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Markus Groß Karl-Heinz Ohlig (Hg.

Die Entstehung
einer Weltreligion I

Mohammed -Geschichte oder Mythos?


Markus Groß 1 Karl-Heinz Ohlig (Hg.)

Die Entstehung
einer Weltreligion IV
Mohammed - Geschichte oder Mythos?

INARAH
Schriften zur fnihen Islamgeschichte und zum Koran
Band 8

Verlag Hans Schiler


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@ 2017 Verlag Hans Schiler BerlinITübingen


Erstausgabe
1. Auflage 2017
Umschlagabbildungen: Siehe Text auf Seite 901
Dmck: Standartu Spaustuve
Printed in Litauen

ISBN: 978-3-89930-100-7
Inhalt

DIEENTSTEHUNGEINER WELTRELIGION
IV
- GESCHICHTE
MOHAMMED ODER MYTHOS?

M. G ~ o ß , Vorwort ...............................................................................
7
K.-H. OHLIG
I. ZURVOR-UND FRUHGESCHICHTE
DES ISLAM

Zur mohammedanischen Frage - Aus einem Leben:


Dichtung und Wahrheit .................................................
17
Zum Einfluss des Judenchristentums auf Koran
und Islam - Einige Beobachtungen und Fragen.........7 1
Bemerkungen zum Judenchristentum,
Syrischer Theologie und der
Sinnhaftigkeit historischer Kategorien .........................99
(1) Über die Goldmünzen des Kreuzfahrer-
Königreichs von Jerusalem mit arabischen
Inschriften und der Nennung des Gesandten
Allahs („MHMD1')und des Beauftragten
Allahs ('Ali).............................................................
.I83
(2) Eine Bemerkung zur Herkunft des
Alexander-/ Du 1-Qarnayn-Materials
im koranischen Text (Sure 1833-102).................199
(1) Das Leben des Abü Muslim und die Lebens-
beschreibung des arabischen Propheten -
mit neuen Ansätzen fur das Verständnis
der islamischen Traditionsliteratur .......................207
(2) Der arabische Prophet als ein neuer Moses -
Anhaltspunkte aus der Frühzeit des islamischen
Kalenders..................................................................
297
Die frühesten außerislamischen Belege
für Mohammed, Muslim und Islam ............................
331
6 Inhalt

PESERVON Mu'äwiya, Herrscher der Gläubigen, aber


SIYERS welchen Glaubens?........................................................
379
CHRISTOPHER (1) Zwischen Dichtung und Wahrheit -
PLATO Beobachtungen an der islamischen
Traditionsliteratur ...................................................
403
(2) Schisma und Rückzug im Kontext -
Einige Anmerkungen zu den Harigiten
und den Mu'taziliten im frühen Islam ..................475
GILLES Das Glück bei Allah oder bei Khosrau? -
COURTIEU Prachtentfaltung wie bei einem persischen
Gastmahl in den Paradiesversen des Koran;
Übers. aus dem Französischen: Markus Grog .............499
JOHANNES Al-Andalus: Historiographie und Archäologie........ 547
THOMAS

II.Zti&lK0Pd.S LND SEINER SPRACHE


GENEVIEVE Jesus, auf ewig „von den Toten auferstanden"
GOBILLOT am 19 Nisan des göttlichen Kalenders
Übers. aus dem Französischen: Markus Groj3.............637
HANSJANSEN (T) Die historische Aussagekraft der
kanonischen Prophetenbiographie (Sira)..................689
SVENKALISCH Der qur'än als ein Dokument des Konsenses -
Ein Beitrag zur Funktion des qur'ün
bei der Entstehung des Islam.......................................
707
MOHAMMAD The Elephant Story in the Qur'än -
LAMSIAH Myth, History, or Both?................................................817
JEAN-JACQUES Analysis of the Koran Using Mathematical Code
WALTER Theory.............................................................................
851
111. Rezensionen und Würdigungen

JOHANNES Rezension: Das Goldene Tor (Philip Le Roy,


THOMAS La Porte du Messie, Paris 2014)..................................
885
GERD-R.PUIN Würdigung:
Über Günter Lüling und sein Werk ............................897
Würdigung: Über Günter Lüling und sein Werk

