Sie sind auf Seite 1von 36

Volkswirtschaftliche Grundlagen 1

Volkswirtschaftliche Grundlagen
Wer in einem Unternehmen als Ingenieur oder Naturwissenschaftler arbeitet, wird sich
selten mit volkswirtschaftlichen Überlegungen auseinandersetzen müssen. Dennoch
beginnt dieses Buch mit diesem Thema, das für seine Zielgruppe scheinbar nur geringe
Relevanz besitzt. Der Grund dafür ist einfach: Volkswirtschaft setzt ein, sobald ein Un-
ternehmen oder eine Privatperson einen Markt betritt, auf dem es oder sie mit anderen
Partnern Handel treibt. Um wirtschaftlich handeln zu können, ist es wichtig, die Mecha-
nismen von Märkten zu verstehen. Alle betriebswirtschaftlichen Entscheidungen sind
letztlich von diesen Märkten abhängig.

Ein weiterer Grund ist, dass man bei der Untersuchung volkswirtschaftlicher Zusam-
menhänge auf „wirtschaftliche Naturgesetze“ stößt, die für die meisten Ingenieure und
Naturwissenschaftler durchaus interessant sein werden. Hier wird meist auf die Darstel-
lungen klassischer und neoklassischer Nationalökonomen zurückgegriffen, von denen
elementare Fragestellungen wie „Wie entsteht ein Preis?“ oder „Nach welchen Spielre-
geln verhalten sich die Marktteilnehmer?“ bereits im achtzehnten und neunzehnten
Jahrhundert beantwortet wurden. Die beschriebenen Modelle sind vereinfacht und sol-
len wichtige Grundprinzipien veranschaulichen.

Volkswirtschaftliche Begrifflichkeiten sind dabei kein statisches Gefüge, sondern unter-


liegen einem historischen Wandel. Dies lässt sich gut am Beispiel des Begriffes
„Wohlstand“ erkennen. Vor der Zeit von Adam Smith (1723-1790) galt der Bestand von
Geld oder Edelmetallen in einer Gesellschaft als Zeichen für deren Wohlstand. Erst
Smith definierte Wohlstand als die Versorgung einer Gesellschaft mit Konsumgütern, in
der Erkenntnis, dass Geld allein nicht zum Überleben ausreicht. Befragt man in der heu-
tigen Überflussgesellschaft Menschen danach, was sie unter Wohlstand verstehen, so
wird man feststellen, dass Konsumgüter nur einen Teil des Wohlstands ausmachen.
Werte wie eine saubere Umwelt, Frieden, Freizeit oder ein attraktiver Arbeitsplatz spie-
len eine immer größere Rolle. Ein anderes Beispiel sind die volkswirtschaftlichen Pro-
duktionsfaktoren. Neben die klassischen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapi-
tal sind heute gleichrangig die Produktionsfaktoren Information und Energie getreten,
die vormals als untergeordnete Bestandteile der klassischen Produktionsfaktoren ange-
sehen wurden.

Wirtschaftliches Grundwissen. 2. Auflage. Hergen Scheck und Birgitt Scheck


Copyright © 2007 WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
ISBN: 978-3-527-31671-7
2 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Unsere Bedürfnisse – der Motor des Wirtschaftens


Zur Aufrechterhaltung seiner Existenz menschlicher Bedürfnisse in diese Ka-
benötigt jeder Mensch Nahrung, Was- tegorien ist abhängig von den sozialen
ser, Luft oder (einfache) Kleidung. Un- und kulturellen Ansprüchen einer Ge-
ser natürlicher Selbsterhaltungstrieb sellschaft.
sorgt dafür, dass wir den Wunsch ver-
spüren, uns mit allem Lebensnotwen- Der amerikanische Sozialpsychologe
digen ausreichend zu versorgen. Die Abraham Maslow wählte eine andere
meisten unserer Wünsche beziehen sich Unterteilung, bei der die Motive der
aber auf Dinge mit vergleichsweise we- Menschen stärker berücksichtigt wer-
niger existenzieller Bedeutung, wie den. Die Einteilung nach den Katego-
wohlschmeckende Lebensmittel, schi- rien Grund- und Sicherheitsbedürfnisse
cke Kleidung oder elegante Fahrzeuge. sowie den Bedürfnissen nach Zugehö-
rigkeit, Anerkennung und Selbstver-
Solche „Gefühle des Mangels“, die mit wirklichung ist weitgehend unabhängig
dem Wunsch einhergehen, diesen Man- von gesellschaftlichen Rahmenbedin-
gel zu beseitigen, nennt man Bedürfnis- gungen.
se. Wir streben daher danach, unsere
Bedürfnisse zu befriedigen. Einige Be- Ein konkreter Wunsch kann hierbei von
dürfnisse wie Essen oder Trinken sind unterschiedlichsten Bedürfnissen ausge-
dabei biologisch begründet, andere da- löst werden. So kann man ein teures
gegen entstehen erst durch äußere An- Auto fahren, weil es einen geringen
reize. Die Ursachen für unsere Bedürf- Wertverlust über die Jahre aufweist (Si-
nisse liegen weniger im wirtschaftlichen cherheit), weil die Kollegen ebenfalls
als im psychologischen Bereich. Dies ein teures Auto fahren (Zugehörigkeit)
macht sich unter anderem die Werbung oder gerade weil diese mit billigeren
zunutze. Fahrzeugen auskommen müssen (Aner-
kennung). Zu erkennen, welches Kauf-
Nach der Dringlichkeit wird oft zwi- motiv vorliegt, macht unter anderem
schen Existenz-, Kultur- und Luxus- einen guten Verkäufer aus, der seine
bedürfnissen unterschieden. Existenz- Verkaufsargumente hierauf abstimmt.
bedürfnisse sind lebensnotwendige Be-
dürfnisse, ohne deren Befriedigung Die Menge unserer Bedürfnisse ist,
Menschen zugrunde gehen würden oder wenn vielleicht nicht unendlich, so je-
unter menschenunwürdigen Umständen denfalls sehr hoch. Dennoch können
leben müssten. Sättigungseffekte eintreten. So ist es in

Unter Kulturbedürfnissen werden nicht Das Marketing unterscheidet zwischen


nur Wünsche nach kulturellen Angebo- den meist zum Verbrauch bestimmten
Low-Interest-Produkten (z.B. Waschmit-
ten wie Theater, Bücher oder Bildung tel), mit denen sich der Kunde beim Kauf
verstanden, sondern auch Bedürfnisse kaum auseinandersetzt und High-
nach gesellschaftlicher Integration, die Interest-Produkten (z.B. Autos), die von
sich z.B. in der Kleidung, Haartracht sich aus die besondere Aufmerksamkeit
oder der Einhaltung bestimmter Um- des Kunden finden.
gangsformen ausdrücken. So ist die Werbung bei Low-Interest-
Produkten in der Regel weniger produkt-
Unter den Begriff Luxusbedürfnisse bezogen und es wird dort stärker mit
fallen diejenigen Bedürfnisse, die über Gags, Effekten oder Zusatzleistungen
den Rahmen der Existenz- und Kultur- (Add-ons) gearbeitet als bei High-
Interest-Produkten.
bedürfnisse hinausgehen. Die Einteilung
Unsere Bedürfnisse – der Motor des Wirtschaftens 3

einer Wohlstandsgesellschaft kaum Ware, er kauft auch Wohlbefinden, An-


noch möglich, durch Preissenkungen sehen und Bequemlichkeit. Dass Wer-
oder mehr Werbeaufwand mehr Grund- bung Wünsche und Bedürfnisse erzeugt,
nahrungsmittel am Markt abzusetzen. wird von Werbefachleuten oft bestrit-
ten. Viele sehen die Aufgabe der Wer-
Nach Maslow verhält sich in einer bung darin, bereits vorhandene Bedürf-
Wohlstandsgesellschaft die Notwendig- nisse zu verstärken und die Aufmerk-
keit eines Bedürfnisses entgegengesetzt samkeit des Kunden auf ein bestimmtes
zu dem Anreiz, es zu befriedigen. So Produkt zu lenken.
wird man lieber Geld für eine Reise
oder ein Hobby (Selbstverwirklichung) Inwieweit Menschen ihre Bedürfnisse
ausgeben als für Grundnahrungsmittel befriedigen können, hängt von ihrer
(Grundbedürfnisse). Dies spiegelt sich Leistungsfähigkeit, Leistungsbereit-
in der Tatsache wieder, dass die Ge- schaft und den verfügbaren Mitteln ab.
winnspannen der Unternehmen bei Den Teil unserer Bedürfnisse, den wir
Grundnahrungsmitteln relativ niedrig uns leisten können (und wollen), nennt
sind. man Bedarf. Aus dem gesamten Bedarf
aller Individuen, nicht aus den Bedürf-
Höhere Preise lassen sich möglicher- nissen allein, entsteht die Nachfrage
weise durchsetzen, wenn den Kunden nach Gütern.
zusätzliche Serviceleistungen oder eine
attraktive Einkaufsatmosphäre geboten
werden. Der Kunde kauft nicht nur eine
4 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Güter – die Objekte der Wirtschaft


Güter sind Mittel zur Befriedigung un- Mit den meisten Gütern muss wirt-
serer Bedürfnisse. Hierbei handelt es schaftlich umgegangen werden, sonst
sich meist um Sachgüter, die im Handel würde es durch übermäßigen Konsum
angeboten werden. Sachgüter, die nur zu Engpässen in der Versorgung kom-
einmal verwendet werden können wie men. Diese Güter sind knapp und müs-
Benzin oder Lebensmittel, fasst man sen daher gegen Geld oder andere Güter
unter dem Begriff Verbrauchsgüter zu- eingetauscht werden, man nennt sie
sammen. Sind sie dagegen mehrfach daher auch Wirtschaftsgüter. Knappheit
verwendbar wie z.B. Werkzeuge, gehö- ist dabei nicht gleichzusetzen mit Sel-
ren sie zu den Gebrauchsgütern. Auch tenheit. Auch wenn faule Eier selten
Tiere und Pflanzen fallen in Wirtschaft wären, so wären sie nicht knapp. Ge-
und Recht unter den Begriff Sachgüter. nießbare Eier sind nicht selten, aber
dennoch knapp. Dagegen gibt es auch
Nicht alle Güter sind materieller Natur. Güter, die (noch) im Überfluss vorhan-
Bei den immateriellen Gütern un- den sind und die daher nicht gehandelt
terscheidet man Dienstleistungen und werden, so z.B. die Luft zum Atmen,
Rechte. Dienstleistungen können sich Sonnenlicht oder Schlaf. Güter der letz-
sowohl auf Sachen, auf Personen oder ten Art nennt man freie Güter. Aber
auf Geld beziehen. So zahlt eine Un- auch Luft ist z.B. für einen Taucher
fallversicherung bei einem Personen- kein freies Gut.
schaden, eine Hausratversicherung da-
gegen bei einem Sachschaden. Eine Wirtschaftsgüter, die kollektiv genutzt
Rechtsschutzversicherung schützt dage- werden, bezeichnet man als öffentliche
gen vor einem Vermögensverlust bei Güter. Beispiele hierfür sind die innere
einem Rechtsstreit. Andere typische und äußere Sicherheit, Teile des Ge-
Beispiele für Dienstleistungen sind Re- sundheitswesens, eine saubere Umwelt,
paraturen, Gütertransporte oder Wer- Straßen und Schulen. Insbesondere in
bung. Alltägliche Beispiele für Rechte Industriestaaten ist der Bedarf nach öf-
sind das Recht, gemietete Räume zu fentlichen Gütern hoch. Der Umgang
bewohnen, das Recht, eine Idee ex- mit öffentlichen Gütern ist ein markt-
klusiv zu verwerten (Patent) oder ein wirtschaftliches Problem. Da es sich bei
Softwarepaket auf einem Rechner zu öffentlichen Gütern um Wirtschaftsgü-
installieren (Lizenz). ter handelt und sie, einmal vorhanden,
einer großen Zahl von Konsumenten
Güter, die von Privatpersonen erworben ohne entsprechende Gegenleistung zu-
werden, bezeichnet man als Konsumgü- gänglich sind, besteht leicht die Gefahr
ter im Gegensatz zu den Produkti- einer Überbeanspruchung. Die Kosten
onsgütern, die von Betrieben für ge- zur Erzeugung bzw. Erhaltung öffentli-
werbliche Zwecke verwendet werden. cher Güter werden zwar ebenfalls von
Produktionsgüter sind unter anderem der Allgemeinheit in Form von Steuern
Gebäude, Maschinen oder verarbeitete und Abgaben getragen, aber dem Indi-
Stoffe, die zur Herstellung neuer Kon- viduum fehlt in dem Augenblick, wo es
sum- oder Produktionsgüter eingesetzt sie in Anspruch nimmt, das Kostenbe-
werden. Konsumgüter dienen dagegen wusstsein.
direkt der Befriedigung von Bedürfnis-
sen. Daher werden sie häufig als Maß-
stab für den Wohlstand einer Gesell-
schaft angesehen.
Güter – die Objekte der Wirtschaft 5

