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1. Vorlesung: Warum Gesellschaftstheorie? 12.

Oktober 2017

Folieninhalte

Warum Gesellschafstheorie?

• kein Überblick über Breite der Ansätze und über das Semester

• warum und wie ich selbst gesellschaftstheoretisch informiert forsche

• bestimmter Zugang zu Theorie

• zentrale Dimensionen / Anliegen Historizität, Kritik des Fortschritts, Wissenschaft


als Kritik, „methodologisch“

• Beispiel: Transformationsforschung

Warum überhaupt wichtig?

• Theorien sind wissenschaftliche Konstrukte und Herangehensweien, um soziale


und natürliche Tatbestände und Mannigfaltigkeit besser einordnen (erklären) zu
können … aktuell, historisch, ggf. auch künftige Entwicklungen

• Gesellschafts-Theorie: gesellschaftliches Zusammenleben (aber auch


Umwelt/Natur) … wie hängen verschiedene Dimensionen zusammen

• Was erzeugt gesellschaftlichen Wandel, Stabilität, Krisen?

• Rolle von politischen und sozialen Institutionen?

• Verhalten / Praktiken? • Soziale Strukturen und deren Zusammenhang: Klasse,


Geschlecht, Ethnizität

• Machtverhältnisse, Diskurse / Dispositive

• Internationale Verhältnisse

• Was hält Gesellschaft zusammen, treibt sie auseinander?

Warum überhaupt wichtig?

(2) • Gesellschaftliche Entwicklungen finden wahrnehmbar statt, aber

• Ursachen umstritten (Bsp. Klimawandel)

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• vieles, das selbstverständlich ist, sollte in wissenschaftlicher Analyse hinterfragt
werden

• müssen theoretisch erschlossen werden, damit gehen aber Annahmen in Analyse


ein: Systemtheorie – Modernisierungstheorien – kritische Theorie(n)

• Nicht lediglich Daten sammeln und interpretieren, sondern theoriegeleitete Analyse


der Gesellschaft

• Das bedeutet aber nicht, den empirischen Gegenstand mit der Theorie zu
„erschlagen“

• Austin Harrington: „Social theory is trained reflection on ways of knowing social life.“

bestimmter Zugang zu Theorie

Theorie als Verarbeitung gesellschaftlicher Erfahrung

• Kritische Theorie der Frankfurter Schule seit 1920er Jahren: Adorno, Horkheimer,
Pollock, Löwenthal, Fromm, Marcuse – Benjamin, Neumann, Kirchheimer

• jüdische Intellektuelle und Marxisten: ausgegrenzt

• Nationalsozialismus, Holocaust; Adorno (1936): „Der Zweck der Revolution ist die
Abschaffung der Angst“

• Scheitern gesellschaftsverändernder Projekte der ArbeiterInnen-Bewegung; deren


Anfälligkeit für NS, ihre Integration (Kulturindustrie)

• Nachkriegs-Deutschland; „verwaltete Gesellschaft“

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zentrale Anliegen / Dimensionen der kritischen Gesellschaftstheorie

• Historizität der Verhältnisse – Kritik der Verdinglichung – Veränderbarkeit (dabei


Konflikte) • Kritik von Management-Perspektiven (Governance): macht- und
herrschaftsblind

• Kritik der Objektivität: eigene Beobachtungs-Position reflektieren

• Kritik des Fortschritts

• Wissenschaft als Kritik - Kritik der Wissenschaft

• „methodologisch“: Erfahrung und Mannigfaltigkeit

• Kritik der Naturbeherrschung – ökologische Krise

Historizität der Verhältnisse – Kritik der Verdinglichung

• gesellschaftliche Verhältnisse sind historisch entstanden

• damit veränderbar; gegen überhistorische Theorien (Neoklassik, später


Systemtheorie, methodologischen Individualismus)

• allerdings scheinen Verhältnisse oft unveränderbar, verdinglicht

• bei Marx: Fetischcharakter der Ware, Staat

• KT eher Subjektivierung und Ideologie, Rolle der Wissenschaft

• Veränderbarkeit - Veränderung aber nicht durch ein „historisches Subjekt“


(Arbeiter_innen-Klasse)

• keine positive Systemalternative – Gefahr der Homogenisierung, Negation des


Konkreten; muss aus Kritik und Lernprozessen entstehen --- dennoch: konkrete
Alternativen (… Kritik von Habermas: KT sei „pessimistisch“ trifft nicht zu)

Fortschrittskritik

•„Dialektik der Aufklärung“; Versprechen und Errungenschaften (Vernunft - Ausweg


aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, Individualität) nicht eingelöst, Herrschaft
nimmt zu, modernisiert sich

 bürgerliche Revolutionen sind missglückt


 Befreiung schlägt in Herrschaft um
 Aufklärung setzt sich als „instrumentelle Vernunft“ durch
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• KT: „Aufklärung des Verhängnisses der Aufklärung“

• konkrete Erfahrung: Fortschritt der Arbeiter_innen-Bewegung innerhalb der


verwalteten Welt: herrschaftlich und Steigerung Naturbeherrschung

Wissenschaftsverständnis

• Wissenschaft: methodisch elaboriertes und kontrolliertes Vorgehen „Social theory is


trained reflection on ways of knowing social life.“ … Denn Theorien sind auch im
Alltagsverstand der Menschen, sie sind ExpertInnen

• „Wahrheit“ ist ein soziales Verhältnis, konkrete Praxen, Kampf um Plausibilität

• Wissenschaft ist nicht wertfrei: Wissenschaft mit eigenen Modi, aber auch von
jemand, für jemand, mit Zielen

• Kritik der herrschenden Vorstellungen u. Selbstverständlichkeiten, da sie Herrschaft


reproduzieren, legitimieren, verharmlosen, unsichtbar machen (Staat, Geschlecht,
Wachstum etc.)

„methodologisch“ (einige Aspekte)

• Horkheimer 1931: kollektive Forschungsarbeit, interdisziplinär

• Analyse von Konflikten, ihre offene oder institutionalisierte Bearbeitung


(„Verdichtung“ in Institutionen)

• Erfahrungen ernstnehmen (gegen zu starke Abstraktionen), Theorie als Verarbeitung


historischer Erfahrungen

• Theorie – Empirie: Mannigfaltigkeit, Sperrigkeit, das „Nicht-Identische“ denken


(Adorno); Theorie darf empirischer Wirklichkeit keine Gewalt antun, nicht nur
„bestätigen“ • Kritik nicht negativ, sondern Reflexivität (u.a. eigener Standpunkt)

• Horkheimer als Rektor zu Studierenden: „non-konformistische Intellektuelle“


epistemologisch

• anti- / post-positivistisch

Aktuelle Forschung

Transformations(forschung)

- im Bereich der sozial-ökologischen Krise, Energie, Ressourcen, Klimawandel


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- eher indirekt und selten: verbunden mit Wirtschafts- und Finanzkrise

dominante Problem-Deutung

 Übernutzung „des Planeten“ (Senken, Ressourcen) durch „die Menschheit“


durchaus Blick auf gesellschaftliche Ursachen: „Megatrends“, „Treiber“ Ziel /
Mittel weitreichender Umbau notwendig …. „Transformation“ („Transition“)
 Energiebasis: weg von fossilen Energieträgern
 Ressourcenbasis insgesamt: effizienter, weniger
 greening von Politik, Märkten / Investitionen, Jobs, Konsument_innen als win-
win-Situationen
 Hoffnung auf gesellschaftlichen Wertewandel
 weitreichende Diagnose & Ziele, relativ unaufregende Schritte – normativer
Überhang

eigentlich recht spannende Konstellation für kritisches Denken und Praxis jedoch
kaum Thema in Debatte: wie an den Kern der herrschaftlichen Produktions- und
Lebensweise „herankommen“?

 Reproduktion des Lebens (Naturverhältnisse) ist tief verankerte Herrschaft


 herrschende Formen der Arbeitsteilung entlang unterschiedlicher
Strukturmuster
 kapitalistische Wachstumsimperative und wettbewerbsstaatlich-imperiale
Politik
 tiefe Einschreibung – mentale Infrastrukturen
 notwendig: kritischer, gesellschaftstheoretisch fundierter
Transformationsbegriff

Kritischer Transformationsbegriff gegen anderen

 „neue Orthodoxie“ … radikale Diagnose, aber herrschafts- und formvergessen;


vor allem im Bereich Umwelt, Klima, Energie … mit bestehenden Institutionen
 kritischer Trafo-Begriff
 permanente Selbst-Transformation kapitalistischer Gesellschaften:
 krisenhaft Perspektive der Kritik von Macht und Herrschaft

„Springpunkt eines kritischen Transformations-Begriffs“

Objekte und Subjekte gesellschaftstheoretisch begreifen


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 Genauere Bestimmung der Probleme / Krise(n) … gegen Positivismus der
NaWi und Akzeptanz durch SoWi
 Trafo-Objekte sind herrschaftliche & formbestimmte Produktions- und
Lebensweisen entlang unterschiedlicher Ungleichheitsmuster, ihre
Materialisierung in Technologien, Normensystemen, Politik etc. •
Entwicklungslogiken / -dispositive
 Trafo-Subjekte (Staat, Unternehmen, Pioniere des Wandels), auch sich
verändernde Praxen, Werte als (Teil) gesellschaftliche Verhältnisse
 Vorteil der Forschung im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorie: inter- und
transdisziplinär … Verbindung von „Politikfeldern“

Lektüre:

Ritsert, Jürgen: „Gesellschaft – Ein unergründlicher Grundbegriff der


Soziologie“

Georg Simmel: Wie ist Gesellschaft möglich? Durkheim hingegen begab sich auf die
Suche nach „sozialen Tatsachen“. Adorno befürchtete, dass Soziologie am Ende
genau das Thema „Gesellschaft“ verloren ginge.

Nominalisten suchen konkrete Einzelsachverhalte, also X=. Realisten hingegen


zahlreiche Einzelsachverhalte.

Kapitel I: Rückblick, Hinblick, Ausblick

Achse I: Gesellschaft an den Polen Individualismus und Holismus

Individualismus und Holismus als Gegenüberstellung einer Unterabteilung des alten


Universalienstreits. Gibt es Gesellschaft? In welcher Weise?

Nominalisten nehmen Position der (methodologischen) Individualisten ein.

Popper meint Individualismus betone völlig zu Recht, dass es möglich sein muss das
Verhalten und die Handlungen von Kollektiven, also Staaten und Sozialgruppen auf
das Verhalten und Handlungen menschlicher Individuen zu reduzieren. Zugleich tut
sich ein Widerspruch auf, da man diese Verhalten und diese Handlungen nicht ohne
Berücksichtigung sozialer Umgebung erklärbar machen kann. Staat und Gesellschaft
seien bequeme Kürzel und existieren nur in konkreten Einzelmenschen.

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 Erklärungen gesellschaftlicher Kollektivphänomene alleine auf die Grundlage
von Aussagen vorzunehmen, die sich auf das Verhalten/ Handlungen/
Beziehungen einzelner menschlicher Personen beziehen!
(Nomalisten/Individualisten)

Holismus als nominalistische Gegenpartei, oder Kollektivismus ist.

Adorno sucht in „Denken im Totalitätsbezig“ nach dialektischer Vermittlung beider


Pole. Trozdem für Adorno Kollektivgebäude „Gesellschaft“ als das „Allerwirklichste“.

Achse II: Gesellschaft an den Polen „gesellschaftliches Sein“ und


„gesellschaftliches Bewusstsein“

Die Begriffe gehen auf Marx zurück und beinhalten eine Fülle widersprüchlicher
Hintergrundannahmen.

(1) Materiell – Ideell


(2) Strukturell – Kulturell
(3) Subjektiv – Objektiv
(4) Reduzibel – emergent
(5) Aktorsstandpunkt – Beobachtungsstandpunkt

(1) Materiell/Ideell
Marx meint, die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die
Menschen bei der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens, je nach stand
ihrer körperlichen, geistigen und technischen Produktionskräfte, die
Produktionsverhältnisse also, stellen die ökonomische Struktur der
Gesellschaft und damit die reale Basis ihres Lebensprozesses dar.
Er spricht von „Basis“ oder „Unterbau“ und meint damit das
„gesellschaftliche Sein“. Das „gesellschaftliche Bewusstsein“ erhebe sich
aus dem „gesellschaftlichen Sein“. Also der juristische bzw. politische
Unterbau und die Menge gesellschaftlicher Bewusstseinsformen ergeben gen
„Überbau“. Die impliziert die Unterscheidung materiell und ideell. Materiell
seien sämtliche Aktionen, Handlungen und Ereignisse die jeweils historisch
spezifische Ausprägungen des gesamtgesellschaftlichen (Re-

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)Produktionsprozesses gehören. Materiell entspricht der Basis. Der Überbau
die ideellen Faktoren.

(2) Strukturell/Kulturell
Der Strukturbegriff ist generell formell und harmlos als die Menge von
Elemente (irgendeiner Art) zwischen denen wenigstens eine Relation besteht.
Mindestens eine Relation, die sich selbst dann nicht verändert, wenn andere
Relationen sich verändern und somit von Dauerhaftigkeit gekennzeichnet sind.
Sozialstruktur als allgemein sämtliche in Frage kommende Prinzipien, wonach
eine Gesellschaft gegliedert oder differenziert ist, als Beispiel hierfür wären die
Prinzipien gesellschaftlicher Arbeitsteilung zu sehen. Konkreter könne man
Merkmale gesellschaftlicher Ungleichheit zusammenfassen, die eine
Gesellschaft charakterisiert, beispielsweise die Klassenstruktur einer
Gesellschaft.
Für Kultur sind Regeln wesentlich, also Verbote oder Gebote. Es geht um
faktische Regelmäßigkeiten wirksamer Zusammenhänge von Phänomenen,
die eigenständige (also emergente) Eigenschaften aufweisen.

(3) Subjektiv/ Objektiv


Adorno spricht von gesellschaftlicher Objektivität, als das gesellschaftliche
Sein, dass von Inhalten des Bewusstseins wie Meinungen, Ansichten,
Attitüden unterschieden wird. Hegel spricht von der zweiten Natur, also einer
Gleichsetzung mit Natur. „Verdinglichung“ der Gesellschaft als Objektivierung
(gesellschaftliche Objektivität)

(4) Reduzibel/ Emergent


Reduzibel gegenüber von Emergent meint beispielsweise die Ansicht von
Individualisten, die einen reduktionistischen Anspruch stellen indem Aussagen
über Institutionen etc. sich auf andere Aussagen über Individuen und ihre
Interaktionen logisch oder empirisch reduzieren lassen. Gegenseite behaart
auf „Emergenz“, Phänomene lassen sich nicht auf tiefer liegenden
individualistischen Grund zurück führen. (oft auch emergent – objektiv in

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Gesellschaftstbegriffen, emergent meint eigenständige irreduzibele
Eigenschaften)

Talcott Parson hat eine turmartige Rangordnung von vier Daseinsbereichen


erörtert (emergenter Materie)

1. Physiokochemische System (antreibend)


2. Menschlich- organisches System (motivierend)
3. Allgemeine Handlungssystem (Gesellschaft)
4. Telische System (symbolische Sinngehalte)

 Vier Seinsebenen müssen vier Bezugsprobleme bearbeiten (Anpassung,


Zielrichtung, Integration und Strukturerhaltung)
 Energie/Materie schießt in Turm von unten nach oben (1-4)
 Hierarchie von oben nach unten (4-1) Informationen durch telisches System
normativ gesteuert.
 Emergent daher, weil Parson meint, das transformiert Energie auf höherer
Stufe Eigenschaften aufweist, die NICHT auf darunterliegende Vorgänge
rückführbar sind!

(5) Aktorsstandpunkt/Beobachterstandpunkt
Aktorsstandpunkt und Beobachterstandpunkt als zwei Perspektiven.
Aktorsstandpunkt mag unterschiedliche Aufschlüsse über Aussagenverstehen,
Fremdverstehen, Kontextverstehen und Handlungsverstehen geben. Referenz
zu objektiv (BStP)/subjektiv (AStP)

Lektüre II: Ritsert, Jürgen: Gesellschaft – Ein unergründlicher Grundbegriff der


Soziologie

Kapitel 2: Der Gesellschaftsbegriff, wie er im Buche steht.

Organisierte Beziehung oder Vergesellschaftung überhaupt

Ordnung/ Gefüge als Organisation ohne konkret Zweckverbände zu sein.


Organisationen als Entstehung geordneter/ strukturierter Assoziationen von
Komponenten, die ihre spezifischen Ausprägungen wenigstens in einem

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Zeitabschnitt durchhält. Chaos ist all das, was ohne jede Einschränkung möglich ist.
Bei einer Ordnung hingegen gibt es nur eine Folge f. Hingegen ist die Organisation
gekennzeichnet, dass ihre Folgeereignisse flexibel sind. Es gibt in der Organisation
eine Bandbreite von Folgen (Spielräume/ Alternativen/Bandbreite Folge a,b,c,..n).
Dies wurde von dem Stammvater der Kybernetik W.R. Ashley herausgearbeitet und
ist so allgemein, dass es sich auf alles anwenden lässt, beispielsweise auf Atome,
Kristalle oder auch Menschen.

