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Mittelstandslexikon 1

Wirtschaftsethik

Griechisch ETHOS meint traditionelle Sitte, landläufige Gewohnheit, Gesinnung - also


eingeübtes, nicht angezweifeltes praktiziertes Verhalten verantwortlichen Handelns innerhalb
zwischen-menschlicher Beziehungen. Gelebten Ethik-Konsens. Zu solcher jahrtausende alten
Ethik-Kultur gehörte – jedenfalls bis zur Aufklärung in Europa – unbestritten Rückbindung
auf transzendentales Fundament allen Lebens und Denkens.

Alle alten Kulturen kennen neben Irrtum unterworfener menschlicher Ethik diaethische
Tugenden, dem Menschenurteil entzogen, denen die Götter folgten. Daraus leiten sich
Naturrecht und Menschen- und Grundrechte ab – nicht politisch manipulierbar. Es gab und
gibt keine ethischen Verhaltensregeln, die nicht ökonomische Werte und Verhaltensregeln mit
einbezögen. In jedem Zeitalter – gerade in dem der Globalisierung – muss aufs Neue
entschieden werden, welche Spielregeln für das Wirtschaften, welche ökonomische
Verhaltensregeln gelten sollen, welche Formen menschlich-anständigen Umgangs mitein-
ander akzeptiertes ETHOS, akzeptierte öffentliche Tugenden/kategorischer Imperativ (Kant).
2006 nach Max Webers oder Hans Jonas, die von jedem Erdenbürger eingeforderte
Weltverantwortung. Wann und wo er auch immer auf den Planet ERDE, auf die Welt
gekommen. Jeder Mensch ist nicht nur Staatsbürger, sondern immer auch Weltbürger mit
ganz persönlicher Verantwortung für das Schicksal des Planeten Erde und seiner Naturschätze
und Unversehrtheit seiner Stoffkreisläufe und Tragekapazitäten.

Für Aristoteles, Adam Smith, Professor der Moralphilosophie in Edinburgh, oder Kenneth
Boulding 1967 (als Vorsitzender der American Economic Association) ebenso wie für Max
Weber, war die Lehre vom guten Wirtschaften immer auch moralische Wissenschaft gerecht-
anständigen Verhaltens, Einhaltung von fairen Spielregeln im Geschäftsverkehr und sozialem
Verhalten. Verantwortungsethik. Eudaimonia, „Wohlbefinden der Seele/Lebensenergie in
uns“ führt zu eigenem und sozialen Wohlbefinden, wenn „ethisch-tugendgeleitet“ nach
Aristoteles, Thomas von Aquinus und seinen zahlreichen Ökonomie-Schülern.

Beide - Ökonomie wie Ökologie - haben die gleiche griechische Wurzel OIKOS, mit der
Bedeutung Haus, Heim, Wohnstätte, überschaubarer selbstkontrollierter Ort familiärer
Gemeinschaft und privaten Haushaltens. Beide Ökologie wie Ökonomie handeln vom klugen
Umgang mit knappen Gütern, vom MINIMax–Prinzip, erreichen des größtmöglichen
wirtschaftlich-lebensdienlichen Erfolges bei geringstem, überlegt-intelligenten Gütereinssatz.

Diese jahrtausendealte enge Verbindung von Moralphilosophie und Wirtschaftsverhalten, von


Bodenständigkeit klugen, für künftige Generationen vorsorgenden persönlichen Verhaltens,
diese selbstverständlichen öffentlichen Tugenden sind 2006 verloren gegangen - jedenfalls als
Topos wissenschaftlicher Disziplinen wie Volkswirtschaft/ Betriebswirtschaftslehre/ Juris-
prudenz und Rechtsphilosophie.

Die neudeutsche Disziplin Wirtschaftsethik ist 2006 kümmerlich-intellektueller Ersatz ohne


Praxisbezug und ohne Rückbindung zu europäisch-philosophischen humanistischen
Traditionen. Ethik-Dialog in Vorbereitung auf effiziente Unternehmensführung, Analyse
Markt- und Kundenverhalten, Spielregeln auf globalen Märkten – Fehlanzeige. Motto - Umso
schlimmer für die Tatsachen. Das Wort von Friedrich-Theodor Vischer „Das Moralische
versteht sich von selbst „ gilt nicht mehr. Nur mittelsständische Familienfirmen folgen der
Devise „Es gibt nichts Ethisch-Gutes, außer man tut es“. Ethik-Diskurs und Alltags-Verhalten
sind zwei gänzlich verschiedene Welten, ohne Kommunikation. Dringend belebt werden
muss: Freiheit in der Aktivität! Freiheit zur Verantwortung!

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Nach der hölzern-amtlichen Brockhaus-Definition ist Wirtschaftsethik „die Gesamtheit jener


Vorstellungen und Werthaltungen der Wirtschaftssubjekte (Unternehmer, Manager usw.), die
deren wirtschaftliches Handeln legitimieren.“ Es geht danach also um Werte, sehr persönliche
Einstellungen von Wirtschaftsführern, weniger aber um Wirtschaftspraxis, um Strukturen,
Organisationsformen der Wirtschaft, Marktverhalten, Trends im tatsächlichen Verhalten der
Marktbeteiligen – seien dies Verbraucher/Konsumenten, Unternehmer, Gewerkschaftler,
staatliche Akteure, Politiker. Die angelsächsisch-amerikanische Gelehrtenwelt kennt zwar
business ethics, business governance – aber immer als betriebswirtschaftliche Unterdisziplin
oder Fachthema des Wirtschaftsrechts – nicht aber als eigenständiges Gegenbild „attac“ zur
kapitalistischer Wirtschafts- und Sichtweise in globalisierter Welt.

