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5.

Elementarisierung und
didaktische Rekonstruktion

„ 5.1 Was heißt „Elementarisieren“?


„ 5.1.1 Begriffe

Sachstruktur für den


Sachstruktur der Physik Unterricht

Elementarisierung
Rekonstruktion
(auch: didaktische Reduktion)

Kleine elementare
Sinneinheiten

Didaktische Rekonstruktion
Thomas Wilhelm Einführung in die Fachdidaktik I: Zielsetzungen und Inhalte WS 2006/07
5.1.1 Begriffe

„ Elementarisieren =
in Bestandteile zerlegen und vereinfachen
„ Ziel: kleinere Sinneinheiten

„ Erklärungsmuster besteht aus Reihe von Erklärungsgliedern


„ Das Erklärungsmuster ist eine didaktische Rekonstruktion

„ Es gibt verschiedene Elementarisierungen.

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5.1.2 Kriterien der Elementarisierung

„ Zunächst ein (sensibilisierendes) Beispiel:


“Was ist elektrische Spannung?“
… Spannung ist die Voltzahl auf einer Batterie,
… Spannung ist das, was man mit dem Voltmeter misst,
… Spannung ist die Kraft, die Elektronen im Leiter bewegt,
… Spannung ist die Ursache für Stromfluss
… Spannung ist Potentialdifferenz,
… Spannung ist Elektronen(dichte)unterschied,
… Spannung ist Arbeit pro Ladung,
… Spannung ist die zeitliche Änderung des magnetischen Flusses,
… Spannung kann man mit dem Wasserdruck vergleichen,
… Spannung U = ∫ E ds.

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5.1.2 Kriterien der Elementarisierung

„ Didaktische Rekonstruktionen sollen sein:


fachgerecht, schülergerecht, zielgerecht

„ 1. Fachgerecht = fachlich relevant


… Auch Modelle/Analogien sind zugelassen, die außerhalb ihres
Modellbereiches evtl. falsch sind.
… Gemeint ist auch: „fachlich erweiterbar“:
„ Schüler sollen nicht in jeder Jahrgangsstufe umlernen müssen
„ Grundlegende Bedeutungen bleiben erhalten
„ Begriffe werden evtl. später neu interpretiert, aber frühere Aussagen sind
nicht falsch.

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5.1.2 Kriterien der Elementarisierung

„ 2. Schülergerecht:
… Entwicklungspsychologische Aspekte sind zu berücksichtigen
… Vorwissen und Vorverständnis (fachlich richtiges und falsches) sind
zu berücksichtigen (siehe Kapitel 6. Präkonzepte)
… Didaktische Rekonstruktionen sollen anregend und attraktiv sein.
… Also: psychologisch und soziologisch angemessen

„ 3. Zielgerecht
… Da die Schulphysik andere Ziele als die Physik hat, kommt sie auch
zu anderen Sachstrukturen und anderen Sinneinheiten.
… Ziele entschieden, was intensiv bzw. oberflächlich bzw. nicht
behandelt wird.

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5.1.3 Arten der Elementarisierung

„ 1. Möglichkeiten in Physik und Physikdidaktik:


… Abstrahieren (von Details)
… Idealisieren (z.B. „Massepunkt“, „Lichtstrahl“)
… Symbolisieren (mathematische Zeichen, Skizzen)
… Theoretische Modelle entwickeln (z.B. Modell Lichtstrahl)
… Gegenständliche Modelle als Strukturmodelle bauen
(z.B. Gittermodelle von Kristallen, Strukturmodelle von Molekülen)
… Gegenständliche Modelle als Funktionsmodelle bauen
(z.B. Motormodelle)
… Analogien bilden (vertraute Kontexte nutzen)

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5.1.3 Arten der Elementarisierung

„ 2. Möglichkeiten für das Lehren von Physik:


