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NuR (2017) 39: 311–316  311

DOI: 10.1007/s10357-017-3179-z

Widerlegliche Vermutung für KrWG-Überlassung


Walter Frenz

© Springer-Verlag 2017

Das ­BVerwG hat am 30. 6. 2016 in einem Urteil zu Alttextilien Überwiegende öffentliche Interessen nach § 17 Abs.  2
die lang erwartete Klarstellung zu den abfallrechtlichen Überlas- S.  1 Nr.  4 KrWG stehen einer gewerblichen Sammlung
sungspflichten nach § 17 KrWG geliefert. Es hat dabei eine wider- gem. § 17 Abs. 3 S. 1 KrWG entgegen, wenn die Samm-
legliche Vermutung dafür festgelegt, dass unter näher in § 17 Abs. 3 lung in ihrer konkreten Ausgestaltung, auch im Zusam-
S. 3 KrWG bezeichneten Umständen private Sammlungen ausge- menwirken mit anderen Sammlungen, die Funktionsfä-
schlossen werden können. Hier werden das System dieser Prüfung higkeit des öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers bzw.
und der unionsrechtliche Hintergrund näher dargelegt. des von diesem beauftragten Dritten gefährdet. Eine solche
Gefährdung ist gem. § 17 Abs. 3 S. 2 KrWG anzunehmen,
1. Abfallrechtliches System der Überlassungspflicht wenn die Erfüllung der nach § 20 KrWG bestehenden Ent-
sorgungspflichten zu wirtschaftlich ausgewogenen Bedin-
1.1. Bedeutung der vom ­BVerwG konkretisierten gungen verhindert oder die Planungssicherheit und Orga-
überwiegenden öffentlichen Interessen nisationsverantwortung wesentlich beeinträchtigt wird.
Genau diesen im Gefolge des Altpapier-Urteils des
Das ­BVerwG entschied im Hinblick auf eine Alttextilien- ­BVerwG aus dem Jahr 2009 7 gewählten, sehr umstritte-
sammlung, ob die betroffenen Abfälle aus überwiegenden nen 8 und viel diskutierten Ansatz hat das ­BVerwG näher
öffentlichen Interessen den öffentlich-rechtlichen Entsor- untersucht. Eine wesentliche Beeinträchtigung der Pla-
gungsträgern überlassen werden müssen, statt sie einer ge- nungssicherheit und Organisationsverantwortung des öf-
werblichen Sammlung übergeben zu können. Dabei sind fentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers ist nach § 17 Abs. 3
noch verschiedene Fragen offen und zweifelhaft. 1 Dies be- S. 3 KrWG insbesondere anzunehmen, wenn durch die ge-
trifft auch und vor allem das Anzeigeverfahren nach § 18 werbliche Sammlung
KrWG, zu dem das ­BVerwG ebenfalls am 30. 6. 2016 ur- 1. Abfälle erfasst werden, für die der öffentlich-recht-
teilte. 2 Das ist die Konsequenz der Komplexität der Ma- liche Entsorgungsträger oder der von diesem beauf-
terie, ja schon des Normgefüges, das maßgeblich unions- tragte Dritte eine haushaltsnahe oder sonstige hoch-
rechtlich determiniert wird. Der Gesetzgeber wollte im wertige getrennte Erfassung und Verwertung der
Interesse der Vollzugstauglichkeit der Norm eine „klare Abfälle durchführt,
Leitlinie“ vorgeben. 3 Das B
­ VerwG hielt den Wortlaut und 2. die Stabilität der Gebühren gefährdet wird oder
die Systematik indes nicht für entscheidend und sah darin 3. die diskriminierungsfreie und transparente Vergabe
noch keine unwiderlegliche Vermutung vorgegeben, son- von Entsorgungsleistungen im Wettbewerb erheblich
dern dies erfolgte erst durch die unionsrechtskonforme erschwert oder unterlaufen wird.
Auslegung. 4 Für § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 und 2 KrWG macht § 17 Abs. 3
Letztlich ging es darum, ob die Grundregel des § 17 S. 4 KrWG eine Rückausnahme, wenn die vom gewerbli-
Abs. 1 S. 1 KrWG wieder greift, wonach Erzeuger oder Be- chen Sammler angebotene Sammlung und Verwertung der
sitzer von Abfällen aus privaten Haushaltungen verpflichtet Abfälle wesentlich leistungsfähiger ist als die von dem öf-
sind, diese den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern fentlich-rechtlichen Entsorgungsträger oder dem von ihm
zu überlassen, soweit sie zu einer Verwertung auf den von beauftragten Dritten bereits angebotene oder konkret ge-
ihnen im Rahmen ihrer privaten Lebensführung genutzten plante Leistung. Dabei sind gem. § 17 Abs. 3 S. 5 KrWG
Grundstücken nicht in der Lage sind oder diese nicht beab- sowohl die in Bezug auf die Ziele der Kreislaufwirtschaft
sichtigen. Diese Überlassungspflicht besteht nämlich gem. zu beurteilenden Kriterien der Qualität und der Effizienz,
§ 17 Abs. 2 S. 1 Nr. 4 KrWG nicht für Abfälle, die durch ge- des Umfangs und der Dauer der Erfassung und Verwertung
werbliche Sammlung einer ordnungsgemäßen und schad- der Abfälle als auch die aus Sicht aller privaten Haushalte
losen Verwertung zugeführt werden, soweit überwiegende im Gebiet des öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers zu
öffentliche Interessen dieser Sammlung nicht entgegen- beurteilende gemeinwohlorientierte Servicegerechtigkeit
stehen. Diese überwiegenden öffentlichen Interessen sind der Leistung zugrunde zu legen. Leistungen, die über die
mithin der Prüfungskern, an dem sich entscheidet, ob die unmittelbare Sammel- und Verwertungsleistung hinausge-
Alttextilien einer privaten Sammlung überlassen werden hen, insbesondere Entgeltzahlungen, sind nach § 17 Abs. 3
können oder dem öffentlich-rechtlichen Entsorger überge- S. 6 KrWG allerdings bei der Beurteilung der Leistungsfä-
ben werden müssen. higkeit nicht zu berücksichtigen.
Gemischte Abfälle aus privaten Haushaltungen sind
von vornherein den öffentlich-rechtlichen Entsorgern zu
überlassen und von privaten Sammlungen ausgenommen 1) Dippel/Ottensmeier, AbfallR 2017, 13.
(§ 17 Abs.  2 S.  2 KrWG). Sie sind aber vor dem Hinter- 2) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 5/15.
grund des gegen die baden-württembergische Autarkie- 3) BT-Drs. 17/7505, S. 44.
verordnung eingeleiteten und erst nach der Herausnahme 4) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 17.
von Sperrmüll eingestellten Vertragsverletzungsverfah- 5) Zweiter Monitoringbericht der Bundesregierung zur Anzeige-
ren der Kommission eng auszulegen und nicht auf Sperr- pflicht gem. § 17, 18 KrWG vom 19. 10. 2016, S. 15 f.; Dippel/Ot-
müll zu erstecken. 5 Auch darüber wird das ­BVerwG alsbald tensmeier, Abfall 2017, 13, 19 f.; bereits OVG Bautzen, Beschl. v.
­entscheiden. 6 18. 2. 2015 – 4 B 53/14, juris, Rdnr. 7.
6) ­BVerwG – 7 C 9/16 in der Revision gegen OVG Münster, Urt. v.
26. 1. 2016 – 20 A 318/14, juris, Rdnr. 16.
Prof. Dr. Walter Frenz, 7) ­BVerwG, Urt. v. 18. 6. 2009 – 7 C 16/08, BVerw­GE 134, 154.
Lehr- und Forschungsgebiet Berg- und Umweltrecht 8) Gegen Unionsrechtskonformität Klement, VerwArch 2012, 218,
der RWTH Aachen, 227; Pauly/Heidmann, AbfallR2010, 291; Suhl, AbfallR 2012, 201,
Aachen, Deutschland  213 f.; dafür aber Thärichen, AbfallR 2012, 150, 164; Frenz, EWS
2012, 310.