Menschliche Vergesellschaftung überhaupt

Aristoteles beschrieb den Menschen bereits als zoon politicon, also auf ein
Zusammenleben mit Seinesgleichen angewiesenes Wesen. Er braucht Gesellschaft
um Freiheit und Selbstständigkeit zu erlangen. Hobbes hingegen meinte, der Mensch
sei im Naturzustand völlig ungesellig und Rousseaus meinte ebenfalls, der Mensch
sei im Naturzustand weitgehend selbstgenügsam.

Gesellschaft als Mit- und Gegeneinanderwirken bei der Bearbeitung von


Systemproblemen

Gesellschaft wird in Bezugnahme auf bestimmte Probleme definiert, womit die


Menschengattung insgesamt zu rechtkommen muss. Handlungsprobleme beziehen
sich auf einzelne und Systemprobleme auf Hindernisse für Prozesse im oder des
sozialen Ganzen. Die da wären:

- Gemeinsame Anstrengung Subsistenz zu erlangen (elementare/ kulturelle


Bedürfnisse und Reproduktionsprozesse)
- Die Spezis zu perpetuieren (sexuelle Reproduktion/ Geschlechterverhältnisse)
unterschiedliche kulturelle Ausprägungen hierbei (Patriachat)
- Sitten/ Moral/ Gebräuche und Enkulturation (Einübung der Kinder in
Sinnkomponenten ihrer Kultur, Sinnsysteme (Lesen, Schreiben))

Historische Typen der Vergesellschaftung

Typenbegriffe wie beispielsweise die Antike/ der Feudalismus oder der Kapitalismus
oder Produktionsweisen, charakteristische Institutionen synonym für eine
Gesellschaft. Bestandteile des jeweiligen kulturellen Überbaus werden ausgewählt
um die verschiedenen Gesellschaften zu erfassen. Gesellschaft kann beispielsweise
auf Produktionsverhältnisse, Produktionskräfte und Schlüsselinstitutionen feudaler

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oder bürgerliche Gesellschaft analysiert werden. Merkmale, welche zur
Charakterisierung einer Gesellschaft dienen können kritisch hinterfragt werden. Es
soll auch danach gefragt werden, was weggelassen wird.

Organisation: Gesellschaften als Zweckverbände

In Zedlers Universallexikon von 1735 wird Gesellschaft als eine wirkliche


Vereinbarung der Kräfte vieler zur Erlangung eines gemeinsamen Zwecks,
beschrieben. 1844 bekommt der Begriff eine rechtliche Komponente (Vereinigung
durch „Kontrakt“) und 1862 wird er ebenfalls in Verbindung mit Verträgen gesetzt.
Entwicklung Bürgertum setzt Gesellschaftsbegriff in Rechts- und
Staatswissenschaften durch, der grundlegen auf Übereinkünfte, insbesondere
rechtswirksame, verweist.

Gesellschaft als Leben in der Gruppe

Die wörtliche Bedeutung von Gesellschaft ist das räumlich vereinte und
vorübergehende auf einem Raum vereint. Es weist auf Geselligkeit hin, dass auf ein
Zusammensein verweist. Es geht um ein Gemeinschaftsgefühl.

F. Tönnis meint, dass Gemeinschaft und Gesellschaft zu unterscheiden sind in dem


Sinne, dass Gemeinschaft Bindung und Verpflichtung inkludiert und Gesellschaft an
Tauschbeziehungen oder Verträge gebunden sei. Max Weber unterscheidet
Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. Vergemeinschaftung schreibt er
subjektive gefühlte Zusammengehörigkeit zu und Vergesellschaftung rational
motivierten Interessensausgleich.

Der konkrete gesellschaftliche Lebensprozess

Gesellschaften werden von abstrakten (überindividuellen) Prozessen getragen, von


abstrakten Gesetzen reguliert und von allgemeinen Medien wie Geld gesteuert.
„Emergente Phänomene“ abhängig von konkreter Praxis der Menschen. G.Simmel
sprach vom gesellschaftlichen Lebensprozess“, welcher „in der durch keine
Darstellung auszuschöpfende Mannigfaltigkeit seiner konkreten Erscheinungen ....“
besteht. Fortwährend knüpft sich und löst sich und knüpft sich von neuem die
Vergesellschaftung unter den Menschen, ein ewiges Fließen und Pulsieren.

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2. Vorlesung, Systemtheorie, Christian Görg. 19. Oktober 2017

Alles nur System?

Folien

Alles System? Was meint der Systembegriff?

 Definition: Gesamtheit von Elementen, die miteinander verbunden sind und


dadurch mehr als die Summe ihrer Teile – emergente Eigenschaften
gegenüber den Elementen Ø Gesellschaft: spielen Individuen gar keine Rolle?
 Problem: – was gehört dazu – was nicht? – Grenzen des Systems?
 realistischer vs. analytischer Systembegriff: Ø Gibt es Systeme? Ø oder
nutzen wir den Systembegriff zur Analyse komplexer Entitäten?

Varianten der Systemtheorie & deren Implikationen

 geschlossene Systeme? => System-Umwelt-Differenz


 Systemtheorie seit Ludwig von Bertalanffy (1901-72): offene Systeme -
organisierte Komplexität - Kybernetik: Steuerungs-/Regelungstheorie
(Nobert Wiener) - aus der Raketentechnik, aber auch Thermostat
 Selbstorganisierende Systeme (Heinz von Förster) - Ordnung entsteht aus
den Systemprozessen heraus, keine Steuerung von Außen
 Autopoiesis/autopoietische Systeme (Humberto Maturana) -
Selbstherstellung (z.B. Leben) - energetisch offen, operativ geschlossen

Varianten der Systemtheorie in der Gesellschaftstheorie

1. Hautvertreter: Talcott Parsons (1902–1979)*

 umfassendster Versuch einer Gesellschaftstheorie: Integration von


Handlungs- (M.Weber) und Strukturtheorien (E.Durkheim)
 strukturfunktionalistische Systemtheorie - Gesellschaft: „höchsten Grad
der Selbständigkeit“ (19)
 evolutionäre Universalien: AGIL-Schema (Adpatation, Goal attainment,
Integration, Latent pattern maintenance) für alle selbstorg. Systeme -
Fortschritt: „größere allgemeine Anpassungsfähigkeit“ (169) -
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Kulturdeterminismus: Kultur (Wertmuster) als „kybernetisch
höchstrangige() Elemente“ (175) Ø
 Modernisierungstheorie: USA als fortgeschrittenste Gesellschaft und
als universelles Vorbild =>?

2. Hautvertreter: Niklas Luhmann (1927–1998)

 wichtigste Theorieentwicklung der letzten Jahrzehnte, aber viel Kritik* -


„Habermas-Luhmann-Kontroverse“ in der dt. Soziologie
 autopoietische Systemtheorie: Steuerungspessimismus -
Evolutionstheorie, aber keine Fortschrittstheorie: Evolution nimmt auch
Destruktion „mit Gleichmut hin“

 a. doppelte Kontingenz
 Grundoperation des Sozialen: soziale Interaktion als Aufeinandertreffen
von zwei „black-boxes“: betont Unwahrscheinlichkeit
 Strukturbildung (Erwartungsstrukturen) als Autokatalyse eines
emergenten Ordnungsniveaus
 Was ist „Das Soziale“? Was sind Grenzen des Sozialen?
 Individuum als Umwelt des Sozialen!
 Luhmann: Kommunikation! =>?

 funktionale Differenzierung
 Strukturtyp moderner Gesellschaften, Ergebnis sozialer Evolution –
keine Leistungsfähigkeit oder bessere Anpassungsfähigkeit
 Ausdifferenzierung von Teilsystemen (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft,
Religion etc.) – diese funktionieren nach je eigenen Codes (= binäre
Schema: zahlen vs. nicht-zahlen, wahr vs. nicht-wahr etc.) – operativ
geschlossen und dadurch „autonom“: Teilsysteme entscheiden selbst,
was zu ihnen gehört
 Einheit der G. als Differenz => Politik/Staat keine Steuerung Ø extremer
Steuerungspessimismus

 c. Weltgesellschaft
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 es gibt nur noch eine Gesellschaft als Inbegriff aller Kommunikationen Ø
Konkurrenz nationaler Gesellschaften? Staat als Herrschaft?

 d. ökologische Kommunikation
 einer der ersten dt. Soziologen, der die ökol. Problematik ernst nahm* -
Gefahr der ökologischen Selbstgefährdung - wurde oft als Zyniker falsch
verstanden
 Zitat 63: „Es mögen Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen
oder Flüssen mag Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den
Pumpen kommen und die Durchschnittstemperaturen mögen sinken
oder steigen (sic!): solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies
keine gesellschaftlichen Auswirkungen.“
 kein Klimawandel-Leugner oder Anhänger der Post-Faktizität! -
Klimawandel etc. muss kommuniziert werden!
 Problem als Sozialontologie: das Soziale = Kommunikation Ø hat „Peak
Oil“ keine gesellschaftlichen Auswirkungen?
 gesellschaftliche Reaktion auf ökologische Selbstgefährdung durch
funktionale Differenzierung determiniert - Risiken müssen in die Codes
der Teilsysteme übersetzt werden - Wirtschaft reagiert nur auf Geld,
Politik auf Macht – aber beide nicht auf wissenschaftliche Wahrheit
 harter Realismus: „zu viel und zu wenig Resonanz“
 Gesellschaft kann nicht als Ganze (Einheit) reagieren
 Gesellschaft schaukelt sich durch Angstkommunikation auf
 nur neue soziale Bewegungen beobachten Gesellschaft als ob es von
Außen wäre („ausgeschlossener Dritter“: „Parasit“) - Protest gegen
funktionale Differenzierung? => ihnen fehlt Theorie Ø kann Protest und
Konflikt nicht systematisch erfassen

System und Umwelt - zum analytischen Potential der Theorie Luhmanns

 theoretische Konsequenz – intellektuelle Brillanz – vordergründige


Ideologiekritik führt nicht sehr weit
 Umstellung der Gesellschaftstheorie auf System-Umweltdifferenz:
 ökologische Leitdifferenz und die Möglichkeit der Selbstgefährdung
 in Gesellschaftstheorie noch gar nicht richtig angekommen

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 Ansatzpunkt für interdisziplinäre Forschung jenseits Luhmann (SEC)
 Autopoiesis führt zu interessanten Einsichten:
 Leben/ökologische Systeme/Natur nicht von Außen steuerbar, nicht
völlig beherrschbar (Grenzen der Naturbeherrschung)
 bei Luhmann durch ontologische Festlegungen beeinträchtigt
 Soziales = Kommunikation; abstrakter Steuerungspessimismus,
Ausklammerung von Herrschaft und Konflikt etc.
 ökologische Rationalität als Herausforderung: „wenn die Gesellschaft die
Rückwirkungen ihrer Auswirkungen auf die Umwelt auf sich selbst in
Rechnung stellen könnte.“ (247)
 nach L.: unwahrscheinlich – und wird es auch bleiben (258)
 einerseits richtig: alle Umweltpolitik blieb Stückwerk und konnte bislang
Gefahr einer (welt)gesellschaftlichen Selbstgefährdung nicht beseitigen
 andererseits werden die vielen gesellschaftlichen Reaktionen ignoriert
 Teilsysteme haben reagiert, wenn auch selektiv (s. Grüne Partei!)
 vielfältige sozial-ökologische Konflikte weltweit kämpfen für mehr
ökologische Rationalität
 Transformation zu einem grünen Kapitalismus – im Guten wie im
Schlechten?
 L:. Hoffnung auf Überwindung des Kapitalismus trägt nicht mehr (235)
 Heute vielleicht: sozial-ökologische Transformation

Mitschrift

1. Systembegriff

Zuerst wurde in der Vorlesung der Systembegriff erläutert. Also ab wann sprechen
wir von System, beziehungsweise was ist ein System? Menschen auf der Straße?
Menschen, die in einem abgesperrten Bereich einem Ball hinterherjagen? Zweiteres
könnte man als System festlegen, da eine höhere Einheit, welche durch Gesamtheit
ihrer Elemente besteht, geschaffen wurde. Also einzelne Elemente sind verbunden
und dadurch mehr als die Summe ihrer Teile („emergente Eigenschaften gegenüber
der Elemente)

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Danach wurde die Gesellschaft als System problematisiert. Welche Rolle spielen die
Individuen als Teile eines Systems? Wo liegen die Grenzen einer Gesellschaft, als
emergentes System?

Zwei Arten des Systembegriffs werden uns vorgestellt, nämlich der analytische und
der realistische.

2. Systemtheorie

Systemtheorien unterscheiden sich in geschlossene und offene Systeme, daher wie


sie sich bzw. ob sie sich steuern lassen. Offene Systeme lassen sich demnach von
außen steuern. Selbstorganisierte Systeme lassen keine Steuerung zu und
autopoetisische Systeme sind energetisch offen aber operativ geschlossen

2.1. Strukturfunktionalsitische Systemtheorie nach Talcott Parson

Talcott Parsons strukturfunktionalistische Systemtheorie ist ein umfassender Versuch


einer Gesellschaftstheorie und integriert andere Theorien, wie etwa Max Webers
Handlungstheorie oder Durkheims Strukturtheorie. Parson sieht die Gesellschaft als
System mit höchsten Grad an Selbstständigkeit gegenüber allen Prozessen die in ihr
laufen. Er meinte, alle Systeme würden gleich ablaufen und formulierte Parameter
(!!!!Folien!!!!) Diese Theorie ist sehr Fortschrittsoptimistisch, aber scheiterte im
Endeffekt. Die strukturfunktionalistische Systemtheorie ist eine
Modernisierungstheorie, die grundlegend legitimierend für den amerikanischen
Fortschrittsglauben war.

2.2. Autopoietische Systemtheorie nach Luhmann

Im Gegenteil zu Parsons Theorie ist Luhmanns autopoietische Systemtheorie vom


Steuerungspessimismus geprägt, das heißt es handelt sich um keine
Fortschrittstheorie, sondern um eine Evolutionstheorie. Begründet wird das damit,
dass Destruktion mit „Gleichmut“ hingenommen wird, man denke nur an das
Artensterben beispielsweise. Auch er formulierte Grundlegende Parameter seiner
Theorie:

(1) Die doppelte Kontingenz

Die doppelte Kontingenz beschreibt etablierte Erwartungsstrukturen, also soziale


Praktika und zieht das Fazit wir seien Umwelt des Sozialen.

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(2) Funktionale Differenzierung

Die funktionale Differenzierung meint das sich in jeglichen Gesellschaften


Teilsysteme entwickelt haben, die jeweils ihre eigenen Codes etablierten und
diese sind operativ geschlossen sind. Ein Beispiel ist die Politik als Teilsystem
und ihr entsprechender Code wäre Macht. Die Codes haben sich im Laufe der
Geschichte etabliert. Fazit: Die Gesellschaft ist keine Einheit, da sie in
Teilsysteme geteilt wird und gleichzeitig erweist sich der Steuerungspessimismus,
da Politik nur in den beschränkten Codes kommunizieren kann, aber nicht alle
Teilsysteme leiten kann.

(3) Weltgesellschaft

Für Luhmann gibt’s es nur eine Weltgesellschaft und er ignoriert nationale


Gesellschaften.

(4) Ökologische Kommunikation

Luhmann erkannte früh ökologische Problematik und thematisiert diese im Zuge


seiner Systemtheorie. Folgendes Zitat wurde oft missinterpretiert:

(„““““““)

Er meinte, dass der Klimawandel keine gesellschaftliche Auswirkung habe, ohne


diesen zu kommunizieren.

Die funktionale Ausdifferenzierung gilt als Herausforderung: Kann eine


Gesellschaft in ihrer Ausdifferenziertheit auf etwaige Probleme reagieren?

Hier liegt die ganze Problematik denn die Risiken müssten in die jeweiligen
Codes der Teilsysteme übersetzt werden.

Soziale Bewegungen kategorisiert Luhmann als Form gesellschaftlicher


Selbstbeobachtung, welche anprangern, dass den jeweiligen Teilsystemen eine
Kommunikation oder Austausch fehle.

2.3. Stärken Luhmanns autopoetischer Systemtheorie

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3. Vorlesung: Der Wiener Kreis – politische, philosophische und
sozialwissenschaftliche Perspektiven. Dr. Friedrich Stadler. 9. November
2017

Der Wiener Kreis ist gekennzeichnet von Karrieren in Wien und der Vertreibung ihrer
Protagonisten aus Wien Viele sozialwissenschafltiche Errungenschaften gehen auf
sie zurück. Luhmanns Systemtheorie ist geistesverwandt mit wesentlichen
Kerngedanken des Wiener Kreises. Die Kritische Theorie bietet eine interessante
Vergleichsmöglichkeit mit dem Wiener Kreis.

