegnen schie-
Halle als Land »der Blinden« (Br. III, 117) und an der nen. Den »Menschen« ohne »Larve« zu sehen (Füssli
Figur des »Pedante« (Br. I, 455) schließt W. an Argu- 1778, 4) war ein Hauptinteresse, das sich mit der Lek-
mente an, wie sie im Aufklärungsjahrhundert immer türe freundschaftlicher Briefe verband. Erinnert sei an
wieder vorgetragen wurden (vgl. z. B. Grimm 1983, Gellerts vielgelesene Briefsteller, die gerade die Brief-
720–743). Die Gelehrtenkritik beschränkt sich ihrer- literatur zum Schauplatz am Natürlichkeitsideal ori-
seits nicht auf wissenschaftliche Verfahrensweisen, entierter Geschmacksbildung erklären (Gellert 1971).
sondern nimmt kulturkritische Züge an. Allerdings muss man im Auge behalten, dass, zumal
Obwohl die Abwehr von gelehrten Zumutungen in in einem an Schriftlichkeit gebundenen Medium, der
14 Das Briefwerk 119

Natürlichkeits- und Authentizitätsgestus reflektiert lanten Umgang damit zeugt der Protest gegen »den
und arrangiert ist. nach Alt Deutscher Art mit Sintemahl und Alldieweil
W. schließt an das empfindsame Register anderer ineinander gekettelten Schul-Chrien-Stil« (Br. II, 77 f.;
Zeitgenossen nicht unmittelbar an, sondern fügt der zur Chrie Vellusig 2000, 44–50). Auch die Idee der
epistolographischen Freundschaftlichkeit des 18. Jh. »heroischen Freundschaft«, die sich schon im vor-
eher eine eigene Note hinzu. Wenn W. zu ausführ- römischen Epistolarium findet (Br. I, 151), erst recht
licheren Freundschaftsbekundungen ansetzt, ge- und nicht ohne homoerotische Note in der Korrespon-
schieht dies in gehobenem, ja pathetischem Stil, der denz mit Reinhold von Berg (Br. II, 232–234), formu-
auch ein entsprechendes Publikum geradezu voraus- liert W. mit dem freilich kaum einlösbaren Anspruch
setzt, und mit einem Hang zum Sentenziösen. Die At- auf geradezu monumentale, weithin wahrnehmbare
titüde des »Menschen« und »Freunds« besaß einen Größe nach dem Muster von Helden der griechischen
nach außen gewendeten, an ein Publikum adressier- Mythologie. Emphatische Freundschaftsadressen in
ten, auf Exemplarität ausgerichteten Aspekt (Vellusig Briefen (Br. III, 63; 96 u. ö.) stehen freundschaftlichen
2000, 64–66). Doch zumal in W.s Briefwerk ist Dedikationen im hohen Ton nahe. Solche hat W. für
»Freundschaft« ein Konzept, das dazu taugt, Würde die Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Al-
und Größe des Briefschreibers eindrucksvoll in Szene terthums (an Muzell-Stosch; KS 247 f.) und für die
zu setzen. Argumente, mit denen W. die eigene Ach- »Abhandlung von der Fähigkeit der Empfindung des
tung vor allem im Verhältnis zu hohen Standesper- Schönen in der Kunst« (an Reinhold von Berg; KS 212)
sonen zur Geltung bringt, sind Würde, die »Freyheit«, verfasst.
die er in Rom genieße, das den suggestiv in Szene ge- Zuletzt formuliert W. in freundschaftlichen Korres-
setzten Hintergrund bildet, und der Patriotismus – pondenzen das eigene Selbstverständnis als gelehrter
der Stolz ȟber mein Vaterland, fruchtbar an Freun- Antikekenner und setzt seine Kunstprogrammatik in
den, und über den, den niemals mein Auge gesehen« freundschaftliche Geselligkeit um. Freundschafts-
(d. h. den fernen Adressaten; Br. I, 348). adressen schließen deshalb ein ähnliches Spannungs-
Im freundschaftlichen Kontext ist es zumal der verhältnis ein, wie es der Formel von der »edle[n] Ein-
Verzicht auf Titel und ständische Qualitäten, mit des- falt« und »stille[n] Größe« (Gedancken1, KS 35) ein-
sen Hilfe W. eine eigene Würde reklamiert: »ich bin geschrieben ist, das verdeckt im Programm der »Ruhe
nichts; ich rühme mich ein ehrlicher Mann und ein und Zufriedenheit« wiederkehrt: Ideale Freundschaft,
Freund zu seyn« (Br. I, 241). In derselben Weise stili- die als Inbegriff des naturrechtlich Allgemeinen nicht
siert der Verf. sogar Rom insgesamt, wo es geboten sei, auf äußeren Glanz ausgerichtet sein kann, wird unter
die »maschera di Cortigiano« (Br. II, 282) abzulegen, W.s Feder zum Exemplum gleichwohl monumentaler
»mit den Ton der Freyheit« zu sprechen (Br. III, 221) Größe.
und, nach dem Muster des Fürsten von Anhalt-Des-
sau, ohne Zeremoniell und Titel in die Gelehrtenstube Adressaten in der Schweiz
einzutreten (Br. III, 148, 155 f., 197). In seinem Briefwerk stellt W. Verbindungen zwischen
Die Briefe konstituieren so eine literarische Gesel- dem Autor und dem Adressaten her, doch die Briefe
ligkeit, in der an die Stelle konventioneller Formen die erreichten, wie wir gesehen haben, in gewissen Gren-
im erhabenen Stil formulierte Idee naturrechtlicher zen weitere Interessenten. Auch sie selbst geben dem
Gleichheit treten kann. Als Signalbegriffe dienen »Ru- Leser zu verstehen, dass der Verf. in manchen Fällen
he und Zufriedenheit« (Br. III, 160); »Kraut und Brod« an Gruppierungen – bezogen auf das Briefwerk ins-
verdienen den Vorzug vor der Küche des Kardinals gesamt: an Untergruppierungen dachte. Welche
Albani (Br. III, 275). Auf diesen Ton sind Briefe an Freundschaftscodes W. in unterschiedlichen Zusam-
Wilhelm von Muzell-Stosch gestimmt (vgl. z. B. Br. II, menhängen verwendet, sei exemplarisch mit Blick auf
16), ebenso solche an den Freiherrn Hermann von die Briefe an Schweizer Adressaten und auf freund-
Riedesel, der unter altertumskundlichen Vorzeichen schaftlich gestimmte Korrespondenzen nach Deutsch-
Süditalien und Griechenland bereiste. land betrachtet.
Gerade im Zusammenhang mit Freundschafts- Die Schweizer Korrespondenten bilden innerhalb
bekundungen bringt sich jedenfalls der Umstand zur des Briefkorpus eine relativ homogene Gruppe. Ein
Geltung, dass der Verf. über eine rhetorisch geprägte persönliches Zusammentreffen verdankte W. erst den
stilistische Schulung verfügte. Sowohl von dem rheto- Reisen von Leonhard Usteri (1759), Heinrich Füssli
rischen Grundlagenwissen als auch von dem noncha- (1763/64) und Paul Usteri sowie Christian von Me-
120 III Werke

chel (1766) nach Rom. Die Planungen für die Zumal den frühen Briefen an die Schweizer legt der
Deutschlandreise (s. u.) schlossen auch eine Route Verf. eine Programmatik zugrunde, die geeignet zu
über die Schweiz ein. Die gelegentlich geäußerte Idee, sein schien, die eigene archäologische Arbeit in eine
»in Zürich mein Leben zu beschließen« (Br. III, 53), freundschaftliche Geselligkeit mit den Korrespon-
ist aber vermutlich nicht ernst gemeint. – Man darf denzpartnern aus der Schweiz umzusetzen. Fast
damit rechnen, dass es für W. von Vorteil war, Kon- möchte es scheinen, als wäre der Briefverkehr, darin
takte in das literarische Zürich zu pflegen, um den ei- einer Akademie mit einer Anzahl an korrespondie-
genen Aktivitäten zu weiterer Bekanntheit zu verhel- renden Mitgliedern ähnlich, seinerseits in der Lage,
fen. Mit Gessner, der dem Archäologen den »Tod eine Art virtueller patriotisch-gelehrter Sozietät zu
Abels« übersandte, verhandelte W. vor allem über Pu- begründen.
blikationsfragen (z. B. Br. II, 161 f.; 208), die auch The-
ma von Briefen an andere Korrespondenten in der Freundschaftliche Korrespondenzen mit deutschen
Schweiz sind. Erinnert sei ferner an den Umstand, Adressaten
dass der Maler Heinrich Füssli, Sohn von Johann Eine vergleichbare republikanische Note trifft man in
Caspar, W.s Schriften ins Englische übersetzte (Justi keinem der freundschaftlichen Briefe an deutsche Ad-
III, 73). Ohnehin ist ein Nutzen-Aspekt gelehrten ressaten an. Vor allem in seinen letzten Lebensjahren
und literarischen Freundschaftsverbindungen des ergriff W. die Gelegenheit, sich auch ihnen gegenüber
18. Jh. nicht fremd. Der freundschaftliche Ton stand als Patriot darzustellen; die Anlässe betreffen aber
in keinem Gegensatzverhältnis zur gelehrten Attitüde nunmehr Berliner oder auch Dessauer Angelegenhei-
(Barner 1991). ten – so 1765/66 in den Briefen, die seine gescheiterte
Doch die Briefe besitzen einen weiteren Aspekt: Berufung zum Kustos des königlichen Münzkabinetts
Der Ton, auf den W. schon in den ersten Schreiben die in Berlin (Br. III, 121; 124; 127 f. u. a.) und den Besuch
freundschaftliche Verbindung nach Zürich einstimmt, des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau in Rom reflek-
ist auf die »geliebten freyen Schweizer« (Br. III, 259) tieren. W. konnte offenbar damit rechnen, einen Ton
zugeschnitten, »wo neben der Freyheit die Vernunft, zu treffen, der zeitgenössische Briefleser ansprach,
die Mutter edler Geburten, auf einem erhabenen und wenn er bemerkt, es würden »sich nicht leicht [...] alle
stolzen Throne sitzet« (Br. II, 409). Der Verf. lässt gele- Umstände vereinigen, einen Deutschen in Rom zu bil-
gentlich das Motiv der Fürsten- und Tyrannenkritik den, und dieses kann mit allen Schätzen der Welt nicht
anklingen (Br. I, 399; II, 114, 273, 283; III, 9 f., 225) und bewirket [werden]« (Br. III, 158).
suggeriert seine Affinität zu den nichtmonarchischen Die hofkritische Attitüde setzt jetzt monarchische
Verhältnissen der Schweiz; an sie nähert er auch die oder fürstliche Verhältnisse voraus. Vor allem den re-
»Freyheit« an, die er in Rom genieße. W. zeigt sich in gierenden Fürsten von Anhalt-Dessau, der auf seiner
den Briefen an die Schweizer überdies gern als auf- Italienreise in Rom Station machte und sich von W. in
rechter Mann, der auch gegenüber Standespersonen die Altertümer der Stadt einführen ließ, stilisiert der
die eigene Würde zur Geltung bringt (Br. II, 152; 278). Archäologe in ähnlichen Wendungen, wie er sie zuvor
So gelingt es ihm, an die zeitgenössische Helvetien-To- schon mit Bezug auf den Kurprinzen Christian Fried-
pik anzuschließen. Die Idee von der »freien Schweiz« rich von Sachsen gebraucht hatte (Br. I, 287; III, 3; 21),
dürfte aber auch dem Selbstverständnis der Adressa- und in wiederholten Anläufen zum Repräsentanten
ten entsprochen haben, von denen sich ein Teil in den eines Deutschland, das sich, erneut auf freundschaftli-
Mitgliederlisten der patriotisch gesinnten »Helveti- cher und naturrechtlicher Grundlage, um die Bildung
schen Gesellschaft« wiederfindet (Capitani 1983, 124, an der antiken Kunst konstituiert und dem antiquari-
140, 225). schen »Lehrer« eine Zentralposition einräumt (Br. III,
Der republikanisch-patriotische Gestus stiftet 148; 155 f.; 197 u. ö.). Wiederkehrende Hinweise auf
gleichzeitig eine Verbindung zu kunsthistorischen den Fürsten lassen ihn wie den Anker einer ausgebrei-
Überlegungen. Den Gedanken eines Zusammenhan- teten Gruppierung erscheinen, die W. epistologra-
ges zwischen der »Freyheit« der Griechen, besonders phisch organisiert. Einen Versuch, Fürstenbilder zu
in Athen, und der Kunstblüte der klassischen Zeit baut entwickeln, die als Kristallisationskern freundschaftli-
W. zwar erst in der Geschichte der Kunst des Alter- cher Verbindungen dienen könnten, unternimmt W.
thums aus. Es steht aber zu vermuten, dass die Vorstel- in den Briefen an die Schweizer nicht. Gegenüber Mu-
lung von der griechischen »Freyheit« bereits zuvor zell-Stosch leistet er sich Bemerkungen über die
ausgebildet war. Schweiz, die in Briefen an die Schweizer unterbleiben:
14 Das Briefwerk 121