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1.2 Konkretisierungskaskade nach dem B


­ VerwG zur Sicherstellung einer pflichtengerechten, gemeinwohlo-
rientierten Aufgabenerfüllung unter wirtschaftlich tragba-
Es handelt sich im Hinblick auf die Untersuchung überwie- ren Bedingungen erforderlich sind. 18
gender öffentlicher Interessen um eine „Konkretisierungs- Da der EuGH die Zulässigkeit von Wettbewerbsbeschrän-
kaskade“. 9 Sie ist im Kontext der Überlassungspflichten kungen in Relation zur Sicherstellung der besonderen Auf-
und der möglichen Untersagung gewerblicher Sammlun- gabenerfüllung beurteilt, diese also grundsätzlich als legiti-
gen wie folgt zu prüfen: men Zweck einer Ausnahme qualifiziert und anschließend
1. Überlassungspflicht nach § 17 Abs. 1 KrWG der Frage nachgeht, ob zur Zweckerreichung die jeweili-
2. Entfallen bei gewerblicher Sammlung nach §  17 gen Beschränkungen des Wettbewerbs erforderlich sind,
Abs. 2 Nr. 4 KrWG kommt es insoweit entscheidend auf die mitgliedstaatliche
3. Kein Entfallen bei überwiegenden öffentlichen Inte- Aufgaben- bzw. Pflichtenzuweisung an. Für die Ausgestal-
ressen, die gewerblicher Sammlung entgegenstehen, tung von Diensten von allgemeinem wirtschaftlichem Inte-
§ 17 Abs. 2 Nr. 4, Abs. 3 KrWG resse, wie sie die Abfallentsorgung typischerweise darstellt, 19
4. Überwiegende öffentliche Interessen bei Gefährdung haben die Mitgliedstaaten entsprechend Art.  1 des Proto-
der Funktionsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Ent­ kolls Nr.  26 zu den EU-Verträgen 20 einen breiten Ermes-
sor­g ungs­trägers, § 17 Abs. 3 S. 1 KrWG sensspielraum in der Ausgestaltung und Abstimmung auf die
5. Gegeben nach § 17 Abs. 3 S. 2 KrWG bei Nutzerbedürfnisse. 21 Die Ausübung dieses Spielraums muss
a) Verhinderung der Aufgabenerfüllung zu wirt- aber sachgerecht sein, um die Wettbewerbsregeln nicht aus-
schaftlich vertretbaren Bedingungen oder höhlen zu können. Insoweit bedarf es nach dem Urteil Par-
b) wesentlicher Beeinträchtigung der Planungssi- kinson 22 eines schlüssigen, sorgfältig unterlegten Konzepts.
cherheit und Organisationsverantwortung: an- Die dabei angelegten scharfen Anforderungen an die Ein-
zunehmen bei Vorliegen einer der Fälle des § 17 schränkung der Warenverkehrsfreiheit 23 werden allerdings
Abs. 3 S. 3 Nr. 1–3 KrWG, jedoch widerlegbare durch das Eingreifen von Art. 106 Abs. 2 AEUV und damit
Vermutung für § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG, ins- die verbundene große Gestaltungsfreiheit der Mitgliedstaa-
besondere nicht gegeben bei Unterschreiten der ten im Bereich der Daseinsvorsorge aufgelockert. 24 Es darf
Irrelevanzschwelle: nur Entzug von 10–15 % der aber der Binnenhandel nicht über Gebühr beeinträchtigt
Sammlung (bei Alttextilien) durch alle gewerbli- werden. Es gilt die Grenze der Erforderlichkeit. 25
chen Sammlungen, die nicht untersagt; von vorn- Insoweit bildet § 17 Abs. 3 KrWG eine nähere mitglied-
herein ausgeschlossen, wenn gewerbliche Samm- staatliche Ausgestaltung, die im Bereich der Abfallentsorgung
lung wesentlich leistungsfähiger, § 17 Abs. 3 S. 4 als Dienstleistung von allgemeinem wirtschaftlichem Inte-
KrWG. resse 26 Überlassungspflichten für Abfälle aus Gründen der
Funktionsfähigkeit öffentlich-rechtlicher Entsorgungsträger
2. Prägung durch Unionsrecht ermöglicht – unter Verdrängung gewerblicher Sammlun-
gen. Diese Funktionsfähigkeit wird nach dieser Vorschrift
2.1 Warenverkehrsfreiheit und Daseinsvorsorge (§ 17 Abs.  3 S.  2 KrWG) schon durch die Planungssicher-
als maßgebliche Eckpunkte heit und Organisationsverantwortung öffentlich-rechtlicher
Entsorgungsträger konstituiert, ebenso durch die Erfüllbar-
Die vorgenannten Beschränkungen gewerblicher Samm- keit zu wirtschaftlich ausgewogenen Bedingungen. Diesem
lungen müssen nicht nur verfassungsrechtlichen, sondern
auch europarechtlichen Vorgaben genügen, die der Ge-
setzgeber eigens einbezog. 10 Zu beachten sind in diesem 9) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 18.
Zusammenhang jedenfalls 11 primärrechtliche Vorgaben. 10) BT-Drs. 17/6052, S. 87 f. im Hinblick auf Art. 106 Abs. 2 AEUV.
Überlassungspflichten sind grundsätzlich geeignet, die Wa- 11) Zur fehlenden Einschlägigkeit des Sekundärrechts (AbfallVer-
renverkehrsfreiheit gem. Art.  34 ff. AEUV, insbesondere brV; Abf RRL) m. w. N. ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15,
die Ausfuhrfreiheit gem. Art. 35 AEUV zu beschränken. 12 Rdnr. 27 ff.
12) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 34 m. w. N.
Um dennoch mit dem europäischen Primärrecht vereinbar 13) Bezogen auf das Abfallrecht EuGH, Urt. v. 23.  2000 –
5. 
zu sein, müssen sie gerechtfertigt sein. C-209/98, Slg. 2000, I-3743, Rdnr.  48 – Sydhavnens Sten &
Der Schutz der Gesundheit bzw. des Lebens von Men- Grus/Kopenhagen und insbes. schon Urt. v. 9. 7. 1992 – C-2/90,
schen, Tieren oder Pflanzen als Rechtfertigungsgrund nach Slg. 1992, I-4431, Rdnr. 32 – Wallonische Abfälle.
Art. 36 AEUV kann die Exportbeschränkung nicht recht- 14) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 37.
fertigen, zumindest soweit es sich um (relativ) ungefähr- 15) Wenngleich keine vollständige Konvergenz besteht, Weiß, EuR
liche Abfälle handelt. Der Umweltschutz als anerkanntes 2013, 669, 670; Krajewski, VerwArch 2008, 174, 195.
zwingendes innerstaatliches Erfordernis 13 kann nicht aus- 16) Karpenstein/Schink, AbfallR 2011, 222, 228 f.; Gassner, in: Hend-
schließlich über kommunale Dienste verwirklicht wer- ler/Marburger/Reinhardt/Schröder, Jahrbuch des Umwelt- und
den. 14 Er kann indes mit Art. 106 Abs. 2 AEUV verbunden Technikrechts, 2001, S. 315, 335.
sein, wenn es um die Erfüllbarkeit ökologischer Standards 17) EuGH, Urt. v. 25.  6. 
1998 – C-203/96, Slg. 1998, I-4075,
Rdnr. 44 – Dusseldorp.
durch Dienste von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse 18) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 43; etwa EuGH,
und damit letztlich im Bereich der Daseinsvorsorge 15 geht. Urt. v. 3. 3. 2011 – C-437/09, Slg. 2011, I-973, Rdnr. 76 – AG2R
Gründe der Wirtschaftlichkeit und Auslastung allein kön- Prévoyance.
nen Beeinträchtigungen nicht legitimieren. 16 Der EuGH 17 19) EuGH, Urt. v. 23. 5. 2000 – C-209/98, Slg. 2000, I-3743 – Syd-
hat ausdrücklich klargestellt, dass „rein wirtschaftliche havnens Sten & Grus/Kopenhagen.
Ziele … eine Beschränkung des elementaren Grundsatzes 20) Protokoll über Dienste von allgemeinem Interesse, ABl. 2008 C
des freien Warenverkehrs nicht rechtfertigen können“. 115, S. 308.
Im Wesentlichen ergibt sich für Dienste im Allgemeinin- 21) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 44.
teresse aus der relevanten Rechtsprechung des EuGH: Die 22) EuGH, Urt. v. 19. 10. 2016 – C-148/15, ECLI:EU:C:2016 : 776,
besonderen Obliegenheiten und Funktionen gemeinwohl- Rdnr. 34 ff. – Parkinson.
23) In der Konsequenz Frenz, GewArch 2017, 9.
orientierter Dienste können eine Beschränkung des Wett- 24) Näher u. 2.4.
bewerbs oder ggf. sogar dessen vollständigen Ausschluss 25) Bezogen auf die Abfallwirtschaft EuGH, Urt. v. 25. 6. 1998
rechtfertigen. Maßgebliches Kriterium ist die Erfüllbar- – C-203/96, Slg. 1998, I-4075, Rdnr.  67 – Dusseldorp; auch
keit der besonderen Verpflichtungen, die den Diensten ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 48.
im Allgemeininteresse auferlegt werden. Wettbewerbsbe- 26) Für Haushaltsabfälle schon EuGH, Urt. v. 10. 11. 1998 – C-360/96,
schränkungen sind demnach nur insoweit zulässig, als sie Slg. 1998, I-6821, 6866 – BFI-Holding; näher u. 2.4 a. E.

