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Persönliches/Aktuell

teilt. Durch die Vielzahl der Beiträge


Aktuell wurde ein breites Themenspektrum des
Stahl-, Verbund- und Leichtmetallbaus
abgedeckt. Auch in diesem Jahr sind die
20. DASt-Forschungskolloquium 2016 einzelnen Beiträge in einem umfassen-
den Tagungsband, welcher über den
Am 8. und 9. März 2016 veranstaltete DASt bezogen werden kann, veröffent-
der Deutsche Ausschuss für Stahlbau licht worden.
(DASt) zum 20. Mal das DASt-For- Für Diskussionen, die nicht im Nach-
schungskolloquium. Traditionell bietet gang an die jeweiligen Vorträge zu Ende
das DASt-Forschungskolloquium den geführt werden konnten, sowie für den
Nachwuchswissenschaftlern ein ideales allgemeinen Austausch zwischen Kolle-
Forum, ihre Forschungsarbeiten einem gen und Praxisvertretern waren ausrei-
interessierten Fachpublikum zu präsen- chend Pausen vorhanden. Die Abend-
tieren und richtungsweisende Innova­ veranstaltung wurde mit einer Führung
tionen mit KollegInnen anderer Hoch- durch das UNESCO-Welterbe Zollver-
schulen und Praxisvertretern intensiv zu ein „Über Kohle und Kumpel − Der Weg
diskutieren. der Kohle auf der Zeche“ eingeleitet.
Ausgerichtet wurde das DASt-For- Beim anschließenden Essen und Bei-
schungskolloquium, welches in diesem sammensein im Erich-Brost-Pavillion
Jahr wieder losgelöst vom Deutschen der Zeche Zollverein mit wunderbarem
Stahlbautag durchgeführt wurde, vom Blick über das Ruhrgebiet wurde die
Institut für Metall- und Leichtbau der Gelegenheit zum weiteren Austausch
Universität Duisburg-Essen unter der untereinander von allen Teilnehmern
Leitung von Frau Prof. Dr-Ing. habil. gerne genutzt.
Natalie Stranghöner. Den insgesamt An jedem der beiden Veranstaltungs-
knapp 80 Gästen wurde in zwei Tagen tage wurden die drei bzw. vier besten
ein vielfältiges und interessantes Pro- Vorträge nach Auswahl durch eine Ex-
gramm geboten. Die 27 Beiträge, die pertenjury von Herrn Dipl.-Ing. Volker
von Hochschulvertretern von 16 ver- Hüller (DASt) ausgezeichnet. Die Ver­
schiedenen Hochschulen vorgetragen anstalter betonten, dass es bei dem kon-
wurden, waren in die Kategorien Modell stant sehr hohen Niveau aller Vorträge
und Realität, Experiment und Simula- äußerst schwierig war, die besten Vor-
tion, Forschung und Normen, Neue träge auszuwählen. Neben einem Buch-
Werkstoffe und Konstruktionen unter- preis und freiem Eintritt zum Deutschen
Stahlbautag erhalten die Preisträger die
Möglichkeit, ihre Forschungsarbeiten in
einem Schwerpunktheft des Stahlbaus,
welches im Juli dieses Jahres erscheinen
wird, zu veröffentlichen.