»In der Schweiz würden Sie wie in der Einöde mit Ver- Schreiben an den Göttinger Professor Christian Gott-
druß leben« (Br. II, 24). lob Heyne aus dem Jahr 1766 bezeichnet sich W. selbst
Vor allem in den Ankündigungen für die Reise nach als »Patrioten unter einem fremden Himmel« (Br. III,
Deutschland ab 1766 (vgl. z. B. Br. III, 171 f.) konkreti- 152). Rom, »wo die Quelle der Künste ist« (Br. I, 245),
sieren sich die freundschaftlichen Zusammenhänge. spielt in den Briefen eine Hauptrolle.
Der Briefschreiber plant die wiederholt aufgeschobene Ihre wohl spektakulärste Gestalt nimmt die Kon-
Reise lange, bevor er sie antritt, erwähnt häufig die zu frontation von deutschen und römischen Verhältnis-
Besuchenden – unter ihnen Muzell-Stosch, Francke, sen in Briefen an eine Reihe deutscher Korrespon-
Schlabrendorf, Franz von Anhalt-Dessau und der Erb- denzpartner an, mit denen der Verf. schon vor seiner
prinz von Braunschweig (vgl. Br. III, 191; 200; 257; 265; Übersiedlung nach Rom in Kontakt gestanden hatte –
377; 379), nimmt auch deren interne Vernetzung an vor allem an Freunde und Bekannte aus Stendal, Halle
(Br. III, 377), bespricht die Reiseroute entlang den und Nöthnitz; sie sind Schauplatz eines formidablen
Wohnorten der Adressaten (Br. III, 372) und trifft Vor- »self-fashioning«. Die wichtigsten Adressaten sind der
kehrungen für persönliche Begegnungen (Br. III, 382). Theologe Gottlob Burchard Genzmer und der Jurist
Soweit W. auch Adressaten in der Schweiz seinen Be- und Weimarische Beamte Hieronymus Dietrich Be-
such ankündigt, bleiben Details der genannten Pla- rendis; daneben kommen Briefe an den Mediziner
nungen unerwähnt (vgl. Br. III, 202; 380). Konrad Friedrich Uden, den Grafen Heinrich von Bü-
Eigentlicher Ort der Verbindungen ist allerdings nau und den Bibliothekar Johann Michael Francke in
die Epistolographie selbst. Die Briefe, sei es an die Betracht. Auch der berühmte Brief über »das Leben
Schweizer, sei es an deutsche Korrespondenten, sind und die Wunder Johann Winckelmanns« (Br. II, 276)
ein Schauplatz freundschaftlicher Zusammenschlüs- an den Musikgelehrten Friedrich Wilhelm Marpurg
se, die mit Blick auf die Idee eines an der Kunst orien- zählt dazu. Obwohl die Briefe nicht zur Veröffent-
tierten Patriotismus keinen Ort der Realisierung in lichung bestimmt waren – die Epistel an Marpurg
der empirischen Wirklichkeit gefunden hätten und wurde trotzdem ohne W.s Einverständnis bereits 1763
deren Status prekär war. Im Brief bringt W. Konstella- publiziert – , können sie den Charakter von »Send-
tionen hervor, die außerhalb dieses Mediums nicht schreiben« annehmen (Rehm, in: Br. I, 17). Dem Stoff
vorhanden waren. Ähnliches mag schließlich auch für ist es angemessen, von einer Tonlage zu sprechen, zu
Schreiben gelten, die W. an den Maler Raphael Mengs der W. in bestimmten Briefen oder Teilen daraus
adressierte, ebenso für die wenigen, aber gewichtigen greift, ohne den Rahmen der Gelehrtenkorrespon-
Briefe, die aus seiner Korrespondenz mit Reinhold denz zu verlassen. Auf jeden Fall besteht Anlass, die
von Berg überliefert sind. Gestalt, die W.s Verwaltung des eigenen Ruhms in die-
Dem Anspruch nach ist die Botschaft des freund- sen Briefen annimmt, eingehender zu betrachten.
schaftlichen Brieftons mit ihrem utopischen Über- Die eigene Person in Briefen zu präsentieren, ist
schuss eine öffentliche Angelegenheit; doch gleichzei- keine Kunst, die erst seit W.s Zeit bekannt gewesen
tig ist er dazu bestimmt, auf die überschaubare Grup- wäre. Hingegen muss für W. gelten, dass er, in man-
pe der Kenner und Wissenden beschränkt zu bleiben. chen Briefen mehr als in anderen, bei der epistologra-
Ob die Einsicht in diesen Umstand zu W.s Entschei- phischen Inszenierung der eigenen Person geltende
dung beitrug, seine Deutschlandreise abzubrechen Grenzen überschreitet und die überkommene Rollen-
und nach Italien zurückzukehren, muss Gegenstand rhetorik hinter sich lässt. Die Briefe inszenieren gera-
der Spekulation bleiben. dezu ein Spiel mit konventionell gesetzten Normen.
Die Beziehungen, in denen W. zu dem oben genann-
ten Personenkreis stand, sind eher privaten Zu-
Selbstdarstellungen
schnitts; gleichwohl setzt sich der Verf. in seinen
Überblick Schreiben repräsentativ und öffentlichkeitszugewandt
Ein besonderes Maß an Anziehungskraft bezogen und in Szene, wobei er dem Effekt, den er bei den Adressa-
beziehen die W.-Briefe aus der Schreibsituation des in ten erzielen möchte, in mancher Hinsicht den Wahr-
Rom weilenden Verf. »Ohne Zweifel«, so ein früher heitsgehalt der Briefe opfert (Osterkamp 1988). W.s
Rezensent, »haben Briefe eines deutschen Gelehrten, Selbstdarstellungen beschreiben nicht unbedingt zu-
während eines vieljährigen Aufenthalts in Italien ge- treffend die Lebenssituation des Verf. in Rom; sie ent-
schriebene Briefe, einigen Anspruch auf ihre [der Le- halten stattdessen Selbstentwürfe oder Selbstdeutun-
ser] Aufmerksamkeit« ([Anon.] 1778, 96). In einem
122 III Werke

gen und geben Auskunft über Herausforderungen, wo es galt, offene Konflikte zu umgehen und Konkur-
mit denen sich der Briefschreiber konfrontiert sah. renzen unter dem Mantel von Klugheit und Höflich-
In Briefen an in Deutschland verbliebene Adressa- keit verdeckt auszutragen. Auch in Hinblick auf die
ten, in denen sich W. mit dem Gestus des in Rom zu Polemik schließt W. stattdessen an gelehrte Usancen
Ehren gelangten Antikekenners zeigt, verbergen sich an. Die Geschichte der Gelehrsamkeit kennt eine Be-
Kulturentwürfe, die kontrastiv auf die deutschen Ver- schimpfungstradition – auch wenn der persönliche
hältnisse bezogen sind. Für solche geben aus der Sicht Angriff auf Kollegen niemals allgemeine Zustimmung
des Briefschreibers die Adressaten offenbar ein beson- fand und, zumal im Zeichen der »galanten Conduite«,
ders gut geeignetes Publikum ab; denn sie scheinen zu selbst Sujet gelehrter Untersuchungen war. Autoren
repräsentieren, was er kritisiert, und bilden umge- des 18. Jh. pflegen zur Polemik eine zwiespältige Be-
kehrt die Kontrastfolie für die römische Situation, wie ziehung: Der affektische, auf eine Person oder eine
W. sie in seinen Briefen darstellt. Gleichzeitig begeg- Nation und ihre Eigenarten zielende Ton will sich
net der Autor in den Briefen an Berendis, Genzmer nicht ohne weiteres dem Dienst am Allgemeininteres-
und weitere Adressaten der eigenen Vorgeschichte. se unterordnen und gerät daher rasch in Widerspruch
Wenn W. von Rom aus den Briefempfängern in zum Universalitätsanspruch der Aufklärung (Dissel-
Deutschland ein Kontrastbild zeigt, nutzt er seine ex- kamp 1993, 330–336), mit der sie gleichzeitig eine Af-
territoriale Position nicht allein, um das Wissens- finität zu verbinden scheint.
monopol des Romkundigen zur Geltung zu bringen; W.s polemische Äußerungen richten sich gegen ge-
vielmehr schließt er an eine spannungsreiche Konstel- lehrte Konkurrenten, allerdings nicht weniger gegen
lation an, deren Erkenntnisträchtigkeit Autoren der die Formation der traditionellen Gelehrsamkeit über-
Aufklärung wiederholt erprobt hatten: In ihr wird das haupt. Den polemischen Ton setzt der Verf. als Instru-
mängelbehaftete Eigene – hier: Preußen und Sachsen ment ein, um den eigenen archäologischen Anspruch
– mit dem als normativ verstandenen Fremden kon- auf Dominanz gegen Konkurrenten zur Geltung zu
frontiert (Disselkamp 2004). bringen. Es gilt, dem »Geschrey« der Widersacher
Biefe an ehemalige Kommilitonen ohne Vorbehalt entgegenzutreten und ihnen »das Maul zu stopfen«
als freundschaftlich zu bewerten käme einer Verharm- (Br. I, 301). Bis zu einem gewissen Grad ist die pole-
losung gleich. Statt »patriotisch« das Gemeinsame und mische Vernichtung eine Strategie, zu der W. greift,
Überbrückende hervorzuheben, betonen sie die Dis- um sich in der gelehrten Welt durchzusetzen (Oster-
tanz und das Unterscheidende – etwa das Erlöschen kamp 1996). Sie gehört insofern zu den Mitteln, die
der ehemaligen Liebe zu Sachsen (Br. III, 113). dem Archäologen zu Gebote stehen, um in der durch
Briefe erreichbaren Öffentlichkeit den eigenen Ruf zu
Polemik vermehren. Schon Zeitgenossen nehmen allerdings
Es hat W. nicht nur Sympathie eingetragen, dass er im W.s heftigen Ton als bedenklich wahr und bezweifeln
Briefwerk als Polemiker in Erscheinung tritt (Butler seine Zweckmäßigkeit (vgl. z. B. Br. IV, 131 f.). Man-
1948, 74); traditionell wird dieser Umstand zu den che von den »freymüthige[n]« bzw. »zu scharfe[n]
»Schattenseiten seines Charakters« (Rehm, in: Br. I, 9) und bittere[n]« Bemerkungen (Dassdorf 1777, Vor-
gerechnet. Dass der polemische Ton zur Faszinations- bericht, unpaginiert) wurden in den frühen Briefaus-
kraft beiträgt, die von den Briefen ausgeht, dürften al- gaben von den Herausgebern getilgt (Rehm in Br. I,
lerdings selbst seine Kritiker eingestehen. Nicht zu- 464 f.). Der Verf. selbst sah sich veranlasst, ab 1766 auf
letzt in den Briefen an manche seiner deutschen Ad- allzu scharfe franzosenkritische Formulierungen zu
ressaten will der Archäologe den »Antichambre-Stil« verzichten (vgl. Br. III, 485). Die Frage, ob Polemik ein
hinter sich lassen, um mit »Freiheit und Heftigkeit« zweckdienliches Mittel der »Karriereplanung« war
(Br. I, 90 f.) zu richten und »die Charlatanerie unserer (Osterkamp 1996), nicht weniger das Zusammenspiel
Zeit zu entlarven« (Br. II, 94), oder er rühmt sich doch, zwischen affektischer Sprache, dem Wahrheits-
anderen eine »sollenne pettinatura senza sapone« ver- anspruch des Aufklärers und dem klassizistischen
abreicht (ihnen gehörig den Kopf ohne Seife ge- Ideal der »stillen Größe« bedürfen weiterer Klärung.
waschen) oder sie als »Tropf« und »Esel« abgefertigt Die Briefe an Berendis, Genzmer, Uden und andere
zu haben (Br. I, 329). Dafür gaben Briefe einen geeig- wenden sich an Adressaten, die nicht in altertums-
neteren Schauplatz ab als veröffentlichte Schriften, in kundliche Debatten ihrer Zeit verwickelt waren. Selbst
denen der polemische Ton allerdings auch nicht fehlt. wenn sich der Verf. in diesen Briefen in der Rolle eines
Traditionell war Polemik nicht am Hof beheimatet, Vorreiters zeigt, der »denenjenigen die Rom nach mir
14 Das Briefwerk 123