Besonders deutlich wird dies am Bei-


spiel der Umweltbelastungen, deren Die Einhaltung internationaler Überein-
zukünftige Beseitigung kein Betrieb von künfte zu kontrollieren und gegebenen-
falls zu sanktionieren, ist allerdings nicht
sich aus in seiner Kalkulation berück- einfach. Zur weltweiten Reduzierung der
sichtigen würde. Erst durch gesetzliche CO2-Emissionen versucht man daher,
Auflagen wie die Erhebung von Emis- einen marktwirtschaftlichen Weg zu be-
sionsabgaben, Rücknahmeverpflichtun- schreiten.
gen für gebrauchte Produkte oder steu-
Im Kyoto-Protokoll haben sich die Indust-
erliche Anreize bei Investitionen in riestaaten zur Reduzierung ihrer CO2-
umweltgerechtere Technologien finden Emissionen verpflichtet. Deutschland
solche Güter Eingang in die Kosten- muss z.B. seine Emissionen bis 2012 um
rechnung. 8% gegenüber dem Stand von 1990
reduzieren. Hierzu wurden Emissionszer-
tifikate für Energie verbrauchende oder
Oftmals lässt sich der Raubbau bei öf- -erzeugende Anlagen für die erste Perio-
fentlichen Gütern nur durch staatliche de von 2005-2007 kostenlos zugeteilt (in
Kontrollen und Sanktionen verhindern. Deutschland insgesamt 1849 Anlagen).
So wurden in den letzten Jahren nicht Für die folgenden fünfjährigen Perioden
nur die Umweltauflagen verschärft, werden die Zertifikate erneut zugeteilt,
dann aber in geringerer Anzahl und
sondern auch das Strafrecht im Hinblick schrittweise gegen Gebühr.
auf Umweltdelikte erweitert. Der welt-
weite Abbau natürlicher Ressourcen Seit dem 01.01.2005 können innerhalb
macht zudem internationale Abkommen der EU die Emissionszertifikate gehan-
erforderlich, z.B. bei Fisch- und Wal- delt werden. Ein Unternehmen kann so-
mit seinen CO2-Ausstoß reduzieren und
fangquoten in bestimmten Meeresregio- Zertifikate verkaufen oder Zertifikate von
nen, bei Abkommen über die Emission anderen Unternehmen erwerben. Es wird
von Schadstoffen oder beim Schutz daher zuerst dort CO2 reduziert, wo es
gefährdeter Tierarten. sich wirtschaftlich am meisten rechnet.
Die Emissionen der Anlagen werden
aufgezeichnet und jährlich geprüft.
Kommt ein Unternehmen seinen Ver-
pflichtungen nicht nach, muss es pro
nicht zertifizierter Tonne CO2 40 € Strafe
zahlen.
6 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Produktionsfaktoren – Ausgangsbasis für Güter


Als Messgröße der von einer Gesell- von Produktionsgütern (Investitionen)
schaft innerhalb eines Jahres hergestell- eingesetzt werden soll.
ten Güter und erbrachten Dienstleistun-
gen wird das Bruttoinlandsprodukt Die Produktionsfaktoren Boden und
(BIP) bzw. das Bruttonationalprodukt Arbeit sind natürlichen Ursprungs und
(BNP), das vielleicht besser als Brutto- damit durch die vorgegebenen Res-
sozialprodukt bekannt ist, verwendet. sourcen an Bodenschätzen und mensch-
Der Unterschied zwischen beiden Beg- licher Arbeitskraft begrenzt. Kapital
riffen liegt in der Betrachtungsweise des entsteht erst im Laufe des Produktions-
Wortes „Gesellschaft“. Das BIP bein- prozesses und kann damit vermehrt
haltet auch die von Ausländern im In- werden. Allerdings ist auch die Kapital-
land verdienten Einkommen, während bildung durch den vorhandenen Einsatz
das BNP die von Inländern im Ausland an Boden und Arbeit begrenzt. Kapital
verdienten und ins Inland fließenden kann aber nur geschaffen werden, wenn
Einkommen einschließt. Der Unter- Produktionsgüter statt Konsumgüter
schied ist aber relativ gering. 2004 be- hergestellt werden. Das heißt, nur wenn
trug das BIP der Bundesrepublik zugunsten von Investitionen auf einen
2.178 Mrd. €, das BNP 2.169 Mrd. €. Teil des Konsums verzichtet (gespart)
Deutschland steht damit an weltweit wird, vermehrt sich das Kapital. Eine
dritter Stelle nach den USA und Japan. Kapitalvermehrung führt somit nur
dann zu größerem Wohlstand, wenn
Das Bruttonationalprodukt ist Ergebnis hieraus zukünftig eine höhere Produkti-
des volkswirtschaftlichen Produk- on von Konsumgütern entsteht.
tionsprozesses, in dem die drei Produk-
tionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital Das Bruttonationalprodukt wird oft ver-
zusammengeführt werden. Heutzutage einfacht als Maß für den gesellschaftli-
wird zunehmend die Information als chen Wohlstand verwendet. Allerdings
vierter Produktionsfaktor angesehen. bleibt in dieser Betrachtung die Menge
Unter „Boden“ versteht man dabei alle
im weitesten Sinne materiellen Grund-
stoffe für die Herstellung von Gütern, Der Teil des Bruttonationalprodukts,
so z.B. auch Energiequellen wie Wind, der den Konsumenten zugute kommt,
Wasser und Licht. Diese Grundstoffe wird als Volkseinkommen (oder "Net-
werden durch menschliche Arbeitskraft tosozialprodukt zu Faktorkosten") be-
zeichnet. Um das Volkseinkommen zu
umgeformt, umgewandelt oder trans- berechnen, werden vom Bruttonatio-
portiert. „Arbeit“ bedeutet in diesem nalprodukt die Abschreibungen für
Zusammenhang nicht nur körperliche, Investitionen (Wertminderungen der
sondern auch geistige Arbeit. Industrieanlagen) und Verbrauchs- und
Verkehrssteuern (Einnahmen des
Staates) abgezogen sowie staatliche
Der Begriff „Kapital“ wird umgangs- Subventionen (künstliche Verbilligung
sprachlich oft mit „Geld“ gleichgesetzt. der Konsumgüter) hinzugerechnet.
In der Volkswirtschaft versteht man
dagegen unter Kapital alle produzierten Zum Vergleich: Das Volkseinkommen
Produktionsmittel, d.h. Maschinen, Ge- betrug 2004 1. 616 Mrd. €. Hiervon
entfielen 1.132 Mrd. € auf abhängige
bäude und vorverarbeitete Stoffe, die Arbeit (Lohnquote) und 484 Mrd. € auf
der Herstellung von Gütern dienen. Einkommen aus unternehmerischer
Geld wird nur dann dem Kapital zuge- Selbstständigkeit oder Vermögen (Ge-
rechnet, wenn es für die Beschaffung winnquote).
Produktionsfaktoren – Ausgangsbasis für Güter 7

der bereits vorhandenen oder auch der duktionsfaktors Boden durch die Ab-
vernichteten Güter unberücksichtigt. nahme der natürlichen Bodenschätze.
Ein Autounfall führt daher zu einer Er- Ähnlich wie das Kapital ist auch der
höhung des Sozialproduktes, sobald der Produktionsfaktor Information ver-
Schaden repariert oder ein neues Fahr- mehrbar und gewinnt zunehmend an
zeug beschafft wird. Bedeutung. Bei der Herstellung von
Gütern wird eine Minimalkostenkombi-
Auch gehen in die Berechnung des So- nation der Produktionsfaktoren ange-
zialproduktes keine Leistungen privater strebt. Dies führt gegenwärtig dazu,
Haushalte wie private Verkäufe, ehren- dass sich der Anteil des Produktionsfak-
amtliche Tätigkeiten, Hausarbeit oder tors Arbeit verringert, da der Einsatz
produktive Freizeitbeschäftigungen ein. von Kapital in Form von Maschinen oft
Die Nichtberücksichtigung der privaten wirtschaftlicher ist. Die menschliche
Leistungen ist ein Grund dafür, dass in Arbeitskraft steht daher in Konkurrenz
Ländern der Dritten Welt das ohnehin zu den immer besser und billiger wer-
schon niedrige Nationalprodukt noch denden Maschinen.
geringer ausfällt. Im Produktionspro-
zess werden die Produktionsfaktoren Schon die bisherige, relativ einfache
nicht nur kombiniert, sie können sich in Darstellung macht deutlich, dass einige
gewissem Umfang auch gegenseitig wichtige Probleme unserer Gegenwart
ersetzen (substituieren). So kann eng mit der Substitution der Produkti-
menschliche Arbeitskraft durch den onsfaktoren zusammenhängen. Durch
Einsatz von Maschinen ersetzt oder die Knappheit natürlicher Reserven
Rohstoffe durch verbesserte Produkti- muss sparsamer mit Rohstoffen und
onstechniken eingespart werden. Energie umgegangen werden. Knappe
Rohstoffe sind durch weniger knappe zu
Das Verhältnis der eingesetzten Pro- ersetzen oder müssen umweltschonend
duktionsfaktoren verändert sich dabei recycelt werden. Auch die Aus-
im Laufe der Zeit. Durch die Möglich- wirkungen einer stetig abnehmenden
keit, Kapital zu bilden, nimmt dessen Arbeitsmenge müssen nicht nur finan-
Anteil im Produktionsprozess stetig zu. ziert, sondern auch im Sinne eines sozi-
Dagegen sinkt heute der Anteil des Pro- alen Friedens geregelt werden.
8 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Unternehmen – die Stätten der Güterproduktion


Güter entstehen in Wirtschaftsbetrieben Produktionsgüter herstellen. Im Hand-
(Unternehmen). Der Ursprung aller werk unterscheidet man zwischen dem
Sachgüter liegt in der Natur, aus der die Warenhandwerk (z.B. Bäcker, Flei-
Rohstoffe abgebaut werden. Unterneh- scher), bei dem Waren hergestellt und
men, die Rohstoffe aus der Natur för- verkauft werden, und dem Lohnhand-
dern, werden als Betriebe der Urpro- werk (z.B. Maler, Installateur), wo
duktion (primärer Bereich) bezeichnet. Dienstleistungen erbracht werden.
Beispiele solcher Betriebe finden sich
im Bergbau, in der Fischerei, Land- und Da Güter nicht nur am Ort ihrer Ent-
Forstwirtschaft. Rohstoffe können aller- stehung benötigt werden, findet eine
dings nur selten unverarbeitet verwen- Verteilung über den Handel (tertiärer
det werden. Die meisten Rohstoffe wer- Bereich) statt. Dies geschieht in mehre-
den daher, oft in mehreren Stufen, be- ren Stufen über den Großhandel und in
oder verarbeitet. Dies geschieht in den der Endstufe über den Einzelhandel.
Industrie- und Handwerksbetrieben Der Handel übernimmt unter anderem
(sekundärer Bereich). die Aufgaben, das Sortiment kundenge-
recht zu gestalten, die Ware zu lagern
Bei den Industriebetrieben wird oft nach und Kunden über Produkte zu beraten.
Art des erzeugten Gutes zwischen Kon- Die Lagerkapazitäten des Handels die-
sumgüterindustrie (z.B. Nahrungsmittel, nen zudem als Puffer bei kurzfristigen
Textil, Möbel) und Investitions- (z.B. saisonalen) Nachfrageschwankun-
güterindustrie (z.B. Maschinen, Stahl, gen. So kann auch bei verringerter
Flugzeuge) unterschieden. Diese vom Nachfrage der Produktionsausstoß der
statistischen Bundesamt getroffene Ein- Industriebetriebe weitgehend konstant
teilung kann nur ungefähr mit den Defi- bleiben und eine Verringerung der Aus-
nitionen der entsprechenden Güter- lastung der Produktionskapazitäten, die
begriffe übereinstimmen, da viele Un- zu höheren Produktionskosten führen
ternehmen gleichzeitig Konsum- wie würde, vermieden werden.

Wie stark sich fehlender Wettbewerb auf Neben den Dienstleistungsbetrieben des
die Innovationsfreude von Unternehmen Handwerks und des Handels finden sich
auswirkt, kann man am Beispiel des
schrittweise aufgebrochenen Postmono- am Markt weitere Dienstleistungsunter-
pols in den 90er Jahren verfolgen. Erst nehmen, die diesen Wirtschaftszweigen
mit der Liberalisierung des Marktes für nicht zugeordnet werden können. Hier-
Kommunikationsendgeräte brachte auch zu zählen beispielsweise Kreditinstitute,
die Telekom Telefone auf den Markt, die Versicherungen, Transportunternehmen
sich nicht nur durch attraktiveres Design,
sondern auch durch zusätzliche Funkti- aber auch freie Berufe wie Rechtsan-
onen von den alten unterschieden. wälte, Ärzte oder Steuerberater. Dienst-
leistungsbetriebe werden wie der Han-
Die Schattenseite einer rein gewinnori- del dem tertiären Bereich zugerechnet
entierten Betriebsführung ist, dass sie zu
einer partiellen Unterversorgung führen
kann. So führte die Privatisierung von Die meisten Betriebe in einer Markt-
Post und Bahn zwangsläufig zur Schlie- wirtschaft sind in privater Hand. Sie
ßung von Postämtern oder zur Stillle- werden in der Regel erwerbswirtschaft-
gung von Bahnstrecken in weniger ren- lich betrieben, d.h. ihr Ziel besteht in
tablen Regionen. Ohne gesetzlich ver- einem möglichst hohen Gewinn. Der
ankerte Versorgungsgarantien besteht
vor allem in ländlichen Gebieten die Gewinn ist der Anreiz für Produktion
Gefahr einer Unterversorgung. und Investitionen. Durch den Wettbe-
werb der Unternehmen untereinander
Unternehmen – die Stätten der Güterproduktion 9

wird er damit gleichzeitig zum Motor Monopolstellung eingeräumt wird und


des technischen Fortschritts. somit der Anreiz zu Rationalisierungen
weitgehend wegfällt.
Zur Versorgung der Gesellschaft mit
öffentlichen Gütern existieren ge- Eine dritte Form von Unternehmen ar-
meinwirtschaftliche Betriebe, die ent- beitet nach dem genossenschaftlichen
weder in staatlicher Hand sind oder un- Prinzip. Genossenschaften haben in
ter staatlicher Aufsicht betrieben wer- erster Linie den Nutzen ihrer Mitglieder
den. Beispiele sind Müllabfuhr oder die (Genossen) zum Ziel, wobei sie durch-
Wasser- und Stromversorgung. Sie die- aus auch Gewinne anstreben können.
nen dem Gemeinwohl und arbeiten nach Beispiele für Genossenschaften sind
dem Kostendeckungsprinzip, d.h. ihre Wohnungsbaugenossenschaften, von
Umsätze sollten die Kosten decken, denen sich die Mitglieder günstigeren
aber keinen Gewinn beinhalten. Wohnraum versprechen, oder Einkaufs-
genossenschaften, denen sich Unter-
Gemeinwirtschaftliche Betriebe arbeiten nehmen anschließen, um gemeinsam
trotz des fehlenden Gewinnanteils nicht günstiger Waren beschaffen zu können.
unbedingt kostengünstiger als erwerbs-
wirtschaftliche, da ihnen oftmals eine
10 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Geld – ein universelles Tauschmittel