Christoph Lorenz, Essen

Lebensraum schaffen mit leichten


Systemen aus Stahl
Bild 1.  Preisträger 1. Tag v.l.n.r.: Prof. Na-
talie Stranghöner, Anja Pätzold, Alexander Die angespannte Lage auf dem Woh-
Raba, Nadine Hoffmann, Max Spannaus, nungsmarkt erfordert eine schnelle Re-
Volker Hüller (Geschäftsführer des DASt) aktion aller am Bauprozess beteiligten
Akteure. Bund, Länder und Gemeinden
müssen in kürzester Zeit neuen Wohn-
raum schaffen, Wohnungsbaugesell-
schaften und private Bauherren suchen
nach Wegen, bezahlbare Wohnungen in
Ballungszentren zu errichten. Dabei sol-
len Neubauten, Aus- und Anbauten so-
wie Aufstockungen qualitativ hochwer-
tig, kostengünstig und in kurzer Bauzeit
erstellt werden. Lösungen dazu bietet
der Stahl-Leichtbau – eine Bauweise, die
sich in vielen Ländern bereits als Alter-
Bild 2.  Preisträger 2. Tag v.l.n.r.: Christoph native zum Massiv- und Holzbau etab-
Lorenz, Volker Hüller, Rasmus Eichstädt, liert hat, und sich allmählich auch in
­Florian Eggert, Matthias Wieschollek, Prof. Deutschland von einer Nischen- zu ei-
Natalie Stranghöner  (Fotos © Dominik ner modernen Systembauweise weiter-
­Jungbluth) entwickelt.

