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Realität der Massenmedien (13.01.

1997)

Eine kleine Anmerkung

Nochmals Luhmann: »Der Code des Systems der Massenmedien ist die Unterscheidung von Information
und Nicht-Information. Mit Information kann das System arbeiten. Information ist also der positive Wert,
der Designationswert, mit dem das System die Möglichkeiten seines eigenen Operierens bezeichnet.
Aber um die Freiheit zu haben, etwas als Information ansehen zu können oder auch nicht, muß es auch
die Möglichkeit geben, etwas für nichtinformativ zu halten. Ohne einen solchen Reflexionswert wäre das
System allem, was kommt, ausgeliefert; und das heißt auch: Es könnte sich nicht von der Umwelt unter-
scheiden, könnte keine eigene Reduktion von Komplexität, keine eigene Selektion organisieren.« S. 36f

Bis an diese Stelle dringt Luhmann vor, um die Schnittstelle zwischen dem Auftauchen (bzw Vorhanden-
sein - der Lieferung) von Information, dem Informationseingang beim Medium bzw die `Fremdreferenz`
des Mediums darauf zu beschreiben. Über das Entstehen der Information, deren Produktion verliert er
kein Wort und scheint damit vorauszusetzen, daß ein Ereignis, eine Nachricht, eine Information bereits in
eine Form gebracht sind (In-formation), die sie für das verarbeitende System, d.h. die Massenmedien,
kommensurabel macht.

Er verkennt also und hat nicht die leiseste Ahnung davon, daß wie weit auch immer man das System der
Massenmedien rekursiv ausdehnt, d. h. auch die Nachrichten- und Fernsehagenturen dem System
zugehörig ansieht, desto unaufhaltsamer muß man an den Punkt gelangen, in dem ein Ereignis, das eine
Information darstellen, aus dem eine Information hervorgebracht werden könnte, von einem ganz
besonderen System erst zu einer Information verarbeitet werden muß: dem mit Wahrnehmungs- und
Erfahrungsvermögen ausgestatteten individuellen System, genannt Ich.

Dieses Ich aber ist sozusagen auf der Produktionsstufe das verallgemeinerte System der Massenmedien,
das eine Neuigkeit, ein Ereignis, einen veränderten Zustand nach Regeln und Gesichtspunkten zu einer
Nachricht umbildet, daraus eine Information erzeugt, die einerseits den Marktregeln folgen (Nachrich-
tenagenturen sind Händler par excellence) und andererseits die Wirklichkeit mit einem Schema
absuchen und Ereignisse mit einem Schema nachzubilden suchen, das die Uneinholbarkeit des Ereig-
nisses (es ist meist bereits geschehen) mit der Reproduzierbarkeit von Darstellung und Wiedergabe zu
kompensieren versucht.

Dazu gibt es im auf Seite 61 beginnenden Kapitel von Stephan Brauns Diplomarbeit über internationale
Fernsehnachrichtenagenturen »Die Produktion einer Fernsehnachricht« einige gelungene und treffsi-
chere Feststellungen, die sich in einer Berufserfahrung angesammelt haben, die auf erkennende Selbst-
referenz nicht verzichtet hat.

»Man kann von einer bestimmten Handwerklichkeit bei der Produktion von Nachrichtenbeiträgen aus-
gehen, die zum größten Teil aus den vorgegebenen Gestaltungsvorgaben resultiert.

Kübler schreibt zur Produktion von Fernsehnachrichten, >daß ihre Produktion engen Konventionen
unterworfen ist. Es sind immer die gleichen Standardszenen, Personen, Stereotypen, die täglich reprodu-
ziert werden, dieselben Ausschnitte und Blickwinkel, die eine spezifische, nämlich reduzierte Vorstellung
von Wirklichkeit modellieren.<

...Der Zeitdruck verstärkt sich durch die Natur des Ereignisses, seiner Unvorhersehbarkeit. Auch wenn es
der Traum eines jeden Kameramannes ist, durch Zufall zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, also
während des unmittelbaren Geschehens dieses bildlich festhalten zu können, findet dieses in den
seltensten Fällen statt. Das Produktionsteam reagiert in der Regel auf Ereignisse, es kommt zu spät, ver-
paßt den Anfang und wird es aus Gründen der Aktualität vor der Beendigung wieder verlassen. Auch
wenn die Aufnahmen also ein Höchstmaß an Neutralität besitzen, wenn sie konträre Situationen gleich
bedeutend darstellen und alle Aspekte eines Ereignisses aus verschiedenen Blickwinkeln aufzeigen,
können die Bilder immer nur eine ausschnittartige und damit eine unvollständige Darstellungsform eines
Geschehens sein.

...

Auch wenn dem Fernsehen von vornherein eine hohe Glaubwürdigkeit zugesprochen wird, heißt das
noch lange nicht, daß Fernsehberichte objektiv informieren. Fernsehbilder sind von der Themenauswahl
bis hin zur Sendung einer Vielzahl von Selektionsverfahren ausgesetzt. Sie werden ausgewählt, bearbei-
tet und verändert. Sie sind also eine Produktion und nicht Reproduktion der Wirklichkeit.« (S. 79)