Geld wird bekanntlich als Wertmaßstab Selbst das gedruckte Geld in Form von
und als Tauschobjekt für Güter verwen- Münzen und Geldscheinen (Bargeld)
det. Was für uns heute eine Selbstver- deckt heute bei Weitem nicht mehr die
ständlichkeit ist, hat sich jedoch über vorhandene Geldmenge. Etwa 70 % der
Jahrtausende zum Teil eher zögerlich Geldmenge existiert inzwischen aus-
entwickelt. Letztlich ist die Entstehung schließlich in den Datenspeichern der
des Geldes eine Folge der Arbeitstei- Kreditinstitute (Buchgeld). Insbeson-
lung, wodurch jeder Mensch, statt sei- dere bei größeren Beträgen haben sich
nen Eigenbedarf selbst zu decken, nur daher auch Geldersatzmittel heraus-
noch bestimmte Arbeiten verrichtet. Mit gebildet (Schecks und Wechsel), die
der damit einhergehenden Entstehung wie Geld angenommen und eingesetzt
der Berufe wurde erreicht, dass Güter werden können.
effizienter hergestellt werden können.
Güter, die ein Mensch benötigte, aber Dabei übernimmt Geld nicht nur die
nicht selbst herstellte, musste er eintau- Funktion eines Tauschmittels. Es ist
schen. außerdem eine praktische Rechenein-
heit, mit der konkrete und vergleichbare
Das Problem, jederzeit einen geeigneten Preise für ein Wirtschaftsgut festgelegt
Tauschpartner zu finden, legte die Ein- werden können. Außerdem kann Geld
führung eines neutralen Tauschmittels im Gegensatz zu den meisten Gütern
nahe. Die Schwierigkeit besteht jedoch langfristig aufbewahrt werden. Auch
darin, ein Tauschmittel zu finden, wel- kann Geld von Geldbesitzern an andere
ches von allen Mitgliedern einer Gesell- verliehen werden. Die beiden letztge-
schaft gleichermaßen akzeptiert wird. nannten Eigenschaften des Geldes sind
Etwa 600 v. Chr. wurden die ersten Ursache für die Entwicklung eines ei-
Münzen mit einem ihrem Wert ent- genen Geldmarktes, der sich neben dem
sprechenden Edelmetallgehalt geprägt. ursprünglichen Gütermarkt herausgebil-
Noch vor wenigen Jahrhunderten wäre det hat.
in Europa niemand auf die Idee ge-
kommen, bedrucktes Papier wie Geld-
scheine als Zahlungsmittel zu akzep- Dass durch die Arbeitsteilung die Pro-
tieren. duktion effizienter wird, wurde bereits im
18. Jahrhundert von dem englischen
Nationalökonomen Adam Smith anhand
Während Münzgeld früher Edelmetall-
seines berühmt gewordenen „Steckna-
anteile enthielt, wurde das Vertrauen in delbeispiels“ gezeigt. Damals waren für
Papiergeld erst durch entsprechende die Herstellung einer Stecknadel insge-
staatliche Goldreserven aufgebaut. So samt 18 verschiedene Arbeitsschritte zu
verfügten die Staaten in den zwanziger verrichten.
und dreißiger Jahren noch über Goldre-
In den Betrieben, in denen alle Arbeits-
serven, die ganz oder zumindest nahezu gänge von einem Arbeiter ausgeführt
den Bargeldbestand einer Nation deck- wurden, konnten pro Person und Tag
ten. Die Währung war somit noch maximal 20 Stecknadeln produziert
„Gold wert“. In einigen Ländern ist das werden. Wurde die Arbeit aber so auf-
geteilt, dass jeder Arbeiter nur noch
Vertrauen in die eigene Währung so
zwei bis drei der 20 Arbeitschritte zu
gering, dass selbst bei Inlands- verrichten hatte, stieg die Tagesleistung
geschäften auf Fremdwährungen aus- pro Arbeiter auf nahezu 5000 Steckna-
gewichen wird. In Kriegszeiten über- deln an.
nehmen oft Naturalien wie beispiels-
weise Zigaretten Geldfunktion.
Geld – ein universelles Tauschmittel 11

Eine wichtige Fragestellung, die die Der Preis eines Gutes orientiert sich
früheren Ökonomen beschäftigte, war, daher nicht nur am Herstellungsauf-
wie der Tauschwert eines Gutes zustan- wand, sondern auch an dem Nutzen, den
de kommt. Plausibel wäre es, den Wert die Käufer einem Gut zuerkennen. Liegt
eines Gutes nach seinem Gebrauchsnut- der Herstellungsaufwand deutlich über
zen zu bestimmen. Ein solcher Zusam- dem Preis, den die Käufer zu zahlen
menhang besteht aber in der Praxis oft bereit sind, wird dies dazu führen, dass
nicht. Beispielsweise haben Diamanten das Produkt vom Markt verschwindet.
einen relativ geringen Gebrauchsnutzen, In den folgenden Abschnitten wird ver-
dafür einen beträchtlichen Wert. Umge- sucht, das Verhalten der Käufer und
kehrt hat Brot einen hohen Ge- Verkäufer zu beschreiben und zu zei-
brauchsnutzen, aber einen geringen gen, wie sich daraus eine Preisbildung
Wert. in einem idealen, freien Markt ergibt.

Eine andere Überlegung geht davon aus,


dass ein Erwerbstätiger soviel Lohn aus Der Versuch, eine „gerechte Entloh-
seiner Arbeit erzielen muss, wie er be- nung“ oder sogar den Arbeitsplatz eines
nötigt, um sich und seine Familie ernäh- Arbeitnehmers zu garantieren, kommt
nicht ohne erhebliche staatliche Ein-
ren zu können, d.h. er erhält eine Art flussnahme aus. Damit auch Arbeit-
„gerechten Lohn“ für seine Arbeit, der nehmer in unproduktiven Betrieben ei-
seine Versorgung garantiert. Der Lohn nen Lohn erhalten, der ihre Existenz
ist dabei der Preis für die Arbeit, die zur sichert, müssen die Preise von einer
Herstellung eines Gutes eingesetzt wird. übergeordneten (staatlichen) Instanz
festgelegt werden.
Aus Materialkosten, Maschinenkosten
und Arbeitsleistung ließe sich der Wert Damit sich die Preise aber nicht am
einer Ware und damit ein Verkaufspreis unproduktivsten und damit teuersten
bestimmen. Betrieb orientieren, liegt es nahe, die
erzielten Gewinne abzuschöpfen bzw.
umzuverteilen. Damit ergeben unter-
Der Nachteil dieses Modells, das den nehmerische Aktivitäten aber keine
Käufer bei der Preisbildung nicht be- Wettbewerbsvorteile mehr und die na-
rücksichtigt, zeigte sich spätestens mit türlichen Leistungsanreize verschwin-
Beginn der Industrialisierung im 17. den.
und 18. Jahrhundert, wo es möglich
Ein solches System lässt sich daher nur
wurde, große Mengen erheblich kosten- durch staatliche Planvorgaben steuern.
günstiger herzustellen. Arbeiter in sol- Diese Überlegungen zeigen, dass der
chen industriellen Betrieben benötigten Unterschied zwischen Marktwirtschaft
einen wesentlich geringeren Stücklohn und einer Zentralverwaltungswirtschaft,
zum Lebensunterhalt als der klassische wie sie in sozialistischen Staaten prakti-
ziert wird, nicht zuletzt aus der Frage
Handwerker. entspringt, was den Wert eines Gutes
ausmacht bzw. ausmachen sollte.
Hat ein Betrieb höhere Produktionskos-
ten als seine Mitbewerber, kann er kei-
nen dem „gerechten Arbeitslohn“ ent-
sprechenden Preis durchsetzen. Schafft
der Betrieb es nicht, seine Preise durch
Rationalisierung zu senken, wird er vom
Markt verdrängt. Produziert ein Betrieb
umgekehrt Waren, die sehr begehrt
sind, aber nur geringen Aufwand erfor-
dern, kann er dagegen höhere Preise
fordern.
12 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Wirtschaftliches Handeln – maximal oder minimal?


Die Wirtschaftslehre geht davon aus, keine befriedigende Lösung finden.
dass sich jeder Teilnehmer am Markt
rational verhält. Ziel unseres wirtschaft- Ein weiteres wirtschaftliches Prinzip,
lichen Handelns ist es daher, mit den das nach dem italienischen Ökonomen
verfügbaren Mitteln möglichst viele Vilfredo Pareto benannt wurde, be-
unserer Bedürfnisse befriedigen zu kön- schreibt das Verhalten der Tauschpart-
nen. Hierzu bieten sich grundsätzlich ner untereinander. Es besagt, dass die
zwei Möglichkeiten, die als Minimal- Teilnehmer am Markt nur zu einem
und Maximalprinzip bezeichnet werden Tausch bereit sein werden, wenn sich
und zusammen das Ökonomische Prin- ihr individueller Nutzen dadurch auch
zip bilden. tatsächlich vergrößert.

Will ein Käufer ein bestimmtes Gut, Der Nutzen eines Gutes ist dabei keine
z.B. einen Pkw (gegebenes Ziel), er- absolute Größe, sondern er hängt ab von
werben, wird er mehrere Händler aufsu- der Menge, die man bereits davon be-
chen und dort kaufen, wo er den güns- sitzt. Besitzt jemand zehn Laib Brote, so
tigsten Preis aushandeln kann (minima- wird er bereit sein, einige davon gegen
ler Aufwand = Minimalprinzip). Ist sich Wurst oder Käse zu tauschen. Besitzt er
der Käufer noch nicht über die Auto- dagegen nur einen Laib Brot, schätzt er
marke im Klaren, hat aber ein bestimm- dessen Nutzen höher ein und wird es
tes Budget (gegebener Aufwand), so entweder gar nicht oder zu einem höhe-
wird er versuchen, zu diesem Preis ein ren Preis tauschen.
Auto zu finden, das seinen Vorstellun-
gen am ehesten entspricht (maximaler Obwohl der Nutzen nicht präzise auf
Nutzen = Maximalprinzip). einer Werteskala messbar ist, sind
Marktteilnehmer durchaus in der Lage,
Eine Vermischung von Minimal- und zu entscheiden, ob sich ein Tausch
Maximalprinzip in der Form, mit mög- lohnt. Diese aus einer Tauschgesell-
lichst geringem Aufwand ein optimales schaft heraus entwickelten Überlegun-
Ergebnis zu erzielen, führt zwangsläufig gen lassen sich leicht auf eine Wirt-
zu Zielkonflikten und lässt sich in der schaft übertragen, in der Güter gegen
Praxis leider nicht realisieren. Ein Mit- Geld getauscht werden. So haben
arbeiter, der den Auftrag erhält, mit 1000 € für einen Millionär einen gerin-
minimalen Werbeausgaben möglichst geren Nutzen als für einen Empfänger
viele neue Kunden zu gewinnen, wird von Sozialleistungen.
Wirtschaftliches Handeln – maximal oder minimal? 13

Angenommen, ein Marktteilnehmer besitzt von einem Gut A die Menge A1 und von einem Gut B die
Menge B1. Er wird solange bereit sein, auf dem Markt Gut A gegen B zu tauschen, wie der Nutzen-
zuwachs von Gut B über dem von Gut A liegt. Bei der Menge A2 bzw. B2 sind die Grenznutzen der
Güter A und B gleich. Jeder weitere Tausch von A in B wäre für den Marktteilnehmer ungünstig, da
der Nutzenzuwachs durch B ab jetzt geringer wäre als der Nutzenverlust durch die Weggabe von A.
Beim Tausch nimmt die Menge von Gut A von A1 auf A2 ab und von Gut B von B1 auf B2 zu.

Das Pareto-Prinzip bewirkt, dass sich nimmt und sie einem Arbeitslosen zu-
durch Tauschprozesse die wirtschaftli- kommen lässt. Ein solches Vorgehen
che Lage jedes Einzelnen verbessert, da steht jedoch nicht im Einklang mit dem
keiner zu seinem Nachteil tauscht. Man Pareto-Prinzip.
erhält hieraus das so genannte Pareto-
Optimum. Es setzt allerdings voraus,
dass der Markt für alle zugänglich und
transparent ist und Preise nicht durch
einen oder wenige Anbieter diktiert
werden können (vollständige Konkur-
renz).

Sind diese Forderungen nicht erfüllt,


wird kein Pareto-Optimum erreicht. Das
Pareto-Optimum darf nicht mit einem
Zustand maximaler Wohlfahrt gleichge-
setzt werden. Da ein Tauschprozess für
jeden Einzelnen Vorteile bietet, ändern
sie an einer ungleichen Vermögensver-
teilung nichts. So könnte man die An-
sicht vertreten, dass man den Wohlstand
einer Gesellschaft absolut vergrößert,
wenn man dem Millionär 1000 € weg-
14 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Der Markt – Ort des Handelns


Orte, an denen Güter oder Produktions- bieter am Markt auf, handelt es sich
faktoren gehandelt werden, nennt man um ein Angebotsmonopol. Umgekehrt
Märkte. Auf dem Gütermarkt lassen kommt es auch vor, dass nur ein Käufer
sich viele Teilmärkte unterscheiden. am Markt auftritt, es herrscht ein Nach-
Jeder Teilmarkt hat seine Besonderhei- fragemonopol. Ein Markt, auf dem da-
ten. Die Unterschiede liegen dabei nicht gegen viele Anbieter oder Nachfrager
nur in den angebotenen Gütern, sondern für gleichartige Güter auftreten, be-
z.B. auch in zeitlichen oder regionalen zeichnet man als Polypol. Den Zustand
Begrenzungen oder in Zutrittsbe- zwischen Monopol und Polypol, also
schränkungen für Anbieter oder Nach- mit wenigen Anbietern oder Nachfra-
frager. gern, nennt man Oligopol.

