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Diese Krankheit ließ Ernest Hemingway so leiden

Von Ronald D. Gerste, Fanny Jiménez | Veröffentlicht am 29.05.2017 | Lesedauer: 5 Minuten

Ernest Hemingway: Der Schriftsteller ist das Fallbeispiel von US-Psychiater Andrew Farah

Nobelpreisträger Ernest Hemingway war in literarischer Hinsicht sicher nicht auf den Kopf
gefallen. Im realen Leben aber hat der Kopf des berühmten Schreibers einiges aushalten
müssen.

Als Fahrer einer Ambulanz im Ersten Weltkrieg explodierte eine Granate weniger Meter von
dem damals 19-Jährigen entfernt. "Ich spürte hinter meinen Augäpfeln einen Schlag",
berichtete er später. 1928 stürzte ihm ein Dachfenster auf den Kopf, dann folgte ein Autounfall
in London und mehrere Verletzungen während des Zweiten Weltkriegs, als er als
Kriegsberichterstatter arbeitete und etwa aus Deutschland von der Ruhrbesetzung berichtete.

Nach dem Krieg kamen ein weiterer Autounfall, ein Sturz auf seinem Boot "Pilar", einem
Fischerboot, mit dem er durch die Karibik fuhr, und schließlich 1954 zwei Flugzeugabstürze
kurz hintereinander während einer Safari hinzu. Dazu boxte Hemingway in seiner Freizeit
gerne, auch hier bekam sein Kopf einiges ab. Und was immer sein Hirn an Schäden davontrug,
wurde wohl durch Hemingways massiven Alkoholmissbrauch noch verstärkt.

Der amerikanische Psychiater Andrew Farah hat nun posthum in seinem Buch "Hemingway's
Brain" bei dem Schriftsteller eine Krankheit diagnostiziert, die man unter Medizinern erst seit
dem Jahr 2002 diskutiert. Die chronisch traumatische Enzephalopathie, kurz auch CTE
genannt, ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch wiederholte
Gehirnerschütterungen ausgelöst wird.

CTE macht launisch, unberechenbar und depressiv

Nicht immer muss der Kopf dabei massiv gelitten haben. Auch wiederholte leichte
Kopftraumen können mit der Zeit zu nachhaltigen Veränderungen im Gehirn führen. So fand
man bei einer Untersuchung von mehr als 700 Football-Spielern heraus, dass jene, die in ihrer
Karriere mehr als dreimal Gehirnerschütterungen erlitten hatten, fünfmal häufiger kognitive
Einschränkungen und dreimal häufiger Erinnerungsstörungen hatten als Sportler ohne
Gehirnerschütterungen.

Bei Obduktionen von Footballspielern fanden Mediziner dann auch heraus, warum das so ist:
Das Gehirn der Betroffenen zeigte Veränderungen, die denen bei Alzheimer ähneln – obwohl
die Betroffenen in der Regel noch jung sind. Im Gehirn sammeln sich sogenannte Tau-Proteine
an: Sie blockieren die Kommunikation zwischen den Nervenzellen.

Wie 130 Männer Ernest Hemingway nacheifern

Den Medizinern fiel auch das seltsame Verhalten betroffener Football-, Eishockey-Spieler,
Wrestler und Boxer auf. Viele von ihnen sind launisch, unberechenbar und depressiv, manche
haben Wahnvorstellungen – vermutlich, weil das Hirnareal hinter der Stirn geschädigt wird, in
dem Impulse und Gefühle reguliert werden. Viele haben auch Probleme mit ihrem Gedächtnis
und ihrer Motorik, ganz so wie bei der Parkinson-Krankheit.

Das bestätigt der Leiter des Fachbereichs Neurologie am Kantonsspital Graubünden, Sylvan
Albert. Die Erkrankung nimmt seiner Erfahrung nach oft einen demenzähnlichen Verlauf,
manchmal begleitet von motorischen Störungen, die parkinsonähnlich sind. Im letzten Stadium
sind die Betroffenen schließlich dement.