sehen werden die Augen ein wenig« öffnet (Br. I, 235), Rom« (Br. I, 266). Bereits mit diesem Ton verletzen die
erscheint der polemische Ton hier in einem anderen Briefe Umgangsstandards und literarische Normen,
Kontext als dem der Besetzung eines Forschungsfelds. die, etwa mit Blick auf die Lizenzen der Satire, als all-
Im Fall der auf Selbstdarstellung angelegten Briefe gemein akzeptiert galten. Kernpunkte der Kritik bil-
trifft die Polemik auch die Adressaten oder doch ihre den der Pedantismus der Gelehrten unter Einschluss
Welt – etwa den »Propst Genzmar aus dem Schwein- von »Professor- und [...] Magister-Neid« (Br. III, 168),
Lande« und Johann Gottlieb Paalzow »zu Sauhausen« ferner die Kulturdominanz der Franzosen in Deutsch-
(Br. III,113) – und greift z. B. die Nachahmung der land, die in Rom »lächerlich als eine Elende Nation«
Franzosen an. Wenn der Verf. feststellt, die Neueren sind (Br. I, 267) und das Fehlen einer Kulturmetropole
seien »Esel gegen die Alten«, Bernini hingegen »der von römischen Dimensionen.
größte Esel unter den Neuern die Franzosen aus- Als Gegenbild baut W. Rom selbst auf, das er den
genommen« (Br. I, 235), zielt er zugleich auf den Ad- Adressaten in repräsentativer, an das Auge bzw. an das
ressaten Berendis, den er »mit der französischen Seu- bildliche Vorstellungsvermögen gerichteter Eindrück-
che ein wenig angesteckt« sieht (Br. I, 267). Gelegent- lichkeit vorführt. Dabei zieht er Nutzen aus seiner Nä-
lich greifen die Briefe auf Nationalstereotypen zurück he zu verschiedenen Kardinälen, vor allem zu Ales-
(Nachricht von Realis de Vienna 2005, XXI–XXXIV), sandro Albani, in dessen Haushalt er 1759 aufgenom-
mit deren Vorgeschichte W. in Kontakt gekommen men worden war und in dessen Stadtpalast ihm
sein dürfte. Wohnräume zur Verfügung standen. Der Archäologe
Was der Verf. in den Briefen an die deutschen Ad- wertet auch den sommerlichen Landaufenthalt zum
ressaten in Szene setzt, ist nicht allein das Werk, son- eigenen Vorteil aus, die Villeggiatura, die in der war-
dern ebenso die eigene Person. In Wucht und Trag- men Jahreszeit die Adelsgesellschaft in das römische
weite erschließen sich die Briefe erst, wenn man sie als Umland führte.
Antwort auf biographische Traumatisierungen, vor al- In den Selbstdarstellungen dominiert weniger der
lem jedoch auf kulturelle Asymmetrien ernst nimmt, Gegenstands- als der Adressatenbezug: Im freizügigen
wie W. sie wahrnahm. Polemik ist geradezu Teil des Umgang mit Wirklichkeitselementen entwirft der Ar-
Rom-Bilds, das der Verf. den deutschen Adressen vor- chäologe ein Bild seiner römischen Existenz, das in-
hält: Ihm zufolge dokumentiert die ungezügelte Rede tentional der Welt der deutschen Adressaten ent-
das größere Maß an »Freyheit«, das in Rom herrsche; gegengesetzt ist. In mancher Hinsicht bildet es darü-
sie steht darüber hinaus für das selbstbewusstere Auf- ber hinaus ein Alternativkonzept zu den freundschaft-
treten ein, das W. sich im Umgang mit hohen kirchli- lichen Briefen. Während, psychologisch gesehen, die
chen Würdenträgern angeeignet habe (Br. III, 39). So Briefe in erster Linie kompensatorische Funktionen
betrachtet geben sich die Briefe als Dokumente eines übernommen haben mögen, werfen sie doch gleich-
Kulturkonflikts zu erkennen. Der polemische Ton zeitig ein kritisches Licht auf das zeitgenössische
stellt sich als Teil eines literarischen Ensembles dar, in Deutschland. Dass W.s Berichte aus Rom nicht um-
dem der Verf. epistolographisch die Auseinanderset- standslos als erfahrungsnahe Beschreibungen des
zung mit den eigenen kulturellen Ausgangspunkten Sachverhalts verstanden werden durften, war zeitge-
aufnimmt. nössischen Lesern klar. Schon 1766 äußert sich Chris-
tian Felix Weisse über W.s »Aufschneidereyen, wie viel
Rom und Deutschland Ehre er im Umgange der Cardinäle genöß« (Br. IV,
Programmatisch stehen die in polemischer Zuspit- 136). Goethe bemerkt, dass sich hinter dem legeren
zung, als Kulturmisere, dargestellten deutschen Ver- Umgang mit hohen Kirchenfürsten »doch das orien-
hältnisse, wie W. sie kennengelernt hatte, im Mittel- talische Verhältnis des Herrn zum Knechte verbirgt«
punkt der Briefe an die in Deutschland Zurückgeblie- (Goethe, Werke XII, 124). Doch schon im 18. Jh. än-
benen. Soweit die Briefe auf deutsche Verhältnisse Be- derten solche Vorbehalte nichts an der Faszination,
zug nehmen, führen sie keine konstruktive Kritik im die von den W.-Briefen ausging.
Schilde, sondern folgen eher einer Annihilierungs- Da W. in der Rolle des Selbstdarstellers Wert auf die
strategie. Die Welt der Adressaten, die »unter den anschauliche Präsentation der eigenen Person legt,
Vandalen« hausen müssen (Br. III, 169), erscheint im dominieren das Anekdotische und Szenische im Ver-
Licht des Nichtigen – eine Bewertung, die W. auch in ein mit Details wie Essen, Schwimmenlernen, Betra-
anderen Briefen bei Gelegenheit anklingen lässt. »Al- gen gegenüber dem Adel und anderen Gelehrten. Der
les«, so schreibt der Verf. schon 1757, »ist nichts gegen in Deutschland wenig angesehene Gelehrte präsen-
124 III Werke

tiert sich als Mittelpunkt der hohen römischen Gesell- Gellert, Christian Fürchtegott: Die epistolographischen
schaft; seine Erzählungen zeugen »von der Achtung Schriften. Faksimiledruck mit einem Nachw. von Ni-
der Gelehrten in diesem Lande« (Br. I, 329). Während ckisch. Reinhard M. G. Stuttgart 1971.
Goethe, Johann Wolfgang: Werke. Hamburger Ausgabe. Hg.
sich der Archäologe sonst in der »Livrea d’Antiqua- von Erich Trunz. 14 Bde. München 121981.
rio« (Br. II, 282) der Betrachtung und Erforschung sei- Goethe, Johann Wolfgang (Hg.): Winckelmann und sein
nes Gegenstands hinzugeben und allenfalls in seinen Jahrhundert. Tübingen 1805.
Schriften Gelegenheit hat, in Erscheinung zu treten, Herder, Johann Gottfried: Winkelmann, Leßing, Sulzer. In:
lässt er sich nunmehr in prächtigen Kleidern sehen Der Teutsche Merkur. Herbstmond 1781, 193–210.
Heyne, Christian Gottlob: Rez. von: Winkelmanns Briefe an
(Br. I, 329; III, 170) und ordnet die römische Palast-
einen seiner vertrautesten Freunde [...]. In: Göttingische
und Villenarchitektur um sich selbst an. Die Briefe an Anzeigen von gelehrten Sachen. 83. Stück, 9. Jul. 1781, 659.
die deutschen Adressaten sind schließlich ein Ort, an Lippert, Philipp Daniel: Dactyliothec. Das ist Sammlung
dem W. gelegentlich seine homoerotische Veranla- geschnittener Steine der Alten aus denen vornehmsten
gung offensiv vorweist und ihr, wenigstens in literari- Museis in Europa zum Nutzen der schönen Künste und
scher Form, sichtbar nachgeht (Br. I, 290; III, 170). Künstler in zwey Tausend Abdrücken. 2 Bde. [Leipzig]
1767.
Man mag auch an dieser Stelle daran denken, dass W.s Nachricht von Realis de Vienna Prüfung des Europischen
Studienort Halle, wo er einige seiner Korrespondenz- Verstandes durch di Weltweise Geschicht. Hg. von Martin
partner kennengelernt hatte, durch pietistische Tradi- Disselkamp. Heidelberg 2005.
tionen mitgeprägt war (vgl. z. B. Justi I, 69–71); zumal Neukirch, Benjamin: Anweisung zu Teutschen Briefen.
der Theologe Genzmer dürfte W.s epistolographische Nürnberg 1741.
Reiske, Johann Jakob: Von ihm selbst aufgesetzte Lebens-
Libertinage als Affront wahrgenommen haben.
beschreibung. Leipzig 1783.
So gestaltet der Verf. die Briefe zu einem Schauplatz Winckelmanns Briefe an seine Freunde in der Schweiz. Zü-
aus, auf dem er sich, die eigene sinnliche Existenz ein- rich 1778.
geschlossen, in einer gewissermaßen anschaulich Winckelmanns Briefe an seine Freunde. Hg. von Karl Wil-
sichtbaren Fasson zeigen kann, wie sie Goethes »Wil- helm Dassdorf. 2 Bde. Dresden 1777, 1780.
helm Meister« zufolge dem Adel vorbehalten ist, den J. Winckelmanns Briefe an einen seiner vertrautesten Freun-
de [Muzell-Stosch] in den Jahren 1756 bis 1768. 2 Bde.
Bürgern jedoch versagt bleibt (Goethe, Werke VII,
Berlin 1781.
289–293). Der Archäologe, dessen Forschungsgegen- Winckelmann, Johann Joachim: Lettere. A cura di Maria
stand die antike Kunst ist, wendet in den Briefen die Fancelli e Joselita Raspi Serra. 3 Bde. Rom 2016.
eigene Gelehrtenexistenz anschaubar nach außen.
Auch in den Schreiben an die in Deutschland verblie- Forschung
benen Adressaten meldet sich W. in der Absicht öf- Ammermann, Monika: Gelehrten-Briefe des 17. und frühen
fentlichen Erscheinens zu Wort; doch bleibt es ihm 18. Jahrhunderts. In: Fabian, Bernhard/Raabe, Paul (Hg.):
Gelehrte Bücher vom Humanismus bis zur Gegenwart.
versagt, diesen Anspruch anders als in Briefen, zudem
Wiesbaden 1983, 81–96.
an eine Anzahl zum größeren Teil wenig prominenter Baasner, Rainer: Stimme oder Schrift? Materialität und Me-
Adressaten, zum Ausdruck zu bringen. dialität des Briefs. In: Schöttker, Detlev (Hg.): Adressat:
Im Verein mit den Freundschaftsbriefen, deren Nachwelt. Briefkultur und Ruhmbildung. München 2008,
Metier nicht selten die ländliche Einfalt ist, bilden die 53–69.
Briefe an die deutschen Adressaten, in denen sich W. Barner, Wilfried: Gelehrte Freundschaft im 18. Jahrhundert.
Zu ihren traditionalen Voraussetzungen. In: Mauser,
römische Magnifizenz zu eigen macht, ein Ensemble,
Wolfram/Becker-Cantarino, Barbara (Hg.): Frauen-
in dem sich Wunschbilder eines Literaten der Jahr- freundschaft – Männerfreundschaft. Literarische Diskurse
hundertmitte ebenso spannungsreich wie erhellend im 18. Jahrhundert. Tübingen 1991, 23–45.
zum Ausdruck bringen. Brockmeyer, Rainer: Geschichte des deutschen Briefes von
Gottsched bis zum Sturm und Drang. Münster, Univ.,
Quellen Diss. 1961.
[Anon.] Rez. von Winckelmanns Briefe an seine Freunde Butler, Eliza Marian: Deutsche im Banne Griechenlands.
[...], Dreßden 1777. In: Neue Bibliothek der schönen Wis- Berlin 1948.
senschaften und der freyen Künste. Einundzwanzigsten Capitani, François de: Die Gesellschaft im Wandel. Mitglie-
Bandes Erstes Stück. Leipzig 1778, 95–104. der und Gäste der helvetischen Gesellschaft. Frauenfeld/
Baden, Torkel (Hg.): Briefe über die Kunst, von und an Stuttgart 1983.
Christian Ludwig von Hagedorn. Leipzig 1797. Disselkamp, Martin: Die Stadt der Gelehrten. Studien zu
Fuessli, Johann Caspar: Geschichte von Winckelmanns Brie- Johann Joachim Winckelmanns Briefen aus Rom. Tübin-
fen an seine Freunde in der Schweiz. Zürich 1778. gen 1993.
14 Das Briefwerk 125

