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Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft

Markus Steinbach Gutenberg-Universität Mainz

[Die fettgedruckten Abschnitte sind klausurrelevant]

Programm

1

Einführung

- Schematischer Überblick über die Linguistik

2

- Einige einführende Beispiele

3

- Grundfragen der Sprachwissenschaft

5

-

Das sprachliche Zeichen

7

Phonetik

9

Phonologie

11

Morphologie

13

Syntax

- Wortarten und Satzglieder

15

- Konstituententests, Satztypen und die topologischen Felder

17

- Phrasenstrukturgrammatik

19

- Die X-Bar-Theorie und die CP-VP-Struktur

21

- Erweiterung um IP und die CP-IP-VP-Struktur

24

Die CP-IP-VP-Struktur und die topologischen Felder Semantik

-

25

-

Intension/Extension, Referenz, Sinnrelationen

27

Komponentenanalyse, Prototypen und Polysemie Pragmatik

-

29

-

Sprechakte

31

-

Konversationelle Implikaturen

33

Literaturliste (grundlegende und weiterführende Literatur)

35

Seminarbegleitende Übungsaufgaben

- Phonetik/Phonologie

37

- Morphologie

38

- Syntax

39

- Semantik

43

Pragmatik Anhang

-

44

- Anhang A: Artikulationsorte und Artikulationsorgane

- Anhang B: Konsonanten und Vokale des Standarddeutschen

- Anhang C: Aspiration

- Anhang D: Phonetische Transkription

Markus Steinbach Deutsches Institut – Zi. 01-916 06131 – 39 – 25512 Sprechstunde: Do 12-13 und Fr 9-11 Uhr e-mail: steinbac@uni-mainz.de homepage: www.uni-mainz.de/~steinbac/

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

1

Programm (Das Programm kann von Semester zu Semester etwas variieren. Ein aktuelles Programm erhalten Sie zu Beginn des jeweiligen Seminars.)

Woche

Thema

[EGLI] = Meibauer, Jörg et al. (2002): Einführung in die

Pflichtlektüre

germanistische Linguistik. Stuttgart: Metzler.

[1]

Einführung 1:

Aufbau des Seminars, Grundfragen, Kerngebiete

[EGLI], Kapitel 1

[2]

Einführung 2:

Einführende Beispiele, Sprache und Grammatik

[EGLI], Kapitel 1, Kapitel 2.1

[3]

Phonetik:

Artikulatorische Phonetik

[EGLI], Kapitel 3.1 und 3.2

[4]

Phonologie 1:

Lineare Phonologie

[EGLI], Kapitel 3.3

[5]

Phonologie 2:

Silbenstruktur und Wortakzent

[EGLI], Kapitel 3.4

[6]

Morphologie 1:

Grundbegriffe: Morpheme, Lexeme, Wörter

[EGLI], Kapitel 2.1 und 2.4

[7]

Morphologie 2:

Flexion, Derivation, Komposition

[EGLI], Kapitel 2.3 und 2.6

[8]

Syntax 1:

Grundbegriffe, Wortarten, Satzglieder, Satztypen

[EGLI], Kapitel 4.1, 4.4 und 4.9

[9]

Syntax 2:

Konstituentenanalyse, das topologische Modell

[EGLI], Kapitel 4.2, 4.3 und 4.5

[10]

Syntax 3:

Phrasenstrukturgrammatik

[EGLI], Kapitel 4.6 bis 4.8

[11]

Semantik 1:

Intension/Extension, Referenz, Sinnrelationen

[EGLI], Kapitel 5.1, 5.2.1 und 5.2.2

[12]

Semantik 2:

Komponentenanalyse, Prototypen, Polysemie

[EGLI], Kapitel 5.2.3 bis 5.2.5

[13]

Pragmatik 1:

Konversationelle Implikaturen

[EGLI], Kapitel 6.3

[14]

Pragmatik 2:

Sprechakte

[EGLI], Kapitel 6.5 Klausurvorbereitung

[15]

Klausur

*** Vorlesungsende ***

[16]

Klausurbesprechung (in den Sprechstunden)

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

2

Schematischer Überblick über die Linguistik

Die moderne Linguistik kann in zwei Bereiche unterteilt werden: einen Kernbereich, der die fünf wesentlichen grammatischen Theoriebereiche Phonetik/Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Pragmatik umfasst, und in einen Bereich, in dem angrenzende, sich teilweise überschneidende Wissenschaften angesiedelt sind. Hierbei gilt es zu unterscheiden, unter welchen Gesichtspunkten die menschliche Sprache jeweils untersucht wird: Sprache lässt sich z.B. bzgl. ihrer Struktur, ihrer Funktion, ihrer Entstehung und Entwicklung (sowohl beim Spracherwerb beim einzelnen Menschen wie auch in ihrer historischen und evolutionären Entwicklung), ihres Gebrauchs oder ihrer biologischen Grundlagen untersuchen. Die Beschäftigung mit Sprache hat in den einzelnen Disziplinen natürlich unterschiedliche Motivationen und verfolgt unterschiedliche Ziele. Entsprechend werden auch unterschiedliche linguistische Aspekte in den Mittelpunkt der einzelnen Untersuchungen gestellt. Die Kernbereiche der Linguistik befassen sich primär mit der Struktur und dem Aufbau von Sprache(n). Eine Grammatik einer bestimmten Sprache (z.B. des Deutschen) hält u.a. fest, (i) welche Laute in einer Sprache existieren und nach welchen Regeln Wörter und Sätze ausgesprochen werden, (ii) welche Wortarten existieren, wie Wortformen und neue Wörter gebildet werden und (iii) wie aus einzelnen Wörtern komplexe Sätze gebildet werden. Zudem muss sie angeben, (iv) was die einzelnen Wörter bedeuten und wie sich die Bedeutung eines Satzes aus der Bedeutung seiner Bestandteile ergibt. Darüber hinaus sollte sie auch angeben, wie (v) wir in dieser Sprache bestimmte Sätze in einem bestimmten Kontext richtig gebrauchen. Ein wesentliches Ziel der modernen Grammatikforschung (Linguistik im engen Sinn) ist darüber hinaus die Erforschung von Eigenschaften, die allen menschlichen Sprachen gemeinsam sind (und somit die menschliche Sprachfähigkeit selbst charakterisieren). Dabei spielen natürlich auch Disziplinen wie die Neurolinguistik oder die vergleichende Sprachwissenschaft eine wichtige Rolle. Das folgende Schema bietet einen (vereinfachten und unvollständigen) Überblick über die moderne Linguistik und ihre Themengebiete:

Zu Phonetik:

Kernbereiche der Linguistik

 

Physik (Akustik) Biologie (Anatomie/ Motorik)

Zu Phonetik/

(i)

Phonetik/Phonologie

Phonologie:

Gebärdensprachen

(ii)

(iii)

Morphologie

Syntax

   
 

(iv)

Semantik

(v)

Pragmatik

Angrenzende Gebiete

Semiotik Sprachphilosophie Wissenschaftstheorie
Semiotik
Sprachphilosophie
Wissenschaftstheorie

Psycholinguistik

Neurolinguistik/Patholinguistik

Kognitionswissenschaft

Anthropologie

Künstliche Intelligenz Computerlinguistik Korpuslinguistik

Kommunikationswissenschaft

Textlinguistik

Diskursanalyse

Soziolinguistik

Historische Sprachwissenschaft Vergleichende Sprachw./Typologie Schriftsprache Dialektologie

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

3

Einige einführende Beispiele

Wortstellung: Das Deutsche ist eine Sprache, die eine relativ freie Anordnung der Satzglieder erlaubt:

(1)

a. Gestern haben die Eltern dem Kind ein Buch geschenkt

b. Die Eltern haben gestern dem Kind ein Buch geschenkt

c. Ein Buch haben die Eltern gestern dem Kind geschenkt

d. Ein Buch geschenkt haben die Eltern gestern dem Kind …

Trotzdem gibt es auch im Deutschen einige Beschränkungen, die nicht verletzt werden dürfen. Folgende Beispiele sind z.B. ungrammatisch, da sie eine der teilweise recht komplexen Regeln für die Wortstellung im Deutschen verletzen (der Stern * bedeutet, dass der folgende Satz im Deutschen nicht korrekt, d.h. nicht grammatisch, ist):

(2)

a. * Geschenkt ein Buch dem Kind gestern die Eltern haben

b. *Die Eltern geschenkt haben dem Kind gestern ein Buch

c. * Die Eltern haben geschenkt den Kindern ein Buch gestern …

Kongruenz 1: Im Deutschen kongruiert das Subjekt in Person und Numerus mit dem Verb. Das Merkmal Genus spielt im Deutschen keine Rolle für die Subjekt-Verb-Kongruenz (wohl aber für die Kongruenz von Nomen und Adjektiv – mehr dazu weiter unten):

(3)

a. Der Präsident schläft/*-en

vs.

die Präsidenten schlafen/*-t

b.

Ich schlafe/*-st

vs.

du schläfst/*-e

c.

Die Sonne scheint

und

der Mond scheint

Im Englischen kongruiert das Subjekt dagegen nur noch in der 3. P.SG. mit dem Verb:

(4)

the president sleeps

vs.

the presidents/I/you sleep/*-s

Daneben gibt es auch Sprachen, in denen zusätzlich zum Subjekt auch das Objekt mit dem Verb kongruiert. Ein Beispiel ist das Baskische:

(5)

n-

a-

rama-

zu

vs.

d-

a-

rama-

t

1.SG PRÄSENS

tragen

2.SG

3.SG PRÄSENS

tragen

1.SG

“Du trägst mich”

 

“Ich trage ihn”

 

Kongruenz 2: Innerhalb einer Nominalphrase kongruieren der Artikel, das Adjektiv (oder die Adjektive) und das Nomen in Numerus, Genus und Kasus:

Tisch = Maskulinum Nominativ Akkusativ Dativ Genitiv Wiese = Femininum Nominativ Akkusativ Dativ Genitiv Buch = Neutrum Nominativ Akkusativ Dativ Genitiv

Singular der schöne Tisch den schönen Tisch dem schönen Tisch des schönen Tisches Singular die schöne Wiese die schöne Wiese der schönen Wiese der schönen Wiese Singular das schöne Buch das schöne Buch dem schönen Buch des schönen Buches

Plural die schönen Tische die schönen Tische den schönen Tischen der schönen Tische Plural die schönen Wiesen die schönen Wiesen den schönen Wiesen der schönen Wiesen Plural die schönen Bücher die schönen Bücher den schönen Büchern der schönen Bücher

Die morphologische Form des Adjektivs hängt allerdings nicht nur vom Kopfnomen (Tisch, Wiese, Buch) ab, sondern auch vom Artikel: ein schöner Tisch vs. der schöne Tisch, ein schö- nes Buch vs. das schöne Buch oder schöne Bücher vs. die schönen Bücher. Hier müssen drei Fälle unterschieden werden: (i) in Nominalphrasen ohne Artikel (z.B. schöne Bücher gefallen mir) wird das Adjektiv stark dekliniert; (ii) Adjektive nach dem bestimmten Artikel werden dagegen schwach dekliniert (vgl. die Beispiele auf S.6); (iii) Zudem gibt es noch die gemischte Deklination, wenn das Adjektiv dem unbestimmten Artikel folgt (z.B. ein schönes Buch). Wortbildung: Nicht nur Sätze, sondern auch Wörter können in kleinere Bestandteile zerlegt werden. Im Deutschen lassen sich aus zwei (oder mehreren) eigenständigen Wörtern (prinzipiell beliebig viele) neue zusammengesetzte Wörter bilden (Komposition), z.B. Elch +

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

4

Test oder Feuer + Wehr + Auto. Zudem können neue Wörter mit sog. Affixen, die an den Wortstamm angehängt werden, aus schon vorhandenen Wörtern abgeleitet werden (Deri- vation): Fahr-er, Heiter-keit, be-trinken oder trink-bar. Beide Prozesse zusammen erlauben es, relativ komplexe Wörter zu bilden: Arbeit-s-los-ig-keit-s-be-kämpf-ung. Abgesehen davon können bestimmte Wortgruppen in Sätzen nur (korrekt) flektiert verwendet werden: du trink- st (nicht aber: *du trink) oder den schön-en Männer-n (nicht aber: * den schön-s Männer). Höflichkeitsformen: Höflichkeit und Respektsbekundungen werden in verschiedenen Sprachen auf recht unterschiedliche Art ausgedrückt. In vielen Sprachen sind die entsprechenden sprachlichen Formen direkter Bestandteil des grammatischen Systems (der Syntax und der Morphologie). Dies ist im folgenden beispielhaft an drei unterschiedlichen Sprachen illustriert:

1. Englisch: im Gegensatz zum Deutschen hat das Englische keine extra Pronomen zur Kennzeichnung einer höflichen Anrede. In allen Fällen wird das Pronomen you verwendet. Abgesehen davon macht das Englische auch keinen morphologischen Unterschied, ob eine oder mehrere Personen angesprochen werden.