… Beschränken auf das Phänomen (z.B. magnetische Phänomene
zeigen)
… Beschränken auf das Prinzip (z.B. „Eisenschiffe schwimmen dann,
wenn sie nicht mehr wiegen als das Wasser, das sie verdrängen.“)
… Beschränken auf das Qualitative (z.B. zwei gleiche Magnetpole stoßen
sich ab.
… Experimentell veranschaulichen (z.B. Brechung des Lichts in Wasser,
brownsche Molekularbewegung)
… Bildhaft veranschaulichen (z.B. Wirkung einer Sammellinse)
… Zerlegen in mehrere methodische Schritte (z.B. Elektromotor)
… Einbeziehen historischer Entwicklungsstufen (z.B. historische
Atommodelle, historische Messverfahren und Messanordnungen)

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5.1.4 Grundmuster der Elementarisierung

„ Gegen Komplexität: schrittweise Rekonstruktion


„ Beispiel von Wagenschein:
… Wenn ich die eingesperrte Luft zusammendrücke, dann geht das
immer schwerer.
„ Gut. Aber das „Ich“ muss heraus. Die Luft ist das Wesentliche.
… Je kleiner der Raum der Luft geworden ist, desto größer ihr Druck.
„ Diese Je-desto-Fassung genügt nicht. Die Physik will Zahlen sehen.
… Messungen ergeben eine Gesetzmäßigkeit: Wenn das Volumen des
Gases fünfmal kleiner geworden ist, dann ist der Druck fünfmal
größer geworden.
„ Allgemein: n-mal.
… Mathematische Formulierung: Das Produkt Druck mal Volumen
immer konstant, p · v = konstant
„ Damit ist inhaltlich nichts gewonnen. Wir haben uns nur einen
Rechenautomaten geschaffen, der uns die Worte abnimmt.

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5.1.4 Grundmuster der Elementarisierung

„ Im Bespiel sind vier Fassungen eines physikalischen


Gesetzes (= vier Stufen der didaktischen Rekonstruktion):
… Qualitativ
… Halbquantitativ
… Quantitativ sprachlich
… Quantitativ mathematisch

„ Diese vier methodischen Schritte bilden das


physikdidaktische Grundmuster der Elementarisierung

„ Nicht immer wird das Grundmuster vollständig und in dieser


Reihenfolge angewandt.

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5.1.4 Grundmuster der Elementarisierung

„ Auch Lerntheorien enthalten methodische Grundsätze

„ Lerntheorie von Bruner: Sachverhalte werden dargestellt:


… 1. enaktiv = experimentell handelnd
… 2. ikonisch = bildhaft
… 3. symbolisch = sprachlich und evtl. mathematisch

„ Das ist ein psychologisches Grundmuster der


Elementarisierung

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5.2 Elementarisierung in Beispielen

„ Wiederholung: Drei Aspekte der Elementarisierung


… 1. Aspekt der Vereinfachung
„ Anforderungsniveau an Schüler angepasst
„ Aus Lehrersicht: Vereinfachung des Inhalts

… 2. Aspekt der Bestimmung des Elementaren


„ Das Elementare ist das Allgemeine, die grundlegende Idee, das Gesetz,
das Prinzip, die tragende Wirkungsweise oder Zweckbestimmung.
„ Die Elementarisierung ist der Vorgang, der die Herausstellung dieser
grundlegende Idee oder den Kerngedanken zum Ziel hat.

… 3. Aspekt der Zerlegung in methodische Elemente


„ Elemente sind Unterrichtsschritte, die in einer gewissen Abfolge
unterrichtet werden.

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5.2.1 Elementarisierung als Vereinfachung

„ 1. Beispiel: Sprachliche Formulierung eines Gesetzes


… Aus Hochschullehrbuch: „An einem ausgedehnten, starren Körper
herrscht Gleichgewicht, wenn sowohl die resultierende aller auf ihn
einwirkender Kräfte als auch das resultierende Moment in Bezug auf
einen beliebigen Punkt null werden.“
… Bewertung:
„ „ausgedehnter Körper“ kann viele Gestalten haben.
„ für „beliebiger Punkt“ gibt es viele Möglichkeiten
„ „aller ... Kräfte“ ist nicht konkret.
„ Insgesamt: abstrakt, hohe Komplexität, viele Fachbegriffe
„ Für Schule nötig: Abstraktheit und Komplexität abbauen = Niveau
senken