Wirtschaftsethik als selbständige Universitätsdisziplin im deutschen Sprachraum ist sehr


jungen Datums – die ersten Lehrstühle wurden Mitte der 1970er Jahre eingerichtet – mit
Forschungsthemen aus Philosophie, klassischen Feldern der Nationalökonomie und Sozial-
wissenschaften. Stark beeinflusst durch die Umwelt-Diskussion. 2006 gibt es 27 Lehrstühle
an deutschen, österreichischen und Schweizer Universitäten, umfangreiche Literatur,
Fachvereinigungen, Ethik-Preisen wie unter anderem dem Max-Weber-Preis des Institutes der
Deutschen Wirtschaft in Köln, dem Deutschen Preis für Wirtschaftsethik oder dem
Dortmunder Wirtschaftsethik-Preis. Nur im deutschen Sprachraum gibt es Bindestrich-
Ethiken wie in München den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik oder
Biologische Ethik an der Universität Tübingen oder den Lehrstuhl für Integrative
Wirtschaftsethik an der Universität St Gallen/Schweiz.

Reinhard Selten – Wirtschafts-Nobelpreisträger der Universität Bonn - wird nicht müde auf
ökologisch wie ökonomisch irrationalen „Überaufwand“ in Wirtschaft und Staat hinzuwei-
sen. Ohne Erfolg. Überaufwand des Top-Management färbt ab auf das gesamte Unternehmen-
vor allem in Großfirmen. Von fehlender Energie-Effizienz-Disziplin bis zur Computer-
schwemme und privater Nutzung von Firmen-Ressourcen. Unbekanntes Thema für
Wirtschaftsethik in Deutschland.

Die meist hochtheoretische abgehoben-intellektuelle Wirtschaftethik-Diskussion hat längst


auch die Feuilletonseiten der Tagespresse und Fernseh-Talk-Shows erreicht. Meist mit
erhobenem Zeigefinger und Zweifel ob Wettbewerb und Raubkapitalismus moralisch. PR-
Motto: „die moralische Latte muss man ziemlich tief hängen, um im Leben voranzukommen“
(so der Leitartikel „ Das Kreuz mit der Moral“ Zeitschrift DAS PARLAMENT vom 8. Januar
2007). Erinnert sei an Erich Wickerts Bestseller„Der Ehrliche ist der Dumme“.

Moralinschwere Trauerarbeit an Globalisierung und Grundregeln freier Wettbewerbs-Wirt-


schaftsweise ist dabei eine spezifisch-deutsche Form des jahrtausende alten Ethik-Diskurses,
nicht erst in allerjüngster Zeit. Thomas Mann war in seinen „Betrachtungen eines
Unpolitischen“ 1918 „tief überzeugt, dass das deutsche Volk die politische Demokratie
niemals wird lieben können, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und dass der viel
verschriene Obrigkeitsstaat die dem deutsche Volk angemessene, zukömmliche und im
Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt.“ Heinrich August Wehler hat den qualvoll „langen
Weg des deutschen Volkes nach Westen“ im vorigen Jahrhundert eindrucksvoll beschrieben.

Mental ist die große Mehrheit deutscher intellektuell-verquaster Gutmenschen noch immer
nicht im Westen angekommen, sondern verharrt in spätmaxistisch oder deutsch-fundamental-
ideologischen Schützengräben. Überhaupt nicht verstanden, geschweige angenommen, wird
die Freiheitsthese Thomas Jeffersons: „People are governed best, who are governed least“.

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Auch die christlich-deutsche Soziallehre ist bis heute Anhänger eines vom Staat subven-
tionierten moralisch-deutschem Sonderweges eines Sozialkapitalismus bürokratisch adminis-
trierter Gleichheits-Gerechtigkeit, ohne Vertrauen auf Eigenmanagement und Selbst-
verantwortung der Bürger und Wirtschaftssubjekte. Nicht hinterfragt durch harte Realitäten
2006. Umso schlimmer für die Tatsache des nicht mehr finanzierbaren deutschen Super-
Sozialstaates! Nicht Eigeninitiative schafft bürgergewollte Lebensdienlichkeit, schafft ganz
persönliche Glückschancen, sondern Umverteilung der „Füllhörner des Staates“ - sprich von
Steuergeldern.

„Ohne jeden theoretischen Unterbau schwebt Neoliberalismus-Kritik“ deutscher Wirtschafts-


ethiker „wie eine Wolke kondensierter moralischer Empörung hoch über einer unbegriffenen
weltgesellschaftlichen Wirklichkeit“. Überall Konzeptionslosigkeit, Verweigerung von
Realität vor der Haustür, eintönig sich wiederholendes Lamentieren. So zu recht die Analyse
Wolfgang Kersting „Über die Schwierigkeiten des Liberalismus geliebt zu werden“ Schriften
der Rudolf von Benningsen-Stiftung Berlin 2006, S. 12ff.

Nur überzeugende Aktionen vieler Freiheits-Experimente und -projekte wirtschaftlicher und


sozialer Innovationen ist 2006 praktizierte Wirtschaftsethik, wagen der Freiheit! Die Bürger
hören wohl Regierungserklärungen, allein es fehlt seit langem der Glaube an gewollte und
klar-verständlich praktizierte Wirtschaftsethik in Zeiten unumkehrbarer Globalisierung.

Was kostet ein Pfund Ehrlichkeit?


Plädoyer für ein intelligenteres Konfliktmanagement, für Ethikkonsens und für integrative
Problemlösungen

Bernd Markert/Peter Menke-Glückert

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