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Ansatz dienen die in § 17 Abs. 3 S. 3 KrWG genannten Re- bar. 41 Ihnen obliegt mithin die Aufgabe, im Falle eines
gelbeispiele. Davon geht eine Vermutungswirkung aus, die festgestellten Vertragsverstoßes zu prüfen, ob hierfür eine
aber im Einzelfall widerlegbar sein muss. 27 Rechtfertigung im soeben beschriebenen Sinne in Betracht
Diese Folgerung wird zwar ausdrücklich nur für § 17 kommt. Einfachgesetzlicher Ansatzpunkt ist nunmehr § 17
Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG gezogen, 28 aber der Begründungs- Abs. 3 KrWG. Da es sich um eine Ausnahme von der Gel-
ansatz des ­BVerwG nennt die Möglichkeit von nationalen tung der Grundfreiheiten bzw. der Wettbewerbsfreiheit 42
Regelbeispielen und Vermutungsregelungen zur Sicher- handelt, sind allerdings die öffentlich-rechtlichen Entsor-
stellung der Funktionsfähigkeit eines vom öffentlich-recht- gungskörperschaften beweisverpflichtet, die sich auf sie be-
lichen Entsorgungsträger errichteten hochwertigen Entsor- rufen. Es ist daher auf eine substanziierte Darlegung der-
gungssystems in Umsetzung von Art. 106 Abs. 2 AEUV. 29 jenigen Tatsachen zu achten, die eine Befreiung von den
Zwar spricht spezifisch § 17 Abs.  3 S.  3 Nr.  1 KrWG die Grundfreiheiten und Wettbewerbsregeln als erforderlich
hochwertige Entsorgung an. Diese wird aber auch durch erscheinen lassen. Wie intensiv der EuGH die Plausibili-
stabile Gebühren (Nr.  2) sowie eine diskriminierungs- tät der Darlegungen und Einschätzungen der Mitgliedstaa-
freie und transparente Vergabe (Nr.  3) gesichert und das ten im Hinblick auf eine Beeinträchtigung der Warenver-
­BVerwG formuliert im Plural („Regelbeispiele und Ver- kehrsfreiheit prüft, zeigt das Urteil Parkinson, das schon
mutungsregelungen“). 30 Danach müssen alle Ziffern nach die Eignung nationaler Preisregulierungen für eine hoch-
§ 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1–3 KrWG als widerlegliche Vermu- wertige Arzneimittelversorgung verneint, 43 dessen strenger
tungsregeln angesehen werden. 31 Maßstab allerdings im Hinblick auf den mitgliedstaatlichen
Spielraum zur Ausgestaltung der Dienste von allgemeinem
2.2 Wesentlichkeit der Beeinträchtigung wirtschaftlichem Interesse abzumildern und zu öffnen ist. 44
Es bleibt aber die Pflicht zu schlüssigem Vortrag, warum
Angesichts der Einschränkung der Warenverkehrsfreiheit die Beeinträchtigung der Warenverkehrsfreiheit durch eine
erforderlich ist weiter eine wesentliche Beeinträchtigung Überlassungspflicht zur Funktionsfähigkeit einer hochwer-
bezogen auf die Erledigung der sonderpflichtenbehafteten tigen kommunalen Entsorgung erforderlich ist. 45 Daran
Aufgaben. Dieser Maßstab darf nicht durch die Beispiele mangelte es im Urteil Parkinson. 46
nach § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1–3 KrWG aufgeweicht werden: Daher kann nicht pauschal eine Vermutungswirkung
So führt nicht jede Erhöhung zu einer Gefährdung der Sta- nach § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG angenommen werden.
bilität der Gebühren und eine diskriminierungsfreie und Immerhin lässt sie das ­BVerwG widerleglich sein. Indes
transparente Vergabe von Entsorgungsleistungen im Wett- müssen vom Ansatz her schon die öffentlich-rechtlichen
bewerb muss derart gravierend beeinträchtigt sein, dass Entsorgungskörperschaften darlegen, dass die in Art.  106
sich praktisch kaum mehr ein Entsorgungsdienstleister um Abs.  2 AEUV näher ausgestaltenden Ansätze nach § 17
Aufträge bemüht, sondern lieber gleich oder nach der Aus- Abs.  3 S.  3 KrWG aufgrund der tatsächlichen Umstände
schreibung ein privates Konkurrenzsystem auf baut. Hinge- gegeben sind und daher die vom Gesetzgeber gewollte Ver-
gen darf nicht jede Erschwerung der Auftragsvergabe den mutungswirkung eingreifen lassen. Davon geht auch das
Ausschluss eines gewerblichen Sammlers bedingen. 32 ­BVerwG aus, indem es für § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG
Im Hinblick auf die Beeinträchtigung einer hochwerti- einen präzisen Mengenvergleich der von den öffentlich-
gen kommunalen Entsorgung nach § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 rechtlichen Entsorgungsträgern aktuell und künftig erfass-
KrWG gilt eine Irrelevanzschwelle. Werden unter 10–15 % ten und der von den privaten Sammlern entzogenen Ab-
der Abfälle einer bestimmten Kategorie (etwa Alttextilien) fallmengen verlangt: 47 Dieser Vergleich ist nur auf der Basis
entsorgt, scheidet eine wesentliche Beeinträchtigung einer konkret ermittelter und dargelegter Zahlen möglich.
hochwertigen öffentlich-rechtlichen Entsorgung aus, die
sonst nach § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG vermutet wird. 33
Explizit nur auf Alttextilien bezogen wird diese Schwelle 27) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 50.
bei einer vergleichbaren Sammlungsstruktur mit paralle- 28) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 50.
lem Aufwendungsbedarf und damit vor allem auf andere 29) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 48 f.
30) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 49.
Monofraktionen übertragbar sein. 34 Dann werden entspre- 31) Beschränkt höchstens auf § 17 Abs.  3 S.  3 Nr.  1 und 2 KrWG
chend dem generalisierenden Maßstab des ­BVerwG we- Wenzel, AbfallR 2017, 57, 62.
sentliche Änderungen der Entsorgungsstruktur nicht zu 32) Dies generell ausnehmend und daher eine Legitimation abl.
erwarten sein. 35 Dieser allgemeine Maßstab greift für alle Pauly/Schwetzel, Beschwerde der BDSV und des VDM gegen die
Wertstofffraktionen. 36 in § 17 geregelten Überlassungspflichten, namentlich die Rege-
Es ist jeweils eine Irrelevanzschwelle zu ermitteln, die lung über die Zulässigkeit einer gewerblichen Sammlung nach
nicht zu niedrig anzusetzen ist. 37 Besondere Bedeutung hat § 17 Abs. 2 Nr. 4, Abs. 3 KrWG an die Kommission gegen die
das für die jeweilige Abfallfraktion üblicherweise gebräuch- BR Deutschland vom 15. 5. 2012, S. 20 ff.
liche Erfassungssystem. 38 Um im jeweiligen Einzelfall das 33) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 59.
Übersteigen der Irrelevanzschwelle und damit das Eingrei- 34) Dippel/Ottensmeier, AbfallR 2017, 13, 16.
fen der Regelvermutung nach § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG 35) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 59.
36) Wenzel, AbfallR 2017, 57, 59.
für das notwendige Eingreifen einer Überlassungspflicht an 37) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 59.
öffentlich-rechtliche Entsorger zu prüfen, sind die tatsächli- 38) Wenzel, AbfallR 2017, 57, 59.
chen und die konkret geplanten (siehe § 17 Abs. 3 S. 4 a. E. 39) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 61.
KrWG), mithin zu prognostizierenden Sammelmengen des 40) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 66.
öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers zu ermitteln und 41) Die unmittelbare Geltung des Art.  106 Abs.  2 AEUV wird
den Mengen gegenüberzustellen, die von privaten Samm- vom EuGH mittlerweile anerkannt, siehe nur EuGH, Urt. v.
lern entzogen werden – unter besonderer Berücksichtigung 27. 4. 1994 – C-393/92, Slg. 1994, I-1477, Rdnr. 51 a.E – Almelo.
bereits ergangener und vor allem bestandskräftiger Unter- 42) Zu ihr näher u. 2.5.
sagungsverfügungen für private Sammlungen nach § 18 43) EuGH, Urt. v. 19. 10. 2016 – C-148/15, ECLI:EU:C:2016 : 776,
Abs.  5 KrWG. 39 Insoweit müssen klare Feststellungen ge- Rdnr. 37 ff. – Parkinson.
44) Vorstehend 2.1.
troffen werden, erst dann ist eine Sache entscheidungsreif. 40 45) Bereits Frenz, in: Fluck/Frenz/Fischer/Franßen, Kreislaufwirt-
schafts-, Abfall- und Bodenschutzrecht (KrW-/Abf- u. Bod-
2.3 Widerlegliche Vermutung und Beweisverteilung SchR), Stand: Oktober 2016, § 17 Rdnr. 224.
46) EuGH, Urt. v. 19. 10. 2016 – C-148/15, ECLI:EU:C:2016 : 776,
Als Legalausnahme ist Art.  106 Abs.  2 S.  1 AEUV un- Rdnr. 37 – Parkinson.
mittelbar durch die mitgliedstaatlichen Gerichte anwend- 47) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 61.