Vor 2 Jahren war Wien Schauplatz einer Ausstellung „Exaktes Denken am Rand des
Untergangs“, die den Wiener Kreis gewidmet war. Ihre Errungenschaft war die
Zusammenführung des Rationalismus und des neuzeitlichen Empirismus, welches
als „logischer Empirismus“ bekannt wurde.

Kurt Gödl meinte, dass Widersprüche im formalen System nicht mit Mittel des
Systems gezeigt werden können.

Der Fortschritt in der Mathematik sorgte für ungeheuerlichen Fortschrittsglauben, der


an den Glauben der Ersetzung menschlichen Denkens durch die Maschine festhielt.
Kein System ist erstens 100% widerspruchsfrei und zweitens überwiegt die Offenheit
menschlichen Denkens, ihrer Kreativität.

Der Begriff „Untergang“ wurde gewählt, um auf die Vertreibung hinzuweisen, die die
Protagonisten des Wiener Kreises durchliefen aus Rassistischen Gründen. Ein
intellektueller Exodus, der im Exil zur Aufsplitterung führte, wurde dadurch in Gang
gesetzt. Dies führte zu einem Bruch mit ihrer Tradition hierzulande, die erst wieder in
den 1970iger aufgenommen wurde und 2011 wieder in die Fakultät der Universität
Wien eingegliedert wurde. Von den ehemaligen Mitgliedern des Wiener Kreis wurde
1963 das IHS -Institut für höhere Studien eingerichtet.

Das „neue“ bzw. „revolutionäre“ am Denken des Wiener Kreises ist, dass die
Sprache des Alltags und die Sprache der Wissenschaft zusammengeführt wurden.
Eine Prämisse wurde, dass die Probleme der Sprachanalyse durch Logik oder
überhaupt als „Scheinprobleme“ überführt werden können.

Der Wiener Kreis wandte sich strikt gegen metaphysische transzendente und
dialektische Philosophie. Dies führte zur Kritik seitens der Frankfurter Schule

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(Kritische Theorie). Neurath hingegen meinte, dass nur ein kollektives Verfahren ein
gemeinsames Projekt ermögliche.

Die Theorien und die Praktiken einzelner Mitglieder sind rekonstruierbar. 1929 wurde
ein kollektives Werk, ein „Manifest“ veröffentlicht mit dem Bekenntnis einer
Einheitswissenschaft als Ziel. Alles sei, dem Wiener Kreis zufolge, dem Menschen
zugänglich.

Die Reformbewegungen des roten Wien, dienten als Hintergrund der kollektiven
Erfahrung der Protagonisten des Wiener Kreises. Interessant am Wiener Kreis ist,
dass innerhalb zwei Generationen, er Intellektuelle aus jeglichen politischen
Spektren beherbergte in der klassischen links- mitte-rechts Kategorisierung. Außer
totalitäre, antidemokratischer Gesinnung waren weitgehend unterschiedliche
Ideologien vertreten, wie Konservative, Liberale, Sozialdemokraten und Mitglieder
der kommunistischen Partei.

Anekdote zu Friedrich Adler, der Physiker war und den Ministerpräsidenten erschoss
und sich im Prozess selber verteidigt, als Demonstration für einen politisch aktiven
Naturwissenschaftler.

March, der nach Wien kam um einen Lehrstuhl zu besetzten war maßgeblicher
Einfluss auf die Marienfeldforschung, welche sich auf seine Methoden beruft.

Der Positivismusstreit, welcher als Kampfbegriff wahrgenommen wird geht auf Lenins
Zeit in Zürich zurück. March hatte großen Einfluss aus russische Arbeiterschaft
(Bolschewiki und Menschewikin). Dies beunruhigte Lenin, der March als „bürgerlich“
und „reaktionär“ bezeichnete. Er argumentierte ideologisch.

Im gemeinsamen Exil mit der Frankfurter Schule wurde den Anhängern der beiden
Schule die Möglichkeit zum Austausch und zur Kooperation gegeben, welcher zu
einer ersten Annäherung führte. Danach fand eine ideologische Abgrenzung von
Horkheimer statt, der meinte Neurath hätte die Königsdisziplin die Philosophie
angegriffen. Schlussendlich kehrt die Frankfurter Schule in ihr Zentrum zurück, der
Wiener Kreis nicht.

Otto Neurath, ein führender Vertreter war bekannter radikaler Linker und Anhänger
der Planwirtschaft, der Geldwirtschaft ablehnte und Naturalien befürwortete.

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Phillip Frank schrieb über Einstein „Einstein. His life and times“. Er meinte
Relativismus und Objektivismus seien verwandt. Franks Dualismus meint, dass aus
Tatsachenbehauptungen keine Normen abgelesen werden können und er wandte
sich gegen Werterealismus (also absolute vorhandene Werte und Vorgaben zu
Handlungen).

Reaktionen auf den Wiener Kreis waren Unterstellungen, wie dass er den Weg für
Faschismus ebnete.

Dem Wiener Kreis sind drei Elemente absolut wichtig. Rationalität, die Anerkennung
der Wichtigkeit der Sprache und Sachlichkeit.

Lektüre: Stadler, Friedrich: Der Wiener Kreis – Logischer Empirismus

Die Namensgebung des Wiener Kreises beruht auf positive Assoziationen, die Wien
hervorruft, beispielsweise der Wiener Wald oder Wiener Walzer.

Einen Protozirkel gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg von 1907 – 1911 in Form
von Diskussionen in Wiener Kaffeehäuser zwischen Phillip Frank, Hans Hahn und
Otto Neurath. Es gibt dabei um die Modernisierung metaphysischer aprioristischer
Philosophie und einer Synthese von Empirismus und symbolischer Logik.

Die Konstitutionsphase setzte zwischen 1918 – 1924 ein. Schlickwurde zu der Zeit
zur Kanzel für Naturphilosophie einberufen. Er unterhielt viele lose Unterhaltungen
zu Mathematikern als er an seiner Neuauflage zur Allgemeinen Erkenntnistheorie
arbeitete. Auch der Mathematiker Hans Hahn kam nach Wien.

Daran schließt die öffentliche Phase von 1929 – 1934/ 1938, in welchem der Kreis
internationale Auftritte hatte und 1929 ihr Manifest veröffentlichte. Karl Menger
schreib sein „mathematisches Kolloquium. Im Manifest wurde die
Wissenschaftsorientierung des Kreises auf drei wichtige Prinzipien festgelegt,
erstens die Diesseitigkeit, zweitens die Lebensverbundenheit und als drittes Prinzip
die Interdisziplinarität. Ihr erklärtes Ziel war die Neugestaltung wirtschaftlicher und
gesellschaftlicher Verhältnisse, die Vereinigung der Menschen und die Erneuerung
von Schule und Erziehung. Wesentliche Elemente des Wiener Kreises sind
Empirismus, Positivismus und die logische Sprachanalyse (linguistic turn als zentral).
In der Zeit zwischen 1930 – 1940 publizierten die Vertreter des Wiener Kreises in
ihrer Zeitschrift „Erkenntnis“. Otto Neurath war maßgebend für Interdisziplinarität.

20
Das kulturelle Umfeld des Wiener Kreises ist geprägt durch Liberalismus, sowie
Sozialismus, Arbeiterbewegungen. Der Wiener Kreis ist gekennzeichnet durch viele
Vertreter aus dem Judentum. Zeitgleich stieg die Bedrohung durch den Aufstieg der
Nationalsozialisten. Moritz Schlick wurde Opfer eines Attentats an der Universität
Wien. Er wurde von einer seiner Studenten ermordet.

Des Weitern wurde der Wiener Kreis gekennzeichnet durch das Sozial- und
Bildungsengagement von vieler seiner Mitglieder. Als Beispiel dienen der March-
Verein oder Neuraths „Gesellschaft- und Wirtschaftsmuseum“. Otto Neurath war
führend für die allgemeine und wissenschaftliche Kommunikation über Symbole
(Bildstatisitik und ISOTYPE).

Danach gab es nur mehr sporadische Zirkel bis zum Anschluss.

Heute kann man den Wiener Kreis an folgenden Gesichtspunkten neubewerten:

(1) Methoden-Pluralismus. Induktivismus sowie gleich Detuktivismus als Teil des


Kreises, der von einem methodischen Holismus gekennzeichnet ist. Es
handelt sich um ein Programm, das alle Disziplinen der Wissenschaft samt
ihrer Anwendung und bildsprachlicher Darstellung beinhaltet
(2) Die wissenschaftliche Kommunikation, welche im Wiener Kreis auf mehreren
Ebenen erfolgte: Internationale und multiethnische Merkmale der Vertreter
(3) Die wissenschaftliche (Selbst-) Organisation des Kreises. Der Kreis
funktionierte als Interaktion akademischer und außerakademischer
Wissenschaft und in vielen Kulturbewegungen, beispielsweise der March-
Verein oder das Neurath Museum.
(4) Seine soziale Zusammensetzung. Im Gegensatz zu vielen anderen Schulen
ist der Wiener Kreis durch einen starken Präsenz von Frauen gekennzeichnet
und weiters ist recht außergewöhnlich, dass er mehrere Generationen
beherbergt.

2. Lektüre: Stadler, Friedrich: Der Wiener Kreis

Der Text beschäftigt sich vorwiegend mit dem antisemitischen Umfeld, in welches
sich um den Wiener Kreis entfaltete. Antisemitismus war sowohl in der Vor- als in der
Zwischenkriegszeit zu finden, auch an den Universitäten.

21
Ein Ausdruck der antisemitischen Gesellschaft ist die Ermordung Moritz Schlick,
selber zwar nicht Jude aber Gegner von Antisemitismus. Er studierte Mathematik und
auf Initiative von Hans Hahn bekam er auf der Universität Wien einen Lehrstuhl für
Naturphilosophie. Wie im anderen Exzerpt erwähnt unterhielt er lose
Diskussionszirkel mit Gustav Bergmann, Rudolf Carnap, Herbert Feigl, Phillip Frank
usw. Er war sehr engagiert für Volksbildung. 1936 wurde er schließlich ermordet. Die
öffentlichen Kommentare zu seiner Ermordung leiten einen antisemitischen Diskurs
ein, der eine Täter-Opfer-Umkehr bewirkte.

Wissenschaftsorientierte Philosophie kennt viele unterschiedliche Strömungen, wie


der deutsche Idealismus (Hegel), naturrechtliche Scholastik, christliche Philosophie
oder neoromantischen Universalismus. Ihnen ist gemein, dass sie die Philosophie als
Königsdisziplin betrachten. Ihr gemeinsamer Nenner ist die scharfe Abgrenzung zum
Empirismus einerseits und zur Logik anderseits.

In der Zeit von 1918 – 1938 sind an der philosophischen Fakultät in Wien nur drei
von zweiundzwanzig Lehrenden Vertreter des logischen Empirismus, nämlich
Schlick, Carnap und Kraft.

Die politische Lage an der Universität Wien in der Ersten Republik war von einem
klerikal-konservativen Klima geprägt und deutschnationale Studentenbunde gab es
viele. Hans Hahn galt als einer der aktiv sich gegen diese Bewegungen setzte, da er
Teil der Vereinigung sozialistischer Hochschullehrer war.

22
4. Vorlesung: Kritische Gesellschaftstheorie und Politik. Dr. Alex
Demirovic. 16. November 2017

5. Vorlesung: Michel Foucault und die Analyse von Macht. Dr. Alice Vadrot.
23. November 2017

Folieninhalte

Bibliographisches

 *1926 (Poitier/Frankreich) †1984


 1943: Beginnt Philosophiestudium an der ENS
 Habilitationsschrift: „Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“
 Verteidigung 1961 an der Sorbonne/Paris „Histoire de la folie“ (Wahnsinn
und Gesellschaft)
 Leitmotiv: „Entwickelt eure rechtmäßige Fremdheit“
 Politischer Mensch -> „totaler Intellektueller“
 Mitbegründer von Libération
 An zahlreichen Protesten beteiligt
 Bücher werden im politischen Protest benutzt
 1970: Lehrstuhl am Collège de France „Geschichte der Denksysteme“
 Stirbt im Juni 1984 im Alter von 57 Jahren
 „moderne kulturelle Ikone“ (O`Farell 2005, 1)

„Michel Foucault drang in die intellektuelle Szene zu Beginn der sechziger


Jahre mit seiner Histoire de la Folie, einer unkonventionellen, aber immerhin
noch einigermaßen nachvollziehbaren Geschichte der abendländischen
Erfahrung des Wahnsinns. In den seither vergangenen Jahren ist er zu einer
Art unmöglichem Objekt geworden: ein nichthistorischer Historiker, ein
antihumanistischer Humanwissenschaftler und ein gegen-strukturalistischer
Strukturalist.“ (Dreyfuß und Rabinow, 1994, 15)

Durchbruch: „Les mots et les choses“ (1966) Die Ordnung des Diskurses

„Die Gestalt des Menschen … war die Wirkung einer Veränderung in den
fundamentalen Dispositionen des Wissens. Der Mensch ist eine Erfindung,
deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt.

23
Vielleicht auch das baldige Ende. Wenn diese Dispositionen verschwänden,
so wie sie erschienen sind, … dann kann man sehr wohl wetten, dass der
Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“

(Selbst-) Verortung

 In erster Linie Philosoph und Psychologe


 der empirisch mit historischen Materialien arbeitete.
 ein gegenwartsbezogenes diagnostisches Frageinteresse inne hatte
 sich nicht als Soziologe verstand, aber seine Arbeiten als
„soziologische Institutionenanalyse“ einordnen ließ.
 Positive und häufige Referenz auf Max Weber und dessen
„Protestantische Ethik“ sowie dessen Analyse der abendländischen
Rationalisierungen
 „Kritische Geschichte des Denkens“ (Foucault 1984)
 Kritik = Frage nach den Grundlagen, Möglichkeitsbedingungen und
Funktionsweisen des Untersuchungsgegenstandes
 Historisch-empirische Analyse der vielfältigen und Kontingenten
Konstitutionsprozessen menschlicher Subjektformen in
gesellschaftlichen Praxisfeldern, im Zusammenspiel von Macht und
Wissen, von Diskursen, institutionellen Praktiken
 „Ethnologie unserer eigenen Kultur“ (Foucault 2001, 776)
 „Ethnologie unserer Rationalität, unseres Diskurses“ (Foucault, 2005,
1992)
 Grenzgänger zwischen Disziplinen  Imperative des „Anders Denkens“
 Experimentator und kein Theoretiker (Foucault 1996, 24) 
„Werkzeugkisten“

Zentrale Themen & Fragstellungen

 Entstehen, Gebrauch, Effekte, Wandel und Ersetzungen von


Wissensregimen
 Unterscheidung von Wahnsinn und Vernunft, gesund und krank, von guter
und schlechter Sexualität in konkreten gesellschaftlichen Praxisfeldern
 Will in kritischer Absicht „Evidenzen“ zerstören
 Kritisch denken
24
 Fokus auf unabsichtliche Folgen gesellschaftlicher
„Problembearbeitung“: Mechanismen der historischen Veränderungen
und Transformation von Wissen-Macht-Beziehungen
 Wie und wodurch erfahren Menschen sich als wahrnehmende,
fühlende, denkende, und handelende Individuen?
 Wie wird der Mensch zum Subjekt und Objekt von (nicht-)
wissenschaftlichen Erkenntnisobjekten?
 Welches Wissen ermöglicht welche Erfahrungsformen und wie
können diese im historischen Prozess herausgearbeitet werden?
 Wissen untrennbar verbunden mit Macht
 Gesellschaftliche Kämpfe um Wahrheit
 Etablierung von Wissens- und Praxisformen als Abfolge
gesellschaftlicher „Wahrheitsspiele“

Das Werk und das Denken Michel Foucaults

Die historische Konstitution von Subjekten

 Foucault fragt nicht nach der Substanz/den allgemeinen Merkmalen von


Subjekten  „Quasi-Subjekt“, „Gruppuskeln“
 Sofern und weil empirische Individuen sinnorientiert handeln agieren sie als
Subjekte • Prozesse, die zur Konstitution empirischer Subjekte beitrage:
 Wissenschaftliche Diskurse (z.B. Humanwissenschaften)
 Erzeugen Wissen über „Normalität“
 Nicht-diskursive Praktiken und Materialitäten (z.B. Beobachtungstechnologien,
Krankenkassen, Versicherungstechnologien, Recht)

25
 „Technologien des Selbst“ (z.B. Praktiken der Selbstsorge): „Es sind
Schemata, die es in einer Kultur vorfindet und die im vorgegeben, von seiner
Kultur, seiner Gesellschaft, seiner Gruppe aufgezwungen sind“ (Foucault,
2005, 889)
 Weder vollständige Prägung der Individuen durch das Soziale, die
„Machtverhältnisse“, noch absolute Freiheit  „Subjekt Funktion“ niemals
determinierende Mechanismen, sondern auch Bedingung für Entfaltung von
Freiheiten des menschlichen Handelns.

