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Fragwürdige

Traditionslinien
Stauffenberg und der 20. Juli 944
im deutschen Erinnerungsdiskurs
„Allein die Bezeichnung ,Widerstand‘ für die Männer des 20. Juli erscheint mir vermessen. Es handelt
sich wohl doch eher um schwankende Opposition. Die Partisanen in Polen und in der Sowjetunion,
in Jugoslawien und Frankreich, die Haltung des Hofes und der Nazigegner in Dänemark, der Aufstand im
Warschauer Ghetto, der Aufstand in Sobibor, der Widerstand in Auschwitz, Buchenwald und Maut-
hausen – das sind nur Beispiele für die europäische Geschichte des Widerstands gegen deutsche Besatzung,
gegen den Nationalsozialismus und damit – und dies sei zu betonen – gegen die deutsche Wehrmacht,
gegen preußisches Soldatentum und deutsche Militärtradition.“

Frank Stern, Wolfsschanze versus Auschwitz. Widerstand als deutsches Alibi?,


in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 42 (1994), S. 647.
Inhalt Fragwürdige Traditionslinien 3

Inhalt
4 Einleitung

7 Eine Frage der Ehre? Motive und Weltbild der Attentäter vom 20. Juli 1944

Es lässt sich längst belegen, dass diejenigen, die den Kopf Hitlers forderten, selbst Anhänger
nationalsozialistischer Ideen waren.

13 Vom Vaterlandsverräter zum nationalen Helden. Der Diskurs um den 20. Juli von
1945 bis heute
Das Gedenken an den 20. Juli leistet einen Beitrag zur Legitimierung deutscher Außenpolitik
sowie der Einsätze der Bundeswehr und popularisiert das Opfer für das deutsche Vaterland.

19 „Valkyrie“: Superheld in Uniform. Repräsentation des deutschen militärischen


Widerstands im Film
Valkyrie und die zahlreichen früheren Verfilmungen des 20. Juli 944 bieten Helden-
erzählungen über Stauffenberg an, die ihn für – vermeintlich moralisch einwandfreie –
militaristische und nationalistische Diskurse anschlussfähig machen.

24 Entlastung von der Geschichte. Geschichtspolitische Umdeutung, Relativierung


und Revisionismus
Kurzer Überblick über geschichtspolitische Entlastungsdiskurse von der Schlussstrichdebatte
über die Totalitarismustheorie bis hin zur Täter-Opfer-Umkehr.

28 Opfer für das Höhere. Vaterlandsliebe, Nation und Nationalismus

Nationalismus und Patriotismus werden als dem Wesen nach gleiche Haltungen analysiert,
als Bereitschaft, das Wohlergehen der Nation auch gegen die eigenen Interessen zum höchs-
ten Ziel zu erklären und für sie Opfer zu erbringen.
4 Fragwürdige Traditionslinien Einleitung

Einleitung

A
1 Es gab bereits einen Film ls vor eineinhalb Jahren die Dreharbei- Nationalsozialismus zu entlasten. Weil es den
mit dem Titel O ten zum Film Valkyrie (dt.: Operation 20. Juli 944 gab, so das gängige Argument,
W (, 1971). Um
Verwechslungen zu vermei- Walküre – das Stauffenbergatten- habe ,Deutschland‘ (wer auch immer das sein
den, verwenden wir in dieser tat)¹ in Berlin stattfanden, gab es darum jede mag) nicht gänzlich moralisch versagt. Genau
Broschüre für den Film von Menge Diskussionen. Gefragt wurde, ob ein das wird ausgedrückt, wenn in fast jeder Poli-
Brian Singer den englischen
Originaltitel V. Scientologe eine für die Deutschen so wichti- tikerInnenrede zum 20. Juli Henning von Tre-
ge Figur wie Stauffenberg spielen dürfe, ob eine sckows Ausspruch zitiert wird: „Das Attentat
Drehgenehmigung im Bendlerblock die Wür- muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht
de des Ortes beschädige oder ob es Hollywood gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehan-
zuzutrauen sei, einen solch ernsten Stoff umzu- delt werden. Denn es kommt nicht mehr auf
setzen. Bei all dem wurde wesentliches jedoch den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß
nicht diskutiert: Wer war Stauffenberg eigent- die deutsche Widerstandsbewegung vor der
lich wirklich, welche politischen Ziele verfolg- Welt und vor der Geschichte den entscheiden-
ten er und seine MitstreiterInnen? Dass Stauf- den Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben
fenberg ein Held der deutschen Geschichte ist, gleichgültig.“ Warum wird sich gerade auf ei-
davon wurde in allen Debatten einfach ausge- nen solchen Satz bezogen? Hätte nicht eigent-
gangen. lich das Ende der NS-Herrschaft, das Ende der
Dieser Konsens soll mit dem vorliegenden Vernichtungslager, das Ende des Krieges der
Heft hinterfragt werden. Für uns, die AutorIn- praktische Zweck gewesen sein sollen? Wenn
nen der hier zu lesenden Texte, ist Stauffenberg der praktische Zweck – hier das Verhindern
alles andere als ein Held – er und seine Mitver- von mehreren Millionen Toten allein im letz-
schwörer waren nationalkonservative elitäre ten Kriegsjahr – vor der Geschichte gleichgül-
Militaristen und Antisemiten. tig ist, gleichgültig neben dem Zeichen an die
Der Film, den wir natürlich zu der Zeit, in Welt, dem guten Ruf Deutschlands, dann kann
der wir die Texte geschrieben haben, noch gar hier mit dieser Art des Gedenkens etwas nicht
nicht kennen konnten, interessiert uns nur am stimmen.
Rande. Er ist vielmehr der Anlass für uns, die Zwei Sachen fallen also bei der Beschäfti-
Kritik an Stauffenberg und insbesondere an der gung mit dem Gedenken an das Hitler-Atten-
Art und Weise, wie ihm gedacht wird, in den tat auf: Erstens geht es immer um das Ansehen
öffentlichen geschichtspolitischen Diskurs zu Deutschlands, um das verzweifelte Bemühen
tragen. angesichts der Verbrechen, die die Deutschen
Diese Broschüre argumentiert gegen einen begingen, noch „good germans“ in petto zu ha-
naiven Bezug auf den 20. Juli 944. Uns hat ben, die für die Idee eines „anderen Deutsch-
stutzig gemacht, wie viele Leute unterschiedli- lands“ stehen könnten. Zweitens wird dabei
cher politischer Richtungen sich auf Stauffen- höchst merkwürdig mit der realen Geschichte
berg beziehen und wie wichtig er vor allem für umgegangen: Dass die „Männer und Frauen
die offizielle Erinnerungspolitik ist. Die öffent- vom 20. Juli“ größtenteils AntisemitInnen wa-
lichen Gelöbnisse der Bundeswehr jedes Jahr ren und reaktionäre militaristische Überzeu-
am 20. Juli sind nur ein Beispiel. Wir wollen gungen hegten, viele von ihnen den National-
daher fragen, was es mit diesem Gedenken auf sozialismus begrüßt hatten und als Offiziere der
sich hat, warum heute eine Traditionslinie von Wehrmacht an den Verbrechen beteiligt waren
Stauffenberg aus begründet werden soll. Wel- oder zumindest lange davon wussten, bevor sie
chem Zweck dient dieses Gedenken? sich zum Putsch entschlossen, all das dürfte be-
Aus dem anfänglichen Unbehagen, das wir kannt und auch nicht ernsthaft zu bestreiten
gegenüber dem Gedenken an Stauffenberg hat- sein. Um sie trotzdem zu geistigen Vorläufern
ten, sind über die eineinhalb Jahre, die wir an des Grundgesetzes machen zu können, wird der
diesem Thema gearbeitet haben, handfeste Ein- Widerstand politisch ,ausgehöhlt‘, das heißt es
wände geworden. Im Laufe der Arbeit zeigte wird unterstellt, dass ihre Überzeugungen aus
sich immer deutlicher, dass das Erinnern an der Zeit heraus zu verstehen seien und daher,
den 20. Juli ein wichtiger geschichtspolitischer das ist der Subtext, in der Betrachtung vernach-
Pfeiler ist, wenn es in Deutschland darum geht, lässigt werden dürfen. Stattdessen werden poli-
sich vom schweren Gewicht der Geschichte des tisch unbestimmte Werte wie Mut, Humanität
Einleitung Fragwürdige Traditionslinien 5

und Moral betont. So können sich auch dieje- regierung begonnen hat, tote Soldaten offiziell 2 Vgl. „Jung spricht erstmals
nigen in der Tradition Stauffenbergs sehen, die als „Gefallene“ zu betrachten,² muss dringen- von Gefallenen“ in: Die Welt,
25.10.2008.
mit seinen politischen Überzeugungen nichts der als vorher eine ideologische Basis her, die
anzufangen wissen: SozialdemokratInnen, Li- der Bevölkerung vermittelt, dass für das Vater-
berale und moderne Konservative. Durch die land Opfer zu bringen sind. Da reicht das Eh-
Aushöhlung, dadurch dass die politischen Ziele renmal für gefallene Bundeswehrsoldaten al-
durch die Konstruktion der „Zeitverhaftetheit“ leine für die Herstellung der Opferbereitschaft
für irrelevant erklärt werden, können sich alle nicht mehr aus.
positiv auf Stauffenberg beziehen. Unsere Kritik an Stauffenberg ist also ver-
Ist jedoch dieser positive Bezug erstmal her- bunden mit der Kritik an der Idee der Nation.
gestellt, können diejenigen, die tatsächlich die Es geht uns daher nicht darum, dass Stauffen-
politischen Ideen der Leute vom 20. Juli teilen, berg der falsche nationale Held ist, sondern da-
ihre politischen Vorstellungen mit der Autori- rum, dass wir überhaupt keine nationalen Hel-
tät des Helden untermauern. Reaktionäre Po- den wollen.
sitionen werden daher mit dem Gedenken an

D
Stauffenberg zu Ideen, die aus der Nähe des Na- ie Broschüre gliedert sich in drei Haupt-
tionalsozialismus weggerückt werden können: artikel, die sich direkt mit dem The-
Die enge Verbindung zwischen reaktionärem menkomplex 20. Juli, Stauffenberg und
Nationalkonservatismus und NS kann so un- Gedenken beschäftigen, sowie zwei Hinter-
sichtbar gemacht werden. grundartikel, die sich mit Nationalismus und
Während die eine Strategie also gerade da- Geschichtspolitik befassen.
rum bemüht ist, von den politischen Inhalten Im ersten Haupttext geht es um die histori-
abzulenken, kann die zweite Strategie Stauffen- schen Personen und Ereignisse. Der Schwer-
berg als ,diskursives Einfallstor‘ für genau diese punkt liegt dabei auf den Motiven der Atten-
Inhalte verwenden. täter und VerschwörerInnen. Es wird gezeigt,
Doch beim offiziellen Gedenken an Stauf- dass das Bild der Offiziere vom 20. Juli als ‚sau-
fenberg geht es nicht nur um das Ansehen des bere Offiziere der Wehrmacht‘ historisch nicht
Landes, sondern um mehr. Der 20. Juli 944 haltbar ist. Dargestellt wird, dass die Attentäter
dient auch immer als Legitimationsbasis für selbst Anhänger nationalsozialistischer Ideen
das deutsche Militär. So erscheint es keineswegs waren: Antisemiten, Antibolschewisten und
Zufall zu sein, dass zeitgleich mit der Wiederbe- Völkisch-Nationale. Vor und nach dem be-
waffnung der Bundesrepublik begonnen wurde, rühmt-berüchtigten ‚Entschluss‘ zum Atten-
Stauffenberg als Vorbild zu präsentieren. Noch tat strebten sie die Rettung und Erneuerung
weniger kann als Zufall betrachtet werden, dass Deutschlands an; ein Ziel, das niemanden zur
im Jahr der ersten kriegerischen Einsätze der moralischen Überlegenheit führt, und über das
Bundeswehr im Kosovo begonnen wurde, Sol- keineswegs Einigkeit unterstellt werden kann.
datInnen am 20. Juli im Bendlerblock (jetzt vor Der zweite Haupttext beschäftigt sich da-
dem Reichstag) öffentlich zu vereidigen. mit, wie an Stauffenberg und den 20. Juli 944
Die ,Gewissensentscheidung‘, die Stauffen- seit Kriegsende erinnert wird. Anfänglich als
bergs Tat vorausgegangen sein soll, dient da- „Landesverräter“ beschimpft, gelten Stauffen-
bei als ethisch-moralische Richtschnur für alle berg und seine MitstreiterInnen mittlerweile
StaatsbürgerInnen der Republik, insbesondere als moralische Leitbilder und Helden. Ihre Tat
aber für diejenigen in Uniform. Einerseits wird wird gar als ein „Aufstand des Gewissens“ ge-
suggeriert, dass das Gewissen im Zweifelsfal- würdigt. Der Text analysiert die Funktionswei-
le über dem Gesetz stehen muss, andererseits se des Gedenkdiskurses. Dabei zeigt sich, dass
wird aber genau dieses Gewissen mit dem na- das Band zwischen der Tat und ihrem Geden-
tionalen Interesse identifiziert: Weil es Stauf- ken der Nationalismus ist. Das Gedenken ist
fenberg nicht um so etwas Profanes ging wie auch immer Strategien der Entlastung von der
sein nacktes Leben (wie beim jüdischen Wider- Geschichte des Nationalsozialismus unterwor-
stand), sondern um die hehre Idee der Nation, fen. Außerdem wir deutlich, dass das Geden-
erscheint sein Ziel auch als das moralisch hö- ken an den 20. Juli einen Beitrag zur Legitimie-
herwertige. Seine Opferbereitschaft wird zum rung deutscher Außenpolitik und der Einsätze
Maßstab. Der Trick beim Gelöbnis am 20. Juli der Bundeswehr leistet. Ebenso wird darge-
besteht also darin, die SoldatInnen auf ihr in- stellt, wie unter Verweis auf Stauffenberg das
dividuelles Gewissen, als auch auf unbedingte Opfer für das deutsche Vaterland wieder popu-
Opferbereitschaft für das Vaterland zu vereidi- lärer gemacht wird.
gen – weil unterstellt wird, dass das Gewissen Der dritte Haupttext hat bisherige filmische
genau das fordere. Gerade jetzt, wo die Bundes- Darstellungen der Ereignisse vom 20. Juli und
6 Fragwürdige Traditionslinien Einleitung

Stauffenberg zum Thema, schließlich ist Bry- mungen Heldenerzählungen über Stauffenberg
an Singer, der Regisseur von Valkyrie, nicht an, die ihn für – vermeintlich moralisch ein-
der Erste, der diesen historischen Stoff verfilmt. wandfreie – militaristische und nationalistische
Der 20. Juli 944 ist in der Bundesrepublik we- Diskurse anschlussfähig machen. Trailer lassen
gen der Bedeutung des militärischen Wider- vermuten, dass auch der aktuelle Film Valky-
stands für das deutsche Selbstverständnis oft rie von Tom Cruise eine unkritische Heldenge-
verfilmt worden. In den fünfziger Jahren hal- schichte erzählt, die von Bryan Singer, ähnlich
fen die Verfilmungen mit bei der Umdeutung wie bei seinen früheren Superheldenfilmen, ge-
der Attentäter von „Vaterlandsverrätern“ zu konnt in Szene gesetzt wird.
Helden. Bis zur heutigen Zeit bieten die Verfil-
Geschichte des Attentats Fragwürdige Traditionslinien 7

Eine Frage der Ehre?


Motive und Weltbild der Attentäter vom 20. Juli 1944
Aus den Ereignissen des 20. Juli 944 lässt sich leicht eine Heldengeschichte schrei-
ben. Der Ablauf dieses Tages wurde von HistorikerInnen, und AutorInnen der
Medien-, Film- und Infotainmentbranchen minutiös rekonstruiert. Die aufgeregte-
ren und interessanteren Debatten werden allerdings um die Motive der Attentäter
und Verschwörer geführt. Das Bild der Offiziere vom 20. Juli entsprach dabei lange
dem Bild des ‚sauberen Offiziers der Wehrmacht‘, der politisch weder informiert
noch engagiert gewesen sei. Aber es lässt sich längst belegen, dass diejenigen, die
den Kopf Hitlers forderten, selbst Anhänger nationalsozialistischer Ideen waren:
Antisemiten, Antibolschewisten und Völkisch-Nationale. Vor und nach dem be-
rühmt-berüchtigten ‚Entschluss‘ zum Attentat strebten sie die Rettung und Erneu-
erung Deutschlands an; ein Ziel, das niemanden zur moralischen Überlegenheit
führt und über das keineswegs Einigkeit unterstellt werden kann.