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Indem das B ­VerwG auch die von gemeinnützigen Generell müssen die Mitgliedstaaten nicht positiv be-
Sammlungen erfassten Mengen miteinbezieht, 48 die häufig legen, dass keine andere Maßnahme zur sachgerechten
auftreten, verwehrt es im Ergebnis gewerblichen Altklei- Aufgabenerfüllung vorstellbar wäre, und sei sie auch nur
dersammlern regelmäßig den Zutritt. Das im Rahmen der hypothetisch. 56 Die Mitgliedstaaten haben erhebliche Be-
Irrelevanzschwelle verfügbare Kontingent zugunsten pri- urteilungsspielräume. Nur evident ungeeignete Vorge-
vater Sammler ist dann ggf. schon durch gemeinnützige hensweisen werden beanstandet, 57 sofern die Maßstäbe
Sammlungen erschöpft. 49 Das Regel-Ausnahme-Verhältnis des Urteils Parkinson durch Art. 106 Abs. 2 AEUV derart
vor dem Hintergrund der bestehenden Einschränkung der stark abgemildert bleiben. 58 Indes ändert dies nicht die ge-
Warenverkehrsfreiheit wäre damit verdreht. Diese weite nerelle Beweislast der Mitgliedstaaten, die daher Tatsachen
Sichtweise ist daher angesichts des europarechtlichen Be- vorbringen müssen, welche die gewählte Vorgehensweise
gründungsansatzes auch des ­BVerwG fraglich. 50 nicht offensichtlich ungeeignet erscheinen lassen.
Nach § 17 Abs. 3 S. 4 KrWG hingegen müssen die gewerb- Grundsätzlich geht es um eine Berechenbarkeit der Ab-
lichen Sammler darlegen, dass sie wesentlich leistungsfähi- fallmengen und der dafür vorzuhaltenden Entsorgungska-
ger sind als die öffentlich-rechtlichen Entsorgungssysteme. pazitäten, damit die Planungs- und Funktionsfähigkeit der
Nur dann dürfen sie im Ergebnis eine gewerbliche Samm- öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger im Kern nicht ge-
lung durchführen, ohne dass bestimmte Einwände als fährdet wird. 59 Diese Konzeption des Gesetzgebers wurde
überwiegende öffentliche Interessen entgegenstehen kön- durch das ­BVerwG bestätigt – mit der Irrelevanzschwelle
nen. Allerdings wird dadurch nur die Vermutungswirkung als praxisbezogener Ergänzung. 60
ausgeschlossen, dass eine wesentliche Beeinträchtigung der
Planungssicherheit und Organisationsverantwortung des 2.4. Kommunale Organisationsspielräume in der Abfallwirtschaft
öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers anzunehmen ist,
wenn durch die gewerbliche Sammlung bislang von der Nach Art. 1 dieses Protokolls über Dienste von allgemei-
öffentlich-rechtlichen Entsorgung erfasste Abfälle einbe- nem Interesse gehört zu den festen Werten der Union in
zogen werden oder die Stabilität der Gebühren gefährdet diesem Bereich vor allem „die wichtige Rolle und der
wird. Damit bleibt immer noch der Grundansatz, dass der weite Ermessensspielraum der nationalen, regionalen und
öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger die Beeinträch- lokalen Behörden in der Frage, wie Dienste von allgemei-
tigung seiner Funktionsfähigkeit darlegen muss. Er muss nem wirtschaftlichem Interesse auf eine den Bedürfnissen
diese auch auf die von der gewerblichen Sammlung über- der Nutzer so gut wie möglich entsprechende Weise zu er-
nommenen Abfälle beziehen. Insoweit ist ihm eine Darle- bringen, in Auftrag zu geben und zu organisieren sind“.
gung freilich abgeschnitten, wenn die vom gewerblichen Nach Art. 2 dieses Protokolls berühren die Bestimmungen
Sammler angebotene Sammlung und Verwertung wesent- der Verträge „in keiner Weise die Zuständigkeit der Mit-
lich leistungsfähiger ist. Dann ist sie ökologisch überlegen gliedstaaten, nicht wirtschaftliche Dienste von allgemei-
und zugunsten des öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträ- nem Interesse zu erbringen, in Auftrag zu geben und zu
gers kommt überhaupt kein Dispens mehr von der Bindung ­organisieren“.
an die Grundfreiheiten und die Wettbewerbsfreiheit nach Entsprechende Freiräume muss daher auch die Kommis-
Art. 106 Abs. 2 AEUV in Betracht. So können die gewerb- sion den Mitgliedstaaten und ihren Untergliederungen ein-