2. Deutsch: zur Kennzeichnung einer höflichen Anrede werden im Deutschen statt der Pronomen der zweiten Person (du, ihr, …) die Pronomen der dritten Person Plural verwendet (sie, ihnen, …). Ist das Pronomen das Subjekt des Satzes, dann werden die Verben auch in der dritten Person Plural verwendet: Sie dürfen/*darfst sich gerne noch nehmen. Die Höflichkeitsform unterscheidet anders als die ‘persönlichen’ Anrede nicht zwischen Singular und Plural.

3. Koreanisch: in manchen asiatischen Sprachen findet sich eine ganz andere Art von sprachlich kodierter Höflichkeitsform. Das Koreanische hat z.B. bestimmte Morpheme, die verwendet werden um Respekt vor einer Person auszudrücken. Wird das nominale Affix nim an ein Nomen angefügt, dann bedeutet dies, dass die Person, die durch das Nomen bezeichnet wird, hoch angesehen ist. Handelt es sich dabei um das Subjekt des Satzes, dann muss zusätzlich dazu noch das Affix si an das Verb angefügt werden:

(6)

Kim sacang - nim

Kim Präsident-RESP-NOMINATIV

‘Präsident Kim kommt’ [Anmerkung: RESP = Affix, das Respekt markiert]

-i

o

-

si

-

ess

-

ta

kommt-RESP-VERGANGENHEIT-DEKLARATIV

Mehrdeutigkeiten: Mit manchen Wörtern können wir mehrere Dinge bezeichnen. Dabei müssen wir zwischen zufälligen und systematischen Mehrdeutigkeiten unterscheiden. In die erste Klasse gehören Begriffe wie Kiefer (Baum oder Knochen) oder Hamburger (amerikanisches Gericht oder Einwohner der Stadt Hamburg). In die zweite Klasse gehören Begriffe wie Kirche (Gebäude, Institution, Gottesdienst, …) oder Oper (Gebäude, Institution, Musikstück, Aufführung, …), deren unterschiedliche Bedeutungen einen gemeinsamen ‘Kern’ haben. Übersetzungsprobleme: Nicht jedem sprachlichen Ausdruck einer Sprache entspricht genau ein sprachlicher Ausdruck in einer anderen Sprache. Die folgenden Beispiele zeigen, dass in einer Sprache manchmal zwei Ausdrücke zur Bezeichnung von Dingen zur Verfügung stehen, für die andere Sprachen nur einen Ausdruck zur Verfügung haben.

Deutsch

Maus

Ratte

 

Finger

Zeh

Wasser

Englisch

mouse

rat

finger

toe

water

Japanisch

nezumi

 

yubi

mizu (kalt)

yu (warm)

Deutsch

Wald

Holz

Baum

Englisch

wood

tree

Japanisch

mori

ki

Gesagtes und Gemeintes: In vielen Fällen meint die Sprecherin nicht das, was sie wörtlich gesagt hat. Trotzdem hat der Hörer meist keine Probleme zu verstehen, was wirklich gemeint ist: Haben Sie eine Uhr? Wie viel Uhr ist es? Es zieht Bitte machen Sie das Fenster zu. Das war gar nicht so schlecht Ich fand es sehr gut! Nicht alle Männer sind Idioten Einige Männer sind Idioten

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

5

Grundfragen der Sprachwissenschaft

Sprache kann unter den unterschiedlichsten Aspekten untersucht werden und ist damit ein

Untersuchungsgegenstand, der in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen eine zentrale Rolle spielt (vgl. den schematischen Überblick auf S.2). In der Germanistik wird beispielsweise die deutsche Sprache analysiert und es werden Theorien ihrer Struktur, ihrer Entwicklung oder ihres Erwerbs entwickelt. Darüber hinaus stellt sich aber auch die viel allgemeinere Frage, was eine (menschliche) Sprache überhaupt ist. Diese Frage spielt letztlich auch bei der Analyse einer bestimmten Sprache (z.B. des Deutschen) in den einzelnen philologischen Disziplinen eine entscheidende Rolle. Eine Theorie über eine einzelne Sprache steht immer auch mit einer Theorie der (menschlichen) Sprache in einem wechselseitigen Zusammenhang. Folgende Gesichtspunkte spielen bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Sprache(n) eine entscheidende Rolle:

(a)

die Funktion der Sprache

(b)

die Struktur der Sprache

(c)

die physischen Grundlagen der Sprache

(d)

die Entwicklung im Individuum, also die ontogenetische Entwicklung der Sprache

(e)

die evolutionäre, also die phylogenetische Entwicklung der Sprache

Es ist sinnvoll, sich zunächst die Strukturen, den Erwerb und die Entwicklung von Sprache(n) anzuschauen, bevor man eine Antwort auf den sehr allgemeinen ersten Punkt (a) sucht. Für die Sprachwissenschaft stellen sich die folgenden vier Grundfragen:

(i)

Was heißt es, sprachliches Wissen zu besitzen, also über eine Sprachfähigkeit etwa im Gegensatz zu den Ausdrucksformen der Tiere zu verfügen?

(ii)

Was heißt es, ein spezielles sprachliches Wissen zu besitzen, also ein Wissen, das etwa als Kenntnis des Deutschen im Gegensatz zur Kenntnis des Englischen oder Italienischen bezeichnet werden kann?

(iii)

Wie wird sprachliches Wissen erworben?

(iv)

Wie wird das erworbene sprachliche Wissen verwendet?

Der zentrale Begriff der Sprachwissenschaft ist der Begriff der Grammatik im Sinne einer Theorie des sprachlichen Wissens. Dies bedeutet natürlich nicht, dass Sprache nicht auch unter weiteren Gesichtspunkten untersucht werden kann (Sprache und Politik, Sprache und Poetik, Sprache und Macht, …). Die originäre Aufgabe der Sprachwissenschaft ist allerdings die Analyse der Struktur, des Erwerbs und des Gebrauchs des sprachlichen Wissens. Im Studium der Germanistik steht zunächst einmal Frage (ii) im Mittelpunkt, d.h., es wird die Struktur des Deutschen (= b) untersucht. Trotzdem kann Frage (ii) letztlich nicht isoliert beantwortet werden. Wenn wir wissen möchten, was eine Sprache ist (in unserem Fall das Deutsche), müssen wir auch versuchen Antworten auf die Fragen (i), (iii) und (iv) zu finden. Damit ergibt sich das folgende Bild:

Universalgrammatik

Psycholinguistische Aspekte Neurolinguistische Aspekte Anthropologische Aspekte

Biologische Aspekte

Aspekte Anthropologische Aspekte Biologische Aspekte … Russisch Deutsch Bantu Grammatik Erwerb Geschichte
Russisch Deutsch Bantu Grammatik Erwerb Geschichte Varietäten …
Russisch
Deutsch
Bantu
Grammatik
Erwerb
Geschichte
Varietäten
…

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

6

Die Fähigkeit, die unserem Sprachgebrauch zugrunde liegt, wird sprachliche Kompetenz genannt. Ein kompetenter Sprecher einer bestimmten Sprache beherrscht die Regeln, die dieser Sprache zugrunde liegen und besitzt damit prinzipiell die Fähigkeit, beliebig viele und beliebig lange Sätze zu bilden. Davon unterscheiden müssen wir die Art und Weise, wie wir diese Fähigkeit tatsächlich gebrauchen. Letzteres wird als sprachliche Performanz bezeichnet. Bei der Beschreibung des sprachlichen Wissens wird vom Sprachgebrauch abstrahiert. Eine kompetente Sprecherin einer Sprache kann unter anderem

(a)

über die Identität zweier Äußerungen entscheiden

(b)

Ausdrücke korrekt segmentieren

(c)

die Grammatikalität eines Ausdruckes bewerten

(d)

die Bedeutungsgleichheit von Ausdrücken und die Ambiguität eines Ausdrucks feststellen

(e)

Grade der sprachlichen Abweichung unterscheiden

(f)

Typen sprachlicher Abweichungen unterscheiden

(g)

Unterschiede in den strukturellen Beziehungen innerhalb von Sätzen erkennen

(h)

grammatische Sätze in einem angemessenen Kontext richtig verwenden

Der letzte Punkt (h) wird allgemein zur pragmatischen Kompetenz gerechnet, die sich in vielfältiger Weise manifestiert. Hierbei handelt es sich also um die kompetente Verwendungsweise kompetent gebildeter Sätze. Das grammatische System ist modular organisiert und besteht aus verschiedenen weitgehend autonomen, interagierenden Teilsystemen, die die grammatische Kompetenz konstituieren:

- Das phonologische/phonetische System: Beherrschung der Lautregeln einer Sprache, die Fähigkeit, die lautliche Wohlgeformtheit und die Lautstruktur von Äußerungen einer Sprache intuitiv richtig beurteilen zu können.

- Das morphologische System: das Wissen, dass und wie aus bedeutungstragenden sprachlichen Einheiten (Morphemen) produktiv (neue) Wörter gebildet werden können.

- Das syntaktische System: das Wissen, wie aus Wörtern und Wortgruppen Sätze gebildet werden können; Intuitionen über die syntaktische Struktur von Sätzen sowie die Fähigkeit, Sätze intuitiv als grammatisch oder ungrammatisch beurteilen zu können.

- Das semantische System: die Fähigkeit, wie wir mithilfe von Wörtern und Sätzen Bedeutungen zum Ausdruck bringen; die Intuition, wie sich die Bedeutung von Sätzen aus ihren Bestandteilen ergibt und welche Bedeutungsrelationen zwischen Sätzen oder Satzteilen bestehen. Ein kompetenter Sprecher beherrscht (‘weiß’) die phonologischen, morphologischen, syntaktischen und semantischen Regeln seiner Grammatik, d.h. der Grammatik seiner Sprache. Die Beschreibung dieser Regeln durch die Sprachwissenschaft ist ein Modell der grammatischen Kompetenz. Der Begriff der Grammatik ist demnach zweideutig: zum einen steht er für das sprachliche Wissen eines kompetenten Sprechers, zum anderen ist damit die wissenschaftliche Beschreibung dieses Wissens gemeint. Die Grammatik einer Sprache besteht normalerweise aus den folgenden Komponenten:

(1) Ein Lexikon: hier wird jedes Wort einer Sprache zusammen mit den folgenden Informationen aufgeführt: (i) Angabe seiner Bedeutung, (ii) Angabe seiner Aussprache, (iii) Angabe seiner internen Struktur, (iv) Angabe seiner Wortart, (v) Angabe seiner Funktion bei der Bildung von Sätzen. (2) Eine phonologische Komponente: beschreibt das Lautinventar einer Sprache und die Art, wie die Laute in dieser Sprache kombiniert werden können. (3) Eine morphologische Komponente: beschreibt die Regeln, wie aus Morphemen Wörter oder aus Wörtern neue Wörter gebildet werden können. (4) Eine syntaktische Komponente: beschreibt die Regeln, wie die Wörter einer Sprache zu Wortgruppen und Sätzen kombiniert werden können. (5) Eine semantische Komponente: beschreibt, wie sich die Bedeutung eines Satzes aus der Bedeutung seiner Bestandteile und der speziellen Beziehung zwischen ihnen ergibt.

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7

Das sprachliche Zeichen

Zeichentypen: Zeichen stehen für etwas, d.h. sie verweisen auf etwas. Die Relationen zwischen Zeichen (z) und Bezeichnetem (b) kann von sehr unterschiedlicher Art sein:

1) Index: ‘z ist eine Folge von b’. Bsp: Rauch – Feuer, Lachen – Freude, Dialekt – regionale Herkunft. Die Folgebeziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem hat viel mit unserem Erfahrungswissen über die Beschaffenheit der Welt zu tun. Die Folgebeziehung beruht auf recht unterschiedlichem Wissen (über soziokulturelle Verhältnisse, naturkausale Verhältnisse, persönliche Verhältnisse) und ist mehr oder weniger eindeutig. Indexe sind vielfach zufällig und damit nicht absichtlich (intentional) gesetzt und unterscheiden sich in dieser Hinsicht von den beiden anderen Zeichenarten (Ikon und Symbol). 2) Ikon: ‘z ähnelt b’. Bsp: Piktogramme in öffentlichen Gebäuden, Computern etc. Die Interpretation von Ikonen beruht auf struktureller Ähnlichkeit und Wiedererkennen. Dies setzt sowohl Kenntnisse über das Aussehen (Klingen) des Bezeichneten wie auch über die Techniken der Abbildung voraus. Ikone können mehr oder weniger komplex sein und das ‘Lesen’ von Ikonen muss teilweise gelernt werden (z.B. Landkarten). In der Entwicklung der Schriftsysteme spielen ikonische Zeichen eine wesentliche Rolle. 3) Symbol: die Verbindung von z und b ist arbiträr. Bsp: die Wörter der menschlichen Sprache. Der Zusammenhang zwischen einem Symbol (z.B. dem Wort See) und seiner Bedeutung ist willkürlich. Die Bedeutung ist konventionalisiert und muss gelernt werden. Die Bedeutung von Symbolen ist allerdings nicht notwendigerweise eindeutiger als die von Indexen und Ikonen. In diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung in type und token wichtig. Jede aktuelle Verwendung eines Zeichens ist ein token. Diesen Verwendungen liegt aber (v.a. bei den Symbolen) jeweils ein ‘virtuelles’ Zeichen zugrunde, der type. Realisierte Zeichen (also tokens) sind immer eingebettet in einen sprachlichen und außersprachlichen Kontext, in dem sie ihre konkrete Bedeutung (bzw. Referenz) erfahren (so referiert z.B. das Wort ich je nach Kontext auf völlig verschiedene Personen).