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5.2.1 Elementarisierung als Vereinfachung

„ 2. Beispiel: Bildhaft-symbolische Darstellung einer


elektrischen Schaltung
… Aus Hochschullehrbuch:

… Bewertung:
„ Schaltung hat hohe Komplexität (zweistufiger Verstärker)
„ Für Schule nötig: Komplexität vermindern (z.B. einstufiger Verstärker)

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5.2.1 Elementarisierung als Vereinfachung

„ 3. Beispiel: Formal-mathematische Darstellung der


Definition eines physikalischen Begriffes G G
G ∆x dx
… Aus Hochschullehrbuch: „Geschwindigkeit: v := ∆lim
t →0 ∆t
= .“
dt
… Bewertung:
„ Sehr abstrakt und komplex, höchste Allgemeinheit
„ Mathematisch anspruchsvoll: infinitesimale Darstellung
„ Physikalisch anspruchsvoll: Idealisierung der Momentangeschwindigkeit
„ Übliche Vereinfachung in der Schule (nur historisch bedingt, ungünstig!!)
Reduktion auf eine Dimension: ∆x dx
v := lim =
∆t →0 ∆t dt
„ Didaktische Forschungsarbeiten zeigen, eine bessere Vereinfachung ist:
G
kein Grenzwert und Reduktion auf zwei Dimensionen: G ∆x
v :=
∆t
„ Für den Anfangsunterricht wird in beiden Fällen weiter reduziert und man
erhält in beiden Fällen: ∆x
v :=
∆t v :=
s
„ Wenn zusätzlich Start bei Null (ungünstige Vereinfachung!): t
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5.2.1 Elementarisierung als Vereinfachung

„ Elementarisierung: Verminderung der Abstraktheit und


Abbau der Komplexität
„ D.h. Rückführung zum Konkreten und Reduzieren der
Elemente
„ Eine konstruktive Aufgabe: ausdenken, entwickeln, erfinden
„ Vorgehensweisen zur Vereinfachung sind z.B.:
… 1. Rückführung auf das Qualitative
… 2. Vernachlässigung
… 3. Überführung in bildhaft-symbolische Darstellungen
„ Schema- oder Schnittzeichnungen, Graphen, Schaltbilder,
Analogiemodelle

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5.2.2 Elementarisierung
als Bestimmung des Elementaren

„ Das Elementare ist meist die allgemeine Gesetzmäßigkeit


„ Bei physikalischen Begriffen: Elementare = Idee
„ Bei technischen Geräten/Sachverhalten:
… Elementare = Physikalisch genutzte Gesetzmäßigkeit
… Elementare = konstruktiv-technische Idee
… Beispiel: Stromwendermotor (Gleichstrom)
„ Elementare aus Sicht der Physik: Kräfte
„ Elementare aus Sicht der Technik: Rotation und Kommutator
„ Möglichkeiten der Elementarisierung:
… 1.Generalisierung
… 2. Musterbeispiele
… 3.Frühere historische Entwicklungsstufen

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5.2.3 Elementarisierung
als Zerlegung in Elemente

„ Der Inhalt muss in Elemente zerlegt werden, die in eine


Abfolge gebracht werden, zur schrittweisen Aneignung des
Inhalts
„ Beispiel Kompressor-Kühlschrank
… Unter physikalischem Aspekt (Abkühlung beim Verdunsten):
„ 1. Aktualisieren von Vorerfahrung: Frieren bei nasser Haut
„ 2. Erweiterung: Flüssigkeiten mit stärkerem Abkühlungseffekt
„ 3. Beschleunigung durch Abpumpen des Dampfes
… Unter technischem Aspekt (Kühlmittelkreislauf):
„ 1. Verstärkung durch Absaugen des Dampfes
„ 2. Platz sparend aufbewahren durch Kompression
„ 3. Verflüssigung durch Abkühlung
„ 4. Rückführung zum Verdampfer über Ventil (Kapillare)

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5.3 Möglichkeiten der Vereinfachung

