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Supplemente J ean- Fran�ois Lyotard

herausgegeben von
Hans-Horst Henschen
Der Widerstreit

Übersetzt
von
Joseph Vogl
Mit einer Bibliographie
zum Gesamtwerk Lyotards
von
Reinhold Clausjürgens

Band 6 Wilhelm Fink Verlag


Titel der französischen Originalausgabe:
Jean -Fran�ois Lyotard, Le Differend
© Les Editions de Minuit, Paris, 1983

INHALTSVERZEICHNIS

MERKZETIEL ZUR LEKTÜRE


Titel . . . . 9
Gegenstand . 9
These . . 10
Frage . . 10
Problem 11
Einsatz . 11
Kontext . 12
Prätext . 12
Modus . 13
Diskursart 13
Stil . . 14
Leser . . 14
Autor . . 14
Adressat 15

DER WIDERSTREIT
Nr. 1-8 . . . . . 17
Exkurs Protagaras 21
1. . 21
2. . 22
3. . 23
4. . 24
ISBN 3-7705-2599-X
5. . 24
2., korrigierte Auflage 1989
©der deutschen Ausgabe: Wilhelm Fink Verlag, München, 1987 Nr. 9-27 25
Gesamtherstellurig: Graph. Großbetrieb F. Pustet, Regensburg Exkurs Gorgias . 3 6
Umschlagentwurf: Heinz Dieter Mayer Nr. 28-34 38
INHALTSVERZEICHNIS

DAs GESCHICHTSZEICHEN
Nr. 21 8-220 . . . . 251
Exkurs Cashinahua 253
1. . 253
2. . 253
3. . 254 aAMma
4. . 254
5. . 255
6. . 256
7. . 256
8. . 256
Nr. 221-235 257
Exkurs Kant IV. 267
1 . Die historische Wissenschaft 267
2. Der Leitfaden . . . 270
3. Die Begebenheit . . . . . . . 271
4. Der Enthusiasmus . . . . . 273
5. Die unbestimmte Norm und die menschliche
Gemeinschaft . 276
6. Die Kultur 279
Nr. 236-264 . . . 282

Literaturverzeichnis 300
Gesamtbibliographie . 309
Personenregister 324
Sachregister . . . 327

Die Marginalien verweisen auf das französische Original. Das Seiten­


ende der Originalausgabe wird durch Schrägstrich (/)"im Text gekenn­
zeichnet.

/ . , U U&-L ( Pik tU
I
Merkzettel zur Lektüre

TITE L
Im Unterschied zu einem Rechtsstreit [litige] wäre ein Wider­
streit [differend] ein Konfliktfall zwischen (wenigstens) zwei
Parteien, der nicht angemessen entschieden werden kann, da
-eine auf beide Argumentationen anwendbare Urteilsregel fehlt.
Die Legitimität der einen Argumentation schlösse nicht auch
ein, daß die andere nicht legitim ist. Wendet man dennoch
dieselbe Urteilsregel auf beide zugleich an, um ihren Widerstreit
gleichsam als Rechtsstreit zu schlichten, so fügt man einer von
ihnen Unrecht zu (einer von ihnen zumindest, und allen beiden,
wenn keine diese Regel gelten läßt). At1s, der Regelverletzung
einer Diskursart resultiert ein Schaden, der unter Beachtung
eben dieser Regeln behebbar ist. Ein Unrecht resultiert daraus,
daß die Regeln der Diskursart, nach denen man urteilt, von
denen der beurteilten Diskursart(en) abweichen. Die Urheber­
rechte eines literarischen oder künstlerischen Werks können
beeinträchtigt werden (man verletzt die moralischen Rechte des
'Autors); aber das Prinzip selbst, aufgrund dessen man das Werk

I
als einen Gegenstand von Urheberrechten zu behandeln hat,
kann ein Unrecht darstellen (man verkennt, daß der »Autor<<
seine Geisel ist). Der Titel des Buches legt (mit dem gattungsspe­

I
zifischen Charakter des bestimmten. Artikels).nahe, daß eine.
Üniversale Urteilsregel in bezug auf u�gleichartige Diskursarten

l
i im allgemeinen fehlt.

GEGENSTAND
:\ · Das einzige, was unzweifelhaft ist: der Satz, weil er unmit­
telbar vorausgesetzt wird (daran zweifeln, daß man Sätze

' I 9
I
I
i
'
I
MERKZETTEL ZUR LEKTÜRE EINSATZ

>Setzt<\ ist-injedemFalle >setzen<, ebenso das Schweigen). Oder 'zwischen diesen Komplexen (oder zwischen den Diskurs arten,
besser: die Sätze, weil der Sing"uLir den Plural aufruft (wie der ivon denen sie ins Spiel gebracht werden). Nun muß die Verket­
Plural den Singular) und Singular und Plural zusammen bereits tung >>jetzt<< geschehen, ein weiterer Satz kann nicht ausbleiben,
[9] Plural sind. I das entspricht der Notwendigkeit, das heißt der Zeit, es gibt
keinen Nicht-Satz, Schweigen ist ein Satz, es gibt keinen letz­
ten Satz. Mangels eines Satz-Regelsystems oder einer Diskurs­
THESE art, die universale schlichtende Autorität besäßen - fügt nicht
Ein Satz, selbst der gewöhnlichste, wird nach einer Gruppe die Verkettung, gleich welcher Art, den Regelsystemen oder
von Regeln gebildet (seinem Regelsystem [regime ]). Es gibt Diskursarten, deren mögliche Sätze nicht aktualisiert werden,
mehrere Regelsysteme von Sätzen. Argumentieren, Erkennen, notwendigerweise ein Unrecht zu?
Beschreiben, Erzählen, Fragen, Zeigen, Befehlen usw. Zwei
Sätze ungleichartiger, heterogener Regelsysteme lassen sich PROBLEM
nicht ineinander übersetzen. Sie können in Hinblick auf einen
durch eine Diskursart festgelegten Zweck miteinander verket­ In Anbetracht 1 .) der Unmöglichkeit der Vermeidung von Kon­
tet werden. Beispielsweise verkettet der Dialog eine Frage mit flikten (der Unmöglichkeit von Indifferenz) und 2.) des Fehlens
einer Ostension (Zeigen) oder einer Definition (Beschreiben), einer universalen Diskursart zu deren Schlichtung oder, wenn
wobei der Einsatz darin besteht, daß die beiden Parteien man das vorzieht, der zwangsläufigen Parteilichkeit des Rich­
Übereinstimmung hinsichtlich der Bedeutung eines Referenten ters : wenn schon nicht den Ort einer denkbaren Legitimation
erzielen. Diese Diskursarten liefern Regeln zur Verkettung des Urteils (die >>gute<< Verkettung), so doch wenigstens eine
ungleichartiger Sätze, Regeln, mit denen Ziele erreicht werden �ögli�hkeit aufsuchen, die Integrität des Denkens zu retten. I [10]
. •h• .
',....___ --·-
können: Wissen, Lehren, Rechthaben, Verführen, Rechtferti­
gen, Bewerten, Erschüttern, Kontrollieren . . . Es gibt keine EINSATZ
>>Sprache<< [Iangage] im allgemeinen, es sei denn als Gegen­
stand einer Idee. Den Leser (den ersten, den A., inbegriffen) überzeugen, daß
das Denken, die Erkenntnis, die Ethik, die Politik, die Ge­
schichte, das Sein von Fall zu Fall an den Nahtstellen zwischen
F RAGE den Sätzen auf dem Spiel stehen. Das Vorurteil widerlegen, das
Ein Satz >>geschieht<<. Wie läßt er sich weiter verketten? Mit ihrer sich in ihm über Jahrhunderte von Humanismus und >>Human­
Regel liefert eine Diskursart einen Komplex möglicher Sätze, wissenschaften<< hinweg festgesetzt hatte : daß es nämlich den
und jeder von ihnen gehört einem Satz�Regelsystem an. Eine >>Menschen<< gibt, die >>Sprache<< , daß jener sich dieser >>Spra­
andere Diskursart aber liefert einen Komplex anderer möglicher che<< zu seinen eigenen Zwecken bedient, daß das Verfehlen
Sätze. �fgrund ihrer Ungleichartigkeit besteht ein Widerstreit dieser Zwecke auf dem Mangel einer ausreichenden Kontrolle
über die Sprache beruht, einer Kontrolle über die Sprache
>>mittels<< einer >>besseren<< Sprache. Die Philosophie verteidigen
und veranschaulichen, was ihren Widerstreit mit ihren beiden
::· LYOTARD verwendet hier und im folgenden die stammgleichen Voka­
beln ph rase (Satz) und phraser (Sätze bilden), deren Entsprechung im
Gegnern betrifft: mit ihrem äußeren, dem ökonomischen Dis­
Deutschen ungebräuchlich ist, in Analogie zur drucktechnischen kurs (dem Tausch, dem Kapital), und il;merhalb ihrer selbst mit
Te�inologie aber etymologi�ch einleuchtet: phrase Satz; phraser
=
-dem akademischen Diskurs (der Meisterdenkerschaft). Indem
=
_
(Satze) >Setzen< (Anm. d. Ubers.). man zeigt, daß die Verkettung von Sätzen problematisch und

10 11
MERKZETIEL ZUR LEKTÜRE DISKURSART

eb en dieses Problem die Politik ist: die philosophische Politik Heute muß ihr Erbe von der Schuldenlast des Anthropomor­
'abseits derer der >>Intellektuellen« und Politiker aufbauen. Den phismus befreit werden (der Begriff des »Gebrauchs<< bei beiden,
Widerstreit bezeugen. der transzendentale Anthropologismus bei Kant, der empirische
bei Wittgenstein).
KONTEXT
Monus
Die >>Sprachwende« der abendländischen Philosophie (die letz­
ten Werke Heideggers, das Eindringen anglo-amerikanischer Der Modus des Buches ist philosophisch, reflexiv. Als einzige
Strömungen ins europäische Denken, die Entwicklung von Regel ist dem A. die Prüfung von Fällen des Widerstreits aufge­
Sprach-Technologien); im Verein damit der Niedergang der geben, ebenso die Suche nach den Regeln ungleichartiger Dis­
Universalistischen Diskurse (der metaphysischen Doktrinen der kursarten, die diese Fälle verursachen. Im Unterschied zum
Moderne: der Erzählungen [recits] vom Fortschritt, vom Sozia­ Theoretiker gibt er die Regeln seines Diskurses nicht vor, son­
lismus, vom Überfluß, vom Wissen). Die >>Theorie«-Müdigkeit dern setzt nur voraus, daß auch dieser Regeln gehorchen muß.
und die elende Erschlaffung, die sie begleitet (Neo-dies, Neo­ Der Modus des Buches ist philosophisch und nicht theoretisch
das, Post-dieses, Post-jenes). Die Stunde des Philosophierens. (oder sonstwie beschaffen), insofern sein Einsatz in der Entdek�
kung seiner Regeln besteht und es deren Kenntnis nicht zum
Prinzip erhebt. Das Buch versagt es sich daher, die fraglichen
PRÄTEXT Fälle von Widerstreit nach Maßgabe seiner eigenen Regeln zu
· schlichten (im Gegensatz etwa zum spekulativen oder analyti­
_Die _h�id !;!g_ Denkrichtl1gg('!n, _yoi1_ denen der A. einen Wink
- ; -
erhält: der IG.nt der ;d�itten« Kritik 'und der historisch-politi- schen Diskurs). Der Modus ist metasprachlich im Sinne des
-·schen Texte (>>vierte<< Kritik), der Wirtgenstein der Philosophi­ Linguisten (sein Gegenstand sind Sätze), nicht aber im Sinne des
schen Untersuchungen und der Nachlaßschriften. Im Kontext, Logikers (es stellt keine Grammatik einer Objektsprache auf).
den der A. sich ausmalt, sind sie Epiloge der Moderne und
Prologe einer achtenswerten Postmoderne. Sie konstatieren den DISKURSART
Niedergang der universalistischen Doktrinen (leibniz'scher oder
[ 1 1] russellscher Metaphysik). Sie befragen die Begriffe, in denen I Im poetologischen Sinne entspricht der Text der Gattung (Dis­
diese Doktrinen den Widerstreit glaubten schlichten zu können kursarr:-) von Betrachtungen, Anmerkungen, Gedanken, Auf­
(Wirklichkeit, Subjekt, Gemeinschaft, Zweckmäßigkeit). Sie zeichnungen zu einem Gegenstand, das heißt einer gebrochenen
befragen sie strenger, als es die busserlsehe >>Strenge Wissen­ Form von Essay. Ein Skizzenheft also ? Die Überlegungen sind
schaft<< tut, deren Vorgehen auf eidetischer Variation und trans­ fortlaufend numeriert und in einzelne Abschnitte gegliedert.
zendentaler Evidenz beruht, den allerletzten Hilfsquellen der Gelegentlich wird I die Reihung von »Exkursen« unterbrochen, [12]
cartesianischen Moderne. -Demgegenüber sagt Kant, daß es kei- die sich als Lektürenotizen zu philosophischen Texten verste-
_!le verstandesmäßige Anschauung gibt, und Wittgenstein, daß hen. Das Ganze ist aber im Zusammenhang zu lesen.
die Bedeutung eines Ausdrucks in seinem Gebrauch liegt. Die
ungezwungene Prüfung von Sätzen mündet in die Dissoziation
(Kritik) ihrer Regelsysteme (Trennung der Vermögen und ihr
Konflikt bei Kant; Entflechtung der Sprachspiele bei Wittgen­ ':- Frz. genre bzw. genre de discours (im folgenden mit >>Diskursart«
stein). Sie bereiten das Denken der Dispersion vor (Diaspora, übersetzt) besitzt eindeutig poetologische oder rhetorische Konno­
schreibt Kant), das dem A. zufolge unseren Kontext bildet. tationen, etwa im Sinne von dt. >>Gattung« oder >>Genre« (A. d. Ü.).

12 13
MERKZETIEL ZUR LEKTÜRE ADRESSAT

STIL VIII (Vincennes in Saint-Denis) und dem C. N. R. S. (Centre


national de la Recherche scientifique; Nationales Forschungs­
Das nai_ve Ideal des A. liegt darin, einen stilistischen Nullpunkt
zentrum) und dank des Entgegenkommens von Maurice Ca­
zu erre1chen und dem Leser den Gedanken quasi mit Händen
veing und Sirnone Debout-Oleszkiewicz, Wissenschaftlern am
faßbar zu präsentieren. Daraus ergibt sich bisweilen ein gelehr­
C.N.R.S., das Tageslicht erblicken. Dafür sei ihnen vom A.,
ter, schulmeisterlicher Ton, den man besser überhört. Das
wenn nicht vom Leser, gedankt.
Tempo des Buches ist nicht das »unserer Zeit«. Ein wenig
altmodisch? Der A. läßt sich am Schluß über die Zeit >>unserer
Zeit« aus. ADRESSAT
Es wird also im nächsten Jahrhundert keine Bücher mehr geben.
LESER Lesen ist zu langwierig, wenn Erfolg sich am Zeitgewinn mißt.
»Buch<< wird man einen bedruckten Gegenstand nennen, dessen
Philosophisch, das heißt jeder, der nicht mit der »Sprache«
»Botschaft<< (Informationsgehalt) mit Namen und Titel zuerst
zuendekommen und »Zeit gewinnen« will. Nichtsdestoweniger
von den Medien, durch einen Film, ein Pressegespräch, eine
wird es der vorliegende Merkzettel zur Lektüre dem Leser
Fernsehsendung, eine Kassette verbreitet worden sein wird I [13]
erlauben, nach Lust und Laune »über das Buch zu reden« ohne
mit dessen Verkauf der Verleger (der auch den Film, das Ge­
es gelesen zu haben. (Was die_»Exkurse« betrifft, müß�e der
.. spräch, die Sendung usw. produziert) zusätzlichen Profit macht,
Leser ein wenig professioneller sein.)
denn die Meinung wird dahingehend lauten: das Buch muß man
»haben<< (also kaufen), auf die Gefahr hin, sonst für einen
AUTOR Dummkopf gehalten zu werden, bei Gefahr eines Risses im
sozia�en Netz, Himmel nochmal ! Das Buch wird als Dreingabe
Hat die vorliegenden Überlegungen angekündigt in der "Bitte
verte1lt werden, dem Verleger wird es einen zusätzlichen finan­
um Auslassung«'' der Rudiments paiens (1977)'''' und in der
zie11en Gewinn, dem Leser einen symbolischen Nutzen ver­
Einleitung zu La condition postmoderne (1979 ; dt. Das postmo­
schaffen. Dieses Buch hier gehört mit anderen zu einer Auslauf-
derne Wissen, Bremen 1982). Wenn er nicht zu befürchten hätte,
serie. Trotz al1 seiner Bemühungen um Mitteilbarkeit des Den-
für transusig gehalten zu werden, würde er zugeben, diese
Arbeit gleich n�ch der Veröffentlichung der Economie libidinale .

kens weiß er A., �aß er gesc�eitert i� t; zu umfangreich, zu lang,
. .
zu schw1eng 1st d1es a1les. D1e gutw1lhgen Förderer haben sich
( 1974; dt. Die Okonomie des Wunsches, Bremen 1984) begonnen
verdrü� kt. Offen gest�nden hat ihn seine Schüchternheit gehin-
zu haben. Und sogar . . . Diese Überlegungen konnten schließ­
dert, s1e zu »kontaktieren«. Recht glücklich darüber, daß ein
lich nur dank eines Abkommens zwischen der Universität Paris
V:erleger - auch er (und genauso) verdammt - zugesagt hat,
d1esen Haufen von Sätzen zu veröffentlichen.
Die Philosophen hatten niemals feste Adressaten das ist
nichts Neues. Der Bestimmungsort der Reflexion ist selbst
::- Frz. priere de desinserer: unübersetzbares Wortspiel mit priere Gegenstand der Reflexion. Schon seit langem hält das Auslaufen
d'inserer Cv.:?rtlich: »Bitte um Einfügung<<, »Waschzettel« eines
Buches ; d. Ubers.). der Serie, hält die Vereinsamung an. Dennoch hat sich etwas
,:_,_ Einzelne A:ufsätze daraus deutsch in Apathie in der Theorie, Berlin geändert. Und zwar das Verhältnis zur Zeit, man ist versucht zu
1�79, und m Es:ays zu �in er affirmativen Ästhetik, Berlin 1982; cf. schreiben: der »Zeitgebrauch<<, der heute im »Raum der Ö ffent­
_
�1e Gesamtb1bhograph1e S. 309 ff . des vorliegenden Bandes (A. d. lichkeit<< herrscht. Nicht weil sie gefährlich oder störend wäre
Ubers.). weist man die Reflexion zurück, sondern einfach deshalb, weii

14 15
,I
MERKZETIEL ZUR LEKTÜRE

sie Zeit verschlingt, >>ZU nichts taugt«, jedenfalls nicht zum


Zeitgewinn. Erfolg aber besteht darin, Zeit zu gewinnen. Ein
Buch etwa hat Erfolg, wenn die erste Auflage rasch vergriffen
ist. Diese Zweckbestimmung entspricht der ökonomischen
Diskursart. Die Philosophie konnte ihre Reflexionen im Ge­
wande vieler Diskursarten (künstlerischer, politischer, theolo­
gischer, wissenschaftlicher, anthropologischer) veröffentlichen, Der Widerstreit
sicher um den Preis von Mißverständnissen und gravierenden
Fehlurteilen, aber immerhin . . . - während ihr der wirtschaftli­
che Kalkül verhängnisvoll erscheinen muß. Der Widerstreit
betrifft nicht den Inhalt der Reflexion. Er rührt an ihre äußerste Man gibt Ihnen zu verstehen, daß sprachbegabte menschliche
Voraussetzung. Die Reflexion verlangt Aufmerksamkeit gegen­ Wesen in eine Situation verstrickt wurden, die so beschaffen
über dem Vorkommnis [occurence]>:-, verlangt, daß man nicht war, daß Ihnen jetzt niemand mehr davon berichten kann. Die
bereits weiß, was geschieht. Sie läßt die Frage offen : Geschieht meisten kamen damals ums Leben, die Ü berlebenden sprechen
es ? Sie versucht, das Jetzt zu bewahren (welch mißliches selten darüber. Wenn sie sprechen, so bezieht sich ihr Augen­
Wort!)':-::-. Im ökonomischen Diskurs gilt die Regel, daß, was zeugenbericht nur auf einen winzigen Bruchteil dieser Situation.
geschieht, nur dann geschehen kann, wenn es bereits beglichen, - Wie läßt sich also in Erfahrung bringen, daß diese Umstände
also geschehen ist. Der Tausch setzt voraus, daß die Abtretung wirklich geherrscht haben? Sind sie nicht eine Ausgeburt der
im voraus durch eine Gegen-Abtretung wettgemacht wird, die Phantasie Ihres Gewährsmannes ? Entweder hat die Situation als
Auflage des Buches durch ihren Verkauf. Je schneller, desto solche gar nicht existiert. Oder es gab sie wirklich, dann aber ist
[14] besser. I . das Zeugnis Ihres Gewährsmannes falsch, denn er müßte entwe­
m
Bei Schreiben dieses Buches hatte der A. das Gefühl, nur der ums Leben gekommen sein oder schweigen, oder er kann ­
,_ dieses Geschieht es? zum Adressaten zu haben: Daran appellie­ wenn er spricht - nur seine eigene, besondere Erfahrung bezeu­
- gen, und es bleibt zu ermitteln, ob diese eine Komponente der
ren-die Sätze;· die geschehen. Und er.wird-- wohlgemerkt -
niemals wissen, ob die Sätze an ihr Ziel gelangt sind''':-::-. Und er fraglichen Situation war.
darf es nicht wissen, hypothetischerweise. -Er--weiß nur, daß
diese Unwissenheit den letzten Widerstand darstellt, den das 2
Ereignis dem rechnerischen Gebrauch der Zeit entgegenzuset-
[15] zen vermag. I »Ich habe Tausende von Dokumenten untersucht. Ich habe
Fachleute und Historiker unermüdlich mit meinen Fragen ver­
folgt. Ich habe - allerdings vergeblich - einen einzigen ehemali­
::- L:oT":RDS Verwendung des Ausdrucks occurrence (Vor-, Zufall) gen Deportierten gesucht, der mir beweisen konnte, tatsächlich
halt dte Schwebe zwischen dem franz. evenement (Ereignis) und und mit eigenen Augen eine Gaskammer gesehen zu haben«
d �m eng!. �a:urrence (Vorkommen, Auftreten) und meint sowohl (Faurisson, in: Vidal-Naquet, 1 98 1 : 227). »Tatsächlich und mit
dte Ak��allSlerung (eines Satzes) wie dessen Ereignis-Charakter eigenen Augen eine Gaskammer gesehen« zu haben wäre die
(A. d. U.).
Bedingung für die Autorität, ihre Existenz zu behaupten und
"-·"-· Wortspiel �it maintenant (jetzt) und maintenir (bewahren, erhal­

ten; A. d. U.). den Ungläubigen zu belehren.


::-::-".- LYOTARD spielt hier mit der Doppeldeutigkeit von frz. arriver: Zudem muß man beweisen, daß sie in dem Augenblick tod­
»geschehen«; aber auch: >>ankommen, eintreffen<< (A. d. Ü). bringend war, als man sie sah. Der einzig annehmbare Beweis für

16 17
·,
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I
DER WIDERSTREIT ERMITTLUNGSVERFAHREN

ihre tödliche Wirkung besteht darin, daß man tot ist. Als Toter daß die ibanskische Gesellschaft kommunistisch ist, da er ja
aber kann man nicht bezeugen, daß man in einer Gaskammer zugibt, daß einzig die kommunistischen Behörden maßgeblich
umgekommen ist. - Der Kläger führt darüber Klage, daß man die Ermittlungsverfahren bezüglich der Realität des kommuni­
ihn hinsichtlich der Existenz von Gaskammern getäuscht hat, stischen Gepräges dieser Gesellschaft durchführen können. Er
da� heißt hinsichtlich der Situation, die da heißt: Endlösung. verläßt sich also auf sie, wie sich der Laie auf den Biologen oder
Sem Argument lautet: Um einen Raum als Gaskammer identi- Astronomen verläßt, wenn es um den Nachweis eines Virus oder
[16] fizieren zu können, akzeptiere ich I nur ein Opfer dieser Gas­ eines Sternensystems geht. Wenn er diesen Behörden seine
kammer als Zeugen; nun kann es dort - meinem Kontrahenten Zustimmung entzieht, ist er kein Kommunist mehr. Man wird
zufolge - nur tote Opfer geben, sonst wäre diese Gaskammer dann auf den ersten Fall verwiesen : er ist kein Kommunist. Das
nicht das, was er behauptet; es gibt also keine Gaskammer. bedeutet, daß er die Ermittlungsverfahren bezüglich des kom­
munistischen Gepräges der ibanskischen Gesellschaft nicht an­
erkennt oder nicht anerkennen will. In diesem Fall wäre seiner
3 Zeugenschaft nicht mehr Glaubwürdigkeit einzuräumen als
Können Sie mir, sagt der Verleger, der seinen B eruf verteidigt, einem menschlichen Wesen, das erklärt, es habe sich mit Mars­
den Titel eines bedeutenderen Werkes nennen, das von allen bewohnern verständigt. Deshalb ist es >>keineswegs verwunder-
Verlegern abgelehnt und also unbekannt geblieben wäre? Aller lich, daß der Staat die Tätigkeit der Opposition generell als ein
Wahrscheinlichkeit nach kennen Sie kein Meisterwerk dieser kriminelles Vergehen betrachtet, I ganz genauso wie Diebstahl, [17]
Art, da es ja, wenn es existiert, unbekannt geblieben ist. Und Banditentum, Spekulation und dergleichen. [ . . . ] Es ist eine
wenn Sie eines zu kennen vermeinen, können Sie nicht - da es apolitische Gesellschaft« (Sinowjew, Gähnende Höhen, 1981
,, nicht an die Ö ffentlichkeit gelangt ist - behaupten, daß es, außer [1976] : 783-784). Genauer gesagt ist dies der Wissenschaftsstaat
I in Ihren eigenen Augen, größere Bedeutung besäße. Sie kennen (Chatelet, 1 982); die Realität erkennt er nur als methodisch
also kein einziges, und der Verleger hat recht. - Das Argument ermittelte, und er verfügt über das Monopol der Ermittlungsver­
entspricht formal dem der vorangehenden Ziffern. Die Wirk­ fahren bezüglich der Realität.
lichkei�i_s�_nicht diesem-oder_jenem�Subjekt<u>gegeb�n<<, sie ist
ein Zustand des Referenten(das, worüber man spricht), der aus
-
dem _Vollzug von Ermitthingsvei'faliren� die nach einem einmü­ 5
tig gebilligten Protokoll definiert werden, hervorgeht und dar­
Der Unterschied zwischen dem Kommunismus einerseits und
aus erwächst, daß jedermann diesen Vollzug beliebig oft wieder­

dem Virus oder dem Sternensystem andererseits liegt jedoch
holen kann. Das Verlagswesen wäre eines dieser Protokolle, die
darin, daß man über Mittel verfügt, diese zu beobachten; sie sind
Geschichtswissenschaft ein anderes.
Gegenstände der Erkenntnis, während jener Gegenstand einer
.· Idee der historisch-politischen Vernunft ist, und dieser Gegen­
4 stand kann nicht beobachtet werden (Kant-Exkurs IV, § 1). Es
·gibt keine beliebig wiederholbaren und nach einem einmütig
Der ibanskische�- Augenzeuge ist entweder kein Kommunist gebilligten Protokoll definierten Verfahren, um die Wirklichkeit
oder er ist es doch. Wenn er es ist, braucht er nicht zu bezeugen,

* ivanien; die deutschen Übersetzer von SINOWJEWS Gähnenden


Frz. russischen >Iwan< sowie a�f das russische Verb jebatj, das dem engL
Höhen (s. u.) notieren zu »ibanskisch«: »Enthält Anspielung auf den to Juck entspricht« (A. d. Ü).
18 19
\
y-
DER WIDERSTREIT PROTAGORAS

eines ideellen Gegenstands im allgemeinen zu ermitteln. So insbesondere die Unmöglichkeit eines Gerichtsverfahrens.
existiert etwa nicht einmal in der Astrophysik ein derartiges Wenn sich das Opfer über diese Unmöglichkeit hinwegsetzen
Protokoll zur Ermittlung der Wirklichkeit des Universums, weil und dennoch das erlittene Unrecht bezeugen will, stößt es auf
das Universum ein ideeller Gegenstand ist. In der Regel ist ein in folgende Argumentation: Entweder passierte der Schaden, den
der Kategorie des Ganzen (oder des Absoluten) gedachter Ge­ Sie einklagen, nicht und Ihre Zeugenaussage ist falsch; oder er
genstand kein Erkenntnisobjekt (dessen Realität man dem pro­ passierte doch, und was Sie erlitten haben, ist, da Sie es bezeugen
tokollarischen Verfahren unterwerfen kann usw. ) . »Totalitaris­ können, kein Unrecht, sondern nur ein Schaden, und Ihre
mus« wäre das Prinzip zu nennen, das das Gegenteil behauptet. Zeugenaussage ist immer noch falsch.
Die Forderung, daß die Realität des Satz-Referenten nach der
protokollarischen Anleitung der Erkenntnis zu ermitteln sei, 8
diese Forderung ist - wenn sie sich auf jeden beliebigen Satz und
besonders auf solche erstreckt, die sich auf ein Ganzes beziehen Entweder sind Sie das Opfer eines Unrechts oder Sie sind es
- ihrem Prinzip nach totalitär. D arum ist es wichtig, verschiede­ \�cht. Wenn Sie es nicht sind, täuschen Sie sich (oder lügen),
ne Regelsysteme von Sätzen auseinanderzuhalten: was darauf wenn Sie das Gegenteil bezeugen. Sind Sie es, da Sie ja dieses
hinausläuft, die Zuständigkeit dieses oder jenes Tribunals auf Unrecht bezeugen können, so ist es kein Unrecht, und Sie
diese oder jene Satzart zu beschränken. · täuschen sich (oder lügen), wenn Sie aussagen, daß Sie Opfer
eines Unrechts seien. Es gelte: p: Sie sind Opfer eines Unrechts ;
non-p: Sie sind es nicht; Wp: der Satz p ist wahr; Fp: er ist falsch.
6 Das Argument lautet: entweder p oder non-p; wenn non-p, dann
Die Schlußfolgerung des Klägers (Nr. 2) müßte lauten: Da es Fp; wenn p, dann non-p, dann Fp. Die Alten nannten dieses
den Zeugen nur als Opfer gibt, das Opfer nur als Toten, so kann Argument ein Dilemma. Es enthält die Fessel des double-bind,
keine Räumlichkeit als Gaskammer identifiziert werden. Der wie er von der Schule von Palo Alto untersucht wurde, es ist eine
Kläger dürfte nicht behaupten, daß sie nicht existiert, sondern treibende Kraft der hegelschen Dialektik (Hegel-Exkurs, § 2).
Diese Fessel besteht in der Anwendung zweier logischer Opera­
idaß die Gegenpartei den Beweis ihrer Existenz nicht erbringen toren - der Exklusion: entweder . . . oder und der Implikation:
·kann; und dies dürfte das Gericht in hinreichende Verlegenheit .
stürzen. Und für die Gegenpartei (das Opfer) dürfte es hinrei­ wenn . . . dann - auf zwei widersprüchliche Propositionen: p und
chen, den Beweis ihres erlittenen Unrechts beizubringen. non-p. Es gelte zugleich: [(entweder p oder non-p) und (wenn p
dann non-p )). Als ob Sie zugleich sagten: entweder ist dies weiß .
�-·oder nicht weiß; und: wenn es weiß ist, ist es nicht weiß. .
-------- --�·
7
Ein Unrecht wäre folgendes: ein Schaden, der als solcher nicht
nachgewiesen werden kann, da die Mittel dazu verloren gegan­ PROTAGORAS
gen sind. Dies ist der Fall, wenn das Opfer seines Lebens beraubt 1. >>Man sagt, daß Protagaras eines Tages sein Honorar [f.ILO'fr6c; (mis­
.
[ 1 8) w1rd - oder aller Freiheiten oder der Denk- I und Meinungsfrei­ thos)] von einem Schüler, Euathlos, einforderte und, als dieser beteuer­
heit oder einfach des Rechtes, diesen Schaden zu bezeugen, oder te, niemals auch nur den kleinsten Sieg errungen zu haben [oubf:n:w
noch einfacher: wenn der Satz der Zeugenaussage selbst seines VLXT]V VEVLXT]XU], erwiderte: >Sollte ich gewinnen [Eyw f.!EV äv
Geltungsanspruches beraubt wird (Nr. 24-27). In all diesen VL x�ow ], werde ich- als Gewinner [ön f-yw f_vi XT]OU]- bezahlt werden
I Fällen kommt zum Verlust, den der Schaden darstellt, die müssen; und wenn Du gewinnen solltest, so deswegen, weil Du der
Unmöglichkeit hinzu, andere davon in Kenntnis zu setzen' und Gewinner sein wirst<« (Diels und Kranz: 80 A 1, A4; Capizzi: 158)./ [19]

20 21
DER WIDERSTREIT PROTAGORAS

Die Fabel hat didaktischen Wert, wie ihr häufiges Vor kommen in stößt einen sogar darauf (und z war lachend, während die ibans kische
verschiedenen Ein kleidungen belegt (Capizzi: Apuleius, Aulus Gellius, Staatsge walt weinen macht; cf. Nr. 4).
Ammonios, Diogenes Laertios, Lu kian). Sie enthält mehrere Paradoxa D as russellsche Typen-Axiom ist eine Regel zur Bildung I logischer [20]
(Mackie, Burnyeat). Sätze (Propositionen). Es umschreibt eine Dis kursart, die Logi k, mit-
Lehrer und Schüler haben einen Vertrag geschlossen: jener wird nur tels deren Z wec kbestimmung: nämlich die Wahrheit eines Satzes zu
bezahl� werden, wenn dieser dan k der erhaltenen Ausbildung minde­ entscheiden. Das Argument von Protagoras ist in der Logi k nicht
stens emen der Prozesse, die er während dieser Ausbildungszeit vor den a kzeptabel, da es einem diese Entscheidung versagt. Ist es in einer
Gerichten vertritt, ge wonnen haben wird. Die Alternative ist einfach anderen Dis kursart a kzeptabel?
und das Urteil le icht: Euathlos hat wenigstens einmal gewonnen, er
zahlt; wenn nicht, so ist er quitt. Und da er nicht ge wonnen hat, braucht 3. Die Totalität, auf die es sich bezieht, ist serieller Natur: es gibt n
er nichts zu zahlen. Mit ihrer brachylogischen Bündig keit münzt Streitfälle, der >>aktuelle<< Rechtsstreit z wischen Lehrer und Schüler
Protagoras' Entgegnung die Alternative in ein Dilemma um. Wenn kommt zu den vorhergehenden hinzu: n + 1. Wenn ihn Protagoras
Euathlos wenigstens einmal ge wonnen hat, muß er zahlen. Wenn er miteinbezieht, rechnet er: n n + 1. Freilich erfordert diese Synthese
=

niemals ge wonnen hat, so h at er dennoch wenigstens einmal ge wonnen einen weiteren »Schritt «: (n + 1) + 1. Dieser »Schritt<< entspricht dem
und muß zahlen. Urteil des Protagoras. Darum äußert dieser seine Entscheidung im
Aorist (enikesa), in der unbestimmten Zeitform: Wenn Du gewinnst,
. Wie läßt sich behaupten, Euathlos hätte ge wonnen, während er doch dann bin ich der Gewinner. Eine serielle Totalität führt die Berüc ksich­
1mmer verlor? Es genügt, den gegen wärtigen Rechtsstreit z wischen ihm
und Protagoras in die Reihe derer aufzunehmen, die zu berücksichtigen tigung der Zeit ein, die in der logischen Dis kursart ausgeschlossen
. bleibt. Natürlich gibt es Logi ken der Zeit, mit denen zumindest dieser
smd, wenn man darüber entscheidet, ob er immer verloren hat. In allen
früheren gerichtlichen Stre itfällen hat er verloren. Er trägt also über Aspe kt des Rechtsstreits klargestellt werden kann.
Protagoras, der behauptet, Euathlos hätte einmal ge wonnen, den Sieg Unter diesem Aspe kt lautet die Behauptung nicht : Keines meiner
davon, indem er feststellt, daß er niemals gewonnen hat. Wenn er aber Plädoyers ist erfolgreich (negativer All -Satz; bezeichnen wir ihn mit
in einem Rechtsstreit gegen Protagoras auf diese Weise triumphiert, so non-p); sondern: Keines meiner Plädoyers war erfolgreich. In einer Zeit­
hat er also doch wenigstens einmal ge wonnen. Logi k (Gardies) ausgedrückt, schriebe sich dieser let zte Satz folgender ­
maßen: Fürden gesamten vorhergehenden Zeitraum bis jetzt trifft es zu,
2. Das Paradoxon beruht auf der Fähig keit eines Satzes, sich auf sich daß non-p. Die Ermittlung des W ahren hängt am »jetzt<< . Protagoras
s elbst als R �ferenten zu beziehen. Ich habe nicht ge wonnen, sage ich, kann also durchaus sagen: Es gibt wenigstens einen Zeitpunkt, und
.
und mdem 1ch es sage, gewinne ich. Protago ras verwechselt den Modus dieser Zeitpunkt ist jetzt oder später, an dem es zutrifft, daß p.
(den er klärenden Vordersatz: Euathlos sagt, daß) mit dem Gesagten, fetzt ist sehr wohl der gleiche logische Zeit-Operator, obgleich er
- dem negativen All-Satz, der auf eine Wirklichkeit verweist (Euathlos sich in Protagoras' Satz nicht an demselben Ort der Reihe befindet wie
hat kei � einziges Mal ge wonnen). Um diese Art von Verwechslung zu das Jetzt des Euathlos. Wenn man beide auf einen willkürlichen Null­
unterbm�en, führt _Russell die Typentheorie ein: eine Proposition (hier punkt t0 bezieht, so heißt das letztere t1 und das Jetzt von Protagoras t2•
d er Urte 1�sspruch �m Rechtsstreit z wischen Lehrer und Schüler), die Aber der will kürliche Nullpun kt t0 ist genau das, was genannt wird:
s .1ch auf eme Totahtät vo n Propositionen bezieht (hier die Gesamtheit jetzt.
früherer Urteilssprüche), kann nicht Teil dieser Totalität sein. Andern­ In dieser Hinsicht machte Protagoras also nur von der Möglich keit
fal�s bleibt sie nicht länger stichhaltig hinsichtlich der Negation (das Gebrauch, die ihm die dei ktische Zeitbestimmung »jetzt<< an die Hand
. .
he 1ßt des P nnZlps der Widerspruchsfreiheit), ihr Wahrheits wert ist gibt, nämlich so wohl den Nullpun kt zeitlicher Serien (vorher und
unentscheidbar. nachher) als auch ein Element dieser Serien (Schneider, 1980) darzustel­
Der Satz, dessen Referent alle Sätze ist, darf nicht Teil seines len. In der Analyse der Dyade vorher I nachher mit ihrem Bezug zum
Ref� renten sein . So �st ist er »schlecht gebildet<< und wird vom Logi ker Jetzt entdec kt und dis kutiert Aristoteles das gleiche Problem (Aristote­
_
zuru � kge w1esen. (� 1es betrifft das Paradoxon des Lügners in der Form: les-Exkurs). Der paradoxale Satz kann hier nicht als Mißbildung elimi ­
Ich luge.) De : Log :ker begegnet dem Sophisten, der das Prinzip miß­
_ niert werden. Die Dis kursart, die ihn gelten lassen muß, ist nicht die
achtet, nur m 1t Ge nngschätzung; aber der Sophist ignoriert es nicht, er Logi k, sondern die »Physi k«, deren Referent nicht der Satz, sondern
22 23
DER WIDERSTREIT KLÄGER UND OPFER

jedes sich bewegende Objekt (die Sätze eingeschlossen) ist. Die allge­ 9
meine Relativitätstheorie wird ihn in die Physik des Alls einbürgern. .
.. Opfersein bedeutet, nicht nachweisen zu.können, daß man ein
4. Die Sätze bilden ein physikalisches Universum, wenn sie als sich J.!nre<;ht erlitten hat. Ein Kläger ist jemand, der geschädigt
bewegende Objekte verstanden werden, die eine unendliche Reihe wurde und über Mittel verfügt, es zu beweisen. Er wird zum
[21] darstellen. I Entsprechend ist der auf dieses Universum verweisende
Opfer, wenn er diese Mittel einbüßt. Er büßt sie ein, wenn sich
Satz hypothetischerweise also Bestandteil dieses Universums : er wird
im nächsten Augenblick dessen Bestandteil sein. Wenn man die so,
etwa der Urheber des Schadens unmittelbar I oder mittelbar als [22]
nämlich physikalisch betrachtete Satzreihe Geschichte nennt, so wird ·-dessen Richter erweist. Dieser Richter besitzt die Machtbefug­
der Satz des Historikers dem Universum, auf das er verweist, >>angehö­ nis, seine Zeugenaussage als falsch zurückzuweisen, oder. die.
ren<<. Die vom Historismus und vom Dogmatismus aufgeworfenen Möglichkeiten, ihre öffentliche Kundgabe zu verhindern. Aber
Schwierigkeiten rühren aus dieser Situation her. Der eine erklärt, daß dies Ist nur ein Sonderfall. Im allgemeinen wird der Kläger zum
sein Satz Bestandteil seines Referenten sei; -der andere, daß der seinige es Opfer, wenn jedwede Darstellung des Unrechts, das er erlitten
nicht sei. zu haben behauptet, unmöglich wird. Umgekehrt bestünde das
. In der Auflösung der Antinomien der reinen Vernunft (KRV) >>perfekte Verbrechen<< nicht in der Beseitigung des Opfers oder
schreibt Kant, daß die Frage der Reihe alle Konflikte in sich versam­ der Zeugen (das hieße weitere Verbrechen hinzufügen und die
melt, die von den kosmologischen Ideen hervorgerufen werden. Der Schwierigkeit erhöhen, alle Spuren zu tilgen), sondern darin, die
>>letzte<< Satz erstellt die Synthese der vorangehenden. Ist er ein Be­
standteil ihrer Gesamtheit oder nicht? Der Dogmatismus antwortet Zeugen zum Schweigen zu bringen, die Richter taub zu machen
.
nem, der Empirismus ja. Der Kritizismus bemerkt' daß die Reihe und die Zeugenaussag e für unhaltbar (unsinnig) erklären zu
niemals gegeben, sondern nur aufgegeben ist, weil ihre Synthese immer . lassen. Neutralisieren Sie den Sender, den Adressaten, die Be-
verschoben wird. Der Satz, der die Serie in einer Synthese zusammen­ deutung [sens] der Zeugenaussage; alles sieht dann so aus, als ob
�aßt �das ak�uelle Urteil über die Gesamtheit von Euathlos' Plädoyers), es keinen Referenten (keinen Schaden) gäbe. Wenn sich niemand
tst mcht Tetl der Serie, wenn er >>Stattfindet« (als Vorkommnis), aber findet, der den Beweis dafür erbringen kann, niemand, der ihn
unvermeidlich ist er als ein Teil der Serie bestimmt die durch den anerkennt, und/oder wenn die ihn stützende Argumentation für
nachfolgenden Satz in einer Synthese zusammengefaß; wird. Die Serie, abwegig erachtet wird, so wird der Kläger abgewiesen; das
die von der Welt, insbesondere von der Welt der menschlichen Ge­ Unrecht, über das er sich beklagt, kann nicht nachgewiesen
schichte, gebildet wird, ist weder endlich noch unendlich (man kann werden. Er wird zum Opfer. Wenn er auf diesem Unrecht weiter
_
unterschiedslos für beides Argumente vorbringen), aber die Synthese
beharrt, so als ob es existierte, werden ihn die anderen (der
der Reihe selbst ist »unbestimmt<< (KRV: 471-476).
Sender, der Empfänger, der Sachverständige, der die Zeugenaus­
5. Protagoras' Argument ist ein avnotQEcpwv (antistrephon). Es ist sage kommentiert) leichthin für verrückt halten. Verwechselt die
umkehrbar. In der Version von Aulus Gellius findet das Streitgespräch Paranoia nicht das : Als ob dies der Fall wäre mit dem : Es ist der
_
ZWischen Lehrer und Schüler vor einem Gericht statt. Man könnte es Fall?
folgende�aßen wiedergeben. Protagoras: Wenn du (gegen mich) ge­
_
w�nnst, Wirst du gewonnen haben; wenn du (gegen mich) verlierst,
Wirst du, da du doch behauptest, immer (gegen die anderen) zu
v�rlieren, folglich ebenfalls gewonnen haben. Ratlosigkeit bei den 10
Richtern. Euathlos : Wenn ich (gegen dich) verliere, werde ich verloren
Aber tun die anderen ihrerseits nicht so, als ob dies nicht der Fall
hab_en; wenn ich (?egen dich) gewinne, werde ich, da ich doch behaup­
te, Immer zu verheren, folglich ebenfalls verloren haben. Die Richter wäre, während es vielleicht doch der Fall ist? Warum sollte es
be�chließen, die Entscheidung zu vertagen. Die Weltgeschichte kann . weniger paranoid sein, die Existenz der Gaskammern zu negie- ,
_
kem endgüluges Urteil fällen. Sie besteht aus beurteilten Urteilen. ren, als sie zu beteuern? Weil, wie Leibniz schreibt, >>das Nichts \
doch einfacher und leichter ist als das irgendetwas« (Leibniz, I;
!
24 25
. i

l.l
II

'{
DER WIDERSTREIT RECHTSSTREIT UND WIDERSTREIT

Principes de la Nature . . . : § 7 [dt. S. 13)). Kläger ist, wer _di�_!j:ypothese, daß sie es sei, zu verwerfen? :yv'ie könr:t�man,
behauptet, daß etwas vorliegt; er muß - mittels wohlgeformter was nicht ist, nachweisen, ohne zu kritisieren�- ·was 1s�? pas
Die Negation muß not­
Sätze und mit Verfahren zur Ermittlung der Existenz ihrer --Unbestimmte läßt sich nicht beweisen.
_ .

Referenten - den Beweis dafür antreten. Die Wirklichkeit geht wendig_Aie Negation einer Bestimmung sein. - Diese Umkeh­
immer zu Lasten des Klägers. Der Verteidiger braucht nur die �ung-der beiderseits erwarteten Aufgaben kann hinreichen, den
Argumentation zu widerlegen und den Beweis mittels eines Beschuldigten in ein Opfer zu verwandeln, wenn er nicht das
Gegenbeweises zu verwerfen. Dies ist der Vorteil der Verteidi­ Recht zur Kritik der Anklage hat, wie man es bei politischen
gung, den Aristoteles (Rhetorik, 1 402 b 24-25) und die atheni­ Prozessen beobachten kann. Kafka gemahnt uns daran. Unmög­
schen Strategen anerkannten. Ebenso läßt sich nicht sagen, daß lich ist es, die eigene Unschuld - an sich - zu erweisen. Sie ist ein
eine Hypothese verifiziert ist, sondern nur, daß sie bis auf Nichts.
weiteres nicht falsifiziert ist. Die Verteidigung ist nihilistisch, die
Anklage vertritt das Seiende. Deshalb fällt es den Opfern der 12
Vernichtungslager zu, deren Beweis zu erbringen. Unsere Art
zu denken begreift die Wirklichkeit nicht als Gegebenes, son- Der Kläger trägt seine Klage bei Gericht vor, die Argumentation
[23) dern als Anlaß I zur Stellung des Antrages, daß die sie betreffen­ des Beschuldigten will die Nichtigkeit der Anklage aufzeigen.
den Ermittlungsverfahren durchgeführt werden,. Ein Rechtsstreit [litige] liegt vor. Widerstreit [differend] möchtej
ich den Fall nennen, in dem der Kläger seiner Beweismittel
berauoi:ist und dadurch zum Opfer wird. Wenn der Sender, de:
11
Empfänger und die Bedeutung der Zeugenaussage neutralisiert
Die Todesstrafe schafft man aus Nihilismus ab, aufgrund einer sind, hat es gleichsam keinen Schaden gegeben (Nr. 9). Z.\Vi­
kognitiven Prüfung des Referenten, aufgrund eines Vorurteils schen zwei Parteien entspinnt sich ein Widerstreit, wenn sich die·
zugunsten der Verteidigung. Die Chancen dafür, daß es nicht >>Beilegung<< des Konflikts, der sie miteinander konfrontiert, im
der Fall ist, stehen günstiger als dafür, daß es der Fall ist. Diese , , Idiom /der einen vollzieht, während das Unrecht, das die andere [24)
statistische Bewertung gehört zur Familie der kognitiven Sätze. \.erleidet, in diesem Idiom nicht figuriert. So verhindern die
Die unterstellte Unschuld des Beschuldigten, die die Anklage . Verträge und Abkommen zwischen Wirtschaftspartnern nicht
./.
verpflichtet, den Beweis für das Verbrechen zu erbringen, ist die etwa, sondern setzen im Gegenteil voraus, daß der Arbeiter oder
./i
>>humanistische« Version derselben Spielregel der Erkenntnis. ­ dessen Vertreter von seiner Arbeit gleichsam als einer zeitweili­
Wenn die Spielregeln ins Gegenteil verkehrt werden, wenn jeder gen Abtretung einer Ware, deren Eigentümer er ist, sprechen
Angeschuldigte für schuldig gehalten wird, besteht die Aufgabe mußte oder wird sprechen müssen. Diese »Abstraktion<< , wie
der Verteidigung darin, die Unschuld zu erweisen, während die Marx sie nennt (aber der Ausdruck ist schlecht; welches Konkre­
Anklage nur die Argumentation widerlegen und die von der tum führt er ins Feld?), wird von dem Idiom gefordert, in dem
Verteidigung vorgebrachten Beweise verwerfen muß. Nun ist es der Rechtsstreit beigelegt wird (dem >>bürgerlichen<< Wirt­
vielleicht unmöglich zu ermitteln, daß der Referent eines Satzes schafts- und Sozialrecht). Wenn er sich dessen nicht bedient,
keine derartige Eigenschaft hat, wenn man nicht wiederum das kann er innerhalb des Geltungsbereichs dieses Idioms nicht
Recht zur Widerlegung desjenigen Satzes besitzt, demzufolge er bestehen und ist ein Sklave. Indem er es gebraucht, wird er zum
diese Eigenschaft innehat. Wie könnte ich beweisen, daß ich kein Kläger. Hört er deshalb auch auf, Opfer zu sein?
Drogenhändler bin, ohne vom Ankläger zu verlangen, den
Beweis dafür zu erbringen, und ohne diesen zu entkräften? Wie
wäre nachzuweisen, daß die Arbeitskraft keine Ware ist, ohne

26 27
I SPRECHEN UND SCHWEIGEN

I
DER WIDERSTREIT

13 .

Fähigkeit, nicht zu sprechen, ist nic�t id�ntis�h mit der Unfä ig­

keit zu sprechen. Diese ist eine Pnvauon, Jene eme N�gatwn
Während er zum Kläger wird, bleibt er zugleich Opfer. Besitzt (Aristoteles, Lehre vom Satz, 21 b 1 2-:-1�; Metaphyszk, IV,
er die Mittel nachzuweisen, daß er Opfer ist? Nein. Woher .
1022b 22ff.). Liegt der Grund, warum dte Uberlebenden mcht
. wissen Sie also, daß er eines ist? Welches Gericht kann darüber sprechen, in ihrer Unfähigkeit o�er dar�� ' da� sie von der
\ urteilen?-.Denn der Widerstreit ist keine Streitsache, das Wirt­ .
Möglichkeit, nicht zu sprechen, dte der Fahtgkett zu sprechen
"
Schafts- u�ä-Sozialrecht kann zwar den Rechtsstreit zwischen entspringt, Gebrauch machen? Schweigen sie notgedrungen
den Wirtschaftspartnern schlichten, nicht aber den Widerstreit oder freiwillig, wie man sagt? Oder ist die Frage falsch gestellt?
zwischen Arbeitskraft und Kapital. Mit welchem wohlgeform­
ten Satz und mittels welchen Beweisverfahrens kann der Arbei­
ter dem Arbeitsgericht gegenüber geltend machen, daß es keine 15
Ware ist, was er gegen Lohn soundsoviel Stunden in der Woche Es wäre unsinnig anzunehmen, daß die »Sprachbegabten« Men­
seinem Chef überläßt? Er ist der mutmaßliche Eigentümer einer schen im strengen Sinne nicht sprechen könnten; wie etwa
Sache. Er befindet sich in der Lage eines Beschuldigten mit der Steine. »Notgedrungen<< würde hier bedeuten: sie sprechen
Beweislast hinsichtlich eines Nicht-Seienden oder wenigstens nicht, weil sie für den Fall, daß sie sprechen sollten, mit dem
eines Nicht�Attribu�s) Die Widerlegung fällt leicht. Es sieht so Schlimmsten bedroht werden, wenn ihre Fähigkeit zu sprechen
/aus, als ob-aas;·was er ist, nur in einem �diom zum Ausdr�ck ganz allgemein, direkt oder indirekt, beeinträchtigt wird. Neh­
\ gelangen könnte, das sich von dem des Wtrtschafts- und Soztal­ men wir an, daß sie unter Drohung schweigen. Damit die
'tec. hts unterscheidet. In letzterem kann er nur ausdrücken, was Drohung wirksam werden kann, muß eine Fähigkeit zum Ge­
er b�itzt; und falls er nichts besitzt, läßt sich, was er nicht
genteil vorausgesetzt werden, da sich die Drohung ja auf den
besitzt, entweder nicht ausdrücken oder auf nachweisbare Art hypothetisch angenommenen Fall des Gegenteils bezieht: daß
nur so ausdrücken, als ob er es besäße. Wenn der Arbeiter seine nämlich die Überlebenden sprechen würden. Wie aber kann eine
.._._,__._ .

Substanz (die Arbeitskraft) beschwört, kann er vor diesem


Drohung wirksam werden, wenn sie sich doch gegen etwas
Gericht, das nicht zuständig ist, nicht gehört werden. In dieser
richtet (hier gegen den möglichen Fall, daß die Überlebenden
Beweis-Unmöglichkeit zeigt sich der Widerstreit an. Der Kläger sprechen), das gegenwärtig nicht existiert? Wogegen richtet sich
/ ·wird angehört, das Opfer aber- und vielleicht sind sie identisch
die Drohung? Man sagt: gegen das Leben oder das Glück usw.
[25] -_ wird zum Schweigen gebracht. I
dessen, der sprechen würde. Derjenige aber, der sprechen würde
(Irrealis, Konditionalis), besitzt kein Leben, kein Glück, das
bedroht werden könnte, da er ja selbst irreal oder konditional ist,
14
, solange er nicht gesprochen hat - insofern ich immer nur der
' >>Die Überlebenden sprechen selten« (Nr. 1). Nichtsdestoweni­ Sender eines aktuellen Satzes bin.
ger gibt es eine regelrechte Literatur von Augenzeugenberich­
ten . . .? -Aber das ist es nicht. Nicht zu sprechen ist Teil der
16
Fähigkeit zu sprechen, da die Fähigkeit eine Möglichkeit dar­
stellt und diese eine Sache wie deren Gegenteil impliziert. Mög­ Gegenstand der Drohung ist nicht ein identifizierbares Individu­
I 1'
lich, daß p und möglich,-daß non-p sind gleichermaßen wahr. Es um, sondern die Fähigkeit zu sprechen und zu schweigen. Man
entspricht der Definition des Möglichen selbst, zugleich Gegen-_ droht mit der Vernichtung dieser Fähigkeit. Zwei Mittel können
I' dazu dienen: das Sprechen unmöglich machen, das Schweigen
teiliges zu implizieren. Daß das Gegenteil von Sprechen möglich
ist, zieht nicht notwendigerweise das Schweigen nach sich. Die unmöglich machen. I Diese beiden Mittel sind kompatibel: Man [26]
''

I '

28 29
I' �

DER WIDERSTREIT SPRACHENTZUG

nimmt x die Möglichkeit, über eine Sache zu sprechen (durch duen, x, y, du, ich als Sender dieser Sätze und dieses Schweigens
Einkerkerung etwa), man entzieht ihm die Möglichkeit, über situiert sind? Und ist dies der Fall: Um den Preis welchen
eine andere Sache zu schweigen (etwa durch die Folter). Die Mißverständnisses kann eine gegen x gerichtete Drohung >>sei­
Fähigkeit als solche wird zerstört: x kann über diese sprechen nen<< Satz bedrohen?
und über jene schweigen, aber er kann nicht mehr über diese wie
über jene entweder sprechen oder nicht sprechen. Die Drohung: 19
. »Wenn du dies erzählen (kundtun) würdest, wäre es dein letzter
Satz<< , oder: »Wenn du das verschweigen würdest, wäre es dein Die Behauptung, x könne hinsichtlich seines Redens oder
letztes Schweigen<< -diese Drohung gilt nur deshalb, weil die Schweigens bedroht werden, I setzt voraus, daß er Herr über [27]
Fähigkeit zu sprechen und nicht zu sprechen mit der Existenz Gebrauch oder Nicht-Gebrauch der Sprache ist und daß man
von x identifziert wird. ihm also diesen freien Gebrauch per Drohung entziehen kann.
Das ist nicht falsch, es ist eine Art und Weise, über die Sprache,
den Menschen und ihr Verhältnis zueinander zu reden, die den
17 Regeln der Familie mancher kognitiver Sätze (Humanwissen­
Das Paradoxon des letzten Satzes (oder des letzten Schweigens), schaften) entspricht. Der Satz: »Unter Drohung, unter der
das auch dem der Reihe entspricht, sollte beix nicht das Schwin­ Folter, unter den Bedingungen der Einkerkerung, unter den
delgefühl gegenüber dem nicht mehr >Setzbaren< [ce qui ne peut Bedingungen der >Sensoriellen Deprivation< usw. kann das
pas etre phrase] hervorrufen (man nennt es auch Todesangst), Sprachverhalten eines menschlichen Individuums diktiert wer­
sondern die unwiderlegbare Überzeugung, daß kein Satz der den<<-dieser Satz ist wohlgeformt, und es können leider Beispie-
letzte ist. Ein letzter Satz muß durch einen weiteren dazu erklärt le präsentiert werden, von denen der Wissenschaftler sagen
/ werden und ist deshalb nicht der letzte. Oder zumindest müßte kann: Hier haben wir die entsprechenden Fälle. Aber die Hu­
dieses Paradoxon x dieses Schwindelgefühl und diese Überzeu­ manwissenschaften, die sich mit der Sprache beschäftigen, ver­
gung verschaffen.-Trotzdem ist der letzte Satz der letzte, denx fahren wie die Geschworenen der Arbeitsgerichte.
spricht! -Nein, er ist der letzte, der x als unmittelbaren und
>>aktuellen<< Sender hat. 20
Ebenso wie diese Geschworenen bei den Kontrahenten, über die
18 sie zu urteilen haben, den Besitz irgendeiner Tauschsache vor­
Man müßte sagen: Sender und Empfänger sind markierte oder aussetzen, setzen die Humanwissenschaften voraus, daß die
nicht-markierte Instanzen, die durch einen Satz dargestellt wer­ menschlichen Individuen, deren Erkenntnis ihnen obliegt, ir­
den. Dieser Satz ist keine Botschaft, die von einem Sender zu _ gendwelche kommunizierbaren Gegenstände besitzen. Und die
einem Empfänger-beide von ihm unabhängig-gelangt (Law­ (ideologischen, politischen, religiösen, polizeilichen usw.)
ler, 1 977). Sender und Empfänger werden im Universum, das Machtinstanzen setzen voraus, daß die Menschen, deren Füh­
der Satz darstellt, situiert, genauso wie dessen Referent und rung oder zumindest Kontrolle ihnen obliegt, etwas besitzen,
dessen Sinn. »Der Satz von x, mein Satz, dein Schweigen<< : Sagen. das sie kommunizieren. Kommunikation ist der Tausch von
wir, identifizierbare Individuen,x, y, Sätze oder produzieren wir Botschaften, Tausch die Kommunikation von Gütern. Die In­
Schweigen - in dem Sinne nämlich, daß wir dessen Urheber stanzen der Kommunikation sind wie die des Tausches nur über
wären? Oder finden Sätze oder Schweigen statt (geschehen, den Besitz definierbar: den Besitz von Informationen analog
passieren) und stellen damit die Universen dar, in denen Indivi- dem von Nutzungen. Und wie man den Strom von Nutzungen

30 31

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I' , I
DER WIDERSTREIT NEUE IDIOME

kontrollieren kann, so kann man auch den Strom der Informa­ Widerstreit gerecht zu werden bedeutet: neue Empfänger, neue
. tio!ien kontrollieren. Wie man eine perverse Nutzung unter- Sender, neue Bedeutungen [significations], neue Referenten ein­
-driickt, so verbietet man eine gefährliche Information. Wie man setzen, damit das Unrecht Ausdruck finden kann und der Klä­
ein Bedürfnis umlenkt und eine Motivation schafft, so läßt man ger kein Opfer mehr ist. Dies erfordert neue Formations- und
einen Sender anderes sagen, als er sagen wollte. Wird das Pro­ Verkettungsregeln für die Sätze. Niemand zweifelt, daß die
blem der Sprache auf diese Weise, in Begriffen der Kommunika­ Sprache diese neuen Satzfamilien und Diskursarten aufzuneh­
tion, gestellt, so führt es auf das Problem der Bedürfnisse und men vermag. Jedes Unrecht muß in Sätze gebracht werden.
Anschauungen der Gesprächspartner. Der Linguist wird zum fune_neue . Kompetenz (oder >> Klugheit«) _ muß .. gefun��n
Fachgutachter vor dem Arbeitsgericht der Kommunikation. Das werden.
Kernproblem, das er zu lösen hat, liegt im meaning als einer
unabhängigen Tauscheinheit der Bedürfnisse und Anschauun­ 22
gen der Gesprächspartner. Ebenso besteht für den Ökonomen - , y:_
das Problem im Wert von Gütern und Dienstleistungen als einer Der Widerstreit ist der instabile Zustand und der Moment der \

unabhängigen Einheit von Angebot und Nachfrage der Wirt- Sprache, _in dem etwas, das in Sätze gebracht werden können
[28] schaftspartner. I muß, noch darauf wartet. Dieser Zustand enthält das Schwei-
- �el'i�·als einen negativen Satz, aber er appelliert auch an prinzi- ·

piell mÖgliche Sätze. Was diesen Zustand anzeigt, nennt man


21
normalerweise Gefühl. >>Man findet keine Worte« usw. Es
Würden Sie sagen, daß die Gesprächspartner in gleicher Weise bedarf einer angestrengten Suche, um die neuen Formations-
Opfer von Wissenschaft und Politik der als Kommunikation und Verkettungsregeln für die Sätze aufzuspüren, die dem Wi­
betrachteten Sprache sind, wie der Arbeiter durch die Gleichset­ derstreit, der sich im Gefühl zu erkennen gibt, Ausdruck ver-
zung seiner Arbeitskraft mit einer Ware in ein Opfer verwandelt leihen können, wenn man vermeiden will, daß dieser Wider-
wird? Muß man sich vorstellen, daß es analog zur Arbeitskraft streit sogleich von einem Rechtsstreit erstickt wird und der
eine >>Satzbildungskraft« gibt, die im Idiom dieser Wissenschaft Alarmruf des Gefühls nutzlos war. I Für eine Literatur, eine [29]
und dieser Politik nicht zum Ausdruck gebracht werden kann? ­ Philosophie und vielleicht sogar eine Politik geht es darum, den
Was immer es nun mit dieser Parallele auf sich haben mag, sie Widerstreit auszudrücken, indem man ihm entsprechende Idio-
I
I
I
muß sogleich außer Kraft gesetzt werden. Es ist unschwer me verschafft.
faßbar, daß die Arbeit nicht mit dem Warentausch identisch ist,
und man benötigt ein anderes Idiom als das der Arbeitsrichter,
23
um ihm Ausdruck zu verleihen. Unschwer faßbar ist auch, daß
Sprache etwas anderes ist als die Kommunikation einer Informa­ Im Widerstreit >>verlangt<< etwas nach >Setzung< und leidet unter l�
tion, und man benötigt ein anderes Idiom als das der Sprachtheo­ dem Unrecht, nicht sofort >gesetzt< werden zu können. Die
rie der Humanwissenschaften, um ihr Ausdruck zu verleihen. Individuen nun, die glaubten, sich der Sprache als eines Werk­
' ! Hier hört die Parallele auf: Im Falle der Sprache beruft man sich zeugs zur Kommunikation bedienen zu können, lernen durch
, I 'I auf eine andere Satzfamilie, im Falle der Arbeit aber beruft man diesen Schmerz, der das Schweigen begleitet (und durch die
sich nicht auf eine andere Familie von Arbeiten, sondern eben­ Lust, die die Erfindung eines neuen Idioms begleitet), daß sie
falls auf eine andere Familie von Sätzen. Ähnlich verhielte es sich von der Sprache in die Pflicht genommen werden: und zwar
auch bei allen in den Rechtsstreitigkeiten verpuppten Fällen von nicht zwecks eigennütziger Steigerung der in den bestehenden
Widerstreit, was immer auch ihr Gegenstand sein mag. Dem Idiomen kommunizierbaren Informationsmenge, sondern um

32 33
� WIDERSTREIT NEGATION DER INSTANZEN

anz��rkennen, daß, was zur >Setzung< ansteht1 ihr gegenwärti� Sinnschicht des Falles gerichtet ist: den Empfänger; schließlich
(
·.
ges Außerungsvermögen übersteigt und daß sie die Einrichtung wo- > durch<< oder in wessen Namen der Sinn (bzw. die Bedeu­
noch nicht existierender Idiome zulassen müssen. tung) des Falles vermittelt wird: den Sender. Der Zustand des
Satz-Universums ergibt sich aus der Situation, in der diese
Instanzen zueinander stehen. Ein Satz kann mehrere Referen­
24 ten, mehrere Bedeutungen, mehrere Empfänger und mehrere
Es wäre also denkbar, daß die Überlebenden nicht sprechen, Sender umfassen. Jede dieser vier Instanzen kann-muß aber
ohne indessen in ihrer Sprachfähigkeit für den Fall bedroht zu nicht -im Satz ausgewiesen sein (Fabbri/Sbisa, 1980).
werden, daß sie später sprechen. Der Soziolinguist, der Psycho­
linguist, der Biolinguist suchen nach den Gründen, den Leiden­
26
schaften, den Interessen, nach dem Kontext dieses Schweigens. \
Wir wollen zuerst nach seiner Logik suchen. Wir halten es für Das Schweigen zeigt nicht an, welche Instanz negiert ist, -�s zeigt
ein Substitut von Sätzen. Im Gespräch, im Verhör, in der an, daß eine oder mehrere Instanzen negiert sind. Die Uberle­
Diskussion, in der talking eure, in der Beichte, im kritischen benden schweigen, und man kann daraus entnehmen, 1.) daß die
Bericht, im metaphysischen Entwurf tritt das Schweigen an die fragliche Situation (der Fall) den Empfänger nicht betrifft (er ist
· ,Ste!l� �()n Sätzen. Der Satz, der das Schweigen vertritt, wäre nicht zuständig oder ist es nicht wert, daß man sich an ihn

j
negativ. Er negierte wenigstens eine der vier Instanzen, die ein wendet usw.) ; oder 2.) daß diese Situation nicht existiert hat (so
, S�tz-Universum entwerfen: den Empfänger, den Referenten, Faurisson) ; oder 3 .) daß es darüber nichts zu sagen gibt (sie ist
�1e Bedeutung und den Sender. Der vom Schweigen implizierte unsinnig, unausdrückbar) ; oder 4.) daß es nicht die Sache der
'I negative Satz würde jeweils lauten: Dieser Fall geht Sie nichts an. Überlebenden ist, darüber zu reden (sie sind dessen nicht würdig
Diesen Fall gibt es nicht. Er ist nicht bedeutbar [signifiable ]. Er usw.). Oder mehrere dieser Negationen zusammen.
geht mich nichts an. Ein einziges Schweigen könnte durch
mehrere dieser Sätze formuliert werden. - Allerdings verweisen
selbst diese negativen Formulierungen noch auf das Idiom, in
27
.....,

dem der Referent, der Sender, der Empfänger und die Bedeu­ Das Schweigen der Überlebenden sagt nicht notwendigerweise \
tung - anders als im gegenwärtigen Idiom-dargestellt werden zugunsten der Nichtexistenz der Gaskammern aus, wie Fauris­
könnten. son glaubt oder zu glauben vorgibt. Es kann auch gegen die
Autorität des Empfängers aussagen (wir sind Faurisson keine
Rechenschaft schuldig), gegen die Autorität des Zeugen selbst
25
(wir, die Davongekommenen, sind nicht befugt, darüber zu
[30] Auf vereinfachende Weise müßte man sagen, daß ein Satz I sprechen), schließlich gegen die Fähigkeit der Sprache, die Gas­
darstellt, worum es geht, den Fall, Ta :rtQUYf!aTU (ta pragmata) : kammern (eine unausdrückbare Absurdität) zu bezeichnen. Um
seinen Referenten; ebenso das, was der Fall meint: den Sinn die Existenz der Gaskammern nachzuweisen, muß man die vier
[im Original deutsch] "-· ; wohin oder an wessen Adresse diese
.i
deutung (eng!. reference). Im folgenden wird daher - wenn nicht
�- LYOTARD bezieht sich hier und an einigen anderen Stellen auf die von anders vermer kt - in Übereinstimmung mit der heute gebräuchlichen
FREGE und WirrGENSTEIN eingeführte, im Deutschen allerdings Terminologie frz. sens mit >>Bedeutung« und referent stri kt mit
irreführende Unterscheidung von Sinn (eng!. meaning) und Be- >>Referent« übersetzt (A. d. Ü .).

