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DAS HÄSSLICHE ENTLEIN

( HANS CHRISTIAN ANDERSEN )

Es war einmal eine Entenmutter , die brütete ein Nest voll Eier aus . Eines Tages war
es soweit : Aus den Eiern schlüpften sechs dottergelbe Entlein . Nur das siebte Ei wollte nicht
zerspringen . Es war größer als die anderen Eier , und die Entenmutter besann sich nicht ,
wann sie es gelegt hatte . Während sie darüber nachdachte , platzte das Ei , und ein graues
Entlein kam zum Vorschein , das die Entenmutter verwundert ansah . Die sechs Entlein wuch-
sen heran und machten schnell Fortschritte , doch das zuletzt geschlüpfte Kücken war nicht
nur tollpatschig , sondern auch sehr hässlich . Traurig sprach die Entenmutter : “ Alle meine
Kinder sind so wohl geraten , nur das eine ist so hässlich ! “ Alle Tiere des Bauernhofes ver-
spotteten es , und keines mochte mit ihm spielen . Nur die Entenmutter versuchte , es ab und
zu zu trösten : “ Mein armes hässliches Entlein , wieso kannst du nicht sein wie deine Ge –
schwister ? “ Das Entlein war einsam und unglücklich , so dass es nachts oftmals heimlich
weinte . „ Niemand mag mich “ , dachte es dann bei sich . „ Warum bin ich so anders als
meine Geschwister ? Warum bin gerade ich so hässlich ? “ Doch keines der Tiere wusste
hierauf eine Antwort .
Eines Morgens , als alle noch fest schliefen , lief es davon , denn es konnte das Gespött
der anderen nicht mehr ertragen . Es kam an einen Weiher , auf dem zwei Gänse schwammen,
aber auch sie konnten ihm seine Fragen nicht beantworten . Doch sie warnten es vor den Jä –
gern , die überall am Weiher ihre Stellung bezogen hatten . So watschelte das kleine Entlein
weiter und kam bald darauf an einen See . Dort fragte es alle Tiere : “ Habt ihr je von einem
Entlein mit grauem Gefieder gehört ? “ Aber das hatten die Tiere noch nie und so schüttelten
sie den Kopf und sagten : “ Noch nie haben wir jemanden gesehen , der hässlicher war als
du ! “ Da liefen dem Entlein zwei dicke Tränen das Gefieder herunter , und es watschelte
weiter , bis es schließlich zum Haus einer alten Bäuerin kam . Diese hielt es für eine Gans ,
denn ihre Augen waren nicht mehr die jüngsten. “ Ich werde dich in einen Käfig sperren .
Gänseeier sind etwas sehr Feines ! “ , murmelte sie . Aber das Entlein legte keine Eier . Das
Huhn der Bäuerin warnte das hässliche Entlein : “ Sieh zu , dass du Eier legst , sonst macht
die Alte einen Gänsebraten aus dir ! “ Und der Kater zischte : “ Hoffentlich landest du bald in
der Röhre ! “ Da bekam das Entlein Angst , zumal die Alte es nun auch mästen wollte , damit
es bald fett und dick würde . Voller Verzweiflung dachte es : “ Ich hatte mir so gewünscht ,
dass mich hier jemand lieb haben würde , doch stattdessen werde ich in der Röhre enden . “
Daher lief es , als eines Nachts die Käfigtür offen geblieben war , schnell davon . Es rannte
den ganzen Tag , bis es an ein Schilfdickicht kam , in dem es sich versteckte : “ Wenn mich
keiner lieb hat , bleibe ich für den Rest meines Lebens in diesem Versteck ! “ Das Schilf –
dickicht lag an einem Teich , so dass das Entlein genügend Futter fand und allmählich zur
Ruhe kam . Doch war die Einsamkeit sehr schmerzhaft . Eines schönen Tages blickte es in
den Himmel und sah einen Schwarm schöner weißer Vögel vorüberziehen , die mit ihren
schlanken , biegsamen Hälsen und den gelben Schnäbeln majestätisch aussahen . “ Einen
einzigen Tag nur möchte ich so schön sein wie diese Vögel ! “ , sagte es und blickte ihnen
sehnsuchtsvoll nach .
Der Winter kam über das Land , und das Schilfdickicht gefror , so dass das Entlein
keine Nahrung mehr fand . Es verließ sein Versteck , um im Schnee nach etwas Essbarem zu
suchen . Doch es war viel zu schwach und blieb bald entkräftet und frierend im Schnee liegen.
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Da kam zum Glück ein Bauer übers Feld und sah das arme Tier , nahm es und steckte es in die
Jackentasche . “ Das werde ich den Kindern mitbringen . Sie werden es versorgen . Das arme
Tierchen ist ja ganz verfroren ! “ , sagte der gute Mann . Die Bauerskinder freuten sich über
den kleinen Gast und kümmerten sich liebevoll um das hässliche Entlein , so dass es den
kalten Winter überleben konnte . Im Frühjahr war es so groß geworden , dass der Bauer es zu
dem Schilfdickicht zurückbrachte . Glücklich sprang das Entlein in den Teich , doch als es
seinen Kopf über das Wasser beugte , wie staunte es da : “ Bin ich das ? Wie kann ich mich so
verändert haben ? “ Das Spiegelbild zeigte ihm , dass aus ihm ein stolzer Schwan geworden
war . Bald kehrten die Schwäne aus dem Süden zurück und ließen sich an dem Teich nieder .
Da schwamm das Entlein schüchtern auf sie zu , und als sie es bemerkten , nahmen sie es in
ihre Mitte und sprachen : “ Wir sind Schwäne , und du bist einer von uns . Wo bist du nur die
ganze Zeit gewesen ? “ „ Das ist eine lange Geschichte ! “ , murmelte der junge Schwan be –
glückt . Von diesem Tag an schwamm er mit den anderen Schwänen auf dem Teich . Und
eines Tages vernahm er die Kinder am Ufer , die riefen : „ Schaut , dort ist ein junger Schwan!
Wie schön er ist ! Er ist der schönste von allen ! “

- ENDE -