In der Theorie wird dagegen oft von Im Prinzip ist auf der Angebots- und der
einem idealen oder vollkommenen Nachfrageseite jede Kombination von
Markt ausgegangen. Hiermit ist ein Monopol, Oligopol und Polypol denk-
Markt gemeint, welcher die im Kasten bar. Man unterscheidet daher die neun
angegebenen Kriterien erfüllt. In der im nebenstehenden Schaubild darge-
Realität wird ein konkreter Markt in stellten Marktformen. Nur bei einem
einem oder mehreren Punkt(en) von Polypol, also vielen Anbietern und
diesen idealen Bedingungen abweichen. Nachfragern, herrscht auf dem Markt
Am ehesten entsprechen der Wochen- vollständige Konkurrenz. Ist dagegen
markt oder die Börse dem Bild eines ein Monopolist als Anbieter am Markt
vollkommenen Marktes. vertreten, verfügt er über eine dominie-
rende Stellung. Er kann auf dem Markt
Ein wesentliches Unterscheidungs- weitgehend seine Bedingungen diktie-
merkmal für Märkte ist das zahlen- ren. Auch in einem Oligopol ist der
mäßige Verhältnis von Anbietern und Wettbewerb eingeschränkt
Nachfragern. Tritt nur ein einziger An-
In einem Angebotsoligopol ist der
Markt für die Käufer sehr transparent,
Kriterien des vollkommenen Marktes da nur wenige Anbieter vorhanden sind.
Der Käufer kann sich seinen Verkäufer
" Die angebotenen Güter sind von
aussuchen und mit jedem individuelle
vergleichbarer Beschaffenheit und
Güte. Verhandlungen führen. Die Anbieter
werden sich daher sehr stark an ihren
" Angebot und Nachfrage sind für alle Konkurrenten orientieren. Oft bildet
Marktteilnehmer transparent. sich im Angebotsoligopol ein Marktfüh-
rer heraus, der auf die Spielregeln des
" Kein Anbieter ist aus räumlichen,
sachlichen oder persönlichen Grün- Marktes erheblichen Einfluss nehmen
den bevorzugt. kann. Natürlich besteht hier leicht die
Gefahr, dass die Anbieter Absprachen
" Die Anbieter passen sich schnell treffen (Kartellbildung), die den Wett-
Veränderungen des Marktes an. bewerb unterminieren.
" Es existieren viele Anbieter und
Nachfrager. Die Wettbewerbssituation auf dem
Markt führt nicht selten dazu, dass eine
Seite, Anbieter oder Nachfrager, am
Markt die stärkere ist. Werden mehr
Güter auf dem Markt angeboten als
Der Markt – Ort des Handelns 15

nachgefragt, nehmen die Käufer die Fällen kann der Verkäufer für sich gün-
stärkere Position ein (Käufermarkt). stige Bedingungen am Markt durch-
Dort, wo die Nachfrage das Angebot setzen.
übersteigt, haben die Anbieter größeren
Einfluss (Verkäufermarkt). Die Spielregeln des vollkommenen
Marktes sind für Unternehmen in der
Da sich Wohlstandsgesellschaften da- Regel nicht sehr attraktiv, da sie ihre
durch auszeichnen, dass für viele Güter Preise und Marktanteile nur in einem
ein Überangebot besteht, findet man Markt erhöhen können, wenn der Kunde
dort überwiegend Käufermärkte. Es gibt Präferenzen für ihre Produkte oder ihr
aber auch noch Märkte, auf denen der Unternehmen entwickelt oder den
Verkäufer die stärkere Partei ist, z.B. Markt nicht völlig überblickt. Die Mar-
auf dem Wohnungsmarkt in vielen ketingaktivitäten eines Unternehmens
Großstädten oder wenn ein neuartiges zielen daher darauf ab, Maßnahmen zu
Produkt auf den Markt gekommen ist, entwickeln, die einem vollkommenen
das noch konkurrenzlos ist. In diesen Markt entgegenwirken.
16 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Preisbildung am vollkommenen Markt – alles im Gleichgewicht


In diesem und im folgenden Abschnitt niger dringlich ist, so z.B. bei Luxusgü-
soll die Preisbildung auf verschiedenen tern. So hat der Preisverfall bei Fernse-
Märkten untersucht werden. Nach dem hern, Videorecordern und Personal
italienischen Ökonomen Pareto vergrö- Computern dazu geführt, dass sich heu-
ßert ein Preisanstieg bei gleich bleiben- te in nahezu jedem Haushalt solche Ge-
den Kosten den Nutzen für die Anbieter räte befinden.
und bewirkt damit eine Zunahme der
Angebotsmenge. Im Gegenzug sinkt Bei einem steilen Kurvenverlauf, d.h.
aber die Nachfrage, da nicht mehr alle unelastischer Nachfrage, wird dagegen
Abnehmer zum Kauf bereit sind. Der eine bestimmte Menge unabhängig von
Preis, bei dem Angebot und Nachfrage ihrem Preis nachgefragt. Typische Bei-
gleich groß sind, heißt Gleichge- spiele hierfür sind Waren des täglichen
wichtspreis. Bedarfs, aber auch Zigaretten, Alkohol
oder Medikamente. Die drastischen
Der Gleichgewichtspreis wird aber nur Steuererhöhungen auf Zigaretten in den
auf einem vollkommenen Markt er- Jahren 2003 bis 2005 in Höhe von über
reicht. Für den Verkäufer wäre es vor- 40 % führten zwar zu einem Nachfrage-
teilhaft, wenn die Nachfrage das Ange- rückgang von nur 12 %, wirkten sich
bot übersteigt, da er dann höhere Preise aber vor allem auf das Konsumverhal-
durchsetzen könnte. Im Falle eines ten von Jugendlichen aus, was auch
Nachfrageüberhangs liegt also ein Ver- beabsichtigt war.
käufermarkt vor. Umgekehrt entsteht
durch einen Angebotsüberhang ein Käu- Der Markt verfügt über einen Selbstre-
fermarkt. Bei Erreichen des Gleich- gulierungsmechanismus, der für eine
gewichtspreises ist die abgesetzte Gü- gewisse Preisstabilität sorgt. Nehmen
termenge maximal, da bei einem niedri- wir an, die Nachfrage nach einem Gut
geren Preis die Verkäufer, bei einem wächst. Aufgrund der zunehmenden
höheren Preis die Käufer nicht mehr Knappheit steigen die Preise. Damit
zum Tausch bereit sind. werden die vorhandenen Anbieter an-
geregt, mehr zu produzieren. Mögli-
Je flacher der Kurvenverlauf ist, desto cherweise erhöht sich hierdurch sogar
höher ist die Preiselastizität von Ange- die Zahl der Anbieter. Das Angebot
bot und Nachfrage. Eine hohe Preisela- wächst, wodurch die Preise wieder fal-
stizität des Angebots bedeutet, dass ein len. In Folge sinkt die Produktion, ei-
Unternehmen seine Angebotsmenge nige Anbieter steigen freiwillig aus dem
schnell Preisänderungen anpassen kann. Markt aus oder werden verdrängt. Der
Märkte, bei denen die Güterproduktion Gleichgewichtspreis verändert seine
mit hohen Investitionen verbunden ist, Lage somit (zumindest bei mäßigen
reagieren daher unelastisch. Bei elasti- Angebots- oder Nachfrageschwankun-
scher Nachfrage reagiert der Markt sen- gen) nur geringfügig.
sibel auf Preisänderungen. Ein Anbieter
muss in diesem Fall besonders darauf Ein Faktor, der das Gleichgewicht von
achten, dass er seinen Preis stets dem Angebot und Nachfrage stört, sind
Gleichgewichtspreis anpasst, da er sonst Verbrauchssteuern. Durch sie zahlen
Gefahr läuft, seine Kundschaft zu ver- Nachfrager einen über dem Gleichge-
lieren. wichtspreis liegenden Preis, der den
Anbietern jedoch nicht zugute kommt.
Eine elastische Nachfrage findet man Ein Verzicht auf Verbrauchssteuern
vor allem bei Gütern, deren Erwerb we- würde dazu führen, dass mehr Güter
Preisbildung am vollkommenen Markt – alles im Gleichgewicht 17

abgesetzt werden könnten, da Nach- Zudem stellt sich für einen Käufer oft
frager einen niedrigeren Preis zahlen die Frage, ob er nicht auf alternative
müssten, Anbieter aber einen höheren Güterangebote, die moderner oder
Preis erhielten. preisgünstiger sind, ausweichen kann.
Zusätzliche Einflussfaktoren auf der
Verbrauchssteuern führen daher zu ei- Angebotsseite sind Produktionskosten,
ner Unterversorgung des Marktes. Dies Gewinnerwartungen oder die Konkur-
gilt insbesondere für Güter mit elasti- renzlage. Der Verlauf der Angebots-
scher Nachfrage. Güter mit unelasti- und Nachfragekurven ist daher keine
scher Nachfrage werden auch bei einer absolute, unveränderliche Größe.
Anhebung der Verbrauchssteuern in
nahezu gleicher Menge weiter gekauft.
Eine Unterversorgung findet hier nicht Die Argumentation in diesem Kapitel
statt. Dies ist ein Grund für die hohen setzt voraus, dass die Nachfrage nach
Verbrauchssteuern, die auf Tabak, Al- einem Produkt mit wachsenden Preis
kohol und Benzin lasten. sinkt.
Es gibt allerdings Produkte, für die
diese Relation nicht gilt, d.h. bei denen
Angebot und Nachfrage sind ständigen die Nachfrage mit dem Preis sogar
Veränderungen unterworfen. So wird steigt. Gemeint sind vor allem Produk-
die Nachfrage nicht allein vom Preis te, die Prestige ausdrücken („Das kann
bestimmt, sondern auch von der Dring- ich mir leisten!“). Die Volkswirte spre-
chen hier vom „Veblen“-Effekt.
lichkeit der zugrunde liegenden Bedürf-
nisse oder vom Einkommen. Dabei kön-
nen Anbieter z.B. durch Werbung oder
Innovationen direkt die Nachfrage in
ihrem Interesse beeinflussen. Auch Zu-
kunftserwartungen wie Arbeitslosigkeit,
Inflationsängste oder politische Unsi-
cherheit wirken sich auf die Nachfrage
aus.
18 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Gewinnmaximierung – Strategien der Anbieter


Anbieter und Nachfrager tauschen ihre proportional zur abgesetzten Menge.
Waren am Markt dann, wenn sie sich Seine Gesamtkosten nehmen mit der
hiervon einen Nutzenzuwachs verspre- produzierten Menge zu, wenngleich der
chen. Während der Nutzen für den Kostenzuwachs pro Stück (Grenzkos-
Nachfrager häufig rein subjektiv und ten) in der Regel mit zunehmender
nicht absolut messbar ist, lässt sich der Stückzahl sinkt, bis die Produktions-
Nutzen für Anbieter recht genau in kapazitäten voll ausgelastet sind. In der
Form von Geld angeben. Ein Anbieter Nähe der Kapazitätsgrenze verursachen
wird bestrebt sein, seinen Gewinn zu Lagerkosten, erforderliche Investitionen
maximieren. Der Gewinn ergibt sich in oder höherer Personalbedarf einen stei-
einer vereinfachten Betrachtungsweise len Kostenanstieg.
aus folgenden Beziehungen:
Die Differenz von Umsatz und Kosten,
d. h. der Gewinn, hat ihr Maximum
normalerweise in der Nähe der Kapazi-
Umsatz = Menge x Preis
tätsgrenze, sodass die Anbieter bestrebt
Gewinn = Umsatz - Kosten sind, möglichst bis zu dieser Schwelle
zu produzieren. Dies führt zu einer op-
timalen Auslastung der Betriebe, wes-
halb in einem Polypol die mit den vor-
Ein Anbieter im Polypol kann den am handenen Mitteln bestmögliche Versor-
Markt bestehenden Preis aufgrund sei- gung des Marktes erreicht wird. Im ne-
nes geringen Marktanteils nicht beein- benstehenden Schaubild wurden kon-
flussen, er ist für ihn eine feste Größe. stante Grenzkosten angenommen, so-
Erhöht der einzelne Anbieter seinen dass sich ein linearer Kostenanstieg bis
Preis, kaufen die Kunden bei der Kon- zur Kapazitätsgrenze ergibt.
kurrenz. Senkt er seinen Preis, nimmt er
vielleicht seinen Konkurrenten einige
Im Gegensatz dazu verläuft die Um-
Kunden weg und könnte eine etwas
satzkurve für einen Monopolisten nicht-
größere Menge absetzen. Die Konkur-
linear, da er als alleiniger Anbieter den
renten würden es aber kaum spüren und
Gleichgewichtspreis mit der von ihm
würden für ihre Waren zum höheren
angebotenen Menge (über die Nachfra-
Preis auch höhere Gewinne erzielen.
gekurve) beeinflusst. Das Ge-
Solange die anderen Anbieter der Preis-
winnmaximum des Monopolisten liegt
änderung nicht folgen, entsteht auf dem
daher bereits vor seiner Kapazitäts-
Markt kein nennenswerter Nach-
grenze. Ein Monopolist maximiert sei-
fragezuwachs. Ein Anbieter im voll-
nen Gewinn daher auf Kosten einer ge-
kommenen Markt kann daher seinen
zielten Unterversorgung des Marktes.
Gewinn nicht durch Preisänderungen
Monopole können auf verschiedene
maximieren. Nach den obigen Bezie-
Weise entstehen. Man unterscheidet:
hungen kann er seinen Gewinn außer
natürlich über Kosteneinsparungen
" natürliche Monopole (meistens
durch Optimierung seiner Angebots-
standortbedingt),
menge vergrößern, er verhält sich als
Mengenanpasser.
" staatliche Monopole (Versor-
gungsleistungen des Staates),
Da der Preis im Polypol unabhängig
von der Absatzmenge eines einzelnen
Anbieters ist, ist dessen Umsatz direkt
Gewinnmaximierung – Strategien der Anbieter 19

