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Claude

Cueni hat einen neuen Roman geschrieben. Für seine Verhältnisse keinen grossen,
wenn man die 275 Seiten zählt, denn frühere Werke kamen immer als dicke Wälzer daher.
Und dennoch ist es ein grossartiges Buch, weil es den Leser bestens unterhält. «Der Mann,
der Glück brachte» hinterlässt aber nicht nur Glücksgefühle, denn die Thematik ist ernst und
der Schluss traurig. Doch Cueni schafft es, die auch diesmal stellenweise biografisch gefärbte
Geschichte spannend zu erzählen.

Bei einem Überfall auf ein Spielcasino erleidet Lukas Rossberg als unbeteiligter Besucher
einen Kopf- und Lungendurchschuss. Sieben Jahre liegt er daraufhin im Wachkoma, und als
er in sein altes Leben zurückkehren will, hat sich die Welt um ihn herum völlig verändert.
Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Firma gibt es nicht mehr, und als IT-Spezialist ist er
jetzt nur noch «old school».

Nur sein alter Freund Robert Keller, der in jener schicksalhaften Nacht mit ihm zusammen
war, kümmert sich aus Mitleid und schlechtem Gewissen um Rossberg. Keller ist inzwischen
Direktor der Lotteriegesellschaft, und er beauftragt seinen Freund, Lottomillionären die
freudige Botschaft zu überbringen und sie während der ersten Zeit zu betreuen. So wird der
Mann, der selber so viel Unglück hatte, für andere zum Mann, der ihnen Glück bringt.

Kriminelle Machenschaften
Das wäre jetzt einfach eine hübsche Geschichte, wenn sie Claude Cueni nicht zum
Kriminalfall machen würde. Denn Lukas Rossberg stellt schnell fest, dass Robert Keller über
die Geschehnisse in jener Nacht lügt. Dieser hat es inzwischen nicht nur zu Reichtum
gebracht, sondern auch Rossbergs Freundin geheiratet. Und der gesundheitlich weiterhin
stark angeschlagene Mann kommt kriminellen Machenschaften innerhalb der
Lotteriegesellschaft auf die Spur. Er sucht eigene Gerechtigkeit und ersinnt einen Racheplan.

Jüngst haben sich verschiedene Schweizer Autoren als Kriminalschriftsteller versucht. Martin
Suter hat schon mehrfach bewiesen, dass er es kann. Franz Hohler hat mit seinem Buch «Das
Päckchen» in diesem Genre positiv überrascht, und Charles Lewinsky ist mit seinem
Kriminalroman «Der Wille des Volkes» grandios gescheitert. Claude Cueni hat keinen Thriller
geschrieben, aber einen sehr spannenden Roman, der auch aus der Feder eines Martin Suter
stammen könnte.

Was dieses Buch jedoch eigen und eben typisch Cueni macht, sind die detaillierten
Beschreibungen vom Krankenhausaufenthalt, den Umgang des Pflegepersonals und der
Betreuer mit dem Kranken und dessen Abhängigkeit, die mitunter in Wut und Resignation
mündet. Erfahrungen, die Cueni bei seinen unzähligen Spitalaufenthalten zur Genüge
gemacht hat. Doch wie es seine Art ist, schildert er das Leben als Dauerpatient weder
dramatisch noch sentimental. Auch macht sich immer wieder Cuenis Galgenhumor
bemerkbar.

Basler Schauplätze
Leserinnen und Leser aus dem Grossraum Basel werden in den Beschreibungen von
Schauplätzen bekannte Ort wiedererkennen. Das «House of Wine» manipuliert Rossberg mit
seinem IT-Wissen, im «Papa Joe’s» isst er und im (heute nicht mehr existierenden) Kino
Eldorado schaut er sich einen Film an. Da Cueni früher selber Game-Software für
Lotteriegesellschaften und Casinoautomaten entwickelt hat, kennt er die Szene bestens.
Trotzdem stellt er dieses Wissen in den Hintergrund und macht den Leser nur mit
denjenigen Abläufen bekannt, die für die Handlung wichtig sind, ohne sich in technischen
Details zu verlieren.

Die Liebe zu einer elsässischen Kassierin und das unfreiwillige Zusammenleben mit einer
jungen Chinesin, die sich in Rossbergs Wohnung eingenistet hat, schenken dem
Schwerkranken nochmals für kurze Zeit Lebensfreude. Hier erweist sich Claude Cueni
wiederum als genauer Beobachter, dem zu viel Sentimentalität – im Buch wie im eigenen
Leben – ein Graus ist.

«Der Mann, der Glück brachte» ist einer dieser Romane, bei denen man auf Seite 275 gerne
noch weiterlesen möchte, weil man sich einfach gut unterhalten fühlt. Es ist
bewundernswert, dass sich Claude Cueni trotz seines fragilen Gesundheitszustandes immer
wieder zu einem neuen Buch aufrafft. Die Leserschaft dankt es ihm.

Claude Cueni: «Der Mann, der Glück brachte.» Lenos Verlag, 2018. 275 S., ca. Fr. 32.–.

Buchvernissage: Heute, 19.30 Uhr, im Kulturhaus Bilder & Tanner, Basel.