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Reader gegen studentische

Verbindungen

Zusammengestellt von der Antifa TU Berlin


Herbst 2005
Antiburschen Reader

Inhaltsverzeichnis

Editorial 2

Rechte Studentenverbindungen in Berlin 4


Antifaschistisches Infoblatt

Institutionalisierte Freundschaft 8
Zur Geschichte und Soziologie studentischer Verbindungen
AStA Uni Hannover

Das Frauenbild der Burschenschaften 14


Antifa TU

Herr Schönbohm von der CDU 16


Antifa TU

Elite sein... 20
Ziel korporationsstudentischer Erziehung
Stephan Peters (Der rechte Rand)

Verbindungen und Frauen 23


AStA Uni Hamburg

Studentische Verbindungen 24
AStA Uni Düsseldorf

Glossar 29
Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum (APABIZ)

Literaturverzeichnis 31

Internetlinks 32

Kontaktaddressen 32

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Antiburschen Reader

Editorial

Schwerpunkt dieses Hefts sind studentische Verbindungen bzw. Burschenschaften. Deren reaktionäres
Gedankengut, ihre widerlichen Traditionen und ihre seltsamen Lockungen und Werbungen (z.B.
Verbandsleben, billig Wohnen) sollen hier beleuchtet werden. Da wäre z.B. ihr elitäres Denken,
welches die angehenden Akademiker an der Spitze einer aufstrebenden deutschen Nation sieht.

Und tatsächlich finden sich erstaunlich viele „alte Herren“ (Burschis im Berufsleben) in Politik,
Wissenschaft und Wirtschaft wieder. Diese sind keineswegs inaktiv, sondern unterstützen die Burschen
mittels ihrer Machtpositionen und finanzieller Mittel. Dass eine Verbindung einen „Lebensbund“
schließt, wird hier besonders deutlich. Nicht besser wird dieser “Lebensbund” mit dem in ihrem
Weltbild fest verankertem hierarchischen Denken und Handeln. So müssen die Neuen („Füxe“), bevor
sie Burschen werden können, erst einmal sich im Dienen und Bedienen üben.

Dabei sind sie offen antisemitisch, rassistisch,


nationalistisch und revisionistisch.

So fordert ein nicht geringer Teil den Anschluß


Österreichs an Deutschland. Ebenso wird
die ehemalige DDR als Mitteldeutschland
bezeichnet, „[...] da ja in Osteuropa noch viele
deutsche Gebiete [...]“ seien.

Dass die Burschenschaften sich, nachdem sie


1933 gleichgeschaltet worden sind, gut in die
nationalsozialistische Gesellschaft integrierten,
verwundert bei ihrer nationalistischen und
antisemitischen Ideologie wohl kaum.

Und so habendiese jungen und alten rechten Konservativen auch keine Probleme mit Rechtsextremisten
aller Couleur und arbeiten zum Teil mit denselbigen eng zusammen.

Nicht zu vergessen ist ihr Menschenbild welches durch Sexismus, Homophobie und Rassismusabgesteckt
wird. So werden in den meisten Verbindungen nur deutsche Männer, die den Wehrdienst geleistet
haben, aufgenommen. Frauen haben sich ihrem chauvinistischen Männerbundgehabe unterzuordnen.
„Liberale“ Gesinnungen und Homosexualität werden als Krankheiten diffamiert. Da passt schließlich
ins Bild, dass so genannte pflichtschlagende Bünde „Mensuren“ veranstalten, in denen sie sich durch
Fechtkämpfe ihre Männlichkeit beweisen. Schnittwunden und bleibende Narben sind dabei Illustration
dieses Rituals und keineswegs eine Schande.

Bleibt noch anzumerken, dass da keineswegs nur Burschenschaften existieren. So gibt es noch eine
Reihe anderer studentischer Verbindungen: Corps, Turnerschaften und sogar einige Damenschaften.

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Antiburschen Reader

Wenn auch in leicht anderen Ausformungen, so herrscht in all diesen Verbindungen


der konservativ-reaktionäre Geist. Also gilt die Kritik auch diesen vermeintlich
weniger gefährlichen Korporationen.

Nun zum Semesterbeginn sind diese Verbindungen besonders aktiv. Sie wollen mit Parties, billigen
Wohnungen (in ihren Verbindungshäusern), Zeitungsannoncen und Studienhilfe neue Mitglieder
werben. Also aufgepasst!! Party machen könnt ihr woanders viel besser, Wohnungen werdet ihr auch
finden und KomillitonInnen, die euch beim Studienanfang helfen, gibt’s wahrlich genug.

Die antifaschistischen Gruppen der Berliner Unis wollen dem Treiben der Burschen und sonstigen
Korporierten nicht tatenlos zusehen. Nicht zuletzt deswegen also dieser Reader. Dabei haben wir das
Rad nicht neu erfunden und auf ältere Texte zurückgegriffen.

Danke an alle die diesen Reader ermöglicht haben.

Traditionen sind kein Grund. Nieder mit dem Männerbund.


Burschen ins Bierspucken.

Eure Antifa TU Berlin

// Vielen Dank an

... und die ASten der Unis


Hannover, Hamburg und
Düsseldorf
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Antiburschen Reader

Rechte Studentenverbindungen in Berlin


Aus dem Antifaschistischen Infoblatt Nr 65 - 1/2005

Ein für Berlin-Neukölln ungewöhn- rechtigt mit dem Volksbund Deutsche


liches Bild bietet sich einem alljähr- Kriegsgräberfürsorge bedeutungsvoll
lich dann, wenn der Ring Deutscher ihre jeweiligen Kränze ab. Der Kranz
Soldatenverbände zum »Volkstrauer- der Ehemaligen der 26. Panzerdivisi-
tag« auf dem ehemaligen Garnisons- on liegt wie selbstverständlich neben
1) Heute ist der Friedhof am friedhof1 lädt. Einträchtig stehen hier dem der Verband der Reservisten der
Columbiadamm vor allem als im regnerischen Novemberwetter deutschen Bundeswehr. Vor der Kulis-
ältester islamischer Friedhof
Deutschlands bekannt.
hochrangige Militärattaches2 mit Grup- se von ca. ein dutzend Fahnenträgern
pierungen wie der Ordensgemeinschaft drängen sich kurzhaarige Bomber-
2) Laut der Reservisten-
kameradschaft 08 Berlin Süd,
gehörten am 16.11.2003
die Militärattaches aus
England und Frankreich
sowie der Botschafter von
Malta zu den Ehrengästen,
siehe: Kranzniederlegung
auf dem Garnisonsfriedhof
Columbiadamm, Torsten
Meyer, RK 08 Berlin - Süd.

Rechts:
143. Stiftungsfest des Chorps
Cheruskia

der Ritterkreuzträger, dem Stahlhelm jackenträger und ältere Herren mit


Ganz rechts:
Wappen der Berliner und Abordnungen der Bundeswehr Schiebermützen wie auf einem Klas-
Landsmannschaft Thuringia zusammen, um mit ernster Miene senfoto. Für die älteren Veteranen der
den »gefallenen Kameraden« oder Erlebnisgeneration und die begleiten-
wahlweise den »Opfern von Krieg den Frauen werden in der ersten Reihe
und Gewaltherrschaft« zu gedenken. eigens Sitzbänke reserviert. Mittendrin
NPDler wie Jörg Hähnel, der REP- steht, fast schon symbolhaft, zwischen
Funktionär Konrad Voigt und die der vermeintlich bürgerlichen und
DVU-Landtagsfraktion Brandenburg der extremen Rechten, die Berliner
um Sigmar Peter Schuldt legen gleichbe-

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Antiburschen Reader

stischen Grundsätzen, insbesondere


großdeutschen Gebietsansprüchen, das
Verbandsleben prägt. Nach personellen
Überschneidungen in die rechte bis
Burschenschaft Gothia. neonazistische Szene braucht man daher
Wenn von Rechtsextremismus inner- nicht lange zu suchen. So gehören bzw.
halb von Korporationen die Rede gehörten bekannte NPD-Aktivisten 3) Nicht zu verwechseln
mit der pflichtschlagenden
ist, bezieht sich dies zumeist auf wie Andre Kapke aus Jena, der NPD- Studentenverbindung
Mitglieder oder Mitgliedsbünde der Vordenker Jürgen Schwab, wie auch Thuringia Berlin im
Deutschen Burschenschaft (DB). sein Parteikollege Jürgen Gansei - jetzt
Coburger Convent, welche
mit Filmvorführungen wie
Daher sei der Fokus auf die DB- Abgeordneter im »Churchills Friedensfalle« in
Mitgliedskorporationen gerichtet, zu ihrem Verbindungshaus am
denen in Berlin die Vereinigte Berliner Mythos einer Ermordung des
Hitlerstellvertreters Rudolf
Burschenschaft Thuringia3, die Berliner Hess mitstrickt,
Burschenschaft der Märker, die Bur- www.l-thuringia.de.
schenschaft Arminia Berlin und nicht
4) Laut ihrer eigenen
zuletzt die Berliner Burschenschaft Internetpräsenz
Gothia zählen. Dazu kommen etliche www.burschenschaft.de
Altherrenverbindungen und Zusam-
5) Der Rechte Rand #68,
menschlüsse wie der Berliner Waffen- Februar 2001,5.11, Nach
ring, welcher sogenannte Pauktage rechts offen - Die Deutsche
für die schlagenden Verbindungen Burschenschaft radikalisiert
sich, Günter Mauser.
durchführt.
6) Oberhessische Presse,
Wer ist die Deutsche 8. Februar 2000, Marburger
Burschenschaft schließt NPD-
Burschenschaft? Aktivisten aus.
Die Deutsche Burschenschaft (DB)
stellt den zweitgrößten Korporierten-
verband mit 15.000 Mitgliedern in
rund 115 Bünden in Deutschland und
Österreich dar4. Die DB ist dabei kein
monolithischer Block, hier gibt bzw.
gab es sowohl einen etwas liberaleren
»Hambacher Kreis« als auch den
extrem rechten Flügel der »Burschen-
schaftlichen Gemeinschaft« (BG) mit
ca. 40 Bünden. Die verschiedenen
Nuancen innerhalb der DB weisen sächsischen Landtag - zu Burschen-
allerdings nicht auf fundamentale schaften der DB5. Im Januar 2000
Uneinigkeit, sondern auf ideologi- wurde Gansei aus seiner Burschen-
sche Gradunterschiede hin. Grundle- schaft ausgeschlossen, da ihm
gendes Merkmal der DB ist deren vorgehalten wurde, einen Hausmeister
restriktive Aufnahmepraxis: Frauen, attackiert zu haben, welcher sich über
Ausländer, Homosexuelle und Kriegs- »Sieg Heil«-Rufe empörte.6 In einer
dienstverweigerer haben dort nichts Gegendarstellung bei Spiegel Online
zu suchen. Auf Verbandsebene sind vom 27. September 2004 weist Jürgen
dem rechtsextremen Spektrum zuzu- Gansei darauf hin, den Hausmeister
ordnende Politikkonzepte hegemonial.
Wobei die BG mit extrem nationali-

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Antiburschen Reader

keinesfalls mit einem Luftgewehr Deutschen Burschenschaft.


