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„Im Dritten Reich darf es keine Tierquälerei mehr geben“

Die Entstehung des Reichstierschutzgesetzes von 1933

Rechtsentwicklung bis 1933 Das entsprechende Gesetz markiert den Beginn


eines Zusammengehens der Schächtgegner mit
Tierquälerei war im Deutschen Reich jahrzehnte- den Nationalsozialisten: In allen Ländern des
lang nur unter anthropozentrischen Gesichts- Deutschen Reiches, in denen die NSDAP schon
punkten strafbar. Bis zum Ende der Weimarer vor 1933 an der Landesregierung beteiligt war,
Republik fand sich auf Reichsebene nur im wurde schon vor der Machtergreifung ein
Reichsstrafgesetzbuch von 1871 eine tierschutz- Betäubungszwang eingeführt.
rechtliche Gesetzesnorm. Nach den Bestim-
mungen von § 360 Nr. 13 wurde „mit Geldstrafe Nur in Mecklenburg-Strelitz wurde ein beschlos-
bis zu 150 Mark oder mit Haft ... bestraft, wer senes Gesetz über das Verbot des Schächtens
öffentlich oder in Ärgernis erregender Weise ein nicht verkündet, da es nach Auffassung des
Tier boshaft quält oder roh misshandelt“. Mit Reichsinnenministeriums gegen die verfassungs-
dieser Vorschrift wurde in erster Linie nicht der rechtlich garantierte Freiheit der Religionsaus-
Schutz der Tiere bezweckt, sondern nur dem übung verstieß. Für die Nationalsozialisten bot
Menschen den unangenehmen Anblick einer der Betäubungszwang beim Schlachten die
Tierquälerei zu ersparen. Möglichkeit, sich als politische Erfüllungsgehilfen
der Tierschutzbewegung zu profilieren und
Zwei besonders emotional besetzte Themen- gleichzeitig eine antisemitische Maßnahme
felder innerhalb der Tierschutzbewegung waren durchzusetzen.
der Tierversuch – zeitgenössisch als „Vivisektion“
bezeichnet – und das Schächten nach jüdischem
Ritus. Als erster Erfolg einer jahrzehntelangen
Diskussion wurde in Bayern auf Initiative des Reichsschlachtgesetz, Strafrechts-
Münchener Tierschutzvereins 1930 das verschärfung und Vivisektionsverbot
betäubungslose Schlachten verboten.
Bereits relativ kurz nach der nationalsozialis-
tischen Machtergreifung wurde am 21. April 1933
das Reichsschlachtgesetz erlassen und damit
reichsweit der Betäubungszwang beim Schlach-
ten eingeführt. Der Kabinettsbeschluss dazu
stand in engem zeitlichem Zusammenhang mit
dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April
1933, in dessen Umfeld von der SA z.B. in
Ostfriesland Schächtmesser beschlagnahmt und
in Pommern ein Schlachthaus besetzt wurde.
Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich
außerdem eine Strafrechtsverschärfung in Vor-
bereitung, die am 26. Mai 1933 erlassen wurde.
Dabei wurde durch den Wegfall der Beschrän-
kung auf die öffentliche oder Ärgernis erregende
Form der Tierquälerei der Schritt vom anthro-
pozentrischen zum ethischen Tierschutz voll-
zogen und gleichzeitig das Strafmaß erheblich
heraufgesetzt. Die Justiz wurde aufgefordert, bei
Verstößen empfindliche Strafen zu verhängen
Abb. 1 Schächtszene aus dem Kinderbuch (1938) Ein Staatssekretär der Reichsregierung
Der Giftpilz – ein Stürmerbuch für Jung und Alt
setzte sich für die Einführung der Prügelstrafe Reichstierschutzgesetz als Schlusspunkt
ein, was ein NSDAP-Landespolitiker noch
zuspitzte, in dem er forderte „in Fällen beson- Das Reichstierschutzgesetz befand sich schon
derer Tierquälerei ... die Schinder sofort in ein seit dem Frühjahr 1933 in Vorbereitung, brauchte
Konzentrationslager zu stecken und dort so zu wegen seines neuen Regelungsinhaltes und trotz
behandeln, dass ihnen ein für alle Mal die Lust Wegfall einer zeitraubenden demokratischen
vergeht, ihre Rohheit an wehrlosen Tieren Willensbildung in Verbandsanhörungen und
auszulassen“. Parlamentsdebatten trotzdem mehrere Monate
bis zur Verabschiedung. Mit dem Reichs-
tierschutzgesetz wurden die auch heute noch
zentralen Begriffe Schmerzen, Leiden und
Schäden eingeführt. Der Straftatbestand in §17b
des heutigen Tierschutzgesetzes entspricht der
Tierquälereinorm in §1 Reichstierschutzgesetz
und der Verbotskatalog in §3 des heutigen
Tierschutzgesetzes hat ebenfalls seinen
Ursprung im Reichstierschutzgesetz. Auch gab
es im Reichstierschutzgesetz bereits Regelungen
zur Fortnahme von Tieren und zum behördlichen
Tierhaltungsverbot.