Archäologie und Genealogie

 Beschreibt Foucaults allgemeinen Forschungsstil einer historisch-


empirisch orientierten Analyse gesellschaftlicher „Wahrheitsspiele“

Die kritische Ontologie der Gegenwart ist:

„genealogisch in ihrer Finalität und archäologisch in ihrer Methode-


Archäologisch – und nicht transzendental- in dem Sinne, dass sie nicht
versuchen wird die allgemeinen Strukturen er Erkenntnis oder jeder möglichen
moralischen Handlung herauszulösen, sondern die Diskurse zu behandeln,
die das, was wir denken, sagen und tun, als gleichermaßen historische
Ereignisse zum Ausdruck bringen. Und diese Kritik wird in dem Sinne
genealogisch sein , als sie nicht aus der Form dessen, was wir sind, ableiten
wird, was uns zu tun oder zu erkennen möglich ist; sie wird vielmehr aus der
Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat was wir sind, die Möglichkeiten
herauslösen, nicht mehr das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun
oder denken“ (Foucault, 2005, 702).

Archäologie

 Analyse eines historischen Moments/von Formen der Problematisierung im


Querschnitt
 “Ausgrabungsarbeit“: geschichtliche Konfiguration von Praktiken und
Diskursen als „Monumente“
 Ausgrabung von Wissensordnungen
 Nicht intendiert: Stellungnehme zu Wahrheitsgehalt oder Sinnesgehalt

26
 Erkennung allgemeiner Muster, Strukturen oder Regelmäßigkeiten aus
sehr heterogenen Bestandteilen

„Kenntnisse, philosophische Ideen und Alltagsansichten einer Gesellschaft,


aber auch Institutionen, die Geschäfts- und Polizeipraktiken oder die Sitten
und Gebräuche verweisen auf ein implizites Wissen, das dieser Gesellschaft
eigen ist… und genau dieses Wissen wollte ich untersuchen, als Bedingung
der Möglichkeit von Kenntnissen, Intuitionen und Praktiken“ (Foucault 2001,
645).

 Archäologie= Wissenschaft des Archivs/Sprachliche Masse, der in


einer Kultur gesagten Dinge
 Grundlage für eine Analyse zugrundeliegender Mechanismen
 Wahnsinn und Gesellschaft, 1962
 Geburt der Klinik: Eine Archäologie des ärztlichen Blickes, 1963
 Die Ordnung der Dinge: Archäologie der Humanwissenschaften, 1966
 Archäologie des Wissens,1969

Genealogie

 Analyseperspektive ab Anfang der 1970er


 Analyse der Formierung der Problematisierung ausgehend von Praktiken und
deren Veränderung
 Historische Wandlungsprozesse als Folge von Kämpfen im Feld von Macht
und von Wissen (Foucault 1989, 19)
 Historische Veränderung = Ergebnis von Verschiebungen gesellschaftlicher
Konfliktlinien und Macht-/Wissen Konstellationen
 Genealogische Perspektive ermöglicht dominierte Wissensformen und
„unterworfenes Wissen“ zu untersuchen und zu Tage zu fördern
 Kritik: Ausblendung der Frage nach dem Warum und dem Wie von Wandel

Diskurs

 Konkrete Phänomene des Gebrauchs von Sprache zum Aufbau unserer


Erfahrung von Welt  Materialität von Diskursen
 Diskurse = auf Dauer gestellte Aussagepraktiken, deren Inhalte und
Formen Regelmäßigkeiten aufweisen

27
 Diskurse konstituieren Wissen und damit Gegenstände und Phänomene
 „Diskursive Ereignisse“ als Teil einer Serie von Äußerungen (Annales-
Schule  serielle Geschichte) z.B. Diskurse über Reichtum und Armut,
Vererbung, Produktion, Handel,
 Aussagen = Kernelemente des Diskurses: „Wie kommt es, dass eine
bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle“
(Foucault 1988, 41)

Diskursformationen

 Formation der Gegenstände eines Diskurses: Regeln, nach denen die


Gegenstände gebildet werden (welche wissenschaftlich. Disziplinen,
welche Klassifikationsmuster)
 Formation der Äußerungsmodalitäten: Wer ist legitime/r Sprecher/in?
Von welchen institutionellen Orten wird gesprochen?
 Die Formation der Begriffe: Zugrunde liegende Regeln. Wie werden
Textelemente miteinander verbunden? Wie werden Argumente
aufgebaut? Wie werden quantitative Aussagen übersetzt?
 Die Formation der Strategien: Außenbezüge des Diskurses. Was sind
die Themen? Wie wird auf andere Diskurse Bezug genommen?
Abgrenzung zu anderen „Problemlösungen“

„Diskurse sind als „Praktiken zu behandeln, die systematisch die


Gegenstände bilden von denen sie sprechen“ (Foucault 1988, 74)

Diskursanalyse: Empirische Rekonstruktion des Regelsystem, die


verstreute Aussagen und Formulierungen weiterer Aussagen strukturieren

Machtmechanismen

 Formen der „Ausschließung von Außen“: Verbote, die sich auf


Situationen, Inhalte, Subjekte des Sprechens beziehen
 Ausschluss von „Wahnsinnigen“, Prüfen von „Wahr“ und „falsch“ in
wissenschaftlichen Diskursen
 Innere Mechanismen der verknappenden Strukturierung und
Organisation von Inhalten
 Kommentar, ordnende Prinzipien in Fachdiskursen

28
 „Verknappung der sprechenden Subjekte“: durch akademische
Laufbahnen, Prüfungsrituale, Einbindungen in etablierte Positionen,
Netzwerke
 Definieren Chancen eines/r Sprecher/in Aussagen zu formulieren
und gehört zu werden
 Macht/ „pouvoir“: Mechanismus der Kontrolle und Einschränkung
von Aussageweisen  Macht als Handlungsvermögen,
Kräfteverhältnis, Kampf oder „Krieg“: Sprachliche
Handlungen/Sprechakte, strategisch-taktische Sprachspiele (z.B.
Ludwig Wittgenstein, John Austin, John Searle)
 „Analyse des Diskurses als strategisches und polemisches Spiel“
(Beispiel: „Der Fall Rivière“)

Macht und Wissen

 Macht als „produktives Vermögen“ und Kräfteverhältnis selbst


 Macht-/Wissen Verflechtung:
 unumgängliches kontingentes Ergebnis von Kräfteverhältnissen
 In sich selbst machthaltiger Zugriff auf die Welt
 „savoir“ & „pouvoir“: auch „Können“
 Macht bringt Wissen hervor
 Es gibt keine Machtbeziehungen ohne dass sich ein entsprechendes
Wissensfeld konstituiert
 Wissen setzt Machtbeziehungen voraus
 Beispiel: Biologie, Sexualität • Macht nach dem Modell des „Kriegs“ oder der
„Schlacht“ als komplexes Kräfteverhältnis sehr unterschiedlicher
wechselseitiger Einflussnahmen auf das Handeln Anderer

„Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von
Kräfteverhältnissen, die ein gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in
unaufhörliche Kämpfen und Auseinandersetzungen dieses Kräfteverhältnis
verwandelt… und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen
und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den
Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien
verkörpern… Die Machtbeziehungen verhalten sich zu anderen typen von

29
Verhältnissen (ökonomischen Prozessen, Erkenntnisrelationen, sexuelle
Beziehungen) nicht als etwas äußeres, sondern sind ihnen immanent (Foucault,
1989, 113).

Macht als produktives Vermögen & Einwirkung auf die Handlungen anderer

Analytik der Macht

 Die „Mikrophysik der Macht“: greift in Formung der Einzelkörper und


Denkbewegungen der Menschen ein
 Disziplinarmacht („Überwachen und Strafen“)
 Die „Bio-Macht“: übergeordneter begriff der mikrophysischen
Disziplinarmacht
 Die „Bio-Politik“ entstehender Nationalstaaten: Machtstrategien, die sich
auf die „Bevölkerung“ beziehen: Gesundheit, Arbeitsfähigkeit,
Geburtenrate
 Die „Pastoralmacht“: aus dem Christentum stammend. In modernen
Staaten übernommen in Form der „Polizey“: Bezieht sich auf das gesamt
einer Gemeinschaft, Seelenheil des einzelnen Individuums und Produktion
der Wahrheit über sich selbst.
 Die „Staatsräson“: „politische Technologie der Individuen“, die dem Staat
zugrunde liegt und in der institutionellen Form der „Polizey“ umgesetzt
wird. Durch Anleitung des Einzelnen  Glück des Staates
 „Macht-Wissen“: Spezifische Wissensarten gehen aus rechtliche,
politischen und anderen institutionellen Prozeduren hervor und stützen
diese. • Wahrheit: historisch kontingentes Ergebnis von Wissenspolitiker

Gouvernementalität

 „gouverner“ (Regieren) & „mentalité“ (Denkweise)


 Merkmale des individuellen, kollektiven, institutionellen und staatlichen
Regierens, Regierungshandelns: „Führens“ der Handlungsweisen
anderer und des eigenen Handelns
 „Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus
den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den
Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht
spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als
30
Hauptzielscheibe die Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische
Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die
Sicherheitsdispositive hat.“
 Zweitens verstehe ich unter Gouvernementalität die Tendenz oder die
Kraftlinie, die im gesamten Abendland unablässig und seit sehr langer
Zeit zur Vorrangstellung dieses Machttypus, den man als 'Regierung'
bezeichnen kann, gegenüber allen anderen – Souveränität, Disziplin –
geführt und die Entwicklung einer ganzen Reihe spezifischer
Regierungsapparate einerseits und einer ganzen Reihe von
Wissensformen andererseits zur Folge gehabt hat.
 Schließlich glaube ich, dass man unter Gouvernementalität (…) das
Ergebnis des Vorgangs verstehen sollte, durch den der
Gerechtigkeitsstaat des Mittelalters, der im 15. und 16. Jahrhundert
zum Verwaltungsstaat geworden ist, sich Schritt für Schritt
'gouvernementalisiert' hat“  Überleben des Staates, Zeitalter der
Governmentalität

Dispositiv

 Produktiver „Erzeugungsmechanismus“
 „Dominante „strategische Funktion“
 Ausdruck einer „Strategie ohne Strategen“
 eine Konstellation von vielfältigen, aufeinandertreffenden, sich
verstärkenden und sich behindernder Strategien und Taktiken,
diskursiven sowie nicht-diskursivem Praktiken und Materialitäten,
die bestimmte Machteffekte/Wirklichkeitseffekte hervorbringen“

Mitschrift

Michel Foucault hat keine klassische Gesellschaftstheorie entwickelt. Er ging in


die ENS- Ecole normale superieur. Er kommt aus einer Mediziner Familie.

(1) Die Ordnung des Diskurses.

Sowie Mensch als Subjekt auftaucht kann er wieder verschwinden. Der


Untersuchungsgegenstand ist immer durch sein Leben beeinflusst. Ein Beispiel
von Foucault sind die Leprakranken, also Demonstration von Macht. Die
Vorstellung ist, dass Sprache Gesellschaft über Diskurse konstituiert.
31
Wie entstehen bestimmte Wissensregieme? Foucault möchte Evidenzen
zerstören über das was gut/ schlecht ist. Wissen ist untrennbar mit Macht
verbunden aber auch Wahrheiten umkämpft.

(2) Werk und Denken

Der Französische Machtbegriff „pouvoir“ hat eine sich vom Deutschen sich
unterscheidende weitere Bedeutung, nämlich können. Also den Aspekt der
Handlungsfähigkeit, eine produktive Ebene. Selbiges gilt für „savoir“, wissen.
Anders als Marx, schaut sich Foucault nicht die Produktionsverhältnisse an. Er
möchte wissen, welche Mechanismen dafür sorgen, dass diese Systeme
anerkannt werden. Er meint, dass Erkenntnis „Normalität“ erzeugt nicht nur
wissenschaftliche Diskurse erzeugen Subjekte sondern Subjekt konstituiert sich
auch selbst. Als Beispiel nennt Vadrot Rauchen im öffentlichen Raum, bei
welchem Individuen durch Beobachtung zensieren.

Die Methode von Foucault basiert einerseits auf die Archäologie von Kant und
Genealogie von Nitsche. Ihn geht es nicht um die eine Wahrheit, sondern um
unterschiedliche Vorstellungen von verschiedenen Wahrheiten. Dazu sammelt
Foucault Material darüber was gesagt und getan wird. Die Archäologie, also
Ausgrabungsarbeit, handelt davon ein bestimmtes Phänomen eines historischen
Moments aufzudecken.

In „Verbrechen und Strafen“ beispielsweise deckt er auf, dass in einem


bestimmten historischen Zeitpunkt öffentliches Foltern und Hinrichten eine
„normale Praxis“ war, dass zum Erhalt der öffentlichen Ordnung beitrug. In einem
späteren historischen Moment wurden Gefängnisse als Ort der Bestrafung
geschaffen und als „normal“ empfunden. Archäologie gibt Aufschluss darüber, wie
sich Phänomene verändert haben. Wissenschaft des Archives.

Genealogie von Foucault darf nicht mit Marxschem Geschichtsbild verwechselt


werden, denn dieses lehnt Foucault ab. Für ihn haben produktive Verhältnisse
nicht den gleichen Stellenwert. Die Kritik an der Genealogie bezieht das wie und
warum des Wandels nicht ein.

Zur Diskuranalyse: Foucault ist eigentlich nicht der Begründer der


Diskursanalyse. Er macht keine sprachwissenschaftliche Untersuchung. Ihn

32
interessiert das „Sagbare“, welches vom Sprachwissenschaftlichen unterscheidet.
Nicht alles was gesagt wird, wird auch gehört.

Lektüre: Foucault, Michel: Warum ich Macht analysiere?

Foucaults Absicht ist es die Geschichte der verschiedenen Verfahren durch die
Kultur Menschen zu Subjekte macht, aufzudecken.

Der Status von Wissenschaft teilt er ein in drei Sphären. Erstens die
Objektivierung des sprechenden Subjekts beispielsweise in der allgemeinen
Grammatik, Philologie oder Linguistik, zweitens Objektivierung der arbeitenden,
produktiven Subjekte, also in der Ökonomie und drittens die Objektivierung der
puren Tatsachen des Lebens, also Naturgeschichte und Biologie.

Er spricht von „Teilpraktiken“, welche das Subjekt im Inneren teilt oder von
anderen abteilt, also Teilungen der Gesellschaft in „Gesunde“ und „Kranke“ oder
in „Verrückte“ und „Normale“.

Subjektivierung liegt auch als eigenständige Verwandlung vor im Subjekt,


beispielsweise lernt sich der Mensch als Subjekt einer Sexualität erkennen.

Subjekt sein heißt für ihn, sich zeitgleich innerhalb komplexer


Herrschaftsverhältnisse zu befinden. Für ihn gibt es aber kein bestimmtes
Werkzeug zur Untersuchung dieser Herrschaftsverhältnisse, beispielsweise
wären für die Ökonomie die Produktionsverhältnisse. Diese müsse man ständig
überprüfen. Außerdem spricht er von einem „Begriffsbedarf“, man müsse die
historischen Bedingungen kennen die unserer Begriffsbildung zugrunde liegen.

Er untersuchte Realitätstypen, Faschismus und Stalinismus. Dabei meint er, dass


beide nichts Ursprüngliches hatten, also Konzentrationslager sind keine Erfindung
der Nationalsozialisten.

Weiters geht es auf Rationalisierung und ihr Verhältnis zu Macht ein.


Rationalisierung der Gesellschaft sei nicht global zu betrachten, sondern in
verschiedenen Bereichen.

33
Machtverhältnisse müsse man durch den Gegensatz der Strategien analysieren.
Beispielweise, wenn ich wissen will was vernünftig ist, müsse man sich ansehen
was gilt als unvernünftig.

Es gibt verschiedene Formen von Macht: Macht von Männer über Frauen, von
Eltern über Kinder, von Psychiatrien über Geisteskranke.

Foucault identifiziert verschiedene Kämpfe.

(1) Transversale Kämpfe, die nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt sind
(2) Zur Auswirkung Macht als solcher
(3) Unmittelbare Kämpfe (auf nächstgelegener Machtinstanz gefragt oder Lösung
nicht in Zukunft, Befreiung oder Revolution)
(4) Kämpfe die Status des Individuums in Frage stellen.
(5) Bekämpfung jener Machtwirkung, die an Wissen, Kompetenzen und
Qualifikationen und Machtwirkungen gebunden sind. Also Regime des
Wissens, die Weise wie Wissen zirkuliert.
(6) ____

Die Kämpfe können

(1) Sich gegen ethische/ soziale oder religiöse Herrschaft richten


(2) Gegen Ausbeutung
(3) Dagegen, was das Individuum an es selber fesselt und dadurch anderen
unterwirft.