I
n der Geschichtsschreibung zum 20. Juli 944 motiviert. Es galt der Rettung Deutschlands. 1 Hermann Foertsch, Der Offi-
wird in der Regel nicht zwischen militäri- Dies war eines der politischen Ziele, die die At- zier der deutschen Wehrmacht
– eine Pflichtenlehre, Berlin
schem und konservativem Widerstand gegen tentäter zuvor mit der NS-Bewegung verknüpft 7
1942, S. 27.
das NS-Regime unterschieden. Ersteres ist eine hatten. Durch verschiedene Ereignisse während
Berufsbezeichnung, letzteres bezieht sich auf des Krieges fühlten sie diese Ziele verraten. Sie
eine politische Weltanschauung. sahen aber keineswegs die Notwendigkeit, sie
Obwohl daher die Ansicht weit verbreitet ist, aufzugeben.
dass die Akteure des 20. Juli Militärs (oder eng
mit dem Militär Verbundene) und gleichzeitig Die Politik der Verschwörer vor ihrer
Konservative waren, setzte sich in den ersten Entpolitisierung
Jahrzehnten der Erforschung des 20. Juli eine
auffällig entpolitisierte Sicht durch, die dem Die Verteidigung der Landesgrenzen ist in
Selbstbild der im Nationalsozialismus dienen- der bürgerlichen Gesellschaft eine Spezialauf-
den Offiziere weitgehend entsprach. Diesem gabe, die einem besonderem Berufszweig über-
Bild gemäß waren die Widerständler des 20. lassen wird: dem Militär. Die Aufgaben der all-
Juli wie alle Wehrmachtsoffiziere reine Fachleu- gemeinen Regierung und der Kriegsführung
te. Für ihre politische Haltung und Handlung sind getrennt worden. Diese Situation haben
bleibt allein das entsprechende Gewissen des hohe Militärs, die Generäle und Generalstäb-
Spezialisten verantwortlich, nicht die politische ler nicht verkannt, sie sprachen vom ‚unpoli-
Orientierung. Dieses Bild hat sich zwar in den tischen Soldaten‘ (General von Seeckt). Nach
letzten Jahren gewandelt, ist aber nach wie vor 945 kam die Einschätzung des Militärs als
durch alte, fragwürdige Interpretationen ge- ‚entpolitisiertes Spezialistentum‘ ehemaligen
prägt. Immerhin ist das beinahe inhaltsleere Wehrmachtsmitgliedern und ihren hochran-
Label Konservatismus einer kritischen Prüfung gigen Offizieren direkt zu Gute. In den schon
unterzogen worden, vor allem aber wurde be- bald erscheinenden Artikeln, Aufsätzen und
gonnen, den Antisemitismus der Verschwörer Büchern vertraten die Offiziere der Wehrmacht
zu untersuchen, ihre antibolschewistischen und beinahe einhellig folgende Einschätzung ihres
antislawischen Ressentiments, sowie ihre bei- eigenen Handelns: Der Soldat ist generell und
pflichtenden Stimmen im sogenannten Weltan- zuallererst an den soldatischen Eid gebunden.
schauungskrieg des NS-Regimes. Er hat seinem Oberbefehlshaber in allen Fällen
Das Attentat vom 20. Juli war nicht primär zu gehorchen. Der Eid ist nicht „anonyme Ver-
antifaschistisch oder antinationalsozialistisch fassung, leerer Begriff, auslegungsfähige For-
8 Fragwürdige Traditionslinien Geschichte des Attentats

2 Vgl. u.a. Helmut Friebe, mel“¹, sondern ein persönliches Treuegelöb- telalterlicher Ständegesellschaft nur sehr wenig
Gutachten über die Stellung nis auf den Führer. Seit dem Tod Hindenburgs zu tun.
des Offizierskorps zum 20.
Juli 1944, in: Herbert Kraus 934 wurde die Wehrmacht auf Adolf Hitler als Zum Weltbild der sogenannten neuen Rech-
(Hg.), Die im Braunschweiger ‚Führer und Reichskanzler‘ und Oberbefehls- ten⁵ gehörte es, dass sie ihre Begriffe und Aus-
Remerprozeß erstatteten haber vereidigt, ihn zu töten stellt also eindeu- sagen möglichst vage halten, mitunter auch
moraltheologischen und
historischen Gutachten tig einen Eidbruch dar. Hält sich nun der Soldat ihren Texten eine chaotische Struktur und
nebst Urteil, Hamburg 1953, an diesen Eid – unter der Prämisse der Spezia- Sprunghaftigkeit geben, auch um damit vielen
S. 83–103, bes. S. 92f; Adolf lisierung seines Kriegshandwerkes und also der Differenzierungen und Schattierungen inner-
Heusinger, Befehl im Wider-
streit – Schicksalsstunden der Unwissenheit über größere politische Zusam- halb der Bewegung Raum lassen. Dennoch las-
deutschen Armee, Tübingen/ menhänge seines Tuns – so kann ihm auch kein sen sich zwei wesentliche Elemente festhalten:
Stuttgart 1950, S. 385–388; moralischer Vorwurf gemacht werden. . Die Weltgesellschaft ist durch einen andau-
Ulrich de Maizière, Bundes-
wehr und 20. Juli 1944, in: Vor diesem Hintergrund ist der Eidbruch ernden Kampf der Völker und Kulturen gegen-
Max Horst (Hg.), Soldatentum des 20. Juli ein Zeugnis des Denkens und des einander gekennzeichnet, der sich beliebig vom
und Kultur – Festschrift zum Gewissens, das auf eine Ausnahmesituation Hegemonialkampf zum Daseinskampf steigern
70. Geburtstag von Hans Spei-
del, Berlin 1967, S. 178–184; reagiert (denn der Eidbruch darf nicht die lässt. Die Völker können, müssen aber nicht
Axel von dem Bussche, Eid Norm werden). Das NS-Regime war verbreche- dabei rassistisch konnotiert werden, wobei
und Schuld, in: Göttinger risch geworden und hatte sich damit selbst die mindestens Deutsche, Russen und Juden zum
Universitäts-Zeitung Nr. 7 vom
7. März 1947, Jg. 2, S. 1–3 und Grundlagen des Eides entzogen. Wer das nicht festen Repertoire des völkischen Denkens ge-
allgemein Detlef Bald, Der durchschaute und also keinen Widerstand leis- hören. 2. Das Volk selbst, auch das deutsche hat
deutsche Offizier – Sozial- tete, handelte nach wie vor rechtmäßig und mo- dabei keine klaren Konturen aufzuweisen, es ist
und Bildungsgeschichte des
deutschen Offizierkorps im 20. ralisch korrekt, wer sich aber zum Staatsstreich vielmehr geprägt durch das Verhältnis von (eli-
Jahrhundert, München 1982. entschied, konnte sich ein überlegenes Gewis- tärer) Führung und (vermasster) Gefolgschaft.
3 Hans Rothfels, Die deutsche sen und eine überlegene Moral zuschreiben.² Die Führung schützt dabei einen immer wieder
Opposition gegen Hitler – eine
Würdigung, Zürich 1994 (e.A. Diese entpolitisierende Betrachtungsweise neu auslegbaren Willen des Volkes beziehungs-
1949), S. 138. wird aber den Akteuren nicht gerecht, da sie weise der Gefolgschaft und sichert damit vor
4 Vgl. Andreas Hillgruber, wesentliche Elemente ihres Weltbildes unter- allem die ‚Volksgemeinschaft‘ vor ‚artfremden
Deutsche Großmacht- und
Weltpolitik im 19. und 20. schlägt. Immerhin gab auch der umstrittene Elementen‘ (nach außen und innen).⁶ In diesem
Jahrhundert (bes. Kap. 4, 8, 9, Historiker Hans Rothfels zu, „das Prinzip der Zusammenhang wird der politischen Organisa-
14 und 17), Düsseldorf 1977; Absage an politische Tätigkeit konnte je nach tion der Gesellschaft in Interessengruppen und
Klaus-Jürgen Müller, Armee
und Drittes Reich. Versuch der Situation sehr verschiedenartige Inhalte de- Parteien und dem politischen Kompromiss der
einer historischen Interpreta- cken.“³ Aber in welcher Situation waren welche Interessen (ausgehend vom gleichen Wahlrecht
tion, in: ders., Armee, Politik Inhalte maßgeblich für die Offiziere? Wo lie- der Bürger und den anschließenden parlamen-
und Gesellschaft in Deutsch-
land 1933–1945 – Studien gen Gemeinsamkeiten zwischen der Ideologie tarischen Verhandlungen) eine Absage erteilt.
zum Verhältnis von Armee der Militärelite beziehungsweise des Offiziers- Der Grundsatz ‚Regierung schützt das Volk‘
und NS-System, Paderborn korps und der NS-Bewegung (auch als sie Staat steht über einem Rechtsstaat der Unabhängig-
41986, S. 11–50 und als
ausgewählte Quelle Ludwig geworden war), und wo liegen die Gründe für keit der Gerichte und der angeblichen Anony-
Beck / Carl F. Goerdeler, Das eine Abspaltung und die Entscheidung zum At- mität gewählter Regierungen.
Ziel [Denkschrift von 1941], tentat auf Hitler? Es bleibt festzuhalten, dass dies nicht reine
in: Bodo Scheurig (Hg.), Deut-
scher Widerstand 1938–1945 Klar und in der Forschung mittlerweile nicht Kopfprodukte waren, sondern Reaktionen auf
– Fortschritt oder Reaktion?, mehr bestritten ist der Konsens zwischen Mi- die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung
München 1969, S. 53–129. litär und NS-Bewegung, was konkrete politi- darstellten. Sie wurden noch verstärkt in der
5 In der Forschung gibt es eine
ganze Reihe von Namen für sche Ziele betrifft. Gemeint sind Forderungen Krise in Deutschland von 98/9, die auch die
die entsprechenden politi- nach der Revision von Versailles (einschließ- für die Verwaltung auserkorenen Akademiker
schen Bewegungen: Neo-Na- lich der Abschaffung der Weimarer Republik), und den für die Rekrutierung von Offizieren
tionalismus, völkischer Natio-
nalismus, Neo-Konservatismus der (Rück-)Eroberung von ‚deutschem Lebens- so wichtigen Adel und das Militär selbst traf.
usw. Der Einfachheit halber raum im Osten‘, die Wiederaufrüstung und Stets wiederkehrende ökonomische Krisen und
soll es hier beim Ausdruck ganz allgemein die Sicherung einer (imperial der verlorene Krieg brachten eine schon 94
‚neue Rechte‘ bleiben. Vgl.
grundlegend Kurt Sontheimer, gestalteten) Weltmachtstellung Deutschlands. an deutschem, imperialem Großmachtstreben
Antidemokratisches Denken Dazu gehören weiterhin ein mehr oder minder orientierte Rechte zu einer verstärkten Nut-
in der Weimarer Republik, radikaler Antikommunismus, Antislawismus zung (internationaler) Kampfesmythen und
München 41994 (e.A. 1962);
Stefan Breuer, Grundpositio- und Antisemitismus.⁴ Darüber hinaus ist aber politischer Gewalt.⁷ So konnten Militär und
nen der deutschen Rechten spätestens seit dem verlorenen ersten Weltkrieg NS-Bewegung (sowie ihre Vorläufer) als soziale
(1871–1945), Tübingen 1999; eine grundsätzliche Affinität des Weltbildes der Milieus an einem Strang ziehen, obwohl man-
Geoff Eley, Reshaping the
German Right – Radical Nati- hohen Offiziere in der deutschen Armee zu na- che Offiziere nur zeitweise mit der Politik der
onalism and Political Change tionalistisch-völkischem Gedankengut festzu- NSDAP vollständig einverstanden waren.
after Bismarck, Ann Arbor stellen. Dieses festigt sich gegen Ende des 9. Auch diejenigen Militärs, die später das At-
1994 (e.A. New Haven 1980);
Georg L. Mosse, Die völkische und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und hatte tentat auf Hitler planten und durchführten, ha-
Revolution – Über die geis- mit der Restaurierung von Monarchie und mit- ben die Installierung des NS-Regimes und die
Geschichte des Attentats Fragwürdige Traditionslinien 9

‚nationale Revolution‘ begrüßt. Sie unterstütz- ‚Getriebenen‘ erklärt, „zutiefst unsichere und tigen Wurzeln des National-
ten das Ende des Weimarer Parteienstaates, das unselbständige Charaktere, die an gar nichts sozialismus, Frankfurt a.M.
1991 (Orig. 1964) und Stephan
der Stärke der linken Parteien und das der bür- glaubten.“¹⁰ Malinowski, Vom König zum
gerlichen Judenemanzipation. Dazu gehörten Im Gegenteil hat die Forschung aber seit den Führer – Deutscher Adel und
unter anderen General Beck und Claus Schenk achtziger Jahren herausgearbeitet, dass die (hö- Nationalsozialismus, Frankfurt
a.M. 2004 (e.A. 2003).
Graf von Stauffenberg, sowie Henning von Tre- heren) Offiziere der Wehrmacht an die Notwen- 6 Vgl. exemplarisch Ernst
sckow und Generalmajor Oster.⁸ Die Abspal- digkeit eines Weltanschauungskrieges glaub- Forsthoff, Der totale Staat,
tung vom Nationalsozialismus erfolgte im Kern ten. Sie gingen von einem ‚Daseinskampf der Hamburg 21934; Ulrich Scheu-
ner, Der Gleichheitsgedanke
aus zwei Gründen: Zweifel erhoben sich zum Völker‘ aus, in dem die Deutschen dazu beru- in der völkischen Verfassungs-
einen wegen der Praxis der nationalsozialisti- fen seien, den russischen und stets auch als ‚jü- ordnung, in: Zeitschrift für
schen antijüdischen Politik (siehe Teil 2) und disch‘ bezeichneten Bolschewismus zu vernich- die gesamte Staatswissen-
schaft 99 (1939), S. 245–278;
zum anderen wegen der Kriegsführung (sie- ten – und zwar buchstäblich einschließlich der Peter Hoffmann, Widerstand,
he Teil 3). Diese Zweifel wurden nach den ers- Ermordung seiner ‚Träger‘. Vor diesem Hinter- Staatsstreich, Attentat – Der
ten Wochen des Krieges gegen die Sowjetuni- grund sind der berühmte Kommissarbefehl zur Kampf der Opposition Gegen
Hitler, München 1969, S. 234–
on und besonders im Zusammenhang mit dem Ermordung der politischen Kommissare der 247 und Beck / Goerdeler, Das
drohenden Scheitern des militärischen Über- Roten Armee, der Erlass zur Kriegsgerichts- Ziel, S. 52–55, S. 99–101 und
falls relevant. barkeit, der Befehl zur „Regelung des Einsatzes S. 112f.
7 Vgl. dazu Malinowski, Vom
der Sicherheitspolizei und des SD im Verban- König zum Führer (bes. Teile III
Weltanschauungskrieg und Shoah – zur de des Heeres“ vom 28. April 94 und schließ- bis V) und Detlev Peukert, Die
Beteiligung der Verschwörer vom 20. Juli lich die vom Oberkommando der Wehrmacht Weimarer Republik – Krisen-
jahre der klassischen Moder-
formulierten „Richtlinien für das Verhalten ne, Frankfurt a.M. 1987.
In der deutschen Geschichtsschreibung hielt der Truppe in Russland“ zu beurteilen.¹¹ Die 8 Vgl. Hans Mommsen,
sich hartnäckig der Mythos, dass die Attentäter Wehrmacht übernahm während des Vormar- Verfassungs- und Verwal-
tungsreformpläne der
vom 20. Juli sich von Beginn an der Vernich- sches und in ihren Besatzungsgebieten in der Widerstandsgruppen des
tungspolitik des Nationalsozialismus verwei- Sowjetunion folgende Aufgaben: die Erfassung 20. Juni 1944, in: Jürgen
gert hätten, ja sogar versucht hätten, Jüdin- der jüdischen Bevölkerung, die Auswahl der Schmädeke / Peter Steinbach
(Hg.), Der Widerstand gegen
nen und Juden vor der Ermordung zu retten. Opfer unter den Kriegsgefangenen der Roten den Nationalsozialismus – Die
Er gehört sicherlich auch zur Legende von der Armee, die logistische Unterstützung der Ein- deutsche Gesellschaft und
‚sauberen Wehrmacht‘, die entweder von den satzgruppen und die sogenannte Banden- und der Widerstand gegen Hitler,
München 21986, S. 570–598,
Verbrechen der SS und ähnlicher Mordkom- Partisanenbekämpfung, die sich in erster Linie bes. S. 571–573; Kurt Finker,
mandos (hinter ihrem Rücken) nichts gewusst, gegen die (flüchtende) Zivilbevölkerung in der Stauffenberg und der 20. Juli
oder diese mit Schrecken erkannt und zu ver- SU richtete. Jene Einsatzgruppen übernahmen 1944, Berlin 51975, S. 67–76
und Eberhard Zeller, Geist
hindern gesucht hätte. Dabei wurden auch in möglichst frontnah die Übernahme der von der der Freiheit – der zwanzigste
der Erinnerungsliteratur der Offiziere die Er- Wehrmacht erfassten Opfer und deren Erschie- Juli, München 41963 (Orig.
lebnisse einzelner Erschießungsaktionen her- ßung. Sie waren den einzelnen Heeresgruppen 1950/51), S. 240f.
9 Vgl. Fabian von Schlabren-
vorgehoben, als ob die Pläne zur Ermordung im Angriffskrieg zugeordnet und unterstanden dorff, Offiziere gegen Hitler,
der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetuni- dem SD beziehungsweise dem ‚Reichssicher- Frankfurt a.M. / Hamburg
on nicht bereits vor dem 22. Juni 94 (Tag des heitshauptamt‘, zu dieser Zeit noch unter der 1959 (e.A. Zürich 1946),
S. 61–64; Bussche, Eid und
Kriegsbeginns gegen die SU) bekannt gewesen Leitung von Reinhard Heydrich. Allein wäh- Schuld, S. 2 und auch beispiel-
wären.⁹ Die Wehrmacht hätte nur sauber sein rend der ersten Monate (bis April 942) die- haft für die Historiographie
können, wenn sie vom Vernichtungskrieg und ses ‚Feldzuges‘ wurden rund 500.000 Jüdinnen Walter Görlitz, Der deutsche
Generalstab – Geschichte und
allgemein der Vernichtungspolitik nichts ge- und Juden ermordet. Gestalt 1657–1945, Frank-
wusst hätte und erst durch die Realität der Er- Wichtige Namen des militärischen Wider- furt a.M. [1950], S. 556f. Zu
schießungen auf sie gestoßen worden wäre. Das standskreises fallen immer wieder in diesen Zu- Henning von Tresckow vgl.
Gerd Ueberschär, Stauffenberg
setzt voraus, dass die betreffenden Offiziere die sammenhängen: Carl-Heinrich von Stülpnagel, und das Attentat vom 20. Juli
Vernichtung der Jüdinnen und Juden weder ge- Kommandeur der 7. Armee; Erich Hoepner, – Darstellung, Biographien,
wollt noch davon gewusst hätten und auch an Kommandeur der Panzergruppe 4 (Heeres- Dokumente, Frankfurt a.M.
2006, S. 94.
ihr nicht beteiligt, sondern nur im Extremfall gruppe Mitte); Henning von Tresckow, Offi- 10 Konstantin Sakkas, Rez.
als vermeintlich bestürzte Beobachter anwe- zier im Stab der Heeresgruppe Mitte (wie auch „Ziehen Sie die Vorhänge
send gewesen wären. Die Schilderung solcher Rudolf-Christoph von Gersdorff) und Fabian zu“ – Neue Studien über die
Verbrechen der Wehrmacht
Erlebnisse hob dann ganz besonders die Nicht- von Schlabrendorff, Tresckows Ordonnanzoffi- zeigen die deutschen Heerfüh-
beteiligung der Betreffenden an den Vernich- zier. Besonders die ersten beiden fielen durch rer als willenlose Vollstrecker
tungsaktionen hervor. ihren Antisemitismus und ihre aktive Unter- der Unmenschlichkeit, Der
Tagesspiegel vom 5. Dezember
Der Mythos ,saubere Wehrmacht‘ braucht stützung des Vernichtungskrieges im Osten auf 2007.
zudem die bereits erwähnte und eine gut funk- und hingen offensichtlich dem nationalsozia- 11 Vgl. grundsätzlich Wolfram
tionierende Entpolitisierung der Generäle und listischen Feindbild des jüdischen Bolschewis- Wette, Die Wehrmacht
– Feindbilder, Vernichtungs-
übrigen Offiziere. Sie werden zu ‚gefügigen mus an.¹² Die drei Letzteren waren stets durch krieg, Legenden (Teile II und
Werkzeugen Hitlers‘ und noch im Jahr 2007 zu die Berichte der Einsatzgruppe B (Chef: Arthur III), Frankfurt a.M. 2002;
10 Fragwürdige Traditionslinien Geschichte des Attentats