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Schöttker, Detlev: Einführung: Briefkultur und Ruhmbil-
126 III Werke

15 »Gedancken über die Nach- von einen Bekannten dazu aufgefordert worden sei,
ahmung der Griechischen Werke die Monatsschrift eines kleinen Buchhändlers durch
einen Beitrag aus seiner Feder zu unterstützen (Br. I,
in der Mahlerey und Bildhauer- 170–172, 175–177; vgl. ebd., 199; Justi 1956, 439–499;
Kunst« und zugehörige Schriften Stoll 1960, 14–19; Heres 1991, 106–121). W., der sich
in Dresden auf eine ihm in Aussicht gestellte Reise
W.s erste publizierte Schrift Gedancken über die Nach- nach Italien vorbereitete, nahm die Gelegenheit wahr,
ahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und hatte sich doch kurz zuvor das von ihm seit Anfang
Bildhauer-Kunst von 1755 gilt als »Gründungsurkun- des Jahrs verfolgte Projekt einer »Historischen Vor-
de« einer mit der Mitte des 18. Jahrhunderts einset- lesung vor einer gewißen Gesellschaft« zerschlagen
zende »neuen gräkomanischen Bewegung« (Barner (Br. I, 167; Vortrag Geschichte, SN IX,1, 19–26). Im
1991, 123; vgl. Uhlig 1988; Pfotenhauer 2006; Forss- Verlauf der Arbeit an dem gewünschten Text sollte er
man 2010). Ihre Entstehung umfasst einen Zeitraum sich jedoch veranlasst sehen, diesen gründlich um-
von nur knapp zwei Monaten. Diese schnelle Fertig- zudisponieren: Auf Anraten seiner Protektoren bei
stellung ist ohne die umfangreichen Exzerpte zur eu- Hofe, allen voran seines Beichtvaters Leo Rauch,
ropäischen Kunsttheorie nicht denkbar, die W. wäh- schrieb W. den ursprünglichen Zeitschriftenbeitrag
rend seiner Zeit in Nöthnitz (1748–1754) und noch- um, kürzte und ergänzte ihn und ließ den Text mit
mals intensiviert seit seiner Ankunft in Dresden seit dem Ziel, ihn »jemand[em]« zu widmen, »der künftig
Oktober 1754 angelegt hatte (vgl. Br. I, 172, 180; Heres [s]ein Glück machen könnte« (Br. I, 176), schließlich
1991, 101–104; Décultot 2004, 55–61). Wichtige An- als separate Abhandlung auf eigene Kosten drucken.
regungen dürfte W. darüber hinaus aus seinem Zeugnis dieser Überarbeitungen ist ein Manuskript
Dresdner Freundeskreis erhalten haben, zu dem ne- der Gedancken, das sich seit 1851 im Besitz der Russi-
ben dem Maler Adam Friedrich Oeser der Galeriein- schen Nationalbibliothek in St. Petersburg befindet
spektor Christian Wilhelm Dietrich, der Diplomat, und zwei ältere Textfassungen dokumentiert, in denen
Kunstsammler und -schriftsteller Christian Ludwig u. a. die später so berühmte Laokoon-Beschreibung
von Hagedorn sowie der Gemmenspezialist Philipp der Druckfassung der Gedancken sowie die Ausfüh-
Daniel Lippert gehörten. Quellen für W.s Kenntnisse rungen zu den technischen Verfahren der antiken
antiker Denkmäler, Münzen und Gemmen waren Bildhauer und zur Allegorie noch fehlen. Erstmals pu-
Stichwerke wie Bernard de Montfaucons L ’Antiquité bliziert 1992 in Moskau, liegt dieses Manuskript seit
expliquée et représentée en figures (1719–1724) oder, 2016 in einer vollständig neu transkribierten und
im besonderen Fall der Dresdner Antikensammlung, kommentierten Neuedition vor, die im Rahmen von
Raymond Leplats Recueil des marbres antiques que se SN IX,1, 31–46 veröffentlicht wurde (zu Herkunft, Da-
trouvent dans la Galerie du Roy de Pologne a Dresden tierung und den beiden rekonstruierbaren Textfas-
(1733). In den Hintergrund tritt demgegenüber die sungen des Manuskripts, von denen sich die erste
Autopsie antiker Kunstwerke, von denen er in Dres- wohl mit dem ursprünglich geplanten Zeitschriften-
den nur einige Gipsabgüsse und noch weniger Origi- beitrag in Verbindung bringen lässt, siehe ebd., XV–
nale gesehen hat, da diese zum damaligen Zeitpunkt XXIII). In denselben Kontext gehört ein Entwurf
schlecht zugänglich in vier Pavillons zur Seite des Pa- W.s zur Laokoon-Beschreibung, der die entsprechen-
lais im Großen Garten untergebracht waren (Br. I, de Stelle in der Druckfassung der Gedancken vorberei-
159–160, 172; Sendschreiben, SN II,1, 78–79, Z. 2–4; tet und sich heute im Besitz der Bibliotheca Bodme-
Abhandlung, KS 224; Heres 1991, 104–105, 113). Bei- riana, Cologny/Genf befindet (SN IX,1, 47–50; dazu
spiele »Griechische[r] Wercke«, die so prominent im Schmälzle 2006).
Titel der Schrift erscheinen, hatte er zum damaligen
Zeitpunkt noch nicht zu Augen bekommen.
Erste Auflage
Gedruckt wurde das abgeschlossene Manuskript von
Entstehung und Textüberlieferung
dem Dresdner Christian Heinrich Hagenmüller, der
Es sei »in der Woche vor Ostern«, d. h. Ende März zwei Jahre zuvor bereits den ersten Band von Carl
1755, gewesen, so ließ W. seine beiden Freunde Kon- Heinrich Heineckens opulenten Recueil d’Estampes
rad Friedrich Uden und Hieronymus Dietrich Beren- d’après les plus célèbres Tableaux de la Galerie Royale de
dis kurz nach Erscheinen der Gedancken wissen, als er Dresde verlegt hatte (Stoll 1960, 17–18; Heres 1991,

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_15, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
15 Gedancken über die Nachahmung 127

107). Der Umfang beträgt vierzig Seiten in fast qua- memnon sein von tiefster Trauer gezeichnetes Gesicht
dratischem Großquartoformat, das später als sog. W.- verhüllt – seit Cicero (Orator 22,74) ein topisches Bei-
Format bekannt werden sollte. Die drei das Titelblatt, spiel für das Prinzip der Schicklichkeit und die sich
die Widmung und den Schluss zierenden Radierun- daraus ergebende Notwendigkeit, die Darstellung hef-
gen wurden von Adam Friedrich Oeser beigesteuert tigster Leidenschaften zu vermeiden. In der linken
(Br. I, 172), bei dem W. während seiner Dresdner Zeit Hand hält Timanthes eine Schriftrolle, die mit den
wohnte und auf den zahlreiche die Kunstpraxis betref- Worten »EΥPΙΠΙΔΗC [ΠΡΟΣΘΕΝ] ΟΜΜΑΤΩΝ
fende Überlegungen wie etwa die sogenannte ›Was- ΠΕΠΛΟΝ ΠΡΟΘΕΙC« (»Euripides [prosthen] omma-
serkasten-Methode‹ (Gedancken1, SN IX,1, 71–73) ton peplon protheis«; »Euripides Die Augen mit dem
oder die besondere Vorliebe für die Figuren der drei Mantel deckend«; vgl. Euripides, Iphigenia in Aulis,
Herkulanerinnen zurückgehen dürften (Dürr 1879, V.1550) auf die literarische Vorlage seiner Bildidee
51–61; Kunze 1977; Heres 1991, 115–116; Pfotenhau- verweist; zwei weitere auf dem Boden liegende Schrift-
er/Bernauer/Miller 1995, 348–349; vgl. Erläuterung, rollen erinnern an die beiden verschollenen Iphige-
SN IX,1, 153; Br. IV, 205). nie-Dramen des Sophokles und des Aischylos. Unter
Als programmatisch für die Schrift kann dabei v. a. die kompositionell eher barock denn klassizistisch an-
die Titelvignette gelten, die den griechischen Maler mutende Titelvignette, die von W. schlicht als »die
Timanthes bei der Arbeit an seinem die Opferung der Nachahmung« bezeichnet wurde (Br. I, 177), sind als
Iphigenie darstellenden Gemälde zeigt (Abb. 15.1; vgl. Motto zwei Verse aus Horaz’ De arte poetica gesetzt:
Plinius, Naturalis historia 35,73–74; vgl. Marosi 1978; »Vos exemplaria Graeca / Nocturna versate manu,
Fullenwider 1989; Montagu 1994; Pfotenhauer/Ber- versate diurna« (V. 268–269; dt.: »Die griechischen
nauer/Miller 1995, 371–374; Dilly 2000; Bungarten Muster / nehmt zur Hand bei Nacht und bei Tag«), mit
2005, II, 114–118). denen W. die zeitgenössischen Künstler auf die Nach-
Zu sehen ist der Moment, in dem der vor der Lein- ahmung der in jeder Hinsicht vorbildlichen Griechen
wand auf einem Stein sitzende Timanthes gerade an verpflichtet.
dem Tuch arbeitet, mit dem Iphigenies Vater Aga- Ganz im Sinne der damals gültigen Bescheiden-
heitstopik zeigt die der Widmung an August III. vo-
rangesetzte zweite Vignette laut W. den »Perser Sine-
tas, der seinen [sic] König, welcher vor seiner Hütte
vorbeyzog, ein Handvoll Waßer brachte, weil er sonst
nichts hatte. Niemand aber durfte wie bekannt ist, vor
den Augen der Persischen Könige mit leerer Hand er-
scheinen.« (Br. I, 172; vgl. Abb. 15.2) Über den Bild-
bereich des Wassers gelingt es W. und Oeser hier, den
Gedanken der Einfachheit und Reinheit (vgl. Gedan-
cken1, SN IX,1, 56) mit der Figur des Autors zu verbin-
den. Die ans Ende der Schrift gesetzte Vignette
schließlich zeigt Sokrates als Bildhauer bei der Arbeit
an der Figurengruppe dreier Grazien, wobei er sich
des bereits erwähnten, von W. in den Gedancken über
die Nachahmung erläuterten Wasserkastens als Hilfs-
mittel bedient (Abb. 15.3; Br. I, 172).
Bereits am Pfingstsonntag, der in jenem Jahr auf
den 18. Mai fiel, wurden die Gedancken über die Nach-
ahmung dem sächsisch-polnischen König August III.
im Namen seines »allerunterthänigst gehorsamste[n]
Knecht[es], Winckelmann« (Gedancken1, SN IX,1, 5)
überreicht. Unmittelbares Resultat dieses Schach-
zuges war eine Pension in Höhe von jährlich 200
Reichstalern, die der Hof zur Unterstützung des zu-
Abb. 15.1 Titelblatt der ›Gedancken über nächst auf zwei Jahre geplanten Italienaufenthalts W.s
die Nachahmung‹, 1755. bereitstellte, verbunden mit der Aussicht auf eine an-
128 III Werke

Abb. 15.2 Widmungsvignette ›Gedancken über Abb. 15.3 Schlussvignette ›Gedancken über
die Nachahmung‹. die Nachahmung‹.