„ Nach den Beispielen nochmals Möglichkeiten der


Vereinfachung:

„ 1. Vereinfachung durch Experimente


„ 2. Vereinfachung durch ikonische Darstellungen
„ 3. Vereinfachung durch symbolische Darstellungen

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5.3.1 Vereinfachung durch Experimente

„ 1. Experimente demonstrieren charakteristische


Eigenschaften
… Beispiel: Reflexion, Brechung, Beugung
∆x
… Messgeräte können mathematische Operationen ersetzen v :=
∆t

„ 2. Experimente veranschaulichen Idealisierungen bei


Begriffen (z.B. v := lim ∆x )
∆t →0 ∆t

„ 3.Analogversuche illustrieren relevante Eigenschaften


(z.B. Mausefallenversuch)

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5.3.2 Vereinfachung durch ikonische
Darstellungen

„ 1. Abbilder (= Abbildungen)
… Zeigen Merkmale eines existierenden Objektes, die visuell
wahrnehmbar sind. D.h. sie zeigen das Aussehen von
Gegenständen.
… Beispiele: Fotographien, Zeichnungen, Gemälde,
Filme, Animationen.
… Teile werden weggelassen, andere betont.
… Fürs Lernen wichtig: Reduktion aufs Wesentliche,
Symboldarstellungen, z.B. Schaltskizze
(weniger wichtig: realitätsnahe Abbildungen)
… Auch Abläufe sind darstellbar.

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5.3.2 Vereinfachung durch ikonische
Darstellungen
„ 2. Logische Bilder
… Inhalt ist in der Realität nicht direkt beobachtbar.
… Sie benutzen eine bestimmte Kodierung
… Für qualitative Zusammenhänge:
„ Venn-Diagramme, Graphen aus Koten und Linien
„ Beispiel: Darstellung von Wirkungszusammenhänge
in graphischer Modellbildung
„ Beispiel: Feynman-Diagramm
… Für quantitative Zusammenhänge:
„ Liniendiagramme, Histogramme, Balken-, Säulen-,
Kreis-, Streu- und Isotypendiagramme
„ Beispiel für Symbol: Pfeil in Animation gibt Richtung und Betrag der
Geschwindigkeit an (dynamisch ikonische Repräsentation)

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5.3.2 Vereinfachung durch ikonische
Darstellungen

„ 3. Analoge Bilder (= bildliche Analogien)


… in äußerer Gestaltung wie Abbildungen
… zielen auf analoge Bedeutung
… versuchen, Zusammenhang zwischen vertrauten
Dingen und neuen Inhalten herzustellen
… verweisen auf nicht dargestellte Strukturen,
Relationen, Funktionen, Prozesse
… Beispiel: Größenverhältnis von Atomkern und
Atomhülle entspricht Kirsche und Fußballfeld
… Es gibt strukturelle Analogien
(z.B. Aufbau Atom - Aufbau Planetensystem)
und funktionale Analogie
(z.B. Elektronendrift als Bild für elektrischen Strom in Metallen)

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5.3.3 Vereinfachung durch symbolische
Darstellungen

„ Schriftzeichen verschiedener Alphabete, Symbole der


Mathematik, spezielle Zeichen in der theoretischen Physik,
z.B. „bra-ket“-Schreibweise
… Maximal informativ bei Minimum an Zeichen und Symbolen
„ Sehr wichtig: Darstellung physikalischer Größen durch
Pfeile (liegt zwischen ikonischer und symbolischer
Darstellung, eher ikonisch)
„ Ersetzen mathematischer Operationen durch geometrische
Konstruktionen:
… Vektorsumme bei Kräften und Bewegungen
… Skalarprodukt bei mechanischer Arbeit
… Weg als Fläche unter dem t-v-Graphen

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5.4 Elementarisieren durch Analogien

„ 1. Was sind Analogien?