Abb. 2 Versuchstiere zeigen Göring nach dem


Vivisektionsverbot den Hitlergruss – Karikatur
aus der Zeitschrift Kladderadatsch

In einem nächsten Vorstoß wurde am 16. August


1933 in Preußen durch Ministerpräsident
Hermann Göring öffentlichkeitswirksam über
Presse und Rundfunk die Vivisektion verboten
und Verstöße gegen dieses Verbot mit
Konzentrationslager bedroht.

In der satirischen Zeitschrift Kladderadatsch


wurde Göring daraufhin als Retter der Versuchs-
tiere dargestellt, die ihm den Hitler-Gruss dar-
boten. Schon kurze Zeit später wurde dieses
grundsätzliche Verbot jedoch bereits wieder
deutlich abgemildert, da eine Beeinträchtigung
wirtschaftlicher Interessen befürchtet wurde. Um
die Kritiker auf beiden Seiten zufrieden zu stellen,
wurde von Göring in einem fast demokratischen
Akt eine Besprechung abgehalten und dort
zwischen Gegnern und Befürwortern die Be-
dingungen für Tierversuche ausgehandelt, wie
sie schließlich auch ins Reichstierschutzgesetz
Eingang fanden. Abb. 3 Titelblatt des Reichsgesetzblattes mit dem Reichstierschutzgesetz
Das Reichstierschutzgesetz wurde schließlich am Obwohl Hitler persönlich sich kaum für den
24. November 1933 von Adolf Hitler unter- Tierschutz engagiert haben dürfte, wurde der
zeichnet und trat am 1. Februar 1934 in Kraft. Erlass der verschiedenen tierschutzrechtlichen
Vorschriften in der öffentlichen Wahrnehmung
Als Hauptverfasser des Gesetzestextes muss der
seinem besonderen Einsatz zugeschrieben. Dem
Tierarzt und Ministerialbeamte im Reichsinnen-
in der Propaganda als Schäferhundzüchter und
ministerium Dr. Clemens Giese gelten, der später
besonderer Tierfreund dargestellten Reichs-
mehrere Kommentare zum Reichstierschutz-
kanzler wurde der Ausspruch zugeschrieben: „Ich
gesetz verfasste.
habe mich immer zu der Auffassung bekannt,
dass es nichts Schöneres gibt, als Anwalt derer
zu sein, die sich nicht selber verteidigen können.
Im Dritten Reich darf es keine Tierquälerei mehr
geben“.

Abb. 4 Dr. Clemens Giese (1879-1961)