beschossen zu haben. Er wurde im Ihren Mitgliedern bietet sie seit Jahren
Oktober 2000 vom AG Marburg eine breite Palette von rechten
7) »falsch verbunden«
diesbezüglich freigesprochen. Von bzw. militaristischen Schulungsver-
Reader zu studentischen den Berliner Mitgliedsbünden der anstaltungen, mit bekannten Prota-
Verbindungen in Berlin, Deutschen Burschenschaft sind vor gonisten der extremen Rechten wie
Recherchegruppe
studentische Korporationen in
allem die »Märker« und die »Gothia« Alfred Mechtersheimer, Horst Mahler,
Berlin, Oktober 2004 einschlägig aufgefallen. Hans-Hellmuth Knütter oder aber auch
etablierter Politprominenz wie dem
8) Fachschaft Philosphie
Aachen, philfalt #73,
Märker ehemaligen Berliner Bürgermeister
19.5.2003, Burschen und Die Burschenschaft der Märker ver- Eberhard Diepgen, welcher alter Herr
Anwälte, Max. fügt über eine Villa im gutbürgerli- der Burschenschaft Saravia Berlin
9) Likedeeler Sonderausgabe
chen Bezirk Dahlem, nahe der Freien ist. Die Villa der Gothia in Berlin-
1. September, Scharnier oder Universität Berlin. Für die extrem Zehlendorf ist zudem Anschrift und
Schnittmenge?, Sven Römer. rechte Wochenzeitung »Junge Frei- Treffpunkt der Berliner »Reservisten-
10) Reservistenkamerad-
heit« richtete sie 2003 deren Sommer- kameradschaft Freiherr von Lützow«,
schaft Freiherr von Lützow im fest, inklusive Dampferfahrt, aus. deren etwa 25 Mitglieder die Interes-
VdRBW-Landesgruppe Berlin, Zu den Mitfeiernden zählte auch sen von Reservisten gegenüber der
http://rk09-berlin.de
der bekannte Vordenker der »Neuen Öffentlichkeit und der Bundeswehr
11) Berliner Zeitung, Rechten« Alain de Benoist. Der »Mär- vertreten wollen10. Ein Blick in deren
21.03.1997, »Kritische ker« Karsten Rausch ist nicht nur Veranstaltungskalender zeigt recht
Liberale«: Zweiter Versuch
mit Mechters-heimer, Gothia
Pressesprecher im Dachverband der deutlich, welches Spektrum hier be-
Semes-terprogramm für das DB, sondern auch Rechtsanwalt in dient wird, so referiert man hier über
WiSe 1999/2004, Referent: der Kanzlei Quensell und Kollegen7. die multikulturelle Gesellschaft als
Bundesbruder Johlige
Er vertrat als solcher beispielsweise »Konstrukt ohne Integrationspotenti-
12) Nehring war erster Marc Königs aus dem Umfeld der al«. Dass sich der »Reservistenkolle-
Stipendiant der DB an der Uni Kameradschaft Aachener Land, dessen ge« und Bezirksbürgermeister von
Kaliningrad und Vorsitzender
der Jungen Fingerabdrücke im Oktober 2001 Steglitz-Zehlendorf Herbert Weber
Landsmannschaft Ostpreußen auf einer falschen Milzbrandsendung dafür stark macht, der Gothia Räume
bzw. dessen Nachfolgers dem an die Jüdische Gemeinde gefunden im örtlichen Rathaus zu überlassen,
Bund Junges Ostpreußen.
wurden8. Neben Bildungsarbeit und verwundert daher nicht wirklich. Seit
Seminaren, wie etwa zum Thema: der Gründung der ersten Berliner
»Keine Revolution ohne Staatsgelder« Schülerverbindung »luvenis Gothia«
des JF-Autoren Manuel Ochsenreiter, 1981 wirbt die »Gothia« Gymnasiasten
versuchen sich die »Märker« in einer ab dem 14. Lebensjahr. Die ersten
Art eigener Jugendarbeit. Dazu gründe- Mitglieder lernten sich so über die
ten sie 1997 eine eigene Schülerver- »luvenis Gothia« oder über CDU-nahe
bindung, die »pennale Burschenschaft Schülergruppen kennen.
Theodor Fontäne«, über die sie mit der Prominente »Gothia«-Mitglieder sind
Greifswalder Burschenschaft Rugia eng die Rechtsanwälte Markus Röscher
zusammenarbeiten. Bekannte Rugia- und Eckart Johlige, deren gleichna-
Mitglieder sind die NPDler Mathias mige Kanzlei auch von der Gothia-
und Stefan Rochow, letzterer ist JN- Webseite verlinkt wurde.11Roschers
Vorsitzender im NPD-Parteivorstand9. Parteikarriere führte nicht allein über
»nationalliberale« Berliner FDP-Kreise
Gothia und die CDU, zur Bundestagswahl
Die Gothia ist als einzige Berliner 1998 kandidierte er zusammen mit
Burschenschaft Mitglied der Bur- seinen Bundesbrüdern Norman Plaster,
schenschaftlichen Gemeinschaft, also Eckart Johlige und Rene Nehring12 für
des offen rechtsextremen Flügels der den rechten Bund Freier Bürger.

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Antiburschen Reader

Fazit
Einen Überblick über studentische Einflussmöglichkeiten, die über die von
Verbindungen in Berlin zu geben ist »normalen« extrem rechten Zusammen-
kein leichtes Unterfangen. Im Gegen- schlüssen hinausgehen. Grund genug,
satz zu anderen Universitätsstädten das Wirken rechter studentischer Ver-
treten diese weniger offen auf bindungen im Auge zu behalten.
und gehören kaum zum Unialltag.
Nichtsdestotrotz sind knapp
fünfzig Verbindungen jedes
Semester darum bemüht, neuen
Nachwuchs zu rekrutieren. Die
meisten von ihnen verfügen
über eigene Verbindungshäuser
mit entsprechenden
Zimmerangeboten und betonen
gerne den Einfluss ihrer alten
Herren in Politik, Wirtschaft,
Verwaltung und an den Uni-
versitäten. Auch wenn sie sich
gern ein »freiheitliches« Image
geben, vertritt zumindest die
Deutsche Burschenschaft ein
im Kern quasi organisches
Volksverständnis und anti-
emanzipatorische Ideologien.
Ihre Verbindungen ins bzw.
Überschneidungen zum
extrem rechten Lager sind
daher logische Folge. Das
gleichzeitige Engagement
rechter Burschenschaftler in
etablierten wirtschaftlichen
und parteipoltischen Strukturen
eröffnet ihnen jedoch
Haus der Burschenschaft Gothia in Berlin
Königstraße 3, Berlin-Zehlendorf

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Antiburschen Reader

Institutionalisierte Freundschaft
Zur Geschichte und Soziologie studentischer Verbindungen
aus AStA Hannover (Hg.): Eliten und Untertanen. Studentische Verbindungen in
Hannover und anderswo, Hannover 2005

Ihrem eigenen Selbstverständnis die sich in der vergleichsweise


nach sind studentische Verbindungen gering funktional differenzierten
Vereinigungen mit einem stark mittelalterlichen Hochschule vor
1)Vgl. Wehler 2001, S. 36
positiv besetzten Traditionsbezug. allem um die praktischen Belange der
2)Vgl. Kurth 2004, S. 55ff. Ihre Ursprünge verorten viele an den scholares kümmerten. So halfen sie
ersten christlichen mittelalterlichen beispielsweise bei der Immatrikulation
Hochschulen und Universitäten seit oder verhandelten mit Hausbesitzern
der Wende zum 13. Jahrhundert. über die Miete. Außerdem nahmen sie
Zu diesem Zeitpunkt schlössen sich universitäre Aufgaben wahr, die später
zuerst in Bologna, Paris und Oxford entweder innerhalb der sich stärker
Lehrer und Schüler zu universitates funktional differenzierenden und
magistrorum et scholarium zusammen. professionalisierenden Institution Uni-
Ein Studium an einer derartigen versität von Fachkräften ausgeübt oder
Einrichtung bedeutete für diejenigen, aber ausgelagert wurden.2
die aus den unteren Schichten Die Vorläufer der heutigen
stammten, in der Regel den sozialen Studentenverbindungen sind nicht
Aufstieg. Viele von ihnen strebten die nationes, sondern die societates
eine Versorgung im Kirchendienst an. nationales, die Kränzchen und die
Die älteste studentische studentischen Orden, die entstanden,
Organisationsform des hohen und nachdem die nationes bis zum 16.
späten Mittelalters, die seitens der Jahrhundert immer mehr an Bedeutung
Studentenverbindungen als Vorläufer verloren hatten.
reklamiert werden, sind die so
genannten nationes. Diese sind
ungeachtet des Terminus nicht mit dem Exklusivität
Begriff der Nation zu verwechseln,
denn die mittelalterlichen nationes Während ursprünglich jeder scholar
waren nicht nationalstaatlich im universitätsoffiziell einer natio
modernen Sinne geprägt1 - es zugewiesen wurde, rekrutierten
existierten schließlich weder Nation die von den Universitäten nicht
noch Nationalstaat - sondern sie anerkannten societates nationales ihre
umfassten ortsfremde Studenten ver- Mitglieder selbst, wobei gezwungen
schiedener staatlicher Einheiten. wurde, wer nicht “freiwillig“ eintrat.
Die nationes haben mit den heutigen Im Unterschied dazu wählten die
Studentenverbindungen weniger Ge- studentischen Orden des 18. Jahrhun-
meinsamkeiten als mit den ASten derts ihre Mitglieder exklusiv aus.
und/oder Fachschaften: sie waren eine Kriterium für die Aufnahme waren
Art studentische Interessenvertretung, vor allem die geistige und menschliche
“Reife“, da sich die studentischen
Orden von der Studentenschaft abheben
wollten.

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Antiburschen Reader

Bis heute spielt die “Exklusivität“ bei Soziologisch betrachtet ist die Betonung
der Auswahl der Mitglieder studen- der Freundschaft seitens der stu- 3)Vgl, Selbstdarstellung des
tischer Verbindungen eine Rolle, wobei dentischen Orden im 18. Jahrhundert CV 1998, S. 66.

die Kriterien variieren: wer Mitglied eine Folge umfassender gesellschaftli-


werden kann, hängt je nachdem, cher Transformationsprozesse, vor allem
welcher Verbindung man beitreten der zunehmenden gesellschaftlichen
will, von Konfession, Geschlecht und/ Differenzierung: Hierzu ist die
oder Staatsangehörigkeit ab, teilweise berufliche Differenzierung genauso
spielen auch völkische, kulturelle zu zählen, beispielsweise übernahmen
und/oder materielle Aspekte eine immer weniger Männer automatisch
Rolle oder aber persönliche Vorlieben den Beruf des Vaters, wie die Zunahme
und Begabungen, etwa sportliches
oder musisch-künstlerisches
Engagement. Die Palette ist
vielfältig, so dass theoretisch mehr
oder minder jede/r die Möglichkeit
hat, als “exklusiv“ zu gelten, für
manche sind die Chancen besser: ein
fiktiver nach völkischen Kriterien
definierter deutscher “weißer“,
heterosexueller und einigermaßen
wohlhabender Student christlichen
Glaubens hätte die größte Auswahl.
Er könnte in jeder der etwa 1.000
studentischen Korporationen
mit Ausnahme der rund 20
Damenverbindungen um Aufnahme
bitten, um eine institutionalisierte
Freundschaftsbeziehung einzugehen.
Andere haben eingeschränktere
Möglichkeiten.

Freundschaft „Zum ersten Mal in Wichs“


- Gemälde von Georg
Das schon für die Mitglieder Mühlbergum 1900
der studentischen Orden im
Zentrum stehende Moment der
Freundschaft spielt bis zum der geografischen und sozialen
gegenwärtigen Zeitpunkt für zahl- Mobilität oder die Ausdehnung des
reiche Studentenverbindungen eine staatlichen Einflusses in Recht und
wichtige Rolle. So bezieht sich etwa Verwaltung . Neben den familiären und
der “Cartellverband der katholischen beruflichen Strukturen differenzierten
deutschen Studentenverbindungen“ sich auch die religiösen Vorstellungen
(CV) seit seiner Gründung 1856 neben und Gewohnheiten immer mehr, so
den Prinzipien religio, scientia, patria dass insgesamt eine größere soziale
auch auf das Prinzip amicitia3.

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Antiburschen Reader

Heterogenität entstand. Dadurch


wurde einerseits die Freiheit des praktiziert wird, vor dem Hintergrund
Einzelnen erweitert, anderseits nahmen einer sie einenden essentialistischen
Unsicherheiten und Desorganisation polaren Geschlechterkonzeption nach
zu. Als Folge dieser gesellschaftlichen wie vor explizit ab.6
Entwicklung entstanden immer So werden etwa den Mitgliedern
mehr Freundschaftsbande, die auf des pflichtschlagenden “Coburger
“institutioneller“ Ebene eine den Convents der Turnerschaften und
persönlichen Freundschaften ähnliche Landsmannschaften“ an deutschen
Funktion übernahmen, weshalb der Hochschulen in einem internen
Soziologe Friedrich H. Tenbruck die Faltblatt Argumentationshilfen
Zeit von 1750 bis 1850 als “große gegen die Aufnahme von Frauen
Epoche der Freundschaft“ bezeichnet nahegebracht. Auf die Frage “Warum
hat4. Diese Freundschaftsbünde nehmt Ihr keine Mädchen (sic!)
4)Tenbruck 1964, S. 436.
gewährten dem einzelnen Individuum auf?“ empfiehlt der Verband folgende
5)Vgl. Kurth 2004, S. 73f. die Identifikation mit der Gruppe, Antworten: “Weil wir keine unnötigen
eine Vorstellung von sich selbst Konfliktsituationen erzeugen wollen;
6)Vgl. ebd., S. 17ff.
und Einheit auch Sicherheiten im weil Frauen sehr oft andere Interessen
7)Coburger Convent o. J. Verhalten. Für die meisten Frauen haben als wir, und wir die Zielrichtung
bedeuteten die gesellschaftlichen unseres Bundes nicht verbiegen lassen
Veränderungen zunächst jedoch weder wollen; weil wir uns in unserer auf
größere individuelle Freiheiten, noch Männer beschränkten Gemeinschaft
stärkere Verunsicherungen oder gar wohlfühlen; weil wir deshalb Mädchen
Desorganisation, weshalb Freundschaft - die wir durchaus gern bei unseren
im 18. Jahrhundert in erster Linie eine Veranstaltungen sehen und sie in den
männliche Angelegenheit darstellte.5 Bundesbetrieb weitgehend integrieren -
Dies änderte sich mit den weiblichen nicht als formelle Mitglieder brauchen
Emanzipationsbestrebungen, weshalb (wir haben aber nichts dagegen, wenn
auf universitärer Ebene mit der Mädchen ihre eigenen Verbindungen
allgemeinen Zulassung der Frauen zum aufmachen, und wir helfen ihnen gern
Studium um die Wende vom 19. zum dabei); weil wir den Mädchen nicht
20. Jahrhundert auch die ersten Studen- die Erschwernisse im Bundesleben
tinnenvereine entstanden. zumuten wollen (z. B. das Fechten);
Während sich für die studentischen und auch, weil es nicht sein muß, viel
Orden des 18. Jahrhunderts und Wichtiges und Schönes, das wir uns
die Studentenverbindungen des geschaffen haben, aufzugeben, um
19. Jahrhunderts die Frage nach vielleicht ein bißchen Neues zu errei-
der Integration von Frauen in ihre chen, das vor allem andere - nämlich
Freundschaftsbünde überhaupt die Mädchen gern haben wollen...“7
nicht stellen konnte, lehnen Alle genannten Argumente, die
die verbindungsstudentischen - wie der Verband betont - in den
Männerbünde der Gegenwart Diskussionen mit Außenstehenden,
einen geschlechterübergreifenden den Studentenverbindungen kritisch
studentischen Freundschaftsbund, Gegenüberstehenden, nicht “auf
der prinzipiell denkbar ist und in
den gemischten Verbindungen auch