schließende Verwendung in Dresden (Br. I, 177; ebd., dass der Text abgeschrieben wurde und somit auch in
178–179). Auch wenn die Pension offiziell durch Au- handschriftlicher Form zirkulierte (Br. I, 173).
gust III. vergeben wurde, so dürfte ihre Bewilligung
letztlich durch den weitaus stärker an der Kunst der
Form und Stil
Antike interessierten Kronprinzen Friedrich Chris-
tian veranlasst worden sein (Schlechte 1992, 44–45). Eigener Aussage nach fanden die Gedancken bei ihrem
W. zufolge wurden von der Schrift »nicht viel über Erscheinen einen »unglaublichen«, von ihrem Verfas-
50 Exemplare« bzw. »etliche 60 Stück« gedruckt, die er ser so nicht erwarteten »Beyfall«, der sich nicht zuletzt
z. T. an Gönner verschickte, aber auch in Dresden ver- in den ihm zu Ohren kommenden Plänen manifestier-
teilte (Br. I, 177, 199; Heres 1991, 108). Anders als bis- te, die Schrift ins Italienische bzw. Französische zu
lang von der Forschung angenommen, hat sich von übersetzen (Br. I, 171, 173, 176). Tatsächlich wurde ei-
dieser schmalen Auflage allerdings mehr als nur ein ne von Johann Georg Sulzer initiierte französische
einziges Exemplar erhalten. Neben dem schon lange Übersetzung der Gedancken Ende 1755 in der Nouvelle
bekannten Druck in der Sächsischen Landesbiblio- bibliothèque germanique publiziert; eine zweite franzö-
thek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden fin- sische Übersetzung folgte im Januar 1756 im Pariser
den sich mindestens acht weitere Erstdrucke in der Journal étranger (Winkelmann, Pensées sur l’ imitation
Stadtbibliothek Braunschweig, der Landesbibliothek des Grecs 1755; zu den weiteren Übersetzungen ins
Coburg, dem Kupferstichkabinett in Dresden, der Bi- Französische sowie ins Englische [1765] und Italie-
bliothèque de Genève in Genf, der Houghton Library nische [1831] siehe SN IX,1, L–LII; Ferrari 2017). Zu-
in Harvard, der Taylor Institution Library in Oxford, dem war bereits im Juli 1755 in Leipzig eine durchaus
der Zentralbibliothek Zürich (Provenienz Johann Ja- wohlwollende, im Detail jedoch nicht unkritische Re-
kob Bodmer) und der Bibliothèque Nationale de zension in der von Johann Christoph Gottsched he-
France in Paris (zwei Exemplare). Allem Anschein rausgegebenen Zeitschrift Das Neueste aus der anmu-
nach führte die geringe Auflage der Gedancken dazu, thigen Gelehrsamkeit erschienen. Obwohl ungezeich-
15 Gedancken über die Nachahmung 129

net, kann mit W. (Br. I, 219, 222–223) davon aus- 176–177). Es war diese dezidiert nicht-gelehrte, essay-
gegangen werden, dass es sich bei dem Verfasser istische Form, die in Kombination mit dem auffällig
dieser Rezension um Gottsched selbst handelt. »Es ist sentenziösen Stil zu dem europaweiten Erfolg von W.s
schwer«, so heißt es bei Gottsched resümierend, »ei- vor allem an Künstler und Kunstkenner gerichteter
nen Auszug aus einer Schrift zu geben, die so voll Witz, Erstlingsschrift beigetragen haben dürfte.
Belesenheit und Kenntniß ist; und dabey mehr nach
einer natürlichen Lebhaftigkeit, als nach einer ängst-
Haupt-»Gedancken«
lichen Lehrart schmeckt« (Gottsched 1755, 542).
Die »lebhaft[e] und angenehm[e]« »Schreibart« W. selbst hat sich an verschiedenen Stellen mit unter-
W.s, die »von eben dem edlen Geschmack als seine Be- schiedlicher Schwerpunktsetzung zu Absicht und Ge-
urtheilungen über die Werke der schönen Künste« sei, halt seiner Gedancken über die Nachahmung geäußert
wird auch von Friedrich Nicolai hervorgehoben, der (siehe Gedancken1, SN IX,1, 69 und Erläuterung, SN
die drei Nachahmungs-Schriften 1757 für die Biblio- IX,1, 118; Br. I, 173, 176, 199–200), wobei es ihm, wie
thek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste er betont, grundsätzlich darum gegangen sei, »nichts
rezensierte: Ihm sei »keine deutsche Schrift« bekannt, zu schreiben, was schon geschrieben ist: ferner etwas
»die in dieser Schreibart abgefaßt wäre« (Nicolai 1757, zu machen, da ich so lange gewartet und alles gelesen
346). Auch wenn er W.s Allegoriekonzept nicht folgen was an das Licht getreten ist in allen Sprachen über die
mag, lobt Nicolai die »ausgesuchteste Belesenheit« des beyden Künste, das einem Original ähnlich werden
Verfassers. Den »Ausdruck« der Schrift charakteri- möchte, und drittens nicht zu schreiben, als wodurch
siert er als »nachdrucksvoll und körnigt«, d. h. als die Künste erweitert werden möchten.« (Br. I, 171) In
prägnant im eigentlichen Sinne: Man werde »niemals der Reihenfolge ihrer Nennung im Text lassen sich die
ein Wort finden, welches unnöthig wäre«. Zugleich sei folgenden Haupt-»Gedancken« der Erstlingsschrift
jedoch zu beobachten, dass der Ausdruck »aus all- benennen (vgl. Justi 1956, I, 444–445; Baumecker
zugroßer Kürze zuweilen etwas dunkel« erscheine 1933, 35–37; Pfotenhauer/Bernauer/Miller 1995, 368–
(ebd.; vgl. Hatfield 1943, 22–24; zum Stilideal der 369): W. postuliert 1. den Vorrang der griechischen
scharfsinnigen Kürze bzw. des Körnig(t)en oder »Ker- Kunst (Gedancken1, SN IX,1, 56) und die sich 2. daraus
nigen« siehe Rüdiger 1958, 365–369; Küntzel 1969, ergebende Notwendigkeit der Nachahmung der Anti-
160–168; Abeler 1983, 1–26; Spada 2006). ke (ebd.). Als Vorzüge hervorgehoben werden von ihm
W.s Vorliebe für eine aphoristische Schreibweise, sodann 3. die schöne Natur der Griechen als Grund-
die durch das stilistische Muster der von ihm intensiv lage der idealischen Schönheit ihrer Kunstwerke (ebd.,
gelesenen französischen Moralisten beeinflusst sein 57–63), 4. der edle Kontur ihrer Figuren (ebd., 63–65),
dürfte und sich bereits typographisch an der Vielzahl 5. die am Beispiel der drei sogenannten Herkulanerin-
kleinster Abschnitte erkennen lässt (Décultot 2002, 37; nen vorgeführte vorbildliche Gestaltung der Gewän-
vgl. Justi 1956, I, 481–486; Favaro 2006), verbindet sich der (»Draperie«; ebd., 65–66) sowie 6. »endlich« – als
in den Gedanken über die Nachahmung mit einem das »allgemeine vorzügliche Kennzeichen der Griechi-
zweiten literarischen Paradigma, dem Essay als einer schen Meisterstücke« – die mustergültig von der Figur
durch Originalität und Lebendigkeit gekennzeichne- des Laokoon verkörperte edle Einfalt und stille Größe
ten offenen Textform (Namowicz 1978, 40–43, 78–85; in Stellung und Ausdruck (ebd., 66–69). Nach der Un-
Weissenberger 1985, 110–112). Hierunter fällt zum ei- tersuchung 7. der Technik der Griechen in Marmor zu
nen die unsystematische, z. T. sprunghaft-assoziative arbeiten (in deren Rahmen W. den Wasserkasten als
Form der Argumentation, die – wie schon in dem frü- vermeintliches Hilfsmittel präsentiert; ebd., 69–73)
heren Manuskript der Gedanken vom mündlichen Vor- wendet er sich 8. der antiken Malerei in ihrem Verhält-
trag der neueren allgemeinen Geschichte (Vortrag Ge- nis zur Malerei der Neuzeit zu (ebd., 73–75), um hie-
schichte, SN IX,1, 19–26) – einzelne Ideen oder eben ran anknüpfend 9. die Allegorie als eine Möglichkeit
»Gedancken« locker aneinanderfügt. Hierunter zählt zu propagieren, die Kunst auch auf die Darstellung von
zum anderen aber auch der bewusste Verzicht auf ei- nicht-sinnlichen Gegenständen zu erweitern, womit
nen »gelehrten Anstrich« (Erläuterung, SN IX,1, 117) den Künstlern zugleich eine Alternative zu der von W.
in Form v. a. von wissenschaftlichen Anmerkungen, als willkürlich und unbedeutend betrachteten zeitge-
die sich erst in den der zweiten Auflage der Gedancken nössischen Verzierungskunst an die Hand gegeben
angefügten Texten des Sendschreibens und der Erläute- sein sollte (ebd., 75–77). Nicht übersehen werden darf
rung, dann jedoch in Überfülle finden (vgl. Br. I, 172, schließlich W.s Absicht, mit den drei antiken Statuen
130 III Werke

der sogenannten Herkulanerinnen (ebd., 64–65) und Dieser häufig widersprüchliche Charakter von W.s
Raffaels Gemälde der Sixtinischen Madonna (ebd., 68– Erstlingsschrift ist mithin Ausdruck einer mit dem
69) die seiner Meinung nach bedeutendsten Kunst- Aufkommen der empirischen Wissenschaften verbun-
werke der Dresdner Sammlungen erstmals öffentlich denen epistemischen Umbruchssituation, erinnert
bekannt zu machen, womit er einerseits August III. strukturell zugleich aber nicht von ungefähr an die
huldigen, sich andererseits aber auch als Kenner der konträren Argumentationen der Querelle des anciens
aktuellen Kunstszene profilieren konnte (vgl. ebd., et des modernes, in deren Rahmen zahlreiche Argu-
XIX–XXI). In beiden Fällen war W.s hymnische Er- mente für und gegen den Vorrang der Antike vor der
wähnung das Fundament für die nachherige große Po- Moderne ausgetauscht worden waren.
pularität der genannten Werke. Im Falle der Sixti- Wie Élisabeth Décultot nachweisen konnte, hat W.
nischen Madonna sollte W.s Lob ein zentraler Refe- zeit seines Lebens umfangreiche Auszüge sowohl aus
renzpunkte noch für den Raffael-Kult der Romantiker den Originalschriften des griechischen und römischen
sein (dazu Belting 1998; Osterkamp 2015; zu den zahl- Altertums, als auch aus der modernen, v. a. englischen
reichen Kopien und Reproduktionen der Herkulane- und französischen Literatur des 17. und 18. Jh. gesam-
rinnen: Knoll 2008). melt, um sie als gedankliche Bausteine für seine eige-
nen Werke zu verwenden. So finden sich vermeintlich
originäre Wendungen W.s wie etwa die Formel von der
Argumentative Spannungen
»edlen Einfalt und stillen Größe« (Gedancken1, SN
Die von W. in den Gedancken propagierte Idealisie- IX,1, 66, Z. 6–7) bereits bei Autoren wie André Féli-
rung Griechenlands als Ursprung und Quelle des gu- bien, Roger de Piles, Jean-Baptiste Dubos und Jo-
ten Geschmacks war um die Mitte des 18. Jh. nicht nathan Richardson vorgeprägt, deren Werke W. aus-
neu: Vorläufer und Parallelen hierfür lassen sich in giebig exzerpiert hat (Décultot 2004, 181; Stammler
ganze Europa, vor allem aber in Frankreich und in 1961; Henn-Schmölders 1974, 190–226; Calvié 1991).
England finden (Miller 1983, 315–325). Neu ist jedoch Ähnliches gilt für die paradox anmutende These, dass
die Argumentation, mit der W. versucht, den Klassi- der »eintzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich
zismus als einen auf die Kunst der Griechen zentrier- ist, unnachahmlich zu werden«, die »Nachahmung der
ten Neoklassizismus neu zu begründen. So sind es Antiken« sei (Gedancken1, SN IX,1, 56, Z. 24–25), bei
ihm zufolge das gemäßigte Klima (Gedancken1, SN der es sich um eine weitgehend wörtliche, von W. je-
IX,1, 56) und das »schöne Geblüt« (ebd., 58), wie auch doch effektvoll zugespitzte Übersetzung aus Jean de La
die sich auf die gesamte Kultur auswirkende »Freyheit Bruyères Caractères handelt (Décultot 2004, 67–68).
der Sitten« (ebd., 59), die als Voraussetzungen für die Ein besonderes Augenmerk des Lesers und Exzerp-
körperliche Schönheit der Griechen gelten müssen – tors W. galt dabei gerade den Schriften aus dem Kon-
eine aus spezifischen natürlichen und historisch-po- text der Querelle des anciens et des modernes, die im
litischen Bedingungen hervorgegangene physische Frankreich des späten 17. Jh. ihren Ausgang genom-
Schönheit also, die ihrerseits in der griechischen men, aber schon bald auf weitere europäische Länder
Kunst zu einer universalen idealen Schönheit gestei- übergegriffen hatte. Die Kombination der von ihm in
gert erscheine (vgl. Franke 2006; Décultot 2014). seinen Exzerptheften zusammengestellten Argumen-
W.s Versuch, die absolute Vorbildlichkeit der anti- te aus dem Kontext dieser Debatte führt in den Gedan-
ken griechischen Kunst auf die besonderen Bedingun- cken über die Nachahmung zu mitunter heterogenen
gen von Natur und Geschichte zurückzuführen, geht Thesenbildungen. Dies betrifft u. a. die gleich im ers-
jedoch mit argumentativen Spannungen einher, die ten Satz vorgenommene Verknüpfung des von den
die ganze Schrift durchziehen und als solche charakte- Modernes für sich in Anspruch genommenen Fort-
ristisch für die ästhetik- und wissenschaftsgeschicht- schrittsgedankens (»Der gute Geschmack, welcher
liche Umbruchssituation um die Mitte des 18. Jh. sind sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet«) mit
(Pfotenhauer/Bernauer/Miller 1995, 374–378). Zu dem von den Anciens vertretenen Credo der absolu-
nennen ist hier vor allem der Konflikt zwischen Nor- ten Vorbildlichkeit der Antike (»hat sich angefangen
mativität und Historizität der griechischen Kunst, zuerst unter dem Griechischen Himmel zu bilden.«;
aber auch die Spannung zwischen Empirie und Ideal, Gedancken1, SN IX, 1, 56, Z. 1–2; vgl. Décultot 2004,
die sich bespielsweise in einem einerseits an der Natur 55–78). Die durch den programmatischen Titel der
orientierten, andererseits jedoch platonisch fundier- Schrift nahegelegte simple Identifikation W.s als An-
ten Schönheitsbegriff zeigt. cien gerät vor diesem Hintergrund ins Schwanken.
15 Gedancken über die Nachahmung 131