34 35
DER WIDERSTREIT GORGlAS

verschwiegenen Negationen aufheben: Es gab keine Gaskam­ (geliehener Kessel oder nicht), Zu weisung eines Prädi kats für das
mer? Doch.-Aber wenn es Gaskammern gegeben hat, so kann Aussagesubje kt [sujet de l'enonce] (durchlöchert geliehen oder nicht),
dies nicht formuliert werden? Doch.-Aber wenn dies formu­ Ostension eines Falles als Beweis (durchlöchert oder unbeschädigt
zurüc kerhalten). Wohlgemer kt vertritt Gorgias in diesem Prozeß die
liert werden kann, so besitzt zumindest niemand die Autorität
Verteidigung.
dies zu formulieren und wahrzunehmen (es ist nicht mitteilbar) ? Barbara Cassin zeigt, daß er die These des Parmenides »verteidigt<<.
Doch. Anstatt sich an die Offenbarung der Göttin zu halten, versucht er die
These zu be weisen und macht sie damit zunichte. »Weder [oux Ea·tiv]
GoRGrAs Sein noch Nichtsein ist möglich. « Hier seine Schlußfolgerung. Sie
ent wic kelt sich folgendermaßen: »Denn wenn Nichtsein Nichtsein ist
�i� �r.gumentation zum Nach weis der Wirklich keit folgt formal der [ wie Parmenides schreibt], so wäre, nicht weniger als das Seiende, das
mhiiistlschen B e weisführung des Gorgias in Vom Nichtseienden: »[E]r­ Nichtseiende: Tatsächlich ist das Nichtseiende nichtseiend wie das
[3 1] stens : I es gibt nichts; z weitens: wenn es auch et was gäbe, wäre es doch Seiende seiend, genauso wie die wir klichen Dinge ['ta :rq�ay�ata],
für den Menschen unerkennbar; drittens : wenn es auch erkennbar nicht mehr als sie nicht sind, sind« (979 a 25ff.). Er fügt hinzu: »Wenn
wäre, wäre es doch unserem Mitmenschen nicht mitteilbar und nicht aber doch das Nichtsein ist, so ist das Sein, sagt er, sein Gegensatz,
':'�rständlich zu machen<< (Anonym, 979 a 12; hier zitiert nach der dt. nicht. Wenn nämlich das Nichtsein ist, so dürfte das Sein nicht sein.<<
Ubersetzung von W. Capelle, S. 345; d. Ü.). Dann existierte nichts, ob nun Sein und Nichtsein identisch wären
Das Gerüst seiner Argumentation (seine ta�Lr; [taxis]) beruht auf oder nicht. Wenn sie identisch sind: da I Sein Nichtsein ist; und wenn [3 2]
dem Zugeständnis an den Kontrahenten. Er sei x genannt. x sagt: Es nicht: da Sein nicht Nichtsein ist und sich nur durch doppelte Nega­
gibt et was. - Gorgias : Es gibt rein gar nichts. x wiederum: Es gibt tion behauptet.
e: was, und dieses et was ist faßbar. - Gorgias : Gäbe es et was, so wäre es Auf diese Weise nimmt Gorgias Hegels Argumentation im ersten
mcht faßbar (axat<'tA.l]mov avl'tQ<.Ü:rtcp, schreibt Sextus Empiricus, 65). Kapitel der Wissenschaft der Logik vorweg. Was nach Hege! als das
x fährt fort: Dieses et was - seiend und faßbar - ist anderen mitteilbar. ­ dieser Argumentation innewohnende »Resultat<< [im Original deutsch]
Gorgias: Es ist anderen nicht mitteilbar ( übertragbar: ave�OLOtOV
= entsteht, nennt Gorgias >> weder Sein noch Nichtsein<<. Er »Unter­
EtEQcp, schreibt Sextus Empiricus, 83 ; olat6r;, Verbaladjektiv von schlägt<< die Resultatsregel (Hegel-Ex kurs), die Triebfeder der spekula­
,
<pEQW, »tragen<< ; in der anonymen Aussage [980 a 20; nach Capelle, tiven Diale kti k. Diese Regel setzt die Z wec kbestimmtheit eines Selbst
S. 351] heißt es: »Wenn die Dinge aber auch erkennbar wären, wie (einer Art aristotelischen Gottes) voraus, das der Widerlegung durch
könnte sie einer dem anderen mitteilen ?<<). Gorgias nicht widerstünde .
. Es han�elt sich �m einen logischen Rüc kzug (ein Zugeständnis) wie Die Bildung des A6yor; (Iogos), des Arguments, macht den göttlichen
Im »S �phisma<< ( wie Freud es nennt) vom kupfernen Kessel. Der Kläger Satz zunichte, die Offenbarung, auf die die Dichtung des Parmenides
.
x er klart, er habe dem Beschuldigten (Gorgias) einen unbeschädigten hinausläuft. Er widerlegt sie nicht, sondern macht aus ihr eine Familie
kupfernen Kessel geliehen und ihn durchlöchert zurüc kerhalten. Die von Sätzen. Die Ontologie, die Poiesis, ist erlaubt, ist eine Dis kursart.
diale ktische Argumentation lautet: x: Geliehen. - Gorgias : Nicht gelie­ Diese Dis kursart folgt nicht den gleichen Regeln wie die diale ktische
hen. x: l!.n? eschädigt geliehen. - Gorgias: Durchlöchert geliehen. x: (im griechischen Sinne). Insbesondere ist die Göttin kein Gesprächs­
Unbeschadigt geliehen .
und durchlöchert zurüc kerhalten. - Gorgias: partner, der den Regeln der Widerlegung unter worfen ist. Es genügt,
Unbeschädigt zurüc kerhalten (Freud: Der Witz und seine Beziehung daß Parmenides dem Den ken z wei offene Wege weist, die Wege des ist
zum . f!n kewußt�n [1905 c], G. W. VI: 65, 234). Selbst wenn es eine ' und des ist nicht, wohingegen Gorgias aus beiden These und Antithese
Realita� gibt (geliehen), so ist darüber nichts aussagbar (unbeschädigt/ macht, die von den Partnern in einer dialektischen Argumentation bei
.
durchlochert) ; und sollte dem doch so sein, so ist der dem Attribut Ab wesenheit der Göttin aufgestellt werden, und sie der gegenseitigen
e� tsprechende Fall nic�lt vorzeigbar (durchlöchert/unbeschädigt zu­ Widerlegung anheimgibt. Die Ontologie erträgt die Dualität der Wege
ruc kerhalte�). Der logische Rüc kzug - absurd, wenn man ihn vom nicht, die die Gegensätzlich keit impliziert und eine negative Diale kti k
Arg� �entatlons �a? g der An klage isoliert - legt die Regeln bloß, die der in Kraft setzt.
Familie der kognmven Sätze entsprechen : Bestimmung des Referenten Die Diale kti k gehorcht Regeln. (Besonders in der Topik und in den
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DER WIDERSTREIT DER KOGNITVE SATZ

Sophistischen Widerlegungen nimmt sich Aristoteles die Aufstellung bracht werden, wenn nicht die Regeln der Beweisaufnahme
dieser Regeln vor.) Allein wie sie auch beschaffen sein mögen und beachtet werden. Sie determinieren das Universum der kogniti­
welche Sch wierigkeit auch mit ihrer Aufstellung verbunden sein mag ­ ven Sätze, das heißt sie schreiben den Instanzen des Referenten,
diese Regeln setzen selbst eine Art Metaprinzip voraus. Barbara Cassin des Senders, des Empfängers und der Bedeutung bestimmte
(sie nennt es Ur-Ursprung [archiorigine]) leitet es aus der anonym Funktionen zu. Etwa: vom Sender erwartet man, daß er mit dem
überlieferten Abhandlung ab, indem sie einen umstrittenen Satz neu
Empfänger Übereinstimmung bezüglich des Sinns [sens] des
interpretiert. >>Wenn also nichts ist, so sagen die Beweise ausnahmslos
alles [EL !tEV oüv oUöev' ta� an:oöd!;EL� AEYELV än:avta]« (980 a 9). Referenten zu erzielen sucht: der Zeuge muß dem Empfänger die
Unter diesem zugleich nihilistischen und logologischen Aspekt stellt Bedeutung [significationJ des Ausdrucks Gaskammer erklären.
sich uns und untersuchen wir die Frage nach der Wirklichkeit. Auf diese Vom Empfänger erwartet man, daß er dem Sender zustimmt,
.. werden wir nicht von einer Göttin mit dem Zeigefinger hin gestoßen, sie wenn er gegen den erklärenden Satz nichts einzuwenden hat: er
ist vielmehr zu >>be weisen<<, das heißt als Fall vorzubringen und darzu­ akzeptiert die Bedeutung, das heißt die vom Sender gegebene
stellen, und sie ist, einmal er wiesen, ein Zustand des Referenten kogni­ Erklärung, oder akzeptiert sie nicht. Wenn nicht, so erwartet
ti�et:.Siig,e. Dieser Zustand verhindert nicht, daß ganz einfach »nichts man von ihm, daß er eine andere Erklärung des Ausdrucks
seJ<<. vorschlägt. Wenn Übereinstimmung erzielt wird, verfügt man
Wie Wittgenstein dient Gorgias die Farbe als Paradigma für die Frage über einen wohlgeformten Ausdruck. Beide können nun sagen:
nach der Wirklichkeit. Siitze wie »Für den Anfang sagt er keine Farbe, wir sind uns darüber einig, daß eine Gaskammer dies oder das
sondern ein Sagen<< (980 b 5) oder »Wie es keine Farbe zu erfassen
ist. Dann braucht nur die Existenz einer Wirklichkeit, die als
[ö t avoEi:m'lm] oder zu sehen gibt, gibt es keinen Lärm: hier gibt es nur
Hören<< (980 b 6) sind neben Sätze zu stellen wie: »Denn über die Referent dieses Ausdrucks gelten könnte, mittels eines Satzes
[33] Begriffe der Farben wird man I durch Schauen nicht belehrt<< ; oder: »gezeigt« zu werden, der die Form hat: Dies oder das ist eine
»Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, und das könnte es leicht Gaskammer. Dieser Satz erfüllt eine ostensive Funktion, die
geben. Sie würden nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir. Denn gleichfalls von den Regeln der kognitiven Diskursart verlangt
auch angenommen sie redeten z. B. Deutsch, hätten also alle deutschen wird. I [34]
Farb wörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir, und
anders zu gebrauchen lernen. Oder haben sie eine fremde Sprache, so
würde es uns sch wer, ihre Farb wörter in die unseren zu übersetzen<<; 29
oder: »Wir wollen keine Theorie der Farben finden ( weder eine physio­ Aber verhält es sich in den Wissenschaften wirklich so? Das läßt
logische noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegrif­
fe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie sich bezweifeln (Feyerabend: Wider den Methodenzwang). -
er wartet hat<< (Wittgenstein, Remarks on Colour, 1950-51 [1977]: I, 72; Überhaupt braucht man diese Frage nicht zu beantworten, wenn
1: 13). es sich nicht so verhält; das Spiel um den fraglichen Satz ist dann
nämlich nicht wissenschaftlicher Natur. Das behauptet Latour
(1981): Das Spiel ist rhetorisch, sagt er. Welchem Sprachspiel
aber gehört dieser letzte Satz seinerseits an? Eher müßte man
28
antworten: An Ihnen ist es, zu beweisen, daß es sich nicht so,
Um die Realität des Referenten zu ermitteln, muß das von sondern anders verhält. Und dies würde sich nach den Minimal­
-Gorgias behat�ptete . vierfache Schweigen widerlegt werden, al­ regeln der Beweisaufnahme (Nr. 65) vollziehen oder überhaupt


lerdings in umgekehrter Reihenfolge: Es gibt jemanden, der den nicht. Zu behaupten, daß es sich in den Wissenschaften tatsäch­
Referenten meint, und jemanden, der den entsprechenden Satz lich nicht so verhalte, hieße sich für die Ermittlung dessen stark
verst�ht; � er �efer�nt !st be� eutbar [signifiable ]; er existiert. Der machen, was sich nun tatsächlich abspielt, und dies läßt sich nur
Bewe1s fur . d1e W1rkhchkeJt der Gaskammern kann nicht er- nach den Regeln der kognitiven wissenschaftlichen Sätze be-

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DER WIDERSTREIT VALIDIERUNG

werkstelligen, die die Realität eines Referenten zu ermitteln diese Sätze wirkungsvoll zu verifizieren oder zu falsifizieren: sie
erlauben. Wenn der Satz mit der Behauptung, die Wissenschaft bestimmen die nötigen Verfahren, deren wiederholbare Ausfüh­
sei in Wirklichkeit eine rhetorische Veranstaltung, wissenschaft­ rung den Konsensus zwischen Sender und Empfänger autori­
lich ist- eins von beiden denn: entweder ist er selbst rhetorisch, siert.
weil wissenschaftlich, und kann weder die Realität seines Refe­
renten noch den Wahrheitsgehalt seines Sinns nachweisen. Oder
31
man erklärt ihn für wissenschaftlich, weil nicht rhetorisch; dann
stellt er eine Ausnahme von dem dar, was er für allgemeingültig Diese >>Restriktionen<< sind keine. Im Gegenteil: je genauer man
erklärt, und man darf nicht behaupten, daß die Wissenschaft, die Regeln zur Validierung [validationy:- von Sätzen präzisiert,
sondern nur, daß eine bestimmte Wissenschaft rhetorischer umso deutlicher kann man verschiedene davon unterscheiden
Natur ist. und andere Idiome erfassen. Es ist nicht dasselbe Ballspiel, je
nachdem ob die Regel vorschreibt, daß der Ball niemals den
Boden berühren darf, daß er den Boden höchstens einmal pro
30 Ballwechsel für alle Spieler berühren darf, ein einziges Mal pro
Warum spricht man von einem akzeptablen, einem »wohlge­ Aufschlag in jedem Feld oder einmal pro Ballwechsel in jedem
formten Ausdruck<< anstatt von einem »bedeutungshaltigen Feld usw. Als ob sich die Bedingungen der Bedeutung veränder­
SatZ<< [phrase significative] ? Jener unterliegt den Formationsre­ ten. Vidal-Naquet zitiert Lucien Febvre, der wiederum Cyrano
geln kognitiver Sätze, in denen das Wahre und das Falsche auf de Bergerac zitiert: »Einem Menschen darf man nicht alles
dem Spiel stehen. Diese Regeln werden ihrerseits in den Unter­ glauben, da ein Mensch alles sagen kann. Man darf einem
suchungen der formalen Logik und, insofern sich die Sätze auf Menschen nur das Menschliche glauben<< (1981 : 268). Der Hi­
das Gebiet der Referenz beziehen, in axiomatischen Untersu­ storiker muß sich fragen: »Das Menschliche? Das Unmögli­
chungen behandelt. Für ihre Wohlgeformtheit ist es nicht rele­ che?''':· Die ganze Frage besteht darin, ob diese beiden Worte
vant, ob die diesen Regeln unterliegenden Sätze im Sinnver­ noch Sinn haben.<< Hat man sich nicht an das Unmenschliche zu
ständnis der Umgangssprache bedeutungshaltig sind oder nicht. halten, von dem die Augenzeugen von Ausschwitz berichten? ­
In die Umgangssprache übersetzt können sie sinnwidrig erschei­ Unmenschlich bedeutet: unvereinbar mit einer Idee von Huma­
nen. Umgekehrt können die Sätze der Umgangssprache »bedeu­ nität. Relevant ist diese Bedeutung für die Familie der ethischen,
tungshaltig<< in dieser und nicht wohlgeformt oder zumindest juristischen, politischen, historischen Sätze, in deren Sprach­
mehrdeutig hinsichtlich der Regeln der Kognitive sein. x ruft spiel diese Idee notwendig abgehandelt wird. In den kognitiven
seinen Freund y an, den er lange nicht gesehen hat, und sagt zu Sätzen prädiziert menschlich einen Sachverhalt, der die mensch­
ihm: Ich kann bei Dir vorbeikommen (Nr. 137, 139, 1 40). In liche Art betrifft und an einzelnen Fällen demonstriert werden
einer kritischen Situation befiehlt ein weisungsbefugter Beamter
[35] seinen Untergebenen: Verweigern Sie den Befehl. I Der erste
Satz ist mehrdeutig, der zweite falsch gebildet, aber alle beide ::- Et wa: Nach weis der Gültigkeit; entsprechend frz. valider: validie­
werden von den Empfängern als bedeutungshaltige akzeptiert. ren, das heißt die Gültigkeit (eines Satzes us w.) nach weisen (A. d.
Ü).
Ebenso zieht der Satz: Der Mülleimer ist voll für den Logiker
::-::- Bezieht sich auf L. FEBVRES Kommentar zum BERGERAc-Zitat:
oder den Wissenschaftler nicht die nun allerdings gängige Ant­ >>Schöner Text, ein wenig verspätet: er ist von 1654. Aber er gibt uns
wort nach sich: Gut, ich geh ' schon (Fabbri, münd!. Mitteilung, Gelegenheit, in Frankreich - endlich - die Geburt eines neuen Sinns
1 980). Die »Restriktionen<<, die den in den Wissenschaften zu begrüßen . . . des Sinns des Unmöglichen<< (in: VIDAL-NAQUET,
akzeptierbaren Sätzen auferlegt werden, sind notwendig, um 1981 : 268-269; A. d. Ü .).
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DER WIDERSTREIT BöswiLLIGKEIT

kann. Die Opfer, die Henker und die Zeugen von Ausschwitz 33
werden in die Klasse der menschlichen Wesen integriert; die Nur wird Vidal-Naquet Faurisson nicht von der Wahrheit des
Botschaften, die wir von ihnen erhalten, sind bedeutungshaltig Satzes: Es gab Gaskammern überzeugen können, wenn dieser
und liefern verifizierendes Beweismaterial, selbst wenn sie mit >>böswillig<< ist. Bitter konstatiert der Historiker, daß es analog
einer Idee der Menschlichkeit nicht vereinbar sind. Die Bot­ dazu »noch Antidreyfusianer gibt« (1981 : 269). Selbst in einem
schaften von Voyager II über den Saturn können nahezu un­ Fall, dessen Realität nach Maßgabe der entsprechenden Ermitt­
menschlich im zweiten Sinne genannt werden, weil sie von der lungsverfahren erwiesen wurde (die Fälschung durch Colonel
Mehrzahl der Menschen nicht gehört und nicht bestätigt werden Henry), kann der Konsensus ausbleiben. Auf diese Weise kön­
[36] können, aber sie sind menschlich wenigstens im ersten I Sinne, nen der böse Wille oder die Unaufrichtigkeit oder ein blinder
insofern sie nicht gesendet würden, wenn sie nicht von der Idee Glaube (die Ideologie der Französischen Vaterlandsliga [Ligue
einer am Erkenntnisfortschritt orientierten Menschheit gefor­ pour la Patrie franr;aise]) vereiteln, daß die Wahrheit zutage tritt
dert worden wären. und Gerechtigkeit geübt wird. - Nein. Was Sie Böswilligkeit
usw. nennen, ist nur Ihr Etikett dafür, daß es dem Gegner nicht
32 um die Ermittlung der Wirklichkeit geht, daß er die Formations­
und Validierungsregeln I der kognitiven Sätze nicht akzeptiert, [37]
Selbst wenn die Verifikationsverfahren entsprechend präzisiert daß er nicht überzeugen will. Der Historiker kann Faurisson
werden - wie weiß der Sender, daß der Empfänger das Gemeinte nicht überzeugen wollen, wenn dieser eine andere Diskursart
wirklich versteht und, wie er selbst, wünscht, daß die Wahrheit »spielt<<, in der es nicht um die Überzeugung, das heißt um die
dessen, worüber sie sprechen, ausgemacht sei? - Er setzt es Erlangung eines Konsensus über eine bestimmte Wirklichkeit
voraus. Er nimmt an, daß dem so sei. Er nimmt ebenfalls an, daß geht. Wenn der Historiker diesen Weg fortsetzt, wird er sich als
der Empfänger dies von ihm annimmt. Usw. - Und schon sind Opfer wiederfinden.
Sie dabei, »Humanwissenschaften« zu betreiben, das Meinen
(meaning), die Wünsche, die Glaubensvorstellungen zu sondie­
ren, die Sie als besonderes Merkmal jener Entitäten, der mensch­ 34
lichen Wesen, voraussetzen. Ebenfalls setzen Sie voraus, daß
diese sich der Sprache zu bestimmten Zwecken bedienen. Ps�­ Wie aber kann man in Erfahrung bringen, daß der Gegner bösen
chologie, Soziologie, Pragmatik und eine bestimmte Sprachphi­ Willens ist, solange man nicht versucht hat, ihn zu überzeugen,
losophie haben gemein, daß sie diesen instrumentellen Bezug und solange er nicht durch sein Verhalten seine Geringschätzung
zwischen Denken und Sprache voraussetzen. Dieser Bezug ge­ gegenüber den wissenschaftlich-kognitiven Regeln offenbart
horcht einem' technologischen Modell: Das Denken ist zweck­ hat? - Man »spielt das Spiel« gemäß diesen Regeln ; die Replik
bestimmt, die Sprache liefert dem Denken die Mittel - wie kann des Empfängers zeigt, daß er sie nicht beachtet. - Wenn sich aber
der Empfänger unter den in der Botschaft verwendeten sprachli­ der Gegner bemüht, seine Mißachtung der Erkenntnisregeln zu
chen Mitteln die Zwecke des Senders erkennen? Für die Fragen verbergen und so zu tun, als ob er sie beachtete? Ich müßte seine
der Sprache scheint die Stichhaltigkeit der Ideen vom homo, vom Intentionen erkennen . . . - Eines von beiden : Die Sätze, deren
homo faber, vom Willen, vom guten Willen, die anderen Berei­ Sender er ist, genügen diesen Regeln oder genügen ihnen nicht.
chen zugehören, nicht in Zweifel zu stehen! Sie können diesbezüglich nicht vieldeutig sein, da die Vieldeutig­
keit von diesen Regeln ausgeschlossen wird. - Aber man kann
doch vorgeben, daß sie den Regeln genügen und daß sie eindeu­
tig sind; man kann Beweisstücke erfinden. Der Generalstab hat

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.,--... ..
DER WIDERSTREIT PLATON

nicht gezögert, es zu tun. - Klar, aber es ist Sache der Verteidi­ A 12). Bis auf die Flucht sind die Namen von Sokrates und Protaga­
gung, das Argument zu widerlegen, den Zeugen zurückzuwei­ ras austauschbar, was die Anklage auf einen logischen Umsturz be­
sen, den Beweis zu verwerfen, soweit dies nötig ist und bis zur trifft.
Die Lösung der Frage der Gottlosigkeit ist einer der Punkte, um die
Zurücknahme der Anklage. Dann wird man schon bemerken, das Werk Platons kreist. Es handelt sich darum, den Niedergang des
daß diese eine anderes Spiel spielte. - Zweifellos, aber wäre es 6vto/..6yor; (ontologos) zu beglaubigen und die Regeln eines neuen
nicht möglich, den Widerstreit zu vermeiden, indem man ihn /..oyo/..6yor; (logologos) zu definieren. Der Satz, den wir von Parmenides
vorwegnimmt? - Unmöglich, so scheint es. Was würde eine hören, ist der Satz, den Parmenides aus göttlichem Munde vernommen
derartige Vorwegnahme von einem positiven oder negativen hat. Als Diskursart setzt die Ontologie diese unergründliche Erleuch­
Vorurteil gegenüber der Person Ihres Gegners, gegenüber seiner tung voraus: wovon sie redet (phrase), vom Sein, das redet auch durch
Art, Sätze zu >Setzen<, unterscheiden? Und das Vorurteil ist ihren Mund; der Referent ist zugleich der Sender. >>Sein und Denken
aufgrund der Regeln kognitiver wissenschaftlicher Sätze ausge­ sind das gleiche.<< Der ontologische Satz ist zunächst ein aufgeschnapp­
schlossen. - Aber erliegen diejenigen, die diese Regeln aufstel­ ter Satz und der Denker des Seins ein Empfänger, ein Zeuge. Unter
len, nicht dem Vorurteil, sie seien dafür kompetent? Wie könn­ diesem Aspekt zitieren der Rhetor, der Sophist den Zeugen vor die
Schranke und verlangen die Darlegung seiner Beweise. Er hat keine;
ten sie nun tatsächlich das Vorurteil vermeiden, solange diese entweder gibt es gar keinen Referenten oder er ist nicht faßbar oder
Regeln noch nicht aufgestellt sind und solange ihnen also die schließlich nicht mitteilbar. Was Gorgias vom Sein und vom Nichtsein
Kriterien zur Bezeichnung der Kompetenz abgehen? sagt, sagt Protagaras von den Göttern. Diese wie jene sind Referenten
geworden, Instanzen, die zu ermitteln bleiben. Darum wird der neue
PLATON
Diskurs für gottlos erklärt; er beruft sich nicht auf die Offenbarung,
sondern verlangt die Widerlegung (>>Falsifikation«) hinsichtlich der
1 . Stark und schwach Ermittlung der Wirklichkeit des Referenten. Die Gottlosigkeit liegt
Meletos, sagt Sokrates, hat mich vor Gericht beschuldigt. Aber seit darin, daß die Instanzen von Sender und Empfänger die Beweislast
[3 8] langem schon ist dem ein Gerücht vorausgegangen, I das ich noch viel tragen. Das Wort Iogos verändert seinen Sinn. �E.]_5_!._nic;ht mehr sagen-
mehr fürchte: ich stellte verdächtige Forschungen über unterirdische . empfangen, sondern sagen-argumentieren.
und himmlische Dinge an; ich wüßte aus dem schwächsten Argument Für Platon geht es um die Aufstellung von Argumentationsregeln,
das stärkste zu machen; ich lehrte, nicht an die Götter zu glauben die verhindern, daß das schwächste Argument mittels seiner Überre­
(Apologie, 1 8 b, 19 b - c, 23 d). Tatsächlich sind dies die wesentlichen dungskraft (seiner Zauberkraft, yol]tELa [goeteia ]; I Menexenos, 234 c- [3 9]
Anklagepunkte, die Aristophanes fünfundzwanzig Jahre früher in den 235 a) das stärkste besiegt. Diese ist im Menexenos am Beispiel der
Wolken gegen Sokrates vorbrachte. Darüber hinaus bezichtigte der Gattung [genre] der Totenrede im Gewand eines pastiche beschrieben
Komödiendichter die Sokratiker der sexuellen Inversion. (Loraux, 1974: 172-2 1 1 ; 1981 : 267-332). Sokrates verzeichnet die
Der Prozeß zielt auf eine Inversion, auf eine Verkehrung der Art zu Instanzenverschiebung, die die Totenrede vollführt. Der /..6yor; Emta-
reden, auf eine gottlose Diskursart. Protagaras und Korax wird von qnor; (logos epitaphios), eine Art epideiktischer Diskurs, instauriert als
Aristoteles die Kunst angelastet, aus dem schwächsten Argument das Sender einen vom Rat vorgeschlagenen Redner, als Empfänger die
stärkste zu machen (Rhetorik, II, 24; 1402 a 23) ; und Eusebios, Sextus Versammlung der Bürger, als Referenten die im Kampf für das Vater-
Empiricus, Diagenes Laertios, Philostratos, Hesychios, Platon und land gefallenen Bürger. Seine Bedeutung besteht in der Eloge auf diese
Cicero schreiben Protagaras die Aussage zu (DK 80 B 4, A 12, A 1, A 2, letzteren. Auf den Empfänger wirkt er durch »Verzauberung« (der
A 3, A 23), man könne aus Zeitmangel und mangels vorzeigbarer Hörer glaubt sich auf die Insel der Seligen verschlagen).
Beweise nicht wissen, ob es die Götter gäbe noch wie sie beschaffen Diesem Gefühl entspricht eine Folge von Namensverschiebungen
seien. Diogenes, Philostratos und Eusebios berichten weiters, daß bezüglich der Instanzen: Der Tod im Kampf ist ein »herrlicher Tod«;
Athen die Bücher von Protagaras beschlagnahmen und verbrennen ein herrlicher Tod impliziert ein »gutes« Leben; das athenische Leben
ließ, und Sextus Empiricus erzählt, daß er die Flucht ergriff, um der ist gut; der Athener, der dieses Leben lebt, ist gut; ihr seid gut. Im
Strafverfolgu ng wegen Gottlosigkeit zu entgehen (DK 80 A 1, A 2, A 4, manifesten Universum, das der epitaphios darstellt, sind die Instanzen-

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DER WIDERSTREIT PLATON

namen folgendermaßen situiert: Ich, der Redner, sage euch (der Ver­ zweitens, daß die Götter sind, aber sich nicht um die Menschen
sammlung), daß die auf dem Felde der Ehre Gefallenen gut sind. Im kümmern, oder drittens, sie seien leicht, durch Opfer und Gebete
zugleich mitdargestellten {latenten) Universum herrschen folgende Si­ gewonnen, zu beschwichtigen<< (Gesetze, X; 885 b). Drei Fälle von
tuationen: Ich sage euch, daß ihr gut seid. Und wenn man der Prosepo­ Gottlosigkeit. Entweder sind die Götter nicht Empfänger unserer
pöe am Schluß (wo die toten Helden das Wort ergreifen) Rechnung Sätze oder, wenn ja, sie antworten nicht und sind keine Gespräch­
trägt, heißt es gar: durch seine (des Redners) Vermittlung sagen wir(die spartner oder sie erliegen, wenn sie antworten, der Bestechung und
toten Helden) uns (den lebenden Bürgern), daß wir (die Lebenden und der Leidenschaft und sind nicht gerecht. Also: es gibt sie nicht; wenn
die Toten) gut sind. Der Empfänger im ersten Universum nimmt im es sie gibt, sind sie stumm; wenn sie sprechen, sagen sie, was man
z weiten auch die Situation des Referenten ein. Der Referent im ersten von ihnen verlangt. In die zweite Person übertragen, die die Instanz
Universum wird im zweiten zugleich Sender (Nr. 156, 160). des Empfängers signalisiert, das heißt an die Götter gerichtet, lauten
Von der Versammlung erwartet man nicht, daß sie das Wort ergreift, die gottlosen Sätze folgendermaßen: ihr existiert nicht; ihr sprecht
daß sie argumentiert, nicht einmal, daß sie urteilt. Die Epideiktik ist nicht; ihr sagt, was ich verlange. In all diesen Fällen seid ihr schwä­
nicht die Dialektik, auch nicht die juristische oder deliberative Rheto­ cher als ich, der existiert, spricht und sagt, was er will. Die Gottlo­
rik, sie tendiert eher zur Dichtung. Es geht nicht darum, beim Empfän­ sigkeit besteht in dieser Verkehrung des Kräfteverhältnisses. Tradi­
ger Sätze auszulösen, sondern jene quasi-Sätze: die stummen Gefühle. tionsgemäß werden die Götter >>die Stärksten«, XQELttOVE� (kreitto­
Wenn sich Sätze ereigneten, würden sie die Mehrdeutigkeit des Pathos nes) genannt, insbesondere von Aristophanes und Platon (Des Places,
mehr oder weniger beseitigen und den Zauber zerstreuen. (Hier läßt I: 299-300).
sich beobachten, daß in manchen Fällen von Sätzen, den poetischen, Gottlos kann man auch sein, wenn man von den Göttern - und nicht
der Spieleinsatz im Schweigen des Empfängers als einem Gefühlssign al . mehr zu ihnen- spricht. Sie nehmen dann die Position des Referenten in
besteht.) Das Sch weigen des Pathos, der Taumel, den Sokrates be­ Sätzen ein, die die Menschen untereinander wechseln. Dies ist in vielen
schreibt, beruht darauf, daß die Namen auf den Instanzen allgegenwär­ traditionellen Erzählungen, den 1-!U{}OL (mythoi), der Fall: die Götter
tig situiert sind: der Empfänger hört das von ihm Gesagte, als ob er verursachten Gutes wie Schlechtes, sie verwandelten sich {lögen also) ­
nicht hier wäre, als ob er also zugleich lebendig als Empfänger und tot zwei Symptome von Schwäche, die durch die 1-!U{}ono(m (mythopoioi)
als Referent, als ob er unsterblich wäre. (Man kann diese Allgegenwart und auch durch die A.oyono(OL (logopoioi) beglaubigt werden, also von
auch Wunscherfüllung nennen, aber die Benennung ist metaphyischer den Dichtern und von den Rhetoren und Sophisten (Staat, II; 376 cff.).
Natur.) Der kanonische Satz dieser Diskursarten lautet: Ich sage dir, sie sind
Diese Gruppe von paralogischen Verfahren nennt sich in platoni­ ebenso schwach wie du und ich. Darum vertreibt man die Urheber
schem Vokabular 1-!ETaß oA.l] (metabole), 1-!L!-Il'JOL� (mimesis), JtELI'tw dieser Sätze aus der idealen Polis (Staat) und verurteilt sie zum
(peitho). Beim Empfänger setzt sie eine ge wisse Empfänglichkeit vor­ Schlimmsten in der realen Polis (Gesetze).
aus, mi{}na (patheia), eine Fähigkeit zur Rührung, zur Metamorpho­ Die Gottlosigkeit kann schließlich darin bestehen, die Wahrheitslie­
[4 0] se (die durch die Wolke symbolisiert wird); und I beim Sender die be der Götter zu mißbrauchen. Man situiert sie dann als Sender von
Kunst der Verschleierung, der dunklen und geheimnisvollen Anspie­ Sätzen. Die Gottlosigkeit macht sie sagen: Wir lügen, wir täuschen
lung (nicht ich, sondern die Götter, die Helden sprechen aus meinem euch, wir sagen dies, während jenes der Fall ist. Die platonische Kritik
Mund: Prosepopöe der Toten, Prosepopöe der Göttin des Parme­ (Staat, III; 392 c- 398 b) greift hier hauptsächlich das Verfahren an, I [4 1]
nides). die Götter sprechen zu lassen, und nicht so sehr, was man sie sprechen
läßt; die lexis eher als den Iogos. Dieses Verfahren ist mimetisch: indem
2. Gottlosigkeit es den Gott als Sender-Instanz situiert, verhehlt es den »eigentlichen«
Welcher Bezug herrscht zwischen dieser Gruppe von Verfahren und Sender, den grundsätzlich der Erzähler darstellt. In Reinform findet
der Gottlosigkeit? Zunächst werden die Götter als Empfänger aufge­ man diesen Fall der mimetischen Poetik im Theater: der Autor erscheint
faßt. »Wer den Gesetzen gemäß glaubt, daß die Götter sind, beging nie nicht auf der Bühne, er bleibt verborgen, geheim. Umgekehrt ist der
weder eine gottlose Handlung frei willig noch ließ er eine gesetzwidrige Dithyrambus eine direkte Schreibweise, die die Spuren des »authenti­
Rede vernehmen, sondern nur wenn von den dreien eines ihm begegne­ schen<< Senders bewahrt. Das homerische Epos vermengt Mimesis und
te [n:aaxwv], daß er entweder das, was ich jetzt sagte, nicht glaubt, oder Diegesis (ibid. ).
46 47
DER WIDERSTREIT PLATON

Die Mimesis muß grundsätzlich verworfen werden. Sie erzeugt eine zu siegen versucht, noch der Sophistik als käuflicher Eristik, noch selbst
zweite Natur, sie begünstigt den falschen Wortgebrauch, indem sie die der Peirastik, der experimentellen Dialektik, die die Meinungen auf die
Verkleidungen und die [tEtaßo/.a( (metabolai) vervielfältigt (Staat, Probe stellen will (Aristoteles, Sophistische Widerlegungen: 2, 8, 1 1).
III; 395 d, 397 b). Es mag noch angehen, daß sich der Schreiner zum Die Formations- und Verkettungsregeln von Sätzen und die Beweisauf­
Bett so verhält, wie der Gott zur Idee des Bettes; das ist die duale, nahme stehen noch lange nicht fest und werden selbst von denjenigen
erbärmliche, aber ontologische Organisation von Scheinendem und noch lange nicht übereinstimmend gebilligt, die das Wahre mittels der
Seiendem. Daß aber der Maler dem noch das Bild des Bettes hinzu­ Diskussion suchen. Oft stockt die Diskussion an einem: Darum geht es
fügt, das ist schon ein jämmerliches Kunststück, das nur das ontologi­ nicht. Die Topik, die Sophistischen Widerlegungen und die Rhetorik
sche Leidwesen verdoppelt, indem es das hinfälligste Seiende, das widmen sich gleichermaßen der Aufstellung dieser Regeln.
Sinnliche, halbiert. Dem Polos hält Sokrates entgegen (Gorgias, 471 e- 472 b, 474 a ff.,
Sokrates bedient sich desselben Kunststücks im Staat (Buch VII). 475 d-476 a), daß ihre Auseinandersetzung nicht von der Art der
Mit der Erklärung, daß sich die Sonne zu den Dingen verhalte wie das juridischen oder politischen Rhetorik, sondern des ötaf.Eywftm (dia­
Gute zu den Ideen, verdoppelt er die Analogie durch ein Analogon, das legesthat) sei. Wir sind nicht im Gerichtssaal, »ich bin kein Staats­
mimetisch wie kein anderes ist: es verhalte sich, sagt er, wie das Feuer mann<<. Der Anwalt, der Tribun glauben das Blatt zu ihren Gunsten
am Eingang der Höhle zu den Geräten, deren Schatten es an die Wand wenden zu können, indem sie haufenweise Zeugen herbeizitieren.
wirft. Folgender Umstand kommt ihm zu Hilfe: Man muß die Mimesis »Ein solcher Beweis«, erklärt Sokrates, »ist gar nichts wert, wo es auf
untersagen, was allerdings unmöglich ist. Denn man erfaßt nicht die die Wahrheit ankommt.« Das einzige Zeugnis, auf das er Wert legt, ist
Dinge selbst, sondern ihre Abbilder. Wenn man die Dinge erfaßte, das des Polos, seines Gegners. Daß Polos und er selbst Einigkeit,
bräuchte man nicht zu reden [phraser]. Oder wenn man nicht redete, Ö[tol.oy(a (homologia), über einen Satz herstellen : hierin liegt das
bräuchte man nicht nachzuahmen. Das Reden vollzieht sich in Erman­ Zeichen für das Wahre. Der Anspruch gilt wechselseitig: Sokrates'
gelung dessen, wovon die Rede ist. Die Sprache ist Zeichen dafür, daß Zustimmung ist alles, was Polos wollen muß. Auf diese Weise wird
man das Sein des Seienden nicht erkennt. Wenn man es erkennt, ist man der dritte Zeuge zurückgewiesen: Bezüglich des Referenten verfügt
das Seiende, im Schweigen (Brief VII , 342 a - d). Mit der Mimesis läßt man nur über die Zeugenaussagen derjenigen, die während seiner
sich also nur ein Kompromiß schließen. Verhandlung im Gespräch alle Aussagen über ihn durch das Sieb der
Das Trugbild [simulacre] täuscht wie das Idol, döw/.ov (eidolon); als Widerlegung passieren.
dx6�:;, eikos (Wahrscheinliches) verstanden, ist es aber auch ein Indiz Im Staat (I; 348 a - b) schlägt Sokrates vor, jenen anderen Dritten
auf dem Wege des Wahren, des »Eigentlichen<< (Phaidros, 261 ff.). Der auszuschließen, der im Gerichtssaal oder in der Versammlung interve­
Schein bedarf einer Regel. Man braucht gute tUJtO L (typoi), gute Präge­ niert: den Richter. Thrasymachos gegenüber beschreibt er den antilogi­
stöcke, die geeignete Trugbilder (eotx6ta) wiedergeben (Staat, li; schen Diskurs : Man stellt Argument gegen Argument, jeder antwortet
377 e- 379 a). Als Zeichen der unumgänglichen Nachahmung haben seinerseits, dann muß man die Argumente zählen und einschätzen und
wir die Sprache in den Geschichten erlebt, die uns als kleinen Kindern braucht folglich einen Richter, der entscheidet, Ö taXQLvwv ( diakrinon ).
von den Ammen und Frauen erzählt wurden (ibid.: 377 b). Wie läßt sie »Wenn wir aber wie bisher in der Untersuchung einander zum Einge­
sich vermeiden? Man kann nur den Prägestock verbessern. Der kanoni­ ständnis [avortol.oyoU[tEVOL, was auch bedeutet: sich Widersprechen­
sche Satz der platonischen Poetik lautete summa summarum: Ich de] zu bringen suchen, so würden wir selbst zugleich Richter und
täusche Dich so wenig wie möglich. Redner [Q�toQEi:;] sein.«
Diese doppelte Zurückweisung (oder auch: doppelte Verdichtung)
3. Der Dialog emanzipiert den Dialog von den rhetorischen und dialektischen Verfah­
[4 2] In dieser Problematik des Realitätsverlustes oder -schwundes I des rensweisen, die nicht an der Identifikation des Referenten orientiert
Referenten formieren sich die Regeln, die zwischen den Partnern einen sind. Abseits der öffentlichen Stätten nimmt eine Institution Gestalt an.
Konsensus bezüglich eines Satzes herzustellen vermögen, der seinen In ihrem Bereich geht es nicht um Sieg, sondern um Einigkeit. Der
Referenten comme il faut identifiziert. Im Herzen des dialektischen aywv (agon) zwischen den Sätzen bestimmt die Regel der deliberativen
Diskurses ist eine neue Diskursart erforderlich. Die Suche nach dem Politik (Nr. 210-215) und des politischen Lebens. Innerhalb der Aka­
Konsensus ist nicht das regulative Ideal der Eristik, die mit aller Gewalt demie aber entspricht die Regel, soweit man darüber urteilen kann, eher
48 49
DER WIDERSTREIT PLATON

[43] derjenigen, die die !!U{h]!..taTLxo ( (mathematikoi), I die Eingeweihten müssen zumindest die Idiome der beiden Parteien und der Gebrauch,
der orphisch-pythagoräischen Zirkel - die göttliche Offenbarung aus­ den sie davon machen, von Anfang an übereinstimmen. Stellen Sie sich
genommen -, befolgten (Detienne, 1963). Die nol-mxo( (politiko1) einen Gesprächsanwärter vor, der ein Rüpel oder ein Trottel oder ein
lehrt man die Mathemata, ohne sie mit ihnen zu erarbeiten. Betrüger wäre- er müßte wohl ausgeschlossen werden. Den Fremden
Der Unterschied zwischen dem esoterischen Seminar und dem ex­ von Elea fragt Sokrates, nach welchem Verfahren er zu argumentieren
oterischen Referat überschneidet sich, was deren Verhältnis zum verstehe, ob in fortlaufender Rede oder mit Fragen und Antworten. Der
Wissen angeht, mit dem Unterschied zwischen mündlichem Dialog Fremde: I »Mit einem, o Sokrates, der ohne Verdruß und lenksam mit- [44]
und Buch. Die Schrift [ecrit] bedeutet den Tod des Dialogs: sie ist zusprechen weiß, leichter so, gesprächsweise [ EllT]VLcll �, von fjv(a, der
nicht ihr eigener Sender und kann sich nicht selbst verteidigen (Phai­ Zügel]; wenn aber das nicht, dann allein<< (Sophistes, 217 c - d). Mit den
dros, 275 d); sie kann ihre Leser nicht auswählen wie der Gesprächs­ Freunden der Ideen beispielsweise kann man ein Gespräch führen, sie
teilnehmer seine Partner (275 e); mit den Schriftzeichen appelliert sie sind »Zahmer<< (f!!!EQWtEQOL ; ibid.: 246 c) als die Materialisten, die alles
an die formale und mechanische Mnemotechnik und nicht, wie die auf den Körper zurückführen. Letztere müßten, bevor sie zum Gespräch
Stimme, an die aktive Anamnese der Inhalte (275 a) ; mittels der zugelassen werden, »gebessert<< (VO!!L!!WtEQOL) werden. Tatsächlich
Schrift spielt sich der Lernprozeß in simulierter (kurzer) Zeit ab, (EQY<p) aber ist das nicht möglich. Man wird also so tun, als ob (l-6y<p) sie
ähnlich wie das Pflanzenwachstum in den künstlichen, den sogenann­ besser wären: man ergreift das Wort für sie, man legt selbst ihre Thesen
ten Adonis-Gärten; dagegen erfordert die Befruchtung durch das le­ aus (acpEQ!!lJVEUE; 246 e) und macht sie für den Dialog annehmbar.
bendige Wort die lange und gemächliche - vielleicht endlose - Zeit Tatsächlich geht es nicht nur darum, die Dummen, die vorgeben, ein
des Dialogs (276 b - 277 a). Gespräch führen zu können, auszuschließen, sondern auch darum, jene
Der Trauerflor der Schrift regiert die Politik: Muß man Gesetze Starrköpfe, die das Gespräch ablehnen, anzulocken und zu bessern, Der-�­
aufschreiben, so entspricht dies gleichsam der Niederschrift medizini­ sim_�ierte. Dialog dient als Lockm�ttel für sie. Qer. Materialist Qe�ritt.
scher Rezepte, damit es in Abwesenheit des Wissenden, des Arztes, des �cht die Bühne des Dialogs, ist aber.aürlllr repräsentiert. Geglückte
» Königs« als des lebendigen Gesetzgebers (Staat, 293 a-295 c) nicht an M{me�is ist es, die xmvo!-oy(a nachzuahmen, selbst�e��tä;;dlich My<p,
Anleitung fehlt. Der enttäuschte Pythagoräer trägt ontologische und während sie EQY<r nicht existiert. Dieses Verfahren wird vom Athener in
politische Trauer; man muß schreiben, mittels der Schrift regieren, den Gesetzen (X, 892 dff.) ausführlich beschrieben. Zu Kleinias und
mittels der Schrift lehren, der Nachahmung Raum gewähren (>>Denn Megillos sagt er: Bevor wir uns darüber auseinandersetzen, ob die Seele
dies Schlimme hat doch die Schrift, [. . . ] und ist darin ganz eigentlich älter ist als der Körper, haben wir gleichsam einen reißenden Strom zu
der Malerei ähnlich<<; Phaidros, 275 d) und jenen gesprächsunwürdigen durchqueren. Ich bin der Kräftigste von euch und bereits mit vielen
Empfänger, der sich JtOAL nx6� (politikos), Leser nennt, institutionali­ Strömen vertraut. Laßt erst mich den Übergang versuchen und begut­
sieren. Als Kontrapunkt der mündlichen Sätze des Gesprächs werden achten, ob ihr ihn meistern könnt. Wenn nicht, werde ich es allein
die geschriebenen Sätze der Pädagogik nötig sein. riskieren. Wäre das nicht vernünftig ? »Ebenso ist auch die uns jetzt
bevorstehende Untersuchung zu gewaltig und für eure Kräfte vielleicht
4. Auswahl unüberschreitbar«, ihr seid im Antworten ungeübt und werdet den
Nicht jedermann kann man am lebendigen Gespräch teilnehmen lassen. Boden unter den Füßen verlieren. Deshalb halte ich es für geboten, jetzt
»SokrateS<< stößt sich an jenem Hindernis des Partners: wenn er nun so zu verfahren, daß ich zuerst an mich selbst die Fragen richte, während
einfältig oder böswillig ist? Niemals zweifelt man an der möglichen ihr auf sicherem Boden zuhört, und dann auch selbst die Antworten
�olle? dung der O!!OAoy ( a (homologia), sie ist Gegenstand einer Idee, darauf gebe und die ganze Argumentation soweit durchführe . . . Ge-
em Z1el braucht nicht verwirklicht zu werden, um ein Ziel zu bleiben, sagt, getan: »Und indem man mich in dergleichen durch solcherlei
eher kann man darauf verzichten, und darum vielleicht ist die Zeit des Fragen zu widerlegen sucht, scheint es mir das sicherste, in folgender
J lebendige? Dialogs unbegrenzt. Die.J_rurituri.on..des.ia .D logs erfQr.M!:!._ Weise sie zu beantworten. Wenn etwa einer sagt: >Steht denn, o
aber . z�m� �dest e�n Einvernehmenj�r_j>a!'_!n�t_i.!be.I:_��l! Spieleinsatz, Gastfreund, alles fest [. . .]?< Einiges, werde ich dann erwidern, bewegt
_
das he1ß_t_uber d1e Suche nach dem Einvernehmen. Alexander von sich wohl . . .<< Es folgt ein gestellter Dialog (893 b - 894 b ), der folgen­
1\p�-rOc!is �asn-ennt-de!; -K��ensusoezügllch·oer-MeillodexülvoXoyia dermaßen schließt : >>Haben wir nun, ihr Freunde, alle Bewegungen [. . .]
(komolog�a) : Wenn die Thesen am Ende identisch sein sollen, so angeführt [. . . ]?<<
so
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DER WIDERSTREIT PLATON

änderungen (Genette, 1972: 251 , 183) in den prooimia prüfen. Die


.. W �r sin � die ge�ann �en Freunde? Die vom Athener in seinem Dialag
fur eme Stimme simuherten Gesprächspartner oder seine realen Ge­ Vervielfältigung der Ebenen vergrößert die Distanz vom Empfänger
sprächspartner Megillos von Sparta und Kleinias, der Kreter? Immer (vom Leser) zum Referenten. Auf diese Weise werden in unserer
knüpft dieser letztere an das fiktive oder »reale<< »meine Freunde<< mit Passage aus den Gesetzen Kleinias und Megillos von der Bühne ins
e�ner Frage an. Er hat also den Strom durchquert. Der Poetologe nennt Parkett verwiesen, von wo aus sie dem fiktiven Dialog des Atheners mit
diese Wendung eme _ Metalepse (Genette, 1972: 243), einen Ebenen­ sich selbst zuhören. Als Leser der von »Platon« geschriebenen Dialoge
wechsel im Zugriff auf den Referenten. Aristoteles prüft den Gebrauch widerfährt uns das gleiche Schicksal: durch die Regieanweisungen auf
[4 5 ] der trans�atio disputationis, einer Metalepse (Topik, II; 1 1 1 b 31), I aber Distanz gehalten, erscheint unsere Identifikation mit den Gesprächs­
der Zu �nff, dess�n Wechsel er b�schreibt, bezieht sich auf das Argu­ partnern verspätet.
ment, mcht auf die Partner. Die Uberlegungen und Beispiele Genettes Die Anweisungen zur narrativen Distanznahme spielen in der plato­
geben der Metalepse eine andere Bedeutung: sie ist die Überschreitung nischen Poetik eine ähnliche Rolle wie die Ausschlußverfahren, die im
einer »beweglichen, aber unverletzbaren Grenze zwischen zwei Wel­ »sokratischen<< Dialog den Dritten betreffen : Wir Leser können I zum [4 6]
t�� : der, in welcher man erzählt, und der, die man erzählt<< (245). Er geschriebenen Dialog nicht mehr und nicht weniger zugelassen werden
Zitiert harmlose Fälle bei Balzac oder Proust, gewagte bei Sterne, wie der Kreter und der Spartaner zum simulierten. Wie sie sind wir zu
Diderot, Pirandello, Genet. schwach oder, wie die Materialisten, zu rüpelhaft und starrköpfig. Wir
Den Archetypus der Metalepse sieht er im Vorgespräch zum The­ können zu keinem Einvernehmen über die Regeln des Dialogs gelan­
aitet�s: Eukleides berichtet Terpsion ein Streitgespräch zwischen gen, deren wichtigste meint, daß das Einvernehmen bezüglich des
Theaitetos, Theodoros und Sokrates, das letzterer wiederum ihm Referenten aus und durch uns selbst gewonnen werden muß. Was die
selbst, Eukleides, berichtet hat. Um aber die lästige Wiederholung Wirklichkeit betrifft, so glauben wir an die Entscheidung des Dritten.
von Erzählhinweisen wie sagte er, antwortete er, sagte ich, räumte er Wir glauben, der Erfolg vor dem Dritten sei das Zeichen des Wahren.
ein zu vermeiden, hat Eukleides, der die Unterhaltung aus dem Ge­ Wir glauben an die Agonistik. Wir lassen es zu, daß das schwächste
dächtnis niederschrieb, diese Formeln im Buch weggelassen. Terp­ Argument mittels einiger Tricks siegt.
_
swn und wir, die Leser des Eukleides, lesen also den Dialog zwi­ ( t .
'
schen Sokrates und Theaitetos bzw. Theodoros, als ob er, Terpsion, 5. Metalepse .
u?d wir selbst sie ohne Zwischenträger zu hören bekämen. Dies ist Was 9ie Mittel zum Nachweis der Wirklichkeit angeht, so besteht also
em �all von perfekter Mimesis: man erkennt sie an der Tilgung des ,ein Widerstreit zwischen den Verfechi:erri der ..Agcmistik und den
Schnftstellers, an der Verborgenheit des Eukleides. Der Athener aus Verfechtern des Dialogs. Wie kann dieser Widerstreit beigelegt wer.�
den G�setzen ließ in seinem monologischen Dialog wenigstens die den ? Diese sagen: i� Dialog; jene: im Agon. Wenn man daran festhält,
_
Hmweise der Simulation unangetastet. Nun tilgt sich Platon aber __setznkh der Widerstreit nur.weitedort und wird zu einer Art Meta­
auch als Schriftsteller aus den Dialogen, die wir lesen (und ihm zu­ Widerstreit: ein Widerstreit bezüglich einer bestimmten Beilegung des
_
schreiben). Er vergewaltigt also allem Anschein nach die von Sokra­ Widerstreits bezüglich einer bestimmten Ermittlung der Wirklichkeit.
tes im Staat erlassene poetische Gesetzgebung und setzt sich - aus Und darum ist das agonale Prinzip noch längst nicht ausgeschlossen,
formalen Gründen, wenn nicht sogar durch seine These - der Ankla­ sondern setzt sich weiter durch. Um die Gefahr dieser Rekurrenz zu
ge der Gottlosigkeit aus. -entschärfen,. inszeniert.»Platon<< die Metalepse des Partner�,d_ie ':iel- ·

Die Vorgespräche zu den Dialogen jedoch enthalten zumeist die leicht den Kern der Pädagogi k darstellt. , . ·
...,,. -- ' ' " " ·

B ühnenan �eisungen: x sagt y, er habe z getroffen, der ihm erzählt habe, --· Das Paradoxon dieser Inszenierung ist folgendes. Prinzipiell elimi­
.

daß · · · Die an dieser Stelle wichtigsten Verschiebungen der Ebenen niert der Dialog die Berufung auf Dritte, um die Realität des Referenten
(Genette, 1978: 238ff.) variieren : eine Ebenenverschiebung in den des Streitgesprächs zu ermitteln. Er fordert den Konsensus der Partner
Gesetze� : (Platon) � der Athener und seine Gesprächspartner; zwei bezüglich des Kriteriums dieser Realität, wobei das Kriterium im
Eb �nen Im Staat: (Platon) � (Sokrates) � Sokrates und seine Ge­ Konsensus bezüglich ein und desselben Satzes über diese Realität
sprac _ � spartner; vi r Ebenen im Theaitetos: (Platon) � Eukleides, besteht. Der Ausschluß von Dritten findet auf einer Bühne statt, die

Terp � !O? � Eukle1des, Sokrates � Sokrates, Theodoros, Theaitetos bereits vom Dialog in Anspruch genommen wird. Diese Bühne aber
(schnfthch). Man müßte darüber hinaus die Personen- und Distanzver- wendet sich an Dritte, an die Leute im Saal, an die Zuschauer. Diese
52 53
DER WIDERSTREIT VERGESSEN UND VERGELTUNG

Leute sind genau die, die von der Bühne des Dialogs ausgeschlossen oder nicht?-Vidal-Naquet fragt sich, ob er befugt sei, zugun-
wurden. Sie sind der Agonistik verpflichtet, das heißt dem Spiel zu sten der Realität der Gaskammern auszusagen. Zögernd
dritt, den rhetorischen, dialektischen und den traditionell poetischen schwankt er zwischen zwei Motiven : das Gedächtnis gegen das
(insbesondere theatralischen) Verfahren. In der Position von Dritten Vergessen zu schützen, Vergeltung zu üben. Da� erste � otiv
.
gegenüber der Dialog-Bühne sind sie aufgerufen zu bezeugen oder unterwirft den Zeugen einzig den Regeln der kogmttven wissen­
darüber zu richten, ob diese oder jene Replik, Episode oder Sequenz schaftlichen Sätze: die Tatsachen der menschlichen Vergangen-
dialogisch ist oder nicht. In diesem Fall aber bleibt der Dialog ein Spiel heit ermitteln. Ganz anders dagegen das zweite. Dessen Urbild
zu dritt und unter��eht weiter dem Prinzip der poetischen und rhetori­
findet er in einem Satz Chateaubriands: >>Wenn man im Schwei-
schen Agonistik. Uber den Kopf von Thrasymachos hinweg wendet
sich »Sokrates<< somit an ein Publikum, das der Unterhaltung bei­ gen der tiefsten Erniedrigung nur noch den Widerhall der Skla­
wohnt, an ein Leserforum, das entscheiden wird, wer der Stärkste ist. venkette und die Stimme des Spitzels vernimmt, wenn alle vor
Gerade in dem Augenblick also, in dem sie als Dritte dazwischenzu­ dem Tyrannen zittern und seine Gunst so gefährlich ist wie sei�e
treten meinen, dürfen sie nicht länger Dritte, Zuschauer, Zeugen und Ungnade, dann meldet sich der Historiker zu Wort, bet:aut mit
Richter der Dialoge sein und müssen die Stellung von Gesprächsteil­ der Vergeltung, der Rache der Völker<< ( 1 9 8 1: 270) . Dies wa:,
nehmern beziehen. Die Metalepse vollzieht diesen Wechsel im Zugriff sagt er, über lange Zeit hinweg seine Vorstellung von der Arbeit
auf die Debatte. Indem sie ihn durchführen, sind sie nicht mehr die des Historikers. Heute aber: >>Der Krieg ist vorbei<<, die Tragö-
[4 7] Empfänger des inszenierten Dialogs, I neben Thrasymachos oder die ist profanisiert; »die Völker<<, das jüdische Volk jedenfalls,
Kleinias werden sie zu Empfängern des »Sokrates<< oder des Atheners, sind nicht mehr der Mittel beraubt, sich vernehmlich zu machen
wie wir - zunächst Leser - zu Empfängern im Dialog mit >>Platon<<
und Wiedergutmachung zu erlangen, sie sind keine Opfer mehr.
werden. .
Muß man eine Dynamik des Dialogs gelten lassen, die den Wider­ Hier hätten wir den vierten Fall vorliegen (Nr. 26 und 27), m
streit durch Metalepsen absorbiert und ihn - wenn nicht zu einem dem Schweigen geboten ist, da der Zeuge nicht zur Aussage
Konsensus über die Referenten - wenigstens zu einer gemeinsamen befugt ist, oder den Fall Nr. 2 I, in dem es den Referenten -:- hie: : [4 8 ]
Sprache führt? Man müßte dann anerkennen, daß die Eins stärker ist das Opfer- nicht gibt, den man bezeugen könnte. Dem Histon-
als die Vielzahl und der Konsensus durch die Uneinigkeit hindurch ker bliebe also nur die Autorität der Erkenntnis, seine Aufgabe
angestrebt und erreicht wird. Für Sätze, die derartige Prinzipien ver­ wäre desublimiert (White, 1 9 8 2: 1 2) .
treten, können keine Beweise erbracht werden. Es ist also niemals
ge wiß und nicht einmal wahrscheinlich, daß sich die Teilnehmer eines
St�eitgesprächs - selbst als Zeugen eines Dialogs verstanden - zu 36
Dialogpartnern bekehren würden. Sicher ist nur, daß der Dialog eine
von den traditionellen dialektischen Verfahren ab weichende Diskurs­ >>Es gibt keine Opfer mehr<< (Nr. 3 5). Zunäcpst sind �_as aber
art ist. ',zwei ganz verschiedene Dinge: daß die Juden keine Opfer mehr
...._:
.__ :r ,[��-r�_c:i!l und versuc:h!_��g_l�ic,_h_�jnzuführen : die Regeln dessen ,sind und daß es keine Opfer mehr gibt. Vom Besonderen kann
man nicht aufs Allgemeine schließen. Sodann ist der Satz: Es gibt _
_
namT1ch, was wir-diewisse nschaftliche Erk�nninisnennen�
--- - --------- keine Opfer mehr (tautologisch mit dem Satz : Es gibt keinen .
Widerstreit mehr) kein kognitiver Satz und _kann mit de� J3ewe�s� __
_
_

35 una Validierungsmitteln kognitiver Sätze weder verifiziert noch _ -

Derjenige aber, der sich als Zeuge gebärdet, der Sender des widerlegt werden. Der Referent Arbeitskraft zum Beispiel ist
. gibt es, der Ankläger schließlich, unterliegt nicht der
Satz �s: Dzes Geg�nstand eines Begriffs, aber, um mit Kant zu sprechen, er
zu � m?est den Kriterien der Kompetenz, der Sittlichkeit (Wo� befördert keine Anschauung und folglich auch keine Auseinan­
bei � nstot�les), der Aufrichtigkeit oder Wahrhaftigkeit, die ein dersetzung und keinen Urteilsspruch vor dem Tribunal der Er­
.
Urteil daruber erlauben, ob seine Zeugenaussage zulässig ist kenntnis. Sein Begriff ist eine Idee (Kant-Exkurs 111, § 2 und 3).

54 55
DER WIDERSTREIT BEWEISREGELN

Ein anderes Beispiel: ein Bewohner der Insel Martinique ist ein Über allen Gipfeln I ist Ruh, 2 X 2 4, Steigen Sie aus, Zu jener
=

französischer Bürger; er kann gegen die Verletzung seiner Rech­ Zeit ging er nach . . . , Das ist sehr schön. Das hindert durchaus•:·
te als französischer Staatsbürger Klage führen. Das Unrecht, das nicht, daß diese Sätze stattfinden. (Aber ist stattfinden identisch
er aufgrund seiner französischen Staatsbürgerschaft zu erleiden mit wirklich sein ? ; - cf Nr. 1 3 1 ).
glaubt, ist kein Streitgegenstand im französischen Recht. Im
internationalen öffentlichen oder Privatrecht könnte dies mög­
38
lich sein, dann aber dürfte der Martiniquais kein französischer
Staatsbürger mehr sein. Nun ist er es aber. Folglich kann die Es empfindet jemand größeren Schmerz, wenn ein Tier - und
Behauptung, er erleide ein Unrecht aufgrund seiner Staatsbür­ nicht ein Mensch - verletzt wird. Denn dem Tier geht jede
gerschaft, mit expliziten und zuverlässigen Verfahren nicht veri­ Möglichkeit ab, seinen Schaden den menschlichen Beweisregeln
fiziert werden. Diese Beispiele sind Situationen, die im Univer­ entsprechend zu bezeugen, und folglich ist jeder Schaden gleich­
sum ideeller Sätze (Ideen im kantischen Sinne) dargestellt wer- sam ein Unrecht und macht es zum Opfer ipso facto. - Wenn aber
den, der Idee der Nation, der Idee der Wertsetzung. Diese "· das Tier aufgrund fehlender Mittel nicht aussagen kann, besteht
Situationen sind keine Referenten von Erkenntnissätzen. Es gibt ,\ nicht einmal ein Schaden, zumindest können Sie ihn nicht
keine entsprechenden Verfahren, um ihre Realität im kognitiven \ belegen. - Was Sie sagen, definiert genau meine Vorstellung vom
Sinne zu beweisen oder zu widerlegen. Darum führen sie zum 1 Unrecht: Sie stellen den Verteidiger des Tieres vor das Dilemma
Widerstreit. In Hinblick auf die Regeln der Familie kognitiver ) (Nr. 8). Darum ist das Tier ein Paradigma des Opfers.
Sätze wenigstens gerät deren Formulierung zur Paradoxie,�
39
37
Wenn sich aber die Sätze, die unterschiedlichen Regelsystemen
Angenommen, Ihre Hypothese stimmt: Das Unrecht rührt (/tmd Diskursarten - etwa der Erkenntnis oder den Ideen -
daher, daß sich der Schaden nicht in einer gemeinsamen Sprache \l angehören, darin treffen, daß sie einen Widerstreit verursachen,
des Gerichts und der anderen Partei ausdrücken läßt und daß 1 dann müssen sie insgesamt bestimmte Eigenschaften gemeinsam
daraus ein Widerstreit entspringt. Wie aber können Sie beurtei­ \ haben, und das >>Treffen« kann nur in einem gemeinsamen
len, ob hier ein Widerstreit vorliegt, wo doch in dieser Hypothe- '-Universum stattfinden, andernfalls wäre kein Treffen möglich ! -


[49] se der I Referent des Satzes des Opfers keinen Gegenstand einer !Das Hniversum, das Sie meinen, ginge den Sätzen, die sich darin
Erkenntnis im strengen Sinne darstellt? Wie können Sie gar ffen, voraus; es wird aber von Ihrem Satz dargestellt. Er stellt
(Nr. 1 ) behaupten, daß eine derartige Situation existiert? Weil es dar, als bestünde es bereits vor jedem Satz. HierinJiegt_da_s __

Sie Zeugen dafür haben ? Warum aber schenken Sie deren Aussa­ Paradoxon, das im allgemeinen die Wirklichkeit anzeigt: was
ge Glauben, während sie selbst doch - der Annahme nach - die ��Jidi�existiert, selbst wenn es keine einzige Aussage darüber --·­

Realität dessen, was Sie behaupten, nicht beweisen können ? � di_(! mit kognitiven Verfahren validiert werden könnte I
-
[50]
Entweder bezieht sich der Widerstreit auf eine bereits nachge­ (Nr. 37, 47). - Nein, ich behaupte nicht, daß dieses.Univefsum
wiesene Wirklichkeit und ist kein Widerstreit, sondern ein die Realität sei, ich behaupte nur, daß es die Bedingung für das
Rechtsstreit, oder er hat, wenn der Gegenstand nicht in der Treffen der Sätze und folglich die Bedingung des Widerstreits
Wirklichkeit nachgewiesen werden kann, keinen Gegenstand, darstellt. - Die Bedingung für dieses Treffen ist nicht dieses
und es gibt überhaupt keinen Widerstreit. - Der Positivismus
spricht so. Er verwechselt Wirklichkeit und Referent. Nun ist in
vielen Satzfamilien der Referent keineswegs als real dargestellt: •:- Ergänzung in der zweiten Auflage des französischen Originals.
56 57
DER WIDERSTREIT DER VERKETTUNGSMODUS

Universum, sondern Ihr Satz, der es darstellt. Dies ist eine kann Ausgangspunkt einer anderen Diskursart sein, die ihn einer
transzendentale, keine empirische Bedingung. Von der besonde­ anderen Zweckbestimmung verschreiben kann. Die Diskursar­
ren Beschaffenheit dieses Universums läßt sich sagen, daß sie das ten drängen den Widerstreit nur von der Ebene der Regelsyste­
Ergebnis des Treffens ebenso ist wie seine Bedingung (beide me auf die der Zwecke zurück. - Aber die Möglichkeit mehrerer
Ausdrücke sind äquivalent). Ebenso ist der Satz des Linguisten Verkettungen hat nicht zur Folge, daß zwischen ihnen ein
die transzendentale Bedingung der Sprache, auf die er sich Widerstreit entsteht? - Doch, da immer nur eine einzige zugleich
bezieht. Das hindert nicht, daß die Sprache den Satz des Lingui­ geschehen (>>aktualisiert« werden) kann (Nr. 1 84, 1 86).
sten empirisch bedingt. Transzendental und empirisch sind Aus­
drücke, die lediglich zwei verschiedene Satzfamilien anzeigen:
41
den philosophisch-kritischen (kritizistischen) und den kogniti­
ven Satz. Und schließlich: die Sätze ungleichartiger Regelsyste­ Man muß verketten, aber der Verkettungsmodus ist niemals
me und Diskursarten »treffen<< sich in den Eigennamen, »tref­ notwendig, sondern passend oder unpassend. Kann ich bei dir
fen<< sich in den Welten, die durch die Namensgeflechte festge­ vorbeikommen ? - Wie steht der Dollar? Oder: Dies ist eine Krise
legt werden (Nr. 80, 8 1 , 60). der Überkapitalisierung. - Du hast dir die Zähne geputzt? Oder:
Zu Hilfe! - Wem ? Oder: p oder q: wenn p, dann non-q. - Du
wußtest von ihrer Ankunft? Oder: Mach die Tür zu! - Du sagst,
40
die Tür soll zugemacht werden. Diese Ungebührlichkeiten sind
Warum treffen sich die Sätze ungleichartiger Regelsysteme? Sie lauter Schäden, die dem ersten Satz vom zweiten zugefügt
sagen, aus diesen Begegnungen erwachse der Widerstreit. Kann wurden. Würden Sie sagen, daß diese Schäden deswegen On­
man diese Kontakte nicht vermeiden? - Unmöglich, der Kontakt rechtsfälle werden, weil der erste nicht in Hinblick auf seine
ist notwendig. Erstens muß ein Satz, der geschieht, weiter Validierung weiter verkettet wird? - Das ist es nicht einmal. Die
verkettet werden (und sei es mit einem Schweigen, das ein Satz Validierung ist eine Diskursart, kein Satz-Regelsystem. Kein
ist), man hat keine Möglichkeit, die Verkettung auszulassen. Satz läßt sich innerhalb seines eigenen Regelsystems validieren :
Zweitens: die Verkettung ist notwendig, die Art und Weise ein deskriptiver Satz wird kognitiv nur durch den Rekurs auf
kontingent. Ich kann bei dir vorbeikommen kann auf mehrere einen ostensiven Satz (Hier, das ist der entsprechende Fall)
Arten weiter verkettet werden (Nr. 1 3 7, 139, 140). - Darunter validiert. Ein präskriptiver Satz validiert sich juristisch oder
gibt es aber relevante und andere, haltlose. Schließen Sie letztere politisch durch einen normativen (Es gilt die Norm, daß . . . ),
aus, und Sie werden dem Widerstreit entrinnen. - Zugegeben. ethisch durch ein Gefühl (verbunden mit: Du sollst) usw.
Doch wie wollen Sie die relevanten in Erfahrung bringen? Indem
Sie viele verschiedene Verkettungsarten ausprobieren, die halt­
losen eingeschlossen. - Es gibt aber Diskursarten (Nr. 1 47, 179, 42
1 80), die Verkettungsregeln festlegen, und man braucht sie nur >>Einzig die Vergeltung des Opfers autorisiert die Zeugenaussa­
zu beachten, um den Widerstreit zu vermeiden. - Die Diskursar­ ge« (Nr. 35). - Das Wort Autorität ist mehrdeutig. Das Opfer
ten bestimmen Spieleinsätze, sie unterwerfen die Sätze unter­ hat nicht die Rechtsmittel, um sein erlittenes Unrecht zu bezeu­
schiedlicher Regelsysteme einer einzigen Zweckbestimmung: In gen. Wenn es sich selbst oder sein Verteidiger ihm >>Gerechtig­
der juridischen Rhetorik sind die Frage, das Beispiel, die Beweis­ keit verschafft<<, so kann dies nur im Widerspruch zum Recht
führung, der Erzählakt, der Ausruf heterogene Mittel, um je­ geschehen. Dieses Recht behält sich die Autorität vor, das
ma?den zu überzeugen. Daraus folgt nicht, daß der Widerstreit Verbrechen zu ermitteln, den Urteilsspruch zu fällen und die
(5 1 ] ZWischen den Sätzen I ausgeschlossen bleibt. Jeder von ihnen Strafe festzusetzen, und zwar vor Gericht, das beide Parteien
58
59
DER WIDERSTREIT MENSCHENRECHT UND WELTGERICHT

angehört hat, die sich in derselben Sprache, der des Rechts, real erwiesen ist, kann nicht zu der Folgerung führen, daß man
ausdrücken. Die Gerechtigkeit, an die das Opfer gegen die hinsichtlich dieses Referenten etwas sagen oder tun soll (cf den
rechtsprechende Justiz appelliert, kann sich nicht im juristischen Abschnitt: »Die Verpflichtung<<). Umgekehrt können auf einen
und gerichtlichen Diskurs artikulieren. Nun artikuliert sich das präskriptiven Satz mehrere Arten möglicher Sätze folgen. >>Wir
Recht aber in eben dieser Diskursart. Die Autorität, die die sagen : >Der Befehl befiehlt dies< - und tun es, aber auch: >Der
Vergeltung erteilen kann, darf also nicht als ein Recht bezeichnet Befehl befiehlt dies : ich soll . . . < Wir übertragen ihn einmal in
[52] werden. Die Klage ist eine Schadenersatzforderung /, die vom einen Satz, einmal in eine Demonstration, und einmal in die Tat«
Kläger (Sender) bei einem Dritten (dem Richter) niedergelegt (Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen: § 459). Oder in
wird. Der Rächer ist ein Rechtschaffener, die Forderung (der eine Bewertung: Der Offizier schreit Avanti! und stürzt aus dem
Schrei) ist an ihn (den Empfänger) als an einen Richter adressiert, Schützengraben, die Soldaten schreien ergriffen Bravo!, ohne
sie ist nicht auf einen Dritten übertragbar, selbst nicht zur sich zu rühren. I [53]
Vollstreckung (Idiolekt), ihre Legitimität steht nicht zur Dis­
kussion, sie bemißt sich nicht an der austeilenden Gerechtigkeit, 44
weil ihr Referent, das Unrecht, nicht erkennbar ist.
Die Vergeltung besitzt keine legitime Autorität, sie rüttelt an der
Autorität der Gerichte, sie beruft sich auf Idiome, auf Satzfami­
43 lien, auf Diskursarten, ganz gleichgültig, deren Stimme jeden­
Immerhin wird die Vergeltung dadurch autonstert, daß die falls nicht zählt. Sie fordert die Revision der Zuständigkeiten
Klage folgenlos bleibt. Man schreit nach Rache, wenn man oder die Einrichtung neuer Gerichte. Sie ficht die Autorität eines
keinen Schadenersatz erhalten kann. - Das bleibt Sache der jeden Gerichts über Sätze an, das sich zu deren einzigem und
Psychologie oder Sozialpsychologie. Jedenfalls nimmt man da­ höchstem Gericht aufwirft . Man tut unrecht, wenn man das,
mit ungeprüft an, daß ein teleologisches Prinzip den Ü bergang woran die Vergeltung gegen das Recht appelliert, >>Menschen­
von einer Diskursart (der kognitiven) zur anderen (Satz der Idee) rechte<< nennt. Mensch ist sicherlich nicht der richtige Name für
bestimmt. Über welche Beweise verfügen wir nun dafür, daß es diese Berufungsinstanz, und der Name Recht taugt ebensowenig
ein Kompensationsprinzip zwischen den Diskursarten gibt? für die Autorität, die sie geltend macht (Nr. 42). Recht des
Kann man sagen: Da ich dies nicht zu beweisen vermag, muß ich anderen würde kaum besser passen. Vielleicht: Autorität des
es erzählen können ? Zunächst ist der Referent nicht derselbe, Unendlichen oder des Ungleichartigen, wenn dies nicht so viel­
wenn der Satz, der ihn anführt, nicht der gleichen Satzfamilie sagend wäre.
angehört. Der Schaden ist kein Unrecht, die beweisbare Eigen­
schaft ist nicht identisch mit dem erzählbaren Ereignis, ich 45
meine: selbst wenn sie den gleichen Namen tragen. Und dann:
warum ist es unbedingt notwendig, daß dieser Referent Gegen­ Man verläßt sich auf das >>Gericht der Geschichte<<, Hegel
stand eines >>Zweiten« Satzes ist? Einzig die Verkettung ist beruft sich auf das »Weltgericht<<. Wie das Jüngste Gericht
n ? twendig, nichts weiter. Innerhalb einer Diskursart gehorchen können dies nur Symbole sein. In welcher Diskursart, in wel­
dte V� rk�!tungen Regeln, die Einsätze und Zwecke festlegen . cher Satzfamilie könnte das Höchste Gericht sein Urteil über
Aber 1m Ubergang von einer Diskursart zur anderen kennt man die Geltungsansprüche aller Sätze fällen, wenn feststeht, daß
weder derartige Regeln noch einen allgemeinen Zweck. Ein diese Ansprüche je nach der zugehörigen Satzfamilie und Dis­
kl �ssis �h �s B eispiel dafür ist die Verkettung zwischen einem kursart verschieden sind? Eine bequeme Antwort liegt im Ge­
_
prasknptiven _
und emem kognitiven Satz: Daß ein Referent als brauch des Zitats (Metasprache), das alle Sätze unter die allei-

60 61
>>AKTUALITÄT<<
DER WIDERSTREIT
darüber hinaus ihre Sender und Empfänger nicht mehrvorrangig
��ge Herrschaft der kognitiven zwingt. Anstelle des Befehls: in einen Bezug zur Frage nach der Bedeutung dieses Referenten
Offnen Sie die Türe hat das Gericht den deskriptiven Satz: Es
'!fJUrde befohlen, die Türe zu öffnen zur Kenntnis zu nehmen; situieren. I [ 5 5]
anstelle der Frage: Ist dies Rot? den deskriptiven Satz: Man
fragte, ob dies Rot sei; anstatt des deskriptiven Satzes: Die
Mauer ist weiß den deskriptiven Satz: Es wurde erklärt, daß
diese Mauer weiß sei. Danach stellte sich das Gericht folgende
Frage : Wurde tatsächlich gefragt, ob dies Rot sei, tatsächlich
erklärt, daß die Mauer weiß sei? Tatsächlich bedeutet: weist
der zitierte Satz (Befehl, Frage, Beschreibung) genau die Züge
auf, die wir meinen (war das ein richtiger Befehl) ? Fand er
wirklich statt (war das wirklich der Fall)? Wenn es sich nun
um die Validierung eines kognitiven Satzes (wie : Diese Mauer
ist weiß) handelt, sind diese beiden Fragen stichhaltig. Aber
[ 5 4] können wir einen Befehl wie: Hör auf zu singen oder eine I
Wertung wie : Ist diese Arie doch schön! mittels dieser Fragen
validieren? Die Validierung des Befehls scheint eher darin zu
bestehen, daß der Empfänger zu singen aufhört, die der Wer­
tung, daß der Empfänger die Gefühlsregung des Senders teilt
(Nr. 1 49).

46
Das Zitat unterwirft den Satz einer autonymischen Transforma­
tion. Der Satz lautete: Öffnen Sie die Türe, durch die Zitation
heißt er nun: Das !öffnen Sie die Tür/. Man sagt, daß er seine
Eigenschaft als aktueller Satz verliert. Aber was bedeutet >>aktu­
ell<< ? Richtiger müßte man sagen : Wenn man nach einem Befehl
die Ausführung dessen, was er vorschreibt, erwartet (und weni­
ger einen Kommentar oder eine Wertung), kann man sagen, er
sei >>aktuell<<. Und weiter: Die autonymische Transformation
des Befehls besteht zuerst darin, daß man seine Ausführung
nicht erwartet. Die Soldaten autonymisieren das Avanti! des
Leutnants, das sie zum Angriff antreibt, wenn sie mit dem
Ausruf Bravo! anknüpfen. So daß die Aktualität eines Satzes von
der Art der Verkettung mit dem nächsten abhängen würde. Die
Sitzung ist geschlossen stellt nur dann einen aktuellen performati­
ven Satz dar, wenn sich die folgenden Sätze nicht mehr nur auf
die Tagesordnung der Sitzung als Referenten beziehen, sondern

62 63
/
AuTOPSIE

auf dem Papier, die die tatsächliche Ausrottung ablöst« (Vidal­


Naquet, 1981 : 226) . Weil es nur die >>schwarz auf weiß« belegte
Realität gibt. Rosset würde sagen : dank einer Doublette dieser
Realität (Rosset, 1 976). Vidal-Naquet bemerkt, daß die >>Revi­
sionisten« (der Endlösung) in ihrer Untersuchung der Frage der
Gaskammern von einem >>nichtontologischen Beweis« Ge­
brauch machen. Zumindest darin aber I verfahren sie ganz [56]
Der Referent, der Name
einfach wie Sie und ich, wenn wir eine These über die Realität zu
widerlegen haben. Was das Abendland seit Parmenides und
Gorgias macht.
47
Wie läßt sich die Wirklichkeit des Referenten dem Vollzug der
49
Verifikationsverfahren oder wenigstens den Anweisungen un­
terordnen, die deren beliebigen Vollzug ermöglichen? Intuitiv >>Ich war dort, ich kann darüber reden. « Dasselbe · Prinzip
haben wir eine umgekehrte Vorstellung von der Wirklichkeit: beherrscht das Argument Faurissons : >>tatsächlich und mit eige­
Ein Ding ist wirklich, meinen wir, wenn es existiert, selbst wenn nen Augen gesehen haben« (Nr. 2). Die ganze Autorität des
niemand seine Existenz verifizieren kann; so nennen wir etwa Zeugen ergäbe sich also aus der Autopsie, wie der Historiker sie
einen Tisch wirklich, wenn er immer da ist, auch wenn sich keine nennt (Hartog, 1980: 271-3 1 6) . M<lJl hiih_t_<!l,lr.i�son.entgeg�L­
__

r
Zeugen am entsprechenden Ort aufhalten. - Oder stellen Sie sich
einen Staffellauf vor. Q_ie irklichkeit wäre der Gegenstand "
namens >>Staffelstab« ,, ' den Ie. Guterelnanaer übergebetl.l)er--
daß.niemand seinen eigenen Tod sehen kann. Jeglichem ��alis.­
mus hält man entgegen, daß niemand . »die Wirklichkeit« im
. eigentlichen Sinne sehen kann. Das legt nahe, daß sie einen
. Gegenstand wird nicht dur�h die . Staffel -der taufer wirklich -__ Eigennamen besitzt, und man sieht den Eigennamen nicht
gemacht. Ebensowenig machen die Sprecher den Gegensi:änd, \ (Kripke, 1 980: 24 [ dt. 1981 : 33). N�gnen_ist nichtj�ig���-H�s ­
über den sie reden, durch ihre Beweisführung wirklich. -Die sagt zu Jakob :. Ich versichere Dir, daß Ludwig da u:a!_._]akob
Existenz läßt sich nicht erschließen. Das ontologische Argument fragt wo. Hans antwortet: Nun, im Konzert, von dem ich. .air
ist falsch. Jede Aussage über die Wlrklicnkeit seiit diese bereits . erzähle! Man nimmt an, daß Jakob den Namen des Konzertsaals
voraus. kennt. A ber wo im Konzertsaal und an welchem Tag? Hans muß
das da und wann, von dem er spricht, in einem Bezugssystem
48 orten, das von dem in seinem ersten Satz dargestellten Raum­
- Zeit-Verhältnis unabhängig ist, will er die Wirklichkeit von
Die Widerlegung der gängigen Vorstellung von der Wirklichkeit
Ludwigs Anwesenheit geltend machen. Er sagt: Hinten rechts
(Nr. 47) entspricht formal dem unter Nr. 8 dargelegten Dilem­
mzt Blick auf die Bühne, und : Am Samstag vor Weihnachten. Im
ma. Die Vernichtung der Realität der Gaskammern ist identisch
Rekurs auf chronologische, topographische, toponymische, an­
mit der Vernichtung der Realität des Referenten in den Verifika­
throponymische Systeme liefert Hans die Mittel zur Verifikation
tionsverfahren. Der Historiker nennt Faurisson einen »Eich­
mann mit Papier und Feder<< : dieser versuchte eine >>Ausrottung der Wirklichkeit dieses Satz-Referenten, die nicht implizieren,
daß er, Hans, >>dort gewesen ist«.

,. Frz. temoin, >>Zeuge«, bedeutet u. a. auch »Staffelstab« und ist in


dieser Mehrdeutigkeit nicht übersetzbar (A. d. Ü.).