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Antiburschen Reader

einmal“ verwendet werden sollen8, studentischen Zusammenschlüsse, in


rekurrieren implizit auf das im denen insgesamt ein ausgesprochen 8)Vgl. ebd.
letzten Drittel des 18. Jahrhunderts roher Verhaltenskanon herrschte und wo
entwickelte Modell von der Polarität jegliche Affekte relativ unkontrolliert 9)Vgl. ebd.

der Geschlechter9, mit dessen Hilfe ausgelebt werden konnten11, stehen 10)Vgl. Hausen 1978. Müller
sich ein vermeintlich unüberbrückbarer in engem Zusammenhang mit den 1998,5. 20f.
Geschlechterdualismus konstruieren Auseinandersetzungen zwischen den 11)Vgl. Kurth 2004, S, 66ff.
lässt. Die eigene (männliche) Gruppe protestantischen Landesfürsten und
wird als homogen wahrgenommen, dem katholischen Kaiserhaus. Im 16.
die vor dem als komplementär Jahrhundert und im Dreißigjährigen
wahrgenommenen “Anderen“, dem Krieg. Während in dieser Zeit viele
“Weiblichen“ geschützt werden muss. europäische Staaten nach und nach
in zentralisierte und im Inneren
Bereits die societates nationales immer mehr pazifizierte Monarchien
des 16. und 17. Jahrhunderts boten transformiert wurden, erwies sich die
“der post-pubertären akademischen eher lockere Integration des Heiligen
Jugend ein Forum für subkulturelle Römischen Reiches Deutscher Nation
Riten, wie sie sich im Duell- als große Schwäche. Und während
und Satisfaktionswesen, in den das 17. Jahrhundert für die Menschen

Trinksitten, in Bierbrüderschaften, des heutigen Frankreich, England Oben:


der Bändertracht und vielem anderen oder der Niederlande eine “Periode Burschen der Schweizer
mehr ausbildeten.“10 Die zeitlich großer kultureller Schöpferkraft Verbindung scaphusia beim
gemeinsamen Saufen
vergleichsweise ausgedehnten und zunehmender Pazifizierung
gewaltsamen Initiationsrituale dieser und Zivilisierung“ war, erlebten die

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Antiburschen Reader

integrierenden deutlichcn Oberschicht


Menschen Im Heiligen Römischen bei.14 Die ihm zugrunde liegenden
Reich Deutscher Nation “eine Zeit Normen sind vor allem im Comment
der Verarmung, auch der kulturellen festgelegt, der seit etwa 1770 “die
12)Ellas1994, S. 12.
Verarmung, und einer zunehmenden Bedeutung einer Standesordnung und
13)Vgl. Borkowsky 1908, S.
Verrohung“12, die sich unter anderem eines Gesetzbuches für das gesamte
57f.
in den Ritualen der studentischen studentische Leben“15, ab Ende des
14)Vgl. Kurth 2004, S. 121ff. Organisationen niederschlugen. Nicht 18. Jahrhunderts nur noch für das
selten starben Studenten an den ihnen der Verbindungsstudenten hatte. Der
15)Ssymank1991,S. 195f.
zugefügten Verletzungen oder begingen Comment regelte und regelt zum Teil bis
16)Vgl. Kurth 2004, S. 75ff. aus Verzweiflung Selbstmord.13 heute den Umgang der (Korporations-)
Die von den societates nationales Studenten untereinander, etwa die
institutionalisierten Formen der Modalitäten der Duelle und Mensuren,
Gewaltausübung wurden mit die Kommerse, Trinksitten und anderes
den Anfängen des staatlichen Brauchtum, das Verhalten gegenüber
Gewaltmonopols verboten, die Frauen sowie die Losung von
Rituale nach und nach modifiziert. Konflikten.
Das mittlerweile außerordentlich Die Spezifik der im Comment
fixierten “Lebensnorm“
besteht in einem streng
genormten abweichenden
Verhalten, wodurch die
studierenden Männer
exklusive gesellschaftliche
Stellung legitimier(t)en wie
praktizierten. Der Comment
verlangt/e von den Studenten
abweichendes Verhalten in
Bezug auf in der Gesellschaft
geltende Normen, definierte
aber dieses abweichende
Verhalten selbst als soziale
Norm, welche das Verhalten
und jegliche Affekte
vergleichsweise streng
reglementiert/e, definierte
beispielsweise den sich im Verlauf
differenzierte Geflecht aufeinander leicht verändernden Rahmen innerhalb
abgestimmter Rituale sollte sich im dessen abweichende Verhaltensweisen
Oben:
Inneren der Studentenverbindungen erlaubt wie erwünscht waren und
Dumpfes Burschen-Trinklied
(1920), noch heute auf der bis in die Gegenwart über alle sind.16 Da Alkoholexzesse inklusive
Website einer Giessener Generationengrenzen hinweg einer Art rituell-kollektivem
Burschenschaft zu finden
als sinnstiftend, solidaritäts- und Kontrollverlust zum festen
identitätsstiftend erweisen. Nach Bestandteil verbindungsstudentischer
außen trug es zur Vereinheitlichung Verhaltenskultur gehör(t)en, sind
der zunehmend auch bürgerlichen die Modalitäten des Trinkens im

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Antiburschen Reader

Biercomment enthalten, wodurch es Der Papst musste 12 Maß Bier trinken,


dem Einzelnen ermöglicht wird, “sich wobei die Corona - die Tafelrunde
in guter Gesellschaft zu betrinken und bei einer verbindungsstudentischen
zu berauschen“ und zugleich zu lernen, Kneipe18 - die zwölf Strophen des
“sich noch im schweren Rauschzustand Liedes “O lector lectorum“ sang und die 17)Ellas 1994, S. 13.
zu kontrollieren“ und auf diese Weise Kardinale ihre brennenden Pfeifen unter
“die Trinkenden selbst wie ihre das Tuch hielten und so lange pafften, 18)Vgl. Golücke 1979, S. 83.
Mitmenschen vor den Gefahren der bis der Papst eingenebelt und berauscht 19)Vgl. Studentisches
Enthemmung zu schützen.“17 In der vom Stuhl sank. Um die großen Mengen Brauchtum 1976, S. 23f.
Anwendung wurden und werden die Alkohol zu vertragen, war der “mobile
herrschenden gesellschaftlichen Regeln Papst“ nötig, in welchen man sich
durch diejenigen des Biercomments erbrechen konnte.19
ersetzt. Dieser bildet das Regelwerk Mit den vielfältigen
für eine Art “Staat im Staate“, den so Ritualen integrieren die
genannten “Bierstaat“. Die in diesem Studentenverbindungen neue
Männerstaat gelten “Bierrechte“ Mitglieder im Sinne der von ihnen
sind genauso im Biercomment vertretenen Wertvorstellungen. Es ist
festgelegt, wie definiert wird, was zwar nötig, zu lernen, sich ein- und
etwa unter einer “Bierverschwörung“ unterzuordnen, im Gegenzug erhalten
oder der “Bierehre“ zu verstehen Neulinge jedoch die Gewissheit des
ist. Wer letztere verliert, landet im Aufgehobenseins. Lange Zeit war es
“Bierverschiss“ und hat sich durch sogar so, dass denjenigen, die sich den
ein “Bierduell“ herauszupauken. entsprechenden Regeln und Ritualen
“Bierangelegenheiten“ können vor unterwarfen, die Zugehörigkeit zur
ein “Biergericht“ gebracht werden gesellschaftlichen Elite sicher war.
und bei physischen Problemen ist Inwieweit jedoch derartige
es möglich, sich für “bierimpotent“ Sozialisationsmodelle in einer sich
erklären zu lassen. Wem von alledem immer stärker ausdifferenzierenden
übel wird, kann sich bestimmter und gleichzeitig immer stärker
“Vorkehrungen“ bedienen, die bis verflechtenden globalen Gesellschaft
heute auf den Verbindungshäusern erfolgreich sein können, ist mit
existieren und “Bierpäpste“ genannt einem großen Fragezeichen zu
werden. Sie befinden sich entweder in versehen. Meines Erachtens haben
der Form eines großen Waschbeckens die studentischen Verbindungen ihren
mit Haltegriffen auf der Toilette oder Zenit überschritten und langfristig
als “mobiler Papst“ auf dem Tisch. allenfalls als folkloristische
Der Name geht vermutlich auf eines Vereinigungen eine Zukunft.
der zahlreichen Trinkspiele zurück,
bei dem der Gewinner im Wetttrinken
zum Papst ernannt wurde. Gestützt von
vier Kardinalen wurde er eingehüllt in
ein Bettlaken auf einen Stuhl gesetzt.

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Antiburschen Reader

Das Frauenbild der Burschenschaften


Antifa TU
Einer der am häufigsten angeführten Geschlecht“ zu verstehen ist) nicht über
Kritikpunkte an Korporationen ist der die wahren Einstellungen den Frauen
ausgeprägte Sexismus, der von ihnen gegenüber hinweg täuschen.
praktiziert wird. Dabei ist der Ausschluss
von Frauen vom Verbindungswesen „Nicht Zanken, sondern
nur ein sehr offensichtliches Merkmal danken!“
ihres vorsintflutlich anmutenden Schon in der Einleitung wird deutlich,
Frauenbildes. Begründet wird der welche Rolle sie der Frau zugestehen:
Ausschluss zum Die Aufforderung, die Frauen sollten zu
Beispiel wie folgt: „den schöpfungsgewollten Ursprüngen
„Bist Du hässlich, fett, rank oder fremd „Unser Burschentum
im Lande , bist Du von Sorgenfalten, und Bestimmungen“ zurückkehren,
ist auf eine bestimmte erschöpft sich wohl in der Vorstellung
Weltschmerz oder linksliberaler
Gesinnung gepeinigt, [...] hast du den männliche Gruppe von der Hausfrau und Mutter. „Und
Wehrdienst verweigert oder hast du bestimmt. Die vergessen Sie nicht- je besser es uns-
eine Freundin mit, die weder schön Weltordnung ist den Ihren- Männern geht, desto besser
noch still ist, dann bleib lieber zu auf das Männliche
Hause.“ geht es auch ihnen. (...) Ist das keine
ausgerichtet“. Die lohnende Aufgabe?“ Wahrlich, der
Aus einer Einladung der Burschenschaft
Germania Hamburg (zitiert nach Stellung der Frau Gedanke in völliger Abhängigkeit
Beyer) beschränkt sich des Mannes zu stehen und zu dem
vornehmlich auf die eigenen Wohl nur über das seine
der „Couleurdame“, zu gelangen, muss Glücksmomente
die bei öffentlichen Veranstaltungen in jeder Frau hervorrufen. Neben
nicht fehlen darf. Sie werden als der maßlosen Selbstüberschätzung
schmückendes Beiwerk und dankbares - wohl eine Folgeerscheinung des
Publikum für die sich heldenhaft eigenen elitären Selbstverständnisses-
präsentierende, versammelte spiegelt allein dieser kurze Absatz
Männlichkeit betrachtet. Hier haben das Herrenmenschendenken jener
die jungen Kavaliere die Möglichkeit, Verbindungsstudenten trefflich wieder.
sich in der alten Schule des guten
Benehmens und der Ritterlichkeit zu „Kinder, Kirche und Küche“
üben, welches in einem speziellem Die „neun goldenen Hausregeln“
Codex für „Verhalten gegenüber bringen das auf den Punkt, was
Damen“ geregelt ist. Es ist üblich, bei in anderen Damenreden höflich
diesen geselligen Veranstaltungen auch umschrieben wird: Das Leben der Frau
eine Rede zu Ehren der anwesenden hat um das des Mannes zu kreisen, die
„Damen“ zu halten. Wie anhand der Frau soll neben dem dekorativen Zweck
folgenden Rede deutlich wird, kann auch noch den wiederum passiven Part
die vermeintlich respektvolle Anrede der willigen Dienerin und fürsorglichen
als „Dame“ oder das Propagieren Gefährtin an seiner Seite erfüllen.
einer besonderen Rücksicht oder Der Gedanke, anscheinend für etwas
Ritterlichkeit (die schon eher als milde Höheres berufen zu sein, zeigt sich
Nachsicht gegenüber dem „schwachen nicht zuletzt in der Ablehnung jedweder