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Aktuell
tel zur Kostenreduzierung bei, ebenso
wie kurze Bauzeiten. Baufeuchte fällt
nicht an, lange Aushärtzeiten wie bei
nassen Bauweisen gibt es nicht. Alle
Bauteile lassen sich in der Werkstatt
weitgehend vorfertigen.
Durch die geringe Konstruktions­
dicke – die schlanken Stahlprofilquer-
schnitte dienen als Dämm- und Installa-
tionsebene und werden mit Platten flä-
chig geschlossen – erhält der Bauherr im
Bild 1.  Einfamilienhaus mit kaltgeformten Prävention könnte Brücken und Straßen
Vergleich zu konventionellen Bauweisen
Leichtprofilen aus Stahl  (Foto: Protektor- wirtschaftlich und langfristig fit für ihre
ein Maximum an Nutzfläche. Darüber
werk Florenz Maisch, Gaggenau) Aufgaben als technische Infrastruktur in
hinaus kann eine Stahl-Leichtbaukon­
Deutschland halten  (Bild: M. Breig/KIT)
struktion nicht brennbar ausgeführt wer-
den und verfügt über gute bauakustische
und wärmedämmende Eigenschaften. den Innovations-Hub „Prävention im
Beispielsweise kann ein modernes Bauwesen“ mit einem 5-Jahres-Budget
­Eigenheim in leichter Stahlbauweise mit von 1,82 Mio. €, um Kompetenzen zu
dem Modulsystem eines Profilanbieters vernetzen und passende Technologien
mit Wand-, Decken- und Dachelemen- zu erarbeiten.
ten aus dünnwandigen Stahlprofilen Mit dem Hub sollen die Akteure der
­realisiert werden (Bild 1). Der typische gesamten Innovations- und Wertschöp-
Wandaufbau beginnt auf dem massiven fungskette zusammengebracht werden,
Kellergeschoss mit einem U-Profil als so Professor Thomas Hirth, Vizepräsi-
Bild 2.  Weitspannträger aus profilierten Bodenanschluss, in das C-Profile als dent für Innovation und Internationales
und zusammengesetzten U-Profilen für Ständer eingestellt wurden. Den oberen am KIT. Bauherren, Behörden, Bau­
Decken- und Dachebene (Foto: Protektor- Abschluss bildet ein Ringankerprofil. firmen und Wissenschaftler an einem
werk Florenz Maisch, Gaggenau) Die Decken- und Dachkonstruktionen Tisch werden konkrete Entwicklungs­
bestehen hauptsächlich aus Weitspann- bedarfe identifizieren und Technologien
trägern mit doppelten U-Profilen im bis zur Markreife entwickeln.
Vorbild ist der raumschließende Achsabstand von 62,5 cm (Bild 2). Die „Für die beteiligten Gruppen bietet
­ rockenbau, dem eine tragende Kom­
T Aussteifung der gesamten Konstruktion der Hub durch den Zugang zu der für
ponente hinzugefügt wird. Leichtbau- erfolgte durch OSB-3-Grobspanplatten dieses Thema weltweit einzigartigen
konstruktionen aus Stahl verfügen über und zementgebundene Bauplatten. Aus- Forschungsinfrastruktur des KIT große
eine Struktur aus dünnwandigen, kalt- geführte Projekte beispielsweise in wirtschaftliche Chancen“, unterstreicht
verformten Stahlprofilen mit gegenüber Skandinavien, Südeuropa und Südame- Professor Andreas Gerdes, Koordinator
dem klassischen Trockenbau etwas grö- rika zeigen, dass auch höhere Gebäude des KIT-Innovations-Hub „Prävention
ßerer Materialdicke von rund 1,5 mm. mit bis zu vier Vollgeschossen wirt- im Bauwesen“ (engl.: KIT Innovation
Die Profile werden zu leichten, aber schaftlich realisiert werden können. Hub „Prevention in Construction“) und
­äußerst tragfähigen Rahmen, Trägern Für nahezu jede denkbare Aufgaben- Leiter der Abteilung „Mineralische
und Stützen verbunden. Beplankungen stellung, sei es beim Bau von Wohnhäu- Grenzflächen“ des Instituts für Funk­
mit gips-, zement- oder leimgebundenen sern, bei Dachaufstockungen, Gebäude- tionelle Grenzflächen am KIT. „Die
Werkstoffplatten übernehmen die Aus- erweiterungen oder Einbauten in vor- ­Prävention im Bauwesen ist trotz der
steifung der Konstruktion. Weitere handene Gewerbeimmobilien gibt es hohen gesellschaftlichen Relevanz ein
Schichten des Wandaufbaus, wie etwa eine Lösung mit tragenden Stahl-Leicht- noch schwach entwickeltes Forschungs-
Dämmmaterialien und Dampf- und bausystemen. Detaillierte Informationen feld. Unternehmen können hier neue
Windsperren, ermöglichen bei fachge- zu Planung und Ausführung bietet die Märkte erschließen und internationale
rechter Anwendung die Erfüllung sämt- Wirtschaftsvereinigung Stahl unter Wettbewerbsvorteile erarbeiten. Aber
licher Anforderungen an den Wärme-, www.stahl-online.de (Stahlanwendung/ auch für den Bund, das Land und die
Schall- und Brandschutz sowie die Bauwesen). Kommunen bietet dieser Ansatz eine
Winddichtheit. Die Bauweise eignet sich große Chance, den bestehenden Investi-
sowohl für den Neubau von ein- und tionsstau nach und nach abzubauen.“
mehrgeschossigen Gebäuden als auch Innovations-Hub „Prävention Prävention bedeutet, dass durch die
für das Bauen im Bestand. im Bauwesen“ Kombination ausgewählter technischer
Die vergleichsweise leichten Wand- Maßnahmen und Dienstleistungen, aus-
und Deckenkonstruktionen können ge- Autobahnen, Kanalisation, Energiever- geführt entlang des Lebenszyklus eines
rade auch bei Aufstockungen auf älteren sorgung, Brücken – die technische Infra- Bauwerks, das Risiko für ein frühzeiti-
Bestandsgebäuden eingesetzt werden, struktur in Deutschland bildet das Rück- ges Werkstoff- und Bauwerksversagen
bei Bauwerken also, die aufgrund ihrer grat des Wirtschaftsstandorts. Ihr Erhalt drastisch reduziert wird. Einerseits las-
oft schon ausgelasteten Tragstruktur nur stellt die Gesellschaft vor eine große sen sich jedoch die Kosten für Präven­
über geringe Traglastreserven verfügen. ­Herausforderung, insbesondere vor dem tionsmaßnahmen nur im Rahmen einer
Über diese vertikale Nachverdichtung Hintergrund Klimawandel, Ressourcen- heute noch wenig verbreiteten Lebens-
lässt sich mit geringem Aufwand zusätz- verknappung und Globalisierung. Statt zyklusanalyse rechtfertigen und nicht,
licher Wohnraum auf bereits bebauten teuren Instandsetzungen könnte mehr wenn man – wie bei heutigen Ausschrei-
Grundstücken schaffen. Bei beengten Vorbeugung der Schlüssel sein, um die bungen üblich – die reinen Erstellungs-
Baustellenerschließungen trägt die Mon- Infrastruktur fit zu halten. Helmholtz- kosten zugrunde legt. Andererseits fehlt
tage vor Ort ohne aufwändige Hilfsmit- Gemeinschaft und KIT starten deshalb es schlicht noch an geeigneten Präven­