Er analysiert Pastorialmacht und stellt fest, dass sie im Gegensatz zu der des
Staates individualisierend sei.

Wie man Macht ausübt.

Machtverhältnisse, Kommunikationsbeziehungen und Fähigkeiten sein drei Typen


von Verhältnisse, die ineinander verschachtelt seien. Hierzu gibt er das Beispiel
Schule, die sich aller drei Verhältnisse bedient um Macht auszuüben.
Kommunikationsbeziehung wird durch Unterrichtstunden, der Frage-Antwort
Situationen, der Befehle und Ermahnungen hergestellt, Macht durch
Abschließung, Überwachung und Belohnung ausgeübt und dabei werden
Fähigkeiten und Verhaltensweisen ausgeübt, bzw. das Disziplinieren der
34
SchülerInnen. Machtausübung sind Handlungsweisen, die andere verändern,
zwar nicht direkt aber unmittelbar auf ihr Handeln einwirken. Dabei hat man ein
Möglichkeitsfeld von Handlungen.

Führung kann man verstehen als „Anführen“ und als „Weisen des Sichverhaltens
in einem Feld der Möglichkeiten.“ Der Begriff „Gouvernement“ stammt aus dem
16. Jahrhundert und meinte die Führung von Individuen oder einer Gruppe. Es
ging dabei um bedachte und berechnete Handlungsweisen um
Handlungsmöglichkeiten anderer einzuschränken. Unter „Regieren“ versteht
Foucault Strukturen von Handlungsweisen. Macht wird nur auf freie Subjekte
ausgeübt, während Zwang auf unfreie Subjekte, beispielsweise den Sklaven
ausgeübt wird. Macht unterscheidet sich also von Zwang.

Wie ist das Machtverhältnis zu analysieren?

Foucault meint es sei sinnvoll Institutionen von ihren Machtverhältnissen her zu


analysieren und nicht umgekehrt. Machtverhältnisse wurzeln tief im
gesellschaftlichen Nexus. In Gesellschaft leben bedeutet gegenseitig auf sein
Handeln einzuwirken.

(1) System Differenzierung (juristisch, traditionell, Unterschiede der Rechte,


Vorrechte)
(2) Typen von Zielen (Profite usw.)
(3) Instrumentelle Modalitäten (Kontrollmechanismen)
(4) Formen Institutionalisierung (Staat, Familie)
(5) Grad der Rationalisierung

Machtausübung schreibt sich fort, organsiert sich etc. also ist wandelbar.
„Gouvernements“ untereinander sind vielseitig, vielschichtig und überlagern
einander oftmals.

Am Schluss geht er noch auf den Begriff Strategie ein. Der Begriff wird im Kampf
und im Spiel benötigt, also in Gegnerschaftssituationen. Er analysiert eine
Wechselseitigkeit von Kampfstrategie und Machtverhältnis, denn die
Kampfstrategie möchte zu einem Machtverhältnis werden während das
Machtverhältnis zu einer siegreichen Kampfstrategie werden will.

35
6. Vorlesung: Kritische Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse. Dr.
Christoph Görg. 30 November 2017

Folieninhalte:

Varianten der Kritik

 Was meint Kritik? von krinein: unterscheiden, beurteilen


 kritische Theorie im weiteren Sinne: Herrschaftskritik – kritisches Verhältnis
gegen tradierte Autoritäten – Emanzipation - kritische Selbstbestimmung
 K.Marx: „Kritik der Politischen Ökonomie“ – Kapitalismus (= Gesellschafts)-
Kritik, aber mit theoretischer Grundlage
 verschiedene Formen der sozialen Herrschaft Naturbeherrschung?

Kritische Theorie

 „Frankfurter Schule“: Institut für Sozialforschung (IfS: Max Horkheimer;


Erich Fromm, Walter Benjamin, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno
u.a.)
 Problemstellung in den 1930er Jahren: Scheitern der Revolutionen &
Aufkommen des Nationalsozialismus
 „interdisziplinärer Materialismus“ (in Sozialwissenschaften)
 Überführung des Marxismus von einer Weltanschauung in ein
Forschungsprogramm, unabhängig von Arbeiterparteien
 Emigration in die USA; Horkheimer&Adorno verfassen: „Dialektik der
Aufklärung“ (DdA; 1944/47)
 Infragestellung des (marxistischen) Fortschrittsoptimismus
 aufbauend auf W. Benjamin: Marxismus sieht nicht die Dialektik der
Naturbeherrschung
 unzureichendes Verständnis von Emanzipation:
 scheint auf technischem Fortschritt zu beruhen
 geht aber auf Kosten der Natur
 Ziel sollte nicht Steigerung der Naturbeherrschung sein  sondern
Kontrolle der Naturverhältnisse

Naturbeherrschung
36
 meint nicht Aneignung der Natur
 gesellschaftlicher Stoffwechsel ist unverzichtbar
 auch nicht nur Ausbeutung oder Degradierung der Natur
 kann aber die Folge sein
können wir Folgen vermeiden?
 Naturbeherrschung als spezifische Denkweise und Praxis
 Verleugnung der Abhängigkeiten von Natur bzw. ihres Eigensinns
(Adorno: „Nichtidentität der Natur“)
 „Glauben, dass man alle Dinge durch Berechnen beherrschen
könne“ (M.Weber)
 betrifft auch Mensch als „Naturwesen“ (Organismus)
 Selbstbeherrschung: der „männliche Zwangscharakter“
neues Verständnis von Emanzipation & Vernunft gefordert
gesellschaftliche Naturverhältnisse
 zentraler Begriff der „Dialektik der Aufklärung“
 aber anderer Kontext als heute: nicht ökologische Krise
sondern „Auschwitz“ als Herausforderung
 Aufklärung/Befreiung schlägt um in Herrschaft/Barbarei
Dialektik der Naturbeherrschung:

„Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur
um so tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation
verlaufen.“ (DdA)

dialektisches Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Natur

„Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft läßt sich aber auch nicht trennen
von dem zur Natur. Die Konstellation zwischen den drei Momenten ist dynamisch.“

(T.W.Adorno: Soziologische Exkurse, Frankfurt/M 1956, 43)

Begriff der Gesellschaft

 nicht Summe der Menschen


 Verselbständigter (Zwangs-)Zusammenhang
 Spektrum der Gesellschaftsbegriffe:
 Holismus vs. (methodischer) Individualismus

37
 z.B. Luhmann: G. als Funktionszusammenhang, Individuum als Umwelt
 KT: ja, aber dialektisch vermittelt
 Individuum ist vergesellschaftet, kann sich aber gegen diese Allgemeinheit
emanzipieren

gesellschaftliche Naturverhältnisse

dialektische Vermittlung in den Naturverhältnissen:

 Naturbeherrschung beruht auf gesellschaftlicher H.


 materiell: Stoffwechsel herrschaftlich organisiert
 diskursiv: Naturbegriffe sind Projektionen sozialer H. auf N. (z.B. „Natur
als Kapital“, Inwertsetzung von N.)
 mit H. im Subjekt verbunden
 Odysseus-Kapitel: Vorgeschichte des identischen männlichen Selbst
=> Sexismus und Rassismus
 aber dialektisches Verhältnis: Herrschaft niemals total
 ökologische Krise als „Rache der Natur“

Das Konzept der GNV heute

 angesichts der ökologischen Problematik wurden seit den 1980er


Jahren verschiedene Ansätze ausgearbeitet:
 ISOE: sozial-ökologisches Forschungsprogramm mit stark inter- &
transdisziplinärer Ausrichtung
 auf Gesellschaftstheorie und politische Ökologie (Görg, Brand,
Demirovic u.a.) => Macht- & Herrschaftsverhältnisse
 Gemeinsamkeit: Natur & Gesellschaft konstitutiv vermittelt
 Zusammenspiel von symbolisch-sprachlichen
 und material-stofflichen Dimensionen berücksichtigen
heute: Scheitern der Naturbeherrschung!

soziale Herrschaft und Naturaneignung


 Stoffwechsel mit der Natur herrschaftlich vermittelt  Steigerung des
materiellen Wohlstands nach dem 2.WK (Fordismus) auch soziale
Befriedung

38
 Strukturen kapitalistischer Gesellschaften (Herrschaftsstrukturen,
Eigentumsverhältnisse etc.) berücksichtigen
 materielles Wachstum funktional
 ökologische Krise als Ausdruck sozialer Macht- und
Herrschaftsverhältnisse

Ausblick: Gegenstrategien?

 gesellschaftliche Ursachen der ökologischen Krise ernst nehmen  von


Macht- und Herrschaftsverhältnissen geprägt
 kapitalistischer Charakter wichtig
 Entstehung eines „Grünen Kapitalismus“?
 ökologische Probleme als Kosten internalisieren  Inwertsetzung der
Natur als neue Geschäftsmodelle
 Jenseits der Naturbeherrschung?
eher deren reflexive Modernisierung!
 Sozial-ökologische Transformation erforderlich
 Transformation by design or desaster?
 Degrowth, Post-Extraktivismus und „Gutes Leben für Alle“ als
Ausgangspunkte,  bislang ist Gesellschaftskritik schwach ausgeprägt
 neues Wohlstandsmodell jenseits des Wachstumszwangs
neues Emanzipationsmodell gegen soziale, rassistische, postkoloniale
und patriarchale H.

Mitschrift

Eingangs werden wesentliche Begriffe geklärt.

(1) Kritik. Das Wort Kritik kommt aus dem griechischen und bedeutete eigentlich
„unterschieden“ oder „beurteilen“. In der Sozialwissenschaft gibt es viele
unterschiedliche Formen von Kritik, beispielsweise „Herrschaftskritik“ oder
„feministische Kritik“. Der begriff Herrschaft wird thematisiert und nachgefragt

39
ob es denn ein rein „sozialer“ Begriff sei. Herr Dr. Görg meint, es sei auch ein
Begriff der Natur.

Die Frankfurter Schule, die auf reine Zusammenarbeit Sozialwissenschaften


basierte, untersuchte autoritäre Denkweisen. Das zentrale Werk ist „Dialektik der
Aufklärung (Adorno, 1944). Neben Adorno spielt eine wesentliche Rolle Walter
Benjamin, der auf der Flucht Suizid begann. Kritisiert wird, dass Marxismus nicht
die Dialektik der Naturbeherrschung sieht und führt zu einer Veränderung vom
Emanzipationsverständnis.

Naturbeherrschung bedeutet nicht die Aneignung der Natur, sondern diese so gut
wie möglich zu kalkulieren und dann unterwerfen. Es wird kritisiert, dass man die
Abhängigkeit von der Natur verleugne. Wir seien abhängig von etwas das man
immer weniger kalkulieren könne. Es sei nicht zu vergessen, dass wir selber auch
Naturwesen sind, die sich mithilfe Optimierungspraktiken besser in das soziale
Gefüge einfinden.

Gesellschaftliche Naturverhältnisse sind hinsichtlich des historischen Kontexts der


„Dialektik der Aufklärung“ zu betrachten, also die Erfahrung der Zerstörung durch
den zweiten Weltkrieg und die Massenvernichtungen im Holocaust. Adorno stellt
fest, dass jeglicher Versuch sich aus der Abhängigkeit von der Natur zu befreien
in einer noch viel stärkeren Abhängigkeit mündet (Dialektik der Aufklärung). Die
Trias Individuum – Gesellschaft – Natur verhalte sich dynamisch.

Gesellschaft kann holistisch betrachtet werden, also als ein Ganzes, dass mehr
als die Summe ihrer Teile ist. Anders, im Individualismus, wo der einzelne eine
Rolle spielt. Bei Niklas Luhmann spielt das Individuum gar keine Rolle.

Die Kritische Theorie beinhaltet widersprüchliche Tendenzen. Sie basiert auf


dialektische Vermittlung Naturverhältnisse. Erstens materiell, das meint was wir
von der Natur benützen und was wir wieder an sie ablassen. Zweitens,
dialektisch.

Gesellschaftliche Naturverhältnisse heute werden zunehmend krisenhafter. Seit


den 1970er wird dies zunehmend wahrgenommen. Nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges konnte zusehends ein materieller Wohlstand im Westen etabliert
werden. Bis in die 70er Jahre herrschte die sogenannte „Great Accebration“ durch
den Fordismus der zu Wohlstandsgewinne unserer materiellen Lebensform
40
führte. Andererseits führte dies zeitgleich zu einem starken Verbrauch unserer
Naturressourcen und der Erkenntnis, dass wir die Natur nicht beherrschen
können. Die 2. Great Accelaration begann später, ausgehend von China und den
Schwellenländern.

Die Transformation der Natur Verhältnisse können zu katastrophalen Folgen und


zu einer zunehmend ungemütlicheren Situation menschlichen Lebens führen
sollte es weiter so gehen.

Lektüre zur Einheit: Görg, Dialektische Konstellationen. Zu einer kritischen


Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse.

Trotz zunehmender Reaktionen auf ökologische Probleme führten diese nicht zu


einer weitgehenden Verbesserung. Ökologische Probleme werden in
kapitalistischer Gesellschaft selektiv bearbeitet und haben Begleiterscheinungen.
Kritische Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse müsse auf
Begleiterscheinungen reagieren. Luhmann fragt ob moderne Gesellschaft sich auf
ökologische Gefährdungen einstellen kann. Kritische Theorie fragt nach dem wie
sich Gesellschaft einstellt, welche herrschaftlichen Selektivitäten und
Verzerrungen impliziert werden.

Naturverhältnisse: Natur und Gesellschaft seien konstitutiv. Sie stehen nicht in


einem äußeren Verhältnis zueinander und man könne sich nicht auf eines
beziehen ohne den anderen Pol zu denken. Es handelt sich um immanente
Relate, welche erstens sprachlich kulturell, beispielsweise in unseren
Vorstellungen und materiell, also als Ressourcen, zu sehen sind. Der Begriff
Umwelt hingegen meine bloß die äußere Relation. Ökologie würde einen
natürlichen Kreislauf suggeriere. Ökologische Probleme seien eng an die
konkrete Verfasstheit der Gesellschaft- und Herrschaftsverhältnisse gebunden.

Ökologische Diskussionen trafen Mitte der 80er verspätet in die


sozialwissenschafltiche Diskurs ein, aber nicht seitens der Erben der Frankfurter
Schule.

(1) Die Kritik der Naturbeherrschung als Fortschrittskritik

41
Adorno, Horkheimer und Marcuse bedienten sich des Verhältnis Gesellschaft und
Natur in ihrer sozialwissenschaftlichen Analyse. In der „Dialektik der Aufklärung“
ist Kritik an der Naturbeherrschung nachzulesen. Das Werk entstand anlässlich
der NS-Ermordungen. „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur
gebrochen wird, gerät nur umso tiefer in den Naturzwang hinein.“

Horkheimer und Adorno sprechen von einer „zweiten Natur“

Außerdem räumen sie mit dem marxschen Geschichtsverständnis auf und dem
Fortschrittsverständnis. Benjamin Kritik richtet sich gegen die
Arbeiterbewegungen und ihrer Vorstellung der Steigerung der Naturverhältnisse
als Ziel gesellschaftlichen Fortschritts. Also der Idee der Beherrschung der
Verhältnisse zur Natur.

Marx Verständnis unterschied sich insofern er meinte Menschen haben Kontrolle


über verselbständigten gesellschaftlichen Reproduktionsprozess und rationale
Gestaltung der Naturverhältnisse. Adorno meint sie sind konstitutiv und nicht in
Abgrenzung zu einander. Vermittlung basiert auf drei Ebenen in wechselnder
Konstellation von Individuum, Gesellschaft und Natur in dynamischer Weise.

In der Dialektik der Aufklärung werden drei Aspekte von Herrschaft identifiziert.
Erstens die Naturbeherrschung, zweitens soziale Herrschaft und drittens
Herrschaft im Subjekt.

Durkheim führte den Begriff des Soziozentrismus, welche die naturwüchsige


Dominanz der Gesellschaft über Individuen und Natur, meint.

Adorno und Horkheimer sprechen von einer undurchdringlichen Einheit von Natur
und Gesellschaft und Herrschaft. Die spezifische Beschaffenheit von Gesellschaft
sei Basis von herrschaftlich verfassten Soziozentrismus der Naturbeherrschung.
Die Aneignung von Natur durch Arbeit habe keinen Bildungs- oder
Emanzipationseffekt.