16
Antiburschen Reader

und keine Flasche kommt alleine vom


Kühlschrank auf den Tisch. Soll ER das
häuslicher Arbeiten, die die Gestaltung Bier holen, nur weil er es auch trinkt?“
des Alltags so mit sich bringt. In fast Ja, bitte, gehts denn noch??! Wieso sollte
werbenden Tonfall wird den Damen SIE IHM das Bier holen, das ER trinkt?
schmackhaft gemacht, was den Bloß weil ER gerade zu bequem ist,
Burschen unter ihrer Würde erscheint: SEINE Beine zu bewegen? Und das Soll
„Entdecken Sie den Reiz des Dienens sie tun, Weil SIE eine Frau ist? In derlei
und die Chance des Dienendürfens!“ plumpen und unlogischen Aussagen
Die Hervorhebung der traditionellen manifestiert sich der Gedanke, das die
weiblichen Tugenden und deren Frau dem Manne untertan zu sein hat.
Aufwertung dient nicht zuletzt dazu, Dass dies wohl kaum die Grundlage
den Frauen zu suggerieren, sie seien für ein gleichberechtigtes Miteinander
nur dann angesehen,
wenn sie diesem
mittelalterlichem Ideal
entsprächen. Dies
führt durchaus dazu,
dass Frauen diese
Rollen annehmen und
verinnerlichen, man(n)
also gar keine „Verbote“
oder ähnliches mehr
auszusprechen braucht,
da der Ausbruch aus
dem „Ideal“ meist
zur Ausgrenzung im
sozialen Umfeld führt.
Weiterhin wird in der
Rede herausgestellt,
welche Verantwortung
wohl der Mann für
sein Handeln trägt.
Dabei wird der Satz :
„Ihr Mann ist so gut
wie sie ihn behandeln“
zum Leitbild einer bilden kann, ist klar. Ist das also die Oben:
Idee, in der die Frau beispielsweise viel beschworene Ritterlichkeit, mit der Frauen als „Beigabe“ für eine
gute Burschenparty, hier z.B.
selbst schuld ist, wenn ihr Mann sie der Bursche die Dame ehrt? Wenn ja, bei der Arminia in Tübingen
betrügt. Sie hätte sich halt mehr um dürften wohl alle Frauen getrost darauf
ihn bemühen müssen. Dabei ist Kritik verzichten können!
an seinem Verhalten nicht erwünscht, Vielleicht ist das auch das Gefährliche
(„Es ist nicht Ihre Sache, über die der Ideologie der Burschen: Die
Richtigkeit oder Unrichtigkeit seiner Beharrlichkeit, mit der sie von sich selbst
Anschauungen zu befinden“) die überzeugt eine solche Geisteshaltung
Konsequenzen seines Handelns muss an den Tag legen und ernsthaft daran
sie aber mittragen. glauben, die Spitze der Gesellschaft
„Bier hat ja bekanntlich keine Beine, darzustellen. 17
Antiburschen Reader

Herr Schönbohm von der CDU


Antifa TU

Dass Teile der Christdemokraten keinerlei Berührungsängste


mit rechten und rechtsextremen Studentenverbindungen
haben, ist nichts Neues. Auch dass etliche konservative Politiker
solchen elitären Vereinigungen selbst entsprangen und heute
als Alte Herren die Ideale dieser vertreten und weiterverbreiten,
verwundert nicht. Doch ein prominenter Politiker wie
Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der mit einer
Konsequenz und Beharrlichkeit in braunen Gewässern fischt,
hat besondere Aufmerksamkeit verdient.

Politiker. General. für kurze Zeit noch eine Panzerbrigade,


Arschloch? kehrt jedoch, als Brigadegeneral, ins
Verteidigungsministerium zurück. Hier
Geht man der Frage nach, wer dieser
‚überlebt’ er so einige Minister und erlebt
Jörg Schönbohm eigentlich ist, steht
die sogenannte Wiedervereinigung
man plötzlich einer sehr deutschen
der beiden deutschen Staaten. Seine
Biographie und rechtskonservativen
Aufgabe ist es nun, die reibungslose
Karriere gegenüber. Am 2. September
Auflösung der Nationalen Volksarmee
1937 im brandenburgischen Neu-Golm
der DDR zu gewährleisten. Nur kurz
geboren, wird der kleine Jörg in der
als Inspekteur des Heeres tätig, wird
antikommunistischen Bundesrepublik
Schönbohm 1991 Staatssekretär im
groß. Seiner Biographie ist zu
Verteidigungsministerium.
entnehmen, dass Jörg Schönbohm nach
Schönbohm ist es zu ‚verdanken’,
dem Abitur 1957 eigentlich vorhat,
dass sich die Beziehungen zwischen
Geschichte und Philosophie auf Lehramt
der BRD und der Volksrepublik China
zu studieren. Uniformen und Drill
nach dem Massaker auf dem Platz des
findet er dann wohl doch spannender
himmlischen Friedens in Peking schnell
und so tritt er eine Offiziersausbildung
normalisierten. Ab 1996 ist Schönbohm,
in der damals noch jungen Bundeswehr
der seitdem in Klein-Machnow bei
mit den damals schon alten Gesichtern
Berlin wohnt, als Innensenator Teil
aus der nazistischen Wehrmacht an.
der Regierung im Bundesland Berlin
Von 1968 bis 1970 genießt Schönbohm
und als ehemaliger Militär Chef des
eine Generalstabsausbildung, die er
größten Polizeiapparates in der BRD.
bis 1973 im Generalstab Personal
1998/ 99 tauscht er den Senatsposten
und Innere Führung bei der 1.
in Berlin mit dem Landesvorsitz
Panzergrenadier-Division sogleich zu
der CDU in Brandenburg. Nachdem
nutzen weiß. Verschiedene Aufgaben
die CDU in Brandenburg der SPD
bei NATO und Bundeswehr wechseln
große Stimmverluste beschert
sich ab, bis Schönbohm 1978 in das
hat, koaliert sie mit dieser und
Verteidigungsministerium berufen wird.
Nach dem Regierungswechsel 1982 ist
Schönbohms politische Karriere nicht
mehr aufzuhalten. Zwar übernimmt er

18
Antiburschen Reader

Burschenschaft mit
dem Spruch: „Bist du
hässlich […] oder fremd
in diesem Land, bist du
von Sorgenfalten oder
linksliberaler Gesinnung
gepeinigt […] hast du den
Wehrdienst verweigert,
oder eine Freundin mit,
die weder schön noch
still ist […] dann bleib
1) zit. nach: Speit, Andreas:
lieber zu Hause.“1 Die Festrede vor rechten
Burschenschaft Germania- Burschenschaften, in: die
tageszeitung, Nr. 7646 vom
Königsberg steht dem in 22.04.2005, S. 7,
nichts nach. http://www.taz.de/pt/2005/
04/22/a0121.nf/text
Bereits im Vorfeld wird
Schönbohm aufgefordert,
Schönbohm wird Innenminister sowie
seine Teilnahme aufgrund der
Stellvertretender Ministerpräsident
offensichtlichen Rechtslastigkeit
des Landes Brandenburg. Seit 2000
der Veranstalter abzusagen. Der
ist Jörg Schönbohm auch Mitglied des
reagiert mit einem lapidaren: „Ich
Präsidiums der CDU Deutschlands.
lasse mir den Mund nicht verbieten.“
Schönbohm mit Schmiss in einem Zeitungsinterview. Für
ihn sei nur rechtsextrem, was im
Großes Aufsehen erregt der Auftritt Oben:
Verfassungsschutzbericht Erwähnung
Jörg Schönbohms vor dem Hamburger Jörg Schönbohm
findet, so Schönbohm selbst. Dass der als Festredner beim
Waffenring am 22. April 2005 anläßlich Hamburger Waffenring ,
Hamburger Verfassungsschutz bereits
der Kapitulation der Wehrmacht im um zusammen mit 400
1993 bemerkt hat, dass beispielsweise Verbindungsstudenten und
damaligen Königsberg 60 Jahre zuvor. Alten Herren 750 Jahre
die Germania „[..]aus ihrer Ablehnung
Der Hamburger Waffenring ist der Königsberg zu feiern
der Demokratie und ihrer Befürwortung
Zusammenschluß der acht schlagenden
des Führerprinzips[ ]“ kein Geheimnis
Verbindungen in der Hansestadt. Zwei
macht, ist dem Innenminister vom Land
dieser studentischen Verbindungen
Brandenburg wohl entgangen.
tun sich dabei besonders hervor:
Doch die Rede Schönbohms vor
In der Burschenschaft Germania,
dem Hamburger Waffenring ist kein
in der Deutschen Burschenschaft
Versehen; schon mehrfach beehrte
(DB) organisiert, sind seit Jahr und
der rechtskonservative Politiker
Tag Rechtsextremisten beheimatet.
schlagende Verbindungen bei einem
Einerseits als elitäre Kaderschmiede
Kommers – einem Saufgelage aus
Wegbereiter der ‚Neuen Rechten’,
bestimmtem Anlaß. So lud der Verein
andererseits Tummelplatz organisierter
Deutscher Studenten Schönbohm
Neonazis, werden in der Germania
bereits 2002 zu einer Diskussionsrunde.
Revisionismus, Antisemitismus,
Zu einem „Mauerfallkommers“ im
völkischer Rassismus und Militarismus
November 2004 sandte Schönbohm den
propagiert. Zu einer Party lud die

19
Antiburschen Reader

organisierenden Berliner Verbindungen einen Vortrag für das Studienzentrum


ein Grußwort, in dem er die sogenannte Weikersheim, das 1979 durch den
Einheit Deutschlands lobpreiste und ehemaligen Ministerpräsidenten des
dem ach so „leidgeprüften“ deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg
Volke huldigte. Ebenso trat Schönbohm und Marinerichter während des Nazi-
als Gastredner bei der Jungen Regimes Hans Filbinger als rechter
Landsmannschaft Ostpreußen auf, die „ThinkTank“ gegründet wurde.
den alljährlichen Naziaufmarsch in Da passt so gar nicht ins Bild, dass der
Dresden aus Anlaß der Bombardierung Hardliner Schönbohm als Innenminister
der Stadt durch die Alliierten im zwei Kameradschaften verbieten
Februar 1945 veranstaltet. ließ, die durch organisierte Überfälle
Die Begegnungen Burschis- auf MigrantInnen auffiel. Bedenkt
Schönbohm sind dabei nur ein man jedoch, welche Auswirkungen
Abschnitt bei der Gradwanderung, die die Verbote in der Neonazi-Szene in
der stramme Konservative Schönbohm Brandenburg haben – nämlich keine
macht: Beispielsweise scheute er -, dann wird deutlich, dass es einem
unten: sich ebenso wenig der geschichts- Herrn Schönbohm nicht sonderlich
Protest von AntifaschistInnen
gegen die Veranstaltung revisionistischen und militaristischen ernst um die tatsächliche Eindämmung
Deutschen Militärzeitschrift oder der des Rechtsextremismus geht. Vielmehr
sieht es so aus, als wollte es der
Brandenburger seinem Berliner
Amtskollegen Erhard Körting
gleichtun, der im März 2005 die
Kameradschaften Tor und Berliner
Alternative Süd-Ost verbot. In einem
Bundesland, in dem so mancher
Jugendclub oder Bahnhofsvorplatz
einer Ortschaft fest in der Hand
rechter Jugendlicher ist, sind
Lippenbekenntnisse von Patrioten
wie Schönbohm völlig fehl am Platz.
Mit Populismus und der ständigen
Diskreditierung von Antifaschismus
und linker Kultur richtet er sogar
noch mehr Schaden an. So unterstellte
rechtsextremen Wochenzeitung Junge er im Jahr 2002, der sogenannte
Freiheit Interviews zu geben. Bei „Aufstand der Anständigen“ habe zu
einem dieser Interviews mit der Jungen einem Anstieg rechtsextrem motivierter
Freiheit prägte der Inneneminister Straftaten geführt. Mit dem Abflauen
Brandenburgs den Begriff der des „verordneten, moralisch überhöhten
„deutschen Leikultur“ und sprach Aktionismus“ der Zivilgesellschaft,
sich gleichzeitig gegen das Gespenst sei auch die Zahl rechter Straftaten
angeblicher Parallelgesellschaften zurückgegangen, so Schönbohm in der
aus. Im Jahr 2004 hielt Schönbohm Jungen Freiheit.

