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G E SE L L SC H A FT

Der Do-It-Yourself-Trend

Gärtnern, Basteln, Stricken: Diese Hobbys sind


wieder im Kommen. Das Schlagwort heißt "Do-It-
Yourself": Menschen wollen wieder mit den
eigenen Händen etwas herstellen - als Ausgleich
zum fremdbestimmten Berufsleben.
Susanne Kickern sitzt an einer Nähmaschine im "NähBüro" in Köln. Beruflich ist die Kulturmanagerin
viel unterwegs und hat immer ein Telefon am Ohr. "Nähen", sagt sie, "hilft mir, zur Ruhe zu
kommen". Bis auf das Rattern der Nähmaschinen und das Dampfen des Bügeleisens herrscht um sie
herum eine entspannte Ruhe. Fünf Frauen sind über Schnittmuster und Bügelbretter gebeugt und
arbeiten konzentriert.
Sie nähen nicht, um Geld zu sparen. Nach einem langen Arbeitstag im Büro möchten sie in ihrer
Freizeit selbst bestimmen, womit sie sich beschäftigen. Und es geht ihnen darum, wieder etwas
selber herzustellen. "Ich finde es sehr angenehm, dass ich mich nur mit einer Sache beschäftige und
mich darauf konzentriere und vor allem etwas mit den Händen tue", sagt Kickern, die nicht nur
selber näht, sondern auch selbst geerntetes Gemüse und Obst einkocht. Tätigkeiten, die in
Deutschland jahrzehntelang nicht zum Bild eines modernen Menschen passten, sind wieder in
Mode.

Mit den Händen


arbeiten, um zu sich zu
finden
Trendforscherin Ines
Imdahl,
Geschäftsführerin beim
Rheingold Institut,
spricht sogar von einem
"Megatrend", der sich
bereits 2011 abzeichnet habe. In einer Studie hat das Rheingold-Institut Menschen in Deutschland
befragt, was sie am liebsten in ihrer Freizeit tun. Vermeintlich spießige Hobbys wie Stricken, Nähen
oder Gärtnern landen auch bei jungen Leuten plötzlich auf Spitzenplätzen. Die Ursache sieht Imdahl
in der ständigen Verfügbarkeit, dem "Standby-Modus", in dem sich viele moderne Arbeitnehmer in
Deutschland permanent befinden.
Frauen genauso wie Männer fühlen sich fremdbestimmt und in ihrem Arbeitsalltag, der meist daraus
besteht, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, gehetzt. "Viele können eine Tätigkeit in ihrem Beruf nicht
vom Anfang bis zum Ende durchführen. Dieser Kontrollverlust hat dazu geführt, dass wir angefangen
haben, kleine Nebenwerke zu suchen, wo wir selber bestimmen, wann fängt es an, wann hört es auf
und wann haben wir es komplett fertiggestellt", erklärt Imdahl die Entwicklung. Beim Nähen - das
hat auch Susanne Koch, Initiatorin des "NähBüros", bei ihren Kursteilnehmern beobachtet - geht es
nicht nur darum, sich kreativ auszutoben. Vor allem für die Erwachsenen gleiche es einer "Therapie,
sich mit einem Handwerk zu beschäftigen".
Do-It-Yourself füllt eine Marktlücke
In Deutschland hat sich ein erstaunlich großer Markt entwickelt, der sich nur darum dreht, dass
Männer und Frauen in Gesellschaft handarbeiten, basteln und tüfteln können. Sie nähen in
öffentlichen Cafés oder betreiben Ackerbau. Viele Großstädter, die sich keinen eigenen Garten
leisten können, suchen etwa ihr Glück auf einem Stück Feld. Sie mieten Parzellen, um Gemüse
anzubauen. Die neuen Freizeitbeschäftigungen haben nicht nur mit der Wiederentdeckung der
Langsamkeit zu tun, sondern auch mit dem Wunsch vieler Menschen, sich vom Massengeschmack,
von der Massenfertigung und von der Massenindustrie abzugrenzen.

Bastelnachmittag in der "Dingfabrik" in Köln


"Wer macht, hat Recht"
Während seine Kollegen freitagabends mit einem Bier in der Kneipe stehen, lässt der
Systemadministrator Uwe Ziehenhagen seine Woche lieber mit dem Bastelnachmittag in den
Vereinsräumen der "Dingfabrik" in Köln ausklingen. Vier Werkstätten stehen ihm dort in einer
ehemaligen Gasmotorenfabrik zur Verfügung. "Bei meiner normalen Tätigkeit sitze ich den ganzen
Tag am Rechner, und wenn ich mit meinen Händen etwas machen will, geht das nicht", erklärt er. In
der "Dingfabrik" wird gebastelt: Lampen, Stühle, manche beschäftigen sich auch einfach nur mit
Origami. "Wir vertreten hier die Maxime: Wer macht, hat Recht", erklärt Uwe Ziehenhagen, der seit
zwei Jahren regelmäßig zum "Bastelnachmittag" kommt.
Selbstverwirklichung, Konsumverzicht, aber vor allem ein starker Gemeinschaftsinn seien wichtige
Antriebe für die wachsende Gemeinde der Do-It-Yourself-Anhänger, sagt Ines Imdahl. "Dass die
Menschen gemeinsam handwerken, liegt daran, dass unsere ganze Gesellschaft im Stress ist",
diagnostiziert die Trendforscherin. Wir erleben durch die Eurokrise einen zusätzlichen Druck.
Selbermachen bedeutet Freiraum, und natürlich ist die Freude noch größer, wenn die Ergebnisse
von jemandem wertgeschätzt werden, der selber auch seine Blümchen zum Blühen gebracht hat."

Textquelle: http://www.dw.de/der-do-it-yourself-trend/a-16499296

Was bedeuten die unterstrichenen Wörter im Text?


1. Fan
2. konstante Erreichbarkeit
3. mit den Händen etwas kreieren
4. seiner Phantasie freien Lauf lassen
5. der Selbstständigkeit beraubt
6. Stimulus
7. angeblich
8. Platz zur eigenen Entfaltung
9. zu Ende gehen lassen
10. ein aufsteigender Trend
11. etwas, das es noch nicht zu kaufen gibt
12. über ein Problem angestrengt nachdenken
13. das Erkennungswort
14. altmodisch
15. gejagt
16. auf dem Land arbeiten
17. die Bedeutung von etwas erkennen und würdigen
18. die Entspannung

Fragen zum Text:

1. Warum sind kreative Hobbys wieder modern?


2. Nennen Sie drei Gründe, warum sich Leute mit diesen Hobbys beschäftigen.
3. Welche Gründe sehen die Marktforscher für den neuen Trend?
4. Welche gemeinsamen Anschauungen teilen die Fans der neuen Welle?

Finden Sie 5 Sätze im Aktiv, bestimmen Sie die Zeitform der Verben und formen Sie dann die Sätze
ins Passiv um!