64
65
DER REFERENT, DER NAME HIER, jETZT, IcH

50 ist selbstreferentiell, so wird »jetzt« unter seinem autonymischen


Aspekt als Bild seiner selbst verstanden. Anders bei der Frage :
Die deiktischen Indikatoren beziehen die Instanzen des durch
Wann fahren Sie ab ?, wenn ich antworte:Jetzt. Im Satz: »]etzt«
den Satz dargestellten Universums, in dem sie sich befinden auf
ist selbstreferentiell, ist jetzt nicht selbstreferentiell, da es sich in
e�nen 7 ak�uellen<< raum-zeitlichen Koordinatenursprung, �uch
der Situation der Referenz-Instanz des durch diesen Satz darge­
»rch-hrer-Jetzt<< genannt. Diese deiktischen Ausdrücke sind De­
stellten Universums befindet, es ist das >>Subjekt der Aussage
sign�toren der Wirklichkeit...Sik_Q.�zeichnen ihren Gegenstand
[sujet de l'enonce]<<. In Ieh fahre jetzt ab markiert jetzt die
..�h . ewt! . außersprachliche- Permanen�r$_ e'it1e >> �geb��1ieit�:-' Situation des Referenten (meine Abfahrt) im Verhältnis zum
Doch dreser >>Ursprung<< wird - weit davon entfernt, selbSt·� -­
Zeitpunkt, an dem der Satz >>Stattfindet<<. Es ist hier nicht, wie im
unwandelbar zu sein - im Universum des Satzes, in dem sie
vorangehenden Satz, selbst der Referent.
markiert sind, dargestellt oder mit dargestellt. Er erscheint und
verschwindet mit diesem Universum, also mit diesem Satz (He-
gel, P�änomenologie des Geistes, 2 : 83-86; Gardies, 1975: 88). 52
l�h btn an der Reihe derjenige ist an der Reihe (etwas, hier
=

Wenn ich vom >>Subjekt des Aussageakts<< eines Satzes spreche


mcht näher Bestimmtes zu tun), der sich in der Situation des
(N r. 5 1 ), so nimmt die Sender-Instanz dieses Satzes die Situation
Senders (ich) befindet, wenn der Satz >>stattfindet<<, Was hattest
[57] du dir vorgestellt? derjenige, der sich I in der Situation des der Referenz-Instanz im aktuellen (von mir geäußerten) Satz ein.
=

Beide tragen den gleichen Eigennamen (sie sind benannt). Den­


Empfängers (du) befindet, wenn der Satz >>stattfindet<<, wird
noch sind die beiden Satz-Universen nicht deckungsgleich. Ich
gefragt, welche irreale Bedeutung er (hier einem nicht näher
berichte beispielsweise, daß Kant von der französischen Revolu­
bestimmten Referenten) zu einem Zeitpunkt verlieh, an dem der
tion schreibt, sie habe den Enthusiasmus der Zuschauer erregt.
Satz noch nicht >>stattgefunden<< hat. Das >>Subjekt des Aussage­
akts<< [su;et de l'enonciation] ist die Sender-Instanz in dem durch » _Kant<< ist das >� Subjekt des Aussageakts<< des Satzes : Diefranzö­
den aktuellen Satz dargestellten Universum. Diese Instanz wird
szsche Revolutwn hat den Enthusiasmus der Zuschauer erregt
(durch einen Eigennamen oder ein Pronomen) markiert (Ich aber er ist Referent (oder I >>Subjekt der Aussage<<) des Satze� [58]
schwöre es dir, Was weiß ich) oder nicht markiert (Die Lösung ist (von dem >>ich<< das >>Subjekt des Aussageaktes<< bin) : Kant
falsch, Halt!). Sie unterliegt dem gleichen Schicksal wie die · erklärt, daß die französische Revolution (usw.). Wenn Kant
anderen Instanzen, die durch die anderen deiktischen Ausdrük­ ni�ht Subjekt der Aussage >>meines<< Satzes (des zweiten) wäre,
ke markiert werden. wre könnte ich dann behaupten, daß er Subjekt des Aussageakts
des ersten sei? Der Name, den es trägt, wird empfangen (nicht
51 notwendigerweise vom >>ich<<), und vielleicht muß jeder Eigen-
name empfangen werden.
J:? em Leser dieser Zeilen erkläre ich, daß sich hier, jetzt, ich auf
emen >>Ursprung<< beziehen, der in dem vom >>aktuellen<< Satz
da:gestell�en �niversum liegt. Mein Leser begreift, daß die 53
_
Worter hzer, ;etzt, ich nicht in ihrem >>aktuellen<< deiktischen Der Übertritt eines Eigennamens aus der Position des >>Subjekts
\X:ert ve�standen werden dürfen (wie etwa in : ich erkläre, oder: des Aussageakts<< in die Position des >>Subjekts der Aussage<<
dzese Zezlen, eben die vorangehenden), sondern in ihrer Bedeu­ entspricht einer Verschiebung von der Situation des Senders im
tung (das heißt ihrem Gebrauch) als deiktische Indikatoren im Universum eines aktuellen Satzes p in die Situation des Referen­
all �emein �n, in jedem beliebigen Satz. Der Leser differenzi ert ten ii? Universum eines aktu� llen Satzes q. Im Universum p
ZWischen Jetzt und jetzt (oder dem] etzt). Wenn ich sage : »]etzt« sehrerbt >>Kant<< etwas über dre französische Revolution, ein
66 67
DER REFERENT, DER NAME ANTISTHENES

a�derer .(>>ich<< ) schreibt etwas über >>Kant« im Universum q. lektik ( 1 903 : § 49). Der >>Sinn« eines Satzes aber ist für Frege
Dreser Ubertritt erfordert mindestens zwei Sätze, und diese unabhängig vom Kontext des Sprechers. Die Transformation
Sätze scheinen aufeinanderfolgen zu müssen. Dieser andere von Satz ( 1 ) in Satz (2) verändert nicht den >>Sinn« von ( 1 ), sie
kann den gleichen Namen besitzen. Der Autor des Streits mit der schließt ihn in den >>Sinn« von (2) ein und modifiziert seinen
juristischen Fakultät unterzeichnet beispielsweise den Satz über referentiellen Wert''·. Die Verfahren zur Validierung des Satzes,
die französische Revolution mit dem Namen >>Kant«. Satz (1) die eine durch einen ostensiven Satz darstellbare Realität ermit­
lautet: Die französische Revolution hat den Enthusiasmus der teln wollen (von der Art: Es liegt hier ein Fall vor), können nicht
Völker erregt; der Satz mit der Unterschrift (2) lautet: Kant mehr auf den >>Sinn« des Satzes (1), sondern nur auf den des
erklärt, daß die französische Revolution (usw.). Es fällt auf, daß Satzes (2) angewendet werden. Nicht daß die französische Revo­
der Sender des Satzes (2) unbenannt bleibt: Wer spricht hier? lution die Begeisterung der Völker erregt hat, muß validiert
Vielleicht >>Kant« oder ein anderer ; zu seiner Benennung aber werden, sondern daß Kant diesen Fall annahm. Der >>Sinn« von
wäre ein Satz (3) nötig (etwa von der Art: Kant [oder x] erklärt, ( 1 ) aber bleibt sich als solcher gleich, ob Kant ihn nun annahm
daß Kant erklärt, daß die französische Revolution usw.). Wie oder nicht. - Der Name des Senders bleibt über die Zitate
dem auch sei, das Wesentliche scheint darin zu liegen, daß (Einschachtelungen) und die sie begleitenden Transformationen
mindestens zwei Sätze so verkettet werden, daß der zweite dem des Referenten hinweg gleichfalls identisch, allerdings aus einem
ersten einen dort unbenannt gebliebenen Sender zuschreibt, der anderen Grund. Die Validierung der Wahrheit eines Namens
im zweiten die Situation des Referenten einnimmt. steht nicht zur Diskussion, er ist keine Eigenschaft, die einem
Referenten mittels einer Deskription (einem kognitiven Satz)
• zugeteilt würde. Er ist nur ein Index, der etwa im Falle des
54
Anthroponyms ein menschliches Wesen - und nur eines -
Die Verschiebung des >>Subjekts des Aussageakts« - wenn es bezeichnet. Man kann die einem menschlichen Wesen, das mit
nämlich als benanntes zum Subjekt der Aussage wird - vollzieht diesem Namen bezeichnet wird, zugeschriebenen Eigenschaften
sich keineswegs im Dunkeln, hier geschieht eine Transformation validieren, nicht seinen Namen. Dieser fügt ihm keine Eigen­
eines aktuellen Satzes in einen zitierten, ein Fall, den Frege am schaft hinzu. Selbst wenn viele Namen ursprünglich eine Bedeu­
Beispiel des >>Sinns« untersucht hat, der hier aber auf den Sender tung besitzen, so verlieren sie sie und müssen sie verlieren. Der
angewendet wird (Frege, 1 892 : 4 1-42; Descombes, 1977: Nenn-Satz - wie: Diesen nenne ich x (Taufe), Dies heißt y
1 75-1 78). Ebenso wie der >>Sinn« [im Original deutschr von p (Lehre) - ist kein kognitiver und auch kein ostensiver Satz
zum Referenten von q wird, wird der Sender von p durch seine (Nr. 62, 63).
[59] Benennu g zum I Referenten von q. - Russell behauptet, daß

_ Begnffe«
dre » [concepts] (Freges Sinne) unwandelbar seien wie
ANTISTHENES
�ie platoni: che_n Ideen und damit unabhängig von ihrer Stellung
rm Satz. Dre mrt dem Zitat verbundene Transformation beunru­ Antisthenes, Schüler von Gorgias, Bewunderer und Freund des Sokra­
higt ihn: in�e� sie nämlich den >>Begriff« des Satzes p auf die tes, dessen Doxographie zusammen mit Diogenes dem Hund (Caizzi)
»!erm<<-Posrtwn (Referenz) im Satz q rückt, macht sie aus ihm einen Grundstein des Kynismus darstellt, verficht zwei Paradoxa, I die [60]
ern bestimmtes >>Objekt« und beschneidet seinen universalen von Aristoteles übermittelt werden. Das erste handelt vom Irrtum und
Charakter. Er sieht darin eine Bedrohung der hegelschen Dia- vom Widerspruch. Aristoteles versucht Regeln für die Dialektik aufzu-

,,. Das heißt seine »Bedeutung<< im fregeschen Wortgebrauch; cf. A. d.


"· Cf A. d. Ü., S. 34f. ü., s. 34f.
68
69
DER REFERENT, DER NAME ANTISTHENES

stellen. Dialektische These nennt er eine Behauptung, die der Lehrmei­ hervorheben, »von etwas sprechen, sich auf etwas beziehen<<, und stelle
nung eines bedeutenden philosophischen Kopfes widerspricht (:rtaQa­ dabei seinen semantischen Akzent, »etwas sagen, sagen wollen«, zu­
öo�o�, paradoxos). Er führt dafür die These des Antisthenes an, ,,daß es rück. Beide sind möglich. Die gewählte Fassung jedoch scheint sich
keinen Widerspruch geben kann<< (Topik, 104 b 21). Im Buch IV der aufgrund der Tatsache aufzudrängen, daß die erste Frage des Euthydc-
Metaphysik stellt er einen Katalog von Begriffen auf und untersucht mos I eindeutig lautet: >>[ . . .] das Ding [ . . . ], auf das sich die Rede [61 )
dabei den Begriff des Falschen: >>Eine Aussage [ein Satz (f.6yo�)]"' ist bezieht [to :n:gay�a :rtEQt o 'Ö dv 6 Myo� fi, auf das sich der Satz''
falsch, wenn sie, insofern sie falsch ist, auf Nichtseiendes geht. Darum erwartungsgemäß bezieht}<.
ist jede Aussage falsch, wenn sie auf etwas anderes bezogen wird als das, Zur Unmöglichkeit des Widerspruchs nun das folgende Argument,
wovon sie wahr ist, z. B. der Begriff des Kreises ausgesagt vom Dreieck. mit dem Dionysodoros, der Euthydemos abgelöst hat, seinen Ge­
Von jedem Gegenstande [Referent] gibt es in dem einen Sinne nur eine sprächspartner zum Schweigen zwingt: >>Aber wenn keiner von uns den
Aussage, nämlich die des Soseins, in anderem Sinne gibt es viele Iogos eines Dings sagt, wie könnten wir dann einander widersprechen?
Aussagen, weil dieses Ding an sich und dieses Ding samt seinen Oder würde ja so des Dings gar nicht erwähnt von keinem von uns ? ­
Affektationen gewissermaßen dasselbe [derselbe Referent] ist, z. B. Auch das gab Ktesippos zu. - Also etwa, fuhr er fort, wenn ich den
Sokrates und der gebildete Sokrates. Die falsche Aussage ist von nichts Iogos von diesem Ding sage, du aber von einem anderen, widersprechen
geradezu Aussage. Darum ist die Ansicht des Antisthenes einfältig, wir dann wohl einander? Oder spreche ich dann zwar etwa von dem
welcher behauptet, es werde immer nur Eins von Einem ausgesagt, Ding [� i';yw f.Eyw �Ev to :n:gawa, e ego lego men to pragma], du aber
nämlich nichts anderes als der ihm zugehörige Begriff [OLXEL<p f.6ycp], sprichst ganz und gar nicht davon? Und wie kann nun wohl, wer gar
woraus sich dann die Folgerung ergab, daß es unmöglich sei zu wider­ nicht von etwas spricht [6 Öe �� f.loywv, ho de me legon], dem wider­
sprechen, ja auch so gut wie unmöglich, falsch zu reden« (Metaphysik, sprechen, der davon spricht?<< (E11thydemos, 286a-b).
1 024 b). Um das Paradoxon aufzulösen, braucht man ti legein (von etwas
Platon legt dem Euthydemos ein ähnliches Argument in den Mund, sprechen) hier nur in der Bedeutung >>etwas benennen<< zu lesen, was
so daß man aus dem Gesprächspartner des Ktesippos übereinstimmend durchaus erlaubt ist. Für jedes Ding, über das man spricht, gibt es eine
ein Double des Antisthenes macht. Wir werden sehen, daß das Mißver­ eigene Benennung, eine einzige. Und umgekehrt entspricht jeder Be- .::·

ständnis (oder die Mißachtung), die das Argument in der Doxographie nennung ein einziger Referent. Wenn Sie also im Glauben, mit jeman­
bis in unsere Tage hervorruft, auf der Doppeldeutigkeit des griechi­ dem über die gleiche Sache zu sprechen, keine Übereinstimmung
schen Verbs AEYELV (legein) beruht: etwas sagen, von etwas sprechen, erzielen können, so liegt das daran, daß Sie und er von verschiedenen
etwas nennen? Dingen sprechen. Denn wäre es ein und dasselbe, so würden Sie ihm
»Wie doch, Ktesippos, sprach Euthydemos, glaubst du, es sei mög­ den gleichen Namen geben und würden demnach das gleiche sagen. Das
lich zu lügen? - Beim Zeus, ja, antwortete er, wenn ich nicht toll bin. ­ EV ecp' E\'6� (hen eph' henos), das Antisthenes von Aristoteles zuge­
Indem man von dem Ding [:n:gay�a] spricht, auf das sich die Rede schrieben wurde, muß verstanden werden als: ein Name pro Bezeichne­
[f.6yo�] bezieht, oder indem man nicht von ihm spricht? - Indem man tes und umgekehrt. Und weil es kein Nichtsein gibt, gibt es keinen
von ihm spricht, sagte er. - Indem er von ihm spricht, spricht er doch Irrtum: Der Referent eines falschen Satzes, einer falschen Aussage ist
nicht von etwas anderem als eben von jenem, von dem er spricht? - Wie kein Nichts, er ist ein anderer Gegenstand als derjenige, auf den sich der
anders, sprach Ktesippos. - Und jenes, von dem er spricht, gehört doch Satz bezieht.
auch zu dem, was ist, und es ist eins davon, abgesondert von dem Die beiden Sophisten des E11thydemos brechen durch die Bresche
übrigen? - Allerdings. - Wer also von jenem spricht, spricht von dem, zwischen dem Sein und dem Sagen in der Dichtung des Parmenides,
was ist, und wer von dem spricht, was ist, der spricht auch Wahres, so jene tiefe Bresche, die bereits die Dialektik des Gorgias auf das »weder
daß Dionysodoros, wenn er von dem spricht, was ist, auch wahr spricht Sein noch Nichtsein<< dessen hin, wovon man spricht, geschlagen hat
und dir nichts anlügt« (E�tthydemos, 283 e- 284 a). (Gorgias-Exkurs). Was kann man vom Referenten sagen? »Bevor<< man
Ich wollte hier � e!l referentiellen Akzent von n f.Eynv (ti legein) weiß, ob das, was man über ihn sagt oder sagen wird, wahr oder falsch

". LYOTARD übersetzt hier griech. f.6yo; mit franz. phrase (A. d. Ü.). '' Cf A. d. Ü. S. 70.
70 71
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DER REFERENT, DER NAME ANTISTHENES

ist, muß man wissen, wovon man spricht. Wie aber kann man wissen, Begriff (6 Myo�::; 6 6gwttx6�::;) etwas von etwas aussagt und das eine die
von welchem Referenten man spricht, ohne ihm Eigenschaften zuzu­ Stelle des Stoffes, das andere die der Form einnehmen muß<< (Metaphy­
schreiben, das heißt ohne bereits etwas über ihn zu sagen? Antisthenes sik, VII; 1 043 b).
stellt, wie manche Megariker und später die Stoiker, die Frage, ob die Trotz der zur Schau getragenen Geringschätzung ist das Zugeständ­
Bedeutung der Bezeichnung vorausgehe oder: umgekehrt. Mit der nis an die These der Benennung beträchtlich: man definiert die einfa­
These der Nennung verläßt er den Zirkel. Man muß den Referenten chen Dinge [simples] nicht, man benennt sie. Es erhellt, wie man
fixieren, der Name ist ein starrer Designator (Bezeichnungsausdruck), OLXELOI::; Myo�::; zu lesen hat. Dieser ist keine Definition, die eine »Reihe
wie Kripke sagt (Naming andNecessity, 1980: 48 [dt. 1981: 59]), der den von Worten<< darstellt, da sie aus mindestens zwei Konstituenten
Referenten fixiert. besteht, aus Subjekt und Prädikat, aus Stoff und Form nach Aristoteles.
Die Bezeichnung ist keineswegs - und kann es nicht sein - die Demgegenüber ist jener keine »Reihe von Worten<<, sondern ein Satz
Angleichung des Myo�::; an das Sein des Seienden. Antisthenes hat mit einer einzigen Position, ein Wort also. Wenn es dem Gegenstand
keinerlei Grund, die These der Ableitung oder Motivation des Na­ >>eignet<<, so liegt das nicht daran, daß es dem Wesen seines Referenten
mens vom Benannten zu verfechten, die Platon dem Kratylos zu­ entspricht (sozusagen ein späteres logisches Problem), sondern weil es
schreibt, obwohl der Autor des Kratylos die Karten gleichsam mit ausschließlich einen Referenten »abgesondert von dem übrigen<<, wie
Vorbedacht durcheinander mischt (Kratylos, 429 c-430a). In Wahr- »Euthydemos<< sagte, bezeichnet. Dieses Wort, ganz gleich welchen
[62] heit kann diese Motivation nicht beschrieben werden, I wenn man grammatikalischen Wesens, hat also den Stellenwert eines Namens. Das
nicht wenigstens schon das Wesen des Benannten unabhängig von von Antisthenes aufgeworfene Problem lautete, in aristotelische Termi­
seinem Namen kennt, was unsinnig ist. Diese Nachahmungskunst, die ni übersetzt, folgendermaßen: Vielleicht kann man das »Sosein<< eines
bei Genette »Namenseponymie« heißt (1976: 1 1-37), steht dem No­ Referenten aussagen, zunächst aber mußte man diesen >>VOr« jeder auf
minalismus des Antisthenes diametral gegenüber. Die Nennung ist ihn bezogenen Prädikation benennen. Das Einfache, I das Elementare [63]
eine aktive Bezeichnung, ein notEiv (Euthydemos, 284 c), das die ist keine Komponente des Gegenstands, es ist vielmehr sein Name, der
Besonderheiten im unbestimmten >>weder Sein noch Nichtsein<< iso­ im Universum des definitorischen Satzes die Situation des Referenten
liert (Gorgias-Exkurs). einnehmen wird. Dies ist ein logisches Grundelement [simple], also
Das zweite von Aristoteles zitierte Paradoxon, das die Bestimmung vorlogisch und in Hinblick auf die Wahrheitsregeln selbst nicht relevant
betrifft, beruht auf der gleichen Vorstellung vom Iogos als Bezeich­ (Wittgenstein, PhU: § 49).
nungsausdruck. Aristoteles zeigt, daß man unter dem Namen Haus
nicht bloß die Ziegelsteine, seinen Stoff, verstehen kann, ohne darun­
ter nicht zugleich auch die endgültige Form ihrer Anordnung, aus der 55
eine Behausung entsteht, zu verstehen. Bleibt man bei der Betrachtung
der Bestandteile, gelangt man nicht zum Wesen (ova(a) des Hauses. Forderung und Illusion der Metaphysik: daß die Namen Eigen­
Wie aber läßt sich dann das Element selbst bestimmen? Aristoteles namen sein müssen, daß ein Gegenstand der Welt unfehlbar auf
meint: »So hat denn der Zweifel eine gewisse Berechtigung, welchen sein Zeichen (seine Bezeichnung) in der Sprache antwortet. Wie
die Anhänger des Antisthenes und die in dieser Weise Ungebildeten wäre sonst, sagt der Dogmatismus, wahrhafte Erkenntnis mög­
vorbrachten, es sei nämlich nicht möglich zu definieren, was etwas ist lich? Wirtgenstein nennt >>Gegenstände« einfach (Tractatus :
('to t( Eattv 6g(aaaitm), da die Definition durch eine Reihe von 2.02), deren Verbindungen die Sachverhalte ergeben (2.01).
Worten ÜtaXQO!::; Myo;) geschehe, sondern man könne nur bestimmen
Diese sind >>Konfigurationen der Gegenstände<< (2.0272) und als
und lehren, wie etwas beschaffen ist; vom Silber zum Beispiel lasse
sich nicht angeben, was es ist, sondern nur, daß es wie Zinn ist. solche unbeständig, die >>Gegenstände« dagegen >>fest« und >>be­
Danach ist dann von einigen Wesen (ousias) Definition und Begriff stehend<< (2.0271). Diesen Gegenständen entsprechen im >>Bil­
(ögov xai 'A.6yov, horon kai logon) möglich, beispielsweise von den de«, hier, in der kognitiven Sprache, die >>Elemente des Bildes«
zusammengesetzten (Dingen), mögen diese sinnlich wahrnehmbar (2. 13). Diese Elemente sind die einfachen Zeichen (3.201), die in
?der denkbar sein; nicht möglich dagegen von denen, aus welchen als ihrer Anwendung im Satz >>Namen<< heißen (3.202). Der >>Ge­
1hren ersten Bestandteilen diese bestehen, sofern ja der definierende genstand« ist die >>Bedeutung<< [im Original deutsch] im frege-
72
73
ts 1

DER REFERENT, DER NAME DA, DAMALS

sehen Sinne\ der Referent des Namens (3.203). Symmetrisch sind Sätze mit gleichem Referenten, die aber nicht unmittelbar
dazu vertritt der Name >>im Satz den Gegenstand<< (3.22). Man miteinander verkettet sind. Woher weiß man, daß der Referent
kann also die Gegenstände nur nennen (3.221), ohne sie zu derselbe ist? Derselbe bedeutet zumindest, daß er innerhalb
erkennen. Zwischen den einfachen Dingen und den Elementen gemeinsamer und zugänglicher Bezugssysteme am gleichen Ort
gibt es >>Fühler« (2. 15 15). Ihre Unbeweglichkeit ermöglicht die ausfindig zu machen ist. Dazu dienen die Namen der Chronolo­
Erkenntnis des Unbeständigen, der Sachverhalte. - Dennoch gie, der Topographie, der Anthroponymie usw. Ist der Referent
erfordert die Erkenntnis mehr als die lexikalische Entsprechung einmal in diesen Systemen verortet, so verliert er die Markierun­
zwischen der Sprache der Elemente und der Dingwelt. Die gen des aktuell >>Gegebenen« : da, in diesem A ugenblick. Ort und
Elemente der Sprache und die einfachen Dinge der Welt müssen Zeitpunkt, an denen er gegeben war, können zum Gegenstand
zusätzlich noch die Regel ihrer Anordnung >>gemein« haben beliebig vieler Validierungen werden. Da und damals können
(2. 1 7, 2 . 1 8). Die Form des Bildes, die propositionale Form, nicht mit dem gleichen Referenten wiederholt werden, in der
wenn das Bild logischer Natur ist, stellt eine Art >>Maßstab« dar, letzten Reihe rechts der Salle Pleyel und am 23. Dezember 1957
der an die Wirklichkeit >>angelegt« wird (2. 1512). Dazu ist sie dagegen schon, wie es scheint.
nur tauglich, wenn die Wirklichkeit wie das Bild geformt ist.
Wie aber läßt sich diese Gleichförmigkeit oder Gemeinsamkeit 57
beweisen? Die >>Form der Darstellung« oder >>Abbildung«
(2. 1 73) läßt sich nicht darstellen oder abbilden, ohne daß sie »Das Wesentliche ist die Verkettung von mindestens zwei Sät-
vorausgesetzt wird (petitio principii). Nun beherrscht diese Vor­ zen« (Nr. 53). Kripke legt seine Vorstellung der »Kette« dar:
aussetzung aber auch die lexikalische Theorie: es müßte hier eine >>Sagen wir, es wird jemand geboren, ein B aby; seine Eltern
[64) umkehrbar eindeutige Abbildung (durch I »Fühler«) zwischen rufen es mit einem bestimmten Namen. Sie reden mit ihren
den Namen und den einfachen Gegenständen geben. Da aber das Freunden über es. Andere Leute kommen mit ihm zusammen.
einfache Ding kein Gegenstand der Erkenntnis ist, kann man [ . . . ] Eine bestimmte Kommunikationskette, die letztlich bis zu
nicht wissen, ob die Benennung eines einfachen Gegenstandes dem Mann [dem Kind] selbst zurückreicht, erreicht den Spre-
wahr oder falsch ist. cher [der sich am entfernten Ende dieser Kette befindet]« (Nam-
ing and Necessity, 1 980 : 91 [dt. 1981 : 1 07]). Wesentlich ist:
>>Seine Eltern rufen es mit einem bestimmten Namen. Sie reden
56 mit ihren Freunden über es.« Der Sender, der sich >>Kant«
Die Wirklichkeit ist mit dem Universum des ersten Satzes von schreibt, war zuvor der Empfänger eines : >>Ich taufe dich auf den
Hans (Nr. 49) >>gegeben«. Zumindest zeigt dies die Gegenwart Namen Kant« und der Referent eines : >>Kant hat diese Woche
der deiktischen Indikatoren da, damals an. Aber die Markierun­ schön zugenommen«. Wie ein deiktischer Ausdruck ist der
gen dafür, daß der Referent dem Sender des aktuellen Satzes Eigenname ein Designator, er besitzt nicht mehr Bedeutung
>>gegeben« ist, genügen nicht zur Entfaltung einer Wirklichkeit. (�ignification] als jener, er ist nicht mehr als jener das kürzelhafte
Gegenargumente durch den Traum, die Halluzination, die Sin­ Aquivalent einer bestimmten Beschreibung oder eines I Bündels [65]
nestäuschung, den Idiolekt im allgemeinen. Die Wirklichkeit von Beschreibungen (ibid. ). Er ist eine bloße Markierung der
muß belegt werden, und sie wird umso besser belegt, je mehr designativen Funktion. Im Unterschied aber zu den deiktischen
unabhängige Zeugnisse man anführen kann. Diese Zeugnisse Indikatoren ist diese Markierung vom >>aktuellen« Satz unab­
hängig. Bei Personennamen rührt die Unabhängigkeit dieser
Markierung vom aktuellen Satz daher, daß sie über die Sätze
,_ Cf A. d. Ü. S. 34 f. hinweg invariabel bleibt, während sich das von ihr Markierte
74 75
7 2
H i-t$ $

DER REFERENT, DER NAME STARRE DESIGNATOREN

bald in der Situation des Senders, bald in der des Empfängers, 59


bald des Referenten (und manchmal gar des grammatischen Die Starrheit der N ominaldesignatoren [designateurs nominaux]
Prädikats : »Das ist ein Kant«) befindet. Die Starrheit des Na­ erstreckt sich auf ihre Bezüge. Der Abstand zwischen dem >>als
mens liegt in dieser Unveränderlichkeit. Er bezeichnet dasselbe, ob hier«, identisch mit Rom, und dem >>als ob dort«, identisch
weil er derselbe bleibt. Die anderen >>möglichen Universen<< mit Bologna, legt ein anderer Satz in zeitlicher und räumlicher
(Nr. 1 8, 25), die der Eigenname unverändert durchquert, sind Hinsicht fest. Der Abstand kann mittels der >>Reise« festgestellt
nicht nur die der verschiedenen Beschreibungen, die an ihn werden, das heißt mit der Namensparade der verschiedenen
geknüpft sein können: Kant, der Autor der »Kritik der reinen Durchgangsorte an Stelle von hier und mit der Namensfolge der
Vernunft«; Kant, der Autor der »Kritik der Urteilskraft«; Kant, verschiedenen dazwischenliegenden Zeitpunkte an Stelle von
dessen letzte Tage Thomas de Quincey erzählt . . Es sind dies
.
jetzt. Die Größe des Abstands kann nicht festgestellt werden, sie
zunächst die Satz-Universen, in denen er verschiedene Situatio­ setzt gleichfalls einen invariablen Designator voraus, eine Maß­
nen in bezug auf die Instanzen einnimmt: Ich nenne dich Kant; einheit: Fuß, Meile, Meter, Zeiteinheiten. Dieser Designator
Lieber Bruder, ich umarme Dich, gez. Kant; Man könnte sagen: durchquert die Universen der Sätze ohne jede Veränderung, da
kantisch; Kant schrieb damals die »Beobachtungen über das er ein Name ist (Wittgenstein, Ph U: § 50; Kripke, 1980: 54-55
Gefühl des Schönen und Erhabenen«. [dt. 198 1 : 66-67]). Man sagt: Dies ist ein Meter entsprechend
wie : Dies ist Rom, und erst >>danach« fragt man sich, was das sei,
58 und versucht das Benannte zu definieren. - Möglich, daß die
Logik der Farben unter dem Aspekt der referentiellen Funktion
Die Namen transformieren jetzt in ein Datum, hier in eine der Farbennamen zu untersuchen wäre (Gorgias-Exkurs). Auch
Ortsangabe, ich, du, er in Hans, Peter, Ludwig. Und selbst das diese Namen werden empfangen. Auch sie vermitteln keinerlei
Schweigen kann Göttern zugeschrieben werden (L. Kahn, Erkenntnis darüber, was sie benennen. Ist der Satz: Dies ist rot
1 978). Die auf den Kalendern, Landkarten, Stammbäumen, in rätselhafter als : Dies ist Rom?
den Standesämtern versammelten Namen sind Indikatoren einer
möglichen Wirklichkeit. Ihre Referenten - Zeit- und Ortsanga­
ben, menschliche Individuen - stellen sie als Gegebenheiten dar. 60
Ein Satz, sonst ohne deiktische Markierung, stellt Rom statt dort
unten dar. Der Name von Rom hat deiktische Funktion: Der Netze von quasi-deiktischen Indikatoren, die aus Namen von
Referent, der Sender und der Empfänger sind situiert durch den >>Gegenständen« und Namen von Bezügen gebildet sind, be­
Bezug zu einem >>als ob hier«. Dieser quasi-deiktische Indikator zeichnen die >>Gegebenheiten« und die zwischen ihnen gegebe­
bleibt, weil ein Name, über die Folge von Sätzen hinweg unver­ nen Bezüge, das heißt eine Welt. Ich nenne es Welt, weil sich
ändert, was nicht für den deiktischen Ausdruck zutrifft (in diese Namen als >>starre« jeweils auf etwas beziehen, auch wenn
einem Briefwechsel kann das Hier des Satzes p das Dort des dieses etwas gar nicht da ist; und weil dieses etwas für alle Sätze,
Satzes q sein). Rom ist ein >>Bild« vieler Hier, die in vielen Sätzen die sich mit seinem Namen auf es beziehen, als ein gleiches gilt;
aktualisiert werden (das Hier, von dem Titus Livius spricht, das und auch deshalb, weil jeder dieser Namen unabhängig ist von
Hier, an dem unsere Freunde B. wohnen). Dieses fixe Bild den Satz-Universen, die sich darauf beziehen, insbesondere von
wurde unabhängig, und zwar durch die Nennung des Univer­ den Sendern und Empfängern, die in diesen Universen darge­
sums, das von dem Satz dargestellt wird, in dem es »aktualiter« stellt sind (Nr. 56). - Das soll nicht heißen, daß das Etwas, das in
[66] seinen Platz hat. I mehreren Sätzen den gleichen Namen besitzt, auch dieselbe
Bedeutung hat. Es kann unterschiedlich beschrieben werden,
76 77
DER REFERENT, DER NAME DIE »ROTE BLUME<<

und die Frage nach seiner Erkenntnis wird mit seinem Namen Ausdruck >>hier<< des letzten Satzes entfernt und durch Koordi­
nicht abgetan, sondern erst aufgeworfen. Die Erkenntnis kann naten von Systemen ersetzt werden, die vom aktuellen Satz
dazu führen, den Namen zu verwerfen, jhn durch andere zu unabhängig sind (>>die Blume, die im botanischen Labor des
ersetzen, neue Namen gelten zu lassen oder zu erfinden. Die Instituts x am 1 7. April 1 96 1 von y beobachtet wurde<<).
Namen unterliegen dem Prinzip, das dem Antisthenes zuge­
schrieben wird: ein Name pro Referent, ein Referent pro Name.
[67] Wenn sich die Beschreibungen I von >>Morgenstern« und 62
>>Abendstern<< entsprechen, so erhält deren Referent einen einzi­ Sind diese Markierungen des selbstreferentiellen Universums
gen Namen. (Und umgekehrt im Falle der Homonyme.) - Wie (die deiktischen Indikatoren) einmal ausgeschlossen, so kann
aber kann man sicher gehen, daß es nur einen Referenten gibt, jede beliebige >>rote Blume<<, die nicht vom ursprünglichen Satz
wenn er sich an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen als Referent I dargestellt wurde, die Referenz-Instanz des asten- [68]
Zeiten zeigt? - Weil sich die Wirklichkeit nicht aus der Ostension siven Satzes besetzen, wenn sie den kognitiven Satz, der das Rot
allein ergibt. Die deskriptiv ermittelten Eigenschaften können definiert, validieren kann. Demnach können alle Blumen, die
erklären, daß sich die Ostensionen unterscheiden (Hypothese der eine Strahlung mit einer Wellenlänge im 650 bis 750 Nanometer-
Erdbewegungen); die Ostensionen bestätigen diese Eigenschaf­ Band aussenden, als Beispiele zur Validierung des kognitiven
ten (es ist der Fall); und wenn man schließlich in Erfahrung Satzes dienen. Selbstverständlich wird diese Möglichkeit niemals
bringen kann, daß die Ostensionen selbst verschiedenartig sind, ausgeschöpft, da sie eine Totalität, nämlich die der roten Blu-
so deshalb, weil die deiktischen Indikatoren durch Kalenderna­ men, betrifft. Die Realität unterliegt dieser Umkehrung : sie war
men, durch Entfernungsangaben bezüglich bereits benannter die vom Satz beschriebene Gegebenheit und ist nun zum Archiv
Sterne usw. ersetzt werden; diese beziehen das Gezeigte nicht geworden, aus dem man die Belege und Beispiele schöpft, die die
mehr aUf den >>aktuellen<< ostensiven Satz, sondern auf eine Welt Beschreibung validieren. - Aber der Beleg enthält dennoch eine
von Namen, die von den Ostensionen unabhängig ist. quasi-deiktisch angelegte Orientierungsmarke : das Rot in einem
chromonymischen Katalog. Und auch der deskriptive Satz ist
61 nicht davon ausgenommen, da der Ausdruck Nanometer, der ins
metronymische Lexikon gehört, ebenfalls rein referentiellen
Ein kognitiver Satz wird dank eines anderen, eines ostensiven Charakter besitzt. Die Beschreibung kann sich der Benennung
oder monstrativen validiert. Dieser lautet: Da ist ein Fall dafür. In nicht entledigen, die Referenz kann nicht auf die Bedeutung
diesem Satz verweist dafür auf den kognitiven Satz. Eine Realität reduziert werden (Tarski, 1 944, II: 295). Die ausschließlich refe­
soll gezeigt werden, und zwar als ein Beispiel, für das der rentielle Funktion der Benennung weist der Beschreibung (der
kognitive Satz wahr ist. Die Ostension muß von deiktischen Erkenntnis) den Weg einer endlosen Verfeinerung':· . Aber der
Indikatoren befreit werden und den Referenten in Systemen Wirklichkeit?
unabhängig vom »ich-hier-jetzt<< darstellen, so daß der Empfän­
ger mit Hilfe der Orientierungsmarken dieser Systeme die Osten­
sionen wiederholen könnte. Der Satz: Da ist eine rote Blume 63
wird in zwei Sätze verwandelt: »Das Rot entspricht Strahlungen Aber man kann doch einen Namen, dessen Referent real ist, und
mit Wellenlängen im 650 bis 750 Nanometer-Band, die von einen Namen, dessen Referent es nicht ist, auseinanderhalten?
einem Gegenstand ausgesendet werden<< - ein kognitiver Satz
(eine Definition); und : >>Die Farbe der Blume, für die hier ein
Fall vorliegt<< - ein ostensiver Satz. Es muß noch der deiktische �- Wortspiel im Franz. : raffinement sans fin (A. d. Ü.).
78
79
DER REFERENT, DER NAME BEDEUTEN, BENENNEN, ZEIGEN

Wir stellen doch Bonaparte und Jean Valjean, die Insel Utopia annimmt, daß ihm gänzlich (beständig) gezeigt wird, was dem
und die Terra Americana nicht auf dieselbe Stufe. Niemand >>aktuellen<< Empfänger des ostensiven Satzes verborgen ist. In
außer den Figuren aus den Elenden (in einem System von dieser Hinsicht besteht wenig Unterschied zwischen dem Gott
Namen, die die >>Welt« dieses Buches ausmachen) ist je Jean der Cartesianer und dem anteprädikativen cogito der Phänome­
Valjean begegnet, niemand hat je den Fuß auf Utopia gesetzt nologen. Beide nehmen eine Entität an, die sich im Status eines
(Raphael Hythlodeus hat vergessen, die Meridiane der Insel >>kosmischen Exils<< befindet (McDowell, in Bouveresse, 1980:
anzugeben). Der Name bezeichnet quer durch die Satz-Univer­ 896).
sen, und zwar auf >>Starre« Weise, er schreibt sich in Namensge­
flechte ein, die die Ortung von Wirklichkeiten ermöglichen,
65
aber er versieht seinen Referenten nicht mit einer Wirklichkeit.
Wenn Phlogiston und Wasserstoff Namen sind, so hat nur der Der Referent, wirklich oder nicht, wird im Universum eines
zweite einen realen Referenten, nicht der erste. - Aber Valjean Satzes dargestellt, also mit Bezug auf eine Bedeutung situiert. In
>>begegnen« und >>den Fuß auf Utopia setzen« sind keine Proben Die Tür ist offen etwa untersteht die Bedeutung, auf die der
auf die Wirklichkeit. Noch einmal: Das ist Caesar ist kein Referent bezogen wird, dem Regelsystem deskriptiver Sätze.
ostensiver, sondern ein Nennsatz. Aber er findet ebenso vor (Dabei ist es wichtig zu beachten, daß die Bedeutung nicht
einem Bild Caesars wie vor Caesar >>statt<< (Marin, 1 98 1 : 279- immer im Rahmen dieses Regelsystems dargestellt wird und
284) : weil die Nennung des Referenten nicht bedeutet, daß seine folglich der Referent nicht immer die Stelle des Aussagesubjekts
[69] >>Anwesenheit<< gezeigt wird. I Bedeuten ist eine Sache, benen­ [sujet de l'enonce] einnimmt. Ein präskriptiver Satz wie Öffnen
nen eine andere und zeigen noch eine andere. Sie die Tür stellt eine Bedeutung dar, ohne daß der Referent
[etwa: die im nächsten Augenblick von Ihnen geöffnete Tür]
64
Gegenstand einer Beschreibung wäre. Ein Exklamativ: Welch
eine Tür! Immer offen!, ein Interrogativ: Hat er die Tür geöff-
Wenn man zeigt, daß x ein Fall des kognitiven Satzes x ist P ist, so net?, ein narrativer Satz: Die Tür geht auf sind jeweils sinnvoll,
wird x als real dargestellt. Weil der ostensive Satz seinen Refe­ während ihr I Referent nicht nach den Regeln der Deskription [70]
renten als gegeben darstellt, kann er eine Beschreibung mit bedeutet wird.) Welches Regelsystem den vorangehenden Satz
kognitivem Anspruch validieren. Daß etwas gegeben ist, bedeu­ auch bestimmen mag, die Wirklichkeit des Referenten darf nur
tet zugleich, daß der Referent dieser Beschreibung da ist und daß als Antwort auf eine Frage, die sich auf diesen Satz bezieht,
er da ist, selbst wenn er nicht gezeigt wird. Er würde selbst ohne bestätigt werden, etwa: Um welche Tür handelt es sich ? Die
Satz, >>außersprachlich<< existieren (Nr. 47, 48). Dem Gegner
- gängige Antwort besteht in einem ostensiven Satz: Um diese
fällt es nun leicht, denjenigen, der die Realität eines Referenten hier. Dieser Satz reicht nicht hin, um den vorangehenden zu
behauptet, zu widerlegen, indem er ihn auf das folgende Dilem­ validieren. Die Lokalisierung der Tür muß unabhängig vom
ma festnagelt: entweder ist der gezeigte Referent nur das Gezeig­ aktuellen Satz ermöglicht werden. Also greift man auf das
te und damit nicht notwendigerweise real (er kann eine Erschei­ Namenssystem zurück: Die Tür von Alberts Haus, die nach
nung usw. sein) ; oder er ist mehr als das Gezeigte und ebenfalls Westen geht 1 Mit den Namen werden stabile und allgemeingültl=J
. <

nicht notwendigerweise real (woher will man wissen, daß real ge Raum-Zeit-Gefüge eingeführt. Deskriptiv: Das politische
sein soll, was nicht da ist?). Dieses Dilemma trifft die Philoso­ Zentrum des Reiches ist eine Hauptstadt. Nominativ: Diese
phien der Monstration (des Zeigens; Descombes, 1 9 8 1 a ). Im all­ Hauptstadt heißt Rom. Ostensiv: Da ist Rom (Diese Stadt hier
gemeinen entziehen sie sich ihm dadurch, daß sie auf die Zeugen­ ist der entsprechende Fall). Ein anderes Beispiel: Hic Rhodus, hic
aussage eines unfehlbaren Dritten rekurrieren, von dem man salta. Salta stellt die Bedeutung im Regelsystem der Präskription
80 81
DER REFERENT, DER NAME REALITÄT UND REFERENT

dar, Rhodus den Namen, hic markiert die Ostension. Wirklich voraus, daß x den gleichen Referenten bezeichnet und daß man
ist der Referent, der sich in diesen drei Situationen als der gleiche ihm P oder Q zuschreibt. Diese Voraussetzung ist an die Nen­
. nung von x gebunden. Nicht die Bedeutung also kann die
erweist: bedeutet, benannt, gezeigt. Also jeweils: In einem
Internierungslager wurde mittels einer Zyklon-E-Gaskammer Identität der beiden Referenten erbringen, sondern die leere
Massenvernichtung praktiziert; es heißt Auschwitz; da ist es. >>Starrheit« des Namens. Wenn letzterer als Bindeglied zwischen
Ein vierter Satz erklärt, daß der bedeutete, der benannte und der einem ostensiven Satz mit seinen deiktischen Indikatoren und
gezeigte Referent identisch sind. irgendeinem anderen Satz mit seiner oder seinen Bedeutung(en)
fungieren kann, so deshalb, weil er von der aktuellen Monstra­
tion unabhängig und bedeutungsleer ist und dabei zugleich die
66 doppelte Fähigkeit besitzt: zu bezeichnen und bedeutet zu
Die Referenz-Identität der drei Sätze ist nicht ein für alle Male werden. Daß er aber tatsächlich als ein Bindeglied fungiert und
erwiesen. Sie muß »jedesmal<< bestätigt werden. Denn sie wird seinen Referenten mit einer Wirklichkeit versieht - dies zumin­
von den deiktischen Indikatoren des ostensiven Satzes be­ dest ist zufällig. Darum steht die Wirklichkeit niemals fest (ihre
stimmt, und diese bezeichnen das Bezeichnete nur in dem Wahrscheinlichkeit ist nie gleich 1 ).
Augenblick, in dem der Satz »Stattfindet<< . Dies ist der Fall zeigt
zum Zeitpunkt t + 1 nicht unbedingt denselben Referenten vor 67
wie Dies ist der Fall zum Zeitpunkt t. Um sicher zu gehen,
wendet man sich an den Namen : Rom ist der Fall. Indessen Die Realität des dies (dessen, was ein ostensiver Satz zeigt) ist
bezieht sich dieser starre Designator, der Name, zweifellos auf beispielsweise notwendig, um einen kognitiven Satz, dessen
einen beständigen Referenten, der Referent der Benennung aber Referent denselben Namen wie dies trägt, zu validieren. Sie ist
ist selbst unabhängig vom Vorzeigen (das Portrait Caesars ist keine Eigenschaft, die dem Referenten, der diesem Namen
Caesar; das Meter ist das Meter, unabhängig von diesem Metalli­ entspricht, zugeschrieben werden kann. Das ontologische Ar­
neal; Kripke, 1980: 54-56 [dt. 198 1 : 66-68]). Man stürzt sich gument ist falsch, und dies scheint zu genügen, um sich den
dann wieder auf die Identität von Beschreibungen, die zum spekulativen Weg, der die Äquivalenz von Bedeutung und Reali-
B enannten passen. Man sagt, Rom ist der Fall zum Zeitpunkt t tät fordert, zu versagen (Abschnitt: »Das Resultat«). Aber die
und Rom ist der Fall zum Zeitpunkt t + 1, wenn Rom in den Realität des dies ist auch keine >>Setzung<< des Referenten, eine
beiden Fällen dieselben Eigenschaften gelten läßt. Was aber die Setzung, die bei Kant der >>Darstellung<< eines der Rezeptivität
Bedeutung betrifft: der Referent zur Zeit t und der Referent zur (der Sinnlichkeit) in Anschauungsformen >>Gegebenen<< ent­
[71] Zeit t + 1 können nur mittels einer I tautologischen Proposition spricht. Diese >>Darstellung<< ist keine reine >>Wahrnehmung<<
identifiziert werden : xt ist P xt + 1 ist P. Wie kann man wissen,
=
eines Gegebenen durch ein >>Subjekt« (Kant-Exkurs I). Sie ist
ob es sich um das gleiche x handelt, wenn ihm verschiedene der Familienname ostensiver Sätze : Dieses dort, jenes von neu-
Eigenschaften zugeschrieben werden, wie etwa in folgenden lich (entsprechend ist die Präskription der Familienname von
Sätzen : x ist die Hauptstadt des Reichs, und : x ist die Stadt, in der Befehlssätzen, Bitten usw.). Sie greift auf deiktische Operatoren
der Senat tagt (oder, um nicht immer Deskriptive anzuführen: x zurück. Die Realität kann nicht allein von der Bedeutung abge-
muß belagert werden) ? Das ist nur möglich, wenn man ein leitet werden, aber auch nicht von der Ostension allein. Es
�ese.n von x im. aristotelischen Sinne oder einen Begriff von x im genügt nicht zu I folgern, daß sie beide zusammen erfordert. [72]
le1bmz , sehen Smne voraussetzt, deren Definition die beiden Man muß zeigen, wie sich das Ostensiv: Es ist dies und das
Prädikate enthält. Dieses Wesen oder dieser Begriff von x wird Deskriptiv: Es ist die Stadt, die die Hauptstadt des Reichs ist zu :
folgendermaßen formuliert: x ist (P, Q). Dies setzt seinerseits Dies ist die Stadt, die die Hauptstadt des Reichs ist verknüpfen.

82 83
DER REFERENT, DER NAME BEDEUTUNGEN UND NAMEN

Der Name fungiert als Bindeglied. Rom ersetzt den deikti­ (wenn es stimmt, daß die Namen von Farben den Eigennamen
schen Indikator (Es ist Rom) und nimmt im Deskriptiv die entsprechen; cf Nr. 6 1 ; Gorgias-Exkurs) über Schnee, Bettla­
Stellung des Referenten ein (Rom ist die Stadt, die die Hauptstadt ken, Papier und die damit verbundenen Bedeutungen (darauf
des Reichs ist). In Sätzen verschiedener Regelsysteme kann es rutschen, sich hineinlegen, darauf schreiben) und möglichen
andere Instanzen besetzen: Rom, du einziger Gegenstand meines Ostensionen (Das hier, das ist Schnee usw.), deren Validierung
Grolls!, Ich (Rom) erkläre Sie zum Ketzer usw., Sätze, die das wiederum auf Namen verweist (Du weißt, wie in Chamonix).
Deskriptiv unseres Beispiels ersetzen können. Der Name erfüllt Desgleichen bei Aristoteles.
diese Funktion als Bindeglied, weil er ein leerer und konstanter
Designator ist. Seine deiktische Reichweite ist unabhängig vom 69
Satz, in dem er aktualiter erscheint, und er kann eine Vielzahl
von semantischen Valeurs annehmen, weil er nur diejenigen Wie ist die Bedeutung mit den Namen verbunden, wenn doch
ausschließt, die mit seiner Stellung im Namensgefüge unverein­ der Name nicht durch die Bedeutung und die Bedeutung nicht
bar sind (Rom ist kein Datum, Rom befindet sich in Italien oder durch den Namen determiniert wird? Kann man die Verkettung
in den Staaten Georgia, New Y ork, Oregon oder Tennessee, von Namen und Bedeutung verstehen, ohne auf die Idee einer
nicht aber in Kalifornien usw.). Erfahrung zu rekurrieren? Eine Erfahrung kann nur mittels
einer phänomenologischen Dialektik beschrieben werden. Bei­
spielsweise die perzeptive Wahrnehmung: Aus diesem Blick­
68 winkel betrachtet, ist dieses Ding weiß, aus jenem anderen
Entspricht diese eben beschriebene Funktion des Namens nicht betrachtet grau. Gerade war es noch weiß, nun ist es grau - das
derjenigen, die Kant dem Schematismus zuweist (Kritik der ist das Ereignis. Sicher ist es nicht zur gleichen Zeit und unter
reinen Vernunft, Analytik der Urteilskraft) ? Auch dieser dient dem gleichen Gesichtspunkt weiß und grau, aber wenigstens in
der Verknüpfung des Sinnlichen mit dem Begriff. - Aber erstens der Sukzession. Weiß und Grau müssen zusammen auf den
wirkt der Schematismus ausschließlich im Rahmen der Validie­ gleichen Referenten bezogen werden, das eine als seine aktuelle,
rung eines kognitiven Satzes, nicht so der Name. Und zweitens das andere als seine aktuell mögliche Farbe. Der Konstitution
muß er in der kritischen Reflexion als ein notwendiges Apriori der räumlichen Existenz des Referenten (dreidimensional) ent­
der Erkenntnis (im kantischen Sinne) abgeleitet werden. Zwei­ spricht seitens der wahrnehmenden Instanz die zeitliche Synthe­
fellos leite ich hier die Funktion der Namen aus der Behauptung se aufeinanderfolgender Abschattungen. Auf diese Weise bilden
der Wirklichkeit ab, kann aber nicht ihre jeweilige Besonderheit sich >>Objekt<< und »Subjekt<< gemeinsam an den beiden Polen
ableiten : Rom, Ausschwitz, Hitler . . . Ich kann sie nur erlernen. des Blickfeldes. - Bei dieser Beschreibung muß einzig im Auge
Die Namen lernen bedeutet, sie mit Hilfe von Sätzen auf andere behalten werden, daß sie in die Konstitution der Wirklichkeit
Nam �n zu beziehen. Auschwitz ist eine südpolnische Stadt, bei das Mögliche einschließt. Das betrachtete Ding besitzt eine
der d1e NS- Lagerverwaltung 1940 ein Vernichtungslager errich­ Rückseite, die nicht mehr oder noch nicht sichtbar ist und es
tete. Das ist kein Schematismus wie die Zahl. Ein Namenssystem doch sein könnte. Der Phänomenologe sagt: Ebenso vollzieht
stellt eine Welt dar, die Universen, die von den mit Namen sich das Sehen nicht auf einer Linie, die den Sehenden und das
ausstaffierten Sätzen dargestellt werden, sind bedeutete Bruch­ Gesehene verbindet, sondern innerhalb eines Sichtfeldes voller
stücke dieser Welt. Das Erlernen eines Namens vollzieht sich auf flüchtig wahrgenommener Lateralitäten. Beim Sehen oszilliert
dem Wege über andere Namen, die bereits Bedeutungen tragen der Blick fortwährend zwischen dem Aktuellen und dem Mögli­
[73] und von deren Referenten man weiß wie sie I durch ostensive chen. Die Wirklichkeit läßt sich also nicht durch einen Satz
Sätze gezeigt werden können. Beispi elsweise erlerne ich weiß ausdrücken wie : x ist derart, sondern durch einen Satz wie : x is t
84 85

(
DER REFERENT, DER NAME CoGrTo

so und nicht so (Nr. 8 1 , 83). Der Behauptung der Wirklichkeit der Wirklichkeit (das »weder Sein noch Nichtsein«) führt Gor-
entspricht eine Beschreibung, die hinsichtlich der Negation gias zu dem Prinzip, daß >>die Beweise alles sagen«, was den
inkonsistent ist. Diese Inkonsistenz kennzeichnet die Modalität Philosophien der Beweisführung und den Satzanalysen den Weg
[74] des Möglichen. I ebnet. Im Gegenteil erlaubt es das monotheistische und mono­
politische Prinzip, daß man die Neutralisierung der Wirklichkeit
- oder zumindest die Begrenzung der Ostension durch die Regel
70
des Möglichen - der Endlichkeit zuschreiben kann, di � auf e!nen
Der ostensive Satz, das heißt das Vorzeigen des Falles, spielt Zeugen trifft, dem der Genuß des Ganzen versagt 1st. Dtes : r
zugleich auf das an, was nicht der Fall ist. Ein Zeuge, das heißt bleibt einem absoluten Zeugen vorbehalten (Gott, Caesar). Dte
der Sender eines ostensiven Satzes zur Validierung einer Be­ Idee der Erfahrung verbindet das Relative und das Absolute. Die
schreibung, bestätigt mit diesem Satz die Wirklichkeit dieses dialektische Logik hält die Erfahrung und das Subjekt I der [75]
oder jenes Aspekts einer Sache (oder glaubt sie zu bestätigen) . Erfahrung im Relativen fest, die spekulative Logik stattet sie mit
Dabei muß er aber ebenso die Möglichkeit anderer Aspekte, die der Eigenschaft der Akkumulation (Resultat, Erinnerung [im
er nicht zeigen kann, einräumen. Er hat nicht alles gesehen. Original deutsch]) aus und setzt sie in eine stetige Beziehung
Wenn er behauptet, alles gesehen zu haben, ist er nicht glaub­ zum letzten Absoluten (Hegel-Exkurs).
würdig. Glaubwürdig ist er nur darin, daß er nicht alles, sondern
nur diesen oder jenen Aspekt gesehen hat. Er ist also nicht
72
vollständig glaubwürdig. Darum erliegt er dem Dilemma
(Nr. 8): Entweder Sie waren nicht dort und können nicht aussa­ Das moderne cogito (Augustinus, Descartes) ist ein Satz, der
gen; oder Sie waren dort, konnten demnach nicht alles sehen und seinen aktuellen Sender mittels der Markierung der ersten Per­
können nicht alles bezeugen. Die dialektische Logik, die die Idee son darstellt und auf die Existenz dieses Senders schließt. Die
der Erfahrung beherrscht, stützt sich ebenfalls auf diese Inkonsi­ pronominale Markierung verfährt wie ein deiktischer Indikator.
stenz hinsichtlich der Negation. Ieh [jep legt die gleichen Eigenschaften wie dies an den Tag,
nicht mehr und nicht weniger. - Nun garantiert ein deiktischer
71 Ausdruck nicht allein die Gültigkeit [validite] dessen, was er
bezeichnet. Der - reale - Referent ist da, selbst wenn >>er nicht da
Die Idee von Erfahrung setzt die eines Ichs [jeJ voraus, das sich ist<< (Nr. 47, 48). Er muß das Universum des aktuellen Satzes
>>bildet<<, indem es die Eigenschaften der ihm begegnenden transzendieren. Der deiktische Indikator hat außerhalb des Satz­
Dinge (Ereignisse) aufnimmt und mit der Erstellung ihrer zeitli­ Universums, das er aktualiter bezeichnet, keine Verweiskraft.
chen Synthese die Wirklichkeit konstituiert. Bezüglich dieses Somit drängen das ich aus Ich denke und das ich aus Ich bin zur
Ichs sind die Ereignisse Phänomene. Daraus bezieht die Phäno­ Synthese. Tatsächlich schreibt Descartes, >>daß dieser Satz >Ich
menologie ihren Namen. Aber die Idee des Ichs und der mit ihm bin, ich existiere<, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken
v�rbundenen Erfahrung ist zur Beschreibung der Wirklichkeit fasse, notwendig wahr ist<< (Meditationen, Il, § 3). Aber von
m �ht notwendig. Sie entspringt der Unterordnung der Wahr­ einem zum anderen Mal ist nicht gewährleistet, daß ich derselbe
heitsfrage unter die Lehre der Evidenz. Diese Lehre wurde von bin. Die Synthese der aktuellen Evidenzen (Ostensionen) erfor­
Augustin us und Descartes auf der Basis des ontologischen Rück­ dert gemäß dem Prinzip dieser Philosophie ihrerseits eine aktu-
.
zugs (Hetdegger) oder, wie ich lieber sagen würde' auf der Basis
d�s logische � »Ruhestandes<<, der den Nihilismus eines Gorgias
nahn (Gorgtas-Exkurs), aufgebaut. Aber die Neutralisierung >:- Also der Nominativ der 1. Person Singularis (A. d. Ü.).
86
87
........................................._� =�
'··
'-'"� e•· ·
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·umw r
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IL.J ..
-....... ............................... ----------------

DER REFERENT, DER NAME DIE ERSETZBARKElT VON NAMEN

elle Evidenz, die mit den anderen zur Synthese vereint werden 74
muß (Hume, A Treatise of Human Nature [ 1 739], 1 895-1906, Apriori läßt sich nicht bestimmen, welche Bedeutungen einem
II : 288-302). Ein Subjekt ist also nicht die Einheit >>seiner« Er­
realen Referenten anhaften. Er ist der >>Fall« von Bedeutungen,
fahrung. Die Realitätsbehauptung kann sich den Gebrauch zu­ die von noch nicht eingetroffenen Sätzen dargestellt werden.
mindest eines Namens nicht ersparen. Durch ihn, durch dieses Mittels Beschreibungen (die Namen enthalten) werden Aristote·
leere Bindeglied können sich ich zum Zeitpunkt t und ich �um les Bedeutungen zugeschrieben : der in Stageira geborene Philo­
Zeitpunkt t + 1 miteinander und mit Hier bin ich (Ostenswn) soph, der Schüler von Platon, der Erzieher Alexanders. In �enn·
verknüpfen. Die Möglichkeit der Wirklichkeit ist - zusammen sätzen können sie Aristoteles jederzeit ersetzen: Das zst der
mit der des Subjekts - in Namensgeflechten festgelegt, noch
Erzieher Alexanders kann ohne Beeinträchtigung des referen·
»bevor« sich die Wirklichkeit in einer Erfahrung zeigt und dort
tiellen Werts (Starrheit der NamensgeHechte) Das ist Aristoteles
Bedeutung annimmt.
ersetzen. Allerdings weiß man im voraus nicht, wieviele und
welche derartigen Beschreibungen angemessen sind. Immer
73 wenn ein Satz (eines Historikers, eines Philosophen, eines Philo­
logen) stattfindet, in dem A ristoteles oder eines seiner möglichen
Hieraus ergibt sich, daß die Wirklichkeit nicht aus einer Erfah­ Ä quivalente bedeutet wird, kann darum ein neuer Ausdruck
rung resultiert. Das hindert keineswegs, si� u?ter dem Ges!chts­
unter denselben logischen Bedingungen Aristoteles oder seine
punkt einer Erfahrung zu beschreiben. Be1 d1eser Beschreibung Ä quivalente ersetzen. Zum Beispiel: >>Der Denker, dessen Meta·
müssen die Regeln der spekulativen Logik (Hegel-Exkurs) be­
physik, wie Pierre Aubenque erklärt, nicht den Status einer
folgt werden, ebenso die Regeln einer Roma�poetik (die etwa
Wissenschaft einnimmt. . . << Diese Beschreibung (mit dem darin
die Erzählperson und den Erzählmodus besummen ; Gen:tte,
enthaltenen Namen) war nun nicht vorhersehbar. Und umge­
1 972 : 1 83-1 84; 251-252). Diese Beschreibung hat allerdmgs
kehrt kommt es vor, daß ein Name - als Beweismittel - mit
keinen philosophischen Wert, da sie ihre Voraussetzungen (d�s
. . Sätzen, die von ihm unabhängig waren, verbunden wird, um
Ich oder das Selbst, die Regeln der spekulativen Log1k) mcht m
deren Bedeutungen zu erläutern. (So kommt es vor, daß man die
[ 76] Frage stellt. Nun sind diese I zur Behauptung de� Wirkli�h�eit
. Berufung eines Malers und sein Verhältnis zu den Farben mit
eines Referenten nicht notwendig. Notwend1g 1st dabe1 viel­
dem Namen Ödipus erläutert; Kaufmann, 1 967).
mehr, daß der Referent sozusagen von der Dauerhaftigkeit des
.
auf ihn bezogenen Namens profitiert (die Starrheit des Deslgna­
tors des Namens wirft als Schatten die Starrheit des Benann­
ten) : Gleichfalls ab er verlangt diese Behauptung notwendiger­ 75
weise eine Eigenschaft, die der letztgenannten zu widersprechen Kann die Zahl der Bedeutungen, die mit einem benannten
scheint: Ein benannter Referent ist wirklich, wenn er auch der Referenten verbunden sind und von Sätzen, die seinen Namen
mögliche Fall (der Gegenstand eines ostensiven Satzes) einer ersetzen können, dargestellt werden, unbegrenzt anwachsen?
unbekannten (von einem noch nicht aktuellen Satz dargestellten) Versuchen Sie I unter Beachtung des Prinzips der Ersetzbarkeit [77]
Bedeutung ist . In der Wirklichkeitsbehauptung haben sich die die Sätze zu zählen, durch die Namen wie Moses, Homer,
Beharrlichkeit des Referenten (Das ist wirklich x, man erkennt es Perikles, Caesar . . . ersetzt werden können. Man kann den
wieder) und das Ereignis einer Bedeutung (Sieh, x ist noch das, Beweis für die Vollständigkeit des Bedeutungsspektrums eines
man entdeckt es) miteinander verquickt. Namens (daß >>Von x alles gesagt ist«) nicht führen, nicht nurweil
sich eine Ganzheit grundsätzlich nicht dem Beweis stellt, son­
dern auch - insofern der Name nicht selbst ein Mittel zur
88 89
DER REFERENT, DER NAME BEDEUTUNGSINFLATION

Bezeichnung der Wirklichkeit ist (dazu müssen ihm eine Bedeu­ Bedeutung geht dem Beweis notwen�ig voran . Auf �iese Weise
.
tung und ein vorzeigbarer Referent zur Seite gestellt werden) ­ provoziert die historische Erkenntms selbst eme V1elzahl von
deshalb, weil die Inflation seines möglichen Sinns, seiner mögli­ Bedeutungen I (Hypothesen, Deutungen), um sie durch das [78]
chen Bedeutungen nicht von den >>realen« Eigenschaften seines Sieb der Beweisführung zu passieren.
Referenten eingedämmt wird.
77
76 Der zweite Grund, warum die Bedeutungsinflation bei �en
Sicher wird die Inflation der Bedeutungen [sens] eines Namens Namen nicht vollständig gestoppt werden kann (Nr. 76), hegt
durch die Anwendung der von Frege (1 892 : 46) analysierten darin daß die Sätze kognitiver Regelsysteme, die von den
logischen Regeln gedämpft. Beispielsweise kann der Satz Der Wah;heitsbedingungen ausgesiebt werden, kein Bedeutu� gs­
leberkranke Kaiser ließ seine Garde angreifen zumindest salvo monopol besitzen. Sie sind >>wohlge�ormt<<. A� er falsch gebilde­
sensu nicht den Satz Napoleon ließ seine Garde angreifen erset­ te Sätze sind nicht sinnwidrig. Für d1e Generatton Stendhals war
zen, da er eine vom zweiten Satz nicht berücksichtigte (kausale, der Name Bonapartes mit einem präskriptiven Aspekt beset� t :
_
konzessive usw.) Beziehung zwischen Gesundheitszustand und Sei ein Volksheld der virtu wie Bonaparte. D1eser Aspekt 1st
militärischer Strategie konnotiert. (Das heißt nicht, daß der erste unter die Bedeutungen zu zählen, obwohl der entsprechende
unsinnig wäre.) Die Bedeutungsinflation kann schließlich noch Satz keinem kognitiven und nicht einmal d� sk�iptiven Char�kter
durch die Anwendung von Validierungsregeln für kognitive besitzt. Ein Satz, der einen Namen m1t emem Lebens1deal
Sätze gebremst werden. Im Hinblick auf die Namen besteht verknüpft und ihn zum Losungswort erhe� t, enthält � in P �ten­
darin die wesentliche Funktion der Diskursart, die sich Ge­ tial von Anweisungen, eine Ethik und eme Strategie. D1eser
schichtswissenschaft nennt . Wenn man Napoleon ohne Verlet­ Name ist ein Ideal der praktischen oder politischen Vernunft im
zung der Regeln des - narrativen und kognitiven - historischen kantischen Sinne. Dieser Satz stellt dar, was getan werden muß,
Diskurses durch der leberkranke Kaiser ersetzen will, so muß und er stellt zugleich den Empfänger dar, der es ausführen � oll.
man sich versichern, daß Napoleon leberkrank war, das heißt Er unterliegt nicht dem Kriteri�m von wahr/falsch: da � r mcht
_
den Beweis erbringen können, daß der Referent unter den deskriptiv ist, sondern dem Kntenum von berechugt/mcht� e­
Bedingungen des geschichtswissenschaftliehen Beweisverfah­ rechtigt, da er präskriptiven Charakter hat. Man kann s1ch
rens wirklich ist. Die Anziehungskraft der Namen auf Bedeu­ fragen, ob er berechtigt ist oder nicht. Aber sollte er ungerech� ­
tungen (die Mytheme usw. erzeugt) findet sich somit den Regel­ fertigt sein, so ist er dennoch bedeutungst�agend, genau ':Je
systemen kognitiver Sätze unterworfen, zumindest derjenigen sogar ein falscher Satz eine Bedeutung besitzt (W�_ ttg� nstem,
kognitiven Sätze, die sich auf nicht-aktuelle Referenten bezie­ Tractatus: 2.2 1 , 2 . 22, 2 . 222). Die jeweils für das Kntenum der
hen. Dies heißt man historisch-kritisches Verfahren. - Nichts­ Gerechtigkeit und das Wahrheitskriterium relevanten Be�eu­
.
destoweniger ist diese Beschränkung von geringer Tragweite, tungen jedoch sind heterogen. Die Anwendung v� n Y_ ahd� e­
und zwar aus zwei Gründen : Zunächst sind die Namen nicht rungsregeln für kognitive Sätze auf Bedeu�ungen, d1e mcht ��
identisch mit den Wirklichkeiten, auf die sie sich beziehen, Sinne des Wahrheitskriteriums relevant smd, kann daher d1e
sondern leere Designatoren, die ihre aktuelle ostensive Funktion Anziehungskraft der Namen auf diese Bedeut� ngen nicht min­
nur dann erfüllen können, wenn sie eine Bedeutung erhalten, dern. Für den jungen Bonapartisten geht es beim Na�en Bona­
de:en � eferent vom ostensiven Satz als gegebener »Fall« ange­ parte nicht um kognitive, sondern um ästhetische, ethische und
zeigt Wird. Man weist nicht eine Sache nach, man weist vielmehr politische Werte.
nach, daß eine Sache die bedeutete Eigenschaft darbietet. Die

90 91
DER REFERENT, DER NAME »EIN SCHÖNES BILD<<

78 79

Sätze unterschiedlicher Regelsysteme können nicht ineinander Sicherlich können sie im eigentlichen Wortsinn nicht übersetzt
übersetzt werden. Betrachten wir nur einmal die durch die Form werden. Aber können sie nicht wenigstens ineinander transkri­
(Syntax) bedingte Bedeutung eines Satzes, indem wir die lexika­ biert werden? Sie sollen gehen ist eine gültige Transkription von
lische beiseite lassen. Eine Übersetzung von Sprache zu Sprache Gehen Sie. Dies ist ein schönes Bild eine gültige Transkription
setzt voraus, daß die Bedeutung, die von einem Satz der Aus­ von Welch ein schönes Bild! Wird nicht die verpflichtende oder
gangssprache dargestellt wird, von einem Satz der Bestim­ wertende Bedeutung des Ausgangssatzes in beiden Fällen vom
mungssprache wiedergegeben werden kann. Nun hängt die von Bestimmungssatz bewahrt? - Der philosophische Logiker mag
der syntaktischen Form bestimmte Bedeutung vom entspre­ das glauben, weil er sich mit den Bedeutungsidentitäten (Defini­
[79] chenden Regelsystem des Satzes und I von der Diskursart ab in tionen) begnügt (Wittgenstein, Tractatus: 3. 343) und vernach-.
die er eingegangen ist. Dieses Regelsystem und diese Diskur;art lässigen zu können glaubt, daß die Verpflichtung hier als Wink
bes�i � men einen Komplex von Formations-, Verkettungs- und oder gar als Information, dort als zwingender Befehl dargestellt
Vahdrerungsregeln für die entsprechenden Sätze. Eine Übertra­ wird oder daß die Wertung einmal in einem konstativen, einmal
gung setzt also voraus, daß Regelsystem und Diskursart einer in einem exklamativen Satz formuliert wird. Aber ein Kind, ein
Sprache sich analog in der anderen wiederfinden oder daß zu­ Diplomat, ein Untergebener oder ein Vorgesetzter, der Maler
mindes� der Unterschied zwischen zwei Regelsystemen und/ des Bildes werden auf den Ursprungssatz und auf seine >>Tran­
od �r Drskursen der einen Sprache sein Analogon in der anderen skription<< hin nicht jeweils in der gleichen Weise fortfahren. Für
besrtzt. Wenn man überhaupt den Anspruch erhebt, aus dem sie liegt die Analogie der >>Bedeutungen« zwischen den beiden
Französischen ins Chinesische zu übersetzen so muß man etwa Sätzen nicht nur in der Analogie abstrakter Begriffe, auf die sie
die K ?n�otation, die im Französischen mit d�m Gegensatz von reduziert werden können, sie muß sich vielmehr auch auf die von
desknpttven und narrativen Sätzen verbunden ist (Il ouvre la beiden Sätzen dargestellten Universen erstrecken, in denen sie
partel �� o_rfvrit la porte)\ im Chinesischen wiedergeben kön­ sich situiert finden. Diese Universen werden durch die Situatio­
nen. Dre Ubersetzung verlangt somit >>transversale<< Überein­ nen der I Instanzen (nicht nur der Bedeutung, sondern auch des [80]
��imm�ng� n zwischen den Sprachen. Die Beständigkeit dieser Referenten, des Senders, des Empfängers) und ihre Beziehungen
Uberemstrmmungen wird nun direkt oder indirekt von den untereinander gebildet. Nun ist der Sender eines Exklamativs
Unterschieden zwischen den Satz-Regelsystemen und Diskur­ bezüglich der Bedeutung anders situiert als der Sender eines
sen gewährleistet. Wie könnten also Sätze verschiedener Regel­ Deskriptivs, ist der Empfänger eines Befehls bezüglich des
systeme und/?der Disku:sarten (� ei es innerhalb derselben Spra­ Senders und des Referenten anders situiert als der Empfänger
�he oder zwrschen zwer versehredenen Sprachen) ineinander eines Winks oder einer Information (Nr. 80-83).
ubersetzt werden (Nr. 79) ?

