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16 leben F R A N K F U R T E R A L L G E M E I N E S O N N TA G S Z E I T U N G , 2 5 . M Ä R Z 2 0 1 8 , N R .

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Von wegen betont

Ein Gentleman sportlich, künstlich


jugendlich: „Ich
finde, man sollte in
Würde altern.“
Foto Stefan Finger

im Brauhaus
Edler Zwirn, feine Slipper, markante
Knöpfe und rauher Charme: Das sind die
Markenzeichen von Peter Christoph. Denn
der Gastronom im Düsseldorfer Lokal
„Himmel & Ähd“ achtet nicht nur beim
Essen auf Details. Eine kleine Stilkunde.
Von Katharina Pfannkuch

S
chon von weitem ist auf der Düs- tes Tuch. „Ich trage immer irgendeine Ja- Sakko drapierter Armschiene. Fällt kurz
seldorfer Nordstraße die leuch- cke. Wenn ich mich an einen Tisch set- vor der Übertragung eines Fußballspiels
tend rote Markise des „Himmel ze, kann ich sie ja immer noch auszie- der Fernseher aus, klettert Christoph
& Ähd“ zu sehen. Neben dem na- hen“, erklärt er ganz pragmatisch. Den über Tische und Stühle, um das Gerät
mensgebenden Traditionsgericht aus Anblick von Männern in Hemden mit wieder in Gang zu bringen – im Dreitei-
Kartoffelpüree, gebratener Blutwurst kurzen Ärmeln verschmerze er zwar, tra- ler und auf königsblauen Samtslippern.
und Apfelmus stehen hier vor allem bo- gen würde er selbst sie aber nie, fügt er Darauf angesprochen, lacht er geschmei-
denständige Gerichte und natürlich Alt- entschieden hinzu. chelt auf. „Gute Schuhe sind ja auch
bier auf der Karte. Das in schlichtem Für seine eigene Garderobe gelten Re- wichtig! Ich trage nur Ledersohlen.
Schwarz gekleidete Personal bahnt sich geln, die er auch im Urlaub und an frei- Wenn ich ein wirklich gutes Paar finde,
den Weg durch das zu jeder Tageszeit en Tagen nicht bricht: Ohne Gürtel, kaufe ich auch gleich mehrere davon.
volle Lokal und tauscht mit schnellen Manschettenknöpfe und Einstecktuch Und an langen Tagen, zum Beispiel wäh-
Handgriffen leere Gläser gegen frischge- geht er nicht aus dem Haus, Marken-Lo- rend der Karnevalssaison, wechsele ich
zapftes Alt aus. Wenn Spiele von Fortu- gos sieht man an ihm ebenso wenig wie zwischendurch die Schuhe, manchmal
na Düsseldorf im Fernsehen übertragen laute Knallfarben: „Ich will ja nicht wie auch das Hemd.“
werden, herrscht im vorderen Teil dich- ein Papagei aussehen. In drei Monaten Weite Wege muss er dafür nicht zu-
tes Gedränge. Herbes Fußballkneipen- werde ich 70, da muss man ein bisschen rücklegen. Mit seiner heutigen Frau
Flair und Fans in Jogginghose und Ach- aufpassen, dass man es nicht übertreibt wohnt er im selben Haus, in dem sich
sel-Shirt sucht man hier dennoch verge- mit Mustern und Farben. Ich versuche, das Lokal befindet. Ihr Kleiderschrank
bens. Dafür sorgt ein Mann, der mit wa- auf zurückhaltende Weise aufzufallen.“ sei um einiges kleiner als sein eigener,
chem und manchmal auch strengem Diese Prämisse ist durchaus Ansichts- gesteht Christoph. Aber irgendwo müs-
Blick, aber immer im bis ins kleinste De- sache. Das wird spätestens klar, als er sei- sen die gut 40 Anzüge, 50 Paar Schuhe
tail durchdachten Outfit über das Lokal nen – natürlich zum Rest des heutigen und die unzähligen Krawatten, Einsteck-
wacht: Peter Christoph. Outfits passend in Blau gehaltenen – tücher und Manschettenknöpfe ja hin.
„Manche halten mich für arrogant, an- Gürtel zeigt. Den ziert eine große silber- An seinem großen Fundus lässt er auch