lichen Sammler den Beweis erbringen, dass die öffentlich- schließlich der Kommunen lassen, wenn sie die Prinzipien
rechtlichen Entsorgungssysteme sich überhaupt nicht auf und Bedingungen der Organisation, Erbringung und Fi-
Art. 106 Abs. 2 AEUV bzw. die diesen umsetzende Rege- nanzierung der Dienste der Daseinsvorsorge auf europäi-
lung des § 17 Abs. 3 KrWG berufen können, mithin in ih- scher Ebene festschreibt. Das gilt zumal auch deshalb, weil
rer Darlegungsmöglichkeit von vornherein gesperrt sind. das Subsidiaritätsprinzip auf die lokale Ebene ausgedehnt
Allgemein gehaltene, pauschale Hinweise der öffentlich- wurde. Die EU soll nach Art. 5 Abs 3 EUV nur noch han-
rechtlichen Entsorgungsträger etwa auf Kostensenkungs- deln können, wenn das zu erreichende Ziel nicht ausrei-
aspekte genügen regelmäßig nicht. 51 Ein tauglicher Ansatz chend auf der nationalen, regionalen oder kommunalen
für eine nähere Darlegung muss stets einzelfallbezogen sein. Ebene erreicht und verwirklicht, sondern besser auf der eu-
Ein solcher kann grundsätzlich auch darin erblickt werden, ropäischen Ebene erreicht und verwirklicht werden kann.
dass eine wirtschaftlich tragbare sowie ordnungsgemäße Er- Die EU-Wettbewerbsregeln sehen in Art.  106 Abs.  2
füllung der Dienstleistung nur bei einem Ausgreifen in an- AEUV eine Sonderbehandlung für Unternehmen vor, die
dere Felder erfolgen kann. Darlegungen zur wirtschaftlichen
Tragbarkeit verlangen aber, dass hierfür sachgerecht ermit-
telte Zahlen zur Verfügung stehen. Das System der Rech- 48) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7  C 4/15, Rdnr.  56; so in der
nungslegung muss daher hinreichend verlässlich sein 52 und Lit. auch Gruneberg, in: Jahn/Deifuß-Kruse/Brandt, KrWG,
eine transparente, detaillierte sowie zuverlässige Kosten- 2014, § 17 Rdnr. 56; anders schon Schoch, in: FS für Dolde, 2014,
rechnung gewährleisten. 53 Selbst eine Quersubventionierung S. 291, 301; Karpenstein/Dingemann, in: Jarass/Petersen, KrWG,
kann in diesem Rahmen gedeckt sein, indem nämlich die 2014, § 17 Rdnr. 157.
werthaltigen Verwertungsabfälle – aber auch nur diese – wie 49) Oexle/Lammers, Recycling Magazin 2016 Nr. 20, 18,19. Dies be-
wusst in Kauf nehmend Wenzel AbfallR 2017, 57, 60.
Altpapier und Schrotte einbezogen werden, um die Verluste 50) Dippel/Ottensmeier, AbfallR 2017, 13, 16; bereits Dippel, in:
für andere Abfälle namentlich zur Beseitigung auszugleichen. Schink/Versteyl, KrWG, 2. Aufl. 2016, § 17 Rdnr. 57.
Daher ist auch an eine Einbeziehung bisher nicht erfasster 51) EuGH, Urt. v. 25.  6. 1998 – C-203/96, Slg. 1998, I-4075,
Abfallfraktionen wie Altmetalle in die kommunale Entsor- Rdnr. 66 – Dusseldorp.
gung zu denken. Dabei ist aber besonders sorgfältig diese 52) EuGH, Urt. v. 17.  5. 2001 – C-340/99, Slg. 2001, I-4109,
Erforderlichkeit für die Funktionsfähigkeit der öffentlich- Rdnr. 62 – TNT Traco.
rechtlichen Entsorgung zu prüfen, da eine Zurückdrän- 53) KOME 2001/892/EG, ABl. 2001 L 331, S. 40, Rdnr. 84 – Deut-
gung bisher in einem Gebiet tätiger gewerblicher Sammler sche Post.
vielfach nicht das mildeste Mittel als Voraussetzung für eine 54) Regelmäßig ausschließend Dippel/Ottensmeier, AbfallR 2017, 13,
Untersagung nach § 18 Abs. 5 KrWG darstellt. 54 Dies be- 16.
55) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 52.
trifft allerdings die Stabilität der Gebühren nach § 17 Abs. 3 56) EuGH, Urt. v. 23. 10. 1997 – C-157/94, Slg. 1997, I-5699,
S. 3 Nr. 2 KrWG. Sie darf nicht mit § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 1 Rdnr. 58 – Kommission/Niederlande.
KrWG vermengt werden. Für Letzteren zählt die Sammel- 57) Näher hier ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 44 ff.
menge und nicht deren Konsequenz für die Gebührenkal- 58) S. o. 2.1.
kulation, die allein im Rahmen von § 17 Abs. 3 S. 3 Nr. 2 59) Begründung zum RegE, BR-Drs. 216/11, S. 202.
KrWG zu berücksichtigen ist. 55 60) Wenzel, AbfallR 2017, 57, 60 f.