" gesetzliche Monopole (durch beim Schiffs- bzw. Flugzeugbau. Auch


Schutzrechte wie z.B. Patente), staatliche Konzessionierungen wie frü-
her im Güterfernverkehr oder Produkti-
" vertragliche Monopole (durch onsquoten wie in der Landwirtschaft
Zusammenschlüsse von Großun- behindern den freien Wettbewerb.
ternehmen).
Im Oligopol trifft man gelegentlich auf
Die häufigste Marktform neben dem die Situation, dass Anbieter sich ge-
Polypol ist das Angebotsoligopol. We- genseitig aus dem Markt verdrängen
nige Anbieter stehen hier vielen Nach- wollen. Man bezeichnet dies daher auch
fragern gegenüber, so z.B. wenige als Verdrängungswettbewerb. Ein ein-
Pharmaunternehmen auf dem Arz- mal verdrängter Wettbewerber wird
neimittelmarkt, zwei gegenüberliegende aufgrund der Markteintrittsbarrieren
Tankstellen oder fünf Autohändler in nicht so leicht durch einen anderen er-
einer Kleinstadt. In dieser Marktform ist setzt, sodass seine Marktanteile den ver-
jeder Anbieter gezwungen, den Markt bliebenen Unternehmen zufallen.
und seine Konkurrenten genau zu beo-
bachten. Die Führungsrolle bei der
Preisbildung nimmt meist der Oligopo- Aufgrund der geringen Zahl von Anbietern
list mit dem größten Marktanteil ein, an birgt ein Oligopol die Gefahr einer zu en-
gen Kooperation zwischen den Oligolopo-
dem sich die anderen Marktteilnehmer listen. So wurde erst 1996 das älteste
orientieren. Preiskartell in Deutschland – etwa ein
Dutzend hauptsächlich deutsche Strom-
Die geringe Zahl von Anbietern im Oli- kabelhersteller – aufgedeckt und zer-
gopol ergibt sich nicht selten aus natür- schlagen. Eine Ursache für die lange
Existenz dieses Kartells war sicher auch
lichen oder künstlich geschaffenen die Monopolstellung der Kunden des Kar-
Markteintrittsbarrieren, die den freien tells, der Energieversorgungsunterneh-
Wettbewerb durch Marktzugänge ver- men, die ihre Kosten an die Verbraucher
hindern. Als Markteintrittsbarrieren weitergeben konnten.
wirken z.B. hohe Investitionen, wie
beim Bau chemischer Fabriken oder
20 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Der Wirtschaftskreislauf – Güter gegen Produktionsfaktoren


Will man die Wirtschaft in einem ver- ternehmen auf dem Arbeitsmarkt anbie-
einfachten Modell abbilden, so findet ten. Auch die Unternehmen benötigen
man zunächst auf der einen Seite die Geld, um untereinander Güter auszu-
Unternehmen in der Rolle des Verkäu- tauschen oder Arbeitskräfte zu bezah-
fers bzw. Produzenten, denen die Haus- len. Dieses Geld erhalten sie zum einen
halte als Käufer bzw. Konsumenten aus dem Verkauf von Gütern (Selbstfi-
gegenüberstehen. Die Käufer erwerben nanzierung) oder in Form von Krediten
Konsumgüter auf dem Gütermarkt (ge- (Fremdfinanzierung) auf dem Geld-
nauer: dem Konsumgütermarkt). Um markt. Für die Kredite zahlen die Un-
Konsumgüter erwerben zu können, ternehmen Zinsen an die Kreditinstitute,
müssen die Haushalte allerdings Geld die sich das Geld wiederum von priva-
bezahlen. Somit existiert neben dem ten Haushalten geliehen haben. Damit
Güterstrom stets auch ein Geldstrom fließen den Haushalten Guthabenzinsen
gleicher Größe, aber in anderer Rich- als weitere Einkommensquelle zu.
tung.
Haushalte und Unternehmen sind mit
Unternehmen beschaffen sich ihre Pro- den drei Märkten in dieser vereinfach-
duktionsfaktoren auf den Faktor- ten Darstellung eines Wirtschaftskreis-
märkten. So bekommen die Haushalte laufs durch zwei Ströme, den Gü-
Geld für ihre Arbeit, die sie den Un- terstrom und den Geldstrom, verbunden.
Die Arbeit wird hierbei dem Güterstrom
Auch der Produktionsfaktor Information zugeordnet, da sie eine Grundlage für
hat sich heute seinen eigenen Markt die Entstehung von Gütern bildet. Die
geschaffen. Die Information unter- von Unternehmen aufgenommenen
scheidet sich von den anderen Produk- Kredite werden in der Regel für Investi-
tionsfaktoren vor allem dadurch, dass
sie nahezu beliebig vermehrt werden tionen aufgewendet. Auf dem in der
kann. Auch unterliegt die Information Abbildung nicht dargestellten In-
nicht dem von Pareto beschriebenen vestitionsgütermarkt handeln die Un-
Prinzip des sinkenden Grenznutzens. ternehmen untereinander.
Während eine zusätzliche neue Ma-
schine die Produktivität eines Unter-
nehmens weniger erhöht, als es die Dieses einfache Modell eines Wirt-
zuletzt beschaffte Maschine der glei- schaftskreislaufs müsste realistischer-
chen Art getan hat, bewirkt die Vielfalt weise um weitere wichtige Ein-
der Informationen und Ideen, sofern flussfaktoren wie Staat und Außen-
diese sich frei entfalten und ausge- wirtschaft ergänzt werden. Obwohl in
tauscht werden können, wichtige Im-
pulse für die Unternehmen. Eine einzi- einer Marktwirtschaft die Marktteil-
ge gute Idee kann das Unternehmen nehmer weitgehend frei agieren können,
einen gewaltigen Schritt voran bringen, übernimmt der Staat wichtige Funktio-
unabhängig davon, wie viele gute nen, wie z.B. die Schaffung einer
Ideen schon entwickelt wurden. Grundversorgung mit öffentlichen Gü-
Einige Ökonomen erkennen hierin ei- tern wie Sicherheit, Straßen, Schulen
nen grundlegenden Wandel der Wirt- usw., deren „Produktion“ aus Rentabili-
schaft, in der die Information künftig tätsgründen für private Unternehmen
zum entscheidenden Produktionsfaktor nicht lohnend erscheint. Durch diese
wird. Die technische Basis hierfür ist Investitionen (Staatsverbrauch) wird
die Informations- und Kommunikations-
technologie, erforderlich sind aber auch der Staat Teilnehmer am Investitionsgü-
grundlegende Veränderungen in der termarkt. Auch durch Subventionen und
Unternehmensführung und Unterneh- Steuern kann der Staat erheblichen Ein-
menskultur. fluss auf die Märkte ausüben.
Der Wirtschaftskreislauf – Güter gegen Produktionsfaktoren 21

Eine weitere Aufgabe des Staates ist die vathaushalte im Urlaub zu Teilnehmern
Umverteilung von Einkommen, z.B. in an ausländischen Konsumgütermärkten
Form von Subventionen an Unterneh- und tragen damit zur Senkung des eige-
men oder Zahlungen an Haushalte nen Nationalproduktes bei.
(Transferzahlungen) wie Renten, BA-
FöG, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe.
Gleichzeitig wird der Staat durch die
Beschäftigung von öffentlich Bedien-
steten zum Arbeitgeber. Die Finanzie-
rung staatlicher Aktivitäten geschieht
über Steuern, Abgaben oder Sozialver-
sicherungen.

Außenwirtschaftliche Einflüsse ergeben


sich beispielsweise durch Im- und Ex-
porte. Importe vergrößern das Angebot
auf heimischen Märkten, während Ex-
porte für eine größere Güterknappheit
sorgen können. Da das Nationalprodukt
der Menge der von einer Gesellschaft
produzierten Güter entspricht, vermin-
dern Importe das Nationalprodukt, da
diese Güter nicht von dieser Gesell-
schaft selbst produziert werden. Im Ge-
genzug vergrößern Exporte das Natio-
nalprodukt.

Inländische Betriebe, die im Ausland


investieren, verringern das Nationalpro-
dukt ihres Landes, wenn die hierfür
benötigten Güter nicht im eigenen Land
beschafft werden. Ebenso werden Pri-
22 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Konjunkturzyklen – Wellenbewegungen der Wirtschaft


Die gegenwärtige Situation einer Wachsende Unternehmensgewinne füh-
Volkswirtschaft wird durch den Begriff ren in der Folge zu höheren Lohnforde-
Konjunktur gekennzeichnet. Sie ist rungen. Damit steigt das Einkommen
mehrjährigen periodischen Schwankun- der Haushalte. Nun wird auch der Kon-
gen unterworfen, die als Konjunktur- sumgütermarkt vom Aufschwung er-
zyklen bezeichnet werden. Ein wichti- fasst. Mit einer gewissen Verzögerung
ges Maß für die Beurteilung der Kon- führt die erhöhte Nachfrage zu einem
junktur ist die Veränderung des Brutto- Preisanstieg, d.h. zur Inflation.
inlandprodukts.
Die erhöhte Nachfrage bewirkt bessere
Ein Konjunkturzyklus besteht aus den Kapazitätsauslastungen und weitere
vier Phasen Depression (Tiefstand), Investitionen, die zu mehr Arbeitsplät-
Aufschwung (wachsende Konjunktur), zen oder zumindest zu einem geringeren
Boom (Hochkonjunktur) und Ab- Abbau von Arbeitsplätzen führen. An-
schwung bzw. Rezession (fallende Kon- dererseits entsteht hierdurch eine Geld-
junktur). Eine Depression ist in der Re- knappheit auf dem Kreditmarkt, Zinser-
gel durch hohe Arbeitslosigkeit gekenn- höhungen sind die Folge. Höhere Preise
zeichnet. Da den Konsumenten weniger und Zinsen bewirken eine Dämpfung
Geld zur Verfügung steht, befinden sich des Konjunkturanstiegs. Das Wachstum
auch die Preise auf einem Tiefstand. der Nachfrage auf dem Konsumgüter-
Lohnerhöhungen sind kaum durchzu- markt kommt zum Stillstand und führt
setzen, aber auch die Inflationsrate ist zu einer nachlassenden Nachfrage nach
aufgrund der stabilen Preise gering. Die Investitionsgütern (Stagnation). Der
Wende beginnt damit, dass die Unter- Beschäftigungsgrad in den Unterneh-
nehmen, nachdem sie Rationalisie- men der Investitionsgüterindustrie geht
rungsmaßnahmen durch „Abspecken“ zurück. Bereits vor Beginn des Ab-
abgeschlossen haben und wieder etwas schwungs beginnen die Aktien zu fal-
„Luft geholt“ haben, aufgrund der noch len, da die Zinsen auf dem Kapitalmarkt
immer fehlenden Gewinne zu Investiti- hoch und damit Festgeldanlagen wieder
onen gezwungen sind, die aber durch attraktiv sind. Beim anschließenden
ein niedriges Zinsniveau begünstigt Abschwung fallen die Kurse drastisch
werden. (Baisse).