Johannes Hürter, Hitlers Nebe) über deren Mordtaten informiert, und ren, wird kaum endgültig zu klären sein. Johan-
Heerführer – Die Deutschen besonders Tresckow hat auf die Wichtigkeit der nes Hürter jedoch betont, dass diese Dynamik
Oberbefehlshaber im Krieg
gegen die Sowjetunion so genannten ‚Partisanenbekämpfung‘ hinge- der Morde und ihre partielle Ablehnung in der
1941/42, München 2006, wiesen.¹³ Die Erschießung von ZivilistInnen Armee einhergeht mit der drohenden Kriegs-
S. 235–265 und S. 517–535; auf den vagen und durch Feindbilder geprägten niederlage, insbesondere dem Scheitern der
Gerd Robel, Sowjetunion,
in: Wolfgang Benz (Hg.), Verdacht der Gefährlichkeit hin erschien die- Offensive in Richtung Moskau. Das bedeutet,
Dimension des Völkermords sen Widerständlern also keineswegs abwegig. dass sich moralische Bedenken, die Sorge um
– Die Zahl der jüdischen Opfer Auch diejenigen Offiziere, die im Oberkom- das Ansehen und den Fortbestand Deutsch-
des Nationalsozialismus,
München (dtv) 1996 (e.A. mando des Heeres die umfassendere Planung lands und damit um die Verwirklichung der
1996), S. 499–560 und Raul des Krieges besorgten – oder die sich, wie Ge- ursprünglichen politischen Ziele (der Militärs)
Hilberg, Die Vernichtung der neral Beck, selbst davon zurückgezogen haben bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander ver-
europäischen Juden (Teil VII),
Frankfurt a.M. 91999 (Orig. – wollten eine Rücknahme der Emanzipati- mischten.¹⁸
1961). Für die Dokumente vgl. on der Jüdinnen und Juden. Diese wurden als
Gerd Ueberschär / Wolfram „Fremdbürger in Deutschland“ betrachtet und Der Krieg und Stauffenbergs ‚Tatkraft‘
Wette (Hg.), „Unternehmen
Barbarossa“ Der deutsche sollten bestenfalls Staatsbürger zweiter Klas-
Überfall auf die Sowjetunion se bleiben, besser noch auswandern. Auch die Nationalistische und außenpolitische Mo-
1941 – Berichte, Analysen, „Frage der Rassenvermischung muß stets dem mente dürften auch beim zweiten Hauptmotiv
Dokumente, Paderborn 1984,
bes. S. 302–318. gesunden Sinn des Volkes überlassen werden“, der Verschwörer die entscheidende Rolle ge-
12 Vgl. Hürter, Hitlers Heerfüh- gern gesehen waren Beziehungen zwischen Ju- spielt haben: der Kriegspolitik des NS-Regimes.
rer, S. 570–73 und S. 219f. den und Nicht-Juden also nicht.¹⁴ Es ging den Akteuren dabei nicht um pazifis-
13 Vgl. Hürter, Hitlers Heerfüh-
rer, S. 522–526 und Christian Es gibt zwei Möglichkeiten, warum diesen tische Überlegungen, um die Vermeidung von
Gerlach, Hitlergegner bei der Antisemiten die Vernichtungspolitik des Re- Krieg überhaupt oder gar seiner Opfer. Viel-
Heeresgruppe Mitte und die gimes ‚zu weit‘ gehen konnte. Zum einen konn- mehr ging es um die Rettung Deutschlands
„verbrecherischen Befehle“,
in: Gerd Ueberschär (Hg.), NS- te es den Auffassungen von soldatischer Ehre und des Deutschen Reiches vor der drohenden
Verbrechen und der militäri- widersprechen, Frauen und Kinder massen- Kriegsniederlage und der Zerstörung ange-
sche Widerstand gegen Hitler, weise zu erschießen. Als im Oktober 94 die sichts der ‚unconditional surrender‘-Vorausset-
Darmstadt 2000, S. 62–76.
Dazu grundlegend Timm Erschießungsaktionen in der besetzten Sowje- zung der alliierten Kriegsführung (festgelegt in
Richter, „Herrenmensch“ und tunion auf diese Menschen systematisch ausge- der Atlantik-Charta vom August 94).¹⁹ In die-
„Bandit“ Deutsche Kriegsfüh- weitet wurden, sahen einige der Offiziere eine sem Zusammenhang ist auch die starke Kon-
rung und Besatzungspolitik
als Kontext des sowjetischen Grenze überschritten und lehnten diese Poli- zentration der Attentäter auf die Person Hitlers
Partisanenkrieges (1941–44), tik ab. Denn so wollten sie ‚Daseinskampf ‘ und erklärbar, der für die falsche Kriegsführung in
Münster 1998. Vernichtung des ‚Gegners des deutschen Volkes‘ diesem totalen Krieg verantwortlich gemacht
14 Vgl. Beck / Geordeler, Das Ziel,
S. 75–77, Zitate S. 75f. doch nicht verstanden wissen.¹⁵ Zum anderen wurde. Hitler habe, so Beck und andere, die
15 Für diese Interpretation liefert gehörten Sorgen um die Zukunft Deutschlands Möglichkeiten Deutschlands und seiner Geg-
besonders Johannes Hürter Ar- zu den Motiven der Ablehnung der Vernich- ner falsch eingeschätzt. Im totalen Krieg sind
gumente. Vgl. Hürter, Hitlers
Heerführer, S. 558–567. tungspolitik. Sie wurde als ‚Hypothek‘ für das nicht nur Armeen, sondern die gesamte Bevöl-
16 Carl Goerdeler, Denkschrift Ansehen Deutschlands begriffen, weniger als kerung, ihre Versorgungslage und Wirtschafts-
für die Generalität vom 26. Problem für die Opfer. So schrieb Carl Goerde- leistung involviert, und all diese Faktoren habe
März 1943, in: Bundeszentrale
für Heimatdienst Bonn (Hg.), ler in bezeichnender Weise: „Unsere Stellung ist Hitler in zunehmendem Maße ignoriert.²⁰
20. Juli 1944 – Ein Drama des überdies dadurch ungeheuer erschwert, daß in Wichtiger noch sind wiederum die poli-
Gewissens und der Geschichte. den besetzten Gebieten und den Juden gegen- tischen Ziele, die hinter dem Attentat liegen,
Dokumente und Berichte,
Freiburg u.a. 1961, S. 55–75, über Methoden der Menschenbeseitigung und besonders bei Stauffenberg. Er ging bis zu-
Zitat: S. 67. der Glaubensverfolgung angewendet worden letzt von einem Verhandlungsfrieden mit den
17 Goerdeler, Gedanken eines sind, die niemand vor der Öffentlichkeit guthei- Westalliierten aus, um den Krieg gegen die So-
zum Tode Verurteilten über
die deutsche Zukunft, in: ßen kann, die öffentlich niemand verantworten wjetunion fortzuführen. Dafür stellte er auch
ders., Politische Schriften wird und die dauernd als schwere Belastung Verhandlungsbedingungen auf, unter anderem:
und Briefe Carl Friedrich auf unserer Geschichte ruhen werden.“¹⁶ Auch „Aufgabe der Invasionspläne“, dauernde „Ver-
Goerdelers (ed. Gillmann /
Mommsen), Bd. 2, München 944, nach dem misslungenen Attentat, repro- teidigungsfähigkeit im Osten“ und die „Selbst-
2003, S. 1148–1189, Zitat: duzierte er noch antisemitische Stereotype: abrechnung mit Verbrechern am Volk“²¹. Es
S. 1185. „Wir dürfen nicht bemänteln wollen, was ge- sollten auch die Reichsgrenzen von 94 im Os-
18 Vgl. Christof Dipper, Der
Widerstand und die Juden, in: schehen ist, müssen aber auch die große Schuld ten und das ‚Sudetengebiet‘ erhalten werden,
Schmädeke / Steinbach (Hg.), der Juden betonen, die in unser öffentliches Le- das heißt einige Kriegsziele des Nationalsozia-
Widerstand gegen den Natio- ben eingebrochen waren in Formen, die jeder lismus teilte Stauffenberg bis zum Schluss.
nalsozialismus, S. 598–616.
19 Vgl. Manfred Messerschmidt, gebotenen Zurückhaltung entbehrten.“¹⁷ Darüber hinaus galt Stauffenberg seine ei-
Motivationen der nationalkon- Ob die Motive der ‚soldatischen Ehre‘ und gene Tat als Akt zur Rettung des ‚Reiches‘ und
servativen Opposition und des damit einer Moral oder aber nationalistisch- des ‚Volkes‘, dem eine falsche Führung gege-
militärischen Widerstandes
seit dem Frankreich-Feldzug, außenpolitische Motive entscheidend für die ben worden war. „Der erfolgreiche Kampf ge-
in: Klaus-Jürgen Müller (Hg.), Umorientierung der Offiziere zum Attentat wa- gen den Nationalsozialismus und seine fana-
Geschichte des Attentats Fragwürdige Traditionslinien 11

tischen Theorien und Ziele, also der Weg zur berg die Chance gekommen, als er zum Rap- Der deutsche Widerstand
Erhaltung des Volkes geht nur über die Besei- port in die Wolfsschanze nach Ostpreußen 1933–1945, Paderborn u.a.
2
1990, S. 60–78 und Hans
tigung der Person Hitlers und dessen, was ihn befohlen wurde. Die Vorgehensweise war recht Mommsen, Die Stellung der
umgibt.“²² Die Unterstützung des Nationalso- genau ausgeklügelt: Nach Hitlers Tod wollten Militäropposition im Rahmen
zialismus erfolgte im Rahmen der Suche nach die Militärs das Attentat der SS zuschreiben, der deutschen Widerstands-
bewegung gegen Hitler, in:
Verwirklichung völkischer Ideen, der Erneu- so dass sie die sogenannte Operation Walkü- Ueberschär (Hg.), NS-Ver-
erung Deutschlands und der Erwartung eines re auslösen könnten, die ursprünglich ein vom brechen und der militärische
,neuen Reiches‘. Dies waren Elemente des Welt- Oberkommando ausgearbeiteter Plan zur Auf- Widerstand gegen Hitler,
S. 119–134.
bildes des Dichters Stefan Georges, mit dem standsbekämpfung im Inneren war. Nach Um- 20 Vgl. für die grundsätzliche
Stauffenberg und sein Bruder schon seit 924 arbeitung dieses Planes sollten von Teilen der Einschätzung von Krieg Claus
in enger Verbindung standen. Auch seine Ideen Wehrmacht, insbesondere dem in Deutschland Schenk Graf von Stauffenberg,
Gedanken zur Abwehr feind-
zielten gegen den Parteienstaat (Weimarer Prä- stationierten Ersatzheer, die Regierungsgebäu- licher Fallschirmeinheiten im
gung) und die Demokratie und standen für die de, die SS-Einrichtungen und auch die Konzen- Heimatgebiet, in: Wissen und
Bildung einer Volksgemeinschaft unter einheit- trationslager besetzt und die wichtigsten natio- Wehr. Monatsschrift der Deut-
schen Gesellschaft für Wehrpo-
licher Führung.²³ nalsozialistischen Entscheidungsträger in Haft litik und Wehrwissenschaften
Bestätigt wird das durch die über lange Zeit genommen werden. Anschließend sollte eine 19 (1938), S. 459–476 und für
hinweg einzige Quelle über Stauffenbergs po- neue Regierung installiert, eine Regierungser- die Kritik an Hitlers Kriegs-
führung Beck / Goerdeler,
litische Haltung, den Bericht seines Freundes klärung abgegeben und damit ein neues Über- Der Weg [1944], in: Scheurig
Rudolf Fahrner.²⁴ Für Stauffenberg und die gangsregime geschaffen werden. (Hg.), Deutscher Widerstand,
mit ihm befreundeten Attentäter bestand Po- Nachdem die von Stauffenberg gezündete S. 217–277, bes. S. 266–275.
21 Stauffenberg, ‚Bedingungen
litik in der ‚Entfaltung der Volkskräfte‘, dem Bombe aber Hitler nicht tötete und auch keine mit der Feindseite zu ver-
‚Ausgleich von Freiheit und Rangordnung‘ und Nachricht über Hitlers Tod nach Berlin gelang- handeln‘, in: Scheurig (Hg.),
der Verlässlichkeit von nicht amtsgebundenen te, bis Stauffenberg dort nach Stunden eintraf, Deutscher Widerstand, S. 277f.
22 Eine Äußerung Stauffenbergs
Personen für die ‚führend Tätigen‘.²⁵ Diesen wurde von den Verschwörern auch Walküre gegenüber General Kuhn nach
Sinn von ‚Führung‘ und ‚Volk‘ legt Fahrner in nicht ausgelöst. Stauffenbergs anschließender dessen Bericht, der in russi-
seinem Gneisenau-Buch dem General in den Tatendrang wurde recht bald von Gegenbefeh- schen Archiven aufgefunden
wurde. Vgl. Neue Quellen zur
Mund, indem er ihn den preußischen König len aus der Wolfsschanze und regimetreuen Of- Geschichte des 20. Juli 1944
zum Krieg überreden lässt: Wenn eure Majes- fizieren in der Wehrmacht gestoppt. Noch am aus dem Archiv des Födera-
tät ihren „Zauber anwenden wollten, um Ihren gleichen Tag wurden die Verschwörung auf- len Sicherheitsdienstes der
Russischen Föderation (FSB).
Thron, Ihren Staat, Ihre Kinder dem Schutz des gedeckt und Stauffenberg, sowie seine engsten „Eigenhändige Aussagen“ von
Volkes zu empfehlen, Sie würden Wunder tun Mitarbeiter, standrechtlich erschossen. Major i.G. Joachim Kuhn. Kom-
und schlummernde Kräfte entwickeln, worüber Die Diskussion darüber, warum das Attentat mentiert von Boris Chavkin
und Aleksandr Kalganov, S. 8.
die Welt erstaunen sollte. Es sind nicht immer und Walküre scheiterten, gelangt immer wie- Zu finden unter: http://
die stehenden Heere gewesen, die Throne und der zu dem Punkt, warum so viele Offiziere der www1.ku-eichstaett.de/
Staaten gerettet haben, häufig war es die Liebe Wehrmacht sich nicht an dem Umsturz betei- ZIMOS/Netzwerk/Dateien/
ChavkinKuhn.pdf, Zugriff:
eines für seinen Herrscher begeisterten Vol- ligten. Abgesehen von den (vielen) handfesten 27.10.2008.
kes.“²⁶ Nationalsozialisten sind damit vor allem die 23 Vgl. Steven Krolak, Der Weg
Sollte das die geteilte Gedankenwelt von angeblich Wankenden gemeint, beispielswei- zum Neuen Reich: Die politi-
schen Vorstellungen von Claus
Stauffenberg und seinen Freunden gewe- se Generaloberst Fritz Fromm (Befehlshaber Stauffenberg – Ein Beitrag
sen sein, ist die Logik des Attentats vom 20. des Ersatzheeres) und General von Witzleben zur Geistesgeschichte des
Juli nachvollziehbar. Hitler war zu beseiti- (nach dem Sturz als Oberbefehlshaber des Hee- deutschen Widerstandes, in:
Schmädeke / Steinbach (Hg.),
gen, weil er die Hoffnungen auf ein ‚neues res vorgesehen). Diese und ähnliche Figuren Widerstand gegen den Nati-
Reich‘ enttäuschte und die internationale Po- sollen zwischen Regimeablehnung und Eidver- onalsozialismus, S. 546–559
sition Deutschlands mitsamt seiner Verhand- pflichtung geschwankt haben.²⁷ und Manfred Riedel, Geheimes
Deutschland – Stefan George
lungschancen geschwächt hätte. Der Kriegs- Es wurde gezeigt, dass diese Sicht aus den und die Brüder Stauffenberg,
verlauf und die Verbrechen gehören in diesen Nachkriegskonstruktionen der hohen Offiziere Köln u.a. 2006, bes. S. 176–
Kontext – nur fand die Rettung Deutschlands selbst resultiert, die damit in erster Linie eine 188.
24 Dieser befindet sich im Privat-
erst einige Zeit nach dem Krieg die gewünschte Strategie der Schuldentlastung verfolgten. Die besitz von E. Zeller und wurde
Beachtung (siehe folgenden Artikel). Soldaten und Offiziere der Wehrmacht trifft m.W. noch nicht als eigenstän-
keine Schuld, weil sie nicht aus ideologischen dige Quelle veröffentlicht.
25 Vgl. Zeller, Geist der Freiheit,
Das Attentat Motiven heraus gehandelt hätten, sondern sich S. 253–255 – wo Fahrner
lediglich an den soldatischen Eid oder an der ausführlich zitiert wird.
Die Geschichte des Attentats ist eigent- soldatischen Kameradschaft orientierten. NS- 26 Rudolf Fahrner, Gneisenau,
München 1942, S. 50, vgl.
lich schnell erzählt. In Militärkreisen war man Regime und Wehrmacht wurden durch diese auch S. 17–32 für die Theorie
schon Jahre vor dem 20. Juli 944 zu der Über- Strategie wie Welten voneinander getrennt und der Nutzung der Kräfte der Re-
zeugung gekommen, dass Hitler mit Hilfe einer damit die Verfolgungs- und Vernichtungspoli- volution für den ‚tatkräftigen
Aufbau‘ eines neuen, antirati-
Bombe zu beseitigen sei. Nachdem bereits ei- tik aus dem Verantwortungsbereich der Wehr- onalistischen ‚Volksstaates‘.
nige Versuche gescheitert waren, sah Stauffen- macht entfernt.²⁸ Das hält einer kritischen 27 Vgl. dazu und zum Ablauf
12 Fragwürdige Traditionslinien Geschichte des Attentats