20
Antiburschen Reader

Die Elite bleibt sich treu


Allerdings ist Schönbohm nicht der März 1933 fest: „Was wir seit Jahren
einzige, der im Dunstkreis der elitären ersehnt und erstrebt […] ist Tatsache
Zirkel namens Verbindungen verkehrt. geworden.“
Etliche Prominente verbrachten die
Zeit während ihres Studiums in einer Jörg Schönbohm
Korporation. Neben konservativen bei studentischen
Politikern wie Günther Beckstein, Verbindungen:
Innenminister im Freistaat Bayern, 1.07.2002: Der Verein Deutscher
und Friedrich Merz finden sich hier Studenten (VDSt) lädt zu einer
auch Künstler, Schauspieler und Veranstaltung mit Schönbohm
Wissenschaftler. Die Alten Herren unter dem Titel „Politiker. General.
verdingen sich heute als Juristen, Schauspieler?“
Akademiker und in den Führungsetagen
13.11.2004: Diverse Berliner
der Wirtschaft. Mit Beharrlichkeit wird
Verbindungen, unter anderem die
in den Hinterzimmern der Vereinshäuser
Burschenschaften Gothia und Thuringia
an der Elite von morgen gefeilt. Das
halten einen „Mauerfallkommers“ ab,
stark verbreitete ständische Denken
dem Schönbohm ein Grußwort sendet.
führt zu einer klaren Abgrenzung
von der Masse, was Nicht-Deutsche, 22.04.2005: Trotz Kritik nimmt
Frauen, Wehrdienstverweigerer, Schönbohm am Festkommers des unten:
Linke, Menschen ohne Abitur et cetera Hamburger Waffenrings anlässlich 22.04.05: 400 Burschen
feiern mit Schönbohm 750
sein können. Dass das Weltbild von „750 Jahre Königsberg“ teil. Jahre Königsberg
Verbindungsstudenten ziemlich eng
gestrickt sein kann, muss da nicht mehr
erläutert werden. Fest steht: Elitäres
Denken und Handeln ebnet den Weg
für undemokratische Theorien, die
faschistoid sind und dem Führerprinzip
huldigen. Die Geschichte des
Verbindungswesens bis 1933, die
eine deutsch-nationale und völkische
war, zeigt dies. Die Geschichte des
Verbindungswesens ab 1933 ist nur
noch Bestätigung. So waren die
Korporationen mit der Machtübergabe
an die Nazis keineswegs
verschwunden beziehungsweise
aufgelöst. Etliche Burschenschaftler
machten im Nationalsozialistischen
Deutschen Studentenbund da
weiter, wo sie nie aufgehört hatten:
mit Antisemitismus, völkischem
Rassismus und Nationalismus. Ein
burschenschaftliches Blatt stellte im

21
Antiburschen Reader

Elite sein...
Ziel korporationsstudentischer Erziehung

„Hier werden Nachfolger aufgebaut, Geld und Einfluß geltend gemacht, Helfer
und Verbündete unterstützt und beharrlich Männer für Machtpositionen
selektiert.”
Von Stephan Peters, in Der Rechte Rand Nr. 92, Jan/Feb 2005

Es hat sich-wenig geändert: Namen von Mitgliedern Elitebildung und Reproduktion zum Teil auf eine
wie Hanns-Eberhardt Schleyer, Edzard Schmidt- ca. 200-jährige Tradition zurückblicken. Die
Jorzig, Manfred Kanther, Horst Weyrauch (Hessens ersten Gründungen seit dem Jahre 1789 richteten
schwarze Kassen), Klaus Esser usw. weisen darauf sich direkt gegen die Ideen der französischen
hin. Revolution und hatten mit den heute bekannten
Als Voraussetzung des Erfolges bekommen die Corps noch wenig gemein. Sie waren zunächst
Mitglieder in einem mensur- also pflichtschlagenden reine Standesvertretungen an der Universität. Erst
Corps eine besondere Prägung, das heißt, dass das nach 1871 entwickelten sich die Corps und auch
Corps mit seiner Art der Vergemeinschaftung in das andere Korporationen rasch zu überregionalen
Individuum eingreift. Die Wirkmechanismen dieser und generationsübergreifenden Verbänden
Inkorporation durch den korporierten Männerbund (Lebensbund) mit organisierten Altherrenschaften.
können mittels der Analyse der Erziehungsmethoden Durchhiearchisierung der Corps nach einem Befehl-
und des Mitgliedschaftsverlaufs aufgeschlüsselt und-Gehorsam-System (Fux, Bursche, Alter Herr),
werden: Erziehung zum Mann als Zweck des Männerbundes
Je wixhtiger die gesellschaftliche Position, desto und Zielsetzung im elitären Streben waren die Folge.
eher ist diese mit einem Mann aus dem Milieu Mit Erfolg: 1893 saßen 45 Corpsstudenten (11 % der
des gehobenen und (konservativ eingestellten) Abgeordneten) im Reichstag, vorwiegend waren sie
Bürgertums besetzt. Die westlichen Industrienationen in den konservativen Parteien zu finden. Die Chefs
haben im Laufe ihrer Entwicklung für diese der Reichskanzlei waren seit 1871 fast ausnahmslos
geschlechtlich-soziale Selektion unterschiedliche Corpsstudenten, hinzu kommen zahlreiche
Systeme entwickelt, allerdings mit sehr ähnlichen Corpsstudenten in den führenden Positionen
Ergebnissen: Sie weisen hinter einer formellen der Ministerien, Präsidenten des Reichs und der
Chancengleichheit in Bezug auf das Geschlecht Landtage. Namen wie Otto Fürst von Bismarck,
und die soziale Herkunft eine Selektion durch eine Wilhelm II., Adolf Stoecker, Paul von Hindenburg,
systematisch angelegte informelle „Erziehung” Friedrich Bayer, Fritz Henkel und Gottlieb Daimler,
zur Schaffung eines für die männliche Protektion Emil von Behring, Justus Freiherr von Liebig
günstigen „Corpsgeistes” auf. In den USA ist sowie Aloys Alzheimer bezeugen das Gelingen des
hierfür das System der Eliteuniversitäten bekannt, in corpsstudentischen elitären Strebens. Sowohl an den
Frankreich sind es die Grandes Ecoles. In Deutsch- corpsstudentischen Zweck- und Zielsetzungen und
land (auch in Österreich und in der Schweiz), wo den innerorganisatorischen Reglementierungen als
es kein vergleichbares offizielles Elitesystem gibt, auch an dem Erfolg hat sich bis heute - wenn auch
übernehmen u.a. studentische Korporationen wie die mit Verschiebung im gesellschaftlichen Feld
Corps diese Aufgabe.
Die Corps des „Kösener Senioren-Conventes”
Die wichtigsten Methoden korporierter
(KSCV) und des „Weinheimer Senioren-Conventes”
Erziehung: Convent, Kneipe und Mensur
(WSC) - sie stellen mit zusammen ca. 24.000
(nur schlagende Bünde)
Mitgliedern (Alte Herren und Aktive) heute etwa
15% der Korporierten - können hinsichtlich ihrer Der Convent ist eine Art Mitgliederversammlung,
deren Beschlüsse sich jedes Mitglied bedingungslos
22
Antiburschen Reader

Der Mitgliedschaftsverlauf als


Übergangsritual: Fux, Bursch, Alter Herr

zu unterwerfen hat. Er Als Fux wird das neue und noch in der Probezeit
vereinigt Legislative, (etwa ein Jahr) befindliche Mitglied bezeichnet. Der
Exekutive und Judikative der Gemeinschaft in sich Neue wird als grober Klotz (zuviel Individualität)
und ist, zumal er keine substantiellen Parteiungen gesehen, der noch von der Gemeinschaft und vor
duldet und nicht jedes Mitglied gleiches Recht allem vom zuständigen Fuxmajor und dem gewählten
hat (nämlich entsprechend der Hierarchie), höchst Leibburschen (persönliche Vertrauensperson des
undemokratisch. Er ist die höchste Autorität und Neuen) geschliffen werden muss (Unterwerfung
absolutes Kontrollzentrum der Gemeinschaft, vor und Inkorporation der gemeinschaftlichen Regeln).
dem sich selbst der Vorstand zu verantworten hat. Am Ende dieser rechtlosen und „geschlechtslosen“
Die Kneipe, eine ritualisierte Form des Feierns, Novizenzeit und erfolgreicher Integration in die Ge-
vollzieht sich nach festgesetzten (teilweise recht meinschaft - auch hier urteilt wieder der Convent
komplizierten) Regeln, an die sich jedes Mitglied zu darüber - steht die „Burschung“, die Aufnahme als
halten hat. Wer die Regeln beherrscht, sie inkorporiert vollwertiges Mitglied (bei Statusumkehr).
hat, kann die Feier nahezu „unbeschadet“ über- Der Bursche ist das vollwertige Mitglied der
stehen (reglementierendes Element: Alkohol). Gemeinschaft (auf Lebenszeit verpflichtet). Er darf
Auch hier gilt wieder eine strenge Hierarchie, die Gemeinschaft repräsentieren, Vorstandsämter
Befehl- und Gehorsam und die (u.a. durch Lieder übernehmen und seinerseits die Füxe erziehen. Der
zu besingende) Gemeinschaft als das Höchste. Bursche unterliegt weiterhin der Inkorporation durch
Die corpsstudentische Kneipe kann in Form der die Gemeinschaft durch den eigenverantwortlichen
Aufnahme eines neuen Mitgliedes (als vollwertiges Umgang mit den gemeinschaftlichen Regeln in
Mitglied) als ständische Initiation gesehen werden, Abwägung auf die anderen Mitglieder. Neu ist
durch die die jungen Corpsstudenten in die Welt der hingegen die beginnende Vergesellschaftung in
Erwachsenen eingeführt werden sollen. Die Kneipe Form der Repräsentation und Vertretung des ganzen
dient sowohl der Integration in den Bund als auch Bundes nach außen. Mit dem Zwischenstatus des
der Vergesellschaftung, indem vor allem die jungen sogenannten Inaktiven endet diese Zeit und auch die
Corpsbrüder den Umgang mit den Ehemaligen der Inkorporation. Als Inaktiver soll sich der Bursche
und jetzt im Berufsleben stehenden, teilweise auf den Übergang in das Berufsleben, also um den
angesehenen Persönlichkeiten üben und so den Abschluss des Studiums bemühen.
im anvisierten Milieu erwünschten Habitus unter Der Alte Herr schließlich ist das im Berufsleben
ungewöhnlichen Bedingungen trainieren können. stehende Mitglied der Gemeinschaft, alle Alten
Die Mensur (das Schlagen mit scharfen Waffen) Herren der Gemeinschaft verfügen über die
ist in pflichtschlagenden Bünden (hier KSCV definitorische und ökonomische Macht der
und WSC) eine Voraussetzung zum Erwerb der Gemeinschaft. Der Alte Herr unterstützt und
Vollmitgliedschaft. Der vorgegebene Rahmen des protegiert die jüngeren Mitglieder und wirkt zudem
Rituals ist zwingend (unter der Gefahr körperlicher von hohen und höchsten Positionen als korporiert-
Verletzungen) einzuhalten. Die Entscheidung kollektiviertes Individuum in die Gesellschaft, indem
über ein sauberes Schlagen der Mensur trifft der er in seinem beruflichen und sozialen Umfeld die
Convent. Die Mensur dient der vollständigen Werte der corpsstudentischen Gemeinschaft auslebt
Unterwerfung des Mitgliedes und der Mannwerdung und sie so an seine Umgebung weitergibt.
(Mannbarkeitsritual). Während des duellartigen Wichtig ist für die corpsstudentische Gemeinschaft
Rituals ist der Kopf alleinige Trefferfläche und ihre Homogenität die Selektion nach „Herkunft
(meist gibt es nur kleinere Schnittwunden), als und Gesinnung“ (also nach sozialem Milieu und
symbolisches Zentrum für Wissen und Zuweisung politischer Einstellung), Verstärkung der männlich-
von Geschlecht ist er für den Männerbund der „Ort autoritären Strebungen der Persönlichkeit durch
der Beschneidung“. zahlreiche Integrationsmittel und - nicht zu vergessen

23
Antiburschen Reader

- das Mannbarkeitsritual als Bestimmungsmensur Verstärkung, ein Zugewinn zu sein verspricht


(denn erst nach der erfolgreich bestandenen Mensur (Reproduktion der konservativen Wertvorstellungen
ist der Corpsstudent ein „richtiger“ Mann), die alle und Handlungsanweisungen).
zusammen zu dem führen, was mit corpsstudentischen Es kann demnach im Ergebnis festgehalten
Worten folgendermaßen erläutert wird: werden, dass die studentischen Korporationen,
Der Männerbund „besitzt einen Schatz von Mythen insbesondere die konservativ eingestellten Corps,
und Riten, mit denen er seine Vornehmheit deklariert einen milieuspezifischen Elitarismus pflegen,
und seine Distanz gegenüber dem .gewöhnlichen den sie als Männerbund sexistisch legitimieren,
Volk‘ herausstreicht beziehungsweise rechtfertigt. als solcher ihre Mitglieder einem ausgeprägten
Zum .gewöhnlichen Volk‘ gehört in diesem Sinne hierarchischen Befehl- und Gehorsamsystem
vor allem die Frau, der es traditionell nicht gestattet unterwerfen und zahlreicher, ideologisch verdichteter
ist, die ‚Geheimnisse‘ des Männerbundes zu Rituale unterziehen, wodurch sie die autoritären
ergründen.“ Strebungen in der individuellen Persönlichkeit
Die Zielrichtung der corpsstudentischen Erziehung verstärken. Im Sozialisationsverlauf erfolgt eine
richtet sich also einerseits gegen die Personen eines Vergemeinschaftung als Mannwerdung (Sexismus)
anderen Milieus („weniger würdige“ Personen) und eine Vergesellschaftung als Elitestreben
und andererseits direkt gegen die Frauen, denen (Elitarismus), die die autoritären Strebungen des
gegenüber sich der Corpsstudent als Mann „hö- einzelnen Mitgliedes verstärken (Au-toritarismus).
herwertig“ fühlt. Die Corps sind unter Einbeziehung des eigenen
Im korporationsstudentischen System geht es um gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses als eine
die Konstruktion einer „guten Gesellschaft“, um gesellschaftliche Form des (männlich-elitären)
das Herstellen einer Gruppe von „Gleichen unter autoritären Korporatismus zu werten.
Gleichen“, die sich - ausgestattet mit dem für sie Deutsche Konservative sammeln
allzeit erkennbaren besonderen korporierten Habitus
- gegenseitig helfen und protegieren, wobei sie von Die rechten „Deutschen Konservativen e.V.“ (DK)
dem korporierten Gegenüber nicht einmal unbedingt sammeln derzeit wieder „für die alten lettischen
wissen müssen, dass derjenige Korporierter ist. Soldaten der früheren Deutschen Wehrmacht“, zu de-
Man spricht die gleiche Sprache und vertraut sich nen selbstverständlich auch ehemalige Angehörige
untereinander aufgrund des gleichen Habitus. der Waffen-SS gezählt werden. Denn „diese alten
Somit wird auch deutlich, warum es bei der Männer sind wirklich arme Schweine. Sie haben
Besetzung höherer und höchster Positionen nicht - genau wie die Deutschen selber - für Deutschland
nur um das Einstellungskriterium der „Leistung“, gekämpft, gelitten und gebetet. Ihr Dank hieß 15 oder
der beruflichen Qualifikation der Kandidaten geht, 25 Jahre Sibirien.“ Im zusätzlich zur „Konservativen
sondern um das habituelle „Plus“, das einschließt, Deutschen Zeitung“ erscheinenden „Vertraulichen
ob der Kandidat ein unter Männern „gegebenes Nachrichtendienst“ legt Joachim Siegerist seine
Wort“ auch unter allen Umständen zu halten in aktuelle politische Strategie dar. Der „Braune Sumpf
der Lage ist (wie man es mittels der „Ehre“ in der aus NPD (die im übrigen als „eine links-extremistische
Korporation z.B. durch die Mensur „einpaukt“). Das Partei“ gilt, denn „das Grundsatzprogramm dieser
ist das Feld der Korporationen und insbesondere der Partei ist eindeutig sozialistisch“) und DVU sind
Corps, die in ihrer Gemeinschaft dafür Sorge tragen, unerwünscht. Statt dessen will Siegerist gemeinsam
dass neben der „Herkunft und Gesinnung“ auch mit dem ihm menschlich und politisch sympathischen
gewährleistet ist, dass man im Corpsstudenten (Kor- REP-Chef Dr. Rolf Schlierer sowie DP und DSU
porierten) einen gleichdenkenden Mitarbeiter findet, ein „rechtsdemokratisches Gegengewicht bilden.
der zudem für das gehobene bürgerlich-konservative Auch der DP-Chef Dr. Heiner Kappel und Joachim
Milieu innerhalb der gesamten Gesellschaft eine Siegerist funken menschlich wie politisch auf einer
‚Wellenlänge‘.“