123
Frenz, Widerlegliche Vermutung für KrWG-Überlassung NuR (2017) 39: 311–316  315

mit Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem ternehmen verstoßen. Art. 106 Abs. 1 AEUV wirkt darauf
Interesse betraut sind. Für diese gelten nämlich die Vor- bezogen nur flankierend. Der Staat darf mithin keine Rah-
schriften der Verträge und dabei insbesondere die Wettbe- menbedingungen beibehalten oder schaffen, welche solche
werbsregeln nur, soweit die Anwendung dieser Vorschrif- Verstöße ermöglichen. Art. 106 Abs. 1 AEUV hat also ge-
ten nicht die Erfüllung der ihnen übertragenen besonderen rade präventiven Charakter.
Aufgabe rechtlich oder tatsächlich verhindert. Dabei reicht 2.5.2 Folgen für § 17 Abs. 3 KrWG
bereits eine Gefährdung einer zweckentsprechenden, ge-
meinwohlorientierten Aufgabenerfüllung unter wirt- Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, auch die Regelung des
schaftlich tragbaren Bedingungen aus, um eine Verhinde- § 17 KrWG an diesem Maßstab zu messen. Es ist durch die
rung nach Art. 106 Abs. 2 AEUV anzunehmen 61 und eine normative Regelung angelegt, dass gewerbliche Sammlun-
partielle Befreiung zu gewähren. gen durch Untersagungsverfügungen weitgehend verdrängt
Die Hauptkonstellation des Art. 106 Abs. 2 AEUV ist die werden können. Immerhin hat das B ­ VerwG eine Irrelevanz-
Betrauung mit Dienstleistungen von allgemeinem wirt- schwelle von 10–15 % festgelegt, die auch den einzelnen Um-
schaftlichem Interesse. Dieser Begriff ist ohne Vorbild in ständen angepasst werden kann. 72 Damit aber handelt es sich
den mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen, so dass allge- nur noch um zulässige Nischenaktivitäten im Rahmen einer
mein eine weite Auslegung propagiert wird. 62 Nach Auf- beherrschenden Stellung der kommunalen Entsorger. Diese
fassung der Kommission bezeichnet dieser Begriff „wirt- werden zwar weniger zur Ausnutzung ihrer beherrschen-
schaftliche Tätigkeiten“, „die von den Mitgliedstaaten den Stellung veranlasst, etwa indem sie überhöhte Gebühren
oder der Gemeinschaft mit besonderen Gemeinwohlver- fordern. 73 Indes liegt es entgegen dem B­ VerwG 74 nahe, dass
pflichtungen verbunden werden und für die das Krite- Strukturen geschaffen werden, die ein nicht immer nach-
rium gilt, dass sie im Interesse der Allgemeinheit erbracht fragegerechtes Anbieten von Leistungen ermöglichen. 75 Je-
werden“. 63 Typisch sind flächendeckend zur gleichmäßi- denfalls werden die Wettbewerbschancen klar zugunsten der
gen Versorgung der Bevölkerung vorgehaltene Dienstleis- öffentlichen Entsorger verschoben. Dafür sorgen die Unter-
tungen, wenn diese ohne Rücksicht auf Sonderfälle und sagungsverfügungen nach § 18 KrWG gegen Sammlungen,
auf die Wirtschaftlichkeit jedes einzelnen Vorganges er- welche die beherrschende Stellung der öffentlichen Entsorger
bracht ­werden. zementieren. Lässt man mit dem EuGH im Urteil Dimosia
So erkannte der EuGH an, 64 dass „das Abholen und die eine staatlich beibehaltene, verstärkte marktbeherrschende
Behandlung von Haushaltsabfällen unbestreitbar eine im Stellung genügen, welche die Chancen auf dem Markt un-
Allgemeininteresse liegende Aufgabe“ ist. Sie gehört „zu
denjenigen Aufgaben, die ein Staat von Behörden wahr-
nehmen lassen kann oder auf die er einen entscheidenden 61) EuGH, Urt. v. 19. 5. 1993 – C-320/91, Slg. 1993, I-2533, 2568,
Einfluss behalten möchte“. Diese Beschränkung auf Haus- 2569 – Corbeau; Urt. v. 23. 5. 2000 – C-209/98, Slg. 2000,
haltsabfälle verfolgte der EuGH jedoch in der Kopenhagen- I-3743, 3800 – Sydhavnens Sten & Grus/Kopenhagen; Urt.
Entscheidung nicht mehr, die ungefährliche Bauabfälle v. 25. 10. 2001 – C-475/99, Slg. 2001, I-8089, 8156 – Ambu-
zum Gegenstand hatte, die einer qualitativ hochwertigen lanz Glöckner; näher im Zusammenhang Frenz, Handbuch
Europarecht Bd.  2: Europäisches Kartellrecht, 2.  Aufl. 2015,
Verwertung zugeführt werden sollten. Auch darauf bezo- Rdnr. 4291 ff.