dere für bekloppt“, sagt er, um die Reak- ne Schnalle mit dem Peace-Zeichen. So andere teilhaben, leiht Freunden etwa
tionen auf seinen Kleidungsstil zu be- geht also Zurückhaltung à la Peter Chris- Krawatten und spendet regelmäßig aus-
schreiben. Der entspricht dank perfekt toph. „Den Gürtel sieht ja kaum jemand sortierte Stücke. Dass er Gästen oft
sitzender Dreiteiler, des nie fehlenden unter der Jacke“, sagt er und lacht. Min- über den Weg läuft, ist nur einer der
Einstecktuchs, Hemden mit Haifischkra- destens so wichtig wie die richtigen Ac- Gründe dafür, dass er seine eigenen vier
gen und polierter Lederschuhe eher dem cessoires ist ihm der Schnitt von Hosen. Wände niemals in einer Jogginghose ver-
Dresscode eines Sterne-Restaurants als Die müssen schmal geschnitten sein. lassen würde. Besitzt er so etwas über-
dem eines rheinländischen Brauhauses. Nicht ganz so extrem wie bei Hedi Slima- haupt? „Ja, aber die trage ich höchstens
Auch heute prüft Christoph im Sakko ne, sondern auf seine bewährte zurück- zum Frühstück.“
mit dezenten blauen Streifen über einem haltende Weise: „Die meisten Männer in Sich mit betont sportlicher Kleidung
strahlend weißen Hemd und mit farblich meinem Alter tragen ja eher weite, bolle- jugendlich geben zu wollen und damit
auf die blau-rot gemusterte Krawatte ab- rige Hosen, aber das ist nichts für mich.“ unbeabsichtigt das genaue Gegenteil zu
gestimmtem Tuch in der Brusttasche die Dass sein runder Geburtstag näher- bewirken, diesen Fehler macht er nicht.
Bestellungen am Tresen, begrüßt Stamm- rückt, sieht und merkt man Peter Chris- „Ich finde, man sollte in Würde altern.
gäste und rückt zwischendurch mit geüb- toph nicht an. Dabei hat er ein bewegtes Es gibt doch nichts Schlimmeres als
tem Griff die blauen Manschettenknöpfe Leben und eine lange Karriere in der Männer mit gelifteten Gesichtern und
zurecht. Gastronomie hinter sich. Deren Statio- gefärbten Haaren.“ Auch kurze Hosen
Details sind ihm wichtig: „Wenn in nen dürften sein Stilgefühl entscheidend sind Christophs Sache nicht. Es sei
meiner Jacke Blau auftaucht, muss auch geprägt haben: Nach einer Lehre zum denn, er sonnt sich am Strand. Den Weg
der Rest dazu passen. Mit einem schwar- Hotelkaufmann ging er mit 17 Jahren dorthin legt er aber selbstverständlich in
zen Gürtel oder einer Uhr mit schwar- von Ostwestfalen nach St. Moritz und ar- langen Hosen zurück. Die Garderobe sei-
zem Zifferblatt zu blauen Streifen auf beitete in einem Kurhaus, zu dessen Gäs- große Leidenschaft: „Einmal gewann ich Zunächst habe er diese Idee seltsam Dass sein akkurates Erscheinungsbild ner Mitmenschen betrachtet Christoph
dem Anzug könnte ich nicht das Haus ten auch Gunter Sachs und Aristoteles beim Fußball-Toto 3000 Mark. Die habe gefunden, erzählt Christoph. Doch das seiner bisweilen sehr direkten Art noch übrigens ganz entspannt. Jedenfalls, so-
verlassen. In dieser Hinsicht bin ich Onassis gehörten. Danach zog es ihn für ich natürlich umgehend in einer Düssel- Angebot war einfach zu verlockend und mehr Nachhall verleiht, weiß er. „Wenn lange sie sich an die wenigen Regeln hal-
schon etwas extrem“, gibt Christoph zu. einige Jahre als Steward auf See, bevor er dorfer Boutique ausgegeben.“ herausfordernd. Also nahm er an. Auch mich etwas stört, muss ich es einfach aus- ten, die es heute in Sachen Dresscode
Seine Umgebung nimmt solche Details unter anderem im Berliner Hilton Stati- Aus der Begeisterung einen Beruf zu als Brauhaus-Chef trat er von Anfang sprechen. Wahrscheinlich hatte ich des- überhaupt noch gibt. „Wenn abends im