der Ereignisse einführend Überprüfung nicht stand. Aber dennoch kann folgte aber nicht, wie ebenfalls gesehen, eine
Ueberschär, Stauffenberg es als offene Forschungsfrage gesehen werden, vollständige Aufgabe der nationalsozialisti-
und das Attentat vom 20.
Juli 1944, S. 27–49 und Peter in welchem Verhältnis der nicht einfach ge- schen und antisemitischen Weltsicht und auch
Hoffmann, Widerstand gegen spielte, sondern ernst gemeinte und religiös nicht die Suche nach emanzipativen Politik-
Hitler und das Attentat vom aufgeladene Glaube an die Eidverpflichtung zu konzepten. Dies ist wohl nur von einer gänzli-
20. Juli 1944, Konstanz 41994,
S. 121–147. den politischen Haltungen der Offiziere pass- chen anderen Richtung her zu erwarten: Dem
28 Vgl. dazu als späteres und poli- te, die offen nationalsozialistisch oder mit der in diesem Text nicht thematisierten linken und
tisch relativ offen national und NS-Ideologie verträglich waren. Die allgemei- linksradikalen Widerstand gegen den National-
rechts orientiertes Beispiel
Fritz Birnstiel (Generalmajor ne These liegt nahe, dass die Abkehr der Wehr- sozialismus. Linker Widerstand im Sinne eines
a.D.), Den Widerstand nicht machtsoffiziere vom Nationalsozialismus ein breiten Spektrums von AnarchistInnen bis hin
entwerten! Unbequeme Ge- Produkt der Niederlage und der Befreiung vom zum Sozialliberalismus arbeitete von Beginn an
danken zum „20. Juli“, in: Alte
Kameraden 37 (1989), S. 6–8 Mai 945 war – die für viele Anhänger der neu- und aus bewussten politischen Motiven heraus
en Rechten als ‚deutsche Katastrophe‘ empfun- gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Zu-
den wurde. Die zum Widerstand Bereiten hat- mindest Teile dessen wandten sich gegen Ero-
ten hingegen, wie Beck und Goerdeler, diese berungsfeldzüge, Antisemitismus und Nationa-
Wende schon vor 945 durchgemacht. Aus ihr lismus.
Der Nationalheld Fragwürdige Traditionslinien 13

Vom Vaterlandsverräter
zum nationalen Helden
Der Diskurs um den 20. Juli von 1945 bis heute
Das deutsche Gedenken an die „Frauen und Männer des 20. Juli“ hat in den letz-
ten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Anfänglich als „Landes-
verräter“ beschimpft, gelten Stauffenberg und seine MitstreiterInnen mittlerwei-
le als moralische Leitbilder und Helden. Ihre Tat wird gar als ein „Aufstand des
Gewissens“ gewürdigt. Das einende Band zwischen der Tat und ihrem Gedenken
stellt der Nationalismus dar. So leisten der 20. Juli und sein Gedenken zum ei-
nen ihren Beitrag zur Legitimierung deutscher Außenpolitik und der Einsätze der
Bundeswehr. Andererseits wird unter Verweis auf Stauffenberg das Opfer für das
deutsche Vaterland wieder popularisiert. Was hier also inszeniert wird und vor
dem Hintergrund der Debatte um die Filmproduktion Valkyrie einen neuen Hö-
hepunkt erreicht, ist ein neues Kapitel in der Entsorgung der deutschen Vergan-
genheit.

D
er 20. Juli 944 war von Anbeginn Ge- Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bend- 1 Norbert Frei, Erinnerungs-
genstand zahlreicher geschichtspoliti- lerblock, schlussfolgert treffend, der 20. Juli kampf, in: Norbert Frei, 1945
und Wir. Das dritte Reich im
scher Ausdeutungen. Das Gedenken an 944 sei „im kollektiven Gedächtnis der Deut- Bewusstsein der Deutschen,
die „Frauen und Männer des 20. Juli“ und die schen angekommen.“⁵ Der Spiegel konstatiert München 2005, S. 133.
Bewertung des Attentates haben dabei in den gar mit Verweis auf das Filmprojekt Valkyrie: 2 Sven Felix Kellerhoff, 100. Ge-
burtstag. Stauffenberg, wirk-
vergangen Jahrzehnten einen bemerkenswer- „der Hollywood-Ruhm, der Stauffenberg nun licher Held der Deutschen, in:
ten Wandel erfahren. Dies verrät bereits ein sicher scheint, ist der erstaunliche Höhepunkt Welt Online, 14.11.07.
Blick auf demoskopische Erhebungen. So fass- einer posthumen Karriere, die alles andere als 3 Ebd.
4 Klaus Wiegrefe, Helden
ten die JournalistInnen Elisabeth Noelle und selbstverständlich schien.“⁶ So wird heute das und Mörder, in: Der Spiegel
Erich Peter Neumann 954 ihre Umfrageergeb- „Vermächtnis der Offiziere“⁷, das „Erbe des 20. 29/2004, S. 35.
nisse folgendermaßen zusammen: „Beinahe die Juli“⁸ beschworen und Stauffenberg als „wirkli- 5 In: Frankfurter Rundschau
Online, Ressort Zeitgeschich-
Hälfte aller Leute, die über den 20. Juli mitre- cher Held der Deutschen“⁹, als „Romantiker im te, 19.07.2004.
den können, sagten über die Verschwörer nur Widerstand“¹⁰ bejubelt. Auch kritische Stim- 6 Malte Herwig, in: Der Spiegel
Nachteiliges, vor allem daß es sich um Verrä- men melden sich zu Wort, die vor „Mythenbil- 46/2007, S. 178.
7 Kurt Kister, Gedenken an Hit-
ter handele, um Hochverräter, Landesverräter, dung“¹¹ warnen, zugleich aber die Faszination ler-Attentat. Das Vermächtnis
Staatsverräter. Weiter wird ihnen Feigheit vor- des Menschen Stauffenberg betonen.¹² der Offiziere, in: Süddeutsche
geworfen, gelegentlich auch Egoismus.“¹ Noch Die Debatte um den Film Valkyrie und sei- Zeitung, 21.7.04.
8 Matthias Arning, Kommen-
964 sahen lediglich 29 Prozent der westdeut- ne Produktion, die im Sommer 2007 die Feuil- tar: Das Attentat auf Hitler.
schen Bevölkerung die Widerstandsbewegung letons der großen Tageszeitungen und Maga- Das Erbe des 20. Juli, in:
positiv.² Umfrageergebnisse über die Meinun- zine beschäftigte, drehte sich daher kaum um Frankfurter Rundschau
Online, 20.7.04.
gen der DDR-Bevölkerung liegen leider nicht die korrekte historische Rekonstruktion und 9 Sven Felix Kellerhoff, 100.
vor. Einordnung Stauffenbergs und seiner Unter- Geburtstag. Stauffenberg,
Seit den neunziger Jahren jedoch sehen in stützerInnen als vielmehr um die Erteilung wirklicher Held der Deut-
schen.
den Umfragen „regelmäßig mehr als vier Fünf- von Drehgenehmigungen, die „Würde des Or- 10 Konstantin Sakkas, Stauffen-
tel der Deutschen in Stauffenberg einen Hel- tes“¹³ Bendlerblock in Berlin oder die Sciento- berg. Romantiker im Wider-
den“³ und laut einer Infratest-Umfrage im Auf- logy-Zugehörigkeit des Hauptdarstellers Tom stand, in: Der Tagesspiegel,
14.11.07.
trag des Spiegel aus dem Juli 2004 achten oder Cruise. Weiterhin wurde die Fähigkeit Holly- 11 Peter Steinbach, zit. in: 100.
bewundern rund drei Viertel der Deutschen woods bezweifelt, eine deutsche Heldenfigur Geburtstag Stauffenbergs.
die Attentäter.⁴ Johannes Tuchel, der Leiter der mitsamt ihrer inneren Komplexität angemes- Warnung vor „Mythenbil-
14 Fragwürdige Traditionslinien Der Nationalheld

dung“, Süddeutsche Zeitung sen darstellen zu können. Andererseits verbin- Auch wenn es dauerte, bis das Attentat zum
Online, 15.11.07. det sich mit dem Filmprojekt für viele die Hoff- „Aufstand des Gewissens“¹⁸ wurde, waren die
12 „Der Mensch Stauffenberg
aber bleibt faszinierend.“, nung, dass Stauffenberg und seine Tat endlich Geschehnisse des 20. Juli 944 schon früh in
in: Peter Steinbach, Thema: auch internationale Anerkennung bekommen ihrer Bedeutung für die Bundesrepublik er-
Heiliger unterm Hakenkreuz, könnten. Stellvertretend sagte der Dramatiker kannt. Ein bundesrepublikanischer „Grün-
Spiegel Online, 13.11.07.
13 Peter Steinbach, Interview mit Rolf Hochhuth in jenem Sommer: „Ob Tom dungsmythos“¹⁹ wurde geboren, der die Brd in
dem Deutschlandradio, 3.7.07. Cruise Scientologe ist oder nicht, man muss der Tradition eines „anderen Deutschlands“²⁰
14 Ebd. sich als Deutscher freuen, dass Stauffenberg verankert. Dieses Konstrukt des „anderen, bes-
15 Vgl. u.a. Theodor Heuss, 1954,
„Der 20. Juli 1944“ und Carlo durch eine Großproduktion der Weltöffentlich- seren Deutschland“²¹ verkörpert die ‚eigent-
Schmid, 1958, „Menschen- keit vorgestellt wird.“¹⁴ liche deutsche Nation’, die neben dem Natio-
rechte und Tyrannenmord“, Wie kommt es aber, dass die einst als „Lan- nalsozialismus weiterhin bestanden und mit
http://www.20-juli-44.de.
16 http://www.20-juli-44.de. desverräter“ beschimpften Attentäter heute diesem nichts gemein gehabt haben soll. Die
17 http://www.20-juli-44.de. einen so wichtigen Platz im deutschen Erin- „Frauen und Männer des 20. Juli“ sollen dabei
18 Vgl. u.a. Volker Rühe, 1994, nerungs- und Gedenkdiskurs besetzen? Was all jene ‚anständigen‘ Deutschen repräsentieren,
http://www.20-juli-44.de.
19 Kurt Kister, Gedenken an Hit- steckt hinter diesem Wandel der Wahrneh- die dem Nationalsozialismus distanziert gegen-
ler-Attentat. Das Vermächtnis mung Stauffenbergs und der Attentäter des überstanden. Dies wurde für die Mehrheit der
der Offiziere. 20. Juli? Im Folgenden sollen einige wichtige Deutschen beansprucht. Insofern bot das ‚an-
20 Vgl. u.a. Gerd R. Ueberschär
(Hg.), Der 20. Juli. Das andere Momente und Etappen des Diskurses um den dere Deutschland‘ den Deutschen die Gelegen-
Deutschland in der Vergangen- 20. Juli 944 seit dem Ende des Zweiten Welt- heit, sich rückwirkend von der Beteiligung an
heitspolitik nach 1945, Berlin krieges skizziert werden. nationalsozialistischen Verbrechen loszusagen.
1998.
21 Gerd R. Ueberschär, Auf dem Wichtige Elemente dieser Konstruktion, die die
Weg zum 20. Juli 1944, in: Aus Der 20. Juli 1944 Traditionsbildung erst ermöglichen, sind das
Politik und Zeitgeschichte,
und die Bonner Republik antitotalitäre Bekenntnis der AkteurInnen, das
Beilage in: Das Parlament, Nr.
27, 28.6.2004. sich vor allem als Antikommunismus äußerte,
22 Jürgen Rose, Eichenlaub Wie bereits angemerkt, betrachteten in den sowie deren ungebrochen positives Verhältnis
mit Brillanten, in: Freitag Anfangsjahren der Brd die Mehrheit der Deut- zur deutschen (Kultur-)Nation. Vor dem Hin-
29/2004.
schen die Akteure des 20. Juli als „Verräter“. tergrund der Blockbildung des Kalten Krieges
Doch wurden bereits zu jener Zeit Versuche zu konnte die Brd nun auf ein antikommunis-
ihrer Rehabilitation unternommen. So disku- tisches Erbe jenseits des Nationalsozialismus
tierten in den ersten Nachkriegsjahren politi- verweisen und das Augenmerk auf den Kom-
sche Eliten der Bundesrepublik eingehend die munismus als Hauptfeind im Osten gelenkt
moralische Legitimität des Attentates. Fragen werden.
wie zum Beispiel „Waren Tyrannenmord und Diese Traditionsbildung sollte dann auch
Eidbruch rechtmäßig?“, oder „Waren sie zum eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundes-
sittlichen Handeln gezwungen?“,¹⁵ wurden im wehr spielen, wie er in den fünfziger Jahren
Laufe der Zeit immer häufiger zu Gunsten der im Zuge der Wiederbewaffnung begann. Zu-
Attentäter beantwortet. nächst erschwerte jedoch die personelle und
Als am 9. Juli 953 das Denkmal für die Op- ideelle Kontinuität zwischen Wehrmacht und
fer des 20. Juli 944 im Bendlerblock eingeweiht Bundeswehr die Herstellung dieses Traditions-
wurde, erblickte der damals regierende Bür- verständnisses. So zählte für viele Bundeswehr-
germeister West-Berlins Ernst Reuter in ihrer angehörige und soldatische Traditionsverbände
Tat sogar „das erste sichtbare, weithin wirken- der 20. Juli 944 bis weit in die neunziger Jahre
de Fanal, das der Welt zeigte, daß in Deutsch- hinein zu den unverdauten Daten, stand dieses
land der Wille zur Freiheit und der Wille zum Datum für sie doch nach wie vor für Verrat. Mit
eigenen Leben nicht untergegangen war.“¹⁶ Er dem Erlass „Bundeswehr und Tradition“ wurde
spannte dabei einen Bogen zum Aufstand des 7. bereits 965 versucht, dieser Problematik Rech-
Juni 953 in der DDR. Im folgenden Jahr sprach nung zu tragen, indem das Andenken an den
Theodor Heuss: „Der Dank aber weiß darum, militärischen Widerstand und die Vorbildfunk-
daß die Erfolglosigkeit ihres Unternehmens dem tion der Akteure des 20. Juli 944 festgeschrie-
Symbolcharakter des Opferganges nichts von ben wurde. Allerdings erst 995 verfügte der
seiner Würde raubt: hier wurde in einer Zeit, da damalige Bundesverteidigungsminister Volker
die Ehrlosigkeit und der kleine, feige und dar- Rühe, „dass die Wehrmacht […] keine Tradi-
um brutale Machtsinn den deutschen Namen tion begründen“ könne.²²
besudelt und verschmiert hatte, der reine Wille Spätestens in den achtziger Jahren war es
sichtbar, im Wissen um die Gefährdung des ei- aufgrund neuer Forschungsergebnisse mög-
genen Lebens, den Staat der mörderischen Bos- lich, ein differenzierteres Bild des 20. Juli 944
heit zu entreißen und, wenn es erreichbar, das zu zeichnen. Dies erschwerte daher die Versu-
Vaterland vor der Vernichtung zu retten.“¹⁷ che, die AkteurInnen des 20. Juli in den Rang
Der Nationalheld Fragwürdige Traditionslinien 15