Tatsächlich erweist sich W. in den Gedancken über die dancken selbst nahm er für die zweite Auflage ledig-
Nachahmung der Griechischen Wercke als ein Ancien, lich einige kleinere Korrekturen vor (Br. I, 227; eine
der durch die Schule der Modernes gegangen ist und Zusammenstellung der Lesarten und Varianten in:
sich bestrebt zeigt, beide Positionen zu Wort kommen Pfotenhauer/Bernauer/Miller 1995, 455). Beibehalten
zu lassen. Diese dialektische Struktur der Gedancken wurde auch die das Iphigenieopfer zeigende Titelvi-
sollte sich noch deutlicher in der um drei Texte erwei- gnette Oesers, wobei allerdings das Horaz-Motto ge-
terten zweiten Auflage der Schrift zeigen, die im April strichen wurde. Die in der ersten Auflage am Schluss
1756 erschien. der Gedancken abgedruckte Sokrates-Vignette wiede-
rum wurde für die zweite Auflage auf das Titelblatt des
Sendschreibens versetzt, während das Titelblatt der Er-
Zweite Auflage: »Gedanken«, »Sendschreiben«
läuterung mit einer von Pierre Hutin ohne direkten
und »Erläuterung«
Bezug zu W.s Schrift neu entworfenen Radierung ver-
Da die geringe erste Auflage binnen kurzem vergriffen, ziert wurde, die Minerva und Hermes mit einem Ge-
die Nachfrage allem Anschein nach aber so groß war, lehrten zeigt, den sie in eine Bibliothek weisen. Auf die
dass »sich es viele bereits abgeschrieben« hatten, holte Auswahl dieser Vignette wie auch auf die von der ers-
der Verleger und Buchhändler Walther bei W.s Beicht- ten Auflage an einigen Stellen abweichende orthogra-
vater Leo Rauch die Erlaubnis zu einem »noch ansehn- phische Gestaltung des Textes dürfte W. keinen Ein-
lichern Nachdruck« ein, den W. jedoch in der »Ab- fluss gehabt haben. Von der im April 1756 erschiene-
sicht, die Schrift rar zu machen«, zu verzögern suchte nen zweiten Auflage erhielt er selbst erst im Juli einige
(Br. I, 173–174, 176; zu Walther: Stoll 1960, 41–75). In Exemplare (Br. I, 238).
einem Brief vom 3. Juni, also nur vierzehn Tage nach Mit der Abfolge von Gedanken, Sendschreiben und
Erscheinen der Erstlingsschrift, erwähnt W. seinem Erläuterung orientiert sich W. ganz offensichtlich an
Stendaler Freund Uden gegenüber erstmals das »des- einem Muster gelehrter Streitkultur, das seinen Lesern
sein« zweier unmittelbar an die Gedancken über die aus zeitgenössischen Periodika hinlänglich bekannt
Nachahmung anknüpfender Schriften: Demzufolge war: Mit dem Sendschreiben fingiert er die Schrift ei-
war es der Plan W.s, die Gedancken um zwei Schriften nes anonymen Kritikers, mit der Erläuterung antwor-
zu ergänzen, von denen die erste, das nur zum Schein tet er auf diese Kritik und nutzt die sich dadurch er-
gegen die eigene Erstlingsschrift gerichtete Sendschrei- gebende Gelegenheit zugleich dazu, seine ursprüng-
ben über die Gedanken von der Nachahmung der grie- lichen Gedanken zu präzisieren. Dabei liegt auf der
chischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst, da- Hand, dass W. mit diesem Scheingefecht Aufsehen er-
zu dienen sollte, einige »unwürdige Leute«, denen man regen wollte, um auf diese Weise den Erfolg seiner
in Dresden die »Aufsicht über die größte Gallerie der Schrift »noch vollständiger« (WA I, XIV) zu machen;
Welt und über die Antiquen anvertrauet« habe, hinter späterhin scheint er diese Idee skeptisch eingeschätzt
der Maske eines anonymen Kritikers scharf zu kritisie- zu haben (vgl. Br. I, 199–200).
ren. Parallel zu der Polemik des Sendschreibens entwarf Als publizistische Strategie waren anonyme Selbst-
er mit dem Text der Erläuterung der Gedanken über die rezensionen im 18. Jh. keine Seltenheit. Die Beispiele
Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey dafür reichen von Lessing über Wieland und Schiller
und Bildhauerkunst gleich auch die Antwort auf die bis zu Georg Forster. Aber auch die Inszenierung einer
von ihm gegen sich selbst ins Feld geführten Einwände öffentlichen Debatte, in deren Rahmen der Angegrif-
(Br. I, 171; vgl. auch ebd., 177, 200). fene auf die Kritik antwortet, ist keine Erfindung W.s
Anfänglich beabsichtigt war, den Druck des Send- – schon Lessing wie später auch Wieland soll sich die-
schreibens »von jemand anders« (Br. I, 171) besorgen ser in Schriftstellerkreisen offenbar wohlbekannten
zu lassen, doch wurden alle drei Schriften schließlich Finte bedient haben, die den Verfasser indes dem Risi-
en bloc bei Walther verlegt, wobei noch ein vierter ko aussetzte, als Betrüger oder Scharlatan entlarvt zu
Text W.s, die Nachricht von einer Mumie in dem König- werden (Dönike 2015). Die rhetorischen Techniken
lichen Cabinet der Alterthümer in Dreßden (Mumie, zur Verteidigung bzw. Behauptung einer dem eigenen
SN IX,1, 105–111) dem Sendschreiben beigegeben Standpunkt widersprechenden Position in Form einer
wurde. Niedergeschrieben wurden die drei neuen Art Rollenspiel dürfte den Autoren dabei aus den Dis-
Texte innerhalb der wenigen Wochen, die W. bis zu putationsübungen geläufig gewesen sein, die sie wäh-
seiner Abreise nach Rom Mitte September desselben rend ihrer Schul- und Universitätszeit zu absolvieren
Jahres blieben (Br. I, 180, 200). An dem Text der Ge- hatten (vgl. Beetz 1980, 80). Kurioserweise nahm Jo-
132 III Werke

hann Christoph Gottsched, dem das Spiel mit der Au- etwa für die Frage, ob es sich bei den Herkulanerinnen
torfiktion aus eigener Herausgebertätigkeit eigentlich um originale griechische oder womöglich römische
nicht hätte fremd sein dürfen, W.s Täuschungsmanö- Werke handelt (Sendschreiben Gedanken, SN IX,1, 84),
ver für bare Münze und identifizierte irrtümlicher- ob tatsächlich Griechenland oder nicht vielleicht doch
weise Christian Ludwig von Hagedorn als Verfasser Ägypten als Ursprungsland der Kunst gelten müsse
des Sendschreibens (Gottsched 1756, 860; vgl. Br. I, (ebd., 84–85) oder ob die Allegorie aus Gemälden
314). Demgegenüber hat Friedrich Nicolai den Kunst- nicht zwangsläufig »Hieroglyphen« mache (ebd., 100–
griff W.s, der den Verfasser aller drei Schriften als ein 101; vgl. auch W.s ausführliche Antwort in der Erläu-
in jeder Hinsicht souverän über seinen Gegenstand terung, ebd., 132–152). W. arbeitet sich hier an den Pa-
gebietenden Gelehrten erscheinen lässt, offenbar ohne radoxien der Querelle ab und rührt dabei zugleich an
weiteres durchschaut (Nicolai 1757, 341). grundsätzliche ästhetische Probleme, die – wie etwa
das Verhältnis von Normativität und Historizität, von
Naturnachahmung und Idealschönheit oder von Au-
Funktionen fingierter Polemik
tonomie und Heteronomie der Kunst – die Diskussion
Sofern sie nicht als ein bloßes Flickwerk oder »Spie- der folgenden Jahrzehnte bestimmen sollten. Mit der
gelfechterei« (Justi 1956, I, 497) abgetan wurde, ist die ausführlichen Beschreibung von Gérard de Lairesses
von W. bewusst inszenierte Scheindebatte von der Gemälde Antiochos und Stratonike (1676) schließlich
Forschung unterschiedlich gedeutet worden: Als ein entwirft W. nicht in den Gedanken oder der Erläute-
»in die Polemik verdrängtes Bekenntnis und somit rung, sondern im Sendschreiben seine ausführlichste
Dokument eines inneren Zwiespalts«, der ein »Ventil« Bildbeschreibung überhaupt, die mit ihrem Interesse
suche, das es dem »Rigoristen« erlaube, »wenigstens an der Psychologie der dargestellten Figuren einen
einmal gegen den Stachel des eigenen Dogmas zu lö- wichtigen Markstein in der Geschichte der modernen
cken« (Hofmann 1975, 19; ders. 1995, 71); als Aus- Ekphrasis bildet (Sendschreiben Gedanken, SN IX,1,
druck eines psychologischen Komplexes und Symp- 97, Z. 16 – 99, Z. 21; dazu Zimmermann 1977). W.s
tom intellektueller Ortlosigkeit (Lange 1998, 380– Beschreibung, die sich zugleich als eine implizite Kri-
382); als didaktische Inszenierung eines platonischen tik am Geschmack August III. lesen lässt, der das ihm
Dialogs (Beiser 2009, 159); als »intellektuelle[r] Auf- 1754 angebotene Gemälde nicht erworben hatte (sie-
takt zur Überwindung des aus der barocken Rhetorik he Br. I, 226), haben dem Bild auch ein literarisches
stammenden Gegensatzes von Klassisch und Mo- Nachleben beschert: In seinem Roman Wilhelm Meis-
dern« (Roettgen 2013, 250) oder eben als direkte Kon- ters Lehrjahre (1795/96) hat Goethe das vielfältig
sequenz der oben erwähnten gelehrten Lesemethode, überlieferte Thema des kranken Königssohns auf-
die danach verlangt, das in Exzerptheften gesammelte genommen und dabei, wie es scheint, auch die in der
Wissen insbesondere aus dem Kontext der Querelle so Bildbeschreibung W. angelegten psychologischen Mo-
intensiv und vollständig wie möglich auszuwerten tive narrativ ausgesponnen (Pfotenhauer 1995).
(Décultot 2002, 39; dies. 2004, 26 und 58–59). Tat- Das von W. im Rahmen der drei Nachahmungs-
sächlich mutet das Sendschreiben über weite Strecken Schriften inszenierte Scheingefecht dient ihm jedoch
wie ein Katalog der Argumente der Modernes an, dem nicht allein dazu, sich als den Überlegenen in einer
W. in der Erläuterung wiederum die Argumente der gelehrten Auseinandersetzung über den Vorzug der
Anciens entgegensetzt, darunter wohl zu einem nicht Antiken oder der Modernen präsentieren zu können
geringen Teil gerade solche, die er aus den auf eigene oder sich selbst zu hinterfragen und womöglich zu
Kosten gedruckten Gedancken aus Platzmangel zu- korrigieren. Die Maske eines anonymen Kritikers er-
nächst hatte streichen müssen. laubt es ihm darüber hinaus, im fiktiven Sendschrei-
W.s Strategie, die im Sendschreiben gegen sich selbst ben scharfe Kritik an seinen Dresdner Konkurrenten
angeführten Einwände in der Erläuterung souverän zu bei Hof zu üben (siehe Sendschreiben Gedanken, SN
widerlegen und damit die Überlegenheit der Antike IX,1, 83–85). Mit dem Unterinspektor der Gemälde-
über die Moderne zu beweisen, geht in den Dresdner galerie Matthias Oesterreich, dem Antiquar und Ver-
Nachahmungs-Schriften jedoch nicht restlos auf. Im- walter des kurprinzlichen Münzkabinetts Johann
mer wieder finden sich im Sendschreiben Argumente, Gottfried Richter sowie dem damaligen Vizeinspek-
die der Autor der Gedancken in der Erläuterung nicht tor der Statuensammlung Johann Cronawetter nennt
wirklich entkräften kann (Pfotenhauer/Bernauer/ W. in einem erst aus Rom geschriebenen Brief an
Miller 1995, 383–392; Décultot 2004, 58–59): Dies gilt Uden drei Personen, in deren professionelle Auf-
15 Gedancken über die Nachahmung 133