Die falsche Alternative meint die vermeintlichen zwei Alternativen von


Unterwerfung unter oder Beherrschung von Natur. Adorno und Horkheimer man
müsse aus dieser vermeintlichen Alternativlosigkeit der Naturbeherrschung
heraustreten. Die Gesellschaft kann Naturzwang nur entkommen, wenn sie sie
nicht zu unterwerfen versucht, sondern als eigenständige Bedingung ihrer

42
eigenen Geschichte anerkennt und gleichzeitig durch Herschaftsverhältnisse
verkürzter Fähigkeit zu reflektieren durch die Gestaltung ihrer eigenen
Verhältnisse, die ihre Naturverhältnisse freisetzen.

Zu bedenken ist Adornos und Horkheimers unterschiedlicher Erfahrungshorizont,


der sich wesentlich von unseren der ökologischen Krise unterscheidet. Nur
Marcuse konnte sich zu der noch selber äußern.

Ulrich Beck sieht das Ökologieproblem als Herausforderung für die


Gesellschaftstheorie. Er führte den Begriff der Risikogesellschaft ein. Das
Sicherheitsversprechen der Aufklärung führte zur organisierten
Unverantwortlichkeit.

43
7. Politische Ökonomie und Gesellschaftstheorie. Dr. Gabriele Michalitsch.
7. Dezember 2017

Frau Dr. Michalitsch stellt anfangs den Konnex zwischen politischer Ökonomie und
Gesellschaftstheorie so her, indem sie argumentiert politische Ökonomie ist
Gesellschaftstheorie. Zwei Sichtweisen der ökonomischen Gesellschaftstheorien
möchte sie vorstellen, nämlich Smiths klassischen Liberalismus und Marx
Sozialismus, welche zwei theoretische Pole repräsentieren.

(1) Begriff

Eingangs wird die Herkunft und Entwicklung des Begriffs „Ökonomie“ skizziert. Im 17.
Jahrhundert sei er das erste Mal zu finden in Verbindung mit den Montchrestien,
Vertreter des Merkantilismus (eine wirtschaftliche Theorie vor dem Kapitalismus,
welche Ökonomie bereits in Hinblick auf Staat bzw. Herrscher dachte. Kurz
beschrieben ist Merkantilismus die Macht des Fürsten und der Reichtum in Schatz
und Silber.). Dies konnte sich nicht etablieren.

Im 18. Jahrhundert wird der Begriff erneut diskutiert und bezieht sich weitgehend auf
„Oikos“ (griech), also den Haushalt. Aristoteles hat den Begriff der Führung des
Oikos vorausgesetzt zu Führung des Staates. In dieser Bedeutung, nämlich der
Haushaltsführung wird der Begriff fortgesetzt: weise, rechtmäßige Führung des
Haushalts aber auch auf Staatsebene übertragen: des Haushaltes auf Staatsebene.
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts etabliert sich der Begriff dann. Und 1776 ist er
in Smiths „Wealth of Nations“ zu finden.

Heute werden dem Begriff unterschiedliche Bedeutungen zugemessen:

1. Im Kontext der Wirtschaftstheorie wird der Begriff verwendet, um


verschiedene Denkschulen zu unterscheiden, beispielsweise die klassische
Ökonomie (Smith/ Ricardo/ Maltus/ Marx). Um 1870 steht der Begriff unter
Zäsur und die Sphäre der Politik wird verleugnet um den Anspruch eine „reine“
Ökonomie zu machen. Die Neoklassik, vertreten durch „Walras“ bedient sich
einer „economie pure“.
2. Um auf die Marxsche Theorie zu verweisen. Daher gilt der Begriff als politisch
Instrumentalisiert.

44
3. Außerdem um auf die allgemeine Verknüpfung von Politik und Ökonomie zu
verweisen, also eine neutrale Verbindung des Verhältnisses.

(2) Gesellschaftstheorien

Allgemein zielt Gesellschaft auf Organisationsformen menschlichen


Zusammenlebens ab. Gesellschaftstheorien unterteilen sich in legitimatorische und
kritische Theorien. Während legitimatorische Theorien versuchen verschiedene
Gesetze zu identifizieren, zielen kritische darauf ab Macht und
Herschaftsverhältnisse aufzudecken und Veränderungen herbeizuführen
beziehungsweise zu emanzipieren.

(3) Smith and Marx

1776 schreibt Smith seinen Klassiker „The Wealth of Nations“. Knapp hundert Jahre
nach Beginn der bürgerlichen Ökonomie tritt Marx in Erscheinung.

„Produktionsweise“- Der Begriff verweist bei Smith auf gewerbliche Produktion,


Handarbeit, Handwerk, und Verlagswesen. Verlegerwesen bezeichnet Kaufleute, die
Rohstoffe bzw. Werkzeuge in Hauswirtschaft ( Oikos) vorlegen. Produkte für die
Weltwirtschaft werden in der Hauswirtschaft hergestellt. Das Verlegerwesen dient
als demonstratives Beispiel für Smiths vom Merkantilismus geprägtes Denken,
welche auch durch eine ständische Strukturierung der Gesellschaft des
Handelskapitalismus geprägt ist.

Marx hingegen lebte 100 Jahre später und im Unterschied zu Smith war seine
Lebenswelt von der Erfahrung des Industriekapitalismus geprägt. Der
Industriekapitalismus entfaltete sich in den vorher gegangen 70 – 80 Jahren und
somit konnte sich bereits ein Proletariat etablieren. Daher unterscheiden sich die
lebensweltlichen Bezugspunkte von Smith und Marx sehr stark.

Marx kritisiert im Wesentlichen die bürgerliche Ökonomie und die bürgerliche


Gesellschaft und Wissenschaft in Verbindung von etablierten Wissen.

(4) Gemeinsame Theorietraditionen

Als Basis dienten die Physiokraten, eine Denkschule von Francoise Quesnay von ca.
1750, die beide Smith, sowie Marx beeinflusste. Quesnay war der Leibarzt von
45
Ludwig XV. Wesentlich ist seine Vorstellung der Unterteilung der Gesellschaft in
Klassen. Sein Klassenmodel setzt sich aus den sterilen Handwerkern, den
produktiven Bauern und Landwirtschaftlern und der besitzenden Klasse der
Grundherren zusammen.

Außerdem ist die politische Arithmetik (Statistik) Hintergrund beider


Erfahrungshorizonte. Im ausgehenden 17. Jahrhundert wurde eingeführt, die
Reichtümer, die Bevölkerung etc. des Staates empirisch zu erfassen. Marx sieht hier
den Beginn bürgerlicher Theorie.

(5) Anspruch Smiths und Marx

In Smiths Einleitung zu Wealth of Nations erörtert er zwei unterschiedliche Ziele des


Zweckes der Wissenschaft. Erstens das reichliche Einkommen und Lebensunterhalt
für die Bevölkerung verbessern. Die Einnahmen des Staates als wesentlich für
Wohlstand und Reichtum und zweitens wie Reichtum für Bevölkerung und Staat
lukriert werden.

Marx Ansatz ist die Kritik an der bürgerlichen Ökonomie des Privateigentums hin zu
einer nationalen Ökonomie. Er stellt die Verhältnisse kapital zu Arbeit und Erde zu
Kapital fest. Außerdem kritisiert er „Zufälligkeiten“ Er meint Privateigentum wird in
bürgerlicher Theorie vorausgesetzt, dabei aber Arbeit vergessen. Die nationale
Ökonomie sagt nicht warum Arbeit und Kapital geteilt werden.

Smith und Marx sind sich in dem Punkt einig, dass Reichtum das Produkt von Arbeit
ist (sein müsste). Wohlstand ist für beide nur durch Arbeit erreichbar.

Smiths Ausgangspunkt sind die Individuen, einzelne die ihren Reichtum mehren. Er
stellt den Anspruch Individuen wie sie wirklich sind zu denken. Hierbei ist zu
vermerken, dass Frauen für Smith als Sonderfall zählen. Er meint außerdem all
Menschen können frei ihre Interessen wählen.

Marx hingegen erkennt, das s die Klasse der Ausgangspunkt ist. Also sind nicht
Individuen zentral, sondern das Kapitalverhältnis. Er sagt eine Gruppe von
Menschen hat Produktionsmittel, somit Kapital und die andere weder noch was zu
einer Unfreiheit führt Gleichheit könne durch Klassenspaltung herbeigeführt werden.
Er fordert eine Befreiung elender Verhältnisse

46
In beiden Theorien gibt es Herrschaft, nur die Form der Herrschaft ist unterschiedlich.
Marx erkennt die soziale Herrschaft im Kapitalismus während Smith feudale
Herrschaft meint.

(6) Zentrale Konzepte

Arbeitsteilung

Arbeitsteilung ist für Smith grundlegend für den Wohlstand der Nationen. Er
befürwortet Kolonialismus, da dieser zu einer Marktausbreitung und zu mehr
Arbeitsteilung und folglich seiner Logik zu mehr Wohlstand führt.

Marx misst der Arbeitsteilung keine größere Rolle zu. Für ihn ist eher Intensität und
Organisation wichtig. Zentral für Marx sind Produktionsverhältnisse und Ausbeutung.

Zur Erinnerung Smith war aktiv um 1770 und Marx um 1860.

Der Markt bedeutet für Smith eine Sphäre des Tauschens. Am markt herrscht
Konkurrenz und man kann dort sein eigenes Interesse erhöhen und dabei das
allgemeine wohl erhöhen.

Bei Marx hingegen existiert kein Allgemeinwohl. Der markt sei nicht entscheidend,
sondern nur eine oberflächliche Zirkulationssphäre. Das wesentliche passiert in der
Produktion, nämlich die Aneignung der Arbeit durch die Kapitalisten.

Smith sieht Verhältnis Arbeit Lohn und Grund Miete als natürlich. Marx hingegen
sieht das einzige das Wert schafft ist Arbeit. Er meint es ist eine Schmarotzerei, dass
Profit und Grund entlohnt werden. Hierbei wird ersichtlich, dass beide Gesellschaft in
unterschiedlicher Weise konstituieren.

Smith bedient sich Begriffe wie Recht und Gerechtigkeit, projiziert diese auf
Eigentumsverhältnisse. Die zentrale Aufgabe des Staates ist es Reiche vor dem
Armen zu schützen, also die Sicherung von Verträge und Privateigentum.

Öffentliche Aufgaben bei Smith sind öffentliche Schulen für alle Burschen und auch
weitere öffentliche Aufgaben aber restriktiert. Sozusagen ist der Staat bei ihm ein
Unternehmer. Smith naturalisiert Vieles, dass Marx in Frage stellt.

Marx sieht den Staat als Resultat von Produktionsverhältnissen.

47
Kolonialismus ist für Marx eine vormodere Produktionsweise, als Aneignung von
Natur. Smith hingegen sieht Kolonialismus als klares Ziel zur Vergrößerung des
Marktes.

Beide bedienen sich historischer Beispiele und einer Anzahl empirischer Bezüge.

(7) Feministische Kritik

Historischer Kontext sind die 70er und 80er zentral, in welchen Debatten um
Lohnhöhe geführt wurden. Kritikpunkte waren die unbezahlte Arbeit.

Beide setzen Haushalt voraus und sprechen ihn ab und zu an. Bei Marx diente der
Haushalt zur Reproduktion von Arbeitern und ist jenseits der kapitalistischen
Produktionsweisen. Smith meint, diese Sphäre produziere keinen Wohlstand, ist
nicht Teil des Marktes.

Was ist Gegenstand feministischer Ökonomie?

Feministische Ökonomie endet nicht vorm Haushalt.

Arbeitsbegriff?

Ist Arbeit nur Arbeit, wenn sie ökonomisch ist?

Um 1850 etablierten sich Bewegungen bzw. massive Kämpfe von Frauen.


Fabrikantinnen protestierten, da sie 2/3 weniger verdienten als Männer.

Foucault Wissen; Macht

Lektüre: Michalitsch, Gabriele: Geschlechterregierung und politische


Ökonomie

Was Adam Smith damit zu tun hat, dass Frauen heute weniger verdienen als
Männer.

Adam Smith war Universalgelehrter. Unter seinen wichtigsten Arbeiten befinden sich
„The theory of moral sentiments“ von 1759 und „An inquiry into the Nature and
Causes of the Wealth of Nations“ aus 1776. Letzteres handelt darüber, wie soziale
Ordnung durch Ökonomie und Staat zu gestalten sei. Somit gilt 1776 als die
Geburtsstunde der modernen Ökonomie. Es gibt nur wenige Arbeiten feministischer
Ökonominnen zu Smiths Arbeiten. Smith schreib vorrangig von und für Männer.
Zwischen Männern und Frauen gab es ein explizit hierarchisches Verhältnis.

48
Sein Umfeld war männlich dominiert. Man kann von einer männlichen Dominanz im
Geistesleben des 18. Jahrhundert sprechen, beispielsweise in den schottischen
Aufklärer Clubs oder der „universalen Bruderschaft“ der männlichen politischen
Öffentlichkeit.

Im 18. Jahrhundert hat sich die Bedeutung des Begriffs fundamental geändert. Das
„Oikos“, die Wirtschaft im Haus wurde auf den Staat übertragen. Dies führte ebenfalls
zu einer Redefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit. Bis dato hatte man das Ideal
des kriegerischen Mannes. Im Handel hingegen fürchtete man, dass er verweiblichen
würde. Frauen die sich dem Luxus hingaben, waren für Smith gebärfaul. Man
rechnete den Handel pazifizierende Effekte zu. Somit wurden die kriegerischen
Tugenden auf das Modell des in der Konkurrenzwirtschaft projiziert und eine
zivilisierte Männlichkeit geschaffen. Somit wurde aber mit der Schaffung einer neuen
Sphäre für Männer Weiblichkeit aus ihr ausgegrenzt.

Smiths versteht Männer als beispielsweise „großzügig“ und Frauen als „menschlich“,
da sie in Abgrenzung zu den Männern keine Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin
hätten. Eitelkeit ist für ihn bei Frauen besonders verwerflich. Generell verurteilte er
Unkeuschheit, aber weibliche ist schlimmer da sie erstens die männliche Autorität
untergräbt und zur Eifersucht führt. Es geht bei weiblicher Unkeuschheit um die
männlichen Verfügeransprüche.

Liebe findet Smith grundsätzlich lächerlich. Für Frauen sei sie eine Bedrohung der
privaten Existenzen und für Männer kann sie der öffentlichen Position schaden.
Positiv rechnet er der Liebe an, wenn man eine Familie gründet, gehen oftmals mit
ihr Tugenden einher 8Großzügigkeit und Freundlichkeit).

Für Smith gibt es keine Verbindung von Haus- und Marktwirtschaft. Er erwähnt
geschlechtliche Arbeitsteilung nicht. Arbeitsteilung ist für ihn die Grundlage für
Reichtum einer Nation. Bildungseinrichtungen soll es geben, aber nur für Männer.
Frauen benötigen sie nicht, da sie eine Heimerziehung genießen sollten, die sie zur
Hausfrau und Mutter ausbildet. Frauen seien von Natur aus Erzieherinnen. Dennoch
ist die Frau nicht generell von Erwerbstätigkeit ausgeschlossen. Untere Schichten
sollen arbeiten um den Unterhalt der Familie zu gewähren, dabei soll die Frau soviel
verdienen um den eigenen Unterhalt zu gewährleisten. Der Lohn der arbeitenden
Frau der Unterschicht ist als „zweiter Anker“ gedacht.

49
8. Vorlesung: Intersektionalität und Gesellschaftstheorie. Dr. Birgit Sauer.
14. Dezember 2017

Folieninhalte:

Intersektionalität und/als Gesellschaftstheorie

Eingangsüberlegungen

„Letztlich waren es die Erfolge der Rechten, (...) die auf verquere Art die
Klassenfrage zurück auf die Tagesordnung geholt haben (...) Um ein »Zurück« zum
alten ‚Klassenkampf‘ kann es nicht gehen! Es bedarf kollektiver Anstrengungen, eine
‚Neue Klassenpolitik‘ zu entwerfen, die Identitätspolitik und soziale Frage nicht in
einen Gegensatz bringt, sondern alle Verhältnisse umwirft, unter denen so viele
leiden. (...) müssten Feminismus, Ökologie, und Antirassismus als integrale Momente
von ‚Klassenfragen‘ gelesen und damit (endlich) ins Zentrum eines linken Projekts
gestellt werden.“ (Zeitschrift „Luxemburg“, Oktober 2017)

 „alte“ Klassenpolitik:
 Politisierung von „Klasse“ im 19. Jahrhundert durch Marx und Engels, durch
Arbeiterbewegung
 Strategie der Transformation von ökonomischen, sozialen, politischen
Verhältnissen
 zeitgleich im 19. Jahrhundert:
 Politisierung und Mobilisierung von Geschlecht (Frauenbewegung) und
„race“/Ethnizität (Rassismus)
 Kritik der neuen Frauenbewegung (1970er-Jahre) am „Nebenwiderspruch“
Geschlecht

Das feministische Konzept „Intersektionalität“ reflektiert feministische


Theoriebildung und Ergebnisse der Geschlechterforschung

 Zusammenhang von unterschiedlichen Identitäten, Diskriminierungsstrukturen


und -praxen sowie von Privilegierungsstrukturen
 Zusammenwirken der gesellschaftlichen Strukturkategorien Geschlecht,
Klasse, Ethnizität, sexuelle Orientierung

50
erste Definition von Intersektionalität:

Kimberlé Crenshaw (1989) (US-amerikanische Juristin)

Metapher der Kreuzung/Überkreuzung (intersection) verschiedener


Diskriminierungs- und Ungleichheitsachsen

 race, class, gender als klassische Trilogie von Ungleichheitsachsen


 Multidimensionale Positionierungen der Menschen geraten in den Blick
(Klasse, Geschlecht, Ethnizität, Religion, Alter, Mutter-/Vaterschaft, Ehestand,
sexuelle Orientierung, körperliche/geistige Fähigkeiten etc. )

Ziele des Vortrags

Erarbeitung eines politikwissenschaftlichen, gesellschaftstheoretisch fundierten


IntersektionalitätsKonzepts

 staatstheoretische Perspektive Konstitutive Fragen:

1. Wie konstruieren staatliche Normen und Institutionen Ungleichheit?


2. Wie produzieren staatliche Arenen die Verschränkung von
Ungleichheitsdimensionen? (politische Intersektionalität „von oben“, exklusive
bzw. exkludierende Intersektionalität)
3. Wie sind Diversitäts- und Antidiskriminierungspolitiken zu bewerten?