Verbale

es

bekanntlich mit Symbolen zu tun) bietet sich eine Einteilung in verbale und nicht-verbale Zeichen an. Verbale Zeichen sind die originären Bestandteile der menschlichen Sprache. Allerdings spielen auch nicht-verbale Zeichen eine große Rolle bei der Kommunikation. Nicht-verbale Zeichen können wir zudem in paraverbale und nonverbale Zeichen unterteilen. Erstere manifestieren sich direkt im sprachlichen Ausdruck, sind aber selbst nicht sprachlicher Art (z.B. stimmliche Qualität, Schriftqualität). Letztere existieren völlig unabhängig von der Sprache, sind aber trotzdem wichtig für die Kommunikation (Mimik, Kleidung, Körperhaltung, Gestik).

Zeichen:

Aus

der

Perspektive

der

menschlichen

Sprache

(hier

haben

wir

Struktur des sprachlichen Zeichens: Sprachliche Zeichen haben eine ‘formale’ und eine

‘inhaltliche’

Seite:

die

Zeichenform

(auch:

signifiant,

Signifikant,

Lautbild)

und

der

Zeicheninhalt

(auch:

signifié.

Signifikat,

Konzept).

Beide

Teile

zusammen

bilden

ein

sprachliches Zeichen.

Zeicheninhalt Zeichenform
Zeicheninhalt
Zeichenform

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

8

Die beiden Seiten sind zwei aufeinander bezogene, wesentliche Bestandteile eines Zeichens. Allerdings sind beide Teile auch voneinander unabhängige Größen (und als solche auch unabhängig in unserem Gehirn ‘gespeichert’). Zudem sind nicht nur einzelne Wörter, sondern auch komplexere Einheiten wie Komposita, Idiome oder Satzteile Zeichen. Das Verhältnis zwischen Signifikant und Signifikat kann nach Saussure mit den folgenden drei Eigenschaften charakterisiert werden:

1) Arbitrarität: Wie oben schon erwähnt, ist die Beziehung zwischen Zeichenform und Zeicheninhalt willkürlich. Der Inhalt eines Zeichens ist nicht durch dessen Form bestimmt und die Form kann nicht aus dem Inhalt hergeleitet werden. 2) Konventionalität: Die Zuordnung von Zeichenform und Zeicheninhalt ist allerdings nicht völlig beliebig (und kann auch nicht ständig geändert werden). Vielmehr ist sie durch Konventionen festgeschrieben (durch erlernte sprachliche Regeln oder gesellschaftliche Normen) und dadurch auch relativ stabil. Dies ist, nebenbei bemerkt, auch eine wesentliche Voraussetzung für Kommunikation. 3) Assoziativität: Zeichen sind als komplexe Entitäten im Gedächtnis ‘gespeichert’. Die Verbindung zwischen den beiden unterschiedlichen Teilen eines Zeichens ist assoziativ. Assoziativität steht für die psychologische/neurologische Seite des Zeichenbegriffs.

Syntagma und Paradigma: Zeichen lassen sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten untersuchen, vergleichen, bestimmen und klassifizieren. Zwei wesentliche Analysemethoden sind:

1) Syntagmatisch: Charakterisierung eines sprachlichen Zeichens durch die Beziehung, die es innerhalb einer Verkettung von Zeichen (z.B. eines Satzes) zu den anderen Zeichen eingehen kann (z.B. syntaktische und semantische Beziehungen zu anderen Elementen). Syntagmen ermöglichen es, die Zugehörigkeit eines Zeichens zu einer bestimmten Klasse ähnlicher sprachlicher Zeichen zu bestimmen. 2) Paradigmatisch: Charakterisierung eines Zeichens, durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse ähnlicher Zeichen (Paradigma).

Langue und Parole (Kompetenz/Performanz): Bisher haben wir nur Aspekte des Sprachsys- tems (langue) betrachtet. Daneben ist aber auch der Gebrauch der Sprache (parole) ein wich- tiges Gebiet der Sprachwissenschaft. Wenn wir das Sprachsystem beschreiben, dann interes- sieren wir uns für die formalen Aspekte der Sprache und abstrahieren von den Sprecherinnen und Sprechern und dem aktuellen Gebrauch der Sprache. Ein ähnliches Begriffspaar ist Kompetenz und Performanz, wobei der Begriff Kompetenz sich nicht auf ein statisches, sondern auf ein dynamisches Sprachsystem bezieht (d.h. ein Regelsystem, das prinzipiell unendlich viele grammatisch korrekte Sätze erzeugen kann) und zudem auch die mentale Repräsentation und den Erwerb dieses Sprachsystems beim Menschen meint (vgl. S.7 und 8). Zusammenfassend können wir festhalten, dass sich Sprache u.a. nach den folgenden drei Gesichtspunkten untersuchen lässt (vgl. auch S. 32 und 33):

1) den formalen Eigenschaften von Ausdrücken: Sowohl der kleinsten Einheiten (Laute), als auch größerer, zusammengesetzter Einheiten (Wörter, Sätze und auch Texte). Dies ist der Gegenstand der Phonetik, Phonologie, Morphologie und Syntax 2) der Bedeutung von Ausdrücken: Parallel zu der formalen Seite ist hier ebenfalls die Bedeutung sowohl der kleinsten bedeutungstragenden Elemente (Morpheme) wie auch die Bedeutung komplexerer Einheiten (Wörter, Sätze, Texte, Gespräche) Ziel der Untersuchung). Dies ist der Gegenstand der Semantik (Wortsemantik, Satzsemantik, Diskurssemantik) 3) dem Gebrauch von Ausdrücken: Die Pragmatik interessiert sich für die systematischen Aspekte des Sprachgebrauchs, also die Regularitäten, die dem Sprachgebrauch zugrunde liegen. Inwieweit diese Teil der langue (oder Kompetenz), also des Sprachsystems selbst, oder Teil allgemeinerer kognitiven Fähigkeiten und gesellschaftlicher Konventionen sind, ist noch nicht endgültig geklärt.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

9

Phonetik

Warum klassifiziert man Laute? Eine Antwort auf diese Frage ist: Laute, die eine gewisse Ähnlichkeit in der Artikulation haben, spielen bei möglichen ‘Ausspracheregeln’ (lautlichen Regularitäten) eine entscheidende Rolle. Grewendorf/Hamm/Sternefeld (1987:48) geben folgende zwei Beispiele aus dem Englischen:

1.

Pluralbildung im Englischen:

(i)

Füge ein [s] an alle Wörter, die auf [p], [t], [k], [ T],

enden: caps, cats, sacks,

(ii)

Füge ein [z] an alle Wörter, die auf [b], [d], [g], [v],

enden: cabs, cads, bags

(iii)

Füge ein [´ z] an alle Wörter, die auf [s], [z], [ S],

enden: buses, causes, bushes

2.

Reguläre Vergangenheitsformen:

(i)

Füge ein [t] an alle Wörter, die auf [p], [k], [ T],

enden: reaped, peeked, unearthed,

(ii)

Füge ein [d] an alle Wörter, die auf [b], [g], [v], [m], named,

enden: grabbed, hugged, loved,

(iii)

Füge ein [´ d] an alle Wörter, die auf [t] oder [d],

enden: stated, clouded,

Eine allgemeine Regel für beide Prozesse könnte (informell) folgendermaßen formuliert werden: (i) Füge den passenden stimmlosen Laut an alle Wörter, die stimmlos enden und (ii) den passenden stimmhaften Laut an alle Wörter, die stimmhaft enden. (iii) Füge ein Schwa ein, wenn es zu einer Lautverdopplung kommt. Nach welchen Kriterien kann man Laute klassifizieren? Die Klassifikationskriterien bilden das zentrale Thema der Phonetik. Laute lassen sich im wesentlichen unter drei Gesichtspunkten untersuchen: (i) ihrer Produktion (artikulatorische Phonetik), (ii) ihren akustischen Eigenschaften (akustische Phonetik) und (iii) ihrer Wahrnehmung (auditive Phonetik). In dieser Einführung wollen wir uns auf die artikulatorische Phonetik (= i) konzentrieren. Die folgenden vier Kriterien sind für die Klassifikation von Lauten relevant. Artikulatorische Klassifikationskriterien (aus Perspektive des Luftstroms):

- nach dem Zustand der Stimmbänder stimmhafte vs. stimmlose Laute [±stimmhaft]

5 6 4 7 8 1 2 3 9 10
5
6
4
7
8
1
2
3
9
10

- nach dem Weg des Luftstroms (Mund oder Nase) nasale vs. orale Laute [±nasal]

- nach der Artikulationsstelle bzw. dem Artikulationsorgan (vgl. Abb. 1 ) Lippen, Zähne, Gaumen, Zäpfchen, Bilabiale, Labiodentale, Interdentale, Alveolare Palatoalveolare, Palatale, Velare, Uvulare, Pharyngale, Laryngale (Glottale)

- nach der Artikulationsart Grad der Behinderung des Luftstroms:

Verschlusslaute Affrikaten Frikative (Reibelaute) Liquide Gleitlaute (Halbvokale) Vokale

(Reibelaute) Liquide Gleitlaute (Halbvokale) Vokale Zum Schaubild : 1 bilabial (labium – Lippe); 2

Zum Schaubild: 1 bilabial (labium – Lippe); 2 labiodental (dentes – Zähne); 3 dental;

4

7

pharyngal (pharynx – Rachen); 10 laryngal (larynx – Kehlkopf) Außerdem: apikal (apex – Zungenspitze); koronal (corona – Zungenkranz);

dorsal (dorsum – Zungenrücken); glottal (glottis – Stimmritze)

9

alveolar (Alveolen – Zahntaschen); 5 palatoalveolar (palatum – Gaumen); 6 palatal;

velar (velum – Gaumensegel, weicher Gaumen); 8 uvular (uvula – Zäpfchen);

[vgl. Anhang A]

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

10

Da bei der Bildung von Vokalen keine orale Behinderung des Luftstroms stattfindet, sind sie immer stimmhaft und dauernd und im Deutschen zudem auch immer oral (also nicht nasal). Vokale lassen sich selbst wiederum unter folgenden Kriterien klassifizieren: (i) die vertikale Zungenbewegung (wie hoch wird die Zunge bewegt?), (ii) die horizontale Zungenbewegung (welcher Teil der Zunge wird angehoben?) und (iii) die Lippenrundung. Bei der Bildung von Vokalen kommt demnach der Zunge und den Lippen eine entscheidende Bedeutung zu. Für das Deutsche ergibt sich damit folgendes stark vereinfachtes Schema:

runde Vokale

siehe Anhang B: Konsonanten und Vokale des

Standarddeutschen für eine ausführlichere Darstellung der Vokale des Deutschen

vorne hinten hoch i ü u mittel e ö o niedrig ä a
vorne
hinten
hoch
i
ü
u
mittel
e
ö
o
niedrig
ä
a

Phonologische Merkmale: Die einzelnen Laute lassen sich nun nach ihren Artikulationseigenschaften klassifizieren und zu verschiedenen Gruppen zusammenfassen.

Die jeweiligen Symbole (in eckigen Klammern geschrieben, z.B. [p]) sind demnach nur Abkürzungen für eine Menge von phonologischen Merkmalen. Jeder Laut kann durch seine Merkmale genau bestimmt werden, die meistens phonetisch bestimmbar sind. [-dauernd] steht für die exklusive Eigenschaft von Verschlusslauten, den Luftstrom zu blockieren (vgl. unten). Nasale Laute blockieren den Luftstrom nicht, weil die Luft durch die Nase entweichen kann.

[p]

= [- stimmhaft, -nasal, +labial, -dauernd]

[b]

= [+ stimmhaft, -nasal, +labial, -dauernd]

[o]

= [+ stimmhaft, -nasal, +dauernd, + rund, - vorne, - hoch, - niedrig]

Anmerkung: Die Annahme von distinkten Einzellauten ist eine theoretische Abstraktion. Beim Sprechen lassen sich die einzelnen Laute nicht immer akustisch oder artikulatorisch eindeutig unterscheiden (das [p] an und für sich lässt sich nicht ‘messen’). Vokale unterscheiden sich grundlegend von Konsonanten. Bestimmte Merkmale spielen nur bei der Bestimmung von Vokalen eine Rolle, andere nur bei der von Konsonanten. Abgesehen davon unterscheiden sich die Kriterien in ihrer Qualität: das erste Kriterium des Zustandes der Stimmbänder unterteilt z.B. alle Laute in genau zwei Klassen, das letzte Kriterium der Artikulationsart ergibt ein Kontinuum von mehr oder weniger starker Behinderung des Luftstroms. Vor allem bei den beiden letzten Merkmalen (dem Artikulationsort und der Artikulationsart), die nicht zu einer Unterteilung aller Laute in genau zwei Klassen führen, stellt sich die Frage, ob nicht auch hier (zwei oder mehrere) größere Klassen gebildet werden können (die mehrere Teilklassen zusammenfassen, die sich in einer Hinsicht ähnlich verhalten und damit für phonologische Regeln relevant sind). Folgende sog. Oberklassenmerkmale wurden dafür u.a. vorgeschlagen:

- [±dauernd] – unterscheidet Plosive von allen anderen Lauten, vgl. oben.