Die Phase des Aufschwungs kündigt Ein Kennzeichen der Konjunkturzyklen


sich daher durch höhere Auftragsein- ist, dass das prozentuale Wirtschafts-
gänge in der Investitionsgüterindustrie wachstum immer niedriger ausfällt. So
an, die als ein Frühindikator angesehen betrug das Wirtschaftswachstum des
ersten Nachkriegsbooms im Jahre
werden. In der Folge steigt der Beschäf-
1950 noch 12,8% des Sozialprodukts.
tigungsgrad der Unternehmen, die Ge- Selbst in der folgenden Depression im
winne steigen und es steht den Unter- Jahre 1954 war ein reales Wirt-
nehmen wieder mehr Geld zur Verfü- schaftswachstum von 7,4% zu ver-
gung. In dieser Zeit ist mit hohen Kurs- zeichnen. Heute muss bereits ein Wirt-
schaftswachstum von 3% als Erfolg
steigerungen der Aktien zu rechnen
gewertet werden. Während einer De-
(Hausse), da Festgeldanlagen aufgrund pression wird seit Mitte der siebziger
der niedrigen Zinsen noch nicht attrak- Jahre sogar ein Rückgang des Sozial-
tiv sind und mit weiteren Gewinnsteige- produkts beobachtet. Der Sockel der
rungen gerechnet werden kann. Arbeitslosigkeit und der Staatsver-
schuldung steigt heute sogar während
der Boomphase noch an.
Grundlagen der Wirtschaftspolitik – Stabilität und Wachstum 23

Konjunkturzyklen sind keine Erschei- Dollarkurs, der weitgehend die Preise


nung der Neuzeit, sondern werden seit der importierten Rohstoffe bestimmt,
über hundert Jahren von den Ökonomen wirkt sich auf die Konjunktur aus: Hohe
systematisch erforscht. Die genaue Ur- Kosten für Rohstoffe dämpfen den Kon-
sache der Krisen hängt vom politischen junkturverlauf.
und wirtschaftlichen Umfeld eines Staa-
tes ab. Die obigen Überlegungen zeigen Ein Konjunkturzyklus dauert heutzutage
aber, dass die Konjunkturzyklen im etwa vier bis fünf Jahre. Die Tendenz ist
Wesentlichen von der Nachfrage der abnehmend. Im 19. Jahrhundert betrug
Konsumenten abhängen. Solange das die Dauer der Zyklen etwa zehn Jahre.
Einkommen der Haushalte für den Er- Neben den Konjunkturzyklen gibt es
werb der angebotenen Güter ausreicht saisonale Schwankungen, die meist mit
und nicht gespart wird, ist kein Kon- den Jahreszeiten oder bestimmten Fest-
junkturrückgang zu befürchten. tagen verknüpft sind. Auch gibt es lang-
fristige Wellenbewegungen von dreißig
Aus diesem Grund sind alle Maßnah- bis fünfzig Jahren, die auf technologi-
men der Politik, die eine Verknappung sche Umbrüche zurückgeführt werden.
der Geldmenge bewirken, konjunktur- Hinzu kommen psychologische Fakto-
dämpfend. Hierzu gehören Steuererhö- ren wie Optimismus oder Pessimismus,
hungen, Reduzierung der Staatsausga- die zu kollektiven irrationalen Überre-
ben oder eine Erhöhung der Leitzinsen. aktionen führen können. So führte im
Steuer- und Zinssenkungen sowie höhe- Jahre 1974 die Ankündigung der OPEC,
re Staatsausgaben beleben dagegen die die Ölpreise zu erhöhen, während einer
Konjunktur. In der heutigen Zeit wird Aufschwungphase zu einem schweren
die Konjunktur der Bundesrepublik Konjunktureinbruch. Gleichzeitig stie-
auch stark von der Außenwirtschaft gen die Preise, sodass man die damals
beeinflusst, sodass der Blick nicht nur vielfach noch für unmöglich gehaltene
auf die Binnennachfrage gerichtet wer- Situation einer Inflation bei stagnieren-
den darf. Für die Bundesrepublik spie- dem Wirtschaftswachstum vorfand
len vor allem die Märkte der EU und (Stagflation).
der USA eine wichtige Rolle. Auch der
24 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Grundlagen der Wirtschaftspolitik – Stabilität und Wachstum


Nicht nur Unternehmen und Haushalte, Diese Ziele werden oft unter dem Be-
sondern auch der Staat besitzt einen griff magisches Viereck zusammenge-
wesentlichen Einfluss auf die Wirtschaft fasst, da sie in Konkurrenz zueinander
– er betreibt Wirtschaftspolitik. Ein stehen. Arbeitsplätze lassen sich (zu-
wichtiger Grund für die Notwendigkeit mindest kurzfristig) durch eine höhere
von Wirtschaftspolitik liegt in den Kon- Inflationsrate schaffen. Exportbe-
junkturzyklen. Vor allem in Zeiten einer schränkungen würden zu mehr Preissta-
Rezession wird der Ruf nach staatli- bilität führen, hätten jedoch ein geringe-
chem Eingreifen laut. Die staatlichen res Wirtschaftswachstum und einen Ab-
Institutionen, die hier wesentlich Ein- bau von Arbeitsplätzen zur Folge. Nicht
fluss ausüben, sind die Regierungen von zuletzt lässt sich ein größeres Wirt-
Bund und Ländern sowie die Bundes- schaftswachstum auf Kosten der Um-
bzw. Zentralbank. Die Oberziele der welt erzielen. Umweltschutz sowie eine
staatlichen Wirtschaftspolitik sind in §1 gerechte Einkommens- und Vermö-
des Stabilitätsgesetzes festgelegt.: gensverteilung sind daher inzwischen
als ergänzende Stabilitätsfaktoren aner-
Stabilität des Preisniveaus. Hohe In- kannt (magisches Sechseck).
flationsraten bewirken gleichzeitig ei-
nen Kostenanstieg, der die internationa- Der Staat verfügt über verschiedene
le Wettbewerbsfähigkeit deutscher Un- Instrumente, mit denen er die Wirt-
ternehmen und damit Arbeitsplätze ge- schaftslage beeinflussen kann. Im Rah-
fährdet. men der Konjunkturpolitik unterscheidet
man dabei zwischen der Geldpolitik, die
Vollbeschäftigung. Von Vollbeschäfti- in erster Linie im Verantwortungsbe-
gung spricht man, wenn das Verhältnis reich der Europäischen Zentralbank
der Arbeitslosen zu den abhängig Be- (EZB) liegt, und der Fiskalpolitik, durch
schäftigten nicht mehr als 2 % beträgt die der Staat seine Einnahmen und Aus-
(Arbeitslosenquote). gaben steuert.

Außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Auf der Einnahmenseite der Fiskalpoli-


Im Idealfall ist die wertmäßige Diffe- tik stehen die Steuern und Abschrei-
renz zwischen Exporten und Importen bungsmöglichkeiten für Unternehmen
(Außenbeitrag) gleich Null. Da die und Haushalte. Auf der Ausgabenseite
deutsche Wirtschaft exportorientiert ist, wird der Staat selbst auf den verschie-
liegt das Stabilitätsziel bei einer Außen- denen Märkten aktiv, z.B. am Güter-
beitragsquote (Verhältnis von Außen- markt durch Investitionen oder Subven-
beitrag zu Bruttoinlandsprodukt) von tionen, am Arbeitsmarkt durch Arbeits-
höchstens 1-2%. beschaffungsmaßnahmen oder am Kapi-
talmarkt durch Kreditaufnahmen. Un-
Stetiges und angemessenes Wirt- terstützt wird die Arbeit der Regierung
schaftswachstum. Das Wirtschafts- durch einen gesetzlich vorgeschriebe-
wachstum wird an der Steigerung des nen Sachverständigenrat (die „Fünf
realen (inflationsbereinigten) Bruttoin- Weisen“), die jährlich bis zum 15. No-
landsprodukts gemessen. Als angemes- vember ein Jahresgutachten vorlegen.
sen gilt ein Wachstum von 4-6%.
Grundlagen der Wirtschaftspolitik – Stabilität und Wachstum 25

Das entscheidende Mittel der Geldpoli- Gleichgewicht zu den angebotenen Gü-


tik ist die Überwachung und Steuerung tern stehen, da bei einem Überhang an
der Geldmenge. Die EZB bedient sich Geld die Preise steigen würden, bei ei-
hier vornehmlich des Instruments der nem Überhang an Gütern das Wirt-
Offenmarktpolitk. Hierbei beteiligt sie schaftswachstum gebremst würde. Aus
sich durch An- und Verkauf von fest- der Gleichheit von Geld- und Güter-
verzinslichen Wertpapieren direkt am strömen im Wirtschaftskreislauf ergibt
Geldmarkt. Durch einen Ankauf erhöht, sich der als Fisher-Formel (benannt
durch einen Verkauf reduziert sie die nach dem Nationalökonomen Irving
Geldmenge. Fisher) bekannte Zusammenhang:

Vor Jahresbeginn verkündet die EZB


das angestrebte Geldmengenziel, d.h.
Preisniveau x Handelsvolumen =
der Umfang, um den die Geldmenge
Geldmenge x Umlaufgeschwindig-
wachsen soll. Die Geldmenge muss im keit

Die unterschiedliche Beurteilung von


Geld- und Fiskalpolitik tritt am deut- Die linke Seite der Gleichung stellt da-
lichsten in den Lehren der National- bei das gesamtwirtschaftliche Güteran-
ökonomen John Maynard Keynes und gebot dar, die rechte Seite wird als mo-
Milton Friedman zutage. Keynes netäre Gesamtnachfrage bezeichnet.
sprach sich für eine antizyklische Kon-
junkturpolitik aus, bei der der Staat den
Nachfragerückgang während einer
Rezession durch Staatsaufträge aus-
gleichen sollte. Als Begründer des
Monetarismus bezweifelte Friedman
dagegen die Wirtschaftlichkeit solcher
Maßnahmen und setzte auf die Ein-
dämmung der Inflation durch geldpoliti-
sche Maßnahmen.
26 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Das deutsche Steuersystem – gelenktes Chaos


Als Steuern werden Abgaben an eine
öffentlich-rechtliche Instanz bezeichnet,
die, anders als Gebühren oder Beiträge, Die bekannteste indirekte Steuer ist die
nicht an eine konkrete Gegenleistung Mehrwert- oder Umsatzsteuer. Sie lie-
gebunden sind. Die Grundlage für die fert mit Abstand den zweitgrößten Bei-
Steuergesetzgebung findet sich in der trag zum gesamten Steueraufkommen
Abgabenordnung. In ihr werden rechtli- der Bundesrepublik, gleich nach der
che Grundlagen für die Erhebung, Fest- Lohnsteuer. An dritter Stelle liegt eben-
setzung, Durchführung der Besteuerung falls eine indirekte Steuer: die Mineral-
und Vollstreckung geregelt. Für Kauf- ölsteuer. Solche Verbrauchssteuern gibt
leute ist sie vor allem wegen der Festle- es in großer Zahl: Tabaksteuer, Kaffee-
gung von Steuererklärungs- und Buch- steuer, Schaumweinsteuer, Geträn-
führungspflichten von Bedeutung. kesteuer, Biersteuer, Branntweinsteuer,
Kinosteuer, Lotteriesteuer, Versiche-
Das Steuersystem ist nicht nur in rungssteuer, Feuerschutzsteuer, Ver-
Deutschland, sondern auch in den meis- gnügungssteuer sowie die Verpa-
ten anderen Staaten so komplex, dass ckungssteuer. Obwohl in den letzten
man meinen könnte, nirgendwo sei der Jahren eine ganze Reihe indirekter
Staat so innovativ wie beim Erfinden Steuern abgeschafft worden sind, gibt
von Steuern. Um die hohe Steuerlast diese immer noch unvollständige Liste
nicht zu offensichtlich erscheinen zu einen Eindruck über die Komplexität
lassen, bleiben die meisten Steuern als unseres Steuersystems.
indirekte Steuern im Verborgenen.
Steuerzahler (in den meisten Fällen die Hintergrund dieser großen Vielfalt an
Verbraucher) und Steuerschuldner (z.B. indirekten Steuern, deren Ursprünge
Unternehmen, die diese indirekten zum Teil aus dem Mittelalter stammen,
Steuern an das Finanzamt abführen ist in vielen Fällen die Steuergerechtig-
müssen) sind anders als bei den direkten keit. Man wollte Luxusartikel besteuern,
Steuern nicht identisch. um die Reichen stärker zur Kasse bitten
zu können. Nach der Gründung des
Deutschen Reiches 1871 kam hinzu,
dass die Länder dem Reich zunächst
Das deutsche Steuersystem – gelenktes Chaos 27

den Zugriff auf direkte Steuern ver- Der ermittelte Steuermessbetrag wird
wehrten, sodass es sich vorwiegend aus mit dem Hebesatz multipliziert, der von
indirekten Steuern finanzieren musste. der Gemeinde festgelegt wird. Das Er-
Die meisten indirekten Steuern gehen gebnis ist die jährliche Gewerbesteuer.
auch heute noch direkt an den Bund. Die meisten Hebesätze liegen zwischen
300-400 %. Somit spielt die Gewerbe-
Während mit indirekten Steuern der steuer für Unternehmen bei der Stand-
Verbrauch (Verbrauchssteuern) oder ortwahl eine wichtige Rolle. Die Ge-
das Inverkehrbringen einer Sache (Ver- werbesteuer zählt zu den Aufwendun-
kehrssteuern) besteuert wird, orientieren gen des Unternehmens und schmälert
sich direkte Steuern (Besitzsteuern) an daher den Gesamtgewinn, der Bemes-
der Leistungsfähigkeit oder am Vermö- sungsgrundlage der Körperschaftssteuer
gen des Steuerpflichtigen. Daher sind ist.
Lohn- bzw. Einkommensteuern nicht
feste Prozentsätze vom Einkommen, Die Verteilung der Steuern auf Bund,
sondern unterliegen einer Progression. Länder und Gemeinden ist im Grundge-
Die Einkommensteuer ist die wichtigste setz geregelt. Etwas über die Hälfte des
Steuer Steueraufkommens erhält der Bund. Der
Anteil der Steuern, über den die Ge-
Die Körperschaftssteuer ist die Einkom- meinden direkt verfügen können, liegt
mensteuer der juristischen Personen wie dagegen unter 10 % der gesamten Steu-
z.B. der GmbH oder der AG, die ihren ereinnahmen.
Sitz im Inland haben. Grundlage für
ihre Berechnung ist der Unternehmens-
gewinn. Diejenigen Anteile des Ge-
Die Steuereinnahmen genügen nicht,
winns, die als Dividende an Gesell- um die Ausgaben des Staates zu de-
schafter und Aktionäre ausgeschüttet cken. Das Defizit und damit die Neuver-
werden, sind außerdem für den Emp- schuldung des Staates, d.h. von Bund,
fänger zur Hälfte einkommensteuer- Ländern und Gemeinden, beträgt zurzeit
pflichtig (Halbeinkünfteverfahren). jährlich etwa 80 Mrd. €. Der weitaus
größte Posten im Bundeshaushalt sind
dabei Ausgaben für die soziale Siche-
Eine weitere Unternehmenssteuer ist die rung. Wohlgemerkt sind hierin keine
Gewerbesteuer, die neben der Ausgaben enthalten, die aus Beiträgen,
Grundsteuer eine der Haupteinnahme- d.h. von Sozialversicherungen, finanziert
quellen der Gemeinden bildet. Zur Be- werden. De facto werden so ca. 20 %
der Sozialausgaben über Steuern finan-
rechnung der Gewerbesteuer werden ziert.
aus dem Gewerbeertrag sowie aus dem
Gewerbekapital der Steuermessbetrag Die hohe Schuldenlast ist Ursache für
ermittelt. Für Kapitalgesellschaften sind den zweitgrößten Posten im Bundes-
dies 5 % des Gewerbeertrags, der auf haushalt, die Schuldzinsen. Nimmt man
die Zinslasten der Länder und Gemein-
der Basis des Gewinns ermittelt wird. den hinzu, ergibt sich ein Betrag von
Bei Einzelunternehmen und Personen- jährlich über 60 Mrd. €. Die Neuver-
gesellschaften werden Freibeträge so- schuldung ist aber immer noch größer
wie ein Staffeltarif angewendet, um als die Zinslast. Ein Gleichziehen von
einen Ausgleich dafür zu schaffen, dass Neuverschuldung und Zinsen würde als
Signal betrachtet, dass die Schuldenspi-
der Unternehmerlohn, d.h. das Gehalt rale durchbrochen werden kann, denn
der Geschäftsleitung, bei ihnen nicht dies würde bedeuten, dass der Haushalt
den Gewinn mindert. ohne Zinslasten ausgeglichen wäre.
28 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Weltwirtschaft und Währungspolitik – die Macht des Geldes