80
Sätze ungleichartiger Familien können auf den Referenten ein
und desselben Eigennamens einwirken, sie können ihn in den
<- Er öffrz_et die Tür/E r öffnete die Tür; ouvrit (»öffnete«) akzentuiert in Universen, die sie darstellen, auf unterschiedlichen Instanzen

�;
der Z�Itform des passe simple (historisches Perfekt) die Abgeschlos­ situieren. Ein Paar will sich trennen. Ein Dritter (Richter,
s nh It_der Handlung und besitzt kein genaues deutsches Äquiva
lent Zeuge) beschreibt den Umstand folgendermaßen: x und y wer­
( . . U.). den sich trennen. Der Satz von x ist eine wertende Erklärung : Ieh
92 93
DER REFERENT, DER NAME FELD UND ERFAHRUNG

halte es für besser, daß wir uns trennen. Der Satz von y stellt eine sehen Indikatoren), das Geschichtsobjekt zu einer Welt (einem
. eher stabilen Komplex von Benennungen). Wenn der histori­
pathetische Frage: Was haben wir denn zehn Jahre lang zusam­
men gemacht? Nehmen wir an, daß nur die drei zitierten Sätze sche Gegenstand darüber hinaus einem Verfahren zur Validi� ­
unter den gegebenen Umständen mit dem Namen von x ver­ rung eines kognitiven Satzes unterzogen wird (wenn er em
knüpft sind. Weieher der drei Sätze eignet sich am besten zur Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist), so wird er zu­
Definition von x in dieser Lage? »Ist« x eher der Sender einer gleich zum Referenten ostensiver Sätze und findet sich dann
Erklärung, der Empfänger einer Frage oder der Referent einer mittels deiktischer Indikatoren in einem Feld situiert (Schaut
Beschreibung? Es läßt sich nur sagen : sein Name besetzt Zug um her, das ist der Beweis, den ich suchte!).
Zug jede der drei Instanzen in drei unabhängigen Sätzen. Und
gerade das beschreibt ihn in dieser Lage angemessen. Mit dieser 82
Bemerkung greift man auf einen vierten Satz zurück, der sich auf
die drei ersten bezieht und einem anderen Regelsystem (Meta­ Die Wirklichkeit: ein Schwarm von Bedeutungen läßt sich auf
sprache) angehört. In diesem letzten Satz besetzt x andere einem Feld nieder, das von einer Welt abgesteckt wird. Sie
Situationen (die drei vorangehenden, allerdings >>eingeschach­ kann zugleich bedeutet, gezeigt, benannt werden. Der Akzent
telt«) und trägt einen anderen Bedeutungsakzent (er liefert das liegt einmal hier, einmal dort. Auf dem Zeigen : Sieh mal, hier
Beispiel eines Referenten, dessen Bedeutungen heterogen sind) . ist es, das Messer, das Elisa dir gegeben hatte. Etwa in der
Reihenfolge : gezeigt, bedeutet, benannt. Auf der Benennung:
Der hier, das ist Hector, der Gatte der Präsidentin. Gezeigt,
81 benannt, bedeutet. Auf der Bedeutung: Ein Ding, mit dem
Der Referent eines Eigennamens, Bonaparte, Auschwitz, ist man Stimmen aufnehmen kann ? Das ist ein Mikro, wie dieses
stark determiniert, was seinen Ort im Geflecht der Namen und hier, das ich in Brüssel gekauft habe. Bedeutet, gezeigt, be­
ihrer Beziehungen untereinander (die Welten) angeht (Nr. 60), nannt.
und zugleich schwach determiniert, was seine Bedeutung be­
trifft: man denke an die Vielzahl und die Heterogenität der Satz­
83
Universen, in denen er einen Platz als Instanz einnehmen kann.
Das darf jedoch nicht dazu führen, daß man den historischen Der Referent eines ostensiven Satzes (Wahrnehmungsobjekt)
[8 1 ] Gegenstand - den Referenten eines Eigennamens - mit I dem und der eines Nenn-Satzes (historischer Gegenstand) sind
Wahrnehmungsobjekt verwechselt (Nr. 69). Dieses wird von voneinander ganz und gar verschieden (Nr. 8 1 ) . Dennoch ha-
ostensiven Sätzen mit deiktischen Indikatoren (ich und du, hier ben sie ein gemeinsames Merkmal: Sätze, die nicht aktualisiert
und dort, jetzt und gleich) dargestellt. Bei der Analyse der und im Augenblick unbekannt sind, beziehen sich auf sie,
Universen dieser Sätze entwickelt der Phänomenologe der indem sie ihnen Bedeutungen zuschreiben, die von der aktuel-
Wahrnehmung die Ideen des Feldes und der Erfahrung. Der len Bedeutung abweichen (Nr. 69). So etwa: Diese Seite ist
Referen� eines Eigennamens (historischer Gegenstand) wird weiß (von hier aus gesehen) und nicht weiß (von dort gese-
durch emen Namen mit quasi-deiktischer Verweiskraft, nicht hen: sie ist dann grau); und ebenso : Napoleon ist ein Stratege
durch einen deiktischen Indikator bezeichnet. Der Name lokali­ (in einem Namensgeflecht) und er ist kein Stratege (in einem
siert diesen Gegenstand in Namensgeflechten, ohne daß er ihn in anderen: dort ist er Kaiser). Das (Wahrnehmungs-)Feld und
Bezug auf ein ich oder auf irgendeinen deiktischen Indikator die (geschichtliche) Welt sind beide von der Negation >>ausge­
situier�n müßte. Das Wahrnehmungsobjekt gehört zu einem höhlt<<, die durch das I Gezeigte und durch das Benannte je- [82]
Feld (emem unbeständigen Komplex von Ostensiven mit deikti- weils (und in unterschiedlicher Weise) mitgeführt wird. >>Ein
94 95

-
DER REFERENT, DER NAME DER »LOGISCHE RAUM<<

Schwarm<< möglicher Bedeutungen, quantitativ und qualitativ weder bestätigen noch widerlegen (Tractatus: 6 . 1 222), denn
unbestimmt, besetzt diesen >>Hohlraum<<. dieser erhält seinen Wahrheitswert nur durch seinen Ort im
>>logischen Raum<<. Somit ist das Mögliche I die logische Art und [83]
Weise des Bedeutens. Eine notwendige Proposition besitzt keine
84 Bedeutung. Ob sie bezüglich einer Wirklichkeit wahr oder
Was heißt es, daß diese Bedeutungen möglich sind? Gehört es falsch ist - dies ist keine logische Frage. >>Sinn<< und Referent
nicht zum Wesen der Bedeutung, daß sie möglich ist? Wenn man müssen immer auseinandergehalten werden''. Schwierig ist diese
sich auf die Bedeutung im logischen Sinne beschränkt, so wird Unterscheidung deswegen, weil die logische Möglichkeit (die
sie durch wohlgeformte Ausdrücke dargestellt, durch die Pro­ Bedeutung, der Sinn) für die Ermittlung der Realität des entspre­
positionen. Diese besetzen Stellen in einem »logischen Raum<< chenden Referenten vorausgesetzt wird. Daraus folgt nur, daß
(Wittgenstein, Tractatus: 3.4). Die Stelle einer Proposition defi­ das kognitive Regelsystem das logische voraussetzt, nicht aber,
niert sich durch die Möglichkeit ihrer Wahrheit. Diese Wahrheit daß sie eins sind.
läßt sich mit Hilfe von Wahrheitstafeln errechnen, die alle
möglichen Beziehungen zwischen zwei Elementarsätzen defi­ 86
nieren. Wirtgenstein skizziert diesen »logischen Raum<<, indem
er die Wahrheitsfunktionen entwirft (Tractatus: 5.101). Er wird Aus der Perspektive der Logik also fügt das Mögliche der
einerseits von der Tautologie, andererseits vom Widerspruch Bedeutung nichts hinzu (Nr. 83). Wenn es sich aber um die
begrenzt. Die Wahrheit der einen wie die Falschheit des anderen möglichen Bedeutungen eines benannten und vorgezeigten Re­
sind notwendig. Wenn p, dann p, und wenn q, dann q einerseits, ferenten handelt, gehört diese Möglichkeit nicht mehr allein dem
p und non-p, und q und non-q andererseits sind >>die Grenzfälle »logischen Raum<< an, sie schließt vielmehr den Bezug dieses
der Zeichenverbindung, nämlich ihre Auflösung<< (Tractatus: Raumes zum Referenten eines Satzes oder eher noch zweier
4.466). Beide Ausdrücke sind sinnlos, beide sagen nichts aus, verschiedener Sätze (des benennenden und des ostensiven) ein,
und zwar gerade deshalb, weil sie notwendig sind. Der Aus­ die keine logischen Sätze darstellen. Weder der Zeige-Satz noch
druck: Es regnet oder es regnet nicht teilt nichts über das Wetter der Nenn-Satz entsprechen der »logischen Form<<. Sie sind keine
mit (Tractatus: 4.461). Aber sie sind Propositionen, sie sind wohlgeformten Ausdrücke. In ihrer wechselseitigen Zuordnung
nicht »unsinnig<< und gehören darum noch dem »logischen bringen sie einen Referenten sozusagen vor das >>Objektiv<< des
Raum<< an (Tractatus: 4.461 1 ; TB: 12. 1 1 . 1914). logischen Satzes, der Proposition. Die Möglichkeit der Bedeu­
tung meint dann die Möglichkeit, die logisch ermittelte Bedeu­
tung durch einzelne Fälle, das heißt durch einen benannten und
85
vorgezeigten Referenten, zu validieren. Diese Möglichkeit be­
Die logische Diskursart ist nicht die kognitive. Die Frage, ob ein schäftigt Wittgenstein (auch wenn er sie nicht immer deutlich
realer Referent der Bedeutung einer Proposition genüge, gehört von der logischen Möglichkeit unterscheidet), wenn er nach dem
nicht zu jener. Die kognitive Frage interessiert sich dafür, ob der >>Spielraum, der den Tatsachen durch den Satz gelassen wird<< ,
Zeichenzusammenhang, mit dem man es zu tun hat (der Aus­ fragt. Befangen von der Vorstellung (und zwar zur Zeit des
druck, der einen Anwendungsfall der Wahrheitsbedingungen
darstellt), einen Bezug zu realen Referenten ermöglicht oder
nicht. >>Die Wahrheitsbedingungen bestimmen den Spielraum, >:· LYOTARD Zitiert hier WrTTGENSTEINS Unterscheidung zwischen
der den Tatsachen durch den Satz gelassen wird<< (Tractatus: »Sinn« (sens) und >>Bedeutung« (rejerent) in den Tagebüchern (TB:
4.463). Letztere aber können die Proposition als logischen Satz 236); cf. A. d. Ü. S. 34f. des vorliegenden Bandes.
96 97
DER REFERENT, DER NAME ZEIGEN UND SAGEN

Tractatus), daß das >>Bild« ein allgemeines Modell des logischen Validierung autorisiert: >>Der Satz kann die gesamte Wirklich-
Satzes sei, metaphorisiert er das Zusammentreffen der mögli­ keit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der
chen Bedeutung mit der Wirklichkeit als die Ausübung eines (im Wirklichkeit gemein haben muß, um sie darstellen zu können -
wesentlichen optischen) Abbildungszwangs auf die Sachverhal­ die logische Form« (Tractattts: 4. 12). »Der Satz kann die logi-
te, die aus einer Welt außersprachlicher Tatsachen erfaßt werden sche Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in
können. Die Tautologie und der Widerspruch sind gleichsam die der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. [ . . . ] Der Satz
Grenzen des Abbildungsapparats [dispositif representati!J, sie zeigt die logische Form der Wirklichkeit. [ . . . ] Was gezeigt
>>sind nicht Bilder der Wirklichkeit. Sie stellen keine mögliche werden kann, kann nicht gesagt werden« (Tractatus: 4 . 1 2 1 ,
Sachlage dar. Denn jene läßt jede mögliche Sachlage zu, diese 4.1212). - Wenn der Fall s o liegt, darf man folglich nicht von
keine« ( Tractatus: 4.462). Die Grenzen, an denen sich der einer der Sprache und der Realität gemeinsamen logischen Form
Zeichenzusammenhang (die Bedeutung) auflöst, begrenzen sprechen. Und dies ändert nichts an dem, was für die kognitive
auch die Darstellung der Wirklichkeit: bei der Tautologie ist die Validierung eines sinnvollen Ausdrucks notwendig ist, nämlich
>>Blende« zu groß gewählt, zu eng beim Widerspruch. Der ein ostensiver und ein Nenn-Satz. Es handelt sich nicht darum,
überbelichtete logische Raum verzeichnet nur Weiß, der unter- eine Theorie aufzustellen, sondern zu beschreiben (PhU: § 1 09),
[84] belichtete nur I Schwarz. Wenn man (wie Wittgenstein später was unerläßlich ist, damit ein logisch bedeutungsvoller Satz
selbst) die Metapher eines optischen Apparats, der Bilder von seine kognitive Validierung erfährt und somit in kognitivem
Sachverhalten in Form von logischen Sätzen liefert, beiseite läßt, Sinne wahr wird. Es genügt, daß etwas gezeigt und benannt wird
so bleibt folgendes : Im kognitiven Regelsystem verlangt die (also beliebig oft gezeigt werden kann, weil in Namensgeflechte
Validierung eines logischen Satzes durch die >>Realität«, daß man - unabhängig von deiktischen Indikatoren - eingespannt) und
dies zeigt - den Fall eines Referenten, der dem durch den Satz daß dieses Etwas bis auf Widerruf als Beweis akzeptiert wird -
dargestellten >>Sinn«'' entspricht - und dies benennt (und somit bis auf Widerruf, das heißt bis zur Widerlegung des kognitiven
in ein Dies transformiert). Satzes, I den es mit einer neuen Beweisführung erläutert, oder [85 ]
bis zur Angabe eines Gegenbeispiels. Also: »Was heute als
erfahrungsmäßige Begleiterscheinung des Phänomens A gilt,
87
wird morgen zur Definition von >A< benützt« : dies sei »das
Damit diese doppelte Operation möglich wird, muß man nicht Schwanken der wissenschaftlichen Definitionen« (Ph U: § 79).
auf die Hypothese von den >>einfachen Dingen« zurückgreifen, Und auf diese Weise wird, was heute als Definiens gilt, morgen
die durch die Namen wie durch sich an sie herantastende >>Füh­ als Beiwerk beiseite geschoben. Verstörend ist dies nur für ein
ler« bezeichnet werden (Nr. 55; Tractatus: 2. 1515). Diese Hy­ Denken, das nicht nur keine >>verschwommenen« Begriffe
pothese ist keine, da sie nicht falsifizierbar ist. Denn sie beruht (Ph U: § 70 ff.) zulassen, sondern auch die Wirklichkeiten als
auf dem Prinzip eines Isomorphismus von Namen und Gegen­ Begriffe artikulieren will. Ein metaphysischer Anspruch.
ständen, auf dem Prinzip einer >>gemeinsamen Form«, in der sich
die Gegenstände in der Welt und die Namen in der Sprache
organisieren (Tractatus: 2. 1 7, 2. 1 8, 3.21). Nun läßt sich dieses 88
Prinzip nicht validieren, da es ja gerade dieses Prinzip ist, das die Die Wirklichkeit ist keine Frage des absoluten Zeugen, sondern
eine Frage der Zukunft. Der Logiker, für den >>nichts zufällig
ist«, verlangt, daß die möglichen Bedeutungen im Objekt >>prä­
judiziert<< seien, sonst könnte dieses Objekt, das ist, was es ist
* Cf A. d. Ü. S. 34 f. des vorliegenden Bandes. (Theorie der einfachen Dinge; Nr. 55), »nachträglich<< und
98 99
DER REFERENT, DER NAME WIRKLICHES UND MöGLICHES

gleichsam zufällig eine neue Bedeutung annehmen. Diese Forde­ eines Dreiecks ist Wojtila. Was das kognitive Regelsystem, das
rung entstammt dem >>logischen Raum<< und wird auf die Welt heißt die Wirklichkeit, angeht, waren jedoch die jeweiligen
der benannten Wirklichkeiten angewendet, und sie impliziert, Bedeutungen dieser >>Ereignisse<< 1 932 nicht gleichermaßen
daß etwa das Prädikat überschreitet den Rubikon von vornherein möglich. Man hatte damals die Mittel, jeden Satz bezüglich des
dem Begriff von Caesar einbeschrieben wäre (Leibniz, 1686: Prädikats Papst sein (durch Nenn-Satz und Ostensiv) zu bewei­
§ XIII). Ein derartiger Begriff ist ein Satz, dessen Sender ein sen, nicht aber die Mittel, irgendeinen Satz bezüglich des Prädi­
absoluter Zeuge, Gott, wäre. Dieses Prinzip gilt selbst in der kats den Mond betreten zu beweisen. Dieser gehörte zur Gat­
Logik nur dann, wenn man einfache Objekte annimmt und das tung der narrativen Fiktionen, die das Validierbare und das nicht
Wahrheitsideal in der Tautologie besteht (TB: 20. 1 1 . 1914). Validierbare vermengen. Im Jahre 1 982 kann er nach den Regeln
Aber die »einfachen Dinge<< sind leere Referenten, die Namen kognitiver Sätze validiert oder nicht validiert werden. Unter der
entsprechen. >>Erfüllt<< (von Wirklichkeit) werden sie nur durch >>möglichen Bedeutung<< eines benannten und vorgezeigten Re­
deskriptive Sätze (wenigstens im kognitiven Regelsystem) und ferenten versteht man also zumindest folgendes (wobei der Satz,
durch ostensive Sätze, deren Zusammenhang mit Nenn-Sätzen der diese Bedeutung ausdrückt, p genannt wird) : Es ist möglich,
immer problematisch ist. Unter diesen Bedingungen ist es kein daß p, dann und nur dann, wenn es jetzt wahr ist oder eines Tages
Rätsel, daß neue Bedeutungen benannten Referenten >>Zuge­ wahr sein wird, daß p (Rescher, 1 967: 33 ff.). Man kann die
schrieben<< werden könnten. Der Referent namens Caesar ist Definition des Möglichen von ihrer Ausrichtung am deiktischen
keine vollständig beschreibbare Substanz, selbst der tote Caesar Ausdruck jetzt befreien und präzisieren, was man unter Wahr­
nicht (Nr. 74). Der Substantialismus begreift den Referenten des heit versteht: Es gibt einen Zeitpunkt t, der mit dem als Ursprung
Namens als den Referenten einer Definition. Der Referent einer gewählten Zeitpunkt o zusammenfällt oder später auf ihn folgt,
Definition ist als solcher nur möglich (Tractatus: 2.01 1, 2.012, und zu diesem Zeitpunkt t ist die von p dargestellte Bedeutung
2 . 0121 ). Damit er wirklich wird, muß man Referenten benennen validiert. Durch die Validierung der Bedeutung und die Datie­
und zeigen können, die die geltende Definition nicht falsifizie­ rung (Benennung) des als Ursprung gewählten Zeitpunkts führt
ren. Der >>Gegenstand<< wird somit dem Wirklichkeitsbeweis man dann das Mögliche in die Ordnung des kognitiven Diskur­
[86] unterworfen, der nur I negativ ist und aus einer Reihe wider­ ses ein. Entgegen der Warnung des Logikers betrachtet man
sprüchlicher Versuche besteht (Nr. 90), um Fälle zu bezeichnen, dann nicht mehr das >>Ereignis<< (ein Wort, das selbst voraus­
die den Beweisführenden mit Hilfe der Verwendung von Namen setzt, worum es sich handelt: etwas Neues geschieht), sondern
zugänglich sind. Im Verlauf dieses Beweises gibt es kein >>einfa­ den ostensiven Satz, der den benannten Fall vorzeigt (Gardies :
ches Ding<< mit Bestand. Man wird die einfachen Dinge, wenn 85). I [87]
nötig, verändern.
90
89
Die Negation befindet sich im Zentrum der Zeugenaussage. Man
Was dagegen unbedingt erforderlich ist, ist die Kontingenz der zeigt nicht die Bedeutung, man zeigt etwas, dieses Etwas ist
Zukunft. Und darunter hat man nicht nur die der >>Ereignisse« benannt, und man sagt: dies zumindest verbietet nicht, die
zu verstehen, sondern auch die der Bedeutungen. 1 932 war es fragliche Bedeutung anzunehmen. Die »Validierung<< besteht
möglich, daß Karol Wojtila eines Tages zum Papst gewählt darin, Fälle von vorläufiger Nicht-Falsifikation vorzuzeigen.
werden und Neil Armstrong eines Tages den Mond betreten Die Wirklichkeit ist der Referent eines ostensiven Satzes (und
würde. Beide >>Ereignisse« waren logisch möglich, da keines von eines Nenn-Satzes), und dieser Referent wird angeführt (bei­
beiden sinnwidrig war wie etwa der der Satz: Die Winkelsumme spielsweise in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gel-

100 101
DER REFERENT, DER NAME LOGIK UND ERFAHRUNG

tend gemacht) : 1 .) als das, was die Bedeutung, die der fraglichen >>Raum<< (TB: 9., 15. und 23. 1 1 . 1 91 4, 9. 6. 1 9 1 5), trägt Witt­
Bedeutung widerspricht, widerlegt; 2.) als das, was nicht verbie­ genstein den >>Hohlraum<< in den logischen Ordnungszusam­
tet, diese letztere bis auf Widerruf zu verfechten. Der Beispiel­ menhang hinein, einen >>Hohlraum<<, der im Feld (des sinnlich
fall, der vor dem Tribunal der Erkenntnis präsentiert wird, hat Wahrnehmbaren) die Referenten ostensiver Sätze umhüllt. Er
genau genommen keine Beweiskraft, er ist permissiv: manchmal nimmt damit eine Analogie zwischen der logischen und der
(dieses eine Mal zumindest, das ich Ihnen anzeige) ist es nicht >>perzeptiven<< Negation an. Und da er diese nach dem Modell
untersagt zu denken, daß . . . Es gibt keine Evidenz, sondern der sinnlichen Erfahrung durch ein Subjekt (ein Auge) begreift
einen der Skepsis zugestandenen Aufschub. Nicht: Es ist sicher, (Tractatus: 5.6 ff.), läßt er die Phänomenologie in die Logik
daß . . . , sondern : Es ist nicht ausgeschlossen, daß . . Indem man
. eindringen (Tsimbidaros). Sie wird nun unkoutrolliert und unter
benennt und indem man vorzeigt, schließt man aus. Der Beweis dem Vorwand der >>Beschreibung der Erfahrung<< die späteren
ist negativ, im Sinne der Widerlegung. Er wird in einer - Untersuchungen leiten. Ein Ich [je] wird sich vermeintlich der
�gonalen, dialogischen - Auseinandersetzung erbracht, wenn Sprache >>bedienen<<, mir ihr >>spielen<<, mit einem oder mehreren
Ubereinstimmung über das entsprechende Beweisverfahren >>anderen<<. Dies ist ein Erfolg des Anthropomorphismus und
herrscht. Wenn aber der ostensive und der Nenn-Satz hinrei­ eine Niederlage des Denkens (Nr. 1 88). Im Gegensatz dazu muß
chen, um auszuschließen, daß beispielsweise Karl der Große ein an die Umgangssprache das von Wittgenstein selbst für die
Philosoph war, so folgt daraus nur, daß er ein Nicht-Philosoph logische Sprache eindeutig formulierte Prinzip herangetragen
war. Und dies sagt nichts darüber aus, was er war. Die Widerle­ werden: um letztere zu verstehen, ist nicht die Erfahrung erfor­
gung des Satzes p erlaubt die Behauptung, daß non-p, aber non-p derlich, daß sich etwas so und so verhält, sondern die Vorausset­
bleibt unbestimmt. Nicht-Philosoph ist nicht Kaiser. Dieses zung, daß etwas ist. >>[A]ber das ist eben keine Erfahrung. << Die
letzte Prädikat wird nur als mögliches bewahrt. Durch die Logik der Umgangssprache ist >>vor jeder Erfahrung<<, wie die
Ostension und die Benennung wird die Realität geltend gemacht Logik. Sie ist >>Vor dem Wie, nicht vor dem Was« (Tractatus:
als das Verbot, eine Bedeutung zu negieren. Die Wirklichkeit 5.552). Man muß ein Blickfeld, eine historische Welt ohne
läßt zu, daß man alle gegenteiligen Bedeutungen als mögliche Rückgriff auf die Erfahrung beschreiben. Man muß die Unge­
einsetzt. Der größte Wahrscheinlichkeitsgrad einer von ihnen wißheit der Zukunft als >>Logiker<< begreifen (und das heißt nicht
wird durch die Widerlegung der anderen mittels neuer Ostensio­ eine >>Logik der Zeit<< entwerfen) . Die Negation, die durch die
nen und Benennungen nachgewiesen werden. So ist der >>Hohl­ Modalität des in der Wirklichkeit enthaltenen Möglichen impli­
raum<< (der Schatten, von dem Wittgenstein spricht; cf. TB: ziert wird, muß begriffen werden, ohne daß man sie in der
9. 1 1 . 1 9 1 4, 15. 1 1 . 1914), den der benannte und gezeigte Refe­ Erfahrung eines Subjekts metaphorisiert, sie muß vielmehr be­
rent mitführt, auch identisch mit der Möglichkeit von Bedeutun­ griffen werden als eine Verkettung von Sätzen. Man muß den
gen, die die Wirklichkeit mitführt. Und da diese Möglichkeit Sender als eine Instanz begreifen, die in einem Satz-Universum
eine auf die Zukunft gerichtete Modalität ist, so ist dieser situiert ist, ebenso den Referenten, den Empfänger und die
>>Hohlraum<< auch die Zeit, die als Bedingung der Modalisierun­ Bedeutung. >>Wir<< gebrauchen die Sprache nicht (Ph U: § 569).
gen gilt. Und weiter, was die Wirklichkeit betrifft, so muß man begrei­
fen, daß sie nicht nur in den mit Nenn- und Zeige-Sätzen
91 verketteten kognitiven Sätzen auf dem Spiel steht; die Wirklich­
keit wird in den drei eben genannten Familien ausgespielt, aber
Indem er sich den logischen Satz als einen >>Körper<< vorstellt, auch in allen anderen Satzfamilien (die jedoch nicht in die
d � r einen >>Ürt<< im >>logischen Raum<< besetzt, und die Negation ersteren und ineinander übersetzbar sind). I [89]
[88) dieses Satzes als den >>Schatten<< I dieses >>Körpers<< in diesem

1 02 103
DER REFERENT, DER NAME DIE WIRKLICHKEIT DES UNRECHTS
.
92 sie verdammt waren, ein Ende, indem sie im gebräuchlichen
Idiom des internationalen Staatsrechts und der maßgeblichen
Die Wirklichkeit führt den Widerstreit mit sich. Das ist Stalin, Politik das Wort ergriffen. Aber die Wirklichkeit des Unrechts,
da ist er. Darüber wird man einig. Aber was Stalin meint? An das vor dieser Staatsgründung in Auschwitz erlitten wurde, blieb
diesen Namen haben sich Sätze geheftet, die nicht nur verschie­ und bleibt zu ermitteln, und sie kann nicht ermittelt werden,
dene Bedeutungen von ihm beschreiben (das kann noch in einem weil das Unrecht eben nicht durch einen Konsensus erwiesen
Gespräch ausgehandelt werden), die den Namen nicht nur auf werden kann (Nr. 7, 9). Von der Geschichtswissenschaft könnte
verschiedene Instanzen setzen, sondern heterogenen Regelsy­ nur das Ausmaß des Verbrechens ermittelt werden. Aber die zur
stemen und/oder Diskursarten unterstehen. Mangels eines ge­ Validierung nötigen Dokumente wurden selbst I weitgehend [90]
meinsamen Idioms vereitelt diese Heterogenität einen Konsen­ vernichtet. Das zumindest kann ermittelt werden. Daraus folgt,
sus. Eine auf Stalin gewendete Definition tut notwendigerweise daß man den zahlenmäßigen Beweis für das Massaker nicht
den nicht-definitorischen Sätzen bezüglich Stalin unrecht, die erbringen kann und daß ein Historiker, der für das Revisionsver­
von dieser Definition zumindest einmal übersehen oder verraten fahren eintritt, noch lange den Vorwurf wird erheben können,
werden. Um die Namen streicht die Vergeltung. Für immer? daß das Verbrechen in seinem ganzen Ausmaß nicht ermittelt ist.
- Aber das der Erkenntnis auferlegte Schweigen verlangt nicht
das Schweigen des Vergessens, sondern ein Gefühl (Nr. 22).
93 Angenommen, ein Erdbeben zerstört nicht nur Leben, Bauwer-
»Nicht umsonst ist Auschwitz das Vernichtungslager genannt ke, Gegenstände, sondern auch die Instrumente, mit denen man
worden« (Kremer, in Vidal-Naquet, 1 98 1 : 258). Millionen direkt und indirekt die Erdbeben messen kann. Die Unmöglich-
menschlicher Wesen wurden dort vernichtet. Vernichtet wurde keit der Quantifizierung versagt den Bewohnern nicht die Vor­
überdies eine Vielzahl von Mitteln, um das Verbrechen oder sein stellung einer äußerst großen tellmischen Kraft, sondern ruft sie
Ausmaß zu beweisen. Und vernichtet wurde sogar die Autorität geradezu hervor. Der Wissenschaftler sagt, er wisse nichts da-
des Gerichts, das beides ermitteln sollte; denn die Einrichtung von, die große Masse der Menschen empfindet ein komplexes
des Nürnberger Tribunals verlangte, daß die Alliierten siegreich Gefühl, das von der negativen Darstellung des Unbestimmten
aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen, und da dies eine Art hervorgerufen wird. Mutatis mutandis ist das Schweigen, das das
Bürgerkrieg war (Descombes, 198 1 b : 741 ; Exkurs zur Men­ Verbrechen von Auschwitz dem Historiker abverlangt, für die
schenrechtserklärung von 1 789, § 5), der aus dem fehlenden Mehrzahl der Menschen ein Zeichen. Die Zeichen (Kant-Ex-
Konsensus in bezug auf die Rechtmäßigkeit in den internationa­ kurse III und IV) sind keine Referenten, an die sich B edeutungen
len Beziehungen entstand, konnte der Verbrecher in seinem heften, die sich im kognitiven Regelsystem validieren ließen; sie
Richter nur einen Verbrecher mit größerem Waffenglück sehen. zeigen vielmehr an, daß etwas, das in Sätze gebracht werden
Der Widerstreit, der sich an die NS-Namen, an Hitler, Ausch­ muß, in den geltenden Idiomen nicht artikuliert werden kann
witz, Eichmann heftete, konnte nicht in einen Rechtsstreit ver­ (Nr. 23). Wenn der Referent in einem Satz-Universum als ein
wandelt und durch einen Urteilsspruch beigelegt werden. Die Zeichen situiert wird, so korreliert das damit, daß der Empfän-
Schatten all derer, denen durch die Endlösung nicht nur das ger im gleichen Universum als ein Betroffener und die Bedeu-
Leben, sondern auch der Ausdruck des ihnen zugefügten Un­ tung als ein ungelöstes Problem, als ein Rätsel vielleicht, ein
rechts verweigert worden war, irren weiter umher, als unbe­ Geheimnis, ein Paradoxon situiert ist. - Dieses Gefühl beruht
sti�?lte Schemen. Mit der Staatsgründung Israels verwandelten nicht auf der nachweislichen Erfahrung eines Subjekts. Es kann
die Oberlebenden das Unrecht in einen Schaden und den Wider­ übrigens gar nicht nachgewiesen werden. Wie läßt sich jedenfalls
streit in einen Rechtsstreit, sie machten dem Schweigen, zu dem ermitteln, daß es existiert oder nicht existiert? Man stößt dabei

104 1 05
5

DER REFERENT, DER NAME DIE WIRKLICHSTE WIRKLICHKEIT

auf Schwierigkeiten, die von den Idiolekten hervorgerufen wer­ Zerstörung der Realität? Nicht die Zeugenaussage, sondern den
den (Nr. 1 44, 1 45). Das Schweigen, das den Satz Auschwitz war nach ihrer Zerstörung (durch das Dilemma) verbleibend en Rest:
ein Vernichtungslager umgibt, ist kein Gemütszustand, sondern das Gefühl? Nicht den Rechtsstreit, sondern den Widerstreit?
ein Zeichen dafür, daß etwas Ungeäußertes, Unbestimmtes zu Offenkundig ja, wenn es wahr ist, daß es ohne Widerstreit keine
äußern bleibt. Dieses Zeichen bewirkt eine Verkettung von Geschichte gäbe, daß der Widerstreit aus einem Unrecht ent­
Sätzen. Die Unbestimmtheit der unabgegoltenen Bedeutungen, steht und sich durch ein Schweigen anzeigt, daß das Schweigen
die Vernichtung dessen, wodurch sie bestimmt werden könnten, darauf hinweist, daß Sätze schmerzvoll und unabgegolten auf ihr
der Schatten der Negation, der die Wirklichkeit bis hin zu ihrer Ereignis warten und dieser Schmerz das Gefühl ist. Aber der
Verflüchtigung aushöhlt, mit einem Wort: das den Opfern Historiker muß dann auch mit dem Monopol, das dem kogniti­
zugefügte Unrecht, das sie zum Schweigen verurteilt - all das, ven Regelsystem von Sätzen über die Geschichte eingeräumt
und nicht eine Gemütsverfassung, ruft nach unbekannten Sät­ wird, brechen und das Wagnis auf sich nehmen, auch dem Gehör
zen, um den Namen von Auschwitz weiter zu verketten. - Die zu schenken, was im Rahmen der Regeln der Erkenntnis nicht
»revisionistischen<< Historiker sind der Meinung, daß an diesen darstellbar ist. Jede Wirklichkeit enthält diese Forderung, inso­
[91] Namen nur die kognitiven Regeln zur I Ermittlung der histori­ fern sie unbekannte mögliche Bedeutungen enthält. In dieser
schen Wirklichkeit und zur Validierung seiner Bedeutung ange­ Hinsicht ist Auschwitz die wirklichste Wirklichkeit. Sein Name­
legt werden können. Wenn die Gerechtigkeit nur in der Beach­ markiert die äußerste Grenze, an der sich die Kompetenz der
tung dieser Regeln bestünde und die Geschichte nur Anlaß zur Gesch!chtswissenschaft zurückgewiesen sieht. Daraus folgt
Geschichtswissenschaft gäbe, könnte man sie keiner Rechtsver­ nicht, daß man in den Bereich des Un-Sinns eintritt. Die Alter­
weigerung anklagen. Denn sie verfolgen eine konformistische native lautet nicht: entweder die von der Wissenschaft aufge­
Rechtsprechung, sie machen ein positiv gegebenes Recht gel­ stellte Bedeutung oder die Absurdität, Mystik eingeschlossen
tend. Da sie sich darüber hinaus als Kläger verstehen, die nichts (White, 1982; Fackenheim, 1 968). I [92]
zu beweisen haben (Nr. 1 0, 1 1), vertreten sie das Negative,
widerlegen sie die Beweise, und das ist ihr gutes Recht als
Verteidiger. Wenn sie aber nicht von der Tiefe des Schweigens
,
selbst, auf das sie sich in ihrem Plädoyer berufen, beunruhigt
werden, so muß man darin ein Unrecht erkennen, das dem
Zeichen, das heißt diesem Schweigen und den von ihm aufgeru­
fenen Sätzen, zugefügt wird. Sie werden entgegnen, daß man mit
Gefühlen keine Geschichte betreibt, sondern sich an die Fakten
zu halten habe. Aber mit Auschwitz ist etwas Neues in der
Geschichte passiert, das nur ein Zeichen und keine Tatsache sein
kann, nämlich daß die Tatsachen und Zeugenaussagen, die die
Spur des Hier und des fetzt trugen, die Dokumente, die auf die
Bedeutung(en) der Tatsachen schließen ließen, daß die Namen
und letztendlich die Möglichkeit verschiedenartiger Sätze, deren
Zusammenschluß die Wirklichkeit ausmacht, daß das alles so
weit wie möglich vernichtet wurde. Hat ein Historiker nicht
allein den Schaden, sondern auch das Unrecht zu berücksichti­
gen ? Nicht die Realität, sondern die Meta-Realität
- .- - , nämlich die

106 107
". r 5
1 .
s

ICH ZWEIFLE

erste ist, muß man zumindest die Ordnungsreihe von Ereignis-


sen voraussetzen, die die Bedeutung des Prädikats erster be-
dingt. Nun resultiert diese Reihe selbst, wie Wittgenstein hin­
sichtlich der logischen Sätze darlegt, aus einer allgemeinsten
>>Form des Überganges I von einem Satz zum anderen« (Trac- [93]
tatus: 6.01). Diese Form ist eine Operation, mittels deren sich
die Reihe der ganzen Zahlen entwickelt (Tractatus: 6.02). Diese
Die Darstellung Operation muß immer auf ihr Resultat anwendbar sein. Nun ist
damit die Abfolge selbst bereits vorausgesetzt, insofern das
Immer das Prinzip der Rekursivität der Anwendung der Opera-
94 tion auf ihr Resultat konnotiert. Entsprechend der Operator der
Nicht das denkende oder reflexive Ich [je] hält der Prüfung des Reihe : und so weiter (Tractatus: 5.2523). Auf diese Weise setzt
alles umfassenden Zweifels stand (Apel, 1981 ), sondern der Satz die Behauptung eines ersten Satzes die zeitliche Reihe von Sätzen
und die Zeit. Aus dem Satz: Ich zweifle folgt nicht, daß ich bin, voraus, als deren erster sich jener Satz darstellt.
es folgt vielmehr, daß es einen Satz gab. Ein anderer Satz (der
eben gelesene: Es gab einen Satz) hat den ersten fortgesetzt,
96
indem er sich als der darauf folgende darstellte. Und ein dritter,
der eben gelesene I Es gab einen Satz I folgt auf I Ich zweifle I Man müßte hinzufügen : Der Satz Ich zweifle setzt nicht nur die
hat die beiden ersten weiter verkettet, indem er deren Verket­ Sprache [Iangage] und den seriellen Operator (die Abfolge)
tung im Sinne der Form der geordneten zeitlichen Reihe darstell­ voraus, sondern auch einen früheren Satz, an den er anknüpft,
te (Es gab . . . , folgt auf . . . ). indem er das Regelsystem transformiert, in dem der frühere Satz
sein Universum darstellte. Das >>gleiche« Universum, das be­
hauptet wurde, ist nun problematisch. Neben diesem früheren
85
und vorausgesetzten Satz klingt eine Frage mit an (Ducrot, 1 977:
Ieh zweifle ist kein erster Satz, ebensowenig wie je pense oder es 33-43), die auf ihn bezogen ist: Was ist nicht bezweifelbar?
denkt oder cogitatur oder <pgal;ETaL Aus zwei Gründen. Er­
stens : Ieh zweifle setzt ich und zweifle voraus, oder je und pense
97
usw. Und jeder dieser >>Terme« setzt selbst andere Sätze voraus:
Definitionen, »Anwendungs«-Beispiele. Er setzt den Sprachzu­ Aber der Satz, der die allgemeine Operationsform des Ü ber­
sammenhang [Iangage] voraus, das heißt die Totalität von mögli­ gangs von einem Satz zum anderen formuliert, kann als ein
chen Sätzen in einer Sprache [Iangue ]. Wie alle Totalitäten ist die Apriori der Reihenbildung vorausgesetzt werden, und dennoch
Sprache [Iangage] der Referent eines deskriptiven Satzes, ein findet er nach dem Satz satt, der den Übergang selbst formuliert.
Referent, dessen Wirklichkeit mangels eines ostensiven Satzes In Nr. 94 zumindest ist dies der Fall, wo der Satz, der die
nicht bewiesen werden kann (der deskriptive Satz des Ganzen ist Übergangsform zwischen dem ersten und dem zweiten Satz, im
ein Satz, der sich auf eine Idee im kantischen Sinne bezieht). vorliegenden Fall die Reihe, formuliert, erst an dritter Stelle
Denn man kann beschreiben : Die Sprache ist dies und das, nicht erscheint. Wie kann das Vorausgesetzte später erscheinen? Muß
aber zeigen: Und das hier ist die Sprache. Die Totalität ist nicht man nicht eine logische oder transzendentale Vorgängigkeit und
vorzeigbar. Und der zweite Grund: Um zu verifizieren, daß Ich eine chronologische Vorgängigkeit unterscheiden? - Das ist
zweifle oder jeder andere vermeintlich erste Satz wirklich der immer möglich und zweifellos notwendig, wenn der Einsatz

108 1 09
DIE DARSTELLUNG KANT I

darin besteht, daß sich der Übergang von einem Satz zum auf jedes gegebene oder nicht gegebene mögliche (intelligible)
anderen innerhalb des logischen oder kognitiven Regelsystems Objekt bezieht (KRV, >>Von dem obersten Grundsatze aller
(insbesondere der Implikation) vollzieht. Eine Regel dieses Re­ analytischen Urteile« : 1 97). Dagegen beobachtet Heidegger,
gelsystems schreibt dann vor, die Tatsache zu vernachlässigen, daß die Klausel erhalten werden muß, da es sich, wie er meint,
daß die apriorischen logischen Sätze oder die Definitionen und nicht um eine Identität des Objekts (des Seienden) in der Zeit
Axiome selbst von Sätzen der Umgangssprache dargestellt wer­ (innerzeitlich) handelt, sondern gerade um die Möglichkeit der
den, die ihnen zeitlich vorausgehen. Eine Regel lautet, daß man Identifizierung eines Objekts. Was dieses letztere auch sein mag,
sogar den Chronismus - und wäre es ein Metachronismus - seine Identifizierung als Objekt verlangt eine Synthese der rei­
vernachlässigen kann, der in der Idee der logischen Vorgängig- nen Rekognition (Heidegger, Kant und das Problem der Meta­
[94] keit unbefragt bleibt (etwa in der Operation I wenn, dann). Im physik: § 33 c, 34), die garantiert, daß es sich um das gleiche
Unterschied zum Logiker oder zum theoretischen Linguisten Objekt gehandelt hat und handeln wird. Heidegger ordnet somit
gilt für den Philosophen die Regel, daß er sich von folgender das Widerspruchsprinzip einer transzendentalen - und nicht
Tatsache nicht abwenden darf: daß nämlich der Satz, der die formalen - Logik zu. Das Problem der ersteren liegt in der
allgemeine Operationsform des Übergangs von einem Satz zum Konstitution eines Objekts, das über verschiedene Ansichten
anderen formuliert, selbst dieser Operationsform des Übergangs (>>Anblicke<<, schreibt er) zu verschiedenen Jetzt-Zeitpunkten
unterliegt. Kantisch gesprochen : daß die Sythese der Reihe hinweg mit sich selbst identisch ist. Darum identifiziert Heideg-
selbst ein Bestandteil der Reihe ist (Kritik der reinen Vernunft: ger die konstituierende Zeit mit I dem Vermögen zu Gegenstän- [95]
>>Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der Ver� den überhaupt, mit der transzendentalen (produktiven) Einbil­
nunft mit sich selbst« ; KR V: 464). Protagoräisch gesprochen: dungskraft oder dem Vermögen der >>Darstellung<< . Kann man
daß die Debatte über die Reihe von Debatten selbst zu dieser aber Vermögen annehmen, wenn deren Idee ein Subjekt voraus-
Reihe gehört (Protagoras-Exkurs). Und mit Wittgenstein ge­ setzt, dessen Organe sie sind?
sprochen : >>Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen«; >>Das
Bild ist eine Tatsache<< und: >>Das logische Bild kann die Welt
abbilden« (Tractatus: 1 . 1 , 2 . 1 4 1 , 2 . 1 9). (Allerdings darf man den KANT I
Satz nicht >>Bild<< nennen. Später hat Wittgenstein dies aufgege­
Die metaphysische Illusion bestünde darin, eine Darstellung zu behan­
ben; cf Nr. 133.)
deln, als sei sie eine Situation (Nr. 1 15, 1 1 7). Die Philosophie des
Subjekts trägt ihren Teil dazu bei.
98 Die Idee eines (unmittelbar) Gegebenen ist eine Art und Weise, die
Idee einer Darstellung aufzunehmen und zu beurteilen. Eine Darstel­
Die Regel des philosophischen Diskurses schreibt die Entdek­ lung stellt für niemanden ein Universum dar, sie ist das Ereignis seiner
kung seiner Regel vor: sein Einsatz ist sein Apriori. Es geht um (unfaßbaren) Gegenwart. Ein Gegebenes ist für ein Subjekt gegeben,
die Formulierung dieser Regel, sie kann nur am Ende formuliert das es entgegenimmt und mit ihm umgeht. Mit ihm umgehen bedeutet
werden, wenn es ein Ende gibt. Die Zeit kann also aus diesem es situieren, es in ein Satz-Universum plazieren. Man begegnet dieser
Diskurs - will er philosophisch bleiben - nicht ausgeschlossen Operation zu Beginn der transzendentalen Ästhethik (Kritik der reinen
werden. Umgekehrt ist die Zeit aus dem logischen Diskurs Vernunft, B § 1).
Die Anschauung ist der unmittelbare Bezug der Erkenntnis zu den
prinzipiell ausgeschlossen. Kant fordert, die Klausel zugleich
Gegenständen. Dieser Bezug stellt sich nur dann her, wenn >>UnS<< die
aus dem Wortlaut des Widerspruchsprinzips auszuschließen: Gegenstände gegeben sind. Diese unmittelbare Gabe vollzieht sich
Die Validität des Widerspruchsprinzips ist keiner Bedingung der ihrerseits nur, wenn das Objekt »das Gemüt auf gewisse Weise affi­
Möglichkeit von Erfahrung untergeordnet, da sich das Prinzip zier[t]« . Diese Weise ist die Empfindung. Nur vermittels der Empfin-
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DIE DARSTELLUNG KANT I

dung sind die Gegenstände dem Gemüt gegeben. In der Logik der Zweites Moment: dieses Subjekt tritt nun in die Situation der sen­
Philosophie des Subjekts muß also beim Subjekt eine >>Fähigkeit, denden Instanz ein; an den unbekannten Sender des ersten Satzes,
Vorstellungen (. . . ] zu bekommen« (oder Empfänglichkeit) vorausge­ der folglich Empfänger geworden ist, richtet es den Raum-Zeit-Satz,
setzt werden, eine Fähigkeit, vermittels der Sinnlichkeit von Gegen­ den Form-Satz, und dieser ist im Unterschied zum Materie-Satz mit
ständen affiziert zu werden. einer referentiellen Funktion ausgestattet. Sein Referent nennt sich
Auf diese Weise installiert sich im Universum, das durch den qua­ Erscheinung. Der Sinneseindruck ist, wie Kant schreibt, auf einen
si-Satz des sinnlich Gegebenen dargestellt wird, eine Empfänger-In­ »Gegenstand bezogen«, genannt Erscheinung. Die referentielle
stanz. Installiert: im Herzen des Subjekts der Erkenntnis, die ande­ Funktion, die sich dann zeigt, beruht auf der Fähigkeit des Sub­
rerseits als Verstand, Urteilskraft und Vernunft durch den kantischen jekts, auf der tätigen Fähigkeit, Zeitpunkt und Ort dessen anzuge­
Satz als kategorische, schematische und ideelle Tätigkeit dargestellt ben, was durch seine Materie die Wirkung oder den Sinneseindruck
wird. Als tätiges situiert sich das Subjekt auf der Sender-Instanz der auf den Empfänger des ersten Satzes ausübt. Wir nennen dies die
Bedeutung. ostensive Fähigkeit: Dort ist es, Eben geschah es. Dieser zweite Satz,
Nun entfaltet sich die Tätigkeit bereits auf ästhetischer Ebene inner­ der die deiktischen Markierungen auf den über die Empfindung er­
halb der Anschauungsformen. Die Empfindung liefert nur die Materie haltenen Sinneseindruck wendet, heißt im Wortgebrauch Kants An­
der Erscheinung. Diese bietet nur Mannigfaltiges, Besonderes, da sie schauung.
nichts anderes als Empfindungseindruck, "Wirkung« des Gegenstands Die »Unmittelbarkeit« des Gegebenen ist, wie man sieht, nicht
auf das Vorstellungsvermögen ist. Keine Chance auf Allgemeingültig­ unmittelbar. Die Konstituion des Gegebenen erfordert im Gegenteil
keit, was die bloße Empfindung betrifft. Gerüche und Farben, keine einen Rollentausch der Sender- und Empfänger-Instanzen, also zwei
Frage. Und wenn man hierbei verharrt, wird man nicht einmal Gegebe­ Sätze oder quasi-Sätze, in denen jeweils der Sinneseindruck und die
nes im eigentlichen Sinne erhalten, sondern flüchtige Sinneseindrücke, (raum-zeitliche) Formgebung stattfinden. Diese Permutation betrifft
Affekte, ohne Bezug zu Gegenständen. Bloße Zustände des »Ge­ zwei Partner, abwechselnd Sender und Empfänger, und mittels dieser
müths«, Idiolekte. Bedrohlicher Empirismus, wie immer bei der Emp- dialogischen oder dialektischen Verknüpfung wird ein Referent, die
[96] fänglichkeit (bei der Weiblichkeit?). I Erscheinung, gebildet.
Tatsächlich - wenn man den Text Kants genauer ansieht - bedarf die Der »erste<< Sender aber, derjenige, der I das Subjekt über die Emp- [97]
Konstitution des Gegebenen durch die Sinnlichkeit nicht eines Satzes findung affiziert, bleibt dem letzteren unbekannt. Das bedeutet, daß
(oder quasi-Satzes), sondern deren zwei. Auch in der Sinnlichkeit gibt das Materie-Idiom, sofern vernommen, vom Subjekt nicht verstanden
es ein tätiges »Subjekt<<, diesmal in Sender-Position, seine Tätigkeit wird, und zwar in dem Sinne, daß dieses nicht weiß und nach Kant
drückt den Empfindungen Formen, Raum und Zeit, auf, die selbst niemals wissen wird, worauf sich der Sinneseindruck bezog, den es im
nicht gegeben sind. Indem die Materie dem raum-zeitlichen Filter Satz des ersten (noumenalen) Senders empfindet. Um den Materie-Satz
unterliegt, erhält sie ihrerseits eine Bedeutung, die sie selbst nicht mit einem »objektiven« referentiellen Wert zu versehen, muß man ihn
erzeugen konnte und die sie zur Erscheinung macht. Von einer senden­ mittels eines zweiten quasi-Satzes ergänzen, des Form-Satzes, der ihn
den Instanz, dem tätigen Subjekt der Sinnlichkeit, erhält sie die Formen aufgreift und an den ersten Sender zurückgibt. Dieser Satz spricht das
von Raum und Zeit. Raum-Zeit-Idiom. Vernimmt der erste Sender, nun Empfänger, seiner-
Die beiden ersten Seiten der transzendentalen Ästhetik fallen also in seits die Sprache der Anschauungsformen, in der das Subjekt zu ihm
zwei Momente auseinander. Jedes von ihnen ist als ein Satz-Universum spricht? Sind Raum und Zeit an sich gültig? Das Subjekt wird darüber
strukturiert. Das erste Moment: ein unbekannter Sender spricht Mate­ niemals Bescheid wissen, und deshalb ist der Gegenstand, den sein
rie (im Sinne von: spricht Englisch) mit einem Empfänger, der für quasi-Satz in die Referenz-Instanz versetzt, letzten Endes eine Erschei-
diesees Idiom empfänglich ist, der es also vernimmt, insofern wenig­ nung, deren Wirklichkeitswert, wenn nicht immer zweifelhaft, so doch
stens, als er davon affiziert wird. Wovon spricht der Materie-Satz, was stets von den Validierungsverfahren abhängig sein wird (Analytik des
ist sein Referent? Er hat noch keinen, er ist ein gefühlsmäßiger Satz, Begriffs und der Urteilskraft). Wenn es »intellektuelle Anschauung«
seine referentielle Funktion ist nebensächlich, wesentlich ist seine gäbe, wie Kant schreibt, so wäre das ganze Gebäude der Kritik völlig
konative Funktion, wie Jakobsen gesagt hätte. Der Materie-Satz be­ überflüssig. Das Subjekt würde die Sprache des ersten Senders erkennen
zieht sich nur auf den Empfänger, das rezeptive Subjekt. und unmittelbar (wenigstens durch die Vermittlung eines einzigen
1 12 113
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DIE DARSTELLUNG KANT I

Satzes, der in einer beiden Gesprächsteilnehmern bekannten Sprache Prüft man den Aufbau der transzendentalen Ästhetik, so gelangt
hervorgebracht wird) den referentiellen Wert des ersten Satzes ver­ man drittens zumindest dahin, den Begriff der »Darstellung<< bei Kant
stehen. noch einmal zu überdenken. Im theoretischen Bereich wird die Dar­
Daraus ergeben sich einige Implikationen. Zunächst haben wir ei­ stellung eines Gegenstandes (der auf der Ebene der Äst?etik bere.its
nen Widerstreit zwischen dem ersten Sender und dem Subjekt. Das konstituiert ist) gefordert, um ein bestimmendes Urtetl, das h�1ßt
Subjekt kennt sein Idiom - Raum-Zeit - und kann referentiellen Wert einen Erkenntnis-Satz zu validieren. Diese Darstellung unterscheidet
nur dem Satz zubilligen, der in diesem Idiom hervorgebracht wird. das Kognitive vom Theoretischen im allgemeinen, das die Idee einbe­
Aber es weiß, als sinnlich affizierter Empfänger, als Empfänglichkeit, greift, bei der die Darstellung unmöglich ist. Ob die Anschauung nun
daß sich etwas, eine Bedeutung, von der anderen Seite her in Sätze zu a priori mit dem Begriff verbunden ist (der dann für konstruiert erklärt
>Setzen< sucht und das im Raum-Zeit-Idiom nicht zustande bringt. wird) oder mittels der Erfahrung als bloßes Beispiel für den Begriff ­
Deshalb ist die Empfindung ein Modus des Gefühls, das heißt ein »die Handlung der Hinzufügung der Anschauung zum Begriffe heißt
Satz, der auf seinen Ausdruck wartet, ein bewegtes Schweigen. Dieses in beiden Fällen Darstellung (exhibitio) des Objekts, ohne welche (sie
Warten wird niemals erfüllt, der Ausdruck, der stattfindet, wird in der mag nun mittelbar oder unmittelbar geschehen) es gar kein Erkenntniß
Raum-Zeit-Sprache hervorgebracht, die das Subjekt »spricht« und von geben kann<< (Preisschrift über die Fortschritte der Metaphysik, 1 .
der es nicht weiß, ob es die des anderen ist. Dieser Widerstreit bemißt Beilage, 2 . Abschnitt, S . 667). Die Darstellung ist also keine einfache
sich am Verlust des Begriffs der Natur. Im zweiten Teil der Kritik der Ostension, sondern der Brückenschlag von einer Anschauung zu ei­
Urtheilskraft wird dieser Begriff zur Geltung kommen, allerdings nur nem Begriff.
als Idee, ohne daß irgendein Beispiel, irgendein offenkundiger · Fall Die kantische Darstellung ist trotz ihres Namens keineswegs die
vorgezeigt werden könnte, um einen erfahrungsmäßigen Beweis dafür Darstellung eines Satz-Universums. Sie ist der Zusammenschluß zweier
zu liefern, daß der andere (das Ansieh) die dem Subjekt gegebenen Sätze unterschiedlicher Regelsysteme. Beispielsweise der Zusam­
Zeichen in dessen (teleologischem) Idiom »Setzt« (»phrase«). Dies zu menschluß eines ostensiven Satzes mit einem kognitiven, ein Zusam­
vermuten, ist nicht verboten. Aber es ist nicht erlaubt, davon Kenntnis menschluß, der durch das Regelsystem der Erkenntnis erforderlich
zu besitzen, will man nicht der transzendentalen Illusion anheim­ wird: Man bedeutet etwas von einem Referenten und führt ein Beispiel
fallen. vor, das diese Bedeutung »Verifiziert<<. Das »Geschäft der Urteilskraft<<
Nichtsdestoweniger entwickelt sich der Widerstreit mit dem Ansich besteht in der exhibitio, das heißt darin, »dem Begriffe eine korrespon­
[9 8] - das zeigt die Analyse der Sätze aus der transzendentalen Ästhetik - I dierende Anschauung zur Seite zu stellen<< (Kritik der Urtheilskraft,
nicht bis zu dem Punkt, an dem dessen Un-Sinn verbucht wird. »Einleitung<<, VIII). Allgemeiner noch setzt die Darstellung die Fähig­
Verbucht wird dessen Schweigen, dessen Schweigen aber als sinnlich keit voraus, das Beispiel oder den I Fall aufzufinden, der einer Regel [99]
wirkender, affizierender Satz und daher schon als Zeichen. Es kommt entspricht, und ihn ohne Regel aufzufinden (Anthropologie in pragma­
zu keinem Bruch mit dem Empirismus, insofern der Empirismus dem tischer Hinsicht abgefaßt, § 44).
Prinzip zugehört, demgemäß das Subjekt zunächst Empfänger ist. Der Diese Fähigkeit, auf nicht-bestimmende Weise zu urteilen, entfaltet
Bruch geschieht in der Zweiteilung des gegenstandsbildenden Satzes, sich außerhalb des Gebiets der Erkenntnis, in der Sittlichkeit, wo das
wobei die raum-zeitliche Formsetzung bezüglich der Materie, die die gerechte Handeln allein durch die Anweisung des Sittengesetzes, das
Erscheinung ergibt, bei Kant (im Unterschied zu Hume) dem ersten jenes unbestimmt lassen soll, bestimmt werden muß; oder im ästheti­
Sender in keiner Weise verpflichtet ist. Die Verknüpfung von Sinnes­ schen Gefühl, das einen Gegenstand für schön oder erhaben erklärt,
eindrücken durch die Gewohnheit oder die Kontiguität setzt Steue­ und zwar im Vertrauen auf Lust oder Unlust, die dem einvernehmli­
rungsregeln voraus, die nicht gegeben sind und also nicht dem Idiom chen oder unmöglichen Bezug zwischen dem Vermögen der Begriffe
des ersten Senders angehören. Indem der Form-Satz, der Satz des und dem Vermögen zu Gegenständen entspringen. (Hier wäre noch
tätigen, sendenden Subjekts, dem Materie-Satz, in dessen Universum eine Unschlüssigkeit im kantischen Wortgebrauch zu verbuchen: das
das Subjekt Empfänger ist, übergestülpt wird, verdeckt der transzen­ Vermögen zu Gegenständen, die Einbildungskraft, wird auch »Vermö­
dentale Idealismus den empirischen Realismus. Er unterdrückt ihn gen der Darstellung<< genannt [KUK: § 17 und 23].)
nicht. Es gibt einen ersten Satz, und der rührt nicht vom Subjekt her. Die »Darstellung« ist im allgemeinen eine Hinzufügung, eine Zusam­
Darum bleibt diese Verdeckung unbeständig. menfügung, eine Beiordnung, ein Vergleich zwischen einer aufgestell-
114 115
1 I
1 • t 1

DIE DARSTELLUNG WoHLGEFORMTE SÄTZE

ten oder unbekannten Regel und einer Anschauung (oder was an ihrer die Vorstellung (die Situation) wird durch die Lehre der Vermögen und
Stelle s:eht; K:mt-Exkurs III). Das Subjekt stellt einer Regel -bestimmt schließlich durch die Metaphysik des »Subjekts<< ermöglicht und for­
oder mcht - emen Gegenstand gegenüber, und zwar in Hinblick auf die ciert. Die Fälle sind keine Ereignisse, sondern Vorladungsbescheide.
mögliche Validierung oder Entdeckung dieser Regel oder die Ermitt­ Die Frage des Es gibt, die für einen Augenblick mit dem sinnlich
lung des Gegenstands. Die Darstellung vollzieht sich übrigens nur am Gegebenen aufgeworfen wird, wird schnell zugunsten der Frage ver­
Subjekt, sie ist die Konfrontation von Werken des Subjekts mit anderen gessen, was es gibt.
Werken des Subjekts, abgesehen davon, daß deren Verbindung zwi­
schen heterogenen Vermögen stattfindet, das heißt zwischen Sätzen
unterschiedlicher Regelsysteme oder Diskursarten. 99
Nun fiJ?-?et dieses Dispositiv des Übergangs bereits in der transzen­
dentalen Asthetik statt: Es wird eine >>Brücke« geschlagen zwischen Dem Zweifel entgeht, daß es zumindest einen Satz, ganz gleich
�em yermögen, Sinneseindrücke aufzunehmen, und dem Vermögen, welchen, gibt. Man kann ihn nicht negieren, ohne ihn nicht ideo
ste mmels der Formen von Raum und Zeit zu koordinieren und zu facto zu verifizieren. Es gibt keinen Satz ist ein Satz, Ieh lüge ist
objektivieren. Diesbezüglich vermeldet die Verdoppelung oder Zwei­ ein Satz, wenn auch kein wohlgeformter Ausdruck (Koyre,
teilung, von der bereits die Sinnlichkeit betroffen ist, daß das Subjekt 1947; Wittgenstein, Zettel: § 691 und 692). Was weiß ich ? ist ein
über keine Darstellungen, sondern nur über Vorstellungen verfügen Satz. Der im A ugenblick artikulierte Satz existiert nicht ist ein
kann, und zwar nicht im theatralischen Sinne, wo diese einen abwesen­ Satz (Burnyeat, 1976; Salanskis, 1 977). Als Vorkommnis be­
den Gegenstand vertreten, sondern eher in dem juridischen Sinne, daß trachtet, entgeht der Satz den logischen Paradoxa, die sich aus
die »Vermögen« unaufhörlich und wechselseitig vorstellig werden, sich
den selbstreferentiellen Propositionen ergeben. Diese Paradoxa
gegenseitig Vorhaltungen machen, sich beschweren, das heißt sich
wechselseitig kritisieren, indem sie ihre jeweiligen Gegenstände einan­ treten zutage, wenn man sie am Regelsystem wohlgeformter
der entgegenhalten. Sie stehen einander also abwechselnd als Sender Ausdrücke mißt, insbesondere an der Regel der Konsistenz
und Empfänger gegenüber. Die Empfindung wäre nichts als ein nicht bezüglich der Negation (oder des Prinzips der Widerspruchs­
ve.rmittelbarer Idiolekt, wäre sie nicht der Zurechtweisung durch die freiheit). Dieses Regelsystem verbietet, daß die propositionale
reme Anschauung ausgesetzt. Diese bliebe ein vereinzelter ostensiver Funktion selbst zugleich ihr eigenes Argument sein kann (Trac­
Satz, würde sie nicht an den Ansprüchen der Einbildungskraft und des tatus: 3.332, 3.333). Aber die Sätze sind keine Propositionen.
Begriffs gemessen, und diese Vermögen besäßen ihrerseits keine schöp­ Die Propositionen sind die Sätze logischer und kognitiver Regel­
ferische oder kognitive Bedeutung, wenn sie sich nicht wiederum durch systeme. Ihre Bildung und ihre Verkettung unterliegt einem
die Sinnlichkeit zurechtweisen ließen usw.
Einsatz : die Wahrheit zu sagen. Die logisch wahre Proposition
Das Subjekt ist also nicht aktiv oder passiv, es ist beides zugleich, aber
es ist das eine oder andere nur insofern, als es - in einem Regelsystem ist >>sinnlos<< (Tractatus: 4.461, 6. 1 , 6. 1 1 , 6. 1 1 3), die kognitiv
[100] von Sätzen befangen I sich selbst mit einem Satz eines anderen
-
wahre Proposition ist sinnvoll (durch ein Das ist der Fall unter­
Regelsystems konfrontiert und, wenn nicht nach den Regeln ihrer liegt sie der Regel der Ostension). Nun läßt es die Selbstreferen­
Versöhnung, so doch wenigstens nach den Regeln ihres Konflikts tialität eines negativen Satzes nicht zu, dessen Wahrheit oder
sucht, das heißt nach seiner immer bedrohten Einheit. Die einzige Falschheit zu entscheiden (Russell, 1959: 84-98); I und die eines [101]
Ausnahme ist offenbar die Empfindung, in der durch die Materie etwas positiven Satzes gestattet den Beweis jeder beliebigen Aussage
das >>Subjekt<< zu affizieren scheint, das nicht selbst aus diesem hervor­ (Curry; in : Schneider, 1 980). Aber die Sätze können anderen als
?eht. Wi� haben jedoch gesehen, daß dieses Etwas sogleich als Instanz logischen und kognitiven Regelsystemen gehorchen. Ihr Einsatz
m der Dtalektik der Satz-Universen situiert und als ein erster Sender kann ein anderer als das Wahre sein. Bleibt es einem Satz versagt,
und als ein zweiter Empfänger behandelt wird, so daß sein »Geben•
zu� Moment eines Tausches abgewandelt wird. Proposition zu sein, so kann er darum durchaus ein Satz sein.
Eme »Darstellung« ist mit Kant keine Präsentation sondern eine Daß es Propositionen gibt, setzt voraus, daß es Sätze gibt. Wenn
Situierung (Nr. 1 14, 1 1 5, 1 16). Die Verdrängung der Da�stellung unter man sich darüber wundert, daß es eher etwas als nichts gibt, so

116 117
DIE DARSTELLUNG »SOLLEN« UND >>MÜSSEN«

wundert man sich darüber, daß es eher einen oder mehrere Sätze felba r ist weder die Bedeutung eines Satze s noch seine �

ir lich­
keit. Seine Bedeutung, da sie von der �erke�tung . .
mit eme�
g�bt als: gar keinen. Und mit Recht. Die Logik ist »vor dem Wie,
l ch�eit,
mcht vor dem Was« (Tractatus: 5 . 5 5 2). Ein Satz ist ein Was. anderen Satz abhängt, der sie erklären wrrd. Seme Wirk �
Wirk lich­
weil ihre Behauptung den Regeln zur Ermittlung der
lt vgl. den
keit unterliegt, die die Prüfung des Zweifels enthä �
100 es keme n Satz
Abschnitt: »Der Referent«). Unmöglich aber, daß
Der Satz, der den Operator des Übergangs ausdrückt, verwen­ gibt.
det die Konjunktion und (und so weiter, und so fort). Dieser
� usdruck signalisiert eine einfache Adjunktion, die Beifügung 102
emes Ausdrucks zu einem anderen, nichts weiter. Auerbach
(Mimesis, Kap. 2 und 3) sieht darin ein Merkmal »modernen<< Daß es keinen Satz gibt, ist unmöglich; notwendig gibt es: Und
Stils, die Parataxis im Gegensatz zur klassischen Syntaxis. In der ein Satz. Man muß verketten. Das ist keine Verpflichtung, kein
Verknüpfung mit und folgen die Sätze oder Ereignisse aufeinan­ »Sollen« [im Original deutsch] , sondern eine Notwendigkeit,
der, aber ihre Abfolge unterliegt keiner kategorialen Ordnung ein »Müssen« [im Original deutsch]. Verketten ist notwendig,
(weil; wenn, dann; um zu; obwohl . . ). Ein Satz, der dem
.
wie verketten nicht (Nr. 13 5).
vorangehenden durch und beigefügt wird, verkettet sich mit ihm
und tritt aus dem Ni�hts h�rvorr Die Parata�is konnotiert also 103
.
den Abgrund des Nichtsems, der sich zwischen den Sätzen
auftut, sie beharrt auf dem Erstaunen darüber, daß etwas be­ Die Notwendigkeit, daß es Und ein Satz gibt, ist nicht logisch� r
ginnt, wenn das, was gesagt wird, gesagt wird. Das und ist die (Frage: Wie ?), sondern ontologischer (Frage: Was?) Natur. Sie
Konjunktion, die die Diskontinuität (oder das Vergessen), wie gründet dennoch auf keinerlei Evidenz (Apel). Diese würde
sie der Zeit wesentlich ist, am bedrohlichsten erscheinen läßt, verlangen, daß ein Subjekt als ein von der Satzverkettung unab­
gerade indem sie ihr mit der Kontinuität (oder der Retention) hängiger Zeuge bestätigen könnte, daß die Verkettung fortwäh­
entgegenwirkt, die gleichfalls wesentlich ist. Dies wird auch von rend stattfände. Eine dreifache Aporie: 1.) die Evidenz eines
jenem Ein Satz zumindest (Nr. 99) signalisiert. Aber an die Stelle Gegenstandes für einen Zeugen (das heißt der ostensive Satz,
.
des und kann man - bei gleichbleibender parataktischer Funk­ dessen Sender er ist: Es ist der Fall) genügt nicht als Beweis für
tion - ein Komma setzen oder gar nichts. die Realität dieses Gegenstands (Nr. 6 1-6 4); 2.) die Idee eines
»absoluten Zeugen einer Wirklichkeit« ist inkonsistent.
(Nr. 70); 3.) Und ein Satz ist kein Gegenstand, den man bezeu­
101 gen könnte, vielmehr eine Voraussetzung für die »Gegenstän­
>> Der Satz entgeht der Prüfung des universalen Zweifels.« Aber de«, ihre »Zeugen« und den Rest.
was vom Satz? Seine Wirklichkeit, seine Bedeutung? Und der
Satz: ist er dieser, der »aktuelle«, oder der Satz ganz allgemein?
104
Ich bemerke, daß Wirklichkeit, Bedeutung, aktuell, allgemein \

Instanzen oder Quantitäten sind, die als Referenten in den von Unter Ein Satz verstehe ich den Satz, der »der Fall« [im Original
diesen Fragen gebildeten Satz-Universen erscheinen. Ein Satz deutsch] ist, den token-Satz, den Ereignis-Satz. Ein type-Satz ist
�ppelliert an einen weiteren, ganz gleich welchen. Das ist es, der der Referent eines Ereignis-Satzes. Daß sich der Satz der Prü­
Ubergang, der Satz und die Zeit (die Zeit im Satz der Satz in der fung des universalen Zweifels entzieht, rührt weder von seiner
[ 102] Zeit), was sich der Prüfung des Zweifels entzieht. I Unbezwei- Wirklichkeit noch von seiner Wahrheit her, sondern beruht
118 119
..rssssssssssssss•n
• rssssss..ssssssssssrssss
rsss....sssssssssssssssssssssssssssssssss�er
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P.. 1 7

DIE DARSTELLUNG GERTRUDE STEIN

darauf, daß er nur das ist, was geschieht, what is occurring, >> das Kein Kommentar. Bereits die Auswahl zum Zwecke des Zitats ist
Fallende<< [im Original deutsch]. Man kann nicht bezweifeln, ruchlos. Noch ein oder zwei Anmerkungen.
daß etwas geschieht, wenn man zweifelt: es geschieht, daß man Eins. Der Absatz (Paragraph) ist im Deutschen eine Einteilung (und/
oder ihr Zeichen) in der Schrift. Er trennt, was er vereint. Das entspre­
zweifelt. Und wenn: Es geschieht, daß man zweifelt ein anderer
chende griechische Wort bedeutet, was daneben geschrieben ist. IIaQa­
Satz ist als : Man zweifelt, dann geschieht ein anderer Satz. Und YQU!llla (paragramma) ist eine zusätzliche Gesetze� - oder Ver�r�gs­
wenn man meint, daß er nicht geschieht, sondern geschehen ist, klausel. IIaQayQacpf] (paragraphe) eine Ausnahme, dte der Vertetdtger
dann geschieht, daß man das meint. Und um am Was zu zwei­ der Zulässigkeit einer Klage entgegenhält. IIaQayQacpnv (paragra­
feln, ist es immer schon zu spät. Die Frage hat bereits ihre phein): eine Klausel hinzufügen, insbesondere in betrügerischer Ab­
[ 1 03] Antwort erhalten, eine weitere Frage. I sicht (Liddell-Scott).
Zwei. Einen Absatz machen [paragrapher] heißt Und, Und übrigens,
Und doch . . . schreiben. I Der Widerstreit wird ins Zentrum dessen [ 1 04]
eingeführt, wodurch der Rechtsstreit beigelegt werden soll, zwischen
GERTRUDE STEIN
dem Gesetz und dem beanstandeten Fall.
>>Ein Satz ist nicht emotional ein Absatz schon« (G. Stein: >>Sentences Drei. »Es ist draußen. Das ist ein Gefühl. Aber das ist nicht zu
and Paragraphes« [193 1 a], in How to write, 1931/1973). (Weil das denken sondern zu verbinden.« Die Verkettung ist zweifelhaft, dumm,
Gefühl die Verkettung ist, der Übergang. Das kann fallen, oder was? denkt sich nicht, ohne Regel.
Oder nichts, aber nichts wäre zuviel. Ein Satz, und und.) »Wenn zwei Vier. Ein Satz ist nicht geheimnisvoll, er ist klar. Er sagt, was er sagen
Sätze ein Absatz sind so paßt ein kleines Stück ganz gut da sie besser will. Genauso wird er von keinem >>Subjekt<< gemacht (um etwas zu
getrennt sind.« »Ein Absatz ist schon etwas Blödsinniges.« »Wenn es da sagen). Er ruft seine Sender und Empfänger auf, und sie nehmen in
ist ist es da draußen. Das ist ein Gefühl kein Satz. II Aber das ist nicht seinem Universum Platz.
zu denken sondern zu verbinden.« >>Wegen der Sätze ist mir sehr elend. Fünf. >>Einer auf einmal wunderbarerweise.« Das Wunder [la mer­
Ich kann um Sätze weinen aber nicht um Zettel.« »Es ist recht schwierig veille] ist das Mal, das Vorkommnis. Lateinisch vice, englisch weak,
einen Satz zu retten.« >>Dies ist so leicht es ist eine Emotion also ein deutsch weichen, Wechsel (?). Ein Satz ist das Ereignis, eher etwas als
Absatz. Ja also ein Absatz.« >>Die Sätze lassen Sie seufzen«. »Wenn ich nichts, das den Platz überläßt: die Schwäche. In »Saving the sentence«
könnte würde ich einen Satz gebrauchen.« >>Ein Satz ist gerettet nicht (1931 b): >>Ein Satz hat Wünsche wie ein Ereignis«. Seine Wünsche:
irgendein Satz nein nicht irgendein Satz noch nicht.« (Wenn Ein Satz seinen Platz einem anderen überlassen, invice.
gerettet sein wird, wird Und ein Satz gerettet sein, und es wäre möglich, Sechs. Den Satz retten: ihn aus den Diskursen herausziehen, in die er
daß dies dann gewonnen wäre.) >>Frag nie jemanden was ein Satz ist oder durch Verkettungsregeln gebannt bleibt und einbehalten wird, von
gewesen ist.« >>Wir fühlen daß wenn wir wir sagen wir gehen werden. II ihrer Verpackung umhüllt, von ihrem Zweck verführt. Ihn sein lassen.
Dies ist eine einfache Bedeutung. Ein Satz der einfach ist gekreuzt mit Wie Cage es für die Töne schreibt. In >>Sentences and Paragraphes«
einer Bedeutung. II Ein Satz sagt du weißt was ich meine.« >>Du kannst ( 1 931 a): >>Nichts ist laut.« Wie in Stille.
sehen daß ein Satz nie ein Geheimnis hat. Das Geheimnis wäre eine Sieben. Die Ruchlosigkeit des Auswählens von Sätzen aus dem Text
Empfängnis. Sie empfangen nichts.« >>Wer weiß wie viele vorsichtig von Gertrude Stein: »Ich« benütze sie, mache sie einer Argumentation
gewesen sind. Sätze werden wunderbarerweise einer auf einmal ge­ gefügig, einem Diskurs, der die Sätze unterjocht, der die Abgründe in
macht. Wer macht sie. Niemand kann sie machen weil niemand kann >>meinem« Text auffüllt, sie trennt und von weit her vereint. In Steins
was irgend sie sehen.« >>All das macht die Sätze so klar daß ich weiß wie Text ist ein Satz ein Mal, ein Ereignis, er geschieht: Die Angst, daß das 1
ich sie gern habe. II Was ist ein Satz hauptsächlich was ist ein Satz. Für nicht wieder beginnt, daß das Sein stockt, zerrt die Absätze ausein­
sie ist ein Satz über uns mit uns alles was uns angeht wir werden alles ander.
mögen was ein Satz ist. Ein Satz ist daß sie nicht vorsichtig sein können Acht. Die >>weibliche Schreibweise« : einschreiben, daß das nicht
es bleibt ein Zweifel dabei.« >>Die große Frage ist kann man einen Satz aufgefüllt werden kann, von Satz zu Satz? Wäre das eine Diskursart, ein
denken. Was ist ein Satz. Er dachte einen Satz. Wer fordert ihn auf zu Genre?
kommen was er tat.« Neun. Dies sind gewöhnliche Sätze genauso wie metasprachliche:
120 121
'! a 7 :? 'ZS' ...,. , 7
5 7 7

DIE DARSTELLUNG DEFINITION DES SATZES

>>Das ist sehr gut sie machen es mit Butter. Ich mag es lieber ohne 1 07
.
� utter.«. U?d Ihr Ab-Setzen: »Was ist ein Satz mit Tränen. Verwendet
Geben Sie eine Definition dessen, was Sie unter Satz verstehen. ­
s1e Rot m Ihrer Stickerei Rot in ihrer Stickerei.«
Eine Definition ist ein Satz, der logischen und kognitiven Regeln
folgt. Aber Ihr Geben Sie eine Definition . . . beispielsweise ist
1 05 ein präskriptiver Satz, der diesen Regeln nicht folgt. - Mag sein.
Das verschlägt keineswegs, daß Sie eine Definition dieses Prä­
Daß Und ein Satz notwendig ist, bedeutet, daß die Abwesenheit
skriptivs geben können. Es besteht keine Notwendigkeit, daß
von Sätzen (das Schweigen usw.) oder die Abwesenheit von
das Definierte und die Definition dem gleichen Satz-Regelsy­
V �rkettungen (der Anfang, das Ende, die Unordnung, das
stem angehören müssen. - In der Tat. Aber es besteht eine
Nichts usw.) ebenfalls Sätze sind. Was unterscheidet diese Sätze
Notwendigkeit, daß der Stellenwert eines Satzes, der Gegen­
hier von anderen? Mehrdeutigkeit, Gefühl, >>Wünsche<< (Aus­
[ 105] ruf) usw. (Nr. 22, 23 ; und der Exkurs zu Gertrude Stein). I stand einer Definition ist (der als Referent eines definitiorischen
Satzes begriffen wird), dadurch abgewandelt wird, daß man ihn
als Referent eines anderen Satzes, des definitorischen, begreift,
1 06 der metasprachlicher Natur ist (Nr. 43, 45, 46). Um die Anwei­
sung Geben Sie eine Definition des Satzes zu validieren, muß
Geben Sie eine Definition dessen, was Sie unter Satz verstehen. ­
man eine Definition des Satzes geben. Wenn man als Antwort
Mit einer derartigen Vorschrift setzen Sie einen Gegenstand
darauf hinweist, daß diese Anweisung ein Satz ist, der nicht dem
namens Satz voraus, den Typus-Satz. Sie setzen ebenfalls vor­ Regelsystem logischer und kognitiver Sätze unterliegt, so situ­
aus, daß eine vollständige Beschreibung von ihm geliefert wer­
iert man diese Anweisung als Referent des »aktuellen<< Satzes,
�.en muß, damit wir die Beweisführung antreten und zu einer man macht aus ihm ein Gegenbeispiel eines I logischen und [106]
Ubereinstimmung bezüglich der Natur dieses Gegenstands ge­
k � gnitiven Satzes. Diese Anweisung ist nicht validiert, mit ihrer
lan� en können, nicht wahr? Erlauben Sie mir, Sie darauf hinzu­
Etgen� chaft als Referent eines ostensiven Satzes (Hier liegt der
weisen: 1 .) daß die Ersetzung eines Ereignis-Satzes durch einen .
Typus � Satz (oder den Gegenstand Satz) von einem Regelsystem F_all emes mcht-kognitiven Satzes vor) dient sie zur Validierung
. e �nes anderen, deskriptiven Satzes (Manche Sätze entsprechen
von S ��zen verlangt wird, dem definitorischen Regelsystem .
. . emem mcht-kognitiven Regelsystem; Kaut-Exkurs II, § 1 ) . Nun
(man fuhrt m den D1skurs nur solche Ausdrücke ein die als
vollziehen Sie die gleiche metasprachliche Operation mit Ein
Objekte einer Metasprache verstanden werden, von de�en man
Satz. Sie nehmen den Ausdruck Ein Satz als einen Satz. Sie
ge?au bestimmte Beschreibungen ermittelt hat), und durch eine
berauben ihn seiner >>Aktualität<< (ich sage nicht: seines Kontex-
J:?Iskursart erforderlich wird, die dialogische. Ihre Vorschrift ist tes; cf. Nr. 1 4 1 ), seiner referentiellen und >>pragmatischen<<
eme der Regeln dieses Regelsystems und dieser Diskursart.
Verfü�t si� über herausragende Autorität (Platon-Exkurs)? 2.)
�ragweite als Ereignis, das viele Arten möglicher Sätze aufruft.
Ste verfügen, daß ich den Satz mit einem definitorischen meta­
Daß dte Diskursart (wenn es eine gibt), nach der sich die Sätze
. sprachlichen Satz fortsetzen soll. Sie haben das Recht daz� . Aber
d.es vorhegenden Buches richten, anscheinend nicht das definito­
behalten Sie im Auge, daß dies eine Anweisung, ein Befehl ist.
n sche �e ��lsyste� p rivilegiert. Die Frage lautet: Wie läßt sich
.
d1e Deftmtwn deftmeren? Ein endloses Zurückschreiten inner­
halb der logischen Rangfolge, wenn man nicht auf eine Entschei­
1 08
dung ode� eine Konvention zurückgreift. Ein endloses Voran­
.
sc�reaen m der Abfolge der Ereignis-Sätze, und dabei gibt es Mangels einer Definition von Satz wird man nie wissen, wovon
keme Ausnahme, es gibt die Zeit (Descombes, 1981 b). man spricht und ob man von der gleichen Sache spricht. Und Sie

122 123
'P t 5
r 17 Ost

DIE DARSTELLUNG SATZ UND ScHWEIGEN

selbst, Sie gebrauchen ebenfalls eine Metasprache, wenn Sie von Sätze. Ein Augenzwinkern, ein Achselzucken, ein Fußwippen,
Sätzen sprechen ? - Es ist nicht leicht zu erfahren, worüber man ein flüchtiges Erröten, ein Anfall von Herzklopfen �önnen Sätze
.
Sätze bildet (Antisthenes-Exkurs), aber es ist unbezweifelbar, sein. - Und das Schwanzwedeln eines Hundes, die gespitzten
daß >>man Sätze bildet<<, und wäre es nur, um es zu erfahren. Und Ohren einer Katze? - Und ein Regenschauer, der von Westen
was die Metasprache angeht, um die es in >>meinen<< Sätzen hier über das Meer aufzieht? - Ein Schweigen (Nr. 24, 26)? - >>EL ö'
geht, so nimmt sie keinen logischen Status ein, sie hat nicht die asuv�f1WV oiioa !!YJ öExn Myov - lau ö' avd qJWVfl� qJQUSE
Funktion, die Bedeutung eines Ausdrucks festzulegen. Sie be­ xagßavcp XEQL « (Aischylos, Agamemnon, 1 055-1 061). D �r aus
ruft sich auf die Fähigkeit der normalen Sprache, sich auf sich Troja zurückgekehrte Agamemnon hat gerade den Atnden­
selbst zu beziehen: Ich habe die Nase voll von deinen I viel­ Palast betreten und Kassandra, seine Gefangene, regungslos auf
leicht I; /Maria I ist ein Eigenname; Sein /Ich liebe Sie I war dem Wagen zurückgelassen. Klytämnestra bittet sie ihrerseits
bloße Komödie (Rey-Debove, 1978). einzutreten. Kassandra, gänzlich der Vision des bevorstehenden
Verbrechens hingegeben, hört und antwortet nicht: >>Sie ist wie
ein Stück Wild, frisch nach dem Fang<< (1 063). Die Königin wird
1 09
ungeduldig : >>Doch wenn du, unbegreifend, nicht aufnimmst
Dies alles sind Sätze (wir verzichten hier für diesmal auf den mein Wort, I [>setze<] statt des Lautes einen [Satz] mit der
Kursivdruck, der ihren autonymischen Charakter kennzeichnen Barbarenhandk - Das Schweigen als Satz. Die Erwartung des
sollte) : Es ist Tag; Reich mir das Feuerzeug; War sie hier?; Sie Geschieht es? als Schweigen. Das Gefühl als Satz desjenigen, der
kämpften bis zur letzten Patrone; Könnte er doch dem Unwetter augenblicklich keinen Satz äußern [phraser] kann. Die unmittel­
entkommen! ; Ist der Satz I Es gibt einen Satz I denotativ?; ax' + bare Unmitteilbarkeit des Verlangens, des Mords. Der Satz der
bx + c 0 ; Au!; Aber ich wollte eben . . . ; Du glaubtest vielleicht,
= Liebe, des Todes. Die »Weiblichkeit<< oder >>Tierhaftigkeit<< als
daß ich . . . ? ; Es gibt einen Satz; Dies ist kein Satz; Dies alles sind Leerstelle der Rede (Myo�, qJOV�). Das Aussetzen der Verket­
Sätze. tung. Komisch: die Amazone auf dem Abort, und zugleich
tragisch: die Königin, die sich zum Mord anschickt.
110
111
Die jungen Skythen haben den Auftrag, den Amazonen, den
guten Kriegerinnen, Kinder zu machen. Einer von ihnen über­ Ein Satz stellt zumindest ein Universum dar (Nr. 1 8, 25). Er
rascht eine Kämpferin gerade in dem Augenblick, in dem sie sich führt ein Es gibt mit, welchen Regelsystemen er auch immer
entfernt, um ihre Notdurft zu verrichten. »Sie stieß ihn nicht unterstehen mag. Es gibt das, was bedeutet wird, wovon, für
[1 07] von sich, sondern erwies sich ihm willig.<< I Und bittet ihn, am wen und durch wen dies bedeutet wird: ein Universum. Zumin­
nächsten Tag wiederzukommen : xat qJWvfloat f1EV ovx dXE (ov dest ein Universum, denn die Bedeutung, der Referent, der
Y?-Q ouv(wav a/,1,�/,wv), Tft öf: XELQt EqJQUSE (Herodot, Histo­ Sender, der Empfänger können mehrdeutig sein (Nr. 1 3 7-140).
nen, IV, 1 13): >>Reden konnte sie zwar nicht' denn sie verstanden
einander nicht; aber mit der Hand >setzte< s ie einen Satz.«':- Das
deutsche au, das italienische eh, das amerikanische whoops sind 1 12
Der Ausdruck: Es gibt wäre eine Markierung der Darstellung in
einem Satz. Gibt es noch andere Markierungen einer Darstel-
,,_ Zur Erlä� terung des griech. <pQUSELV (frz. : phraser) weicht LYo­ lung? I [108]
TARDS Wiedergabe von akademischen Übersetzungen ab (A. d. Ü.).
124 1 25
2 r t I I

DIE DARSTELLUNG SITUATIONSFAMILIEN

113 1 16
K �nnte man die i n einem Satz mitgeführte Darstellung das Die in einem Fall-Satz mitgeführte Darstellung wird nicht in
Sem nennen? Aber er ist eine Darstellung, oder: was in einem dem Universum dargestellt, das dieser Satz wiederum dar­
Fall-Satz der Fall ist. Das Sein wäre ein Fall, ein Vorkommnis, stellt (sie kann aber im Satz markiert sein, beispielsweise
die »Tatsache«, daß dies >>fällt«, daß dies >>sich begibt<< (frz. durch Es gibt). Sie ist nicht situiert. Ein anderer Fall-Satz
cas, engl. occurence). Nicht das Sein, sondern ein Sein, ein aber kann sie in einem anderen Universum darstellen und al­
Mal. so situieren.