Wozu ein gesellschaftstheoretisches Intersektionalitätskonzept?

Kontextualisierung der politischen und wissenschaftlichen Debatten im Kontext der


Transformation von Staatlichkeit

 neue Staatsverhältnisse
 neuer Zugang zu Rechten, neue citizenship-Regime
 neue Formen des Regierens von Menschen

Ziel: Interdependenz und Interaktion von Differenzen und Ungleichheiten als


Ergebnis von sozialen Auseinandersetzungen begreifen und somit als Element
des staatlichen Terrains

1. Geschichte des Konzepts

51
Intersektionalität Historischer Kontext der aktuellen Debatten um
Intersektionalität: (politische) Mobilisierung sozialer Bewegungen, „identity
politics“ in den USA der 1970er und 1980er Jahre, Frauenbewegung, LGBTIQ-
Bewegungen

 Welche Identität wird „politisiert“ und warum?


 Kampf der Identitätsbewegungen gegeneinander (um Anerkennung,
Ressourcen)
 „Black feminism“: Kritik an den Begriffen des „weißen Feminismus“ (Hazel
Carby 1982), z.B. Familie
Kritik an der Blindheit des „white feminism“/der weißen Frauenbewegung
(Kritik an der US-amerikanischen „identity politics“)
Gegen hegemoniale Tendenzen im (weißen) Feminismus
 Weitere Entwicklung in der feministischen Theorie: „Dekonstruktion“ von
Geschlecht und Verkomplizierung von Geschlecht durch Judith Butler Kritik
von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität
 Reisen des Konzepts Intersektionalität um die Welt

Weiterentwicklungen der Intersektionalitätsperspektive:

a. Kritische Weißseinsforschung/critical whiteness studies


*Perspektivenwechsel weg von den „armen“ schwarzen Frauen
*weiße Privilegien vergegenwärtigen (Ann Russo 1991, Ruth Frankenberg
1997) b. Postkoloniale Kritik
*Kritik des Euro-/Ethnozentrismus des US-amerikanischen und europäischen
Feminismus

Gayatri Chakravorty Spivak („Can the subaltern speak?“, 1996)

*kritisiert romantisierenden Blick auf „Dritte-Welt-Frauen“

*Subalterne sind keine homogene Gruppe (können nicht – für sich/alle – sprechen
und werden nicht gehört)

*Kritik von Repräsentationspolitiken – des „Für-jemandenSprechens“ Aber:


„Strategischer Essentialismus“ als emanzipative Strategie

2. Altes oder neues Konzept – What‘s new?


52
Lange Diskussion um die Intersektion von Geschlecht und Klasse in der
deutschsprachigen Diskussion seit dem 19. Jahrhundert

Kritik der „dual-system-Theorie“ des marxistischen Feminismus (Heidi Hartmann):

Kapitalismus und Patriarchat sind zwei getrennte Unterdrückungssysteme, die sich


„irgendwie“ gegenseitig verstärken Folge des „irgendwie“: Geschlecht als
Nebenwiderspruch

Was ist das Neue an „Intersektionalität“?

Erkenntnisgewinn der derzeitigen Debatte?

Nicht nur die Existenz unterschiedlicher Diskriminierungslinien anerkennen, sondern


systematische Frage nach dem Zusammenhang der Unterschiede

Keine isolierte Geschlechteranalyse (ebenso wenig wie allein Klassenanalyse)

Politische Implikation: Differenzen zwischen Frauen wahrnehmen, um für alle Frauen


emanzipative Strategien entwickeln zu können Frage nach politischen Bündnissen

3. Konzeptualisierungen von „Intersektionen“

a. Zentrale Fragen und Konflikte: Wie „arbeitet“/funktioniert Intersektionalität?


*Addition von Diskriminierungsstrukturen: Klasse + Geschlecht + Ethnizität?
 Unzulänglichkeit „arithmetischer Ansätze“ (Baukje Prins)
*Verstärkung von Diskriminierung und Ungleichheit („double/triple jeopardy“),
Einfach- oder Mehrfachdiskriminierung
*Privilegierung spezifischer (Frauen_)Gruppen (z.B. weiße oder gut
ausgebildete Frauen_)

b. Nicht allein Fokus auf Identitätsbildung/individuelles Handeln, sondern


auf Strukturen der Ungleichheit
 Kritik vor allem im deutschen Sprachraum: Vernachlässigung der Strukturen
von Diskriminierung (1990er/frühe 2000er Jahre: Axeli Knapp, Cornelia
Klinger)
 Heute: Analyse von Intersektionalität erfordert Strukturanalyse, um Macht- und
Herrschaftsaspekte in den Blick zu bekommen (keine Auflösung in

53
Performativität), z.B. Laurel Weldon; Patricia Hill Collins („matrix of
domination“)

c. Es gibt keinen einheitlichen, universellen Mechanismus


unterschiedlicher Ungleichheitsformen und -strukturen
 nicht nur gesellschaftliche/geschlechtliche Arbeitsteilung
 Ungleichheitsachsen haben je eigene Ursachen und je eigene
Begründungsmuster (Yuval-Davis), z.B. Patriarchat, Kapitalismus,
Nationalstaatsbildung, Kolonialismus

d. Die Ungleichheitskategorien/-achsen sind nicht aufeinander reduzierbar,


also auch nicht hierarchisierbar
 Es gibt nicht „wichtige“ und „unwichtigere“ Ungleichheitsachsen (Haupt- und
Nebenwiderspruch) (Alex Demirovic)

e. Differenzierung von Leslie McCall (2005)


 Intrakategorial: „Überschneidung“ von verschiedenen Ungleichheitsachsen
wird nur für eine Kategorie untersucht, z.B. weiße Frau an der Schnittstelle zu
Religion, Sexualität, Alter, Klasse
 Interkategorial: Komplexität aller Überschneidungen in den Blick nehmen:
Intersektion zwischen Kategorien und innerhalb von Kategorien
 Antikategorial: dekonstruktivistischer Intersektionalitätsansatz „radikale
Kategorienkritik/Kritik – Dekonstruktion von Kategorien wie „Geschlecht“,
„Ethnizität“

f. Konzept der „Interdependenz“ (Katharina Walgenbach et al.):


 Struktur wird nicht als Achse, die sich an einem Punkt kreuzen gedacht,
sondern Struktur wird als Prozess, Praxis, Diskurs gedacht
 Geschlecht, Ethnizität, Klasse etc. sind keine feststehenden Strukturen,
sondern „unfixierte Machtformen“, die diskursiv und performativ hergestellt
werden; Überkreuzung geschieht in dieser „Herstellung“ (Walgenbach)
 Gleichursprünglichkeit der Entstehung von
Unterscheidungs/Ungleichheitskategorien: Geschlecht, Sexualität, Klasse,
Ethnizität: Geschlecht ist ohne Sexualität (Zweigeschlechtlichkeit und

54
Heteronormativität), Klasse ist ohne Nationalität und Ethnizität historisch nicht
denk- und konzeptualisierbar

4. Ungleichheit und Intersektionen

eine staatstheoretische Perspektive

 Konstitution und Interdependenz von Differenz und Ungleichheit sind


Ergebnisse von sozialen und politischen Prozessen und
Auseinandersetzungen von Kräften (B. Sauer/S. Wöhl)
 Interdependente Ungleichheitsstrukturen und Kräfteverhältnisse, die sich im
Staat „verdichten“, also „verknüpft“ und wahrnehmbar (= wichtig) werden

 Staat ist ein soziales Kräftefeld, ein soziales Verhältnis (Poulantzas)


=„Geschlechterverhältnis“
 Staat ist ein Klassifikationssystem (Foucault); Klassifizierung von Menschen
anhand unterschiedlicher, vergleichsweise arbiträrer Merkmale =
hierarchische Zweigeschlechtlichkeit
 Staat als Praxis (Foucault) = doing gender
 Staat beruht auf Hegemonie (Gramsci), Sinnstiftung, Zustimmung =
hegemoniale Männlichkeit

 Bürgerlich-patriarchale Gesellschaften sind durch Ungleichheitsverhältnisse
gekennzeichnet (Strukturkategorien)
 Soziale Ungleichheitsverhältnisse werden im Ringen um staatliche
Institutionalisierung in staatliche Normen und Institutionen „verdichtet“, d.h.
staatliche Institutionen „prozedieren“ diese Ungleichheitsstrukturen
 (bürgerliche, patriarchale) Staatlichkeit produziert und reproduziert soziale
Ungleichheit, macht sie „politisch bedeutsam“ oder unbedeutsam, verknüpft,
entknüpft, hierarchisiert sie => Nicht additiver, sondern konstitutiver
Zusammenhang
 Geschlecht, Ethnizität, Klasse etc. sind keine feststehenden Strukturen,
sondern werden in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hergestellt
(Wendy Brown)

55
 Intersektionelle Strukturen entstehen im Prozess staatlicher
Auseinandersetzung

Der moderne Staat organisiert Ethnizitäts-, Klassen-, Geschlechter- und


Sexualitätsverhältnisse

Nationalstaat – Klassenstaat – Geschlechterstaat (historisch zeitgleich


entstanden)

 Historische Ungleichheiten kulminieren in historisch multiplen staatlichen


Diskriminierungsweisen
 Beispiel: Nationalstaatsbildung als Prozess der Maskulinisierung und
Rassifizierung des Staates

Modi der Prozedierung/Bearbeitung von Ungleichheitsstrukturen durch


liberale, patriarchale kapitalistische Staaten:

 Trennung zwischen öffentlich und privat (Geschlecht, Sexualität)


 Trennung zwischen Gesellschaft/Markt und Staat (Klasse)
 Gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (Klasse,
Geschlecht)
 Trennung zwischen Nationalstaaten (race, Ethnizität, Nationalität)

*Staat als Praxis: Intersektion als Prozess und Praxis

 „doing intersectionality“ (Dorthe Staunaes)

 Intersektionalität ist ein konstitutiver Prozess, an dem Individuen beteiligt sind


und an dem Subjektivität(en) hergestellt wird
 Intersektion ist ein gleichzeitiger Prozess der Unterwerfung unter
Ungleichheitsstrukturen und der aktiven Aneignung bzw. Ablehnung von
Subjektpositionen
 Konzept der intersektionellen Subjektivierungsweise
 Intersektionen von Ungleichheitsstrukturen können erund entmächtigend sein
 Überdeterminierung der Verkoppelungen von Ungleichheitsstrukturen
Freiheitsgewinne sind möglich

5. Intersektionalitätspolitik als neoliberale Regierungspraktik

56
Ausgangspunkt

Intersektionalitätspolitiken verweisen auf neue Staatsverhältnisse im Kontext


zunehmender sozialer Fragementierung und Ungleichheit

Beobachtung

Rekonfiguration von interagierenden geschlechtsspezifischen,


klassenspezifischen, sexuellen, ethnischen Ungleichheitsstrukturen im Kontext
der Transformation von Staatlichkeit und citizenship

These 1

Diversität wird zu einer neuen Regierungsrationalität = Neoliberale Form


gesellschaftlicher Steuerung und des Umgangs mit Differenz und Ungleichheit

Projekt

Diversität als Humanressource (=> Intersektionalität als „Aufgabe“, Zwang)


Negierung sozialer Ungleichheit

Beispiel:

Anti-Diskriminierungsrichtlinien der Europäischen Union seit 2000: Anerkennung von


Differenzen und gezielte Politik gegen Benachteiligung aufgrund von

 Geschlecht
 Alter
 Behinderung
 Ethnizität
 Religion
 Sexuelle Orientierung („big six“)

ABER: Klasse fehlt

Kritik einer Politik der Differenz/Diversity-Politics:

 Fokus auf multiple Diskriminierungsstrukturen „entsorgt“ Geschlecht als ein


alle Gesellschaften strukturierendes Dominanzverhältnis, sidelining von
Geschlecht (Ohms/Schenk)
 Marketing-Strategie, lediglich rhetorische Modernisierung ohne nachhaltige
Effekte der Gleichstellung und AntiDiskriminierung, „Legitimationsfassade“
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 Problem der Stigmatisierung durch Diversity-Management: Frauen, Alte als
„Problem“, aber auch: von Frauen werden bestimmte Fähigkeiten erwartet, die
den wirtschaftlichen Erfolg von Diversity Management ausmachen, z.B.
Emotionalität

Fazit: Diversität als neue „Regierungsrationalität“ des Managements von


Ungleichheit bei gleichzeitiger Reproduktion von (sozialer) Ungleichheit

These 2

Neues citizenship-Regime an intersektioneller Schnittstelle von Geschlecht,


Religion, Ethnizität (Kopftuch, traditionsbedingte Gewalt)

Projekte/Strategien

Individualisierung von Verantwortung und Responsibilisierung von Migrant_innen zur


Anpassung Disziplinierung, Normierung von Migrant_innen Verkörperung
(Embodyment) von Voraussetzungen von citizenship => Intersektionalität als
Ausschlussmodus

3 Beispiele „Politischer Intersektionalität von oben“, exklusiver bzw.


exkludierender Intersektionalität:

1. Gesetze, die Mehrfachdiskriminierung ausblenden und dadurch


Diskriminierung/spezifische diskriminierte Personengruppen schaffen.
Beispiel: sozialstaatliche Gesetze (Klasse) diskriminieren Frauen
(Geschlecht), oftmals Frauen mit prekärer Arbeit (Geschlecht und Klasse)
Gewaltschutzgesetz (Geschlecht) ohne Reform des Aufenthaltsrechts
diskriminiert Migrantinnen (Nationalität)
2. Politisierung „von oben“: Gegeneinander ausspielen von unterschiedlichen
Diskriminierungsstrukturen (in der Kopftuchauseinandersetzung
Geschlecht/Religion)
3. Exkludierende Intersektionalität Beispiel: FPÖ: „Freie Frauen statt
Kopftuchzwang“ (Geschlecht und Religion)

Lektüre: Sauer, Birgit: Governing intersectionality – ein kritischer Ansatz zur


Analyse von Diversitätenpolitiken

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Die These des Aufsatzes lautet: Antidiskriminierungs- und Diversitätenpolitiken
dienen nicht nur als gleichstellungspolitisches Instrument, sondern verweise neue
Staatsverhältnisse. Durch Management von Diversity kommt es zur Verharmlosung
von Strukturen der Ungleichheit. Antidiskriminierung- und Diversitätenpolitiken, wie
Strategien von Frauen- und anderen sozialen Bewegungen führen zur Gefährdung
kritischen Potential für soziale Veränderung,

Race-class-gender

Unterschiedliche Ungleichstrukturen provozieren unterschiedliche politische


Identitäten

(1) Nicht additive Ungleichheiten. Crenshaw spricht von Kreuzung, also


„Intersection“, unterschiedlicher Achsen von Differenz. Interaktionen und
Interdependenzen fokusieren Ungleichheiten
(2) Empirie gesättigte Ausarbeitung Ansatz beruht auf Erfahrung einzelner. Es ist
aber eine Strukturanalyse erforderlich, die auf Macht- und Herrschaftsaspekte
abzielt.
(3) Wie sind Strukturkategorien verkoppelt? Ist ein Raster sinnvoll?
Ungleichheitsstrukturen seien räumlich/ zeitlich und Kontextabhängig-
(4) Es liegen eigene Begründungsmuster vor. Ungleichstrukturen unterliegen
keiner Hierarche, sie sind komplexe, diskursive konstruierte Schnittstellen und
Verdichtungen.