gabenbereiche er sich mit seinen Gedancken über die und Oesterreich, aber auch Oeser, Lippert, Hage-
Nachahmung vorgewagt hatte und deren »Charakter« dorn und Dietrich vor Augen, die W.s Erstlingswerk
er nun in den zwei hinzugekommenen Schriften »ge- inhaltlich und strukturell nachhaltig geprägt haben
macht« habe (Br. I, 225–226). Diesen Höflingen, die (Goethe 1985–1998, VI,2, 359).
allesamt unter der Protektion des mächtigen Ministe-
rialsekretärs Carl Heinrich Heinecken standen, konn-
Winckelmann in Rom: Unzulänglichkeiten und
te W. im Sendschreiben »beißende Wahrheiten« (Br. I,
neue Perspektiven
171) sagen, ohne dafür mit seinem eigenen Namen
einstehen zu müssen. Wie gefährlich die offene Kritik Die Publikation der zweiten und vermehrten Auflage
an Angehörigen des Hofes war, lässt ein Blick auf das der Gedanken über die Nachahmung erfolgte im April
1749 erlassene Patent wider die Pasquill-, Schmäh- 1756 und damit in W.s Abwesenheit, der sich seit Mit-
und Drohungsschriften erahnen, das Zuwiderhan- te November 1755 in Rom befand. Auf das Eintreffen
delnde mit »Gefängnis und andern schweren Strafen« der ungeduldig erwarteten Freiexemplare musste er
drohte (Dönike 2011, 164–166). Indem er August III. allerdings bis zum Juli des folgenden Jahres warten.
das »dessein« der fiktiven Auseinandersetzung bereits Zwar nutzte er die Schrift gleichsam als Visitenkarte
vorab »communiciren« ließ, hatte er sich für den Fall bei Gelehrten wie z. B. dem Baron Philipp von Stosch
seiner früher oder später zu erwartenden Entlarvung (Br. I, 227; vgl. auch ebd., 200, an Wille); ganz in die-
der königlichen »protection« gegen mögliche Vergel- sem Sinne hatte er schon im April 1756 an Hagedorn
tungsmaßnahmen seitens der von ihm anonym An- geschrieben, dass diesem sechs Exemplare seiner
gegriffenen vorbeugend versichert (Br. I, 171). Dass es Schrift »zu Befel« stünden, »zumal, da alles auf meine
ihm bei seiner Kritik an den genannten Personen in- Bekanntmachung abzielet« (Br. I, 217). Dass W. die of-
des nicht allein um die »Wahrheit in der Welt« (Br. I, fensichtlichen Schwächen seiner Nachahmungs-
226), sondern gleichzeitig auch um konkrete Karrie- Schriften jedoch schon bald erkannt hatte, zeigt ein
reoptionen vor Ort in Dresden ging, macht ein Brief Brief vom Dezember 1755, in dem er von der Einsicht
W.s an Berendis deutlich. Diesem zufolge erhoffte er berichtet, »daß man halbsehend von Alterthümern
sich für das Sendschreiben eine »gute Aufnahme« so- spricht aus Büchern, ohne selbst gesehen zu haben«,
wohl »wegen mehrerer Seltenheiten welche sie ent- und dabei »verschiedene Fehler« einräumt, die ihm
hält« – darunter nicht zuletzt die Nachricht von einer selbst unterlaufen seien (Br. I, 191). Diese Einsicht in
Mumie, in der er sich als ein philologisch versierter die Unzulänglichkeiten seiner Erstlingsschrift, die
Antiquar präsentiert – als auch »wegen der unge- sich auch in der noch im Mai 1756 gegenüber Francke
wöhnlichen Freyheit in Absicht Hrn. von Heineke geäußerten Sorge hinsichtlich deren Aufnahme äu-
[sic] und des Gallerie-Insp. Oesterreichs« (Br. I, 180). ßert (Br. I, 221), mag erklären, warum W. sich mehr
Als eigentlicher Adressat der drei Dresdner Schriften und mehr von ihr distanziert hat. Hinzu kommen die
wird in dieser Perspektive letztlich nicht August III., durch die Autopsie antiker Originalwerke eröffneten
mit dessen Regentschaft die Namen Heinecken und neuen Perspektiven, die sich auf mehrere schriftstel-
Oesterreich verbunden waren, sondern vielmehr der lerische Pläne auswirken, die W. seit Beginn des Jahres
›junge Hof‹ um den Kurprinzen Friedrich Christian 1756 erwogen hat, darunter die Beschreibung der
erkennbar, der – anders als sein vor allem an der mo- »Statuen im Belvedere« (Br. I, 212), die Abhandlung
dernen italienischen und niederländischen Malerei Von den Vergehungen der Scribenten über die Ergänt-
interessierter Vater – ein begeisterter Verehrer antiker zungen bzw. Von der Restauration der Antiquen (SN I)
Kunst war. In einer längerfristigen Perspektive durfte sowie nicht zuletzt das große Werk Von dem Ge-
W. sich hier Hoffnungen auf eine Stelle machen, und schmack der Griechischen Künstler (Br. I, 201, 212),
tatsächlich sollte er 1761 von Friedrich Christian von dem ein mehr oder weniger direkter Weg zum
zum Nachfolger Johann Gottfried Richters ernannt späteren Hauptwerk der Geschichte der Kunst des Al-
werden (Br. II, 169; vgl. Schlechte 1992, 45–48). terthums (1764) führt. Beides, die zunehmende Ein-
Wenn Goethe im Rückblick des Jahres 1805 die drei sicht in die Unzulänglichkeiten der Erstlingsschrift
Dresdner Schriften als »barock und wunderlich« be- wie auch der durch die Autopsie ermöglichte neue
zeichnen sollte, so hatte er dabei genau solche retro- wissenschaftliche Ansatz, dürften dazu geführt haben,
spektiv nur schwer rekonstruierbaren Ideen- und In- dass W. einen in Rom begonnenen Aufsatz mit dem an
teressenkonstellationen der »damals in Sachsen ver- die Dresdner Schrift anknüpfenden Titel Reifere Ge-
sammelten Kenner und Kunstrichter« wie Heinecken dancken über die Nachahmung der Alten in der Zeich-
134 III Werke

nung und Bildhauerkunst (SN IX,1, 155–158) bereits Griechischen Werke in den schönen Künsten. In: Der
im Entwurfsstadium abgebrochen hat. Nordische Aufseher 3 (1761), 150. Stück, 10. Mai 1760,
Kritische Einwände gegen die Gedanken über die 197–204.
Leplat, Raymond: Recueil des marbres antiques que se trou-
Nachahmung wie etwa derjenige bezüglich der ›Was- vent dans la Galerie du Roy de Pologne a Dresden avec
serkasten-Methode‹, der im Mai 1756 im Pariser Jour- privilege du Roy. Dresden 1733.
nal étranger erschienen und von Johann Georg Wille Lessing, Gotthold Ephraim: Werke und Briefe in zwölf Bän-
an W. weitergeleitet worden war, »um ein Gefecht zu den. Hg. von Wilfried Barner. Frankfurt a. M. 1985–2003.
veranlaßen« ([Anon.] 1756; Br. I, 236, 244), betrafen Montfaucon, Bernard de: L ’Antiquité expliquée et représen-
tée en figures. 15 Bde. Paris 1719–1724.
somit eine Schrift, die für deren eigenen Autor bereits
Nicolai, Friedrich: [Rez.] Gedanken über die Nachahmung
als überholt galt. Dasselbe gilt für die von Friedrich der griechischen Werke [...]. Zweyte und vermehrte Auf-
Gottlieb Klopstock in seiner späten Rezension der lage. Dreßden und Leipzig 1756 [...]. In: Bibliothek der
Dresdner Nachahmungs-Schrift geäußerte grund- schönen Wissenschaften und der freyen Künste 1 (1757),
sätzliche Kritik, auf die W. nie geantwortet hat (Klop- 2. Stück, 332–347.
stock 1760; vgl. Hatfield 1948, 80–82; Beaucamp 1984; Winckelmann, Johann Joachim: Mysli o podražanii grečes-
kim proizvedenijam v živopisi i skul’pture (rannjaja redak-
Hippe 2013, 123–134), wie auch nicht zuletzt für Les- cija)/Gedanken über die Nachahmung der griechischen
sings epochemachende Laokoon-Abhandlung, die ih- Werke in der Malerei und Bildhauerkunst (ältere Redak-
ren Ausgangpunkt bekanntlich ebenfalls bei den Ge- tion). Moskau 1992.
danken über die Nachahmung nimmt (siehe Lessing Winckelmann, Johann Joachim: Pensées sur l’ imitation des
1985–2003, V,2, 17–18). Statt sich auf einen Streit über Grecs dans les ouvrages de peinture et de sculpture. In:
Nouvelle bibliothèque germanique, Bd. 17/2: Octobre –
eine mehr als zehn Jahre alte Schrift einzulassen, sollte
Décembre 1755, 302–329; Bd. 18/1: Janvier – Mars 1756,
W. nachdrücklich auf die Bedeutung der Autopsie po- 72–100.
chen und sich dabei selbst als denjenigen stilisieren, Winckelmann, Johann Joachim: Refléxions sur l’ imitation
der als einziger eine umfassende empirische Kenntnis des ouvrages des Grecs, en fait de peinture et sculpture. In:
der römischen Antiken habe: »Herrn Lessings Schrift Journal étranger, Janvier 1756, 104–163.
habe ich erhalten«, so heißt es in dem berühmten Brief
an seinen früheren sächsischen Bibliothekskollegen Forschung
Francke: »sie ist schön und scharfsinnig geschrieben; Abeler, Helmut: Erhabenheit und Scharfsinn. Zum ›argutia‹-
Ideal im aufgeklärten Klassizismus. Göttingen, Univ. Diss.
aber über seine Zweifel und Entdeckungen hat er viel 1983.
Unterricht nöthig. Er komme nach Rom, um auf dem Barner, Wilfried: Das »Fremde« des »griechischen Ge-
Ort mit ihm zu sprechen.« (Br. III, 204; vgl. Décultot schmacks«. Zu Winckelmanns ›Gedanken über die Nach-
2013, 332–334). ahmung‹. In: Begegnung mit dem »Fremden«. Grenzen –
Traditionen – Vergleiche. Akten des VIII. Kongresses der
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dans un bloc et pour y exprimer toutes les parties et toutes chen 1991, 122–128.
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Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke nach Epochen anschauung und ihr Verhältnis zur vorhergehenden
seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Hg. von Karl Rich- Kunsttheoretik mit Benutzung der Pariser Manuskripte
ter und Herbert G. Göpfert. 21 Bde. (in 33). München Winckelmanns dargestellt. Berlin 1933.
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136 III Werke

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eine aus wenigen Seiten bestehende und nie von ihm
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Schmälzle, Christoph: Das Winckelmann-Autograph der veröffentlichte Schrift, die – 1752 verfasst – der dorti-
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stadt, Alfons (Hg.): Worte und Werte. Bruno Markwardt Sammlung von Anton und Katharina Kippenberg –
zum 60. Geburtstag. Berlin 1961, 359–382. heute im Goethe-Museum in Düsseldorf – aufbewahrt
Stoll, Heinrich Alexander: Winckelmann. Seine Verleger und stammt aus dem Nachlass Carl Ludwig Fernows
und seine Drucker. Berlin 1960.
(SN IX,3). Dass sich die Abschrift von W.s Text unter
Uhlig, Ludwig (Hg.): Griechenland als Ideal. Winckelmann
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ohne Erzählen. Die Gattungen der nicht-fiktionalen beit des Kunsttheoretikers an der ersten deutschen
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Zimmermann, Konrad: Die Dresdner Antiken und Win- sammenarbeit mit Heinrich Meyer und Johann Schulz
ckelmann. In: Ders. (Hg.): Die Dresdner Antiken und
unternommen hatte. In der achtbändigen Ausgabe,
Winckelmann. Berlin 1977, 45–71.
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ckelmanns. In: Kunze, Max (Hg.): Johann Joachim Win- Publikation der beiden ersten Bände) bei der Walthe-
ckelmann und Adam Friedrich Oeser. Stendal 1977, 45– rischen Buchhandlung erschien, war der Aufsatz über
67. die Dresdner Galerie jedoch nicht enthalten: offen-
Martin Dönike sichtlich war er in den Augen der Herausgeber nicht
publikationswürdig.
Nach seiner Ersterscheinung im Jahrbuch der
Sammlung Kippenberg wurde die Schrift 1925 in der
von Hermann Uhde-Bernays herausgegebenen
Sammlung von Kleinen Schriften und Briefen und
dann erneut 1968 – mit einem punktuellen Kom-
mentar des Herausgebers Walther Rehm versehen –
im Sammelband Kleine Schriften. Vorreden, Entwürfe
publiziert. In der von Rehm konzipierten und von
Helmut Sichtermann nach Rehms Tod veröffentlich-
ten Anthologie wird die Beschreibung im Kontext
von bekannten, kaum bekannten oder unbekannten
Werken präsentiert. Der neu erschienene Kommen-
tar im Rahmen der Ausgaben der Schriften und Nach-
laß liefert eine genaue Erläuterung der Beschreibung,
die Rehms Anmerkungen erweitert und zum Teil
korrigiert.