von geistigen Vorläufern des Grundgesetzes einer neuen Selbstfindung des deutschen Vol- 23 Vgl. u.a., Wissenschaftli-
und der westdeutschen Demokratie zu erhe- kes. Darin liegt die gesamtdeutsche Verpflich- che Dienste des Deutschen
Bundestages (Hg.), Erbe und
ben, wie dies seit den fünfziger Jahren bis heute tung dieses Gedenktages.“²⁷ Rezeption des 20. Juli 1944,
probiert wird.²³ 2004, und Ulrich Heinemann,
Weiterhin wurde begonnen, die „Kanonisie- Der 20. Juli 1944 und die DDR „In den Herzen der Deut-
schen nie wirklich Wurzeln
rung des militärischen Widerstandes“²⁴ zu kri- geschlagen“? – Rezeptionsge-
tisieren. Es sollte nun endlich auch die Leistung Die DDR verstand sich als Hüterin des Er- schichte des 20. Juli 1944, in:
anderer Gruppen des Widerstandes (zum Bei- bes des antifaschistischen Widerstandes gegen Günter Brakelmann, Manfred
Keller (Hg.), Der 20. Juli 1944
spiel den kommunistischen und sozialdemo- den Nationalsozialismus. Dies hatte zur Kon- und das Erbe des deutschen
kratischen Widerstand) wenn nicht gewürdigt, sequenz, Widerstandsgruppen an ihrer positi- Widerstandes, Bochum 2005,
so doch wenigstens anerkannt werden. Exemp- ven Einstellung zur KPD und zur Sowjetunion S. 194–209.
24 Norbert Frei, Erinnerungs-
larisch dafür steht die neue vom Historiker Pe- zu messen. Stauffenberg und seine Mitstreite- kampf, S. 144.
ter Steinbach erarbeitete Ausstellungskonzepti- rInnen schnitten bei diesem Vergleich nicht gut 25 http://www.gdw-berlin.
on der Gedenkstätte deutscher Widerstand in ab. Vielmehr wurde der „Klassencharakter der de/ged/geschichte-d.php.
26 http://www.20-juli-44.de.
Berlin, wie sie 983 beauftragt und 989 einge- Verschwörung des 20. Juli 944“²⁸ mitsamt sei- 27 http://www.20-juli-44.de.
weiht wurde. In der Selbstdarstellung der Ge- ner „antisowjetischen“ und „imperialistischen“ 28 Ines Reich und Kurt Finker,
denkstätte wird nun der Anspruch einer „um- Stoßrichtung herausgestellt. Bei dem Attentat Reaktionäre oder Patrioten?,
in: Gerd R. Ueberschär (Hg.),
fassenden Dokumentation und Darstellung der hätte es sich daher lediglich um einen Konflikt Der 20. Juli. Das andere
ganzen Breite und Vielfalt des deutschen Wi- innerhalb der herrschenden Klasse gehandelt, Deutschland in der Vergangen-
derstandes gegen den Nationalsozialismus“²⁵ deren Vertreter aufgrund ihrer gesellschaftli- heitspolitik nach 1945, S. 163.
29 Ebd., S. 158.
formuliert. chen Stellung immer gegen die Interessen der 30 Ebd., S. 171.
Die verschiedenen Gruppen des Widerstan- werktätigen Bevölkerung agieren würden. 31 Vgl. ebd., S. 172.
des werden also unter das scheinbar einende Seit Ende der Siebziger begab man sich in der
Label ‚Deutscher Widerstand‘ zusammenge- DDR verstärkt auf die Suche nach einem neuen
fasst. Damit diese Zusammenfassung gelingen geschichtlichen, einem „nationalen Erbe“. Die-
kann, muss davon abgesehen werden, dass es se Suche hatte ihren Grund in inneren und in-
fundamentale Konflikte zwischen den Wider- ternationalen Krisen wie auch in der schein-
standsgruppen gab, sowohl was die konkre- baren Stabilität der deutschen Teilung, da eine
ten politischen Ziele als auch was die Aktions- Wiedervereinigung nicht abzusehen war. Dies
formen betraf. Hierbei wird nun zum Beispiel zeigt sich unter anderem an der Beurteilung des
nicht berücksichtigt, dass der aus der Arbeite- 20. Juli 944. Anlässlich des 40. Jahrestages des
rInnenbewegung kommende Widerstand sich Attentates verkündete das Zentralinstitut für
in politischer Motivation und Vorstellung von Geschichte der Akademie der Wissenschaften:
dem Widerstand der Militärs grundlegend un- „Wir würdigen nicht nur den persönlichen Mut
terschied. der Kämpfer des 20. Juli, wir würdigen auch
Trotz der Ausweitung des Gedenkens, nach ihren Einsatz für die Interessen des Volkes.“²⁹
der nun allen Widerstandsgruppen unabhängig Die frühere, negative Einschätzung wich der
ihrer politischen Zielrichtung gedacht werden Bewertung, bei dem Attentat habe es sich um
solle, bleibt aber die Sonderstellung des 20. Juli „eine patriotische, antifaschistische Aktion“³⁰
944 unangetastet. Die herausragende Bedeu- gehandelt.
tung der Widerstandsgruppe um Stauffenberg In Anbetracht des gesellschaftlichen Um-
für Deutschland liegt eben in ihrem expliziten bruchs 989/90 verlor das Gedenken des kom-
Bekenntnis zur deutschen Nation, was von an- munistischen Widerstandes gegenüber dem 20.
deren Widerstandsgruppen weniger eindeutig Juli 944 rasant an Bedeutung.³¹ Bemerkens-
behauptet werden kann, ebenso wie in dem At- werterweise wurde noch am 20. Juli 990 die
tentat als solchem. Nationale Volksarmee auf einen Verteidigungs-
Wegen diesem Bekenntnis kann dem 20. Juli auftrag der DDR vereidigt.³² Mit dem Ende des
944 die Funktion eines moralischen Leitfadens real existierenden Sozialismus kam nun auch
für die Deutschen gegeben werden. Dies mein- die DDR im ‚anderen Deutschland‘ an.
te Richard von Weizsäcker 980 wohl auch mit
seinen Worten: „So viele Menschen fragen heu- Der 20. Juli 1944
te wieder nach dem Sinn und Ziel für ihr Le- und die Berliner Republik
ben. Kein anderes Beispiel deutscher Geschich-
te dieses Jahrhunderts wie der 20. Juli 944 Nach der Wiedervereinigung, der Überwin-
bietet uns dafür die Maßstäbe.“²⁶ Und Helmut dung der Nachkriegsordnung und mit dem
Kohl ging 984 noch einen Schritt weiter mit Anwachsen des deutschen Einflusses in der in-
seiner Hoffnung: „Das Bekenntnis zum Wider- ternationalen Politik kam es zu einem nachhal-
stand des 20. Juli 944 wurde zum Bestandteil tigen Wandel der Erinnerung an die Zeit des
16 Fragwürdige Traditionslinien Der Nationalheld

32 Peter Steinbach, Vermächtnis Nationalsozialismus. In der sich nun durch- war nun kein Hindernis mehr, sondern Anlass
oder Verfälschung?, in: Gerd setzenden Geschichtsbetrachtung wird nicht für ein selbstbewusstes internationales Auftre-
R. Ueberschär (Hg.), Der 20.
Juli. Das andere Deutschland die Welt vom deutschen Nationalsozialismus ten. Da die deutsche Regierung im Kosovo die
in der Vergangenheitspolitik befreit, sondern Europa und Deutschland von Vorbereitung eines ,zweiten Auschwitz‘ erblick-
nach 1945, S. 232. Hitler. te, konnte gemeinsam mit den NATO-Verbün-
33 Vgl. Max Müntzel, Gedenkfei-
ern 1994: Erinnerungen an die Das mit voller nationaler Souveränität aus- deten ein Angriffskrieg gegen Jugoslawien ge-
Zukunft, in: bahamas, Oktober gestattete Deutschland probierte seit Beginn führt werden.
1994. der neunziger Jahre verstärkt, seine neue Sicht Der 20. Juli 944 soll seinen Beitrag zur Le-
34 Ebd.
35 Wissenschaftliche Dienste des auf die Vergangenheit international zu verbrei- gitimation der neuen deutschen Außenpolitik
Deutschen Bundestages (Hg.), ten. So hatten zum Beispiel Bundespresseamt leisten. Seit 999 treten jedes Jahr am 20. Juli
Erbe und Rezeption des 20. Juli und Bundeswehr im Gedenkjahr 994 die Prä- Rekruten der Bundeswehr zu einem „Feierli-
1944, S. 18.
36 http://www.20-juli-44.de. sentation einer Sonderausstellung in Washing- chen Gelöbnis“ an. Nachdem dieses anfänglich
37 Schon 1994 legitimierte der ton, D.C. erreicht, die den Titel „Gegen Hitler: im Bendlerblock stattfand, wurde es 2008 auf
damalige Verteidigungsmi- Deutscher Widerstand gegen den Nationalsozi- das Gelände vor dem Reichstag verlegt, wo es
nisters Volker Rühe in einer
Rede zum 20. Juli mit der alismus 933–945“ trug.³³ Die Washington Post auch zukünftig begangen werden soll. Der da-
historischen Verantwortung argwöhnte prompt, dass es wohl darum gehe, malige Verteidigungsminister Rudolf Scharping
den Einsatz von -Aufklä- „die deutsche Geschichte nachträglich mit ei- verkündete, vor dem Hintergrund der deut-
rungsflugzeugen., http://
www.20-juli-44.de. ner ungebrochenen Traditionslinie, die zur schen Beteiligung am Kosovokrieg, dass das
38 http://www.20-juli-44.de. heutigen Demokratie führt, auszustatten.“³⁴ Gedenken an die Opfer der Vergangenheit von
39 http://www.20-juli-44.de. Zum 50. Jahrestag des Stauffenberg-Atten- jetzt ab heißen werde, im ‚Konzert der Großen‘
tates unternahm die Regierung Kohl den Ver- auch militärisch mitzuspielen: „Die Bundes-
such, die Dokumentation des kommunistischen wehr steht in der Tradition der Ideale des deut-
Widerstandes aus der Gedenkstätte deutscher schen Widerstands, wenn sie gemeinsam in der
Widerstand zu entfernen. Auch wenn ihr Vor- internationalen Zusammenarbeit mit unseren
haben unter anderem am Widerstand der SPD Freunden und Partnern dem Recht aller Men-
scheiterte, symbolisiert dieser Versuch, dass mit schen auf Würde und Freiheit zum Durchbruch
dem Ende des Realsozialismus auch der kom- verhilft.“³⁸
munistische Widerstand erledigt werden soll- Dass Deutschland keine Kriege führt, son-
te.³⁵ dern nur ‚humanitäre Katastrophen‘ abwendet,
Selbst die Leistung der Westalliierten stand bezeugt Gerhard Schröders Rede fünf Jahre
mittlerweile zur Diskussion. Darauf deutet die später, am 20. Juli 2004: „Eine Armee, die sich
Rede Helmut Kohls am 20. Juli 994 hin, die er der Freiheit und dem Frieden verpflichtet weiß
gewissermaßen stellvertretend für eine Gene- – und einer internationalen Ordnung, wie es
ration von Flaghelfern, die die „geistig-morali- im Entwurf der Regierungserklärung von Beck
sche Wende“ in den 980er Jahren ausrief, hielt. und Goerdeler heißt, in der allen Menschen der
Er verlor kein einziges Wort über die Befreiung ‚Weg zu den Gütern dieser Welt‘ offen steht. In
durch alliierte Armeen, sondern hob neben dieser großen Tradition stehen die Angehöri-
seiner Betonung des „antitotalitären Konsens“ gen der Bundeswehr, die heute auf dem Balkan
der Bundesrepublik lediglich den nationalis- oder in Afghanistan den Frieden sichern und
mustauglichen ‚Deutschen Widerstand‘ her- beim Wiederaufbau helfen.“³⁹ Einige Wochen
vor.³⁶ zuvor, am 6. Juni 2004, machte seine Teilnahme
Seit dem Antritt der rot-grünen Regierung als erster deutscher Bundeskanzler bei den D-
998 haben sich einschneidende politische Ver- Day Feierlichkeiten in der Normandie vor al-
änderungen ergeben, durch die sich die Image- ler Welt amtlich, dass Deutschland Ansprüche
korrektur Deutschlands und der Bundeswehr auf eine gleichberechtigte Partnerschaft in der
beschleunigt(e). Stellten die deutschen Verbre- „Anti-Hitler-Koalition“ erhebt. In seiner Be-
chen vormalig ein Hindernis für die deutsche gleitung: Philipp Freiherr von Boeselager, der
Beteiligung an militärischen Handlungen dar, damals letzte Überlebende der Akteure des 20.
bedurfte es jetzt anderer aus der deutschen Ver- Juli 944. Deutschland konnte somit der Welt
gangenheit gezogener ,Lehren‘, um die mit der beweisen, einen ebenbürtigen Beitrag in Gestalt
Wiedervereinigung gewonnenen außenpoliti- des ‚deutschen Widerstandes‘ für die Befreiung
schen Handlungsspielräume nutzen zu können. der Welt von Hitler erbracht zu haben. Gerhard
Spätestens³⁷ mit dem Kosovokrieg 999 wurde Schröder überschrieb dann auch konsequen-
Auschwitz zu einem geschichtlichen Ereignis, terweise seine Rede zum 20. Juli mit „Das euro-
dass Deutschland geradezu zum Führen von päische Vermächtnis des Widerstands.“
Kriegen zu verpflichten schien. Von der histori- Wenn sich mit der Zeit alle in Europa zu
schen Schuld wurde also die historische Verant- Opfern Hitlers entwickeln, so kann auch je-
wortung abgeleitet. Deutschlands Geschichte dem das Etikett „Widerstandsgruppe“ angehef-
Der Nationalheld Fragwürdige Traditionslinien 17

tet werden. Diese Bestimmung der Deutschen sonders zu würdigen. Im Gedenkdiskurs er- 40 http://www.bmvg.de/portal/
als Opfer steht im engen Zusammenhang zum scheint im Vergleich zum Widerstand in den a/bmvg.
41 Ebd.
Diskurs um Vertreibung und Bombardierung von Deutschland besetzten Ländern vielmehr 42 U.a. Wolfgang Thierse, 2000,
und der damit einhergehenden Täter-Opfer- das Aufbegehren gegen die eigene nationale http://www.20-juli-44.de.
Umkehrung. Führung als die moralisch höher einzuschät- 43 U.a. Rudolf Scharping, 1999,
http://www.20-juli-44.de.
Auf dieser Basis ist nun auch die Versöh- zende Leistung, da die Offiziere ihren Eid bre- 44 Sven Felix Kellerhoff, 100.
nung näher gerückt, von der in Deutschland chen und „gegen die Führung des eigenen Lan- Geburtstag. Stauffenberg,
oft gesprochen wird. In den Worten des Ver- des kämpfen“⁵⁰ mussten. wirklicher Held der Deutschen.
45 Stefan Reinecke, Sehnsucht
teidigungsministers Franz Josef Jung klingt es Doch zurück zum Bild des zerrissenen Hel- nach deutschen Helden, die
so: „Darum ist der militärische Widerstand den. Es steht derzeit im Vordergrund, die „dra- tageszeitung, 19.7.07.
eine der wichtigsten Traditionslinien für die matische innere Geschichte“⁵¹ von Stauffenberg 46 Peter Steinbach, zit. in: 100.
Geburtstag Stauffenbergs.
Bundeswehr. Der Widerstand gegen Hitler hat zu erzählen. Zwar sind die dabei beschworenen Warnung vor „Mythenbil-
die moralische und geistige Basis für ein neu- Kategorien „Persönlichkeit“ und „Tat“ wenig dung“.
es Deutschland und damit für die Versöhnung aussagekräftig, doch wird schnell klar, warum 47 Die ehemalige Kulturstaats-
ministerin Christina Weiss,
in Europa gelegt.“⁴⁰ Deutschland ist nun auch sich das offizielle Gedenken so gerne an das At- zit. bei: Fröhlich, Vera Hella,
eine ganz „normale Nation“. Der 20. Juli 944 tentat heftet, schließlich war es eine Tat „um „Gottesfurcht anstelle von
und das Gedenken daran haben einen Beitrag Deutschlands Ansehen in der Welt willen“⁵². Selbstvergottung“, Frankfurter
Rundschau Online, 19.07.04.
dazu geleistet. Jung weiter: „Deutschland und Dies ist es, was Henning von Tresckow 944 48 Peter Steinbach, Interview mit
Europa haben aus der Geschichte die Lehre ge- aussprach und seitdem so oft zitiert wird: „Das dem Deutschlandradio.
zogen, dass ein aktives Eintreten für Freiheit, Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte 49 In: Frankfurter Rundschau
Online, Ressort Zeitgeschich-
Recht und Menschenwürde nicht nur in der es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin te, 14.7.07.
Heimat, sondern auch darüber hinaus gefor- gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr 50 http://www.20-juli-44.de.
dert ist. Als verantwortliches Mitglied der Staa- auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, 51 Peter Steinbach, Positionen.
Stauffenberg, Superstar?, Der
tengemeinschaft können wir uns dieser Verant- daß die deutsche Widerstandsbewegung vor Tagesspiegel Online, 11.7.07.
wortung nicht entziehen.“⁴¹ der Welt und vor der Geschichte den entschei- 52 Hans Mommsen, Graf Stauf-
denden Wurf gewagt hat. Alles andere ist dane- fenberg und der Hass auf
Hitler, Welt Online, 15.11.07.
Der 20. Juli 1944 und ben gleichgültig.“ Durch das Gedenken an das 53 Frank Schirrmacher, Wir in
eine „ganz normale Nation“ Attentat wird ein Klima geschaffen, in dem eine ihren Augen, , 2.9.07.
längst überwunden geglaubte Bereitschaft zum 54 Hans Mommsen, Graf Stauf-
fenberg und der Hass auf
Es wäre eine Falschbehauptung, dass die po- bedingungslosen Opfer fürs Vaterland wieder Hitler.
litischen Ansichten der „Frauen und Männer zu mehr Ehre gelangt. Stauffenbergs „helden- 55 Peter Steinbach, Thema:
des 20. Juli“ dem Grundgesetz oder der parla- haftes Tun“⁵³, die „Unbedingtheit seines Han- Heiliger unterm Hakenkreuz.

mentarischen Demokratie entsprochen hätten. delns“⁵⁴, seine Bereitschaft „Entscheidungen


Trotzdem werden sie im aktuellen Diskurs zu zu treffen, Verantwortung zu suchen“⁵⁵, heben
Vorbildern, Helden⁴², Leitbildern und sogar dementsprechend seinen Willen hervor, ein
zu Vorkämpfern des demokratischen Rechts- Zeichen der Selbstlosigkeit zu setzen.
staates⁴³ idealisiert. Die Einsicht, dass Stauffen- Der ‚Aufstand des Gewissens‘ war ein Auf-
berg „keine glatte, keine einfache Figur“⁴⁴ und stand des nationalistischen Gewissens. Dies ist
die Attentäter „ambivalente Figuren“⁴⁵ gewesen auch der Kern des Gedenkens an die „Frauen
seien, hat sich mittlerweile in vielen Kreisen und Männer des 20. Juli“. Dass dabei die Tür
durchgesetzt. Betont wird, Stauffenberg „hät- weit für patriotische, nationalistische und noch
te aus den Horizonten seiner Zeit“⁴⁶ gehandelt weiter rechts stehende Positionen aufgeschlagen
und es sei „unsagbar bequem und selbstgefällig, wird, ist nicht schwer zu erkennen. So könnten
von der heutigen Zeit aus die Zögerlichkeit vie- selbst Stauffenbergs eigentliche Positionen wie-
ler deutscher Widerständler zu verurteilen.“⁴⁷ der salonfähig werden. Aber auch die moder-
Pathetische Kommentare gehen sogar so weit, nisierte Variante der deutschen Erinnerungs-
eine „dramatische Entwicklung“⁴⁸ zu würdi- kultur möchte an das Attentat anschließen und
gen, in der sich „Saulus zum Paulus“⁴⁹ gewan- bemüht die Hilfskonstruktion der „Zeitverhaf-
delt hätte. tetheit“, um Stauffenberg zu immunisieren vor
Folgt man diesen Kommentaren, stellt es Einwänden ob seines Weltbildes und um ihn
mittlerweile eine Auszeichnung dar, Anhänger damit zu einem geistigen Ahnen des Grundge-
des NS gewesen zu sein, wie Stauffenberg und setzes, zumindest jedoch zu einem deutschen
die meisten seiner MitstreiterInnen bis Anfang Helden, zu erklären.
der vierziger Jahre. Und es erübrigt sich, dem In den Texten und Reden zum 20. Juli ist
jüdischen, dem kommunistischen oder dem so- demgemäß von der Wiederherstellung der
zialdemokratischen Widerstand zu gedenken. „Majestät des Rechts“, dem Einsatz für „Recht
Weiterhin erübrigt es sich, den Widerstand in und der Menschlichkeit“, einem „starken Zei-
den von Deutschland besetzten Ländern be- chen für Frieden, Freiheit und Demokratie“, der
18 Fragwürdige Traditionslinien Der Nationalheld