gen kann „die Bewirtschaftung bestimmter Abfälle Gegen- 62) Dazu Tettinger, DVBl. 1997, 341, 344 m. w. N.
stand einer Dienstleistung von allgemeinem wirtschaftli- 63) Weißbuch zu Dienstleistungen von allgemeinem Interesse vom
chen Interesse sein, insbesondere wenn diese Dienstleistung 12. 5. 2004, KOM (2004) 374 endg. Anhang 1. Siehe bereits Mit-
ein Umweltproblem beseitigen soll“. 65 teilung der Kommission vom 20. 9. 2000, Leistungen der Da-
seinsvorsorge in Europa, KOM (2000) 580 endg., Anhang II so-
2.5. Wettbewerbsfreiheit wie Bericht der Kommission für den Europäischen Rat in Laeken
vom 17. 10. 2001, Leistungen der Daseinsvorsorge, KOM (2001)
2.5.1. Unabhängigkeit von tatsächlichen Verhaltensweisen 598 endg., Anhang, wo jeweils auch Leistungen der Daseins-
von Entsorgern vorsorge entsprechend definiert werden. Insofern bilden diese
Dienste einen Teilbereich der Leistungen der Daseinsvorsorge,
Überlassungspflichten an öffentlich-rechtliche Entsor- da diese neben den marktbezogenen auch nichtmarktbezogene
gungsträger und Untersagungen gewerblicher Sammlun- gemeinwohlorientierte Tätigkeiten umfassen.
gen schließen andere Unternehmen von Leistungen in dem 64) EuGH, Urt. v. 10. 11. 1998 – C-360/96, Slg. 1998, I-6821, 6866
betroffenen Gebiet aus. Ist dieses Gebiet hinreichend groß, – BFI-Holding; dazu Weidemann/Otting, EWS 1999, 41 ff. sowie
wird auch ein wesentlicher Teilmarkt des Binnenmarktes die Urteilsanmerkung von Sura, EuZW 1999, 19 f.
erfasst. Allerdings begehen die von den öffentlich-rechtli- 65) EuGH, Urt. v. 23. 5. 2000 – C-209/98, Slg. 2000, I-3743, 3799 –
chen Gebietskörperschaften eingeschalteten kommunalen Sydhavnens Sten & Grus/Kopenhagen; dazu Frenz, NuR 2000,
Unternehmen mangels alleiniger oder in wirtschaftlicher 611 ff.; Frenz, DVBl. 2014, 1295.
Verbindung mit anderen begründeter beherrschender Stel- 66) Näher zum Ganzen Burmeister/Staebe, EuR 2004, 810, 814 ff.
lung auf einem wesentlichen Teil des Binnenmarktes nur 67) Bereits EuGH, Urt. v. 3. 10. 1985 – 311/84, Slg. 1985, 3261
dann selbst einen Wettbewerbsverstoß, wenn sie sich etwa Rdnr. 17 – CBEM; Urt. v. 10. 12. 1991 – C-179/90, Slg. 1991,
I-5889, Rdnr.  16 – Genova; Urt. v. 1. 7. 2008 – C-49/07, Slg.
im Hinblick auf eine Gebietsaufteilung absprechen und 2008, I-4863, Rdnr. 48. a. E. – MOTOE.
damit ein Gebietskartell bilden. 66 Dessen bedarf es nicht, 68) EuGH, Urt. v. 17. 7. 2014 – C-553/12 P, ECLI:EU:C:2014 : 2083
wenn sie eine marktbeherrschende Stellung ausnutzen. Al- – Dimosia; krit. Frenz, AbfallR 2015, 24.
lein deren Erlangung oder Übertragung ist freilich nicht 69) So EuGH, Urt. v. 14. 12. 1995 – C-387/93, Slg. 1995, I-4663,
ausreichend. 67 Das alles ist aber dann unschädlich, wenn 4699 – Banchero; Urt. v. 17. 12. 1998 – C-203/96, Slg. 1998,
man einen Verstoß gegen Art. 106 Abs. 1 AEUV auch ohne 4075, 4131 – Dusseldorp.
einen tatsächlichen Wettbewerbsverstoß von Unternehmen 70) EuGH, Urt. v. 4. 9. 2014 – C-184/13 u. a., ECLI:EU:C:2014 : 2147
bejaht. 68 – API. Nach EuGH, Urt. v. 18. 6. 1991 – C-260/89, Slg. 1991,
Dafür spricht, dass Art. 106 Abs. 1 AEUV sich nur auf das I-2925, 2962 – ERT genügt die Möglichkeit. Näher im Einzel-
Verhalten von Mitgliedstaaten bezieht. Deren Maßnahmen nen: Frenz, Handbuch Europarecht Bd. 2: Europäisches Kartell-
recht, 2. Aufl. 2015, Rdnr. 4229 ff.
dürfen Art. 18 und 101 ff. AEUV nicht widersprechen. Das 71) Siehe EuGH, Urt. v. 23. 5. 2000 – C-209/98, Slg. 2000, I-3743,
ist aber schon dann der Fall, wenn sie Wettbewerbsverstöße 3797 – Sydhavnens Sten & Grus/Kopenhagen.
durch öffentliche und mit besonderen oder ausschließlichen 72) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 59.
Rechten ausgestattete Unternehmen veranlassen, 69 ermög- 73) ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 33.
lichen 70 bzw. die Rahmenbedingungen hierfür schaffen. 71 74) Bezweifelnd ­BVerwG, Urt. v. 30. 6. 2016 – 7 C 4/15, Rdnr. 33.
Dagegen müssen nicht notwendig die Aktivitäten der Un- 75) So bereits Klement, in: Schmehl, GK-KrWG, 2013, § 17 Rdnr. 33.