… Analogien = Ähnlichkeiten bzw. Vergleich mit Bekanntem
… In der Wissenschaftsgeschichte zur Problemlösung verwendet (z.B.
Coulombgesetz aus Gravitationsgesetz; Ohm fand Gesetze über
strömende Elektrizität aus Analogie zur Wärmeleitung)
… Bei Lernschwierigkeiten als Lernhilfe herangezogen
… Analogien verwenden, heißt einen Umweg machen
… Ähnlichkeiten sind reflexiv und symmetrisch,
aber weder transitiv noch intransitiv
… Der analoge Bereich muss vertraut sein!
… Analogien sind eine problematische Lernhilfe
… Es ist umstritten, ob der Umgang mit Analogien mehr geübt werden
sollte.

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ 1. Der geschlossene Wasserkreislauf:

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre
Wasserkreislauf elektrischer Stromkreis
Wasserrohre Kabel
Pumpe Batterie (= Spannungsquelle)
Die Ursache des Stromes ist: Die Ursache des Stromes ist:
die Druckdifferenz: ∆p die Spannung: U = ∆ϕ
Sie wird gemessen mit einem Sie wird gemessen mit einem
Manometer (=Druckmesser) Voltmeter
Wasserstromstärke Elektrische Stromstärke
= Wasservolumen pro Zeit: I = ∆V/∆t = Ladung pro Zeit: I = ∆Q/∆t
Sie wird gemessen mit einem Sie wird gemessen mit einem
Wasserstrommessgerät Amperemeter
Die Wasserstromstärke wird begrenzt Die Elektrische Stromstärke wird begrenzt durch
durch den mechanischen Widerstand des den elektrischen Widerstand:
Wasserrades: I = ∆p/R I = U/R
Die Pumpe bewirkt nicht den Wasserfluss, Die Batterie bewirkt nicht den Stromfluss,
sondern eine Druckdifferenz. sondern eine Spannung (Potenzialdifferenz).
Die Turbine verbraucht kein Wasser, sondern Die Glühbirne verbraucht keinen Strom, sondern
entnimmt dem Kreislauf Energie entnimmt dem Stromkreis Energie
(die sie in elektrische Energie umwandelt). (die sie in Wärme und Licht umwandelt).

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ 2. Gravitationsanalogie

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

…
Gravitationsmodell elektrischer Stromkreis
Höhe des Wasserteilchens Potential des Elektrons
Gravitationsfeldstärke elektrische Feldstärke
Höhenunterschied der Elektronen Spannung = Potentialdifferenz
an der Pumpe an der Batterie

Höhenunterschied der Elektronen Spannung = Potentialdifferenz


an einem „Widerstand“ an einem Widerstand

… Also eine Analogie zur Veranschaulichung der Spannung.

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ 3. Fahrradkettenmodell

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

Fahrradkette elektrischer Stromkreis


Kettenglieder Elektronen
Gleichgewichts-Geschwindigkeit v konstante Stromstärke I

konstante Antriebskraft FAntrieb konstante Spannung U

Reibungskoeffizient γ Widerstand R
(der geschwindigkeitsabhängigen
Reibungskraft FReib =γ⋅v )
Die Geschwindigkeit wird begrenzt durch die Die elektrische Stromstärke wird begrenzt durch
geschwindigkeitsabhängige Gleitreibung: den elektrischen Widerstand:
v = FAntrieb / γ I=U/R
Leistung: P =F⋅v Leistung: P =U⋅I
Die Ursache der Bewegung ist: Die Ursache des Stromes ist:
die Antriebskraft: FAntrieb die Spannung: U
Der Bremsklotz verbraucht keine Kettenglieder, Die Glühbirne verbraucht keinen Strom, sondern
sondern entnimmt dem Kreislauf Energie entnimmt dem Stromkreis Energie
(die in Wärme umgewandelt wird). (die sie in Wärme und Licht umwandelt).

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ Sehr gutes Modell!!


… Gut gegen die Stromverbrauchsvorstellung!
… Im Gegensatz zum Modell des geschlossenen Wasserstromkreises
haben Schüler hier Vorerfahrungen!
… Teilchen-Analogien sind besser als Flüssigkeitsanalogien
… Reibungskraft ist aber in Wirklichkeit nicht gewindigkeitsabhängig.