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Aktuell/Termine
tionsmaßnahmen mit natur- und inge­ schaft und aus Mitteln der Helmholtz-
nieurwissenschaftlicher Basis. Im Ver- Zentren sowie der beteiligten Unterneh-
gleich zur Instandsetzung liegen bei men finanziert. Mit dieser langfristig
­Präventivmaßnahmen die Kosten bzw. ausgerichteten Strategie sollen die
Umweltbelastungen bei nur etwa 10 %, Helmholtz Innovation Labs über bishe-
wie etwa das Beispiel der Betonimpräg- rige Transferformen hinausgehen und
nierung bei bayerischen Autobahnen neue Impulse setzen.
zeigt.
Der langfristige Erhalt und der zu-
kunftsorientierte Ausbau der techni-
schen Infrastruktur wie Wasser-, Strom-,
Gas- und Fernwärmeleitungen oder
Straßen und Brücken sind von zentraler
Bedeutung. Der zunehmende Ausfall
von technischer Infrastruktur zeigt, dass
hier großer Handlungsbedarf besteht.
Dem enormen Innovationsdruck im
Bauwesen stehen jedoch eine große Tra-
ditionsorientierung, Regulierungsdichte
und branchenspezifische Innovations-
hemmnisse der von kleinen und mittle-
ren Unternehmen dominierten Branche
gegenüber. Zudem neigen Bauherren
dazu, kurzfristig die Erstellungskosten
eines Bauwerks zu optimieren, statt die
Lebenszykluskosten, welche Erstellung,
Bewirtschaftung, Instandhaltung und
Vorsorge in einen langfristigen Zusam-
menhang bringen.
Um diese Kluft nachhaltig zu über-
winden, wird das KIT im Innovations-
Hub „Prävention im Bauwesen“ zu-
nächst Akteure von allen Ebenen
­zusammenbringen – Hersteller von Roh-
stoffen und Produkten, Bauplaner, Bau-
unternehmer und Bauherren, Behörden
und Normungsgremien. Zusammen sol-
len zunächst bedarfsorientierte, struktu-
rierte Innovationsprozesse etabliert und
Forschungs- und Entwicklungsbedarfe
identifizieren werden. Dies wird in die
Entwicklung innovativer Produkte,
Technologien und Dienstleistungen
münden. Das erarbeitete Fachwissen
wird Entscheidern aus Politik und Ge-
sellschaft direkt bereitgestellt. Darüber
hinaus sollen die Erkenntnisse in die
Fachkräfteausbildung und auch auf die-
sem Weg in Wirtschaft und Verwaltung
fließen.
Der KIT-Innovations-Hub „Präven-
tion im Bauwesen“ wurde in einem Aus-
wahlverfahren der Helmholtz-Gemein-
schaft zusammen mit sechs weiteren so-
genannten Helmholtz Innovation Labs
(HIL) zur Umsetzung ausgewählt. Die
Helmholtz-Gemeinschaft stärkt damit
die Schnittstelle zwischen industrieller
und außeruniversitärer Forschung wei-
ter. Der gegenseitige Austausch soll den
Transfer von Forschungsergebnissen in
die Anwendung noch stärker fördern.
Für den Aufbau und die Etablierung der
Innovation Labs stellt die Helmholtz-
Gemeinschaft in den kommenden fünf
Jahren rd. 12 Mio. € zur Verfügung. Die
HILs werden aus dem Impuls- und Ver-
netzungsfonds der Helmholtz-Gemein-

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