Strukturtheoretisch meint unmittelbare, distinktive Ungleichheitsstrukturen, die


sich überschneiden, kreuzen und verstärken.

Dekonstruktiv, das Konzept der Interdependenzen meint nicht in Kategorien,


sondern in Interdependenzen entstehen Ungleichheiten, die sich verändern und
einander modifizieren.

Die kritische Intersektionalität will beide Ansätze vereinen in staats- und


hegemonialtheoretischen Konzept.

McCall hat einen intra- und inter kategorialen Ansatz entwickelt, indem er/sie
kritisiert, dass nur einzelne Dimensionen einer sich überlappenden Kategorie
analysiert werden (Beispielsweise bei schwarzen Frauen, die nicht in Konnex mit
weißen Männern bzw. schwarzen Männern gesetzt werden).

59
Es wird unterschieden zwischen meso (strukturell und makro (politischer)
Intersektionalität. Privilegien dürfen bei Intersektionalität nicht außer Acht
gelassen werden. Der Prozess der Intersektionalität erfolgt auf Mikro, Maso und
Makroebene.

Staats- und hegemoniale Intersektionalität

Unsere kapitalistische Vergesellschaftung basiert auf Klassifizierung. Auf


Makroebene finden wird soziale Strukturen, wie Arbeitsteilung oder soziale
Institutionen wie Familie und politische Regeln und Praxen zum Beispiel der
Wohlfahrtsstaat. Die Mesoebene meint politische Mobilisierung, soziale
Bewegungen und Gewerkschaften. Die Mikroebene meint das Subjekt und seine
Identitätsbildung. Ungleichheitsprozesse erstrecken sich über alle Ebenen, aber
in je unterschiedlicher Form pro Ebene.

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9. Vorlesung: Sozialontologie und Gesellschaftstheorie. Critical realism
und Poulantzas. Dr. Hans Pühretmeyer. 18. Jänner 2018

Pühretmayer, Hans: Zur Kombination von Critical Realism und Poststrukturalismus: Eine
Reformulierung der Struktur- Handlungsfrage

Zentrale These: Soweit ähnliche Prämissen vorliegen, seien unterschiedliche theoretische


Ansätze partiell kombinierbar, wie etwa beim Critial Realism

Einleitung

Critical Realism und Poststrukturalismus teilen Anspruch, eine nicht-essentialistische, nicht-


teleologische, nicht anthropozentrische und nicht-reduktionistische Theorie des Sozialen
wissenschaftstheoretisch zu begründen

Zum Konzept der Problematik

Begriff „Problematik“ (Althusser, Bachelard) ist die spezifische begriffliche Struktur, die in einer
wissenschaftlichen oder ideologischen Theorie zugleich die Objekte und die Fragen, die an
diese Objekte gerichtet werden können „ordnet“ gemeint.  bestimmt also Struktur der
Erkenntnisobjekte.

2 Aspekte einer Problematik:

(a) Epistimologische – theoretisch systematische Matrix der auf das Objekt der Theorie
gerichteten Problemstellung
(b) Politischer – gesellschaftliche Situation, die Problemstellung und die politische im
weiteren Sinne Positionierung der AutorIn wirken sich sowohl auf die Erarbeitung als
auch auf die Struktur einer Problematik ein.

Kombination beider Aspekte  politische Epistemologie

Neuausarbeitung einer Problematik erfordert völlige Neugestaltung der begrifflichen


Architektur (nicht bloße Umstülpung)

Poststrukturalistische AutorInnen: Althusser, Foucault, Derrida, Butler, Laclau  haben


Begriffe des Subjekts „entthront“ und ihn eine andere Rolle in einem neuen Begriffs- bzw.
Theoriegefüge gegeben, dabei nicht etwa das Konzept der handlungsfähigen AkteurInnen
abgeschafft.

61
Zur Bedeutung von Ontologie und Epistemologie in sozialwissenschaftlichen Theorien

Beide Theorien (CR, Poststruk) betonen Wichtigkeit notwendige argumentations- und


forschungsstrategischer Annahmen.

Ontologische Überlegungen als irreduzibel und epistimologische Fragen als ihnen auch logisch
verortet.  vorerst gilt uns klar zu werden, von welcher Beschaffenheit von Realität wir
ausgehen, bevor über Probleme ihrer Erkenntnis nachdenken können.

Ontologie= Gesamtheit der Grundannahmen, die ein bestimmter sozialwissenschaftlicher


Ansatz über Grundcharakteristika der zu analysierenden gesell/polit Realität macht:

- Verhältnis von Struktur und Handlung


- Ausmaß / Grad „kausaler
- Und/oder konstitutive Rolle von Diskursen in der Erklärung politischer Ereignisse
- Frage nach eigenständigen Qualitäten/ Eigenschaften gesellschaflticher/politischer
Strukturen/Institutionen/ Individuen
- Prinzipielle Unterschiede zwischen Natur, Geselllschaft und Personen
- Frage ob Wirklichkeit auf das Beobachtbare und Erfahrbare beschränkt.

Ontologischer Rahmen im Poststrukturalismus und im Critical Realism betonen, dasss ihr


ontologischer Rahmen selbst historisch und letztlich kontingent und bestreitbar ist.

Epistemologie: In welcher Weise und unter welchen Bedingungen es möglich ist, Erkenntnis
über die Wirklichkeit zu erlangen und nach welchen Kritierien über die Geltung dieser
Erkenntnisse entschieden werden kann.

Methodologisch: Basierend auf ontologische und epistemologische Thesen, wie wir


wissenschaftliches Wissen über den zu untersuchenden Gegenstand gewinnen können.

„symptomale Lektüre“ (Althusser)

Im Zentrum von Poststrukturalismus und Critical Realism stehen aktuell zu lösende Probleme
und nicht die Möglichkeiten, die von rein quantitativen Methoden vorgegeben würden –
Jeder wissenschaftlicher Text als Verknüpfung verschiedener Problematiken zu sehen, die

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AutorInnen oft selbst nicht bewusst sind  vollständige Rekonstruktion nur möglich wenn auf
latente Problematik herausgearbeitet  symptomale Lektüre

Zur Methode der immanenten Kritik:

Immanente Kritik als Fortsetzung Rekonstruktion einer Problematik zu verstehen, zuerst eine
wissenschaftliche Reflexion und Auseinandersetzung von den konkurrierenden theoretischen
Ansätzen.

Reflexion führt zur Erarbeitung neuer Problematik (im CR wichtig Experimente)

Jaque Derrida hat wesentlich den Aspekt des Verfahrens der Dekonstruktion in der
immanenten Kritik erarbeitet. Begriffe einer spezifischen Problematik und ihr Verhältnis
werden dekonstruiere (BSP maskulinistische Konzeptionen von „öffentlich“ und „privat“).
Begriffe nie isoliert sondern immer steht innerhalb bestimmter „Problematik“ Bedeutung
erlangen. Kritische Reflexion kann zu neuen Positionen führen, neuer „kausaler“
Mechanismen.

Bedeutung Struktur-Handlungs-Frage für die POWI

Die Frage welche Status Strukturen zugeschrieben werden (virtuell/ real) welche
veränderbaren und Veränderungen initiierenden Kräfte und Eigenschaften AkteurInnen
zugeschrieben werden, wie die relative Autonomie und Eigendynamik sowohl von Struktur als
auch Handlung sowie deren Verhältnis gedacht wird

Zur Problematik des Critical Realism:

Critical Realism= Forschungstradition.

These des Critical Realism: dass das was wir beobachten können, das Resultat des komplexen
Zusammenspiels meist nicht direkt beobachtbarer Mechanismen und Tendenzen
gesellschaftlicher Strukturen (Staat, Geschlechter-, Produktionsverhältnisse) sind – im
Gegensatz zu hermeneutischen/poststrukturalistischen/ konstruktivistischen Ansätzen, sagt
CR dass diese Strukturen real sind. CR: Strukturen sind nicht von jeweiligen Forschenden
geschaffen/ konstruiert/ konstituiert, aber wir sind jedoch kollektiv und individuell in der Lage
Strukturen (partiell/graduell) zu verändern.

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Im CR versteht man unter Ursache dasjenige, dass für die Produktion einer Veränderung
verantwortlich, wie wirkungsmächtige Fähigkeiten und Kräfte, Verhältnisse von kollektiven
und individuellen Akteurinnen

Ursache bezieht sich auf reale ontologische Strukturen/ Kräfte oder Verhältnisse, welche
Ereignisse generieren (Dispositionen, Intentionen, Begehren, Gründe, Motive, Argumente von
AkteurInnen). Kausale Kräfte von AkteurInnen oder gesellschaftlichen Verhältnis sind
gesellschaftlich, kulturell und historisch produziert, dh: veränderbar.

Unterscheidung zwischen „Intransitivem“ und „Transitiven“. Ersteres produzieren


Erkenntnisse über eine historisch spezifische und veränderbare Realität

„stratifizierte Realität“ und „strukturierte Realität“

Realität als einerseits das, dass unmittelbar erfahren und beobachtbar sind, Ereignisse und
zweitens beobachtbaren Strukturen und Mechanismen, weiters, dass Strukturen eine
Eigenschaft der Wirklichkeit und nicht des Denkens sind. (Bei SOWI und NAWI)

CR: soziale Welt als komplexe, überdeterminierte Konfiguration von emergenten (nicht
aufeinander reduzierbaren) generativen Mechanismen, deren historisch/ sozial-räumliches
Zusammenspiel einen spezifischen Prozess oder ein bestimmtes Ereignis hervorbringt

Generative Mechanismen: Struktur eines Verhältnis/ Akteurs, aufgrund dessen es/er eine
bestimmte Fähigkeit/ Krajt hat. BSP: klassen-/geschlechtsspzifische Selektivität von
Staatsapparaten, Mechanismen sozialer Selektion des Bildungssystems..)

Im gesellschaftlichen System operieren Mechanismen immer in Verbindung anderer


generativer Mechanismen.

Aufgabe CR: diese Mechanismen zu analysieren, erklären von überdeterminierten,


verdichteten und widersprüchlichen Charakteristika, Ursachen und Tendenzen eines
bestimmten gesell. Phänomens (BSP neue Arbeitsverhältnisse, Internationalisierung des
Staates.)

CR: gesellschaftliche Phänomene sind immer relational zu begreifen (zu anderen gesell.
Phänomenen). Gegenstand: Verhältnisse, bzw. Verhältnisse von Verhältnissen

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Epistemische Realität (CR): wir erkennen stets mit historisch und kulturell spezifischen
sprachlichen Mittel. (wie bei POSTSTRUKTURALISMUS und KONSTRUKTURALIMUS). Aber
unterschiedliche Begründungsrealität: CR meint, dass es möglich sei (wissenschaftlich
begründet) zwischen besserer und schlechterer Theorien zu unterscheiden.

Zusammengefasst: CR charakterisiert als Verbindung von:

- Relationalem, nicht-empiristischem ontologischen Realismus


- Epistemischer Realtivität
- Begründungsrationalität

Kritisch-realisitsche Konzeptionen von Struktur und Handlungs-Verhältnis:

 Soziale Strukturen agieren nicht über den Köpfen/Körpern der Handelnden, sondern
sind ein Nexus der Verbindungen zwischen ihnen, sie wirken auf ihre Handlungen und
werden umgekehrt von ihnen beeinflusst.

Internen Verhältnisse: was einen Gegenstand ausmacht, vom Verhältnis zum anderen
abhängt (Unternehmer – Arbeitende, Lehrende Studierende) die Existenz des einen bzw
Veränderung setzt Existenz anderem notwendigerweise voraus.

Dh: Strukturen als sets von interenen Verhältnissen z.B.: Beziehungsgeflecht: EigentümerIn,
MieterInnen-PrivalteigentümerInnen- Miete- Gewinnerziehlung-

CR: gesellschaftliche Strukturen haben „unabhängig kausale Eigenschaften“ und als


Konfiguration spezifischer gesellschaftlicher Positionen den Handlungen der AkteurInnen
einen materiell wirksamen Rahmen vorgeben.

Dualität der Struktur mein für CR wichtige Unterscheidung von strukturelle Bedingungen und
menschliches Handeln, die analytisch unterscheidbar sind. Strukturen und Handlungen haben
je eigene Eigenschaften und Kräfte, nicht aufeinander reduzierbar, zugleich aber nicht zwei
verschiedene Bereiche, sie sind verwoben.

Dabei Beachtung Zeitfaktor: Handlungen setzen ein bereits existierendes Set von Strukturen
voraus, die Strukturen verdanken Existenz in einer vorausgegangenen Zeitspanne durch
Handlungen von AkteurInnen reproduziert und transformiert worden zu sein, die wiederum
durch Strukturen ermöglicht wurden  Transformationsmodell gesellschaftlichen Handelns:

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„Die Gesellschaft ist sowohl die ständig präsente Bedingung (materiale Ursache) als auch das
kontinuierliche reproduzierte Ergebnis menschlichen Handelns.“ (strategisch relationaler
Ansatz)

Zur Problematik des Poststrukturalismus von Ernest Laclau und Chantal Mouffee

Ihre Sozialontologie beruht auf den Axiomen der Zentralität von Bedeutungen für soziale
Praxisformen, Identitäten und Institutionen, sowie der radikalen ontologischen Kontingenz.
Soziale als anderer Name des Diskursiven. Außerdem wichtige Konzepte: soziale, politische
und „phantasmatische Logiken“, deren Verknüpfungen bzw. Artikulation das grundlegende
Erklärungsschema ihrer „poststrukturalistischen Ansatzes kritischer Erfahrung“ ist. (Logik von
Praxis umfasst Regeln/Grammatik dieser Praxis und Bedingungen die diese Praxis möglich als
auch verletzbar machen) (S. 18)

Zur Konzeption des Struktur – Handlungs- Verhältnis bei Laclau und Mouffe

Laclau/Mouffe: gesellschaftliche Struktur von Beginn an unvollständig bzw. unentscheidbar ist


bzw. unentscheidbar ist und Akteurinnen nicht vollständig determinieren können. --> von der
Struktur teilweise autonomen Akteurinnen können kontingente Entscheidungen machen. Sie
treffen diese Entscheidungen, indem sie mögliche Handlungsalternativen ausschließen und
damit unterdrücken. Konzeptionen von Subjektivität werden zurückgewiesen.

Zur wechselnden Kritik der beiden Problematiken:

B.Jessop (CR): Mouffe/Laclau in ontologischer Sicht als „empty realism“ zu bezeichnen – da sie
von einer realen Welt ausgehen, die unserem Denken äußerlich ist, aber gesellschaftliche
Strukturen als Abstraktionen versteht.

Dazu L&M: BSP Stein, könne nur innerhalb spezifischen diskursiven Konstellation Identität des
Objektes (unabhängig von seiner Existenz an sich) betrachtet werden

Funktionsweise Stein als Wurfgeschoss eindeutig (pragmatisch) diskursiv, es sind aber des
Steins inhärente Eigenschaften und Kraäfe auf Grund der er wissenschaftlich erklärt werden
kann, dass und weshalb er als Wurfgeschoss besser geeignet als Feder (CR – Kräfte!)

Vorwurf M&L : bei ihnen wären Praxen aussschließlich und nicht nur AUCH Bedeutungspraxen
– Reduktion des Untersuchungsfeldes der SOWI. Doch sie nehmen intrinsische

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Fähigkeiten/Eigenschaften von Subjekten an, wenn sie nicht völlig durch Strukturen
determinierte Entscheidungsfähigkeit der Individuen ausgehen (Autor).

Laclau: „soziale und politische Logik immer präsent in sozialer Realität – as there is never a
complete disappearance pf political practices, nor a complete politization in social relations
 Teilen Vertreter des CR mit Laclau!

Kritik an Laclau: ihn fehlen wesentliche Begriffe und und wissenschaftstheoretische


Argumente (welches Zusammenspiel Verhältnisse, Kontextualisierung Akteurinnen 
kollektiv, indivuduell)

Fazit: Die spezifische diskursivistische Ontologie des Sozialem (PostStruk) verhindert, nach
dem generativem Mechanismen von nicht rein diskursiven Strukturen, sowie deren
spezifische Wirksamkeit zu fragen.

Conclusio und Ausblick

Möglichkeit Kombination gegeben, wegen spezifischer ontologischer Prämisse, die eine


Überwindung von Naturalisierung, Essentialismus, Strukturalismus und Teleologie beinhalten,
eine tendenzielle Übereinstimmung beider Problematiken gibt.

Anschließend gibt der Autor Ausblick darüber wie man beide Ansätze kombinieren könnte.
BSP CR könnte profitieren mit Integration sprachtheoretischer Reflexionen beim Bestimmen
von Struktur oder Integration des Konzepts der phantastischen Logik in die CR, also wie
phantastische Elemente das Handeln der AkteurInnen mitbestimmen etc.

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