- [± silbisch] – unterscheidet Vokale von allen anderen Lauten. In den meisten Sprachen bilden Vokale den ‘Silbengipfel’. Dieses Kriterium wird dem grundsätzlichen Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten beim Aufbau der Silbe gerecht.

- [±sonorant] – Sonorante Laute lassen den Luftstrom relativ ungehindert passieren. Damit können Vokale, Gleitlaute, Liquide und Nasale von Frikativen, Affrikaten und Verschlusslauten unterschieden werden. Dieses Kriterium fasst die verschiedenen Klassen des vierten Kriteriums (Artikulationsart) in zwei Oberklassen zusammen. [±sonorant] führt damit eine ‘Grenze’ ein, die alle darunter und darüber liegenden Laute in je eine Klasse fasst. Ähnliche ‘Grenzen’ wurden auch für das dritte Kriterium (Artikulationsort) vorgeschlagen, z.B. alle Laute die vor und hinter einem bestimmten Punkt im Mund gebildet werden, bilden eine Klasse. Die Grundidee ist, dass bestimmte Laute durch ihre Artikulations- eigenschaften natürliche Klassen bilden und dass bestimmte phonologische Regularitäten diese natürlichen Klassen betreffen. Natürliche Klassen können nur die Laute bilden, die ähnliche Artikulationseigenschaften haben (z.B. die Vokale, die Verschlusslaute etc.). Laute, für die eine Lautregel gilt, teilen sich demnach auch bestimmte Artikulationseigenschaften.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

11

Phonologie

Wie lässt sich eine eigene Grammatikkomponente ‘Phonologie’ motivieren? Könnte es nicht

sein, dass wir einfach für jedes Wort seine korrekte Aussprache extra lernen müssen? Grewendorf/Hamm/Sternefeld (1987) führen folgende Argumente als Motivation für die Phonologie an:

(1) Das Phänomen der systematischen Alternation, z.B. bei der Pluralbildung im Englischen (vgl. Arbeitsblatt Phonetik, Seite 1). (2) Systematische Lauterscheinungen wie z.B. die Aspiration von Verschlusslauten am Wortanfang im Deutschen:

Prost –falsch: [p]; richtig: [p h ] aber trank– falsch: [t]; richtig: [t h ] aber

Spiel – richtig: [sp]; falsch: [sp h ] Stahl – richtig: [st]; falsch: [st h ]

(3) Systematische Probleme beim Aussprechen einer fremden Sprache: franz. peuple – hier wird der wortinitiale Verschlusslaut nicht aspiriert – [pœpl] (Ähnliches gilt natürlich auch für lautübergreifende phonologische Prozesse wie Wort- und Satzakzente). (4) Versprecher illustrieren die Existenz lautlicher Regularitäten sehr schön. Betrachten Sie folgendes einfaches Beispiel: statt (Hans) Gasteiger (ein Eigenname) wurde (Hans) Astgeiger gesagt. Im zweiten Fall wird das a der ersten Silbe nicht mehr als [a] sondern als [?a] ausgesprochen (diese Regularität des Deutschen betrifft nur Vokale am Silbenanfang – [?] ist der glottale Verschlusslaut, auch Knacklaut genannt, der (nur) vor Vokalen am Wortanfang steht. Darüber hinaus betreffen Versprecher phonologisch definierte Einheiten wie z.B. den linken Rand einer Silbe.

Phone,

Morphologie) tragen Laute zwar keine eigene Bedeutung, sind aber

bedeutungsdifferenzierend. Diese Funktion trifft auf sehr viele aber nicht alle Laute des Deutschen zu. Es gibt einige wenige Laute, die nicht bedeutungsdifferenzierend sind. Ein Beispiel ist die unter (2) angeführte Aspiration. Im Deutschen gibt es – im Gegensatz zum

unterscheiden (im Thai

bedeutet [p h aa] stoßen und [paa] Wald). Bedeutungsdifferenzierte Laute werden mithilfe von Minimalpaaren ermittelt. Minimalpaare bestehen aus zwei Wörtern mit unterschiedlicher Bedeutung, die sich nur in einem Laut unterscheiden. (i) Bund – Band (ii) Spiel – Stiel (iii) Tisch – Fisch (iv) mein – dein (v) kopieren – kapieren Phoneme sind nun die kleinsten bedeutungsdifferenzierenden Einheiten. Wie in (ii) zu sehen ist, ist [p] im Deutschen ein Phonem. Phoneme sind abstrakte Entitäten, die durch ein (oder mehrere) Phone (konkrete Laute) realisiert werden können. Wird ein Phonem durch mehrere Phone realisiert, dann werden diese Allophone genannt. Dagegen ist [p h ] im Deutschen kein Phonem, da es niemals in derselben Umgebung vorkommt wie [p]: [p h ] steht für [p] am Wortanfang. Beide Laute haben im Deutschen eine komplementäre Distribution und ihre Verteilung kann damit durch eine Regel beschrieben werden. Den beiden Phonen [p] und [p h ] liegt im Deutschen nur ein Phonem [p] zugrunde. Die Realisierung der Phone wird durch phonologische Regeln beschrieben, die auf den jeweiligen Kontext Bezug nehmen.

Thai - keine zwei Wörter, die sich nur hinsichtlich [p

Arbeitsblatt

Phoneme

und

Allophone:

Im

Gegensatz

zu

Morphemen

(vgl.

]

und [p h

]

Phonologische

systematische

phonologische Prozesse beschreiben. Aus zugrundeliegenden abstrakten Repräsentationen (die aus Phonemen bestehen) werden konkrete phonetische Repräsentationen (die aus Phonen bestehen) abgeleitet. Ein typisches Beispiel ist die Auslautverhärtung. Im Deutschen wird ein Verschlusslaut (Plosiv) am Silbenende vor Morphem- oder Wortgrenzen immer stimmlos gesprochen. Dabei finden sich auch Alternationen von stimmhaften und stimmlosen Verschlusslauten, je nachdem, ob sie am Wortende stehen oder nicht. Dies ist im folgenden Beispiel illustriert:

Regeln:

Mithilfe

phonologischer

Regeln

lassen

sich

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

12

Hund [t] vs. Hunde [d] – am Silbenende wird ein stimmhafter Laut stimmlos:

[+ plosiv, + stimmhaft] [+ plosiv, – stimmhaft] / Die Annahme einer phonologischen Regel der Auslautverhärtung, die aus einer zugrundeliegenden Repräsentation mit einem stimmhaften Plosiv im entsprechenden Kontext eine phonetische Repräsentation mit einem stimmlosen Plosiv ableitet (also die Veränderung des phonetischen Merkmals [±stimmhaft]) hat mehrere Vorteile:

Silbenauslaut

(i)

Wir können erklären, warum es im Deutschen keine Wörter gibt, die mit stimmhaftem Plosiv enden. Ohne phonologische Regel würden wir aber die Existenz solcher Wörter erwarten.

(ii)

Wörter, die eine gemeinsame phonologische, morphologische und semantische Basis haben (wie z.B. Hund und Hunde) können auf eine einheitliche Form reduziert werden. Ohne phonologische Regel müssten wir zwei völlig verschiedene Formen [hunt] und [hund ´] annehmen und könnten die Gemeinsamkeiten schlecht erklären.

(iii)

Phonologische Regeln erleichtern den Spracherwerb. Ein Kind muss nicht bei jedem Wort von neuem lernen, dass es im Auslaut einen stimmlosen Verschlusslaut hat.

(iv)

Fremdsprachen: Muttersprachler tendieren dazu, die phonologischen Regeln ihrer

Muttersprache auch auf Fremdsprachen anzuwenden und müssen erst lernen, dass in anderen Sprachen teilweise andere phonologische Regeln gelten. Im Folgenden werden noch einige einfache Beispiele angegeben, die sich mithilfe von

phonologischen Regeln beschreiben lassen. (1) Schwa-Tilgung

Kippen:

[p ´n] [pn], ein Schwa kann im Deutschen im Auslaut getilgt werden

(2) Progressive Nasalassimilation

Kippen:

[pn] [pm] (nach Schwa-Tilgung, vgl. Regel 1), aus einem alveolaren Laut

Bitten:

wird ein bilabialer Laut [tn], das [n] ist schon assimiliert, da es an derselben Stelle wie das [t] gebildet

wird. Schicken: [kn] [k N] (nach Schwa-Tilgung) – aus dem alveolaren wird ein velarer Laut

(3) Regressive Nasalassimilation

[nk] [ Nk] - wie (2), nur in die andere Richtung, der erste passt sich dem

zweiten Laut an Die moderne Phonologie unterscheidet mehrere Repräsentationsebenen. Unterhalb der Laut- /Segmentebene findet sich die Merkmalsebene, auf der die Laute nach ihren artikulatorischen Eigenschaften charakterisiert werden (siehe dazu S.12 und 13). Mehrere Laute werden zu Silbenteilen wie Onset, Silbengipfel, Coda zusammengefasst und diese wiederum zu Silben. Silben bilden prosodische Wörter, die dann wiederum zu prosodischen Phrasen zusammengefasst werden können. Suprasegmentale phonologische Regularitäten gelten für Silben, prosodische Wörter oder noch größere Einheiten. Dazu gehören z.B. der Satz- und Wortakzent, die Intonation, oder der Sprechrhythmus. Der phonologische Aufbau des Wortes Schriftbild sieht folgendermaßen aus (unterhalb der Lautebene befindet sich dann die Ebene der phonetischen Merkmalsspezifikation – z.B. [±dauernd], [±stimmhaft], …)

Sinken:

(4)

Silbe

Ansatz Reim (Onset) Kern Koda
Ansatz
Reim
(Onset)
Kern
Koda
Silbe Ansatz Reim (Onset) Kern Koda
Silbe
Ansatz
Reim
(Onset)
Kern
Koda

C

C

V

C

C

C

V

C

C

S

r

I

f

t

b

I

l

t

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

13

Morphologie

Die Morphologie beschäftigt sich mit der internen Struktur von Wörtern. Die kleinsten (lautlichen) Einheiten, die eine Bedeutung oder eine grammatische Funktion haben, werden Morpheme genannt. Das flektierte Verb sag-te-st besteht z.B. aus drei Morphemen, die alle zur ‘Bedeutung’ beitragen: dem Verbstamm sag-, dem temporalen Affix –te und dem Kongruenzaffix für 2. Person Singular –st. Affixe werden auch gebundene Morpheme genannt, weil sie immer an einen Stamm angehängt werden müssen und nie selbständig auftreten können. Das Gegenteil von einem gebunden Morphem ist ein freies Morphem, das als eigenständige Wortform auftreten kann. Zudem unterscheiden sich die beiden Affixe –te und -st von ihrem Stamm sag- in einer weiteren Eigenschaft: die Affixe sind grammatische Morpheme. Der Stamm ist dagegen ein lexikalisches Morphem. Die Morphologie beschäftigt sich mit Wörtern. Was genau ist nun aber ein Wort? Schauen wir uns dazu einmal das folgende Beispiel aus Linke/Nussbaumer/Portmann (1996 3 :56) an:

(1) Wenn hinter Fliegen eine Fliege fliegt, fliegt eine Fliege Fliegen nach

In der Morphologie interessiert uns die Frage, aus wie vielen (verschiedenen) Wörtern dieser Satz besteht. Auf diese Frage gibt es vier unterschiedliche Antworten: 11, 7, 6 und 5.

(i)

11 Wörter: In diesem Fall haben wir die sog. tokens, d.h. jede einzelne Verwendung eines Wortes gezählt. Bei den anderen drei Antworten (ii)-(iv) haben wir dagegen sog. types gezählt. In diesem Fall abstrahieren wir von mehrfachen materiellen Realisierungen eines Wortes. In unserem Beispielsatz (1) kommt das Verb fliegen und der Artikel eine jeweils zweimal vor, das Nomen Fliege sogar viermal (zweimal im Singular als Fliege und zweimal im Plural als Fliegen).

(ii)

7 Wörter: In diesem Fall haben wir die Singularform Fliege und die Pluralform Fliegen als zwei verschiedene Wörter (types) gezählt, von den jeweiligen materiellen Realisierungen (den tokens) aber abstrahiert. Wir haben syntaktische Wörter gezählt. Bestimmte Wörter wie Verben, Nomen oder Adjektive können nur voll flektiert syntaktisch verwendet werden. Jede flektierte Form ist ein syntaktisches Wort.

(iii)

6 Wörter: In diesem Fall haben wir Lexeme gezählt, indem wir die Singular- und die Pluralform des Nomens Fliege zusammengefasst und als ein type nur einmal gezählt haben. Singular und Plural werden als zwei Realisierungen eines Lexems (in diesem Fall des Nomens Fliege) analysiert. Die einzelnen syntaktischen Verwendungen ein und desselben Lexems können unterschiedliche materielle Gestalt annehmen. Die erste Person Singular von fliegen ist z.B. fliege, die zweite Person Singular dagegen fliegst. Das Verb flieg- bildet aber mit allen seinen morphosyntaktischen Variationen fliege, fliegst, fliegen, flog, … ein einziges Lexem.