Um mit anderen Ländern Handel zu eigener Währung ein und erhält damit
treiben, muss eine Vereinbarung über das Recht, vom IWF Devisen zu bezie-
die Währungseinheit getroffen werden, hen. Jede Währung hat dabei eine Kurs-
in der das Geschäft abgewickelt werden parität zu den SZR, so entspricht eine
soll. Damit ein Unternehmen eine SZR-Einheit etwa 1,17 € (Stand Mitte
Rechnung in der eigenen Landeswäh- 2006). Im Gegensatz zu den Ziehungs-
rung begleichen oder in eine Fremd- rechten, die echte Guthaben darstellen
währung umtauschen kann, müssen und denen echte Einzahlungen der ein-
andere Staaten diesem Währungssystem zelnen Zentralbanken wie z.B. der Bun-
ein nicht geringes Vertrauen entgegen- desbank entgegenstehen, sind Sonder-
bringen. Dies gilt insbesondere, seitdem ziehungsrechte ein Anspruch auf das
die Währungen nicht mehr als Münzen allgemeine Vermögen des IWF in Form
aus Edelmetall geprägt sind. von Krediten, die bei Bedarf, d.h. einer
nicht ausgeglichenen Zahlungsbilanz,
Bei der Gründung des Internationalen gewährt werden. Diese Kredite sind in
Währungsfonds (IWF) in Bretton der Regel mit Auflagen des IWF an die
Woods im Jahre 1944 wurde zur Siche- Wirtschaftspolitik eines Landes verbun-
rung des Welthandels ein System fester den.
Wechselkurse auf Basis der Gold- bzw.
Dollarreserven der einzelnen Länder Auch das System fester Wechselkurse
vereinbart. Ziel war es, die Währungen wurde im Jahre 1978 offiziell aufgege-
der damals beteiligten 44 Staaten (heute ben, sodass heute zwischen den meisten
sind es 186 Staaten, die Bundesrepublik Staaten ein System flexibler Wechsel-
gehört dem IWF seit 1952 an) frei in- kurse besteht, d.h. die Wechselkurse
einander konvertierbar zu machen. Die- sind ständigen Marktveränderungen
se heute fast selbstverständlich klingen- unterworfen. Um die Konsequenzen
de Tatsache war vor dieser Zeit ein be- fester Wechselkurse auf die Wirtschaft
trächtliches wirtschaftliches Problem. besser zu verstehen, kann man folgende
Überlegung anstellen: Ein Land, das
In Bretton Woods wurde der Dollar einen Überschuss in seiner Zahlungsbi-
aufgrund seiner Goldparität von 35 Dol- lanz ausweist, d.h. mehr exportiert als
lar je Feinunze Gold zunächst als Leit- importiert hat, sollte seine Währung
währung festgelegt. Dies ging solange aufwerten, damit seine Geldmenge sei-
gut, wie die USA durch hohe Exporte ner Wirtschaftskraft entspricht. Die
die ausländischen Dollarreserven kom- Folge wäre, dass es für seine Währung
pensieren konnten. Ende 1971 drohte im Ausland billiger einkaufen, d.h.
den USA ein Ausverkauf ihrer Goldre- mehr importieren, könnte, seine Exporte
serven aufgrund hoher ausländischer würden aber teurer und damit abneh-
Dollarbestände, die Folge eines Zah- men.
lungsbilanzdefizits waren. Die Gold-
bindung und damit der Dollar als Leit- Natürlich ist eine Aufwertung export-
währung wurden deshalb seitens der schädlich, sodass die exportorientierten
USA aufgegeben. Industriezweige diese zu verhindern
suchen. Als Alternative zu einer Auf-
Als neues internationales Zahlungsmit- wertung böte sich an, stattdessen auf
tel haben die Sonderziehungsrechte den Devisenmärkten Fremdwährungen
(SZR) des IWF die Funktion einer zu kaufen. Betrachtet man die Fremd-
Leitwährung („Papiergold“) übernom- währung als „Ware“, sieht man sofort
men. Jedes Land zahlt einen Betrag in die Analogie zu einem Import. Anders
Weltwirtschaft und Währungspolitik – die Macht des Geldes 29

ausgedrückt wird durch das Angebot geschäfte zugrunde liegen, erfasst


der eigenen Währung auf den Devisen- werden (z.B. Schuldenerlass),
märkten die eigene Währung ge-
schwächt, sodass keine Aufwertung " die Kapitalbilanz, in der Kapital-
mehr nötig ist. bewegungen erfasst werden,

Hat ein Land dagegen ein Zahlungsbi- " die Devisenbilanz, in der Ab- und
lanzdefizit, muss es, um seine Währung Zuflüsse von Devisen und Sonder-
stabil zu halten, Devisen gegen eigene ziehungsrechten bei der Zentral-
Währung verkaufen, wobei sich aber bank erfasst werden.
seine Devisenreserven langfristig er-
schöpfen. Der IWF stellt solchen Län- " Saldo der statistisch nicht aufglie-
dern Kredite in Form von Devisen zur derbaren Transaktionen (auch als
Verfügung, damit sie eine Abwertung Restposten bezeichnet). Hier erfol-
vermeiden können. Gleichzeitig wächst gen fiktive Buchungen, um Unge-
der Druck des IWF auf diese Länder, nauigkeiten in anderen Teilbilanzen
ihre Zahlungsbilanz auszugleichen. Der auszugleichen.
IWF spielt heute als Sonderorganisation
der UNO die Rolle einer „Finanzfeuer- Die Leistungs- und die Übertragungsbi-
wehr“, um Finanzkrisen wie 1994 in lanz bilden die Aktivseite der Bilanz,
Mexiko oder Ende 1997 in Südostasien die Kapitalbilanz sowie die Gold- und
beheben zu helfen. Devisenbilanz die Passivseite. Ein Ge-
schäftsvorfall wird stets in zwei Teilbi-
Die Zahlungsbilanz eines Staates erfasst lanzen verbucht, sodass die Zahlungsbi-
sämtliche Geldströme mit dem Ausland. lanz wieder ausgeglichen ist.
Die Zahlungsbilanz umfasst folgende
Teilbilanzen:
Da die Zahlungsbilanz stets ausgegli-
" die Leistungsbilanz, die sich wie- chen ist, kann es buchhalterisch eigent-
lich kein Zahlungsbilanzdefizit geben.
derum in die Handelsbilanz (Diffe- Dennoch wird dieser Begriff häufig ver-
renz der Warenex- und -importe) wendet. Z.B. betrug das Zahlungsbi-
sowie in die Dienstleistungsbilanz lanzdefizit der USA im Jahre 2004 ca.
unterteilt, 780 Mrd. Dollar und ist hauptsächlich
durch hohe Importe begründet. Finan-
ziert wird das Defizit über Kredite vor
" die Vermögensübertragungsbilanz, allem von ostasiatischen Banken, wo-
in der staatenübergreifende Zah- durch die Staatsschulden der USA ge-
lungen, denen keine Handels- genwärtig beträchtlich wachsen.
30 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Die Globalisierung – Chancen und Risiken


Der Begriff Globalisierung hat sich zu einfaches Gedankenexperiment. Neh-
einem emotionalen Schlagwort entwi- men wir an, in einem Land A werden
ckelt. Verfolgt man Medienberichte, so Güter aus einem anderen Land B ge-
erscheint sie bei den Befürwortern als kauft, da sie dort billiger sind. Ein Vor-
Garant für ein Wachstum der Weltwirt- teil für Land A liegt auf der Hand: Die
schaft, für die Gegner ist sie dagegen Preise für dieses Gut sinken und die
gleichbedeutend mit der Ausbeutung Menschen in diesem Land haben mehr
der Entwicklungsländer sowie Jobkiller Geld für andere Produkte zur Verfü-
in den Industriestaaten. Dabei handelt es gung. Andererseits verlieren Menschen
sich natürlich nur um Auswirkungen. ihre Arbeit, die vorher dieses Gut in
Die Globalisierung selbst ist eine histo- Land A produziert haben. Obwohl der
rische Entwicklung, mit der die wach- Wohlstand in Land A insgesamt gestie-
sende internationale Verflechtung von gen ist, wurde er nicht gleich verteilt –
Volkswirtschaften gemeint ist. Wurden es gibt Gewinner und Verlierer.
früher Waren in einem Dorf produziert
und auf dessen Dorfmarkt verkauft, Wie sollte Land A mit dieser Ungleich-
können heute immer mehr Produkte an verteilung umgehen? Zunächst kann es
beliebigen Orten vertrieben werden. einen sozialen Ausgleich zwischen Ge-
winnern und Verlierern in Form von
Dass die Globalisierung erst seit den angemessenen Transferleistungen schaf-
80er Jahren in breiter Öffentlichkeit fen. Damit die arbeitslos gewordenen
diskutiert wird, liegt an ihrer rapiden Kräfte nicht brach liegen, müssen sie für
Zunahme, bedingt durch technische neue Aufgaben qualifiziert werden. Um
Entwicklungen, die schnelle, kosten- entsprechende Arbeitsplätze zu schaffen,
günstige und sichere Transporte von ist es aber auch erforderlich, Kapital-
Gütern, Information und Geld ermögli- ströme für Investitionen ins Inland zu
chen. Politisch begleitet wurde dieser lenken. Ähnliche Betrachtungen lassen
Prozess durch internationale Liberalisie- sich auch für Land B anstellen. Werden
rung sowie der Öffnung Osteuropas. die dort eintreffenden Geldflüsse „ge-
recht“ verteilt? Gehen die billigeren Pro-
Die Globalisierung beeinflusst nicht nur duktionskosten zu Lasten von Umwelt
die Gütermärkte, sondern auch die Ar- oder Arbeitnehmern? Auch hier gibt es
beits- und die Kapitalmärkte. Insbeson- Spielraum für Gewinner und Verlierer.
dere Kapitalflüsse sind durch den elekt-
ronischen Datenaustausch weltweit mit Diese sehr einfache Darstellung zeigt,
geringem Kosten- und Zeitaufwand dass die Globalisierung einer Volks-
steuerbar. Die hohe „Virtualität“ der Ka- wirtschaft insgesamt nutzt, aber ohne
pitalmärkte führt gelegentlich zu erheb- Steuerung die Gefahr besteht, dass die
lichen Schwankungen und damit auch Kluft zwischen Arm und Reich immer
Finanzkrisen, ausgelöst durch neue att- größer wird. Sie zeigt außerdem die
raktive Investitionsobjekte, Investitions- Hauptargumente der Befürworter und
ängste oder Spekulationen. Die Ar- Gegner auf. Während die Befürworter
beitsmärkte sind durch die Migration in der Globalisierung eine konsequente
von Arbeitnehmern betroffen, ein durch- Entwicklung der Marktwirtschaft hin zu
aus beobachtbarer, aber aufgrund von größerer Effizienz und Produktvielfalt
sozialen Bindungen sowie Sprach- und sehen, befürchten die Gegner, dass sie
Kulturbarrieren gedämpfter Prozess. zu sozialer Ungerechtigkeit, zu wirt-
schaftlichen Monokulturen und zu ei-
Um die Auswirkungen der Globalisie- nem Raubbau an der Natur führt.
rung zu untersuchen, machen wir ein
Die Globalisierung – Chancen und Risiken 31

Wie sieht die Realität aus? Die Ent- " einer Welthandelsordnung,
wicklungen im ostasiatischen Raum und
" einer internationalen Wettbe-
in Osteuropa zeigen, dass nicht nur In-
werbsordnung,
dustriestaaten von der Globalisierung
profitieren können. Das Beispiel China " einer Weltwährungs- und Fi-
beweist, dass wirtschaftliche Liberali- nanzordnung,
sierung zu einer, wenn dort auch lang-
" einer Weltsozialordnung,
sam voranschreitenden, inneren politi-
schen Liberalisierung führen kann. " einer Weltumweltordnung.