„ Variante: Zuganalogie
… Ringförmig geschlossenes Schienenstück mit lauter aneinander
gekoppelten Waggons (auch erster Waggon an letzten Waggon
gekoppelt) ohne Lokomotive.
Am Bahnhof stehen Arbeiter, die dort den Zug mit konstanter Kraft
anschieben. Auf der Strecke stehen Hindernisse, die eine
(geschwindigkeitsabhängige) Bremskraft erzeugen.

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ 4. Energiehut-Modell

Aus Realschulphysikbuch „Geipel, Jäger, Reusch: Physik 9, C.C.Buchner“

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre
… Energiehut-Modell elektrischer Stromkreis
Laufweg Kabel
Männchen Ladungsträger / Elektronen
Männchenstromstärke Elektrische Stromstärke
= Männchenanzahl pro Zeit: I = ∆N/∆t = Ladung pro Zeit: I = ∆Q/∆t
Größe der Energiehüte Spannung = Umgewandelte elektrische
Energie pro Ladung: U = ∆E / Q
Arbeit = Männchenstromstärke mal Arbeit = Elektrische Stromstärke mal
Größe der Energiehüte Spannung
Das Gerät verbraucht keine Männchen, Das Gerät verbraucht keinen Strom,
sondern erhält von ihnen den Energiehut. sondern entnimmt dem Stromkreis Energie.

… Gut: Trennung von Ladung und Energie, Spannung und Stromstärke


… Gut: Umsetzung von „Spannung = Arbeit pro Ladung“
… Problem: Nicht die Elektronen sind die Träger der Energie, sondern
das elektrische Feld!
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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ 5. Wärmeleitungsanalogie

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre
… Wärmeleitungsanalogie elektrischer Stromkreis
Temperatur T Potential ϕ

Temperaturdifferenz ∆T Potentialdifferenz = Spannung ∆ϕ =U


Wärmepumpe Spannungsquelle

Wärmestromstärke I Stromstärke I
oder Wärmestromdichte j

thermischer Widerstand R elektrischer Widerstand R


(durch Wärmeisolierung)
Wärmestromdichte: Stromstärke:
j = ∆T / R I = ∆ϕ / R
Leck in der idealen Wärmeisolierung Zweig eines Stromkreises
Gesamtwiderstand einer Parallelschaltung ist kleiner Gesamtwiderstand einer Parallelschaltung ist kleiner als
als Einzelwiderstand Einzelwiderstand

… Modell für Gesamtwiderstand einer Parallelschaltung.


… Erfahrungen und Vorstellungen zur Wärmeleitung fehlen aber!!

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5.4.2 Analogien zur E-Lehre

„ 6. Elektronengasdruck-Modell

… Elektronen treten am Minuspol der Batterie im Überschuss auf und


erzeugen dort wegen ihrer elektrostatischen Abstoßung einen
Überdruck, während am positiven Pol durch die geringere
Elektronendichte auch ein geringerer Druck auftritt.

… Analogien:
Elektronengasdruckmodell elektrischer Stromkreis

Elektronendichte Potential

Differenz der Elektronendichten Spannung

bewegte Elektronen Strom

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5.4.3 Hinweise zu Analogien
„ Zu beachten:
… Die Verwendung von Analogien als Lernhilfen ist grundsätzlich
ambivalent.
… Analogien erklären nicht, sondern machen „nur“ einen Sachverhalt
verständlich.
… Analogien wirken eher individuell als global, weil nicht alle Schüler
eine bestimmte Analogie akzeptieren (Akzeptanzproblem).
… Schüler orientieren sich eher an Äußerlichkeiten der Analogie
(„Oberflächenstruktur“) als an physikalischen Gesetzmäßigkeiten
(„Tiefenstruktur“ der Analogie).
… Möglichkeit: Im Unterricht wird die „Tiefenstruktur“ (z.B. elektrischer
Stromkreis) zuerst thematisiert, dann durch die gespielte Analogie
illustriert.
… Eine Reflexion der Analogienutzung (Metakognition) im Unterricht ist
unbedingt notwendig.
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