(iv)

5 Wörter: In diesem Fall haben wir zudem das Nomen Fliege und das Verb fliegen

zusammengefasst und damit Lexemverbände gezählt. Ein Lexemverband kann sehr komplex sein. Die verschiedenen Wortarten (Nomen, Verben, Adjektive, …) werden meist aber getrennt analysiert, auch wenn sie denselben Stamm enthalten. Die Unterschiede zwischen (i)–(iv) sind zusammenfassend im folgenden Schaubild illustriert:

(iv) Lexemverband

(iii) Lexem

(ii) Syntaktisches Wort

(i) token

 
  Nomen (sing.) Fliege

Nomen (sing.)

Fliege

 
  Nomen Nomen (plur.) Fliegen

Nomen

Nomen (plur.)

  Nomen Nomen (plur.) Fliegen

Fliegen

FLIEG

 

Fliegen

 
  Verb (1.p.sing.) fliege
  Verb (1.p.sing.) fliege

Verb (1.p.sing.)

fliege

 

Verb

Verb (2.p.sing.)

Verb (3.p.sing.)

  Verb Verb (2.p.sing.) Verb (3.p.sing.) fliegst fliegt

fliegst

fliegt

 

fliegt …

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

14

In der Morphologie werden im wesentlichen drei Bereiche unterschieden: (i) die Flexion, (ii) die Derivation und (iii) die Komposition.

(i)

Flexion (Beugung): Flexion ist die morphosyntaktische Ausdifferenzierung von Wörtern (Lexemen) durch Anhängen von Flexionsaffixen (FA) an einen (Wort-) Stamm. Bestimmte Wörter müssen flektiert (d.h. hinsichtlich bestimmter Merkmale wie Kasus, Numerus, Genus, Person oder Tempus morphologisch spezifiziert) werden, bevor sie syntaktische Verwendung finden können. Adjektive und Nomen werden dekliniert, Verben konjugiert. Das Subjekt muss z.B. in Numerus und Person mit dem Verb übereinstimmen (kongruieren). Zudem kongruiert das Subjekt mit seinem Artikel und möglichen Adjektiven in Kasus und Genus (vgl. Arbeitsblatt Einleitung 2). Verben sind dagegen auch für Tempus spezifiziert (spielen, spielte), wobei man hier noch zusätzlich zwischen schwachen (spielen) und starken (fliegen, flog) Formen unterscheiden muss.

(ii)

Derivation (Ableitung): Mit Derivationsaffixen (DA) wie be-, -keit, -er, -heit, … lassen sich aus bestehenden Wörtern neue ableiten. Manche DA wie –keit verändern die Wortart und machen z.B. aus einem Adjektiv ein Nomen. Andere DA wie be- tun dies nicht (be- wird z.B. an ein Verb angefügt, das Resultat ist wieder ein Verb).

(iii)

Komposition (Zusammensetzung): Bei der Komposition werden zwei selbständige

Wörter zusammengefügt. Die beiden Wörter können aber müssen nicht zur selben Wortart gehören (z.B. Apfel-baum = N+N, alkohol-süchtig = N+A). Das Zweitglied bestimmt die Wortart der Zusammensetzung (alkoholsüchtig ist ein Adjektiv). Flexion und Derivation verwenden beide den Mechanismus der Affigierung: in beiden Fällen wird ein Affix an einen (Wort-) Stamm angehängt. Bei der Komposition werden dagegen zwei selbständige Wörter zusammengefügt. Auf der anderen Seite ist das Ergebnis von Derivation und Komposition identisch: in beiden Fällen entsteht ein neues Lexem. Derivation und Komposition sind zwei Formen der Wortbildung. Im Gegensatz dazu erzeugt die Flexion keine neuen Lexeme, sondern morphosyntaktische Varianten eines Lexems (z.B. das Singular und das Plural Nomen Fliege bzw. Fliegen in Satz (1)). Die folgende Tabelle fasst die drei Bereiche der Morphologie noch einmal mit einigen Beispielen zusammen. Beispiel (2) ist ein typischer Analysebaum, der die interne Struktur eines komplexen Worts wiedergibt.

Funktion

Bildung von syn. Wörtern

Bildung von Lexemen

Typ

Flexion

Derivation

Komposition

Mittel

Affigierung

Zusammensetzung

(STAMM + AFFIX)

(STAMM + STAMM)

Beispiele

spiel-st

trink-bar

Haus-meister

Kind-er

be-trinken

hell-grün

Kind-er-n

Krank-heit

alkohol-süchtig

grün-e

Beobacht-er

Trink-becher

(2)

N

grün-e Beobacht-er Trink-becher (2) N N Stamm FA Suffix A Stamm DA Suffix en A Stamm
grün-e Beobacht-er Trink-becher (2) N N Stamm FA Suffix A Stamm DA Suffix en A Stamm
N Stamm FA Suffix A Stamm DA Suffix en A Stamm keit DA Präfix un
N Stamm
FA Suffix
A Stamm
DA Suffix
en
A Stamm keit
DA Präfix
un
V Stamm
DA Suffix
DA
bar
V Stamm
be
rechen

(5) mit dem FA -en wird die Pluralform Unberechenbarkeiten gebildet (4) das DA -keit macht aus einem Adjektiv ein entsprechendes Nomen (3) aus dem Präfix un- und dem Adjektiv berechenbar wird ein neues Adjektiv gebildet (2) aus diesem Verbstamm und dem DA -bar wird das Adjektiv berechenbar (1) aus einem Verbstamm und dem DA be- wird ein neues Verb

Anmerkung: un- und be- werden Präfixe und -bar, -keit und -en Suffixe genannt.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

15

Syntax 1: Wortarten und Satzglieder

Die kleinsten Beschreibungseinheiten von Sätzen sind die Wörter, die größte Beschreibungseinheit ist der Satz, wobei Sätze selbst wiederum aus mehreren Teilsätzen (Haupt- und Nebensätzen) bestehen können. Wörter werden zwar auch nach bestimmten Strukturregeln gebildet (hüpf-t-en, [un-[[frucht-bar]-keit]], [Haupt-[bahn-hof]], [Wetter-[[be- obacht]-er]]), diese sind aber Gegenstand der Morphologie. Grundlage der Syntax sind syntaktische Wörter, d.h. Wörter, die voll morphosyntaktisch spezifiziert sind (so wird Wetterbeobachter von der Syntax als ein Wort behandelt, ungeachtet seiner komplexen internen Struktur). Zwischen der maximalen Ebene des Satzes und der minimalen Ebene der Wörter gibt es aber noch zahlreiche Zwischenebenen, die syntaktisch relevant sind. Wörter können nicht in beliebiger Reihenfolge kombiniert werden.

ARTIKEL

ADJEKTIV

NOMEN

VERB

ARTIKEL

ADJEKTIV

NOMEN

Der

junge

Mann

schreibt

einen

langen

Roman

Der

alte

Junggeselle

sieht

eine

grüne

Wand

Die

 

Kinder

bemalen

   

sie

   

Peter

kann

kein

 

Schach

ADJEKTIV

ARTIKEL

VERB

NOMEN

NOMEN

ARTIKEL

ADJEKTIV

*junge

der

schreibt

Mann

Roman

einen

langen

*alte

der

sieht

Junggeselle

Wand

eine

grüne

*

die

bemalen

Kinder

sie

   

*

 

kann

Peter

Schach

kein

 

Für die Syntax stellen sich damit folgende drei Grundfragen:

(i)

Von welcher Art sind die miteinander kombinierten Teile?

(ii)

Welcher Art sind die Gesetzmäßigkeiten ihrer Kombination?

(iii)

Was ist ein Satz?

Der Werwolf (von Christian Morgenstern)

Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn: „Bitte beuge mich!“

Der Dorfschulmeister stieg herauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf, der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“, sprach der gute Mann, „des Weswolf, Genitiv sodann, dem Wemwolf, Dativ wie mans nennt, den Wenwolf, - damit hats ein End.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle er rollte seine Augenbälle „Indessen“, bat er, „füge doch zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!“

Der Dorfschulmeister aber musste gestehn, dass er von ihr nichts wusste. Zwar Wölfe gäbs in großer Schar, doch „Wer“ gäbs nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind – er hatte ja doch Weib und Kind!! Doch da er kein Gelehrter eben, so schied er dankend und ergeben.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

16

(1)

a. [ Der

grüne

Käfer

] [ denkt ]

[

oft

]

[ an

den

Sommer ]

b. [ Artikel Adjektiv Nomen ] [ Verb ]

 

[ Adverb ]

 

[Präposition Artikel Nomen ]

c. [ Subjekt ]

 

[ Prädikat ] [ Adv.Bestimmung ] [ Präpositional. Objekt]

(2)

- Nomen = {Haus, Auto, Japaner, Frühling,

 

}

-

Verben

einstellige Verben

= {lachen, schlafen, ankommen, erröten,

}

zweistellige Verben

= {trinken, vorlesen, betreten, sehen,

}

dreistellige Verben

= {geben, schenken, verkaufen,

 

}

- Adjektive = {grün, groß, skrupellos, falsch, schnell

 

}

- Adverbien = {oft, schnell, vielleicht, möglicherweise,

 

}

- Präpositionen = {auf, unter, zu, neben, an,

 

}

- Artikel = {der, die, das, ein, einer,

}

- weitere Wortarten: Pronomen, Konjunktionen, quantifizierende Ausdrücke

 

(3)

- Subjekt (Nominativsubjekt, unpersönliches Subjekt, Subjektsatz)

 

- Objekt (Akkusativ-, Genitiv-, Dativobjekt, Präpositionales Objekt, Objektsatz)

- Prädikat (Verb, Auxiliarkonstruktion, Prädikatsverband}

- Adverbiale Bestimmung {der Zeit, des Ortes, der Art und Weise,

- Attribute {Adjektiv, Genitivattribut, Relativsatz}

}

Es gibt kein eins-zu-eins-Verhältnis zwischen Wortarten und Satzgliedern. Ein Satz des Deutschen besteht in der Regel aus einem Subjekt und einem Prädikat. Je nach Verb gibt es auch noch ein oder mehrere Objekte. Adverbiale Bestimmungen und Attribute können frei hinzugefügt werden, sind aber nicht wesentlich für das grammatische Grundgerüst eines Satzes. Allerdings lassen sich nicht alle Wortarten beliebig kombinieren. Sätze sind bis in die kleinste Einheit (die Wörter) nach bestimmten Regeln strukturierte Gebilde. Artikel und Adjektive gehören z.B. zu Nomen, wobei Adjektive auch Teil des Prädikats sein können (z.B. Peter ist krank). Adverbiale Bestimmungen modifizieren entweder das Verb oder den ganzen Satz. Präpositionen verlangen meist ein Nomen (meist mit Artikel) in einem bestimmten Kasus (ich gehe in das Haus (Akkusativ) ich stehe in dem Haus (Dativ)). Man kann sagen, dass die Prinzipien, die den Aufbau eines wohlgeformten Satzes steuern von den einzelnen Wörtern abstrahieren. Sie erzeugen vielmehr ein allgemeines Grundgerüst, das dann mit einzelnen Wörtern ‘aufgefüllt’ werden kann (wenn wir Beispiel (1) umgekehrt lesen, also von (c) nach (a), dann stellt (c) das Grundgerüst des Satzes dar, (b) eine mögliche Realisierung auf der Ebene der Wortarten und (a) eine konkrete Realisierung mit Wörtern. (4) wäre eine andere:

(4) [ Die großen Verbrechen ] [ geschehen] [ selten] [ aus diesem Grund ]

Mirakel (von H. Heissenbüttel)

ein glatter zarter ganz unbehaarter und runder weißer halb kalt halb heißer herabgebeugter ein wenig feuchter und stramm gebückter

herausgedrückter unten gewölbter nach oben gekölbter birnengeformter und ungenormter zärtlich zu fassender kaum loszulassender doppelt geschweifter sanft ausgereifter geschwind kuranter

und eleganter bibbernd lebendiger ungemein wendiger matt aufglänzender in sich ergänzender ein ganz normaler und schön ovaler entzückend banaler Neandertaler

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

17

Syntax 2: Konstituententests, Satztypen und die topologischen Felder

Konstituententests

(1) Ersetzungsprobe: Wortfolgen, die sich füreinander ersetzen lassen, ohne dass sich an der Satzhaftigkeit (Grammatikalität) des Ganzen etwas ändert, sind möglicherweise Konstituenten:

Bsp.:

Die langen Winterabende Die Sommernächte Frühlingsmorgen Goethe und Kohl Alle

Die Sommernächte Frühlingsmorgen Goethe und Kohl Alle versetzen mich in Melancholie (2) Pronominalisierungstest :

versetzen mich in Melancholie

(2) Pronominalisierungstest: Was sich pronominalisieren lässt (d.h. worauf man sich mit einer ‘Proform’ beziehen kann), ist ein Konstituente:

Bsp.:

Ede und Caroline wohnen in der Mainaustraße. Sie haben ein Kind Tom will einen Pudding essen. Das will ich auch

(3) Fragetest: Wonach sich fragen lässt, ist eine Konstituente:

Bsp.:

Wer kommt heute zu Besuch? – Meine Mutter Womit rasierst du dich? – Mit dem Rasierer meines Vaters

(4) Koordinationstest: Was sich koordinieren lässt, ist eine Konstituente:

Bsp.:

Kohl und die langen Winterabende deprimieren mich Was magst du lieber, Ball spielen oder Bier trinken?