114 117
Eine Darstellung kann in einem Satz-Universum als Instanz Die Kategorien von Aristoteles, Kant und anderen sind Situa­
dargestellt werden. Das Sein kann also als ein Seiendes darge­ tionsfamilien oder -arten, das heißt Familien oder Arten von
stellt werden. Aber der Satz, der es darstellt, führt selbst eine Relationen zwischen den Instanzen, die in einem Satz-U niver-
Darstellung mit, die er nicht darstellt. Kann man vielleicht sum dargestellt werden. Man hat sie I Gattungen [genres] oder (1 09]
sogar sagen, daß sich diese entzieht oder aufgeschoben wird? Modi der Darstellung (oder des Seins) genannt, wenn auch
Das hieße voraussetzen, daß sie in mehreren Sätzen dieselbe mißbräuchlich (Aubenque: 1 76-1 80). Die Darstellung eines Sat-
ist. Die vereinheitlichende Wirkung des bestimmten Artikels: zes erfährt eine Bestimmung durch Gattungen [genresy· nur
die Darstellung. dann, wenn sie im Universum eines anderen Satzes situiert wird,
das heißt als dargestellte Darstellung. Deshalb sind die Darstel­
lungsgattungen, wenn es welche gibt, nur als Situationsgattun-
1 15 gen darstellbar.
Eine Darstellung bedeutet, daß es zumindest ein Universum
gibt. Eine Situation bedeutet, daß sich im Zentrum des von 118
einem Satz dargestellten Universums Relationen ergeben, die
durch die Form von daran anknüpfenden Sätzen (durch das Nehmen wir der Einfachheit halber zwei Sätze : (1) und (2), die
Regelsystem des Satzes, das bestimmte Verkettungen verlangt) folgendermaßen miteinander verkettet sind : Satz ( 1 ) stellt ein
angezeigt werden; Relationen, die die Instanzen untereinander Universum dar, er führt eine Darstellung mit; Satz (2) bedeutet
in Beziehung setzen. Ich habe ihn gesehen ist ein Satz, der drei etwas bezüglich der Darstellung von Satz ( 1 ) ; er stellt ein Uni­
der Instanzen situiert (die Empfänger-Instanz wird durch den versum dar, in dem die Darstellung von Satz (1) als - sagen wir
Satz nicht angezeigt), und diese Situation besteht insbesondere - Referent situiert ist. Die Darstellung (1 ), die dargestellt wird,
in der Bestimmung eines Zeitpunktes. Dort habe ich ihn gese­ ist in (2) nicht mitgeführt; die in (2) mitgeführte Darstellung
hen bestimmt insbesondere ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem wird dort nicht dargestellt. Eine dargestellte Darstellung und
ebendiese drei Instanzen situiert sind. Ieh sage dir, daß ich ihn eine mitgeführte Darstellung machen also nicht zwei Darstel­
dort gesehen habe situiert insbesondere die Sender-Position, lungen aus. Ein Komplex von zwei Darstellungen wird von
und zwar dank des >>Konstativs<< : Ich sage dir, daß . (Haber­
. . zwei Darstellungen gebildet, die durch ein und denselben Satz
mas, 1 971 : 1 1 1 f. ). Die Form von Sätzen zeigt an, wie die
Instanzen im Verhältnis zueinander situiert sind. Die Gesamt­
heit dieser Situationen bildet das dargestellte Universum.
':- Das heißt auch: Diskursarten (A. d. Ü.); cf. S. 13.

126 127
. 1 rr r 5 •

DIE DARSTELLUNG ARISTOTELES

dargestellt werden, nämlich durch einen Satz (3). Die in diesem die sich auf die Kategorie der Zeit beziehen (Protagoras-Exkurs). Die
mitgeführte Darstellung gehört nicht zum Komplex der Darstel­ Kategorien sind Regulatoren, die es in der Dialektik ermöglichen, die
lungen (1) und (2), die er darstellt, oder: die Sythese der Reihe Art und Weise des Bedeutens des Referenten zu umschreiben. Bei­
der von einem Fall-Satz dargestellten Darstellungen führt eine spielsweise kann weiß als Attribut, als Substanz, als Qualität verstanden
werden: Die Rose ist weiß, Kann das Weiß durchsichtig sein?, Man
Darstellung mit, die sich nicht in die von diesem Fall-Satz
bringt es zur Weißglut.
dargestellte Reihe fügt. Sie ist aber in einem anderen Fall-Satz Die Postprädikamente (Kapitel 1 0 bis 1 5 der Kategorien) führen
darstellbar. Und so fort. zwei Operatoren an, die die Zeit in der Argumentation regeln: 'tO
:rtQO'tEQOV (to proteron) und to ät-ta (to hama), das Früher und das
119 Zugleich. Das hama ist Bestandteil des Prinzips der Widerspruchsfrei­
heit. Das gleiche >>Objekt«, die gleiche Substanz im aristotelischen
Das Universum, das ein Satz darstellt, wird nicht gegenüber Sinne kann gegensätzliche Attribute gelten lassen, ein Satz kann einem
etwas oder jemandem als einem >>Subjekt« dargestellt. Das als Referenten verstandenen Objekt diese oder jene Eigenschaft zu­
Universum ist da, insofern der Satz der Fall ist. Ein >>Subjekt<< schreiben, ein anderer die entgegengesetzte Eigenschaft, und doch
ist in einem von einem Satz dargestellten Universum situiert. können beide wahr sein. Aber sie können es nicht zur gleichen Zeit
Selbst wenn das Subjekt als Empfänger oder Sender der Dar­ sein. Zum Beispiel: Sokrates sitzt, und: Sokrates steht. Man muß
angeben, wann (Kategorien, 4 a 1 0ff.). Andernfalls ist der Paralogis-
stellung für außerweltlich, jenseitig erklärt wird - denkendes
mus bezüglich der Zeit möglich: »[. . . ] derselbe sitzt und steht [ . . . ] ;
Ich bei Descartes, transzendentales Ego bei Busserl, Ursprung denn eben der, der aufstand, steht [. . .]. E s stand aber der Sitzende auf
des Sittengesetzes bei Kant, Subjekt bei Wittgenstein ( Tra c­ [6 xa{}��-tEvo;}< (Sophistische Widerlegungen, 165 b 38). Das Sophisma
tatus: 5.632 ; TB: 7.8. 1 9 1 6 ff.) -, so ist dieses Subjekt nichtsde­ vom Sitzenden legt eine gleichsinnige Fassung mit dem Paar krank/
stoweniger innerhalb des Universums situiert, das der philoso­ gesund nahe. Aristoteles widerlegt es mit Berufung auf den Operator
phische Satz, der es für außerweltlich erklärt, darstellt. Dies JtQOtEQOV (proteron): Der Satz nämlich, »daß der Kranke etwas tut
ist der Unterschied zwischen Universum und >>Welt«. Das oder leidet, bedeutet nicht nur eines, sondern gilt das einemal von
Außer->>Weltliche«, das Subjekt, wird in einem Satz-Univer- dem, der jetzt [vüv] krank ist oder sitzt, das andere Mal von dem, der
[1 1 0] sum dargestellt, in dem es mit Bezug auf die I Transzendenz früher [:rtQOtEQOV] krank war« (ibid.: 166 a 4). Ebenso ist der Genese­
situiert wird. Aber die Transzendenz ist eine immanente Situa­ ne im Augenblick nicht krank, wohl ist er der Kranke, aber der
tion des Universums, das vom Satz, der sie erklärt, dargestellt Kranke von einst.
Diese Widerlegung setzt die Fähigkeit voraus, die Positionen eines
wird.
sich bewegenden Körpers auf einer Riebtachse gemäß der Opposition
(der Dyade) früher/später aufzuzählen. So lautet die in der Physikvorle­
ARISTOTELES
sung erstellte Definition der Zeit: >>Denn eben dies ist ja die Zeit, die
Anzahl für die Bewegung hinsichtlich ihrer Phasenfolge« (Physik, 209 b
1. Vorher und nachher 1-2). Der Referent des fraglichen Satzes ist ein sich bewegender Körper.
Der Sophist oder der Eristiker können den Gegner widerlegen, in­ Der Einsatz des Satzes I ist das Wahre, sein Regelsystem logisch oder [1 1 1]
dem sie mit der Lexis an der Oberfläche der Sprache spielen, mit kognitiv. Die Wahrheit einer Prädikatszuschreibung kann man für
Amphibolien, Homonymien, Trennungen usw., aber auch indem sie einen sich bewegenden Körper nicht entscheiden, wenn man nicht die
mit den Kategorien des Logos selbst spielen, was dann die Paralogis­ Position präzisiert, die er einnimmt, während der attributive Satz
men ergibt (Sophistische Widerlegungen; 166 b 20). Die Paraehrenis­ stattfindet.
men >:- (das Wort stammt nicht von Aristoteles) wären die Paralogismen, Diese Position muß >>abgezählt« weden (&Qt{}!-LOU!-LEVov). Zu diesem
Zwecke genügt eine vergleichende Anordnung von zwei Positionen
mittels der Dyade, um den Paraehrenismus zu vermeiden. Die Zahl der
'f Irrtümliche Datierungen (A. d. Ü.). Bewegung braucht keine Ziffer zu sein, wie etwa in einer Chronolo-
128 129
'1 7 ., r '5 r r ? 5 1 5
7
>n '5 1
- ill: il::: !;%' ,..

DIE DARSTELLUNG ARISTOTELES

gie oder Chronometrie. Zur Verteilung der gegensätzlichen Attribu­ Das Vorher ist ein Noch-nicht-Jetzt, das Nachher ein I Nicht-I_J;l ehr- [ 1 12]
te auf verschiedene Positionen genügt es, den Operator auf zwei Jetzt, das Jetzt ein Zwischen-den-heiden-Jetzt, das heißt ein Uber-
Orte vorher/nachher im Kontinuum der Bewegung anzuwenden. gang von einem zum anderen. Wiederum handelt es sich um Ortun-
Mit diesem Operator wird das Kontinuum in die Gesamtheit der gen innerhalb des durch den Satz dargestellten Universums, also um
Positionen des sich bewegenden Körpers eingeteilt. Eine der Posi­ Situation, nicht um Darstellung.
tionen dieses letzteren, ganz gleich welche (und bei dieser Gelegen­
heit das umstrittene Attribut), befindet sich stets vor oder nach ei­
ner beliebigen anderen Position. >>Sobald [ . . .] die Seele zwei Zeit­ 2. Jetzt
punkte als voneinander unterschieden erlebt, den einen als den frü­ Die Schwierigkeit entspringt dieser Immanenz, die Aristoteles bezüg­
heren, den anderen als den späteren, so sprechen wir von Zeit [. . .]« lich des Status zögern läßt, den er dem jetzt verleihen könnte. Ist dieses
(Physik, 219 a 28-29). nicht auch der Ursprung der diachronen Ortung? [. . . ] denn eben
>>

Wenn man sich fragt: früher oder später in bezug auf was?, wenn dieses scheint die Zeit zu sein: das (beidseitig) von einem Jetztpunkt
man nach einem Ursprung für die Ortung sucht, so lautet die Ant­ Begrenzte<< (Physik, 219 a 29). Diese Formel scheint dem gegenwärti­
wort beim gegenwärtigen Stand der Untersuchung, daß sich der gen Augenblick die verzeitlichende Funktion zuzubilligen. Doch das
Vergleich immanent ergibt: früher in bezug auf das Spätere und um­ >>scheint<<, gefolgt von einem äußerst zurückhaltenden u:rtO'XEto-frw
gekehrt. Der Operator, der die Zustandsreihe des Referenten er­ (hypokeistho, »nehmen wir an<<), markiert eine Schwierigkeit, demJetzt
stellt, wirkt innerhalb dieser Reihe. Daraus folgt, daß der Referent diese Funktion zuzubilligen.
(der sich bewegende Körper) nicht nur das ist, was er in seinem Eine weitere Formulierung verschärft die Unsicherheit: >>[. . .] der
punktuellen und für gegenwärtig gehaltenen Zustand ist, sondern Jetztpunkt trennt die Zeit lediglich im Sinne eines Nacheinander der
daß er das Verhältnis impliziert, das zwischen diesem Zustand und Phasen<< (ibid.: 219 b 1 1-12). Man kann verstehen, daß das Jetzt der
anderen, früheren oder späteren, hergestellt wird. Und mehr noch, permanente Ursprungsort der zeitlichen Ekstasis ist. Dies wird die
schon der Begriff eines punktuellen Zustands des Referenten, des >>moderne<< Fassung der Verzeitlichung sein, die bei Augustinus und
Zustands, der als sein augenblicklicher angenommen wird, impli­ Husserl vorherrscht: eine konstituierende Zeit, >>lebendige Gegen­
ziert bereits die Möglichkeit anderer Zustände, die er einnahm oder wart«, zu Lasten eines transzendentalen Subjekts, und eine konstitu­
einnehmen wird. Nicht nur das Vorher und das Nachher werden ierte, diachronische Zeit, diachronisch auf seiten des Objekts, der
immanent impliziert, sondern auch das Vorher/Nachher und das diegetische Referent. In welcher Zeit aber wird die Synthese von
jetzt, die niemals das durch den Satz dargestellte Universum verlas­ transzendentaler und empirischer Zeit stattfinden? Sie muß jedoch
sen, der sich auf den sich bewegenden Körper als Referenten be­ stattfinden, wenn es denn richtig ist, daß das Jetzt der Diachronie
zieht. nicht entkommt.
Bei alledem handelt es sich um die Situation (Nr. 115). Der Refe­ Aristoteles, der von der Philosophie des Subjekts insgesamt nichts
rent sei ein sich bewegender Körper; wenn ihn der Satz, dessen Re­ weiß, bewegt sich keineswegs in diese phänomenologische Richtung.
ferent er ist, gemäß seiner Beweglichkeit darstellt, das heißt dar­ Er kennzeichnet die Schwierigkeit folgendermaßen: »Es erscheint als
stellt, daß er zunächst a, dann b ist, so zählt er seine Positionen eine schwierige Frage, ob der Jetztpunkt, der das Vergangene und
oder Attribute auf (wir haben es gerade bezeugt, indem wir dabei das Zukünftige zu trennen scheint, immer als ein und derselbe be­
zunächst und dann unterschieden), und diese Aufzählung (oder An­ harrt oder ob immer neue Jetztpunkte auftreten<< (21 8 a 8). Kehren
zahl) erfordert zumindest die Dyade vorher/nachher. Diese ist nun wir zur Hypothese der Immanenz zurück. Die Grenzscheide zwi­
die Zahl der Bewegung, die gezählte Bewegung des Referenten in schen vorher und nachher oder die Berührungszone von Früherem
dem durch diesen Satz dargestellten Universum. Wie die Quantität und Späterem ist selbst vom Vorher/Nachher betroffen: Das Jetzt ist
ist die Zahl nicht im vermeintlich wirklichen Referenten (außerhalb nicht jetzt, sondern noch nicht oder schon nicht mehr, man kann
des Satz-Universums), sondern im Satz, in Gestalt der Zeitadver­ nicht jetzt jetzt sagen, dafür ist es zu früh (vorher) oder zu spät
bien, die paarweise die Positionen oder gegensätzlichen Attribute (nachher). Was zukünftig war, ist jetzt vergangen, das heißt die Zeit
des sich bewegenden Körpers strukturieren. Und innerhalb dieser eines Satzes. Die Grenze ist nicht punkt- oder linienförmig, das
Reihung scheint das Jetzt mit keinerlei Vorrang ausgestattet zu sein. Spätere greift unaufhörlich auf das Frühere über. Das Jetzt ist genau
130 131
1
7

DIE DARSTELLUNG ARISTOTELES

d as, was n��ht fortbe�teht''. Es is� nicht ersichtlich, daß es als Ursprung (vorher/nachher) in einem Universum, das von einem anderen Satz
_
emer Posmonsverteilung des s1ch bewegenden Körpers in vorher/ dargestellt wird: Sie ist die Darstellung von einst. Aristoteles entkopp � lt
nachher dienen könnte. Diese alles in allem »gewöhnlichen« Beobach­ die diachronen Operatoren, die in den Satz-Universen auf dem Spiel
tungen reichen hin, eine Konstitution der Zeit aus dem Gegenwärtigen stehen, und das Vorkommnis des Satzes (oder das Satz-Vorkommnis).
zu entwerten: denn entweder taucht dieses in der Diachronie unter oder Die >>aktuelle<< Darstellung ist nicht darstellbar, das Ereignis als solches
transzendiert sie. In beiden Fällen kann es ihr nicht als Zahl dienen. vergißt sich, sofern es sich aufbewahrt (das Nachher), sich vorweg­
[1 1 3] Aristoteles erschließt einen anderen Weg. Er stellte die Frage: I nimmt (das Vorher) oder sich >>erhält« (das Jetzt)':· .
Bleibt das Jetzt ein und dasselbe oder wird es immer ein anderes? Er
antwortet: Man muß es einerseits als »immer dasselbe«, andererseits als 3. Einige Beobachtungen
nicht dasselbe begreifen (210 b 12). Als immer das »Nämliche« betrach­ 3.1. - Eine noch metaphysische »Lesart<<, noch der Vorherrschaft der
tet (Ö f.!EV JtO'tE Öv: 219 b 1 7, 219 b 26; Ö !lEV 3tO'tE Öv: 219a 20; Ö 3tü't'�v: Anwesenheit unterstellt, würde Derrida sagen (1972 [1968 b ]: 73; dt.
2 1 9 b 1 1, 223 a 27) oder als das, >>Was jedesmal ist« (Aubenque: 436), ist 1976 : 8 1). - In der Tat, wenn es zutrifft, daß die Zeit als Fragestellung
es das, was es ist. Aber 'tcp Myq> betrachtet (219 b 20, 220 a 8), >>im bereits der Metaphysik angehört. Dennoch möchte ich den Blick gerne
SatZ<<, oder, wenn man lieber will (die beiden Ausdrücke können im auf folgendes lenken. Das Vorkommnis, der sich ereignende Satz als
Text des Aristoteles einander ersetzen), to Elvm, >>als eine Wesenheit«, Was, hängt I keineswegs von der Frage der Zeit ab, sondern von der [1 1 4]
als eine durch diesen Satz dargestellte Instanz (219 a 21, 219 b 11, 219 b Frage des Seins/Nicht-Seins. Diese Frage wird durch ein Gefühl aufge­
27), ist es ein anderes als es selbst. Als immer das >>Nämliche« wird das worfen: Es kann nichts geschehen. Das Schweigen nicht als aufgescho-
Jetzt als ein Vorkommnis, als das Ereignis begriffen. Ich würde sagen: bener Satz, sondern als Nicht-Satz, als Nicht- Was. Dieses Gefühl ist die
das Satz-Ereignis. Dies wird durch folgendes bestätigt: >>Als Grenze Angst oder die Verwunderung: Es gibt eher etwas als nichts. Kaum ist
betrachtet ist der Jetztpunkt nicht Zeit, sondern geschieht [O'U!lßEßTJ­ dies als Satz >gesetzt<, ist das Vorkommnis bereits verkettet, aufgezeich-
X.EV}< (220a 22). Es gibt Es gibt, einen Satz als Vorkommnis verstanden, net und im Vorkommnis des Satzes vergessen, der mit der Erklärung
als Was, das eigentlich nicht das Jetzt, sondern jetzt ist. Sobald aber das des Es gibt das Vorkommnis bindet, indem er es seiner Anwesenheit
Vorkommnis im Universum eines anderen Satzes ('tcp Myq>), der sich gegenüberstellt. Die Zeit geschieht mit dem in den Satz-Universen
auf es als auf eine Wesenheit (n'> dvm) bezieht, aufgegriffen wird, so implizierten Vorher/Nachher, als eine serielle Anordnung der Instan-
wird jetzt zum Jetzt und kann nicht - wie das eine Mal, als es geschah ­ zen. Diese ist ihnen immanent. Die Zeit ist durchaus eine Kategorie des
als Was begriffen werden, unterliegt es der unvermeidlichen Verfäl­ Seienden. Das Sein ist nicht Zeit. Die Darstellung ist kein Akt des
schung durch die Diachronie, hängt es vom Regelsystem der Sätze ab. Gebens (der von einem Es [i. 0. dt.] herrührte und für uns, Menschen,
Aristoteles unterscheidet somit zwischen der Zeit, die in den von den bestimmt wäre; das gerade nicht). Unter Darstellung (um dies zu
Sätzen dargestellten Universen die Instanzen situiert und damit diese bezeichnen, ist jeder Ausdruck täuschend und trügerisch, ich habe
Universen im Verhältnis untereinander konstituiert (das Vorher/Nach­ gesagt, warum) verstehe ich auch nicht den Akt einer ÖtlV<l[!tc; (dyna-
her, das Jetzt), und dem Darstellungs-Ereignis (oder dem Vorkomm­ mis), einer Kraft, oder eines Willens dieser Kraft, ein Verlangen der
nis), das als solches absolut (jetzt) ist. Sobald man letzteres artikuliert, Sprache nach ihrem Vollzug. Sondern nur, daß etwas stattfindet. Dieses
stellt man es in die Relationen der Satz-Universen untereinander. Die Etwas ist ein Satz, unbezweifelbar (Nr. 99). Da ein Satz ein Universum
Darstellung wird dann dargestellt. Um die in einem Satz mitgeführte darstellt, nenne ich, daß der Satz stattfindet: Darstellung.
Darstellung zu fassen, bedarf es eines anderen Satzes, in dem diese 3.2. - Ihre >>Lesart<< scheint durchaus mit Überlegungen verwandt zu
Darstellung dargestellt wird. Die >> anwesende« Darstellung [»presente� sein, die sich, in »Zeit und Sein« und anderen Werken dieser Epoche,
presentationJ ist nicht jetzt als Satz >Setzbar<, sondern nur als Situation dem Ereignis [i. 0. dt.] annähern (Heidegger: »Zeit und Sein<<, in: Zur
Sache des Denkens, 1 969 [1962] : 1-25). - Abgesehen davon, daß
letzteres beharrlich den »Menschen<< zum Empfänger des Gebens

* Unübersetzbares Wortspiel mit maintenant (»jetzt«) und se mainte­


nir (»sich erhalten«, »fortbestehen«); cf. auch S. 1 6 des vorliegenden
Bandes (A. d. Ü.). •:- Wortspiel mit se maintenir und maintenant; cf. S. 1 32 (A. d. Ü.).

132 133
- r - $ 7
m- e ra:: �··

DIE DARSTELLUNG UNIVERSEN UND SÄTZE

mac�t - das gibt und sich gibt, indem es sich im Ereignis aufspart ­ Aber der Blitz ereignet sich - er blitzt auf, bricht in das Nichts der
und msbesondere aus demjenigen, der dieses Geben empfängt, den Nacht, der Wolke, des blauen Himmels.
Menschen macht, der seine menschliche Bestimmung erfüllt, indem
er die Authentizität der Zeit vernimmt. Sendung, Empfänger, Sen­
der, Mensch sind hier Instanzen oder Relationen in den von den 120
Sätzen dargestellten Universen, sind situationsartig, 't<j> A6yqJ (to lo­
Raum und Zeit gäbe es nicht unabhängig von einem Satz.
go). Das Es gibt findet statt, ist ein Vorkommnis (ein »Ereignis« [i.
0. dt.]), aber es stellt nichts für niemanden dar, stellt sich nicht dar
und ist weder das Anwesende noch die Anwesenheit''. Sofern eine 121
Darstellung >Setzbar< (denkbar) ist, wird sie als Vorkommnis verfehlt.
3.3. - Die Frage nach der Zeit wird hier im Rahmen der Problema­ Auf die Frage: Woher nehmen Sie, daß e s Raum und Zeit als
tik des Satzes gestellt. Das >>Geben<< ([i. 0. dt.]?) gibt (?) nicht Seien­ Situationsarten gibt? kann man antworten: aus Sätzen wie: Die
des, es gibt (?) Sätze, die als Verteiler von Seiendem (Instanzen in den Marquise verließ das Haus um fünf Uhr, Er war angekom­
Universen) fungieren. Die Sätze selbst werden für andere Sätze Seien­ men, Hau ab, Schlaf! Schon ? usw. Zunächst aber aus dem Satz :
des. Aber sie »sind geschehen«, wie es Aristoteles vom jetzt behaup­ Woher nehmen Sie . . . ?, der Raum und Zeit voraussetzt. Und
tet. Die Darstellung besteht darin, daß ein Satz geschieht. »Als sol­ man kann hinzufügen : Ich nehme es nicht, die Sätze können
cher<< aber, als Was, ist er nicht in der Zeit. Die »gewöhnliche« Zeit selbst so zusammenhängen, das heißt ihre Instanzen und sich
ist im Universum, das vom Satz dargestellt wird. Aber es gibt keine
selbst im Verhältnis untereinander situieren. Raum und Zeit sind
gewöhnliche Zeit, Derrida hat recht (ibid.: 59 [dt. 65]), oder es gibt
nur sie, da der Satz ebenfalls >>gewöhnlich<< ist. Titel, die situative Wirkungen zusammenfassen, die in den Satz­
[ 1 1 5] 3.4. - Was erlaubt Ihnen, etwas I als eine Darstellung zu >Setzen<, Universen hervorgebracht wurden, von Ausdrücken wie : zu­
da doch niemand ihr Empfänger ist und niemand sich referentiell auf rück, um einiges später, gerade darunter, wurde geboren, zu
sie beziehen kann, ohne sie zu verfehlen? Stellen Sie Ihrerseits die Beginn usw. (und : usw.). Es gibt Sätze, deren Regelsystem diese
Hypothese einer Spur auf (ibid.: 75 ff. [dt. 84 ff.])? Eines Schweigens Markierungen verlangt (die narrativen zum Beispiel), und ande­
oder eines weißen Flecks, der das Ereignis auslöscht? Ist das »Ereig­ re, die sie hypothetischerweise ausschließen (die mathemati­
nis<< [i. 0. dt.] tatsächlich der Blitz (Heidegger, »AUs einem Ge­ schen, die logischen Sätze, selbst wenn es eine Logik der Zeit
spräch von der Sprache<<, 1985 [1953/54]: 135), der etwas (ein Satz­ gibt).
Universum) erscheinen läßt, der aber blendet und blind wird in dem,
was er aufblitzen läßt? Ist dieser Rückzug selbst ein Satz (Nr. 22,
1 1 0) ? Welcher Art unter den vier Arten von Schweigen (Nr. 24, 26)? 122
Oder handelt es sich um ein anderes Schweigen? - Um ein anderes
Schweigen. Das sich nicht auf eine Instanz in einem Satz-Universum Es gibt ebenso viele Universen wie Sätze. Und ebenso viele
erstreckt, sondern auf das Vorkommnis eines Satzes. Es gäbe keine Situationen von Instanzen wie Universen. - Sie sagen aber, daß
Darstellung mehr. - Aber Sie schreiben: »Daß es keinen Satz gibt, ist es Familien von Situationen von Instanzen wie etwa Raum/ und [1 1 6]
unmöglich« (Nr. 102)! - Genau das: Das Gefühl, daß das Unmögli­ Zeit gibt (Nr. 1 2 1 ) ? Es gibt also zumindest analoge Satz-Univer­
che möglich ist. Daß die Notwendigkeit kontingent ist. Daß man sen ? - Ein metasprachlicher Satz bezieht sich referer:.tiell auf
verketten muß, daß es aber nichts zu verketten gibt. Das »und« ohne mehrere dieser verschiedenen Sätze und erklärt deren Ahnlich­
Anschluß. Also nicht nur die Kontingenz des Wie der Verkettung, keit. Diese Ähnlichkeit reduziert keineswegs deren Ungleichar­
sondern auch das Schwindelgefühl des letzten Satzes. Unsinnig, klar.
tigkeit (Bambrough, 1 96 1 : 198-199). Raum oder Zeit oder
Raum-Zeit sind Familiennamen für diese Situationen. Kein ein­
':· Cf die Stammgleichheit im Frz. : presenter (»darstellen«), present ziges Element ist allen gemeinsam. - Sie sind Nominalist ? -
(»anwesend«), pr�isence (>>Anwesenheit<< ; A. d. Ü.). Nein, man kann die Ähnlichkeit anhand des Verfahrens zur

134 135
Dm DARSTELLUNG JETZTPUNKTE

Ermittlung der Wirklichkeit eines Referenten (Nr. 63 ff.) und postale':· , der Referent von Les Georgiques'c':·, die Bedeutung von
nicht durch den >>Gebrauch« ermitteln, wie Wittgenstein als L 'apocryphe'c':·>c, um nur neuere französische Beispiele anzufüh-
Opfer des anthropologischen Empirismus glaubt. - Unter all ren. Und der vermeintliche Autor I (Puech, 1982). Diese De- [1 1 7]
den Satzarten aber, die von diesem Verfahren gefordert werden, Markierung bewirkt, daß die Sätze sponte sua stattfinden : als
gibt es das Ostensiv, das von den raum-zeitlichen deiktischen Kritik des Vorurteils, daß es der >>Mensch« sei, der da spricht.
Indikatoren dort, damals usw. Gebrauch macht! - Dies zeigt >>Liebe zu den Sätzen, nicht zu den Leuten.« >>Daß er immer eine
nur, daß die Metasprache an der Umgangssprache teilhat (Des­ Vorliebe für schöne Sätze hatte, spricht in meinen Augen nicht
des und Guentcheva-Descles, 1977: 7). zu seinen Gunsten, aber ich halte mein Urteil nicht für unfehl-
bar<< (Pinget, Apokryph, 1 980: 1 49, 57).
123
124
Ist Ihr Zuschnitt der Satz-Universen (Nr. 18, 25) nicht anthro­
pozentrisch, pragmatisch? Woher nehmen Sie, daß sie vier Die in einem Satz mitgeführte Darstellung wird von ihm verges­
Instanzen enthalten? - Aus den Verkettungsweisen. Etwa der sen, in Lethe getaucht (Detienne, 1 967: 126-1 35). Ein anderer
Satz : Au! Man verkettet ihn mit: Hast du dir weh getan? Satz holt sie zurück, stellt sie dar, indem er die in ihm selbst
hinsichtlich des Senders; mit: Ich kann nichts dafür hinsichtlich mitgeführte Darstellung vergißt. Die Erinnerung wird vom
des Empfängers; Tut es weh ? hinsichtlich der Bedeutung; mit: Vergessen begleitet. Die Metaphysik kämpft gegen das Verges­
Das Zahnfleisch ist immer sehr empfindlich hinsichtlich des sen, wie nennt sich, was für es kämpft?
Referenten. Die Instanzen sind Valenzen der Verkettung. - In
der menschlichen Sprache; aber der Schwanz der Katze? - Den
1 25
aufgestellten Schwanz der Katze verkettet man jeweils mit: Was
willst du ?; Du nervst mich; Noch Hunger?; Katzen haben einen Der Gott des Augustinus oder die lebendige Gegenwart Bus­
äußerst ausdrucksvollen Schwanz. Absichtlich wähle ich Sätze, serls wird als der Name der Instanz dargestellt, die die Jetzt­
in denen weder die Instanzen noch ihre Situation markiert sind. punkte zusammenfaßt. Dies aber geschieht durch Sätze, in
Der Zuschnitt ist nicht pragmatischer Natur, wenn die Voraus­ denen er dargestellt wird, und das Jetzt eines jeden dieser Sätze
setzung oder das Vorurteil der Pragmatik darin besteht, daß eine bleibt mit den anderen durch einen weiteren Satz zusammenzu­
Botschaft von einem Sender zu einem Empfänger gelangt, die fassen. Gott kommt später, >>in einem Augenblick« ; die lebendi­
ohne sie >>existierten« . Und nicht humanistisch: Führen Sie ge Gegenwart steht bevor. Sie kommen nur, indem sie nicht
nicht-menschliche Entitäten an, die nicht die eine oder andere geschehen. Das will Beckett sagen. Die Zeit fehlt dem Bewußt­
dieser Instanzen besetzen könnten ! Vielleicht kommt es selten sein nicht, sie bewirkt, daß es sich verfehlt.
vor, daß alle Instanzen markiert sind. (Viele moderne literari­
sche Techniken sind mit der De-Markierung von Instanzen
verbunden : der Sender in Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit, der Empfänger in La modification", alle beide in La carte
* Essay von Jacques DERRIDA, Paris 1980; dt. Die Postkarte, Berlin
1 982.
>:·"-· Roman von Claude SIMON, Paris 1 978.
"· Roman von Michel BuroR, Paris 1 957; dt. Paris - Rom oder die >f>:· >:· Roman von Robert PINGET, Paris 1 980; dt. Apokryph, Frankfurt/
Modifikation, München 1958. M. 1 982.

136 137
DIE DARSTELLUNG BEDEUTUNG UND NEGATION

126 128
Sie bewerten die in einem Satz mitgeführte Darstellung als Darum bedarf es der Negation : um die mitgeführte Darst� llung
absolut. Mit dieser Bewertung stellen Sie sie dar. Ihr absoluter darzustellen. Sie ist nur als Seiendes darstellbar, das hetßt als
Wert ist in dem durch Ihren Satz dargestellten Universum Nicht-Sein. Dies meint das Wort Lethe.
situiert und ihm gegenüber relativ. Darum ist das Absolute nicht
darstellbar. Mit dem Erhabenen wird Kant (wenn die Darstel­
129
lung wie hier verstanden wird) immer einem Hege! gegenüber
recht haben. Das Erhabene [i. 0. dt.] behauptet sich nicht jen­ Das Argument: Man erkennt etwas vom Unerk� nnb�ren, >>m �n
seits, sondern im Zentrum des Aufgehobenen [i. 0. dt.J. erkennt ja, daß das Unerkennbare unerkennbar tst<< (EJtLO'tY]'tOV
'tO ayvwowv' EO'ttV YUQ EJtlO'tY]'tOV 'tO ayvwo'tOV ön ayvw­
O'tOV), das Aristoteles (Rhetorik, 1 402 a) unter dte .
. s hembaren
127 �
Enthymeme einordnet, ist - wie er sagt - ein Paralogtsmus : das
Was nicht dargestellt ist, ist nicht. Die in einem Satz mitgeführte Absolute und das Relative werden hier verwechselt (und zwar
Darstellung ist nicht dargestellt, sie ist nicht. Oder: das Sein ist aufgrund eines Irrtums oder eines Tricks, den er Antisthenes
nicht. Man kann sagen: Eine mitgeführte Darstellung ist, wenn zuschreibt). Das Argument bedient sich nämlich der Nach­
sie dargestellt wird, eine nicht-mitgeführte, aber situierte Dar­ drücklichkeit der Darstellung (»man erkennt<< das Absolute)
stellung. Oder: das als Seiendes begriffene Sein ist das Nicht­ sogar in der Behauptung des Nicht-Dargestellten (des Nicht­
Sein. Auf diese Weise muß man das erste Kapitel der Wissen­ Bedeuteten, »Unerkennbaren<<), das durch den Satz >Man er­
schaft der Logik verstehen. Was Hege! die Bestimmung nennt kennt . . . < dargestellt wird, also relativ zu ihm. Die B ezeichnung
[ 1 1 8] und I was die Triebkraft des Übergangs vom Sein zum Nicht­ dieser Verkettung als Paralogismus aber ist eine konstitutive
Sein ausmacht, ist die Situation des Seins (oder der Darstellung) Entscheidung der logischen Diskursart: sie schert sich nicht um
in einem Satz-Universum, das heißt der Übergang von der im das quod (Nr. 91).
ersten Satz mitgeführten Darstellung zur dargestellten Darstel­
lung (des ersten Satzes) im zweiten Satz. Diese >>Auflösung<< aber
(der Ü bergang vom Sein zum Seienden oder Nicht-Sein) gilt nur, 130
wenn es im zweiten Satz um die Darstellung der Darstellung
Das Vermögen, hinsichtlich des gleichen Referenten dessen
geht; das heißt wenn der Einsatz dieses zweiten Satzes dem der
Bedeutung und das Gegenteil (eine Negation) seiner Bedeutung
ontologischen Diskursart entspricht. Das ist eine der konstituti­
darzustellen (hinsichtlich des Unerkennbaren : die Bedeutung
ven Regeln dieser Diskursart, die eine derartige Verkettung und
des Unerkennbaren und die Bedeutung des Erkennbaren ; hin­
den daraus resultierenden Ü bergang oder die daraus resultieren­
sichtlich des Seins : die Bedeutung des Seins und die Bedeutung
de Auflösung vorschreibt: die Resultats-Regel (Hegel-Exkurs).
des Nicht-Seins), kann man nicht, wie Hege! es tut (Phänomeno­
Es gibt aber viele Diskursarten, in denen der regelhaft vorge­
logie des Geistes: Vorrede), die »ungeheure Macht des Negati-
schriebene Einsatz nicht in der Darstellung der Darstellung
ven<< nennen. I Wenn es Macht gibt, worin liegt sie? Darin, daß [1 1 9)
besteht, in denen folglich die >>Auflösung<< nicht notwendig ist.
ein Satz eine Eigenschaft als die einem Referenten fehlende
darstellen kann? Das ist (nur . . . ) »das Geheimnis der Negation<<
(Wittgenstein, TB: 9., 15. 1 1 . 1 9 1 4 ; cf Nr. 90). - Darin, daß ein
Satz eine Eigenschaft einmal als anwesend, einmal als abwesend
darstellen kann? Das ist aber nicht der Fall: Ein Satz stellt sie als

138 1 39
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DIE DARSTELLUNG DAS >>BILD DER WELT<<

anwesend, ein anderer als abwesend dar. Das geschieht nicht Wittgenstein sagen, die Welt sei I >>alles, was der Fall ist« ? - Das (120]
»Zugleich«. - Darin, daß sich zwei Sätze auf den gleichen ist möglich, wenn man der Fall und was der Fall ist auseinander-
Referenten beziehen und über ihn etwas und dessen Gegenteil hält. Wittgenstein nennt, was der Fall ist, auch >>Tatsache«
aussagen? Daß es sich aber um den gleichen Referenten handelt, (Tractatus: 2). Er kann also schreiben, daß >>die Welt ( . . . ] die
muß ermittelt werden (Nr. 68, 80). In diesem letzten Fall ent­ Gesamtheit der Tatsachen« ( 1 . 1 ) oder daß >>die gesamte Wirk­
springt das Ungeheure nicht dem Negativen, sondern dem lichkeit (. . . ] die Welt ist« (2.063). Gesamtheit, alles sind nicht
>>Ereignis<< [i. 0. dt.]. Denn es wäre möglich, daß es keinen selbst Fälle. Sie sind Referenten von Ideen im kantischen Sinne.
>>Zweiten« Satz gäbe. Das Unmögliche, das Nichts wäre mög­ Oder aber logische Quantoren. Man kann keinen Realitätsbe-
lich. Das Ungeheure besteht darin, daß dem nicht so ist. weis bezüglich des Ganzen durchführen. - Aber der Fall ist
nicht, was der Fall ist. Der Fall ist: Es gibt, Es geschieht. Das
heißt (Nr. 1 3 1 ) : Geschieht es?
131
>>Jeder Satz ist.« Ist alles Satz, was ist? Ist ist nicht was ist. Ist ist 133
auch nicht ist wirklich. Man kann nicht sagen: jeder Satz ist
wirklich. Noch weniger: Alles Vernünftige ist wirklich. Die Es gibt kein >>Bild der Welt«, das >>wir« uns >>machen« (Trac­
Wirklichkeit ist eine Eigenschaft eines zu ermittelnden Referen­ tatus: 2.1). Aber als Gesamtheit der Wirklichkeit kann die Welt
ten (Abschnitt: >>Der Referent«), sie ist nicht. Die Wirklichkeit als eine Instanz in einem Universum situiert werden, das von
eines Satzes eingeschlossen. Daß alles Wirkliche vernünftig ist ­ einem (kosmologischen) Satz dargestellt wird. Sie führt zu den
ja, wenn vernünftig bedeutet: dem Verfahren zur Ermittlung der von Kant beschriebenen Antinomien. Diese offenbaren, daß der
Wirklichkeit eines Referenten entsprechend. - ln:]eder Satz ist Referent Welt kein Erkenntnisobjekt ist und sich dem Realitäts­
bedeutet jeder Satz: alles, was geschieht; bedeutet ist: es gibt, es beweis entzieht. Im Begriff des >>Bildes«, des Elxwv (eikon) von
geschieht. Aber Es geschieht ist nicht, was geschieht, wie sinnge­ Tatsachen konzentriert sich die metaphysische Illusion, die
mäß quod nicht quid ist (und die Darstellung nicht die Situa­ Verkehrung, das Vorurteil, daß die Tatsachen den Sätzen voran­
tion). Folglich bedeutet ist nicht: ist da, noch weniger: ist gehen. Es gibt keine Vorstellung in diesem Sinne. - Unter Welt
wirklich. Ist bedeutet nichts und würde das Vorkommnis >>VOr« (Nr. 60) verstehe ich ein Netz von Eigennamen. Kein Satz kann
der Bedeutung (dem Inhalt) des Vorkommnisses bezeichnen. es ausschöpfen. Keiner kann einen dieser Namen durch eine
Würde es bezeichnen und bezeichnet es nicht, da es das Vor­ vollständige Beschreibung ersetzen : >>Es scheint nämlich - zum
kommnis situiert (>>VOr« der Bedeutung), indem es dieses be­ mindesten so weit ich jetzt sehen kann - mit dem Wegschaffen
zeichnet, und folglich nyn im hysteron proteron verbirgt (Aristo­ von Namen durch Definitionen nicht getan zu sein« ( TB: 13. 5.
teles-Exkurs). Ist wäre viel eher: Geschieht es? (wobei das 1 9 1 5).
deutsche es eine Leerstelle anzeigt, die von einem Referenten zu
besetzen wäre).
134
>>Man kann nicht alles sagen« (Descombes, 1977). - Enttäu­
132
schung? Sie wünschten es? Oder etwas wenigstens, >>die Spra­
Alles in allem gibt es Ereignisse: Etwas geschieht, das nicht che« nämlich, wollte es? Wollte ihre ganze Kraft entfalten? Ein
tautologisch mit dem ist, was geschehen ist. Nennen Sie das, was Wille ? Ein >>Leben« ? Ein Verlangen, ein Mangel? Teleologien
geschehen ist, den Fall? - Der >>Fall<< wäre eher, daß etwas der Erfüllung, Melancholien des Unerfüllten. - Aber Sie nehmen
geschieht, quod, als das, was geschieht, quid. - Würden Sie mit doch an (Nr. 23), >>daß etwas nach seiner >Setzung< im Satz

140 141
z 7 7 7 ) ' 1 ..", .
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DIE DARSTELLUNG MIT-DARSTELLUNG

verlangt« ?. - Das impliziert nicht, daß alles gesagt werden muß Empfängers. Zum Beispiel: Ich ka�n bei dir v? rbei� om: me� .
oder will. Es impliziert die Erwartung eines Vorkommnisses, . I­
Mehrdeutigkeiten können ich, vorbezkommen, d� r be: u� trach�
des >>Ungeheuren«, daß eben nicht alles gesagt worden ist gen . Was den Modalausdruck kann angeht, hier emige mit­
(Nr. 1 30). Das Wachen. Diese Erwartung liegt im Satz-Univer- dargestellte Universen :
[121] sum. Es ist die besondere >>Spannung<<, I die jedes Satz-Regelsy­
stem auf die Instanzen überträgt. 1 . 1 Ich habe die Fähigkeit dazu.
1 .2 Ich habe die Zeit dazu.
1 .3 Du hast ein Zuhause, und die A dresse ist mir bekannt.
135 2 Möglicherweise tue ich es.
>>Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schwei­ 3 . 1 Ich möchte es gerne tun.
gen<< (Tractatus: 7). - Wendet sich das muß man an den Men­ 3.2 Ich hätte gerne, daß du mir sagst, ich solle es tun.
schen, an den Geist? Es steht nicht in deren Macht, darüber zu 4 Ich habe die Erlaubnis dazu.
schweigen, wovon sie nicht sprechen können. Dies ist bereits Fähigkeit (1), Eventualität (2), Wunsch (3), Recht (4). B eschrei-
>gesetzt<, als >Unsetzbares< in bekannten Idiomen, als Gefühl. bung I (1, 2, 4) ; Repräsentation (3 . 1 ), im Sinne der >>Repräsen- [122]
Dessen Geständnis ist gemacht. Das Wachen angesichts eines .
tativa<< bei Habermas ( 1 971 : 1 12): ich will, ich befürchte, zch
Vorkommnisses, die Freude und die Angst vor einem unbekann­ wünsche, daß . . . ; Regulierung (3.2) wie in: ich befehle Ihnen,
ten Idiom hat eingesetzt. Verketten ist keine Aufgabe, deren ich bitte Sie, ich verspreche Ihnen zu . . . Nicht nur, daß die
>>wir<< uns entledigen oder auf die >>wir<< uns berufen könnten. Bedeutung von ich kann mehrdeutig ist, vielmehr überträgt sich
>>Wir<< können nicht anders. Nicht Notwendigkeit mit Ver­ die Mehrdeutigkeit auch auf die anderen Instanzen : dir bleibt
pflichtung verwechseln. Wenn es ein muß man gibt, so ist dies sich nicht gleich, wenn es Teil des beschriebenen Referenten
kein Sie müssen (Nr. 1 02). oder wenn es der Empfänger einer Vorschrift ist; das gleiche gilt
für ich.
136
Verketten ist notwendig, eine Verkettung nicht. Sie kann aber 138
für triftig erklärt werden, der Satz, der dies tut, ist eine Verket­ Eine Verkettung kann eine Mehrdeutigkeit des vorangehenden
tungsregel. Er ist konstitutiver Teil einer Diskursart: Auf eine Satzes aufdecken. Die Tür ist geschlossen kann folgende Sätze
solche Art von Sätzen dürfen nur diese hier folgen. So umschrei­ veranlassen: Offensichtlich; wozu, glaubst du, dienen die Tü­
ben die Erste und die Zweite Analytik die Art von Verkettungen ren ?, oder: Ich weiß, man versucht, mich einzusperren, oder:
in der klassischen Logik, die Wissenschaft der Logik die der Um so besser, ich habe mit dir zu reden usw. In diesen Verket­
modernen Dialektik, die Vorlesungen über Geometrie die mo­ tungen ist die geschlossene Türe kein Sachverhalt mehr, der zu
derne Axiomatik (Pasch, in Blanche, 22-26). Es gibt viele Dis­ diskutieren und zu verifizieren wäre. Sie verifiziert die funktio­
kursarten, deren Verkettungsregeln nicht angezeigt werden. nalistische Definition, die ein Zwangsneurotiker von Türen hat,
sie bestätigt den Roman, den sich ein Paranoiker über sie erzählt
1 37 usw. Handelt es sich um die gleiche Tür, um den gleichen
Empfänger usw.? Nehmen Sie zwei Gesprächspartner an; sie
Ein Satz kann so geformt sein, daß er mehrere Universen mit­ reden über die geschlossene Tür, der eine sagt: Offensichtlich,
darstellt. Er kann mehrdeutig sein, nicht nur hinsichtlich der usw., der andere: Ich weiß, usw. : das ist ein Widerstreit. Der
Bedeutung, sondern auch des Referenten, des Senders, des Logiker, der Ordnung in ihre verworrene Streiterei bringen
142 1 43
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DIE DARSTELLUNG KoNTEXT UND SATZ

wollte, indem er sagt: Es handelt sich um eine bloße Beschrei­ tur [sous-entendu] annimmt: Ieh kann bei dir vorbeikommen,
Chantal ist nicht da. Die Triftigkeit unterstellt eme _ »gute«
bung, dieser Logiker würde nur weiter zum Widerstreit beitra­
gen . Eine Skizze dieses Durcheinanders ist in den Fabeln von La Verkettungsregel. Zur weiteren Verkettu�g eines mehr��uti� en
Fontaine mit ihren juristisch-politischen Einschlägen zu finden. Satzes gibt es mehrere gute Regeln. An d1esem Punkt laßt s1ch
Welches ist die triftige Verkettung? der Pragmatiker (Engel, 1 9 8 1 ) au� di� Frage nach der: Sprecher­
intentionen ein ' um die Kommumkauon versuchsweise vor dem
Schiffbruch zu retten. Aber die Bewußtseinsmetaphysik schei­
139
tert an der Aporie der anderen: die fünfte Cartesianische Medita­
Man nimmt an, daß der Sender des späteren Satzes »derselbe« tion. Der Sender des Verkettungssatzes wird - was immer er sagt
wie der Empfänger des früheren Satzes ist. Könnte man nicht - in dem von >>seinem« Satz dargestellten Universum derart
sagen, daß die Verkettung zumindest dann triftig ist, wenn das situiert, daß sein Bezug zum Satz »des anderen« nicht beliebig
Universum des zweiten Satzes eines der vom ersten mit-darge­ ist. Selbst Glaubst du ? ist eine Verkettungsweise, die die Mehr­
stellten Universen von neuem darstellt oder mit-darstellt, also deutigkeit nicht aufhebt: eine Frage, di� a�f a�le Les�rte� d� s
wieder darstellt? Wenn man zum Beispiel Ich kann bei dir ersten Satzes paßt. Diese Verkettungswe1se 1st mcht beheb1g, s1e
vorbeikommen (Nr. 137) in der Version ( 1 . 1 ) verknüpft mit: Du bedient sich zumindest des Interrogativs.
kannst gehen ?, Dein Auto ist repariert?, Glaubst du? (= Du hast
wirklich die Bewegungsfähigkeit dazu?). In der Version (1 .2)
141
mit: Nein, du wirst keine Zeit haben;ja, das ist ganz nahe bei dir;
Glaubst du ? (= Verfügst du wirklich über genügend Zeit?). In Zumindest der Kontext aber muß die Möglichkeit bieten, dar­
der Version (1 .3) mit: Aber man hat mich vor die Tür gesetzt. In über zu befinden, was der Sender des ersten Satzes meinte und
der Version (2) mit: Das würde mich wundern, Glaubst du ? der Empfänger - der Sender des zweiten - mit Recht verstehen
[123] (= Ist das nur möglich?). In der I Version (3. 1 ) mit: Das sagst du darf. - Man wird den Kontext durch Sätze darstellen müssen.
(= Ich glaube nicht an dein Verlangen, es zu tun), Glaubst du ? Was ich mit der Darstellung der mit-dargestellten Universen
(= Hast du das Verlangen danach?). In der Version (3.2) mit: skizziert habe. Oder: mit Berufung auf den Kontext situiert Sie
Das ist nicht nötig ( = Das ist nicht mein Wunsch), Wie du willst Ihr Satz als Empfänger in einem kognitiven Universum, in dem
( = Zu diesem Thema habe ich keinen besonderen Wunsch), der Kontext der Sender wäre und Ihnen mitteilte, was es mit ihm
Glaubst du ? ( = Willst du wirklich wissen, was ich gerne möch­ selbst auf sich hat. Warum halten Sie diesen Sender für glaub-
te ?). In der Version (4) mit: Ah, gut!, Glaubst du ? (= Wurde dir würdiger als den des ersten Satzes? I [124]
diese Erlaubnis wirklich erteilt?). Das macht eine Menge triftiger
Fälle.
142

140 Beispielsweise ist der Satz : Die Sitzung ist eröffnet nich� deswe­
gen performativ, weil sein Sender der V�rs1tzende 1st. Der
Der Empfänger des ersten Satzes kann Ich kann bei dir vorbei­ Sender ist der Vorsitzende, insofern der fraghche Satz performa­
kommen mit: Wie geht es Chantal? weiter verknüpfen. Werden tiv ist. Die Gleichung Vorsitz-Performanz ist kontextunabhän­
wir sagen, daß diese Verkettung nicht triftig ist? Ducrot (1 977) gig. Ist der Satz performativ, während der Se�der nicht Vors�t­
würde sagen: Sie ist es nicht, wenn man sich an die gerade zender ist, so wird er es; und ist der Satz mcht performatlv,
untersuchten Präsuppositionen [presupposes] hält, sie kann es während der Sender Vorsitzender ist, so ist er es nicht mehr. ­
sein, wenn man darüber hinaus eine (konversationelle) Implika- Aber ist nicht wenigstens diese Alternative kontextabhängig ? -
144 145
DIE DARSTELLUNG IDIOLEKTE

Der Kontext selbst besteht aus Sätzen, die mit dem fraglichen 144
Satz verknüpft sind. Mit dem Satz: Die Sitzung ist eröffnet Sie nennen sie inkompossibel (Nr. 1 43), weil Sie sie in Bezug auf
können Sätze verknüpft werden wie: Einverstanden, Sie über­ den Diskurs der Erkenntnis meinen. Nehmen Sie Freuds Analy­
nehmen den Vorsitz im ersten Fall, oder: Keineswegs oder: Mit se des weiblichen Phantasmas, das er mit einem Satz über­
welchem Recht im zweiten. - Aber hängt nicht das Vorkommnis schreibt: >>Ein Kind wird geschlagen.« Die Frau, das heißt ihr
dieser Sätze seinerseits vom Kontext ab? - Was Sie Kontext Name, ist ein Empfänger in dem von diesem Satz dargest�llten
nennen, ist selbst nur der Referent kognitiver Sätze, etwa des Universum (ein gestörter Empfänger : Wenn der Satz statt�mdet,
Soziologen. Der Kontext ist kein Sender. In der Verwechslung .
gibt es Masturbation). Sie ist aber auch sem Referent: 1st das
von Kontext als Referent und Kontext als Sender ist der Positi­ .
geschlagene Kind. Doch ist die Referenz-Instanz zugle1ch �on
vismus angesiedelt, insbesondere der der Humanwissenschaften >>einem anderen Kind« besetzt, das vom Vater geschlagen w1rd.
im allgemeinen. Mit dem Kontext gibt man das Wort an das Was den Vater betrifft, so ist er als Referenz-Instanz gesetzt,
Objekt des »Wissenschaftlers« von nebenan ab, so als ob dieser erscheint aber zugleich überhaupt nicht als Instanz (ist ausge­
Referent ein Sender wäre. löscht). Und welches ist der Sender, der in den miteinander
vermengten Universen dargestellt wird? Er ist in dem � at� oder
143 den Sätzen niemals markiert. Der große Andere, w1e m der
lacanschen Metaphysik? Die Inkompossibeln bestehen - wie Sie
Nachträglich aber wird man doch wissen, welches Universum sehen - ganz ungezwungen nebeneinander. - Ja, aber � ie s �nd
nun wirklich vom Anfangssatz dargestellt wurde? Die spätere symptomatisch. - Sie machen einen Idiolekt aus, um m1t Wltt­
Satzreihe wird das Regelsystem des ersten entscheiden? - Die genstein zu sprechen. - Und die Masturbat�on? - �in Mod�s
spätere Reihe entscheidet nichts (nicht mehr als >>die Geschichte
simultanen Vorkommnisses von Inkomposs1beln, w1e etwa em
wird sagen, ob . . . << ) . Wenn eine Entscheidung fällt, so rührt sie
Traum, ein Erröten, ein Krampf, eine Unterlassung, eine
von der Diskursart her, in der die Reihe >>gesteuert« wird. Stellen
Krankheit, ein Schweigen, ein Gefühl, der Alkohol, die Droge.
Sie sich zwei äußerste Pole vor, zwischen denen sich alle Dis­
Das heißt die Agitation, das im selben Augenblick von einer
kursarten verteilen. Der Einsatz des einen, des Diskurses der
Lesart zur anderen Springen. Prostitution bei Guyotat ( 1975).
Erkenntnis, wäre es dann, die Reihe in Richtung auf die Beseiti­
gung der anfänglichen Mehrdeutigkeit zu steuern. Der des ande­
ren, des Diskurses des Unbewußten, wäre es, diese soweit wie
145
möglich aufrecht zu erhalten. Man kann nicht behaupten, daß
der eine dem >>Wesen« der Sprache mehr oder weniger entsprä­ Aber der Körper ist wirklich? - Der >>eigene« Körper ist ein
che als der andere, noch daß der eine >>ursprünglich«, der andere Name aus der Familie der Idiolekte. Darüber hinaus ist er der
sekundär wäre. Sie wären in der Ordnung der Diskurse das, was Referent von Sätzen, die unterschiedlichen Regelsystemen ge­
die Tautologie und der Widerspruch in der Ordnung der Propo- horchen. Ich habe Zahnweh: das ist ein Deskriptiv, begleitet von
[125] sitionen sind: Der rationale Satz stellt das Universum dar, I das einer mit-dargestellten Bitte: Befreit mich davon. Aus Ihren
er darstellt, der passionale Satz [phrase passioneile] stellt inkom­ Schmerzen macht der Zahnarzt einen Fall, der einen kognitiven
possible (unvereinbare) Universen mit dar. Satz verifiziert (ein Verfahren mit drei Sätzen : Da ist es, das
nennt sich Zahnhals, es ist gut möglich, daß es sich dabei um
Karies des Zahnhalses handelt). In diesem Fall und als Antwort
auf Ihre Bitte verordnet er Handlungen zur Wiederherstellung
der Gesundheit (wobei diese selbst Gegenstand einer Idee ist).
146 147
1M
1 t $!1 t m. r r t •• :;;: L ;I• !r:r:tf •

DIE DARSTELLUNG TRIFTIGKElT DER VERKETTUNG

Mu :atis mutandis gilt das gleiche für die anderen Fachleute des 147
>>K?. rpers<< : für den Sport-Trainer, für den Sex-Ratgeber, für den Von einem Satz-Regelsystem (deskriptiv, kognitiv, präskriptiv,
kulma��_ ��?� n Künstler, für d�n Tanz- oder Gesangslehrer, für evaluativ, interrogativ . . . ) zum anderen braucht eine Verket­
_
den mihtansche?- Ausb�lder Ist der Körper ein Komplex von tung nicht unbedingt triftig zu sein. Es ist nicht triftig, Öffnen
[126] Symptomen, I die von emer Idee des guten Körpers aus gelesen Sie die Tür mit Sie haben eine Anweisung formuliert oder mit
u� d be�an?elt werden. - Aber das Zahnweh ist ein Schmerz, er Welch schöne Tür! weiter zu verketten. Diese mangelnde Triftig­
w�rd �Irkhch erle?t usw. ! - Wie läßt sich verifizieren, daß dies keit aber kann in einer Diskursart durchaus angebracht sein.
Wirkheb erleb � wird? Sie �ind der einzige Empfänger dieses Eine Diskursart legt einen Einsatz für die Satzverkettungen fest
Sc?m �rzes. Er ISt wie _ Summe Gottes : >>Gott kannst du nicht
_ die
(Nr. 1 78 ff.). Beispielsweise überreden, überzeugen, besiegen,
mit emem Anderen reden hören, sondern nur wenn du der zum Lachen, zum Weinen bringen usw. Angebracht kann es
�ng�redete bist<< (Zettel: § 717). Wittgenstein fiigt hinzu : >>Das sein, auf nicht-triftige Weise zu verketten, um eine dieser Wir­
rst eme grammatische Bemerkung.<< kungen hervorzurufen. Die Teleologie beginnt bei den Diskurs­
Sie umschreibt, was ein Idiolekt ist: >>Ich<< allein kann ihn arten, nicht bei den Sätzen. Als verkettete aber sind die Sätze
vernehmen. Der Idiolekt fällt leicht dem Dilemma anheim immer in (mindestens) eine Diskursart einbegriffen. I [ 1 27]
(Nr. 8) : Wenn Ihr Erlebnis nicht mitteilbar ist, können Sie nicht
b �zeugen, daß es existiert; wenn es mitteilbar ist, können Sie
m �h� sagen, daß Sie der einzige seien, der bezeugen kann, daß es 148
existiert. Der mit einer Diskursart verbundene Einsatz vermöchte die
Verkettungen zwischen Sätzen zu bestimmen. Er bestimmt sie
146 aber nur so, wie ein Zweck Mittel bestimmen kann: durch den
Ausschluß derer, die nicht angebracht sind. Man wird Zu den
Gebe� Sie zumindest folgendes zu : Die Sätze der Normalspra­
� �
c e sm m �hrdeutig, es ist aber eine edle Aufgabe, nach der
Waffen! nicht mit Sie haben gerade eine Vorschrift formuliert

Em euttgkei: z� forschen und die Mehrdeutigkeit nicht noch zu
_
weiter verketten, wenn es um dringlich gebotenes Handeln geht.
Man wird es tun, wenn man Lachen hervorrufen will. Aber es
schuren. - Dies ISt zummdest platonisch. Sie ziehen dem Wider­
� �
streit den Dia ?g vor: Und S e set�e� vo�aus, daß die Eindeutig­
.
_ erstens moghch
gibt viele andere Mittel, um den Zweck zu erreichen. Man müßte
die Idee der Verführung erweitern. Eine Diskursart wirkt ver­
�eit Ist; zweitens m Ihr dre Gesundheit der Sätze

he?t. Un we?n der Spieleinsatz des Denkens (?) eher im
führerisch auf ein Satz-Universum. Sie orientiert die Instanzen,
die dieser Satz darstellt, in Richtung auf bestimmte Verkettun­
Widerstreit als Im Konsensus bestünde? Und dies sowohl in der
gen oder rückt sie zumindest anderen Verkettungen fern, die in
edlen Diskursart wie in der gemeinen? Und bei bester >>Gesund­
bezug auf das von dieser Diskursart verfolgte Ziel nicht ange­
heit<<, bei vollem Bewußtsein? Das soll nicht heißen daß man die
� �
ehrdeutigkeit schürt. Aber am Ende der Eindeuti keit kündigt
bracht sind. Nicht der Empfänger wird vom Sender verführt.

�� � �
Dieser, der Referent, die Bedeutung unterliegen nicht weniger
S I �h etw ( urc da� Gefühl) an, das diese eindeutige, >>einzige
. als der Empfänger der verführerischen Wirkung dessen, was in
Summe<< mcht m Satze
· fassen kann.
der Diskursart auf dem Spiel steht.

"-· Wortspiel �it d �m lat. Wortstamm vox (»Stimme«) : frz. eq�tivocite


(»Meh:.deungkeit«), univocite (»Eindeutigkeit«), voix (»Stimme« '·
A. d. U.).
148 1 49
DER »LETZTE<< SATZ
DIE DARSTELLUNG
151
149
n, ihm ein U ?rech t
Der Verstoß ist keine mangelnde Triftigkeit, wie das Unrecht Wie kann ein Satz gegen einen Satz vers toße
antu n? Besit zen die Sätze Ehre , Stolz ? �nt�
uopomorphls:nu� ,
kein Schaden ist (Nr. 41 ). Er ist die Vorherrschaft eines Satz­ was das Ere1 gms
Regelsystems über ein anderes, die usurpierte Autorität. Öffnen von Ihre r Seite ? - Ganz einfach: man we1ß me,
hem Rege lsyst em?
Sie die Tür. - Sie haben gesagt, ich solle die Tür öffnen, haben also [i. 0. dt.] ist. Satz in welc hem Idio m? in welc
egzunehm en, das
eine Vorschrift formuliert. Man diskutiert, um zu erfahren, ob Das Unrecht besteht imm er darin, es vorw [129]
dies der Fall ist (Definition der Vorschrift, Übereinstimmung heißt es zu verbieten.
des Befehls mit dieser Definition usw.). Nehmen wir an, dies ist
der Fall. Sie haben eine Vorschrift formuliert ist dann ein vali­
dierter Satz. Er schreibt dem Öffnen Sie die Tür eine Eigenschaft
zu, nämlich die einer Vorschrift. Die mangelnde Triftigkeit
besteht darin, den Befehl mit einem Kommentar des Befehls und
nicht mit seiner Ausführung weiter zu verketten. Ein Verstoß
wäre es, wenn der Kommentator des Befehls - zugleich der
Empfänger des Befehls - sagte : >>Ich habe verstanden, welcher
Satz-Familie Öffnen Sie die Tür angehört, und bin deswegen mit
diesem Befehl fertig.« Dies ist der spekulative, im allgemeinen
metasprachliche Verstoß (Nr, 45).

150
Das im letzten Urteil implizierte Unrecht: Nach dem, was ich
gerade gesagt habe, gibt es nichts mehr zu sagen. - Aber Sie sagen
es ! Was fügen Sie zu dem vorher Gesagten hinzu, wenn Sie
erklären, daß es nichts mehr hinzuzufügen gibt? Sie fügen hinzu:
entweder, daß der vorangehende Satz der letzte war, oder daß
[128) die auf Ihren >>letzten<< Satz folgenden Sätze I Tautologien der
vorangehenden Sätze sein werden. Die erste Erklärung ist Un­
Sinn (das Nach-Letzte), die zweite verlangt den Beweis, daß
kein neuer Satz kommen wird. Eines von beiden also, was diesen
Beweis betrifft: entweder besteht er aus Tautologien der voran­
gehenden Sätze oder nicht. Im ersten Fall widerlegt er de facto,
was er de jure begründet; im zweiten ist der Beweis bereits
geführt, bevor er vollzogen ist. - Und woher wissen Sie, daß er
nicht schon vollzogen ist? - Ich weiß nur: Was nicht schon
vollzogen war, ist der Beweis, daß er nicht schon vollzogen war.
Und dieser Beweis wird de facto widerlegen, was er de jure
begründen wird.

150 151
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METAPHYSIK UND MIKROLOGIE

gänzlich >>unsere<< Angelegenheit, eine Angel� genheit der Satz­


Verkettung. Ist das Einzige das Ziel und folgheb das Gesetz der
Satz-Verkettungen? I Der Mensch, das >>wir<< »unserer<< Angele- [1 30]
genheit - verdankt er nicht seinen einzigartigen Namen der
Tatsache, daß er die Ereignisse auf die Eins hin verkettet?
Eine Satzkette knüpft an diese Regel an. Hier einige Glieder
davon :
Das Resultat >>Es liegt in der Bestimmung negativer Dialektik, daß sie sich
nicht bei sich beruhigt, als wäre sie total; das ist ihre Gestalt von
Hoffnung.<<
152. Modell >>Dazu muß Dialektik, in eins Abdruck des universalen Ver­
Man widerspricht nicht, befindet er, man glaubt zu widerspre­ blendungszusammenhangs und dessen Kritik, in einer letzten
chen. Die Kontroverse gehört zu einer Diskursart, der ÖtaAEX­ Bewegung sich noch gegen sich selbst kehren.«
nx� (dialektike), Thesen, Argumente, Einwürfe, Widerlegun­ >>Metaphysik ist, dem eigenen Begriff nach, möglich nicht als
gen, die die Topik und die Sophistischen Widerlegungen analysie­ ein deduktiver Zusammenhang von Urteilen über Seiendes.
ren und zu normieren versuchen. Die >>große<<, die spekulative Genausowenig kann sie nach dem Muster eines absolut Ver­
Dialektik weist diese Diskursart als leichtfertig zurück: >>Die schiedenen gedacht werden, das furchtbar des Denkens spot­
Einwürfe, wenn sie wirklich mit der Sache, gegen die sie gerichtet tete.<<
sind, zusammenhängen, sind einseitige Bestimmungen [ . . . ). >>Danach wäre sie möglich allein als lesbare Konstellation von
Diese einseitigen Bestimmungen, als mit der Sache zusammen­ Seiendem.<<
hängend, sind Momente ihres Begriffs, die also bei seiner Exposi­ >>Von diesem [ . . . ] brächte sie die Elemente zu einer Konfigu­
tion in ihrer momentanen Stellung vorkommen, und deren ration, in der die Elemente zur Schrift zusammentreten. <<
Negation in der immanenten Dialektik des Begriffs aufgezeigt >>Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs
sein muß [ . . . ).<< Folglich könnte die Wissenschaft in bezug auf die Absolute.<<
Arbeit der Aufsammlung dieser Einwürfe, wie Göschel (als >>[ . . . ] daß Metaphysik in die Mikrologie einwandert. Diese ist
Autor der Aphorismen, die Hegel kommentiert) sie leistete, >>die der Ort der Metaphysik als Zuflucht vor der Totale.<<
Forderung machen, daß solches Geschäft überflüssig wäre, denn Diese Sätze sind dem Schluß der Negativen Dialektik ent­
es wird nur durch den Mangel an Bildung des Denkens und durch nommen (Adorno, 1 966 : 395-398). Dort wird gesagt, daß >>der
die Ungeduld der Eitelkeitmangelhaft gebildeten Denkens veran­ mikrologische Blick [ . . . ] die Schalen des nach dem Maß des
laßt<< (Hegel, >>Göschels Aphorismen<<, hier zitiert nach Lebrun, subsumierenden Oberbegriffs [Hegel ist hier angesprochen und
1 972 : 221-222 ; = Sämtliche Werke, Bd. 20, S. 304-305). Die der Kant der ersten Analytik] hilflos Vereinzelten (zertrümmert)
Wissenschaft im hegelschen Sinne läßt die dialektike nicht neben und seine Identität (sprengt), den Trug, es wäre bloß Exemplar«.
sich bestehen, wie es die aristotelische Dialektik tat. Sie schließt Diese Frage nach dem Exemplar ist entscheidend. Es ist dies
sie in ihre Diskursart, das Spekulative, ein. In dieser Diskursart die Frage nach dem Namen. Welche begriffliche Bedeutung
wird die Zwei der Dialektik, die die Paralogismen und Aporien enthält der sogenannte Eigenname? Durch welchen intellegi­
verursacht, in den Dienst des dialektischen Zwecks, der Eins, blen, dialektischen Satz kann man den faktischen Namen erset­
gestellt. Es gibt keine wahrhaften Widerreden. zen? Was meint ein Eigenname ? So lautet die spekulative Frage­
Hier liegt nun aber ein Satz vor (die spekulative Regel), der stellung, Adorno zufolge. Sie setzt die Verkehrung des Einzel­
kein widersprüchliches Sein übrigläßt. Daß er es könnte, ist nen in ein Beispiel des Oberbegriffs [generique] voraus. Deshalb

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DAS RESULTAT ERFAHRUNG

[ 1 3 1 ] schreibt er in der Vorrede zur Negativen Dialektik: I >>Der dritte bleibt ihm »gleichgültig<< . Das Modell dagegen treibt die ne� ati­
Teil dann führt Modelle negativer Dialektik aus. Sie sind keine ve Dialektik »ins reale Bereich<< hinein (S. 8). Als Modell illu­
Beispiele; erläutern nicht einfach allgemeine Erwägungen. [. . .] striert »Auschwitz<< nicht die Dialektik, auch nicht die negative.
[der] Gebrauch von Beispielen als ei[n] an sich Gleichgültige[s] Diese rüttelt die Gestalten des Begriffs, die aus der Resultats­
[ist es], den Platon einführte und den die Philosophie seitdem Regel hervorgehen, durcheinander und befreit die Namen, ?ie
wiederholte« (S. 8). als Illustrationen der einzelnen Bewegungsphasen des B egnffs
Nun beginnt in diesem dritten, »Modelle« überschriebenen gelten. Die Idee des Modells entsprich: der Verkehr� mg der
Teil der Abschnitt »Meditationen zur Metaphysik« mit einigen­ Bestimmung der Dialektik: Das Modell 1st �er �ame e�ner Art
sagen wir - Mikrologien unter dem Titel »Nach Auschwitz«, Meta-Erfahrung, in der die Dialektik auf em mcht negterbares
Dort und im Umkreis davon findet man folgende Sätze: Negatives träfe und in der Unmöglichkeit verharrte, e� in ei� em
»Kein vom Hohen getöntes Wort, auch kein theologisches, »Resultat<< zu verdoppeln. In der die Wunde des Getstes mcht
hat unverwandelt nach Auschwitz ein Recht<< (S. 358). vernarbte. In der, wie Derrida schreibt, »die Investition in den
»Wäre der Tod jenes Absolute, das die Philosophie positiv Tod sich nicht gänzlich amortisierte<< (1972 [1968 a] : 1 25).
vergebens beschwor, so ist alles überhaupt nichts, auch jeder Das Modell »AuschwitZ<< vermöchte eine »Erfahrung« von
Gedanke ins Leere gedacht [ . . .}< (S. 362). Sprache zu bezeichnen, die dem spekulativ�n Di� kurs � alt
»Neues Grauen hat der Tod in den Lagern: seit Auschwitz gebietet. Dieser könnte sich »nach AuschwttZ<< mcht wet�er
heißt den Tod fürchten, Schlimmeres fürchten als den Tod<< fortsetzen. Hier liegt ein Name vor, »in<< dem das spekulative
(S. 362). Denken nicht stattfände. Es wäre also kein Name im Sinne
Geschieht es aus Ungeduld, Leichtfertigkeit und Unbildung, Hegels, eine Gestalt des Gedächtnisses, die die I? auerhaftigkeit
wenn man dem Widerspruchslosen, dem Spekulativen wider­ des Referenten und seiner Bedeutungen garantiert, wenn der
spricht? »Auschwitz<< und »nach Auschwitz<<, das heißt das Geist deren Zeichen zerstört hat. Dies wäre ein Name ohne
abendländische Denken und Leben jetzt - liegt hierin etwas, das spekulativen »Namen<<, nicht in einem Begriff aufhebbar.
dem spekulativen Diskurs widerspricht? Wenn ja: ist dies leicht­
fertig ? Wenn nein: was geschieht durch oder mit dem Spekulati­
1 53. Erfahrung
ven, das nicht selbst spekulativ wäre? Welches ist der Diskurs
namens »Auschwitz<<, der ihm dann widerspricht? Oder wer Das Wort Erfahrung ist das Wort der Phänomenologie des
will ihm widersprechen, ohne daß es ihm gelänge? Geistes, der »Wissenschaft der Erfahrung des Bewußtseins<<. Die
Nach impliziert eine Periodisierung. Adorno rechnet die Zeit Erfahrung ist »die dialektische Bewegung, welche das Bewußt­
(aber welche Zeit?) von »AuschwitZ<< an. Ist dieser Name ein sein an ihm selbst [ . . . ] ausübt<< (Phänomenologie des Geistes, 2 :
chronologischer Koordinatenursprung? Welche Ära beginnt mit 80, 78). In der ihr eigenen Sphäre bedingt die Erfahrung das
diesem Ereignis? Die Frage erscheint pausbäckig, wenn man sich Element des Spekulativen, das »Leben des Geistes<<, und zwar
daran erinnert, auf welche Weise die Dialektik im ersten Kapitel als Leben, »das ihn [den Tod] erträgt und in ihm sich erhält<< (2 :
der Wissenschaft der Logik und schon in der zweiten kantischen 34 ). Dieses Verweilen setzt die »Zauberkraft<< des Geistes frei,
Antinomie die Idee des Anfangs auflöst. Hat Adorno das ver­ die Kraft, das Negative in Sein zu verkehren, die »göttliche
gessen ? Natur<< des Sprechens (2 : 92). Kann man hinsichtlich des Mo­
»Auschwitz<< ist für ihn ein Modell, kein Beispiel. In der dells »AuschwitZ<< noch von Erfahrung sprechen? Hieße das
Philosophie von Platon bis zur hegelschen Dialektik hat das nicht, die ungebrochene »Zauberkraft<< voraussetzen? Ist auch
[ 132] Beispiel die Aufgabe, eine Idee zu illustrieren; I es steht in der Tod mit Namen (oder ohne Namen) »Auschwitz<< ein »Ver­
keinem notwendigen Bezug zu dem, was es illustriert, sondern weilen<<, in dem die Verkehrung, das alte Paradoxon der Affir-
154 155
, er sn
11 5 n sp er-. ...-*