56 Vgl. die Reden zum 20. Juli un- Verteidigung der „Menschenwürde“, der radi- Schlussstrich unter die schuldbeladene Vergan-
ter http://www.20-juli-44.de. kalen Ablehnung von „Totalitarismus und Un- genheit. Die Aufregung um den Film Valkyrie
57 Norbert Frei, 1945 und wir, in:
Norbert Frei, 1945 und Wir. recht“, einem „Zeichen auf dem Weg zu einer hat ihren Grund vermutlich in der Sorge, dass
Das dritte Reich im Bewusst- wahren europäischen Wertegemeinschaft“ zu Stauffenberg am Ende nicht so gut weg kommt,
sein der Deutschen, München hören.⁵⁶ Das Handeln und der Mut der „Frauen wie sich Deutschland als „Erfinder und Welt-
2005, S. 7.
und Männer des 20. Juli 944“ sollen für all dies meister der Vergangenheitsbewältigung“⁵⁷ mit-
stehen und ein bleibendes Leitbild für deutsche tlerweile wähnt. Es bleibt zu hoffen, dass diese
StaatsbürgerInnen abgeben. Sorge berechtigt ist.
Was hier inszeniert wird, ist ein weiterer
Der Filmheld Fragwürdige Traditionslinien 19

Valkyrie: Superheld
in Uniform
Repräsentation des deutschen militärischen Widerstands im Film
Der 20. Juli 944 ist in der Bundesrepublik wegen der Bedeutung des militärischen
Widerstands für das deutsche Selbstverständnis oft verfilmt worden. In den
fünfziger Jahren dienten die Verfilmungen der Umdeutung der Attentäter von
„Vaterlandsverrätern“ zu „Helden“. Bis heute bieten die Verfilmungen Helden-
erzählungen über Stauffenberg an, die ihn für vermeintlich moralisch einwand-
freie militaristische und nationalistische Diskurse anschlussfähig machen.
Trailer lassen vermuten, dass auch der aktuelle Film Valkyrie von Tom Cruise
eine unkritische Heldengeschichte erzählt, die von Bryan Singer, ähnlich wie bei
seinen früheren Superheldenfilmen, gekonnt in Szene gesetzt wird.

M
it Valkyrie von Tom Cruise kommt Nationalsozialismus, mit dem sich die Deutung
eine weitere Verarbeitung der Ereig- der Vergangenheit unterfüttern lässt. Davon ist
nisse vom 20. Juli 944 in die Kinos. auch die Wahrnehmung des Widerstands be-
Dies gibt Anlass, die Rolle von Filmen über den troffen.
militärischen Widerstand gegen den National-
sozialismus im deutschen Erinnerungsdiskurs Stauffenberg als Held
zu untersuchen. Die Aufarbeitung der Vergan-
genheit wird nicht bloß durch Wissenschaft Wie Oberst Stauffenberg erinnert wird,
und Geschichtspädagogik bestimmt. Einfluss hängt nicht zuletzt von dem Bild ab, das mas-
auf das Geschichtsbewusstsein haben ebenso sentaugliche Filme von ihm zeichnen. Derzeit
Filme, insbesondere Unterhaltungsfilme, die wird Stauffenberg vor allem als Held darge-
mit historischen Stoffen arbeiten. Sie prägen die stellt. Die Trailer von Valkyrie lassen Ähnli-
Geschichtsbilder der Menschen, indem sie die ches erwarten. Dabei könnte er auch als jemand
Gefühle der ZuschauerInnen ansprechen und gelten, in dessen Traditionslinie man nicht ste-
eingängige Bilder anbieten. Das heute so häu- hen will. Wenn Stauffenberg als Held dargestellt
fig zitierte „Kollektivgedächtnis“ ist nicht zu- wird, der die Welt von Hitler befreien wollte,
letzt ein Produkt der modernen Medienindus- liegt der Kurzschluss nahe, Stauffenberg hät-
trie. te sich gegen alles eingesetzt, wofür der Natio-
Um erfolgreich zu sein, greifen Spielfilme nalsozialismus steht, und außerdem im Sin-
auf den bereits bestehenden Fundus an medial ne der bundesrepublikanischen Verfassung ge-
erzeugten Bildern, Versatzstücke aus indivi- handelt. Der Wehrmachtsoberst wird so zum
duellen Erzählungen und das schulisch ver- lebenden Beweis für das Gute in den Deut-
mittelte Geschichtswissen zurück. Sie erlauben schen, auf das sich eine bundesdeutsche Tradi-
deshalb Rückschlüsse, was die Bevölkerung tion heute beziehen kann. Stauffenberg jedoch
vor den Bildschirmen über die Vergangen- vertrat eine antidemokratische Weltanschau-
heit denkt. Filme mit Bezug auf die deutsche ung, die von Militarismus und einer scharfen
Geschichte werden nicht losgelöst von Ge- Form des Nationalismus bestimmt war. Sein
sellschaft produziert. Sie stehen im engen Zu- abstraktes Bekenntnis zu Recht und Freiheit
sammenhang mit der politischen Entwicklung ist daher das, was ihn zum respektablen Be-
Deutschlands und den offiziellen Erinnerungs- zugspunkt für nationalistische und militaris-
bestrebungen. Auch wenn der fiktionale Cha- tische Positionen in der Gegenwart werden
rakter von Filmen und Fernsehserien mitbe- lässt.
dacht wird, liefern sie Bildmaterial über den Mit dem voraussichtlich international er-
20 Fragwürdige Traditionslinien Der Filmheld

folgreichen Hollywoodfilm Valkyrie sind er- ‚Die Scham wegwischen‘


innerungspolitische Hoffnungen verknüpft.
Eine größere Akzeptanz des Militärs im In- So wirkt es aus heutiger Sicht überraschend,
neren könnte Deutschland erlauben, sich vor- dass es 955, ein Jahr nach dem Jahrestag des
behaltloser an Kriegseinsätzen im Ausland zu Attentats, gleich zu einer Doppelverfilmung
beteiligen. Nach Außen liefert die Zeichnung des Stoffes kam: Es geschah am 20 Juli von
eines anderen, vermeintlich widerständigen G.W. Pabst und 20. Juli 944 von Falk Harnack.
Deutschlands einen weiteren Beitrag, das Land Bereits der im Vorjahr angelaufenen Film Ca-
in der Weltöffentlichkeit moralisch zu rehabi- naris (D 954, R: Alfred Weidenmann) über
litieren. den Chef des militärischen Geheimdienstes,
der in die Planung des Anschlags auf Hitler ver-
Stauffenberg als Vaterlandsverräter wickelt war, hatte sich als Kassenerfolg erwie-
sen. Das Widerstandsproblem wird von Wei-
Nicht zufällig ist Oberst Stauffenberg eine denmann dahingehend gelöst, dass die „gute
filmisch oft repräsentierte Figur aus der Zeit Wehrmacht“ den bösen Nazis entgegengesetzt
des Nationalsozialismus. Anders als die DDR, wird, sich aber den bösen Mächten gegenüber
die für sich das Erbe des antifaschistischen Wi- als ohnmächtig erweist.
derstandes in Anspruch nahm, konnte die BRD Zur gleichen Zeit gab es ein politisches Inte-
als Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“ nicht resse, den militärischen Widerstand zum legiti-
so leicht den Bruch mit der verbrecherischen mierenden Bezugspunkt zu machen. Der My-
Vergangenheit behaupten. Daher war es erin- thos einer „sauberen Wehrmacht“ erleichterte
nerungspolitisch naheliegend, die Geschichte die Vorbereitungen zur Gründung der Bundes-
des Nationalsozialismus als deutsche Opfer- wehr und rückte die Bundesrepublik im Kalten
geschichte zu erzählen. Die Deutschen waren Krieg näher an die Seite der Westalliierten. Da
demnach von einem Dämon verführt und in es unter den Attentätern außerdem einen aus-
den Abgrund geführt worden: weder wussten geprägten Antikommunismus gegeben hatte,
sie, was sie taten, noch konnten sie sich dage- eignete sich ihre Geschichte, um Position gegen
gen wehren. So ließen sich Nationalsozialismus die DDR und die UdSSR zu beziehen.
und der Krieg fürs Vaterland in der Erinnerung Anlässlich des 7. Juni 953 etwa hatte der
voneinander trennen. Berliner Bürgermeister Ernst Reuter das At-
Der Umgang mit dem militärischen, adeli- tentat vom 20. Juli 944 positiv bewertet und
gen, kirchlichen und bürgerlichen Widerstand mit den Demonstrationen in der DDR als „an-
gegen Hitler ist deshalb in den Gründungsjah- titotalitären“ Widerstand gleichgesetzt. Ähnlich
ren der Bundesrepublik ein Problem. Er beweist, äußerte sich am 9. Juli 954 auch der damali-
dass der Zweite Weltkrieg ein nationalsozialis- ge Bundespräsident Theodor Heuss anlässlich
tischer Krieg war und aktiver Widerstand eine des 0. Jahrestages des gescheiterten Attentates
mögliche Option. Folglich wurde das Attentat an der Freien Universität Berlin. Er endete seine
auf Hitler ambivalent wahrgenommen: Auf der Rede mit den Worten: „Die Scham, in die Hit-
einen Seite war es Symbol dafür, dass sich nicht ler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch
alle Deutschen an den Verbrechen des Natio- ihr [die Attentäter, Anm. d. A.] Blut vom besu-
nalsozialismus beteiligt hatten, auf der anderen delten deutschen Namen wieder weggewischt.“
Seite steckte es wie ein Dorn im schlechten Ge-
wissen der Deutschen, nichts oder nicht genug Überall Widerständler
dagegen getan zu haben.
In der Bevölkerung galten Stauffenberg und Im Gegensatz zu dem Film Es geschah am
seine Mitattentäter zunächst nicht als Helden, 20. Juli wird in dem von Artur Brauner produ-
sondern als „Umstürzler“ und „Vaterlandsver- zierten Film 20. Juli 944 versucht, Verbindun-
räter“. 952 sprachen sich über 50 Prozent der gen der verschiedenen Widerstandsgruppen
vom Allensbach-Institut befragten Deutschen aus Kirchen, Gewerkschaften, sozialistischen
gegen die Benennung einer Schule nach Stauf- Parteien und Militär hervorzuheben. Zwei Fi-
fenberg aus. Und der ehemalige Kommandeur guren stehen im Zentrum, die Sekretärin Stauf-
des Wachbataillons „Großdeutschland“, Otto fenbergs und ein junger Offizier. Sie bieten dem
Ernst Remer, verleumdete die Widerständler Publikum die Möglichkeit zur Identifikation.
95 bei einem Wahlkampfauftritt seiner „So- An dem Offizier vollzieht sich im Laufe des
zialistischen Reichspartei“ in Braunschweig als Films eine Wandlung. Stellvertretend für das
„Verräter“. Wenige Tage später errang die Par- Publikum entwickelt er sich vom „pflichtbe-
tei bei der niedersächsischen Landtagswahl elf wussten“ Offizier und Befehlsempfänger zum
Prozent der Stimmen. Unterstützer des Widerstands.
Der Filmheld Fragwürdige Traditionslinien 21

Durch die Dramaturgie des Films entsteht die moralische Besinnung der Hauptfigur statt. 1 Generalmajor a. D. Berthold
der Eindruck, als hätte die Mehrheit der deut- Stauffenberg begegnet einem jungen Mädchen, Maria Schenk Graf von Stauf-
fenberg ist der älteste Sohn
schen Bevölkerung am Widerstand teilgenom- das die Zerstörung seines Dorfes und die Er- von Claus von Stauffenberg
men oder zumindest Hitler heimlich abgelehnt. mordung seiner Familie durch deutsche Trup-
Wohin man auch blickt – überall Widerständ- pen überlebt hat. Die Shoa, in den Filmen der
ler. Und auch hier wird, wie in Es geschah am 950er Jahre noch verschwiegen, hat mittlerwei-
20. Juli, die Rolle der deutschen Wehrmacht le in den deutschen Widerstandsdiskurs Ein-
verherrlicht. Beide Filme verzerren die Ereig- gang gefunden. Es haben sich aber auch die Vor-
nisse des 20. Juli 944 und sind bemüht, die zeichen der Erinnerungspolitik geändert, denn
„Vaterlandsverräter“ in pädagogischer Manier die deutsche Schuld wird seit einigen Jahren au-
zu patriotischen Gestalten umzudeuten. Auch ßenpolitisch nutzbar gemacht. Es findet ein Pro-
der Off-Kommentar in Es geschah am 20. zess statt, der sich vom Verschweigen und Ver-
Juli spricht in dieser Hinsicht eine deutliche leugnen zu einer Beschäftigung entwickelt, die
Sprache: „Nun liegt es an uns, ob dieses Opfer sich für eine neue nationale Identität produktiv
umsonst gewesen ist.“ machen lässt. Bekanntlich gelang es Joschka Fi-
scher, die Teilnahme am Kosovo-Krieg 999 mit
Deutsche Erinnerungswende dem Aufruf „Nie wieder Auschwitz“ öffentlich
zu legitimieren. Aus der historischen Schuld
Der Fernsehzweiteiler Walküre der ARD wurde historische Verantwortung.
aus den 970er Jahren rekonstruiert in einer Neben dieser Erinnerungswende ist eine An-
heute ungewöhnlichen Art möglichst genau gleichung von Opfern und TäterInnen zu be-
die Vorgänge vom 20. Juli. Die Filme bestehen merken. Die Deutschen werden – nicht nur in
aus Interviews und Nachstellungen historischer Dokumentationen Guido Knopps – durch die
Szenen. Es kommen alle historischen Figuren Bombardierung Dresdens oder Hamburgs, in
gleichberechtigt zu Wort, egal ob sie ehemalige ihrer Vertreibung und ihrem individuellem Leid,
Mitglieder des Widerstandes wie der Attentäter wie in dem aktuellen Film Anonyma (D 2008,
Gerstorff waren oder gerichtlich belangte Na- R: Max Färberböck), gleichwertig zu Opfern
zis wie Remer, der ebenfalls im Film als „Zeu- von Nationalsozialismus und Krieg. Gleich-
ge“ auftritt und von „seinem“ Schauspieler nach zeitig wird ihre Rolle als TäterInnen kaum er-
dem „richtigen Gruß“ befragt wird. wähnt. Der Angleichung von Opfern und Täte-
Zum 60. Jahrestag des 20. Juli drehten ZDF rInnen entspricht die Aufwertung der Figur des
und ARD mit Die Stunde der Offiziere und sogenannten „Zeitzeugen“. Zu solchen werden,
Stauffenberg (beide 2004) eine Art Neuauf- ohne dabei relevante Unterschiede zu nennen,
lage der Filme 20. Juli 944 und Es geschah TäterInnen, Opfer, BefreierInnen, SoldatIn-
am 20. Juli. Der Fernsehfilm Stauffenberg nen, Verfolgte und Zivilbevölkerung. ‚Infotain-
greift außerdem auf die Rekonstruktion des ment‘ ist eine lukrative Sparte des Fernsehens
Films Walküre zurück. Anders als in den äl- und Zeitzeugen eignen sich für Unterhaltung
teren Filmen wird in Stauffenberg die politi- mit Informationsgehalt, weil sie die „Zeit“ mit-
sche Verwandlung des Protagonisten konkreter erlebt haben oder selbst „Geschichte“ sind. In
dargestellt und stärker personalisiert. Sie wird Sendungen über den Nationalsozialismus wer-
außerdem bereits in den ersten Minuten voll- den häufig TäterInnen- und Opfergeschichten
zogen: Die Geschichte beginnt mit dem chro- ohne Kommentar gleichwertig nebeneinander
nologischen Ende der Ereignisse und zeigt gestellt. Durch diese politisch fragwürdige Art
Stauffenberg bei seiner Hinrichtung. Durch sein der Darstellung gehen entscheidende politische
Auftreten und den Ausruf „Es lebe das geheilig- Zusammenhänge verloren.
te Deutschland“ erscheint er wie ein Held und Das ‚Dokudrama‘ Die Stunde der Offi-
Märtyrer, der eine Gesellschaft repräsentiert, ziere konzentriert sich nicht so wie Stauffen-
die den nationalsozialistischen Weltanschau- berg auf eine Person und ihre Entwicklung,
ungen entgegengesetzt ist. Ein weniger klares sondern entwirft ein „Panorama des militäri-
Bild als Held und Repräsentant einer anderen schen Widerstandes“, das für den Zuschauer
Gesellschaft gibt Stauffenberg dagegen in Die nur schwer durchschaubar ist. Der Film setzt
Stunde der Offiziere ab, denn er bricht, ge- auf eine Ästhetik der Imitation. Erinnerungen
troffen von den Kugeln des Erschießungskom- werden nicht mehr nur im Interview erzählt,
mandos, bei seinen letzten Worten zusammen. sondern auch konkret bebildert. Einem Publi-
Der Film Stauffenberg bringt eine verän- kum, das den Nationalsozialismus nicht selbst
derte Geschichtskultur zum Ausdruck. Bereits erlebt hat, werden auf diese Weise ‚Geschichts-
sehr früh im Film findet in einer, wie Berthold bilder‘ präsentiert, die kein angemessenes Ur-
Stauffenberg¹ erklärt, frei erfundenen Szene teil über die Vergangenheit erlauben.
22 Fragwürdige Traditionslinien Der Filmheld