(5) Verschiebeprobe: Was verschoben werden kann, ist eine Konstituente:

Bsp.:

Gestern hat Peter seinem Lehrer den Aufsatz ins Fach gelegt Den Aufsatz hat Peter seinem Lehrer gestern ins Fach gelegt Peter hat gestern seinem Lehrer den Aufsatz ins Fach gelegt Den Aufsatz ins Fach gelegt hat Peter gestern seinem Lehrer

(6) Weglassprobe: In elliptischen Konstruktionen können nur Konstituenten weggelassen werden (was übrig bleibt muss hingegen keine Konstituente sein):

Bsp.:

Peter liebt seine Mutter aber Karl hasst seine Mutter Peter wohnt in Rom und Maria arbeitet in Rom

Anmerkung: die Konstituententests sind ein Hilfsmittel um Sätze in kleinere Einheiten (Konstituenten) zu zergliedern. Sie sagen aber einerseits noch nichts über die interne Struktur von Sätzen und komplexen Konstituenten aus. Andererseits führen sie nicht immer zu korrekten Ergebnissen. So ist z.B. die Ersetzungsprobe zu wenig restriktiv (vieles kann ersetzt werden ohne eine Konstituente zu sein: Ich stelle es auf den/unter den Tisch) und bei Koordination finden wir oft Ellipsen in den Konjunkten, vgl. (6), so dass der Koordinationstest nicht mehr angewandt werden kann.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

18

Satztypen und die topologischen Felder:

Im Deutschen variiert die Position des finiten Verbs, das an erster, zweiter oder letzter Stelle des Satzes stehen kann (die ‘zweite Stelle’ ist relativ zu bestimmen: es handelt sich um die Position nach der ersten Konstituente):

Verb-Erst (V1): Hat Peter den Film gesehen? Verb-Zweit (V2): Peter hat den Film gesehen Verb-Letzt (VL): Keiner weiß, dass Peter den Film gesehen hat Sätze im Deutschen lassen sich nun durch die möglichen Positionen des finiten Verbs in topologische Felder unterteilen. Der finite und infinite Teil des Verbs bilden in normalen Hauptsätzen eine verbale Klammer, die das Mittelfeld umspannt. - Die verbale Klammer vor dem Mittelfeld wird linke Satzklammer (LSK) genannt, die hinter dem Mittelfeld rechte Satzklammer (RSK). In der LSK steht das finite Verb in V1- und V2- Sätzen und die Konjunktion (Komplementierer) in VL-Sätzen. In der RSK steht das finite Verb in VL-Sätzen zusammen mit den nicht-finiten Verben – in diesem Fall ‘besetzt’ der Komplementierer die LSK. In V1- und V2-Sätzen stehen in der RSK die nicht-finiten Verben (und abtrennbare Teile von Verben, z.B. auf-bauen). Die RSK kann auch leer sein. - Im Mittelfeld können prinzipiell alle nicht-verbalen Teile eines Satzes stehen. Die Reihenfolge dieser Konstituenten untereinander wird durch komplexe Regeln gesteuert. - Den Bereich vor der LSK nennt man Vorfeld, den hinter der RSK entsprechend Nachfeld. Im Vorfeld steht genau eine Konstituente: z.B. das Subjekt oder Fragewörter. Es können aber auch Objekte oder Satzadverbien im Vorfeld stehen. In VL-Sätzen mit einer satzeinleitenden Konjunktion ist das Vorfeld leer. Im Nachfeld stehen meist Sätze (Komplementsätze oder Relativsätze). Diese Position muss nicht besetzt werden und ist demnach in vielen Sätzen leer.

Vorfeld

LSK

Mittelfeld

RSK

Nachfeld

     

Verberstsätze (V1-Sätze)

     
 

Ruhe!

     

Hat

Peter

geschlafen?

     

Verbzweitsätze (V2-Sätze)

     

Peter

schläft

     

Das Kind

liest

heute ein Buch ? das Kind das Buch auf den Tisch die Kinder nie mit der Tatsache

Dieses Buch

hat

gelesen,

als es krank war

Maria

hat

gelegt

Der Kanzler

wird

konfrontieren,

dass die Renten nicht sicher sind dass er Zimmermann ist

Maria

wusste

schon immer,

Was

hat

das Kind

gelesen?

 
     

Verbletztsätze (V-letzt-Sätze)

     

…,

dass

das Kind ein Buch der Reporter die Geschichte die Zeitung die Geschichte der Reporter

gelesen hat

 

…,

ob

erzählt hat?

…,

weil

veröffentlichte,

die der Reporter schrieb

…,

die

schrieb

Anmerkungen zum Schema:

(i)

Der Unterschied zwischen Haupt- und Nebensätzen kann nicht auf die Verbstellungstypen zurückgeführt werden. Sowohl in Hauptsätzen wie auch in Nebensätzen gibt es V1, V2 und VL.

(ii)

Es gibt keine eindeutige Zuordnung zwischen Form und Funktion. Fragen sind z.B. mit V1, V2 und VL möglich.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

19

Syntax 3: Phrasenstrukturgrammatik

Grundlagen: Sätze sind nicht nur linear organisiert (d.h. eine Aneinanderreihung von Wörtern und Konstituenten), sie haben auch eine hierarchische Struktur. Wörter können zu Satzteilen unterschiedlicher Funktion zusammengefasst werden. Sätze bestehen wiederum aus verschiedenen (obligatorischen oder optionalen) Satzteilen. Diese hierarchische Struktur wird meist in Form von Baumdiagrammen oder mithilfe von indizierten Klammern dargestellt:

(1)

S = Satz

VP = Verbalphrase NP V NP OBJEKT = Nominalphrase SUBJEKT
VP = Verbalphrase
NP
V
NP OBJEKT = Nominalphrase
SUBJEKT

[ S [ NP Maria]

[ VP [ V sieht] [ NP [ Art den] [ N Film]]]]

Die hierarchische Struktur von Sätzen wird mithilfe von Phrasenstrukturregeln erzeugt. Die einzelnen Phrasen haben einen unterschiedlichen internen Aufbau. Eine NP besteht meist aus einem N + Artikel und eine VP mit einem transitiven Verb wie sehen z.B. aus V + NP. Eine Phrasenstrukturgrammatik (PS-Grammatik) beschreibt demnach die zugrunde-liegenden strukturellen Eigenschaften von Sätzen. Ein Hauptsatz des Deutschen besteht z.B. aus einem Subjekt (NP) und einer Verbalphrase (VP). Die Verbalphrase besteht wiederum aus einem Verb und seinen Argumenten, in Bsp. (1) dem direkten Objekt das Bier. PS-Grammatiken bestehen aus lexikalischen und kategorialen Regeln. Erstere beschreiben, zu welcher Kategorie ein bestimmtes Wort (ein lexikalischer Ausdruck) gehört. Letztere beschreiben, wie diese Kategorien zu Satzteilen (Konstituenten) und Sätzen zusammengefasst werden können (siehe auch die Anmerkungen zum Unterschied zwischen Wortarten und Satzgliedern/-teilen auf dem Arbeitsblatt Syntax 1).

(2)

Lexikonregeln:

ART

N

ADJ

V ST

Präs

Prät

Kategoriale Regeln:

S

NP

(3)

S

(2) Lexikonregeln: ART N ADJ V S T Präs Prät Kategoriale Regeln: S NP (3) S
(2) Lexikonregeln: ART N ADJ V S T Präs Prät Kategoriale Regeln: S NP (3) S

{das, jedes}

{Kind, Tier, Institut, Buch, Mädchen}

{müde, unmögliche, germanistische, schmale} {hass-, putz-, besuch-}

{-t}

{-te}

V

(ART = Artikel)

NP

VP

VP

NP

ART

(ADJ)

N

V

T

V ST

T

{Präs, Prät}

NP

NP VP VP NP ART (ADJ) N V T V S T T {Präs, Prät} NP

VP NP VP VP NP ART (ADJ) N V T V S T T {Präs, Prät} NP

NP VP VP NP ART (ADJ) N V T V S T T {Präs, Prät} NP

ART

ADJ

N

V

NP

 
V S T T
V S T T

V ST T

ART
ART

ART

Das

müde Mädchen

hass

t

das

N

Buch

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

20

Erweiterungen der PS-Grammatik: Wenn Wörter zu Phrasen zusammengefügt werden (z.B. N, ADJ und ART zu NP), müssen meistens noch zusätzliche morphosyntaktische Eigenschaften innerhalb einer Phrase erfüllt werden. Ein Nomen im Dativ kann nur mit einem Artikel im Dativ verbunden werden (den Kindern und nicht *die Kindern). Ein maskulines Nomen kann nur mit einem Artikel und Adjektiv im Maskulin eine grammatische NP bilden (ein schöner Mann und nicht *eine schöne Mann). Zudem verlangen Plural-Nomen auch Artikel und Adjektive im Plural (die neuen Autos und nicht *das neue Autos). Dementsprech- end müssen die kategorialen PS-Regeln um Kasus, Numerus und Genus erweitert werden:

(4)

Erweiterte kategoriale Regeln (NP):

NP PL

ART PL

(ADJ PL ) N PL

usw.

ART DAT (ADJ DAT ) N DAT ART FEM (ADJ FEM ) N FEM ( PL = Plural, DAT = Dativ, FEM = Feminin)

Neben diesen NP-spezifischen Erweiterungen gibt es auch Erweiterungen, die die VP betreffen. Zum einen werden Verben konjugiert und stimmen in Person und Numerus mit dem Subjekt des Satzes überein (die kleinen Kinder lachen und nicht *die kleinen Kinder lacht). Zum anderen hängt die interne Struktur der VP vom jeweiligen Verb ab (Hans lacht und nicht *Hans lacht den Ball aber Maria besucht ihre Mutter und nicht *Maria besucht). Wie viele Objekte ein Verb benötigt und von welcher Art die Objekte sein müssen (NP AKK oder NP DATIV , PP oder S), hängt von den Subkategorisierungseigenschaften des Verbs ab.

(5)

NP DAT

NP FEM

usw.

usw.

Erweiterte kategoriale Regeln (VP):

S

NP 1.P SG

VP 1.P SG

usw.

VP

VP

INTRANSITIV

TRANSITIV

V

V

INTRANSITIV

TRANSITIV

NP

usw.

)

Probleme von PS-Grammatiken: es finden sich schnell zahlreiche Schwächen unserer kleinen PS-Grammatik in (2):

- Unsere kleine PS-Grammatik hat natürlich ein zu kleines Lexikon

- Daneben fehlen ihr z.B. intransitive Verben wie schlafen und die entsprechende kategoriale Regel VP V I . Dasselbe gilt auch für dreistellige Verben wie z.B. geben

- Es fehlen ihr auch zahlreiche Wortarten mit den entsprechenden kategorialen Regeln (z.B. Adverbien oder Präpositionen mit der Regel Präpositionalphrasen, PP P NP)

- Unsere PS-Grammatik kann nur einfache Hauptsätze ableiten, aber z.B. keine Nebensätze.

Neben diesen speziellen Problemen, die sich teilweise durch entsprechende Erweiterungen und Modifikationen beheben lassen, gibt es aber auch noch grundsätzlichere Probleme:

Die lexikalischen Regeln müssen natürlich auch entsprechend erweitert werden (z.B. V T

-

Diskontinuierliche (‘auseinandergerissene’) Konstituenten wie z.B. in (6. a und b) lassen sich nicht adäquat repräsentieren

(6)

a. Peter hat dem Jungen geholfen, den er eigentlich nicht leiden kann b. Von wem hast du die Schwester getroffen?

-

Die unterschiedlichen Satztypen (V1-, V2- und V-letzt-Sätze) des Deutschen lassen sich nicht einheitlich ableiten. Grundsätzliche Probleme wirft auch die relativ freie Wortstellung des Deutschen auf.

-

PS-Regeln sind zu beliebig, so dass auch absurde ‘inhomogene’ Regeln wie VP NP A oder VP Art NP möglich sind.

-

Optionalen Konstituenten, die sich prinzipiell beliebig oft einfügen lassen (vgl. das Mirakel-Gedicht auf dem Arbeitsblatt Syntax 1) stellen PS-Grammatiken vor das Problem, dass wir dementsprechend auch unendlich viele PS-Regeln schreiben müssten.

-

In der erweiterten PS-Grammatik können die Beziehungen, die zwischen ähnlichen Kategorien bestehen (z.B. NP PL und NP SG ) nicht mehr ohne weiteres ausgedrückt werden.