24
Antiburschen Reader

Verbindungen und Frauen


aus “Falsch verbunden. Reader zum Verbings(un)wesen in
Hamburg”, AStA Uni Hamburg 2005

Der Männerbundcharakter von ausgedrückt: “Ein Golf GTI-Club nimmt auch keine
Studentenverbindungen hat zweifache Wirkung. Mantas auf” (ein Mitglied der Landsmannschaft
Zum einen: Von den verbindungsstudentischen Hercyna, zitiert nach: AStA Uni Mainz, 1995). Frauen
Seilschaften profitieren nur Männer, dies verfestigt gehören im Weltbild der Korporierten also schlicht
die reale Männerdominanz in den gesellschaftlichen und einfach nicht zu der von ihnen propagierten
Eliten. Zum anderen: In den verbindungsstudentischen no-bilitas naturalis (s.o.), das “Führen” (s.o.) und
Männerbünden wird ein überkommenes bipolares das Gestalten der Gesellschaft soll den Männern
Geschlechtermodell konserviert, das ein Aufbrechen vorbehalten bleiben.
von Geschlechterstereotypen verhindert. So plump wollte das der Aachener Corps Albingia in
Bei den großen Korporationsdachverbänden ist die einer Werbebroschüre nicht ausdrücken und gab sich
strikte Verweigerung der Aufnahme von Frauen die bei der Rechtfertigung des Ausschlusses von Frauen
Regel. In Hamburg gibt es lediglich eine einzige ein wenig mehr Mühe: “Wären Frauen Corpsmitglie-
Verbindung, die sowohl Männer als auch Frauen auf- der, müssten deren Fehler ebenso scharf kritisiert
nimmt. Bei allen anderen dürfen Frauen lediglich von werden. Nur, so lässt sich Ritterlichkeit schwer üben.
Zeit zu Zeit als “Couleurdamen” (also als schmücken- Auch wären Schmisse bei Damen - wir sagen das mit
des Beiwerk) bei Trinkveranstaltungen dienen. In den einem Lächeln -nicht sehr kleidsam.” (zitiert nach:
1970er Jahren wurde zwar in einigen Dachverbänden AStA Uni Mainz, 1995).
die Aufnahme von Frauen diskutiert, letztendlich Bei Männern sind Schmisse sicherlich auch nicht
konnten sich diese Ideen aber nicht durchsetzen. kleidsamer.
Das Zitat verdeutlicht aber einen weiteren Aspekt
des Frauenbildes von Korporierten: Frauen haben
vor allem gut auszusehen und werden somit aufs
Äußerliche und aufs Dekorative reduziert.
Dementsprechend sind sie bei einigen festlichen
Veranstaltungen als “Couleurdamen” gern gesehene
Gäste. Die scheinbar respektvolle Anrede als “Dame”
und die Verteilung von Komplimenten scheinen
lediglich Reste höfisch-adliger Benimmformen
zu sein, die das insgesamt vermurkste Frauenbild
vieler Verbindungsstudenten allerdings auch nicht
kaschieren können. Dass sich tatsächlich Frauen
zu derart anachronistischen und reaktionären
Brauchtümern bekennen, mag verwundern, jedoch
ist im Falle der Germania Hamburg deutlich,
Begründet wird der Ausschluss von Frauen wie dass auch Frauen bei der Konstruktion dieser
folgt: “Unser Burschentum ist immer auf eine be- Gesellschaftsvorstellungen aktiv partizipieren. In der
stimmte männliche Gruppe abgestimmt. Die menschli- Internet-Galerie der Germania posieren zwei Frauen
che Weltordnung ist auf das Männliche ausgerichtet” vor einer Reichskriegsflagge (siehe oben).
(Burschenschaftliche Blätter 5/1980). Oder anders

25
Antiburschen Reader

Studentische Verbindungen
aus: AStA der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Hg.): Verbindungs-
(Un)Wesen. Anachronismus an den Hochschulen? Reader über Burschenschaften
und andere Zumutungen, Düsseldorf Juni 2002

Auf den ersten Blick fällt einem zu studentischen Verbindungen ein: Bunte Mützchen und
Bändchen, günstiges Wohnen in großen Häusern, tolle Feten und „Kameradschaft“. Nicht zu
vergessen die „sportliche“ Betätigung: das Mensurenschlagen. Das hört sich doch erst einmal
nicht schlecht an. Warum sollte man also Verbindungen auflösen? Diese Frage zu beantworten,
ist Ziel dieses überblicksartigen Artikels.

Verbindungen und Rechtsextremismus denen insgesamt ca. 18.000 Mitglieder organisiert


Studentische Verbindungen bilden häufig die sind. 1996 spalteten sich von der DB acht etwas
Schnittstelle zum rechtsextremen Spektrum. „gemäßigtere“ Verbindungen ab und es entstand
Von vielen wird zwar immer behauptet, sie seien die „Neue Deutsche Burschenschaft“, der nunmehr
unpolitisch und nur einige wenige studentische 21 Verbindungen mit rund 4.000 Mit gliedern
Verbindungen hätten diese Kontakte. Diese angehören.4 Diese Kontakte zwischen gewalt-
Behauptung erweist sich jedoch, wie im folgenden bereiten Rechtsextremen und studentischen
zu zeigen sein wird, als haltlos. Verbindungen, die sich teilweise selbst als „aufge-
schlossen für rechtes Gedankengut“ bezeichnen,
„Deutsche Burschenschaft“ (DB) und hat den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen, der
rechtsextreme Umtriebe zum Beispiel die „Danubia“ in München observiert.5
Als Beispiel läßt sich die „Deutsche Burschenschaft“ Diese Verknüpfungen zwischen studentischen
(DB) anführen, die aber nur ein Teil des Ver- Verbindungen und rechtsextremen Kreisen hat sich
bindungsUNwesens (Burschenschaft wird häufig auch an der Düsseldorfer Burschenschaft „Rhenania-
fälschlicherweise als Oberbegriff für studentische Salingia“ gezeigt, die am 17.November 1999 den be-
Verbindungen bzw. Korporationen verwandt) kannten rechtsextremen Anwalt Horst Mahler - der
darstellt - wahrscheinlich aber den bekanntesten. So zur Zeit Prozeßvertreter der NPD im Verbotsverfahren
fiel vor einiger Zeit die „Burschenschaft Danubia“ vor dem Bundesverfassungsgericht ist - als Redner
in München bundesweit dadurch auf, dass sie eingeladen hatte.6 Anfang 2000 fiel die in Marburg
einem rechtsextremen Schläger Anfang 2001, der ansässige Burschenschaft „Normannia-Leipzig“
kurz zuvor einen Griechen fast tot geprügelt hatte, dadurch auf, dass deren Mitglieder den Hausmeister
vor dessen Flucht in die Niederlande Unterschlupf des Nachbargrundstücks mit einem Luftgewehr
gewährte‘ - dies war nicht das erste Mal2. beschossen. Besonders hervorgetreten ist dabei ihr
Die DB wurde 1818 gegründet und nach dem 2. Mitglied Jürgen W. Gansei, der gleichzeitig auch
Weltkrieg im Jahre 1950 wiedergegründet.3 Heute noch „Schulungsleiter“ der NPD Jugendorganisation
besteht sie aus rund 130 Farben tragenden und JN (Junge Nationaldemokraten) ist und kürzlich in
schlagenden Verbindungen an 40 Universitäten, in den NPD-Bundesvorstand gewählt wurde, mit „Sieg-
Heil-Rufen“ und dem Zeigen des „Hitlergrusses“.7

1) Süddeutsche Zeitung vom 19.06.2001, S. 43; taz vom 22.06.2001, S. 5.


2) Süddeutsche Zeitung vom 28.07.2001, S. 53.
3) zur Geschichte der Burschenschaften siehe Dietrich Heither u.a. (Hrsg.), a.a.O.
4) taz vom 22.06.2001, S. 5; siehe dazu in diesem Heft den Artikel „Die Deutsche Burschenschaft seit den 1980er Jahren”;
Dietrich Heither, a.a.O., S. 368-370 (Die Spaltung der Deutschen Burschenschaft); junge Welt vom 09.04.2001.
5) Süddeutsche Zeitung vom 07.09.2001, S. 1; taz vom 09.07.2001, S. 6.
6) siehe dazu in diesem Heft den Artikel „Schwarz-braun ist die Haselnuss - schwarz-braun bin auch ich” - Die “Rhenania Salingia”
heute.

26
Antiburschen Reader

links:
Deutscher Burschentag 2001 auf der
Wartburg in Eisenach

Auch waren
Die „Deutsche Burschenschaft“ ist
Burschenschaften an
einer der größten Dachverbände
der Gründung des
der studentische Verbindungen
neofaschistischen
(Korporationen). Daneben gibt es
„Rings freiheitlicher
noch die bereits angesprochene „Neue
Studenten“ (RFS)
Deutsche Burschenschaft“ (NDB) und
und an der des
über 20 weitere Dachverbände. Es
„Republikanischen
wurde geschätzt, dass es 1988 circa
Hochschulverbands“
160.000 Korporierte gibt.10 Die bekann-
(RHV) führend be-
testen und größten Dachverbände,
teiligt.8
neben den zwei bereits genannten,
Studentische
sind:11
Ve r b i n d u n g e n
• der „Coburger Convent der
sind also für die
Landsmannschaften und Turner-
Kontinuität rechter
schaften“ (CC) mit 100 Verbindungen,
Zusammenhänge unter Studierenden von
1.900 Aktiven und Inaktiven, sowie 11.264 Alten
Bedeutung. Diese Beispiele9 veranschaulichen, dass
Herren. Die Mitglieder des CC schlagen auch
die Burschenschaften häufig das Scharnier zwischen
Mensuren. Bei den Landsmannschaften handelte es
angeblich unpolitischen Verbindungen und dem
sich um Studenten, die aus dem gleichen Land bzw.
rechtsextremen Spektrum bilden. Hinzu kommt,
der gleichen Gegend stammen. Sie waren vom 16. bis
dass die Mitglieder der Verbindungen durch die
zum frühen 19. Jahrhundert die vorherrschende Form
Netzwerkfunktion derselben in exponierte Stellungen
studentischer Verbindungen, der „Cartellverband der
in Politik und Wirtschaft aufsteigen, wodurch
katholischen deutschen Studentenverbindungen“
natürlich auch zwangsläufig ihre Überzeugungen in
(CV) mit 125 Verbindungen, 5.500 Aktiven und
solche Stellungen hinein getragen werden.
Inaktiven, sowie 26.500 Alten Herren,
• der „Kartellverband katholischer deutscher
Die Dachverbände
Studentenvereine“ (KV) mit 80 Verbindungen, 2.050
Es könnte natürlich nun argumentiert werden,
Aktiven und Inaktiven, sowie 16.500 Alten Herren,
dass sich dies lediglich auf Burschenschaften be-
• der „Kösener Senioren Convents Verband“
zieht. Aber es gibt vielfältige Überschneidungen
(KSCV) ist ein Corpsverband mit 101 Verbindungen,
zwischen den einzelnen Verbindungen und deren
2.600 Aktiven und Inaktiven, sowie 12.220 Alten
Dachverbänden, die nämlich wiederum in zwei
Herren. Die Mitglieder des KSCV schlagen auch
großen Meta-Dachverbänden organisiert sind.
Mensuren. Die Corps gingen aus den studentischen
Distanzierungen oder Austritte der (vermeintlich)
Landsmannschaften des 17. und 18. Jahrhunderts
„gemäßigteren“ Verbindungen bzw. Dachverbände
aus diesen gibt es so gut wie nicht.