auf den ersten Blick meist gar nicht on machte. An all diese feinen Adressen machen, lag nahe. In den späten siebzi- an in feinem Zwirn und mit strenger halb noch keinen Herzinfarkt“, sagt Hotel-Restaurant jemand in kurzen Ho-
wahr. Für ihn ist das Nebensache: „Ich begleitete ihn die Liebe zur Mode: „Das ger Jahren plante Christoph, mittlerwei- Miene auf. „Es schafft eine gewisse Christoph lachend. Manchmal sei seine sen auftaucht, lasse ich den Geschäftsfüh-
tue das für mich selbst, damit ich mich war schon immer mein Tick.“ le Inhaber von vier eigenen Lokalen in Distanz, aber vor allem Respekt. Das Ehrlichkeit jedoch auch ungewollt verlet- rer holen. Und ich glaube, so manch an-
wohlfühle.“ Erst dann sei das sichere Auf- Da traf es sich gut, dass seine erste Ehe- seiner ostwestfälischen Heimat, schon war gerade in der ersten Zeit wichtig, zend. „Das tut mir dann aber auch leid“, derer Gast ist auch froh, dass sich je-
treten möglich, mit dem er seit fast 14 frau beim finnischen Kult-Label Mari- den Ausstieg aus der Gastronomie und ei- denn so konnten wir ein Stammpub- sagt er. Das bestätigt einer der Kellner, mand traut, da etwas zu sagen.“
Jahren das „Himmel & Ähd“ leitet. mekko arbeitete und seine Begeisterung gene Modeboutiquen, als ein privater likum aufbauen, das für ein Brauhaus Köbes heißen sie hier, der gerade den In wenigen Tagen wird sich zeigen, ob
Dass er inmitten der eher leger geklei- für Mode teilte. „Wir fuhren mit dem Unglücksfall diese Pläne jäh durchkreuz- ungewöhnlich gemischt und jung ist.“ Tisch abräumt: „Dann setzt er einen Peter Christoph diese undankbare Aufga-
deten Gäste auffällt, ist ihm natürlich be- Auto Hunderte Kilometer bis nach Ham- te. Als viel zu junger Witwer und Vater Ungewöhnlich ist auch sein ganz eige- Hundeblick auf und bittet um Entschul- be wieder übernehmen muss. Dann steht
wusst. Vor allem im Sommer, wenn die burg-Pöseldorf, um dort bei Jil Sander zweier Kinder ging er nach Düsseldorf ner Stil eines Gentlemans der alten digung.“ Bei den Stammgästen jedenfalls nämlich sein nächster Urlaub an. Vorher
Herren am liebsten in kurzärmligen einzukaufen“, erinnert er sich mit verson- und machte sich dort als Geschäftsführer Schule, der weibliche Gäste auch schon kommt der stets elegant gekleidete Ge- gibt es noch einiges zu tun, sein wacher
Hemden, Polo- und T-Shirts auftauchen nenem Lächeln an die Zeit, als die Ent- gehobener Restaurants einen Namen. mal mit formvollendetem Handkuss be- schäftsführer gut an. Auch, weil er sich Blick wandert bereits durchs Lokal, dann
und er selbst trotz hoher Temperaturen würfe der heute als Designer-Ikone gel- Und dann stand eines Tages der Gastro- grüßt, nur einen Moment später eine zu für nichts zu fein ist. macht er sich wieder an die Arbeit – na-
nicht auf Sakko und geschlossene Schu- tenden Hamburgerin noch ausschließlich nom Ulrich Weise, sein heutiger Chef, laute Männerrunde zur Räson ruft und Als er sich im vergangenen Jahr an türlich nicht, ohne vorher noch schnell
he verzichten mag. Dann ersetzt er in deren eigener kleiner Boutique zu er- vor ihm und bot ihm an, ein neues Brau- dann schulterklopfend mit dem Nach- der Schulter verletzte, schmiss er den La- die Manschettenknöpfe zurechtgerückt
höchstens die Krawatte durch ein leich- gattern waren. Gute Kleidung war seine haus zu leiten: das „Himmel & Ähd“. bartisch scherzt. den wochenlang mit sorgsam über dem zu haben.