Dagegen hat der Anteil afrikanischer Für die beiden ersten Säulen spielt die
Länder am Welthandel in den letzten 20 Welthandelsorganisation (WTO), eine
Jahren abgenommen. Sie zählen damit Sonderorganisation der UNO mit 146
zu den Verlierern der Globalisierung. Mitgliedsstaaten, die 1994 gegründet
Aber auch dort gibt es Länder wie wurde, eine zentrale Rolle. Ihre bisheri-
Botswana oder Mauritius, die zu den ge Arbeit basiert auf drei wichtigen Ab-
Globalisierungsgewinnern zählen. Krie- kommen zur Regelung des Warenver-
ge, Bürgerkriege und politische Korrup- kehrs (GATT), des Handels mit Dienst-
tion blockieren in vielen afrikanischen leistungen (GATS) sowie des Schutzes
Ländern die Investitionsbereitschaft geistigen Eigentums (TRIPS). Für die
ausländischer Anleger. Weltwährungs- und Finanzpolitik ist
unter anderem der Internationale Wäh-
Die Politiker der wirtschaftlich führen- rungsfonds (IWF) zuständig. Eine um-
den Nationen haben erkannt, dass rein fassende Weltsozialordnung gibt es der-
nationale Maßnahmen zur Kontrolle der zeit nicht, wohl aber eine Entwick-
Weltwirtschaft nicht mehr ausreichen. lungshilfepolitik, die international von
Ein friedlicher Ausweg aus den mit der der Weltbank wahrgenommen wird. Im
Globalisierung verbundenen Konflikten Bereich der globalen Ökologie wird
wird im so genannten Global Gover- regelmäßig eine Weltumweltkonferenz
nance gesehen, ein Begriff, der mit einberufen.
Weltordnungspolitik übersetzt wird und
sich damit vom Begriff Weltregierung
bewusst abgrenzt. Global Governance
beruht nach Auffassung von Politwis-
senschaftlern auf fünf Säulen:
32 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Fossile Energiequellen – eine aussterbende Art


Die heutige Energieversorgung beruht giepreis abhängt. Eine präzise Abschät-
vor allem auf den nicht regenerativen zung der vorhandenen Reserven ist vor
Energieträgern Kohle, Erdöl, Erdgas allem beim Erdöl praktisch unmöglich,
und Uran. Insbesondere die in den letz- da sowohl die Energieindustrie als auch
ten Jahren erheblich gestiegenen Kosten die erdölfördernden Länder diese Zah-
für die fossilen Energieträger Erdöl und len aus wirtschaftlichen bzw. politi-
Erdgas haben gravierenden Einfluss auf schen Gründen manipulieren.
die Weltwirtschaft. Von den Energie-
konzernen werden diese Preisanstiege Gemäß einer Studie des Bundesamts für
mit politischen Krisen, Spekulationen, Geowissenschaften und Rohstoffe
einem schwachen Dollarkurs sowie ge- (BGR) betrugen im Jahre 2004 die
stiegener Nachfrage in den Schwellen- weltweiten Reserven für Erdöl und Erd-
ländern Asiens begründet. Dies darf gas 228 bzw. 191 Gt SKE (Gigatonnen
aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Steinkohleeinheiten), die weltweiten
erhebliche Preisanstiege aufgrund der Ressourcen 117 bzw. 224 Gt SKE. Na-
Begrenztheit der Energievorräte noch türlich können diese Zahlen aufgrund
bevorstehen. der Entdeckung neuer Energievorkom-
men, der Neubewertung vorhandener
Bei der Beurteilung von Energievorrä- Vorkommen oder der Entwicklung neu-
ten werden zwei Begriffe unterschieden: er Technologien jederzeit variieren.
Reserven sind Energievorräte, die mit
heutigen technischen Mitteln wirtschaft- Dividiert man die Reserven durch die
lich genutzt werden können. Ressourcen aktuelle jährliche Förderquote, erhält
dagegen sind Energievorräte, die vor- man die statische Reichweite, die aber
handen sind oder deren Existenz vermu- nur ein sehr ungenaues Maß für die
tet wird, die aber zur Zeit aus techni- Dauer der Verfügbarkeit eines Rohstof-
schen und/oder wirtschaftlichen Grün- fes ist, da sie lediglich die bekannten
den nicht verwertet werden. Diese Defi- Reserven und die gegenwärtige Förder-
nitionen sind nicht wirklich klar von- quote berücksichtigt. Genauere Reich-
einander abgegrenzt, da die Wirtschaft- weitenberechnungen für Erdöl und Erd-
lichkeit einer Erschließung vom Ener- gas, die von einer Zunahme des Ener-
Fossile Energiequellen – eine aussterbende Art 33

giebedarfs um 50 % bis zum Jahr 2030 weite Förderleistung ihr Maximum er-
ausgehen, lassen den Schluss zu, dass reicht. Spätestens ab diesem Moment
eine wirtschaftliche Erschließung bis driften Angebot und Nachfrage immer
etwa 2040 stattfinden wird. weiter auseinander. Wann dieser Zeit-
punkt beim Erdöl erreicht wird, ist um-
Solche Reichweitenberechnungen sug- stritten. In den meisten Staaten außer-
gerieren, dass sich bis zum Erschöpfen halb der OPEC wurde das Fördermaxi-
der Quellen für die Energiemärkte keine mum bereits überschritten. Experten
wesentlichen Auswirkungen ergeben rechnen damit, dass das weltweite För-
bräuchten. Dies ist jedoch nicht der Fall, dermaximum zwischen 2010 und 2025
da die Förderquoten aus physikalischen erreicht wird.
Gründen mit der Zeit abnehmen. Bereits
in den 50er Jahren wurde von dem Geo- Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen
logen M. King Hubbert ein Modell ent- andere Energiequellen die Versorgungs-
wickelt, nach dem die Förderquote bei lücke decken, da es sonst zu einem er-
Erdöl abnimmt, wenn etwa die Hälfte heblichen Anstieg der Energiepreise
der Vorräte abgebaut ist. Dieser Zeit- kommen wird. Die Marketing-
punkt wird als depletion-mid-point be- Abteilungen der Energiekonzerne lie-
zeichnet. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich fern hierzu optimistische Prognosen. In
die Ölförderung nicht mehr steigern, da der Tat gibt es beträchtliche „nicht kon-
der Druck in den Lagerstätten abnimmt. ventionelle“ Ressourcen für Erdöl und
Der zeitliche Verlauf der Fördermenge Erdgas. Beim Erdöl sind dies z.B. Öl-
entspricht etwa einer Glockenkurve, schiefer und Ölsand, die weltweit in
deren Abfallen sich durch technische großen Mengen vorhanden sind. Deren
Eingriffe wie z.B. zusätzliche Bohrun- Ausbeutung ist allerdings technisch
gen etwas verzögern lässt. Das Modell erheblich aufwändiger und aus ökologi-
erwies sich bei der Vorhersage der För- scher Sicht problematisch. In Zukunft
derleistungen US-amerikanischer und wird wohl kein einzelner Energieträger
norwegischer Quellen als erfolgreich. die Rolle des Erdöls übernehmen kön-
nen. Langfristig kann die Energiever-
Geht man von einer mindestens kon- sorgung nur mit erheblichen Energie-
stant bleibenden Nachfrage für Erdöl einsparungen und einem Mix aus zahl-
aus, ist für die Preisentwicklung der reichen regenerativen Energieträgern
Zeitpunkt interessant, an dem die welt- gewährleistet werden.
34 Volkswirtschaftliche Grundlagen

Die Europäische Union – alle unter einem Dach


Der Begriff Europäische Union (EU) Die Wurzeln der EU liegen in der
verfolgt uns fast täglich in den Medien. Nachkriegszeit, als die Politiker bestrebt
In diesem Buch wird sie häufig in Zu- waren, nach Jahrhunderten immer ver-
sammenhang mit der Gesetzgebung heerender werdender Kriege dem euro-
genannt. Von der EU werden Richtli- päischen Kontinent endlich Frieden zu
nien erlassen, die binnen einer vorge- bringen. Einen ersten Schritt bildete die
schriebenen Frist in nationales Recht 1951 gegründete Europäische Gemein-
umgesetzt werden müssen. In welche schaft für Kohle und Stahl (Montanuni-
konkreten Gesetze diese Richtlinien on), an der neben Deutschland auch
übernommen und wie sie ausformuliert Frankreich, Italien und die Beneluxlän-
werden, bleibt den einzelnen Mitglieds- der beteiligt waren. Der Bund dieser
staaten überlassen. Das damit ange- sechs Länder wurde 1957 durch die in
wandte Subsidiaritätsprinzip beschränkt den römischen Verträgen beschlossene
gleichzeitig die Macht der EU. Gründung der Europäischen Wirt-
schaftsgemeinschaft (EWG) auf allge-
Die EU besteht aus inzwischen 25 Mit- meine wirtschaftliche Zielsetzungen mit
gliedsstaaten mit etwa 450 Millionen einem EG-Binnenmarkt erweitert. Im
Einwohnern und wurde am 01.11.1993 heutigen Zeitalter der Globalisierung ist
durch den Vertrag von Maastricht ge- die EU bestrebt, ein wirtschaftliches
gründet. Sie ist eine Dachorganisation, Gegengewicht zu den USA zu bilden.
die drei Pfeiler unter sich vereint. Den Hieraus erklären sich auch die kürzlich
bekanntesten Pfeiler bilden die Europä- erfolgten Beitritte zahlreicher neuer
ischen Gemeinschaften (EG), die sich Mitgliedsstaaten, die Einführung einer
aus der Europäischen Atomgemein- gemeinsamen Währung und der
schaft (EURATOM) sowie der ebenfalls Wunsch nach einer gemeinsamen Ver-
mit EG abgekürzten Europäischen Ge- fassung.
meinschaft zusammensetzt, hinter der
sich die ehemalige Europäische Wirt- Die EU verfügt wie ein Staat über eine
schaftsgemeinschaft (EWG) verbirgt. eigene Legislative, Judikative und Exe-
Die Europäischen Gemeinschaften sind kutive. Diese Organe sind den Europäi-
der wirtschaftliche und damit der für schen Gemeinschaften zugeordnet, da
den Bürger spürbarste Pfeiler der EU, die EU selbst keine eigene Rechtsper-
denn er bestimmt die Regeln des Bin- sönlichkeit (juristische Person) ist. Der
nenmarktes. „Regierung“ der EU entspricht die Eu-
ropäische Kommission, die sich aus
Bei den beiden anderen Pfeilern handelt derzeit 25 Kommissaren zusammensetzt
es sich um die Gemeinsame Außen- und und von denen einer als Kommissions-
Sicherheitspolitik (GASP) und die Zu- präsident die Kommission leitet. Dieser
sammenarbeit in der Innen- und Justiz- wird vom obersten Gremium der EU,
politik (ZIJP). Ziele der GASP sind eine dem Europäischen Rat, ernannt, in dem
Abstimmung der europäischen Si- die Regierungschefs und die Außenmi-
cherheits- und Verteidigungspolitik, nister der Mitgliedsstaaten vertreten
Fragen der Abrüstung sowie die Koor- sind.
dination militärischer Hilfseinsätze au-
ßerhalb der EU. Die ZIJP dient dem Der Europäische Rat bestimmt die Ziele
Zweck der internationalen Bekämpfung und Leitlinien der EU. Jeder Mitglieds-
von Kriminalität und Terrorismus. staat stellt einen Kommissar, bei dessen
Hierzu wurde ein europäisches Polizei- Auswahl der Kommissionspräsident ein
amt (EUROPOL) gegründet. Mitspracherecht hat. Die Kommission
Die Europäische Union – alle unter einem Dach 35

Wichtige Instanzen der Europäischen Union


Aufgaben Mitglieder
Europäischer Legt Ziele und Leitlinien fest. Regierungschefs und Außenmi-
Rat nister.
EU- Kontrolliert die Einhaltung der Je ein Kommissar pro Mitglieds-
Kommission EU-Richtlinien, schlägt Gesetze staat.
vor.
Ministerrat Stimmt über Gesetze und Haus- Außen- bzw. Fachminister aus
halt ab. den Mitgliedsstaaten.
EU- Stimmt über Gesetze und Haus- Vom Volk gewählte Vertreter aus
Parlament halt ab, kontrolliert Kommissi- Parteien der Mitgliedsstaaten.
on.
Europäischer Sorgt für einheitliche Auslegung Ein Richter je Mitgliedsstaat.
Gerichtshof der EU-Richtlinien,
Klageinstanz bei Vertragsverlet-
zungen.

kontrolliert die Einhaltung der EU- hat eher eine beratende und kontrollie-
Gesetzgebung und darf als einziges Or- rende Funktion. Parlament und Minis-
gan Richtlinien und Verordnungen vor- terrat sind bei der Gesetzgebung gleich-
schlagen, über die im Parlament und im berechtigt.
Ministerrat abgestimmt wird. Ihre Mit-
glieder sind gleichberechtigt und gehal- Die Judikative wird vom Europäischen
ten, nicht die Interessen ihrer Nationen, Gerichtshof (EuGH) verkörpert. Es soll
sondern die der EU zu vertreten. sicherstellen, dass EU-Recht innerhalb
der Staatengemeinschaft auf die gleiche
Ähnlich wie in Deutschland die Legisla- Weise ausgelegt wird. Nationale Ge-
tive in Bundestag und Bundesrat aufge- richte können sich daher in Fragen des
teilt ist, gibt es in der EU den Minister- Gemeinschaftsrechts an das EuGH
rat, der die Interessen der Mitgliedsstaa- wenden oder Rechtmäßigkeit von EU-
ten vertritt und sich aus den für die je- Richtlinien prüfen lassen. Außerdem
weilige Gesetzgebung zuständigen Mi- kann die EU-Kommission Mitglieds-
nistern zusammensetzt, sowie das Eu- staaten vor dem EuGH verklagen, wenn
ropäische Parlament, dessen gegenwär- diese ihren Verpflichtungen nicht nach-
tig 732 Repräsentanten von den EU- kommen.
Bürgern alle fünf Jahre gewählt werden
und die dort die Interessen ihrer politi- Weitere wichtige Organe der EU sind
schen Parteien vertreten. Das Parlament der Europäische Rechnungshof, der
muss der Ernennung von Kommissaren über die Rechtmäßigkeit des Haushalts
und dem von der Kommission vorge- wacht, und die Europäische Zentral-
schlagenen Haushalt zustimmen. Da es bank, welche die Geldpolitik in der EU
keine Gesetzesvorschläge unterbreiten bestimmt.
darf, ist seine Rolle relativ schwach und
36 Volkswirtschaftliche Grundlagen