Elektroschocktherapie verschlimmert Symptome

Andrew Farah fand Indizien für den mentalen Abbau bei Hemingway vor allem in den Briefen
des Schriftstellers, die durch ein Projekt seines Sohnes erst vor Kurzem zugänglich wurden.
Schon früh zeigen sich in den Schriften Ansätze von Paranoia und anderen psychiatrischen
Symptomen bei dem Schriftsteller.

In seinen späteren Lebensjahren nahm seine Paranoia noch zu, begleitet von intensiven
depressiven Verstimmungen. Farah schreibt, dass es Hemingway vor allem nach einer
Elektroschocktherapie mit mindestens 15 Anwendungen zunehmend schlechter ging. Er hatte
der Behandlung zugestimmt, weil Ärzte aufgrund seiner Depression und zwischenzeitlich
manischen und enthemmten Stimmung eine bipolare Störung vermuteten – da hilft in schweren
Fällen die Schocktherapie tatsächlich.
Doch von anderen Fällen wissen Experten auch, dass bei CTE-Patienten nach dieser Therapie
oft eine massive Verschlechterung eintritt, so, wie es bei Hemingway der Fall war. Der
Neurologe Andreas Straube, Oberarzt an der Neurologischen Klinik der Universität München,
hält es daher für möglich, dass Andrew Farah mit seiner CTE-Diagnose richtig liegt.
Wiederholte Erschütterungen der vorderen Schädelseite können ihm zufolge Symptome wie
Apathie und Enthemmung als Symptome provozieren.

Führt CTE zu Suizidgedanken?

Hemingway ging es Zeit seines Lebens nicht gut, im Verlauf der Jahre wurde er jedoch
zunehmend suizidal. Auch Suizidalität wird von Experten, wenn auch vorsichtig, mit CTE in
Verbindung gebracht. So nahm sich im Jahr 2012 der ehemalige Footballstar Junior Seau das
Leben, und vor ihm die Footballprofis Owen Thomas und Dave Duerson im Jahr 2010 und
2011. Duerson hatte sogar kurz vor seinem Tod in einer SMS seine Angehörigen gebeten, sein
Gehirn auf Veränderungen untersuchen zu lassen – die Diagnose war CTE.

Hemingway versuchte auf einem Flug nach South Dakota im Frühjahr 1961, ein Jahr nach der
Elektroschocktherapie, sich vor dem Einsteigen in den laufenden Propeller der Maschine zu
stürzen, was seine Begleiter verhindern konnten. Als die Maschine auf 5000 Meter gestiegen
war, sprang er während des Fluges zur Kabinentür, um diese zu öffnen und sich
hinauszustürzen, ebenfalls vergeblich. Am 2. Juli 1961 aber konnte ihn niemand mehr
aufhalten: Der Literat schoss sich mit einer großkalibrigen Schrotflinte in den Kopf.

Ob CTE dem Leiden und Sterben von Ernest Hemingway tatsächlich zugrunde lag, kann heute
niemand mit Sicherheit sagen. Letzte Gewissheit wäre nur möglich, indem man sein Gehirn
untersucht. Die Belege von Andrew Farah sind trotzdem wertvoll. Sie zeigen, dass wohl nicht
nur Leistungssportler von der "Boxer-Krankheit" betroffen sein können – auch wenn diese
besonders gefährdet sind.

So zeigte eine der umfassendsten Untersuchungen zur CTE, dass unter den mehr als 16.000
untersuchten Ex-Boxern 50 Prozent jener, die mehr als 150 Kämpfe bestritten hatten, an CTE
litten. Boxer, die in weniger als 50 Kämpfen gestanden hatten, waren dagegen nur in sieben
Prozent der Fälle betroffen. Wer als Profi regelmäßig in den Ring steigt, kann diesen Zahlen
zufolge also nur auf sein Glück hoffen.

© DIE WELT 29.5.2017