7) Jungle World vom 08. März 2000, Saufen, schießen, sprengen, Korporierte in Marburg.
8) Dietrich Heither, a.a.O., S. 323-374, hier S. 359 (Versuch einer politischen Positionsbestimmung: Die Burschenschaften nach
‘68).
9) weitere Beispiele siehe Dietrich Heither/ Gerhard Schäfer, Im rechtsextremen Netzwerk, Burschenschaften seit den siebziger
Jahren, in: Dietrich Heither u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 223-270; Dietrich Heither, a.a.O., S. 363 ff.; Report aus München, ARD,
vom 09.07.2001; „ (...)den Rheinfranken zu Marburg wird seit Jahren der Kontakt in rechtsextreme Kreise vorgeworfen. Und
zurecht (...)”.
10) ak - analyse & kritik. Konservativ - reaktionär- faschistoid, Wo steht die „Deutsche Burschenschaft” in den neunziger
Jahren?, Nr.427, 10.06.1999.
11) die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1997, Quelle: Zeitung „Verbindungen kappen”, S. 13, Marburg Juni 2000.

27
Antiburschen Reader

hervor und waren sozial häufig privilegierte


jedoch lassen sich viele Aspekte (mehr oder weniger
Verbindungen12.
ähnlich) bei allen Verbindungen wiederfinden:
▪ der „Weinheimer Senioren-Convent“ (WSC) ist ein
Corpsverband mit 65 Verbindungen, 1.550 Aktiven Organisation
und Inaktiven, sowie 7.552 Alten Herren. Die
Mitglieder des WSC schlagen auch Mensuren. Der neue Student wird in die studentische Verbindung
• der „Sondershäuser Verband Akademisch- als „Fux” aufgenommen. Nach einer ein- bis
Musikalischer Verbindungen“ (SV) mit 29 zweisemestrigen Probezeit („Fuchsenzeit”) erfolgt
Verbindungen, 610 Aktiven und Inaktiven, sowie im Regelfall die „Burschung”, mit der der „Fux”
3.750 Alten Herren. zum „Burschen” und damit zum Vollmitglied in der
Die allermeisten der Dachverbände sind wiederum Verbindung wird. Diese geht häufig einher mit der
Mitglied in den Meta-Dachverbänden des „Convent Mensur (= Zweikampf unter Studenten mit scharfen
Deutscher Akademikerverbände“ (CDA) oder des Waffen). Der „Fux” steht ganz unten in der Hierarchie
„Convent Deutscher Korporationsverbände“ (CDK). der Verbindung. Die zeitliche Beanspruchung des
Im CDK sind nach eigenen Angaben13 ca. 350 aktive „Fuxen” durch seine Verbindung verhindert, dass er
Verbindungen vertreten. Mit der Mitgliedschaft in sich mit Dingen beschäftigen kann, die außerhalb
diesen Dachverbänden relativiert sich auch häufig dieser liegen - ein kritisches Hinterfragen seines Tuns
die Abgrenzung der „vermeintlich“ gemäßigteren wird ihm damit erschwert. Jeder „Fux” bekommt
von den rechtsextremen studentischen Verbin- außerdem einen sogenannten „Leibburschen”, der
dungen, denn durch die Mitgliedschaft gibt es seine Interessen vertritt - gleichzeitig ist dieses aber
Berührungspunkte zwischen ihnen und auch inhalt- auch eine gute Kontrollmöglichkeit des Neuen. Er
liche Übereinstimmungen werden dadurch nicht soll ja schließlich auf „Verbindungslinie” gebracht
selten, auch wenn dies häufig bestritten wird. Das werden und auch bleiben. Nach drei oder vier aktiven
Argument also, man habe ja mit den rechtsextremen Semestern kann sich der „Bursche” inaktivieren
studentischen Verbindungen nichts zu tun, überzeugt lassen. Seine Pflichten nehmen damit ab, und er kann
daher nicht. So sind zum Beispiel die „Neue Deutsche sich damit unter anderem auf das Examen vorbereiten.
Burschenschaft“ und die „Deutsche Burschenschaft“ Als „Alter Herr” (ehemaliges Mitglied der Aktivitas)
Mitglied im CDK. Aber auch eher harmlos hat der ehemalige „Bursche” nun die vollen Rechte
erscheinende Verbindungen wie der „Akademische und sponsert seine Verbindung nun materiell und ist
Turnerbund“ (ATB) oder die „Deutsche Sängerschaft“ er an der Leitung seiner Verbindung beteiligt. Dieser
(DS) haben sich diesem Meta-Dachverband ange- kurze Abriß hat gezeigt, dass das Verbindungsdasein
schlossen. Die Gemeinsamkeiten sollen im folgenden vom „Fux” ohne Rechte und mit vielen Pflichten
kurz erläutert werden. hin zum „Alten Herren” mit allen Rechten führt.
Als „Fux” mögen die ganzen Gängeleien der älteren
Was studentische Verbindungen gemein- Verbindungsmitglieder zwar nur schwer erträglich
sam haben sein, aber die Aussicht, als „Bursche” bald selber
nach unten treten zu können, macht es leichter, das
Zunächst soll hier kurz auf die Organisation der
„Recht des Stärkeren” zu akzeptieren und sich in
studentischen Verbindungen eingegangen werden,
dieser quasi militärischen Ordnung einzufügen. Der
danach folgt in einem zweiten Schritt eine kurze
Burschenstatus bringt also die langersehnte Autorität,
Erläuterung der gemeinsamen Prinzipien. Bezüglich
die nun gegenüber den „Füxen” ausgeübt werden
der Organisation und der gemeinsamen Prinzipien
kann.
weisen die Verbindungen zwar auch Unterschiede auf,

12) Arno Klönne, „Manneskraft und Lebensbund”. Sitte und Brauchtum der Korporationen, in: Ludwig Elm u.a. (Hrsg.), a.a.O., S.
324, siehe auch S. 357.
13) http://www.akademikerverbaende.de

28
Antiburschen Reader

Lebensbundprinzip Interessengruppe mit „nur” 33.000 Alten Herren


und Aktiven über soviel Macht im Parlament verfügt.”
Das wichtigste Prinzip in den Verbindungen ist Was sagt dies über die Demokratie aus? Auch sind von
das Lebensbundprinzip, das es seit Mitte des 19. den circa 160.000 Korporierten nach Schätzungen
Jahrhunderts in den studentischen Verbindungen 40.000 in Führungspositionen.18
gibt. Dabei geht es nicht nur um finanzielle
Unterstützung, sondern auch um Nepotismus (das Zugehörigkeitskriterien
heißt die Bevorzugung von Verbindungsmitgliedern, Weiterhin ist den meisten Verbindungen gemeinsam
also „Vetternwirtschaft”) in Wirtschaft und Politik; (es gibt auch sehr wenige Ausnahmen), dass sie
der Begriff „Verbindung” paßt also. Es wird auch Frauen19 ausschließen, keine Zivildienstleistenden20
häufig von „Seilschaften” gesprochen. Das heißt, die oder Ausländerinnen21 aufnehmen. Frauen werden
„Alten Herren” sorgen dafür, dass ihre Verbindungs- vielmehr als „Damen”, d.h. als „schmückendes
studenten in führende Positionen aufsteigen können. Beiwerk” oder „Aushängeschilder” „ihrer”
Wie es in einer Broschüre des CV 1987 hieß: „Über Männer angesehen. Denn vermeintlich „weibliche”
Studentenverbindungen wird viel geredet. Karriere- Charakterzüge wie Emotionalität und Schwäche
schmieden und ‚Vitamin-B-Vereine‘ sollen sie sein. passen, so wird argumentiert, nicht zu den angeblich
[...].”14 Oder wie der Leiter einer Management- „männlichen” Idealen, wie zum Beispiel Ehre, Mut
und Personalberatung und „Alter Herr” des Corps (siehe nur: Mensuren) oder Kameradschaft. Es wird
Frankonia Darmstadt es formulierte: „Einem also eine biologistische Sichtweise vertreten, nach
Bewerber, der Verbindungsstudent ist, bringt man der neben den körperlichen Unterschieden, auch oben
natürlich mehr Vertrauen im Vorstellungsgespräch aufgezählte Verhaltensweisen biologisch vorgegeben
entgegen. “15 seien. Damit wird eine reaktionäre und konservative
Damit bleibt natürlich auch vielen anderen Sichtweise auf Geschlechtlichkeit - wie sie leider
Bewerbernund vor allem Bewerberinnen die in Männerbünden üblich ist - in verschärfter Weise
Chance verwehrt, sich durch ihre Leistung und reproduziert. Deutlich wird dies an
Persönlichkeit für solche Stellen zu qualifizieren. Eine einer „Damenrede”, die von einem Korporierten
demokratische Auswahl bleibt dabei auf der Strecke.16 anläßlich eines Stiftungsfestes seiner Verbindung
Folgendes Beispiel kann dieses weiter verdeutlichen: gehalten wurde: „Ihr seid die schönsten Juwelen
So stellte der „CV” in der Legislaturperiode 1987- unseres Lebens, denn ohne Euch wären wir
1991 mit über 30 Abgeordneten die zahlenmäßig schmucklos, freudlos, resonanzlos. Wer versteht uns
größte Abgeordnetengruppe mit weitreichenden Rauhbeiner besser zu nehmen als Ihr, liebe Damen,
Einflußbeziehungen. Jede/r muß sich dabei die mit Eurem weit höher entwickelten Feingefühl für
Frage stellen, welche andere gesellschaftliche alles Menschliche und Unmenschliche!”22

14) CV-Vorort (Hrsg.), Auf ein Wort, Ffm 1987 (Werbematerial).


15) zitiert nach J. Sinn, Turbo-Lader. Wie studentische Verbindungen die Karriere fördern, in: Capital, Nr. 5/1989. S. 287; siehe
auch Süddeutsche Zeitung vom 07.07.2001, S. 53 zu weiteren Äußerungen zum Nepotismus.
16) siehe Gerhard Schäfer, Cliquen, Klüngel und Karrieren, in: Ludwig Elm u.a. (Hrsg.), a.a.O., S.307 ff.
17) zitiert nach: Gerhard Schäfer, Cliquen, Klüngel und Karrieren, in: Ludwig Elm u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 309.
18) ak - analyse & kritik, Konservativ - reaktionär - faschistoid, Wo steht die „Deutsche Burschenschaft” in den neunziger
Jahren?, Nr. 427, 10.06.1999.
19) siehe dazu vertiefend Dietrich Heither, a.a.O., S. 122-146 (Auf dem Weg zum Männerbund)
20) vertiefend Dietrich Heither, a.a.O., S. 386-388 (Burschenschaftlicher Virilismus am Ende des 20.Jahrhunderts. Burschenschaft
und Kriegsdienstverweigerer)
21) weiterführend Dietrich Heither/Gerhard Schäfer, Im rechtsextremen Netzwerk, Burschenschaften seit den siebziger Jahren, in:
Dietrich Heither u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 251-256 (Nach innen: Ethnopluralismus - Rassismus in neuem Gewand).
22) zitiert nach: Zeitung „Verbindungen kappen”, S. 17, Marburg Juni 2000.

29
Antiburschen Reader

Auch Zivildienstleistende werden normalerweise hierarchischen, militärischen Ordnung auf, die große
nicht aufgenommen; denn, so wird argumentiert, sie Personengruppen unserer Gesellschaft ausschließt.
seien „Drückeberger”. Außerdem verträgt sich dies Hinzu kommt der Nepotismus in Wirtschaft und
Politik. Außerdem stellen sie eine
Schnittstelle zum Rechtsextremis-
mus dar.
Die Forderung muß daher lauten,
diese anachronistischen und reak-
tionären „Gebilde” aufzulösen,
wie es die Alliierten ja auch kurz
nach dem 2. Weltkrieg richtiger-
weise gemacht haben! Sie sahen
die studentischen Verbindungen
als Mitverantwortlich für die
Zersetzung der Weimarer Repu-
blik, den Aufstieg der Nazi-
bewegung und der Errichtung der
NS-Diktatur und ihrer Verbrechen
an.23 In der britischen Besatzungs-
zone wurde im November 1945
verfügt: „Die Militärregierung
gestattet nicht die Bildung von
Korporationen oder Corps
alten Stils, ebensowenig
wie die Beibehaltung ihrer
nicht mit den vermeintlich „männlichen” Idealen
Titel, Kleidung, Vorrechte usw.” Die Amerikaner
wie „Mut” und natürlich nicht mit der Liebe zum
formulierten es in ihren „Military Organization
Vaterland. Typisch für studentische Verbindungen
Regulations” vom März 1947 noch prägnanter: „All
bleibt also weiterhin der „weiße deutsche Mann”, der
National Socialists organizations in universities are
„gedient” hat.
abolished and will not be permitted to be revived.
Zusammenfassung The revival of other Student organizations (especially
Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and
Es hat sich gezeigt, dass alle studentischen their Altherrenbuende) of a nationalistic, reactionary
Verbindungen aus den oben aufgeführten Gründen or paramilitary character will not be permitted. “
zu kritisieren sind. Sie alle bauen auf einer streng

23) Ludwig Elm, Das Vergangene ist nicht vergessen, in: ders. u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 180 ff.; Dietrich Heither, Nicht nur unter den
Talaren... Von der Restauration zur Studentenbewegung, in: ders. u.a. (Hrsg.), a.a.O., S. 159 ff.
24) Hans Schlömer, Was erwarten die Hochschulen von neuen studentischen Gemeinschaften nach 1945?, in: DerConvent, Nr. 12/
1962, S. 278.
25) Zitiert nach: Germany 1947-1949. The Story in Documents, edited by the US-Department of State, Washington 1950, S. S70f.