Beim Erlass des Reichstierschutzgesetzes stand


für die zeitgenössische Politik dessen propa- Abb. 5 Adolf Hitler mit Schäferhund
gandistische Wirkung im In- und Ausland im
Vordergrund. Der Tierschutz war quasi ein
humanitärer Deckmantel für die bereits
Während das Schächtverbot des Reichsschlacht-
begonnene Ausgrenzung von bestimmten
gesetzes in einem Grundsatzurteil des
Volksgruppen und wurde als Gradmesser für die
Bundesgerichtshofes 1960 als nationalsoziali-
Kulturstufe eines Volkes bezeichnet. Schon
stische Gewaltmaßnahme gewertet und bis zur
anlässlich des Vivisektionsverbotes hieß es in der
Aufhebung 1997 auf Schlachtungen nach dem
Presse: „Was Reichskanzler Adolf Hitler und
jüdischen Ritus nicht mehr angewandt wurde, fiel
Ministerpräsident Göring zum Schutz der Tiere
das Reichstierschutzgesetz nicht unter
getan haben und weiterhin tun werden, das ist für
nationalsozialistisches Unrecht und blieb bis zur
die Führer aller Kulturstaaten richtunggebend. Es
Ablösung durch das Tierschutzgesetz von 1972
ist eine Tat, die dem neuen Deutschland in allen
in vollem Umfang in Kraft. Das Oberlandesgericht
Ländern ungezählte neue begeisterte Freunde
Hamm stellte dazu 1949 fest, dass die
gewinnen wird. Millionen Tierfreunde und
Vorschriften des Gesetzes in der Kontinuität mit
Vivisektionsgegner aller Kulturländer danken
einem sich allmählich durchsetzenden
diesen beiden Führern von Herzen für diese
Tierschutzgedanken stünden und dass sie im
vorbildliche Kulturtat“.
Zuge gesunder Rechtsentwicklung geschaffen „Eine mit Wasser begossene Katze oder das
und auch nach heutiger Auffassung vertretbar Aufjaulen eines Hundes bildeten oft den Anlass
seien. Letztendlich hat das NS-Regime nur für solche Anzeigen“. Bereits im Reichs-
Jahrzehnte alte Forderungen der Tierschutz- tierschutzgesetz wurden Tierärzte als Sach-
bewegung aufgenommen und in Gesetzesform verständige für Tierschutzfragen benannt.
gegossen. Die inhaltliche Vorarbeit entstammte Weitere Mehrarbeit entstand für Tierärzte durch
dem gesellschaftlichen Diskurs vor 1933, der das neue Betäubungsgebot bei schmerzhaften
Schritt vom anthropozentrischen zum ethischen Eingriffen, da die Betäubung den Tierärzten
Tierschutz war in der öffentlichen Diskussion vorbehalten war und vorher häufig Eingriffe auch
bereits vollzogen, so dass das Reichstier- ohne Betäubung durchgeführt wurden. Da vielen
schutzgesetz keine spezifische Leistung des Tierärzten auch die grundlegenden Kenntnisse
Dritten Reiches darstellt. zur Betäubung fehlten, mussten sie jedoch
zunächst massenhaft in Sonderfortbildungs-
lehrgängen geschult werden.

Umsetzung des Reichstierschutz- Verstöße gegen die Bestimmungen des


gesetzes Reichstierschutzgesetzes wurden von den
Gerichten konsequent bestraft, nicht selten
Schwerpunkte bei Tierschutzfällen bildeten tote wurden hohe Geldstrafen und Gefängnisstrafen
oder verletzte Tiere nach Schlachttiertransporten ohne Bewährung verhängt. Erschreckend ist
mit der Bahn über lange Strecken in die jedoch auch die Rohheit vieler Taten, bei denen
Großstädte, Überforderung von Kutschpferden Tiere schwer misshandelt wurden. Mit der
durch Überladung oder Schwäche der Tiere, Einführung der Sondergerichtsbarkeit im 2.
Misshandlung von Pferden oder Kühen durch Weltkrieg wurde teilweise sogar die Todesstrafe
Kutscher oder Melker, Kettenhandel mit verhängt und Urteile mit bis zu sechs Jahren Haft
„abgetriebenen“ Pferden, Haltung von ausgesprochen. Bei solchen Urteilen wurde
Kettenhunden, Tierhaltung in Kleingartenlauben strafverschärfend gewertet, dass durch die
sowie Kastration älterer Tiere ohne Betäubung Quälerei bei Nutztieren auch die
durch Viehkastrierer. Ernährungssicherung im Krieg sabotiert wurde.

Auch Fälle von animal hoarding sind bereits


dokumentiert und nach Einschätzung eines
Text: Dr. Michael Schimanski (Region Hannover),
Berliner Amtstierarztes ging die Mehrzahl der Abbildungen: Prof. Dr. Johann Schäffer (Tier-
Tierschutzanzeigen dort auf Feindschaften ärztliche Hochschule Hannover), Gestaltung: Dr.
zwischen den Mietern eines Hauses zurück: Sarah Winkelsett (Landkreis Cuxhaven)

Abb. 6 Kontrolle eines Fuhrwerkes Abb. 7 Kontrolle einer Hundekettenhaltung