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316  NuR (2017) 39: 316–322 Schürmeier, Zu Entwicklung und Stand des Tierschutz-Verbandsklagerechts

gleich verteilte genügen, 76 ist der Tatbestand des Art.  106 (etwa Altpapier) dem öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträ-
Abs. 1 AEUV naheliegend. Es muss noch nicht einmal dar- ger entzogen, besteht eine widerlegliche Regelvermutung,
gelegt werden, welches konkrete unternehmerische Verhal- dass dessen hochwertiges Entsorgungssystem entgegen § 17
ten aus den staatlich geschaffenen Rahmenbedingungen er- Abs. 3 S. 3 Nr. 1 KrWG beeinträchtigt wird. Dann liegt ein
wachsen kann. Das abstrakte Vorliegen von Gefährdungen überwiegendes öffentliches Interesse vor, um eine gewerb-
aus einer Ungleichbehandlung der Wettbewerber genügt. 77 liche Sammlung zu untersagen. Vor dem Hintergrund des
Diesen Charakter des Art. 106 Abs. 1 AEUV als abstrakten Unionsrechts bedarf es aber einer plausiblen substanziierten
Gefährdungstatbestand 78 ließ das B­ VerwG außer Acht. Darlegung des öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers zu
erfassten und prognostizierten Sammelmengen. Dadurch er-
2.5.3 Rechtfertigung parallel zur Warenverkehrsfreiheit folgt eine sachgerechte Austarierung von Warenverkehrsfrei-
Umgekehrt muss auch diese Begrenzung durch die Ge- heit, Daseinsvorsorge und kommunaler Gestaltungsfreiheit.
währleistung der Funktionsfähigkeit der öffentlich-rechtli-
chen Entsorgung gerechtfertigt sein. Im Urteil API hat der
EuGH hierfür Maßstäbe entwickelt, die parallel zur Wa- 76) EuGH, Urt. v. 17. 7. 2014 – C-553/12 P, ECLI:EU:C:2014 : 2083,
renverkehrsfreiheit liegen. 79 Daher kann wie im Hinblick Rdnr. 47 – Dimosia in expliziter Abweichung von EuG, Urt. v.
auf diese eine Legitimation auch für die sachgerechte Erfül- 15. 2. 2005 – T-169/02, Slg. 2005, II-505, Rdnr. 105, 118 – Cer-
lung von Aufgaben bestehen. Das gilt aber nur, wenn § 17 veceria Modelo; abl. Frenz, AbfallR 2015, 24.
KrWG so restriktiv ausgelegt wird wie von der Rechtspre- 77) EuGH, Urt. v. 17. 7. 2014 – C-553/12 P, ECLI:EU:C:2014 : 2083,
Rdnr. 47 – Dimosia; zustimmend Triantafyllou, EuZW 2014, 734,
chung praktiziert. 80 737; näher zu § 17 KrWG Frenz, AbfallR 2015, 24, 26 f.
78) Näher Frenz, DVBl. 2014, 1455. S. auch EuGH, Urt. v. 4. 9. 2014
3. Fazit – C-184/13 u. a., ECLI:EU:C:2014 : 2147 – API.
79) EuGH, Urt. v. 4. 9. 2014 – C-184/13 u. a., ECLI:EU:C:2014 : 2147
Werden von allen gewerblichen und gemeinnützigen – API. Näher dazu Frenz, WRP 2015, 421.
Sammlern mehr als 10–15 % der betroffenen Abfallfraktion 80) Frenz, AbfallR 2015, 24, 28.

Zu Entwicklung und Stand des Tierschutz-Verbandsklagerechts


Claudia Schürmeier

© Springer-Verlag 2017

In der heutigen Gesellschaft ist ein Umdenken festzustellen, und Neben der Nutztierhaltung gilt die Aufmerksamkeit von
zwar in der Weise, dass das Bewusstsein für den Eigenwert von Tie- Tierschützern auch anderen Bereichen, in denen Tiere für
ren steigt. Dies betrifft sowohl die Haltungsbedingungen als auch die unterschiedliche Zwecke genutzt und wiederholt Bean-
Verwertung gerade von Nutztieren in der industriellen Agrarproduk- standungen durch zuständige Amtstierärzte ausgesprochen
tion. Weil Tiere ihre Interessen nicht selbst wahrnehmen können, sind werden, so z. B. bei der Haltung und Zurschaustellung der
sie auf Sachwalter – in aller Regel Tierschutzverbände – angewiesen. Tiere in Zirkussen 2 oder in Zoos 3. Auch hiergegen wendet
Daher lohnt es sich, nicht nur den aktuellen Stand der tierschutzrecht- sich immer deutlichere Kritik.
lichen Verbandsklage, sondern auch die Genese näher zu betrachten. Das Grundgesetz enthält mit Art.  20a eine Staatsziel-
Erhellend ist dabei auch ein Blick auf die Umweltverbandsklage, die bestimmung, wonach der Staat die Tiere im Rahmen der
zeigt, wie langwierig eine – völkerrechtlich und europarechtlich sogar verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und
vorgegebene – Umsetzung in nationales Recht sein kann. nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollzie-
hende Gewalt und die Rechtsprechung schützt. Zwar exis-
1. Einleitung tiert in Deutschland ein Tierschutzgesetz (TierSchG), das
dem Zweck dient, aus der Verantwortung des Menschen
In den vergangenen Jahrzehnten ist ein veränderter Um- für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbe-
gang der Menschen mit den Tieren zu beobachten. Zum finden zu schützen (§ 1 S.  1 TierSchG), dennoch zeigen
einen hat sich die bäuerliche Landwirtschaft hin zur Agrar- sich immer wieder teils massive Verstöße im Umgang mit
industrie entwickelt, zum anderen werden durch Teile der Tieren, die ein Vollzugsdefizit, eine mangelnde behördli-
Bevölkerung Haltungsbedingungen von Tieren in konven- che Aufsicht und wohl auch einen defizitären gerichtlichen
tionellen, industriell ausgerichteten Agrarbetrieben und an Rechtsschutz vermuten lassen. 4
Wirtschaftlichkeitskriterien orientierte Maßnahmen, wie
beispielsweise die Massentötung von männlichen Küken,
mehr und mehr hinterfragt 1 und kritisiert. Zu beobachten 1) Vgl. hierzu: Ogorek, NVwZ 2016, 1433; FAZ, Gericht erlaubt
ist gleichzeitig eine zunehmende Skepsis der Verbraucher Massentötung männlicher Küken, 21. 5. 2016, S. 1; NZZ, Schlüp-
gegenüber der Agrar- und Lebensmittelindustrie aufgrund fen für den Schredder, 26. 5. 2016, S. 20.
von wiederholten Lebensmittelskandalen. 2) Vgl. Deutscher Bundestag, Haltung von Wildtieren im Zirkus, Ant-
wort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage v. 29. 9. 2014,
BT-Drs. 18/2690, S. 4.
Dr. iur. Claudia Schürmeier, Dipl.-Verw. (FH), 3) In der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage zu den
Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Haltungsbedingungen in Zoos v. 21. 1. 2015, BT-Drs.  18/3792,
des Landes Sachsen-Anhalt, Lehrbeauftragte an der Hochschule S. 4, erachtet die Bundesregierung das routinemäßige Flugunfä-
Harz, FB Verwaltungswissenschaften. higmachen von Vögeln als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.
Der Beitrag stellt die Meinung der Autorin dar. 4) So erst jüngst als Voraussetzung für einen objektiven Rechts-
Halberstadt, Deutschland schutz – freilich eingeschränkt auf den Bereich des Umweltrechts:
Rennert, DVBl. 2017, 69, 71.

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