Oben:
Lebensbundprinzip: Aktive der schweizerischen Burschenschaft Halleriana Bernensis einem Alten Herren einen Geburstagsbesuch ab

30
Antiburschen Reader

Glossar
Zusammengestellt vom
APABIZ (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum)

Aktiver: Studierendes Mitglied einer Verbindung. Beleidiger und Beleidigter erhalten ein volles Glas
Bier, der »Unparteiische« vollzieht schwülstige
Alter Herr: Mitglied einer Studentenverbindung, Sprüche, die mit eigentümlichen Befehlen enden
das das Studium beendet hat. »Das Kommando zieht scharf Vom Tisch des Hauses
auf den Boden, vom Boden an den Hoden, vom
Band: Schmale Schärpe mit meist drei
Hoden an den Nabel, vom Nabel an den Schnabel,
verschiedenfarbigen Streifen, äußeres Kennzeichen
senkrecht setzt an und sauft’s!« Beleidiger und
Beleidigter müssen die genannten Bewegungen mit
dem Bierglas ausführen und anschließend das Glas
leeren. Wer zuerst ausgetrunken hat, hat gewonnen.
Wer beim Trinken etwas verschüttet, hat verloren. Der
Bierjunge kann beliebig oft wiederholt werden. Das
führt zu hohem Alkoholkonsum in minimaler Zeit.
Die meisten Verbindungshäuser verfügen über so
genannte »Bierpäpste«, die in solchen Situationen ihre
Nützlichkeit erweisen. Bei »Bierpäpsten« handelt es
sich um fest installierte Kotzbecken mit Haltegriffen,
die auch in betrunkenem Zustand halbwegs kontrollierte
Flüssigkeitsabgabe ermöglichen. »Kontrolle« ist
im Zusammenhang mit verbindungsstudentischen
Trinkriten ein wichtiges Stichwort. Während
der rituali-sierten Feiern (Kneipen) darf ein
Verbindungsstudent sich einen etwaigen Verlust der
Kontrolle über Körper und Geist nicht anmerken
lassen. Füxen wird darüber hinaus gelegentlich für
einen bestimmten Zeitraum der Toilettenbesuch
verboten. Umfangreicher Bierkonsum führt in beiden
Fällen zu Schwierigkeiten, deren Überwindung eine
intensive Selbstdis-ziplinierung verlangt. Dabei lernt
der Verbindungsstudent, sich selbst unter starken
Anstrengungen auch rational nicht begründbaren
Regeln zu unterwerfen. Verbindungsstudentische
Trinkriten sind Teil verschiedener Praktiken, in
der Zugehörigkeit zu einer Studentenverbindung. denen Verbindungsstudenten trainiert werden,
Füxe haben gewöhnlich Schärpen mit zwei sich vorgegebenen Gebräuchen unterzuordnen;
verschiedenfarbigen Streifen. zusammengenommen bilden diesePraktiken einen
festen Anker für den strukturellen Konservatismus
Bierjunge: Beispiel für verbindungsstudentisches der Studentenverbindungen.
Brauchtum. Hat ein Verbindungsstudent einen
anderen beleidigt, dann darf der Beleidigte Burschung: Feierliche Zeremonie, in der Füxe
»Bierjunge« sagen. Der Beleidiger antwortet mit dem nach Ablauf ihrer Fuxenzeit zu vollberechtigten
Wort »hängt«. Darauf werden »Sekundanten« und Mitgliedern ihrer Studentenverbindung erklärt
ein »Unparteiischer« ausgewählt, die das folgende werden.
Trinkduell überwachen.
31
Antiburschen Reader

Lebensbundprinzip: Wer in eine


Studentenverbindung eintritt, bleibt grundsätzlich
lebenslang Mitglied.

Chargierter: Aktiver, der ein Amt seiner Leibbursch: Verbindungsstudent, der in besonderer
Studentenverbindung innehat: Sprecher, Schriftwart, Weise für einen konkreten Fux verantwortlich ist und
Kassenwart, Fuxmajor, gegebenenfalls Fechtwart. ihn in allen Angelegenheiten der Studentenverbindung
Die genauen Bezeichnungen für die einzelnen berät.
Chargen wechseln.
Mensur: Besondere Form des Fechtens mit scharfen
Comment: Regelwerk, in dem das studentische Waffen, die in schlagenden Studentenverbindungen
Brauchtum (Umgangsregeln, Kneipe etc.) festgelegt gepflegt wird. Tödliche Verletzungen sind heute
ist. aufgrund der spezifischen Schutzkleidung praktisch
ausgeschlossen. Mit der Mensur bekräftigt der Paukant
Convent: Zusammenkunft aller stimmberechtigten seine Unterordnung unter die Gebräuche seiner
Mitglieder einer Studentenverbindung. Studentenverbindung selbst um den Preis körperlicher
Verletzungen. Die Mensur gilt außerdem als Ausdruck
Couleur: Die Farben einer Verbindung, sichtbar überkomme-ner Männlichkeitsvorstellungen.
vor allem an Band und Mütze.
Mütze: Kopfbedeckung in verschiedenen Farben
Farbe tragen: Band und Mütze am Körper und Formen, gehört neben dem Band zur Couleur.
tragen.
Pauken: Mensur-Fechten.
Fux: Wer in eine Studentenverbindung eintritt, ist
zunächst -für ein oder zwei Semester - »Fux«. Er Schmiss: Bei der Mensur erlittene Verletzung, gilt
hat eingeschränkte Mitgliedsrechte und die Pflicht, als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer schlagenden
Traditionen und Gebräuche seines Bundes kennen zu Verbindung. Die Wunde wird gelegentlich mit Salz
lernen und zu akzeptieren. bestreut, damit sie eine deutlich sichtbare Narbe
hinterlässt.
Fuxmajor: Verbindungsstudent, der schon geraume
Zeit Mitglied seiner Studentenverbindung ist und die Wichs: Altertümliches Festgewand, das zu
Füxe unterrichtet und betreut. besonderen Anlässen getragen wird.
Haus: Studentenverbindungen besitzen in aller Zirkel: Seltsamer Schnörkel, abgeleitet aus dem
Regel ein Haus, selten nur eine Etage eines Hauses. Anfangsbuchstaben des Verbindungsnamens und oft
Dort finden die Aktivitäten der Studentenverbindung auch aus den Anfangsbuchstaben des Wahlspruchs.
statt, Mitglieder und potentielle Mitglieder können Kennzeichen einer Studentenverbindung.
»auf dem Haus« billig wohnen.

Inaktiver: Studierendes Mitglied einer


Studentenverbindung, das nach vier bis sechs
Semestern aktiver Tätigkeit für seinen Bund von
verschiedenen Verpflichtungen befreit ist.

Kneipe: Traditionelle, stark ritualisierte Feier.

Kommers: Besonders feierliche Kneipe.

Korporation: Gelehrt klingender Ausdruck für


Studentenverbindung.

32
Antiburschen Reader

Literaturverweise

Rolf-Joachim Baum (Hg.): »‘Wir wollen Männer, wir Golücke, Friedhelm: »Studentenwörterbuch«. Würzburg
wollen Taten!‘ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute «, 1979.
Berlin 1998
Hausen, Karin: »Die Polarisierung der „Geschlechtschar
Anke Beyer, Johann Knigge, Lasse Koch, Robert Kocher, aktere“«. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs-
Felix Krebs, Ines Meyer u.a.: »‘... und er muss deutsch und Familienleben. In: Heide Rosenbaum (Hrsg.):
sein...‘« Geschichte und Gegenwart der studentischen Seminar: Familie und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt a.
Verbindungen in Hamburg«, Hamburg 2000 M. 1978. S. 161-191.

Ludwig Elm, Dietrich Heither, Gerhard Schäfer (Hg.): Kurth, Alexandra: »Männer - Bünde - Rituale.
»Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen Studentenverbindungen seit 1800.« Frankfurt a. M., New
vom Wartburgfest bis heute«, Köln 1992 York: Campus, 2004.

Dietrich Heither, Michael Gehler, Alexandra Kurth, Müller, Rainer A.: »Landsmannschaften und studentische
Gerhard Schäfer: »Blut und Paukboden. Eine Geschichte Orden an deutschen Universitäten des 17. und 18.
der Burschenschaften«, Frankfurt / Main 1997 Jahrhunderts.« In: Harm-Hinrich Brandt und Matthias
Stickler (Hrsg.): »Der Burschen Herrlichkeit.« Geschichte
Dietrich Heither: »Verbündete Männer. Die Deutsche und Gegenwart des studentischen Korporationswesens.
Burschenschaft - Weltanschauung, Politik und Brauchtum«, Würzburg 1998. S. 13-34.
Köln 2000
Selbstdarstellung des CV. In: CDK/CDA
Stephan Peters: »Elite sein. Wie und für welche (Hrsg.): »Vielfalt und Einheit der deutschen
Gesellschaft sozialisiert eine studentische Korporation?«, Korporationsverbände«, o. O. 1998. S. 66-74.
Marburg 2004 Studentisches Brauchtum. Ein Nachtrag zu Heft l (1976),
nach einem Manuskript in Stichworten von Dr. Curt
Projekt »Konservatismus und Wissenschaft« e.V. (Hg.): Meyer bearbeitet und erweitert von Dr. Theodor Hölcke,
»Verbindende Verbände. Ein Lesebuch zu den politischen Stuttgart (= Historia Academia. Schriftenreihe der
und sozialen Funktionen von Studentenverbindungen. Studentengeschichtlichen Vereinigung des CC e. V. H. l
Marburger Beiträge zur Geschichte und Gegenwart [Nachtrag]).
studentischer Verbindungen Band 5«. Marburg 2000
Ssymank, Paul: »Das deutsche Studententum von 1750
Rosco Weber: »Die deutschen Corps im Dritten Reich«, bis zur Gegenwart (1931).« In: Friedrich Schulze und
Köln 1998 Paul Ssymank: »Das deutsche Studententum von den
ältesten Zeiten bis zur Gegenwart 1931«. Nachdruck der
Borkowsky, Ernst: »Das alte Jena und seine Universität.« 4., völlig neu bearbeiteten Aufl. von 1932. Schernfeld
Eine Jubiläumsausgabe zur Universitätsfeier, Jena 1908. 1991, S. 159-492.

Coburger Convent der Landsmannschaften und Tenbruck, Friedrich H.: »Freundschaft. Ein Beitrag zu
Turnerschaften an deutschen Hochschulen (CC) einer Soziologie der persönlichen Beziehungen.« In:
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie,
Elias, Norbert: »Studien über die Deutschen. H. 3 (1964). S. 431-456.
Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20.
Jahrhundert.« Hrsg. von Michael Schröter. 2. Aufl. Wehler, Hans-Ulrich: »Nationalismus. Geschichte,
Frankfurt a. M., 1994. (Erstausgabe 1989). Formen, Folgen.« München 2001.

33
Antiburschen Reader

Internetlinks und
Kontaktaddressen
//Internetlinks

Informationsseite über und gegen studentische Korporationen


http://www.burschis.de.vu/

Eine Liste studentischer Korporationen in Berlin


http://www.refrat.hu-berlin.de/antifa/burschenschaften/liste.html

Eine Seite, auf der ganz viele Materialien verlinkt sind


http://www.refrat.hu-berlin.de/antifa/burschenschaften/materialien.html

Seite mit vielen informativen Texten zum Thema


http://www.nadir.org/nadir/archiv/Antifaschismus/Burschenschaften/verbindungen-kappen

//Kontaktadressen

Antifa an der Technischen Universität Berlin Unabhängige Antifa Freie Universität


Berlin
antifa_tub@yahoo.de :: antifa-tu-berlin.tk
verbindungen-kappen@gmx.net
ua.x-berg.de

Referat für Antifaschismus im Referentinnenrat


der Humboldt-Universität zu Berlin antifaschistisches pressearchiv und
antifa@refrat.hu-berlin.de bildungszentrum berlin e.V. (apabiz)
www.refrat.hu-berlin.de/antifa
Lausitzer Straße 10 _ 10999 Berlin
mail@apabiz.de :: www.apabiz.de

HUmmel-Antifa - antifaschistische
Hochschulgruppe der HU Berlin Antifaschistisches Infoblatt (AIB)
afa.hummel@gmx.net
Gneisenaustr. 2a _ 10961 Berlin
www.hummel-antifa.de.vu aib@mail.nadir.org :: www.nadir.org/
nadir/periodika/aib/

Der Rechte Rand (DRR)


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www.der-rechte-rand.de

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Eichplatzfrühschoppen,
Jena, 1929

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Bild Vorderseite:
Burschen der Normannia Leipzig beim faschistisch-revisionistischen
Heldengedenken im November 2003 in Halbe