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

21

Syntax 4: Die X-Bar-Theorie und die CP-VP-Struktur

Der Aufbau einer Phrase ist nicht beliebig. Die unterschiedlichen Phrasen sind alle nach demselben Prinzip aufgebaut: jeweils ein Element (der Kopf der Phrase) bestimmt die Kategorie der Phrase. Demnach lässt sich ein allgemeines Phrasenstrukturprinzip festhalten:

VP

V

aber nicht:

* VP

N

NP

N

aber nicht:

* NP

A

PP

P

aber nicht:

* PP

V

AP

A

aber nicht:

* AP

P

XP

X

aber nicht:

* XP

Y

Phrasen sind Komplexitätserweiterungen von lexikalischen Kategorien. Eine lexikalische

Kategorie X (z.B. V, N, P, A,

AP,

eine Phrase. Dabei kann es auch noch Zwischenprojektionen geben. Die höchste oder maximale Projektion einer lexikalischen Kategorie X wird XP genannt, die niedrigste Projektion, der Kopf, X°. Das Einsetzen lexikalischer Elemente findet auf der X°-Ebene statt.

Wenn wir davon

) projiziert eine entsprechende Phrase XP (z.B. VP, NP, PP,

Jede Phrase hat einen Kopf und jeder Kopf (jede lexikalische Kategorie) projiziert

).

Der Aufbau aller Phrasen folgt dem allgemeinen Schema X n

ausgehen, dass eine Phrase aus drei Projektionsebenen besteht, ergibt sich folgender Baum:

X n-1

 

XP

oder konkret am Bsp. einer NP:

NP

  XP oder konkret am Bsp. einer NP: NP X’ (Spezifikator) ART N’   X° N°
  XP oder konkret am Bsp. einer NP: NP X’ (Spezifikator) ART N’   X° N°
  XP oder konkret am Bsp. einer NP: NP X’ (Spezifikator) ART N’   X° N°
  XP oder konkret am Bsp. einer NP: NP X’ (Spezifikator) ART N’   X° N°

X’

(Spezifikator) ART

N’

 
 
 
 
 

PP (Kompl.)

PP (Kompl.)
 

der

Brief

an meine Schwester

Das phrasenabschließende Element nennt man Spezifikator, das Element neben X° nennt man Komplement. Spezifikatoren stehen unmittelbar unter der XP, Komplemente unmittelbar unter X’ (das Komplement wird auch die Schwester von X° genannt).

Das CP-System: Das X-Bar-Schema ist zunächst nicht viel mehr als ein allgemeines Prinzip zum Aufbau von Phrasen. Die Phrasenstrukturregel S NP VP, die, wie oben angenommen, im Deutschen einfachen Hauptsätzen zugrundeliegt, entspricht nun aber nicht dem vom X- Bar-Schema geforderten Aufbau von Phrasen. Nach dem X-Bar-Schema können Sätze nicht einfach eine Kombination von zwei maximalen Projektionen (Phrasen) sein – in diesem Fall der Subjekt-NP und der Verbalphrase (VP). Sätze sind selbst phrasal (XPs) und müssen demnach die Projektion eines bestimmten Kopfes sein. Man geht davon aus, dass es neben dem Verb noch mindestens einen weiteren Kopf gibt und damit neben der VP noch eine weitere XP. Diesen Kopf nennt man COMP (oder ) – COMP oder C steht für engl. complementizer (Konjunktion). Konjunktionen sind C-Elemente. Dies bedeutet, dass jeder Satz neben der VP, die auch das Subjekt enthält, aus einer weiteren Projektion, der CP, deren Kopf C° ist, besteht. Diese CP-VP-Struktur ist ein allgemeines Grundgerüst, das allen Sätzen des Deutschen (V1-, V2- und V-letzt-Sätzen) zugrunde liegt. In C° steht normalerweise die Konjunktion. Wir werden weiter unten sehen, dass die C°-Position der linken Satzklammer entspricht, so dass dort entweder im Hauptsatz das finite Verb oder im Nebensatz die Konjunktion steht. C° ist eine sogenannte funktionale Position, in der auch andere Elemente (z.B. Verben) stehen können. D.h. die funktionale syntaktische Kategorie C entspricht nicht genau einer Wortart. Damit ergibt sich die folgende Grundstruktur für das Deutsche:

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

22

(1)

Die Grundstruktur eines deutschen Satzes

CP C’ C-Domäne, funktionaler Bereich C° VP NP V’ V-Domäne, verbaler Bereich der Chef NP
CP
C’
C-Domäne, funktionaler Bereich
VP
NP
V’
V-Domäne, verbaler Bereich
der Chef
NP
das Buch
liest

Die VP (Verbalprojektion) legt das Grundgerüst des Satzes fest. In der VP steht das Verb und die von ihm geforderten Argumente. Die Argumentstruktur legt für jedes Verb im Lexikoneintrag fest, wie viele und welche Argumente es hat. Ein zweistelliges Verb wie lesen hat zwei Argumente, das Subjekt (eine Nominalphrase im Nominativ) und das Objekt (eine Nominalphrase im Akkusativ). Diese Argumente werden innerhalb der VP Stück für Stück ‘abgearbeitet’: das Verb verbindet sich zuerst mit seinem Objekt zu V’ (der Strich bedeutet, dass wir auf der ersten Projektionsebene sind, die das Verb und ein Argument enthält). Danach verbindet sich das Verb mit seinem zweiten Argument, dem Subjekt zu V’’. Da nun alle Argumente vorhanden sind, ist die Verbalphrase abgeschlossen, so dass V’’ = VP ist. Bei einem einstelligen Verb wie schlafen ist V’ = VP, bei einem dreistelligen Verb wie geben ist V’’’ = VP. Die Argumentstrukturen und die entsprechenden VPs verschiedenener Verben sind in (2) angegeben (‘NOM’ steht für Nominativ, ‘AKK’ für Akkusativ und ‘DAT’ für Dativ).

(2)

a.

schlafen

[NP-NOM]

VP = V’

b.

lesen

[NP-NOM, NP-AKK]

VP = V’’

c.

helfen

[NP-NOM, NP-DAT]

VP = V’’

d.

geben

[NP-NOM, NP-AKK, NP-DAT]

VP = V’’’

 

e.

achten

[NP-NOM, PP-auf]

 

f.

erzählen

[NP-NOM, Nebensatz (= CP)]

VP = V’’ VP = V’’

 

Bsp.:

a’.

VP

a’. VP
Bsp.: a’. VP b’. VP

b’.

VP

VP
VP

NP-NOM

NP-NOM

V’

ein Kind

schläft

ein Kind

ein Kind
ein Kind

d’.

VP

NP-AKK

ein Buch liest
ein Buch liest

ein Buch

liest

NP-NOM

ein Kind

V’’

NP-NOM ein Kind V’’
NP-NOM ein Kind V’’ e’. VP

e’.

VP

VP
VP

NP-DAT

V’

NP-NOM

V’

einer Oma

einer Oma NP-AKK V°
einer Oma NP-AKK V°

NP-AKK

 

ein Kind

ein Kind PP-auf
ein Kind PP-auf

PP-auf

ein Buch

gibt

auf die Oma

achtet

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

23

Die CP ist die maximale Projektion des C-Kopfes. Konjunktionen werden in C° eingesetzt. Da die VP ihren Kopf (= V°) rechts hat, ist ein Nebensatz im Deutschen verbfinal. Damit können wir die Verb-Letzt-Stellung des Deutschen ableiten (Beispiel 3). In Hauptsätzen ist C° nicht von einer Konjunktion gefüllt. Da C im Deutschen aber immer gefüllt sein muss, bewegt sich das Verb in die C-Position, so dass wir einen Verb-Erst-Satz ableiten (z.B. einen Entscheidungsfragesatz, Beispiel 4). In normalen Hauptsätzen steht das Verb an zweiter Stelle. In diesem Fall wird eine andere Konstituente aus der VP (entweder das Subjekt oder eines der Objekte) ebenfalls in die CP bewegt, und zwar vor die C-Position direkt unter CP (Beispiel 5). Verb-Zweit-Sätze werden also mithilfe von zwei Umstellungen (Bewegungen) abgeleitet (vgl. Arbeitsblatt 5). Die CP-VP-Struktur kann folgendermaßen auf das topologische Modell abgebildet werden: Die C°-Position entspricht der linken Satzklammer und die V°-Position der rechten Satzklammer. Die Position vor C° entspricht dem Vorfeld und die Positionen zwischen C° und V° dem Mittelfeld (vgl. Beispiel 5).

(3)

(4)

Nebensätze (VL-Sätze) – keine Bewegung

CP

C° VP weil
VP
weil

NP

der Chef

V’ NP V°
V’
NP

das Buch

liest

V-1-Hauptsätze – eine Bewegung

CP

C° VP Liest 1 NP V’ der Chef NP V° 1 das Buch?
VP
Liest 1
NP
V’
der Chef
NP
1
das Buch?

(5)

V-2-Hauptsätze – zwei Bewegungen

CP NP 2 C’ Der Chef C° VP liest 1 t 2 V’ NP V°
CP
NP 2
C’
Der Chef
VP
liest 1
t 2
V’
NP
1
das Buch
Vorfeld
LSK
Mittelfeld
RSK

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

24

Syntax 5: Erweiterung um IP und die CP-IP-VP-Struktur

Neben der VP und CP gibt es noch eine weitere funktionale Projektion, deren Köpfe INFL (oder ) genannt wird. INFL steht für engl. inflection (Flexion). INFL ist eine zentrale Kategorie selbständiger Sätze, da selbständige Sätze im Deutschen immer finit sind. In INFL stehen die Flexionsmerkmale des Verbs für Finitheit, Person und Numerus, so dass auch das finite Verb im Deutschen (zunächst) immer in INFL steht. Das Subjekt des Satzes (also das Element, mit dem das Verb in Numerus und Person übereinstimmt, d.h. kongruiert) steht im Spezifikator von IP, IP-Spec. Die IP ist also für die Flexion des Verbs verantwortlich (die Kongruenz von Subjekt und Verb und die Finitheit des Verbs, zum Beispiel die Kinder trink- en und nicht die Kinder trink-st). Man geht davon aus, dass die Flexionseigenschaften von Verben eine eigene lexikalische Klasse bilden, die Klasse der INFL-Merkmale. Damit ergibt sich folgendes erweitertes Schema für das Deutsche (mit den entsprechenden PS-Regeln):

CP XP C’
CP
XP
C’
Deutsche (mit den entsprechenden PS-Regeln): CP XP C’ COMP (Konjunktion/Verb) IP NP (Subjekt) I’ VP INFL
Deutsche (mit den entsprechenden PS-Regeln): CP XP C’ COMP (Konjunktion/Verb) IP NP (Subjekt) I’ VP INFL

COMP

(Konjunktion/Verb)

IP

PS-Regeln): CP XP C’ COMP (Konjunktion/Verb) IP NP (Subjekt) I’ VP INFL (finites Verb) Kongruenz
PS-Regeln): CP XP C’ COMP (Konjunktion/Verb) IP NP (Subjekt) I’ VP INFL (finites Verb) Kongruenz

NP

(Subjekt)

I’
I’

VP

CP XP C’ COMP (Konjunktion/Verb) IP NP (Subjekt) I’ VP INFL (finites Verb) Kongruenz Kategoriale PS-Regeln:

INFL

(finites Verb)

Kongruenz

Kategoriale PS-Regeln:

CP

XP C‘

C’

C° IP

IP

NP I‘

I’

VP I°

INFL steht im Deutschen rechts von seinem Komplement VP, während COMP links von seinem Komplement IP steht. Die IP ‘regelt’ die Kongruenz zwischen Subjekt und Verb und die Finitheit des Verbs. Die zweite Projektion, die CP, schließt den Satz ab. Die genaue Zuordnung des CP/IP-Systems zu den topologischen Feldern wird im Arbeitsblatt Syntax 6 anhand von einigen Beispielen illustriert. Bevor wir das CP-IP-System mit dem topologischen Modell zusammenbringen können, müssen wir noch kurz den Begriff der Bewegung (Transformation, daher auch der Begriff Transformationsgrammatik) einführen. Wir haben schon an einigen Beispielen gesehen, dass Konstituenten im Deutschen nicht immer an derselben Stelle stehen müssen

(1)

a.

Peter hat gestern den Minister gesehen

b.

Wen hat Peter gestern gesehen?

c.

Peter hat gestern WEN gesehen?

d.

Den Minister hat Peter gestern gesehen

e.

Peter hat den Minister gestern gesehen

Bewegungsregeln können die Position von Konstituenten im Baum verändern. Eine zugrundeliegende Baumstruktur (die Tiefenstruktur) wird durch Bewegungsregeln sukzessive in eine abgeleitete Baumstruktur (die Oberflächenstruktur) überführt. Bewegungsregeln verändern somit die Abfolge der Elemente in einem Baum. Die Ausgangs- oder Basisposition eines bewegten Elements wird Spur genannt (engl. trace) und mit einem t markiert. Die Zusammengehörigkeit von bewegter Konstituente und Spur wird durch Indizierung ausgedrückt (siehe dazu auch das nächste Arbeitsblatt Syntax 6):

(2)

[Bewegte Konstituente] 1

t 1

(= Spur)

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

25

Syntax 6: Die CP-IP-VP-Struktur und die topologischen Felder

In den Abschnitten Syntax 4 und 5 wurde das CP-IP-System und die syntaktische Operation der Bewegung (von Konstituenten) eingeführt. Damit können nun die in Abschnitt Syntax 3 zusammengefassten Schwächen der Phrasenstrukturgrammatik behoben werden. Von einer zugrundeliegenden Repräsentation lassen sich durch Bewegung in die CP-Positionen (in den Spezifikator von CP, CP-Spec, und in die C° Position) die entsprechenden Satztypen ableiten. Die topologischen Felder lassen sich damit bestimmten Positionen im Baum direkt zuordnen, wie im untenstehenden Schema zu erkennen ist (das Nachfeld wurde der Einfachheit halber nicht weiter berücksichtigt). Der Spezifikator von CP entspricht dem Vorfeld, COMP (oder C°) ist die LSK, V° und INFL (I°) sind die RSK. Das Mittelfeld entspricht dem Spezifikator von IP (IP-Spec) und der VP ohne V°. Die CP/IP-Struktur ist demnach eine einheitliche Satzstruktur für das Deutsche. Mit entsprechenden Veränderungen (sei es des Aufbaus der Struktur oder der Art der Bewegung) erhalten wir damit auch strukturelle Beschreibungen für andere Sprachen. Das CP/IP-System und die Prozesse der Bewegung sollen universelle Eigenschaften von Sprachen darstellen.