SKEPTIZISMUS
DAS RESULTAT

mation des Nichtseins, sich vollziehen kann? >>Seit Auschwitz >>Auschwitz<< birgt, der Tod des »schönen<<, zaubrischen Todes
[133] heißt den Tod fürchten, Schlimmeres fürchten als den I Tod.« ist, wie könnte sich dann der schöne Tod, der die spekulative
Daß der Tod noch nicht das Schlimmste ist, mag daran liegen, Bewegung trägt, wieder I vom Lager-Tod abheben? Und wenn [134]
daß er nicht das Ende schlechthin ist, sondern das Ende des man andererseits voraussetzt,_ daß der spekulative Diskurs >>nach
Endlichen und die Offenbarung des Unendlichen. Schlimmer als Auschwitz<< zu Tode gekommen ist, folgt dann daraus, daß er
dieser zaubrische Tod wäre der Tod ohne Umkehrung, ganz nur dem subjektiven Geschwätz und der Bosheit der Beschei­
. denheit Raum gibt? Formuliert wird diese Alternative im Rah-
emfach das Ende, das Ende des Unendlichen eingeschlossen.
Das könnte folglich nicht Erfahrung geheißen werden, da· es ja men der spekulativen Logik. Nimmt man sie hin, so betreibt
ohne Resultat wäre. Daß es jedoch keinen spekulativen Namen man die Fortsetzung dieser Logik.
besitzt, verschlägt nicht, daß man darüber sprechen muß' Die Wäre es möglich, daß >>nach<< dem namenlosen >>Auschwitz<<
mit >>Auschwitz<< gestellte Frage ist die der Diskursart ie :--:a irgendeine Art von Satz im Sinne einer anderen Logik stattfände,
>>AuschwitZ<< weiter verkettet. Wenn diese Diskursart nicht die nicht dessen spekulatives Resultat wäre? Folgendes müßte
spekulativ ist, welche andere kann sie sein? Wie rechtfertigt sie man sich vorstellen: daß die mit >>AuschwitZ<< in das abendländi­
sich, wenn nicht dank des >>AufhebenS<< ? Das heißt dank einer sche Denken eingeführte Spaltung nicht den spekulativen Dis­
Bewegung, die, indem sie das >>Selbst<< von der Referenz-Posi­ kurs überschreitet, das heißt - da letzterer kein Außen besitzt ­
tion im Universum eines unmittelbar{\!1 Satzes auf die Sender­ innerhalb dieses Diskurses nicht dessen unvollständiges, ver­
und Empfänger-Position im Universum eines zweiten Satzes, stümmeltes, unausgedrücktes Ende bewirkt, wie eine Art neuro­
der den vorangehenden >>weiter verkettet<<, übergehen läßt, den tischer Stasis auf einem Gesicht (dem Gesicht des >>Auschwitz<<­
zweiten tatsächlich autorisierte : denn in letzterem erschiene der Todes), die genau genommen nur einen Augenblick dauern
Referent des ersten Satzes selbst, der als Sender sich selbst dürfte ; daß aber diese Spaltung der spekulativen Logik selbst ­
formulierte und diese Formulierung an sich selbst als Empfänger und nicht nur ihren Wirkungen - einen Sprung versetzt, die
richtete. Wie könnte >>AuschwitZ<< - ein von außen gedachtes Funktionsweise mancher, wenn auch nicht aller ihrer Operato­
Ding, nur >>an sich<< und >>für unS<< gesetzter Referent - jenseits ren hemmt und sie zur Regellosigkeit eines Unendlichen ver­
dieser Bewegung verinnerlicht, als unmittelbare Position aufge­ dammt, das weder das gute noch das böse Unendliche oder
hoben werden und sich selbst zeigen, sich in der (und sei es beides zugleich wäre.
ephemeren) Identität des Für-Sich erkennen? Fehlt diese Permu­
tation, so gibt es nach Hegel nur leeres, subjektives, willkürli­ 1 54. Skeptizismus
ches Geschwätz, bestenfalls einen Rückschritt ins >>räsonieren­
de<< Denken, in den Diskurs des Verstandes, in die >>Bescheiden­ Indem Adorno aus dem Namen >>AuschwitZ« ein Modell für die
heit<< der Endlichkeit. Doch als ins Absolute gesteigerte subjek­ negative Dialektik - und in ihr - macht, legt er nahe, daß hier nur
tive Eitelkeit ist diese Bescheidenheit, wie er schreibt, »das eine affirmative Dialektik ihrem Ende begegnet. Auf welche
Böse<< (System der Philosophie, § 386; 1 0 : 42-43). Weise aber ist die Dialektik affirmativ? In der Philosophischen
Die Mahnung indessen, man müsse dem Resultat von Propädeutik unterschied Hegel zwei Seiten innerhalb der Logik:
>>Auschwitz<< Ausdruck verleihen, auf das Namenlose spekulie­ >>die dialektische oder negativ vernünftige; die spekulative oder
ren, wobei erklärt wird, man habe darüber zu sprechen, könne positiv vernünftige<< (3 : 1 70). Diese Unterscheidung wird in der
es aber nicht wirklich auf die Weise, daß der namenlose Referent Encyklopädie wieder aufgegriffen: >>Das dialektische Moment ist
des Satzes zum Empfänger und zum Sender wird und sich dem­ das eigene Sich-Aufheben solcher endlichen Bestimmungen und
nach >>nennt<< - diese Intimidation (oder Intimation) urteilt im ihr Übergehen in ihre entgegengesetzte [. . . ]. Das Spekulative
voraus über das Wesen des Gegenstands. Wenn der Name, den oder Positivvernünftige faßt die Einheit der Bestimmungen in

156 157
2 I 3

HEGEL
DAS RESULTAT

ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflö­ immer nur das reine Nichts« und abstrahiert davon, >>daß dies
sung und ihrem Ü bergehen enthalten ist<< (System der Philoso­ Nichts bestimmt das Nichts dessen ist, woraus es resultiert« (2 :
phie, Bd. 8, § 81 und 82). 73).
Diese Unterscheidung wird nicht an allen Stellen des Werks In der Phänomenologie des Geistes werden die Tiere als Bei-
eingehalten. Wie könnte sie auch wirklich von einem Diskurs spiel für Weisheit in Hinblick auf die sinnliche Gewißheit ange-
eingehalten werden, der gerade davon zehrt, daß das Negative führt: sie verzweifeln an dieser Realität und zehren sie auf (2 : 90-
[135] eine I zaubrische positive Kraft ist? Eher muß man sich darüber 91 ). Der Skeptizismus ist unerfreulich, weil er die Tierhaftigkeit
wundern, daß die Gegenüberstellung getroffen und jenseits ihrer des Geistes, dessen Bauch darstellt, der die Bestimmungen
eigenen Dialektisierung aufrechterhalten wurde, wie ein Zuge­ aufzehrt. Derart ist die Wunden schlagende Anziehungskraft I [1 36]
ständnis, das zwar hinter vorgehaltener Hand, aber in einem des Nihilismus, eine Aus- oder Aufzehrung, die nichts übrig
wesentlichen Punkt dem Verstandesdenken gemacht wurde. liesse. Derart sind Balsam und Exorzismus beschaffen: diese
Hierin liegt eine Spur, die Narbe einer Wunde im spekulativen entmutigende Negativität zur Erzeugung einer Affirmation ar-
Diskurs, deren Wiedergutmachung dieser Diskurs selbst ist. Es beiten lassen. Ist das namenlose >>Auschwitz« ein Modell negati-
ist die Wunde des Nihilismus. Diese Wunde ist nicht akziden­ ver Dialektik - dann wird es die Hoffnungslosigkeit des Nihilis-
tell, sie ist absolut philosophisch. Der Skeptizismus (der antike, mus aufgeweckt haben, und das Denken >>nach Auschwitz« wird
versteht sich) ist nicht eine Philosophie unter anderen, er ist >>in seine Bestimmungen wie eine Kuh ihr Futter oder ein Tiger seine
jedem ächten philosophischen Systeme implizite zu finden, denn Beute aufzehren müssen, ohne Resultat. Man wird in der Suhle
er ist die freie Seite einer jeden Philosophie«. So schreibt Hege! oder in der Raubtierhöhle, zu der das Abendland geworden sein
1 802, und er fährt fort: >>[W]enn in irgend einem Satze, der eine wird, nur die Folge dieses Verzehrs finden: den Abfall, die
Vernunfterkenntnis ausdrückt, das Reflektierte desselben, die Scheiße. Derart muß das Ende des Unendlichen verstanden
Begriffe, die in ihm enthalten sind, isoliert, und die Art, wie sie werden, als endlose Wiederholung des >>Nichtigen«, als
verbunden sind betrachtet wird; so muß es sich zeigen, daß diese »schlechtes Unendliches«. Man wollte den Fortschritt des Gei-
Begriffe zugleich aufgehoben, oder auf eine solche Art verewigt stes, man hat seine Scheiße bekommen.
sind, daß sie sich widersprechen, sonst wäre es kein vernünfti­ Worin würde ein Resultat von >>Auschwitz« bestehen? Was ist
ger, sondern ein verständiger Satz« (>>Verhältnis des Skeptizis­ Resultat? Im selben Paragraphen 82 der Enzyklopädie (von
mus zur Philosophie«, 1 : 23 1). In Paragraph 39 der Enzyklopä­ 1 830) schreibt Hegel : >>Die Dialektik hat ein positives Resultat,
die von 1 830 verweist Hege! auf den Aufsatz von 1 802, so als ob weil sie einen bestimmten Inhalt hat, oder weil ihr Resultat
er ihn bruchlos billigte. wahrhaft nicht das leere, abstrakte Nichts, sondern die Negation
In Paragraph 78 jedoch wird der philosophischen Freiheit zur von gewissen Bestimmungen ist, welche im Resultate eben des­
Auflösung der Bestimmungen ein strenges Korrektiv auferlegt: wegen enthalten sind, weil dies nicht ein unmittelbares Nichts,
>>Der Skeptizismus, als eine durch alle Formen des Erkennens sondern ein Resultat ist« (8 : 1 95). Resultat gibt es, weil es
durchgeführte, negative Wissenschaft, würde sich als eine Ein­ Bestimmung gibt.
leitung darbieten, worin die Nichtigkeit solcher Voraussetzun­ Diese aber bestimmt sich ihrerseits nur durch die Regeln
gen dargethan würde. Aber er würde nicht nur ein unerfreuli­ dieser Diskursart: der spekulativen.
cher, sondern auch darum ein überflüssiger Weg sein, weil das
Dialektische selbst ein wesentliches Moment der affirmativen
Wissenschaft ist (Hervorhebung von J.-F. L.]« (8 : 1 84). Dieses HEGEL
Ko :rektiv ist bereits in der Vorrede zur Phcinomenologie des 1. In der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes beschreibt Hege! die
Gezstes gegeben : Der Skeptizismus sieht >>in dem Resultate Prädikation: Auf der einen Seite bildet das >>Selbst« (das, worum es sich

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DAS RESULTAT HEGEL

handelt, das Subjekt der Proposition) die »Basis«, einen regungslosen nennen. Nicht die Tür muß geöffnet, sondern der Satz Öffnen Sie die
Träger; auf der anderen Seite folgen die darauf bezogenen Inhalte einer Tür bewahrheitet werden (Nr. 45, 149).
Hin- und Herbewegung, sie gehören nicht zum Selbst, sie können sich Dritter Gesichtspunkt: Das spekulative Dispositiv bedarf der
auf andere »Basen« wenden und andere Aussagen [enonces] veranlas­ >>Doppelsinnigkeit« und der >>Zweifelhaftigkeit« von Ausdrücken, die
sen. Diese haben die Form attributiver Urteile, und die Inhalte sind die die Sätze bilden (oder der Sätze selbst: für Hege! sind die Ausdrücke
Prädikate. Derart ist der >>räsonierende« Satz, das »Räsonieren« be­ unentwickelte Sätze). Die Doppelsinnigkeit und die Zweifelhaftigkeit
schaffen. Die Philosophie des Verstandes im aristotelischen oder kanti­ sind die Zeichen dafür, daß die Identität des >>Selbst« widersprüchlich
schen Sinne stockt, wie Hege! sagt, an der Frage: Wie läßt sich ist. Es handelt sich dabei nicht nur um vorübergehende Eigenschaf­
vermeiden, daß der Bezug (die Synthese) zwischen dem Prädikat und ten, die der Ietztlichen Eindeutigkeit vorangehen. So wird etwa in
dem Subjekt eines Urteils willkürlich ist? Das >>begreifende Denken• den Vorlesungen über Ästhetik das Symbol durch seine >>Wesentlich
nimmt nicht das Subjekt des Satzes zum Subjekt, das >>ruhende Sub­ zweideutige« Natur gekennzeichnet: Der auf einer Münze eingravier­
jekt«, >>das unbewegt die Akzidenzen [Hege! spricht nicht einmal mehr te Löwe ist >>sinnliche Gestalt und Existenz« (12: 4 1 1-412). Ist er ein
[137] von Prädikaten] trägt« ; I sein Subjekt ist >>das eigene Selbst des Gegen­ Symbol? Vielleicht. Und wenn, was symbolisiert er? Das bleibt zu
stands [ . . . ], das sich als sein Werden darstellt«, das heißt »der sich entscheiden. Zwei Ebenen von Unsicherheit also: sinnlich oder Sym­
bewegende und seine Bestimmungen in sich aufnehmende Begriff• (2: bol? Im zweiten Fall: welche Bedeutung? Sind die Antworten einmal
55-56). gefallen, so verflüchtigt sich die Mehrdeutigkeit, I das Symbol wird [138]
Drei Gesichtspunkte sind in dieser Veränderung des »Subjekts<< von auseinandergerissen, einem Referenten eine Bedeutung zugeschrie­
Kant zu Hege! hervorzuheben. Zunächst unterscheidet der Diskurs ben.
des Verstandes im Satz zwischen dem Referenten (dem Gegenstand, Aber die Mehrdeutigkeit und die Zweifelhaftigkeit können sich
dem >>Selbst« oder der Substanz im Sinne von Aristoteles) und seiner wieder im sprachlichen Satz einfinden, der den sinnlichen Satz fortsetzt
Bedeutung (dem Begriff). Seine >>Schwierigkeiten« entspringen dieser und verknüpft. Die >>Freude des Denkens« (Wissenschaft der Logik, 4 :
Unterscheidung. Die hegelsche >>Lösung« besteht in ihrer Beseitigung: 22; Enzyklopädie von 1 830, § 96) besteht darin, vielfältige Bedeutungen
Der Referent ist nichts anderes als der Begriff, als seine Bedeutung. für die Wörter einer natürlichen Sprache zu finden. Sie erreicht ihren
Wovon die Rede ist, ist auch, was die Rede ist (das Wirkliche ist Gipfel, wenn die Bedeutungen >>entgegengesetzte« sind. Je häufiger dies
vernünftig). Diese Identität ist bereits in den natürlichen Sprachen der in einer Sprache vorkommt, desto eher wird sie vom >>spekulativen
Fall, sie bleibt aber an sich und ist an ihnen nur »für uns« sichtbar, die Geist« bewohnt. >>[D]aß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und
wir die äußeren Empfänger des >>aktuellen« Satzes und bereits im dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrau­
spekulativen Diskurs situiert sind. In diesem wird jene Äußerlichkeit chen«, ist >>für das spekulative Denken erfreulich« . Diese Freude
verinnerlicht, das ,,für uns« wird zum ,,für sich«, das »Selbst« besetzt erreicht mit dem deutschen >>aufheben« ihren Höhepunkt: es vereint
die Empfänger-Instanz des spekulativen Satzes, und zwar an Stelle des nicht nur das positive emporheben und das negative wegnehmen,
>>Uns«, das verworfen oder in den spekulativen Diskurs einbezogen beseitigen wie das lateinische tollere, sondern die Affirmation schließt
wird. Das Selbst besetzt also drei Instanzen: Referent, Bedeutung und bereits die Negation ein: emporheben heißt erhalten, aufbewahren, und
Empfänger. Daraus ergeben sich zwei Fragen: 1.) nach dem spekulati­ man kann nicht etwas aufbewahren, ohne daß es >>seiner Unmittelbar­
ven Sender; 2.) die einfache Identität von Instanzen ist unmöglich (das keit und damit einem den äußerlichen Einwirkungen offenen Dasein
>>Üm der Tibetaner«); widersprüchlich ist es, wenn das Gleiche ver­ entnommen wird« (Wissenschaft der Logik, 5 : 120).
schiedene Instanzen besetzt. Die geheime Triebkraft dessen, was He­ Die Freude des Denkens kulminiert deswegen in »aufheben«, weil
gel Bestimmung nennt und als möglichen Ausweg aus der leeren dieser Ausdruck der normalen Sprache auch der Name des spekulativen
Identität ins Spiel bringt, besteht in der Verteilung von Satz-Universen Verfahrens par excellence ist. Das Selbst oder das Subjekt des normalen
auf mehrere Instanzen. oder verständigen Satzes wird durch den spekulativen Diskurs über die
Zweiter Gesichtspunkt: Die Veränderung des >>Subjekts«, das sich im verschiedenen, durch diesen Satz dargestellten Instanzen hinweg in
Übergang vom >>an sich« zum ,,für sich« in das spekulative Idiom Umlauf gebracht. In diesem Werden wird es zugleich bewahrt und
übersetzt, entspricht dem, was der Logiker oder Linguist (mit jeweils beseitigt.
anderem Sinn) die Bildung einer Metasprache über eine Objektsprache Auf diese Weise vollzieht der spekulative Diskurs nichts anderes als
160 161
p 11 7V 11

DAs RESULTAT HEGEL

der normale, der es »naiv<< tut. Er ist nicht die Metasprache einer wird, »geschieht an ihm« dieser »Inhalt« (die Bewegung des :v echselse!­
Objektsprache, sondern die Objektsprache selbst, die sich erhält und tigen Verschwindens von Sein und Nichts). Der Satz tst nur dte
. .
beseitigt. Die (dialektische) Logik ist >>von ihrem Gegenstande und Wirkung davon. Er drückt ihn nicht an sich selbst au� . Eme mc?t
Inhalte nichts Unterschiedenes [. . .]; - denn es ist der Inhalt in sich, die ausgedrückte Wirkung ist kein spekulatives Resulta�. Eu� Te�m (em
Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbewegt« (Wissen­ anderer Satz) muß den Inhalt des Satzes: Sein und Ntchts tst Ems und
schaft der Logik, 4 : 52) ; das Selbst beseitigt sich von einer Instanz zur dasselbe ausdrücken. Wie aber gelangt man zu diesem Ausdr_uck ! W�s
anderen, von der Bedeutung an sich (Referent) zur Bedeutung für sich machen wir, wenn wir beispielsweise sagen, daß der Satz dte Emhett
(Empfänger), aber es bewahrt und erhält sich, da es sich im Spiegel des von Sein und Nichts bedeutet? »Wir meinen«, wir äußern unsere
Satz-Universums reflektiert. Dieser spekulative Diskurs erhebt den Meinung. "Aber das Meinen«, schreibt Hege!, »ist eine Form des
Anspruch, nur die unendliche Wechselbewegung des Selbst freizuset­ Subjektiven, das nicht in diese Reihe der Darstellun� gehört.« M.an muß
zen, das potentiell im Universum des kleinsten Satzes angelegt ist, und jeden äußerlich, subjektiv eingeführten Satz ausschließen, der mch� der
zwar aufgrund von dessen Anordnung in mehreren Instanzen. Er läßt Dar-Stellung (hier im Sinne von exposition, Ausstellung) unterhegt,
das Selbst die situativen Relationen durchlaufen, die die Instanzen im jeden dritten, heterogenen Term. »Das Dritte aber, worin Sey n und
Satz-Universum zur Einheit fassen. Nichts ihr Bestehen haben, muß auch hier vorkommen; und es ISt auch
hier vorgekommen, es ist das Werden« (4 : 1 01). Das gesuchte D ritte
2. Die dabei beschriebene Bahn ist der spekulative Diskurs. Die Wahr­ »muß« in der gleichen »aktuellen« Darstellung wie das Gegensa.tzpaar
heit läßt sich nicht in einem Satz ausdrücken, sie ist die Entfaltung seiner vorkommen und in eine Reihe mit ihm treten. Nun haben wtr es -
Mehrdeutigkeit, sie verlangt mehrere miteinander verkettete Sätze. Die allerdings unausgedrückt- schon in der Bewegung gefunden, durch �ie
spekulative Verkettung ist nicht irgend eine. Der Verlauf der Bahn sich das wechselseitige Verschwinden der Gegensätze darstellte. Es 1st
unterliegt Regeln. Drei unabdingbare Regeln, um bei der Dialektik des bereits in dieser Darstellung vorgekommen, allerdings nur als Wirkun?.
Seins zu bleiben (Wissenschaft der Logik, 4 : 95). Seine Verwirklichung ist seinem Ausdruck zuvorgekommen. »Was dte
[139] Erstens, wenn man sein sagt, sagt man nichts Bestimmtes, I man sagt Wahrheit ist, ist weder das Seyn, I noch das Nichts, sondern daß das [140]
nichts ( >>Nichts«): Und wenn man also nichts sagt, sagt man ebensogut Seyn in Nichts, und das Nichts in Seyn, - nicht übergeht, sondern
sein, da sein nichts ist. Folglich verschwindet Sein in Nichts und Nichts übergegangen ist« (4 : 88-89). Das Perfek� m�rkiert die �erspätung des
.
in Sein. Aus dem wechselseitigen Verschwinden eines Ausdrucks in Ausdrucks für sich gegenüber der Verwtrkhchung an steh, aber. �tese
einem anderen entspringt ihre Identität: es ist das gleiche, ob man nun Verspätung bestätigt, daß sich der dritte Ausdruck (Werden, U � er­
sein oder nichts sagt. Diese Identität ist leer. Sein oder nichts sagen gang) in der Reihe nur durch die Folge der beiden anderen, als thre
bedeutet, nichts zu sagen; oder: Sein und Nichts sind dasselbe. Das dialektische Summe darstellen läßt. Die Wirkung wäre wie: 1 + 2, das
»räsonierende« Denken bleibt hier, im Leeren, stehen. Resultat wie: 3 X 1 .
Eine zweite Regel entriegelt die Situation: Hier ist »ein Satz gesetzt, Ich will versuchen, das Argument anders z u formulieren. Der Be­
der näher betrachtet die Bewegung hat, durch sich selbst zu verschwin­ griff der Reihe impliziert den des Übergangs (Nr. 94-97). Aber der
den. Damit aber geschieht an ihm selbst das, was seinen eigentlichen Übergang von einem Term zum anderen kann sich nur in der Reihe
Inhalt ausmachen soll, nämlich das Werden« (Wissenschaft der Logik, 4: abzeichnen, nur als ein Term, nur nachträglich (diese drei Einschrän­
99). Wenn man sagt: Sein und Nichts, ist Eins und dasselbe, so verriegelt kungen sind identisch). Der Übergang drückt sich nur durch seine
dieser Satz aufgrund seiner Form als attributive Proposition den Dis­ Terme hindurch aus. - Einwand: Hieße das, daß alles Vergangene
kurs in der leeren Identität. Er birgt jedoch etwas anderes, zwar keine Übergang gewesen wäre? Das bedeutet, daß man dem Kontinuum,
Bedeutung für sich, aber eine überschreitende »Verwirklichung« [effec­ dem Vorher/Nachher gegenüber dem »Ereignis« [i. 0. dt.] den Vor­
tuation] : die Bewegung des Verschwindens des Seins im Nichts, die das zug gibt (Aristoteles-Exkurs). Dieses Privileg scheint im Denken He­
Räsonieren gerade verwirklicht hat (Regel 1 ). Diese Bewegung ist der gels nicht zweifelhaft (auch nicht mehrdeutig) zu sein. Es trägt den
»eigentliche Inhalt« des Satzes über das Sein und das Nichts. Sie ist Namen des Selbst.
bereits das Werden, dieses aber erscheint noch nicht an ihm selbst (es Wir haben also drei Regeln der Satzbildung und -verkettung heraus­
erscheint für »UnS«). gestellt, die notwendig zum spekulativen Diskurs gehören. Die Mehr­
Dritte Regel: Insofern er nicht in der Form des Satzes ausgedrückt deutigkeitsregel läßt in diesem Diskurs nur einen Term oder einen Satz
162
163
HEGEL
DAS RESULTAT
es Spekul�tiven hat so�it ­
zu, der mehrere Universen mit-darstellen kann. Sie wird dadurch art, es gibt noch andere). Die Sichtung d.
an sich - dre wesendrehen Operationen
gewährleistet, daß ein einfacher Satz, der nur ein Universum darstellt' ohne davon zu wissen, also nur
verwirklicht, sond ern auch
in sich dennoch mehrere Instanzen mit-darstellt. verwirklicht die das Spekulative nicht nur
ursarten müs sen dann
Die Regel der immanenten Ableitung oder Widerspruchsregel, die für sich ausclrückt. Satz-Regelsysteme und Disk
. in der Ent icklu ng de� >>Selbst« betrach­
. Verkettung bezieht, schreibt vor, daß: Wenn p, dann non-p,
srch auf dre als vorübergehende Resultate �
reflexrve Moment. Man
und : Wenn non-p, dann p. Wenn du gewinnst, dann verlierst du; wenn tet werden. Die >>Metasprache« ist daber das .

du. verli�rst, dann gewinnst du (Protagoras-Exkurs). Wenn Sein, dann verläßt das Spekulative nicht. . .
t der Negativrta. t.' Das
Nicht das Wir, sondern das Selbst widersteh
Nzchtsem; Wenn Nichtsein, dann Sein (Gorgias-Exkurs). Sie ist die der Phän omen ologze 4es
f:ntf�ltung der �ehrdeutigkeit in Gestalt wechselseitiger Implikation. Wir nimmt eine herausragende Stellung in
Erfah rung des Bewußtsems
Sre fuhrt zum Wrderspruch: p und non-p (im Sinne Wittgensteins). Sie Geistes ein, weil sich diese im Feld der ses und das ganze
l�ßt das Dilemma (im Sinne von Protagoras) zu, und zwar um den Preis entwickelt wo das Ieh >>eine Seite des Verh ältnis
; 1 0 : Z? S)._D ieser �orrang
emer zusätzlichen »Runde<< von Implikation (seitens des non-p), die ein Verhältnis ;, ist (Enzyklopädie von 1 83 0 : § 4 1 3
um den objektiven Gerst geht,
>>Resultat« q im üblichen Sinne ergibt: Wenn p, dann q; und: Wenn non­ schwindet, wenn es um die Logik oder
lative Disk urs auf Gege nstände erst:eck�,
p, dann p, dann q (Nr. 8). das heißt, wenn sich der speku
man, daß das Wrr dre
Die dritte Regel, die Regel des Ausdrucks oder des Resultats (im die nicht das Bewußtsein sind. Dort bemerkt
des abstr akten Mom ents, des
spekulatiY.en Sinn), schreibt vor, daß der Übergang von p zu non-p notwendige, aber untergeordnete Stellung
einnim mt, die Stellu ng des Anderen des
und der Ubergang von non-p zu p gemeinsam in einem dritten Term Moments der Äußerlichkeit
n. Aber das Wir v �r­
(oder Satz) q ausgedrückt werden : Wenn p, dann non-p, dann q; und : Spekulativen (des Verstandes) im Spekulative . sophre,
in der Idee der Phrlo
Wenn non-p, dann p, dann q. Im Unterschied zum üblichen >>Resul­ schwindet im höchsten Moment, nämlich
von der gesagt wird, sie sei >>an und für sich« (ibid.
: § 577). Dami: die�e
tat« ist das und in die Regel einbegriffen, und die beiden »Runden« ist dann kem Wrr
werden von beiden Seiten verlangt. Diese Anordnung schließt das Idee, nämlich Gott, ihr Verhältnis zu sich ausdrückt,
notwendig.
uns .1m allgemei-
.
Dilemma aus.
In der Enzyklopädie verbindet sich der Ausdruck für
en zusammen das
3. Hiermit glaubt man den spekulativen Diskurs als eine Diskursart nen mit dem Ausdruck an sich. Sie kennzeichn
des Begrif fs, in dem der äußerliche
isoliert zu h�ben: als einen Komplex möglicher Sätze, die einer Gruppe abstrakte Moment der Entwicklung
Objek t des Denk ens, dem Selbst , das an sich ist,
Bezug zwischen dem
von Formations- und Verkettungsregeln unterliegen. Aber der Begriff
aufrec hterha�ten
[ 1 4 1 ] der Regel I hängt mit einem »räsonierenden«, verstandesmäßigen Den­ und dem Subjekt, dem Wir, das dieses Selbst setzt,
k�n zusa�men. Er führt die (formalistische) Unterscheidung zwischen bleibt. Das spekulative Moment liegt demg egenü ? er dort, wo dre�e
Satze�, hrer denen des spekulativen Diskurses, und Operatoren der Äußerlichkeit aufgel öst wird, wo das Selbst >>an dre Stelle« � es I Wrr [142]
ens das srch selbst
Satzbrldung und -Verkettung, den Regeln ein. Die geleistete Sichtung tritt (das dort nicht mehr ist), wo das Objekt des Denk t das
sich selbst denke nde Objek
von Regeln steht in einem metasprachlichen Verhältnis zur untersuch­ objektivierende Denken und das
ten Sprache (dem spekulativen Diskurs). Letzterer erhält den Status Fürsich wird.
he und Zwec k:
einer Objektsprache. Der spekulative und der formalistische Diskurs Solcherart ist etwa der Unterschied zwischen Ursac
Ursac he in der Wirku ng erst Ursache
sind also einander entgegengesetzt. >>Nur an sich oder für uns ist die
Der Zwec k dageg en ist gesetz t als in ihm
Nun ist der Gegensatz aber sogar die Triebfeder des spekulativen und in sich zurüc kgehe nd.
. noch als Ande rsseyn er­
Drskurses. Er entwickelt sich auch zwischen diesem und dem Diskurs selbst die Bestimmtheit oder das, was dort k erford ert eine
der sich ihm gegenüber fremd glaubt. Was bewerkstelligte die vorgebli� scheint die Wirkung zu enthal ten [ . . . ]. Der Zwec
ehe Me�asprache? Sie hat die Voraussetzungen des spekulativen Diskur­ �
spekul tive Auffa ssung [. . . ]« (ibid.: § 204 ; 1 0 : 4 1 4). Ebens o sin � in �er
se� (als rhr �ef�rent vers �anden) entfaltet. Sie hat eine Bedeutung dieses Wechselwirkung die Bestimmungen dieser Wrrku
.
ngs �orm >>mcht r?«
>>unser er Reflex ion«; aber dre Wech selwir­
Drsku:ses rsohert (er wrrd von unabgeleiteten Regeln gesteuert), die zunächst nur >>an sich«, in
. gen entgegensteht, die sich der spekulative selbst gibt (ich bin die
d.eqem kung erlangt ihre Einhe it nur, wenn die Einhe it ? er Bestim mung en
. Jede der gesetzten
ergenthch � Erzeugung des Wahren in den Satzverkettungen). Sie hat das >>auch für sich« ist, wenn die Wechselwirkung
aufhe bt und in die entge genge setzte verkehrt
Resultat dreses Gegensatzes benannt (das Spekulative ist eine Diskurs- Bestimmungen selbst

164 1 65
'
l, 7 r
I 1 '@ .., .

HEGEL
DAS RESULTAT
htes ist es nicht
(Ursach� un� Wirkung, actio und reactio, § 155 und 156; 8 : 345) . Das Ziel wird unaufhörlich erreicht, also niemals. Als erreic
eniger erreicht. Die
Spekulauve Ist nur um den Preis der Aufhebung des Wir als einer erreicht. Als nicht erreichtes ist es nichtsdestow
und der negati ven Dialek tik wird hier
Identität, die von außen denkt oder Sätze >>Setzt<<. Regel der immanenten Ableitung
at selbst angew endet. Aber das
Die Erste Realphilosophie von Jena lehrt, daß »das Zeichen als ein auf das Ziel das heißt auf das Result
dialektisch v�rstandene Ziel ist nicht wenig er das Ziel. Die Teleo logie ist
Wirkliches ebenso unmittelbar verschwinden [muß]« ; und: »Der Na­
nur vertrackter [sophistiquee] gewor Man verläß t das Speku lative
me aber ist an sich, bleibend, ohne das Ding und das Subjekt. Im den.
Namen ist die fürsich seiende Realität des Zeichens vernichtet« (1 804; nicht.
Jenenser Realphilosophie, ed. Hoffmeister, Leipzig 1932, Bd. I, unter einer
S. 2 1 0-2 1 1). Das Ich, das Er, das Du, das Wir sind Zeichen, wie alle 4. Zumindest muß man hineingelangt sein. Man kommt
hinein , und zwar durch die anfä � gliche Versch iebun? des
Pronomina; nur an ihnen kann die Identität stattfinden. Sie findet an Bedingung
Voraus setzun g fmdet
den Namen statt, und zwar um den Preis der Entwertung der Zeichen Subjekts in ein polymorphes »Selbst «. Eben diCse
als Zeichen, der Zerstörung der Pronomina. So kommt die »Sache ins man am »Ausgang« (der ebenso ein Eingan g ist) unter der R c:gel des
. Es gibt ein X, ein einzige s. Unter den versch iedenen
Laufen« . »Resultats«
bleibt es ich g lei h und
Und sind die Namen wenigstens notwendig, damit die Sache nicht Ausprägungen, über alle Verfahren hinweg � _ �m neue
läuft? Die Sache übt noch größere Allesfresserei, sie verschlingt auch die totalisiert sich darum in einem einzige n Resulta t, das semers eitS
en
Namen. Denn noch sind die Namen nur, was das Gedächtnis aus ihnen Verfahren aufgelö st wird. Auch unter der Annahme dieses Gleich
und in ihrem
macht (ibid.: 2 1 1). Aber das Gedächtnis ist selbst »das einseitige werden die Verkettungen von Satz zu Satz in ihrem Modus
ung
Moment der Existenz des Denkens«, seine »mechanische« Seite, das Vorkommnis für notwendig erachtet und die Dialektik eine Aufheb
ist nicht falsifizi erbar
Denken "für uns oder an sich«, wie die Enzyklopädie in Erinnerung ruft genann t. Aber diese Voraus setzung des Gleiche n
(sie
(§ 464) . Im Gegenteil, wenn es nichts als die Namen gäbe, liefe die Sache (Nr. 66). Sie ist eine Regel, die den metaphysischen Diskurs regiert
ist seine Einfried ung). Die philoso phische Sichtun g enthüllt niemals ein
nicht, und zwar gerade weil die Namens-Maschine, der »Nominalis­
es Substan z-Subje kt. Sie enthüllt Sätze, Satz-Un iversen und
mus<<, an ihrer Stelle liefe. Derrida »riskiert« den »Satz« : »Was Hege! derartig
Er-
niemals denken konnte, ist eine Maschine, die funktionierte« (1972 Vorkommnisse, beziehungsweise Darstellungen, Dargestelltes und
[1968 a] : 126 ). Die Maschinen funktionieren mit Verlust. Das Spekula­ eignisse.
tive ist eine gewinnbringende Maschine, also gestört. Die »Sache« läuft Natürlich kann man der Voraussetzung des »Selbst« nicht vorwer-
nur, indem die Abfälle in Gewinn verwandelt werden, Namen und fen, »daß es in Wirklichkeit nicht so ist«. Man kann gegen sie einwen­
Pronomina eingeschlossen. den, daß sie eine Regel einer Diskursart ist, der metaphysischen Dis­
Diese Störung ist die dialektische Notwendigkeit, die selbst wieder­ kursart, die ihre eigenen Regeln zu erzeugen versucht, daß aber genau
um die Zweckmäßigkeit ist. Die » Vernunft«, heißt es in der Vorrede zur diese Regel nicht vom Diskurs ausgehend erzeugt werden kann.
[143) Phänomenologie, ist »das zweckmäßige Thun« (2 : 25). I Das Modell Die Regel des philosophischen Diskurses besteht darin, daß der
dies:r Zweckmäßigkeit stammt von Aristoteles. Ungeheuerlich er­ Einsatz des Diskurses die Erzeugung der Regel ist (oder: daß man
schemt das spekulative Spiel nur in Hinblick auf den Verstand, dieser Sätze >Setzt<, um zu wissen, wie man das, was man >setzt<, >Setzen<
aber verkennt seine Voraussetzungen, er hält sie für evident, für kann). I Sätze zu >Setzen< »beginnt« man immer, ohne daß man weiß, [
1 44]
Axiome oder Bedingungen der Möglichkeit. Er nimmt ursprüngliche, ob das, was man >Setzt<, gerechtfertigt ist. Denn sobald die Regel zum
erste Sätze an. Die gibt es nicht. Das Erste ist auch das Letzte. Somit Einsatz des Diskurses wird, ist sie nicht seine Regel, und der Diskurs
beginnt man mit dem Bedürfnis der Philosophie, mit einer Gestalt, in stellt nach eigenem Gutdünken Verkettungen her, er versucht sich.
der der Geist nur >>an sich« ist, es erfordert aber alle Sätze, um den Und wenn sie als die Regel der Diskursart, an der man sich versuchte,
Gegenstand des Bedürfnisses auszudrücken und dieses Bedürfnis auf­ »identifiziert« ist, bleibt deren Einsatz nicht mehr diese Regel, die
zuheben, damit der Geist »an und für sich« wird, »was er an sich ist« Diskursart ist nicht länger Versuch oder Kritik. Somit bleibt die
(Enzykloptidie von 1 830: § 387; 1 0 : 46-47). Sich für sich auszudrückenist »Spekulative« Regel, die dritte, die Resultatsregel notwendig vorausge­
d �r Zweck, der das Zurückprallen des Selbst im spekulativen Satz leitet. setzt. Dies ist bei den ersten beiden Regeln nicht der Fall: den Regeln
D1eser Zweck ist »die Versöhnung der selbstbewußten Vernunft mit der der Mehrdeutigkeit und der immanenten Ableitung. Eine Vorschrift
seyenden Vernunft, mit der Wirklichkeit« (ibid.: § 6 ; 8 : 47-48). Dieses wie Formulieren Sie jeden Satz mehrdeutig (oder: dialektisch), den

166 167
1 . 1 _..l: 1to bt l " SI

DAs RESULTAT WIR

gegenwärtigen eingeschlossen meint, daß die Operatoren der Mehrdeu­ Kein nach dieser Person flektierter Satz wäre möglich: Wir
tigkeit und der Dialektik auf die Vorschrift angewendet werden müs­ machten dies, wir empfanden das, sie taten uns diese Demüti­
.
sen . Anders gesagt muß im philosophischen Diskurs jeder Satz, der sich gung an, wir wußten uns au� dies� Weise . zu helfen, wtr hofften
als Regel dieses Diskurses darstellt, der mehrdeutigen und dialektischen auf, wir dachten nicht an; mcht emmal : Jeder von uns war zur
Entfaltung unterzogen und wieder ins Spiel gebracht werden. Diese Einsamkeit und zum Schweigen verdammt. Es gäbe kemen _
Y_orschrift, die sich über sich selbst belustigt, entspricht dem Skepti­ kollektiven Zeugen. Bei vielen früheren Deportierten : Sc?wei­
Zismus.
gen. Bei vielen: Scham vor der Aussage früherer Deportierter.
Die spekulative oder Resultatsregel aber würde lauten: Erzeugen Sie
jeden Satz als die ausgedrückte Identität der vorhergehenden, den Scham und Zorn gegenüber den Erklärungen, den Deutungen ­
gegenwärtigen Satz eingeschlossen. Aus der Perspektive des Verstandes wie raffiniert auch immer - von Denkern, die sagen, sie hätten
einen Sinn für die Scheiße gefunden. (Und vor allem gegenüber

als Regel betrachtet aber ist dieser Satz in logischer Hinsicht der erste
und hat keine Vorgänger. Er könnte also nicht die ausgedrückte Identi­ dem Argument: Gerade wegen Gottes � �hlbarkei� muß i m
tät der vorangehenden sein. Man wird einwenden, daß dieser »Anfang• vertraut werden.) Eine Art von Entautonsterung (eme der vter
- spekulativ betrachtet - erzeugt werden muß und nur am Schluß Bedeutungen des Schweigens zumindest, vielleicht mehr; cf.
zustande kommen kann, und zwar als das Resultat von Sätzen, die ihm Nr. 26, 27). Handelte es sich um jene Dispersion, die schlimmer
von Anfang an »nachfolgen<<. Der Anfang kann aber nur deswegen als als die Diaspora ist: die nämlich die Sätze betrifft?
dieses Endresultat erscheinen, weil die Resultatsregel von Anfang an
In der Republik ist das Pronomen der ersten P��son Plural
vorausgesetzt war. Der erste Satz wurde nach dieser Regel mit dem
folgenden und den weiteren verknüpft. Diese Regel aber ist dann nur
tatsächlich das Bindeglied des Diskurses der Autonsterung und
vorausgesetzt, wird nicht erzeugt. Wenn man sie nicht von Anfang an durch einen Eigennamen ersetzbar: Wir, das franz?sische
anwendet, findet man sie nicht notwendig am Schluß, und wenn sie Volk . . . ; man hält dieses Pronomen für fähig, >>nach Beheben«
nicht am Schluß steht, wird sie nicht erzeugt worden sein und war Vorschriften (Gesetzesparagraphen, Rechtssprüche, c;; e s�tze,
folglich nicht die gesuchte Regel. Erlasse, Urteile, Rundschreiben, Verordnungen) mtt threr
Der Einsatz des philosophischen Diskurses ist eine Regel (oder Rechtfertigung zu verketten. Nehmen wir eine verpflichtende
mehrere Regeln), die ausfindig gemacht werden muß, ohne daß man Vorschrift: Hiermit ist x verpflichtet, die Handlung a auszufüh­
diesen Diskurs dieser Regel vor ihrer Auffindung anpassen könnte. Satz ren. Die Rechtfertigung dieser Verpflichtung kann folgenderma­
für Satz wird die Verkettung nicht von einer Regel, sondern von der ßen lauten: Es besteht eine Norm für y, die besagt, daß »X
verpflichtet ist, die Handlung a auszuführen � (���inowski,
Suche nach einer Regel gesteuert.
.
1971). Das republikanische System hat als Legltlmttatsgrund­
satz, daß der Sender der Norm (y) und der Empfän�er der
Verpflichtung (x ) identisch sind. Der Gesetzgeber darf steh der
155. Wir
Wenn >>nach Auschwitz« das »Resultat« fehlt, so mangels Be­ Verpflichtung, die er nonnativ festlegt, nicht ent�iehen. U?d der
1
;stimmung. >>Auschwitz« hätte keinen spekulativen Namen, weil Verpflichtete kann das Gesetz verkünden, das thn verpfhchtet.
[145] 'es der Eigenname einer Meta-Erfahrung I oder gar einer Zerstö­ Indem der erste das Gesetz ausspricht, verfügt er, daß er es zu
, rung von Erfahrung wäre. Welche Bestimmung fehlte »Ausch­ befolgen hat. Indem der zweite es befolgt, verfügt er das � esetz
witz«, damit daraus eine Erfahrung mit einem >>Resultat« er­ von neuem. Im Prinzip sind deren Namen x und y wemgstens
wüchse? Wäre es die der Unmöglichkeit eines Wir? In den auf den beiden Instanzen - Sender I des normativen Satzes und [146]
Lagern hätte es kein Subjekt in der ersten Person Plural gegeben. Empfänger des präskriptiven - vollkor_nmen a� stausch� ar. Sie
In Ermangelung eines derartigen Subjekts würde >>nach Ausch­ finden sich dann in eben demselben Wtr veremtgt,_ _
das steh mtt
witz« kein Subjekt, kein >>Selbst« übrigbleiben, das sich auf dem Kollektivnamen bezeichnet: »die französischen Bürger«.
einen Namen berufen könnte, indem es sich >>Auschwitz« nennt. Die Autorisierung lautet also : Wir verfügen als Norm, daß wir

168 1 69
!
7
1 7 l , ,
X
hi b ' (? 12

»SCHÖNER TOD«
DAs REsuLTAT
>>grar:nmati sche
verpflichtet sind, die Handlung a auszuführen. Dies ist der Freiheit des Verpflichteten enthalte. Dies ist eine
Verk ettun gswe tse, zu der
Grundsatz der Autonomie. Bem erku ng«, sie bezie ht sich auf die
Diese Konstruktion eines homogenen Wir aber verdeckt eine der ethische Satz aufruft.
, für das der
doppelte Heterogenität. Zunächst die, die mit den Pronomina Somit: seitens der Norm ein Satz-Universum
das unmi ttelba r ist, was es ist,
verbunden ist. Der normative Satz lautet: Wir, das französische Sender verantwortlich ist und
ohne Appe ll (nach dem Mod ell der E rhabe nheit wie : Fiat Lux et
Volk, verfügen als Norm, daß usw. ; der präskriptive Satz: Wir, . ?
d�s französische Volk, müssen die Handlung a ausführen. Aber Lux fuit). Seitens der Verpflicht ung em Satz- y mver sum, das auf
rt ist und von dtesem erwar tet, daß
dte beiden Wir nehmen nicht die gleiche Stellung auf den Instan­ einen Empfänger konzentrie
zen der jeweiligen Sätze ein. Im normativen ist es der Sender der er für die ordnungsgemäße Forts etzun g und Ver � ettun � veran t­
emzelnen
Norm; im präskriptiven der Empfänger der Verpflichtung. Ei­ wortlich ist. Ein und derselbe Eigenname - für emen
oder ein Kollektiv - bezei chnet eine Ganz heit, die sich auf diese
nerseits : Ich erkläre; andererseits : Du sollst. Der Eigenname
n haben
maskiert diese Umstellung, ebenso das Wir, weil es ich und du beiden heterogenen Situationen bezie ht. Die Eigenname
nehm en
vereinigen kann. Bleibt also, daß ich in der Verpflichtung die die Eigenschaft, derartige Heterogenitäten i� sich .aufzu
ehr s ogar
vorschreibende Instanz ist und nicht die, an die sich die Präs­ (Nr. 80, 81). Aber es ist nicht gerechtferttgt, vtelm .
n),
kription wendet. Man kann das Gesetz machen und ihm unter­ trügerisch (im kantischen Sinne einer transz :nde�tal�n Illust?
s em >>Subj ekt
liegen, aber nicht >>an gleicher Stelle«, das heißt nicht im gleichen ein Substanz-Subjekt vorauszusetzen, das Jewetl
der
Satz. Denn man braucht einen anderen (normativen) Satz, um des Aussageakts« wäre, während es im Präskriptiv nicht
Selbst anzun ehmen ,
den präskriptiven zu rechtfertigen. Allein diese Dualität erzeugt Sende r ist, und die Beständigkeit eines
en von einer Instan z­
bereits einen Verdacht gegenüber der Identität dessen, der Recht währe nd dieses von einem Satz zum ander
spricht mit demjenigen, auf den es sich bezieht (Kant-Exkurs II). Situation zur andere n springt. Sein Eigenn ame ermög licht es, es
Eine Skepsis. in einer Welt von Namen auszumachen, nicht aber in einer V er­
Die Heterogenität von Sätzen verschärft diesen drohenden kettung von Sätzen heterogener Regelsysteme, deren Universen
Zerfall. \_Der normative Satz ähnelt einem performativen und sie bestimmenden Spannungsfelder inkommensurabel sind.
(Nr. 204-209). Die Norm muß nur ausgesprochen werden, Das Wir wäre das Vehikel dieser transzendentalen Illusio n, das
damit sie als solche gilt und damit die von ihr normativ festgeleg­ sich genau in der Mitte zwischen dem starren �konstanten)
te Verpflichtung gerechtfertigt ist. Ihr Se_!lder ist sogleich der Designator, dem Namen, und dem >>aktuellen« Destgnator, dem
Gesetzgeber, der Empfänger der Verpflichtung sogleich ange­ Pronomen im Singular, befindet. Es nimm t nicht wund er, daß
halten; die Vorschrift zu befolgen. Der performative Satz be­ das Wir, das Gesetz geber und Verpflichteten vermeintlich ver­
werkstelligt die Legitimation der Verpflichtung, indem er sie eint, in der >>Aktualität« der Verpflichtung von Spaltung bedro ht
formuliert. Nicht nötig die Norm weiter zu verketten, um ihre ist.
Legitimität zu bewahrheiten.
Beim Präskriptiv liegt der Fall anders. Es enthält die Forde­ 156. >>Schöner Tod«
rung nach einem weiteren Satz, in dem sich bewahrheiten wird,
ob die Vorschrift befolgt wurde oder nicht: ob das neue Satz­ Diese Bedrohung erreicht ihren Höhepunkt offenbar dann,
Universum, das darzustellen sie ihrem Empfänger befiehlt, statt­ wenn der Empfänger dazu verpflichtet wird, zu sterben. Stellen
f�nd o? er nicht. Denn in der Verpflichtung muß der Empfänger wir uns für einen Augenblick vor, daß die kanonische Formel für
dte wettere Verkettung leisten (Kant-Exkurs 11, § 6 ), und er kann »Auschwitz<< folgendermaßen lautete : Es besteht die dur�h y
dies auf vielfältige Weise ausführen (Nr. 136-140). Deswegen verfügte Norm, daß x verpflichtet ist, zu sterben. Man schheßt
[147) pflegt man davon zu sprechen, I daß die Verpflichtung die daraus, daß es der Inhalt des Befehls, der Tod des Empfängers,

170 171
ra s 7

AusNAHME
DAS RESULTAT
das U I_lendli­
is :, du;ch den die Bildung des Wir versagt bleibt. Es wäre »schöne Tod<<, der Austausch des Endlichen gegen
che, des Eoxm:ov (eschaton) gegen das ,;fA.o� (telo
. s), das Sttrb, um
widersu�mg, daß das Wir der Norm seinen eigenen Tod verfüg­
. nicht zu sterben.
te. Das Ist es aber mcht. Die öffentliche (familiäre, staatliche
militärische, parteiliche, konfessionelle) Machtinstanz kan�
den Empfängern - ihren Anhängern - den Tod befehlen. Oder 1 57. Ausnahme
wenigstens den Tod anraten. Das Stirb muß modalisiert wer­ t der Inhal t
den: Stirb, ehe du fliehst (Sokrates im Gefängnis), Stirb, ehe du >>Auschwitz<< ist das Verbot des schönen Todes. Nich
nomm enen) Empf änger s, kann
[148] geknecht�t wirst I (die Kommunarden), Stirb, ehe du besiegt des Befeh ls, der Tod seines (ange
gen. Es verhi elte sich da eher
wmt . (bei den Thermopylen, bei Stalingrad). Der Tod wird als hinreichen, das Wir zu spren
ihm der Tod als Alter native zur
Al:ernat�v: �u einer anderen Verpflichtung (Bürgersinn, Frei­ umge kehrt , zumi ndest wenn
De­
. Idee vorge schrie ben wäre. Aber dem
heit, militanscher Ruhm) vorgeschrieben, wenn sich diese als Verwirklichung einer
Alter-
unerfüllbar entpuppt. Bei >>AuschwitZ<< liegt der Fall anders. portierten steht keine Alternative zu. Und wenn er keine .
weil er nicht der Empf änger emer [ 1 49]
Dort heißt es nicht: Stirb, ehe . . . , sondern ganz einfach: Stirb, native hat, I so deswe gen,
chwit z«
ein Befehl, den die SS-Macht an den Deportierten richtet' ohne Verpflichtung ist. Die kanonische Forfl_lel von >>Au�
die Mehr ­
Alternative. kann nicht lauten : Stirb, ich verfüge es, em Satz, der
ich ersetz t
Die >>Sterbeberechtigung<< [raison de mourir] stellt stets das deutigkeit in der Schw ebe läßt, daß das du durch das
auf die SS als
Band eines Wir her. Im Befehl zum Tode besteht das Parado­ werde n könnte. Sie lautete vielmehr, wenn man sie
den
x?n darin, daß der Name seines Empfängers, wenn er gehorcht, >>Gesetzgeber<< zuspitzte : Daß er stirbt, verfüge ich, oder auf
sterbe , verfüg t er.
memals als Sender-Instanz späterer direkter Sätze erscheinen Deportierten als >>Verpflichteten<< : Daß ich
Verpf lichtun g ausgen om-
kann, insbesondere von normativen Sätzen wie: Ich verfüge als Der den Tod befiehlt, wird von der
ng
Norm, daß . . Er ist zur Referenz-Instanz direkter Sätze ver­
. men, und der den Tod erleidet, wird von der Rechtfertigu
der SS entspr ingt einem Wir, aus
dammt: man wird von ihm sprechen; und wenn man ihn auf der ausgeschlossen. Die Autorität
der
Sender-Ins:anz findet, so wird dies in indirekten Sätzen ge­ dem der Deportierte ein für alle Mal ausgeschlossen bleibt ,
Rasse, die nicht nur das Recht zu befehl en erteilt , sonde rn auch
schehen, die selbst als Referenten von direkten verstanden wer­
-
den : Zitate, Prosopopöen, Beziehungen aller Art. das Recht zu leben, das heißt sich auf die verschiedenen Instan
nivers en zu begebe n. Dieser Autor ität zufolg e
Indem er sich mit dem Gesetzgeber, der ihm den Tod be­ zen der Satz-U
fiehlt, identifiziert, entgeht er dagegen diesem elenden Los, kann der Deportierte nicht der Empfänger eines B efehls zum
nämlich der Referent aller folgenden, seinen Namen enthalten­ Tode sein, da er in der Lage sein müßte , sein Leben herzug eben,
den Sä�ze zu sein : das Elend der Toten im griechischen Den­ um ihn auszuführen. Aber er kann kein Leben hergeb en, da er
ke� . D �es kann . er nur erreichen, indem er den Befehl befolgt, keines besitze n darf. Das Opfer steht ihm nicht zu, also auch
weil er Ihn damit von neuem als Norm verfügt. Auf diese Weise nicht der Zugang zu einem unsterblichen Kollektivnam en. Sein
läßt er seinen Namen in den Kollektivnamen der gesetzgeben­ Tod ist rechtmäßig, weil sein Leben unrechtmäßig ist. Der
den Autorität eintreten, der ein konstanter Sender, weil starrer individuelle Name muß ausgelöscht werde n (daher der Ge­
Designator, i� t. pem Tod entgeht er mit Hilfe des einzigen brauch von Kennummern), und auch der Kollektivname Qude)
bekan�ten Mmels : des Fortbesteheus des Eigennamens. Dieser muß ausgelöscht werde n, und zwar so, daß kein Träger-Wir
muß m �ht nur dem Betroffenen angehören, sondern auch dem dieses Namens übrig bleibt, das den Tod des Deportierten in sich
�?.lleku� (über den Familiennamen, das Eponym, die Nationa­ aufnehmen und verewigen könnte . Es muß also dieser Tod
htat), weil eben der Kollektivname den Fortbestand der indivi­ getötet werden , und eben das ist schlimmer als der To�, _Wenn
duellen Eigennamen an sich garantiert. Dies ist der athenische nämlich der Tod vernichtet werden kann, so deshalb, weil es

172 1 73
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DAS RESULTAT DRITTER?

nichts gibt, das man zu Tode bringen könnte. Nicht einmal den chert werden. Aber Gedenken an niemanden, von nichts und für
Namen des Juden. niemanden.
Die SS braucht dem Deportierten gegenüber das für ihn
bestimmte Todesurteil nicht zu rechtfertigen. Der Deportierte
braucht sich diesem Urteil gegenüber nicht verpflichtet zu füh­ 1 58. Dritter?
len. Die Universen beider Sätze: Daß er stirbt, verfüge ich und: Die spekulative Dialektik, diese _Disk_ursart, kann d��se Art Ende
Daß ich sterbe, verfügt er besitzen keinerlei gemeinsame An­ .
nicht gelten lassen. Sie dünkt sich mcht vom Nihilismus ange­
wendungsmöglichkeit. Das wird gekennzeichnet durch die schlagen. Nehmen wir noch einmal die b �iden Sätze: Daß t;r
Zersplitterung des präskriptiven Satzes und seiner Rechtferti­ stirbt, ist mein Gesetz, Daß ich sterbe, tst sezn , Gesetz Die
gung in zwei Sätze, die aus dieser Spaltung hervorgehen. Der
:.
vorangehende Untersuchung unterstreicht, daß mit dem Uber­
Empfänger der SS-Norm ist die SS. Der Sender der Vorschrift gang eines jeden der >>Partner<< zur drit7en P �rso� im Sa�z �es
für den Deportierten ist diesem unbekannt, er ist vom Empfän­ .
anderen, das heißt in die Referenz-Situation, em Wir unmoghch
ger aus nicht »erkennbar<<, der sich innerhalb einer legitimie­ geworden ist.
renden Satzverkettung nicht auf diese Instanz begeben kann. .
Dies aber nur, weil man vorausgesetzt hat, daß das Wir aus
Die Dispersion erreicht ihren Höhepunkt. Mein Gesetz bringt dem Zusammenschluß eines Ich mit einem Du gebildet werden
ihn, der ihm nicht unterliegt, zu Tode. Mein Tod beruht auf müßte. Man hat wir mit dem Subjekt der Autonomie verwech­
seinem Gesetz, dem ich durch nichts verpflichtet bin. Die selt, das die Verkettung legitimiert.
Delegitimation ist vollkommen, sie bestätigt den Verdacht, der Aber ich und er können ebenso ein Wir bilden. Beispielsweise
auf dem Wir lastet, das die Verkettung zwischen der Vorschrift bei einem Repräsentanten, einem Wortführer, einem Mandats­
[ 1 50] und ihrer Norm leisten soll: es sei eine Fiktion. Wenn I sich träger: Meine Genossen und ich erklären Ihnen hiermit . . . Die­
dieses Wir den Namen Menschheit gäbe (das wäre allerdings ses Wir findet nur dann statt, wenn es in einem Satz-Universum
kein kollektiver Eigenname), so wäre >>Auschwitz<< sicher der-­ zusammen mit einem Du situiert ist. Es ist an jemanden gerich­
Name der Auslöschung dieses Namens. tet. Aber >>AuschwitZ<< ist der Name eines Satzes oder I eher [ 1 5 1 ]
Deshalb ist die Frage : >>AuschwitZ<< ? auch die Frage: >>nach zweier Sätze, die in dem von ihnen dargestellten Universum
AuschwitZ<< ? Die Ent-Kettung der äußersten Verpflichtung, des keinen markierten Empfänger besitzen. Das tun die Nazis kund,
Todes, von seiner Rechtfertigung besteht >>nach<< dem Verbre­ wenn sie erklären, daß sie das Gesetz machen, ohne dabei auf
chen fort; der Skeptizismus und gar der Nihilismus haben irgend jemand anderen als sich selbst Bezug nehmen zu müssen;
völlig recht, endlos davon zu zehren. Denn nicht einmal das ist und das tun die Juden kund, wenn sie argwöhnen, Gott habe
wahr, daß nach all dem - wie Hegel glaubt - uns in unserer nicht gewollt haben können, daß ihr Leben auf diese Weise
Höhle das >>Nichtige<< der legitimierenden Verkettung noch geopfert würde. Die Abwesenheit des Empfängers entspricht
abzunagen und wiederzukäuen bleibt, die Vernichtung eines auch der des Zeugen. Der Aufhebung von >>Auschwitz<< fehlt
bestimmten Wir. Die zersplitternde, ausschließlich negative, eine Instanz, die - für sich - in einen neuen Satz übertragen
nahezu analytische Dialektik, die sich unter dem Namen könnte, was sich hier und dort, seitens des Nazis und seitens des
>>Auschwitz<< vollzieht und ihres >>positiv-vernünftigen<< Ope­ Deportierten, nur als Ansich darstellt.
rators, des >>Resultats«, beraubt ist, kann nichts hervorbringen, >>AuschwitZ<< wäre die Koexistenz zweier Geheimnisse, des
nicht einmal das skeptische Wir, das weiter auf der Scheiße des Geheimnisses des Nazis und des Deportierten . Jeder weiß >>an
Geistes herumkaute. Der Name würde leer bleiben und zusam­ sich<< etwas vom anderen, der eine: Daß er stirbt, und der andere:
men mit anderen Na�en im Geflecht einer Welt festgehalten, Es ist sein Gesetz, kann dies aber niemandem mitteilen. Am
in ein elektronisches oder Lochkarten-Gedächtnis eingespei- >>ehesten<< wäre noch die Kommunikation durch einen Doppel-
1 74
1 75

------ -- � -------- --------------............................


1 t $ 1'2 7

DAs RESULTAT OHNE REsuLTAT

agenten möglich. Den Doppelcharakter aber hat ein Agent nur falle unter die verallgemeinernde Logik. Der Gesetzgeber ist der
für einen Dritten, der bezeugen kann, daß dieser Agent von Durchsichtigkeit des reinen Willens genauso verpflichtet :'�e die
.
jedem weiß, was jeder von sich und vom anderen weiß. Mangels anderen, er ist also wie diese verdächtig. Dieser Terror venf1z1ert
dieses Dritten ist ein Doppelagent kein doppelter Agent, son­ nur das Autonomieprinzip. In Auschwitz dagegen herrscht die
dern zwei einfache Agenten unter zwei Pseudonymen. Den Ausnahme. Sein spekulativer Name ist nicht der rationale Ter­
Doppelcharakter hat er nur, wenn er enttarnt wird, wenn das ror, der sich, weil der gute Wille von jedem Du erwartet werden
Geheimnis gelüftet und ihm ein einziger Name von einem kann, ins Unendliche ausdehnt. Der Nazismus erwartet vom
Dritten (Vierten) zugeschrieben wird. Nicht-»Arier<< nichts, außer daß seine Existenz nicht mehr
Dennoch ist der Dritte da, wendet der spekulative Diskurs erscheine. Umgekehrt verlangt er von jedem >>Arier<< - seinem
ein. Die zeugenlose Dispersion, die »wir« gerade als Auslö­ einzigen Empfänger -, daß er seiner Verpflichtung zur Reiner­
schung des Dritten beschrieben haben, mußte durch einen Drit­ haltung des rassischen Ursprungs nachkomme, insbesondere
ten ausgedrückt werden. Daß wir in Auschwitz abgetötet wur­ indem er alles Nicht->>Arische<< beseitigt.
de, haben zumindest »wir<< gesagt. Es gibt keinen Übergang vom Wenn es im Nazismus Terror gibt, so wird er unter den
Universum des Satzes des Deportierten zu dem des Satzes der »Reinrassigen<< ausgeübt, die immer dem Verdacht der ungenü­
SS. Zu dieser Behauptung aber war es notwendig, daß wir beide genden Reinheit ausgesetzt sind. Von der Verdächtigung wa­
Universen behaupteten, als ob »wir<< jeweils die SS und der schen sie sich rein, indem sie sich jegliche Unreinheit fernhalten :
Deportierte gewesen wären. Damit haben »Wir« ausgespielt, was durch Schwur, Denunziation, Progrom, Endlösung. Dieser
»Wir<< suchten, nämlich ein Wir. Auf der Suche nach ihm suchte Terror trägt sein Prinzip der endlosen Ausdehnung nicht an sich
dieses Wir sich selbst. Am Ende der Bewegung drückt es sich selbst, da er sich nicht auf den anwenden läßt, der nicht >>reinras­
also aus, wie es von Anbeginn im Spiel war. Denn ohne die sig<< sein kann. Die Juden (und die anderen) sind nicht verdäch­
Voraussetzung dieser Beständigkeit eines denkenden » Wir« hät­ tig, sie sind bereits verurteilt. Der rationale Terror ist inklusiv
te es überhaupt keine nachforschende Bewegung gegeben. Sicher und >>progressiv<< in dem Sinne, daß er ein Unendliches an
ist es nicht die Totalisierung der jeweils unter dem Namen von Verdachtsmomenten vor sich hat, die hinsichtlich alles Darstell­
' »Auschwitz<< ausgespielten Ich, Du, Er, denn tatsächlich be­ baren auszuräumen sind: Das Gericht wird unaufhörlich tagen,
,zeichnet dieser Name die Unmöglichkeit einer derartigen Totali­ der Wille niemals gut genug sein. Der rassistische oder Ausnah­
' sierung. Es ist aber die reflektierte Bewegung dieser Unmöglich­ me->> Terror<< ist exklusiv und regressiv, der Verdacht beschränkt
' 'keit, das heißt die Dispersion, die sich erkennt und sich in der sich auf die >>gute<< Rasse, was sich nicht als dieser Rasse zugehö­
[ 152] Affirmation des Nichts von der Vernichtung erholt. I Das Wir, rig präsentieren wird, ist schon vor seiner Präsentation schlecht,
das zumindest aus dem schreibenden ich und dem lesenden du schlechten Ursprungs. Es war schon schlecht. Und folglich
besteht. nichtig, da der Wille dabei nicht zählt: Er »zählte<< zu Beginn, ein
für alle Male. Es ist ein >>Terror<< ohne Gerichtsverfahren und
ohne Strafverhängung. Der Tod I genügt, da er bestätigt, daß, [ 1 53]
1 59. Ohne Resultat
was nicht leben darf, auch nicht leben kann. Die Lösung ist
Der kontingente Name dieser nur verwirklichten Bewegung ist endgültig.
>>Auschwitz<<. Aber sein spekulativer, sein- begrifflich:er-Name Die Ausnahme, die ihren Höhepunkt in >>Auschwitz<< er­
muß gerade den Zusammenschluß zweier unvereinbarer Sätze, reicht, beruht auf dem Prinzip einer Auswahl: Aus der Welt der
einer Norm ohne Empfänger und eines Todesurteils ohne Legi­ geschichtlichen Namen hat der Lebenstrieb unter allen anderen
timität, bezeichnen. Man denkt an die terreur. Aber die jakobi­ den Namen des »Ariers<< auserwählt, um sich zu beweisen. Im
nische terreur duldet keine Ausnahme: Selbst ich, Robespierre, Unterschied aber zu einer anderen Auswahl, die etwa dem
1 76 177
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DAs REsuLTAT WIEDERKEHR

jüdischen Volk vorschreibt, die Transzendenz ihres Prinzips als zwei Fälle von Schweigen. »Wir<< sind recht weit davon
anzuerkennen und belastend gegen alle Anmaßungen dem Ge­ entfernt, dieses Schweigen im Satz eines Resultats zu bedeuten,
setz gegenüber auszusagen (die dieses Volkes eingeschlossen), und halten es für gefährlicher, es zum Sprechen zu bringen, als es
schreibt die Auswahl seitens des Lebenstriebs nur den Aus­ zu respektieren. Nicht ein Begriff resultiert aus »AuschwitZ<<,
schluß dessen vor, was nicht auserwählt ist und aufgrund eines sondern ein Gefühl (Nr. 93), ein unmöglicher Satz, der nämlich
unerklärlichen >>Patzers« dennoch weiterlebt. Der gute Wille ist den Satz der SS mit dem Satz des Deportierten verketten würde,
erblich und beweist sich am Stammbaum. Die Aristokratie (Blut oder umgekehrt.
und Boden, Soldat und »Arbeiter«) erkennt für den legitimieren­
den Satz keinen anderen Empfänger als sich selbst an. Sie tötet 1 60. Wiederkehr
die anderen nicht einmal, sie verschreibt dem Problem des
Lebenstriebs seine Endlösung, indem sie ihnen zum To Cl ver­ Im Menexenos verspottete Platon die Lobrede auf den »schönen
hilft. Tod<< (Platon-Exkurs, § 1). Wie alle Welt will Sokrates »gut
Dies ist kein wirklicher Terror, sondern eine simple lebens­ sterben<<. Aber er will nicht zulassen, daß die Lobrede auf die
überwachende Maßnahme, ein politischer oder polizeilicher »gut gestorbenen<< Bürger vor den Lebenden diese von ihrer
Darwinismus. Die Verschmelzung von Genealogie und Gutem eigenen Tugendhaftigkeit überzeugt. Gerecht ist es, daß Athen
wird durch den Mythos, durch die Erzählung [recit] der nordi­ der Name der normativen Autorität ist und daß die in diesem
schen Völker bereitgestellt. Unter diesem Namen und kraft Namen Gestorbenen das Recht erworben haben, Athener ge­
dieses Erzählakts [narration] vergißt eine Entität ihre Kontin­ nannt zu werden. Unrecht ist, daß es der epideiktische Diskurs
genz und kann ihren Aberglauben bis zum Rausch ihrer Not­ den zuhörenden Lebenden erlaubt, sich den toten Helden
wendigkeit und ihrer Tugendhaftigkeit steigern. Die Rechtferti­ gleichzustellen. Die Zuhörer, sagt Sokrates, haben noch nicht
gung ist heteronom, die Vorschrift wird einem - von außen bewiesen, daß sie den Namen von Athenern verdienen, indem
unteilbaren - >>Volk<< einbeschrieben, in dem es nur Tote gibt. sie mehr als alles andere das Gesetz der Polis für erstrebenswert
Dies nun müßte der spekulative Diskurs begrifflich benennen, halten. Sie sind hypothetischerweise noch nicht für Athen ge­
und dies ist es, was dem empirischen Namen von »Auschwitz« storben, viele werden nicht dafür sterben und viele werden ohne
an sich innewohnte. Hat er es benannt? Hat er es im vorangehen­ Bürgertugend gelebt haben. Dennoch verfährt das Verwirrspiel
den Text durch meine Feder benannt? Bezüglich der entspre­ mittels des Wir, das den Paralogismus verdeckt. Sie, die Toten,
chenden Namensgebung kann er nur zögern. Lange wird er sind Helden; sie sind Athener; wir, die Lebenden, sind Athener;
zögern: Wie läßt sich ausmachen, was der Geist in »Auschwitz<< wir, die Athener (lebende und tote), sind Helden. Das Wir
gewonnen hat? Der Geist befindet sich dort nicht im Wider­ erstreckt sich zunächst auf die Lebenden : ich, der Redner, Üna
spruch mit sich selbst, er sieht von seiner eigenen universalen ihr, die Versammlung; dann auf die Toten: sie, ihr und ich.
Zweckmäßigkeit, von seiner künftigen Verwirklichung und sei­ Durch diesen gleitenden Übergang zum Pronomen, das den
nem künftigen Ausdruck ab. Er macht dort eine Ausnahme: Namen ersetzt, wird die höchste Tugend des >>guten Todes<< zu
Zwei Sätze fallen da, an dem vom Historiker bezeichneten Ort einem Ausnahmerecht, nämlich gut geboren zu sein. Die Aus­
und Zeitpunkt, »zusammen<<, die dialektisch nicht beisammen nahme läßt den Augenblick der Tugendhaftigkeit umschlagen :
sind. In d�m einen beruft sich die Rechtfertigung des Mordes e r fand statt.
. Ich, ein Arier, berichte dir, einem Arier, die Erzählung [recit]
mcht auf em allgemeines, sondern auf ein besonderes und nomi­
[1 54] nales Gesetz; im anderen appelliert der Tod nicht an eine I von den Taten unserer arischen Vorfahren. Derselbe NameArier
Rechtfertigung und kann nicht im Opfer aufgehoben werden. besetzt die drei Instanzen der Universen des narrativen Satzes.
Was »UnS«, »danach<< betrifft, so erhalten wir diese beiden Sätze Seine Bedeutung ist immer, direkt oder indirekt, de� »schöne

1 78 1 79
• 5 •
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DAS RESULTAT WIED E RKEHR

Tod«. Wir erzählen uns gegenseitig, daß wir gut gestorben sind. Einsätze und Verkettungsarten vorlegten und jenem Schlimme­
Das ist ein Ausnahme-Epos. Unter ein und demselben Namen res als Gegner entgegenhielten: kosmopolitische Helden. Die
[155] sind die er, die du und die ich austauschbar, und zwar dank I des Parodie besteht in der Entfaltung der Mittel, mit denen das Volk
wir. Die abgeschlossene narrative Zelle verfährt präskriptiv. Der von seinem Ausnahmecharakter überzeugt werden soll. Die am
_ Volk orientierte NS-Politik ist also eine epideiktisch ausgerich-
Imperativ is� hypothetischer Natur: Bist du Arier, so erzähle,
vernimm, vollende den »schönen« arischen Tod. Aber nicht die tete Ästhetik, I die die Ä sthetik der Totenrede auf alle äußeren [1 56]
Bedeutung (der schöne Tod) enthält die stiftende Macht, son­ Angelegenheiten des Volkslebens ausdehnt. Das dem Volk
dern die Ver�ettungsart. Wenn du vernimmst, so erzähle oder Fremde provoziert eine Polizei der Vernichtung (Auschwitz)
tu. Wenn du erzählst, so vernimm oder tu. Wenn du tust, so oder einen »schönen« Opfertod (Stalingrad).
erzähle oder vernimm. Die Implikation ist reziprok. Man tritt Die Verkettung des 55-Satzes mit dem des Deportierten ist
also nicht in den narrativen Zyklus ein, man ist immer schon ­ nirgends zu finden, weil sie nicht von ein und derselben Diskurs­
oder niemals - drinnen. Dies ist die Diskursart der mythischen art abhängen können. Sie haben keinen gemeinsamen Spielein­
Erzählung. Sie ist nicht mit ihrem Thema, sondern in ihrer satz. Mit der Vernichtung der Juden eliminiert der Nazismus ein
(�enn man will : pragmatischen) Übertragung zyklisch. Die Satz-Regelsystem, in dem der Empfänger besonders markiert ist
Uberlieferung unterliegt deshalb einem rituellen Protokoll: Ich, (Häre, Israel) und die Identifikation des Senders (der Herr) und
ein Arier, erzähle euch diese Geschichte von einem Arier, die ein die Identifikation der Bedeutung (was Gott meint) eine schänd­
Arier mir erzählte, erzählt sie weiter, verwirklicht sie, Arier. Die liche und gefährliche Anmaßung darstellt. Die Diskursart na­
Vorschrift, die aus den Übertragungsregeln der Erzählung her­ mens Kabbala (Überlieferung) ist als Frage und Deutung der
vorgeht, ist unabhängig vom Zeitpunkt, an dem der Satz stattfin­ wilden Erzähltradition diametral entgegengesetzt. Diese befin­
det. Erzählt = hat erzählt = wird erzählen; tut = hat getan = det sich unter dem Regelsystem des Bereits-da, das jüdische
wird tun. Darüber hinaus ist die Zeit der Erzählakte nicht von Idiom unter dem des Geschieht es? Der Nazismus ereifert sich
der Zeit des Erzählten unterschieden: erzählen oder vernehmen gegen das Vorkommnis, das »Ereignis<< (Aristoteles-Exkurs,
heißt bereits >>gut sterben«, und »gut sterben<< heißt auch verneh­ § 3 ; Nr. 131). So kämpft er gegen die Zeit der gesamten Moderne
men oder erzählen. Das Volk artikuliert sich im Handeln (Ster­ an.
ben) und stirbt gut, indem es sich artikuliert. Was nicht zu Zwischen der SS und dem Juden gibt es noch nicht einmal
diesem Volk gehört, kann nicht vernehmen, nicht erzählen und Widerstreit, denn es gibt nicht einmal ein gemeinsames Idiom
kann nicht gut sterben. Nur dieses Volk besteht aus >>Wahrhaften (das eines Gerichtsverfahrens), in dem ein Schaden zumindest
Männern<<, diesen Namen gibt sich die Ethnie (D' Ans, 1978). Er formuliert werden könnte, und sei es an Stelle eines Unrechts
kennzeichnet die stiftende Ausnahme. (Nr. 7, 9). Es bedarf also keines - nicht einmal eines parodisti­
Darum führen die Wilden Krieg. Endlos erfüllen sie - und schen - Prozesses. (Hinsichtlich der Kommunisten liegt der Fall
vernehmen und erzählen demnach endlos - die Erzählung ihres anders.) Der jüdische Satz fand nicht statt. Es gibt kein Ge­
Wir. Sie verdienen sich ihren Namen (Clastres, 1 977). Wer ihre schieht es? Es ist geschehen.
Gegner sind, hat keinerlei Bedeutung. Es sind keine Gegner. Die spekulative Dialektik gerät an der Diskursart der mythi­
Durch sie wird nichts geschehen, was nicht bereits geschehen ist. schen Erzählung ins Stocken. Diese ergibt kein Resultat, son­
Der Nazismus restauriert diese Diskursart, den die Moderne dern eine identische Wiederholung. Was - wie das jüdische
zerstört hat. Er kann es nur auf parodistische Weise tun, so als ob Idiom - da keinen Zugang findet, wird nicht aufgehoben, son­
die großen modernen Diskursarten - die wissenschaftliche Er­ dern ignoriert, ins Vergessen gestoßen. Der Mythos ist spekula­
kenntnis, die deliberative Politik, die interrogative Philosophie, tiv nicht auflösbar. Er muß vernichtet werden, auf nicht-speku­
die eschatologische Offenbarung - nicht bereits völlig andere lative Weise, und das ist mit ihm geschehen. Aber die Vernich-

1 80 181

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T 71 S'

DAs RESULTAT


t�n des Nazismus läßt ebenfalls
ein Schweigen hinter sich zu­
ruc = ..�an wagt den Nazismus nich
t zu denken, weil er wie ein
tollwutiger Hund erschlagen wurde,
_ durch Polizeimaßnahmen
;
und mcht nach den Regeln, die von
den Diskursarten seiner
egne� anerkannt werden (die Beweisführun
g des Liberalismus
er Wid �rspruch de Marxismus). Er wur '
� de nicht widerlegt.
� chw�Igen stat� emes >>Resultats<<. Dieses Schweigen unte
b nch� die Kette, d e von I_�men, den Deportie r-
� rten, von ihnen, der Die Verpflichtung
SS, bis zu uns r Icht, die wir über sie sprec
� hen. Es ist nicht
vorstellbar, daß diese Substanzen, die sie für
_ urs »uns « als »Subjek­
[157] te« des Disk es, I der sich auf sie bezieht, sind, »auch
(»ebe n so se�r« [I._ 0. dt.J) diese Subjekte sein « 161
_ könnten. Dieses
Schweigen signalisiert das Aussetzen des »Selb Diese eine Zweckbestimmung zumindest hätte die Spaltung des
st«, seine Spal­
tung. Selbst: nämlich dessen Anmaßung zu zerstören. Daran zu erin­
nern, daß das Gesetz jegliche Einsicht transzendiert. Und dies
unter dem Deckmantel einer gräßlichen Hanswursterei, wie
Rousset sagt ( 1948 [1979]). Zwar kann derjenige, der das Gesetz
beschließt - und nicht dessen Empfänger ist -, kein Richter sein,
notwendigerweise ist er ein Verbrecher. Und wer dem so be­
schlossenen Gesetz unterliegt, kann nur Opfer sein. Der Richter
- ist nicht gerichtet. Der Verurteilte oder Freigesprochene - ist
nicht erlöst. Dennoch könnte der spekulative Un-Sinn von
>>Auschwitz« ein Paradoxon des Glaubens bergen (Kierkegaard,
Furcht und Zittern).

1 62
Ist der Befehl, demgemäß Abraham seinen Sohn opfern sollte,
intelligibler als ein Erlaß, der die Razzia, den Abtransport, die
Konzentration, den langsamen oder schnellen Tod anordnet? Ist
dies nicht eine Sache des Idiolekts (Nr. 1 44, 145)? Abraham
vernimmt: Der Tod Isaaks ist mein Gesetz, und er gehorcht. In
diesem Augenblick spricht der Herr nur zu Abraham, und
Abraham ist nur dem Herrn verantwortlich. Da weder die
Wirklichkeit des Herrn noch des ihm zugeschriebenen Satzes
ermittelt werden kann - wie läßt sich in Erfahrung bringen, daß
Abraham nicht ein Paranoiker mit (kinds-)mörderischen Anfäl­
len ist? Oder ein Simulant?