Gerd-R. Puin

Als unermüdlicher Kämpfer wird Günter Lüling im Gedächtnis derer blei-


ben, die ihm begegnet sind. Mit glühender Begeisterung für seine Entdeck-
ungen vermochte er andere anzustecken - der Verfasser dieser Zeilen er-
lebte dies selbst 1960, im Jahr seines Abiturs! Doch andere Orientalisten, die
meisten wohl, weigerten sich, von ihm an die Hand genommen zu werden
und sich durch die Gärten seiner stupenden Gelehrsamkeit fuhren zu lassen;
unter ihrer Ablehnung hat er zeit seines Lebens gelitten. Und wenn man
ihm schon nicht folgen wollte, weil er entscheidende Axiome des „M'issens"
über den Islam, den Koran in Frage stellte, so verstörte auch manchen sein
„prophetischer Gestus" (Stefan Wild), und sicherlich haben ihm auch seine
aus der Defensive verfassten wissenschaftshistorischen Ausflüge keine
Freunde unter den Granden des Fachs gemacht.
Im Rückblick auf die Tragik seines ~\~issenschaftlichen Lebens lasst sich
erkennen, dass seine Einsamkeit ihre Gründe hatte. Stets hat er sich als pro-
testantischen Theologen gesehen, als letzten Vertreter in der Reihe dogmen-
kritischer und liberaler Anti-Trinitarier, nach Adolf von Harnack (1851-
1930), Albert Schweitzer (1875-1965) und vor allem Martin Werner (1887-
1964), dessen Erkenntnisse er sich anschickte, auch im Koran nachzu-
weisen:
„Diese Untersuchung [d. h. seine Dissertation Über den Urkoran . .I
ist entstanden aus der seit etwa 1958 gehegten Absicht, das von LIar-
tin Werner in seiner Dogmengeschichte ... dargelegte wiederentdeik-
te Geschichtsbild mit Argumenten aus dem Qur'än zu bestätigen
und zu erweitern" (S. 15).
Bei einem solchen gewissermaßen ideologischen Ansatz t\.ar von Seiten der
herrschenden christlichen Theologie keine Lnterstützung zu erliarten, noch
dazu mit einer ins Detail gehenden Koraniorsihung. die außerhalb des
Spektrums dieses Fachs liegt; so war dort dlentallz von Interesse, dass Lü-
ling eine l7erbindung ztvisihen ihribt1iiht.r Strophendishtung und mehr als
einem Drittel des Korans herstellte.
Nicht weniger problematisch mussten seine Prämissen auf die Zunft der
islamwissenschaftlichen Philologen wirken, denn mit seiner umfassenden
„Koran-Archäologie" brach er mit dem Konsens der Arabisten des 20.
898 Gerd-R. Puin