M. Disselkamp, F. Testa (Hrsg.), Winckelmann-Handbuch,


DOI 10.1007/978-3-476-05354-1_16, © Springer-Verlag GmbH Deutschland, 2017
16 Kunstbeschreibungen 137

Francesco III. von Modena nach Dresden kamen) war


»Die schönste in der Welt«
die Sammlung so angewachsen, dass die Forderung
Im Œuvre W.s repräsentiert der erste erhaltene Text nach neuen Räumen entstand: provisorisch wurde das
der Beschreibung der Gemäldegalerie in Dresden ei- Stallgebäude am Jüdenhof umgebaut und als Galerie
nen Ausnahmefall: hier steht nicht die für W.s Kunst- verwendet. Hier sah W. die von ihm beschriebenen
auffassung charakteristische Würdigung antiker Plas- Bilder an, an einem Ort, der schon seine Museums-
tik im Vordergrund, sondern die Malerei, nicht die identität veranschaulichte. Den deskriptiven Text, der
von ihm sonst gepriesene griechische Antike, son- dem ästhetischen Charakter der Gemälde eine selbst-
dern die neuzeitlichen Epochen der italienischen ständige Funktion zuwies, kann man als Pendant der
Kunst von der Renaissance bis hin zum Spätbarock. im Entstehen begriffenen Museumsinstitution inter-
Bekanntlich werden auch in anderen Werken Gemäl- pretieren: in beiden Fällen – im konkreten Raum der
de beschrieben (etwa die berühmte Beschreibung von Galerie und in ihrer verbalen Visualisierung – steht
Raffaels Sixtinische Madonna in den Gedanken über die ästhetische Autonomie der Kunst im Zentrum der
die Nachahmung), aber nur die Dresdner Beschrei- Aufmerksamkeit.
bung behandelt ausschließlich Werke der Malerei. Seit 1748 als Bibliothekar des Grafen von Bünau in
Obwohl hier keine originelle Kunsttheorie entwickelt Nöthnitz bei Dresden angestellt, besucht W. wieder-
und die gängigen Kunstkategorien mit ihrem kano- holt die Gemäldesammlung der Residenzstadt. Dem
nischen Vokabular verwendet werden, ist die Erfah- Bedürfnis nach einer sinnlichen Konfrontation mit
rung der Dresdner Galerie und der daraus resultie- den Kunstobjekten entgegenkommend, bietet ihm der
renden Schrift eine wichtige und oft unterschätzte Galeriebesuch die Gelegenheit, die Kunst bzw. das
Etappe in der Kunsterfahrung W. s. Das Galerieerleb- Kunsterlebnis gegen die Gelehrtenwelt auszuspielen.
nis bedeutete für den Bibliothekar aus Stendal eine An Uden schreibt er am 3. März 1752 in Bezug auf das
richtungweisende Sehübung und die Möglichkeit, die ihm bekannt gewordene Milieu:
visuelle Erfahrung mit dem erworbenen Wissen auf
dem Gebiet der Kunstliteratur zu assoziieren: in Elb- »Die übrigen welche hier Gelehrte heißen, kennen
florenz kann er nicht nur Meisterwerke der Malerei nichts als Titel und Indexe der Bücher, und das ist auch
bewundern; auch seine Lektüren (Namen wie Malva- hier vor einen Gelehrten genug. [...] Hingegen bin ich
sia, Richardson, de Piles werden in der Schrift aus- unter die Mahler gerathen und dieses unter Leute die
drücklich erwähnt, SN IX,23, 4) konnte W. im Ange- auch sagen können: Romam vidi. Ein einziger solcher
sicht der konkreten Präsenz der Originale auf die Maler ist mir lieber als 10 Titel Stutzer. Ich habe die Er-
Probe stellen. Dass diese Sehübung von der schriftli- laubniß erhalten die Königl. Schildereyen Gallerie so
chen Wiedergabe der Deskription nicht trennbar ist, oft wie ich will zu frequentieren.« (Br. I, 110)
wird nicht zuletzt in der Erstlingsschrift zum Aus-
druck gebracht. Sind wiederholte Galeriebesuche – in einem anderen
Bedeutsam ist schon das Thema. W. ist einer der Brief berichtet W.: »Ich bin etwa alle 14 oder 8 Tage
ersten, die den hohen Rang der Dresdner Gemälde- nach Tisch hineingelaufen oder früh und gegen Ti-
sammlung würdigen. »Die Königl. Bilder Gallerie«, sche wieder heraus« (Br. I, 125) – eine unentbehrliche
schreibt er 1749 an den Jugendfreund Konrad Fried- Voraussetzung für das erstrebte Kunstverständnis,
rich Uden, »ist nachdem die Modenesisch und Pragi- wird die Erfahrung bald pragmatisch funktionalisiert.
sche und verschiedene andere dazu gekommen, die Dem Freund Hieronymus Dietrich Berendis, als Hof-
schönste in der Welt. [...] Wer sie siehet, muß erstau- meister beim jüngsten Sohn des Grafen Bünau tätig,
nen. Es ist ein eigenes großes Palais dazu eingeräu- erklärt W. seinen pädagogischen Plan: da er freien Zu-
met« (Br. I, 91). Die lange Tradition der kurfürstlich- gang zur Galerie hat, werde er die Gelegenheit ausnut-
sächsischen Kunstkammer erneuernd, wurde das Pro- zen, den Freund und den jungen Grafen in der Galerie
jekt der Gemäldesammlung unter August dem Star- zu führen:
ken und dann unter seinem Sohn August III. als
Zeichen der politischen Macht und des raffinierten »Ich freue mich, daß ich vielleicht das Glück haben
Kunstsinnes der in Dresden regierenden Kurfürsten könnte Dich und den Herrn Grafen herum zu führen:
(August III. wird 1746 zum König von Polen ernannt) ich selbst, und kein Fremder. Suche ihm eine Kenntnis
realisiert. Durch weitere Erwerbungen (darunter hun- von Künstlern beyzubringen. Ich will Dir dazu schicken,
dert Bilder, die 1746 aus der Sammlung des Herzogs was Du nöthig hast, damit er und Du davon profitieren
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könnest. Ich bin mit den größten Mahlern so wohl Ita-


nachdem zusammen mit der stilistischen Entwick-
lienern als Deutschen bekannt: man versichert, daß
lung der einzelnen Künstler, mit der Zuordnung zu
diese Gallerie ihres Gleichen nicht habe, und dieses
den verschiedenen Schaffensperioden und mit der
aus beygebrachten Gründen.« (Br. I, 118)
künstlerischen Genealogie der Maler in Betracht ge-
zogen. Dass die materielle und die expressive Seite der
Es ist unklar, ob W. schon jetzt eine Art Begleitschrift Kunst in Wechselwirkung stehen, wird konkret an-
für den gemeinsamen Besuch vorhatte. Jedenfalls hand der verschiedenen Malweisen und Maltech-
teilt er binnen kurzem mit, dass er einen als Notizen- niken gezeigt: das Verhältnis zwischen Licht und
sammlung verstandenen Aufsatz verfasst habe: »Hier Dunkel, das eine Schule oder einen Maler charakteri-
überschicke ich etwas von meinen Gedancken über siert, die Behandlung des Schattens beziehungsweise
die Königliche Gallerie. Ich habe es an deinen lieben die Helldunkelmalerei werden nicht als Komponenten
Herren Grafen gerichtet und auf ihn eingerichtet« einer abstrakten Kunsttheorie behandelt, sondern als
(Br. I, 122). Trotzdem wird das Projekt, wie gesagt, greifbare stilistische, d. h. individualisierende Merk-
nicht ausgeführt: genau ein Monat später – in einem male ausgelegt. Dies kann zur Anerkennung der In-
Brief vom 11. Februar 1753 – informiert W. Berendis tensivierung des Ausdrucks der Gefühlswelt führen,
beiläufig darüber, dass er aus Zeitmangel auf die was als expressive bzw. stilistische Chiffre verstanden
Niederschrift der Beschreibung verzichten werde: wird, wie es bei einem Gemälde des Kindermordes zu
»Übergieb den Aufsatz von der Gallerie, wenn es Dir Bethlemen von Francesco Trevisani der Fall ist: »Es
gefällt: ich habe nicht die Zeit, den zweyten Ab- lässt sich außer der Kunst sehr viel bey diesem Werk
schnitt hinzuzuthun«. (Br. I, 129) Weiter wird über denken. Wuth und Mitleiden, Liebe und Verzweiflung
die Gemäldebeschreibung nichts mitgeteilt. So bleibt streiten sich in den Gesichtern der Mörder und der
der zweite Teil ungeschrieben und der erste unvoll- Mütter«. Auch die Figur der Heiligen Cäcilie von Carlo
ständig. Dolci wird am System der Anspielung der Sinnen-
und der Gefühlswelt bewertet:
Der Umgang mit Gemälden
»Cecilia spielet auf einem Clavecin. Ihr Auge zeiget,
Als mimetische Geste der Besuchserfahrung kenn- daß sie sich vergißet in einer Entzückung über eine
zeichnet die Beschreibung ein breites thematisches himmlische Music, welche sie höret. / Sie soll alle ihre
Spektrum, in dem äußere Merkmale und ästhetische Instrumente weggeworfen haben, da sie dieselbe ge-
Qualitäten kombiniert werden: insgesamt berichtet höret: / Ein gemeiner Künstler würde aus Besorgung,
W. in seiner Schrift über 68 Bilder, fast ausschließlich daß man weiter auf nichts als auf ein spielendes Frau-
italienischer Herkunft, die damals in der inneren Ga- enzimmer denken würde, eine Englische Music in den
lerie ausgestellt waren. Obwohl fragmentarisch und Lüften angebracht haben, wie in der Cecilia auf der
notizenartig – oder gerade deswegen –, enthält die Ge- Gallerie aus der Schule des Rafaels, aber mit Recht, ge-
mäldebeschreibung etliche Elemente in nuce, die W.s schehen. / Unser Künstler hat dieses in das Auge gele-
späteres Werk charakterisieren. Die listen- bzw. stich- get und sein Stück nur für ein denkend Auge gemacht.
punktartig formulierte Darstellung zeigt eine geistrei- / Man muß nicht alles schreiben, was man schreiben
che Vielfalt an Perspektiven. Selbst die unbearbeitete, könte; also auch nicht alles mahlen [...].«
nicht literarisch gepflegte Form der Beschreibung kor-
reliert der unmittelbaren schriftlichen Aufnahme der Auf das Thema der Darstellbarkeit der Gefühlswelt
betrachteten Objekte: die Anschauung wird mit dem hinweisend, wird bereits anhand der zitierten Beispie-
Schreiben in Beziehung gebracht, die Interaktion mit le deutlich, dass W.s Beschreibung über eine sachliche
dem Gesehenen als Bedingung der Kunstbetrachtung inhaltliche Darstellung hinausgeht. Die Anspielung
und der damit verbundenen gezielten Kunsterziehung auf das denkende Auge und darüber hinaus auf das
verstanden. Die Provenienz der Gemälde (immer wie- Schreiben weist auf das synkretistische Modell einer
der wird die enorme Bereicherung der Dresdner mentalen Sinnlichkeit, die im Schreiben ihren gülti-
Sammlung durch die Erwerbungen aus Modena er- gen Ausdruck findet. So gesehen, erfasst die Dresdner
wähnt), ihre Maße, der Erhaltungsstatus und die Hän- Gemäldebeschreibung die Kunstbetrachtung als eine
gung in der Galerie (das symmetrische dekorative Sys- beziehungsreiche Verständniserfahrung: zum Kunst-
tem der Ausstellung behindert – laut W.s Kommentar diskurs gehören sowohl die »Einrichtung der Sinne
– die angemessene Anschauung der Bilder) werden je und Gemüther« als auch die Malt