1 82
183
DIE VERPFLICHTUNG GorrEs BEFEHLE

1 63 er nicht mehr als Empfänger, sondern als Sender situiert ist,


Sätze in denen es nicht mehr ums Gehorchen geht, sondern
Die Frage betrifft nicht den Gehorsam, sondern die Verpflich­ daru � einen Dritten von den Gründen seines Gehorsams zu
tung. Die Frage lautet: Wenn man etwas vernimmt, das einem _
überz :ugen. Kommentierende Sätze. Bei �iesen Sätzen kann dte
Aufruf ähneln mag, ist man dann aufgefordert, sich daran zu Verblendung des Ichs die Oberhand gewmnen.
halten? Man wird sich ihm widersetzen oder antworten können,
zunächst aber wird man es eher als Aufruf denn etwa als Einbil-
[159] dung hinnehmen müssen. I Sich in der Empfänger-Position 1 66
einer Präskription befinden (wobei die Forderung eine Spielart - Warum Verblendung (Nr. 1 65)? - Weil eine Vorschrift (Prä­
der Präskription ist). skription) unmöglich aus einer B�s�hreibung �b geleitet werden
kann. Daß in einem Land zwei_ Mtlhonen Arbeitslose festgest� llt
164 werden, erklärt nicht, daß bei der Unterbeschäftigung A� htlfe
geschaffen werden muß. Dafür muß e�n Unters�tz ( !:"ltr:or)
- Aber die Forderung, die den Gerichtspräsidenten Sehreber �
impliziert oder präsupponiert werden, . dte Vorschn t namhch,
bedrängt, die Abraham niederdrückt, die die SS in Bann schlägt­ daß alle, die arbeiten können, auch arbeiten sollen. Dte Verblen-
diese Forderungen sind voneinander völlig verschieden! - Was dung oder transzendentale Illusion I beruht auf dem Anspruch, [160]
wollen Sie damit sagen? Daß die eine von einer phantasmatischen das Gute oder Gerechte auf das Wahre oder das Sollen auf das
Gestalt herrührt, die andere von Gott, die dritte von einem Sein zu gründen. Mit »gründen« me� ne ich _ganz einfach die
politischen Führer? Wie Sie wissen, unterliegt die Identität des .
Suche und Formulierung von Imphkauonen, dte den Schl�ß von
Senders dem Widerstreit: Das Phantom, das Flechsig zufolge kognitiven Sätzen auf einen präskriptiven Satz � rmöghchen.
Sehreber bedrängt, nennt sich im sehreberseben Idiom Gott Gleiches gilt für Abraham. Gott befiehlt, daß Isaak thm geopfert
usw. - Zumindest aber schreiben diese verschiedenen Autoritä­ �
werde. Abraham gehorcht, >>weil« eben Gott den Befe l dazu
ten nicht dieselben Handlungen vor! Sie lassen sich an ihren gibt. Die Implikatur oder die Präsupposition'; besteht dann, d�ß
Handlungsanweisungen erkennen ! - Ich behaupte nicht, daß der Gottes Befehle gerecht sind. Diese Anordnun� (Gottes)_ 1st
Inhalt des Gesetzes belanglos ist, aber er erlaubt es nicht, die gerecht, weil alle Anordnungen Gottes gerecht s�nd und mcht
gute Autorität vom Schwindel zu unterscheiden. Und vor allem ungerecht sein können. Von einer Tota�ität aber (dte me _ ege� en

muß dem die Frage vorangehen, inwiefern die Forderung, die ist) - und sei es die Totalität der götthchen Befehle - laßt. steh
von dieser Wesenheit herrührt, gerade so verstanden wird, als ob nichts feststellen und auf kognitive Weise also auch mchts
sie Gesetz wäre. Das einzige Zeichen dafür, an dem ein Dritter behaupten. Was das Ethos Gottes >>selbst« betrifft, so ist es nur
__

sich orientieren kann, besteht in der Verpflichtung des Empfän­ auf dem Wege über die Totalität seiner Anordnungen zugang-
gers. Der Annahme nach (Idiolekt) hat der Dritte weder zum lieh. Diese Totalität aber, wie eben gesagt wurde usw. (Und
Sender noch zum Satz Zugang. Wie Charcot vor dem Hysteri­ schließlich: Angenommen, Gott und seine Befehle seien gerecht
ker, wie der Freund, dem Sie Ihren Traum erzählen. - können wir sicher sein, daß Gott es ist, der befiehlt?) (Nr. 1 62).

1 65
Ein Satz ist verpflichtend, wenn sein Empfänger verpflichtet ist.
Warum er verpflichtet ist - er mag glauben, daß er es erklären
kann. Die Erklärung jedenfalls erfordert andere Sätze, in denen >:· Cf S. 144 f. (A. d. Ü.).
1 84 185
DIE VERPFLICHTUNG BEFEHL UND BEDEUTUNG

nitt: »Der
167 Opfer zu erklären, ist falsifizierbar (cf den __Absch
Referent«). Keiner kann als Erklär�ng des Totu_n gs�_efehls
, als
Sogar die Engel sind Opfer dieser Verblendung. Levinas er­ e man
seine Rechtfertigung gelten. Nur m1ttels Rheto nk konnt
zählt: »Aus dem Hause Abrahams vertrieben, irren Agar und 1 56,
aus dem Tod von >>Auschwitz<< einen >>schön en Tod<< (Nr.
Ismael durch die Wüste. Der Wasservorrat ist erschöpft, Gott
160) machen.
öffnet Agar die Augen, der einen Brunnen bemerkt und sei­
nem sterbenden Sohn zu trinken gibt« (Levinas, Difficile Li­
berte, 1976 b : 260). Nichts Außergewöhnliches bisher; von ei­ 1 69
nem Gott, der das Gute ist, erwartet man nichts weniger als Die Verblendung besteht darin, sich an die Stelle des anderen zu
das. Diese Freigebigkeit jedoch erregt das Mißfallen der göttli­ setzen, an seiner Statt ich zu sagen, seine Transzendenz zu
chen Ratgeber (oder der schlechten Äonen ?), der Engel; sie neutralisieren. Wenn man die Absichten des Herrn herausstellt,
sehen über ihre eigene Nasenspitze hinaus und kennen die kennt man folglich seinen Idiolekt, weiß man, wie er �ich
Tricks der Geschichte : >>Die Engel protestieren: Willst du _ und d1e -
spricht, die Sätze, deren Sender und Empfänge� er 1st
demjenigen Wasser spenden, der später Israel leiden machen wie man annimmt - den Befehl erzeugen, 1hre Bedeutung.
wird?<< Gott umgeht die hegelsche Falle : >>Was schert mich das >>AuschwitZ<< leitet man beispielsweise aus dem Zorn des Herrn
Ende der Geschichte, sagt der Ewige. Ich beurteile jeden nach gegen sein Volk ab. Für sich genommen aber ist diese lmp �ika­
dem, was er ist, und nicht nach dem, was er werden wird.<< tion ein Vergehen gegen die Ethik: Das Volk wäre durch emen
Gott selbst kennt die Totalität der Ereignisse nicht (oder darf Befehl verpflichtet, weil es dessen Bedeutung verstehen könnte !
sie nicht kennen). Er wäre ungerecht, wenn er für das augen­
blickliche Urteil in Betracht zöge, was morgen geschehen
wird. Er hätte also Hitler zu trinken geben können, als Hitler 1 70
Durst hatte. Eher müßte man den Befehl als Skandalon für den Verpflichteten
beschreiben. Der ,,freien« Verfügung über sich selbst beraubt,
von seinem narzißtischen Bildnis verlassen, in diesem oder
168 jenem Punkte behindert oder gehemmt, in der Angst, nicht ohne
Wenn man vom Holocaust spricht, so meint man, daß Gott die weiteres er selbst sein zu können. - Dies aber sind phänomeno­
[161] Hand des Nazi-Henkers führt und das jüdische Volk I die logische oder psychoanalytische Beschreibungen eines gemin­
Stelle Isaaks einnimmt. Aber es wird eingeräumt, daß der Herr derten oder gespaltenen Bewußtseins. Viel zu menschlich, zu
Abrahams dessen Gottestreue prüfen will, wenn er vom Vater humanistisch. Sie erhalten das Selbst bis in die Feststellung seiner
die Opferung seines Sohnes verlangt. Gott will die Gottestreue Dispersion hinein aufrecht. Könnte man - ohne Heimw�h na�h
der SS prüfen ? Hatten sie einen Bund geschlossen? Und die SS dem Selbst - bei der Dispersion ansetzen? Und folghch d1e
liebte den Juden wie der Vater den Sohn? Wenn nicht, wie Spaltung des Selbst jenseits jeglicher Zweckmäßigkeit den�en,
könnte das Verbrechen in den Augen des Opfers als Opferung wenn es stimmt, daß noch die Zweckmäßigkeit der Akt emes
Selbst ist der sich im voraus und von weitem an einem Objekt
:
erscheinen? Und in den Augen des Henkers? Und des Nutznie­
ßers? Oder bot Gott selbst das Leben eines Teils seines Volkes versucht und sei es, um es I für einen Augenblick zu spalten? [162)
zum Opfer? Welchem Gott aber konnte er es anbieten? Ebenso Zweifellos müßte man dann auch die Idee einer Spaltung aufge-
behauptet man, daß Israel für seine Fehler bestraft werden ben, da sie ja eine schöne Totalität, das Resultat, voraussetzt.
mußte, für seine Schuld, den Stolz. Kein einziger dieser Sätze,
die die göttliche Absicht (prüfen, strafen) beschreiben, um das

1 86 187

__ ... _
DIE VERPFLICHTUNG L EVINAS

LEVINAS sucht das zum Du gewordene Ich wieder Herr �eine: selbst zu we�d en.
.
Es bildet sich ein weiterer Satz, in dem es m d1e Sender-Posmon
1. Bedingung des Skandalons der Verpflichtung: »Die Innerlichkeit, die zurückkehrt, um das Skandalon des Satzes des anderen und seiner
die Absonderung gewährleistet, muß ein absolut in sich geschlossenes eigenen Enteignung zu rechtfertigen oder zurückzuweisen, ganz
Wesen erzeugen, das seine Abgegrenztheit nicht dialektisch aus seinem gleich. Als unvermeidliche Versuchung ist dieser neue Satz immer
Gegensatz zu anderen bezieht. Diese Abgeschlossenheit darf den Aus­ möglich. Aber er kann das Ereignis nicht ungeschehen machen, son­
gang aus der Innerlichkeit nicht unterbinden, damit die Äußerlichkeit dern nur zähmen und meistern und damit die Transzendenz des ande­
zu ihr sprechen, sich ihr in einer unvorhersehbaren Bewegung offenba­ ren vergessen.
ren kann« (1961 : 122). Als Skandalon setzt der ethische Bezug für das Aus dem Ich [je] macht der andere sein Du, wirft sich damit zum
Ich [moi] zwei Kernsätze voraus: Das Ich entspringt nicht dem anderen; Herrn auf und nimmt es als Geisel. Herr ist er aber nicht, weil er es
Der andere geschieht dem Ich. Wenn das Ich nur das geschlossene beherrscht, sondern weil er es auffordert. Das Ich [je], das in der
(abstrakte) Moment einer dialektischen Wechselbewegung des Selbst Ordnung des Selbst und seiner Welt eingeschlossen ist, weiß nichts vom
wäre, könntest du mir nichts offenbaren, das ich nicht schon in mir anderen und kann nichts von ihm wissen. Das Erscheinen des anderen
selbst hätte. ist kein Ereignis der Erkenntnis. Es ist aber ein Ereignis des Gefühls. In
Levinas geht vom Scheitern der fünften Cartesianischen Meditation der Du-Position ist das Ich jemand, an den eine Vorschrift gerichtet
aus : Das gleiche Transzendentale kann die anderen nicht als anderes wird, und zwar die ganz einfache Vorschrift, daß es Vorschrift gibt (und
konstituieren. Das (transzendentale) Ich [je] bleibt in seinem Konsti­ nicht nur Beschreibung, Erkenntnis). In dieser Situation wird dem Ich
tutionsbereich eingeschlossen wie das (empirische) Ich [mot] in seinem nichts mitgeteilt, weil es nichts mitzuteilen gibt (der B efehl ist keine
Erfahrungsbereich, das heißt im Genuß seines Seins und Habens . Der Information), es weiß nicht einmal, ob der andere ebenfalls ein Ich ist,
andere ist sein anderer. Aber diese empirische und transzendentale ebensowenig, was der andere von ihm will, noch ob er überhaupt etwas
Endlichkeit ist notwendig, damit der andere der andere, das heißt »das will, aber es ist unmittelbar dessen Verpflichteter. Dies wird durch seine
Wunder«, ist (ibid.: 269). Ein Ä quivalenzbezug in der exklusiven Verschiebung auf die Du-Instanz gekennzeichnet. Du sollst. Levinas
Disjunktion : Wenn das Ich [mm1 dem anderen entspränge, wäre der kommentiert die Mittellosigkeit des anderen: er taucht in meinem
andere nicht das Wunder; wenn der andere nicht das Wunder wäre, Gesichtskreis in absoluter Armut auf, eigenschaftslos, ortlos, zeitlos,
entspränge das Selbst dem anderen. Also : entweder ich [moi] oder der substanzlos, er ist nur seine Forderung und meine Verpflichtung.
andere. Der andere kann dem Ich also nur geschehen: als Offenba­ So verhält es sich mit dem Universum des ethischen Satzes: ein Ich
rung, als Einbruch. Wenn die Bedeutung zur Dialektik des Selbst [je], das seiner Illusion, Sender von Sätzen zu sein, beraubt ist und - auf
gehört, so ergibt das Ereignis des anderen Un-sinn. Wie kann der unerklärliche Weise - in der Empfänger-Instanz erfaßt wird. Die
andere überhaupt geschehen? Das Ich [moi] ist vom Ungenügen, dies Verpflichtung ist unmittelbar und geht jeglicher Einsichtsfähigkeit
zu verstehen, gezeichnet. Es ist versucht, es als eine Formation seines voraus, sie wohnt im »Empfang des Fremden«, im Ruf an mich, der
Konstitutions- und Erfahrungsbereiches zu erklären. Es ist versucht, mehr tut, als eine vorgegebene Beziehung umzustürzen: der ein neues
es zu wissen und wird vom Wissen versucht. Im anderen aber meldet Universum errichtet. Diese Erschütterung geht jedem Kommentar über
sich die Unzulänglichkeit des Wissens, eine Äußerlichkeit, die nicht das Wesen des anderen, über seine Forderung und meine Freiheit
im Ich gegründet ist. Im anderen meldet sich keinerlei Bedeutung, er voraus. In einem Kommentar des Chabat (88 a - b) und insbesondere
ist die Meldung, der Un-Sinn. »Der Bote ist die Botschaft« (1968 a: des Verses : >>Sie handelten, bevor sie vernahmen<<, schreibt Levinas :
104-105). »Das unvergleichliche Wesen eines Ereignisses wie des Gebens der Tora
Wir wollen es trans�_ribieren, wenn möglich. Ein Sender taucht auf, liegt darin, daß man sie annimmt, bevor man sie kennt [ . . . ]. Das
dessen Empfänger ich bin und von dem ich nichts weiß, außer daß er fragliche Tun ist nicht bloß die der Theorie entgegengesetzte Praxis,
mich auf die Empfänger-Instanz situiert.' Die Gewalt der Offenbarung sondern eine Weise zu aktualisieren, ohne beim Möglichen zu beginnen
liegt in der Vertreibung des Ichs aus der Sender-Instanz, von der aus es [. . . ]. Sie vollführen, bevor sie vernehmen! [ . . .] Eine Stimme verneh­
sein Geschäft der Nutznießung, Machtausübung und Erkenntnis be­ men, die zu Ihnen spricht, bedeutet ipso facto die Annahme der
treibt. Sie ist das Skandalon eines auf die Du-Instanz verschobenen Verpflichtung demjenigen gegenüber, der spricht« (1968 a: 91, 95, 98,
(163] Ichs. I Durch das Begreifen dessen, wodurch es ergriffen wird, ver- 104-105). Diese Unmittelbarkeit ist vergleichbar mit der des performa-
1 88 1 89

- -
DIE VERPFLICHTUNG LEVINAS

[ 164] tiven Satzes. Ich sage: Die Sitzung ist eröffnet, Der I Krieg ist er­ der ich!du-Situation, die unvorhersehbar, gleichsam als Störung des
klärt, und sie sind es. Ich vernehme: Ave, und bin der Verpflichtete Satz-Universums, in dem ich ich ist, geschieht.
des Engels, das Du des anderen.
Der Akzent liegt auf der Asymmetrie der Beziehung Ich/Du 2. Die Verpflichtung, um die es sich in Levinas' Denken handelt,
(1961 : 1 90). Diese ist nicht umkehrbar, sie erzwingt und bewahrt
. die Destabilisierung resultiert nicht aus einer schon vorher durch mich oder uns legiti­
eines Wissens, in dem das Ich ich (das Selbst mierten Autorität. Wenn ich durch den anderen verpflichtet werde,
selbst, die Identität) war. Sie kann nicht wieder von einem Satz in so nicht deswegen, weil er über ein Recht dazu verfügt, das ich ihm
Besitz genommen werden, in dem das Ich [je] ich ist. In diesem Satz direkt oder I mittelbar zugestanden hätte. Meine Freiheit ist nicht die [ 1 65]
besitzt das Ich keinerlei ethische Einsicht mehr, es kann nur glau­ Quelle seiner Autorität: Nicht weil man frei ist, weil dein Gesetz
ben, daß es begreift. Der Übergang vom ethischen Satz zum Satz mein Gesetz ist, ist man verpflichtet, sondern weil deine Forderung
des Wissens vollzieht sich nur um den Preis des Vergessens des er­ nicht mein Gesetz ist, weil man den anderen erleidet. Die Verpflich-
steren. In der Spannung, die der kognitive Satz auf die Instanzen tung aus Freiheit, aus Übereinkunft ist sekundärer Natur. Sie setzt
von Sender und Empfänger überträgt, ist das Du, an das sich das eine Erleidbarkeit (passibilite), eine Bresche in der Festung des Ichs
Ich der Assertion richtet, nur ein potentielles Ich. Es wird die Ver­ voraus : >>Daß diese Abgeschlossenheit nicht den Ausgang aus der
kettung fortsetzen, indem es ich sagt, indem es bezüglich eines Re­ Innerlichkeit unterbindet.<< Eine Bereitschaft zur Transzendenz?
ferenten, eines Es [il], das gemeinsam festzulegen ist, zustimmt oder Transskribiert: die Fähigkeit des auf die Empfänger-Instanz verscho-
widerspricht. Ich und du arbeiten an der Ausbildung eines Kon­ benen Senders, sich zu erinnern, daß er sich nicht dort befinden
sensus. dürfte. Das Skandalon - vielmehr die Bereitschaft zum Skandalon -,
Levinas hält Buhers >>Umfassung<< [i. 0. dt.] das Vergessen des das mit der Beweglichkeit einer Entität auf den Instanzen der Satz­
>>Höhenunterschieds<< entgegen (1976 a : 40), der den anderen und Universen zusammenhängt, mit deren Widerstand gegen diese Be­
das Ich in der Forderung trennt. Buhers Beschreibung des »dialogi­ weglichkeit und mit der Erinnerung, die sie nach der Begegnung vom
schen Lebens<< [i. 0. dt.] wird von der Wiederkunft des Regelsy­ Vorher besitzt (die Konversion). Diese Bedingungen erfordern die
stems kognitiver Sätze in der Beschreibung der ethischen Beziehung Beharrlichkeit des Eigennamens. Dagegen hat der andere in seiner
ereilt. Das Ethische verbietet den Dialog, da der Dialog die Na­ Mittellosigkeit nicht einmal einen Namen. Man ruft ihn nicht, man
mensvertauschung in den Instanzen verlangt. Buher mag wohl den wird von ihm gerufen.
Akzent auf die Achse der Bestimmungsrichtung [destination] legen, Diese Erleidbarkeit ist gleichwohl keine Bedingung der Möglichkeit
indem er sie von der referentiellen Beziehung befreit, indem er gar von Ethik, keine UQX� (arche) der Verpflichtung. Diese Begriffe von
erklärt, daß der Referent, das Es, die Gestalt des verfehlten, uner­ Bedingung der Möglichkeit, von arche, tauchen in Totalite et infini
reichbaren Du ist, zu dem ich nicht spreche, sondern nur von ihm (Totalität und Unendliches) auf und werden darauf am Schluß von
sprechen kann (Buher, Ich und Du, 1923: 27, 36, 133), - so i�t das Difficile liberte (Schwierige Freiheit) und in >>Humanisme et Anarchie«
doch genau diese Entfremdung und diese Wiederkehr der referen­ (Humanismus und Anarchie, 1968 b) verworfen. Sie ist bereits die
tiellen Beschreibung, die Buhers Satz ergreift und ihn seinerseits die gesamte Ethik, in ihr sind deren beiden Seiten, die Freiheit und die
ichldu-Relation in der Gestalt des Dialogs objektivieren läßt (Levi­ Verfolgung, vereint. Letztere unterscheidet sich von jener nicht, wie
nas, 1976 a: 46-47). sich die Heteronomie von der Autonomie unterscheiden würde. Beide
Eine Implikation dieses Einwands : für Levinas gibt es keine wirk­ erfordern die Gebundenheit des Ichs [je] durch den anderen, seine
liche Transzendenz des Referenten. Das Objekt gehört der Dialek­ Abhängigkeit, seine Geiselnahme. Zur Verfolgung kommt es dadurch,
tik des Wissens an. Was »an sich<< ist, hat den spekulativen Regeln daß das Ich >>passiv<<, gegen seinen Willen, in der Rekurrenz seines
zufolge >>für sich<< zu sein, zu resultieren. Die spekulative Diskurs­ Narzißmus gebunden ist, der sich gegen die Erleidbarkeit erhebt und
art besetzt das gesamte Gebiet dessen, was sich Wirklichkeit nennt. die Äußerlichkeit nicht hinnimmt. Die Rückkehr des Ichs in die
Die ethische Transzendenz findet nicht auf diesem Terrain statt. Sie Situation des Du, in die der andere es versetzt hat, macht den letzteren
findet überhaupt nicht >>Statt<<, da der andere nicht lokalisierbar ist. zum Verfolger. Ich stehe unter Anklage, weil ich dich verrate, weil ich
Wenn er es wäre, wäre ich dein Herr und würde dich vermutlich das Du [toi] ausschließe oder ausnehme. Die >>gottlosen Kreaturen<<
kennen. Das ethische Gebiet ist kein Gebiet, sondern ein Modus klagen sich [s'accusent] ohne Unterlaß unter dem Regelsystem des
190 191

-
LEVINAS
DIE VERPFLICHTUNG

>>unbegrenzten Akkusativs« [accusatif illimitel an (1974: 132-133, 141- sucht, sondern die Bezeugung der Spaltung, die Öffnung zu jenem
142, 150-151). Das Ja zur Gabe der unentzifferbaren Botschaft, zur anderen, der in seinem Leser eine Forderung an Levinas richtet, die
Auserwählung, die die Forderung ist, der (unmögliche) Bund mit dem Verantwortung gegenüber dem Boten, dem Leser nämlich. Es würde
anderen, der nichts ist, bedeutet die Hinnahme des Sprungs im Ich. sich nicht darum handeln, »in der zweiten Person« zu schreiben, im
Unmöglich, >>sich dem gebieterischen Ruf der Kreatur zu entziehen« Regelsystem des Du, sondern auf den anderen hin zu schreiben, unter
aber: >>die Hinnahme [der Passivität] überschreitet nirgends die Passivi� dessen Gesetz. Levinas' Text wäre das heimliche Geständnis einer
tät« (1968 a : 1 08). Geisel. In ihr erfüllte sich die Erleidbarkeit. Sie würde uns sagen: Ja,
Wie kann das in sich Geschlossene, das Ich [moi], zugleich offen sein, ihr seid meine Herren. Natürlich nicht ihr, ihr genannten und nennba­
gewärtig, die Transzendenz einer Äußerlichkeit zu erleiden? Würde es ren Leser, sondern ihr, auf die ich hinschreibe, jenseits der sichtbaren,
sich dabei im Großen und Ganzen nicht um die Dialektik des Saumes, über mein Geschriebenes gebeugten Gesichter. Denn der Lesende hat
der G �enze handel�� eine durch und durch hegelsche Bewegung: keine Forderungen gestellt, er ruft. Der Schreibende ist durch diese Forde­
Innerlichkeit ohne Außerlichkeit und umgekehrt? Kein Ich [mot] ohne rung gefesselt, aufgestört, außer sich, unsicher, ob er sich im Schrei­
anderen, kein anderer ohne Ich. Levinas versucht, diese umkehrbare ben bindet oder befreit. Er begibt sich in unsere, der Leser, Hände.
Totalität aufzubrechen, die spekulative Logik zu zerschlagen, indem er Gehören diese Hände guten oder schlechten Engeln? Welche Boten
[166] die Dissymmetrie der ethischen Instanzen verstärkt. I Man kann ein­ sind wir, welche Botschaften? Der Schriftsteller weiß es nicht,
räumen, daß es kein Ich ohne anderen gibt, wenn der andere sein ebensowenig die Engel, sie mißverstehen sich. Nur eines ist sicher,
anderer ist. Das Ich [moi] bildet sich, indem es sich verliert und sich von dieses ethische Schreiben entkommt der Verfolgung I nur, wenn es [167]
seinen Entfremdungen erholt, in der narzißtischen Bewegung, die es sich nicht an die >>gottlose Kreatur« bindet, wenn das Ich des Schrift­
zum Fürsich-Sein treibt. Der andere aber, der ohne mich nicht wäre, ist stellers, während die Schrift sich vollzieht, keine Rechte über oder
gleichwohl nicht mein anderer, er ist keine vorübergehende Entfrem­ besser: gegen sie beansprucht. Schreiben hieße nicht: >>eine Botschaft
dung im Verlauf meiner Odyssee, sondern deren Abbruch. - Woher übermitteln«. Das gehört vielmehr zum Dünkel des Ichs (je]. Es
wissen Sie das? - Von diesem Abbruch, von dieser Enteignung, der stöhnt, es opfert sich dem Werk. Es täuscht sich. Das Schreiben ist
Leidenschaft, die seine Forderung hervorruft. Weit davon entfernt, kein Opfer, sondern heilig (1977: 7-1 0)� Es ist der Zeuge des Spalts im
mich zu bereichern und mir Gelegenheit zu verschaffen, meine Erfah­ ! Ich, seiner Bereitschaft, auf einen Ruf zu hören. Der andere im Leser
rung zu mehren und zu klären, löscht mich der Eintritt des anderen als 'fordert nicht den Tod des Ichs des Schriftstellers, sondern daß er seine
Subjekt einer Erfahrung aus. Erleidbarkeit hinnimmt.
- Wie aber können Sie das behaupten, es sei denn, nachdem Sie Wird jedoch der Leser, der spätere Kommentator, nicht unvermeid­
wieder >>Zu sich« gekommen sind, Ihre Situation als Ich, das Sätze >SetZt< lich zum Verfolger des Werks, sobald er von dem spricht, was er liest,
(oder zu >setzen< glaubt), zurückerobert haben, nachdem Sie den sobald er das Gelesene mit dem Geforderten oder vermeintlich Gefor­
ethischen Satz durch seine Bewahrung gemeistert und ihn auf diese derten vergleicht. Daß er zu wissen glaubt, was er forderte, daß er die
Weise als ein Moment im Fürsich-Werden Ihrer Existenz eingeschlos­ im Werk gegebene Verantwortlichkeit für mit dem Wesen seiner Forde­
sen haben? Webt nicht das Schreiben, und gar Ihr Schreiben der rung vergleichbar hält - folgt nicht einzig schon aus diesem Grund, daß
Erleidbarkeit, an einer Herrschaft, einer Erfahrung, einem Text aus er sich damit, mit seinem Kommentar, wieder unter das Regelsystem
?em, was ohne Text, ohne Erfahrung, herrschaftslos ist? Wie läßt sich deskriptiver Sätze, in die Versuchung des Wissens begibt? Wie sollte der
m der zweiten Person schreiben? In der dritten Person kann man die Kommentar keine Verfolgung des Kommentierten sein, kein beige­
zweite nur beschreiben. Man schreibt: das Du. Wirkt der Rückfall, den brachter Beleg (allein deswegen, weil der Leser das Wort ergreift) dafür,
Levinas Buber vorwirft, nicht auch im Text Levinas' ? Ist dieser Text daß er mit der Formulierung seiner Forderung deren Kenntnis -
nicht der Kommentar dessen, was doch von jedem Kommentar verfehlt zumindest deren mögliche Kenntnis - unterstellt, und daß diese Forde­
werden muß? Kann dieser Text nicht-phänomenologisch sein (Nr. 71 ) ? rung dann kein Wunder mehr ist, dem die Schrift sich zugänglich
machte, sondern nur noch eine Vorschrift mit Inhalt und Bedeutung, an
3. Aber vielleicht muß Schreiben anders begriffen oder besser: darge­ die das Werk wie die Geisel an das Einhalten eines Versprechens
stellt werden. Vielleicht ist das Schreiben Uvinas' nicht die Beschrei­ gefesselt ist?
bung einer Erfahrung, geleitet von einem Ich, das das Wissen über sich Die Heiligkeit würde verschwinden und der Opfergedanke mit seiner

192 193

-
DIE VERPFLICHTUNG DAs »WUNDER«

opferbereiten »Aufhebung<< [i. 0. dt.] wiederkehren. Das Selbst also zur Verfolgung: Je weniger ich dich vernehmen werde, so sagt er zum
erhö.be Anspruch auf das Schreiben des Schriftstellers, drängte dessen Text Levinas' oder zum göttlichen Text, umso mehr werde ich dir darin
Erle!dbarkeit in die Erkenntnis des Selbst ab ! Die Unvergleichbarkeit folgen: denn wenn ich dich als Forderung (deinerseits) vernehmen will,
der Forderung, die es an das Schreiben stellte, mit dem, was dieses darf ich dich nicht als Bedeutung verstehen. Satan wäre der beste Diener
zum Tausch dafür bietet, wäre im Großen und Ganzen nur das nega­ Gottes, zumindest wenn es stimmt, daß er sich ihm widersetzt. Denn
. >>wer nicht glaubt, glaubt doch in einem einzelnen Punkt« (Aristoteles,
uve Moment, das Moment des Widerspruchs, das Moment, das der
Regel der immanenten Ableitung entspricht (Hegel-Exkurs), deren Sophistische Widerlegungen, 180 b 1), er wurde verpflichtet, der B efehl
Resultat trotz allem noch und stets das Fürsich ist. Das Für-den­ (oder die Forderung) wurde als solcher gehört, nur sein Inhalt nicht
anderen wäre nur das Moment der Zerrissenheit - unvorsichtig und begriffen. Satan ist ein ethischer Name.
ungerechtfertigt isoliert - in der Bewegung des Selbst zu sich gewe­ Aber Hege! ist nicht Satan, sondern ein spekulativer Name, das Selbst
sen. Der Schriftsteller und der Leser wären die beiden Gestalten des gehorcht nicht, nicht einmal um sich zu widersetzen, es ist im Werden
Gleichen gewesen, nur für einen Augenblick unvergleichlich. Vergrö­ begriffen, Gott fordert und erwartet nichts von den Geschöpfen, das
ßerte man ihren Abstand, so würde die spekulative Maschine nur Selbst kommt zu sich selbst durch Gott und die Geschöpfe.
umso besser in Gang gebracht. Auf ebendiese Weise wurde von den Welches Gericht kann den Widerstreit zwischen dem ethischen Satz
Anfängen des hegelschen Denkens an die Gestalt des Judentums be­ (dem Unendlichen) und dem spekulativen Satz (der Totalität) erkennen
griffen : als ein abstraktes, böswillig in seiner Absonderung stillge­ und schlichten?
stelltes Moment (die >>vorgebliche<< Transzendenz der Forderung),
ein Moment in der Bewegung der schönen Totalisierung (Bourgeois,
1 970: 1 1 8). 171
Und verlangt nicht bereits der eben gelesene Kommentar, was Levi­ Das »Wunder« bei Levinas wäre neben das >>Fremde« der Gno­
[168] nas Buher vorwirft und an I Hege! verabscheut, daß nämlich Schreiben stiker, insbesondere bei Markion Gonas, 1958 [ 1 934]: 72), zu
und Lektüre, Ich und Du im Universum des kommentierenden Satzes stellen. In einer Fußnote ruft der [französische] Übersetzer
referentiell verstanden werden und daß dieser Satz beide zusammen als
(ibid. : 465) die semantische Verwandtschaft von »Fremde«
ein Ganzes meint, das gut und gern asymmetrisch sein und dennoch ein
Ganzes bleiben kann? Trifft dies zu, so war das Spekulative in diesem [ estrangement] und >>Entfremdung« [alienation] ins Gedächtnis.
Kommentar bereits im Gerruß seiner Rechte, das heißt der Rechte der Die Verpflichtung entfremdet das Ich [moz] : Es wird zum Du
Meta-Beschreibung. Und muß nicht Levinas selbst diese Rechte aner­ eines absolut unerkennbaren anderen. Jonas verwendet auch
kennen und beachten, er, der sich darum bemüht, für seinen Leser, an >>Unheimlichkeit<<, ein Ausdruck, der die I widersprüchliche [ 1 69]
dessen Stelle und durch die Vermittlung eines Wir, das die Asymmetrie Beziehung zwischen dem Ich und dem anderen in sich auf­
zwischen Ich und Du auslöscht, zu kommentieren, was es mit dieser nimmt: Indem ich die Forderung annehme, trete ich, als Geisel,
Asymmetrie auf sich hat? weit aus mir heraus, ohne jemals bei dir zu wohnen noch jemals
Daß du niemals ich bist, daß ich niemals du bin - läßt sich dies bei dir einzukehren, da du keine Bleibe hast, ebenso aber erfülle
reflektieren, reflexiv schreiben? Geschrieben leuchtet dies ein: daß das ich meine Berufung, nämlich nicht mehr bei mir zu bleiben. Im
Du niemals das Ich und das Ich niemals das Du ist. Der ethische Satz Gegensatz zu Freud, der Du durch Es ersetzt und dem Ich die
verflüchtigt sich mit seiner schriftlichen Fassung: Die Asymmetrie der
Pronomina, sein Geheimnis, wird durch seine autonymische Beschlag­ Berufung zuschreibt, das Es auszusiedeln: es würde der Versu-
nahme, in der dritten Person preisgegeben und neutralisiert. Die Ge­ chung des eitlen Wissens erliegen. Aber die Analyse ist in jedem
duld des Begriffs durchforscht die Ungeduld der Forderung. Er kehrt Falle unendlich, unabschließbar, vorausgesetzt, sie besteht in
die Ungeduld gegen sich selbst. >>Handeln, bevor man vernimmt<< dieser Ersetzung. Das Wahre als Aneignung des anderen - und
(1968a: Kap. 4); gerade das aber macht der Kommentar mit dem sei es durch einen >>Graphen« - wird falsch sein.
ethischen Satz! Er kommentiert ihn als ein Mißverstandenes und auf
diese Weise bewahrt er in sich selbst den Anspruch des Unv�rstande­
nen, den er selbst erhebt. Unschwer gerät die Ironie des Kommentators

194 1 95

- -
DIE VERPFLICHTUNG DrE MöGLICHKEIT zu SOLLEN

1 72 eines Fragesatzes? Sagt Heidegg er nicht dassel? e wi� Levinas,


was immer der letztere auch sagen mag? Legt mcht hrer das Ich
- Trägt aber der andere, der Fremdling, nicht alle Züge des Ge­
ebenso seine Macht als Sender der Bedeutung nieder, um dann
schieht es? (Nr. 1 3 1 , 1 32)? Muß Geschieht es? als Geschiehst du? nichts weiter als Ohr fürs Undarstellbare zu sein, von dem es
verstanden werden? Wenn der Herrgott nicht beschreibbar ist, gerufen wird? - Nein, denn diese Verwechslung. wäre nur m � g­
wie können Sie dann behaupten, daß er jemand, will sagen: ein lich wenn man annähme, daß der fremde Satz srch durch deme
Sender ist ? Ein unbekannter Sender ist wenigstens als Sender Für�prache >Setzen< wollte, daß er etwas �on dir wollt� , weil er
bekannt. - Aber, werden Sie antworten, da der Ruf oder die sich selbst wollte. Daß das Sein (oder dre Sprache, dre »Sage<<
Forderung meinen Namen zum Namen eines Empfängers, eines [Heidegger: »Aus einem Gespräch von der Spr�che�< , 1985
Du wandelt, muß ein Sender, zumindest die Leerstelle der ( 1953/54) : 1 37]) des Menschen bedürfte. D u aber brst mchts als
Instanz eines verborgenen Ichs, zugleich im selben Satz-Univer­ seine Ankunft, Empfänger oder Sender oder Referent oder gar
sum dargestellt werden ! - Einwand: Daß dieses Universum, in Bedeutung oder mehrere dieser Instanzen zusammen,. darge­
dem Sie Empfänger sind, eine unbesetzte, vielleicht - selbst stellt im Universum des Satzes, der kommt, der geschreht. Er
durch ein Schweigen - >>absolut<< unmarkierte Sender-Instanz wartete nicht auf dich. Du kommst, wenn er geschieht. Das
enthält, ist bereits die ethische Situation, die Ordnung des durch Vorkommnis ist nicht der Herr. Die Heiden wissen darum und
den Verpflichtungs-Satz dargestellten Universums. Dies kann lachen über diese erbauliche Verwechslung.
sich aber nicht in Ihre Erfahrung einschreiben. Denn Sie sind in
diesem Universum auf der Du-Instanz dargestellt, Sie werden
gerufen, doch die Erfahrung und die Erkenntnis geschehen in 1 74
der ersten Person oder zumindest als Selbst. Was Sie für den Ruf Man darf die Verpflichtung nicht mit der »Redlichkeit<<
des Herrn halten, entspricht der Situation des Du, in der das Ich [i. 0. dt.], der Rechtschaffenheit bezüglich der >>�ede<<
der Erfahrung beraubt, »entfremdet<< [estrange1, entmachtet ist. .
[i. 0. dt.] verwechseln (Nancy, 1 983 : 63-86). Drese verpflichtet
Sie haben also weder die Erfahrung des Herrn noch selbst des nicht: Man muß verketten heißt nicht Du sollst verketten. Es
Fremden. Hätten Sie sie, so wäre es nicht der Herr, nicht der reicht nicht einmal hin zu sagen, man habe keine Wahl (Nr. 1 02,
ethische Satz. Sie können also nicht bezeugen, daß das, was Sie 1 03): Man ist vom Vorkommnis nicht wie durch eine Verpflich­
ruft, jemand ist. Genau darin besteht das ethische Universum. tung gebunden. Sätze aber verlangen notwendig, das Vorkom�­
nis in Sätze zu fassen [phraser]. Die Verpflichtung fände nur mit
den Diskursarten statt, die Einsätze vorschreiben : so sollst du
1 73 verketten, um dorthin zu gelangen. Wenn beispielsweise dein
Das Geschieht es? (Nr. 1 3 1 , 132, 1 72) ist also nicht eine Art von Diskurs philosophischer Natur sein soll, mußt du die Verket­
Ruf, der von einem >>unabgegoltenen<< Satz ausgeht? Es erfordert tung an der Suche nach seiner Regel orientieren (und dann �as
nicht eine Ö ffnung, eine Bereitschaft zum Vorkommnis in seiner Geschieht es? beachten). Die Verpflichtung fände nur durch rhr
[170] Fremdheit? Haben Sie dagegen nicht I das Gefühl als das Nahen Wie statt, das von den Diskursarten den Einsätzen entsprechend
dessen bezeichnet, was noch nicht gesagt wurde (Nr. 22, 23)? festgelegt würde. Die Verpflichtung hätte hypothetischen Cha­
Das Ereignis des Satzes, der nicht in bekannte Idiome übersetz­ rakter : Wenn du . . . begehrst oder wünscht, dann mußt du . . .
bar ist, wird sicher nicht vom Ich aufgerufen. Aber wird das Immer unter der Bedingung eines anzustrebenden Zwecks, der
Sein, das Vorkommnis nicht von ferne durch den Satz aufgeru­ vom Einsatz der Diskursart vorgeschrieben wird. - Aber die
fen? Indem Sie nun sagen, der Satz rufe auf, situieren Sie ihn Möglichkeit (die Fähigkeit) zu sollen ist nicht hypothetischer
nicht auf der Instanz eines unbekannten Senders im Universum Natur, sie wird von den Diskursarten, von den wenn . . . ,

196 1 97

_ _ ______ ______ __ _______________.....................


DIE VERPFLICHTUNG DER SENDER DES GESETZES

dann . . vorausgesetzt. Sie geben zur Verpflichtung Anlaß, aber


.
äußern [phraser] kann, und dieses Gericht kann daher nicht
[ 171 ] nur Anlaß. Auf diese Weise I fragt Kant nach der Fähigkeit zu zugestehen, daß das Gesetz verpflichtet, da es ja grundlos, also
sollen selbst, bedingungslos. willkürlich ist. Im Idiom der Erkenntnis ist das Gesetz entweder
vernünftig und verpflichtet nicht, sondern überzeugt; oder es ist
nicht vernünftig und verpflichtet nicht, sondern zwingt. Dieses
1 75 Gericht verlangt, daß nur das verpflichtend sei, was der Ver­
Die Regeln, die die Satz-Regelsysteme bilden, sind nicht prä­ pflichtete argumentativ begründen kann. Es nimmt also an, daß
skriptiv und schaffen aus sich selbst keine Verpflichtung. Die ich I den Platz des Senders der Vorschriften besetzen kann, daß [1 72]
Diskursarten bringen Verpflichtungen mit sich. Weil beispiels­ ich diese >>hinnehmen<< kann. Sie sind verpflichtend, weil ich ihre
weise der Einsatz des logischen Diskurses - nämlich zur Tauto­ Bedeutung verstehen und sie dem Gericht erklären kann. Der
logie für die Gesamtheit der Sätze und zum überzeugenden Wert der Erklärung ist der W ahrheitswert, er ist universal.
Beweis, der durch das Identitätsprinzip beigebracht wird, zu Durch dieses Dilemma annektiert die Familie kognitiver Sätze
gelangen - bereits auf der Prüfung dieser Sätze lastet, werden die die der präskriptiven, löscht das Ich das Du aus.
Regeln zu ihrer richtigen Bildung aufgestellt werden. Diese
Regeln werden beachtet werden müssen, wenn man >>logisch«
1 77
sprechen will. Man muß sich die Frage stellen, ob nicht Satzbil­
dung und -verkettung in allen Diskursarten hypothetischen Aristoteles trennt die präskriptiven Sätze von den denotativen :
Vorschriften und erfolgsorientierten Strategien unterworfen >>Es meint aber jede Rede [Myo�, Iogos] etwas [Ol]!J-UVtLXO�,
sind. Wenn dem so ist und es stimmt, daß die ethische Vorschrift semantikos], jedoch nicht in der Weise eines natürlichen Organs
keiner Hypothese untergeordnet ist, dann wäre das Ethische [ÖQyavov], sondern, wie oben erklärt wurde, konventionell, auf
also keine Diskursart? Oder besteht der ethische Diskurs darin, Grund einer Ü bereinkunft [xata ouv{hlXTJV, kata syntheken].
nur die Regel der bedingungslosen Verpflichtung zuzulassen? Dagegen sagt nicht jede etwas aus [(mocpavtlx6� (apophantikos:
Auf diese Weise mit dem philosophischen Diskurs verwandt. denotativ)], sondern nur die, in der es Wahrheit oder Irrtum
(Wie läßt sich erkennen, daß eine Vorschrift bedingungslos ist?) gibt. Das ist aber nicht überall der Fall. So ist die Bitte [ EUX� ,
euche F zwar eine Rede, aber weder wahr noch falsch. Doch
wollen wir von den anderen Arten der Rede absehen, da ihre
1 76
Erörterung nur in die Rhetorik oder Poetik gehört. Hier handelt
Das Gerichtsverfahren, das sich dieser Diskursart, der Erkennt­ es sich um die Rede im Sinne der Aussage<< (Lehre vom Satz, 1 7 a
nis, als Idiom bedient und als annehmbare Sätze also nur die 97-98). Eine Logik denotativer (apophantischer) Sätze zielt auf
deskriptiven mit kognitivem Wert zuläßt, fragt denjenigen, der die Bestimmung von Bildungsregeln für einfache Sätze (Prädika­
sich auf eine Verpflichtung beruft: Welche Autorität verpflichtet tenlogik) oder ihre Verkettung (Aussagenlogik), mit denen ihr
Sie (oder wird Sie verpflichten) ? Der Verpflichtete gerät in ein Wahrheitswert ermittelt werden kann. Es muß ein Lexikon und
Dilemma: Entweder er nennt den Sender des Gesetzes, setzt eine Grammatik ausgearbeitet werden, mit deren Hilfe diese
dessen Autorität und Bedeutung auseinander und ist damit Regeln formuliert werden. Sie bilden die Metasprache des Logi­
einzig und allein aus dem Grund nicht länger verpflichtet, weil kers. Folgt aus der Ausklammerung der deontischen Sätze durch
das Gesetz, nun der Erkenntnis zugänglich, zum Diskussionsge­ Aristoteles, daß sie von dieser Metasprache abgezogen werden?
genstand wird und seinen verpflichtenden Charakter verliert;
oder er erkennt an, daß dieser Charakter nicht auseinanderge­
setzt werden kann, daß er nicht anstelle des Gesetzes Sätze '-· Als Spielart der Forderung (A. d. Ü.).

198 199

-
DIE VERPFLICHTUNG KANT Il

Dies sei nicht nötig, sagen die einen; das sei offensichtlich, sagen schaft zu beanspruchen (oder der anderen Partei v? rzuenthalten) ? �ie
die anderen. Jene stellen sich vor, daß die Aussagekerne der muß den Beweis erbringen, daß sie dieses Recht besitzt, ansonste� wird
deontischen Logik die gleiche Form wie die der Aussagenlogik die Klage nicht bei Gericht zugelassen. Di� Ded� ktion be�t�ht m � er
besäßen (von Wright, 1 967). Diese folgen den Angaben Witt­ Beweisführung, daß sie dieses Recht besitzt: die Autonsierung Im
gensteins (Philosophische Untersuchungen: §§ 433, 458, 461, emphatischen Sinne (KRV, B § 1 3 : 125).
. .
Kam überträgt diese Frage auf die Verpflichtung. Auf v: elc?e W �Ise
.
505, 506, 5 1 9) und stellen sie nach folgendem Paradigma dar: x
besitzt eine Vorschrift im allgemeinen (die von einer Partei bei Gencht
ist verpflichtet, die Handlung a auszuführen (Hottois, 1981).
geführte Klage ist ein Sonderfall) die Autorität, ihren Emp�änger zu
Alle aber stimmen darin überein, daß man bei der Behandlung verpflichten? Die Antwort auf diese Frag� �äre die Abl�Itung der
präskriptiver Sätze spezifische Operatoren oder Funktoren ver­ Vorschrift. Doch wie kann man den präsknpuven Satz ableiten, ohne
anschlagen muß und daß sie entweder zu denen der Aussagenlo­ dessen Besonderheit zu unterschlagen? Dieses Problem entfaltet die
gik hinzutreten oder nicht: so erscheinen beispielsweise die Deduktion der Grundsätze der reinen praktischen Vernunft in der
Funktoren der Verpflichtung und der Erlaubnis unabdingbar. ­ zweiten Kritik (KPV, Deduktion : 155-165). Wenn es sich um Sätze der
Dennoch verbirgt sich unter dieser scheinbaren Einmütigkeit theoretischen Vernunft handelt, die deskriptiver, kognitiver Natur
[ 1 73] eine neue I Zwietracht. Denn man kann das Verbindliche, das sind ' so kann die Deduktion der Grundsätze, die deren Bildung steu­
Erlaubte und die abgeleiteten Operatoren, das Nicht-Verbindli­ ern, zwar nicht spekulativ von den »Erkenntnisquellen a p;iori<< (wie
che (das Tolerierte) oder das Nicht-Erlaubte (das Verbotene) der Dogmatismus vermeint) ausgehen, sich aber doch wemgstens �uf
dieses »Surrogat<<, auf diesen Notbehelf, die Erfahrung, berufen (tbtd.:
.
gänzlich analog zu den Operatoren der Aussagenlogik verste­
161). I Im Großen und Ganzen verfährt sie - und ebenso übrigens alle [ 1 74]
hen : jeweils das Notwendige und das Mögliche und ihre jeweili­ gleichartigen Dinge - wie der Logiker der Wissenschaften, der aus den
gen Gegensätze, das Kontingente und das Unmögliche. Das denotativen Aussagen [enonces denotatifs ], die im Korpus seines Refe­
nach Aristoteles benannte Quadrat, das metasprachliche Gerüst renzbereiches gegeben sind, die Axiome (im heutigen Sinn) herausfil-
für die Beschreibungen, bleibt dann die Berechnungsgrundlage tert, die durch diese Aussagen vorausgesetzt werden. Man weiß, daß für
für den Wert präskriptiver Sätze. Eine wesentliche Folge davon Kant, den Hume-Leser, die Kausalität das wichtigste unter diesen
ist, daß unter diesen Bedingungen der Kommentar präskriptiver Axiomen darstellt.
Sätze dem Wesen des Kommentars denotativer Sätze entspre­ Die Relation zwischen den Grundsätzen in der kritischen Meta­
chen wird. Wenn man annimmt, daß die Ausarbeitung, Diskus­ sprache der Deduktion und der Objektsprache, dem wissenschaftli­
sion und Festlegung von Vorschriften für die Entwicklung der chen Diskurs, ist isomorph zu der Relation, die die Sprache der
entsprechenden Normen unabdingbar ist, so deswegen, weil Wissenschaft mit dem empirisch »Gegebenen<< verbindet. Diese Iso­
morphie der beiden Relationen widerspricht: keine�w� gs der Tats �­
man voraussetzt, daß der Schluß von der Sprache des Kommen­ .
che, daß die erste in der transzendentalen, die zweite m der empm­
tars von Befehlen auf die Sprache der Befehle richtig ist. schen Ebene angesiedelt ist. Die eine wie die andere stellt einen Be­
zug zwischen deskriptiven Sätzen her. Gerade diese Isomorphie er­
möglicht Kant die Behauptung, daß sich die Deduktion der Grund­
KANT II sätze, die nicht unmittelbar »Von den Quellen<< ausgehen kann, der
Erfahrung als eines »Surrogats<< bediene. Die Metasprache, der kriti­
1. Das Gesetz läßt sich nicht ableiten sche Diskurs nämlich, der die Deduktion der Prinzipien der Wissen­
Die Rechtfertigung des Gesetzes hieße seine Deduktion. Kant versteht
die Deduktion im Sinne der >>Rechtslehrer<<. Es gibt einen Rechtsstreit schaft - insbesondere der Kausalität - durchführt, bleibt innerhalb
(und vielleicht einen Widerstreit) bezüglich eines Falles von »Befugnis­ ihrer Ebene isomorph mit ihrem Referenten, der Objektsprache der
sen und Anmaßungen«. Bevor man über die Sache entscheidet, muß Wissenschaft. Diese Isomorphie ermöglicht die Deduktion. Sollte sie
über die Legitimität des Anspruchs jeder der beiden Parteien entschie­ fehlen so erscheint es - ohne die oben erwähnten »Quellen<< - un­
den werden : Hat sie beispielsweise das Recht, den Ertrag einer Erb- mögli�h, die Grundsätze der theoretischen Vernunft und insbesonde­
re die Kausalität abzuleiten.
200
201
DIE VERPFLICHTUNG KANT II

Dieses isomorphe Verhältnis zwischen der kritischen Metasprache Dieses Scheitern unterdrückt jedoch nicht die Möglichkeit der Meta­
der l_)ed �ktion und der Objektsprache (den kognitiven Sätzen), aus sprache, es verkehrt deren Richtung, allerdings zum Preis einer Mo?i�­
_
der ste dte Grundsätze ausfiltern muß, fehlt, wenn es sich bei letzterer kation des Objekts. In Ermangelung des Gesetzes kann dte Fre� hett
um die Sprache präskriptiver Sätze handelt. Das kantische Argument deduziert werden. Diese neue Deduktion beginnt beim Gesetz. Dteses
lautet, daß die präskriptiven Sätze, die bei weitem nicht von Grundsät­ aber erscheint in der legitimierenden Beweisführung nicht als Konkl� ­
zen wie der Kausalität bestimmt werden, genauso wie die deskriptiven sion - wie der Satz, der die Vorschriften autorisiert, ein Satz, den dte
Sätze selbst die Ursache von Handlungen sind, die sie erzeugen. Diese Metasprache aus der Objektsprache gefiltert hätte -, s?ndern als Prä­
reine Kausalität oder Spontaneität der Präskription ist keine Erfah­ misse, als ein Satz dieser Objektsprache, aus dem dte Metasprache
rungstatsache, weil alles empirisch »Gegebene« von den endlosen geschlossen hat, daß er, um sich zu autorisieren, einen Satz voraussetzt,
Abfolgen von Ursachen und Wirkungen bestimmt wird: die Ursache der die Freiheit behauptet. Somit vollzöge sich die Umkehrung der
von diesem wird zugleich als Wirkung von jenem gedacht. Hier liegt Deduktion : dieses moralische Prinzip (das Gesetz) führt >>umgekehrt
also eine Allomorphie oder Heterogenität zwischen der deskriptiven selbst zum Prinzip der Deduktion eines unerforschlichen Vermögens
Metasprache der Deduktion und ihrer angenommenen Objektsprache, [. . . ] : nämlich der Freiheit<< (S. 162). __

dem präskriptiven Satz vor. Was also die Deduktion betrifft, die die Die Freiheit drückt sich nicht in der Objektsprache aus, sie kann nur
präskriptiven Sätze über den praktischen Grundsatz zu rechtfertigen im kritischen Kommentar artikuliert werden. Aber nun muß das Gesetz
hat, so »darf man nicht so gut fortzukommen hoffen, als es mit den seinerseits ein Ausdruck in einer Objektsprache sein . . . Und Kant
Grundsätzen des reinen theoretischen Verstandes anging<< (ibid.: 160). schlägt in der Tat vor, >>das B ewußtsein dieses Grundgesetzes ein
Kant legt dieses Scheitern der praktischen Deduktion mit einer Art Faktum der Vernunft zu nennen<< (S. 141). In diesem Faktum >>beweist<<
Genugtuung dar: »Also kann die objektive Realität des moralischen >>sich die reine Vernunft bei uns tatsächlich praktisch<<. Nur ist dieses
Gesetzes durch keine Deduktion, durch keine Anstrengung der theo­ »schlechterdings [. . . ] unerklärliche<< Faktum (S. 1 56) eher eine bloße
retischen, spekulativen oder empirisch unterstützten Vernunft bewie­ Art von Faktum, ein Quasi-Faktum : Die Realität des reinen Willens,
sen und also, wenn man auf die apodiktische Gewißheit Verzicht tun erklärt Kant, >>ist im moralischen Gesetz a priori gleichsam durch ein
[175] wollte, durch keine Erfahrung bestätigt und so a posteriori I bewiesen Faktum gegeben<< (S. 171). Gleichsam durch ein Faktum, und nicht
werden, und steht dennoch<<, so fügt er sogleich hinzu, »für sich durch ein Faktum. Dieses Faktum ist nur deswegen ein Quasi-Faktum,
selbst<< (S. 161 ). weil die unmittelbare Bestimmung des Willens, das Gesetz, nie, wie wir
Muß also jeder Versuch zur Rechtfertigung des präskriptiven Sat­ gesehen haben, als ein einfaches und wirkliches Faktum ermittelt
zes aufgegeben werden? Das hieße die Autorität der Willkür überlas­ w�rden kann, mittels eines - hier kritischen - Verfahrens, dessen
sen. An dieser Stelle nimmt die kantische Untersuchung eine eigen­ Exklusivmodell I die Deduktion der Grundsätze empirischer Erkennt- [1 76]
tümliche Wendung: Das Funktionieren der Deduktion kann erhalten nis (theoretische Vernunft) bleibt. _,

bleiben, unter der Bedingung allerdings, daß sich ihre Richtung än­ Dieses >>Faktum<< der Vorschrift oder Verpflichtung ist so wenig ein
d �rt: »Etwas anderes aber und ganz Widersinniges tritt an die Stelle Faktum im empirischen oder kognitiven Sinne, kann so wenig unter
dteser vergeblich gesuchten Deduktion des moralischen Prinzips« einen Begriff subsumiert werden, der daraus >>deduziert<< worden wäre
(S. 161-162). Man entdeckt eine Deduktion, die in Gegenrichtung zu und im Gegenzug erlauben würde, dessen Ort in einer erkennbaren
der gesuchten verläuft. Die kritische Metasprache mußte versuchen, Erfahrung zu legitimieren, daß Kant es letzterer gegenüberstellt,
aus einer Objektsprache das Prinzip herauszufiltern, das die in ihr indem er es (wir werden sehen, wie) auf eine Idee bezieht: >>Denn in
befindlichen präskriptiven Sätze autorisieren kann. Dies hätte sie nur der Tat versetzt uns das moralische Gesetz der Idee nach in eine
um den Preis der Beseitigung des Problems erreicht: Die präskripti­ Natur, in welcher reine Vernunft, wenn sie mit dem ihr angemessenen
ven Sätze, die auf der Referenz-Instanz im Universum dt!s kritischen physischen Vermögen begleitet wäre, das höchste Gut hervorbringen
S�tzes (der Deduktion) situiert sind, wären eben dadurch autonymi­ würde<< (S. 157). Das Gebiet, das die Quasi-Erfahrung des Du sollst
stert worden (Nr. 45, 46) und nicht länger präskriptiv, das heißt umschreibt und in das diese sich einschreibt, ist weder die Welt, noch
spontane Ursachen, sie wären in der Tat vielmehr »Objekte« gewor­ selbst die Natur, sondern eine >>Übersinnliche Natur<< (S. 158), deren
den, das heißt Wirkungen des Prinzips, auf das die Deduktion ge­ >>Idee wirklich unseren Willensbestimmungen gleichsam als Vorzeich­
schlossen haben wird. nung zum Muster<< dient (S. 157). Die moralische ,,Erfahrung« ist
202 203

- -
DIE VERPFLICHTUNG KANT I I

keine Erfahrung, das Du sollst kann nicht als solches in der Wirklich­ würde. Wie immer (Nr. 22, 2 3 ) zeigt oder kündigt sich dieser anste­
keit ermittelt werden. Dennoch wird die Verpflichtung entgegenge­ hende nicht mit einer Beschreibung formulierbare Satz als ein halbes
nommen und kann darum eine Art Faktum genannt werden. Aber sie Schw:igen, als Gefühl, als Achtung an. Die i� der kritischen � eta­
wird über das B egehrungsvermögen und in einer ideellen Natur entge­ sprache gestellte Frage zielt darauf, ob das Du m Du sollst und m Du
gengenommen und nicht mittels der Sinnlichkeit in der wirklichen _
kannst identisch sind, ob die gleiche Entität verpflichtet und erste
Welt. Ursache ist.
Wenn sie identisch wären, käme man zur Interpretation durch die
2. Ich kann Willensfreiheit zurück, die wir gerade verworfen haben. Du sollst
Der reine präskriptive Satz ist nicht legitimiert und nicht legitimierbar, impliziert einen Sender, der zweifellos ein Gehei� nis, >>unb� greiflich�<,
sonst verflüchtigt er sich als Verpflichtung, das heißt verliert seine >>unerforschlich« ist (KPV: 1 12, 1 62), den Kant m der zweiten Knuk _
Besonderheit. Umgekehrt aber kann der präskriptive Satz, als Quasi­ Freiheit nennt, im Opus postumum aber auch Gott. Wie dieser Sen�er
Faktum verstanden, als Ausgangspunkt einer Deduktion, der Deduk­ möglich ist, läßt sich nicht erklären, es gi�t dafür keinen Erkenntms­
tion der Freiheit dienen. Wenn du sollst, so deshalb, weil du kannst. _
Satz im eigentlichen Sinne. Aber das Quast-Faktum der Verpflichtung
Indem Kant den kanonischen Satz der Freiheit in der zweiten Person ist gleichsam ein Zeichen, das der sendenden Entität in Form des
formuliert, leistet er einem häufigen Irrtum Vorschub : Du bist zur Gefühls aufgedrückt wird.
Ausführung einer Handlung nur deswegen verpflichtet (mit dem Un­ Den Verpflichteten ergreift eine gefühlsmäßige Präsumption �iner
terton : anstatt dazu gezwungen zu werden), weil du die Möglichkeit Autorität, die ihn verpflichtet, indem sie sich an ihn wendet. Dteses
hast (im Sinne der Kontingenz), sie nicht auszuführen. Empirische Zeichen zeigt an, daß in einem Regelsystem von Sätzen, das �erade
Wahlfreiheit bezüglich des Inhalts des Befehls, kontingente Verket­ nicht den deskriptiven entspricht, eine Kausalität auf den Verpflichte­
tungsweise bezüglich dieses Befehls. ten einwirkt, die von einem empirischen Erklärungsprinzip abweicht.
Es ist unerfindlich, wie diese Freiheit zur Verweigerung der Geset­ Die Entität, die diese spontane Kausalität innehat, kann nicht der
zestreue bereits die Legitimation - und sei sie indirekt - dieses Gesetzes Empfänger sein. Dieser erhält die Ankündigung der Spontaneität in der
ergeben sollte. Die aus dem Gesetz abgeleitete Freiheit ist nicht die Form der >>Abhängigkeit«, der >>Nötigung«, der >>Pflicht« (S. 1 43).
Kontingenz der Verkettungen. Im Gegenteil : >>[. . . ] wo das sittliche Nicht er, sofern er Empfänger ist, kann. Vielmehr kann der Sender, der
Gesetz spricht, da gibt es keine freie Wahl in Ansehung dessen, was zu mit dem Vermögen identisch ist. Und im Universum des Verpflich­
tun sei« (KUK: § 5, S. 287). Selbst wenn du das Gesetz brichst, erkennst tungssatzes würde der Sender Ieh sagen, wenn er von sich selbst
du es an. Der Gehorsam ist eines, das Gefühl der Verpflichtung, die spräche, wie er bei der Verpflichtung des Empfängers Du sagen würde
Achtung ein anderes. Dies wird vom Du im Du sollst angezeigt. Der (Du sollst).
Empfänger kann sehr wohl folgendermaßen anknüpfen: Ich werde es Dem Du sollst entspricht als Idee nur ein Ich kann und nicht ein Du
nicht tun, obwohl er zuvor ein von der Verpflichtung ergriffenes Du kannst. Dieses Ich kann ist kein Satz, der an das Du sollst über eine
gewesen war. Diese Verpflichtung ist einem Zwang darin analog, daß gleichbleibende Entität, Ich hier und Du dort (wie in der Willensfrei­
sie die Verschiebung eines Ichs auf die Empfänger-Instanz, seine Gei­ heit), anknüpfen würde; vielmehr muß der Satz: Ich kann mit dem
[1 77] selnahme ist. I Satz: Du sollst identisch sein. Du sollst stellt zusammen mit dem
Im Freiheits-Satz wird ein Vermögen nicht im Sinne einer Eventuali­ Universum der Verpflichtung auf der Empfänger-Instanz ein I Uni­ [1 78]
tät geltend gemacht, sondern im Sinne einer Handlungsfähigkeit, das versum von Freiheit auf der Sender-Instanz dar. Unmöglich zu wis­
heißt im Sinne einer ersten Ursache aus kosmologischer Perspektive. sen, wer >>Ich« sagt, selbst wenn dieses Ich sich ausspricht. Kant
Man könnte kein Faktum vorlegen, das als Beispiel für diese erste vervielfältigt die bloß negativen Beschreibungen unter der allgemeinen
Kausalität oder Spontaneität dienen kann. Wenn man dennoch die Rubrik der Unabhängigkeit, wenn er sie auf die >>mechanische« Kausa­
Spontaneität aus der Situation der Verpflichtung ableiten kann, so lität bezieht. Ich kann ist folgendermaßen zu verstehen: Ich unterliege
deswegen, weil diese jene notwendig impliziert. Wie ist das möglich? nicht dem Zwang der Verkettungen, die die Erkenntnisobjekte be­
. Indem der Empfänger Du sollst >>vernimmt<<, »vernähme<< er zugleich stimmen, insbesondere nicht den empirischen- Motiven und Interes­
emen S�tz, den er nicht beglaubigen kann, der aber gleichsam auf seine sen, ich transzendiere sie. Auf diese Weise stellt sich im Verpflich­
Formuherung unter seiner Verantwortung wartet und Du kannst lauten tungssatz die Gesetzesabhängigkeit als Gefühl und zugleich die Unab-
204 205
DIE VERPFLICHTUNG KANT li

hängigkeit gegenüber dem Regelsystem der Erkenntnis als geheimnis­ hängt damit zusammen, daß sich die Wirkkraft dieses Vermögens - wie
volle Voraussetzung dar. erklärt wird - >>im Feld der Erfahrung« niederschlagen soll. Eines von
Das Gesetz bleibt unabgeleitet. Die Freiheit wird im Innern des beiden: entweder ist dieses der Referent aller wenn . . ./dann-Verket­
Verpflichtungssatzes selbst als unmittelbare Implikation eines Senders tungen und läßt der Performanz deshalb keinen Raum; oder aber der
abgeleitet, wird abgeleitet von jener Wirkung: die vom Empfänger performative Charakter der Freiheit findet darin seinen Platz, dann
empfundene Enteignung. Man weiß nicht, wessen Freiheit die Frei­ entspricht sie formal dem Typus wenn . . .!dann, und der Imperativ ist
heit ist. Man weiß bloß, daß sie sich über das Gefühl der Verpflich­ somit nicht kategorisch.
tung dem Empfänger des Gesetzes ankündigt, nichts weiter. Die De­
duktion der Freiheit ist nicht der Deduktion der Erkenntnisprinzi­ 3. Die Kluft
pien in der ersten Kritik vergleichbar. Diese schließt auf Begriffe, die Mit dieser Begrenzung der praktischen Deduktion (in Form einer
die Erkenntnis empirischer Fakten ermöglichen, welche der Deduk­ Umkehrung ihrer Richtung) ist die Heterogenität zwischen dem ethi­
tion als Prämissen gedient haben. Man kann strictu sensu nicht be­ schen und dem kognitiven Satz gekennzeichnet. Diese Begrenzung
haupten, die Freiheit ermögliche die Erfahrung von Moralität, die verdankt sich nicht einer Endlichkeit des menschlichen Wesens. Sie
Verpflichtung. Diese ist kein Faktum, das man belegen könnte, son­ resultiert aus dem Fehlen eines homogenen Sprachzusammenhangs.
dern nur ein Gefühl, ein Faktum der Vernunft, ein Zeichen. Die Eine »Kluft« (KUK, Einleitung) trennt jeden deskriptiven Satz (die
Freiheit wird negativ abgeleitet: Damit die Verpflichtung geschieht, kritische Metasprache der Deduktion eingeschlossen) vom präskripti­
ist wohl eine Wirkmacht notwendig, die nicht der Kausalität als em­ ven Satz. Dieser muß jenem entgleiten, wenn er als dessen Referent
pirischem Erklärungsprinzip entspricht, denn die Erfahrung ver­ verstanden wird.
pflichtet nicht. Die praktische Deduktion der Freiheit ist negativ, Der Einwand folgt auf dem Fuße. Wenn die Kluft zwischen der
weil sie nicht von den Fakten, sondern gerade vom Gegenteil, vom durch die Erkenntnis bestimmten Welt und der Verpflichtung unüber­
>>Widersinnigen<<, ausgehen muß : von der Ohnmacht der Fakten und schreitbar ist, so bleibt die kantische Moral eine Abstraktion. Du
der kognitiven Sätze angesichts des Quasi-Faktums der Verpflichtung. verstehst wohl : Mach die Tür zu, aber die Tür wird immer offen
Die Fakten sind Referenten kognitiver Sätze . Bei dem Du der Ver­ bleiben. (Oder ist die Welt der Erkenntnis umgekehrt eine Abstrak­
pflichtung und dem mutmaßlichen Ich der Freiheit handelt es sich tion im Vergleich zur Welt der Moralität?) - Wahrhaft abstrakt ist es,
nicht um Referenten, außer daß sie selbst »hervorgebracht« werden die Frage nach der Kluft als Alternativfrage zu stellen, in dem Sinne,
(S. 1 84). ob sie zuzuschütten oder auszuheben wäre. Nun gibt es eine Kluft ­
Aber, fügt Kant hinzu, an sich und nicht mehr im Vergleich mit dem oder ganz allgemein eine Grenze - nur, weil sich jede Partei (um bei
kognitiven Satz betrachtet, erbringt der ethische Satz einen »genugtu­ der Gerichts- oder Kriegs-Metaphorik zu bleiben) ein Kontrollrecht
enden« B eweis der >>objektiven Realität« der freien Kausalität. Er über die Argumentation der anderen zuspricht und ihre Ansprüche
verwandelt den >>transzendenten Gebrauch [der Vernunft] in einen über ihre Grenzen hinaus ausdehnt. Um diesen Preis findet sie diese
immanenten (im Felde der Erfahrung durch Ideen selbst wirkende Grenzen.
Ursache zu sein)« (S. 1 62). Das Vermögen des Ich kann ist nicht nurdas Im hier verwendeten Idiom bedeutet dies, daß eine Satzfamilie nicht
Vermögen, nicht von den Reihen, die die Erfahrungswelt bilden, nur in den Hoheitsbereich einer anderen vordringt, sondern darüber
bestimmt zu werden, sondern positiv das Vermögen zu verpflichten, es hinaus nicht auf den Rückgriff auf eine andere verzichten kann, um sich
[1 79] ist unmittelbar das Vermögen des Gesetzes. Auf diese Weise /wird die selbst zu rechtfertigen (Nr. 40, 41). Da erklärt sich auch, warum beide
»Immanenz« der praktischen Vernunft (der reine Willen) als die Situ­ vor dem Richter oder kritischen Wächter als Kontrahenten erscheinen.
ierung des Senders im Verpflichtungssatz verständlich. Das Ich ist ideell, Wie könnte dieser den Unterschied zwischen Ethik und I Erkenntnis [1 80]
wird aber (als abwesendes) im Universum dieses Satzes als dasjenige ermitteln, wenn er nicht versuchen würde, die Legitimität der einen
dargestellt, das ihn unmittelbar wirken läßt: Genau zu der Zeit (der Zeit über das Modell der anderen zu gewinnen ; etwa mit dem Versuch, das
der Verpflichtung), in der das Du soll, kann das Ich . Und die Verpflich­ »moralische Gesetz« gleichsam als Erkenntnisprinzip abzuleiten und
tung a!s spezifisches Satz-Regelsystem (ohne Gegenstück unter den also die freie Kausalität als ein Reihungsprinzip von Ursachen und
_
kognitiven Sätzen) erbringt selbst den Beweis einer Kausalität die nicht Wirkungen zu begreifen (KRV: 502-503)? Indem er diesen Übergang
seriell, sondern performativ ist. - Die Schwierigkeit des zitier�en Satzes versucht, entdeckt er dessen Unmöglichkeit, stellt er fest, daß sich das

206 207

--- -....
DIE VERPFLICHTUNG MNT II

moralische Gesetz nicht deduktiv einholen läßt und schließt daraus auf das in der Anschauung Gegebene betraut und leitet das Urteil
daß die Freiheit eine ursprüngliche Kausalität, j enes kognitive Mon� darüber, was »der wirkliche Fall ist<<. Im praktischen Bereich aller­
s �er darstellt Er veranschlagt sodann einen Übergangsmodus, der dings muß sich das Urteil nach der Idee des Guten richten, und für
:
mch: mehr m der bloßen Ausweitung einer Legitimation auf das diese Idee - wie für alle anderen - gibt es kein Schema. >>Aber dem
Geb Iet der anderen besteht, sondern in der Entwicklung eines Diffe­ Gesetze der Freiheit (als einer gar nicht sinnlich bedingten Kausalität),
. mithin auch dem Begriff des Unbedingt-Guten kann keine Anschau ­
rentials wechselseitiger Legitimationen. Das >>als ob« ist der Gattungs­
name dieses Differentials. Es hebt diese Kluft nicht aus noch schüttet ung, mithin kein Schema seiner Anwendung in concreto unterlegt
es sie zu, sonder� überbrückt oder überquert sie und zieht sie also in werden<< (S. 188).
.
B etracht - ein >>Ubergang« als Modell für alle >>Übergänge« (Kam­ Der Übergang wird also nicht von der Anschauungsform oder dem
Exkurs III). Schema vollzogen sondern von der Form des Gesetzes oder vielmehr
Die Analogie, die den Verkettungen mit >>als ob<< entspringt, ist eine von der >>Gesetzmäßigkeit«. Das ethische Urteil übernimmt diese aus
Täuschung, wenn man die Unterschiede [differences] vergißt und den dem Theoretischen stammende Form, um sich danach auszurichten,
.
WIderstreit [differend] erstickt. Sie nimmt umgekehrt kritischen Cha­ wenn der Fall zur Ermittlung ansteht: >>Frage dich selbst, ob die
rakter an, wenn die Modi der Bildung und Validierung von Sätzen Handlung , die du vorhast, wenn sie nach einem Gesetze der Natur, von
unterschieden werden und wenn der vollständig entfaltete Widerstreit dem du selbst ein Teil wärest, geschehen sollte, du sie wohl als durch
sodann, wie Kant hofft, in einen Rechtsstreit verwandelt werden kann. deinen Willen möglich ansehen könntest? << (S. 1 88). Formal leitet der
Das Als-ob unterliegt der transzendentalen Einbildungskraft, wenn der Typus der Gesetzmäßigkeit die Maxime des Willens bei der Formulie­
Vergleich ausfindig gemacht werden soll, seine Regelung aber unterliegt rung des kategorischen Imperativs und ebenso bei der Bewertung des
der Urteilskraft. richtigen Handelns. Das so, daß des Handle so, daß muß im Imperativ
also eher als ein >>als ob<< denn als ein »dergestalt daß<< verstanden
4. Der Typus werden: denn die Allgemeingültigkeit kann nicht wirklich aus der
�us der Unübersetzbarkeit des ethischen Satzes in den kognitiven folgt Maxime geschlossen, sondern nur indirekt für die daraus abgeleitete
mcht, daß das moralische Gesetz nicht in der Welt wirkt, sondern es Bewertung dargestellt werden.
folgt daraus ganz im Gegenteil, daß es, um Wirkung zu zeitigen - und Dieser Typus führt die Idee einer übersinnlichen Natur in die ge­
das muß es, andernfalls könnte es nicht >>Ereignisursache<< genannt samte Willensproblematik ein. Wenn zur Übertragung der Gesetz­
werden-, seine Form dem Mechanismus der theoretischen Vernunft mäßigkeit vom Erkenntnisbereich auf den der Verpflichtung nicht
entlehnen muß, eine Form, die präzise der >>Gesetzmäßigkeit<< ent­ das >>als ob es mechanische Natur wäre<< bereitstünde, besäße nicht
spricht. In der moralischen Handlung muß die Maxime des Willens >>an nur die Idee einer >>Gesamtheit praktisch-vernünftiger Wesen<< im
der Form eines Naturgesetzes überhaupt die Probe<< halten, ansonsten ethischen Bereich keinerlei Stichhaltigkeit, sondern ebensowenig im
ist sie »sittlich unmöglich<< (KRV: 189). Warum ? »So urteilt selbst der historisch-politischen Bereich (Abschnitt: >>Das Geschichtszeichen<<)
ge_meinste Verstand<<, schreibt Kant; >>denn das Naturgesetz liegt allen die Idee einer kosmopolitischen Gesellschaft und des Fortschritts.
semen gewöhnlichsten, selbst den Erfahrungsurteilen immer zum Der Typus ist ein vielschichtiger Brückenschlag zwischen den beiden
Grunde<<. Wenn eine begangene oder geplante Tat eingeschätzt werden Regelsystemen: zwischen dem Regelsystem der Erkenntnis (wie ich
soll, so macht der Verstand, der, wie Kant fortfährt das Gesetz weiß) und des Willens (wie du sollst). Die Form der Gesetzmäßigkeit
>>jederzeit bei der Hand hat<< , >>jenes Naturgesetz einfach zum Typus wird von der. einen in die andere nicht ohne Veränderung überführt,
emes Gesetzes der Freiheit<< (S. 189). Er trägt nicht die Anschauungen da die Kausalität nicht in gleicher Weise wirksam wird: Im Bereich
und die mit ihnen verbundene Möglichkeit zur Darstellung von Sche­ der sinnlichen Welt ist sie ein Begriff, der a priori den Zusammen­
men oder Beispielen in den ethischen Bereich, sondern bloß »die Form hang zwischen den Phänomenen bestimmt und die empirische Er­
[ 1 8 1 ] � er Gesetzmäßigkeit<< im allgemeinen. Dieser »Übergang<< I ist also kenntnis konstituiert; im ethischen Bereich ist sie eine Idee der un­
.
ubhc�, warum aber wird er gefordert? Weil der Verstand, wie Kant mittelbaren Wirksamkeit der reinen praktischen Vernunft oder Frei­
schreibt, >> dem Gesetze der reinen praktischen Vernunft nicht den heit auf die Handlungsmaxime, die sich im Gefühl der Achtung an-
.
Gebrauch m d �r Anwendung verschaffen könnte<< (S. 189). Wenn das zeigt I und die Situation der Sittlichkeit, die Verpflichtung entwirft. [ 1 82]
Gesetz theoretischer Natur ist, so ist das Schema mit der Anwendung Im ersten Fall werden die Phänomene untereinander als Ursachen