VORFELD LSK MITTELFELD RSK NACHFELD CP Spec C‘ C° IP Spec I‘ VP I° FINITES
VORFELD
LSK
MITTELFELD
RSK
NACHFELD
CP
Spec
C‘
IP
Spec
I‘
VP
FINITES
VERB 2
Spec
V‘
NP
NP
NP/PP
SUBJEKT 1
t 1
OBJEKT(E)
t 2
Peter 1
Das Kind 1
Was 1
Ein Buch 1
Maria
Maria
Dem Peter 1
hat 2
t 1
geschlafen t 2
Hat 1
Peter
geschlafen t 2
?
liest 2
t 1
ein Buch
t 2
t‘ 2
hat
das Kind
t
gelesen
t
?
2
1
2
hat
das Kind
t
gelesen
t
2
1
2
hat
t
das Buch
geschenkt
t 2
1
2
1
hat
t
das Buch
einem Freund
auf den Tisch
gelegt
t 2
1
2
1
wird 2
der Kanzler
die Wahrheit
t 1
erzählen
t 2
dass
das Kind
ein Buch
gelesen
hat
weil
das Kind
die Geschichte
erzählt
hat
Ob
das Kind
die Geschichte
erzählt
hat
?

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

26

Schematische Zusammenfassung der Transformationsgrammatik

Semantische Form

der Transformationsgrammatik Semantische Form Phonologische Form CP Spec den Wein 3 C’ C°

Phonologische Form

CP
CP

Spec den Wein 3

C’

CP Spec den Wein 3 C’ C° IP werden 1 Spec I’ die Gäste VP I°
C° IP werden 1 Spec I’ die Gäste VP I° t 1 Spec V‘ t
IP
werden 1
Spec
I’
die Gäste
VP
t 1
Spec
V‘
t 2
trinken

Oberflächenstruktur

CP
CP
Spec C’ C° IP Spec I’ NP die Gäste
Spec
C’
IP
Spec
I’
NP
die Gäste
VP Spec V°
VP
Spec

NP

Tiefenstruktur

Bewegungen (Transformationen)

Spec V° NP Tiefenstruktur Bewegungen (Transformationen) trinken den Wein N = {Wein, Gäste, ART = {den,

trinken

den Wein

Bewegungen (Transformationen) trinken den Wein N = {Wein, Gäste, ART = {den, die, der, } Lexikon
N = {Wein, Gäste, ART = {den, die, der, } Lexikon } HV (Hilfsverb) =
N = {Wein, Gäste,
ART = {den, die, der,
}
Lexikon
}
HV (Hilfsverb) = {werden, haben,
}
V =
{trinken, lesen,
}
SUBKATEGORISIERUNG: /triN ken/ = [ +V, -N; Infinitiv,
Agens 1 , Thema 2
NP NOM 1 , NP AKK 2 ]

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

27

Semantik 1:

Intension/Extension, Referenz, Sinnrelationen

Die Semantik beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern und Sätzen. Im Gegensatz zur Phonetik/Phonologie oder der Syntax, wo wir den Untersuchungsgegenstand einigermaßen konkret bestimmen können (wir können z.B. akustische Messungen vornehmen oder verfügen über Korpora gesprochener oder geschriebener Sätze), lässt sich der Forschungsgegenstand (das Beschreibungsobjekt) der Semantik nur schwer fixieren. Allerdings haben wir auch in den anderen Teilgebieten der Linguistik oft nur einen intuitiven Zugang zum Beschreibungsgegenstand (man denke z.B. nur an die Grammatikalitätsurteile in der Syntax). Die Semantik beschreibt einerseits die (arbiträren) Bedeutungen einzelner sprachlicher Ausdrücke. Neben Morphemen/Wörtern können dies auch komplexere Einheiten mit fester Bedeutung wie zum Beispiel einen Bären aufbinden sein. In diesem Fall ergibt sich die Bedeutung des gesamten komplexen Ausdrucks nicht mehr systematisch aus den Bedeutungen seiner Einzelteile. Andererseits befasst sich die Semantik mit der (kompositionalen) Bedeutung zusammengesetzter sprachlicher Ausdrücke. In diesem Fall ergibt sich die Bedeutung des komplexen Ausdrucks (zusammengesetzte Wörter, Phrasen oder ganze Sätze) aus der Bedeutung seiner Teile und der Art der Zusammensetzung. Damit ergibt sich folgendes Bild:

Textbedeutung

Texte

 

(Textsemantik)

Satzbedeutung

Sätze

Wenn jemand kommt, wird er überrascht sein Alle Professoren haben ein Buch gelesen Wer war gestern Abend betrunken? Schweden haben blonde Haare

(Satzsemantik)

Wortbedeutung

Wörter

Die Schule ist abgebrannt Die Schule braucht neue Lehrer Damen+schuh, Leder+schuh, Turn+schuh, sterben, abkratzen, verenden, eingehen,

(Wortsemantik)

Morphembedeutung

Morpheme

be-trinken, be-laden, be-malen, be-wohnen, sag-te, putz-te, hass-te, freu-te, Frei-wild, Frei-bad, Hitze-frei, blei-frei, Abräum-er, Biertrink-er, Fahr-er,

Nicht bedeutungs- tragend, sondern

Phoneme

 

bedeutungsdifferen-

zierend

Stark vereinfacht können wir festhalten, dass sich die Semantik mit der wörtlichen Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks befasst, während die intendierte Äußerungsbedeutung Gegenstand der Pragmatik ist (vgl. da ist die Tür oder wissen Sie, wieviel Uhr es ist?). Die genaue Trennung zwischen Semantik und Pragmatik ist allerdings alles andere als klar und hängt auch von den jeweiligen semantischen und pragmatischen Theorien ab. Auch in der Semantik gibt es eine diachrone und eine synchrone Betrachtungsweise. Die erstere interessiert sich für Veränderungen der Bedeutungen von einzelnen Wörtern/ Morphemen. Die letztere interessiert sich für die Bedeutung und für Bedeutungsgleichheiten, Bedeutungsunterschiede und Mehrdeutigkeiten von Morphemen, Wörtern und Sätzen einer bestimmten Sprachstufe (z.B. dem modernen Deutsch). Die Trennung von Wort- und Satzsemantik ist nicht eindeutig, denn viele Wörter erhalten ihre (konkrete) Bedeutung erst im größeren sprachlichen (und außersprachlichen) Kontext (vgl. z.B. das Bsp. Schule in dem oben angeführten Schaubild unter Wortbedeutung; wir werden weiter unten weitere ähnliche Beispiele besprechen).

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

28

Wortsemantik (lexikalische Semantik): Innerhalb der Wortsemantik kann man zunächst zwischen der ‘grammatischen’ (abstrakten) Bedeutung von Funktionswörtern (z.B. das vs. ein, und vs. oder, er vs. sie oder sag-t vs. sag-te) und der ‘lexikalischen’ (eher konkreten) Bedeutung der sogenannten Inhaltswörter unterscheiden. Funktionswörter sind für die Satzbedeutung sehr wichtig. Eine zweite Unterscheidung, die vor allem für Inhaltswörter relevant ist, ist die zwischen Extension (auch Bedeutung) und Intension (auch Sinn). Die Intension eines sprachlichen Ausdrucks ist seine deskriptive Bedeutung, die unabhängig von der jeweiligen Äußerungssituation ist und unserem Wissen über Begriffe entspricht. Die Bedeutung oder Extension eines Ausdrucks ist/sind die konkrete(n) Entität(en) in unserer Welt, die mit diesem Ausdruck bezeichnet werden kann/können. Die Intensionen stehen dem- nach für unser konzeptuelles Wissen von Ausdrücken und spezifizieren damit die mögliche Extension eines Ausdrucks. Dies kann man sich an den folgenden Beispielen klarmachen:

(1)

Der Bundeskanzler ist der Parteivorsitzende der SPD

(die Person G. Schröder)

(2)

Die Hauptstadt von Deutschland heißt Berlin

(früher Bonn)

(3)

Peter sucht ein Einhorn/seinen Porsche vs. Peter findet ein Einhorn/seinen Porsche

(4)

Diese Milchflasche / Milchflaschen sind braun

Im ersten Beispiel haben wir in der jetzigen Äußerungssituation zwei (kursive) Ausdrücke mit unterschiedlicher Intension aber gleicher Extension (zumindest im Jahr 2000). Beispiel (2) illustriert, dass sich die Extension von Ausdrücken ändern kann. Das Einhorn in (3) ist ein Ausdruck, für den es in unserer Welt keine Extension gibt. Im Gegensatz zu dem intensio- nalen Verb suchen setzt das Verb finden die Existenz der Entität voraus, auf die das Objekt referiert. Referenz ist ein weiterer wichtiger Begriff. Die Referenz ist die Relation, die eine Sprecherin in einem bestimmten Kontext zwischen einem sprachlichen Ausdruck (typischerweise eine Nominalphrase) und einem Objekt oder Objekten in der Welt herstellt. Die Extension des Ausdrucks Milchflasche ist die Menge aller Milchflaschen in der Welt. Die Referenz der zwei NPn in (4) ist dagegen verschieden: diese Milchflasche referiert auf eine konkrete, kontextuell identifizierbare Milchflasche während die NP im Plural Milchflaschen auf die Art/einen Prototypen referiert (sog. generische Referenz). Weitere wichtige Begriffe in der lexikalischen Semantik sind die Sinnrelationen, die

Beziehungen zwischen Wortbedeutungen zum Ausdruck bringen. Die Wörter eines Wortschatzes können in recht unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen. Im folgenden sind die wichtigsten Sinnrelationen aufgeführt und grafisch illustriert:

1) Synonymie: Zwei Ausdrücke sind synonym, falls sie sich nur in ihrer

Laut- und Schriftform, nicht dagegen in ihrer Bedeutung unterscheiden 2) Heteronymie/Inkompatibilität: Zwei Ausdrücke sind inkompatibel, falls nichts gleichzeitig unter den einen und den anderen Begriff fallen kann

unter den einen und den anderen Begriff fallen kann Bsp. 1: blau — grün — rot

Bsp. 1: blau — grün — rot

Bsp. 2: See — Teich — Bach — Fluss Komplementarität und Antonymie (Kontrarität):

, Montag — Dienstag — Mittwoch

(Kontrarität) : , Montag — Dienstag — Mittwoch 3) - Zwei Ausdrücke sind zueinander komplementär ,
(Kontrarität) : , Montag — Dienstag — Mittwoch 3) - Zwei Ausdrücke sind zueinander komplementär ,
(Kontrarität) : , Montag — Dienstag — Mittwoch 3) - Zwei Ausdrücke sind zueinander komplementär ,
(Kontrarität) : , Montag — Dienstag — Mittwoch 3) - Zwei Ausdrücke sind zueinander komplementär ,

3)

- Zwei Ausdrücke sind zueinander komplementär, wenn sie miteinander inkompatibel sind und alles entweder unter den einen oder den anderen Begriff fällt. Bsp: tot — lebendig, männlich — weiblich

- Eine Antonymie besteht im Gegensatz zur Komplementarität zwischen zwei Endpunkten einer Skala, auf der möglicherweise noch weitere Wortbedeutungen angesiedelt sind. Bsp: groß — klein, kalt — warm 4) Hyponymie: Ein Hyponym (Unterbegriff) impliziert ein Hyperonym (Oberbegriff), aber nicht umgekehrt:

Python — Schlange, See — Gewässer, Auto — Fahrzeug Lexikalische Implikation: manche Begriffe implizieren andere, ohne dass sie in einer Hyponym – Hyperonym-Relation stehen: töten — sterben

Einführung in die deskriptive Sprachwissenschaft (Steinbach)

29

Semantik 2: Komponentenanalyse, Prototypen und Polysemie

Komponentenanalyse (Merkmalssemantik): Die Komponentenanalyse (KA) geht von der

Voraussetzung aus, dass sich die Bedeutung eines Wortes in weitere (elementare) Bestandteile zerlegen lässt. Dieses Vorgehen entspricht dem der artikulatorischen Phonetik, wo Laute als Bündel von elementaren Merkmalen analysiert werden (z.B. [p] = [–stimmhaft,

+plosiv,

Ein wesentlicher Bestandteil des Ausdrucks