Jahrhunderts, wonach der Koran das Gründungsdokument des (mehr oder


weniger) Klassischen Arabisch sei. Vielmehr nahm er an, wie schon seine
halbvergessenen Vorläufer Kar1 Vollers (1857-1909) und Rudolf Geyer
(1861-1925), dass der ursprüngliche Text des Korans ein umgangssprach-
liches Idiom wiedergibt.
Während sich fast alle philologisch orientierten Islamwissenschaftler nur
punktuell von den Vorgaben der arabischen Nationalgrammatiker und -
lexikographen und in der Folge auch ihrer Koranexegeten lösen konnten
(und können), führte der theologische Ausgangspunkt Lüling zu einem
nüchternen Blick auf den Korantext, unbeschwert vom muslimischen Dog-
ma der Unnachahmlichkeit und ihrer Epigonen, die auch in ihren Über-
setzungen die behauptete Schönheit des Originals auszudrücken versuch-
(t)en. Gerade die dunklen Stellen des vorliegenden Textes forderten Lüling
heraus und verlangten nach einem Sinn im Rahmen der christlichen Theo-
logiegeschichte. Dabei machte er sich die Eigenart der frühen handschrift-
lichen Überlieferung zunutze, nach der der „eigentliche" Text nur aus dem
unvokalisierten Konsonanten-Gerüst (rasm) bestand - ja, dass häufig nicht
einmal sicher war, um welchen Konsonanten es sich im Einzelfall handelte,
denn schon die Setzung der diakritischen Punkte war im Grunde ein exege-
tischer Akt und wird auch von der islamischen ii'berliefer~n~ nicht ver-
schwiegen. Mit dieser Erkenntnis hat er einerseits das islamische Dogma
von der ununterbrochenen mündlichen Überlieferung ad acta gelegt und
andererseits den XnstoL? zu einer Koranphilologie gegeben, in welcher die
sogenannten Lesarten, vor allem aber die Orthographie der frühen Hand-
schriften eine immer groGere Rolle spielen werden.
Die theologie-historische Prämisse und die „Öffnung" der polyvalenten
schriftlichen Überlieferung des Korans fuhrten Lüling zur spektakulären
Rekonstruktion altchristlicher Strophen im Koran (V. a. der Suren 101, 55,
77, 78, 74) - ein Weg, der auch textliche Lmstellungen und andere Eingriffe
beinhaltete. Die Rechtfertigung dafür bestehe darin, so Lüling, dass der zu
Grunde liegende christliche Test später unter islamischen Gesichtspunkten
umgestaltet worden sei, und dass es jenen zu rekonstrieren gelte.
Damit wird deutlich, dass mit solcher Kumulation von Annahmen Lü-
ling weit über die üblichen kleinen Schritte der Koranphilologie hinausge-
gangen ist, denn solange keine unmittelbaren Vorlagen des Korantextes auf-
tauchen, ist es wohl utopisch, einen ,,Ur-Rasm" zu rekonstruieren. Aller-
dings, sobald die Zeugnisse der ältesten Inschriften und Manuskripte unter
diesem Gesichtspunkt analysiert worden sind, wird sich erweisen, ob sich
Würdigung: Über Günter Lüling und sein Werk 899

ein erneuter Anlauf lohnt, die Frage nach dem Stammbaum der korani-
schen Theologie zu stellen. Man wird dann nicht umhin können, sich er-
neut mit der Fülle von Lülings Belegen, Argumenten und Assoziationen
auseinander zu setzen.
Auch wenn daher Lülings Rekonstruktionen in den Hintergrund treten
werden, ist die Annäherung an die von ihm thematisierte Ur-Polyvalenz des
Korantextes eine bleibende Herausforderung, auch für jene, die glauben, es
genüge, allein von den kanonischen „Lesarten1'Hilfe bei der Suche nach den
tieferen Schichten des Korans zu erwarten. Vielmehr ist nicht zu bestreiten,
dass ein wesentlicher Teil der „Lesarten1' auf die exegetische Ausdeutung
einer defektiv-schriftlichen Vorlage zurückzuführen ist.
Wie in seinem Hauptwerk Über den Urkoran (und dessen erweiterte
Übersetzung ins Englische A Challenge to Islam for Reformation) hat Lüling
auch auf anderen religions-historischen Feldern die Grenzen einzelner Dis-
ziplinen überschritten, so zu den Themen des archaischen Denkens, des
Höhenkults, der vor-jüdischen Spuren im Alten Testament und der Wir-
kung der Hebräer in Europa. L70n der Bedeutung seiner Forschung war er
so überzeugt, dass er sie in Beziehung zu den aktuellen religionspolitischen
Konflikten setzte:
„If such renewal [of Islam] is to take place, this must be initiated by
the West - by its own act of courageous theological self-criticism.
And the West is obliged to initiate the process of self-criticism be-
cause it is they who are destroying the natural environment. (...) To
be Sure, abandonment of the dogma of the trinity would nullify nine-
teen centuries of Christian dogmatic evolution. (...) Only from such a
basis would the West be in a position to contribute to Islam's casting
off of its own fourteen centuries of dogmatic encrustation." (G.
Lüling: "Preconditions for the Scholarly Criticism of the Koran and
Islam, With Some Autobiographical Remarks" in The Journal of
Higher Criticism, 3 [Spring 19961 73-109, p. 108)
Eine ferne Utopie, gewiss; in ihr spiegelt sich Lülings Selbs~erstandnis,zu
seinem Naturell gehörte aber auch, die Wirkung ~vissenschaftlicherEr-
kenntnis mit Humor zu relativieren.
GÜNTER LÜLING
25.Oktober1928 - 10. September 2014