208 209

-- - �
KANT Il
DIE VERPFLICHTUNG
stets deskriptive - Kommentar des ethischen Satzes das un�ermeidbare
und Wirkungen verbunden und bilden eine Reihe das heißt eine
Welt im kantischen Sinne (und keine Natur, obwohi Kant im vorlie­
Ergebnis erbracht (wie hier von der transzendentalen Illuston behaup-
tet wird), I daß die ethische Legitimation auf die kognitive reduziert [ 1 83]
gen�en Fall dieses Wort häufig verwendet) ; im zweiten Fall wird ein
Ge.�uhl von Verpflichtung, die Achtung, die nicht der Reihe von
wird; und zwar insbesondere dadurch, daß der ersteren die Regel des
Konsensus und der Austauschbarkeit von Partnern, die Regel des
Phanomenen angehört (deren Ursache sich nicht innerhalb der Reihe
Dialogs (Platon-Exkurs) auferlegt wird, eine Regel, die der kognitiven
befindet), reflexiv, als Wirkung, auf eine unerkennbare Ursache be­
Legitimation zugehört? Und ist nicht die Forderung von Uvinas der
zogen: auf die reine praktische Vernunft' den reinen Willen oder die
Freiheit. einzige Schutz gegen jene Täuschung : daß man nämlich das Ethische
nur auf ethische Weise artikulieren kann, das heißt nur als Verpflichte-
5. Die Kommutabilität ter und nicht als Wissenschaftler, mag er auch kritisch sein (Levinas­
Exkurs) ?
Hier aber muß man sich gegen die rekurrente Drohung eines transzen­
dentalen Anscheins schützen, der mit dem Typus die Analogie der Die Frage nach der übersinnlichen Natur wird zumindest zu folgen­
der Frage: Wie ist eine Gemeinschaft ethischer Sätze möglich? Als
G �setzmäßigkeit einführt. Wenn es möglich sein soll, daß die Maxime
demes Willens zum »allgemeinen NaturgesetZ<< erhoben wird und eine Antwort auf diese Frage führt Kant den Ausdruck Menschheit ein. Die
»allgei_Ileine Gesetzgebung« konstituiert (Grundlegung zur Metaphysik Menschheit ist ein Begriff, der nicht der kritischen (vor allem nicht
>>deduktiven<<) Diskursart angehört, sondern der der Anthropologie
de� Sztten� S. 51, 30), so muß offenbar die mangelnde Symmetrie
zwtschen zch und du zugunsten eines Allgemeinen, der »Menschheit<<, (im kantischen Wortsinne). Die Gemeinschaft praktisch-vernünftiger
des Wir � er austauschbaren Ich und Du, vergessen werden : »Handle so, Wesen (Verpflichtete und Gesetzgeber, wie die Hypothese lautet)
daß du dte Menschheit, sowohl in dieser Person als in der Person eines schließt ebenso Wesenheiten ein, die keine Menschen wären. Sie ist
jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck [ . . . ] gebrauchst<< ; »Handle empirisch nicht nachweisbar.
nach den Maximen eines allgemein gesetzgebenden Glieds zu einem Zugestanden: man kann tatsächlich nicht sagen, ob und wie ihr
bloß möglichen Reiche der Zwecke<< (S . 61, 73). Austauschbar sind sie Gegenstand, der von der Idee dieser Gemeinschaft angeführte Refe­
also �icht nur auf der Instanz des Verpflichteten, des du des Du sollst, rent, möglich ist, zumindest aber kann man diese Gemeinschaft
um eme Gemeinschaft von Geiseln zu bilden, sondern auch auf der wahrnehmen, sie ist kein »Gedankending<<, kein leerer Begriff, son­
Instanz des Gesetzgebers, des ich des Ich kann' um die Gemeinschaft dern eine Gemeinschaft von Personen. - Aber man fragt sich, ob
einer gesetzgebenden Versammlung zu bilden. nicht der Ausdruck der Person selbst schon haltlos ist. Denn er
Wurde hier, mit dieser vollkommenen Symmetrie, nicht eine Kluft meint, daß ein und dieselbe Wesenheit die gesetzgebende Instanz -
zugesc�üttet? Und wurde nicht das Regelsystem der Verpflichtung die Instanz des Ich in Ich kann - und die Instanz des Verpflichteten
g�rade �n der Form seiner Sätze dem Regelsystem der Erkenntnis - des Du in Du sollst einnimmt. Er meint die Autonomie einer
-

. einzigen Wesenheit. Die Gemeinschaft der praktisch-vernünftigen


emverletbt? Nur m den Augen eines Dritten, der ich und du als das
nach dem Muster einer Natur gebildete Ganze begreift, können sie Wesen dehnt nur dieses Autonomieprinzip auf alle möglichen We­
wechselseitig ersetzbar erscheinen. Sind sie nicht Referenten für diesen senheiten aus, und zwar unter der Bedingung, daß sie der Defin­
Dritten geworden? Dieser Dritte kann sehr wohl den Namen von ition eines praktisch-vernünftigen Wesens, das heißt einer Person
e�ne � v�n ihnen oder allen beiden tragen und damit der Übernatur, genügen. Verwischt man nicht den Widerstreit zwischen den beiden
dte ste btlden, immanent bleiben, sobald er aber diese Übernatur des Instanzen, die doch von Kant als gänzlich unsymmetrisch erkannt
verpflichteten Gesetzgebers erfaßt, befindet er sich jedenfalls nicht wurden, wenn man sie zu ein und derselben »Person<< verschmilzt
mehr .sel� st �n der ethische� Situation des Verpflichteten. Und gesteht und verdichtet? Warum muß die verpflichtete Wesenheit identisch
. . . mit der verpflichtenden sein? Und warum wäre die »Menschheit<<
Kam tm ubngen dtes mcht tmplizit ein, wenn er - im Gegensatz zu all
dem : was �m Gefühl der Verpflichtung untersucht wurde - fordert, dieses Selbst?
d�ß Je.der steh selbst als Gesetzgeber behandeln, das heißt auf die Ich­
S �tuatto ? ? es Satz-Universums von Ich kann begeben könne? Liegt
mcht �tenn der praktisch-transzendentale Anschein par excellence?
Hat mcht einmal mehr der - hier kritische, aber nichtsdestoweniger

210 21 1
DIE VERPFLICHTUNG MNT l i

6. Zeit der Ethik bar, sie muß ausführbar, mit den »Naturbedingungen« vereinbar sein.
J?ie �räskriptiven Sätze setzen der Bildung einer - wenn auch über­ Dieses Verständnis des Möglichen appelliert an die Synthese des Het� ­
smnhc hen - Nat r ei en unbesiegbaren zeitlichen rogenen, von Natur und Freiheit: Das Universum des Satzes, der an d1e
� � Widerstand entge­
gen. Ihm gegenu. ber Ist der Typus der Gesetzmäßigk Präskription angeknüpft hat, muß kognitive wie ethische Verkettung
J?Ie Ordnungsform der präskriptiven Sätze verbietet jeglich
_ eit machtlos.
e rekur­ ermöglichen können. .
Sive Verkettu?g nach dem Muster wenn . . ./dann . .
(Nr. 95), das von Was aber ist eine ethische Verkettung ? Kant führt als B eiSpielsatz eme
Kan� mechamsche Kausalität genannt wird und die Reihen
der Er­ »boshafte Lüge« (ibid.: S. 503-505) an. Man knüpft an sie an, indem
schemungen konstituiert (KR V, Die Antinomien der
reinen Ver­ man sie erklärt (Soziologie, Psychologie etc.). Aber man »tadelt [. . . ]
'!unf:, Absch?itte 7, 8 und 9, I und l i : 464-48 8). Die Verpflichtung nichtsdestoweniger den Täter, [. . . ] als ob der Täter damit eine Reihe
Ist mcht bedmgt, sondern kategorisch; ebensowenig ist
sie bedin­ von Folgen ganz von selbst anhebe« (S. 503). Nun setzt dieses »zurech­
[1 84] gend. Selbst wenn man sie als »Wirkung<< eines I reinen Willen
_ be­ nende Urteil« (S. 504) nur voraus, daß der Lügner der Empfänger
?reift, ka�n sie ihrerseits nicht »Ursache« einer Wirkung, etwa einer einer I unbedingten Verpflichtung ist, der Verpflichtung nämlich, nicht [1 85]
Ihr �nt�pnnge� den Handlung sein. Die durch Freiheit gesetzte Kau­ zu lügen, die er nicht beachtet hat. Es impliziert keineswegs, daß er der
_ .
sahtat ISt unmittelbar, das heißt ohne Vermittlung, aber auch ohne Urheber einer eigenen Reihe von Folgen ist. Denn dies ist nicht
Re�urrenz. Sie gilt mit sofortiger Wirksamkeit, der reine Wille ver­ tadelnswert; und: wenn es eine Reihe gibt, so gehört sie der Welt an.
.
pflichtet das Ist alles. Sie ist nichts als »Anfang «. Zeitgleich mit Folgen können definitionsgemäß nicht ethischer Natur sein, die Ver­

dem eth1sch�n Satz regelt sie auf keinerlei Weise die Verkettung die­ pflichtung ist nicht transitiv. Umgekehrt kann eine Erscheinung, hier
s es Satzes mit den späteren Sätzen : komme, was wolle. (Der Befehl die Lüge, einen ethischen Satz, das zurechnende Urteil veranlassen: und
mag befolgt oder nicht befolgt werden, aber - befolgt oder nicht dieses letztere macht diskontinuierlich - nicht notwendig - aus der Lüge
befolgt - er ist ein Befehl; cf. Nr. 45-46· 147-149· Kam-Exkurs li keine Ursache, sondern ein (negatives) Zeichen des Sittengesetzes. Und
' ' '
§ 2). dieselbe Doppeldeutigkeit von Kognitivem und Ethischem kann ihrer­
Es gibt keine moralische Diachronie. Die reine ethische Zeit ist seits dieses Urteil beeinträchtigen. Es kann als Folge oder Zeichen
das Jetzt d �s Satzes, der mit einem Schlag die Verpflichtung und (Zeichen des Absoluten) verstanden werden. Aber Zeichen sind keine
den Verpflichteten (und vielleicht den Verpflichtenden, das Ich Folgen.
k�n � ) d�rstellt, jeden seinem Modus gemäß. Der ethische Satz ist Die Kausalität durch Freiheit ergibt Zeichen, niemals feststellbare
emziga�tJg erstes und letztes Zeichen einer Idee und zu jeder Welt­ Wirkungen oder Wirkungsketten. Keinerlei >>Natur«, selbst keine
. . .'
Zei� moghch (KRV, Abschnitt 9, III: 494, 499-505) . Wie das Ge­ übersinnliche oder als Idee begriffene Natur kann der Verpflichtung
schzeht es?, aber auf unterschiedliche Weise ist das Du sollst ein entspringen. Der Imperativ befiehlt nicht, so zu handeln, daß eine
Satz, in dem das Vorkommnis vor seiner Abblendung durch eine Gemeinschaft von praktisch-vernünftigen Lebewesen entsteht, son­
Verkett�ngsregel bewahrt wird. (Zum Unterschied zum Geschieht dern als ob die Handlungsmaxime ein Gesetz dieser Gemeinschaft sein
es? cf die. Untersuchungen in Nr. 172-174). müßte. Als Zeichen ist der ethische Satz ohne Folge, also ein letzter. Da
Man Wird sagen, daß Du sollst - Gehorsam hin oder her - eine es aber keinen letzten Satz gibt, muß er mit einem weiteren verkettet
Folge erwartet und somit ein mögliches Kommendes entwirft ein werden. Und da diese Verkettung nicht einer ethischen Implikation
,
Futurum. So aber verhält es sich mit vielen Sätzen unterschiedlicher entsprechen kann, die unmöglich ist, ist diese, wenn die Verkettung
Regelsysteme, vielleicht mit allen, insofern keiner der letzte sein kann dennoch eine Implikation (eine Reihe von Folgen) darstellt, nicht
(Nr. � 7). Dies ist etwa bei den kognitiven Sätzen der Fall, ethischer, sondern kognitiver Natur. Die von Kant geforderte »Mög­
die dem
Beweisverfahren bezüglich der Wirklichkeit unterworfen lichkeit« , daß die reine Verpflichtung eine Erscheinung veranlaßt, die in
sind. Dieses
Verfahren appelliert an die Möglichkeit anderer Bedeu
tungen und der Wirklichkeit feststellbar und nach den Regeln der Erkenntnis
a�derer Oster:sionen (Nr. 86-90) . Der Verket
tungsmodus braucht erklärbar sei, also einen Referenten veranlaßt, bedeutet, daß das Du der
mcht notwendig zu s m, _ er ist
� aber notwendig möglich. Verpflichtung immer als Referent eines nachfolgenden kognitiven Sat­
. Nach_ Kant muß d1e Handlung, die der Präskription folgt, »mög­ zes begriffen werden können muß. Es ist nicht erfindlich, wodurch eine
h_ch« seir: (S. 499). Aber diese Möglichkeit
versteht sich als eine Ver­ Verkettung dieser Art verboten werden sollte. Aber man sieht, daß
embarkeit [compossibilite]: Die Präskriptio
n ist nicht nur vollstreck- diese Verkettung es untersagt, mit den ethischen Sätzen eine Welt (im
212
213
DIE VERPFLICHTUNG

kantischen Sinne) zu tw
:

rfen. E�tweder Implikation oder

tung. Es gibt keine et Isc e Verpflich-
. . Gememschaft. »>Aber es kommt
g�
cht zu I'hr [die ser Gem eins chaft]<, rief der Rab doch a
[1 86] agog, 1 978 [194 9]: 122 bi« (Buher' Gog un
). 1

Die Diskursart, die Norm

1 78
Es ist nicht einsehbar, warum man der Kluft zwischen kognitiven
und präskriptiven Sätzen eine >>mystische« Tiefe zumessen sollte.
(Kant ließ sich bisweilen dazu hinreißen, ebenso Wittgenstein.
Und weil Pascal der Sophistik näher steht, ist er insgesamt >>Ver­
nünftiger«, Freudentränen inbegriffen.) Die Inkommensurabili­
tät im Sinne der Ungleichartigkeit der Satz-Regelsysteme und der
Unmöglichkeit, sie ein und demselben Gesetz zu unterwerfen
(außer um den Preis ihrer Neutralisierung), kennzeichnet ebenso
den Bezug der kognitiven oder präskriptiven Sätze zu den inter­
rogativen, den performativen, den exklamativen . . . Jedem dieser
Regelsysteme entspricht ein Darstellungsmodus eines Univer­
sums, und ein Modus ist nicht in einen anderen übersetzbar.

1 79
- Sie sind nicht eindeutig. Beeinträchtigt die Inkommensurabili­
tät den Bezug zwischen den Satz-Regelsystemen oder den Bezug
zwischen den Diskursarten? - Jedem Satz-Regelsystem ent­
spricht ein Darstellungsmodus eines Satz-Universums. Eine
Diskursart veranlaßt einen Verkettungsmodus zwischen Sätzen,
die unterschiedlichen Regelsystemen unterstehen können. Die
von einem Kognitiv und einem Exklamativ dargestellten Univer­
sen sind heterogen. Der in der tragischen Diskursart implizierte
Spieleinsatz, der anvisierte Erfolg (etwa die Gefühle von Schrek­
ken und Mitleid auf Seiten der Empfänger) und der im techni­
schen Diskurs implizierte Spieleinsatz, sein eigentlicher Erfolg
(etwa die Verfügbarkeit des Referenten für den Sender) sind
jeweils inkommensurabel und induzieren heterogene Verket-
21 4
215
DIE DISKURSART, DIE NoRM ERFOLG UND INTERESSELOSIGKEIT

tu� g �n, se!bst wenn sie vom gleichen Satz ausgehen. An den nung nicht von selbst versteht und es gilt, die Regel ihrer
mrtlerdsherschenden tragischen Satz: >>Weich eitler Schmuck Anordnung aufzuspüren (Hegel-Exkurs, § 4 ; Nr. 1 74).
[1 87] si�d diese Schleier, die mich bedrücken!« I knüpft ein Techniker
mrt der Suche nach leichten Textilien und einer nüchternen 181
Kleidungsmode an (und lacht dabei über seine Kundin oder mit
ihr). - Eine andere Implikation der gleichen Beobachtung (Nr. 1 80).
Die Diskursarten schreiben, wie Sie sagen, den Sätzen die
Zweckbestimmung einer erfolgversprechenden Anordnung vor,
180 die jeder Diskursart eigentümlich ist. Sie würden also zugeben,
- Sie sagen, eine Diskursart drücke einer Vielfalt von heteroge­ daß die Diskursarten, wie heterogen sie auch immer untereinan­
nen Sätzen eine einzige Zweckbestimmung auf, und zwar mittels der sein mögen, allesamt ein und demselben universalen Prinzip
Verkettungen, die es auf den dieser Diskursart eigentümlichen unterstellt sind, etwa: I zu >>gewinnen<<. Sicherlich können der [188]
Erfolg abgesehen haben. Sollte dies der Fall sein, so folgt daraus, pädagogische Diskurs, der Dialog, die Tragödie, das Lied, die
?aß die Hetero �enität der Satz-Regelsysteme nicht dazu angetan Technik, die Verpflichtung nicht den selben Gewinn erhoffen.
rst, deren gememsame Unterordnung unter ein und denselben Wenn Jaakob Jizchak aus Lublin Jeschaja darin zustimmt, daß
Zweck zu verbieten. Die Kluft zwischen ihnen wäre damit zwar >>wir gerade dann wirken, wenn wir nichts bewirken wollen<<
nicht zugeschüttet, zumindest aber von der Teleologie der Dis­ (Buher, Gag und Magog, 1 978 [1949] : 1 3 1), so umschreibt er den
kursarten überdeckt oder übersprungen. Wir wollen noch wei­ Einsatz des ethischen Diskurses : Sein Erfolg (die �erechtigkeit)
ter gehen. Nur wenn die Sätze sich jenseits jeder diskursgebun­ bestünde in der vollständigen Interesselosigkeit des Ichs, in der
denen Zweckmäßigkeit anordnen und ohne Diskursart stattfin­ Preisgabe seines Willens. Und mit Sicherheit zielt das Kinder­
den würden, würde ihre Heterogenität sie gänzlich voneinander spiel, wenn in einer Wohnungsecke Papa/Mama, Soldat und
trennen und ihre Verkettung unvorhersehbar und unerklärbar Krankenschwester gespielt wird - auch wenn es dabei nicht, wie
halten, wie Sie es gerne beschreiben. Doch das ist nicht möglich. beim Basketball oder Bridge, darum geht, den Gegner zu besie­
Ihrer Meinung nach werden die Sätze, die geschehen, >>erwar­ gen -, auf einen Gewinn, dessen Erlangung alle seine Sequen­
tet«, und zwar nicht von bewußten oder unbewußten >>Subjek­ zen, seine >>Sätze<< bestimmt: ein Vergnügen für die Zuschauer,
ten«, die sie vorwegnehmen würden, sondern weil die Sätze ihre die selbst die Darsteller sind. - Mag sein, aber Sie sind damit
>>Gebrauchsanweisung<< bei sich tragen, um mit den Linguisten wieder bei den >>Sprachspielen<< der Philosophischen Untersu­
zu sprechen (Paolo Fabbri in einem Gespräch), das heißt eine chungen, bei ihrer Anthropologie. Und sollten Sie dies vermei­
A?weisung bezüglich des Zwecks, der anhand ihrer verfolgt den wollen, werden Sie irgendeinen metaphysischen Willen
wrrd. Und wenn man, wie Sie, auf der Unbestimmtheit der! oder, wie die Philosophen des meaning, eine Phänomenologie
Verkettungen beharrt, so geschieht auch dies noch unter Be-: der Intentionen beglaubigen müssen.
rücksichtigung eines Spieleinsatzes, nämlich Ihren Leser von der
Heterogenität der Regelsysteme und der Einzigartigkeit des KANT III
V? rkommni� ses zu überzeugen - also gemäß einer Zweckbe­
sttmmung? dre vo� einer Diskursart oder wenigstens einem Stil 1. Der Archipel
. Die Kritik der politischen Vernunft wurde nicht geschrieben. Mit
vorgeschneben wrrd (wre Cage mit der musikalischen Phrase
gutem Recht und innerhalb gewisser, näher zu bestimmender Grenzen
und Gertrude Stein mit dem literarischen Satz verfährt). - In der kann man in der Dispersion der historisch-politischen Schriften Kants
T.at lesen Sie hier ein philosophisches Buch, die Sätze ordnen sich das Zeichen einer Heterogenität sehen, die dem politischen » Gegen­
hrer zu dem Zweck an, zu demonstrieren, daß sich diese Anord- stand<< eignet. Diese Heterogenität betrifft bereits die dritte Kritik. Das
216 217
DIE DISKURSART, DIE NORM K.ANT III

Urteilsvermögen sieht sich dort nicht nur mit einem adäquaten Gegen­ ausschickte mit dem Ziel, auf der einen darzust7 llen, was auf � er
stand befaßt, sondern zumindest mit zweien, der Kunst und der Natur. anderen gefunden (erfunden, im ursprünglichen Smne von mvemre) .
I �h sage zumindest, denn es bleibt die Frage, ob dieses Urteilsvermögen wurde und der ersteren als >>Als-ob-Anschauung<< zu ihrer Validier�ng
em Vermögen ist. Zuvor hat Kant dem Wort eine präzise Bedeutung dienen könnte. Diese Interventionsmacht, Krieg oder Handel, besttzt
gegeben: ein Potential von Sätzen, die einer Gruppe von Bildungs- und keinen Gegenstand, keine eigene Insel, sondern erfordert ei? �ediun:,
Darstellungsregeln (>>Darstellung<< im kantischen Sinne) unterliegen, das Meer, den Archipelagos, das Ur- oder Hauptmeer, wte emst dte
und zwar für den theoretischen Bereich, wenn es sich um die Sinnlich­ Ägäis genannt wurde. .
. . .
keit, den Verstand und die Vernunft, und für den praktischen Bereich, Dieses Medium trägt in der Einleitung zur dntten Knttk emen
wenn es sich um die Vernunft handelte. Tatsächlich aber ist die Urteils­ anderen Namen, den des »Feldes<< : >>Begriffe, die auf Gegenstände
kraft hierbei bereits notwendig beteiligt, und zwar immer, wenn es um bezogen werden, unangesehen, ob ein Erkenntnis derselben �ö �lich
die Behauptung eines »Falles<< zur Validierung eines Satzes, also um die sei oder nicht, haben ihr Feld, welches bloß nach dem Verhaltmsse,
D arstellung eines Gegenstandes zu dieser Validierung geht, was sich bei das ihr Objekt zu unserem Erkenntnisvermögen überhaupt hat, be­
den kognitiven Sätzen im Regelsystem des Schemas, bei den argumenta­ stimmt wird<< (KUK: 245). Dieses Erkenntnisvermögen begretft _ allge­
tiv-dialektischen Sätzen im Regelsystem des Symbols, bei den präskrip­ mein den Verstand, die Urteilskraft und die Vernunft ein. Der >>Stu­
tiven Sätzen - wenn es um die Bewertung der Verantwortung und fenleiter<< von Vorstellungen entsprechend, die Kant am Schluß des
Sittlichkeit geht - im Regelsystem des Typus vollzieht (Kant-Exkurs Il, Abschnittes >>Von den Ideen überhaupt<< der Dialektik in der ersten
[1 89] § 4). I Kritik entwirft (KRV: 326), müßte man die Sinnlichkeit hinzufügen.
In der Einleitung zur dritten Kritik wird die Dispersion der Dis­ Alle diese Vermögen finden ihren Gegenstand im Feld, I die einen [190]
kursarten nicht nur anerkannt, sondern bis zu dem Punkt getrieben, begrenzen ein territorium, die anderen ein Gebiet, das Urteilsvern:ö-
an dem sich das Problem stellt, » Ü bergänge<< zwischen diesen hetero­ gen jedoch findet weder das eine noch das andere, sonder� garanuert
genen Diskursarten zu finden. Und gerade weil das Urteils-»Vermö­ die Übergänge zwischen denen der anderen Vermögen. Es 1st eher das
gen<< allgegenwärtig ist, das heißt weil man sich stets darauf beruft, Vermögen des Mediums, von dem alle Legitimationsbezirk� eingefaßt
wenn ein Satz mittels einer Darstellung validiert werden soll, erscheint werden. Mehr noch: das Urteilsvermögen ist es auch, das dte Begren-
jenes dabei als eine Fähigkeit zu >> Übergängen<< zwischen den Vermö­ zung der territoria und Gebiete ermöglicht und die Ho�eitsre�hte
_
gen, so daß ihm eine entscheidende Vorrangstellung hinsichtlich seiner jeder Diskursart auf deren jeweiliger Insel instaunert hat. Dtes erretch-
einigenden Kraft zugestanden werden wird, zugleich aber auch ein te es nur dank des Handels oder Kriegs, den es zwischen den Diskurs-
entscheidender Mangel, was seine Erkenntnisfähigkeit bezüglich eines arten betreibt.
entsprechenden Gegenstands betrifft: weil es nämlich keinen bestimm­
ten Gegenstand besitzt. Deswegen kann man sich fragen, ob es wirk­ 2. Die Übergänge
lich ein Erkenntnisvermögen im kantischen Sinne ist. Hartnäckig be­ Einige der Übergänge, die den Archipel bilden, lassen sich präzisi7ren.
nennt Kant in allen Diskursarten folgendes als Urteilsvermögen (viel­ Die transzendentale Illusion ist ein solcher, wenn auch unglückhcher
leicht ist es aber auch seine Subjekt-Problematik, die sich an seiner Fall. Wie können wir wissen, daß die dialektischen Sätze, die formal
statt entsprechend hartnäckig gibt) : die Bestimmung des Darstellungs­ den koo-nitiven entsprechen, nicht zu diesen gehören? Und daß somit
modus eines Gegenstands, der allen diesen Diskursarten jeweils zu­ das territorium der Gültigkeit (Validität) der Argumentation nicht mit
kommt. dem Gebiet der Gesetzgebung des Verstandes zusammenfällt? Weil wir
Welcher Gegenstand könnte der Idee der Transmission der Vermö­ für die argumentativen Sätze kein Anschauungso� jekt darstell�n kö�­
gen entsprechen, der Vermögen, die als Erkenntnisfähigkeiten im nen, das heißt, kein Objekt, das in Raum und Zett gegeben ware. Dte
weitesten Sinne zu verstehen sind, das heißt als Fähigkeiten zu Objek­ Vernunft wird von einem >>Bedürfnis« zur Begriffsmaximierung getrie­
ten (die bald als Gebiete, bald als territoria, bald als Felder erscheinen ; ben, sie unterliegt einer >>bloß logischen Vorschrift<<, sich dem Unbe­
cf KUK: 245-246)? Dieser Gegenstand könnte nur ein Symbol sein. dingten zu nähern (KR V: 3 19). Was für den Satz der Vernu�ft als
Sagen wir: ein Archipel. Jede der Diskursarten wäre gleichsam eine adäquater Gegenstand darstellbar ist, kann keine bloße E:schemu�g
Insel; das Urteilsvermögen wäre, zumindest teilweise, gleichsam ein sein. Ist die Bildungsregel des Satzes (argumentieren : das hetßt vern:t.t­
Reeder oder Admiral, der von einer Insel zur anderen Expeditionen _
tels des Allgemeinen schließen) einmal identifziert, so besteht dte Krmk
21 8 219
Dm DISKURSART, DIE NoRM .KANT III

�ier darin, die Regel der Darstellung auszuspielen; der dialektische Satz beseelten Körper zu betrachten. Diese �ön�en �urch »':"er�innl�­
1st sodann vom Verstandessatz »isoliert<< (als Insel abgetrennt). Die chung<< gegeben sein, ein Verfahren der Smnh� hkelt, d �s emztg m1t
.
transzendentale Illusion ist deswegen nicht ausgeräumt, aber immerhin den Verstandesgesetzen übereinstimmt; aber »Smnhchke!t<< und Ver­
georte�. Das » Als-ob<< als Quelle dieser Illusion wird wieder eingesetzt: stand genügen nicht, um das Objekt des Geschmack� zu fassen (zu
.
Der dtalekttsche Satz verfährt so, als ob er sich auf Erscheinungen konstituieren). Bei der Frage des Schönen ? ande� t es s1ch ums » � ntel­
bezöge, die Kritik verlangt, daß er sich auf »Als-ob-Erscheinungen« ligible<<, >>worauf [. . .] der Geschmack hmaussteht. [. . . ] In �1esem
. . .
bezieht. Das heißt: auf Symbole. Vermögen sieht sich die Urteilskraft nicht, w1e sonst m empmscher
__Ein anderer herausragender und legitimer Fall des Verfahrens des Beurteilung, einer Heteronomie der Erfahrungsgesetze unterwo�en
»Ubergangs<< wird in § 59 der dritten Kritik angegeben, wo es dar­ [. . .]<<; sie sieht sich »auf etwas [. . . ], was nicht Natur, . au�h mcht
Freiheit doch aber mit dem Grunde der letzteren, namhch . dem
um geht zu zeigen, daß »das Schöne [. . .] das Symbol des Sittlich­
guten<< ist (KUK: 461). Das symbolisierende Verfahren überhaupt Übersi;nlichen verknüpft ist, bezogen<< (KUK: 461). Gibt es in der
ist zwieschlächtig und heißt Analogie. Sie besteht darin, erstens Erfahrung des Schönen »Empfindung<<, so nim�t die� e eine ganz
>>den Begriff auf den Gegenstand einer sinnlichen Anschauung, und andere Bedeutung an als in der transzendentalen Asthettk der ersten
dann zweitens die bloße Regel der Reflexion über jene Anschauung Kritik: »Wenn eine Bestimmung des Gefühls der Lust oder Unlust
auf einen ganz anderen Gegenstand, von dem der erstere nur Sym­ Empfindung genannt wird, so bedeutet dieser Ausdruck et�as ganz
bol ist, anzuwenden<< (KUK: 460). Kant führt zwei Beispiele dafür anderes als wenn ich die Vorstellung einer Sache (durch Smne, als
an: Eine bloße Maschine, die Handmühle, kann einen monarchi­ eine zu:U Erkenntnisvermögen gehörigen Rezeptivität) Empfindung
schen Staat symbolisieren, »wenn er durch einen einzigen absoluten nenne<< (S. 282).
Willen beherrscht wird<< ; ein beseelter Körper kann einen monarchi­ Das Schöne symbolisiert das Sittlichgute also nicht deswegen, weil
schen Staat symbolisieren, wenn er »nach den inneren Volksgeset­ der ästhetische Gegenstand eine Erscheinung unmittelbarer Anschau-
zen<< regiert wird. In beiden Fällen besteht keine Ähnlichkeit zwi- ung ist, die durch Analogie den ethischen Gegenstand (die moralische
[ 1 9 1 ] sehen I dem symbolisierten und dem symbolisierenden Gegenstand, Handlung), dessen Anschauung gänzlich unmöglich ist, vertreten
der ein »ganz andere[r]<< ist. Es besteht aber eine Identität der Refle­ könnte. Der ästhetische Gegenstand ist nicht so sehr ein Gegenstand
xionsregeln, die sich jeweils auf den ersten und den zweiten Gegen­ der Erfahrung, ebensowenig der Anschauung - zumindest insofern er
stand beziehen. ästhetischer Natur ist. Seine Form ist wahrnehmbar, nicht aber die
Ebenso verhält es sich mit dem Schönen und dem Guten. Die Schönheit seiner Form. Seine ästhetischen Eigenschaften befinden
Reflexion bezieht sich auf die Gefühle (die Lust, die Achtung), die von sich nicht - wie Gegebenheiten - an ihm selbst, sondern im Ge­
den jeweiligen Gegenständen dieser beiden Gebiete hervorgerufen schmacksempfinden, das den oben aufgezählten vier Apriori ge­
werden. Sie entdeckt darin die gleichen formalen Merkmale: Unmit­ horcht. Diese sind quasi I die konstitutiven Regeln des (Gefühls-) [192]
telbarkeit, Interesselosigkeit, Freiheit, Allgemeinheit, die folglich (der Satzes, der die Schönheit bewertet. Die gleichen Regeln findet man
transzendentalen Diskursart zufolge) die apriorischen Bedingungen auch im Du sollst, im ethischen Satz, im AchtungsgefühL Sie bezie-
der Möglichkeit dieser Gegenstände sind. Jedes dieser Merkmale aber hen sich aber nicht auf dieselben Instanzen wie in der ästhetischen
erscheint hier und dort in jeweils unterschiedlichen Bezügen. Im Falle Wertung. Hier wird nicht der Gegenstand unmittelbar empfunden,
des Schönen wird die Unmittelbarkeit des Gefühls von der sinnlichen sondern das Gesetz (der Begriff der praktischen Vernunft): Der
Anschauung beansprucht, im Falle des Guten vom Begriff. Im Ge­ Empfänger wird nicht vom Referenten, sondern von der Bedeutung
schmacksurteil besteht die Freiheit in der Freiheit der Einbildungs­ affiziert. Der Sender des ethischen Satzes ist nicht die Einbildungs-
kraft, die mit dem Begriff übereinstimmt, im moralischen Urteil be­ kraft, sondern der Wille usw.
steht sie in der Freiheit des Willens, der mit sich selbst zusammen­ Die Symbolisierung vollzieht sich hier also nicht durch eine Erset­
stimmt usw. zung von Gegenständen, sondern durch Vertauschungen auf den In­
J:?ie . Analo.gie, die hier am Werk ist, entspricht allerdings nicht stanzen der jeweiligen Satz-Universen, ohne daß dabei auf eine un­
der! emgen, d1e die Handmühle oder den beseelten Körper als Symbole
. mittelbare Darstellung zurückgegriffen würde. Die Expeditionen des
politischer Systeme darstellt. Denn es ist unmöglich, den Gegenstand Urteilsvermögens auf die einander benachbarten Inseln bezieht nicht
des Geschmacks als eine Erscheinung wie die Handmühle oder den nur empirische Gegebenheiten aufeinander, sondern sogar Bildungs-
220 221
Dm DrsKURSART, DIE No RM KANT III

u �d Ver�et:ungsregeln (Satzfamilien und Diskursarten) wie etwa die Ideen (der Freiheit und des Höchsten Wesens) aber eröffnet sich >>eine
VIer Apn?n. - �ah �r k �nn der kritische Richter sagen : Das ist der Fall, ganz neue Aussicht<<. Hier kann der >>Streithandel<<, >>darin die Vernunft
das Beweisstuck, ISt mcht notwendigerweise ein Faktum. verflochten ist<< und der >>vorher abgewiesen<< worden ist, jetzt, >>da der
Ich_ komme nicht auf den Fall der Analogie zurück, die der Typus der Richter den Mangel der Rechtsgründe, die man beiderseits verkannt
prakuschen Vernunft darstellt (Kant-Exkurs II, § 4). hatte, ergänzt, zu beider Teile Genugtuung verglichen werden<< (KRV:
Es gibt_ noc weiter

_
.:, weniger bekannte, aber nicht weniger eigenar­
485-488).
. Summa summarum ist dies nur die Exposition der Bedingungen der
tige. So etwa Jenen >>Ubergang<<, den Kant in der ersten Kritik als ein
>>Ideal der Sinnlic�keit<< �arzustellen wagt und >>Monogramm« nennt Synthese des Heterogenen. Sie ist aber so beschaffen, daß deutlich
(KRV: 5 14). Es sei, schreibt er, >>eine im Mittel verschiedener Erfah­ wird: Diese Synthese ist nicht das Recht, und der Richter schließt hier
rungen gl �ichsam schwebende Zeichnung<<, >>ein nicht mitzuteilendes einen Vergleich, ohne daß ihn eine Regel dazu autorisierte - den
Sc�attenbil ? << in den Urteilen von Malern (und Physiognomen), ein Grundsatz ausgenommen, daß die Heterogenität positiv anerkannt
»mcht �rre1chbare( s] Muster möglicher empirischer Anschauungen<<, werden muß. Dies wird bei der Auflösung der Antinomie des Ge­
das >> �eme der Erfahrung und Prüfung fähige Regel<< abgibt (ibid.). schmacks und insbesondere bei der Auflösung der Antinomie der
A�s ?Iesern verschwommenen Etwas macht Kant eine Schöpfung der Urteilskraft in § 69-71 der dritten Kritik der Fall sein. Insbesondere,
Embildungskraft. Dieses Imaginäre aber ist keine Idee der Einbil­ denn in Verlängerung des >>Mangels der Rechtsgründe<< aus der An­
dungs�raft, sond �rn ei? Ideal, und zwar der Sinnlichkeit, da es gleich­ merkung der ersten Kritik wird gesagt, »daß die Urteilskraft sich selbst
sam em Schema Ist, em >>Als-ob-Schema<< ein Schema der Idee der als Prinzip dienen muß<< (KUK: 500); und in Verlängerung des >>Ver­
Einbild�n �skraft i� Gebiet (oder im Feld?) der sinnlichen Erfahrung. gleiches<< zwischen den beiden Parteien aus derselben Anmerkung
Auch �!er Ist es keme Regel, sondern eine >>Als-ob-Regel<<, eine regel­ wird behauptet, daß ein ähnlicher Vergleich möglich sei zwischen der
hafte Ubertragung der Einbildungskraft auf die Sinnlichkeit. Und finalistischen These und der mechanistischen Antithese, zwischen der
weiter �ibt es dan� noc�, einfacher, die Idee der Einbildungskraft These der Natur und der der Welt, da die erstere, die These des
_ aus emem Ubergang durch Umkehrung der Vernunft in
se_lbs�, d1e Sich Urteilsvermögens als des eigentlich reflektierenden, >>autonomen<<
Embildungskraft bildet: Die begriffslose Anschauung tritt an die Stelle Vermögens, den >>heteronomen« Gebrauch des bestimmenden Vermö­
d �s ans�hauungslosen Begriffs (KUK: 190, 220). Es ist wohl nicht gens, das die Gegenpartei vertritt, nirgends behindert. Dieser Kom­
n ?ti. �, d1e bedeutende Rolle zu unterstreichen, die dieser >>Übergang<< promiß heißt >>Leitfaden<< (KUK: 500). Der Leitfaden ist die Art und
h1:r m der Verkoppelung von subjektiver und objektiver Teleologie Weise, wie das reflektierende Urteil- mit aufmerksamem Blick auf die
sp1elt. vom kog�itiven Satz vernachlässigten Besonderheiten, die von ihm auf
der Suche nach einer Ordnung >>ausgespäht<< werden- diese Ordnung
3 . Der Vergleich ungezwungen voraussetzt, das heißt urteilt, als ob es eine gäbe. Wenn
Es wäre er�üden �, die lnventarisierung der >> Übergänge<< weiterzuver­ dieser Faden leitet, I so bedeutet dies, daß er ein Ende, einen Zweck [194]
f�lgen; weitere Wird man auf dem historisch-politischen Feld finden. hat. Dieser Zweck aber ist nicht unmittelbar als Gegenstand darstell-
[193] Eme -�etzte Beobachtung zum Archipel. In der >>Schlußanmerkung I zur bar: Der >>Begriff jener Kausalität<< nach Zwecken ist >>eine bloße Idee
Auflosung der mathematisch-transzendentalen, und Vorerinnerung [. . .], der man keineswegs Realität zuzugestehen unternimmt<< (KUK:
zur Auflösung der dynamisch-transzendentalen Ideen<< (KRV: 485- 500).
48 �) weist Kant darauf hin, daß der Richter bei der Entscheidung Der Richter bietet Ersatz für einen fehlenden allgemeinen Gerichts­
ZWischen den ersten verpflichtet ist, keiner der beiden Parteien Recht zu hof oder ein ausbleibendes Jüngstes Gericht, vor dem die Regelsysteme
g�ben, weil sie als Gegenstand, der die Rechtfertigung ihrer jeweiligen der Erkenntnis und der Freiheit zwar nicht versöhnt- das werden sie
Satze � These und Antithe se - ermöglicht, nur »Bedingungen in der niemals sein -, aber wenigstens gemäß ihrem Unterschied gesichtet,
Ersc�eznung<< darzustellen vermögen; wir hatten, so schreibt er, »in den geordnet und nach Zwecken bestimmt werden könnten. Diese Stellver­
zwe1 mathematischtranszendentalen (Antinomien] keinen anderen
genstand als den in der Erscheinung<< . Doch keine der beiden Parteie Ge­ tretung jedoch wird von der Idee einer Natur im kantischen Sinne
n autorisiert. Natur ist der Name des Gegenstands der Idee objektiver
vermag einen derartigen Gegenstand darzustellen da Zweckmäßigkeit; und diese selbst wird vom reflektierenden Urteil
ihr Satz ein Satz
der Idee und nicht des Verstandesbegriffes ist. M gefordert, da es die besonderen Existenzen vernunftmäßig zu erfassen
it den dynamischen
222 223

-
DIE DrsKURSART, DIE NoRM KANT III

versucht, die von der Gesetzmäßigkeit der >>mechanisch<< bestimmten Er kann ein »Als-ob-Dies<< darstellen, ein Analogon, ein Zeichen.
�e�t ni cht erk!ärt werden (KR V: 408). Wenn aber umgekehrt die Dieses Zeichen ist sein Gefühl, das Gefühl, daß man selbst bei fehlender
-
Tattgk�tt_ der Differenzierung, die >>Genauigkeit«, die Aufmerksamkeit Rechtsprechung urteilen muß und kann. Dieses Gefühl aber ist sei� er­
_
bezüglich der Fälle von Widerstreit, die in der Kritik am Werk ist, diese seits nur dann ein »Beweis<< für die Existenz emes Rechts oder emer
'!ertretung mit Berufung auf die objektive Zweckmäßigkeit einer Natur Pflicht ' außerhalb des Rechts zu urteilen, wenn eine Natur ihre Zwecke
u?ern:hmen kann, so deswegen, weil sie selbst (die kritische Tätigkeit) mittels dieses Gefühls verfolgt. Man bleibt immerhalb des Zirkels.
em Mtttel darstellt, das von der Natur zur Vorbereitung ihres End­ Der Wert der Zeichen für den kritischen Wächter setzt - unter der
zwecks eingesetzt wird (KUK: § 84). Annahme, daß dieser Wert der Urteilskraft freies Spiel bezüglich der
In der Verkündigung des nahen Abschlusses eines Tractats zum Zeichen gewährt (den Fall für die Regel und die Regel für � en � all z_u
ewigen Frieden in der Philosophie (1796) schreibt Kant, die Philoso­ finden) - nichtsdestoweniger eine Art Absicht (Zweckmäßtgkett) sei­
phie sei »ein immer (gegen die, welche verkehrterweise Erscheinungen tens dessen voraus, was Zeichen gibt. Ein Als-ob-Subjekt würde dem
mit Sachen an sich selbst verwechseln) bewaffneter Zustand<<, der »die Philosophen durch dessen Gefühl anzeigen, daß mit diesem Zeichen ein
Vernunftthätigkeit unaufhörlich<< begleitet. Und wenn sich tatsächlich Quasi-Satz stattfindet, dessen Bedeutung zwar nicht über die auf die
im Umkreis der Idee der Freiheit >>die Aussicht zu einem ewigen Erkenntnis anwendbaren Verfahren validiert werden kann, aber den­
Frieden unter den Philosophen<< eröffnet, so nicht deshalb, weil diese noch in Betracht gezogen werden muß. Kann man über Zeichen
zu einem Konsensus bezüglich dieser Idee gelangen können, sondern urteilen, ohne - wenigstens als Problemstellung - eine derartige Absicht
aus dem Grund, weil diese Idee weder bewiesen noch widerlegt wer­ vorauszusetzen? Das heißt: ohne im voraus zu entscheiden, daß sie von
den kann, obwohl äußerst schwerwiegende praktische Gründe für die einem unbekannten Sender uns nicht nur überbracht, sondern auch an
Annahme des Freiheitprinzips sprechen. Dieser >>Frieden<< hat deshalb uns gerichtet werden, damit wir sie entschlüsseln ?
>>überdem noch den Vorzug [. . . ], die Kräfte des durch Angriffe der Wenn aber umgekehrt die Expeditionen der Urteilskraft von keinem
Gegner der Philosophie in scheinbare Gefahr gesetzten Subjekts im- . Leitfaden geführt werden, wie kann sich dann diese Urteilskraft im
mer rege zu halten<<. Nun ist dieser bewegte Frieden eine Art und Labyrinth der Übergänge zurechtfinden? Die Analoga wären bloße
Weise, >>die Absicht der Natur zu continuierlicher Belebung desselben Fiktionen, für welche Bedürfnisse geschmiedet? Dies gerade ist unmög­
Subjekts und Abwehrung des Todesschlafes durch Philosophie zu lich: Die Gebiete der Legitimität werden von den Übergät;_gen umris­
befördern<<. Die streitbare, kritische, alarmierte Philosophie ist in der sen, nicht umgekehrt: daß die Gebiete bereits vor den Ubergängen
Absicht der Natur ein »Belebungsmittel zum Endzweck der Mensch­ existierten und diese duldeten. Was machen wir hier anderes, als
heit« (S. 409). Wenn etwa ein Schlosser als Opfer der positivistischen zwischen den Inseln zu navigieren, um paradoxerweise erklären zu
Illusion gefordert hat, die Philosophie solle ihre Auseinandersetzun­ können, daß ihre Regelsysteme oder Diskursarten inkommensurabel
gen beenden, so versetzt er sie in Alarmbereitschaft, Wachsamkeit und sind?
verhilft ihr zur Erfüllung ihres Naturzwecks. Gegen seinen Willen (er Welche Bedeutung man der Idee einer Natur auch immer geben mag
[195] will nämlich I das Gegenteil) trägt er zur Stärkung der »Streitbaren - nur auf dem Wege über Zeichen hat man ein Recht dazu, aber das
Verfassung<< bei, die »noch kein Krieg ist<<, diesen vielmehr »zurück­ Recht auf Zeichen wird von der Natur erteilt. Selbst eine denaturierte
hält<<, die aber »friedliche<< Expeditionen über den Archipel hinweg Natur und Zeichen von Nichts, selbst eine postmoderne A-Teleologie
ausschickt. würden diesem Zirkel nicht entgehen (Nr. 1 82). I [196]
Bleibt folgendes: wenn der kritische Wächter die fehlende gesetzliche
Verfügung zur Fällung eines Richtspruchs im Widerstreit über die
Freiheit ersetzen zu können glaubt, so deswegen, weil er sich dazu 1 82
autorisiert sieht kraft der Idee, daß die Natur ihre Zwecke mittels dieser
Sind wir in diesem Sinne nicht-modern? Die Inkommensurabili­
Ersetzung verfolge. Und wodurch nun wird er zum Rückgriff auf diese
Ide� des �aturzwecks autorisiert, einer Idee, die ihm zufolge das Recht tät, die Heterogenität, der Widerstreit, die Beharrlichkeit von
erteilen konnte, ohne Rechtsprechung zu urteilen ? Da es sich um eine Eigennamen, das Fehlen eines Höchsten Gerichts ? Oder nimmt
Idee \der Natur und also des Zwecks) handelt, kann er kein vorzeigba­ im Gegenteil die Romantik ihren Fortgang, die Sehnsucht, die
res Dtes darstellen, um diese Autorisierung [autorisation J zu validieren. den Rückzug von . . . begleitet usw. ? Der Nihilismus? Ein gutes

224 225
DIE DISKURSART, DIE NORM DAS EINZIGE MAL

Stück Trau�r�rbeit des Seins? Und die Hoffnung, die damit 1 84


entste ?t ? Die Immer noch �ie Hoffnung auf eine Erlösung ist?
. Also noch einmal (Nr. 1 80, 1 8 1 ) : Es geschieht ein Satz. Wie
Wobei sich all das noch m den Gedanken einer erlösenden

Zu unft einschreibt? Ist es möglich, daß >>wir<< uns nichts mehr
wird sein Schicksal sein, welchem Zweck wird er untergeord­
net werden, in welcher Diskursart wird er Platz finden ? Kein
e �zahle�? Erzählen >>wir<< uns nicht mehr - und sei es, mit
Satz ist der erste. Das bedeutet nicht nur, daß andere ihm
Bitterkeit oder Jubel - die große Erzählung vom Ende der
vorausgehen, sondern auch, daß sich Verkettungsmodi, die in
großen .Erzählungen? Reicht es nicht aus, daß das Denken dem
den vorhergehenden Sätzen impliziert und folglich möglich
Ende �me: Geschichte gemäß denkt, damit es modern bleibt?
sind, anschicken, diesen Satz zu vereinnahmen und ihn in die
Oder ISt die Postmoderne jenes Geschäft eines Greises der den
Verfolgung eines Spieleinsatzes einzuschreiben, sich mittels
Mülleimer der Zweckmäßigkeit nach Resten durchstöb ert, der
. seiner zu aktualisieren. In diesem Sinne wird ein Satz, der
mit dem Unbewußten fuchtelt, mit den Lapsus den Abbruch­
geschieht, innerhalb eines Konflikts zwischen Diskursarten ins
r�ndern, den Grenzen, den Gulags, den Parat�xen, dem Un­
Spiel gebracht. Dieser Konflikt ist ein Widerstreit, da der die­
Smn, den Paradoxa und daraus seinen Glorienschein des Neuen
ser Diskursart eigentümliche Erfolg (oder die entsprechende
s �in Versprechen auf Veränderung gewinnt? Aber auch das is�
Validierung) nicht für andere gelten kann. Ich kann bei dir
em Zweck für eine Menschheit. Eine Diskursart. (Schlechtes
vorbeikommen (Nr. 137ff.) läßt viele verschiedene Verkettun­
Pastiche Nietzsches. Warum?)
gen zu, von denen zumindest einige, wenn nicht alle, unter­
schiedlichen Diskursarten angehören. Die Vielfalt von Spiel­
1 83 einsätzen, die mit der Vielfalt der Diskursarten einhergeht,
bewirkt, daß jede Verkettung zu einer Art >>Sieg<< der einen
Erwachsen die Zwecke wirklich aus den Diskursarten (Nr. 174,
über die anderen wird. Letzere bleiben ungenutzte, vergesse­
1 79) ? - In der Tat, und sie nehmen von den Sätzen und von den
ne, verdrängte Möglichkeiten. Es ist nicht nötig, sich zur Be­
durch sie dargestellten Instanzen Besitz, insbesondere von
schreibung dieses Sachverhalts auf einen Willen, auf eine In­
>>uns<<. >>Wir<< streben sie nicht an . Unsere »Absichten<< sind die
tention zu berufen. Es genügt, die Aufmerksamkeit auf fol­
Spannun �en bei gewissen Verkettungsweisen, die die Diskursar­
ten auf die Empfänger und Sender von Sätzen, auf deren Refe­ gendes zu lenken : Es gibt nur einen Satz >>auf einmal<<
(Nr. 1 1 3 ).> Eine Menge möglicher Verkettungen (oder Dis­
:.enten und Bedeutungen übertragen. Wir glauben, daß wir kursarteny;- nur ein einziges aktuelles >>Mak
uberreden, verführen, überzeugen, gerecht sein, glauben ma­
chen, Fragen veranlassen wollen - doch zwingt nur eine dialekti­
sc?e, erotische, didaktische, ethische, rhetorische, >>ironische<<
Diskursart >>uns �rem« Satz und >>uns<< selbst ihren Verkettungs­ 1 85
.
modus auf. Es gibt kemen Grund, diese Spannungen Absichten Man muß, wie üblich, die Bildungs- und Verkettungsregeln,
.
und Willen zu nennen, außer der Eitelkeit, auf unser Konto zu die das Regelsystem eines Satzes bestimmen, und die Verket­
verbuchen, was dem Vorkommnis und dem Widerstreit zu­ tungsmodi, die von den Diskursarten abhängen, auseinander­
kommt, den es zwischen den verschiedenen Weisen daran halten. Zweierlei Dinge sind es, wie Wittgenstein feststellt:
a�zuknüpfen, hervorruft . - Wie aber kann diese Verk�hrung, einerseits die Gesamtheit der konstitutiven Regeln des Tennis­
die dem Ant�ropozentrismus freie Bahn gibt, dieser transzen­ oder Schachspiels, andererseits die Gesamtheit von Empfeh­
dentale Schem, der das Wir affiziert, nämlich die Illusion des lungen, die eine erfolgversprechende Strategie bilden. Bei
Aussageakts [enonciation], erklärt oder wenigstens beschrieben Mißachtung der ersteren wird das Satz-Regelsystem verändert,
[1 97] werden? I man spielt nicht mehr Tennis oder Schach. Bei Mißachtung
226 227
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DIE DISKURSART, DIE NORM WIDERSTREIT UND EREIGNIS

der letzteren wird. man für einen »schlechten« Spieler gehalten. narrative Diskursart mit allen ihren Unterarten? Gibt es ein Satz­
Doch steh: es frei, �>schlecht« zu spielen. >>>Ich weiß, daß ich Regelsystem, das das Gebiet der >>Urteilskraft« abdeckt? Und die
s �?lecht sp �ele, aber Ich will nicht besser spielen.< In diesem Fall Fragesätze? Und die Exklamativsätze? Sind diese auf besondere
k ?nnte mem Gesp rächspartner nur sagen: >Na gut, dann ist in Weise an das Gefühl, an das >>Vermögen von Lust und Unlust«
diesem Fall alles m Ordnung«< (Wittgenstein, 1929 [1965] : 5). gebunden? Man kann keine Tabelle von Entsprechungen herstel­

Abgesehen avo? , d �ß »schlecht« spielen eine gute, eine ganz len. Ebensowenig den Versuch unternehmen, die dreiteilige
neue Strate gie sem kon�te, von der man hinterher sagen wird: metaphysische Psychologie platonischen Ursprungs (die aus der
. . Diskursarten sind Strategien. Von nie­
>>Gut gespielt!« Die Ferne auch noch die kritische Trilogie Kants beherrscht) der
[198] mandem. I aristotelischen Nomenklatur der Diskursarten des Logos aufzu­
pfropfen.

186
1 88
So viele Diskursarten, so viele verschiedene Gewinnmöglichkei­
Man spielt nicht mit der Sprache (Nr. 9 1 , 1 81). Und es gibt in
ten. Oft legt man den Spieleinsatz einer Diskursart durch einen
diesem Sinne kein SprachspieL Es gibt Spieleinsätze, die an
Satz von kanonischer Tragweite fest. Dieser Satz kann im inter­
Diskursarten gebunden sind. Wenn sie erreicht werden, spricht
rogativen Regelsystem formuliert sein. Wie steht es damit? Was
man von Erfolg. Daher also gibt es Auseinandersetzungen. Aber
soll ich tun? Hast du verstanden? Werden wir dies für schön
die Auseinandersetzung wird nicht zwischen Menschen oder
b efinden? Wenn dem so ist, was können wir tun? Bist du
. ganz anderen Entitäten geführt, die selbst eher aus den Sätzen
emverstanden? Willst du? Ist es gerechtfertigt, daß . . . ? Was ist
geschehen? Was wird geschehen? Was folgt daraus ? Wieviel resultieren. Im Grunde setzt man allgemein eine Sprache voraus,
eine Sprache, die von Natur aus mit I sich selbst im Frieden liegt, [199]
kostet das ? Der Erfolg besteht darin, den Schlüsselsatz zu
eine >>kommunikative« Sprache, die etwa nur durch die menschli-
>>beantworten«. Die >>Antwort« ist ein Satz, der die im Schlüssel­
chen Willensbestrebungen, Leidenschaften, Absichten in Erre-
satz enthaltene Frage aufhebt. Sodann fragt man sich, ob diese
gung versetzt würde. Anthropozentrismus. Bei der Sprache steht
Aufhebung gerechtfertigt ist, und die Antwort auf diese letzte
die relativistische und quantenmechanische Revolution noch aus.
Frage wird zum Gegenstand neuer Fälle von Widerstreit wobei
die �arteien die ge�annte Antwort befragen, ausgehend ;on den ] eder Satz - ganz gleich welchen Regelsystems - ist grundsätzlich
. der Spieleinsatz eines Widerstreits zwischen Diskursarten. Die-
Schlusselfragen, die den Einsatz der jeweiligen Diskursarten
festlegen. ser Widerstreit entspringt der einen Satz begleitenden Frage : Wie
läßt er sich weiter verketten? Und diese Frage entspringt dem
Nichts, das diesen Satz vom >>Folgenden« >>trennt«. Fälle von
187 Widerstreit gibt es, weil oder wenn es das >>Ereignis« gibt. Dies
aber wird so weit wie möglich vergessen : Die Diskursarten sind
Die Satz-Regelsy steme fallen weder mit den >>Vermögen der Modi des Vergessens des Nichts oder des Vorkommnisses, sie
.
Seele« noc.h �mt den >>Erkenntnisvermögen« zusammen. füllen die Leere zwischen den Sätzen. Dennoch eröffnet gerade
.
Ebensowemg die Diskursarten. Manchmal sind Überschneidun­ dieses >>Nichts« die Möglichkeit von Zweckmäßigkeiten, die den
ge� möglich: Manche Deskriptive könnten dem Erkenntnisver­ Diskursarten entsprechen. Wenn die Verkettungsweise notwen-
mogen angehören, manche Präskriptive dem Begehrungsvermö­ dig (erfüllt) wäre, gäbe es nicht mehrere mögliche Modi, keine
gen. Es besteh : eine Affinität der kognitiven Diskursart zum Leer:stelle gewährte jener Kausalität Raum, die von weitem
.
Verstand, der dialektischen zur spekulativen Vernunft. Doch die wirksam wird, der >>Zweckmäßigen Kausalität«.
228 229
DIE DISKURSART, DIE N
ORM
DAs KAPITAL ALS DISKURSART

sondern das nächste Worthaben will. (A�f dieseWeise setzt M �rx


�f �
189
Die Vorstellung, daß eine höc �
der Phänomenologie des Geistes das Kapt al entg�gen. Im P �l

um aßt, eine ?öchste Antwort
hste Diskursart, die alle Einsätze
auf die Schlüsselfragen der ver­ gibt es eine Zukunft, nicht so im Spekulativen.) Dre Kontro e? re
sehredenen Drskursarten liefern die Zweckmäßigkeit des Kapitals auf die vorkommend�n Satze .
könnte, scheitert an der russell­
schen Aporie. Entweder ist dies
e Diskursart Teil aller Diskurs­ ausübt, ist sicher nicht gleich Null, sonder ? ents� nc ? t der
arten, ihr Spieleinsatz ein Einsatz Rentabilität, also deren Unterord ung u ter ne? Sprelemsa tz
unter den anderen und ihre � ? :� . �
Antwort also nicht die höchste der der Einsatz aller Einsätze zu sem schemt, namhch zu > gewu
. Oder sie gehört nicht zur : �
Gesamtheit der Diskursarten und nen« (Nr. 1 8 1 ) , Obwohl er nur ein Einsatz unter anderen Ist: Zert
umfaßt folglich nicht alle .
Spieleinsätze, da sie ihren eigenen gewmnen (Nr. 249' 250) ' und zwar gemessen am Vortel'1 ' der rm ·
ausnimmt. Der spekulative
Diskurs erhob diesen Anspruch
(Abschnitt »Das Resultat« ; Geldwert berechnet wird. Innerhalb dieser Dtsk ursart �b er,
·

Hegel-Exkurs). Das Prinzip eines abso


kursart über die anderen ist sinnleer
luten Sieges einer Dis­ unter der Bedingung dieses Zwecks, wird noch das auße:gewoh ­
lichste Vorkommnis aufgenommen und �ogar »e.�mutt t« (-a s f �
.
ob das Kapital das Geschieht es ? »ermutigen« konnte.).

190
1 92
Wenn die Politik eine Diskursart wäre
diesen höchsten Status erhöbe, wäre
und den Anspruch auf
ihre Nichtigkeit schnell

Wenn Cezanne seinen Pinsel ergrei t, steht der. Einsatz der
aufgezeigt. Aber die Politik ist die Droh
ung des Widerstreits. Sie Malerei in Frage, wenn Schönberg steh ans . Klavter �etzt, der
ist keine Diskursart, sondern deren Vielf Einsatz der Musik, wenn Joyce zur Feder gretft, der Em� atz der
alt, die Mannigfaltigkeit
der Zwecke und insbesondere die Frage
nach der Verkettung. ,Sie Literatur. Es werden nicht nur neue »Gewin�«-Strategten aus­
taucht ein in das Vakuum, in dem »es probiert, sondern das Wesen des »Erfolgs<< wtrd befragt. Han­
wenn man so will, der Zustand der Spra
geschieht, daß . . . «. Sie ist,
che, aber es gibt nicht
delt es sich noch darum, mit dem Schönen »Lust� o er mtt em�.

eine Sprache. Und die Politik besteht
darin, daß die Sprache Erhabenen »Lust/Unlust« zu erregen? Ist der Sptelemsatz mcht
· nicht eine Sprache ist, sondern Sätze eher analog zu dem, der die philosophische »Dtsku:sart« lenkt?
Sein, sondern Fälle von Es gibt. Sie ist
, oder das Sein nicht das
das bloße Sein, das nicht
.
Die Malerei wird gut sein (wird ihren Zweck verwtrkhc t oder �
[20 0] ist, einer seiner Namen. sich ihm angenähert haben), wenn sie den E ?:pfänger steh �u
I
�. .
fragen zwingt, worin sie besteht. A les rst. Pohtik, ';en� �ohtik
.
in der Möglichkeit des Wtderst :e.tts. ber . der genngfugtgsten
191 Verkettung besteht. Aber die Pohtik tst mcht alles, wen� m �n
. .
Wenn man zeigen würde, daß das damit meint, sie sei die Diskursart, dte alle anderen enthalt. Ste
Kapital eine Diskursart ist, ist nicht eine Diskursart.
�enn man seinen Spieleinsatz und seine Strategien zum Sieg über
dte anderen ermittelte, so könnte
man eben damit nachweisen,
da� seine Vorhrrr:_�chaft nicht nur
, ungerecht, sondern nichtig ist. 193
;�tt dem Anspruch auf den
'Ub�rlegenheit gegenüber dem
totalen Erfolg jedoch liegt seine
spekulativen Diskurs zumindest
Das von einem Satz dargestellte Universum ist unm ttelbar �
dann, daß das Kapital nicht »sozial« wenn man unter »sozial« versteht, daß daber. em Sen­
das letzte Wort zu haben, nicht
nachträglich alle Sätze, die der, ein E mpfänger, ein Referent und eine Bedeutt�ng zusamn;en
in allen Diskursarten (also gleich
welcher Zweckmäßigkeit) situiert werden. 1 Unter »Unmittelbar« verstehe rch, daß ke.me [201 ]
stattfinden, zu totalisieren versucht,
dieser Instanzen aus einer anderen als ihrem Ursprung abgelettet
230
23 1
DAs WESEN DES SoziALEN
DIE DISKURSART, DIE NORM

B ezug auf einen


w �rden kann. »Es gibt« ein Satz-Universum, und >>es gibt<< ­ modus, das heißt mit ihrem zweckgerichteten
semem Regelsystem zufolge - Situationen zwischen den darge­ Spieleinsatz.
stellten Instanzen, die dieses Universum bilden. Eine >>Deduk­
tion« des Sozialen setzt das Soziale voraus. Der Diskurs des 195
»Vertrags<< etwa ist eine einem Mythos vergleichbare Erzäh­
len, etwa
lung, sie erzählt die Geburt des Sozialen, aber insofern sie Ebenso leicht ist zu verstehen, daß das Wese n des Sozia
defin itoris chen Satze s, unmit-
erzählt, ist das Soziale bereits vorhanden, und zwar als Erzäh­ seine Identifikation anhand eines
es näml ich I mit dem Univ er- [202]
ler [narrateur], Zuhörer [narrataire ], Erzählgegenstand [nar­ telbar phasenverschoben ist. Da
_ Frage und Antwort auf die Frage. Das Soziale da die Zwec kmäß igkeit (die Bede u-
re], wird immer sum eines Satze s gegeben ist,
man so will) dieses Univ ersum s om
vorausgesetzt, da es im kleinsten Satz dargestellt oder mit­ tung der Bedeutung, wenn
knup.: f ,
dargestellt wird. Selbst Die Winkelsumme eines Dreiecks be­ Satz abhängt, mit dem man an den vorangehenden a� :
ttung Gegen stand eines Wide rstrei ts ZWI-
trägt 180 Grad impliziert Sender, Empfänger und ihre Bezie­ und da diese Verke
stets zu
hung zueinander, die nicht gleichgültig ist (didaktisch). schen Diskursarten ist, bleibt das Wesen des Sozialen
rsum
entscheiden. Damit ist das Soziale der Referent (das Unive
nden)
eines früheren Satzes als Referent eines späteren versta
ht
1 94 eines immer neu zu fällenden Urteils. Es ist eine vor Geric
Unschwer ist auch zu verstehen, daß das Soziale unmittelbar widersprüchlich verhandelte >>Angelegenhe�t«. Und i
.
n d � eser
d eser
komplexer Natur ist. Im Universum, das von einem Satz dar­ >>Angelegenheit<< macht das Wesen des Genc hts, d�s m !
stand emes Wider -
gestellt oder mit-dargestellt wird, sind mehrere Instanzen situ­ Sache Stellung bezieh en soll, selbst den Gegen
iert, eine ich- oder wir-Instanz, eine du- oder ihr-Instanz, eine streits aus.
er/sie- oder sie (Pl.) Ins tanz . Keine von ihnen entspricht dem
-

Sozialen insgesamt. Selbst wenn das Soziale im Satz des Sozio­ 196
logen explizit als Referent in Erscheinung tritt, wird es auch in
der Situation aller durch diesen Satz dargestellten Instanzen Ich sage : eines Widerstreits und nicht eines Rechtstreits. Nicht
vorausgesetzt. Das Soziale ist das Universum, das sie durch weil die Menschen bösartig wären, sind ihre Interessen und
ihre Situation bilden, insofern diese Situation sich auf mensch­ Leiden schaften antagonistisch. Ebenso wie das Nicht-Mens chli­
liche Namen bezieht, ist das Universum, das vom Satz bedeu­ che - die Tiere, die Pflanzen, die Götter, Gott und die Engel, die
tet wird. Die so dargestellte Bedeutung gehorcht dem Regelsy­ Außerirdischen, die Jahreszeiten, die Gezeiten, Regen und
ste� , dem der Satz gehorcht. Dieses Regelsystem kann jenes Schönwetter, die Pest und das Feuer - werden die Menschen in
Un�versum nach mehreren Modi der Instanzen-Ordnung mo­ Regelsystemen von heterogenen Sätzen situiert und von Spiel­
dulieren : etwa wir und ihr ihnen gegenüber, wir und sie euch einsätzen aus het_erogenen Diskursarten in Anspruch ger:om­
gegenüber, ihr und sie uns gegenüber usw. ; ebenso nach meh­ men, und so kann das Urteil, das sich auf das Wesen Ihres
reren Darstellungsweisen der Bedeutung: zu erkennen, vorzu­ sozialen Seins bezieht, nur einem dieser Regels ysteme oder
wenigstens einer dieser Diskursarten entspr�chen ;. und so lä�
. t
schreiben, zu befragen, zu bewundern usw. Die Diskursarten
richten darüber hinaus diese Situationen des Universums nach das Gericht dieses Regelsystem und/o der dtese Disku rsart die
Spiel ��nsätzen auf zwecke hin aus : überreden, überzeugen,
. Oberhand über die anderen gewinnen und tut diesen notwendi­
die
�rschutt:rn usw: Dte Spannung, ja sogar der soziale Unfrieden gerweise Unrecht, indem es die Heterogenität de: Sät:e, �m
in dessen Komm entar geht, m sem eigene s
Ist auf d �ese ��1se unmittelbar mit ihrem Satz-Universum ge­ es im Sozialen und
geben, dte poltusche Frage zusammen mit ihrem Verkettungs- Idiom transkribiert.
232 233
DIE DISKURSART, DIE NORM DIE PoLITIK ALS DisKURSART

197 einzig und allein in der Art und Weise, wie Rechtsfälle zur
Beilegung des Widerstreits eingesetzt werden.
11_�n kan? nicht einmal sagen, daß der Krieg (notgedrungen:
Burgerkn�g), der Klassenkampf, die revolutionäre Gewalt ge­

r �chter se1en als as Gericht, weil sie den Widerstreit zutage 1 99
forderten, anstatt 1hn als Rechtsstreit zu maskieren. Die Rache Die Politik gibt immer zum Irrtum Anlaß, weil sie als Diskursart
ist kein� Autorisierung (Nr. 44). Sie demonstriert, daß ein ande­ stattfindet. Die Diskursart variiert gemäß dem Wesen der Auto­
res Gencht, andere Urteilskriterien (wenn vorhanden) möglich risierung, die dem normativen Präfix einbeschrieb�n ist. D�e
.
und anschemend vorzuziehen sind. Angenommen aber, die angerufenen Namen (die y, cf Nr. 1 55, 206) bestimmen d1e
Veränderung findet statt, so ist es unmöglich, daß die Urteile des Diskursart, ob Mythos, deliberativer Konsensus oder göttliches
neuen Gerichts nicht neues Unrecht schaffen, weil sie die Fälle Recht . . . : Seit jeher haben unsere Ahnen . . . ; Mit Beschluß vom
von Widerstreit als Rechtsfälle beilegen oder beizulegen glauben . . . haben wir, die Versammlung der Volksvertreter . . . ; Ich,
werden. Darum kann für die Politiker der Spieleinsatz nicht im Kaiser von Gottes Gnaden, befehle . . . Das kann nicht anders
Guten, sondern nur im kleinsten Übel bestehen. Oder, wenn sein, da es ja tatsächlich unerläßlich ist, daß das Gericht, das die
m �n das vorzi �ht: das kleinste Übel müßte das politisch Gute möglichen Prozeßfälle bestimmt und Gerechtigkeit fordert und
.
[203] sem. I Unter Ubel verstehe ich (und man kann nichts anderes deshalb den Widerstreit vergißt, unterdrückt und wiedererschei­
darunter verstehen) : das Verbot jederzeit möglicher Sätze, einen nen läßt, seine Urteilssprüche fällt und zunächst seine Autorität
A �gwohn gegen das Vorkommnis, die Geringschätzung des nach den Regeln einer Diskursart begründet. Zugleich aber ist
Sems. die Politik alles andere als eine Diskursart, sie zeugt vom Nichts,
das sich bei jedem vorkommenden Satz öffnet und den Wider-
streit zwischen den Diskursarten entstehen läßt. I [204]
198
Man könnte sagen, daß das Soziale unmittelbar mit einem Satz­ 200
Universum (und sei es durch den Schwanz der Katze dargestellt)
gegeben ist, und es ist prinzipiell als unmittelbar vom Regelsy­ Indem sich die griechischepolis um das leere Zentrum organisiert,
stem dieses Satzes bestimmt gegeben, obschon seine Bestim­ in dem die Beratschlagung [deliberation ], das heißt der Konflikt
mung sogleich Gegenstand eines anderen Satzes wird, dessen der Sätze und ihr Urteil stattfindet, erfindet sie nicht die Politik;
Verkettung nur Anlaß zu einem Widerstreit zwischen Diskurs­ sie überträgt der oder den dialektischen und rhetorischen Dis­
arten gegen kann. Man könnte ebenso gut sagen, daß die Politik kursart(en) die Regentschaft über die Sätze und läßt damit deren
unmittelbar mit einem Satz gegeben ist, und zwar als Widerstreit Widerstreit in Form eines Rechtsstreits in die (leere) Mitte der
bezüglich der Frage nach der weiteren Verkettung dieses Satzes. politischen Institution münden. Die Cashinahua setzen an diese
Nach dem >>Ursprung« des Politischen wie des Sozialen zu Stelle den Erzählakt [narration], die erste französische Republik
fragen, ist gleich nichtig. Das Soziale ist im Universum eines die Idee, das heißt die Dialektik im kantischen Sinne, insbeson­
Satz�s, d�� Poli�i� che in seinem Verkettungsmodus impliziert. dere die Dialektik, die die freie (ethische) Kausalität zum Spiel­
Es g1bt eme Pohuk der Cashinahua ebenso wie eine athenische einsatz hat. Und die industrielle Revolution überträgt das Vor­
oder jako�inische, selbst wenn der Vorrang der Erzählung in der recht des Urteilens der technischen Diskursart, deren Einsatz in
erster�n d1e Drohung entschärft, die das Vorkommnis enthält der Maximierung der Leistung besteht, das heißt darin, das beste
(Cas�mahua-Exkurs). Hier wie dort geht es stets um den Bür­ inputloutput-Verhältnis im Gestell, wie Heidegger sagt, zu ge­
gerkneg der >>Sprache« mit sich selbst. Unterschiede gibt es winnen, und zwar zwischen jedem möglichen Referenten, das

234 235
AuTORITÄT
DIE DISKURSART, DIE NORM

Soziale eingeschlossen, und dem Willen (dem Genuß) des Selbst. vom Widerstreit verlangt würde, propagiert eine Politik falscher
. Übermenschen. Mit der Verhätschelung des Ereignisses veran­
So bestehen H ��emo�uen von Diskursarten, gleichsam als Ge­
stalten d �r P ?lmk. Sre � treite� sich um die Verkettungsmodi. staltet man ein großes Kasperltheater. Vielmehr besteht die
. .
.. dre pohtrsche Verantwortung hinsichtlich des Denkens darin, die Fälle von
Das Kaprtal ubertragt Hegemonie der ökonomi­
schen Diskursart (Nr. 240 ff.). Widerstreit aufzudecken und das (unmögliche) Idiom zu ihrer
>Setzung< in Sätze zu finden. Was ein Philosoph tut. Ein Intellek­
tueller trägt zu dessen Vergessen bei, indem er eine dieser
201 Diskursarten, ganz gleich welche (die Ekstase des Opfers inbe-
·

Die Ausdrücke Demokratie, Autokratie, Oligarchie, Monar­ griffen), für die politische Vorherrschaft empfiehlt.
.
chre, Anarchie, die Regierungsweisen, und die Ausdrücke Re­

publi ? der Despotismus, die Weisen der Beherrschung oder
. 203
Autonsr�rung ? ezerchnen, gehören zu strikt anthropologischen
oder pohtologrschen Beschreibungen. Was in der Politik in Die Autorität läßt sich nicht ableiten. Die Versuche zur Legiti­
Frage steht und die Politiken unterscheidet, ist die Diskursart, mation der Autorität führen in den Teufelskreis (ich habe Macht
. [autorite] über dich, weil du mich dazu autorisierst), zur petitio
der Spreleinsatz, demzufolge die Fälle von Widerstreit als Rechts­
fäll: und deren »Schlichtung« formuliert werden. Einzig und principii (die Autorisierung autorisiert die Autorität), zur Re­
allem deswegen, weil eine Diskursart - ganz gleich welche - die gression ins Unendliche (x wird von y autorisiert, das von z
anderen ausschließt, sei es durch Entmündigung (Sklaven und autorisiert wird), zum Paradoxon des Idiolekts (GOTT, das
Frauen), durch autonymische Neutralisierung, durch narrative LEBEN usw. bestimmt mich zur Ausübung der Autorität, ich
Erl�sung usw., läßt sie in einem Idiom einen >>Rest<< unge­ allein bin der Zeuge dieser Offenbarung). Die Aporie einer
schhchteter und nicht schlichtbarer Widerstreitfälle zurück, ei­ Deduktion der Autorität oder die Aporie der Souveränität ist das
n �n Rest, an dem sich der Bürgerkrieg der »Sprache<< immer Zeichen dafür, daß der Satz der Autorisierung nicht einem Satz
wreder von neuem entzünden kann und tatsächlich auch ent­ mit abweichendem Regelsystem entspringen kann. Sie ist das
zündet. Zeichen einer Inkommensurabilität des normativen Satzes mit
den anderen.

202
204
Unnötig pathetisch ist es, diesen Rest >>verfemten Teil<< zu
nennen. Was eine Politik angeht, die um die Emotionalität des '< Die Frage nach der Autorität steht im normativen Satz auf dem
Opfers kreist (Cashinahua-Exkurs, § 7), und zwar unter dem Spiel. Die Norm macht aus einer Vorschrift ein Gesetz. Du sollst
Vorwand, sie würde mit dem Leiden und dem Freudentaumel diese Handlung ausführen formuliert die Vorschrift. Das Nor­
ein unfehlbares Indiz für den Bestand des Widerstreits der mativ fügt hinzu: Dies ist eine von x oder y verfügte Norm

[20 5 ] du c� keinen Rechtsstreit I neutralisiert werden kann, ab eben
: (Nr. 1 55). Sie greift den präskriptiven Satz als Zitat auf. Man
- sre Ist menschlich, allzumenschlich: als ob der Mensch eine in fragt sich, woher x oder y ihre Autorität nehmen. Sie erhalten sie
der Hütung des Vorkommnisses auserkorene Verantwortung von diesem Satz, der sie auf der Sender-Instanz im Universum,
besäße! Bataille ermangelt es an chassidischem oder heidnischem das die Vorschrift autorisiert, situiert. Dieses Universum bezieht
� �
(sie :in nicht as selbe, ich weiß) Humor im Empfang des sich auf den präskriptiven Satz als Referenten, der damit autori­
»Erergmsses<<. Dre Regentschaft des Gefühls, das mit dem Opfer siert wird.
_
oder dem >>Drenst<< (Heidegger, 1933 : 1 5) verbunden ist und

236 237
DIE D ISKURSART, DIE NORM DAs NoRMATIVE

ses« ist. Dies e


205 anderen und em Modus des drohenden >>Ere ignis
·

da he1"ß t d �s
Man ist versucht, den normativen Satz als einen performativen Drohung, diese s Wunder und diese r Schre cken - �
t �ormah­
[206] zu beschreiben (Nr. 142). Die Sitzung ist eröffnet. Der Krieg ist I Nichts einer ausstehenden Verkettun g - werden dam1
chtun_g,
erklärt, und dem ist so ; und der vom Universum dieser Sätze siert. Für die anderen x, die Dus der genormten Verpfh
d r Ethtk
situierte Sender wird unmittelbar zum Vorsitzenden oder zu sind sie die nämlichen. Der normative Satz, der _aus �
ausgeschlossen bleibt , führt auf die Po_liti_k. Er_ btldet em �. Ge­
einer der kriegsführenden Mächte, der Empfänger unmittelbar dte als Empf ar:ger
zu einem Mitglied der tagenden Versammlung oder zum Geg­ meinschaft von Empfängern des Präsknptivs,
wenn auch m�ht
des normativen Satzes gewahr wurd en, daß sie,
ner, gegen den man Krieg führt. Ebenso der normative Satz Wir
notwendig vor dem Geset z gleich, ihm zumin ? est alle �� terhe-
>verfügen< daß diese Handlung ausgeführt werden muß- auch er was [207]
gen. Das Normativ macht die Verpflichtung I mcht tran� ltlv,
würde das Wir unmittelbar auf die Position der Souveränität sonder n allgem em.
unmöglich ist (Kant-Exkurs II, § 6),
setzen. - Aber diese »Wirkungen<< , wie man sie unscharf be­
zeichnet, lassen sich bei allen Sätzen, gleich welchen Regelsy­
stems, beobachten, da sie bloß die Entfaltung der Instanzen der 207
von ihnen dargestellten Universen und ihrer jeweiligen Situation
sind. Der Ausdruck der Performanz wird damit so verstanden,

Der normative Satz enthält formal das Zitat eines pr skriptiv�n
(Nr. 45, 46 ). Dieser wird autonymisiert. Der normative Satz 1st
daß er seine Verweiskraft auf ein spezifisches Satz-Regelsystem . .

ein Satz über einen Satz, Metasprache, allerdmgs mc t desknp­ _
verliert. - Bleibt zu bemerken, daß keine Entität die Autorität �
tiv. Sein Spieleinsatz ist nicht die Wahrheit, sondern d� e Gerec ­
zur Verpflichtung besitzen kann, wenn sie nicht der Sender des
normativen Satzes ist, der diese Verpflichtung zur Norm macht:
tigkeit. Seine metasprachliche Ausbildung ke�nzetc net dte
_

Funktion der Autorität: eine Brücke schlagen uber dte Kluft
eine Tautologie. Und es ist nicht ersichtlich, wie etwas anderes �