2 So wurde Stauffenberg ver- Held wider Willen rungsdiskurs passt und ihn festigt. Die jährli-
mutlich ironisch in der  che Vereidigung der Rekruten auf Stauffenberg
vom 3.7.07 von Florian Hen-
ckel von Donnersmark, dem Der 20. Juli 944 blieb der einzige Versuch, stellt die Bundeswehr in die Tradition eines
Regisseur des Oskargewinners den politisch teilweise übergreifenden Cha- Helden, der bisher für moralisch einwandfrei-
D L  A, rakter des Widerstandes darzustellen. Wäh- en Nationalismus und Militarismus steht. „Hu-
bezeichnet
rend es im Westdeutschland der fünfziger Jahre manitäre Interventionen“ der Bundeswehr und
schwierig war, den Widerstand oder das At- die Verfolgung deutscher Interessen im Aus-
tentat auf Hitler durch die Offiziere gegenüber land können somit einfacher als Verlängerung
einem breiten Publikum zu behandeln, wur- einer unverdächtigen militärischen Traditions-
de der antifaschistische Widerstand von der linie interpretiert werden.
DDR instrumentalisiert. Diesen beiden großen Für den Mitverschwörer Tresckow galt:
Blöcke teilten sich in kleinere Gruppen auf: „Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er
KommunistInnen, SozialistInnen, Christen, werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur
Bürgerliche, StudentInnen und Militärs – jede zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass
Gruppe stritt für „ihre“ Widerstandskämpfer. Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht
Dass Stauffenberg und der 20. Juli schließlich vernichten wird.“ Im ersten Trailer hieß es in
zu einer Art Prototyp des Widerstands wur- Anlehnung an diesen Spruch: „It may come
de, hat mit geschichtspolitischen Interessen down to one.“ Das reicht allerdings, denn wie
zu tun. Diese Entwicklung wurde dadurch er- der Mitverschwörer Planck sagte: „Das Atten-
leichtert, dass mit der Auflösung der DDR Al- tat muß versucht werden, allein schon um der
ternativtypen entfallen sind und der dramati- moralischen Rehabilitierung Deutschlands wil-
sche Charakter der Ereignisse um das Hitlerat- len“.
tentat sich ausgezeichnet für Erzählungen eig- Heuss hatte dieses Ansinnen schon als er-
net. folgreich bezeichnet, doch der FAZ-Herausge-
An den bisherigen Verfilmungen des Stoffs ber Frank Schirrmacher will noch mehr, wie er
lässt sich nachvollziehen, welche Rolle diese bei der Laudatio auf den „Bambi für Courage“-
Filme im Zusammenhang mit der politischen Preisträger Cruise im November 2007 kundtat:
Entwicklung der BRD hatten. Bei Valkyrie „Es hat mich und andere immer bedrückt, dass
wird ein wichtiger Teil der diskursiven Rol- es beinahe unmöglich war, das Ausland darauf
le des Films bereits im Vorfeld verhandelt. Es aufmerksam zu machen, dass es auch innerhalb
gab eine breite Debatte über den Film, etwa ob Deutschlands Menschen gab, die ihr Leben ris-
Tom Cruise als Scientologe den deutschen Na- kierten, um sich den Nazis zu widersetzen. Es
tionalhelden spielen dürfe oder ob es angemes- bedurfte eines Querdenkers, um dieses Vorur-
sen sei am historischen Ort, dem Bendlerblock, teil zu durchbrechen. Es bedurfte – mit einem
zu drehen. Stets ging es darum, wie Stauffen- Wort – eines Weltstars, um sich damit im Aus-
berg dargestellt wird und was der Film für land Gehör zu verschaffen. Durch seine Ent-
die Wahrnehmung Deutschlands bedeuten scheidung, Graf Stauffenberg sein Gesicht zu
könnte. leihen, wird Tom Cruise, das Bild, dass sich die
Wie der erste Kinotrailer von Valkyrie ver- Welt von uns macht, mit Sicherheit verändern.
muten lässt, verschiebt sich die Aufmerksam- Das Ansehen des Landes zu retten, wenigstens
keit weg von der Figur Hitlers hin zu Stauf- das, gerade auch im Ausland, war wie wir wis-
fenberg als eine Art ‚Held wider Willen‘. Das sen, eine der wichtigsten Beweggründe Stauf-
inszenierte Weltendrama spielt sich hier auch fenbergs bei seiner Tat. Durch Tom Cruises
teilweise in der Figur selbst ab. Stauffenberg äh- Entscheidung, diese Rolle zu spielen, wird
nelt darin den Superhelden der populären Co- Stauffenbergs Anliegen, wenn auch auf mittel-
micverfilmungen, mit denen Valkyrie-Regis- bare Weise, doch noch verwirklicht. Eine breite
seur Brian Singer bisher in Erscheinung trat: Öffentlichkeit wird anhand seiner Geschichte
Helden, die zum Heldensein verdammt sind. verstehen, dass man sich dem Unmenschlichen
Sie verkörpern nicht den „Übermenschen“², widersetzen kann und dass Heldenmut und
sondern den Konflikt im Alltagsmenschen, der eine menschliche Haltung noch wichtiger sind,
zur Ausnahmetat gezwungen wird. als der Erfolg.“
Ob die Entscheidung, einen Film über Stauf-
Deutschland sieht gut aus – alles so fenberg zu drehen, anderen als ökonomischen
schön sauber hier Mut erfordert, ist zur Zeit eine echte Frage, und
inwiefern Tom Cruise ein „Querdenker“ ist, das
Die Befürchtung scheint zumindest berech- sei dahingestellt. Aber vom Ansehen Deutsch-
tigt, dass in VAlkyrie ein Held porträtiert wird, lands zu sprechen, um daraus den Widerstand
der in den auf Deutschland zentrierten Erinne- gegen das Unmenschliche abzuleiten, ist ge-
Der Filmheld Fragwürdige Traditionslinien 23

fährlich, weil das „Ansehen der Nation“ einer weitere Diskurs um Stauffenberg und den Film
der Gründe war, warum die beiden Weltkrie- Valkyrie wird Anzeichen dafür liefern, wel-
ge so erbittert geführt wurden. Fühlt man sich ches Verhältnis zum Militär und zu nationalis-
in Deutschland als Militärmacht akzeptiert und tischen Positionen in Deutschland zu erwarten
angesehen, steht dem militärischen internatio- sein wird.
nalen agieren eine Hürde weniger im Weg. Der
24 Fragwürdige Traditionslinien Geschichtsrevisionismus

Entlastung von der


Geschichte
Geschichtspolitische Umdeutung, Relativierung und Revisionismus

Die Geschichte des Nationalsozialismus wertet das Bild ab, das sich die Deutschen
von sich selbst machen können. Daher werden in Deutschland immer wieder
geschichtspolitische Strategien der Entlastung entwickelt. Entlastung kann da-
bei eine Umdeutung der Geschichte sein, die Relativierung der nationalsozialisti-
schen Verbrechen anhand anderer Menschheitsverbrechen oder Geschichtsrevisi-
onismus. Wichtige Strategien neben dem Gedenken an den 20. Juli im derzeitigen
geschichtspolitischen Diskurs sind die Schlussstrichdebatte, die Totalitarismus-
theorie, die Verengung der Täterschaft auf die nationalsozialistische Führung
und die enthistorisierende Beschäftigung mit den deutschen Opfern des Zweiten
Weltkrieges.

G
1 Der Begriff „Mehrheitsdeut- eschichte wird erzählt und geschrieben. machen können, immer ab. Daher versuchen
sche“ bezieht sich auf die Dabei werden immer wieder neue Quel- alle, die um eine positive deutsche „Identität“
große Mehrheit der Deut-
schen, die von den National- len erschlossen, neue Fakten zugänglich bemüht sind, geschichtliche Deutungen zu fin-
sozialistInnen auch als solche gemacht und geschichtliche Ereignisse neu ge- den, welche die Deutschen entlasten.
anerkannt wurden. Damit soll deutet. Geschichte ist daher nicht einfach et- Im Folgenden soll es um solche Entlastungs-
hier ausgedrückt werden, dass
jüdische Deutsche, deutsche was, was einmal passiert ist. Der Umgang mit strategien gehen. Es handelt sich hierbei um
Sinti und Roma, Deutsche mit Geschichte stellt immer auch einen Versuch Geschichtspolitik, das heißt um eine politische
Migrationshintergrund usw. dar, Zusammenhänge zu erklären und histori- Auseinandersetzung, einen Diskurs, wie Ge-
eben nicht Nachfahren der
TäterInnen sind, sehr wohl sche Ereignisse in Bezug auf heute zu deuten. schichte zu deuten ist. Wir wollen damit die in
aber auch „Deutsche“. Eine neue politische und gesellschaftliche Situ- diesem Heft beschriebenen Entlastungsstrate-
2 Vgl. den Text „Vom Vater- ation ändert auch die Deutung der Geschichte, gien, die über das Gedenken an den 20. Juli und
landsverräter zum nationa-
len Helden“ und „Valkyrie ihre Bedeutung für uns. Stauffenberg geführt werden, in einen breiteren
– Stauffenberg als Superheld Die Geschichte des Nationalsozialismus Kontext weiterer Entlastungsstrategien stellen.
in Uniform“ in diesem Heft. nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stel- Die im derzeitigen Diskurs bedeutendste Ent-
lung ein, denn sie prägt entscheidend das Selbst- lastungsstrategie wird hier ausgelassen, weil sie
bild der Deutschen. Deutschland hat mit seiner in den vorangegangen Texten bereits ausrei-
geplanten und industriell durchgeführten Mas- chend Erwähnung fand: Die Strategie, aus der
senvernichtung von sechs Millionen JüdInnen, deutschen Schuld Verantwortung und aus der
seinen Eugenikprogrammen und seinem Ver- Erinnerung nationales Selbstbewusstsein abzu-
nichtungskrieg in Osteuropa Verbrechen von leiten.²
einzigartigem Ausmaß verübt. Darum ist man Die stärkste Form der Entlastung ist der Ge-
in Deutschland gezwungen, sich in irgendei- schichtsrevisionismus. Als Geschichtsrevisio-
ner Weise zu diesen Verbrechen zu verhalten. nismus wird eine Position bezeichnet, die ein
Schließlich waren es die Eltern, Groß- oder Ur- wissenschaftliches, politisches und gesellschaft-
großeltern der meisten Mehrheitsdeutschen¹ lich bestehendes Geschichtsbild verändern will.
und einige noch selbst, die daran mitwirkten, Revision heißt „neu sehen“: RevisionistInnen
offen zustimmten oder es stillschweigend hin- wollen die deutsche NS-Geschichte anders se-
nahmen. hen, als sie im öffentlichen Bewusstsein bislang
Die Geschichte des Nationalsozialismus wer- gesehen wird. Und anders heißt hier immer,
tet das Bild, das Deutsche von sich als Nation dass die Verbrechen der Deutschen zur Zeit des
Geschichtsrevisionismus Fragwürdige Traditionslinien 25

Nationalsozialismus geleugnet, abgeschwächt meine Bestimmung des Begriffes hinaus ist eine 3 Trotz der deutlichen revisionis-
oder verharmlost werden. nähere Definition wissenschaftlich stark um- tischen und antisemitischen
Töne, die Walser anschlug,
Die meisten Leute verstehen unter Ge- stritten. Daher ist davon auszugehen, dass er fand es der damalige Bundes-
schichtsrevisionismus die Leugnung der Sho- im öffentlichen Diskurs eher als ein politischer kanzler Schröder vier Jahre
ah, die von der extremen Rechten betrieben Kampfbegriff zu werten ist, der Sowjetkom- später eine gute Idee, ausge-
rechnet am 8. Mai mit Walser
wird und in Deutschland unter Strafe steht. Je- munismus und Nationalsozialismus auf einen öffentlich über „Nation.
doch gibt es auch andere Formen. Nicht nur gemeinsamen Nenner bringen soll. So wird er Patriotismus. Demokratische
die Leugnung von Fakten verstehen wir als Ge- auch oft mit dem Begriff „Diktatur“ in eins ge- Kultur in Deutschland 2002“
zu plaudern.
schichtsrevisionismus, sondern auch das Ver- setzt. Auch die DDR konnte daher unter diesem 4 Oft zitiert, geht wohl zurück
stellen von Tatsachen, das Unsichtbarmachen Schlagwort eingeordnet werden. Die Ostdeut- auf: Bernt Engelmann, „Das
von Zusammenhängen und die bewusste Um- schen galten damit nach der Wende als diejeni- neue Schwarzbuch: Franz Josef
Strauss“, Köln, 1980. Die CSU
gewichtung von Ereignissen (wie die vorwie- gen, die „zwei Diktaturen erlebt haben“. Auch bestreitet zwar die Authen-
gende Beschäftigung der Deutschen mit dem Merkel, damals noch nicht Kanzlerin, befand tizität des Zitates, Strauss
eigenen Leid im Krieg, bei der Flucht und Ver- vor dem Bund der Vertriebenen, „dass die Be- selber hat Engelmann aber
nie wegen dieser Darstellung
treibung aus Osteuropa). Allerdings kann nicht freiung Europas und auch Deutschlands vom verklagt.
bei allen Entlastungsstrategien von Revisionis- Nationalsozialismus damals für viele Deutsche 5 Ernst Nolte: Vergangenheit,
mus gesprochen werden. Jedoch liegen in vie- keineswegs anbrechende Freiheit und das Ende die nicht vergehen will. Eine
Rede, die geschrieben, aber
len dieser Strategien revisionistische Momente von Leid bedeutete. In der östlichen Hälfte Eu- nicht gehalten werden konn-
oder sie bieten zumindest Anknüpfungspunkte ropas und in Mittel- und Ostdeutschland[!] te, in: Frankfurter Allgemeine
für revisionistische Positionen. übernahm eine neue totalitäre Diktatur die Zeitung, 6. Juni 1986.
6 Ebd.
Herrschaft.“⁷ 7 Rede von Angela Merke anläss-
Das ist doch alles so lange her: Aber die Totalitarismustheorie gibt es nicht lich des „Tages der Heimat“
Schlussstriche erst seit 990: Schon 962 beschloss die Kultus- am 6. August 2005 in Berlin;
www.bund-der-vertriebenen.
ministerkonferenz, dass die Totalitarismusthe- de/files/redemerkel.pdf
Dass „das“ alles schon lange her ist, davon orie im Schulunterricht vermittelt werden müs- 8 Jürgen Peter: Der Historiker-
waren die Deutschen bereits fünf Jahre nach se.⁸ In den siebziger Jahren wurde dieser Ansatz streit und die Suche nach
einer nationalen Identität der
dem Krieg überzeugt. Siebzig Jahre nach der im politischen Klima der Entspannungspolitik achtziger Jahre, Frankfurt am
Reichspogromnacht finden das immer noch wegen ihrer antikommunistischen Stoßrich- Main, 1995, S. 62.
sehr viele. tung angegriffen, verlor aber nie völlig an Be-
Als 998 der Schriftsteller Martin Walser deutung. Nach der Wende konnte sie sich wie-
anlässlich einer Preisverleihung einer großen der allgemein durchsetzen. Bis heute wird sie
Zahl seiner Landsleute aus der Seele sprach, in- im (geschichts-)politischen Diskurs weithin
dem er befand, es sei sich genug schlechtes Ge- akzeptiert.
wissen gemacht worden, und Auschwitz werde Bei der Totalitarismustheorie kann nicht
moralisch instrumentalisiert, da erfand er den von Geschichtsrevisionismus gesprochen wer-
„Schlussstrich“ nicht neu.³ 969 soll Franz-Josef den: Sie war immer die herrschende Auffassung
Strauß gesagt haben: „Ein Volk, das diese wirt- in der Bundesrepublik. Jedoch ist sie meist eine
schaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Form von Relativierung: Erstens können mit
Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hö- ihr die sowjetischen Verbrechen als gleichwer-
ren zu wollen.“⁴ Und in den 980er Jahren hatte tig mit den deutschen dargestellt werden und
der Historiker Ernst Nolte gefordert, den Na- zweitens kann auf ihrer Grundlage sogar be-
tionalsozialismus aus neutraler Distanz zu be- hauptet werden, dass die deutsche Bevölkerung
trachten, so „daß frühere Darstellungen einer gar keine andere Wahl gehabt habe, als Hitler
Revision unterzogen werden“⁵ könnten, und an die Macht zu bringen, um so eine kommu-
hatte, genau wie Walser zwölf Jahre später, in nistische „Diktatur“ zu verhindern. So kann in
bester antisemitischer Manier vermutet, dass es letzter Konsequenz sogar den KommunistIn-
den „Interessen der Verfolgten und ihrer Nach- nen die wahre Schuld am Nationalsozialismus
fahren an einem permanenten Status des Her- zugeschoben werden.
ausgehoben- und Privilegiertseins“⁶ geschuldet
sei, dass eine derartige neutrale Beschäftigung Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist’s
nicht möglich sei. gewesen: Der Ver-Führer
und seine Verbrecherbande
Alles total böse:
Die Totalitarismustheorie Gerne werden die Gründe für den Natio-
nalsozialismus nicht in der politischen Situati-
Der Begriff Totalitarismus gilt gemeinhin als on, sondern in der Person Hitler gesucht. Da-
Oberbegriff für eine Einparteienherrschaft, die bei wird betont, dass er ein „Blender“ war, über
mit ständigem Terror regiert. Über diese allge- viel „Charisma“ verfügte und besonders Frau-
26 Fragwürdige Traditionslinien Geschichtsrevisionismus

9 Guido Knopp, Festvortrag „175 en zu beeindrucken wusste. Besonders Guido und 70er Jahren ausführlich und plastisch – im
Jahre Hambacher Fest“, Knopps Gruselshows im ZDF bedienen diese Unterschied zur rein sachlichen Darstellung
www.kas.de
10 Ebd. Sichtweise. „Hitlers Helfer“, „Hitlers Kriege“ des Völkermords an den europäischen Juden.“
11 Rede von Angela Merke anläss- und „Hitlers Frauen“: wichtig sind bei diesen In den Siebzigern und Achtzigern ändert sich
lich des „Tages der Heimat“ Darstellungen Einzelpersonen und ihre indivi- das Bild; auch die Shoah wird nun mit plasti-
2005; a.a.O.
12 Vgl. die Rezension im Spiegel: duelle Geschichte. „Im Mittelpunkt der Politik schen Bildern geschildert.
„Tut-tut, hier kommt der und der Geschichte steht am Ende immer noch Weil die Thematisierung deutschen Leidens
Opfer-Dampfer“, http:// der Mensch, dem sich gerade an den Wende- hinter die Beschäftigung mit dem Leiden der
www.spiegel.de/kultur/
0,1518,k-2807,00.html punkten seines Daseins mehrere Möglichkei- Opfer der Deutschen zurücktrat, bildete sich
ten bieten – nicht weil ihn strukturelle Zwän- die Legende, dass über das Leid von Deutschen
ge treiben oder irgendwelche dunklen Mächte, angeblich überhaupt nicht gesprochen werden
sondern oft allein die eigene Schwäche, eige- dürfe. Dieser Auffassung schließt sich auch
ner Ehrgeiz, eigenes Streben, ob nach Macht, Merkel an, als sie 2005 vor dem Bund der Ver-
nach Ruhm oder nach Geld. Das gilt auch für triebenen spricht. Ihre Partei habe „über sechs
Hitlers sogenannte „Machtergreifung“, die in Jahrzehnte ihren Beitrag geleistet, die Erinne-
Wirklichkeit eine Machterschleichung[!] war.“⁹ rung an die Vertreibung der Deutschen wach
Im Lichte dieser Geschichtsbetrachtung wurde zu halten. Dies gilt insbesondere in den Jahren,
das deutsche ,Volk‘ verführt und dann ,indok- als sonst niemand über das Thema sprechen
triniert‘. Die einzelnen Personen tauchen gar wollte und man sich zahlreichen Anfeindungen
nicht als eigenständige handelnde Menschen ausgesetzt sah. Dies hat sich glücklicherweise
auf, sondern nur noch als Objekte. So kann deutlich geändert.“¹¹
Knopp das deutsche ,Volk‘ als Opfer der Poli- Demnach galt auch der Roman „Im Krebs-
tik eines Mannes hinstellen: „Jetzt brauchte der gang“ von Günther Grass im Jahre 2002, in
Diktator keine Täuschung mehr. Die erste Hälf- dem das Leid der Vertriebenen und der deut-
te seiner Herrschaft hatte er sich seinem Volk sche Umgang damit nach dem Krieg zum The-
verabreicht wie ein Aufputschmittel. In der ma gemacht werden, als „Tabubruch“. Viele
zweiten Hälfte setzte er die Menschen auf Ent- freuten sich, dass „endlich“ auch über die deut-
zug und tauchte in die karge Welt der Führer- schen Opfer geredet werden „darf “. Daraufhin
hauptquartiere ab.“¹⁰ erschienen eine ganze Reihe von Büchern und
Weil die Deutschen angeblich „getäuscht“ Filmen (zuletzt die revisionistische ZDF-Pro-
wurden, trifft sie auch keine Schuld. Mit dieser duktion Die Gustloff¹²) zum Thema Vertrei-
Verengung der Täterschaft auf wenige muss das bung und Bombenkrieg.
Geschehene nicht geleugnet werden, es kann Für Letzteres steht symptomatisch das Buch
sogar immer und immer wieder erzählt wer- „Der Brand“ von Jörg Friedrich, in dem er
den. Hinter solchen Erzählungen verschwinden den Bombenangriff auf Dresden emotionali-
dabei die große Zustimmung der deutschen siert schildert. Dabei verstellt das persönliche
Bevölkerung, ihre begeisterte Mithilfe und ihre Leid den Blick auf die geschichtlichen Zusam-
Beteiligung, ohne die der Nationalsozialismus menhänge. Obendrein stellt seine Ausdrucks-
nicht funktioniert hätte. weise Parallelen zwischen den nationalsozia-
listischen Verbrechen und den Bombenangrif-
Deutschland, du Opfer: Alle leiden und fen der Alliierten her: Friedrich bezeichnet die
niemand ist’s gewesen Luftschutzkeller in Dresden als „Krematorien“
und die Tatsache, dass Bibliotheken brann-
Schon nach 945 fühlten sich die Deutschen ten, nennt er „Bücherverbrennung“. Die NPD
nicht als TäterInnen, sondern vor allem als Op- im sächsischen Landtag spitzte das bloß zu, als
fer des Krieges. Bomben und „Heimatvertrei- sie die Luftangriffe als „Bombenholocaust“ be-
bung“, sowie das Bild vom leidenden Wehr- zeichnete.
machtssoldaten („Landser“) vor Stalingrad und Dies verdeutlicht die Strategie des Opfer-
die Rückkehrer aus den sowjetischen Kriegsge- diskurses: Unter einer Menge an persönlichem
fangenenlagern bestimmten das kollektive Be- Leid verschwindet die politische Dimension,
wusstsein. So fragt ein Plakat für den Film So werden alle zu gleichberechtigten Opfern eines
war der deutsche Landser aus dem Jahre fürchterlichen Schicksals.
955: „Helden oder Schlachtvieh?“ Erst allmäh-
lich bildete sich das Bewusstsein der deutschen Geschichte wird gemacht
Schuld. In einer Untersuchung von Schulbü-
chern stellt Jürgen Peter fest: „[...] das Elend der Wir haben einzelne Entlastungsstrategi-
Millionen ,Flüchtlinge‘ beschreiben die Mehr- en hier mehr oder weniger schematisch auf-
zahl der betreffenden Schulbücher aus den 50er geführt. Natürlich treten all diese Strategien
Geschichtsrevisionismus Fragwürdige Traditionslinien 27

nicht isoliert voneinander auf, sondern wer- werden oder die Fakten gleich mit, kommt auf
den (so gut es geht) kombiniert, um zu einer das politische Klima an.
entlastenden Geschichtsdeutung zu kommen. Es ist daher wichtig, in diesen Diskurs im-
Dabei sind aber immer auch Deutungen im mer wieder einzugreifen: Die Strategien der
Umlauf, die sich widersprechen. Noch ist die Entlastung als politische Strategien offen zu
Geschichtsschreibung nicht abgeschlossen, der legen und zu zeigen, wie sie funktionieren, ist
Schlussstrich nicht gezogen. Ob nur die Schlüs- eine Möglichkeit dafür. Noch wichtiger ist aber,
se aus der Geschichte oder die Gewichtung der eine Deutung der Geschichte wach zu halten,
Tatsachen im nationalen Interesse umgebogen die nichts entschuldigt und nichts verstellt.
28 Fragwürdige Traditionslinien Nationalismus

Opfer für das Höhere


Vaterlandsliebe, Nation und Nationalismus
Patriotismus und Nationalismus sind keine qualitativ verschiedenen Haltungen.
Bei beiden wird das Interesse am Wohlergehen der Nation in der persönlichen
Wertehierarchie als Höchstes angesiedelt. Die dem zugrunde liegende Idee der Na-
tion ist die Vorstellung eines fiktives Kollektiv mit einem ebenso fiktiven gemeinsa-
men Interesse, das angeblich über den in der Gesellschaft vorhandenen Interessen-
gegensätzen und Konflikten steht. Nationalismus/Patriotismus ist die subjektive
Haltung von Individuen, die an dieses gemeinsame höhere Interesse glauben und
bereit sind, für dieses Opfer zu bringen und notfalls dafür in den Tod zu gehen.

W
eit verbreitet ist in Deutschland das Menschen aus der und in die Nation, werden
Verlangen, Deutschland endlich wie- an dieser Stelle nicht behandelt.
der als eine „ganz normale Nati-
on“ betrachten zu können. Allzu oft wird das Patriotismus und Nationalismus:
„schwierige Verhältnis“ der Deutschen zu „ih- Eine falsche Unterscheidung
rer Nation“ bemängelt. Dieses „schwierige Ver-
hältnis“, das einem „gesunden Nationalempfin- In den vorangestellten Sätzen wurde bislang
den“ im Wege stünde, findet seinen Grund in nicht recht zwischen Patriotismus und Natio-
der Geschichte des Nationalsozialismus. Dort nalismus unterschieden. Das liegt daran, dass
zeigte sich, wohin ein extremer Nationalismus die Unterscheidung von Patriotismus und Nati-
führen kann. onalismus nur bedingt brauchbar ist. Nationa-
In den letzten Jahren setzte sich aber auch lismus besteht nach der gängigen Unterschei-
jenseits konservativer und politisch rechter dung darin, dass die eigene Nation über alle
Kreise langsam die Überzeugung durch, dass anderen Nationen gestellt wird, während beim
Patriotismus nicht notwendigerweise in einen Patriotismus, der „Vaterlandsliebe“, bloß die
zweiten Nationalsozialismus führe. Als Bei- eigene Nation als das persönlich Höchste gilt,
spiel muss unter anderem der „Party-Nationa- wobei zugestanden wird, dass für Menschen
lismus“ während der Fußball-WM 2006 her- anderer Nationalität deren Nation eben für sie
halten. das Höchste sei. Was aber beiden gemeinsam
Deutschland erlangt also in Bezug auf Nati- ist, ist der Stellenwert der Nation: Unterstellt
onalismus/Patriotismus wieder eine „Normali- wird, dass die Nation etwas „Höheres“ wäre
tät“. Auch wenn es richtig ist, dass nicht jeder als die individuellen Bedürfnisse und Interes-
Nationalismus sofort in den Faschismus führt, sen des Einzelnen. Da also beide Begriffe, „Pa-
so heißt das noch lange nicht, das Nationalis- triotismus“ und „Nationalismus“, sich nicht in
mus ,an sich‘ etwas Gutes ist. Daher soll hier die Bezug auf die Idee der Nation, sondern nur in
Frage gestellt werden, was Nationalstolz eigent- Bezug auf den Stellenwert der Nation im Ver-
lich für eine Idee ist. Warum haben viele Leu- hältnis zu anderen Nationen unterscheiden,
te das Bedürfnis, ihre Nation zu lieben? Was wird im Folgenden der Begriff „Nationalismus“
steckt hinter der Idee der Nation? auch für die Haltung verwendet, die gewöhn-
Im Zusammenhang mit dem in dieser Bro- lich mit „Patriotismus“ bezeichnet wird.
schüre behandelten Themenkomplex soll sich
bei der Beantwortung der Fragen auf die Kon- Die Vorstellung einer Einheit
struktion eines einheitlichen nationalen Inter-
esses und der sich daraus ableitenden Opferbe- Das ZDF strahlt seit Oktober 2008 eine mo-
reitschaft konzentriert werden. Weitere Facetten numentale Geschichtsdokumentation mit dem
des Nationalismus, wie zum Beispiel der per- Titel Die Deutschen unter der Leitung von
manent produzierte Aus- und Einschluss von Guido Knopp aus, in dem die tausendjährige
Nationalismus Fragwürdige Traditionslinien 29

Geschichte der Deutschen erzählt werden soll. Diese Vorstellung von Gemeinschaftlich- 1 Es soll also möglich sein,
Doch weder die Deutschen noch die Idee der keit heißt für die einzelnen Menschen, dass sie mittels Einbürgerung in eine
Geschichte einzutreten, die
Nation sind tausend Jahre alt. Die Nation ist glauben, dass das, was „für Deutschland“ gut mit der eigenen Familienge-
in der Hauptsache eine Idee des aufstrebenden ist, auch für sie gut sei. Die Idee der Nation be- schichte nichts zu tun hat.
Bürgertums im 8. und 9. Jahrhundert, eine deutet also individuell bereit zu sein, „den Gür- Von den Eingebürgerten wird
daher verlangt, dass sie sich
Idee, die sich gegen den Adel und das Feudal- tel enger zu schnallen“, das heißt Lohn- und So- mit der nationalen Geschichte
system richtete und auf Einheit des ,Volks‘ ge- zialkürzungen in Kauf zu nehmen, wenn nur befassen und sich zumindest
gen die Ständegesellschaft setzte. versichert wird, dass es Deutschland nutze. teilweise damit identifizieren
– neben Spracherwerb ist das
Die Nation ist also die Idee einer Einheit. Die- Ebenso strukturiert die Idee der Nation die ein wesentlicher Zweck von
se Einheit gilt als substantielle Einheit, das heißt Möglichkeiten politischer Forderungen: Sie Einbürgerungskursen. Diese
als Einheit, die – wie auch immer – im Wesen dürfen nicht nur einer bestimmten Gruppe Schwierigkeit in der Konstruk-
tion einer nationalen Identität
eines ,Volks‘ begründet ist. Die Zugehörigkeit dienen, die sich gegenüber dem Rest der Ge- einer Einwanderungsgesell-
zur Nation kann über Abstammung oder ledig- sellschaft ein Recht erstreiten will, sondern sie schaft führt zu ideologischen
lich über ein Bekenntnis zu den Grundwerten müssen als Forderungen gelten können, die im Problemen. Dies insbeson-
dere in Deutschland, wo der
einer Nation konstruiert werden. Jedoch gilt in Interesse der Nation sind. Ist das nicht mög- Wandel von einer nationalen
beiden Fällen, dass die Nation (im zweiten Fall lich, so muss die fordernde Gruppe zumindest Identität über Abstammung
tatsächlich unabhängig von ihren Mitgliedern) aus ihren bisherigen Opfern für die Nation das hin zu einer über Bekenntnis
zur Verfassung erst vor kurzer
über ihre Geschichte begründet wird.¹ Weil die Recht auf einen Ausgleich ableiten. Zeit offiziell vollzogen wurde.
Einheit der Nation nicht bloß ein pragmati- Nationalismus bedeutet also, dass die Inte-
sches gemeinsames Interesse ist, sondern sich ressen eines abstrakten Kollektivs, der Nation,
aus einem gemeinsamen historischen Schicksal über den individuellen Interessen angesiedelt
ergeben soll, ist es auch notwendig, die Wurzeln und somit zu den jeweils eigenen gemacht wer-
der Nation bis in die Untiefen der Geschichte den. In der subjektiven Vorstellungswelt bedeu-
zurückzuverfolgen. Ein Abschnitt von tausend tet Nationalismus daher vor allem Opferbereit-
Jahren, wie Guido Knopp ihn vorschlägt, eignet schaft. Man ist also bereit, auf alles Mögliche
sich natürlich kraft der runden und hohen Zahl zu verzichten, wenn es für das Wohl der Nati-
besonders für eine mythologisierende Erzäh- on notwendig ist. In letzter Konsequenz heißt
lung, so unangenehm der Beigeschmack einer das, dass man auch bereit ist, auf sein Recht auf
Rede vom tausendjährigen Deutschland auch Leben zu verzichten und gegebenenfalls für die
sein mag. Nation zu sterben.
Diese Bereitschaft, eigene Bedürfnisse ge-
Zusammenhalt: Die Nation lieben, genüber einem bloß fiktiven Gemeininteresse
den Staat lieben zurückzustellen und dafür auch Opfer zu brin-
gen, setzt eine emotionale Bindung zu dem ab-
Der ehemalige Bundespräsident (969–974) strakten Kollektiv Nation voraus. Die Nation
Gustav Heinemann liebte nach einem bekann- zu lieben, heißt dabei auch meist, den Staat zu
ten Ausspruch nicht den Staat, sondern sei- lieben, der als Vollstrecker des nationalen Inte-
ne Frau. Soviel Klarheit darüber, was eine ver- resses gilt. Nationalismus ist daher auch meist
nünftige emotionale Bindung ist, findet man eine emotionale Bindung an die staatliche Ge-
in der ‚Berliner Republik‘ heute leider nur walt. Der Staat ist aus diesem Grund auf eine
noch selten. Woher nimmt die Idee der Nation patriotisch gesinnte Bevölkerung angewiesen,
die Kraft, nicht nur eine integrative, sondern besonders dann, wenn er von ihr Opfer verlan-
auch eine emotional besetzte Idee sein zu kön- gen muss, wie im Krieg und in wirtschaftlichen
nen? Krisenzeiten. Heinemanns verhältnismäßig un-
In kapitalistischen Gesellschaften stehen sich patriotische Haltung funktionierte nur in einer
die Menschen als vereinzelte konkurrierende Phase der bundesdeutschen Geschichte, wo der
MarktteilnehmerInnen gegenüber. Diese Viel- allgemeine Wohlstand weniger Opfer abver-
heit und Gegensätzlichkeit der Interessen wird langte und Deutschland keine Kriege führte.
durch den Staat und seine Institutionen ver- Stauffenberg, wie in den vorhergehenden
mittelt. Auch Solidarität wird heutzutage vom Texten gezeigt wurde, dient zur Einschwörung
Wohlfahrtsstaat organisiert. Während also die der Bevölkerung auf die Nation in mehrfacher
gesellschaftliche Ebene von Interessengegensät- Hinsicht: Als Figur, die nationale Identifikati-
zen und Konkurrenz geprägt ist, erscheint die on ermöglicht, als Entlastungszeuge der deut-
Nation dagegen als Zusammenhalt. Sie bedient schen Geschichte und als moralisches Vorbild
die romantische Sehnsucht nach Gemeinschaft- in puncto Opferbereitschaft.
lichkeit in einer als individualisiert wahrge-
nommenen Gesellschaft. Eben diese Sehnsucht
ermöglicht eine emotionale Bindung.
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Herausgeber: …nevergoinghome
Druck: DreiGroschenDruck
Auflage: 3000 Stück
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